Rudolf Presber Der Rubin der Herzogin Und von all den guten Sachen, Die das Leben uns beschwor, Bleibt vielleicht ein leises Lachen Als das Beste uns im Ohr. R.P. Erstes Kapitel. Erich trat nicht vom Fenster zurück, als er »Herein« rief. Er konnte sich nicht losreißen von dem hübschen Bild. In die silberne Schlinge des Flusses hineingezwängt unter ihm das alte Städtchen. Bröckelnde Reste rissiger Mauern, noch dunkel vom Efeu umsponnen. Friedlich den Hügel ankletternde Sträßchen, die alle Geradlingkeit zu scheuen schienen. Schieferdächer und Ziegeldächer gemischt, über kleinen Gärtchen alte Nußbäume und Linden im jungen Grün. Und die breitere Hauptstraße, deutlich überschaubar von hier oben aus dem Erkerfenster des Gasthofes, der ehemals ein Franziskanerkloster war. Der Apotheker stand dort unten breitbeinig vor seiner Tür und ärgerte sich gewiß, daß die lieben Mitbürger so gesund und der anbrechende Maiabend so lieblich und gar kein Katarrhträger war. Und die riesige gelbe Dogge des Herrn Bürgermeisters lag auf der Steintreppe und schnappte nach Fliegen, die vor ihrer Nase den ersten Tanz wagten. Ein paar kurzhosige Schüler mit dottergelben Mützen sprangen in weiten Sätzen, die Ranzen schief auf dem Rücken, aus dem Tor der massig in ihrem roten Sandstein zwischen bescheidenen Bürgerhäusern thronenden Realschule. Der blaue Briefkasten und der gelbe Karren setzten hübsche Farbenflecke an die graue Mauer der Post ... Und drüben über dem Fluß, in den im Abendwind zitternden Laubwald eingestreut, die schmucken kleinen Villen der Fabrikanten und Großkaufleute, die sich aus dem Lärm und Qualm der Großstadt hierher in Stille und Frieden geflüchtet hatten. Links am Ufer aber, als letztes Gebäude an der beginnenden Ebene, weiß im flachen englischen Landhausstil, von Ställen und Scheuern durch Gartenanlagen getrennt, das Gutshaus, in dem Erich vor wenigen Stunden in der großen Diele einer jungen Frau die schlanke beringte Hand geküßt hatte, die ... »He–em!« Der Wirt des Gasthofes »Zum Roß« räusperte sich zum dritten Male. Sein wohlgemästetes, glattrasiertes Gesicht, dem man die Freude am eigenen Weinkeller ansah, zeigte ein wenig den Ärger, den Herr Alois Radecke über die wunderliche Situation empfand. Schließlich – der Herr bewohnte Nummer sieben, das beste und demgemäß auch teuerste Zimmer im »Roß«, des Abtes ehemaliges Gemach, in dem an den geweißten Wänden noch schwere alte Stühle aus der Klosterzeit standen und tief nachgedunkelte Bilder hingen, auf denen man außer einigen Heiligenscheinen wenig mehr erkannte. Aber wenn einer, der selbst Nummer sieben gemietet hatte, auf höfliches Klopfen an der Tür »Herein« rief, übernahm er doch gewissermaßen die Verpflichtung, auch hinzusehen, wer durch die Tür komme, und anzuhören, was der Eintretende wolle. Anstatt aus dem Fenster in eine Landschaft zu starren, an der sich der Roßwirt in dreißig Jahren schon ziemlich sattgesehen hatte. Aus allen diesen Erwägungen heraus hatte Herr Alois Radecke zum dritten Male »He–em« gehustet. »Schon gut! Sie bringen den aufgebügelten Frack? Legen Sie ihn nur dort ...« Jetzt erst wandte Erich den Kopf und entdeckte, daß es gar nicht das Zimmermädchen war, mit dem er redete, sondern ein untersetzter älterer Herr mit weinfrohem, glattem Gesicht über einer vom schwarzen Rock in diskretem Ausschnitt gezeigten apfelgrünen Wollweste, der sich immerfort die kurzen dicken Hände rieb, als wasche er sich Tinte von den Fingern. Die beiden Männer betrachteten sich. So höflich und tief die Verbeugung war, die der Roßwirt seinem Gaste im Abteizimmer machte, er behielt die volle Möglichkeit, ihn mit dem Kennerblick des im Geschäftsbetriebe Großgewordenen zu mustern. Auguste, das Zimmermädchen, hatte recht: es konnte ein Offizier in Zivil sein. Die straffe, sichere Haltung sprach nicht dagegen. Aber auch Oskar, der bewährte Oberkellner, hatte recht: dieser Kavalier, dessen eleganter Rohrplattenkoffer, ebenso wie seine Handtasche aus echtem Krokodilleder, das schlichte Monogramm E. E. aufwies, trug für einen aktiven Offizier das »Zivil« zu selbstverständlich; hatte für einen Kaufmann zu wenig Interesse für die Höhe des Preises gezeigt, als er das beste Zimmer im Hause mit Aussicht nach dem Fluß sich geben ließ, und war für einen Vergnügungsreisenden, der von hier aus die üblichen Fußtouren ins Gebirge unternehmen wollte, denn doch zu reichlich mit Gepäck versehen. Als Jagdgast des Grafen drüben in Kautzdorff kam er schon gar nicht in Betracht, denn er führte weder Flinte noch Rucksack mit; und daß dieser junge Herr mit dem sanft gewellten braunen Haar, dem englisch geschnittenen Schnurrbart und dem andeutungsweise auf Taille gearbeiteten dunkelblauen Sakkoanzug zur Pastorenkonferenz nach Treuenhagen weiterfahren wollte, schien gänzlich ausgeschlossen. »Pardon«, sagte Erich, indem er vom Fenster weg auf den Roßwirt zutrat und dessen Verbeugungen durch eine Ansprache zu beenden suchte. »Pardon, mit wem hab' ich das Vergnügen?« »Ich bin der Wirt, bitte zu gestatten – nur der Wirt. Besitzer des ›Rosses‹ schon seit beinahe dreißig Jahren. Unter meinem Vater hieß es das › Goldene Roß‹. Aber ›goldene‹ klingt etwas abschreckend für die Herren Geschäftsreisenden, die unsere Gegend besuchen ... Bei Gold denkt man immer an große Depensen, nicht wahr? So hab' ich das ›Gold‹ gestrichen, und das ›Roß‹ ist geblieben ...« Und da Herr Alois Radecke zu bemerken glaubte, daß Erich über die Umtaufe seines Gasthofes sich nun genügend orientiert fühlte, so wechselte er alsbald den Gesprächsstoff. »Ich wollte mich nur, bitte zu gestatten – wollte mich nur gehorsamst erkundigen, ob der Herr zufrieden sind mit der Unterkunft.« »Danke, danke, Herr Wirt. Die Aussicht ist herrlich.« »Sollt' ich meinen, ja. Ist allerdings nicht unser Verdienst.« Herr Alois Radecke schien es sehr zu bedauern, daß er persönlich die Abendlandschaft draußen, über die sich jetzt das zarte Rot des Sonnenunterganges breitete, nicht entworfen. Er zog bescheiden mit einer Bewegung, die er von einer alten Schildkröte gelernt haben mußte, seinen weinroten Kopf in die Schultern. »Aber die Herren Franziskaner, ja, die haben gewußt, wo sie bauen! Immer büßen und beten, nicht wahr, das geht nicht – der frömmste Mann sieht auch mal aus dem Fenster, nicht wahr ...« Erich war über die Gewohnheiten des frömmsten Mannes nicht unterrichtet und hatte auch keine große Neigung, die Mutmaßungen des Roßwirtes darüber zu hören. Er sagte daher höflich und nach seiner Meinung das Gespräch beendend: »Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Fürsorge. Ich fühle mich hier gut aufgehoben. Wenn ich etwas brauche, werde ich dort die Klingel benutzen.« »Sehr wohl. Die Klingeln sind natürlich erst von uns angebracht. Überhaupt der Komfort des Hauses ist durchaus unser Werk. Die Herren Franziskaner haben darauf wenig gegeben. Oder ich denke: ihre Ordensregeln verbieten ihnen vielleicht Klingelzüge und all so was. Oder weil sie doch alle gleich sind untereinander, wäre doch keiner gekommen, wenn ein anderer klingelte. Freilich, hier in diesem Zimmer, bitte zu gestatten, hat der Abt jahrhundertelang gewohnt ... Nicht immer derselbe natürlich.« »Ich dachte mir's.« »Ja. Die Bilder an der Wand hier sind zum Beispiel von einem Abt im siebzehnten Jahrhundert gemalt. Dieses dort stellt die heilige Ursula dar, die – der Herr wissen das vielleicht nicht ... Ist der Herr katholisch?« »Nein, evangelisch.« »Ich dacht' mir das. Bitte zu gestatten, die heilige Ursula soll – Gewisses weiß man nicht – soll eine Königstochter gewesen sein. In England. Und sie ist mit elftausend Jungfrauen, als sie von Rom zurückkam, getötet worden, sagt man, ja, von den Hunnen. Sehr schrecklich. Die elftausend Jungfrauen hat der Abt ja nun nicht alle gemalt. Dazu reicht ein Leben nicht aus, nicht wahr. Aber einige davon und die Ursula selber hat er gemalt. Man sieht's zwar auch nicht mehr recht; aber im Vorjahr hat ein Professor hier gewohnt, der hat eine Vorlesung im Literaturverein gehalten – unten in unserm Saal –, und der hat das Bild betrachtet und gesagt, es sei ein Meisterwerk, und früher habe man sicherlich auch was darauf gesehen.« Erich hatte den Blick von dem Meisterwerk des Abtes, das von dem Professor gelobt worden war und auf dem man nichts sah, auf die Rechte des Roßwirts gelenkt, der aus der apfelgrünen Westentasche eine Visitenkarte gezogen hatte, die er beim Sprechen bog und rollte. Er wollte gerade sich nach der Bestimmung dieses Blättchens erkundigen, als der redefrohe Wirt wieder begann: »Ja, in diesem Zimmer haben sich noch alle Gäste wohl gefühlt. Versteht sich, immer die distinguierten. Andere kommen mir nicht hinein. Bis gestern hat ein Rittmeister hier gewohnt. Herr von Öltzendorff, ja. Ulan, ja. Wollte, glaub' ich, Pferde kaufen vom ›Eugenienhof‹. Apfelschimmel – ganz versessen auf Apfelschimmel ist der Mann. Ein äußerst scharmanter Herr, der Rittmeister. Überhaupt, unsere Armee – ich sag' immer: die Armee, den Rheinwein und den Speirer Dom macht uns eben doch kein Franzose nach. Sag' ich.« In anderer Zeit hätte dieser Ausspruch des Herrn in der apfelgrünen Weste vielleicht durch seine wunderliche Zusammenstellung Erichs besondere Beachtung gefunden. Jetzt aber klang ihm nur der Name Öltzendorff ins Ohr. Wie ein Echo von heute morgen. Hatte nicht Frau von Hallerstedt ...? Das Fingerspiel des Wirts mit der Karte machte ihn nervös. »Ist die Karte vielleicht für mich?« »Allerdings. Bitte zu gestatten – ein sehr feiner Herr – man kann schon sagen: distinguiert – auf der Durchreise, wie er sagt. Er hat den Namen des Herrn auf der Gasttafel gelesen und hat gleich gefragt: ›Kommt der Herr aus Berlin?‹ Haben wir pflichtschuldigst bejaht. Wieso? Mein Gott, wenn Herren mit Krokodiltaschen mal hier in Büssigheim absteigen, sind sie immer aus Berlin. Der Herr bewohnt das Zimmer Nummer einundzwanzig, das nach dem Garten hinausgeht. Früher, in der Klosterzeit, Sie verstehen, soll dort immer der Bruder Kellermeister gewohnt haben, weil nämlich eine steile Wendeltreppe ...« Erich hörte nicht mehr, welche merkwürdigen Beziehungen der Bruder Kellermeister zu der steilen Wendeltreppe hatte. Er las auf der durch die Fingerübungen des Roßwirts etwas angeschmutzten Karte: Gustav Bergemann, Sanitätsrat. Und da sah er seinen Vater wieder vor sich, den seit zehn Jahren nun schon hart am geräuschvollen Leben der Belle-Alliance-Straße, nicht weit vom Grabe Felix Mendelssohn-Bartholdys, der Rasen des schönen, stillen Friedhofs deckte. Er hörte den Gutgelaunten nach der behaglichen Mahlzeit von seinen Studentenjahren erzählen mit jenem Lächeln des Gedenkenden, der die letzten Fröhlichkeiten der Erinnerung in Worten doch nicht ausschöpfen kann vor den Ohren der Gattin und des halbwüchsigen Sohnes. Bei solchen Gelegenheiten fiel dann oft der Name Gustav: und zu der Mutter gewendet, fügte der Erzähler hinzu: »Du weißt, Gustav Bergemann, den du auch gekannt hast!« – »Gewiß«, sagte die Mutter und lächelte. »Ihr zwei wart ja unzertrennlich in den Primen und auf Universität. Schade, daß euch das Leben später getrennt hat.« – »Ja, das Leben«, nickte dann wohl der Vater. Und es war, als ob ein Schatten hinhuschte über die Stirn des sonst so Fröhlichen, der sich nach seinem eignen Ausspruch »gar keine schönere Institution denken konnte als das Leben«. Er hatte es geliebt, das Leben, glühend, verständnisvoll geliebt, bis zu der bösen Stunde im März. Da hatte er, eben von einer schweren Rippenfellentzündung nach Ansicht des Arztes genesend, ein geleertes Gläschen mit kräftigendem Sherry zurück auf den Teller gesetzt, den die Mutter, blaß von Angst und Nachtwachen, ihm geduldig hinhielt. Und während er der treuen Pflegerin dankbar die Hand tätschelte, sagte er, »Heut geht es mir viel, viel besser. Und in drei Wochen, Mutter, sitzen wir in Sestri Levante und schauen in die Sonne und hinüber nach Genua!« Dann hatte er sich lächelnd zurückgelehnt, tief, tiefer in die Kissen, und die Augen geschlossen. Und mit dem Blick auf Genua, in der Sonne von Sestri Levante, ist er gestorben ... Unter den vielen Briefen, die eine herzliche Teilnahme am Tode des erst fünfzigjährigen Mannes, der kaum einen Feind gehabt hatte, in das schöne, einst so gastliche Haus in der Fasanenstraße trugen, war auch einer gewesen, der – wie sich das Erich plötzlich wieder so deutlich erinnerte! – auf der Rückseite den Absender nannte: Bergemann, Sanitätsrat. Der Name eines thüringischen Städtchens stand dahinter. Die Mutter hatte lange geweint, als sie diesen Brief gelesen; und da der fünfzehnjährige Sohn, ihr einziger, an sie herantrat und sagte: »Muttchen, du wolltest doch tapfer sein!« da hat sie unter Tränen, mit dem Versuch, dankbar zu lächeln, den Brief in das Kuvert zurückgeschoben und zu ihrem Jungen gesprochen: »Ich will ja auch. Aber siehst du – der mir da schreibt, der hat deinen vortrefflichen Vater lieber gehabt als viele, viele, die die großen Kränze schicken und ihre Equipagen hinter dem Sarg fahren lassen.« »Man kann schon sagen, er ist ein distinguierter Herr«, wiederholte der Roßwirt seine empfehlende Einschätzung des Gastes und weckte damit Erich aus seiner Versunkenheit. » Wann hat der Herr Sanitätsrat nach mir gefragt?« »Vorhin, als der Herr in der Stadt waren – oder, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr waren auf dem Gutshof der Frau von Hollerstedt.« Erich mußte lächeln, als er Eugeniens Namen so neugierig lauernd von diesem dicken Philister genannt hörte. »Die guten Spießer werden morgen was zu klatschen haben, wenn Sie heute abend schon wieder hier erscheinen. Aber wenn's mir gleichgültig ist, die ich hier meine Hüte, meine Pferde, meine Reisen, meine Einkäufe und meine Moral muß kritisieren lassen – wieviel gleichgültiger kann's Ihnen sein, der sie morgen, übermorgen Gott weiß wo sind und nicht mehr an mich, an das weltverlorene Büsigheim und meinen stillen Eugenienhof denken.« Ob sie's selbst geglaubt, was sie sagte? »Eine sehr vornehme Dame«, rühmte der Roßwirt gerade, als Erich sich von seinen Gedanken, die um den stolzen, blonden Gemmenkopf Eugeniens gespielt hatten, losriß und wieder zuhörte. »Auch eine tapfere Dame ... Aber der Herr sind ja zweifellos orientiert.« Es schien Erich nicht anständig, diesen Mann in der apfelgrünen Weste auszufragen oder durch ein Wort zu seinen Erzählungen, die er offenbar bereit hielt, zu ermuntern. Er schwieg und sah wieder aus dem Fenster. Woraus der Roßwirt nicht ganz ohne Grund entnahm, daß weitere Mitteilungen nicht unerwünscht wären. »Der Vater der Frau von Hallerstedt war ja ein ganz famoser alter Herr. Ein bißchen toll gewirtschaftet hat er ja. Aber wenn ich als Wirt spreche, so kann ich schon sagen: er verstand was vom Rotspon. Vom Mosel nicht. Rheinwein trank er nie. Bloß Rotspon und zuweilen Sekt. Ineinandergegossen hat er's und nannte das ›Türkenblut‹. Wenn er Sorgen hatte, trank er's. Und wenn er vergnügt war, trank er's erst recht. Aber am liebsten trank er's, wenn er eine Dummheit hinter sich hatte, ja. Es war eine Weile sehr populär bei mir unten, das Türkenblut. Denn die Herren aus der Umgegend machten's ihm nach. In der Wirtschaft war er nicht ganz so glücklich, der gnädige Herr. Hatte immer so seine wunderlichen Ideen mit Kreuzungsversuchen. Kreuzte Jagdhunde mit Pudeln – Pudel-Pointer nannte er dann die Tiere, die schlecht apportieren, wie der Vater, und ohne Nase waren, wie die Mutter. Statt umgekehrt, Sie verstehen. Und mit Schweinen hat er's ähnlich erlebt, und mit Schafen. Immer verkehrt gekreuzt. Leider. Und wenn's wieder mal nichts war mit dem Wurf, dann kam er hierher und mischte Türkenblut. Schließlich hatte er's arg mit der Gicht. Wurde von seinem Anton im Wägelchen gefahren. Badete in Oeynhausen oder wie das Teufelsnest heißt, wo die Lahmen zusammenkommen und mit warmem Wasser allerlei anstellen. Einmal war die Tochter mit. Auf der Fahrt hat er dann den Schwiegersohn kennengelernt. Baron war der, schön. Sonst war er aber nicht viel. Und daß der windige Herr, der hier im Städtchen hinter jeder Schürze her war, nun gerade das schöne schlanke Fräulein Eugenie kriegen sollte, das hat keinem hier gefallen. Sogar dem Pastor nicht, für den doch sonst alles direkt vom lieben Gott kommt. Ja, der Pastor, der hat sogar bei der Trauung 'ne Rede gehalten, als ob er 'nen Schwerverbrecher kopuliert. So voller Ermahnungen und solchen Dingen. Freilich ist er früher Zuchthausgeistlicher in Marienschloß gewesen. Da mag er ja noch so den Ton und die Wendungen her gehabt haben. Na, und schon wie sie von der Hochzeitsreise gekommen sind, hat man's sich zusammengereimt: da stimmt was nicht. Wenn der alte Herr im Garten bloß den Baron von fernher kommen sah, hat er seinen Anton – was der Diener war, krumm wie ein Schraubenzieher, aber treu –, den hat er das Wägelchen umdrehen lassen, damit er den Tochtermann bloß nicht zu sprechen braucht. Und der Baron, der hat's nun wieder mit den neumodischen Maschinen gehabt: egal so toll, wie der alte Herr mit den Kreuzungen. Und hat der alte Herr den Viehstand ruiniert, so hat der junge Herr die Äcker verdorben. Schließlich ist er nach einer furchtbaren Szene – der alte Herr soll mit dem Krückstock nach ihm geworfen haben – ganz plötzlich abgedampft. Nach Brasilien oder so wohin. Und aus der Kreisstadt ist eine Friseuse mit ihm gefahren. Natürlich nicht für die Frisur, denn der Mann war schon kahl, als er heiratete. Die Frau Eugenie ... Pardon, wenn ich sie so nenne, aber sie heißt hier allgemein so; wir haben sie ja noch als Kind gekannt ... oh, sie war ein sehr schönes Kind, na, Sie können sich ja denken: Wo nichts war, wird nichts, hat meine selige Mutter immer gesagt. Das war überhaupt eine merkwürdig kluge Frau – wenn man denkt, daß sie eigentlich nie aus dem ›Roß‹ herausgekommen ist, immer so zwischen Küche und Leinenkammer hin und her...« Die pietätvollen Erinnerungen führten Herrn Alois Radecke nunmehr eine gute Weile im Kreise herum um das »Roß«, die Küche und die Leinenkammer, um dann schließlich doch wieder zu dem Gutshof einzulenken. Erich, der mit dem gewissen Unbehagen, das jeder Anständige dem nicht ganz taktsicheren Nebenmenschen entgegenbringt, den Darlegungen des Mannes in der grünen Weste folgte, erfuhr schließlich noch, daß Eugenie nach dieser kurzen, unerquicklichen Eheepisode ihren Mädchennamen wieder angenommen habe. Die »Freifrau« sei dabei in die Binsen gegangen; und man erzählte sich, daß die Friseuse jetzt »da drüben« die deutsche Baronin spiele. Einige sagten in einem Blumenladen, andre in einem Schnittwarengeschäft. Aber die Baronie des windigen Herrn, der den alten Hallerstedt aus dem Wägelchen unter den großen Marmorstein hinter der evangelischen Kirche geärgert habe, sei am Ende so unecht gewesen wie die fünffache Perlenkette der Dame, die vor drei Jahren unten im Saal des »Rosses« ein Konzert gegeben und so falsch gesungen habe, daß der Kellner, der früher einmal Klavierstunden hatte und musikalisch war, schließlich den Pikkolo geohrfeigt habe, weil er sich gar nicht mehr zu helfen wußte. Und während Herr Alois Radecke, froh, einen so guten Zuhörer zu haben, noch viel von der merkwürdigen Konzertgeberin erzählte, die am andern Tage heimlich davongefahren war und nur ein altes Korsett und eine fast borstenlose Zahnbürste im Zimmer des Abtes hinterlassen hatte, rief sich Erich den wundervollen Septemberabend des Vorjahres auf der Terrasse des Heringsdorfer Kurhotels wieder ins Gedächtnis. Der neugebackene Assessor, der sich von den Strapazen der Examensarbeit erholen wollte, hatte dort nicht ohne Stolz mit der eleganten Frau, der er durch Berliner Freunde am Strande vorgestellt war, soupiert, und mit dem Blick auf den herrlichen Sternhimmel über der silbern glitzernden See hatten sie beim Schein des roten Tischlämpchens in angeregtem Gespräch alle die Themen berührt, die den Menschen von Welt zu denken, zu wünschen und zu reden geben: den Wintersport von St. Moritz und die Rennen in Baden, den argentinischen Modetanz und die Fortschritte im Lichtspiel, die großen Premieren der letzten Saison und die neuen Orchideensorten. Schließlich sprachen sie auch von Liebe und Ehe. Und es ergab sich zwischen Lachs und Pute, daß die Erfahrungen Erichs auf dem ersten Gebiete, die er diskret im Hintergrund der Debatte ließ, die reicheren waren; während über das Lotteriespiel der Ehe die junge, schöne Frau mit jener Malice reden konnte, die nur der vom Glück nicht Begünstigte aufbringt, der eigensinnig gespielt und um hohen Kaufpreis eine üble Niete gezogen hat. »Frau Wörle ist wohl eine Jugendfreundin der Frau von Hallerstedt?« Mit dieser Frage, die ihm so aus seinem eignen Gedankengang herausblitzte, unterbrach Erich Herrn Alois Radeckes schmerzvolle Erinnerungen an die Konzertgeberin, die – angeblich zur Erhaltung ihrer Altstimme – sehr viel und sehr Teures gegessen und dann bloß die für ihn wertlosen Toilettengegenstände zurückgelassen hatte. »Frau Dorothea Wörle« – Herr Alois Radecke zog die apfelgrüne Weste glatt und nahm die Hacken zusammen, als ob er der Dame persönlich gegenüber stehend seinen Respekt bezeugen wolle –, »Frau Dorothea Wörle ist eine sehr achtbare Dame. Aber ich glaube eher, daß sie zu Frau von Hallerstedt durch die Zeitung kam – ich meine durch eine Annonce oder so. Sie ist nicht aus der Gegend. Ist die Witwe eines Postdirektors und ...« »Sammelt leidenschaftlich Briefmarken, das weiß ich bereits.« »Nun, ich denke – das ist für eine Witwe, die schließlich noch nicht so alt ist, eine ziemlich harmlose Leidenschaft.« Alois Radecke war der Ansicht, daß er einen Witz gemacht hatte, und stieß aus offenem Mund ein helles, eigentümliches Gelächter aus, das sich anhörte, als ob er jemand erschrecken wollte. Erich war, ohne sich an der Heiterkeit des Wirts zu beteiligen, wieder an das Fenster getreten. Jetzt winkte er, lebhaft interessiert, Herrn Radecke heran, der mit hüpfenden Zehenschritten, als gelte es die listige Beschleichung eines Feindes, zu ihm trat. »Sehen Sie den Herrn dort, der über den Platz auf das Hotel zukommt?« »Pardon, das ist die Eierfrau.« »Nein doch, hier links. Jetzt bleibt er einen Augenblick stehen und sieht über die Stadt. Ist das ...« »Ja, ja, das ist der Herr Sanitätsrat, der nach Ihnen gefragt hat. Zuversichtlich.« »Sie würden mir einen Gefallen erweisen, Herr Radecke, wenn Sie ihm sagten, daß ich nach Hause gekommen sei. Oder nein, das ist nicht höflich. Ich kann ja selbst zu ihm ...« »Würde ich nicht raten. Ich sagte schon, der Herr Rat wohnen auf Nummer siebzehn. Das Zimmer ist etwas beengt im Raum. Schon durch die Wendeltreppe, die nicht mehr benutzt wird, aber sehr hübsches Schnitzwerk zeigt. Und dann – der Herr Rat hat zwei Koffer – flach, aber groß – mitgebracht und die Einsätze mit den Kleidern und der Wäsche, sehr gute Wäsche – überhaupt ein feiner Herr – ja, die Wäsche, die hat er überall herumgelegt. Mir scheint, er hat eine sehr weite Reise vor, der Herr Rat. Vielleicht nach Australien oder so, vielleicht auch bloß nach Kalifornien oder ...« »Sehr glaublich. Jedenfalls aber möchte ich den Herrn Rat noch begrüßen, ehe er nach Australien oder Kalifornien reist. Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit ...« Der Roßwirt war schon an der Tür, und seine Abschiedsverbeugung, mit der er, leicht gekränkt, sagte: »Unverzüglich – unverzüglich!« hätte nicht ausdrucksvoller sein können, wenn der Auftrag dahin gelautet hätte, einen Maurenkönig lebend oder tot in das Gemach des Abtes auszuliefern. Als Erich allein war, nahm er seinen Feldstecher vom Tisch und stellte ihn am Fenster sorgfältig auf den Gutshof ein, der jetzt im Sonnengold des Abends gebadet lag. So am waldigen Abhang mit dem Blick über Fluß und Ebene zu wohnen, ei ja, das war doch etwas andres, als tagtäglich auf den Kurfürstendamm hinunterzusehen mit den ratternden Elektrischen, den stinkenden Autos, den auf dem Reitweg englisch trabenden dicken Kommerzienrätinnen und den frühreifen Gören mit den Flackeraugen aus den Protzenkasernen des Westens! Ein Stückchen Romantik lag da drüben. Und wenn er an die blonde, schlankgewachsene Frau dachte – wahrhaftig, sie mußte ein halbes Zentimeterchen oder ein ganzes größer sein als er ... aber das ließ sich durch Absätze und Zylinder ausgleichen ... ja, dann kam ihm das Wort wieder auf die Lippen, das er heute früh nicht ausgesprochen, aber empfunden hatte, als sie ihm gemessenen Schrittes bis an die von ruhenden Steinpanthern flankierte Rampe der Freitreppe entgegenkam: die Burgfrau. Fast schien ihm sein nach langer Unschlüssigkeit gewähltes Brautgeschenk, das er mit hinübernehmen wollte nachher, jetzt gar zu bescheiden. Er ging zum Tisch und öffnete das kleine Samtetui. Aufmerksam schaute er in das dunkle Feuer des Rubins, den der Schleifer – nach altem indischem Modell, hatte der Juwelier gerühmt – en cabochon geschliffen hatte. Wie ein Auge schien er ihm in seiner mattgoldenen Fessel, und wieder wie ein erstarrter Blutstropfen. Ob Eugenie Kennerin von solchen Steinen war? Ob sie wußte, daß dieser im tiefen Dunkelkarmin leuchtende Korund, der Antrax des Theophrast der indische Carbunculus des Plinius, weil edler, viel wertvoller war als ein um manchen Karat schwererer Diamant? Ob sie ahnte, daß das wundersüchtige Mittelalter solchen Rubin zu den vornehmsten Zaubersteinen gezählt, der kräftig wie kein anderer gegen den bösen Blick schützte, und der dunkler wurde und warnend den Glanz verlor, sobald seinem Träger ernste Gefahr drohte? Ein Arzneimittel am Finger des beschwörenden Arztes war solcher Rubin gewesen; und unbezwingliche Gegenliebe für den Spender hatte er im Herzen seiner Trägerin entfacht. So hatten's die Mystiker gelehrt, so hatte das Volk es geglaubt. Brauchte er noch Gegenliebe? ... Er schloß mit einem glücklichen Lächeln das Etui. Leise sprach er das Verschen – war es nicht aus einer Übersetzung des alten Hafis? – vor sich hin: Wem der Seligkeiten Born Ein einz'ger Trunk verliehn. Dem wird zur Rose jeder Dorn Und jeder Stein – Rubin! Es klopfte. Das mußte der Sanitätsrat sein. Erich legte das Etui mit dem Ring beiseite und ging dem Eintretenden höflich entgegen. Und dabei dachte er: So imponierend wie Frau Eugenie kann ich einem Gaste nicht entgegenschreiten. Allerdings, der olivengrüne holländische Teppich, der den Fußboden des Abtzimmers deckte, war ja auch keine Freitreppe eines Gutshauses. »Als ob ich ihn wiedersähe – Ihren Vater!« Das war das erste Wort, das der Sanitätsrat sprach. Es kam so freudig, so warm heraus, daß Erich, dem alten Herrn zulachend wie einem bewährten Freunde, ohne Besinnen seine beiden Hände in die hingestreckten dunklen Handschuhe legte. »Ich freue mich so sehr, Sie persönlich kennenzulernen, Herr Sanitätsrat. Meine Eltern haben so oft von Ihnen gesprochen – beide.« » Haben sie? Beide? ... Wissen Sie, es hätte mir nichts Lieberes passieren können, junger Freund, darf ich so sagen ...« »Aber gewiß!« »Nichts Lieberes, als daß mir der Zufall diese Begegnung noch vor meiner Abreise schenkt.« »Ach, Sie fahren – nach Australien?« Schon im Aussprechen ärgerte sich Erich, daß er in das blöde Gedankengeleise des Roßwirts geraten war. »Nach Australien? Wie kommen Sie darauf? Nein, so schlimm hab' ich's nicht vor. Ich fahre nur ein bißchen um Europa herum. Hab' die Sache schon ein paarmal gemacht. Von Hamburg oder Bremen aus um Spanien 'rum nach Genua. Die Ostasienfahrer des Norddeutschen Lloyd nehmen die meisten ihrer Passagiere für Indien und Japan erst in Genua oder Neapel an Bord. Wer die ganz große Seereise vor sich hat, der schenkt sich den Kanal, den Golf von Biskaya und die Säulen des Herkules. So bleiben viele schöne Kabinen leer bis zu den italienischen Häfen. Da kann nun unsereiner, für den das Land der Kirschblüte und das Gangestal ewig ein sehnsüchtiger Traum bleiben muß, um relativ billiges Geld zwei wundervolle Wochen auf See genießen. Und ein paar Stunden Aufenthalt in Gibraltar und Algier würzen die köstliche Reise. So hab' ich sie schon dreimal gemacht, wenn die Nerven nicht mehr recht wollten, und bin braun und vergnügt heimgekommen. Diesmal aber mach' ich's ganz raffiniert. Anders 'rum, wissen Sie. Ich komme mir selbst dabei vor wie der Mann, der immer die Daumen umeinander drehte, und den sein Gegenüber schließlich verzweifelt anschrie: ›Herr, können Sie denn nichts andres?‹ ›Doch,‹ sagte der seelenruhig, ›anders 'rum kann ich's auch!‹ Also da läßt jetzt der Österreichische Lloyd so eine hübsche Luxusjacht oder wie Sie's nennen wollen – zwar nicht befrachtet, wie die ernsten Ostasienfahrer, mit Hölzern und Klavieren und Mähmaschinen und Goldbarren für die englischen Kolonien – sondern bloß so zum Pläsier von Genua nach Amsterdam fahren. Mit Aufenthalt in Barcelona, Malaga, Gibraltar, Tanger, Kadiz, Lissabon, Arosa Bay und Cowes ... Mach' ich Ihnen den Mund nicht wässerig nach all den Herrlichkeiten, nach all den Kathedralen, Stiergefechten, Murillos, Serenaden ... Aber mein Gott, ich rede da und rede! Und sie interessieren sich den Teufel für die monomane Reiseliebe eines alten Herrn, von dem Sie schließlich nur aus den Kindertagen den Namen kennen und bis heute nur die Visitenkarte gesehen haben.« Wie jung ist der Weißkopf! hatte Erich die ganze Zeit über gedacht. Wie fröhlich diese blauen, klugen, gutherzigen Augen unter den buschigen Brauen, die ihre weißen Linien ganz fein über der Nasenwurzel ineinander schwangen. Das silberne Haar war noch stark, und der Scheitel schien's mühsam zu bändigen. Der knappgeschorene Spitzbart rahmte ein fröhliches, vielleicht jetzt vom raschen Gang besonders gerötetes Gesicht, das oft von der Schalkheit liebenswürdiger Selbstironie überblitzt war. Es war Erich, als ob die Symptome des Alters, die weißen Haare, die Fältchen um die Augen hier nur Maske wären, hinter der listig und unternehmungslustig die Jugend lauere, siegreich hervorzubrechen. Die Jugend, die dem Vater einst Kamerad war. »Und erlauben Ihnen Ihre Patienten so lange Reisen, Herr Sanitätsrat?« »Früher – um der Wahrheit die Ehre zu geben und um ein bißchen zu prahlen – war's manchem nicht recht. Obschon's ein Unsinn ist. Denn ob ich in Osnabrück sitze oder in Santiago di Compostella, das kann für einen, der in Darmstadt den Ziegenpeter hat, doch ganz gleichgültig sein, nicht wahr? Aber jetzt bleibt's ihnen ganz egal. Ich bin, wie Sie da sehen, neugebackener Freiherr. Bin – ein bißchen spät oder ein bißchen früh – der Arbeit davongelaufen. Hab' meine Praxis ganz und gar einem jungen Kollegen übergeben, der's gewiß nicht schlechter macht als ich. Gott, was ein Junggeselle braucht, der keine Pferde in Hoppegarten laufen läßt, keine spanische Tänzerin aushält, keine Importen raucht und bloß Tischweine zu sieben Groschen den Schoppen trinkt, das hab' ich mir in fleißigen Jahren erspart. Für wen soll ich Schätze sammeln, die bloß die Motten und der Rost fressen? Ich hab' mir nie was aus Motten gemacht und aus Rost schon gar nicht.« Ganz leise und von fernher – so kam's Erich vor – zitterte eine Resignation durch die letzten fröhlichen Worte. So nickte er nur und sagte: »Sie haben gewiß recht.« »Hab' ich! Und was treiben Sie hier, junger Freund? Oder ist es indiskret, zu fragen? Dann nehm' ich's sofort zurück.« »Durchaus nicht. Ich...« Hier unterbrach der Zimmerkellner, der aussah wie ein unglücklicher Konfirmand. Er brachte auf einem mit Röschen bemalten Teller einen Brief und bemühte sich, aus dieser Zeremonie alles an Würde herauszuschlagen, was die Standesehre nach seiner Ansicht für solch schwierigen Fall erfordert. »Von meiner Mutter – Sie gestatten?« »Aber gewiß.« Während Erich las und in den Brief hineinlächelte, der so ganz der Mutter Wesen spiegelte, betrachtete sich der Sanitätsrat die Gemälde des Abtes aus dem siebzehnten Jahrhundert, ohne daraus klug zu werden. Gerade, als er die Überzeugung gewonnen hatte, daß das Bild, so der heiligen Ursula mit ihren elftausend Leidensgenossinnen Martyrium darstellte, den Zug der Israeliten durch das Rote Meer versinnbildlichte, rief ihn Erich an, der, den Brief in der Hand, auf ihn zutrat. »Sie fragten mich gerade, Herr Sanitätsrat, was ich hier mache. Ich freue mich, daß ich mit jemand davon reden kann. Freue mich besonders, daß dieser Jemand der alte, vertraute Freund meines Vaters ist. Und – da Sie ja meine Mutter auch gekannt und vielleicht nicht vergessen haben ...« Der Sanitätsrat wandte den Blick zu den elftausend Jungfrauen und nickte: »Ich hab' sie nicht vergessen.« »... so darf ich's Ihnen vielleicht mit den Worten meiner Mutter sagen ...« Und die erste Seite überschlagend, las Erich hastig und der Erregung nicht ganz Herr werdend in der Stimme die wesentlichste Stelle aus der Mutter Brief: »... und wenn Du dann, mein guter Junge, der Frau, die Du liebst und zu Deiner Gefährtin machen willst, gesagt hast, was Dein Vater mir gesagt hat am glücklichsten Tag meines Lebens, dann füg' gleich hinzu, daß Du eine Mutter hast. Eine Mutter, die nicht eifersüchtig ist auf das, was ihr die andre, die Neue, die noch Fremde nimmt. Eine Mutter, die alles liebt, was ihrem Sohn ein Glück bringt und die Freude am Leben mehrt. Eine Mutter, die es nicht erwarten kann, bis sie der Nachfolgerin in ihrer Liebe zu Dir sagen darf: ›Lieb ihn, wie ich seinen Vater geliebt habe! Und wenn Deine Liebe sichtbar wird und in einem hilflosen Menschlein Gestalt angenommen hat, das die Welt noch nicht versteht, dann denk', daß ich Deinem Liebsten gewesen bin, was Du dem Kleinen bist. Werd' meine junge Freundin, verbunden mit mir durch die Liebe zu dem, den ich geboren, genährt und großgezogen habe, um ihn froh und neidlos an Dich und an sein Glück abzutreten...‹« Erich unterbrach sich einen Augenblick beim Lesen. Leis und zärtlich war seine Stimme; etwas Scheues, Bittendes war darin, als er sagte: »Herr Sanitätsrat – ist es nicht...« »Eine Mutter ist das. Eine deutsche Mutter. Es gibt sie noch in tausend Exemplaren. Ich, der ich oft an Kinderbetten gesessen habe, weiß es. Aber Ihre Mutter ist eine der besten.« Und ganz langsam fügte er hinzu: »Ich hab' sie nur als Mädchen gekannt. Aber ich hätte darauf geschworen, wie sie sich entfalten wird. Ich hatte früh den Blick für die Knospen und hab' mich nie geirrt.« Die Sonne war untergegangen. Draußen webte nur noch ihr Abglanz über den Dächern. Das Zimmer lag schon im Dunkel. Und die elftausend Jungfrauen waren eine einzige goldbraune Fläche an der kalkweißen Wand im Zimmer des Abtes. Erich mußte ans Fenster treten, um diese Stelle im Brief noch zu lesen: »Heute abend laß ich mir von Fräulein Berka – sie ist lieb und spricht mit der ganzen Güte eines alten Mädchens von Dir – aus dem Buche vorlesen: ›Deutsche Liebesbriefe aus neun Jahrhunderten.‹ Wir haben schon die Briefe von Ulrich von Lichtenstein, von Heinrich von Nördlingen an die Gottesbraut Margarete Ebner hinter uns; auch Luthers prächtige Zuschriften an seine herzliebe Frau Käthe Lutherin zu Wittenberg und des steifen Gottsched mit Luise Adelgunde Viktoria Kulmus gewechselte, gar so gedrechselte Stilübungen. Jetzt halten wir bei Johann Heinrich Voß und seinem Ernestinchen – wir sehen ihn Tabak dazu aus billiger Pfeife rauchen, Kaffee trinken, in den Mond schauen und in feierlicher Heiterkeit Leisewitz zitieren ... Aber meine eigensinnigen Gedanken schweifen immer ab von der verwehten Liebe der Berühmten. Sind ja heut nur noch Namen für die Buben in der Schule! Und ich denk' mir: wie wird's mein Junge ihr sagen? Was wird er für Worte finden für das uralte köstliche Lied, das durch die Zeiten klingt? Und ich werd' nicht schlafen können, Lieber, weil ich hundert Meilen entfernt hinlausche mit meiner ganzen Seele: ob ich das Glück auch so recht jubeln höre aus ihrer Antwort? Denn nur dann sollst Du den Arm um sie legen und sagen: »Mein!« Telegraphiere mir, bitte, ja, wie spät's auch sein mag, Erich. Ich bin wach. Ich brauche so wenig Schlaf mehr und schlummere dann lieber beruhigt ein wenig noch in den Morgen. Ich verlier' nichts, wenn ich die Unglücksfälle und die Verzweiflungstaten in den Morgenblättern ein Stündchen später lese und den ekelhaften politischen Klatsch. Nur ein paar Worte depeschier' mir, daß ich Bescheid weiß und froh bin mit Dir. Denn das hab' ich doch immer gekonnt, gelt, froh sein mit Dir...« Erich faltete den Brief zusammen und lächelte verlegen vor sich hin. »Eine prächtige Frau!« Der Sanitätsrat rieb ganz leicht mit einer Fingerspitze das Auge, als er so sprach. »Es muß eine Freude sein, ihr die Braut zu bringen. Und wie ich aus dem Brief heraushöre, fällt heute abend die große Entscheidung.« Erich wiegte verschmitzt lächelnd den Kopf: »Tja – wer weiß Gewisses?« »Ich!« nickte der Sanitätsrat. »Ist's nicht merkwürdig« – er sagte das ganz langsam, und es war, als ob er dabei seinen Blick durch die Wand weit, weit auf alte Bilder hefte –, »ich habe auch Ihrem Vater damals in den Frack geholfen, als er ... nun, als er um Ihre Frau Mutter anhalten ging. Gleich nach dem Examen. Ja, er hatt's eilig. Denn sonst, wer weiß ... Ein schönes Mädchen war sie, Ihre Mutter. Na, dann haben sie noch drei Jahre warten müssen, bis er – fast durch Zufall – die Brandsalbe fand, die ihn ja rasch zum Fabrikdirektor und zum reichen Mann gemacht hat. Drei Jahre, ja. Sein Vater war halt kein Chemiker. Bloß Pastor: und Pastoren erfinden keine Brandsalben. Der begnügte sich als wackerer Imker mit seinen Bienenstöcken. Und da er sehr kurzsichtig war, kam es oft zu Mißverständnissen zwischen ihm und seinen Pfleglingen. Er hatte davon immer ein bißchen ein verschwollenes Gesicht. So oft ich auch im Sommer zu Besuch draußen auf der Pfarrei war – wie das Gesicht Ihres Großvaters eigentlich normal aussah, hab' ich nie ergründen können. Aber ich verplaudere mich da in die Vergangenheit, ich alter taktloser Esel, und – bei Ihnen drängt alles nach dem Heute, nach dem: Heute abend! Nach der Entscheidungsschlacht fürs Leben. Nun, wie sie ausfällt, ist wohl nicht zweifelhaft.« Erich hatte das elektrische Licht angeknipst und saß in dem hochlehnigen Stuhl, der mit seltsam geschnitztem Wappen den Rücken drückte, dem Sanitätsrat gegenüber. »Ich glaube selbst, daß ich heute abend als Verlobter ins ›Roß‹ zurückkehre. Aber in die Freude mischt sich mir ein eigenartiges Gefühl. Ich bin... ich habe... wie soll ich es sagen? Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt und habe, ohne die Blödigkeiten der Nachtlokale und die Vergnügungen der Nepper und Geneppten mitzumachen, nicht wie ein Einsiedler gelebt.« Der Sanitätsrat nickte. »Sie haben kleine Freundinnen gehabt...« »Eine.« »Eine – ist schlimm. Denn das saß fest.« »Ja. Es war ein nettes Kerlchen. Ich verdank' ihr viel Fröhlichkeit, der Änne – Anne hieß sie eigentlich, und der Nachname war noch gräßlicher. Sie verstand sich zu kleiden und zu benehmen – zu interessieren sogar für manches, was mich bewegte – Gott, alles war vielleicht ein bißchen Tünche und saß nicht eben sehr fest. Aber für mich war's doch aufgetragen. Sie wußte ja, daß das nie ernst wird. Man heiratet ja nicht das – vielleicht erziehbare – Mädel allein. Man heiratet die Verwandtschaft mit in solchen Fällen, Leute mit kleinem Gesichtskreis, ohne Kinderstube ... Ich hab' nichts versprochen, verstehen Sie, sie hat nichts verlangt. – Wir haben lachend von unsrer »Scheidung« gesprochen ... Und da sie wirklich kam, zu kommen drohte – vorigen Herbst, als ich von Heringsdorf kam, das Bild der andern im Herzen, der... es klingt so dumm, es zu sagen, der Ebenbürtigen, der Frau aus der gleichen Kaste – sogar noch ein Kästchen höher, um korrekt zu sein... Es war kein angenehmer Abschied. Ein Geschenk scheint einem schmutzig – je größer es ist. Und man gibt, und sie nimmt doch. Und das Schlußsouperchen, das man sich oft lachend ausgemalt hat, ist anders; ganz ohne Galgenhumor und plumper, wie ein Bauernbegräbnis. Man will und muß mit seinen Hoffnungen los – und hängt noch mit seinen Erinnerungen fest – Sie verstehen?« »Ganz gut.« »Ja und dann – nun bin ich hier. Nun hab' ich die stolze, schöne Frau – dieses elegante, fertige Weib wiedergesehen – ganz Dame, ganz Welt – und da meldet sich leicht, wie eine ärgerliche Sentimentalität, wie eine unbezahlte Rechnung, das Abenteuer, das nie was andres sein sollte als eben ein Abenteuer. Können Sie sich vorstellen – heute morgen, als ich meinen Besuch machte auf dem Gutshof...« »Gutshof? Ach – es ist die Herrin vom Eugenienhof?« »Ja.« Erich sah den Sanitätsrat nicht an. Sonst wäre ihm vielleicht nicht entgangen, daß es dem wie eine Wolke über die Stirn zog und in den Augen eine seltsame Nachdenklichkeit das eben noch so vergnügte Blitzen löschte. Bergemann, der eine alte Zuneigung hatte für das Flußtal und das Städtchen, in dem vor vielen Jahren seiner Mutter Schwester ein hübsches Häuschen mit Garten besaß und den Jungen oft in den Ferien beherbergte, hatte sich eine starke Vorliebe für das Städtchen bewahrt. Er benutzte oft und gern einmal die Gelegenheit, es wieder aufzusuchen und, durch die Gassen schlendernd, Bubenerinnerungen wieder aufzufrischen. So kannte er einigermaßen die leicht überschaubaren Verhältnisse hier. Wußte auch, wie schlecht Eugeniens phantastischer Vater gewirtschaftet hatte; kannte die Geschichte ihrer kurzen, unglücklichen und brüsk beendeten Ehe. Hatte sie selbst einmal, noch in Halbtrauer um ihren vor Monaten verstorbenen Vater, mit ein paar jungen Offizieren der benachbarten Garnison und mit ihrer Gesellschafterin auf der Terrasse der Alten Bastion eine Pfirsichbowle trinken sehen, bei der alles in den Grenzen des Anstandes, aber doch ein bißchen laut und ungeniert für Ort und Umgebung zuging. Er dachte an die Braut, die sich einst Erichs Vater aus dem preußischen Professorenhaus geholt; sah Klara Winternitz wieder vor sich, das blonde Köpfchen schlicht gescheitelt, die feingeschwungenen Lippen ein wenig geöffnet und die braunen Augen so klar, so rein, so mädchenhaft aufgeschlagen, als wollten sie alle Fröhlichkeit der Welt in sich hineintrinken ... Ob sich Frau Klara Eckart, wenn ihr Fräulein Berta heute nacht weiter vorlas in den Liebesbriefen aus neun Jahrhunderten, die Braut ihres Sohnes so vorstellte, wie er sie flüchtig auf der »Alten Schanze« zwischen lachenden, prostenden Reitern gesehen? Wie sie war? »Sehen Sie, Herr Sanitätsrat, die alte Liebe, die nie eine Ehe werden sollte, nie könnte, stört mir jetzt noch ein bißchen die heiße Freude an dem, was ich heute abend ersehne und erwarte. Sie begreifen das.« »Ja und nein. Ich begreif's, weil Sie mir's sagen. Aber in der berühmtesten Liebestragödie der Welt, die aller Liebesleute Brevier ist seit drei Jahrhunderten, liest man's anders. Da geht der junge Romeo heimlich, von Benvolio geleitet, auf das Fest der Capulets – warum? Benvolio sagt's etwa so: ›Auf diesem hergebrachten Gastgebet – Der Capulets speist deine Rosalinde – Mit allen Schönen, die Verona preist. – Geh hin, vergleich mit unbefangnem Auge – Die andern, die du sehen sollst, mit ihr!‹ Und er vergleicht; sieht Julie als weiße Taub' in einer Krähenschar – und vergißt die andere für immer...« »Ach ja, Herr Sanitätsrat – bloß: das sanfte Flüßchen da unten ist nicht die reißende Lisch, Büssigheim ist kein Verona. Und – so verliebt ich sein kann, war und bin – ich bin kein Romeo.« »Die Rolle, die einer im Leben zu spielen hat, kennt er oft selbst nicht. Erst wenn er angeschminkt und verkleidet ist... Aber da kommt, wie aufs Stichwort, Ihr Frack – Gott sei Dank, das zeigt mir, daß Sie, auch wenn ich Sie nicht besucht und aufgehalten hätte, noch nicht da drüben sein könnten. Sehen Sie nur hinüber – es ist schon alles dort erleuchtet – man erwartet Sie. Gewiß mit Ungeduld. Leben Sie recht wohl und« – mit einem diskreten Blick nach dem Kellner, der den aufgebügelten Frack mit einer Sorgfalt über die Stuhllehne hing, als stelle er den Mantel des Propheten den Augen der Gläubigen aus – »und Sie wissen, was ich Ihnen wünsche, von Herzen wünsche. Für heut – und immer.« »Vielen Dank. Sehe ich Sie nicht nachher, Herr Sanitätsrat?« »Kaum. Ich habe mir für acht Uhr mein Abendbrot bestellt. Und will nicht zu spät zu Bett gehen – man weiß ja auch hier nicht recht, was man anfangen soll. Der Tag ist voller Gnaden, aber der Abend ist zum Sterben langweilig hier. Wenn man nicht, wie Sie ... Und morgen geht um sieben Uhr früh schon mein Zug nach Basel und über den Gotthard.« »Gute, fröhliche Fahrt, Herr Sanitätsrat!« »Ich dank' Ihnen.« »Und wenn Sie wieder den Fuß auf deutschen Boden gesetzt, dürfen wir nicht hoffen, Sie einmal in Berlin zu sehen?« »Wir?« »Die Mutter, ich – und vielleicht noch wer.« »Ich bin lange nicht dagewesen.« »Ich weiß. Ein Grund mehr. Und meine alte Dame würde sich gewiß so sehr freuen.« »Würde sie – die alte Dame ...?« Einen Moment ruhten die Blicke des Sanitätsrats in blauer, strahlender Güte in Erichs Augen. »Sie sehen Ihrem Vater sehr, sehr ähnlich. Auch Ihre Stimme erinnert an ihn. Meine Jugend, meine schönste Zeit grüßt mich in Ihnen. Ich bin froh, Ihnen begegnet zu sein.« Ein Händedruck, und er ging. Der Kellner ließ ihn mit tiefem Bückling vorbei und schloß hinter beiden die Tür. Eine Turmuhr schlug irgendwoher halb. Halb acht! Es war hohe Zeit, sich umzukleiden. Er legte mit der Pedanterie, die ihm bei der Toilette eigen, Wäsche und Kleider zurecht. Dann wusch er sich und sang dazu nach alter Gewohnheit leise vor sich hin. Warum es gerade die Arie des Eleazar aus der »Jüdin« sein mußte, war ihm selbst nicht klar. Aber er summte: »Recha, als Go–o–ott dich einst zur To–ochter mi–ir ge–geben ...« Und dachte dabei: Ob ich den Ring gleich mitnehme? Den Rubinring? Es sieht am Ende so vorbereitet aus. Nun, es ist doch auch vorbereitet! Unvorbereitet wär's doch nur eine Dummheit. Und sie ahnt oder weiß doch auch schon. In ihrem Brief war doch bereits so eine leicht andeutende Wendung. Wo ist eigentlich der Brief ...? Ach ja, in der Brieftasche hier – wo er hingehört. – »Zur To–ochter mi–ir ge–ge–ben ...« Blaue Tinte – Riesenbuchstaben ... Was forciert Energisches, was Primadonnenhaftes drin ... »Ach, wir ar–men Pri–ma–donnen ...« Woher ist jetzt das wieder? Richtig: aus dem »Armen Jonathan«. Als er ein Kind war, hat er ihn mal gesehen. Irrtümlich. Es sollte eigentlich »Don Carlos« sein, und der Posa war heiser. Don Carlos – ach, ja – o Königin, das Leben ist doch ... Er will doch lieber den Rubinring mitnehmen. Ein herrliches Feuer hat er bei Abend – blutrot – wie gefrorener Rotwein. Feuer von gefrorenem Rotwein – blöd! Und dieser ovale Schnitt wirkt in dem schmalen mattgoldenen Reif einfach wundervoll. Marquisenform. Ob, sie könnte ganz gut eine Marquise sein! Auch nach der großen blauen Schrift. Bloß nicht die Haare pudern – die schönen, aschblonden Haare, die ... Wo sind jetzt die Perlenknöpfchen fürs Hemd? Doch nicht am Ende vergessen –? Aber nein, Friedrich hat gepackt; Friedrich vergißt nichts. Diesmal schon gar nicht. Er hat so listig geschmunzelt über den ganzen Kugelkopf, als er, die blaue Dienermütze ziehend, am Bahnhof stand: »Gute Reise und angenehme Heimkehr!« ... Er wollte der Mutter den Friedrich ausspannen für den jungen Haushalt. Das heißt, wo wurde der eigentlich etabliert? Die Aussichten für die Konsulatskarriere waren ja gut. Der Dezernent im Auswärtigen Amt hatte es ihm selbst gesagt. Ein netter Mann übrigens, der ... bloß ... Wo war denn jetzt der andere Lackstiefel ... Wie kam der auf den Kamin? Ulkig überhaupt so Kamine. Gut, daß das Ding nicht mehr zu heizen brauchte. Links wird man gebraten – rechts setzt man Eiskruste an – oder umgekehrt. Jetzt alles unnötig – »Der Mai ist gekom–men – die ...« Eugenie war ein schöner Name, ein wunderhübscher Name. Und wie er paßt! Lilli hätte auch gepaßt – klingt aber so dumm ... Das Gurgelwasser ist doch wieder ein bißchen ausgelaufen! »Ich hör' ein Bächlein ra–u–uschen...« Hübsch sind diese Volkslieder. Ob sie singt? Sicher. Sie hat so einen Mund dafür – und, richtig, ein Flügel steht ja im grünen Salon. Und dann sitzt die Postdirektorswitwe dabei und schmilzt vor Bewunderung. Diese ewige Bewunderung ist überhaupt ein bißchen lästig. Donnerwetter, was geschieht eigentlich mit der Postdirektorswitwe, wenn ... Natürlich bindet sich der Schlips wieder schlecht! Was sich die Männer in ihrer Mode für ein Kreuz – Teufel, der Daumennagel knickt an dem verdammten Kragenknopf ab. Immer vom Eisenbahnfahren werden die Nägel so spröde. Aber wenn er wieder Eisenbahn fährt – lange fährt – nach dem Süden, dann ... dann ist's die Hochzeitsreise. »Wenn du fein fro–omm bist – will ich dich le–ehren ...« Reizend hat das der Mozart gemacht, überhaupt der Mozart! Da kann der Strauß nicht ran. »Ich weiß ein Mi–i–ittel, das alles heilt.« Als Berufskonsul kann man schließlich auch nach Bolivia kommen oder nach Ecuador. Ecuador – Anne hatte das mal für einen Pudding gehalten, als er's bei Kempinsky gesprächsweise erwähnte, und hatte gesagt: »Kellner, bringen Sie mir schon auch so einen Ecuador!« Und dann war sie ganz bös und zornig gewesen, weil er gelacht hatte. Und weil er den Sächsisch sprechenden Rechtsanwalt am Nebentisch nicht ohrfeigen wollte, der auch gelacht hatte. Aber sonst war Anne schließlich ... Anne war ... Anne! ... Teufel, Teufel, in der Brusttasche war ja noch ihr Bild – bei Wertheim gemacht – sechs Stück eine Mark ... Er konnte doch nicht gut mit dem Bild auf der Brust zu Eugenie ... Gott, später könnt' er ja mal von Anne reden. Das wollt' er sogar. Eugenie war schließlich auch verheiratet gewesen vorher. Aber heute mit dem Bild nach Eugenienhof fahren – den Rubinring in der Tasche – nein, das ging nicht! Das war dumm – das war schlimmer: unschick. Wenn's auch niemand wußte. Also – das Bild mußte zerrissen werden. Schade – aber ... Sie, die Anne, würde es ja später auch so machen mit seinem Bild – als Leutnant der Reserve. Beim Train. Das war nun mal so, wenn man nicht adlig war und bei den Gardedragonern sein Jahr diente. Der Train ist übrigens heutzutage für den Krieg notwendiger als die Gardereiterei. Man kann das bloß nicht jedem klarmachen. Und dann ... Aber Ännes Bild mußte er doch zerreißen. Nicht mit Geschmacklosigkeiten eine Ehe anfangen. Bloß nicht! Reinen Tisch ... Also – ritsch – ratsch – Schade, der Riß geht gerade durch die Nase. Durch Ännes keckes, fideles Stumpfnäschen. Er hat es so gern mit spitzen Lippen geküßt. Ganz vorn auf die Spitze, die immer so nett kalt war ... Noch ein Riß quer durch – durchs Kinn tief in die Bluse. Sie war aus dem Libertyhaus und kostete ... Und jetzt ins Feuer. Brennt ja keins! Aber doch in dem Kamin. »Adieu, Änne!« Schon völlig angekleidet bis auf den Frack, der noch steif und würdig hinten überm Stuhl hängt, beugt sich Erich nieder zu der Feueröffnung des Kamins und will die Fetzen von Ännes Bildchen hineinwerfen. Er stutzt. Da liegt schon mehr. Zerrissenes graues Leinenpapier. Er kennt die Bogen und die großen Schriftzüge. Das ist denn doch ... Er hat doch hier noch keinen Brief Eugeniens zerrissen? Oder hat er? Ist er denn verrückt? Das sind doch – er hebt ein paar Fetzen auf – ihre Bogen, ihre Schriftzüge ... Und da ist auch ein Kuvert. Das ist nicht zerrissen, nur zerknäult, wie von hastiger, ärgerlicher Hand. »Hochwohlgeboren Herrn Rittmeister von Öltzendorff. Durch Boten. Eilt.« Das ist doch seltsam! Der Rittmeister ... Ja, ja, hat hier gewohnt. Bis gestern. Der geschwätzige Wirt hat's ja erzählt. Hat Pferde kaufen wollen – Apfelschimmel, war's nicht so? Hat dort verkehrt. Also eine Einladung ... Ein bißchen lang für eine Einladung – auf beiden Seiten beschrieben ... Zwei, drei Bogen müssen's schon gewesen sein nach den Schnitzeln. Er hebt die Papierfetzen behutsam heraus. Ein paar sind stark angekohlt. Sie sollten verbrannt werden, aber das Feuer ging nicht recht ran. Ja, so Kamine, nicht mal zum Verbrennen von alten Briefen sind sie recht zu brauchen! Mechanisch, ohne sich selbst genaue Rechenschaft zu geben, setzt er zusammen. Das ist eine Ecke – gehört dahin – das ist aus der Mitte – hier fehlt ein Stück. Da auch – aber hier ist wieder ein passendes Ende – anders rum – so – Er ist bemüht, sich einzureden, daß das eine lustige Arbeit sei; aber sie ist nicht sehr lustig. Und er singt auch nichts mehr. Wie ein Geduldspiel, das Eile hat, gelöst zu werden, betreibt er's. Und plötzlich zittern seine Finger ein bißchen. Denn mitten auf einem der Fetzen liest er ein Wort, ein Wörtchen, ein knappes, einziges: »Du ...« Genug! Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und zieht den schweren Stuhl des Abtes heran an den Tisch. Es muß sich trotz der Lücken und Brandspuren – etwas herauslesen lassen. Und er liest: »Max! Es muß ... Ende sein. Daß ... heiraten geht ja doch nicht ... Du hast nichts, ich ... verschuldet ... Spekulation und Versuche des Vaters und meines ... Das Schönste haben wir ... Freiheit gegeben ... vergessen werden wir uns nicht. Aber Du ... für mich Deinen bunten Rock ausziehen ... nicht die Person, für eine Liebe zu hungern. Morgen ... mein kleiner Assessor aus Heringsdorf. Er ... ein liebes Dutzendkerlchen ... verliebt ... genau erkundigt bei Schimmelpfeng in Berlin ... Vater war Chemiker, hat ... Brandsalbe erfunden ... geworden ... Liebling und einziger Sohn der Mutter – also. Ob er ... zieht später und Landwirt ... auch bloß aus den Schulden losgeeist und zur Frau Assessor ... egal. Raus muß ich aus dem Druck ... auch immer gewußt, daß es ... vernünftig, Max ... die schönen Tage von Aranjuez-Lido-Venedig im März ... unvergeßlich ... Und wer weiß, vielleicht ... und zu ein Plätzchen frei für einen alten ...« Eine kleine Weile sah Erich da wie sein eignes Standbild. Aber der Künstler dieses Standbildes hatte keinen sehr intelligenten Moment gewählt. Dann stand er langsam auf, schob mit dem Handrücken die Papierfetzen zusammen, legte den Brief, den Eugenie ihm selbst geschrieben, dazu und alles in eine Nummer der Kölnischen Zeitung, die bei seiner Reiselektüre lag. Dann verbrannte er's sorgsam in dem Kamin. Alles. Seltsam, er dachte über den Fall, als ob ein Fremder darin die Hauptrolle spielte: Leichtsinnig sind die Kavalleristen; das sind sie, weiß Gott! Aber leichtsinniger noch sind die Assessoren, die heiraten wollen, was sie nicht kennen, nachdem sie verlassen haben, was sie kannten. So dachte er. Er schloß den großen Koffer auf und legte den Rubinring ganz unten hin und deckte ihn mit sechs Paar buntseidenen Socken zu. Und legte Unterkleider darüber und Krawatten. Dann zog er sich langsam die weiße Weste und die Frackhose wieder aus und schlüpfte in seinen blauen Sakkoanzug. Am wackligen Schreibtisch schrieb er an Eugenie ein paar höflich-kühle Zeilen. Dringende Geschäfte – mochte sie sich darunter bei einem Assessor mit acht Wochen Urlaub denken, was sie wollte – hielten ihn im Hotel zurück. Er bedaure, so spät absagen zu müssen, erbitte Vergebung und sage ihr hiermit Lebewohl, da er morgen abreise. Dann riß er ein Formular von dem Telegraphenblock und schrieb darauf: »Klara Eckart, Berlin W, Fasanenstraße 215. Kannst Buch zuklappen und ruhig schlafen. Mache Dummheit nicht. Aber andre. Fahre morgen mit Vaters altem Freund Bergemann um Europa. Brief erbitte Barcelona an Bord der ›Astarte‹. Mehr von unterwegs. Gute Nacht, Mutter. Erich.« Er klingelte dem Kellner. »Brief und Depesche sofort besorgen, bitte. Und – hören Sie doch! Ist der Herr Sanitätsrat Bergemann schon im Speisesaal?« »Es wird eben für ihn gedeckt.« »Gut. Legen Sie an seinem Tisch noch ein Gedeck auf und sagen Sie ihm, wenn er gestatte, äße ich mit ihm zu Nacht. Ich komme gleich hinunter.« Und während er mit ruhigen Fingern die Handtasche schloß und ein paar Kleinigkeiten im Zimmer ordnete, als ob nichts geschehen wäre, sprach Erich mit sich selbst: »Sokrates hätte in dem Fall gesagt: ›Mein Daimonion hat mich noch rechtzeitig an diesen Kamin geführt. Allerdings – gerade in Liebesangelegenheiten scheint das Daimonion manchmal zu versagen. Selbst bei den Sokratessen. Denn die Dame Xanthippe hatte zwar gewiß keinen athenischen Rittmeister an der Hinterhand; aber was man so einen ›Fund‹ nennt, war sie gerade auch nicht.« Mit dieser Betrachtung über eine unglückliche Ehe im alten Athen knipste Erich das Licht im Abtzimmer ab und stieg die Treppe hinunter. An zwei spündeldürren Engländerinnen vorbei, die hier in der Nähe von Büssigheim die berühmte Ruine malten, die noch älter war als sie. »Was denn – Sie?« Der Sanitätsrat, der gerade Platz genommen und das zweite Kuvert an seinem Tisch mißtrauisch betrachtet hatte, empfing Erich mit einer Mischung von Staunen und Freude. »Ja, ich, verehrter Herr Sanitätsrat.« »Sie sind nicht ...?« »Nein. Ich bin nicht. Und gehe auch nicht.« »Ja aber, wie kommt denn das?« »Ich hatte nämlich nach Ihrem lieben Besuch noch einen andern. Mein Daimonion gab mir die Ehre.« »Ihr – was?« »Mein Daimonion. Und riet mir: nicht nach Eugenienhof heute abend!« »Aber morgen ...« »Nein. Morgen – riet das Daimonion – morgen früh mit dem Freund deines alten Herrn, der ihm damals in den Frack geholfen, nach Genua.« Der Sanitätsrat strich mit der feinen Greisenhand den weißen Spitzbart und lächelte ein glückliches Lächeln vor sich hin: »Ich weiß nicht, ob Sie an gewisse Einflüsse in die Ferne glauben, junger Freund, an Gedankenübertragungen und ..« »Aber gewiß.« »Nun – ich habe vorhin, als ich von Ihnen gegangen war, eine Weile da unten auf dem Platz gestanden und zu Ihrem erleuchteten Eckfenster hinaufgeschaul. Und ich glaube, ich hab' mir gedacht – und gewünscht: Wenn doch der junge Mensch mit mir aufs Meer gehen möchte, anstatt ...« »Was befehlen die Herren zu trinken?« Der Roßwirt selbst bemühte sich händereibend um die Gäste. Der Sanitätsrat setzte einen Zwicker auf. »Abstinent sind wir beide nicht – was? Also schlagen Sie vor. Alles Gute soll mir heute recht sein!« Mit einem sanften Zwang nahm Erich dem Sanitätsrat die in gepreßtes Leder gebundene Weinkarte aus der Hand und klappte sie mit einem listigen Lächeln zu. »Türkenblut, Herr Wirt. Ich denke, es ist heute so ein Abend, Türkenblut zu trinken!« Zweites Kapitel. »Ich kann mir nun mal nicht helfen – ich mag die Städte nicht, wo die Hauptsehenswürdigkeiten die Friedhöfe sind.« Erich betrachtete sich den Herrn, der neben ihm, das Manöverglas in der Hand, auf dem Promenadendeck der »Astarte« stand. Der Mann war klein und dick, hatte einen dünnen, schon etwas melierten Vollbart und trug eine Seglermütze mit phantastischem Abzeichen, deren Schirm ihm tief in die halb erstaunt, halb ängstlich in die Welt glitzernden braunen Augen fiel. »Kloppenbusch.« stellte er sich vor, »Otto Kloppenbusch.« – Und ohne abzuwarten, was Erich darauf zu erwidern habe, fuhr er fort, indem er sein Glas über das graue Straßengewirr hinauf nach dem Forte Castellaccio richtete, als suche er da oben in fünfhundert Meter Höhe einen Bekannten: »Heute morgen denk' ich: Kloppenbusch, du hast noch 'nen halben Tag. dir was in Genua anzusehn – schließlich, wann kommt unsereiner wieder hierher! Also ich frage den Portier. Der Kerl spricht immer mit zehn Leuten auf einmal und alle Sprachen durcheinander. Mir sagt er bloß: ›Fahren Sie Cimitero di Stagliano, mein Herr.‹ Und ohne zu warten, ob ich das will, winkt er: Kutscher! Ich fahre also hin. Denke mir, das ist gewiß so 'n Dom, wo ein marmorner Papst drin liegt oder ein Cafégarten mit Palmen und hübschen Mädchen. Wär' mir lieber gewesen als der tote Papst. Endloser Weg. Üble Chausseen. Schließlich, wo bin ich? Auf dem Friedhof. Haben Sie ihn gesehn? Donner ja, sind hier schon Leute gestorben! Da schreien die Leute immer: das Klima an der Riviera! Na also: so dicht liegen sie bei uns nicht! Famos freilich, die Nischen und Hallen? und was für Marmorbilder! Eine alte Frauensperson sogar mit Brezeln – aus Marmor. Na, schließlich hatt' ich Tote genug für 'n Anfang von 'ne Vergnügungsfahrt. Also zurück. Kostenpunkt fünf Lire. Lauf' ich 'ne Weile so zu Fuß in den Straßen 'rum – da unten am Hafen stinkt's schrecklich – denk' ich mir: Kloppenbusch, denk' ich, was sollst du dich verrückt machen. Kutscher! Ich erklär' ihm, daß ich was sehen will, was Interessantes. › Belle donne? ‹ Nee, nee – soviel Italienisch versteh' ich schon. So was nicht – was Gebildetes, bloß so zum Ansehn. Endlich versteht er. › Si, Signore – Campo santo! ‹ Mir recht – ich nicke und fahr' los. Ahne schon nichts Gutes, wie ich wieder aus der Stadt heraus in das merkwürdige Tal komme. Und was soll ich Ihnen sagen: richtig – ich bin schon wleder auf dem Friedhof! Nu hatt' ich genug sogenannte Sehenswürdigkeiten von Genua! Hab' ich mein Gepäck geholt und bin aufs Schiff gefahren ... Famoser Kasten, was, die ›Astarte‹? So sauber und ...« Herr Kloppenburg setzte plötzlich das Glas ab und äußerte nachdenklich: »Übrigens ein verrückter Einfall – Freitags loszufahren ... Kein Mensch reist doch gern Freitags ... Und nu noch See!« In diesem Augenblick kam der Sanitätsrat, der schon ein bißchen ausgepackt hatte. »Ich bin gern ein paar Stündchen vor der Abfahrt in Ordnung«, sagte er, indem er die weiße Mütze abnahm und den leichten Wind, der vom Meer wehte, wohlig durchs weiße Haar streichen ließ. »Es ist so nett, sich ein wenig seine Reisegefährten anzusehn, eh's losgeht. Eh' sich die Herrschaften seemännisch verkleidet haben. Ich weiß oft schon, wenn ich sie die lange hohe Treppe heraufkraxeln sehe, wen ich werde zu vermelden haben ...« Eilig, als ob er verhüten wolle, daß es ihm passiere, vermieden zu werden, verbeugte sich Erichs neuer Bekannter vor Bergemann und meldete sehr höflich: »Kloppenbusch – Otto Kloppenbusch.« Worauf er auch Bergemann erzählte, daß er zweimal auf dem Friedhof gewesen, den er wegen seiner düstern Stimmung nicht empfehlen könne, obschon dieser Platz zwei ganz verschiedene Benennungen führe und, wie er nachher gesehen habe, im Reisebuch einen Stern habe, überhaupt Genua hin – Genua her, er sei froh, wenn der Kasten schwimme! »Ich habe übrigens eben den Kapitän kennengelernt,« sagte Bergemann zu Erich gewendet, »seine Kabinen sind ja auch oben auf Bootsdeck, dicht bei den unsern. Ein jovialer alter Herr. Lustige Augen. Fröhlicher Österreicher. Die Welt ist klein: wir haben gemeinsame Bekannte in Wien. Er lud mich ein, meinen Platz an seinem Tisch zu nehmen für die Mahlzeiten. Ich habe gleich – für Sie mit – beim Obersteward belegt.« Erich dankte. Kloppenbusch aber schob eilig das Glas ins Futteral und sagte, sich verabschiedend: »Donner ja, das werd' ich auch machen. Hatte mir's schon notiert, bloß das Notizbuch hab' ich verlegt. Der Platz bei Tisch ist sehr wichtig. Man muß beachten, von welcher Seite serviert wird. Der vierte Gang ist allemal Geflügel. Wenn man da auf der falschen Seite sitzt, besieht man egal nur Beine. Ich esse die Brust lieber.« Mit diesem verständlichen Bekenntnis verschwand Herr Kloppenbusch, die Finger militärisch an den phantastischen Schmuck seiner Seemütze legend, mit kurzen Schritten nach der Tür zur Treppe, um im Dining-Room den Obersteward zu suchen. Bergemann sah ihm belustigt nach. »Ich hab' solche sonderbaren Schlafgesellen, zu denen einen nicht die Not, sondern die See bringt, zu gern. Auf dem Festland trifft man nicht halb so viele Originale. In den großen Städten schon gar nicht. Und bei allen Verschrobenheiten eine Masse netter Kerle darunter. Zum Beispiel ...« »Zum Beispiel – um's Himmels willen, die fahren richtig auch mit!« Erich hatte unwillkürlich mit kräftigem Druck den Arm des Sanitätsrats gefaßt. Als dieser den erschreckten Augen des jungen Freundes folgte, gewahrte er von der Dogana her über den Kai des Ponte Federico Guglielmo ein überaus schickes Paar kommen, das dort die Droschke verlassen hatte, deren Kutscher in üblicher Weise hinter ihm her schimpfte. Ein paar schmierige Fachinos schleppten auf breiten Schultern das sehr reichliche Gepäck. Zerlumpte Buben suchten durch Purzelbäume die bewundernde Aufmerksamkeit der nach der »Astarte« Eilenden zu erregen, ohne daß die Künstler, auf den Händen stehend, mit den meuchlings in das Gesicht der Fremden gestreckten nackten schmutzigen Füßen auf eine in Geldgeschenken zum Ausdruck kommende Gegenliebe stießen. Bergemann erkannte den wehenden weißen Schleier der für ihre jungen Jahre beträchtlich korpulenten Dame, den weißen Wiener Filz auf dem rostrot gefärbten Haar und die über den spitzen Lackschuhen leuchtenden Gamaschen des übertrieben eleganten Kavaliers. »Wahrhaftig – la Signora di Venticinque ! Mit Gemahl.« Die beiden Herren sahen sich an und lachten. Im »Hotel des Princes«, wo sie die Nacht logiert und nach anstrengender Fahrt gut geschlafen halten, war alles heute morgen auf ihrem Korridor stundenlang in Bewegung gewesen. Der Zimmerkellner, das Zimmermädchen, der Hausknecht, der Liftboy – alle rannten sie verwirrt durcheinander, gerufen, beschäftigt, gehetzt von einer anspruchsvollen Dame, die in ihrem Zimmer immerzu klingelte, wenn sie nicht gerade auf dem Korridor in schlechtem Französisch schimpfte. » La Signora di Venticinque !« – Die Dame von Nummer fünfundzwanzig ... Das war der Schreckensruf gewesen, den ein Angestellter des Hotels dem andern weitergab auf Treppen und Korridoren. Und noch als die Herren unten ihre Rechnungen zahlten und das Gepäck fürs Schiff aufladen ließen, hörten sie den Manager sehr erregt mit dem Portler konferieren; und la Signora di Venticinque spielte wieder die dominierende Rolle in diesem heftigen Gespräch. »Gott gebe, daß dies Paar nicht für die zweieinhalb Wochen an unsern Tisch kommt!« »Nein.« Bergemann hatte sich schon mit der Routine des Vielgereisten orientiert. »Sie sitzen woanders. Der Mann heißt von Scupinsky. Und die Gattin – wenn sie's ist –, die liebenswürdige Dame mit der Stimme wie eine Kreuzertrompete, heißt Selma. Dieser Name war ja schon das Geheimnis der Korridore im Hotel. Der Kapitäntisch hat, wie alle sechs Längstische im Speisesaal, Platz für zwölf Personen. Die zwölf Rundtische nur für sechs. An unserm Tisch liegen nun überall schon die Visitenkarten. Das Diner beginnt gleich nach der Abfahrt. Des Ritters von Scupinsky wappengeschmückte Karte sah ich gottlob in unsrer Nähe nicht.« »Gut bürgerlich ist mir der Tisch auch lieber!« »Nein, bürgerlich ist er auch nicht. So durchwachsen. Zwei Adlige hab' ich gelesen – warten Sie mal – ja, ein Herr von Reubke und ein Herr und Fräulein von ... von ... wie war's doch? ... tja, das Gedächtnis läßt nach. Ach, richtig: von Öltzendorff.« »Von – Öltzendorff?« Erich prallte von der Reling so heftig zurück, daß er beinahe einen sehr schlanken, bartlosen Herrn hinterrücks umgerannt hätte, der eben eine besonders stattliche Dame, die, weiß der Himmel warum, einen Pelzmantel trug, nach der Luxuskabine des Promenadendecks geleitete. »Pardon, mein Herr.« Bergemann sah den beiden nach. »Die sitzen auch bei uns. Sie ist die bekannte Primadonna und Wagnersängerin Elisabeth Hunneberg. Und er scheint ihr Impresario zu sein oder so etwas. Ich sah gerade, wie er am Kapitäntisch die Karten auf die Gläser legte, nachdem er nach allen Seiten erprobt, ob's nicht ziehe.« Erich hörte nicht zu. Mit dem Namen Öltzendorff war ihm das Abtzimmer im »Roß« zu Büssigheim wieder emporgestiegen. Die blauen Brieffetzen höhnten ihn aus dem Kamin. Und dort drüben, wo eigentlich das Denkmal Christoph Kolumbus', des Genuesers, zwischen Palmen auf der Piazza Acquarda den Westbahnhof kontrollierte, schien ihm plötzlich der erleuchtete Eugenienhof des ahnungslosen Bräutigams zu warten. »Öltzendorff sagten Sie ...? Von Ötzendorff? Das wäre ja aber ein Zufall von ausgesuchtester Abscheulichkeit. Wäre – ist der Mann denn Rittmeister?« »Rittmeister?« Der Sanitätsrat begriff nicht recht, warum sich Erich so auflegte. Denn als ihm der Erregte vorgestern abend beim »Türkenblut« von Büssigheim die Gründe seines plötzlichen Entschlusses angedeutet, hatte er von dem Brief im Kamin nichts gesagt und einen Namen nicht genannt. »Rittmeister – kann er gewesen sein – vielleicht. Ich weiß nur, daß er auf dem Hauptdeck seine Kabine hat und behauptet, er bekomme nur die dicke Luft vom Korridor und müsse mithin von zwölf Nachbarn die hinausgestellten Stiefel mitriechen nachts. Was ihn nicht zu entzücken scheint. Ist übrigens, wenn er Rittmeister ist, längst a.D. Starker Sechziger, taxier' ich. Kann mich sogar in die Kanne steigen lassen, wenn's ihm einfällt, mit seinen Semestern zu protzen ... Nein, sehen Sie – Barmherziger! – was unsre Signora di Venticinque für ein Gepäck mitschleppt! Wenn wir die Modehelme alle bewundern sollen, die in den Hutschachteln verstaut sind – dann dürfen wir in ganz Spanien und Portugal keinen Hafen auslassen! übrigens – wer weiß, wie oft und wie lange wir die erlesene Freude haben, die lieben Damens auf Deck zu sehn«, fügte er hinzu mit einem listigen Blinzeln nach den Wolken, die sich vom Kamm des Gebirges her langsam, wie schwer schwebende Kissen, auf die Bastionen und die oberen Stadtteile senkten. Erich richtete seine Blicke nach dem gegenüberliegenden Kai, an dem der Riesendampfer einer Ostasienlinie festgemacht hatte. Um seine drei maisgelben Schornsteine huschten koboldartig säbelbeinige Chinesen in blauen Jacken. Heizer und Wäscher, die aus den Tiefen dieses träg ausruhenden Riesen gekrochen waren, um in Abwesenheit des Kapitäns und der Passagiere nach beschwerlicher Fahrt durchs Rote Meer allerlei Ausgelassenheit zu treiben. »Unruhige See? Angenehme Aussicht für einen, der noch nicht auf Seetüchtigkeit erprobt ist. Da wär' man fast lieber auf so einen Koloß da drüben, neben dem sich unsre ›Astarte‹ ausnimmt wie ein Delphin neben dem Walfisch –« »Ach was, die Seekrankheit packt nur den, der sich vor ihr grault. Ich hab sie nie gespürt. Aber dort – sehen Sie dort hinüber – für die möcht' ich nicht garantieren.« Tilly Schuch hatte aus dem Fenster ihrer Kabine auf dem Promenadendeck den langsam mit dem Wiener Joseph Schwammerl vorbeipromenierenden Schiffsarzt an der goldgestickten Äskulapschlange vorn an seiner Dienstmütze erkannt. Ohne viel Einleitung, mit der ungenierten Sicherheit einer Frau, die mit ihren fünfundzwanzig zugegebenen und dreißig wirklichen Jahren noch jung und hübsch ist und sich Formlosigkeiten erlauben kann, griff sie, die beiden einholend, in ihr Gespräch ein: »Sie reden von der Seekrankheit, meine Herren – und Sie sind der Doktor, nicht wahr?« Sie strich sich kleine Fahnen des erstaunlich goldblonden Haares aus der Stirn, wohin sie ihr der Wind eigensinnig immer wieder werfen wollte. Und sie lächelte dazu freundlich und ängstlich zugleich mit halb offenem Mund, aus dem die kräftigen weißen Zähne blitzten, erst den einen, dann den andern an. »Lux, Doktor, Schiffsarzt«, stellte sich der schwarzbärtige junge Herr mit der Äskulapschlange an der Mütze salutierend vor. Und des andern stumm bewundernde Verbeugungen erklärend, fügte er hinzu: »Herr Schwimmer aus Wien.« »Schwammerl, wenn ich bitten darf. Zu dienen: Schwammerl«, wiederholte der Wiener und kaute seinen Namen, den er selbst nicht schön fand, wie eine klebrige Arznei. Er war ein hübscher, geradegewachsener Mensch, etwas zu weich und biegsam in den Bewegungen vielleicht, und in der Sprache manchmal, wenn er die vergnügtesten Dinge sagte, von einer singenden Melancholie, als ob er einem zu früh dahingerafften Onkel die Grabrede halte. Wenn er verlegen wurde – und er wurde leicht verlegen – liebkoste er mit nervösen Fingern seine kurzgehaltenen Franz-Josephs-Koteletten und tänzelte leise von einem Fuß auf den andern, als ob er ungeduldig den Beginn einer Tanzmusik erwarte. »Also, bitt' schön, gnä' Frau, grad als ob Sie Gedanken lesen könnten. Also grad hab i zum Doktor g'sagt: eine Tante von mir ist dreimal in Valparaiso g'wesen und hat unterwegs nix als rohes Fleisch und wachsweiche Eier gegessen. Und erst am Ende der dritten Reise hat sie im Kanal... na, Gnädigste verstehen schon.« »Um Gottes willen, das ist aber eine gräßliche Ernährung für eine Vergnügungsreise – ich reise nämlich zum Vergnügen – die Herren doch auch?« »Ich bin im Dienst«, lächelte Doktor Lux, wie Harun al Raschid gelächelt haben mag, wenn die Einfalt von Bagdad Seine Majestät in der Verkleidung nicht erkannte. »Ich fahr' schon fürs Pläsier«, bestätigte Schwammerl und fügte in einem Anfall von Ehrlichkeit hinzu: »Wenigstens so halb und halb. Mit der G'sundheit steht's nämlich nit zum besten bei mir. Ich hab mit der Nasen ...« Der Doktor lachte. »Wenn's weiter nichts ist, als die Nase!« »Ja, die Nase is aber sehr wichtig bei mir. Is g'wissermaßen mein G'schäft, ja –« Schwammerls Gesundheit inklusive der merkwürdigen Nase, die sein Geschäft war, interessierte die schöne Frau nicht so sehr, als die Eventualitäten der Seekrankheit und ihre Verhütung. Sie unterbreitete mit größter Zungengeläufigkeit die verschiedensten Rezepte, die man ihr genannt, der Entscheidung des Doktors. Der ringelte geschmeichelt seinen kurzen Vollbart um den Zeigefinger und begleitete jede neue Hypothese mit dem Achselzucken eines Mannes, der ja nicht jeden Narren gleich ins Irrenhaus sperren will. Man sollte nur Rotwein trinken, hatte eine vielgereiste Dame aus Neubrandenburg ihr verraten. Und ein Herr, der oft in London zu tun hatte, nahm drei Tage, eh er sich dem Kanal anvertraute, immerzu Natron. Eine amerikanische Millionärin hatte ganz heiße Fußbäder mit Sodazusatz als beste Prophylaxe gerühmt; und von einem Marinepfarrer, den später die Zulus erschlagen hatten oder die Eskimos – genau wußte sie das nicht mehr –, wollte eine Kusine gehört haben, daß in Abständen von drei bis vier Stunden ein angewärmter Kognak mit einem Eidotter, der aber ganz frisch sein müsse, die Widerstandskraft wunderbar erhalte. Hingegen hatte ein begüterter Rentier aus Bückeburg, den sie voriges Jahr in Luzern an der Table d'hote kennengelernt, behauptet, nur wenn man sich sofort beim Beginn der Meeresunruhe in der sorgsam verdunkelten Kabine niederlege, die Füße etwas höher als den Kopf, damit das Blut nicht aus dem Hirn trete, könne man die Gefahr bestehen. Schwammerl stand während dieser Darlegungen, deren jede ihm Unbequemlichkeiten zu empfehlen schien, mit hängender Unterlippe da und sah angestrengt forschend in das unbewegliche Gesicht des Schiffsarztes. Dieser aber, als die schöne Frau endlich schwieg, zuckte nur stärker mit den Achseln und gab die pythische Erklärung ab: »Wissen Sie, Gnädige, das is halt so mit der Seekrankheit: wer's kriegen soll, der kriegt's. Und wer's nit kriegen soll, der kann die Füße so viel und so heiß baden, als er mag, und danach so hoch hinauslegen, als er lustig is; und kann warmen oder kalten Kognak dazu trinken mit und ohne frischen oder faulen Eidotter – er kriegt's halt nit.« Nach Verabreichung dieses Trostes ließ er mit kleiner Verbeugung Joseph Schwammerl bei Tilly Schuch stehen, die immer noch mit nervösen Fingern ihre blonden Haare im Winde fing, und wandte sich unvermittelt Bergemann und Erich zu, die aus der Nähe belustigt der Konsultation beigewohnt. »Lux, Schiffsarzt,« fügte er und griff an die Mütze, und dann ohne Komma weiter: »also wissen Sie – so geht das nun, wenn ein Lüfterl blast – und es wird schon eins blasen – egal weiter. Jessas, die Damen! Also voriges Jahr hatt' ich eine an Bord, die hat immer dazwischen gestöhnt: ›Sieben Kinder will ich lieber bekommen, als daß mir so übel ist!