Balduin Möllhausen Die Mandanen-Waise Erzählung aus den Rheinlanden und dem Stromgebiet des Missouri Inhalt Erste Abteilung: Am Rhein 1 Einleitung 2 Am Mineralbrunnen 3 Die Weissagung 4 Der Oberstleutnant 5 Die geheime Verbindung 6 Der arme Anton 7 Die Botschaft 8 Aus vergangenen Tagen 9 Der Schwur 10 Die Entscheidung 11 Im Kerker 12 Die Flucht 13 Ein Freund in der Not 14 Die Entdeckungen 15 Die Beratung 16 Das Wiedersehen 17 Der Abschied 18 Auf dem Jesuitenhofe Zweite Abteilung: Am Missouri 19 Die Mandanen-Waise 20 Eine neue Bekanntschaft 21 Der Brief 22 Ein Nachtmarsch 23 Die Überfahrt 24 Getäuschte Hoffnungen 25 Die Landung 26 Das Lebewohl 27 Der Weingärtner 28 In Banden 29 Der Medizinmann 30 Die Töchter des Medizinmannes 31 Ein Heiratsantrag 32 Die Befreiung 33 Auf der Farm 34 Schluß Erste Abteilung: Am Rhein 1 Einleitung Es war im Winter des Jahres 1852, als ich von einem Jagdtrupp von Ottoe-Indianern in der beschneiten Prärie am Sandy-Hill-Creek aus einer mehr als mißlichen Lage erlöst wurde. Sechs Wochen, von Mitte November bis Anfang Januar, hatte ich an jener Stelle in einem kleinen Lederzelt im beständigen Kampfe gegen die unerbittliche Kälte, die furchtbarsten Schneestürme und die halbverhungerten Wölfe zugebracht und während dieses ganzen Zeitraums, außer zwei feindlich gesinnten Pawnees, kein menschliches Wesen gesehen. Seit Wochen waren meine Nahrungsmittel auf das zähe Fleisch der Wölfe und einen kleinen Vorrat von Mais beschränkt gewesen, den mir meine beiden von der Kälte getöteten Pferde übriggelassen hatten. Erst durch das Erscheinen von sechs rüstigen Ottoe-Jägern, die mit Weib und Kind und mit Hilfe von einem Dutzend abgehärteter Mustangs ihrem Dorf am Missouri zueilten, wurde neue Lust zum Leben in mir wachgerufen. Die guten Leute nahmen mich ohne Aussicht auf Belohnung bei sich auf, pflegten mich, erleichterten mir das Reisen durch die winterliche Wüste soviel als möglich. Allmählich bildete sich sogar ein herzliches Verhältnis zwischen meinen Gastfreunden und mir, das darin seinen Höhepunkt erreichte, daß Wakitamone, der Zauberer und Medizinmann und zugleich Führer des Trupps, mir erklärte, eine eheliche Verbindung zwischen seinen beiden ältesten Töchtern und mir würde ein für ihn erfreuliches und schmeichelhaftes Ereignis sein. Selbstverständlich lehnte ich diese Ehre ab, indem ich vorgab, nicht im Besitz von hinlänglichen Mitteln zu sein, um das übliche Geschenk an Pferden, Decken und Waffen für die beiden niedlichen Mädchen an ihn entrichten zu können, doch erlitt das gute Einvernehmen zwischen uns dadurch keine Störung. Wakitamone blieb nach wie vor mein guter Freund, seine Töchter pflegten mich mit unveränderter Zuvorkommenheit, und ich wieder legte meine aufrichtige Dankbarkeit dadurch an den Tag, daß ich getreu zu allen hielt, mich in ihre seltsamen Gebräuche fügte und mich sogar an ihren Medizinmahlzeiten, deren Hauptbestandteil gewöhnlich ein geschlachteter Hund war, beteiligte. Aber auch um meiner selbst willen stellte ich mich mit meinen rothäutigen Gefährten auf gleichen Fuß. Ich wollte soviel, wie nur immer möglich, von ihrer ganzen Lebensweise kennenlernen, und keine Gelegenheit ließ ich vorübergehen, ohne nach dem Grunde dieses oder jenes Verfahrens zu fragen, und in demselben Grade, in dem ich mich mit meinen Gastfreunden immer besser verständigen lernte, wurde es mir auch erleichtert, meine Wißbegierde zu befriedigen. Unter den Gegenständen, die vorzugsweise meine Neugierde erweckten, stand Wakitamones Medizinkasten obenan. Dieser Medizinkasten hatte genau die Form und Größe eines Mantelsacks, wie sie von berittenen Reisenden auf den Sattel geschnallt werden, und aus steinhart gegerbtem Büffelleder bestehend wurde er in ähnlicher Weise verschlossen und geöffnet. Dagegen sah ich ihn nie anders als entweder auf Wakitamones Schulter hängen oder vor seinem Zelt gleichsam als Aushängeschild auf einem einfachen Gerüst oder endlich bei bösem Wetter und zur Nachtzeit als Kopfkissen oder Rückenlehne meines Gastfreundes. Schon am zweiten Tage meines Zusammenseins mit den Ottoes fühlte ich mich hinlänglich heimisch unter ihnen, um mit meinen Forschungen und Erkundigungen zu beginnen. Ich machte damit den Anfang, daß ich zur gelegenen Stunde meine Hand auf Wakitamones Feldapotheke legte und ihn durch Zeichen bat, mir gestatten zu wollen, seine Heilmittel und zu Beschwörungen von Geistern unerläßlichen Amulette einer sorgfältigen Prüfung unterwerfen zu dürfen. Wakitamone beantwortete mein Ersuch weniger höflich. Er entriß mir nämlich den Zauberranzen mit Heftigkeit und verdeutlichte mir zugleich, daß mein Einblick in sein Heiligtum mich nicht nur unfehlbar das Leben kosten, sondern auch, was noch bei weitem bedauernswerter sei, seinen Amuletten die Zauberkraft rauben würde. Diese entschiedene Weigerung hatte natürlich meine Wißbegierde noch verdoppelt, doch hütete ich mich wohlweislich, dies merken zu lassen. Ich stellte mich sogar, als habe seine Erklärung mir eine unüberwindliche Scheu vor dem gefährlichen Instrument eingeflößt, und um sein gegen mich erwachtes Mißtrauen vollständig einzuschläfern, würdigte ich den alten Behälter in nächster Zeit gar keines Blickes mehr. – Sieben oder acht Tage hatten wir uns unterwegs befunden, als Wakitamone sich bewogen fühlte, einen Rasttag zu halten. Die scharfe Eiskruste, die den Schnee bedeckte und nicht stark genug war, die Last eines Menschen zu tragen, hatte meine Füße durch die weichen wildledernen Mokassins hindurch derartig wund gerieben, daß ich nur noch unter den größten Schmerzen zu wandern vermochte. Der Tag der Rast sollte nun vorzugsweise dazu dienen, mich mit einer festeren, aus Büffelleder hergestellten Fußbekleidung zu versehen. Warukscha, die zweite Tochter des Medizinmannes, beiläufig bemerkt, mein Liebling, hatte es übernommen, mir ein Paar derbere Mokassins anzufertigen. – Die Männer waren bereits in aller Frühe ausgezogen; die einen, um auf den spärlich bewaldeten Ufern des nahen Baches einem Hirsch nachzustellen; die ändern, um die dort sehr häufig vorkommenden Waschbären aus ihren hohlen Bäumen herauszuräuchern, und wiederum andere hatten die Fährte eines Luchses aufgenommen. Den Freunden der Jagd entsagte ich an diesem Tage sehr gern; ich lag auf einer zottigen Bisonhaut vor der in der Mitte des Zeltes ausgehöhlten Feuergrube, abwechselnd mit Rauchen, Zeichnen, Schreiben und dem Putzen meiner Waffen beschäftigt, und da alle Frauen und Kinder sich in dem ändern, etwa zwanzig Schritte entfernten Zelte zum Zweck des Maisstampfens und Ausbratens von Bärenfett zu einer heitern Gesellschaft vereinigt hatten, so befand sich außer einem halben Dutzend Hunde nur noch Warukscha bei mir in Wakitamones Wigwam. Ich hätte also die schönste Gelegenheit gehabt, die geheimnisvolle Feldapotheke zu untersuchen, wenn nicht eben Wakitamone die Vorsicht gebraucht hätte, diese mitzunehmen. Ich glaube indessen, daß er seinen Schatz weniger aus Furcht vor meiner Hinterlist mit sich führte, als weil er von ihm einen günstigen Einfluß auf den Erfolg seines Jagdausfluges erhoffte. – Gelegentlich zu Warukscha hinblickend, gelangte ich zu dem Resultat, daß sie vielleicht die einzige Person sei, die Geheimnisse der gefährlichen Feldapotheke vor mir aufzudecken. Schnell hatte ich meinen Plan entworfen, und etwas weiter um das Feuer herumrückend, rief ich die Indianerin beim Namen. Auf meinen Ruf schleuderte Warukscha durch eine kurze Bewegung ihres Hauptes die ihr bei der Arbeit über die Stirn gesunkenen Haare zurück, und indem sie das ihr ziemlich geläufige englische Wort »Yes« aussprach, richtete sich ein Paar Augen auf mich, die an Glanz und Feuer gewiß den allerkostbarsten geschliffenen schwarzen Diamant übertrafen. »Mädchen,« fuhr ich darauf mit feierlichem Ausdruck fort, »ich für meine Person halte dich für eine Perle unter den Ottoe-Weibern, ich würde dich indessen für noch viel anmutiger und liebenswürdiger halten, wenn du mir behilflich wärst, zum Frommen der Wissenschaft deinen Vater in einer für ihn höchst unschädlichen Angelegenheit zu hintergehen.« »Yes«, antwortete Warukscha lächelnd. Das arme Kind hatte mich nicht verstanden und spähte mit rührender Einfalt im Zelt umher, um den Gegenstand zu entdecken, nach dem ich vielleicht verlangt haben könne. Mit Worten war also nichts auszurichten, und ich mußte daher zu ändern Mitteln meine Zuflucht nehmen. Ohne zu zögern, ergriff ich eine mir zur Hand liegende Decke, und nachdem ich sie unter Warukschas gespannten Blicken in die Form des Medizinkastens zusammengerollt und mit dem entsprechenden Riemenwerk umgeben hatte, hielt ich ihr diese hin. Einen Augenblick betrachtete Warukscha das Bündel sinnend; dann aber brach sie in ein herzliches Lachen aus, und ihre kleinen schmalen Hände mit lautem Schall zusammenschlagend, gab sie mir zu verstehen, wie sehr sie meine Kunstfertigkeit bewundere. Nachdem sie erst das Ebenbild von ihres Vaters Zauberranzen erkannt hatte, kostete es keine große Mühe, ihr mit Hilfe der zusammengerollten Decke meine frommen Wünsche begreiflich zu machen. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit war sie allen meinen Bewegungen gefolgt; doch in demselben Grade, in dem ihr meine Wünsche klar wurden, verlor ihr Antlitz den freundlichen, arglosen Ausdruck; und als sie dann endlich gewahrte, wie ich mit ruchloser Hand die Riemen von der Decke löste und vorsichtig in den geöffneten Scheinmedizinranzen hineinschaute, starrte sie sprachlos vor Entsetzen zu mir herüber. Sie schien meine Verwegenheit gar nicht fassen zu können, und unwillkürlich streckte sie mir ihre Hände entgegen, wie um mich an der Ausübung eines so furchtbaren Verbrechens, dem nach ihrer Meinung die Strafe auf dem Fuße nachfolgen mußte, zu verhindern. Sie hatte mich also vollständig erraten, und nun bedurfte es von meiner Seite nur einiger geringfügigen Zeichen, um ihr zu erklären, daß ich bei meinem gefährlichen Unternehmen ihr die Hauptrolle zugedacht habe. Meine Zumutung, das Original, nach dem ich das Bündel geformt hatte, auf einige Stunden für mich zu entwenden, traf die arme Warukscha wie ein Wetterschlag; sie zitterte am ganzen Körper und sich schmollend von mir abwendend, begann sie mit großer Emsigkeit an den Mokasins zu nähen, ihre Arbeit mit einer leisen monotonen Melodie begleitend. »Kero–Kero–Kero-li–la,« sang Warukscha, und ich, um ihr nichts nachzugeben, kehrte ihr ebenfalls den Rücken zu, worauf ich das Lied von der schönen Lorelei anstimmte. Kaum aber hatte ich zu singen angefangen, so schwieg sie still. Sie liebte nämlich Melodien zivilisierter Nationen über alles, und keine größere Freude konnte ich ihr bereiten, als wenn ich ihr irgendein deutsches Liedchen vortrug und mit zwei klingenden Stäben auf einem dritten Stück Holz den Takt dazu trommelte. Da es nun keineswegs in meiner Absicht lag, Warukscha angenehm zu unterhalten, im Gegenteil, ich sie meinen ganzen Zorn wollte fühlen lassen, so schwieg auch ich sogleich wieder und um überhaupt nicht ganz unbeschäftigt zu sein, begann ich mit vielem Bedacht meine Pfeife zu füllen. Wie gewöhnlich reichte auch dieses Mal das aufmerksame Mädchen mir mit der eigentümlichen Unterwürfigkeit einer indianischen Frau einen Feuerbrand dar. Ich aber hatte mich mit aller mir zu Gebote stehenden Grausamkeit gewappnet und den Feuerbrand mit Verachtung zurückweisend, suchte ich mir selbst unter der heißen Asche eine geeignete glimmende Kohle hervor. Traurig begab Warukscha sich wieder an ihre Arbeit, und in den nächsten zehn Minuten herrschte in unserm Wigwam das tiefste Schweigen. Das Feuer knisterte; in dem von einem galgenartigen einfachen Gerüst niederhängenden Kessel brodelte und schäumte es, und halb auf dem Rücken liegend beobachtete ich die meiner Pfeife entströmenden blauen Wölkchen, wie sie, in mancherlei bizarren Formen emporwirbelnd, sich mit dem Rauch des Feuers und dem Dampf des Kessels vereinigten und mit diesen in der äußersten Spitze des pyramidenförmigen Zeltes durch eine sinnig angebrachte Öffnung das Freie suchten. Auch auf dem siedenden Inhalte des Kessels hafteten meine Blicke zuweilen und auf den langfingerigen Tatzen von Waschbären, die eine so merkwürdige Ähnlichkeit mit kleinen Händen trugen und gemeinschaftlich mit gelben und roten Maiskörnern von den zischenden Blasen gelegentlich emporgeworfen wurden, um eine Weile mit komischer Beweglichkeit auf der brodelnden Oberfläche zu tanzen, daß es sich ausnahm, als hätten sie noch Leben besessen und sich mit aller Gewalt gegen das ihnen bestimmte Los gesträubt. Dann spähte ich auch heimlich zu Warukscha hinüber, um aus ihrem Wesen zu erraten, wie lange sie es wohl ertragen würde, mit mir auf gespanntem Fuße zu leben. Die Indianerin seufzte mehrfach tief auf, und die Wildflechsen, mittelst deren sie die festen Lederstücke in Schuhform zusammenfügte, entglitten mehrfach ihren Händen. »Nahanga!« rief sie endlich nach einer langen Pause im Flüsterton zu mir herüber. Nahanga war der Name, den mir meine Ottoe-Freunde beigelegt hatten. »Nahanga!« ertönte es zum zweiten Male und etwas lauter. Ich beachtete den Ruf scheinbar nicht. »Nahanga!« rief Warukscha wieder, und als ich auch jetzt noch immer störrisch schwieg, erhob sie sich, und in der nächsten Minute kniete sie an meiner Seite, die zusammengeschnürte Decke in ihren zitternden Händen haltend. Anfangs erriet ich nicht, was sie bezweckte; sobald sie aber, ihre ängstlichen Blicke auf mich gerichtet, die Decke auseinanderrollte, begriff ich, daß der Wunsch, Frieden mit mir zu schließen, den Sieg über ihre abergläubische Furcht davongetragen habe. Ich gab ihr daher meine vollste Zufriedenheit zu erkennen, worauf ich ihr durch leicht verständliche Zeichen versprach, ihrem Vater nichts entwenden, sondern nur einen Blick in seine Apotheke werfen zu wollen. Unser freundschaftliches Verhältnis war somit wiederhergestellt, und wenn die Indianerin meinen Worten vollen Glauben beimaß und mein Versprechen ihre Besorgnisse zum größten Teil verscheuchte, so wußte ich, daß ich nicht minder fest auf ihre Zusage rechnen durfte. Sechs Tage waren wieder verstrichen, den Missouri hatten wir nach fünf mühevollen Märschen durch Schnee und Eis erreicht und unterhalb der das breite Tal begrenzenden Hügel in einem Dickicht von Weiden und Pappelbäumen unser Lager aufgeschlagen. Von dort aus brauchte ich nur über den fest zugefrorenen Strom zu wandern, um mich bei einem hart am Ufer angesiedelten Pelztauscher mit einigen Lebensbedürfnissen zu versehen, deren Mangel sich bereits seit langer Zeit sehr fühlbar gemacht hatte. Wakitamone zeigte sich gnädiger gegen mich denn je. Er hatte mich wohlbehalten an den Missouri gebracht und damit seine Aufgabe gelöst, und zu genau wußte er, daß ich nicht verfehlen würde, ihn für seine geleisteten Dienste auf einem weiter oberhalb gelegenen Handelsposten nach meinen besten Kräften zu belohnen. Der Morgen war frisch, die Atmosphäre klar; ein scharfer Nordwind fegte erstarrend durch das Tal des Missouri und trieb die losen feinen Eiskristalle auf der spiegelglatten Decke des regungslosen Stromes lustig vor sich her. Ich stand im Begriff, den auf dem andern Ufer wohnenden Weißen einen Besuch abzustatten und war eben aus dem Dickicht ins Freie getreten, als ich von Warukscha durch ein lautes Zischen in den Schutz der dicht stehenden Weiden zurückgerufen wurde. Natürlich leistete ich augenblicklich Folge, und meine freudige Überraschung war nicht gering, als die junge Indianerin mich benachrichtigte, daß nunmehr die Zeit zum Handeln gekommen sei. Mit ängstlicher Gebärde forderte sie mich auf, bald nach Einbruch der Dunkelheit in der Nähe von ihres Vaters Wigwam auf weitere Zeichen von ihr zu harren, woran sie die wiederholte Versicherung schloß, daß meine Neugierde befriedigt werden würde. »O Weiber«, rief ich entzückt aus, indem ich Warukscha zärtlich umarmte und einen Kuß auf ihre Lippen – den einzigen unbemalten Teil ihres sonst gewiß recht anmutigen Gesichtes – drückte, »o Weiber, selbst die indianischen Squaws nicht ausgenommen, wie viele Millionen Jahre muß Mutter Eva im Fegefeuer brennen, wenn sie alle Erbsünden, die sie auf ihre weibliche Nachkommenschaft übertrug, abbüßen soll?« Warukscha aber, zum Zeichen der Vorsicht den niedlichen Zeigefinger quer über die Lippen legend, schlüpfte gewandt wie ein Wiesel in das Dickicht zurück. Zur verabredeten Stunde traf ich auf der bezeichneten Stelle mit Warukscha zusammen. Viel miteinander sprechen konnten wir nicht, unsere beiderseitige Sprachkenntnis reichte dazu nicht aus, doch verstand ich, daß weiter oberhalb, hart an der Mündung des Nebraska, wo die Wigwams der Ottoes gedrängter standen, das glückliche Eintreffen des letzten Jagdtrupps durch einen großen Medizintanz gefeiert und verherrlicht werden solle. Dann führte sie mich auf einem Umwege an die Rückseite des Zeltes, wo ich durch eine kleine Öffnung in dem straff gespannten Leder das ganze Innere ziemlich genau übersehen konnte. In dem Zelte befanden sich nur Wakitamone und zwei schlanke, schön gebaute Jünglinge, alle drei sehr emsig damit beschäftigt, ihre nackten Oberkörper, Arme und Gesichter festlich zu bemalen. Die übrigen Bewohner des Zeltes hatten sich bereits dahin begeben, wo ein großer Feuerschein, der einem mächtigen Scheiterhaufen entströmte, Zuschauer wie handelnde Mitglieder von nah und fern zusammenlockte. Eine halbe Stunde war verstrichen, die Indianerin hatte sich von mir getrennt und war ins Zelt geschlüpft, als ich von meinem Posten aus bemerkte, daß die drei Krieger sich erhoben und die zu dem Tanz notwendigen Waffen und Zierraten auf ihren Körpern befestigten. Der Medizinranzen schien ebenfalls seine Rolle bei den Festlichkeiten spielen zu sollen, denn Wakitamone hatte ihn neben sein Lager auf die Erde gelegt, offenbar mit der Absicht, ihn ganz zuletzt, wenn er sich in seine Büffelhaut gehüllt haben würde, um seine Schultern zu schlingen. Vorerst aber nahmen die Krieger die großen Fleischstücke in Empfang, die Warukscha mittelst eines gabelförmigen Stabes aus dem brodelnden Kessel fischte und ihnen zur Stärkung mit auf den Weg gab. Dabei blitzten des Mädchens Augen verstohlen im Kreise herum, als wenn es mit einem kühnen Entschluß umgegangen wäre, und nur auf die geeignete Gelegenheit, ihn auszuführen, lauerte. Endlich trat sie handelnd auf, und zwar mit einer solchen Gewandtheit und so schlauer Berechnung, daß ich kaum ein verräterisches Lachen zu unterdrücken vermochte. In demselben Augenblick nämlich, in dem Wakitamone seinen Schatz an sich nehmen wollte, verlor der über dem Feuer hängende Kessel durch eine geschickte Bewegung des Mädchens das Gleichgewicht, so daß ein großer Teil des siedenden Inhaltes herausstürzte und nicht nur Wakitamones Lagerstätte, sondern auch den so heilig gehaltenen Medizinranzen überströmte. Der Medizinmann sprang unter dem schallenden Gelächter seiner beiden jungen Gefährten zurück; gleich darauf bewegte er sich aber wieder mit derselben Schnelligkeit nach vorn, um sein Heiligtum vor Schaden zu bewahren; allein er kam zu spät. Das steife Leder war durch die siedende Flüssigkeit zum Teil aufgeweicht worden und befand sich in einem Zustande, daß es Stunden des vorsichtigen Trocknens bedurft hätte, um dem Zusammenschrumpfen vorzubeugen. Wakitamones Schreck über den Unfall war so groß, daß er vergaß, seiner Tochter wegen des von ihr verübten Verbrechens Vorwürfe zu machen. Bald aber beruhigte er sich, nachdem er die Überzeugung gewonnen hatte, daß von der zerstörenden Flüssigkeit nichts in das Innere des Behälters eingedrungen war. Leicht auch fügte er sich in die Notwendigkeit, ohne die äußeren Embleme eines weisen Zauberers der nächtlichen Festlichkeit beizuwohnen. Wie mir schien, betrachtete er den Vorfall als eine höhere Weisung, die er, anstatt darüber zu hadern, dankbar entgegenzunehmen habe. Seine beiden jüngeren Gefährten waren unterdessen schon ungeduldig geworden, und gemahnt durch deren Bitten, wie auch durch das wilde Gellen und Heulen, das von dem Ufer des Nebraska bis zu ihm ins Zelt drang, belehrte er nur noch Warukscha, wie sie, ohne den Behälter zu öffnen und ohne Nachteil für dessen Inhalt, mit dem Trocknen zu Werke zu gehen habe, worauf er die Büffelhaut fester um seine Schultern zusammenzog und den beiden vorausgeeilten jungen Leuten schnell folgte. Kaum befand sich Wakitamone aus der Hörweite, als ich, durch ein Zeichen Warukschas dazu aufgefordert, zu ihr ins Zelt schlich. Mit vieler Sorgfalt breiteten wir zunächst die nassen Decken des Medizinmanns zum Trocknen vor dem Feuer aus, und nachdem wir einen ausreichenden Vorrat von Holz zur Unterhaltung des Feuers in unsere Nähe gelegt hatten, nahmen wir die alte Feldapotheke zwischen uns, um mit kühner Stirne allen bösen Geistern der indianischen Unterwelt Trotz zu bieten und mit unseren ungeweihten Händen nach Herzenslust zwischen den verborgenen Heiligtümern zu wühlen. Der Medizinranzen hatte, wie schon erwähnt, die Form und Größe eines Reiterfelleisens. Er wurde durch drei zähe Riemen zusammengehalten, deren jeder einzelne an der niederwärts hängenden Seite eine lange schwarze Skalplocke als Verzierung trug. Die Skalpe waren noch mit dem freilich schon sehr zerstörten Schmuck versehen, den deren ursprüngliche Besitzer einst auf ihrem Wirbel befestigt hatten. Namentlich fiel mir die größte dieser unheimlichen Trophäen auf, in der sich eine Strähne weißer Haare befand. Bei näherer Untersuchung der gedörrten Kopfhaut stellte sich heraus, daß die Haare infolge einer schweren Verwundung, deren Narbe noch deutlich erkennbar, diese Farbe angenommen hatten. Während ich mich nun mit den alten Siegestrophäen beschäftigte, betrachtete Warukscha die Riemen und Knoten aufmerksam, und erst nachdem sie deren Lage und Verschlingungen ihrem Gedächtnis genau eingeprägt, gestattete sie mir, den merkwürdigen Behälter zu öffnen. Als ich das Deckelleder zurückschlug, erblickte ich zuerst die getrocknete Haut einer der großen, rautenförmig gezeichneten Klapperschlangen. Diese lag so, daß sie den übrigen Inhalt verbarg und mir nicht nur ihre achtzehn, bei der leisesten Berührung schnurrenden Klappern, sondern auch den weitgeöffneten, mit mächtigen, indes nur zur Hälfte aus den getrockneten Giftschläuchen hervorragenden Fangzähnen bewaffneten Rachen entgegenstreckte. Sie mit leichter Mühe entfernend, lagen endlich die zur Beschwörung von Geistern und Heilung von Kranken erforderlichen und unfehlbaren Zaubermittel vor mir. Mit größtem Interesse betrachtete ich die wunderliche Sammlung eine Weile, ohne sie anzurühren. Warukscha gewann dadurch Zeit, sich die Ordnung, in der sie verpackt waren, zu merken. Dann nahm ich ein Stück nach dem andern in meine profanen Hände. Manche Gegenstände waren mir fremd, und es gelang mir auch nicht, von der jungen Indianerin Aufschluß darüber zu erhalten; was ich aber erkannte, genügte vollkommen, um mir einen ziemlich klaren Begriff von dem indianischen Medizinalwesen zu verschaffen. Zum Beispiel die auf einen Riemen gestreiften weißen Schnäbel großer schwarzer Spechte, die Füße einer Landschildkröte, Fänge und Schnabel eines Kriegsadlers, mehrere getrocknete Eidechsenleichen, ein in Blut getauchter Lederstreifen, eine Probe von dem berühmten roten Pfeifenkopffelsen, eine alte Quittung über empfangenen Sold vom Jahre 1816, Beutelchen mit Asche und andere, die menschliche Fingerknochen und noch mit blechernen Zierraten geschmückte Ohrzipfel enthielten. Als ich dann aber wieder die Haut einer kleinen Prärieklapperschlange hervorzog und dadurch die unterste Schicht der seltsamen Apotheke bloßlegte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich eine dicke Rolle vergilbten und engbeschriebenen Papiers entdeckte. Behutsam nahm ich die Rolle zur Hand, denn auch sie wurde von den Giftzähnen der Klapperschlange und der gefährlichen Copperhead bewacht, deren abgeschnittene Köpfe mittelst eines Streifens Otterfell sinnig an ihr befestigt worden waren. Es ging daraus hervor, daß Wakitamone einen hohen Wert auf »sprechendes Papier« legte und einen großen Teil seiner Erfolge auf Jagdzügen und Kriegspfaden der Wirkung der Zauberrolle zuschrieb. Diese bestand aus mehreren hundert Quartblättern, die, obgleich von verschiedener Größe, Güte und Farbe, doch sehr sorgfältig numeriert und nach den Nummern geordnet und zusammengeheftet waren. Augenscheinlich um Raum zu sparen, waren sie sehr eng beschrieben, und nach der bald sehr blassen, bald dunkleren und bräunlich oder bläulich gefärbten Tinte zu schließen, mußte der Schreiber bei der Beschaffung der erforderlichen Materialien mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen gehabt haben. Am meisten überraschte mich indessen, daß der Verfasser, wer er auch immer gewesen sein mochte, sich der deutschen Sprache und deutschen Schrift bedient hatte. Ich schlug die Blätter auseinander und las bei dem flackernden Licht der Flammen eine mir zuerst in die Augen fallende Stelle. Ich las die erste Seite, die zweite, die dritte und vierte, und vergessen waren der Zauberer und seine Tochter, vergessen meine Umgebung und die Gefahr, die mir drohte, wenn mein Gastfreund zufällig heimgekehrt wäre. Und je weiter ich las, um so mehr befestigte sich in mir der Entschluß, die Rolle um keinen Preis wieder aus den Händen zu geben. Warukscha saß neben mir; ich fühlte, daß ihre besorgnisvollen Blicke auf mir hafteten, aber ich las ruhig weiter. Da trug ein Windstoß den tollen Lärm bei dem Medizinfeuer lauter und deutlicher zu uns herüber. Erschreckt fuhr ich empor, und ebenso erschreckt langte Warukscha nach der geöffneten Rolle. Erst eine Stunde war seit Wakitamones Aufbruch verstrichen, seine Rückkehr also in nächster Zeit noch nicht zu befürchten. Aber ich mußte auf alle Fälle vorbereitet sein, und die Blätter wieder zusammenrollend und in meine Kugeltasche schiebend, traf ich Anstalt, mit dem Einpacken der umherliegenden Gegenstände zu beginnen. Doch Warukscha bemerkte nicht sobald meine Absicht, das Manuskript als gute Beute erklären zu wollen, da wurde ihre abergläubische Furcht rege, und mich mit allen Zeichen des Entsetzens umklammernd, suchte sie mir den aufgefundenen Schatz zu entreißen. Verdrießlich blickte ich umher; zur Gewalt meine Zuflucht zu nehmen, erschien mir undankbar, so wählte ich denn einen Ausweg, der mich zwar einige Blätter des Manuskriptes kostete, dafür aber die der Verzweiflung nahe Indianerin wieder einigermaßen beruhigte. Ich riß nämlich mehrere weiße Bogen aus meinem von mir unzertrennlichen Skizzenbuch, ferner nahm ich einige uralte Nummern des New-York-Herald, die ich zum Verpacken von präparierten Vogelbälgen bei mir führte, hierzu fügte ich noch ein Stück von meiner sehr schadhaften Weste, und nachdem ich alle diese Gegenstände in eine ähnliche Rolle, wie die entwendete, zusammengedreht hatte, wickelte ich zuletzt die beiden äußersten und am wenigsten leserlichen Blätter des Manuskriptes darum; dabei ging ich so geschickt zu Werke, daß es nicht leicht war, die falsche Rolle von der echten zu unterscheiden. Das Schürzen der Knoten übernahm Warukscha, die sich zufrieden gab, als sie, noch einmal dicht an die Flammen herantretend, sich überzeugt hatte, daß selbst das schärfste Auge keinen Betrug zu entdecken vermöge. Sie auch hing den Medizinranzen, wie ihr von ihrem Vater geheißen worden war, in angemessener Entfernung von dem Feuer zum Trocknen auf, durch gelegentliches Umdrehen verhütend, daß das feuchte Leder in der Hitze zusammenschrumpfe. Meiner eigenen Sicherheit wegen, wie auch um Warukscha zu beruhigen, ging ich noch in derselben Nacht über den Missouri zurück. Damals ahnte ich nicht, welchen Wert die alten Schriften dereinst noch für mich haben würden. Ich war nur froh, mitten in tiefster Wildnis eine Unterhaltung für die langen Winterabende gefunden zu haben. Später aber, als ich den Inhalt des ganzen Manuskriptes kannte und noch andere, seinen Wert erhöhende Umstände hinzutraten, betrachtete ich es als eine wunderbare Fügung des Geschicks, in den Besitz desselben gekommen zu sein. Mein an sich harmloser Verrat kam nie ans Tageslicht. Warukscha erhielt zum Lohn für ihre Mühewaltung von mir einen feuerfarbigen wollenen Rock und ein ansehnliches Paketchen Prozellanperlen, während ich ihren Vater mit einem bedeutenden Vorrat von Tabak und Pulver und Blei und mehreren schönen wollenen Decken beschenkte. Beide waren, als sie mich später bei den Omahos besuchten, munter und guter Dinge, und ich habe allen Grund anzunehmen, daß die alten Zeitungen, das Stück Weste und die leeren Blätter aus meinem Skizzenbuch ihren Zweck als Amulette mindestens ebensogut erfüllen, wie es vorher das Manuskript getan hatte. Was das Manuskript aber enthielt, das lasse ich hier ohne wesentliche Veränderungen in der Form folgen. 2 Am Mineralbrunnen Der eisige Novembersturm streift die letzten braunen Blätter von den Bäumen und wirbelt sie mit vereinzelten kleinen Schneeflocken durcheinander. Bleifarbig hängt der Himmel über der öden Landschaft, als ob er sich in jedem Augenblick auf die Erde niedersenken wolle, um das letzte, im Freien zurückgebliebene Leben gewaltsam zu erstarren. Ohne Furcht oder Bedauern über meinen Entschluß sehe ich dem Winter entgegen, den langen einsamen Nächten und den kurzen Tagen. Ohne Furcht oder Bedauern stehe ich im Begriff, mich auf Monate in diese Widnis zu vergraben, in eine Wildnis, in der keine menschliche Stimme an mein Ohr dringt, der Ton meiner eigenen Stimme von niemand gehört, unheimlich in den endlosen Räumen verhallt. Doch nein, ich darf nicht ungerecht sein; denn während ich die Geschichte meines wechselvollen Lebens niederschreibe, werde ich mit schüchterner Anhänglichkeit beobachtet, und wenn ich von meiner Arbeit zufällig emporschaue, blicke ich in die dunklen melancholischen Augen eines indianischen Kindes, meines Schützlings, wahrscheinlich einer der letzten des einst so mächtigen und glücklichen Mandanen-Stammes. Das arme Mädchen, das mit dankbarem Herzen zu mir wie zu einer Gottheit emporblickt, mildert das traurige Gefühl der gänzlichen Vereinsamung, das mich bei dem Gedanken an den langen, unerbittlich strengen Winter beschleicht. Ich kann mir wenigstens sagen: »ich bin nicht allein«; und ist es mir auch nicht vergönnt, mit dem armen, von der ganzen Welt verlassenen Wesen eine meiner Vergangenheit entsprechende Unterhaltung anzuknüpfen, so vermag ich doch es zu belehren und zur Aufnahme in eine Mission vorzubereiten. Das verflossene Jahr war für mich ein glückliches, wenigstens insoweit, als ich genug erübrigt hatte, um abgesondert von andern Menschen und unbelästigt von den Anforderungen selbstsüchtiger Handelsgesellschaften den Winter verbringen zu können. Auch besser ausgerüstet habe ich mich, denn was mir in früheren Jahren mangelte, das besitze ich jetzt in Fülle, nämlich die Mittel, mein wechselvolles Leben zu beschreiben und dabei meine ganze Vergangenheit gewissermaßen noch einmal zu durchleben. – Welch seltsamer Kontrast zwischen dem Früher und dem Jetzt; zwischen dem Knaben, der einst in jugendlicher Vermessenheit wähnte, den Himmel erstürmen zu können, und dem ernsten Mann, der als einsamer Pelzjäger die wilde, freie Natur durchstreift, um sein kärgliches Brot zu erwerben! Eine selbstgeschaffene Erdhöhle bildet meinen Palast, ein von Bibern und Ottern reich belebtes Nebenflüßchen das Feld meiner Tätigkeit, und in geringer Entfernung wälzt der Missouri seine gelben Fluten auf tausendjähriger Bahn dem Golf von Mexiko zu. Wie der Himmel so schwer, so bleifarbig niederhängt; wie der Sturm mit dürren Blättern und Schneeflocken spielt und heulend zwischen den Hügeln hindurch auf den majestätischen Strom niederfährt! Wie die Raben und Krähen unheimlich krächzen und ihre starken Schwingen im Kampfe gegen den heftigen Wind prüfen! Wie lange wird es noch dauern, und der Missouri träumt unter starrer Eislast, während tiefer Schnee Wald und Flur ungangbar macht und mir jede Verbindung mit andern Menschen vollständig abschneidet? Das verkohlende Holz knistert auf dem glühenden Aschenhaufen und verbreitet eine angenehme Wärme in meiner wenig umfangreichen Hütte; die junge Mandanen-Waise arbeitet mit einer für ihre Jahre ungewöhnlichen Fertigkeit an weichen Mokasins, und zu ihren Füßen spielt ein gezähmter Waschbär gar anmutig mit einer Büchsenkugel. Ich selbst aber sitze vor einem Felsblock, und mit leisem, schnarrendem Geräusch fliegt die Feder über das Papier. Wie merkwürdig die Buchstaben sich zu Worten, die Worte sich zu Gedanken und Sätzen aneinanderreihen! Doch wie ich versuche, meine Gedanken zu bannen, stürmen auch schon die Bilder der Vergangenheit mit fast erdrückender Wucht auf mich ein, so daß ich sie kaum voneinander zu scheiden und zu ordnen vermag. Mögen die Bilder aber eine Färbung tragen, welche sie wollen, bei allen tritt der erste Genosse meiner Jugend, der liebe, rebenbekränzte, alte Vater Rhein in den Vordergrund; der Rhein mit seinen anmutigen Tälern und altertümlichen Städten, mit seiner malerischen Felseinfassung und den grauen Ritterburgen, der Rhein endlich mit seinen schönen Sagen und den edlen Weinen, und vor allem mit der heiteren, warmherzigen Bevölkerung, die den majestätischen Strom mit Stolz ihren Vater nennt. Ja, am Rhein bin ich geboren, und zwar an einem Punkte, der sich, hinsichtlich seiner romantischen Schönheit, kühn mit allen hervorragenden Stellen seiner Ufer in einen Vergleich einlassen darf. Wes Kind ich sei und wo meine Wiege einst stand, wenn ich überhaupt je in meinem Leben gewiegt wurde, dürfte kaum in meiner Erzählung von Wichtigkeit sein. Ebenso bieten meine glücklichen Kinderjahre nichts, was sie vor der Jugendzeit anderer Kinder besonders auszeichnete. Ich war, wie die meisten Knaben, keiner von den besten, keiner von den schlechtesten. Es prägte sich dies bereits auf der Schule sehr scharf aus, indem ich keineswegs für die letzten Bänke schwärmte, aber auch kameradschaftlichen Sinn genug besaß, nicht durch angestrengtes Hinarbeiten auf den Primusplatz mir ein gewisses Übergewicht über meine Mitschüler anmaßen zu wollen. Die Bezeichnung »ziemlich gut« erschien mir als vollkommen genügend, und ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß ich das Abiturientenexamen ziemlich gut bestand und ziemlich gut vorbereitet zur Universität abging. Leider hatte ich meine Eltern frühzeitig verloren. Sie waren, als ich noch die untern Klassen des Gymnasiums besuchte, in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren gestorben, mir gerade soviel hinterlassend, daß ich mit ruhigem Gewissen mich für das kostspielige und vorläufig sehr wenig versprechende Studium der Rechtsgelahrtheit entscheiden durfte. In meinen äußeren Verhältnissen bewirkte der Tod meines Vaters die in solchen Fällen fast gewöhnliche Veränderung: Ich erhielt einen Vormund, wurde in Pension gegeben, und zum Überfluß entdeckten alle Menschen, namentlich aber die Gattin meines Herrn Pensionsvorstehers, plötzlich in mir so viele Anlagen zum Bösen, und prophezeite man mir so oft die ehrenwerte Karriere eines Rinaldo Rinaldini, daß ich selbst an mir hätte verzweifeln können. Eine rühmliche Ausnahme von denjenigen, die mich nie ansehen konnten, ohne einen vorwurfsvollen Blick gen Himmel zu senden und mit einem erschütternden, frommen Stoßseufzer mich vollständig aufzugeben, bildete mein Vormund. Der alte Kriegskamerad meines Vaters, und von diesem schon bei Lebzeiten zu meinem Vormunde bestimmt, fand Gefallen an meinem lebhaften Temperament und meinen tollen Streichen. Er schleuderte mir zwar gelegentlich die ganze Auswahl von Flüchen, die er 1790 im Felde erlernt und höchst sorgfältig in seinem Gedächtnis aufgestapelt hatte, im grimmigsten Kommandotone entgegen, sie klangen aber drohender, als sie gemeint waren und endeten gewöhnlich damit, daß er mir eigenhändig eine Pfeife stopfte, mich einen verdammten Sansculotten nannte, und schließlich bei allen Granaten und Bomben, die seit Julius Cäsars Zeiten jemals platzten, beschwor, daß er noch nie einen gesunden Knaben gesehen, der nicht hundertmal verdient habe, gehangen zu werden. Unter solchen Umständen konnte es nicht fehlen, daß ich mit innigster Liebe an meinem Vormunde hing und ihm zu Gefallen wer weiß was hätte aus mir machen lassen. Leider sah ich ihn nur selten, indem ich der Schule wegen in der Stadt wohnte, während er, mit dem Posten eines Oberförsters betraut, an einem der anmutigsten Punkte des Siebengebirges sein Domizil aufgeschlagen hatte. Ich brachte indessen, zur größten Genugtuung meiner sparsamen Pensionsvorsteherin, stets die Ferienzeit bei ihm zu und beobachtete sehr strenge das zwischen uns stillschweigend getroffene Übereinkommen, ihm erst am Tage meiner Abreise nach der Stadt und schon mit der Mütze in der Hand, meine Zensur zur gefälligen Unterschrift zu überreichen. Er zählte, als ich zur Universität abging, bereits einundsechzig Jahre; doch mochte die Zeit seine spärlichen Haare und den mächtigen Schnurrbart hagelweiß gefärbt haben, mochten Runzeln sein ausgewettertes, gutes Gesicht nach allen Richtungen hin durchkreuzen und die männliche Fülle der Glieder allmählich einer mumienartigen Hagerkeit gewichen sein, eine straffere Haltung und einen festeren Schritt hätte man bei einem jungen Gardeleutnant nicht finden können. Dabei blitzte das eine graue Auge – das andere war ihm bei Jena von einem »unvorsichtigen Granatsplitter« ausgeschlagen worden – so jugendlich und doch so wohlwollend unter der buschigen, rot und weiß gemischten Braue hervor, und klirrten die Sporen – er hatte bei der Kavallerie gestanden – so lustig an seinen Stiefeln, und prangte das schönste aller Ehrenzeichen so stattlich auf seiner hohen, breiten Brust, daß der leibhaftige Kriegsgott Mars über den alten Helden in Ekstase hätte geraten können. Und ebenso glücklich und sorglos wie er auf seiner Oberförsterei lebte, fühlte sich seine bejahrte Gattin, eine herzensgute alte Dame, der man vielleicht nur den einzigen Vorwurf machen konnte, daß sie die himmlischen Freuden zu sehr von der strengen Beobachtung irdischer kirchlicher Formen abhängig glaubte. Sie war Katholikin, betrachtete die Geistlichkeit als etwas Überirdisches, glaubte an Wunder und betete und beichtete sehr viel, obwohl sie kaum andere Sünden zu beichten hatte, als etwa, daß sie ihrem »Alten« hin und wieder einmal nicht rechtzeitig den brennenden Fidibus zu seiner Morgenpfeife dargereicht hatte oder in ihrem Eifer, alles zugleich zu besorgen, die Milch überkochen ließ. Der alte Herr aber ließ seine Gattin für sich mitbeten, und dafür erlaubte er sich, – wie er sich sehr zart ausdrückte – gelegentlich für seine treue Ehehälfte ein kleines Donnerwetter unter das Hausgesinde zu dirigieren und auf diese Weise das Gleichgewicht wieder herzustellen. Er war Protestant, duldsam und liberal in Religionsangelegenheiten und nachsichtig gegen Holzfrevler, namentlich wenn sie die Kriegsdenkmünze trugen und ihn, statt mit »Herr Oberförster« »Herr Oberschleitnamp zu Befehl« anredeten. Bei aller seiner Güte und Nachsicht besaß er aber auch eine empfindliche Seite, die man nur schief anzusehen brauchte, um die ganze Hölle mit allen nur denkbaren Generationen von Teufeln, väterlicher- sowohl als mütterlicherseits, auf den Leib gehetzt zu erhalten. Für ihn gab es nämlich nur zwei Farben: schwarz und weiß; nur zwei Melodien: »Heil dir im Siegerkranz« und »So leben wir«; nur einen Musterstaat: Preußen, und nur einen König: Friedrich Wilhelm den Dritten. Dies sind also die beiden Leute, die mir nach dem Tode meiner Eltern am nächsten standen und denen ich ein ganzes Herz voll kindlicher Liebe entgegentrug. Sie selbst waren kinderlos, konnten mir also mehr Teilnahme zuwenden, als es vielleicht im andern Falle geschehen wäre; und wenn es mir auch nicht beschieden ist, ihnen in ihrer letzten Stunde wie ein treuer Sohn zur Seite zu stehen, nicht schmerzbewegt in ihre brechenden Augen zu schauen, so weiß ich doch, daß beim Scheiden aus dieser Welt sie meiner segnend gedenken, ein Gebet für mein Lebensglück auf ihren Lippen schwebt. Ist es aber den Menschen vergönnt, mit fernen Lieben geistig in Verbindung zu treten, dann müssen sie längst wissen, daß meine treue, dankbare Anhänglichkeit, weit, weit über ihr, über mein Grab hinausreicht. Seit sechs Monaten war ich im schwarzen Sammetrock mit weißseidenem Futter als flotter Bursche in den krummen Straßen Bonns umherstolziert, seit sechs Monaten hatte ich mit lobenswerter Regelmäßigkeit den Fechtboden des Herrn Seger besucht, seit sechs Monaten, wenn es mir die Zeit erlaubte, auch den Kollegien meine Aufmerksamkeit zugewendet, und nicht weniger als sechsmal war ich in den sechs Monaten auf der Mensur gewesen. Eine sehr sauber geheilte Schmarre zierte meine rechte Wange, ein stattlicher Bart Mund und Kinn, meine starken braunen Haare fielen in Locken bis auf meine Schultern nieder, mein Kopf ragte noch eine gute Handbreit über die Köpfe anderer mittelgroßer Menschenkinder empor, kein Wunder daher, daß ich im jugendlichen Übermute mich für eins der gelungensten Schöpfungswerke hielt und schließlich zu der Überzeugung gelangte, meine Blicke nur in die schüchternen Augen einer Jungfrau senken zu brauchen, um sie vor Liebesgram, wie eine frühzeitig geknickte Blume, dahinwelken und sterben zu machen. Dergleichen Gefühle beseelten mich denn auch, als ich am zweiten Pfingsttage des Jahres 1832 vor dem Dorfe Godesberg mich von einigen heiteren Kommilitonen trennte und meine Schritte geraden Weges dem Mineralbrunnen zulenkte. Wir hatten verabredet, gegen Abend in einem der öffentlichen Gärten wieder zusammenzutreffen und von dort aus so geräuschvoll wie möglich die nächtliche Wanderung zurück nach Bonn anzutreten. Es blieben mir also noch mehrere Stunden, die ich ganz nach meinem eigenen Geschmack verbringen konnte, und da ich schon damals liebte, auf einsamen Spaziergängen mich so recht aus vollem Herzen dem kühnen Fluge meiner Gedanken hinzugeben und mich mit dem Ausbau der phantastischsten Luftschlösser zu beschäftigen, so konnte eine romantische Umgebung, wie die von Godesberg, nur anregend auf mich einwirken. Mich erfüllte ein unbeschreibliches Wohlbehagen, als ich in der alten, im heitersten Frühlingsgrün prangenden Allee dem Mineralbrunnen zuschritt. Die knorrigen Baumstämme und das reiche Laub, die üppig wuchernden Gräser und die sich entfaltenden Blumen, die wunderbar schön gelegene Ruine Godesberg und den mit tiefen Schatten malerisch abwechselnden Sonnenschein, die scharlachfarbig gesattelten Reittiere und die sonntäglich geputzten Bäuerinnen, alles, alles hätte ich vor Freude und Wonne umarmen mögen. Aber meine Arme reichten ja nur weit genug, hier einer mit Gebetbuch und Rosenkranz sittsam zur Nachmittagsmesse eilenden Dorfschönen schäkernd unter das runde Kinn zu fassen, dort einem alten, in wollener Zipfelmütze, kattunener Jacke, Kniehosen und Schnallenschuhen prangenden »Bestevader« freundschaftlich die Hand zu drücken und alle Professoren der Universität auf das Angelegentlichste zu grüßen. Die Mädchen schmollten, schauten sich aber doch errötend nach dem lustigen Burschen um; die Bestevaders schüttelten verwundert die Köpfe und kratzten sich hinter den Ohren, indem sie vergeblich darüber nachsannen, wo sie wohl die Bekanntschaft der gelehrten Herren gemacht haben könnten; ich dagegen schwang fröhlich meinen Ziegenhainer und sang aus voller Brust: »Am Rhein, am Rhein da wachsen unsre Reben!« »Gesegnet sei der Rhein!« wiederholte ich noch einmal, als ich die tiefer gelegene Rotunde mit dem Mineralbrunnen vor mir sah, und in der nächsten Minute spiegelte ich mein geliebtes Ich in dem kristallklaren Born. Nachdem ich aus der hohlen Hand getrunken, sah ich um mich. In weiterem Umkreise befanden sich wohl noch Menschen, die sich im Schatten der Bäume ergingen, an der Quelle selbst dagegen stand außer mir nur noch ein Mann. Ich würde diesen kaum beachtet haben, wenn er nicht durch eine höfliche, aber kalte Verbeugung meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. »Ah, guten Tag Herr Bernhard,« rief ich in heiterm Tone, als ich einen jungen Theologen erkannte, der freilich schon seine Studien beendigt hatte, aber doch noch mit einzelnen der älteren Musensöhne verkehrte und dem ich bei einer solchen Gelegenheit vorgestellt worden war. Woher er stammte und was er bezweckte, wußte niemand von uns. Wir wußten nur, daß er vor zwei Jahren in Bonn erschienen war, dort die theologischen Kollegien noch anderthalb Jahre mit großer Regelmäßigkeit besucht hatte, trotz seiner stets rechtzeitig einlaufenden Wechsel sich nie an einem Kommers beteiligte, was sich freilich durch den von ihm gewählten Beruf entschuldigen ließ, und daß er endlich ein ausgezeichneter Schläger war. Letzterer Umstand diente dazu, ihm, wenn auch keine freundliche Zuneigung, so doch einen gewissen Grad von Achtung unter seinen Kommilitonen zu verschaffen, obwohl sich niemand zu erinnern wußte, daß er jemals im ernsten Kampfe sich mit einem andern gemessen oder auch nur die leiseste Veranlassung zu einem Touch und darauffolgender scharfer Paukerei gegeben hätte. Er war immer derselbe höfliche, süßlich lächelnde und doch auch wieder ein hohes Übergewicht verratende Denker, der zwar keine erklärten Feinde unter seinen Mitstudierenden besaß, aber auch weit entfernt davon war, sich eines wirklichen Freundes rühmen zu können. Auf mich machte er stets den Eindruck eines verkappten Jesuiten, und ich konnte ihn nie ansehen, ohne eine tiefe, an Widerwillen grenzende Scheu vor ihm zu empfinden. Aber als ich seiner nun plötzlich auf der andern Seite des Brunnens ansichtig wurde, hegte ich doch die redliche Absicht, meinen Widerwillen durch ein herzliches Entgegenkommen niederzukämpfen, und mit einer Freimütigkeit, die meiner glücklichen Stimmung entsprach, schloß ich an meinen Gruß die Bemerkung, wie sehr ich mich freue, ihn, den ernsten Denker, einem reinen Naturgenuß so gänzlich hingegeben zu sehen. »Gerade die Denker sind oft am meisten geneigt, die Natur zum Gegenstande ihrer Betrachtungen zu wählen,« entgegnete er mit einem verbindlichen Lächeln, während aus seinen Augen verstohlen das Mißvergnügen leuchtete, das er über unser Zusammentreffen empfand. »Gewiß,« versetzte ich schnell, »doch möchte ich fast behaupten, der eigentliche Genuß der Natur bestehe darin, daß man sich liebevoll zu ihr hinneigt und sich an ihrem sichtbaren, verständlichen Teil ergötzt, anstatt in ihre verborgensten und unerklärlichen Geheimnisse eindringen zu wollen, indem unlösbare Rätsel stets ein Gefühl der Nichtbefriedigung hinterlassen.« Über Bernhards Züge flog das mir so unangenehme Lächeln geistiger Überlegenheit. »Und sollte die von Ihnen eben ausgesprochene Ansicht für sich betrachtet nicht schon genug Stoff zum Denken bieten?« begann er zögernd. »Auch ich bewundere die Natur im großen und ganzen mit andächtigen Gefühlen und dankbarem Herzen, wie ich mich beim Anblick einer schönen Blume oder über den Gesang der Nachtigall innig freue. Tiefer in die Geheimnisse der Schöpfüngswerke eindringen zu wollen, liegt mir dagegen fern. Erhalten wir doch täglich immer neue Beweise, daß die Erfolge ernsten Forschens im Reiche der Natur entsittlichend auf die Menschheit einwirken, ganz abgesehen davon, daß die Forscher selbst sich sehr bald daran gewöhnen, alles Göttliche abzuleugnen und die größten Wunderwerke der Schöpfung auf irgendeine ihnen passend erscheinende Ursache, zum Beispiel auf den ewigen natürlichen Kreislauf im Weltall zurückzuführen.« »Nur bis zu einer gewissen Grenze kann ich Ihnen beistimmen,« erwiderte ich, obwohl ich einsah, daß es mir nie gelingen würde, meinen Ansichten bei ihm Eingang zu verschaffen, »nur der beschränktere Geist kann in der von Ihnen angedeuteten Weise abirren. Der Forscher dagegen, der liebevoll den Sinn der Natur zu erraten strebt und Gottes erhabenes Reich lernend und belehrend durchwandert, wird, ähnlich dem Kinde, das ahnungsvoll über die Farbenpracht einer Blume, über den Glanz des unzählbaren Sternenheers staunt, sich fromm vor einer schöpferischen, alles umfassenden Macht beugen und selbst in dieser, über mineralische Lager hinrieselnden Quelle die Gottheit verehren, ohne dabei den Mangel systematisch geordneter Formeln zu empfinden.« Im Eifer hatte ich meine Stimme immer mehr erhoben. Als ich aber meine Blicke auf Bernhard richtete und einen spöttischen Ausdruck in seinen düster glühenden Augen entdeckte, gereute es mich, soweit gegangen zu sein. Ich fühlte, daß ich ihn durch meinen Widerspruch und gerade durch die in demselben enthaltene Wahrheit verletzt hatte. »Dann haben Sie die Grenze, die den Atheismus von der Religion scheidet, wohl schon überschritten?« fragte er dann auch mit einer sarkastischen Freundlichkeit, die mir das Blut des aufflammenden Zorns bis in die Schläfen hinauftrieb. Ich wollte eine heftige Antwort erteilen, bemerkte indessen, daß Bernhards Züge sich plötzlich wie durch Zauber glätteten und einen mir an ihm fremden Ausdruck bescheidener Anspruchslosigkeit erhielten. Natürlich folgte ich mit den Augen der Richtung seiner Blicke, und nicht wenig überraschte es mich, in einer jungen Dame die Veranlassung zu der unerwarteten Änderung seines Wesens zu entdecken. Sie ritt auf einem nach dortiger Sitte scharlachfarbig gesattelten Esel, der von einem bejahrten Treiber sehr behutsam am Zügel geführt wurde. Offenbar wollte der alte Mann das vorsichtige Tier die wenigen Stufen hinunter und bis an den Brunnen vortreten lassen; auf eine leise ausgesprochene Bitte der jugendlichen Reiterin stand er indessen von seinem Vorhaben ab, dagegen half er ihr aus dem Sattel, worauf sie sich zögernden Schrittes der Quelle näherte. Wenn nun die junge Fremde durch ihr Erscheinen einen besänftigenden Eindruck auf Bernhard ausübte, so war ich einem derartigen Einfluß in nicht geringerem Grade unterworfen. War mir doch, als sei eine Heilige aus einem Raphaelschen Madonnenbilde niedergestiegen, um in frommer Weise die heilspendende Quelle zu segnen. Auf den holden jungräulichen Zügen ruhte ein solcher Schimmer tiefer Frömmigkeit, daß dadurch ein derartiger Gedanke sehr nahegelegt wurde. Ihre Gestalt war schlank, vielleicht noch etwas unter der gewöhnlichen Mittelgröße, und man entdeckte leicht, daß sie, obwohl erst auf der äußersten Grenze der Kindheit angekommen, bereits den höchsten Grad ihres Wachstums erreicht hatte. Ihr schwarzes Haar fiel in dichten, seidenweichen Locken auf ihre Schultern nieder, ebenso schmückten schwarze Brauen und Wimpern ihre weiße Stirne und die niedergeschlagenen Augenlider, einen reizenden Kontrast zu der zarten, fast durchsichtigen Farbe des lieben Antlitzes bildend. Die Nase war sanft gebogen und erinnerte entfernt an das Profil der Südländerinnen, der Mund fein geschnitten, einer sich erschließenden Rosenknospe ähnlich, und auf den nicht vollen, aber klassisch abgerundeten Wangen bis zu den reinen Schläfen hinauf thronte ein lieblicher, rosenfarbiger Hauch, der indessen mehr mädchenhafte Verlegenheit als strotzende Gesundheit bekundete. Überhaupt schien eine äußerst zarte Gesundheit in dem sylphenartigen Körper zu wohnen, obwohl ihre Haltung eine aufrechte, dabei aber natürliche war und in ihren anmutigen Bewegungen sich jugendliche Kraft verriet. So trat die junge Fremde zu uns heran, den runden italienischen Strohhut, der ihr beim Absteigen wahrscheinlich hinderlich gewesen war, vor sich tragend, und nicht eher sah sie auf, als bis sie sich dicht vor dem ausgemauerten Brunnenkessel befand. Sie schlug die Augen empor, und nur mit Mühe hielt ich einen Ausruf des Erstaunens zurück, als ich, anstatt in zwei dunkle, den schwarzen Haaren und Brauen entsprechende Augen zu blicken, zwei milde blaue Sterne auf mich gerichtet sah. Die Anwesenheit zweier ihr fremden Männer an der Quelle, die sie offenbar zu so früher Nachmittagsstunde vereinsamt geglaubt hatte, versetzte sie sichtbar in Verlegenheit, und daß Bernhard sowohl als ich sie mit bewundernder Neugierde betrachteten, diente am wenigsten dazu, diese zu zerstreuen. Erst als sie sich, zu Bernhard gewandt, kaum merklich verneigte, gewahrte ich, daß dieser höflich grüßend seinen Hut gezogen hatte. »Mein Fräulein, Sie wollen trinken,« sagte er mit einschmeichelnder Stimme, als er bemerkte, daß die junge Fremde, vor Befangenheit tief errötend, nach dem gewöhnlich auf dem Rande der Quelle liegenden Becher spähte, den er ohne Zweifel bereits vor meiner Ankunft entfernt hatte. »Ich suche den Becher,« stammelte die Angeredete leise, »er ist nicht hier, ich werde mir ein Glas aus dem nächsten Hause holen.« »Hier ist eines,« versetzte Bernhard, ein kunstvoll geschliffenes Kristallglas hervorziehend und aus der Quelle füllend, »nehmen Sie hin, mein Fräulein, und leeren Sie es zur Ehre desjenigen, der diese Quelle der leidenden Menschheit zum Heile schuf.« Der salbungsvolle Ton, in dem Bernhard sprach, empörte mich, und widerwärtig wäre es mir gewesen, das holde Wesen den Becher aus den Händen des scheinheiligen Menschen nehmen zu sehen. Schnell entschlossen riß ich daher die kleine silbergestickte Mütze von meinem Kopfe, und diese hastig umkehrend und mit Wasser füllend, reichte ich der jungen Fremden die improvisierte Schale dar. »Trinken Sie, mein Fräulein,« rief ich enthusiastisch aus, in meinem gewagten Spiel gegen Bernhard alles auf einen Wurf setzend, »trinken Sie, und verschmähen Sie nicht die Gabe eines fahrenden Ritters; trinken Sie, und gedenken Sie dabei aller derjenigen, denen Sie in Liebe zugetan sind!« Das arme Mädchen befand sich in einer peinlichen Lage; die wunderbar schönen Augen wanderten mit einem rührend flehenden Ausdruck von dem einen zum andern hinüber. Ich empfand das innigste Mitleiden, und dennoch hätte ich nicht vermocht, zurückzutreten und meinem zufälligen Nebenbuhler den Vorrang zu lassen, um so mehr, da dieser, im sichern Bewußtsein seines Sieges, mit einem mitleidigen Lächeln meine triefende Mütze flüchtig betrachtete. Diese Szene dauerte indessen keine Minute, denn die junge Fremde überwand ihre Verlegenheit schneller, als ich erwartet hätte. Sie bückte sich zu der Quelle nieder, und ihre kleine wohlgeformte Hand in das klare Wasser tauchend, sagte sie, die Augen verschämt niederschlagend: »Diogenes, von einem Hirtenknaben belehrt, verschmähte den Becher und trank aus der hohlen Hand; dem Andenken meiner Lieben,« fügte sie dann kaum verständlich hinzu, indem sie einige Tropfen schlürfte, »und zur Ehre Gottes,« sprach sie etwas lauter, worauf sie die Hand zum zweitenmal in die Quelle tauchte und gefüllt an ihre frischen roten Lippen führte. »Auf das Wohl der schönen Wanderin, die mit sicherem Scharfblick und überraschender Geistesgegenwart die richtige Mittelstraße zu finden wußte!« rief ich aus, einige tiefe Züge aus meiner Mütze trinkend und den Rest, wie einen Sprühregen, rückwärts schleudernd. Die junge Fremde dankte durch ein leichtes Neigen ihres Hauptes und wendete sich ab, um sich zu ihrem Reittier zu begeben. Sie hatte indessen noch keine zwei Schritte getan, als das laute Klirren, mit dem Bernhard seinen Becher auf den Fliesen zertrümmerte, sie veranlaßte, noch einmal zurückzuschauen und sich dann mit beschleunigter Eile zu entfernen. Es war dies das erste, aber auch das letzte Mal, daß meines Wissens Bernhard sich von seinen Gefühlen hinreißen ließ und übereilt handelte. Ich folgerte daraus den hohen Grad seiner Enttäuschung, und daß er vielleicht schon seit Stunden an dieser Stelle auf die Gelegenheit gewartet habe, sich dem jungen Mädchen zu nähern. Weniger erklärlich war mir dagegen der Blick des giftigsten Hasses, der mich ganz flüchtig aus seinen düsteren Augen traf und der wohl kaum durch mein an sich harmloses Durchkreuzen seiner Pläne allein hervorgerufen sein konnte. Den Blick hätte ich ihm wohl vergeben, das absichtliche Erschrecken des jungen Mädchens dagegen erschien mir als ein unverzeihliches Verbrechen, das die härteste Strafe verdiente. Meiner ersten Regung folgend, schritt ich daher um den Brunnen herum, und nachdem ich Bernhard mit unterdrückter Stimme einen nur mit Blut zu sühnenden Namen beigelegt, eilte ich, ohne ihn weiter meiner Beachtung zu würdigen, der Fremden nach. Ich traf bei ihr ein, als sie ihr Reittier eben wieder bestiegen hatte und der Führer den Zügel ergriff, um den Weg nach der Ruine Godesberg hinauf einzuschlagen. Der Ausdruck des Schreckens war noch nicht aus ihrem lieben Antlitz gewichen, doch dankte sie freundlich und unbefangen, als ich sie bat, mir zu verzeihen, daß ich durch mein unzeitiges Dazwischentreten Veranlassung zu der so wenig ergötzlichen Szene gegeben und sie in eine so unangenehme Lage gebracht habe. Der Führer hatte sich unterdessen in Bewegung gesetzt, und da ich in ihren Augen zu lesen glaubte, daß ich eine Antwort von ihr zu erwarten habe, so nahm ich dies für die Erlaubnis, neben ihrem Tier herschreitend, sie begleiten zu dürfen. 3 Die Weissagung Aber erst als die nächsten Hecken und Baumgruppen uns den Anblick Bernhards entzogen, schien sie freier aufzuatmen, und sich mir mit einem fast kindlichen, aber etwas erzwungenen holdseligen Lächeln zuwendend, ging sie auf eine Unterhaltung mit mir ein. »Ich sollte es vielleicht nicht sagen«, begann sie, und ihre Wangen färbten sich vor Befangenheit etwas dunkler, »und doch darf ich auch wieder nicht ungerecht sein. Ich muß nämlich einräumen, daß Ihr Dazwischentreten keineswegs die Bezeichnung eines unzeitigen verdient. Es war mir willkommen, dem nähern Verkehr mit dem fremden Herrn ausweichen zu können; ich erkannte ihn zu spät, sonst würde ich, anstatt anzuhalten, geraden Weges nach dem Godesberg hinauf geritten sein und erst auf dem Heimwege die Quelle besucht haben.« »So war dies wohl nicht die erste Begegnung?« fragte ich, weniger aus Neugierde, als um noch länger den Ton ihrer süßen melodischen Stimme zu hören. »Die erste Begegnung nicht, denn ich bemerkte ihn schon heute Vormittag,« lautete die mit lieblicher Offenheit gegebene Antwort, »seine Blicke schienen mich förmlich durchbohren zu wollen, so fest hafteten sie auf mir. In meiner frühsten Jugend habe ich einmal ähnliche Augen gesehen, die mich im wachenden Zustande sowohl, als in meinen Träumen noch lange nachher ängstigten, und daher rührt auch wohl meine kindische Furcht vor dem fremden Herrn, der mir doch nichts zuleide getan hat.« »Haben Sie denn oft Gelegenheit, jenem Herrn zu begegnen?« »Oft nicht, denn er muß doch wohl in Bonn wohnen, aber mehrfach schon, im Siebengebirge wie auch hier, traf ich ihn, als ob ihm jedesmal die Richtung unserer Vergnügungsfahrten mitgeteilt worden wäre und er mich infolgedessen erwartet habe.« »Dann wohnen Sie selbst also nicht in Bonn? Aber verzeihen Sie meine zudringlichen Fragen und legen Sie ihnen kein schwereres Gewicht bei, als daß ich die einmal begonnene Unterhaltung gern weiterspinnen möchte.« »Bonn kenne ich noch nicht; ich habe die so reizend gelegene Stadt wohl von den Höhen des Siebengebirges aus gesehen, auch schon von hier aus, allein dort gewesen bin ich noch nicht. Ich befinde mich überhaupt erst seit sechs Wochen in dieser Gegend.« »Aus Ihren Mitteilungen läßt sich entnehmen, daß Sie im Siebengebirge ihren Aufenthalt gewählt haben?« »An einem der reizendsten Punkte des Siebengebirges. Ein Onkel von mir, der dort den Posten eines Oberförsters bekleidet, hat mich zu sich ins Haus genommen. O, es ist so schön auf dem stillen, einsam gelegenen Gehöft, und die guten alten Leute –« »Meines Wissens lebt nur ein Oberförster im Siebengebirge,« unterbrach ich meine jetzt unbefangen plaudernde Gefährtin hastig, »ja, nur ein Oberförster,« wiederholte ich sinnend, indem ich den Plan faßte, mich vorläufig nicht zu erkennen zu geben, »und irre ich nicht, so ist es der Oberstleutnant Werker, der nach Beendigung des Krieges für seine treuen Dienste mit einem ihm zusagenden Ruheposten bedacht worden ist.« »Der Oberstleutnant Werker ist ja mein Onkel!« rief das junge Mädchen vor Freude errötend aus, und ihr ganzes Wesen bekundete, daß durch meine Bekanntschaft mit ihrem Onkel ihr Vertrauen zu mir eine bedeutende Stütze erhalten habe. »Wunderbar, und mir ist nichts davon mitgeteilt worden,« bemerkte ich unbedachtsam. Glücklicherweise hatte sie mich nur halb verstanden, und ihre blauen strahlenden Augen auf mich heftend, fragte sie, wem ich die Mitteilung machen wolle? »Einem Studiengenossen,« antwortete ich, nunmehr vollständig bereit, meine Rolle ohne Fehler zu Ende zu spielen, »einem gewissen Gustav Wandel, der die Ehre hat, den Herrn Oberstleutnant Werker seinen Vormund zu nennen.« »Auch den Herrn Gustav Wandel kennen Sie?« fragte das liebe Mädchen mit einer so herzlichen Teilnahme, daß ich ihr dafür auf jedes ihrer beiden seelenvollen Augen einen Kuß hätte drücken mögen. »Den Gustav Wandel?« fragte ich lachend zurück, »o, den Schlingel kenne ich so genau wie mich selbst, und genau muß ich ihn wohl kennen, indem wir seit unserer frühsten Kindheit auf derselben Bank gesessen haben. Übrigens ist er ein arger Windbeutel; man nimmt allgemein an, daß sein Vormund ihm die Zügel etwas zu schlaff gehalten habe. Er schwärmt für den Fechtboden, beteiligt sich an jedem Kommers und betrachtet die Kollegien mehr als Nebensache.« »Das begreife ich nicht,« entgegnete die junge Dame ernst, »Sie sind sein Freund und Gefährte und fällen ein so hartes Urteil über ihn? Mein Onkel spricht sich ganz anders über ihn aus. Er nennt ihn stets einen braven, pflichttreuen Menschen, einen wahren Musterstudenten.« »Also eine so gute Meinung hat der alte Herr von dem Gustav? Nun, Freund Gustav wird sich freuen, dies von mir zu hören. Aber merkwürdig bleibt es doch, daß der Schlingel mir, seinem ältesten und besten Freunde nicht mitteilte, daß sich Besuch im Hause seines Vormundes befände; und ich sollte denken, die Ankunft einer jungen liebenswürdigen Verwandten wäre doch ein wichtiges Ereignis.« »Herr Gustav Wandel ist kein Verwandter von mir,« sagte die Fremde, nachdem sie das erste Mißvergnügen über meine ihr unpassend erscheinende Bemerkung niedergekämpft hatte. »Er weiß nichts von mir und wird auch nicht früher etwas über mich erfahren, als bis er sich einmal wieder zum Besuch auf der Oberförsterei einstellt. Er hat nämlich seinen Vormund in letzter Zeit sehr vernachlässigt und sich seit zwei Monaten nicht sehen lassen. Mein guter Onkel hat infolgedessen beschlossen, ihn dadurch zu strafen, daß er ihm nicht ein Sterbenswörtchen über mich oder meine Aufnahme in seine Familie mitteilt.« »Ah, mein Fräulein, ich kenne den Herrn Gustav Wandel genügend, um Ihnen versichern zu dürfen, daß sein Vormund keine härtere Strafe für die unverzeihliche Vernachlässigung hätte ersinnen können. Gedulden Sie sich nur, er selbst wird bald genug diese meine Worte vor Ihnen wiederholen und bekräftigen.« »Befindet sich der Herr Oberstleutnant ebenfalls hier?« fragte ich dann, nachdem ich mich eine Weile an der bezaubernden Verlegenheit des lieblichen Kindes geweidet hatte. »Mein Onkel und meine Tante sind beide hier; wir sind in Fuchs' Hotel abgestiegen. Ich bat sie, mich nach dem Godesberg hinauf zu begleiten, allein meine Bitten waren vergeblich.« »Seine Kräfte reichen wohl nicht mehr zu einem so weiten Spaziergange aus?« »Leider nicht, der liebe alte Herr will es aber nicht zugestehen und schiebt alles auf die gute Tante, die nicht mehr Berge ersteigen könne. Jetzt wollen mir beide bis zum Mineralbrunnen entgegengehen, und wenn Sie –« »Und wenn Sie mir gestatten wollen, solange Ihr Begleiter zu sein,« fuhr ich fort, als sie verlegen stockte, »so könnte ich vielleicht die Ehre haben, durch Sie Ihrem Herrn Onkel vorgestellt zu werden?« »Nun – ja – und ich bezweifle nicht, daß Sie ihm sehr willkommen sein werden, zumal Sie ihm die neuesten Nachrichten über seinen lieben Gustav Wandel bringen.« »Die allerneusten Nachrichten über das Wohlbefinden des leichtsinnigen Patrons,« pflichtete ich bei. »Einen Rat muß ich Ihnen aber doch erteilen,« fügte sie nach kurzem Sinnen zögernd hinzu, »alte Leute verdienen stets die größte Rücksicht, namentlich aber ein so tapferer Krieger und liebevoller Onkel; ich bitte Sie daher, wenn Sie mit ihm über Herrn Wandel sprechen, nicht – ich meine –« »Ihn nicht Schlingel und leichtsinnigen Patron zu nennen?« »Ja, das meinte ich; ich bin überzeugt, Sie denken sich nichts Böses dabei, denn Sie nennen ihn ja Ihren Freund, allein mein Onkel kann nicht leiden, wenn man auch nur im Scherz schlecht von seinem Schützling spricht.« »Bauen Sie darauf, mein Fräulein, ich werde mich ganz in dem von Ihnen gewünschten Sinne benehmen, wenn auch nur, um Ihnen gefällig zu sein –« »O, meinetwegen nicht,« fiel das reizende Kind mir in die Rede, »nur meines Onkels und Ihrer selbst wegen; ich kenne den Herrn Wandel ja nicht einmal.« »Sind Sie denn nicht neugierig, den leichtsinnigen Menschen kennenzulernen?« fragte ich darauf mit einem heimlichen Seitenblick auf die junge Reiterin, die mit bezaubernder Schüchternheit zu mir herüberschaute. »Meines Onkels wegen bin ich allerdings sehr neugierig, aber auch für mich bin ich auf sein erstes Erscheinen gespannt, und muß es wohl sein, indem kein Tag vergeht, an dem der Onkel oder die Tante nicht von dem Herrn Gustav sprechen. Er ist wohl sehr groß und sieht gut aus?« fragte sie dann naiv, mich mit ihren großen blauen Augen so recht offen und redlich anblickend. Wiederum stand ich auf dem Punkt, ihre Hand zu ergreifen, mich als den Mündel Ihres Onkels vorzustellen und ihr mit innigen Worten für ihre freundliche Gesinnung zu danken, und wiederum siegte meine jugendliche Eitelkeit und der Wunsch, meine seltsame Rolle mit Glanz bis zu Ende durchzuführen. Doch tat ich, als habe ich ihre Äußerung nicht gehört, sondern forderte den Führer auf zu halten. Dann lenkte ich ihre Aufmerksamkeit auf das sich vor uns ausdehnende prachtvolle Panorama. »Das ist Bonn,« begann ich, auf die ferne Stadt hinweisend, »und die fünf zusammenstehenden Türme bezeichnen, weithin erkennbar, die stattliche Münsterkirche. Die Sage geht, daß sie auf Wasser gebaut sei; man soll in ihrem untersten Geschoß das Wasser sogar rauschen hören, wovon ich mich indessen noch nicht überzeugt habe.« Dann lenkte ich ihre Blicke dem Berge mit dem Hochkreuz zu. Der Berg war noch vereinsamt; die gewöhnlichen Sonntagsnachmittagsgäste hatten sich noch nicht eingestellt. Ein warmer, fast drückender Sonnenschein lagerte auf der weiten, reich gesegneten Landschaft; kein Lüftchen rührte sich, und während nahe dem Erdboden zwischen Brombeerranken und Mauertrümmern der Zaunkönig lustig zirpend umherschlüpfte, beschrieben hoch oben die Schwalben ihre tausendfältig verschlungenen Linien und jubelten die Lerchen ihre süßen, heiteren Triller in die stille, gleichsam feiernde Atmosphäre hinaus. Ich hatte meine Blicke der äußersten Zinne des mächtigen Wartturmes zugewendet, als der Führer das Reittier anhielt. »Wenn es den Herrschaften beliebt, können sie auf dem Fußpfade nach der Ruine hinauffsteigen, es sind nur wenige Schritte bis dahin, ich werde mit dem Esel etwas später dort oben eintreffen,« sagte er, auf einen schmalen Seitenpfad deutend, der, wie ich bemerkte, steil, aber gerade nach dem alten Schloßhof hinaufführte. Wir befanden uns vor der äußersten Ringmauer der Burg, deren vereinzelte Türmchen malerisch zu der in einem Winkel errichteten kleinen Kapelle kontrastierten. Träumerisch ließ meine Gefährtin ihre Blicke über die mit wildwachsenden Bäumen anmutig geschmückten Ruinen hinschweifen. Eine feierliche Stille ruhte auf dem ganzen Bilde; Gäste hatten sich noch nicht eingefunden; der verwitternde, ehemalige Sitz stolzer, privilegierter Wegelagerer erhielt durch den Mangel jeglichen an die Jetztzeit erinnernden Geräusches den Charakter einer überaus melancholischen, dabei aber verlockenden Einsamkeit. Ich glaubte in den Augen des jungen Mädchens zu lesen, daß ihr Gemüt zur Schwärmerei hinneige. Sie bekundete dies auch, indem sie, wie aus einem Traume, plötzlich leicht emporschreckte und mich fragend ansah. »Der Mann hat recht,« antwortete ich auf die stumme Frage, »es ist eine kurze Strecke bis dort hinauf, und wenn Sie sich meiner Führung anvertrauen wollten, würden nicht nur Sie einen besonders schönen Anblick der Burg gewinnen, sondern auch ich dürfte hoffen, von Ihrem Herrn Onkel für meine Dienste als Führer belobt zu werden.« Die wohlberechnete Erwähnung des Oberstleutnants verfehlte ihre Wirkung nicht; der Ausdruck von Schüchternheit wich aus ihren freundlichen Zügen, und sich mit der einen Hand auf des neben sie hintretenden Mannes Schulter stützend, die andere dagegen mir reichend, sprang sie gewandt aus dem stuhlartigen Sattel zur Erde. »Furchtlos vertraue ich mich dem besten und ältesten Freunde des Herrn Gustav an,« sagte sie lächelnd, »und ich hoffe, daß er mich mit seinem Leben gegen die uns etwa den Weg vertretenden ruhelosen Burggeister verteidigen und wohlbehalten zu meinem Onkel zurückbringen wird.« »Mit meinem Leben, und wenn ich deren tausend besäße,« antwortete ich begeistert. »Übrigens sollen die Burggeister doch auch mit der Zeit fortgeschritten sein und sich den Sterblichen nicht mehr so feindlich gesinnt zeigen wie ehemals.« »Wenn die Burggeister auch verschwunden sind, so leben Sie doch in den Sagen fort,« entgegnete meine Begleiterin, »und unwillkürlich rufe ich mir ins Gedächtnis, daß zwischen den zerfallenden Mauern frohe Menschen sich einst heimisch und behaglich fühlten und nicht daran dachten, wie nach einigen Jahrhunderten ihr Leben und Wirken in das Gewand der Sage gekleidet werden würde.« »Es läßt sich nicht leugnen,« versetzte ich, »daß die alten Sagen die zerfallenden Bauwerke des Mittelalters mit einem geheimnisvollen Schimmer umgeben, die Phantasie des Wanderers und Beschauers dagegen zu den bizarrsten Zusammenstellungen anregen. Und darin liegt ihr hoher Reiz; ja, ich bilde mir ein, daß die schönsten Balladen eben nur zwischen solchen Trümmerhaufen oder doch unmittelbar nach einem Besuch derselben entstanden sein können. »Und dennoch sind die Sagen nur ein geringer Ersatz für das heimliche Grauen, das man früher beim Betreten einer, nach damaligen Begriffen von Gespenstern heimgesuchten Stelle empfand. Wie wäre es zum Beispiel, träte uns aus diesem Gemäuer ein steinerner Gast entgegen, mit der Frage: »Wer wagt es, mein stilles Reich zu entweihen und mich in meiner Ruhe, zu stören?« rief ich heiter aus, indem ich meiner Begleiterin den Vortritt in die erste, nur noch an den Mauerüberresten kenntliche Halle ließ. Eine Antwort schwebte ihr auf den Lippen; plötzlich aber prallte sie erschreckt zurück, ihr Antlitz erbleichte, auf ihren Wangen erschienen zwei rote Male, und ihre Blicke starr auf einen mir noch nicht sichtbaren Punkt geheftet, flüsterte sie kaum vernehmbar: »Mein Gott, was ist das?« Gleich darauf befand ich mich an ihrer Seite und gewahrte eine Persönlichkeit, die wohl geeignet war, ein leicht erregbares jugendliches Gemüt, namentlich nach der vorhergegangenen Unterhaltung, mit Schrecken zu erfüllen. Im Schatten der Mauer und unter einer laubenartig niederhängenden Epheuverzweigung stand nämlich, als wenn sie sich eben erhoben hätte, eine weibliche Gestalt, die für mich, der ich sie bereits seit vielen Jahren kannte, zwar nichts Befremdendes hatte, durch ihren unerwarteten Anblick mich aber dennoch in nicht geringem Grade überraschte. Sie war hoch und kräftig gewachsen, sogar zur Korpulenz hinneigend; ihre breiten Gesichtszüge trugen den Ausdruck leichtfertiger Gutmütigkeit und schienen aus einem freundlichen Lächeln gar nicht herauskommen zu können. Wer indessen tiefer in ihre graublauen Augen schaute, entdeckte leicht ein unstetes Leuchten, das auf eine Gestörtheit des Geistes hindeutete und zugleich ihren seltsamen Aufzug rechtfertigte. Ihren von wirren, nur notdürftig aufgesteckten Haaren umgebenen Kopf bedeckte ein großes grünes Barett, wie man solche häufig auf Bildern den Knappen und Rittern beigegeben findet. Ein grellfarbiges Tuch schlang sich um ihren Hals, ein dunkles Kleid von leichtem Stoff verhüllte, ziemlich unordentlich angelegt, ihren Körper, doch hatte sie den Rock so aufgenommen, daß ein dunkelblaues Unterkleid sichtbar blieb, auf dessen unterem Rande mit weißen Fäden ein breiter Besatz höchst kunstvoll eingestickt war. Die Stickerei bestand aus einer fortlaufenden Reihe großer Figuren und Gruppen, und man brauchte nur einen Blick darauf zu werfen, um zu erkennen, daß sie, aus einer krankhaften Phantasie hervorgegangen, von der Eigentümerin selbst ausgenäht worden waren. An ihrer Seite hing eine große Tasche, in der sie die ihr unentbehrlich erscheinenden Gegenstände mit sich führen mochte, während sie einen kleinen Arbeitsbeutel an ihren Gürtel befestigt hatte. Ein gutmütiges Lächeln schwebte auf ihren alternden Zügen, und weder in Miene noch Haltung äußerte sie Mißmut über unsere Störung. Gestört aber hatten wir sie, das bewiesen die noch mit Tinte befeuchtete Feder und ein zur Hälfte beschriebenes Blatt Papier in der einen Hand, und ein Tintenfläschchen in der ändern, das sie im Begriff stand, zuzukorken. »Ah, Fräulein Brüsselbach,« rief ich mit zutraulicher Freundlichkeit aus, denn ich glaubte dadurch am schnellsten den beängstigenden Eindruck zu verscheuchen, den der unvermutete Anblick der Geisteskranken auf meine Gefährtin ausübte, »wie geht es Ihnen, und was verschafft mir die Ehre, mit Ihnen zwischen den Ruinen des Godesberg zusammenzutreffen?« Die Angeredete, zuerst mich und demnächst das junge Mädchen flüchtig betrachtend, schritt uns langsam entgegen. »Exzellenz belieben zu scherzen, indem Sie sich nach dem Befinden Ihrer gehorsamen Dienerin erkundigen,« begann sie mit ihrem tiefen, aber nicht unangenehm klingenden Organ, »ich erlaubte mir, wie Sie, die Gräber Ihrer Vorfahren zu besuchen und der Zeiten zu gedenken, in denen in diesen Hallen die edlen Ritter die edlen Fräulein zum Tanze führten.« »Entfernen wir uns, ich fürchte mich,« flüsterte meine bebende Gefährtin, dichter zu mir herantretend. »Fürchten Sie sich nicht, gnädigste Komtesse,«, vesetzte Fräulein Bfüsselbach, eh' ich irgendetwas zur Beruhigung des jungen Mädchens erwidern konnte; »die Mauern stehen noch fest, und die Verstorbenen verlassen ihre Gräber nicht wieder. Wenn Sie aber die Liebe fürchten und ihr auszuweichen wünschen, so hilft alle Vorsicht Ihnen nicht. Sie kommt, wo und wann es ihr gefällt, gleichviel, ob im Palast, in der Hütte des Armen oder zwischen den Ruinen von Godesberg.« »An wen haben Sie geschrieben?« fragte ich, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. »An wen ich schrieb, Ihro Gnaden?« fragte Fräulein Brüsselbach, die Augen verschämt niederschlagend, zurück, »der Herr Graf und auch die gnädigste Komtesse sollten doch wohl zu wissen geruhen, daß meine Briefe an denjenigen gerichtet sind, dem das Geschick in die Hände spielt.« »So lassen Sie mich durch Zufall den Empfänger Ihres Schreibens werden,« versetzte ich, die Hand nach dem Papier ausstreckend. »Nichts in der Welt ist Zufall, Herr Graf«, anwortete Fräulein Brüsselbach mit derselben Verschämtheit, während sie das Papier in Briefform zusammenfaltete, »oder wollen Ew. Exzellenz es etwa dem Zufall verdanken, daß Sie sich augenblicklich in der Gesellschaft des edlen Fräuleins an dieser geweihten Stätte befinden? Indem ich diesen Brief schrieb, folgte ich einer Bestimmung des Schicksals; eine ähnliche Bestimmung führte Ihro Gnaden hierher, und derselben Bestimmung folgend, habe ich die Ehre, Ihnen, Herr Graf, mein untertänigstes Schreiben zu Füßen zu legen.« Mit diesen Worten und einer etwas linkischen Verbeugung überreichte sie mir den Brief, und wiederum flogen ihre gutmütig verschmitzten Blicke prüfend zwischen meiner Begleiterin und mir hin und her. Die vertrauliche Weise, in der ich zu der Geisteskranken sprach, war in der Tat nicht ohne die beabsichtigte Wirkung auf meine Gefährtin geblieben. Die Furcht war von ihr gewichen; dagegen betrachtete sie die ihr fremde und geheimnisvolle Erscheinung mit einem Gemisch von Scheu und Teilnahme, doch bemerkte ich, daß ihre Blicke, sobald ich mit einem schwülstigen Titel angeredet wurde, mich jedesmal mit dem Ausdruck neugieriger Verlegenheit flüchtig streiften. »Muß ich den Brief in gleicher Weise beantworten?« fragte ich lachend, das Papier entfaltend. »Handeln der gnädige Herr, wie das Geschick es Ihnen befehlen wird; aber lesen Ihro Gnaden meine Worte nicht hier,« entgegnete Fräulein Brüsselbach.mit einer abwehrenden Bewegung, »schreiben Sie und lassen Sie Ihre Antwort demjenigen zugehen, den das Geschick Ihro Gnaden im entscheidenden Augenblick zuführen wird, und irre ich nicht, so wird der Empfänger Ihre Frau Gemahlin sein.« So sprechend, deutete sie freundlich auf meine Begleiterin. Ich erschrak, doch beruhigte ich mich schnell wieder, als ich bemerkte, daß das junge Mädchen, weit entfernt davon, in Verlegenheit zu geraten, lächelnd die mädchenhafte Scheu überwand und sich anschickte, selbst zu antworten. »Sie irren,« sagte sie unbefangen, obwohl ihre Wangen sich etwas höher färbten, »der Zufall hat uns vor einer Stunde erst zusammengeführt –« »In den Augen liegt das Herz,« unterbrach Fräulein Brüsselbach sie schnell, sie wohlgefällig und sogar teilnahmsvoll betrachtend, »und glauben Sie mir, mein gnädigstes Fräulein, wenn das Geschick es ernstlich bestimmt hat, dann wird selbst das Unmögliche zur Wahrheit. Sie nennen es Zufall, was Sie mit dem Herrn Grafen zusammenführte, ich erkenne darin eine höhere Fügung; es leuchtet aus Ihren Augen, ich lese es in seinen Blicken: Die Tochter ihres Vaters, Sie ahnte, wer er war, Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar.« Diese Verse, die sie mit theatralischem Pathos hersagte, begleitete sie mit so bezeichnenden Bewegungen, daß kein Zweifel darüber obwalten konnte, wen sie eigentlich meine. Ich wagte kaum zu meiner Gefährtin aufzublicken, aber das kindlich unschuldige Gemüt blieb harmlos, und zeugte auch die scharf begrenzte, tiefe, schwindende Röte auf ihren zarten Wangen von innerer Erregung, so war diese doch nur eine Folge der Befremdung über das seltsame Benehmen der Wahnsinnigen. »Fräulein Brüsselbach, Sie dichten ja ausnehmend schön,« brach ich endlich wieder das Schweigen. »Nehmen der Herr Graf dies nicht so leicht,« erhielt ich zur Antwort; »ich spreche und schreibe nur, was ich empfinde. Ich habe bittere Erfahrungen gemacht; die Liebe ist wie eine glatte Eisfläche, und wenn Sie meine Verse verachten, so will ich Ihnen noch einmal mit klaren Worten wiederholen: das Bild der Tochter Ihres Vaters, mein gnädiges Fräulein, wird sich dem Herzen des Herrn Grafen mit unauslöschlichen Zügen einprägen und viel Kummer und Schmerz, aber auch endlose Seligkeit für Sie beide daraus hervorgehen.« »Wenn doch der Führer erschiene,« flüsterte meine Begleiterin mir jetzt wieder mit doch wachsender Besorgnis zu. »Er muß gleich eintreffen,« erwiderte ich beruhigend, »und dann haben wir ja auch die Räumlichkeiten der Ruine noch nicht in Augenschein genommen.« »Die arme Frau, wollen Sie ihr nicht etwas schenken? ich habe kein Geld bei mir,« sagte sie gleich darauf mit bezaubernder Verlegenheit. Ich zog die Börse und reichte Fräulein Brüsselbach ein Geldstück. »Im Auftrage der jungen Dame,« sagte ich. Sie dankte nicht, betrachtete meine Gefährtin aber noch einmal freundlich und wohlwollend, und dann ein zerknittertes Sträußchen aus ihrer Tasche hervorsuchend, bot sie ihr die welken Blumen dar. »Es sind Vergißmeinnicht, mein edles Fräulein,« sagte sie ausdrucksvoll; »vergessen Sie nicht den Godesberg, und möge die Tochter Ihres Vaters glücklich mit ihm sein.« Darauf wendete sie sich ohne weitern Gruß ab, und eine melancholische Melodie vor sich hinsummend, schritt sie durch die Maueröffnung davon. Meine Begleiterin seufzte tief auf. »Die arme Frau«, begann sie, indem sie die in ihrer Hand befindlichen Blumen sinnend betrachtete, »ich fürchtete mich vor ihr, und doch scheint das bemitleidenswerte Geschöpf viel Gutmütigkeit zu besitzen.« »Sehr viel Gutmütigkeit,« entgegnete ich, die Richtung nach dem innern Schloßhofe einschlagend, wo ich den bereits eingetroffenen Führer zu seinem Tier sprechen hörte; »ich kenne sie schon seit Jahren, und es scheint mir, als ob sie sich in dem langen Zeitraum auch nicht im geringsten verändert habe.« »Besitzt sie denn gar keine Heimat?« »Sie will keine haben; sie ist am glücklichsten, wenn sie frei umherstreifen und ungestört ihren verworrenen Träumen nachhängen kann. Am liebsten denkt sie sich in die Rolle eines Ritterfräuleins oder einer Hofdame hinein und gefällt sich darin, je nach ihrer augenblicklichen Neigung, den einen oder den ändern als eine hochgestellte Persönlichkeit zu begrüßen.« »Dann sind auch Sie wohl kein Graf und keine Exzellenz: fragte sie mit lieblichem Lächeln. »Weder Graf, noch Exzellenz,« antwortete ich heiter, durch die Frage daran erinnert, daß ich vorläufig noch der Freund des Herrn Gustav sei, »Fräulein Brüsselbach hat mich zu solchen Würden erhoben, gerade wie außer mir noch viele andere, und da sie so eigensinnig bei diesen Bezeichnungen beharrt, würde es vergebliche Mühe sein, sie über ihren Irrtum aufklären zu wollen.« Unter solchen Gesprächen waren wir über den alten Burghof und um die ganze Ruine herumgegangen. Das verwitterte Gestein erregte wohl unsere Aufmerksamkeit, und wir sprachen auch in warmen Worten unsere Bewunderung über die Lage der Ruine und die festen Mauerwerke aus, aber immer wieder kam meine Gefährtin auf die Irrsinnige zurück, worin sie natürlich meinen Gedanken, die sich unablässig mit der mir soviel Glück verheißenden Prophezeiung beschäftigten, stets begegnete. »Ein eigentümlicher Vers war es, den sie hersagte,« begann sie wieder, als wir uns nach Besichtigung der Burg dem Schloßhofe, wo der Führer unser harrte, wieder zuwendeten, »ob sie ihn selbst gedichtet haben mag?« »Ohne Zweifel, denn schon früher hatte ich Gelegenheit, Gedichte von ihr zu hören und zu lesen. Diese bestehen gewöhnlich aus einer verwirrten Anhäufung von Gedanken, die alten Ritter-, Räuber- und Geistergeschichten entnommen sind. Überhaupt scheint eine übel gewählte Lektüre nicht wenig zu ihrer Überspanntheit beigetragen zu haben.« »Ob sie wohl mit Vorbedacht die Prophezeiung in den Vers verwebt hat, um uns gegenüber als Wahrsagerin zu erscheinen?« »Es sollte mich nicht wundern, wäre es der letzte Vers, den sie heute gedichtet und hier niedergeschrieben hat,« antwortete ich, den Brief, den ich beinahe vergessen hatte, entfaltend, »nein, ich täusche mich nicht,« fuhr ich fort, als ich, einen Blick auf das Papier werfend, wirklich den Schlußvers wiedererkannte. »O, lesen Sie,« versetzte meine Gefährtin hastig, und aus ihren schönen Augen sprach ein unvergleichliches Gemisch von kindlicher Neugierde und jungfräulicher Befangenheit. Wir setzten uns daher im Schatten eines uralten Holunders, unter dem eine einfache Bank angebracht worden war, nieder, und nachdem ich die nicht allzudeutliche Schrift vorher mit den Blicken durchflogen, las ich diese laut vor: »Sie sah den stolzen Ritter, Im stählernen Gewand, Er grüßte sie so freundlich Und reichte ihr die Hand. Und als er ritt von dannen, Da sehnte sie ihn zurück, Ihr Herz, es war gebrochen, Gebrochen ihr Lebensglück. Drauf weinte sie heiße Tränen, Der Tränen weinte sie viel, Die wurden endlich zum Bächlein, Das von den Bergen fiel. Zum Bache kam der Ritter, Er sah sein Spiegelbild, Sein Spiegelbild in Tränen Mit Lanze, Schwert und Schild. Schnell zäumt er auf den Renner, Er reitet Tag und Nacht, Und als er kam zu dem Hüttlein, Da rief er: aufgemacht! Ihr Vater hört das Klopfen, Und greift zu seinem Speer Und macht zum Kampf sich fertig, Sich und die treue Wehr, Die Tochter ihres Vaters, Sie ahnte, wer es war. Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar.« »Welch' wilde Phantasien,« sagte meine Gefährtin, als ich geendigt, »aber in der Tat, die letzten Strophen sind dieselben, mit denen die Unglückliche uns begrüßte. Nur klingen Sie aus Ihrem Munde natürlicher, während ich vorhin eine Wahrsagerin zu hören glaubte.« Ich sprach mich in ähnlicher Weise aus, doch vermochte ich nicht, mich gänzlich von dem mir bereits liebgewordenen Gedanken, daß das Geschick mir durch die Irrsinnige seinen Beschluß habe kundtun wollen, loszusagen. Mit ganz anderen Augen und Gefühlen betrachtete ich daher jetzt die Nichte meines Vormundes, und nichts kommt der Sorgfalt gleich, mit der ich ihr wieder in den Sattel half und das Tier auf den besten Pfaden den Berg hinunterführte, dem Treiber es anheimstellend, nach Willkür seinen eigenen Weg zu wählen. So verfolgten wir unsern Weg in das Tal hinab; die Blicke schweiften mechanisch in die Ferne, und nur gelegentlich, wie um den Schein eines drückenden Schweigens abzuwälzen, fielen kurze Bemerkungen über die schöne Naturumgebung und die größeren und kleineren heiteren Gesellschaften, die uns nunmehr bald beritten, bald zu Fuße begegneten. Unsere Stimmung war seit einer Stunde vollständig umgewandelt worden; der Sonnenschein dagegen war, wenn die Schatten sich auch etwas verlängert hatten, derselbe geblieben; ebenso sangen und jubelten die Lerchen in ihrer alten Weise, und dazu erklang aus dem Dickicht hin und wieder der glockenreine Schlag einer Nachtigall. Erst als wir in das Tal hinabgelangten, schien der Bann, der auf uns lastete, wieder zu weichen. Ihre erregte Phantasie beruhigte sich, während die Aussicht, nun bald meinem Vormunde gegenüberzutreten, meine buntschillernden Luftschlösser weit in den Hintergrund drängte und mich fast nur des allseitigen Erstaunens bei dem unerwarteten Zusammentreffen gedenken ließ. Auf meiner Gefährtin Züge kehrte das sinnige Lächeln zurück; ich dagegen wählte den tollen Gustav Wandel samt seinem ehrwürdigen Vormunde aufs neue zum Gegenstand scherzhafter Bemerkungen. Und so vertieften wir uns denn allmählich wieder so sehr in eine heitere Unterhaltung, daß es uns überraschte, die Mineralquelle plötzlich vor uns zu sehen. 4 Der Oberstleutnant Schweigend spähte meine Gefährtin nach der schattigen Umgebung der Quelle hinüber. Sie suchte ihren Onkel, den ich schon längst auf einer Bank ganz im Hintergrunde, mit seiner trauten Lisette zur Seite, endeckt hatte. »Sie versprachen mir doch, um diese Zeit hier sein zu wollen,« tönte es leise und mit dem Ausdruck der Enttäuschung von den jugendfrischen roten lippen. »Sollten es nicht die Herrschaften dort drüben in dem Winkel sein?« fragte ich, indem ich, um nicht sogleich bemerkt zu werden, etwas zurücktrat; »ich erkenne wenigstens einen mächtigen weißen Schnurrbart –« »Ja, ja, das sind sie –« unterbrach das junge Mädchen mich lebhaft, aber flüsternd, »ich will hier absteigen und mich ihnen heimlich nähern; bis jetzt haben sie mich noch nicht gesehen.« In ihrem Eifer, die guten Alten zu überraschen, duldete sie es unbefangen, daß ich sie wie ein Kind aus dem Sattel hob; sie nahm sogar meinen Arm, als ich ihr versprach, sie auf einem Umwege unbemerkt bis dicht vor ihren Onkel hinzuführen, und nachdem sie den Besitzer des Tieres angewiesen hatte, auf weitere Befehle zu harren, traten wir unsern Weg an. Wenn ich von einem Umwege gesprochen hatte, so war ich in meiner Versicherung zu weit gegangen. Einen Umweg gab es nicht, es war mir eben nur darum zu tun, überhaupt mit seiner Nichte am Arm von meinem Vormunde gesehen zu werden. Zwar hielt ich soviel wie möglich die äußerste Grenze des freien Platzes, doch schritt ich so wenig vorsichtig einher, daß meine liebliche Begleiterin sich nicht enthalten konnte, im Eifer mich mehrfach zurückzuziehen und mir warnend: »leise, leise!« zuzuflüstern. So gelangten wir denn auch bis auf etwa fünfundzwanzig Schritte unentdeckt an die beiden alten Leute heran, jedoch weniger infolge unserer behutsamen Bewegungen, als weil jene nicht auf die sich ihnen nähernden Personen achteten. Die Tante hatte ihre Blicke auf den in ihren Händen befindlichen Strickstrumpf gerichtet und lauschte den Worten ihres Gatten, während dieser mit seinem Krückstock ein Kanonenrohr und darüber einen Kavalleriesäbel vor sich in den Sand zeichnete, dabei abwechselnd sprach und einige Züge aus seiner schweren silberbeschlagenen Meerschaumpfeife tat. Der laute Schall meiner Schritte veranlaßte ihn endlich aufzuschauen, und zugleich schlug auch seine Gattin die Augen empor. Eine Sekunde lang starrte er uns erstaunt an. Wahrscheinlich glaubte er seinem einzigen Auge nicht trauen zu dürfen, denn er hob mit einer hastigen Bewegung die dunkelgrüne Klappe, die über sein blindes Auge niederhing, empor, dann aber brach er in ein lautes, herzliches Lachen aus. »Johann!« rief er aus – in welche Form er den Namen seiner Nichte Johanna abgekürzt hatte – »Johann! Blitzmädel! Bei allen Granaten und Bomben, die jemals ein preußisches Geschützrohr verließen, wo in aller Welt hast du den da aufgegabelt?« »Lieber Onkel,« stotterte Johanna, ihre Hand von meinem Arm zurückziehend und vor Verlegenheit tief errötend, »der fremde Herr war so gütig – er ist ein Freund deines vortrefflichen Gustav – und er wünschte – ich glaubte –« Was sie weiter sagen wollte, erstarb in einem erschütternden Gelächter ihres Onkels, der sogleich irgendeinen meiner hinterlistigen Streiche vermutete und durch seine ausgelassene Heiterkeit sogar seine ehrsame Gattin soweit fortriß, daß dieser der Strickstrumpf entfiel und sie, die Hände zusammenschlagend, mit in das Lachen einstimmte. »Blitzmädel! – Junge! – Donnerwetter! – Sieht dir ganz ähnlich!« waren die nächsten Worte des alten Herrn, während Johanna vor Verwirrung glaubte in die Erde sinken zu müssen. »Also der saubere Musje, den du mir da bringst, ist ein Freund meines vortrefflichen Gustav?« fragte der Oberstleutnant endlich, als wir vor ihm stehenblieben; »hast du's gehört, Lisette?« wendete er sich sodann an seine Gattin, »der beste Freund meines vortrefflichen Gustav, der lieber zehnmal kommerschiert, als daß er sich einmal nach seinem Taugenichts von Vormund umsieht! Lisette! Frau! Ist dir je so etwas vorgekommen? Ein Freund meines vortrefflichen Gustav! hahaha!« »Vergeben Sie mir meine kleine Unredlichkeit,« wendete ich mich jetzt an Johanna, um die peinliche Lage, in der sie sich befand, zum Abschluß zu bringen, »ich konnte nicht widerstehen, es lag ein so außerordentlicher Reiz –« »Das war grausam, ungroßmütig von Ihnen, Herr Wandel,« unterbrach mich Johanna stotternd, während ihre Wangen sich wieder mit der kreisförmigen brennenden Röte bedeckten. Im nächsten Augenblick aber saß sie neben ihrer Tante, ihr holdes Gesichtchen verschämt auf deren Schulter verbergend. »Ist es denn wahr, hat sie dich nicht erkannt?« fragte der Oberstleutnant, als ich, die Pause benutzend, zuerst ihm und demnächst seiner Frau grüßend die Hand reichte. »Bitte, lieber Herr Oberstleutnant,« sagte ich in flehendem Tone, mit einem verstohlenen Blick auf Johanna, »lassen Sie es jetzt ruhen, es war ein leichtsinniger Streich von mir, der Strafe verdient.« »Ach was, leichtsinniger Streich–« fiel mir der alte Herr wieder lachend in die Rede, indem er mich neben sich auf die Bank zog, »der beste Streich, den du hättest ausführen können; aber ich muß alles wissen, wo, wann und wie ihr euch getroffen habt und wie es dir gelungen ist, sie zu erkennen, ohne dich selbst zu verraten – aber Johann! hierher! Kopf in die Höh'! Brust heraus, zum Donnerwetter! Augen rechts!« kommandierte er, zu Johanna gewendet, die, gehorsam den an sie ergehenden Befehlen, aufgestanden und vor ihn hingetreten war und nur dem Kommando: Augen rechts! nicht Folge gab, weil sie mich dann hätte ansehen müssen. »Augen rechts!« donnerte abermals der Oberstleutnant. Johanna sah mich an, senkte aber ebenso schnell ihre Blicke wieder, und ich hätte ihr zu Füßen fallen und sie um Verzeihung bitten mögen, als ich gewahrte, daß zwei große Tränen ihr über die Wangen rollten. »Hast du ihn dir angesehen, Schätzchen«, fragte der Oberstleutnant mit unverkennbarer Zärtlichkeit im Ton seiner Stimme, »hast du ihn aber auch ordentlich angesehen, den besten Freund meines vortrefflichen Gustav?« Johanna nickte mit einem verzeihenden Lächeln. »Gut, mein Schätzchen, dann ärgere dich nicht weiter, es war ja kein Fremder, sondern unser Gustav, der dir den Streich gespielt hat, und nun begrüße ihn, wie es sich gehört.« »Herr Wandel,« sagte das liebe Mädchen, mir die kleine Hand reichend, »seien Sie uns herzlich willkommen.« Ich war aufgesprungen und hielt ihre Hand in der meinigen, eh' ich aber ein Wort zu meiner Entschuldigung hervorbrachte, erschallte schon wieder des Oberstleutnants derbe Stimme. »Johanna, Mädel, Tausendsapperment, was soll das heißen? Herr Wandel und Sie? Gleich gib ihm einen Kuß, aber nur einen, denn mehr verdient er nicht für seine Saumseligkeit, und dann sage: Guten Tag, lieber Gustav.« »Vor allen Leuten?« fragte Johanna, mit einer bezaubernden Verwirrung um sich schauend. »Vor der ganzen Welt, Schätzchen, er ist in meinem Hause aufgewachsen, was soviel sagen will, er ist mein halbes Kind; du bist meine Nichte, was ebensoviel heißt, wie mein halbes Kind, und so will ich denn, daß ihr einander nicht fremd gegenübersteht; nicht wahr, Lisette?« Die Frau Oberstleutnant gab lächelnd ein zustimmendes Zeichen, und »Guten Tag, lieber Gustav!« sagte Johanna mit holder Befangenheit, worauf sie sich mir zuneigte und mir gestattete, ihre jungfräulichen Lippen im Kuß zu berühren. »Und nun setzt euch, Kinder,« fuhr der Oberstleutnant in seiner gütigen, heiteren Weise fort, »setzt euch und erzählt mir vor allen Dingen, wo ihr euch gefunden habt; paß auf, Lisette, der Junge hat dem armen Mädchen gewiß gut mitgespielt, hahaha! Ich hätte euch belauschen mögen!« »Ja, ich bin schuldig,« gab ich zur Antwort, »ich habe es indessen so ernstlich nicht gemeint und bitte allerseits demütig um Vergebung und verspreche namentlich meiner lieben Freundin auf mein heiliges Ehrenwort, in meinem ganzen Leben nie wieder unter einer falschen Maske vor sie hintreten zu wollen.« »Wie großmütig,« entgegnete Johanna, dann aber stockte sie erschreckt, und ich gewahrte wieder die eigentümlichen tiefroten Male auf ihren Wagen. Ich folgte mit den Augen der Richtung ihrer Blicke und entdeckte leicht die Ursache ihrer innern Erregtheit, denn auf der Landstraße, auf der andern Seite der Rotunde, schritt eben Bernhard vorüber. Die Hände hatte er auf dem Rücken zusammengeschlagen, das Haupt sinnend auf die Brust geneigt. So bewegte er sich langsam dahin, als ob er in tiefe Gedanken versunken gewesen wäre, am allerwenigsten aber uns bemerkt hätte. Daß er uns aber längst gesehen, unterlag keinem Zweifel, ebenso, daß seine Haltung eine durchaus berechnete und erkünstelte war. Ich darf nicht leugnen, Bernhards Einfluß auf Johannas Gemütsstimmung, der sich so deutlich in ihrem ganzen Wesen bekundete, schnitt mir tief in die Seele. Eifersucht war es eigentlich nicht, was ich empfand, aber meinen Haß gegen ihn fühlte ich wachsen, und eine wilde Freude gewährte mir in jenem Augenblick die Hoffnung, ihm im Duell, womöglich auf Tod und Leben, zu begegnen. Es waren dies eben die Gefühle eines jungen, selbstbewußten Studenten, der sich in der Seele des kaum gefundenen Gegenstandes seiner romantischen, schnell aufflammenden Liebe aufs tiefste beleidigt fühlt. Blitzschnell folgten diese Gedanken aufeinander, so schnell in der Tat, daß weder der Oberstleutnant, noch seine Gattin etwas von dem in mir vorgehenden Kampfe gewahr wurden. Das flüchtige Erröten Johannas entging ihnen indessen nicht, aber der alte Herr hielt dieses für einen Beweis ihrer Verlegenheit und suchte ihrer peinlichen Lage dadurch ein Ende zu machen, daß er eine mächtige Dampfwolke von sich hauchte, mit seinem Krückstock heftig auf die Erde stieß und uns aufforderte, Frieden zu schließen. »Zanken sich die Kinder herum, als wenn Gott weiß was für Verbrechen begangen worden wären,« rief er heiter aus, indem er Johannas glänzende Locken spielend durch seine Hand gleiten ließ, welchem Beispiel ich für mein Leben gern gefolgt wäre, »Sapperment! und doch handelt es sich nur darum, zu bemänteln, daß sie eins an dem andern Gefallen finden, nicht wahr, Lisette? »Nun aber, Junge, keine Neckereien mehr, sondern die ganze Geschichte von Anfang an erzählt; aber alles und nichts ausgelassen! Lisette, paß auf; nachher wird die Luft sich etwas abgekühlt haben, und dann wandern wir gemeinschaftlich nach dem Hotel zurück, um bei einer Flasche Mosel das Weitere zu verabreden.« Ich kannte meinen Vormund zu genau, als daß ich hätte wagen mögen, seinem Befehl Widerspruch entgegenzustellen; denn wenn er auf der einen Seite alles zu umgehen wünschte, was seiner schüchternen Nichte im geringsten unangenehm sein konnte, so bestand er auf der anderen Seite wieder eigensinnig darauf, gerade das, was Johannas Verlegenheit aufs neue hervorrufen mußte, bis in die kleinsten Nebenumstände geschildert zu hören. Ich begann also damit, daß ich Johanna am Brunnen getroffen und von ihr die Erlaubnis erhalten habe, sie auf ihrem Ausfluge zu begleiten, doch erwähnte ich Bernhards mit keiner Silbe. Indem ich vorsichtig vermied, sie an den Gegenstand ihrer heimlichen Scheu zu erinnern, glaubte ich ihren Wünschen entgegenzukommen. Ihre Züge nahmen auch sehr bald einen freieren Ausdruck an, der dadurch noch bis zu dem der größten Heiterkeit gesteigert wurde, daß ich an Stellen, wo ich ihre Fragen betreffs meiner Person hätte wiederholen müssen, sie bat, mich in meiner Erzählung zu unterstützen. So gelangten wir denn, gemeinschaftlich erzählend, bis zu dem Zusammentreffen mit Fräulein Brüsselbach. Aber auch hier begegneten sich unsere Gedanken wieder, indem keiner von uns der seltsamen Weissagung erwähnte, obwohl der phantastische Glaube an eine Offenbarung meiner Zukunft immer tiefer Wurzel in mir faßte. Indem wir aber erzählten, uns gegenseitig aushalfen und bei dieser oder jenen Szene, bald mit scherzhaften, bald mit ernsteren Ausschmückungen länger verweilten und der Tante sinnige Bemerkungen und des Onkels derbe Kommandoworte und herzliches Lachen uns vielfach unterbrachen, bildete sich bald ein so freundschaftliches Verhältnis zwischen Johanna und mir, daß, wären wir in demselben Hause aufgewachsen, wir uns nicht vertraulicher gegeneinander hätten benehmen können. O, es war eine glückliche, eine mir bis an mein Lebensende unvergeßlich bleibende Stunde, eine Stunde, wie sie den Sterblichen nur selten geboten wird, die aber dem Geist, selbst in den trübsten Zeiten, gleichsam eine Ruhestätte bietet, auf der er sich einer wohltätigen Rast zu erfreuen, sich gewissermaßen zu erfrischen vermag. Und als wir dann, nur noch spärlich von den schrägen Strahlen der Sonne getroffen, in der alten Allee nach dem ändern Ende des Dorfes hinunterwandelten, wie da beim Hinblick auf das liebe Mädchen an meiner Seite freudige Hoffnung meine Brust erfüllte! Der Gesang der Nachtigallen erschien mir so süß, wie noch nie in meinem Leben, in ihren Melodien, in dem Gejubel der Lerchen, ja in dem Lispeln der von einem leisen Lufthauch zitternden Blätter glaubte ich einen freundlichen Gruß zu erkennen, auf den lachenden Gesichtern der uns begegnenden Landbewohner ein wohlgemeintes »Glückauf« zu lesen. – Wir erreichten das Gasthaus schneller als ich es wünschte, und doch waren wir so langsam einhergeschritten. Gemeinschaftlich nahmen wir ein einfaches ländliches Mahl ein, bei dem es nicht an dem versprochenen Wein fehlte; aber auch dieses verstrich, wie auf den Flügeln des Windes, und vergeblich bat ich den Oberstleutnant, noch ein Stündchen zuzugeben und nicht so frühzeitig den genußreichen Abend abzubrechen. Der alte Herr blieb unerbittlich. »Laß dich nur bald auf der Oberförsterei sehen!« rief er mir noch zu; die beiden Damen winkten mit ihren Taschentüchern, und dahin rollte der Wagen auf der staubigen Straße, dem Siebengebirge zu. Sinnend schaute ich ihm nach, solange ich ihn zu unterscheiden vermochte. »Die Tochter ihres Vaters, Sie ahnte wer es war, Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar.« wiederholte ich in Gedanken. Da weckte mich ein kräftiger Schlag auf die Schulter aus meinen Träumen. »Nun, altes Haus? Willst du uns deine Gesellschaft ganz und gar entziehen?!« schallte es mir von einem Kommilitonen entgegen. Fast mechanisch schritt ich mit diesem nach einer Reihe von Tischen hin, um die sich eine große Gesellschaft Bonner Musensöhne zum heiteren Gelage vereinigt hatte. »Wohlauf noch getrunken, den funkelnden Wein, Ade nun, Ihr Lieben, geschieden muß's sein,« ertönte es im harmonischen Chor. Bald darauf saß ich in der Reihe der frohen Zecher; ich stimmte mit in das Lied ein, ich hielt die Melodie, ich sprach die Worte; mein Herz aber folgte dem Wagen meines Vormundes nach dem Siebengebirge, und in meinen Gedanken vibrierte es fort und fort: »Die Tochter ihres Vaters, Sie folgt ihm zum Altar.« Spät erst brachen wir auf; der Mond leuchtete uns freundlich auf unserm Wege durch die liebliche Landschaft; Reiter und Wagen mit Godesberger Gästen überholten uns in großer Anzahl, die muntern Signale eines Posthorns tönten lustig durch die schöne Sommernacht, und ebenso lustig drangen von den benachbarten Dörfern die Volkslieder der lustwandelnden Bauernburschen und Dirnen zu uns herüber. Als wir dann endlich, unsere Ziegenhainer schwingend, durch das gewölbte Koblenzer Tor schritten, da erschallte es aus voller Brust durch die nächtlich beleuchteten und vereinsamten Straßen: »Frei ist der Bursch, – Frei ist der Bursch!