‹ Also über Bord hätt' ich sie schließlich werfen können mitsamt ihren sieben Kindern! Aber für nächstes Jahr – da hab' ich mich nach Ostasien gemeldet. Küstenfahrer. Mit Kulis. Das denk' ich mir fein. Die Kerle versteht man kein Wort. Und wenn sie wirklich krank sind, da kann man ruhig seine Diagnose stellen, ohne daß die Patienten mit ihrem chinesischen Quatsch einem das Krankheitsbild verwirren.« In diesem Augenblick wurde der Doktor von einem Matrosen abgerufen. Der Lotse, der schon an Bord war, ließ ihn bitten. »Ha, den kenn' ich schon, den Lotsen. Er hat immer Leibgrimmen, und ich muß ihm einen Kümmel aus der Apotheke verschreiben.« Mit langen, schlenkernden Schlitten eilte der Medizinmann davon, um die Beschwerden des Lotsen zu lindern. Es war plötzlich, als ob ein Bienenschwarm ausschwirren wollte. Aus allen Türen von der Treppe her kamen Passagiere. Die meisten hatten schon den Reisestaub der D-Züge, die sie hergebracht, den Schmutz der verrauchten Tunnels abgeschüttelt: hatten sportmäßige Mützen auf und helle Beinkleider zu blauen Jacketts angezogen. Einige liefen wichtig und zwecklos Leitern hinauf nach dem Bootsdeck: andere liefen ebenso wichtig und zwecklos Treppen hinunter nach dem Oberdeck. Alte Reisepraktiker suchten sich einen guten Platz, die Abfahrt zu sehen. Andere stellten sich Mitpassagieren und Kabinennachbarn vor. Und wieder andere liefen hinten am Heck den Matrosen, die die Anker an rasselnden Ketten aufwanden, in die Quere, bis sie der dritte Offizier höflich grüßend nach vorn schickte. Drei Engländer, die glattrasiert, in ihren kurzen blauen Jacketts, den gelben Stiefeln und den platten karierten Mützen aussahen, als sei es eigentlich dreimal derselbe Engländer in drei verschiedenen Lebensaltern, standen schweigsam, aus kurzen Pfeifen rauchend, um eine korpulente, schwarzgekleidete Lady herum. Diese Dame sah würdevoll gereckt auf einer Bank, wie eine Figur im Panoptikum. Sie trug einen langen Witwenschleier und eine goldene Brille. Sie hatte bereits, unbekümmert um das sie umgebende Leben und die hastigen Vorbereitungen für die Abfahrt, eine Handarbeit vorgezogen, an der sie, ohne aufzublicken, ohne zu reden, mit gemessenen, automatischen Bewegungen stickte. »Penelope«, sagte Bergemann zu Erich. »Und die Freier –?« »Wer weiß. Jedenfalls –« Bergemann tönte die Arie aus dem Bruchschen Odysseusoratorium leise an: »Sie wob ein Gewand mit Trä–nen am Stran–de ...« »Oh, ich höre das noch von der herrlichen Altstimme der Adele Aßmann! Aber das können Sie sich natürlich nicht erinnern. Sie sind ja so jung noch – so herrlich jung, Sie Glücklicher! Und doch – heute nicht so jung wie die beiden dort!« Erich folgte Bergemanns diskret anweisendem Blick. Ein junges Ehepaar ging untergefaßt und verträumt in zerknitterten Reisekleidern, Tritt haltend, immer rund ums Promenadendeck herum. Die beiden sahen nichts von dem bewegten Hafen, durch den die kleinen Barkassen schossen, nichts von den Wolken, die drohend hinter dem Häusergewirr der steil ansteigenden, stolzen Stadt in den dunklen Schluchten der Felsen lagen, nichts von der Hast der breitbeinig über das Deck hineilenden Matrosen und Schiffsjungen, nichts von der Unruhe der an der Reling wie aneinander gebundene Ausstellungspuppen neugierig sich hinziehenden Passagiere. Sie merkten gar nicht, daß das Schiff ganz langsam, zitternd vor Ungeduld, ein wenig stampfend und wie sich selber zur Bewegung ermunternd, von dem breiten Steinkai sich löste, während vorn am Promenadendeck vor dem Rauchsalon die aus Kammerstewards gebildete Kapelle unter Leitung eines sehr blassen, pockennarbigen Jünglings, dem die zu knappe Mütze schief auf der schweißglänzenden Stirn saß, erst die deutsche und dann die italienische Nationalhymne spielte. Dies glückliche Paar war Otto Häfele aus Cannstatt bei Stuttgart mit seiner ihm vor drei Tagen angetrauten jungen Frau. Die beiden genügten sich. Sie hatten nicht das Bedürfnis, Genua zu betrachten oder das Meer oder die mitfahrende Menschheit. Otto Häfele sah Anna Häfele an, und Anna Häfele sah Otto Häfele an. Und so fuhren Anna und Otto Häfele, ohne es zu wissen, die Hände verschlungen und die Augen selig ineinander versenkt, langsam aus dem Hafen von Genova la Superba hinaus ins Mittelländische Meer. Nur eine Sorge bedrückte Otto Häfeles liebeerfüllles Herz. Und er gab ihr Ausdruck. »Ob wir net doch emal hier den Schiffsarzt frage sollte, Annale?« »Ja, du meinscht wege meiner Hand? Aber der Doktor in Luzern, wo mir g'fragt habe, hat uns doch g'sagt: 's ischt nur so rot, weil i in eine giftige Pflanz griffe hab'! Und gar net g'fährlich ischt's, hat er g'sagt. Bloß wüscht. Und die Salb, wo i's mit einschmier', wird's scho bald vergehe lasse.« »Aber daß du alleweil Handschuhle trage sollscht, Annale, das ischt halt zu schad.« Otto Häfele streichelte den perlgrauen Damenhandschuh, der seiner Gattin rechte Hand sorglich umschloß. »Du hascht halt gar so liebe Fingerle, und weischt, die tät i halt arg gern manchmal küsse.« »So hascht auch noch was Neues, wenn wir wieder heim komme, Ottole, gelt?« schäkerte das Annale. Und ahnte wohl nicht, daß sie damit zur Physiologie der Liebe einen kleinen, aber wichtigen Beitrag lieferte. Der scharfe Bug der leuchtend weißen »Astarte« schnitt durch das seltsam graue, schwerfällig zur Seite rollende Wasser. Das imposante Rundbild der Stadt mit ihren hohen grauen Häusern und weißen Palästen verschwand, wie hinter rasch und unheimlich sich vorziehenden Schleiern. Nur ein paar trotzige Krane reckten noch schwarze, unheimliche Arme daraus hervor. Es war, als ob das elegante Schiff, das schmuck und schlank, wie die Luxusjacht eines amerikanischen Nabobs, an den grauen, gelben, schwarzen, wie Riesen nach schwerer Arbeit im Wellenbett liegenden englischen, deutschen und italienischen Dampfern vorbeigezogen war, ein böses Wetter hinter sich lasse und selber, glückbeflügelt, in die Herrlichkeit des lachenden Frühlings fahre. In einem lilafarbenen Streifen ruhte fern im Westen am Horizont, wie ein goldenes Tor in den Himmel öffnend, die Halbscheibe der Sonne auf dem Wasser. Als ob sie ins Land der Seligen führten, breiteten sich goldene zitternde Wege über die leicht schwankenden Wellen. Dann plötzlich schien sich die Scheibe zu einer goldenen Pyramide zu dehnen und zu spitzen, wie ein feierliches Grabmal in weiter Ferne. Nur wenige Minuten hatte das wundervolle Schauspiel dieses Sonnenunterganges gedauert, des ersten, den Erich auf dem Mittelmeer sah. Er war ergriffen von der Schönheit dieses Wunders und drückte unwillkürlich die Hand, die Bergemann leicht in seinen Arm gelegt hatte, fester an seinen Körper. Der Sanitätsrat nickte und sprach die Worte vor sich hin: »Was vergangen, kehrt nicht wieder – aber ging es leuchtend nieder ...« »Ausgezeichnet gesagt«, lobte Kloppenbusch, der zu den Herren getreten war. »Bloß – der Sonnenuntergang ist schuld, daß wir nun alle keinen Smoking angezogen haben zum Diner. Und« – fügte er belehrend hinzu, denn eben hatte er darüber einen Steward befragt – »das ist bei diesen Fahrten Sitte.« Der Sanitätsrat tröstete den Betrübten. Am ersten Tage und in den Häfen werde es nicht so streng genommen. Übrigens dort wandelten ja zwei Gentlemen, die die Ehre des Schicks retteten. Zwei junge Herren, tadellos im Abenddreß, Smoking und Lackstiefeln, ohne Mütze, korrekt, Schritt haltend, kamen vorbei. Kloppenbusch sah ihnen mit gesenktem Kopf nach, wie einem unerreichbaren Ideal. »Der eine,« sagte Kloppenbusch, »der linke, der etwas stattlichere, ist ein Herr von Reubke. Sie müssen mal in der Passagierliste nachlesen, was der für einen verrückten Vornamen hat. Mir werden Sie's nicht glauben. Kreuzwendedich, so wahr ich lebe. Klingt wie ein Vogel, nicht? Aber er ist gar nicht stolz, der Herr Kreuzwendedich von Reubke. Sehr nett sogar. Ich hab ihm beim Ankommen meine Handschuhe auf den Fuß fallen lassen. Nicht angenehm, weil auch meine Hanteln drin sind. Er hat's gar nicht übelgenommen. Scheint immer vergnügt – hören Sie, nu lacht er wieder. Der andere, wissen Sie, das ist nu nicht so meine Nummer. Mücke heißt er, bloß Mücke. Und tut wie ein Großfürst. Hat oben bei Ihnen auf Bootsdeck seine Kabine, grad nur getrennt durch die Treppe vom Gesellschaftszimmer und der Bar. Auf der andern Seite schlafen die Ungarn. Muß ein Verein sein oder ein Klub. Ganz nette Leute – sieht immer einer aus wie der andere. Und rufen immerzu: ›Eljen...‹ Auch vorhin, wie wir abfuhren: ›Eljen!‹ Das muß 'ne sehr einfache Sprache sein, das Ungarische. Alles heißt ›Eljen...‹ Nein, was ich sagen wollte, dieser Herr Mücke –« Kloppenbusch zog die Passagierliste heraus und kontrollierte, »Artur heißt er mit Vornamen – ist ein komischer Kauz. Adlig ist er nicht, und Kreuzwendedich heißt er auch nicht – aber arrogant scheint er mir für den halben Gotha. Und wenn Sie mal da oben einen Rundgang machen ums Bootseck – ich bin vorhin oben gewesen und hab mich mal umgesehen, wo die Rettungsboote hängen, man kann nie wissen, nicht wahr; und wenn's schief geht, läuft man nicht gern die falsche Treppe ... ja, was ich sagen wollte, ich geh also da oben so 'rum und gucke so 'n bißchen durch die Luken in die Kabinen. Na, da stand ja nun der Herr Mücke, ziemlich ungeniert – und zog sich an. Kann froh sein, daß ich keine Dame war, mein' ich. Aber Unterzeug hat der Mann – sapristi , also ich sag' Ihnen: alles Seide, resedafarbene Seide ... also ein Page in den ›Hugenotten‹ kann darin auf 'ner Hofbühne 'rumspringen! Na, das kann er ja nun halten, wie er will, der Herr Mücke ... Aber auf dem Tisch, da liegt – also so wie ein Briefbeschwerer, verstehen Sie – ein Revolver. Na, ich bitte Sie, ich hab ja auch einen bei mir – denn man kann nie wissen auf Reisen, und nach Afrika kommen wir schließlich auch – aber meinen hab ich bloß gewonnen in der Jagdausstellungslotterie. Ich möchte schwören: er geht gar nicht los. Jedenfalls, man legt doch so was nicht offen hin – und Patronen dazu läßt man nicht 'rumfahren wie Pfeffermünzplätzchen.« Das Trompetensignal rief zum Diner. Die Passagiere lösten sich von der Reling und aus den Stühlen, die die Deckstewards schon an den weißgestrichenen Wänden entlang gestellt hatten. Auf der Treppe zum Oberdeck berührte Bergemann leicht Erichs Arm und sagte, mit einer Kopfbewegung deutend: »Der dort ist der Herr von Öltzendorff.« Erich, dem bei diesem Namen etwas wie Weh und Ärger aus dem Magen stieg, sah einen eleganten alten Herrn, der sich den Frack zur Mahlzeit angezogen hatte. Die rosafarbige Rosette in der Rockklappe, die gestraffte Haltung des hohen, schlanken Körpers deuteten auf den alten Offizier oder Diplomaten. Der weiße Bart unter dem verwitterten Gesicht lief in zwei langen weißen Spitzen zur Seite. Neben ihm schritt die Schwester. Es sah eigentlich aus, als ob sie an ihm hänge. Denn sie war klein und rundlich und hatte sich mit einem weißen Handschuh in des Bruders Arm gehakt. Der Obersteward erwartete die Gäste an der rechten Tür zum Speisesaal. Die linke war durch die Musiker versperrt, die schon, diskret die Instrumente prüfend, vor ihren eisernen Notenhaltern saßen und neugierige Blicke über Geigen und Trompeten hinweg zu den in langsamem Zug wie zur Polonäse vorbeidefilierenden Passagieren schickten. Die Tafeln waren alle reizend mit Blumen geschmückt, die noch duftende Grüße von der Riviera herbrachten. Erich und Bergemann stellten sich der Gesellschaft ihres Tisches vor. Erich verstand nicht alle Namen. Aber Bergemann, der mit der Erfahrung des Vielgereisten sich vorher mit Zuhilfenahme der gedruckten Passagierliste orientiert hatte, erklärte ihm mit gedämpfter Stimme, während die Stewards auf ein Glockenzeichen ihres Meisters in zwei langen Reihen, gerichtet und im Tritt, hübsch anzusehen in ihren knappen blauen Jacken mit den Goldknöpfen und den schwarzen Krawatten über weißer Hemdbrust, mit der Suppe kamen. »Potage œfs fillé« , nickte dem Sitze Erichs gegenüber ein etwas gelblich und leberleidend aussehender alter Herr und schob sich diskret den Serviettenzipfel in den Ausschnitt der weißen Weste. »Das ist ein Amtsgerichtsrat a. D.«, erläuterte Bergemann, der Erichs Blick gefolgt war. »Heißt Bernhard Grabusch. Scheint ein bißchen Raunzer. Ich hätte nicht Referendar bei ihm sein mögen. Neben ihm die schöne, stattliche Frau, die so ein bißchen aussieht wie eine Karyatide vom Erechtheustempel, halb stolz, halb mißvergnügt, als ob man ihre steinerne Herrlichkeit auf der athenischen Akropolis gestohlen und ins Britische Museum gebracht hätte –, das ist die Gattin des links von ihr sitzenden Herrn, eines Bankdirektors Theodor Tiegs. Ich bin im allgemeinen mißtrauisch gegen Banken, deren ›Direktoren‹ ich nur aus Passagierlisten kenne. Aber der Mann sieht aus wie die personifizierte Solidität. Ob er freilich das edle Fräulein von Öltzendorff, das auf seiner andern Seite sitzt, sehr berauschend unterhalten wird im Laufe der Fahrt, der Lunchs und Diners, das ist freilich eine andere Frage. Er hat so einen hohlen Blick, als läse er innerlich immer die Kursberichte.« Wenn der Sanitätsrat mit seiner Prophezeiung recht hatte, so waren die Aussichten für Viktoria von Öltzendorff, auf dieser Reise bei Tisch gut unterhalten zu werden, überhaupt recht gering. Denn ihr Bruder beschränkte sich darauf, an der Schmalseite des Tisches, dem Stuhl des Kapitäns gegenüber, der bei der Ausfahrt leer blieb, wortkarg zu repräsentieren. Und Otto und Anna Häfele aus Cannstatt bei Stuttgart, die gegenüber saßen, begnügten sich auch bei der Mahlzeit durchaus mit sich und schienen, die Drehstühle einander zugekehrt, in leisen Bemerkungen, im wechselseitigen Zulächeln, Anprosten und kleinen, nur ihnen verständlichen Neckereien sich vollständig genugzutun. Der glattrasierte Mister Hobsen, der zur Linken Otto Häfeles saß, fühlte sich keineswegs verletzt durch dieses etwas ungesellige Benehmen des ungeniert seiner jungen Liebe lebenden Paares. Er kümmerte sich nur um Elisabeth Hunneberg, die große Wagnersängerin, der er von ihrem Impresario, seinem Chef in Neuyork, zum Begleiter und, wenn man so will, zum Aufseher und Reisemarschall bestellt war. Elisabeth Hunneberg war von der Firma Clark \& Co. für die kommende Saison engagiert, achtzig Abende in den größeren Städten Amerikas abwechselnd die Isolde und die Brunhilde zu singen. Eine kleine, aber lästige Indisposition zu besiegen, die ihren wertvollen Kehlkopf seit einiger Zeit inkommodierte – sie nannte es Kitzelhusten –, unternahm sie diese Seereise mit ihrem Söhnchen, dem sechsjährigen Fritzchen, einem unausstehlichen, verzogenen Bengel, seiner Kindergärtnerin, Fräulein Agnes Hennerich, dem ihr von der Firma Clark \& Co. als Begleiter gestellten Mister Hobsen und mit einer entsetzlichen Angst vor der Seekrankheit. Diese von keiner Vernunft zu dämmende Angst verekelte ihr jetzt schon die Noisette de veau à la Duchesse , die sie sonst leidenschaftlich gern aß. Diese Angst vor der Seekrankheit verband aber die Diva auch schon bei diesem ersten Diner schwesterlich mit der ihr sonst ganz fremden Tilly Schuch, die mit der unerhört blonden Krone ihres in schwere Zöpfe gelegten herrlichen Haares dasaß, bleich und gereckt wie eine unselige Königin, die ihr Todesurteil vom Tribunal der Revolutionäre jeden Augenblick erwartet. Die Blicke der beiden Damen begegneten sich über den Tisch hin oft; und die beiden lächelten dann ein krampfhaftes Lächeln, ein Lächeln der Genossinnen, die kommendes Leid schon verbindet, ein Lächeln, das hinüber und herüber fragte und antwortete: »Geht's Ihnen noch gut?« – »Bis jetzt, ja – aber ...« – »Es wird doch nicht?« – »Ich fürchte, es wird!« Kreuzwendedich von Reubke neben Tilly gab sich die erdenklichste Mühe, die geschätzte Nachbarin, deren Seelenzustand er genau so richtig taxierte, wie der gegenübersitzende und verschmitzt in seinen Rotspon lächelnde Bergemann, über die Besorgnisse dieser ersten Stunden der Lustfahrt hinwegzuplaudern. Gleich zu Beginn der Mahlzeit hatte er sich heftig in die Konversation gestürzt und seine angenehmsten Qualitäten leuchten lassen. Er wußte, warum, der gute Kreuzwendedich von Reubke! Gewohnt, gut zu leben, war er mit dem Vermögen, das ihm beim Tode seiner Eltern zugefallen, so ziemlich am Ende. Eine geizige Erbtante in sehr hohen Jahren erfreute sich einer Lebenszähigkeit, die ihr in der Familie den Beinamen »die Fischotter« verschafft hatte. Die robuste Gesundheit der Dame ließ hoffen, daß sie das schöne Alter der von Maria Theresia mehrfach ausgezeichneten Ahne Ursula von Reubke erreichen würde, die acht Wochen nach ihrem hundertsten Geburtstag, am 20. Juni 1757, aus ihrem Gut in Schlesien ihren ersten Schlaganfall erlitten hatte aus Freude über die Nachricht, daß der österreichische Feldmarschall Daun vor zwei Tagen den Preußenkönig bei Kolin geschlagen habe. Und die Geschichte mit Kreuzwendedichs Erbanspruch an ein Drittel der Hinterlassenschaft des närrischen Onkels Roderich, der aus Neigung für Fuchsjagden und Fleischpasteten in England gelebt hatte, war schon rein zum Verzweifeln. Das jedenfalls recht beträchtliche Bankdepot des verstorbenen Sonderlings war einfach nicht zu eruieren! In den Notizbüchern des Onkels Roderich waren seine Wertpapiere korrekt angeführt; alles war angegeben, bloß nicht die Bank, bei der er, seit Jahren bloß von einer deutschen Pension als Legationsrat a. D. lebend, Zins auf Zins hatte anlaufen lassen. Kreuzwendedich und seine Vettern hatten gemeinsam in großen Londoner und deutschen Zeitungen auffallende Annoncen erlassen und demjenigen eine Belohnung erst von fünf, dann von zehn Prozent zugesichert, der ihnen die Bank nennen wollte, bei der das Zinsen und Zinseszinsen sammelnde Depot des seligen Legationsrats a. D. Roderich von Reubke ruhe. Alles umsonst. Die Bank selbst handelte, wie Fachmänner versicherten, korrekt, indem sie schwieg und weiter »verwaltete«. Denn zu den Pflichten der Banken gehört auch die, unter keinen Umständen irgendwelche Auskunft über den Namen ihrer Kunden und die von diesen hinterlegten Depots zu geben. Ein ausgezeichneter Anwalt in London halte den Erben dann geraten, einmal aufs Geratewohl gegen ein paar der wesentlichsten englischen Banken auf Herausgabe des Nachlasses zu prozessieren; die richtige Bank würde dann vielleicht darunter sein und ihr Direktor zur eidlichen Aussage gezwungen werden können. Aber zu solchem Prozeß war es durchaus nötig, daß alle Erben gemeinsam vorgingen; und der Himmel hatte es gefügt, daß eine Base Kreuzwendedichs, die vortreffliche Veronika von Reubke, Miterbin war. Diese von jeher sehr gottergebene Dame aber hatte sich seit Jahren als schlichte Schwester Veronika in ein Kloster zurückgezogen, dessen fromme Oberin sie nun war. Prozesse durfte sie nach den Ordensregeln nicht führen; aber sie war bereit, ganz auf die Erbschaft zu verzichten. Dazu bedurfte es eines notariellen Aktes. Ein Mann aber – und ein solcher war schließlich der älteste Notar, sowohl vom physiologischen Standpunkt als vom Klostergesichtspunkt aus betrachtet, immer noch – durfte keinesfalls ins Kloster, ihre Unterschrift zu beglaubigen. Und sie durfte nicht heraus. So schrieb denn die ehrwürdige Dame aus ihrer Zelle dem Vetter Kreuzwendedich immerzu sehr gütige, etwas salbungsvolle Briefe, vergaß auch selten, ein buntes Heiligenbildchen beizulegen, das ihren Segen für Kreuzwendedichs Tun und Lassen auf der Rückseite vermerkt trug. Bloß die für den rettenden Prozeß unerläßliche beglaubigte Unterschrift unter eine Verzichtsurkunde oder unter eine Prozeßvollmacht war in diesem irdischen Leben nicht mehr von der Weltflüchtigen zu erreichen. Und in jenem besseren Leben, auf das Veronika des öfteren in ihren Briefen ebenso zuversichtlich wie ausführlich zu sprechen kam, war es, was auch sie betonte, gänzlich gleichgültig, bei welcher englischen Bank das irdische Depot des Onkels Roderich so gewissenhaft und sicher gegen Rost und Motten geschützt und verwahrt wurde. So blieb Kreuzwendedichs letzte Hoffnung eine angenehme, vermögliche Frau, die sich in seine vom Adel und gewissen gesellschaftlichen Talenten angenehm unterstützte Männlichkeit sterblich verlieben würde. Eine Seereise auf einem Luxusdampfer schien ihm – nach Erfahrungen, die zwei Freunde von der Garde mit amerikanischen Millionärinnen gemacht – verständig und aussichtsvoll. So hatte er ein paar der wenigen städtischen Pfandbriefe verkauft, die ihm noch geblieben waren, hatte sich neu, gut und einer so wichtigen Fahrt angepaßt equipiert und war mit dem ganzen Leichtsinn seiner sechsundzwanzig angenehm durchbummelten Lenze nach einem fidelen Abend in Genua an Bord der »Astarte« gestiegen. Hier hatte er sofort dem Obersteward in einer lauschigen Ecke das letzte italienische Goldstück in die Hand gedrückt und mit dem offenen Lachen, das ihm Männer leicht zu Freunden gemacht, Frauen oft in die Arme geführt hatte, ganz geradezu gefragt: »Fährt vielleicht eine Dame mit, die hübsch und nicht alt und, sagen wir, reichlich begütert und – ohne ehelichen Anhang ist?« Worauf der Obersteward verständnisvoll und ohne eine Miene zu verziehen geantwortet hatte: »Ich werde den Herrn an den Kapitänstisch placieren. Neben Frau Tilly Schuch aus Berlin. Soviel ich weiß, ist sie Witwe und vermögend. Und soviel ich sehe, ist sie eine der hübschesten und sicherlich die blondeste Frau, die in den letzten zehn Jahren mit der ›Astarte‹ gefahren ist.« Woraus Kreuzwendedich erfreut entnahm, daß der Obersteward seine Worte so gut wie seine Gäste zu setzen verstand. So weit war ja also der Anfang nicht übel. Weniger angenehm war, daß ein Fahrtgenosse, Herr Artur Mücke, auch durchaus nicht zur Entdeckung Spaniens auszog, auch eigentlich keine Murillos oder maurischen Architekturen zu studieren wünschte. Dieselben Gründe, die Kreuzwendedich die erfrischende Seefahrt nahelegten, hatten vielmehr auch diesen jungen Mann veranlaßt, zu Schiff um Spanien zu fahren. Oder eigentlich hatten es seine Gläubiger unternommen, ihn auszurüsten, nachdem er verschiedene unsympathische Papiere eigenhändig unterschrieben hatte. Darüber war Kreuzwendedich genau so gut orientiert wie Artur Mücke, der restlose Gent, über Kreuzwendedichs nicht uneigennützige Motive und Absichten. Die beiden jungen Herren hatten sich nämlich am Abend vor der Abfahrt in Genua in einem gastlichen Hause getroffen, in das beinahe auch Kloppenbusch von einem gewissenlosen Kutscher verschleppt worden wäre, wenn er nicht eine zweite Besichtigung des Campo santo vorgezogen hätte. In ein etwas abgelegenes, aber die ganze Nacht geöffnetes Haus, in dem es keiner besonderen Einführung für gut gekleidete Fremde bedarf. Und die stark parfümierten, reichlich gepuderten Damen, die in dem schrecklich vergoldeten Saal dieses Heims ohne jede Ziererei die Honneurs machten, hatten bei einem zwar sehr berauschenden, aber dafür auch entsprechend wertvollen Capriwein – die Flasche wurde später mit fünfzehn Franken bezahlt, so daß die Wirtin sicher keinen Schaden an diesem Ausschank hatte – die Bekanntschaft der Herren vermittelt. Wobei sich's rasch herausgestellt hatte, daß sie beide morgen denselben ungewissen Weg auf das balkenlose Meer vor sich hatten. Eine Entdeckung, die erst eine ausgelassene Freude in diesem den Temperamenten keine Schranken setzenden Salon, dann aber eine fast melancholische Stimmung hervorgerufen hatte. Eines der grell, aber leicht gekleideten Mädchen sang sehr gefühlvoll »Addio, mia bella Napoli ...« ; und obschon die »Astarte« Neapel gar nicht berührte, also auch ein wehmütiger Abschied von dieser gewiß schönen Stadt gar nicht zu nehmen war, bemächtigte sich eine herzliche Rührung aller Festteilnehmer. Ein Artillerieleutnant, der, unbehindert durch Landessitten, in Uniform das Fest verschönte, schwur in gebrochenem Deutsch: wenn das Schiff untergehe, werde er für die beiden Herren in S. Matteo auf dem Grabstein des Andrea Doria eine Messe lesen lassen. Warum das gerade auf dem Grabe des Andrea Doria sein mußte, begriff zwar in dieser verzwickten Stunde niemand; aber man fand den Entschluß des Artillerieleutnants hochherzig; und die Padrona gab ihr Ehrenwort, daß sie allen ihren Mädchen erlauben würde, dieser Messe beizuwohnen – wofür Mücke und Kreuzwendedich sich herzlichst bedankten. Dann war noch eine Flasche sehr üblen Vermouts di Torino getrunken morden, und dann ... hatten die Herren sich am nächsten Morgen beim Frühstück im Hotel wiedergetroffen und sich etwas geniert erinnert, daß sie in dieser Nacht sehr offenherzig zueinander gewesen waren; wodurch sich die Übereinstimmung ihrer Absichten und Gedanken, die Fahrt durchs Mittelmeer betreffend, ergeben hatte. Nur eines konnte sich Kreuzwendedich nicht mehr recht entsinnen, und während er jetzt in dem Vol-au-vent à la Toulouse herumstocherte, als erwarte er, darin auf eine Goldader zu stoßen, wälzte er sein Gedächtnis um und um, wie das war. Hatte Mücke gesagt: er habe sich gerade duelliert, oder er wolle sich duellieren, oder er müsse das auf dem Schiff tun, oder ... Irgendeine Duellsache war dagewesen. Bestimmt. Denn der Artillerieleutnant hatte für den Fall eines üblen Ausganges noch sehr warm ein Grab in Italien empfohlen; weil hier der Marmor so edel und so billig wäre und die huschenden Eidechsen so niedlich aussähen auf den sonnenheißen Grabsteinen. In Deutschland konnte er sich's lange nicht so schön denken, begraben zu sein. Worin ihm die Mädchen auch zugestimmt hatten. »Mein Gott, was ist das für ein Lied, das die Kapelle spielt?« fragte Grabusch über den Tisch herüber Erich, der das Musikprogramm studierte. »Es heißt ›Wenn ich ein Mann wäre ...‹ von Ehrich«, antwortete Erich höflich und reichte das Programm hinüber. Im stillen freute er sich, daß dieser Ehrich sich mit einem »h« schrieb und nicht mit ihm verwechselt werden konnte; denn das Lied gefiel ihm nicht sehr. »Wenn ich ein Mann wäre ...,« bemerkte Elisabeth Hunnebusch trocken, indem sie sich mit Spinat bediente, »so würde ich den Kapellmeister ins Meer werfen. Der junge Mann kann ja die beste Kapelle wahnsinnig machen mit seinen Tempi.« »Erregen Sie sich nicht, verehrte Diva«, beruhigte sie Hobsen, der als erfahrener Seefahrer bemerkte, daß das Meer unter dem Speisesaal unruhig und die Nasenspitze der ihm gegenüber in stolzer Majestät thronenden Frau Tiegs grünlich wurde. Otto Häfele aber sah Anna Häfele tief in die Augen und sagte: » Choux fleurs , das ischt Blumenkohl, Annale; also den hascht du doch so arg gern!« Und er versorgte Annale von der Silberplatte mit Blumenkohl, als ob er erwarte, daß bis zur Einfahrt in den Atlantischen Ozean keinesfalls mehr gespeist werde. »Ich finde es nicht richtig,« tadelte Herr von Öltzendorff, zu seiner Schwester gewandt, »daß auf deutschen und österreichischen Schiffen die Menüs immer noch in französischer Sprache abgefaßt werden. Man sollte dagegen protestieren. Eventuell durch einen Hungerstreik.« Otto Häfele schien so entsetzt von diesem Gedanken, daß er dem Annale eine der Blumenkohlportion entsprechende Lage Kartoffeln auf den Teller häufte, wozu er empfehlend bemerkte: »Iß nur ordentlich, Annale, 's ischt alles im Billettpreis einbegriffe.« Frau Tiegs sah mißbilligend, wie eine gekränkte Königin, zu dem Ehepaar aus Cannstatt hinüber und ließ aus dem linken Mundwinkel eine französische Bemerkung zu ihrem Gatten hinfallen, die dieser mit stummem Nicken beantwortete, indem er Viktoria von Öltzendorff die nicht sehr imponierenden Reste des Blumenkohls abnahm. »Es fängt an – zu schaukeln«, sagte Tilly Schuch und duckte ihre wundervolle blonde Haarkrone ängstlich über den leeren Teller. »Und ich habe mich schon so gefreut, daß ich neben dem Kapitän sitze – und jetzt ist sein Stuhl leer.« »Der Kapitän muß bei der Ausfahrt auf der Kommandobrücke sein. Mit dem Lotsen«, erklärte Bergemann höflich. »O Gott – o Gott – auf der Kommandobrücke – das ist gewiß ein schlechtes Zeichen. Da gibt's Sturm – und ... wir werden alle seekrank.« Viktoria von Öltzendorff wandte sich an ihren Bruder, der ihr allein für die Konversation in Betracht zu kommen schien: »Es wäre vielleicht gut, wenn wir ein bißchen bewegte See bekämen. Man unterscheidet dann leicht den gesellschaftlichen Wert der Passagiere. Die wahre Erziehung zeigt sich erst in schwierigen Sonderfällen. Und ein solcher schwieriger Sonderfall scheint mir für den Binnenländer die Seekrankheit.« Tilly Schuch hatte die dunkle Ahnung, daß sie sich in dem geschilderten schwierigen Sonderfall nicht allzu gut benehmen würde. Sie hatte schon jetzt das Gefühl, als hätte sie einen ziemlich umfangreichen Drehkreisel verschluckt. Sie beschloß, um sich Haltung zu geben, eine starke und energische Geschlechtsgenossin immer anzuschauen, damit sich ihre Standhaftigkeit an dem Anblick kräftige. Leider wählte sie sich dazu Elisabeth Hunneberg aus, die schon eine Welle, anstatt das Diner fortzusetzen, schweratmend die Schiffsbewegung durch leichtes Rumpfkreisen markieren zu müssen glaubte. Sie war sehr blaß geworden; und Grabusch, der gerade an seiner Burgunderflasche vorbei zu ihr hinübersah, dachte, daß ihr jetzt kein Mensch das »Hoiotoho!« der Walküre glauben würde. Schon eher den Schmerz um den von Melots Verräterschwert verwundeten Tristan. Bloß singen könnte sie dieses Weh auch nicht mehr, dachte Grabusch. Und er trank betrübt seinen Pommard und wartete auf die Bestätigung der alten Erfahrung. Als begüterter Junggeselle und Amtsgerichtsrat a. D. war Grabusch in seinem von Importen etwas angerauchten gemütlichen Heim in der Adolfsallee in Wiesbaden seines Junggesellenlebens schon seit Jahren überdrüssig. Die Jagd freute ihn nicht mehr, seit der Ischiasnerv ihn empfindlich zwickte, sobald er durch feuchtes Gras gepirscht oder ein bißchen in den Herbstnebel gekommen war. Das Kegeln füllte immerhin nur drei Abende aus. Die Lektüre mußte auf Rat des Augenarztes etwas eingeschränkt werden. Sein einst sehr liebenswürdiger Pudel wurde alt, faul, genäschig und roch nicht schön. So dachte Grabusch ernstlich daran, sich noch im Anfang seiner Fünfziger zu verheiraten. Aber da es seine heilige Überzeugung war, in der ihn das Studium Schopenhauers bestärkte, daß alle Frauen Meisterinnen der Verstellungskünste seien und diese Künste insbesondere üben, wenn sie Ehemöglichkeiten riechen, so beschloß er, die Frau ohne Maske zu suchen. Die Maske legte eine Frau nur ab, wenn sie krank war und zu schwach, eine mühsame Komödie der Sanftmut, Güte und Wohlerzogenheit zu spielen. Da sich Grabusch aber mit der scharfen Logik, die ihm eigen war, selber sagte, daß er Frauen, die etwa in Betracht kämen, nicht leicht gerade in leidendem Zustand würde zu sehen bekommen, so hatte er beschlossen, nicht in den Salons oder auf Gesellschaften oder in Bädern sich nach einer passenden Gefährtin umzutun, sondern auf der See. Das Meer bot, wenn es andern tückisch und treulos zu sein schien, die ehrlichste Gelegenheit, Frauen zu sehen, wie sie in Wahrheit waren. Die Seekrankheit mußte die verstecktesten Qualitäten ihrer Psyche enthüllen. Aller Egoismus, alle Kratzbürstigkeit, alle Unleidlichkeit mußte klar zutageliegen, wenn der Wille zur Verstellung in einer Dame so weit gebrochen war, daß sie sogar auf dem Liegestuhl in der Lichtfülle des Sonnendecks kleine Toilettegeheimnisse reuelos preisgab. Aus diesen Erwägungen heraus hatte Grabusch schon sieben Seereisen gemacht. Hatte Ägypten besucht und das Nordkap, war in Konstantinopel gewesen und in Athen. Er hatte auf diesen Entdeckungsfahrten die Pharaonen im Museum von Giseh, die Tempeltrümmer der Akropolis, die Hagia Sophia und die Mitternachtssonne so nebenher betrachtet, in der Hauptsache aber doch sein Augenmerk kritisch prüfend auf die mitfahrenden Damen gerichtet, die unverheiratet, verwitwet oder geschieden waren, und hatte listig gelauert, wie sie sich bei unruhiger See benehmen würden. Dabei hatte er neue Erfahrungen gesammelt, die ihn leider noch nie zu einem abschließenden kühnen Entschluß halten kommen lassen. Denn es ergab sich, wenn das Schiff »rollte«, daß recht ansehnliche Damen von Welt plötzlich aussahen wie die verreckten Vögel, unansehnlich, zerzaust und gerupft; und das weibliche Wesen von schmelzender Liebenswürdigkeit unwirsch und unleidlich wurden, die Stewardessen herumkommandierten wie die Sklavinnen und unter Seufzern über das Leben und die Welt und die Menschheit die abfälligsten und törichtsten Bemerkungen laut werden ließen. Und jetzt hatte es den Anschein, als ob der erste Abend auf der ›Astarte‹ ihm schon neue Erfahrungen in dieser betrüblichen Richtung bringen sollte. Denn eben erhob sich Elisabeth Hunneberg und teilte Mister Hobsen, der bekümmert dreinschaute, mit forciert lauter Stimme mit, daß sie unbedingt den Sonnenuntergang oben an Deck ansehen müsse. Eine Mitteilung, die nur scheinbar Geistesgegenwart bewies. Denn nach einigem Nachdenken mußte dieser Entschluß die Hörer am Tische wundernehmen insofern, als die Sonne seit einer halben Stunde bereits untergegangen war. Trotzdem äußerte sofort nach der Isolde leidlich würdigem Verschwinden auch Tilly Schuch den Entschluß, sich ebenfalls den Anblick dieses vielgerühmten Naturschauspiels zu gönnen, und verschwand in raschen, vom engen Rock ein wenig behinderten Schritten, ihr Taschentuch an den Mund pressend, an der Musik vorbei auf der Treppe zum Promenadendeck. Die Musik aber spielte »Des Negers Traum« von Middleton; und es war aus der Art, wie der quittengelbe Kapellmeister dieses Musikstück auffaßte, zu entnehmen, daß nach seiner Ansicht der Neger sehr aufgeregt und nicht sehr musikalisch geträumt hatte. Noch während die Blasinstrumente sich geräuschvoll mit dem Ende des Negertraums beschäftigten, sah Reubke am Nebentisch Herrn Artur Mücke sich erheben und mit der gut gespielten Gleichgültigkeit eines Kavaliers, der sich aus Süßspeisen nichts macht und den Genuß des Abends im Freien vorzieht, an den höflich zur Seite weichenden Stewards vorbei der Treppe zustreben. Dabei trug er das spiegelnde Monokel im rechten Auge und entnahm einem flachen silbernen Etui eine Zigarette; womit er sein körperliches Wohlbefinden einwandfrei zum Ausdruck brachte, ehe er draußen seinen Ulster vom Haken nahm und auf dem Promenadendeck verschwand. »Diese geölten Gents,« sagte Bergemann leise zu Erich, »die es sich zur Aufgabe machen, die Internationalität der Blödigkeit auf Weltreisen zu beweisen, sind mir in der Seele zuwider. Da ist mir Kloppenbusch mit seiner erfrischenden Art, Friedhöfe zu besichtigen, lieber.« Hinter ihm am Tisch lachte Selma ihre Lachsalve, die sie für sehr verführerisch hielt, die aber in ihrer schrillen Höhe das Ohr sehr ermüdete. Dann hörte man Scupinskys tiefe, etwas schnarrende Stimme: »Also, bitte, einen guten Tokaier Ausbruch aus den Kaiserlichen Weingärten Bajoka müssen Sie kosten – Steht natürlich nicht auf der Weinkarte vom Schiff! Oder einen neunzehnhundertsechser Tokaier Ausbruch Creszenz Graf Csaky Vidor – also, bitte, dann werden Sie staunen.« Worauf man Kloppenbuschs Stimme vernahm, der sich dahin äußerte, er zweifle nicht, daß er staunen werde, wenn er derartig merkwürdig klingende Dessertweine kosten werde: nur sei es ihm unklar, wo er sie genießen solle. »Also wenn Sie einmal nach Ungarn kommen, äh – in die Nähe von meinen Gütern ...« Man erfuhr an Erichs Tisch nicht, wo die Güter des Herrn von Scupinsky lägen und welche Bahnlinie der so herzlich geladene Kloppenbusch benutzen müsse, um in ihre Nähe zu kommen. Denn Hobsen führte ein ziemlich aufgeregtes Gespräch mit einem recht hübschen und, wie ihr Schneiderkleid auswies, besonders gut gewachsenen Fräulein Mitte der Zwanzig, das hinter ihn getreten war. Agnes Hennerich, in Magdeburg geprüfte Kindergärtnerin und im Fröbelsystem ausgebildet, teilte Mister Hobsen in einem leidenschaftlichen Flüsterton mit, daß Fritzchen, der liebe Junge, absolut nicht einschlafen wolle; daß er leider das Bett zu schmal und die Kabine zu klein finde und dringend verlange, auszusteigen. Die Gnädige, der es nicht zum besten gehe und die hinter dem Schornstein auf Deck liege, lasse Mister Hobsen bitten, auf Fritzchen beruhigend zu wirken und ihm klarzumachen, daß er ertrinken müsse, wenn er jetzt aussteige. Mister Hobsen erhob sich, von diesen Mitteilungen wenig ergötzt. Er hatte sich gerade zum zweitenmal Galinotte rôtie aux croûtons auf den Teller gelegt und verließ ungern das Diner, das noch Ploumpouding à l'anglaise , den er schätzte, und Früchte, die ihm auf Seereisen bekömmlich waren, versprach. Aber die Pflicht über alles! In diesem Sinne äußerte sich Mister Hobsen auch, als er sich höflich verbeugte, links nach Erich und Bergemann, hinüber nach Reubke, Grabusch und dem Ehepaar Tiegs und nach rechts, wo Otto Häfele eben seiner Anna eine Auswahl von Kompott auf den Teller schichtete, als gedenke er sein Eheweib von nun an nur noch vegetarisch zu ernähren. Indem Mister Hobsen hinter Agnes Hennerich herschritt über die Treppe und das im Schein der elektrischen Lampen freundlich sich dehnende Promenadendeck zur letzten Luxuskabine, in der Fritzchen mit der betreuenden Kindergärtnerin, nur durch das Privatbad von seiner berühmten Mutter getrennt, für das Geld des amerikanischen Impresarios untergebracht war, bewegten allerlei Gedanken sein Herz. Wenn nun die Renitenz des infamen Bengels noch zu dem Seeübel der nervösen Primadonna hinzukommt – das kann eine reizende Fahrt für mich werden! übrigens ist dieses Fräulein aus dem Kindergarten sehr gut gewachsen; und nach der Art zu urteilen, mit der sie sich vor mir her bewegt, weiß sie das auch. Ich werde mich mit dem Jungen eingehend beschäftigen müssen; und es ist eine noch offene Frage, ob ich nicht gut daran tat, auf den Ploumpouding à l'anglaise , der doch selten gut gerät auf nichtenglischen Schiffen, zu verzichten und mich dafür in der abgelegenen Luxuskabine an Fritzchens Bett mit Miß Agnes über die lyrischen Qualitäten der Sternennächte auf dem Mittelmeer zu besprechen. Gott gebe, daß der widerwärtige Bengel der Suggestion meiner Rede, die schon so oft auf Stars der Musik ihre Wirkung in nervösen Attacken ausgeübt hat, willig unterliegt, und daß mir noch Zeit bleibt, anknüpfend an pädagogische Themen, der hübschen Miß Agnes einige angenehme Dinge zu sagen. Es wäre dabei zu wünschen, daß uns die Diva nicht stört; und was mich angeht, und von meinen Gefühlen als Mensch und Geschäftsmann und Angestellter der Firma Clark \& Co. abgesehen, kann sie noch einige wohltuende Abendstunden hinter dem Schornstein auf dem Promenadendeck ihre Übelkeit bekämpfen. So dachte Mister Hobsen aus Cincinnati, als er hinter der wohlgebauten Kindergärtnerin aus Magdeburg am Abend des 16. Mai nach der Luxuskabine schritt, in der Fritzchen, der liebe Junge, von einer Stewardeß unterhalten, in seinem Bett lag, das sich zu seinem Unbehagen hin und her bewegte und dazu knackte. Unterdessen hatte sich der Tisch, den Mister Hobsen unmutig verlassen, noch mehr gelichtet. Frau Tiegs fand, daß die Schiffsbewegungen sich vielleicht doch nicht mit dem Dessert vertragen würden. Sie entfernte sich mit fürstlichem Anstand, ihren Gatten hinter sich, der allerdings noch zweimal flüchtig wiederkam, um erst einen Schal, dann ein goldenes Täschchen zu holen, das seine Gemahlin beim Aufbruch vergessen hatte. Er tat dies mit der sicheren Ruhe eines Mannes, der gewohnt ist, die Örtlichkeiten, die seine Frau verlassen hat, noch öfter und gründlich nach ihrem vergessenen Eigentum abzusuchen. Da es auch Reubke für seine Pflicht hielt, sich teilnehmend nach dem Befinden Tillys zu erkundigen – um so mehr für seine Pflicht, als er Herrn Mücke schon bei diesem leicht Sympathie erwerbenden Samariteramt vermutete –, und da die Öltzendorffs es überhaupt nicht für vornehm hielten, ein Diner bis zum letzten Ende zu genießen, so fand der Kapitän, als er den Lotsen von Bord gelassen und das Kommando über das Schiff an seinen ersten Offizier abgetreten hatte, nur noch eine recht spärliche Tafelrunde. Grabusch saß, mit genüßlicher Ruhe seinen Pommard schlürfend, ganz allein auf der einen Seite der Tafel, an der andern Seite aber war außer Bergemann und Erich nur noch das Ehepaar Häfele anwesend; soweit man solches von zwei Leuten behaupten kann, die aus Liebe geheiratet und bis jetzt nur im D -Zug gesessen haben. Komisches Entsetzen markierend, schlug Kapitän Jürgens in seine breiten Hände: »Was ist denn das? Schon alles untreu geworden?« Er winkte dem Obersteward und ließ sich rasch ein paar Gänge nachservieren, von denen er mit dem schönen Appetit eines Mannes, der seine Arbeit getan hat, und mit dem Schmunzeln eines Kenners tüchtige Portionen zu sich nahm. »Die Damen meinten, wir bekommen Sturm«, lächelte Grabusch diabolisch vor sich hin. Der Kapitän behandelte ein Hühnerbein mit der Sicherheit eines geübten Anatomen und zwinkerte listig mit den Augen: »Haben Sie viele Damen gekannt, die am ersten Abend ihrer Seefahrt andrer Ansicht waren? Ich nicht.« »Na, Herr Kapitän, ein bißchen unruhig scheint's doch zu werden?« Bergemann wartete vergebens auf eine Antwort. Der Kapitän machte sich mit dem Salat zu schaffen, den er sich selbst mit Pfeffer, Salz, Senf und englischer Sauce in einer umständlichen Weise, die er »serbisch« nannte, anrichtete. »Die Damen ahnen eben« – Grabusch verfolgte wie immer in den ersten Tagen auf See als Monomane seine Theorie – »ahnen eben, daß manche Politur von ihnen abfällt, wenn erst die Tücken des Meeres ...« »Pah, Tücken« – der Kapitän aß den scharfen Senf wie Schlagsahne – »wir haben doch sogar einen Sanitätsrat am Tisch. Praesente medico nil nocet .« »Der Sanitätsrat praktiziert nicht mehr.« »Nanu, mein Verehrtester, in so rüstigen Jahren? Sie könnten ja mein Sohn sein.« Alle lachten. Nur das Ehepaar Häfele blickte sich ernst in die Augen. Denn Otto Häfele hatte eben Anna Häfele aufs Gewissen gefragt, ob sie ihn liebe; und Anna Häfele hatte leis, aber mit allen Zeichen der Aufrichtigkeit, gestanden, daß dies der Fall sei. »Darf ich indiskret sein? Warum haben Sie schon Schicht gemacht, Herr Sanitätsrat?« »Ganz ehrlich: ich hatte genug. So und so. Als Junggeselle ...« »Ah. Sie sind ohne Familie?« »Ja. Wenigstens ohne Familie, die ich kenne ...« Eine Weile war eine Stille am Tisch, Grabusch hielt es für möglich, daß Bergemann Alimente an eine Deckadresse zahlte. Der Kapitän vermutete, daß er gar kein Junggeselle, sondern geschieden sei; was nach seiner Erfahrung auf Schiffsreisen häufig beobachtet wurde. Anna Häfele aber hatte eben an Otto Häfele nun auch ihrerseits die ernste Frage gerichtet, ob er sie liebe; und Otto Häfele wartete eine wieder beginnende geräuschvolle Unterhaltung der andern ab, dicht am Ohr von Anna Häfele, um zu dieser Frage Stellung zu nehmen. »Den letzten Anstoß zu meinem Entschluß, aufzuhören mit dem Verarzten, hat allerdings ein widerlicher Ärger gegeben. Ein Prozeß.« »Nanu!« Der Kapitän, der bei und nach der Mahlzeit ein Freund von Geschichten war, lehnte sich behaglich in seinen Drehstuhl zurück, wischte sich den breiten, sauber rasierten Geheimratsmund und schien begierig, Näheres zu erfahren. »Ich denke, Prozesse führen die Juristen und nicht die Ärzte.« »Besser wär's jedenfalls, die Ärzte ließen's. Aber manchmal ...« Bergemann kämpfte einen Augenblick mit sich, ob er die ärgerliche Geschichte dieses merkwürdigen Prozesses preisgeben sollte. Dann siegte der mitteilsame Humor: »Ich bin nämlich beleidigt worden. Von der Witwe eines Patienten. Einer Rechnungsrätin, die mir's sehr übelnahm, daß ihr Gatte an einer Arterienverkalkung starb. Ganz knapp, ehe er Geheimer Rechnungsrat wurde. Was seiner Witwe nicht nur das Ansehen in unsrem titelfreudigen Vaterlande, sondern auch die Witwenpension erhöht hätte. Mein Gott, Beleidigungen ... Man bekommt ein dickes Fell als Arzt, und in Sterbezimmern muß man sich schon auf seine ehrlich erworbene Schwerhörigkeit verlassen. Sobald einer stirbt, hat unsereiner ihn grundfalsch behandelt. Wird der Mann aber gesund, ja, dann hat ihm seine gute Natur geholfen. Dem Rechnungsrat half sie nicht; und ich konnt' ihm auch nicht helfen, Arteriitis chronica deformans – der Teufel soll sie holen; ich hab' sie nicht erfunden. Der Rechnungsrat ließ die gegorenen Getränke nicht, an die er sich gewöhnt hatte, und seine Gattin war der irrigen Ansicht, daß er sie zur Stärkung brauche. Nach einer besonders kräftigen Stärkung kam der unausbleibliche Schlaganfall. Die Sache ging rasch zu Ende; und es war nutzlos, dem Bewußtlosen noch etwas zu verschreiben und einzuflößen, wozu die Frau in ihrer Kopflosigkeit immerzu drängte. Als der Mann begraben wurde, gab mir keiner der Verwandten am Grabe die Hand. Die Witwe aber drückte die Mißbilligung meiner ärztlichen Bemühungen dadurch aus, daß sie mich in keiner Form honorierte. Schön. Mochte sie's lassen. Da fragt mich nach einiger Zelt ein Bekannter, ob ich das Kreuz auf dem Hügel meines Patienten gesehen und seine wunderliche Aufschrift gelesen? Nein. Aber ich fuhr gegen Abend hinaus vor die Stadt, fand das Grab und das Kreuz darauf. Und die Inschrift: Ruh sanft in deiner Blüte! Dein Leben war lauter Güte. Mit Edelsinn gewürzt – Fahrlässigkeit hat's gekürzt!« »Donnerwetter!« sagte Kapitän Jürgens. Und Grabusch, den die juristische Seite dieser Sache sehr interessierte, bestellte in der Zerstreutheit noch eine Flasche Pommard. Otto Häfele aber sah unten am Tische Anna Häfele tief in die Augen und fragte sie, ob »Eberhard« ihr nicht ein schöner Name dünke. Eberhard Häfele für den Fall, daß ... Anna Häfele aber erwiderte, daß sie keinen männlichen Namen so sehr schätze wie Otto. »Na, da mußt' ich ja wohl was dagegen tun«, fuhr der Sanitätsrat fort. »Und wenn der zivilisierte Mensch etwas gegen etwas tun will, so geht er schnurstracks zum Anwalt. Tat ich. Der sagte: ›Beleidigung. Paragraph einhundertsiebenundachtzig des Strafgesetzbuches.‹« Grabusch nickte. Sein vom Burgunder lebhaft gefärbtes Gesicht war streng und ernst, als er wie eine eiserne Formel den Wortlaut des Gesetzes sprach: »Wer wider besseres Wissen in Beziehung auf einen andern eine unwahre Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen oder dessen Kredit zu gefährden geeignet ist, wird wegen verleumderischer Beleidigung mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und, wenn die Verleumdung öffentlich oder durch Verbreitung von Schriften, Abbildungen oder Darstellungen begangen ist, mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft.« »Tja, er wird .« Bergemann lächelte resigniert. »Das heißt, zunächst kommt die Klage, der Prozeß. Mein Anwalt beteuerte: Sichere Sache. Aber der Anwalt der Angeklagten behauptete, die Witwe des Rechnungsrates habe diesen Spruch persönlich gedichtet – na, für einen Spruch aus der Weisheit des Brahmanen hatt' ich den Vierzeiler auch nicht gehalten. Ihre tiefe Trauer um den teuren Gefährten habe sich hier des Rechtes der poetischen Lizenz bedient und einen schmerzlichen Selbstvorwurf in die Worte gekleidet: Fahrlässigkeit habe dieses wertvolle Leben gekürzt. Nämlich ihre , der Gattin, Fahrlässigkeit, da sie kurz vor seinem Tode noch zwölf Flaschen Ingelheimer aus einer Konkursmasse gekauft habe, die nach ihrer nunmehr gewonnenen Ansicht dem Patienten nicht zuträglich gewesen seien. Ende des Prozesses? Vergleich. Die Dichterin verpflichtet sich, auf dem Grabkreuz die auf das teure Leben bezüglichen Worte: ›Fahrlässigkeit hat's gekürzt‹ innerhalb acht Tagen abzuändern in: ›Der Tod hat's gekürzt‹; was auf alle Fälle unstreitbar und für mich – da der Tod in dieser Weise auch andern Kollegen den Beruf stört – nicht beleidigend war. Und ich trug die Kosten und zog die Klage zurück ... Aber die Eventualität, mich in der öffentlichen Meinung, insbesondere in der Schätzung der Friedhofsgärtner, herabsetzen zu lassen, mocht' ich mich doch nicht mehr aussetzen. So hab' ich meine Praxis verkauft – nicht glänzend, aber anständig – und hab' mir vorgenommen, in Ruhe ein bißchen was von der Welt zu sehen. Allein oder mit guten Freunden. Und da hab' ich denn gleich Glück gehabt. Mahlzeit, meine Herren!« Aufstehend, schlug der Sanitätsrat Erich freundschaftlich auf die Schulter. Auch Grabusch und der Kapitän tranken aus und gingen. »Dieser Beleidigungsparagraph ist eine dehnbare Sache«, erläuterte Grabusch mit kühler Sachlichkeit. »Wenn ich zum Exempel zu Ihnen, Herr Kapitän, laut sage: Sie Ochse ...« Der Friseur, der eben im Piano der letzten Musikpiece, der Fantasie aus der »Bohème«, mitspielte, nahm verblüfft die nasse Flöte vom Mund, als er diese respektlose Äußerung eines vorübergehenden Passagiers zum Kapitän hörte. Zu seinem Kapitän, mit dem er nun schon sieben Jahre fuhr und zu dem er aufschaute wie zu einem Herrn der Meere und Winde! Dieses Mannes Protektion hatte ihn, den kleinen, beweglichen Triestiner Barbier, in diese nette, einträgliche Stellung auf dem schmucken Schiffe des Österreichischen Lloyd gebracht. Seine nautischen Kenntnisse hatten das nur hundert Meter lange Fahrzeug bis heute durch Sturm und Wetter sicher gesteuert. Seine unverwüstliche Wiener Fröhlichkeit teilte sich in schlimmen Tagen der Mannschaft und den verzagtesten Passagieren mit. Seine Umsicht kümmerte sich um alles hier auf dem Schiffe, bis in die Details der Küchen und Waschräume. Er verstand auch von allem etwas, sprach alle Sprachen, die an den Küsten des Mittelmeeres gehört werden – und das sind nicht wenige –, wußte von allen Angelegenheiten in seinem kleinen schwimmenden Reiche und hatte sicherlich heute schon gemerkt, daß der neue Kapellmeister aus Nordhausen – wo mochte das wohl liegen? – nichts tauge und die ganzen Musiker bis an den Rand des Veitstanzes konfus mache. Und jetzt wagte ein fremder, griesgrämiger, glattrasierter Herr zu diesem Urbild eines Gentlemans und eines Seemanns, zu seinem Kapitän, die – wenn auch in hypothetischer Form gehaltene – Äußerung zu tun: »Sie Ochse!« ... Beppo Marlettino, der Friseur, beschloß in seiner Entrüstung, diesen unerhörten Herrn für den Fall, daß ihn bis dahin noch keiner ins Meer geworfen, morgen nur mäßig einzuseifen und dann energisch gegen den Strich zu rasieren. In dieser Nacht war an Bord nicht alles, wie's sein sollte. Das Meer, so schön der Sternenhimmel funkelte, der sich darüberspannte, war sehr unfreundlich. Die Wellen kamen breit von der Seite und veranlaßten merkwürdige Bewegungen des Schiffskörpers, die für eine erste Nacht auf See unerfreulich genannt werden mußten. Der Rentier Zwingenberg, der als Letzter die Bar verließ, wo er seine sechs Pilsner zur Lektüre einer italienischen Zeitung, die er nicht verstand, schweigsam hinuntergespült hatte, war nicht der einzige, dem seine Kabine auf dem Hauptdeck etwas zu eng für ihre unliebliche Beweglichkeit in dieser Nacht vorkam. Sein Kabinengenosse, der Amtsgerichtsrat a. D. Grabusch, hatte gerade vom Bett aus das Licht abgestellt und die Augen geschlossen. Er war wenig entzückt davon, daß nun ein dicker Herr, dessen Kugelkopf ganz ohne Halsverbindung mitten in die Schultern gepflanzt zu sein schien, geräuschvoll hereinpolterte, wider den Waschschrank fiel und dann Unterschiedliches umwarf, ehe er die Lichtdose gefunden, die Lampe an der Decke wieder angeknipst und sich orientiert hatte. Und wenn es schon nicht zu den erlesenen Lebensgenüssen gehört für einen älteren Herrn, in einem engen, stark bewegten Raum der umständlichen Entkleidungsszene eines andern älteren Herrn, der viel ächzt und sich schwer bücken kann, beizuwohnen, so wuchs diese Zellengemeinschaft ins Unerträgliche durch das infernalische Geschnarche, mit dem der Rentier Zwingenberg fast unmittelbar begann, nachdem er, mühsam die Lichtdose ertastend, Dunkelheit erzielt und Grabusch den nicht ganz überflüssigen Wunsch einer geruhsamen Nacht zugestöhnt hatte. Aus der Luxuskabine, die Scupinsky mit dem Geruch seiner Bartwichse und Selma mit ihren starken Parfümen füllte, wurde viel geklingelt in dieser Nacht; und man sah eine hübsche Stewardeß, die von den Kolleginnen Fräulein Hilde genannt wurde, etwas blaß und müde, aber freundlich und dienstfertig, bald in Selmas Kabine verschwinden, bald in das gegenüberliegende Luxuszimmer, in dem Elisabeth Hunneberg das Meer, Richard Wagner, ihren Impresario, das Diner, Amerika und die Stunde ihrer Geburt abwechselnd verwünschte, um dann wieder Agnes Hennerich und Hilde je eine Brillantbrosche zu versprechen, wenn sie ihr endlich einmal den infamen Knödel festhielten, der immerzu von ihrem Magen in ihre Kehle mit einem schlecht geölten Lift zu fahren schien. Oben auf dem Bootsdeck aber, hinten vor der Kabine des baumlangen Funkentelegraphisten, der noch, den Abend zu genießen, im Sweater auf seinem Liegestuhl seine Knochen geordnet hatte, stand zwischen zwei Rettungsbooten, die ihm eine gewisse Garantie persönlicher Fortdauer über diese Nacht hinaus zu geben schienen, Otto Kloppenbusch. Er beugte sich von Zeit zu Zeit weit über die Reling, als hätte er den Fischen da unten noch eine eilige und wichtige Mitteilung zu machen. Dann und wann aber trat er, das Taschentuch in feuchten, zitternden Fingern an Mund und Schläfe pressend, an Herrn Drüsseler, den überlebensgroßen Funkentelegraphisten, heran, der zu seinem maßlosen Erstaunen in solch bewegter Nacht daran Pläsier fand, im Sweater aus einer kurzen englischen Pfeife zu rauchen. Und wie einst König Midas jemand haben mußte, dem er sein furchtbares Weh flüsternd mitteilte, so stöhnte Kloppenbusch zu dem mitleidlos Rauchenden hin: »Und wenn Sie sich vorstellen, daß ich – hupp ... daß ich die Karte zu dieser – dieser Vergnügungsfahrt in einer Wohltätigkeitslotterie gewonnen habe ... Ich habe – ja ich hab' überhaupt – hupp – so ein entsetzliches Glück in – in der Lotterie.« – Zu den wenigen, die in dieser ersten Nacht auf dem Mittelmeer gut und friedlich geschlafen hatten, gehörten der Sanitätsrat und Erich. »Famos!« lobte der joviale Kapitän, als er frühmorgens kurz nach acht aus dem sauberen Turnsaal, wo er seinen kleinen Spazierritt auf dem elektrisch betriebenen Kamel gemacht hatte, an Erich vorüberkam, der gerade sein Glas auf einen in weiter Ferne wie ein Insekt am Horizont hinkriechenden Dreimaster einstellte. »Famos! Nichts gespürt?« »Gar nichts, Herr Kapitän. Geschlafen wie ein Gott.« »So ist's recht.« »Und das Wunderlichste – wie ich wach wurde: das erste war, mitten auf dem Meer, ein Vögelchen, das entzückend sang.« »Können Sie noch mehr in der Mitte vom Meer haben«, lachte der Kapitän. »War mein Hänschen. Hab' den gelben Kerl schon um fünf Uhr oben vors Gesellschaftszimmer in die Morgensonne gehängt. Dachte mir, vielleicht tröstet's einen oder den andern: Land, Land! Hat er sie geniert?« »Aber nein. Er schlägt ja reizend.« »Ja. Immer auf der Hinfahrt, je näher wir der Straße von Gibraltar, je näher wir seiner Heimat kommen, verstehen Sie – den Kanarischen Inseln. Auf der Heimfahrt, nach Triest zu, schlägt er kaum. Und auf der Nordlandreise hat der Kerl noch keinen Ton gesungen: da protestiert er. Da frißt er bloß.« Vergnügt salutierend war der Kapitän nach der Kommandobrücke verschwunden. Ein famoser alter Bursche, dachte Erich, wie ihn die Herrschaft über die See braucht. Voller Leben und Erlebnisse, voller Zuversicht und Geschichten. Der Morgen war überaus herrlich. Das Meer noch immer nicht ganz ruhig, aber viel freundlicher als in der Nacht. Die Sonne, klar am unbewölkten Himmel, versprach einen heiteren, warmen Tag. Das Weiß der Schiffswände, die blankgeputzten Messingschrauben und -griffe, die blanken Augen der Luken, das alles leuchtete und blitzte urfröhlich in die strahlende Frühe. Bergemann kam schon vom Barbier, lachend und beglückt wie immer, wenn er einen Menschen, was er so einen »Menschen« nannte, gefunden. »Also, Erich, Sie dürfen sich hier nicht selber rasieren! Sonst versäumen Sie den famosesten Kerl an Bord. Beppo Marlettino, den Friseur, dreimal in Indien gewesen, fünfmal am Nordkap, siebenmal in Konstantinopel, oder umgekehrt. Also neben diesem Triestiner Bartkratzer gehen fünfzehn Kavaliere à la Mücke, Reubke, Schwammerl aufs Dutzend.« »Rasiert er so gut?« »Das auch. Das Messer geht wie durch Butter. Das heißt, jeder Bart scheint ihm nicht zu liegen. Der Amtsgerichtsrat Grabusch hat geflucht auf seinem Stuhl: ›Non contra pelo! – Non contra pelo!‹ Spricht übrigens ganz gut Deutsch, der Barbuzzo, und ist nebenbei, wie Hamlet sagen würde, der Spiegel und die abgekürzte Chronik dieses Schiffes, seiner Besatzung und Gesellschaft. Großartiger Kerl! Hat die Ansichtskarten aller Häfen, die wir anlaufen, vorrätig, ebenso alle Toilettengegenstände. Und entwickelt im Nebenamt Filme für die Passagiere. Die Wand seiner Werkstatt, wie er stolz seine Barbierkabine nennt, ist eine Sehenswürdigkeit für sich – verziert mit den Bildern aller berühmten Kollegen, die er auftreiben konnte. Da hängt der Barbier Ludwigs XI. , der nebenbei ein bißchen sein Henker war, zwischen dem berühmten Figaro und La Vienne, dem Barbier des Sonnenkönigs. Also, sehen Sie, das nenn' ich Standesbewußtsein! Und wer das nicht hat, der sollte als Rentier oder überhaupt nicht auf die Welt kommen. Denn er hat bloß Talent, sich zu ärgern.« »Unter Juristen selten.« »Unter Medizinern auch. Jedes Grabkreuz kann unser Standesbewußtsein erschüttern ... Vorüber! Aber der Mann hat auch künstlerische Interessen. Spielt die Flöte mit im Schiffsorchester. Und ist demgemäß geladen auf den neuen Kapellmeister, dem er, wie er behauptet, den Rat erteilt hat, er solle einen Flohzirkus aufmachen in Ragusa, anstatt anständige Leute, die Musik machen wollen, auf der Fahrt nach Spanien mit seinem Nervenzucken zu verwirren. Seine einzige Hoffnung ist die Seekrankheit für den Mann. Aber – haben Sie schon gefrühstückt?« »Ja. Mit bestem Appetit. Dreimal mehr wie an Land. Sogar Rühreier!« »Na also! Dann können Sie ruhig mit hinunterkommen aufs Promenadendeck, die – Leichenparade abnehmen. Was sich da tut in den Liegestühlen heut morgen ...!« Bergemann hatte nicht zuviel gesagt. Die Sonnenseite des Promenadendecks bot einen sehr seltsamen Anblick. In Schals und Tücher eingehüllt und fest verwickelt, als ob man Spitzbergen und nicht Korsika im Rücken habe und den schrecklichen Regionen des ewigen Eises zustellte, lagen menschgewordene Häuflein Unglück in den langen Stühlen und ließen sich das warme, goldene Licht auf gelbgrüne Nasen und krampfhaft geschlossene Augenlider fluten. Elisabeth Hunneberg hatte noch einen schwachen Versuch gemacht, sich malerisch zu drapieren. Die dunkle Vorstellung mochte sie dabei geleitet haben, daß sich für den Vorüberwandelnden eine Erinnerung wecken ließe an ihre Glanzleistung, die Walküre, wie sie, von Wodan in Schlaf versenkt, unter Helm und Schild der wabernden Lohe wartet, die feurig den Fels umlodern soll. Der erzielte Eindruck auf Bergemann und Erich war nicht ganz der erwünschte. Es war ersichtlich, Elisabeth Hunneberg, gleichviel ob sie auf eine wabernde Lohe wartete oder auf etwas andres, befand sich unter dem hermelinbesetzten Pelz recht übel. Kloppenbusch im nächsten Stuhl gab Lebenszeichen. Aber eine rechte Freudigkeit fehlte auch seiner Stimme, als sie schwach und schmelzlos die Herren grüßte: »Gott, ich bin so viel beneidet worden – daß ich das Los gewonnen. Es war die Nummer dreitausendvierundzwanzig ... Eigentlich gehörte es meinem Vetter, und meins war Nummer eintausendsiebenhundertachtundvierzig. Aber der Vetter sagte: ›Du hast immer so viel Glück, Kloppenbusch, ich will auch mal Glück haben. Gib mir dein Los!‹ ... Da gab ich ihm Nummer eintausendsiebenhundertachtundvierzig – und der Vetter war noch auf dem Bahnhof, als ich abfuhr, und sagte: ›Eigentlich ist's 'ne Gemeinheit, Kloppenbusch, daß du ... du – eigentlich sollte ich ...‹ Uijeh – ich stell' ihm sehr gern den Stuhl zur Verfügung ...« Die lange Rede, die offenbar von Bergemann und Erich nicht genug gewürdigt wurde, weil sie nicht wußten, daß Kloppenbusch die Lustfahrt in der Lotterie gewonnen, hatte den guten Kloppenbusch sehr angestrengt. Er drehte den Kopf auf seinem Luftkissen zur Seite und sagte nur noch: »Wenn mich jetzt einer auf den Campo santo fahren will ... oder auf den Cimiterio – mir is beides recht.« Tilly Schuch schien im Nachbarstuhl derselben Ansicht. Aber die sprach das nicht aus. Sie sprach überhaupt nichts. Ihr hübscher Kopf unter der fabelhaft schweren und fabelhaft blonden Haarkrone war blaß wie feines Wachs, und die langen seidigen Wimpern lagen tiefgezogen, blond über den veilchenhellen Augen, die nicht sehen mochten, wie schön der Morgen war. Die nicht glauben wollten, daß das Meer sich wirklich langsam beruhigte. Die keinen Blick hatten für Artur Mücke, der, das Monokel im Auge, sich ebenso eifrig wie unnütz damit beschäftigte, Tillys schlanke Füße noch fester in die bunte italienische Decke zu packen, oder für Josef Schwammerl, der, seine kurzen Franz-Josefs-Koteletten liebkosend, ziemlich ratlos dabeistand und von Zeit zu Zeit in blitzartiger Erleuchtung einen gar nicht beachteten Vorschlag tat, wie diesen: eine Bouillon mit Ei zu holen oder die Stewardeß zu rufen oder ein bisserl aus der »Neuen Freien Presse« vorzulesen. Die beiden letzten Vorschläge wären allerdings auch gar nicht in die Samaritertat umzusetzen gewesen, denn Fritzchen hatte bereits aus Schwammerls Exemplar der »Neuen Freien Presse« ein Schiff gemacht, welches er über Bord warf, sehr verwundert und entrüstet, daß es ohne jeden Ehrgeiz rasch hinter der »Astarte« zurückblieb und als unansehnlicher Papierklumpen in einem Wellenberg verschwand. Die Stewardeß aber, die Schwammerl im Auge hatte, die hübsche Hilde mit dem schwarzgescheitelten Haar und der feinen, etwas gebogenen Nase zwischen den edel geschweiften Augenbrauen – lauter Vorzüge, die Schwammerl sehr wohl bemerkt hatte –, war durchaus von Selma in Anspruch genommen, die in einem reich mit Valenciennesspitzen besetzten Morgenrock in einem Korbsessel saß und bald einen Schemel unter die Füße, bald ein Kissen in den Rücken, bald ein in Kölnisches Wasser getränktes Taschentuch auf die Stirn, bald ein Pfefferminzplätzchen zwischen die Zähne verlangte – lauter ziemlich wirkungslose Handreichungen, die ihr Hilde mit Engelsgeduld leistete, ohne andern Dank zu ernten als zuweilen die mürrische Bemerkung: »Aber gehn S', sein S' net so ungeschickt!« Ungeschickt aber war Hilde gar nicht. Die kaum mittelgroße, in ihrer anmutigen Fülle jugendlich biegsame Stewardeß war erfreulich anzusehen in ihren behutsam sicheren Bewegungen. Mit wohlgefälligem Lächeln machte Bergemann Erich auf die Gruppe aufmerksam: » La Signora di Venticinque hat eine Griseldis gefunden!« Und dann, näher tretend, zu Hilde mit sichtlichem Wohlgefallen: »Ich freue mich als Arzt – als Arzt a. D. – der sanften Sicherheit Ihrer hübschen Hände, liebes Fräulein. Wahrhaftig, eine gelernte Krankenschwester macht das nicht besser – für eine wirkliche Kranke. Eine Blutwelle stieg Hilde über das zarte Gesichtchen bis in die unter leichtem dunklem Flaum liegenden Schläfen. Die Zweiundzwanzigjährige erschien noch jünger als ihre Jahre, noch mädchenhafter, als sie rasch ihre klugen, dunklen Augen zu den beiden Herren hob und etwas befangen sagte: »Ich bin als Krankenschwester ausgebildet.« »Es muß ja ein Vergnügen sein, krank zu werden, wenn Sie pflegen.« Hilde hörte diese freundliche Bemerkung des alten Herrn nicht mehr, denn die Signora di Venticinque verlangte stürmisch nach einem Tee mit Arrak, nach ihrem Riechsalz, einem seidenen Kissen und den englischen Natronpastillen. Und sie vergaß nicht, der enteilenden Hilde, die von einer unruhigen Nacht eigentlich schon Bescheid wissen mußte, nachzurufen, daß sie alle diese wichtigen Gegenstände in der Luxuskabine Nummer fünf dicht bei dem goldenen Toilettespiegel finden werde. »Nun wissen wir's – in der Luxus kabine!« sagte Bergemann lächelnd zu Erich, indem er behaglich seinen Arm in den Arm des jungen Freundes schob und mit ihm weiterschlenderte das Deck entlang. »Ja. Und der Toilettespiegel ist von purem Gold. Wie der Kamm der Loreley. Gott sei Dank! Ich hätte sonst Silber befürchtet.« Die Herren kamen an Reubke vorbei, der sehr erhitzt und unglücklich war. Er hatte so schöne Aufnahmen von den Seekranken gemacht, aber leider die Platte zu wechseln vergessen. So war zu befürchten, daß Kloppenbusch und die Walküre auf dieselbe Platte gekommen waren, auf der dann später Selma, die sich gerade mit Scupinsky gezankt, und Herr und Frau Bankdirektor Tiegs, die blaß, aber kerzengerade im Gleichschritt wie aufgezogene Puppen in der Sonne wandelten, und Tilly, die von Mücke und Schwammerl erfolglos mit Essenzen angestäubt wurde, ihren Platz fanden. Jetzt mußte er in die Dunkelkammer zum Plattenumtausch. versprach sich aber wenig Genuß von diesem Aufenthalt in dem engen, lichtlosen und heißen Raum, in dem es nach den unauffindbaren Zigarrenstummeln eines Vorgängers roch. Lux, der Schiffsarzt, kam mit Grabusch vorbei, der ihn für etwas blutstillende Watte in Anspruch genommen hatte und jetzt wegen eines Mittels gegen das Schnarchen konsultierte. Entweder für den einen, daß er's unterlasse, oder für den andern, daß er's nicht mehr höre. »Freut mich, daß Sie wenigstens gesund sind!« rief der Arzt zu den beiden Herren hinüber. »Nächstes Jahr um diese Zeit bin ich gottlob in Ostasien bei den Kulis.« Und bei diesem seinem Lieblingsgespräch angelangt, ließ der eigensinnige Doktor den ärgerlichen Grabusch sein Schnarchthema durchaus nicht mehr erschöpfen, sondern schilderte ihm mit Begeisterung, wie nahe die Möglichkeit liege, daß er dort unten bald mal die Cholera asiatica an Bord habe. Dieses werde ihm als gelerntem Bakteriologen eine besondere Genugtuung sein. Auf die noch interessantere asiatische Pest könne er ja nicht gleich hoffen. Obschon zwei Kollegen von ihm auch dieses neidenswerte Glück gehabt hätten. Von denen allerdings nur der eine wieder in Europa angekommen sei, da der andre durch einen bedauerlichen, aber interessanten Formfehler bei der Impfung selber unter den ersten Opfern der Seuche gewesen sei. Grabusch hatte keine Lust, sich diesen schönen und ihm wohlbekommenden Frühlingsmorgen durch detaillierte Auseinandersetzungen über Pestpneumonie, Bubonen und Versuche an kranken Meerschweinchen ausfüllen zu lassen. Er entfloh nach der Schwemme, wo er ein warmes Pastetchen mit einem Glas alten Sherrys begießen wollte. Konnte dort aber nicht verhindern, daß sich alsbald sein Kabinengenosse Adolf Zwingenberg mit einem Frühtrunk Pilsener zu ihm setzte, um ihm das merkwürdige Martyrium oder den Circulus vitiosus seiner sonst gesunden Natur, oder wie er es nennen solle, zu schildern. Dieser Circulus vitiosus bestehe nämlich darin, klagte Adolf Zwingenberg mit düsterem Blick in sein Stengelglas, daß er allemal nach seinem kräftigen Abendtrunk, an den er seit Jahren gewöhnt sei, heftig schnarche; vom heftigen Schnarchen aber bekomme er Halsweh, und dieses Halsweh wiederum könne er nur durch Flüssigkeiten, unter denen er den gegorenen den Vorzug gebe, wirksam vertreiben. Worauf Grabusch nicht ohne Gereiztheit bemerkte, daß er sich die Erfordernisse der Konstitution Adolf Zwingenbergs bereits ähnlich vorgestellt, solche aber zu seiner Freude noch bei keinem andern lebenden Menschen auf dem Festland oder auf Seereisen bis heute jemals angetroffen habe. Dieses nahm Adolf Zwingenberg wiederum für eine Schmeichelei, als welche es eigentlich nicht gedacht war. Er kam deshalb dem Herrn Amtsgerichtsrat, dankbar sich neigend, seine Blume. Unterdessen waren Bergemann und Erich, des Morgens, der Sonne, der frischen Brise sich freuend, durch das ganze Schiff gepilgert. Bergemann hatte mit der Befriedigung eines Mannes, der sich in der Sauberkeit dieses schwimmenden Hotelchens durchaus zu Hause fühlt, die Honneurs gemacht; hatte Erich das behagliche Schreibzimmer auf dem Bootsdeck gezeigt, in dem das Geschwisterpaar von Öltzendorff, schweigend sich gegenübersitzend, wappengeschmückte Bogen mit großen, energischen Schriftzügen füllte; dann den Rauchsalon auf dem Promenadendeck, von dessen Fenstern aus man über die Spitze des Schiffes hinaussehen konnte. Ganz vorn hatte er lange mit Erich gestanden zwischen Tauen und Ankerketten in der Spitze, die sich, die weiß zur Seite fließenden Wellen messerscharf teilend, langsam und majestätisch auf und ab bewegte in der unterjochten Flut. Jetzt saßen die beiden plaudernd in dem in seiner Bequemlichkeit fast koketten Musiksalon einander gegenüber, Erich auf dem mattgrünen Sofa, Bergemann auf dem Stuhl vor dem Klavier, dessen Deckel er absichtslos geöffnet hatte. In einer Ecke kauerte Mister Hobsen und blätterte zerstreut in einem Klavierauszug der »Braut von Lammermoor«. In der Hoffnung, daß zu dieser Stunde und wie die Dinge lagen, niemand auf den befremdlichen Einfall kommen werde, ausgerechnet Musik zu machen, hatte er Agnes Hennerich hierher bestellt, um einige pädagogische Gedanken über Fritzchens, des lieben Jungen, Erziehung mit ihr zu tauschen. Da er nun die beiden Herren sich hier seßhaft machen sah, verließ er, ärgerlich und nicht ganz einwandfrei die Arie des Bajazzo pfeifend, den Musiksalon, um einen stimmungsvollen, minder bevölkerten Ort für die wichtige Besprechung auszusuchen. »Sie sind hier wie zu Hause«, sagte Erich lächelnd zu Bergemann. »Es ist eine wahre Freude, zu sehen, wie wohl Sie sich auf der ›Astarte‹ fühlen.« »Sie etwa nicht?« »Doch, doch – manchmal nur denk' ich noch, daß das Land hinter mir liegt. Denke an ein Abenteuer und eine Enttäuschung.« »War's das wirklich? Lieber junger Freund, saß es wirklich so fest schon, daß ... Hat nicht ein ganz klein wenig – seien Sie nicht bös, ja? – die gekränkte liebe Eitelkeit mit schuld an dem bittern Restchen Groll, das noch im Herzen haftet?« »Möglich. Ob ich die Frau geliebt habe ...? Geglaubt hab' ich's jedenfalls, sonst hätt' ich nicht die andre, die Kleine, verabschiedet.« Und plötzlich seinen Gedanken folgend: »Ich weiß übrigens immer noch nicht, wie dieser alte Herr von Öltzendorff, der den Ladestock verschluckt hat, verwandt ist mit dem – mit meinem ... nun, sagen wir, mit dem Sieger von Büssigheim.« »Sehen Sie, nun machen Sie schon Witze über den noch rechtzeitig entlarvten Rivalen. Somit ist er erledigt, ist sein Fall und sein Glück abgetan. Aber über die Verwandtschaft mit dem edlen Geschwisterpaar kann ich Sie beruhigen. Ihrer – ist doch der Kavalier, der ...« »Der Rennen reitet, Briefe ungenügend verbrennt und Apfelschimmel beinahe kauft, ja. Ulan und ...« »Dann ist unser Passagier der Onkel. Und die holde Schwester, die mich immer erinnert an einen zur Puppe gewickelten Fleischknäuel, aus dem oben ein rotlackierter Kopf herausschaut, hat das Glück, die Tante zu sein.« »Hm. Ob ... ob der Rittmeister sie jetzt heiratet, die Herrin vom Eugenienhof?« »Er wird sich's überlegen. Sie, mein lieber Erich, der Sie das Vermögen Ihres Vaters und eine gütige Mutter hinter sich haben, hätten's riskieren können, mit einem tüchtigen Verwalter diese – gestehen wir's uns doch schon ein – diese stark verlotterte Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Und die Dame Eugenie wußte das. Freilich, die Juristerei, eventuell auch die Konsulatskarriere, an die Sie dachten, wäre daneben unmöglich gewesen. Von Guatemala oder Bolivia aus läßt sich kein Gut in Büssigheim in Schwung bringen.« »Wer weiß, ob ich nicht – meinen, das heißt Ihren Kohl bauend – ein besserer Landwirt geworden wäre, als Jurist.« Bergemann lächelte. »Das kenn' ich. Das hat das Meer so an sich in den ersten Tagen.« »Das Meer...?« »Ja. Es holt aus dem Menschen, der es befährt, so allerlei alte Pläne und friedlich entschlafene Neigungen heraus, die sich auf dem Asphalt und zwischen den Mietkasernen und Kaufhäusern der Großstädte gar nicht hervorwagen. Vielleicht ist's der wundervolle weite Horizont, der auch dem Blick ins eigne Leben die großen Maße gibt. Vielleicht ist's die herrliche Stille, die endlich mal erlaubt, andachtsvoll auf leise Stimmen in uns selbst zu hören, die von dem Gequietsch der Stadtbahn, dem Rattern der Elektrischen, dem Tuten der Autos, dem Geschnatter der Geselligkeit und nicht zum wenigsten dem Klirren der Berufsketten in der Mauerwüste des Festlandes übertönt werden.« Sie waren wieder hinausgetreten aufs Promenadendeck und nahmen ihren Rundgang wieder auf. Der Sanitätsrat liebkoste mit zärtlichen Augen die fast ganz beruhigte weite Wasserfläche und schien ganz zu vergessen, daß jemand neben ihm ging. »Das Meer ist Ihre Liebe, Sanitätsrat.« »Ja. Unsern Gedanken, find' ich, unsrer Sehnsucht, unsrer Hoffnung gibt es die großen freien Linien. Es weckt nur die Lust an allem, was von seiner Art ist, was – wenn ich so sagen darf – seinen Stil hat. Wenn jetzt die Damen da unten wieder gesund sind und Sie, mein lieber Junge, flirten und Scheffelbord spielen und um die Wette Trauringe nach Holzpflöcken werfen und ...« »Werd' ich nicht!« »Sie werden. Dafür sind Sie halb so alt wie ich. Wissen Sie aber, was ich dann hier oben in meinem einsamen Stuhl auf dem Sonnendeck unternehme?« »Sie lesen.« »Richtig. Und was ...?« Bergemann zog, fast ein wenig geniert, ein schlicht in Leinwand gebundenes Buch aus der Tasche seines Sakkos. Neugierig nahm es Erich, schlug es auf und blätterte erstaunt darin. »Griechisch? ... Die Odyssee ...?« Bergemann nickte. »Ja. Und warum? Weil der Graf August von Platen, für dessen formschöne Dichtungen ich eine ganz unmoderne Schwäche habe, recht hatte, als er die Verse schrieb, die ich mir da auf die erste Seite notiert habe.« Und ohne hinzusehen, sprach Bergemann langsam, ohne Feierlichkeit, aber im Rezitieren sich der Rhythmen kennerhaft freuend, die Verse vor sich hin: Dich zum Begleiter empfehl' ich dem Reisenden! Aber vor allem, Wenn des italischen Meers hohes Gestad' er umschifft: Wunder und doch Wahrheit, Ehrfurcht vor dem Göttlichen lern' er, Lerne das Menschengemüt kennen und Menschengeschick ... Schönstes Gedicht! Nichts kommt dir gleich an Behagen und Anmut. Unter den neuen erschuf ähnliches bloß Ariost! »Wenn Sie mal keine Lust haben zu lesen, Sanitätsrat, leihen Sie mir das Buch ein wenig. Vielleicht reicht mein Griechisch noch.« »Man liest sich rasch wieder ein. Aber, junger Freund – hüten Sie sich, daß Ihnen auf dieser Meerfahrt keiner dieser Gesänge zum Symbol der Erlebnisse werde! Nicht das Abenteuer mit der göttlichen Nymphe Kalypso auf der Insel Ogygia – und noch weniger der üble Zauber der Circe.« »Ich glaube, das ganz unhomerische Büssigheim hat mich gegen solche Zauber für ein Weilchen gefeit, überhaupt, ich bin kein Mensch für plötzliche Wandlungen.« »Das kann man nie wissen in Ihren Jahren.« Bergemann lächelte seltsam vor sich hin. »Ach – Sie meinen, weil ich vorgestern so rasch ... Sie glauben nicht, wie blamiert ich mir vorkam! Als wär' ich in einer dunklen Gasse von oben her begossen worden mit etwas Widerlichem. Es war mir, als könnt' ich nicht rasch genug möglichst weit wegfahren von diesem Blick aus dem Abtzimmer hinüber nach Eugenienhof.« »Blamiert sein – das ist's. Das fürchten wir alle in jungen Jahren mehr als die Sünde.