« 5 Die geheime Verbindung »Mein lieber Gustav, es liegt außer allem Zweifel, du bist verliebt, ernstlich verliebt, und es wäre wohl Zeit, daß du dich befleißigtest, etwas verständiger zu werden.« Mit diesem Selbstgespräch begrüßte ich am Morgen nach jenem unvergeßlichen Pfingstmontage die Sonne, die gar holdselig, als ob sie sich über meine Trägheit habe belustigen wollen, durch das Fensterchen meines kleinen Schlafgemaches zu mir hereinlugte. »Weil sie das aber gerade heute tut und so schöne Lichtstreifen um mich herum wirft, daß die gebenedeite und unbefleckte Jungfrau Maria in höchsteigener Person sich eines solchen Strahlenkranzes nicht zu schämen brauchte, so will ich den heutigen Morgen, dieweil die Morgenstunde eitel Gold und Schätze im Munde führen soll, vorzugsweise dazu verwenden, einen festen Plan für die Zukunft zu entwerfen. »Ich studiere Jura, ohne Frage ein sehr langweiliges Studium – aber die Jurisprudenz ist ein schönes Studium, und wenn mich das Glück begünstigt, kann ich bereits nach fünfzehn bis achtzehn Jahren mich zu einer Stellung emporgeschwungen haben, die, zu einträglich, um dabei zu verhungern, bei weitem nicht genug abwirft, um eine Familie standesgemäß ernähren zu können. Achtzehn Jahre! Ein Sonnenstäubchen in der Ewigkeit, aber achtzehn Jahre auf die Verwirklichung süßer Hoffnungen harren zu müssen, ist kein Spaß. Und Johanna –« Sonst, wenn ich den Namen eines weiblichen Wesens, das einen flüchtigen Eindruck auf mich gemacht hatte, in Gedanken wiederholte, folgte ganz gewiß die Aufzählung der am meisten in die Augen fallenden äußern Vorzüge. Indem ich aber Johannas gedachte, wurde ich plötzlich ernst. Im Geiste sah ich sie mit all ihrem Liebreiz umflossen vor mir stehen; ich fühlte, daß, um sie zu gewinnen, gute Vorsätze nicht hinreichend seien; und sie zu gewinnen, war ja die Aufgabe meines Lebens. Damit lag eine schöne, eine verlockende Aufgabe vor mir, und aufjauchzen hätte ich mögen vor Entzücken, so oft ich mir Johanna mit ihrem sinnigen, zu holder Schwärmerei hinneigenden Wesen vergegenwärtigte, Johanna mit den dunklen Locken und den seelenvollen blauen Augen, Johanna, die ich einst meine eigene, meine einzige Johanna nennen sollte. Sinnend schaute ich auf den Sonnenstaub, der so lustig in den schmalen Lichtstreifen durcheinanderwirbelte. Nach Hunderttausenden zählten die feinen Atome, und dennoch fanden sie alle Platz und jedes wanderte friedlich seiner Wege, ohne daß es durch einen Kameraden gehindert wordert wäre oder seinen Nächsten gehindert hätte, während in der menschlichen Gesellschaft die verschiedenen Fächer gar nicht so sehr überfüllt zu sein brauchten, um die Saat des Neides, des Hasses und des Haders üppig aufgehen und gedeihen zu lassen. Ich blickte auf den Sonnenstaub, ich beobachtete die sorglos umherschwärmenden Goldfliegen, wie sie, unbekümmert darum, ob ihr Dasein nach Stunden oder nach Jahren zähle, hier den warmen Sonnenschein aufsuchten, dort wieder mit außerordentlich selbstbewußter Haltung auf dem äußersten Rande meiner blechernen Zuckerdose spazieren gingen, sich behaglich die Füßchen rieben, ihre Gazeflügel sorgfältig putzten und gelegentlich durch die schmalen Ritzen einen Blick auf den wohlverwahrten süßen Inhalt zu erhaschen strebten. »Und dennoch fühle ich die Kraft in mir, Welten zu erstürmen,« dachte ich weiter, »und ich werde Welten erstürmen, wenn ich meinem Ziele dadurch auch nur um einige Jahre näher gerückt werde. Aber wie?« fuhr ich fort, indem ich heftig in den nächsten Lichtstreifen hineinhauchte, daß der Sonnenstaub wie toll durcheinanderwirbelte und sogar die Fliegen erschreckt von dem Zuckerkasten flohen; »ja, das Wie, das ist der Felsen, an dem meine Willenskraft scheitert.« Ein höfliches Klopfen an der Tür meiner Wohnstube störte mich in meinen Betrachtungen. Ich sah nach der Uhr. »Sollte es schon der Stiefelfuchs sein?« fragte ich in Gedanken. Es klopfte zum zweiten Male. »Oder ein Manichäer oder ein Kartellträger?« Es klopfte zum dritten Male. »Herein!« rief ich laut. Die Tür öffnete sich leise. Ich vernahm, daß jemand eintrat und die Tür hinter sich zudrückte, doch lag ich so, daß ich nur einen kleinen Teil der Nebenstube zu überblicken vermochte. »Kann ich die Ehre haben, Herrn Wandel auf ein halbes Stündchen zu sprechen?« ertönte eine Stimme, die mir sehr bekannt erschien, ohne daß ich sie mit einer befreundeten Persönlichkeit in Verbindung zu bringen vermochte. »In zwei Minuten!« antwortete ich, hastig emporspringend, und wenn auch nicht gerade in zwei Minuten, so waren deren doch keine fünf verstrichen, als ich die Schwelle meiner Schlafkammer überschritt. Befremdet, fast erschreckt blieb ich in der Tür stehen, als ich Bernhard erblickte, der sich am Fenster auf einen Stuhl niedergelassen hatte, sich indessen bei meinem Eintritt sogleich freundlich grüßend erhob. »Wenn ich auch einer kurzen und bündigen Nachricht von Ihnen entgegensah, so erwartete ich doch am allerwenigsten, von Ihnen selbst aufgesucht zu werden,« sagte ich mit aller mir zu Gebot stehenden Kälte, ohne seinen Gruß zu erwidern. »Ich glaube es wohl, Herr Wandel,« lautete die mit dem Anstande eines gebildeten Mannes erteilte Antwort; »Sie erwarteten von mir eine Herausforderung, und statt dieser erscheine ich selbst, um mich mit Ihnen über die zwischen uns schwebenden Differenzen zu verständigen.« »Es ist sonst nicht Sitte« – begann ich, und zugleich spähte ich vergeblich in seinen Augen nach einem auf versteckte Absichten hindeutenden Ausdruck. »Es ist sonst nicht Sitte,« wiederholte er, mir in die Rede fallend, »ich weiß es, Sie werden meine Handlungsweise aber billigen, nachdem Sie meinen Worten Gehör geschenkt haben. Obwohl mir mein Stand verbietet, jetzt noch einem Mitmenschen im tödlichen Kampfe zu begegnen, würde ich mich zur Rettung meiner Ehre dennoch mit Freuden über diesen Zwang hinwegsetzen, hätte ich nicht die Möglichkeit erkannt, die zwischen uns schwebende unangenehme Frage auf friedlichere und uns beide nichts weniger als erniedrigende Art zu erledigen. Unterbrechen Sie mich nicht, hören Sie mich zu Ende, eh' Sie entscheiden, ich bitte Sie darum,« fuhr er fort, sobald er bemerkte, daß ich im Begriff stand, etwas zu erwidern, »wir hatten bei unserem Zusammentreffen keine weitern Zeugen als die junge Dame« – »Was nach meinem Dafürhalten hinlänglich gewesen wäre, Ihnen Mäßigung aufzuerlegen,« warf ich kalt ein. »Ganz gewiß, aber da Sie, wenn ich nicht irre, in näheren oder gar verwandtschaftlichen Beziehungen zu der jungen Dame stehen, so dürfte es Ihnen nicht schwer werden, ihr eine entsprechende Erklärung zukommen zu lassen, bei ihr um Verzeihung für mich nachzusuchen.« Erstaunt blickte ich auf Bernhard hin; seine Worte klangen offen und ehrlich, und in seinem Wesen entdeckte ich nichts, was Johannas unüberwindliche Scheu vor ihm gerechtfertigt hätte. Zwar ruhte in seinen Augen eine verborgene, unheimliche Glut, doch ebensowenig, wie ich in diesem Falle die zur Versöhnung dargebotene Hand zurückweisen durfte, fühlte ich die Verpflichtung und Neigung, mir über seine Denkungsweise und seinen ganzen Charakter genaueren Aufschluß zu verschaffen. Ich erklärte mich daher mit seinem Entgegenkommen zufriedengestellt, nahm meine Beleidigung zurück, und teilweise dadurch geschmeichelt, daß er mir einen so großen Einfluß bei Johanna zuschrieb, versicherte ich sogar, bei dieser gelegentlich zu seinen Gunsten sprechen zu wollen. »Was würden Sie sagen?« fragte er darauf, und die Glut in seinen Augen schien sich zu verstärken, »was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen bewiese, daß ich gestern nur die Gelegenheit suchte, mich Ihnen zum Zweck einer höchst wichtigen Mitteilung zu nähern?« »Ich würde meiner Verwunderung darüber Raum geben, daß Sie zur Erreichung Ihres Zweckes nicht einen einfacheren Weg einschlugen.« »Und dennoch durfte ich nicht anders handeln; ich muß auf alle Fälle den Schein bewahren, als gehöre eine vertrauliche Annäherung zwischen uns zu den Unmöglichkeiten.« Mit wachsender Spannung suchte ich abermals flüchtig in seinen Augen zu lesen, worauf ich ihn bat, Platz zu nehmen. »Ich bin älter als Sie,« fuhr er in überzeugender Weise fort, »hatte also auch mehr Gelegenheit, Lebenserfahrungen zu sammeln und mich in der Beurteilung anderer Menschen, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu üben. Deuten Sie es daher nicht falsch, wenn ich jetzt mein Urteil über Sie in ungeschminkter Form ausspreche; es ist notwendig zur Erläuterung meines Verhaltens Ihnen gegenüber. Sie sind ausgerüstet mit einem Herzen, das warm für alles Gute und Edle schlägt; Sie besitzen den jugendlichen Mut und jenen zündenden Enthusiasmus, die unabweisbar erforderlich sind, andere Menschen nicht nur für sich zu gewinnen, sondern auch mit sich fortzureißen. Sie besitzen mit einem Wort alles, was Sie dazu befähigt, dereinst eine hervorragende Stellung unter Ihren Mitbürgern einzunehmen, vor allem aber einen so klaren Begriff von Ehre, daß ich mich nicht scheue, die Unterhaltung auf ein gefährliches Feld hinüberzuleiten und mich dadurch gewissermaßen auf Gnade und Ungnade in Ihre Gewalt zu geben.« Hier schwieg Bernhard, und wenn er mich anblickte, um zu erforschen, welchen Eindruck seine Worte bei mir hinterließen, so geschah dies in einer Weise, die selbst ein erfahrenerer und romantischen Träumen weniger zugänglicher Mann nicht durchschaut haben würde. »Ich, eine hervorragende Stellung?« fragte ich endlich, und vor meine Seele trat Johannas liebliches Bild. »Unter den jetzigen Verhältnissen allerdings nicht,« lautete die mit tiefem Ernst gegebene Antwort, »wir aber, ich meine die jetzige Generation, sind dazu berufen, eine Umwälzung herbeizuführen, durch die es demnächst in jedes einzelnen Menschen Hände gelegt wird, seine Fähigkeiten entsprechend zu verwerten, anstatt sich von einer pedantischen Bureaukratie ans Gängelband nehmen zu lassen, die köstliche, unersetzliche Jugendzeit in erfolglosen Bestrebungen hinzuopfern und endlich, wenn die Kraft erlahmte und die Jahre, Kummer und Sorgen das Haar bleichten, sich glücklich zu schätzen, nach endlosen Täuschungen in irgendeinem staubigen Winkel eine dürftige Ruhestätte gefunden zu haben.« »Sie sprechen von Umwälzungen, ohne Zweifel von politischen Umwälzungen,« entgegnete ich, meine Blicke auf den Fußboden gesenkt, denn wenn Bernhards Eröffnungen auf der einen Seite einen lauten Widerhall in meiner Brust erweckten, so erschien mir auf der andern Seite wieder die drohende Gestalt meines Vormundes, der vorwurfsvoll auf sein eisernes Kreuz deutete und mich vor einer verborgenen Gefahr warnte. »Von politischen Umwälzungen,« antwortete Bernhard feierlich, seine Hand mit festem Druck auf meinen Arm legend. »Wer vermöchte um die Jetztzeit von andern Umwälzungen als politischen zu sprechen? »Freiheit!« tönt es von den fränkischen Gauen zu uns herüber; »Freiheit!« ruft es, wenn auch noch verhüllt, aus den Gesängen unserer gepriesensten Dichter; »Freiheit!« ruft jeder Pulsschlag in den Adern eines wahren Mannes. Ja, der Ruf nach Freiheit dringt durch die ganze Welt, und Zeit ist es, daß diejenigen, deren Geist noch nicht unter dem schweren Druck verkrüppelte, sich emporraffen, das Joch abschütteln und als leuchtende Beispiele mit kühn entfaltetem Banner ihren zaghafteren Mitmenschen voranschreiten!« Noch immer blickte ich vor mich nieder; ich wagte nicht, meine Augen zu Bernhard aufzuschlagen, fühlte aber, daß das Blut stürmischer in meinen Adern kreiste, da seine Worte nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen waren. Seine Vorschläge, obwohl erst allgemein gehalten, flößten mir zwar Besorgnis ein, doch erweckten sie zugleich den unbestimmten Wunsch, mehr zu hören, und nicht länger befremdete es mich, daß er, den ich sonst mit einem gewissen Widerwillen zu betrachten gewohnt war, mir so urplötzlich in einem ganz andern Licht erschien. »Dann beabsichtigt man, wie in Frankreich, so auch hier die Regierungen zu stürzen?« fragte ich nach längerem Sinnen. »Lassen wir die Regierungen noch unerwähnt,« entgegnete Bernhard hastig, »durch einen heiligen Eid gebunden, dürfen meine Eröffnungen eine bestimmte Grenze nicht überschreiten. Doch soviel kann ich Ihnen mitteilen, es handelt sich darum, ein freies, einiges Deutschland herzustellen, ein Deutschland, wie es unsern Sängern vorschwebt, wenn sie in heiliger Begeisterung ihren Gedanken Wort verleihen; ein Deutschland, wie es jeder Bürger mit Stolz sein Vaterland nennen würde, anstatt daß es jetzt dem Spotte fremder Nationen preisgegeben ist. O, unser großes, gemeinsames Vaterland! Es ist so unermeßlich reich, so reich an materiellen Hilfsquellen, so reich an Intelligenz, daß es verdient, unter allen Ländern der Erde den ersten Rang einzunehmen. Und dennoch müssen wir dulden, daß es, zerfahren und zerfallen, sich im Staube windet; daß seine Söhne in sklavischer Unterwürfigkeit, um des lieben täglichen, kärglichen Brotes willen, ihr Leben vertrauern, anstatt mit kühner Stirn und im Bewußtsein der eigenen Kraft dem Geschick zu begegnen und in selbstgeschaffener glücklicher Lebensstellung einen schönen Lohn für die redlichen Bestrebungen, und gewissermaßen einen freundlichen Abschluß der phantastischen, oft so beseligenden Jugendträume zu finden.« »Hat er in meinem Herzen gelesen?« fragte ich mich in Gedanken, indem ich meine Augen langsam zu Bernhard aufschlug. Eine Beantwortung meiner Frage lag in seinem Äußern nicht; sein Antlitz war hochgerötet, und aus der Art, in der sich seine Brust hob und senkte, ging hervor, daß er sich allmählich in eine Begeisterung hineingeredet hatte, die ich vorher an dem kalten Menschen für unmöglich gehalten hätte. Aber seine Worte schienen aus heiligster, reinster Überzeugung zu entspringen, und bei der Aufregung, die damals alle Gemüter ergriffen hatte, war es nicht zu verwundern, daß ich seinen Offenbarungen einen viel höheren Wert beimaß, als ich wohl zu andern Zeiten getan haben würde. »Überschätzen Sie aber nicht die Ihnen und Ihren Gleichgesinnten zu Gebote stehenden Mittel und Kräfte?« fragte ich nach längerem Schweigen mit einer Schüchternheit, die besser als alles andere bewies, in wie hohem Grade ich bereits in seine Gewalt gefallen war; »bedenken Sie, eine staatliche Umwälzung –« »Sie unterschätzen unsere Kräfte, weil Sie noch keine Ahnung von ihrer Organisation haben,« antwortete Bernhard, seine glühenden Blicke gleichsam in meine Seele einbohrend, »vorläufig ist es nur der edelste Teil der deutschen Jugend, der sich, einen hohen und erhabenen Zweck verfolgend, zu einem unerschütterlichen, unauflösbaren Ganzen vereinigt hat. Lassen Sie dieses nur kleine Häuflein erst losgebrochen sein, und es wird, wie der Schnee der Alpengletscher im Niederrollen, durch das Heranziehen und Mitfortreißen aller gleichgesinnten Kräfte lawinenartig anwachsen, alle feindlichen Elemente dagegen im furchtbaren, unwiderstehlichen Anprall erdrücken und zerschmettern. Aber wir müssen sicher gehen, wir müssen noch manche Kräfte anwerben, und glauben Sie mir, es ist dies nicht die leichteste Aufgabe; denn nur wenige sind es, verhältnismäßig nur sehr wenige, denen wir uns anvertrauen dürfen, nur wenige, die Umsicht und Kühnheit genug besitzen, gerade zu Vorkämpfern der Freiheit auserkoren und den Führern des Volkes eingereiht zu werden.« »Und hegen Sie die Absicht, mich für Ihre Pläne zu gewinnen?« fragte ich mit erkünstelter Ruhe, denn jugendliche Eitelkeit und eine unbestimmte Ahnung, daß ich am Wendepunkt meines Geschickes stehe, begannen schon alle übrigen Rücksichten zu überwuchern und weit in den Hintergrund zurückzudrängen. »Ich hege die Überzeugung, daß Sie alle diejenigen Eigenschaften in sich vereinigen, die einen Führer des Volkes auszeichnen sollen, und wünsche daher, Sie zu den Unsrigen zu zählen. Fern sei es indessen von mir, Sie zu einem so gefahrvollen Unternehmen überreden zu wollen. Dagegen will ich Ihnen einen Blick in unsere geheime Verbindung verschaffen, Ihnen Gelegenheit geben, sich mit unsern Bedingungen, Hoffnungen und Aussichten vertraut zu machen, und es Ihnen demnächst anheimstellen, sich zu entscheiden. »Wollen Sie ein Glied in unserer Kette werden, wohlan, so heißen wir Sie als Bruder und Mitarbeiter an dem großen Werke aus überströmendem Herzen willkommen; entgegengesetztenfalls habe ich nur die Bitte an Sie, alles, was ich Ihnen soeben mitteilte, auf ewig dem Grabe, der Vergessenheit zu überantworten.« »Das Bild, das Sie vor meinem geistigen Auge aufrollen, ist in der Tat verlockend und wohl wert, daß man ihm Opfer bringt,« versetzte ich mit fester Stimme, »doch werden Sie mir es nicht als Mangel an Mut oder wahrer Vaterlandsliebe auslegen, wenn ich, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe, noch mit anderen Mitgliedern Ihrer Verbindung bekannt zu werden wünsche.« »Sie sollen, Sie dürfen sich nicht binden, ehe Sie nicht einen klaren Begriff von dem bereits seit Jahren vorbereiteten Unternehmen gewonnen haben – und sollten Sie in nächster Zeit wieder einen Ausflug nach Godesberg beabsichtigen,« fuhr er, plötzlich in seinen gewöhnlichen gemessenen Ton verfallend, fort, denn er hörte, daß sich jemand der Tür näherte, »so rechne ich darauf, daß Sie mich benachrichtigen. Obwohl nicht in dieser Gegend geboren, glaube ich doch, Ihnen manche interessante Aufschlüsse über die älteste Geschichte dieses Teils des Rheintales geben zu können.« Mein Aufwärter war unterdessen eingetreten, wodurch ich der Notwendigkeit überhoben wurde, sogleich antworten zu müssen. Dagegen fand ich Zeit, meine Erregung niederzukämpfen, denn mit Aufbietung meiner ganzen Willenskraft wäre ich nicht imstande gewesen, den Ausdruck meines Gesichtes so schnell zu ändern, wie Bernhard getan. Seine Geistesgegenwart und seine Fähigkeit, urplötzlich von einer ernsten Unterhaltung zu einem gleichgültigen Alltagsgespräch gewandt abzuspringen, flößten mir eine gewisse scheue Achtung vor seiner Überlegenheit ein, ohne daß ich dabei in Betracht gezogen hätte, wie gefährlich mir der nähere Verkehr mit einem solchen Charakter werden könne. Als der Aufwärter sich mit den zu reinigenden Kleidungsstücken entfernt hatte, berührte Bernhard sogleich wieder den eigentlichen Zweck seines frühen Besuches. »Es ist Zeit, mich zu empfehlen,« sagte er hastig, »ich möchte ungern von dem zurückkehrenden Aufwärter noch hier gefunden werden. Fernere Mitteilungen werden Ihnen brieflich zugehen, das heißt in einer für jeden Nichteingeweihten unauflösbaren Chiffreschrift. Ich gebe Ihnen hier den Schlüssel dazu,« fuhr er fort, mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier reichend, »die Regeln sind sehr einfach; lernen Sie diese auswendig und verbrennen Sie das Papier; das Leben und die Freiheit von Tausenden hängen davon ab. »Seien Sie ferner zu jeder Stunde, zu jeder Minute bereit, geheime Nachrichten entgegenzunehmen. Auf dem Ball wie beim Kommers, in der Kirche wie im Kollegiensaal, überall können Sie wichtige Anordnungen erwarten; empfangen Sie diese, ohne Überraschung zu verraten. Wenn wir uns begegnen, benehmen Sie sich kalt und fremd gegen mich; ein höflicher Gruß von beiden Seiten ist genügend, uns an unsere geheime Verbindung zu erinnern. – Und nun leben Sie wohl, Herr Wandel, vergessen Sie die unangenehme Szene von gestern, und gelingt es Ihnen nicht, meiner fortan freundlicher zu gedenken, so betrachten Sie mich einfach als ein Glied der ehernen Kette von Brüdern, die innerhalb nicht allzu langer Frist als die Verkünder der Freiheit aufzutreten bestimmt sind.« Bei diesen Worten erhob sich Bernhard, um zu gehen. Noch einmal reichten wir uns die Hände, und in der nächsten Minute hatte er das Haus verlassen. Ich blieb in einer fieberhaften Aufregung zurück. Wie ein wüster Traum erschien es mir, daß ich mit ihm, den ich von allen Menschen der Erde mit der größten Abneigung zu betrachten gewohnt war, mich in ein so enges Bündnis eingelassen hatte. Doch indem ich seiner gedachte, wiederholte ich mir auch seine begeisternden Worte, und schnell beschwichtigte ich dadurch alle Bedenklichkeiten. Das Bewußtsein, auf gefährlichem Boden zu wandeln, stählte meinen Mut; die Hoffnung, daß Johanna dereinst, beseelt von Stolz und Bewunderung, zu mir emporblicken würde, erhob meine Lebensgeister bis über die Wolken, und sogar das Bild meines Vormundes hatte seine Schrecken für mich verloren, seit ich mich zu überreden suchte, daß er sehr bald sich an die neuen Zustände gewöhnen und, wie er selbst einst als Held und Befreier des Vaterlandes begrüßt worden war, mich ebenfalls als einen solchen betrachten und aufs neue und noch inniger in sein Herz schließen würde. »Die Tochter ihres Vaters, Sie folgt ihm zum Altar.« sprach ich leise vor mich hin, als der Aufwärter wieder hereintrat und mit einem scheuen Seitenblick an mir vorbei in das Schlafkabinett hineinschlüpfte. Ich beachtete ihn nicht, bemerkte daher auch nicht den Ausdruck der Verwunderung in seinen einfältig verschmitzten Zügen. Erst als er sich wieder zum Gehen anschickte, sah ich ihn an, ein Zeichen für ihn, einige Worte an mich richten zu dürfen. »Ein feiner Herr, der Herr Bernhard,« begann er, mit den Augen blinzelnd, »schade, daß er die Kollegien so fleißig besuchte, hätte ein prächtiges bemoostes Haupt abgegeben.« »Wirklich ein feiner Herr?« fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen, »ich hätte gedacht, er sei zu ernst, um von einem heitern Stiefelfuchs sehr bevorzugt zu werden.« »Nicht so ernst, wie er aussieht; hat immer ein freundliches Wort und ein Kastemännchen für seinen gehorsamen Diener in Bereitschaft.« »So«, entgegnete ich gedehnt, was für den alten Patron die Bedeutung hatte, sich zu empfehlen. »Morjen, Herr Wandel.« »Morjen, Herr Fischer«, ertönte es, und ich war wieder allein und mir selbst überlassen. 6 Der arme Anton Die Woche verging mir langsamer als gewöhnlich, obwohl ich die Kollegien regelmäßig besuchte und mich sogar in den müßigen Stunden ernstlich mit meinen Studien beschäftigte. Ich sehnte den Sonntag herbei, den ich, wie verabredet, auf der Oberförsterei zubringen sollte; nebenbei erwartete ich ungeduldig neue Nachrichten über die geheime Verbindung und deren Zwecke, doch wurde die Zeit dadurch nicht beflügelt; im Gegenteil, sie schien immer träger zu rinnen. Mehrfach begegnete ich Bernhard; sein Antlitz war stets ernst und undurchdringlich; er grüßte höflich, aber förmlich, und keine Muskel seines Gesichts verriet, daß er sich unseres Übereinkommens erinnere. Anders war es mit mir; ich fühlte, daß bei seinem Anblick das Herz mir schneller schlug und der Wunsch rege wurde, entweder gar nicht an die Pforten des gefährlichen Geheimnisses geführt oder vollständig in dasselbe eingeweiht zu sein. Der Sonntag war endlich angebrochen. In unbeschreiblicher Pracht entstieg die Sonne dem Siebengebirge; ihre Strahlen bildeten blendende Reflexe auf den kreisenden und wirbelnden Fluten des Rheinstromes, auf den Dächern der Häuser, auf den Kirchturmspitzen und auf den Lichtseiten der Bäume, wie um alle in ihrem Bereich befindlichen Gegenstände zur Feier des Tages nach ihren besten Kräften festlich zu schmücken. Schon vor Tagesanbruch hatte ich mich auf den Weg begeben. Der Wunsch, so bald als möglich in Johannas liebe blaue Augen zu schauen, beflügelte meine Schritte, und so fröhlich und leichten Herzens wanderte ich auf dem Ufer des Rheins dahin, als wären Kummer und Sorgen für mich auf ewig aus der Welt verbannt gewesen. Wäre auf diesem Spaziergang Bernhard mit seinen Vorschlägen vor mich hingetreten, dann würde ich schwerlich ohne Widerrede auf diese eingegangen sein. Ich befand mich eben in einer Stimmung, in der mir der Friede als der höchste Segen erschien und ich es für ein Verbrechen hielt, ihn leichtsinnig zu unterbrechen. Um daher meine Heiterkeit nicht zu trüben, vermied ich es, über das nachzudenken, was mir von Bernhard anvertraut worden war. Ungestört und unbeeinträchtigt durch ernste Bilder wollte ich den herrlichen Morgen genießen, und nach allen Richtungen hin schweiften meine Blicke unablässig, um immer neue Eindrücke in mich aufzunehmen, immer neue Gegenstände zu entdecken, an denen sich mein von jugendlichem Frohsinn überfließendes Herz erfreuen konnte. Ich ergötzte mich an den Hasen, die, eh' sie ihr Versteck aufsuchten, noch einmal auf der staubigen Straße mit dem Ausdruck der Müdigkeit rasteten und dann bei meiner Annäherung mit scheinbar schwerfälligen Bewegungen seitwärts im dichten Kraut verschwanden; ich ergötzte mich an den mancherlei Vögeln, die familienweise bald nach dem Strom hinabflogen, bald schwirrend sich erhoben und laut jubelnd nach allen Richtungen hin über das Land verteilten; an den Schmetterlingen und den Libellen, die, an Halmen und Blumen hängend, ihre ausgespannten Schwingen den warmen Sonnenstrahlen darboten, um den sie in ihren Bewegungen hindernden Tau von denselben forttrinken zu lassen. Dazu schallte von beiden Seiten des Rheins aus Dörfern nah und fern, das Geläute, das zu den Frühmetten rief, gar feierlich zu mir herüber; und wo mein Weg an Gehöften vorüberführte, da gewahrte ich, daß sonntäglich geputzte Kirchgänger dem Ruf des bekannten Glöckleins Folge leisteten. Ferner bemerkte ich kleine Bauernjungen, die kaum wagten, sich zu rühren, aus Furcht, daß die neue Jacke mit dem hohen Kragen oder die Schleife des rotgeblümten Halstuches Schaden leiden könnten, während die kleinen Mädchen kokett ihre gefältelten Schürzchen glatt strichen und die kattunenen Ärmel in Puffen emporzupften. Die mir begegnenden Bauernburschen, zwischen den Lippen eine grellfarbige Blume oder auch eine mit prächtigen Quasten behangene kurze Pfeife, boten mir stets einen »schönen guten Morgen« und fragten mich auch wohl, als Antwort auf eine scherzhafte Anrede, was ein Pfund Kienruß koste, womit sie die um meine Schultern wallenden dunkeln Locken meinten, wogegen die sie begleitenden Mädchen ihre Blicke mit dem Ausdruck des Wohlgefallens etwas länger auf mir haften ließen und zweifelsohne dabei dachten, wieviel schöner ihr Herzallerliebster sich mit langen Haaren, einem verwegenen Zwickelbart und einem Sammetröckchen ausnehmen würde. Ja, so schweben mir jener Morgen und meine Fußreise in der Erinnerung noch immer lebhaft vor. Sonntäglich lachte die Sonne, sonntäglich prangten die Menschen, und sonntäglich waren auch die Gedanken. Ich fühlte meinen Frohsinn durch solche Eindrücke immer mehr gehoben; im Fluge enteilte mir die Zeit, im Fluge schien die Straße unter mir fortzugleiten, und als ich endlich vor Plittersdorf nach der Überfahrtstelle hinabschritt, war mir, wie wenn erst Minuten seit meinem Aufbruch von Bonn verstrichen wären. Auf meinen Ruf kam der Fährmann mit den Rudern herbei. Ich stieg in das Boot, setzte mich nieder und tauchte, um mich zu erfrischen, meine Hände in die gegen das Fahrzeug tändelnden Wellen, als meine Aufmerksamkeit plötzlich auf den Schiffer hingelenkt wurde, der, während er die Kette löste, jemand mit barschen Worten zurückwies. »Zweimal habe ich dich schon mitgenommen, ohne einen Pfennig dafür erhalten zu haben,« rief er aus, »jetzt magst du zusehen, wie du hinüber gelangst. Wenn du kein Fährgeld hast, dann bleibe ein andermal zu Hause.« »Meinen letzten Groschen gab ich für Brot hin,« lautete die mit heiserer, unmelodisch klingender Stimme erteilte Antwort, »nehmt mich doch mit hinüber, ich bitte Euch darum. Gestern mußte ich den ganzen Tag auf der Straße liegen bleiben, ich war krank, konnte den Reisenden nicht folgen, um sie um eine Gabe anzusprechen, und die paar Pfennige, die mir mitleidige Menschen zuwarfen, verwendete ich dazu, meinen Hunger zu stillen.« Ich blickte zu dem Bittenden hinüber; schon früher hatte ich ihn gesehen, ihm auch wohl ein Almosen gereicht, mich indessen nie weiter um ihn gekümmert. Indem ich ihn jetzt aber näher betrachtete und seine traurige Lage mit meiner eigenen glücklichen Lebensstellung verglich, wurde ich vom tiefsten Mitleid ergriffen. Und Mitleid verdiente er in der Tat, denn nicht nur, daß schielende Augen dem durch eine krampfhafte Verzerrung entstellten Antlitz einen trüben Ausdruck verliehen, seine rechte Hand und offenbar auch der rechte Fuß waren dergestalt im Gelenk verwachsen und gelähmt, daß beide Teile dadurch vollständig unbrauchbar für ihn wurden. Sein Alter zu erraten hielt, bei der schrecklichen Entstellung seines Äußeren, schwer, doch konnte er das zwanzigste Jahr kaum erreicht haben. Seine Kleidung war sehr ärmlich, ohne indessen unsauber und zerlumpt zu sein; kurzgeschorene, hellblonde Haare bedeckten, außer einer alten Soldatenmütze, sein unförmliches Haupt, während seine Füße in sehr abgetragenen und durch den unbeholfenen Gang schief getretenen Schuhen steckten. In der gesunden Hand führte er einen sehr starken, mit einer Krücke versehenen Kreuzdornstock, dessen er sich, indem er die Hüfte darauf stützte, zum Fortbewegen bediente, worin er im Lauf der Zeit eine große Gewandtheit erlangt zu haben schien. So stand der Unglückliche da, seine trüben, schielenden Augen flehend auf den hartherzigen Schiffer gerichtet und besorgt dessen Bescheid entgegensehend. »So bleibe noch einen Tag länger auf dieser Seite,« antwortete der Fährmann unfreundlich, »es ist heute Sonntag, die Fremden strömen nach Godesberg, und es kann nicht fehlen, daß du gute Geschäfte machst; morgen wirst du auch noch zur rechten Zeit nach Hause kommen und obenein das Fährgeld erlegen können.« »Aber ich muß nach Hause«, flehte der Unglückliche. »Dann kann ich dir nicht helfen«, erwiderte der Schiffer, die Kette ins Boot werfend und dieses vom Ufer aus abschiebend. »Halt!« rief ich aus, »nehmt den armen Menschen mit hinüber, ich werde für ihn bezahlen!« Ein dankbarer Blick aus den Augen des Krüppels traf mich, der Schiffer zog sein Fahrzeug wieder heran, und da ich ihn unterstützte, gelangte der unglückliche Wanderer mit verhältnismäßig geringer Mühe in das Boot. »Der Herr scheint viel Geld zu haben«, bemerkte der Schiffer nach längerem Schweigen, während er das Fahrzeug dicht am Ufer stromaufwärts stieß. »Wenn auch nicht zuviel, so besitze,ich doch hinlänglich, um einem hilfsbedürftigen Mitmenschen einen kleinen Liebesdienst zu erweisen«, entgegnete ich. Der Schiffer hustete, um seinen Verdruß zu verbergen, der Krüppel dagegen räusperte sich und wendete sich von mir ab. Die ganze Szene, überhaupt schon der Anblick des so schrecklich entstellten Menschen, war nicht ohne Einfluß auf meine frohe Laune geblieben, so daß die Überfahrt unter Schweigen verlief. Wie ich dem Krüppel in das Boot hineingeholfen hatte, half ich ihm auch wieder hinaus. Ich bezahlte sodann den Schiffer, und nach kurzem Abschied wandte ich mich der nach Königswinter führenden Straße zu, wo der mir vorausgeeilte unglückliche Reisegefährte meiner harrte. »Ich wollte dem Herrn für seine Güte danken,« begann er, als ich mich ihm gegenüber befand, indem er mit seiner verstümmelten Hand die Mütze abnahm, »der Schiffer glaubte, ich habe Geld und wolle es nur nicht herausgeben; ich versichere den Herrn aber, daß ich nichts als dieses Stück Brot besitze, und warten konnte ich nicht länger, ich muß nach Hause, um nach meinem Jakob zu sehen. Jakob wird Hunger haben, und die Hälfte dieses Brotes ist für ihn bestimmt.« »So ist Jakob wohl dein Bruder?« fragte ich, mich langsam in Bewegung setzend. »Ach wenn Jakob mein Bruder wäre!« rief der Unglückliche aus, »nein, mein Bruder ist nicht so gut, mein Bruder schlüge am liebsten zuerst mich und dann Jakob tot. Ich habe es ihm aber versprochen, tut er meinem Jakob etwas zuleide, so lege ich Feuer an unser Haus; mich mag er schlagen, soviel er will. Aber gehen der Herr nur schneller, sein Weg ist der meinige, und wenn es dem Herrn nicht zu gering ist, und er es mir erlauben wollte, an seiner Seite zu gehen –?« »Was denkst du?« antwortete ich, meine Schritte beschleunigend, »ich liebe Gesellschaft und will meine Eile ganz nach deiner Kraft bemessen.« »Wie gut der Herr ist, und wie ich ihm für seine Güte danke,« erwiderte der Krüppel, sich jetzt so schnell vorwärtsbewegend, daß ich Mühe hatte, gleichen Schritt mit ihm zu halten, »ich höre nicht oft solch freundliche Worte, wenn ich sie aber einmal gehört habe, dann vergesse ich sie nie wieder. Ich heiße Anton.« »Anton? Ei, das ist ein hübscher Name.« »Viel zu hübsch für ein Geschöpf, das dazu geschaffen ist, andern Menschen Abscheu einzuflößen«, lautete die mit Bitterkeit gegebene Antwort. »Du hast mir noch nicht gesagt, wer dein Jakob ist, jedenfalls ein braver Bursche, der dir immer freundlich begegnet«, bemerkte ich, um des armen Menschen Gedanken von seiner eigenen bedauernswerten Lage abzulenken. »Oh, Jakob ist mein Kind, Jakob ist mein Freund und Spielgefährte, Jakob ist ein Rabe, so schön groß und schwarz, wie kein zweiter in der ganzen Welt zu finden ist. Und sprechen kann er, ich selbst habe es ihn gelehrt; er spricht wie ein Buch, er lacht und schimpft die Menschen, die den dummen Anton nicht leiden mögen. Auch meinen Bruder schimpft er, und der verdient es, denn der schlägt mich und stiehlt Holz und stiehlt mir die Pfennige, die mir die Leute geben; und meine Mutter sieht zu und sagt: Anton verdient, mit einem Stein am Halse in den Rhein geworfen zu werden.« »Du mußt das nicht so wörtlich nehmen, Anton, die Leute sprechen manchmal etwas im Zorn und meinen es dabei gar nicht so böse. Wo wohnt deine Mutter?« »Meine Mutter und mein Bruder wohnen in einer Seitenschlucht auf dem Wege nach der Löwenburg. Sie haben ein kleines Häuschen, einen Garten und zwei Ziegen.« »Das kann ja nicht weit von der Oberförsterei sein?« »Auf der Landstraße braucht man von uns bis zur Oberförsterei eine gute halbe Stunde, auf dem Waldpfade dagegen nur die Hälfte dieser Zeit. Mein Bruder haßt den Oberförster, weil er ihn nicht will Holz stehlen lassen. Ich aber nicht, ich hole mir dort manches Mittagbrot, habe den jungen Herrn auch schon mehrfach daselbst gesehen.« »Ich dich aber noch nie.« »Weil ich immer heimlich komme und nicht will, daß mein Bruder es erfährt; er denkt, ich will ihn anzeigen.« »Bist du in dieser Woche auf der Oberförsterei gewesen?« »In dieser Woche noch nicht, aber morgen gehe ich wieder hin; es ist jetzt so schön dort, daß ich immer da bleiben möchte.« »War es denn sonst nicht ebenso schön auf der Oberförsterei?« »Es war immer schön dort, denn der Herr Oberstleutnant schenkte mir oft einen Groschen, und die Frau Oberförsterin gab mir ein Butterbrot; jetzt aber ist jemand bei ihnen eingezogen, so gut und so schön, schöner noch als die Muttergottesbilder in der Kirche zu Königswinter.« »Ei, ei, mein lieber Anton, wer mag es denn wohl sein, der dir so außerordentlich wohlgefällt?« fragte ich, obwohl ich wußte, daß er niemand anders als Johanna meinen könne. »Eine junge, sehr vornehme Dame, und Johanna heißt sie. Oh, sie ist so freundlich und gut gegen den armen Anton; sie leidet nicht, daß jemand über den häßlichen Anton lacht, und wenn sie mich sieht, dann sagt sie jedesmal: ›Armer Anton, wie geht es dir? bist du auch hungrig?‹ und schnell eilt sie ins Haus zurück, um mir ein Butterbrot zu schneiden, so dick wie meine Faust.« »Das muß ja ein wahrer Engel sein,« bemerkte ich, innerlich ergötzt über die Art, in der er den Wert des jungen Mädchens veranschaulichte, »gewiß liebst du die freundliche Dame sehr?« »Ja, das Fräulein liebe ich mehr als mich selbst, mehr noch als meinen Jakob! Jakob kennt das Fräulein auch schon; ich habe ihm ihren Namen so oft vorgesagt, bis er ihn endlich gelernt hat. ›Tag Johanna, koch' Kaffee, Johanna!« ruft er hundertmal hintereinander, der gute Jakob.« Während dieser Unterhaltung waren wir wacker vorwärtsgeschritten und erreichten bald ein ländliches Gasthaus, vor dem der Weg sich teilte. »Komm, Anton,« sagte ich zu meinem Reisegefährten, indem ich auf den mit Tischen und Bänken besetzten Platz vor der Schenke zuschritt, »komm, ich habe Hunger und Durst, ein Schoppen Drachenfelser wird mir dienlich sein.« Anton folgte mir bis an den Gartenzaun, dort aber zog er sein schwarzes Brot aus der Tasche, und nachdem er derb hineingebissen, traf er Anstalt, sich niederzulegen, um meine Rückkehr abzuwarten. »Nein, Anton, so war es nicht gemeint,« wendete ich mich zu dem überraschten Burschen, »spare das Schwarzbrot für deinen Jakob. Bin ich auch kein reicher Mann, wie der Schiffer meinte, so kann ich doch noch etwas weißes Brot, ein Stück Schinken und einen Schoppen Wein für dich bezahlen.« Erstaunt blickte Anton zu mir empor. Seine breite Brust hob und senkte sich schwer. Hätte ich ihm einen blanken Taler geschenkt, seine Freude und seine Dankbarkeit hätten nicht größer sein können. Geschah es doch vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß ein anderer Mensch ihm als einem gleichberechtigten Wesen begegnete und sich seiner nicht schämte. Obwohl er sich in meiner Gegenwart Zwang auferlegte, aß und trank Anton mit wahrem Heißhunger; ich gönnte ihm den seltenen Genuß von ganzem Herzen, und gab nicht eher das Zeichen zum Aufbruch, als bis er mit komischer Verlegenheit versicherte, daß er vollständig befriedigt sei. Nach der kurzen Rast setzten wir unsere Reise in das Gebirge hinein fort. Anton sann wohl darüber nach, wie er mir auf seine Art eine Freude bereiten könne. Er fragte wenigstens mehrfach, ob ich Weidenflöten liebe oder schöne Steine und Blumen. Ich bejahte natürlich alles, und dann gelang es mir auch, ihn wieder auf die Oberförsterei und namentlich auf Johanna zu bringen, und eine freundliche Unterhaltung gewährte es mir zu hören, wie er in seiner kindischen und doch so aufrichtigen Weise Johanna bis über die Wolken erhob und zuletzt sogar den Heiligen gleichstellte. So floh die Zeit mir schnell dahin und überrascht blickte ich empor, als Anton mir erklärte, daß wir nunmehr bei dem Richtsteig angekommen seien, auf dem ich in einer guten halben Stunde die Oberförsterei zu erreichen vermöge. »Dann berühren wir wohl deine Hütte?« fragte ich, vergeblich nach einem Eingang in das dichte Buschwerk spähend. »Nein, junger Herr,« lautete die Antwort, »um zu meiner Mutter Hütte zu gelangen, hätten wir schon früher abbiegen müssen. Diesen Pfad kennt außer Anton kein Mensch. Er ist auch schwer zu finden, denn schleiche ich in dieser Richtung durch den Wald, dann nehme ich mich stets in acht, dieselbe Spur nicht zweimal zu betreten. Oh, es ist ein schöner Pfad, er führt über Felsen und durch Schluchten, aber der lahme Anton ist nicht so einfältig, er kann klettern und kriechen und kommt hin, wohin andere Leute nicht gern gehen.« So sprechend bog er auf der rechten Seite des Weges die Haselbüsche auseinander, die sich gleich darauf wieder hinter uns schlossen. »So, lieber Herr, jetzt befinden wir uns auf dem Pfade«, sagte er nach einer Weile, als das Buschwerk sich etwas lichtete und zerstreut stehende verkrüppelte Eichen das Vordringen weniger erschwerten. »Ich erkenne keinen Pfad, Anton, es sieht hier so aus wie dort, ich meine, als wenn noch nie ein Mensch in dieser Richtung gewandert wäre.« »Es sollen auch keine Menschen hier wandern, es ist Antons eigener Weg und dann –« »Und dann?« Anton blieb stehen und wendete sich nach mir um, mich halb mißtrauisch, halb freundlich betrachtend. »Der liebe junge Herr hat dem verachteten, häßlichen Anton eine große Wohltat erwiesen; er hat den Krüppel bei sich am Tisch sitzen lassen, mit ihm gegessen und getrunken. Andere Leute schlagen und stoßen mich, dann laufe ich davon und verberge mich, wo mich niemand finden kann. Selbst Jakob kennt mein Versteck nicht; Jakob ist dumm, er würde mich verraten und die Menschen zu mir führen. Der junge Herr dagegen ist ein gelernter Student und wird des armen Antons heimliche Zufluchtsstätte nicht meinem Bruder zeigen.« Bei diesen Worten kehrte er sich kurz um, und wie um das Versäumnis einzuholen, hinkte er mit verdoppelter Eile immer tiefer in den Wald hinein. Der Weg oder vielmehr der pfadlose Boden wurde jetzt so hindernisreich und unwegsam, daß die von uns innegehaltene Richtung sich nur notdürftig meinem Gedächtnis einprägte. So gelangten wir allmählich in eine bewaldete Schlucht, die nicht nur durch niedergebrochene Felstrümmer und schweres Gerölle unzugänglich erschien, sondern deren Einfassung auch auf kurze Strecken, bald auf der einen, bald auf der andern Seite, sich als schroffe Uferwände erhob und daher nur für Kräuter- und Beerensammler Anziehungskraft haben konnte. Anton kannte indessen seinen Weg ganz genau, denn kein einziges Mal äußerte er Zweifel über die Richtung. Hier folgten wir dem Lauf einer spärlich durch das Moos hinsickernden Quelle, dort kletterten wir behutsam von Stein zu Stein, und machte sich auch in den oberen Luftschichten die Wirkung der höher steigenden Sonne fühlbar, so wurden wir bei unserer mühevollen Wanderung doch nicht durch die Hitze belästigt; denn die Schatten und die von dem Gestein ausströmende nächtliche Kühle vereinigten sich, unsern Weg in einen überaus angenehmen zu verwandeln. Dabei stand die feierliche Stille, die in der Schlucht herrschte, im vollsten Einklänge mit der wilden, malerischen Umgebung, und wenn hier, durch unsere Annäherung aufgescheucht, ein schlankes Wiesel zwischen dem Gerolle hervorschlüpfte, dort ein Eichhörnchen munter von Zweig zu Zweig sprang oder ein schillernd beschwingter Häher uns mit mißtönendem Schrei begrüßte, so trug das nur dazu bei, den Reiz der einsamen Wanderung zu erhöhen. Etwa eine Viertelstunde hatten wir uns in der Schlucht fortbewegt, da blieb Anton plötzlich stehen, und nachdem er eine Weile in der Ferne gelauscht, flüsterte er mit geheimnisvollem Wesen: »Hier liegt das Schloß des verachteten Krüppels, es liegt sicher und schön, sogar die Hunde der Jäger sind schon vielfach dicht an seiner Tür vorübergegangen, ohne den armen Anton in seinem Versteck auszuwittern.« Und mit seiner verstümmelten Hand auf eine steil aufstrebende Felswand weisend, sagte er kaum verständlich: »Dort ist es; aber folgen mir nur der junge Herr,« fuhr er fort, sich der bezeichneten Felsenmauer nähernd, »der liebe Herr müssen hinein, um es zu glauben.« Er hatte Recht, denn selbst als wir am Fuß der Wand angekommen waren, sah ich nichts, als eine Anhäufung von Felstrümmern, die vom obersten Rande des Plateaus niedergestürzt waren und nunmehr bis zu einer Höhe von ungefähr zwanzig Fuß an der Wand hinaufreichten. Vorsichtig folgte ich Anton, als er die wallartige Geröllanhäufung erkletterte und sich oben rastend niederließ. »Hier ist des armen Antons Schloß,« sagte er, auf einen mäßig großen Felsblock deutend, dessen eine Hälfte von einer umfangreichen Stechpalme und verworrenen Brombeerranken vollständig verdeckt wurde; »die Hunde kommen hier nicht herauf, und kämen sie herauf, um mich zu beißen, so würden sie sich stechen und an den Dornen ihre Haut zerreißen.« »Aber von dort unten kann dich jeder sehen, guter Anton,« versetzte ich, über die Einfalt des unglücklichen Menschen lächelnd. »Ja, wenn ich hier sitze, aber nicht, wenn ich mich verborgen habe,« und indem er noch sprach, glitt er nach der freien Seite des Felsblockes herum, wo er sich sogleich niederlegte. Ich folgte ihm und gewahrte mit Verwunderung, daß er zwischen dem Felsblock und der Wand, nachdem er einige die Öffnung verdeckende Ranken zurückgebogen hatte, in jene hineinkroch. Nun glaubte ich die halb verschüttete Pforte eines aus dem Mittelalter herrührenden und nach einer der benachbarten Burgen hinauf führenden heimlichen Kellerganges vor mir zu sehen. Von Dornen verletzt, gelangte auch ich in den Felsen hinein, dessen Eingang sich schon nach einer kurzen, kaum zwei Fuß langen Strecke erweiterte, und als sich meine Augen einigemaßen an die in dem abgeschlossenen Raum herrschende Dämmerung gewöhnt hatten, überzeugte ich mich, daß der Eingang zu dem vermeintlichen schauerlichen Burgverließ nur eine, vielleicht durch vulkanische Erschütterungen entstandene Aushöhlung sei, die durch die von dem Plateau niedergebrochenen Gesteinstrümmer von der freien Luft abgeschlossen wurde. Der Raum mochte, einige Unregelmäßigkeiten abgerechnet, ungefähr sechs Fuß im Durchmesser halten, was Anton allerdings für mehr als genügend erachtete, um die enge Höhle, in der er als Selbstherrscher residierte, mit dem prahlenden Namen: »Schloß« zu belegen. Die Hälfte der Bodenfläche war mit einer tiefen Lage Heidekraut bedeckt, außerdem stand in dem einen Winkel ein großer steinerner Wasserkrug, und in einer andern Ecke lag ein beträchtlicher Vorrat von Haselnüssen. Nachdem ich mich lobend über alles ausgesprochen und daran meinen Dank für das unbedingte Vertrauen geschlossen hatte, krochen wir wieder ins Freie hinaus; Anton reinigte meinen Samtrock und rüstig verfolgten wir dann wieder unsern hindernisreichen Weg. Nach einer weiteren Viertelstunde öffnete sich die Schlucht, hin und wieder schimmerte eine Lichtung zwischen den Eichen- und Haselnußdickichten hindurch, und bald darauf bogen wir in einen schmalen, aber mehr betretenen Pfad ein. »Dort liegt die Hütte meiner Mutter,« sagte Anton, auf dem Pfade rückwärts deutend, »und dort die Oberförsterei,« fügte er hinzu, in entgegengesetzte Richtung weisend. »Dann gehe nur nach Hause, guter Anton,« versetzte ich, ihm ein Silberstück als Belohnung für seine Dienste darreichend, »gehe nur heim; dieser Pfad muß in die Landstraße münden, und bin ich erst dort, so befinde ich mich auf bekanntem Boden.« »Oh, Jakob wartet noch etwas, und die Schläge von meinem Bruder werde ich noch früh genug erhalten,« erwiderte Anton bitter, indem er schnell vor mir her hinkte, »ich begleite den lieben, jungen Herrn bis an die Straße – oh, lieber, junger Herr, hörten Sie nichts?« unterbrach er sich plötzlich, mit dem Ausdruck des Entsetzens stehenbleibend und zu mir zurückschauend. »Ja, Anton, ich höre das Bellen eines Hundes.« »Noch mehr, lieber, junger Herr, noch viel, viel mehr, oh, der Hund, der Hund!« »Es wird ein Hund des Herrn Oberförsters sein, der tut nichts, ich stehe dafür ein.« »Aber Jakob, ich höre Jakob! Sie tun meinem Jakob ein Leid an! Jakob! Jakob!« und so ausrufend stürmte er mit aller ihm nur möglichen Eile vorwärts. Ich aber überholte den jammernden und keuchenden Krüppel, und von dem Pfade in den Wald einbiegend, gewahrte ich den weiß- und braungefleckten Lieblingshund meines Vormundes, wie er grimmig bellend einen vor ihm im hohen Grase einherschlüpfenden schwarzen Gegenstand bald eifrig verfolgte, bald, wenn dieser sich in einen Strauch festgesetzt hatte, mit allen Anzeichen der feindseligsten Absichten ihn eilfertig umkreiste. »Diana! hier heran! Diana! Diana!« rief ich fast atemlos. Der Hund erkannte meine Stimme, aber meine Eile für eine Aufmunterung haltend, sprang er mit verdoppelter Wut auf den Raben ein, und im nächsten Augenblick sah ich eine kleine Wolke schwarzer Federn emporwirbeln. Der geängstigte Vogel mußte sich indessen nachdrücklich zur Wehr gesetzt haben, denn ebensoschnell sprang der Hund wieder zurück, einen kurzen, durchdringenden Schmerzensschrei ausstoßend. Ehe er seinen Angriff erneuern konnte, war ich heran, ein leichter Hieb mit meinem Ziegenhainer trieb ihn zurück, und schnell näherte ich mich dem Raben, um zu sehen, inwieweit er Schaden genommen habe. Anfangs glaubte ich, es sei um ihn geschehen; denn er saß in einem Grasbusch da, als ob beide nach oben gerichteten Flügel gelähmt gewesen wären, und erst als ich mich zu ihm niederneigte und er Miene machte, mich die Wucht seines mächtigen Schnabels fühlen zu lassen, schwand meine Besorgnis. In dem Äußern des ergrimmten Vogels lag übrigens etwas merkwürdig Dämonisches; den Hals hatte er in die gesträubten Federn zurückgezogen, den Schnabel zur Hälfte geöffnet, und indem er den Kopf bald mir, bald dem abwärtsstehenden Hunde zuwendete, blitzten seine runden schwarzen Augen so feindselig, als hätte er uns beide mit seinen Blicken durchbohren mögen. In der nächsten Minute kam Anton herbeigehinkt. »Jakob, Jakob!« rief er laut klagend aus, während Tränen über seine wettergebräunten Wangen rollten; »Jakob, ich komme, Jakob! Jakob!« »Johanna, koch' Kaffee!« antwortete Jakob mit einer Stimme, die sich kaum von der Antons unterschied, und dann, seine Federn glättend und den Hals reckend, hüpfte er furchtlos an mir und dem Hunde vorüber auf seinen jammernden Gebieter zu. »Jakob, was haben sie dir getan!« schrie Anton, als der Vogel, anstatt wie gewöhnlich auf seine Schulter zu fliegen, sich mit emporgehaltenen Schwingen vor ihm niederkauerte. »Spitzbube! Spitzbube!« sprach der Rabe, seine klugen Augen auf Anton richtend. Bitterlich schluchzend kniete dieser neben seinen einzigen Freund nieder, ihn mit rührender Sorgfalt von allen Seiten betastend. »Oh. sie haben ihm die Flügel gebunden!« rief er gleich darauf schmerzlich aus, »die Flügel gebunden, damit die Hunde ihn zerreißen sollen! Das hat mein Bruder getan, und meine Mutter hat zugesehen! Aber unser Haus verbrenne ich, wenn Jakob stirbt. Armer Jakob, sei nur ruhig, ich habe dir Brot mitgebracht, auch ein Stückchen Fleisch; der junge Herr gab es mir, und ich habe bei ihm am Tische gesessen, ich, der arme, verachtete Krüppel!« Der Rabe, als hätte er seines Herrn Trostesworte verstanden, warf mir einen flüchtigen Blick zu, worauf er ein Lachen ausstieß, das dem Antons so ähnlich war, daß ich unwillkürlich mitlachen mußte. Endlich war es Anton gelungen, die fesselnde Schnur von seines Lieblings Flügeln zu entfernen, und atemlos vor Furcht und Spannung richtete er sich auf, um zu sehen, wie der Rabe sich nunmehr gebärden würde. Dieser, sobald er sich befreit fühlte, reckte zuerst den einen und dann den ändern Flügel prüfend aus, schlug seinen Schnabel mehrere Male mit lautem Geräusch zusammen, ging einige Schritte zurück, wie um einen Anlauf zu nehmen, und im nächsten Augenblick saß er zu Antons unaussprechlicher Freude auf dessen Schulter, seinen Kopf schmeichelnd an dessen rauher Wange reibend. »Er ist noch gesund, er lebt noch, und der liebe, junge Herr hat ihn gerettet«, sagte der arme Bursche, mit Tränen der Dankbarkeit in seinen Augen. »Wenn ich nicht ein so unglücklicher Krüppel wäre, fände ich vielleicht Gelegenheit, dem Herrn Studenten wieder zu dienen.« »Danke, danke, mein lieber Anton, ich bin schon vollständig mit deinem guten Willen zufrieden, laß dich nur öfter einmal auf der Oberförsterei sehen, Fräulein Johanna–« »Johanna, koch Kaffee!« unterbrach mich der Rabe krächzend. »Gewiß, Jakob, sie wird euch einen guten Kaffee kochen,« fuhr ich fort, und dann Anton zum Abschied die Hand reichend und den Hund an mich lockend, schritt ich quer durch das Gebüsch der nahen Landstraße zu. Einmal noch schaute ich zurück; Anton hatte sich auf den Rasen niedergelassen; auf seinen Knien saß der Rabe, die Brocken verzehrend, die sein Freund ihm darreichte. 7 Die Botschaft »Tausend Donnerwetter, Junge, das nenne ich pünktlich!« rief mir mein Vormund zu, als ich vor der Oberförsterei angelangt war. »Johanna wollte schon vor einer Stunde hinaus, um zu sehen, ob du noch nicht zu sehen seist, nicht wahr, Schätzchen?« Johanna reichte mir mit einem holden Lächeln die Hand; »wenn auch nicht ganz vor einer Stunde, so kann doch beinah' eine halbe Stunde seitdem verflossen sein,« sagte sie, schalkhaft zu dem alten Herrn emporblickend, »und da Gustav selbst die Zeit bestimmt hatte, so dachte ich – »So dachtest du, er müsse unbedingt eine Stunde vor der verabredeten Zeit eintreffen,« fiel ihr der Oberstleutnant lachend in die Rede; »oh, ich kenne meinen vortrefflichen Gustav,« fuhr er fort; »er bricht allerdings früh genug auf, muß aber unterwegs oft anhalten, hier um einen Schoppen zu trinken, dort um ein niedliches Bauernmädchen etwas genauer zu betrachten–« »Wofür er gewiß zu entschuldigen ist, lieber Onkel, denn ich kann mir kaum etwas Niedlicheres denken, als ein sonntäglich geputztes Bauernmädchen mit dem zierlichen Spitzenhäubchen und der dieses steif haltenden silbernen Spange,« versetzte Johanna in naiv überzeugender Weise. »Bravo, Johanna!« rief der Oberstleutnant, mir einen verschmitzten Seitenblick zuwerfend, aus, »das nenne ich verständig geurteilt; 's gab eine Zeit, in der ich selbst – doch das ist schon zu lange her –« »Es war damals, als eine gewisse Lisette, das schönste Mädchen im weiten Umkreise, erklärte, nicht ohne einen gewissen Rittmeister Werker leben zu können –« »Richtig, Junge, richtig, sie war das schönste Mädchen weit und breit.« »Damals, als der unvorsichtige Granatsplitter« – »Mir das Auge ausgeschlagen hatte« – »Und ein gewisser Rittmeister Werker von sich behaupten durfte, daß die schöne Lisette lieber in sein einziges Auge, als in die zwei Augen anderer Offiziere schaute.« »Ganz richtig, Junge, der aber mit seinem einen Auge heute noch mehr sieht, als du, naseweiser Patron, mit deinen beiden. Schade, daß du Anno 14 noch keine Hosen trugst, hätte dich gerade noch in meiner Schwadron gebrauchen können.« »Müssen doch schöne Zeiten gewesen sein!« »Zeiten, wie sie noch nie dagewesen sind und auch nie wiederkehren werden. Ha, Kinder, das war ein Drang nach Freiheit, ein Geist, der alle Schichten der Bevölkerung wie mit Zaubergewalt durchfuhr! Donnerwetter! ich war damals ältester Rittmeister; hatte schlechtes Avancement gehabt; mußte meine Schwadron vollzählig machen oder vielmehr eine neue bilden; wie sie herbeigerannt kamen, Leute mit grauen Haaren und Jungens, die eben erst das ABC hinter sich hatten! Schade, schade, Gustav, daß du damals nicht so alt warst wie heute, hätte wirklich aus dir etwas werden können.« »Und die in Ihrer jungen Schwadron schlugen sich wie lauter alte, gediente Leute?« fragte ich. »Wie lauter Veteranen,« wiederholte der Oberstleutnant stolz, »die beim alten Fritz selber in der Schule gewesen waren. « Und nun begann der alte Herr zu erzählen von Kanonendonner und Attacken, daß es eine wahre Freude war. Sein Auge leuchtete dabei wie das eines Jünglings, der Schnurrbart sträubte sich wie die Rückenhaare einer boshaften Katze, und die Augenklappe stand mehr nach oben, als nach unten. Ich aber, nachdem ich den alten Herrn auf sein Lieblingsthema gebracht, schritt schweigend an seiner Seite dahin. Johanna hatte mit bezaubernder Zutraulichkeit ihren Arm in den meinigen gelegt; ihre schönen Augen hafteten bald auf der zwischen hohen Bäumen auftauchenden Oberförsterei, bald mit gespanntem Ausdruck auf dem leidenschaftlich erregten Antlitz ihres Onkels. »Himmelsapperment, Junge, das sage ich dir!« wendete dieser sich plötzlich in der Hitze des Gefechts mit kühn blitzendem Auge zu mir, »das sage ich dir, ich bin jetzt ein Mann des Friedens, aber dir zu Gefallen wünsche ich von ganzem Herzen, daß morgen der Krieg wieder ausbräche – und in Frankreich spukt es ja schon wieder – wenn auch nur, um dir den Genuß zu gönnen, mit geschwungenem Säbel als der erste in ein feindliches Karree einzubrechen, und sollte dich im nächsten Augenblick der Teufel holen!« »Onkel!« rief Johanna mit so unbeschreiblich holdem Erschrecken aus, daß ich sie dafür an meine Brust hätte drücken und ihre lieben, schwärmerischen Augen mit tausend Küssen bedecken mögen. »Was ist da zu onkeln?« fragte der in kriegerisches Feuer geratene alte Krieger zurück, »du mußt nur nicht alles gleich wörtlich nehmen, Schätzchen, denn auch ich mag den Jungen leiden; und wenn ich vom Teufelholen spreche, so handelt es sich nicht gleich um Pferdefuß und Schwanz. Eigentlich wollte ich damit nur sagen: und wenn er im nächsten Augenblick in tausend Millionen Granatstücke zerhackt würde.« »Dann wäre er ja tot,« versetzte Johanna, zuerst mir und demnächst dem Oberstleutnant schelmisch zulächelnd. »Das verstehst du nicht, Schätzchen,« entgegnete letzterer ernst, wiederum erhielt der Schnurrbart eine heftige, spiralförmige Drehung und wiederum erweiterte sich die mit dem Kreuz geschmückte Brust um einige Zoll nach vorn, »nein, mein Kind, das verstehst du nicht. Der Tod auf dem Schlachtfelde ist ein Heldentod, und ein Heldentod ist das Schönste, was es auf der Welt gibt, und wer als Held stirbt, dem wird ein Denkmal gesetzt, um kommenden Geschlechtern von den Taten ihrer Vorfahren zu erzählen. Ja, mein lieber Johann, lieber zehnmal hintereinander auf dem Felde der Ehre durch alle nur denkbaren Geschosse ins Jenseits befördert, als einmal im Bette gestorben!« Johanna lächelte, als ob sie das Sterben, in welcher Form es auch immer sei, überhaupt nicht für etwas so sehr Schönes und Wünschenswertes halte. Eine solchen Ansichten entsprechende schalkhafte Antwort schwebte unstreitig auf ihren Lippen, doch wurde diese dadurch zurückgehalten, daß ein wüst darein schauender Mann sich uns näherte und mit einem sehr höflichen: »Guten Morgen, Herr Oberstleutnant« vorüberschritt. Mein Vormund berührte mit dem Zeigefinger der rechten Hand militärisch grüßend den breiten Schirm seiner Jagdmütze, während Diana dem Fremden einige Schritte mit gesträubten Rückenhaaren folgte. »Diana, hier heran!« kommandierte der Oberstleutnant; »der Hund kennt den Patron,« wendete er sich darauf uns zu, »er ist einer der verwegensten Forstfrevler, sonst aber nicht ohne Bildung, denn er hat in Köln bei den Achtundzwanzigern gestanden.« Auf diese Bemerkung schaute ich zurück, um den Bezeichneten, der mich durch einzelne Züge seines Gesichts an Anton erinnerte, genauer ins Auge zu fassen, als ich ihn auch schon, die Mütze in der Hand, auf mich zuschreiten sah. »Der junge Herr haben etwas verloren«, sagte er, mir einen unregelmäßig gefalteten Zettel darreichend. »Ich glaube nicht,« gab ich zur Antwort, indem ich meine Taschen flüchtig betastete. »Entschuldigen der Herr Student, aber ich sah es aus Ihrer Tasche fallen,« entgegnete der Fremde, der dem Arbeiterstande anzugehören schien und mit einem eigentümlichen, halb verschmitzten, halb untertänigen Lächeln unter seinen weißen Wimpern und Brauen hervorblinzelte. .»So nimm ihm doch den Zettel ab,« bemerkte mein Vormund unfreundlich, und im nächsten Augenblick befand sich das Papier in seinen Händen. »Wahrhaftig, du mußt es verloren haben,« fügte er gleich darauf hinzu, »hier steht es groß und breit: Herr Gustav Wandel, für die Fahrt mit der Schnellpost von Bonn nach Köln entrichtet, und so weiter; er kann gehen, mein Freund, der alte Postschein ist kein Trinkgeld wert, und laß er sich nicht wieder beim Holzdiebstahl erwischen.« »Zu Befehl, Herr Oberstleutnant,« entgegnete der Fremde, die Hacken seiner plumpen Stiefel mit lautem Schall zusammenschlagend. Mein Vormund berührte leicht seinen Mützenschirm; der Fremde machte geräuschvoll kehrt, bedeckte sein Haupt und schritt davon, und wir bewegten uns wieder langsam der nur noch einige hundert Schritte entfernten Oberförsterei zu. Den Zettel hielt mein Vormund noch immer in der Hand. Er wollte ihn eben, weil ich an wichtigere Dinge als an einen alten Postschein dachte, wegwerfen, als er ihn plötzlich aufmerksamer betrachtete. »Das ist wohl ein Register deiner Schulden oder ein gelehrtes Rechenexempel?« fragte er, mir den Schein hinhaltend. Mechanisch nahm ich das Papier; kaum aber sah ich einige auf der Rückseite mit Bleistift geschriebene Zahlenreihen, so fühlte ich, daß ich erbleichte. Ich erkannte nämlich eine in Chiffreschrift an mich gerichtete Botschaft, deren einzelne Zeichen vor meinen Augen durcheinanderwirbelten. »In der Tat ein wichtiges Exempel«, antwortete ich, scheinbar sorglos das Papier zusammenknitternd und in die Tasche schiebend, »es zu verlieren, wäre mir wirklich unlieb gewesen.« Hätte der Oberstleutnant, anstatt noch immer in der Erinnerung an seine Kriegsjahre zu schwelgen, mich schärfer beobachtet oder wäre Johannas Aufmerksamkeit weniger der romantisch gelegenen Oberförsterei zugewendet gewesen, so hätte ihnen unmöglich die Verwirrung entgehen können, die sich ohne Zweifel auf meinen Zügen ausprägte. »Der Mensch, der uns eben begrüßte, hat sehr wenig Empfehlenswertes in seinem Äußeren,« bemerkte ich endlich, um überhaupt etwas zu sagen, fast wie zu mir selbst sprechend. »Nicht viel,« antwortete der Oberstleutnant, einen Doppelhieb nach einem dicht am Wege hoch emporgeschossenen Distelkopf führend, »ich würde mich blitzwenig darüber grämen, wenn er mein Revier auf Nimmerwiedersehen verließe, trotzden er drei Jahre bei den Achtundzwanzigern gestanden hat.« »Dann wohnt er wohl im Bereich Ihrer Forstverwaltung?« »Allerdings tut er das; er, seine Mutter und sein Bruder, der unglückliche Anton – wenn du dich des armen lahmen Krüppels erinnerst – leben eine Viertelstunde von hier auf einer kleinen Lichtung. Eine saubere Gesellschaft; sie besitzen etwas Gartenland, gerade genug, um nicht zu verhungern, doch habe ich noch nie gesehen, daß sie auf Arbeit gegangen wären; muß daher nicht recht geheuer bei ihnen sein. Habe ihn im Verdacht, daß er weiß, wer die Hasenschlingen stellt, die zuweilen im Walde gefunden werden.« »Trifft den Anton denn ebenfalls Ihr Vorwurf?« fragte ich gleich darauf zerstreut. »Nein, wenigstens nicht, daß ich es wüßte,« entgegnete der Oberstleutnant, »der arme Teufel ist überhaupt unzurechnungsfähig und bei seiner Mutter gerade nicht am besten aufgehoben. Jedenfalls ist er der erträglichste in dem Kleeblatt.« »Von Plittersdorf aus war er mein Reisegefährte.« »Gewiß ein interessanter Gesellschafter?« lachte mein Vormund. »Aber hast Recht, Junge, man muß Mitleid mit derartigen Leuten haben; wäre er im Kriege krumm und lahm geschossen worden, würde er allerdings nicht zu betteln brauchen.« »Es war ein glücklicher Zufall, der mich mit Anton zusammenführte,« warf ich jetzt wieder ein, »denn nicht genug, daß er mich auf einem nähern Wege durch den Wald führte, fand ich auch Gelegenheit, seinen gezähmten Raben zu retten, der sonst ganz gewiß von Diana zerrissen worden wäre.« »Was? an einem Raben hast du dich vergriffen?« rief der Oberstleutnant barsch, indem er sich nach dem Hunde umkehrte, der, als hätte er die Frage verstanden, demütig wedelnd herbeischlich, »und noch dazu an des armen Antons Raben? Pfui, schäme dich! Die Bestie hat doch wohl keinen Schaden genommen?« fragte er mich darauf teilnehmend. »Noch nicht, kam ich aber eine Minute später, so war es um das arme Tier geschehen.« »Das ist mir lieb, das ist mir lieb; Johanna, wenn Anton sich wieder sehen läßt, dann sorge dafür, daß er satt gemacht wird. Gib dem armen Teufel auch noch etwas mit auf den Weg, um ihn für seine Angst zu entschädigen.« »Mit Freuden, lieber Onkel,« antwortete Johanna schnell, und dann ihren Arm aus dem meinigen ziehend, eilte sie uns über den Hof voraus der Haustüre zu, in der wir von der Frau Oberförsterin erwartet wurden. Die würdige Dame prangte in ihrem schönsten sonntäglichen Kleide; sie war schon im nächsten Dorfe, wohin ihr »Alter« sie hatte fahren lassen, zur Messe gewesen, und auf ihren freundlichen Zügen stand geschrieben, daß das Bewußtsein, für sich, für den Oberstleutnant und für uns alle gebetet zu haben, sie in die zufriedenste Stimmung versetzte. Wie eine Mutter warf sie mir vor, daß ich die Oberförsterei seit undenklichen Zeiten nicht besucht habe, und nahm meine Entschuldigungen entgegen, und ein gewisser dankbarer Stolz leuchtete aus ihren Augen, als sie gewahrte, daß ich, gleich nach meinem Eintritt, einen kleinen grünen Zweig, den ich besonders zu diesem Zweck im Walde gebrochen und auf meine Mütze gesteckt hatte, zu Häupten ihres Lieblingsmuttergottesbildchens befestigte. Johanna hatte unterdessen die gelbgesiegelten Flaschen heraufgeholt, und eine glücklichere und heiterere Gesellschaft hat die Sonne wohl selten beschienen, als wir bildeten, nachdem wir uns um den wohlbesetzten Frühstückstisch gereiht hatten. Aber am Nachmittag, als die beiden alten Leute sich auf ein Stündchen zur Ruhe begeben hatten und Johanna ihren häuslichen Beschäftigungen nachgegangen war, nahm ich die Gelegenheit wahr, mir unbemerkt Kenntnis von dem Inhalte des gefährlichen Schreibens zu verschaffen. Es enthielt nur wenige Worte; diese waren indessen wohl dazu geeignet, meine leicht erregbare Phantasie zu berauschen und mich in einen hohen Grad von Spannung zu versetzen. »Dem Bruder Gustav Wandel«, lautete die Überschrift. »Ein feierliches, geheimnisvolles Rauschen durchzieht die von Giftpflanzen umwucherten deutschen Eichen; das alternde Mark der heiligen Bäume fühlt sich durchdrungen von neuen frischen Lebenssäften, fühlt sich wieder stark genug, den Kampf gegen den unvermeidlichen Orkan zu bestehen. Auf der ersten Höhe hinter der Ruine Rolandseck tagt die Freiheit in den Strahlen der untergehenden Sonne. Starke Arme und mutige Herzen huldigen ihr am Montage.« Nicht ohne Mühe entzifferte ich die seltsame Weisung. Ich las sie mehrere Male aufmerksam durch, bis ich enträtselte, daß man mich aufforderte, am folgenden Tage, also am Montage, gegen Abend mich auf der bezeichneten Höhe einzustellen. Ursprünglich beabsichtigte ich, schon am Montag morgen nach Bonn zurückzukehren. Infolge des Schreibens änderte ich indessen meinen Plan, und fester denn je war ich entschlossen, auf dem einmal eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, dem Geschick mutig und ohne zu zittern die Stirn zu bieten, um mich dereinst mit Stolz einen Befreier des Vaterlandes nennen zu dürfen. 8 Aus vergangenen Tagen Die liebe, freundliche Oberförsterei! Wie sie so romantisch zwischen den alten Bäumen hervorlugte. Von jeher war sie mir als eine liebliche Idylle erschienen, jetzt aber, seit ich Johanna dort wußte, erhielt sie in meinen Augen einen erhöhten Zauber. Ich fühlte dies so recht an jenem unvergeßlichen Sonntagabend, als wir uns in einer Laube hinter dem Wohnhause wieder zusammengefunden hatten und bei heiterem, harmlosem Geplauder die Zeit unmerklich verrann. Ich war weich, sogar wehmütig gestimmt, ohne zu wissen warum, und jetzt noch, nach langen Jahren, wenn ich jenes Abends gedenke, vermag ich mich kaum der Tränen zu erwehren. War es das Schicksal, das mich vor der Zukunft warnte, oder nahm meine glückliche, sorglose Jugendzeit Abschied von mir? Ich weiß es nicht; nur das ist mir klar, daß seit jener Zeit ein tieferer Ernst in meine Brust einzog, ein festerer und endlich ein unumstößlicher Wille mich in allen meinen Handlungen leitete, daß ich begann – vielleicht zu frühzeitig begann – mich als Mann, als Lenker meines eigenen Geschickes zu fühlen und infolgedessen, wie ich jetzt erkenne, meine Kraft und meine Einsicht weit zu überschätzen. – Die Nacht war weit vorgerückt; tiefe Stille ruhte auf der im Licht des abnehmenden Mondes bläulich schimmernden Landschaft. Die Lieder der lustwandelnden Dorfbewohner waren längst verstummt, und lauter tönten dafür die süßen Melodien der Nachtigallen aus dem nahen Walde zu uns herüber. Die ruhige, friedliche Stimmung der Natur hatte sich uns allen unbewußt mitgeteilt, weshalb auch wohl unsere Unterhaltung einsilbiger wurde. Mein Vormund nahm dies endlich für ein Zeichen von Müdigkeit, und nachdem er seiner guten Lisette und Johanna eine herzliche Gutenacht gewünscht, forderte er mich auf, ihn noch auf einem Spaziergange durch den angrenzenden Forst zu begleiten. »Ich habe mit dir über wichtige Dinge zu reden,« hatte er hinzugefügt. Im Ton seiner Stimme lag ein an ihm sonst nicht gewöhnlicher Ernst, und ein Gemisch von Trotz und Besorgnis beschlich mich, als ich der Möglichkeit gedachte, daß ihm vielleicht von irgendeiner Seite meine beabsichtigte Beteiligung an den demagogischen Umtrieben verraten worden sei. Meine Befürchtungen erwiesen sich jedoch als grundlos; denn nachdem wir eine kurze Strecke schweigend nebeneinander zurückgelegt hatten, begann er: »Wie gefällt dir meine Nichte Johanna? Aufrichtig, mein Junge.« »Ich dächte, es wäre gerade nicht schwer zu entdecken, daß Johanna mir besser als irgendein anderes Mädchen meiner Bekanntschaft gefällt,« antwortete ich möglichst ruhig. »Brav und offen gesprochen; aber nicht mehr, als ich von dir erwartet habe.« »Gewiß, Herr Oberstleutnant, ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich Ihre schöne und brave Nichte außerordentlich liebgewonnen habe. Aber wie geht es zu, daß ich plötzlich eine Nichte von Ihnen in Ihrem Hause finde, während ich früher glaubte, daß Sie ohne nähere Angehörige wären?« »Sapperment, das ist es ja gerade, worüber ich mit dir sprechen will. Erstens wünsche ich nämlich vorzubeugen, daß du vielleicht einmal unbedachtsamerweise dich mit Johanna in ein Gespräch über ihr Herkommen und ihre Eltern einlassest und Fragen stellst, die zu beantworten außer dem Bereich der Macht des armen Kindes liegt, dann aber auch will ich dich überhaupt mit ihrer Geschichte bekannt machen, eh' du dich in sie verliebt hast. Wäre dies geschehen, und du wolltest dich dann, infolge meiner inhaltschweren Mitteilungen, zurückziehen, so könnte das sehr, sehr traurige Folgen für Johanna haben. Ich bin zwar ein alter Soldat, ein Herz habe ich deswegen aber doch, und ich sage dir, Junge, es wäre ein härter Schlag für mich, würde das Kind meines Bruders, sie, die letzte unseres Stammes, durch dich unglücklich. Kennst du aber Johannas Lebensgeschichte, oder vielmehr die Geschichte ihrer Eltern, so darf ich von dir als einem Ehrenmanne erwarten, daß du, im Falle die kalte Vernunft dir riete, zurückzustehen, bei ihr keine Hoffnungen zu erwecken suchst, die zu verwirklichen deinen Begriffen von Würde, Ehre und Stolz widerspräche.« Seine Worte weckten einen tiefen Eindruck in meiner Seele, und aufs äußerste gespannt harrte ich dem entgegen, was er mir über Johannas Vergangenheit zu eröffnen im Begriffe stand. »Herr Oberstleutnant,« sagte ich daher, sobald er schwieg, und ich drückte seine Hand aus aufrichtigem, überströmendem Herzen, »Sie sprechen von Ihrer lieblichen Nichte als von einem Wesen, an dessen Name ein Makel hafte; ich vermeide es, Ihnen jetzt schon die Hoffnungen und Wünsche zu schildern, die Johannas Erscheinung bereits am Tage unserer ersten Bekanntschaft in mir wachgerufen hat. Johanna soll mein Stolz, mein ganzes Lebensglück sein, und je trüber die Umstände sind, die sich an ihr Dasein knüpfen, um so höher will ich sie achten. Ja, ich werde mich von Stufe zu Stufe emporschwingen, so hoch, ja, so hoch, daß sogar mein verehrter Herr Vormund meinen Namen mit Stolz nennt.« »Gratuliere zum Minister,« versetzte mein Vormund lachend; im nächsten Augenblick war er indessen wieder ernst. »Aber Scherz beiseite,« fuhr er gleich darauf fort, indem er meine Hand ergriff und sie heftig drückte; »du hast gesprochen, wie ich es von dir erwartete und wie es einem Ehrenmanne geziemt. So höre mir denn aufmerksam zu, präge alles deinem Gedächtnis wohl ein und nimm dir vollkommen Zeit, dich zu prüfen. Hat denn endlich derjenige, der mich mit meiner Lisette zusammenführte, ein Ähnliches über euch beschlossen, so will ich – na – du weißt ja schon.« Hier wurde der buschige Schnurrbart wieder etwas länger als gewöhnlich geschraubt und gedreht, und nachdem der alte Herr sich noch einmal recht ordentlich geräuspert, begann er: »Wir waren drei Brüder, nämlich der älteste, der bei Jena den Heldentod starb, dann ich, von dem nur noch ein paar dürre morsche Knochen übriggeblieben sind, und endlich mein Bruder Johann, der, bedeutend jünger als ich, ebenfalls in die Armee eintrat. »Von diesem letzteren nun, der Johannas Vater wurde, will ich dir erzählen. »Obgleich mein Bruder Johann im Freiheitskriege tapfer mitgefochten hatte, begünstigte das Glück ihn doch nicht sonderlich. Er war Leutnant und blieb Leutnant, was wohl am meisten dazu beitrug, daß er bereits im Jahre 1816 seinen Abschied nahm und sich mit seiner geringen Pension und den Zinsen eines gerade nicht sehr erheblichen väterlichen Erbteils begnügte. Alles dies ging ganz gut, und es würde heute noch gut gehen, wenn er nicht auf den unheilvollen Gedanken gekommen wäre, zu heiraten. »Heiraten ist sehr schön, aber die Sache muß auch Hand und Fuß haben und nicht, wie bei meinem Bruder, eine Art von Zusammenlaufen aus verliebter Laune sein. »Kurz nachdem er seinen Abschied genommen hatte, begab mein Bruder sich eines Tages nach Köln und besuchte des Abends in Gesellschaft von ehemaligen Kameraden das Theater. An jenem Abend trat gerade eine Tänzerin, eine Italienerin, zum erstenmal dort auf. Die Tänzerin sehen und sich in dieselbe verlieben, war für meinen Bruder eins. Er suchte Zutritt bei seiner Angebeteten zu erhalten; dieser wurde ihm auch gewährt, und da er ein auffallend schöner Mann war, konnte es nicht fehlen, daß er einen günstigen Eindruck machte. »Dem ersten Besuch folgte bald der zweite, dem zweiten der dritte, und noch keine vier Wochen waren verstrichen, da kündigte er mir an, daß er sich mit der Italienerin zu verheiraten gedenke. »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, dachte ich, und obwohl mir die ganze Geschichte nicht behagte, ging ich dennoch nach Frankfurt, um als guter Bruder der dort stattfindenden Vermählung beizuwohnen. Ich kann nicht leugnen, daß der Anblick des jungen Mädchens mich fast gänzlich mit ihrem Herkommen und ihrem Beruf aussöhnte. Ihr Äußeres war schön, ihr Wesen und Benehmen bescheiden und anspruchslos; mit einem Wort, die neue Schwägerin gefiel mir ausnehmend und ich verzieh meinem Bruder aus vollem Herzen, daß er sich zu dem dummen Streich hatte fortreißen lassen. »Die Hochzeit wurde in gehöriger Form gefeiert, betreffs der etwaigen Nachkommenschaft – mein Bruder war Protestant, seine Frau Katholikin – die Vereinbarung getroffen, daß alle Kinder in die Stammrolle des Vaters eingetragen, was soviel heißt, wie: in dessen Religion erzogen werden sollten, wie das auch ganz in der Ordnung wat, und vollständig beruhigt über die Zukunft der jungen Eheleute reiste ich hierher zurück. Und beruhigt konnte ich sein, denn außerdem, daß seine Frau ihm einige tausend Taler einbrachte, war es meinem Bruder auch gelungen, eine seinen Fähigkeiten entsprechende Anstellung in einem Büro zu finden, wodurch ihr Einkommen so weit erhöht wurde, daß sie ein behagliches Leben führen konnten. »Ein Jahr mochte ungefähr verstrichen sein, als ich die Nachricht von der Geburt einer Tochter erhielt. »Da mir selbst keine Kinder beschieden gewesen sind, so kannst du die Freude begreifen, die ich darüber empfand. Ich liebte das Kind schon damals, ohne es zu kennen, und jetzt, da es in meinem Hause lebt, ist es mir noch viel teurer geworden. »Mit der Geburt des Kindes schien indessen das Glück der beiden Eheleute ihr Ende erreicht zu haben; die Briefe meines Bruders wurden immer kälter und geschäftsmäßiger und verloren sehr bald die letzte Spur von jenem Humor, der sie vordem stets ausgezeichnet hatte. »Die Sache war folgende: Die Natur der Italienerin hatte wohl eine Zeitlang verleugnet, jedoch nicht ganz umgewandelt werden können, und meinen Bruder mußte es selbstverständlich niederdrücken, zu gewahren, daß seine Gattin, nachdem sie Mutter geworden war, nicht nur wenig haushälterisch mit ihrem Einkommen verfuhr, sondern sich auch, gegen seinen ausdrücklichen Wunsch und Willen, einen Umgang wählte, den er von seinem Standpunkte aus nie gutheißen konnte. »Unter denjenigen, die in Abwesenheit meines Bruders sein Haus am häufigsten besuchten, befand sich auch ein katholischer. Priester, der, ebenfalls ein Italiener, sogar in Gegenwart meines Bruder sich nicht scheute, im Verkehr mit der jungen Frau sich der italienischen Sprache zu bedienen, von der jener kein Wort verstand. Auch erschien es ihm oft, als wenn das Verhältnis zwischen dem Kaplan und seinem Beichtkinde fast ein zu zärtliches sei, aber seiner kleinen Tochter zuliebe ertrug er manches, was ihn früher in die grenzenloseste Wut versetzt haben würde. »Doch alles hat sein Ende. »Der erste ärgerliche Auftritt erfolgte, als die junge Frau den dringenden Wunsch aussprach, ihre Tochter in der katholischen Religion erziehen und mehr noch, sie sogleich nach katholischem Ritus taufen zu lassen. »Als mein Bruder auf ihren bindenden Vertrag hinwies, überhäufte sie ihn mit Vorwürfen und Klagen, daß man sich damals ihre Unerfahrenheit zunutze gemacht und sie auf eine schändliche Weise hintergangen habe. Ein Wort gab das andere, Tränen wechselten mit Ohnmachten ab, und das Ende vom Liede war, daß mein Bruder, der in dem ganzen rechtswidrigen Begehren das Werk des fremden Priesters erkannte, diesem mit dürren Worten das Haus verbot. »Anscheinend wurde das Verbot mit Gleichgültigkeit hingenommen. Der Priester ließ sich zwar nicht mehr im Hause blicken, doch vermochte mein Bruder nicht zu verhindern, daß seine Frau den hinterlistigen Betrüger außer dem Hause sah, er selbst aber von dem treulosen Weibe mit kälter Verachtung gestraft wurde, was seinen sonst so frischen Lebensmut völlig untergrub. »Wiederum verstrichen einige Monate, in denen der Bruch unheilbar zu werden schien. »Als mein Bruder eines Abends, Johanna mochte damals vielleicht ein Jahr alt sein, zur späten Stunde nach Hause kam und Licht anzündete, war das erste, was ihm in die Augen fiel, ein an ihn gerichtetes Schreiben seiner Gattin. Nichts Gutes ahnend erbrach er dieses; es enthielt nur wenige Worte, in denen seine Frau ihm erklärte, daß sie, da sie nicht glücklich mit ihm leben könne, ihr Kind aber in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen beabsichtige, es vorziehe, sich von ihm zu trennen und ihm mit Freuden seine volle Freiheit zurückgebe. Schließlich riet sie ihm noch, nicht nach ihr zu forschen, da alle seine Mühe sich als vergeblich ausweisen würde. »Wäre sie allein, ohne das Kind gegangen, dann würde er sich möglicherweise getröstet haben, so aber war ihre Flucht ein Schlag für ihn, der ihn bis ins innerste Lebensmark traf. Zu dem unsäglichen Schmerz über den Verlust des Kindes gesellte sich aber auch noch die grimmigste Wut über das verbrecherische Treiben der Flüchtlinge, und obwohl mit zermalmtem Herzen, versäumte er doch nichts, was dazu dienen konnte, ihn auf deren Spur zu leiten. Wie ihm geglückt war, so schnell die Richtung ihrer Flucht auszukundschaften, weiß ich nicht, wohl aber, daß er bereits am folgenden Morgen, als eben der Tag zu grauen begann, mit Extrapost und Kurierpferden über die Mainbrücke jagte.« So sprechend schob der Oberstleutnant, als ob die Erinnerung an die Schmach seines Bruders ihn übermannt habe, die Augenklappe zähneknirschend einigemal hin und her, und nachdem er, wie um sich zu beruhigen, mit seinem Krückstock einen Doppelhieb nach den am Wege wuchernden Gräsern geführt, nahm er den Faden seiner Erzählung wieder auf: »Er holte die Flüchtlinge ein, Sapperment! Er holte sie ein, in einer Stadt Rheinbayerns, als sie eben in einem Gasthof zweiter Klasse Quartier gemacht hatten. Seine Gattin und den Priester traf er in traulichem Gespräch beieinander; sie befürchteten nicht mehr, verfolgt zu werden. Seine Tochter dagegen lag bereits in einem gesunden Schlaf. Wie ein rächender Gott trat er vor das verbrecherische Paar hin. Er sprach kein Wort, aber den Pfaffen peitschte er unbarmherzig auf die Straße hinaus, und dann erst nahm er das Kind in seine Arme, um es zu herzen und zu küssen. Eine Stunde später fuhr er mit Weib und Kind und sogar mit dem Gelde, das die treulose Frau mitzunehmen nicht vergessen hatte, Frankfurt wieder zu. Das Kind hielt er selbst auf den Knien, mit seiner Frau dagegen sprach er keine Silbe. So kam er in seiner Wohnung an. Aber selbst da gelang 6s seiner Frau nicht, ihm auch nur ein Wort des Vorwurfs zu entlocken oder das Kind zur alleinigen Pflege und Bewachung überantwortet zu erhalten. Wie sein Herz schien auch sein Antlitz sich versteinert zu haben; er sprach nur das Allernotwendigste zu den Dienstboten, weinte bittere Tränen über der kleinen Johanna, weiter aber gingen die Äußerungen seines Kummers nicht. Das Haus verließ er nicht mehr; er hatte nämlich seine Stelle bereits am ersten Tage nach seiner Rückkehr aufgegeben, dagegen schrieb er sehr viel, und zuweilen sah man auch wohl eine Gerichtsperson sich zu ihm begeben, die bei verschlossenen Türen längere Zeit mit ihm beriet. Die schuldbelastete Frau sollte denn auch nicht lange über ihr Los im Dunkeln bleiben, denn schon am achten Tage wurde trotz ihres Händeringens, trotz ihres Flehens um Erbarmen, das Kind von ihr genommen und einer protestantischen Familie zur Erziehung übergeben. Sie selbst erhielt nur die Erlaubnis, ihre Tochter einmal wöchentlich in Gegenwart von Zeugen sehen zu dürfen. Gleichzeitig war mir die gerichtliche und von einem dringenden Schreiben meines Bruders begleitete Aufforderung zugegangen, die Vormundschaft über das Kind zu übernehmen und nach besten Kräften über dessen Zukunft zu wachen. Dieses Ansinnen wies ich natürlich nicht zurück, doch konnte ich nicht umhin, noch besonders an meinen Bruder zu schreiben und ihn zu ermahnen, sich aufzurichten und sich nicht allzusehr von den widerwärtigen Verhältnissen niederdrücken zu lassen. Mein Brief erreichte ihn nicht mehr, dagegen ging mir einige Tage später eine Abschrift seines Testamentes zu und ein Brief, in dem der arme Kerl auf ewig von mir Abschied nahm, mich beschwor, sein Kind zu lieben, dafür zu sorgen, daß es nicht verkomme, und das kleine von ihm hinterlassene Vermögen zu dessen Besten zu verwalten. Von den bösesten Ahnungen gefoltert, reiste ich augenblicklich nach Frankfurt ab; allein ich kam zu spät. Seine Gattin, die sein ganzes Unglück verschuldet hatte, traf ich in Verzweiflung, er selbst aber war, unter Hinterlassung seiner sämtlichen Sachen und seines für Johanna sicher untergebrachten Geldes, spurlos verschwunden. Es unterlag keinem Zweifel, der arme Kerl, durch den Verrat seiner Gattin zum Äußersten getrieben, hatte sich das Leben genommen,« fuhr der Oberstleutnant fort, nachdem er, um seine Bewegung zu bekämpfen, ein kurzes, aber scharf klingendes Kavalleriesignal in den Wald gepfiffen. »Hätte der Umstand, daß man nie eine Spur von ihm entdeckte,« fuhr er dann fort, »noch irgendwelche Zweifel gestattet, durch den Brief, den er an Johannas Mutter richtete, wären sie beseitigt worden. In diesem sprach er die Hoffnung aus, sie dereinst im Jenseits wiederzufinden. Er beschwor sie, wenigstens sein Andenken, wenn auch nur Johannas wegen, zu ehren und das Unrecht, das sie ihm angetan, dadurch zu sühnen, daß sie nie den Versuch mache, sein und ihr Kind der Religion zu entfremden, in der es getauft worden war. Daß sie sich an ihm versündigt, vergab er ihr; er vergab ihr in der festen Hoffnung, daß sie in der von ihm angedeuteten Weise handeln werde. Du hast frei sein wollen und du bist es, schloß er seinen Brief, aber ich habe dir die gewünschte Freiheit in einer Weise zurückgegeben, daß nicht dich, sondern mich allein der Vorwurf trifft. Tue du nun das Deinige, erfülle die letzte Bitte, die ich in diesem Leben an dich richte, und erhalte unser Kind, meine einzige Johanna, über die Gott seinen reichsten Segen ausschütten möge, in Ungewißheit über das Ende ihres Vaters.« »Das waren die Worte, die er an seine Gattin richtete; ich habe sie nicht vergessen, und in meiner letzten Stunde werden sie mir noch in den Ohren klingen, in meiner letzten Stunde, wenn ich um Gnade und Erbarmen für meinen armen unglücklichen Bruder zu Gott flehe.« So sprechend ließ der Oberstleutnant das Haupt auf die Brust, sinken und längere Zeit schritten wir schweigend nebeneinander hin. »Es wird Zeit, daß wir umkehren,« sagte er endlich, wie aus einem Traume emporschreckend; »was mir noch zu berichten bleibt, ist nicht mehr viel; ich werde damit zu Ende kommen, lange bevor wir die Oberförsterei erreichen.« Nachdem wir eine kurze Strecke des Heimweges zurückgelegt hatten, richtete er sich wieder kräftig empor, seine Hand fuhr zuerst nach seinem blinden Auge, dann einigemal nach beiden Seiten ordnend über den Schnurrbart hin, und dann begann er: »Was ich nie für möglich gehalten hätte, geschah. Das durch ihre Schuld herbeigeführte frühzeitige Ende meines Bruders, mehr aber noch seine Worte der Vergebung hatten Johannas Mutter tief erschüttert und sie vollständig umgewandelt. Niemand hat sie seit jener Zeit wieder lächeln gesehen. Sie trotzte den Gerüchten, die über sie im Umlauf waren, und beachtete nicht, daß man sie mied. Zu den festgesetzten Stunden, die später durch meine Vermittlung sich häufiger wiederholten, besuchte sie Johanna, sonst aber lebte sie zurückgezogen in einem kleinen Hause, in dem sie nur in den schwereren Arbeiten von einer Aufwärterin unterstützt wurde. Bei einer solchen Lebensweise und gefoltert von endlosen Gewissensbissen, konnte es nicht fehlen, daß der Keim zu einer tödlichen Krankheit, der wohl schon immer in ihrer Brust gelegen haben mag, allmählich mehr hervortrat und sie endlich ganz an ihr Lager fesselte. Es war im vierten Jahre nach dem Tode meines Bruders, als sie Johanna zum letztenmal besuchte, danach durfte diese ganze Tage bei ihr zubringen. Obwohl sie hätte verlangen können, ihre Tochter beständig bei sich zu haben, machte sie doch keinen Versuch dazu; sie befürchtete, dadurch den Wünschen ihres verstorbenen Gatten zuwider zu handeln. Ob der Verkehr mit ihrer Mutter für Johanna von großem Segen gewesen ist, will ich dahingestellt sein lassen. Doch ist wohl anzunehmen, daß das regelmäßige Erscheinen der bleichen, schwarzgekleideten Frau und die unzähligen Tränen, die sie über ihre Tochter weinte, nicht vorübergegangen sind, ohne schwer zu verwischende Spuren bei dem noch im zartesten Jugendalter stehenden, damals sehr schwächlichen Mädchen zurückzulassen. Mir scheint es wenigstens so, als wenn die Erregbarkeit ihres Gemütes ursprünglich nicht in ihrem Charakter gelegen habe und nur durch die eben erwähnten äußeren Einflüsse erzeugt worden sei. Im fünften Jahre nach ihrer Vereinsamung starb die Unglückliche endlich, nachdem sie ihr Kind noch einmal gesegnet, noch einmal den letzten Willen ihres Gatten, betreffs Johannas, rechtsgültig bekräftigt hatte. Sie starb als eine reuige Sünderin, und mag Gott ihr vergeben, wie ich ihr von ganzem Herzen, schon um ihrer ausgestandenen Leiden willen, vergeben habe. – Johannas wegen wünschte ich die Vergangenheit ihrer Eltern vergessen zu machen und nahm sie deswegen nach dem Tode ihrer Mutter von Frankfurt fort, um sie in ein Landstädtchen zu braven Leuten in Pension zu bringen. Dort nun ist sie bis vor sieben Wochen geblieben und hat den Hoffnungen und Erwartungen, die ich hegte, vollkommen entsprochen. Mit Stolz betrachte ich das liebe freundliche Kind jetzt und sage mir mit Genugtuung, daß auch ich mit zu denjenigen gehöre, die einen guten Einfluß auf ihr Geschick ausübten. So, mein Sohn, jetzt weißt du alles; du bist nachgerade ein Mann und wirst Benehmen und Worte nach den Umständen bemessen können, vor allem aber wirst du einsehen, daß ich wohl Ursache hatte, dich mit Johannas Lebensgeschichte bekannt und vertraut zu machen.« »Und halten Sie es für möglich,« fragteich, sobald der Oberstleutnant schwieg, »daß dasjenige, was Sie mir eben mitteilten, mich in meinen Gefühlen, doch ich will kälter sprechen, in meinen Ansichen über Johanna in einer andern Weise bestimmen könnte, als daß ich mit noch innigerer Teilnahme auf sie hinblicke, noch sehnlicher wünsche, mit zu ihrem Lebensglück beitragen zu dürfen?« »Nein, mein Sohn, ich halte es nicht für möglich,« antwortete mein Vormund, mir die Hand drückend, »doch wie ich schon andeutete, laß dich nicht zu früh zum Bauen von studentenhaften Luftschlössern hinreißen. Erwäge alles wohl, und wenn einst die Zeit kommt, in der du unter den Töchtern des Landes wählen darfst, und ihr tretet dann vor mich hin mit der Erklärung, daß ihr einig seid, so will ich euch meinen Segen nicht vorenthalten und mit wahrer Herzenslust euch beide meine Kinder nennen.« Schweigend verfolgten wir danach längere Zeit unsern Weg. Die Frösche sangen im Chor ihr eintöniges Lied, und dazwischen fielen, wie kostbare Perlen, die einzelnen tiefen Noten einer Nachtigall. Nirgends ein Mißton, überall tiefer Friede; nur mein Herz klopfte stürmisch und wildbewegt im Vollgefühl meiner jugendlichen unbesiegbaren Kraft. »Alles, alles für Johanna, nichts für mich,« jubelte es dabei in meiner Brust, »alles für Johanna, für den holden Stern meines Lebens!« 9 Der Schwur Wie während eines Gewitters der Kampf der Elemente in dem einen banges Zagen weckt, während der andere zu enthusiastischer Bewunderung fortgerissen wird, so erging es auch mir, als ich, nachdem ich mich bei Königswinter über den Rhein hatte setzen lassen, dem mir auf so geheimnisvolle Weise bezeichneten Versammlungsort zuwanderte. Ein leichtes duftiges Gewölk, das den größten Teil des Tages hindurch den südlichen Horizont bedeckte, hatte sich endlich zu schweren, wetterleuchtenden Massen verdichtet. Als dann ein dem Ungewitter voraufeilender Sturmwind durch das Rheintal sauste, hier die eilenden Fluten des Stromes in unzählige kleine Wellen aufrührte, dort den Staub in dichten gelben Säulen emporwirbelte und sich sogar an den Halmen eines schwerbeladenen und im Trabe der Tenne zugeführten Heuwagens vergriff, wie da die Vögel des Waldes ängstlich ihren verborgenen Schlupfwinkeln zuflogen, die Krähen besorgt krächzten, die Rinder verstört brüllten und ihren Ställen und Schuppen zueilten; und wie die Bauernburschen so lustig lachten, wenn ein unverschämter Windstoß hier ein weißes Kopftuch, dort eine lose um die Schultern geschlungene Schürze entführte und die züchtig anschließenden Röckchen neckisch aufbauschte! Und als dann endlich der erste Wetterschlag das Echo ringsum in den Bergen wachrief und gleich darauf schwere Regentropfen klatschend auf die Erde schlugen, wie da alles seine Eile verdoppelte und die auf der Zunge schwebenden Scherzreden schnell verstummten! Ich aber schloß nur meine Faust fester um den glatten Knopf meines Ziegenhainers und bog wohlgemut in den nach der Höhe hinaufführenden Pfad ein. Aber erst wenige hundert Schritte hatte ich an dem Abhange hinauf zurückgelegt, da brach der Regen mit einer wolkenbruchartigen Heftigkeit los, so daß nach kurzer Frist durch das auf dem Pfade niederströmende Wasser meine Schritte gehemmt wurden und ich mich auf dem schlüpfrig gewordenen Boden kaum noch vorwärts zu bewegen vermochte. »Ein Römer würde diesen Regen als eine von den Göttern ausgehende Warnung betrachten und umkehren, anstatt sich tiefer in ein gefährliches Unternehmen einzulassen,« dachte ich, indem ich nach einem Schutz umherspähte. »Weil ich aber kein Römer bin,« fuhr ich fort zu philosophieren, »will ich das böse Omen nicht weiter berücksichtigen und nur solange irgendwo untertreten, bis der Regen vorüber ist.« Da fielen meine Blicke auf einen alten verlassenen Basaltsteinbruch, dessen Grenze bis auf wenige Schritte an die Straße heranreichte. In zwei Sprüngen befand ich mich dort im Trocknen, und das Wasser von mir abschüttelnd, setzte ich mich auf einen Felsblock so hin, daß ich die volle Aussicht auf den Rhein und das dahinter sich erhebende, dicht verschleierte Siebengebirge genoß. Meine nähere Umgebung hatte ich in der Hast nicht beachtet, war daher aufs äußerste überrascht, plötzlich ganz in der Nähe den Ton einer menschlichen Stimme zu vernehmen; ohne daß ich des Menschen selber ansichtig geworden wäre. Die Rückwand des Steinbruchs zog sich nämlich in einem weiten Bogen herum, aber keineswegs in einer ununterbrochenen Fläche, sondern, je nachdem das Gestein schichtweise nachgiebiger befunden worden war, hatten die Arbeiter, Nischen bildend, sich mehr oder minder tief in den harten Basaltfelsen hineingearbeitet. Ohne mich umzuschauen war ich also in die erste beste Nische hineingetreten und hätte erst um den mich von ihr trennenden Pfeiler herumblicken müssen, um jemand zu sehen. Beim ersten Ton, den ich vernahm, hatte ich jedoch die Stimme erkannt und lauschte nun den Worten der unsichtbaren Wanderin. »Die Blitze sprüh'n, der Donner kracht, Vom Himmel strömt der Regen, Ich halte auf dem Berge Wacht, Umtobt von Wetterschlägen«, sang sie die selbstgedichteten Verse nach einer wilden, offenbar selbstkomponierten Melodie. Es war die unglückliche Brüsselbach! Zu jeder andern Zeit würde ich sogleich vor sie hingetreten sein, um mit dem armen Geschöpf das Gewitter und den Regensturm zu verplaudern; an jenem Tage dagegen war mir um ihre wilden Poesien zu tun, die ich als ebenso viele Orakelsprüche betrachten und deuten konnte. Diese Sprüche erhielten aber in meinen Augen dadurch einen erhöhten Wert, da ich annahm, daß sie mich gesehen habe. Nach einigen Minuten, und nachdem ein furchtbarer Wetterschlag die Felsen ringsum erbeben gemacht hatte, sang Fräulein Brüsselbach mit verändertem Rhythmus und noch trüberem Ausdruck weiter. »Was wollt Ihr auf dem Berge, Ihr frisches, junges Blut? Wollt Ihr zum Himmel steigen, Wo Blitz und Donner ruht?« Ich war betroffen; wußte sie um meinen Plan und die an mich ergangene Aufforderung, oder war es nur Zufall, daß der Sinn ihrer Worte auf meine heimlich eingegangenen Verpflichtungen anspielte? So fragte ich mich mit wachsender Spannung. Nach einer längeren Pause, die die Irrsinnige offenbar zur Bildung eines neuen Verses verwendet hatte, hob sie wieder an: »Was wir lieben, geht verloren, Tritt oft an des Grabes Rand, Gerade dann, wenn wir es glaubten Sicher schon in unserer Hand.« »Welch schauerliche Phantasien,« sprach ich in Gedanken, und mein Herz bebte, indem ich mir Johanna, namentlich aber die brennende, flüchtige Röte auf ihren Wangen vergegenwärtigte. »Auf Sonnenschein folgt Regen, Auf Regen Sonnenschein, Dort oben auf dem Berge Blüht dir verbot'ner Wein,« hieß es jetzt weiter. Die wiederholte Warnung vor dem Berge mußte mich befremden. Ich war nicht mehr imstande, Fräulein Brüsselbachs Poesien für das zu halten, was sie eigentlich waren; Ergüsse eines kranken Gemütes. »Die Tochter ihres Vaters, Sie ahnte, wer es war, Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar!« sprach sie darauf mit lautem Pathos und weniger feierlichem Ausdruck, als ob der Streifen Sonnenlicht, der dem davoneilenden schwarzen Gewölk folgte, sie heiterer gestimmt habe. »Exzellenz,« fügte sie dann in ihrer gewöhnlichen zutraulichen Weise hinzu, »Exzellenz hätten etwas früher kommen müssen, Ihro Gnaden Samtröckchen würde alsdann keinen Schaden gelitten haben.« »Fräulein Brüsselbach, ich begrüße Sie und mache Ihnen mein Kompliment über die gefällige Art, in der Sie den Pegasus zu tummeln verstehen,« rief ich mit erkünstelter Heiterkeit aus, indem ich um die Felsenecke herumsprang und zu ihr in die Nische trat. Bei meinem Eintreten in die Nische erhob Fräulein Brüsselbach sich mit überaus komisch verschämtem Wesen von dem Felsblock, auf dem sie so lange gesessen hatte; ihre Hände fuhren ordnend über ihr grünes Barett und zupften das gestickte Unterkleid in malerische Falten, worauf sie eine kunstgerechte tiefe Verbeugung ausführte. »Den Herrn Grafen habe ich die Ehre willkommen zu heißen,« sagte sie mit einem gutmütigen Lächeln auf den breiten ausdrucklosen Zügen. »Behalten Sie Platz, Fräulein Brüsselbach,« entgegnete ich, mich ebenso förmlich verbeugend, »es freut mich, Sie einmal wiederzusehen, hat es doch fast den Anschein, als ob wir uns hier ein Rendezvous gegeben hätten.« »Und das bezweifeln der Herr Graf noch?« fragte die Irrsinnige in vorwursvollem Tone, indem sie sich etwas höher aufrichtete und ihre graublauen Augen voll auf mich heftete. »Eure Exzellenz belieben nur mit Ihrer untertänigen Dienerin zu scherzen, indem Euer Gnaden unser wohlverabredetes Zusammentreffen dem Zufall zuschreiben. Nichts in der Welt ist Zufall, alles ist Bestimmung, und schon seit zwei Stunden harre ich auf den Herrn Grafen.« »Was? auf mich gewartet haben Sie?« rief ich aus, »wie wollen Sie das erklären? Hegte ich selbst doch erst seit gestern die Absicht hierherzukommen.« »Erklären, Herr Graf?« fragte Fräulem Brüsselbach, »erklären Eure Exzellenz mir vorher, warum es eben noch über uns donnerte und blitzte, während jetzt der Himmel sich wieder öffnet und die Sonnenstrahlen nach allen Richtungen hin den Regen aufzutrinken sich bemühen, und ich will dem Herrn Grafen erklären, warum ich hier bin. Ich folge meinem Sterne, Getrost und ohne Scheu, darum bin ich hier und darum habe ich Ihro Gnaden bereits seit zwei Stunden erwartet.« »Und so hätten Sie denn wirklich um mein Kommen gewußt?« fragte ich mit verstellter Bewunderung, »wohlan, ich will es glauben; dann müssen Sie mir aber auch sagen können, wohin ich gehe.« »Der Herr Graf gehen hin, wohin die anderen gestreiften Käppchen gingen, immer hinauf, immer den Berg hinan; aber hüten sich der Herr Graf, auf dem Berge wächst verbotener Wein.« »Ah, das läßt sich hören, ich gehe allerdings dahin, wo ich Kameraden zu finden hoffe; aber noch eins, Fräulein Brüsselbach, hatten Sie einen Zweck, als Sie mich erwarteten?« »Einen Zweck?« fragte die Irrsinnige zurück, mich erstaunt von oben bis unten betrachtend, »ich hatte einen Zweck, einen sehr triftigen Zweck, warum ich hier einkehrte:- ich wollte nicht naß werden, wie der Herr Graf, der Zeug genug zum Wechseln besitzt; und als ich Ihro Gnaden dann bemerkte, wie Sie den Berg heraufkamen, da durfte ich doch wohl darauf rechnen, daß Sie nicht ohne einzukehren hier vorbeigehen würden.« »Also dennoch alles Zufall,« murmelte ich verdrossen vor mich hin, und da der heftige Regenguß sich allmählich in einen schillernden Sonnenregen verwandelt hatte und, nach den Äußerungen der Irrsinnigen zu schließen, die mir noch unbekannten Verschworenen bereits oben eingetroffen waren, so bereitete ich mich zum Aufbruch vor. »Wollen der Herr Graf nicht das Ende des Regens abwarten?« fragte Fräulein Brüsselbach, sobald sie mein Vorhaben bemerkte. »Ich muß fort, mein liebes Fräulein,« entgegnete ich, »die paar Tropfen kümmern mich nicht mehr. Das Wasser in den Wegen hat sich verlaufen, und so wünsche ich Ihnen eine glückliche Reise, wohin Sie auch immer Ihre Schritte lenken mögen.« So sprechend, steckte ich ihr ein kleines Geldstück zu, worauf ich mich umwendete, um zu gehen. »Ich danke, Herr Graf!« rief Fräulein Brüsselbach mir nach, »reisen auch Sie glücklich und hüten Eure Exzellenz sich vor dem Schwarzen.« »Was meinen Sie mit dem Schwarzen?« fragte ich hastig, noch einmal zurückschauend. »Schwarze Haare, schwarze Augen, schwarze Kleidung und schwarze Seele.« Unwillkürlich gedachte ich Bernhards, auf den diese Beschreibung hätte passen können, doch vermied ich weiter zu forschen aus Furcht, daß dadurch neue Zweifel in meiner Brust wachgerufen werden würden. Dagegen faßte ich den Vorsatz, Bernhard bei der nächsten Gelegenheit zu fragen, ob er jemals mit der Irrsinnigen zusammen getroffen sei. »Ich werde vor dem Schwarzen auf meiner Hut sein!« rief ich lachend zurück, worauf ich hastig aus dem Steinbruch kletterte und auf dem rein gewaschenen Pfade meinen Weg aufwärts verfolgte. Die Atmosphäre hatte sich gereinigt; ein erfrischender Luftzug wehte zwischen den Bergen hindurch; Bäume, Sträucher und Pflanzen prangten in ihrem schönsten, saftigsten Grün, und hoch oben im sonnigen Äther jubelten die dankbaren Lerchen so innig, so zum Herzen dringend, daß man in ihre heiteren Melodien hätte mit einstimmen mögen. Oh, es war eine entzückende Wanderung den Berg hinauf! Wollüstig atmete ich die mit süßen Wohlgerüchen erfüllte Luft ein, und wie berauscht von so viel Schönheit ließ ich meine Blicke weit, weit in die Ferne schweifen. In mächtigen Windungen verfolgte der majestätische Strom seine tausendjährige Bahn gen Norden, gerade da am Horizont verschwindend, wo seitwärts von den Gewitterwolken, mit einem duftigen Schleier verhangen, aber dennoch deutlich erkennbar die Türme und Zinnen des altehrwürdigen Köln emportauchten. Bewaldete Hügelreihen, hier gekrönt mit den malerischen Überresten zerfallender Burgen, wechselten anmutig mit grünen Saatfeldern und Weingärten ab. Strohgedeckte Dörfer erzählten von der Betriebsamkeit der Menschen, stattliche Villen von deren Reichtum; weiß übertünchte Häuser erinnerten an die Neuzeit, graue unregelmäßig angelegte Baulichkeiten an das Ehemals; und während der morsche Mauerbogen von Rolandseck und der zerbröckelnde Turm der Ruine Drachenfels von der Vergänglichkeit alles Irdischen zeugten, boten die stattlichen Bauwerke der Natur, das Siebengebirge mit seinen pittoresken Außenlinien und der alte Vater Rhein, noch immer dasselbe unveränderliche Bild, wie einst vor Jahrtausenden. Nach ziemlich mühevoller Wanderung auf dem noch schlüpfrigen Pfade erreichte ich endlich den Gipfel des Berges. Die Sonne neigte sich stark den westlichen Höhen zu, als ich oben eintraf und vergeblich nach denjenigen spähte, die mich dorthin gefordert hatten. Ich dachte schon daran, meine Anwesenheit durch einen lauten Ruf zu verkünden, als meine Blicke auf einen Stab fielen, der auf der Mitte des kleinen, den Berggipfel bildenden Plateaus in die Erde gesteckt worden war und auf dem oberen Ende einen Streifen Papier, wie ein Fähnchen, lustig in dem leisen Abendwinde flattern ließ. »Das Papier muß unstreitig erst nach dem Regenguß dort befestigt worden sein,« dachte ich, es von dem Stäbchen lösend. Ein Blick belehrte mich, daß ich mich nicht getäuscht hatte, denn ich enträtselte sogleich meinen in Chiffren geschriebenen Namen, dem noch mehrere Reihen mit Bleifeder geschriebener Zahlen beigefügt waren. »Sei uns willkommen als Bruder und Mitkämpfer. Die Vorsicht gebietet uns, nicht eher von Angesicht zu Angesicht bekannt mit dir zu werden, als bis du durch einen heiligen Eid bekräftigt hast, daß du fest entschlossen bist, unserm Bunde beizutreten, und deinen Entschluß nicht bereust. Noch ist es Zeit zur Umkehr; wir wandeln auf gefährlichen Wegen; prüfe dich daher, und fühlst du den leisesten Zweifel, so laß diesen Zweifel maßgebend für dein ferneres Verhalten sein. Kehre um; vergiß, was du erfahren hast, bringe dieses Schreiben an dieselbe Stelle, von der du es fortnahmst, und trachte nicht danach, einen von uns kennenzulernen; es würde vergebliche Mühe sein. Bist du indessen bereit, dein Leben auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen, dann zerbrich, als Beweis, daß du mit allen andern, dich in deinem Tun und Lassen möglichenfalls beeinflussenden Rücksichten gebrochen hast, den Stab vor deinem Knie und hebe, Gott zum Zeugen deines Willens und deines Versprechens anrufend, deine Hand empor.