« Sie standen wieder in der Spitze. Hatten nichts und niemand vor sich. Hoch über den Wassern schob sie das fahrende Schiff, wie ein Luftbrecher, in den Morgen. An die dünnen Eisenstäbe des Geländers gelehnt, sahen sie hinaus auf das Meer, das jetzt in einem fünften Blau erstrahlte wie ein riesiger Schild, aus einem einzigen Edelstein geschliffen, ohne Fehler, ohne Muster, ohne Buckel. »Gestern abend, eh ich einschlief,« sagte Bergemann langsam, und es war, als ob er mit den Worten kämpfte, als ob der Zauber der Stunde das Geständnis aus ihm herausholte, der es nur widerwillig preisgab, »ehe ich einschlief – es war nicht sehr früh – die Ungarn gegenüber waren noch so laut –, da hab ich mir ausgerechnet, daß ich genau so alt war wie Sie, als ich meine Erniedrigung erlebte. Meine Blamage, wie Sie's nennen. Und vielleicht auch meine höchste Höhe – meinen Verzicht auf ein großes Glück.« »Und genau so alt war mein Vater, als er sein Lebensglück begründete und mit meiner Mutter sich verlobte.« »Ich weiß. Wir waren ja gleichaltrig. Im selben Jahr, im selben Monat sogar geboren.« Der Sanitätsrat sah Erich nicht an. Es war, als ob er das alles dem Meer anvertraute, sich selbst erzählte, im Angesichte der Sonne und dieser strahlenden Bläue. »Ich liebte damals ein Mädchen von ganzem Herzen. Sie war aus guter, etwas altmodischer Familie, erzogen in der bürgerlichen Reputierlichkeit eines deutschen Gelehrtenhauses. Heute schätzt man so was nicht mehr so hoch ein, spöttelt ein bißchen und vergißt, daß uns solche Häuser in ernsten Zeiten unsre besten Männer gegeben – und fast immer unsre besten Mütter.« »Auch meine ist ja aus solchem Haus.« »Auch Ihre ... Ich hatte eine Schwester. Eine einzige. Liebte sie abgöttisch, denn sie war klug und schön. Aber ein romantisches Hirnchen. Und wie immer, wenn die Mutter früh gestorben, der Vater ein lieber Phantast und Eigenbrötler ist – das Mädel durfte tun und lassen, was sie wollte. Als sie achtzehn war, hatte sie Vaters ganze Bibliothek gelesen – da stand die Bibel neben dem Boccaccio und Goethe neben Sacchettis Novellen und Straparolas ›Ergötzlichen Nächten‹. Schopenhauer bei Schiller, Grabbe bei Poe, der Don Quichotte beim Hamlet und Napoleon neben Casanova. Was Wunder, daß dem Mädel das Abenteuer im Blut lebte – und das Blut war heiß. Und der Vater liebte, lächelte und vertraute ... Sie war schlank, wie eine Gerte, und hatte die lebhaftesten Augen, die ich je gesehen ... Einer meiner Freunde – alle machten ihr den Hof – bewarb sich ernstlich um sie. Zäh, gründlich und pedantisch, wie die Deutschen lieben, die früh Brillen und wollige Vollbarte tragen. Er hatte sein Staatsexamen gemacht, sah nicht sehr gut aus, war aber ein anständiger Kerl. Der Vater riet zu. Sie lachte und schüttelte den Kopf. Ihre Jugend wollte sie genießen. Reiten wollte sie lernen. Es war eine ausgezeichnete Gelegenheit. Ein Zirkus – man sagte damals noch: eine englische Reiterhütte – war für ein paar Wochen in der Stadt. Der Schulleiter der Truppe, ein Señor Cenzano – er war gewiß kein Spanier, aber er galt dafür – gab frühmorgens Reitunterricht. Mein Vater schwankte, wollte nicht erlauben, kämpfte mit seiner Schwäche – aber Gertrud bat, bettelte, schmeichelte, bis ... Er hat's schwer bereut, daß er nachgab ... Gertruds Leidenschaft für den Sport, für die Pferde wuchs beängstigend. Ihre Sprache, ihre Bewegungen, der Duft ihrer Kleider – alles erinnerte mit einmal an den Stall. Sie war kaum mehr ohne Reitgerte und dänische Stulphandschuhe zu sehen. Es kam ein harter, gespannter Zug in ihr schönes Gesicht. Ihre Hände wurden fest und rauh ... Eines Tages hatte sie eine Aussprache mit dem Vater – später erst erfuhr ich's: sie wollte den Señor Cenzano heiraten. Ob er's wollte ...? Der Vater war außer sich. Aller Hochmut der Gelehrtenkaste, alle bodenständige Bürgerlichkeit, alle Angst vor Zigeunertum und Bohème empörten sich in dem aufgeklärten, sonst so sanften Mann. Es muß eine furchtbare Szene gewesen sein – ich war in der Universität und erlebte sie nicht. Aber die Dienstboten zitterten noch davon, als ich heimkam ... Am nächsten Tage war Gertrud verschwunden. Ohne Abschied, ohne Brief, ohne jede sentimentale Regung, fast ohne Gepäck. Mit dem Spanier, der seine beiden edlen Schulpferde am Abend vorher noch rasch für ein Spottgeld verkauft hatte ... Ich wollte ihr nach, wollte sie suchen, fassen – unsanft fassen mit Hilfe der Behörden, der Polizei, der Detektivs, des Telegraphen ... an was dacht' ich alles! Der Vater – müde, gealtert, kalt, weiß und starr geworden in einer Nacht – befahl: ›Nein! Nichts! Mag sie gehn. Mag sie wiederkommen! Das Haus ist leer und weiß nichts mehr von ihr. Das Haus ist offen und, wenn sie's sucht, mag sie eintreten ...‹ Sie hat's nie mehr gesucht, nie mehr betreten. Aus Gram – aus Verzweiflung – aus Unvermögen? Niemand weiß es ... Der Vater hat nichts mehr von ihr gehört. Als er tot in seinem grünen Sessel saß, in dem schon Großvater gestorben war, fand ich ihr Kinderbild in seiner Brieftasche ... Und ich ...? Ich habe mich, als ich den müden alten Mann begraben, an artistische Zeitschriften, an Sportblätter, an Koryphäen der Manege gewandt. Niemand wußte mehr etwas von Señor Cenzano. Vor Jahren hatten ihn manche gekannt und seine arabischen Pferde, Hassan und Mustapha, das war lang her. Er war verschollen und blieb's. Und sie mit ihm ... Mein Leben aber hatte seinen Knacks. Wie soll ein junger Kerl, dessen Schwester ohne Ring am Finger herumzigeunert mit einem spanischen Schulleiter, sich eine Braut aus einem deutschen Bürgerhaus holen, aus einem Haus mit grünen Läden und Geranientöpfen an den Fenstern, um dessen Lampe es kein Geheimnis gibt und nichts zu vertuschen! Aus einem Haus, in dem alles gute Familientradition ist. In dem jedes alte Bild aus seinem Rahmen klar und anständig alle Daten und Taten seines Lebens erzählen kann. In dem alle Lebensläufe langsam und stetig bergauf führen ... Ich hab verzichtet. Leicht ist mir's nicht geworden: aber mein Studium, mein Beruf hat mir die harten Notwendigkeiten des Lebens früher und energischer als manchem andern vor Augen gerückt. Nun war ich selbst an der Reihe, mich zu beugen. Ich hab's getan – und ein halbes Leben daran getragen. Denn diese Liebe – seien Sie mir nicht bös – hatte nicht in Heringsdorf begonnen als Strandflirt beim Muschelsuchen und beim Souperchen. Im dummen Buben hatte diese Liebe gekeimt, den Jüngling hatte sie ahnungsvoll durchleuchtet – den Mann hat sie geschüttelt und geheizt – und nun blieb ihm die Aufgabe, sie zu ersticken.« »Und das – Mädchen ...?« »Hat geheiratet.« »Und ist glücklich geworden?« »Ich glaube.« In diesem Augenblick kam Hilde, die hübsche Stewardeß, leichtfüßig über Taue und Ketten kletternd, nach der Spitze. Sie war etwas erhitzt vom raschen Gang durch die Gesellschaftsräume und ums Promenadendeck, wo sie den Sanitätsrat gesucht. Endlich hatten ihre guten Augen von einem Fenster des Rauchzimmers aus die beiden Herren hier erspäht. »Herr Sanitätsrat,« sagte sie respektvoll, aber mit einem ganz kleinen, feinen Lächeln um die Mundwinkel, »Frau von Scupinsky befindet sich nicht sehr wohl ... Es ist nicht schlimm, aber ... sie hat aus der Passagierliste ersehen, daß Sie Arzt sind ...« »Nicht Schiffsarzt.« »Herrn Doktor Lux lehnt sie ab. Er versteht nichts, sagt sie. Sie hat in Wien auch einen Sanitätsrat ... und Herr von Scupinsky ...« »Nun?« »Ich glaube, er ist etwas eifersüchtig und ...« »Ach so – und ich bin ein alter Herr.« »Aber nein –« Hilde wurde rot ... »Ich hab das nicht gesagt.« »Unhöflich gegen eine Dame mag ich nicht sein.« Bergemann wog seufzend seinen Homer in der Hand. Dann reichte er Erich das Buch: »Da wäre schon der Moment gekommen für Ihre Lektüre!« Und damit ging er vorsichtig über Taue und Ketten nach der kleinen Brücke, die hinüberführte zum Promenadendeck. »Kommen Sie heil zurück – von der Insel Ogygia!« rief Erich munter dem sich Entfernenden nach. Und dann plötzlich, wie von einer Eingebung gepackt: »Fräulein –!« Die Stewardeß, die dem Sanitätsrat folgen wollte, sah sich um: »Bitte?« Sie stand, ihre weiße Schleife festhaltend, die Stirn von eigenwilligen dunklen Haaren umflattert, im Wind. »Ich muß Ihr Gesicht schon einmal gesehen haben –« »Ich glaube, es ist kein seltenes, Herr Doktor.« »O doch – und ... wenn Sie sprechen ... Fahren Sie schon lange auf dem Schiff?« Das Gespräch schien Hilde nicht angenehm. Sie zögerte mit der Antwort, dann sagte sie: »Nein. Es ist meine zweite Fahrt. Vor dieser war ich in Dalmatien.« Erichs Gedanken waren nicht in Dalmatien, sie suchten in Berlin herum: und er ärgerte sich, daß ihm die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einfiel, mit der doch sicher dieses hübsche Mädchen nichts zu tun hatte. »Sie kennen Berlin?« »Ja. Ein wenig. Aber Sie entschuldigen, Frau von Scupinsky erwartet mich. Ich muß ihr Kompressen machen.« Erich sah ihr nach. Diese bescheidene, doch sichere Art gefiel ihm. Mädels aus der Gesellschaft hätten davon lernen können! Was war eigentlich der Bildungsgang solcher Stewardeß? War sie ein besseres Zimmermädchen ... oder –? Sie mußte doch sicherlich Sprachen sprechen und etwas schneidern können ... überhaupt etwas können ... War es nicht einerlei, ob man dieses konnte oder jenes – ob man erbüffelte Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches im Hirn hatte oder ... »Eine nette Krabbe – nicht?« sagte jetzt jemand dicht neben Erich, der sein Kommen nicht bemerkt halte. Es war die Stimme des Herrn Mücke, der die Morgenstunde benutzt hatte, sich ganz in weißen Flanell zu kleiden und in einem roten Foulardschlips eine ansehnliche Perlennadel zu befestigen. Der enteilenden Hilde nachsehend, der ein frischer, lustiger Wind die Röcke fest an die gutgeformten Schenkel legte, wiederholte er im Ton eines wägenden Preisrichters, der einen mehrfach prämiierten Dobermannpinscher zu begutachten hat: »Eine nette Krabbe.« Erich hatte das Gefühl, daß es ihm große Erleichterung bereiten könnte, wenn er diesen öden Gent jetzt meuchlings an den Unterschenkeln um die weiße Hose fassen und in weitem Bogen ein bißchen über Bord werfen dürfte. In diese Erwägungen paßte seltsam eine Äußerung Mückes, der, scheinbar auf der Suche nach einem andern Gesprächsthema, auf die Schönheit dieses Morgens gekommen war und, während er sein Einglas mit einem Seidentuch putzte, abschließend bemerkte: »Tja – man kann ja nie wissen, wie viele solcher Vormittage man noch genießen wird!« Erich sah den etwas verlebten, aber durchaus nicht kränklich aussehenden Sprecher an und fragte, einen leisen Spott in der Stimme: »Sind Sie Hypochonder?« »Nein,« erwiderte Mücke breit und ruhig und hauchte interessevoll die runde Glasscheibe an, um eine neue Reinigung vorzunehmen, »das nicht – bloß überzeugt, daß diese Fahrt meine letzte ist.« Es war ersichtlich, daß er so redend einen heroischen Eindruck bezweckte. Aber im Tone lag doch etwas, das eine glatt posierende Verlogenheit ausschloß. Ein Narr, dachte Erich und drehte Herrn Artur Mücke den Rücken. Seine letzte Fahrt! Und das legt der Kerl so hin, als ob er sagte: Ich esse von morgen an kein Quittengelee mehr ... oder auf Eichhörnchen werd' ich nicht mehr schießen ... Fatzke! – Seine letzte Fahrt! ... Übrigens – wenn schon! Drittes Kapitel. Es war sehr wahrscheinlich, daß Mister Hobsen das für Spanisch einschätzte, was er mit dem Polizisten am Aufgang zur Arena de Toros von Barcelona sprach. Kloppenbusch hielt sich dicht bei ihm und bewunderte ihn sehr. Der Polizist aber blickte unter seinem dunklen Filzhelm mit fragenden, stechenden Augen auf den lebhaften Sprecher, während seine rechte Hand wie beschwörend in die Höhe fuhr, der nachdrängenden Menge auf der dunklen Treppe einen Aufenthalt gebietend. Sein knallroter Ärmelaufschlag leuchtete wie ein Feuerzeichen über die dunklen Köpfe, die Hüte und Kappen der unwirsch Verweilenden. Murren und Flüche drangen aus der Tiefe zu den Herrschaften der Schiffsgesellschaft empor, die, auf Hobsens Gewandtheit und Sprachkenntnis vertrauend, halb freiwillig, halb geschoben, den Dialog des Amerikaners mit dem Spanier umdrängten. »Es riecht hier gräßlich nach Kühen«, seufzte Elisabeth Hunneberg, wurde aber von Kreuzwendedich von Reubke, der ihren Mantel und ihren Pompadour trug, dahin belehrt, daß der üble Duft jedenfalls aus den Ställen der Stiere käme. »Also das ischt eine Gemeinheit!« protestierte Otto Häfele. den ein kräftiger Schub der nachdrängenden Menge von Anna getrennt hatte. Ein Arrangement, das auf der Reise bis hierher noch nie beobachtet worden war. »Wir werden Ihnen die Frau Gemahlin gut aufheben«, tröstete Bergemann lachend, der mit Erich, in den er sich vorsorglich eingehakt halte, von der rücksichtslos schiebenden und auf die Fremden schimpfenden Menge zwischen das Paar gedrückt worden, und, eingekeilt, wie ihm vorkam, in eine Wolke von Knoblauch, Zigarettendunst, Knochen und alten Kleidern, kein Glied rühren konnte. Auch nicht den Kopf wenden. Er hörte nur an der Stimme, daß es Herr von Öltzendorff sein mußte, der ihm immerzu auf die Hacken trat; denn seine Stimme beklagte jetzt zum soundso vielten Male den Verlust seines Spazierstocks mit goldener Krücke, den er sich deutlich erinnere, aufs Schiff mitgebracht zu haben, und der vorhin beim Aufbruch in der Kabine nicht zu finden war. Viktoria von Öltzendorff aber sang ein Loblied auf die preußische Polizei, die denn doch einen Menschenandrang wie diesen ganz anders bewältigte. Und sie kam in einem nicht recht verständlichen Übergang auf Friedrich Wilhelm I., den Soldatenkönig, zu sprechen, unter dem ein Öltzendorff Oberst in Spandau und eine Zeitlang sogar Mitglied des Tabakkollegiums gewesen sei. Mitteilungen, die auf einer Treppe zum großen Fronleichnamsstierkampf in Barcelona weder die Eingeborenen noch die Fremden besonders interessierten. »Also der Wurstelprater am Pfingstsonntag ist eine menschenleere Wüste gegen so eine Hetz«, äußerte Schwammerl zu Herrn und Frau Bankdirektor Tiegs, auf die er von hinten heftig aufgeschoben worden war, ohne auch nur seine Hände im Gedränge freizubekommen, um das ihm tief in die Augen gerutschte Steirerhütel zurechtzuschieben, nach dessen neckischer Spielhahnfeder ein übel aussehender kragenloser Jüngling aus einiger Entfernung in kunstlosem Übermut Orangenkerne spuckte. »Du hast hoffentlich die Brieftasche mit unsrem Kreditbrief auf der ›Astarte‹ gelassen?« Frau Tiegs sah bei diesen wohlbedachten Worten den Gatten mit einem Blick an, der diese Anfrage für jeden Physiognomiker dahin deutete: Wir hätten überhaupt dieser Proletenansammlung fernbleiben sollen! Arthur Mücke, der sich, seit sie die Droschken verlassen, dicht hinter Tilly Schuch gehalten und bei diesem wilden Geschiebe die Molligkeit ihrer früher aus der Ferne gewürdigten Körperformen nachzuprüfen Gelegenheit hatte, litt unter dem peinlichen Gefühl, daß sich hinter ihm ein alter Spanier am Rückenteil seines neuen Sommerüberziehers emsig die Nase rieb. In dem Augenblick, als es schon niemand mehr erwartet hatte, gab der Polizist vorn den Weg frei. Grölend, kreischend, drohend, lachend wälzte sich der mißduftende Menschenstrom in die Höhe und riß das Päcklein gut gekleideter Fremder, die den Stierkampf sehen wollten, mit herauf. Wie ein Triumphator stand Hobsen oben und wies mit einer weit ausholenden Armbewegung stolz, als ob er diese Arena für fünfzehntausend Menschen persönlich geplant und eigenhändig gebaut habe, auf den imposanten Rundblick. Aber ehe noch irgendeiner diesem Genuß sich hingegeben, hatte die Vehemenz eines kräftigen Nachschubs, der aus dem Treppenaufgang quoll, die ganze Gesellschaft, wie wacklige Bleisoldaten, durch- und gegeneinander geworfen. Instinktiv herdenartig drängten sie nun alle hinter dem Leittier Hobsen her, der mit der schönen Sicherheit eines hier Bescheid Wissenden, die bunten Einlaßkärtchen krampfhaft in der Hand, im Zickzack über die als Sitze dienenden riesigen Steinstufen kletterte, zwischen würdig thronenden Frauen in Mantillen, ernst mit verschränkten Armen stehenden Hidalgos, hingeflegelten üblen Mützenträgern, zwischen Kindern und Greisen hindurch einer hochgelegenen Reihe zustrebte. In der Erregung dieser ungeahnten Kletterei durch eine teils friedlich, teils ironisch gestaute Masse hatte sich der Zug seltsam genug zusammengesetzt. Kloppenbusch, der überzeugt war, daß die Hälfte aller hier Anwesenden gefährliche, einen Mord nicht scheuende Anarchisten seien, entfernte sich nur ungern von den bewaffneten Polizisten. Er hielt sich jetzt beim Aufstieg an Mücke in der dunklen Ahnung, daß dieser Jüngling sicher einen seiner scharf geladenen Revolver zur Verteidigung bei sich trage. Grabusch hatte Elisabeth Hunnebergs Hand gefaßt und zog sie in etwas gewaltsamer Galanterie hinter sich her, während Otto Häfele, in der beglückenden Überzeugung, sein geliebtes Annale zu einem sichern Sitze zu retten, der sehr empört dreinschauenden Frau Tiegs Handgelenk gefaßt hatte und sie zu Schritten und Sprüngen nötigte, die dem Stil dieser Weltdame durchaus nicht entsprachen. Anna Häfele aber folgte, bange Blicke den Enteilenden nachsendend, mit Reubke, der mit Elisabeth Hunnebergs nachschleifendem, hermelinbesetztem Mantel viel Schererei hatte. Hinter Bergemann und Erich beschloß Schwammerl den seltsamen Zug und versicherte, während ihm der Schweiß unterm Steirerhütel hervorbrach, seiner spanischen Umgebung immer wieder kläglich, daß er kein Steinbock sei und an solchem Gespringe über meterhohe Stufen nicht das bescheidenste Vergnügen habe. »Und das alles nur,« schloß er seine empörten Monologe, »damit wir einen Ochsen abstechen sehen. Nit zu glauben!« Endlich waren alle oben und saßen. Erich, zwischen Tilly und Bergemann, hörte nicht auf das erregte Geplauder Reubkes und Schwammerls hinter ihm, die sich der etwas erhitzten, aber in ihrem mattblauen Sommerkleid mit den wehenden weißen Federn auf dem kokett gekniffenen Strohhut sehr hübschen Tilly Schuch um die Wette angenehm zu machen suchten. Er sah auch nicht, wie Frau Tiegs in ihrer gemessenen Art den vom Aufstieg sehr blassen Gatten tadelte, daß er sie ohne Widerrede von dem Schwaben habe entführen lassen; sah nicht, daß Otto Häfele, zerknirscht über seinen Irrtum, Anna Häfele innig die Hand drückte und ihr mit allen Zeichen der tiefsten Reue an Eides Statt versicherte, daß nur die Aufregung eines Stierkampfes in Barcelona solche unerhörte Verwechslung entschuldige und daß ihm ähnliches daheim in Cannstatt das ganze, hoffentlich recht lange Leben hindurch niemals passieren werde. Erich sah nur das Gesamtbild. Sah die Arena, das Volk, das Fremdartige, Spanien. Kopf an Kopf in der weiten Runde eine unruhige, leidenschaftliche, von der Erwartung bewegte Menschheit. Nur hoch oben die große, in grünen Girlanden prangende Mittelloge war noch leer. Die Reklamen da unten leuchteten grell von der die untersten Sitzreihen vom Kampfplatz abtrennenden schokoladenfarbenen, schützenden Bretterwand. Im gelben Sand in der Tiefe bunte Punkte, blitzendes Metall der Pauken und Trompeten. Eine Musikkapelle spielt da unten: aber was sie spielt, ist kaum zu hören bei dem Lärm, der einem gigantischen Bienenschwarm zu entsummen scheint. Blitzende, hüpfende Farbenflecke im Grau der Zuschauermassen: Fächer, blau, orange, rotgelb, in den bewegten Händen der Frauen. Ein paar grellrote Schirme über schwarzen Köpfen. Und ganz oben schlaff im Mittag hängende Fahnen. Voll ist's zum Erdrücken: und durch das dominierende Spanisch schwirren die Laute anderer Kultursprachen. Ein paar Engländer in ihren hellen Sportanzügen photographieren kaltblütig. Ein Trüppchen Marokkaner in weißen Burnussen hockt ernst und schweigend beisammen. Jetzt stemmen sich dort am Eingang auf halber Höhe die Polizisten mit breiten Rücken der anbrandenden Menge entgegen, die noch in die überfüllte Arena nachdrängen will. Aber allem liegt hell und grell die Nachmittagssonne. Sie läßt die Reklameplakate aufdringlicher schreien: »Annis« – »Annis del tampi!« Sie badet die blutroten und grasgrünen Zettel in Licht, die von oben her, Anpreisungen tragend, über die tausend, tausend Köpfe wie trunkene Schmetterlinge flattern. Sie blitzt aus dem echten und falschen Schmuck der Damen. Sie läßt das Gold der Orangen leuchten, die, von fabelhaft sicheren Bubenhänden unten aus dem Sande geschleudert, hoch oben in einer Reihe den brüllenden Käufer erreichen, der seine Kupferstücke dafür den nacktfüßigen Bengeln herunterwirft. Bergemann sprach stehend über Tilly Schuch hinweg mit Mücke. Einen Augenblick streifte Erichs Auge die Gruppe. Ihm fiel wieder der Kontrast auf zwischen der ungemachten natürlichen Vornehmheit des alten Herrn und dem forcierten Dandytum des Jungen, der sein glattrasiertes, absichtlich auf interesselose Blödigkeit eingestelltes Gentgesicht über den hohen Kragen vorfallen ließ, als ob diese Rübe mit der Dreimillimeterfrisur dem langen, dünnen Hals zu schwer wäre. Was Bergemann, den schlichten und klugen Mann, von Zeit zu Zeit immer wieder zu diesem leeren, bummelnden Gecken hinzog, war Erich unerfindlich. Kloppenbusch glaubte sich der Gesellschaft angenehm zu machen, indem er ein abscheulich blaues Programm hervorzog, das er unten mit einem Silberstück königlich bezahlt hatte. Es befanden sich darauf neben sehr vielem Gedruckten die kleinen und großen Porträte der heute in der Arena zu erwartenden Matadores de Toros, die in ihrem überladenen Zunftkostüm mit Dreispitz und Zöpfchen operettenhaft, aber ganz passabel aussahen, während man sie auf den beigegebenen Medaillons im Zivil einfach für Schlächtergesellen am Sonntag hielt. Womit man ja von der Wahrheit nicht eben weit entfernt war. Kloppenbusch las nun, da er aufgeregt war und sich irgendwie nach Betätigung sehnte, aus dem Programm das ihm wichtig Scheinende vor: »Saldrán a pedir la llave, montando preciosas jacas andaluzas, las gentiles y popularismas coupletistas La Goyita y la Tirana tomarán parte en dicha extraordinaria becerrada actundo de auxiliares banderilleros, rejoneadores, puntilleres, monosabiosa ó mutilleros siguientes diestros: Matadores de Novillos ...« Er verstand natürlich kein Sterbenswort von dem, was er ohne jedes Talent für die Aussprache herunterlas; und die umsitzenden Spanier hatten mehr Vergnügen davon als die Damen und Herren seiner Gesellschaft, die nicht zuhörten und die Gläser auf die große Loge richteten. In dieser girlandenverzierten Mittelloge erschienen jetzt, vom Publikum lebhaft begrüßt, drei elegante spanische Damen in weißer Mantilla, hinter sich ein paar Herren, die trotz der Mittagshitze Frack und schwarze Krawatte angelegt hatten, und einige Offiziere in Uniform. Alle benahmen sich sehr wichtig und bewußt. Kloppenbusch, der die ganze Veranstaltung schon vor ihrem Beginn mißbilligte, äußerte sich dahin, wenn er eine vornehme Spanierin wäre, würde er sich andere Vergnügungen aussuchen, anstatt hier zu erscheinen, um Rindvieh abmetzgern zu sehen. Was die Damen in der Loge, die von Kloppenbuschs Mißbilligung nichts wußten, nicht abhielt, sich am Rande der Loge anmutig und selbstsicher zu verneigen und lächelnd ihre Tücher und Blumen auf den Sammetrand der Logenbrüstung zu legen. Dieses mußte ein Zeichen irgendwelcher Art gewesen sein, denn das Gekreische, Gepfeife, Gejohle der erhitzten Menge begann von neuem. Die Kapelle, die jetzt über dem Eingang zu den Ställen angestrengt musizierte, hätte aufhören können, sich zu mühen; denn es hörte kein Mensch einen Ton von ihren Übungen. Jetzt schwoll der Lärm ins Ungemessene, bekam aber eine deutlich vernehmbare Jubelnote, die vorhin gefehlt hatte. Auf schwarzen, kleinen Pferden ritten zwei ganz in Gelb und Seidenflitter gekleidete Reiter von links her in die Arena, parierten ihre Tiere, indem sie ihnen mit rohem Ruck die Eisen ins Maul rissen, und senkten kurze Lanzen grüßend vor den Damen. »Als ob sich die Kerle in Eidottern und Fischschuppen gewälzt hätten«, gab Kloppenbusch nicht ganz unrichtig seinen Eindruck dieser ritterlichen Erscheinungen wieder. Wieder eine Musikkapelle in Uniform. Dahinter auf armseligen Kleppern, denen die Todesangst schon durch die fellüberzogenen Knochen zu flattern scheint, die Picadores mit den ahnungsvoll umwickelten Beinen. Als Farbflecken schön, aber lächerlich in ihrer altspanischen Rittertracht, die von den elenden Rosinanten, die sie reiten, übel absticht. Hinter ihnen zu Fuß mit wiegenden Ballettschritten die Banderilleros. Ihre gelben Strümpfe leuchten, und unzählige bunte Bänder hängen an ihren sehnigen Leibern herum, wie von einem Kirchweihbaum. Einige tragen die grellbunte seidene Schärpe, die später den Stier äffen und wütend machen soll, nachlässig über dem Arm; andere schleifen sie gar ein wenig im Sande nach. Alle schicken ein kokettes Lächeln über die lückenlos vollgepfropften Reihen des Amphitheaters hinauf zu der bevorzugten Loge. Jetzt ein ohrenbetäubendes Gebrüll und Getrampel ... Kloppenbusch kneift, um etwas zu tun, seiner Erregung Herr zu werden, den Bankdirektor Tiegs in den Arm, daß dieser ärgerlich protestiert. Elisabeth Hunneberg beugt sich atemlos weit vor, so daß sie fast auf des vor ihr sitzenden Schwammerl grünem Steirerhütel liegt. Tilly Schuch ist sehr blaß geworden; und Grabusch überlegt, wie das erst werden soll, wenn die Stiere nun wirklich kommen, und ... schließlich haben die Damen doch kaum die Seekrankheit überwunden. Und man sitzt so dicht wie die Datteln in einem Versandkistchen aneinandergepreßt, und er hat unvorsichtigerweise seine beste Sommergarnitur angelegt. »Aha – die Espadas!« Bergemann hat früher in Gibraltar und Kadiz schon Stiergefechte mitgemacht und ist eigentlich nur mitgegangen, um Erich Gesellschaft zu leisten, den er vom Standpunkt mitteleuropäischer Kultur auf Abscheuliches vorbereitet hat. Der theatralische Einzug aber mit seinen hellen Farben, tänzelnden Pferden, wehenden Seidentüchern und blitzenden Toledoklingen erfreut sein Auge, so sehr er sich gegen den Zweck dieses Aufmarsches auflehnt. »Aha – die Espadas«, wiederholt Kloppenbusch, sieht aber dabei gar nicht in die Manege, sondern auf zwei gestikulierend und scheltend, kletternd und stolpernd sich bahnbrechende Menschen, die in der Richtung der Schiffsgesellschaft, mühsam und von den Verwünschungen Getretener und zur Seite Geschobener begleitet, ohne jede Ähnlichkeit mit Espadas, hinanstreben. Ritter von Scupinsky und Selma, die ganz in Himmelblau gekleidet ist und einen ihrer kühnsten Hüte trägt. »Wir haben Glück!« ruft Scupinsky schon von weitem kordial über die erregten Köpfe der Spanier weg den Bekannten zu. »Wir werden berühmte Matadoren erleben: Machaquito, Fallo, Cocherito – sehen Sie« – zwischen Grabusch und Reubke hat er seinen Lackstiefel gesetzt und erklärt gereckt, den Feldstecher am Auge, Tilly Schuch mit dem vom Zigarettenrauchen gelben Zeigefinger auf einen der eben, den Degen in der Rechten wippend, den seidenbezogenen kleinen Stab in der Linken, einziehenden Espadas weisend: »Der mit der spitzen Nase – das ist Machaquito, der voriges Jahr zweimal in Sevilla von einem andalusischen Stier auf die Hörner genommen wurde!« »Um Gottes willen!« Tilly Schuch wird noch um eine Nuance blasser. Sie denkt sich das schrecklich, wenn heute wieder ein Stier ihn auf die Hörner nähme. Sie sucht den Espada mit der spitzen Nase. Was muß doch dieser Scupinsky für Augen haben! Sie sieht da unten überhaupt keine Nasen. Und sie überlegt sich blitzschnell, daß es vielleicht später ein Vorteil sein mag, wenn man da unten nicht alle Nasen und alle sonstigen Details steht. Selma begrüßt Mücke mit großer Herzlichkeit und äußert in ihrem forcierten, immer etwas unechten Vorstadt-Wienerisch: »Ja, es wird scho a Hetz werden. Also wir haben ja in Sevilla und Madrid die Sachen scho mitg'macht. Aber für die Herrschaften, die wo's z'erstemal sehn, is so was scho unterhaltlich.« Und schon hatte die Unterhaltlichkeit da unten begonnen. Die Musikkapelle war im Laufschritt links verschwunden. Würdig, mit kokett wiegenden Schritten, hatten sich die Espadas angeschlossen, die mit dem Beginn des Schauspiels und seinen holden Neckereien nichts mehr zu tun hatten. Das ernste Ende gehörte ihnen. Von oben aus der Mittelloge war aus der Hand einer der weißen Damen in weitem Bogen der schwere Schlüssel zum Stall in den Sand der Arena geflogen. Unter dem wilden Beifall der Zuschauer sprengte einer der Picadores heran, hob geschickt mit der Lanzenspitze den Schlüssel auf, galoppierte an das Tor gegenüber und reichte ihn über die Holzschranke den wartenden Stallburschen. Auf dem riesigen weißen Ziffernblatt über dem Stall wiesen die Zeiger auf fünf Minuten nach halb vier. Mit kurzen Galoppsprüngen, zornig mit dem Schweif schlagend, den Kopf mit den geschwungenen Hörnern spielerisch gesenkt, flog staubwirbelnd der erste Stier in die Arena. Stutzt in der grellen Sonne, in dem schwarzen, von Feinden wimmelnden Ring der Mauern, hebt die breite Stirn und zieht die Luft in zitternde, witternde Nüstern. Die Eisen am Gurt, über den zurückgerissenen Hals des Gauls gekrümmt, ist der Picador aus der Mitte des Sandkreises dem stutzenden Tier an die Seite gesprengt. Ein Stoß. Ein feiner spritzender Blutstrahl aus der getroffenen Schulter des Stiers. Schon ist das Pferd brutal auf der Hinterhand herumgerissen. Aus heißer Kehle kurz und abscheulich aufschreiend, sein grellrotes Tuch, wie besessen, schwenkend, hat einer der Banderilleros, auf flinken Schuhen den gelben Streifen zwischen Pferd und Stier durchlaufend, den Verwundeten gereizt, irre und blöd gemacht. Der Stier stößt aus dem Stand mit furchtbarer Hörnergewalt nach dem neuen Feind, der den gut trainierten, schlanken Leib mit krampfhaftem Lachen zur Seite wirft. Wie eine leuchtende Welle von Rot bauscht sich die geschickt geworfene seidene Schärpe um die Stoßwaffe des geblendeten Tieres. Das Publikum jubelt, applaudiert, rast. Ein paar Orangen fliegen von oben herunter. »Tennis denk' ich mir angenehmer«, sagt Kloppenbusch, der seine Finger von der Aufregung feucht werden fühlt und mit einem Taschentuch abwischt. Tilly hat die Augen geschlossen und fragt ganz leise den dicht bei ihr sitzenden Kreuzwendedich: »Hat er ihn getroffen, Herr von Reubke?« »Nein, bloß das Tuch.« »Eine Geschicklichkeit wie jede andere ... Sport ist Sport. Bestimmte Regeln ...« Mücke ist unerschüttert von der großen Leistung. »Wenn man vergißt, daß das da unten zufällig ein Stier ist ...« Erich brummt leicht geärgert etwas vor sich hin. Nur Bergemann versteht es: »Und wenn man vergißt, daß das da oben zufällig ein Ochse ist ...« »Pscht, lieber Freund!« Bergemann beschwichtigt. Er kennt diese Erregung, diesen aufsteigenden Zorn gegen das kulturwidrige Spiel da unten, der sich leicht in Gereiztheiten gegen Umsitzende entlädt. »Hallo!« Ein Ruf, gemischt aus Staunen, Schrecken, Empörung. Wer ihn in der Gruppe ausgestoßen, weiß keiner. Alle denken ihn mit. Von dem zweiten Picador gereizt und ins Schulterblatt gepickt, hat der Andalusier blitzartig, den täuschenden Banderillero, der sein rotes Tuch schwenkend anstürmt, nicht abwartend, den kurzen massigen Körper herumgeworfen. Drei kurze Galoppsprünge – ein wütender seitlicher Stoß. Der Picador hat noch rechtzeitig das umwickelte Bein aus dem Steigbügel hochgeworfen. Auch der Gaul ist noch nicht getroffen. »Is ja nix g'schehn!« äußert Selma mit Enttäuschung und ordnet die Blumen an ihrem geräumigen Busen. »Ach – das hätten Sie sehen sollen,« rühmt Scupinsky, »in Sevilla – überhaupt Sevilla! –, da hab' ich ein Stiergefecht gesehen. Gleich beim ersten Stoß der erste Gaul tief in die Weiche getroffen. Ein Blutstrom, wie ein Kinderarm so dick, dunkel, schießt dem rotgefärbten Horne nach. Die Hinterbeine des Gauls knicken zitternd ein. Der Reiter haut die Sporen wie in Holz ...« »Eine verdammte Viecherei!« Grabusch vergißt die gesellschaftlichen Formen. »Wenn wir's schon, Gott sei Dank, nicht sehen, brauchen Sie's uns doch nicht noch zu erzählen!« Die Damen sitzen, wie gelähmt von diesem Programm, das sie erwartet. Elisabeth Hunneberg hat den Mund weiter geöffnet als jemals in einer Wagnerrolle; aber kein Ton dringt aus den entsetzten Lippen. Frau Tiegs lehnt sich mit gesenkten Wimpern an ihren Gatten, dem auch nicht wohl ist und der was drum gäbe, wenn er jetzt auf der Margareteninsel in Budapest Kaffee trinken könnte, anstatt in dem verdammten Barcelona in der Bruthitze die Brutalitäten eines Stiergefechts zu erwarten. Nur Selma, die mit Scupinsky einen Blick des Verständnisses getauscht, vermag die sportliche Leistung einzuschätzen: »Gut hat er's gemacht damals in Sevilla, was? A bisserl später aus 'm Bügel, der Picador – und die Waden wär' futsch g'wesen.« Sie blickte dabei über gemalten Augenwimpern interessiert auf die blassen Gesichter der Damen. Und es ist, als ob auch den Ritter von Scupinsky mehr die Wirkungen seiner Erzählung auf die Gesellschaft, als der Sport da unten interessiere. Das Glas hängt im Futteral vor seiner weißen Weste. Er drehte seinen gewichsten Schnurrbart in den gelben Fingern. Sein Auge begegnet abermals einen Moment dem listig glitzernden Blick Selmas, und ein ganz leises, zustimmendes Kopfnicken schien eine Art Verständigung zwischen den beiden herzustellen. Niemand sah das. Denn eben schwenkten da unten wieder die Banderilleros wie rasend ihre Tücher, sprangen rufend, sich duckend und wieder aufschnellend um das breitbeinig stutzende Tier. Aber der Stier von Barcelona scheint kein Vetter des Stiers von Sevilla zu sein. Er steht da unten, sehr breitbeinig, sehr erstaunt, sehr dumm, die ersten Banderillas im Fell, und betrachtet aus glotzenden Augen die Chulos, die ihn wie Irrsinnige umtanzen und den Moment abpassen, um ihm ihre buntbebänderten Holzstäbchen, blitzschnell zwischen die Hörner hindurch, in den Nacken zu setzen. »Warum toben die Bestien so?« Erich fragt es ganz aufgeregt und ohne Rücksicht, ob einer der umsitzenden, wie närrisch sich gebarenden Spanier Deutsch versteht. »Sie pfeifen den Stier aus – er ist ihnen zu feig. Er greift nicht an.« Auch in Bergemanns Stimme zittert der heiße Abscheu. Mücke sucht sich Haltung zu geben, aber er ist sehr bleich. Er pfeift leise vor sich hin: »Auf – in den – Kampf – To-re-ro –« »Fällt Ihnen nichts Dümmeres ein?« raunzt Grabusch wütend und sieht ihn dabei an, als hege er große Neigung, ihn durch kräftigen Wurf da unten an dem von ihm gepriesenen Kampf zu beteiligen. »Wir hätten doch lieber direkt nach England reisen sollen«, äußerte Viktoria von Öltzendorff zu ihrem Bruder, der gerade die siebente Natronpastille mit unsicheren Fingern in den Mund schiebt, da ihm die sechs ersten das Gefühl intensiver Übelkeit nicht genommen haben. »Ich sehe nicht mehr hin«, haucht Tilly Schuch mit geschlossenen Augen. Kloppenbusch billigt diesen Entschluß. Er würde sich ihm anschließen, wenn er nicht Hobsen zehn Peseten für den Platz bezahlt hätte. Und schließlich – zehn Peseten – dafür kann man in Deutschland drei lange Opern hören oder fünf Klassikervorstellungen am Nachmittag sehn – und für solches Sündengeld bloß die Augen zumachen ... Was der Deutsche bezahlt hat, das genießt er ... »Der Espada!« Hobsen, der einzige in diesem Kreis, der dem spanischen Sport etwas abgewinnt, schwenkt seinen Hut. »Das fehlt auch noch! Setzen Sie Ihren Deckel auf!« ruft Grabusch wütend. Der Espada, untersetzt, etwas krummbeinig, kahlköpfig, in glänzendem, knappsitzendem Seidenkostüm, goldene Münzen am Hals und einen blitzenden Brillant in der kurzen roten Krawatte, ist mit eitlem Lächeln in den Kreis getreten. Er läßt den schmalen Stahl seines Degens in der Sonne glänzen. Das schillernde Seidenfähnchen der Muleta wirft er wie prüfend hin und her, sieht befriedigt an seinen unschönen Beinen hinunter wie ein Tänzer, ehe die Musik zum Ballett beginnt, und wirft ein schmalziges Lächeln nach der Loge. Dann sucht er, wie eine zerstreuter Professor seinen Schirm, den Stier mit den Augen und geht, da ihn sein Blick gefunden, lässig auf ihn zu. Das Tier ahnt nichts Gutes. Mit schiefem Kopf beäugt es den Herannahenden, der ihm sichtlich aufs äußerste mißfällt. »Er wird ihn töten!« zittert Tilly und hält den kleinen Papierfächer vor die Augen, der in Berlin bei Wertheim einen Groschen kostet, und den Mücke stolz für sie um zwei Peseten erstanden hat. »Dann hören Sie schon auf!« brummte Grabusch wütend. Das ist auch des Stieres Ansicht. Er macht eine knappe Wendung und trottet in einem kurzen, vergnügten Trab dem Stalltor zu, das er zu seinem Erstaunen geschlossen findet. Sein Schwanz geht wie das Pendel einer Uhr. Der Espada scheint wütend. Man hat ihn zu früh gerufen. Um das Hinterteil eines Stieres zu besichtigen, steht er hier goldstrotzend im Sande ... Die Menge tobt. Der Stier soll kämpfen! Der Feigling soll sich wehren! Soll angreifen! Noch einmal beginnen die Banderilleros ihre Neckerei. Gespickt mit bunten Spießchen, überbauscht von wehenden Bändern und Papierschlangen, wendet sich das Tier um – begreift endlich die Feindseligkeit aller dieser Unternehmungen, sieht auf, sucht, rafft sich zum Angriff zusammen, und mit geschlossenen Augen, die Hörner wie zwei Bajonette gefällt, rennt es, unbelehrt von all den äffenden Lappen, die sein Horn schon statt der Gegner traf, gegen das flatternde Tüchlein der Muleta. Der Espada schnellt den Körper zur Seite. Im Augenblick, da der Stier unter dem vorgestreckten linken Arm, unter bewimpelten Stäbchen durchrennt, sticht ihm der Fechter mit sicherem Stoß den Degen in den Leib. Händeklatschen, Zurufen, Hüteschwenken. Wie die Tollhäusler gebärden sich lobende junge Leute rings um die Fremden. Kinder werden hochgehoben von ihren Eltern, den verendeten Stier, den lächelnd danebenstehenden Espada zu sehen. »Weischt, Otto, wir hätte am End in Cannstatt bleibe solle«, sagte Anna Häfele dicht am Ohr des Gatten. »Wenn ich mir denk, daß am End ...« Sie sagt nicht, was sie sich denkt. Aber es sind Erwägungen, die sich auf eine folgende Generation beziehen. Sie hat gehört, daß gute Eindrücke, so die Mutter empfängt, oft nicht ohne mitbestimmenden Einfluß bleiben. Und der Besuch eines spanischen Stierkampfes ist für ein weibliches Wesen, dessen furchtbarster Eindruck bis jetzt die Wolfsschlucht in der Stuttgarter Oper gewesen ist, entschieden zu widerraten in Fällen ... »Für einen Augenblick Herr der Welt« – Grabusch ist's, der diesen größenwahnsinnigen Traum äußert –, »und ich würde die ganze Bande da um uns herum auspeitschen lassen. Ich, der ich gegen die Prügelstrafe geschrieben habe.« Er verfolgte den Gedanken eines sich literarisch betätigenden Herrgotts noch weiter, aber niemand hörte ans ihn. Da unten in der Arena haben Knechte in roten Blusen drei prunkvoll geschirrte Pferde vor den toten Stier gespannt, und mit Peitschenknallen unter dem jubelnden Zuruf der begeisterten Masse ist der Zug hinter der schokoladefarbenen Wand, hinter den Reklamen von Annis ins Dunkel verschwunden. »Wollen wir nicht gehen?« Eine der Damen hat's gesagt. »Wollen – wollen wir schon, bloß können können wir nicht«, hat Kloppenbusch ganz im Sinne der andern geantwortet. Menschenmauern schließen uns ringsum ein. Man müßte auf Leiber und Köpfe, auf Kinder und Greise treten, um zu entkommen. Und auf Anarchisten – denkt Kloppenbusch schaudernd; und das Gebrüll, das eben wieder einsetzt, übertönend, hört seine erhitzte Phantasie Revolver knallen. Brüllender Beifall aus tausend Kehlen begrüßt den zweiten Stier, der mit großen Sprüngen hereintobt, den gewaltigen Kopf mit den lyraförmig geschwungenen Hörnern schüttelnd, als ob er in einen Hornissenschwarm geraten wäre. Im nächsten Augenblick muß etwas Häßliches in der Wolke Staub da unten geschehen sein. Keiner weiß, was. Aber die Phantasie der Westeuropäer arbeitet. Frau Tiegs hat sich mit geschlossenen Augen, als erwarte sie ein Blitzlicht, an Öltzendorffs dürren Arm geklammert, von dem sie annimmt, daß er ihrem Gatten gehört, Schwammerl hat, statt in seine Haare, wie er wohl vorhatte, grausam in sein Steirerhütel gegriffen und zerwühlt die Spielhahnfeder. Kloppenbusch hat den Kopf tief hinter Bergemanns Rücken gebeugt, damit er auf seinem Platz für zehn Peseten ja nichts sieht, und hält sich zur Vorsicht noch die Ohren zu, da er der Ansicht ist, daß es jetzt von irgendwoher gleich schießen müsse. »Pfui Teufel – ich bleibe keinen Augenblick mehr! ... Ich fahre zu meinem Vergnügen auf See und nicht, um spanische Schweinereien mit anzusehn!« Grabusch ist aufgesprungen. Auch die andern hatten sich erhoben. Tilly Schuch ist aber sofort mit einem kleinen schrillen Aufschrei zusammengesunken. Sie ist ohnmächtig. »Scupinsky!« Selma kreischt's hinüber zu dem Polen, der gerade mit einem Lächeln, das sein knochiges Gesicht nicht veredelt, eine Zigarette anzündet. »Frau Schuch ist in Ohnmacht gefallen! Scupinsky, hilf doch ...« Scupinsky horcht auf und wirft die Zigarette weg, um die sich alsbald zwei spanische Jungen balgen. Schon ist er bei Tilly und stützt sie mit Hilfe Reubkes und Schwammerls, während Selma der blaß und schlaff in dem Arm der Herren Hängenden eine stark riechende Essenz ins Gesicht spritzt. Ein quittengelber Polizist ist, wie aus dem Boden gewachsen, in der Gruppe. Hobsen bewirft ihn aufgeregt mit spanischen Vokabeln. Der Spanier verständigt sich schreiend und gestikulierend über die Menge weg mit einem vier Reihen tiefer stehenden Kollegen. Mit Püffen und Tritten machen die beiden, aufeinander zu arbeitend, eine schmale, quer nach dem Ausgang und der Treppe zu führende Gasse frei. Im Gänsemarsch steigt die ganze Gesellschaft durch die höhnenden, lachenden, schreienden Menschenmauern hinab. Jeder froh, daß der Anfall dieser nervenschwachen Dame ihm Gelegenheit gibt, diesem Schauspiel den Rücken zu kehren. Scupinsky, Reubke und Schwammerl tragen Tilly. Hobsen mit den Polizisten voran, Selma dicht bei ihr. Sie hat der Ohnmächtigen den Hut abgenommen. Das schöne blonde Haar leuchtet wie Gold über dem blutleeren, schmal gewordenen Gesichtchen in der Sonne. Als ob man eine tote Königin durch den stumpfen Mob trägt, denkt Erich im Hinabsteigen. Sein letzter Blick streift noch ein paar tote Gäule in der Arena; streift wehende rote und blaue Seidentücher und gelbseidene Strümpfe, die in Ballettsprüngen über Blutlachen im Sande hüpfen. Das letzte Wort, das sein Ohr auffängt, ehe sie den Ausgang erreichen, ist nicht spanisch, sondern deutsch. Es ist Kloppenbuschs klägliche Stimme, die es spricht: »Und wenn man denkt, daß ich das Billett zu dieser Fahrt in der Lotterie gewonnen habe!« Wie sie in den Wagen von der Arena de Toros durch die sonntäglich belebten Straßen, wie sie zum Kai und auf das Schiff gekommen, wußte später niemand mehr recht. ... Umgekleidet und aufatmend, nachdem der Druck des Erlebnisses von ihnen genommen, standen Erich und Bergemann, dem Kai abgekehrt, an der Reling des Promenadendecks und schauten über den Hafen. Von den Passagieren waren wenige zu sehen. Die Ungarn kamen gerade lärmend aus der Stadt zurück und verteilten sich in ihre Kabinen. Der zweite Offizier ging im Tropenkhaki mit dem Agenten plaudernd auf und ab. Unbeweglich sah die alte Engländerin, die fleißige Penelope, auf einer Bank in der Abendsonne und stickte. Die beiden Herren sprachen nichts. Das ruhige Gesamtbild, dieser Friede der sanft und gleichmäßig schaukelnden kleinen Wellen tat ihnen wohl, beruhigte langsam ihre gemarterten Nerven. Kleine Boote gleiten im kühlen Schatten des weißen Schiffes langsam vorüber. In einem sitzen Soldaten und singen stumpfsinnig zum Rudertakt vor sich hin. Blaue Kappen mit roten und grünen Streifen hängen ihnen verwegen schief auf dem Kopf, wie deutschen Studenten das Zerevis. Ein ganz junger Mann, die Hemdbrust offen, rudert spritzend eine träg in ihrem Fett thronende Padrona im Sonntagsstaat vorbei. Am Steuer sitzen zwei geschminkte Mädchen, Granaten im blauschwarzen Haar, und werfen sich lachend Orangen zu. Breite Kähne mit viel schwatzender, lachender Jugend gleiten dicht, ganz dicht an den schon erleuchteten Schiffsluken hin. Man hört's dem Gekicher der Fahrenden an, daß da allerlei Intimes zu erspähen ist, Damen bei der Toilette, Herren beim Rasieren vielleicht ... Segelboote segeln lautlos, scheinbar unbedient von Menschenhänden, goldene Wegspur hinter sich lassend, vorüber und verschwinden in einem letzten Leuchten hinter dem dreitorigen massigen Grau des Schuppens der Compania Transatlantica. Dort drüben auf hoher kahler Felswand, wie eine rötliche Schlange, liegen die riesigen Mauern von Montjuich, in dem Ferrer erschossen wurde. »Beppo Marlettino, unser famoser Friseur, hat wieder das Richtige getroffen!« Bergemann sprach es so aus seinen Gedanken heraus, während er in die Wölkchen am Horizont sah, die langsam der Abend rötete. »Er hat einmal gehört, sagt er, daß es Leute gibt – in Indien oder wo – die an Seelenwanderung glauben. Das ist Blech, sagt er. Aber immer, wenn er in Spanien ist und von Stiergefechten erzählt wird – er hat nur einmal eines angesehen, in Kadiz – dann wünscht er: er könne das auch so glauben. Dann kämen die Picadores, meint er, als Gäule wieder auf die Welt und die Espadas als Stiere – und das wäre eine herrliche, eine wundervolle Rache an diesen dummen Bestien in Menschengestalt, die. geputzt wie die Weiber, für ihre rohen Tierquälereien pro Nummer mit tausend bis zehntausend Peseten bezahlt werden.« »Von einer Nation, die in Afrika Kultur verbreiten darf.« »Das ist nicht so merkwürdig. Aber von einer Nation, aus der Calderon und Cervantes hervorgegangen!« Kloppenbusch, der sich für das kommende Diner schon einen vom Koffer reichlich zerdrückten schwarzen Rock angezogen hatte, in dem er sehr schwitzte – einen Smoking besaß er nicht – hatte die letzten Worte Bergemanns gehört. »Erst durchprügeln und dann hinrichten sollte man die Kerle!« stimmte er in wieder aufflammender Entrüstung bei; wobei er allerdings als Kandidaten für diese Prozedur in erster Linie Calderon und Cervantes meinte, die er sonst nicht kannte und in diesem Zusammenhang scharfsinnig für spanische Stierkämpfer hielt. »Übrigens,« fügte er hinzu, »unsere Damen haben sich gottlob rasch erholt. Fräulein Hunneberg –« er stockte, gedachte Fritzchens, des lieben Jungen, den er eben damit beschäftigt gefunden hatte, aus einer Konservenbüchse, einigen aus einem Korsett seiner Mutter gezogenen Fischbeinen und vier Topfdeckeln ein Automobil zu konstruieren, und er verbesserte sich: » Frau Hunneberg prominiert bereits wieder auf dem Sonnendeck mit ihrer gewöhnlichen Suite. Frau Tiegs hat sich, als ich vorbeiging, gerade ein Bad bestellt ... Frau Häfele diktiert ihrem Gatten im Schreibzimmer entrüstete Ansichtskarten über Spanien. Selbst schreiben kann sie nicht. Es hat ihr ein spanischer Don oder Grande in der Arena auf den kleinen Finger getreten. Und Fräulein von Öltzendorff läßt sich von ihrem Bruder aus den angekommenen Zeitungen vorlesen ...« »Richtig, die Post muß ja an Bord sein!« Erich schämte sich ein wenig, daß er über der Flut der neuen Eindrücke ganz vergessen hatte, daß ein Brief seiner Mutter bei dieser Post sein konnte. Er bat, ihn zu entschuldigen, und eilte nach dem Glaskasten an der Tür zum Speisesaal. Dort hoffte er mit etwas unsicheren Gefühlen den nachträglichen Segen der Mutter zu seinem raschen Entschluß und der Meerfahrt zu finden. Vor dem Glaskasten fand Erich den Kapitän im Gespräch mit Hilde. Die beiden versperrten den Zugang, so daß Erich höflich wartend gezwungen war, ihr Gespräch mit anzuhören. Das joviale Gesicht des Kapitäns zeigte eine ernste Stirnfalte, und seine wasserblauen Augen blickten ohne Fröhlichkeit, als er sagte: »... Ja, liebes Kind, ich kann Sie doch nicht so ohne weiteres da hinten in den Luxuskabinen durch eine andere Stewardeß ersetzen ...« Hildes Stimme klang bescheiden, aber doch dringlich, als sie lebhaft einfiel: »Doch, Herr Kapitän – es wird schon gehen, wenn der Herr Kapitän wollen. Die Stewardeß vom Bootsdeck, die Engländerin, hat sich bereit erklärt, mit mir zu tauschen.« »Die Rothaarige? Die wittert die großen Trinkgelder. Wenn sie sich da nur nicht schneidet ... Also grob ist Ihnen die Edle von Scupinsky geworden?« Und als ob er den ironischen Ton bedauerte, mit dem er die »Edle« leise angetuscht, fügte er ernst hinzu: »Damen, die mit der Seekrankheit kämpfen, sind eben nervös, nicht wahr ... Und Sie, hm, sind vielleicht ein bißchen empfindlich ...« »Darf ich für das Fräulein ein gutes Wort einlegen?« Erich wußte selbst nicht, wie er dazu kam; es blitzte ihm nur dunkel durchs Bewußtsein, daß er den Dialog der beiden, der ihn von seiner Post zurückhielt, nicht durch Ritterlichkeiten aufgehalten hätte, wenn die Silhouette des jungen Mädchens, die sich famos gegen das Licht des Abendhimmels in der Tür abhob, nicht so reizvoll gewesen wäre. »Wenn ich das Fräulein gewesen wäre, so ...« Jetzt erst merkte er, daß er sich hier in Dinge mischte, die ihn als Passagier den Teufel angingen. Er sah in die erstaunten Augen des Kapitäns, in denen jetzt so etwas wie ein Lächeln aufblitzte, und beendigte seine seltsame Sekundantenrede mit einem kurzen: »Pardon.« »Na also,« der Kapitän rieb sich schmunzelnd das Kinn, »auf dringenden Wunsch der Passagiere, vertreten durch Herrn Assessor Doktor Erich Eckart, versetz' ich Sie. Tauschen Sie meinetwegen mit der Engländerin –« Er sah Hilde, die sich nach kurzem, frohem Dank entfernte, mit vergnügtem Kopfnicken nach: »Ein netter Kerl ... Sie müssen nämlich wissen ...« Erich wäre durchaus bereit gewesen, sich belehren zu lassen: denn die Frage bewegte ihn und ließ ihn nicht los: wie dies hübsche Mädel mit dem feinen, von schwarzem Haar madonnenhaft gerahmten Profil und den ausgezeichneten Manieren gerade Stewardeß geworden, mithin einen Beruf gewählt hatte, den vom besseren Dienstmädchen nichts zu trennen schien als das bißchen Wasser zwischen dem Schiff und den Etagenwohnungen der Großstädte. Aber der lange Herr von Öltzendorff stand schon zwischen ihm und dem Kapitän und erzählte, Klage führend, die Geschichte von seinem Spazierstock; nicht sehr folgerichtig, aber mit großer Wichtigkeit. Wenn man die Einzelheiten dieses Vortrags zusammenstellte, den der erregte Kavalier, seine beiden Arme wie Windmühlen im Winde schlenkernd, ohne Einwände zu dulden, hielt, so ergab sich das Folgende. Er hatte den Stock noch in Genua mit an Bord genommen. Die Goldkrücke war eine genaue Nachbildung der Krücke des Stockes, den der große Friedrich in Sanssouci benutzt, mit dem er seinen Lakaien und Windhunden manchmal eins ausgewischt, und der nun im Hohenzollernmuseum sich befand. Er, Öltzendorff, trug nach seiner Erinnerung den Stock in der linken, nach Angabe seiner Schwester aber in der rechten Hand, als er an Bord ging. Das Hohenzollernmuseum aber befand sich am Monbijouplatz in Berlin. Er hatte nur diesen einen Stock mitgenommen auf die Reise. Friedrich der Große 111 hatte stets mehrere im Gebrauch. Sein – Öltzendorffs – Stock war ein Geschenk seiner Schwester Viktoria, weswegen ihn auch der Verlust des Stockes besonders schmerzte, da ihn die Schwester zur Verzweiflung brachte mit ihrem ewigen Gefrage, ob er ihn endlich gefunden habe, unter Hinweis darauf, daß er sehr teuer gewesen sei und als Geburtstagsgeschenk eigentlich ihre Verhältnisse überstiegen habe. Friedrich der Große hingegen hatte seinen, nach Annahme eines Gelehrten, der sich in den Preußischen Jahrbüchern dazu geäußert, vom Feldmarschall Schwerin zum Geschenk erhalten, der schon im Mai 1757 bei Prag gefallen sei. Und Herr von Öltzendorff deutete an, daß dieser sonst bedauerliche Todesfall insofern wenigstens nicht ungünstig zu nennen sei, als der Marschall, falls Friedrich der Große einmal den Stock verloren hätte, ihn wenigstens in den Jahren von 1757 bis 1786 nicht mehr hätte immerzu fragen können, ob er ihn endlich wiedergefunden habe. Da Erich vermutete, daß die Geschichte von dem Stock noch sehr lange dauern könnte und hinter dem Alten Fritzen schon wieder Friedrich Wilhelm I. drohen sah, unter dem ein Öltzendorff General in Spandau und korrespondierendes Mitglied des Tabakkollegiums gewesen, so beschloß er, die Herren zu bitten, ihn endlich an den Glaskasten heranzulassen, aus dessen oberem Fach er schon den Brief seiner Mutter, mit viel zu vielen Marken beschwert, damit er ja ankomme, erkannt hatte. Er ging in seine Kabine und las. Die Mutter war enttäuscht. Also keine Schwiegertochter! Und sie folgert richtig, daß damit auch ihre Hoffnung auf Enkel für einige Zeit erledigt sei ... Sie spricht gleich von mehreren, dachte Erich, ihr Zahlensinn ist überhaupt nicht sehr ausgeprägt. Übrigens sah Hilde ein wenig dem Bilde einer Pieta ähnlich, das er einmal in der Mailänder Brera – oder war es in Florenz ... Und dann schrieb die Mutter: die See beunruhige sie sehr. Sie habe sofort das Bureau des »Lloyd« antelephoniert, und da habe ihr ein zu längeren Gesprächen nicht recht aufgelegter Herr bedeutet: ein Schiff ihrer Gesellschaft fahre überhaupt nicht Mitte Mai von Genua nach Amsterdam. Daß es sich um den Österreichischen Lloyd und nicht um den Norddeutschen handeln könnte, hat die Mutter natürlich nicht überlegt, dachte Erich. Ihre Telephonate waren überhaupt oft mehr impulsiv, als ... Nein, in Florenz war's auch nicht gewesen. In einer Kirche von Perugia voriges Jahr! Der Mönch, der sie aufschloß, roch so merkwürdig nach Fencheltee, den man doch sonst nur kleinen Kindern gab. Oder ...? Kleine Kinder ... In manchen Mädchengesichtern liegt noch ganz deutlich das Kindergesicht. Er konnte sich Hilde denken mit kurzgeschnittenen Haaren, ein Korallenkettchen um den Kinderhals und eine Puppe in der kleinen grübchenreichen Hand. Grübchen hatte sie übrigens auch jetzt noch in der Hand. Das hatte er zufällig gestern ... Und dann schrieb die Mutter: die See sei für eine Mutter doch etwas anderes als die Eisenbahn. Sie habe eine alte Dame gekannt, die einen Vetter auf See hatte, der nie wiederkam. Es sei eine Steuerrätin aus Hildesheim gewesen. Hildesheim! Richtig, da war der berühmte Dom – romanisch, wenn er sich recht erinnerte – und an seiner Mauer zog sich der tausendjährige Rosenstock herauf. Tausendjährig – bei Rosenstöcken und Frauen soll man nie nach dem Alter fragen! Übrigens älter als zwei-, dreiundzwanzig war sie nicht. Und in diesem Alter war auch das Madonnenköpfchen in Perugia aufgefaßt. Hildesheim – ob das nach einer heiligen Hilde genannt wurde? Gab's überhaupt eine heilige Hilde, und wie mochte sie ausgesehen haben? ... Und dann schrieb die Mutter: sie werde immer an ihn denken und nicht ruhig sein, bis sie aus dem nächsten Hafen, das sei ja wohl Palermo, sie nehme das so an – o Gott, o Gott, Palermo in Sizilien, und er war in Spanien! Sie saß gewiß vor dem Atlas mit Fräulein Ida, und die beiden fuhren im Meer herum mit dem silbernen Bleistift ... Mit dem silbernen ... Silbern war auch die kleine Marguerite, die Hilde immer, als einzigen bescheidenen Schmuck, an ihrer dunklen Bluse trug ... Und dann schrieb die Mutter: daß er den alten Freund getroffen, sei für sie eine große Freude und Beruhigung. Es sei ein so frischer, lieber Mensch gewesen, seines Vaters Freund – damals – und sie bedauere herzlich, daß das Leben sie nie mehr zusammengeführt. Aber so gehe das oft: man müsse aushalten in derselben Stadt, im selben Haus oft mit Menschen, denen man nichts zu sagen habe und von denen man meilenweit getrennt sei, wenn man sie frage: wie geht's? Und andere Menschen wiederum, die einem vielleicht viel hätten geben können, die tauchten unter in der Welt, als hätte die See sie verschlungen. Dann fand sie diesen Vergleich sehr unpassend und sehr schrecklich und bat Erich, ja darauf zu bestehen, daß in seiner Kabine ein Rettungsgürtel untergebracht werde: bat auch dringend, den Lotsen oder den Steuermann oder sonst wen, der da die zuständige Stelle sei, vielleicht unter Hinzufügung eines Trinkgeldes, zu beauftragen, daß er ihn unbedingt wecke, wenn in der Nacht etwas Verdächtiges oder Gefahrdrohendes auf dem Schiff passiere. Die Bedienung auf Schiffen sei, wie sie fürchte, oft mangelhaft und ... Eine unerhörte Geduld mußte gestern dazu gehört haben, die Impertinenzen der mit der Seekrankheit ringenden Selma zu ertragen, die brillantengeschmückt, käseweiß in ihrem Stuhle lag und diese freundliche, bewegliche Stewardeß wie eine Haremsklavin herumkommandierte! Und wer vorurteilslos diese Szene mit ansah, mußte der sich nicht sagen, daß Erziehung, Kinderstube, Vornehmheit durchaus auf seiten der so anmutig und geduldig Aufwartenden und nicht auf seiten der schmucküberladenen, bedienten Dame zu finden war? Überhaupt die vornehmste Erscheinung unter all diesen das Schiff bevölkernden Frauen, die doch gewiß – zum Teil – aus besten Gesellschaftskreisen kamen, war eigentlich ... Und dann schrieb die Mutter: er solle ja nicht versäumen, ihr vom nächsten Hafen und ausführlich zu berichten, warum er denn mit Eugenie so plötzlich gebrochen. Das Amateurbildchen aus Heringsdorf von ihr, das sie jetzt betrübt aus dem Rahmen entfernt habe, sei doch so sympathisch. Und so vornehm sehe sie aus darauf in ihrem weißen Strandkleid, oder sei es helles Blau gewesen? Und Fräulein Berta sage auch, sie könne das ganz und gar nicht verstehen: und sie habe das ähnlich mal bei einem Bruder erlebt, der sich einmal auf einer Fahrt von Karlsruhe nach Bruchsal, wozu man doch nur eine Viertelstunde brauche, verlobt hatte. Aus der Heirat sei dann freilich nichts geworden, weil die Familienverhältnisse bei der Dame sehr übel lagen und der Vater gerade in Untersuchungshaft saß. Aber daß die Liebe auch so plötzlich vergehe, das leugne Fräulein Berta, und sie selbst kenne auch keinen Fall dieser Art. Die rechte und echte Liebe ... Na, was war denn die rechte und echte Liebe? Hatte er nicht geglaubt, Anne ehrlich zu lieben: war glücklich, wenn er mit ihr in den Rheinischen Winzerstuben saß und ihr liebes, zugegeben ein bißchen blödes Geplauder hörte. Noch als er mit Eugenie in Heringsdorf soupierte, hatte er eine warme Welle und einen Stich in der Herzgegend gespürt, wenn er an Anne dachte. Und dann hatte er Eugenie geliebt, ernst und echt. Und eine warme Welle und einen Stich in der Herzgegend hatte er noch gespürt, als in Göschenen zufällig eine Dame beim raschen Lunch im Bahnhofsrestaurant ihr Töchterchen rief, das während der Suppe nach einer Banane griff: »Eugenie! Kein frisches Obst essen unterwegs! Du weißt doch, Eugenie!« Und als am ersten Tag auf See Bergemann freundschaftlich, behutsam von der Enttäuschung im Zimmer des Abtes zu Büssingheim sprach, da hatte er beides wieder empfunden mit unverminderter Stärke, die warme Blutwelle und den Stich. Und jetzt – er sprach vor sich hin: »Änne« – »Eugenie.« Nichts. Keine Welle, kein Stich ... Aber vorhin, als er in dem Brief da, in der Schrift seiner Mutter den Namen Hildesheim fand, den zufällig die Anordnung der Schrift in zwei Reihen zerriß: Hildes-heim, da hatte er etwas Seltsames gespürt in der Herzgegend – keine Welle, aber einen leicht flutenden Ansatz dazu; keinen Stich, aber doch so etwas, als ob ein Messerchen ansetze und probiere ... Und dann schrieb die Mutter: was er aber auch getan habe und tue, und wenn sie auch noch nicht wisse, warum es geschehen sei und geschehen mußte, sie verlasse sich darauf, daß er ein anständiger Kerl sei und schon seine guten Gründe haben werde. Und übrigens nehme alles mal ein Ende, auch eine Seefahrt; und von Amsterdam nach Berlin fahre man bloß zehn Stunden. Und wenn man eine Mutter in Berlin habe, das sage auch Fräulein Berta, ließe man nach so langer Trennung die Nachtwache von Rembrandt Nachtwache und die Staalmeesters – Staalmeesters sein und beide ruhig im Museum hängen und fahre nach Berlin. Denn in Berlin lebe die Mutter; und übrigens der »Mann im Goldhelm« sei auch kein schlechter Rembrandt und hänge im Kaiser-Friedrich-Museum. Und nicht weit davon das andere: »Simson bedroht seinen Schwiegervater«, was übrigens nach ihrem unmaßgeblichen Urteil weder ein schöner Vorwurf, noch ein besonders gelungenes Bild sei. Am liebsten sei ihr der große Meister überhaupt, wenn er sein Hendrickje gemalt; aber nicht als Flora oder so als mythologisches Wesen, sondern einfach als frisches junges Mädel. Wogegen ihr die Saskia van Uijlenburgh eine zu derbe und gewöhnliche Nase habe. Aber wenn erst die Liebe den Pinsel führe, wäre die gröbste Nase fürs Antlitz einer Göttin eben recht ... Als Erich diesen ausführlichen Brief seiner Mutter – an dem er sehr lange gelesen, da ihm immer wieder eigene Gedanken dazwischenfuhren – mit dankbarem Lächeln wieder in das Kuvert steckte, fiel ihm ein, daß Hilde eine wundervoll geschwungene römische Nase zwischen den dunkelüberschatteten Augen hatte. Teufel auch – schon das Trompetensignal zum Diner! Wie energisch das klang! Wie ein Schlachtruf. Und Erich skandierte, während er in den Smoking fuhr, den lateinischen Vers aus seiner Tertianerzeit: »At tuba terribili sonitu taratantara dixit« . – Und der Professor stand dabei, ließ den dicken Bauch über dem Pult der vordersten Schülerbank sich wölben und bemerkte mit einer spitzen Stimme, die ganz unwahrscheinlich aus diesem geschwollenen Riesen klang: »Tonmalerei nennt man das – wie nennt man's, Erich Ekart?« ... Tonmalerei. Vergnügt kam Erich zum Diner. »Na, was macht Ihr Schützling?« fragte der Kapitän, der diesmal präsidierte, und kniff listig über den Löffel hin das linke Auge zu. »Hat der Assessor hier auf dem Schiff einen Schützling?« forschte Bergemann. »Suprêmes de sandal du Rhin, Sauce tomates«, las Grabusch, den Zwicker ganz vorn auf der Nase, interessiert aus dem Menü vor. Erich fühlte, daß sein Kopf etwas heiß wurde; er fürchtete – ohne selbst zu wissen, warum – die Antwort des Kapitäns. »Ja«, nickte Kapitän Jürgens – ohne daß das listige Lächeln aus seinen Augen verschwand. »Einen Schützling hat er. Meinen Teckel Peterle. Den hab' ich schon zweimal aus seiner Kabine herauspfeifen müssen.« »Ich bin sehr tierlieb.« Erich löffelte in befreiter Vergnügtheit seine Suppe. »Darum kann ich auch diese Suppe nur mit Wehmut und Trauer essen, weil viele Krebse dafür ihr Leben ließen.« Jürgens, der als erfahrener Kapitän nicht nur das Mittelmeer, sondern auch die Tischgespräche kannte, fürchtete, daß man von toten Tieren, und wenn's auch nur Krebse waren, auf die Stierkämpfe zu sprechen kommen könnte, was er im Hinblick auf die Damen – Elisabeth Hunneberg war noch recht blaß, und der königliche Anstand der Frau Tiegs hatte etwas gelitten – fürs Leben gern vermeiden wollte. »Mein Teckel,« übernahm er munter wieder die Führung der Konversation, während sein Blick, mit virtuoser Sicherheit die Stimmungen erforschend, über die Tafelgesellschaft flog, »mein Teckel ist aber auch ein frecher Kerl. Als ich mein Jubiläum feierte, fünfundzwanzig Jahre auf See – bloß nicht gratulieren! Ist schon so lange her, bald nicht mehr wahr! – da fragte mich meine Gesellschaft: ›Kapitän, haben Sie einen Wunsch? Busennadel – Ring oder so?‹ – ›Nee,‹ sag' ich, ›auf meinen Busen bin ich nicht stolz; und Ringe sind's, die eine Kette bilden, steht irgendwo gedruckt. Aber – ich möchte um die Erlaubnis bitten, gegen alle Regeln der Gesellschaft künftig den ›Prinzen von Indien‹ als blinden Passagier mitnehmen zu dürfen.‹« »Einen Prinzen von Indien?« Viktoria von Öltzendorff reckte sich interessevoll. Inder im allgemeinen schätzte sie nicht. Sie rochen schlecht, fand sie. Aber ein Prinz von Indien! Das war etwas anderes. »Ach so,« sagte der Kapitän, »Sie wissen nicht: mein Peterle stammt aus vielprämierter Familie und wurde in dem Zwinger, der ihn das Licht der Welt sehen ließ, von seinem Züchter ›Prinz von Indien‹ getauft. Da will's aber der Satan – Pardon, meine Damen – will's der liebe Himmel, daß vor zwei Jahren ein wirklicher indischer Prinz in Southampton einsteigt, um mit nach Triest zu fahren. Der hatte einen englischen Offizier bei sich – indische Prinzen haben immer englische Offiziere bei sich: Albion ist vorsichtig, o ja! – dem Offizier aber gefiel der quietschvergnügte Teckel gar so gut. Und als durch ihn der zweibeinige Prinz von Indien erfuhr, daß der vierbeinige Vetter den Namen führe ... Na also, er war sehr verschnupft. Da haben wir den Prinzen am selbigen Abend – den vierbeinigen – mit Pommery zum schlicht-bürgerlichen ›Peterle‹ umgetauft! Und der zweibeinige Prinz hat an jenem Abend nur mit werktätiger Hilfe seines englischen Mentors seine Luxuskabine gefunden. Er wollte partout im Gepäckraum schlafen – oder vielmehr eigentlich ... Pardon!« Alle lachten. Nur das Ehepaar Häfele sah verstört auf. Es befürchtete, von dem Gelächter erschreckt, es habe ein Taktloser auf die kleinen neckischen Zärtlichkeiten aufmerksam gemacht, die sich die beiden mit leicht zugeneigten Drehstühlen gestatteten. Dann kamen Einzelgespräche in Fluß. Reubke, der etwas unruhig war, weil Tillys Stuhl neben ihm nun auch bei der Pièce de bœuf braisée à la Châtelaine leer blieb, wurde von Grabusch in ein musikalisches Gespräch verwickelt. Grabusch ging davon aus, daß der kleine Kapellmeister, der die ersten Tischkonzerte so gottsjämmerlich verpatzt hatte, vom Kapitän abgesägt worden war und jetzt ohne Gehalt, mit Verpflegung bis Amsterdam, als halber Passagier mitfuhr. Er machte darauf aufmerksam, wie das Potpourri, der »musikalische Operettensalat«, wie er das grimmig nannte, heute so relativ anständig serviert wurde, und kam mit einem kühnen Übergang von Offenbach auf Wagner zu sprechen, von dem er behauptete, er sei der Welt nur eines schuldig geblieben: die deutsche komische Oper. Es war ersichtlich, daß Grabusch zwar zu Reubke hinredete, aber nicht sonderlich ungehalten war, daß dieser, immer nach der Tür sehend, ziemlich unaufmerksam blieb. Was auch insofern gleichgültig sein konnte, als Grabusch mehr für Elisabeth Hunneberg redete, die in einem moosgrünen Foulardkleid kerzengerade, üppig, walkürenhaft gegenübersaß und Hobsens Konversationsversuche in eisigem Schweigen unbeachtet ließ. Jetzt war gar vom Nebentisch noch Joseph Schwammerl herangetreten, um sich interessevoll zu erkundigen, ob sich Fritzchen, der liebe Junge, über das Holzschiff gefreut habe, das Schwammerl ihm in Barcelona gekauft. Grabusch, der aus ihm selbst unbekannten Gründen ungern von solchen, wie ihm deuchte, krampfhaften Bemühungen um das Söhnchen der Diva hörte, äußerte zu Erich die pädagogische Überzeugung: auf dem Lande mit Wasser spielen, sei schon eine mißliche Sache, auf der See aber mit Wasser spielen, sei geradezu frivol. Die Erwähnung Fritzchens erinnerte Mister Hobsen an seine Pflicht; und da ihn ein Blick auf das Menü überzeugt hatte, daß er den folgenden Gang, Céleri à la Demi-Glace ohne Gewissensbisse überspringen könnte und Elisabeth Hunneberg gut unterhalten wußte, begab er sich rasch mal nach der Luxuskabine, um zu sehen, ob Fritzchen, der liebe Junge, gut gebettet war, und um dabei zu sein, wenn Fräulein Agnes, die Kindergärtnerin nach dem Fröbelsystem, das Licht ausdrehte. Aber sie blieb dann noch eine Weile im Dunkeln bei ihm, damit das Kind besser einschlafen konnte. Und von der Erwägung, daß es schön sei, gerade diesen Moment der erzieherischen Aufgabe mitzuerleben, wurde Mister Hobsen nicht zum wenigsten getrieben, als er sagte, er werde mal nach dem Rechten sehen und zum Nachtisch wieder dasein. Öltzendorff aber war, ausgehend von der Pièce de bœuf braisée , die er seinen Zähnen nicht zumutete, auf die Roheit des Stiergefechts zu sprechen gekommen. Er vertrat die Ansicht, daß die andern Großmächte das verblendete Spanien unbedingt zwingen müßten, diesem niedrigen, unwürdigen Spiel zu entsagen. Wenn nötig, mit Waffengewalt zwingen. Und da er sich mit dieser Forderung im schönen Eifer seiner Überzeugung zum erstenmal an Frau Anna Häfele wandte und diese gewissermaßen für die unerträgliche Nachlässigkeit der Großmächte verantwortlich machte, so entgegnete die eingeschüchterte junge Frau, daß sie – was das betreffe – nach glücklicher Heimkehr in Stuttgart gewiß das ihrige dazutun wolle; daß sie aber hoffe, es werden noch friedliche Möglichkeiten zu diesem Endzweck sich finden lassen. Dies alles sagte sie leise und ohne die Rechte des ihr angetrauten Gatten loszulassen, der sich seit seiner Vermählung bei Tisch und überhaupt zum Linkshänder ausbildete, weil seine Rechte immer irgendwie mit der Linken Anna Häfeles beschäftigt war; wenn sie nicht gerade, um die Taille der liebenswürdigen Dame gelegt, einen seligen Ruheplatz gefunden hatte. »Friedlich?« brummte Herr von Öltzendorff, der nun einmal dem Schwertadel entstammte. »Heute soll bloß alles friedlich gelöst werden! Man könnte allenfalls damit beginnen, daß alle von Spanien dekorierten Westeuropäer unter Bezugnahme auf die Unwürdigkeit der allsonntäglichen Vorgänge in den Arenen am selben Tage dem Könige von Spanien ihre Orden zurückschickten!« Ein Vorschlag, zu dem der Bankdirektor Tiegs durch energisches Nicken sein unbedingtes Einverständnis zu erkennen gab. Was den Bankdirektor allerdings wenig mehr als dieses Nicken kostete, da er bis jetzt nur von Bückeburg dekoriert war. Und das eigentlich durch eine Namensverwechslung. Grabusch war gerade dabei, dem toten Richard Wagner vorzuwerfen, daß er aus dem herrlichen urdeutschen Stoff der »Schildbürger« nicht die Komische Oper der Deutschen, das musikalisch-humoristische Nationalwerk geschaffen habe; und Öltzendorff erweiterte seinen Vorschlag gerade dahin, daß man auch die spanischen Tänzerinnen – die meistens gar keine Spanierinnen seien, allerdings auch nicht tanzen könnten – in den Varietés bis zum Verbot der Stiergefechte boykottieren müsse, als am oberen Ende der Tafel viel Unruhe entstand. Von Hilde, die jetzt die vorderen Kabinen auf dem Promenadendeck zu bedienen hatte, begleitet, war Tilly Schuch sehr aufgeregt erschienen. Sie hatte, ohne Reubke zu beachten, der ihr erfreut entgegeneilte, und ohne Mücke eines Blickes zu würdigen, der sogar vom dritten Tisch mit ein paar der Tafelvase rasch entrissenen Blumen angestürzt kam, den gerade ein zartes Hühnerbein sachgemäß behandelnden Kapitän mit verwirrter, von Tränen halb erstickter Rede überfallen. Soviel Bergemann, der das Kompott zurückschob, und Erich, der in der Erregung des Augenblicks doch nicht versäumte, Hildes taktvollen Beschwichtigungsversuch zu würdigen, verstehen konnte, handelte es sich darum, daß eine Kostbarkeit aus Tillys Kabine verschwunden war. Ein Schmuckstück. Der Kapitän erhob sich mit einem schmerzlichen Blick auf sein kaum erst zur Hälfte erledigtes Hühnerbein. Er war wieder im Dienst. »Sie wollen sagen, gnädige Frau –« »Sagen – sagen –! Was hilft mir das Sagen! Mein Ring ist fort!« »Welcher Ring?« »Nun hier!« Sie streckte ihre weiße gepflegte Hand weit von sich, dem Kapitän direkt unter das Gesicht, das er rasch zurückzog. »Hier – der Rubin der Herzogin ...« »Einer – Herzogin? So, so – ich dachte, Ihr Ring.« »Ja, meiner – aber das ist doch egal –! Der Rubinring.« Es war eine seltsame Gedankenverbindung, aber Erich mußte bei Erwähnung der »Herzogin« an den »Prinzen von Indien« denken, der nur ein Dackel war und jetzt »Peterle« hieß. Dann aber sprang ihm wieder grell und scharf das Wort »Rubin« ins Ohr. Unangenehm klang's ihm, ohne daß er wußte, warum. Dann fiel ihm ein, daß er ja gestern diesen schönen Rubin noch am Finger der blonden Frau bewundert hatte. Und daß er sich dabei, wie einer halb vergessenen Tatsache erinnert hatte: zwei, drei Tage sind's her, da hast du ganz denselben Rubin – ganz denselben – irgendwohin in deinen Koffer geworfen – unter schmutzige Wäsche oder nein – unter seidene Socken ... Egal – ganz denselben Rubin, der, wie er nun hörte, so selten, so wertvoll, so unersetzlich sein sollte. Und nun war er weg – nicht seiner, der andere. Das alles kam ihm nur ganz traumhaft zum Bewußtsein, während sein Auge die Linie von Hildes hübscher römischer Nase nachzeichnete und sich dann über die feingeschwungenen dunklen Augenbrauen verlor in das krause, schlicht gescheitelte Haar. Und jetzt wußte er's wieder ganz genau: in Padua war's gewesen, in S. Giustina! Über den großen Platz war er gekommen, wo zwischen Büschen und Bäumen, gelangweilt und verlassen, die Statuen entsetzlich vieler, berühmter Männer stehen, wohl sechs Dutzend und mehr. An der Ecke der Riesenbau der Hochrenaissance: S. Giustina. Er war so kirchenmüde gewesen, so loggienkaputt, so sakristeielend von all diesen Gängen durch das Halbdunkel kühler Kapellen, durch das von bunten Scheiben gebrochene und gedämpfte Sonnenlicht der Kirchen, die feierlichen Säle der Museen. Venedig, Verona, Mantua, Vicenza lagen damals hinter ihm. Und dann wieder – für ein paar Soldi grüne Vorhängchen, gezogen von der Hand eines unrasierten, nach Tabak duftenden Alten in speckigem Rock: »Ah – Mantegna!« oder: »Ah – Paolo Veronese!« oder: »Ah – irgendein anderer, Toter, Historischer, Berühmter!« – – Aber der Riesenbau der S. Giustina halte ihn doch angezogen, herangeholt, eingeschluckt. Und ein alter unrasierter Mönch, der ausnahmsweise nach Fenchel roch, statt nach Tabak, hatte, schon nach ein paar verirrten Amerikanern schielend, die blöd ein Taufbecken umstanden, grüne Vorhängchen gezogen: Romanino – Paolo Veronese ... Und dann rechts vor der Tür, ehe man zu den geschnitzten Chorstühlen kommt – das süße Köpfchen der Schmerzensreichen mit der edelgeschwungenen römischen Nase, mit den feingeführten dunklen Augenbrauen, mit dem krausen, fast schwarzen Haar, in dem, mehr ein irdischer Schmuck als ein Zeichen himmlischer Abkunft, das schmale Gold des runden Heiligenscheines lag. »Der liebe Junge schläft«, sagte Mister Hobsen, der eben zurückkehrte, etwas echauffiert, was mit der Eiligkeit seiner Besorgungen keineswegs zusammenhängen konnte, denn er war wohl zwanzig Minuten weg gewesen. »Er hat das Schiff des Herrn Schwammerl im Arm ...« Mister Hobsen stockte. Kam es nun daher, daß ihm einfiel, daß er selbst auch was im Arm gehabt hatte, oder bemerkte er plötzlich die seltsame Verstörtheit der Tischgesellschaft, von der keiner; selbst die Mutter des lieben Jungen nicht, Sinn und Verständnis für seine nicht lückenlose, aber zarte Schilderung des erlebten Idylls aufzubringen schien. »Ich werde natürlich sofort untersuchen lassen, gnädige Frau.« Der Kapitän machte Tilly eine kleine Verbeugung. »Ich hoffe, Sie denken nicht etwa, daß irgend jemand von der Bedienung ...« »Ich denke gar nichts!« Tilly griff sich in das wundervolle Blond ihrer Haare, und es war, als tauchten ihre Hände in flüssiges Gold. »Wenn ich erst wieder denken könnte!« »Hatten Sie den Ring denn noch in der Stadt am Finger?« »Ich glaube bestimmt.« »Hm – wenn man nicht denken kann, soll man auch nicht glauben«, brummte Mister Hobsen, wurde aber dafür von der Diva durch einen Blick gestraft. Sie trug ein Amulett und vermied die Zahl dreizehn. »Gerade!« sagte die Diva. Grabusch, nun wieder ganz Jurist, äußerte, daß dieses allerdings die Vorbedingung einer erfolgreichen Untersuchung des Falles sein müßte. Dann fügte er im ernsten Ton des Forschenden hinzu: »Der Ring war Ihnen vielleicht zu weit? Sie wurden ohnmächtig beim Stierkampf, die Hand hing Ihnen schlaff herab – –« »Und das Gesindel –! Ringsherum nichts als Gesindel!« Kloppenbusch war, wie die andern von den Nebentischen – mit Ausnahme der Ungarn, bei denen gerade wieder einer in sprudelnden Worten eine von Eljens häufig unterbrochene Ansprache hielt – an den Kapitäntisch herangetreten. Er wiederholte, indem er sich Zustimmung fordernd im Kreise umsah: »Nichts wie Gesindel.« Viktoria von Öltzendorff zuckte empört zusammen: »Der Mann ist betrunken!