« So lautete das Schreiben. Ich ahnte, daß von allen Seiten prüfende Augen auf mich gerichtet seien, und schämte mich, die in meiner Seele wühlenden Zweifel vor diesen zu verraten. Bei dem Satz, daß ich mit allen andern Rücksichten zu brechen habe, gedachte ich meines greisen, wohlwollenden Vormundes, und ich zögerte mit meiner Entscheidung; sobald ich mir aber Johannas holdes Bild vergegenwärtigte, mir ins Gedächtnis zurückrief die traurige Geschichte, die sich an ihre Kindheit knüpfte, und daß sie wohl verdiene, nicht nur der geliebte Mittelpunkt einer glücklichen Häuslichkeit, sondern auch ein hochgeachteter und verehrter, leuchtender Stern im geselligen Verkehr zu werden, da fühlte ich alle Bedenken plötzlich von mir weichen. Um den unbekannten Beobachtern darzulegen, daß für den Mutigen nichts zu gefährlich sei, zerriß ich das Papier schnell in kleine Stücke, und legte meine Hand mit festem Griff an den Stab. Ein kurzes Rütteln und er befand sich in meinem Besitz, mit ebenso entschiedenen Bewegungen zerbrach ich ihn darauf in der mir vorgeschriebenen Weise, und meine Hand feierlich emporhebend rief ich aus: »Ich schwöre!« Alsbald begann es sich hinter den Stechpalmengruppen und den durch Brombeerranken fast undurchdringlich gemachten Wachholderbüschen zu regen. Farbige Mützen tauchten ringsum empor und treue Hände streckten sich mir von allen Seiten zum brüderlichen Gruß entgegen. Das Erscheinen von fünfzehn oder sechzehn Studenten hatte ich erwartet, es überraschte mich daher nicht. Aber einen Ausruf des Erstaunens vermochte ich nicht zu unterdrücken, als ich in die vertrauten Gesichter von Kommilitonen schaute, mit denen ich so manches liebe Mal beim heitern Zechgelage vereinigt gewesen, so manches liebe Mal bei der ernsten Melodie des »Landesvater« die spitze Rapierklinge, zum Zeichen ewiger Treue, durch die hochgehaltene Korpsmütze gestoßen hatte. »Also auch du!?« rief ich erstaunt aus, als meine Blicke zuerst einen alten Schulfreund trafen, »und auch du?« fuhr ich fort, einem flotten Burschen, dem ich einst im ernsten Duell gegenübergestanden hatte, die Hand drückend, »und du und du?« rief ich jedesmal, sobald ich in ein anderes befreundetes Antlitz sah. »Und vor allen Dingen du selber,« hieß es von allen Seiten zurück, »du, unser Bruder auf Leben und Tod, du, unser treuer Gefährte bei dem ernsten Werke, das wir vorbereiten.« Wäre ich über die von mir einzuschlagende Handlungsweise noch von Zweifeln befangen gewesen, in diesem Augenblick hätten sie gewiß ihr Ende erreicht. Denn ich sah mich nur von Freunden und Studiengenossen umgeben, die ich, ihrer ehrenhaften Führung wegen, stets mit Achtung zu betrachten gewohnt war, und die, hochgestellten wie auch bescheidenen Familien entsprossen, den Unterschied in ihrem Herkommen bis auf die letzte Spur vergessen hatten. Da zeigte sich nichts von finsterem Fanatismus oder überspannter Schwärmerei, dagegen sprach deutlich aus den enthusiastisch leuchtenden Augen die heilige Überzeugung, daß man sich ein edles, ein erhabenes Ziel gesteckt habe und mit Freuden bereit sei, zu seiner Erreichung alles, selbst Leben und Freiheit in die Wagschale zu werfen. Ich blickte im Kreise umher, überall gewahrte ich denselben Ausdruck, an dem sich mein Herz erwärmte und meine leicht erregbare Phantasie sich entzündete. Da rief ich, von wildem Entzücken ergriffen, noch einmal laut aus, indem ich die Mütze von meinem Haupte zog: »Treue bis zum Tode! Treue über das Grab hinaus, und mag Gottes Segen auf unserm Beginnen ruhen!« »Mag Gottes Segen auf unserm Beginnen ruhen!« antwortete im Chor die Schar der Brüder; die Häupter entblößten sich, wie zum Gebet, und die Augen erhoben sich andächtig zum Himmel, an dem eine Herde rosigglühender Wölkchen einherzog. Die Sonne, bereits ihres blendenden Strahlenkranzes beraubt, beleuchtete magisch die mittelalterlich geschmückten Gipfel der Berge, und tief unten, in der Mitte des Rheines auf der grünen Insel, da rief nach alter gewohnter Weise vom Turm der Klosterkapelle das Vesperglöcklein zum gemeinsamen Ave-Maria. Wie aus den Wogen des Rheines selbst tönten die feierlichen Klänge zu uns herauf; mochten sie auch in den leeren, längst für andere Zwecke eingerichteten, gespenstischen Klosterräumen ungehört verhallen, so erweckten sie doch unser Gemüt zu frommen Betrachtungen, und lange dauerte es, eh' einer daran dachte, das Wort zu ergreifen und in einer begeisternden Rede des uns zu einem mächtigen Ganzen vereinigenden Zweckes zu gedenken. Zu weiteren Beratungen und Beschlüssen kam es an diesem Abend nicht. Es handelte sich vornehmlich darum, mich in die Geheimnisse der durch alle deutsche Gaue reichenden Verbindung einzuweihen. – Es dämmerte, als wir unsere geheime Versammlung aufhoben und uns zur Heimwanderung nach Bonn rüsteten, und jetzt erst fiel mir auf, daß Bernhard sich nicht unter den Anwesenden befand. Ich fragte nach ihm und hörte befremdet, daß er sich nur in den seltensten Fällen an den Zusammenkünften beteilige, deshalb aber nicht minder tätig für den glücklichen Erfolg des großen Werkes sei. Da er keine Kollegien mehr besuchte, so konnte, namentlich weil er Geistlicher war, sein zu häufiger Verkehr mit den Studenten leicht zu Argwohn Veranlassung geben. Er hatte daher, seine Unabhängigkeit benutzend, die schwierigere Rolle eines Vermittlers zwischen den verschiedenen Universitäten übernommen und ging bald hierhin, bald dorthin, um zu berichten und zu erfahren, was man, selbst in Chiffreschrift, dem Papier anzuvertrauen sich scheute. So hatte er auch an diesem Tage erst einen unten vorbeifahrenden Wagen dazu benutzt, um nach Heidelberg und Frankfurt zu gelangen, wo er die nächste Zeit zuzubringen beabsichtigte. »Ist er denn hier oben gewesen?« fragte ich im Laufe des Gesprächs, während wir langsam ins Tal niederstiegen. »Er begleitete uns bis hinauf,« erhielt ich von mehreren Seiten zur Antwort, »dann kehrte er zurück, um den Wagen nicht warten zu lassen. Es hat sich nämlich ein Onkel von ihm, der, wie er selbst, ursprünglich aus Italien stammt, zu ihm gesellt, und um sich des ihm gleichgültigen, wahrscheinlich auch etwas zudringlichen Verwandten auf wenig auffällige Art zu entledigen, war er gewissermaßen gezwungen, bis Koblenz in dessen Gesellschaft zu reisen und seinen Wagen zu benutzen.« »Habt ihr den Herrn Onkel gesehen?« fragte ich gespannt, denn ich dachte in diesem Augenblick an Fräulein Brüsselbach und die versteckte Warnung, die sie mir erteilt hatte. »Ein echter Pfaffe mit feinem, glattem Wesen«, antwortete einer aus der Gesellschaft, »und ich verdenke es Bernhard nicht, daß er sich so wenig zu ihm hingezogen fühlt.« »Hüten Sie sich vor dem Schwarzen,« summte mir die Warnung der Irrsinnigen in den Ohren, doch vergaß ich sie schneller wieder, indem ich überlegte, daß sie wohl schwerlich den fremden Geistlichen jemals gesehen haben könne. Rüstig wanderten wir darauf dem in nächtliche Schatten gehüllten Bonn zu. Wie bei frühern Gelegenheiten heiterer Gesang dazu diente, uns die Zeit zu verkürzen, so gaben wir uns an diesem Abend, da nur Gleichgesinnte uns hörten, ausschließlich tief-ernsten Gesprächen und Beratungen hin, die förmlich berauschend auf mich einwirkten, denn als ich gegen Morgen endlich mein Schlafgemach beträt, da war ich wie umgewandelt. Des Oberstleutnants ehrwürdige Gestalt hatte nichts Schreckenerregendes mehr für mich; und heiß ersehnte ich die Zeit herbei, in der ich stolzerfüllt vor ihn würde hintreten und ihm Rechenschaft über mein Tun und Lassen ablegen können, die Zeit, in der ich die goldigen Früchte meines kühnen Entschlusses, gewonnen unter Gefahren und im fürchtbaren Kampfe um die höchsten Güter der Völker, Johanna zu Füßen legen durfte. \< /p\> 10 Die Entscheidung Der Sommer entschwand, der Herbst trat an seine Stelle. Weißer Reif stahl sich auf die abgeernteten Felder und die grünen Herbstsaaten; in den Scheunen klapperten im lustigsten Takt die Dreschflegel, in den dunklen Kellern, eng eingeschlossen in schwere Fässer, gährte ungeduldig der Feuer bergende Most; die Lieder der Lerchen wurden kürzer, und statt des melancholischen Gesanges der Nachtigallen ertönte das Zirpen, Schnarren und Zwitschern der Stare und Weinvögel durch die Wälder und über die Fluren. Der Rauch der zahllosen mit dürrem Kartoffelkraut genährten Feuer der Feldarbeiter stieg träge in den stillen Äther empor, träge, wie die weißen Spinnegewebe, die, zu formlosen Flocken und Bändern zusammengeballt, sich unbekümmert um das Wohin den sanften Luftströmungen zur Eintagsreise anvertraut hatten. Kürzer wurden die Tage, schärfer die tötenden Nachtfröste, rauher die oftmals von Regen begleiteten Stürme, und in dichteren Massen schüttelten die Bäume ihre abgestorbenen Blätter auf den feuchten Boden nieder, während die Vögel in langen Reihen hoch oben, den Wolken nahe, jauchzend über sie hinzogen. Alles erinnerte an den erstarrenden Winter, an die Vergänglichkeit des Irdischen. In meiner Brust dagegen herrschte der schönste Frühlingssonnenschein, ein Sonnenschein, den ich für so unvergänglich hielt wie den ewigen Kreislauf der Gestirne, so unvergänglich wie die treue Liebe, die in meinem Herzen wohnte. War es doch zur Zeit der rauhen Herbststürme, als der schöne Traum der letzten Monate sich verwirklichte, als Johanna mir mit einem unbeschreiblich holden Erröten gestand, daß meine Liebe sie beglücke, daß sie mir für das ganze Leben angehören, fortan Leid und Freude mit mir teilen wolle. Ich aber küßte ihr liebes gutes Antlitz, die rosigen Lippen, die treuen Augen und schwur, sie zu lieben, solange mir der Atem vergönnt sei, sie zu lieben in alle Ewigkeit. Ich schwur, daß meine Liebe zu ihr mich zu übermenschlichen Anstrengungen antreiben und die Erfolge meines redlichen Strebens nur ihr eigenstes Verdienst sein würden. Was ich dabei dachte und wie hoch meine ehrgeizigen Pläne hinausliefen, das ahnte sie nicht. Sie mochte sich aber wohl einzelner Neckereien ihres Onkels erinnern, der zeitweise wenigstens einen Regierungspräsidenten in mir zu entdecken vorgab, denn sie lächelte mir harmlos zu, und sich fester an mich schmiegend, bat sie mich, keine zu vornehme Dame aus ihr machen zu wollen, woran sie die eifrige Versicherung schloß, daß das bescheidenste Los an meiner Seite sie hinreichend beglücke, so sehr beglücke, daß Glanz und Reichtum sie nie glücklicher machen könnten. Rings um uns her fielen die gestorbenen und dürren Blätter geheimnisvoll lispelnd zur Erde, gleichsam warnend vor allzu zuversichtlichem Hoffen; in unseren Herzen dagegen wohnte der Frühling, der ewige, frische Frühling mit seiner unvergänglichen Lebenswärme und den berauschenden Hoffnungen, ein Frühling, dessen mögliche Unterbrechung oder Abkürzung weit, weit außerhalb der Grenzen unseres Denkens lag. Daß es unsern jugendlich vermessenen Hoffnungen so ergehen könne wie den Blättern, daß eine nach der andern erbleichen, absterben und demnächst unwiederbringlich dahinsinken könne, das kam uns kein einziges Mal in den Sinn. Wie der Frühling in unsern Herzen wohnte, so schien dessen belebende Wärme auch auf diejenigen überzugehen, mit denen wir im nächsten Verkehr standen. Mein Vormund äußerte unverhohlen seine Zufriedenheit über unsern Entschluß und brauchte uns nur anzuschauen, um sogleich in seine etwas derbe, geräuschvolle Fröhlichkeit zu verfallen, in die einzustimmen er sogar seine gute fromme Lisette zwang. Auch Trostesworte hatte der alte gütige Herr für mich, wenn er mich zuweilen in tiefernstes Nachdenken versunken sah und meine Stimmung für Ungeduld hielt, die ich über die lange Zeit empfände, die mich noch von meinem holden Ziel trennte, während ich doch nur über die geheimen demagogischen Umtriebe nachdachte, in die ich mich immer tiefer und tiefer verwickelt hatte. Die Herbststürme hatten die letzten Blätter von den Bäumen gestreift und der Winter deckte die Millionen von kleinen Leichen mit seinen kalten Flocken zu. Über Bäche und Quellen bildeten sich kristallene Überbrückungen und unermüdlich trug der Rhein seine schweren Eislasten dem Meere zu. Alles hatte sich in der freien Natur verändert; in meiner Lebensweise dagegen war keine Veränderung eingetreten. Bald in Bonn, bald auf der Oberförsterei brachte ich meine Tage hin; bald beschäftigt mit Studien, bald im Kreise von Mitverschworenen, bald an der Seite meiner holden Braut. Bernhard begegnete ich nur äußerst selten; selbst wenn er sich in Bonn befand, beobachtete er die Vorsicht, sich nie an unsern heimlichen Zusammenkünften zu beteiligen. Dagegen sah ich ihn mehrfach des Abends in meiner Wohnung, und dann verfehlte er nie, den in meiner Brust glühenden Funken durch seine chrakteristischen Vergleiche und begeisternden Ermutigungen zur hellen Flamme anzufachen. Auch zwischen Anton, seinem Raben und mir hatte sich eine Art freundschaftliches Verhältnis gebildet, der arme unglückliche Mensch, der sich jedesmal, wenn ich auf der Oberförsterei weilte, einstellte, um »den feinen jungen Herrn, der mit ihm an einem und demselben Tisch gegessen und seinen Jakob gerettet habe«, zu begrüßen und Johanna durch den Raben zum Kaffeekochen auffordern zu lassen. Der arme Bursche entfernte sich dann nie, ohne daß er gesättigt und auch noch auf andere Weise beschenkt worden wäre, und wir alle ergötzten uns an dem sprechenden Ausdruck rührender Dankbarkeit, der aus seinen trüben Augen hervorleuchtete. Seine Mutter, eine böse Frau mit hinterlistigem Blick, sah ich nur einige Male aus der Ferne; dagegen begegnete ich seinem hartherzigen Bruder mehrfach, in der Tat so oft, daß es den Anschein gewann, als ob er mir absichtlich in den Weg trete. Er begrüßte mich jedesmal sehr höflich und keine Miene seines brutalen Gesichts verriet, daß er sich erinnere, einst mit einer geheimen Botschaft an mich betraut gewesen zu sein. Ich betrachtete den Menschen stets mit einem unüberwindlichen Mißtrauen, das darin neue Nahrung fand, daß Bernhard, von dem damals die Botschaft ausgegangen war, ihn nicht kennen wollte und mit allen Zeichen ernster Besorgnis behauptete, das Papier einem andern, ihm als zuverlässig empfohlenen Manne zur Besorgung übergeben zu haben. Schimmernd in Schnee und Eis, schimmernd im Lichterglanz der in der Silvesternacht zum letztenmal angezündeten Weihnachtsbäume ging das Jahr 1832 zu Ende. Mit dem Rufe der Freiheit auf den Lippen war ich aus dem alten Jahr in das neue hinübergetreten; mit dem Rufe der Freiheit im Herzen begann ich im neuen Jahre meine Tage, und wenn ich wirklich auf Stunden die Sorgen, die ein nach meiner Überzeugung welterschütterndes Unternehmen im Gefolge hatte, von mir abzustreifen suchte, dann trafen gewiß geheime Nachrichten bei mir ein, die mir schnell wieder den ganzen Ernst meiner Lage vor Augen führten. Die starren Fesseln des Winters waren gebrochen, der Schnee schmolz auf den Bergen und rieselte in Bächen dem Rheinstrom zu. In der feuchten, jetzt wieder geöffneten Erde regte sich nach langem Scheintod wieder organisches Leben, und ungeduldig harrten die noch verborgenen Keime darauf, durch einige warme Tage ans Licht gerufen zu werden, als ich eines Morgens ernster, als wie ich gewöhnlich zu tun pflegte, auf der Oberförsterei Abschied nahm. Meine Stimmung blieb nicht unbemerkt, doch schrieb Johanna sie dem Umstande zu, daß ich dringender Studien halber in den nächsten drei Wochen Bonn nicht verlassen könne. »Komme bald, recht bald zu deiner Johanna,« sagte sie, als wir uns endlich von einander trennten; »komme bald!« rief sie mir in süßem Schmeichelton nach, als ich mich bei der nächsten Biegung der Straße, bevor mich der Wald ihren Blicken entzog, zum letztenmal nach ihr umwendete. »Segne dich Gott, du gute, treue Seele, du meine einzige Herzensfreude!« rief ich zurück, meine Mütze in der Luft schwenkend. »Auf baldiges Wiedersehen!« fügte ich noch hinzu, indem ich endlich um die Ecke herumbog und rüstig auf Königswinter zuschritt. Mein Herz war plötzlich so fröhlich, so leicht; noch brannten ja die heißen Küsse Johannas auf meinen Lippen, noch glaubte ich ihre innige Umarmung zu fühlen, und wie im Bewußtsein, daß ihre reine, treue Liebe mich als schützender Engel umschwebe, um mich vor drohendem Unheil zu bewahren, richtete ich mich stolz und mit hochwallender Brust empor. »Doch die mir vor allen Am besten gefallen, Ist Hannchen, mein Hannchen, schön Hannchen vor allen, Ist Hannchen allein!« jubelte ich die alte liebe Weise in den Wald hinein. »Hannchen allein!« antwortete das ferne Echo leise, als habe es andeuten wollen, daß Johanna nun wirklich vereinsamt sei. Anstatt nach Bonn zu gehen, ließ ich mich bei Königswinter über den Rhein setzen, und nach halbstündiger Wanderung stromaufwärts erreichte ich das Dorf Rolandseck, wo ich von einem Mitverschworenen, der zugleich mein notdürftigstes Gepäck mitgebracht hatte, erwartet wurde. Unser Ziel war Frankfurt, die alte Kaiserstadt. Andere Kameraden waren uns bereits vorausgeeilt, noch andere folgten uns auf Umwegen; doch in keiner größeren Zahl als zu Dreien begaben sich die verschiedenen Mitglieder unserer Verbindung nach dem verabredeten Ort unserer Bestimmung, wo der erste Schlag gegen die Unterdrückung geführt, der erste Ruf der Freiheit ertönen und, weithin schallend durch die deutschen Gaue, das Volk zum Bewußtsein seiner Erniedrigung, aber auch seiner Kraft erwecken sollte. Wir trafen in Frankfurt ein, alle bereit, unser Leben im Kampfe für die Freiheit auf den Altar unseres gemeinsamen großen Vaterlandes niederzulegen. Am Abend des 20. März erschreckte plötzlich das Läuten der Sturmglocken die friedlichen Bewohner Frankfurts. In den Straßen rotteten sich Menschen zusammen, Schwerter rasselten, Schüsse donnerten und wie durch Zauber erschienen schwarz-rot-goldene Fahnen und Abzeichen. Ach, sie erschienen, um fast ebenso schnell wieder vor den Augen der Menschen zu verschwinden. Nur während einer halben Stunde lächelte uns und unsern riesenhaften Anstrengungen ein leiser Schimmer von Hoffnung; dann aber bezweifelte niemand mehr, daß einer, wenn auch nur mittelmäßig organisierten militärischen Macht gegenüber, unser Unternehmen ein vollständig verfehltes sei. Wir hatten ja nicht einmal die Genugtuung, es eine Revolution, eine Volksbewegung nennen zu hören, sondern als Aufstand und Krawall bezeichnete man das, für was wir, erfüllt von erhabenen, edlen Zwecken, jede Aussicht auf eine Stellung in der menschlichen Gesellschaft hingegeben hatten. Als lorbeergekrönte Freiheitshelden hofften wir aus dem schweren und erbitterten Kampfe hervorzugehen, und zu einer Rotte Hochverräter und Störer der öffentlichen Ordnung waren wir herabgesunken. In dem dichten Gewühl von Leuten, die teils mit in unsern Ruf einstimmten, teils nur von Neugierde auf die Straßen hinausgetrieben worden waren, wurden wir bald voneinander getrennt. . Viele begaben, sich an demselben Abend noch auf die Flucht; andere fanden in bekannten Häusern ein vorläufiges Unterkommen, und wieder andere fielen den Behörden in die Hände und sahen einer lebenslänglichen Haft und, als mit den Waffen in der Hand ergriffene Hochverräter, vielleicht einer noch schwereren Strafe entgegen. Zu den letzteren gehörte auch ich. In der Nähe der Hauptwache, die in unsere Gewalt zu bringen unsere erste Aufgabe sein sollte, hatte mich ein schwerer Schlag, ob mit einem Knüttel, oder mit einer Muskete, ich entsinne mich dessen nicht, betäubt niedergeworfen. Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung gelangte, befand ich mich in einem verschlossenen Wagen, der in schnellem Trabe eine lange Straße hinunterfuhr. Neben mir saßen ein Polizist und ein Soldat. Ich nahm mir nicht die Mühe, zu fragen, was man mit mir beabsichtige, ich erriet es leicht, und außerdem würde man mir schwerlich eine Antwort erteilt haben. Die Folgen des Schlages hinderten mich anfangs, klar zu denken. Erst als der Wagen hielt und ich unter militärischer Bedeckung in ein großes, düsteres Gebäude geführt und demnächst in ein enges dunkles Gemach, dessen einziges kleines Fenster mit eisernen Stäben vergittert war, eingesperrt wurde, erwachte ich zum vollen Bewußtsein meiner Lage. »Gefangen, auf lange Jahre, auf Lebenszeit im engen Kerker eingeschlossen,« stöhnte ich verzweiflungsvoll, indem ich in die Knie sank. »Gefangen, der Freiheit beraubt, Mörder meines Glücks! Mörder meiner Johanna!« rief ich zerknirscht aus, und Tränen ohnmächtiger Wut über mich selbst und mein unüberlegtes Handeln entstürzten meinen Augen. »Johanna! arme, unglückliche, meinen ehrgeizigen Plänen geopferte Johanna! Johanna, vergib mir, daß ich noch lebe, nicht von einer mitleidigen Kugel tödlich getroffen wurde, eh' man mich zu meiner und deiner Schmach als Verbrecher brandmarkte und einem furchtbaren Lose entgegenführte!« Alle meine kühnen Hoffnungen, alle meine phantastischen Pläne waren vergessen und vernichtet. Mit dem Fehlschlagen des tollen Unternehmens war auch mein Lebensglück zertrümmert worden; ich fühlte es, hatte ich doch die Folgen des Mißlingens vorherberechnet, jedoch in meiner Vermessenheit nicht an die schreckliche Möglichkeit eines solchen geglaubt. Verzweiflungsvoll und gemartert von den entsetzlichsten Gewissensbissen wälzte ich mich auf dem Boden meiner Zelle. Nicht an mich dachte ich mehr; nur an Johanna, deren Leben ich vergiftet hatte; an Johanna, deren Liebe zu mir ihre Lebensfrage war; an Johanna, deren Hoffnungen ich so schmählich getäuscht hatte. »Johanna, vergib mir!« stöhnte ich dem Wahnsinn nahe. Um mich her war es dunkel, aber indem ich den teuern Namen aussprach, glaubte ich die arme, um ihr irdisches Glück betrogene Braut vor mir zu sehen. Eine himmlische Glorie umgab ihre zarte Gestalt; ihre milden, blauen Augen hatte sie mit dem Ausdruck sanften Vorwurfs auf mich gerichtet und auf ihren Wangen brannte feuriger denn je die unheimliche Röte – dann verließen mich die Sinne. 11 Im Kerker »Gefangen«, welch schreckliches Wort, welche vernichtenden Gedanken reihen sich an diesen einen Begriff. Nur verstohlen lugt das Tageslicht durch das kleine vergitterte Fenster herein, und dumpf schlägt das summende Geräusch des lebhaften Verkehrs in den Straßen an das ängstlich lauschende Ohr. Wie die Minuten so langsam verinnen, wie die Stunden so endlos erscheinen! Wieviel Minuten hat die Stunde? Wieviel Stunden der Tag, wieviel Tage das Jahr und wieviel Jahre zählt das Leben! Ist es denn möglich, solche Marter zu ertragen? Es kann nicht sein! Nackte Wände umgeben mich; hier steht mein hartes Lager, dort der steinerne Wasserkrug; eiserne Stangen, kreuzweise miteinander verbunden, versperren die Fensteröffnung, und eiserne Schienen und schwere Riegel lassen kaum das Holz der Türe durchschimmern. Traurig und langsamen Schrittes durchmaß ich meine düstere Zelle, und vergeblich versuchte ich die letzte Spur von dem jugendlichen Mut wachzurufen, der mich vor kurzem noch in so hohem Grade beseelte. Mein Fenster lag nach der Straße hinaus; aus Besorgnis, daß ich oder andere, die mein Schicksal teilten, sich durch Zeichen mit den vorüberwandelnden Menschen verständigen könnten, hatte man vor den eisernen Gittern hölzerne, grün angestrichene Jalousien angebracht, deren Öffnungen aber nach oben wiesen. Man gönnte uns nicht den Anblick lebender Wesen; einige schmale Streifen des Himmels waren alles, was man uns ließ. Wie wenig, und doch schöpfte ich daraus so manchen Trost, so manche Hoffnung. Stundenlang stand ich vor den knapp zugemessenen Öffnungen, die Blicke emporgerichtet. Die dahinziehenden Wolken schienen in meinen Augen Leben zu erhalten und ich beneidete sie um die weite Fernsicht, die ihnen dort oben offenstand. Erblickte ich gar eine Schwalbe, die fröhlich und sorglos meinen neidisch begrenzten Gesichtskreis durchsegelte, dann hätte ich weinen mögen vor bitterem Weh und Herzeleid. Als die Schwalben zum letztenmal beim Herannahen des Winters geschieden waren, da zog in meine Brust der Frühling ein, und jetzt, da die Verkünderinnen des Frühlings wieder eintrafen, durchbebte winterliche Kälte meine Seele. Mein Lebensmut war gebrochen, und an den schönsten Traum meines Lebens durfte ich nicht denken, wenn ich nicht dem Wahnsinn anheimfallen wollte. Ich wollte an Johanna schreiben, ihr mein Verhalten, so gut es in meinen Kräften stand, erklären und ihre Verzeihung erflehen, allein ich wurde als Hochverräter behandelt, der sogar nicht einmal in brieflichen Verkehr mit der Außenwelt treten durfte. Ebenso wurden auch alle Briefe zurückgewiesen, die an die Gefangenen einliefen. Es war ein grausames Verfahren, das man gegen uns einschlug, ich ertrug es aber mit verhältnismäßig ruhiger Ergebung, denn nachdem ich alles, alles verloren, gab es ja nichts mehr, das mich noch tiefer zu beugen vermocht hätte. So verstrich die erste Zeit meiner Haft; mich kümmerten weder Verhöre noch Verurteilung. Ja, sogar meine Verurteilung zu lebenslänglicher Einschließung vernahm ich, ohne zu beben; ich zuckte höhnisch die Achseln, in der Überzeugung, daß mein Leben unter der Last der an meiner Seele nagenden Selbstvorwürfe von keiner großen Dauer sein könne. In meinen Kerker zurückgekehrt, gab ich mich indessen wieder ganz meinem Brüten hin, so daß ich nur noch wie ein Schlaftrunkener vegetierte und weder den Schließer, noch den Gefängniswärter eines Wortes oder eines Blickes würdigte. Da, etwa vier Monate mochte ich in meiner Haft zugebracht haben, trat ersterer eines Morgens zur ungewöhnlichen Stunde bei mir ein und überreichte mir zwei Briefe. »Sie werden mich nicht verraten,« sagte er leise, »der eine Brief traf vierzehn Tage nach ihrer Verhaftung ein, der andere vor zwei Monaten. Ich unterschlug sie, anstatt sie zurückzusenden, und da nicht weiter nach Ihnen geforscht wurde, stelle ich sie ihnen jetzt zu.« Dankend nahm ich die Briefe entgegen und leistete das feierliche Versprechen, nie ein Wort über ihren Empfang verlauten zu lassen. Sobald ich wieder allein war, setzte ich mich auf mein Lager nieder. Lange und aufmerksam betrachtete ich die Aufschrift, die ich als von meinem Vormund herrührend erkannte. Ich fürchtete mich, den Inhalt kennenzulernen, denn was konnte er anderes enthalten als Versicherungen von Zorn und Verachtung? Da trat Johannas trauerndes Bild mir vor die Seele, und hoffend, von ihr oder über sie etwas zu erfahren, riß ich den älteren Brief schnell auf. Das Schreiben war nur eine halbe Seite lang und ebenfalls von der Hand des Oberstleutnants. Ich las: »Der Würfel ist gefallen; Du bist abtrünnig geworden und ich kann, ohne meinem Könige die Treue zu brechen, keine Gemeinschaft mehr mit Dir, dem Hochverräter, halten. Einen Mord hätte ich Dir verziehen, allein daß Du zu den Häuptern der Umsturzpartei gehörst, verzeihe ich Dir niemals. Hinter meinem Rücken, während ich Dir vielleicht mit väterlicher Zuneigung die Hand drückte, hast Du gegen unsere hohe Landesregierung konspiriert. Du erleidest jetzt die Strafe für Deinen Verrat, für die nicht einmal Deine Jugend eine Entschuldigung ist. Meiner Vormundschaft über Dich, die ohnehin nächstens abläuft, werde ich mich baldmöglichst entledigen und Dir den Rest Deines Vermögens zur Verfügung stellen. Es soll mich freuen, wenn die paar hundert Taler dazu dienen, Dir die wohlverdiente Strafe zu erleichtern. Werker, Oberstleutnant und Oberförster.« »Kein Wort über Johanna,« sagte ich erschüttert, indem ich den Brief, dessen Inhalt mich nicht im mindesten überraschte, wieder zusammenfaltete. Da fiel ein schmaler Papierstreifen, der zwischen den beiden Blättern des Bogens verborgen gewesen war, vor mir auf die Erde. Hastig griff ich danach und glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich Johannas zierliche Schriftzüge erkannte. Offenbar hatte sie, da ihr das Schreiben untersagt worden war, den Papierstreifen heimlich in den schon versiegelten Brief hineingeschoben. Meine Hand bebte bei dieser Entdeckung, und längere Zeit dauerte es, bis ich die vor meinen umflorten Augen ineinander verschwimmenden Buchstaben voneinander zu trennen vermochte. »Gustav, ewig und innig geliebter Gustav, habe Vertrauen zu Deiner Johanna! Sage mir, wie ich Dir helfen kann, und sollte es mich das Leben kosten, beglückt gebe ich es hin, wenn es zu Deiner Rettung dient. Ich fühle mich stark und gesund, ich weine nicht mehr, aber Tag und Nacht sinne ich auf Mittel, Dich wiederzusehen, an Deinem treuen Herzen zu ruhen. Gott segne und beschütze Dich! ewig, ewig unveränderlich Deine Johanna.« Von wildem Schmerz überwältigt sank ich auf mein Lager hin. Tränen entstürzten meinen Augen; obwohl ein Mann, weinte ich, wie in meinen ersten Kinderjahren, ich weinte so lange, bis ich keine Tränen mehr hatte und die Erschöpfung meine Geisteskräfte lähmte. »Keinen Vorwurf, keine Klage, sondern nur Liebe, reine, rücksichtslose, hingebende Liebe,« wiederholte ich unablässig. »Ich fühle mich stark und gesund, ich weine nicht mehr, ach, welche Welt voll Jammer und Schmerz liegt in diesen Worten! Und ich, ich allein habe alles verschuldet, habe das arme vertrauensvolle Mädchen mit mir in das Verderben hinabgerissen!« Dann gedachte ich der Weissagung der Irrsinnigen, ich vergegenwärtigte mir die krankhafte Röte auf Johannas Wangen, ihren zarten Körper, ihr leicht erregbares Gemüt, und immer schwärzere Ahnungen tauchten vor meiner Seele auf. Ich kannte sie ja hinlänglich, um zu befürchten, daß ein so schwerer Schlag sie an den Rand des Grabes bringen könne. Doch der Leidensbecher, der mir an diesem Tage dargereicht wurde, war noch nicht bis auf die Hefe geleert. – Lange dauerte es, bis ich es über mich gewann, auch den zweiten Brief zu erbrechen. Dieser war ebenfalls von meinem Vormunde, aber zwei Monate später geschrieben. Vorsichtig faltete ich ihn auseinander, ihn erwartungsvoll von allen Seiten bertrachend; kein freundlich tröstender und doch auch wieder soviel Jammer erzeugender Papierstreifen fiel mir entgegen. Johanna hatte also keine Gelegenheit gefunden, mir ein Wort der Liebe zukommen zu lassen. Mechanisch richtete ich meine Blicke auf die bekannten Schriftzüge, aber nach Lesung der ersten stockte mir das Blut in den Adern. »Unglücklicher,« begann der Brief, »nicht genug, daß Du schwarzen Verrat an König und Vaterland begingst und dadurch Deinen Vater im Grabe entehrtest, hast Du auch als Schurke an mir und meiner armen Johanna gehandelt! Im Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit Deines Charakters machte ich Dir über Johannas Eltern die umfassendsten und genauesten Mitteilungen. Anstatt, Deinem gegebenen Worte getreu, das tiefste Stillschweigen über alles, was Johannas Vergangenheit betrifft, zu bewahren, hast Du Mittel und Wege gefunden, ihr nicht nur das traurige Ende ihres Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern, sondern sie auch über den Lebenswandel ihrer Mutter aufzuklären! Wahnsinniger, weißt Du, was Du getan hast?! Du hast den ersten Nagel in den Sarg meiner armen Nichte geschlagen! Versuche es nicht, Dich zu entschuldigen; außer Dir und meiner Lisette wußte hier niemand um die Geschichte. Du hast den Frevel vielleicht mit der guten Absicht begangen, ihren schnellen Tod herbeizuführen und dadurch ihren Jammer um Dich Elenden abzukürzen. Freue Dich, triumphiere, Du hast Deinen Zweck erreicht! Niemand wird bei Johanna die Stelle des zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilten Hochverräters vertreten.« Ich war wie erstarrt; ich las den Brief noch einmal langsam durch; meine Augen brannten in ihren Höhlen, und keine mitleidige Träne war da, den furchtbaren Brand zu kühlen, kein Seufzer stand mir zu Gebote, die auf meine Brust gewälzte Last zu erleichtern. In mich gekehrt und taumelnd, wie ein Berauschter, ging ich in meiner Zelle auf und ab. »Wer hat so Furchtbares getan?« murmelte ich unausgesetzt vor mich hin. »Wer hat es getan? Der Schwarze; Vielleicht Bernhard. Hüte dich vor dem Schwarzen! Hüte dich vor dem Schwarzen; Bernhard war mein Feind, mein böser Geist! Arme Johanna, hüte dich vor dem Schwarzen«, keuchte ich noch mit letzter Kraft, als schon die Dämmerung die wenigen Gegenstände in meinem Gemach unkenntlich zu machen begann; und dann warf ich mich auf die harten Planken des Fußbodens nieder, meine brennende Stirn gegen das dicke Eisenblech der Tür pressend. Was in nächster Zeit mit mir vorging, weiß ich nicht; ich gelangte in den Lazaretträumen des Gefängnisses nach langer schwerer Krankheit zum Bewußtsein. Ein hitziges Nervenfieber hatte mich an die Pforten des Jenseits geführt, mein kräftiger Körper dagegen dem Tode fast noch im letzten Augenblick seine Beute streitig gemacht. O, wäre ich damals gestorben, wieviel Kummer und Herzeleid wäre mir erspart geblieben! Langsam und allmählich erwachte ich wieder zum Leben, zu einem Dasein zwischen düstern Gefängnismauern, und als einen gräßlichen Hohn betrachtete ich es, daß man mich so sorgfältig pflegte, sich soviel Mühe mit einem zu lebenslänglicher Haft Verdammten gab; doch ich mußte es geschehen lassen. Anfangs erschien mir alles wie ein wüster Traum, in dem zwei Briefe die Hauptrolle gespielt, bis der Schließer mir erzählte, daß er mich vor vier Wochen mit den zusammengeknitterten Briefen in den Händen bewußtlos auf der Erde liegend in meiner Zelle vorgefunden habe. Die Briefe hatte er sodann, bevor er Hilfe herbeiholte, an sich genommen, um einer etwaigen Entdeckung vorzubeugen. Seine Besorgnis war indessen damit noch nicht beseitigt gewesen, denn in meinen Fieberphantasien hatte ich soviel von Briefen, von Johanna und dem Oberstleutnant, von Fräulein Brüsselbach, dem Schwarzen und von Bernhard gesprochen, daß der Arzt sich mehrfach dadurch bewogen fand, nachzuforschen, ob auch wohl äußere Einflüsse mit dazu beigetragen hätten, mich in meinen hoffnungslosen Zustand zu versetzen. Die vollständige Entkräftigung hinderte mich zunächst, mich anhaltend mit der mir von meinem Vormunde entgegengeschleuderten Beschuldigung zu beschäftigen, und als meine Kräfte und die Tätigkeit meines Geistes endlich wieder zurückkehrten, da suchte ich ohne Hast und Übereilung zu ergründen, von wem wohl ein so verderblicher Einfluß auf mein und Johannas Lebensglück ausgeübt sein möge. Je mehr ich grübelte, desto mehr Nahrung erhielt mein Argwohn gegen Bernhard, und zum ersten Male fragte ich mich, ob die Ratschläge eines Mannes aufrichtig gemeint gewesen sein könnten, der, wie Bernhard damals am Godesberger Mineralbrunnen, seine Blicke mit einem so sprechenden Ausdruck unversöhnlichen Hasses in meine Augen gesenkt hatte. Damals, als mich nur rosige Hoffnungen erfüllten, hatte ich seinen Blick des Hasses schnell wieder vergessen. Jetzt aber dachte ich anders darüber; es wollte mir scheinen, als ob Bernhard, indem er mit seiner ungewöhnlichen Überredungsgabe mich in die demagogischen Umtriebe verwickelte und dafür Sorge trug, daß ich mich öffentlich kompromittierte, ein mit vieler Überlegung und schlau eingefädeltes Verfahren gegen mich beobachtet hatte, um einem vielleicht aus Religionseifer entspringenden Gefühl des Hasses zu fröhnen. Hatte er selbst sich doch stets den Rücken frei gehalten und nie eine Blöße gezeigt, die als Handhabe zur Anklage gegen ihn hätte dienen können. Unerklärlich war es mir dagegen, warum er auch Johanna kalten Blutes mit in das Verderben hinabriß; Johanna, diese unschuldige, reine Seele, diese Heilige, die als halbe Landsmännin von ihm weit eher auf seine warme Teilnahme Anspruch gehabt hätte. »Johannas Mutter stammte aus Italien, Bernhard ist ein Italiener,« grübelte ich, »sollte da nicht eine Verkettung mit frühern Zeiten und Umständen möglich sein?« Weiter drang ich mit meinen Mutmaßungen nicht durch; an diesem Punkte scheiterte mein Scharfsinn, und vergeblich trachtete ich, das hinter demselben in chaotischem Durcheinander Liegende zu enträtseln. Das Mißtrauen, das in meiner Brust Wurzel geschlagen hatte, genügte indessen, meine Gedanken immer und immer wieder auf diese Frage zurückzulenken. – So schlichen mir die Tage in dumpfem, unheimlichem Brüten dahin. Die Außenwelt gewann für mich in der Erinnerung eine trübere, nebelhaftere Färbung. Sogar die schmalen Streifen am Himmel, auf die sich früher meine Augen so oft und so sehnsuchtsvoll richteten, verloren allmählich ihren Reiz für mich. Einmal hatte ich versucht, in brieflichen Verkehr mit dem Oberstleutnant zu treten und ihn angefleht, mir Nachricht über Johanna zu geben. Als ich aber meinen Brief unerbrochen zurückerhielt, begriff ich, daß alle meine ferneren Versuche sich als ebenso nutzlos ausweisen würden. Meinen Kummer mit einem Gemisch von Grimm und Ergebung in meine Brust verschließend, lebte ich von da ab, ohne die Zeit zu berechnen oder irgendeine schwache Hoffnung für die Zukunft zu nähren, ich lebte gewissermaßen wie ein vernunftloses Geschöpf in den Tag hinein. Sechs Monate meiner lebenslänglichen Haft waren bereits verstrichen; beim Rückblick eine kurze Zeit, nach meinem Gefühl viel kürzer als jeder einzelne Tag, den ich noch verleben sollte. Es war in der Dämmerungsstunde; ich hatte mich auf mein Lager gesetzt und, den Kopf schwer auf beide Hände stützend, versuchte ich, mich in einen Mittelzustand zwischen Wachen und Schlafen hineinzudenken. In meinen Betrachtungen störte mich das Geräusch, mit dem die Riegel von der Tür entfernt wurden. Die Tür öffnete sich, ein heller Lichtstrahl drang zu mir herein und gleichzeitig vernahm ich des Schließers höfliches »dort sitzt er«. Gleich darauf trat ein Mann mit festen Schritten zu mir heran und erfaßte mit prüfendem Griff meinen rechten Arm oberhalb des Handgelenkes, während seine andere Hand sich in die meinige legte und dieselbe heftig und bezeichnend drückte. Ich wollte emporspringen, doch wurde ich niedergehalten, und als ich meine Blicke auf den seltsamen Ruhestörer richtete, sah ich in das mir vollständig unbekannte Gesicht eines ältlichen Herrn, der wieder mit dem Ausdruck wohlwollender Teilnahme zu mir niederschaute. »Was verschafft mir die Ehre –?« fragte ich verwirrt. »Nur ruhig, nur ganz ruhig,« unterbrach mich der Fremde in freundlichem Tone, und wiederum fühlte ich den heftigen Händedruck, »Sie dürfen sich unter keiner Bedingung aufregen, jede Aufregung kann ihrer Krankheit eine tödliche Wendung geben.« »Aber ich bitte Sie,« entgegnete ich noch verwirrter, »es muß ein Irrtum obwalten –« »Schließer, haben Sie die Güte und leuchten Sie hierher,« wendete er sich zu seinem an der Tür stehenden Begleiter, meine Worte offenbar absichtlich überhörend. Der Schließer kam und leuchtete mir ins Gesicht, während der Arzt, denn ein solcher konnte es nur sein, noch immer meinen Puls prüfte und zum dritten Male meine Hand drückte. »Ruhig, ich bitte Sie dringend, leider ein Rückfall,« wendete er sich dann mit unterdrückter Stimme an den Schließer, »sehen Sie diesen verstörten, leeren Blick, diese fieberhafte Röte; ein wahres Glück, daß ich, indem ich unten vorbeiging, sein Toben vernahm. Blieb er diese Nacht hilflos hier liegen, so war er verloren. Fühlen Sie sich noch stark genug, ohne fremde Hilfe die kurze Strecke nach dem Lazarett zurückzulegen?« fragte er darauf, indem er sich zu mir niederneigte, »nein, gut, ich dachte mir es schon,« fuhr er fort, ohne meine Antwort abzuwarten; »Schließer, gehen Sie doch und holen Sie Hilfe, damit wir ihn sogleich fortbringen können, wir haben keine Minute zu verlieren.« Der Angeredete stellte den Leuchter auf den alten Bretterstuhl und entfernte sich schleunigst; kaum aber war er aus der Türe getreten, so neigte der Arzt sich wieder zu mir nieder. »Herr Wandel,« flüsterte er geheimnisvoll und dringend, »es handelt sich um ihre Freiheit; Sie müssen mehrere Tage sehr krank sein; unbekannte Freunde wollen Ihnen zur Flucht verhelfen.« »Wer?« fragte ich leise, und mein Puls schlug jetzt wirklich, wie im stärksten Fieberparoxysmus. »Fragen Sie nicht, um Gotteswillen! Wollen Sie uns alle unglücklich machen? Ich werde Sie anstelle des auf kurze Zeit und auf Ihrer Freunde Veranlassung verreisten Gefängnisarztes behandeln. Wenn Ihnen um ihre Freiheit zu tun ist, so sprechen Sie nichts anderes, als was ich Ihnen in den Mund lege, und handeln Sie pünktlich so, wie ich es Ihnen in Form von ärztlichen Anordnungen vorschreiben werde. Rasen sie, toben und phantasieren oder schlafen Sie ununterbrochen; tun Sie, was Sie wollen, nur schwer krank müssen Sie sein und über die furchtbarsten Kopfschmerzen und unerträgliches Gliederreißen klagen – und nun versuchen Sie noch einmal aufzustehen,« fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort, als der Schließer sich mit zwei Männern und einer Tragbahre näherte; »so – so – es geht schon besser, nun stützen Sie sich fest auf meine Schulter, hier herum, ihr Leute; aber recht vorsichtig, wenn ich bitten darf.« Die Leute folgten dem an sie ergangenen Befehl, und ganz in die Zelle eintretend, stellten sie die mit einer Matratze bedeckte Bahre neben mich, worauf der Arzt mich auf dieselbe niedergleiten ließ. »Wo haben Sie die größten Schmerzen?« fragte er dann. »Im Kopf und in den Gelenken,« versetzte ich flüsternd und zugleich vor Verwirrung und Angst die Augen schließend. »Hm, hm, gerade wie ich vermutete,« murmelte der Arzt, indem er den Kopf bedenklich schüttelte und wieder nach meinem Puls griff. »Ja ja, eine schwere Krisis ist im Anzuge, keine Minute dürfen wir verlieren,« und dann den Leuten ein Zeichen gebend, daß sie ihre Last aufheben sollten, schritt er, meine Hand fortwährend in der seinigen haltend, neben der Bahre her bis in das für mich bestimmte Zimmer. Nachdem den in solchen Fällen üblichen Formen und Vorschriften genügt worden war, untersuchte der Arzt mich noch einmal sehr aufmerksam. Meinen Wächtern schärfte er die größte Gewissenhaftigkeit bei der Verabreichung der von ihm selbst angefertigten Arznei ein, die, wie ich herauszuschmecken glaubte, aus dem vorzüglichsten Madeira bestand. Auch befahl er ihnen, sobald ich in Raserei verfallen sollte, nach ihm zu schicken, und als er dann noch einmal sein Ohr an meine Lippen gelegt, wie um auf meinen Atem zu lauschen, in der Tat aber, um mir das Wort »Mut« zuzuflüstern, entfernte er sich mit dem Versprechen, mich am folgenden Morgen in aller Frühe besuchen zu wollen. Erst als ich mich mit meinen beiden Wächtern allein befand, gelang es mir, meine Gedanken notdürftig zu sammeln. Die Verwirrung, in der ich so lange geschwebt hatte, war mir zustatten gekommen, sodaß ich mich nur mechanisch und wie ein Trunkener bewegt hatte. Die darauf folgende Ruhe und der Umstand, daß ich wie betäubt, mit geschlossenen Augen dalag, dienten jetzt dazu, meine Wärter zu beruhigen, so daß sie sich gegen Mitternacht mit einem »Gott sei Dank« auf ihren Stühlen ausreckten und ein Stündchen zu schlafen suchten. Mich selbst ließ die Aufregung nicht zum Schlaf kommen; ich verhielt mich indessen still bis zum Morgen, und eine unbeschreibliche Beruhigung gewährte es mir, als endlich der Arzt eintrat und sich bei den Wärtern in geschäftsmäßiger Weise erkundigte, wie ich die Nacht verbracht habe. Mit einem wohlwollenden Lächeln meinen Puls prüfend, setzte er sich neben mein Lager hin. Teilnehmend fragte er nach diesem und jenem, mehrfach zustimmend nickend, und dann wieder bedenklich die Achsel zuckend. »Ich finde Sie besser,« sagte er dann so laut, daß die Wärter seine Worte verstanden, »viel besser, als ich Sie zu finden erwartete. In den nächsten vier Tagen werden Sie aber das Bett unbedingt nicht verlassen dürfen; denn fühlen Sie den Tag über Ihren Kopf auch freier, so bezweifle ich doch nicht, daß gegen abend das Fieber sich wieder einstellt. Am Tage wird daher ein Aufwärter bei Ihnen genügen; sprechen Sie aber so wenig wie möglich, am besten ist es, Sie sprechen gar nicht, und bemühen Sie sich, alle aufregenden Gedanken von sich fernzuhalten.« Bei diesen Worten drückte er mir bezeichnend die Hand, ich dankte mit leiser Stimme für seine Güte, und dann empfahl er sich mit einem freundlichen Kopfnicken. Mein am Tage und in der kommenden Nacht zu beobachtendes Benehmen hatte der Arzt mir also vorgeschrieben und auch noch eine Erneuerung der schon erwähnten Arznei hinzugefügt. Selbstverständlich leistete ich pünktlich Folge. Ich schlief, ich fieberte, ich phantasierte und schlief wieder, und als es dann aufs neue Tag wurde, bekam ich abermals meine Verhaltungsregeln für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Am neunten Tage endlich erhielt ich die Andeutung, daß die Stunde der Entscheidung nahe und ich mich bereit zu halten habe. Nachdem nämlich der Arzt in der Frühe sich von den Wärtern den gewöhnlichen Bericht hatte erstatten lassen und sich sehr zufrieden über den Verlauf der Krankheit ausgesprochen hatte, wendete er sich mir zu. »Ich gratuliere zur baldigen Genesung,« sagte er, bei welchen Worten ich fühlte, wie mir das Blut bis in die Schläfen hinaufstieg. Die stumme Äußerung meiner Freude mußte ihm aber gefährlich scheinen, denn er mahnte mich durch einen Blick zur Vorsicht, und mir die Hand auf die Brust legend, fuhr er fort: »Sie sind jetzt außer Gefahr; nur behutsam und vorsichtig müssen Sie sein. Ein Rückfall, und Sie sind, nach menschlicher Berechnung, verloren. Sollten Sie vielleicht während des Restes der Nacht einige Unruhe empfinden, so suchen Sie dieselbe niederzukämpfen, und seien Sie überzeugt, daß Sie sich morgen sehr gekräftigt von ihrem Lager erheben werden.« Er drückte mir noch einmal herzlich die Hand, worauf er mit seinem eigentümlichen herablassenden Kopfnicken gegen die beiden Wärter schied. 12 Die Flucht Ohne weitere Zwischenfälle verstrich der Tag; die beiden Wärter wurden durch einen einzelnen abgelöst, und erst gegen Abend übernahmen wieder zwei Leute, die bereits mehrere Nächte bei mir zugebracht hatten, die Wache. Diese hatten indes nie eine Ahnung in mir erweckt, daß sie vielleicht um meine beabsichtigte Befreiung wüßten oder gar zur Beteiligung auserkoren gewesen wären. Ich benahm mich daher mit unverminderter Vorsicht; nur hin und wieder richtete ich Fragen über gleichgültige Gegenstände an sie und dann auch mehr, um meine Unruhe und Spannung zu besiegen, als daß ich das Bedürfnis gefühlt hätte zu sprechen. Um acht Uhr erklärte ich endlich, daß ich eine unüberwindliche Müdigkeit empfinde und zu schlafen wünsche; dann drehte ich mich auf die Seite und atmete gleich darauf tief und regelmäßig. Eine Viertelstunde verrann in tiefem Schweigen. Die Wärter dehnten und reckten sich auf ihren knarrenden Stühlen; offenbar langweilten sie sich, aber erst nachdem der Schließer, seinen gewöhnlichen Abendbesuch gemacht und ihnen die größte Wachsamkeit anempfohlen hatte, fiel ihnen ein, sich durch ein Gespräch die Zeit zu verkürzen. »Es ist doch ganz anders, wenn reicher Leute Kinder bestraft werden, als wenn unsereins ins Gefängnis gesteckt wird,« begann der eine, der mir zu Häupten saß, mit etwas gedehnter Stimme. »Wieso?« fragte der andere ebenso gedehnt. »Hm, mit einem Lumpen, der nicht ein paar Kreuzer zuzusetzen hat, würden sie wahrhaftig nicht soviel Umstände machen und ihn hier wie einen vornehmen Herrn bedienen lassen.« »Mir ganz gleichgültig, so lange ich keinen Profit von seiner Vornehmheit habe.« »Ich habe meinen Profit schon davon gehabt,« versetzte der Erste wieder, indem er meine Decke etwas zurückschob und mich prüfend betrachtete; »aber schlafe du und der Teufel, ich glaube ein Kanonenschuß würde ihn nicht wecken; wir werden eine ruhige Nacht haben.« »Profit?« fragte der zu meinen Füßen Sitzende. »Ja, Profit, sieh nur her, diesen blanken Taler hat mir ein fremder Herr geschenkt, mit der Bitte, den jungen Mann recht sorgfältig zu pflegen.« »Wovon mir von rechtswegen die Hälfte gebührt.« »Hahaha! Wäre ich doch ein Narr, wollte ich mit dir teilen! Aber tröste dich, du sollst nicht ganz leer ausgehen, und schaffst du nur etwas zu trinken herbei, so wollen wir eine lustige Nacht feiern.« »Wenn du das Geld dazu hergibst, wird sich das andere schon finden.« Nach dieser Einleitung vernahm ich das Klingen von kleinen Geldmünzen, worauf sich der eine auf den Zehenspitzen entfernte. Nach zehn Minuten trat er ebenso leise wieder ein, gleich darauf knirschte ein Pfropfen und nach einem herzlichen: »Prosit Bruder« ertönte, das eigentümliche Gurgeln, mit dem von dem Inhalt der Flasche in eine durstige Kehle hinabrieselte. »Ha, das tut wohl,« sagte der Trinker, »möchten wir unsern Patienten noch recht lange zu bewachen haben.« »Du hast wohl schon unterwegs getrunken, denn das ist doch nicht für einen halben Gulden?« grollte der neben meinem Bette sitzende Wärter. »Für einen halben Gulden, nicht weniger und nicht mehr, habe nur die Qualität geprüft und dann dem Posten auf der Straße und dem auf der Hausflur 'nen Schluck gegeben.« »Um so besser,« versetzte der andere, nachdem er ebenfalls einen Zug aus der Flasche getan, »haben Sie mitgetrunken, werden Sie sich hüten, uns zu verraten.« Die beiden Freunde rückten nunmehr dichter zusammen; der Branntwein hatte sie gesprächiger gemacht, und indem die Flasche munter zwischen ihnen hin und her wanderte, führten sie eine heitere, harmlose Unterhaltung. Ich lag unterdessen schwer atmend, mit geschlossenen Augen da. Der Schweiß perlte mir von der Stirn, die Zunge klebte mir am Gaumen, und besorgt lauschte ich auf das Benehmen der beiden Trinker, die mir gerade nicht die rechten Persönlichkeiten zu sein schienen, einen Fluchtversuch zu begünstigen. So verrann eine Stunde und noch eine, und die Uhr schlug zehn, als die beiden Zecher noch immer gemütlich beieinander saßen. Aber ihre Stimmen waren lebhaft geworden und in geräuschvollerer Weise sprachen sie ihren Unmut über das schnelle Leerwerden der Flasche aus. Nach einigem Hin- und Herrechnen kamen sie endlich überein, das zweite Drittel des Talers, der doch so leicht verdient war, zu vertrinken, und abermals brach derselbe, der die erste Flasche hatte füllen lassen, auf, um noch schnell, eh die Läden geschlossen wurden, eine neue Auflage zu erstehen. Er ging, jedoch nicht mehr leise und auf den Zehenspitzen, sondern hart auftretend und sich an Stühlen und Wänden stützend. Auf der Hausflur wurde er mit schadenfrohem, aber unterdrücktem Gelächter empfangen, doch ließ man ihn ungehindert passieren, wahrscheinlich weil man erriet, zu welchem Zwecke er nach der Straße hinausschwankte. Noch unbeholfener und schwerfälliger, als er gegangen war, kehrte er zurück. Es war ersichtlich, daß er sich mit Mühe aufrecht erhielt und nur noch ein geringes Maß des berauschenden Trankes dazu gehörte, ihn vollständig zu betäuben. Sein Gefährte schien ihm kaum noch etwas nachzugeben, trotzdem tranken beide, bis sie nicht mehr konnten und der Mann, der den Branntwein herbeigeschafft hatte, zuerst auf seinem Stuhl laut zu schnarchen begann und dann polternd auf die Erde sank, wo er sich lang ausstreckte und ruhig weiterschlief. Der Anblick seines betäubten Gefährten schien den ersten Wärter wieder etwas zu ernüchtern und an die Strafe zu erinnern, die seiner als des Anstifters im Entdeckungsfalle harrte. Ich schloß es wenigstens daraus, daß er leise zur Tür schlich, diese öffnete und die Schildwache herbeirief. »Da liegt das unmäßige Vieh,« sagte er trotz seiner Trunkenheit in besorgnisvollem Tone, »da liegt er, und wenn ich meinen Posten verliere, ist es seine Schuld.« »Könnt Ihr ihn nicht heimlich fortschaffen und hinterher melden, er sei krank geworden?« fragte der Soldat lachend. »Ja, wollt ihr ihn vielleicht nach seiner Wohnung tragen?« lautete die Gegenfrage. »Ich nicht,« lachte der Soldat wieder. »Wenn er nur auf der Straße wäre, möchte meinetwegen aus ihm werden, was da wolle. Aber hört, Freund, Ihr könnt mich retten; wir lassen ihn nämlich eine Stunde schlafen – denn vor Mitternacht ist keine Gefahr, daß der Patient erwacht – und dann suche ich ihn soweit zu ermuntern, daß ich ihn wenigstens aus der Tür bringe. Es bleibt Euch dann weiter nichts zu tun übrig, als ihn etwas in den rechten Weg hinein, zu stoßen, so daß er die Haustür nicht verfehlt.« Der Soldat gab lachend seine Zustimmung, bat sich als Belohnung für seine Dienste im voraus einen wärmenden Trank aus, der ihm auch bereitwillig verabreicht wurde, worauf er langsam davonschritt. Der Wärter schloß die Tür und lauschte eine Weile. Als das Geräusch des sich entfernenden Soldaten endlich auf dem andern Ende der Flur verhallte, schob er den Riegel des Schlosses vor und hastig, aber leise trat er zu mir ans Lager. »Herr Wandel,« flüsterte er mir dringend zu und zwar mit dem Ausdruck eines vollkommen nüchternen Menschen. Blitzschnell richtete ich mich empor, den Wärter fragend anstarrend. »Schnell, schnell,« fuhr dieser dringend fort, »wir haben keine Minute Zeit zu verlieren; stehen Sie auf und helfen Sie mir.« »Aber ich bin ja ohne Kleider,« bemerkte ich, von einem jähen Schrecken befallen. »Richtig, damit Sie nicht entlaufen sollen; aber hier, fassen Sie an; Sie brauchen nicht zart mit ihm umzugehen; er hat nicht mehr Gefühl, als der Pfosten Ihres Bettes.« So sprechend richtete er den betrunkenen Wächter auf, und indem ich nach besten Kräften Beistand leistete, gelang es uns ihn zu entkleiden. Aber ebenso schnell, wie wir ein Stück von seinen schlaffen Gliedern streiften, zog ich es an, und kaum zehn Minuten waren verronnen, da lag der Trunkenbold sorgfältig zugedeckt in dem Bett, während ich noch dieses und jenes an dem mir ziemlich passenden Anzug ordnete. »Soweit wären wir fertig,« sagte der Wärter, mich zufrieden von allen Seiten musternd, »aber nun Haare und Bart; setzen Sie sich und halten Sie eine Minute still.« Vor Aufregung keines Wortes mächtig setzte ich mich auf den nächsten Stuhl nieder, der Wärter trat hinter mich, eine Schere knirschte nach allen Richtungen über meinen Kopf hin, und bald darauf lagen meine braunen, verwirrten Locken auf einem über das Bett ausgebreiteten Taschentuch. »Sie müssen die ganze Geschichte mitnehmen,« sagte er, indem er auch meinen Bart, so gut es eben gehen wollte, abschor und zu dem Haupthaar warf; »hier dienen sie nur als Mittel, Ihnen auf die Spur zu kommen. Schade, daß kein Spiegel bei der Hand ist, Sie würden sich selbst kaum wieder erkennen; Jesus, Maria, Joseph! Wie ist es möglich, daß der Mensch sich so verändern kann!« Dergleichen Bemerkungen vor sich hinmurmelnd, beeilte sich der brave Mann, die auf den Fußboden gefallenen Haare zu entfernen, und nachdem er sodann das meine Locken enthaltende Bündel in die Brusttasche meiner weiten wollenen Jacke geschoben und eine alte Mütze tief über meinen Kopf gezogen hatte, erklärte er, daß ich nunmehr zur Flucht fertig sei. »Noch haben wir eine Viertelstunde Zeit,« sagte er, auf das Schlagen der Turmuhren lauschend, »Sie dürfen ebensowenig zu früh, wie zu spät von hier aufbrechen; aber hören Sie, sind Sie jemals in Ihrem Leben betrunken gewesen? Ich meine, was man so recht ordentlich betrunken nennt?« »Das dürfte ich gerade nicht behaupten, doch bezweifle ich nicht, daß ich einen schwer Betrunkenen sehr täuschend nachahmen kann.« »Das meine ich eben, das sollen Sie auch nur – aber Maria, Joseph! Was ist das?« fragte er plötzlich erbleichend, indem er nach der Tür hinlauschte. Sein Schrecken teilte sich mir augenblicklich mit, und ein ohnmachtähnliches Wehgefühl ergriff mich, als ich auf der Hausflur die Tritte von mehreren Männern vernahm, die sich langsam der Tür näherten. »Also nur ein Kranker?« fragte eine befehlende Stimme. »Der wachthabende Offizier,« flüsterte der Wärter bebend, und Todesangst prägte sich auf seinen Zügen aus. »Nur einer, und der schläft,« lautete die Antwort der Schildwache. »So wollen wir ihn nicht weiter stören,« hieß es, und ich glaubte, vom Rande des Grabes zurückgerissen zu sein, als Schritte und Stimmen, nach einer erneuerten Mahnung, scharfe Wache zu halten, sich entfernten. Aber noch hatten wir es nicht gewagt, miteinander zu sprechen, da klopfte es leise an die Tür. »Legen Sie sich genau so hin, wie mein Kamerad gelegen hat,« riet der Wärter und zugleich ergriff er eine Decke, um sie nachlässig über mich zu werfen, worauf er laut fluchend nach der Tür hintaumelte, den Riegel zurückschob und öffnete. »Was ist los?« fragte er rauh und mit dem Benehmen eines Berauschten. »Dankt Eurem Schöpfer, daß es mir gelang, die Ronde von Euch fern zu halten,« antwortete der Wachtposten vertraulich. »Und was nun?« »Na, ich denke der Dienst, den ich Euch leistete, wäre wohl einen Trunk wert.« »Bei allen Teufeln, den sollt Ihr haben,« entgegnete der Wärter, schwankenden Schrittes die Flasche herbeiholend und sie mit unsichern Bewegungen dem Soldaten einhändigend. Er hatte die Türe weit aufgelassen, so daß der Soldat mich sehen konnte. »Der ist gut,« bemerkte dieser, indem er mit der entkorkten Flasche auf mich wies. »Hol ihn der Teufel,« grollte mein Freund ächzend. »Aber auch Ihr scheint etwas schief geladen zu haben,« fuhr der Soldat spöttisch fort; »übrigens will ich Euch den guten Rat erteilen, Eurem Kameraden recht bald auf die Strümpfe zu helfen, wenn er überhaupt während meiner Wache fort soll. Noch eine halbe Stunde und ich werde abgelöst.« »Ja ja ja,« antwortete der Wärter, die Tür hinter dem Davonschreitenden zudrückend. Bei diesem Geräusch sprang ich empor, aber bevor ich noch eine Frage an meinen Freund richten konnte, zog dieser mich neben sich auf den Rand der Bettstelle. Nachdem er mich noch einmal dringend zur größten Vorsicht ermähnt hatte, bezeichnete er mir nicht nur aufs genaueste den einzuschlagenden Weg, sondern er schrieb mir auch ebenso genau das den mir etwa begegnenden Leuten gegenüber zu beobachtende Verfahren vor. Sobald er mich dann hinlänglich instruiert und auf alle Fälle vorbereitet glaubte, begleitete er mich noch bis an die Tür. »Möge Gottes und aller Heiligen Segen Sie begleiten,« sagte er mitleidig, »ich hoffe, das Glück wird Ihnen günstig sein; ein junges Blut wie Sie paßt schlecht in die Gefängnisräume.« Tief ergriffen preßte ich die Hand meines Retters, meinen Dank aber wies er zurück. »Mir gebührt kein Dank,« versetzte er ausweichend, »ich werde für meine Dienstleistung hoch bezahlt; denn hätte ich auch Neigung verspürt, Ihnen zu helfen, mir allein wäre es nicht möglich gewesen, und ohne für meine Zukunft einigermaßen sichergestellt zu sein, durfte ich es nicht darauf ankommen lassen, für grobe Versehen im Dienst meines Postens enthoben zu werden.« Noch wollte ich fragen, von wem meine Befreiung ausginge, da öffnete er schon die Tür, und mit einem leise geflüsterten: »Gott geleite Sie,« gab er mir einen Stoß, daß ich wohl fünf Schritte weit in den vor mir liegenden Gang hineintaumelte. Der Weg, den ich zu verfolgen hatte, war nur spärlich erleuchtet, dabei aber breit und bequem. Eingedenk meiner Aufgabe stellte ich mich aber, als ob für mich daselbst die undurchdringlichste Finsternis herrschte und meine Füße bei jedem Schritt an ein schwer zu besiegendes Hindernis stießen. Bald auf der einen, bald auf der ändern Seite mich an den Wänden hintastend, aber jederzeit die Augen unter der tief über die Stirne gezogene Mütze offen, gelangte ich langsam weiter. Da bei jeder Biegung des Ganges eine düstere Laterne brannte, so wurde mir das Auffinden des mir so genau bezeichneten Weges erleichtert, und nur einmal, als ich über einen kleinen dunkeln Hof kam, war ich zweifelhaft, in welche der gegenüberliegenden, stets von selbst wieder zufallenden Türen ich einzutreten habe. Aber gerade hier in der Dunkelheit war es, wo mir die bekannte und zufällig in der Nähe befindliche Schildwache Hilfe leistete. Mit einem schadenfrohen Lachen mich ins Genick fassend, stieß der Mann mich nämlich mit solcher Gewalt gegen die rechte Tür, daß ich mit derselben ins Haus hineinflog und auf der ändern Seite zu Boden stürzte. »Immer geradeaus,« rief er mir zu, »immer geradeaus der Nase nach. Hahaha! Bin Viehtreiber geworden! Warte, Freundchen, Mutter wird dir den Kopf so lange waschen, bis dir vor Verwunderung die Augen übergehen, hahaha!« Was ich empfand, als der durch den Genuß des Branntweins aufgeheiterte Soldat in den düsteren Gängen seine brutalen Scherze gelegentlich mit einem nicht allzu sanften Stoß begleitete, vermag keine Feder zu schildern. Doch bei aller Furcht vor einer Entdeckung vergaß ich keinen Augenblick, der übernommenen Rolle treu zu bleiben. Den Kragen meiner Jacke zog ich mir, wie fröstelnd, bis über die Ohren hinauf und taumelte meines Weges, vorsichtig darauf achtend, daß ich nicht in den vollen Schein der matt brennenden Laternen gelangte. Endlich lag die Haustür vor mir. Auf der Straße war es dunkel, denn die beiden nächsten Laternen vermochten in der nebeligen Atmosphäre keine große Helligkeit zu verbreiten. Gereichte mir dies zum Trost, so erfüllte es mich auf der andern Seite wieder mit wahrem Entsetzen, eine Schildwache zu bemerken, die mit geschulteter Muskete kaum zwei Schritte weit vom Hause gerade mitten vor der offenen Doppeltür stand. Aber der Mann hinter mir setzte den Kolben seiner Muskete zwischen meine Schulterblätter, und mich dann vor sich herschiebend, rief er jenem lachend zu, sich nicht überfahren zu lassen. Letzterer ging auf den Scherz ein, und ebenfalls in ein unterdrücktes Lachen ausbrechend, trat er bis fast an sein Schilderhaus heran. Ich mußte jetzt dicht bei ihm vorüber, und mehr einem unbestimmten Instinkt als einem überlegten Plane folgend, strauchelte ich scheinbar und lag in der nächsten Sekunde stöhnend auf der Straße. »Verdammt!« rief mein Retter wider Willen mir nach, »in seiner Haut möchte ich nicht stecken, wird wohl nicht ohne Strafe davonkommen!« »Ist ihm gesund, warum macht er solche Streiche,« antwortete der Soldat; »willst du ihm nicht auf die Beine helfen?« »Oder ihn gar nach Hause begleiten!« rief der erstere höhnisch, »laß ihn nur liegen, er wird sich schon selbst emporhelfen« – Was die Beiden noch Weiter sprachen, entging mir, denn aus Furcht, daß der eine oder der andere von ihnen sich dennoch menschenfreundlicher zeigen würde als ich wünschte, raffte ich mich anscheinend sehr mühsam empor, und bald nach der linken, bald nach der rechten Seite der Straße hinüberschießend, gelangte ich schnell aus dem Bereich ihrer Stimmen. Ehe ich die nächste Straßenecke erreichte, begegnete mir die Ablösung. Es war also die höchste Zeit gewesen. Ohne weiteren Unfall traf ich auf der mir durch den Wärter bezeichneten Stelle ein. Ein in einen Mantel gehüllter Mann erwartete mich daselbst. »Sind Sie es?« fragte er mich, sobald ich mich ihm gegenüber befand. »Doktor, ich bin frei!« war das einzige, was ich hervorzubringen vermochte, indem ich ihm aus überströmendem Herzen beide Hände drückte. »Ruhig, junger Mann,« entgegnete mein wohlwollender Freund; »noch dürfen Sie nicht triumphieren; folgen Sie mir in einiger Entfernung, die Straßen sind noch belebt,« und so sprechend, trennte er sich von mir, in die nächste Querstraße einbiegend. Nachdem wir ungefähr eine Viertelstunde in dieser Weise fortgewandert waren, blieb mein Führer plötzlich vor einem großen Hause stehen. Sobald ich bei ihm eintraf, blickte er noch einmal scheu die Straße hinauf, hinunter, und dann schweigend meinen Arm ergreifend, zog er mich nach der Haustür hin, die sich auf ein leises Klopfen mit dem Knopf seines Stockes geräuschlos öffnete. Wir schritten über einen dunklen, mit Decken belegten Hausflur und dann eine breite bequeme Treppe hinauf, auf deren oberster Stufe wir von einer älteren Dame, der Gattin des Arztes, mit Licht empfangen wurden. »Außer meiner Frau und meinem Sohne, der uns die Tür öffnete, weiß niemand in diesem Hause um Ihre Anwesenheit und Ihre Flucht,« sagte der Arzt, nachdem er mir Zeit gelassen, der freundlichen Dame, die mich mit trauriger Teilnahme betrachtete, statt jeder weitern Begrüßung die Hand zu küssen; »auch ich muß auf meiner Hut sein,« fuhr er fort, seiner voranleuchtenden Gattin nach dem Hinterhause hin folgend, »und ebenso heimlich, wie Sie in mein Haus gekommen sind, müssen Sie dieses wieder verlassen. Bis dahin sind Sie selbstverständlich mein Gast, und ich stelle Ihnen nur die einzige Bedingung, deren genaue Beobachtung ich von Ihrer Ehre erwarte, daß Sie nie nach denjenigen forschen, denen Sie Ihre Befreiung verdanken.« »Es ist eine schwere Bedingung, nicht einmal den Namen meiner Wohltäter wissen zu dürfen,« versetzte ich, indem ich mit meinen Gastfreunden in ein reich ausgestattetes Wohnzimmer trat. »Gewiß,« versetzte der Arzt freundlich, »Sie müssen sich indessen in das Unvermeidliche fügen, sprechen Sie auch nicht von Dank. Dadurch, daß Sie der Kerkerhaft entrissen wurden, ist andern Leuten ein fast ebenso großer Dienst wie Ihnen geleistet worden –« »Meinem Vormund vielleicht,« unterbrach ich den Arzt hastig. »Fragen Sie nicht!« antwortete dieser mit milder Strenge. »Sie haben nur mit mir zu tun; sogar die Sie betreffenden Vormundschaftsangelegenheiten sind in meine Hände niedergelegt worden.« Neue Fragen an meinen Wohltäter zu richten war unmöglich, da seine Gattin bat, uns zu dem in einem Nebengemach bereit gehaltenen Mahl niederzusetzen. Bis zu den ersten Morgenstunden saß ich mit dem Arzt in seiner Arbeitsstube, vertieft in die ernstesten Gespräche; und als er mir dann ein kleines Kabinett dicht neben seinem Schlafgemach zu meinem vorläufigen Aufenthalt anwies, war ich vertraut mit allem, was Bezug auf die Fortsetzung meiner Flucht hatte, deren Endziel Amerika sein sollte. Über meinen Vormund erfuhr ich nur, daß er die Vormundschaft dem Arzte übertragen und diesem anheimgestellt habe, den Rest meines kleinen Vermögens zur Erleichterung meiner Lage im Gefängnis zu verwenden. Danach mußte ich annehmen, daß er nichts von der beabsichtigten Flucht wisse. Auch Johannas Namen kannte er und knüpfte daran die Mahnung: »Sie sind ein Mann, und werden den Schicksalsschlag, der Sie so hart trifft, zu tragen wissen. Die Nichte ihres Vormundes dagegen ist eine hinfällige, zarte Natur. Ich spreche als Arzt, und als Arzt rate ich Ihnen, denken Sie nicht etwa daran, sich auf der Oberförsterei im Siebengebirge zu zeigen. Später werden Sie einsehen, wie recht ich habe. Um des Oberstleutnants willen, um seiner Nichte, ja, um Ihrer selbst willen, befolgen Sie meinen Rat; bedenken Sie, daß nicht persönliche Vorteile mich, wie die meisten unserer Helfershelfer, bestimmten, Ihre Befreiung zu erwirken, sondern andere, tiefer liegende Gründe. Meine Bekanntschaft mit Ihnen hat am allerwenigsten dazu gedient, Reue über mein Tun in mir zu erwecken, im Gegenteil, mich in meinem Vorsatz, Ihnen Beistand zu leisten, bestärkt; gönnen Sie mir daher das wohltuende Bewußtsein, meine Mühe nicht nutzlos verschwendet zu haben, und ziehen Sie hin in Frieden, um sich eine neue Heimat zu gründen.« Unter dem Druck dieser Worte suchte ich mein Lager; die ununterbrochene geistige Spannung der letzten Tage hatte mich erschöpft, doch der Schlaf blieb mir fern; ob wachend oder träumend, überall und zu jeder Zeit trauerte ich um meine Jugend, um mein verlorenes Paradies.– Vier Tage später, als die erste Aufregung über die unerklärliche Flucht des gefährlichen Demagogen sich etwas gelegt hatte und man mich an jedem andern Punkte der Erde eher vermutet hätte als in Frankfurts Mauern, wanderte ich am hellen Tage frei und offen durch das Eschenheimer Tor, um auf einem Umwege in die nach Mainz führende Straße zu gelangen. Auf meinen kurz geschorenen Haaren ruhte ein verbogener, weißer Filzhut; ein olivenfarbiger, sehr verschossener und mit mancherlei Flicken geschmückter Jagdrock umschloß meinen Oberkörper, alte gelbe Nankingbeinkleider und ein Paar schiefgetretener Stiefel bildeten den übrigen Teil meines Anzuges. Auf meinem Rücken hing ein alter Ranzen, der im Innern etwas grobe Wäsche und einen nicht mehr ganz modischen Anzug barg, während auf einer Außenseite, in Nebentäschchen und unter den Riemen, eine Kleiderbürste, eine Stiefelbürste, ein Paar gestickte Morgenschuhe und ein Reservepaar von Stiefeln angebracht waren. In meinem linken Mundwinkel hing eine kurze Pfeife mit langen Quasten und zusammengekittetem Porzellankopf, auf dem ein in Dolche und Pistolen förmlich eingehüllter Rinaldo sehr gemächlich in den etwas zu feuerrotgeratenen Armen seiner schielenden Rosa ruhte. Am rechten Handgelenk hing mir an einem zähen Riemen ein eigenartig geformter Stock, der in seiner Jugend jedenfalls einer Ranke Halt gegeben hatte, und von dem einzigen noch nicht ausgerissenen Knopfloch meines Jagdrockes baumelte an fettig glänzenden, einst grün gewesenen seidenen Schnürchen eine mit rauchbarem Tabak wohlgefüllte Schweinsblase nieder. Wenn ich so in meinem Äußern das Urbild eines wandernden Handwerksburschen zeigte, so waren meine Taschen nicht minder vorsichtig mit allen Emblemen des edlen Gerbergewerkes versehen worden. Ein abgegriffenes Wanderbuch, auf den schönen Namen Peter Herpenhof lautend, ragte zur Hälfte aus der äußeren Brusttasche meines Jagdrockes hervor, wie um den auf Legitimationen abgerichteten Gendarmen das gestrenge Ausfragen zu ersparen. Eine kalbslederne Börse mit ungefähr fünf Talern in Pfennigen, Silbergroschen, vereinzelten Kreuzern und Fünfgroschenstücken blähte meine linke Westentasche auf, während eine große Schnupftabaksdose das Gleichgewicht der andern Westentasche wieder einigermaßen herstellte. Ich reiste also als Handwerksbursche, als Peter Herpenhof, als derselbe Peter Herpenhof, der im Hause meines edlen Wohltäters, des Arztes, so lange bleiben sollte, bis ich ihm sein Wanderbuch und seine Pfeife wieder zurückgesendet haben würde; denn auf den Ranzen samt seinem Inhalt und auf seine Reisekleider hatte er gegen eine angemessene Summe willig verzichtet. Außerdem, daß ich vollständig als Handwerksbursche ausgerüstet worden war, hatte mir der Arzt auch noch achthundert Taler in Gold eingehändigt. Dieses trug ich in einem festen Gurt unter meinen Kleidern; es war die größte Summe, die ich jemals in meinem Leben auf einmal besessen hatte, doch welchen Reiz hatten jetzt noch blinkende Schätze für mich? Ich wanderte dahin, äußerlich das Bild eines leichtsinnigen, unordentlichen Gesellen, während ich innerlich mich zu verbluten meinte und, erfüllt von den schwärzesten Ahnungen, Johannas gedachte. Obgleich der Arzt mir bis zum letzten Augenblick dringend abgeraten hatte, meinen Weg durch das Siebengebirge zu nehmen, obgleich seine Gattin, während Tränen in ihren wohlwollenden Augen perlten, ihre Bitten mit denen des Doktors vereinigte und ich sogar versprochen hatte, ihre Ratschläge zu beherzigen, beschloß ich dennoch alles zu wagen, um noch einmal mit Johanna zusammenzutreffen. Ich mußte sie wiedersehen, und wenn mir auch weiter nichts vergönnt sein sollte, als heimlich einen Blick auf ihr liebes, treues Antlitz zu erhaschen, ehe ich auf ewig von ihr scheiden mußte. Einesteils hoffte ich alles von einer Zusammenkunft mit ihr, die mir so oft und so feierlich ewige Treue gelobte, andernteils hätte ich nicht vermocht, mein Vaterland zu verlassen, ohne aus ihren Augen die Gemütsstimmung herausgelesen zu haben. Mir auch in der Ferne ein wahres, ungeschminktes Bild von ihr entwerfen zu können, von ihr, die dereinst zu besitzen ich die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben hatte, war der tröstende Gedanke, der meine Schritte lenkte. So wanderte ich denn meinem Ziele zu, durch die herbstliche Landschaft dem Rhein entgegen und endlich an dem stolzen Strom hinunter. Die Sehnsucht trieb mich zur Eile, die Meilen schienen unter mir fortzufliegen und wie ein wunderbar schönes Panorama glitten zu beiden Seiten die rebengeschmückten Ufer mit ihrem mittelalterlichen Schmuck an mir vorüber. Das Laub der Reben und in den Waldungen war schon zum Abfallen bereit, die Zugvögel wanderten dem wärmeren Süden zu. Allein ich war wie blind für alles. Unbesiegbare Schwermut lastete auf mir. Wie war es anders früher, wenn ich der Oberförsterei zuwanderte und frischer Jugendmut mir die Brust schwellte! Jetzt war ich geächtet, verbannt und verfolgt; für mich gab es keinen Freund mehr, vor den ich unbesorgt hätte hintreten dürfen; und Johanna? O, ich durfte nicht daran denken – – – 13 Ein Freund in der Not Das war eine lustige Nacht in dem Dorfe, das gleich oberhalb des Drachenfels am Ufer des Rheins liegt. Zwei Violinen, eine schrille Klarinette, ein Waldhorn und eine mächtige Baßgeige sendeten ihre heiteren Klänge durch die geöffneten Fenster ins Freie hinaus, so laut, daß die Kinder auf der Straße nach dem Takt der Musik bequem tanzen konnten und sogar auf der andern Seite des Stromes ein tanzlustiges Paar vermocht hätte, nach den über die glatten Fluten hinrollenden Klängen sich müde zu walzen. »Heute ist Kirmeß!« klang es aus Geigen, Klarinette und Waldhorn hervor, »heute ist Kirmeß,« stand geschrieben auf den runzeligen Gesichtern der Bestevaders, die in frisch gewaschenen Zipfelmützen, funkelnagelneuen kattunenen Jacken, schwarzen Kniehosen, wollenen blauen Strümpfen und mächtigen blauen Schnallenschuhen an den Wänden herumsaßen und gravitätisch ihre Sonntags-Nachmittags-Pfeife rauchten. »Heute ist Kirmeß,« lachte es nicht minder verständlich aus den Augen der Bestemoders, wenn Vater selbst oder ein Ühmchen , in Erinnerung der weit zurückliegenden eigenen glücklichen Jugend, sie mit dem Ellenbogen bezeichnend in die Seite stieß oder ihnen mit der schwieligen Hand das Kinn und die eingefallenen Wangen schäkernd streichelte. »Heute ist Kirmeß,« leuchtete es aus den runden Gesichtern der festlich geputzten Kinder, indem sie sich verstohlen in die Winkel hineindrängten, um dort, angesichts der tanzenden Paare, mit Ruhe ihre riesenhaften, üppig mit Butter bestrichenen und mit Rosinen und Korinthen reich durchwachsenen Kirmeßweck-Bruchstücken zu verzehren. »Kirmeß ist heute,« jubelten laut die vierschrötigen Burschen, ihre Worte mit einem Luftsprung begleitend und mit den Absätzen krachend den Takt auf den dröhnenden Bohlen schlagend. »Kirmeß ist heute,« antworteten dann wohl die Mädchen, wenn sie sich von den kräftigen Armen ihrer Tänzer fester umfangen fühlten und männliche Lippen ihre vollen, von Gesundheit strotzenden Wangen in dem Gewirre flüchtig und verstohlen streiften. »Heute ist Kirmeß!« rief auch mir eine behagliche männliche Stimme ins Ohr, und zugleich traf mich ein heftiger, wohlgemeinter Schlag auf die Schulter, als ich, auf meinen Wanderstab gestützt, von der Straße aus einen Blick in den so geräuschvoll belebten Saal warf. Mich umschauend, erblickte ich einen Mann, der nur der Gastwirt sein konnte. »Ich sehe es,« antwortete ich ernst, »ich will auch nicht stören, sondern wollte nur fragen, ob ich für Geld und gute Worte etwas zu essen und vielleicht ein Winkelchen, und wäre es auf dem Heuboden, für die Nacht erhalten kann?« »Weder für Geld noch für gute Worte, Freund, heute ist Kirmeß, und wo Kirmeß ist, da kann ein lustiger Handwerksbursche auch noch satt werden, ohne daß er dafür zu bezahlen oder darum zu bitten braucht. Kommt herein, und wenn Ihr euch gestärkt habt, sollt Ihr mittanzen, und den Musikanten möchte ich sehen, der einem armen Wanderburschen nicht für umsonst aufspielen wollte!« »Mit hineingehen will ich wohl, wenn Ihr mir ein unbeachtetes Winkelchen anweisen wollt, aber tanzen kann ich gewiß nicht, meine Füße sind wund und kaum vermag ich mich vor Erschöpfung aufrecht zu erhalten,« bat ich dringend. Der Wirt schüttelte ungläubig den Kopf, in demselben Augenblicke erreichte aber auch im Saal die Pause ihr Ende. »Juuuch – hu – hu – hu!« gellte ein landesüblicher Jauchzer, daß das ganze Haus bebte. Neue Jauchzer, einer immer lauter als der andere, folgten und übertäubten die Musik, die bereits einen Walzer angestimmt hatte; der Gastwirt aber ergriff mich am Arm, und mich in das Haus hineinziehend, dessen Flur der Sammelplatz für die ganze Dorfjugend zu sein schien, fiel er lustig in die Walzermelodie ein: »Bald gras' ich am Neckar, bald gras' ich am Rhein, Bald hab' ich ein Schätzchen, bald bin ich allein!« wobei er sich ziemlich rücksichtslos mit den Ellenbogen nach rechts und links Platz verschaffte. »Dort oben auf dem Berge, da steht 'ne Kapell', Da tanzen die Kapuziner mit ihrer Mamsell! Juuuch – hu – hu – hu!« erschallte es als Antwort aus dem Saale zu uns herüber und wuchtiger stampften die schweren Stiefel auf den Fußboden. Ohne eigentlich zu wissen, wie mir geschah, und die rauhen, aber wohlgemeinten Willkommrufe und Püffe, die von allen Seiten auf mich einregneten, mit einem erzwungenen Lächeln erwidernd, gelangte ich endlich in ein Nebengemach, in dem sich die stillen Zecher und Kartenspieler häuslich niedergelassen hatten. Meine Umgebung nicht weiter beachtend, begab ich mich nach dem mir angewiesenen langen Tische hin, und nachdem ich meinen Ranzen abgelegt, setzte ich mich so nieder, daß ich eine an demselben Tische spielende Gesellschaft nicht störte. Eine Flasche Wein und ein tüchtiger Imbiß waren unterdes vor mir hingestellt worden, und ich zögerte nicht, der an mich ergangenen wenig förmlichen, jedoch wohlgemeinten Einladung Folge zu leisten. Allmählich verfiel ich indessen wieder in so hohem Grade in mein gewohntes trübes Brüten, daß die Musik und der wilde Jubel für mich ungehört verhallten und ich ebensowenig die forschenden Blicke bemerkte, mit denen ich von einem andern, seitwärts stehendem Tische aus beobachtet wurde. Ich dachte eben an den folgenden Tag, an dem ich in der Nähe der nur noch eine gute Meile entfernten Oberförsterei eintreffen sollte, und überlegte zugleich, auf welche Weise es mir wohl gelingen werde, Johanna von meiner Anwesenheit heimlich zu benachrichtigen. »Johanna, koch Kaffee,« ertönte es plötzlich heiser krächzend von dem andern Tisch zu mir herüber. Ein unbeschreiblicher Schrecken bemächtigte sich meiner, ich fühlte, daß ich erbleichte, und um das Zittern meiner Hände weniger bemerklich zu machen, ließ ich Messer und Gabel vor mich auf den Teller sinken. Ich glaubte Antons Raben gehört zu haben und wendete meine Augen langsam nach der Richtung hinüber, aus der ich die Stimme vernommen hatte. Von Anton oder seinem Raben sah ich nichts, dagegen gewahrte ich, daß drei Männer, die Karten in der Hand, aus vollem Herzen über ihren vierten Mitspieler lachten, der den Raben des weit und breit bekannten Anton so täuschend nachgeahmt hatte. Der vierte nun stimmte mit in das Lachen ein, doch entdeckte ich auf seinem halb abgewandten Gesicht den Ausdruck eines höhnischen Triumphes, den er darüber empfand, durch ein so schlau gewähltes Mittel sich über meine Person Gewißheit verschafft zu haben. Daß ich mich nicht täuschte, begriff ich, sobald ich Antons vagabundierenden Bruder erkannt hatte, dessen Blicke aber glitten scheinbar fremd über mich hin, worauf er, in die geräuschvollen Scherze seiner Kameraden einstimmend, die Karten wieder zur Hand nahm. Hatte er mich wirklich nicht erkannt? War sein Ruf nur zufällig gewesen oder suchte er meinen Argwohn einzuschläfern? Das waren Fragen, die ich nicht zu beantworten vermochte. Der Schrecken hatte aber so lähmend auf mich eingewirkt, daß ich die Speisen unberührt stehen lassen mußte; um aber dem Gastwirt nicht aufzufallen, sprach ich von Zeit zu Zeit der Flasche zu, wobei ich das Benehmen von Antons Bruder scharf bewachte. Doch weder durch Blicke noch durch Mienen verriet dieser, was in seinem Innern vorging, trotzdem fühlte ich mich so beängstigt in der Nähe des unheimlichen, verrufenen Menschen, daß ich mir die bittersten Vorwürfe machte, nicht in irgendeinem Stall oder Schuppen oder gar unter dem freien Himmel übernachtet zu haben. Gleichzeitig war aber auch meine Erinnerung an den armen Krüppel und seinen Raben wachgerufen worden. Unwillkürlich gedachte ich Antons tiefer Dankbarkeit und seiner genauen Ortskenntnis in der Umgebung der Oberförsterei, und wie ein Blitz leuchtete es in meinem Geiste auf, daß er der einzige sei, dem ich mich anvertrauen, der einzige, der mir in meiner bedrängten Lage beistehen könne. Doch wie sollte ich fortgelangen, ohne erst recht die Aufmerksamkeit der Leute auf mich zu ziehen? Wäre es doch etwas zu Ungewöhnliches gewesen, wenn ein fahrender Handwerksbursche verschmäht hätte, sich an den Lustbarkeiten einer Kirmeß, und dazu noch kostenfrei, zu beteiligen. Indem ich noch hin und her überlegte, trat der Wirt strahlenden Antlitzes, die beiden Hände tief in die Seitentaschen seiner Jacke gesenkt, die Zipfelmütze verwegen auf ein Ohr gedrückt, zu uns in das Gemach. Mein Entschluß war schnell gefaßt; bescheiden und auf beiden Füßen hinkend trat ich an seine Seite. »Herr Wirt,« redete ich ihn an, »ich bin recht unglücklich daran, ich möchte mich wohl mit eurer Erlaubnis unter die Tänzer mischen« – »Immer zu, immer zu,« unterbrach mich der Wirt, mich so derb auf die Schulter schlagend, daß ich meinte, zusammensinken zu müssen. »Aber lieber Herr Wirt, ich bin ja unfähig dazu, mein Körper ist wie zerschlagen, meine Füße sind wund, und da wollte ich Euch bitten, mir eine Stelle anzuweisen, wo ich nur eine Stunde ruhen und mich umkleiden kann, damit ich wenigstens mit Anstand auf dem Tanzplatz erscheine.« Etwa eine Minute lang betrachtete der Wirt mich mit schalkhaftem Ausdruck von oben bis unten. Eine lustige Antwort schwebte ihm auf den Lippen; mein klägliches und zugleich ehrerbietiges Wesen mußte dagegen seine Teilnahme erwecken, denn er nickte mir gutmütig zu, und nachdem er mich aufgefordert hatte, mein Ränzel zu holen, bugsierte er mich nicht ohne Mühe durch den Saal nach dem Flur hinaus. Auf dem Hausflur angekommen, wo nur Kinder uns umgaben, wendete ich mich noch einmal an den Wirt. Ich bat ihn, mich, der ich selbst ein Bauernsohn sei, nicht für stolz zu halten, wenn ich nicht mehr in die Mitte der frohen Menschen zurückkehre; aber vor einigen Tagen sei mir die Nachricht von dem Tode meiner Mutter zugegangen und der Schmerz über deren Verlust sei noch zu frisch, um einen solchen Gesellschafter abzugeben, wie er es wünsche. Ich zeigte ihm darauf mein Wanderbuch, das er in Ordnung fand, und nachdem ich ihm aufs herzlichste für seine Gastfreundschaft gedankt, bat ich um Erlaubnis, im Stall oder in der Scheune die Nacht zubringen zu dürfen. Der Wirt, von Natur ein gutmütiger Mensch, durch den Genuß des Weines vielleicht noch gutmütiger gemacht, würdigte meine Einwände nach Gebühr, da aber das durchdringende Jauchzen ihn wieder nach dem Tanzplatz rief, so nahm er sich nicht die Zeit, mich zu begleiten. Er gab mir daher nur flüchtig die Richtung an, in der ich die Tür des im tiefsten Schatten liegenden Heustalles finden würde, worauf er ins Haus zurückeilte. An den Stall gelangte ich schnell genug heran, auch die bezeichnete Tür entdeckte ich nach einigem Umhertasten, und vertraut mit den ländlichen Einrichtungen, kostete es mich keine Mühe, den hölzernen Keil aus der eisernen Überfallkrampe herauszuziehen, worauf die Tür knarrend aus ihren Fugen wich. Im Begriff einzutreten, blickte ich noch einmal mechanisch nach der Haustür zurück, als der Schatten eines Mannes in dieser mich veranlaßte, genauer hinzuschauen. Ein eiskalter Schauer machte mir das Blut in den Adern gerinnen, als ich des wilden Andres' Gestalt erkannte. »Ich bin verloren,« dachte ich bebenden Herzens; schnell aber, als habe die Todesangst meine geistigen Kräfte verschärft, faßte ich mich wieder, und die Tür mehrere Male heftig zuschlagend, erzeugte ich ein Geräusch, als wenn ich vom Innern des Stalles aus zu befestigen versucht hätte. Leise schlich ich sodann bis an die äußerste Ecke des kleinen Gebäudes, wo ich mich, da eine offene Flucht der umherstöbernden Hirtenhunde wegen mir in diesem Augenblick zu gefährlich erschien, dicht an der Mauer niederkauerte. Andres, überzeugt, daß ich mich im Stall befinde, trat nun einige Schritte vor und schlich leise nach der angelehnten Tür des Heustalles hin. Und dann erriet ich aus dem dadurch verursachten Geräusch, daß er die eiserne Krampe durch den an einem Riemen niederhängenden Ring zwängte und dadurch beide Teile fest miteinander verband. Er wollte mich also einsperren. Mit einem Gefühl grenzenloser Verlassenheit sah ich ihn dann wieder nach dem Hause zurückschleichen. Nie in meinem Leben hatte ich Andres auch nur mit einer Miene beleidigt, und dennoch mußte ich erleben, daß er alles in seinen Kräften Stehende aufbot, mich meinen Verfolgern zu überantworten und mir dadurch einen schrecklichen Untergang zu bereiten. Ich seufzte tief auf, meine Augen brannten, und vergeblich blickte ich zum schwarz bewölkten Himmel empor, um einen freundlichen Stern zu entdecken, der wie ein Schimmer von Hoffnung auf mich niedergefunkelt hätte! »Juuuch–hu–hu–hu!« schallte es gellend vom Tanzplatz zu mir herüber; lauter stampften die derben Füße im raschen Walzer auf den dröhnenden Fußboden, durchdringender kreischte die Klarinette und mit boshaftem Ausdruck schrammte der Bogen auf den straffen Saiten der Baßgeige herum: »Hab' Erbsen gegessen, hab' Linsen gesäet, Hab' manchem schönen Mädchen das Köpfchen verdreht!« »Juuu – hu – hu – hu!« Hei, wie das so lustig in die schwarze Herbstnacht hinaus schallte! Es schallte so laut und so lustig, daß ich bei jedem neuen Ausbruch wilden Entzückens einen Stich ins Herz zu empfangen meinte. Doch entrann ja die kostbare Zeit, die mir zur Flucht blieb. Leise schnallte ich den Ranzen auf meinen Rücken, leise und von niemand bemerkt schlich ich vom Hofe hinunter, und gleich in die Landstraße einbiegend, verfolgte ich meinen Weg um die schwarzen Massen des steil emporsteigenden Drachenfels herum. – Nach Verlauf einer halben Stunde, als ich Königswinter erst hinter mir hatte, befand ich mich wieder in einer Umgebung, mit der ich schon seit vielen Jahren aufs innigste vertraut gewesen war, auf einem Boden, an den sich die süßesten Erinnerungen meines Lebens knüpften. Hier war ich nicht mehr an die Landstraße gebunden, und obwohl die Einsamkeit und die Dunkelheit der Nacht mich davor schützten, von jemandem erkannt zu werden, wählte ich doch, wo es nur immer anging; die gewundenen Waldpfade, auf denen ich mich meinem Ziele nur langsam näherte. Trotz der Verzögerungen zeigte sich im Osten erst ein schwacher Schimmer des heraufdämmernden Tages, als ich einige hundert Schritte von Antons Heimat meinen Ranzen in einem Dickicht ablegte und dann nach der Hütte hinschlich, um mich zu überzeugen, ob der arme Bursche sich nicht außerhalb auf einem seiner planlosen Streifzüge befinde. Zweimal wanderte ich um das Haus herum; kein anderes Lebenszeichen vernahm ich, als das behagliche Meckern der beiden Ziegen in dem kleinen Stall. »Was bliebe mir zu tun übrig, wenn ich ihn verfehlte?« fragte ich mich zagenden Herzens, als ich zum zweiten Male vor die Haustür hintrat, um mein Ohr an dieselbe zu legen. »Spitzbube – Jakob – Johanna – Johanna koch Kaffee!« rief da eine krächzende Stimme von dem über der Tür angebrachten Brett zu mir nieder. Gleich darauf kreischte die Stimme eines Weibes im Innern der Hütte: »Anton, will das faule Geschöpf bis Mittag schlafen? Anton, du Strafe Gottes, steh' auf, oder ich helfe dir mit dem Besenstiel auf die Beinstumpfen! Hörst du denn nicht? Jakob ruft; die Ziegen müssen aus dem Stalle gebrochen sein!« »Er ist zu Hause,« seufzte ich mit erleichtertem Herzen auf, indem ich bis hinter den Ziegenstall zurückschlich. »Anton! Hund! Kommt der Wechselbalg denn noch nicht herunter?!« keifte das Weib, als immer noch keine Antwort erfolgte. »Schon lange unten,« antwortete Anton endlich, und zugleich vernahm ich, daß er an der zugeketteten Tür klapperte, »schon lange unten, hahaha! Ich ein Wechselbalg! Wechselbalg gut genug zum Arbeiten, wenn andere Menschen schlafen; arbeite gern für meine Mutter, aber nicht für den schlechten Andres!« Die Tür öffnete sich ganz, auf seinen Stab gestützt hinkte der arme Anton ins Freie, und der Rabe, sich ihm zugesellend, schritt sogleich sehr gravitätisch auf die Stallecke zu, hinter der ich mich verborgen hatte. »Spitzbube – Spitzbube – Frau – Jakob – koch Kaffee,« sprach er dabei sehr ernst vor sich hin, indem er bald nach rechts, bald nach links zurückschaute, ob ihm sein Herr auch folge. »Ja, ich komme,« versetzte dieser fast ebenso heiser, »Jakob hat geträumt und den armen Wechselbalg eine Stunde zu früh geweckt.« »Kikeriki!« krähte der Rabe, seinen Hals ausreckend und behutsam um die Ecke herumschielend. »Spitzbube,« fügte er dann in seinem tiefsten Baß hinzu, als er mich nicht sah, denn ich hatte mich, Antons geräuschvolle Überraschung fürchtend, von dem Stalle entfernt und hinter einen Johannisbeerbusch niedergekauert. »Jakob hat geträumt,« wiederholte Anton verdrießlich und machte Miene, ins Haus zurückzukehren, doch fesselte des Raben Benehmen seine Aufmerksamkeit aufs neue. Dieser begann nämlich von neuem in seiner komischen Weise zu schelten und bewegte sich dabei im Zickzack auf den mich verbergenden Strauch zu. Da ich, um Anton nicht zu einem verräterischen Ausruf zu veranlassen, mich nicht plötzlich zeigen wollte, so wartete ich, bis er etwa auf zehn Schritte herangekommen war, worauf ich ihn freundlich anredete. »Anton, komm und hilf mir, aber wenn dir mein Leben lieb ist, dann sprich leise.« Beim ersten Ton meiner Stimme stand der arme Bursche wie vom Blitz getroffen da, dann aber schien es in seinem Geiste aufzudämmern, und nachdem er einen mißtrauischen Blick auf die Hütte zurückgeworfen, hinkte er mit unbegreiflicher Schnelligkeit zu mir heran. »Mein lieber junger Herr,« sagte er flüsternd, und zwei Tränen entquollen seinen trüben Augen, »mein lieber junger Herr, der den Jakob gerettet und mit mir an einem Tisch gesessen hat! Sie suchen meinen lieben jungen Herrn Studenten, und wenn sie ihn finden, machen sie ihn tot.« »Beruhige dich, Anton,« sagte ich aufstehend und ihm die Hand herzlich drückend, »tot machen sie mich gerade nicht, aber was noch schlimmer ist, sie sperren mich auf Lebenszeit ein. Doch sage Anton, du bist jetzt mein einziger Freund, willst du mich retten?« »Seinen einzigen Freund nennt mich der liebe junge Herr, und er fragte mich, ob der lahme Anton ihn retten will?« antwortete der treue Mensch schluchzend. »Gut, gut, Anton, ich verstehe dich, begleite mich eine kurze Strecke von der Hütte fort; deine Mutter könnte mich sehen, und dann wäre ich verloren.« »Ja ja, lieber junger Herr;« unterbrach mich Anton, auf das nächste Dickicht zueilend. Der Rabe flog uns voraus, kaum aber hatte er sich in dem Gehölz niedergelassen, so begann er wieder zu schimpfen und zwischendurch wie ein ergrimmter Hund zu knurren. »Da ist jemand, vielleicht mein Bruder,« sagte Anton bestürzt, »lieber junger Herr, laufen Sie« – »Es ist nichts,« tröstete ich den entsetzten Burschen, denn ich erriet, was dem Raben neue Ursache zum Zorn gegeben hatte; »komm nur dorthin, wo ich mein Ränzel abgelegt habe. Ich reise nämlich als Handwerksbursche; aber laß jetzt das Fragen, ich werde schon Gelegenheit finden, dir alles mitzuteilen. Jetzt beantworte mir nur einige Fragen.« »Lieber junger Herr, ich weiß ja alles; ich habe alles gehört und gesehen; niemand kehrt sich an den armen Krüppel. Aber ich habe sie verstanden, die Menschen mit den schwarzen Röcken, was sie zu dem Andres sagten und was sie zu dem lieben Fräulein sagten.« »Johanna,« krächzte der Rabe dicht vor uns, indem er mit seinem mächtigen Schnabel wütend auf meinen Ranzen ein- hieb. »Du wirst mir alles erzählen, Anton,« versetzte ich, und eiskalt überlief es mich bei den Unglück verheißenden Worten des Krüppels, »vor allen Dingen sage mir, kennt außer dir noch jemand dein Schloß?« »Nein, lieber junger Herr Student. Nur ich und der junge Herr wissen es aufzufinden.« »Das ist ein glücklicher Umstand –« »Ja, ja,« rief Anton hier plötzlich aus, und sein breites, von der Natur so grausam entstelltes Antlitz leuchtete vor Entzücken, »ja, das ist der Ort, den lieben jungen Herrn zu verbergen, den lieben jungen Herrn, der mit mir an demselben Tische gesessen und den armen Jakob gerettet hat! Kommen Sie, kommen Sie, ich werde den jungen Herrn hinführen!« »Halt, Anton, den Weg weiß ich allein zu finden und werde auch sogleich dahin aufbrechen. Aber merke dir, wenn du mir deine Hilfe zuwenden willst, so mußt du meinen Anweisungen aufs genaueste Folge leisten.« »Spitzbube – Spitzbube – koch Kaffee,« fügte der Rabe hinzu, sich geräuschvoll schüttelnd. Ich aber sprach: »Geh jetzt nach Hause, damit deine Mutter sich nicht über deine lange Abwesenheit wundert, und wenn du ohne Verdacht zu erregen, dich von zu Hause entfernen kannst, dann eile zu mir. Aber Anton, noch eins; ich fühle zwar augenblicklich keinen Hunger, allein er wird sich allmählich einstellen. Hier hast du etwas Geld, kaufe Lebensmittel dafür, aber merke dir, nicht auf ein und derselben Stelle. Hier für einen Groschen, dort für ein paar Pfennige, je nachdem es dir angemessen erscheint. Und nun, Anton, lebe wohl, beeile dich nach Hause zu kommen, ich höre deine Mutter nach dir rufen.« »Ich habe sie bereits lange gehört,« bemerkte Anton sinnend, »aber ich fürchte mich nicht. Mag sie mich stoßen, mag Andres mich schlagen und meinem Jakob den Hals umdrehen, so sage ich dennoch nicht, wo mein lieber junger Herr Student sich verborgen hält.« Mit diesen Worten kehrte er sich um und hinkte der heimatlichen Hütte zu. 14 Die Entdeckungen Die Gipfel der Berge erglänzten bereits im Gold der aufgehenden Sonne, während der Boden der Schlucht, durch die mein Weg führte, noch im tiefen Schatten lag, als ich die Geröllanhäufung erreichte, die mir die Lage von Antons Schloß bezeichnete. Wehmütig blickte ich um mich. Alles schien mir entgegenzulächeln, aber es war ein Lächeln, wie es das Antlitz eines Sterbenden schmückt, ein Lächeln, zu heilig, als daß der erstarrende Tod es zu verdrängen wagte. Auch ich versuchte zu lächeln, allein es gelang mir nicht – kaum zweitausend Schritt von mir entfernt lag die Oberförsterei und hart neben mir Antons Schloß – o, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, zwischen diesen beiden Punkten zu wählen! – »Aber ich darf ja nicht,« seufzte ich vor mich hin, und langsam kletterte ich die Geröllanhäufung hinauf. Mittelst der Kleidungsstücke und namentlich einer wollenen Decke, die mein Ränzel enthielt, gelang es mir leicht, auf dem duftigen Heidekraut ein erträgliches Lager herzustellen, auf das ich mich, oben angekommen, warf. Ich versuchte über meine Lage nachzudenken, versuchte mir tröstliche Bilder von Johanna zu entwerfen, aber die Erschöpfung schloß mir bald die Augen und ich schlief so fest, als wenn ich von einer Betäubung heimgesucht gewesen wäre. Fünf oder sechs Stunden hatte ich wohl in diesem für mich so glücklichen Zustande der Bewußtlosigkeit zugebracht, als eine warme Hand sich mit leichtem Druck auf meine Stirn legte. Erschreckt fuhr ich empor; das mich umgebende Halbdunkel befremdete mich, und längere Zeit dauerte es, bis ich mich erinnerte, wo ich mich befand. Anton saß neben meinem Lager auf einem Bündel Heidekraut, und vor ihm standen und lagen auf der Erde die Lebensmittel, die der brave Mensch für mich zusammengeschleppt hatte. »Schon da, alter Freund?« fragte ich, mich aufrichtend und ihm zum Gruß die Hand reichend. »Schon lange, länger als eine Stunde, der junge Herr schlief so schön; es geht nichts über den Schlaf; wenn ich schlafe, weiß ich nicht, daß ich ein armer, verachteter Krüppel bin.« »Du hast recht, Anton, im Schlaf vergißt man Kummer und Trauer. Dennoch hättest du mich wecken sollen, indem du weißt, wie ungeduldig ich auf Nachricht von der Oberförsterei harre. Aber Johanna, Anton, sage mir vor allen Dingen, wie geht es Fräulein Johanna, du weißt, die junge Dame auf der Oberförsterei?« »Ich weiß, junger Herr, das arme, arme Fräulein ist krank, sehr krank, und die Leute sagen –« »Was sagen die Leute?« rief ich aus, indem ich, erfüllt von namenlosem Entsetzen, Anton heftig am Arm ergriff. »Lieber junger Herr,« antwortete der Krüppel, mit dem Ärmel seiner Jacke über, seine Augen hinfahrend, »die Leute sagen, das arme liebe Fräulein muß sterben.« »Sterben?« fragte ich wieder, denn in meiner Todesangst klammerte ich mich verzweiflungsvoll an die Hoffnung an, falsch gehört zu haben; »hast du sie gesehen? Wie ist es möglich, daß du zu Johanna gelangst, wenn sie auf dem Sterbebett liegt!?« »Das Fräulein liegt nicht, es sitzt, und zu ihm gelange ich auch nicht; aber des Abends schleiche ich oft durch den Garten an des Fräuleins Fenster und schaue in das Gemach hinein. Ich sehe dann, wie sie auf einem großen Stuhl dasitzt und betet, ich sehe, wie ein schwarzgekleideter Mann, ein Kaplan, mit ihr betet. Der Kaplan ist ein frommer Mann, er will auch meinen Bruder bekehren, denn ich habe beide mehrfach gesehen, wenn sie im Walde spazierengingen und viel miteinander sprachen. Aber es wird ihm nicht helfen, der Andres ist noch nicht besser geworden, er flucht und schlägt mich jetzt noch mehr, als er früher getan hat.« »Ein Kaplan bei Johanna?« stieß ich von den schwärzesten Befürchtungen ergriffen, mit schmerzlichem Erstaunen aus. »Ein Kaplan mit langen Strümpfen und schwarzem Rock.« bekräftigte Anton, »auch sah ich, daß er mitten auf dem Kopf seine Haare abgeschnitten hat.« »Aber um Gotteswillen, Anton, was sagt denn der Oberstleutnant dazu?« »Der Herr Oberstleutnant sagt nichts, denn er kommt oft nicht zu dem Fräulein, und wenn er kommt, ist der Kaplan nicht da. Dann küßt er das Fräulein, und das Fräulein sagt, er solle auf dem Wege der Sünde umkehren und er wendet sich ab und geht wieder hinaus.« »Und was sagt die Frau Oberstleutnant!?« »Ach, die alte, freundliche Frau betet immer mit und liest dem armen Fräulein schöne Litaneien vor, und das Fräulein spricht diese nach.« Verzweiflungsvoll warf ich mich auf mein Lager zurück, in meinem Kopfe wirbelte alles wild durcheinander, wie damals im Gefängnis, als ich von der schrecklichen Krankheit heimgesucht wurde. Gefoltert von namenloser Seelenqual wand ich mich stöhnend auf meinem Lager, daß selbst Anton dadurch von Angst und Schrecken ergriffen wurde. »Mein lieber, junger Herr Student!« rief er ächzend vor innerer Bewegung aus, indem er meine Hand küßte und mit Tränen benetzte, »seien Sie doch gut mit dem armen Anton; ich habe Sie ja nicht kränken wollen! Nur die Wahrheit habe ich gesprochen; hören Sie auf mich, schlagen Sie mich, aber sterben Sie nicht. O heilige Mutter Gottes, was soll ich anfangen, wenn mein einziger Wohltäter stirbt!« und seine verstümmelte Hand auf meine Brust legend, strich er mit der gesunden schmeichelnd meine Wangen. »Armer, lieber Anton,« sagte ich endlich, nachdem ich mich einigermaßen gefaßt hatte, »ich muß Johanna sehen, und sollte es mich das Leben kosten; und an dir ist es, mir beizustehen. Antworte mir, Anton, glaubst du wohl, daß es dir möglich sein wird, mich unbemerkt an das Fenster zu führen, durch das du alles beobachtet hast?« »Gewiß, lieber junger Herr, nicht bei Tage,« antwortete Anton, sich blitzschnell emporrichtend und mir gespannt in die Augen schauend. »Aber am Abend werde ich den jungen Herrn an das Fenster führen, daß er das liebe Fräulein sieht und vielleicht auch den Herrn Kaplan und den Herrn Oberstleutnant.« – Der Abend rückte heran; aber erst als es vollständig Nacht geworden war, brachen wir auf. Wir folgten demselben Pfade, auf dem Anton mich zum ersten Male, unmittelbar nachdem ich nähere Bekanntschaft mit ihm geschlossen, geführt hatte, doch brauchten wir die Vorsicht, daß nur Anton in dem Pfade selbst blieb, während ich etwas seitwärts in der lichten Waldung gleichen Schritt mit ihm hielt. Wir waren in geringer Entfernung an seiner Hütte vorbeigekommen und schnell, wenn auch mit behutsamen Bewegungen, näherten wir uns der Landstraße, als Anton plötzlich stehenblieb und mich durch ein Zeichen zu sich heranrief. »Jemand geht vor uns,« sagte er ängstlich flüsternd, »ich höre langsame Schritte.« Ich strengte mich aufs äußerste an, irgend etwas zu unterscheiden, aber vergeblich. Nur das Geräusch vernahm ich, mit dem die Waldmäuse in dem dürren Laub umhersprangen. »Anton, du hast dich wohl getäuscht,« unterbrach ich endlich wieder die Stille. »Nein, nein, lieber Herr Student, Anton hört noch schärfer als Jakob; es geht jemand vor uns, er ist gleich an der Landstraße, ich höre es, ja, ich höre es ganz gewiß.