« Aber ihr Bruder beruhigte sie, daß er es nicht sei und mit dem allerdings unschönen Wort nur die spanischen Zuschauer in der Arena von Barcelona meinte. Worauf Viktoria unwirsch erwiderte, daß es sich dann auch erübrige, bei solchen Reden sie gerade anzusehen. Überhaupt wären sie wohl besser direkt nach England gefahren. Der Kapitän hatte den zweiten Offizier und den Obersteward herangewinkt und verließ mit diesen, ernst den unangenehmen Fall besprechend, den Eßsaal. Reubke und Mücke bemühten sich um Tilly Schuch mit allerlei Trostreden. Schwammerl aber war auf den nüchternen, aber guten Gedanken gekommen, direkt aus der Küche eine kleine Auswahl des Erlesensten der abservierten Gänge zu holen und mit vielem Geschick und munter übertriebener Grandezza der verehrten Dame auf einem Silbertablett persönlich zu bringen. Aber als Tilly die Gabel greifen wollte und ihre ringlose Hand sah, brach sie beim Anblick dieser Furchtbarkeit wieder in Tränen aus. Konnte sich auch nicht beruhigen, als ihr Elisabeth Hunneberg mitteilte, daß sie einmal ein Armband mit Saphiren in einem Taxameter verloren habe, das ihr – wenn sie sich recht erinnere – der Herzog von Meiningen geschenkt habe, es könne aber auch der Herzog der Abruzzen gewesen sein. Für den Nachtisch hatte niemand mehr viel Sinn. Die Öltzendorffs hatten sich schon an Deck begeben, weil sie diese ganze turbulente Szene plebejisch berührte. Die Häfeles vermuteten, daß man zum erstenmal den spanischen Mond sehen werde, von dem sie sich vielleicht übertriebene Vorstellungen machten und unter dem sie sich bestimmt noch nicht geküßt hatten. Und Frau Tiegs war der Ansicht, daß man bald abfahre und daß ihr leider der genossene Salat nicht bekommen werde, den sie zu spät als mit Mayonnaise angemacht erkannt hatte. Eine Mitteilung, die dem Bankdirektor Tiegs sehr trübe Aussichten für seine Nachtruhe eröffnete und die er deshalb auf der Treppe durch den Falschschwur, es sei keine Mayonnaise an dem Salat gewesen, listig zu entkräften suchte. Eine Stunde später – das Schiff war langsam aus dem unbewegten Hafen von Barcelona herausgeglitten, und nur noch wie kleine goldene Löcher in den Schattenrissen der Hügel glänzten die Lichter der ansteigenden Stadt. Die Ungarn, die aus einer unbekannten freudigen Veranlassung viel Tokaier getrunken hatten, übten geräuschvolle Laufspiele um das Promenadendeck. Der schweigsame Tisch der Engländer stand an der Spitze der »Astarte« zusammen und rauchte wortlos aus kurzen Pfeifen. Penelope saß unter der hellen Lampe an der Rückwand der Luxuskabine, die Füße in einem Fußsack aus Heidschnuckenfellen, und stickte, ohne den Mond oder die Engländer, die Ungarn oder das Meer zu beachten. Die deutsche Gesellschaft aber, zu der sich Mister Hobsen als Kavalier oder Anhängsel der Diva rechnete, war im Musiksalon versammelt. Grabusch saß vor dem offenen Instrument und erklärte Reubke, der sich bedeutend lieber um Tilly Schuch gekümmert hätte, die Mystik des »Feuerzaubers«. Wozu er hin und wieder ganz plötzlich einen Akkord griff, der Reubke sehr erschreckte. Kloppenbusch aber, von dem Alpdruck Barcelonas befreit, erzählte sehr blutige Geschichten von Anarchisten. Dieser unangenehmen Menschenklasse diente sie ja als Nest und Dorado, diese unheimliche Stadt, deren Lichter nun – man sah's durch die runden Fenster – wie ein ferner Leuchtkäferschwarm von der Nacht eingeschluckt wurden. Da sei es zum Beispiel Sitte, erzählte er und hielt dabei Mücke, der nach Tilly Schuch und Elisabeth Hunneberg hinüberschielte, sehr zu dessen Mißbehagen am Perlenknopf seines Vorhemdes fest, sei Sitte, daß sich eine Anzahl von Herren einen gemeinsamen Barbier hielten – in Barcelona –, der keinen offenen Laden habe, sondern ins Haus zu jedem komme. Solche Gruppe von Leuten heiße man einen »Rasierklub«. Habe so ein Barbier – in Barcelona – seinen Kundenkreis nun durch Fleiß und Geschicklichkeit so erweitert, daß er's allein nicht mehr schaffen kann, so nehme er einen Gehilfen an, möglichst jung und billig. Alles in Barcelona. Zu solchem »Rasierklub« habe nun ein junger Deutscher gehört. Müller oder so. Eines Tages sei an Stelle des Barbiers der blutjunge Gehilfe zu Herrn Müller gekommen und habe den Bart dieses Kavaliers in eine sehr ungeschickte Behandlung genommen. Was sich ganz einfach damit erklärte, daß der Gehilfe bis vor kurzem gar kein Barbier, sondern Hütejunge auf einer andalusischen Stierfarm gewesen sei. Als dieser Künstler nun bei einer besonders schwierigen Messerwendung unterm Kinn den Herrn Müller gehörig in den Hals geschnitten, habe sich dieser hinreißen lassen, dem Burschen eine Kräftige herunterzulangen. Am Abend – alles in Barcelona – am Abend sei dann bleich und feierlich der Barbier selbst bei Herrn Müller erschienen, habe ihn durch Ehrenwort auf Schweigen übers Grab hinaus verpflichtet und ihm mitgeteilt, der junge Mann, der etwas ungeschickte Gehilfe, sei eigentlich gar kein Barbier, sondern bis vor kurzem Hütejunge auf einer andalusischen Stierfarm gewesen und gehöre einem anarchistischen Verband an. Es sei daher ratsam, daß Herr p. p. Müller spätestens bis morgen früh die schöne Stadt Barcelona verlasse, weil er sonst Gefahr laufe, in einigen Tagen hier beerdigt zu werden. Es sei nämlich Sitte der Anarchisten, den Schimpf einer körperlichen Züchtigung, als welche eine noch so berechtigte Ohrfeige immerhin anzusehen sei, innerhalb vierundzwanzig Stunden durch einen Stich mit einem Toledaner Dolch zwischen die vierte und fünfte Rippe zu beantworten. Alles in Barcelona. Herr Müller habe dann, vor diese Wahl gestellt, nach ernsten Erwägungen die Abreise der Beerdigung vorgezogen. Eine Entscheidung, die er, Kloppenbusch, nur billigen könne. Obschon er auch melancholische Momente kenne, in denen ihm das ganze Leben im Symbol der bekannten unreinlichen Hühnerleiter erscheine und nicht wert des Aufhebens dünke, das salbungsvolle Pastoren am Beginn und am Ende dieser Hühnerleiter, will sagen bei Kindstaufen und Begräbnissen, davon machten. Es gehörte zu der sehr merkwürdigen Veranlagung Kloppenbuschs, daß er nach den seltensten Abschweifungen seiner Rede immer wieder zu dem ursprünglichen Thema zurückfand. Seine Rede hatte darin etwas vom Bumerang, dem Wurfgeschoß der australischen Eingeborenen. So wäre auch jeder im Irrtum gewesen, der angenommen hätte, daß er sich nunmehr ausführlich über die Pastoren und seine Stellung zu der Kirche äußern werde. Er war schon wieder bei den Barbieren. Und da sich ihm Mücke jetzt durch eine so listige wie rasche Bewegung entzogen hatte, so richtete er seine Belehrungen an Bergemann und Erich. Ohne weiter zu bedenken, daß er deren leise geführtes Gespräch über den Brief von Erichs Mutter eigenmächtig unterbrach. Ein Barbier, sagte er, habe überhaupt, wenn man's so bedenke, eine ganz unheimliche Macht. Wie oft sei man – als Mann und Bärtiger – allein mit ihm, gewissermaßen abgeschlossen von den Hilfsquellen der Außenwelt. Und man halte ihm, der ein haarscharfes Messer in der Hand führe, dann auch noch vertrauensselig seinen nackten Hals hin. Ein kurzer, sicherer Schnitt und – die Schlagader ... oder die Luftröhre ... je nachdem – sei durch! Und die Versuchung ... Einmal neige der Mensch als solcher überhaupt zu grausamen Exzessen. Dann aber ... Er zum Beispiel trage – Kloppenbusch dämpfte seine Stimme bei dieser Mitteilung, und es war ersichtlich, daß er ein großes Vertrauen in die menschlichen Qualitäten seiner beiden Hörer damit bekundete – er trage sein Reisegeld in Scheinen in einem Ledertäschchen um den Hals. Unter dem Hemde. Als er sich nun heute morgen vor dem Aufbruch zum Stiergefecht noch auf dem Schiff bei Beppo Marlettino habe rasieren lassen, da plötzlich habe er mit Entsetzen im Spiegel entdeckt, daß ihm unter dem Kragen das ominöse Schnürchen heraussah, an dem, wie jeder Kenner sofort merken mußte, das Täschchen mit seinem Gelde unterm Hemde hing! Wenn jetzt ein verbrecherischer Trieb in Beppo Marlettino erwacht wäre – wenn ... Ein kurzer, sicherer Schnitt und – die Schlagader ... oder die Luftröhre ... je nachdem ... Bergemann lachte herzlich: »Ausgerechnet Beppo, der harmloseste Barbier, der je die Flöte geblasen – der gutmütigste Flötenbläser, der je barbiert hat!« »Flötenblasen hat mit dem Morden oder sonstigen schweren Verbrechen gar nichts zu tun.« Kloppenbusch war gekränkt. »In Kottbus ist sogar mal ein Posaunist wegen wiederholter Brandstiftung bestraft worden.« Nachdem er diesen Trumpf ausgespielt, trat er zu Grabusch ans Klavier. Der Amtsgerichtsrat war eben dabei, dem bis zum Zerspringen ungeduldigen Reubke, der an dem Sofa unter der melancholischen Palme Schwammerl und Mücke in eifriger Konversation um die Damen bemüht sah, zu erklären, wie die Musik den Ausdruck leichter Freude finde. Nach nur angetippten Beispielen aus dem »Figaro« und den »Lustigen Weibern« ging er, auf seinem Stuhl sich im Takt mitwiegend, zu den Rhythmen des Schmuckwalzers aus dem »Faust« über. Tilly zuckte auf dem Sofa zusammen: »Der Schmuckwalzer! ... Der Herr Amtsgerichtsrat wird doch nicht ...?« »Er möcht' Sie frozzeln, meinen S'?« Schwammerl hatte sofort verstanden. »Aber nein – der denkt nit dran!« Aber Tillys durch die Unterhaltung der Herren ein wenig abgelenkter und gebändigter Schmerz hatte neue Nahrung durch den Dreivierteltakt des Schmuckwalzers gewonnen, den Grabusch pedantisch zu Ende führte. Und da sie nun auch Erich und Bergemann unter die Blätter der melancholischen Palme treten sah, empfand sie eine Art Glücksgefühl, die ganze Schwere dieses Verlustes einem so großen und gewählten Kreis von Herren zu schildern. »Mein seliger Mann« – und indem sie das sagte, griff sie an ein Medaillon an ihrem Hals und schien erfreut, daß es noch da war – »mein seliger Mann hat nämlich den Rubin von einer Herzogin bekommen. Ja. Er hat doch so viel in Indien zu tun gehabt, mein Mann. Als Forscher, verstehn Sie. Er war im britischen Dienst – Gott, Deutschland hat ja keine Besitzungen da. Im Gebirge von Tramadi hat er geforscht, das ist da oben wo ...« Reubke bestätigte durch emsiges Kopfnicken, daß das Gebirge Tramadi »da oben wo« sei. Auch Mücke stimmte zu, und auf seinem zur Fadigkeit dressierten Gesicht lag kein Schimmer der Tatsache, daß er von der Existenz eines indischen Gebirges Tramadi bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte. »Gott, mein seliger Mann – so angesehen ist er gewesen in Indien.« Tillys Erinnerungen waren zuverlässig, aber nicht besonders gut geordnet. Das kam zutage bei ihren Schilderungen, deren Sprüngen nicht immer ganz leicht zu folgen war. »Bis Ceylon bin ich einmal mitgefahren und dann umgekehrt. Bei der Arbeit hat er mich eben nicht brauchen können. Und was für 'ne Arbeit! Wissen Sie, was die Ursache zu seinem Tod war? In einen erloschenen Vulkan ist er gefallen. In Indien. Nicht so ganz hinein natürlich, aber ein Stück weit. Davon hat er sich nie mehr erholt. Ja, ich bitte Sie, fallen Sie mal in einen Vulkan, wenn er auch nicht mehr brennt. Er war so kurzsichtig, mein Mann. Ich hab' ihm immer gesagt – noch in Ceylon hab ich's ihm zugerufen bei der Abfahrt: ›Geh nicht so nah an die Vulkane ran, Friedel, du weißt, du siehst nicht gut ...‹ Aber was hilft's. Petroleumquellen hat sie dort gehabt, die Herzogin. Ja, man sagt, daß ihr Vater, der Herzog von Punderband, viel verloren hat. Die einen meinen, durch das elektrische Licht: die andern meinen, weil er immer in Monte Carlo so hoch gespielt hat.« »Der Herzog von Punderband« – Mücke nickte mit einem leisen Kennerlächeln –, »man spricht heute noch im Kasino von seinem waghalsigen Spiel. Er hatte dabei immer einen französischen Roman auf den Knien. Wenn eine Serie kam, las er. Auch hat er beim Taubenschießen in Nizza dreimal den ersten Preis bekommen.« »Ja, der. Und als er tot war, ist sie nach Indien gereist. Und hat selbst nach dem Rechten gesehen, bei den Petroleumquellen. Gott, wenn man denkt, nicht wahr – eine Herzogin und Petroleum! Das hat mein seliger Mann auch schon immer gesagt. Und drum hat er so zu ihr gehalten. Das heißt, die war in Birma, die Quelle. Und dort ist auch der Rubin gefunden worden, ja. Bei Mogok. Und sie hat ihn meinem Mann geschenkt, die Herzogin. Und hat dazu geschrieben. Der Brief hat sich im Nachlaß nicht gefunden. Aber eine Brieftasche ist ihm auch damals in den Vulkan gefallen. Da wird er wohl drin gewesen sein, der Brief. Kenner haben mir gesagt, er ist Tausende wert, der Stein. Und nun so auf einmal weg ... Man weiß ja nicht, für was die Herzogin meinem Mann den Rubin geschenkt hat. Mein Gott, ein Mann, der so lange von seiner Frau getrennt ist, nicht wahr ...« Ein verständnisvolles Beifallsgemurmel durchlief den Kreis der Herren. Man fand es in der Ordnung, daß der selige Herr Schuch und die Herzogin ... vielleicht ...; und daß die Herzogin und Herr Schuch ... ziemlich sicher ... Und man empfand es angenehm, daß Tilly sich in der Sache auf einen so großdenkenden Standpunkt stellte. Es war ja möglich, daß, wenn es nicht gerade eine Herzogin von Punderband gewesen wäre, sondern eine Frau Smith aus Manchester ... Aber man hatte da nicht mit Hypothesen zu arbeiten. Man stand vor den schlichten und schönen Tatsachen: Herr Schuch war mit einer Herzogin befreundet. Ehe er in einen Vulkan fiel. Die Herzogin hatte ihm einen wertvollen Rubin geschenkt. Tilly ignorierte vornehm die Freundschaft und erbte den Rubin, als Herr Schuch in den Vulkan gefallen war. Nun war aber der Rubin weg. Und Tilly war eine sehr schöne Witwe ... Das waren so ungefähr die Gedanken, die den Herren Reubke, Mücke und Schwammerl in gleicher Folge und Stärke Hirn und Herz bewegten. Auch Erich und Bergemann dachten diese Gedanken. Bei diesen beiden aber hatten die Erwägungen eine ganz leicht fröhlich-ironische Färbung; und ihre Blicke wanderten vergnügt forschend über die Gesichter der drei teilnahmsvoll dreinschauenden Kavaliere. »Gounod ist mir stellenweise noch lieber als Wagner«, sagte Grabusch und nahm seine dicken Hände vom Klavier. Das war zuviel für Elisabeth Hunneberg. Erst hatte der Rubin, der gar nicht einmal vorhanden war, ihr alle Aufmerksamkeit der Herren entzogen und mit dem Glanz seiner Abwesenheit auf Tilly Schuch gelenkt. Und jetzt hörte sie aus Grabuschs Bemerkung auch noch eine Spitze gegen den verklärten Schöpfer ihrer Rollen, gegen den – nicht Urheber wollte sie denken, aber immerhin – Verbündeten ihrer Triumphe. »Guten Abend!« sagte sie kühl, und als ob sie an einer Galerie von Pagoden entlang streife, rauschte sie an den Anwesenden vorüber. Gefolgt von Hobsen, der ärgerlich erwog, ob alle diese Erregungen, die er nicht begriff, ihrer Stimme schaden möchten, die er doch gekräftigt nach Amsterdam zu liefern hatte. Grabusch sah ihr verblüfft nach. Er hatte Wagner nur erwähnt, um ihn als Brücke zu benutzen. Die war nun unter ihm gebrochen. Der Amtsgerichtsrat war nicht gern allein, wenn er sich ärgerte, das hatten früher schon seine Referendare mit Mißvergnügen bemerkt. So faßte er den in seiner Nähe stehenden Schwammerl am Arm und zog ihn mit nach der Tür. »Gehen wir noch etwas ums Promenadendeck. Das ist gut für Ihren Schnupfen!« Schwammerl, der das eigentlich nicht vorhatte, setzte sein Steirerhütel auf und folgte willig. Er ließ sich überhaupt gern lenken. »Sehen S', Herr Rat,« sagte er, den etwas heftigen Spaziergang mit dem alten Herrn beginnend, »wann andere einen Schnupfen haben – so haben s' halt den Schnupfen. Aber wenn meine Schleimhäut' in der Nasen gereizt sind – also, bitte, das ist eine Katastrophe! Ich bin doch nämlich ...« »Man sieht nichts mehr von Barcelona«, sagte der Rat, einen kleinen Augenblick stehenbleibend. »Nein. Nix. Wie wegg'wischt. Das hat man so bei der Nacht, ja. Mein Beruf nämlich, sehn S', Herr Rat, der braucht die Nasen. Akkurat wie ein Jagdhund, verstehn S'. Ich hab eine sehr gute Anstellung in einer Parfümeriefabrik, ja. Eigentlich bin ich ein Chemiker – aber ein Examen hab ich nit g'macht. Brauch's auch nit, denn ich hab meine Nasen. Die wird bezahlt, verstehn S'. Also – die raffiniertesten Gerüch'n der Konkurrenz, ich riech's raus, was drin is. Und was die Stärke anlangt von unsre Fabrikate – ich halt so a Flascherl ans linke Nasenloch und sag bloß: ›Noch mehr Heliotrop zugeben – oder a wenig Reseda noch – oder so!‹ Und allemal schlagen wir die Konkurrenz. Bloß mit der Nasen. Und nu auf einmal krieg ich – was? Einen Schnupfen! Ich!! Einen chronischen, verstehn S' – der Arzt sagt, das sind die schlimmeren, sagt er, die chronischen. So einen hab ich. Nu hab ich ja, Gott sei Dank, meine Nasen versichert, natürlich. Denn meine Nasen ist mein Kapital, nit wahr? So was assekuriert man doch, nit wahr? Wenn ein' andern sein Haus abbrennt oder seine Fabrik, das ist so, wie wenn ich – den Schnupfen hab, nit wahr?« »Von Malaga fahren wir direkt nach Granada?« fragte Grabusch. »Ja, i glaub. Malaga is nit sehr unterhaltlich, denk ich. Aber Granada – da soll so ein altes Schloß sein, ja. Malaga ist bloß der Wein. Aber da, verstehn S', Herr Rat, da muß ich sehr vorsichtig sein, sehr. Bei einem chronischen Schnupfen, sagt der Arzt, ist der Wein schlimm, sagt er. Und ich hab einen chronischen. Jetzt hat mich also die Versicherungsgesellschaft auf die Reisen geschickt. Denn, sagt sie sich, wenn ich in Wien bleib, so vergeht er nit, der chronische. Aber das Meer – o ja, das Meer! Wissen S', kein Staub und so. Haben S' schon mal beobachtet, Herr Rat, wenn Sie auf der Kärntnerstraßen sich die Nasen putzen und dann Ihr Nastüchel beobachten tun – also bitte, und jetzt betrachten S's mal auf'm Wasser, wann Sie sich bedient haben, das Nastüchel, bitte. Also überhaupt nit zu merken, daß Sie sich g'schneuzt haben.« »Majestätisch ist sie, diese Wagnersängerin,« sagte Grabusch, »fast möchte man sagen junonisch. Und bei der Seekrankheit hat sie sich auch nicht schlecht benommen. Nur schlecht ausgesehen. Haben Sie eine Ahnung, wer – hm – wer der Vater dieses Fritzchens war?« »Nein, daß i nit wüßt. Aber sehen S', Herr Rat, daß ich Ihne sag: nu war das ganz gut mit dem Schnupfen. Da mußt mich der Deifel reiten, daß ich mich so a wenig ... wie sag ich schon – a wenig verlieb, ja. Ich weiß zwar noch nit recht, in welche von den zwei Damen – aber in eine, is scho richtig, Und also sehn S', Herr Rat, das kost nu wieder die Versicherung a Stangen Gold. Denn verlieben – also verlieben, das is bei meiner Konstitution direkt a Malör für meine Nasen ... von wegen – die Sach is nämlich die ...« »Ich habe sie als Brunhilde gehört«, sagte Grabusch. »Das Hoi–o–to–ho, – machen Sie ihr das mal nach!« Schwammerl äußerte sich dahin, daß er das nicht vorhabe. Aber dann war er gleich wieder bei seinem Schnupfen und seinen Herzenszuständen. Und so spazierten die beiden, der Amtsgerichtsrat und der Wiener mit der hochversicherten Nase, noch eine Stunde und länger um das Promenadendeck herum. Jeder ohne recht zu hören, was der andre sagte und fragte; jeder erfreut, daß ein atmender, redender, fühlender Mensch, dessen Körperwärme im Arm zu spüren war, neben ihm ging. In den Luken der Kabinen war Licht um Licht erloschen. Eine Fracht schlafender, träumender Menschen trug die »Astarte« durch das friedlich geglättete Balearische Meer. In Kabine Nummer 17 auf dem Promenadendeck aber lag ein junger Mann mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Durch die Luke, die der Leichtsinnige offen gelassen, fingerte ihm der spanische Mond silbern um das trotzige Kinn und den weichen, gutmütigen Mund, über dem, ein Schatten, das englisch geschnittene Bärtchen lag. Und der junge Mann träumte, daß er in der Arena einem Stier gegenüberstehe, der gute Lust bezeige, ihn auf die lyraförmigen Hörner zu nehmen. Und jetzt mußte auch so etwas geschehen sein. Aber – seltsam, weh hatte es gar nicht getan. Und neben ihm kniete eine barmherzige Schwester, oder nein – kniete eine Madonna aus Padua. Die war eigens aus S. Giustina gekommen, sagte sie. Und rasch nahm sie den Heiligenschein aus ihren dunkelgewellten Haaren und hing ihn an den Kleiderhaken. Und sie kniete nieder bei ihm und verband ihm die Wunde, die gar nicht weh tat. Und Grübchen hatte sie in ihren hübschen, festen, behutsamen Händen. Und – sieh mal an – einen wunderschönen Rubin hatte die Madonna am Finger, und sie sagte, den habe ihr eine Herzogin geschenkt ... Jetzt gab sie ihm Arznei – die schmeckte gar nicht bitter, schmeckte wie Türkenblut ... Er lag aber nicht mehr in der Arena – ei, nein, er lag in einem sauberen Bett auf einem weißen Schiff ... und durch die Luke sah der Stier herein, gar nicht bös, sondern vergnügt und freundlich, und hatte den runden goldenen Mond mitten zwischen den lyraförmigen Hörnern ... Aber neben ihm, ganz dicht – seine Hand fühlte die ihre – saß die Madonna aus S. Giustina in Padua und sagte, seine Mutter brauche sich gar nicht zu ängstigen, wirklich gar nicht ... Eine Fracht schlafender, träumender Menschen trug die »Astarte« in mondheller Frühlingsnacht durch das Balearische Meer. Viertes Kapitel. Hänschen sang wundervoll an diesem frühen Morgen, der die »Astarte« langsam, ganz ins Gold der Frühe getaucht, in den Hafen von Malaga trug. »Morjen!« sagte Mücke gönnerhaft. Er kam im orangefarbenen, weiß verschnürten Pijama aus dem Bad und erinnerte Erich an die ekelhaft süßen Vanillestengel, die seine Jugend so gerne auf den Juxplätzen – drei für einen Groschen – erstanden hatte. Und im Weiterschreiten äußerte Herr Mücke: »Ein doller Vogel! Egal vergnügt. Und weshalb? Weil er in einem schuhlangen Käfig sitzt, während alles um ihn rum tut, was es will.« Ob das nun ein Monolog war oder eine für den Hörer bestimmte philosophische Betrachtung, erfuhr Erich nicht, da Arthur Mücke bereits auf seinen geräuschlosen Bastschuhen in seine Kabine verschwunden war. Auf der Treppe zum Promenadendeck begegnete Erich Hilde, die mit einem freundlichen Morgengruß rasch vorüberhuschen wollte. Er aber sprach sie an. »Wir fahren schon ein, Fräulein?« »Wir werfen gleich Anker, Herr Assessor.« »Um Gottes willen, lassen Sie den Assessor! Der ist schon daheim im lieben Deutschland nicht viel, aber nun gar auf dem Wege zur Alhambra! Kommen Sie auch mit an Land?« »Das geht doch nicht. Es bleiben ja einige von meinen Damen an Bord. Ein paar von den ungarischen Herrschaften. Und vielleicht auch Frau Tiegs. Ich soll gerade in ihrem Auftrag den Kapitän fragen, ob die spanische Eisenbahn Malaga-Granada zuverlässig sei.« Erich sah den Schalk in Hildes hübschen, dunklen Augen blitzen. Und ihm fiel ein, daß sie es war, die heute nacht in seiner Kabine den Heiligenschein, wie einen Hut, abgenommen und an den Haken gehängt hatte. Was es doch für respektlose Träume gab! Er hätte ihr gern das wunderliche Abenteuer seines Schlafes erzählt, aber er fand doch, daß Ort und Stunde nicht besonders gut dazu gewählt waren. Um so weniger, als Beppo, der Barbier, jetzt gerade die Treppe heraufstürzte, der Mücke rasieren sollte. Und ein paar Ungarn kamen lärmend aus ihren Kabinen. »Aber Sie freuen sich doch auch auf den Hafen ...?« fragte Erich und nickte freundlich im Weitergehen. »Nicht so sehr.« Sie war schon verschwunden, als er, mitten unter den Ungarn, die Antwort hörte. Warum freut sie sich nicht? dachte er. Sie ist jung, hat offene Augen, sieht ein schönes Stück Welt ... Vielleicht weil wir an Land gehen, und sie ...? Weil ich an Land gehe ...? Er mußte selbst lachen über die blöde Vorstellung. Aber knüpfte doch wieder an: wenn er so, wie er so oft mit Anny nach Wannsee gefahren war, um im Schwedischen Pavillon zu Abend zu essen, oder nach Rheinsberg, ihr vom Alten Fritzen zu erzählen ... wenn er so mit der kleinen Heiligen von S. Giustina hätte nach der Alhambra fahren können ... Donnerwetter, ja, die Alhambra! Er hatte gestern noch rasch allerlei Historisches darüber nachgelesen und auch einen Plan studiert. Und jetzt fegten ihm so die Namen und Zahlen im Hirn herum: Mohammed I. und Karl V. und die Naßriden und die Abencerragen. Aber es war keine rechte Ordnung in die Sachen zu bringen. Man müßte eben als Kulturmensch, wohl vorbereitet und studiert, die »rote Feste« besteigen; er aber hatte sich von einem Abend zum andern Morgen entschlossen. Oder eigentlich hatte die Herrin des unter Hypotheken langsam einstürzenden »Eugenienhofs« ihn zu der zerfallenen Prunkburg der längst aus Spanien und der Welt entflohenen maurischen Kalifen gescheucht. Der Morgen war herrlich. In der Spitze des Schiffes traf er Bergemann, der, das Glas in der Hand, interessevoll die Einfahrt beobachtete. Drei braune Matrosen und ein flinker, nacktfüßiger Schiffsjunge rollten das starke Tau auf, das, wie eine riesige Schlange glatt und wie mit gebändigtem Eigenleben, durch ihre rauhen, festen Hände lief. Da unten, im breiten Schiffsboot schaukelnd, führten zwei Ruderer den Kopf dieser Schlange hinüber nach dem Kai; und als scharfer grauer Strich schleifte das Tau im grünlichen Hafengewässer nach. Die Ankerketten, von Mannschaften in blauen Kitteln bedient, ließen ihre gewaltigen Eisenglieder über die Zahnräder rasseln. Der erste Offizier, die weiße Kappe im Nacken, steht ganz vorn in der Spitze und leitet alles mit Worten und Winken. Ein paar italienische Kommandos von oben. »Ferma!« An der Kaimauer zwischen den roten Fässern kommt Bewegung in eine Gruppe ziemlich zerlumpter Burschen. Zwei werfen ihre Zigarettenstummel weg und springen an den Steinrand. Die Matrosen aus dem Boot reichen das Tauende hinauf, das am eisernen Haken verstaut wird. Das Schiff gleitet leise, langsam, ohne Dampf. Die Maschinen arbeiten nicht mehr. Der Kai schiebt sich näher und näher. Die breite graue Masse der Kathedrale von Malaga, über dem grünen Gürtel von Bäumen, das Häusergewirr beherrschend, scheint, wie ein riesiger Feind, drohend heranzurücken. Ein leiser Ruck, das Bild steht. Die kahle Mole blendet mit ihren weihen Quadern von links herüber. Dahinter liegen Schornsteine, Fabriken. Ein Wäldchen schließt sich an, schattenversprechende Bäume in all dem Weiß, vielleicht ein Park. Die Stadt liegt in der Morgensonne unter den abschließenden, schöngeschwungenen Bergen. Alte Befestigungen scheinen ihre trotzigen grauen Mauern vorschieben zu wollen aus dem Gewirr der weißen und rosafarbenen Häuschen. Auf dem kahlen Rücken des nahen Hügels ein paar Pinienschirme, unbewegt, wie spielerisch eingesteckt. Nur wenige Dampfer liegen im Hafen. Alt, müde, grau, vom Morgen unberührt. Auf einer kleinen weißen Lustjacht aber regt sich die Neugier. Ein paar geringe Barken schaukeln am Kai. Oben ziehen nickende Maulesel bedächtig die hochrädrigen Karren, die seitlich mit seltsamen, hohen Stöcken besteckt sind. Ein paar Zigeunerinnen in Lumpen, aber Gold in den Ohren, strecken bettelnd nach dem Schiff die hagern braunen Arme aus. Eine hält einen Säugling an der Brust. Ein Mädel von ein paar Jahren springt vergnügt zwischen zwei Pudeln herum. In ihrem Holztellerchen klappern ein paar Kupfermünzen. Würdig, steif, teilnahmlos stehen zwei Gendarmen am Steg. Die tellerartigen, hinten aufgeklappten Lackhüte spiegeln in der Sonne. Das gelbe Riemenzeug des Tornisters glänzt. »Das da hinten,« sagte Kloppenbusch, an die Herren herantretend, »das ist der Camino del Palo.« Er zeigte dabei auf die angenehme Rundung eines Hügels zur Linken und war stolz auf diese Wissenschaft, die er beim hastig genommenen Frühstück eben von einem Steward bezogen hatte. Er war schon ganz gerüstet für die Landung, mit Tasche und Feldstecher behangen und einen Lodenmantel über dem Arm. Da die beiden Herren schwelgend in das Stadtbild versunken blieben, hielt er allgemeine Betrachtungen für angebracht. »Wenn man so denkt,« sagte er und nickte ernst vor sich hin, »da ist man zum Beispiel krank. Oder man war krank. Und der Arzt sagt: ›Herr Kloppenbusch,‹ sagt er, ›trinken Sie Malaga!‹ Und man trinkt Malaga. Die Flasche zu drei Mark fünfzig. Aber eine Ahnung, wo das Dings liegt, wo das Zeug wächst, hat man nicht. Und dann spielt man in einer Wohltätigkeitslotterie, wo's sonst bloß Regulatoren zu gewinnen gibt und Musikalbums mit kaputten Federn und Vasen, die umfallen, wenn man sie bloß ansieht – und bums! gewinnt man ein Billett und – ist in Malaga. Man steht mit einemmal, wo bei Wein wächst, die Flasche zu drei Mark fünfzig. Also – wenn so was nicht wunderbar ist und gewissermaßen das Dasein einer höheren Macht beweist, die man ›Fügung‹ nennen könnte – oder so ...« Herr Kloppenbusch verbreitete sich dann noch über die weitere Wirksamkeit dieser Macht, die man Fügung nennen konnte; erzählte, daß es zum Beispiel sein Onkel selig niemals geglaubt hätte, daß er, Kloppenbusch, der bei ihm Lehrling war und das Baumwollenfach lernte, einmal Granada besuchen würde. Denn eine bestimmte lilafarbene Baumwolle, die viel zu Strümpfen verstrickt wurde, hieß Granadawolle. So erhielt Herr Kloppenbusch als Jüngling durch den Onkel, dessen Bildung bis nach Spanien reichte, die erste Belehrung darüber, daß Granada eine wundervolle Stadt sei mit einem Schloß aus der Zeit der Mauren. Diese aber hätten, wie alles Heidentum in der Welt, was der Onkel mit Genugtuung konstatierte, dem Christentum weichen müssen; und der letzte Maurenkönig sei unter Zurücklassung großer Kostbarkeiten ... Kostbarkeiten! Dabei fiel Herrn Kloppenbusch ein, daß der Ring, der Ring der Frau Schuch, immer noch nicht gefunden sei. »Denken Sie nur,« sagte er, und die Erinnerungen an Gianada, den Onkel und die Sarazenen versanken vor der Wirklichkeit, »denken Sie nur, der Kapitän bleibt an Bord. Wegen der Untersuchung. Sein Teckel liegt ganz oben auf dem Brückendeck in der Sonne. Der Funkentelegraphist sagt, das tut der Prinz von Indien immer, wenn sein Herr besonders schlechter Laune ist. Ich denke mir: der Kapitän wird das Gepäck der Reisenden durchsuchen lassen, wenn alle an Land sind.« »Der Passagiere?« Erich streifte Kloppenbusch mit einem merkwürdigen Blick. »Das wäre denn doch ...« Kloppenbusch fühlte sich von der eigenen Vermutung stark angeregt und war erfreut, endlich wenigstens einen der Herren in so etwas wie einen Dialog verwickelt zu haben. Seine Ansprüche an die Antworten der andern waren bescheiden, wenn er nur einhaken und weiterreden konnte. »Ich bitte Sie, was soll er tun, der Kapitän? Daß Frau Schlich den Ring noch besaß, als sie nach der Stiermetzgerei an Bord kam, ist durch Zeugen festgestellt.« »Man irrt sich da leicht.« »Aber nicht drei Leute zugleich. Es kommt also, da ein Verlust ausgeschlossen scheint – sie haben ihr die Kabine um und um gewendet – nur ein Bediensteter in Betracht oder ein Passagier. Ein Bediensteter? ... Wer? Hm, die kleine hübsche Stewardeß – wie heißt sie doch ...« »Giustina,« sagte Erich, wie aus einem Traum aufsehend, verbesserte sich aber sofort: »Hilde Pauly ...« Und eifrig fügte er hinzu: »Ich glaube wenigstens, so hört' ich's vom Kapitän.« Bergemann ließ seine klugen Augen auf dem Antlitz des Sprechers ruhen. Erich fühlte es; fühlte auch, daß ihm Blut in die Wangen stieg, und daß seine Ohren heiß wurden. Das ärgerte ihn. Und so fuhr er Kloppenbusch ziemlich heftig an: »Sie werden doch nicht auf den unsinnigen Einfall kommen, daß dieses todanständige Mädel einen Ring ...« Kloppenbusch wich zurück. »Ich – wieso ich? Aber nein. Meiner Ansicht nach kann das Mädel seine Siebensachen genau so ruhig durchsuchen lassen wie Sie, Herr Assessor ...« »Wie ich –? Natürlich.« Erich hatte die Vision einer Anzahl grünseidener Sockenpaare, zwischen denen ein weißes Lederkästchen ... Er sah den Kapitän, ungewohnten Ernst im glattrasierten Gesicht, das ein ganz klein wenig an eine gescheite Dogge erinnern konnte, aus den Kabinen treten, das Etui auf der breiten, flachen Hand. Und die Offiziere, Stewards, Köche, Schiffsjungen umdrängten ihn. Ganz vorn aber stand ein junges Mädel im enganschließenden, dunklen Kleid der Stewardessen, eine silberne Marguerite unter dem hübschgeschwungenen Kinn. Ihre braunen Augen, weit aufgerissen vor Schreck, schienen zu sagen: »Das ist doch nicht möglich – der Assessor?« ... Die Frühsonne über Malaga machte aber doch schon sehr warm. »Haben Sie schon gepackt, Sanitätsrat? Es sind ja nur zwei Tage, die wir von Bord bleiben, aber ...« »In aller Herrgottsfrühe hab' ich ein bißchen was zusammengerafft in meine kleine Ledertasche. Ist übrigens noch Platz, Herr Erich, wollen Sie Ihr Nachthemd und Ihre Toilettensachen dazupacken ...?« »Danke, nein. Ich denke, die Temperaturen wechseln hier rasch. Ich will doch lieber den Handkoffer mitnehmen mit einem wärmeren Anzug für den Abend.« Erich entfernte sich mit eiligen Schritten. Bergemann sah ihm befremdet nach. Sein junger Freund schien ihm etwas nervös heute. Sollte doch die Wunde wieder ein bißchen zu schmerzen beginnen? Oder ... Kloppenbusch hatte keinen aufmerksamen Zuhörer für seinen Bericht, daß Fräulein Viktoria von Öltzendorff den Kapitän um den Rest seiner Laune gebracht habe durch ihr dringliches Verlangen, daß die vermißten Gegenstände in der Reihenfolge der Entdeckung ihres Verlustes gesucht werden müßten: das heißt, daß man erst ihres Bruders goldene Stockkrücke und dann erst den Rubinring der Frau Schuch herbeizuschaffen verpflichtet sei. Sie hatte sich dabei auf die Gepflogenheiten der englischen Polizei auf Malta und in Ägypten berufen und die Geschichte der Mumie eines Pharao begonnen, die eines Nachts aus dem Museum in Giseh entwendet wurde. Am Abend vorher aber war einem Herrn aus Liverpool im Hotel des Pyramides sein Kodak gestohlen worden. Und die englische Polizei hatte mit der den Engländern eigenen Korrektheit sich keinen Augenblick um die Mumie der ägyptischen Majestät gekümmert, bevor sie dem Landsmann aus Liverpool seinen Kodak, allerdings in zertrümmertem Zustand, wieder übergeben hatte. Bergemann hatte instinktiv gut daran getan, dieser mit Beispielen belegten Hymne auf die Polizei der von Viktoria von Öltzendorff sehr geschätzten Engländer in der Erzählung Kloppenbuschs keine Beachtung zu schenken. Denn als er eine halbe Stunde später mit Erich und den beiden Öltzendorffs – es hatte sich gerade so gemacht – in einem Wagen zur Bahn fuhr, würzte Viktoria von Öltzendorff die reichlich staubige Durchquerung Malagas mit dieser selben Geschichte, der sie ein sehr instruktives Beispiel nach den Erzählungen eines Obersten aus Britisch-Indien folgen ließ. In dem durch Reinlichkeit nicht ausgezeichneten Durchgangswagen erster Klasse, den Mister Hobsen für die deutsche Gesellschaft belegt hatte, entwickelte sich fröhliches Leben. Die Schönheit des Frühlingsmorgens, die Aussicht, Granada zu sehen, bei einigen auch die Gewißheit, sechsunddreißig Stunden bestimmt nicht seekrank werden zu können, hatten günstigen Einfluß auf die Laune. Grabusch vergaß sogar, daß sein Kabinengenosse Zwingenberg diese Nacht schrecklicher geschnarcht als die Nächte vorher und am Morgen sich schon wieder mit seiner, Grabuschs, Seife gewaschen hatte. Auch daß er unterm Arm Fritzchens, des lieben Jungen, wieder Schwammerls Geschenk, das Segelschiff, entdeckte, konnte ihm den schönen Morgen nicht verderben, der ihm Elisabeth Hunneberg gegenüber, die in ihrem hellblau gemusterten Foulardkleld alle Verehrer junonischer Formen durchaus zufriedenstellen mußte, den Platz am Fenster angewiesen. Tilly Schuch schien in der frohen und von ihrer Umgebung kühn genährten Zuversicht, daß in ihrer Abwesenheit der Kapitän mit aller Geistesschärfe den Ring persönlich suchen werde, das schreckliche Erlebnis im muntern Gespräch vergessen zu wollen. Schwammerl imitierte die Abfahrtsgeräusche auf einem Zug der Brennerbahn. Reubke zeigte Photographien von jenem bewegten Vormittag herum, der ihm die seekranken Opfer wehrlos vor seine unbarmherzige Kamera ausgeliefert hatte. Dadurch, daß er mehrmals dieselben Platten benutzt hatte, erhielten viele Figuren so etwas Transparentes, Okkultes, Vierdimensionales. Es war entschieden sehr lustig zu sehen, wie auf einem Stuhl mit acht Beinen ein seltsamer Körper lag, der oben zwei Köpfe zeigte, das leidensmüde Haupt Kloppenbuschs und den auch im Schmerz schönen Kopf der Frau Tiegs; und es war gewiß kein gewöhnliches Amateurbild, wenn auf einem andern dieser wertvollen Blätter der Schiffsarzt Lux, gefolgt vom Teckel Peterle, mitten in den Bauch des in einen karierten Schal gewickelten Rentiers Zwingenberg hineinmarschierte. Öltzendorff empörte sich über die schlechten spanischen Postverbindungen, die ihm hier in Malaga Nummern der Kreuzzeitung ausgeliefert, die zehn Tage zurücklagen und außerdem so abscheulich zu riechen schienen, daß er sie auf dringenden Wunsch seiner Schwester Viktoria, gleich als sich der Zug in Bewegung setzte, aus dem Fenster werfen mußte. Es stellte sich allerdings bald heraus, daß es nicht die Journale gewesen, die diesen Mißduft verbreitet, sondern daß vielmehr das ganze Coupé an sich und aus sich heraus so übel roch. Was Fritzchen, den lieben Jungen, der es auch merkte, zu einer so drastischen und für einen allerdings nicht Mitreisenden verletzenden Vermutung veranlaßte, daß ihm seine Mutter, die große Wagnersängerin, mit einer großen Geste, aber doch lachend, den Mund zuhielt. Erichs Gedanken waren nicht recht bei den Fahrtgenossen. Er machte wohl hin und wieder seine kleinen Beobachtungen, aber im wesentlichen flogen seine Gedanken doch immer zu der fatalen Ringangelegenheit zurück. Da oben in der großen gelbledernen Reisetasche, die er sich noch rasch in Genua gekauft, lag nun zwischen den Socken der Rubinring. Daß man eventuell in seinem Portemonnaie auch die überall längst ungültigen griechischen Silbermünzen noch finden konnte, die er beim Ankauf dieses Gepäckstückes herausbekommen hatte, konnte den Verdacht kaum mindern. Freilich, Bergemann würde bezeugen ... Was denn? Bergemann hatte den Vater gut gekannt: ihn aber kannte er erst ein paar Tage; hatte ihn in Büssigheim rasch seine Entschlüsse, in der Bahn häufig seine Stimmungen wechseln sehen. Und warum hatte er Bergemann nicht den Ring schon vorher gezeigt, wenn er ihn ehrlich besaß? Übrigens ... Bergemann schien ihm der einzige, der diese Fahrt in richtiger Weise genoß. Schweigend und ein glückliches Lächeln um den Mund, nur zuweilen im Reisebuch nachprüfend, sah er hinaus in die Gegend. Mein Gott – Gegend! Schließlich war man doch in Spanien. Erich ärgerte sich, daß er über der dummen Geschichte den Reiz der wechselnden Bilder so wenig genoß. Er gab sich Mühe zu sehen, statt zu denken. Links und rechts die Felder im Sonnenschein, wie gelbe und grüne Teppiche über die Hügel geworfen, deren kahler Buckel da und dort eigensinnig die fruchtbaren Decken durchbrach. Von breiten Hüten überschattet, standen die Bauern breitbeinig im Feld und schnitten das Korn. Im Mai! Glückliches Land, das zweimal ernten kann! Jetzt trat das Gebirge heran. Kahl und runzlig, wie die Rücken abgetriebener Maulesel, die Felsen. Rechts und links Kakteen, immerzu Kakteen, riesige Kakteen. Einmal ein paar hübsche Granatbäume, darunter pflügende Stiere. Jetzt ging's an einem ausgetrockneten Flußbett entlang. Kahl und trostlos lag die riesige Rinne mit ihren trockenen Steinbuckeln im Tal. »Also man meint, man is in den Dolomiten«, sagte Schwammerl; und diese herzliche Heimaterinnerung gab ihm Veranlassung, etwas näher an Tilly Schuch heranzurücken, die nicht allzuviel Platz hatte, da auf der andern Seite Kreuzwendedich von Reubke, vielleicht dichter als nötig, an sie herangerückt war. Dieser Kavalier freute sich besonders der Kurven in den Tunnels, die ihm erlaubten, seine Ellbogen, in denen er ein feines Gefühl besaß, die Molligkeit des Armes der Nachbarin genießen zu lassen. Tunnels gab es genug. Otto Häfele und seine junge Frau waren mit der Strecke sehr zufrieden. Sie saßen im andern Abteil mit Scupinsky und Selma, die für Granada einen riesigen purpurroten Hut mit ebensolchen Federn gewählt hatte, der bei einem Stiergefecht bedeutende Gefahren hätte heraufbeschwören müssen. Ihre Erzählungen aus der Wiener Gesellschaft – die, wenn man ihren Andeutungen glaubte, in ihr allmählich einen Ersatz für die Fürstin Metternich-Sandor fand – ergötzten den neben ihr sitzenden Grabusch wenig. Diesen hatte ein Mißgeschick gleich nach Beginn der Fahrt von Elisabeth Hunneberg getrennt, mit der er gerne, den üblen Eindruck seiner letzten musikalischen Gespräche zu verwischen, über den »Tristan« gesprochen hätte. Scupinsky hatte sich Mücke gerade gegenüber placiert und spießte den Gent, der heute blasser war als je und emsiger als sonst sein spiegelblankes Monokel putzte, mit seinen stechenden Augen, während er seltsam zerrissene Unterhaltungen mit dem widerwillig Antwortenden führte. »Sie lassen, wenn ich fragen darf, in Nizza arbeiten, Herr Mücke?« »Ja. Ist es erlaubt, das Fenster ein wenig zu öffnen?« »Gewiß. Hm. Die Schneider in Nizza sind sehr teuer, ich kenne die Preise. Sie haben diesen hübschen Flanellanzug erst vor der Reise anfertigen lassen?« »Allerdings. Er sieht teurer aus, als ...« »Gedenken Sie ihn noch oft zu tragen?« Der Kerl will doch keine alten Sachen kaufen, dachte Grabusch in seiner Ecke. »Das hängt davon ab«, gab Mücke mit einem gewissen Trotz zurück. Und Grabusch, der vergebens seine Gedanken auf den »Tristan« zu konzentrieren suchte, dachte, von was das wohl abhängen möge. »Wie lange fahren wir eigentlich noch bis Amsterdam?' »I glaub, so Stücker zehn, zwölf Tage –« Es war Selma, die ihn belehrte, da sonst niemand sich mit dem Kalender befassen zu wollen schien. »Das ist ja noch ein ganzes Leben, was da vor uns liegt bis zur Trennung.« Scupinskys Lächeln, mit dem er das zu Mücke hinübersprach, war ohne Lieblichkeit. Grabusch dachte, was man wohl mit einem Leben von zehn Tagen viel anfangen könnte. Immerhin, solches Leben allein in Gesellschaft des Edlen von Scupinsky zu verbringen, mußte nicht angenehm sein. Dann kam wieder ein Tunnel, und Grabusch hörte deutlich das leise schmatzende Geräusch, das bei plötzlichen Verdunkelungen auf der Strecke stets aus der Richtung des Ehepaares Häfele lautbar zu werden pflegte. Als der Zug den Tunnel verließ, hatte sich Mücke erhoben und stand im Korridor, in dem sich Kloppenbusch über die Sitte des Spaniers, auf den Boden zu spucken, mißbilligend äußerte. »Und dabei«, sagte er, »haben die Leute gar nicht mal hier ihre Plätze. Sie fahren zweiter, gehen hier durch die erste und spucken auf den Boden.« An einer kleinen Station waren große Frühstückskasten für die Passagiere hineingereicht worden. Appetitlich aufgemacht, ein wenig Huhn, ein Kotelett, ein paar Scheiben Wurst, Orangen, zierliche Viertelliterfläschchen mit rotem und weißem Wein. Die Stimmung wurde immer vergnügter. Besonders als Schwammerl, rasch aus dem Coupé springend, überaus schmierigen, dunkeläugigen Kindern, die da mit herrlichen Blütenwedeln den Zug entlang liefen, ihre duftende Ware für ein paar kleine Silberlinge abgekauft hatte und nun mit zierlichen Verbeugungen allen Damen Bukette überreichte, indem er übermütige Begleitworte sprach: »Also, bitt schön – im allerhöchsten Auftrag Seiner Apostolischen Majestät des Königs von Spanien – bitt schön, zum Willkommen in seinem Land ... Die Sarazenen lassen Gnädigste recht schön grüßen und täten sich freuen, bitte, wann Gnädigste morgen die Alhambra persönlich beehren wollten ...« Und da Reubke nicht zurückbleiben mochte an Unterhaltsamkeit, so griff er seinen Regenschirm aus dem Netz, nahm ihn wie eine Mandoline in den Arm und sang mit ganz hübscher Stimme eine Romanze aus lauter unsinnig zusammengestellten Worten, die ihm spanisch vorkam: »Annis – Torero – Trabucos – Excusados – Señora – Pantalones – Revisador de billetes ...« In einem Halbabteil saß Zwingenberg mit dem Ehepaar Tiegs, das sich doch noch zur Fahrt entschlossen hatte, nachdem der Kapitän beruhigende Versicherungen über das spanische Eisenbahnmaterial abgegeben hatte. Zwingenberg unterhielt die Herrschaften mit seinen Befürchtungen, daß es in Granada kein Pilsener geben werde, an das er abends sehr gewöhnt sei. Dann kam er auf seine Köchin zu Hause in Lichterfelde zu sprechen, die ein Juwel genannt werden müsse. Sie verlange zwar zweimal in der Woche Ausgang und tanze dann trotz ihres Umfangs und Alters bis zum Saalschluß in Halensee, aber sie koche wundervoll und fertige zum Exempel ein Hühnerfrikassee, dem sie Kalbshirn und gehackte Morcheln beimenge ... Adolf Zwingenberg mußte sich das Wasser vom Munde wischen in Erinnerung an diese Genüsse, von denen er die schweigend und in beleidigter Majestät zuhörende Frau Tiegs unterhielt, während der Zug an kahlen Felsen vorüberfuhr und dann wieder an Felsen mit Kletterrosen und wilden Oleanderbüschen; während aus der silbrigen Ferne deutlicher ein großer kahler Bergkoloß vortrat, in dessen Mulden es weiß, schneeig aufglänzte; während an kleinen Stationen schreiende, lachende Kinder Körbchen mit frischen Kirschen und schreckliche, runde Kuchen mit Zuckerguß durch die Gitter am Perron streckten. Dicht vor Granada zog sich plötzlich ein Gewitter zusammen. Der Regen prasselte, als wollte er die Erde ersäufen. Blitze zuckten ins Land, als sollten alle Felder verbrannt werden. Und der Donner rollte, als ob ein himmlischer Eilzug von hundert Achsen über die trotzig geballten Wolken fahre ... Dann schnitt plötzlich die Sonne messerscharf die Wolken auseinander, deren graue Fetzen rasch zur Seite flogen. Es war wieder heller, schöner Sommertag. Aber von Hecken und Bäumen und aus den fruchtbaren Feldern, die sich jetzt mit ihrer sturmgeduckten Frucht dicht aneinanderdrängten, blitzte und funkelte es. Jetzt wird gleich jemand sagen: »wie tausend Diamanten«, dachte Grabusch und ärgerte sich schon im voraus. Und richtig, Selma mit ihrer Krähstimme verkündete ihre Entdeckung: »Also – akkurat, als wenn jemand hunderttausend Diamanten da hineing'worfen hätt'.« Grabusch hätte sie auch gern da hineingeworfen. Im Nebenabteil aber saß Erich, hörte die Poesie der Signora di Venticinque und fröstelte über den Rücken. Nun mußte sie gleich auch »Rubinen« sagen. Aber sie sagte es nicht. Fast ohne Vorbereitung im Landschaftsbild gingen die Felder in die Stadt über. Ehe man recht sah, daß man einfuhr, war man auf einem kleinstädtischen Bahnhof, dessen stolze Inschrift »Granada« nicht recht passen wollte zu der Dürftigkeit des Baus und seiner Umgebung. Hobsen, der – die andern Herrschaften nicht im Platz zu beengen – die Fahrt in einem bescheidenen, aber sonst leeren Abteil zweiter Klasse mit Agnes Hennerich zurückgelegt hatte und sehr angeregt auf den Perron sprang, hatte telegraphisch für Wagen gesorgt; und man fuhr alsbald über das recht holprige Pflaster wenig imponierender Straßen, an denen einstöckige Häuser sich und ihr Visavis zu langweilen schienen. Auf ein paar hochgegitterten Balkonen standen traurige Blumentöpfe. Hochrädrige Karren, drei, vier oder fünf Maultiere voreinander gespannt, schoben sich mühsam über die glitschigen Steine. »Wenn ich hörte, wir wären irrtümlich, statt in Granada, in Neu-Böpplingen oder Niederbuchenbach ausgestiegen, würde es mich auch nicht sehr verwundern«, meinte Bergemann und versuchte sich neben Erich so im Wagen zu placieren, daß ihn das aus den Sitzkissen das Seegras durchdringende Holzstück weniger bei jedem Ruck und Stoß genierte. Erich schwieg. Ihm war unbehaglich zumut. Er konnte die Vorstellung nicht loswerden, daß jetzt der Kapitän die Kabinen durchsuchen ließ, Und dazwischen fiel ihm immer wieder ein, daß auch Hilde in den Verdacht kommen könnte ... Zum Donnerwetter, was ging ihn Hilde an! ... Wenn er nun aus Granada den Ring als Muster ohne Wert an seine Mutter schickte? Oder an der Alhambra in den Garten würfe ... einen Graben mußte die Alhambra doch haben ... Bloß in dieser Gesellschaft, die man nie los wurde, der man keinen Tritt geben konnte. »Pardon, das ist mein Fuß«, sagte Bergemann und zog. die Nase rümpfend, sein rechtes Bein zurück. Erich entschuldigte sich. Er sei in Gedanken. Das Bild Granadas verwirre ihn. »Na,« sagte Bergemann lächelnd, »bis zu dieser Straßenecke war nicht allzuviel zum Verwirren. Aber jetzt, scheint mir, biegen wir in elegantere Geschäftsstraßen ein. Ei ja – ich nehme Neu-Böpplingen und Niederbuchenbach zurück. Es könnte Mailand sein, so um die Galerie herum, oder Neapel. Freilich nicht gleich die Via Roma – aber ganz hübsche Läden.« »Viele Juweliere sind hier«, bemerkte Erich. »Ja,« lachte Bergemann vergnügt, »da könnte einer der drei Kavaliere, die mottenhaft um das blonde Licht des Köpfchens der Frau Tilly Schuch flattern, sich beliebt machen; könnte der Dame einen Ersatz für den Rubin der Herzogin kaufen. Die Erinnerungen, die sich an das Original knüpfen, gibt sie, glaub' ich, billig. Aber ich habe so meine Ahnung, als ob diese drei Kavaliere mit ihren Finanzen nicht so gut in Ordnung sind, wie – trotz der Juweleneinkäufe – diese hübsche, aber – unter uns – ein bißchen törichte Witwe.« Erich kämpfte mit sich. Sein Blick irrte, ohne recht zu sehen, die Häuser entlang. »Sanitätsrat!« begann er. Bergemann legte ihm die Hand auf den Arm. »Sehn Sie die hübschen Blumen, die das schwarze Mädel dort trägt. Aber – nicht ›Sanitätsrat‹! Wenn ich ›Sanitätsrat‹ höre, sehe ich Grabkreuze mit Sprüchen darauf. Sagen Sie zu mir Bergemann, und ich will zu Ihnen Erich sagen. Da bleibt immer noch die Distanz des Alters gewahrt, die wirklich nicht mein Verdienst ist.« »Herzlich gern. Also – lieber Bergemann, hören Sie. In meinem Koffer ... Oder, nein: in Büssigheim, im Abtzimmer ... Oder, nein, so: in der Tauentzienstraße in Berlin ...« »Um Gottes willen, das wird eine lange Geschichte, Erich, wenn sie schon im ersten Kapitel dreimal den Schauplatz wechselt – vergessen Sie nicht. Aber sehen Sie erst mal – das ist ja herrlich, einfach herrlich!« Sie bogen auf breiter Fahrstraße in einen wundervollen Park ein. Links und rechts hohe Laubbäume, vom Regen gewaschen, mit glänzenden Blättern. Ein leichter Wind warf noch Tropfen von den Ästen auf den moosigen Boden. Das köstliche Aroma einer reichen, getränkten Pflanzenwelt strömte würzig über sie hin. Alles atmete Frische und Leben nach dem Gewitter; und die warme Sonne, die sich schon zum Untergang neigte, warf, die üppigen grünen Schirme durchbrechend, goldne und violette Lichter hinein. Die Pferde zogen eine Weile schwer bergan, bogen kurz ab und standen. »Ist das die Alhambra?« Kloppenbusch stand in seinem Wagen auf und rief es sehr aufgeregt. Hobsen, der im ersten Wagen gesessen hatte – mit Elisabeth Hunneberg, Grabusch, Agnes und Fritzchen, dem lieben Jungen –, machte hier, neben einer Regenpfütze stehend, zwei Kellner mit englisch phlegmatischen Gesichtern hinter sich, die Honneurs. »Nein, die Alhambra ist das nicht. Aber das Hotel Alhambra Palace, in dem wir ... Bitte, hier herein, meine Damen ...! Ach, Sie bewundern schon die Souvenirs, die Sie morgen kaufen werden.« Und sich an den Hoteldirektor wendend, sagte er in einem etwas amerikanischen Englisch: »These are for the party for whom I ordered the rooms. I ask perhaps, to give the ladies rooms in the first story, the gentlemen can help themselves.« Die Ankömmlinge kamen aus dem Staunen nicht heraus. Das war allerdings nicht der herkömmliche Typus eines erstklassigen Hotels. Man sah zwar sofort, daß hier nichts fehlte an Komfort, Bedienung, Behaglichkeit. Aber die Bedürfnisse des modernen Kulturmenschen waren gewissermaßen eingebaut in alte maurische Architektur. Die internationale Gegenwart war versteckt in die vergangene Herrlichkeit der Sarazenen. Gewölbbogen, auf schlanken Säulen ruhend, Hufeisenbogen aus roten Steinen über den Eingängen in die Säle. Überall der Fries farbiger Arabesken, die ihre Linien und Bänder seltsam und doch zu regelmäßig wiederkehrenden Figuren verschlangen. Orientalische Teppiche in köstlichen Farben über die Steinböden verstreut. An Ketten niederhängende Ampeln aus getriebenem Kupfer. Und zwischen all dem Alten, Orientalischen, das an längst vergangene Zeiten mahnte, an heiße südliche Länder, an kühle Moscheen, an gemauerte Bäder, an Tausendundeine Nacht und ihre Phantasten, Karawanen und Fabelschlösser – die hellen, leichten englischen Korbmöbel. Verwirrt, staunend, schweigend gingen Bergemann und Erich hinter einem würdig auf lautlosen Sohlen voranschreitenden Kellner über kühle Gänge, breite Treppen nach ihren nebeneinander liegenden Zimmern im zweiten Stock. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus trug Erich seinen Koffer selbst. Auch als ihn der Kellner an der Zimmertür nehmen wollte, ihn auf den Bock zu stellen, dankte Erich. Bergemann lachte: »Sie führen wohl Schätze mit oder Ihre Memoiren?« »Vielleicht ein wenig von beidem.« Erich war allein. Er sah sich im Zimmer um. Reizend! Maurisch gemusterter Mosaikboden, grüne Türen, von steinernen Rundbogen überdacht. Von dem kleinen Balkon ein Blick hinunter auf eine gezackte Festungsmauer, die das Hotel von der Straße trennte. Drüben ein kleines Gärtchen mit roten Blumen in viel frischgewachsenem glänzendem Grün. Eine hohe Palme drin mit trocknen Blättern, drüber ansteigend wie ein herrlicher, lebendiger Wall die alten hochstämmigen Laubbäume des Parks. Von einer dunklen Baumgruppe rechts hob sich ein riesiges weißes Kreuz ab, das mit seinen leuchtenden Marmorarmen das grüne Heer der nachdrängenden Stämme am Vordringen gegen die Straße zu hindern schien. »Herrlich, was?« Erich sagte es zu dem Sanitätsrat, den er eben auf den kleinen Balkon nebenan treten sah. Bergemann nickte: »Vielversprechend für morgen. Und das Kreuz fehlt natürlich auch nicht, das mich erinnern soll: ›Du bist nur ein durch Poesie gemaßregelter deutscher Doktor!‹« Hobsen, der sich immer mehr als Arrangeur der Landtouren fühlte, kam, um Erich zu fragen, ob es ihm recht sei, daß in einer halben Stunde gemeinsam soupiert werde. Auch Bergemann stimmte von seinem Balkon aus zu. »Es hält ja schwer,« seufzte Hobsen, »die Herrschaften alle zusammenzuhalten. Ziegenhüten in der Campagna ist leichter – Pardon! Die Damen besichtigen bereits unten – Sie haben das hübsche Geschäft links von der Halle bemerkt? – spanische Mantillen und Waffen und Bilderrahmen im Alhambrastil. Herr Kloppenbusch ist noch mal in die Stadt, Ansichtskarten zu kaufen; er vermutet, daß die im Hotel zu teuer sind. Das Ehepaar Häfele wünscht auf dem Zimmer zu speisen. Aber erst, wenn der Mond aufgegangen ist – so hab' ich's dem Kellner ins Spanische übersetzen müssen. Die Kellner sind hier an manches gewöhnt, in Granada. Übrigens, Ihr Zimmermädchen ist eine Schweizerin. Ich habe unsere Diva auf demselben Korridor untergebracht, da Fritzchen, der liebe Junge, oft Wünsche hat, die er nur deutsch ausdrücken kann. Sonst kommen Sie überall mit Englisch durch. Auch Fräulein Agnes Hennerich spricht nur wenige Worte Englisch ...« Mister Hobsen verschwieg, daß Fräulein Agnes diese wenigen Worte von ihm gelernt hatte, daß diese Worte sich aber nicht gerade zum Verkehr mit Hotelangestellten eigneten, überhaupt behutsam und ökonomisch verwendet werden mußten. Nach dem Souper, das die Gesellschaft, angeregt von der schönen Fahrt und den Erwartungen auf die Wunder des morgigen Tages, an kleinen Tischen eingenommen hatte, zogen sich die Damen, von der Reise und den neuen Eindrücken ermüdet, in ihre Zimmer zurück. Über Mücke schien eine seltsame, fast zappelige Lustigkeit gekommen. »Bitte einen Augenblick, meine Herren,« sagte er, »ich gedenke heute abend auf der Terrasse des Hotels eine Champagnerbowle zu trinken und würde mich freuen, die Herren als meine Gäste ...« Mücke konnte nicht zu Ende reden, da Kloppenbusch ihn unterbrach, um zu versichern, daß der gütige Gastgeber bestimmt auf ihn zählen könne. Auch Reubke und Schwammerl, die nicht mehr auf den erhofften Mondscheinspaziergang mit Tilly Schuch rechnen konnten, nahmen dankend an. Hobsen entschuldigte sich mit Vorbereitungen für den morgigen Tag, der ihm ernste Führerpflichten auferlege. Grabusch, dem Elisabeth Hunneberg bei Tisch mitgeteilt, den Tristan liebe sie nicht sehr, dankte knurrig und kurz. Zwingenberg aber ermahnte, den Sekt nicht zu kühl zu nehmen, weil sonst leicht häßliche Magenverstimmungen die Folge seien. Woraus zu entnehmen war, daß auch er das kleine Fest durch seine Anwesenheit zu verschönen gesonnen war. Erich und Bergemann, beide etwas überrascht durch die Gastfreundschaft des jungen Herrn, dankten höflich, schützten Müdigkeit vor und gingen, sich verabschiedend, nach dem Ausgang. Im Vestibül trafen sie Herrn Häfele. Allein. Was eine große Seltenheit war. Er schien beherrscht von einem frohen Gedanken und war zu Mitteilungen aufgelegt. »Also das Annale, meine liebe Frau, die schläft nämlich a wenig. Ja. Wir tun nachher erscht soupiere. Aber ich hab eine feine Überraschung fürs Annale. Wisse Sie, da herübe« – er fuhr mit der Hand großartig ins Dunkel –, »da ischt ein Zigeunerstadtteil. Ja. Also die Leut tun Geige spiele – 's ischt wundervoll. Steht im Reisehandbuch. Also jetzt fahr i g'schwind nüber und engaschier mir so e paar von dene Zigeunersleut. Ja. Und wann wir nachher soupiere – 's Annale und ich –, also dann fange die Zigeunersleut unte an Geige zu spiele. Was – das ischt fein ausdacht?« In der Vorfreude diese herrliche Überraschung auskostend, rieb sich Otto Häfele heftig die knochigen Hände. Der Portier meldete, daß der befohlene Wagen für den Herrn bereitstehe; und Otto Häfele fuhr, den spanischen Kutscher in schwäbischer Herzlichkeit zur Eile ermunternd, froher Gefühle voll, zu den Zigeunern von Granada. Bergemann wollte gerade zu Erich eine anerkennende Bemerkung über die opferfreudige Verliebtheit dieses jungen Ehemanns machen, als seine Aufmerksamkeit von einer seltsamen Gruppe angezogen wurde. Dicht neben ihm hatte Mücke sich vor Scupinsky und Selma hingestellt, die beide anscheinend nicht erbaut waren, diesen Jüngling so dicht vor sich zu sehen. Was begreiflich schien, da Herr Arthur Mücke offenbar schon bei Tisch dem dunklen spanischen Wein mehr, als für seine Konstitution gut war, zugesprochen hatte. »Also – Herr Baron,« sagte Mücke, mit der blassen Hand sein Kinn reibend, zu Scupinsky; und es war nicht zu überhören, daß die feierliche Titulierung einen leichten ironischen Unterton hatte, »ich gebe heute abend ein kleines Herrenböwlchen. Auf der Terrasse. Granada unter uns. Nur Herren, wie gesagt. Sie werden sich wohl nicht von der liebwerten Frau Gemahlin trennen wollen ...?« »Nein!« sagte Scupinsky scharf. Kam das von der Beleuchtung, oder war sein Gesicht wirklich so gelb? »Ich möchte mit meiner Frau noch nach der Stadt in ein Café gehen.« »In ein Café –!? Schade –« Mücke feixte, »schade, da komme ich also um die Möglichkeit, Sie zu bewirten. Sie wird mir bedauerlicherweise wohl nicht mehr oft geboten.« »Ich glaube das auch.« Eine leise Drohung grollte in Scupinskys Vermutung. »Und jetzt lassen Sie uns vielleicht vorbei.« »Ungern – wirklich ungern! Sie glauben nicht, wie ich Ihren Gatten bewundere, gnädige Frau. Er hat wohl keinen aufrichtigeren Bewunderer – und Kenner! – auf dem Schiff und hier in Granada. Ich habe nie einen Menschen ruhiger – und glücklicher spielen sehen. Vielleicht den Lord Punderband ausgenommen. Ich werde dieses ritterliche Bild, glaub' ich, vor Augen haben, wenn ich sie einmal schließe – die Augen.« »Was ja wohl heut nacht der Fall ist?« Erich und Bergemann, die beiden unfreiwilligen Zeugen dieser wunderlichen Szene, begriffen den lauernden Ton in Scupinskys Frage so wenig wie die fast provozierend durchbrechende Ironie in Mückes Rede. Es war doch klar, daß Mücke heut nacht auch mal schlafen gehen würde; wozu also die Frage. Und wenn man seinen Zustand betrachtete und des weiteren in Erwägung zog, daß ihn die Champagnerbowle noch erwartete, so war sogar für sein Wohlbefinden und für die Nachtruhe der Zimmernachbarn zu wünschen, daß dieser Zeitpunkt nicht allzu fern liegen möge. Das waren die übereinstimmenden Erwägungen, die Bergemann und Erich, ohne sich durch Worte zu verständigen, anstellten, als nun Herr von Scupinsky mit einer höflichen Bewegung, die aber doch die dahinter lauernde Kraft verriet, Herrn Arthur Mücke ein wenig zur Seite schob, um für Selma Platz zu machen. Er folgte dann der rasch Vorausgehenden, indem er über die Achsel sprach: »Es erübrigt mir also nur, Ihnen gute Nacht zu wünschen!« Mücke lachte kurz und ungezogen hinter den beiden her. Dann zündete er sich eine Zigarette an und schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, nach der Terrasse. »Werden Sie aus dem Menschen klug?« Erich richtete die Frage an Bergemann. »Nein. Zuweilen scheint er mir nur ein dummer Gent, ein verbummelter Fatzke, der auf Reisen – wie viele bei uns zu Hause – seine traurige innere Disziplinlosigkeit durch übertriebene Moden, betonte Manieren, unterstrichene Formen ersetzt. Das Detail der Form muß ja so oft über die Leere des Inhalts täuschen. Aber dann wieder – wie eben jetzt ... da klingt doch etwas Zersprungenes mit, etwas Besseres, das in Scherben ging ... eine gewisse Verachtung des Lebens, die doch nicht ganz aus der Überzeugung der eigenen Wertlosigkeit entspringen kann. Denn schließlich ... wenn dieser Herr von Scupinsky einer von den Heißblütigen wäre – wie ich's einmal in meiner Jugend war –, hätte die Sache bös enden können ... Der junge Dandy wollte ihn doch offenbar verletzen, den sogenannten Baron, der mir ja freilich auch nicht zum Küssen sympathisch ist.« »Und nun gar die Frau! Wo er die wohl aufgelesen hat? Aus einem Budapester Damenorchester oder ...« Die Vermutungen über die Herkunft der Dame Selma, die Erich jetzt aussprach, waren mannigfach, aber alle wenig schmeichelhaft für die Signora di Venticinque . Und während sie bergab durch den mäßig erleuchteten Park der Stadt Granada zu gingen, sprach Erich freimütiger, wohl nicht ganz unbeeinflußt von dem genossenen spanischen Wein und der anheimelnden Dunkelheit des Weges, auch über die andern Damen des Schiffes. Elisabeth Hunneberg war ihm zu gewaltig. Er zitierte Heine: »Diese kolossalen Massen – kolossaler Weiblichkeit ...« Tilly Schuch hielt er für ein bildschönes Bählamm. Viktoria von Öltzendorff – nun, die war schon im neutralen Alter. Frau Anna Häfele – dem Gatten gefiel sie. Habeat ! Frau Tiegs – er meine immer, man müsse sie auf einen imitierten Marmorsockel stellen in einer alten »guten Stube«, oder ihre Büste auf den Ofen. Und wenn sie dann, halb Göttin, halb Modell, da oben stünde – er, nein wirklich, er bekäme keine Pygmaliongelüste. Überhaupt, wenn er sich eigentlich überlege, was so sein Typ sei ... Aber da waren sie in der Stadt. Aus einer kleinen Schenke lockte Musik. Und sie gingen hinein. ... Auf der Terrasse des Hotels Alhambra Palace ging es derweil hoch her. Blitzblanke Sterne standen am Himmel, in den dort zur Linken die Sierra Nevada scharfe Linien riß. Unten aber leuchtete in unzähligen Lichtern Granada. Und es war, als ob Himmel und Erde illuminiert hätten für das feuchte Fest, das aus unbekanntem Anlaß der junge Herr Arthur Mücke seinen Fahrtgenossen von der »Astarte« gab. Kloppenbusch, der links vom Gastgeber in einem der breiten Korbstühle, ein mit maurischen Ornamenten benähtes Kissen im Rücken, Platz genommen halte, war voller Bewunderung über die Zubereitung dieser Bowle. Nur Pommery goß dieser Verschwender in das umfangreiche Kristallgefäß. Nur Pommery, von dem die Flasche, wie das Studium der Weinkarte vorhin ergeben, hier mit dem hübschen Preis von zweiundzwanzig Peseten notierte. Und die Pfirsiche zerschnitt er nicht, schälte sie auch nicht. Das war Kloppenbusch angenehm, denn er erinnerte sich der Pfirsichbowle bei seiner Base Kathinka in Mecklenburg, die solche Früchte umständlich über dem Bowlengefäß ihrer Schale entäußerte, wobei ihr reichlich der edle Saft über die Hände lief, mit denen die Fleißige viel Hausarbeiten zu verrichten pflegte ... Nein, Mücke, dieser Allerweltskünstler, stach nur mit einer silbernen Gabel in die köstlich reife Frucht und warf sie dann sorglos in das Meer von schäumendem Champagner. Auch diese leichte und sorglose Bewegung hätte ihm Base Kathinka aus Mecklenburg, die gern bei allen Lebensgenüssen die Preise nannte, nicht mitgemacht. »Prost alsdann – Spanien soll leben!« Schwammerl wollte sich den ersten Toast nicht nehmen lassen. Er sprach lieber kurz als gar nicht. Aber Mücke wehrte höflich lächelnd: »Erst – Sie gestatten – meine werten Gäste! Sie leben – Hurra – hurra – hurra!« So trank man erst mit Mücke auf die Gäste, dann mit Schwammerl auf Spanien und ließ auf Reubkes Vorschlag sofort die Gesundheit des geschätzten Gastgebers folgen. Mücke füllte die Gläser aufs neue und goß Champagner in die Bowle nach. Sein Gesicht blieb eisern, als er höflich und mit dem leicht näselnden Ton, den er sich für offiziellere Momente angequält hatte, sagte: »Ich werde von dem sehr freundlichen Wunsch nicht allzu lange mehr Gebrauch machen. Aber – es war mir eine Freude, ein Stück des Weges, meines Lebensweges, mit Ihnen, meine Herren, zu fahren!« »Sie hätten Pastor werden sollen«, lobte Zwingenberg, dem jede gehobene Rede sehr imponierte. »Hab ich nicht recht, Pastor.« »Ich hätte vielleicht überhaupt irgend etwas werden sollen«, lächelte Mücke und nahm sein Einglas ab. Dies tat er immer, wenn er besser sehen wollte. Kloppenbusch angelte aus seinem Glas schwimmende Pfirsichfasern und bemerkte tiefsinnig: »Das mit dem Pfarrerwerden ist nämlich gar nicht so leicht. Ich hab das auch mal zu einem gesagt, der in der Eisenbahn mit mir nach Lüneburg fuhr. Da erwiderte mir der Herr: Das wäre nicht gut gegangen, lieber Mann, daß ich Pfarrer werde. Ich bin nämlich Jude.« »Paulus war auch ein Jude«, sagte Reubke großartig. Er fand das Gespräch sehr gebildet, und das freute ihn. »Aber i bitt Ihne,« Schwammerl brachte Gemütlichkeit in die Unterhaltung, die in ein Religionsgespräch auszuarten drohte, »warum muß denn überhaupt jeder partout etwas ›werden‹? Also, bitte, einer is ein Mensch, nit wahr, und is ein Staatsbürger, nit wahr ... und wann er a Göld hat, so is das denn ganz genug. Er liest seine Zeitung morgens, er besucht seine Freunde, die wo auch die Zeitung gelesen haben, nit wahr, und bespricht das, was sie in der Zeitung nit gelesen haben. Und dann geht er essen, nit wahr, und schlaft a wenig. Und dann schaut er, wie's der Poldi geht – was seine Freundin is, i denk mir so. Ein Theater dann des Abends – oder ein Konzert, nit wahr; so is das ein ganz ausgefüllter Tag. Ein runder Tag. Wann er nämlich a Göld hat.« Dieses abwechslungsreiche Programm schien allgemeine Zustimmung zu finden. »Geld regiert die Welt«, nickte Zwingenberg, der gute Sprüche bei einer Pfirsichbowle liebte, die Weisheit seiner Gedanken zusammenfassend. »Aber das wissen auch alle gescheiten Leute. Ich hab zum Beispiel eine Köchin, eine vorzügliche Köchin daheim, die spielt immerzu in der Lotterie. Immer so Dreimarklose. Ihren ganzen Lohn verspielt die blöde Person.« »Hat sie schon einmal gewonnen?« »Gewonnen? Gott sei Dank – nein. Niemals. Denn ich fürchte, wenn sie gewinnt, kocht sie nicht mehr. Wenigstens mir nicht mehr. Sie hat da so einen älteren Bäckerburschen an der Hand – mit dem tanzt sie immer in Halensee –, der möcht' sich gern mit ihrem Gesparten selbständig machen. Aber sie spart nichts, sondern spielt Lotterie. Denn, sagt sie, dabei kann sie mit einem Schlage mehr gewinnen, als wenn sie zehn Jahre ihren Lohn zusammenkratzt und in Lumpen geht. Der Himmel bewahr' mich vor dem Schlag!« Zwingenberg, der diese Erzählung selbst für eine der längsten und zusammenhängendsten seines Lebens hielt, belohnte sich durch einen kräftigen Schluck. Die Herren waren so höflich, auf seine Köchin zu trinken. »Holla –! Wir wollen ein Lied singen«, schlug Kloppenbusch, vom Einfall begeistert, vor. »Gut,« lobte Zwingenberg, »aber eins, von dem wir alle den Text kennen, was? Denn sonst singt die Hälfte wieder bloß: ›La – la – la – la‹ und das gibt dann im Leben kein Lied!« Die Stärke und die Güte der Champagnerbowle blieb bei der Auswahl des Liedes nicht ohne Einfluß. Kloppenbusch schlug vor: »In einem kühlen Grunde.« Dieses wurde als zu traurig abgelehnt. Reubke empfahl: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben –?« Dieses Lied war Schwammerl leider ganz unbekannt. In Wien sang man's nicht, meinte er. Mücke wollte » Gaudeamus igitur « gesungen wissen – aber Kloppenbusch meldete bescheiden an, daß ihm der Text der »lateinischen Volkslieder« nicht gegenwärtig sei. Dahingegen schien ihm »Ännchen von Tharau« ein sehr schönes und sangbares Lied. Hier verwirrte Zwingenberg die Erwägungen wieder durch den Hinweis, daß es doch auch Lieder geben müsse, die auf Granada Bezug hätten. Schwammerl leugnete das und empfahl zum Ersatz: »'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien.« Mücke aber meldete als Resultat seines Nachdenkens an, daß er allerdings ein Lied kenne, das hierherpasse, und dies sei: »Fern im Süd das schöne Spanien ...« »Fern im Süd –?« Schwammerl dachte logischer, als seine allmählich verglasenden Augen das vermuten ließen. »I bitt Sie – also: wir sind doch mitten drinnen in Spanien!« Nachdem auch die »Wacht am Rhein« und ein von Kloppenbusch vorgeschlagenes Lied »Wo die Mutter mich geboren ...« das niemand sonst kannte, abgelehnt worden, einigte man sich auf: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...« Doch als gerade die Lorelei ihr goldenes Haar mit goldenem Kamme kämmte, erschien ein sehr distinguierter Kellner und bat höflich, das Kämmen und Singen zu unterlassen, da eine englische Lady, die vorn heraus schlafe, bereits geklingelt und um Ruhe ersucht habe. Reubke, der schon stark angeheitert war, wollte sich erheben, um sich sofort persönlich zu dieser Lady zu begeben. Er versprach sich von diesem Besuch eine gründliche Belehrung der widerborstigen Dame über den Wert deutscher Volkslieder. Kloppenbusch, der neben ihm saß, drückte ihn aber in den Korbstuhl zurück und belehrte ihn, daß er morgen früh der Lady sicherlich willkommen sein werde. Reubke schwur, daß aufgeschoben nicht aufgehoben sei, und trank schließlich auf das werte Wohl der Lady sein eben gefülltes Glas aus. Zwingenberg fand es unlogisch, daß dieses Land, in dem man nicht singen dürfe, gerade irgendwo »das Land des Weins und der Gesänge« genannt wurde, was Schwammerl wieder veranlaßte, die Dichter im allgemeinen großer Lügenhaftigkeit zu zeihen. Er habe mal auf dem Semmering einen rotnasigen Herren kennengelernt, der da oben mit seinem Verhältnis in Freuden gelebt habe, und dieser rotnasige Herr habe alle Weihnachten einen Band Gedichte erscheinen lassen, in dem immerzu das größte Malheur passiert sei. Entweder sei jemand drin gestorben oder untreu geworden oder habe aus Eifersucht einen Freund vergiften wollen – und so. Und von all dem Gelogenen habe er auf dem Semmering in der ersten Etage mit seiner Freundin gewohnt und Spazierfahrten gemacht und viel Erdbeerbowle getrunken. Hier äußerte Reubke den Wunsch, auch auf den Semmering zu fahren. Sofort. Die Alhambra könne ihm gestohlen werden. Er wolle auf den Semmering. Und zwar mit einer Freundin. Und zwar mit Tilly Schuch. »Sein S' so gut,« lachte Schwammerl, »die wird grad so mit Ihna laufen!« Da erhob sich Kreuzwendedich von Reubke in seiner ganzen Länge, hielt sich fest am Tisch, weil ihm die Terrasse plötzlich das Deck der »Astarte« und das Meer unter diesem Schiff unruhig zu sein schien, und tat mit einigen Stockungen, die wohl mit der Kühnheit seines Gedankens zu erklären waren, den Vorschlag: »Also, meine Herren – meine Herren ... Ich weiß, Sie wollen – wollen die schöne blonde Frau Tilly ... Schach – Schoch – ach, nein – Schuch – Schuch auch ... heiraten. Weiß ich ...« Kloppenbusch und Zwingenberg protestierten. Aber Reubke duldete keinen Widerspruch. »Ich hab das Wort – hab ich! Ja. Also – alle können wir sie – nicht heiraten. Nein. Und einer kann – kann die andern nicht mit – mit – heiraten. Nein, kann er nicht. Also – weil wir uns doch liebhaben – haben ... und uns nicht totschießen wollen – nein... wollen wir um sie losen. Losen wollen wir! Hab ich recht ...?« Entzückt von seinem eignen Vorschlag ergriff er Kloppenbuschs Glas, das Mücke eben gefüllt hatte, und leerte es auf einen Zug. Dann ließ er sich in den Sessel fallen und bemerkte nur noch, daß die Nacht wohl sehr stürmisch werden würde. Eine Mutmaßung, für die eigentlich kein Anlaß vorlag, da kein Lüftchen sich regte und die Sterne vom wolkenlosen Himmel vergnügt auf Granada herabblickten. Schwammerl dachte, daß das eine sehr seltsame Rede war, und daß es eigentlich Kloppenbuschs Glas gewesen sei, das der Redner ausgetrunken; und daß er viel darum gäbe, wenn er jetzt so viel Spanisch könne, einen Kellner zu fragen, wie man auf dem kürzesten Wege hier in sein Bett komme. Kloppenbusch klopfte mit seinem Kofferschlüssel ans Glas und meldete an, daß er bei der von Herrn von Reubke vorgeschlagenen Lotterie ausscheide. Aus Anstand. Denn er habe die Eigenschaft, immer zu gewinnen. Worauf ihm Zwingenberg empfahl, sofort nach Lichtenfelde zu fahren und seine Köchin zu heiraten. Nein, Kloppenbusch wollte Zwingenbergs Köchin nicht heiraten. Und wenn er eine Köchin hätte heiraten wollen, so wäre dies schon vor vier Jahren geschehen, als seine Mutter selig eine bildhübsche Polin engagiert habe. Aber die bildhübsche Polin habe Ungeziefer gehabt und sei deshalb entlassen worden, eh' er sie heiraten konnte. Und er billige deshalb die preußische Polenpolitik. Aber auch Tilly Schuch, die sicher kein Ungeziefer habe, wolle er nicht gewinnen. Denn er sei nun so alt ohne Frau geworden ... vierundfünfzig Jahre, und morgen sei sein Geburtstag. Es könnte aber auch nächste Woche sein. Aber sein Geburtstag sei es jedenfalls, das wisse er ganz genau. Zwingenberg wünschte auf das Wohl des Geburtstagskindes zu trinken. Und da er zu Kloppenbusch nicht hinüberreichen konnte, küßte er Schwammerl mitten auf den Mund und bot ihm Grabuschs Bett ln der Kabine an, für den Fall, daß er müde sei. Schwammerl aber war nicht nur müde, sondern schlief schon. Kloppenbusch hatte in der Eingangstür, die zur Terrasse führte, einen unheimlichen Herrn bemerkt und verkündete, dort stehe Scupinsky. Sogar zweimal stehe er dort. Und es sei nicht schön, den Mann nicht einzuladen, obschon er auch ein Pole sei und ein Landsmann von der Köchin mit dem Ungeziefer. Mücke halte sich erhoben. Auch er sah Scupinsky, der aus der Ferne zu dem Tisch hinüberspähte. Aber nur einen Augenblick, visionartig sah er den Polen, dann war er verschwunden. Mücke griff sich an die Stirn, die blaß und feucht war. Er suchte des Alkohols Herr zu werden, und seine Korrektheit bekam etwas Aufgezogenes, Pagodenhaftes, als er sagte: »Meine Herren – wir sind beim letzten Glas – unwiderruflich beim letzten! ... Eh' ich's austrinke – auf Ihr Wohl, die Sie ... die Sie weiterfahren ... möcht' ich Ihnen sagen: ich spiele nicht mehr – nie mehr. Nicht um ... nicht um Geld und nicht um ... eine Frau. Rien ne va plus , Arthur Mücke! ... Und wenn Sie morgen früh gefragt werden – nach den Geschichten, die wir uns diese Nacht erzählt haben – oder die uns diese Nacht erzählt hat ... dann denken Sie auch an diese: es war mal ein junger Dachs, der hatte ... die Spielleidenschaft, die Glücksverachtung im Blut – vielleicht im Blut ... Und da sie ihm das Kasino zusperrten ... da fuhr er in die Nachbarstadt... in einen Privatzirkel und spielte ... spielte die Nächte durch... verlor, gewann – gewann, verlor ... verlor mehr, als er geerbt hatte. Und als er nicht zahlen konnte und der Wein ihm zu Kopf gestiegen war ... wie heute – und sein Unglück, da beleidigte er den Gewinner ... denn der, was soll ich Ihnen sagen ... Sie kennen die Spieler nicht ... Sie merken diese Wölfe nicht unter sich – Sie haben keine Augen für die lüsternen Raubtiere, die schon sprungbereit warten ... Ich sage Ihnen, ehe Sie in Amsterdam sind, wird dieser Pole Sie ausgeplündert haben – dieser Pole ... Ihre Sache! Lassen wir ihn! ... Beleidigt hat der junge Dachs das alte Raubtier – da unten in der Stadt, wo die Palmen an der Promenade stehen und die Kranken herumhusten, die nie mehr aus der Sonne da unten heimkommen nach Norden ... Und da hat der alte Spieler den jungen gefordert ... nicht auf blitzende Säbel – nicht auf Pistolen. o nein, auf zwei elende Holzkugeln ... Roulettkugeln, wenn Sie wollen – eine weiße und eine schwarze. Eine Frau hielt lachend, die großen weißen Zähne fletschend, ihre geschlossenen Hände hin und ließ wählen ... Und der junge Dachs griff die schwarze Kugel und hatte drei Wochen Zeit ... Eine Woche hat er gespielt – eine Woche hat er geliebt ... und eine Woche ... Meine Herren – es ist Zeit, schlafen zu gehen ... schlafen zu gehen!