« Plötzlich unterschied ich einen fernen dumpfen Fall, und dann war alles wieder still. »Er ist über den Graben in die Straße gesprungen,« sagte Anton mit überzeugender Entschiedenheit. »Wir können ohne Gefahr weitergehen, aber ganz leise, lieber junger Herr, denn ist es mein Bruder, der dort geht, so ist es schlimm. Er hört ebenfalls sehr gut und hat scharfe Augen. Er stellt in der Nacht Schlingen, um Hasen und Kaninchen zu fangen.« Lautlos, jetzt aber nicht mehr voneinander getrennt, setzten wir darauf unsern Weg fort. Etwa hundert Schritte mochten wir zurückgelegt haben, als Anton mich wiederum durch seine vorgehaltene Hand zum Stillstehen veranlaßte und, seinen Mund meinem Ohr nähernd, mit vor Angst bebender Stimme flüsterte: »Wir sind verloren, er kommt zurück, der wilde Andres, ich höre ihn husten.« »Verbergen wir uns, Anton, und lassen wir ihn vorbeigehen,« sagte ich beruhigend zu dem armen Menschen, der über die Entdeckung den Kopf vollständig verloren hatte. Indem ich noch sprach, glitt ich behutsam in den Graben hinein, der seitwärts der Landstraße sich hinzog. Erst als Anton erriet, was ich bezweckte, fand er seine Fassung wieder, und es bedurfte keines weiteren Zuredens mehr, sich, gleich mir, auf dem Boden des Grabens lang auszustrecken. Dieser war ungefähr drei Fuß tief, wohl ebenso breit und angelegt worden, um eine Grenze zwischen Straße und Forst, zum Schutz des letzteren gegen den Andrang vorbeigetriebener Viehherden zu ziehen. Wir lagen daher nicht nur trocken, sondern die auf den Ufern üppig wuchernden harten Gräser verbargen uns auch dergestalt, daß sogar am hellen Mittage wer weiß wieviel Leute hätten vorübergehen können, ohne uns zu entdecken. Bei der tiefen Dunkelheit, die durch die überhängenden Bäume noch verdichtet wurde, durften wir uns mithin als doppelt gesichert betrachten. Nicht lange hatten wir uns in dem Graben befunden, als ich das Geräusch der Schritte eines sich langsam nähernden Mannes vernahm. Bald darauf trat auch die gefürchtete Gestalt vor meine ängstlich spähenden Blicke. Gleichzeitig hörte ich noch andere Schritte. Andres, der wohl noch dreißig Schritte weit entfernt war, hustete jetzt leise und der Wanderer, der auf der andern Seite von uns bis auf fast ebenso weit herangekommen war, antwortete in ähnlicher Weise. In der nächsten Minute bot Andres ihm gerade vor uns einen höflichen »Guten Abend«. »Der Segen der heiligen Jungfrau sei mit Euch, mein Freund,« antwortete eine Stimme, die mir das Blut in den Adern zu Eis erstarrte, denn an seiner Redeweise und seinem Organ hatte ich Bernhard erkannt. »Ich glaubte schon, der Herr Kaplan hätten mein Zeichen nicht bemerkt,« versetzte Andres in vertraulichem Tone. »Ist es Wichtiges, was Ihr zu melden habt, guter Freund?« bemerkte Bernhard, den in Andres Worten enthaltenen Vorwurf nicht beachtend. »Wichtig genug, Herr Kaplan! Er ist wieder los!« »Wer ist los, mein guter Freund?« »Nun, wer anders als der Student Wandel, der abgesetzte Bräutigam vom Fräulein auf der Oberförsterei.« »O, darum hättet Ihr Euch nicht hierher zu bemühen brauchen, mein lieber Freund, das wußte ich bereits vor vierzehn Tagen aus den Zeitungen.« Was die beiden weiter sprachen, ging mir verloren, denn bei dem letzten Teil ihrer Unterhaltung hatten sie sich bereits wieder auf die Oberförsterei zu in Bewegung gesetzt, und nur noch als undeutliches Murmeln drangen ihre Stimmen zu mir herüber. Ich hatte indessen genug gehört; meine Sinne schienen mich verlassen zu wollen, und erfüllt von grenzenloser Wut und Furcht für Johanna, preßte ich mein Antlitz in den Rasen. »Mein Gott, mein Gott, ist es denn möglich, kannst du zugeben, daß unter dem Mantel des Allerheiligsten die gräßlichsten Schandtaten ausgeübt werden?« stöhnte ich verzweiflungsvoll. Da brachte Anton mich wieder zur Besinnung, indem er mir zuraunte, daß sie umgekehrt seien und zurückkämen. Gleich danach verstand ich deutlich: »Die Nachbarschaft der Oberförsterei muß am schärfsten bewacht werden, mein guter Freund, denn es steht zu erwarten, daß er alles aufbieten wird, eine Zusammenkunft mit dem Herrn Oberstleutnant zu erlangen.« Was weiter folgte, erstarb wieder in einem undeutlichen Gemurmel. Ich verhielt mich ruhig, bis ich die beiden Verbündeten weiter unterhalb über den Graben springen hörte, und dann Anton ein Zeichen gebend, forderte ich ihn auf, mir nach der Oberförsterei hin voranzugehen. Wir wechselten kein Wort mehr miteinander; ich bewegte mich wie ein Schlaftrunkener dahin, jeder Gedanke an eine Gefahr für mich war verschwunden; ich hegte nur noch den einen heißen Wunsch, die einzige Hoffnung, Johanna zu sprechen und zu warnen, und hätte ich dafür in der nächsten Stunde in den Kerker zurückgeschleppt werden sollen. Kurz vor der Oberförsterei bogen wir von der Straße ab und auf einem Umweg gelangten wir in den Garten. Meine Blicke waren auf das Haus gerichtet; ich betrachtete das erleuchtete Fenster, hinter dem ich meinen alten, würdigen Vormund wußte, und das Herz klopfte mir, als ob es hätte zerspringen wollen. Als aber endlich die Rückseite des Hauses vor mir lag und Anton, auf zwei matt erhellte Fenster deutend, mir leise sagte, daß dort Johanna sich aufhalte, warf ich mich auf den feuchten Boden nieder, um nach Fassung zu ringen. Leise schlichen wir an das nächste Fenster heran. Eine Lampe brannte matt im Innern; nach kurzem Zögern faßte ich mir ein Herz, und mich auf die Brüstung lehnend, blickte ich durch die Vorhänge in das Gemach hinein. Anfangs sah ich nur den Lichtschimmer; denn alles Übrige erschien durch die Gardinen wie mit einem Nebel überzogen; doch je länger ich hinüberschaute, um so deutlicher traten die Formen der einzelnen Gegenstände hervor, bis endlich alles erkennbar vor mir lag. Die Gattin meines Vormundes bemerkte ich zuerst; sie saß auf einem niedrigen Stuhl vor einem Tischchen, auf dem eine grün verhangene Lampe brannte. In ihren Händen hielt sie ein Buch, in dem sie eifrig las. Meine Augen rasteten indessen nicht lange auf ihr, unruhig forschte ich weiter, und mit den Blicken der Richtung folgend, in der die alte Dame von Zeit zu Zeit ihr etwas gesenktes Haupt emporhob, entdeckte ich endlich Johanna. Der Atem stockte mir; ich fühlte, daß Träne auf Träne meinen Augen entrollte. »Ist das Johanna oder ist es ein Gebilde aus Alabaster?« fragte ich mich, indem meine Blicke wie gebannt auf der noch immer lieblichen Erscheinung hafteten. »Ist das meine Johanna? Meine treue, jugendfrische Johanna, die vor zwölf Monaten ihr liebes Antlitz holdselig errötend an meiner Brust verbarg und mit beseligendem Ausdruck mir ihre Gegenliebe gestand?« Nein, das war nicht die Johanna von früher, und dennoch, dennoch war sie es, aber verändert, entsetzlich verändert. In einem Stuhl mit hoher Lehne saß sie da; ein weißes Nachtkleid verhüllte ihren Oberkörper, während eine Decke über ihren Schoß ausgebreitet war. Das Haupt hatte sie zurückgelehnt, die Augen geschlossen, als ob sie schlummere. Keine Muskel des bleichen Antlitzes regte sich, und scharf hoben sich die schwarzen Wimpern und Brauen von der weißen Haut ab. Die dunklen, seidenen Locken fielen in Wellenlinien zu beiden Seiten von den Schläfen und den eingefallenen Wangen über ihre Brust hernieder, und ihre um ein kleines Kruzifix gefalteten Hände ruhten nachlässig in ihrem Schoß. So saß sie regungslos da und ebenso regungslos starrte ich auf sie hin. Die leichten Tüllvorhänge hinderten mich nicht mehr, ich sah sie so deutlich, als ob ich vor ihr auf den Knien gelegen hätte, und unbewußt, wie um sie nicht zu wecken, hielt ich den Atem an. Plötzlich hustete sie leise, die Oberförsterin blickte erschreckt zu ihr empor. »Johanna, mein Kind, wachst du?« fragte sie mit halblauter Stimme. Ein süßes Lächeln flog über die marmorbleichen Züge der Angeredeten, dann schlug sie als Antwort die Augen auf, schloß sie aber gleich wieder. »Ich habe geträumt, meine liebe Tante,« sagte sie dann mit matter, aber noch immer melodischer Stimme, »ich sah meine Mutter und meinen Vater, meinen Vater, den ich im Leben nicht kennengelernt habe. Sie winkten mich zu sich und sagten, daß Gott ihnen um meinetwillen vergeben habe. Der Geist meiner Mutter hat seine Gebeine aus den Fluten des Rheins hervorgeholt, und ich habe beide von der ewigen Verdammnis gerettet.« »Das hast du, mein liebes, teures Kind, und Gott wird es dir lohnen,« versetzte die Oberförsterin tief bewegt. »Ach, wenn mein guter Onkel doch ebenfalls zur Erkenntnis kommen und auf dem Pfade der Sünde umkehren wollte; wie glücklich wollte ich sein, mit all' meinen Lieben dort oben zusammenzutreffen!« »Bete für ihn, mein Kind, bete für ihn inbrünstig, wie ich schon seit vielen Jahren getan, und glaube; Gott wird mit seiner Seele Erbarmen haben und, seiner übrigen trefflichen Eigenschaften wegen, ihm seine religiöse Verirrung nicht so hoch anrechnen.« Johannas Lippen bewegten sich, offenbar im Gebet, worauf sie das Kruzifix emporhob und es andächtig küßte. »Heilige Maria, du schmerzensreiche Mutter des am Kreuze Gestorbenen, stehe mir bei!« sagte sie dann laut und klar, jedoch ersichtlich mit großer Anstrengung, »stehe mir bei in meinem Bestreben, die sündhaften Gedanken an das Irdische zu verscheuchen! Heilige Jungfrau, sein Bild, so treu, so schön, so verführerisch, tritt mir immer wieder vor die Seele. Erbarme dich meiner; ich sehe ihn mit schweren Fesseln an den Händen, seine Augen wehmütig auf mich gerichtet! Heilige Jungfrau, Königin der heiligen Heerscharen, erweiche seinen Sinn, sein Herz! Lenke ihn in seinen Handlungen, daß er in sich gehe und sich bekehre und mir die Hoffnung bleibt, ihn wenigstens im Himmel wiederzusehen – der Gedanke an meine Vereinigung mit ihm war ja so süß – so – so beseligend –« Ein heftiger Hustenanfall erstickte ihre Stimme. Die Oberförsterin stand auf und ordnete sorgfältig die Kissen, die der armen Kranken hinter die Schultern geschoben worden waren; ich aber rang die Hände verzweiflungsvoll, und wenn ich jemals in meinem Leben aus tiefstem Herzensgrunde gebetet habe, dann geschah es in jenem Augenblick. Der Husten hatte nachgelassen, Johanna war erschöpft zurückgesunken. Meine Augen waren jetzt trocken, aber sie brannten mir im Kopfe, und der Schweiß rieselte mir von der Stirn; ich achtete weder auf Anton, der mich geängstigt und entsetzt anstarrte, noch auf meines Vormundes Lieblingshund, der mir nachgeschlichen war und sich zutraulich zu meinen Füßen niederkauerte. Meine Blicke hafteten fest an dem lieben Engelsbilde, an den geschlossenen Augen, an den eingefallenen Wangen, die die tödliche Krankheit mit einem flüchtigen, dunkeln Purpur unheimlich geschmückt hatte. Ihre Lippen öffneten sich wieder, und noch dichter brachte ich meine heiße Stirn an die Fensterscheiben, um mir keinen Laut ihrer trauten Stimme entschlüpfen zu lassen. »Die Tochter ihres Vaters – o, wie sündhaft, an irdische Weissagungen zu glauben – er wird in sich gehen und sein Spiel nicht mehr mit der Vorsehung treiben. Ich war nicht dazu bestimmt, ihn glücklich zu machen, sondern die Sünden meiner Eltern zu sühnen. Welch beseligendes Gefühl: für andere leiden zu dürfen! Ach, wäre es mir doch vergönnt, auch seine Schuld auf mich zu nehmen und abzubüßen! Tante, liebe teure Tante, was kann ich für ihn tun, um ihn auf den Weg des Seelenheils zurückzuführen?« »Bete für ihn, mein Kind; vertraue auf die Gnade Gottes und die Fürsprache der Heiligen und bete für ihn und für dich. Aber mein Kind, schütte im stillen dein Herz vor dem Allmächtigen aus und sprich nicht so viel und so laut. Du hast auch Pflichten gegen dich zu erfüllen.« Ein mehrere Minuten langes Schweigen folgte jetzt. »Wieviel Uhr ist es?« fragte Johanna, ihre Augen aufschlagend. »Halb zehn, meine Tochter.« »Um zehn Uhr wollte er mit dem ehrwürdigen Vater Sebastian eintreffen, um mich von ihm segnen zu lassen.« »Er wird kommen, baue fest darauf, meine Tochter, denn er sehnt sich nicht minder danach, dir geistlichen Trost zu gewähren, wie du, ihn entgegenzunehmen. Seine frommen, erhebenden Worte werden dich trösten, und Gott wird dir einen kräftigenden Schlummer senden.« Nach diesen Worten schaute die Oberförsterin mit einer kurzen Bewegung nach der Tür hinüber. Es mußte geklopft haben, und in das Gemach trat mit vorsichtigen Schritten der alte Oberstleutnant. Ein Lächeln des Willkommens belebte Johannas bleiche Züge, während die Oberförsterin ihrem Gatten die Hand reichte und traurig auf ihren geliebten Schützling deutete. Ja, es war mein Vormund selbst; er zeigte noch immer die aufrechte, straffe Haltung von früher, allein in seinem Gesicht war eine große Veränderung vor sich gegangen. Der freundliche, joviale Ausdruck, der den alten Krieger so wohl kleidete, war verschwunden und an dessen Stelle ein so tiefer, schwerer Ernst getreten, daß sogar ein unbeteiligter Beobachter nicht auf ihn hätte hinsehen können, ohne die innigste Teilnahme zu empfinden. Er trat dicht neben Johanna hin, und seine Hand behutsam auf ihr Haupt legend, fragte er scheinbar ruhig, wie sie sich befinde. »Viel, viel besser, lieber Onkel,« lautete die mit rührendem Ausdruck gegebene Antwort, »indem meine Seele sich mehr zu Gott hinneigt, schwinden meine körperlichen Schmerzen; du glaubst nicht, lieber Onkel, welche treue Stütze die katholische Religion gewährt; legt sie es doch in die Hand der Menschen, nicht nur für ihr eigenes Seelenheil, sondern auch für das längst Verstorbener Sorge zu tragen. Denke nur an meine armen Eltern, wie glücklich für sie, daß ich ihre Sünden auf meine Schultern nehmen darf.« Der Oberstleutnant warf einen leeren Blick durch das ganze Gemach, räusperte sich mehrere Male und zupfte an seiner Augenklappe, als wenn er sie hätte abreißen wollen, und dann legte er seine Hand wieder auf Johannas Haupt. »Armes liebes Kind,« sagte er sanft, »laß die Verstorbenen, sie befinden sich bei unserm lieben Herrgott, und da sie ihn von Angesicht zu Angesicht sehen, so ist es ihre eigene Schuld, wenn sie ihm keine guten Worte geben. Kümmere dich mehr um deine Krankheit, und nicht um der Pfaffen verd– ich wollte sagen, um die Religion im allgemeinen.« Johanna schaute ernst zu ihrem Onkel empor, während ihn ein Blick milden Vorwurfs aus den Augen seiner Gattin streifte. »Onkel, zürnst du mir?« fragte Johanna endlich nach minutenlangem Schweigen. »Wie könnte ich dir zürnen, mein Kind? Ich zürne dir nicht, und kämest du auf den Gedanken, mich auch noch um mein letztes Auge zu bringen.« »Ach, Onkel, wenn du mich so sehr liebst, dann wirst du auch auf meine Worte hören, auf meine Worte, die vielleicht die letzten Wünsche einer Sterbenden enthalten. Onkel, du bist in deinem Leben vielleicht nie in der Lage gewesen, über die Zukunft nachdenken zu müssen, so wie ich jetzt; höre daher meine warnende Stimme, kehre um auf dem sündigen Wege, auf dem du wandelst, geh' in dich, bedenke, du stehst am Abend deiner Tage; aber noch ist es Zeit, und die Freude über einen reuigen Sünder wird im Himmel größer sein, als die über hundert Selige –« »Sprich nicht soviel, mein Kind, ich bitte dich darum,« unterbrach sie der Oberstleutnant, vor verhaltenem Grimm und vor Trauer seinen weißen Schnurrbart rücksichtslos zerzausend, »es schadet dir. Damit du aber ungestörter bist, werde ich jetzt gehen. Gute Nacht, Schätzchen, sieh mich nur nicht so trübe an, ich will mir ja deine Worte überlegen, aber nun sei auch zufrieden.« Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, küßte er sie auf die Stirn, und sich dann kurz umwendend, entfernte er sich mit festem Schritt. Die letzte Szene schien wieder besonders erschöpfend auf Johanna eingewirkt zu haben, denn sie lehnte sich zurück und schloß die Augen, wie zum Schlaf. Da knurrte der Hund, und um das Haus herumeilend, stürmte er gemeinschaftlich mit den andern Hunden bellend und lärmend dem Hoftor zu. »Jemand kommt,« bemerkte Anton ängstlich. »Es werden die beiden Priester sein,« entgegnete ich, mich tiefer in den Schatten der entlaubten Apfelbäume zurückziehend, denn ich erinnerte mich, verstanden zu haben, daß Johanna deren Besuch noch erwartete. »Sie gehen ins Haus,« flüsterte Anton weiter, »der Weg ist frei, kommen der junge Herr, wir wollen in mein Schloß zurückkehren.« »Noch nicht, noch nicht,« erwiderte ich, sobald ich hörte, daß die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde, »ich muß die beiden Menschen erst sehen, die meine arme treue Johanna an den Rand des Grabes gebracht haben,« und so sprechend zog ich ihn nach dem Fenster hin, wo sich auch der Hund bereits wieder eingefunden hatte. Es dauerte nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde, und leise, wie das Verbrechen unter dem Schutze der Nacht, schritt Bernhard, gefolgt von einem älteren, ebenfalls dem geistlichen Stande angehörenden Herrn, in das Gemach hinein. »Gesegnet sei Euer Eingang und Euer Ausgang,« sagte die Oberförsterin, indem sie sich erhob und den beiden Herrn die Hand entgegenreichte. »Friede sei mit Euch, nun und immerdar,« antwortete Bernhard, seine Augen mit den Lidern halb verschleiernd. »Und mögen Gott und die heilige Jungfrau Maria Euch auf euren Wegen leiten, halten und beschirmen,« fügte der andere Priester hinzu, indem er zuerst gegen die Oberförsterin und demnächst gegen Johanna das Zeichen des Kreuzes schlug. Die Oberförsterin verneigte sich fromm, Johanna dagegen blieb regungslos sitzen, aber aus ihren seltsam verzückten Blicken ging hervor, wie tief das Erscheinen der beiden Geistlichen sie ergriff, und wie schwer die Fesseln waren, in die diese ihr leicht empfängliches Gemüt zu schlagen verstanden hatten. »Endlich,« sagte sie kaum verständlich, als Bernhard zu ihr herantrat und ihr die Hand reichte, »o, wie meine Seele nach Ihnen und Ihren göttlichen Offenbarungen gedürstet hat,« fuhr sie fort, seine Hand andächtig an ihre Lippen führend. Bei diesem Anblick hätte ich vor Wut und unsäglichem Weh laut aufschreien, ihr zurufen mögen, sich nicht durch die Berührung des schwarzen Verbrechers zu beflecken. Aber meine Besinnung kehrte bald zurück und zugleich durchströmte mich eine eisige Ruhe. Bis auf den letzten Tropfen hatte ich den Giftbecher geleert; es gab nichts, gar nichts mehr in der Welt, was mich noch tiefer zu erschüttern vermocht hätte. Jedoch alles, was ich dachte, hoffte und wünschte wurde zum Notschrei, zu einem Schrei der Rache und des Fluches, den ich aus tiefstem Herzensgrunde zum Himmel emporsandte. »Teure, überglückliche Tochter, die Sie Gnade gefunden haben vor dem Erlöser, auf meinen Knien danke ich Gott und Ihrem Schutzheiligen, daß ich elender Sterblicher zum Werkzeug auserkoren worden bin, Ihren Geist zu erleuchten und Ihnen den dornenvollen, aber einzigen Pfad zur ewigen Seligkeit zu zeigen und zu ebnen,« sprach Bernhard nach kurzem Sinnen mit heuchlerisch bebender Stimme zu dem armen, ehrfurchtsvoll lauschenden Opfer. »Ja, meine Tochter, Sie, eine der beneidenswertesten Ihres Geschlechtes, Sie, dreifach beneidenswert, weil es Ihnen vergönnt wurde, die Sünden Ihrer Eltern zu sühnen, Sie sollen von einer höheren, würdigeren Hand, als die meinige ist, gesegnet werden. Ich bringe Ihnen jemand, den ich und alle meine Brüder mit Stolz unser edles Vorbild nennen.« Nach dieser Rede, die darauf berechnet war, Johanna aufs äußerste aufzuregen, trat Bernhard einen Schritt zur Seite, und als jene schüchtern emporschaute, blickte sie in die salbungsvollen Züge des andern Geistlichen. Ein unbefangenerer Beobachter als sie hätte nur das gelbe Antlitz mit den halbversteckten, glühenden Blicken und den herabhängenden Mundwinkeln zu schauen brauchen, um sogleich ein Mitglied jener scheinheiligen Gesellschaft zu erraten, für die zur Erreichung ihrer Zwecke kein Mittel zu frevelhaft ist. Ich selbst betrachtete ihn mit Abscheu, und eine innere Stimme sagte mir, daß ich denselben Geistlichen vor mir sehe, der bereits vor Jahren seine gierigen Krallen nach dem noch hilflosen Kinde ausgestreckt hatte. War der Versuch bei dem Kinde mißglückt, so war er bei der Jungfrau von umso besserem Erfolg begleitet gewesen; die Mittel, deren man sich dazu bedient hatte, kamen ja nicht weiter in Betracht, wenn man nur den Triumph feierte, das reuige, verirrte Schaf nach dem ihren Lehren entsprechenden Ritus beerdigen und dem Volke ein neues schlagendes Zeugnis von der Allmacht und der Allwissenheit der Kirche liefern zu können. »Die heilige unbefleckte Jungfrau Maria stärke dich im Glauben; der heilige Johannes von Nepomuk, dein Schutzheiliger, sei dein Vertreter vor dem Richterstuhl des Herrn,« sagte der fremde Geistliche, seine Hand segnend auf Johannas Haupt legend; »durch meinen teuren Amtsbruder erfuhr ich, daß Sie, meine Tochter, auch noch aus einem andern Munde als dem seinigen geistlichen Trost und Rat zu empfangen und die Bedenken und Zweifel gelöst zu haben wünschten, die Sie aus Ihrem frühern Zustande religiöser Hilflosigkeit mit herübergebracht haben. Mit Freuden bin ich darum hierher geeilt, und einen himmlischen Genuß soll es mir gewähren, wenn Sie, meine teure und vielgeliebte Tochter, aus meinen Worten ein neues Scherflein Zuversicht auf die Barmherzigkeit Gottes schöpfen. Sprechen Sie daher, sprechen Sie offen und frei, wie es den reuigen Sündern vor den Sendboten und Dienern des Herrn geziemt.« »O mein Vater, so gestatten Sie, daß ich einen neuen Beweis meines schwankenden Vertrauens ablege,« sagte Johanna mit fester Stimme, und die Anstrengung und geistige Spannung prägten sich in der flammenden Röte auf ihren Wangen aus. »Ich kämpfe mit aller Kraft, meine heiligen Pflichten als Kind sowohl, wie auch als rechtgläubige Christin gewissenhaft zu erfüllen; ich bete Tag und Nacht, ich strebe redlich, alle irdischen Gedanken von mir zu bannen, und dennoch schwebt mir sein Bild, das Bild meines früheren Freundes beständig vor. O, mein Vater, ich weiß es, es ist der Versucher, der mir in lieblicher Gestalt naht; helfen Sie mir, helfen Sie mir ihn verscheuchen, oder ich sinke unter der Wucht der mir auferlegten Prüfung zusammen!« Nachdem ein neuer Hustenanfall bei der Ärmsten sich gelegt hatte, zog der Priester einen Stuhl zu Johanna heran, und sich niedersetzend hob er in sanfter eindringlicher Weise an: »Versuchung ist es nicht, die Sie peinigt, sondern es lebt in Ihnen der unbestimmte Wunsch, denjenigen, der Ihnen einst das Teuerste auf Erden gewesen ist, ebenfalls auf den Weg des Heils zurückzuführen. Beten Sie für ihn und fahren Sie fort, seiner zu gedenken, aber gedenken Sie seiner wie eines Verstorbenen. Abgesehen von seiner unglücklichen, religiösen Richtung, abgesehen von seinen politischen Verirrungen war er stets ein achtbarer Charakter, der die freundliche Teilnahme seiner Mitmenschen wohl verdiente. Eine Versündigung ist es daher nicht, wenn Sie selbst in Ihren Gebeten seiner gedenken, aber er ist tot für sie. Ihr armer bedauernswerter Freund befindet sich zur Zeit auf der Reise nach fernen fremden Ländern, wohin der Arm der hiesigen Gerechtigkeit nicht reicht. Trübsal, Kummer und Elend werden auf ihn einstürmen und, so Gott will, sein Gemüt erweichen; beten Sie daher für ihn, daß er siegreich aus dem Kampfe hervorgehe und, sei es auch erst in der letzten Stunde seines Lebens, sich in die Arme der alleinseligmachenden Kirche werfe, um einst im Jenseits ein Wiedersehen zu ermöglichen. Er ist tot für sie, aber ohne Zweifel und Beängstigung zu empfinden, dürfen sie seiner gedenken, für ihn beten.« »Mein Vater,« sagte Johanna, ihre vor Entzücken strahlenden Augen mit flehendem Ausdruck auf den Geistlichen heftend, »dann gewähren Sie mir den Trost, gemeinschaftlich mit mir für das Wohl meines armen verlassenen Freundes zu beten.« »Sie nehmen mir das Wort von den Lippen,« versetzte der Priester, sich erhebend, »vereinigt wollen wir für ihn beten, vereinigt zu dem Allmächtigen flehen, daß er ihn erleuchte und von der ewigen Verdammnis errette.« Es folgte jetzt das Rücken von Stühlen, die beiden Geistlichen und die Oberförsterin bewegten sich mehrfach in stiller Geschäftigkeit aneinander vorbei, die Lampe wurde auf einen Stuhl gerade vor Johanna hingestellt und als dann wieder Ruhe eintrat, da kniete der ältere Geistliche mit einem aufgeschlagenen Buche grade vor der Lampe, und zu beiden Seiten von ihm knieten, mit gleich andächtiger Miene, der schurkische, heuchelnde Bernhard, und die von der unumstößlichen Wahrheit ihrer Religion tief durchdrungene alte Dame. Johanna hielt das Kruzifix inbrünstig an ihre Brust gedrückt; ihren vor Mattigkeit halb geschlossenen Augen entströmten Tränen der Freude, und auf ihren eingefallenen Wangen wechselte wieder die krankhafte Röte mit der tödlichen Marmorfarbe. Der Priester begann mit murmelnder Stimme ein lateinisches Gebet abzulesen. Es war dies das letzte, was ich hörte und sah. »Anton komm,« sagte ich laut zu meinem erschreckten Begleiter, denn erfüllt von Abscheu und namenslosem Schmerz wäre mir in jenem Augenblick eine Entdeckung vollständig gleichgültig gewesen. Ebenso schritt ich, trotz Antons dringender Warnungen, mitten auf der Landstraße offen einher; eine Begegnung mit dem wilden Andres hätte ich willkommen geheißen, und mit Entzücken würde ich ihn mit meinem schweren Wanderstabe erschlagen haben. – Am folgenden Morgen, gleich nach Tagesanbruch, wanderte der getreue Anton nach der Oberförsterei. Er war beauftragt, einen kleinen, mit Bleistift geschriebenen Zettel dem Oberstleutnant persönlich einzuhändigen. Auf dem Zettel standen folgende Worte: »Nicht um seinetwillen, sondern um den unglücklichen Zustand Ihrer Nichte mit Ihnen zu beraten, wünscht ein Geächteter Sie zu sehen und zu sprechen. Der Bote ist sicher, der Aufenthaltsort des Verstoßenen nur ihm bekannt. Jeder Versuch, durch ihn das Versteck kennenzulernen, wird sich als erfolglos ausweisen.« Nach zwei Stunden brachte Anton mir die Antwort. Er hatte den Oberstleutnant in seiner Stube allein angetroffen und ihm die Nachricht unverzüglich zugestellt. Nach seiner Mitteilung zu schließen, mußte diese wie ein Donnerschlag auf meinen Vormund eingewirkt haben, denn nachdem er einige Male in der Stube mit Heftigkeit auf und ab gegangen war, hatte er sich auf einen Stuhl geworfen und lange in tiefe Gedanken versunken dagesessen. Dann war er plötzlich aufgesprungen, hatte schnell einige Worte auf einen Papierstreifen geschrieben und diesen, zusammen mit einem harten Taler als Belohnung für seinen Gang, dem überraschten Anton in die Hand gedrückt. Anton hatte darauf, meinem Rate gemäß, dem Oberstleutnant meine Lage geschildert und darauf hingewiesen, daß gerade in der Nähe der Oberförsterei die größte Gefahr auf mich lauere. Als Anton endlich ging, begleitete der alte, gütige Herr ihn noch durch die Küche, wo er den Leuten befahl, dem armen Jungen für sich und seine Mutter ein warmes und reichliches Frühstück mit auf den Weg zu geben. Das Papier enthielt nur wenige Worte: »Ich weiß alles, und was ich nicht weiß, ahne ich. Der Anblick des armen Kindes sollte Dir erspart bleiben, und darum wurdest Du angewiesen, am Siebengebirge vorbeizureisen. Trotz der drohenden Gefahr bist Du gekommen; ich habe es erwartet. Ich will Dich sehen, um mit Dir über Johanna zu beraten und Dir meinen Segen mit auf den Weg zu geben. Sei vorsichtig um Deiner selbst willen.« 15 Die Beratung Langsam, langsam entrannen die Stunden, langsamer noch, als hinter den eisernen Gittern meines Gefängnisses. Ich hatte soviel auf dem Herzen, was ich meinem gütigen Vormunde mitzuteilen wünschte, daß ich mich wie von einer schweren Last bedrückt fühlte und sehnsuchtsvoll darauf harrte, ihn durch ein offenes Geständnis zum Mitträger der mir auferlegten Bürde zu machen und dafür in seiner herzlichen rauhen Weise getröstet zu werden. Aus seinem Benehmen gegen Anton und seinem Schreiben an mich ging ja hervor, daß er mir nicht mehr zürne, es nicht mehr für ein Verbrechen an seinen König halte, mit einem armen, durch das Land gehetzten politischen Flüchtling zu verkehren. Ich hoffte auf Trost von ihm; doch wo wäre Trost für meinen gebrochenen Seelenzustand zu finden gewesen? Die Stunden verrannen langsam; und als draußen das Licht endlich erlosch und die in der Höhle herrschende Dämmerung sich in schwarze Finsternis verwandelt hatte, da erschienen mir die Minuten so lang, so endlos, wie kurz vorher noch die Stunden. Doch ich durfte mein Versteck nicht vor der verabredeten Zeit verlassen; denn der Oberstleutnant hatte zu dringend und bestimmt vor jeder Übereilung gewarnt. – Endlich war der Zeitpunkt da; mit Hilfe von Stahl und Stein überzeugte ich mich, daß meine Uhr halb zwölf zeigte, und behutsam krochen wir, Anton immer voran, ins Freie hinaus. Ohne jemand zu begegnen, erreichten wir die Oberförsterei. Auf dem Hofe war alles still; das alte Haus lag wie in tiefem Schlummer da; auf der Vorderseite brannte nur noch in des Oberstleutnants Stube Licht, aber auch dieses brannte trübe, als wenn es, von seiner einförmigen Arbeit ermüdet, hätte einnicken mögen. Nach der Gartenseite des Hauses ging ich nicht herum, ich fürchtete mich vor einem Anblick, wie er mir am vorhergehenden Abend zuteil geworden war. Als wir in den Hof eintraten, sprangen mir die Hunde, die kurz vorher unsere Annäherung durch scharf abgebrochenes Gebelle gemeldet hatten, freundlich winselnd entgegen und begleiteten uns bis zur Haustür. Das Geräusch mußte der Oberstleutnant vernommen haben, denn gerade, als Anton an die Fensterscheiben klopfen wollte, öffnete sich die Tür, und vor mir stand mein Vormund. Er befand sich im Dunkeln, ich vermochte also seine Gestalt nicht zu unterscheiden, aber an der Art, in der seine Hand sich auf meine Schulter legte und mich mit festem Griff zu sich hereinzog, hätte ich ihn vor Tausenden sogleich erkannt. Und schweigend begaben wir uns in das Gemach, Anton mit. Nachdem wir eingetreten waren und der Oberstleutnant sich noch einmal von der Sicherheit der nächsten Umgebung überzeugt hatte, ergriff er schmerzlich bewegt meine Hand. Sein einziges Auge bohrte sich förmlich in meine Seele ein, der weiße Schnurrbart zuckte, als ob er plötzlich eigenes Leben erhalten hätte, und längere Zeit dauerte es, bis der alte, würdige Krieger Worte fand. »Junge, entschuldige dich nicht,« begann er ernst, und seine rechte Hand drückte die meinige krampfhaft, »entschuldige dich nicht, ich habe dir unrecht getan; ich hätte wissen müssen, daß du dich lieber in tausend Millionen Granatstücke würdest zerreißen lassen, ehe du zu Johanna eine Silbe über ihre Eltern verloren hättest.« »So wahr mir Gott helfe«, antwortete ich, indem ich seine Hand küßte, was er, ganz gegen seine Gewohnheit, ruhig geschehen ließ; »ich bin – nein, Johanna und ich sind die Opfer einer furchtbaren Täuschung, eines tief angelegten verbrecherischen Planes geworden –« »Ich habe es geahnt,« unterbrach mich der Oberstleutnant, mich zum Sofa führend, »komm, setze dich, ruhe deine geschundenen Glieder, stärke dich durch ein Glas Wein, und dann laß uns plaudern. Hm, ich wollte dich nicht wiedersehen, aber es ist besser so, diese Nacht und die Erinnerung daran wird uns beiden ein Trost sein. Ja, ja, mein Sohn, so recht aufrichtig wollen wir miteinander sprechen – es ist das letzte Mal, denn hoffentlich bist du morgen um diese Zeit bereits weit fort von hier, und dann, wenn es überhaupt einen Himmel gibt, treffen wir auch wohl noch einmal wieder zusammen.« »So Gott will, noch in diesem Leben,« versetzte ich aus überwallendem Herzen, »denn Sie erfreuen Sich noch immer einer jugendlichen Rüstigkeit, und Amerika liegt nicht außerhalb der Welt.« »Scheinbar, ja scheinbar, mein lieber Junge, bin ich rüstig genug, aber glaube mir, alles Biwakieren in meinem Leben, zusammengenommen, und oft genug war der zum Bett bestimmte Erdboden verdammt naß und kalt, hat nicht halb so zerbröckelnd auf meine alten Knochen eingewirkt wie meiner armen Nichte hoffnungsloser Zustand.« »Ist ihr Zustand denn wirklich hoffnungslos?« fragte ich tonlos, den Oberstleutnant starr anblickend. »Hoffnungslos, mein Sohn, leider nur zu hoffnungslos; der Arzt sagt es, und ich sehe es; oder glaubst du etwa, ich würde das Pfaffengesindel auch nur einen Augenblick in meinem Hause dulden, wenn es nicht geschähe, um dem armen, überspannten Kinde die letzten paar Lebenstage nicht zu verbittern? Junge, es ist hart, so jung, so schön, so gut und so heiß geliebt zur großen Armee abmarschieren zu müssen. Du erinnerst dich wohl noch, als ich einst zu dir von den Sünden der Eltern sprach, die an den Kindern heimgesucht würden; damals dachte ich nur an eine erbliche Krankheit; jetzt aber sehe ich, daß jener Spruch wörtlich genommen werden muß.« »Hätten nicht jene Menschen mit ihrem verderblichen Einfluß fern von Johanna gehalten werden können?« »Halte sie fern!« rief der Oberstleutnant grimmig aus, und die emporweisende Klappe sank durch einen leichten Stoß, das leere Auge bedeckend, nieder; »halte sie fern, wenn ein so liebes, braves Mädchen, erfüllt von schändlicherweise hervorgerufenen fixen Ideen, Tag und Nacht jammert und nach dem geistlichen Troste des ersten besten Kaplans verlangt! Halte sie fern, wenn das arme Kind deine Knie umklammert, wenn deine Frau ihre Bitten und Tränen mit denen ihres Schützlings vereinigt und dich auf Schritt und Tritt mit ihren närrischen, aber gut gemeinten Ansichten verfolgt.« »Ich sah den jungen Geistlichen, den Johanna sich zum Lehrer gewählt hat.« »Sonst ein sehr verständiger, umgänglicher Mensch,« schaltete der Oberstleutnant ein. »Mag wohl sein,« entgegnete ich, »aber ich kenne ihn schon lange, und er gerade ist der Verräter, der mich in die politischen Wirren hineinzog, dann aber, als mir jede Umkehr abgeschnitten war, die Rolle eines Spions übernahm, um selber keinen Verdacht auf sich zu lenken.« »Der Herr Bernhard?« fragte mein Vormund heftig emporschreckend. »O, dafür verschaffe mir Beweise, und so wahr ein Gott lebt, für seine Teilnahme an der Verschwörung will ich ihn dahin bringen, wohin er dich zu bringen gedachte!« »Er war zu listig, zu vorsichtig, ich glaube kaum, daß sich Beweise gegen ihn beschaffen lassen würden, und gelänge dies auch wirklich, so würden wir sie trotzdem nicht gegen ihn benutzen dürfen. Durch mein Ehrenwort bin ich verpflichtet, nie als Zeuge gegen ihn aufzutreten. Ich würde mich desselben Verbrechens schuldig machen, das wir ihm zur Last legen.« »Du hast recht, Junge, es geht nicht, es geht nicht,« versetzte der Oberstleutnant, indem er, wie entkräftet, auf seinen Platz zurücksank, »und dann Johanna, bedenke Johanna, die in ihrer unglücklichen religiösen Überspanntheit ihr ganzes Heil von seinen verdammten Lehren erwartet. Welche Folge könnte es für sie haben, erführe sie, daß er – daß er –« »Sprechen Sie es aus, Herr Oberstleutnant,« fügte ich zähneknirschend hinzu, »sprechen Sie es ohne Rückhalt aus: erführe Johanna, daß der Herr Bernhard ein Schurke, ein Gotteslästerer sei, der nur nach einem tief angelegten, verbrecherischen Plan handelte. Mein Lebensglück hat der Verräter zerstört, indem er Johanna an den Rand des Grabes brachte, und ich habe nichts mehr zu verlieren. Aber eine Aufgabe bleibt mir noch, eine heilige Aufgabe, nämlich meine Hand in das Blut des Schurken und seines Mitschuldigen zu tauchen, in ihren letzten Lebensaugenblicken ihre Verbrechen aufzuzählen und ihnen in die ersterbenden Ohren zu schreien.« »Du wirst das nicht tun, mein Sohn,« sagte der Oberstleutnant entschieden, »du wirst das nicht tun, wenn dir die letzten Wünsche deines greisen Vormundes noch etwas gelten. Ziehe hin in Frieden, gründe dir in fernen Landen eine neue Heimat und gönne mir den Trost, deiner als eines braven, von keiner unedlen Handlung besudelten Mannes gedenken zu dürfen.« Ich schwieg, aber mein Entschluß, blutige Vergeltung zu üben, war noch nicht erschüttert, und um einen klaren Blick in Bernhards verderbliches Gewebe zu gewinnen, bat ich den Oberstleutnant, mir zu erzählen, wie Johannas trauriger Seelenzustand seinen Anfang genommen, und welchen Ursachen es vorzugsweise zuzuschreiben sei, daß die verheerende Krankheit mit so rasender Schnelligkeit um sich gegriffen und ihre Gesundheit unheilbar zerstört habe. Der Oberstleutnant, als ob es ihm lieb gewesen sei, sich ausschließlich mit der Vergangenheit beschäftigen zu können und dadurch andern auf ihn einstürmenden, peinigenden Gedanken zu entgehen, begann ohne zu zögern: »Welch harter Schlag für uns alle die Nachricht war, daß du als Hochverräter verhaftet worden seist, brauche ich dir nicht zu schildern. Ich sah die schönsten Hoffnungen, die ich noch am späten Abend meines Lebens hegen durfte, durch deinen unverantwortlichen Leichtsinn zerstört und betrachtete daher, wie es für einen Mann von loyalen Gesinnungen nicht anders möglich ist, jede fernere Verbindung zwischen uns auf ewig abgebrochen. Meine gute Lisette dachte ähnlich, doch hob sie deine guten Eigenschaften hervor und behauptete, daß es nie so weit gekommen wäre, wenn du über Religionssachen nicht so leichtfertig geurteilt und dir einen richtigen Begriff über das ewige Leben angeeignet hättest. »Anders als wir beide aber dachte Johanna. »Das liebe Kind, obwohl in tausend Ängsten, tadelte dich nicht nur nicht, sondern pries dich sogar als edlen Charakter. Händeringend beschwor sie mich, dir zur Flucht behilflich zu sein, und nicht eher beruhigte sie sich, als bis ich, von ihrem Jammer überwältigt, heilig versprach, ihre paar tausend Taler zu Bestechungen und wer weiß was sonst noch zu verwenden und dir auf den Weg nach Amerika zu helfen. »Eh' ich über das Wie und Wann der Erfüllung meines an Johanna gegebenen Versprechens mit mir im reinen war, trat ein Umstand ein, der alle unsere Pläne wieder umstieß. »Zu diesen Plänen gehörte, daß Johanna mit dir in irgendeiner Hafenstadt zusammentreffen und als deine dir angetraute Frau dich ins Ausland begleiten wollte. – Armes, armes Kind, nie hätte ich dir soviel Mut zugetraut! »Eines Tages also, es mochte ungefähr acht Wochen nach deiner Verhaftung sein, trat Johanna hastig in meine Stube. Ihre Augen waren verweint, ihre Locken zerrauft, ihr Gesicht glühte, und dabei zitterte sie dergestalt, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte. »Onkel!« rief sie laut aus und ihre Augen waren starr auf mich gerichtet, »wie sind meine Eltern gestorben?!« »Deine Eltern?« fragte ich verwirrt zurück, denn gerade diese Frage hätte ich am allerwenigsten erwartet; »deiner Mutter mußt du dich noch erinnern können«, fügte ich dann hinzu, »und dein Vater starb, als du noch ein ganz kleines Kind warst. Aber was soll das, wie kommst du darauf?« »Onkel, du verschweigst mir etwas, wohlan, so will ich es dir sagen!« fuhr sie heftig fort. »Meine Mutter hat sich an meinem Vater versündigt, und mein Vater hat Hand an sich selbst gelegt! Ich bin die Tochter einer Sünderin und eines Selbstmörders, und meine Eltern schmachten in der ewigen Verdammnis, während ich, anstatt ihre Schuld durch ein Gott wohlgefälliges Leben und aufrichtige Buße zu sühnen, fröhlich in den Tag hineinlebe!« »Wer hat dir das Geheimnis verraten?« rief ich entsetzt aus, und dabei dachte ich an dich. »Gott hat es mir durch einen himmlischen Sendboten kundtun lassen und ich – ich will meine armen Eltern aus der ewigen Verdammnis retten!« kreischte sie auf und dann sank sie besinnungslos zu Boden. »Als sie endlich auf ihrem Lager aus einer tiefen Ohnmacht erwachte, redete sie irre. Eine schwere Krankheit hatte sie befallen, und während einer Woche glaubten wir täglich, daß es mit ihr zu Ende ginge. In meiner Angst und in der festen Überzeugung, daß nur du allein ihr die furchtbaren Mitteilungen gemacht haben könntest, schrieb ich an dich. Es waren harte Worte, die ich dir sagte, die aber durch den schweren Verdacht, der auf dir lastete, vollkommen gerechtfertigt waren. Erst nach langer, ruhiger Überlegung begann der Zweifel, ob du den Frevel an Johanna begangen habest, und ich wurde darin bestärkt durch die im Delirium wiederholte Erwähnung eines von einem himmlischen Boten an sie gerichteten Briefes. »Johannas vielfache Fragen, ob du dich bereits auf freiem Fuße befändest, und meine aufs neue erwachende Zuneigung zu dir, den ich schließlich nur für einen leichtsinnigen, verführten Patron hielt, veranlaßten mich nunmehr, mit aller Macht für deine Befreiung zu wirken. Dabei war ich glücklich genug, die Teilnahme einer höchst achtbaren Familie, in deren Hause Johanna ihre erste Jugend verlebt hatte, für dich zu erwecken. Jenen treuen Freunden verdankst du hauptsächlich, daß die Mauern des Kerkers dich nicht mehr umschließen. »Ich war von allem unterrichtet, was dort in Frankfurt geschah, und unsere Freunde erhielten wieder durch mich regelmäßige Berichte über meine arme Johanna. Wir alle hofften, du würdest dich durch die Besorgnis vor deiner Wiederverhaftung und durch die ernsten Ratschläge wohlmeinender Leute bestimmen lassen, so schnell als möglich dem französischen Hafen zuzueilen. Du hast in dieser Beziehung unseren Erwartungen nicht entsprochen und wirst infolgedessen eine um so trübere Erinnerung von hier mit fortnehmen. Ich glaube wenigstens, daß du, wie ich dich kenne, nicht von hier scheiden willst, ohne Johanna wenigstens heimlich gesehen zu haben.« »Ich habe sie gesehen –« »Du hast sie gesehen?« fragte der Oberstleutnant erstaunt. Ich erzählte darauf meine Erlebnisse vom vorhergehenden Abend bis in die kleinsten Einzelheiten und fand einen gewissen schmerzlichen Genuß darin, nicht nur jedes Wort zu wiederholen, das Johanna selbst gesprochen hatte, sondern auch der schmachvollen Reden der beiden Geistlichen Erwähnung zu tun. Dabei fiel mir auf, daß mein Vormund nur um die Besuche Bernhards wußte, der andere Priester ihm dagegen vollständig fremd war. »Du hast Johanna gesehen,« nahm der Oberstleutnant wieder das Wort, sobald ich geendigt hatte, »und damit den Zweck, der dich hierherführte, erreicht; du kannst daher schon morgen deine Weiterreise antreten.« Der Oberstleutnant, mein Schweigen für Zustimmung nehmend, fuhr darauf fort: »Wie du Johanna gestern gesehen hast, sitzt sie, mit kurzen Unterbrechungen, bereits seit Monaten, nur daß ihre Kräfte sie mit erschreckender Schnelligkeit verlassen und sie, nach dem Ausspruch des Arztes, ihrer baldigen Auflösung entgegengeht. Das zarte Wesen war noch zu jung, zu schwach, um das schreckliche Geheimnis ertragen zu können, überhaupt erfahren zu dürfen. Doch wer auch immer die Schuld trägt, nicht zufrieden damit, ihr ganzes Erdendasein vergiftet zu haben, benutzte er auch noch ihre krankhafte Aufregung dazu, sie zu überzeugen, daß es ihr obliege, die Sünden ihrer Eltern abzubüßen. Den verhängnisvollen Brief hatte sie in ihrer ersten Verzweiflung vernichtet, doch ließ sich sein Inhalt aus ihrem späteren Benehmen leicht erraten. »In ihrer Krankheit verlangte sie fortwährend nach einem katholischen Geistlichen. Meine Lisette glaubte darin einen Fingerzeig Gottes zu entdecken und riet mir dringend, ihren Bitten zu willfahren. Lange weigerte ich mich hartnäckig; aber das arme Kind flehte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen; »was hilft mir meine Religion« rief sie unter Tränen aus, »die mir nur gestattet, für mein eigenes Seelenheil Sorge zu tragen? Verschafft mir einen rechtgläubigen katholischen Geistlichen, der mich lehrt, die Schuld meiner Eltern zu sühnen, oder ich sterbe in meinen Sünden, die doppelt schwer auf mir lasten, weil ich versäumte, eine mir auferlegte heilige Pflicht zu erfüllen.« O, mein Sohn, so manches liebe Mal habe ich dem Tode in die Augen geschaut, wenn die feindlichen Feuerschlünde Verderben in unsere Reihen schleuderten, ich habe nicht gezittert, allein die Veränderung zu beobachten, die innerhalb kurzer Zeit mit Johanna vor sich ging, das war mehr, als ein ganzes Regiment zu ertragen vermocht hätte. »Wo Herr Bernhard, der bewußte Kaplan, so schnell herkam, nachdem ich meine Zustimmung gegeben hatte, weiß ich nicht zu erklären; jedenfalls aber hielt ich ihn dann für einen verständigen Menschen, der seiner schwierigen Aufgabe wohl gewachsen sei. Er besuchte von da ab Johanna fast täglich; meine Lisette war stets zugegen und entzückt von der kindlichen Frömmigkeit und christlichen Geduld, mit der er Johanna tröstete. »Von nun an aber beschäftigte sich ihr Geist ausschließlich mit dem vermeintlich trostlosen Zustande ihrer verstorbenen Eltern. »Ja, zuletzt betrachtete sie jeden irdischen Gedanken, sogar die Erinnerung an dich als eine schwere Sünde. »So stehen also die Sachen; du kannst daraus entnehmen, welch schwere Zeit ich hier verlebte. Dich noch einmal wiedergesehen zu haben, gereicht mir zum Trost und zur Beruhigung. Deinen leichtsinnigen Streich vergebe ich dir, um des Kummers willen, den auch du zu tragen bestimmt bist; ich verzeihe dir doppelt gern, weil ich aus deinem Munde vernommen habe, daß du in üble Hände geraten und gewissermaßen wider deinen Willen in den Strudel mit hineingerissen worden bist. Ich beklage dich innig und tief, ich beklage dich, nächst Johanna, am meisten; aber du bist ein Mann und wirst dein Los männlich tragen. Wohin nun das Geschick dich verschlagen mag und welche Wechselfälle des Lebens dich treffen, erinnere dich zuweilen deines alten Vormundes, der noch in seiner letzten Stunde dir seinen Segen, über Länder und Meere fort, zusenden wird. »So, mein Sohn, ich bin zu Ende; was ich dir zu sagen wünschte, das habe ich dir mitgeteilt; nun erzähle auch du mir offen und ehrlich deine Erlebnisse, und dann wollen wir voneinander scheiden, – aber trinke, – trinke einmal, du siehst so bleich aus, du dauerst mich, trinke ein halbes Gläschen, mein Kind.« Dem alten Mann zu Liebe führte ich das Glas an die Lippen, aber zu trinken vermochte ich nicht. Ich vergegenwärtigte mir Johanna, die, nur wenig Schritte von mir entfernt, vielleicht vergeblich den Schlummer herbeisehnte. Nachdem ich sodann einen Blick auf Anton geworfen, der sich in der Nähe des mäßig geheizten Ofens niedergekauert hatte und eingeschlafen war, begann ich meinen Bericht. Ich schilderte nicht nur meinen Aufenthalt in Frankfurt, meine Flucht und meine Reise von dorther bis zur Oberförsterei, sondern auch alles, was nur im entferntesten in Beziehung zu Johanna oder mir gebracht werden konnte. Ich erwähnte unseres Zusammentreffens mit Bernhard bei dem Gesundbrunnen und der daselbst gewechselten Worte; dann Bernhards ersten Besuchs bei mir und seiner Beredsamkeit, die damals mein ganzes Innerstes in wilde enthusiastische Flammen setzte. Ebenso gedachte ich Fräulein Brüsselbachs und ihrer Warnung, die sie auf dem Wege bei Rolandseck an mich ergehen ließ, woraus ich den Schluß zog, daß kurz vor mir Bernhard mit dem vorgeblichen Onkel an derselben Stelle gewesen und vielleicht von der Irrsinnigen belauscht worden sei. Auch von der verdächtigen Freundschaft zwischen Bernhard und Antons Bruder und der Unterredung, die ich am vorhergehenden Abend erlauscht hatte, erzählte ich. Und als ich dann geendigt, da richtete mein Vormund sein unter der buschigen Braue fast verschwindendes Auge auf mich, als ob er mich damit habe durchbohren wollen. »Junge, merkst du, was aus der ganzen Geschichte hervorgeht?« fragte er und zugleich legte er seine zitternde Hand auf meinen Arm, »wenn du's nicht merkst, so will ich dir's sagen: die Sünden der Eltern sind an meiner armen Johanna heimgesucht worden, und zwar auf Anstiften desjenigen, der einst von meinem seligen Bruder die wohlverdiente körperliche Züchtigung erhielt. Ja, mein Sohn, der Gefährte Bernhards ist niemand anders, als jener verfluchte Pfaffe, der einst das Familienglück meines Bruders grausam zerstörte! Nur er, der jene unglücklichen Verhältnisse nächst mir, am genauesten kannte, war imstande, vor Johanna die traurige Vergangenheit zu enthüllen oder durch den Herrn Bernhard enthüllen zu lassen und ihr Gemüt durch die frevelhafte Vorspiegelung: daß nur die katholische Religion ihr Gelegenheit biete, ihre Eltern aus dem Fegefeuer zu retten, unheilbar zu zerrütten! Hahaha! ein schöner Sendbote Gottes! O, Fluch, tausendfacher Fluch über diejenigen schwarzröckigen Schurken, gleichviel, welcher Konfession sie angehören, die sich mit scheinheiliger Miene in das Familienleben anschleichen und sich anmaßen, nach Willkür über das Wohl und Wehe, den Glauben und die ganze Zukunft der einzelnen Mitglieder ihre Bestimmungen treffen zu dürfen!« Bei diesen Worten sprang der erbitterte alte Krieger so geräuschvoll empor, daß Anton erwachte. So hatte ich ihn noch nie gesehen; sein Auge glühte unheimlich, seine Brust hob und senkte sich unter den übereinandergeschlagenen Armen, während sein sonst farbloses Gesicht sich hoch rötete. Nachdem er das Gemach einige Male durchmessen, blieb er plötzlich vor mir stehen. »Den Andres erschieße ich, sowie er sich in dem Forst betreffen läßt,« sagte er mit einer Ruhe, die nichts Gutes zu verkünden schien, und dann setzte er seinen Gang wieder fort, ohne zu beachten, daß Anton, von Todesangst ergriffen, zuerst ihm und dann mir einen flehenden Blick zusandte. »Und die Pfaffen hetze ich bei ihrem nächsten Besuch mit den Hunden vom Hofe,« fuhr er fort, abermals vor mir stehen bleibend. »Aber Johanna, die sich so sehr an Bernhards Besuche gewöhnt hat, würde sein plötzliches Fortbleiben keine nachteiligen Folgen für sie haben können?« fragte ich besorgt. »Das ist alles wahr genug,« entgegnete der Oberstleutnant, »aber wie soll ich es machen, um das Gesindel los zu werden?« Wenn man Johanna vielleicht Ersatz böte? Man hat doch vielfach erlebt, daß ein Gemüt, das durch eine heftige Aufregung verwirrt wurde, durch eine ähnliche, aber aus entgegengesetzten Ursachen entspringende Bewegung Heilung fand; was meinen sie, wenn ich urplötzlich vor Johanna hinträte? Vergessen hat sie mich nicht, dafür sind mir gestern abend die schlagendsten Beweise geworden, und es ist fast mit Sicherheit vorauszusehen, daß mein Erscheinen nicht ohne entscheidenden Einfluß auf ihren Geist bleiben wird.« Wiederum durchmaß mein Vormund das Gemach mit festen Schritten, worauf er sich nach einer Weile mir wieder zuwendete. »Gustav, du kannst recht haben,« hob er an, »für dich, für mich, für uns alle wäre es eine Wohltat, für Johanna selbst aber am meisten, erfreute sie sich vor ihrem Ende noch einiger lichter Tage. Sie soll dich sehen, aber ich muß mir die Sache überlegen; es muß so geschehen, daß nicht, während du dich bei dem armen Kinde befindest, die Pfaffen hingehen und dich verraten. Laß mich daher allein; kehre in dein Versteck zurück, wo du am sichersten aufgehoben bist, und sende jeden Abend, sobald es dunkel geworden, den Anton zum Rapport. Gehe, mein Kind, hoffe das Beste und sei vorsichtig. Deine Gefangennahme wäre ein Nagel mehr zu meinem Sarge, also auf Wiedersehen!« So sprechend, begleitete er mich bis an die Haustür; zu antworten vermochte ich nicht, nur die Hand drückte ich meinem alten teuern Wohltäter, er aber wußte, was ich damit sagen wollte. ' Wir waren schon längst vom Hofe herunter und dicht vor der ersten Biegung der Landstraße angekommen, da erkannte ich, rückwärts schauend, in der geöffneten Tür vor dem schwachen Lichtschimmer, der aus der Stube auf die Hausflur fiel, noch immer die hohe regungslose Gestalt meines Vormundes. 16 Das Wiedersehen Am zweiten Abend nach meiner Zusammenkunft mit dem Oberstleutnant brachte Anton mir die Nachricht, daß jener mich in kürzester Frist erwarte. Die entscheidende Stunde war also da; ich sollte Johanna sehen und sprechen, um zugleich auf ewig Abschied von ihr zu nehmen. Obgleich ich für meine Person auf das Wiedersehen vorbereitet war, obgleich eine schmerzliche Freude mich erfüllte, noch einmal Johannas süße Stimme zu hören, noch einmal für ihre unerschütterliche Liebe und Treue danken zu dürfen, schwebte ich doch in einer angstvollen Spannung, wie derjenige sie wohl empfinden mag, der auf seinem letzten Gange der nächsten Zukunft gedenkt. Erst als ich mich wieder bei meinem Vormunde in der Stube befand und die ernste, feierliche Entschlossenheit in seinen Zügen gewahrte, gewann ich neue Fassung und die überlegene Ruhe, die zu dem gewagten Schritt notwendig war. Keines Wortes mächtig, reichte ich dem Oberstleutnant die Hand. »Es hat sich eher gemacht, als ich glaubte,« sagte er, mich umarmend. »Meine Lisette ist eben zur Abendmesse gefahren, das Hausgesinde habe ich ihr nachgeschickt, und außer mir befindet sich nur noch Johannas Wärterin im Hause. Niemand ahnt unser Vorhaben, die beiden Priester sind in gewohnter Weise hier gewesen und sogar von mir im Vorbeigehen begrüßt worden, und wenn ich nicht irre, gedenken sie nach der Messe noch einmal hier vorzusprechen. Sie sind nicht blind dafür, daß meiner armen guten Johanna Auflösung in jeder Stunde erfolgen kann. Nun, nun, fasse dich, mein Junge, sei ein Mann,« fügte er mit bebender Stimme hinzu, als er gewahrte, daß ich erbleichte, »du mußt dich ins Unvermeidliche fügen und auch bedenken, daß die Pfaffen, so Gott will, mein Haus zum letzten Mal betreten haben.« Sobald er dann Anton angewiesen, wieder seinen alten Platz am Ofen einzunehmen, mir aber behilflich gewesen war, mein Aussehen durch einige von mir auf der Försterei zurückgelassene Kleidungsstücke meiner früheren Erscheinung möglichst ähnlich zu machen, begab er sich in Johannas Gemach, um die Wärterin zu entfernen. Nach einigen Minuten kehrte er zurück, und mich am Arm ergreifend, zog er mich schweigend mit sich fort. Nachdem wir die beiden anstoßenden Gemächer durchschritten hatten, gelangten wir auf einen schmalen, nach der Küche führenden Gang, den eine kleine Lampe matt erhellte. »Hier ist sie,« sagte der Oberstleutnant, auf eine geschlossene Tür weisend, »warte, bis ich dich rufe, und fasse allen Mut zusammen, du wirst ihn gebrauchen.« Gleich darauf trat er ein, die Tür,nur anlehnend, so daß ich jedes in dem Gemach gewechselte Wort deutlich verstehen konnte. – »Bringst du mir den versprochenen Trost?« fragte Johanna ihren näher tretenden Onkel mit matter Stimme. »Er wartet vor der Tür auf dich,« ehtgegnete der Oberstleutnant, »ich wollte dich nur fragen, meine liebe Tochter, ob du sonst noch Wünsche hast, damit ich euch nachher nicht zu stören brauche.« »Onkel, teuerster Onkel, wenn du doch den göttlichen Lehren dein Ohr nicht verschließen wolltest,« versetzte Johanna unbeschreiblich traurig, »hast du nur einmal mit mir vereinigt gebetet, so wird dein Herz sich erweichen, du wirst deine Irrtümer einsehen –« »Schon gut, schon gut, mein Kind, ich will mit dir beten,« unterbrach sie der Oberstleutnant, »mit dir und mit dem, der vor der Tür auf die Erlaubnis zum Eintreten harrt, will ich gern beten.« »O Gott, wie gut du bist,« rief Johanna inbrünstig aus, »du hast mir vergönnt, meinen teuren Onkel bekehren zu dürfen; o, lasse doch auch deine Güte und Gnade über meinen armen verlassenen Gustav walten!« »Auch dein Gustav soll mit dir beten,« versetzte der Oberstleutnant tief ergriffen. »Gustav Wandel? mein armer verlassener Gustav?« fragte Johanna, und ihr Atem schien zu stocken. Der Oberstleutnant antwortete nicht mehr, er war bereits aus der Tür getreten, und im nächsten Augenblick kniete ich vor Johanna, von meinen Gefühlen überwältigt, mein Gesicht auf ihren Knien bergend. – Totenstille umgab uns; ich wagte nicht, aufzuschauen, weil ich das Schrecklichste befürchtete. Da fiel etwas neben mir auf die Erde, es war das Kruzifix, und gleichzeitig fühlte ich, daß zwei zarte Hände schmeichelnd, wie sie so oft getan, sich auf mein Haupt legten. »Armer, armer Gustav, sogar deine schönen Locken haben sie dir geraubt,« hauchte sie über mich hin, indem sie sich mühsam zu mir niederneigte und einen Kuß auf meine Stime drückte. O, es war ein Augenblick, so unendlich süß und doch wieder so namenlos bitter, daß ich glaubte, vor Schmerz und Wehmut vergehen zu müssen. Zögernd schaute ich endlich empor; Johanna blickte mir in die Augen, worauf sie die Hände zurückzog und damit, wie um eine Vision zu verscheuchen, nach beiden Seiten über ihre fast durchsichtigen, blaugeäderten Schläfen strich. »Gustav, bist du es wirklich?« rief sie dann laut aus, »bist du es wirklich, du mein einziger, mein eigener Gustav?« »Johanna, ich bin gekommen, um mit dir zu leben und zu sterben!« sagte ich leise, noch immer kniend und meine Arme um ihre hinfällige Gestalt schlingend. Da entstürzten Tränen ihren milden blauen Augen, ihre Arme legten sich um meine Schultern, und ihr Haupt sanft auf das meinige stützend, schluchzte sie heftig. »Gustav, du heiß und ewig Geliebter,« flüsterte sie mit tiefinnigem Ausdruck, »ach, wie habe ich gelitten; nun aber ist alles gut; ich bin krank gewesen, ich bin es noch, aber tröste dich, mein guter Gustav, ich werde genesen, und du wirst nicht wieder von mir gehen, oder ich begleite dich bis an der Welt Ende. O, welch schreckliche Dinge haben sie mir erzählt, oder habe ich es geträumt – so gräßlich, daß es alle Beschreibung übersteigt. Ich sah Männer mit schwarzen Augen und entsetzlichen Blicken, du weißt ja, den Herrn Bernhard am Gesundbrunnen; und sie hatten eine eiserne Kette um meine Brust gelegt, und wenn sie sprachen, dann zog sich die Kette, mir namenlose Schmerzen bereitend, immer enger zusammen. Auch von dir habe ich geträumt, von dir, meinem Gustav; ich wußte, wo du warst, wußte, daß du deine arme Johanna noch immer treu und aufrichtig liebtest, aber ich fürchtete mich, von dir zu sprechen, mir war, als ob bei der Erwähnung deines Namens die sengenden Augen mich ins Herz getroffen hätten. Doch ich bin kindisch, ich vergesse, daß alles nur ein Traum, ein krankhafter Zustand gewesen ist,« fügte sie unter Tränen lächelnd hinzu. »Johanna, meine arme Johanna, schone dich,« stotterte ich, ohne eigentlich zu wissen, was ich sagte, der Tod hatte den holden bleichen Zügen und den eingefallenen zarten Wangen sein Zeichen so deutlich aufgedrückt, daß mich bei ihrem Anblick eine wilde Verzweiflung ergriff. »Ich mich schonen, Geliebter?« fragte sie lächelnd, »jetzt brauche ich mich nicht mehr zu schonen. Bis vor wenigen Minuten noch wurde mir das Atmen schwer, aber jetzt, höre doch, wie laut und kräftig ich spreche, meine Brust ist frei, der Bann, der meine Brust so schmerzhaft einzwängte, ist gebrochen und ich werde mich bald, sehr bald wieder erholen. – Lieber, lieber Gustav, du bist mein Arzt gewesen, ich fühle es, denn seit deinem Eintritt befinde ich mich so wohl, ach so wohl. O, mein Gott, niemals hätte ich geglaubt, daß mir des Lebens Freuden noch einmal lächeln würden!« rief sie entzückt aus, und dann mich zu sich emporziehend und krampfhaft umarmend, weinte sie lange an meiner Brust. Auch ich weinte so bitterlich, wie ich es seit meiner Kindheit nicht getan, doch während mir ein tiefer Seelenschmerz die Brust zusammenschnürte, waren es Freudentränen, die unaufhaltsam über Johannas zarte Wangen rannen. Nach einer Weile richtete sie sich wieder empor, und sich zurücklehnend, betrachtete sie mich lange sinnend. »Bist du es denn wirklich, mein Gustav?« fragte sie, »ja das sind deine lieben treuen Augen, deine liebe kluge Stirn; aber nicht so traurig darfst du blicken, denn die Spuren, die die schwere Kerkerhaft dir aufgedrückt hat, werden unter meiner Pflege bald, sehr bald schwinden, und vor allem der schmerzliche Zug um deinen Mund. O, laß mich nur etwas gekräftigt sein, denn vorläufig bedarf ich ja selbst noch einiger Pflege,« fügte sie mit einem holden Lächeln hinzu, mit einem Lächeln, so rührend und hoffnungsvoll, daß es mir in die Seele schnitt und mir vor unbeschreiblidlem Weh auf's neue unbewußt Tränen in die Augen drangen. »Arme, schwer geprüfte Johanna!« sagte ich halblaut, ihre schmalen Hände mit heißen Küssen bedeckend. In demselben Augenblick bemerkte sie den Oberstleutnant, der leise in die Stube getreten war und mit schlaff niederhängenden Armen und gefalteten Händen, ein Bild des Grames, zu uns herüberschaute. »Schone dich, mein Herzchen, schone dich und strenge dich nicht zu sehr an,« sprach er, mir heimlich einen bezeichnenden Blick zusendend. »Laß mich doch sprechen; seit meine Brust freier ist, fühle ich die Neigung, immerwährend zu erzählen – nur müde bin ich noch; eine halbe Stunde möchte ich so recht ruhig und ungestört schlafen – an deiner Brust ruhen, Gustav, setze dich zu mir – und Onkel, gib du mir deine Hand,« sagte sie plötzlich leise, fast flüsternd, und zugleich wich die letzte Spur von Röte aus ihren Wangen. Schnell holte ich einen Stuhl herbei, und als ich mich neben sie niederließ, lehnte sie mit einem glückseligen Lächeln ihr teures Haupt an meine Brust. Ich schloß sie in meine Arme, der Oberstleutnant, der vor ihr auf einem Schemel saß, hielt ihre Hand, und angstvoll hafteten unsere Blicke an den lieben treuen Augen, die sich geschlossen hatten. Nach einigen Minuten hoben sich ihre Lider mit den langen seidenen Wimpern noch einmal zur Hälfte empor; »nur eine halbe Stunde,« flüsterte sie, ihr schönes Lockenhaupt fester an meine Brust lehnend, »weckt mich nicht, ich bin so müde, und Gustav – an deinem Herzen ruht es sich so schön – so schön – so süß, daß ich ewig so schlafen möchte.« Ihre Augen schlossen sich wieder; eine heiße Träne rollte mir über die Wange und fiel ihr gerade auf die Stirn. Johanna lächelte, wie im Schlaf; ihr Atem wurde leiser und leiser, bis ich ihn zuletzt nicht mehr hörte; das süße Lächeln thronte aber noch immer auf dem engelschönen, bleichen Antlitz. Minuten verrannen; die Lampe brannte trüber, ihr matter Schein spiegelte sich in einem Tropfen, der an der äußersten Spitze von meines Vormundes Schnurrbart zitterte; ich sah es, als ich, nach Fassung ringend, ihn fragend und Trost von ihm erhoffend anschaute. Ein kaum bemerkbares Beben erschütterte die zarte Gestalt in meinen Armen; ihr Haupt sank noch schwerer und tiefer auf meine Brust hinab, ihre Arme erschlafften, und die zarten Finger, die in meiner und meines Vormundes Händen ruhten, verloren die Spannkraft. »Um Gotteswillen, sie stirbt,« flüsterte ich, von grenzenloser Verzweiflung ergriffen, dem Oberstleutnant zu. »Mein Sohn«, antwortete dieser hohl und dabei doch mit eigentümlicher Entschiedenheit, »ich kenne solche Zeichen, ermanne dich und gedenke deiner armen Johanna hinfort als eines dieser Welt entrückten Engels.« Ich wollte, ich konnte die schreckliche Kunde nicht glauben. Trotzdem ich auf das Schlimmste vorbereitet war, hielt ich es doch nicht für möglich, daß die guten, aufrichtigen Augen sich nicht mehr öffnen sollten, ihr treues Herz zu schlagen aufgehört habe. Schmückte doch noch immer das selige Lächeln ihr marmorbleiches Antlitz, das Lächeln, das ihr meine Träne entlockt und der Tod dann festgebannt hatte. Sogar als ich, der Aufforderung des Oberstleutnants taumelnd Folge leistend, mit ihm die teure Tote nach ihrem seit Wochen nicht mehr berührten Lager hintrug, bezweifelte ich noch immer, daß sie wirklich ihrem letzten Schlummer in die Arme gesunken sei. Wie ich sie dann aber vor mir sah, so still, so bleich und dabei doch so himmlisch-schön, wie der lächelnde Zug sich gar nicht mehr verändern wollte und ihre lieben Hände regungslos so liegen blieben, wie wir sie hinlegten, da erst brach sich mein verhaltener Jammer über den entsetzlichen Verlust, den ich erlitten hatte, Bahn. »Johanna!« rief ich, von namenloser Verzweiflung ergriffen aus; »Johanna!« rief ich noch lauter, und mit unwiderstehlicher Gewalt zog es mich auf die Knie nieder, und mein Kopf sank auf die erkaltende Hand der geliebten Toten. Doch Johanna hörte nicht mehr, sie fühlte nicht die Tränen, die sie benetzten. Düsterer brannte die Lampe, der Oberstleutnant durchmaß das Gemach mit so festen Schritten, daß sie unheimlich widerhallten, ich aber betete inbrünstig zu Gott, daß er mich angesichts meines vernichteten irdischen Glücks, ebenfalls zu sich nehmen möge. – Längere Zeit verstrich; schwach kämpfte die Lampe um ihr Leben und laut dröhnten die festen Schritte auf dem Fußboden. Plötzlich verstummte das Geräusch dicht hinter mir, und des Oberstleutnants Hand legte sich auf meine Schulter. Der alte Krieger mit seiner eisernen Natur war wieder vollständig Herr seiner selbst geworden. »Mein Sohn, ich habe dir Zeit gelassen, sie zu beweinen, jetzt aber ist es Zeit, auch an dich selber zu denken,« sagte er mit seiner gewöhnlichen, rauhen, nur etwas heiserer klingenden Stimme. Ich gab keine Antwort, ich war mir nicht einmal bewußt, daß er nur zu mir gesprochen haben könne. Was galt mir jetzt noch meine Sicherheit? Was kümmerte es mich, daß die Häscher vielleicht auf meiner Spur waren? Ich hatte mit allem abgeschlossen, denn meine Johanna war ja tot. Der Oberstleutnant, das Vergebliche seiner Bemühungen einsehend, setzte seinen Gang wieder fort. Er öffnete das Fenster und lauschte in die Nacht hinaus; er begab sich an die Haustür und kehrte zurück; ich dagegen kniete noch immer vor meiner armen Johanna. Abermals hatte er sich an die Haustür begeben, als er nach längerem Lauschen plötzlich mit hastigen Bewegungen in das Sterbegemach stürzte. »Wenn auch nicht deinetwegen, so mußt du dich wenigstens um meinetwillen ermannen!« rief er mit gepreßter Stimme aus, indem er mich mit kräftigem Griff emporzog. »Ich höre den Wagen, der mir meine Lisette bringt, fort also, keine Minute ist zu verlieren, oder dein alter Vormund hat auch noch den Kummer, sich deiner nur als eines in Fesseln schmachtenden Verbrechers erinnern zu dürfen.« Mechanisch und schwankend folgte ich ihm bis in die Mitte des Gemaches; dann aber riß ich mich wieder los, und noch einmal vor Johanna hintretend, legte ich, von unsäglicher Qual gefoltert, meine Hand auf ihre weiße Stirn. »Schlafe wohl, mein guter Engel, meine Johanna,« seufzte ich aus gebrochenem Herzen, »schlafe wohl und verzeihe mir den Kummer, den du um meinetwillen erduldet hast.« Einen innigen Kuß drückte ich auf ihre bleichen, erkaltenden Lippen, ein letzter Blick traf das stille, selbst im Tode noch freundliche Antlitz, und dann trat ich an die Seite meines Vormundes. »Ich bin bereit,« sagte ich ruhig, indem wir uns schnell auf den Hof begaben, wo Anton meiner harrte, »ich habe jetzt nur noch Ihre letzten Anordnungen und Ratschläge entgegenzunehmen.« »Mein Segen begleite dich auf allen deinen Wegen,« sagte der Oberstleutnant, mich umarmend, »mein Rat und meine Wünsche sind, daß du so schnell als möglich diese Gegend verlassest. Schreibe mir, sobald du in Sicherheit bist, und vergiß nicht, mir die Adresse anzugeben, unter der ich dir antworten kann. Fort, Junge, fort, sie kommen, Gott segne dich und erhalte dich auf den Pfaden der Ehre. Johanna ist in deinen Armen gestorben, die größte Gnade, die dir unter den obwaltenden Verhältnissen zuteil werden könnte, vergiß das nie und nun fort!« Ich küßte meinem alten, väterlichen Freunde inbrünstig die Hand, und fast in demselben Augenblick, in dem der Wagen nach dem Hofe hinaufbog, verschwand ich auf der entgegengesetzten Seite der Landstraße mit Anton im Walde. Der treue Bursche hatte sich auf den Rat des Oberstleutnants mit meinen zurückgelassenen Kleidungsstücken beladen, um dadurch jeglicher Möglichkeit einer Entdeckung vorzubeugen. Wie wir an jenem Abend in unser Versteck zurückgelangten, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich auf meinem dürftigen Lager zu dem Bewußtsein einer grenzenlosen Vereinsammung und Verlassenheit erwachte. – Die Nacht wich dem Tage; die niedrig stehende Sonne beschrieb ihren weiten Bogen von Osten nach Westen, und noch immer dachte ich nicht an meinen Aufbruch. Wohl bat mich Anton mit tränenfeuchten Augen, dem Rate meines Vormundes zu folgen; wohl sprach er von der Verräterei und der List seines Bruders, wohl wies er darauf hin, daß er sich endlich einmal nach seinem Jakob umsehen müsse. Daß seine lange Abwesenheit bei den Seinigen Mißtrauen erwecken müsse, begriff ich sehr wohl, ebenso, daß mit jedem Tage die Sehnsucht nach seinem Raben wuchs, und so riet ich ihm denn, sich noch an demselben Abend nach der Hütte seiner Mutter zu begeben, dort einige Erkundigungen einzuziehen und dann bei der ersten günstigen Gelegenheit zu mir zurückzukehren. Er tat, wie ich ihm riet, doch bereits in der Mitte des folgenden Tages traf er wieder bei mir ein. Die Gelegenheit, das elterliche Obdach ohne Aufsehen zu verlassen, hatte sich nur zu schnell geboten. Trotzdem er seinem Bruder eine Anzahl vorgeblich auf der Landstraße erbettelter kleiner Münzen einhändigte, war er von diesem ungewöhnlich hart mißhandelt worden. Die Mißhandlungen hätte er wohl ertragen, als derselbe aber drohte, seinem Jakob den Hals umzudrehen, hatte er den Raben an sich genommen, und den günstigen Augenblick erspähend, war er davongelaufen. Der Vogel, der seine Zunge nicht zu zügeln verstand, war allerdings ein gefährlicher Gast für mich; um alles in der Welt aber hätte ich es nicht vermocht, des braven, treuherzigen Burschen einzige Freude aus meiner Nähe zu bannen, um so mehr, da während meines Aufenthaltes in der Höhle kein fremder Mensch die abgelegene Schlucht betreten hatte und Anton, die mir drohende Gefahr nicht unterschätzend, bereitwilligst seinen vorwitzigen Jakob mittelst einer an seinem Fuße befestigten Schnur im Hintergrunde der Höhle gefangen hielt. Entdeckungen, die vielleicht in Beziehung zu meiner Lage zu bringen gewesen wären, hatte er nicht gemacht. Nur einmal war er von seinem Bruder gefragt worden, ob er mich gesehen habe, und als er dies verneinte, hatte jener die Bemerkung hingeworfen, daß der Oberstleutnant schwerlich ohne fremde Hilfe das tote Fräulein von dem Stuhl auf das Bett getragen haben könne. Anton fand in dieser Äußerung nichts Verdächtiges, ich dagegen erriet sogleich, daß jener Umstand jedenfalls zwischen Bernhard und dem wilden Andres zur Sprache gekommen war. Auch die Stunde, in der die Beerdigung in dem nächsten Kirchdorf stattfinden sollte, hatte Anton sich gemerkt, und von ganzem Herzen billigte ich seinen Entschluß, ihr beiwohnen und mir demnächst einen Bericht über die Feierlichkeit abstatten zu wollen. Ich gab ihm ein Sträußchen Blumen und grüne Farne mit, das einzige, was in dem Bereich meines Verstecks zwischen dem Gestein aufzufinden war, und erteilte ihm den Auftrag, das Sträußchen auf den Sarg zu legen und die liebe, teure Tote von mir zu grüßen, aber leise, ganz leise, so daß seine Worte nicht von den Umstehenden vernommen werden könnten. Als er dann gegangen war, drangen mir Tränen der Wut in die Augen, und mit krampfhaftem Griff schälten meine Finger das graue Moos von den vor mir liegenden Felstrümmern. »O, meine Rache wird euch erreichen,« stöhnte ich in mich hinein, und verzweiflungsvoll griff ich in die dornenreiehen Brombeerranken, daß das Blut an mehreren Stellen aus der aufgerissenen Haut meiner Hände hervorquoll, »ja, sie wird, sie muß euch erreichen,« wiederholte ich in Gedanken, das Blut mit wilder Gier betrachtend und an meine Lippen führend. Ein ferner gedämpfter Ton drang zu mir in mein Versteck. Ich lauschte; derselbe Ton wiederholte sich wieder und immer wieder. Die Stunde war gekommen; sie trugen meine Johanna zu Grabe und feierlich läuteten dazu die Glocken in der abwärts gelegenen Kirche. Sie läuteten meine Johanna zu Grabe und mit ihr auch meine Jugend. In tiefster Traurer, unter unsäglichen Schmerzen und Tränen überschritt ich die in meinem Leben scharfgezeichnete Grenze zwischen dem leicht erregbaren und an frohen Hoffnungen so reichen Jünglinge und dem ernsten, überlegenden Manne. Die Glocken läuteten feierlich und friedlich, gerade wie damals, als ich, noch ein Kind, mit dankbarem Herzen ihren Tönen lauschte, mit dankbarem Herzen, weil ich glaubte, die freundlichen Glocken wären von dem lieben Gott beauftragt, die schönen Sonntage und Festtage und vor allen Dingen das liebe, liebe Christfest zu machen. Meine Tränen waren versiegt, versiegt auf lange, lange Zeit, versiegt vielleicht auf ewig. 17 Der Abschied Erst in der Dämmerungsstunde kehrte Anton zurück. Die Eindrücke, die er bei der Beerdigung empfangen hatte, waren durch die Besorgnis für meine Sicherheit verwischt worden. Wie mir aus seinen verworrenen Berichten klar wurde, vermuteten diejenigen, die ich als meine Feinde betrachten mußte, mit vieler Bestimmtheit, daß ich mich in der Nähe verborgen halte. Ihr Verdacht war durch die rauhe Art, in der mein Vormund sie von Johannas Leiche fortgewiesen und sich sogar, wenn auch vergeblich, gegen ein katholisches Leichenbegängnis gesträubt hatte, noch verstärkt worden. Nach der Beerdigung hatte auch mein Vormund Anton mit sich nach Hause genommen, vorgeblich um ihm einige Speisen zu verabreichen, und ihm beim Abschied einen Papierstreifen in die Hand gedrückt mit der Weisung, denselben lieber zu verschlingen, als ihn in fremde Hände fallen zu lassen. »Unglücklicher, nur ein Wunder kann Dich retten,« stand auf dem Zettel, »wenn Dir an Freiheit und Leben nichts mehr liegt, so solltest Du nicht vergessen, daß mir darum zu tun ist, Dich fern und sicher zu wissen. Man kennt Dein Versteck; Gerichtspersonen befinden sich bereits auf dem Wege zu Dir. Eile in nächster Richtung an den Rhein, nimm das erste beste Boot und fliehe stromabwärts. Für das Boot wird bezahlt werden.« Diese Nachricht, die mich zu jeder ändern Zeit in Schrecken versetzt haben würde, überraschte mich kaum noch. Ich hatte plötzlich gelernt, meine Lage mit der größten Ruhe zu betrachten und mit kalter Überlegung über den einzuschlagenden Weg mit mir zu Rate zu gehen. Es war noch zu früh, die Flucht offen fortzusetzen, indem von der Arbeit heimkehrende Leute die Landstraße noch belebten; inwieweit aber der Wald der abgeschlossenen Schlucht und gar erst der Felsenhöhle vorzuziehen sei, erfuhren wir nach kurzer Wanderung, als wir, Anton den Raben auf der Schulter, eben im Begriff standen, aus dem Paß herauszubiegen. Wir unterschieden nämlich beide zu gleicher Zeit Tritte und murmelnde Stimmen von sich nähernden Männern, deren Ziel, nach der Richtung des Schalls zu schließen, nur unsere Schlucht sein konnte. Die verdächtigen Leute schritten übrigens mit sehr wenig Vorsicht einher und sprachen sogar mit halblauter Stimme zueinander. Sie übertäubten dadurch das Geräusch, das ich erzeugte; indem ich Anton mit Gewalt nach der uns zunächst liegenden Felswand hinüberzog und ihn dort zwang, sich zwischen den Felstrümmern an meine Seite niederzulegen. Ich hatte darauf nur noch soviel Zeit, ihm das Wort »Jakob« zuzuflüstern, als die Vordersten des Zuges in die Schlucht einbogen und mir zugleich ihre Absicht, mich in meinem Versteck zu überraschen, verrieten. Ein eigentümliches Klirren belehrte mich, daß sich zwei oder drei bewaffnete Gendarmen bei der Gesellschaft befänden. Außer ihnen glaubte ich auch noch die Schatten von drei Männern zu erkennen, von denen der eine eine kurze Strecke weit vorausging. Alle bewegten sich aber so dicht an mir vorüber, daß wir uns gegenseitig die Hand hätten reichen können, ich also die zwischen ihnen gewechselten Worte deutlich verstand. »Achtet auf den Boden,« sagte der Führer des Zuges, an dessen Stimme der wilde Andres nicht zu verkennen war, »es liegen hier viele Steine umher, und dabei ist es so verdammt dunkel, daß man die Hand vor den Augen nicht sieht.« »Ist dies die bezeichnete Schlucht?« fragte eine andere Stimme, offenbar der kommandierende Gendarm. »Ja, dies ist die vermaledeite Schlucht,« antwortete Andres, »und weit sind wir nicht mehr von der Stelle entfernt, auf der mein verrückter Bruder den verdorbenen Studenten untergebracht hat.« Damit trat er wieder an die Spitze des Zuges; die übrigen folgten ihm in der alten Ordnung, und einige Minuten später verhallten ihre Schritte hinter der Biegung des Passes. »Anton, mein Freund, auch wir haben keine Zeit zu verlieren,« wendete ich mich jetzt flüsternd an meinen getreuen Begleiter; »komm, ich habe noch einen schweren Gang vor mir, ehe ich mich an den Rhein begebe.« Ich erhob mich darauf, doch erhielt ich keine Antwort, dagegen vernahm ich, daß Anton heftig schluchzte, und zugleich ein heiseres, schwaches Röcheln, das von dem Raben auszugehen schien. »Komm, Anton, beeile dich,« sagte ich dringender, »wir müssen fort, denn finden sie dein Schloß leer und und geraten sie auf meine Spur, so bin ich verloren. Komm Anton, ermanne dich, die Hauptgefahr ist jetzt vorüber, komm, oder ich muß allein gehen.« »Nein, mein lieber, junger Herr, ich gehe mit,« entgegnete Anton schnell emporspringend, »ich gehe mit, aber mein armer, armer Jakob.« »Was ist mit deinem Jakob?« fragte ich, indem ich mich der Landstraße zu in Bewegung setzte. »Lieber junger Herr, ich habe auf ihm gelegen und ihm den Schnabel und die Kehle zugedrückt. Noch lebt er zwar, ich trage ihn auf dem Arm. Aber ich habe ihn so sehr, so sehr gedrückt; er hätte sonst die schlechten Menschen ausgeschimpft und sie hätten den lieben jungen Herrn mit ihren Säbeln totgeschlagen. Armer, armer Jakob, wenn er auch wieder auflebt, so wird er mich für schlecht halten und mir ewig zürnen.« »Zeige doch her das Tier,« sagte ich, indem wir rüstig durch den dunklen Wald dahineilten. Die treue Anhänglichkeit Antons, die sich deutlich darin bekundete, daß er mir zuliebe sogar seinen Raben zu opfern nicht zögerte, rührte mich so tief, daß ich alles andere darüber vergaß und nur an die Erhaltung des halberstickten Vogels dachte. Er wollte mir diesen eben reichen, als der Vogel plötzlich seine Flügel geräuschvoll zusammenschlug und ein mürrisches »Spitz – Spitzbu – Spitzbube« sich seiner Kehle entrang. »Er lebt, er lebt,« rief Anton entzückt aus, seinen Liebling zärtlich an seine Brust drückend. »Frau – koch – Kaffee, Frau koch Kaffee, Jakob, Anton, Spitzbube, hahaha, Kikeriki!« rezitierte der Rabe, wie um zu prüfen, ob sein Gedächtnis bei der rauhen Behandlung gelitten habe. Anton sagte nichts weiter, in seinem verkrüppelten Arme hielt er den Vogel, und ohne die Geschwindigkeit seiner Bewegungen dabei zu mäßigen, herzte er ihn leise. Ich aber dachte darüber nach, wie ich dem braven Burschen einen Beweis meiner Dankbarkeit liefern könne. »Anton,« begann ich nach einiger Zeit, »du weißt, Fräulein Johanna, der du heute in meinem Namen die Blumen auf den Sarg gelegt hast, war mir das Liebste, was ich auf der Welt besaß.« »Ich weiß es, lieber, junger Herr; der arme Krüppel liebte das schöne, gute Fräulein ebenfalls, vielmehr als seinen Jakob.« »Johanna, Johanna, Johanna,« sagte der Rabe, der sich wieder erholt hatte, als ob er Antons Worte habe bekräftigen wollen. »Nächst der armen entschlafenen Johanna liebe ich den Herrn Oberstleutnant am meisten,« fuhr ich nach einer kurzen Pause fort, »er ist stets mein Wohltäter gewesen und liebt mich, wie ein Vater nur seinen Sohn lieben kann. »Aber gleich nach dem Oberstleutnant kommst du an die Reihe. Du nennst dich häßlich und ungestalten; mag die Natur dich auch vernachlässigt haben, magst du nicht im freien Gebrauch gesunder Gliedmaßen sein, alle diese Mängel schwinden aber in nichts zusammen, wenn man sie mit deinem Gemüt vergleicht. Ich liebe dich wie einen Bruder! Diese Versicherung guter Anton, ist alles, was ich, der arme, verfolgte Flüchtling, dir in diesem Augenblick bieten kann. Laß dich nicht gelüsten, nach der Klugheit anderer Menschen, bleibe ein Kind dein ganzes Leben hindurch, trage mit Geduld dein trauriges Los und gedenke meiner stets als deines besten und aufrichtigsten Freundes.« Ich hatte, während wir nebeneinander hinschritten, meine Hand auf Antons Schulter gelegt und fühlte, daß er bei meinen Worten heftig zuckte, wie jemand, der gegen eine in Schluchzen sich äußernde Gemütsbewegung ankämpft. Als ich schwieg, besann er sich eine Weile. »Aber wo wollen der junge Herr hin?« fragte er plötzlich in anderm Tone, als ich, nachdem wir die Landstraße erreicht hatten, auf die Oberförsterei zulenkte. »Ich sagte es dir bereits, ich habe noch einen schweren Gang vor mir, ich muß Abschied von meiner toten Braut, von dem sie deckenden Grabhügel nehmen. Aber du bist müde, Anton, warte lieber hier auf mich, es ist ohnehin noch zu früh, um jetzt schon an den Rhein zu wandern, und mir tut das Gehen wohl.« »Anton ist nicht müde,« versetzte der treue Bursche, indem er, um mir die Wahrheit seiner Aussage zu beweisen, einige Schritte voraushinkte; »Anton bleibt bei dem jungen Herrn, so lange er ihn noch sehen kann.« Nach einer halbstündigen Wanderung erreichten wir das Kirchdorf. Wir gebrauchten die Vorsicht, in weitem Bogen um das Dorf herumzuschleichen; denn so friedlich auch die kleinen, matt erleuchteten Fenster zu mir herüberschimmerten, ich konnte nicht wissen, ob nicht hinter jeder Ecke, in jedem dunklen Winkel der Verrat auf mich lauerte. In meiner fieberhaften Aufregung hatte ich nicht darauf geachtet, daß kurz vorher die Tür des Pfarrhauses geöffnet und wieder geschlossen worden war, ebensowenig bemerkte ich, daß sich im Schatten der Mauer mir ein Mann näherte. Anton, der mir auf dem Fuße folgte, war dies ebenfalls entgangen. Erst der wachsame Rabe machte uns darauf aufmerksam, indem er ein ärgerliches »Spitzbube« ausstieß. Zum Umkehren war es zu spät, denn der Mann befand sich kaum zwei Schritte weit von mir. Ich wollte höflich grüßend vorüberschreiten, als eine bekannte Stimme mir plötzlich das Blut in den Adern förmlich erstarren machte. »Sieh da, sieh da, mein guter Anton, dein Rabe hat dich verraten, was führt dich noch so spät hierher? Wie befindet sich deine brave Mutter?« ertönte es mit gleisnerischer Freundlichkeit von Bernhards Lippen. Im nächsten Augenblick aber hatte ich ihn am Arm ergriffen, und meinen Mund seinem Ohr nähernd flüsterte ich ihm zu: Gustav Wandel ist hier, um Ihnen Lebewohl zu sagen.« Ich fühlte, daß er unter meinem Griff und bei dem ersten Ton meiner Stimme zusammenschrak, allein er war zu sehr Bösewicht, um nicht schnell wieder Herr seiner selbst zu werden. Mochte er auch im ersten Augenblick wirklich von mir das Schlimmste befürchtet haben, so mußte er doch schnell zu der Überzeugung gelangen, daß er nur seine Stimme etwas lauter zu erheben brauchte, um die Bewohner der nächsten Häuser herbeizurufen. »Armer, unglücklicher Freund, wohin ist es mit Ihnen gekommen?« sagte er mit erheuchelter Teilnahme, »meine fast im letzten Augenblick an Sie abgesandte Warnung hat sie nicht mehr erreicht, oder es wäre anders geworden. O, es hat ein trauriges Mißgeschick über dem ganzen Unternehmen gewaltet, und zu spät sehen wir ein, daß es nicht immer Segen bringt, phantastischen Ideen und jugendlich hochfliegenden Plänen blindlings zu huldigen.« »Haben Sie ausgesprochen?« fragte ich jetzt, bebend vor verhaltenem Zorn, und fester drückten sich die Nägel meiner Finger in sein Fleisch. »Armer, armer Freund,« entgegnete der Schurke mit innigem Ton, »Ihre Aufregung ist natürlich, Sie haben mich verkannt, Sie mußten mich verkennen. Um so glücklicher macht es mich daher, noch Gelegenheit zu finden, mich vor Ihnen von einem schwarzen Verdacht reinigen zu können. In der Tat, ich täuschte mich nicht, als ich meine Schritte nach dem Friedhofe lenkte; eine innere Stimme sagte mir, daß Sie am Grabe Ihrer Braut weilten.« »Wohlan, treten wir vor das Grab meiner schändlich gemordeten Braut hin,« versetzte ich gefaßter, indem ich ihn mit Gewalt durch das Tor zog, »vor dem Grabe meiner Braut will ich Abschied von Ihnen nehmen, und dann mögen Sie hingehen und nach neuen Opfern ausschauen.« Nach einigen Minuten trafen wir bei dem Grabhügel ein. Stumm blickte ich darauf nieder; meine Tränen waren längst versiegt, aber in meinem Herzen fühlte ich ein so unsägliches Weh, daß ich die ganze übrige Welt darüber vergaß. Erst das murmelnde Geräusch, mit dem Bernhard betete, brachte mich wieder zum Bewußtsein. »Stören Sie nicht durch Ihre Gebete die Ruhe einer Heiligen,« hob ich an, indem ich dicht vor den Verräter hintrat, »belasten Sie Ihre schwarze Seele nicht noch mehr; versuchen Sie auch nicht, mir zu entschlüpfen und dadurch meinen schlummernden Durst nach Rache zu wecken. Hören Sie mich zu Ende, ohne mich zu unterbrechen, und meine Hände sollen sich nicht an Ihnen besudeln.« »Vergib ihm, Allmächtiger –« »Schweigen Sie,« versetzte ich, über diese Lästerung kaum noch meiner gärenden Leidenschaften mächtig, und zugleich schwang ich meinen schweren Wanderstab über seinem Haupte. Bernhards Zähne knirschten aufeinander, der Rabe lachte wie ein Teufel und stieß ein mißtönendes Krähen aus, Anton drängte sich zitternd an meine Seite, ich aber, meine Heftigkeit bereuend, hatte meine Überlegung wiedergewonnen. »Hier vor dem Grabe eines grausam gemordeten Engels rufe ich Gott zum Zeugen der Anklagen an, die ich gegen Sie erhebe,« begann ich nach einer kurzen Pause. »Ich klage Sie an, mit nichtswürdiger Berechnung mich in die demagogischen Umtriebe verwickelt und dann schändlich verraten zu haben. Ich klage Sie an, die arme Waise, nachdem Sie diese meines Schutzes beraubt hatten, durch Mitteilungen über das unglückliche Los ihrer Eltern in jenen traurigen Seelenzustand versetzt zu haben, der es Ihnen erleichterte, Sie der Religion zu entfremden, in der sie nach dem ausdrücklichen Willen ihrer verstorbenen Eltern erzogen wurde.« »Nie machte ich dem armen Mädchen dergleichen Mitteilungen; ich rufe Gott und alle Heiligen zu Zeugen auf,« unterbrach mich Bernhard mit dem Ausdruck unumstößlicher Wahrheit. »Schweigen Sie,« herrschte ich ihm zu, »und gedenken Sie meiner Drohung; was nicht durch Sie geschah, das geschah durch ihren vorgeblichen Onkel, den Geistlichen, der drei Tage vor Johannas Tode zum erstenmal auf der Oberförsterei erschien, denselben Geistlichen, der vor Jahren Johannas Eltern ins Verderben trieb, um bereits damals das hilflose Kind, als Tochter einer Katholikin, mit seinen Banden zu umstricken. Sie sehen, ich bin von allem genau unterrichtet.« »Es wäre mir ein Leichtes, Sie hier auf der Stelle zu strafen, Ihre verbrecherische Seele vor den letzten Richter hinzusenden, denn mir, dem geächteten Flüchtling, kann nichts daran liegen, ob mein Leben um einige Jahre früher oder später endet; doch fürchten Sie nichts, ich will das Rächeramt nicht übernehmen. Nicht einmal einen Fluch gebe ich Ihnen mit; ich würde nicht im Sinne derjenigen handeln, deren Geist uns vielleicht in diesem Augenblicke umschwebt. Das Bewußtsein Ihrer Tat wird sich aber einst selbst an Ihnen rächen, und wenn es eine Gerechtigkeit unter dem Himmel gibt, so werden auch Sie Ihrer Strafe nicht entgehen. Fort jetzt von hier, Sie Auswurf der Hölle, fort von hier, nehmen Sie meine Verachtung mit sich und eilen Sie, Leute herbeizuholen, die sich meiner bemächtigen, denn in der nächsten Zeit werde ich noch an dieser geheiligten Stätte zu finden sein.« Bei diesen Worten wendete ich mich dem Grabhügel zu. Bernhard blieb noch eine Weile stehen; »Gott, mein Gott, vergib ihm, er weiß nicht, was er sagt,« sprach er dann laut vor sich hin, indem er langsam davonschlich. »Spitzbube, hahaha, Spitzbube,« krächzte der Rabe, als Anton dem Verräter in einiger Entfernung folgte. Ich achtete nicht weiter darauf; überwältigt von meinem Schmerz um die Dahingeschiedene setzte ich mich auf den Grabhügel nieder, bis der zurückkehrende Anton mir zuflüsterte: »Der schlechte Mann ruft Leute, o, sie werden den lieben, guten Herrn fangen! Er ging in ein Haus und in noch ein Haus, und zwei Männer waren bei ihm, und dann gingen sie in ein anderes Haus.« Da nahm ich eine Handvoll Erde von dem Grabhügel und verbarg sie in meine Brusttasche, das einzige Andenken von meiner Johanna, und bald darauf schlichen wir an der Kirchhofsmauer herum wieder in das Feld hinaus. »Wo werde ich die ersehnte Ruhe finden?« fragte ich mich, als wir endlich wieder in die Landstraße einbogen. Eine Antwort darauf hatte ich nicht; stumm und in mich gekehrt schritt ich dahin, sogar die in tiefer Stille daliegende Oberförsterei, an der mein Weg vorüberführte, weckte mich nicht aus meinem dumpfen Brüten. Obwohl Anton nur mit geringen geistigen Kräften ausgerüstet war, kam seine genaue Ortskenntnis mir dennoch sehr zustatten. So erfuhr ich durch ihn, daß an der Plittersdorfer Fähre sich mir Gelegenheit bieten dürfe, mich eines Bootes zu bemächtigen und in diesem wenigstens einige Meilen stromabwärts zu gleiten. An einer geeignet erscheinenden Stelle wollte ich sodann ans Ufer schleichen und mein Heil zu Lande weiter versuchen. Ich erwog noch, welches Ufer des Rheins mir wohl die meiste Sicherheit biete, als der Hufschlag eines scharf trabenden Pferdes zu uns herüberschallte und fast gleichzeitig die Hühnerhunde meines Vormundes fröhlich an mir emporsprangen. Der Reiter kam unterdessen schnell näher und traf kaum zehn Schritte weit von mir mit Anton zusammen. »Guten Abend, Herr Oberstleutnant,« sagte dieser laut genug, um von meinem Vormunde erkannt zu werden. Das Pferd stand augenblicklich still, und zugleich vernahm ich meines Vormundes Stimme. »Anton, bist du es?« rief er mit unverkennbarer Freude, aber auch Besorgnis. »Ja, Herr Oberstleutnant, es ist der arme Anton.« »Um Gottes willen, Freund, weißt du, wo Herr Wandel sich zur Zeit aufhält?« fragte der Oberstleutnant, sein Pferd dicht zu Anton heranlenkend. »Ja, Herr Oberstleutnant, ich weiß es!« Im nächsten Augenblick legte ich meine Hand auf meines Vormundes Knie. »Ich bin selbst hier, um Ihre Botschaft in Empfang zu nehmen,« sagte ich, innigst gerührt über meines treuen Freundes zärtliche Zuneigung, die in demselben Grad zu wachsen schien, in dem die Ungewitter sich drohend über mich zusammenzogen. »Habe ich doch geahnt, daß ich dich vor deiner Abreise noch sehen würde,« versetzte der Oberstleutnant, sich zu mir niederneigend und seinen Arm um meinen Hals legend; »hättest mir viel Angst und Sorge ersparen können, wenn du gleich aufgebrochen wärest,« fuhr er mit weicher Stimme fort, »aber laß nur gut sein, Junge. Hast ganz recht gehabt, das Grab unserer braven Johanna noch einmal zu besuchen; hätt' es an deiner Stelle ebenso gemacht, und wenn mir eine Schwadron Chasseure auf den Pelz gerückt wäre. Jetzt aber hält dich nichts mehr zurück; du mußt fort, es ist der letzte Befehl, den ich dir in diesem Leben erteile!« »Ich bin bereits auf der Flucht,« antwortete ich dem Oberstleutnant, »und wenn das Glück mir günstig ist, hoffe ich morgen um diese Zeit weit, weit fort von hier zu sein.« »Es ist dir günstig gewesen, mehr als du ahnst, denn es gelang mir, heute Abend noch ein Boot und zwei sichere Leute zu mieten, die dich innerhalb weniger Stunden bis nach Köln hinunterschaffen werden, wo du dann dein Heil auf eigene Hand weiter versuchen mußt.« Ich drückte meinem edlen Wohltäter die Hand; die Stimme versagte mir, mein Herz war zu voll. »Höre mir aufmerksam zu;« fuhr der Oberstleutnant fort, »eine Wanderung von höchstens zwei Stunden bringt dich an den Rhein; folge dem auf dem Ufer hinführenden Leinpfad, bis du dich Plittersdorf gegenüber befindest, Dort warte, bis der Tag zu grauen beginnt, und du wirst ein mit zwei Ruderern bemanntes Boot von Königswinter herunterkommen sehen. In dem Boot sitzt eine dritte Person; kümmere dich nicht um diese; die Männer haben sich verbindlich gemacht, die genannte Person nach Köln zu schaffen, das heißt zum Schein, um dich mit hinunterschmuggeln zu können. »Rufe also die beiden Männer und frage sie, ob sie nicht einen armen Handwerksburschen ein Stückchen mitnehmen wollen; das Weitere wird sich dann schon finden. Aber merke dir wohl, du bist und bleibst der Handwerksbursche für sie, und wenn du sie verlassest, bezahle nichts. Ja, das wäre alles, was ich dir noch zu sagen hätte; wie ich sehe, wird Anton dich begleiten, das ist mir lieb, er kann mir Bescheid bringen, wie sich die Sache gemacht hat; und nun, mein Sohn, müssen wir uns trennen –« »Nur noch ein Wort, mein teuerster Wohltäter,« fiel ich dem Oberstleutnant in die Rede, »Sie sehen den armen Anton hier, ich verdanke ihm und seiner Treue meine Freiheit und also auch mein Leben; er hat sich als mein Freund gezeigt, unbekümmert darum, daß andere Menschen mich verfolgten und ihm selbst der größte Nachteil daraus erwachsen konnte –« »Ich verstehe dich, mein Sohn, und verspreche dir, der Anton soll nicht mehr betteln gehen, so lange es auf der Oberförsterei noch ein Stück Brot zu brechen gibt; sonst noch etwas?« »Nein, nur die innigsten Grüße an alle, die meiner freundlich gedenken.« »Unter denen meine Lisette obenan steht! Und nun, mein Sohn, die Zeit entflieht, machen wir daher nicht viel Worte, seien wir Männer und überlassen wir das Heulen den Weibern. Lebewohl, mein Sohn – ach was – zum Donnerwetter – küsse mir nicht die Hand – Gott – segne dich und mögen wir uns dereinst dort oben bei der großen Armee wiederfinden.« Das Pferd trat zuerst zwei Schritte zurück, und dann in einen kurzen Galopp verfallend, eilte es mit seinem Reiter und umsprungen von den Hunden der Oberförsterei zu. Ich blieb so lange auf derselben Stelle stehen, wie ich den Hufschlag des davongaloppierenden Pferdes zu unterscheiden vermochte. Auch Anton war still und in sich gekehrt; offenbar dachte er darüber nach, daß er nicht mehr betteln gehen, nicht mehr von seinem Bruder, geschlagen werden sollte. »Spitzbube, Frau, koch Kaffee!« sagte der Rabe unwirsch, als ob er sich darüber geärgert habe, daß man ihn so rücksichtslos um seine Nachtruhe bringe. Anton setzte den Vogel zur Abwechslung auf seine andere Schulter, ich zog die Riemen meines Ränzels etwas fester an, und langsamen Schrittes wanderten wir dem Rhein zu. 18 Auf dem Jesuitenhofe Eine Stunde mochte es noch bis zum Anbruch des Tages sein, als ich mich an dem mir bezeichneten Punkte auf dem Ufer des Rheins neben mein Ränzel ins Gras warf. Anton hatte sich ebenfalls niedergesetzt; und schweigend blickten wir auf die dunklen Fluten, die mit leisem Rauschen die weidenbepflanzten Ufervorsprünge streiften. Meine Blicke hafteten auf dem jenseitigen Ufer, das sich mit seinen fernen Höhenzügen nur als ein langgereckter, unregelmäßiger, schwarzer Streifen auszeichnete. Die Dorfschaften und vereinzelten Gehöfte waren indessen leicht zu erkennen an den Lichtern, die hin und wieder auftauchten, und wie um den Eindruck des trauten Heimatlichen noch zu erhöhen, klang der lustige Dreischlag fleißiger Drescher über den breiten Wasserspiegel zu mir herüber und der Ruf der Hähne, die ungeduldig dem ersten Tagesschimmer entgegenharrten. Jeder Ton, der das Leben und Wirken der glücklichen Landbewohner verriet, drang mir zum Herzen; unwillkürlich verglich ich in Gedanken ihr Los mit dem meinigen, und wie mit höherer Kraft begabt, sendete ich meine geistigen Blicke bis in ihre Hütten, ihr innerstes Familienleben, und immer neue traute Bilder suchte ich vor meine Seele hinzuzaubern. O, das war ein trauriger Genuß; aber ich wurde seiner nicht müde, und fort und fort wanderten meine Blicke von Hütte zu Hütte, von Licht zu Licht, bis diese endlich eins nach dem andern erloschen und der anbrechende Tag die Gehöfte in allen ihren Formen klarer und deutlicher hervortreten ließ. Da störte mich regelmäßiger Ruderschlag in meinen Betrachtungen. »Es wird das für mich bestimmte Boot sein,« sagte ich leise zu Anton. »Es war 'mal ein König über Rhein, Der hatte verloren drei Töchterlein. Die erste ging nach Österreich, Die zweite trat ins Kloster ein, Die dritte zog dem Spielmann nach,« klang die alte Volksweise melancholisch zu dem Plätschern der Ruder. »Welch seltsames Zusammentreffen,« dachte ich, sobald ich an der Stimme die Sängerin erkannte. »Anton, wir müssen scheiden,« wendete ich mich darauf an meinen Gefährten, denn ich erriet, daß mein Vormund Fräulein Brüsselbach angetroffen und diese für die geeignetste Person gehalten habe, sie auf seine Kosten stromabwärts zu senden, um meine Flucht dadurch zu verdecken. »Ja, lieber, junger Herr,« antwortete Anton, erschreckt emporfahrend. »Frau, koch Kaffee,« fügte der Rabe ärgerlich hinzu, denn durch Antons Bewegung war er aus seinem Schlummer gestört worden. Sinnend betrachtete ich meinen treuen Freund, und zugleich lauschte ich nach dem sich nähernden Fahrzeug hinüber. »Sie zog dem Spielmann sieben Jahr nach, Und als die sieben Jahr um warn, Da ward das Mädchen sterbenskrank,« erschallte die Stimme jetzt schon bedeutend näher. »Anton, wenn es mir gelingt zu entkommen, so verdanke ich dir meine Freiheit,« hob ich wieder an, gerührt in des armen Burschen tränende Augen schauend. Anton blickte mich starr an; er schien mich nicht zu begreifen. »Drauf zog sie in eine Mühle ein, Die Müllerin gab ihr ein Kämmerlein. Ach Müllerin gib mir ein Glas Wein, Mein Vater ist König übern Rhein,« sang Fräulein Brüsselbach in ihrer eigentümlichen Weise. »Anton,« fuhr ich fort, »ich will dir ein Andenken an deinen besten Freund geben. Hier hast du meine Uhr; ich brauche sie nicht mehr; was kümmern mich jetzt noch die Stunden? Damit sie dir aber nicht entwendet wird, gib sie dem Herrn Oberstleutnant in Verwahrung, und dann gib ihm auch diesen Zettel, auf dem geschrieben steht, daß ich sie dir wirklich geschenkt habe.« Anton sprach noch immer nicht; er nahm die Uhr und legte sie neben sich auf einen Stein, und nur als der Rabe mit einem behaglichen »Spitzbube!« seinen Schnabel nach der glänzenden Kette ausstreckte, bewies er durch einen leichten Schlag, den er dem Vogel erteilte, in wie hohem Werte er die Uhr hielt. »Ach Tochter, das kann nicht möglich sein Du hast von Gold kein Ringelein. Von Gold hob ich ein Ringelein, Ich hob's verborgen in einem Schrein,« ertönte es jetzt dicht bei, und fast in demselben «Augenblick glitt das Boot hinter dem nächsten zum Schutz gegen die starke Strömung tief in den Rhein hineingebauten Damm hervor. Beim Anblick des Bootes erhob ich mich. »Leute, wollt ihr nicht so gut sein und einen armen, ermüdeten Handwerksburschen ein Stückchen mit Euch nehmen?« fragte ich, als sich das Fahrzeug mir fast gegenüber befand. »Warum nicht?« lautete die Antwort und gleich darauf stieß das Boot dicht vor mit ans Ufer. Ich reichte meinen Ranzen hinein und dann wendete ich mich noch einmal Anton zu. »Lebe wohl, mein guter, treuer Anton,« sagte ich, dem regungslos dasitzenden Freunde die Hand reichend; »lebe wohl, und mag Gott dir deine Treue lohnen, ich vermag es nicht.« Große helle Tränen rannen über Antons Wangen; es war die einzige Antwort, die ich von ihm erhielt. In der nächsten Minute ließ ich mich auf die Querbank neben Fräulein Brüsselbach nieder, und die Ruderer lenkten sogleich der Mitte des Stromes zu. Meine Blicke hatte ich auf Anton gerichtet. Der arme Mensch schien förmlich vernichtet zu sein; er saß noch immer auf derselben Stelle, aber indem das Boot sich weiter von ihm entfernte, neigte er sich auch weiter vornüber. Er beachtete weder seinen scheltenden Raben, noch die bis jetzt unangerührt gebliebene Uhr; er hatte nur noch Gedanken für das Boot, das ihm seinen Freund grausam entführte. »Guter, braver Anton, habe Dank für die Tränen, die du mir nachweinst; es sind wohl die letzten, die mir und meinem Andenken fließen.« So dachte ich, indem ich rückwärts schaute. Die schnelle Strömung und die noch herrschende Dämmerung entzogen mir sehr bald die Aussicht auf Anton, und jetzt erst wendete ich den beiden Ruderern meine Aufmerksamkeit zu. Es waren zwei ältere Männer mit ernsten, verschlossenen Physiognomien. Daß sie wußten, wer ich sei, ging zur Genüge daraus hervor, daß sie mir rieten, wenn ich doch so ermüdet sei, mich auf die in der Mitte des Fahrzeugs ausgebreiteten Decken niederzulegen. »Sobald wir in Köln ankommen, wollen wir Sie wecken« sagte der ältere der beiden Männer, »aber auf drei bis vier Stunden Ruhe können Sie immer rechnen.« Ich verstand den Wink und legte mich nieder, so daß es von den Ufern aus erschien, als ob die beiden Leute nur noch eine einzige weibliche Person als Mitreisende bei sich gehabt hätten. Mein Kopf ruhte auf meinem Ränzel gerade vor der Bank, auf der Fräulein Brüsselbach saß. Da diese ihre großen, graublauen Augen nur gelegentlich auf mich richtete, so glaubte ich, daß sie mich nicht erkannt habe; sehr bald aber erhielt ich den Beweis vom Gegenteil. Ich hatte mich nämlich noch keine Viertelstunde in dem Boot befunden, da heftete sie einen langen Blick auf mich, während das gewöhnliche freundliche Lächeln auf ihren breiten Zügen spielte. »Die Tochter ihres Vaters, Sie ahnte, wer es war, Beseligt und beglückend, Sie folgt ihm zum Altar,« sagte sie, wie zu sich selbst sprechend, leise vor sich hin. Ich legte, zum Zeichen des Schweigens, den Finger auf den Mund, indem ich mit der ändern Hand verstohlen auf die Schiffer deutete. »O, Herr Graf, wer nicht hören will, der hört nicht, und würde ihm mit den Posaunen des jüngsten Gerichts in die Ohren gerufen; wer aber hören und verraten will, der versteht die Worte, die das Herz schlägt,« entgegnete die Irrsinnige, einen lächelnden Blick um sich werfend. Ich betrachtete die beiden Ruderer; sie sahen in der Tat wie Leute aus, die nichts hören wollten. Fräulein Brüsselbach, obgleich ihr Geist in Fesseln lag, hatte für manches eine ganz außergewöhnliche Beobachtungsgabe, so hatte sie auch hier die Absicht der Ruderer richtig erraten. Die seltsame Weissagung aber versetzte mich in jene Zeit zurück, in der ich in der Ruine von Godesberg dieselben Worte von denselben Lippen vernahm. »Fräulein Brüsselbach,« begann ich mit halblauter Stimme, »es wäre vielleicht besser gewesen, Sie hätten mich nicht erkannt; ein einziges unüberlegtes Wort kann mich ins Unglück stürzen.« »Und meinen der Herr Graf, ich würde das unüberlegte Wort sprechen? O, das wäre nicht möglich. Sie haben von dem verbotenen Wein auf dem Berge getrunken, den die Schwarzen Ihnen mischten; der Zauber, der über Sie hereinbrach, hat indessen seine Kraft verloren. Sie sind frei und durchziehen als verkleideter Ritter die Gaue des Rheins. Unter elender Hülle haben Sie Ihren Glanz verborgen, doch das Glück haftet an Ihren Sohlen; Sie werden siegreich aus dem Kampfe hervorgehen, und der Minne süßer Lohn wird Sie für die in Ihrer Prüfungszeit erduldeten Leiden tausendfach entschädigen; denn: Die Tochter ihres Vaters, Sie folgt ihm zum Altar.« Daß Fräulein Brüsselbach meine traurige Lage mit irgendeiner in ihrem Gedächtnis fortlebenden romantischen Rheinsage verwechselte und sich darin gefiel, dem irrenden Ritter gegenüber die Rolle einer Beschützerin zu übernehmen, war die sicherste Bürgschaft für ihre Verschwiegenheit und Vorsicht. Das Fräulein aber fuhr fort: »So trösten und gedulden der Herr Graf sich; auf Regen folgt Sonnenschein; auf den Zauberschlaf das Erwachen und: Die Tochter ihres Vaters, Sie folgt ihm zum Altar.« Indem Fräulein Brüsselbach so sprach, ließ sie ihre leeren Blicke mit einem seltsam verzückten Ausdruck nach allen Richtungen in die Ferne schweifen. »Ritter, treue Schwesterliebe,« begann sie zu deklamieren, und langsam und mit theatralischem Pathos folgte Strophe auf Strophe. O, es war eine trübe, melancholische Musik, die halbsingende Stimme der Irrsinnigen. Leichte Nebel lagerten auf den eilenden Fluten; die über den Horizont emporsteigende Sonne strengte sich vergeblich an, den dichten, einfarbigen Wolkenschleier zu zerreißen; das Wasser gurgelte unter dem scharfen Bug des leichten Fahrzeugs, und in regelmäßigem Takt sanken die von kräftigen Armen geführten Ruder ins Wasser. »Jo–han–na, Jo–han–na!« schienen die Ruder zu sagen, indem sie in drei Absätzen zwischen den Pflöcken klapperten und im Wasser plätscherten. »Jo–han–na, Jo–han–na!« Das Boot glitt so schnell und leise dahin, schnell vorbei an Feld und Wald, an Gehöft und Dorf; vorbei an dem alten römischen Turm auf der rechten Seite, vorbei an anmutig gelegenen Villen auf dem linken Ufer. Schneller folgten die Häuser aufeinander und häufiger wurden die nur noch mit wenigen gelben Blättern geschmückten Weinberge von Obst- und Ziergärten unterbrochen. Die schlanken Türme der altehrwürdigen Stadt Bonn traten mehr in den Vordergrund, die fliegende Brücke schien mit ihrer langen, von Booten getragenen eisernen Kette den Strom absperren zu wollen. Vom Ufer herüber, von den Zimmerplätzen erschallte der lustige Schlag der Axt und das Knirschen der langen Brettersäge, von einem mächtigen Holzfloß der Gesang der zahlreichen, die schweren Ruder führenden Arbeiter. »Wir befinden uns gleich vor der Stadt,« sagte da plötzlich der ältere Schiffer. Ich nickte dem freundlichen Bootsmann bezeichnend zu und drückte mich noch fester an die Planken des Fahrzeugs. »Es kommt ein Dampfschiff den Rhein herunter, wir müssen uns näher am Ufer halten,« bemerkte da der eine Schiffer, und zugleich steuerte er, da die Stadt nunmehr schon hinter uns lag, auf das linke Ufer zu. »Wir haben Zeit genug,« antwortete der andere gelassen, »erstens dauert es noch eine Weile, bis es die Stadt erreicht, und dann bleibt es auch wenigstens eine halbe Stunde vor der Ländüngsbrücke liegen, bis dahin können wir dreimal hinüber und herüber gerudert sein.« Die nächsten zehn Minuten verstrichen in tiefem Schweigen, doch merkte ich, daß das Boot sich allmählig dem Ufer näherte und endlich in der Entfernung von kaum fünfundzwanzig Schritten an den tief in das Wasser hineingebauten Dämmen vorüberschoß. »Das Dampfboot hält nicht an,« rief plötzlich der eine Schiffer erbleichend aus, »es muß Unheil im Winde sein!« »Jesus Maria! sieh das rote Fähnchen, das vorn geschwungen wird, gilt das uns?« fragte sein Gefährte nicht weniger besorgt. »Keinem andern,« antwortete der erste, »wir sind verraten worden, und zwar kann das nur in Königswinter geschehen sein. Heilige Maria, Mutter Gottes, was fangen wir an!« Bei diesem Ausruf richteten die beiden Leute, die nicht mehr ruderten und ihr Fahrzeug nur noch von der Strömung forttreiben ließen, ihre ängstlichen Blicke auf mich. »Wie lange dauert's, bis das Dampfschiff heran ist?« fragte ich, von Entsetzen ergriffen, denn jetzt, nachdem ich mich bereits so nahe am Ziel wähnte, erschien mir meine Wiederverhaftung doppelt furchtbar. »Kaum noch fünf Minuten,« lautete die wenig trostreiche Antwort. »Ich muß hinaus,« erwiderte ich dringend. »Wenn wir landen, verschlimmern wir unsere Lage,« wendeten die Schiffer ein. »Ihr sollt nicht landen,« bat ich dringend, »wendet nur das Boot so, daß es dem Dampfboot die breite Sicht zukehrt. Seid Ihr fertig?« »Wir sind fertig.« »Fräulein Brüsselbach, stehen Sie auf und suchen Sie mich durch ihre Gestalt zu verdecken,« befahl ich weiter. Kaum hatte letztere meiner Aufforderung Folge geleistet, so schob ich meinen Ranzen, an dem ich Hut und Wanderstab befestigt hatte, hinter ihr empor, und ihn vorsichtig über Bord drängend, ließ ich ihn an den Riemen behutsam ins Wasser gleiten, wo er sogleich versank. Fräulein Brüsselbach, nunmehr meine Absicht erratend, kam mir dadurch zu Hilfe, daß sie ihr Kleid auseinanderbreitete und dicht an die dem Dampfboot zugekehrte Seite des Fahrzeugs herantrat, wodurch ich Raum genug gewann, in zusammengekauerter Stellung hinter sie zu gleiten. Aber auch die Bootsleute begriffen augenblicklich, was ich bezweckte, und handhabten ihr Fahrzeug so, daß es im Gleichgewicht blieb. Zehn Schritte hatte das Boot noch zu treiben, ehe es sich in gleicher Höhe mit dem nächsten Strombrecher befand, während auf der ändern Seite das Dampfboot bis auf etwa fünfhundert Schritte herangekommen war. Es blieb mir also noch gerade soviel Zeit, wie ich brauchte, meine Vorbereitungen zu treffen. »Sehe sich niemand nach mir um,« rief ich den Bootsleuten zu, »meine Brieftasche lasse ich liegen, Fräulein Brüsselbach, nehmen Sie diese an sich und stellen Sie sie mir einige Stunden später auf dem Ufer zu. Ihr Landen wird keine Schwierigkeiten haben, nachdem das Dampfschiff sich entfernt hat. Sobald Sie mich ins Wasser gleiten hören, setzen Sie sich nieder und schwanken Sie dabei, und Ihr, meine Freunde, rudert, sobald die Fluten sich über mir schließen, gegen den Strom; rührt das Wasser auf, erzeugt Wellen, haltet Euch genau zwischen mir und dem Dampfschiff und nun – lebt wohl!« Der Damm lag vor mir, ich neigte den Kopf und Arme über Bord, und ähnlich einem Aal, der dem Netz entschlüpft, glitt ich in die kalten Fluten hinab. Nur auf einen Augenblick tauchte ich dicht an dem Boot noch einmal empor, um Luft zu schöpfen und mir die einzuschlagende Richtung zu merken, und dann verschwand ich unter den von den Schiffern erzeugten Wellen. Ich hatte eine bedeutende Strecke unter der Oberfläche des Wassers zurückzulegen und zwar ganz in der Tiefe, um dem verräterischen Auftauchen meines Rockes vorzubeugen, aber die Todesangst verlieh mir Kräfte, und kaum eine halbe Minute, nachdem ich mich von dem Boot getrennt hatte, kroch ich behutsam aus dem geschützten und daher stillen Wasser, den Damm zwischen mir und meinen Verfolgern, nach diesem hinauf, wo mich die dichtbestandenen Weiden vollständig verbargen. Das Boot war unterdessen eine kurze Strecke an dem Damm vorbeigetrieben. Um den Leuten auf dem Dampfboot ihren guten Willen zu beweisen, peitschten die beiden Ruderer das Wasser, daß es schäumte. Fräulein Brüsselbach hatte wieder Platz genommen und schaute mit ihrem unveränderlichen Lächeln nach dem heranbrausenden Dampfboot hinüber, das endlich seine Maschine anhielt. Als das Boot neben dem Dampfschiff anlegte, befanden sich beide Teile schon zu weit von mir entfernt, als daß ich die daselbst gewechselten Worte hätte verstehen können. Die Schiffer sowohl als auch die Irrsinnige mußten indessen einem scharfen Verhör unterworfen werden, denn erst weit unterhalb setzten sich die Räder wieder in Bewegung und in großem Bogen dampfte das Schiff zurück, während das Boot hinter dem nächsten Ufervorsprung verschwand. Erst nachdem auf dem Dampfboot mittelst einer Glocke das Zeichen zum Anlegen an der Bonner Landungsbrücke gegeben worden war, schlich ich behutsam von dem Damm nach dem weidenbewachsenen Uferabhange hinauf, um mich vor allen Dingen zu überzeugen, ob die Landstraße oder vielmehr der für die Schiffe schleppenden Pferde bestimmte Leinpfad frei sei. Vorsichtig lugte ich hinauf und hinunter; es war um die Mittagszeit und nur in der Ferne erblickte ich einige vereinzelte Gestalten, anscheinend Leute, die von der Feldarbeit heimkehrten. Vor mir, auf der andern Seite des Weges, dehnte sich ein umfangreicher, mit einer jungen Buchenhecke eingefaßter, englischer Garten aus. Obwohl der Herbst bereits die Blätter von den Ziersträuchern und Bäumen abgestreift hatte, verdeckten die mit Tannen und Kiefern anmutig durchwachsenen Baumgruppen doch fast vollständig das auf einem sanft ansteigenden Abhänge gelegene Wohnhaus nebst daranstoßendem Gehöft. Ich durfte also hoffen, auch von dort oben aus nicht bemerkt zu werden, und da ich in dem dichten Buschwerk ein geschützteres Plätzchen zu finden erwartete als mir die Weidenanpflanzung und das feuchte Gras boten, im Garten selbst aber niemand zu hören oder zu sehen war, so entschloß ich mich schnell und kletterte über das zierliche Lattentor in den Garten hinein. Mein nächstes Ziel waren eine Edeltanne und eine Kiefer, die am Rande eines Rasenplatzes bis zur Erde hinab so dicht ineinander verwachsen waren, daß ein Kaninchen Mühe gehabt hätte, da durchzukriechen. Für mich gab es indessen kein Hindernis, das mir unüberwindlich erschienen wäre, und wenn auch mit verletztem Gesicht und Händen, gelangte ich doch tief genug in das Versteck hinein, um von zufällig Vorübergehenden nicht leicht entdeckt zu werden. Außerdem genoß ich auch den Vorteil der Aussicht auf den Leinpfad, so daß Fräulein Brüsselbachs Annäherung, im Falle sie mir meine Brieftasche wieder zuzustellen gedachte, mir nicht entgehen konnte. Über mir die duftenden, dicht verschlungenen grünen Zweige und unter mir den trockenen, von umherstreifenden Hühnern zu Staub zerwühlten Boden, befand ich mich also verhältnismäßig wohl. Die Wärme des Körpers begann allmählich meine Kleider zu trocknen, und da ich für unvorhergesehene Fälle stets etwas Brot bei mir trug, das allerdings jetzt naß war, so beabsichtigte ich bis zum Abend auszuharren, dann einige Goldstücke aus meinem Gurt zu nehmen und mit Hilfe dieser meine Flucht immer weiter stromabwärts fortzusetzen. Doch es war, als ob sich an diesem Tage alles wider mich verschworen hätte, denn noch keine Viertelstunde hatte ich in meinem Versteck zugebracht, als die Zweige sich hinter mir leise teilten und ein ungefähr neunjähriger, flachsköpfiger Junge mich mit einer an Unverschämtheit grenzenden Neugierde betrachtete. »Du denkst wohl, ich habe dich nicht gesehen?« redete er mich an, und seine blauen Augen leuchteten vor Vergnügen über seine Entdeckung, »ich habe dich gesehen und möchte wohl wissen, was du' in meinem Garten zu suchen hast. Willst wohl Nachtigallen fangen oder Äpfel stehlen?« »Ist dies dein Garten, mein Sohn?« fragte ich freundlich, um den kleinen ungeschlachten Patron zu besänftigen. »Mein Garten und mein Hof, ich bin der Herr vom Jesuitenhofe und frage dich nochmals, was du hier willst?« wiederholte der Knabe mit komischem Selbstvertrauen. »Mein lieber Herr vom Jesuitenhofe,« erwiderte ich noch freundlicher, wodurch der Knabe offenbar viel milder gestimmt wurde, »die Nachtigallen sind längst fort, ich kann also keine mehr fangen, und um Äpfel zu stehlen, hätte ich vier Wochen früher kommen müssen; nur ausruhen will ich mich, mit deiner gütigen Erlaubnis, denn ich bin sehr müde.« Der Knabe sah sich verlegen um; dann aber beschloß er, den Großmütigen zu spielen. »Bist du müde, so hast du auch wohl Hunger?« fragte er verschmitzt. »Ich bin hungrig, das ist wahr, aber du siehst, mein lieber Herr vom Jesuitenhofe, daß ich auch etwas zu essen habe.« »Trocknes Brot?« fragte der Knabe lachend, »trocknes Brot gebe ich nicht einmal meinen Hunden; wenn du mir versprichst, mich nicht zu verraten, so will ich dir ein Stück Wurst und ein paar Taschen voll Äpfel holen, auch einen Käse, wenn du ihn haben willst; die Käse sind für mich noch am leichtesten zu erreichen.« »Gut, gut, mein liebes Herrchen, ich nehme mit Dank an, was es auch immer sei, und daß ich dich nicht verrate, darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.« »Kannst mir auch ein paar Geschichten erzählen,« versetzte der Knabe, mich noch einmal aufmerksam betrachtend; »du siehst gerade so aus wie einer, der recht tolle Streiche zu erzählen weiß. Ich lege mich dann zu dir, und damit du mir nichts zuleide tust, bringe ich meinen Pandur mit.« »Wer ist dein Pandur?« fragte ich ängstlich, denn es war mir um nichts weniger als um noch mehr Gesellschaft zu tun. »Pandur ist mein Hund; er ist ebenso alt wie ich, aber viel größer als ich, das heißt, wenn er sich auf die Hinterfüße aufrichtet; dabei ist er so stark, daß er dich auf meinen Befehl nicht nur zerreißen, sondern sogar auffressen würde.« »Gut, mein Herr vom Jesuitenhofe, bringe deinen Pandur mit, und Geschichten will ich dir erzählen, wie du sie in deinem Leben noch nicht schöner gehört hast.« Der Knabe schritt davon. Neugierig blickte ich ihm nach. Daß er, um mir als vorgeblicher Herr des Gartens und des Hofes Speisen bringen zu können, unstreitig in die Speisekammer seiner Mutter einbrechen mußte, diente mir zur Beruhigung. Er hatte dadurch nicht weniger einen Verrat zu fürchten als ich, nur mit dem Unterschiede, daß bei mir die Freiheit, bei ihm dagegen bloß die unversehrte Haut seines auffallend breiten Rückens auf dem Spiele stand. Eine halbe Stunde verstrich. Ungeduldig spähte ich bald nach dem Leinpfad hinüber, wo ich jeden Augenblick Fräulein Brüsselbach zu bemerken hoffte, bald nach dem altertümlichen Gehöft hinauf, von woher ich den wilden Knaben erwartete, und immer mehr peinigte mich der Gedanke, daß mein Geschick nunmehr vollständig von der Laune eines ziemlich unbändigen Kindes abhängig sei. Aber mein junger Freund kam in Begleitung eines großen Hundes die Treppe heruntergesprungen, und spornstreichs den Abhang hinunterlaufend, kroch er danach von der dem Rhein zugekehrten Seite, wo er also vom Hofe aus nicht beobachtet werden konnte, samt seinem Pandur zu mir in mein Versteck. »Ich habe alles,« sagte er mit triumphierendem Ausdruck, indem er aus seinem, um die Hüften mittels eines Bindfadens zusammengewürgten blauen Staubhemde die versprochenen Speisen hervorholte und vor mir niederlegte. Ich dankte ihm, fügte aber lächelnd hinzu: »Weißt du auch, daß es sehr unrecht ist, der Mutter Speisen zu entwenden, um sie fremden Leuten zu schenken?« »Ich bin Herr vom Jesuitenhofe,« antwortete der Wildfang, »und wären diese Sachen leicht zu erlangen gewesen, dann hätte es mir kein Vergnügen gemacht, sie dir zu bringen; sage mir mal, kannst du rauchen?« »Ich kann wohl rauchen,« erwiderte ich, mit Wohlgefallen den mächtigen Hund betrachtend, der jedes Wort aus seines jungen Gebieters Augen herauszulesen schien; »allein ich muß gestehen, daß ich keine sonderliche Neigung dazu verspüre.« »Na, rauche nur, ich habe dir ein paar Dinger mitgebracht,« versetzte der Knabe, indem er zwei Zigarren aus seinem Stiefel zog. Eh' ich etwas erwidern konnte, hörte ich, daß vom Hofe ans jemand nach dem Knaben rief. »Ich glaube, sie rufen dich,« sagte ich leise, »es wäre doch wohl besser, du gingst, damit sie nicht kommen und entdecken, daß du in deiner Mutter Speisekammer eingebrochen bist.« »Hm, ich habe keine Angst und bleibe solange fort, bis alle glauben, ich sei in den Rhein gefallen; wenn ich dann plötzlich wieder komme, tut mir kein Mensch etwas vor lauter Freude, daß ich da bin.« Das Rufen war wieder verstummt, doch nur auf kurze Zeit; denn nach wenigen Minuten erblickte ich zu meinem Entsetzen einen Herrn und eine Dame, die eilfertig in den Garten niederstiegen und geraden Weges auf den Rhein zulenkten. Sie sprachen eifrig miteinander, und deutlich gewahrte ich in dem Wesen der jungen Frau die Anzeichen großer Besorgnis. »Der Junge nimmt gewiß noch einmal ein unglückliches Ende,« unterschied ich endlich die ängstliche Stimme der Mutter, »ich kann ihn nicht mehr bändigen, er tut, was er will, und weder Güte noch Strenge helfen bei ihm.« »Den trifft kein Unglück,« entgegnete der Herr, ein kleiner Mann mit militärischem Anstande, »er wird sich wieder in die Gesellschaft von Gassenbuben begeben haben und mit blau geschlagenen Augen heimkehren.« Hier rief der Herr meinen kleinen Gefährten laut bei Namen, doch erlangte er dadurch weiter nichts; als daß dieser sein Gesicht zu einem lustigen schadenfrohen Lachen verzog und Pandur am Halsband ergriff. »Hat er den Hund bei sich?« fragte darauf der Herr seine Gattin. »Ich glaube es,« antwortete diese mit wachsender Angst. In demselben Augenblick schritten sie um die mir Schutz gewährenden immergrünen Bäume herum, und zugleich gewahrte ich zu meinem Entsetzen, daß Pandur sich bestrebte, durch das Wedeln eines kleinen Überrestes von Schweif seine Freude an den Tag zu legen. »Pandur!« rief der Herr jetzt laut aus, dem Ruf ein helles Pfeifen nachsendend, und gleichzeitig erfolgte die Katastrophe, die ich vorhergesehen hatte. Pandur wälzte sich nämlich, trotzdem der Knabe sich an sein Halsband festgeklammert hatte, unter den niedrig hängenden Zweigen herum, und die Last noch eine Strecke mit sich fortschleifend, kroch er ins Freie hinaus, wo er seinen Gebieter mit bärenhaften Liebkosungen zu erdrücken drohte. »Wo Pandur ist, befindet sich der Junge nicht weit,« sagte der Herr lachend, als der Knabe sich von den Zweigen losmachte und beschämt hinter seine Mutter schlich, die denn auch wirklich in der Freude des Wiedersehens die angekündigte Strafe vergaß. »Aber wen haben wir hier noch?« fuhr der eigentliche Besitzer des Jesuitenhofes fort, sobald er mich entdeckte. »Seien Sie großmütig, beachten Sie mich nicht; ich bin der in Frankfurt entsprungene Student, auf den überall gefahndet wird,« sagte ich, um von dem Knaben nicht verstanden zu werden, mich der französischen Sprache bedienend; denn ich sah ein, daß mir nur noch eine offene Erklärung übrig blieb. »Und du hast einem fremden Menschen, der ohne Erlaubnis in unsern Garten eingedrungen ist, Speisen zugetragen?« wendete der Herr sich an seinen Sohn, während ich langsam aus meinem Versteck kroch, »Er war hungrig,« antwortete der Knabe trotzig. »So, also hungrig war er?« fuhr der Vater in strengem Tone fort, »ich verbiete dir ein für alle Mal, ohne Erlaubnis fremden Menschen irgend etwas zuzustellen. Augenblicklich gehe ins Haus zurück und laß dich in den ersten zwei Stunden nicht mehr vor der Türe sehen! Und ihr, mein Freund,« wendete er sich sodann an mich, »seid so gut und verlaßt meinen Garten auf demselben Wege, auf dem ihr hereingekommen seid. Wenn Ihr hungrig wart und redliche Absichten hegtet, hättet Ihr frei ins Haus kommen können – aber heimlich eindringen und meine Kinder zum Unrecht verleiten –« »Er hat mich nicht verleitet!« versetzte der Knabe trotzig, indem er sich umschaute. »Fort ins Haus!« befahl der Vater zornig, und im nächsten Augenblick war der kleine Wildfang auf dem Hofe verschwunden. Bei der grausamen Anrede des Herrn sank mir das Herz in der Brust. Trostlos blickte ich in die mitleidigen, blauen Augen der jungen, schönen Frau, als der Herr mich wieder anredete. »Beruhigen Sie sich,« begann er wohlwollend, indem er mir die Hand reichte, »wenn Sie wirklich der Herr Wandel sind, von dessen Flucht alle Zeitungen erzählen, so will ich am allerwenigsten die Hand dazu bieten, daß man einen so jungen Mann aufs neue verhaftet. Ich wünschte nur meinen Sohn über Ihre Person zu täuschen. Kinder sind als Mitwisser von Geheimnissen gefährlich. Gelingt es mir, Sie unbemerkt in mein Haus zu schaffen, so dürfen Sie sich als gerettet betrachten – aber wie ist es, besitzen Sie Papiere? Sie sind ja ganz durchnäßt und ohne Hut?« Ich beschrieb darauf mit kurzen Worten meine Flucht, meine Verfolgung und wie ich in den Garten gekommen war. Schließlich bat ich, nur solange in meinem Versteck verweilen zu dürfen, bis die Irrsinnige mir meine Brieftasche wieder eingehändigt haben würde. Die menschenfreundlichen Leute zeigten kein Mißtrauen; im Gegenteil, ihre Worte waren die der aufrichtigsten Teilnahme, und als sie sich von mir entfernten, geschah dies auf dem Weg durch eine Scheune in das Kelterhaus, in das sie mich hineinzuschmuggeln dachten, um mich von etwaigen unberufenen Zeugen frei zu halten. Sie waren nicht lange gegangen, als ich endlich durch das Gebüsch hindurch Fräulein Brüsselbach entdeckte wie sie langsam auf dem Leinpfad einhergeschritten kam und von Zeit zu Zeit aufmerksam in das Weidendickicht hineinspähte. Aber erst als sie bei dem Gartentor eingetroffen war, wagte ich den Schutz der Bäume zu verlassen und mich ihr zu nähern. Meine Flucht hatte sie mächtig aufgeregt und alle ihre verwirrten romantischen Ideen auf einmal wach gerufen. Wenigstens sprach dies aus ihren leeren und dabei doch seltsam glühenden Blicken. »Herr Graf, hier ist Ihre Brieftasche,« sagte sie feierlich, indem sie mir meine Papiere durch das Gittertor darreichte, »betrachten Sie sich als gerettet«. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, mein liebes Fräulein, « unterbrach ich die Unglückliche und versuchte, ihr einen Taler in die Hand zu drücken. »Das Geschick läßt sich nicht bestechen, junger Mann,« versetzte die Irrsinnige, das Geld zurückweisend; es war das erste Mal, daß sie es unterließ, mir irgend einen schwülstigen Titel beizulegen; »bleiben Sie treu und beharrlich, verlieren Sie nicht die Geduld, und die Fahne des Sieges wird Ihnen dereinst dennoch werden. Hoffen Sie, junger Mann, und gedenken Sie meiner; . »Die Tochter ihres Vaters, Sie folgt dir zum Altar.« Als Fräulein Brüsselbach das letzte Wort gesprochen hatte, wendete sie sich, ohne eine Entgegnung von mir abzuwarten, kurz um, und mit aufrechter Haltung, das grüne Barett kühn aufgepufft, den gestickten Rock in malerische Falten gezogen, schritt sie schweigend davon. Sinnend schaute ich dem armen Geschöpf nach, bis es meinen Blicken entschwand. Es war das letzte Mal, daß ich mit der Unglücklichen zusammentraf, ich hörte nie wieder von ihr; aber oft noch, wiederhole ich mir in Gedanken die seltsamen Poesien, die Ergüsse ihres kranken Gemütes, die sie so gern mit ihrer näheren Umgebung in Verbindung zu bringen suchte. – Wie der wohlwollende Herr mir versprochen hatte, geschah es. Unbemerkt gelangte ich in die Scheune, von dieser in das Kelterhaus und in eine alte unbewohnte Gärtnerstube, und zum erstenmal seit meiner Abreise von Frankfurt erfreute ich mich der Aussicht, in einem guten Bett schlafen zu dürfen. Ich wurde mit Kleidung und Wäsche versehen, und als ich mich dann gegen Abend auf mein Lager warf, da wurden meine trüben Gedanken schnell abgeschnitten, indem die Erschöpfung mich übermannte und ein fester, traumloser Schlaf mir die Augen schloß. Lange vor Anbruch des Tages wurde ich indessen wieder geweckt. Erschreckt fuhr ich empor, allein nur der Besitzer des Jesuitenhofes stand vor mir, mich fragend, ob ich mit Pferden umzugehen verstehe. »Ich habe meinem Kutscher die Erlaubnis erteilt, sich auf einige Tage zu seiner Familie nach Rheindorf zu begeben,« sagte er, nachdem ich auf seine Frage bejahend geantwortet hatte, »und da wollte ich Sie ersuchen, sich in den Rock meines Kutschers zu werfen und mich nach Köln und von dort nach Aachen zu fahren. Von Aachen aus können Sie sehr leicht über die nahe Grenze gelangen.« Natürlich ging ich auf dieses Anerbieten ein, und eine Stunde später saß ich im blauen Rock, in schwarzem Sammetkragen und silberner Tresse auf dem Kutschersitz einer leichten, offenen Droschke, in der einen Hand die Peitsche, in der andern die Zügel, und in scharfem Trabe rollten wir von dem Hof hinunter, durch einen großen Garten auf die nach Köln führende Chaussee zu. In Köln rasteten wir nicht länger, als die Sorge für die Pferde erheischte, und bereits am nächstfolgenden Abend trafen wir in Aachen ein. Unangefochten, wie ich als Kutscher meines mit Wege- und Wasserbauten beschäftigten Gastfreundes geblieben war, gelang es mir auch, die nahe Grenze zu erreichen, und als ich diese überschritten hatte, genügten meine Papiere vollkommen, mich gegen jede Verfolgung sicher zu stellen. Von Havre aus, und nachdem ich auf einem in den nächsten Tagen nach Amerika absegelnden Schiffe einen Platz für mich ausbedungen hatte, schrieb ich an meinen Vormund und nach Frankfurt, um diejenigen, die meiner mit warmer Teilnahme gedachten, über mein Geschick zu beruhigen. Auch das Wanderbuch und die Pfeife sandte ich dem ursprünglichen Besitzer zurück. Die Vorbereitungen zur Reise und das fremdartige Gewirre in der so reich belebten Hafenstadt, durch das ich mich gleichsam hindurch wühlen mußte, hinderten mich, viel über meine Lage und meine Aussichten nachzudenken. Erst als die Meereswogen gegen die schwarzen Planken des Schiffes brandeten und sich schäumend überschlugen und als in der Ferne das Festland wie ein schmaler Nebelstreifen vor meinen Blicken verschwand, beschlich mich wieder das Gefühl einer gänzlichen Vereinsamung, das mich seitdem nie wieder verlassen hat. Der Schnee schmilzt auf den Höhen; unendliche Eislasten wälzt der Missouri dem Golf von Mexiko zu, und unter der Erdoberfläche regt sich organisches Leben, um sich von den ersten warmen Frühlingstagen ans Tageslicht locken zu lassen. Der Winter ist zu Ende; nur noch einige Wochen, und ich breche mit meiner ganzen Habe auf, um auf dem nächsten Handelsposten die Erfolge meiner Winterjagden zu verwerten und den Sommer und Herbst in den Prärien zu verbringen. Wie ganz anders und um wieviel freundlicher ist mir dieser Winter, im Vergleich mit den früheren verstrichen! Das Niederschreiben des ersten Teils meiner Lebensgeschichte gereichte mir nicht nur zur Unterhaltung und zum Trost in meiner Einsamkeit, sondern gewährte mir auch einen mit Freude und Wehmut eng durchwehten Genuß. Oft glaubte ich, jene Zeiten wirklich noch einmal zu durchleben; Menschen und Begebenheiten traten mir lebhaft vor die Seele, und die den jüngern Jahren entsprechenden Gefühle ergriffen wieder Besitz von mir. , Meine Jugend mit all ihren holden Träumen ist zerstoben, und dem mit dem Ernst des Lebens vertraut gewordenen Manne blieb nichts als die Erinnerung. Aber die Erinnerung hat einen milderen, weniger schmerzhaften Charakter angenommen, seit ich meine wechselvollen Erlebnisse in geordneter Weise niederzuschreiben vermochte. Es ist ein umfangreiches Manuskript geworden, und um keinen Preis möchte ich es verlieren. Ich will es daher zurücklassen und, da ich den nächsten Winter ebenfalls wieder hier in meiner Abgeschiedenheit zu verleben gedenke, an einem sichern Ort vergraben. Sollte der Tod mich auf meinen nicht ungefährlichen Jagdzügen ereilen, so weiß wenigstens meine arme Mandanen- Waise, wo ich meinen Schatz aufbewahrt habe. Sie wird ihn zu finden wissen und ihn einem Missionar zur Verfügung stellen, zugleich aber auch die fehlenden Blätter, die mein Ende betreffen, durch mündliche Berichte ergänzen können. Und Schanhatta wird gewiß an meinem Grabe weinen. Armes Kind, es wäre vielleicht meine Pflicht, dich im Laufe dieses Sommers auf einer Mission unterzubringen, um dich der Segnungen der Zivilisation teilhaftig werden zu lassen; ist aber auch die verfeinerte Zivilisation wirklich ein Segen für dich? Und dann, wer sollte mir in meinen kleinen häuslichen Verrichtungen beistehen, mich auf meinen Ausflügen zu meinen Pferden und nach den Biberfallen begleiten? Wer sollte meine Mokasins so schön sticken und meine wildledernen Kleidungsstücke ergänzen? Wer endlich sollte mir in den Dämmerungsstunden oder vor dem flackernden Feuer, wenns draußen stürmt und schneit, durch kindliches Geplauder die Zeit verkürzen? Nein, gute Schanhatta, ein Jahr kannst du immerhin noch bei mir bleiben; du zählst höchstens dreizehn Winter, außerdem lernst du ja auch von mir. Hast du aber erst dein mutmaßlich vierzehntes Jahr zurückgelegt, dann, ja dann will ich mich gewiß von dir trennen und dich der väterlichen Fürsorge eines presbyterianischen Geistlichen übergeben, und die größte Freude soll es mir gewähren, dich nach Jähren als die gebildete Gattin eines braven Grenzbewohners wiederzufinden. So schließe ich denn meine Winterarbeit, um sie auf wenigstens sieben Monate dem Schoße der Erde anzuvertrauen. Mitten in meiner Hütte will ich sie vergraben, gerade da, wo jetzt das Feuer brennt, und die letzte Zeit meines Aufenthaltes hindurch über meinem Manuskript den glimmenden Kohlenhaufen schüren. Auf einer alten Feuerstelle suchen Indianer und Wölfe nicht leicht nach vergrabenen Schätzen; selbst die bösen Geister der Eingeborenen verlieren vor einem Aschenhaufen die Witterung und werden daher mein »sprechendes Papier« unangetastet lassen. Um aber auch in der Erde das Papier vor Vernichtung durch Feuchtigkeit und Insekten zu bewahren, werde ich es mit einer vierfachen Hülle von am Feuer gehärtetem Büffelleder und Moschus umgeben; und Moschus besitze ich ja in Fülle. Also auf Wiedersehen im Spätherbst! Zweite Abteilung: Am Missouri 19 Die Mandanen-Waise Da sitze ich wieder in meiner alten Hütte. Statt der sieben Monate bin ich deren nur vier fortgewesen; aber was habe ich in diesem kurzen Zeitraum erlebt! War es nur ein Traum? Waren es wirre Bilder einer aufgeregten Phantasie? Nein, nein und nochmals nein! Ich habe alles erlebt, alles war Wirklichkeit und was mich jetzt umgibt, ist ebenfalls Wirklichkeit! Hier ist meine Hütte, dort, wo das Feuer brennt, habe ich mein Manuskript unversehrt ausgegraben; nur einige Wölfe hatten in der Asche ihre Spuren abgedrückt, sonst ist alles unverändert geblieben. Alles unverändert, nur ich nicht. Da liege ich mit wundem Knie vor dem bekannten, mir als Pult dienenden Felsblock; das Schreiben wird mir schwer, und oft frage ich mich: werde ich noch einmal vollständig geheilt werden oder sollen Schanhatta's Bemühungen sich als vergebliche ausweisen? Das liebe Kind, mit welcher Sorgfalt und Gewandtheit es meine schwere Wunde behandelt und wie es mich mit rührender Aufopferung pflegt. Was könnte ich der armen Waise hinterlassen, im Falle ich stürbe? Nichts, nichts als etwas Geld und Pelzwerk und endlich die von mir verfaßte Geschichte meines Lebens. Ach, es ist dies sehr, sehr wenig, und in meiner hilflosen Lage kann ich nur versuchen, mein Manuskript zu vervollständigen und dadurch dessen eingebildeten Wert zu erhöhen. Doch wo beginnen? In meinem Kopfe wirbeln die Erlebnisse der letzten Monate wild durcheinander; aber ich muß mich beruhigen; ich will und muß da beginnen, wo ich kurz vor meinem Aufbruch im Frühling stehen blieb, also mit der Zeit, in der ich als heimatloser Fremdling in New-York landete. Und dennoch, was haben mir die drei ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dem amerikanischen Kontinent geboten? Im Grunde nichts, was der Erwähnung wert wäre. Nicht zum Kaufmann geboren, machte das Treiben in der mächtigen Weltstadt keinen freundlichen Eindruck auf mich. Verhältnisse und Menschen widerten mich an, und ohne erst Nachrichten aus der Heimat abzuwarten, begab ich mich gleich westlich, und zwar auf kürzestem Wege nach St. Louis, wo ich bei der Pelz-Kompanie eine Stelle zu erhalten hoffte. Von jeher ein Verehrer der Jagd und in der Handhabung der Büchse nicht ungeübt, glaubte ich alle Fähigkeiten und Eigenschaften zu besitzen, die neben einem kräftigen und abgehärteten Körper zum Dienst in den fernen westlichen Wildnissen erforderlich seien. Zwei Jahre schwerer Arbeit belehrten mich, daß ich meine Kräfte nicht überschätzt hatte, denn nach deren Ablauf war ich im Besitz solcher Erfahrungen, daß ich mich kühn zu den gediegensten und gewandtesten Jägern im Dienste der Kompanie zählen durfte. Beim Stellen der Fallen kam mir zustatten, daß ich mich nicht nur auf das Erlernen der praktischen Handgriffe beschränkte, sondern auch aufmerksam die Natur und Eigentümlichkeiten der Biber, Moschusratten, Otter und sonstiger wertvollen Tiere beobachtete und erforschte. Auch in der Führung der Büchse brachte ich es durch die mit meinen traurigen Lebenserfahrungen im Einklänge stehende Ruhe zu einer großen Meisterschaft. Die Häupter der Pelz-Kompanie erkannten diese Vorzüge sehr wohl an. Hatte es bei meinen Eintritt in ihre Dienste von meiner Seite vieler guten Worte bedurft, um überhaupt der ausgewählten Schar ihrer Voyageurs eingereiht zu werden, so machten sie mir nach Ablauf der ersten zwei Jahre wiederum ihrerseits die glänzendsten Anerbietungen, wenn ich den Posten eines Sekretärs auf einer ihrer abgelegenen befestigten Handelsstationen übernehmen wolle. Doch mir sagte die tiefe Einsamkeit in einer wenig besuchten Wildnis mehr zu, und trotz aller Anerbietungen von seiten der Chefs erklärte ich zu Anfang des dritten Jahres, als unabhängiger Freitrapper mein Glück versuchen zu wollen. Ausgerüstet mit zwei abgehärteten und ausdauernden Pferden, dem entsprechenden Pulvervorrat, einigen Fallen, Decken, Salz und zwei Säcken Mehl verließ ich beim ersten Beginn des Frühlings die westliche Kolonie St. Joseph. Mein nächstes Ziel war der Zusammenfluß des Yellow-Stone-Flusses mit dem Missouri, von wo aus ich meine Jagdausflüge zu unternehmen gedachte. Wo ich den Winter zubringen würde, wußte ich noch nicht; es sollte dies davon abhängen, wo sich mir in der Nähe von fließenden Gewässern nicht nur ein gutes Jagdrevier, sondern auch eine meinen Neigungen entsprechende Gelegenheit zur Gründung einer zeitweiligen und vor allen Dingen ungestörten Häuslichkeit bieten würde. So zog ich auf dem rechten Ufer des Missouristromes aufwärts. Die vollständige Abgeschiedenheit in der romantischen Wildnis gefiel mir noch besser, als ich erwartet hatte; wo es mir behagte, blieb ich, und wo die Umgebung meinen Neigungen nicht entsprach, da ließ ich mich sogar nicht einmal durch Wildreichtum zum längeren Verweilen bestimmen. – In kurzen Märschen hatte ich mich allmählich der Stelle genähert, auf der die letzten Spuren des einstmals so mächtigen und schönen Stammes der Mandanen-Indianer noch sichtbar waren. Seit wenigen Jahren erst war ihr Dorf verödet, jetzt schlichen Wölfe über die mit Rasen bewachsene Stätte, auf der einst braune Kinder sich in der Handhabung der Waffen übten, schwarzäugige Squaws Mokasins und Leggins mit den gefärbten Stacheln vom Stachelschwein und mit Riemenwerk sinnig schmückten und furchtbar bemalte Krieger mit wildem Geheul ihren tollen Reigen um die rauchenden Kopfhäute erschlagener Freinde aufführten. Wo waren die tapfern Krieger, wo waren die Mütter von mutigem Herzen, wo die jungen Keime und Blätter des schönen Mandanen-Stammes geblieben? Sie waren dahin gegangen, wo keine Arbeit mehr den Rücken des Weibes beugt; wo die Jäger die Sehne mit dem befiederten Pfeil nur ans Ohr zu ziehen und zurückzuschnellen brauchen, um die junge Bisonkuh oder den Elkhirsch zu erlegen; wo die Kinder, ähnlich den Schmetterlingen, im ewigen Sonnenschein spielen; dahin, wo der große gute Manitou seine roten Lieblingskinder ruft; sie waren nach den glückseligen Jagdgefilden gegangen. Manitou hatte ihnen gezürnt, jetzt aber war er versöhnt, und die Mandanen weilten in seiner nächsten Nähe. Er hatte ihnen gezürnt, oder er hätte nicht zugegeben, daß die vereinigten Stämme der Siouxs in dunkler Nacht das stark bevölkerte Dorf der Mandanen überfielen und Männer, Weiber und Kinder im Schlafe würgten. Er hatte ihnen gezürnt, oder er hätte nicht, nachdem die wenigen überlebenden Familien sich wieder auf ihrer alten Stätte gesammelt hatten, jene furchtbare verheerende Krankheit gesandt, die auch noch diesen letzten Rest dahinraffte und die einzelnen verschont gebliebenen Mitglieder in alle Winde zerstreute. Der Stamm der Mandanen war seit jener Zeit verschwunden und die wenigen, zum Teil nicht mehr unvermischten Familien mieden die Stätte, auf der augenscheinlich ein schrecklicher Fluch lastete. Und der Fluch lebte ja noch fort, denn bald hier, bald dort, gleichviel bei welchem Stamme, tauchten die von den Weißen eingeführten Blattern plötzlich wieder auf, um erst, nachdem sie unbarmherzig eine genügende Anzahl von Opfern gefordert, sich nach einer andern, bis dahin noch unberührten Richtung hinzuwenden. – Es war in der Frühe eines klaren, lieblichen Sommertages, als ich, meine beiden schwer beladenen Pferde am Zügel führend, langsam durch das verödete Mandanen-Dorf wanderte. Meine Aufmerksamkeit bald den das Missourital einfassenden Hügelketten, bald dem gelben, um gebleichte Treibholzklippen herumschäumenden Strome selbst zuwendend, gedachte ich des traurigen Geschickes, das die Eingeborenen des amerikanischen Kontinentes im allgemeinen verfolgt. Auf den Sandbänken und den gestrandeten Treibholzstämmen saßen weiße und blaue Reiher den gekrümmten Hals eingezogen und den einen Fuß erhoben, nahmen sie sich aus, als ob auch sie über den Wechsel des Schicksals grübelten. Hin und wieder erblickte ich auch einen schillernden Königsfischer, der, ebenso regungslos wie die Reiher, von einem über die Fluten emporragenden Zweige aus nach Beute spähte. Auch Präriewölfe bemerkte ich, die gleich mir stromaufwärts schlichen, und als ich mit den Augen der von ihnen innegehaltenen Richtung folgte, gewahrte ich in der Ferne einen Schwarm Raben und Krähen, die unruhig über einem bestimmten Punkt umherflatterten, während hoch über ihnen, gierige Aasgeier ihre regelmäßigen Kreise zogen oder sich auch senkten, um auf den zerstreut umherstehenden Bäumen zu rasten. Anfangs beachtete ich diesen Umstand kaum; ich vermutete daselbst eben nur die Überreste eines verunglückten Bisons, die von den Wölfen den Vögeln streitig gemacht wurden. Erst als ich von einer Bodenanschwellung aus im Schatten einiger dicht belaubter Cottonwood-Bäume mehrere indianische Zelte entdeckte, wurde ich aufmerksamer, und nicht ohne Argwohn beobachtete ich die Tiere, die, ganz gegen ihre Gewohnheit, sich in die unmittelbarste Nähe von menschlichen Wohnungen wagten. Leben war noch in den Zelten, darüber belehrte mich das scheue Wesen der Vögel und Wölfe; ob das Leben aber verborgenen Feinden oder einzelnen noch mit dem Tode ringenden Opfern angehörte, war nicht zu erkennen. Jedenfalls schwankte ich keinen Augenblick, mich an Ort und Stelle von dem Vorgefallenen zu überzeugen. In weitem Bogen näherte ich mich den Zelten, von denen ich kaum noch fünfzig Schritte entfernt sein mochte, als ich plötzlich eine klagende menschliche Stimme vernahm. Lauschend blieb ich stehen; die Stimme klang jugendlich und bestand aus jenen gesangartigen Klagelauten, die bei den Indianern mehr von Seelenschmerz als von körperlichen Qualen zeugen. Ich hielt daher jede fernere Vorsicht für überflüssig, und nachdem ich die mit ankerähnlichen Haken versehenen Fangleinen der Pferde auf die Erde geworfen hatte, schritt ich auf das Wigwam zu, aus dem die Klagetöne hervordrangen. Auf einen traurigen Anblick vorbereitet, hob ich den Vorhang des einzigen noch belebten Wigwams empor, aber ebensoschnell ließ ich ihn wieder fallen, da die mir entgegendringende Luft mir fast den Atem raubte. Ein lebendes Wesen hatte ich indessen flüchtig bemerkt, was für mich genügte, zugleich auf die Rettung desselben zu sinnen. Schnell entschlossen zog ich mein Messer hervor und es in Mannshöhe durch die straffe Zeltwand stoßend, ging ich ganz um das Zelt herum. Als ich wieder da eintraf, von wo ich ausgegangen war, führte ich noch einen Längsschnitt nach unten, und die untere Hälfte des Zeltleders sank auf den Boden nieder. Entsetzt starrte ich auf das Bild vor mir hin, entsetzt und zugleich von dem tiefsten Mitleid ergriffen. Auf einer großen Büffelhaut, nur teilweise verhüllt von einer farbigen Decke, lagen nebeneinander zwei regungslose Gestalten. Ihre Züge waren im Tode erstarrt; ihre halb offenstehenden Augen stierten ausdruckslos ins Leere und aus ihrem ganzen Äußern ließ sich entnehmen, daß sie bereits vor mehreren Tagen aus dem Leben geschieden waren, und zwar infolge der furchtbaren Blatternkrankheit. Vor den beiden Leichen kniete eine junge Indianerin. Diese, den Kinderjahren kaum entwachsen, war von der Krankheit verschont geblieben. Nach ihr hatte der Tod seine Hand nicht auszustrecken gewagt; es war, als habe er mit soviel Jugend und Schönheit Mitleid empfunden und das verwaiste Kind für spätere Tage, wenn der Frühling erst dem Herbste des Lebens gewichen sein würde, aufsparen wollen. Als ich die junge Indianerin zuerst gewahrte, hatte sie nur ihr Profil zugekehrt, ein schönes, edel geschnittenes Profil, das mich lebhaft an meine unvergeßliche Johanna erinnerte. Allerdings war sie kleiner und schmächtiger, allein die sanft gebogene Nase, die langen Wimpern an den gesenkten Lidern und die vollen Lippen waren die Johannas, nur im verjüngten Maßstabe und sogar das lange, rabenschwarze Haar, das nicht schlicht, wie sonst bei den Eingeborenen, sondern in Wellenlinien zu beiden Seiten des abgehärmten Antlitzes bis tief über die Schultern niederfiel, trug dazu bei, mir Johannas Bild in das Gedächtnis zurückzurufen. Ihr Oberkörper war unbekleidet, nicht einmal Spangen oder Perlenschnüre schmückten ihre kindlich geformten Arme oder den schlanken Hals. Dagegen hatte sie, zum Zeichen der Trauer, ihre runden Schultern mit befeuchteter Asche bestrichen und die Zieraten, die an ihrem feuerfarbigen, von den Hüften niederfallenden Rock befestigt gewesen waren, zum größten Teil abgerissen und den beiden Leichnamen auf die Brust gelegt. Als die Zeltwände niedersanken und das volle Tageslicht zu der trauernden Waise hineindrang, blickte sie flüchtig zu mir empor; dann aber ihre großen, tränenlosen Augen wieder auf die entstellen Züge ihrer Angehörigen richtend, fuhr sie fort, ihre Klagen über diesen hinzusingen. »Überlasse meine Tochter die Toten den Toten und begleite sie mich dahin, wo die böse Krankheit nicht mehr droht,« redete ich das arme Kind endlich in der Sioux-Sprache an, nachdem ich es eine Weile mit dem innigsten Mitleiden betrachtet hatte. Die Indianerin schüttelte statt der Antwort leise den Kopf, und dann die Hände zu mir erhebend, verdeutlichte sie mir durch Zeichen, ich möge mich entfernen, wenn ich nicht ebenfalls sterben wolle. Anfänglich glaubte ich, sie habe mich nicht verstanden, und trat darum dicht zu ihr heran; dann wiederholte ich meine Aufforderung noch einmal durch Zeichen. »Meine Mutter, der Bruder meiner Mutter,« entgegnete sie nunmehr in der Sioux-Sprache, auf die beiden Leichen weisend, und dann setzte sie ihren schwermütigen Gesang wieder fort. Offenbar glaubte sie, es bedürfe nur dieser Worte, um mich zu überzeugen, daß sie sich nicht entfernen dürfe und an der Seite ihrer Angehörigen sterben wolle. »Meine Tochter muß sich von ihrer Mutter trennen,« sagte ich jetzt wieder, »sie kann ihr nicht folgen auf dem Pfade nach den glückseligen Jagdgefilden. Ihre Mutter hat bereits einen Begleiter, ihr Bruder wird sie sicher führen.« »Alle sind von mir gewichen, ich bin die Letzte,« erwiderte die junge Waise mit einer leichten Handbewegung nach den übrigen Zelten; »ich will ihnen folgen, ich will auf die Krankheit warten.« »Meine Tochter kann warten, bis der Hunger ihr die Augen zudrückt, aber die Krankheit wird ihr fernbleiben,« fuhr ich fort; »die Krankheit wendet meiner Tochter den Rücken, meine Tochter ist ihr zu jung.« »Sie nahm Kinder von den Armen der Mütter, sie nahm Leute mit Schnee in den Haaren,« sagte das Mädchen kaum verständlich vor sich hin. »Hat sie denn alle Bewohner dieser Wigwams fortgerafft?« fragte ich weiter, um sie zum Erzählen zu bewegen und dadurch auf andere Gedanken zu bringen. »Alle, alle, nur ich bin zurückgeblieben.« »Zu welchem Stamme gehört meine Tochter? Ihre Hautfarbe ist lichter als die ihrer Mutter dort, und ihre Haare sind gelockt wie die Schweiffedern der wilden Ente.« »Dies sind die Wigwams der Mandanen und ich bin die Letzte. Mein Vater war ein großer Zauberer; ich habe ihn nicht gesehen; sein Haar war aber lockig wie die Mähne des jungen Bisons und seine Haut hell wie Mondschein. Seine Feinde schleppten ihn fort zum Marterpfahl, als meine Füße noch zu schwach zum Gehen waren.« »Meine Blicke fielen wieder auf die grausigen Leichen und fest ergriff ich des Mädchens Hand, um es mit Gewalt aus der gefährlichen Nachbarschaft zu entfernen. »Komm, meine Tochter,« sagte ich dringend, »komm mit mir, ich will dein Vater und deine Mutter sein, ich will dich zu guten, weißen Menschen führen.« »Töte mich,« flehte das Mädchen mit unaussprechlich rührendem Ausdruck, »bleicher Mann, töte mich, daß ich sie einhole auf der weiten Wanderung; ich bin die Letzte der Mandanen und kann nicht zurückbleiben.« Ich sah ein, daß, solange ihre Angehörigen sich noch in ihrem Gesichtskreis befanden, alle meine Mühe, sie fortzubringen, vergeblich sein würde. Ratlos blickte ich umher. Da fiel mir auf, daß die übrigen Opfer der Krankheit verschwunden waren; sie mußten also auf die eine oder andere Art entfernt worden sein. »Weiß meine Tochter, wo die Leiber der Gestorbenen geblieben sind?« fragte ich sodann, indem ich auf die andern Zelte deutete. »Dort,« antwortete das Mädchen, auf den nahen Strom weisend. »Weiß meine Tochter, wer sie von dem Ufer in die Wellen hinabstieß? Meine Tochter ist schwach, sie kann es nicht getan haben.« Da erweiterten sich ihre schwarzen Augen, und große Tränen rollten ihr über die abgehärmten Wangen. »Die Mutter gab dem Wasser ihr krankes Kind und sprang ihm nach; die kranken Söhne stürzten sich mit ihrem toten Vater hinab; alle, alle liegen sie auf dem Boden des großen Flusses; sie sind gesund; sie fühlen keine Schmerzen mehr. Ich bin schwach, ich vermag die Mutter nicht zu heben; aber der bleiche Mann wird mir helfen, sie auf das Ufer tragen, sie und ihren Bruder, daß ich mich mit ihnen hinabstürze.« »Wir wollen ihnen eine Grube scharren und sie bestatten,« versetzte ich tröstend, »wir wollen sie tief in die Erde senken und Steine über ihnen zusammentragen, damit die Wölfe ihre Gebeine nicht benagen.« Ein Blitz des Verständnisses leuchtete aus ihren großen, schwarzen Augen. »Tief in die Erde,« wiederholte sie nachdenkend, »guter, bleicher Mann, willst du mich neben sie legen?« fragte sie darauf, mich gespannt anblickend. »Nein, meine Tochter,« antwortete ich in strengem Tone, hoffend, daß ich auf diese Weise meinen Willen bei ihr durchsetzen würde; »meine Tochter wird jetzt tun, was ich ihr heiße. Ich habe einen guten Traum gehabt und danach muß ich handeln. Ich werde eine Höhle scharren, breit und tief, ich werde die Gestorbenen hineinlegen, und meine Tochter soll mir helfen, sie mit Erde und Steinen bedecken. Meine Tochter wird aber von hier fortgehen und zusehen, wie ich grabe; ich will es so, die Letzte der Mandanen soll noch länger leben und nicht die böse Krankheit von ihrer Mutter trinken.« Etwa eine Minute lang blickte die junge Indianerin mich schwankend an; dann aber stand sie auf, und gesenkten Hauptes vor mich hintretend, harrte sie der Befehle, die ich nunmehr an sie zu richten haben würde. Ohne Widerrede leistete sie mir auch Folge, als ich sie aufforderte, eine Axt und eine Hacke, wie sie von den Eingeborenen zum Pflanzen von Mais benutzt werden, herbeizuschaffen. Nachdem ich meine Pferde abgesattelt und auf einer grasreichen Stelle gepflöckt hatte, begann ich an einer geeigneten Stelle die Erde aufzuwühlen und eine Höhle, umfangreich genug, zwei Leichen zu bergen, auszuscharren. Sobald die Gruft endlich die erforderliche Größe hatte, befahl ich dem mir jetzt ergeben gehorchenden Mädchen, in einem nahen Gebüsch Zweige vom duftenden Sassafras-Strauch zu brechen und herbeizubringen; ich wollte sie nicht zum Zeugen haben, wenn ich dem Grab seine stillen Bewohner übergeben würde. Als sie nach Verlauf einer Viertelstunde mit den Zweigen zurückkehrte, lagen ihre Mutter und deren Bruder bereits unten in der Erde friedlich nebeneinandergebettet. »Bedecke sie mit dem grünen Laub, meine Tochter,« sagte ich ernst. Mechanisch ließ sie einen Zweig in das Grab fallen, dann aber legte sie ihre duftende Bürde auf den Rand der Grube nieder und entfernte sich mit eiligen Schritten nach den Zelten hin. Ich erriet, was sie beabsichtigte, und ließ sie gewähren. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück, beladen mit allen Gegenständen, die sie in der Hast zusammenzuraffen vermocht hatte. Für den jungen Mann brachte sie dessen Waffen und seinen grellfarbigen Kriegsschmuck; für ihre Mutter dagegen Decken, Glasperlen, Nadeln und zu Fäden gespaltene Wildflechsen, und nachdem sie alles vorsichtig zu den Toten in das Grab gelegt hatte, warf sie auch noch ein Säckchen mit ausgehülstem Mais und ein Bündel gedörrtes Büffelfleisch zwischen beide. Jetzt erst, nachdem sie die Geister der Verstorbenen zu ihrer letzten Reise mit dem Allernotwendigsten ausgerüstet zu haben glaubte, bedeckte sie deren irdische Überreste behutsam mit den Zweigen, worauf ich schnell mit dem Zuschütten der Grube begann. Was ich erwartet hatte, traf ein. Die junge Indianerin, nicht mehr die entstellten Leichen vor Augen, beruhigte sich, und als wir dann endlich das Grab durch eine feste Pyramide gegen die Angriffe der wilden Bestien gesichert hatten, da sank sie vor mir auf die Knie. »Bleicher Mann,« hob sie an, ihre großen, melancholischen Augen vertrauensvoll zu mir aufschlagend, »jetzt bin ich deine Tochter; du hast es gesagt; mache mit mir, was du willst.« »Du sollst meine Tochter sein,« antwortete ich gerührt, indem ich sie durch ein Zeichen bedeutete, sich zu erheben, »dein Manitou hat dich mir in den Weg geführt und ich will dein Vater sein.« Dies waren die einzigen Worte, die wir betreffs der Zukunft miteinander wechselten; das arme verlassene Wesen schloß sich an mich an, wie das Kalb der erschossenen Büffelkuh dem Pferde des Jägers, der es seiner Mutter beraubte, überall hinfolgt. – Am folgenden Morgen, bereits in aller Frühe, traten wir unsere Reise stromaufwärts an. Statt der früheren zwei Pferde besaß ich deren jetzt vier. Ich hatte mir nämlich aus der kleinen herrenlos gewordenen Herde diejenigen beiden Tiere ausgesucht, die mein Schützling als die ihrer Mutter bezeichnete. Zwei benutzten wir zum Reiten, die andern beiden trugen unsere Habseligkeiten. Wir reisten daher mit soviel Bequemlichkeit, wie man in der Wildnis nur immer verlangen konnte. Die Erfüllung der Pflichten gegen meinen Schützling blieb für mich nicht ohne segensreiche Wirkung. Der finstere Ernst, der seit Jahren Besitz von mir ergriffen, begann sich zu lösen, und mit wachsendem Wohlgefallen beobachtete ich die Erfolge meiner erzieherischen Bemühungen, die bei der außergewöhnlichen Empfänglichkeit des Gemütes und der Fassungsgabe des aufmerksamen Kindes bald zutage traten. Indem ich die junge Indianerin Schritt für Schritt auf dem Wege der Bildung weiterführte, öffneten sich auch immer neue Seiten in ihrem Charakter, die mich innig erfreuten, so daß ich sie in Gedanken oft mit einem zarten Schößling verglich, der, aus erstickender Wildnis in edleren Boden verpflanzt, die sorgfältige Pflege des Gärtners mit der tadellosesten Blüte zu belohnen verspricht. Mit großer Leichtigkeit erlernte sie die englische Sprache, und wie sie sich unter meinen steten Bemühungen geistig unglaublich schnell entwickelte, so gewöhnte sie sich auch von Tag zu Tag mehr daran, einen höheren Wert auf ihre äußere Erscheinung zu legen. Auch verschmähte sie bald, ihre Gesichtszüge durch Malereien zu entstellen, nicht zu gedenken, daß sie den Schnitt ihrer Kleidungsstücke nach meinen Angaben der in zivilisierten Ländern herrschenden Sitte etwas näher brachte. So bot denn die junge indianische Waise, nachdem sie sich vier oder fünf Monate bei mir befunden hatte, ein wahrhaft bezauberndes Bild lieblicher Jungfräulichkeit. Ihre sammetweiche Gesichtsfarbe schien heller, ihr schwarzes Haar noch lockiger geworden zu sein, und wenn auch hin und wieder jugendlicher Frohsinn bei ihr zum Durchbruch kam und ein kindliches Lächeln um ihren zierlichen, mit unvergleichlich schönen Zähnen geschmückten Mund spielte, so thronte, doch gewöhnlich ein sinnender Ernst auf ihren Zügen, der durch die großen melancholischen Augen einen noch charakteristischeren Ausdruck erhielt. Dabei war sie immer freundlich um mich besorgt, immer bereit, mir jede Arbeit abzunehmen oder mich nach meinen Fallen zu begleiten. Über ihre Vergangenheit wußte sie wenig oder gar nichts zu erzählen. Sie war noch ein hilfloses Kind, als ihr Stamm zum ersten Male durch die Blattern und den hinterlistigen Überfall seiner Erbfeinde fast ganz aufgerieben wurde. Daß sie die Tochter eines Weißen sei, wie deren viele bei den verschiedenen Stämmen eingebürgert als Jäger und Fallensteller lebten, bezweifelte ich nicht; ihr Äußeres verriet zu deutlich ihre Abstammung. Außerdem trug sie ein Zeichen, das unstreitig den Zweck hatte, ihre Verwandtschaft auszuweisen und dem Vater die Mittel an die Hand zu geben, daß er sein Kind, selbst nach vielen Jahren, wiederzuerkennen vermöge. Anders vermochte ich mir wenigstens das rote Herz nicht zu enträtseln, das auf ihrer Schulter eintätowiert war. In dessen Mitte glaubte ich noch die etwas verwischten Spuren eines blauen Kreuzes und die nicht mehr zu entziffernden Linien zweier oder mehrerer miteinander verschlungener Buchstaben zu entdecken. Den Namen ihres Vaters kannte sie nicht; sie wußte nur, daß man seiner zuweilen als eines Medizinmannes oder Zauberers gedacht und ihn mit dem allgemeinen, von den Seitengewehren der Weißen abgeleiteten Namen »Waschitscho« oder langes Messer bezeichnet hatte. Sie selbst war Schanhatta genannt worden, ein Wort, das sie mir nicht zu deuten wußte. Beschäftigt mit der doppelten Aufgabe, durch Jagd und Tauschhandel etwas mehr, als zu unserm notdürftigen Unterhalt erforderlich war, zu erwerben, ferner meine freundliche Schanhatta soviel wie möglich zu unterweisen und zu belehren, verstrichen mir die Tage schneller als je, seit ich meine Heimat verlassen hatte. Und als wir in einem abgeschiedenen Distrikt, von dem ich wußte, daß er während des Winters weder von weißen noch von rothäutigen Jägern besucht wurde, uns häuslich einrichteten, da erschien es mir, als ob die Sommer- und Herbstmonate ebenso viele Wochen gewesen wären. Mit ausreichenden Schreibmaterialien hatte ich mich versehen; ich sah daher dem strengen Winter mit jener Ruhe entgegen, mit der ich wohl im fernen Heimatlande den ersten Schneefall beobachtete und dabei des warmen Ofens, der langen, behaglichen Abende und der Vergnügungen auf dem Eise und in glänzend erleuchteten Hallen gedacht hatte. Die Wintermonate verstrichen denn auch im Fluge, und nur daran berechnete ich die Länge der Zeit, daß mein Manuskript einen beträchtlichen Umfang erreicht hatte und daß in der kleinen Indianerin eine auffallende Veränderung vor sich gegangen war. Sie hatte sich in dem Jahre unseres Zusammenlebens nicht nur geistig auf überraschende Weise entwickelt, sondern war auch größer, stärker und schöner geworden. Mit den Gedanken an ihre Zukunft beschäftigte ich mich denn auch vorzugsweise, als wir, unsere vier schwer bepackten Pferde vor uns hertreibend, im Frühjahr am Missouri stromaufwärts der nächsten Pelztauscher-Station zuzogen und Schanhatta in ihrer kindlichen, aber sinnigen Art mich auf dieses oder jenes aufmerksam machte und sich über alles, was ihr fremdartig oder unerklärlich erschien, Belehrung erbat. 20 Eine neue Bekanntschaft Acht Wochen waren seit unserm Aufbruch verstrichen; meine Jagdbeute hatte ich teils zu Geld gemacht, teils für Stoffe, Kleidungsstücke, Munition und die für den Sommer erforderlichen Lebensbedürfnisse hingegeben, und wohlgemut zogen wir nun durch die romantische, den obern Missouri charakterisierende Wildnis dahin, als ob in unsern Herzen derselbe Sonnenschein gewohnt hätte, der vom Himmel auf die im heitersten Grün prangende Landschaft niederlachte. Am Fuße eines schroffen Felsenhügels und auf dem Ufer des frisch sprudelnden Baches hatten wir um die Mittagszeit die Pferde gepflöckt. Ein mächtiger Elkhirsch, den ich an jener Stelle erlegte, war die Ursache, daß wir halten blieben, und da die Umgebung so überaus lieblich war, auch die Zubereitung der Wildhaut und das Dörren des überflüssigen Fleisches einige Zeit erforderte, so beschloß ich, bis zum nächstfolgenden Tage daselbst zu verweilen. Während ich mit dem Zerlegen des Hirsches beschäftigt war, schnitt Schanhatta lange, dicht belaubte Zweige, die sie auf einer weichen grasigen Stelle einander gegenüber in die Erde steckte und, deren Spitzen dann miteinander verbindend, eine geräumige schattige Laube herstellte. Einige Schritte weiter abwärts brannte ein kleines Feuer und über ihm hing an einem einfachen, aus zwei Gabelstäben und einer Querstange zusammengefügten Gerüst ein blecherner Kessel, in dem das zu einem Hauptbestandteile unseres Mahles bestimmte Wasser bereits siedete und dampfte. Schanhatta überwachte alles; ihre prüfenden Blicke hafteten bald auf einem grünen Zweige in ihrer Hand, bald wanderten sie zu dem Küchenfeuer hinüber, und dann wieder schaute sie mich fragend an, ob ich noch nicht das Zeichen zum Anrichten der einfachen Speisen geben würde. Dabei summte sie eine schwermütige indianische Melodie leise vor sich hin, der untrüglichste Beweis ihrer überglücklichen Stimmung. »Schanhatta!« rief ich endlich nach langem Schweigen aus, »ich werde gleich fertig sein, Du mags immerhin die Speisen bereiten, vorher aber bringe mir einen Trunk Wasser.« Schanhatta nickte mir zu und eilte dann mit einer leeren Kürbisflasche nach dem Bache. Sie war eben hinter dem Ufer verschwunden, da fiel ein kleiner Stein, der offenbar von dem Gipfel der nahen Felswand aus nach mir geschleudert worden war, vor mir ins Gras nieder. Es weilten also Menschen in der Nähe und zwar Menschen, deren Absicht ich nicht kannte. Ich gab mir daher das Ansehen, als ob ich den Stein nicht bemerkt habe, richtete aber meine Bewegungen, während ich mich noch mit der ausgespannten Wildhaut beschäftigte, so ein, daß ich dicht neben meine Büchse gelangte, also nur meine Hand danach auszustrecken brauchte. In demselben Augenblick fiel ein zweiter Stein vor mir nieder, und zu gleicher Zeit erschallten die Worte: »Seid doch so höflich, Fremder, und haltet meine Steinwürfe der Beachtung wert!« im reinsten Englisch und von einer hellen Mädchenstimme gesprochen zu mir herüber. Unmerklich zog ich die Hand, die sich bereits nach dem Gewehr ausgestreckt hatte, zurück, und dann mich aus meiner gebückten Stellung erhebend, blickte ich nach der Felswand hinauf. »Solange Ihr Euch nicht persönlich bei mir anmeldet, meine schöne junge Dame, kümmere ich mich nicht um Eure Steinwürfe,« entgegnete ich, kaum noch fähig, das Erstaunen zu unterdrücken, das ich über den sich mir darbietenden Anblick empfand; »Ihr müßtet ganz andere Arme und Hände besitzen, wolltet Ihr mir von dort oben aus einen Stein zusenden, schwer genug, auch nur eine Falte in meinen Lederrock zu drücken.« »Es ist zum Verzweifeln!« rief dieselbe Stimme, jetzt aber ungeduldig aus; »monatelang durchstreift man Wald und Prärie, ohne auf ein einziges weißes Gesicht zu stoßen. Ist man dann endlich so glücklich, einen wohledlen Herrn Lederstrumpf in seinem verborgenen Winkel zu überraschen, so tut er einer gelangweilten Abenteuerin nicht einmal den Gefallen zu erschrecken, sondern spricht und gebärdet sich so ruhig, als ob er sich im Mittelpunkt irgendeiner Hauptstadt befände! Hahaha! wenigstens eine Seele, die mich nicht für etwas Alltägliches ansieht,« fuhr die ausgelassene Sprecherin fort, als sie Schanhatta's ansichtig wurde, die mit ihrer gefüllten Kürbisflasche schnell nach dem Ufer hinauf gesprungen war und von dort aus mit einer seltsamen Mischung von Schreck und Verwunderung nach der Felswand hinüberstarrte, »wirklich eine fühlende Brust in dieser Wildnis, hahaha! Zwar nur einer Indianerin angehörend, aber einer Indianerin, die, nach ihrem Äußeren zu schließen, mindestens eine Prinzessin sein muß.« Während dieser langen Rede, die mit jugendlichem Frohsinn und Mutwillen von der Felswand herabgehalten wurde, betrachtete ich die Fremde aufmerksamer; aber je länger ich auf sie hinsah, um so mehr erstaunte ich. Schien sich in ihr doch alles vereinigt zu haben, einen armen, seit Jahren fast ausschließlich in der Wildnis lebenden Streifschützen zu verwirren und in ihm Zweifel zu erwecken, ob er sich wirklich noch auf dem alten Erdball befinde oder plötzlich in den Olympos versetzt worden sei und dort von Frau Diana selbst begrüßt werde. Dort oben stand nämlich ein junges Mädchen, das man bei einem oberflächlichen Hinblick sehr leicht hätte für einen früh entwickelten Jüngling halten können. Knabenhaft war das blonde Haar, das in üppiger Fülle lose bis beinah auf die Schultern niederfiel und dort ringsum stumpf abgeschnitten war; knabenhaft erschien auch die kleine schottische Mütze mit der Schweiffeder eines Kriegsadlers; knabenhaft nahmen sich sogar das olivenfarbige Jäckchen mit den blanken Knöpfen, die leichte schottische Jagdtasche und das Pulverhorn aus; knabenhaft war endlich das vom Sonnenbrand auf dem frischen Antlitz zurückgelassene lichte Braun; aber nicht knabenhaft, im Gegenteil, durchaus jungfräulich war die Art, in der die Arme und der zierliche Oberkörper sich auf ein leichtes Gewehr stützten, und das helle melodische Lachen, mit dem die junge rätselhafte Fremde ihre schmollenden Worte von Zeit zu Zeit begleitete. Als ich noch immer keine Miene machte, irgendetwas zu entgegnen, wurde der hübsche weibliche Nimrod noch ungeduldiger. »Also nicht einmal einer Antwort halten mich der Herr Trapper für würdig?« rief sie aus, das Gewehr mit kundigem Griff über die Schulter werfend, »ich bin zwar nur ein schwaches Mädchen, Herr Hinterwäldler, aber doch immer stark und geübt genug, Euch eine Kugel durch Euren Kaffeekessel zu senden und das edle Gebräu, anstatt über Eure bärtigen Lippen, dort in das Feuer laufen zu machen. Was würden der edle Herr Lederstrumpf wohl dazu sagen?« »Ich würde mich über Eure Geschicklichkeit freuen und die Sicherheit Eures Auges bewundern, meine schöne junge Dame,« antwortete ich aufs innigste ergötzt durch den frischen Lebensmut der unerschrockenen Jägerin, »aber ich würde mich auch verpflichtet halten, Euch ebenfalls einen Beweis von der Festigkeit meiner Hand zu liefern und die Adlerfeder von Eurer Mütze schießen und zwar genau da mit der Kugel abschneiden, wo der Bart beginnt, den Kiel zu schmücken.« »Was höchst ungalant von Euch wäre, Herr Trapper, denn Ihr müßt wissen, die Feder rührt von einem Adler her, den ich selbst die Ehre hatte zu erlegen. Aber sagt, was ist das für eine reizende Wilde, die dort auf dem Ufer steht und zu mir heraufstarrt, als ob sie noch nie in ihrem Leben ein zivilisiertes Gesicht gesehen hätte?« »Meine Adoptivtochter, schöne Fremde,« entgegnete ich kurz, »aber nun sagt auch Ihr mir, sind die Eurigen noch nicht bald heran?« »Was kümmern Euch die Meinigen, und woraus schließt Ihr, daß ich nicht zu meinem Vergnügen die Wildnis ganz allein durchstreife?« »Wäret Ihr allein, dann würdet Ihr eine weniger mutige Sprache führen und auch doch wieder Mut genug besessen haben, herabzukommen und meine Gastfreundschaft für Euch in Anspruch zu nehmen.« »Weiter nichts?« antwortete die Fremde, indem sie auf den vor ihr liegenden Stein sprang und einen spähenden Blick in die Ferne sandte, »daß ich mich vor Euch nicht fürchte, will ich Euch beweisen, und wenn Ihr mir einen Trunk Wasser und vielleicht auch ein Scheibchen gebratenes Hirschfleisch verabreichen wollt, so bin ich nicht abgeneigt, von Eurer Gastfreundschaft Gebrauch zu machen.« So sprechend kletterte sie von dem Felsblock hinunter und im nächsten Augenblick war sie verschwunden. Jetzt erst näherte Schanhatta sich mir wieder, und indem sie schüchtern zu mir emporschaute, fragte sie heimlich flüsternd, ob die Fremde ein Engel gewesen sei, wie diejenigen, von denen ich ihr einst erzählt habe. »Ein Engel in dem Sinne, in dem du es meinst, war es nicht,« entgegnete ich belehrend, und zugleich blickte ich gespannt nach der Kluft hinüber, aus der die Jägerin hervortreten mußte, »es war einfach eine weiße, irdisch geborene Tochter, wie du eine rote oder vielmehr eine hellbraune bist. Fürchte dich also nicht vor ihr, und wenn sie dich fragt, so antworte offen und ohne Scheu, damit sie sieht, wieviel du bereits gelernt hast.« »Ja, ich will,« antwortete Schanhatta, tief aufseufzend, als ob die Aussicht auf eine Zusammenkunft mit einer Weißen ihr Beklemmungen verursacht habe. Die aufmunternden Worte, die ich noch weiter an sie richten wollte, wurden aber durch die Fremde abgeschnitten, die weiter abwärts aus einer Regenschlucht trat und sich mit eiligen Schritten näherte. Wenn die rätselhafte Jägerin schon von der Felswand aus freundliche Teilnahme in mir erweckt hatte, so wurde diese zur Bewunderung gesteigert, als ich sie jetzt dicht vor mir sah. Nicht viel über Mittelgröße, auch nicht von auffallender Schönheit, bot sie doch ein so anmutiges Bild, daß ich sie stundenlang hätte ungestört betrachten mögen, wenn auch nur, um zu ergründen, in welchem ihrer Reize eigentlich der Zauber verborgen sei, den sie auf mich und nicht minder auf Schanhatta ausübte. Ihre himmelblauen Augen, die noch nie geweint zu haben schienen, fesselten mich im ersten Augenblick allerdings am meisten; aber wäre die Stirne über ihnen nicht so weiß und die vollen Wangen nicht so rot und sonnverbrannt gewesen, hätte die beinah zu kleine Nase nicht einen so eigentümlichen, etwas nach oben weisenden Schnitt gehabt und nicht um den hübschen Mund ein so reizendes, schalkhaftes Lachen gespielt; hätten ferner die blendend weißen Zähne nicht so verlockend zwischen den roten, frischen Lippen hindurchgeschimmert und wären die halblangen blonden Haare nicht so üppig und nachlässig unter der kleinen Mütze hervorgequollen, die Augen allein hätten es kaum zu bewirken vermocht, daß man immer und immer wieder in das heitere Antlitz schauen mußte und vergeblich zu enträtseln strebte, was dieses, trotz seiner nicht klassisch regelmäßigen Formen, so überaus anziehend mache. Dabei zeigte sich ihr Wuchs als vollkommen tadellos und ihre Hände waren so zart, daß man sich kaum zu erklären vermochte, wie sie die verhältnismäßig schwere Waffe zu führen vermochten; und Füße hatte sie so klein und in den Knöcheln so zierlich abgerundet, daß die perlengestickten Mokasins selbst meiner Schanhatta kaum zu groß gewesen wären. Ihr phantastischer Anzug trug natürlich mit dazu bei, ihre Reize in das günstigste Licht zu stellen, und wenn das Zeug auch bereits verschossen war und Dornen hin und wieder tüchtige Ausbesserungen notwendig gemacht hatten, so konnte man sich doch nichts Wohlkleidenderes denken, als diese willkürliche Zusammenstellung der schottischen Nationaltracht mit den malerischsten Teilen indianischer Ausrüstung. Am meisten und am wohltuendsten überraschte mich an der jungen Fremden ihre Haltung und Bewegungen, die deutlich eine sorgfältige Erziehung verrieten. Auf mich aber machte dies einen um so tiefern Eindruck, weil ich bereits seit Jahren keine Gelegenheit mehr gefunden, freilich auch nicht gesucht hatte, mich in Sphären zu bewegen, in denen dergleichen heimisch. »Mein Vater und meine Brüder werden sich nicht wenig wundern, mich so unverhofft in guter Gesellschaft zu finden,« begann die junge Jägerin, als sie bis auf wenige Schritte zu mir herangekommen war, indem sie mir treuherzig, wenn auch über das ganze Gesicht lachend, die Hand reichte. »Ich hoffe, Eure Angehörigen werden sich nicht um Euch ängstigen,« antwortete ich, die kleine Hand zum Willkommen kräftig drückend; »sollte das aber der Fall sein, meine schöne junge Dame, so würde ich mit Freuden bereit sein, sie aufzusuchen und sie über Euern Verbleib zu beruhigen.« »Bemüht Euch nicht, Herr Hinterwäldler,« entgegnete das Mädchen mit einem neckischen Knicks, »wenn sie sich etwas ängstigen, so schadet das ihrer zur Bequemlichkeit hinneigenden Konstitution nicht viel. Sie können mich aufsuchen, und irre ich nicht, so ist dies derselbe Bach, an dem unsere Leute mit dem Wagen hinunterziehen sollten; sie müssen also über kurz oder lang bei uns eintreffen.« »Man handelt unrecht, anderen ohne Not Besorgnis einzuflößen,« versetzte ich ernst, »und in dieser Gegend sind Besorgnisse vollkommen gerechtfertigt. Was meint Ihr, wenn Ihr statt meiner hier eine Anzahl eingeborener Krieger gefunden hättet, von denen Ihr ergriffen und mit fortgeschleppt worden wäret, ohne daß die Eurigen jemals eine Ahnung von Eurem Schicksal erhalten hätten?« Die junge Fremde blickte mich einige Sekunden starr an; ich sah, daß sie erbleichte und dann schnell wieder errötete. Sie erbleichte, weil sie sich ohne Zweifel die Lage vergegenwärtigte, in die sie hätte geraten können; sie errötete, weil ich mich durch meine wohlgemeinte Warnung als einen mit ihr auf gleicher Bildungsstufe stehenden Mann verraten hatte. Ihre Verlegenheit verbarg sie indessen schnell hinter einem schlecht erheuchelten Trotz, und ihre Blicke von mir abwendend, rief sie aus: »Wenn ich Euch sage, daß ich nicht wünsche, nicht will, daß man meine Angehörigen über meinen Verbleib aufklärt, so sollte Euch das doch wohl genügen.« »Ganz wie Ihr wollt und befehlt,« entgegnete ich höflich, »jedenfalls werdet Ihr Euch überzeugt halten, daß Ihr mir herzlich willkommen seid, und ich gedenke, nicht eher von Eurer Seite zu weichen, als bis ich Euch bei Euern Angehörigen in Sicherheit weiß.« »Mit andern Worten, Ihr wollt mich wie ein kleines Kind behandeln? Ah, ich danke schönstens, Herr Ritter, aber nichts für ungut; Euer freundliches Anerbieten nehme ich an, und hoffentlich wird es nicht lange dauern, bis die Meinigen hier eintreffen. Doch ich bin durstig, Herr Trapper,« fuhr sie mit einem unbeschreiblich liebenswürdigen Wesen fort, »kann ich durch Eure Güte nicht einen Trunk erhalten, ohne daß ich mich selbst an den Bach hinab bemühe?« »Gern,« versetzte ich, erfreut darüber, daß sie überhaupt irgendetwas von mir verlangte, und dann mich Schanhatta zuwendend, die leise davongeschlichen war und eben eine Decke als Schlußstein über das luftige, von ihr errichtete Zelt ausbreitete, forderte ich sie auf, mir die Kürbisflasche zu reichen. Wie der Wind eilte die Indianerin herbei, und indem sie mir die Flasche darbot, betrachtete sie jetzt aus nächster Nähe unsern Gast mit schüchterner Bewunderung. »Welch liebliches Geschöpf,« bemerkte die junge Fremde, nachdem sie sich erfrischt hatte, mir die Flasche zurückgebend; »diese Augen, dieses prachtvolle Haar, in der Tat der erste Lockenkopf, den ich unter den Eingeborenen finde.« »Macht mir das Kind nicht eitel, mein schönes Fräulein,« bemerkte ich, »Schanhatta versteht jedes Wort, sie ist eine arme, von aller Welt verlassene Waise, die ich an Kindes Statt angenommen habe.« »Also eine Waise?« fragte die Fremde mit einer so innigen Teilnahme, wie ich bei ihrer heiteren, sorglosen Gemütsstimmung kaum erwartet hätte, und zugleich bot sie Schanhatta die Hand zum Gruß. »Keine Waise,« antwortete Schanhatta, mit den großen, schwermütigen Augen auf mich deutend, »schöne bleiche Frau, er ist mir Vater, Mutter, Bruder, ich lebe durch ihn.« »Solch liebes, dankbares Kind,« sprach die Fremde kaum verständlich vor sich hin. »Und so gelehrig und so anstellig,« fügte ich lobend hinzu. »Doch wiederhole ich jetzt meine Einladung, meine mehr als einfache Häuslichkeit vollständig als die Eurige zu betrachten und Euch in deren Schatten zurückzuziehen.« Einen Augenblick sann die junge Jägerin nach. »Gut, mein Herr,« sagte sie sodann heiter, jedoch mit dem Anstande einer durchaus gebildeten Dame, »Eure Einladung nehme ich mit herzlichem Dank an, und ich kann ja auch in der Tat nichts Verständigeres tun, als die Meinigen hier ruhig erwarten. Hoffentlich leistet Ihr mir Gesellschaft und beschirmt mich zugleich bis zur Ankunft meines Vaters gegen meinen verhaßtesten Feind, die Langeweile.« So sprechend schritt sie nach der Laube hin, in der Schanhatta eine Decke auf den Rasen ausgebreitet hatte, und nachdem sie Jagdtasche und Büchse abgelegt, ließ sie sich mit unnachahmlicher Anmut im Schatten des grünen Laubdaches nieder. Schanhatta war unterdessen wieder an das Küchenfeuer zurückgeeilt, wo sie sich mit der Zubereitung unserer Mahlzeit beschäftigte, und da meine Pferde in geringer Entfernung unter meinen Augen weideten, ich außerdem eine Gesellschaft weißer Menschen in der Nähe wußte, so warf ich mich im Ausgang der Laube ebenfalls auf den Rasen, um mich endlich wieder einmal dem mir fremd gewordenen Genuß eines Gespräches mit einer gebildeten, offenbar den höheren Ständen angehörenden Dame hinzugeben. »Hätte mir gestern jemand gesagt, daß ich heute den Besuch einer liebenswürdigen jungen Dame empfangen würde, einer Dame, deren zarte Finger mehr für die Tasten eines Klaviers als für den Kolben einer Flinte bestimmt zu sein scheinen, so würde ich es schwerlich geglaubt haben,« eröffnete ich die Unterhaltung, nachdem ich solange gewartet hatte, bis die Fremde die Mütze von ihrem Haupte entfernt und durch ein kurzes Schütteln die über ihre schneeweiße Stirne gesunkenen Haare zurückgeschleudert hatte; »ja, daß ich Euch so vor mir sehe, erscheint mir wie ein Wunder, und die rauhen Sitten des Fernen Westens entschuldigen es wohl, wenn ich offen frage, was Euch aus den glänzenden Zirkeln, in denen Ihr Euch unstreitig Euer ganzes Leben hindurch bewegtet, bis hierher geführt haben kann?« »Die rauhen Sitten des Fernen Westens sind doch immer noch nicht rauh genug, daß ein Biberfänger darüber vergessen hätte, einer umherstreifenden Abenteurerin die allerschönsten Komplimente zu sagen,« lautete die mit lachendem Munde gegebene Antwort, »und dabei fragt Ihr so unbefangen, was mich hierher getrieben habe? Hahaha! Zuerst sagt Ihr mir, Herr Ritter von der Büchse und Stahlfalle, was Euch von Eurem fernen Heimatlande bis hierher verschlagen hat, und dann will auch ich gnädiglichst Auskunft erteilen; denn ehrlich gestanden, Ihr scheint mir ebensowenig für den Stand eines Trappers geboren und erzogen zu sein wie meine bescheidene Wenigkeit.« »Meine Vergangenheit bietet zu wenig Lichtpunkte,« entgegnete ich plötzlich ernst gestimmt, »als daß deren Schilderung viel zur Unterhaltung eines heiteren Gemütes beitragen könnte. Erlaßt mir daher deren Erwähnung und begnügt Euch damit zu wissen, daß ich keine Heimat besitze, es sei denn, Ihr laßt Euch herbei, den schmalen Landstreifen zwischen dem Missouri und den Küsten der Südsee meine Heimat zu nennen.« »Ah, so leichten Kaufes entschlüpft Ihr mir nicht, wenn ich nicht ebenso zurückhaltend sein soll! Nur immer heraus mit der Sprache!« rief sie lachend aus, »Geschichte gegen Geschichte. Zuerst sprechen Ihro edle Trapperschaft, und dann kommt die Reihe an die hochachtbare Jungfrau, die ihrem Vater in ihrem kurzen Leben schon so viel Ärger verursacht hat, daß er an der Hälfte mehr als genug gehabt hätte!« »Aber wie, wenn ich, um ausführlich zu sein, Gräber öffnen müßte, in die ein ganzes Lebensglück gesenkt wurde?« fragte ich ernst. »Dann nicht, dann nicht,« versetzte die Fremde hastig, indem sie mir die Hand bot, und ich glaubte zu bemerken, daß sie eine Träne zurückdrängte, die ihr wohl der Ausdruck, mit dem ich sprach, in die Augen getrieben hatte. »Nein, dann nicht,« wiederholte sie gleich darauf wieder in ihrer alten ausgelassenen Weise, »da wir ferner nicht die Verpflichtung haben, uns gegenseitig das Herz schwer zu machen, so sei Euch die Beichte erlassen. Ich dagegen will mich beeilen, so schnell als möglich Eure mich betreffende Frage in tiefster Devotion zu beantworten. Randbemerkung: ich halte Euch für einen verkappten Gentleman und nicht für einen fluchenden, schwörenden, rohes Fleisch essenden, unempfindlichen Hinterwäldler, also für einen Herrn von Diskretion, vor dem ich furchtlos mein ganzes Herz ausschütten darf.« »Nun ist die Reihe zu danken an mir,« entgegnete ich jetzt ebenfalls wieder heiter, der Übermut meines holden Gastes hatte seinen Einfluß auf meine Stimmung nicht verfehlt, »und ich verspreche Euch, Ihr sollt Euch nicht in mir getäuscht haben; eh' Ihr indessen beginnt, gestattet mir, in gleicher unumwundener Weise zu offenbaren, für was ich Euch halte, wenn auch; nur, um Euch Gelegenheit zu geben, meine Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe zu bewundern.« »Zugestanden unter der Bedingung, daß Ihr mich mit den alltäglichen Floskeln, als: die Schönste ihres Geschlechtes, die Edelste, die Beste usw., verschont,« versetzte die Fremde, indem sie mir näher rückte und, ihr Haupt auf ihre Hände stützend, mir mit kömischer Spannung in die Augen schaute. »Zugestanden,« erwiderte ich in demselben Tone, worauf ich begann: »Euer Name zuerst! Ihr müßt in der Taufe unbedingt Diana genannt worden sein.« »Falsch, mein edler Ritter von Büchse, Messer und Biberfallen,« unterbrach mich das Mädchen mit Pathos, »mein Name ist irdischerer Natur, ich heiße Katharine, oder vielmehr Kate Dalefield, erfreue mich also eines Namens, den ich noch nie von einem Deutschen richtig aussprechen hörte.« »Gut, dann habe ich mich geirrt. Also Miß Kate Dalefield, ich halte Euch für einen der liebenswürdigsten, kleinen Tyrannen, die jemals ihre Hausgenossen durch eine unverwüstlich heitere Laune zur Verzweiflung brachten.« »Ihr könnt nicht so ganz unrecht haben,« versetzte Kate mit einem reizenden, halb verhaltenen Lächeln. »Wohlan, im Anfall .einer solchen heiteren Laune habt Ihr eines Tages erklärt, unter allen Umständen den wilden Westen bereisen zu wollen,« fuhr ich fort, »und da mußten denn Vater, Mutter, Brüder, Verwandte und Bekannte alles aufbieten, den Wunsch ihres liebenswürdigen Haustyrannen zu erfüllen, wenn sie in ihrem Leben .überhaupt noch eine ruhige Stunde haben wollten.« Um Kate's rote, etwas emporgekräuselte Lippen spielte ein neckisches, schadenfrohes Lächeln, doch unterbrach sie mich nicht, und ich fuhr fort: »Man entschloß sich also, dem allgemeinen Lieblinge den Willen zu tun; die liebenswürdige Tochter des Hauses übte sich noch eine Zeitlang in männlichen Künsten, die das Leben in der Wildnis erleichtern, als da sind: Schießen, Reiten, Laufen, Springen, Hungern, Dursten –« »Behüte der Himmel, daß ich zu Hause auch nur ein einziges Mal gehungert oder gedurstet hätte!« rief Kate hier mit erheucheltem Abscheu dazwischen, »nein, nein, soweit bin ich denn doch nicht gegangen. Allerdings trifft manches zu, was Ihr mit wunderbarem Scharfsinn aus meinem Äußern herauszulesen vorgebt, aber doch nicht alles; und so halte ich es denn für das Beste, wenn ich Euch den wahren Sachverhalt mit wenigen Worten erkläre. Haustyrann bin ich, das ist wahr, wozu wäre ich auch sonst wohl die einzige Tochter unter vier gerade nicht zarten Brüdern? Die Rocky Mountains und die Prärien wünschte ich zu sehen; auch das hat seine vollständige Richtigkeit. Nicht richtig aber ist, daß ich vor unserm Aufbruch erst Schießen, Reiten und Fechten gelernt haben soll. Ich hätte nicht vier Brüder besitzen müssen, um nicht schon in meinem zwölften Jahre mit dem ersten besten Farmerburschen um die Wette zu reiten und zu jagen. Nicht richtig ist ferner, daß die Reise einzig um meinetwillen unternommen wurde. Mein Vater, ein Offizier außer Diensten, hat wichtige Geschäfte auf Fort Union, wo eine Vereinigte Staaten-Besatzung steht, und da er noch rüstig ist, seine zwei Söhne ihm aber Tag und Nacht zuredeten – die ändern beiden sind bereits in die Armee eingetreten – so entschloß er sich endlich dazu, die Fahrt nach dem bezeichneten Posten anzutreten. Daß ich mich nicht willig finden ließ, allein zurückzubleiben, versteht sich von selbst; tausend Pferde hätten mich nicht zu halten vermocht; und daß ich alle Ursache hatte, mich der Expedition anzuschließen, habe ich zur Genüge bewiesen, denn in den zwei Monaten, die wir uns bereits unterwegs befinden, bin ich noch von keinem unserer ganzen Gesellschaft im Aushalten von Beschwerden und im Jagdeifer übertroffen worden. Innerhalb einiger Wochen werden wir unser Ziel erreichen, und nach kurzem Aufenthalt daselbst begeben wir uns nach St.Joseph zurück, von wo aus wir unsere Reise den Missouri hinunter zu Dampfschiff weiter fortsetzen. So, mein Herr, nun wißt Ihr alles, was zu wissen Ihr nur immer wünschen könnt, und hier kommt Eure Pflegetochter, um, wenn ich nicht irre, uns zur Mittagstafel einzuladen.« Überrascht sah ich mich um; die Indianerin trug jetzt einen ganz andern Ausdruck zur Schau, als bei ihrem ersten Zusammentreffen mit der Fremden. Schüchternheit sprach zwar noch immer aus ihren sammetweichen Zügen, doch trat diese weit hinter den freudigen Stolz zurück, der aus ihren sonst so sanften Augen leuchtete, als sie bald unsern Gast, bald mich aufmerksam betrachtete. »Die bleiche, schöne Frau war durstig und sie hat getrunken; die bleiche, schöne Frau mit den Himmelsaugen ist hungrig und deshalb sehr froh, daß du mir etwas zu essen etwas Brot und Kaffee,« sagte Schanhatta mit ihrer tiefen, melodischen Stimme zu Kate Dalefield, indem sie nach dem Feuer hinüberwies. »Sieh doch an, Schanhatta,« rief ich scherzend aus, »klingt es doch fast, als ob ich das leere Nachsehen haben sollte.« Schanhatta blickte mich mit einer rührenden Verwirrung an, sie glaubte wirklich ein Versehen begangen zu haben. »Schanhatta gehört ihrem Herrn,« sagte sie sodann leise, »und wo sie ihren Fuß hinstellt, ist er der Gebieter.« »Aber Ihr erschreckt ja das liebe Kind,« versetzte Kate emporspringend und ihren Arm durch den Schanhatta's ziehend, »komm, meine liebe braune Schwester, ich bin sehr hungrig und deshalb sehr froh, daß du mir etwas zu essen geben willst.« Wiederum erfüllte es mich mit Bewunderung, daß sie, die kurz vorher noch mit so wenig Rücksicht von meinem Schützling gesprochen hatte, sich zu solcher Zärtlichkeit zu dem braunen Mädchen hinreißen ließ. Aber mit um so größerer Freude beobachtete ich daher die beiden jungen Mädchen, als sie so vor mir herschritten. Sie sprachen nicht, aber in Schanhatta's aufrechter Haltung prägte sich der ganze Stolz aus, den sie darüber empfand, von einem weißen Mädchen liebevoll behandelt zu werden, während Kate mit sichtbarer Bewunderung die Indianerin heimlich von der Seite betrachtete und sich augenscheinlich an dem Anblick von deren schönem Profil weidete. Vor dem Feuer ließ Kate sich nieder, ich nahm ihr gegenüber Platz, und die junge Mandanenwaise ging zwischen uns hin und her, sorgsam darüber wachend, daß wir stets mit den zartesten Teilen des dampfenden Hirschrückens versehen waren. »Wie außerordentlich schön und wohlgestaltet ist Eure junge Gefährtin,« bemerkte Miß Dalefield, als nach Beendigung unserer Mahlzeit Schanhatta nach dem Bach hinabstieg, um einen frischen Trunk herbeizuholen, »und dabei so verständig, als ob sie wer weiß wie lange in zivilisierten Gegenden zugebracht hätte.« »Die arme Waise, die Letzte der Mandanen, wie sie sich gern nennen hört, bereitet mir viel Freude,« entgegnete ich. »In Gedanken vergleiche ich sie oft mit einem Buche, dessen edler Inhalt nicht jedermann verständlich ist. Leider muß ich mich nur zu bald von meinem Liebling trennen, denn ließ ich mein begonnenes Werk halb beendigt, so würde sie dadurch um so unglücklicher werden.« »Da kommt sie schon, ich würde Euch sonst gebeten haben, mir einiges über ihre Vergangenheit mitzuteilen,« versetzte Kate, als Schanhatta eben wieder über dem Ufer erschien; »diesmal aber ist es nicht Neugierde, was mich plagt,« setzte sie mit ihrem reizendsten schalkhaften Lächeln hinzu, »sondern aufrichtige Teilnahme mit dem freundlichen und dabei so bescheidenen Mädchen. Schon ihre sanften melancholischen Augen scheinen ein stummes und doch so beredtes Flehen um eine milde und nachsichtige Beurteilung zu enthalten.« »Gern erzähle ich Euch Schanhatta's Geschichte, und daß sie selbst zugegen ist, hindert am wenigsten daran,« antwortete ich, meinem Schützling bedeutend, sich zu uns zu setzen, »sie hört ihre Lebensgeschichte nicht zum ersten Male aus meinem Munde; ich mache ihr sogar eine Freude damit. Ich glaube, mit der Schilderung der Rettung ›der Letzten der Mandanen‹ vermochte ich sie vom Tode zu erwecken.« Während nun die Blicke der beiden scharf zueinander kontrastierenden Mädchen mit gleicher Spannung auf mir ruhten, beschrieb ich ausführlich, wie Schanhatta zu mir gekommen und durch mein zufälliges Eintreffen vor einem schrecklichen Untergange bewahrt worden war. Dabei ergötzte es mich, zu beobachten, wie ihre Gefühle sich auf verschiedene Weise äußerten. Schanhattas Mienen blieben ernst, nur ein tiefer Zug von Melancholie verriet, wie sehr sie durch die Erinnerung ergriffen wurde; sie hörte mir zu, regungslos und mit verhaltenem Atem. Miß Dalefield dagegen zeigte auf ihrem Antlitz einen beständigen Wechsel der Gefühle. Bald lächelte sie neckisch, bald sprach tiefes Mitleid aus ihren Augen, und bald blickte sie sogar ganz zur Seite, um heimlich eine Träne zu trocknen. Eben sprach ich davon, im Herbst, nach beendigter Jagd wieder mein bekanntes Winterquartier aufsuchen und beim Eintritt des Frühlings Schanhatta endlich auf einer mir geeignet scheinenden Mission unterbringen zu wollen, als ich durch das Getrappel von Pferden unterbrochen wurde. Die Pferde selbst waren nicht sichtbar; sie befanden sich noch hinter der nächsten Biegung des hohen Talufers. Gespannt blickten wir nach dem Vorsprung hin, hinter dem hervor die Reiter erscheinen mußten. 21 Der Brief In demselben Augenblick, da der Kopf des vordersten Pferdes in unsern Gesichtskreis trat, brach die junge Amazone in ein helles Lachen aus. »Seht doch, welche Eile sie haben, ihren Haustyrannen wiederzufinden!« rief sie aus, indem sie emporsprang und ihre federgeschmückte Mütze lustig ums Haupt schwang. »Betrachtet nur ihre Gesichter,« fuhr sie mit bezauberndem Mutwillen fort, »sollte man nicht meinen, ihnen sei die verbürgte Nachricht zugegangen, meine regenbogenfarbigen Haare hingen bereits samt meiner Kopfhaut, der besseren Konservierung wegen, in dem Rauchfang irgendeines beliebigen indianischen Naturaliensammlers?« »Kate, ich freue mich zwar sehr, dich wohlbehalten wiederzusehen, allein du zwingst mich wirklich dazu, entweder selbst umzukehren oder dich bis zur nächsten Handelsstation zu bringen und dich dort bis zu meiner Rückkehr streng bewachen zu lassen!« rief ein alter stattlicher Herr zornig aus, indem er vom Pferde sprang und dicht vor das junge Mädchen hintrat. »Guten Tag, mein lieber Vater!« entgegnete Miß Kate lachend, dem alten Herrn um den Hals fallend und einen Kuß auf seine Lippen drückend, »guten Tag, meine hochgeehrten Herren Brüder!« wandte sie sich dann an zwei kräftige junge Leute, die zugleich mit ihrem Vater eingetroffen, aber noch nicht von ihren Pferden gestiegen waren; »tausend Dank für Eure freundliche Fürsorge, Ihr seht, ich befinde mich in guter Gesellschaft und habe bereits recht tüchtig zu mittag gespeist, während Ihr wahrscheinlich noch den Hirsch schießen möchtet, der Euren Hunger stillen soll.« »Laß die Kindereien jetzt beiseite und höre mein letztes Wort,« unterbrach sie der Vater streng; »wenn du fortfährst, auf eigene Hand die Wildnis zu durchwandern, so wirst du mich bald bereuen machen, dich überhaupt mitgenommen zu haben.« »Aber ich kann nicht so lange schlafen wie meine trägen Brüder,« versetzte Kate, eine komisch herausfordernde Haltung annehmend, »und wenn du wirklich grausam genug wärest, mich zurückzusenden, so würde ich meinen Gefangenenwärtern bei der ersten Gelegenheit entspringen und nach drei Tagen schon wieder bei dem besten und großmütigsten aller Väter eintreffen.« »Schon gut, schon gut, meine Tochter,« entgegnete Mr. Dalefield besänftigt »ich weiß, an dir ist keine Hilfe mehr; allein heute hätte ich doppelten Grund gehabt, dir zu zürnen, weil – weil – nun, weil mir scheint, als ob wir doch nicht so Eine Zeile im Buchsatz fehlt -genenwärtern bei der ersten Gelegenheit entspringen und nach drei Tagen schon wieder bei dem besten und großmütigsten aller Väter eintreffen.« »Das wäre ja herrlich!« rief Miß Kate mit einem neckischen Seitenblick auf mich aus, »ich befürchtete bereits, wir würden nach St. Joseph zurückkehren müssen, ohne das kleinste Abenteuer erlebt zu haben.« »Fordere das Geschick nicht heraus, Mädchen,« versetzte der Vater wieder ernster, indem er mich prüfend betrachtete, »du kannst nicht wissen, wie nahe uns die Gefahr ist. Wir haben allen Grund, argwöhnisch zu sein.« Offenbar wollte er sich nicht deutlicher aussprechen, weil er nicht wissen konnte, ob er mir trauen dürfe. Ich hielt es daher für angemessen, mich an der Unterhaltung zu beteiligen und, wie es im Westen Sitte ist, meine Dienste anzubieten. Meine Einladung, in meiner Nähe das Lager aufzuschlagen, wurde von allen Seiten angenommen; der jüngere der beiden Brüder ritt zurück, um die übrigen Mitglieder der kleinen Expedition, und den Wagen herbeizuschaffen, die Pferde wurden bei den meinigen angepflöckt, Schanhatta, unterstützt von Miß Kate, .beschäftigte sich mit der Zubereitung eines neuen Mahls, wir drei Männer dagegen legten uns im Schatten der Laube nieder, um die nichts Gutes verheißenden Umstände, von denen Mr. Dalefield gesprochen hatte, genauer in Erwägung zu ziehen. Zu einem Neger, einer Negerin und zwei weißen Arbeitern hatte Dalefield auch noch zwei Indianer gedungen, die ihn als Führer und Jäger bis nach Fort Union hinauf begleiten sollten. Diese hatten sich für Minetareh-Indianer ausgegeben und versprochen, anstatt den weiteren und beschwerlicheren Weg am Missouri hinauf zu verfolgen, die große Biegung des Stromes abzuschneiden und die Gesellschaft in gerader und näherer Richtung quer durch die Wildnis nach dem an der Vereinigung des Missouri und des Yellow-Stone-Flußes gelegenen Fort zu bringen. Die Reisenden hielten ihre indianischen Begleiter für vollständig zuverlässig und priesen sich glücklich, gerade mit solchen gediegenen Wüstenjägern zusammengetroffen zu sein; denn es verging kein Tag, an dem sie nicht von irgendeiner aufregenden Jagd oder einem erfolgreichen Fischzug zu erzählen gehabt hätten. . So hatten sie denn nach einem Marsch von mehreren Wochen dasselbe Flüßchen erreicht, an dem ich seit bereits acht Tagen stromaufwärts gezogen war. Da aber auch dort die Führer immer noch keine Miene machten, sich dem Missouri wieder zuzuwenden, im Gegenteil, zur Fortsetzung ihrer Reise eine Richtung bezeichneten, in der sie unbedingt weit Westlich von Fort Union auf den Yellow-Stone-Fluß gestoßen wären, so fühlte Dalefield sich veranlaßt, die Richtung der Reise selbst zu bestimmen. Die Willfährigkeit der Führer, ihm nachzugeben, hatte das Mißtrauen, das Dalefield gegen sie hegte, wieder eingeschläfert, als plötzlich sein Argewohn aufs neue und zwar in erhöhtem Grade wachgerufen wurde. Am Morgen desselben Tages nämlich, an dem sie mein Lager erreichten, als Miß Kate sich schon längst auf den Weg begeben hatte und endlich auch für die kleine Expedition das Zeichen zum Aufbruch erteilt worden war, bemerkte Dalefield, daß statt der zwei Führer sich nur einer in geringer Entfernung vor dem Zuge hinbewegte. Auf seine Frage nach dem Abwesenden erhielt er zur Antwort, daß jener die Spur eines Panthers aufgenommen habe und im Laufe des Tages, spätestens gegen Abend wieder bei der Gesellschaft eintreffen werde. Die Zeit verstrich, Mittag rückte heran, allein der zweite Führer blieb verschwunden, weshalb bei allen die Besorgnis erwachte, daß sie möglicherweise das Spiel einer hinterlistigen Verräterei geworden seien. Dem Argwohn gegen ihre indianischen Begleiter hatte sich aber auch zugleich die größte Besorgnis um Kate zugesellt, und dieser war es zuzuschreiben, daß der Vater mit seinen Söhnen, den Windungen des Flüßchens folgend, vorauseilte und endlich, trotz der Freude des Wiedersehens, seine Tochter mit einer ihr sonst ungewohnten Härte über ihre gänzliche Mißachtung von Gefahren tadelte. Ich hatte nur noch soviel Zeit, zu fragen, ob man dem bei der Gesellschaft zurückgebliebenen Indianer Beweise von Mißtrauen gegeben habe, und, als dieses verneint wurde, das strengste Schweigen gegen ihn anzuraten, als Harry, der jüngste Sohn Dalefields, um den Ufervorsprung herumritt, sich sehr angelegentlich mit einem ihm zur Seite schreitenden eingeborenen Jäger unterhaltend. Bald darauf folgte auch der Wagen; aber erst nach längerer Zeit, nachdem die Pferde ausgespannt und abgesattelt worden waren und man sich schon mit dem Aufschlagen der beiden Leinwandzelte beschäftigte, näherte ich mich meinem Küchenfeuer, vor dem der Indianer sich nachlässig auf seine Büchse lehnte und mit großer Aufmerksamkeit der Arbeit der beiden jungen Mädchen zuschaute. Was er dachte und ob er überhaupt etwas dachte, ging aus seinem feuerrot bemalten Gesicht nicht hervor. Mir entging aber ebensowenig die versteckte Teilnahme, mit der er unter seinen matt niederhängenden Augenlidern hervor Schanhatta betrachtete, wie daß er, wenn dies unbemerkt geschehen konnte, einen spähenden Blick über mich hingleiten ließ. Er empfand offenbar tiefen Verdruß über meine Anwesenheit, und wohl hatte er Ursache dazu, denn ich hätte mich nicht so lange müssen unter den Dacotah-Stämmen jagend, tauschend und beobachtend umhergetrieben haben, um nicht auf den ersten Blick zu entdecken, daß ich am allerwenigsten einen Gros Ventre oder Minetareh-Indianer vor mir sehe. Der Fremdling war eine stattliche Erscheinung, sowohl was seinen hohen und ungewöhnlich starken Körperbau anbetraf, als auch hinsichtlich seiner Bekleidung und Bewaffnung, die mehr auf einen angesehenen Krieger und Häuptling deuteten als auf einen Pfadsucher, der durch Dienstleistungen geringerer Art seinen Unterhalt von den Weißen zu verdienen suchte. Das Haar trug er lang und ohne Kopfputz, nur zwei mit Otterfell umwickelte Flechten fielen von seinen Schläfen weit über die breite Brust nieder. Außerdem bemerkte ich dicht unterhalb der festgeflochtene Wirbellocke eine dicke Strähne weißer Haare, die, wahrscheinlich auf einer vernarbten Wunde gewachsen, mit Vorbedacht recht augenfällig um die Skalplocke herumgewunden worden war. Von den Gesichtszügen war nicht viel zu erkennen, da sie zu sehr durch die dicke Lage roter Farbe verwischt wurden. Seinen Oberkörper schmückte außer einigen blauen Tätowierungen und dem Riemen, an der der gefüllte Köcher von Luchshaut und die Kugeltasche nebst Pulverhorn hingen, keine Bekleidung, dagegen fiel von seinem Gurt ein scharlachartiger schmaler Schurz bis auf die Erde nieder. Auch an seinen wildledernen Leggins und Mokasins waren alle nur denkbaren indianischen Zieraten von der farbigen Glasperle und den Lederfransen bis zu den flatternden Skalpstreifen von erschlagenen Feinden nicht unmalerisch angebracht worden. Meine Annäherung schien er gar nicht zu beachten, und obwohl er in mir einen Gebirgsjäger von Fach erkennen mußte, blickte er doch kaum auf, als ich ihn anredete. »Die Minetarehs sind gute Jäger,« begann ich in der mir geläufigen Sioux-Sprache, »sie kennen jeden Pfad in Wald und Prärie, sie besitzen zahlreiche Herden schöner Pferde und mehr gedörrtes Büffelfleisch, als sie zu verzehren vermögen. Ich wundere mich daher, daß ein Häuptling den Bleichgesichtern Dienste leistet, zu denen er seine Läufer hätte aussenden können. Oder ist mein roter Bruder vielleicht kein Häuptling?« »Blackbird ist ein Häuptling,« antwortete der Krieger ebenfalls in der Sioux-Sprache, und zugleich traf mich unter seinen gesenkten Augenlidern hervor ein Blick, so giftig, wie der einer gereizten Klapperschlange, wenn sie sich zum Angriff zusammenrollt und den Kopf zurückzieht, um den tödlichen Streich nach ihrem Opfer zu führen. »Mein Freund Blackbird ist ein Häuptling,« bemerkte ich in zweifelndem Tone, »und dennoch entfernt er sich von seinem Stamme ohne gebührende Begleitung; warum leistet er die Dienste, die einer von seinen jungen Männern ebensogut hätte leisten können? Mein Freund hat mir auf diese Frage nicht geantwortet.« »Ist es immer die junge Antilope, die der Kriegsadler niederstößt, oder nimmt er auch zuweilen zu Kaninchen und Springratten seine Zuflucht?« lautete die mit einem unerschütterlichen Ernst gestellte Gegenfrage. »Mein Freund Blackbird ist weise, er versteht zu antworten,« entgegnete ich höflich, »er muß viel mit weißen Menschen verkehrt haben, ich sehe es an dem Medizintäschchen, das er am Hals trägt; gewiß ist er im Besitz von sprechenden Papieren, die von seinen Tugenden erzählen?« Der Indianer fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Täschchen, doch sich schnell besinnend ließ er sie wieder sinken. »Blackbird war stets ein Freund der Weißen«, erwiderte er darauf scheinbar gleichmütig, »sie haben ihm sprechende Papiere gegeben mit vielen schönen Worten; aber Blackbird bedarf deren nicht, er versteht es, mit den Bleichgesichtern umzugehen und sich durch seine Taten auszuweisen.« »Will mein Freund mir die sprechenden Papiere zeigen?« fragte ich, denn die Bewegung des Indianers, so geringfügig sie auch war, hatte mich belehrt, daß er gerade von den in dem Täschchen verborgenen Papieren eine zum wenigsten ihm nicht erwünschte Aufklärung befürchte. Der Indianer schien meine Frage zu überhören, denn er wies mit seiner ausgestreckten Hand auf Schanhatta, indem er mich fragte, wieviel Pferde ich für die junge Squaw bezahlt haben wolle. »Nimm alle Büffel, die in der Prärie weiden, Häuptling, und mache Pferde daraus,« antwortete ich, der entsetzten Mandanenwaise einen beruhigenden Blick zuwerfend, »bringe mir die Pferde und biete sie mir für die junge Squaw, so werde ich dir antworten: es sind noch lange nicht genug. Schanhatta ist mein Eigentum und ich will sie behalten. Aber mein Freund Blackbird ist sehr eilig,« fügte ich höhnisch hinzu, »er stellt seinerseits Fragen, eh' er mir auf die meinigen geantwortet hat; zeige mein Freund mir die Papiere, und dann erst wollen wir von Weibern sprechen.« »Ich besitze nur ein Papier, und das ist verschlossen,« versetzte Blackbird, scheinbar teilnahmslos vor sich auf die röstenden Fleischschnitten starrend, »mein weißer Freund ist nicht Medizinmann genug, um durch das Papier hindurchzulesen.« »So zeige mein Freund es mir, oder fürchtet er, daß ich wirklich durch das Papier hindurchblicken und lesen könne, er sei ein Weib?« Wiederum traf mich ein drohender Blick aus den schläfrigen Augen, dem aber ebenso schnell ein Lächeln des Selbstbewußtseins folgte. »Der schwarze Vogel war ein Weib, solange sein Haar nur eine Farbe trug,« erwiderte mein schlauer Gegner, indem er sich stolz aufrichtete; »seit aber eine weiße Locke die Stelle bezeichnet, auf der ein Schippewä-Tomahawk seinen Schädel traf, ist er zum Manne geworden. Wo ist ein zweiter Krieger, der eine weiße Locke auf seinem Haupte aufzuweisen hätte? Die weiße Locke ist eine große Medizin; die Stelle, auf der sie wächst, blutete noch, da streifte der Minetareh-Knabe den ersten Skalp von dem Haupte eines mächtigen Schippewä-Kriegers, und er war kein Knabe mehr. Er wurde ein Mann und nannte sich nach dem schwarzen Vogel mit der weißen Krone. Blackbird ist also kein Weib, er liebt es nicht, in Gegenwart von Weibern seine sprechenden Papiere ins Sonnenlicht zu halten.« »Gut, mein großer Minetareh-Freund, die Prärie ist umfangreich genug, um Weibern auszuweichen; gehen wir dahin, wohin die Augen der Weiber nicht reichen. Ich will das verschlossene Papier sehen, vielleicht enthält es eine schädliche Medizin, die den schwarzen Vogel mit der weißen Krone an der Ausführung seiner Pläne hindert.« Bei diesen Worten öffnete der Indianer seine Augen weit. Offenbar sann er darüber nach, inwiefern ich mit meiner Voraussetzung recht haben könne. Der Umstand, daß Dalefield seinen Reiseplan geändert hatte, mochte ihn in seinem wachgerufenen Aberglauben bestärken. »Begleite mich mein Freund denn,« sagte er endlich, »bis um jenen Vorsprung, und ich will ihm das sprechende Papier zeigen.« Ohne ein Wort zu erwidern begab ich mich mit dem Indianer nach der bezeichneten Stelle, und wir warfen uns dort im Schatten einer verkrüppelten Pappelweide auf den Rasen nieder. »Mein weißer Bruder hat in seiner Begleitung eine schlanke, antilopenäugige junge Squaw,« hob Blackbird endlich an, »Blackbird ist ein berühmter Krieger, allein er hat auch ein Herz für Weiber. Sein Wigwam steht leer, er fand bis jetzt keine Squaw, die würdig gewesen wäre, sein Wigwam mit ihm zu teilen; er hat niemand, der die Häute des von ihm erlegten Wildes gerbt, niemand, der Perlen an seinen Leggins befestigt und die schadhaften Stellen an seinen Mokasins ausbessert. Er will nicht mehr allein in seinem Wigwam wohnen. Meines weißen Bruders Squaw gefällt mir; ich besitze Pferde genug, um mehr für das antilopenäugige Mädchen zu zahlen, als je für eine Häuptlingstochter hingegeben wurde. Mein Freund hat eine bleiche Haut, seine Begleiterin trägt die Farbe Blackbirds; braun und weiß paßt nicht zusammen; nehme mein Freund das bleiche Mädchen mit den Himmelsaugen, das ich ihm zuführte, und sage er mir ernstlich, was er für die junge Squaw verlangt.