« Mücke trank aus. Seine Hand war ruhig, und um seine Lippen lag ein eigentümliches Lächeln. Er winkte die Kellner heran. Schwammerl mußte geführt werden. Er glaubte auf der Kärntnerstraße zu spazieren und bat den Kellner, noch für einen Akt mit ihm ins Burgtheater zu kommen, Sonnenthal zu sehen. Der sei zwar schon tot, aber für ihn spiele er noch mal. Und das Stück, das er spiele, führe den gemeinen Titel: »Ein Glas Wasser.« Pfui Teufel! Reubke riß sich mächtig zusammen. Er gab Kloppenbusch zeremoniell den Arm, als ob er eine Prinzessin zu Tisch führe, und sagte immer wieder: »Herr Kloppenbusch, Sie sind ein vollendeter Gentleman ... Es ist möglich, daß Sie keinen erstklassigen Schneider haben ... und daß Ihr Schuster besser sein könnte ... Auch Lodenmäntel trägt man selten jetzt ... aber – Herr Kloppenbusch, Sie sind ein vollendeter Gentleman!« Kloppenbusch rührte diese Einschätzung seiner Persönlichkeit sehr. Und das mit seinem Schuster beschloß er zu ändern. Es lag vielleicht an den Filzeinlagen. In der ersten Etage angekommen, lud er Kreuzwendedich von Reubke ein, mit ihm noch eine weitere Bowle zu trinken, die er ganz aus Kognak, Benediktiner und Ananas herzustellen gedachte. Reubke lehnte die Einladung dankend ab unter Hinweis auf den Umstand, daß sie morgen, wenn ihm recht sei, eine Besichtigung vornehmen wollten. Von wem oder von was, das fiel ihm leider nicht mehr ein. Da ging Kloppenbusch gekränkt und weinend in sein Zimmer. Und da er nach drei Viertelstunden den elektrischen Knopf nicht gefunden, wohl aber zwei Stühle, einen Handtuchhalter und eine Wasserkaraffe umgeworfen halte, beschloß er, in Kleidern zu Bett zu gehen. Aber auch dieses mißlang ihm. So entschlief er sanft auf einer Chaiselongue und hatte seine umgestürzte Handtasche als Kopfkissen, aus der langsam, tropfenweise, das mitgeführte Zahnwasser auf die maurisch gemusterten Steinplatten lief ... Als Mücke in sein Zimmer trat, schien der Mond wundervoll hell herein. Er übergoß auch die Krokodilledertasche, in der der Revolver sich befand. Der Brief an den Kapitän war bereits seit zwei Tagen geschrieben. Da er im Spiegel einen Bowlenflecken auf dem Hemdausschnitt bemerkte, beschloß er, das Hemd zu wechseln, ehe er sich erschösse. Die Kragenknöpfe machten, wie immer, üble Arbeit. Auch einer der blinkenden Fingernägel sprang ab. Und auf den Beinen war er nicht ganz so sicher wie sonst, obschon er vorsichtiger getrunken als die andern. Morgen früh würde sich die Kunde wie ein Lauffeuer im Hotel verbreiten. Er hätte noch fünf bis sechs Tage gut aushalten können mit seinen hundertfünfzig Franken. Die Schiffskarte war bezahlt bis Amsterdam, weil Teilstrecken bei dieser Fahrt nicht ausgegeben wurden. Schade, wie manchem armen Teufel hätte er eine Freude machen können mit der Karte für den Rest dieser Reise! Es kam ihm angenehm zum Bewußtsein, daß er mit diesem edlen Gedanken des Bedauerns sterben werde. Er nahm behutsam, wie ein Kleinod, die Waffe aus ihrem Futteral. Es war ein hübscher kleiner Revolver mit zarten Elfenbeinbacken, blank und sauber. Und die Patronen – die Patronen ... wo waren denn nur die Patronen?! Teufel auch, jetzt hatte er wahrhaftig die Schachtel mit den Kragenknöpfen und Krawattenhaltern eingepackt, die er doch sonst so leicht vergaß, statt der Patronenschachtel! Er konnte sich doch nicht mit einem Patentkragenknopf erschießen! Da hatte er nun die besten Absichten, noch vor dem gestellten Termin die Ehrenangelegenheit als Kavalier zu erledigen – und nun spielte ihm das Schicksal diesen einfältigen Streich. Aber war er denn angewiesen auf die Pistole? Dort die Schnur –? Pfui Teufel! Proletengewohnheiten! Man ist ein Kavalier oder man ist keiner – auch der Tod muß elegant gerufen werden. Aber dort der Balkon –? Das Geländer ist niedrig ... Dritter Stock ... Man wird an einen Unfall glauben – an Trunkenheit? ... Mag man –! Mücke trat auf den Balkon. Die Straße lag weiß im Mondschein. Menschenleer. Nein, doch nicht – da lief ja ein Mann herum – wuselig, unstet wie eine Maus – und spähte nach rechts und links. War das nicht Herr Otto Häfele? Natürlich! Ach, der schaute wohl immer noch nach den gemieteten Zigeunern aus, die hier schmelzende Weisen spielen sollten für das Annale? Mücke hatte gleich widerraten, die Schufte voraus zu honorieren. Aber Otto Häfele wollte Arm in Arm mit Annale der Serenade lauschen und nichts mehr zu tun haben mit der Bezahlung, wenn sein Raffinement in Spanien Liebe und Musik gemeinsam auf einem maurisch stilisierten Balkon genoß. Jetzt sah Mücke Herrn Häfele nicht mehr. Der hatte wohl endgültig in dieser Nacht auf die Zigeunergeigen verzichtet und widmete sich dem ihm verbliebenen Rest seines Programms Aber was war das da unten – auf dem kleinen Balkon in der ersten Etage? Da stand doch jemand? Ein Herr, unbewegt. Er hatte die rechte Hand auf das Geländer gestützt und ließ etwas im Mondlicht blitzen. Einen Ring. Schien sich am rötlichen Feuer des Steines zu weiden – eines zu langem Oval geschnittenen Rubins ... Des Rubins der Herzogin! Mücke griff sich an den Kopf, biß sich auf die Lippen, kniff sich in den Arm. Alles, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume, daß die Bowle, der er doch immerhin vorsichtiger zugesprochen als die andern, ihm keinen dummen Schabernack spiele ... Das war doch Erich Eckard! Sohn eines unsteten Vaters, der nach einer wunderlichen, heute noch dem einzigen Sohne schleierhaften Künstlerlaufbahn in den eleganten Kurorten der Riviera vom Spiel und für das Spiel gelebt, und einer Mutter, deren deutsche Abstammung sich zuweilen in romantischen Projekten verraten, hatte Arthur Mücke lange genug an den Sammelplätzen der Eleganz, des Leichtsinns, des Glücksrittertums gelebt und mit den unruhigen Augen des Erwachsenden das Milieu bespäht, um zu wissen, daß Unredlichkeit, Gaunerei, Verbrechen sich nicht an die dürftigen Erscheinungen der Armen, Verstoßenen, Schlechtgekleideten binde. Die Falschspieler, Fälscher, Betrüger, die so hübsche Titel führten, in Paris arbeiten ließen, aus London ihre Schlipse bezogen und die sicheren Manieren der internationalen Kultur zur Schau trugen, waren ihm dutzendweis über den Weg gelaufen. In einem Hotel in Monte, in einem Café in Sestri Levante wäre ihm kaum Besonderes dabei aufgefallen, daß ein verlorener oder einer Lady gestohlener Ring plötzlich im Mondlicht funkelte am Finger eines eleganten Mannes, der behauptete, ein französischer Marquis, ein kalifornischer Minenbesitzer oder ein deutscher Assessor zu sein. Aber hier in Granada ... einer aus dieser wunderlich gemischten, aber doch – bis auf den edlen Scupinsky, den er als rücksichtslosen Spieler kannte – bürgerlich anständigen Gesellschaft – ein inkorrekt preußische Ehrenhaftigkeit so geschickt maskierter, durch die Freundschaft eines alten, offenbar echten Sanitätsrates ausgezeichneter Hochstapler! ... Und noch dazu so ein Stümper im Handwerk! Denn der mondbeschienene Balkon eines Hotels mit dem Blick auf die weiße Sierra Nevada ist doch – selbst lange nach Mitternacht – nicht der geeignete Ort, sich unbeachtet seines Raubes zu freuen. Seines Raubes –! Sollte er sich übers Geländer beugen und rufen: »Sie Dieb!« Sollte er vielleicht sofort hinuntereilen, plötzlich an das Zimmer des »Assessors« klopfen und dem Öffnenden kühl erklären: »Wollen Sie mir, bitte, auf der Stelle den gestohlenen Ring ausliefern – oder ziehen Sie's vor, daß ich dem Hotelpersonal läute?« Und mitten in diesen kriminalistischen Erwägungen kam es Arthur Mücke zum Bewußtsein: es wurde von ihm verlangt, daß er handle. Daß er etwas in dieser Angelegenheit tue. Das Leben forderte heute, morgen, demnächst einen Entschluß von ihm, eine die Situation klärende Tat. Scupinsky mußte eben warten ... Nein, jetzt war noch nicht Zeit zum Schlafengehen für Arthur Mücke, jetzt nicht, und wenn er zehnmal die schwarze Kugel gezogen hatte! Es war fast ein Zug von echter Lebenslust, der sonst seinem zur Affektation der Gleichgültigkeit erzogenen Gesicht fremd war, was jetzt seinen Mund umzuckte, sein Auge leuchten ließ. Hätte Arthur Mücke, der sonst so oft und gern in den Spiegel sah, jetzt das ehrliche Glas befragt, es hätte ihm gezeigt, daß er ein ganz hübscher Kerl sein konnte, wenn er – nicht wollte. Mit einem frohen Trotz hatte Mücke, ins Zimmer zurücktretend, den Revolver in die Ecke geworfen. Er wollte den Rest der Nacht dem ernsten Nachdenken widmen, wie er mit einer möglichst vornehmen und kühlen Geste – immer überlegen, immer Gent – diesen heuchlerischen Hochstapler stellen und entlarven könnte. Dieses Nachdenken ließ sich am besten im Bett bewerkstelligen, da die horizontale Lage erfahrungsgemäß den Meditationen sehr förderlich ist. Aber die angenehme Kühle der frischen Kissen, die Dunkelheit, das Bewußtsein, einer guten, nützlichen Tat entgegenzugehen, und die Einwirkung der vortrefflichen Bowle vereinten die Kräfte zu dem Effekt, daß Arthur Mücke über dem Nachdenken bald einschlummerte. Er hörte eine liebliche, etwas verworrene Musik in seinen Träumen. Es waren die Nachtigallen, die wundervoll vom Hang, auf dem die Alhambra im Mondlicht lag, in die frische Mainacht ihr uraltes Liebeslied schluchzten. ... Die Nachtigallen hatten in jener Nacht wenig Glück. Auch das Ehepaar Häfele, das sonst durch seine Persönlichkeit und die Glücksumstände gewissermaßen prädestiniert gewesen wäre, sich ihres Gesanges verständnisvoll zu freuen, nahm keine Notiz von diesen Liebesliedern aus den dunkeln Büschen unter der Alhambra. Das hatte seine begreiflichen Gründe. Otto Häfele war, nachdem der Nachtportier zum dritten Male mürrisch und spanische Flüche in seinem Herzen wälzend die Pforte hinter ihm verschlossen, noch einmal ins Freie zurückgekehrt, da er ein Geräusch gehört zu haben glaubte, das er auf das verspätete Nahen der schon reichlich entlohnten Zigeuner deutete. Und wie Otto Häfele, das Ohr in den Wind legend, so ein paar Schritte die Hotelfront entlang machte, gewahrte sein achtlos am Boden entlang gleitendes Auge etwas seltsam Funkelndes, Blitzendes. Ein Käfer konnte es nicht sein. Wie ein roter Blutstropfen lag da etwas zwischen dem niedrig geschnittenen Gebüsch am Wege. Otto Häfele bückte sich, griff zu, hob auf – es war ein Ring. In schmales Gold gefaßt ein schöngeschliffener roter Stein. Otto Häfele war sehr erstaunt. Vollständig erfüllt von seiner Liebe zum Annale, und immer allein mit der kaum eroberten Gefährtin durch das Schiff wandelnd, war er wohl von allen Passagieren der »Astarte« der einzige, der absolut nichts wußte von dem Verlust, den Tilly Schuch beklagte. Und daß die blonde Dame je solchen Ring besessen, war ihm, der außer dem Annale keiner Frau ins Auge, geschweige denn auf die Hände sah, ebenso unbekannt, wie etwa die Tatsache, daß vor einigen Minuten ein deutscher Herr im ersten Stock des Hotels mit den leise gemurmelten Worten: »Das einfachste wird's schon sein –!«, diesen Ring wie etwas Minderwertiges, Ärgerliches, Unglückbringendes mit sicherem Wurf da unten ins Gebüsch geschleudert hatte. Otto Häfele war kein Jurist, der sich über das »Recht am Funde« spitzfindige Gedanken machte. Das Sich-Gedanken-Machen war in der Familie Häfele, die seit Generationen ihr Auskommen hatte und dem Staat in gewissen, durch Natur und Tradition bestimmten Zwischenräumen brave und auf keinerlei Neuerungen gerichtete Bürger schenkte, überhaupt nicht üblich. Spanien aber war für Otto Häfele ein sehr seltsames, fremdes, gewissermaßen feindliches Land. Wenn er vielleicht im schwäbischen Cannstatt im gleichen Falle auf die Idee gekommen wäre, einen Schutzmann zu befragen, was er nun mit dem zufällig gefundenen Ring machen solle, so lag ihm im spanischen Granada dieses Beginnen fern. Auch war kein Schutzmann da. Ein wenig abergläubisch, wie alle Häfeles, deren einer im sechzehnten Jahrhundert sogar mal den Teufel als sechsbeinigen Bock gesehen und das in der Familienchronik sehr anschaulich und glaubhaft beschrieben hatte, fuhr es ihm durch den Sinn, daß ihn durch den Fund dieses Ringes das der Familie Häfele stets wohlgeneigte Schicksal vermutlich für die Unredlichkeit der Zigeuner, die ihn um sein gutes Geld geprellt, angemessen zu entschädigen trachte. Ein Kenner von Edelsteinen war er nicht, der Familienschmuck der Häfeles bestand meist aus etwas altmodischen Häufungen von Bernstein und Korallen. So hielt er nun diesen ziemlich großen roten Stein für irgendeinen billigen Bergkristall, wie sie, in goldplattiertes Silber gefaßt, um die Weihnachtszeit daheim für drei oder fünf Mark in den Ramschbasaren auftauchten. Ja, wenn ihn die Erinnerung nicht täuschte, trug eine Kellnerin in Stuttgart, das rote Lieschen, an ihrer rissigen Hand, die er – natürlich vor der Bekanntschaft mit dem Annale – manchmal wohlwollend getätschelt hatte, so einen roten Stein. Was sollte er sich wegen eines solchen Fundes Scherereien mit der spanischen Polizei machen, die er nicht verstand und die ihn nicht verstand? Auch noch an dem einzigen Vormittag, den er mit dem Annale der Besichtigung der im Reisehandbuch gerühmten Alhambra widmen wollte? Das war doch wohl unnötig. Mit dem Annale! Oh, jetzt wußte er es! Für das Annale war die bereits honorierte und schmählicherweise nicht gelieferte Serenade bestimmt. Für das enttäuschte Annale hatte ihm das der Familie Häfele stets wohlgesinnte Schicksal offenbar diesen an sich nicht wertvollen, aber durch den Fundort ganz bedeutsamen Gegenstand, als kleine Erinnerungsgabe, in die Hand gespielt. Und gerade ein Schmuckstück für die Hand! Auch darin war eine sinnige Liebenswürdigkeit des gütigen Geschicks zu erblicken. Denn um Annales immer noch vom Pflanzengift leicht gerötete Hand lag Tag und Nacht sorglich der schützende Handschuh, unter dem die in Luzern verschriebene Salbe ihr Heilwunder vollzog. Für diese geduldig erlittene Unbequemlichkeit sollte das Annale nun offenbar entschädigt und belohnt werden. Und Otto Häfele beschloß, diesen Willen des Schicksals zu respektieren und ihm eine hübsche Form zu geben. Er wollte dem Annale erzählen, daß die Zigeuner doch noch gekommen seien; aber da sie nach Mitternacht nicht mehr im Freien musizieren dürften, so hätten sie ihm diesen Ring verkauft, der Glück bringe ... Das Annale hatte eine romantische Seele; und ganz abgesehen davon, daß sie ihn nun nicht ob seines Reinfalls mit den Zigeunern aufziehen konnte, mußte es ihr für den Rest der Reise und noch lange darüber hinaus Freude machen, den Glücksring eines spanischen Zigeuners am Finger zu tragen. Selig lächelnd, als ob er nicht eine, sondern ein ganzes Dutzend der klangreichsten Serenaden genossen, schritt Otto Häfele zum vierten Male an dem Nachtportier vorbei. Höflich, wie er war, rief er noch vom Treppenabsatz dem nur halbangekleideten Manne, der ihm nicht sonderlich wohlwollend nachsah, nach unten zu, daß er ihm eine angenehme Nacht und hübsche Träume wünsche. Erich und Bergemann waren wieder die ersten auf der Terrasse, die keine Spuren des nächtlichen Gelages aufwies. Unten lag Granada mit seinem Gewirr von Dächern, Kuppeln, Sträßchen in der hellen Morgensonne ausgebreitet. Ein frischer Luftzug fuhr erquickend vom Park her über die Höhe. Links hinter der von dunklen Palmenschirmen flankierten Villa lag breit und weiß sich abhebend vom sanftblauen Morgenhimmel, von silbrigem Duft gegürtet, der beschneite Rücken der Sierra Nevada. Aus winkligen, grauen Höfen unten krähten die Hähne. Ein paar Esel schrien ihren langen Schrei. Man konnte Frauen über die Steintreppen kommen sehen mit breiten Schüsseln. Spielende Kinder hetzten sich mit kleinen Hunden in den Hofwinkeln herum. Wenn Hobsen nicht gar so dringlich zum Aufbruch nach der Alhambra gemahnt, hätten sich die beiden Herren noch lange nicht losgerissen von diesem Anblick. Bergemann war glänzender Laune. »Wahrhaftig, ich bin so jung, wie dieser Morgen heute«, sagte er und legte seine Hand in Erichs Arm. Erich aber lächelte vergnügt vor sich hin. Er hatte den ärgerlichen Ring mitten in einen Strauch fallen sehen heute nacht. Da mochte er liegen ein paar Tage, Wochen, Monate, bis spielende Kinder oder ein Gärtner ihn fanden. Dann war er weit, Tilly Schuch hatte längst den ihren wieder oder auch nicht; die »Astarte« schwamm mit andern Passagieren und andern Sorgen und Freuden vielleicht dem kahlen Felskopf des Nordkaps zu oder den pfeilschlanken Minaretten am grünen Bosporus. Ihm war, als habe er sich jetzt des Letzten entäußert, was ihn noch an Eugenie, an den dümmsten, voreiligsten Irrtum seines Lebens erinnerte. Vielleicht hatte er's töricht, wie ein Junge, getan. Hätte warten und trotzen und den rechtmäßig erworbenen fatalen Stein behalten sollen, bis er irgendeinem Mädel eine Freude damit machen konnte ... Einem Mädel? ... Indem er's dachte, sah er Hildes feste, kleine Hände mit den rosigen Grübchen ... Aber nein, es war besser so. Mochte den Zwillingsstein des Rubins der Herzogin eine Gärtnersfrau zum Stiergefecht in Granada tragen ... Weg mit ihm aus Leben und Gedanken! Der Aufstieg war viel kürzer als alle gedacht. Kloppenbusch hatte sich vom Bergsteigen, das er mit den Mienen eines Märtyrers begann, eine Milderung seines beträchtlichen Katers versprochen. Aber er spürte leider, auch als sie schon im Myrtenhof standen, noch immer den gräßlichen Druck im Genick, den ihm das verdammte Sicherheitsschloß seiner Handtasche, die heute nacht sein Kopfkissen gewesen, besorgt hatte. Und es heiterte ihn wenig auf, daß auch Reubke über intensives Haarweh klagte, und daß Schwammerl, blaß und bekümmert, eine Erneuerung seines Schnupfens anmeldete und die Ansicht aussprach, daß die Versicherungsgesellschaft an dieser Bowle auf der Terrasse über Granada keine reine Freude haben werde. Der Wiener brach im Gehen kleine Zweige und Blüten ab, um den ihm so wertvollen Geruchsinn zu prüfen, kam aber zu dem traurigen Resultat, daß ihm seltsamerweise alles intensiv nach Pfirsichbowle zu duften scheine. Nur Zwingenberg war durchaus munter. Er hatte prächtig geschlafen und machte sich nur ernste Sorgen, daß ein Rest in der Bowle zurückgeblieben sei, der entschieden zu schade für die unausstehlich hochmütigen Kellner gewesen. Mister Hobsen war als Führer unbezahlbar. Er redete zwar zunächst alles an Elisabeth Hunneberg hin, die sich schon beim Gang durch die Vorhöfe an die »Entführung aus dem Serail«, den »Wasserträger« von Cherubini und manche andere Oper erinnert fühlte; wie denn für die Diva überhaupt die Natur und die Baukunst, die Berge, Wälder und Ruinen im wesentlichen nur die Aufgabe hatten, den Dekorationen gewisser Ausstattungsopern möglichst nahe zu kommen. Aber von dem, was Hobsen mit großer Geläufigkeit erklärte, profitierten auch alle andern. Die Jahreszahlen, die er nannte, waren ja wohl mehr kühn als richtig; und die Taten und Schicksale Boabdils und anderer Maurenkönige wurden nicht immer in ihren Einzelheiten ganz klar. Aber seine Hinweise auf den Stil der Nomaden, die auch im Holz und Gips immer wieder das Flüchtige, täuschend Prunkhafte, leicht Zeltartige zu bauen und durch die Mannigfaltigkeit der Dekorationen zauberhafte Eindrücke zu erzielen strebten, wurden verstanden. Es war Erich nicht unangenehm, daß er die Herrlichkeit des Myrtenhofs zwischen den beiden schönen Frauen, Tilly Schuch und Frau Tiegs, stehend genoß. Zwar paßte weder die junonische Bankdirektorsgattin noch die teutonisch goldblonde Witwe recht zu diesen Hallen mit den überschlanken Säulchen, zu diesen in die Wölbungen der Galerien gemeißelten Gebetssprüchen des Islam, zu diesen uralten Marmorplatten des Bodens und dem unbewegten Wasser des schmal zwischen den beschnittenen Myrtenhecken sich, wie ein riesiger Smaragd, hinbreitenden Teiches. Aber die beiden Frauen waren schön, wie dieser Morgen, und schwiegen feierlich wie diese Galerien, Alkoven und Nischen ... Und daß dort drüben an der Schmalseite unter dem mit reichen Ornamenten geschmückten Hufeisenbogen der bewegliche Hobsen den andern, die vorausgegangen waren, Aufschlüsse über die von der Außenwelt sich abkehrende Bauart des Hauses gab, störte nicht weiter, da man die Gruppe nur wie Silhouetten sah und Hobsens Wort so wenig vernahm, wie die nicht sehr geistreichen Zwischenfragen Schwammerls und Kloppenbuschs. Mücke war, immer sein Vorgehen gegen den heute nacht heimlich entlarvten Hochstapler besinnend, durch die Sala de la Barca, ohne ihre Inschriften und Nischen zu beachten, nach dem im verschwiegenen Comaresturm gelegenen Saal der Gesandten gewandert. In einer der tiefen Fensternischen, die ihm einen wundervollen Blick aus dem Dunkel des hochgekuppelten Gemaches über die im Morgenlicht strahlende Stadt gewährt, wenn er hingeschaut hätte, blieb er stehen und bohrte sein Auge nachdenklich in die in tiefem Rot und Blau dem Gipskleid der Wände eingeprägten arabischen Sprüche. Da stand plötzlich Scupinsky neben ihm. Und die Sala de los Embajadores, die einst der stürmischen letzten Beratung Obdach gewählte, die Boabdil mit seinen Heerführern vor der Übergabe der stolzen Feste hielt, vernahm nun die folgende Unterredung, die im höflichsten Tone geführt und doch von heimlichem Haß hörbar durchzischt war. »Ich hätte nicht mehr zu hoffen gewagt, Herr Mücke, daß ich Sie heute noch in der Alhambra würde begrüßen können.« »Wie Sie sehen, Herr von Scupinsky, ist Ihnen das doch gelungen.« »Nach Andeutungen, die Sie gestern abend im Hotel machten, mußte ich annehmen ...« »Ihre Annahmen müssen mir gleichgültig sein.« »Sie werden sich vielleicht der – Abmachungen erinnern, die wir damals trafen. Ehe wir – als Gentlemen, die wir doch hoffentlich beide sind ...« »Hoffentlich – beide. Und ich erinnere mich. Aber was Gentlemen anbetrifft, mein werter Herr von Scupinsky, so dürften Ihre Erfahrungen am grünen Tisch Ihnen vielleicht die Überzeugung vermittelt haben, daß man sich in der gesellschaftlichen Einschätzung seiner Umgebung zuweilen bedauerlichen Täuschungen hingibt. Irrtümern, die dann plötzlich – wie soll ich sagen – von einer blitzartigen Erkenntnis zerstört, rektifiziert werden.« Um Scupinskys Mund zuckte es nervös. Sein unsicheres Auge flog hinüber zu dem jungen Mann, der mit interessiertem Blick zu der hohen Kuppel von Lärchenholz hinaufsah, als kenne er kein wichtigeres Geschäft in diesem Augenblick, als hinter das System der raffinierten Facettierung dieses architektonischen Kunstwerks zu kommen. »Sie wollen damit sagen,« Scupinskys Stimme gehorchte nicht ganz so sicher wie bisher seinem Willen, »daß Sie selbst ...« »Nein. Von mir will ich damit gar nichts sagen. Ich halte es nicht für geschmackvoll, immer von mir zu sprechen. Aber über den Geschmack werde ich mich vielleicht überhaupt nicht einigen mit einem Herrn, der es für angemessen erachtet, unter den gegebenen Verhältnissen und nach dem Vorgefallenen auf demselben Schiff mit mir eine Reise anzutreten.« »Das war ein Zufall.« »Ich gestatte mir anzunehmen, daß es in Ihrem Leben, Herr von Scupinsky, sogenannte Zufälle überhaupt nicht gibt.« »Und ich gestatte mir anzunehmen, daß Sie diese Reise angetreten haben, um – hm – um den übernommenen Verpflichtungen pünktlichst nachzukommen.« »Es ist, denke ich, nicht die Gepflogenheit unter Gentlemen, Wechsel vor dem Verfalltag zu präsentieren oder nur zu erwähnen. Ich habe hier – ich meine, auf dieser Fahrt – noch etwas wie eine Aufgabe bekommen. Eine neue Aufgabe und eine peinliche vielleicht; aber ich denke sie zu erfüllen. Wie und wann, das werden Sie ja erfahren und – dann wohl begreifen. Bis dahin scheint es mir angemessen und entspräche auch meinen persönlichen Wünschen, daß wir beide uns nicht bemühen, miteinander Konversation zu machen. Das Schiff ist groß, nicht wahr ... Die Alhambra ist, wie ich mit Vergnügen bemerke, auch nicht klein ...« In diesem Augenblick unterbrach, als wolle er Mücke zu Hilfe kommen, ein Lärm vom Myrtenhof her das Gespräch. Die von Mücke sehr richtig angedeutete Weitläufigkeit der Alhambra hatte es gefügt, daß Fritzchen, das die Kuppeln, Galerien und Kapitelle wenig interessierten und Boabdil gar nicht, hinter den andern im Myrtenhof zurückgeblieben war. Der liebe Junge hatte den Teich zwischen den Myrtenhecken für das geeignete Becken gehalten, um endlich das von Schwammerl geschenkte Schiff auf seine Tüchtigkeit zu erproben. Dabei hatte er sich dann wohl etwas ungeschickt benommen und war, als er kniend eben den Stapellauf vollziehen wollte, mit dem Kopf voraus in das stille grüne Wasser gefallen. Grabusch, der just als Letzter gedankenvoll durch den Hufeisenbogen in die Sala de la Barca wandeln wollte, war auf das wilde Geschrei des Jungen im Laufschritt herbeigeeilt und hatte den Zappelnden aus dem Wasser gezogen. Nicht ohne daß er selbst mit dem linken Bein, an das sich der liebe Junge zunächst klammerte, bis übers Knie ins Wasser geriet. Elisabeth Hunneberg drohte, als sie den glücklich geretteten, triefenden Jungen vor sich sah, in Ohnmacht zu fallen. Entschloß sich dann aber, in der Erwägung, daß die Alhambra zwar mehrfach restauriert, aber keineswegs möbliert ist, darauf zu verzichten. Um ihren Schmerz irgendwie zu betätigen, ohrfeigte sie zunächst den Jungen, der darüber mit unendlichem Geschrei quittierte. Dann fuhr sie Agnes Hennerich hart an, die sich von Hobsen in einer besonders lauschigen Nische die Lobpreisungen Allahs hatte erklären lassen, anstatt die Unternehmungslust ihres sportliebenden Schützlings zu zügeln. Fritzchen und Grabusch wurden nun, da man der Kraft der spanischen Sonne das Beste zutraute an diesem klaren und warmen Frühsommertag, eiligst nach dem Löwenhof geschafft, wo sie trocknen sollten. Agnes aber enteilte mit tränenden Augen, um aus dem Hotel für Fritzchen den hier einzig noch verfügbaren Reiseanzug zu holen. Denn für die Alhambra hatte er darauf bestanden, seinen Sonntagsanzug anzulegen, da es sich doch um Besichtigung einer »Königsburg« handle. Auf diese kluge Äußerung des lieben Jungen war Elisabeth Hunneberg so stolz gewesen, daß sie sie bereits in der Alhambra überall herum erzählt hatte. Es ärgerte den Amtsgerichtsrat bitter, daß er, während die andern den Saal der Schwestern besichtigten und die Bäder, neben Fritzchen auf dem Brunnenrand des Löwenhofes in der prallen Sonne hocken mußte, um seine klatschnassen Hosen zu trocknen. Er hatte sich den Gang durch die Alhambra anders gedacht und war gerade dabei, wütend die feinen, wie Elfenbein glänzenden Säulchen zu zählen, die rings um die löwengetragene Doppelschale des Hofes die Galerien von einem Kuppelpavillon zum andern leiteten, als er zu seiner Freude Elisabeth Hunneberg den Löwenhof betreten sah. Die Diva wurde hierher einesteils durch ihre besorgte Mutterliebe gefühlt, andernteils durch ihre tiefe Abneigung gegen das Treppensteigen, die ihr die Besichtigung von Aussichtstürmen als eine entbehrliche Nummer jedes Vergnügungsprogrammes erscheinen ließ. Und nur die schmeichelhafte Annahme Grabuschs, daß vielleicht auch seine durch die nassen Hosen bedingte Anwesenheit im Löwenhof mit eine Veranlassung zu ihrer Rückkehr gewesen sein könne, traf nicht zu. Grabusch entschuldigte sich wegen des unansehnlichen Zustandes seiner Beinkleider, aber Elisabeth Hunneberg fand, den Kopf Fritzchens liebevoll an die geräumige Heroinenbrust drückend, das gute Wort: daß die Bildhauer, um die Schönheit des menschlichen Körpers auch in moderner Gewandung zu erweisen, die Faltenwürfe ihrer Modelle stets erst reichlich anfeuchteten. Sie wisse das von einem ehemaligen Freunde, der ein überaus herrliches Denkmal der Freiheitskriege modelliert habe, dessen Aufstellung später allerdings durch elende Intrigen mißgünstiger Kollegen verhindert worden sei. Grabusch war erfreut, daß seine nassen Hosen die Diva an ein so schönes Kunstwerk von Freundeshand erinnerten, und fand einen, wie ihm schien, sehr eleganten Gesprächsübergang auf die letzten Maurenkämpfe, von denen dieses Burgwunder erzählte. Er erinnere sich, auch vor Jahren eine Oper »Boabdil« von Moritz Moszkowski gehört zu haben, die – musikalisch sehr interessant – die letzten Tage von Granada behandelte. Da für Elisabeth Hunneberg nur die Opern von irgendwelcher Bedeutung waren, in denen sich eine größere Partie für sie fand, so wechselte sie den Gesprächsstoff und erzählte Grabusch die ihr von Hobsen eben mitgeteilte Mär: daß dort im Saal, aus dem sie eben gekommen, die Edelsten des Geschlechtes der Abencerragen enthauptet worden seien. Und zwar, weil einer der Ihren, Hamet – nicht Hamlet, wie sie auch zuerst verstanden habe – in jenem Parke dort über dem Alhambrahügel unter den uralten Zypressen mit Boabdils schöner Lieblingsgattin ein verliebtes Stelldichein gehabt habe und dabei erwischt worden sei. Bei dieser Stelle der Unterhaltung gab Grabusch pantomimisch zu verstehen, daß ein Kind als Hörer anwesend sei. Das störte aber die Diva nicht; und sie kam ausführlich darauf zu sprechen, daß auch ihr einmal ein indischer Rajah, der, durch Europa reisend, sie als Isolde gehört, kniend angeboten habe, seine Lieblingsfrau zu werden. Trotz hübscher Geschenke von Perlen und Edelsteinen, die Gutes erhoffen ließen, aber nicht alle echt waren, habe sie gedankt, da ihr Indien zu heiß und ein Harem zu langweilig sei. Worauf Grabusch, diskret die Stellung wechselnd, damit die Sonne ihr mildes Werk auch an der hinteren Partie seiner Beinkleider verrichten könnte, fein bemerkte, nicht alle Künstlerinnen dächten so vornehm. Ein Schwager von ihm zum Beispiel sei ruiniert worden durch eine Dame vom Brettl. Vollständig ruiniert. Seine Schwester aber, die bedauernswerte Gattin des Entgleisten, hätte nach reumütiger Beichte dem Betörten verziehen. Der Mann lebe jetzt, sich mühsam wieder emporarbeitend, als Agent für Blumenzwiebeln in Amsterdam; und er, Grabusch, hoffe ihn an der Landungsbrücke zu finden, wenn er nach beendeter Reise dort die »Astarte« verlasse. Gerade war die Diva dabei, nun auch ihrerseits etwas von ihrer Verwandtschaft zu erzählen, und hatte schon mit einem beachtenswerten Großonkel begonnen, der im Jahre achtundvierzig Ministerialdirektor im Herzogtum Nassau war, als der schwatzende und lachende Schwarm der Fahrtgenossen von seiner Wanderung durch Säle, Bäder, Türme und Gärten zurückkam. So daß Grabusch zu seinem Ärger wieder nichts erfuhr von den verwandtschaftlichen und persönlichen Verhältnissen dieser imposanten Frau, die er als Künstlerin schätzte, die ihm menschlich nicht gleichgültig war, und die immerhin durch ihren Vergleich seiner nassen Hosen mit den Beinkleidern der Statuen vom Denkmal der Freiheitskriege bewiesen hatte, daß sie ihm eine gewisse Sympathie entgegenbrachte. »Nu, und wie war die Aussicht vom Wachtturm?« Schwammerl kam den andern zuvor mit der einschränkenden Bewunderung: »Ja, also schön is scho – das muß man sagen. Aber wissen S' – also: Wien, vom Kahlenberg aus g'schaut, is es halt nit!« Erich aber, der, angeregt von diesen Wegen durch zierliche Galerien, duftende Gärten und schummrige Säle, hinter ihm stand, dachte so bei sich: Armes Granada, das alljährlich im Frühjahr sich von einigen Dutzend Schwammerls bewundert und taxiert steht! Und dann fiel ihm der Ausspruch eines gescheiten Mannes ein, der mal behauptet hatte, man könne den Klügsten und besten König in der Meinung der Menge herabsetzen, wenn man wohlwollend äußere: Nu ja, alles ganz schön – aber Walzer tanzt er schlecht. »Jetzt hab' ich aber genug Alhambra,« meldete Zwingenberg mit großer Bestimmtheit und sah auf die Uhr, »wann wird denn nun endlich geluncht?« Dieses war das letzte deutsche Wort, das an diesem sonnigen Vormittag auf dem Löwenhof der Alhambra über Granada geäußert wurde. * Um neun Uhr abends – zwei Stunden, nachdem der Zug von Granada in den wenig sauberen Bahnhof von Malaga eingelaufen war – verließ die »Astarte« den im weiten Lichterkranz schimmernden Hafen. Die Passagiere genossen nach der Unrast der Bahnfahrt, des Wandelns und Schauens die herrliche Ruhe des sanften Gleitens über das spiegelglatte Meer, aus dem der Glanz der Sterne wie ein feines Goldgespinst widerstrahlte. Das Diner war eingenommen. In kleinen Gruppen stand und wandelte man auf dem Promenadendeck umher. Bloß das Ehepaar Häfele, das auch am Abendessen nicht teilgenommen, hatte sich schon zur Ruhe begeben. Penelope aber saß, ohne die schwatzend Vorüberschreitenden eines Blickes zu würdigen, im Schein einer elektrischen Lampe, kerzengerade, wie eine Wachsfigur aus dem Panoptikum; und nur die langen Spinnenfinger zogen die blauen, grünen und violetten Fäden durch das rätselhafte Muster. »Mir scheint,« sagte Reubke, der mit Bergemann langsam auf und ab ging, »mir scheint, die Person sitzt noch von vorgestern da. Es gibt solche Leute – auch in der Kirche, im Theater auf Eckplätzen, in der Bahn, in Generalversammlungen –, solche Leute, die den Eindruck machen, daß sie nie aufstehn, daß sie gar nicht aufstehen können. Daß sie so mit einer Schraube oder einem Dorn unten festgemacht sind am Stuhl, wie die dicken Bleisoldaten auf ihren Pferden. Als ob sie auch weiter gar keinen Zweck hätten, als eben zu sitzen. So bloß zum Protest gegen alles, was nicht sitzt; gegen all die dumme Unruhe, den blöden Wirrwarr, das zwecklose Gezappel des modernen Lebens. So, wissen Sie, wie die alten, weisen Könige bei Maeterlinck in der Literatur sitzen.« Bergemann sah den redenden Herrn von Reubke von der Seite an. Mit einem leisen Erstaunen. Und er dachte: Ist dieser wunderliche Jüngling jetzt unter dem Eindruck der spanischen Sternennacht plötzlich gescheit geworden, oder verstellt er sich nur, wenn er den ganzen lieben Tag lang den harmlosen Viveur spielt? ... Grabusch hatte Mücke, der an kokettem goldenem Gäbelchen eine Zigarette rauchte, um Feuer gebeten und war dadurch mit ihm in ein höfliches Gespräch gekommen. Plötzlich fragte Mücke, indem er mit dem langen Nagel seines kleinen Fingers die Asche von der Zigarette schnickte: »Sie sind Jurist, Herr Rat?« »Ja. Leider.« »Würden Sie mir vielleicht eine juristische Frage beantworten?« »Wenn ich kann – gewiß. Aber wenn es sich etwa um ausländisches Recht handelt, so ...« »Es handelt sich um Menschenrechte. Nehmen wir an, ein – aus irgendwelchem Grunde – zum Tod Verurteilter kann der Mitwelt ... oder doch kann einem Nebenmenschen in wichtiger Sache zu seinem ... zu seinem Recht verhelfen, wenn seine Hinrichtung aufgeschoben wird. Ich setze nun den Fall, daß er selbst die Möglichkeit hat, den Termin dieser Hinrichtung hinauszurücken.« »Das scheint mir sehr unwahrscheinlich.« »Den Fall wollen wir in der Voraussetzung als möglich annehmen. Glauben Sie, daß seine ... sagen wir seine große Wurschtigkeit den Dingen dieser Erde gegenüber, die er ja doch als wertlos und unnutzbar hinter sich läßt, stärker sein soll, oder aber sein Interesse an einer Gerechtigkeit, der ja schließlich sein liederliches Leben selbst zum Opfer gebracht wird?« Grabusch sah den redenden Herrn Artur Mücke von der Seite an. Mit einem leisen Erstaunen. Und er dachte: Ist dieser wunderliche Jüngling jetzt unter dem Eindruck der spanischen Sternennacht plötzlich ein moralischer Philosoph geworden, oder verstellt er sich nur, wenn er den ganzen lieben Tag lang den faden Dandy spielt? ... ... Kapitän Jürgens, die Mütze im Nacken, kam die Treppe von der Kommandobrücke herabgestiegen. Der erste Offizier vertrat ihn jetzt da oben. Der Lotse war eben auf einer kleinen Pinasse nach Malaga zurückgefahren. Just bei der Treppe fand der Kapitän die schmächtige Gestalt des Kapellmeisters Balzer, der nicht mehr dirigieren durfte, an die Reling gelehnt. Nicht Passagier, nicht Angestellter, von keinem gesucht und in seiner Beschämung alle meidend, wagte sich der scheue kleine Musiker aus Nordhausen nur noch abends in der Dunkelheit aus seiner Kabine, die er, schweigsam und geduckt, mit drei Stewards teilte. Der Kapitän stand still. »Herr Balzer!« Der kleine Kapellmeister schrak zusammen. Er kannte die Stimme des Schiffsgewaltigen, der ihn engagiert und dann nach der ersten verunglückten Tischmusik abgesägt. Er fürchtete einen Rüffel, einen Vorwurf, einen Befehl und griff, sich zusammenreißend, an die Mütze. Aber die wasserblauen Augen des Kapitäns schauten gutmütig drein. »Sie sind nicht an Land gewesen, Herr Balzer?« »Nein, Herr Kapitän.« »Warum nicht?« »Ich – ich habe kein Geld dazu.« »Hm. Als Kapellmeister sind Sie ... na ja, war mein Fehler vielleicht. Man soll nicht auf billige Quellen reisen. Für fünfundsiebzig Mark und Verpflegung macht's eben der Strauß und der Nikisch nicht. Tja – was ich sagen wollte – Sie sollen aber nicht übel Klavier spielen?« »O ja, das kann ich wirklich, Herr Kapitän.« »Können Sie auch deutsche Volkslieder – auswendig?« Ein Lächeln huschte, die Angst scheuchend, über Adam Balzers pockennarbiges Gesicht. Um ein ganz Weniges schien seine kümmerliche Figur größer zu werden, schienen die abfallenden Schultern in dem verschabten dünnen Sommermäntelchen sich zu heben, als er sagte: »Aber gewiß, Herr Kapitän!« »So. Nun, dann – wissen Sie was, Herr Balzer, dann zehn wir zwei jetzt mal hinauf – nur wir zwei, verstehn Sie – nicht ins Musikzimmer –, oben auf Bootsdeck in die sogenannte Veranda – haben Sie schon gesehen? Da steht ja auch ein Klavier – und da ist jetzt kein Mensch. Und da spielen Sie mir noch eine halbe Stunde so ein paar hübsche Volkslieder vor, was? Ist so 'ne schnurrige Liebhaberei von mir. Das heißt, aber nur wenn Sie wollen. Das ist kein Dienst mehr. Und ... hm, ja, ich honoriere das natürlich.« »Herr ... Herr Kapitän!« Eine Welle von Glück flutete dem kleinen Kapellmeister heiß durch's Herz. Er hatte all die Tage durch die Fenster oben mit dem einsamen Klavier geliebäugelt. Hatte nur nicht gewagt, einzutreten und zu spielen ... Und jetzt – phantasieren über deutsche Volkslieder! Sein Heimweh aus strömen, seine Verlassenheit trösten ... »Wie alt sind Sie, Herr Balzer?« »Zweiundzwanzig Jahre.« »Und zum ersten Male auf dem Meer?« »Zum ersten Male – von zu Hause fort, Herr Kapitän.« »Zum erstenmal von – – kommen Sie – wir wollen musizieren!« Adam Balzer, der kleine Kapellmeister a. D., folgte dem die begegnenden Passagiere nicht beachtenden, rasch, wie im Dienst voranschreitenden Kapitän nach der Veranda oben auf Bootsdeck. Klopfenden Herzens und mit tiefem Erstaunen. Und er dachte: Ist dieser harte Seebär jetzt in der spanischen Sternennacht plötzlich weich und gütig geworden – oder verstellt er sich nur, wenn er den ganzen lieben Tag lang den gestrengen, wortkargen Vorgesetzten spielt? ... Vorn, an der Spitze des Schiffs, die, scheinbar fast unbewegt, das weiß aufleuchtend zur Seite fliehende Meer zerschnitt, hatte Erich, der allein sein wollte, eine Frauengestalt gefunden. Wie er die blaue Wäsche der Heizer und Maschinisten, die hier von den chinesischen Wäschern zum Trocknen aufgehängt war, zur Seite bog und gebückt unter den Seilen durchschritt, sah er sie. Sie saß auf einem Bündel Taue, fuhr erschreckt auf bei seinem Nahen und wollte rasch an ihm vorbei. Verblüfft erkannte er Hilde. Sie hatte verweinte Augen und hielt einen zerknitterten Brief in der Hand. »Fräulein Hilde – ja, was machen Sie denn hier?« »Pst. Verraten Sie mich, bitte, nicht – Herr Assessor. Wenn das der Obersteward erfährt ... Es ist uns nicht erlaubt. Aber ich konnte nicht anders. Einen Augenblick mußte ich für mich haben ... mußte ...« Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen: aber das glückliche Lächeln ihres Mundes widersprach. »Sie haben einen Brief bekommen?« »Ja. In Malaga mit der letzten Post.« »Von einer lieben Person?« Er hätte sich ohrfeigen können, daß er so taktlos fragte. Aber er fragte. »Von einer Schwester.« »Von Ihrer Schwester?« Es schien ihn zu freuen, daß es gerade die Schwester war. »Nicht von meiner Schwester. Ich habe keine Geschwister. Nur noch eine alte Mutter. Der Brief ist von einer Schwester, einer Krankenschwester. Sie wissen ja, ich war selbst, ehe ich hier ...« »Ach ja, richtig, ich weiß, Sie waren Krankenschwester. Und nun haben Sie eine traurige Mitteilung bekommen ...?« »Traurig? O nein, o nein! ... Er lebt ja – er lebt!« »Wer lebt?« Er hätte sich anspucken können für diese dumme, heftige Neugier. Aber er fragte: »Wer lebt?« »Er! ... O Gott, wie ich glücklich bin! ... Denken Sie nur, wenn das Gift ... wenn das schreckliche Gift ... das ich ihm doch selbst ... ich ...« In diesem Augenblick kam der dritte Offizier auf seiner Runde nach der Spitze. Noch ehe er die letzten Kittel der Heizer, die auf der Waschleine gereiht waren, zur Seite geschoben hatte, war Hilde mit einem raschen »Guten Abend. Herr Assessor!« verschwunden. Erich sah ihr nach. Mit einem tiefen Erstaunen. Und er dachte: Hat sich bei diesem Mädel jetzt unter dem sternbesäten Frühlingshimmel Spaniens der Sinn verwirrt – oder hat sie wirklich eine ernste Liebesgeschichte erlebt mit Eifersucht und Untreue und Gift ...? Unsinn! Er versuchte, sich aus den früheren Begegnungen ihr sicheres Wesen, ihr schelmisches Lächeln wieder zu vergegenwärtigen. Aber jetzt – die Tränen waren doch echt. Und der Brief – der Brief! Gedankenvoll wandte sich Erich zum Gehen. Da stand er verblüfft still. Ein leichter Wind hatte sich erhoben. Lau und angenehm. Er füllte die blauen Blusen an den Stricken: er blähte die aufgehängten Beinkleider und drückte ihre Knie breit nach vorn. Wie eine Schar von grotesken Tänzern, von Kopflosen Rümpfen und knickenden, fußlosen Beinen kamen die blauen Waschanzüge der Heizer der »Astarte« auf ihn zu. Allen voran aber, wie ein Kommandeur seiner Truppe, ein unsicher tänzelndes, zweibeiniges Gespenst. Das war Grabuschs Hose, die stolz war auf ihr ritterliches Abenteuer. Auf das Bad unterm früchteschweren Orangenbaum im stillen grünen Wasser des Myrtenhofes der Alhambra. Fünftes Kapitel. »Du muß dich etwas beeilen, Selma!« mahnte Scupinsky. Er stand, schon im hellen Flanellanzug mit rindsledernen Reitgamaschen, vor dem Spiegel in der Luxuskabine, kam sich sehr ritterlich vor und färbte seinen Spitzbart ein bißchen nach. »Wenn du schwitzest, fließt dir wieder die Schokoladesauce ums Kinn«, rügte Selma, die in zwei Koffern alles mögliche durcheinander warf, um eine in Granada gekaufte Mantilla zu finden, die sie auf dem Eselritt durch die marokkanische Stadt malerisch um die Fülle ihres Oberkörpers zu drapieren dachte. »Wann kommen wir eigentlich nach Tanger?« »In 'ner halben Stunde werden wir ausgebootet. Der Lotse ist längst an Bord. Wir können nicht anlegen wegen der Mittagbrandung, die hier besonders heftig ist.« »Blöd mit den ewigen Brandungen! Überhaupt diese Seefahrten! Worin da schon das Vergnügen besteht? Hüte kann man keine tragen, weil sie einem der Wind kaputt fegt. Das Seewasser spritzt die Farben aus den Stoffen. Die Kleider in den Koffern werden verdrückt; und es lohnt kaum, sich zum Diner umzuziehen.« »Schließlich fahren wir ja nicht zum Vergnügen zur See.« Scupinskys Stimme war ärgerlich, als er das sagte. »Deine Künste, holde Kirke, scheinen aber diesmal zu versagen. Der Überraschungstrick wird bis Amsterdam im Kasten bleiben müssen.« »Wie deine gezinkten Karten.« »Schrei nicht so!« »Ich schrei' nicht.« »Doch, du schreist.« »Und wenn ich schon schrei' – wer soll uns denn hier hören?« »Mindestens Fritzchen. Der dumme Bengel spielt stets im Gang zwischen den Luxuskabinen. Wenn ich den mal vertobaken könnte, ohne daß er mich erkennt!« »Pah. Fritzchen! Wer soll uns sonst hören? Du schließt ja die Fenster und die Läden am hellichten Tage, daß man fast erstickt auf dem Meer! Und da hast du mich noch aus dem festen Engagement gelockt mit der ›gesunden Luft‹. Also – deine Bartwichse hätt' ich auch am Lande riechen können! Und sehen tut man bei den paar elektrischen Lampen auch nichts! Und übrigens, wenn diese blonde Pute nicht an Bord wäre, in deren falsche Haare diese Narren alle verschossen sind ...« »Sie sind nicht falsch«, warf Scupinsky kühl ein. »Ha – du weißt's wieder. Du!« Selma drehte höhnisch lachend ihre Brennschere über der Spiritusflamme. Sie neigte dazu, an Geschlechtsgenossinnen zunächst mal alle Vorzüge für unecht zu halten: bis das Gegenteil erwiesen war. »Willst du mir den unbesiegbaren Don Juan vormimen? Mir! Willst mir etwa erzählen, daß du die schöne Tilly im Negligé gesehen hast? Daß die blonde Venus dich, den ungarischen Adonis ...« »Gar nichts will ich dir erzählen. Aber du weißt so gut wie ich, daß wir sie zusammen ... in Barcelona nach dem Stierkampf, als sie ohnmächtig war ...« »Pscht – !« »Aha! Na also – da faßte ich hilfreich unter ihren dummen Kopf, dahin, wo, wie ich wußte, der blonde Schildplattkamm saß mit den kleinen echten Brillanten drin ...« »Saß? Du, der sitzt heut noch drin!« höhnte Selma. »Weil die Haare eben echt sind – nicht, wie du immer wieder behauptet hast, falsch.« »Ich bin natürlich wieder schuld – natürlich: ich! Ich bin vielleicht auch daran schuld, daß sich der dürre Mücke, dieser Patentochse, nicht erschießt? Mußte er doch, nicht wahr? Prompt. Weil er die schwarze Kugel gezogen hat – die eine schwarze – und die andre, Edler von Scupinsky, war doch auch schwarz!« »Schrei nicht so!« »Ich sprech' so laut, wie ich will, Ganz Edler von Scupinsky. Ich hab das verflixte Geflüster satt! Ich bin schon ganz heiser von dem ewigen Flüstern.« »So ein Blödsinn! Vom Schreien wird man heiser, aber doch nicht vom Flüstern!« »Du vielleicht. Ich werde vom Flüstern heiser!« Wenn das der Wahrheit entsprach, lief Scupinsky eben durchaus nicht Gefahr, heiser zu werden. »Also ich verbiete dir, so viehisch zu brüllen ... Ich verbiete ...« Scupinsky, krebsrot vor Ärger und mit geschwollenen Stirnadern, hatte Selma mit einem eisernen Griff am Handgelenk gefaßt. Selmas Augen funkelten grün. Mit einer knapp drehenden Bewegung der rechten freien Hand führte sie die erhitzte Brennschere so ruhig, als geschähe die holde Neckerei mit einem Kaffeelöffelchen, auf Scupinskys schwarzbehaarten Handrücken. Ein kurzes Aufzischen der verbrannten Haut. »Donnerwetter – verflucht! – Du verbrennst mich ja!« »Was du nicht sagst!« Die Schere lag schon wieder an den Stirnlöckchen. »Was machst du dir auch so unnütz an meinem Handgelenk zu schaffen!« »Du bist eine Kanaille!« »Sehr glaubhaft. Was solltest du aber, Hochgeborener, mit einer anfangen, mein Lieber, die das nicht ist? Und die Hauptsache bleibt: ich kann's gut verbergen. Hätte ich ihm nicht so sanfte Augen gemacht, wäre dieser Pilsener-Bier-Philister mit den andern heute früh nach Gibraltar hinübergefahren, um sich den kahlen Affenfelsen anzusehen und die englischen Strandkanonen und den maurischen Turm, und von den Galerien hinüberzuglotzen nach Algeciras. So aber hat er in der Schwemme festgesessen beim faden Pilsener: hat mit mir gefußelt – ich spüre seine gräßlichen schweren Wichsstiefel noch, den halben Knöchel hat er mir kaputt getreten – und du hast ihm derweil im harmlosen Sechsundsechzig fünf blaue Lappen abgenommen.« »Vier. Das erste glatte Geschäft auf der ganzen Reise. Aber damit hat's auch geschnappt. Denn der Idiot hat's sofort überall herumerzählt.« »Der wird's bei sich behalten!« »Der Kapitän hat mich beiseite genommen und höflich gebeten, nicht so hoch zu spielen. Es solle eine Vergnügungsreise sein für alle, keine Verlustreise. Hinter dem scherzhaften Ton lauerte aber so etwas wie eine Drohung. Ich hab' feine Ohren für solche Sachen.« »Hast du?!« höhnte Selma. »Ja. Und dieser elende Mücke macht spitze Anspielungen, das hört' ich auch ... In Granada im Gesandtensaal hat der Kerl doch von ›Irrtümern‹ gesprochen – von ›Täuschungen‹, denen man sich in Einschätzung seiner Umgebung zuweilen hingibt, und die dann von blitzartigen Erkenntnissen zerstört werden.« »So 'n Quatsch!« Das Wienertum Selmas changierte im Alleinsein mit Scupinsky rasch und seltsam. »Was hat er hier auf dem Schiff schon ›blitzartig erkennen‹ können, der Lackstiefelprinz, der Krawattenfatzke, wenn er da unten an der Riviera nichts blitzartig gemerkt hat? Du wirst nervös, mein Lieber. Alterserscheinungen – was? Auch deine Finger sind nicht mehr so sicher. Bloß noch lang. Du mischst schon schlecht, wenn du mit einem ausgesuchten Blödian à la Zwingenberg spielst, der vom vielen Pilsener den Gehirndrall hat. Da wird bei größeren Unternehmungen nicht viel herausschauen.« »Daraus soll ich wohl die Drohung hören, daß du spätestens in Amsterdam ...?« »Hör' was du willst mit deinen feinen Ohren. Aber möglich – spätestens ...« »Ach – du bildest dir wohl ein – dieser Nußknacker, der Zwingenberg ...« »Onkel Scupinsky!« ertönte Fritzchens Stimme von draußen, und gleichzeitig bearbeitete der Absatz eines Kinderstiefels energisch die verschlossene Kabinentür. »Da hör mal – ›Onkel‹ nennt er mich schon, dieser miserable Bengel! Könnt' ihm so passen – keinen Vater und zwei Dutzend reiche Onkels!« Scupinsky zog wütend die Enden seines violetten Selbstbinders zusammen, als wolle er sich erwürgen. »Wenn er so viel echte und so nette Onkels hat wie dich, kann er lachen.« Selma befestigte einen koketten florentinischen Strohhut mit einer langen Nadel auf ihrem Kopf, als sie diese Überzeugung äußerte; und sie genoß dabei im Schrankspiegel das Bild, wie Scupinsky sich ärgerte. Scupinsky haßte den Jungen, der überall herumkroch und herumspionierte, um dann, wie aus der Pistole geschossen, immer die unangenehmsten Dinge zu sagen und zu fragen. Aber er hatte Gründe, es mit diesem zudringlichen Sprößling seiner Nachbarin von der Luxuskabine nicht zu verderben. Er steckte sogar beim Diner Mandeln und Schokoladenplätzchen für ihn ein und schenkte ihm Münzen, die nichts wert waren, und gestempelte Briefmarken von seinen ungarischen und italienischen Drucksachen. »Onkel Scupinsky!« Der Absatz polterte wieder an die Korridortür. »Ihr sollt kommen, läßt Herr Hobsen euch sagen. Wir fahren nun an Land zu den Negern.« Diesen Irrtum, daß Marokko ganz von Negern bevölkert sei, ließ sich Fritzchen nicht nehmen. Als ihm Grabusch gestern über die Hautfarbe der Einwohner Marokkos einige der Wahrheit entsprechende Mitteilungen gemacht, hatte er plötzlich losgebrüllt, so daß der verblüffte Amtsgerichtsrat in den Verdacht kam, er hätte in einer sadistischen Regung den lieben Jungen mißhandelt. Es war nicht abzusehen, wie Fritzchen sich benehmen würde, wenn er nun wirkliche Marokkaner, die nicht ganz schwarz waren, in Tanger zu sehen bekam. Selma hatte sich lächelnd und hingebungsvoll in Scupinsky eingehakt, als sie – das Bild eines in Liebe einigen Paares auf der Vergnügungsreise – an der Schiffstreppe erschienen. Scupinsky zog mit ermunterndem Scherzwort an der freien Hand Fritzchen hinter sich her, der den schwierigen Versuch machte, dem Onkel Scupinsky beim Nachzotteln hinten auf die gelben Stiefel zu treten. Es war ein sehr liebes und rührendes Schauspiel für alle, die nicht wußten, daß dieser in väterlicher Nachsicht lächelnde Scupinsky soeben Selma mehrfach und mit dem Nachdruck der Überzeugung eine »Kanaille« genannt und den dringenden Wunsch ausgesprochen hatte, das liebe Fritzchen mal im Dunkeln nach Herzenslust zu vertobaken. Die meisten Passagiere drängten sich noch an der Treppe zusammen, wie Schafe vor dem Gewitter, und spähten hinüber nach der im Sonnenglanz des Mittags weiß und fremdartig im Halbrund aufsteigenden Stadt. »Als ob das alles aus schlechtem Zucker wäre!« sagte Kloppenbusch. Herr von Öltzendorff hatte wiederum die vom breitrandigen Panama beschattete Schwester am Arm. Er rief über die Köpfe der andern hinüber zu Hobsen, der, wichtig die Uhr in der Hand, mit dem Kapitän die Stunde der Rückkehr besprach: »Hallo, Mister Hobsen, was werden Sie uns zeigen?« Hobsen, ohne sich umzuwenden, rief zurück zur Orientierung für alle: »Unser Programm ist das folgende: Am Bab el Marsa erwarten uns die Esel.« »Wer erwartet uns?« fragte Viktoria, die beim Schwanken ihres Bades etwas Wasser ins Ohr bekommen halte. »Die Esel.« »Wir besuchen dann den kleinen Socco, großen Socco, Kasbah, Gefängnis, Bab el Dakhl, Plaza grande, Garten der deutschen Gesandtschaft und das Kap Spartel.« »Aha!« nickte Herr von Öltzendorff, der keine Ahnung hatte, was eigentlich der »kleine Socco« oder was die »Kasbah« war. »Na, die Esel werden's schon wissen, wie ich auf den großen Sacco komme und auf den Kaspar«, meinte Kloppenbusch und schickte sich an, vorsichtig die steile Treppe hinunterzusteigen in das mutwillig schaukelnde Boot. »Zuerst bitte die Damen!« rief der Kapitän. Er stand ordnend, überschauend oben an der Treppe. Schon in Zivil, denn er wollte den Ritt durch Tanger mitmachen, ein weiches, breitrandiges Filzhütchen verwegen auf dem Kopf und in seinem ungewohnten, hellbraunen Sakko nicht ganz so gut und forsch aussehend wie in seiner blauen Uniform. »Sagen S', bitt' schön, Mister Hobsen –« in Schwammerl war der Reitergeist seiner Dienstzeit bei den Trani-Ulanen erwacht –, »bitt' schön, wär's nicht möglich, daß ich, anstatt so einen dummen Esel, einen echten Araber reiten möcht'?« »Die Esel im Orient sind nicht so dumm wie bei uns«, belehrte ihn der Kapitän, während er galant Tilly Schuch auf die ersten Stufen der knarrend in den Eisenketten schwankenden Treppe half. »Mag schon sein, Herr Kapitän. Aber für einen alten Kavalleristen ist halt doch ein Esel ein Esel.« Kloppenbusch war kein Kavallerist; aber er dachte, daß das für ihn nicht anders sei. War aber sehr zufrieden, daß ihn ein Grautier und kein feuriger Araber erwartete. »Wir woll'n schließlich auf dem Socco doch keine Kostümquadrille reiten, sondern uns Tanger anschauen«, meinte Reubke etwas ärgerlich. Denn ihn peinigte der Gedanke, daß Schwammerl in seiner nachlässigen wienerischen Schlankheit auf einem arabischen Vollblüter eine ganz gute Figur machen würde; was auch Tilly Schuch kaum entgehen konnte. »Und schließlich wollen wir doch auch ein bißchen Afrika photographieren, nicht wahr? Das kann man doch auf keinem arabischen Renner.« Hierbei verschwieg er, daß er persönlich auf einem arabischen Renner auch andere Dinge nicht konnte. Zum Beispiel: reiten. Im Hinabsteigen sagte Mücke gönnerhaft zu den Herren: »Im Gewühl der Straßen da drüben vorsichtig sein mit Börsen und Juwelen, mit Uhren – Ringen und so!« Erich war es, als ob der blasse Jüngling ihn dabei mit etwas zugekniffenen Augen spöttisch fixierte, wie er das schon am Morgen auf dem Weg über die Felsgalerien Gibraltars mehrfach getan hatte. Aber da gerade, von hinten geschoben, die junonische Frau Tiegs mit einem »Pardon!« seinen Arm nahm, beachtete er Mücke nicht weiter und führte, galant von Stufe zu Stufe vorgehend, die Dame die schwankende Treppe hinab. Das breite Boot, in dem sechs Matrosen unter Aufsicht des dritten Offiziers mit Rudern und Tauen hantierten, tanzte höchst verwegen auf der Mittagbrandung. Bald schien es tief unter dem Treppenrand für immer in einem Wellental verschwinden zu wollen, bald wurde es vom anbrandenden Wasser so dicht an das Geländer getragen, als ob es unbedingt da oben kleben bleiben sollte. Geschoben, gehoben, gehalten, geschubst, jetzt mit den Beinen in der Luft schwebend, jetzt wieder mitgenommen von dem ins Wellental zurückgehenden Bootboden, waren die Passagiere schließlich glücklich untergebracht. Eng wie die Salzheringe verstaut, aber heilfroh, nicht in das unruhige Wasser gefallen zu sein. Gesprochen wurde wenig während der Fahrt von der offenen Reede nach dem Landungsplatz am Hafentor. Und die Gedanken der in der breiten Nußschale in kurzen heftigen Stößen über die kleinen weißen Wellenberge Hingetragenen waren recht verschieden. Wenn ich da drüben keinen echten Araber zwischen die Schenkel kriege, dachte Schwammerl, so geh ich schon lieber zu Fuß. Meine alten Regimentskameraden möchten ja lachen, wenn sie erfahren, daß der Josef Schwammerl auf einem Esel wie das Christkind ... und erfahren tun sie's sicher; denn was sie schon bei uns alles schwatzen in den Cafés und bei der Menge von Kodaks, die wir mithaben ... Hobsen dachte, daß er froh wäre, wenn er alle wieder glücklich auf dem Schiff hätte. Daß ihn Elisabeth Hunneberg ohne viel Komplimente ersucht hatte, Fritzchen mit vorn auf seinen Reitesel zu setzen, während die ihm sympathische Agnes Hennerich auf dem Schiff Handschuhe mit Benzin reinigen sollte, machte ihm das marokkanische Abenteuer nicht genußreicher. Er beschloß, das Programm zu kürzen und der Kavalkade nur den Marktplatz, das Villenviertel, die Kasbah, das Gefängnis und die Judenstadt zu zeigen. Fritzchen aber unter dem Vorwand des väterlichen Festhaltens kräftig in die Weichteile zu kneifen, wenn der liebe Junge nicht aufhörte, dumme Fragen zu stellen. Reubke dachte, daß er – für den Fall, daß Schwammerl sich wirklich in so imponierender Weise beritten machen sollte – nicht mitkonkurrieren, sondern Mückes leise vorhin geäußertem Vorschlage nähertreten wollte. Diese verwegene Proposition aber ging dahin, sich unvermerkt von der Gesellschaft zu trennen und mit einem eigenen Dragoman rasch mal jene arabischen Caféhäuser aufzusuchen, in denen der echte Bauchtanz exekutiert wurde, von dem man zuweilen in europäischen Tingeltangels bescheidene, von der Polizei streng zensierte Imitationen sah. Die durchaus nicht schüchternen Aufnahmen, die Reubke von dieser echt orientalischen Veranstaltung zu nehmen gedachte, würden sicherlich in verschwiegenen Freundeskreisen Aufsehen machen und seinen Ruhm als Reisenden und Schwerenöter an Stammtischen und in Rauchzimmern ins Unmeßbare steigern. Tilly Schuch dachte, daß sie, um in dieser tanzenden Nußschale ja nicht wieder seekrank zu werden, immerzu nach der klassischen Nase der gegenübersitzenden Frau Tiegs schauen wollte und beileibe nicht auf die Wellen, die ihr leider vorkamen wie wahnsinnig gewordenes Fleischgelee. Und auch nicht nach den in der Mittagssonne leuchtenden blendend weißen Häusern von Tanger, die sie enggereiht angrinsten wie gefletschte Zähne. Viktoria von Öltzendorff dachte, daß der Riesenkasten mit den zwei Panzertürmen, der dort links, unbewegt wie eingerammt, über dem schaukelnden Hafengewässer ragte, ein englisches Kriegsschiff sei; und daß es einen zuzeiten wie ein heller Blödsinn anmute, wenn man von Berlin nach England wollte, die Route über ein schlechtes Hotel in Genua, die blutige Arena von Barcelona und die beunruhigte Reede von Tanger zu wählen. Zwingenberg dachte, daß er nun – da ihm dieser üble Scupinsky vierhundert Mark im Kartenspiel abgenommen – sich in Tanger erst vorsichtig nach den Bierpreisen erkundigen wollte, ehe er ein echtes Pilsener bestellte. Das kostete gewiß in diesen käseweißen Spelunken so viel wie französischer Sekt in Deutschland. Eis würden sie wohl auch keines haben und bloß Flaschen. Und das nach dem Pfropfen schmeckende würden sie nicht zurücknehmen. Der Teufel mochte wissen, wie der Pfropfen auf arabisch hieß. Vielleicht gab es »Einheimisches«, von dem er sich allerdings keinen rechten Genuß versprach. Kloppenbusch dachte, daß wenn er, was Gott verhüten möge, eine Hochzeitsreise zu machen hätte – wie dort das Ehepaar Häfele, das mit verschlungenen Händen und geschlossenen Augen dasaß, als erwarte es die Mitteilung seiner bevorstehenden Hinrichtung –, just die Stadt Tanger kaum das Vergnügen haben würde, seine Eheliebste in der Blüte ihres Glückes zu begrüßen. Dann fiel ihm ein, daß der Hafen hier »bloß« einige dreißig Meter tief sein solle, daß er persönlich aber nur ein Meter fünfundsechzig groß war; was für den Fall des Umkippens dieses Bootes, womit er stark rechnete, ein peinliches Mißverhältnis zu seinen Ungunsten ergab. Scupinsky dachte, daß er eine seiner blödesten Stunden gehabt haben müsse, als er Selma an der Singspielhalle zu Nizza, für die sie schon engagiert war, kontraktbrüchig werden ließ und mitnahm auf diese Seereise, bei der ihm noch keiner der Kavaliere den erwünschten Anlaß gegeben hatte, als erzürnter Ehemann eine Buße für seine verletzte oder schwer gefährdete »Gattenehre« zu fordern. Und daß er weder Mücke veranlassen konnte, seinen Tod zu beschleunigen, noch Selma, auszusteigen, verbitterte ihm die kleine Freude an dem leichten Gewinn der vierhundert Mark und an dem Bewußtsein, daß den Rubinring der Herzogin niemand im doppelten Boden seines in der Kabinenecke stehenden Zylinders vermuten oder gar finden werde. Erich empfand das starke Schaukeln des Bootes wie ein angenehmes Wiegen, das seine verwirrten und verirrten Gedanken und Gefühle beruhigte. Was ging ihn eigentlich diese ganze dumme Geschichte mit dem Brief Hildes an? Wer war denn Hilde? Eine Stewardeß, eine frühere Krankenschwester – was auch in vielen Fällen nur ein besseres Dienstmädchen bedeutet, oder –? Pfui, er schämte sich dieses Gedankenganges. Hilde hätte, ein bißchen modisch zurechtgemacht, hier überall zwischen diesen Passagieren sitzen können, die ihr Glück, ihr Geld, ihre gesellschaftliche Stellung um Europas Westspitze auf eine Luxusjacht führte. Sie hätte mit ihrem feinen, ein bißchen blassen Gesichtchen und den schönen langbewimperten Augen darin, mit ihren knospenden Formen und ihren leichten, sicheren Bewegungen zehnmal lebensfrischer ausgesehen als Frau Tiegs, deren steinerne Noblesse eine nach dem Museumskatalog brüllende Langeweile war; und hundertmal vornehmer als diese krähende Signora di Venticinque , deren stupsnäsiges Soubrettengesicht sich ausnahm wie eine billige Friseurreklame zur Karnevalszeit in Berlin NO . Aber der Brief ... Und die verworrene, Reue stammelnde Rede von dem Gift ... er konnte sich nicht getäuscht haben – sie hatte »Gift« gesagt – es gab ja auch gar kein deutsches Wort, das ähnlich zum Verwechseln klang ... Und dann wieder heute morgen, als er, aus dem Kabinengang heraustretend, die hübsche Kleine fand, wie sie, frisch wie der Morgen selbst, Hänschen ein gespartes Stückchen Zucker mit spitzen Fingern zwischen die Stäbe des Bauers steckte und sich von Peterle lachend die krumme Pfote geben ließ ... »Aussteigen, vorsichtig aussteigen!« mahnte der Offizier, der schon auf die Balken der Landungsbrücke gesprungen war. Und der Kapitän, der die ganze Fahrt über ärgerlich seinen ungewohnten Hut festgehalten hatte, sprang jetzt leicht wie ein Gummiball zuerst an Land und rief: »Erst die Damen! ... Geben Sie mir beide Hände – sooo!« Alle stiegen aus, als Letzter Adam Balzer, der abgesägte kleine Kapellmeister, von dem eigentlich keiner bemerkt hatte, daß er mitgefahren war, da er, schmal und bescheiden, hinter den rudernden Matrosen gesessen, und der jetzt gleich, schüchtern den Hut ziehend, sich in der Menge verlor, um auf eigne Gefahr für das Honorar des Kapitäns sich sein Teil Afrika anzusehen. Ein bunter, zudringlicher Haufe umschwirrte und umschwatzte die etwas steif von der Überfahrt ans Land Gestiegenen. Bunte Burnusse, aus denen braune, gelbe, schwarze Köpfe wie aus Säcken wuchsen. Schmutzige Turbane wie Riesenwülste über verschmitzten, dunklen Augen. Das weiße Wolfgebiß eines herkulischen Negers, der immer dasselbe unverständliche Wort schrie. Das feine, schlaue Lächeln eines gebückten Juden über dem glänzend schwarzen Kaftan. Unbewegt, wie weißumwickelte Bronzefiguren, um die Lippen ein verächtliches Lächeln für diese vorwärts geschobene Europäerherde, ein paar hochstämmige Kabylen bei den alten rostigen Kanonen am Hafentor ... Und jetzt vor ihnen das Gewühl bei Hauptstraße. Nickende weiße Esel mit hochbepackten geflochtenen Körben. Schreiende Wasserverkäufer, den rindsledernen Schlauch über der tiefhängenden Schulter, mit den Kupferbechern klappernd. Bis zu den unruhig flackernden Augen weißverhüllte Weiber, eine braune, grellberingte Hand, wie eine Agraffe im Schleier unter dem Kinn, auf dottergelben Pantöffelchen vorbeihuschend. Ein gemästeter Neger, in den ebenholzschwarzen Backen die Narben des Familienzeichens wie schlecht geheilte Mensurschmisse. Und ein Geruch über allem von Zichorie, Fett, Staub, Schweiß. Häuten, Wolle. Da in den Säcken mußte Kaffee liegen und dort in den verschnürten Packen Tabak. Und trotz der niederbrennenden weißen Sonne die Steine glitschig von verschütteten Flüssigkeiten, zertretenen Früchten und gequetschten Gemüseblättern. »Hier sind die Esel – hier!« schrie Hobsen, einen in wüstem Sprachengemisch mit ein paar marokkanischen Treibern, meist jungen Kerlen, deren tiefbraune Brust offen lag, geführten Zank unterbrechend. Jeder suchte sich nun, von arabischem Geschrei beraten, von hilfreichen Händen in alle möglichen Körpergegenden gegriffen und gebort, ein Reittier aus. Kräftige, gutgehaltene Esel waren's, die ihre Stadt kannten und ihre winkligen, gebirgigen Gassen, an denen steil, glatt und weiß die Häuser aufsteigen, als müßten sie da oben den blauen Himmel tragen. Diese Gassen, in deren beklemmender Enge kein Wagen fahren kann und in denen ein ewiges Geschrei und Gelärm brandet, von dem man nicht weiß, wer es verursacht und wozu es gemacht wird. In langem Zug, Esel hinter Esel, bewegte sich die Gesellschaft durch die von tausend Gerüchen erfüllten Sträßchen. Nur Frau Tiegs und Zwingenberg hatten Maultiere erwischt. Die üppige Bankdirektorsgattin bildete durch ihren höheren Sitz ein imposantes Mittelstück für die wunderliche Karawane. Sie schien die Königin, die hier geleitet wurde; und sie war schweigsam, wie die Majestät sein soll. Zwingenberg aber machte trübe Erfahrungen mit seinem stolz eroberten Reittier, indem dieses die unbezwingliche Neigung bezeigte, in verschiedene Haustore einzukehren, an denen die andern längst vorüber waren. Auch schlug es hier und da plötzlich nach hinten aus und warf gleichzeitig den Kopf zurück. Kloppenbusch hatte nur noch einen unansehnlichen Esel mit Damensattel gefunden. Er hockte tief in der roten Lehne wie in einem geräumigen Kinderstuhl. Die Angst peinigte ihn, daß der Leibgurt seines Reittiers reißen und er nach hinten fallen könnte. »Tief fällt man ja nicht, aber dreckig«, sagte er aus diesem Gedankengang heraus und fügte seufzend hinzu: »Das ist nu mal so: wären die Esel verlost worden, hätt' ist sicherlich den besten gewonnen, den dort der lange Öltzendorff reitet. Aber das weiß ich im voraus: wenn keine Lotterie gemacht wird, saus' ich allemal rein.« »Wo ist denn Schwammerl?« fragte Reubke den hinter ihm sein phlegmatisches Grautier mit seinem Spazierstock bearbeitenden Mücke. »Er ist zurückgeblieben. Verhandelt am Hafentor mit einem Kabylen, der aussieht wie ein Straßenränder. Will partout auf einem feurigen Araber durch Tanger reiten.« Bergemann ritt auf seinem schäbigen, aber ganz munteren und zum Trab geneigten Tier bei einer Straßenkreuzung an dem Ehepaar Häfele vorbei, das mit seinen, von dicken, unangenehm summenden Mücken belästigten Eseln viel Last hatte. Er reihte sich dicht hinter Erich wieder ein. »Sie sind verstimmt, lieber Erich?« »Vielleicht ein wenig.« Und unbekümmert darum, daß es der vor ihm reitende Mücke wohl hören konnte und auf sich beziehen mußte, fügte er scharf akzentuierend hinzu: »Es ist da ein Herrchen in der Gesellschaft, das scheint's das warme Klima nicht vertragen kann. Es hat, wie Hamlet, ›zu viel Sonne‹. Anders wüßte ich mir gewisse kleine Belästigungen in Blick und Wort nicht zu deuten, mit denen der taktvolle Mann mich seit gestern beehrt. Ich werde noch ein Weilchen zusehen und dann ...« »Das ist der Markt!« schrie Hobsen an der Spitze, seinen Esel durch ein Tor lenkend, wozu er Fritzchen, der unruhig und ewig quängelnd vor ihm im Sattel hing, stark in den Hinterbacken kniff. Und das Gequietsch des Jungen übertönend, wiederholte er, sich in den Steigbügeln aufrichtend, überlaut: »Der – Markt!« Die Erklärung war ziemlich überflüssig. Denn dieses Gewühl von Feilschenden, Schreienden, Herumlungernden zwischen Hühnern, Eiern, Datteln, Tauben, Warenballen, Maiskolben auf dem unebenen großen Platz hätte auch ohne Hobsens gütige Erklärung gewiß niemand für eine Sonntagsschule oder für einen botanischen Garten gehalten. »Das weiße Tempelchen in der Mitte ist das Heiligtum des Marktheiligen, des Siri Makhi.« Hobsen gebärdete sich wie ein Ausrufer und wiederholte den Kniff in Fritzchens Kehrseite. Elisabeth Hunneberg, der Grabuschs Esel mit weitgeöffneten Nüstern in den Nacken prustete, begriff nicht, warum der liebe Junge so heftig aufschrie, als das Heiligtum des ihr ziemlich gleichgültigen Siri Makhi genannt wurde. Die Enttäuschung darüber, daß nur ein Bruchteil der Bevölkerung hier ganz schwarz war, ergab doch keinen zureichenden Grund zu dem Gebrüll. Aber schließlich: hier brüllte alles. Kloppenbusch aber erklärte, daß er sich der gehörten Deutung des runden Häuschens freue, da er diese merkwürdige Gebäulichkeit sonst für etwas ganz andres, er wolle nicht sagen was, gehalten habe: obschon ihn gewisse Einblicke in wunderlich ungenierte Straßengewohnheiten dieser marokkanischen Herrschaften doch wieder den gedachten Zweck des Häuschens hätten anzweifeln lassen. Mücke überlegte. Er hatte Erichs leise drohende Worte ganz gut gehört. Der falsche Assessor ahnte offenbar noch nicht, daß er erkannt und wie nah ihm das Verderben war. Hier in Tanger aber schien es ein Unsinn, den Hochstapler zu stellen und zu entlarven. Der Gauner hatte hier Möglichkeiten, zu entkommen. Und die große Aktion wäre im Gewühl dieser steilen Gassen verpufft. Die große Szene, die Mücke vorbereitete, verlangte die Schiffskulissen. So trieb er sein Tier dicht an Reubke heran, der mit einem baumlangen Araber geräuschvoll um eine grobbestickte rote Ledertasche handelte, ohne daß einer den andern verstand oder ausreden ließ. »Ich habe mich schon mit meinem Eseljungen verständigt, Herr von Reubke,« sagte Mücke, indem er den Kauflustigen mit dem blanken Goldknopf seines Lordmayorstockes an der Schulter berührte, so leise es der Lärm erlaubte, »der Bursche – Hassan heißt er natürlich – spricht gottlob ein paar Brocken Französisch. Er hat mir gesagt –« Hassan stand schon dabei, ein halbnackter, sehniger kleiner Kerl mit verschmitzt-lustigen Augen, von denen das eine heller war als das andere, und einem etwas kürzeren Bein, das seinem Gang etwas mephistophelisch Hüpfendes gab. Er hatte schon verstanden, daß von ihm die Rede war, und all seine Kenntnisse und sein schönstes Französisch zusammenraffend, eiferte er: »oui, messieh – oui – moi – vous – Café – avec – danse – comme ça ... oui, belles femmes – oui – danse – comme ça ...