« Daß der Indianer so frei über Kate Dalefield verfügte, war mir ein neuer Beweis für seine verräterischen Absichten. Ich unterdrückte indessen behutsam jede Kundgebung von Argwohn. »Mein Freund Blackbird hat recht,« entgegnete ich daher, »die bleiche Frau würde besser zu einem bleichen Jäger als zu einem roten passen, und umgekehrt, meine braune Begleiterin besser für einen indianischen Krieger; allein weiß mein Freund auch, ob die beiden Mädchen auf seinen Vorschlag eingehen werden?« »Weiber haben keine Stimme im Rate von Männern,« versetzte der Indianer mit stoischer Ruhe. »Ganz recht, mein Freund, doch ist dies nur eine indianische Sitte. Wer bürgt mir dafür, daß das bleiche Mädchen mich nicht zurückweist?« »Wer will meinem Bruder nehmen, was er sich einmal angeeignet hat?« lautete die Gegenfrage; »die Prärie ist groß, eine Taube braucht viele Wochen, um von dem einen Ende nach dem andern hinüberzufliegen.« »Mein Freund spricht sehr wahr, doch darf ich jetzt noch keinen Entschluß fassen; ich kenne das bleiche Mädchen nicht, ich muß es länger sehen und von ihm träumen; im Traume verkündet Manitou den Menschen oft seinen Willen.« »Mein Bruder besitzt ein kleines Herz; Blackbird sah die antilopenäugige Squaw und sagte: sie soll die Mutter von Häuptlingen werden.« »Mein Freund Blackbird befindet sich unter dem Einfluß einer schädlichen Medizin; in seinen Papieren müssen böse Zauberworte enthalten sein oder er spräche nicht in so dringendem Tone von Weibern, solange sein Kopf noch mit den Plänen eines Kriegers angefüllt ist,« warf ich jetzt ein, um eine schnellere Entscheidung herbeizuführen. »Vermag mein Freund in meinem Kopfe zu lesen?« fragte der Indianer, indem er die eine Hand auf das an seinem Halse hängende Täschchen legte, während die andere wie spielend den Griff des in seinem Gurt steckenden Messers umspannte. »Nein, Blackbird, das vermag ich nicht,« entgegnete ich lachend, »allein es scheint mir, als ob die Gedanken meines Freundes sich verirrt haben; ich bedauere ihn, er ist das Opfer einer falschen Medizin, er befindet sich auf dem besten Wege, ein Weib zu werden und bei dem Anblick eines blutenden Hirsches zu beben.« Der Indianer betrachtete mich eine Weile von der Seite, dann das Täschchen öffnend und einen versiegelten Brief hervorziehend, hielt er mir die Aufschrift vor die Augen. »Versteht mein Bruder, was das Papier spricht?« fragte er sodann, mich anschauend, als ob er mich mit seinen Augen durchbohren wollte. Ich war indessen auf meiner Hut und nachdem ich ohne eine Miene zu verziehen gelesen: »Dem Herrn William Dalefield zu übergeben,« kehrte ich Blackbird mein vollständig ruhiges Gesicht wieder zu. »Allerdings verstehe ich, was das Papier spricht,« begann ich lächelnd, aber in bedauerndem Tone; »Hütet Euch vor dem Blackfoot-Indianer, er ist ein Weib im Kleide eines Kriegers, steht hier klar und deutlich; kein Wunder, daß mein Freund Blackbird lieber in die dunklen Augen einer jungen Squaw, als auf einen feindlich geschwungenen Tomahawk sieht.« Bei diesen Worten ließ der Indianer den Brief wie ein glühendes Stück Eisen fallen, doch hob er ihn sogleich wieder auf, und mich wiederum fest anschauend, fragte er ängstlich: »Spricht mein Bruder mit einer Zunge oder ist seine Zunge gespalten, wie die einer Schlange?« »Ich spreche mit einer einzigen Zunge, und wenn mein Freund meinen Worten nicht glaubt, so mag er hingehen und den andern Bleichgesichtern das Papier zeigen; sie werden ihm dasselbe sagen und viel Schlimmeres noch entdecken, wenn er das Schloß des Papiers öffnet und sie in die verborgenen Winkel desselben hineinblicken läßt.« Mit innerem Triumph bemerkte ich, daß der Indianer, der angesichts des schrecklichsten Martertodes mit keiner Muskel gezuckt haben würde, bei der seine Ideen verwirrenden Erklärung, er sei das Opfer einer übernatürlichen Täuschung geworden, seine Fassung verlor. »Will mein Bruder das Schloß des Papiers öffnen und sehen, was darin verborgen ist?« fragte er nach einer Weile, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte. »Wenn ich meinem Bruder einen Gefallen damit erweise,« entgegnete ich äußerlich gleichgültig, »ich liebe es sonst nicht, derartige Papiere lange zu betrachten, sie enthalten zuweilen böse Medizin und werden dadurch gefährlich.« »Ich werde es meinem Bruder danken, wenn er mir seine Augen und seine Zunge leiht,« erwiderte der Indianer dringend. Ohne etwas zu entgegnen, öffnete ich darauf den Brief, und langsam und jedes Wort meinem Gedächtnis fest einprägend, las ich ihn zu Ende, während Blackbirds glühende Augen wieder auf mir hafteten und den geheimnisvollen Inhalt des Schreibens aus meinen Zügen zu entziffern trachteten. »Mein teurer Dalefield,« lautete der Brief; »Daß Ihr Euch wirklich zu der Reise entschlossen habt, erfüllt mich mit großer Freude, aber auch mit einiger Besorgnis. Es war indessen ein glücklicher Gedanke, mir die ungefähre Richtung und Dauer Eurer Fahrt anzugeben; ich bin infolgedessen imstande, Euch entgegenzureisen. Haltet Euch stets in der Nähe des Missouri, wo möglich, auf seinen Ufern; es wird mir dann mit Hilfe einiger indianischer Läufer nicht schwer werden, zu Euch zu stoßen. Bei der sogenannten Großen Biegung werde ich Euch erwarten, wenn ich vor Euch daselbst eintreffen sollte. Übrigens ist der Überbringer dieses Schreibens beauftragt, Euch zu führen und die besten Lagerstellen zu bezeichnen. Er ist ein guter Jäger und hat als Krieger einen großen Ruf, wie mir von einzelnen seiner Stammesgenossen, den Blackfoot- Indianern, versichert worden ist; doch rate ich Euch, ihm nicht blindlings zu trauen. Die Eingeborenen dieser Gegend haben im Charakter Ähnlichkeit mit gezähmten Raubtieren; haltet sie kurz und seid unerschrocken, und sie dienen Euch gewissenhaft; zeigt ihnen Furcht und laßt sie erst das Übergewicht über Euch gewinnen, und Ihr habt das Schlimmste von ihnen zu befürchten. Die besten Grüße an Eure Söhne. Auf ein fröhliches Wiedersehen um Mitte Juni. Der Eurige Halbert. Nachschrift. Daß Miß Kate Euch durchaus begleiten wollte, sieht dem lieben Kinde ganz ähnlich; so gern ich sie auch wiedergesehen hätte, so beruhigt fühle ich mich wieder, sie nicht in Eurer Gesellschaft zu wissen.« So lautete der Brief, der mir mit einem Male die hinterlistigen Pläne des Indianers aufdeckte und mich belehrte, wie unvermeidlich der Untergang der ganzen Familie gewesen wäre, wenn man sich noch einige Tage länger Blackbirds Führung überlassen hätte. Aber auch jetzt war die Gefahr, wenn auch hinausgeschoben, doch keineswegs beseitigt; denn daß Blackbird seinen Plan, sich in den Besitz von Dalefields Eigentum zu setzen, noch nicht aufgegeben hatte, war durch das Verschwinden seines Gefährten erwiesen. Doch hier war keine Zeit mehr, Betrachtungen aufzustellen; die mißtrauischen Blicke eines scharfsinnigen und grausamen Feindes waren auf mich gerichtet, und noch eh' ich den Brief ganz durchgelesen hatte, wußte ich bereits, was ich Blackbird als vorgeblichen Inhalt des Schreibens am zweckmäßigsten mitzuteilen habe. »Mein tapferer Freund muß einen Feind in Fort Union haben,« bemerkte ich, einen gewissen Ausdruck von Schadenfreude in den Ton meiner Stimme legend, »ein anderer würde nie gewagt haben, einen großen Krieger in solcher Weise zu beschimpfen und ihn zum Träger einer Medizin zu machen, die sein Herz allmählich in das eines Weibes verwandeln muß.« Blackbird schaute mich erstaunt an; eine seltsame Mischung von Haß, Rachedurst und abergläubischer Furcht spielte auf seinen zinnoberroten Zügen. »Alle Weißen sind Feinde der Rothäute,« zischte er mir giftig zu, »aber worauf wartet mein Bruder mit dem kalten Herzen? Möge er mir sagen, was das Papier enthält, damit Blackbird wisse, gegen wen er seine Rache kehre.« Ich hob den Brief wieder empor und langsam, als ob ich den Inhalt in die Sioux-Sprache übersetze, begann ich, mit Vorbedacht solche Worte wählend, von welchen ich erwarten durfte, daß sie die beabsichtigte Wirkung auf den Indianer ausüben würden: »Dalefield, Halbert sendet Dir die Hand. Der Blackfoot, der ein Minetareh sein will, soll Dir den Weg zeigen am großen Flusse hinauf. Ich habe in Blackbirds Herz gelesen. Sein Herz ist das eines Weibes und soll das Herz eines Weibes bleiben, so lange er dies Papier in seinen Händen hält; alle seine Unternehmungen werden mißlingen. Übergibt er Dir dies Papier und führt er Dich, wie er versprach, sicher am Missouri hinauf, so ist der böse Zauber gebrochen und er wird wieder ein Mann und Krieger.« »Ist das alles?« fragte der Indianer hastig, sobald ich schwieg. »Das ist alles, und ich rate meinem Freunde, das Papier seinen weißen Freunden einzuhändigen, der schädliche Zauber wird alsdann gebrochen sein.« »Wenn das Medizinpapier nicht mehr in Blackbirds Händen ist, so ist der Zauber gebrochen?« fragte der Indianer mit glühenden Augen und bebenden Lippen, indem er mir den Brief fortnahm. »Ganz gewiß,« antwortete ich, nichts Arges ahnend und den besten Erfolg hoffend. Blackbird legte das auseinandergefaltete Papier vor sich auf die Erde, dann schüttete er etwas Pulver darauf, und nachdem er mittels Stahl und Stein ein Stückchen Baumzunder in Brand gesetzt hatte, näherte er diesen dem Pulver, und im nächsten Augenblick glimmte das durch das Aufblitzen geschwärzte Papier an verschiedenen Stellen. Obwohl ich den Inhalt des Briefes ziemlich genau im Gedächtnis behalten hatte, sah ich doch mit Bedauern ihn in Asche zerfallen. Blackbird dagegen betrachtete mit leicht erkennbarer Schadenfreude die hellen Funken, wie sie mit komischer Eilfertigkeit auf den verkohlten Teilen des Briefes ein Weilchen umherirrten, bis sie endlich erstarben. Hätte ich noch an seinen verräterischen Absichten gezweifelt, der Ausdruck, mit dem er zuletzt den vor seinem verstärkten Hauch davonstäubenden schwarzen Flocken nachblickte, wäre genügend gewesen, mir volles Licht über diese zu verschaffen. Aus seinen schwarzen Augen leuchtete der unversöhnlichste Haß und eine schwer zu befriedigende Raublust. Es leuchtete daraus hervor, daß er ebensowenig daran denke, Dalefield und seine kleine Expedition unangefochten Fort Union erreichen zu lassen, als auch seine Pläne betreffs Schanhattas aufzugeben. Schweigend kehrten wir in das Lager zurück, ich mir voll bewußt, welche Verantwortlichkeit jetzt auf mir lastete. 22 Ein Nachtmarsch Dalefield und die Seinigen über unsere gemeinschaftliche Lage aufzuklären durfte ich nicht wagen, denn der argwöhnische Indianer wich mir nicht mehr von der Seite. Ich entschloß mich daher, vorläufig nur die Rolle eines Reisehauptmanns zu übernehmen, dessen Anordnungen sich alle übrigen unbedingt zu unterwerfen hatten. Meine geheime Unterhaltung mit Blackbird war nicht unbemerkt geblieben, und da ich allen ein heiteres, unbesorgtes Gesicht zeigte und zwischen dem Indianer und mir scheinbar ein gutes Einvernehmen herrschte, so beruhigte man sich allmählich wieder. Außer Schanhatta war ich wohl der einzige, dem es auffiel, daß Blackbird, so frei er sich auch in unserer Gesellschaft bewegen mochte, keinen Augenblick seine Waffen ablegte, wodurch mir jede Gelegenheit genommen wurde, ihn unschädlich zu machen. So rückte der Abend heran und nur noch in geringer Höhe stand die Sonne über dem Horizont. Zwischen meinen Gästen und mir hatte sich im Laufe des Nachmittags ein freundschaftliches Verhältnis gebildet; es befremdete daher niemand, als ich Kate Dalefield in scherzhafter Weise fragte, ob sie mich auf einem kurzen Spaziergange am Fluß hinunter begleiten wolle. »Mit Freuden!« rief das heitere Mädchen aus, »denn da ich als eine gehorsame und pflichtgetreue Tochter meine einsamen Ausflüge aufgeben muß, kann ich Euer Anerbieten nur dankbar annehmen, vorausgesetzt, Ihr versprecht mir, daß unser Spaziergang nicht über eine Stunde dauern soll.« »Ich verspreche es,« entgegnete ich lachend, und bald darauf schritten wir langsam auf dem Ufer des Flüßchens dahin. Kaum aber befanden wir uns außer Hörweite, so fragte ich, ob sie, mit ihrem unerschütterlich heiteren Humor sich wohl stark genug fühlte, die Nachricht von einer drohenden Gefahr lachend entgegenzunehmen. Ein Zug von Besorgnis glitt über das freundliche Antlitz, im nächsten Augenblick aber schüttelte sie mutwillig ihr schönes Haupt. »Beinah hätte ich mich einschüchtern lassen!« rief sie jubelnd aus, »erzählt mir immerhin die grausigsten Dinge, und verrate ich auch nur mit einer Miene Furcht, so will ich zugeben, daß ich besser hinter den Nähtisch als in die Prärie passe.« »Gut, Miß Kate, gebt Euch Mühe, ein sorgloses Äußere zu bewahren, und hört mir aufmerksam zu. Ich, oder vielmehr wir werden von feindlichen Augen aufmerksam beobachtet, seid daher auf Eurer Hut, vertraut mir blindlings und gehorcht meinem Willen, ohne nach dem Warum zu fragen. Wenn Ihr meinen Worten Glauben beimeßt und mir Euer vollstes Vertrauen schenkt, so pflückt zum Beweise dafür die erste beste Blume und gebt sie mir; Blackbird sieht uns, seine Adleraugen müssen getäuscht werden.« Kaum hatte ich ausgesprochen, so trat Kate einige Schritte von mir fort, und nachdem sie eine rote Blume gepflückt, reichte sie mir diese mit einer anmutigen Verbeugung dar. Dabei lachte sie, doch entging mir nicht, daß ihre Wangen etwas bleicher geworden waren. »Ihr seid von den Führern schändlich hintergangen worden,« fuhr ich fort, während ich die Blume auf meinen Hut steckte. »Sie sind mit einem Briefe an Euch abgeschickt worden, um Euch am Missouri hinaufzuführen. Den Brief unterschlugen sie und hegten die Absicht, Euch weit abwärts zu locken und Euch in der abgelegenen und von den Truppen nie besuchten Wildnis zu berauben.« Als ich schwieg, sprang Kate wieder davon, und indem sie mir gleich darauf abermals eine Blume darreichte, fragte sie mit etwas erzwungenem Lächeln: »Wer hat den Brief geschrieben?« Ich hatte unterdessen mein Messer aus dem Gurt gezogen und auf meiner Brust in den Lederkittel ein kleines Loch geschnitten. »Halbert, war der Brief unterzeichnet,« antwortete ich, die Blume mit dem Stengel in die eben geschnittene Öffnung schiebend. Als ich wieder aufschaute, bemerkte ich, daß sich eine liebliche Röte über Kates Antlitz ausgebreitet hatte und ihre Blicke noch immer auf der Blume hafteten. Eine Weile schritten wir schweigend nebeneinander hin; dann aber fuhr ich fort: »Wie nahe die Gefahr ist, weiß ich nicht, doch nehme ich an, daß sie uns aus unmittelbarster Nähe bedroht. Wir müssen infolgedessen heute abend noch aufbrechen und die ganze Nacht hindurch unterwegs sein. Aber von dem argwöhnischen Indianer scharf bewacht, kann ich mit Eurem Vater keine Rücksprache nehmen. Um des Indianers Verdacht gegen mich einzuschläfern, bitte ich darum Euch, Eurem Vater zu sagen, daß er, als ob dies sein eigener Wille sei, das Zeichen zum Aufbruch geben solle. Sprecht aber nicht in Blackbirds Gegenwart zu Eurem Vater, er versteht etwas Englisch; wartet überhaupt, bis er sich mit mir entfernt hat, und zeigt ihm ein so fröhliches unbefangenes Antlitz, wie es nur in Euren Kräften liegt.« Die mutige Kate versprach mir feierlich, für die pünktliche Ausführung meiner Anordnung Sorge zu tragen. Sie war ein seltenes Mädchen, das der Ermutigungen nicht brauchte. Ihre Ruhe schien in demselben Grade zu wachsen, in dem sie einen klaren Einblick in die sie umgebenden Gefahren gewann. Als wir ins Lager zurückkehrten, trafen wir Blackbird vor meinem Küchenfeuer sitzend. Mich an seine Seite ins Gras werfend, versuchte ich eine Unterhaltung mit ihm einzuleiten, da er sich aber sehr einsilbig zeigte, so knüpfte ich ein Gespräch mit Schanhatta an, das vorzugsweise die Fortsetzung unserer Reise stromaufwärts betraf. Ob es mir gelang, den listigen Indianer zu täuschen, weiß ich nicht, doch hatte ich die Genugtuung zu bemerken, daß er überrascht emporschaute, als ich von Dalefield eingeladen wurde, zu ihm ins Zelt zu kommen. Ich ging; Blackbird folgte, wie sich vorhersehen ließ, mir auf dem Fuße, und als ich neben Dalefield auf dem weichen Rasen Platz nahm, lag der Blackfoot-Krieger ihm bereits gegenüber zwischen den beiden jungen Leuten. Kate befand sich noch mit ihrer Negerin in dem kleinen Zelt, in dem sie ihrem Vater die betreffenden Mitteilungen gemacht hatte; es war mithin alles vermieden worden, was des Indianers Mißtrauen gegen mich hätte schüren können. »Ihr kommt geradenwegs vom Missouri,« begann Dalefield nach einigen oberflächlichen Einleitungsformeln, »und müßt daher die Bodengestaltung zwischen hier und dort kennen; ist es wirklich so schwierig, in nächster Richtung an den Missouri zu gelangen, wie mein braver Freund und Führer versichert?« »Der Weg ist schlecht und hindernisreich,« entgegnete ich, um dem Indianer nicht Unrecht zu geben, »doch bezweifle ich nicht, daß Ihr mit Euren guten Pferden die Schwierigkeiten leicht besiegen werdet.« »Wollt Ihr uns nicht bis an den Missouri begleiten?« fragte Dalefield weiter. »Mein Weg liegt stromaufwärts,« antwortete ich ausweichend. »Nun, ich verlange nicht Euren Schaden und bin bereit, Euch in blankem Gelde soviel zu entrichten, wie Ihr für Eure Dienste fordert.« »Das ist etwas anderes; ich lebe von der Jagd und die Zeiten sind zu schlecht, als daß ich einen kleinen Nebenverdienst ausschlagen dürfte.« »Gut also, hier ist meine Hand; aber eine Bedingung, die hohe Sonnenglut macht das Reisen am Tage geradezu unerträglich, Ihr müßt heute abend noch mit mir aufbrechen.« »Zu jeder Stunde bin ich bereit,« erwiderte ich, den scheinbar in tiefe Gedanken versunkenen Indianer verstohlen von der Seite betrachtend, »meine geringen Habseligkeiten sind bald gepackt und meine Pferde hinlänglich ausgeruht.« »Wohlan, sagen wir also, zwischen jetzt und einer Stunde brechen wir auf.« »Ich bin damit einverstanden, vorausgesetzt, mein Freund Blackbird hat keine wichtigen Einwendungen dagegen zu erheben. Sein Gefährte ist noch nicht eingetroffen.« Die letzten Worte sprach ich ganz langsam und zu Blackbird gewendet, damit er sie verstehen sollte. Die Änderung des Reiseplans schien ihn nicht im geringsten zu verdrießen; er nickte zustimmend mit dem Kopfe, woran er die Bemerkung knüpfte, daß sein Gefährte, wenn er eintreffen und uns davongegangen finden sollte, unverzüglich unserer Spur folgen würde. Der Befehl zum Aufbruch wurde darauf ohne weiteren Zeitverlust gegeben, und alsbald bewegten alle sich geschäftig hin und her. Auch Schanhatta, die mit meinen Sachen fast besser vertraut war als ich selbst, arbeitete eifrig. Sie erriet, daß auf meine Veranlassung der Reiseplan geändert worden sei, für sie der triftigste Grund, sich auf alle mögliche Weise zu beeilen. So kam es, daß unsere gesattelten und beladenen Pferde längst zum Aufbruch bereit umherstanden, während man in dem andern Lager sich noch immer mit den Zurüstungen beschäftigte. Im Begriff, zu Dalefield hinüberzugehen und meine Hilfe anzubieten, gewahrte ich plötzlich auf der Felswand, auf der ich Kate zum erstenmal erblickt hatte, das Aufblitzen schwacher Funken. Überzeugt, daß sich dort oben niemand anders als der hinterlistige Blackfoot befinden könne, um durch Feuerzeichen seine Raubgenossen von unserem Vorhaben in Kenntnis zu setzen, ergriff ich meine Waffen, und Schanhatta durch einen Wink über meine Absicht beruhigend, eilte ich in die schwarze Regenschlucht hinein, von der aus ein zugänglicher Abhang nach der Höhe hinaufführte. Schritt vor Schritt bewegte ich mich an dem schwarzen Abhange hinauf, und da Mokasins von dem weichsten Wildleder meine Füße schützten, mithin ein Luchs nicht leiser aufzutreten vermocht hätte, so gelangte ich unbemerkt so dicht an Blackbird heran, daß ich seine Bewegungen in dem schwachen Schein des kleinen, nunmehr bereits hell auflodernden Feuers genau beobachten konnte. Seine Büchse hatte er neben sich auf einen Felsblock gelegt und sorgfältig schichtete er immer neue dürre Reiser über den Flammen auf, um diese nicht in der Breite an Ausdehnung gewinnen, wohl aber recht hoch emporschlagen zu lassen. Die Wirkung des Feuers zu vernichten war es mutmaßlich schon zu spät, die kleine Flammenpyramide konnte auf dem hervorragenden Punkte weithin wahrgenommen werden; dagegen glaubte ich hier die beste Gelegenheit zu finden, den Verräter unschädlich zu machen und ihm ein für allemal den Verkehr mit seinen Genossen abzuschneiden. Da erhob jener sich, um unter dem das Gestein spärlich bedeckenden Gestrüpp noch einen neuen Vorrat von dürren Reisern zu suchen. Nur wenige Schritte weit ließ ich ihn fort, dann aber stürzte ich mit zwei Sätzen nach der frei daliegenden Büchse hin. Der Indianer hörte, daß hinter ihm etwas Ungewöhnliches vorging, und stutzte; als er sich aber umwandte, um sich von der Ursache des Geräusches zu überzeugen, stand ich vor dem Feuer neben seiner Büchse, ihm die Mündung meines eigenen Gewehrs wie zufällig entgegenhaltend. »Mein Freund liebt wohl nicht die Einsamkeit, daß er seinen abwesenden Gefährten herbeiruft,« begann ich in entschlossenem Tone, das Feuer mit dem Fuße auseinanderstoßend. »Besitzt mein abwesender Gefährte die Augen eines Uhus, daß er uns in der Nacht aufzufinden vermöchte?« fragte der Indianer vollkommen ruhig zurück, doch entdeckte ich bei dem von den noch flackernden Reisern ausströmenden Schein, wie er durch eine kurze Bewegung der Schultern den auf seinem Rücken hängenden Köcher mit dem daran befestigten Bogen nach vorn in den Bereich seiner Hände warf. »Mein Freund spricht mit zwei Zungen; warum lauten seine Worte hier oben anders als dort unten?« entgegnete ich, die Hände Blackbirds scharf bewachend. »Blackbird ist ein Häuptling und der stärkste Krieger seines Stammes;« erwiderte der Indianer, »er hält es für unnötig, alle Fragen seines bleichen Freundes zu beantworten. Übrigens besitzt mein Freund eine sehr schnelle Zunge, er fragt mehr, als einem Manne geziemt; nur Weiber kümmern sich um Sachen, die sie nicht berühren; die junge weiße Squaw scheint meinem Freunde zuviel Weichheit ins Herz gegossen zu haben.« »Ziehe mein Bruder die Hand von seinem Bogen zurück,« versetzte ich, indem ich den Hahn meiner Büchse spannte, denn ich glaubte eine verdächtige Bewegung bemerkt zu haben, »die Kugel in meiner Büchse ist lose, sie könnte den Blackfoot-Häuptling treffen.« »Blackbird ist ein Häuptling unter den Blackfoot-Kriegern; wer hat ihm zu befehlen? Ein Blackfoot handelt, wie er will; er braucht niemand zu fragen. Will mein Freund einen Schritt zurückweichen, daß ich die Hand auf meinen Karabiner lege?« »Nein, Häuptling, die Büchse erhältst du nicht eher zurück, als bis deine weißen Reisegefährten den Missouri wohlbehalten erreicht haben. Du warst ein Minetareh und jetzt bist du ein Blackfoot; du hast eine gespaltene Zunge, du bist ein Lügner, der verdient, mit der Peitsche eines Weißen gegeißelt zu werden.« »Alle Weißen sind Lügner, ein Blackfoot-Häuptling brauchte einem Bleichgesicht die Wahrheit nicht zu sagen,« entgegnete Blackbird höhnisch, »weiche mein Freund zurück, meine Hand ist gewohnt, den Karabiner zu tragen; will aber mein Freund mit mir um seine antilopenäugige Squaw handeln, so ist es um soviel besser für ihn; denn Blackbird gebietet in der Prärie, er kann nehmen, was ihm beliebt, ohne ein Haar aus der Mähne seines elendesten Pferdes dafür hinzugeben.« »Und ich gebiete wieder über dich, mein Freund,« antwortete ich, fest entschlossen, es auf das Äußerste ankommen zu lassen, um den Verräter unschädlich zu machen; »du erhältst die Büchse nicht, du wirst mich ohne Büchse bis an den großen Strom begleiten, und dann magst du hingehen, wohin du willst.« »Zurück!« rief ich jetzt aus, als ich bemerkte, daß der Indianer einen Schritt nach vorne tat, »zurück, oder morgen spielen die Cayotas mit deinen Gebeinen!« Ich hatte indessen kaum ausgesprochen, da fiel der Indianer, wie vom Blitz getroffen, zu Boden. Ich glaubte natürlich, er wolle sich seines Gewehrs bemächtigen, und bückte mich schnell nach diesem nieder, und zu meinem Glück, denn in demselben Augenblick fühlte ich, daß die Federn eines Pfeilschaftes den Rand meines Hutes streiften, er also die Absicht gehegt hatte, mich in das Gesicht zu treffen, was aus so geringer Entfernung wahrscheinlich von tödlichen Folgen begleitet gewesen wäre. Ein zweiter Pfeil streifte noch meine Schulter, und dann erriet ich aus dem Geräusch der unter seinen Tritten sich lösenden Steine, daß er sich eiligst entfernte. Kaum hörte ich die Schritte des flüchtigen Indianers verhallen, so begab ich mich schleunigst in das Tal hinab. Das erbeutete Gewehr sowie der Bericht über mein Zusammentreffen mit Blackbird, dessen Feuer man allerdings von unten aus wahrgenommen, indessen für ein harmloses, dem abwesenden Gefährten geltendes Signal angesehen hatte, waren ganz geeignet, die Gemüter in ängstliche Spannung zu versetzen. Die letzten Vorbereitungen zum Aufbruch wurden daher mit verdoppelter Schnelligkeit beendigt, so daß wir bald nach meiner Rückkehr von der Felswand unsere Pferde besteigen konnten. Meine beiden Lasttiere wurden mit Dalefields bepackten Handpferden von dem berittenen Neger an langen Leinen dicht hinter der vierspännigen Reisekalesche hergeführt. Der Fuhrmann, Dalefield und sein jüngerer Sohn bildeten die Sicherheitswache des Wagens, während der andere Arbeiter und der ältere Sohn in der Entfernung von ungefähr hundert Schritten folgten und ich mit meiner Mandanenwaise in derselben Entfernung dem Zuge vorausritt. In dem Wagen saß nur Kates Dienerin; sie selbst behauptete, sich auf dem Rücken ihres sichern Pferdes am wohlsten zu fühlen, und daß ihre Büchse sich, im Fall der Not, als ebenso wertvoll wie die der Männer ausweisen würde. Dagegen ließ sich nicht viel einwenden, und im Grunde befand sie sich auch im Sattel sicherer als im Wagen. Ich machte daher dem kurzen Wortwechsel dadurch ein Ende, daß ich mein Pferd antrieb und die Gesellschaft aufforderte, sich mir ohne Verzug, aber auch ohne zu großes Geräusch anzuschließen. Schweigend zogen wir sodann durch die nächtlich stille Landschaft dahin; nur aus weiter Ferne drang das tiefe Geheul der großen weißen Wölfe und das Gekläffe der nicht minder raubgierigen, jedoch kleineren und furchtsameren Präriewölfe zu uns herüber. Es klang unheimlich, aber nicht drohend; im Gegenteil, eine gewisse Poesie lag in den Tönen, die an den Charakter der endlosen uns umgebenden Wildnis mahnten; denn im übrigen hätte man sich in einem angebauten Landstrich wähnen können oder auf dem Wege nach der heimatlichen Farm, nachdem man den Tag über in der Stadt zugebracht und durch einige gute Freunde ein Stündchen über die gewöhnliche Zeit aufgehalten worden. Die Pferde schnaubten, wie auf den Landstraßen in belebteren Gegenden, und wie dort klapperten die eisernen Achsen des auf unebenem Wiesenboden einherschwankenden Wagens gegen die festbeschlagenen Räder. Schanhatta ritt mir zur Seite. Bis jetzt hatte sie geschwiegen und, da wir nicht weit um uns zu spähen vermochten, alle ihre geistigen Kräfte gewissermaßen in ihr Gehör übertragen. Jetzt aber, da bei der zunehmenden Helligkeit die Augen den Dienst des Gehörs mehr als ersetzten, lenkte sie ihr Pferd dicht an das meinige heran, um mir durch ihr kindlich harmloses Geplauder die Zeit zu verkürzen und die Sorgen, von denen sie mich befangen glaubte, von meiner Stirne zu verscheuchen. Sie wußte, daß, wenn ich ihr auch nicht antwortete, sie doch gern sprechen hörte. So geschah es auch in dieser Nacht. Unfähig, etwas anderes auszusprechen, als was sie dachte, wählte sie zum Gegenstand ihrer Unterhaltung eben nur das, was ihren Geist gerade am meisten beschäftigt hatte und noch beschäftigte. »Mein treuer Beschützer wird das schöne bleiche Mädchen samt den Ihrigen in Sicherheit bringen,« begann sie mit gedämpfter Stimme, nachdem wir uns durch einen Blick rückwärts überzeugt, daß die letzten des Zuges wohlbehalten nach der Ebene hinauf gelangt waren; »ich freue mich, denn es sind gute Menschen, die mein Beschützer der Rache des schlechten Blackfoot entrissen hat. Und die Amerikanerin ist so schön wie ein klarer Frühlingsmorgen; ihre Haare sind gefärbt von den Strahlen der aufgehenden Sonne, und der wolkenlose Himmel ruht in ihren Augen. Sie spricht nicht, sie singt; aber sie singt wie der muntere Spottvogel und nicht traurig wie der scheidende Schwan. Sie ist eine Frau, aber sie besitzt das mutige Herz eines Kriegers. Sie versteht es, fettes Wildfleisch auf Kohlen zu rösten, und dabei zittert ihre Hand nicht, wenn ihre Finger den Schaft der Büchse umklammern.« Schanhatta hielt hier inne, als ob sie einige beipflichtende Bemerkungen von mir erwartet hätte. Ich dagegen verharrte schweigend; war ich doch nur allzusehr ihrer Meinung und ergötzte mich darum herzlich an der seltsamen Weise, in der Schanhatta die angestammten und ihrer Muttersprache entnommenen indianischen Bilder in ihr gebrochenes Englisch übertrug. Nachdem sie eine Weile vergeblich auf eine Entgegnung von mir gewartet, begann sie von neuem: »Mein Freund hat so klare Augen, aber sie sind heller gefärbt, als die Schanhattas; sieht er deshalb auch anders als seine Tochter? Sieht er nicht, daß die fremde bleiche Frau schön ist und ein Herz besitzt, so weich wie der Klageruf des Kuckucks?« »Ja, mein Kind, ich halte die fremde junge Dame nicht nur für sehr schön, sondern ich weiß auch, daß sie neben ihrem wunderbaren Frohsinn ein braves, edles Gemüt besitzt,« antwortete ich mit Wärme. »So fordere mein Gebieter das schöne himmelsäugige Mädchen zum Weibe, sie ist gut, sie wird den Weg, auf dem er wandelt, ebnen und von Dornen reinigen; sie ist gut, sie wird die arme Mandanen-Waise nicht verstoßen.« »Weißt du denn, ob sie mir als Gattin folgen will?« fragte ich. »Welches Mädchen würde nicht glücklich, nicht stolz sein, von meinem Gebieter zum Weibe verlangt zu werden?« Ehe ich hierauf etwas erwidern konnte, wurden wir durch den Galopp eines Pferdes gestört, und gleich darauf sprengte Kate, ihre leichte Büchse vor sich auf dem Knie, an Schanhattas Seite. »Dort hinten ist's langweilig,« hob sie halb lachend, halb schmollend an, als Schanhatta ihr Pferd anhielt, um Kate dadurch an meine Seite gelangen zu lassen; »mein guter Vater und meine Brüder spähen so ängstlich um sich, als ob hinter jedem Distelbusch ein feindlicher Krieger verborgen wäre, und meine schwarze Nelly klappert vor Furcht mit den Zähnen, daß man es zehn Schritte weit hört, ihr aber reitet hier vorne ruhig eures Weges und unterhaltet euch so lebhaft, als befänden sich die nächsten Indianer wenigstens hundert Meilen von uns entfernt.« »Und Ihr wollt an dieser Unterhaltung teilnehmen, obwohl ein einfacher Fallensteller und eine indianische Waise Euch nur wenig Interessantes zu sagen vermögen?« »O nicht so, nein, nicht so, ich habe bereits genug von Euch gehört, um zu wissen, daß Ihr nicht für die Wildnis geboren und erzogen seid. Ihr dürft auch nicht in der Wildnis verkommen, unbeachtet einen trüben Lebensabend erwarten, denn vermöge Eurer geistigen Überlegenheit seid Ihr für einen höhern und edlern Wirkungskreis bestimmt.« »Meine Vergangenheit ist nicht der Art, daß ich noch besondere Ansprüche an die Welt erheben könnte,« antwortete ich ernst, obwohl Kates freundliches Zureden mich so sanft berührte, daß ich ihr noch lange hätte zuhören mögen. »Aber gerade von Eurer Vergangenheit wünschte ich mit Euch zu sprechen,« versetzte Kate herzlich, »nur müßt Ihr nicht glauben, daß kleinliche Neugierde dergleichen Wünsche in mir wach gerufen habe; nein, gewiß nicht. Die ernste Antwort, die Ihr mir heute erteiltet, weckte zuerst meine Teilnahme an Eurer mutmaßlich sehr trüben Vergangenheit, die Teilnahme aber verwandelte sich innerhalb weniger Stunden in eine schwesterliche Zuneigung. Laßt mich nun auch in die Rechte einer Schwester eintreten und öffnet Euer Herz, wie es sich für einen vertrauensvollen Bruder ziemt.« »Wie soll ich für soviel Güte danken,« antwortete ich tief ergriffen, denn dergleichen Worte waren mir im Laufe der Jahre so fremd geworden, daß sie mir wie eine freundliche Botschaft aus dem Jenseits erklangen, »ich nehme Eure Schwesterhand gerne an,« fuhr ich fort, die kleine Hand sanft in der meinigen drückend, »und wenn Euch das Bewußtsein, einen Mitmenschen beglückt zu haben, zur Freude gereicht, so vernehmt, daß es mich mehr als beglückt, meine Vergangenheit, die ich vor keinem sterblichen Ohr mehr glaubte berühren zu brauchen, rückhaltlos vor Euch aufzudecken.« Darauf begann ich meiner lieblichen Gefährtin einen kurzen Abriß meiner Lebensgeschichte zu geben. Als ich mich aber erst in die Schilderung der vergangenen Tage vertieft hatte, da wurde ich allmählich ausführlicher. Meine hochfahrenden Jugendträume, meine getäuschten Hoffnungen und mein zerstörtes Lebensglück traten mir so lebhaft vor die Seele, wie seit den Erlebnissen selbst noch nie, und eine süße Freude, einen mildernden, mich warm durchströmenden Trost gewährte es mir zu bemerken, wie Kate hin und wieder ihr Tuch heimlich nach den Augen führte, aus denen sich helle Tränen hervorstahlen. Hinter uns rasselte der Wagen und schnaubten die Rosse, in der Ferne jagten die Wölfe heulend ihre Beute; die Laubfrösche sangen eifrig unter ihrem grünen Blätterdach, die muntern Heimchen zirpten lustig zwischen Moos und Gestein und in sinnig angelegten Erdhöhlen, aber lauter als dies alles ertönte bald hier, bald dort traurig und klagend, jedoch durchdringend, des Ziegenmelkers melancholisches Wippoorwill. Höher stieg der Mond, kürzer wurden unsere Schatten und still und friedlich zogen die Sternbilder auf ihren ewigen Bahnen dahin. Der bleiche Schimmer im Osten erinnerte an den Anbruch des Tages, und noch war ich nicht mit meiner Erzählung zu Ende gekommen. O, ich hätte tage-, ja wochenlang so fortfahren mögen zu schildern und zu beschreiben! Aber hinter den fernen Hügelreihen, die den Lauf des Missouri bezeichneten, schossen die ersten Sonnenstrahlen hervor – ich mußte zu Ende kommen. Kate beachtete den Sonnenaufgang nicht, und obwohl ich schwieg, hielt sie noch immer, wie lauschend, ihre Blicke fest auf die zottige Mähne ihres geduldigen Mustangs gerichtet. In Milliarden von Tautropfen spiegelten sich die goldenen Sonnenstrahlen, die belebend über die weite Prärie dahinschossen; sie spiegelten sich in den Tautropfen und in zwei Tränen, die an Kates langen, seidenen Wimpern zitterten. Aber auch mit den wunderbar starken blonden Haaren und der Adlerfeder auf der keck nach der einen Seite hinübergeschobenen Mütze tändelten sie, und glänzend beleuchteten sie die anmutige, züchtige Gestalt, wie diese elastisch den Bewegungen des Pferdes nachgab, und das gute, liebe Gesicht, von dem die wehmütige Teilnahme das Lächeln des Frohsinns nicht gänzlich zu verdrängen imstande war. »Jetzt, nachdem Ihr mir einen Blick in Eure Vergangenheit gestattet habt, bin ich Euch noch mehr Schwester geworden,« hauchte Kate mir mit leiser Stimme zu, denn sie erriet aus dem näher rückenden Hufschlag, daß ihr Vater oder einer ihrer Brüder sich dicht hinter uns befand. »Die eine Nacht wäre glücklich überstanden!« rief Dalefield im nächsten Augenblick, mich dadurch zum Halten veranlassend; »von Indianern, soweit das Auge reicht, keine Spur, wir dürfen also hoffen, ungehindert den Missouri und demnächst Fort Union zu erreichen.« »Je weniger sich unsere Feinde zeigen, um so mehr haben wir Grund, auf unserer Hut zu sein,« entgegnete ich laut, um von allen verstanden zu werden und zugleich zur fortgesetzten Wachsamkeit zu ermahnen, »ich müßte mich sehr in ihnen täuschen, wenn die Blackfeet ein mit soviel Überlegung eingeleitetes Unternehmen nach dem ersten Mißlingen schon wieder aufgeben wollten; jedenfalls aber haben wir die Aussicht, den Tag über ungestört zu bleiben. Auf jeden Fall wollen wir jetzt erst einmal Rast halten,« damit wies ich auf eine Wiesenfläche nahe am Flusse hin. 23 Die Überfahrt Ungefähr drei oder vier Meilen befanden wir uns noch von dem Missouri entfernt, als am dritten Morgen unserer Reise die aufgehende Sonne die über den feuchten Niederungen schwebenden Nebelstreifen zu zerteilen begann. Unsere Tiere waren zwar ermüdet, doch wurde mein Vorschlag, nicht eher zu rasten, als bis wir die gelben Fluten des Missouri vor uns sehen würden, bereitwillig angenommen. Ich lenkte daher aus dem Tal des Flüßchens nördlich hinaus, um den von den beiden Gewässern gebildeten Winkel abzuschneiden und einen beträchtlichen Umweg zu ersparen. Wir waren wieder einmal auf dem schroffen, aber nachgiebigen Abhange einer Regenschlucht hinabgezogen, als Schanhatta und ich, die wir der übrigen Gesellschaft eine kurze Strecke voraus ritten, plötzlich wie auf ein verabredetes Zeichen halten blieben und den Boden vor uns aufmerksam betrachteten. In der nächsten Minute hielten Dalefield, Kate und deren beide Brüder neben mir, ihre überraschten Blicke bald fragend auf mich, bald auf eine größere Anzahl von Mokasin- Spuren gerichtet, die auf dem Boden der Schlucht im Sande deutlich und tief ausgeprägt waren. »Sind dies die Spuren von Blackbirds Genossen?« fragte Dalefield, einen besorgten Blick auf seine Tochter werfend. »Ohne Zweifel,« gab ich zur Antwort, »fragt nur Schanhatta; ein Kind vermag mit Leichtigkeit den Schnitt eines Blackfoot-Mokassins von dem eines Ponka- oder Pawnee- Halbstiefels zu unterscheiden. Sie hatten den Vorteil, ihren Weg in gerader Richtung wählen zu können, während wir des Wagens wegen gezwungen waren, uns größtenteils in dem gewundenen Tale des Flüßchens zu halten.« »Der Wagen, der unselige Wagen, hätten wir ihn doch längst zurückgelassen,« bemerkte Dalefield, ratlos um sich schauend, »nehmen wir wenigstens jetzt noch die unentbehrlichsten Gegenstände heraus und lassen wir ihn hier stehen.« »Unter keiner Bedingung,« versetzte ich entschieden, denn es leuchtete plötzlich in meinem Geiste auf, daß wir den Wagen möglichenfalls gerade zu unserer Rettung gebrauchen würden, »jetzt hängt alles davon ab, unsere Feinde im Ungewissen darüber zu erhalten, ob wir sie überhaupt entdeckten. So überlegen sie uns auch an Zahl sein mögen, so scheuen sie doch einen offenen Angriff. Sie sind zu hinterlistig, als daß sie sich den Kugeln unserer Büchsen aussetzen möchten. Sie wollten unsere Wachsamkeit einschläfern, aber verlaßt Euch darauf, in der ersten Nacht, in der wir wieder ein regelmäßiges Lager beziehen, steht ein Überfall zu erwarten.« »Und was ist Euer Rat?« fragte Dalefield, während die Blicke aller, selbst die der sonst so sorglosen Kate, mit ängstlicher Spannung an meinen Lippen hingen. »Zunächst rate und bitte ich darum, daß alle dicht zusammenbleiben, ohne indessen durch Benehmen oder ängstliches Schweigen ungewöhnliche Besorgnisse zu offenbaren. Wir müssen unsere Reise fortsetzen, als ob die verdächtigen Spuren gar nicht vorhanden wären, als ob wir überhaupt von keinem Menschen in der Welt bedroht werden könnten. Übrigens befinden wir uns glücklicherweise auf einem der mir am bekanntesten Jagdgründe,« fügte ich aufmunternd hinzu, »unsere Lage ist also nicht so bedenklich, wie man bei einem oberflächlichen Hinblick anzunehmen geneigt sein dürfte.« Ansatt, wie ursprünglich meine Absicht gewesen war, über den nächsten Streifen Hochland fortzuziehen, folgte ich in der Schlucht selbst den Spuren der Indianer. Wie ich erwartete, führten diese schon nach einigen hundert Schritten nach dem nördlichen Abhange hinauf. Die Grashalme, die die daselbst Gewanderten niedergetreten hatten, waren vom Tau beschwert, dagegen hatte die Sonne des vorhergehenden Tages den aufgewühlten feuchten Sand noch nicht getrocknet. Die mutmaßlichen Räuber konnten daher nur in der ersten Hälfte der Nacht dort hinaufgegangen sein und befanden sich zur Zeit wahrscheinlich in dem Versteck, von dem aus sie uns in der nächsten Nacht zu überfallen gedachten. Der Fluß war hier ungewöhnlich breit, doch wurde die heftige Strömung durch eine kleine Insel in zwei Hauptarme geteilt, von denen der eine dicht vor uns am Ufer brausend entlangschäumte, während der andere, soweit sich erkennen ließ, weniger gewaltig, ziemlich die Mitte zwischen der Insel und dem jenseitigen Ufer hielt. Die Insel, ursprünglich aus gestrandetem Treibholz gebildet, hatte dem sandführenden Wasser Gelegenheit geboten, seine schwereren Bestandteile abzusetzen und den über den Fluten auftauchenden trockenen Flächenraum bis auf mehrere hundert Quadratruten zu vergrößern. Die noch lebenskräftigen verschlammten Bäume sandten sodann ihre jungen Schößlinge nach oben, andern Samen hatten die Fluten und die Vögel herbeigetragen, und so war allmählich ein kleines Dickicht entstanden, das auf drei Seiten bis in das seichte Wasser hineinreichte und nur auf der der Strömung zugekehrten Seite durch eine mächtige Anhäufung von gebleichten Treibholzstämmen von dem Wasserspiegel getrennt wurde. Auf diese winzige Insel setzte ich meine ganze Hoffnung, und um sie zu meinen Zwecken benutzen zu können, zogen wir nach unserer Ankunft auf dem Ufer noch so weit stromaufwärts, daß die Insel ungefähr dreihundert Schritte weit hinter uns lag. Unter einer Gruppe schattiger Bäume wurden alsbald die Zelte aufgeschlagen, überhaupt alle diejenigen Einrichtungen getroffen, die auf einen Aufenthalt von wenigstens vierund- zwanzig Stunden deuteten. Gleich nach meiner Ankunft hatte ich meinen ganzen Vorrat von getrockneten Wildhäuten an einer geeigneten Stelle ins Wasser gelegt, damit sie ihre ursprüngliche Geschmeidigkeit, die zu meinen Zwecken unerläßlich war, zurückbekamen. Die Sonne hatte die Mittagslinie noch nicht überschritten, da holte ich schon einen Teil davon wieder nach dem Ufer herauf, und nachdem ich das Maß des Wagenkastens genommen hatte, begann ich die Häute in möglichst regelmäßige Formen zuzuschneiden. Schanhatta und unter deren Leitung auch Kate und die Negerin hatten unterdessen eine hinlängliche Zahl von Wildflechsen in Fäden gespalten, und als die Häute erst hergerichtet waren, erforderte es keine großen Unterweisungen, alle Anwesende zum Zusammennähen der einzelnen Stücke zu verwenden. Harry Dalefield und der zweite Arbeiter bohrten mittels Pfriemen die Löcher vor, Schanhatta, Kate, ihr Vater und die Negerin fädelten die Flechsen durch die Löcher, und ich endlich zog die Fäden über die zusammengerollten Nähte straff, sie dann breitklopfend, um dem Wasser das Durchdringen zu erschweren. Des weiteren unterstützte ich den schwarzen Koch bei der Ausarbeitung von zwei leichten Ruderhölzern. Eine Stunde mochte die Sonne noch zu scheinen haben, da waren nicht nur die einzelnen Häute zu einem festen Ganzen verbunden, sondern dieses hatte auch bereits die beabsichtigte Form erhalten, so daß man nur noch den Wagenkasten hineinzustellen und zu befestigen brauchte, um das echte Trapperboot für tauglich zur Fahrt auf dem Missouri zu erklären. Die Verdeckstützen wurden abgeschnitten, die überflüssigen Eisenstangen, um das Gewicht zu ermäßigen, entfernt, und bald darauf hatte ich die große Freude mich zu überzeugen, daß Kasten wie wasserdichter Überzug vollkommen zueinander paßten und ich auf eine Tragkraft für wenigstens vier Menschen rechnen durfte. Nachdem wir sodann Munition und Lebensmittel hart am Rande des Ufers aufgestellt und alle vorhandenen Lassos zu einem langen zähen Tau zusammengeknüpft und mit dem einen Ende an dem Fahrzeug sicher befestigt hatten, gönnten wir uns erst einige Ruhe. Die Zeit der Rast war indessen nur sehr kurz, der Dämmerung folgte schnell die Dunkelheit, und sobald wir annehmen durften, daß unsere Bewegungen nicht mehr aus der Ferne überwacht werden konnten, schritten wir ans Werk. Die Pferde wurden von zwei bewaffneten Männern bewacht, während wir übrigen den Wagenkasten ins Wasser schoben und mit einem Teil der zur Überfahrt bestimmten Gegenstände befrachteten. Alles ging nach Wunsch, und außerdem erwies sich das Boot von einer Tragfähigkeit, daß ich glaubte, die Fahrt anstatt mit vier Personen mit sechs antreten zu dürfen. Ich ließ daher Kate, ihren Vater, den Neger und die Negerin sich in dessen vier Ecken mit der strengsten Weisung, kein Glied zu rühren, niederkaüern. Schanhatta, mit dieser Art von Schifffahrt vertraut, mußte darauf mit ihrem Ruderholz noch im Vorderteil niederknien, während ich selbst in gleicher Weise im Hinterteil Platz nahm, und langsam stießen wir unser Fahrzeug in die Strömung hinein. Die auf dem Rande des Ufers, jedoch weiter unterhalb, der Insel fast gegenüber, in Reifform zusammengelegte Leine rollte sich unter der Aufsicht des jungen Dalefield leicht ab, und nach einer kurzen, kaum zwei Minuten währenden atemlosen Spannung strandete unser Boot unmittelbar hinter der Insel im seichten Wasser. Das Ausschiffen nahm nur kurze Zeit in Anspruch. Außer Schanhatta, die das Boot hielt, sprangen wir alle ins Wasser, und schneller, als das Einladen vonstatten gegangen war, beförderten wir die Ladung von Hand zu Hand auf trockenen Boden. Kaum hatte ich sodann dem mir zunächst stehenden Neger das letzte Stück zugereicht, so befand ich mich auch schon wieder bei Schanhatta im Boot, und mit vorsichtigen, geräuschlosen Stößen schoben wir dieses in die Strömung zurück. Wie das erstemal begannen wir auch jetzt wieder damit, zuerst eine Ladung von Gütern als Ballast einzunehmen und gleichmäßig auf dem Boden des Kastens zu verteilen. Außer Schanhatta und mir befanden sich nur noch der ältere Sohn Dalefields und der eine Arbeiter am Ufer. Ehe wir uns indessen einschifften, gedachten wir, die Pferde bis dicht ans Ufer heranzutreiben und sie dann mit Gewalt in den Fluß hineinzudrängen. Die Pferde, in der Meinung, daß sie zur Tränke geführt werden sollten, schritten träge vor uns hin, und nur gelegentlich schnaubte das eine oder das andere, wenn beim Haschen nach einem Grasbüschel sich einige stärkere Halme in seine Nüstern schoben. Plötzlich aber gaben einzelne unverkennbare Zeichen von Furcht von sich. Ich trat zwischen sie, um mich von der Ursache zu überzeugen, und gewahrte sofort, daß meine Pferde sich vollständig ruhig verhielten, während die Dalefields die Schweife emporreckten und mit lautem Geräusch den Atem von sich stießen. Wären Wölfe in der Nähe gewesen oder ein grauer Bär, so würden alle Mitglieder der Herde von gleichem Schrecken befallen worden sein. Nach den Anzeichen zu schließen, konnten also nur Indianer in der nächsten Nachbarschaft umherschleichen, indem meine Pferde einst im Besitz von Eingeborenen gewesen waren und deshalb keine Scheu vor solchen hegten, während Dalefields Tiere, die aus den Ansiedlungen herstammten, sich noch nicht hinlänglich an deren Witterung gewöhnt hatten, um nicht durch das unverhoffte Erscheinen wilder Krieger beunruhigt zu werden. Fast gleichzeitig trat aber auch der junge Dalefield mit der heimlich geflüsterten Meldung zu mir heran, daß er sechs oder sieben schattenähnliche Gestalten bemerkt habe, die eine kurze Strecke südlich von der Herde in gebückter Stellung nach dem Ufer hingeschlichen und dort verschwunden seien. »Fort ins Boot!« antwortete ich ebenso leise und dringend, »aber langsam und ohne Besorgnis zu verraten; wir sind umgangen, und keine zwei Minuten bleiben uns mehr zur Rettung. Haltet alles zum augenblicklichen Abstoßen bereit und entfernt Euch auf meinen Ruf, gleichviel, ob ich bei Euch bin oder nicht!« Der junge Mann folgte meinem Rat, worauf ich mich nach der Richtung hinwandte, in der ich den Arbeiter vermutete. Ich entdeckte ihn auch bald, wie er, die Büchse auf der Schulter, sich bemühte, einige zurückprallende Pferde heranzutreiben. Bevor er mich aber gewahr wurde oder ich ihm eine Warnung zuzuflüstern vermochte, bemerkte ich vor dem schwachen Schein der niedergebrannten Lagerfeuer, daß ein Mann sich hinter ihm aus dem Grase erhob und den Arm nach seiner Büchse ausstreckte. Ein Strauch trennte mich von beiden, was mit dazu beitrug, daß keiner von ihnen mich vor dem dunklen Hintergrund sah, aber der Indianer hatte das Gewehr noch nicht berührt, da befand ich mich bereits vor ihm, meine Büchse beschrieb einen Kreis durch die Luft, und von dem zersplitternden Kolben schwer getroffen stürzte er lautlos zu Boden. »Fort ins Boot!« rief ich dem verwirrten Arbeiter zu, »fort ins Boot, wenn Euch Euer Leben lieb ist!« In demselben Augenblick erschallte aus dem nahen Dickicht ein schrilles Pfeifen, und diesem folgte unmittelbar ein so furchtbares indianisches Geheul nach, als ob das ganze Tal des Missouri von den wilden Gestalten raubgieriger eingeborener Krieger belebt gewesen wäre. Der höllische Lärm war für den Arbeiter ein besserer Sporn zur Eile als meine dringendsten Befehle und Beschwörungen. Er stürzte davon, unbekümmert darum, ob ich ihm folge oder durch irgendeinen unglücklichen Umstand zurückgehalten werde. Letzteres geschah in der Tat, denn teils um selbst nicht waffenlos zu sein, teils um das geladene Gewehr nicht in den Händen der Indianer zurückzulassen, bückte ich mich nach meiner Büchse, die mir durch das Einsplittern des Schaftes entfallen war, und als ich mich dann wieder aufrichtete, gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß zu beiden Seiten von mir mehrere Krieger vollen Laufs auf die Landungsstelle losstürzten. »Fort! Schanhatta! Fort!« rief ich so laut, daß meine Stimme das Geheul der Wilden noch übertönte, und gleichzeitig drängte ich mich zwischen den erschreckt auseinanderprallenden Pferden hindurch, gerade auf das Ufer des Stromes zu. Zwei oder mehr feindliche Krieger folgten mir mit wütendem Gellen auf dem Fuße nach; andere sprangen hart am Rande des Ufers auf mich zu, um mir den Weg zu verlegen, noch andere machten sich bereit, mich zu empfangen, allein ich wußte zu genau, was meiner im Fall einer Gefangennahme harrte, als daß ich nicht das Äußerste zu meiner Rettung hätte wagen sollen. Gerade als ich das Ufer erreichte, belehrte mich ein flüchtiger Blick, daß sich das Boot als schwarze Masse vom Ufer trennte und mit rasender Schnelligkeit und begleitet von dem Wutgeheul aus wenigstens zwanzig Kehlen in die Strömung hinein und mit dieser davonschoß. »Schanhatta, ich komme!« rief ich aus, um meinen Schützling zu beruhigen und zugleich zu verhüten, daß sie irgendeinen Schritt zu meiner Rettung unternähme und dadurch sich und ihre Begleiter neuen Gefahren aussetze; »Schanhatta, ich komme!« und schneller noch, als das zum tödlichen Streich gehobene Kriegsbeil sich senkte, schneller, als die mit dem Messer bewaffnete Faust zum Stoß ausholte und die sichere Hand die mit dem befiederten Pfeil beschwerte Bogensehne ans Ohr brachte, sprang ich mit einem mächtigen Satz vom Ufer über die fast unmittelbar unter mir gellenden Krieger fort und in die wild schäumenden Fluten des Missouri hinein. Das Wasser schloß sich brausend über mir, und halb von der Strömung fortgerissen, halb infolge meiner eigenen Anstrengungen, die ich machte, um den feindlichen Geschossen zu entgehen, tauchte ich erst zwanzig Schritte weiter wieder empor. Das Boot war bereits eine kurze Strecke voraus; es einzuholen, lag indessen nicht in meinem Plan. Besteigen konnte ich es ja doch nicht, ohne beim ersten Versuch das Gleichgewicht zu stören und den breiten Kasten umzuwerfen. Ich begnügte mich daher damit, unbekümmert um die Pfeile, die rings um mich her in das Wasser zischten, Schanhatta durch einen Zuruf aufzumuntern. Ein ähnlicher, aber schwächerer Ruf aus dem Boot belehrte mich, daß das treue Mädchen mich verstanden habe und uns als gerettet betrachte, und immer dieselbe Entfernung voneinander beibehaltend, schossen wir in Richtung auf die Südspitze der Insel dahin. Plötzlich glaubte ich zu bemerken, daß sich der wohl dreißig Schritte lange Zwischenraum zwischen dem Boot und mir verringere, und ein wahres Entsetzen ergriff mich, als dieses gleich darauf heftig zu schwanken und sich mit großer Schnelligkeit dem Ufer wieder zu nähern begann. »Haltet die Mitte der Strömung oder ihr treibt an der Insel vorbei! Hinein ins Wasser, wer schwimmen kann!« rief ich aus, denn ich vermutete, daß das Fahrzeug im Begriff sei zu sinken. In demselben Augenblick verwickelten sich meine Füße in die Leine, die wahrscheinlich beim schnellen Einsteigen des Arbeiters über Bord gerissen worden war, und gleichzeitig erriet ich aus dem Jubelgeheul der auf der Abfahrtsstelle Versammelten, daß man dort den sich schnell abrollenden Strick entdeckt und sogleich begriffen habe, wie er sich zu unserm Nachteil verwenden lasse. Ich hörte bereits das gepreßte Atmen unserer Verfolger, ich bemerkte eine Reihe schwarzer Punkte über dem grauen Wasserspiegel, und jetzt erst gelang es mir, das auf meinem Rücken im Gurt steckende Messer aus der Scheide zu ziehen. »Einen Schuß auf die Schwimmer und dann stille gesessen!« rief ich nun Schanhattas Gefährten zu, und die Leine mit der rechten Hand nach dem Boot zu fest ergreifend, durchschnitt ich sie mit der linken Hand so weit, wie ich in der entgegengesetzten Richtung zu reichen vermochte. Kaum fühlte das Boot sich von dem Druck befreit, so wirbelte es einmal um sich selbst herum, der Schuß krachte auf die Schwimmer, die bis auf wenige Schritte herangekommen waren, Schanhattas Ruderholz plätscherte in rascher Folge ins Wasser, das Boot gelangte wieder in die Gewalt der Strömung, und begleitet von dem Wutgeheul der Schwimmer, die durch den an sich erfolglosen Schuß zurückgescheucht worden waren, zog es schneller und schneller in schräger Richtung nach dem jenseitigen Ufer des Missouri hinüber. Auf meinen Ruf sprangen nun die auf der Insel befindlichen Männer mir zur Hilfe, und mit leichter Mühe schleppten wir dann das Boot samt den wenigen Gegenständen, die wir noch gleich nach unserm Landen vor der alten Lagerstelle hineingeworfen hatten, ganz in den Schutz des dichten Weidengebüsches hinein. »Ist niemand verletzt?« fragte Dalefield besorgt, sobald wir uns in Hörweite von ihm befanden, »ist niemand verletzt?« erschallte fast gleichzeitig Kates Stimme aus dem Gebüsch mit einem Ausdruck zu uns herüber, der mir alles Blut zum Herzen sendete. »Niemand!« rief ich schnell zurück, um das liebe Mädchen zu beruhigen. »Gott sei Dank!« antwortete Kate innig und aus überströmendem Herzen, eh ich fortzufahren vermochte. »Nein, verletzt ist niemand,« wiederholte ich dann noch einmal, um meinen Ausspruch zu bekräftigen; »aber Schaden an unserm Eigentum haben wir erlitten, und, wie ich fürchte, unersetzlichen Schaden. Über meine Büchse rollten die Fluten des Missouri hin –« »Wofür ich Euch meine Reservebüchse anbiete, ein so gutes Gewehr, wie nur je aus den Händen eines tüchtigen Meisters hervorging,« unterbrach mich Dalefield, mir, sobald wir uns auf trockenem Boden befanden, mit allen Zeichen tiefgefühlter Dankbarkeit die Hand drückend. »Euer Anerbieten nehme ich natürlich an, wenn auch nur auf so lange, bis ich Gelegenheit gefunden habe, mich mit einem andern Gewehr zu versehen, denn Blackbirds Karabiner ist nicht zu rechnen,« fuhr ich fort, »aber denkt Euch, die Pferde sind alle in die Hände der Räuber gefallen, doch halte ich in diesem Augenblick für den herbsten Verlust, daß wir gezwungen wurden, die Leinen aufzugeben, ohne die es uns schwer werden wird, das jenseitige Ufer, auf das ich meine ganze Hoffnung baute, zu erreichen.« »Sollte die Flucht denn noch in dieser Nacht fortgesetzt werden?« fragten jetzt mehrere Stimmen zugleich. »Ursprünglich war dies meine Absicht,« antwortete ich, »wäre uns Zeit genug geblieben, die Pferde über den Strom zu schaffen, so hätten wir nichts Besseres tun können, als ihnen von hier aus augenblicklich nachzufolgen und ohne Zeitverlust uns stromaufwärts zu wenden. Jetzt aber, da wir allein auf unsere Füße angewiesen sind, vermögen wir keinen Vorsprung mehr vor ihnen zu gewinnen; außerdem fehlen uns die erforderlichen Leinen, um in schneller Reihenfolge nach dem ändern Ufer überzusetzen; wir müssen uns daher, gut oder übel, darein fügen, wenigstens einen Tag auf dieser Insel auszuharren.« »Sind wir denn hier sicher?« fragte Dalefield abermals. »So sicher, wie ein halbes Dutzend Büchsen, geführt von festen Händen und mutigen Herzen, nur immer eine kleine Landscholle wie diese hier zu machen vermögen,« erwiderte ich sorglos, »die Indianer hängen mit nicht weniger Liebe am Leben als wir, und wo sie befürchten müssen, einen der ihrigen zu verlieren, da trauen sie sich nicht so leicht hervor; denn keiner von ihnen möchte gerade dieser einzige sein. Lassen wir es nicht an der so dringend gebotenen Wachsamkeit fehlen, dann mögen wir hier acht, vierzehn Tage, ja, so lange unbelästigt bleiben, wie unsere Lebensmittel ausreichen oder bis wir durch irgendeinen befreundeten Jagdtrupp entsetzt werden oder Eure Freunde von Fort Union bei uns eintreffen.« Da alle Vertrauen zu mir hatten, ließen sie sich auf diese Weise beruhigen und folgten ohne Einwendungen meinen Ratschlägen. Auf einer gegen die etwa vom Ufer aus zu uns herübergeschickten Kugeln ziemlich geschützten Stelle in der Mitte der Insel richteten wir uns häuslich ein, und während die Hälfte der Männer sich auf den gefährdeten Seiten der Insel aufstellte, um von dort aus das Treiben der Feinde zu überwachen, versuchten alle übrigen sich auf einige Stunden der Ruhe hinzugeben. Die herrliche, warme Sommernacht machte übrigens das Feuer entbehrlich, und da auf meinen Rat, um die grimmigen Moskitos zu vertreiben, die rastenden Männer ihre Pfeifen rauchten, so erhielt die kleine nestförmig niedergedrückte Lichtung zwischen dichtem Schilf, Binsen und Weidengestrüpp mit den ausgebreiteten Decken und dem ringsum aufgestapelten Reisegepäck einen überaus friedlichen Charakter. Da, wo wir jedesmal gelandet waren, saß halb versteckt unter einigen verkrüppelten Erlenbüschen Dalefields jüngster Sohn, während ich selbst mir ganz vorn zwischen den mächtigen gebleichten Treibholzstämmen, von wo aus ich am besten zu den Indianern hinüberzuspähen vermochte, meinen Sitz ausgewählt hatte. Zwischen dem jungen Dalefield und mir aber, hart am Rande des Wassers und inmitten der ihn verbergenden üppig wuchernden Binsen, hielt noch der eine Arbeiter Wache. Es konnte also vom Ufer aus nichts gegen uns unternommen werden, ohne daß wir es rechtzeitig bemerkt und sogleich die entsprechenden Maßregeln zur Verteidigung getroffen hätten, wozu sich noch der glückliche Umstand gesellte, daß bald nach Mitternacht der Mond aufgehen mußte und unsere Feinde vor Eintritt der Helligkeit nicht imstande waren, ihre Vorbereitungen zu einem Angriff, welcher Art er auch sein mochte, zu beendigen. 24 Getäuschte Hoffnungen Eine Stunde mochte wohl verronnen sein. Den Rücken gemächlich an einen von den Eisschollen des Winters geknickten Ast anlehnend, saß ich auf einem mächtigen Baumstamm, der einst gewiß hoch oben im Norden am Fuße der Rocky-Mountains grünte. Die Büchse lag vor mir auf einem andern Stamm des verworrenen Holzriffs, der meine Gestalt so weit verdeckte, daß eben nur mein Kopf drüber emporragte, ich also beständig unser altes, nunmehr von den wilden Blackfeet belebtes Lager im Auge behielt. In letzterem war es scheinbar ruhig. Aber mich täuschte diese Ruhe, das Brennen von nur zwei Feuern und das matte Licht in den beiden noch aufrecht stehenden Zelten nicht. Wußte ich doch, daß sich zu dem Gefühl der Raubgierde auch noch der Rachedurst gesellte, für den Schlag, den ich dem einen Krieger erteilt hatte, wie auch, daß Blackbird lieber alle geraubten Pferde wieder verloren als seine Absichten auf Schanhatta aufgegeben hätte. Schanhatta aber lag nur wenige Sehritte von mir auf einem dürftigen Lager von angeschwemmtem Moos und dürren Grashalmen. Sie fühlte sich unter meinem Schutz so sicher, daß sie vollständig ruhig und unbeängstigt schlief. Mit rührender Hingebung hatte sie meiner Aufforderung Folge geleistet, als ich ihr riet, die ihr so nötige Rast zu suchen, und noch keine fünf Minuten befand sie sich auf ihrem harten Lager, da verkündeten ihre tiefen und regelmäßigen Atemzüge, daß sie einem kräftigenden Schlummer in die Arme gesunken sei. Der Missouri rauschte; mit heimlichem gurgelnden Getöse spülten die Wellen unter mir zwischen den hohl liegenden Stämmen und Zweigen hindurch; das klang so traulich und friedlich wie die leisen Atemzüge meiner treuen Schanhatta. Freundlich blickten die funkelnden Sterne herab, doch viel viel freundlicher mußten die hauchähnlichen Traumbilder der schlafenden Mandanenwaise sein, ja, viel freundlicher, oder sie hätte nicht mehrfach ihre langsamen Atemzüge durch das mir so bekannte herzliche, fast geräuschlose Lachen unterbrochen. Helleuchtende Funken schossen zwischen den schwarzen Baummassen hin und nahmen gelegentlich ihre Richtung nach unserer Insel herüber. Es waren Johanniskäfer in großer Zahl, die ihren nächtlichen Reigen aufführten und unbekümmert um die Leiden und Freuden der Menschen und um deren aufgeregte oder schlummernde Leidenschaften ihre phosphorisch- glänzenden Linien zogen und ineinander verschlangen. Um die Lagerfeuer herum glitten hin und wieder die unheimlichen Gestalten der grausamen Wüstenräuber; weiter aufwärts polterte es zuweilen dumpf zwischen dem gestrandeten Treibholz, als ob Zimmerleute daselbst gearbeitet und die brauchbarsten Balken und Stützen mühsam hervorgesucht hätten, und aus einer ändern Richtung erschallte das jauchzende Geheul, mit dem ein Rudel Wölfe den flüchtigen Hirsch kunstgerecht jagte. Da knackte in meiner Nähe ein dürres Reis unter einem leichten Fuß, und ahnungsvoll emporschauend erkannte ich mit einem Gefühl der innigsten Freude Kate, die mutige, unerschrockene Kate, die, hinter dem Gebüsch hervortretend, gerade auf mich zuschritt. »Alle schlafen, nur mich flieht die Ruhe,« sagte sie mit halblauter Stimme, als sie am Rande des Holzriffs dicht neben der nunmehr wieder schlummernden Mandanenwaise angekommen war; »ich fühlte mich beängstigt und komme daher zu Euch, um mich an Eurer Wache zu beteiligen.« »Das wolltet Ihr?« rief ich erfreut aus, indem ich emporsprang, um dem lieben Mädchen zu mir herüberzuhelfen, »o, wie danke ich Euch für so viel Güte; Ihr könnt nicht wissen, welch unendlichen Trost Ihr mir dadurch gewährt.« »Warum sollte ich das nicht wissen können?« fragte Kate leise; ihre Worte mit einem sanften Druck ihrer Hand begleitend, »seid Ihr doch so redlich, so offen gegen mich gewesen, daß mir kaum noch eine Seite Eures Herzens verborgen blieb; sollte ich mich daher scheuen, ebenso offen gegen Euch zu sein? Ich fühle, daß meine Nähe, die Nähe Eurer Schwester Euch erfreut, Euch aufrichtet, mein Einfluß den Wunsch in Euch wachruft, noch einmal, wenn auch nur versuchsweise, den Aufenthalt in der Wildnis mit dem in dem Bereich gesitteter Nationen zu vertauschen. Ebenso fühle ich aber auch, daß Eure Nähe ermutigend auf mich einwirkt und Eure Worte die unerklärliche Angst verscheuchen, die sich so plötzlich meiner bemächtigt hat.« Tief ergriffen führte ich Kates Hand an meine Lippen, was sie auch ruhig geschehen ließ; meinen Gedanken Worte zu verleihen, vermochte ich nicht; indem ich aber dem holden Mädchen behilflich war, über das verworrene Geäste hinüberzusteigen und an meiner Seite auf dem alten Baumstamm Platz zu nehmen, war mir, als ob neue Lebenswärme, neuer Jugendmut mich durchströme. Mehrere Minuten saßen wir sodann schweigend nebeneinander, ihre Hand ruhte in der meinigen, und wir lauschten mit gleicher Aufmerksamkeit dem behaglichen Sprudeln der zwischen den hohl liegenden Zweigen und Stämmen sich hindurchdrängenden Fluten. »Es ist wahr,« hob ich endlich an, »Eure Nähe beglückt mich, und Euer Einfluß auf meine Gemütsstimmung äußert sich derartig, daß die Erinnerung an die Vergangenheit viel von ihrer Bitterkeit verliert, die Zukunft aber vor meinem geistigen Auge wie ein freundlich lächelnder Sommermorgen zu tagen scheint.« »Und das dankt Ihr mir, nur mir ganz allein,« entgegnete Kate mit Wärme, »o, ich wünsche jetzt doppelt, daß es uns gelingen möge, dieser gefahrvollen Lage zu entrinnen. Aber horcht – was ist das?« fragte sie darauf, erschreckt nach dem Ufer hinüberlauschend. »Nichts Unerwartetes, meine liebe Freundin,« antwortete ich ermutigend, »die Blackfeet zimmern von Treibholz ein Floß, wahrscheinlich werden sie gegen Morgen oder in der folgenden Nacht den Versuch wagen, hier zu landen –« »Dann sind wir verloren,« unterbrach mich Kate, meine Hand mit ihren beiden Händen ergreifend und krampfhaft pressend. »O, Miß Kate, ich kenne ja die mutige Jägerin kaum wieder,« versetzte ich freundlich, »würde ich wohl so ruhig hier sitzen können, wenn ich mir sagen müßte, daß ein unabwendbares Verderben Euer teures Haupt bedrohe?« Kate seufzte tief auf; »mein Mut ist nicht gesunken,« sagte sie dann, ihre Hände wieder sanft zurückziehend, »allein es schwebte mir in diesem Augenblick der Gedanke vor, daß ich – vielleicht – daß mir – die Zukunft vielleicht nur deshalb ein goldig lächelndes Bild gezeigt habe, um es demnächst wieder auf ewig mit einem schwarzen Schleier zu verhüllen. Aber ich glaube Euch, mein Vertrauen zu Euch ist unerschütterlich; und solange Ihr selbst nur noch einen Funken von Hoffnung hegt, will ich nicht zittern und zagen, das verspreche ich Euch.« »O, meine liebe Freundin, vermöchtet Ihr in meine Seele zu blicken, Ihr würdet es natürlich finden, daß ich jede Gefahr vergesse und nur das berühre, was jetzt allein in meinem Herzen lebt und webt. Ihr kennt meine Geschichte, teure Miß Kate, Ihr selbst sagt, daß Euch keine Seite in meinem Herzen verborgen geblieben sei; Ihr wißt, daß ich des Lebens Ernst in seiner tiefsten Bedeutung kennen lernte und frei bin von jenen romantischen Ideen, die nur zu oft zu traurigen Selbsttäuschungen Veranlassung geben. Doch wenn ich den Ernst des Lebens kennen lernte, so hat sich dieser Ernst in seiner ganzen unergründlichen Tiefe auch meinen Gefühlen mitgeteilt. Kate, teure geliebte Kate, die Ihr mir in dieser Wildnis wie ein freundlicher, von Gott gesandter Bote erschienen seid,« fuhr ich inniger und dringender fort, als ich fühlte, daß sie heftig zitterte; »wenn wir dahin zurückgekehrt sein werden, wo die Sorge um Leben und Sicherheit weniger herrisch unsern Geist beschäftigt, wollt Ihr mir dann gestatten, unter Euren Augen zu wirken und zu schaffen, wollt Ihr mir dann die süße Hoffnung gönnen, dereinst von Eurer Hand –« »Haltet ein, o haltet ein! unterbrach mich Kate jetzt schluchzend, und wieder umklammerte sie wie beschwörend meine Hand, »was habe ich getan, was habe ich verbrochen, daß Ihr gerade diese Worte an mich richtet? O, ich bitte Euch, ich flehe zu Euch, stört nicht das Verhältnis, in das ich zu Euch getreten bin; laßt mich Eure treue, liebe Schwester sein, da ich doch mehr für Euch nimmer sein kann; gönnt mir das Glück, als Schwester Euch in das Leben, in einen Eurer würdigeren Wirkungskreis zurückführen, mich an den reichen Erfolgen Eurer redlichen Bestrebungen mitfreuen zu dürfen, und in doppeltem Maße will ich die Stunde segnen, in der ein freundliches Geschick uns zusammenführte und mir und all den meinigen eine so unendliche Verpflichtung gegen Euch auferlegte!« Eiskalt hatte es sich bei Kates Worten um meine Brust gelegt; wie von einer furchtbaren Last niedergedrückt und zerschmettert starrte ich vor mich zwischen die im Schatten, liegenden Baumstümpfe hin. Das Wasser gurgelte lustig, die Sterne und die Johanniskäfer funkelten hell, in meinem Herzen aber war es finstere Nacht, und das eintönige, wie Hohnlachen klingende Murmeln der Wellen erweckte in meinem Innern einen traurigen, traurigen Widerhall. »O sprecht ein einziges Wort!« fuhr das heftig erregte Mädchen an meiner Seite in herzzerreißendem Klageton fort. »Gewinnt Eure ruhige Überlegung wieder, welche ich so vielfach an Euch bewundert habe, und Ihr werdet einsehen, daß ich Euch keinen gerechtfertigten Grund zu der Änderung Eurer Gemütsstimmung gab. Eure warme Teilnahme für mich habt Ihr mißverstanden, und tief bekümmert es mich, meine Offenheit, meine schwesterliche Hinneigung zu Euch in solchem Grade verkannt zu sehen.« »Verzeiht mir,« sagte ich endlich, nachdem ich mich etwas erholt hatte, »verzeiht meine Vermessenheit zu glauben, das irdische Glück könne mir noch einmal lächeln. Über Euch selbst aber und Euer Verhalten beruhigt Euch. Deutete ich Eure Blicke, Eure freundliche Teilnahme für einen vereinsamten Wüstenjäger irrig, so lag der Fehler nur auf meiner Seite. Noch einmal, Miß Kate, verzeiht mir, und wenn Ihr erst wieder fern von mir seid, dann versucht, meiner mit freundlicher Nachsicht zu gedenken, wie mir die Erinnerung an Euch die Wildnis weniger öde machen wird.« »Sprecht nicht so, o sprecht nicht in dieser Weise,« entgegnete Kate hastig, denn die Bitterkeit, die ich unwillkürlich in den Ton meiner Stimme gelegt hatte, war ihr nicht entgangen. »Nur ich versündigte mich an Euch, indem ich nicht von Anfang an Euer Vertrauen mit derselben Offenheit lohnte. Aber Ihr habt die vollsten Ansprüche auf mein schwesterliches Vertrauen, und mit schwesterlichem Vertrauen will ich jetzt auch zu Euch sprechen.« »Nicht doch, nicht doch, Miß Kate,« versetzte ich, die dargebotene Hand leise drückend, »ich habe kein Recht, mich in Eure Geheimnisse einzudrängen. Was mir zu tragen bestimmt ist, das werde ich ertragen, und Unrecht wäre es von Euch, wolltet Ihr Euch über mein Los auch nur eine einzige trübe Stunde bereiten.« »Aber ich werde deren viele, sehr viele haben, wenn Ihr mich nicht anhören wollt. Ihr müßt um der Ruhe meiner Seele willen über alles aufgeklärt werden, was Euch an mir rätselhaft erschien; oder glaubt Ihr wirklich, daß nur die Sucht nach Abenteuern mich so ganz gegen den Wunsch meines Vaters in die Wildnis hinausgetrieben habe?« Ein Schatten glitt vor uns hin, und gleich darauf ertönte Schanhattas tiefe melodische Stimme. »Schöne bleiche Frau,« begann sie in ihrem gebrochenen, aber leicht verständlichen Englisch, »deine Worte sind mit den seinigen in meinen Traum gedrungen; ich bin kein Kind mehr, ich weiß, um was er dich bat. Werde seine Gattin, und du bist glücklich; sein Herz ist so klar wie der Tau im Kelch einer Blüte; werde seine Gattin, er ist stark und wird dich beschützen; werde seine Gattin, und du wirst von allen weißen Mädchen um dein Glück beneidet werden; werde seine Gattin, und ich will dir als treue Dienerin folgen, wohin du auch immer gehen magst.« Obwohl Schanhatta diese Worte mit einem ergreifend rührenden Ausdruck sprach und ich sehr wohl wußte, daß die innigste Dankbarkeit sie zu solchem Schritt veranlaßt hatte, so war es mir doch peinlich, sie in dieser Weise für mich bitten zu hören. »Hat meine Tochter gelauscht?« fragte ich sanft verweisend, »woher weiß sie sonst meine Gedanken?« Schanhatta bebte erschreckt zusammen, als ob ihr plötzlich das Bewußtsein erwacht wäre, einen Fehler begangen zu haben. Kate dagegen richtete sich empor, und ihren Arm um den Hals der Mandanenwaise legend, küßte sie diese auf die Stirn. »Liebes, treues Kind,« sagte sie offenbar tief bewegt, »ich darf deines Wohltäters Gattin nicht werden. Du sollst auch die Ursache erfahren, die es mir verbietet.« »Wenn seine Wahl aber auf diese schöne bleiche Frau gefallen ist, wenn er dich nicht für zu gering halt?« fragte Schanhatta, die durch Kates schwesterliches Entgegenkommen wieder ermutigt worden war. »Schanhatta,« sagte ich jetzt ernst und verweisend, in demselben Augenblick drang aber auch wieder der schwere dumpfe Fall eines Treibholzstammes zu uns herüber, infolgedessen wir alle drei stromaufwärts schauten. Die fortgesetzten Arbeiten der Indianer fesselten indessen weniger meine Aufmerksamkeit als die hoch aufschlagenden Flammen eines Feuers, das in der Entfernung von zwei bis drei englischen Meilen hart am Rande des linken Stromufers angezündet worden war. »Mein Gott, auch auf jener Seite befinden sich bereits Indianer,« hauchte Kate vor sich hin, »aus allen Richtungen stürmen sie auf uns ein, nur ein Wunder kann uns noch retten.« »Es sind keine Indianer, die jenes Feuer schüren,« erwiderte ich mit Ruhe, denn es bedurfte nur der Hinweisung auf eine Gefahr, um mir meine volle Überlegung wiederzugeben; »nein, Indianer sind zu argwöhnisch und vorsichtig, um sich durch ein derartiges, mit trockenem Holz genährtes Feuer weithin sichtbar bemerklich zu machen.« Lautes Plätschern im Waser und das Murmeln zahlreicher Stimmen in unserm verlassenen Lager lenkten meine Aufmerksamkeit wieder unseren Feinden zu. Trotz des nahen Aufgangs des Mondes war es noch zu dunkel, um auf dem jenseitigen Ufer irgend etwas zu unterscheiden. Da indessen jedes dort stattfindende Geräusch über den glatten Wasserspiegel hin mir fast ungeschwächt zugetragen wurde, so erriet ich leicht, daß sich eine große Zahl von Indianern vereinigt hatte, einen schweren und unbeholfenen Gegenstand, wahrscheinlich ein von Treibholz hergestelltes Floß, dicht am Ufer hin stromaufwärts gleiten zu lassen. Befürchtend, daß ein Angriff auf unsere Insel vorbereitet werde, dachte ich bereits daran, alle Gefährten zu den Waffen zu rufen, als ich bemerkte, daß das Floß längst an der Stelle vorbei war, von wo aus die Strömung hätte zu Hilfe genommen werden müssen, damit es bei uns anlegen konnte. »Was mögen sie bezwecken?« fragte ich unwillkürlich laut, als das Geräusch sich immer weiter am Ufer hinunterschob. »Sie wollen über den Strom setzen,« antwortete Schanhatta, die einen großen Teil ihres Lebens auf dem Missouri zugebracht hatte und daher leicht zu berechnen verstand, wie sich die Strömungen des Flusses am zweckmäßigsten benutzen ließen. »Ja, nach dem jenseitigen Ufer hinüber,« wiederholte ich sinnend, »sie wollen uns auch nach dorthin die Möglichkeit einer Flucht abschneiden. Es war ein Glück, daß wir gezwungen wurden, hier zu bleiben.« Soviel ich zu unterscheiden vermochte, war das Floß mit wenigstens einem Dutzend Krieger bemannt. Doch nur eine kurze Zeit hindurch war mir ein Blick auf die formlose Masse gestattet, denn die Strömung hatte allmählich ihre volle Gewalt über das schwerfällige Fahrzeug gewonnen, und schnell verschwand es weit abwärts in der Dunkelheit. Da trafen meine Blicke wieder auf das ferne hellodernde Feuer, das ich so lange außer acht gelassen hatte, und zugleich erriet ich den Plan der Wilden. »Die Toren, sie werden ihre Unvorsichtigkeit schwer büßen,« sprach ich halblaut. »Wer wird büßen?« fragte Kate zagend. »Die weißen Leute, die dort oben ein Feuer angezündet haben, als gälte es einen indianischen Skalptanz zu feiern,« antwortete ich kurz, und, wie ich fürchtete, unfreundlich, denn ich kämpfte mit aller Gewalt, Kates süße Stimme nicht wieder einen so bezaubernden Einfluß auf mich gewinnen zu lassen. »Aber wer könnte das wohl sein?« fragte Kate jetzt fast tonlos, »doch nicht unsere Freunde von Fort Union?« Was ich nicht gleich erraten hatte, das ahnte das arme von Besorgnis erfüllte Mädchen. Verwundert blickte ich auf sie hin und sah, daß sie ihre gefalteten Hände, wie um ihre Angst zu beschwichtigen, gegen ihre Brust preßte. »Wahrhaftig, Miß Kate, Ihr habt recht. Daß ich auch nicht früher daran gedacht habe; es unterliegt kaum einem Zweifel, daß es Eure Freunde sind. Wahrscheinlich eben erst eingetroffen, haben sie die mit teuflischer Bosheit genährten Feuer dort drüben und die erleuchteten Zelte entdeckt, und Euren Vater vermutend, zündeten sie auf dem Ufer ein Signalfeuer an; ja, ja, so wird es sein, so muß es sein. Auch Blackbird, der um Halberts Plan wußte, hat das Signal so gedeutet und deshalb die Späher nach der andern Seite hinübergeschickt. Gebe Gott, daß Halberts Gesellschaft zahlreich genug ist, den Spähern Widerstand zu leisten, und daß sie vor allen Dingen es nicht an der nötigen Wachsamkeit fehlen lassen.« Bei den letzten Worten hatte ich mich wieder dem Feuerschein zugewendet, um aus dessen Form die Zahl und Stärke der daselbst Lagernden annähernd herauszulesen. Da fühlte ich plötzlich meinen Arm fest umklammert, und zugleich ertönte Kates verzweiflungsvolle Stimme. »Wißt Ihr, wer dort lagert?« fragte sie zitternd, »wißt Ihr, wer dort von den Indianern erschlagen werden wird? Wißt Ihr, wer jener Halbert ist? Nein, Ihr wißt es nicht, aber ich will es Euch sagen: Halbert ist derjenige, um dessentwillen ich mich zu dieser Reise entschloß, um dessentwillen ich Euch unterbrechen mußte, als Ihr – als Ihr mir so tiefen Kummer bereitende Worte an mich richten wolltet, Halbert ist der Mann, den ich liebe, wie das Weib den Gatten lieben soll! Ihr kennt jetzt mein Geheimnis, vermögt Euch meine Todesangst vorzustellen. All mein Hoffen ruht nunmehr in Euch allein! Rettet ihn, laßt ihn nicht jenen schrecklichen Menschen in die Hände fallen; rettet ihn für mich, für Eure Schwester! Seid großmütig, verzeiht ihm, verzeiht mir, wenn Euch durch uns kummervolle Stunden erwachsen sein sollten, verzeiht uns und rettet ihn.« Hier schwieg Kate; aber ihre Hände umschlossen meinen Arm krampfhaft, und mit tödlicher Spannung sah sie zu mir empor. Bei der ersten Entdeckung, daß Halbert derjenige sei, dem das jungfräuliche Herz Kates voll treuer Liebe bis in die Ewigkeit hinein angehören solle, prallte ich zurück, und ein Gefühl der Schadenfreude durchrieselte mich auf Augenblicke wie ein kalter Schauer. Doch bereits in der nächsten Sekunde strengte ich meinen Geist aufs äußerste an, ein Mittel zu ersinnen, durch das die Bedrohten wenigstens gewarnt werden könnten. »Beruhigt Euch, meine teure Miß Kate,« sagte ich endlich tief ergriffen, »beruhigt Euch und glaubt mir, mit Freuden gäbe ich mein Leben hin, gelänge es mir dadurch zu Eurer Wohlfahrt, zu Eurem Glück beizutragen. Aber vergeblich suche ich ein Mittel, durch das mir die Möglichkeit gegeben wäre, die dort an jenem Feuer Befindlichen zu warnen. Es gehören Flügel dazu, um zu ihm zu gelangen –« »Oder die Flossen der Gebirgsforelle,« fügte Schanhatta hinzu, die solange unbeachtet neben uns gestanden hatte. »Die Flossen einer Forelle sind ebensogut wie die Schwingen des Adlers,« fuhr sie in ihrem wohlklingenden tiefen Organ fort, »das Boot treibt mit der Strömung fort, allein die Forelle schwimmt stromaufwärts.« »Mädchen, sage, was meinst du mit deinen geheimnisvollen Worten?« fragte Kate atemlos vor Spannung. »Schanhatta wird die Forelle sein,« entgegnete die Indianerin in fast schüchternem Tone, »mein Wohltäter liebt die schöne bleiche Fremde, und ich werde ihre Botschaft nach dem Feuer hinübertragen.« »Du wolltest dich opfern? Du?!« fragte Kate schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, indem sie Schanhatta zärtlich umarmte. »Opfern? o, fangt die Forelle, wenn sie die Fluten durchschneidet, fangt das flinke Wiesel, wenn es zwischen Gestein und hohen Grashalmen einherschlüpft. Gib mir die Botschaft, gib sie mir bald, der erste Strahl des aufgehenden Mondes darf mich nicht auf der dunkeln Flut treffen.« »Und Ihr, mein Freund, mein Retter, was sagt Ihr zu dem kühnen Entschluß dieses edlen Mädchens?« wandte Kate sich jetzt an mich, »ist es möglich, wird sie es vollbringen können, wird sie bei dem Versuche nicht dem Verderben anheimfallen? O, es hieße dies, mich noch elender machen –« »Besäße ich die Gewandtheit Schanhattas und fesselten mich nicht ebenso heilige Pflichten an diese Scholle, so befände ich mich jetzt vielleicht schon drüben,« entgegnete ich, nachdem ich, trotzdem die Zeit drängte, die junge Indianerin etwa eine Minute lang mit Rührung betrachtet hatte, »sie ist die einzige auf dieser Insel, die einer solchen Aufgabe gewachsen ist und sie glücklich lösen wird. Aber fort jetzt, Schanhatta,« wandte ich mich darauf dieser zu, ihr zum Abschied die Hand reichend, »gehe und sage den Leuten dort oben, was du hier gesehen hast, und sprich den Namen Kate Dalefield dabei aus –« »Kate Dalefield,« wiederholte Schanhatta heiter, um zu beweisen, daß sie den Namen ihrem Gedächtnis eingeprägt habe. »Und sei auf deiner Hut; bedenke, außer dir besitze ich jetzt niemand mehr auf Erden. Zweimaliges Auslöschen und Aufflammen des Feuers verkündet deine glückliche Ankunft.« »Schanhatta wird zu ihrem Wohltäter zurückkehren,« rief mir das gute treue Kind noch zu, und dann schwebte sie gleichsam über die verworrenen Baumstämme und das verwickelte Geäste nach dem Ufer hin. Dort bückte sie sich nieder, und nachdem sie eine Weile auf der Erde umhergetastet, verschwand sie mit drei leichten zackigen Holzstücken, die den sie hindernden Teil ihrer Kleidungsstücke zu tragen bestimmt waren, auf der Ostseite der Insel im Gebüsch. »Mein Gott, mein Gott, wenn ihr ein Unglück widerführe,« seufzte Kate mit einem Ausdruck vor sich hin, der bekundete, daß ihre Besorgnis in diesem Augenblick eben nur der jungen Mandanen-Waise galt. »Vertraut auf die ihr angeborene Gewandtheit und hofft das Beste,« entgegnete ich, indem ich stromabwärts lauschte. Ein leises Plätschern im Wasser lenkte unsere Aufmerksamkeit nach der Richtung hin, in der Schanhatta sich entfernt hatte. Ihren Kopf mit den langen fließenden Haaren vermochten wir als einen schwarzen Punkt zu unterscheiden. In geringer Entfernung vor ihr trieb ein zweiter, größerer Gegenstand: Es war das ihre Kleidungsstücke tragende Floß, das sie während des Schwimmens vor sich her stieß. Schweigend folgten wir mit den Blicken Schanhattas Bewegungen. Mit unglaublicher Schnelligkeit glitt sie dahin; anfangs, solange sie sich noch in ruhigerem Wasser befand, gelangte sie sogar noch stromaufwärts, sobald sie aber die Strömung durchschnitt, schnürte sich mir das Herz zusammen, als ich bemerkte, daß sie vergeblich gegen diese ankämpfte und immer weiter mit fortgerissen wurde. Bald darauf entzog die Dunkelheit mir die letzte Spur von ihr, meine Blicke blieben aber dahin gerichtet, wo ich sie vermutete. Wo war sie geblieben? Waren ihre Arme auch nicht erlahmt? Hatte sie rechtzeitig festen Boden gewonnen oder war sie an den feindlichen Spähern vorbei oder diesen gerade in die Hände getrieben? Der Strom war stumm, sein Rauschen verriet mir ebensowenig etwas, wie das dahinter liegende schwarze Ufer. Der Mond trennte sich von der östlichen Hügelreihe, das weite Tal des Missouri lieblich beleuchtend, doch von Schanhatta sah ich nichts mehr. »Wo weilt sie?« fragte ich mich in Gedanken. Neben mir saß, erfüllt von gleicher Furcht, in die Ferne schauend, Kate Dalefield. Unsere Arme berührten sich, ich vernahm ihren gepreßten Atem, ich fühlte, daß sie zuweilen krampfhaft zitterte, aber keiner von uns sprach ein Wort, unsere Blicke waren unverwandt auf das Feuer gerichtet. Höher, immer höher stieg der bleiche halbe Mond, und noch hatten wir uns nicht von der Stelle gerührt. Am Rande des Tales jagten die Wölfe heulend ihre Beute, im Waldesdickicht winselte kläglich der listige Panther; für uns verhallten diese Töne ungehört, wir lauschten nur nach der oberen Biegung des Stromes hinüber, und mit wachsender Besorgnis beobachteten wir den matten Schein des Tages, der sich immer weiter von Norden nach Osten herumschob. Das Feuer brannte noch hell; ich betrachtete es und betrachtete Kate, die liebliche, angsterfüllte Kate an meiner Seite, und: »Schanhatta,« entschlüpfte es leise und unbewußt meinen Lippen. »O, mein Gott, wo weilt Schanhatta?« wiederholte Kate ebenso leise. Da flammte das Feuer hoch empor, jedoch nur, um im nächsten Augenblick vollständig zu erlöschen. Man mußte eine wollene Decke darüber geworfen haben. Sprachlos vor Spannung blickten wir hinüber. Wiederum loderten die Flammen empor, und wiederum sanken sie in Dunkelheit zusammen, um nach kurzer Zeit in ihrer alten Weise ungestört weiter zu brennen. »Er ist gerettet,« hauchte Kate mir zu, während Tränen ihren Augen entströmten, und eh ich es zu hindern vermochte, hatte sie meine Hand ergriffen, und neben den heißen Tropfen, die sie benetzten, fühlte ich auch den innigen Druck ihrer lebenswarmen Lippen. »Geht jetzt, geht jetzt, meine liebe Freundin,« sagte ich tief gerührt, Kate meine Hand entziehend, »es ist jetzt alles gut, Ihr aber müßt Eurem Körper Ruhe gönnen.« Schweigend wandte Kate sich um, wandte sich dem Lager langsam und schwankenden Schrittes durch das Gebüsch zu. 25 Die Landung Da die Indianer jetzt keinen Grund mehr hatten, ihre Absichten vor uns geheim zu halten, wir ihnen aber weder nach der einen, noch nach der andern Seite hin entschlüpfen konnten, so schritten sie nach Tagesanbruch sogleich ans Werk, weiter oberhalb ein größeres und für ihre Zwecke geeigneteres Floß zu bauen. Wir waren eben übereingekommen, einen hinreichenden Vorrat von Treibholz nach der Südspitze der Insel hinunterzuschaffen, um daselbst die folgende Nacht hindurch einen weithin über die Wasserfläche leuchtenden Scheiterhaufen in Brand zu erhalten, als meine Blicke ein größeres, scheinbar von der Natur gebildetes Treibholzfloß streiften, wie deren fast zu jeder Zeit und an jeder Stelle des Missouri angetroffen werden. Es bestand aus mehreren, mit den Ästen ineinander verschränkten Bäumen und hatte, da von allen Zweigen dichte Massen von Moosflechten und dürrem Grase niederhingen, ganz das Aussehen, als wenn es bereits seit Jahren an irgendeinem Ufervorsprunge gelegen habe und neuerdings erst von den rastlosen Fluten losgewaschen worden sei. Aber mich befremdete, daß auch grün belaubte Bäumchen und Zweige zwischen dem dürren und von der Luft gebleichten Holzwerk hervorragten, was sonst nur nach heftigen Regengüssen, oder nachdem der Schnee in den Gebirgen geschmolzen war, der Fall zu sein pflegte. »Habt Ihr eine Leine, so werft sie uns zu!« ertönte jetzt eine Stimme zwischen dem Gebälk zu uns herüber, als das Floß ungefähr noch hundert Ellen weit von der Spitze der Insel entfernt sein mochte. Meine Gefährten saßen beim ersten Ton der Stimme wie erstarrt da; sie waren zu überrascht, als daß sie zu handeln vermocht hätten. Ich dagegen sprang empor, und in der nächsten Minute befand ich mich bei unserem Wagenkasten. Mit einem raschen Schnitt trennte ich den langen Rest der Leine von dem alten Rettungsboote, und als das Floß, hinter der Insel angekommen, der Strömung folgend eben nach dem jenseitigen Ufer hinüber lenkte, da stand ich in gleicher Höhe mit ihm bis an die Knie im Wasser, und gleich darauf fiel das eine Ende der von mir geschleuderten Leine quer über das Gebälk. Alsbald erhoben sich hinter den moosbehangenen Zweigen drei junge rüstige Männer und zu meiner unaussprechlichen Freude auch die getreue Schanhatta. Ohne Zeit zu verlieren, schnürten sie die Leine um einen der Hauptträger ihres Fahrzeugs, ein Teil der auf der Insel befindlichen Gefährten war zu meinem Beistand herbeigesprungen, und langsam schwang sich das Floß vor der straff gehaltenen Leine und der andrängenden Strömung dem Ufer zu, und vorsichtig faßten die Ankömmlinge sodann festen Fuß auf den äußersten Treibholzstämmen. Obgleich bei dem Landen eben nur auf eine günstige Gelegenheit und weniger auf die Späheraugen der Blackfeet hatte Rücksicht genommen werden können, waren wir doch während des ganzen Verfahrens durch die Insel selbst gegen letztere verdeckt geblieben; da aber das Floß nach nur kurzem Aufenthalt seine Reise fortsetzte und bald wieder in den Gesichtskreis unserer Feinde trat, so durften wir annehmen, daß nicht einmal deren Argwohn geweckt worden war. Halbert, ein junger hübscher, kräftig gebauter Offizier mit wohlwollenden braunen Augen und einer gewissen selbstbewußten Haltung, entsprach ganz dem Bilde, das ich mir von ihm entworfen hatte; durch sein Äußeres sowohl als auch durch einen offenen, ehrlichen Charakter schien er wohl dazu geschaffen, ein Herz wie das der lieblichen Kate zu gewinnen. Kate selbst stand etwas abseits, ich sah sie, sie dagegen sah mich nicht; sie hatte nur Augen für Halbert, und mit einem bezaubernden Ausdruck jungfräulicher Verschämtheit und rührender Besorgnis blickte sie zu ihm hinüber, der sie bis jetzt noch nicht bemerkt hatte. Als ihr Vater aber Halbert mit väterlichem Stolz bei der Hand nahm und ihn, auf seine ängstliche Frage nach Kate, dieser zuführte, oh, wie ihr da das Blut in die Wangen stieg, wie ihre Augen sich vor innerer Glückseligkeit umflorten und ihr Busen sich heftig hob und senkte! Vergessen waren die Gefahren, die uns noch umringten, vergessen der einsame Pelzjäger, der vor wenigen Stunden erst von Liebe zu ihr gesprochen. Warum hätte sie meiner auch noch weiter gedenken sollen? Und mit welchem Recht hätte ich beanspruchen dürfen, in ihrer Erinnerung fortzuleben? Eine Träne, seit Jahren die erste, stahl sich mir in die Augen, ich wollte niemand meine Schwäche sehen lassen und schlich heimlich und unbemerkt davon, um meinen Posten zwischen den Treibholzstämmen wieder einzunehmen. Eben hatte ich mich hingesetzt, als das Knacken eines dürren Reises mich veranlaßte, hinter mich zu schauen. Schanhatta, die treue Mandanen-Waise, hatte sich in meiner Nähe niedergekauert. Ihre großen melancholischen Augen ruhten mit Teilnahme auf mir, als ob sie in meinem wunden Innern zu lesen vermochte hätte. Auch sie war in dem Freudentaumel nicht beachtet worden; niemand hatte daran gedacht, ein Wort des Dankes für ihre geleisteten Dienste an sie zu richten. Sie verlangte auch keinen Dank; aber ihre schwarzen Augensterne schienen doch heller zu strahlen, als ich meine Hand auf ihr Haupt legte und sie freundlich anblickte. »Du bist ein braves Mädchen,« sagte ich, ganz versunken in das Anschauen des von so viel Liebreiz umflossenen lichtbraunen Kindes; »du hast mir eine große Herzensfreude bereitet und die Leute dort drüben glücklich gemacht; du wirst dereinst einen schönen Lohn in dem Bewußtsein finden, eine gute, edle Tat ausgeführt zu haben.« »Schanhatta braucht keinen Lohn,« sagte sie mit sinnendem Ernst, »mein Beschützer hat gewünscht, daß die fremden Männer benachrichtigt wurden, und das ist genug für Schanhatta.« Sie saß wieder hinter mir, eine melancholische indianische Melodie vor sich hinsummend, und ich blickte schweigend stromaufwärts, wo ich in der Ferne die unverrichteter Sache zurückkehrenden Späher bemerkte. Niemand hielt es der Mühe wert, sich um uns zu kümmerm. Erst als die Blackfeet, infolge der ihnen zugegangenen Nachricht in ein wildes Rachegeheul ausbrachen und ein erbitterter Krieger seine Büchse auf mich abschoß, daß die Kugel nur wenige Schritte von mir sich krachend in einen morschen Baumstamm grub, eilte die auf so rauhe Art an ihre mißliche Lage gemahnte Gesellschaft herbei, um sich bei mir Rat zu holen. Über die scheinbare Vernachlässigung konnte ich den Leuten nicht zürnen; das Wiedersehen war ja ein so freudiges Ereignis gewesen, und zu viel hatten sie einander mitzuteilen, um auch noch einem freudelosen, ziemlich verschlossenen Fallensteller viel Aufmerksamkeit zuzuwenden. Als Halbert aber mit seinem offenen Wesen zu mir herantrat und mir, statt jeder Äußerung des Dankes, die Hand drückte und mich zugleich bat, ihm und seiner zukünftigen Gattin die Mandanen-Waise anzuvertrauen und ihnen zu gestatten, mit mir vereinigt über deren Wohlergehen wachen zu dürfen, da schwand, wie der Frühlingsschnee vor den warmen Sonnenstrahlen, aller Groll aus meiner Brust. Kate war auf der geschützten Lagerstelle zurückgeblieben; offenbar hatte sie verhüten wollen, durch den Anblick ihres Glückes schmerzliche Erinnerungen in mir wachzurufen. Im Herzen dankte ich ihr für diese schwesterliche Rücksicht, doch fühlte ich mich auch wieder peinlich dadurch berührt, daß sie und vor allem derjenige, vor dem sie kein Geheimnis mehr hatte, mir nicht Kraft genug zutraute, meine Gefühle niederzukämpfen, oder daß man mich vielleicht gar bemitleidete. Selbstverständlich konnten wir nicht lange beieinander weilen, ohne unsere Flucht in Betracht zu ziehen und die zunächst von uns einzuschlagenden Schritte nach allen Richtungen hin zu erwägen. Zwei Umstände waren es, die unsere Lage vorzugsweise mißlich machten, nämlich erstens und hauptsächlich die bedeutende Übermacht der Blackfeet, die in ihren Reihen wenigstens ebenso viele Büchsen aufzuweisen hatten, wie wir besaßen, und dann, wenn es uns wirklich gelang, irgendwo unbemerkt zu landen, daß uns kein einziges Pferd oder Lasttier zu Gebote stand. Denn auch Halbert und seine beiden Gefährten waren ohne Pferde. Sie hatten, um sich jederzeit nach einer beliebigen Seite des Stromes hinüberbegeben zu können, vorgezogen, die Reise von Fort Union aus in einem tragbaren Kanoe anzutreten. Es war dies dasselbe Kanoe, in welchem sie nach Schanhattas Eintreffen bei ihnen ihre Flucht ermöglichten, indem sie es schleunigst von allen Seiten mit einem schwimmenden Gerüst von dem im Überfluß vorhandenen Treibholz, Moos und dürrem Gras umgaben und sich dann, nachdem sie das eigentümliche Fahrzeug vorsichtig in die Strömung hinausgeschoben hätten, auf dem Boden dicht nebeneinander niederlegten. Vorläufig bot uns die Insel Sicherheit genug; es fehlte uns nicht an Lebensmitteln, wir brauchten uns daher nicht zu übereilen, unsern Aufenthaltsort mit einem andern zu vertauschen. Die Reise stromaufwärts wurde von allen Seiten einstimmig aufgegeben; der Hauptzweck war durch das Zusammentreffen mit Halbert erreicht. Jetzt handelte es sich nur darum, in Sicherheit zu gelangen, wobei ich noch immer jedem feindlichen Zusammenstoß mit den Indianern vorzubeugen mich bestrebte. Da Halberts Eintreffen keine Änderung in unserm frühern Übereinkommen hervorrief, so entschied ich mich dafür, während des Tages scheinbar nur Brennholz nach der Südspitze der Insel hinunterzuschaffen und bei dieser Gelegenheit solche leichte Baumstämme auszusuchen, die zu unsern Zwecken geeignet erscheinen würden. Bald lag denn auch an der bezeichneten Stelle eine mehr als ausreichende Masse von Brennholz und daneben waren soviel Stangen und schlanke Stämme angehäuft worden, daß man mittelst ihrer beinah eine schmale Brücke nach dem nächsten Ufer hinüber hätte schlagen können. Außerdem hatte ich auch, in Ermangelung von Leinen, eine Anzahl geschmeidiger Weiden in Strickform zusammendrehen lassen, so daß es nur einer halben Stunde Zeit für uns bedurfte, um den Wagenkasten und das Kanoe flott zu machen, beide Teile durch ein Gerüst brückenartig miteinander zu verbinden. Sachen und Personen einzuschiffen und dann die Reise stromabwärts anzutreten. Mit Spannung sahen wir nun dem Einbruch der Dunkelheit entgegen. Die Blackfeet verhielten sich ruhig, außer daß sie emsig an ihrem Floß bauten. Wir kochten und lebten in einer Weise, als wenn es für uns auf dem ganzen Erdball keine Indianer und am allerwenigsten Feinde gegeben habe. Wie sie uns, so suchten wir die Wilden eben durch unsere Ruhe zu täuschen. Die Blackfeet wären übrigens schlechte Indianer gewesen, hätten sie, nachdem ihnen die Kunde von Halberts Eintreffen geworden war, noch irgendwelche Zweifel über unsere Absichten hegen wollen. Als die Sonne vor unsern Augen verschwand, mochte es wohl noch eine halbe Stunde bis zu ihrem wirklichen Untergange dauern. Ich zögerte daher nicht länger, sondern zündete selbst den Scheiterhaufen an und beauftragte die Negerin, darüber zu wachen, daß er ohne Unterlaß hoch emporflamme und in weitem Umkreise einen möglichst hellen Schein auf die eilenden Fluten des Missouri werfe. Halbert übertrug ich sodann das Kommando über diesen Teil der Insel, und nachdem ich vor aller Augen eine Anzahl kürzerer, sich zu Fackeln eignender Äste mit dem einen Ende in die Glut geschoben und deren Bestimmung erklärt hatte, wies ich den einzelnen Schützen, selbst der unerschrockenen Kate ihre Posten an, von denen aus sie am bequemsten auf das voraussichtlich sehr dicht heranschießende und grell beleuchtete feindliche Floß der Indianer feuern konnten. Begleitet von dem fremden Jäger und von Schanhatta begab ich mich darauf nach dem nördlichen Ende der Insel hinüber. Zu unserm Vorteil gereichte übrigens noch, daß Dalefield außer seinen Büchsen einige Doppelflinten bei sich führte, die, mit starken Rehposten geladen, in der Dunkelheit einen sichereren Schuß gewährten als die Büchsen. Ich selbst hatte mich ebenfalls zu der Büchse noch mit einem dieser Gewehre bewaffnet, und alles war mithin geschehen, den Indianern einen so warmen Empfang zu bereiten, daß sie nach dem Mißlingen des ersten Angriffs, nicht sobald wieder an eine Erneuerung desselben denken sollten. Noch war die Dämmerung nicht vollständig in nächtliche Finsternis übergegangen, als alle ihre Posten einnahmen, und wenn die Negerin nicht jedes Stück Holz, das sie auf den Scheiterhaufen warf, mit einem ganzen Schwall von lauten Verwünschungen begleitet hätte, wäre es auf der kleinen Landscholle so still gewesen wie in den Wohnungen der Toten. Auch in das Lager der Blackfeet schien nächtliche Ruhe eingezogen zu sein. Niemand rührte sich daselbst; die kleinen Feuer glimmten nur noch ganz verstohlen und kämpften sichtbar um ihr kurzes Dasein. Ich hatte wieder meine alte Stelle auf dem Treibholzriff eingenommen; vor mir, an einen Baumstamm gelehnt, stand die Doppelflinte; auf meinen Knien ruhte meine Büchse. Schanhatta, deren scharfe Sinne mir an diesem Abend mehr wert waren als noch zwei Büchsen, saß neben mir, während Halberts Jäger sich hart am Rande des Wassers, ungefähr zwanzig Schritte von mir entfernt, so auf den Boden hingestreckt hatte, daß seine Augen sich fast in gleicher Höhe mit dem Spiegel des Stromes befanden, er also umso weiter über die vor ihm sich ausdehnende Wasserfläche hinzuspähen vermochte. – Eine Stunde verrann, ohne daß die tiefe Stille durch irgendein verdächtiges Geräusch unterbrochen worden wäre. Die Nacht war milde und lieblich, und kaum vermochte man sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß unter ihrem Schleier sich Menschen gegenseitig in wildem unbarmherzigen Kampfe zu vernichten trachteten. In unbeschreiblicher Pracht wölbte sich der Himmel über die weite Landschaft. Milliarden von funkelnden Gestirnen erhellten matt die oberen Luftschichten; nahe dem Erdboden dagegen war es dunkel, so dunkel, daß man auf geringe Entfernungen die äußeren Umrisse der verschiedenen Gegenstände nicht mehr genau mit den Augen verfolgen konnte. Die Baumgruppen auf den Ufern erschienen näher, größer und massiger, und gar wunderlich waren die Figuren, die sie mit ihren unregelmäßigen Außenlinien vor dem nächtlich geschmückten Hintergrunde bildeten. Hier glaubte man mächtige Elefanten zu erblicken, von denen einzelne ihre langen Rüssel grimmig emporhielten, dort wieder orientalische Minaretts, die, nach der einen Seite überhängend, jeden Augenblick umzufallen drohten. Weiter abwärts zeigten sich riesenhafte Berggeister, und neben diesen ragten wieder friedliche Heuschober und halbzerfallene Scheunen empor. Auch stattliche Dome mit runden Kuppeln schauten über die hohe, vielfach unterbrochene schwarze Waldmauer empor und zackige Gerüste, die hier an einen unvollendeten Bau, dort an eine Gauklerbude oder auch an einen unheimlich verzierten häßlichen Rabenstein erinnerten. Und dazu ließ der Missouri unablässig seinen melancholischen Sang erschallen. So heimlich rauschte es nah und fern, so behaglich plätscherten die kleinen Wellen, gegen das sandige Ufer, so lustig spielten sie mit den zu ihnen niederhängenden grünen Zweigen und so unwillig murmelnd drängten sie sich zwischen den Zacken des Holzriffs hindurch, daß es nur eines geringen Grades von Phantasie bedurfte, um in dem Rauschen, Plätschern und Murmeln Worte zu erkennen, die in lauter schöne neue Lieder zusammenzustellen für einen Dichter ein leichtes gewesen wäre. So waren die ersten Stunden der Nacht in einer steten Spannung hingegangen, und fast begann ich zu bereuen, nicht zur sofortigen Flucht von der Insel geraten zu haben, als Schanhatta ihre Hand leise auf meinen Arm legte und kaum vernehmbar lispelnd mich zum Lauschen aufforderte. Was ihren Argwohn erregte, hatte ich indessen bereits vernommen. Die Blackfeet bereiteten sich zum Angriff vor und schoben mit vereinigten Kräften ihr Floß behutsam nach der Stelle hin, von der aus die Strömung es nach der Insel hinüberführen mußte. Schanhatta drückte meinen Arm fester; ich verstand, was sie sagen wollte; sie hatte bemerkt, daß eine umfangreiche schwarze Masse sich von den Uferschatten trennte und von der Strömung mit großer Schnelligkeit auf die Südspitze der Insel zugetragen wurde. Ich erkannte das indianische Floß und das Herz zog sich mir krampfhaft zusammen, als ich bedachte, daß ein Kampf nunmehr unvermeidlich sei und ich zum erstenmal in die Notwendigkeit versetzt werden würde, einem Mitmenschen das Leben, sein höchstes Gut, zu rauben. Doch nur einen Augenblick währte diese Anwandlung von Schwäche; im nächsten fühlte ich mich wieder so ruhig und entschlossen, als wäre ich mit dieser Art von blutigem Handwerk bereits seit vielen Jahren vertraut gewesen. Das Floß hatte jetzt die Höhe der Insel erreicht und trieb in der Entfernung von kaum fünfzig Schritten von mir auf die südliche Verlängerung derselben zu, als Schanhatta mir plötzlich zuflüsterte: »Niemand zu sehen«, und dann vor mir vorübergleitend ihre Aufmerksamkeit wieder dem dunkeln Wasserspiegel zuwandte. Auch ich bemerkte, daß die Masse des Flosses, obwohl umfangreich genug, doch nicht die Höhe zeigte, die von einer Anzahl menschlicher Gestalten unbedingt zu erwarten gewesen wäre, und die Gefahr von einer andern Seite vermutend, lehnte ich mich, gleich Schanhatta, weiter nach vorn. Anfänglich entdeckte ich nichts, nur eine Reihe von Treibholzstämmen löste sich in geringer Entfernung von der Insel auf, um wie gewöhnlich zu beiden Seiten der Strömung zu folgen. »Blackfeet«, flüsterte Schanhatta mir zu, auf die schwarzen Punkte deutend. »Blackfeet«, antwortete ich ebenso heimlich, indem ich mit der linken Hand das Doppelgewehr heranzog und es dem Mädchen darreichte. »Bei Gott! hier kommen sie!