« Und sein schmieriges Oberkleid, an dem nicht mehr viel zu verderben war, mit rücksichtslosem Griff bis unter den Nabel einreißend, begann er, breitbeinig zwischen den beiden Eseln stehend, mit vorgestrecktem Bauch, zurückgenommenen Schultern und die Ellbogen hochziehend, die wunderlich schlotternden und wabbelnden Bewegungen der Bauchmuskulatur nachzuahmen, die von den bescheidenen Orientalen ein Tanz genannt und als solcher mit heißen Augen bestaunt werden. » Shocking! « sagte Viktoria von Öltzendorff, die ihr eigensinniges Grautier direkt in die Gruppe führte. Mücke griff den eifrigen Hassan rasch an der Schulter und unterbrach die künstlerische Darstellung, ehe sie von dem Markt, seinen bunten Bildern und wilden Gerüchen befangenen andern Mitreisenden aufgefallen war. Ein paar sanfte Rippenstöße und geflüsterte französische Ermahnungen belehrten den braunen Jüngling, daß es Zeit sei, die Führung zu übernehmen. Unbemerkt von den andern verließen Kreuzwendedich von Reubke und Arthur Mücke auf sanft trabenden Eseln den an Geräusch und Gerüchen reichen Markt von Tanger. Auf steilen, glitschigen Sträßchen, an Schustern, Garküchen, Moscheen, Fesbüglern und Gewürzkrämern vorbei strebten sie einem jener Häuser zu, in deren verschwiegenen, von schmutzigen Galerien umzogenen Höfen ein duftender Kaffee in kleinen, henkellosen Täßchen gereicht wird und zu einer gräßlich eintönigen Musik alter, stumpfsinniger Neger ein paar feiste Weiber, die hennagefärbten Hände schwingend. den Bauch und seinen Gegenpol in jene lebhaften, zuckenden Schwingungen versetzen, aus denen der berühmte Bauchtanz der Orientalen besteht. Im letzten Moment, als die Flüchtlinge eben, auf die Hälse ihrer Tiere gebückt, um die Ecke trabten, hatte Tilly Schuch die beiden enteilen sehen. Sie wußte sich nicht zu erklären, wie es kam, daß sie gerade hier in der fremden Stadt, die ihr unappetitlich, wüst und unheimlich erschien, von allen denen sich verlassen sah, die sie bisher so heftig umschwärmt hatten. Schwammerl war aus ihr unbekannten Gründen schon seit der Landung verschwunden. Und jetzt ritten Reubke und Mücke dort sorglos und ohne sich umzusehen davon. In ihrem Stolze gekränkt, achtete die schöne Blondine kaum der Rede des neben ihr haltenden Kapitäns, der ihr meldete, er habe heute morgen während des Ausflugs der meisten Reisenden nach Gibraltar weiter nach dem Ringe forschen lassen. Leider ohne Erfolg. Aber er gebe die Hoffnung nicht auf und bäte sie, nach der Abfahrt von Tanger ihre Kabine gegen eine bessere zu vertauschen, damit noch einmal gründlich in allen Winkeln und Ritzen geforscht werden könne. Denn er wolle noch immer nicht an einen Diebstahl glauben. Der Rubin! Auf der Lafette einer Kanone im Botanischen Garten von Gibraltar sitzend, zwischen Rosen und Kakteen – das fiel ihr jetzt wieder ein – halte Kloppenbusch heute morgen in einer poetischen Anwandlung erzählt, er habe in seiner Jugend ein seltsames Märchen gelesen. In dieser sicher erlogenen Geschichte habe eine Königstochter von unermeßlicher Schönheit am Nil oder wo einen Zauberring verloren, der ihr lieber war als all ihr Schmuck. Und nachdem sie vierzig Nächte oder siebzig – genau wußte das Kloppenbusch nicht mehr – geweint, habe sie den zehn oder zwölf Prinzen, die sie umworben, gesagt: Wer mir den Ring zur Stelle schafft, den, nur den, beglücke ich mit meiner Hand. Und da seien die zwölf Prinzen denn augenblicklich losgezogen ... Wie das Märchen aber geendet, wußte der Nacherzähler dieser wundervollen Begebenheit nicht zu sagen, da seine ältere Schwester, als sie ganz klein war, die betreffende Seite aus dem Buche gerissen, zerknüllt und in den Mund gesteckt hatte. Aber Kloppenbusch meinte, auch der Anfang sei doch schon sehr schön; und Frau Tilly Schuch könne vielleicht Ähnliches in Erwägung ziehen, wie die Prinzessin am Nil oder wo ... Darauf war dann Tilly Schuch, sie fühlte das, sehr rot geworden, und Kloppenbusch hatte sich verlegen im Kreise umgesehen. Die Herren Schwammerl, Reubke, Hobsen und Mücke aber halten sehr verwegen dreingeblickt und Zustimmendes geäußert. Bloß Erich Eckardt, der merkwürdige Assessor, hatte sein Marineglas am Auge gehabt und zu dem Sanitätsrat Bergemann gesagt: sein Glas sei so scharf, daß er dort die Wand am Bootsdeck erkenne, an der des Kapitäns Hänschen in der Sonne hänge. Den Vogel selbst könne er freilich nicht erkennen; aber ihm sei es, als bewege sich dort eine Gestalt. Das werde wohl die Stewardeß sein, die dem Tierchen immer Zucker gebe. Nun wären ja die Ritter von Gibraltar schon in Tanger in alle Winde, wie Kloppenbusch das nach dem Märchen vorgeschrieben, dachte Tilly Schuch; aber den Rubin konnten sie doch hier in dem Schmutz der marokkanischen Stadt unmöglich suchen ... Da war ja Elisabeth Hunneberg heut besser dran. Der alte Amtsgerichtsrat blieb dicht an den Gurten ihres Reittiers. Und Tilly überlegte sich gerade im Weiterreiten nach der Kasbah, der verfallenen Burg von Tanger, ob dies nun in der Verliebtheit des alten Herrn seine tiefere Begründung haben möge oder aber in einer rührenden Stallfreundschaft der beiden Esel. Da geschah etwas sehr Seltsames. Oder eigentlich eine Reihe von seltsamen Begebenheiten jagte sich mit so affenartiger Geschwindigkeit, daß später erst – auf das Schiff zurückgekehrt – die einzelnen, die sie miterlebt, durch Rede und Gegenrede so etwas wie Ordnung und Folgerichtigkeit in das Erlebte und Geschaute brachten. Das Genaueste aber konnte später Viktoria von Öltzendorff aussagen, die mit Hilfe ihres Bruders gerade vom Esel gestiegen war und gegen entsprechenden Backschisch einige interessante Volkstypen und maurische Gruppen photographierte. Dieses aber waren die alle in Erstaunen sehenden Ereignisse auf dem Markte von Tanger. Aus einer Sackgasse kam bergab galoppierend, ohne Hut und mit nachfliegenden Bügeln, ein Europäer. Ein fluchender Araber lief auf nackten dürren Beinen hinterher. Der Reiter war Josef Schwammerl, der seinen gemieteten echten Araber, einen hochknochigen, hartmäuligen Schimmel, für die raffinierte Reitkunst der Trani-Ulanen nicht geeignet gefunden. Von einer Bremse nicht weniger als von Schwammerls ungewohnten Sporen beunruhigt, die der Wiener in der Tasche mit vom Schiff gebracht, ließ sich der eigensinnige Gaul aus einem kurzen, werfenden Galopp nicht mehr in friedlichen Trab zurückzwingen. Beim unfreiwilligen Sprung über einen Korb mit Kürbissen hatte Schwammerl den einen Steigbügel verloren; der blutige Hase an der Reklamestange eines Wildbrethändlers hatte ihm unsanft den Hut heruntergeschlagen und die Stirne mit Hasenblut beschmiert; und als der rabiate Schinder einen Märchenerzähler überritt, verlor Schwammerl auch noch den zweiten und letzten Steigbügel. Nun galoppierte der unglückliche Kavallerist, von der schreienden jugendlichen Hörerschar des Märchenerzählers, einem Eierhändler und einigen zerlumpten Tagedieben mit schrecklichem Geschrei und Gejohle verfolgt, ohne Hut und Bügel und ohne jede Ähnlichkeit mit einem Trani-Ulanen die glitschige, hüglige Gasse herunter und mitten hinein in den feierlichen Zug seiner Fahrtgenossen, die er gesucht und durch seinen imposanten Anblick hatte überraschen wollen. Hobsen und Kloppenbusch ritten an der Tete. Hobsen war mit dem Studium des Stadtplans beschäftigt, und Kloppenbusch hatte sich in froher Laune den Turban seines Eselführers aufgestülpt, ohne sich recht darüber klar zu werden, daß diese Kopfbedeckung auf einem recht ungepflegten Schädel schon lange im Gebrauch war. Noch ehe die beiden Herren recht wußten, wer dieser verwegene Reitkünstler war, der an ihnen wie das Ungewitter vorbeisauste, hatte Schwammerl schon die ganze Linie der verblüfften Europäer passiert, einen Wasserträger umgeworfen und nahm seinen wilden Ritt mitten durch die kreischende, fluchende, mit Kohlstrünken nach ihm werfende Menge des Marktes nach dem von Kloppenbusch verkannten, unansehnlichen Heiligtum des Siri Makhi. Aus unerfindlichen Ursachen aber hatte sich der Esel Anna Häfeles, die gerade friedlich, den vor ihr trabenden Gatten bewundernd, um die Ecke biegen wollte, mit einer Schnelligkeit, die ihm niemand zugetraut hätte, auf der Hinterhand gedreht. Er galoppierte wie irrsinnig und unbekümmert um die seinen Hals schreiend umklammernde Reiterin hinter dem Araber her, dem Heiligtum des Siri Makhi zu. Hätte auch wohl sein Ziel erreicht, wenn da nicht ein unscheinbarer Europäer im Wege gestanden hätte, der gerade beim Einkauf von zwei Bananen betrogen wurde. Annas rabiater Esel aber hatte keinen Respekt mehr vor Europäern, er riß den Erschreckten, an dem eben erst ein Araber en pleine carrière vorbeigesaust war, rücksichtslos um. Dieser griff fallend in seiner Todesangst nach den herabhängenden Zügeln, wurde zwei, drei Schritte durch faules Obst geschleift und brachte dann allein durch sein Gewicht den Esel zum Stehen. Als sich aber der unscheinbare Europäer in seinem vom Sturz beschmutzten und in den Nähten zerrissenen Sommerpaletot erhob, war es kein andrer als der Kapellmeister Adam Balzer, der nach dem Stadtplan zu Fuß auf den Markt gefunden und zur Erinnerung für seine Familie einige seltene, in Nordhausen weniger bekannte Früchte hier zu erhandeln gedachte. Balzer wurde umringt und beglückwünscht. Und obschon ein alter Araber, dem ein Auge und alle Vorderzähne fehlten, sehr lebhaft behauptete, er sei der kühne Bändiger des rabiaten Esels – was kaum stimmen konnte, da er drei Meter davon auf einer Hühnerkiste geschlafen hatte –, wurde Adam Balzer allgemein als Retter Anna Häfeles gefeiert. In dem unbeschreiblichen Tumult, der nun entstand, verlor Zwingenberg seine mitgeführte Frühstückstasche, Elisabeth Hunneberg einen Halbschuh, Grabusch seinen Zwicker und der Kapitän seine Geduld. Mit Hobsens Hilfe und eines stämmigen Marokkaners, der so etwas wie Polizist sein mußte und mit einem Stock rücksichtslos in den Knäuel der kreischenden Marktleute hieb, gelang es Jürgens endlich, seine Truppe wieder zusammenzutreiben und unter Verzicht auf die übrigen Sehenswürdigkeiten nach dem Hafentor zu steuern. Womit alle sehr zufrieden waren, besonders Kloppenbusch, der in Erfahrung gebracht hatte, daß zwei der nicht genossenen Hauptsehenswürdigkeiten ein Gefängnis und ein arabischer Friedhof seien. Gefängnisse aber interessierten ihn nicht, da sie seiner Meinung nach nur eine Ansammlung nicht immer zuverlässig verwahrter, schlechter Menschen zu bieten hatten; und der arabische Friedhof konnte schließlich nicht reizvoller sein als der Genueser Campo santo , der auch Cimiterio hieß, und den er durch Schicksalsfügung und Unkenntnis der Landessprache an einem Tage zweimal besichtigt hatte. ... Das Diner an Bord stand ganz unter dem Eindruck der Erlebnisse auf dem Markte von Tanger. Die Anker waren schon gelichtet, die Fahrt nach Kadiz, das am andern Morgen in der Frühe erreicht werden sollte, hatte begonnen. Der Kapitän erschien nicht bei Tisch. Elisabeth Hunneberg schilderte beredt die Ängste, die sie ausgestanden, als sie plötzlich Fritzchen, den lieben Jungen, nicht mehr vorn auf Hobsens Sattel sah. Worauf Viktoria von Öltzendorff kühl bemerkte, daß es auch ihr lieber gewesen, wenn Fritzchen auf Hobsens Esel seßhaft geblieben wäre; denn dann wäre er nun nicht auf den Platten, die sie Beppo Marlettino vorhin zum Entwickeln gegeben hatte und auf denen der Junge sicher die rein marokkanisch gedachten Gruppenbilder durch seinen europäischen Lausbubeneinschlag störte. Reubke hatte an Tillys eisiger Art, mit der sie ihm die Tomatensauce zu der Pièce de bœuf braisée à la Châtelaine weitergab, bemerkt, daß er in Ungnade gefallen war. Er war etwas ermattet von dem fleißigen Photographieren in dem merkwürdigen Hause in Tanger. Auch litt er unter der angstvollen Vorstellung, man müsse es sehen, daß ihn eine der Tänzerinnen – sie hieß Fatme und war von einer unaussprechbaren Oase – ins Ohrläppchen gebissen. Auch zu allem Unglück noch in das rechte, das Frau Tilly Schuch zugekehrt war. Diese aber beachtete ihn nicht mehr, als ob eine Porzellanpagode neben ihr sitze. Sie unterhielt sich eifrig mit Bergemann und Erich, den sie auch durch eine in Tanger gekaufte etwas welke Blume von ihrer Brust mit bezauberndem Lächeln auszeichnete. Durch die Gespräche bei Tisch erfuhr Kreuzwendedich von Reubke erst, daß es auf dem Markte beinahe ein Malheur gegeben hatte. Es war ihm nicht ganz unlieb, zu erfahren, daß gerade Schwammerl an der raschen Beendigung der Entdeckung der marokkanischen Hauptstadt die Schuld trug. »Wenn man nicht reiten kann, soll man zu Fuß gehen«, sagte Herr von Öltzendorff scharf, indem er zum Ärger Viktorias, die nach ihm bedient wurde, das letzte Bruststück von der Poularde nahm. »I kann au net reite,« gestand Otto Häfele treuherzig, »aber i weiß net, es ischt ganz gut gange.« »Sie haben ja an Ihrer Frau Gemahlin gesehen, daß es auch anders gehen kann als ganz gut«, bemerkte Grabusch. Das Annale errötete. Denn sie wurde den beschämenden Gedanken nicht los, daß bei ihrem wilden Ritt allerlei an ihrer Toilette nicht in Ordnung gewesen sei, und daß sich den Gaffern von Tanger manches enthüllt habe, was in Cannstatt noch kein Mensch gesehen. »Es ist ein Unterschied, ob man im Gelände bei Wien einen Tattersallgaul reitet oder einen Vollblutaraber in den Straßen von Tanger«, entschied Öltzendorff und bediente sich reichlich mit Kompott. Schwammerl am Nebentisch, für den schließlich alle diese Bemerkungen bestimmt waren, saß, vom Hasenblut gereinigt, sehr klein und still vor seinem unergiebigen Hühnerknochen, auf den er in begreiflicher Zerstreutheit einen Berg von Senf gehäuft hatte. Er selbst hatte sich einen Vollblutaraber anders gedacht und die Straßen von Tanger auch. Er wußte heute abend überhaupt nur das eine: daß der Ritt nicht die fünfundzwanzig Franken wert war, die er gekostet, und daß es für die nächste Zeit keinen fanatischeren Fußgänger geben würde als Josef Schwammerl aus Wien. Immerhin tröstete ihn in seinen wehmütigen und beschämten Betrachtungen eins: Tilly Schuch hatte vorhin auf der Treppe sehr teilnahmsvoll gefragt, wie ihm der Sturz in die Rübenkiste – mit der sein Abenteuer am merkwürdigen Heiligtum des Siri Makhi geendet hatte – bekommen sei. Er wußte nicht, daß Reubcke und Mücke eine wissenschaftliche Privatexkursion ins Innerste der Stadt unternommen hatten, und daß er somit der verlassenen Witwe, die den für sie schmeichelhaften Zweck seiner verwegenen Reitkünste wohl ahnte, immer noch als der Getreueste ihrer Gefolgschaft erschien. Mücke aber verstand von all dem gar nichts, da er, etwas ermattet, als letzter aufs Schiff gekommen war und – aus Reinlichkeitsbedürfnis nach den gründlichen Erforschungen der orientalischen Tanzkunst – vor dem Diner noch rasch ein warmes Bad genommen hatte. »Es ist schön, zu denken,« sagte Tilly Schuch und fuhr über ihr blondes Haar, das heute abend so herrlich golden glitzerte, als habe es von der Sonne von Tanger neue Kraft in sich gesogen, »schön, zu denken, daß es noch wahre Ritterlichkeit in der Welt gibt.« »Haben Sie das je bezweifelt?« fragte Herr von Öltzendorff nicht ohne Schärfe, indem er sich, um seine Verdauung besorgt, ein zweites Töpfchen Gelee neben den Rehrücken auf seinen Teller stellte. Und es lag in seiner Frage eine härtere Zurechtweisung für eine Dame, die das Glück hatte, nun schon mehrere Tage mit einem aus dem Geschlechte von Öltzendorff zu reisen und noch an der wahren Ritterlichkeit zweifeln konnte. »Ich meine,« erläuterte Tilly Schuch, indem sie an Reubkes Nasenspitze vorbei träumerisch ins Leere sah, »ich meine, die Ritterlichkeit in schlichtem Gewande überrascht uns Frauen doch immer – nimmt uns ein ... erobert uns.« Zum Teufel, dachte Kreuzwendedich von Reubke, wer ist denn da von wem erobert worden? Und wer hat ein schlichtes Gewand angehabt, während ich Esel fette Araberinnen, die mit dem Bauche wackelten, photographieren mußte? Und er warf Mücke, der mit offenem Mund herüberhorchte, einen hilflos fragenden Blick zu. Aber der Gent zuckte nur die mageren Achseln und machte ein Gesicht, als hätte die ganze Tischgesellschaft plötzlich angefangen, Chinesisch zu sprechen. Frau Tiegs, die bisher von dem Vorrecht der Statuen, nicht zu reden, einen reichlichen Gebrauch gemacht hatte, öffnete jetzt zu aller Erstaunen den schönen Mund, in den sie bis jetzt nur Céleri à la Demi-Glace geschoben, zu einer gemessenen Frage: »Und was haben Sie eigentlich empfunden, Frau Häfele, als der Herr sie rettete?« Es war merkwürdig, wie Frau Tiegs an Hoheit verlor, ja wie schlankweg dumm sie aussah, sobald sie das majestätische Schweigen brach. Das lag zum Teil daran, daß das wenige, was sie redete, auch nicht gescheit war. Reubke und Mücke wechselten wieder einen erstaunten Blick über die Tische. Es war nicht mißzuverstehen: jemand war »gerettet« worden. Anna Häfele war gerettet worden. Wovor? Wieso? Von wem? Anna Häfele war nicht gern angeredet. Außer von Otto. Weil sie das zu Antworten zwang, deren Formulierung ihr nicht leicht fiel. Sie war in der Schule, die sie vor zwei Jahren verlassen, im deutschen Aufsatz nie so gut gewesen wie im Singen und im Handarbeiten. »Ja – also erst hab' i denkt, es ischt der Otto ... aber dann war i doch froh, daß es e anderer war – weil er so unte g'lege ischt im Dreck ...« Diese treuherzige Offenheit der Frau Anna Häfele fand ungeteilten Beifall; obschon sich eigentlich in dieser ihrer Auffassung mehr ehrliche Fürsorge für den geliebten Gatten, als opferbereite Erkenntlichkeit für den kühnen Lebensretter aussprach. Daran war aber nur die Ausdrucksweise, nicht die Gesinnung der Frau Anna Häfele schuld. Denn in der Kabine hatte sie lang und breit mit dem liebevoll um sie besorgten Ehemann, der durchaus annahm, daß sie etwas gebrochen haben müsse, über die an den Tag zu legende Dankbarkeit gesprochen. Die Art der Rettungsaktion war Kreuzwendedich noch immer nicht klar, so sehr er sich auch geistig anstrengte, um hinter dies Geheimnis zu kommen. Aber schlimmer war, daß er nicht ahnte, wer eigentlich hier als der von allen bewunderte Held ohne Furcht und Tadel in Betracht komme. Er ließ suchend die Blicke schweifen. Einer von den Ungarn? Kaum. Die hielten sich ganz für sich, man sah sie nur bei den Mahlzeiten, bei denen nichts zu retten war. Grabusch? Der sah etwas verändert aus, da er statt des verlorenen Zwickers eine goldene Brille trug, aber durchaus nicht wie ein gefeierter Held. Erich? Der unterhielt sich so harmlos kühl mit Bergemann, daß er schon ein unglaublicher Poseur hätte sein müssen, wenn eben hier von ihm und seinem Ruhm die Rede war. Der Kapitän? Er war nicht anwesend ... Das war allerdings immer so, wenn das Schiff aus dem Hafen fuhr ... aber diesmal? Vielleicht blieb er fern, um sich Dankesovationen zu entziehen ...? Vielleicht ... Da hörte man Hobsens Stimme: »Ja, meine Herrschaften, wer hätte so viel Mut und Entschlossenheit hinter dem kleinen Kerl gesucht, als er ›Des Negers Traum‹ so gräßlich konfus dirigierte?« Dirigierte ...? Wer? ... »Des Negers Traum« ...? Einen Augenblick glaubte Kreuzwendedich von Reubke, er sei in der Eile der Rückkehr auf ein Hospitalschiff für Geisteskranke geraten. »Ja, ja«, nickte Viktoria von Öltzendorff und sah sich unbestimmt im Kreise um. »Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück.« Grabusch sah von seiner Ananasscheibe auf und dachte, daß sie das wohl aus Erfahrung wissen müsse. Es war kein Held so kühn vorangedrungen, daß er sie heiratete, übrigens klang ihm der Ausspruch nach Schiller. »Man denke,« philosophierte Viktoria von Öltzendorff weiter, »da lebt so ein unbedeutender Mensch in Nordhausen und wächst vielleicht nach unerforschlichem Ratschlusse nur auf, um einmal einer Dame, Tausende von Meilen von seiner Heimat entfernt, das Leben zu retten.« Elisabeth Hunneberg dachte, daß, wenn Viktoria von Öltzendorff mit dieser Vermutung recht hatte, der unerforschliche Ratschluß eben doch schon erforscht war. Es ärgerte sie ein wenig, daß ein Kollege in der Kunst, wenn auch ein so untergeordneter, der nicht einmal »Des Negers Traum« dirigieren konnte, von dieser hochmütigen Dame gering geschätzt wurde. Deshalb sagte sie: »Musik erzieht zur Güte. Musik ist Edelsinn.« »Sie werden uns noch die ganze Weisheit des Brahmanen an den Kopf werfen«, raunte Bergemann leise Erich zu, den die Unterhaltung belustigte. Er hörte mit Staunen, wie jetzt Viktoria von Öltzendorff, zum ersten Male herablassend in der Unterhaltung, fast gesprächig, Frau Anna Häfele ermahnte, recht freigebig in der Bemessung ihrer Dankbarkeit zu sein. Der Himmel müsse daraus ersehen, wie hoch sie ihr Dasein und die Freude am Weiterleben einschätze. Otto Häfele nickte feierlich. im stillen aber überlegte er, daß solche Reise, die an sich nicht billig war, durch gänzlich außerhalb des Programms liegende Lebensrettungen in einer Weise verteuert werden könnten, die den Plan eines anschließenden Aufenthaltes in einem holländischen Seebad illusorisch machen dürften. ... Während dieser interessant sich fortspinnenden Debatten über die Esel von Tanger, den Wert des Menschenlebens und die Pflicht der Dankbarkeit, saß der Verursacher all dieses Gedankenaustauschs oben auf dem Bootsdeck bei dem baumlangen Funkentelegraphisten Drüsseler, der gerade aus Langeweile dem Kollegen auf einem Ozeandampfer auf der Höhe von Madeira das Menü des heutigen Diners der »Astarte« zugefunkt hatte. Hier oben hatte der Held des Tages Ruhe vor den Neckereien der Stewards und Matrosen, die von Beppo Marlettino, dem alles wissenden Friseur, das Abenteuer Adam Balzers erfahren hatten, und zwar in einer weit simpleren Fassung als der im Speisesaal kursierenden. Nach dieser Meldung, die vielleicht der Wahrheit näher kam, war der Exdirigent der Schiffskapelle von dem rabiat gewordenen Reitesel der Madame Häfele umgerissen worden, als er eben, beglückt über das Geschäft, zwei faule Bananen um das Achtzehnfache ihres Wertes erstanden hatte. Verzweifelt hatte der Stürzende einen Halt in den Zügeln gesucht und dabei die aus dem Sattel gleitende Anna Häfele an den Beinen zu fassen bekommen. »Ich habe kein Glück«, sagte der kleine Kapellmeister zu dem Funkentelegraphisten, indem er mit der Bürste Drüsselers seinen arg mitgenommenen Paletot reinigte. »Bleibe ich auf dem Schiff, so stehe ich unnütz herum; und wenn ich an Land gehe, stoßen mich die Esel in den Dreck!« Adam Balzer konnte, als er betrübt so sprach, nicht hören, daß auf demselben Schiff, zwei Etagen tiefer, soeben Herr von Öltzendorff an das letzte Glas seiner Flasche Grand Vin Château Yquem mit dem Messer klopfte und sich erhebend, von der Schwester durch bewundernde Blicke gestärkt, die Tischgesellschaft also anredete: »Meine sehr verehrten Damen – ehem – und meine geehrten Herren! Gestatten Sie – gestatten Sie einem alten Militär ein paar Worte. Wir haben heute eine ... ehem – eine Stadt gesehen. Haben wir. Eine fremde Stadt, ich möchte sagen: eine afrikanische Stadt. Ich glaube – glaube in dem Sinne aller Anwesenden zu sprechen, wenn ich sage – ehem ... Gott sei Dank, daß wir da nicht wohnen müssen! Afrika – schön; Marokko – gut. Aber –! Die deutsche Sauberkeit fehlt. Da sollten Sie mal zu uns nach Berlin kommen!« Gibt das 'ne Rede auf die Berliner Straßenreinigung? dachte Erich. Und im Kreise umblickend, erfuhr er, daß auch die andern sich über Ziel und Zweck dieser merkwürdigen Ansprache bis jetzt noch nicht recht klar waren. »Aber – ehem,« fuhr Herr von Öltzendorff mit Nachdruck fort, »dahin wollte ich gar nicht. Ich wollte vielmehr sagen – meine Damen und Herren, was hat uns heute in all dem Lärm und ... verzeihen Sie das üble Wort Gestank – so sympathisch berührt? Das Heldentum. Jawohl – ehem ich darf das wohl sagen: es gibt auch im Frieden noch wahre Heldengröße ... Ein ... sagen wir: ein einfacher Mann, der – ehem der kein guter Musikant ist – braucht er auch nicht – ich habe auch drei Jahre Klavier gespielt und's zu nischt gebracht ... bitte, ich wollte sagen: aber ein Mann ist er, nehmt alles nur in allem, wie Don Carlos sagt ...« »Hamlet.« Wer da korrigiert hatte, war den steinernen Gesichtern der Lauschenden nicht mehr anzusehen. »– ehem oder Hamlet – egal, auf dem Theater ist das Wort gefallen. Dieser schlichte Mann – es freut mich, das aussprechen zu dürfen, ist ein Deutscher. Ist er. Er hat einer Dame – wenn auch vielleicht nicht das Leben, so doch die Knochen... Pardon – die Gesundheit gerettet. Hat er. Indem er sich selbst ... ehem – in Gefahr stürzte ... In ansehnliche Gefahr. Meine Damen und Herren, der Respekt vor der ... ehem – vor der Tapferkeit, vor der, möcht' ich sagen, selbstlosen Hingabe – Hingebung des wahren Mutes ... Ein Ahne von mir, der – ehem, wie wir Öltzendorffs alle –, anständigerweise – für seinen König geblutet hat, ... hat, ehem – nach der Schlacht bei Roßbach einen braven Wachtmeister von seinem Regiment mitten – ehem – auf den Mund – jawohl, auf den Mund geküßt. Hat er.« Reubke war nun ganz konfus. Er löffelte mechanisch die Kirschen von seiner Ananasscheibe ab und schluckte sie mit den Kernen, während er dachte: Jetzt wird also der alte Öltzendorff gleich vor der Front oder vor der Tischgesellschaft die Anna Häfele auf den Mund küssen. Wird er. Herr von Öltzendorff hatte sein Glas in der Hand. »Da unser verehrter Genosse – ehem, ich werde wohl nicht mißverstanden, wenn ich das Wort ›Genosse‹ brauche – da, muß ich sagen – unser verehrter Fahrtgenosse, Herr Häfele ... der vielleicht – ehem – der Nächste zur Sache gewesen wäre, das Glas nicht erhoben hat ... so scheint es mir – ehem – dem alten Soldaten, der den Mut hochstellt und die Tapferkeit und ... na ja. Ich wollte sagen – ehem, mir scheint es eine Ehrenpflicht, Sie aufzufordern – meine Damen und Herren, mit mir einzustimmen in den Ruf: der kleine schneidige Kapellmeister Schmalzer ...« »Balzer!« » – oder Balzer – egal. Er lebe – hurra, hurra, hurra!« »Eljen!« Die Ungarn beteiligten sich so lebhaft am Hoch dieser Rede, die sie nicht verstanden hatten, daß ein Uneingeweihter hätte glauben müssen, hier werde die Wiederkehr von Rákcózys Geburtstag gefeiert oder ein Denkmal für Maurus Jokai enthüllt. Alle stießen mit ihren Nachbarn an und neigten ihre Gläser dem Redner zu. Viktoria von Öltzendorff hatte Tränen in den Augen. Sie hatte schon manche Rede ihres Bruders gehört, und der geküßte Wachtmeister von Roßbach war ihr schon öfter bei feierlichen Anlässen begegnet, aber so schön, so adlig, so formvollendet hatte der Bruder doch noch selten gesprochen! Sie war stolz und freute sich, nicht direkt nach England gefahren zu sein. »Lassen Sie mich bitte, vorbei,« sagte Tilly Schuch zu Kreuzwendedich von Reubke, »ich muß Herrn von Öltzendorff sagen, wie er mir aus dem Herzen gesprochen hat! Ich bin tief ergriffen ...« Sie wird doch nicht den Nordhäuser Musikgnomen heiraten, dachte Reubke, indem er wortlos seinen Stuhl drehte. Sein Blick traf Arthur Mücke, der, schon eine brennende Zigarette zwischen den Zähnen, dem Ausgang des Speisesaals zuschritt, lässig, korrekt, interesselos, als habe er nicht eben erst das Triumphlied der männlichsten Tugend, der Tapferkeit, aus berufenem Munde gehört. ... Oben aber auf dem Bootsdeck vor der Kabine des Funkentelegraphisten sagte der kleine Kapellmeister: »Ich wollte mich erst für eine Ausreise nach Indien melden. Ich dachte mir – so Palmen und der Ganges und Bajaderen ... Aber denken Sie bloß, da wäre die Sache am Ende statt mit Eseln mit Elefanten passiert. Ach, du lieber Gott, wie möchte da mein Paletot erst aussehen!« Der Funkentelegraphist dachte, daß in diesem Fall der kleine Kapellmeister keine Gelegenheit mehr hätte, über das Aussehen seines Paletots nachzudenken, weil seine Rippen und inneren Organe innerhalb dieses Kleidungsstückes jetzt einen Brei bildeten, aus dem nach physischen Gesetzen wohl Gedanken und Gefühle irgendwelcher Art nicht mehr an die Oberfläche steigen. ... Der Abend war kühler, als man erwartet. Aber die Sterne standen wunderhell am dunklen Samt des Himmels. Die Damen holten sich Tücher, die Herren zogen ihre Paletots über den Smoking. So wandelte man auf dem Promenadendeck umher, rauchend, plaudernd, die Kaffeeschälchen in der Hand. Und überall hörte man: »... Tanger ... Esel ... Balzer ... Tapferkeit ... Wachtmeister ...« Auch Otto und Anna Häfele wollten noch nicht in ihre etwas beengte Kabine hinten auf dem Hauptdeck kriechen. Es roch da so abscheulich nach dem umgefallenen Benzin, mit dem Anna eigentlich ihre Handschuhe hatte reinigen wollen. Die beiden stiegen Arm in Arm nach dem Bootsdeck hinauf und setzten sich, ernst beratend, in den Schatten des hier in den Schwingen hängenden Motorboots. Sie überlegten, wie sie ihre Dankbarkeit gegen Retter und Kapellmeister wohl am besten zum Ausdruck bringen könnten. »Weischt, Annale,« sagte Otto Häfele nachdenklich, »die andern, die wo's nix angeht, sind halt allemal sehr freigebig mit dem, was sie nix koscht.« Nachdem er diese allgemeine Wahrheit ausgesprochen, wandte sich Otto Häfele wieder dem Spezialfall zu. Das Annale hatte seinen Handschuh abgestreift, um festzustellen, wie weit unter der günstigen Einwirkung der vom Doktor Lux verordneten Salbe der Rückgang der Röte auf dem Handrücken schon vorgeschritten sei. Kaum aber hatte sie ihre noch nesselartig gesprenkelten Finger entblößt, da tat sie einen freudigen Aufschrei. »Ottole – i hab's!« Sie kniff ihn dabei selig ins Bein, so daß seine Freude über ihre Freude zunächst durch körperlichen Schmerz kompensiert wurde. »Weischt, was wir em gäbe?« »Nein. Der Mister Hobsen hat g'meint: Geld ... Aber so Amerikaner sind halt nie für das Sinnige.« Otto Häfele aber war, wie seine ganze Familie seit Jahrhunderten, sehr für das Sinnige bei Geschenken, weil es sich meist billiger stellte und viel Spaß machte. »Ach, was – Geld!« wehrte Annale. »Den Ring schenke wir em. Den Zigeunerring!« »Den Glücksring –?« »E schöner Glücksring! Das erschte Mal, wo i en trag, fall i vom Esel!« »Aber das liegt doch daran, daß du früher nie Esel g'ritte bischt, Annale!« »Ja, i weiß scho, woran's liegt. Die Zigeunerring bringe ebe bloß de Zigeuner Glück. So hab i auch emal wo g'lese.« In Otto zuckte der Gedanke auf, daß – wenn sich die Sache so verhielt, wie das Annale mal wo gelesen – schließlich das Präsent des Ringes keine allzu herzliche Gabe genannt werden könne. Aber er schwieg. Das Abenteuer in Tanger sprach wirklich nicht für die Wunderkraft des Ringes, der ja auch gar kein Zigeunerring war. In Nordhausen mochte er weitere Proben seines Zaubers üben. »Du bischt halt ... bischt halt ...« und da Otto Häfele keinen adäquaten Vergleich fand, so sagte er nur beglückt: »du bischt halt – 's Annale!« Womit er seine Bewunderung für die hohen Geistesgaben und schönen Herzensqualitäten seiner Gattin und zugleich seine Zustimmung zu ihrem vortrefflichen Vorschlag ausdrücken wollte. In diesem Augenblick kam langsam und feierlich eine schmale, schwarze Gestalt die Reihe der schwebenden Rettungsboote entlang. Die weiße Hemdbrust leuchtete, im Gesicht funkelte ein rundes Glas. Arthur Mücke, der Gent, halte Schwammerl und Reubke gebeten, sich im Rauchzimmer bereit zu halten und auch den Amtsgerichtsrat mitzubringen, da man vielleicht eines juristischen Beirats bedürfe. Er werde mit einem Herrn kommen und habe eine außerordentliche Überraschung für alle. Dann hatte er Erich überall vergeblich gesucht. Ein Zimmersteward wußte schließlich, der Herr Assessor habe sich nach seiner Kabine begeben. Aha, dachte Mücke, dem wird's brenzlig! Höflich und die Form wahrend, wollte er ihn zu einer kleinen Aussprache ins Rauchzimmer bitten. Er labte sich schon innerlich an der kühlen, ironischen Art, mit der er ihn zu entlarven dachte. »Mein werter Herr Assessor« – wollte er sagen – »ich darf Sie doch so nennen – mein werter Herr Assessor ...« Da links mußte doch gleich die Tür zu den Kabinen Erichs und Bergemanns kommen? ... Aber da saß jemand. Im Schatten des Motorboots. Zwei. Häfeles. Mücke wollte leicht grüßend vorüber. Zufällig sah er dabei auf Annales linke Hand, die, zum erstenmal unbehandschuht, auf Ottos rechtem Knie lag. Was war denn jetzt das! Mücke wurzelte, wie ein Standbild. Das war ja noch einmal der langgeschliffene, blutfunkelnde Rubin – der Ring der Herzogin! »Pardon ... Herr ... Herr Häfele« – Mücke fühlte selbst, daß er stotterte. Die Kiefer klapperten ihm, und es fror ihn über den Haarboden. »Pardon ... aber Ihre Frau Gemahlin ... trägt da einen – einen so selten schönen Ring ...?« »Er ischt betrunke –« flüsterte Annale, sich schutzsuchend an Otto Häfele schmiegend, der derselben Ansicht war. Die beiden erhoben sich. »Der Ring –?« wiederholte Mücke schlotternd. »Ein Familienstück ... i hab ihn ihr g'schenkt«, sagte Otto Häfele rasch und ärgerlich, indem er, den Arm Annales fest an sich pressend, den offenbar schwer bezechten Dandy sich selbst überließ. Eilig entfernten sich die beiden. Mücke stand da, als sei ihm ein Klotz von beträchtlicher Schwere mitten auf den Kopf gefallen. Ein Irrtum war nicht möglich. Er hatte doch zwei Augen und ein Glas! Das war doch wieder derselbe Ring, den er in Barcelona am Finger Tillys, dann in Granada am Finger Erichs gesehen ... Damals war's Nacht, wie jetzt. Er hatte getrunken – damals viel, heute wenig. Aber auch der Bauchtanz und all das hatte seine Nerven angestrengt. Sollte er am Ende halluzinieren? Sollte der Gedanke des nahen Todes ihn, den selbstsicheren Gent, dem alles Ablehnen, Wegwerfen, Verachten – auch des Lebens – nur eine Geste sein durfte, verwirren, zerrütten, zu falschen Beobachtungen, Vorstellungen, Folgerungen verführen? ... Eines war sicher: er durfte jetzt den Zusammenstoß mit Erich nicht herbeiführen. Ehe er wußte, ob er damals – ob er heute richtig gesehen ... ob dieser rote Teufelsring einmal – zweimal – dreimal – – wahrhaftig, er hätte sich jetzt nicht gewundert, wenn dort plötzlich hinter dem massigen Schornstein die tote Herzogin selbst hervorgetreten wäre und hätte an ihrer weißen Hand den Ring getragen – noch einmal den Ring – den vierten! ... ... In der Schwemme saßen Reubke, Schwammerl und Grabusch wartend vor ihren Pilsenern. »Mir scheint,« äußerte Reubke, »die außerordentliche Überraschung Mückes besteht darin, daß er nicht kommt.« »Dazu braucht er doch keinen juristischen Beirat«, grollte Grabusch. Hilde Pauly näherte sich rasch, aber bescheiden dem Tisch: »Wollen die Herren nicht vielleicht das Meerleuchten sehen?« »Wo is a Meerleuchten?« – Schwammerl sprang auf. »Nu, auf dem Wasser vermutlich.« Grabusch ging mit langen Schritten hinaus. Hilde trat einen Augenblick zu Reubke, der rasch dem Barsteward sein Bier bezahlte: »Verzeihung, Herr von Reubke, wissen Sie nicht, wo Herr Assessor Eckardt ist?« »Nein. Warum?« »Ich hätt' ihm auch gern ...« Hilde errötete ein wenig, obschon sie durchaus die Wahrheit sprach, »hätt' ihm halt auch gern das Meerleuchten gezeigt. Ich glaub', er interessiert sich für so was.« * Erich sah das Meerleuchten nicht mehr in dieser Nacht. Er lag schon, ein wenig abgespannt von Gibraltar und Tanger, von Bootfahrt, Eselritt, Schauen und Reden, in seinem schmalen, sauberen Kabinenbett, das ihm nach dem Schmutz Marokkos wie ein Göttergeschenk vorkam. Und er las in Bergemanns Odyssee, die er sich wieder ausgeliehen für den Abend. Er war gerade gekommen bis zum Ende des siebenten Gesanges: Jetzo gebot Arete mit Lilienarmen den Mägden, Unter die Halle zu stellen sein Bett, dann unten von Purpur Prächtige Polster zu legen und Teppiche drüber zu breiten, Draus auch zottige Mäntel zur oberen Hülle zu legen. Und sie enteilten dem Saal, in der Hand die leuchtende Fackel. Aber nachdem sie gebettet das tüchtige Lager mit Sorgfalt, Traten sie hin und ermahnten den göttergleichen Odysseus: »Gehe zur Ruh', o Fremdling; dir ist dein Bette bereitet.« Also die Mägd'; und ihm war sehr willkommen das Lager. Also schlummerte dort der herrliche Dulder Odysseus Unter der tönenden Hall', im schöngebildeten Bette. Aber Alkinoos ruht' im innern Saal des Palastes; Auch die Königin schmückte gesellt sein eh'liches Lager.« Erich knipste, wohlig sich unter den sauberen Linnen dehnend, das Lämpchen aus. Alkinoos hat's gut, dachte er. Und schlief schon halb. Und sah immer noch Arete, die mit Lilienarmen den Mägden gebot ... Und er sprach mit ihr. Ganz homerisch stilisiert. Und sie sagte, sie sei Pflegerin der Kranken gewesen, ehe sie hier im Hause des Alkinoos die Aufsicht über die dienenden Mägde bekam. Und so hübsche lange dunkle Augenwimpern wie sie habe keine der Mägde – er solle nur vergleichen – und die Königin auch nicht. Und da sah er die Königin scharf an. Sie war groß und blond und hatte sicher einmal früher den »Eugenienhof« bei Büssigheim beherrscht, ehe sie zu Alkinoos als Königin kam, ihm das Lager zu schmücken. Er gönnte sie dem Alkinoos. Aber die lilienarmige Arete ... Warum galoppierte ihm nun Schwammerl in den schönen Traum! Als Trani-Ulan auf einem arabischen Vollblüter, hinter einem abgezogenen Hasen her, wahrhaftig ... Und Arete reichte dem Trani-Ulanen einen goldenen Becher. »Geben Sie acht, Herr Schwammerl« – sie lachte schalkhaft, und unter den langen, dunklen Augenwimpern zuckte ein schelmischer Blick zu dem friedlich auf schöngebildetem Bette ausgestreckten Gast in des Alkinoos Schlosse – »geben Sie gut acht, ehe Sie trinken, Herr Schwammerl! Der Herr Odysseus dort aus Berlin, der glaubt, es ist Gift drin!« Sechstes Kapitel. »Fräulein ... Fräulein Pauly!« »Herr Kloppenbusch?... Aber sagen Sie doch, bitte, Schwester Hilde. Ich hör' es so gern, wenn es klingt wie meine glücklichste Zeit; und wahr ist's ja jetzt auch wieder ein bißchen.« »Leider, leider, Schwester Hilde. Und ich Unseliger bin die bejammernswerte Ursache!« Hilde stand am Fenster des Zimmers Nummer 71 im ersten Stock des Hotels de Inglaterra. Sie hob, den Holzladen zur Seite schiebend, den Musselinvorhang ein wenig und sah hinunter auf die in praller Sonne liegende Plaza nueva de San Fernando. Ganz wenige Menschen krochen unter breiten Hüten, unter schattenden Schirmen durch die von keinem Lüftchen gemilderte Bruthitze des Mittags. »Soll ich nicht wieder mal Opium nehmen, Schwester Hilde?« »Aber nein, Herr Kloppenbusch, Sie haben schon zu viel davon genommen! Das ganze Zimmer riecht ja nach Opium.« »Aber das Zimmer riecht doch nicht nach dem Opium, das ich genommen, sondern nach dem Opium, das der dumme Kellner verschüttet hat. Weiß Gott, es ist ein Himmelssegen, daß die Damen Sie mitgenommen haben ...« »Ja. Eigentlich als Ersatz für Frau Hunnebergs Jungfer. Wenn die sich nicht mit Fritzchens Messer in den Finger geschnitten hätte, hätt' ich gewiß keinen Landurlaub bekommen und wär' mein Lebtag nicht nach dem schönen Sevilla gekommen.« Sie sagte das ganz zufrieden und ehrlich, obschon sie von dem schönen Sevilla eigentlich bis jetzt nichts gesehen hatte als den Bahnhof, die Omnibusse der Gasthöfe, eine Menge Handgepäck und ein paar Zimmer des Hotels de Inglaterra, in denen erschreckte Teilnehmer der Fahrt Opiumtropfen in Tee oder Rotwein verlangten, die sie als geprüfte Krankenschwester abzählen und umrühren durfte. Die andern Patienten, die alle auf der unsagbar heißen Reise von Kadiz nach der Hauptstadt Andalusiens gegen den quälenden Durst zuviel Obst gegessen hatten, waren nun doch dem Programm getreu nach der Kathedrale gefahren, um den Fronleichnamstanz der Knaben vor dem Altar mitanzusehen, und dann nach den Gärten von Alcazar und den Bädern. Kloppenbusch aber war von dem peinlichen Anfall am übelsten betroffen worden und hatte sich in seiner Herzensangst, nachdem ihm vor dem ersten Murillo schlecht geworden, sofort ins Hotelbett begeben und nach einer Schwester zur Pflege verlangt. Doktor Lux, der Schiffsarzt, der von Kadiz mit herübergekommen, hatte Opium, Tee und Ruhe verordnet, sonst aber die Sache nicht so schwer genommen. »Der Mann hat keinen Röntgenblick«, hatte Kloppenbusch geseufzt. »Er sieht mir nicht in die Därme. Ein Arzt muß aber einen Röntgenblick haben!« Und er hatte es durch Wehklagen und dunkle Prophezeiungen durchgesetzt, daß Hilde mit seiner Pflege betraut wurde, damit er morgen zur Rückfahrt nach Kadiz transportfähig sei. »Fräulein ... wollt' ich sagen: Schwester Hilde – am Ende seh' ich nun auch noch den Friedhof von Sevilla – das heißt: er sieht mich ...« »Sie sind ein unverbesserlicher Hypochonder, Herr Kloppenbusch«, lachte Hilde. »Hat der Arzt meinem Großvater auch gesagt, eine Viertelstunde eh' ihn der Schlag rührte. Und wenn es doch die Cholera asiatica wäre...?« Kloppenbusch beharrte eigensinnig bei seinen düsteren Ahnungen. »Mir hat vor Jahren, als ich noch bei meiner Mutter selig wohnte, eine Zigeunerin wahrgesagt. Ich werde ganz bald einen unangenehmen Verlust erleiden, hat die unheimliche Person gesagt, und: ich werde einmal auf einer Reise sterben.« »Ja, warum gehen Sie dann auf Reisen? Wenn Sie ruhig zu Hause bleiben, haben Sie ja das ewige Leben.« »Das sag' ich mir auch. Aber was tut man schon mit dem ewigen Leben? Und dann: wenn man ein Billett gewinnt – so um Spanien 'rum ... Granada, Sevilla und so ... Na ja, und nun kann ich mich nächstens mit spanischer Erde zudecken!« »Das hat gute Weile! Wer wird denn was auf so eine verlogene Zigeunerin geben!« Kloppenbusch sagte nichts; aber er gab was auf Zigeunerinnen. Mit dem ersten Teil der Prophezeiung hatte die häßliche und übelriechende Alte damals durchaus recht behalten. Er konstatierte tatsächlich gleich nach ihrem Weggang den vorgesagten, unangenehmen Verlust seiner Taschenuhr; und er besann sich dunkel, daß die Prophetin, um die Zukunft besser erkennen zu können, ihre schmutzige Rechte flach und fest auf seinen Leib gelegt hatte. »Was rufen die Kerle nur immer da unten?« » Aqua – Aqua – Wasser – Wasser – –« Bei Erwähnung dieses nicht ungewöhnlichen kühlen Labsals hatte Kloppenbusch das Gefühl, er berge eine mit trockenem Seegras gestopfte Matratze anstatt einer Zunge im Mund. »Glauben Sie, Schwester Hilde, daß Verdursten schrecklicher ist oder Verhungern?« Hilde überhörte die Frage und hätte wohl auch keine sachgemäße Auskunft darüber geben können. Eben fuhren die Wagen unten vor, die vom Museo Provincial und seinen berühmten Murillos kamen. »Die Häfeles sind schon nicht mehr dabei«, konstatierte Hilde. »Nanu! Sind sie auch – leidend, die guten Häfeles?« Kloppenbusch hob seinen vor der Abfahrt in Kadiz von Beppos kundiger Hand auf einen Millimeter geschorenen Schädel interessiert aus dem Kissen. »Oder am Ende schon auf dem Campo – Campo ... wie heißt er?« »Nein, nein. Sie haben nur ganz plötzlich den Einfall bekommen, auf dem Landweg zurückzukehren. Über Paris. Niemand weiß recht, warum. Sie haben doch die ganze Fahrt bis Amsterdam schon bezahlt.« »Ei – ei, sieh mal an! Ich hielt sie für ein bißchen geizig – und nun lassen sie die Billette schwimmen, anstatt selber ...« Kloppenbusch war sehr erstaunt. Fast so erstaunt wie am Morgen in Kadiz, als ihn sein Kopf beim Erwachen so abscheulich gejuckt hatte und der zu Rate gezogene Friseur ihm, diskret die Stimme dämpfend, bedeutet hatte, es wäre gut gewesen, auf dem Marktplatz von Tanger nicht den schmierigen Turban eines marokkanischen Eseltreibers aufzusetzen. Worauf sich Kloppenbusch, von verspätetem Grauen über seine Verwegenheit geschüttelt, unverzüglich hatte den Kopf mit einer Maschine scheren und den Haarboden erst mit Franzbranntwein, dann mit einer sehr kräftigen Salbe hatte einreiben lassen. Dies alles, nachdem er Beppo durch sein Manneswort verpflichtet, nicht über dies unerhörte Mißgeschick eines reinlichen Deutschen zu reden. »Unsre Freunde sind wohl alle sehr vergnügt, Schwester Hilde, was?« »Vergnügt? Das kann man eigentlich nicht sagen. Die Damen Öltzendorff, Schuch und Hunneberg fahren in einem Wagen ohne Kavalier; und sie sehen recht müde und gelangweilt aus.« »Nicht möglich. Die drei Damen ohne Kavalier? Da wär' also noch ein Platz für mich gewesen. Ja, aber wo sind denn die Herren Mücke und von Reubke?« »Die kommen eben in einem Wagen allein an. Aber sie sprechen auch kein Wort miteinander.« »Vielleicht sind sie auch krank – oder werden's?« Kloppenbusch hatte ein gutes Herz, aber wenn ihm etwas fehlte, war ihm der Gedanke sympathisch, daß eine Epidemie ausgebrochen sein könnte und er nur ein Opfer unter vielen sei. Diesmal aber hatte er mit seiner Vermutung unrecht. Die Verstimmung der beiden Herren hatte keine körperliche Ursache. Auch die drückende Hitze war nicht schuld. Die Gründe der Entfremdung lagen tiefer. Mücke hatte die notwendigen Konsequenzen seines amerikanischen Duells wiederum hinausgeschoben, da er die ihm vom Schicksal zuvor gestellte Aufgabe der energischen Entlarvung des Hochstaplers, als den er Erich scharfsinnig erkannt hatte, durch die Entdeckung des dritten Ringes am Finger Anna Häfeles und durch die plötzliche Abreise dieser Dame aufs neue verwirrt sah. Reubke aber hatte vor des Solis Statuen der vier Kardinaltugenden im rechten Querschiff des Convento de la Merced eine Aussprache mit der von ihm verehrten Tilly Schuch gehabt, die ihm die rechte Freude an der Fülle der Murillos raubte. Er hatte die Dame gerade auf die schönen bemalten Terrakotten des Pietro Torrigiani aufmerksam machen wollen, insbesondere auf den heiligen Hieronymus, der sich als verzückter Büßer mit einem Steine die Brust wundschlägt, und glaubte von dieser etwas unsinnigen, aber sicher sehr frommen Selbstpeinigung des Heiligen ohne Schwierigkeit auf seinen derzeitigen Gemütszustand den gefühlvollen Übergang finden zu können. Aber noch ehe er die einleitenden Worte gesprochen, in denen er an die Weihe des Ortes anzuknüpfen gedachte, hatte ihn Tilly, der die Zornesröte in die blonden Schläfen stieg, mit einer Stimme, die eine ungeheuchelte Verachtung scharf und brüchig machte, angeherrscht: er solle sich schämen. Und zwar heftig solle er das. Auf seine erschrockene Frage, warum er sich schämen solle, war ihm dann allerdings recht unerfreulicher Bescheid geworden. Viktoria von Öltzendorff, die ihre in Tanger geknipsten marokkanischen Gruppen- und Straßenbilder von Beppo Marlettino, der sie entwickeln sollte, in der Kabine des Barbiers abholen wollte, hatte irrtümlich die entwickelten Filme erhalten, die Reubkes und Mückes Besuch der versteckten, der Kunst des Bauchtanzes gewidmeten Häuser im dunkelsten Tanger ihre Entstehung dankten. Das Entsetzen Viktorias über die geschauten Szenen war so groß, daß ihre Entrüstung sich den andern Damen alsogleich mitteilen mußte. Und so hatten Elisabeth Hunneberg und Tilly Schuch die verwerflichen Negative in den vor Erregung zitternden Fingern ebenfalls gegen die leuchtende Sonne von Sevilla gehalten; und sie hatten sich über die Frivolität der Herren, die solchen Studien oblagen, anstatt zu Esel die Damen von Moschee zu Moschee zu begleiten, tief entrüstet geäußert. Elisabeth Hunneberg hatte das allerdings mit der Einschränkung getan, daß sie längst von dem männlichen Geschlecht sehr wenig oder eigentlich überhaupt nichts mehr halte; und hatte hinzugefügt, daß es ihr jetzt schon davor bange, in der heute noch kindlich verträumten Seele des lieben Fritzchens männliche Triebe und maskuline Instinkte jählings erwachen zu sehen. Tilly Schuch aber hatte betont und wiederholte das jetzt zwischen den vier Kardinaltugenden des Solis dem zerknirscht vor ihr stehenden und seinen schmachbeladenen Kodak auf dem Rücken bergenden Kreuzwendedich von Reubke: daß ihr erster Mann von einer geradezu einzigen sittlichen Strenge gewesen sei; was ihr auch nach seinem Tode die Herzogin, die ihn vielleicht nach ihr am besten gekannt, in einem rührenden Briefe aus ihren indischen Petroleumquellen bestätigt habe. Wenn sie, Tilly Schuch, überhaupt je wieder daran denke, ihre Hand, die der bei Magott gefundene Rubin bis vor kurzem geschmückt, wieder in die Hand eines Mannes zu legen, so müsse sie die Gewißheit haben, daß die männliche Rechte nicht kurz zuvor – um nur andeutungsweise das Harmloseste zu sagen – einen indiskreten Kodak bedient habe. Einen Kodak, der dazu diene, in arabischen Tanzhöllen Aufnahmen zu machen, die jeder preußische Staatsanwalt auf Ansichtskarten verbieten würde ... Ehe der verblüffte Kreuzwendedich sich noch von dieser heftigen Ansprache erholt hatte, stand er allein zwischen den vier Kardinaltugenden. Und als er nun Arthur Mücke von Zurbarans Apotheose des heiligen Thomas von Aquino her mit jener süffisanten Miene ankommen sah, die der Gent nun einmal allen Apotheosen gegenüber für unbedingt erforderlich hielt, hatte er ihm in übersprudelndem Ärger die nötigen Mitteilungen gemacht. Hatte auch nicht verschwiegen, daß der urblöde Gedanke, diese fetten und häßlichen Weiber zu photographieren, eine der wenigen Ideen gewesen sei, die Arthur Mückes Hirn auf dieser Reise selbständig geboren. Da diese gereizte Abrechnung des geschädigten Kavaliers mit seinem Führer auch die Andeutung enthielt, er habe eigentlich mit solchen Möglichkeiten schon rechnen müssen, nachdem die erste Begegnung mit Arthur Mücke in Genua in recht zweifelhafter Gesellschaft stattgefunden, überlegte sich der Gent, ein Monokel putzend, ob er Kreuzwendedich von Reubke sofort auf Pistolen fordern solle. Da ihm aber zum Bewußtsein kam, daß er selbst bereits durch eine in Nizza gezogene schwarze Kugel erledigt sei und nach einem für ihn tödlich verlaufenen Duell nicht gut noch ein zweites ausfechten könne, verzichtete er auf diesen Ehrenhandel. Immerhin blieb die durch das Arrangement des Führers bedingte gemeinsame Rückfahrt der beiden Herren im selben Wagen vom Convento de la Merced durch die backofenheißen Straßen Sevillas zum Hotel de Inglaterra eine recht genußlose Programmnummer, die sie finster blickend und in tiefem Schweigen erledigten. Und finster blickend und in tiefem Schweigen sah Hilde vom Fenster aus jetzt auch die beiden der eleganten Kalesche entsteigen und ohne Austausch weiterer Höflichkeiten rasch ins Hotel eintreten. »Wissen Sie, Schwester Hilde,« fragte Kloppenbusch, seine eignen Gedanken eigensinnig verfolgend, vom Bett her, »was merkwürdig ist?« Hilde dachte, daß es vieles gebe, was merkwürdig sei. Zum Beispiel: daß ein Brief, ein beschriebenes Stück Papier, einen Menschen so glücklich machen könne, wie sie es nun seit der letzten Post von Malaga war. Zum Beispiel: daß sie sich so wohl fühle, wieder die Krankenschwester spielen zu können; daß sie nichts ehrlicher wünschte, als dies: auch die Tracht der Schwestern wieder tragen zu dürfen, die sie vor Monaten, schaudernd, geschüttelt von Angst und Gewissensbissen, wie ein Unglückskleid abgelegt. Zum Beispiel: daß dort unten jetzt Erich, ehe er mit Bergemann ins Haus trat, wie suchend den Blick die Fensterflucht entlanggleiten ließ und sie hinter dem dünnen Vorhängchen doch nicht sah ... Und obschon sie also so vieles wußte, was entschieden merkwürdig genannt werden durfte, antwortete sie Kloppenbusch: nein, sie wisse es nicht. »Merkwürdig ist,« sagte Kloppenbusch, »daß ich immer auf der Reise gedacht habe, ich werde mich hier von dem Barbier von Sevilla rasieren lassen. Sie wissen: es gibt so eine Oper, nicht wahr. Und nun – – –« »Und nun hat sich Herr von Scupinsky von dem mir allerdings auch bekannten Barbier von Sevilla rasieren lassen.« »Wieso? Scupinsky trägt doch einen Spitzbart?« »Ja – eben den hat er sich abnehmen lassen. Was das verändert! Ich hätt' ihn wahrhaftig gar nicht erkannt, wie er jetzt da aus dem Landauer stieg, wenn nicht Frau Selma ...« »Reden Sie mir nicht von der, sonst wird mir noch schlechter, als mir schon ist. Ich kann diese Person nicht ausstehen. Aber vielleicht war's gar nicht Scupinsky, der da ausstieg, sondern der neue Passagier, der jetzt erst in Tanger an Bord kam ... wie heißt der Mann doch gleich?« »Pilzheimer. Nein, Herr Pilzheimer ist viel dicker und behäbiger. Jetzt eben fährt er vor – mit den Herren Grabusch und Zwingenberg. Gott, ist dem armen Zwingenberg heiß – er zerfließt fast und hat doch den Kragen ausgezogen und so viel Knöpfe geöffnet –« »Er schwitzt gewiß Pilsener. Der Mann bekommt sicher noch seinen Hitzschlag. Warum macht er's nicht wie ich und legt ein feuchtes Salatblatt unter den Hut?« »Was haben Sie unterm Hut getragen?« Erstaunen und Belustigung kämpften in Hildes Gesicht. »Ein feuchtes Salatblatt. Schon in Barcelona. Und hier in Sevilla wieder. Einer von den Ungarn hat mir das Mittel geraten. Ausgezeichnet. Er hat's von einem Amerikaner. Solche Hausmittel sind besser als alle Doktoren. Ach du lieber Gott – vorhin hatten sie mir so einen spanischen Doktor gerufen – ein Kerl, schwarz wie der Teufel – und ...« »Aber reden Sie nicht soviel, Herr Kloppenbusch, das strengt an.« Kloppenbusch dachte, daß es von der merkwürdigen Konsultation des spanischen Arztes auch nicht viel zu erzählen gab. Die Verständigung hatte erst begonnen, als es sich nicht mehr um die Zustände des Patienten, sondern um das Honorar handelte, das Kloppenbusch mit zwanzig Franken recht reichlich bemessen fand. Besonders in Anbetracht des Umstandes, daß der Doktor eigentlich nur seine Zunge besichtigt, an seinem Tee gerochen, die Aussicht aus seinem Fenster geprüft und sich in seinem Waschbecken umständlich die Hände gewaschen hatte. Hilde betrachtete noch immer die Anfahrt der Wagen, die sich langsam, fast feierlich vollzog. »Sagen Sie, liebe Schwester Hilde,« Kloppenbusch richtete sich auf dem Ellbogen auf, denn das Pferdegetrappel und die Stimmen, die von unten heraufdrangen, regten ihn an, »ist die merkwürdige Frau von dem Herrn Pilzheimer auch dabei?« »Aber nein – die ist doch auf dem Schiff vor Kadiz geblieben. Die Aus- und Einbootung ist ihr als eine so schwierige geschildert worden ...« »Wieso schwierig? Wir sind doch wie über Öl gefahren.« »Ja. Es soll aber auch sehr anders sein können. Der Hafen ist tückisch. Und wer weiß – der Kellner vorhin meinte: wir bekommen Schirokko.« »Der Kellner ist ein Rindvieh«, sprudelte Kloppenbusch. »Sprechen tut er – genau wie der Doktor – nichts wie Spanisch, der Idiot; und die Schleimsuppe, die er mir gebracht hat, war so versalzen, als ob sie noch übrig geblieben wäre aus den Folterzeiten der Inquisition. Überhaupt dieses Hotel! Hören Sie doch bloß – vor unsrer Tür. Seit einer Stunde, so wahr ich lebe, seift da so ein Mädel, das natürlich auch bloß Spanisch spricht, den Steinboden ab – bum, wider die Türe – bum, wider die Türe – als ob in ganz Sevilla nichts andres zu fegen ist als ausgerechnet die Schwelle am Zimmer eines hilflosen Schwerkranken ...« »Na, na, Herr Kloppenbusch, wir bringen Sie schon noch lebendig an Bord«, lachte Hilde. »Ihr Wort in Gottes Ohr! Jedenfalls – ich will mein Testament machen.« »Ihr – Testament? Aber, Herr Kloppenbusch!« »Ja, ich will. Sicher ist sicher. Ich vermache Ihnen auch was, weil Sie so aufopferungsvoll ... Nicht wahr, der neue Passagier, da, der Pilzheimer, ist Jurist – was? Notar? Da könnt' ich ihn vielleicht ...« »Ich glaube, er war Rechtsanwalt, aber er hat sich zurückgezogen. Die Frau muß sehr reich sein.« »Muß sie? Sie meinen, weil sie so häßlich ist? Sie sieht aus wie ein rheumatisches Eichhorn, nicht? Aber Sie haben recht, sie ist sehr reich. Freilich erst seit zwei Jahren: da ist ein kinderloser Onkel von ihr gestorben. In München. Drei Minuten von der Villa Stuck. Lenbach hat ihn vor Jahren noch gemalt. In Schweinfurt liegt er beerdigt. Sehen Sie. ich weiß alles. Ja, Herr Pilzheimer war sehr mitteilsam auf der Fahrt von Kadiz hierher.« »Das ist begreiflich. Er kommt aus dem ewigen Schweigen – direkt von einer wochenlangen Wüstenreise. Nichts wie Sand und Kakteen –« »Na ja – und die Frau auch noch zwischen den Kakteen! Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, sagt Pilzheimer, sie muß Oasen sehn. Ich bitte Sie, Oasen! Und die Reise, sagt er, war ihre silberne Hochzeitsreise. Die grüne vor fünfundzwanzig Jahren ging bloß in den Odenwald, sagt er. Da hatten sie's noch nicht so dick. Na ja, afrikanische Oasen sind teurer als Auerbach an der Bergstraße und das Felsenmeer.« »Aber warum fährt der Mann nicht auf dem Landwege nach Hause, wenn seine Frau die See so schlecht verträgt?« »Das hat er uns auch erzählt. Das ist eine kleine Perfidie von ihm. Oder eigentlich eine große. Auf dem Lande piesackt ihn nämlich seine liebe Frau Emilie den ganzen Tag. Von der Grünen bis zur Silbernen hat sie das so getrieben. Er muß springen und Männchen machen und parieren. Aber auf der See, da wird sie klein, ganz klein. Da ist sie voller Angst, ist sanft und bittet und flötet, und wenn's ein bißchen wackelt, nimmt sie zitternd und in Schweiß gebadet Abschied von ihm und vom geliebten Leben. Sie hat, sagt er, schon dreimal ihren letzten Willen in Flaschenposten ins Mittelmeer geworfen und zweimal in die Nordsee.« Waren es die Tropfen, von denen Kloppenbusch zur Prophylaxe weit mehr genommen hatte, als der den spanischen Kollegen ablösende Doktor Lux verschrieben, war es die Hitze, die durch die Spalten der Läden lähmend in das Halbdunkel des Zimmers kroch, der Patient fühlte sich nach dieser Erzählung recht müde und schloß die Augen. Schon halb im Schlummer machte er noch einmal die heiße Fahrt von Kadiz nach Sevilla, lief zu Fuß von der Landungstreppe, seine Handtasche schleppend, über den staubigen Platz nach dem wenig imponierenden Bahnhof. Wunderte sich im Coupé über den riesigen Umweg des Zuges, der im weiten Bogen hinzuckelnd vierunddreißig Kilometer in anderthalb Stunden zurücklegte. Sah rechts und links die seltsam glitzernden Salzpyramiden geschichtet und die eisenhaltige Erde rot aufglühen in den Lichtern des Abends. Herden wolliger Schafe, schwarzer kleiner Schweine, breitstirniger Stiere glotzten dem Zuge nach. Die Hüter in ihren breiten Hüten, auf ruppigen Pferdchen sitzend, erinnerten ihn an die ekelhaften Kämpfer in der Arena. Und die Hitze lastete in dem Coupé, als würde ein Krematorium ausprobiert. Alles atmete auf, als aus bescheidenen Gärtchen, von Palmen überdacht, die ersten Villen von Sevilla aufleuchteten ... Sevilla! ... Er war in Sevilla ... Er wußte es im Traum noch, daß er in Sevilla war ... und da unten schrien sie » Aqua – Aqua! « ... und seine Zunge war ein alter Bettvorleger; und irgend jemand begoß ihm den Kopf mit Wasser und hämmerte dann gegen die Hirnschale, damit der heimlich bewohnte Turban, der die Form und Festigkeit einer Miniatur-Marmormoschee angenommen hatte, sich endlich abschäle von seinem schmerzenden Kopf ... Leise, auf den Zehen, hatte Hilde mit einem zufriedenen Blick nach dem in seinem Schweiße schlafenden Kloppenbusch das Zimmer verlassen. Sie wollte nach ihren Damen sehen, die vielleicht einen Wunsch hatten. Auf dem Korridor mußte sie die Röcke ein wenig raffen, um durch die schmutzige Sintflut zu waten, die die von Kloppenbusch gerügte spanische Magd ganz zwecklos hier aus zwei zerbeulten Blecheimern entfesselt hatte. Plötzlich stand sie vor Erich, der ihr lachend den Weg versperrte. »Na, Fräulein Samariterin, was macht unser armer Patient? Ist noch eine schwache Hoffnung, daß er sein gewonnenes Billett zu Ende genießt?« »Aber, Herr Assessor – so'n bißchen Magenverstimmung ...« »Ich will ihn gerade besuchen.« »Er schläft.« » Tant mieux! So sind Sie frei, bis er aufwacht. Und das wird ja in der nächsten halben Stunde nicht zu befürchten sein. Sie haben von Sevilla noch wenig gesehen, was –?« »Wenig –? Eigentlich gar nichts. Nicht mal die berühmten Murillos, von denen – – von denen unsre Oberin im Sankt-Hedwigs-Stift immer so schwärmte.« Sie wollte nicht sagen, daß ihre Jugend enger gerade mit den Bildern Murillos verkettet war. »Oha! Sie sollen der Oberin erzählen können. Kommen Sie – unten stehen noch Wagen. Ich habe den meinen – Protz, der ich bin! – für den ganzen Tag gemietet, und die Pferde haben bis jetzt immerzu vor Kirchen im Schatten gestanden. So Sevillaner Kutschpferde wissen schon den Weg und halten vor jeder Kirche von selbst. Die Tiere – übrigens anständiges Fuhrwerk! – haben sich wirklich noch nicht überanstrengt – Kommen Sie!« »Ja, aber –« »Wieso – aber? Nichts aber!« »Ich habe ja nicht mal einen Hut. Der liegt oben im ...« »Keinen Hut –? Gott, sind Sie umständlich, einen Hut brauchen Sie auch –? Einen Augenblick. Ich wohne hier Nummer siebenundsiebzig – zwei Siebener. Glückszahl! Ich dachte mir gleich, daß mir das Zimmer Glück bringt ... Und in dem glückbringenden Zimmer hab' ich –« Er hatte sie an der Hand mitgeführt bis zur Tür von Nummer siebenundsiebzig, die er nun öffnete. Er ließ ihre Finger los, trat rasch ein, raffte vom Tisch einen Knäuel – Spitzen, wie ihr schien – und kam vergnügt zurück. »Hier die Mantilla hab' ich vorhin in der Calle de Francos gekauft – Scupinsky, der überall schon war, hat mir das Magazin gezeigt. – Für wen? Mein Gott, für niemand. Aber wenn man in Spanien war, in Sevilla, will man doch nicht ohne Mantilla, Fächer und Kastagnetten heimkommen ... Mit den Kastagnetten – die hab' ich auch – können wir auf der Fahrt zu den Murillos freilich nicht viel anfangen. Aber der Fächer ... hier, bitte! Keine Widerrede! Es ist viel zu heiß zum Widersprechen. Uff! Sie werden das schon merken, wenn wir draußen in der sogenannten freien Luft sind! Und hier die Mantilla – wird Sie sehr gut kleiden. Für 'ne Carmen sind Sie freilich trotz der dunklen Haare zu deutsch, ja ... zu unspanisch. Das ist keine Beleidigung, denn – ganz unter uns – von den berühmten schönen Spanierinnen hab' ich bis jetzt hier erst eine gesehen. Auf dem Balkon des Hotels de Madrid, erste Etage, dritter Balkon links – aber Bergemann schwur, das sei eine Engländerin gewesen. Möglich. Sie hat gemalt. Das spricht allerdings gegen die Spanierin – denn die richtige Spanierin malt bloß sich. Oder tut, glaub' ich, überhaupt nichts ...« So plaudernd, hatte Erich die überraschte Hilde, ganz leicht ihren Arm fassend, über die leeren, sommerhellen Korridore zur Treppe geführt und durch das kellerkühle Vestibül, wo ein paar Amerikaner mit weit vorgestreckten Beinen im Halbschlaf in den Rohrsesseln lagen, nach dem Ausgang. Er tat etwas Ungewöhnliches, er wußte das. Gleichviel! Er hatte diesem braven Mädel etwas abzubitten, einen blöden Zweifel, einen ganz dummen Verdacht. Das gräßliche Wort »Gift«, das ihr neulich nach der Abfahrt von Malaga verräterisch über die Lippen sprang, hatte ihn wirklich zu beunruhigen vermocht. Bergemann, dem er gesprächsweise, scheinbar harmlos und doch lauernd, davon erzählte, hatte ihn tüchtig ausgelacht. »Die Borgias sehen anders aus, lieber Erich. Sie glauben doch nicht ...« Nein, er glaubte nicht. Aber er hatte doch mal kombiniert ... Und das hatte er jetzt abzubitten, stillschweigend, ohne ihren Jubel unter Tränen von damals, ohne seine eigene mißtrauische Torheit mit einer Andeutung zu berühren. »Steigen Sie ein, liebes Fräulein!« Hilde saß in einer eleganten Kalesche, eh' sie recht wußte, wie ihr geschah. Sie fühlte nur, daß ihr wohl war, und daß sie am liebsten ein bißchen in die Hände geklatscht hätte. »Museo de Pinturas!« rief Erich dem eleganten Kutscher zu, der zwei Finger an den blanken Zylinder legte. »Wie ich schon Spanisch spreche, was? Noch drei Tage, und ich muß deutschen Unterricht nehmen!« Ein schnickender Peitschenhieb. Die Pferde zogen an. Und auf Gummirädern ging's ganz leicht und wiegend über den glühend heißen Platz in ziemlich enge Straßen hinein, die alle weiß, glatt und freundlich waren. Zuweilen sah man durch dunkle Torbogen in blühende Innenhöfe; sah einen Springbrunnen silbrig schimmernd über naßglitzernde Steine und saftig grüne Pflanzen plätschern, einen Laubengang im Hintergrund mit bunten schwebenden Ampeln, ein paar helle Kleider um einen Palmenstamm und die dunkelroten Tupfen der Rosen ins Grün immergrüner Büsche gesprengt. Hilde schwieg. Sie hatte sagen wollen: »Wie ein Märchen« – aber das kam ihr dumm und trivial vor. So saß sie nur ganz still mit weit offenen Augen, und ihr junges Herz grüßte die rosafarbenen Wolken der blühenden Mandelbäume, die Orangen und die Akazien und all das Blühen, das lieb und heimlich hinter diesen weißen Steinmauern webte, und in das die geöffneten Tore wie in lauter kleine Paradiese südlichen Bürgerglücks kurzen Blick gewährten. »Nein, aber die Mantilla müssen Sie umlegen – warten Sie, ich helf' Ihnen. Oft hab' ich ja spanische Mantillen noch nicht auf Damenhäuptern befestigt. Aber der Händler in der Calle de Francos hat mir's gezeigt – und ich war sehr talentvoll. Nein, so – die Spitze ein wenig vorfallen lassen – ganz leicht in die Stirn, absichtslos – alles Nette im Leben ist absichtslos – nicht zu tief, daß man noch sieht, wie hübsch naturkraus Ihre dunklen Haare sind ...« Sie wurde rot, wie sie seine kühlen Finger behutsam ordnend an ihrer Stirn fühlte; aber sie ließ ihn gewähren. Einen Augenblick kam ihr das Bewußtsein: wenn jetzt einer der Schiffsgesellschaft dich hier sähe – dich und ihn! Was sollte der wohl denken! Schließlich war sie doch nur eine Stewardeß von der »Astarte«. Freilich, ihr Großvater war Pastor gewesen, irgendwo oben in der Mark, wo die Bauern arm im kargen, flachen Lande sitzen und die engen Kinderstuben der Pastoren so volkreich sind. Und einer von den sieben Jungen war ihr Vater geworden, ein Volksschullehrer, blaß, schmächtig, mit einem Christuskopf und voll Sehnsucht nach allem Schönen. Und nie, nie anders war er auf Reisen gewesen als in seinen antiquarisch gekauften Reisebüchern und vergilbten Atlanten. Wenn sie den Toten hätte wecken und ihm hätte sagen können: »Vater, denk' dir – dein Mädel fährt durch Sevilla. Auf Gummirädern! Fährt! Durch Sevilla! Und sieht Mandelbäume blühen – und Orangen! Die Murillos soll sie sehen, die du auf kleinen verblaßten Visitphotographiekärtchen bewahrtest in deiner ›Galerie‹, wie du den sorglich mit Plüsch ausgeschlagenen Zigarrenkasten genannt hast. Und ein reicher, studierter Herr hat dein Mädel lachend in den Wagen gesetzt und will ihr alles zeigen, weil ... weil ...« Ja. warum gerade ihr? Und – ein reicher, studierter Herr? ... Soziale Abgründe lagen zwischen ihr und diesem heiter eleganten jungen Manne daheim in Deutschland. Aber hier war Sevilla, hier war der Süden, der Frühling! Hier blühten die Mandeln, nickten Palmenwedel über roten Rosenbüschen. Und sie beide waren jung, nur jung – nicht Assessor und Stewardeß, nicht Kavalier und Volksschullehrerstochter – nur jung ... jung und all dem Blühen verwandt. Sie hörte, daß Erich zu ihr sprach. Freundliches, Munteres. Aber was er sprach, hörte sie nicht. Eine Welle von Glück ging warm über sie hin. Vielleicht hatte sie all das andre nur geträumt, das Trübe, Schwere, Verworrene. Vielleicht war das jetzt erst die Wahrheit. War sie wirklich in Berlin in der Tauentzienstraße Verkäuferin in einem Juweliergeschäft gewesen? Hatte sie monatelang all die edlen teuren Steine, die funkelnden Juwelen durch ihre Hände gleiten lassen und auf dunkelfarbigen Samt gelegt, um abends blaß, müd, arm zu ihrer verwitweten Mutter heimzukommen in die kahlen Hinterhausstuben? Hatte sie sich wirklich, sparsam Goldstückchen zu Goldstückchen legend vom Gehalt, den Kursus im Roten Kreuz verdient und zitternd das Examen als Schwester gemacht? Und war sie es wirklich gewesen, die damals, als der Herbststurm draußen von der Klinik die breiten Blätter der Platanen in die Luft warf, den fürchterlichen Mißgriff getan und dem Patienten aus der falschen Flasche die schädliche Flüssigkeit, das Gift, eingegeben hatte? Der Brief war damals schuld gewesen, der gräßlich drängende, werbende, quälende Brief des hübschen Reiteroffiziers, der immer mit ihr frühmorgens in der Stadtbahn fuhr und sie endlich ansprechen durfte, da er ihr das Täschchen nachtrug, das sie, von seinen Blicken über die Zeitung weg verwirrt, im Coupé vergessen halte. Und wer weiß, wenn sie damals nicht in ihres Herzens Bedrängnis, zerstreut und gequält, den knisternden Brief tief in der Tasche des Schwesternkleides, die Fläschchen verwechselt, wenn sie nicht tagelang in der gräßlichen Angst geschwebt hätte: hat dein Leichtsinn ein Leben gefährdet, einen schon langsam Genesenden gemordet ... wer weiß, ob der Herbst nicht auch sie wild in die Luft gewirbelt und schließlich in den Schmutz der Großstadtstraße niedergeworfen hätte wie die Blätter der alten Platanen im Hospitalgarten ... Der Oberarzt wollte ihr wohl, das war ihr Glück. Er entließ sie, »bewilligte« ihr den Austritt wegen Nervosität ... und sie war fluchtartig abgereist. Kaum, daß sie die alte Mutter weinend geküßt, einen Notgroschen hinterlassen hatte zu der armseligen Witwenpension ... Eine Empfehlung des Assistenzarztes, der früher als Schiffsarzt auf dem österreichischen Lloyd gefahren war, verschaffte ihr eine Anstellung als Stewardeß. Und jetzt – fuhr sie durch Sevilla, einen anderen Brief in der Tasche, einen herrlichen, tröstenden, beglückenden Brief, den in Malaga die Post gebracht und in dem die gute Schwester Agathe meldete: »... beruhige dich, er ist völlig genesen und soll jetzt zur Nachkur in England sein. Er behauptet sogar, dein ›Gift‹ habe ihm geholfen – und als er wegfuhr, ließ er dich grüßen.« Um ihr von Schuld befreites Herz blühte der südliche Frühling; und sie fuhr, ganz weich in federndem Wagen, zu weltberühmten Madonnen in einem alten Kloster, all die Herrlichkeiten zu schauen, von denen ein schlechtes, armseliges Abbild ihr Vater einst behutsam, als gelte es, köstliche Schätze zu hüten, aus der mit Plüsch ausgeschlagenen tabakduftenden Schachtel nahm ... »Ja, liebes Fräulein – nun müssen wir aber wirklich aussteigen.« Sie hatte es gar nicht bemerkt, daß der Wagen schon eine Weile vor dem Museum, dem ehemaligen Kloster der Mercenarier, hielt und daß Erich sie lustig von der Seite ansah. Der Kutscher saß steif, zwei Finger wieder grüßend am spiegelnden Zylinder, auf seinem Bock. Ein paar zerlumpte Kinder mit vergnügten Schwarzkirschenaugen wollten beim Aussteigen behilflich sein. Erich wehrte lachend ihren schmutzigen kleinen Pfoten und warf ihnen ein paar Kupfermünzen zu. Alsbald begann eine gewaltige Balgerei. Noch in dem kühlen Kreuzgang zwischen zerbeulten Kapitellen, geborstenen Grabsteinen und melancholisch geschweiften Amphoren hörten sie die kreischenden Stimmen der Straßenjugend. »Wir haben nicht viel Zeit,« drängte Erich, »um drei Uhr wird leider schon geschlossen. Halten wir uns im Vorraum nicht auf! Hier die Trümmer aus der Römerzeit können Sie, weiß Gott, an andern Orten schöner und besser sehen; in Rom, in Neapel – und sogar auf der Saalburg im Taunus. Der steinerne Riese dort soll der Kaiser Trajan sein. Ob er sich wiedererkennen würde? Aber das ist ja alles so gleichgültig. Hier drängt alles von dem spärlichen Heldentum weg und von der dürftigen Archäologie zu dem einen, der die Himmel des Christentums geöffnet hat, zu dem Madonnenmaler Murillo ... Die ehemalige Klosterkirche beherrscht er ganz mit seinen herrlichen Bildern, die vor bald hundert Jahren, als der Pöbel die Klöster stürmte, ein kluger Abt, denk' ich, oder Dekan aus dem Kloster der Kapuziner hierher gerettet hat.« Sie standen in der alten Klosterkirche, die, jetzt Hauptsaal des Museums geworden, in ihrer Architektur noch die einstige fromme Bestimmung verriet. Der Saal schien fast leer. In den dämmrigen Ecken standen wohl ein paar Fremde, Bücher in der Hand. Aber keiner nahm Notiz von den Kommenden. Ein kleiner, unrasierter Saaldiener schlürfte auf knarrenden Schuhen, die runzeligen Hände auf dem Rücken, durch die Halle. Wie im Traum, nur im seligen Bewußtsein, von lauter Schönheit, Güte, Frömmigkeit umgeben zu sein, ging Hilde auf ein Bild zu, das sie mächtig anzog. Die Gottesmutter, hinter der purzelnde, spielende Englein leicht den duftigen Wolkenschleier zu breiten scheinen, hat einem silberhaarigen, selig lächelnden Greis das göttliche Kind in die hageren Arme gelegt. Verzückt, im Jubel der Begnadigung, sieht der Alte zu der Himmelskönigin auf. Der lichte Schein um des Kindes Haupt spielt in seinem Greisenbart. Seine klugen Augen leuchten seligen Dank. »Es ist die Vision des heiligen Felix von Cantalicio«, erklärte Erich, seine Stimme dämpfend. »Auch mir eins der liebsten von des Meisters Bildern. Seh'n Sie nur, wie fein der Kopf des beglückten Alten, dem der Traum seines frommen Glaubens für einen seligen Augenblick das Christkind in den Arm gegeben. Wie rührend die Mütterlichkeit in dem edlen Kopf der Madonna ... und dann – schauen Sie auf die schlanken Hände ... ist es nicht, als wäre sie doch – ganz menschlich, irdisch, mütterlich – ängstlich und wollte sagen: Laß nur mein geliebtes Kindchen, mein erstes, mein einziges, nicht fallen, alter zitternder Mann! ... Dort sehen Sie den heiligen Thomas von Villanueva – die leuchtende Bischofsmütze auf dem leidvollen Haupt –, der dem knienden Bettler das Almosen spendet – den hat Murillo selbst für sein bestes Werk erklärt. Vornehm und groß find' ich das Bild – aber bei Murillo such' ich immer – was hier gerade fehlt – die Frau, die Mutter. Kein Maler, selbst Raffael nicht, hat die Gottesgebärerin so menschlich, so rein in ihrer Güte dargestellt, ohne ihrer Hoheit etwas zu vergeben, wie der Sevillaner Meister. Er hat in seiner ehrlichen Frömmigkeit auch mit dem Glanz des Himmels nicht gespart, aber was uns zwingt und besiegt in seinen Bildern, ist doch die Anmut der Erde. Ist die Lieblichkeit, die wir kennen und verstehen, die wir aus einer fernen Kindheitserinnerung vielleicht noch mitnehmen durchs Leben, als ein dämmerndes Gedächtnis an die eigene Mutter, die sich, da sie noch jung war, über uns beugte in Dank und Glück und Angst und Hoffnung – und die gewiß nie schöner war, nie menschlicher und nie dem Himmel näher, als da sie uns anlachte in unsrer Hilflosigkeit.« »Wie lieb Sie das sagen!« Hilde fühlte ihre Hand ganz sanft umsponnen von Erichs Fingern. Aber sie ließ ihm die Hand. Sie hatte das Gefühl, daß er nur aussprach, was sie dachte; was diese in all ihrem Ernst so heiteren Bilder selbst auch ihr sagten, ohne daß sie die rechten Worte dafür gefunden hätte. »Es ist Harmonie in diesem Künstlerleben gewesen« – sie hörte wieder Erichs Stimme, und sie wunderte sich, wie sanft und feierlich dieser Mann reden konnte, der noch vor kurzem da draußen im Wagen ganz Scherz und Lachen und Oberfläche war –, »er ist dem Leiden immer ausgebogen in seinen Bildern. Hat aus der Geschichte der Heiligen, die doch voll Blut und Marter und Not und Aussatz und Wunden ist, nur das Schöne, Sanfte, Anmutige gesucht und geschildert. Die Visionen, in denen die Engel oder das Christkind selbst den Heiligen erscheinen, die Gläubigen trösten; und vom Leidenswege des Herrn nur die lichten, beglückenden Momente. Die andern – vielleicht größere darunter – haben Christum immer wieder verraten, gefangen, gegeißelt, bespien – haben den Haß seiner Feinde fast eifriger gemalt als des Schuldlosen Menschenliebe und sein Opfer. Sie haben ihm immer wieder die Dornenkrone ins blutige Haupt gedrückt, haben ihm die Nägel durchs Fleisch der Hände und Füße getrieben und seinen Leichnam tausendmal wieder, dürr, blaß und mit den Totenflecken, vom Kreuze genommen. Murillo ist der Leiche ausgewichen, die jahrhundertelang die Kunst beherrscht hat. Er hat den Glauben nicht im Schrecken und in den Greueln des Martyriums gesucht, die als Legende in Chroniken erstöbert werden müssen; er hat ihn aufgedeutet in der himmlischen Liebe, von der uns – bescheiden, gebrochen – irdische Strahlen doch immer noch umgeben. Wenn eine Mutter ihr Kind anlacht, wenn ein Großvater den Enkel wiegt und ein kräftiger Sohn den gebrechlichen Vater tröstet – das alles ist Erde von unsrer Erde und doch Himmel vom Himmel Murillos. Ich bin durch Italien gereist – als Laie gewiß, aber schließlich gut vorbereitet und mit offenen, suchenden Augen –, ich war am Ende, Weihrauch in allen Kleidern, matt und krank von all den geschundenen Heiligen, den pfeilgespickten, lanzenzerstochenen, an Marterpfählen blutenden Opfern der Demut, des Glaubens an einen Lohn da drüben. Von diesen auf Holzstößen Brüllenden, in Höhlen Eingemauerten, unter Pöbelfüße getretenen, angstvoll Verzerrten. Von all' diesen unsagbar Elenden, die erst gemartert, geschunden, zerquetscht, aller Menschlichkeit entkleidet sein müssen, ehe sie in Feiertagsgewändern, belohnt für erlittene Brutalitäten bestialischer Zeitgenossen, in den Himmel einziehen dürfen. Hier aber – auf der Erde und im Himmel Murillos – sehen Sie immer wieder die still webende, schenkende, göttliche Liebe. Sie strahlt aus der leichten Anmut der Frauen – sehen Sie dort nur den Kopf der Santa Rufina –, aus der süßen Sorglosigkeit der Kinder – beachten Sie dort das entzückende Baby der Kapuzinermadonna – und aus den visionären Blicken der verzückten Greise. Die Engel stehen nirgends mit flammenden Racheschwertern vor den verschlossenen Paradiesen. Sie dienen als kleine, liebe himmlische Pagen der Lieblichkeit ihrer Madonnen. Sie schweben und purzeln kindlich, fröhlich, neugierig in den goldnen Wölkchen herum – sehen Sie nur hier das einzig schöne Bild des heiligen Antonius von Padua mit dem Christkind! Der fromme Mann hat so lange in der Bibel gelesen, bis das heilige Bübchen ihm selber herausspringt, greifbar im Fleisch, aus dem herrlichen Weihnachtsevangelium. Nun sitzt's, von einem Himmelsstrahl beleuchtet, lieb und zutraulich auf dem Buch der Bücher. Und innig und ohne Scheu hat der Heilige seinen Arm um das nackte Kinderkörperchen gebogen ... Und dort – in der schönen Allegorie der Weltentsagung des heiligen Franz von Assisi; hat selbst der dornengekrönte Christus, der die eine Hand vom Kreuze freigemacht hat und sich ohne Schmerz und Schwere niederbiegt zu dem verzückten Mönch, nichts, gar nichts von einer durch Gottes Wunder erweckten Leiche: nichts von einem Gekreuzigten, der in Qualen verdurstend am Marterholz starb, um ewig zu leben. Dahinter im grauen Nebel des göttlichen Zornes liegt wohl das fluchbeladene Jerusalem: aber dieser Heiland, der sich vom Kreuze herabbeugt, ist immer noch von dieser Welt, ist immer noch der Sohn der gütigen, mütterlichen Maria, die Sie hier im Saal immer wieder in ihrer milden, traulichen Menschlichkeit sehn – dort zart jungfräulich in der Verkündigung der Kapuziner – hier glücklich-stolz, eben Mutter geworden, in der Anbetung der Hirten, und hier – den Fuß auf dem Monde, von Englein geleitet – als Purisima in die strahlenden Himmel aufschwebend ...« Hilde war, den Weisungen Erichs folgend, mit den Blicken von Bild zu Bild gewandert. Jetzt streift sie den Redenden mit einem scheu bewundernden Blick. War's möglich, daß ein junger Weltmann, der ihr so als Typ des sorglos und auch geschmackvoll genießenden modernen Reisenden erschien, so freudig in den Himmel der Kunst schaute, so klug und so innig zugleich reden konnte von dem, was ihre Kindheit erfüllt hatte? Sie sah wieder ihren Vater aus der mit Plüsch ausgeschlagenen Kiste, seinem »Museum«, die Visitphotographien der geliebten Meisterwerke nehmen. Nüchterner, volksschulmäßiger, lehrerhafter hatten seine Erklärungen geklungen, wenn er, den dünnen blonden Vollbart in der ein wenig zittrigen Hand, zu ihr sagte: »Murillo – mit zwei ›l‹, Hilde, das sprechen aber die Spanier Muriljo – hat in Sevilla gelebt – auch mit zwei ›l‹ – in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Er hat immer wieder die Madonna gemalt, siehst du, und das Jesuskind und die Heiligen, – und all' die schönen Bilder hier, die in Farben noch viel schöner sein müssen, hängen in der Stadt Sevilla am Guadalquivir in Andalusien ...