« rief Halberts Jäger laut aus, und zugleich krachte sein Schuß über den Missouri hin und ein Indianer, der gerade vor ihm ans Ufer steigen wollte, sank tödlich getroffen in die Fluten zurück. »Alle Hand bis auf zwei mit Fackeln hierher!« schrie ich jetzt nach dem Feuer hinüber, denn ich hatte bei dem Aufblitzen des Schusses einen flüchtigen Blick auf eine größere Anzahl indianischer Krieger erhascht, die alle durch Treibholzstücke, die zugleich ihre Waffen trugen, unterstützt und zugedeckt im Begriff standen, sich um die Insel herum zu verteilen, offenbar mit der wohlüberlegten Absicht, nachdem sie festen Fuß gefaßt, sich von allen Seiten auf unsere Gesellschaft zu stürzen. Einzelne Arme streckten sich sogar schon nach den Zacken des Holzriffs aus, um an diesen emporzuklettern. Auf den Schuß schien das ganze Wasser lebendig geworden zu sein; und kaum hatte ich den übrigen Gefährten zugerufen, sich mir zuzugesellen, da erhob sich ringsum aus den Wellen ein so furchtbares Jauchzen und Heulen, daß mir jede Möglichkeit abgeschnitten wurde, noch weitere Anordnungen folgen zu lassen. Augenscheinlich hatten die Blackfeet darauf gerechnet, das Riff und seine nächste Umgebung unbewacht zu finden, indem sie glaubten, durch den Scheinangriff des Flosses uns sämtlich nach dem anderen Ende hinübergelockt zu haben. Die Entdeckung, daß sie sich in ihren Erwartungen täuschten, rief keine geringe Verwirrung unter ihnen hervor. Alles dieses hatte ich mit Gedankenschnelligkeit bemerkt, ebenso erriet ich, daß die Blackfeet durch ihr wildes Geheul nicht nur uns einzuschüchtern hofften, sondern sich auch gegenseitig anfeuerten, nicht mitten in dem begonnenen Werk innezuhalten. Ich stand noch immer auf meinem Posten und spähte im Kreise herum, ob sich hier oder dort eine der wilden, racheschnaubenden Gestalten über das Riff erheben würde. Und sie erhoben sich; aber nicht eine oder zwei, sondern eine schwarze Masse kletterte nach den verworrenen Baumstämmen hinauf, und entsetzlich gellte der wilde Kriegsruf von drei Seiten, während Dutzende von Fäusten, bewaffnet mit Messer und Beil, über dem dichten Haufen emportauchten. »Zurück, Mann! zurück, solange ich noch imstande bin, den Weg für Euch offen zu halten«, schallte mir jetzt des Jägers Warnungsruf in die Ohren, und gleichzeitig schmetterte er mit seinem Gewehrkolben einen Indianer zu Boden, der eben hinter mich springen wollte. Zeit war allerdings nicht mehr zu verlieren, denn nur noch wenig Schritte trennten mich von den nächsten Angreifern, die, hätten sie sich anstatt auf dem Riff auf ebenem Boden befunden, mich längst würden überwältigt haben. Meine Aufgabe, sie nicht vor dem Eintreffen meiner Gefährten das nahe Gebüsch gewinnen und sich daselbst zum Verderben aller zerstreuen zu lassen, war indessen erreicht; denn schon hörte ich Halberts und Dalefields Stimmen, die herbeistürmend mich beschworen, auszuharren. Mit wachsendem Grimm stürmten die Indianer jetzt auf mich ein, aber sie fanden mich auf meiner Hut. Schnell zurückweichend, hob ich meine Büchse und fast ebenso schnell stürzte auch einer der vordersten Krieger, von meiner Kugel getroffen, zwischen die hohlliegenden Baumstämme hin. Dem Schuß folgte augenblicklich das eigentümliche Wutgeheul, und mich nunmehr unbewaffnet wähnend, verdoppelten sie ihre Anstrengungen, meiner und Schanhattas habhaft zu werden. Daß der Angriff ebensowohl der Mandanen-Waise wie mir galt, erklärte mir ein lauter Ausruf Schanhattas, die beim Aufblitzen des Pulvers Blackbird erkannt hatte und ohne Zweifel auch von ihm erkannt worden war. Ein Sprung brachte mich von dem Riff hinunter auf festen Boden, gleich darauf hatte ich das Doppelgewehr aus Schanhattas Händen genommen, und ohne besonders zu zielen, feuerte ich beide Schüsse in den dichtesten Haufen hinein. Wiederum stutzten die Angreifer, und gräßlich gesellte sich der Schmerzensschrei der Verwundeten zu dem Wutgeheul der verschont Gebliebenen. Als diese sich aber wieder von ihrer Bestürzung erholt hatten und aufs neue auf mich eindrangen, da war es zu spät für sie, sich noch in das Dickicht zu werfen, denn zwischen diesem und dem Riff erschienen vollen Laufs, in der einen Hand die Büchse, in der andern flackernde Feuerbrände schwingend, Dalefield und die Seinigen. Doch nur ein Schuß wurde noch auf die räuberischen Wilden abgefeuert. Beim Anblick einer größeren Anzahl wohlbewaffneter Männer waren sie blitzschnell über das Holzwerk hin auseinandergestoben, und gleich darauf ertönte das Rauschen und Plätschern, mit dem der Missouri die Fliehenden aufnahm. Dabei versäumten sie aber nicht, ihre Toten und Verwundeten mit ins Wasser hineinzuschleppen und sie dort ihrem Schicksal zu überlassen. Sobald der letzte Blackfoot verschwunden war, forderte ich alle anwesenden Gefährten auf, sogleich nach beiden Seiten hin die Insel zu umkreisen und nach etwa Zurückgebliebenen zu durchforschen: Ich selbst blieb auf meinem Posten zurück. Die Mandanenwaise hatte sich mir zu Füßen ins Gras gekauert; sie fragte mich schüchtern, ob ich unverletzt geblieben sei, und dann neigte sie, wie um zu schlafen, ihr Haupt auf ihre emporgezogenen Knie. So verharrten wir beide regungslos. 26 Das Lebewohl Nachdem nicht nur die Ufer, sondern auch das Innere der kleinen Insel auf das sorgfältigste abgesucht worden waren, gesellten sich die Männer einer nach dem andern zu mir. Da die Indianer ohne Zweifel von der Strömung sehr weit fortgerissen worden waren, ehe es ihnen gelang, auf dem einen oder andern Ufer festen Fuß zu fassen, so mußten sie zu erschöpft und außerdem zu weit voneinander zerstreut sein, um noch in dieser Nacht an einen erneuten Angriff denken zu können. Ich riet daher dringend, gerade die nächsten Stunden zur Reise stromabwärts zu benutzen. Mit größter Bereitwilligkeit ging man auf meinen Vorschlag ein, und wir begaben uns ans Werk, ein Fahrzeug zusammenzustellen, das fest genug war, eine Reise sogar bis nach St. Joseph hinunter auszuhalten. Zuerst wurde der Wagenkasten ins Wasser geschoben, dann rings um diesen ein leichtes Floß gebaut und so mit dem Kasten verbunden, daß dieser dadurch nicht nur einen stetigeren Gang erhielt, sondern auch nach keiner Seite hin umschlagen konnte. Das Kanoe wurde darauf ebenfalls durch Stangen sicherer für ungeübte Hände gemacht und dann vorn an den Wagenkasten befestigt. Diese Arbeit erforderte kaum eine halbe Stunde Zeit, und Mitternacht war noch nicht lange vorüber, als alle Hände damit beginnen konnten, die geretteten Gegenstände so auf das Fahrzeug zu verteilen, daß sie das Gleichgewicht nicht störten. Meine eigenen Habseligkeiten hatte ich beiseite gelegt; ich gab vor, sie erst im letzten Augenblick an Bord bringen zu wollen, und wies Schanhatta an, sich bei ihnen niederzusetzen. Ich aber trat noch einmal zu Kate heran, die etwas abseits stand, so daß sie die arbeitenden Leute nicht in ihren Bewegungen hinderte. Als Kate meine Absicht, zu ihr sprechen zu wollen, erkannte, bot sie mir mit ernster Freundlichkeit die Hand. »Ich glaubte bereits, Ihr zürntet mir«, sagte sie, und ich fühlte, daß ihre Hand leise in der meinigen zitterte; »allein ich sehe ein, Ihr wäret zu beschäftigt, um mir nach alter Weise Eure Aufmerksamkeit zuwenden zu können.« »Das war ich und bin es noch,« erwiderte ich, »aber die Zeit drängt, in wenigen Minuten müssen wir voneinander scheiden, ich wollte daher jetzt Abschied von Euch nehmen.« »Abschied nehmen?« fragte Kate erschreckt, indem sie abermals meine Hand ergriff, »nein, nein, Ihr könnt nicht so grausam sein, hätte es doch fast den Anschein, als beabsichtigtet Ihr, uns entgelten zu lassen, daß ich – daß ich –« »Nichts liegt mir ferner als ein derartiger unedler Gedanke, meine liebe Freundin und Schwester«, fuhr ich fort, als sie in ihrer Rede stockte. »Aber wir müssen scheiden, um meiner selbst willen, um Euretwillen; Ihr, um in Eure glückliche Heimat zurückzukehren, ich, um hier zu bleiben, weil es für mich keine andere Heimt mehr gibt als diese Wildnis.« »Oh, sprecht nicht in dieser harten Weise,« versetzte Kate, und ihre Stimme bebte, »nein, wir alle werden zu verhindern suchen, daß Ihr auf dieser Insel zurückbleibt, wie Ihr, nach Euren Worten zu schließen, beabsichtigt. Es hieße Euch einem sichern Tode preisgeben; oh, denkt an mich! würde ich eine ruhige Stunde haben, müßte ich mir sagen, daß ich die Schuld an Eurem frühzeitigen schrecklichen Ende trüge? Gebt Euren Plan auf, begleitet uns dahin, wohin Ihr durch Eure geistige Bildung gehört und wo Ihr von treuen Freunden mit offenen Armen empfangen werdet, von Freunden, die es als ein Glück betrachten werden, Euch zu jedem angemessen erscheinenden Unternehmen ihren Beistand anbieten zu dürfen.« »Und das mutet Ihr mir zu, Miß Kate? Ich soll mir Wohltaten erweisen lassen, und dazu noch von jemand, der bei allen freundlichen Gefühlen doch auch Mitleid mit mir hätte? Nein, Miß Kate, mein Entschluß steht unerschütterlich fest, selbst Eure lieben Worte, die mich so wohltuend berühren, vermögen nicht, meinen Entschluß wankend zu machen.« Kate hatte das Haupt auf die Brust geneigt; sie weinte, gab es aber auf, mich noch fernerhin von meinem Vorsatz abbringen zu wollen. »Aber Schanhatta? was soll aus Schanhatta werden?« fragte sie endlich nach langer Pause. »Gerade Schanhattas Zukunft ist es, derentwegen ich mit Euch zu sprechen wünschte,« entgegnete ich, »eigentlich wollte ich sie noch einige Zeit bei mir behalten, aber unter den jetzigen Verhältnissen kann ich es als rechtschaffener Mann nicht von ihr fordern, noch länger bei mir zu bleiben, denn sie ist doch zu zart, um mich, solange ich keine Pferde besitze, auf meinen mühevollen Wanderungen zu begleiten, und eine günstigere Gelegenheit, die arme Waise in eine angemessene Schule zu bringen, dürfte sich sobald nicht wieder bieten.« »Überlaßt uns das Mädchen,« versetzte Kate mit Wärme, »gestattet uns, fernerhin für Schanhatta zu sorgen, und wenn es uns gelingt, ihr ein glückliches Los zu bereiten, ihre Zukunft ganz in Eurem Sinne zu gestalten, so soll das nur ein schwacher Beweis der Dankbarkeit sein, die wir alle dem treuen und mutigen Kinde schulden.« »Ich danke Euch in meinem und Schanhattas Namen für Eure Güte und Teilnahme,« erwiderte ich, durch Kates Vorschlag gerührt, »doch verzeiht mir, wenn ich nicht darauf eingehe. Ich kann mich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, mich gänzlich von ihr zu trennen, das letzte Band, das mich an sie fesselt, zu durchschneiden. Ich muß jemand haben, für den ich lebe, sorge und schaffe, oder mein Dasein erscheint mir zwecklos. Laßt Euch also daran genügen, Schanhatta auf die Mission, deren Lage ich Euch bereits beschrieb, zu bringen. Grüßt den Missionar und seine Gattin aufs herzlichste von mir und teilt ihnen über Schanhatta alles mit, was Ihr wißt. Sie wird dort eine liebevolle Aufnahme finden, und wenn auch Ihr Euch von ihr trennt, dann wiederholt ihr mein Versprechen, daß ich im Spätherbst auf der Mission einkehren werde, um mich von ihrem Wohlergehen und ihren Fortschritten zu überzeugen.« Ein Schuß krachte vom Ufer herüber, und wie um uns zur Eile zu mahnen, pfiff die Kugel hoch über uns hin. Die Black- feet hatten unsere Vorkehrungen entdeckt, und da der breite Flußarm uns voneinander trennte, versuchten sie, uns wenigstens durch ihre Büchsen nach besten Kräften zu belästigen. Kate erschrak, und zugleich vernahm sie ihres Vaters und Halberts Stimmen, die nach ihr riefen und sie aufforderten, sich auf ihren Platz zu begeben. »Ich komme gleich,« antwortete Kate mit erzwungener Ruhe, »laßt nur alle vorausgehen, ich will die letzte sein, die die Insel verläßt!« Daran gewöhnt, daß Kate stets nach ihrem eigenen Willen handelte, befahl Dalefield seinen Leuten, die ihnen angewiesenen Posten einzunehmen, und während dieser Zeit fand ich Gelegenheit, meine letzten Worte an Kate zu richten. Halbert war so nahe bei uns, daß er uns fast verstehen konnte. Er hatte sich indessen abgewendet und wartete ohne ein Zeichen von Ungeduld darauf, daß Kate die Unterhaltung abbrechen würde. Ich fühlte, er wußte um mein Geheimnis und wollte mir den Genuß des Gesprächs mit seiner Geliebten nicht verkürzen. »Nun noch eine letzte Bitte, Miß Kate«, begann ich, unbekümmert darum, daß eine zweite Kugel über uns hinsauste; »seid mir behilflich, den Abschied zu erleichtern; ruft Schanhatta zu Euch an Bord, tut nicht, als ob Ihr um meinen Entschluß wüßtet, auch zu Halbert oder Eurem Vater sprecht nicht davon. Ich werde im letzten Augenblick das Fahrzeug vom Ufer aus abstoßen, anstatt aber hinaufzuspringen, mich schnell in das Gebüsch zurückziehen. Und nun lebt wohl, Gott segne Euch, liebe, unvergeßliche Schwester«, fuhr ich leiser fort, vor verhaltenem Weh kaum noch der Worte mächtig; »lebt wohl, gedenkt meiner freundlich, verzeiht mir und nehmt meinen innigsten Dank für die trostreichen Worte, die ich von Euren Lippen vernommen habe; lebt wohl.« Abermals krachte ein Schuß von dem Ufer zu uns herüber. »Alle an Bord!« rief Dalefield dringend, und gleichzeitig wandte Halbert sich nach uns um. »Kate, Mr. Wandel, Schanhatta, ich glaube, wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte er ernst. »Segne dich Gott, mein lieber, teurer Bruder,« flüsterte Kate unter Schluchzen, »mag Gott dir vergelten, was du an uns getan hast, und vergib mir den Kummer, den ich dir verursachte; lebe wohl – auf Wiedersehen.« Bei diesen Worten umschlang sie meinen Hals und zugleich berührten ihre Lippen flüchtig die meinigen. Mir war, als ob ein Hauch aus den himmlischen Höhen, als ob meine entschlafene Johanna mir die Hand aufs Herz gelegt habe, um es aufs neue zu erwärmen, neue Liebe zum Leben und allen Menschen in ihm wachzurufen. Als ich mich von der Erschütterung erholt hatte, führte Halbert seine Geliebte vorsichtig nach dem Floß hinauf. Außer Schanhatta und mir befanden sich nunmehr alle an Bord und schon begannen die Leute die Leine zu lösen, die das Fahrzeug noch am Ufer hielt, und sich mit ihren Rudern in dem Kanoe zum Abstoßen bereit aufzustellen. Noch einmal trat ich dicht an die das Ufer berührenden Floßhölzer heran. Die Mandanenwaise stand an meiner Seite; sie trug ein großes Paket unter dem Arm, und ich entdeckte, daß es nicht nur ihre Sachen, sondern auch ein Teil der meinigen waren, die sie in Eile zusammengerafft hatte. Ihre Augen hielt sie mit dem Ausdruck der Seelenangst auf mich geheftet, so daß ich mich abwenden mußte. Ich wollte sie nach dem Floß hinaufschicken, aber die Worte erstarben mir auf der Zunge, ich konnte nicht. »Schanhatta, komm, meine liebe Schwester,« rief Kate jetzt aus, »komm, es ist noch Platz an meiner Seite!« »Will mein Gebieter mir nicht voranschreiten?« fragte Schanhatta leise und ausdrucksvoll, als ob sie Kates Worte nicht vernommen hätte. Zwei Kugeln, begleitet von durchdringendem Wutgeheul, schlugen eine kurze Strecke von uns aufs Wasser und pfiffen dann unheimlich über uns fort. »Vorwärts, Kinder, vorwärts!« bat Dalefield in seiner Besorgnis um die Seinigen, »vorwärts, oder wir haben zu gewärtigen, daß noch einige von uns erschossen werden, eh' wir die Insel verlassen haben.« »Schanhatta, geh' hinauf, ich will nur noch das Fahrzeug abstoßen«, befahl ich mit ernster Stimme, jedoch blutenden Herzens. »Ich will meinem Gebieter helfen,« lautete die bestimmte Antwort, »ich fürchte mich, allein zu gehen; ich fürchte, mein Gebieter könnte das Holz verfehlen und wäre dann gezwungen, zurückzubleiben.« Abermals ließ sich der scharfe Knall einer Büchse vom Ufer her vernehmen und fast in demselben Augenblick empfand ich ein kurzes Zucken in meinem rechten Knie. Ich war verwundet, die Kugel hatte mich gestreift, und zwar scharf, edle Teile verletzend, denn ich fühlte, daß eine vorübergehende Schwäche meinen Körper durchrieselte; doch ich verbiß den Schmerz, denn lieber hätte ich meine Brust allen feindlichen Geschossen zur Zielscheibe dargeboten, eh' ich mich dazu entschlossen hätte, als der Gegenstand des allgemeinen Mitleids in Kates und Halberts Gesellschaft zu reisen. Mein ganzes Innere sträubte sich gegen einen solchen Gedanken, und alles, was ich in diesem Augenblick wünschte und hoffte, war, daß das Floß erst flott und außer Sicht getrieben sein möge. »Schanhatta, mein Kind, tue, was ich dir geboten habe, gehe hinauf«, sagte ich jetzt noch ernster, der jungen Indianerin Hand ergreifend und heftig drückend. »Gehe hinauf, oder deine Schuld ist es, wenn jemand verwundet wird!« Ratlos schaute die Waise noch einmal nach dem Boot hinüber, von dem aus Kate sie mit süßen Schmeichelworten bat, meinen Befehlen Folge zu leisten, und dann ihr Bündel von sich werfend stürzte sie mir zu Füßen. Ihre Augen blieben tränenleer, auf ihrem Antlitz dagegen war eine so wilde Verzweiflung ausgeprägt, wie ich noch nie in meinem Leben an irgendeinem Menschen wahrgenommen hatte. »Töte mich,« sagte sie, fast flüsternd und mit unbeschreiblich flehendem Ausdruck, »töte mich, aber schicke mich nicht von dir. Schicke mich fort und ich sterbe. Laß mich lieber zu deinen Füßen sterben. Willst du absichtlich in den Tod gehen, so sage es, und ich begleite dich, nur verstoße mich nicht. Du hast ein Messer, nimm es und töte mich, anstatt zu sagen, ich soll nicht bei dir leben, dir nicht dienen!« Nur wenige Sekunden dauerte diese Szene, allein diese Sekunden entschieden über viel. Tief ergriffen blickte ich zu Schanhatta nieder; aus ihren Augen sprachen nicht kindliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, sondern die hingebende, opferwillige Liebe des Weibes, die Liebe, die keine Schranken, keine Grenzen kennt und weit über dieses Leben hinausreicht, weit, weit hinaus, bis in die Ewigkeit. »Gott im Himmel, solltest du mir dennoch ein irdisches Glück beschieden haben?« hallte es in meinem überströmenden Herzen. »Wenn euch an meinem und Schanhattas Leben gelegen ist, so richtet keine Frage mehr an uns; jeder weitere Verkehr hieße: uns an unsere scharfsinnigen Feinde verraten,« rief ich darauf kurz entschlossen den auf dem Fahrzeug Versammelten zu, die starr vor Erstaunen zu mir herüberschauten, »Miß Kate weiß alles, sie wird euch jede Aufklärung erteilen können. Gott geleite euch glücklich an euer Ziel.« Neue Schüsse krachten, neue Kugeln pfiffen in unserer Nähe vorüber, und wilder und grimmiger erschallte zwischendurch das indianische Geheul, indem die zerstreuten Krieger wieder bei ihren Gefährten eintrafen. Schnell bückte ich mich und stemmte mich mit aller Kraft gegen das Floß, und in der nächsten Minute waren Boot, Floß und Leute weit abwärts in der Dunkelheit verschwunden, ich aber schlich langsam und schwer gestützt auf Schanhatta und meine Büchse dem verborgensten Winkel der Insel zu. Niedriger brannten die Feuer auf der Südspitze und zwischen den Treibholzstämmen. Um mich war es dunkel; Schanhatta saß neben mir, mit frischem Missouriwasser meine Wunde – – Hier schloß das Manuskript. Als ich es zum erstenmal durchgelesen hatte, dachte ich daran, einen neuen Raubversuch auf des weisen Doktors Wakitamone Medizinränzel zu unternehmen, um wenigstens das eine Blatt noch, mit dem ich das nachgemachte Amulett umwickelt hatte, zu erbeuten, doch was konnte auf dem Quartblatt enthalten sein? Der Schluß der Geschichte gewiß nicht, denn so weit sich deren Verlauf übersehen ließ, hätte noch mancher Bogen dazu gehört, um des deutschen Studenten Erlebnisse auch nur bis dahin zu schildern, wo er verwundet in seiner Winterhütte lag und sich mit der Ausarbeitung seines Manuskripts beschäftigte. Wodurch war er in seiner Arbeit unterbrochen worden? Auf welche Weise war das Manuskript in Wakitamones Hände gefallen, und zwar zusammen mit dem Skalp, der sich durch die weiße Locke als der des grausamen und hinterlistigen Blackbird gar nicht verkennen ließ? Wo hatte der Schreiber selbst sein Ende gefunden? Was war aus Schanhatta, der lieblichen Blume der Wildnis, geworden? Wo war Kate, die holde Kate mit dem lachenden Antlitz und dem warmen Herzen geblieben? Das waren die Fragen, die sich mir jedesmal stellten, so oft ich in dem vergilbten Manuskript blätterte und bald diese, bald jene Stelle noch einmal durchlas. Und leere Neugierde trieb mich nicht zu solchen Fragen, nein, andere, tiefer liegende Gründe waren es, die meine Teilnahme für den Verschollenen wachgerufen hatten. In dem ersten Teil seines Manuskriptes war ja das Land so genau beschrieben, in dem ich selbst meine glückliche Jugendzeit verlebt hatte, standen ja so manche mir bekannte Namen, war ja sogar das Haus erwähnt, in dem ich des Lebens allerheiterste Seiten kennen gelernt hatte. Was war also natürlicher, als daß ich das lebhafteste Verlangen trug, mehr über den zu erfahren, der gleich mir den lieben Vater Rhein den ersten Gespielen seiner Jugend nannte, und gleich mir nach dem fernen wilden Westen verschlagen wurde. »Aber ist er denn auch verschollen?« fragte ich mich zuweilen, wenn meine Blicke auf den regelmäßigen Schriftzügen hafteten. »Ist er denn auch verschollen?« fragte ich mich und begann zu rechnen, und die Jahre, soweit ich klar zu denken vermochte, vor meinem Geiste vorüberrollen zu lassen: Im Frühling des Jahres 1833 beteiligte er sich an der Frankfurter Bewegung. Im Herbst desselben Jahres entfloh er nach Amerika, und im Jahre 1839, als er sein Zusammentreffen mit der Familie Dalefield beschrieb, konnte er das dreißigste Jahr kaum erreicht haben. Jetzt schreiben wir 1852; er wäre also höchstens erst dreiundvierzig Jahre alt. Aber das Manuskript, das Manuskript, es ist nicht leicht denkbar, daß er es gutwillig aufgegeben haben würde. Vielleicht vermag Wakitamone mir darüber Aufschluß zu verschaffen. Also hin zu meinem alten Gastfreunde und einen Angriff auf den so merkwürdig gezeichneten Skalp gewagt. Warukscha empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit, indem sie mir zum Beweise ihrer Hochachtung sogleich einen gesottenen Biberschwanz mit gestampften Maiskörnern vorsetzte. Doktor Wakitamone streckte mir seine biedere Rechte entgegen und fragte sehr herablassend, ob ich den Siouxs, und wenn nicht den Siouxs, so doch irgendeinem andern Pferde gestohlen habe, um ihm seine Töchter abkaufen und damit in die Rechte seines sehr lieben Schwiegersohnes eintreten zu können. Ich dagegen gab zu verstehen, daß ich einen wunderschönen Traum gehabt habe und infolgedessen zum Pferdestehlen seines Amulettes, des gekennzeichneten Skalpes, bedürfe. Wakitamone holte sein Medizinränzel herbei und löste Blackbirds Skalp ab, und das Herz lachte mir förmlich vor Freude darüber, daß diese Naturmerkwürdigkeit nunmehr in meinen Besitz übergehen sollte. Doch ich täuschte mich. Mein edler Gastfreund wollte mit seiner Trophäe nur etwas liebäugeln und mir deren besondere Vorzüge anschaulich machen; denn nachdem er sie mit wahrhaft rührender Liebe an seine wunderbar rot gefärbten Wangen gelegt – eine zärtlichere Art zu liebkosen kennen die Indianer im allgemeinen noch nicht –, hielt er sie in Armeslänge von sich ab, um das Licht mit den wohlgeordneten zweifarbigen Haaren spielen zu lassen und mir das ebenfalls sehr geschmackvoll angestrichene Innere der weich gegerbten Kopfhaut zu zeigen. Seine Augen leuchteten dabei vor Stolz und Freude, und eine Anrede hielt er an mich, die ich zwar nicht verstand, deren Sinn aber ohne Zweifel war, daß er sich von dem teuren Andenken nicht trennen würde und wenn alle seine Töchter deshalb unverheiratet bleiben sollten. Die Hoffnung auf den Besitz von Blackbirds Skalp gab ich daher auf, doch schied ich nicht eher von Wakitamone, bis ich über die merkwürdige Siegestrophäe alle diejenige Auskunft erhalten hatte, die mein alter Gastfreund mir zu erteilen imstande war. Aus diesen Nachrichten ging hervor, daß Wakitamone den Blackfoothäuptling, nachdem er von ihm einen klaffenden Schnitt über die Brust empfangen hatte, eigenhändig mit seiner Lanze aufgespießt habe, und zwar nicht nur einmal und nachdrücklich, sondern so oft, daß der arme Blackbird mehr einem Siebe, oder – um mich in Wakitamones Sinn auszudrücken – einem abgetragenen Mokasin ähnlich gewesen sein mußte als einem Blackfootkrieger. Nach dem Manuskript fragte ich nicht weiter, die Sache schien mir aus leicht erklärlichen Gründen zu gefährlich; doch aus der Art, in der der Ottoe auf seinen Zauberranzen schlug, erriet ich, daß er in diesem noch eine ganz besonders wirksame Medizin verborgen glaubte – womit nur das entwendete Manuskript gemeint sein konnte – die er zugleich mit dem schönen Skalp erbeutet habe. Also Blackbird hatte das Manuskript besessen; das war das ganze, was ich aus Wakitamones Mitteilungen schöpfte, und dies diente am wenigsten dazu, einiges Licht über des deutschen Studenten Endschicksal zu verbreiten. Meine Nachforschungen auf dem Pelztauscherposten bei den Omahas blieben ebenfalls erfolglos. Das dort stationierte Personal war in den letzten Jahren wenigstens viermal verändert worden, wie auch der Vorsteher der nahen Mission bereits vor sechs oder sieben Jahren seinen Vorgänger, der mir allein über Wandels weiteres Ergehen hätte Aufschluß erteilen können, im Amte abgelöst hatte. Der abgelöste Missionar aber war nach Südamerika geschickt worden, also zu weit fort, als daß ich, der ich wie der Vogel in der Luft über Länder und Meere dahinstreifte, mit ihm in brieflichen Verkehr hätte treten können. Eine letzte Hoffnung blieb mir noch, nämlich, nach meiner Rückkehr in die östlichen Staaten Erkundigungen über Dalefield und Halbert und daher auch über Kate einzuziehen und zu versuchen, ob diese nicht in der Lage seien, mir den Schlußteil zu dem aufgefundenen Manuskript zu liefern. Doch in welcher Richtung ich Dalefield und die Seinigen aufzusuchen haben würde, mochte Gott wissen. Dies hinderte mich indessen nicht, meinen Schatz auf das sorgfältigste aufzubewahren und in ein Stück Wildleder gewickelt, wie einst der Doktor Wakitamone getan, beständig in meiner Kugeltasche mit mir herumzutragen. 27 Der Weingärtner Der Frühling war dem Winter gefolgt, und die heißen Tage des Sommers reihten sich ihm an, als ich fröhlich und wohlgemut auf einem alten gebrechlichen, dafür aber mit schöner Musik ausgerüsteten Dampfboot den Missouri hinunterreiste. Anfangs bildeten die wenigen Passagiere eine ziemlich gemischte und etwas rauhe Gesellschaft; je häufiger sich aber zu beiden Seiten Ansiedelungen, Dörfer und Städte wiederholten, um so mehr traten an Stelle der verwilderten westlichen Gestalten der feine schwarze Leibrock, der sauber gebürstete Zylinderhut, das seidene Kleid und der grüne Schleier, bis ich zuletzt der einzige Reisende an Bord war, der statt der modischen Stiefel perlengesticke Mokasins und statt der Erzeugnisse eines gediegenen Kleiderkünstlers nur eine phantastisch geschnittene Umhüllung von festem Elkleder trug. Ich erreichte bald St. Louis, mein nächstes Ziel. Meine geringen Habseligkeiten hatte ich auf dem Dampfboot zurückgelassen und wanderte nun, nur mit Büchse, Pulverhorn und Kugeltasche beladen, leichten Herzens durch die prachtvoll bewaldeten Ländereien dahin, als ob der alte Lederrock und alles übrige, was mich sonst noch beschwerte, nicht mehr Gewicht besessen hätte als der Federstaub auf den breiten, stahlblau, schillernden Schwingen der Trauerfalter, die mich in reicher Zahl beständig umspielten. Zu meinem Wege hatte ich die offene Landstraße gewählt, in deren Nähe sich mir manches bot, was ich seit langer Zeit nicht mehr aus nächster Nähe betrachtet hatte. Da waren zum Beispiel Lichtungen und auf diesen mächtige Einfriedigungen von langen Holzscheiten, in regelmäßigem Zickzack acht Fuß hoch übereinandergestapelt; hinter den Einfriedigungen lagen Mais- und Weizenfelder oder Gärten mit reich beschwerten Obstbäumen – lauter Sachen, die ich sehr aufmerksam prüfte, ob sie auch noch so aussähen wie vor zwei Jahren. Ferner erblickte ich Kühe und Schweine, und zwar wirkliche Schweine, die sich so wonniglich in einem Winkel der Einfriedigung sonnten, daß ich nicht umhin konnte, sie zu erschrecken und aufzujagen, um mich an ihren ungeschickten Sprüngen zu ergötzen. Dann sah ich auch kleine Gehöfte, bald von Blöcken roh aufgeführt, bald hübsch sauber gezimmert und mit weiß gestrichenen Brettern überzogen, oder auch gar prangend mit roten Ziegelsteinmauern, was schon auf eine größere Wohlhabenheit des Besitzers deutete. Von den Schindeldächern schauten kleine Schornsteine neugierig nach der Landstraße hinüber, und aus den Schornsteinen wirbelte Rauch empor; es war ja Mittag und die Leute wollten essen. Auf den Höfen spazierten gravitätisch Haushähne umher, während einzelne Mitglieder ihrer zahlreichen Familie sich im heißen Staub badeten und andere ihre noch in weichen Flaum gehüllte Nachkommenschaft sorgsam bewachten und mißtrauisch nach den zanksüchtigen Perlhühnern hinüberschauten, die sich gebärdeten, als ob sie die alleinigen Besitzer des Hofes wären. Ja, alles das sah ich, und alles war mir neu, nachdem ich vor acht Tagen erst die Wildnis am oberen Missouri verlassen hatte. Neu auch erschienen mir die Farmerkinder in gesponnenen und gewebten Kleidern, die vor dem einen Gehöft auf der Landstraße Fangball spielten, und erst recht fremd war mir eine Strecke weiter eine leibhaftige lange deutsche Pfeife, die im Schatten eines mächtigen Hickory-Nußbaumes über eine Gartenpforte hinüberhing und wie der Schornstein einer Rübenzuckerfabrik dampfte. Ja, die lange deutsche Pfeife war mir am neuesten, weil ich seit Jahren nichts als kurze Tonpfeifchen und indianische Kalumets gesehen hatte. Sie war mir in der Tat so fremd und lächelte mir dabei so heimisch entgegen, daß ich vor Verwunderung mitten auf der Straße stehen blieb, sie anstarrte und gar nicht beachtete, daß sie auf der andern Seite der Pforte in sehr naher Verbindung mit einem Menschenkinde stand, das ebenso verwunderungsvoll zu mir herüberschaute. »Wenn Sie die Pfeife lange genug betrachtet haben, dann wenden Sie doch gefälligst auch mir Ihre Aufmerksamkeit etwas zu«, erschallte darauf eine freundliche männliche Stimme, und eine feine, aber von der Sonne braun gebrannte Hand legte sich an das Rohr, um die Pfeife vor dem Fallen zu bewahren. »Dacht' ich's doch, daß nur ein Deutscher an dem dünnen Ende dieses merkwürdigen Instrumentes befestigt sein könne«, entgegnete ich, die Büchse von der Schulter nehmend und näher an die Pforte herantretend. »Die lange Pfeife ist meine schwache Seite«, entgegnete gutmütig lachend der Farmer, ein stattlich gebauter Mann mit schönen blauen Augen, einem dichten, vollen, dunkelbraunen Bart und nicht weniger dichtem, braunem Haupthaar, das indessen schon etwas ins Graue spielte; »aber treten Sie näher, wenn ich bitten darf; an der Aufmerksamkeit, die Sie meiner Pfeife schenkten, erkannte ich auch in Ihnen einen Deutschen, und Ihr Lederhemd belehrt mich, daß Sie direkt von oben herunterkommen.« »Gewiß komme ich von oben herunter,« versetzte ich, durch die geöffnete Pforte eintretend und die mir dargebotene Hand kräftig schüttelnd, »ich befinde mich auf dem Wege nach St. Louis, und Sie würden mich sehr verbinden, wollten Sie mir die nächste Richtung nach Chouteaus Farm angeben; es lebt dort ein Bekannter von mir, dem ich einen Besuch abstatten möchte.« »Sie meinen den Doktor Bonfils? Lassen Sie den; haben Sie Zeit, Besuche abzustatten, so besuchen Sie vor allen Dingen mich und erzählen Sie mir, wie es oben aussieht. Sie müssen nämlich wissen, daß auch ich lange Jahre das Lederhemd trug und es mir stets einen großen Genuß gewährt, mit jemandem zusammenzutreffen, der sich dort oben etwas umgesehen hat.« »Also auch Sie sind am oberen Missouri gewesen?« fragte ich angenehm überrascht, indem ich an meines Gastfreundes Seite dem zierlichen Häuschen auf dem andern Ende des Gartens zuschritt und zum erstenmal bemerkte, daß sein rechtes Bein im Kniegelenk steif war. »Bereits vor achtzehn Jahren,« lautete die Antwort, »nicht wahr, es ist schön dort oben? Ja, ja, die Wildnis besitzt einen eigentümlichen Reiz und ich möchte wohl noch einmal nach dem Yellow-Stone, wenn auch nur besuchsweise, zurückkehren. Aber ich fange an, bequem zu werden; bin auch nicht mehr im freien Gebrauch aller meiner Glieder. Aus dem abenteuernden Pelzjäger ist ein friedlicher Gärtner und Weinbauer geworden, und was für ein Weinbauer, das sollen Sie selbst entscheiden, nachdem Sie meine Jahrgänge von A bis Z, oder vielmehr von 46 bis 51 durchgeprobt haben. Nicht wahr, Sie bleiben?« Bei diesen Worten stand er still und indem er mir zutraulich die Hand hinhielt, blickte er mich mit seinen großen schönen Augen so freundlich an, daß ich meine Hand mit lautem Schall in die seinige fallen ließ und meine Freude darüber aussprach, gerade in seinen Weg geführt worden zu sein. »Das ist brav von Ihnen,« rief er heiter aus, »keine Umstände gemacht, angeboten, angenommen, gerade so, als wenn wir uns noch oben befänden, und wenn sich je zwei Menschen genußreich unterhalten haben, so werden wir es sein, wenn wir bei einer Flasche Wein – doch was sage ich? – bei so viel Flaschen' Wein, wie Ihnen gefällt, uns gegenseitig unsere Erlebnisse im fernen Westen mitteilen!« Während wir darauf eine kurze Strecke schweigend nebeneinander zurücklegten, betrachtete ich meinen liebenswürdigen Gastfreund von der Seite, und ich muß gestehen, daß ich lange keinem Menschen begegnet war, der einen so günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte. Denn trotz seiner äußeren Einfachheit bekundete er nicht nur in jedem Wort, in jeder Bewegung einen Mann von sorgfältiger Erziehung, sondern er war auch eine stattliche Erscheinung, und wiewohl auf seinem Antlitz ein sinnender Ernst ruhte, fehlte doch wieder nicht der Zug, der auf ein heiteres Gemüt und große Menschenfreundlichkeit hindeutete. Seine aufrechte Haltung und seine braunen wetterzerrissenen Wangen zeugten von Kraft, Gesundheit und von Mäßigkeit; genug, er bot das ansprechende Bild eines westlichen Ansiedlers im besten Sinne des Wortes, eines Ansiedlers, zu dem man leicht Zutrauen faßt und dessen Gastfreundschaft man ohne Scheu, im Gegenteil, mit einer Art von heimatlichem Gefühl entgegenzunehmen geneigt ist. »Sie kommen von St. Charles, wenn ich nicht irre,« begann der Farmer endlich wieder, als wir uns dem Häuschen mit den Ställen bis auf etwa dreißig Schritte genähert hatten, »Sie müssen hungrig sein, wenn Sie nicht bereits unterwegs eingekehrt sind.« »Eingekehrt bin ich nirgends, und da die Mittagszeit bereits vorüber ist, so bitte ich dringend, sich meinetwegen keine Störungen zu verursachen. Sie erinnern sich, wir im Westen sind nicht an bestimmte Mahlzeiten gebunden; wir essen, wenn wir etwas haben, und warten, wenn es uns an Speisen gebricht.« »Gerade deswegen gestatten Sie mir, Ihnen etwas vorzusetzen. Meine Frau soll es Ihnen selbst bereiten, und zwar so, daß Sie noch einmal recht lebhaft an die Rocky-Mountains erinnert werden. Ja, ja, glauben Sie mir, meine Frau versteht ein Stück Rindfleisch auf Kohlen zu rösten und etwas Mark aus einem Beinknochen darüberlaufen zu lassen. Jeannette, Jeannette!« rief er sodann ins Haus hinein; »Jeannette, sei doch so gut und komme einmal hervor!« Gleich darauf trat uns eine schlanke Gestalt aus der Tür entgegen. In ihr eine deutsche Hausfrau vermutend, zog ich meinen Hut, um sie nach deutscher Sitte zu begrüßen. Kaum aber hatte ich einen Blick auf ihr Antlitz geworfen, so blieb ich, vor Überraschung keines Wortes mächtig, mit dem Hut in der Hand stehen, denn nicht eine Deutsche war es, die vor mir stand, sondern eine Halbindianerin, die, obwohl die erste Jugendfrische hinter ihr lag, von ganz ungewöhnlichem Liebreiz umflossen war. Aber nur ihre braun angehauchte Haut, die tiefe Schwärze der nachlässig aufgesteckten lockigen Haare und die großen dunklen, melancholischen Augen erinnerten an ihre Verwandtschaft mit den Eingeborenen des Landes. Im übrigen, in der Kleidung sowohl als auch in ihrem Wesen, zeigte sie das Wesen einer gebildeten Frau, die in der getreuen Erfüllung häuslicher Pflichten ihre größte Befriedigung findet. »Jeder Freund meines Mannes ist mir herzlich willkommen«, sagte die schöne Farmerin in reinem, wenn auch etwas fremdländischem Deutsch, indem sie mir mit einem zutraulichen Lächeln ihre schmale lichtbraune Hand darreichte. »Und ich bitte um Vergebung, wenn ich irgendwelche Störung verursacht haben sollte«, versetzte ich, noch immer den Hut in der Hand. Mein Gastfreund hatte meine Überraschung bemerkt. Er schlug mich leicht auf die Schulter und mit unverkennbarem Stolz auf seine Gattin deutend, rief er aus: »Sie sind gerade vor die rechte Tür gekommen; meine Frau sieht jetzt zwar nicht mehr danach aus, als ob sie in ihrem Leben viel Büffelfleisch auf Prärieart zubereitet habe, deshalb hat sie aber die alten Kunstgriffe noch nicht verlernt; sorge ich doch dafür, daß sie nicht aus der Übung kommt, nicht wahr, Jeannette?« Frau Jeannette nickte ihrem Gatten mit dankbarem Ausdruck zu, und dieser fuhr darauf fort: »Also meine gute Jeannette, unser Gast ist halbverhungert, zeige ihm daher, was du vermagst, und glaube mir, ein Stück Fleisch auf echte Mandanen-Art zubereitet wird ihm wie ein Gruß aus weiter Ferne erscheinen.« Frau Jeannette grüßte mich noch einmal mit holder Schüchternheit und verschwand geräuschlos im Hause, und der Farmer wendete sich mir wieder zu. »Dort ist eine schattige Laube,« begann er zuvorkommend, »die Stuben in meinem Hause sind ebenfalls kühl, sogar noch kühler, wählen Sie daher, wo Sie die nächsten Stunden zubringen wollen; aber was fehlt Ihnen?« fuhr er heiter fort, als er gewahrte, daß ich ihn befremdet betrachtete, denn in meinem Kopf schwirrten die Worte Mandanen, Jeannette, Halbindianerin wild durcheinander, »erscheint es Ihnen so unbegreiflich, daß aus einem Indianermädchen eine so prächtige deutsche Hausfrau hat werden können?« »Nein, das ist mir nicht unbegreiflich,« entgegnete ich mit einem forschenden Blick auf das Steife Knie meines Gastfreundes, »ich verglich in Gedanken nur die beiden Namen Jeannette und Schanhatta miteinander und fand eine große Ähnlichkeit zwischen ihnen.« Jetzt war an dem Farmer die Reihe zu erstaunen. »Was wissen Sie von Schanhatta?« fragte er, »lebt denn dort oben das Andenken an die brave Mandanen-Waise noch fort oder hat Ihnen jemand von mir und meinen Erlebnissen erzählt?« »Mehr als das, Herr Gustav Wandel,« antwortete ich, und unwillkürlich faßte ich nach meiner Kugeltasche, in der das Maunskript steckte, »ja, betrachten Sie mich immerhin ungläubig; die Wege, auf denen die Menschen geführt werden, sind oft wunderbar. Meine Gesichtszüge haben sich verändert und konnten freilich nicht in Ihrem Gedächtnis bis auf den heutigen Tag fortleben, wie auch Sie mir äußerlich fremd geworden sind, doch ist es nicht das erstemal, daß wir einander begegnen. Wir standen einst sogar auf einem sehr vertrauten Fuß miteinander.« Statt aller Antwort blickte Wandel mir lange in die Augen. »Ich entsinne mich nicht – nein – ich kann Ihnen nicht begegnet sein« – »Erinnern Sie sich vielleicht des kleinen, flachsköpfigen unverschämten Herrn vom Jesuitenhofe?« »Was! Sie der Herr vom Jesuitenhofe?« rief Wandel förmlich verwirrt aus, indem er seine beiden Hände auf meine Schultern legte, »geschehen denn Wunder? Sie wären der Herr vom Jesuitenhofe?« »Leider verwirklichen sich nur selten die Träume des Kindes«, erwiderte ich ernst, denn auch ich konnte ja so manches von dem Wechsel des Schicksals erzählen, »ich bin derselbe, der sich einst dem flüchtigen Gustav Wandel in knabenhaftem Übermute als den Herrn vom Jesuitenhofe vorstellte; die glückliche Familie aber, die Sie damals auf dem Jesuitenhofe begrüßten, schläft zum größten Teil unter dem kühlen Rasen, und wo einst Freunde und Fremde die unbegrenzteste Gastfreundschaft fanden, da finden sie jetzt eine – Gastwirtschaft. Doch lassen wir das, beschäftigen wir uns nur mit Ihnen«, fuhr ich fort, als ich gewahrte, daß Wandel seine Hände von meinen Schultern gleiten ließ und in tiefes wehmütiges Sinnen versunken vor sich auf den Boden starrte; »ich habe Ihnen etwas Erfreuliches mitzuteilen, was Sie noch mehr überraschen wird.« »Kommen Sie nach der Laube«, fuhr Wandel plötzlich auf, indem er seinen Arm unter den meinigen schob und mich mit sich fortzog; »ein guter Gott hat Ihre Schritte hierher gelenkt. Fort lasse ich Sie fürs erste nicht wieder, und wenn Sie mir eine Freude bereiten wollen, dann schalten und walten Sie auf meinem Eigentum, als wenn Sie der Herr hier wären. Gott im Himmel! daß mir der Trost zuteil wird, mit jemand zusammenzutreffen, den ich einst dort drüben kannte«, fügte er, wie zu sich selbst sprechend, hinzu, und schweigend legten wir die kurze Strecke bis nach der Laube zurück. Nachdem wir uns im Schatten der dicht verschlungenen Weinranken niedergelassen hatten, nahm ich zuerst wieder das Wort. »Die Mandanen-Waise hat also an Ihrer Seite den Lohn für ihre hingebende Liebe und Treue gefunden?« fragte ich, Wandel aus seinen Sinnen wachrufend. »Seit fast zwölf Jahren sind wir verheiratet,« antwortete er emporschauend, »seit fast zwölf Jahren ist sie mir Schülerin, Freundin und Gattin, seit zehn Jahren auch Mutter unserer einzigen lieblichen Tochter. Aber sie heißt nicht Schanhatta; Schanhatta ist nur die indianische Aussprache des Namens Jeannette, der ihr von ihrem Vater beigelegt wurde.« »Sie glauben nicht, welche warme Teilnahme ich für Sie und Ihr Geschick gehegt habe,« versetzte ich, denn ich konnte kaum noch die Zeit erwarten, in der ich dem ehemaligen Trapper seine Handschrift vorgelegt haben würde, »daß Sie nach Ihrer Trennung von den Dalefields von der Insel entkommen sein mußten, reimte ich mir wohl zusammen, doch was weiter aus Ihnen geworden war, vermochte ich nicht zu ergründen. Ich war jetzt auf dem Wege, Kate aufzusuchen, um von ihr das Nähere über Sie zu erfahren –« »Sie haben mein Manuskript gefunden!« unterbrach mich Wandel jetzt, indem er emporsprang. »Wenn dies Ihr Manuskript ist, dann habe ich es allerdings gefunden«, entgegnete ich, die Papierrolle hervorziehend und, nachdem ich die Umhüllung entfernt hatte, sie Wandel überreichend. »Mein Manuskript, die Arbeit mancher einsamen Stunde. Oh, welche Erinnerungen knüpfen sich daran«, sagte er bewegt, indem er die Rolle mit zitternden Händen auseinanderschlug. »Aber sagen Sie mir, wie ist es Ihnen gelungen, dem schrecklichen Blackbird, so hieß der Indianer, in dessen Händen ich mein Manuskript zurücklassen mußte, diesen Schatz zu entreißen?« »Blackbird ist bereits seit Jahren tot; seinen an der weißen Locke nicht zu verkennenden Skalp sah ich an dem Medizinranzen eines Ottoe-Kriegers hängen.« »Also doch gewaltsam ums Leben gekommen? Nun, sein blutiges Ende war verdient; und dennoch bedauere ich ihn, denn er hat, natürlich ohne es zu wollen, mir einen großen, einen unberechenbaren Dienst geleistet. Das Manuskript befand sich wohl in demselben Medizinbeutel, an dem Blackbirds Skalp befestigt war?« »In demselben Medizinbeutel; der Ottoe hatte beide Teile zugleich erbeutet«, antwortete ich, und sogleich begann ich zu schildern, auf welche Weise es mir gelungen war, die Rolle in meinen Besitz zu bringen. Als ich geendigt, blickte Wandel mir wieder eine Weile sinnend in die Augen. »Es ist seltsam,« sagte er dann, wie im Selbstgespräch, »als ich Sie an der Gartenpforte begrüßte, wer hätte da geahnt, daß Sie mit meiner Lebensgeschichte, ja noch mehr, mit meinen verborgensten Herzensregungen fast ebenso vertraut geworden seien wie ich selbst?« »Da ich nun Ihre Lebensgeschichte bis in die kleinsten Einzlenheiten kenne, auch so glücklich gewesen bin, Ihnen Ihr seit Jahren verloren geglaubtes Manuskript überreichen zu können, habe ich dadurch vielleicht das Recht erworben, auch nach dem Teil Ihrer Erlebnisse fragen zu dürfen, der zwischen dem Schluß Ihrer aufgezeichneten Nachrichten und der Gründung Ihres häuslichen Herdes liegt?« »Sie haben nicht nur ein Recht, danach zu fragen,« erwiderte Wandel, mir die Hand freundschaftlich drückend, »sondern ich fühle auch die Verpflichtung, das, was Sie über mich wissen, zu einem Abschluß zu bringen; und der am wenigsten wunderbare Teil meiner Erlebnisse ist es wahrlich nicht, der mir noch zu erzählen bleibt. Aber nicht jetzt, mein lieber Freund; ich wäre nicht imstande dazu. Wir müssen vorher vertrauter miteinander werden; Sie müssen mir von sich erzählen und von unserer gemeinsamen Heimat; ein Austausch von Gedanken und Ideen muß vorher stattgefunden haben, und dann, wenn ich mich erst daran gewöhnt habe, Sie, den ich eben noch als einen fremden Wanderer willkommen hieß, als einen Freund zu betrachten, vor dem ich nichts geheimzuhalten brauche, dann will ich so weitererzählen, als ob ich noch an jenem flachen Stein säße und dem Papier meine Empfindungen und Erlebnisse anvertraute.« »Einverstanden, von ganzem Herzen einverstanden,« entgegnete ich schnell, »ich begreife, Sie können unmöglich in der ersten Viertelstunde unserer Bekanntschaft in der Stimmung sein, zu erzählen; aber ich bin geduldig und zugleich zu sehr gespannt, als daß ich mich von Ihrem Grund und Boden entfernen möchte, ohne den Schluß des Romans Ihres Lebens erfahren zu haben.« Unser Gespräch stockte, als Schanhatta in der Laube erschien, um die Vorrichtungen zu einem ländlichen Mahle zu treffen. Sie benahm sich dabei mit einem Anstande, der von sorgfältiger Erziehung zeugte, und mit einer Anmut, die wohl angeboren aber nicht anerzogen werden kann. Dabei dieses liebevolle Forschen nach den leisesten Wünschen ihres Gatten und dieses Trachten, ihnen stets zuvorzukommen! Und dabei sprach sie ein Deutsch, wie man Reizenderes kaum hören konnte. Geschäftig, als wäre sie in einer deutschen Wirtschaft geboren und erzogen worden, trug sie die von den landesüblichen Gerichten begleiteten, nach Prärieweise gerösteten Fleischschnitten auf, und ebenso geschäftig beeilte sie sich, einige besonders bezeichnete Flaschen des edlen Kataubaweins herbeizuschaffen. Dann aber setzte sie sich zwanglos zu uns hin, und nachdem sie erfahren, auf welche Weise ich Kenntnis von ihrer und Wandels Vergangenheit gewonnen hatte, beteiligte sie sich frei an unserer Unterhaltung. Um die Mitte des Nachmittags wurde das eifrige Gespräch, dem wir uns hingegeben hatten, auf eine liebliche Weise unterbrochen. Zu uns sprang nämlich ein wunderbar schönes zehnjähriges Mädchen, noch ganz erhitzt von dem weiten Schulweg, in die Laube und begrüßte mit holdem, kindlichem Wesen zuerst die Mutter und dann den Vater. Mir wurde sie dann als Johanna, die Tochter des Hauses, vorgestellt. Verwundert betrachtete das Kind den fremden Mann in dem merkwürdig befransten Lederrock; als es aber gewahrte, daß die Eltern mit ihm auf freundschaftlichem Fuße standen, da duldete es gern, daß ich die schwarzen Locken von seine weißen erhitzten Stirne strich, lange in seine großen, blauen unschuldvollen Augen schaute und schließlich einen Kuß auf die kleinen zierlichen, etwas aufgeworfenen frischen Lippen drückte. »Sie haben sich nicht über das Geschick zu beklagen«, sagte ich zu meinem Gastfreunde, indem ich meine Blicke im Kreise herumsandte und mich an dem Ausdruck glücklicher Zufriedenheit weidete, die so verständlich aus jedem einzelnen Antlitz sprach. »Bewahre mich Gott, daß ich mich jemals durch eine Klage versündige«, entgegnete Wandel mit dem ihm eigentümlichen Ernst; »duftende Blumen und schwer verletzende Dornen durchweben das menschliche Leben; wohl demjenigen, dem es von einem freundlichen Geschick beschieden wird, daß die Tage des Glücks heilend und lindernd auf die tief geschlagenen Wunden einwirken und sie allmählich schließen. Mögen immerhin Narben zurückbleiben, sie schmerzen nicht mehr; im Gegenteil, diese Narben sind die heilige Verbindungskette zwischen uns und denjenigen, denen wir einst in treuer Liebe zugetan waren und die nur um eine kurze Spanne Zeit uns voraus in eine andere Welt hinübergingen.« 28 In Banden Wir waren von einem kurzen Spaziergange durch den Weingarten nach der Laube zurückgekehrt. Das letzte Abendrot hätte uns zu dem gemeinschaftlichen Mahl geleuchtet, und in traulichem Gespräch saßen Wandel und ich beieinander. Frau Jeannette hatte sich mit ihrer Tochter ins Haus zurückgezogen. Nachdem sie mir eine gute Nacht gewünscht, sprach sie im Scherz die Hoffnung aus, daß wir uns nicht von der aufgehenden Sonne in der Laube überraschen lassen würden. Sie sagte es scherzweise, ohne daran zu denken, daß ein solcher Fall wirklich eintreten könne. Die Nacht war wunderbar lieblich, die von der Sonne des Tages durchglühte Luft unendlich mild, und friedlich leuchtete der beinah volle Mond auf die stille Landschaft nieder. Auch in unsere Laube zwischen den grünen Weinranken hindurch warf er einige zitternde Strahlen, und merkwürdig formlose Schattenbilder zeichnete er auf den Tisch. Bald waren sie zackig, bald rund, bald waren sie lang gereckt, bald kurz gedrungen; hier entstand eine verschrobene Schattennase, die sich wie lüstern nach den halbvollen Gläsern hin verlängerte und über den halben Tisch hinüberreichte, dort schielte sogar ein fürchterliches Zyklopenauge vom hellsten Mondschein mit etwas vergossenem Wein als Stern grimmig nach der angeschenkten Flasche hinüber. Dazu sangen im nahen Waldesdickicht die Laubfrösche, dickköpfige Lokustgrillen und langbeinige Heuschrecken stimmten mit ein, und zuweilen auch ein unverschämter Ochsenfrosch mit seinem unmelodischen Gebrüll. In der Ferne aber bellte jauchzend ein Schäferhund, daß es sich genauso anhörte wie das Gekläffe eines Präriewolfs und ich mich in die einsame Wildnis zurückwähnen konnte. Mit wunderbaren verlockenden Reizen wird die Wildnis von einer milden Sommernacht geschmückt, wenn das Ohr gespannt lauscht auf die bald harmlosen, bald drohenden Stimmen der Natur. Wo aber holder Friede sich zum nächtlichen Dunkel gesellt, wo der Schlaf seine Mohnkörner ausstreut, ohne ihnen zugleich eine Beimischung von Unruhe und Besorgnis mitzugeben, da erfüllt dankbare Rührung ein empfängliches Gemüt, und gern beschäftigt sich in solchen Stunden der Geist mit den Bildern der Vergangenheit, die einen minder friedlichen Charakter tragen. So erging es auch Wandel an jenem unvergeßlichen Abend, als wir in der Laube saßen und tiefe nächtliche Ruhe sich auf die Landschaft ringsum gesenkt hatte. – »Ich habe einen Blick in das Manuskript geworfen,« begann er, nachdem wir eine Weile schweigend in den mondbeleuchteten Garten hinausgeschaut hatten, »ich habe einen Blick in das Manuskript geworfen und mich überzeugt, daß wenig oder gar nichts davon verloren gegangen ist. Es schließt damit ab, daß die Familie Dalefield die Insel verließ, und ich, unterstützt von meiner Jeannette – doch nennen wir sie lieber Schanhatta, wenigstens so lange, bis wir zu der Ursache der Änderung ihres Namens gelangen – das kleine zwischen Binsen und Weiden verborgene Lager auf der Mitte der Insel erreichte. Dort sank ich erschöpft nieder, jedoch mehr infolge des starken Blutverlustes, als daß die Wunde wirklich gefährlich gewesen wäre. Die Kugel war mir nämlich dicht oberhalb des Knies durch das Bein geschlagen und hatte eine Sehne verletzt, infolgedessen ich mich meine ganze Lebenszeit hindurch mit einem steifen Knie behelfen muß. Wie fast alle Indianerinnen schon in früher Jugend mehr oder minder mit der Heilkunde vertraut sind, so äußerte Schanhatta, nachdem sie die Wunde mit rührender Sorgfalt untersucht hatte, nicht das geringste Bedenken, daß es ihr gelingen würde, mich wiederherzustellen. Überhaupt zeigte sie sich, sobald wir uns wieder allein befanden, von einer solchen Geschäftigkeit und von so frohem Mute beseelt, daß es mir fast schien, als freue sie sich über meine Verwundung. Sie betrachtete diese in ihrer kindlichen Einfalt als die eigentliche Ursache, daß ich sie bei mir behalten habe. Was unsere Feinde, die Blackfoot-Indianer betraf, so dachten diese, in der festen Überzeugung, daß alle auf der Insel Befindlichen entflohen seien, nicht mehr an weitere Überfälle. Noch an demselben Tage, nachdem sie ihre Verwundeten und ich glaube auch einen Toten auf die erbeuteten Pferde geladen hatten, waren sie in westlicher Richtung davon gezogen. Wir blieben noch fünf Tage auf der Insel, damit ich das Wundfieber in Ruhe überstehen konnte. Dann erfolgte unsere Reise wieder auf einem Floß, das Schanhatta selbst mit großer Anstrengung zusammengefügt hatte. Auch bei der Heimfahrt fiel Schanhatta die ganze Arbeit zu; sie ruderte, sie kühlte meine Wunde mit frischem Wasser, sie bereitete die Speisen, sie suchte Kräuter, deren heilsame Wirkung sie kannte, und dabei bezogen wir kein einziges Mal unser Lager, ohne daß sie vorher von irgendeiner Höhe aus die weitere Umgebung abgespäht hätte, ob wir auch wohl ohne Sorge für unsere Sicherheit das Haupt zum Schlaf würden niederlegen dürfen. Ich vermag aber nicht zu schildern, in welcher Weise sie das alles tat; wie aus ihren Augen die innere Befriedigung leuchtete, sich für mich aufopfern zu dürfen; wie sie, sobald ich die Augen, wenn auch nur zum Scheinschlaf schloß, meinen Atem bewachte, wie sie mir aufmunternd zulächelte, während sie mit blutendem Herzen und kaum fühlbaren Händen meine Wunde verband, wie sie mir Blumen brachte, die ich vorzugsweise liebte! Es war eine langsame und traurige Reise, aber auch eine Reise, auf der ein neues irdisches Glück für mich heraufzudämmern begann, und nichts gleicht der innigen Freude, die es mir gewährte, Schanhatta zu beobachten, wie die in ihrer Brust schlummernden edlen Keime mehr und mehr zum Durchbruch kamen, wie sie sich allmählich bewußt wurde, daß nicht allein das Gefühl der Dankbarkeit für empfangene Wohltaten sie beseelte. – Die erste Hälfte des August mochte verstrichen sein, als wir unser altes Winterquartier bezogen und uns in diesem für die nächste Zeit so häuslich, wie unsere sehr beschränkten Mittel erlaubten, einrichteten. Unser Aufenthalt in der dürftigen Hütte sollte nur so lange währen, bis meine Wunde, die während der Stromfahrt trotz aller Vorsicht einen bösartigeren Charakter angenommen hatte, wieder einigermaßen geheilt sei. Ich rechnete auf zwei Monate, nach deren Ablauf mir noch immer hinreichend Zeit geblieben wäre, wenigstens bis zur Mission zu gelangen und von dort aus meinen Eintritt in die Welt und in das Geschäftsleben zu bewirken. Die Wunde heilte langsamer als ich erwartet hatte, und sehr bald entdeckte ich, daß mein Knie nicht nur geschwächt, sondern sogar steif bleiben würde. Doch was halfen mir Kummer und Klagen? Das Unglück mußte mit Geduld getragen werden. Als eine wahre Wohltat für mich erwies sich, daß ich die Mittel besaß, die Aufzeichnung meiner Lebensgeschichte fortzusetzen. Während der langen Tage, an denen ich mein Lager kaum anders als kriechend verlassen durfte, hätte ich sonst der Verzweiflung anheimfallen müssen, obwohl Schanhatta nicht anders von meiner Seite wich, als wenn sie ausging, um einige Fische zu angeln oder süße Wurzeln, eine Art wilder Kartoffeln, zu graben und dadurch etwas Abwechslung in unsere einfache Küche zu bringen. In demselben Grade aber, in dem mein Manuskript wuchs, besserte sich auch der Zustand meiner Wunde, und es näherte sich die Zeit, in welcher ich ersteres zum Abschluß zu bringen gedachte und gleichzeitig, wenn auch hinkend, mich nach Willkür herumzubewegen wagen durfte. »Heute über acht Tage verlassen wir diese Stelle auf Nimmerwiedersehen«, sagte ich eines Abends in der ersten Hälfte des Oktober zu Schanhatta, nachdem ich meine Schreiberei sorgfältig zusammengepackt und mich vor die Hütte begeben hatte, um von einer etwas erhöhten Stelle aus den Sonnenuntergang zu beobachten. »Ich wünsche, wir wären bereits fort«, entgegnete Schanhatta mit ernstem Ausdruck. »Ich habe frische Spuren dort unten am Wasser entdeckt, Spuren, die nicht von einem weißen Jäger herrühren«, fuhr sie dann nach kurzer Pause fort, zugleich nach dem Missouri hinüberdeutend, wo die Mündung unseres Flüßchens durch Binsenwaldungen und Weidengestrüpp unseren Augen entzogen wurde. »War es nicht die Fährte eines schwarzen Bären, der während der Nacht gekommen war, um ein Bad zu nehmen?« fragte ich jetzt aufmerksamer. »Der Bär verbirgt seine Fährte nicht, und seine Krallen drücken sich tief in das Erdreich ein«, versetzte Schanhatta, ängstlich nach der Niederung hinunterspähend; »die Fährte aber, die ich sah, stand halb unter Wasser, ein stolpernder Fuß hat seitwärts auf trockenen Boden getreten.« »Du meinst, es sind dort unten Rothäute gewandert, die ihre Spuren zu verbergen trachteten?« fragte ich besorgter. »Sie suchten ihre Spuren im Wasser zu verbergen, und es ist ihnen auch gelungen, bis auf den einen Abdruck.« »Welchen Schnitt hatte der Mokasin?« »Eine Naht lief von der Spitze der großen Zehe bis beinah unter die Mitte des Fußes hin.« »Vielleicht Pawnees, die sich auf der Flucht vor den Dakotahs befinden?« »Oder Blackfoot-Krieger, die nach meinem Gebieter forschen«, fügte Schanhatta mit unterdrückter Besorgnis hinzu. »Mein Gebieter hat einige ihrer besten Krieger erschlagen, sie haben Grund, sich zu rächen.« »Blackfeet meinst du?« entgegnete ich, und gleichzeitig erinnerte ich mich, daß Blackbird mir unverhohlen seine unbesiegbare Leidenschaft für Schanhatta eingestanden hatte; »doch du irrst dich, mein Kind, wie sollten die Blackfeet hierhergelangen? Der Weg ist ihnen zu weit, ihre Schädelhäute würden Gefahr laufen, in den Rauchfang eines Ponkas zu wandern. Aber bringe mir die Büchse, wir wollen uns auf alle Fälle vorbereiten, sei indessen vorsichtig, sie ist geladen.« Schanhatta eilte mit geräuschlosen Schritten von dannen, und ich wendete meine Aufmerksamkeit wieder der Sonne zu, deren oberer Rand eben hinter einer fernen Schwellung der Prärie verschwand. Ich war etwa zwanzig Schritt weit von der Hütte entfernt und hatte dieser den Rücken zugekehrt, als ich plötzlich einen schwarzen Streifen vor meinem Gesicht niederfallen sah und meine Arme mit unwiderstehlicher Gewalt und auf schmerzhafte Weise an meinen Körper gepreßt fühlte. Ich wurde durch einen heftigen Stoß hinten übergerissen, und bevor ich noch einen Versuch zur Befreiung meiner Glieder machen konnte, standen über mir zwei wildbemalte nackte Krieger, die mit unglaublicher Gewandtheit meine Glieder fest zusammenschnürten. Alles dies war mit einer solchen Schnelligkeit und so geräuschlos vor sich gegangen, daß Schanhatta in der Hütte nichts davon gemerkt hatte. Erst als sie mit der Büchse in der Hand wieder ins Freie hinaustrat, sah sie zu ihrem namenlosen Entsetzen, daß ich wie ein wilder Mustang mittels eines Lassos eingefangen worden war. Eine Sekunde etwa stand sie wie eine Bildsäule da; der sie in so hohem Grade schmückende rosige Schimmer war von ihren Wangen gewichen und ihre großen, schönen Augen stierten zu mir herüber, als ob sie durch den unerwarteten Anblick die Sehkraft verloren hätten. »Schanhatta! fliehe!« rief ich mit erstickter Stimme aus, denn jetzt erst entdeckte ich Blackbird, meinen Todfeind, der etwas seitwärts von der Hütte auf dem Hügelabhange stand und mit grimmig höhnischem Lachen einen ringförmig zusammengelegten Lasso ums Haupt schwang, offenbar um Schanhatta in gleicher Weise wie mich zu fangen. Der Ton meiner Stimme schien das treue Mädchen wieder zum Bewußtsein zu wecken. Einen gellenden, durch Mark und Bein dringenden Schrei ausstoßend, stürzte sie mit der Gewandtheit einer Tigerin auf mich zu, und gleichzeitig schlug der nach ihr geschleuderte Lasso, da ihre Bewegung nicht vorhergesehen worden war, harmlos hinter ihr auf die Erde. Eh' Blackbird dann die Leine zum neuen Wurf eingeholt und zusammengerollt hatte, befand sie sich dicht vor mir. Den Mechanismus der Feuerwaffe kannte sie, ohne im Gebrauch derselben geübt zu sein, doch bedurfte sie in diesem Falle keiner großen Fertigkeit der Hand und Sicherheit des Auges. Sie spannte den Hahn, hielt die Mündung dem Indianer, der mir eben die Hände auf der Brust mit schmerzhaft einschneidenden Riemen kreuzweise zusammenfesselte, vor den Kopf, und im nächsten Augenblick schnellte er mit zerschmettertem Schädel empor, um als Leiche schwer neben mich auf die Erde hinzusinken. Die Büchse entfiel darauf Schanhattas Händen und mit wildflatterndem Haar warf sie sich über mich hin, um den für mich bestimmten Todesstreich in Empfang zu nehmen. Der zweite Indianer, der meine Füße zusammenschnürte, war nämlich, als er seinen Gefährten stürzen sah, einen Schritt zurückgesprungen, hatte sein Kriegsbeil aus dem Gurt gerissen und mit gellendem Wutgeheul, Schanhatta bei ihren langen Locken ergreifend, mit der rechten Hand den scharfen Tomahawk zum tödlichen Hiebe ausholend, ums Haupt geschwungen. Doch der Schlag fiel nicht, Blackbird, der wilde Häuptling, hielt den Arm seines Gefährten und zwang ihn, fernere blutige Absichten auf Schanhatta aufzugeben. Dann riß er das halb ohnmächtige Mädchen empor und einen Fuß auf meine Brust stellend, rief er mir in der Siouxsprache zu, daß die Mandanen-Waise nunmehr sein Eigentum sei, ohne daß er auch nur einen elenden Lasso dafür hatte hingeben zu brauchen. Schanhatta wurden darauf ebenfalls die Hände gebunden, doch gestattete man ihr im übrigen volle Freiheit. Man begriff, daß sie nicht von meiner Seite weichen würde. Diesem Umstände war es auch allein zu verdanken, daß man mich nicht tötete. Als Blackbird sich nämlich in meiner Nähe in der Mitte von nicht weniger als acht Kriegern vor einem kleinen, hellflackernden Feuer niedergelassen hatte und man darüber beriet, wie zunächst mit mir zu verfahren sei, glaubte ich zu verstehen, daß die meisten für meinen augenblicklichen Tod stimmten, Blackbird dagegen auf seinem Willen beharrte, mich mit nach ihrem Dorf zu schleppen und dort ihre ältesten Krieger gemeinschaftlich mit den hervorragendsten und weisesten Medizinmännern über mein Los entscheiden zu lassen. »Und die Mandanen-Squaw! Will der Häuptling sie für sich behalten? Was haben seine jungen Krieger dafür, daß sie ihn auf dem weiten Wege begleiteten?« fragte ein grimmig dareinschauender Blackfoot, indem er sich mit der Faust dröhnend auf die Brust schlug. »Blackbirds Wigwam steht leer,« antwortete der Häuptling, meine jungen Leute mögen sich schadlos halten an dem bleichen Jäger und ihn nach ihrer Ankunft im heimatlichen Dorf zur Zielscheibe für ihre Kugeln und Pfeile machen.« »Der bleiche Jäger gehört den Knaben der Blackfeet,« versetzte der junge Krieger erbittert, denn auch auf ihn schien Schanhatta einen tiefen Eindruck ausgeübt und alle seine wilden Leidenschaften entflammt zu haben, »sie mögen ihre stumpfen Pfeile an seiner weißen Haut versuchen; er ist keine Zielscheibe für Männer. Aber das Mädchen gehört uns allen; es soll der weise Zauberer der Blackfeet sagen, in wessen Wigwam die Mandanen-Squaw einziehe. Nur einer kann sie besitzen, aber dieser eine soll jedem, der sich an dem Unternehmen beteiligte, ein Pferd zahlen; ich habe gesprochen!« Dieses entschiedene Auftreten des jungen Kriegers verdroß den Häuptling noch mehr; aber er erklärte sich mit den geäußerten Ansichten einverstanden und wiederholte, daß er sich dem Ausspruch des Medizinmannes willig unterwerfe. Nachdem dieses Übereinkommen getroffen war, erhob sich die unheimliche Gesellschaft. Zwei derselben setzten sich als Wachen in meiner und Schanhattas Nähe nieder, worauf die andern ans Werk schritten, die Hütte auszuräumen und meine geringen Habseligkeiten zur Verteilung an das Feuer zu bringen. Über die Decken, Munition, Waffen und einen kleinen Vorrat von kostbarem Pelzwerk verständigte man sich schnell; der eine erklärte sich mit diesem, der andere mit jenem zufrieden und niemand wandte etwas dagegen ein, als Blackbird, weil er durch meine Schuld seinen Karabiner eingebüßt habe, meine Büchse für sich beanspruchte. Eine längere Verhandlung knüpfte sich indessen an die Frage, wem das Manuskript zuerkannt werden solle. Jeder wünschte es zu besitzen, indem sie das sogenannte »sprechende Papier« für ein überaus wirksames Zaubermittel hielten, dem im allgemeinen die großen Erfolge der fremden weißen Eindringlinge zugeschrieben werden müßten. Während dieser ganzen Zeit hatte man weder mich noch Schanhatta eines Blickes gewürdigt. Ich lag auf dem Rücken; mein Füße, lang ausgestreckt, waren dicht über den Knöcheln so fest zusammengeschnürt worden, daß mir das Blut auf höchst schmerzhafte Weise zu stocken begann und namentlich meine kaum geschlossene Wunde mir viel Qual verursachte. Weniger unbequem und straff schlangen sich die Fesseln um meine Arme, da der Indianer in dem Augenblick, in dem er den Knoten fester anzog, von Schanhatta niedergeschossen wurde. Indem aber die Riemen mir nicht nur die Oberarme an den Körper preßten, sondern jede .Hand auch noch besonders unter dem gegenüberliegenden Ellenbogen festgebunden war, fühlte ich mich dennoch unfähig, mich ohne fremde Hilfe zu rühren oder aufzurichten. Schanhatta, ihre zusammengebundenen Hände über den Knien gefaltet, kauerte zwei Schritte weit von mir regungslos auf der Erde. Der Schein des Feuers beleuchtete den oberen Teil ihrer Gestalt, so daß mir nur ihr Haupt und ihre Schultern sichtbar waren. Was sie dachte und fühlte, ließ sich aus ihren gleichsam versteinerten Zügen nicht entziffern; weder ein Seufzer noch ein Klageton schwellte ihre Brust. Aber wenn sie zeitweise ihre tränenleeren Augen auf mich richtete, und diese gleich darauf, ohne daß sie ihr Haupt bewegt hätte, im Kreise herumblitzten und spähten, dann fühlte ich, daß sie einzig und allein darauf bedacht war, ein Mittel zu meiner Befreiung zu ersinnen. Zwei Stunden etwa waren in dieser Weise dahingeschlichen. Außer den beiden Wachen hatten sich die Indianer um das Feuer hingestreckt, um so den Morgen zu erwarten, als der Schmerz an meinen Füßen, trotzdem ich die Zähne fest zusammenbiß, mir einen Klagelaut auspreßte. Die Blackfeet hörten nicht darauf; sie betrachteten mich so gefühllos, wie etwa der Schlächter sein Opfer, das er, unbekümmert darum, ob es in seinen letzten Lebensstunden noch Schmerzen empfinde, in unnatürlicher Lage zusammengekrümmt und gefesselt ins Schlachthaus trägt. Schanhatta dagegen sprang empor, und dicht zu mir herantretend, fragte sie mit halblauter Stimme, ob ich irgend etwas wünsche. »Wasser gib mir, mein Kind, nur einen Trunk Wasser«, antwortete ich mit schwerer Zunge. Ohne die verwunderten Blicke der Wächter zu beachten, begab sie sich nach der Hütte, und gleich darauf erschien sie wieder, eine mit Wasser gefüllte Kürbisflasche in ihren gebundenen Händen vor sich tragend. Mit sichern, fast trotzigen Bewegungen kniete sie an meiner Seite nieder, und indem sie ihr Haupt über mich hinneigte, daß ihre langen, leicht gelockten Haare wie ein dichter Schleier mein Gesicht von allen Seiten umwallten, führte sie den Hals der ausgehöhlten Frucht behutsam an meine Lippen. »Sei stark, mein Gebieter«, flüsterte sie so leise, daß die Töne nicht über den von ihren prachtvollen Haaren gebildeten Schleier hinausdrangen; »Schanhatta wacht für ihren Herrn; sie sinnt darüber nach, wie sie ihn befreie. Wenn Sie meinen Wohltäter ermorden, so wird er nicht allein sterben; ich besitze Mittel, jederzeit zu sterben; stirbt mein Gebieter, so fehlt Schanhatta die Luft zum Atmen. Ohne meinen Herrn kann ich nicht weiterleben.« Die letzten Worte hauchte sie, von Schmerzen überwältigt, kaum verständlich über mich hin. Dann aber richtete sie sich mit sicheren und entschiedenen Bewegungen empor, und unbekümmert um die argwöhnischen Blicke, die von allen Seiten auf sie gerichtet waren, fragte sie wiederum laut, ob sie mir irgendwie Erleichterung verschaffen könne. »Laß nur, mein Kind«, tröstete ich, von Schmerz fast übermannt, »man wird dir nicht gestatten, mir zu helfen, im Gegenteil sich noch an meinen Qualen weiden.« »Was ist es, das meinen Gebieter so quält, daß seine Augen sich röten?« fragte das treue Mädchen dringender. »Die Banden an meinen Füßen, die Wunde an meinem Knie«, antwortete ich, um ihrem ausgesprochenen Verlangen zu genügen. Ein Blitz des Verständnisses flog über ihr gutes Antlitz; etwa eine Minute blickte sie mich zweifelnd an, worauf sie geraden Wegs zu Blackbird hinschritt, der sie bei ihrer Annäherung wohl überrascht anstarrte, sich aber nicht aus seiner bequemen Lage rührte. »Seit wann ist es Sitte, daß die Blackfeet ihren Gefangenen die Glieder töten?« fragte sie, indem sie den Häuptling verächtlich mit dem Fuß anstieß. Blackbird, entrüstet über die ihm von einem gefangenen Mädchen zuteil gewordene schmachvolle Behandlung, schnellte wie ein Blitz empor, die Hand an den Griff seines Messers legend und Schanhatta mit glühenden Augen anschauend. Allein er wagte nicht, sich an ihr zu vergreifen, so groß war der Einfluß, den sie auf ihn ausübte. Ich selbst war über das, was ich sah, nicht weniger erstaunt als die Blackfeet. Das seltsame Mädchen hatte wohl hinlänglich Beweise von Unerschrockenheit abgelegt, so aber, wie sie sich in diesem Augenblick zeigte, hatte ich Schanhatta noch nie gesehen. Die Blackfeet würden, wenn eine weiße Frau in solcher Weise vor sie hingetreten wäre, diese verhöhnt haben; aber daß ein junges Mädchen von ihrer eigenen Farbe es wagte, wie eine Gebieterin zu ihnen zu sprechen, sie ihre geistige Überlegenheit in so verletzender Weise fühlen zu lassen, das war mehr, als sie zu begreifen vermochten. Und dennoch befand sich keiner unter ihnen, der die Neigung verspürt hätte, sich an der schwachen Waise zu rächen; so viel schwerer wog in diesem Augenblick Schanhattas moralischer Mut als die physischen Kräfte und die wilde Grausamkeit ihrer Feinde. Längere Zeit dauerte es, bis der verwirrte und erbitterte Häuptling zu verstehen schien, was Schanhatta gesprochen hatte. Endlich aber ließ er die Hand langsam von seinem Messer niedergleiten, und sich stolz emporrichtend, maß er das unerschrockene Mädchen mit einem drohenden Blick. »Der weiße Jäger ist ein Mann,« hob er ausdrucksvoll an, »er ist ein Krieger, denn seine Büchse raubte zwei mutigen Blackfeet das Leben. Ein Krieger aber weiß Schmerz zu ertragen; es beleidigt ihn, wenn man seine Schmerzen entfernt. Will die junge Mandanen-Squaw von ihren Banden befreit sein, so braucht sie es nur zu sagen; mein Messer wird ihr den Gebrauch ihrer Hände wiedergeben.« »Lasse der Blackfoot-Häuptling meine Hände gebunden,« entgegnete Schanhatta mit Hoheit, »meine Hände sind gefährlich, denn schon einem seiner Krieger raubten sie das Leben; sie möchten noch andern den Weg nach den glückseligen Jagdgefilden zeigen. Aber gehe der Häuptling hin und löse er die Fesseln von den Füßen des weißen Jägers, oder das Dorf der Blackfeet wird nie den Anblick der Mandanen-Waise erhalten. Oder fürchtet der mutige Häuptling, daß der weiße Jäger mit dem verwundeten Knie schneller sei als seine jungen Leute; oder daß er ohne Waffen stärker sei als so viele Blackfoot-Krieger, wie ich Finger an den Händen zähle?« »Ein Blackfoot-Häuptling braucht zehn weiße Jäger nicht zu fürchten,« versetzte Blackbird prahlerisch, nur noch mit Mühe seinen Unmut verbergend, »aber meine Tochter hat recht, die Reise nach dem Dorf der Blackfeet ist weit, und der weiße Jäger muß gesunde Füße haben, soll er den Ort erreichen, wo die Knaben ungeduldig darauf harren, ihre stumpfen Pfeile in sein zuckendes Fleisch zu treiben. Er bedarf seiner ganzen Kraft, um meinen jungen Leuten zu zeigen, wie ein mutiger Krieger stirbt; die Knaben der Blackfeet sollen von ihm lernen Schmerz ertragen, und die alten Krieger und die weisen Medizinmänner werden den Knaben Martern lehren, bei denen ein schwachherziger Krieger wie ein unbeholfenes Kind klagen würde.« Indem der Häuptling dies langsam und mit besonderem Nachdruck aussprach, und seine Krieger ihm durch Zeichen und einzelne halbunterdrückte Laute beistimmten, wendete er sich mir zu. Es war ersichtlich, er suchte sich durch derartige Drohungen an mir dafür zu rächen, daß Schanhatta ihn wie einen Untergebenen behandelte, ohne daß er vermocht hätte, den Zauber, den sie auf ihn ausübte, abzuschütteln. Doch seine Absicht, meinen Mut zu brechen, gelang ihm nur unvollkommen. Ich bezweifelte zwar nicht, daß die anwesenden Blackfeet wirklich den besten Willen hegten, mir zu gelegener Zeit einen qualvollen Tod zu bereiten, doch hatte sich in mir die feste Überzeugung gebildet, daß ich dem mir drohenden Geschick dennoch entrinnen würde, und zwar durch Schanhattas unausgesetzte Wachsamkeit und ihr schnelles Handeln im entscheidenden Augenblick. Bewies sie doch schon in der nächsten Minute, daß sie mit kluger Berechnung ihren Einfluß zu benutzen und zu meinem Besten auszubeuten wußte. Als nämlich Blackbird geendigt, trat sie einen Schritt zurück, wie um ihm den Weg zu mir freizumachen. »Was zaudert der Häuptling der Blackfeet?« hob sie an, mit ihren gefesselten Händen auf mich hinweisend. »Dort liegt der bleiche Jäger; die dünnen Riemen schneiden ihm tief ins Fleisch, und die Wunde, die eine Kugel ihm riß, wird wieder zu bluten beginnen. Was zaudert der Häuptling, seine prahlenden Worte auszuführen? Ist sein Messer vielleicht stumpf, oder muß der Häuptling seine jungen Leute fragen, ob sie ihm gestatten, des fremden Mannes Fesseln zu zerschneiden?« »Blackbird ist ein großer Häuptling. Wenn er spricht, dann haben seine jungen Leute ihre Ohren zu öffnen«, versetzte der wilde Krieger schnell, der sicherste Beweis, daß Schanhattas mit Überlegung gewählten Worte seinen Ehrgeiz wachgerufen hatten. »Blackbird ist ein Häuptling,« wiederholte dieser, das Messer aus seinem Gurt ziehend und mit wegwerfender Gebärde die Schneide prüfend, »nicht vergebens trägt er die weiße Locke auf seinem Haupt; sie erinnert ihn daran, daß er bereits ein Mann war, als er die Winter eines Jünglings zählte und schon damals nicht auf die Worte von Weibern zu hören brauchte. Die Mandanen-Tochter hat lange mit dem bleichen Jäger verkehrt; viel Weisheit ist in ihren Kopf gedrungen, sie hat aber vergessen, daß sie ein Weib ist; sie hat verlernt, ihre Zunge zu mäßigen. Doch was frage ich nach dem Urteil von Weibern?« unterbrach sich der Häuptling hier, seine Blicke von den ihn bezaubernden Augen Schanhattas abwendend, »schon zu lange würdigte ich die fremde Squaw meiner Aufmerksamkeit; ich handle, wie es mir gefällt«, und so sprechend schritt er gerade auf mich zu, und nachdem er mit raschem Schnitt die Fesseln von meinen Füßen entfernt hatte, begab er sich mit gleichgültiger Miene ans Feuer zurück, wo er sich auf seine alte Stelle niederwarf. Nachdem Schanhatta ihren Willen durchgesetzt hatte, schlich sie wieder davon. Niemand wehrte ihr, sich neben mich hinzusetzen; niemand verbot ihr, daß sie eine leise Melodie anstimmte, und niemand verstand sie, als sie hin und wieder einige Trostesworte in ihren melancholischen Gesang verflocht, die ebensowohl von ihrer treuen Anhänglichkeit als von ihrem namenlosen Schmerz über meine Gefangenschaft zeugten. 29 Der Medizinmann Am folgenden Morgen in aller Frühe, noch eh' es zu dämmern begann, waren die Blackfeet bereits wieder in Bewegung. Einige entfernten sich, um die in einer abgelegenen Schlucht weidenden Pferde herbeizuholen, andere trugen den Leichnam des erschossenen Gefährten davon, um ihn unten am Fluß zu verscharren und die Grabstätte durch eine Anhäufung von Steinen gegen die Wölfe zu schützen, und diejenigen, die zurückgeblieben waren, teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen mir und den zur Reise unerläßlichen Vorbereitungen. An eine Flucht war vorläufig nicht zu denken; die Indianer wußten dies und scheuten sich daher nicht, Schanhatta von allen Banden zu befreien und auch meine Fesseln so weit zu lösen, daß ich die Hände notdürftig gebrauchen konnte. Bald nach Tagesanbruch trafen die ausgesandten Krieger mit den Pferden bei uns ein. Es waren deren vierzehn, also genug, um nicht nur alle beritten zu machen, sondern auch die erbeuteten Gegenstände mit fortzuschaffen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang waren wir endlich reisefertig. Die Sachen hatten auf den Rücken von drei Mustangs Platz gefunden, und da Schanhatta und ich ebenfalls beritten gemacht worden waren, die Pferde aber der in den Prärien einheimischen, sehr dauerhaften Rasse angehörten, so waren wir imstande, mit großer Schnelligkeit zu reisen. Dank den Bemühungen meiner treuen Gefährtin fand ich auf der Reise keinen Grund, über harte Behandlung zu klagen; und wenn auch der eine oder der andere Blackfoot mich hin und wieder verhöhnte und mit ausgesuchter Bosheit die Martern beschrieb, die ich zu erdulden haben würde, so erfreute ich mich doch einer gewissen Freiheit, die nur insoweit beschränkt wurde, als während des Marsches meine Füße unterhalb des Pferdes mittels starker Riemen zusammengefesselt waren, während ein anderer Riemen von dem Zaum meines Pferdes nach dem Sattel eines meiner Wächter hinüberlief. Zur nächtlichen Stunde mußte ich mir dagegen gefallen lassen, daß ich an Händen und Füßen gefesselt zwischen zwei Kriegern lag und ein anderer Krieger mit geladener Büchse in meiner Nähe weilte, um mich bei dem geringsten Fluchtversuch niederzuschießen. Schanhatta, obgleich mit mißtrauischen Augen von Blackbird bewacht, blieb sich immer gleich; sie pflegte mich, soweit es eben möglich war, mit der Sorgfalt einer Mutter, und die wenigen Worte, die sie notgedrungen mit den Blackfeet wechseln mußte, brachte sie mit einem so unerschütterlichen Ernst hervor, daß diese zuletzt kaum noch wagten, sie anzureden, aus Furcht, wegen der ihnen zuteil werdenden beleidigenden Antworten von ihren Gefährten verlacht zu werden. Eines Morgens, wir mochten uns wohl gegen drei Wochen unterwegs befunden haben, bemerkte ich, daß die Indianer sich mit größerer Sorgfalt als gewöhnlich zum Aufbruch rüsteten. Sie reinigten und polierten ihre Waffen, die Skalplocken wurden mit Federbüschen und sonstigen Zieraten versehen, und die kupfrig glänzenden Gesichter und Oberkörper bemalten sie sich mit roter, gelber und schwarzer Farbe so gräßlich und wild, als wären sie im Begriff gewesen, einen Skalptanz aufzuführen oder sich auf den Kriegspfad zu begeben. Auch Schanhatta reichte man Farben und Bärenfett, um sich festlich zu schmücken und ihr schönes Haar zu ordnen, doch wies sie nicht nur diese indianischen Aufmerksamkeiten mit unverhohlener Verachtung zurück, sondern sie streute sogar, um ihren Abscheu auf eindringliche Art an den Tag zu legen, zum größten Mißvergnügen Blackbirds noch eine Handvoll Asche auf ihr Haupt. Sie wußte, was die festlichen Vorbereitungen zu bedeuten hatten, und nicht als die auserkorene Lebensgefährtin eines indianischen Kriegers wollte sie in das Dorf der Blackfeet einziehen, sondern als eine trauernde Gefangene. Ein Marsch von zwei Stunden brachte uns auf eine etwas höhere, wellenförmige Anschwellung der Prärie, und als wir dann auf der andern Seite wieder hinabritten, lag das große und reich bevölkerte Dorf der Blackfoot-Indianer vor uns. Ein Flüßchen mit bewaldeten Ufern, dessen Windungen sich nach beiden Richtungen hin in weiter Ferne am Horizont verloren, zog sich durch das Dorf hin; ich entdeckte von unserm erhöhten Standpunkte aus, daß auf beiden Seiten zahlreiche Zelte und Hütten, durch kleinere und größere Zwischenräume voneinander getrennt, bedeutende Flächen bedeckten und in allen Richtungen Herden von Maultieren und Pferden weideten. Ein Grausen ergriff mich, indem ich der nächsten Zukunft gedachte, und vergeblich versuchte ich, mich damit zu trösten, daß die mir bestimmten Martern nicht ewig dauern und auch die Stunden der Qual zuletzt ihr Ende erreichen würden. Schanhatta, dieses liebe treue Wesen, als Sklavin und Spielball eines grimmigen Wilden auf Erden zurücklassen zu müssen, dieser Gedanke peinigte mich indessen noch mehr als die bestimmte Aussicht auf das über mich verhängte gräßliche Ende, und so sehr hatte ich mich meinem traurigen Grübeln hingegeben, daß ich gar nicht darauf achtete, wie meine Begleiter ihre Gewehre abfeuerten, um sich im Dorfe anzumelden und den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens zu verkünden. Auf das Schießen strömten denn auch alt und jung herbei, um uns zu begrüßen. Die uns begleitenden Krieger pries man geräuschvoll für ihre kühne Tat, mich und Schanhatta dagegen überhäufte man mit den wildesten Schmähungen, und namentlich ich war es, gegen den sich die Wut einer Rotte scheußlicher Weiber kehrte. Wie ich später erfuhr, befanden sich unter diesen die Witwen der bei dem Angriff auf die Insel Gefallenen. Sie sahen in mir die alleinige Ursache des über sie hereingebrochenen Unglücks und bekundeten dies dadurch, daß sie mit den dicht gesät umherliegenden Knochen und Lederstücken nach mir warfen und unter teuflischem Geschrei ihr Messer drohend gegen mich erhoben. Die uns umgebende Masse wütender Megären und ihrer Kinder wuchs zuletzt in so hohem Grade an und die Waffen wurden in so gefährlicher Nähe von mir geschwungen, daß unsere Begleiter ernstlich zu befürchten begannen, das blutige Drama würde durch einen sicher geführten Messerstoß zu einem verfrühten und deshalb weniger ergötzlichen Abschluß gelangen. Mit wenig Rücksicht sprengten sie daher unter den lärmenden Haufen, wofür sie von den zurückgedrängten und unter die Füße getretenen Stammesgenossinnen mit endlosen Verwünschungen, von den zuschauenden Männern dagegen mit schadenfrohem Lachen belohnt wurden. Als aber endlich ein stumpfer, von einem Knaben abgeschossener Pfeil dicht an meinem Kopfe vorbeischwirrte, da brachen sie, Blackbird an der Spitze, sich mit Gewalt Bahn, und im Galopp eilten wir nach der Mitte des Dorfes hin, wo eine geräumige Erdhütte, um die herum sich vier oder fünf phantastisch bemalte Lederzelte erhoben, die Wohnungen der ältesten Krieger und weisen Männer der Nation bezeichnete. Der tolle Haufe folgte uns zwar, und offenbar jetzt mit den allerfeindlichsten und blutdürstigsten Absichten, allein ehe die Vordersten bei der Erdhütte eintrafen, waren Schanhatta und ich von unseren Pferden gerissen und in diese Hütte hineingedrängt worden. Ich vernahm das wütende Geheul, mit dem man meine Person forderte, da ich aber dem Anblick dieser von tierischem Blutdurst ergriffenen Menschen entzogen war, gelang es den Häuptlingen und älteren Kriegern leicht, sie durch Versprechungen zu beruhigen und endlich auch zu zerstreuen. Erst nachdem die heulende und jauchzende Volksmasse sich zerstreut hatte, wendeten Blackbird und die Krieger, die ihm bei der Gefangennahme behilflich gewesen, Schanhatta und mir ihre Aufmerksamkeit wieder zu. Schanhatta wurde gleich mir gefesselt und bis zur endgültigen Entscheidung als Gefangene behandelt. Doch wurde uns nicht der Trost zuteil, zusammen in einem und demselben Raum verweilen zu dürfen. Die von außen einem Hügel ähnliche Hütte war durch feste Erdwände in mehrere kleinere und größere kellerartige Fächer eingeteilt worden, von denen einzelne kaum geräumig genug waren, vier oder fünf Menschen in gebückter Stellung nebeneinander aufzunehmen. In eins dieser Fächer nun wurde die an Händen und Füßen gebundene Schanhatta gebracht, während man mich, nachdem man mich in gleicher Weise gefesselt hatte, in eine andere der finstern Höhlen stieß und sodann den Ausgang mit Pfählen und Steinen fest verrammelte. Glücklicherweise war die Heilung meiner Wunde in den letzten Wochen trotz des beschwerlichen Marsches so weit fortgeschritten, daß die fest um meine Fußgelenke geschnürten Riemen keine schmerzhafte Wirkung mehr auf sie ausübten. Überdies wälzte ich mich von einer Seite auf die andere und bewegte meine Füße nach Kräften, um das Stocken des Blutes zu verhindern. Lange Stunden hatte ich derart verbracht, als ich das Murmeln einer Anzahl männlicher Stimmen vernahm. Ich lauschte mit tödlicher Spannung. Ungewiß darüber, ob es noch Tag oder die Nacht schon hereingebrochen sei, erwartete ich, daß man komme, um fürchterliche Rache an mir zu vollziehen. Da hörte ich, daß die murmelnden Stimmen sich ganz dicht an mir vorbeibewegten und endlich haltmachten. Die angesehensten Krieger und Medizinmänner unter den verschiedenen Häuptlingen mußten in der Zauberhütte zusammengetreten sein, um über meine Person zu beraten und den Streit über den Besitz Schanhattas und des Manuskriptes zu schlichten. Die Verhandlungen dauerten lange und schienen sehr ernst zu werden. Laut knisterte und knackte das Beratungsfeuer, das man gewiß ebensowohl der größeren Feierlichkeit wegen, als um den kellerartigen Raum zu erhellen, in der Mitte des Kreises gerade unterhalb der engen Rauchöffnung in der Bedachung schürte. Als die Versammlung dann endlich aufgehoben wurde, schien sie noch immer nicht zu einem festen Entschluß gekommen zu sein, denn nicht schweigend entfernte man sich aus der »Medizinhütte«, sondern murmelnd und verhandelnd, als ob ein Teil der Anwesenden sich für oder gegen die zur Sprache gekommenen Streitfragen erklärt habe. Sobald die Stimmen endlich ganz verhallt waren, vernahm ich, wie jemand die Türöffnung von innen schloß und fest verrammelte. Eine Schildwache würde diese Sicherheitsmaßregeln von außen angewendet haben; es erwachte daher in mir die mich fast vernichtende Furcht, daß Blackbird heimlich in der Hütte zurückgeblieben sei, um seine grausamen Pläne an Schanhatta und mir auszuführen. Außerdem erriet ich aus dem Geräusch, mit dem von Zeit zu Zeit neue Scheiter in die Flammen geworfen wurden, daß außer mir und Schanhatta noch eine dritte Person in der unheimlichen Zauberhütte weilte. Meine Spannung wuchs in so hohem Grade, daß mir das Blut die Schläfen zu sprengen drohte und ich völlig empfindungslos gegen die mir aus meiner gezwungenen Lage erwachsenden Schmerzen wurde. In jedem Augenblick erwartete ich Schanhattas erstickten Hilferuf zu hören, in jedem Augenblick den rachsüchtigen und von den wildesten Begierden erfüllten Blackbird bei mir eintreten zu sehen, um mich zu peinigen und zu verhöhnen und mit seinem scheußlichen Triumph über die mißhandelte Mandanen-Waise zu prahlen. Doch alles blieb ruhig in meiner nähern Umgebung, nur zuweilen glaubte ich, da das Gehör sich bei der andauernden Spannung verschärfte, einen dumpfen Seufzer oder einen kurzen Ausruf des Schmerzes zu unterscheiden. Stunde auf Stunde verrann; im Dorfe, aus dem so lange der dumpfe Schall der indianischen Trommel und wilder, unharmonischer Gesang bis zu mir gedrungen waren, wurde es still, und seltener ertönte das eigentümlich vibrierende Gellen, mit dem die jungen Krieger ihre frohe Stimmung verkündeten. Das Knistern des Feuers und das Stöhnen und Seufzen auf der andern Seite der mich von dem Hauptgemach trennenden Erdmauer dauerte dagegen fort, mich mit einem nie gekannten Grausen erfüllend. Endlich war, außer dem widerwärtigen Lärm der um Knochen und Fleischüberreste kämpf enden halbverhungerten Hunde, jedes Geräusch im Dorf verstummt. Es mußte daher Mitternacht sein, also die Stunde, in der man annehmen durfte, daß die ganze Blackfoot-Bevölkerung sich dem Schlafe hingegeben habe. Diesen Zeitpunkt schien mein geheimnisvoller Nachbar zur Ausführung seiner Pläne, welcher Art sie auch sein mochten, abgewartet zu haben. Das schmerzliche Stöhnen erreichte plötzlich sein Ende, wogegen, nach dem Geräusch zu schließen, das Feuer noch einmal frisch geschürt und mit neuen Holzscheiten genährt wurde. Dann hörte ich, wie die vor Schanhattas Kerker aufgetürmten Blöcke und Felsstücke zurückfielen, gleich darauf leuchtete zwischen den geöffneten Fugen hindurch ein schwacher Lichtschimmer zu mir herein. Stein auf Stein, Block auf Block sanken zurück; in dem Maße die letzten Hindernisse beseitigt wurden, vermehrte sich auch der Lichtschimmer, und bald darauf schob sich eine rötlich leuchtende Holzfackel zu mir herein. Wer den Feuerbrand trug, konnte ich anfangs nicht unterscheiden, denn der Übergang von der Finsternis, in der ich viele Stunden zugebracht hätte, zur flackernden Helligkeit war so plötzlich, daß ich dadurch geblendet wurde und meine Augen schließen mußte. Als ich mich aber an das Licht gewöhnt hatte und wieder um mich zu schauen vermochte, bot sich mir ein Anblick, so seltsam und dabei so beängstigend, daß ich nicht an die Wirklichkeit zu glauben wagte und mich zweifelnd ein über das andere Mal fragte, ob ich wache oder träumte oder von krankhaften Visionen heimgesucht werde. Im Eingange der Höhle, also gerade zu meinen Füßen, und wegen der Niedrigkeit der Bedachung etwas gebückt, stand nämlich eine männliche Gestalt, die dieser Welt gar nicht mehr anzugehören, sondern einem von den wunderlichsten Gebilden wimmelnden indianischen Paradiese entflohen zu sein schien. Ein ursprünglich hochgewachsener, durch das Alter und auch wohl durch erduldete Leiden zusammengekrümmter Greis, in der einen Hand den flackernden Feuerbrand, in der andern mein Manuskript, schaute regungslos wie eine Statue zu mir nieder, als ob er mir Zeit habe lassen wollen, ihn genau zu betrachten und mich an seinen Anblick zu gewöhnen. Und dennoch übte er weniger einen erschreckenden oder drohenden als einen befremdenden Eindruck auf mich aus, obgleich die bewegliche rote Beleuchtung das ihrige dazu beitrug, seinem Äußern einen unheimlichen, gnomenartigen Charakter zu verleihen. Die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen hatten sogar einen milden Ausdruck, oder doch wenigstens nichts von jenem düsteren Fanatismus, wie ich ihn sonst wohl bei geistesverwirrten Medizinmännern – und diesen erkannte ich ja als einen solchen – beobachtet hatte. Auf seinem Haupte trug er einen prächtigen Schmuck von den Schwung- und Schweiffedern des Kriegsadlers, deren einzelne Spitzen noch mit einem Büschel rotgefärbter Pferdehaare verziert waren. Sein weißes Haar fiel lang und lockig von seinen Schläfen auf die breiten und eckigen Schultern nieder; am meisten aber setzte mich an ihm als an einem Indianer in Erstaunen, daß ein voller, mittels des unter den Eingeborenen gebräuchlichen pulverisierten Zinnobers rotgefärbter Bart ihm bis tief über die Brust hinabfiel. Seine Züge genauer zu unterscheiden hielt schwer, indem die eine Hälfte seines runzeligen Antlitzes ebenfalls feuerrot, die andere dagegen dunkelblau gefärbt war, doch bemerkte ich, daß die den Eingeborenen im allgemeinen charakterisierenden vorstehenden Backenknochen ihm mangelten, wogegen wieder eine echt indianische scharfe Adlernase weit über den feuerfarbigen Schnurrbart hinausragte. Seine Hüften umschloß ein breiter gestickter Gurt, und an diesem hingen, um das Äußere eines Medizinmannes zu vervollständigen, der in einen Beutel umgearbeitete vollständige zottige Balg eines Stinktiers, eine aus Hirschklauen angefertigte Klapper und ein ausgehöhlter Flaschenkürbis. So stand also der seltsame Greis vor mir, seine milden Augen mit einer Teilnahme auf mich richtend, die eindringlicher als alles dafür bürgte, daß ihr Eigentümer, in welcher Weise die Gestörtheit seines Geistes sich auch offenbaren mochte, nicht fähig sei, Schanhatta ein Leid zuzufügen. Die Erscheinung des geheimnisvollen Medizinmanns hatte mich im höchsten Grade überrascht, doch vertraut mit den indianischen Sitten erblickte ich in ihr nichts Ungewöhnliches; meine Überraschung verwandelte sich aber in das grenzenloseste Erstaunen, als er, nachdem er mich eine Weile sinnend betrachtet hatte, zu sprechen anhob. »Glauben Sie an Prophezeihungen?« fragte er mit hohler Grabesstimme, und zwar in reinem Deutsch, wie jemand, der seit seiner frühsten Jugend mit dieser Sprache vertraut gewesen war. Ich wußte nicht, hatte ich recht gehört oder befand ich mich unter dem Einfluß einer Sinnestäuschung. »Glauben, Sie an Prophezeihungen?« fragte der Greis wieder mit demselben geheimnisvollen Ausdruck. »Was soll das heißen und wer sind Sie?« fragte ich endlich zurück, mich gleichfalls der deutschen Sprache bedienend, obgleich mir schien, als seien die an mich gerichteten Fragen die einzigen deutschen Worte, die der Zauberer kannte. »Sind Sie wirklich ein Deutscher, wozu dann die Verkleidung?« »Kümmern Sie sich nicht darum, wer ich bin,« entgegnete der Medizinmann, »es genüge Ihnen zu wissen, daß ich die weißen Menschen nicht kenne, nicht kennen will; ich bin eine Rothaut, und nun beantworten Sie mir meine Frage, vergeuden Sie nicht die edle Zeit mit nutzlosen Fragen. Nur Weiber fragen. Männer verstehen zu schweigen; ich habe in dieser Nacht bereits mehr gesprochen als sonst in Jahren. Glauben Sie an Prophezeihungen?« »Also doch ein Unglücklicher,« dachte ich, und um ihn nicht noch mehr aufzureizen, ging ich auf die sonderbare Unterhaltung ein. »Ich glaube nicht an Prophezeihungen,« versetzte ich sodann ruhiger, »obgleich ich zugebe, daß der Zufall hin und wieder fügt, daß übersehbare, vielleicht auch berechnete Weissagungen wirklich eintreffen.« »Tor!« erwiderte der rätselhafte Fremde, geringschätzig lächelnd, »du wagst es, dergleichen zu behaupten? Du, den das Geschick sich erkoren hat, um an ihm ein schlagendes Beispiel zu liefern?« »Ich möchte wissen, in welcher Weise?« fragte ich immer noch begütigend, »aber wer Sie auch sein mögen und was Sie auch immer dazu bewegt, Ihr Herkommen zu verleugnen, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was aus Schanhatta, dem jungen Indianermädchen geworden ist, das in meiner Gesellschaft hier eintraf, sagen Sie mir das und versprechen Sie mir, über das arme, unschuldige Kind zu wachen, und ruhig will ich die Martern ertragen, die wahrscheinlich über mich verhängt werden.« »Schanhatta?« fragte der Greis, und ein freundliches Lächeln erhellte flüchtig seine eisenharten Züge; »Schanhatta? Jeannette wollen Sie wohl sagen; ja, Jeannette oder Johanna. Aber Sie haben recht, Jeannette, dieser Name erinnert zu sehr an die Weißen und die unter ihnen mit so viel Sorgfalt gepflegten Laster; an scheinheilige Gesichter, die mit dem Wort Gottes spielen, um unter dem Deckmantel der Religion straflos die empörendsten Verbrechen ausüben zu können. Hu, es war schrecklich! Schanhatta, Schanhatta, wer hätte es gedacht – nicht wahr, Sie lieben Schanhatta?« »Ich sollte Schanhatta, dieses treue, liebe Mädchen, das einzige, was mich noch ans Leben fesselt, nicht über alles lieben?« »Und wenn Sie unter die Weißen zurückkehrten, würden Sie Schanhatta heiraten und eine gebildete Frau aus ihr machen?« Da begann ich zu ahnen, daß ich in dem verkleideten Europäer den Vater der Mandanen-Waise vor mir sehe, den die Blackfeet einst mit sich fortgeschleppt hatten, und antwortete daher festen Tones: »Ja, ich will Schanhatta zu meiner rechtmäßigen, christlichen Gattin machen. Ich weiß, daß ich durch einen solchen Schritt nicht nur mein eigenes, sondern auch ihr vollstes irdisches Glück begründe, aber – dergleichen klingt kindisch aus meinem Mund, ich bin Gefangener, der Furchtbares zu erwarten hat.« »Schanhatta befindet sich in einer verhältnismäßig bequemen Lage,« bemerkte der Medizinmann zerstreut, indem er das Manuskript in sein gesticktes Lederhemd schob und durch Entfernung der Kohlen und leichtes Schwingen seine Holzfackel zur helleren Flamme anfachte; »ich habe sie getränkt und gespeist, ich habe ihr Geduld anempfohlen und versprochen, sie zu retten. Auch dir, mein Freund, bringe ich Trank und Speise, aber bevor ich dir beides reiche, sage mir, schmerzen dich die Fesseln? Ganz entfernen darf ich sie nicht, es könnte entdeckt werden, aber lösen will ich sie, so daß du sie leichter erträgst und deine Gelenke nicht erlahmen; du wirst deine Glieder wahrscheinlich in nächster Zeit angestrengt gebrauchen müssen.« Ich erklärte darauf, eine geringe Lockerung meiner Banden würde mir meine Lage erheblich erleichtern. Der geheimnisvolle Greis beeilte sich, meinen angedeuteten Wunsch mit kundigen Händen zu erfüllen, worauf er sich neben mich auf die Erde niederkauerte und mir abwechselnd die mit frischem Wasser gefüllte Kürbisflasche an die Lippen hielt und einige Scheiben gedörrtes Büffelfleisch darreichte. Dann brach er die Fackel und mehrere in seinem Gürtel steckende Zedernscheiter in kleinere Splitter, und nachdem er nahe der Türöffnung, so daß der Rauch in den Hauptraum der Hütte hinauszog, ein kleines Feuer angelegt, das er bequemer als die unbeholfene Fackel in Brand zu erhalten vermochte, wendete er sich mir wieder zu. »Sie fragen sich gewiß, mit welchem Recht ich mich nach Ihren Absichten betreffs Schanhattas erkundige,« hob er an, seine Augen wieder mit mildem, wehmütigem Ausdruck auf mein Gesicht heftend; »nun wohl – – Jeannette ist meine leibliche Tochter, sie ist meine und einer braven und treuen Mandanen-Frau Tochter. Auf ihrer Schulter steht es geschrieben; ich selbst tätowierte den Namen ein; die Jahre haben die Zeichen verwischt, doch erkannte ich die von mir sorgfältig eingeätzten Linien augenblicklich wieder. Ja, Jeannette ist meine Tochter,« wiederholte er, ins Leere starrend, als ob er sich auf etwas besinne; »Jeannette ist meine Tochter, ich glaubte, sie sei tot, tot, wie ihre Mutter. Die falschen Menschen, sie zeigten, mir die mit seidenweichem Haar bedeckte Kopfhaut eines Kindes und den getrockneten, blutigen Skalp einer Frau; sie sagten, es seien die letzten Überreste meiner Tochter und derjenigen, die mich mit treuer Anhänglichkeit pflegte und vor Gott meine rechtmäßige Gattin war. Sie haben mich belogen; mein Gedächtnis war geschwunden, weshalb sie wünschten, mich als Medizinmann unter sich zu haben. »Hahaha! sie glaubten, ich sei weiser als andere Menschen, und ich verstehe doch weiter nichts, als sie zu täuschen. Aber halt – wo blieb ich stehen? Ach, ich entsinne mich, Jeannette ist meine Tochter, Sie wollen sie zu ihrer Gattin machen und die Prophezeihung erfüllen.« »Welche Prophezeihung?« fragte ich erschreckt, denn die Hoffnung auf Rettung, die der fremde Freund kurz vorher durch sein Benehmen und die sich daran knüpfenden Versprechungen wachgerufen hatte, zerfiel wieder in nichts, sobald ich mich überzeugte, daß er sich in einem Seelenzustand befand, von dem sich kaum irgendwelche Hilfe erwarten ließ. Denn wie sollte ich mir sein ängstliches Anklammern an eine eingebildete Prophezeihung anders erklären, als daß ich ihn den Einflüssen einer krankhaften Phantasie unterworfen glaubte? »Die Tochter ihres Vaters, Sie ahnte, wer er war, Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar!« sprach Schanhattas Vater langsam und ausdrucksvoll, statt einer Antwort, vor sich hin. »Sie haben in meinem Manuskript gelesen?« entgegnete ich mit einem tiefen Seufzer über die Hoffnungslosigkeit Schanhattas und meiner Lage. »Ich habe in Ihrem Manuskript gelesen; fast zwölf Stunden habe ich ununterbrochen gelesen, bald hier, bald dort. Es war zuviel, um es Wort für Wort in mich aufzunehmen. Aber ich weiß genug. Die Verse rühren von einer Wahnsinnigen her; durch den Mund der Wahnsinnigen spricht Manitou zu seinen Kindern. Ich bin ein indianischer Medizinmann. Obgleich nur ein Gefangener der Blackfeet, besitze ich doch großen Einfluß unter ihnen. Die Blackfeet glauben an meine Worte, und ich glaube an die Prophezeihung der Wahnsinnigen. Die Tochter ihres Vaters, ja ja, mein Sohn, sie folgt dir zum Altar, an ihrer Seite findest du der Liebe Glück – der Liebe wahres Glück – Hahaha! Ohne daß ein heimtückischer Pfaffe es zu zerstören vermöchte!« So sprechend schlang er seine Arme um seine emporgezogenen Knie, und als ob er aus dem Feuerschein etwas herauszulesen vermocht hätte, starrte er regungslos in die kleinen, lustig emporzüngelnden Flammen. 30 Die Töchter des Medizinmannes Wohl zehn Minuten verharrte der Medizinmann in seiner nachdenkenden Stellung. Während dieser ganzen Zeit beobachtete ich ihn voller Spannung, aber vergebens suchte ich aus seinen Zügen herauszulesen, was in seinem Innern vorging. Die dicke Lage blauer und roter Farbe ließ seine Physiognomie undurchdringlich erscheinen. Plötzlich wendete er sich mir wieder zu, und nachdem er mit beiden Händen leicht über seine Augen hingefahren war, wie um eine peinigende Vision zu verscheuchen, legte er seine rechte Hand auf meine gefesselten Arme. »Haben Sie Geduld,« begann er ruhig und ernst und ohne jenes krankhafte Pathos, das er kurz vorher noch in seine Worte gelegt hatte, »ich werde Sie und meine Tochter retten oder vereinigt mit euch untergehen. Und nun hören Sie mir aufmerksam zu, Sie werden Wunderbares erfahren. Doch eh' ich beginne, wiederhole ich noch einmal: jene Weissagung erfüllt sich, und soll sich erfüllen. »Da der Oberstleutnant Werker Ihnen die Geschichte seines unglücklichen Bruders mitgeteilt hat, da Sie selbst diese Geschichte niedergeschrieben haben, so brauche ich nicht mehr darauf zurückzukommen. – Wissen Sie, was aus jenem, um sein Lebensglück schändlich betrogenen Hans Werker geworden ist?« Ich starrte den Frager verwundert an; klangen mir die bekannten Namen aus dem Munde eines Fremden seltsam, so überraschte mich diese Frage in noch höherem Grade. »Er soll sich das Leben genommen haben,« antwortete ich endlich zögernd. »So dachte man. Aber er starb nicht, er entfloh nur,« entgegnete der Medizinmann düster. »Um aber einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf das Gemüt seiner ungetreuen Gattin zurückzulassen und dadurch die Zukunft seines holden Kindes gegen die Willkür fremder gewissenloser Menschen sicher zu stellen, entfloh er so heimlich, daß niemand einen Zweifel in sein durch einen Selbstmord herbeigeführtes Ende setzte. Er entfloh, doch nicht eher verließ er den europäischen Boden, als bis er sich überzeugt hatte, daß sein Zweck gelungen war, seine letzte Hoffnung sich erfüllte. »Die pflichtvergessene Gattin bereute, das Kind wurde dem Einfluß der fluchwürdigen Politik einer gewissenlosen Geistlichkeit entzogen, und getreu dem einmal gefaßten Entschluß und beruhigt über die Zukunft meiner kleinen Johanna suchte ich das Weite.