« Und es war ihr, als ob ihr armer Vater, dessen ganze Schönheitswelt aus einer Zigarrenkiste stieg und aus ein paar alten Büchern, heute hier in ihr mitgeehrt würde und in ihrem dankbaren Schauen wieder erstünde vor diesen gemalten Madonnen, zu deren schlechtem kleinem Abbild er gebetet hatte. Langsam, leise auf den Zehen gehend, als ob hier eine Andacht stattfände, die sie nicht stören dürfe, war sie Erich, immer noch von seinen Fingern sanft an der Hand gehalten, von Bild zu Bild gefolgt, die Wände entlang. Niemand hatte gestört. Aber hier, vor der Madonna aus dem Kloster der Mercenarier, stand unbeweglich, wie eingerammt in den Boden, die hagere Gestalt eines jungen Herrn. Erich und Hilde bogen, um nicht zu belästigen, um den reglosen Besucher, der starr zu dem aus dem tiefen Dunkel des Hintergrundes schmal und vornehm mit gesenkten Augen aufleuchtenden Kopf der Maria in die Höhe sah. »Bergemann, der alte Sanitätsrat, Sie wissen –« sagte Erich halblaut, sich zu Hildes Ohr beugend, »behauptet, das Gesicht dieser Madonna ähnle stark einer Schwester von ihm, die ... die wohl früh gestorben ist. Ich kann mir's wohl denken; es ist ein fast moderner Kopf in seiner schmalen, etwas kühlen Vornehmheit ...« In diesem Augenblick wandte der vor dem Bild sitzende Herr den beiden sein blasses, spitzes Gesicht zu. Ein Glas funkelte im rechten Auge. Es war Arthur Mücke. Er streifte die beiden mit einem erstaunten Blick, dann zuckte es ironisch um seine hängenden Mundwinkel, und er ging grußlos mit hochgezogenen Schultern zum Ausgang. Erich sah ihm nach. »Seltsam! Herr Mücke – er war doch vorhin schon mit unserer ganzen Gesellschaft hier. Was kommt er zurück, der Gent –? Hat er sich in der Geschwindigkeit hier verabredet mit jemand: ›– vor der Mercenarier-Madonna, Kennzeichen: rote Kamelie im Knopfloch, Scherbe im Auge und süffisante Visage ...‹ oder –?« Hilde drückte ein wenig seine Hand. »Sie müssen nicht immer das Schlimmste von den Menschen denken ...« »Das tu ich ja auch wirklich sonst nicht. Aber dieser unausstehliche Bengel ...« »Nun ja, er ist ja nicht sehr sympathisch. Aber wer weiß, wer seine Kindheit gelenkt hat und was er um sich gesehen hat, bis ...« »Vermutlich Bügelfalten, Hosenstrecker, Modejournale und Affentheater!« Hilde unterdrückte ein Lächeln und machte ihre Hand los: »Sie müssen nicht so reden! Hier nicht! ... Vorhin, wie Sie vor dem Bilde der Madonna zu mir sprachen, waren Sie so nett!« »War ich?« Erich hatte wieder den alten leichten Ton. »Nun ja: Madonna und Murillo – obschon sie, durch denselben Anfangsbuchstaben bevorzugt, mit Herrn Mücke mal, wenn er Glück hat, im selben Band des Konversationslexikons stehen werden – haben mit diesem Patentekel wirklich wenig zu tun. Aber ... Was sagen Sie?« Diese Frage war an den krummbeinigen allen Museumsdiener gerichtet, der aus einer Wolke von Knoblauch und Tabaksgeruch lebhaft gestikulierend auf Erich einsprach. »Nu werden Sie sich wundern, Fräulein, was ich bereits andalusische Dialekte verstehe«, nickte Erich, seine Uhr ziehend. »Es ist drei Uhr, sagt der brave Mann. Und er hätte jetzt genug von den Murillos, denn er würde nur bis drei hier für die Aufsicht bezahlt und das schlecht genug. Nicht wahr, alter würdiger Hüter der Heiligen und Märtyrer, das hast du mir in der Sprache des Cid eben erzählen wollen?« Da diese Frage von einer Silbermünze begleitet war, die in des Alten runzlige, blasse Affenhand fiel, so nickte der Wächter grinsend und griff an die Mütze. Er begleitete sie noch, die Mütze in der Hand, bis zu dem Ausgang und redete dienstbeflissen in sie hinein. »Jetzt verlassen mich meine andalusischen Kenntnisse«, lachte Erich, indem er Hilde in den Wagen half: »es ist möglich, daß er gesagt hat: wir sollten doch ja bald wiederkommen. Es ist aber auch möglich, daß er gesagt hat, das Silberstückchen sei nicht echt gewesen, das ich ihm zum Dank für seine Ansprache anvertraut.« »Das wäre –!« »Sehr möglich, Fräulein Hilde. Je weiter man sich vom lieben Deutschland entfernt, je unechter werden die Münzen. Was man Sammlern nicht oft genug wiederholen kann. Übrigens – wenn ich nun den knoblauchduftenden Kastellan vorhin nicht verstanden hätte ... und er hätte uns eingeschlossen mit all den Madonnen und Heiligen im alten Kloster der Mercenarier? Und wenn ... Im »Roman d'un jeune homme pauvre« von Feuillet kommt, glaub' ich. so eine spannungsreiche Szene vor. Da wird der furchtbar edle Marquis, der nischt hat als seinen Edelmut, mit der schönen – ja, wie heißt sie? – also, eben mit der Schönen wird er in einen alten Aussichtsturm eingeschlossen. Und dann springt er, um die geliebte Dame nicht zu kompromittieren, drei oder fünf Stock hoch aus dem Fenster.« Hilde sah ihn lustig von der Seile an. »Hätten Sie das auch getan?« »Ich? Nein. Das Museum liegt übrigens Parterre. Aber ich war' doch nicht gesprungen. Ich hätte vielmehr ...« Was er vielmehr getan hätte, erfuhr Hilde nicht, so interessant es ihr in diesem Augenblick war. Denn der Kutscher hatte einen kürzeren Weg genommen, und der Wagen hielt schon vor dem Hotel de Inglaterra. Der Manager, der entgegenkam, meldete, der Herr von Nummer 71 habe schon mehrfach heftig geklingelt und sich sehr aufgeregt nach dem Fräulein erkundigt. Auch die Damen aus Nummer 81 und Nummer 102 hätten bereits nach ihr gefragt. »O weh!« klagte Hilde in komischer Verzweiflung. »Rasch, nehmen Sie Ihre Mantilla zurück und vielen Dank –« »Den Dank will ich gnädigst annehmen, obschon ich die genossenen Bilder wirklich nicht gemalt habe. Immerhin – der Einfall, sie rasch nochmal zu suchen, war von mir. Einer meiner besseren Einfälle sogar. Aber die Mantilla wiedernehmen – nein. Die müssen Sie nun schon behalten, liebes Fräulein Hilde, als bescheidene Erinnerung an Sevilla und seine Madonnen. Und nun – retten Sie Kloppenbusch vom Tode!« Und mit einem lustigen Gruß und Nicken verschwand er in den Lesesaal. Der kurze Rest des Aufenthaltes in Sevilla war für die meisten Fahrtgenossen nicht besonders ergötzlich. Die Damen litten sehr unter der Hitze, die das gewissenhafte Thermometer mit vierzig Grad angab. Die Herren hantierten geheimnisvoll mit Kognakgläschen und Opiumtropfen. Die Öltzendorffs aber hatten ihre paar Brocken Spanisch, die sie auf der Meerfahrt aus einem Gesprächsbüchlein erlernt, dazu benutzt, von wetterkundigen Sevillanern in Erfahrung zu bringen, daß für den Abend bestimmt Schirokko zu erwarten sei. Die dunstig gewordene Luft, die gelbliche Färbung des Himmels deuteten darauf; und die Mattigkeit der Hunde und Pferde sei ein sicheres Zeichen. Schwammerl aber hatte gehört, daß der Schirokko gar seinen Sand aus der Sahara mitführte; was Pilzheimer, der eben von der Oasenreise kam, zu einem schmerzlichen Ausruf veranlaßte. Wüstensand hatte er für eine längere Lebensspanne genug genossen; Sand in den Kleidern und Stiefeln, in den Augen, Nasenlöchern und Ohrmuscheln. Er hatte sich auf die Meerfahrt gefreut, und jetzt gab's schon wieder Sand! So stand die Rückfahrt nach Kadiz nicht gerade unter dem Gestirn lauter Fröhlichkeit. Kam hinzu, daß Grabusch sein Reisehandbuch in dem »Hause des Pilatus« vergessen hatte, wo er es ausruhend vor die Büste irgendeines der römischen Kaiser niedergelegt hatte, die sich dort in den Nischen langweilten. Die Öltzendorffs waren wortkarg, weil sie in der Ansicht übereinstimmten, daß sie nicht so viel von dem ekelhaften Opium hätten schlucken müssen, wenn sie direkt nach England gefahren wären. Reubke ärgerte sich über die schlechte Behandlung von seiten Tilly Schuchs, die ihm noch immer die photographischen Studien in Tanger nicht verzeihen konnte. Bergemann war ehrlich müde von dem heißen Tag und dem ewigen Klettern aus dem Landauer, dessen sonnengewärmte Kissen wie glühende Steine auf die Sitzpartien wirkten, und von dem Kriechen um dunkle Altäre in kühlen, kahlen Kirchen. Zwingenberg hatte sich für zwei Pesates ein Fläschchen Mineralwasser gekauft, das erst nicht aufging, dann plötzlich explosionsartig den Stopfen herausschleuderte und Elisabeth Hunneberg übersprudelte, und schließlich aus dringenden Rat des Doktor Lux ungenossen aus dem Fenster in die Landschaft flog. Kloppenbusch sah wie ein Häufchen Unglück, Zusätze zu seinem vorhin entworfenen Testament überdenkend, im Wageneck und hörte kaum auf Hilde, die dem Ungläubigen für morgen völlige Genesung für seine beunruhigten Gedärme in Aussicht stellte. Nur Erich war eigentlich ganz vergnügt. Die kleinen, schwarzen Schweine, die dem Zuge nachglotzten, freuten ihn nicht minder als die hellblühenden Bäume, die an der Station ihre Äste in die Fenster stecken wollten. Und als die Salzpyramiden, links und rechts auf roter Erde geschichtet, die Nähe des Meeres, des Hafens von Kadiz anzeigten, spürte er den Wind, der durchs Coupé wehte, die Federn auf den Damenhüten bewegte und mit dem dünnen Haupthaar Öltzendorffs sein verwirrendes Spiel trieb, wie eine Garantie einer gewiß bewegten, aber fröhlichen Überfahrt. Und da niemand Lust hatte, sich mit ihm zu unterhalten, so nahm er einen der kleinen Papierfächer, die sich alle Reisenden am Bahnhof von Sevilla für ein paar Kupfermünzen gekauft, und die in Nummern und Bildern ein wenig geistreiches Wahrsagespiel auf dem grellblauen Papier zeigten; und er begann die Zahlen der ihm bekannten Geburtstage aus der Familie zusammenzusuchen. Dabei erfuhr er, wenn ihn sein Spanisch nicht trog, daß er bald eine sehr alte, steinreiche Dame zum Altar führen und seine Mutter demnächst in einem Stiergefecht siegreich sein werde. Was ihm beides nicht gerade allzu wahrscheinlich erschien. Kadiz war schon in Dunkel gehüllt. Wüste Staubwolken fegten über den Kai. Weit draußen zuckten die Lichter der ankernden Schiffe. Das Meer warf weiße Kämme wider die Mauern und Treppen. Der zweite Offizier der »Astarte« stand plötzlich unter den am Kai gegen Wind und Staub Ankämpfenden. Er war mit Landurlaub in Kadiz gewesen und hatte eine alte Freundin besucht, wie er sie überall in den besseren Häfen besaß. Es war ein hochgewachsener, muskulöser Levantiner, braun und runzlig, wie 'ne Walnuß, immer vergnügt und zuversichtlich, viele Sprachen sprechend, aber jede in einem wunderlichen Dialekt, der durchaus seine eigene Erfindung war. »Jo,« sagte er jetzt und dehnte seinen gewaltigen Thorax, »a bissal noß wird es wärden ... Vorausg'setzt nämlich, daß sie uns 's Dampfbarkasserl von der ›Astarte‹ überhaupt noch einmal schicken tun.« »Wieso? Ist die Barkasse denn schon einmal gefahren?« »Jo, jo. Schon, schon. Die Ungarn sind mit hinüber g'fahrn. Grad vorhin. Halt a bissal noß. No, sie wer'n ›Eljen!‹ g'rufen hab'n, und nix wie durch! ... Aber 'is schon nit ganz ruhig hait – nein, das is nit. Aber nix zum fürchten, meine Damen, nix zum fürchten. Wann's halt kommt, 's Barkasserl, nachha fahr'n wer, und wann's halt nit kommt, 's Barkasserl, nachher gibt's hier auch Hotels in Kadiz. Jo, jo. Schon, schon. An der Place de Breto hamm's eins nei baut, jo. Und dann gibt's a ganz guts in der Calle Isaak.« »Um Gottes willen!« stöhnte Öltzendorff, in dem die Zusammensetzung von Isaak mit der von ihm mißverständlich gedeuteten Calle die Vorstellung an ein streng koscheres Restaurant erweckte. Kloppenbusch knickte zusammen und klammerte sich an Hildes Arm, die ihn, ein verschmitztes, glückliches Lächeln um den hübschen Mund, vom Bahnhof wie einen Schwerkranken geführt hatte. »O weh,« klagte er, »und hier kochen sie gewiß wieder alles mit Olivenöl, anstatt mit Butter.« Erichs Vorschlag, in einem Café am Hafenplatz bei einem Vermouth di Torino zu warten, ob die Barkasse noch einmal geschickt würde, fand Anklang. Man saß an verstaubten Tischen mit wackelnden Stühlen und bekam nach langen Gesprächen mit einem einäugigen Herrn in Hemdsärmeln, den ein schmutziges Tuch unter dem Arm als Kellner kennzeichnete, allerlei Dinge gebracht, die man nicht gewünscht hatte. Kognak, der nach dem Stopfen schmeckte, Biskuits, die aus Sägemehl hergestellt schienen, und in Stengelgläsern gelblich gefärbtes Wasser, in dem Zitronenscheiben und tote Fliegen schwammen. Schließlich, nachdem man eine Stunde gewartet halte, kam die Barkasse der »Astarte«, von dem halb zugekniffenen Auge des Offiziers schon weit draußen im Hafen erkannt und mit rühmenden Worten begrüßt. »Ah, jo, jo – da is nix gegen zu sagen – a bravs Schifferl is scho, das Barkasserl – und an Mut hat's. Bei Jaffa Hamm mir auch amal so ein G'spaß g'habt. Da is das Barkasserl auf einen Felsen a bisserl hart aufg'sessen ...« »Herr des Himmels, wenn das heute ...« Tilly Schuch fühlte bereits, wie sie in die feuchte Tiefe sank. »Aber nei –«, der Levantiner lachte zutraulich. »Felsen sind hier scho nit. Überhaupt – nix zum fürchten. Wann keine Wellen einschlagt in die Feuerung und die verlöscht, nachher ...« Wortlos und resigniert schleppten die Herren das Handgepäck nach der Kaitreppe zurück, der das Meer einen feuchten, weiß gezackten Teppich nach dem andern über die Stufen warf, das eben gebreitete Schaummuster sofort wieder zurückziehend. Die Einbordung gab einen Vorgeschmack der kommenden Genüsse. So sicher auch die zwei wetterharten Matrosen zugriffen, hoben, stützten und herüberzogen – Öltzendorff hatte doch Wasser in beiden Stiefeln, als er glücklich, den Hut im Genick, den Schirm zerbrochen, an der Kajütentür lehnte; und Grabusch hatte sich an irgendeinem metallischen Gegenstand das Schienbein so heftig gestoßen, daß er die Engel im Himmel pfeifen hörte. Schwammerls Steirerhütl aber schwamm auf einer spitzen Welle davon; eine andere deckte es tückisch zu, und nur die Spielhahnfeder tauchte noch einmal für ein Augenblickchen, wie um ein letztes Lebenszeichen zu geben, aus dem zerrinnenden Schaum. »Also – das Barkasserl hat scho für alle Platz. Die Damen, bittä, in die Kajüten ... die Herren, bittä, obben auf die Bankerl und – ein bisserl festhalten, bittä! Ein wenig glitschig vielleicht wird es sein – – von wägen den Wasser ... Holla! Achtung – ein kleiner Sprützer!« Sch–sch–scht – eine Welle kam breit, groß und kalt über Backbord. Grabusch, Zwingenberg und Pilzheimer, die hier, eingehakt, die Rümpfe vorgeneigt, die Füße gegen die Feuerungsluke gestemmt, wie drei Begrabene aus der Steinzeit, hockten, zogen die Köpfe, wie die geneckten Schildkröten, tief in die Kragen. Aber schon waren sie naß wie die Katzen. Das Wasser troff ihnen nur so von Hut und Nase und Pelerine. Wie eine wahnsinnig gewordene Nußschale – dachte Bergemann, der, in sein Plaid gewickelt, mit einem seitlichen Blick den Kampf des kleinen Fahrzeugs gegen diese Wellen betrachtete, die sich bald, wie glatte Mauern, vor seiner Spitze türmten, bald tiefe Täler plötzlich vor seinem Weg rissen. Zuweilen sah man die Lichter der wartenden Schiffe weit, verzweifelt weit da draußen. Dann wieder entzogen die Wogenberge sie den ängstlich unter tropfenden Hutkrempen spähenden Blicken, und man schien planlos in den grausamen Sturm des lichtlosen Ozeans zu steuern. Irgendwo sprach oder rief jemand etwas. Von anderer Seite antwortete Gebrüll. Keiner verstand ein Wort. Das ratternde Getöse der Maschine, das Zischen der Wellen, der Atem des Windes, der um die kalten Ohren und durch die nassen Haare pfiff, gab ein abscheuliches Konzert, gegen das Menschenstimmen nicht ankonnten. In der engen Kajüte unten zitterten die Damen. Sie wurden durcheinandergeworfen wie die Hühner, die ein Bauer in einem Korbe zum Markt fahrt. Elisabeth Hunneberg machte durchaus keinen heroischen Eindruck mehr. Sie hatte ihren ehemals prächtigen Sommerhut, wie eine Serviette, platt und unansehnlich unter dem Arm und krampfte die Hände um eine alte Bürste, die zur Schiffsreinigung diente und die sie irgendwo auf der engen schmalen Treppe im angstvollen Hinabgleiten gegriffen hatte. Sie hielt dieses Kleinod, ohne sich über den Zweck Rechenschaft zu geben, mit langsam erstarrenden Fingern fest, während sie, unsanft geworfen, mit den Schultern bald die Wand, bald die kleine eiserne Mittelsäule der ungastlichen Zuflucht berührte. Viktoria von Öltzendorff, weiß wie ein Handtuch, hatte sich krampfhaft in Selma eingehakt, die gewiß unter andern Umständen und auf festerem Boden sehr beglückt über die ehrenvolle Vertraulichkeit der sonst so hochmütigen Dame mit den vielen Ahnen gewesen wäre. Heute und in der gegebenen Situation machte ihr die Sache aber um so weniger Spaß, als ihr Viktoria bereits zweimal bei allzu plötzlichen Schaukelstößen ins Ohr gestöhnt hatte, daß ihr jetzt gleich schlecht werde. Maruschka Tiegs war da die einzige, die einige Haltung bewahrte. Was zum Teil an einem neuen, in Sevilla gekauften Korsett liegen mochte, das in seiner panzerartigen Struktur nun einmal keinerlei rasche oder energische Bewegung des Körpers zuließ. Aber dieses neue Korsett, das sie in den Hüften sehr schmerzte, gab auch ihrem nicht beweglichen noch bedeutenden Geist eine verhältnismäßig straffe Haltung. Und während sie sich an dem wie schlechte Musik klirrenden Geschirrschrank festhielt, nahm sie durchaus nicht wie die andern Damen innerlich Abschied von den ihr lieben Menschen, deren es auch für ihre Indolenz nicht allzuviele gab. Sie stellte vielmehr einige vergleichende Beobachtungen an, die für die davon Betroffenen nicht sehr günstige Resultate ergaben. Zum Beispiel erinnerte sie sich, daß Selmas unter den Damen mehrfach besprochener Teint in Sevilla noch blühend und vorbildlich gewesen, während jetzt der schweigsam gewordenen Wienerin, die beim Einsteigen noch gerade eine Welle übers Gesicht bekommen hatte, eine Art Himbeersauce von den Wangen in den Blusenausschnitt und eine dunkle Tintenbrühe aus den blassenden Augenbrauen über den kräftigen Nasenrücken lief. Und Viktoria von Öltzendorff betreffend stellte sie fest, daß diese edle Frau hinter Genua ein bißchen bewegte See dringend gewünscht hatte, da nach ihrer Ansicht der gesellschaftliche Wert der Passagiere, die wahre Beziehung und die gute Kinderstube sich erst in den Prüfungen solcher Sonderfälle, wie die Seekrankheit einen darstelle, erweisen könne. Wenn Viktoria von Öltzendoiff, dachte Maruschka Tiegs so bei sich, während ihr selbst der kalte Angstschweiß auf der Stirne stand und die Hüften schmerzten, diese Ansicht auch jetzt noch aufrecht hielt, so mußte sie über die eigene Kinderstube nicht eben hoch denken. Denn Viktoria befand sich nicht nur sehr schlecht, sondern sie verhehlte diesen Zustand auch keineswegs und machte Selma, an der sie sich, wie ein Ertrinkender an einem schwimmenden Schiffstrümmer, festhielt, zum unmittelbaren Zeugen ihrer menschlichen Schwäche. Als Frau Maruschka Tiegs noch mit einer ihr sonst fremden Geistesklarheit diese vergleichenden Beobachtungen anstellte, fiel ihr Auge ganz zufällig unter die gegenüberliegende Bank, von der ein grüner Plüschsitz zu Boden gefallen war. Auf diesem unansehnlichen grünen Plüschsitz aber hockte – so wahr sie lebte – ein kleines Mäuschen und verzehrte, unbekümmert um Sturm und Wogengang und drohendes allgemeines Verderben, zierlich die Vorderpfötchen gebrauchend, ein Stückchen Biskuit, das hier irgendein Schmausender in glücklicherer Stunde hatte fallen lassen. In diesem Augenblick aber verlor Frau Maruschka Tiegs vor Entsetzen alle ihre Fassung. Ihr stattlicher Busen sank atemberaubt in das Sevillaner Korsett. Was die wilde See, was der Gedanke an die Nähe eines feuchten und für die Zurückbleibenden unbekränzten Grabes in ihr nicht zu wirken vermochte, das hatte dieses kleine Nagetier mit dem harmlosen Spiel seiner Pfoten und seines Schwänzchens plötzlich erreicht. Ihre Lippen wurden weiß, ihre zuckenden Hände ließen den stützenden Schrank los: Frau Tiegs fiel, soweit das ihr neuer Sevillaner Schnürleib erlaubte, nach vorn und schrie mit einer Stimme, die für die Meldung eines Großfeuers genügt hatte: »Eine Maus – eine Maus!« Die Wirkung dieses Alarms war unerhört. Selma riß ihre Röcke bis übers Knie in die Höhe und brüllte auf, als ob ihre Füße in spanische Stiefel gesteckt würden. Viktoria von Öltzendorff vergaß, wie übel ihr zumute war, und retirierte kreischend auf die schmale, nasse Treppe, wo sie mit einem Sonnenschirm Lufthiebe nach unten schlug. Tilly Schuch aber kletterte mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte auf die Bank und hielt sich krampfhaft an einem verbogenen Kleiderhaken fest, während sie unausgesetzt rief: »Wo ist sie denn, die Maus? ... So jagen Sie sie doch hinaus, die Maus! ...« Der Gegenstand dieser allgemeinen Unbeliebtheit aber, die kleine, zierliche Maus, hatte im Schrecken über dieses wilde Getrampel ihr Stückchen Biskuit im Stich gelassen und war schleunigst in einem Häuflein Werg und Schnüre verschwunden, das unter der Bank lag. So fuhren die Damen der »Astarte«, durch eine kleine Maus von ihren Todesgedanken und der quälenden Beschäftigung mit allen Sterbensmöglichkeiten befreit, im Schirokko durch das empörte Hafengewässer von Kadiz ... Oben aber saßen die Herren, reglos, zusammengeballt, wie nasse, alte Säcke, in den Sturzwellen, die in immer kürzeren Abständen eine gründliche Abkühlung besorgten. Reubke und Mücke hatten sich, ihren Groll vergessend, um fester zu sitzen, ineinander eingehakt. Schwammerl hatte sich sein Taschentuch wie eine weiße Konditormütze über den triefenden Kopf gebunden und versuchte mit der teuflischen Lust eines Unbußfertigen sich klarzumachen, wie beschaffen für den unwahrscheinlichen Fall seiner Rettung aus dieser Elendsfahrt sein Schnupfen, und was dies Nasenübel die Versicherungsgesellschaft kosten würde. Scupinsky und Öltzendorff lagen bäuchlings über dem durch Eisenstäbe geschützten Fenster des Lichtschachts, der nach der arbeitenden Maschine in die Tiefe führte. Doktor Lux und der zweite Offizier, die, breitbeinig an den kleinen Schornstein gelehnt, just die Aussicht auf diese beiden, wie Opfer einer Schlacht Hingemähten hatten, kamen, ohne sich durch Worte zu verständigen, in der Ansicht überein, daß diese nicht zu beneidenden Herren, denen die Wellen in jeder Minute drei- bis viermal gründlichst den Nacken und seine Fortsetzung von oben bis unten bespülten, der Gesellschaft keinen schlechten Dienst taten. Sie halfen nämlich die einzig ernste Gefahr dieser üblen Fahrt vermindern, die Möglichkeit, daß in seiner Wut das empörte Wasser die Scheiben des Schachts durchschlage, in die Feuerung eindringe und die Maschine zum Stehen bringe: wodurch dann allerdings das Barkasserl sofort den Wert eines alten Knopfes im Waschbecken gewonnen hätte. Nur ein Fröhlicher, nur ein Zufriedener, ja Glücklicher war an Bord der kleinen Dampfbarkasse, die den immer näher, immer heller blinkenden Lichtern der verankerten »Astarte«, sich eigensinnig in die schwere See einbohrend, langsam zuschaukelte: Erich. Auf die Mitte der kleinen Querbank hatte man den kranken Kloppenbusch gesetzt. Von links stützte ihn nach einer beim Einborden rasch getroffenen Verabredung der Bankdirektor Tiegs, an dessen elegantem, seidengefüttertem Raglan längst kein trockener Faden mehr war. Rechts neben ihm stützte Hilde. Die Laterne am Schornstein warf unsichere Lichter über ihre Figur. Das dünne Mäntelchen klebte, von den Wellen reichlichst getränkt, an Brust und Arm und modellierte ihren ganzen jungen, knospenden Körper, so gewissenhaft jede Linie zur Geltung bringend, jeden Atemzug registrierend, daß dies alles zu sehen für einen Künstler hätte eine wirkliche Freude sein müssen. Erich stützte sie, wie Tiegs den bresthaften Kloppenbusch, von der andern Seite mit dem Rücken, während er die ausgestreckten Füße trotzig gegen die emporsteigende und rasch wieder sinkende Bordwand stemmte, wo sie in regelmäßigen Abständen im Wasser verschwanden. In all der Nässe und Kälte fühlte er wohlig die Wärme ihres runden Oberarms, glaubte manchmal ihren Atem zu spüren und hatte das selige Gefühl, indem er immer nasser und kälter wurde, einer hübschen Frau, die ihm wohlgefiel, Halt und Schutz zu sein. Obschon das Wasser in seinen Stiefeln gurgelte, wenn er die Zehen bewegte, obschon er das linke Ohr voll Wasser hatte und seine rechte Hand erstarrte, mit der er sich beim jähen Niederstürzen in die Wellentäler an der Bank festhielt, wäre er noch gern eine Stunde so, hin und her geworfen und durchnäßt, nach fernen Lichtern gefahren, all sein Denken und Fühlen mit glückseliger Energie konzentrierend in die aufmerkenden Nerven seines Rückens, die warm und weich von Hildes jungem, vollem Arm berührt wurden ... Der Kapitän stand mit ernstem Gesicht oben an der Treppe, als endlich die »Astarte« erreicht war und die Passagiere der Barkasse, unansehnlich, unkenntlich, zerzaust und verwaschen, wie gerupfte, begossene Hühner, von geschickten, starken Matrosenarmen auf die schwanken Stufen gerissen wurden. Oben auf dem Promenadendeck standen die Ungarn, »Eljen« und andere nicht ganz der Situation angepaßte Begrüßungsworte rufend. Auch die andern schon heimgekehrten Passagiere widmeten sich mit dem Behagen der in Sicherheit und in trocknen Kleidern Befindlichen dem wenig imponierenden Schauspiel dieser späten und glücklichen Heimkehr aus Andalusien. Auf der Schiffstreppe, hinter Kloppenbusch und Hilde emporsteigend, sah Erich zufällig dem schnaufend ein wenig hinter ihm Kletternden ins nasse Gesicht. Mühsam erkannte er Scupinsky, den die Bartlosigkeit doch sehr verändert hatte. Während Erich lächelnd die Lästerallee der mühsam den Respekt bewahrenden Matrosen und Stewards durchschritt, um sehnsuchtsvoll zu seiner trockenen und warmen Kabine zu eilen, dachte er bei sich, wie merkwürdig zurückhaltend sich der sonst so laute Edle von Scupinsky doch auf diesem Sevillaner Ausflug benommen. Man hatte ihn eigentlich nirgends gesehen, und seine vordringliche Art hatte sich weder im Hotel noch bei den Murillos oder in der Kathedrale störend bemerkbar gemacht. ... Beim Diner, das mit einer Stunde Verspätung serviert wurde, erschienen alle Herren, bis auf Kloppenbusch. Die Damen fehlten sämtlich. Herr von Öltzendorff meldete überflüssigerweise, seine Schwester ziehe es vor, an ihrem Tagebuch zu schreiben. Grabusch, den sein Weg vorhin an Viktorias Kabine vorbeigeführt hatte, überlegte, warum sie wohl zu dieser geistigen Arbeit so gräßliche Würgtöne hören lasse. Das allgemeine Gespräch drehte sich nur um Abenteuer und Gefahr der überstandenen Überfahrt; und während die andern detailliert ihre Eindrücke und Empfindungen – darunter bemerkenswerte und heroische – bei diesem Kampf mit den Elementen darlegten, versicherte Schwammerl nur immer wieder: »I hab halt nix denkt, als: aus is!« Erich redete wenig, aber lächelte vergnügt vor sich hin und aß zerstreut ein Weißbrot nach dem andern. Gefahr und Sturm und Wellengang, das alles war ihm auf seinem Hilde schützenden Sitz kaum anders zum Bewußtsein gekommen, denn als eine Fortsetzung jenes Gangs durch die Klosterkirche, in der die lieblichen Madonnen Murillos sich zu Heiligen und Bettlern und Hirten freundlich niederbeugten. Mücke am Nebentisch hörte nicht auf Reubkes Schilderungen seines farbigen Unterzeugs, das er in Genua für teures Geld gekauft und das nun in der abscheulichsten Weise die Farben gelassen, so daß er, wie er eben beim Umkleiden mit Entsetzen entdeckt, Schenkel so blau wie Volksschulhefte habe. Mücke riet ihm, ein Bad zu nehmen – ein Einfall, auf den Reubke selbst schon gekommen war –, und starrte mit provozierendem Lächeln zu Erich hinüber. Dazu trank er sehr viel würzigen Chablis, den er bevorzugte, ohne ihn recht vertragen zu können. »Mahlzeit!« Der Kapitän hob die Tafel auf. Die Herren zerstreuten sich mit der Zigarre auf dem Promenadendeck, um die Vorbereitungen zur Abfahrt mit anzusehen. Mit einem raschen Entschluß war Bergemann, da er Erich im Rauchzimmer verschwinden sah, auf Mücke zugetreten. »Herr Mücke, ich möchte Sie um eine kleine Unterredung bitten.« »Mich?« Der Gent sah etwas erstaunt von seinem Kaffeetäßchen auf. »Bitte, gern.« »Ja, aber nicht hier.« »Vielleicht gehn wir ein bißchen herum –? – Oder im Rauchzimmer?« »Ich wäre Ihnen dankbar, Herr Mücke, wenn Sie mir in meiner oder Ihrer Kabine ein paar Augenblicke ...« Mückes Augen wurden klein, seine Zunge leckte die Zahnspitzen. Er überlegte. »Vielleicht bei mir – es ist, denk' ich, etwas geräumiger als bei Ihnen.« Und da er Bergemanns zustimmendes Kopfnicken sah, ließ er den Sanitätsrat vorangehen und bemerkte noch in seiner nichts betonenden, näselnden Art: »Es ist allerdings wohl schon für die Nacht gerichtet ... Und ein wenig dumpf, da die Luke geschlossen war bis vorhin ...« »Herr Mücke,« begann Bergemann in der Kabine, die angenehm nach allerlei Toilettenwasser und Essenzen roch und auf dem Tischchen die elegante und raffinierte Ausrüstung eines verwöhnten Reisenden in Leder, Silber und Elfenbein aufgereiht zeigte, »es handelt sich nicht eigentlich um meine Angelegenheit – sondern um – um meinen jungen Freund ...« »Ach, um diesen Herrn Erich Eckardt – Doktor und Assessor?« Bergemann hörte den ironischen Ton auf den nachschleppenden Titeln. Er wollte aufbrausen, aber er bezwang sich in der Erwägung, daß er ja hier war, um Skandal zu vermeiden, nicht um welchen zu machen. Mücke bot aus monogrammgeschmückter Dose Zigaretten an, die Bergemann dankend ablehnte, und sagte ohne sonderliches Interesse, während er seine Ägypterin lässig entzündete: »Ich darf mich wohl erkundigen, Herr Sanitätsrat, ob Sie in irgend jemandes Auftrag ...?« »Nein. Es ist lediglich mein eigner aus allerlei Erwägungen und Beobachtungen entspringender Entschluß, der mir den Wunsch nahelegt, mit Ihnen zu reden, ehe –« »Ehe?« Die dürftige Gestalt des Gents richtete sich aus ihrer affektierten Schlappheit auf. Es war ersichtlich, er posierte den Kavalier, der irgendeine versteckte Drohung wittert und an seiner eisernen Ruhe abprallen lassen will. Bergemann betrachtete ihn wie ein fremdartiges, wenig sympathisches Tier. Dieser Jüngling ohne Jugend, dieser Poseur der Noblesse ohne die leichte, angeborene Liebenswürdigkeit des wirklich Vornehmen, erschien ihm als der peinliche Typ, der die Kultur Mitteleuropas einem natürlichen Empfinden zum Ekel macht. Und doch lag, wie versteckt und geheim gehalten, in den zur Gleichgültigkeit dressierten Zügen dieses jungen Mannes etwas, das ihm zu raten gab, das ihn an ein fernes Erlebnis, vielleicht an eine ähnlich geartete Menschlichkeit, die seine Jugend gekreuzt, dunkel erinnern wollte. »Ich darf wohl –« die Worte fielen Mücke ohne jede Betonung aus dem linken Mundwinkel, während im rechten die Zigarette hing –, »darf wohl um das interessante Resultat der Beobachtungen und Erwägungen bitten?« Und gewissermaßen um anzudeuten, daß seine Zeit kostbar sei, zog er dabei seine flache Taschenuhr, an deren schwarzem Chatelaineband ein kleines mattgoldenes Medaillon baumelte. »Ich werde sehr kurz sein, Herr Mücke. Ich habe mit – ja, wie soll ich sagen – mit einigem Erstaunen beobachtet, daß Sie schon auf der Rückfahrt von Granada, dann in Tanger und jetzt auch wieder auf der Tour nach Sevilla meinen jugendlichen Freund – den Assessor –« »Wenn er ebenso Ihr Freund ist wie Assessor – so ist die Sache in Ordnung.« Bergemann wurde ungeduldig. Er fühlte, wie die Nervosität in seinen Fingerspitzen kribbelte. »Wenn Sie vielleicht Ihre pythischen Äußerungen zurückdrängen könnten, Herr Mücke, bis ich ausgeredet habe, so wäre ich Ihnen aufrichtig dankbar. Ich wollte also sagen: Sie haben in letzter Zeit, was mir auffiel, meinen jungen Freund, Doktor Eckardt ...« »Ach – Doktor ist er auch?« »Allerdings, Doktor utriusque juris . Haben Herrn Doktor Eckardt mit einer Art – nennen wir's: satirischer Vertraulichkeit behandelt – um nicht zu sagen: zudringlicher Ironie – die in Ihrem Alter und in Ihrer wechselseitigen Beziehung wirklich kaum die rechte gesellschaftliche Begründung hat.« »Soll das –« Mücke runzelte die Stirn und wurde offiziell – »soll das etwa auf eine von mir nicht erbetene Belehrung hinauslaufen?« »Vielleicht auch das! Auf eine Belehrung, die nur die Form einer ebenso höflichen wie energischen Warnung annehmen möchte.« »Ich sehe hierzu weder eine Veranlassung noch eine Berechtigung.« »Die Entscheidung darüber müssen Sie schon mir überlassen, Herr Mücke. Ebenso wie die Verantwortung. Ich habe – und das sage ich auf Grund des zwar vorzüglichen, aber nicht allzu geduldigen Charakters meines jungen Freundes –« »Ach – einen vorzüglichen Charakter hat dieser Doktor utriusque auch?« »Herr Mücke!« Um Bergemanns sonst so gutmütige Augen bildeten sich seltsame Fältchen. Er stand auf und trat, wie es die Enge des Raumes erheischte, ziemlich dicht vor den fast andachtsvoll mit dem Brand seiner Zigarette beschäftigten Gent hin. »Sie belieben nun auch mich zu ironisieren. Das ist mir gleichgültig. Ich spreche hier nicht, um Streit zu suchen – am wenigsten mit ... nun mit sehr jungen – sehr unfertigen Leuten, die noch kaum so etwas wie eine Persönlichkeit zu verteidigen haben ...« »Herr Sanitätsrat!« »Pardon, jetzt rede ich.« Bergemann sagte es ganz leise, aber in einem so energischen Ton und mit einem so stahlharten Blicke, daß Mücke seine gespielte Gleichgültigkeit verlor und das nervöse Zucken seiner Mundwinkel nicht mehr beherrschen konnte. Eindringlich und den Gent fest im Auge behaltend, fuhr Bergemann fort: »Ich will Ärgerlichkeiten vermeiden – für meinen jungen Freund, für unsere Reisegesellschaft, für dieses gastliche Schiff. In letzter Linie für mich. Und in allerletzter Linie – auch für Sie.« »Ich bitte, um mich nicht besorgt zu sein.« »Ich bin nicht besorgt um Sie. Aber wenn Sie Herrn Doktor Eckardt weiter in dieser Weise reizen und provozieren, so ...« »So –? Bitte?« »So würde er Sie, wie ich ihn kenne, spätestens morgen zur Rede stellen in einer so nachdrücklichen Weise –« »Würde er? ... Nun denn, Herr Sanitätsrat, so würde ich ihm – wenn ich diesem empfindlichen Kavalier nicht noch ganz anders zuvorkomme – kühl bedeuten, daß ich mich mit einem Hochstapler ...« »Mit – was?« »Ich sagte: daß ich mich mit einem ganz gewöhnlichen Hochstapler – auf nichts einlasse.« »Mein – Herr! Haben Sie denn den Verstand verloren?« »Ich wüßte nicht. Fragen Sie doch gefälligst einmal Ihren famosen Herrn ›Doktor‹ Eckardt, wo der Rubin der Herzogin ist!« Bergemann stand wie erstarrt; aber das Blut schoß ihm in die Augen, und er fühlte, daß seine Hände irgend etwas zerbrachen, das er vom Tisch gerafft hatte. »Sie wollen damit doch nicht etwa ausdrücken – –« »Ich will immer ausdrücken, was ich sage. Den in Barcelona ›verlorenen‹ und von uns allen aufgeregt gesuchten Ring der Frau Tilly Schuch hat am Abend in Granada, spät – als er allein war oder dies zu sein glaubte – Herr Erich Eckardt seelenruhig am Finger getragen.« »Wer – wer sagt das?« »Ich!« Bergemann wußte nicht, daß er's getan hatte. Er hatte das im Triumph doppelt hochmütige Gesicht des Gent dicht vor sich gesehen, höhnisch, provozierend. Da war plötzlich die Hand des im Zorn Überkochenden, wie von selbst, rasch und schwer und klatschend dem jungen Menschen auf die blasse rechte Backe gefahren. Das Monokel sprang aus dem Auge und fiel auf den Boden. Bergemann trat es mit dem Absatz in Splitter. Ein kurzer, unterdrückter Schrei, gepreßt aus Verblüffung, Schmerz und Wut. Mücke beugte sich blitzschnell über den Tisch, suchte und griff zu. Der kleine Revolver in seiner Hand funkelte, und die Sicherung knackte zurück. Mit eiserner Faust halte Bergemann die Hand gefaßt, die die Waffe drohend nach seiner Stirn richtete. Mit der Rechten griff er, Weste, Hemd und Krawatte zusammenreißend, dem Gent in die Brust, hob und warf ihn, wie ein Bündel, über das Bett. Dann flog in weitem Bogen die Waffe durch die Luke über das schmale Bootsdeck hinaus in das unruhige Hafenwasser. »Ein dummer Affe sind Sie«, keuchte Bergemann wütend, »und ein elender Verleumder obendrein! Danken Sie Gott, daß die Kraft eines rüstigen Sechzigers Ihre ausgemergelte, disziplinlose Blödigkeit verhindert hat, auch noch einen feigen Mörder aus Ihnen zu machen!« Mücke lag, schwer nach Atem ringend, in den Kissen. Die niedrige Lächerlichkeit der Situation erwürgte ihn fast. Es war mehr ein Schluchzen als eine Kette von Worten, was sich aus seiner zitternden Kehle rang. »Das – das – werden Sie – bereuen!« »Ich glaube kaum.« Bergemann richtete sich auf und zwang sich, einen Augenblick die Augen schließend, zur Ruhe. »Wir werden das Gespräch fortsetzen – morgen. Bis dahin werde ich Stillschweigen bewahren darüber, daß ich Sie züchtigen mußte und das in Bubenhänden gefährliche Spielzeug ins Meer warf.« Mücke stöhnte wie ein Tier. Bergemann lauschte nach dem Korridor, wo er Stimmen hörte. Es waren die Ungarn, die lachend ihre Kabinen aufsuchten. Er nahm seine Mütze vom Tisch. »Sie werden selbstverständlich auch strenges Stillschweigen bewahren ...« »Sie werden mir ... werden mir Satisfaktion geben.« Mücke vergaß, daß er durch Scupinskys schwarze Kugel seit jenem Abend in Nizza ein toter Mann war. »Ihnen? Nein.« Mücke hörte die Tür seiner Kabine öffnen und wieder schließen. Aber ihm kam vor, das alles ginge ihn nichts mehr an. Bergemanns ruhige Schritte verhallten auf dem Korridor. Dann vernahm man des Kapitäns Stimme, der einen Steward anwies: »Nehmen Sie Hänschen herein! Wir fahren gleich.« Von der Schwemme her hörte man lachende Männerstimmen. Pilzheimer gab eine Feuerzangenbowle zum besten. Mücke biß vor Scham und Wut in das Kissen. Seine Hände zerrten an dem Leintuch des Bettes. Er war geschlagen worden ... sein Monokel war zertreten – sein Revolver aus der Luke ins Meer geworfen – – er war geohrfeigt, geohrfeigt! ... Und sollte eigentlich schon tot sein! Eine Leiche mit Maulschellen! Also dafür hatte ihn das Leben aufgespart, dafür! – Bergemann hatte in seiner Kabine das Licht angeknipst. Da sein Zorn sich in Handlung umgesetzt hatte, seine Wut verraucht war, schob sich etwas wie Mitleid vor die Verachtung. Wie einen Schulbuben hatte er ihn behandelt ... Freilich – hätte er nicht so rasch zugepackt, wäre er selbst ein toter Mann gewesen. Geschossen hätte der miserable Gent; gewiß, er hätte geschossen! Mechanisch wollte sich Bergemann auskleiden. Da sah er zufällig, wie er den linken Arm hob, daß an seiner Manschette etwas herabhing. Ein schwarzes Band und daran etwas Blinkendes. Mückes Chatelaine war, als Bergemann den Rasenden packte und über das Bett warf, an der Uhr abgerissen und an seinem Manschettenknopf hängengeblieben. Er nestelte das Band nicht ohne Mühe los. Überlegend, ob er Mücke in einem Kuvert Band und Medaillon noch jetzt durch den Zimmersteward zurückschicken sollte, öffnete er die goldne Kapsel. Er sah hinein – stutzte – erschrak. Bergemann trat ganz nah an das Licht, das vor dem Spiegel des schmalen Waschschrankes aus verzierter Birne leuchtete. Das Medaillon zitterte in seiner Hand. Seine Augen wurden starr und groß. Da war kein Zweifel möglich ... Nicht mehr so jung, wie er sie noch gekannt, war sie auf diesem Miniaturbild ... älter und müder blickten ihre schönen, großen, einst Trotz, Energie und Lebenslust sprühenden Augen ... aber das Oval des feinen Gesichtes mit der geraden Nase, die Ähnlichkeit mit Murillos Mercenarier-Madonna, vor der er heute früh in der Klosterkirche Sevillas, erschreckt von der Erinnerung, gestanden ... Und nun fiel ihm wieder ein. daß ihm Erich bei Tisch beiläufig erzählt: er habe zu seiner Verwunderung Mücke am Nachmittag ganz allein vor dem Bild der Madonna gefunden ... Nun wußte er's, was den Gent noch einmal zurückgetrieben! Er war mitten in seiner unnützen Liederlichkeit, in seinem hohlen, interesselosen Dasein seiner toten Mutter begegnet! Bergemann saß noch lange angekleidet auf seinem Bett und betrachtete mit feuchten Augen im Medaillonbild das feine, kühle, müde Antlitz seiner einzigen Schwester ... Siebentes Kapitel. Bergemann stand ganz allein in der Spitze des Schiffes und wartete auf Doktor Lux. Er hatte nach dem Diner den Arzt gebeten, wenn möglich eine Zigarre mit ihm ganz vorn in der Spitze zu rauchen, wo er ungestört mit ihm sprechen zu können hoffte. Er war schon eine Weile hier. Aber das Warten wurde ihm nicht lang. Er überlegte. Kap Finisterre hatte man heute früh umschifft; man mußte bald in den Golf von Biskaya kommen. Er hätte das Wichtigste gern erledigt, ehe die Tücke des gefürchteten Golfs vielleicht neuen Aufschub erzwang. Der Sanitätsrat zog die Uhr. Es war wenige Minuten nach acht und noch hell. Ein zarter, goldener Schimmer lag ausgegossen über Himmel und Meer. Links im Westen hinter einem breiten, glühenden Wolkengürtel, der den Horizont säumte, rüstete die Sonne majestätisch zum Untergang. Ganz dicht an die Flaggenstange im Schiffsschnabel tretend und hinunterblickend in die Tiefe, freute sich Bergemann über das alte, oft genossene Spiel. Jetzt schien der Boden unter ihm zu weichen, und er sank; sank weich, gleitend, wie gezogen; sank, den schäumend aufzischenden Wellen ganz, ganz nah – und jetzt hoben sich die Planken wieder unter ihm und nahmen ihn mit hinauf aus den niedergekämpften, ohnmächtig nachdrängenden Wassern, als wollten sie ihn gleich in den Himmel hinaufreichen. Bis das Merkwürdige kam, ähnlich dem Anhalten in einem Lift – kein Heben mehr, kein Senken und doch das Bewußtsein, daß diese Ruhe nur ein ganz vorübergehender Moment ist, in dem der Atem unwillkürlich stockt und jeder Nerv gespannt auf den schnellen Weg bergab wartet, der nun wieder beginnen muß. Vom Rücken her ein leises Klirren. Bergemann glaubte, der Doktor käme. Aber es war nur der Wind, der durch das Tauwerk fuhr. Die schweren, rostigen Ankerketten lagen wie schlafende Ungetüme gestreckt über den schwarzen Rollen. Die endlos sich dehnenden Wogen bewegten sich gleichmäßig, wie schwere, dunkelgrüne Tücher, unter denen ein eingeschnürtes, unheimliches Leben aus dem Kerker der Tiefe an den Abend drängt, an die Luft. Es ward rasch dunkler. Von den weißen Geländern, von Brückendeck und Kommandobrücke leuchteten die runden Rettungsgürtel wie festlich aufgehängte Kränze an einer Museumswand. Die grünbeschirmten Lämpchen im Schreibsalon wirkten zwischen den behaglichen kleinen Vorhängen wie festliche Lichter einer Bourgoiswohnung, die ihre Sonntagsgäste erwartet. Bergemann erkannte am geraden Rücken die Silhouette Viktoria von Öltzendorffs, die nun wohl wirklich dort an ihrem Tagebuch schrieb, ihre antirepublikanischen Gefühle ausströmte bei verärgerter Schilderung des Besuchs von Lissabon und ihr Naturgefühl im enthusiastischen Lobe der Pinien und immergrünen Eichen in den schattenkühlen Wäldern um Cintra ... Oben auf der Kommandobrücke bewegten sich langsam die dunklen, massigen Gestalten zweier Offiziere. Am Mast kletterte die Signallampe hoch. Der Schornstein stieß mürrisch ein paar schwarze Wolken in den tiefblauen Abendhimmel. Aus den Küchenluken hatten die Köche Küchenabfälle und Konservenbüchsen geworfen. Das tanzte jetzt alles, Gemüse, Federn, Orangenschalen, verschönt, geadelt vom Glanz des Abends, hinter dem Schiff her: und das Meer warf seine weißen Krönchen dazwischen. Wie das Gemeinste sich verschönt und veredelt im Lichte der Kunst! dachte Bergemann, dem zurückbleibenden Abfall nachsehend; und dann dachte er, daß er diesen Satz Viktoria von Öltzendorff schenken müßte für ihr Tagebuch, und sie hätte eine Trivialität mehr. Da war aber der Doktor wirklich! Bergemann roch seinen scharfen englischen Tabak früher, als er die Schritte und die Stimme des leise fluchend über Ankerketten und Taue Stolpernden hörte. »Sie haben befohlen, Herr Oberkollege ...« Der Doktor legte die Hand salutierend an die Mütze. Seine sonst blassen Wangen waren ein wenig gerötet. Die dunklen Äuglein funkelten vergnügt hinter dem Zwicker. »Sie sind guter Laune, Doktor.« »Immer, wenn's hineingeht in die Biskaya! Da bekommt unsereiner mal ein bißchen zu tun. Na, und nun arbeitet mir der angenehme neue Passagier, dieser Herr Pilzheimer, noch kräftig in die Hände. Direkt Agent provocateur , der gute Mann. Unbekümmert um das Wimmern seiner Eheliebsten, die nebenan im Stuhle lag, zugedeckt wie für 'ne kleine Südpolentdeckung, hat er doch von den Schrecken der Biskaya Wunderdinge erzählt! Wie's da mit dem Schaukeln und Stoßen und Schlingern noch gar nicht genug sei, sondern daß es – erwiesenermaßen – eine eigne ›Biskayabewegung‹ gebe. Die setzt sich – nach Pilzheimer – aus all den andern angenehmen Attacken kunstvoll und lieblich zusammen ... Ich werde aus dem Unglückspropheten nicht klug. Ob er nur verrückt ist, wie Hamlet, bei Nordnordost, oder ...« Bergemann interessierte Pilzheimer und sein Geisteszustand bei Nordnordost gar nicht. Er hatte den Arzt auch nicht hierher gebeten, um mit ihm über die Nöte der Biskayabucht zu verhandeln, die er ja schon mehrfach selbst durchfahren und allemal gut bestanden hatte. »Sagen Sie mir, mein lieber Herr Doktor – wie steht's nun eigentlich mit unserm Herrn Mücke?« Der Doktor klopfte seine kurze englische Pfeife aus und begann sofort umständlich eine neue zu stopfen, wobei ihm der Wind das Geschäft nicht gerade erleichterte. »Mit – unserm Herrn Mücke? Wunderlich, was sich auf einmal für ein Interesse für diesen Unglücksmann kundgibt. Herr Doktor Eckardt hat mich eben nach ihm gefragt und jetzt Sie ...« Bergemann fühlte einen neugierig forschenden Blick der listigen, dunklen Augen auf sich gerichtet. Er wünschte durchaus nicht, seine kaum erkannten Beziehungen zu Arthur Mücke irgendwie preiszugeben oder ahnen zu lassen, dämpfte daher seine innere Erregung zu möglichster Gleichgültigkeit und sagte, während er sein Glas aus dem Futteral nahm und daran herumschraubte, als ob er auf der dunklen See noch Flaggensignale fahrender Schiffe zu erspähen hoffe: »Na schließlich, wenn man mit einem Herrn zusammen reist, und auf einmal verschwindet der – von Kadiz bis Kap Finisterre ... kommt die anderthalb Tage in Lissabon nicht aus der Höhle und rafft sich nicht mal auf, Cintra anzuschauen ... ja, also –« »Tja – ich weiß nicht, ich vermisse nie einen Menschen. Meinetwegen kann jeder in seiner Höhle bleiben. Die Welt ist doch nun mal so eingerichtet, daß immer ein andrer zum Ersatz schon auf dem Sprunge steht. Als meine Tante Erna starb, bei der ich in Pension war, kam ich sofort zu einer andern Tante – Adele –, die noch viel unausstehlicher war. Und als der Zoologe, der mich im Physikum prüfen sollte und mich sicher elend schikaniert hätte, drei Wochen vorher zu seinen Vätern versammelt wurde, schwupp, war ein andrer Ordinarius der Zoologie da, der mich auch durchfallen ließ. Und nun gar einen Herrn Mücke vermissen –? So was ist doch wie sein Name – eine Mücke mehr oder weniger – was liegt daran? Wie ein Wassertropfen ist der Mann. Wer vermißt einen Wassertropfen nach dem Regen?« Bergemann war diese abfällige Kritik der unerheblichen Qualitäten Mückes, wie die Verhältnisse lagen, nicht angenehm. Auch brachte sie ihn seinem Ziel um nichts näher. Er versuchte also von andrer Seite. »Nun, Sie müssen doch zugeben, lieber Kollege, man hat als Arzt ...« »Ach, so – als Arzt? Ja, das ist wieder etwas andres. Als Arzt würde mich jedes kranke Schwein, jeder epileptische Maulwurf interessieren. Also selbst solcher Herr Mücke. Und wie der Fall liegt – interessiert er mich sogar sehr. Denn sehen Sie, als ich – wann war's doch? Ja, richtig: als ich am Morgen nach der Abfahrt von Kadiz vom Zimmersteward – gegen des Patienten Wissen und Willen – zu dem Patentjüngling gerufen wurde, da hatte der Patient doch ganz seltsame Erscheinungen! Kein Fieber – bei hochgradiger Erregung. Keinen Appetit – bei normalen Temperaturen und gesteigertem Puls. Und auf der linken Wange bis zum Halse eine ziemlich kräftige Schwellung, die auch das Auge etwas verkleinerte. Druckempfindlich – nein. Ich stellte die Diagnose: Ziegenpeter – Parotitis – Schwellung der Ohrspeicheldrüse und der Lymphdrüsen ... Immerhin unangenehm – weniger für den Patienten als für das Schiff, da die Sache infektiös ist. Also – Ansteckungsgefahr vorhanden ...« »Hm!« Bergemann dachte bei sich, daß die Ansteckungsgefahr bei den ihm bekannten Ursachen dieser halbseitigen Schwellungen nicht eben groß sei. »Und – haben Sie Ihre Diagnose bestätigt gefunden?« »Natürlich nein. Unter uns: die erste Diagnose ist nie richtig. Man sollte immer gleich mit der zweiten anfangen. Der Vorteil und Erfolg der meisten berühmten Konsultationsärzte besteht eben darin, daß sie das tun; daß sie gleich die zweite Diagnose stellen. Denn die erste, falsche hat eben der biedere Hausarzt schon pflichtschuldigst geleistet. Der Laie weiß das nicht so und honoriert – instinktiv logisch – die zweite Diagnose willig weit höher als die erste.« »Und Ihre zweite Diagnose im Fall Mücke?« »Da baue ich noch daran. Die Schwellung ist – nach Anwendung einiger harmloser Umschläge – von denen ich sogar vermute, daß er sie bloß an die Wand geschmissen hat – merkwürdig rasch verschwunden. Spurlos. Ohrspeicheldrüse, Lymphdrüse – normal. Aber die allgemeine Indisposition besteht. Denken Sie doch, wenn ein immerhin den Jahren nach junger Patient, der doch die Reise vermutlich zu seinem sogenannten Vergnügen unternommen hat, Lissabon schwimmen läßt! Lissabon und Cintra! Als ob sich's um die Besichtigung von Neutomischel handelte ... Kennen Sie übrigens Neutomischel? Ich war tatsächlich mal dort. Maschinendefekt zwischen Frankfurt an der Oder und Posen. Riecht gräßlich nach Hopfen da.« Bergemann hatte für Neutomischel und seine Gerüche augenblicklich kein Interesse. Der Doktor hatte da so ganz beiläufig eine Frage angeregt, die ihn selbst schon all' die Tage beschäftigt und bekümmert hatte; die mit ihm an die portugiesische Küste gestiegen war, die er im Belem-Kloster und in der Kathedrale Lissabons nicht zur Ruhe bringen konnte; die ihn durch die verlassenen, aus Pracht und Spießbürgertum seltsam gemischten Räume des Palacio Real in Cintra geleitet hatte: warum, zu welchem Zweck, in welcher Eigenschaft machte der sichtlich verwöhnte junge Mann, der sich Arthur Mücke nannte und unzweifelhaft sein Neffe, der Sohn seiner verstorbenen Schwester, war, diese Reise um Spanien nach England? Und dann: wie kam er zu dem seltsamen Namen Mücke? Wie waren seine Verhältnisse? Was waren seine Aussichten, Pläne und Pflichten ...? Noch in jener Nacht, die der üblen Szene in der Kabine Mückes folgte, hatte Bergemann an dem wackelnden Kabinentischchen einen langen Brief an den Neffen geschrieben, den er am andern Morgen ganz früh durch den Steward abgeben ließ. Der Brief war eine seltsame Mischung gewesen von wehmütiger Freude, eine Spur, ein Zeugnis, ein Kind seiner einst geliebten Schwester wiedergefunden zu haben; von mühsam beherrschtem Zorn, diesem Kind just als erwachsenem Sohn mit Lebemannsallüren und unverantwortlichen Prätensionen begegnet zu sein; und von ehrlichem Ärger, sich diesem neu entdeckten Neffen in einer Weise genähert zu haben, die mit frohen Regungen des verwandten Bluts nichts gemein hatte. In herzliche Gefühlstöne mischte dieser Brief wunderliche Dialektik, die es doch noch als eine gnädige Fügung des Schicksals deutete, daß der Temperamentsausbruch des Onkels das Medaillon an der Uhr des Neffen löste. Und was diesen Temperamentsausbruch selbst anbetreffe – so führte der Brief etwas sophistisch aus –, so habe eben ein erzürnter Onkel ein jüngeren Jahren gegenüber sogar von den Gesetzen zugegebenes Züchtigungsrecht – in instinktiver Wallung – etwas verspätet geltend gemacht. Und wenn er auch die unerfreuliche Szene in der Kabine selbst, die immerhin gar glückhafte Folgen gehabt habe, nicht durch diese Zeilen aus der Welt schaffen wolle oder könne, so bitte er doch, die Erinnerung daran zeitlich etwas zurückzuschieben, gewissermaßen umzudatieren ... Bergemann hatte selbst im Schreiben bei diesem Passus nicht das Gefühl gehabt, sich sehr überzeugend auszudrücken. Aber schließlich – Blut ist ein ganz besonderer Saft. Das gemeinsame Blut mußte über diese Klüfte, Erregungen und Irrungen hinweghelfen ... Diesen gewunden beginnenden, in warme Herzlichkeit ausklingenden Brief hatte Mücke wohl angenommen. Vielleicht nur, weil er das bereits vermißte Medaillon darin fühlte. Beantwortet aber halte er ihn mit keiner Silbe; und den mehrfach angebotenen Besuch Bergemanns hatte er wortkarg, aber energisch abgelehnt. Im Wagen auf der Fahrt nach Cintra hatte dann Bergemann seinem jungen Freund Erich, mit dem er allein fuhr, sein besorgtes Herz geöffnet. So hatten die beiden – der eine leidenschaftlich bewegt, der andere durchdrungen vom Wunsche, zu raten und zu helfen –, immer das Seltsame dieser Begegnung und ihrer Folgen beredend, wenig gesehen von der Schönheit der über dem Städtchen trotzig ragenden Maurenburg, von der wunderbaren Aussicht von der Kuppel des Castello da Pena über die Zedern, Platanen und Thujas der Gärten und Wälder hinüber nach der Tajoebene und nach der blauen, friedlich sich breitenden Fläche des Atlantischen Ozeans. Erich hatte vorgeschlagen, daß er Mücke um eine Unterredung bitten lasse. Er hatte das auch nach der Rückkehr an Bord sofort getan. Hatte aber die Antwort erhalten, Herr Mücke fühle sich krank und wünsche niemand zu sehen. Aus dem Zimmersteward, einem wortkargen, rothaarigen Irländer, der außerdem noch durch gute Trinkgelder zur Diskretion verpflichtet schien, war nichts herauszubekommen. Er hatte immer nur die stereotype Phrase: »Herr Mücke ist nicht seekrank, aber er befindet sich noch wenig wohl. Er hofft, in Amsterdam gleich an Land gehen zu können.« So bestand für Bergemann nur die Möglichkeit, mit dem in freiwilliger Gefangenschaft Trotzenden in eine gewisse Verbindung zu treten, in einer vorsichtigen Bestellung durch den Schiffsarzt. Bergemann war deshalb auch herzlich froh, als Doktor Lux nach einer längeren Abschweifung über Posen, Neutomischel, Frankfurt an der Oder und das wenig gute Wagenmaterial der Königlich Preußischen Eisenbahnen im Osten der Monarchie endlich in den Golf von Biskaya und auf die »Astarte« zurückkehrte. »Und haben Sie denn Anzeichen, daß der üble Zustand – ich meine die seelische Depression, die offenbar mitspielt – sich bei dem Patienten bessern wird?« »Gewiß, Neurastheniker ist der Mann auch. Sogar nicht zu knapp. Schade, daß er keinen Beruf daraus machen kann. Allerdings, abnorme Sensationen fehlen; Neurasthenia spinalis scheint nicht vorzuliegen. Aber Kopfdruck, Mattigkeit, Ohrensausen – besonders im linken Ohr – deuten auf ...« »Hm! Im Ohr –?« Bergemann wurde unruhig. »Haben Sie das linke Trommelfell untersucht?« »Nein. Aber am Trommelfell ist natürlich nichts. Es sind die ganz gewöhnlichen Symptome der zelebralen Form der Neurasthenie. Auch die üblichen Todesgedanken fehlen natürlich nicht. Und sogar, hm ... Pardon, daß ich das konstatiere: ich fasse das Gespräch als eine Art Beratung unter Kollegen auf ...« »Ich bitte darum!« »Sonst dürfte ich natürlich nicht ... Ja, denken Sie, er hat mich allen Ernstes schon zweimal um Beschaffung eines Revolvers gebeten ... Nur die Waffe selbst braucht er –, Patronen hat er ... Wunderlich, der ganze Kerl. Geht mit drei Schachteln Patronen auf die Reise, bloß den dazugehörigen Revolver vergißt er.« Bergemann dachte bei sich, wie gut es war, daß er nach der Ohrfeige noch Gelegenheit hatte, den Revolver aus dem Kabinenfenster weit hinaus ins Meer zu werfen. Dann aber stieg ihm die Angst heiß in die Schläfe. Schließlich war der Tod, den ein Lebensüberdrüssiger suchte, doch nicht an den Besitz einer Pistole gebunden. Ein Schnitt mit dem Rasiermesser durch die Pulsadern, ein Sprung über Bord taten's auch. Als ob der Arzt seine Gedanken lesen könnte, hörte er jetzt den Doktor in kühler Sachlichkeit äußern: »Man wundert sich als Arzt immer wieder, was für Kapricen die Leute haben, die durchaus sterben wollen. Wie's ihnen sozusagen auf die Nuancen der letzten Abreise ankommt. Anstatt einzig auf das Ende selbst. Im Krankenhaus in Triest hatten wir mal einen rabiaten Schmuggler, dem eine alte Schußwunde scheußlich zu schaffen machte. Er beschwor uns um einen Strick, eine Wäscheleine, einen Leibriemen, daß er sich aufhängen könnte. Er wolle, er müsse sterben. Ein Assistenzarzt vergaß eines Abends das Morphiumfläschchen mit der Spritze auf dem Nachttisch des Patienten. Der Schmuggler wußte ganz genau, daß er die Spritze nur gut zu füllen brauchte, ein Stich in den Oberarm – und er schlummert hinüber. Schmerzlos, angenehm. Aber es war eben kein Strick, keine Wäscheleine – war nichts, um sich aufzuhängen. Acht Tage später hat er sich heimlich eine Zuckerschnur verschafft und sich prompt an einem alten Gasarm, der ihn so gerade noch aushielt ...« »Sie meinen,« unterbrach Bergemann, der für lebensmüde Schmuggler in Triest eben gar keinen Sinn hatte, »meinen also, Herr Mücke hat ernstliche Selbstmordgedanken?« »So ernstlich, wie so ein auf G'schnas gestellter Dandy überhaupt ernste Gedanken hat. Aber nur mit der Pistole. Wäscheleine verschmäht er bestimmt. Alle andern Todesarten als die Kugel scheinen ihm entweder nicht standesgemäß oder nicht sicher – oder es spielt da irgend etwas andres mit. Etwas Mystisches oder so 'ne Blödigkeit. Ich komme nicht recht dahinter. Jedenfalls – der Irländer, der bei ihm ist als Zimmersteward, ist zur Vorsicht mal auf meinen Antrag vom Kapitän jeden andern Dienstes entbunden. Der Mann ist früher mal Preisboxer gewesen – eine Hand wie 'n Fußsack –, dann war er Irrenwärter ... ganz gute Qualitäten und Vorübungen für so 'nen Stewardposten auf einem Luxusdampfer, der... Pardon!« »Bitte – bitte. Ganz Ihrer Ansicht, Herr Kollege.« »Ich habe dem Irländer einen Wink gegeben. Sie wissen, wenn solch ein Neurastheniker mal seinen krampfartigen Anfall von Energie bekommt und sich heroisch aufrafft ... Also im Notfall: mal lieber den Respekt vor der ersten Klasse verletzen – lieber mal ein bißchen niederschlagen, hab' ich gesagt, als die Unannehmlichkeiten für die Gesellschaft riskieren, daß der Mann sich an Bord was antut ... Nachher, wenn wir ihn erst glücklich am Lande haben und der Familie gegenüber die Verantwortlichkeit los sind ... Auf die Familie wär' ich übrigens bei dem Windhund wirklich neugierig!« Bergemann schien nicht neugierig. Er sah nachdenklich über das Meer. Aus der Ferne blinkten die Lichter eines Dampfers. »Na –,« der Doktor zuckte die Achseln, »dann – dann kann er immer noch tun, wozu er lustig ist. Auf der Calwerstraat in Amsterdam – gleich links – ist, soviel ich mich erinnere, ein ganz hübscher Waffenladen.« Bergemann aber dachte, daß diese gemütvolle Erlaubnis des Arztes keinesfalls ausgenützt werden dürfe. Er mußte eben die Möglichkeit finden, bis zur Landung in Amsterdam sich dem Neffen zu nähern und, seinen gekränkten Stolz behutsam aufrichtend, sein Vertrauen zu gewinnen. »Möglich, daß eine unglückliche Liebe mitspielt. Sogar nicht unwahrscheinlich. Da hab' ich ihn neulich überrascht, wie er ein Damenbild – so ein winziges Ding in einem Medaillon – betrachtete. Und geweint hatte er auch. Auf Seereisen sehr häufig. Ist den Pessimisten und den Weltschmerzlern wunderlicherweise noch entgangen, findet sich weder bei Schopenhauer noch bei Byron. Bei Leopardi hab' ich nicht nachgesehen; der wird's aber auch nicht gefunden haben. Daß nämlich die sogenannte unglückliche Liebe und der Brechreiz irgendeine innige physiologische Beziehung haben müssen. Ich forsche in dieser Richtung schon, so lange ich auf See fahre. Diese Reise hat mir prächtige Beispiele geliefert; und nun hoffe ich noch stark auf den famosen Golf von Biskaya. Und, sehn Sie, das macht mich vergnügt. Wir werden – Sie erkennen's dort an den violetten Streifen im Himmel, und auch der Wind hat sich gedreht, wir kriegen die Wellen schon von vorne ... wir werden schwere See haben. Morgen. Da wird's mir dann nicht an Material fehlen ...« »Glauben Sie?« Bergemann sagte das ganz zerstreut. Er hätte das auch gesagt, wenn Doktor Lux behauptet hätte, er vermute, daß es heute nacht Mondkälber regnen werde, oder der Obersteward werde wohl um Mitternacht nach Korallen tauchen. Er dachte nur daran, wie er dem Neffen eine Botschaft zukommen lassen könnte, die ihm den gesunkenen Lebensmut höbe. Aber der Doktor war in seinem Fahrwasser. Er wickelte sich fester in seinen blauen Mantel, lehnte sich, die Hände in den weiten Taschen, gegen die Bordwand und kramte seine frohen Erwartungen aus. »Und ob ich glaube! Ein Schiff, sehen Sie, ist immer eine schwimmende Liebesinsel. Die Leute kriegen tagelang keine Post und somit keine Unannehmlichkeiten. Das Telephon rasselt nicht und ärgert nicht mit falschen Verbindungen, mit Gleichgültigkeiten, mit Zwangsgesprächen. Die Gefahren der Automobile, der plötzlich auftauchenden ›Jugendfreunde‹, die man nicht ausstehen kann, der herrenlosen Hunde und der irrsinnigen Radler, die ohne Klingel fahren, sind ausgeschaltet. Das Meer erweckt frohe Gedanken, weil kein Gebirge, keine Stadtmauer dicht vor der Nase schon den Horizont begrenzen. Irgendwo taucht ein Eiland auf, das scheue Sehnsucht erweckt – oder besser und moderner: Sehnsüchte. Denn die Schönheit des sinnlosen Pluralis ist eine Erfindung der Neuzeit und ihrer Gefühlspoeten. Man denkt sich: es muß herrlich sein auf solcher Insel – weltverloren, verträumt, ohne Nachbar und Späher, ohne Wecker, Rohrpost, ja vielleicht sogar ohne Uhr – mit einem geliebten Wesen zu wohnen. Und vergißt, daß es dort vielleicht nur einen schmierigen Bäcker gibt, der nachts im Backtrog schläft, und gar keinen Schlächter. Und daß man selber Hühner halten und die Eier aus dem Mist suchen muß; daß man Talglichter brennen muß und im Sommer von den Ameisen schier gefressen wird in dem undichten Holzbau, während im Winter die Ratten Gesellschaftsspiele arrangieren um die angenagten Bettpfosten ... Egal, Logik und Kenntnisse und Erwägungen gehören nicht zu einer Seefahrt für Vergnügungsreisende. Mithin – Sehnsüchte. Und da das süße Traumspiel einen holden Gegenstand braucht, um den sich's dreht; und da das Essen vortrefflich und reichlich ist; und da die Schiffsmusik – wenn kein von des Himmels Zorn auf See verschlagener Balzer sie dirigiert – schmelzende und neckische Weisen zu guten Weinen spielt, so kommen aus dem Herzen nicht arge, aber heiße Gedanken. Die Phantasie wird unterstützt durch den Wind, der die frivole Gewohnheit hat, die Gewänder dicht an den weiblichen Körper zu legen und Formen anzudeuten, nachzuzeichnen, die auf dem Lande nur in Singspielhallen und Nachtlokalen zu erspähen sind ... Kommt hinzu, die Männlein und Weiblein – sicher gemacht durch das flotte, ungewohnte Schiffskostüm, die Mütze, den wehenden Schleier – kommen sich verwegen, abenteurerhaft vor. Sie glauben Besonderes, Unerhörtes erleben zu müssen unter diesen helleren Sternen, zu der Musik der Wellen und im Angesicht von weiß und gespenstisch aus dem Meer aufsteigenden Häfen. Sie sehen grelle Blumen auf dem Tisch, von denen sie nicht einmal die Namen wissen. Sie essen Früchte zum Dessert, denen sie daheim tief mißtraut hätten. Sie schauen – wie selbstverständlich – Fahrtgenossen aller Schattierungen als Diener oder Passagiere um sich – Neger, Chinesen, Malaien, Kabylen – denen sie, jedem einzelnen, daheim in ihrer Vaterstadt mit offenem Munde minutenlang nachgeglotzt hätten. Fühlen sich losgelöst von Sorgen, Berufen, Verwandtschaften, die auf dem festen Lande, wie in einem lächerlichen Gefängnis, weit dahinten wo zurückgeblieben sind. Hören Sprachen um sich, deren Wortlaut sie nicht verstehen; die für sie, je nach dem Klang, nur Stimmungen, Gefühle, Leidenschaften an sich bedeuten – Zorn, Demut, Haß, Jubel, Zärtlichkeit. Der Nüchternste unter ihnen erlebt – und wenn er's tausendmal durch Betonung lächerlicher Landgewohnheiten abzuwehren sucht – sein zwingendes Märchen des Meeres. Dem einen beginnt's, wenn die ulkigen Delphine hinter dem Schiffe her, silbrige Kreise schlagend, ihr Spiel treiben; dem andern weckt's das feierliche Meeresleuchten oder das schreckende Nebelhorn im verdunkelten Kanal. Irgendwo, irgendwie packt es ihn, krempelt ihn um, bläst ihm den dicken Landstaub aus der Seele: Zwingt seine Träume in die Schaukelbewegung, die ihm auf dem Lande lächerlich vorkäme, ein Kinderspiel, ein Jahrmarktswitz. Und dann ist der Boden bereit für den Flirt, für die Liebe, für die Leidenschaft. Sie kommt nicht, sie ist da: irgendwo steht's in einem blöden Theaterstück. Und dann ... ja. dann kommt eben das physiologische Interessante, über das ich eine wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben denke. Dann kommt die Seekrankheit und verwischt zunächst alle zärtlichen Regungen, erstickt alle Liebesbedürfnisse. Denn wer glaubt, er habe einen alten Fußsack verschluckt, in seiner Gurgel liege eine vergessene trockene Serviette und in seiner Hirnschale werde ein Pferderennen veranstaltet, der hält natürlich keine nennenswerten Beziehungen zum andern Geschlecht aufrecht. Aber wenn dann das Übel nachläßt, wenn das Gefühl dämmert, du bist wieder was, du wirst wieder wer ... Der Zustand der Rekonvaleszenz ist immer gefährlich. Die größten Dummheiten des Herzens werden gemacht, oder doch geplant, wenn eben die Schwester die erledigten Zettel mit den Fieberkurven des Patienten verbrennt und der Arzt sagt: »So, nun werd' ich in zwei, drei Wochen wieder mal nachschauen!« Das Gefühl der Wiedergeburt ist das Gefährliche. Zu jeder Blödigkeit muß man geboren werden; zu den allergrößten Blödigkeiten aber muß man unbedingt eine Wiedergeburt hinter sich haben. Wer nie krank war, hat sich viel Blamagen erspart. Viel Eseleien, die nur der Genesende bezahlt. Es ist, als ob das Gemüt dem Körper nicht nachstehen wollte an Extravaganzen. Jetzt hat der Körper seine Irrung, seine Dummheit hinter sich – nun kommt das Herz daran. Aber schlimmer als alles, tückischer als Angina und Beinbruch, als Nierenkolik und Milzschwellung ist hierin – nach meiner Erfahrung – die Seekrankheit. Die nervöse Affektion des Magens, als welche sich der Brechreiz darstellt, wird meist ausgelöst von einer nervösen Affektion jener Triebzentren, die zu törichten Liebeshandlungen, zerbrechlichen Schwüren, vorschnellen Verlobungen und solchen Übertreibungen des Affekts führen. Und deshalb sage ich: wenn die guten Ehen im Himmel geschlossen werden und die praktischen auf dem Lande, die blödesten werden allemal auf dem Meere geschlossen oder doch verabredet.« Durch die Eindringlichkeit seines Vortrags hatte sich der Schiffsarzt doch schließlich die Aufmerksamkeit Bergemanns erzwungen, der, halb belustigt, halb erstaunt über die Beredsamkeit des Doktors, zuhörte. »Ist das wirklich Ihr Ernst, Herr Kollege?« fragte Bergemann, indem er sich auf eine der eisernen Rollen setzte. »Mein heiligster Ernst. Und Sie werden sehen – die Biskaya wird mir recht geben. Oh, wir haben gutes Material an Bord. Reiches und vortreffliches. Da haben wir erst die schöne Blondine, die mollige Witwe, die mit dem kindlichen Vertrauen die Geschichte von dem treuen ersten Gatten zum besten gibt, der doch offenbar mit der Herzogin da hinten in Indien nicht bloß Petroleum gesucht hat. Diese Dame ist fällig in der Biskaya. Für wen wird sie sich entscheiden? Herr Schwammerl, der Servus- und Küß-die-Hand-Mann, hat Chancen, seit er endlich seinen versicherten Schnupfen los ist. Aber auch Herr von Reubke ist nicht aussichtslos, da es ihm gelungen ist, die Geschichte mit den nicht salonfähigen Bauchtanzbildern ganz auf Mücke abzuwälzen, dem im freiwilligen Exil seiner Kabine doch schon alles egal ist. Die üppige Selma – die sich die ganze Zeit nicht zeigt, weil der gute Beppo Marlettino ihre Haarfarbe schnöderweise nicht in seinem Kram mitführt – wird vielleicht auch dem Ritter und ganz Edlen von Scupinsky den Abschied geben – denn daß er ihr angetrauter Gatte ist, glaubt doch nur Fritzchen, der liebe Junge. Wenn der's noch glaubt. Da käme also Zwingenberg in Frage, der Pilsener Urquell, wie ihn die Stewards nennen; der bis jetzt wenig Gefühl, aber viel Hundertmarkscheine gezeigt hat. Und Elisabeth Hunneberg – ich habe gerade vorhin gehört, wie ihr der pfiffige Hobsen eine scheinbar ganz harmlose Vorlesung darüber hielt, daß die Ehe die Stimme verderbe. Die meisten großen Sängerinnen hätten sich denn auch prompt wieder scheiden lassen – gewissermaßen ihre Gatten geopfert auf dem Altar der Musik. Worauf die Walküre schlagfertig erwiderte, daß es dann – da sie doch das Liebesleben vieler ihrer Kolleginnen kenne – nur der Priestersegen oder das zugige Standesamt sein könne, das solche stimmvernichtende Wirkung übe. Hobsen redete weise und energisch. Er redet eben für die Firma, die ihn als Wächter bestellt; und steht die Biskaya kommen und – Grabusch.« »Sie glauben, daß der Amtsgerichtsrat –« »Das hängt von der See ab, die wir morgen haben werden. Vorerst prüft er Fritzchen auf Herz und Nieren. Als ich vor dem Diner an seinem Liegestuhl vorbeiging, hatte er den Buben onkelhaft umgefaßt und befragte ihn gerade in treuherziger Neckerei: ›Und wenn nun, mein Junge, deine liebe Mama doch mal eine Reise ohne dich machen würde ...?‹ Da spürt man doch die ausgestreckten Fühler ... Und Agnes – Agnes aus Magdeburg mit den schmachtenden Augen und dem Fröbelsystem – liest Chamisso. Aus der Schiffsbibliothek. Natürlich nicht Sala y Gomez, sondern ›Frauenliebe und -leben‹. Die Biskaya wird die Angelegenheit mit Chamisso und Hobsen klären. Die Biskaya, unterstützt von der Gewißheit, daß in Amsterdam alles zu Ende ist. Na, und ähnliche Erwägungen werden dann wohl Ihren jungen Freund, den Assessor, auch wohl zum erhofften Ziel irgendwelcher Wünsche treiben ...« »Wie meinen Sie das?« Bergemann hatte, durch die Sorgen um den plötzlich gefundenen, rasch wieder verlorenen Neffen beschäftigt und verwirrt, schon einige Tage lang versäumt, sich um Erichs Herzensangelegenheit zu kümmern. Er hatte es schon in Tanger wohltuend empfunden, daß Erich ganz ohne Bitterkeit und ohne jeden Rest schmerzlicher Ironie über Eugenie sprach. Dann nach dem bösen Abend der Abfahrt von Kadiz hatte er keine Beobachtungen mehr in dieser Richtung gemacht oder angestrebt. »Na,« lachte der Schiffsarzt, »ein jeder Jüngling hat einmal ... sagt Wilhelm Busch so schön wie richtig. Aber nein – die kleine Stewardeß ist wirklich ein famoses Mädel, ein netter Kerl. Ist auch entschieden aus besserer Familie – oder die bessere Familie fängt – wie bei Napoleon – mit ihr an. Wenn das Mädel zufällig in der Luxuskabine reiste und hätte Rubinringe zu verlieren, wie die blonde Frau Tilly, dann sollten Sie mal sehen, was die Biskaya erlebte! Na, auch so kann ... Übrigens scheint mir mein Neurastheniker, der edle Herr Mücke, in dieser Richtung etwas Lunte gerochen zu haben. Er machte gestern oder vorgestern aus seiner Matratzengruft heraus so eine wunderliche Bemerkung. Und da er den Assessor überhaupt nicht gerade innig schätzt, wie mir scheint, so kann auch da die Biskaya ...« Diese leise und lächelnd andeutende Rede des Doktors entschied. Bergemann war entschlossen, die Unterredung mit dem Neffen zu erzwingen. »Sie besuchen Ihren Patienten heute nochmal, lieber Doktor?« »Ja. Ich will ihm ein leichtes Schlafpulver einflößen – Bromural, denk' ich ...« »Ich habe eine Bitte: nehmen Sie mich mit. Zunächst als Arzt. Sagen Sie, ich hätte darum gebeten – da mich der Fall interessiere ...« »Ja – aber ... Das ist doch ungewöhnlich und ...« »Geb' ich zu. Aber ich übernehme jede Verantwortung.« »Aber – es ist gewiß gegen den Willen des Patienten.« »Zuversichtlich. Er wird auch aufbrausen. Dann aber lassen Sie mich mit ihm allein und ...« Lux wurde mißtrauisch. »Sie – mit ihm? Heute abend? Sie wollen doch nicht mit Hypnose und solchen Scherzen ...?« »Nein.« Bergemann überlegte. Dann sagte er: »Geben Sie mir mal Ihr Ehrenwort, daß ich das, was ich Ihnen jetzt sage...« »Gemacht!« »Bis Amsterdam?« »Bis ins ewige Leben, wenn Sie wollen.« »Die Mutter dieses – hm, sagen wir: dieses in seinem Gemüt verwirrten jungen Mannes war meine Schwester.« »War Ihre – was?« »Meine einzige Schwester. Ja. Ich erfuhr das erst vor wenigen Tagen. In Kadiz. Ich wußte es auch nicht bis zu jenem in mehr als einer Beziehung seltsamen Abend.« Der Doktor sah sinnend vor sich hin. »Wunderlich. Und das hat ihn ... Mir scheint, Sie hätten mehr Grund, von dieser Entdeckung erschüttert zu sein, als er. Aber am Ende – das geht mich nichts an. Sie sind Arzt, Sie repräsentieren die Familie. Kommen Sie, Sanitätsrat, besuchen wir unsern Patienten!« * Die Nacht vom letzten Mai auf den ersten Juni war nicht schön gewesen. Die »Astarte« kämpfte tapfer gegen Wind und Wellen. In den Kabinen der Zimmerstewards und Stewardessen war viel geklingelt worden. Die Biskaya neckte ihre Opfer. Beim Frühstück blieben viele Tassen unberührt. Und die appetitlichen Töpfchen, die Eingemachtes aus Portugal enthielten, fanden wenig Liebhaber. Dafür hatten die Deckstewards früh zu tun. Die Sonne schien so golden und harmlos, als gelte es den friedlichsten Tag zu beleuchten. Aber die See kam schwer in breiten Wellen von vorn, und man konnte Bergpartien machen beim Deckspaziergang und gleich wieder ins Tal fallen. Auf Bootsdeck in den Schutz der »Schwemme« und der Schornsteine hatten sich die Ungarn niedergelassen, heute ohne rechte Lebhaftigkeit und allen Zwiegesprächen abgeneigt. Die Engländer saßen hinter den Luxuskabinen, mit heftig karierten Schals zugedeckt und ein Buch in der Hand. Penelope stickte heute nicht. Sie seufzte viel und steckte manchmal aus einem silbernen Döschen ein geheimnisvolles Kügelchen in den Mund, das, nach ihrem gottsjämmerlichen Gesicht zu urteilen, einen sehr üblen Geschmack haben mußte und nur von ihr gekannten Zwecken diente. Auf dem Promenadendeck – »gereiht wie die Weihnachtspuppen«, lachte der Kapitän, der mit Peterle, vergnügt salutierend, nach der Kommandobrücke ging – streckten sich die deutschen und österreichischen Passagiere in ihren Liegestühlen. Kleine Gruppen, ein wenig gesondert und doch für Zurufe und lautes Wort zu erreichen. Die Deckstewards servierten gerade, höflich ein Kennerlächeln unterdrückend, das zweite Frühstück. »Bäh – Bouillon!« »Sandwichs? Nicht um einen Wald voll Affen!« Die Stimmung war auch diesem Frühstück nicht günstiger als dem Eingemachten aus Portugal. Unter dem sanften Zwang jenes Zufalls, dem sinnvolle Absicht nicht abzusprechen ist, hatten sich vier Gruppen zusammengefunden, alles Leid, das der Tag bringen konnte, zu erwarten. Elisabeth Hunnebergs sorglich mit Decken versehener Liegestuhl war von Hobsens und Grabuschs Stühlen flankiert. Pilzheimer lag, rauchte und redete zwischen Zwingenberg und Kloppenbusch. Tilly Schuch, blonder, blasser und hübscher denn je, empfing von links Schwammerls wienerisch weichen Trost; während von rechts Kreuzwendedich von Reubke norddeutsch akzentuierter in ihren Fatalismus hineinredete. Durch den Gang getrennt, der zum Treppenhaus und in den Rauchsalon führte, standen die Stühle von Bergemann und Erich, neben dem sich mit allerlei Briefen, Zeitungen, Büchern, Fläschchen und Schreibzeug als die letzten dieser ansehnlichen Reihe die Öltzendorffs, Bruder und Schwester, niedergelassen und wie für eine Überwinterung eingerichtet hatten. In der Gruppe, die von Elisabeth Hunnebergs energischem Walkürenhaupt als Mittelstück beherrscht war, las Grabusch in seinem Schopenhauer. Zuweilen sandte er einen forschenden Blick zur Seite: ob die Augenlider der Diva noch, Schlummer markierend, geschlossen seien. Sie waren noch geschlossen. Grabusch las: »Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, daß das Weib weder zu großen geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist. Es trägt die Schuld des Lebens nicht durch Tun, sondern durch Leiden ab, durch die Wehen der Geburt, die Sorgfalt für das Kind, die Unterwürfigkeit unter den Mann, dem es eine geduldige und aufheiternde Gefährtin sein soll.