« »Und Sie – Sie wären der Vater meiner armen unvergeßlichen Johanna?« rief ich erschüttert aus, indem ich, vergessend, daß ich gefesselt war, eine Bewegung machte, als hätte ich aufspringen wollen. »Ja, der bin ich, der Vater derselben Johanna bin ich, die du einst so heiß geliebt hast,« antwortete Hans Werker, der totgeglaubte Bruder meines verehrten Vormundes; »der Vater deiner Johanna, der Vater deiner Schanhatta, der armen verlassenen Mandanen-Waise, und nun sage selbst, ob ich nicht Ursache hatte, dich, mein Sohn, auf die Prophezeiung hinzuweisen? Jeannette ist die Tochter von Johannas Vater, und was die Wahnsinnige einst planlos dichtete, was einst phantastische Träume bei dem jugendfrischen Studenten wachrief, das soll jetzt an dem gereiften Manne in Erfüllung gehen. Aber blicke mich nicht so starr an; ich weiß, was in deinem Innern vorgeht. Mich umgibt der Schmuck eines indianischen Zauberers, bunte Farben verunstalten mein Gesicht, aber glaube mir, unter den bunten Farben und dem Lederhemde verzehrt mich ein Schmerz, so tief und herbe, daß ich nicht begreife, wie ich so lange habe leben können. Doch ich will nicht mehr klagen, nur wenig Schritte von hier liegt meine Tochter, die Totgeglaubte, die ich in derselben Stunde wiederfand, in der die Gewißheit, mein teures erstes Kind, meine liebliche Johanna, dennoch durch die unheilvollen Ränke jener verbrecherischen Priestergemeinschaft verloren zu haben, mich niederschmetterte und mich von neuem in das dumpfe Brüten zu stürzen drohte, in dem ich bereits Jahre zugebracht haben muß. Freude und Schmerz kämpfen jetzt in meiner Brust um den Vorrang, innige Freude über meine Jeannette, tiefe Trauer um meine Johanna. O Gott, mein Gott, wie lange wirst du noch dulden, daß auch unter denjenigen, die die hehre Pflicht haben, deinen Namen zu verherrlichen, sich die schwersten Laster und Sünden vertreten finden, daß das Kleid der Kirche als Deckmantel für Verbrechen benutzt wird, daß man deine reinen Lehren dazu ausbeutet, den menschlichen Geist zu erniedrigen und zu verkrüppeln!« Stumm vor Erstaunen blickte ich zu dem vielgeprüften Manne empor. Innige Teilnahme ergriff mich, indem ich den Unglücklichen näher betrachtete; was mußte er erduldet haben, um sich endlich heimisch in einer so verunstaltenden Verkleidung zu fühlen, und bis zu welchem Grade mußte die Gestörtheit seines Geistes reichen, daß die Indianer sich dadurch bewogen fanden, ihn zu nähren, zu kleiden und als einen hervorragenden Zauberer zu beschützen und zu ehren? »Wenn ich nicht gefesselt wäre,« hob ich an, sobald Werker schwieg, »dann würde ich Ihnen die Hand drücken zum Zeichen meiner aufrichtigsten Freude, Ihnen, dessen Geschick mit dem meinigen so innig verflochten –« »Geduld, mein Sohn,« unterbrach mich Werker mit bewegter Stimme, indem er seine Hand wieder auf meine Stirne legte, »ich weiß, was du sagen willst, verliere keine Worte mehr darüber; die Zeit enteilt, ich habe dir noch viel anzuvertrauen. Höre darum weiter: als ich vor mehr als zwanzig Jahren der Heimat den Rücken kehrte, befand ich mich in einem Gemütszustande, der mich für den Verkehr mit weißen Menschen untauglich machte. Überall sah ich ehrlose Betrüger, überall Leute, die darauf ausgingen, ihre Mitmenschen ins Verderben zu stürzen und bei deren Verzweiflung aus vollem Herzen zu hohnlachen. Meine Reise über den Ozean und durch die kolonisierten Teile des nordamerikanischen Kontinentes glich mehr einer Flucht vor einem mich verfolgenden furchtbaren Phantom als einer zur Erreichung eines bestimmten Zweckes unternommenen Fahrt. Und im Grunde hatte ich ja auch keinen eigentlichen Zweck; ich wollte nur fort, fort, weit fort; mich trieb die Angst, daß diejenige, die mich einst treulos verriet, eine Ahnung von meinem Leben erhalten und infolgedessen, zum Nachteil meines armen Kindes, auf dem Pfade der Reue umkehren und sich den auf der Lauer liegenden jesuitischen Priestern wieder in die Arme werfen könne. Habe ich unrecht gehandelt, so mag Gott mir vergeben um der Qualen willen, welche ich erduldete. Auf meiner fluchtähnlichen Reise ging ich so weit westlich, wie meine spärlichen Mittel reichten; ich scheute weder Gefahren noch Hindernisse. Wo ich noch ein weißes Gesicht erblickte, da trieb es mich fort; die Furcht vor den Weißen war zum drohenden Gespenst bei mir geworden. Mich leitete der unbestimmte Wunsch, meine Zuflucht unter Menschen zu suchen, die noch nicht gelernt hatten, solche Qualen, solche namenlose Leiden zu ersinnen, wie sie mir in meiner Heimat zugefügt worden waren. So hatte ich denn endlich das Dorf der Mandanen erreicht, als sich zu meiner gänzlichen Erschöpfung noch eine schwere Krankheit gesellte und mich zwang, liegen zu bleiben. Welche Art von Krankheit mich heimsuchte, weiß ich nicht, ich erinnere mich nur, daß ich glaubte, sterben zu müssen, und daß die wilden Heiden mich mit größter Sorgfalt pflegten. Die armen Heiden, sie fragten nicht, woher ich komme, wer ich sei oder auf welche Art ich meinen Gott verehre; sie sahen, ich war krank und hilflos, für sie ein genügender Grund, mir ihre Gastfreundschaft im ungebundensten Maßstabe angedeihen zu lassen. Unter denjenigen, die mir in meiner hilflosen Lage die meiste Sorgfalt und Aufmerksamkeit schenkten, befand sich auch eine junge Indianerin, die älteste Tochter der Familie, in deren Zelt ich Obdach gefunden hatte. Obgleich das Bild einer echten Indianerin, besaß sie selbst nach unseren Begriffen einen ungewöhnlichen Liebreiz, und namentlich ein Paar großer, unendlich freundlicher und sanfter Augen. Zu verständigen vermochte ich mich mit meinen Gastfreunden nur mit Hilfe von Gebärden; es genügte dies indessen unsern Zwecken vollkommen, und namentlich zeichnete sich die junge Indianerin dadurch aus, daß sie mit wunderbarem Scharfsinn meine Wünsche erriet und sich dann stets beeilte, diese in Ausführung zu bringen. Die freundliche Zutraulichkeit des jungen Mädchens verfehlte nicht, eine wohltätige Wirkung auf meine gedrückte Gemütsstimmung auszuüben. Ihre sichtbar wachsende Zuneigung veranlaßte mich sogar, dem Zureden einzelner Mandanen-Häuptlinge nachzugeben und in ihrer Mitte meine neue Heimat zu wählen. Wohin hätte ich mich auch wenden sollen? Ich befand mich, wie ich es so heiß ersehnte, fern jeder Spur der mir durch Erfahrungen der bittersten Art verhaßt gewordenen Zivilisation, durch die ich an meine herben Verluste hätte erinnert werden können, und die sehr wenigen Weißen, die sich damals erst in diese Regionen wagten, waren eben rauhe Pelzjäger, die sich in Sitten und Gewohnheiten kaum von den Eingeborenen unterschieden. Meine rothäutigen Gefährten betrachteten mich bald vollständig als einen der ihrigen; ich begleitete sie auf ihren Jagdzügen und beteiligte mich an ihren wilden Festlichkeiten, so lange diese nicht einen meinen Gefühlen widersprechenden Charakter erhielten. Für die mir bewiesenen freundlichen Gesinnungen erzeigte ich mich dankbar, indem ich bei Erkrankungen die mir von der Heimat her bekannten Hausmittel oft mit dem besten Erfolg in Anwendung brachte und meine Gastfreunde manche kleine Kunstgriffe lehrte, die ihnen hin und wieder die Arbeit und das Leben erleichterten. Man hielt mich infolgedessen für einen hervorragenden Medizinmann, und immer gewichtiger wurde meine Stimme im Rate der Krieger und weisen Männer. Drei Jahre waren mir auf diese Weise unter den Mandanen in ungetrübter Ruhe hingegangen, und fünf Jahre, seit ich die Heimat verlassen hatte. Ich wohnte noch immer bei derselben Familie, als deren Mitglied man mich allgemein betrachtete, und in demselben Grade, in dem ich mich heimischer in meiner Umgebung fühlte, erbleichte auch die Erinnerung an diejenige, die einst kaltblütig mein Lebensglück zerstört hatte. Nur das Kind! Wie gern hätte ich dieses wiedergesehen, doch wie konnte ich mich ihm nähern, ohne mit der Mutter zusammenzutreffen, mit ihr, die mich für tot halten sollte? Trotzdem gewöhnte ich mich an den Gedanken, die Wildnis und die Mandanen nie wieder zu verlassen, und eine Folge dieses Entschlusses war, daß ich mich, zur größten Freude des ganzen Stammes, mit der Tochter meines Gastfreundes vereinigte und meinen eigenen Hausstand gründete. Wiederum verstrichen mehrere Jahre. Ich war durch die Geburt einer Tochter, die ich nach mir und meiner fernen Johanna Jeannette taufte, beglückt worden, und die noch immer auf mir lastende Schwermut erhielt eine mildere Färbung durch die Hoffnung, dereinst der Lehrer meiner kleinen lieblichen Jeannette zu werden und sie, soviel in meinen Kräften lag, für ein besseres Los vorzubereiten und auf geeignetem Wege in andere, meinem eigenen Herkommen entsprechende Verhältnisse einzuführen. So lieb ich meine indianischen Gefährten auch gewonnen hatte, widerstrebte es doch meinem Gefühl, mein Kind als eine Sklavin ihres dereinstigen Gatten aufwachsen zu lassen. Mein Haß gegen die Weißen, überhaupt gegen alles, was Zivilisation heißt, sollte in seinen Folgen nur auf mich beschränkt bleiben. Aber Jeannette hatte noch nicht das zweite Jahr erreicht, als unser Dorf eines Nachts von den Blackfoot-Indianern überfallen und der größte Teil der Bevölkerung, dem es nicht gelang, zu entfliehen, auf grausame Weise niedergemacht wurde. Ich kämpfte gegen die Übermacht mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln; ich kämpfte mit Erbitterung, denn ich kämpfte für Weib und Kind. Doch alles vergeblich. Ein furchtbarer Schlag mit einer kurzen Kriegskeule, von hinten gegen mein Haupt geführt, warf mich besinnungslos zu Boden, und was dann weiter mit mir vorging, liegt für mich im tiefsten Dunkel. Als ich nach langer Zeit wieder zum Bewußtsein erwachte, da befand ich mich in dieser Hütte. Ich war gekleidet wie heute, so daß ich mich nicht wiedererkannte und die Beute eines wirren Traums zu sein glaubte. Einige alte Krieger richteten Fragen der seltsamsten Art an mich, die ich, ohne ihren Sinn in Erwägung zu ziehen, so beantwortete, wie es mir gerade einfiel, wodurch sie aber aufs höchste zufriedengestellt zu sein schienen und ich für einen weisen Medizinmann erklärt wurde. Wie lange dieser gräßliche Zustand gedauert hatte, vermag ich nicht anzugeben; doch schwebt mir vor, daß ich damals über die Hagerkeit meiner Arme heftig erschrak. Nur Jahre konnten eine derartige zerstörende Wirkung auf meinen sonst so kraftvollen Körper ausgeübt haben. Befremdet schaute ich umher, überall trafen meine Blicke auf mir vollständig unbekannte Gesichter, die mir mit dem gespanntesten Ausdruck zugewandt waren. Starr vor Staunen sah ich auf meine Hände; sie waren schwarz angestrichen; mit demselben Erstaunen bemerkte ich, daß meine Mokasins abgetragen waren, ein neuer Beweis, daß ich schon seit geraumer Zeit in diesem schlafähnlichen Zustande umhergewandelt war. Da hörte ich das laute Weinen eines Kindes, das mich mehr noch zum Bewußtsein zurückrief, und mit Heftigkeit emporspringend, fragte ich drohend nach Weib und Kind. Die alten Krieger berieten eine Weile untereinander, worauf sie den getrockneten Skalp eines Kinds und den einer Frau vor mich hinlegten. Sie sagten, es seien die letzten Überreste meiner Familie, und dann – und dann – ich betastete die seidenweichen Haare der kleineren Kopfhaut, worauf ich wieder lautlos einschlief. Nein – nein – eingeschlafen bin ich nicht!« unterbrach Werker sich hier mit einem wilden Ausdruck, der mich für die längere Dauer seiner Ruhe besorgt machte; »aber mein Herz wurde mir kalt, so kalt wie Eis,« fuhr er mit bebenden Lippen fort, »und ich verlor die Erinnerung an die Vergangenheit!« »Lassen Sie die geschehenen Dinge ruhen,« tröstete ich jetzt freundlich, »Sie sind ja nur getäuscht worden, Ihre Tochter lebt, allein sie wird einem traurigen Geschick anheimfallen, wenn Sie sich in so hohem Grade aufregen, daß Sie unfähig werden, ihr beizustehen und sie zu retten.« Werker strich sich über die Stirne, über die der Schweiß zusammen mit der öligen Farbe niederrieselte. »Ja, mein Sohn, du hast recht,« sagte er dann flüsternd, »ich darf mich nicht aufregen, sonst schlafe ich wieder ein – nein – verfalle ich wieder in meinen Wahnsinn. Ja, Wahnsinn muß es gewesen sein, was mich damals beim Anblick der gräßlichen Trophäen ergriff, denn ich verlor wohl die Erinnerung an die Vergangenheit, allein ich wußte doch, daß ich lebte und mich mit der Gegenwart beschäftigte. Es bildete sich in mir die Idee, daß ich, indem man mich äußerlich umgewandelt hatte, überhaupt eine ganz andere Person geworden war und mithin das nicht erlebt habe, was in lichten Augenblicken wie ein unermeßlich hoher Berg auf meiner Brust lastete. Der Wunsch, ein vollblütiger Blackfoot zu werden, erwachte in mir, und alles, was ich dachte und was ich trieb, lief darauf hinaus, den Erwartungen, die man von mir als dem weisesten aller Medizinmänner hegte, zu entsprechen. Und das gelang mir; es wurde hinfort nichts mehr unternommen, ohne daß ich durch ein Zeichen, denn das Sprechen wollte ich mir ganz abgewöhnen, meine Zustimmung gegeben hätte, und niemand starb mehr im Dorf, ohne daß ich an seinem Lager die indianische Trommel rührte. Hahaha! Werker! Du warst der lustigste Offizier beim Regiment, du hast es endlich –« »Halten Sie ein, um Gottes willen, halten Sie ein!« unterbrach ich flehend den schwergeprüften Mann, »fürchten Sie für Schanhatta und sammeln Sie Ihre Gedanken!« »Nicht Schanhatta, sondern Jeanette heißt meine einzige Tochter,« entgegnete Werker erschreckt zusammenfahrend, »sie befindet sich nur wenige Schritte von hier, und ich will sie retten. Ich soll meine Gedanken ordnen, es ist wahr, ein Fehler von meiner Seite und ihr seid beide verloren. Du hast recht, mein Sohn, erinnere mich nur zur rechten Zeit, wenn der böse Geist über mich kommt – aber nun will ich weiter erzählen – die Last muß von meiner Brust herunter. Lange, lange Jahre bin ich nun schon der erste Zauberer der Blackfeet gewesen und als solcher von ihnen mit der größten Achtung, auch mit einer gewissen Scheu behandelt worden. Wie viele Jahre, das mag Gott wissen, aber niemals sah ich in den Prärien den Schnee mit blumenreichem Rasen abwechseln. Meine Rolle als Zauberer und ein mit übernatürlicher Macht ausgerüstetes Wesen habe ich gewissenhaft durchgeführt. Es war keine schwere Aufgabe. Den Pferdedieben riet ich zu Raub, den blutgierigen und rachedürstigen Kriegern, ihren unbezähmbaren Leidenschaften freien Lauf zu lassen, mit den Gefangenen, da ich sie doch nicht befreien konnte, nach Willkür zu verfahren. Ich war nahe daran, die mir selbst gestellte Aufgabe zu lösen, nämlich in den immer seltener wiederkehrenden Minuten, in denen ich, durch das Weinen von Kindern dazu veranlaßt, meiner Töchter gedacht, meine Erlebnisse für die eines andern zu halten. Da traf Blackbird mit dir und Jeannette hier ein. Letztere und deine Papiere hatten Veranlassung zu Streitigkeiten unter den Kriegern gegeben. Die einen wollten ihre Ansprüche auf das Mädchen nicht aufgeben, die andern wünschten das sprechende Zauberpapier zu besitzen, und Blackbird wieder gedachte, beides für sich zu behalten. Der Streit hatte einen so ernsten Charakter angenommen, daß man ihn für wichtig genug hielt, deshalb die Ältesten des Dorfes zu einer Beratung zusammenzurufen. Wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten wurde ich aufgefordert, mich an der Beratung zu beteiligen. Man zeigte mir das Mädchen, das ich kaum eines Blickes würdigte, und man zeigte mir das Manuskript. Ich hatte beschlossen, Jeannette Blackbird zuzusprechen und die übrigen Krieger um das Manuskript losen zu lassen, als ich zum Glück noch rechtzeitig in letzterem zu blättern begann. Ich las bekannte Namen, ich las sogar meinen eigenen Namen und die meiner Töchter, und wie sonst das klägliche Weinen kleiner Kinder meine trüben Gedanken in eine andere Richtung zu lenken pflegte, so wurde ich beim Überfliegen der ersten Zeilen in ähnlicher, indessen weit erschütternderer Weise ergriffen. Je mehr ich las, um so klarer wurden meine Gedanken, um so lebhafter trat meine Vergangenheit mir vor die Seele. Von diesem Augenblick an regten sich in mir wieder die Gefühle des weißen Mannes; ich erfaßte zugleich die Notwendigkeit, die Indianer zu täuschen. Dadurch wollte ich Zeit gewinnen, die Schrift durchzulesen und zu entdecken, inwieweit die beiden Gefangenen mit dem Inhalt der beschriebenen Blätter in Verbindung zu bringen seien. Da ich sonst stets schweigsam war, so erregte es in der Versammlung kein geringes Erstaunen, als ich nach flüchtigem Durchblättern der Schrift zu reden anhob und erklärte, daß das sprechende Papier eine außerordentliche Zauberkraft enthalte. Da meine Zuhörer keinen Zweifel in meine Worte setzten, gelang es mir leicht, sie zu überzeugen, daß ich, eh' über das Geschick der Gefangenen entschieden werden dürfe, die gefährliche Zauberkraft genau kennen lernen müsse. Bei einer zweiten Zusammenkunft in der Hütte bekräftigte ich nur, was ich bereits angeraten hatte. Ich machte alle aufmerksam auf den Umfang des sprechenden Papiers und drang darauf, mich die Nacht über allein zu lassen, damit ich ungestört lesen könne. Ich vertröstete sie zugleich auf den innerhalb zweier Tage bevorstehenden Mondwechsel, vor welchem Zeitpunkt überhaupt an keinem Gefangenen das über ihn verhängte Urteil vollzogen werden dürfe, solle daraus dem Stamme kein Unglück erwachsen. Man sah das Verständige meiner Ratschläge ein und entfernte sich; die Türöffnung wurde indessen auf meinen ausdrücklichen Wunsch auch noch von außen fest verrammelt. Ich wünschte vor meiner Zusammenkunft mit Ihnen und meiner Tochter noch mehr von dem Inhalte des Manuskriptes zu erfahren und später in meiner Unterhaltung mit Ihnen nicht unterbrochen zu werden. – Sie sehen, Herr Wandel, ich bin jetzt ruhig; die furchtbare Gemütsbewegung, welcher ich seit den letzten zwölf Stunden unterworfen gewesen, hat mich nicht getötet oder aufs neue meine Gedanken verwirrt. Im Gegenteil, mir ist, als ob meine Verstandeskräfte, seit mein Geist unausgesetzt nach der einen Richtung hin arbeitet, sich verschärft hätten. Meine Rolle als Medizinmann werde ich ebenso gut und täuschend durchführen wie zur Zeit, da mir dieselbe zur andern Natur geworden war, und immer möglicher erscheint es mir, daß es uns gelingt, zu entfliehen.« Werker schauderte wie vor Kälte, und dann richtete er sich mit einer entschiedenen Bewegung empor. »Nun aber merke auf meine Worte, und handle, wie ich es dir vorschreiben werde, dein Leben und das Leben meiner unschuldigen Jeannette hängen von der pünktlichen Befolgung meiner Ratschläge ab. »Morgen, oder vielmehr schon heute, denn die Morgendämmerung ist nicht mehr fern, werde ich den ganzen Tag abwesend sein. Dein Leben wird man während dieser Zeit nicht anzutasten wagen, noch weniger Jeannette irgendwelchen Zwang antun, aber es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß man dir unter gewissen Bedingungen die Freiheit verspricht. So seltsam und widersinnig diese etwaigen Vorschläge klingen mögen, weise sie nicht unbedingt zurück, aber nimm sie auch nicht unbedingt an; letzteres könnte Argwohn erwecken. Berufe dich auf mein Urteil, ohne indessen Teilnahme für mich zu verraten, und gib vor, daß du so handeln wolltest, wie ich es aus dem sprechenden Papier herauslesen würde. Das weitere überlasse mir; aber noch einmal, mein lieber Freund und Sohn versprich mir bei deiner Ehre, meinen Anordnungen, welcher Art sie auch sein mögen, blindlings Folge zu leisten, mich nach nichts zu fragen, und nicht anders zu sprechen, als wenn ich dich frage.« »Ich verspreche alles,« entgegnete ich in überzeugender Weise, mit einer gewissen Ehrfurcht in die wohlwollenden trüben Augen blickend, »mag kommen, was da will, ich bin auf alles, selbst auf das Schlimmste gefaßt, und nehme daher mit um so dankbarerem Herzen jede freundliche Wendung meines Geschicks entgegen.« »Gut, mein lieber Sohn,« versetzte Werker zufrieden, »ich scheide von dir, um dir Rettung zu bringen. Sei geduldig und bewege dich, soviel du kannst, deine Gelenke müssen geschmeidig bleiben; und nun lebe wohl, ich muß mich beeilen, denn bevor ich meine Rolle wieder übernehme, möchte ich gern noch einen Blick auf das Antlitz meiner Tochter werfen.« Bei diesen Worten entfernte er das kleine Feuer aus meiner Höhle, und nachdem er dessen Spuren, so gut es eben gehen wollte, verwischt hatte, schloß er die Türöffnung wieder mit den bereitliegenden Holzstücken und Steinen. 31 Ein Heiratsantrag Wenn mich am vorhergehenden Tage die Ungewißheit über Schanhattas und mein Geschick in einer beständigen fieberhaften Aufregung erhalten hatte, in einer Aufregung, viel schmerzhafter, als die Riemen, die tief in mein Fleisch eindrangen, und die hilflose Lage, zu der ich verdammt war, so diente das Zusammentreffen mit Werker am wenigsten dazu, mein schneller wallendes Blut zu beruhigen. Zu wunderbar waren die verschiedenen Vorgänge und Entdeckungen aufeinandergefolgt, als daß ich mich schnell in alles hätte hineinfinden können. Die schwärzesten Befürchtungen für den Gemütszustand des armen unglücklichen Mannes bestürmten mich mächtig, und ebenso schnell, wie sie entstanden waren, sanken die mit Gewalt heraufbeschworenen Hoffnungsschimmer wieder in Nichts zusammen. Dann folterte ich mich mit Mutmaßungen über die Mittel, die Werker zu unserer Befreiung gewählt haben könne, dann wieder mit schrecklichen Szenen, die, im Falle die Flucht mißlingen sollte, unausbleiblich folgen mußten. Vergeblich suchte ich zu schlafen und mich dadurch geistig und körperlich für die kommenden Dinge zu stärken; so bedürftig ich der Ruhe war, so blieb sie mir doch fern. Ich mochte die Augen schließen oder sie geöffnet halten, den Unterschied merkte ich kaum; stets marterten mich dieselben wirren Schreckbilder, dieselben bangen Besorgnisse. So kam denn die Mittagszeit heran, und zu der kalten feuchten Luft, die mir in dem engen abgeschlossenen Raume empfindlich auf die Glieder fiel und mir das Atmen erschwerte, begann sich das Gefühl eines brennenden Durstes zu gesellen; denn das, was ich während der Nacht zu mir genommen hatte, war eben nur hinreichend gewesen, einen augenblicklichen Reiz zu befriedigen. Nachdem Werker die Hütte verlassen hatte, war niemand hereingekommen, weshalb ich voraussetzte, daß man auf einer andern Stelle über Schanhatta und mich beratschlage. Aber, es mochte Mittag sein, da wurde die Hütte plötzlich mit vielem Geräusch geöffnet und eine Anzahl Weiber unter der Leitung des ungeduldigen Blackbird stürmte herein. Ein Teil begab sich zu meinem nicht geringen Schrecken geraden Wegs zu Schanhatta, während ein anderer Teil die Steine und Pfähle von der Türe meiner Zelle forträumte. Die Anwesenheit Blackbirds beruhigte mich zwar darüber, daß Schanhatta vielleicht von der Wut der grimmigen Megären zu leiden haben könne, doch was vermochte selbst er, wenn eine derselben, von ihrer Leidenschaft fortgerissen, das Messer gegen das arme gefesselte Mädchen zückte? Solche Befürchtungen erfüllten mich noch, als das letzte Hindernis von meiner Tür wich und im nächsten Augenblick fünf oder sechs Blackfoot-Weiber, von denen einzelne brennende Holzscheite in den Händen schwangen, zu mir hereinstürzten und sich keifend und schmähend um mich herum niederkauerten. Ihre Augen glühten wild, doch erschienen sie mir bei weitem nicht so drohend als die hämische Freude auf den zinnoberroten Zügen Blackbirds, der in der Türöffnung stehengeblieben war und die ganze Szene mit unverhohlenem Wohlgefallen betrachtete. »Das Mandanen-Mädchen ist zu schön für einen weißen Jäger,« sagte er grimmig, nachdem er den Weibern Stillschweigen geboten hatte, »es gehört in das Wigwam eines Häuptlings, der es besser zu schützen versteht als mein mutiger weißer Bruder. Aber mein weißer Bruder braucht nicht leer auszugehen, er kann wählen unter den Weibern der Blackfoot- Nation. Doch ich weiß, die Blackfoot-Weiber gefallen ihm nicht, er hat ein zu mutiges Herz, er wird es vorziehen, am Marterpfahl zu stehen und mit seinem warmen Fleisch die stumpfen Pfeile der Knaben aufzufangen.« Diese Rede, die ganz darauf berechnet war, die mich umgebenden Weiber zu reizen und noch mehr gegen mich zu erbittern, riefen einen wahren Sturm von Verwünschungen und Schmähungen hervor, die indessen mehr dem Häuptling als mir galten. Als dieser aber hohnlachend davonschritt, um sich zu Schanhatta zu begeben, kehrte sich die ganze Wut gegen mich, und kaum gibt es in der indianischen Sprache ein Schmähwort, das mir nicht in den nächsten fünf Minuten von den übersprudelnden Lippen der tollen Gesellschaft zugeschleudert worden wäre. Doch bei dem bloßen Keifen ließen es die erbitterten Feindinnen nicht bewenden; heulend zogen sie ihre Messer hervor, und gewandt und ohne mich zu verletzen, zeichneten sie mit den scharfen Schneiden alle nur denkbaren Linien auf mir herum, die kundgaben, daß sie eine wahre Begierde hegten, mich zur gelegenen Zeit zu verstümmeln und zu zerhacken. Doch schien mir, als wenn sie mich nur einschüchtern wollten, um mich zugänglicher für die bereits von Werker angedeuteten Vorschläge zu machen. Ich täuschte mich nicht, denn sobald der erste tolle Lärm verstummt war, rückte die eine der Frauen noch dichter zu mir heran, und indem sie ein Gefäß mit zubereiteten Fleischstückchen und ein anderes mit gerösteten Maiskörnern auf meine Brust stellte, schickte sie sich an, mir ihr Anliegen in der gebräuchlichen Form vorzutragen. »Grausamer weißer Mann,« begann sie im lauten Klageton, »du hast den erschlagen, der für mich und meine Kinder jagte; mein Wigwam ist leer, meine Kinder suchen in andern Zelten Nahrung, und statt des Fleisches vom Büffel und dem breitgehörnten Elch esse ich Maiskörner und Wurzeln, die ich in der Prärie mühsam ausgrabe. Ich sehne mich, jemand zu besitzen, der für mich jagt und meine Kinder lehrt die Waffen zu führen. Der bleiche Jäger hat einen starken Arm und ein mutiges Herz, und darum mußten die tapferen Blackfoot-Krieger vor seiner Büchse die Reise nach den glückseligen Jagdgefilden antreten. Sie liegen auf dem Boden des Missouri; das laufende Wasser spielt mit ihren Gebeinen. Der bleiche Jäger darf aber nicht ungestraft einen Blackfoot töten. Er muß sterben, wie es einem Krieger geziemt, unter Martern, wie sie nie schöner erdacht wurden. Aber ich habe Mitleid mit dem bleichen Jäger; er ist noch zu jung, um sein Fleisch den Wölfen vorzuwerfen. Mein Wigwam steht leer; ich will den bleichen Jäger zu mir nehmen; er soll für mich und meine Kinder jagen, und ich will seine Leggins schmücken und seine Mokasins reich verzieren. Ziehe der bleiche Jäger daher zu mir in mein Zelt, und ich löse seine Bande; er ist frei und die Knaben des Dorfes mögen ihre stumpfen Pfeile an einem Baumstamm versuchen.« So ungefähr sprach die Blackfoot-Squaw zu mir, während ihre Genossinnen aufmerksam zuhörten und zugleich mein Gesicht prüfend beleuchteten und beobachteten, wie um die Antwort herauszulesen. Der Vorschlag kam mir nicht unerwartet; auch hatte ich während der langen Rede hinlänglich Zeit, mich auf eine in Werkers Sinne gehaltene Antwort vorzubereiten. »Warum sollte ein bleicher Jäger nicht in das Wigwam einer braunen Frau einziehen können?« fragte ich zurück, »aber ich bin mit leeren Händen in das Dorf der Blackfeet geschleppt worden, die Blackfeet nahmen mir alles, was ich besaß, meine Pferde, meine Waffen –« »Die Blackfeet werden dem bleichen Jäger sein Eigentum zurückerstatten, sobald er einer der Ihrigen geworden ist«, unterbrach die Frau mich ungeduldig. »Wohlan,« fuhr ich fort, scheinbar erfreut über diese Mitteilung, »ich erschlug der Blackfeet mehrere, mehrere Wigwams müssen durch meine Büchse ihren Herrn verloren haben.« Ein zustimmender Klagelaut unter meinen Zuhörerinnen belehrte mich, daß alle Anwesenden darauf Anspruch machten, durch mich Witwen geworden zu sein. »Ich bin bereit zu sühnen, soweit es in meinen Kräften steht,« erklärte ich weiter, »allein es ist nicht Sitte unter den Bleichgesichtern, sich mit mehr als einer Frau zu verbinden. Ich kann nicht wissen, nach welcher Richtung ich meine Hand ausstrecken soll. Ich bin kurzsichtig, aber im Dorfe der Blackfeet sah ich einen weißen Medizinmann, dessen Augen gefärbt sind wie der Himmel und schärfer blicken als die Augen des weißköpfigen Adlers. Er ist weise, er wird mir sagen, in wessen Wigwam ich einziehen, für wen ich jagen und frisches Fleisch herbeischaffen soll. Ich spreche die Wahrheit; ich kann nicht entfliehen, denn meine Glieder sind gefesselt; kommt morgen an das Lager des bleichen Jägers, vielleicht daß er Euch den Ausspruch des weisen Zauberers verkündet. Die Weiber der gefallenen Krieger werden mich noch gefesselt finden, aber ich hoffe, sie werden die Banden von meinen Gliedern lösen und mir die Waffen eines Mannes in die Hand drücken.« Augenscheinlich hatten die Weiber erwartet, ich würde mit kurzen, bündigen Worten den Tod der Vereinigung mit einer aus ihrer Mitte vorziehen. Meine Antwort dagegen, welche sie im Grunde nur billigen konnten, verwirrte sie, und ratlos blickten sie einander an. Sie begriffen, daß alle weiteren Forderungen an meinem festen Willen scheitern würden, und enthielten sich nicht nur jeder Äußerung von feindseligen Gefühlen, sondern suchten sogar in der Darlegung von freundlichen Gesinnungen sich gegenseitig zu übertreffen. Die eine lockerte die Riemen an meinen Füßen, die andere an meinen Händen; wiederum eine andere hielt einen mit Wasser gefüllten Flaschenkürbis an meine Lippen, während die Wortführerin mir abwechselnd zugerichtete Fleischstückchen und geröstete Maiskörner zwischen die Zähne schob. Nachdem man mich gesättigt hatte, war der vorläufige Zweck der Weiber erfüllt, und indem ich nach der anderen Seite der Hütte hinüberlauschte, erriet ich leicht aus dem von dorther zu mir dringenden Geräusch, daß bei Schanhatta ebenfalls nichts weiter beabsichtigt worden war, als sie durch Speise und Trank zu erquicken, und Blackbird die Weiber nur begleitet hatte, um sie daran zu verhindern, daß sie dem gefesselten Mädchen ein Leid zufügten. Die Frauen waren eben im Begriff, meinen Kerker zu verlassen, als Blackbird noch einmal in der Türöffnung erschien, um sich höhnisch zu erkundigen, ob ich auf die Vorschläge eingegangen sei. Überraschte es ihn schon, mich in freundschaftlichem Verkehr mit den an mich abgeschickten Frauen zu finden, so wuchs sein Erstaunen, als er erfuhr, in welcher Weise ich sie beschwichtigt habe. In der düsteren Wolke, die über sein grimmiges Gesicht hinzog, und in dem spähenden Blick, den er in meine Augen senkte, sprachen sich sein tief gewurzelter Haß und sein wachsendes Mißtrauen gegen mich aus. Ich fühlte, daß, wenn mir von einer Seite Gefahr drohe, diese allein von ihm ausgehe und er der einzige sei, der Werkers Pläne, und waren sie wer weiß wie schlau und tief angelegt, zu durchkreuzen vermöchte. »Es ist gut«, sagte der wilde Krieger mit kalter Ruhe zu den Weibern, als diese endlich mit ihren Berichten zu Ende gekommen waren; worauf er sie durch ein Zeichen bedeutete, sich zu entfernen. Diese gehorchten dem Befehl schweigend, als aber die letzte an ihm vorüberschlüpfte, entriß er ihr die Holzfackel. Er wartete sodann, bis es in der Hütte still geworden, und nachdem er den Feuerbrand zu helleren Flammen angefacht hatte, trat er zu mir heran. Wiederum betrachtete er mich eine Weile forschend, wobei er die Fackel so hielt, daß sein Antlitz im Schatten blieb, mich dagegen der volle Schein der Flammen traf. »Das Pferd geht nicht hin, um mit dem Büffel zu leben, der Wolf teilt sein Lager nicht mit dem grauen Bären der Gebirge und mein weißer Bruder will in das Wigwam einer alten Blackfoot-Squaw einziehen?« begann er dann, »ich habe meinen bleichgesichtigen Bruder für einen starken und mutigen Krieger gehalten, der es vorziehen würde, als Mann zu sterben und nicht der Sklave eines alten Weibes zu werden.« »Hat mein Freund Blackbird mehr als ein Leben zu opfern?« entgegnete ich spöttisch, »ich besitze nur eins, und lieber will ich der Gatte einer Eingeborenen sein, als daß die Wölfe der Prärie und die Hunde der Blackfeet sich um meine Gebeine schlagen.« Ein Zug unbeschreiblichen Hohnes umspielte Blackbirds zusammengepreßte Lippen. »Mein weißer Freund hat eine sehr glatte Zunge,« sagte er dann, »sie ist so glatt wie die schleimige Haut eines Aals und gespalten wie die Zunge einer giftigen Klapperschlange. Er hat auch einen klugen Kopf, er versteht die Menschen zu täuschen. Aber Blackbird hat mit den Weißen gelebt, hat gelernt, ihre Betrügereien zu durchschauen. Mein bleicher Bruder denkt, die Blackfeet sind Maulwürfe; ja, sie sind Maulwürfe, bis auf einen, und dieser eine liest in dem Kopfe seines mutigen weißen Freundes.« »Ich habe dich immer für einen klugen Häuptling gehalten,« versetzte ich, ohne den Ton meiner Stimme zu verändern, »aber daß mein berühmter Freund in anderer Menschen Seelen zu lesen vermag, habe ich noch nicht gewußt. Hier sind meine Augen, Häuptling, blicke hinein und suche meine Gedanken zu erraten, soviel du willst. Ich brauche mich weder vor dir noch sonst jemand in der Welt zu scheuen.« »Ich lese, daß der weiße Jäger den Wunsch hegt, das Dorf der Blackfeet heimlich zu verlassen und das Mandanen-Mädchen mit sich fortzuschleppen.« »Es gehört wohl viel Scharfsinn dazu, dergleichen zu erraten?« erwiderte ich lachend; »ja, Häuptling, ich räume es ein, ich möchte fort von hier und das Mandanen-Mädchen mitnehmen. Aber sage, wie soll ich das ins Werk setzen? Du wirst dir das Mandanen-Mädchen ebensowenig rauben lassen, wie mir gelingt, diese Banden zu zerreißen. Ich bin ein weißer Jäger mit weißem Herzen; kann ich die Sonne nicht haben, so bin ich mit dem Monde zufrieden; und wird mir der Mond entzogen, so nehme ich mit den Sternen und endlich sogar mit deinem Feuerbrand fürlieb. Hier liege ich gefesselt; um die Banden von meinen Gliedern zu streifen und frei umherwandern zu dürfen, tue ich manches; du aber, Häuptling, traust mir nicht, ich kann dir daher nur raten, dich zu mir zu setzen und selbst über mich zu wachen.« Blackbirds Antlitz leuchtete bei meinen letzten Worten in wildem Zorn auf, doch glättete es sich ebenso schnell wieder. »Draußen vor der Hütte befinden sich Leute genug, die den weißen Jäger bewachen; das Bewachen ist nicht Aufgabe der Häuptlinge,« sagte er geringschätzig, »ich habe mich in meinem weißen Freunde getäuscht; ich glaube jetzt, daß er keinen Fluchtversuch unternehmen wird. Er ist mir willkommen in der Nation der Blackfeet; er braucht daher nicht mehr so scharf bewacht zu werden. Ich werde die Öffnungen seines Gefängnisses nicht verschließen, und meine Krieger sollen nur dafür sorgen, daß Weiber und Kinder nicht zu ihm hineindringen. Der Medizinmann von der Farbe meines bleichen Bruders wird mit Sonnenuntergang in das Dorf zurückkehren. Er ist gegangen, um an einem einsamen Ort das sprechende Papier kennen zu lernen und heilsame Kräuter für das halsstarrige Mandanen- Mädchen zu sammeln. Er ist sehr weise; seine Worte sind Medizin, möge er für meinen Freund eine gute Wahl unter den Weibern der leeren Wigwams treffen.« »Ja, Häuptling, das ist das einzige, was ich von ihm wünsche, und dann vielleicht noch, daß er mir einen Trunk bereite, der mich die Mandanen-Waise vergessen macht,« entgegnete ich in gleichgültigem Tone; »ist das geschehen, so führen unsere Wege weit auseinander; er spricht zuviel Medizin, ist ein zu großer Zauberer, als daß ich lange an seiner Seite weilen möchte; er ist kein Mann und kein Krieger.« »Er ist mehr wert als ein weißer Krieger, der sein Leben für Weiber erkauft,« versetzte Blackbird, und dann sich von mir abwendend, entfernte er sich mit ernster Würde, die Tür meines Kerkers, wie er versprochen hatte, hinter sich offen lassend. – Die Sonne war noch nicht lange zur Rüste gegangen, als Werker endlich wieder bei mir eintrat und seine Verwunderung darüber äußerte, die Pforten von Hütte und Kerker geöffnet zu finden. Fast wider mein Erwarten sprach er durchaus klar und mit vieler Überlegung; die Beschäftigung, der er sich während des Tages hingegeben hatte, schien ihn ebensowohl körperlich angegriffen als auch geistig beruhigt zu haben. Nur an den trüben Falten, die in größerer Zahl auf seiner breiten Stirn lagerten, erkannte ich, daß schwere Sorgen ihn niederdrückten und die Hoffnungen, die ihn in der verflossenen Nacht beseelt hatten, sehr herabgestimmt waren. Doch weilte er nicht lange genug in meinem Kerker, um viel von ihm zu erfahren. Er sagte nur, daß er auf seiner Hut sein müsse und am allerwenigsten von Blackbird in meiner Höhle angetroffen werden dürfe. Nach manchen dringenden Fragen erfuhr ich aber doch zu meiner Überraschung, daß die aufgehende Sonne uns entweder in voller Flucht nach dem Missouri oder, mich wenigstens, als starre Leiche erblicken würde. Schanhatta besuchte er ebenfalls, um sie zu ermutigen und mit wenigen Worten auf die Flucht vorzubereiten, worauf er sich nach dem Hauptgemach der Hütte begab, um dort ein kleines, nur wenig Helligkeit verbreitendes Feuer in Brand zu erhalten und vor diesem, scheinbar mit größter Aufmerksamkeit, in einem Manuskript zu lesen. Der Ausgang der Hütte befand sich gerade vor ihm; um indessen nicht von jedem zufällig Vorübergehenden gesehen und nicht von den jungen Kriegern, die vor der Tür lagen, beständig beobachtet zu werden, hatte er eine Büffelhaut von außen vor die Türöffnung gehangen, und eine zweite im Innern so ausgespannt, daß, wer auch immer unter der äußern Decke hindurchspähte, durch die zweite verhindert wurde, die nächste Räumlichkeit der Hütte zu überblicken. Mit ängstlicher Spannung lag ich da; ein matter Schimmer, der von Werkers Feuer ausging, bezeichnete die im Schatten liegende schmale Öffnung meines Kerkers; das Blut kreiste mir stürmisch in den Adern, und in meiner an Verzweiflung grenzenden ungeduldigen Erwartung begann ich in Gedanken zu zählen, um danach die Minuten, die Viertelstunden und endlich die ganzen Stunden zu berechnen. Voller Besorgnis prüfte ich, soweit es die Fesseln erlaubten, meine Arm- und Beingelenke; außer dem steifen Knie waren alle Glieder so beschaffen, daß ich mich auf sie verlassen konnte, und mit jeder neuen Minute hoffte ich, daß die Zeit zum Handeln gekommen sein möge. Doch Werker rührte sich nicht; er war so still, als wenn er, nach den Anstrengungen des Tages und der vergangenen Nacht von Müdigkeit übermannt, einem tiefen Schlafe in die Arme gesunken wäre. Mitternacht war nicht mehr fern, und im Dorf erschallte nur noch selten eine menschliche Stimme, als er endlich ein Zeichen des Lebens von sich gab und gleich darauf seine Gestalt den schwachen Schein in der Türöffnung verdunkelte. »Mein Sohn, die Stunde ist gekommen,« flüsterte er mit fieberhafter Hast, indem er tastend nach meinen Fesseln suchte und diese durchschnitt, »erinnere dich deines mir gegebenen heiligen Versprechens; handle, als besäßest du einen Teil meines eigenen Lebens und Willens.« »Gut, gut, mein edler Freund,« entgegnete ich ebenso leise, mit einem unbeschreiblichen Wonnegefühl mich aufrichtend und dann meine Arme, um deren Gelenkigkeit zu prüfen, weit von mir streckend, »sagen Sie mir, was ich tun soll, aber lassen Sie uns vor allen Dingen eilen, meiner armen Schanhatta Banden zu lösen.« »Geduld,« flüsterte Werker zurück, »Jeannette darf erst im letzten Augenblick befreit werden, aber um Gottes willen, laß mich nicht unnötig Worte und Zeit verlieren. Tue, was ich dich heiße; hier, schlage das Leder auseinander, es befindet sich schwarze Farbe darin. Bestreiche dir Gesicht, Hals und Arme damit, aber vorsichtig, ein unvermutet auf dich fallender Lichtschein darf nicht soviel weiße Haut zeigen, wie eine Kugel braucht, um ein Loch durchzuschlagen. Hast du's?« »Ja, ich habe es«, antwortete ich, bebend vor Spannung und Ungeduld, und zugleich begann ich die mir eingehändigte fettige Masse in der vorgeschriebenen Weise anzuwenden. »Deine Haare sind dunkler als die meinigen, aber das schadet nicht; der Federschmuck wird sie verbergen. Beeile dich, beeile dich; nachdem du dich umgekleidet hast, will ich dir von der Pforte aus den Weg genau angeben, den du einzuschlagen hast. Irren ist nicht möglich; bei Tagesanbruch wirst du in dem Flußbett zwei gepflöckte Pferde finden; ein von dem ersten Pflock ausgehender dünner Riemen führt dich nach der Stelle, wo im Gebüsch Sättel und Zaumzeug verborgen liegen. Sattle die Tiere schnell und folge in gestrecktem Galopp der Richtung des Flüßchens. Nach zwei Stunden halte dich im Flußbett selbst, und du wirst abermals Pferde finden. Diese beiden gehören zu den ausdauerndsten Tieren des Dorfes. Laß die ermüdeten Pferde zurück; sattle die frischen sorgfältig, gib das schwächere an Jeannette, und dann reitet so, daß die Tiere wenigstens drei Tage aushalten. Nach Ablauf dieser Zeit, wenn Euch nicht ein besonderes Unglück trifft, könnt Ihr Euch als gerettet betrachten. Etwas Lebensmittel hängen auf dem Bäumchen, an dessen Stamm die Sättel niedergelegt sind. Reitet die ersten Pferde tot, aber geht haushälterisch mit den Kräften der andern beiden um. Die ersten sollen Euch zu einem tüchtigen Vorsprung verhelfen, den die andern nur zu erhalten brauchen. So, wenn du mit der Malerei fertig bist, wollen wir schnell die Kleider vertauschen; du mußt schlechterdings die Rolle eines Medizinmannes übernehmen –« »Aber Sie, was beabsichtigen Sie? Doch nicht etwa zurückzubleiben?« fragte ich erschreckt, sobald ich Werkers Absicht erriet. »Kümmere dich nicht um mich,« lautete die mit zitternder Stimme gegebene Antwort, »gönne mir nach so vielen erduldeten Leiden die einzige wahre Freude, zur Rettung meines letzten Kindes beigetragen zu haben.« »Wohlan denn, wozu die Verkleidung?« sagte ich jetzt mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel mehr über die Unerschütterlichkeit meines Entschlusses obwalten ließ; »Sie kennen den Weg, ich kenne ihn nicht, also vorwärts, erlösen wir schnell ihre Tochter, und suchen Sie das Weite. Retten Sie ihr Kind, und überlassen Sie mir es, meine Rolle als Gefangener zu Ende zu führen. Sie haben die Pferde heimlich an den bezeichneten Punkt gebracht und müssen sie daher auch mit Leichtigkeit wiederfinden, während ich sie verfehlen könnte.« »Nie! nie, niemals!« erwiderte Werker röchelnd vor innerer Aufregung: »Bedenken Sie, ich bin Zauberer, ich kann mich unsichtbar machen, und wenn ich unsichtbar bin –« »Vergessen Sie nicht Jeannette«, flüsterte ich Werker von namenlosem Entsetzen ergriffen zu, denn ich hörte, was einem minder geübten Ohr entgehen mußte, daß der äußere Vorhang behutsam von der Tür fortgeschoben wurde und jemand in die Hütte hineinkroch. »Vergessen Sie nicht Schanhatta, Ihre Tochter,« flüsterte ich noch einmal, indem ich meine Lippen Werkers Ohr näherte und zugleich nach der Türöffnung hinüberwies, »man kommt, besinnen Sie sich!« Werker schauderte unter meiner Berührung heftig zusammen; ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, und die Gefahr, mit der seine krankhafte geistige Aufregung uns bedrohte, war vorüber. Er hatte angesichts des fast unvermeidlichen Verderbens seine volle Überlegung wiedergewonnen. 32 Die Befreiung In demselben Augenblick, in dem ich Werkers Aufmerksamkeit nach den ausgespannten Büffelhäuten hinüberlenkte, mußte er das verdächtige Geräusch gehört haben, denn er ergriff meine Hand, und indem er sie krampfhaft drückte, schob er mich tiefer in meine Zelle zurück. Er bedachte nicht, daß sich unser gegenseitiges Verhältnis seit meiner Befreiung geändert hatte und mir, als dem Jüngeren, Kräftigeren und Gewandteren, jetzt wenigstens ebenso sehr oblag zu handeln wie ihm selber. Gleich darauf mußte er das aber einsehen, denn als ich mich dennoch an ihm vorbeidrängte und, nachdem ich das Messer aus seinem Gurt gezogen, mich vornüber neigte, um den eigentlichen Grund der Störung zu erspähen, da verhielt er sich ganz ruhig, nur daß er, wie um mich zur Vorsicht zu mahnen, seine Hand auf meine Schulter legte. Glücklicherweise befanden wir uns im Schatten der schmalen Querwand meines abgesondert und kastenartig eingerichteten Gefängnisses, dessen Türöffnung nach der Tür der Hütte zu mündete. Der Schein des düster brennenden Feuers konnte mich also nicht blenden und ebensowenig verraten, und indem ich scharf hinüberspähte, gelang es mir allmählich, die einzelnen Gegenstände hinter dem innern Vorhange, wo noch immer eine letzte Spur der gedämpften Beleuchtung bemerkbar war, voneinander zu trennen. Besorgnis empfand ich kaum, meine geistigen Kräfte vereinigten sich nur dahin, jeder Gefahr rechtzeitig zu begegnen und trotz aller sich uns entgegenstellenden Hindernisse dennoch unsere Flucht und zwar in Werkers Begleitung auszuführen. Endlich, nach längerem Harren, gewahrte ich, daß die innere Büffeldecke, die von einer quer durch die Hütte gezogenen Leine wie ein Vorhang niederfiel, sich leise bewegte und nahe dem Erdboden behutsam emporgehoben wurde. Der voll auf die Decke fallende Feuerschein gestattete mir sogar, eine Hand zu entdecken, die den Vorhang gerade hoch genug hielt, um einen Menschen bequem drunter hindurchspähen zu lassen. Nach Verlauf einiger Minuten schob sich mit kaum wahrnehmbarer Bewegung neben der braunen Faust ein schwarz behaarter Kopf in den Schein des Feuers, und ich erkannte die unheimlich glühenden Augen und die grimmigen Züge Blackbirds, meines Todfeindes. Offenbar galt sein Spähen dem Medizinmanne, den er auf der andern Seite des Feuers in tiefen Schlaf versunken glaubte, und deutlich bemerkte ich in seinem hochrot gefärbten Antlitz den wilden Triumph, den er darüber empfand, daß in der Hütte sich niemand rührte. Werker hatte nämlich, als er sich zu mir begab, seine Decke, die er nach indianischem Brauch als Mantel trug, abgelegt und so über einige Reiser und Holzscheite hingeworfen, daß dadurch eine täuschende Ähnlichkeit mit einem unter der Decke ruhenden Menschen entstand. Für Blackbird aber wurde die Ähnlichkeit dadurch noch vergrößert, daß gerade vor dem Feuer und in Armeslänge von der Decke das aufgerollte Manuskript lag, als wenn Werker während des Lesens in demselben von Müdigkeit übermannt worden wäre und sich zum Schlaf hingestreckt hätte. Alles dieses sah und erfaßte der Indianer mit Gedankenschnelligkeit, und der hämische Ausdruck, der über seine Züge flog, bekundete, daß die Erwartungen, mit denen er in die Hütte eingedrungen war, noch übertroffen wurden. Vorsichtig zog er bald darauf den Kopf wieder zurück und ebenso vorsichtig ließ er die Büffelhaut niedersinken. Was er eigentlich bezweckte, erriet ich erst, als er nach kurzer Zeit an dem mir am entferntesten Ende des Vorhangs erschien, und, um diesen herumkriechend, sich unhörbar dem Feuer zu bewegte. Behutsam lugte ich um die Ecke meines Gefängnisses; ich sah den halbnackten Krieger, wie er einer Schlange ähnlich dahinglitt, ich sah die aufgebauschte Decke, zugleich aber auch bemerkte ich die geöffnete Papierrolle, die die nahe Kohlenglut greller als alle übrigen Gegenstände beleuchtete. Freier atmete ich auf, sobald ich überzeugt war, daß Blackbird nur danach trachtete, das Manuskript heimlich an sich zu bringen, denn als er das Feuer erreicht hatte, kroch er nicht um dieses herum, sondern streckte nur seine Hand nach der Papierrolle aus, und nachdem sie in seinem Besitz war, begann er sogleich wieder rückwärts zu kriechen, die von ihm in dem staubigen Erdreich zurückgelassenen Spuren sorgfältig mit den Händen verwischend. Wieder hinter dem Vorhang angekommen, säumte er nur so lange, wie erforderlich war, das für ihn unschätzbare Zauberpapier auf seinem Körper zu verbergen und die weite wollene Decke, die er zurückgelassen hatte, um seine Schulter zu schlingen, worauf er leise und gewandt wie ein Marder auf Schanhattas Zelle zuschlich. Schanhattas Zelle, die der meinigen in der Entfernung von höchstens sechzehn Fuß gerade gegenüberlag, war nur durch Anlehnen einiger loser Holzscheite abgeschlossen worden. Die leidenschaftliche Aufregung, in die Blackbird bei dem Forträumen der Holzstücke geriet und die ihn daran hinderte, mehr auf seine persönliche Sicherheit bedacht zu sein, machte ich mir zunutze, denn noch war die Türöffnung nicht ganz frei, da stand ich bereits im undurchdringlichen Schatten hinter der ausgespannten Büffelhaut, also ziemlich in der Mitte zwischen den beiden Zellen und zugleich nahe genug bei dem Indianer, um ihn mit einem einzigen Sprunge erreichen zu können. Ich wartete sodann nur noch darauf, daß Werker, der auf einen Wink von mir nach dem Feuer hingeschlichen war, durch das Entzünden einer Anhäufung von dürren Reisern und leicht brennbarer, hanfartiger Pappelweidenrinde eine plötzliche Helligkeit verbreiten sollte. Werker, dadurch begünstigt, daß die Ecke von Schanhattas Zelle dem schwer und tief atmenden Indianer die Aussicht nach dem Feuer raubte, löste seine Aufgabe so geräuschlos und mit einer solchen Gewandtheit, wie man es dem frühzeitig alt und morsch gewordenen Körper kaum zugetraut hätte; und erst ganz zuletzt, als er die knisternden Reiser ergriff und sie auf die eben aufflackernde Baumrinde legte, beugte Blackbird sich um die Ecke von Schanhattas Gefängnishöhle herum, um sich zu überzeugen, inwieweit der nach seiner Meinung erwachte Medizinmann ihn in seinem Vorhaben stören würde. Diesen Augenblick nun hatte ich ängstlich erwartet, um handelnd einzuschreiten. Um nicht im freien Gebrauch meiner Hände gehindert zu sein, nahm ich das von Werker entlehnte Messer zwischen die Zähne, und darauf meinem Oberkörper einen heftigen Schwung gebend, gelangte ich, trotz meines steifen Kniegelenkes, blitzschnell bis dicht hinter den siegesbewußten Indianer. Eh' dieser sodann Zeit gewann, sich nach dem von mir erzeugten Geräusch umzuwenden, hatte ich ihn umklammert, und zwar so, daß er weder seine Arme noch seine Hände zu rühren, am allerwenigsten aber nach seinen Waffen zu greifen vermochte. Wohl versuchte er, durch eine plötzliche gewaltige Bewegung seinen nackten glatten Oberkörper meinen Armen zu entwinden, allein ebenso leicht hätte er die ganze Hütte über uns niedergerissen. Denn einesteils war ich ihm an Körperkräften weit überlegen, dann aber auch war das Bewußtsein, daß mein Leben und mit diesem Schanhattas und ihres Vaters Geschick von meiner Ausdauer und meinem schließlichen Siege abhänge, mir ein mächtiger Bundesgenosse. Niemand begriff dies besser als Blackbird selbst, denn als die Reiser hoch emporflammten und er, über die Schulter zurückblickend, mir gerade in das Gesicht schaute, da schienen seine Sehnen plötzlich zu erlahmen, und während seine Augen sich vor Haß und Wut aus dem Kopf drängten, glitt ein leiser Laut des Erstaunens über seine schmalen Lippen. Seine Eitelkeit und sein Stolz hielten ihn ab, durch einen Aufschrei die außerhalb der Hütte befindlichen Wachen herbeizurufen, denn lieber wäre er gleich in meinen Armen gestorben, als daß er die jungen Krieger zu Zeugen seiner Schmach, von einem weißen und obendrein halb lahmen Jäger überlistet zu sein, gemacht hätte. »Mein weißer Bruder ist sehr listig,« sagte er leise, und ich gewahrte, daß seine rechte Hand verstohlen nach dem Messer in seinem Gurt suchte, »er hat eine glatte Zunge, will er etwa noch die alte häßliche Blackfoot-Squaw zum Weibe nehmen?« Ich schwieg, denn um zu sprechen, hätte ich meine Waffe fallen lassen müssen. Als Blackbird aber, im Vertrauen darauf, daß er meine Vorsicht eingeschläfert habe, mit einer hastigeren Bewegung sein Messer zu erreichen trachtete, warf ich ihn zur Erde nieder, und mit meinem gesunden Bein auf seinem linken Arm kniend, seinen rechten dagegen mit meiner linken Hand haltend, setzte ich ihm die Spitze meines Messers auf die Kehle. Hatte mein unerwarteter Angriff Blackbird in Erstaunen versetzt, so schien er seinen Augen nicht zu trauen, als plötzlich Werker mit einem flackernden Feuerbrand erschien, und anstatt sich feindlich gegen mich zu kehren, mit allen Zeichen freundschaftlicher Übereinstimmung flüsternd eine Frage an mich richtete. Was er mich fragte, begriff der Indianer bald genug, denn Werker löste den Gurt von seinen Hüften, und nachdem er dem Häuptling ein zusammengerolltes Stück Leder zwischen die Zähne geschoben hatte, befestigte er diesen Knebel mittelst seines Gürtelschals derart, daß der Indianer eben nur noch so viel Luft einatmen konnte, wie zum Leben erforderlich war. Sodann schnürten wir ihm mittelst zäher und scharf in das Fleisch einschneidender Riemen die Hände auf dem Rücken zusammen, und erst als wir mit seinen Füßen in gleicher Weise verfahren waren, gönnten wir uns einige Minuten Zeit, um über die nächste Zukunft zu beraten. Werker erklärte sich jetzt mit meinem Plan vollkommen einverstanden, und wenn er noch irgendwelche Bedenken hinsichtlich dessen Ausführbarkeit gehegt hätte, so wären sie geschwunden, als er beobachtete, mit welcher Schnelligkeit ich den Häuptling unschädlich machte. Nachdem wir Schanhatta von ihren Banden erlöst hatten, nahm ich den Federbusch von Blackbirds Haupt; Werker befestigte ihn auf meinem Scheitel zwischen den langen Haaren, die sich dadurch in der Dunkelheit kaum von dem kriegerisch geschmückten Skalp eines Indianers unterschieden; Blackbirds Messer und Tomahawk wanderten ebenfalls in meinen Gurt, und als ich darauf des Häuptlings blaue wollene Decke um meine Schultern geworfen hatte, glich ich einem eingeborenen Krieger vollständig. Danach schleppten wir Blackbird in meinen Kerker, legten ihn dort auf das Gesicht nieder, und nachdem wir die Türöffnung fest verrammelt hatten, machten wir uns reisefertig. Von dem Augenblick an, als ich Blackbirds ansichtig wurde, bis zu dem Zeitpunkt, in dem ich den letzten Stein vor die Türöffnung wälzte, war kaum eine halbe Stunde verstrichen. Der größte Teil der Nacht lag also noch vor uns, denn als wir unter den Vorhängen hindurch ins Freie hinaustraten, konnte es kaum eine Stunde nach Mitternacht sein. Nur wenig Schritte von der Hütte entfernt glimmte ein kleines vernachlässigtes Feuer; drei Krieger, denen die Wache übertragen worden war, lagen vor demselben. Einer von ihnen schien zu schlafen, während die andern beiden leise miteinander plauderten. Alle drei hatten Blackbird in die Hütte schleichen gesehen, es konnte sie also nicht befremden, daß er die Hütte auch wieder verließ. Alles ging denn auch nach Wunsch. Werker hielt sich so, daß der Schatten seiner Gestalt mich und Schanhatta traf, und als er bemerkte, daß die Wächter verwundert nach uns aufschauten, trat er noch einmal zu ihnen ans Feuer. »Die jungen Leute müssen scharfe Wache halten,« redete er sie an; »der bleiche Jäger ist listig; er kann zwischen der Hütte und dem Feuer hindurchschlüpfen, ohne daß die jungen Krieger ihn bemerken. Es ist besser, sie rücken ihr Feuer näher an die Hütte heran. Dort geht Blackbird; es ist dem Häuptling gelungen, das Mandanen-Mädchen für sich zu gewinnen. Die junge Squaw folgt ihm in sein Wigwam. Ich begleite ihn, und keine Augen befinden sich mehr in der Medizinhütte, um den weißen Jäger zu bewachen. Legen sich die jungen Leute daher dicht vor die Türöffnung nieder; es darf niemand hinein, die Seele des fremden weißen Jägers muß vorher in die eines Weibes umgewandelt werden.« Die Wächter gaben eine zustimmende Antwort, und nach einigen Minuten befand sich Werker wieder an meiner Seite. Das Flüßchen, das die Richtung unserer Flucht bezeichnete; war nur eine kurze Strecke von uns entfernt. Wir wagten indessen nicht, uns ihm zu nähern, aus Besorgnis, daß unsere Absicht entdeckt werden könne. Begegneten uns wirklich noch Leute, so mußten sie mich für Blackbird halten, darum begaben wir uns nach dem Zelt des Häuptlings, das am äußeren Ende des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe stand. Es war matt erleuchtet, da der Häuptling vor seinem Aufbruch noch einige feste Holzblöcke in die Feuerhöhle gewälzt hatte, daher gelang es mir noch, meine Büchse und Blackbirds wohlgefüllte Kugeltasche herauszufinden. Auf weitem Umwege gelangten wir an das Flüßchen, an dem ein schmaler Pfad hinlief, und so schnell ich mit meinem lahmen Fuß nur auszuschreiten vermochte, entfernten wir uns von dem Dorfe der Blackfeet. Jeannette, wie ich meine treue Mandanen-Waise seit jenen Tagen nannte, hatte während der ganzen Zeit kaum eine Silbe gesprochen. Ebenso waren Werker und ich zurückhaltend in den Äußerungen unserer Gefühle gewesen. Erst als wir bald nach Sonnenaufgang bei den Pferden eintrafen und Werker darauf bestand, daß Jeannette und ich die Flucht allein fortsetzen und ihn seinem Schicksal überlassen sollten, wurden wir wieder lebhafter. Da machte ich denn auch Jeannette die Mitteilung, in welchem Verhältnis der fremde Medizinmann, dem wir unsere Rettung verdankten, zu ihr stehe. Die Szene verlief ruhiger, sogar wohltätiger, als ich je zu erwarten gewagt hätte. »Ich wußte, daß er mein Vater sei,« sagte Jeannette, ihre großen, frommen Augen mit einem Ausdruck inniger Freude und Dankbarkeit bald auf mich, bald auf Werker richtend; »ich wußte es, als er seine Hand auf meine Stirn legte und zu mir sagte: ›meine Tochter, ich will dich retten‹. Nur mein Vater oder mein Gebieter konnte in einem solchen Tone zu der von aller Welt verlassenen Waise sprechen; seine Stimme war die des Schwans, der das zerstörte Nest umschwebt und nach seinen Kindern ruft.« »Und du nanntest mich nicht, du sagtest mir kein Wort?« fragte Werker mit bebenden Lippen, indem er den Federschmuck von seinem Haupte riß und unter die Füße trat. »Durfte ich?« entgegnete Jeannette mit rührender Einfachheit und einem schüchternen, holdseligen Lächeln; »ich fürchtete, gegen den Willen meines Vaters und desjenigen zu handeln, der mir so lange Vater und Beschützer gewesen war. Hätten sie es für ratsam gehalten, sie würden es mir längst mitgeteilt haben. Mein Herz klopfte laut, aber mein Kopf beschwichtigte es; mein Vater hatte zu mir gesagt: ›Geduld‹.« »Ja, mein Kind, ich bin dein Vater,« versetzte Werker bewegt, »und du magst mich immerhin so nennen; ja, nenne mich Vater, nur ein einziges Mal, und dann besteigt eure Pferde und entflieht. Sei ihm treu, Jeannette, sei ihm treu, und wenn die Zeit dereinst kommt, in der du heiter lächelnd der Tage gedenkst, in denen du für ein armes Indianermädchen galtest, dann gedenke auch desjenigen, der dich einst unter Freudentränen als sein liebes Kind auf seinen Armen wiegte. Aber fort jetzt, fort, ich, dein Vater, verlange es von dir, fort, die Zeit enteilt und das Unglück schläft nicht!« Mit Spannung harrte ich der Antwort entgegen, die Jeannette ihrem Vater erteilen würde. Es war ja eine Probe von ihrer Denkungsweise, von ihrem Charakter, die das ungeschulte Naturkind ablegen sollte, eine Probe, nach der ich den Wert der in ihrer Brust schlummernden Keime zu bemessen imstande war. Doch meine kühnsten Erwartungen wurden noch übertroffen. »Du bist mein Vater und ich bin deine Tochter,« sagte Jeannette, indem sie dicht zu Werker herantrat und seine Hand auf ihr Haupt legte; »ich weiß, wohin eine Tochter gehört; dort steht das Pferd, besteige es und folge dem Rate meines bisherigen Gebieters. Willst du nicht, so bleibe ich bei dir; mein Gebieter wird nicht von meiner Seite weichen, und die Pferde mögen die Flucht allein und unbeschwert fortsetzen. Vater, bestimme über das Geschick deiner Tochter; meine Ohren sind offen, und ich bin bereit, deinen Wünschen Folge zu leisten.« Etwa eine Minute stand Werker sprachlos da; Träne auf Träne rollte ihm über die gefärbten, eingefallenen Wangen. »Meine Tochter, ich schäme mich dir gegenüber meiner unwürdigen Verkleidung,« preßte er endlich heraus, einen Kuß auf des treuen, ergebungsvollen Kindes Stirne drückend, »aber fort, jetzt fort, ich füge mich in deinen Willen; wer weiß, der Abend meines Lebens mag mich entschädigen für das, was ich in frühern Jahren erdulden mußte.« Mit diesen Worten schwang er sich auf den leichten, ursprünglich für Jeannette bestimmten Renner, Jeannette und ich bestiegen den andern, und in wildem Galopp folgten wir dem Flüßchen stromabwärts dem Missouri zu. Wann und wie Blackbird aus seiner hilflosen Lage befreit wurde, erfuhr ich nie. Wahrscheinlich aber verstrich der größte Teil des Tages, eh' man Argwohn gegen das dringende Gebot des abwesenden Medizinmannes schöpfte und das Gefängnis öffnete. Wir wurden nicht verfolgt; wenn man uns aber nachsetzte, war der Aufbruch zu spät erfolgt. Die andern beiden Pferde, die Werker am vorhergehenden Tage vorausgebracht hatte, fanden wir nach zweistündigem scharfen Ritt glücklich auf der bezeichneten Stelle vor. Anstatt sie aber sogleich zu besteigen, rasteten wir eine kurze Zeit, worauf Jeannette das rüstigste der schon gerittenen übergeben wurde, und Werker und ich die beiden frischen nahmen. Auch das vierte Pferd führten wir noch mit, und wir brauchten dadurch, daß die Tiere abwechselnd unbeschwert mitliefen und gewissermaßen rasteten, unsere Eile nicht zu vermindern. Nachdem wir in dieser Weise vier Tagemärsche zurückgelegt hatten, mäßigten wir unsere Hast, und nach vier weiteren Märschen erreichten wir wohlbehalten den Missouri, wo wir uns als gerettet betrachten durften. Auf der ersten Handelsstation, an der unser Weg vorbeiführte, kehrten wir ein, um uns für die Weiterreise angemessen auszurüsten, wozu mir, da man mich kannte, mit größter Bereitwilligkeit der notwendige Kredit gewährt wurde. So erreichten wir denn auch glücklich die bekannte Mission, wo die Wintermonate uns schnell genug vergingen. Für unsere Zwecke zu schnell, denn der segensreiche Einfluß, den der brave Geistliche und seine Familie auf Jeannette ausübten, wodurch ihr schnelles Fortschreiten auf dem Wege der Bildung außerordentlich befördert wurde, trat mit jedem neuen Tage deutlicher hervor. Als wir aber mit dem Erwachen des Frühlings die freundliche Mission verließen, war die christlich getaufte und eingesegnete Jeannette Werker meine Gattin. Wir wendeten uns stromabwärts, denn, da ich durch die in meinem Knie zurückgebliebene Schwäche untauglich für die schweren Arbeiten eines Grenzansiedlers geworden war, hatte ich den Entschluß gefaßt, mit den paar hundert Dollars, die ich gerettet hatte, in der Nähe einer größeren Stadt eine Gärtnerei anzulegen. Das Glück war mir günstig; noch in demselben Sommer erstand ich mit einer geringen Anzahlung dieses allen meinen Wünschen so vollständig entsprechende Grundstück, auf dem damals erst eine wenig umfangreiche Blockhütte errichtet worden war. Der Vater meiner Jeannette blieb bei uns, und da wir alle drei nicht verwöhnt und außerdem mit manchem kleinen, die Arbeit und die Beschaffung der Lebensmittel sehr erleichternden Kunstgriff vertraut waren, so arbeiteten wir uns schnell genug empor. Die ersten Jahre hindurch hatten wir mit manchen Schwierigkeiten, zuweilen sogar mit Entbehrungen zu kämpfen, als ich aber im vierten Jahre meine erste Weinlese hielt – ich war nämlich nicht bei der Gärtnerei allein stehengeblieben – da begannen Wohlstand und sogar Überfluß unsern glücklichen häuslichen Herd zu umgeben, und bald genug befand ich mich in der Lage, die Blockhütte in einen Stall verwandeln zu können, nachdem ich mir vorher nach einem von mir selbst gezeichneten Plan jenes Häuschen hatte bauen lassen. Neue Jahre brachten neuen Segen, eine Verbesserung folgte der andern, bis endlich mein Grundstück sein jetziges Aussehen gewann. Ich besitze alles, was mein Herz sich wünscht. Wenn ich zuweilen nach vollbrachtem Tagewerk, mein treues Weib zur Seite, unsere einzige Tochter spielend vor uns, mein kleines Reich überblicke und den Segen gewahre, der offenbar auf unserer Hände Arbeit geruht hat und noch ruht, dann vermag ich mich kaum einer tiefen Rührung zu erwehren, und mit inniger, aufrichtiger Dankbarkeit gedenke ich desjenigen, der mir ein so glückliches Los zuwandte und seine Hand segnend über mir Walten ließ. Schweifen aber meine Gedanken in die ferne Vergangenheit, dann geschieht es mit milden, versöhnlichen Gefühlen, frei von Haß und Rachedurst gegen die Menschen, die einst meine Jugendträume erbarmungslos durchkreuzten, frei von Vorwurf gegen die Vorsehung, daß die phantastischen Träume meiner Jugend sich nicht verwirklichten. »Das wäre also der Schluß des Manuskriptes,« sagte Wandel nach kurzem Sinnen, indem er die Gläser frisch füllte und dann das eine emporhob; »Geduld im Unglück, Beharrlichkeit im redlichen Streben, Liebe unsern Freunden, Vergebung unsern Feinden und Demut, wenn das Glück uns lächelt.« »Demut, wenn das Glück uns lächelt,« wiederholte ich Wandels letzte Worte, und laut und hell klangen die Gläser aneinander. »Und Werker, der Vater Ihrer liebenswürdigen Gattin, gestatten Sie mir, nach ihm zu fragen?« hob ich an, nachdem wir die leeren Gläser wieder auf den Tisch gestellt hatten. »Gewiß, gewiß,« erwiderte Wandel ernst, indem er sich erhob, welchem Beispiel ich folgte, »das Manuskript ist ja eigentlich so lange nicht vollständig, als noch Ungewißheit über das Endschicksal der einen oder ändern in demselben erwähnten Person waltet. Doch heute nicht mehr, wenn es Ihnen recht ist; ich muß ein Mittel in Händen haben, Sie noch einige Tage an meinen Herd zu fesseln, und bevor Sie meine ganze Lebensgeschichte bis auf den heutigen Tag kennen, werden Sie hoffentlich nicht an den Aufbruch denken?« Eine Viertelstunde später ruhte ich auf einem bequemen, weiß überzogenen Lager. Durch das geöffnete Fenster strömte die erquickende Nachtluft zu mir herein und mit dieser das einschläfernde Geräusch des nächtlichen Tierlebens im nahen Waldesdickicht. Sonst herrschte feierliche Stille ringsum; es war, als ob der Engel des Friedens seine Fittiche über das kleine Haus und dessen gute freundliche Bewohner ausgebreitet habe, um sie vor allem ferneren Unheil liebevoll zu bewahren und zu beschirmen. 33 Auf der Farm Die liebe freundliche Farm, wie sich ihr Bild meinem Gedächtnis so tief, so unauslöschlich eingeprägt hat! Wie strahlte dort die Sonne so lieblich, wie berührten die bald melancholischen, bald heiteren Melodien des Spottvogels, der sanfte Ruf des glühend roten Kardinals und das Girren der Wandertauben so traulich mein Ohr, wie duftete der Wald so süß und prangten die Blütenkelche in so prächtigen Farben! Und doch lachte die Sonne nicht lieblicher als zu andern Zeiten vom blauen Himmel nieder, jubelten die Vögel nicht fröhlicher und blühten die Blumen nicht schöner als in andern Zonen. Aber eine freundliche Hand hatte mein Kissen geglättet, ein biederes Herz mir in aufrichtiger Freundschaft entgegengeschlagen, und wieder und immer wieder spiegelte ich mich in den schönen unschuldigen Augen holder, zutraulicher Kindheit. Der Kontrast, den das Leben in der Urwildnis zu den Tagen friedlicher Ruhe bildete, war ja zu groß, zu wohltuend, als daß mir nicht alles hätte wie im schönsten Festkleide prangend erscheinen müssen. – Wir saßen wieder in der Laube, die uns den besten Schutz gegen die noch immer heiße Nachmittagssonne gewährte, und Frau Jeannette war mit der kleinen Johanna ihren häuslichen Verrichtungen nachgegangen, als Wandel das Gespräch noch einmal auf seine Lebensgeschichte lenkte. »Sie fragten mich nach dem Vater meiner Jeannette,« hob er an, indem er einen Brief aus der Tasche zog und vor sich auf den Tisch legte. »Lassen Sie mich jetzt meine Berichte vervollständigen. Werker hat sich bis zu seinem Ende nicht mehr von uns getrennt. Er begleitete uns nach der Mission und von dort hierher, und stets war er mir bei meinen Arbeiten ein treuer Gefährte und Gehilfe. In seinen Tiefsinn verfiel er nicht wieder, doch war in seinem ganzen Wesen ein wehmütiger Ernst zurückgeblieben. Er sprach nur wenig, aber im Ausdruck seiner wohlwollenden Augen stand deutlich geschrieben, daß er sich glücklich fühle. Dagegen erinnere ich mich nicht, ihn in den ersten Jahren unseres Zusammentreffens jemals lächeln gesehen zu haben. Erst als unsere kleine Johanna einzelne Worte zu lallen begann und ihn einst, für ihn ganz unerwartet, ›Großvater‹ nannte, erhellte ein glückliches Lachen sein Antlitz zum ersten Male wieder. Von jener Stunde an lebte er von neuem auf, und in ähnlicher Weise wie das sich wunderbar schnell entwickelnde Kind wendete auch er der Außenwelt eine größere Teilnahme zu. Er sprach mit Ruhe und Ergebung von der Vergangenheit und gedachte mit heiterer Zuversicht der Zukunft, und fast kein Tag verging, an dem er nicht wenigstens einmal wiederholt hätte, daß unsere kleine Johanna das getreue Ebenbild seiner ältesten dahingeschiedenen Tochter sei, wie ihm diese doch lebhaft als kleines Kind in Gedanken vorschwebte. So kann ich behaupten, daß unsere kleine Tochter vorzugsweise dazu beitrug, den Lebensabend des alten Werker zu Versüßen. Das Kind liebte den freundlichen Greis über alle Beschreibung, und er wieder war sogar heiteren Gesprächen zugänglich, wenn er die Kleine auf seinen Knien schaukelte oder sie auch nur in seiner Nähe sich lustig umhertummeln sah. In solchen Stunden gelang es mir zuweilen, ihn zum Schreiben an seinen Bruder, den greisen Oberstleutnant, zu bewegen. Waren es auch nur wenige Worte, die er an ihn richtete, so zeugten diese doch von seiner unwandelbaren, treuen Anhänglichkeit an den besten aller Brüder. In der Hauptsache aber ging die Korrespondenz zwischen den alten Herren durch meine Feder, und da ich beide genügend kannte, um ihre Eigentümlichkeiten wiedergeben zu können, so betrachteten sie die Briefe als Dokumente, bei denen ich nur die Rolle eines Abschreibers übernommen habe. Besitze ich doch noch Briefe, in denen mein alter gütiger Vormund sagt: »Schreibe dem Hans in meinem Namen einen recht herzlichen Brief, in dem du am Schluß hinzufügen kannst, wie sehr ich mich über sein von dir verfaßtes Schreiben gefreut habe. Der alte Knabe scheint mit jedem Jahr jünger zu werden, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er noch einmal auf Heiratsgedanken käme.« Der Vater meiner Frau dagegen, als ich ihm einst einen im Auftrage des Oberstleutnants von mir an ihn gerichteten Brief vorlas, äußerte kopfschüttelnd: »Man sollte wirklich denken, daß er viel jünger als ich sei. Ich könnte den alten Burschen um seine eiserne Konstitution beneiden; sollte mich gar nicht wundern, wenn er eines Tages hier einträfe, um uns einen Besuch abzustatten.« Und so gelang es mir denn, die beiden lieben, alten Leute vollständig übereinander zu täuschen; im Geiste sahen sie sich gegenseitig im rüstigsten Mannesalter; einer freute sich über den andern, sie vergaßen, daß seit ihrem letzten Zusammensein wenigstens dreißig Jahre verstrichen waren, und es vermochte daher sich einer von dem andern nur ein Bild zu entwerfen, wie es ihnen noch immer aus einer glücklichen Vergangenheit in der Erinnerung vorschwebte. Die Zeit ging dahin; Werker wurde von Tag zu Tag heiterer, während seine körperlichen Kräfte merklich abnahmen. Das Alter, mehr aber noch die Leiden und Entbehrungen, die er während seines abgeschiedenen Lebens unter den Eingeborenen erduldet hatte, machten sich geltend, und so ereignete es sich denn vor zwei Jahren an einem schönen Frühlingsmorgen, daß er, anstatt, wie er am Abend vorher versprochen hatte, mit Johanna, seinem Liebling, einen Spaziergang in den Wald zu unternehmen, zur ewigen Ruhe eingegangen war. Der Tod hatte freundlich und unfühlbar seine erstarrende Hand auf das treue Herz gelegt. Er war im Schlafe gestorben, und auf seinen bleichen Zügen ruhte das glückliche Lächeln, mit dem er unsere Johanna zu begrüßen pflegte. Was er in seinen letzten Lebensjahren so oft gewünscht, ging in Erfüllung: es flossen an seinem Grabe heiße Tränen der Trauer, und treue Kindesliebe pflegt heute noch und so Gott will noch viele kommende Jahre hindurch sorgfältig die Blumen, die seiner Decke in Fülle entsprießen. Ein seltsames, ein freundliches Geschick waltete über den beiden Brüdern. Keiner erfuhr den Tod des andern, denn als die traurige Nachricht von dem Dahinscheiden seines Bruders auf der Oberförsterei eintraf, da war mein Vormund bereits tot. Ich hätte es ahnen können; sein jüngster an mich gerichteter Brief trug das Gepräge eines letzten Willens, eines gefaßten, vertrauensvollen Hinüberblickens in das Jenseits.« »Dann ist die Gattin des Oberstleutnants wohl vor dem alten Herrn gestorben?« fragte ich nach einem längeren feierlichen Schweigen, das dem Andenken der beiden Brüder galt. »Sie starb vier Jahre früher,« entgegnete Wandel, »innig beweint von ihrem Gatten und allen Dorfbewohnern, war sie doch stets bereit gewesen zu helfen, wo sie sah, daß Hilfe not tat. Doch indem ich der ehrwürdigen alten Dame gedenke, tauchen noch so manche Gestalten in meiner Erinnerung auf, für die Sie, da Sie meine Lebensgeschichte kennen, sich nicht minder interessieren dürften. Der Oberstleutnant liebte es nicht, lange Briefe zu schreiben; er wählte daher den Ausweg, da, wo sich ihm ein geeigneter Grund dafür bot, mir Zeitungen zu übermitteln und diejenigen Stellen, auf die er meine Aufmerksamkeit hinlenken wollte, mit Rotstift zu bezeichnen. Aus einer solchen Sendung erfuhr ich denn auch, daß meine geheimnisvolle Flucht damals kein geringes Aufsehen erregt hatte. Auch der plötzliche Tod meiner armen, in religiöse Überspanntheit hineingeängstigten Johanna war viel besprochen worden. Vielleicht um nicht verdächtigt zu werden, waren die beiden Jesuiten in der Gegend geblieben, doch sollte ihnen daraus kein Segen erwachsen. Meinem Vormunde sowohl als auch andern Leuten war es aufgefallen, daß seit meiner Flucht im Hause von Antons Mutter ein ganz neues und verhältnismäßig üppiges Leben geführt wurde. Manche neigten sogar zu dem Glauben hin, daß der Überfluß bei der sich keines guten Rufes erfreuenden Familie mit meinem glücklichen Entkommen in Verbindung gebracht werden dürfe und es mein Geld sei, für das sie sich Tag für Tag gütlich taten. An meinen Freund, den armen Anton, dachte dabei niemand, wenn ich auch nicht bezweifle, daß sein Bruder Andres alles ausspioniert hatte und sich nur deshalb scheute, öffentlich als Ankläger gegen ihn aufzutreten, weil Anton seit dem Tage, an dem ich auf dem Ufer des Rheins Abschied von ihm genommen hätte, auf der Oberförsterei und unter dem persönlichen Schütze meines Vormundes lebte. Der arme Schelm hatte daselbst ein Los gefunden, wie er sich in seinen bösen Tagen vielleicht den Himmel vorgestellt haben mag. Er wurde gekleidet und gespeist und dabei übertrug man ihm solche Arbeiten, die seine Kräfte nicht überstiegen und viel zu seinem körperlichen und geistigen Wohlbefinden beitrugen. Er sorgte für die Hunde und das Federvieh, er schleppte Holz für Küchenherd und Ofen herbei, er beaufsichtigte meines Vormundes Pfeifen, die ein ganzes Brett ausfüllten, und wie der alte Herr selbst in einem Briefe versicherte, hatte Anton es im Stopfen der Pfeifen zu einer Fertigkeit gebracht, daß sogar der alte Blücher seligen Angedenkens daran nichts zu tadeln gefunden haben würde. Überhaupt betrachtete der alte gute Herr den treuen Burschen samt seinem Raben, der ihm schimpfend und scheltend auf Schritt und Tritt überallhin folgte und mit Federvieh und Hunden auf leidlich gutem Fuße lebte, als eine Art Vermächtnis von mir. Derartig waren also die häuslichen Verhältnisse auf der Oberförsterei, auf der der alte treuherzige Krieger bis an das Ende seiner Tage den nach allen Richtungen hin freundlich und wohltuend wirkenden Mittelpunkt bildete. Daß Anton auf der Oberförsterei ein so gutes Unterkommen gefunden hatte, gereichte ihm auch noch in anderer Beziehung zum Glück. Wer weiß, wäre er im Hause seiner Mutter geblieben, dann, hätte er in der schrecklichen Katastrophe, die über die einsame Hütte hereinbrach, vielleicht ebenfalls seinen Untergang gefunden. In den ersten Wochen nach meiner Flucht herrschte also in Antons elterlicher Hütte ein Überfluß wie wahrscheinlich noch nie. Doch nicht allein dort, sondern auch in den umliegenden Schenken, wo nur immer der böse Andres sich zeigte, erhielt man die untrüglichsten Beweise, daß es ihm nicht an Geld mangle. Er spielte, er feierte nächtliche wilde Gelage mit seinen Gesinnungsgenossen, er veranlagte blutige Raufereien, und dabei führte er solch übermütige Reden über die Unerschöpflichkeit seines Reichtums, daß sogar die Behörde Argwohn gegen ihn faßte und ihn durch die Gendarmen schärfer beobachten ließ. Diesen gegenüber war er indessen zu listig; er berief sich darauf, seine Geldmittel von einem reichen Manne, dem er einen großen Dienst geleistet, empfangen zu haben, und da er sich standhaft weigerte, einen Namen zu nennen, so gewann das Gerücht, daß er mir bei meiner Flucht behilflich gewesen sei, unter den Leuten immer mehr Glauben. Man konnte ihm aber nichts beweisen und beschränkte sich daher vorläufig darauf, ihn und sein Treiben aufmerksamer zu beobachten. Wer hätte auch geahnt, daß er, der Vagabund, in so naher Beziehung zu den beiden frommen Priestern stehe, die noch immer in dem nahen Kirchdorf wohnten, dort mit zündendem Glaubenseifer die Menschen zur Beichte und Buße ermahnten und darauf hinwiesen, wie Gott seine verirrten und ihm entfremdeten Schafe selbst auf ihrem Sterbebett noch zu finden und der von ihm einzig und allein eingesetzten wahren Religion in den Schoß zu führen wisse? Wer hätte ferner geahnt, daß diese frommen Männer gezwungen waren, durch klingende Münze das tiefste Schweigen von dem zu erkaufen, den sie so lange als ihr Werkzeug benutzt hatten und dem ein geschworener Eid nicht heiliger war als ihnen selber, wenn sie dadurch ihren Zwecken zu genügen hofften? Aber sie hatten sich getäuscht, getäuscht ebensowohl über die Tragweite ihrer Lehren und ihrer religiösen Androhungen, wie über den Charakter des wilden Andres, an dessen verstocktem Gemüt Lehren wie Drohungen gleich machtlos abprallten. Die ersten Kränze, die man auf Johannas frischen Grabhügel gelegt hatte, waren noch nicht vollständig verwittert, als die beiden Priester endlich Anstalt trafen, eine Gegend zu verlassen, in der sie sich, des bösen Andres und seiner unverschämten Forderungen wegen, nicht mehr ganz heimisch fühlen mochten. Sie bereiteten sich im stillen zur Abreise vor, und um weniger Aufsehen zu erregen, begab sich der Ältere von ihnen, derselbe, der einst als Bernhards Onkel aufgetreten war, mit ihren Sachen einige Tage früher auf den Weg, es seinem Genossen anheimstellend, zu gelegener Zeit nachzufolgen. – Es war ein kalter, aber klarer Novemberabend, an dem Bernhard aufzubrechen gedachte. Gegen niemand hatte er ein Wort über seine Absicht geäußert, aus Besorgnis, die Kunde von seiner Abreise würde den wilden Andres erreichen und dieser ihm infolgedessen vorher noch einen Besuch abstatten. Aus denselben Gründen scheute er sich auch, einen Wagen zu mieten. Er kannte die Wege und Landstraßen ja genau, und da nach der Abreise seines Gefährten sein ganzes Gepäck nur aus einem kleinen Koffer bestand, so hatte er beschlossen, zu Fuße nach Königswinter zu wandern und von dort aus am folgenden Morgen in aller Frühe seine Reise auf bequemere Art fortzusetzen. – Wochen gingen dahin. Des wilden Andres Mutter sah man häufig in berauschtem Zustande auf der Landstraße ihrer Hütte zuschwanken, während er selbst es toller als je trieb. Da traf plötzlich die Nachricht ein, daß man Bernhard an dem Ort seiner Bestimmung vergeblich erwartet habe und deshalb vermute, er sei entweder erkrankt oder von irgendeinem Unglück ereilt worden. Nachforschungen wurden angestellt, und es ergab sich, daß er in Andres Gesellschaft an jenem Abend das Dorf verlassen hatte. Andres wurde infolgedessen sogleich gefänglich eingezogen, beharrte aber bei der Aussage, daß er sich auf der Landstraße von dem Priester getrennt habe. Da kehrte eines Tages Anton atemlos und mehr tot als lebendig von einem seiner planlosen Ausflüge auf die Oberförsterei zurück und erzählte zitternd vor Angst und Entsetzen, daß er in seinem alten Schloß einen fremden toten Menschen angetroffen habe. Selbstverständlich wurden sogleich die entsprechenden Nachforschungen angestellt, und es ergab sich, daß die Leiche des ermordeten Priesters samt allen Sachen, das Geld ausgenommen, in der Höhle verborgen worden war. Sein Tod mußte ein qualvoller gewesen sein, denn sein seidenes Halstuch, mittels dessen man ihn erdrosselt hatte, schlang sich außer um den Hals auch noch um die Finger seiner linken Hand, mit denen er sich augenscheinlich von dem tödlichen Griff hatte befreien wollen. In seiner rechten, krampfhaft geschlossenen Faust befand sich ein Büschel roter Haare. Die nähern Umstände, die Bernhards gewaltsames Ende begleiteten, sind nie bekannt worden; ebenso blieb es dunkel, ob er durch irgendwelche Vorspiegelungen von Andres in die Höhle gelockt oder erst als Leiche dorthin gebracht wurde; jedenfalls aber starb er, als wenn die Vorsehung selber für sein finsteres verbrecherisches Treiben ihre rächende Hand nach ihm ausgestreckt habe. Der arme Anton erhielt nie einen klaren Begriff von dem, was man seinem Bruder zur Last legte. Er wußte nur, daß dieser im Zuchthause sein Verbrechen abbüßte. 34 Schluß »Was ist aus dem armen Anton geworden, nachdem er in dem Oberstleutnant seinen Beschützer verloren hatte,« brach ich nach einer Weile das Schweigen, in das Wandel nach der Schilderung der schrecklichen Begebenheit versunken war. »Für Anton ist gut gesorgt worden,« antwortete mein Gastfreund mit einem tiefen Seufzer, als ob er die trüben Bilder, die der Schluß seines Berichtes vor seine Seele heraufbeschworen, mit Gewalt hätte verscheuchen wollen; »doch es ist am besten, Sie lesen den letzten Brief von meinem unvergeßlichen väterlichen Freunde,« fügte er hinzu, mir das vor ihm auf dem Tisch liegende Schreiben reichend; »er gibt nicht nur Aufschluß über alles, was zu wissen Sie noch wünschen können, sondern er charakterisiert den alten Herrn auch besser, als ich es mit endlosen Schilderungen zu tun vermöchte. Es ist übrigens der längste, den er jemals an mich schrieb, und wie Sie sich überzeugen werden, schrieb er ihn wie im Vorgefühl, daß es auch wohl sein letzter sei.« Ich hatte unterdessen den Brief entfaltet; die große, steile, altmodische Schrift war schon etwas vergilbt, jedoch noch immer leserlich. Mit warmer Teilnahme und inniger Verehrung betrachtete ich die mit unsicherer Hand gleichsam gemalten Worte des alten Kriegers, dessen ehrwürdige Gestalt ich versuchte, hier zu verbildlichen, und dann begann ich zu lesen. Soweit der Inhalt des Briefes sich auf diese Erzählung bezog, lautete er folgendermaßen: »Seit meine alte brave Lisette – Gott habe sie selig – zur großen Armee abmarschiert ist, hat mir immer etwas gefehlt. Drum freue ich mich, sie wiederzusehen, und da im Himmel das Fluchen von selbst fortfällt, so wird sie wohl mit ihrem Alten zufrieden sein. – Der Anton ist mir in den letzten Jahren ein rechter Trost gewesen: erstens ist er nicht so dumm, wie er aussieht, und dann glaube ich auch, würde er sich mit Freuden für mich in hunderttausend Stücke zerhacken lassen. Meine Pfeifen haben immer Luft, der Ofen ist stets warm, ich meine, wenn es draußen kalt ist – unter uns gesagt, mein Blut hat in den letzten dreißig Jahren viel von seiner Hitze verloren – die Hunde erhalten, was ihnen zusteht, und dann, mein lieber Gustav, sind die Gräber meiner Lisette und unserer Johanna jederzeit so sauber gejätet und mit so hübschen Waldblumen und Efeu bepflanzt, daß es eine Freude ist. Ja, an dem Anton ist ein Gärtner verdorben, und er hat mir versprochen, daß, wenn ich erst zwischen den beiden Lieben meine morschen Knochen ausruhe, er auch mein Grab in Ordnung halten und mit Buchsbaum die Umrisse eines eisernen Kreuzes oben darauf pflanzen will. Die Zeichnung dazu habe ich selbst entworfen und um ihm die Arbeit zu erleichtern und zu verhüten, daß er die Ecken mit Schnörkeln versieht, aus starker Pappe ausgeschnitten. Aber da fällt mir ein, für den Anton braucht Dir nicht bange zu sein, denn da Du jetzt in guten Verhältnissen lebst, kann es Dir auf die paar hundert Taler, die ich allmählich erübrigte, nicht ankommen. Ich habe daher das Geld und sonstige Kleinigkeiten dem Anton in einer Weise vermacht, daß er, solange er lebt, die Zinsen davon bezieht. Er soll dafür im Pfarrhause wohnen und unsere Gräber beaufsichtigen. Er braucht also nicht wieder betteln zu gehen, und wenn die Zinsen nicht ganz ausreichen, wird er sich durch leichte Gartenarbeit noch etwas dazu verdienen. Er befindet sich übrigens ganz wohl und munter und grüßt den lieben jungen Herrn, der mit ihm an demselben Tisch gesessen und seinen Jakob vom Tode errettet hat – dankbare Seele – Apropos! Jakob ist noch immer derselbe, die Bestie scheint gar nicht älter zu werden; er schimpft auf die ganze Welt, und flucht wie ein Dragoner, da sage mir einer, daß solch Vieh nicht seinen gesunden Menschenverstand habe! Diana – ich meine die jüngste Tochter der verstorbenen Diana, die Du noch gekannt hast – und Jakob sind endlich doch noch ganz gute Freunde geworden; nur zuweilen fallen noch kleine Scharmützel um einen Knochen vor, bei denen der Hund, der bereits ins Greisenalter getreten ist, beständig den kürzeren zieht. Antons Uhr hängt noch immer an ihrem alten Nagel; sie geht so richtig, wie die Uhr eines Wachtmeisters, und wird wohl bald die Stunde anzeigen, in der ich mich zum Rapport bei unserm lieben Herrgott melden muß. Sage doch dem Hans, dem schreibfaulen Schlingel, daß ich Quartier für ihn machen werde. Er braucht sich indessen nicht zu übereilen; ein so junges Blut – er kann noch nicht aus den Sechzigern heraus sein oder ist er schon? – muß vorher sein Leben noch ordentlich genießen. Wäre ich so jung wie er, dann sollte mich nichts in der Welt abhalten, Euch einen Besuch abzustatten. Möchte gar zu gern Deine Frau kennen lernen und die kleine Johanna. Der alte Gott muß doch noch leben oder alles hätte nach dem vielen Kummer nicht so gut werden können. Soll mich wundern, ob ich im Himmel mein Auge wiederfinde, das mir der unvorsichtige Granatsplitter ausgeschlagen hat; schere mich indessen den Henker darum; habe ich auf Erden so lange ohne dies Auge zugebracht, brauche ich's auch im Himmel nicht mehr. Hauptsache bleibt die Lisette und Johanna und endlich mein Bruder, der bei Jena fiel. – Bald achtzig Jahre ist eine lange Zeit, und dennoch, wie kurz erscheint mir mein Leben. Wären meine Knochen nicht bereits so mürbe und müßte ich mir das Pferd nicht immer ganz dicht an die Haustürschwelle heranbringen lassen, um in den Sattel zu klettern, so würde ich gar nicht glauben, daß ich schon so alt sei. Doch ich kann immerhin zufrieden sein. Der Kummer meines Lebens ist mir allmählich so lieb geworden als des Lebens Freuden, denn bei beiden sprach und spricht heute noch das Herz gleich aufrichtig mit. Meine letzte Freude aber ist die über Dich und die Deinen, und dann, daß ich mit dem Gefühl eines herzlich Ermüdeten an die ewige Ruhe denke. Gott segne Euch alle! Küsse in meinem Namen Deine Frau und unsere Johanna und drücke dem Hans die Hand.« »Der liebe alte Mann,« sagte ich, nachdem ich den Brief zu Ende gelesen hatte und wieder zu Wandel aufschaute. »Und doch ist dieser Brief nur ein schwacher Abglanz seines Wesens, wie es in Wirklichkeit war,« fügte mein Gastfreund hinzu; »zwar hat er geschrieben, wie und was er dachte, allein den Ton seiner Stimme mußte man hören, um ermessen zu können, welch unbegrenztes Wohlwollen, welch weiches Herz, welch unerschütterliche Treue unter der rauhen Hülle wohnten. Gern hätte ich ihn noch einmal wiedergesehen, ihn gern noch einmal auf der Oberförsterei in seinem patriarchalischen Wirken überrascht, allein die Umstände verboten das. Und es ist vielleicht gut so; denn so, wie der liebe Vater Rhein mit seinen herrlichen Ufern meinem Geiste noch immer vorschwebt, würde ich ihn doch nicht wiederfinden. Die Eindrücke, die der von romantischen Ideen übersprudelnde Jüngling damals in sich aufnahm, gestatten keinen Vergleich mit denjenigen, denen der gereifte Mann unterworfen sein würde. Warum auch noch einmal alte Wunden aufreißen, noch einmal nach Punkten hinpilgern, auf denen die bittersten Gefühle gegen einen Teil der Menschheit wachgerufen würden? Ich lebe versöhnt mit der ganzen Welt, und aus innigster Überzeugung wiederhole ich die Worte meines verstorbenen redlichen Vormundes: der Kummer meines Lebens ist mir so teuer geworden wie meines Lebens Freuden, denn von beiden wurde mein Herz gleich tief, gleich nachhaltig berührt. Und dann,« fuhr Wandel nach längerem Sinnen wie zu sich selbst sprechend fort, »in der eigenen Heimat bin ich ein Fremdling geworden, während hier, in der Heimat meiner Lieben, hier, wo meine ganze irdische Freude, mein ganzes irdisches Glück erblühte, alles, was mich umgibt, von der bescheidenen Feldblume bis zur strotzenden Rebe, mir so heimisch, so lieblich entgegenlächelt, als ob ohne meine Anwesenheit die Blumen verwelken, die Weinstöcke verdorren müßten. Wen aber würde ich dort drüben finden, der sich meiner noch erinnerte, mir mit einem zum Herzen dringenden Willkommen die Hand entgegenreichte? Niemand, niemand; denn diejenigen, mit denen ich einst in Liebe verbunden gewesen war, schlummern in ihren Gräbern, und die andern, in deren Gesellschaft ich nur frohe Stunden genoß, sind nach allen Himmelsrichtungen hin zerstreut worden. Freilich, jemand lebt noch dort, den es beglücken würde, mich wiederzusehen; ich meine den armen Anton. Der treue ehrliche Mensch ist zu einfältig, um einen Jugendfreund oder empfangene Wohltaten zu vergessen. Auch Fräulein Brüsselbach, wenn sie noch unter den Lebenden weilt, würde mich vielleicht wiedererkennen; und erzählte ich ihr sogar, daß ihre Weissagung wörtlich in Erfüllung gegangen sei, wie würde das arme Geschöpf dadurch von Stolz über ihre Sehergabe beseelt werden? Und ein merkwürdiges Zusammentreffen ist es in der Tat, daß schließlich dennoch die ›Tochter ihres Vaters‹, die Schwester meiner armen Johanna, mir zum Altar folgte.« So sprechend strich Wandel mit der Hand über seine Stirne, wie um sich aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zurückzuversetzen, und dann füllte er die vor uns stehenden Gläser, die so lange unberührt geblieben waren, mit dem perlenden Kataubawein. »Hier ist meine Heimat,« begann er feierlich, »hier will ich leben und, wenn meine Stunde einst schlägt, auch begraben sein. Was ich am Rhein aus vollem Herzen sang, wenn die Wanderlust sich in meiner Brust regte und die Arme jugendfrischer Kommilitonen sich mit erhobenem Becher ineinanderverschlangen, das wiederhole ich hier aus dankbarem Herzen: »Und Liebe, sie folgt ihm, sie geht ihm zur Hand, Und macht ihm zur Heimat das ferneste Land!« Die Gläser erklangen. »Und Liebe, sie folgt ihm, sie geht ihm zur Hand, Und macht ihm zur Heimat das ferneste Land!« wiederholte ich, und dann leerten wir die Gläser. Wandel war plötzlich schweigsam geworden; doch entsprang sein Schweigen nicht etwa einer traurigen Stimmung, denn indem seine Blicke durch den Eingang der Laube nach dem Hause hinüberschweiften, vor dem Frau Jeannette und ihre Tochter sich eben damit beschäftigten, dem durcheinanderschwirrenden Federvieh des Tages letzte Mahlzeit zu verabreichen, bemerkte ich, daß aus seinen Augen ein Ausdruck leuchtete, wie ihn nur ein wahrhaft zufriedener und innig beglückter Mensch zur Schau tragen kann. Ich wagte nicht, ihn in seinen Betrachtungen zu stören; sie betrafen offenbar seine Lieben und den Segen, der auf seinem häuslichen Herde ruhte. Erst als er sich mir wieder zuwandte, nahm ich die Unterhaltung von neuem auf. »Nun ist noch jemand da, über dessen Geschick ich gern Aufschluß erhalten hätte,« begann ich zögernd, »ich meine –« »Sie meinen die liebe Kate mit dem lachenden Antlitz und den guten freundlichen Augen,« unterbrach Wandel mich schnell. »Ja, die meine ich,« entgegnete ich erfreut darüber, daß mein liebenswürdiger Gastfreund sich so bereitwillig zeigte, meinem Wunsche entgegenzukommen, »und es kann Sie nicht überraschen, daß ich nach Lesung ihres Manuskriptes von herzlicher Teilnahme für die mutige Jägerin erfüllt bin.« »Ah, ich entsinne mich, ich habe das brave Mädchen mit sehr warmen Worten geschildert,« versetzte Wandel gutmütig lachend, »aber glauben Sie mir, ich habe sie lange noch nicht so enthusiastisch geschildert, wie sie es verdient. Ja, ja, die Kate, die liebe gute Kate ist noch immer das ewig heitere, lachende Kind von früher. Aus der Kate Dalefield ist aber bereits vor zwölf Jahren eine Kate Halbert geworden, und zwar eine Kate Halbert, deren glückliches Lachen in nicht weniger als vier kleinen holden Gesichtern einen lieblichen Abglanz findet. In unserm Verhältnis zueinander hat sich indessen nichts geändert, es sei denn, daß es noch herzlicher geworden ist, und ihr Gatte und meine Jeannette dem Bunde, den wir einst am obern Missouri unter so seltsamen Umständen schlossen, beigetreten sind. Sie betrachtet sich noch immer als meine Schwester, und ich hänge wieder mit wahrer brüderlicher Liebe an ihr. Wir sehen uns häufig, und wiederum möchte ich es mehr als einen bloßen Zufall nennen, der uns fast zu Nachbarn gemacht hat. Ja, denken Sie nur, die Familie Halbert lebt nur wenige Meilen von hier auf einer umfangreichen und prachtvoll eingerichteten Besitzung. Schade, schade, daß sie sich augenblicklich im Norden an den Süßwasserseen befindet, Sie hätten sie sonst unbedingt kennenlernen müssen. Daß wir so nahe beieinander wohnten, erfuhr ich erst, nachdem ich schon ein Jahr auf dieser Stelle zugebracht hatte. Und ich würde es auch dann wohl kaum erfahren haben, wenn Kate und ihr Gatte nicht Nachforschungen nach mir angestellt hätten, die, am obern Missouri beginnend, endlich nach vielem Hin- und Herschreiben hier auf meinem Grundstück endigten. Welche Freude aber auch, als Halbert und seine junge Gattin hier vorfuhren und ich ihnen in der Mandanen-Waise meine Frau vorstellte. Kate war freudig erstaunt, indessen weniger über meine Verheiratung, von der sie bereits gehört hatte, als über die Veränderung, die in dem kurzen Zeitraum von nicht ganz zwei Jahren mit Jeannette vor sich gegangen war; kaum vermochte sie sich zu überreden, daß die gebildete, liebliche junge Frau mit dem holden, etwas befangenen Wesen dasselbe freundliche Indianermädchen sei, das noch immer als die kühne Retterin ihres Gatten, als die Forelle des Missouri in ihrer Erinnerung fortlebte. Selbstverständlich wurde seit jenem Tage unser Verkehr mit der Familie Halbert ein sehr reger. Widerwärtigkeiten und Gefahren hatten uns zusammengeführt, und Glück und Zufriedenheit vereinigten uns immer fester miteinander. Das Verhältnis zwischen Kate und Jeannette gestaltete sich bald in ein sehr inniges, und namentlich in Dingen, in denen der Mann keine klare Einsicht haben kann, erwies sich der Einfluß der ersteren auf meine Frau als ein wahrhaft segensreicher. Doch Sie werden in den nächsten Tagen noch Gelegenheit genug haben, sich zu überzeugen, ob ich vielleicht, von blinder Liebe geleitet, übertrieb,« fügte Wandel mit einem unbeschreiblich herzlichen Ausdruck hinzu, indem er etwas zur Seite rückte und seine eben in die Laube tretende Gattin neben sich auf die Bank zog, die kleine Johanna dagegen auf seinen Schoß hob. »Ich habe mich längst überzeugt,« antwortete ich, mit innigem Wohlgefallen die reizende Gruppe betrachtend. »Darf ich mich an der Unterhaltung beteiligen und fragen, wovon mein Mann Sie zu überzeugen wünscht?« fragte Frau Jeannette in dem reizendsten, fremdländisch betonten Deutsch, wobei sie leicht errötete. »Ich will dir's sagen, mein Kind,« kam Wandel mir schnell zuvor, mir verstohlen mit den Augen zuwinkend; »der fremde Herr da drüben oder vielmehr unser lieber Landsmann hegt die Überzeugung, daß mein altes Manuskript nebst allem, was ich ihm noch dazu erzählte, sich vortrefflich zu einem Buche eignen würde und beabsichtigt daher, die ganze Geschichte niederzuschreiben und drucken zu lassen. Habe ich recht?« schloß er dann, indem er sich mir zuwendete. »Ich kann nicht leugnen, daß mir dergleichen im Kopfe herumging,« antwortete ich ausweichend, »doch bin ich weit entfernt davon, schon einen bestimmten Plan entworfen zu haben; vor allen Dingen würde ich Sie vorher um Ihre Erlaubnis –« »Oh, entschuldigen Sie sich nicht,« fiel Wandel mir lachend ins Wort, »ich habe in der ersten Stunde unseres Zusammenseins Ihre Absicht erraten, und ohne Grund war ich nicht so ausführlich in meinen Berichten!« »Sie wollten es mir gestatten?« fragte ich erfreut, meinem Gastfreunde die Hand über den Tisch darbietend. »Und warum denn nicht?« fragte Wandel zurück, in meine Hand einschlagend, »ich erteile Ihnen nicht nur die Erlaubnis, sondern ich bin auch bereit, wenn Sie erst zur Ruhe gekommen sind und mit der Arbeit beginnen wollen, Ihnen mein Manuskript zur Verfügung zu stellen. Aber eine Bedingung! meine Jeannette ist die Hauptperson der Erzählung und muß als solche mit der gebührenden Wärme geschildert werden!« »Ich?« fragte Frau Jeanette mit einer überaus reizenden Verwirrung. »Ja, du mein Kind,« Versicherte Wandel heiter, indem er den Arm zärtlich um seiner Gattin Schultern legte. »Aber wie kann ein armes Indianermädchen die Hauptperson in einem Buche sein?« fragte diese noch immer verlegen, »ja, wenn ich irgend etwas Besonderes geleistet und mich dadurch ausgezeichnet hätte; aber ich habe ja weiter nichts getan als meinen Mann über alles geliebt und verehrt.« »Und glücklich gemacht hast du ihn auch,« fuhr Wandel wieder fort, »aber beruhige dich nur, mein gutes Kind, unsere Geschichte –« »Und Sie liefern mir den Titel zu dem Buche,« unterbrach ich ihn, mich an seine Gattin wendend. Frau Jeannette sah mich eine Weile überrascht und sinnend an; plötzlich aber leuchtete es in ihrem schönen Antlitz auf. »Nennen sie das Buch ›Der brave deutsche Student‹« sagte sie, mit einem fragenden Blick auf ihren Gatten. »Oh, so war es nicht gemeint,« versetzte Wandel wiederum herzlich lachend, »du selbst, deine Person, dein Name soll den Titel liefern oder vielmehr bilden, und da rate ich denn sehr dringend zu sagen: ›Die Mandanen-Waise, eine Erzählung aus den Rheinlanden und dem Stromgebiet des Missouri‹« »Von ganzem Herzen einverstanden!« rief ich erfreut aus. »Die Mandanen-Waise soll das Buch heißen und nicht anders.« »Ist das dein unumstößlicher Wille?« fragte Frau Jeannette ihren Gatten leise. »Mein unumstößlicher Wille,« antwortete dieser, seine Frau auf die Stirn küssend; »es bleibt bei der Mandanen-Waise, und nun ins Haus, Kinder, denn irre ich nicht, so wartet der gedeckte Tisch auf uns.« Frau Jeannette, nunmehr über den Titel vollständig beruhigt, nickte ihrem Gatten zustimmend zu, und gleich darauf erhoben wir uns, um ihrer wiederholten Einladung Folge zu leisten. Wandel, die kleine Johanna an der Hand, schritt vorauf, und Frau Jeannette und ich folgten auf dem Fuße. »Wie lange dauert es, bis Sie mit der Ausarbeitung des Buches beginnen?« fragte meine Begleiterin mit unterdrückter Stimme. »Leider noch sehr lange,« antwortete ich ebenso leise, obwohl ich vergeblich zu erraten suchte, was sie bezweckte, »es können sogar noch Jahre darüber hingehen.« »Welch lange Zeit; Sie werden aber nicht vergessen, meinen Mann so zu beschreiben, wie er es verdient?« »Gewiß nicht.« »Beabsichtigen Sie, auch unsere kleine Johanna zu erwähnen?« »Der kleine Engel soll mit als Hauptperson behandelt werden.« Ein Lächeln des Stolzes glitt über Frau Jeannettes wunderschönes Antlitz. »Dann beschreiben Sie auch wohl unser Haus?« fragte sie gleich darauf wieder lauter. »Ihr Haus und Ihren Garten, Ihren Wein und Ihre Blumen, vor allen Dingen aber den holden Frieden, der Ihre traute Heimat umschwebt, und das Glück und die Zufriedenheit, die unter diesem gesegneten Dache wohnen.« Wir waren bei der Haustür angekommen. Wandel kehrte sich nach mir um und reichte mir die Hand. Er sprach nicht, aber in seinen Augen stand geschrieben, daß er wenigstens den letzten Teil unserer Unterhaltung verstanden hatte. Einige Minuten später saßen wir traulich um den weiß gedeckten Tisch, auf dem einige auf Mandanen-Art zubereitete Fleischschnitten das Hauptgericht bildeten. Zwei Tage blieb ich noch auf der Farm, und als ich dann endlich von dannen zog, gaben Wandel, Frau Jeannette und die kleine Johanna mir eine Strecke das Geleite. Der Abschied wurde mir schwer; auch meine lieben Gastfreunde sahen mich, wie ich allen Grund habe zu glauben, nur ungern scheiden. – Zwölf Jahre sind, seitdem verstrichen. Wandels Haare sind zurzeit wohl schon ganz weiß, während seine schöne Gattin zur stattlichen Matrone geworden ist und ihre liebliche, viel versprechende Tochter ohne Zweifel den segensreich wirkenden Mittelpunkt einer neu begründeten Häuslichkeit bildet. Doch mögen die Jahre ihr Äußeres noch so sehr verändert haben, ihre Herzen sind dieselben geblieben, ich fühle es, ich weiß es, zu viel Aufrichtigkeit, zu viel innerer Friede sprachen aus ihren Worten, aus ihren Blicken.