« Grabusch sah auf. Die aufheiternde Gefährtin – deren er sich nach dem Entschluß der letzten Nächte zu versichern dachte – lag mit einem Gesicht, das eine versteinerte Mißvergnügtheit schien, in ihrem Stuhl. Und was die Sorgfalt für das Kind betraf – eben hatte Fritzchen, der liebe Junge, sein Sandwich mit der geschmierten Seite auf Grabuschs italienische Seidendecke gelegt, bevor er zu einem Spiel mit dem wieder auf der Bildfläche aufgetauchten Peterle sich aufmachte. Grabusch entfernte das Sandwich durch kräftigen Wurf über Bord und las stirnrunzelnd weiter: »Für die Propagation des Menschengeschlechtes zu sorgen, sind von Natur die jungen, starken und schönen Männer berufen: damit das Geschlecht nicht ausarte. Dies ist hierin der feste Wille der Natur, und dessen Ausdruck sind die Leidenschaften der Weiber.« Grabusch dachte nach, wie er sich persönlich – theoretisch und praktisch – zur Propagation des Menschengeschlechtes zu stellen habe. Heute nacht war er zwischen zwei und drei Uhr, als Zwingenberg in seinem Bett so jämmerlich stöhnte, viel mutiger und entschlossener gewesen; woran die halbe Flasche Pommard, die er sich als Abwehr gegen die Biskaya mitgenommen, ein wenig mitgewirkt haben mochte. Er war jetzt fast froh, daß Elizabeth Hunneberg schlief und daß Hobsen, dessen Anwesenheit ihm noch vorhin sehr überflüssig vorgekommen, dabeisaß. Grabusch las weiter in seinem Schopenhauer: »Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe nämlich steckt seine ganze Schönheit. Mit mehr Fug, als das schöne, könnte man das weibliche Geschlecht das unästhetische nennen. Weder für Musik, noch Poesie, noch bildende Künste haben sie wirklich und wahrhaftig Sinn und Empfänglichkeit; sondern bloße Äfferei, zum Behuf ihrer Gefallsucht, ist es, wenn sie solche affektieren und vorgeben.« Grabusch ließ das Buch sinken und erwog, ob er im gedachten Sinne umnebelt war. Er beantwortete die Frage nach reiflicher Prüfung mit nein. Und daß der Sinn Elisabeth Hunnebergs für Musik bloß Äfferei sei, konnte er um so weniger zugeben, als Hobsen ihm gestern mitgeteilt hatte, daß die Diva in Amerika für jeden Gastspielabend fünfhundert Dollar bekomme. Auch daß sie niedrig gewachsen und schmalschultrig sei, war entschieden ein Irrtum des Philosophen. So geschah es, daß Grabusch auf seiner achten Seereise ernste Zweifel an der Richtigkeit der Schopenhauerschen Werturteile aufstiegen, die ihm auf sieben Seereisen maßgebend gewesen waren. Grabuschs Gedanken waren nicht mehr ganz bei der Philosophie, als er weiterlas: »Daß Witwen sich mit der Leiche des Gatten verbrennen, ist freilich empörend; aber daß sie das Vermögen, welches der Gatte, sich getröstend, daß er für seine Kinder arbeite, durch den anhaltenden Fleiß seines ganzen Lebens erworben hat, nachher mit ihren Buhlen durchbringen, ist auch empörend.« Der Gatte, der für die Kinder arbeitete ... Für Fritzchen hatte ja wohl die Mutter gearbeitet. Mit ihrer gottbegnadeten Kehle. »Hoiotoho« – und so. Der Vater – ja, wer war Fritzchens Vater? Darüber mußte Grabusch doch auch erst klarsehen eigentlich, ehe er – Donnerwetter, schaukelte der Kasten! –, ehe er das feierliche, bindende Wort sprach. Er hatte sich – mit griechischen Buchstaben, wie es seine Gewohnheit war in wichtigen und diskreten Fällen – alles gewissenhaft notiert, was Elisabeth Hunneberg damals im Löwenhof der Alhambra, als er mit nassen Beinkleidern zum Trocknen in der Sonne saß, über einen ehemaligen Freund, den Bildhauer, geäußert hatte. Über sein Denkmal der Freiheitskriege, über elende Intrigen mißgünstiger Kollegen. Das Reisehandbuch mit diesen Notizen lag nun leider im Hause des Pilatus in Sevilla; und die Eintragungen gaben gewiß dem Finder unlösbare Rätsel auf, ja, schienen auf Blödigkeit des Verlierers dieses Buches zu deuten. »Um Gottes willen –!« Die Diva hatte die Augen weit geöffnet, das Haupt vorgeneigt und starrte entsetzt, als sehe sie Gespenster, die Reihe entlang. »Was ist?« Grabusch ließ erschrocken den Schopenhauer fallen; während Hobsen, an Plötzlichkeiten im Verkehr mit der Diva schon gewöhnt, nur den Kopf leicht wendete und, sein glattrasiertes Kinn streichend, bemerkte: »Have you any inconvenience, madame?« »No Sir, but I fear that we will be thirteen in this row!« Grabusch, dessen Englisch nicht seine starke Seite war, wußte nicht recht, wie er sein Interesse betätigen sollte. »Was fehlt unsrer Freundin?« fragte er Mister Hobsen. »Oh – Missis Hunneberg meinte, wir sind vielleicht gerade dreizehn, die hier in der Reihe liegen. Dann geht – meint Missis Hunneberg – das Schiff allemal unter. Oder so was.« Grabusch teilte diesen Glauben nicht. Aber er beeilte sich, nachzuzählen, und berichtete das Resultat: »Allerdings – dreimal drei und vier dazu – dreizehn.« »O Gott – o Gott!« Elisabeth Hunneberg machte den energischen Versuch, sich aus den Decken auszuwickeln und aufzuspringen. Mister Hobsen hatte sich ruhig erhoben. » Do not bother yourself – ich gehe schon.« Und Mister Hobsen verschwand, grüßend, seinen Tauchnitz-Band unter dem Arm, in der Richtung des Musiksalons, in dem er jetzt Agnes aus Magdeburg mit dem Durchblättern des Schumann-Albums und der Lektüre der Texte beschäftigt glaubte. Er hätte längst gern diesen Weg eingeschlagen. Aber die seiner Gesellschaft gegenüber übernommene Verpflichtung bannte ihn in seinen Sessel an Elisabeths Seite. Nun, da sie die Zahl dreizehn mit besonderem Schrecken bedrohte – mit einem Schrecken, der ihrer Stimme mehr schaden konnte als die von Hobsen gefürchtete Liebeserklärung des Amtsgerichtsrats –, glaubte Mister Hobsen seiner Gesellschaft durch schleunige Entfernung am besten zu dienen und mit reinem Gewissen Fräulein Agnes aufsuchen zu können, die gewiß durch die Unruhe des Meeres in ihrem Gemütsleben etwas aufgewühlt war. Elisabeth Hunneberg sah Hobsen mit einem dankbaren Lächeln nach und ließ ihr edles Heroinenhaupt wieder in das violette Luftkissen zurücksinken. »Ein angenehmer Mann – Mister Hobsen,« sagte sie, »wenn man ihn nicht zu oft sieht.« »Sehr angenehm«, bestätigte Grabusch, die Einschränkung innerlich dahin erweiternd, daß ihm persönlich nichts fehle, wenn er den angenehmen Mann überhaupt nicht mehr sehe. Aber nun war er ja weg, der Impresario – sein Stuhl war leer, sein Schritt verhallt. Eine heiße Welle stieg Grabusch nach dem Herzen. Er dachte: jetzt oder nie! Setzte sich mit einem energischen Ruck auf, stellte die Füße links und rechts vom Stuhl auf den Boden, nahm seine karierte Mütze ab und sagte: »Meine gnädigste Frau ... verehrte Freundin – wenn ich Sie so nennen darf ...« »Sie dürfen.« Elisabeth Hunneberg hatte die Augen schon wieder geschlossen und lächelte wie jemand, der im warmen Bade sitzt und noch weitere Annehmlichkeiten erwartet. Aber da nach der gegebenen Erlaubnis nichts weiter erfolgte, so öffnete sie die Augen wieder und sah sehr erstaunt, daß mit Grabusch eine große Veränderung vorgegangen. War es nun der Schreck über das Englisch und die Dreizehn, war es die Freude über Hobsens Fleiß und den eigenen Entschluß gewesen – oder war es nur die eigentümlich unsympathische Schlingerbewegung, mit der die »Astarte« jetzt ihre Passagiere ergötzte – jedenfalls hatte Grabusch plötzlich vom Magen her etwas wie einen heißen Kloß aufsteigen gefühlt; und gleichzeitig war ihm der Angstschweiß an den Schläfen ausgebrochen. Ein heftiges Zittern in den Beinen vervollkommnete den wenig angenehmen Zustand, der ihm für den Augenblick die verpflichtende Formulierung edler und dauerhafter Gefühle durchaus unmöglich machte. Er legte den Kopf zurück, zog die Beine wieder unter die italienische Seidendecke, faltete die Hände über dem Magen und sagte nichts mehr. »Ja, ja, die Biskaya!« Doktor Lux äußerte das mit einem Lächeln der Befriedigung im Vorüberwandeln zum zweiten Offizier, dessen Dienst auf der Brücke zu Ende war und der ein bißchen schlafen ging. ... Die Gruppe nebenan pflegte eine lebhafte Konversation. Das kam hauptsächlich daher, daß Kloppenbusch so guter Laune war und die beiden Herren Pilzheimer und Zwingenberg aufs angenehmste unterhielt. Hilde war gleich hinter Kadiz auf den hübschen Einfall gekommen, dem langsam sich Erholenden in milder Rede zu suggerieren, daß ein Mann, der solch schweren Anfall von »Landkrankheit« – wie er in Sevilla – durch seine robuste Natur und die Vortrefflichkeit seiner Konstitution sieghaft bestanden, gegen alle weiteren Tücken des Meeres durchaus gefeit sei. In diesem beseligenden Gefühl hatte sich Kloppenbusch mit dem Meer und seinen ohnmächtigen Tücken abgefunden und war geradezu ein Barde des Wassers, ein Lobsänger der Schiffsreisen geworden. »Sehn Sie, Wertgeschätzter,« sagte er jetzt und schlug den ihm zunächst liegenden Pilzheimer vertraulich aufs Bein, »so ein Schiff ist, weiß Gott, die einzig richtige Sache. Keine Autos, kein Bettel, keine Mücken, keine Belästigung durch Leute, die einen nach dem Weg fragen. Einbruch – unmöglich. Sie können nachts Ihre Fenster auflassen – was hereinkommt, ist allenfalls Wasser. Schönes, klares Meerwasser. Mord – ausgeschlossen. Der Kerl wäre morgen gefaßt. Wie soll er hier entkommen, he? Ringsherum Wasser. Keine Kaschemme, keine Bouillonkeller, keine Schlupfwinkel. Aber nun nehmen Sie mal das feste Land, nehmen Sie mal eine Großstadt! Sieben Prozent aller Menschen sind Verbrecher – hab' ich neulich mal in einer Statistik gelesen. Wie diese sieben Prozent nachts über die Stadt verteilt sind, und wer ihnen da so ahnungslos begegnet – das entscheidet. Es ist nur ein glücklicher Zufall, daß unsereiner noch nicht ermordet ist. Nichts andres. Man geht abends spät nach Hause – sagen wir: ein, zweimal in der Woche. Nun lassen Sie mal von den sieben Prozent einen zufällig des Weges kommen. So ein angenehmer Mitbürger sieht Sie – Sie haben nur ein Spazierstöckchen oder gar einen Schirm. Er fragt Sie, wieviel Uhr es ist. So 'ne Konversation fangen die Kerle immer zunächst an. – Egal: sagen Sie's ihm oder sagen Sie's ihm nicht – er haut Ihnen mit'm Schlagring eine über die Nase – Ihr Geschrei nützt gar nichts; denn ein andrer von den sieben Prozent is schon da mit einem Knebel – meist ein gräßlich dreckiges Taschentuch – und nichts wie rein in die Zähne, in die Gurgel, in ...« »Um Gottes willen –« stöhnte Zwingenberg. »Ich schlaf schon so nicht mehr gut –« »Ja, bitte, das bin ich nicht.« Kloppenbusch war verletzt. »Das ist die Statistik. Beklagen Sie sich bei der. Oder freuen Sie sich vielmehr, daß uns hier das Gesindel für 'ne Weile nichts angeht. Daß wir auf dem schönen, sauberen Wasser sind, wo wir staubfreie Luft atmen, mit lauter anständigen Menschen reden, gut essen ...« »Oh!« Zwingenberg stöhnte noch heftiger. »Gut essen ...!« Das war ja seit Lissabon der nagende Schmerz seiner Seele. »Was sagt denn darüber Ihre Statistik, verehrter Herr Kloppenbusch? Ist es recht, daß Köchinnen in der Lotterie spielen? Und daß ausgerechnet meine gewinnt!« »Sagen Sie nichts gegen die Lotterien!« wehrte Kloppenbusch. »Ich habe auch immer Glück. Zum Beispiel diese schöne Reise ...« »Ich weiß, ich weiß!« Zwingenberg weinte fast. »Wenn sie bloß auch so 'ne Reise gewonnen hätte, meine Köchin! Nach Spitzbergen meinetwegen oder um Schottland 'rum. Gut, ich hätt' mal vier Wochen bei Kempinski oder in der ›Traube‹ gegessen. Aber nein – zwanzigtausend Mark – schreibt sie mir doch nach Lissabon – zwanzigtausend Mark hat sie in der verdammten Lotterie gewonnen. Ich bitte Sie, das ist doch ein Vermögen für so ein Mädel – nun is se doch 'ne Partie! Und sie hat da 'nen älteren Bäckerburschen an der Hand – ich hab' Ihnen doch erzählt –, mit dem sie immer in Halensee tanzt ... Nu machen die natürlich 'ne sogenannte Feinbäckerei auf – und ich bin der Reingefallene und kann sehen, wer mich nun mit norddeutscher Küche langsam vergiftet.« »Und wir haben noch in Sevilla auf das Wohl von der Dame getrunken«, bemerkte Kloppenbusch nachdenklich. »Es war doch die ...?« »Aber ich hab' doch nur eine! Und jetzt, wenn ich nach Hause komme, hab' ich gar keine.« »Ich geh' nachher hinunter und erzähl' das meiner Frau.« Pilzheimer war sehr vergnügt und rieb sich die Hände. »So Dienstbotengeschichten hat sie zu gern. Sogar mit den Scheichs in der Oase hat sie – durch den Dolmetscher – immerzu solche Dienstbotensachen und Sklavengeschichten verhandelt. Und wenn sie das hört von der Köchin, die Lotterie spielt – und gewinnt –, meine Herren, gewinnt, da ärgert sie sich bucklig. Wissen Sie, auf See kann ich sie ärgern – ohne jede Gefahr –, da ist sie ganz klein.« »Wenn man so in die Intimitäten des Ehelebens schaut, könnt' man ordentlich Lust kriegen, noch zu heiraten«, sagte Zwingenberg maliziös. »Und wenn man so was erlebt mit seiner Köchin, die man zwölf Jahre gehabt und die zwölf Jahre nix gewonnen hat, und nun auf einmal in 'ner Lotterie, die man selber spielt und nicht mal mit dem Einsatz rauskommt ... Also da könnt' man, weiß der Deubel, ein schlechter Kerl werden ...« Die beiden Herren sahen erschreckt zu Zwingenberg hinüber, der, wie sie seine Worte verstehen mußten, eine verbrecherische Laufbahn in ernste Erwägung zog. In Wahrheit meinte er's anders. Mitten im Ärger über den Gewinn der Köchin, den er als eine Art Treubruch empfand, war ihm wieder eingefallen, wie warm und weich Selmas Fuß neulich auf dem seinen gestanden hatte, als er mit Scupinsky Karten spielte. Er mußte – das entnahm er auch ihren Blicken, die sein weder glänzendes noch erfolgreiches Spiel bewundernd begleiteten – auf die Dame tiefen Eindruck gemacht haben. Nach einigen nicht sehr respektvollen Andeutungen des Schiffsarztes, mit dem er mehrfach in der Schwemme Pilsener getrunken, war aber Selma durchaus nicht Scupinskys angetraute Gattin. Mithin wurden keinerlei durch Staat oder Kirche sanktionierte Rechte verletzt, wenn er, Zwingenberg, diesen renommistischen und lauten Slawen, oder was das Ekel war, durch die stille, tüchtige Biederkeit seines deutschen Wesens bei dieser offenbar einer wortkargen Männlichkeit geneigten Dame erbarmungslos ausstach. »Schlecht werden – würde ich Ihnen nicht raten«, nahm Pilzheimer nach einigem Nachdenken den abgerissenen Faden des Gesprächs wieder auf. »Schlechtigkeiten haben heutzutage in unsrer Zeit des Telephons und Telegraphen verdammt kurze Beine.« »Sagen Sie das nicht!« Kloppenbusch sprach ernst wie ein Sachverständiger, als der er allerdings in diesen Dingen auch gelten konnte. Denn während ihn in den Zeitungen die Politik nur insofern interessierte, als darin auf die Polizei geschimpft wurde, und das Feuilleton gar nicht, las er die Tagesneuigkeiten mit großer Sorgfalt. Unter diesen aber bevorzugte er Unglücksfälle und Verbrechen, da er sein eignes Wohlbefinden wesentlich gesteigert fühlte, wenn er von einem wohlgelungenen »räuberischen Überfall« in den Abruzzen oder von einer gut funktionierenden Höllenmaschine auf dem Schwarzen Meere Zuverlässiges durch sein Blatt erfuhr. Er mißbilligte also das oberflächliche Urteil Pilzheimers über die Chancen der Schwerverbrecher durchaus und äußerte noch einmal mit dem Nachdruck des Besserwissenden: »Sagen Sie das nicht! Ich will gewiß nicht behaupten, daß die Polizei immer ihre Pflicht tut – o nein! In der Straße, in der ich wohne, hab' ich zum Beispiel festgestellt, patrouillieren zuweilen in den Stunden von acht bis zehn Uhr morgens, wenn die Schulkinder und friedlichen Leute in der Morgensonne ihren Pflichten nachgehen, drei Schutzleute. Von zehn bis zwölf Uhr nachts aber, da es dunkel ist und die üblen Elemente hervorkommen, hab' ich nur einen Beamten gezählt. Und der war dienstfrei und gehörte nicht zu unserm Revier. Aber zur Störung der Verbrecher oder zu ihrer Verfolgung wirken oft noch ganz andre Dinge mit. Da stehlen zum Exempel ein paar schlimm aussehende Burschen bei einer Hamburger Importfirma für fünftausend Mark Vanille. Dann machen sie sich einen guten Tag. Aber – sie haben nicht mit den Nasen ihrer Mitbürger gerechnet. Die Kerle verbreiten aus ihren verschwitzten alten Kleidern einen wunderlieblichen Vanilleduft. Das ist doch nicht ihr Naturgeruch, nicht wahr? Also – gefaßt, untersucht und festgehalten! ... Und dann die Tiere ...« »Ja, ja, die Polizeihunde ...« meinte Pilzheimer. »Die auch mal«, erwiderte Kloppenbusch. »Aber selten. Und wenn zufällig 'ne Hundedame in der Nähe wohnt – adieu Nase, Spürsinn, Intelligenz, Dressur! Nein, aber da wird bei einer alten Rentiere eingebrochen, die sich immer noch ihre verhutzelte Haut voll Brillanten hängt. Verloren wäre die Person. Aber sie hat einen grünen Papagei, ein Lorchen. Und wie das Vieh auf seiner Stange ein Gekrabbel auf dem Vorplatz hört, da sträubt es seine Federn und ruft ins Dunkel: »Hurra – Hurra – ei, wer kommt denn da!' Das hören und die Hosen voll Angst haben und umdrehen und davonlaufen – ist eins. Denn wer mit so freudiger Stimme zwei Einbrecher begrüßt, der hat doch sicher in jeder Hand einen Revolver. Die Juwelen waren gerettet.« Die Herren lachten. »Ja, das ist noch gar nichts. In Leipzig steigt voriges Jahr so ein Gauner in ein offenes Fenster ein. Bei einem reichen Herrn, einem Sammler von Kuriositäten. Tastet sich vorsichtig in den Sammlungen des Sonderlings herum, greift mit der Hand in ein Aquarium – und brüllt, als ob er am Spieße stecke. Steckt auch am Spieß: denn er hat in dem Bassin einen Zitterrochen zu fassen gekriegt. So einen Fisch, verstehn Sie, aus dem Mittelländischen Meere, der einen elektrischen Strom heimlich im Leibe hat, und der jedem, der ihn angreift, einen derben elektrischen Schlag besorgt. Der Kerl ist nicht wiedergekommen, kann ich Ihnen sagen ... Übrigens – ich wohne nie Parterre, wegen der Einbrüche ... aber ich hab' mir zur Vorsicht auch einen Papagei angeschafft. Und einen Zitterrochen. Dreie sind nun schon krepiert. Der vierte scheint sich zu halten. Bloß, ich hab' den Verdacht, es ist gar keiner. Und ausprobieren möcht' ich's nicht. Wer kriegt – wenn er's vermeiden kann – gern elektrische Schläge?« »Schön und gut«, nickte Pilzheimer und steckte sich eine neue Zigarre an. »Aber ich hätte – auch ohne Lorchen und Zitterrochen – doch weniger Furcht vor den sogenannten schweren Jungen, als vor den ... nun, sagen wir: vor den leichten Jungen, den ganz leichten. Ich werd' Ihnen erzählen, was uns passiert ist. Meiner Frau und mir. Also wir wohnen da, zwei Jahre sind's her, in Wiesbaden in einer Pension – meine Frau hatte Rheumatismus. Seit sie geerbt hat, hat sie immer so etwas. Da wohnt doch so ein geschniegelter Ausländer mit uns Wand an Wand. Ein Russe, sagte er. Adlig natürlich. Man sieht außerhalb Rußlands ja nie einen Russen, der nicht adlig ist. Meist sind sie verwandt mit der Baronin Krüdener, oder haben Besitzungen in der Krim oder sonstwo, wo unsereiner nicht hinkommt. Mir gefiel der Kerl gleich nicht. Er roch wie ein Seifengeschäft und ging nie anders als in Lackstiefeln. Aber meiner Frau schenkte er immer Blumen – Rivieraveilchen, Orchideen. Nun, Sie kennen ja meine Frau, ich brauch' Ihnen nicht zu sagen, daß nicht übermäßig viel Leute auf den Einfall kommen, gerade ihr Rivieraveilchen und Orchideen zu schenken. Sie schenkt auch nie was wieder. Ja, und dann brachte er ihr russisches Konfekt mit in Blechbüchsen. Gräßlich süß. Man glaubt, man hat eine ganze Konditorei verschluckt, wenn man so ein Lutschdings glücklich unten hat. Aber meine Frau – weg, einfach weg. ›Ein Kavalier.‹ ›Adel bleibt Adel.‹ ›Ja, die Russen!‹ ›Alte Kultur‹ – ich danke! Und unangenehme Vergleiche mit mir. Der Kerl also macht in Spiritismus, verstehn Sie. Tischrücken gelang ganz gut. Wir sind so 'nem Mahagonispieltischchen durch drei Zimmer nachgerast wie die irrsinnigen Affen. Geisterschrift gelang nicht recht – er hatte immer die Finger voll Kreide nachher, wenn wieder hellgemacht wurde, und was auf dem Fußboden geschrieben stand, konnte keiner lesen. Aber – sagte er – er wird einen großen Zauber mit uns machen. Na, den hat er denn auch gemacht! Er wird uns an zwei Stühle festbinden, sagt er, ganz fest. Mit Seilen, die hat er zufällig in seinen Koffer gepackt. Und dann wird er indisches Räucherwerk entzünden, sagt er, ohne uns anzufassen. Ohne ein Seil, einen Knoten zu berühren. Und auf einmal werden die Fesseln von selbst von uns abfallen ... Ich mache mir nichts daraus, festgebunden zu werden an einen Stuhl – und aus indischem Räucherwerk mach' ich mir schon gar nichts. Aber meine Frau sagt: ich bin ein Banause, und man muß die unbekannten Kräfte prüfen. Ich warne nochmal: ›Du wirst niesen müssen von dem indischen Räucherwerk, und du kannst dir nicht die Nase putzen, weil du doch angebunden bist.‹ Hilft nichts. Sie will sich lieber nicht die Nase putzen. Also schon. Der adlige Russe schließt die Fensterläden und Stores ganz dicht – bei uns war's, im Salon, nur wir drei –, knipst die Kronen aus, steckt bloß eine elende Kerze an. Wir waren angebunden, und nicht zu knapp, an ein paar hochlehnige, schwere Stühle. Er redet dazu in uns hinein – er spürt schon, sagt er, es ist ein ›Fluidum‹ da. Meine Frau seufzt, die Seile schneiden ihr in die Handgelenke – aber er sagt: das hört auf, wenn das ›Fluidum‹ erst recht rumkommt im Zimmer. Dann gießt er ein Pulver auf ein Silberschälchen und zündet's an. Also das gibt einen mörderischen weißen Dampf, der einen süßlichen Geruch hat und die Augen elend beizt. Er selber hält sich sein parfümiertes Taschentuch vor und weht uns mit einem Fächerchen, das er in der andern Hand hält, immerzu den süßlichen, warmen Dampf ins Gesicht. ›Geht's jetzt los?‹ frag' ich und merke, wie ich gräßlich müde werde. ›Gleich‹, sagt er – und schon hab' ich wieder 'ne weiße Wolke im Gesicht. Mein letzter Eindruck ist, daß meiner Frau ihr Kopf ein paarmal aufnickt, als wollt' sie sich gegen den Schlaf wehren. Und dann – ja, und dann bin ich in einem botanischen Garten oder wo, riesige Kakteen stehen herum mit grünen Stachelgesichtern und Aloen. Und allerlei wunderliches Viehzeug springt herum – – ich erinnere mich dessen noch ganz gut –, und ein Lama, ein weißes Lama, so wahr ich lebe – ich habe sonst noch nie von einem Lama geträumt –, leckt mir immerzu das Gesicht ab. So von unten nach oben, mitten über die Nase. Wie lange das Lama geleckt hat und ich geschlafen habe, weiß ich nicht ... Die Pensionsmutter hat, als wir nicht zum Abendessen kamen und das Klopfen nichts nützte, und ein widerlicher Duft aus der Türritze drang, das Zimmer gewaltsam öffnen lassen ... Na, was soll ich Ihnen sagen, meiner Frau ihre Brillantbrosche war fort, und mein Ring war fort, und meine Uhr war fort, und meine Brieftasche, meine Krawattennadel waren fort. Und der adlige Russe war auch fort. Wir aber – meine Frau und ich – saßen friedlich, angebunden, damit wir ja nicht vom Stuhl fallen, und schliefen mit heraushängenden Zungen, wie die Toten ...« »Donnerwetter!« Kloppenbusch war sehr erregt. »Und sind Sie wieder wach geworden?« »Es scheint so. Aber das Kopfweh! Und auch sonst ... ich glaube, die Seekrankheit ist ein Spaß dagegen. Drei Tage lang. Und da wir ganz benommen waren und konfuse Dinge redeten, war der ›adlige Russe‹ langst über alle Berge – mindestens über Taunus und Westerwald –, als wir endlich klar erzählen konnten, wie diese Wundersitzung verlaufen war.« »Und Sie haben nie etwas von dem Gauner wieder gehört?« »Gehört – i wo! Bloß manchmal hab' ich ... ja, Sie werden lachen – gerochen hab' ich den Kerl. Sein Parfüm, wissen Sie, das so stark war und so eigenartig. Wie ein Seifenladen und doch wieder wie der heiße Atem einer fremden Pflanze, die vielleicht – sehr schön anzusehn und sehr giftig – in Indien wächst oder noch weiter östlich ... Natürlich Einbildungen, Sinnestäuschungen. In einem Tunnel auf der Brennerbahn ist mir das mal passiert, dann vor ein paar Monaten im Spielsaal von Monte. Und neulich sogar, wie ich – vor Tanger – zum erstenmal abends unten in den Speisesaal komme.« »Sie sollten mal,« sagte Kloppenbusch und setzte sich erregt in seinem Sessel auf, »sollten mal den Herrn Schwammerl konsultieren. Den Wiener Herrn dort, wissen Sie, dem sein Beruf ist doch das Riechen, verstehn Sie, das Proberiechen. Er hat, sagt er mir, ein Parfüm für eine Großfürstin zusammengerochen – so, wissen Sie, die Nuancen aus lauter Parfümen –, da kostet das Fläschchen davon zweihundert Gulden. Und seine Nase ist versichert, lassen Sie sich erzählen, seine Nase ...« ... Während Kloppenbusch mit großem rhetorischem Aufwand die Geschichte von dieser kostbaren, hoch versicherten Nase erzählte, bemühte sich wenige Schritte davon entfernt ihr glücklicher Besitzer emsig, im Wettbewerb mit Kreuzwendedich von Reubke, um die Gunst Tilly Schuchs, die in sentimentaler Stimmung, wie sie die Angst vor der Seekrankheit leicht erzeugt, für zarte Huldigungen empfänglich war. Nach Überprüfung sämtlicher sicherer Mittel, die ihr genannt worden waren, hatte sich die schöne blonde Frau entschlossen, weder immerzu Natron zu nehmen, noch die Füße stundenlang in heiße Bäder mit Sodazusatz zu senken. Auch auf die angewärmten Kognaks mit Eidottern hatte sie verzichtet, weil ihr schon schlecht wurde, wenn sie daran dachte. Aber die Überzeugung ängstigte sie, daß der wichtigste Schutz, den sie gegen die Tücke des Meeres besessen, ihr Amulett, verschwunden sei. Der Verlust des Rubinrings, an den sie auf dem Festlande und bei ruhiger See weniger schmerzlich gedacht, quälte jetzt ihre fatalistische Seele wieder, und sie sprach davon zu den beiden Herren, die links und rechts, wie zu ihrem Schutze, langgestreckt, die Köpfe ihr zugeneigt, in den Stühlen lagen. Aufgewühlt aber war die Sache wieder durch einen merkwürdigen Zettel von der Hand und mit der Unterschrift Mückes, den ihr sein Steward auf der Höhe von Kap Finisterre überbracht hatte, und auf dem zu lesen war: er glaube ihr wichtige Mitteilungen über den Verbleib des Ringes machen zu können, und er bitte sie deshalb, in der Angelegenheit nichts zu unternehmen, gar nichts, ehe sie ihn gesprochen. Aber er kam nicht, mit ihr zu sprechen. Statt seiner war heute früh der Steward wieder bei ihr erschienen mit einem zweiten Zettel: er, Mücke, bitte höflichst, die erste Mitteilung als ungeschehen zu betrachten, da ein Irrtum seinerseits vorliegen müsse. Jetzt war sie so gescheit wie vorher, aber wesentlich unruhiger. Denn ihr kam vor, als ob da irgendwelche fatale Intrigen gesponnen würden, die sie noch schlimmer schädigen konnten, als es schon durch den Verlust des seltenen Schmuckstückes geschehen. »Also, Gnädigste, sein S' ganz ruhig –« sagte Schwammerl und legte den Zeigefinger wichtig ans Kinn zwischen die frisch ausrasierten Franz-Josefs-Koteletten –, »also, bitt' schön, mir hat der Friseur etwas g'sagt vorhin – der Herr Beppo – –« Kreuzwendedich von Reubke hörte den Friseur ungern nennen. Seit Beppo Marlettino in seiner Zerstreutheit die Bauchtanzfilms mit den marokkanischen Gruppenaufnahmen Viktorias verwechselt und ihn dadurch in den Geruch eines Wüstlings gebracht hatte, rasierte er sich selbst. Das dauerte allerdings sehr lange, und das Englischpflaster seiner Reiseapotheke war schon beinahe aufgebraucht; aber Strafe mußte sein. Tilly schien die Angelegenheit verziehen oder doch schon halb vergessen zu haben; und er wußte sich stets so neben sie zu placieren, daß ihr die Verwundung am Ohrläppchen, in das ihn Fatme gebissen, nicht zu Fragen und Vermutungen Anlaß gab. Und jetzt mußte dieser unselige Schwammerl den Namen des ruchlosen Bartkratzers ganz harmlos wieder in die Unterhaltung werfen! Wirklich – ganz harmlos? War das nicht am Ende eine pfiffige Finte des Rivalen? Kreuzwendedich überlegte. In seiner Tasche knisterten zwei wenig erfreuliche Briefe, die er gerade noch vor der Abfahrt von Lissabon in Empfang genommen. Der eine war von der unvermählten, vermögenden Tante, der »Fischotter«, die ihm dankte für einen aus Genua gesandten Blumengruß aus dem Süden, der leider nicht gut verpackt gewesen und ziemlich verwelkt angekommen sei. Dieser Brief enthielt dann noch die Mitteilung, daß die Tante vorübergehend an schmerzhaftem Rheumatismus gelitten, jetzt aber durch schwedische Massage einen so herrlichen Gesundheitszustand gewonnen habe, daß sie von Heiterkeit und Zuversicht erfüllt sei und wohl hoffen dürfe, das Patriarchenalter jener Ursula von Reubke zu erreichen, die, wie er wisse, ein Jahr vor Oliver Cromwells Tod geboren sei und die Schlacht von Kolin noch in voller Geistesfrische erlebt habe. Was sie ihm auch von Herzen wünsche ... Von dieser Seite war also keine baldige Veränderung seiner Glücksumstände zu erwarten. Niederschmetternder noch war aber der zweite Brief, der schon seit drei Wochen hinter ihm herreiste, um ihm endlich in Lissabon mitzuteilen, daß sein Anwalt rate, weitere kostspielige Versuche zu unterlassen, das Bankdepot des in England verstorbenen Onkels Roderich, des närrischen Legationsrates außer Diensten, ausfindig zu machen. Die Oberin Veronika von Reubke – so schrieb der Anwalt –, deren Einwilligung zu einem Prozeß gegen die englischen Banken, die etwa in Betracht kämen, notwendig sei, habe ihm ein umfangreiches Schreiben gesandt. Dieses habe Strafporto gekostet, da die würdige Dame wiederum einige Heiligenbilder beigelegt, die zu seiner, Kreuzwendedichs, Verfügung stünden. Des weiteren habe ihm die fromme Dame mitgeteilt, daß ihr der Kaiser einen Hirtenstab und das Prädikat »Exzellenz« verliehen habe, und daß sie im Klostergarten jetzt sehr interessante Versuche mit Orchideen aus Ostindien und Guatemala mache und sich zu diesem Zwecke Moorboden, Sumpfmoos und Heideerdebrocken aus den verschiedensten Teilen Deutschlands habe kommen lassen. Was die Erbschaft anbetreffe, so sei sie nach wie vor an ihr Gelübde und die Ordensregeln gebunden und leider nicht imstande, einen Notar oder irgendein anderes Wesen männlichen Geschlechts zur Ausstellung einer Urkunde in diesem irdischen Leben noch zu empfangen. Sie sende ihm – dem Rechtsanwalt Cohn VII – sowie ihrem lieben Neffen Kreuzwendedich ihren Segen; bitte herzlich, von weiteren Briefen in der Erbschaftsangelegenheit absehen zu wollen; sei aber gerne bereit, als Zeichen ihrer Erkenntlichkeit für die gutgemeinten Bemühungen sowohl ihm, dem Rechtsanwalt Cohn VII wie ihrem lieben Neffen Kreuzwendedich, im nächsten Frühjahr einige junge Pflanzen besonders schöner Orchideensorten – vielleicht der violetten aus Guatemala – gut verpackt zum Selbstkostenpreis zu übersenden, sofern der liebe Himmel ihrem Werk seine Gnade und ihren Warmhäusern hübsch warme Sonne schenken wolle. Dies alles nochmals überdenkend, entschloß sich Kreuzwendedich, heute noch Tilly zu erklären, daß er ohne sie dieses irdische Leben nicht länger ertragen könne. Er wollte mit schönem Freimut hinzufügen, daß er ihr zwar Glücksgüter nicht zu bieten habe, aber daß sie ja selbst – Gott sei Dank... nein, so herum ging's nicht – aber: daß die gütige Liebe eines edlen Frauenherzens darüber hinwegsehe ... Da hatte er sich doch mal ein paar wunderhübsche Verschen notiert, die ausklangen in einen Preis der hochherzigen Seele, mit der einst der Himmel die Brust der Frau ausgestattet. Wie ging das doch? Richtig, so fing's an: Natur sorgt unverdrossen Und treu für jedes Kind! Dem Fische gab sie Flossen. Das Horn gab sie dem Rind. Dem Rind ... dem Rind ... Donnerwetter, wie ging das nun weiter? – Dem Rind ... »Was woll'n S' denn immer mit dem Rind, Herr von Reubke?« Kreuzwendedich erschrak heftig. Er hatte wieder mal laut gedacht und begegnete nun Schwammerls fragenden Augen, die durch die Verblüffung nicht intelligenter wirkten. Er wollte eine Entschuldigung stammeln und sagen, daß dieses Rind in einen vortrefflichen Vers gehöre, der ihm gerade eingefallen und keineswegs irgend etwas mit den geschätzten Anwesenden zu tun habe ... Aber da sah er in Tillys Gesicht. Es war graugrün. Nur die Nasenspitze leuchtete schneeweiß wie ein kleiner Eisberg. »Ist Ihnen nicht wohl, gnädige Frau?« »Ich fürchte – es wird ... oh! ... wird besser sein, wenn ich nach meiner Kabine ...« Reubke stand schon neben ihr und reichte ihr ernst und offiziell den Arm. Auf den Einfall war Schwammerl nicht gekommen. Leute, denen's schlecht wurde – und waren's die schönsten Blondinen – versetzten ihn in Unruhe. Auf Reubkes Arm leicht gestützt, ging Tilly mit einem etwas mühsamen Lächeln nach dem Treppenhaus: »Promenadendeck Nummer sechzehn – Sie wissen. – Mir wird schon wieder etwas besser.« Aber es war sehr seltsam. Mit jedem Schritte, den Kreuzwendedich, gegen die schwankende Schiffsbewegung ankämpfend, vorwärts tat, mehrte sich ein heftiges Unbehagen, das ihm plötzlich heiß aus der Magengegend aufstieg. Er fühlte, daß sein Arm zitterte. Seine Beine auch. Die Schläfen wurden feucht. Das Herz klopfte wie ein Hammerwerk. Ihm war zumut, als ob seine Eingeweide locker im Leibe hingen und eigensinnig eine der Schiffsbewegung entgegengesetzte Drehung versuchten. Sein Hirn fühlte er deutlich bei jeder Hebung wider die Hirnschale prallen. Vor den Augen – hoppla, da war eine Stufe! – vor den Augen flimmerte ihm ein violetter Funkenkranz. Seine Gedanken verwirrten sich. Warum ging er hier – wohin ging er? Das war wider die Natur – Natur – dem Fische gab sie Hörner – oder wie – Schwammerl hätte auch mitgehen können ... und – nein, den Kognak hätte er nicht trinken sollen – aber das war ja gestern – dem Rinde gab sie Flossen ... O Gott, o Gott! Er wußte, daß er jetzt etwas ganz Schreckliches tat, etwas wider Anstand, Sitte und Vernunft – etwas nie wieder Gutzumachendes. Aber er konnte nicht anders. Es zwang ihn, knechtete ihn, warf ihn. In dem Augenblick, als er die Tür der Kabine Nummer sechzehn öffnete – eigentlich öffnete er sie gar nicht, sondern er fiel mit ganzer Wucht seines Körpers dagegen, und sie sprang jäh aus dem Schloß – in diesem Augenblick, als ihm auch noch der warme Duft eines engen, geschlossenen Raumes entgegenschlug, in dem eine soignierte Weltdame sich vor kurzem gewaschen, angekleidet und parfümiert hatte, stürzte er, von einem plötzlichen Anfall heftigster Seekrankheit überwältigt, auf das gegenüber in weißer Sauberkeit winkende Lager. Wie ein Klotz fiel er darüber. Mit offenem Munde und geschlossenen Augen lag Kreuzwendedich von Reubke auf dem Bett der Frau Tilly Schuch. Tilly hatte einen schrillen Schrei des Entsetzens ausgestoßen. Hilde und ein Steward liefen erschreckt hinzu. Und während der Steward dummglotzend dastand und dieses Situationsbild, wie es die Kabine sechzehn bot, absolut nicht begriff, unterdrückte Hilde gewaltsam eine wilde Heiterkeit, die in ihrem hübschen Gesichtchen aufsteigen wollte, und eilte geschäftig ins Treppenhaus: »Ich werde den Doktor rufen!« Aus der Kabinentür gegenüber steckte der Ritter von Scupinsky vorsichtig auslugend seinen pomadisierten Kopf. Es kam Tilly, die ratlos neben dem glotzenden Steward stand, einen Augenblick zum Bewußtsein, daß Scupinsky früher in der Luxuskabine gewohnt hatte und diese Kabine, ihr gegenüber, leer war. Dann blitzte es ihr durch den Kopf, daß man schon gestern abend davon gesprochen, Scupinsky und Selma mit ihren siebzehn Stück Handgepäck zögen um. Es scheine, daß sie sich durch Pilzheimers, die jetzt in die Luxuskabinen neben Elisabeth Hunneberg eingezogen waren, irgendwie geniert fühlten. Obschon eine Belästigung eigentlich nicht gut möglich war, denn Frau Pilzheimer kam nur zum Schlafen und Umkleiden in die Kabine, äußerte wenig und rieb sich nur zuweilen geräuschlos wie in stillem Vergnügen die Hände. Kreuzwendedich von Reubke lag immer noch mit offenem Munde und geschlossenen Augen ohne Wort und Bewegung auf dem Bett. Doktor Lux kam. Er fragte Kreuzwendedich, wie er sich befinde, deutete das Stöhnen, das er endlich zur Antwort bekam, dahin, daß es dem Patienten nicht zum besten gehe, und sprach zu Tilly Wissenschaftliches und Tröstliches über besonders schwere und akute Fälle plötzlicher Zirkulationsstörungen. Er könne ja, sagte er, allerlei verordnen, zum Beispiel Chloralhydrat oder Antipyrin; und es gäbe Kollegen, die das, ut aliquid fieri videatur , auch kaltlächelnd täten. Doch helfe das ebensoviel wie etwa ein Natronpulver bei der Arteriosklerose, ein Löffel Rizinus gegen die Elephantiasis Graecorum oder ein lauwarmes Fußbad gegen die Cholera. Das beste sei schon in solchen akuten Fällen, die mit schweren Störungen im Blutkreislauf verbunden seien, dem Patienten Ruhe zu gönnen. Nur Ruhe, äußerste Ruhe. Mithin ihn unbedingt liegen zu lassen, wie und wo er liege, nicht anders als einen mit der Kugel in der Stirn auf den grünen Rasen des Schlachtfeldes Niedergesunkenen. »Ja aber –« Tilly wollte schüchtern darauf aufmerksam machen, daß dies kein Schlachtfeld, sondern eine von ihr für eine Lustfahrt gemietete Kabine und dort das Lager kein grüner Rasen, sondern ihr Bett sei. Aber der Arzt nahm schon wieder zu umständlicher Erklärung das Wort. Er sagte, daß auch leichte Schüttelfröste eintreten könnten, und daß es deshalb gut sei, dem Patienten die kalten Beine gut zu bedecken. Und da er nichts anderes fand, griff er den mattrosafarbenen Morgenrock Tillys vom Haken und legte ihn sorglich über die Beine Kreuzwendedichs, die ganz merkwürdig, wie zwei zerbrochene Hölzer, übereinanderlagen, und in denen alles Leben erstorben schien. »Es empfiehlt sich nicht, ihn jetzt umzubetten«, entschied der Doktor. »Stellen Sie ihm ein geräumiges Gefäß in Armweite her und –« »Ja aber –« Tilly errötete bis unter die Haarwurzeln. Durch die Ablenkung ihrer Gedanken auf andere Angelegenheiten war ihr wieder ganz wohl. »In solchen Fällen ist der Kranke das Wichtige«, belehrte sie der Arzt, und ein Tadel klang in seiner Stimme. »Ist das Maßgebende, das einzig Bestimmende. Die Gesunden müssen kleine Unbequemlichkeiten mit in den Kauf nehmen. – Was murmelt der Patient eigentlich jetzt immer? Hat er einen Wunsch? – Hören Sie doch mal, Steward, was er sagt!« Der Steward beugte sein Ohr tief an Kreuzwendedichs blasse Lippen, die sich, mühsam leise Worte bildend, immerzu bewegten, während die Augen geschlossen blieben und die Nase immer länger und spitzer zu werden schien. Hilde hatte schon angefangen, die Morgenröcke und Toilettesachen Tillys zusammenzupacken; was keine leichte Arbeit war, da die Kabine bedenklich schwankte, wozu Schränke und Wandverschalungen knackten und ächzten. »Nummer fünfzehn gegenüber ist noch frei – neben Herrn von Scupinsky, gnädige Frau«, sagte sie munter tröstend. »Ich bring' Ihnen schon alles hinüber – gehen Sie ruhig an Deck.« Und Tilly ging mit zögernden Schritten an Deck. In ihrem hübschen Kopf arbeitete der Gedanke, daß auch dies alles nicht passiert wäre, wenn sie den Glücksring der Herzogin nicht in Barcelona verloren hätte. Unten aber in der Kabine hob sich der Steward, krebsrot von der Anstrengung, aus seiner gebückten Haltung, in der er Kreuzwendedichs Lippen belauscht hatte, und meldete in strammer Stellung dem Schiffsarzt: »Er sagt: Das Rind hat Flossen.« »Sie haben auch Flossen!« raunzte der Doktor ärgerlich und verließ die Kabine, um auf dem Plüschsofa der Apotheke weiter in Straparolas »Ergötzlichen Nächten« zu lesen ... ... Die Öltzendorffs hatten ihre reich mit Kissen und Decken versorgten Liegestühle dicht zu den Stühlen Bergemanns und Erichs herangezogen. Fast vertraulich. Das Geschwisterpaar genügte sich nicht in der Biskaya. Es suchte menschlichen Anschluß zu zerstreuendem Gespräch. Bergemann und Erich wären bedeutend lieber allein gewesen. Sie versprachen sich von einer Konversation mit den Öltzendorffs heute wenig Anregung. Sie hatten Wichtiges und Ernstes zu besprechen. So hörten sie denn auch nur zerstreut zu, als Öltzendorff umständlich und mit vielen Daten von einem sehr bedeutenden Großohm väterlicherseits erzählte, der als junger Diplomat – wenn auch nicht in leitender Stellung – am Wiener Kongreß teilgenommen, und dessen schneidiger Initiative allein die sehr erfreuliche Tatsache zu verdanken gewesen sei, daß in der Kongreßakte das Vaterland der Öltzendorffs, Preußen, für das an Dänemark überlassene Lauenburg mit dem schwedischen Vorpommern auch die herrliche Insel Rügen erhalten habe. Er wolle ja nicht behaupten, daß die Dankbarkeit unbedingt erfordert hätte, dem verdienstvollen Manne am Strande von Saßnitz oder oben auf dem Kreidefelsen von Stubbenkammer ein ragendes Denkmal zu setzen; aber als durchaus unwürdig und beschämend müsse er es bezeichnen, daß er und seine Schwester Viktoria, gewissermaßen Nachkommen dieses Mannes, voriges Jahr, wie jeder Schulze oder Meyer, hätten Kurtaxe bezahlen müssen; obschon er persönlich den Namen »von Öltzendorff« in seiner deutlichen steilen Schrift – und, wie er bekennen müsse, hier nicht ohne Stolz – auf den Meldezettel eingetragen. Übrigens – fügte Viktoria beiläufig noch an, indem sie ein erfrischendes Pfefferminzplätzchen in den Mund schob – habe sie ein Urenkel dieses hervorragenden Diplomaten aus seiner leider wenig glücklichen Ehe mit einer russischen Gräfin jetzt gerade in Lissabon durch seine Verlobungsanzeige überrascht, der Rittmeister Max von Öltzendorff. Zwei Köpfe lösten sich im selben Augenblick von den kleinen, seidenen Reisekissen, in denen sie, gelangweilt in die Sonne blinzelnd, geruht. Erich und Bergemann tauschten einen erstaunt fragenden Blick. »Heiratet der Herr Rittmeister auch eine Russin –?« Bergemann sagte es ganz leichthin; aber seine Augen blieben auf Erichs Gesicht haften, in dem die Muskeln seltsam arbeiteten. Öltzendorff lachte: »Sie meinen, wir Öltzendorffs heiraten so langsam die ganze moskowitische Aristokratie weg. Nee, der brave Junge hat sich eine Deutsche ausgesucht – echte Germanin sogar, wie er schreibt – aschblond, hochgewachsen, blauäugig und so. Typ Thusnelda, denk' ich mir. 'ne Witwe, adlig natürlich. Bei Büssigheim herum begütert, oder wie das Nest heißt ... Übrigens, hast du beobachtet, Viktoria, wie energisch die Dame schreibt?« Er kramte in seiner Brieftasche und fand zwischen Hotelrechnungen und anderen minder ansehnlichen Papieren den Brief, den der Neffe und die neue Nichte ihm und der Schwester zusammen nach Lissabon geschrieben. Erich sah scharf hin. Alles in ihm war Verlangen, zu wissen, ob wirklich ... Ja, es waren dieselben Bogen aus grauem Leinenpapier, wie er sie damals – in angekohlten Fetzen – aus dem Kamin des Abtzimmers aufgelesen. Und auf der letzten Seite, die jetzt Viktoria durch ihr Lorgnon prüfte, lagen, blau und gerade, die großen, anspruchsvollen, unverkennbaren Schriftzüge Eugeniens. Öltzendorff schmunzelte vor sich hin. Seine Lippen schmatzten genüßlich, als schmecke er eine Süßigkeit. »Muß da so was wie ein kleines Romänchen gespielt haben. Untröstlicher Rivale, verstehen Sie ... reiches Kerlchen wohl, der nun auf Weltreisen verschollen ist ... Indien und so ... Ja, lieber Gott, einen Öltzendorff ausstechen, der sich in Liebesdingen was in den Kopp gesetzt hat ... Na – die Kinder werden sich hoffentlich keine Sorgen machen ... So ein Naböbchen geht nicht gleich ins kalte Wasser, wo's tief ist, was?« »Nee, das tut so was nicht«, nickte Bergemann. »Wie?« »Ich meine – aufs Wasser geht es vielleicht. Und das ist ja auch sehr vernünftig. Denn die See ist eine große Trösterin. In allen Schmerzen.« »Möglich«, sagte Öltzendorff. »Ich habe keinen Schmerz. Außer abends mein ekliges Rheuma. Und da ist Opodeldok ein besserer Tröster als die See ... Übrigens wenn sich einer aus Liebe umbringt, dann war schon nichts an ihm verloren.« »Gar nichts«, bestätigte Viktoria, in deren Leben kein derartiger Verlust eine Rolle gespielt hatte. Erichs Blick haftete immer noch gebannt an dem Papier. Die Fetzen eines solchen Bogens hatten seinem Leben eine ganz neue Richtung gegeben. Ein mildes, fast dankbares Gefühl überkam ihn. Aus dem »kleinen Assessor aus Heringsdorf«, nach dem man sich vorsichtig bei Schimmelpfeng erkundigt, war also jetzt für die Phantasie der bräutlichen Schreiberin ein untröstlicher kleiner Nabob geworden. Und die heimlich gestohlenen Wonnen der Märztage von Aranjuez-Lido-Venedig hatten für den Herrn Rittmeister ihre unerwartete offizielle Fortsetzung erhalten. Man kann nicht onkelhafter für das Glück eines andern fühlen, das man einmal selbst begehrt hat, dachte Erich und nickte Bergemann lächelnd zu. »Die Handschrift ist doch nicht leicht zu lesen«, sagte Viktoria, der etwas Unbestimmtes verwirrend vor den Augen tanzte. Öltzendorff sah sie besorgt an. »Du bist etwas blaß, Vicky. Vorhin sahst du besser aus.« »Ich glaube, lieber Bruder – das lange Liegen bekommt mir nicht recht. Ich ... ich werde etwas an meinem Tagebuch schreiben.« Der Bruder reichte ihr galant den Arm. Breitbeinig, wie sie's von den Matrosen abgesehen, entfernten sich die beiden auf dem heftig schwankenden Schiff. »Armes Tagebuch«, sagte Bergemann. Erich sah ihnen vergnügt nach. »Sanitätsrat, glauben Sie jetzt an mein Daimonion? Vom Büssigheimer Kamin führt's mich in die Biskaya. Direkt. Damit ich von einem hochgestochenen Narren und einer seekranken alten Jungfer erfahre: dein Weg ist frei – reulos frei!« »Mein lieber Erich – –« »Nur keine Reden, verehrter Freund! Jetzt nicht! Kommen Sie, wir gehen ein bißchen auf Deck herum. Uns beiden macht die Biskaya nichts. Uns nicht! Und die Luft ist so köstlich rein – und die Sonne, sehen Sie nur, wie sie den Wellenspitzen kleine goldene Hütchen aufsetzt. Herrlich, so durch den Kampf fahren, mit sich selber im Frieden!« »Wer das auch so von sich sagen könnte!« Erich wurde wieder ernst. »Ich glaube, wir nehmen das ganze Leben zu tragisch. Wir alle. Sie auch, Sanitätsrat –« »Ich hab' an vielen Totenbetten gestanden.« »Aber auch an vielen Wiegen!« »Ja, das auch. Aber an einer nicht, an die ich wohl gehört hätte.« Erich verstand nicht gleich: aber er schwieg, denn er hatte das Gefühl, daß Bergemann selbst sich erklären würde. Nach einer Welle fuhr der Sanitätsrat fort, das Auge weit über die bewegte See gerichtet: »Sie wissen, ich bin mit dem Kollegen gestern – eingedrungen – bei ihm. Man kann's schon nicht anders nennen. Er war erst verstockt, dann rabiat, dann – ja, dann wie ein Kind ... Wie ein Kind, wissen Sie, das so lange den Erwachsenen nachgeahmt hat, äußerlich, äffisch, blöd, und das sich jetzt plötzlich erschreckt auf sich selbst besinnt, gehen läßt. Kindisch ist, naiv, aber dazwischen auch klug, lieb und – hilflos. Und ist das nicht sonderbar, fast ein wenig beschämend für die menschliche Natur: nichts in mir hat alle die Tage, da ich diesen jungen Dandy sah, meinem Hirn oder Herzen gesagt, gemeldet, auch nur dunkel angedeutet – durch ein Erstaunen, ein Erschrecken, ein Aussetzen des Pulses, durch irgend etwas, wie's die Natur sonst zu Warnungen und Prophezeiungen in so 'nem verwickelten Mechanismus benutzt – dies ist Blut von deinem Blut! Nichts, gar nichts. Er ist mir fremd geblieben, ich ihm. Ich sah einen Passagier, eine Nummer, eine Belanglosigkeit in ihm. Eine ärgerliche Null bei der Addition der Bekanntschaften. Ich fand sein Monokel blöd, er wahrscheinlich meinen Hosenschnitt lächerlich. Und daß dies nichtige Zierbengelchen – wie es mir erschien – der Liebe meiner einzigen Schwester, der nie Vergessenen, das Leben dankte, hat mir keine Blutwelle warnend gemeldet. Ihm aber hat keine gesagt: der alte Herr dort ist der einzige, auf den du dich vielleicht noch verlassen kannst in der Welt ... Denn sehen Sie, Erich, das bin ich wirklich. Gestern abend – als der Dandy erledigt war in ihm, das Gigerl tot, der frühe Weltmann begraben – als er – gezüchtigt, verbannt – wieder Kind war, zerbrochen in seinem Stolz, mürb von der Qual des Alleinseins und des Geheimnisses, das ihn drückt – da hat er mir gebeichtet. Oder wie soll ich's nennen ... Vielleicht mehr sich selbst Rechenschaft gegeben als mir. Vielleicht kam's ihm nur dunkel zum Bewußtsein: was hier zuhört, ist ja auch dein Blut, ist ja Liebe von der Liebe, die dich einmal umsorgt hat. Ist bereit, dir mehr zu verzeihen, als du dir jetzt in deiner Gebrochenheit und Zerknirschung selbst verzeihst ... Und wie wunderbar die Natur ist: da ihm die Tränen in den Augen standen, wurde er der Frau ähnlich, die ich nie habe weinen sehen, selbst als Kind nicht, weil sie so stolz war. Und dann doch wieder eine Handbewegung, ein Lächeln, das ich so gut kannte; das ich lang, lang nicht mehr gesehen hatte, nie mehr zu sehen, gar nicht mehr zu kennen glaubte ... Und was er sagte, war gewiß alles Wahrheit. Kein Priester kann ehrlichere sagen. Denn – das kam hinzu – er spielt mit dem Gedanken, daß es das letzte Mal ist, daß er beichtet. Dieser Mensch, der ein paar Jahre lang keine andern Ideale gekannt hatte, als die letzten Moden des Snobismus mitzumachen, sich zu kleiden nach den neusten Winken, die die Côte d'Azur da unten unmittelbar von Paris und London empfängt, hatte das heiße, das menschlich ehrliche Bedürfnis, seelisch nackt vor einem Menschen zu stehen. Das Medaillon mit dem stolzen Kopf seiner Mutter in der Hand, hab ich viel gehört – Leichtsinniges, Trauriges, Allzumenschliches. Hab ihren Tod miterlebt in den Zimmern voll falscher, billiger Eleganz, in der sie nur den Bücherschrank hütete und den Flügel. Hab den heruntergekommenen Bereiter gesehen, die gefallene Zirkusgröße, der nach seinem dritten und schwersten Sturz mit dem Pferde nach langem Krankenlager aus dem Gipsverband das gelähmte, verkürzte Bein zog und Frau und Kind die ganze Bitterkeit seiner Erniedrigung erleben ließ. Cenzano hieß er – der Spanier. Daß ich nicht früher darauf gekommen bin! Er war gar kein Spanier, hatte nur durch ein seltsames Spiel der Natur den dunklen Typus des Südländers und hat das – ein entlaufener Abiturient, aber verwegener Sportsmann – für die Zirkuskarriere ausgenutzt. Cenzano ist auf spanisch nichts anderes als – – « »Mücke!« »Natürlich, ja. Den spanischen Künstlernamen weiterzuführen, nachdem der Sturz und das lahme Bein die Reitkünste hinderte, hatte keinen Sinn mehr. Die Behörden mögen auch Schwierigkeiten gemacht haben. Er liegt, ein Opfer des Spiels, des Alkohols, der Disziplinlosigkeit, des vergeudeten Lebens, in Nizza unter einem Kreuz von blütenweißem Marmor, der dort so billig ist. Sie aber ... sie ging ihm voraus. Nach böser Leidenszeit. Sie sollte schreiben an ihren Vater, an mich, sollte Verzeihung erbetteln, Hilfe – immer wieder hat es der Glücksritter verlangt. Schmeichelnd zuerst – dann unter rüden Drohungen und Beschimpfungen. Die haben einen heimlichen Haß in des Sohnes Herz gelegt gegen den Vater. Sie hat stolz jeden Annäherungsversuch an ihre Familie verweigert. Sie hat ihrem Sohn nie von uns gesprochen, nie von zu Hause, nie von Deutschland. Er hat den Mädchennamen seiner Mutter erst erfahren, als ich ihm sagte – nein, schrieb in jenem Brief ... Enkel meines Vaters, der ganz in seinen geliebten Büchern lebte, der jeder Wissenschaft werbender Freund war, der seine stillen Freuden nur aus Ewigkeitswerten gewann und – seinen Trost, ist dieser Junge aufgewachsen als aufgeputzter Sohn eines Spielers, der ein Bereiter war, als frühreifer Schüler eines Talmikavaliers, der nur den Schick, den Sport und die Karten gelten ließ. Seine Mutter hat ihm wohl in letzten Versuchen, ihn Edlerem zu gewinnen, Bücher heimlich in die Hand gedrückt – Dante, Goethe, Byron. Sie haben auch seine Neugier geweckt, sein Interesse. Der Vater zerriß sie, warf es aus dem Fenster, das unnütze, verlogene Zeug, und lehrte den aufgeweckten Buben Ecarté, Pokern und die Chancen der Roulette nach elf ›Systemen‹. Da schloß die früh gealterte Frau wortlos ihren Bücherschrank ... Heute arm, daß sie den schimpfenden Bäcker nicht bezahlen konnten, morgen sinnlos im nachts gewonnenen Gelde wühlend, dem Jungen ein paar Goldstücke hinwerfend, daß er Motorboot fahre, Tauben schieße – so hat er den Vater Leben, Gewinn und Kraft vergeuden sehen. Gerade majorenn war er, als der Vater starb. Was er erbte, waren Pariser Anzüge, englische Schuhe, französische Romane, ein paar Spieltische und ein halb bezahlter Weinkeller ... So hat er die paar Jahre verlebt, wurzellos, interesselos und manchmal geschüttelt von einem Ekel vor der Welt voll Sonne um sich, vor den blanken Sälen mit den parfümierten, geputzten Leuten, die mit Geld und Ehre und Tod spielen. Von einem Ekel vor sich selbst ... Und da kam – kurz vor dieser Reise – eine Szene in einer Spielergesellschaft – – Ja, was war das?« Der Sanitätsrat stand einen Augenblick still und schloß die Augen, um besser nachdenken zu können. Dann sagte er zögernd: »So weit war alles klar, alles, was er erzählte. Menschen, Dinge, Verhältnisse, Leichtsinn und Niedrigkeiten, alles schälte sich plastisch heraus aus seinen Worten für mein helles Hinhören. Für meine Angst, mein Mitgefühl. Aber von da ab verwirrt sich's. Oder aber – verwirrte er's absichtlich? Ein Streit im Café mit einem Spieler – so weit begriff ich noch. Dann aber entfuhr's ihm: ich solle den Spieler kennen – ich. Und schon nahm er's fast ängstlich zurück. Ein verhängnisvoller Wortwechsel hat jedenfalls stattgefunden – Tätlichkeiten vielleicht, ein amerikanisches Duell – in dem er die schwarze Kugel zog ...« »Er –? Aber er lebt doch noch? Fährt doch seit zwei Wochen mit uns ...« »Ja, das ist das Seltsame. Er spricht verworren, halb ängstlich, halb drohend von einem Aufschub, den er verantworten könne. Er werde ein Ende machen, aber erst – – Und dann, ja dann erwähnte er wieder – Sie – – und daß er sich vielleicht doch irre ... Denn – wie war's doch? Ja, denn auch die Häfeles, die doch wohl in ihrer Harmlosigkeit über den Verdacht erhaben seien ... Aber davon möcht' ich eben jetzt nicht reden ... Steigen wir hinauf, da kommen wieder die schrecklichen Öltzendorffs ...« »Wahrhaftig. Das Tagebuch scheint ihr auch nicht gut bekommen zu sein.« »Ja. Ich kann jetzt die Simpeleien über den Diplomaten vom Wiener Kongreß nicht anhören. Klettern wir hinauf aufs Brückendeck!« Und sie stiegen rasch, sich fest an die Geländerstangen haltend, hinauf und gingen die Rettungsboote entlang. Kein Mensch begegnete ihnen hier oben. Golden zitterte die Luft. Weißgebuckelt dehnte sich das blaue Meer. In der gedeckten Veranda, wie in einer Burg von aufeinandergestülpten Rohrfesseln, saß Adam Balzer, der kleine Kapellmeister, mutterseelenallein. Mit geschlossenen Augen, die unrasierten Wangen bleich noch von einer kaum überwundenen Attacke der Seekrankheit, hockte er, um die fröstelnden Schultern einen alten karierten Schal gelegt, schmächtig und unansehnlich auf dem Stuhl vor dem Klavier und spielte. »Was spielt er?« Bergemann näherte lauschend seinen Kopf einem Fenster. »Das kenn' ich doch ...« »Das glaub' ich! ...« Und halblaut sang Erich die Worte zu Balzers »Holländer«-Phantasie: »Mein Schiff ist fest – es leidet keinen Schaden ...« Bergemann lächelte ein nachsichtiges Lächeln: »So höhnt der verlassene kleine Musiker, seekrank und einsam, den tückischen Golf von Biskaya und die heimliche Furcht seines eigenen Herzens.« »Weiß Gott, er hat recht, Sanitätsrat. So sollten wir alle tun. Nicht höhnend, aber zuversichtlich sollten wir unser Herz singen lassen: Mein Schiff ist fest – es leidet keinen Schaden!« ... Achtes Kapitel. Tuu – tuuu – tuuuu – »Was ist denn los?« Erich fuhr auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Er suchte seine Uhr auf dem Nachttisch. Was denn? Hier war ja keiner? ... Offenbar war dies wieder ein Schiff und kein Hotel. Wie gestern auch. Und vorgestern. Richtig, er fuhr ja auf der See ... Vor seiner Nase baumelte die Taschenuhr an der goldenen Kette aus dem Netz, in dem Brieftasche und Schlüssel wohlverwahrt lagen, und zeigte vier. Tu – tuu – tuuu – – Das war das Nebelhorn, jetzt wußte er's wieder. Und dies war die Kabine Nummer zwanzig der »Astarte«; und er war der Königlich Preußische Assessor Erich Eckardt, der leider einen kleinen Brummschädel hatte, und nicht der König von Cintra, den die Revolutionäre erst ganz sorgfältig mit blauen Bändern verschnürt, wie ein Wertpaket, und dann mit einer leeren Pommeryflasche um den Hals in den Kanal geworfen. Auch die merkwürdigen feuerspeienden Berge, die in lohender Reihe den Kanal säumten, waren alle nicht mehr da. Dieses alles, das Bebändern, Ertränken, Feuerspeien hatte offenbar nur im Traum stattgefunden. Und der Traum wiederum, jetzt beim wohltuenden Waschen fiel's ihm wieder ein, war nur ein wirrer Tanz der Eindrücke vom »Kapitänsdiner« gestern abend, bei dem er den Pommery nicht geschont hatte. Die blauen Bänder, die waren vom Obersteward zur Erinnerung an die Damen verteilt worden und trugen alle in Goldbuchstaben den Namen »Astarte«. Und die feuerspeienden Berge? Ei ja, das waren die in blauroten Flämmchen lustig brennenden englischen Plumpuddings, die auf den breiten Händen der Stewards in munterer Polonäse in den plötzlich verdunkelten Saal tänzelten. Langsam und sicher glitt das Schiff, nicht mehr eigensinnig stampfend, wie in der Biskaya, nicht mehr erschüttert, wie in den herrlich klaren Tagen auf dem Kanal. Ein leises Zittern, ein gleichmäßiges, heimliches Rauschen, das war alles, was auf die Fahrt deutete. Man war wohl schon in den Kanälen Hollands? Richtig, dort durch die Luke sah Erich in grauer Regenstimmung grünes, flaches Ufer. Teufel auch! Am Ende hatte er verschlafen? Ging die Uhr falsch, landete man schon –? Nein, Amsterdam kann doch unmöglich mitten in einer Wiese liegen? Aber da oben bollerten schwere schlurfende Schritte über seinem Kopf – Matrosenstiefel. Wurde das Deck wieder mal gründlich abgewaschen? Eine Reinlichkeit zum Verzweifeln auf diesen Schiffen! Vielleicht trampelten diese Füße doch schon nach dem Anker? Unsinn! Die Ankerketten liefen doch nicht über dem Bootsdeck hin! ... Und wenn nun gar der Trubel des Abschieds schon begonnen hatte, dann konnte er doch Bergemann nicht, wie er versprochen hatte, zur Seite sein, um Arthur Mücke, der sich endlich zeigen mußte, von trotzigen Dummheiten abzuhalten; konnte sich gar nicht richtig verabschieden von den Fahrtgenossen, vom Kapitän, den Stewards, der Musik, dem Friseur – und – – und – – – Na ja, und von Hilde. »Arglistig Herz, du lügst dem ew'gen Licht – dich trieb des Abschieds reine Stimme nicht ...« Ganz genau so hieß es wohl nicht in der »Jungfrau von Orleans«. Aber Zitate sind überhaupt nur zur Hand des Gebildeten, wenn – – Wenn nur seine Stiefel auch zur Hand gewesen wären! Endlich war er fertig und stürmte hinaus. Im Treppenhaus traf er Beppo, in blendend weißer Jacke und pressiert wie immer. Er hatte eben schon den Kapitän rasiert. »Legen wir schon an?« »Aber nein.« Die ganze mitleidige Überlegenheit des Vielgereisten spiegelte sich in Beppos Lächeln. »Drei Stunden noch fahren wir im Kanal.« Erich konstatierte, daß man sich das alles anders denkt so in der Schule und vor dem Atlas. Da liegt das alles hübsch übersichtlich und ganz dicht am Meer – Hamburg und Amsterdam und Bremen. Und wenn man nachher hinkommt, nach Hamburg oder Amsterdam oder Bremen, dann ist man noch lange nicht am Meer. Und so geht's vielleicht mit dem Glück und mit der Liebe und solchen schönen Dingen auch. Was die sehr gescheit darüber Redenden nicht immer wissen oder Wort haben wollen. Aber ... Oh, wie sonderbar das war! Alles – alles verändert! Er stand auf den vom milden Regen der Nacht oder vom Nebel noch feuchten Planken des Bootsdecks. Das schöne, saubere, unruhige Meer war verschwunden, eingesogen, versickert. Ein schmales Wasserband nur war übriggeblieben. Auf glattem, grauem Kanal schob sich die »Astarte« langsam vorwärts, als ob sie sich einbohren wollte ins endlos sich dehnende grüne Land. Ein kleiner Schlepper, wichtig keuchend, schleppt drei dunkle Lastkähne mit Hunderten von aufgestapelten Fässern vorbei. Müde hängen die feuchten Wimpel an den Stangen. Saftig grüne Wiesenflächen breiten sich rechts und links. Schönes starkes Vieh, gefleckte Kühe stehen und liegen drin herum, mustern die Landschaft, bringen Farbflecken und Leben hinein. In der Ferne tauchen rötlich schimmernd kleine Dörfer auf und dunkle Wäldchen, wie Wälle von Stein und Laub. Windmühlen strecken ihre starren Arme in den grauen Himmel. Blonde Kinder, die nackten Füße in weiten Holzpantinen, springen am Ufer herum. Auf einem Fußpfad ziehen Schüler, die Mappen im Arm, die Mützen im Genick. Aus einem Fischerkahn kramen bärtige Fischer, den Lederhut tief in den Nacken gedrückt, die beuteschweren Netze aus. Einen Augenblick schauen sie auf und tauschen ein Wort; dann gehen sie wieder an die Arbeit, und die silbrigen Schuppen des Fangs leuchten auf unter ihren braunen Fingern. In eintönigem Grau wölbt sich der Morgenhimmel des Junitages über Wiesen und Dörfer und Mühlen von Holland. Ein paar Möwen kommen hinter dem Schiff her, fliegen wiegend, spähend, tief und ohne Scheu. Erich glaubt den Schwung ihrer weißschimmernden Flügel zu hören. Von unten her, vom Promenadendeck ein anschwellendes Stimmengewirr, das in die feierliche Stille der Frühe schneidet. Deutsch, Englisch, Ungarisch – und jetzt ein andres dazwischen. Dunkle Männerstimmen, gleichmäßig ohne Leidenschaft redend in einer Sprache, die an Onkel Bräsig erinnert in ihrer gekauten Breite. Erich beugt sich über das Geländer, um die fremdredenden Leute zu sehen. Drei gebräunte Männer, ein Wohlgenährter, dem unterm spiegelnden Gummimantel der Bauchspitz wie ein Vorgebirge vorsteht, und zwei dürre, sehnige, mit blanken Knöpfen am Rock, stehen da rauchend zusammen. Fadblonde hängende Schnurrbarte geben den unbeweglichen Gesichtern unter den zerbeulten Mützen etwas Seehundartiges. »Es sind die holländischen Zollbeamten«, sagt plötzlich eine Stimme dicht neben Erich. »Sind mit dem Lotsen gekommen. Sie fahren mit bis Amsterdam. Die Zollrevision ist auf dem Schiff.« Erich sieht erstaunt in Hildes fröhliches Gesicht, das von einer leichten Röte überflammt ist. Oder ist es ein Widerschein der Sonne, die jetzt dort im Osten gegen den Dunst kämpft? »Guten Morgen, Herr Doktor – Sie haben sich doch gerade überlegt, was das für neue Erscheinungen sind, nicht wahr?« »Sie können Gedanken lesen, Fräulein Hilde! Übrigens, weil Sie's können, sagen Sie mir vielleicht auch gleich, was ich jetzt denke, indem ich Sie ansehe.« »Sie denken, daß ich hier sehr überflüssig bin, und daß ich Sie störe in Ihrem ersten Zwiegespräch mit Holland.« »Falsch. Ich habe – ich bin nämlich im Grund meiner Seele doch ein bißchen abergläubisch – habe mich über das gute Omen gefreut. Habe gedacht: die erste Person an dem Tag, an dem wir von unserm lieben Schiff wieder ans Land müssen, zurück ins Gewühl der staubigen Städte, des lärmenden Alltags, des nicht gerade vermißten Berufs, ist ein hübsches Mädchen.« Sie lachte schalkhaft: »Das wird Beppo Marlettino noch gar nicht gewußt haben, daß er ein hübsches Mädchen ist ... Denn mit ihm haben Sie doch gerade vorhin ...« »So, das haben Sie auch gehört?« »Bei der Stille auf dem Kanal – und der guten Akustik. Ich war gerade von meinem einen Patienten unterwegs zu meinem andern.« »Richtig, ja. Sie haben ja Herrn Reubke und Herrn Mücke diese Tage betreut. Ich hätte wohl auch ein bißchen krank werden müssen, Sie mal wiederzusehen?« »Wer weiß, ob ich da nicht zusammengebrochen wäre – bei so viel ›schweren‹ Patienten!« »Na, dann bleib' ich lieber gesund. Übrigens, wie geht's denn den beiden Unglückswürmern?« »Deshalb wollt' ich grad mit Ihnen sprechen, Herr Doktor. Nämlich – Herr von Reubke ist ja so weit wieder auf dem Damm. So bei den Feuerschiffen wurde ihm rasch besser. Die Gewißheit, daß nun die See hinter ihm liegt für lange, hat Wunder gewirkt. Er steht eben auf. Ächzt, schimpft, sieht noch ein bissel schlecht aus – na, es hat ihn ja gehörig gehabt; die ganz plötzlichen Attacken sind die schlimmsten. Aber nun schämt er sich, glaub' ich, sehr; und es wäre gut, wenn da ein redegewandter Herr ihn ein bißchen stützte, aufrichtete. Sie wissen – ich sollte das ja nicht merken, aber lieber Gott, es war doch nicht zu übersehen – er hat Frau Schuch heftig den Hof gemacht und vielleicht auch gehofft, daß sie ... Da war's nun eine böse Geschichte, daß er gerade in ihrer Kabine ... Sie hat doch die Unbequemlichkeit des Umziehens gehabt. Und dann – ein wenig lächerlich ist's doch auch gewesen, daß er nun drei volle Tage wie ein Stein ...« »Ausgerechnet – in ihrer Kabine!« Erich lachte vergnügt. »Allerdings für eine Werbung keine besonders genußreiche Ouvertüre.« Erichs Auge hatte auf der silbernen Marguerite geruht, die Hilde heut', wie immer, als einzigen Schmuck trug. Die Blume schien ihm so gut zu der Schlichtheit ihres hübschen Mädchenkopfes zu passen, und der Gedanke durchzuckte ihn, daß er bald wieder nach Padua fahren müsse, nach S. Giustina, um nachzusehen, ob nicht die Heilige dort mit den feingeführten dunklen Augenbrauen, mit dem krausen, fast schwarzen Haar unterm schmalen Gold des runden Heiligenscheins auch eine Marguerite an der Brust oder in der Hand trage. Oder stand die Landschaft hinter ihr voller Margueriten, voller Margueriten ... Er wollte nachsehen in Padua – aber nicht allein. Nein, nicht allein! »Ich glaube. Sie hören mich gar nicht, Herr Doktor?« »Doch, doch.« »Nein, ich habs an Ihren Augen gesehen. Sie waren woanders.« »Nun ja, ich war in Padua. Kennen Sie Padua?« Hilde lachte. »Nur aus dem ›Faust‹. Der Gatte der Frau Marthe liegt ja dort begraben – beim heiligen Antonius. Aber dort gewesen? Sie verwechseln mich mit einer Vanderbilt. Was ich gesehen habe von der Welt, hab' ich von diesem Schiff aus gesehn, auf dem ich Stewardeß bin. Das heißt ...« Sie zögerte einen Augenblick, dann, als sie wieder sprach, zitterte die Stimme ein wenig, und sie sah an ihm vorbei über den Kanal nach der Windmühle. »Sevilla hab' ich erlebt, die Murillos. Und die hab' ich nicht als Stewardeß gesehen, wie ich sonst wohl die Häfen und Sternennächte entdeckt habe, so mit einem halben Blick hinterm Rücken einer Lady, die ich dabei bedienen mußte. Die haben Sie mir gezeigt und erklärt – und ich werd's Ihnen nie vergessen, daß Sie das getan haben, nie. Es war, als ob mein Vater noch einmal heraufgestiegen wär', und doch – natürlich – es war viel besser und gescheiter ...« »Liebes Fräulein – ein Vater ist immer das Gescheiteste, was wir haben. Da kommt später nie mehr einer mit. Meinen hab' ich zu früh verloren ... aber eine gescheite und liebe Mutter hab' ich – – und die hat mir jüngst, in Lissabon bekam ich den Brief, sehr betrübt geschrieben, daß ich ihr noch immer kein Töchterchen ins Haus bringe.« »Das sollten Sie aber auch wirklich tun, Herr Doktor.« Hilde sprach mit schönem Eifer; man hörte, sie hatte über die Sache nachgedacht. »Wenn ein Mann wie Sie, der so ... freundlich ist und so ... so ... so ein Kavalier, und der so gut mit Kindern ist ...« »Woher wissen Sie denn das?« »Weil Sie der einzige waren, der das verzogene Fritzchen nicht gepufft hat, wenn die Mutter nicht hinsah.« »Das nenn' ich beobachten ... Nun also, was ist mit mir, wenn ...« »Wenn der nicht heiratet, mein' ich ... und das nur den Reubkes und den Mückes überläßt ... Ach, du lieber Gott, Mücke! Da red' ich und vergesse ganz ... des Herrn Mücke wegen bin ich Ihnen ja nachgegangen. Also – der Herr führt so sonderbare Reden. Sein Onkel, sagt er ...« »Ja, wissen Sie denn ...?« Erich ärgerte sich, daß er jetzt von Mücke sprechen sollte; es hatte das durchaus nicht in seiner Absicht gelegen. Aber da Hilde nun plötzlich Bergemann als Onkel erwähnte, überwog die Verblüffung seinen Ärger. »Der Doktor Lux hat geschwatzt nach dem Kapitänsdiner. Er kann nicht viel Sekt vertragen. Daher wissen's die andern ... Ich glaub', sogar schon die Douaniers da unten sind orientiert. Aber mir – mir hat er's selbst gesagt, der Herr Mücke. Am letzten Abend im Kanal, als er von der dumpfen Luft da unten – er ist ja bis heute nicht aus der Kabine herausgekrochen – den Anfall bekam.« »Und jetzt ist er heraus? Wegen der Verzollung?« »Nein, das Verzollen hat er den Georg machen lassen, den Irländer, der hat ihm auch seine Sachen zusammengepackt. Aber er führt solche Reden ... ja, wie soll ich das wiederholen – unsichere Reden und undeutliche – aber ich meine ..« »Sie meinen Drohungen?« »Nicht gerade – aber ...« »Und Sie glauben, das Gerede zielt auf mich?« »Ja. Er sagt, es kann sich doch vielleicht herausstellen, daß sein Onkel – sich irrt. Und daß der harmlose Sanitätsrat manchem sein Vertrauen schenkt, der ... nun, der's nicht verdient ...« »Aha. Und der mancher bin ich.« »Ich glaube. Und man solle nicht alle an Land verschwinden lassen, sagt er, so ohne weiteres. Und er wird sich's noch überlegen, ob er da nicht einschreitet, oder so.« »Ich weiß Bescheid. Hm. Sie aber, Fräulein Hilde, Sie haben sich, wie's scheint, nicht irremachen lassen – ich meine ... an mir irre?« Hilde sah ihn voll an aus ihren dunklen ehrlichen Augen. Dank und Vertrauen lagen in ihrem Glanz. Und sie sagte ganz langsam: »Aber nein. Ich habe doch mit Ihnen vor den Murillos gestanden!« »Ja, da haben wir zusammen gestanden – vor der Liebe des Himmels. Und durch den aufgeregten Hafen in Kadiz sind wir zusammen gefahren, nicht wahr – Schulter an Schulter. Was brauchen Sie da rot zu werden ... Ich dank' Ihnen.« Er faßte ihre Hand. »Nicht doch –!« Hilde entzog ihm rasch ihre kühle, weiche Hand. »Es kommt ja jemand.« Erich sah sich ärgerlich um. Adam Balzer schlich sich mit aufgeschlagenem Rockkragen zu seinem geliebten Instrument in der Glasveranda. Dem kleinen Exkapellmeister war in der Nacht eine herrliche Idee gekommen, eine musikalische und eine menschliche Idee. Er wollte eine Meersonate schreiben – Opus 2 – und sie dem Kapitän Jürgens widmen zum Dank, daß er ihn mitgenommen bis hierher. Leise die ersten Takte dieses, wie ihm schien, wundervollen Musikstückes vor sich hinsummend, trat Balzer in die Veranda. Er hatte, ganz in seine Schöpfergedanken gehüllt, die beiden nicht gesehen. »Sie sollten mit ihm reden ...« flüsterte Hilde rasch. »Mit Balzer?« »Aber nein. Mit Herrn Mücke. Sie werden ihn irgendwo finden, wo's einsam ist. Dem Trubel des Abschieds da unten weicht er sicher aus. Sprechen Sie sich mit ihm aus, damit es nicht irgendeinen dummen Skandal gibt nachher beim Anlegen. Er ist jung, wissen Sie, vorwitzig, eitel. Ist wie ein Windhund, ohne Appell, aber keine schlechte Rasse.« »Sieh' einer das Köpfchen und die guten Augen drin! Aber das werd' ich Bergemann wörtlich wiederholen: ›ohne Appell, aber keine schlechte Rasse‹, das wird dem alten Herrn wohl tun.« »So – und nun hab' ich alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. Sie sind mir nicht böse, nicht wahr –? Ich meine, weil ich mich eigentlich in Dinge mische, die mich nichts angehen. Und – Herr Doktor, für den Fall, daß ich Sie nicht wiedersehe ...« »Wir sehen uns wieder.« »Das kann man nie wissen auf so einem Schiff ... Meine Patienten sind gesund – aber nun brauchen mich die Damen.« »Wir sehen uns wieder, Fräulein Hilde. Auf dem Schiff und – in San Giustina.« Sie hatte das warme Gefühl, daß er ihr mit diesem Wort etwas sehr Freundliches sagen wollte. Aber sie hatte keine Ahnung, wo S. Giustina lag. Sie wußte nur, daß sie nun nicht mehr bleiben durfte. »Leben Sie recht wohl, Herr Doktor. Und frohe Heimkehr!« Erich folgte der rasch Enteilenden ganz langsam. Etwas jungenhaft Frohes lag um seinen Mund. Wenn ich jetzt ein Dichter wäre, dachte er, so würde ich ein sehr schönes Gedicht machen: »Mein Herz gleicht der Biskaya ...« Wobei ich wahrscheinlich Schwierigkeiten hätte, auf die Biskaya zu reimen. Da ich aber kein Dichter bin, sag' ich mir einfach: Ich liebe das Mädel. Und da ich erlebt habe, was ich erlebt habe im Abtzimmer des Gasthofs zum Roß, und so schön ins klare mit mir gekommen bin auf dem großen, freien Meer, so werd' ich sie heiraten. Und daß in diesem Augenblick die streitbare Sonne dort die Nebel mit goldenen Lanzen durchbricht und die Kinder am Ufer ihre Mützen schwenken und ein paar gefleckte Ochsen entsetzt über die grüne, nasse Wiese davonlaufen – das ist alles ganz in der Ordnung. Ist fein und symbolisch. Denn auch dieses wird sich genau so begeben. Die Sonne, die Kinder, die Ochsen ... Und mit der Absicht, Mücke zu suchen, und nach der Aussprache mit diesem wunderlichen Jüngling – Bergemann, stieg Erich zuversichtlich, den »Jungfernkranz« pfeifend, aufs Promenadendeck hinunter ... Das Schicksal hat seine Launen. Der Zufall macht seine Witze. Zur selben Zeit, da Erich die Treppe links hinunterstieg, erklomm Arthur Mücke auf der Treppe rechts das Brückendeck. Er war nicht ganz mit der Sorgfalt gekleidet wie sonst. Aber seine Züge waren gestraffter, intelligenter als früher. Seinem Auge fehlte das Monokel, seinem Gang die Affektiertheit. Er stieg die Stufen, wie ein Mensch, der eine Krankheit noch nicht ganz abgeschüttelt und den eine Scheu abhält, sich in das Gewühl der Mitwelt zu stürzen. Die frische Luft tat seiner Stirn wohl. Er nahm die karierte Mütze ab und ließ den Wind über die Haarstoppeln streichen. Das friedliche Bild der flachen, grünen Landschaft, die jetzt im Schein der sieghaften Sonne lag, beruhigte seine Nerven. – Aha, dachte er, die Windmühlen – Holland! Delfter Porzellan fiel ihm ein. Die Mutter hatte ein kleines Döschen gehabt mit einer Windmühle drauf. Als Kind hatte er damit gespielt. Hier oben war kein Mensch. Doch einer, der kleine Kapellmeister in der Veranda. Der saß versonnen, versunken und komponierte. Musik beruhigte, gab Mut. Das konnte Mückes Gedanken, seinen Entschlüssen, die er nun endgültig fassen mußte, nur förderlich sein. Er klinkte leise die Tür auf und trat ein. Balzer hörte ihn nicht. Seine blassen Hände fuhren bald zögernd, bald energischer über die Tasten. Das Meer mußte zuerst still sein – am Anfang seiner Komposition – Hafenstille. Ein paar Akkorde in Moll. Dann war das rasch aufziehende Wetter zu schildern. Zwischen den Säulen des Herkules etwa – das Land in Sicht – Allegro vivace – Klippengefahr. Die entsetzten Passagiere hadern mit dem Schicksal – Viervierteltakt Allegro con fuoco . Und auf der Kommandobrücke steht der Kapitän. Wie ein Bronzebild – ganz Wille, ganz Energie, ganz Kraft, ganz Sieg über die Elemente. Das Motiv dachte er sich so: fünf Takte in A -Moll ... Und, das wollte er ihm erklären, dem Kapitän, wenn er ihm das Manuskript überreichte – das mußte nachher noch rasch geschrieben werden. Und dann, ja, dann wollte er ihm sagen: »Herr Kapitän – ich habe das nicht vergessen, wie gütig Sie mit mir waren, damals in der Sternennacht hinter Malaga, als mich das gräßliche Heimweh bald fressen wollte. Und man kann ein schlechter Musikant sein, Herr Kapitän,« wollte er sagen, »oder doch kein guter Kapellmeister, aber ein anständiger Mensch. Und weil ich das bin und bleiben will, möcht' ich Ihnen zum Dank zwei Kleinigkeiten schenken – weisen Sie sie nicht zurück, Herr Kapitän! – diese Komposition: ›Meerfahrt‹, dem hochverehrten Kapitän der ›Astarte‹, Herrn Bruno Jürgens, in Dankbarkeit gewidmet von Adam Balzer, Kapellmeister aus Nordhausen.« Nein, den »Kapellmeister« wollte er lieber weglassen. Nordhausen auch. Der Titel erinnerte an unerfüllte Hoffnungen, an des »Negers Traum« und eine peinliche Aussprache in der Kapitänskajüte. Und Nordhausen hatte mit dem Meer nichts zu tun. Also nur: »Von Adam Balzer« ... Und dann das andre bescheidene Geschenk – den Ring mit dem roten Stein, den ihm die Häfeles geschenkt hatten, ehe sie in Kadiz das Schiff verließen, um auf dem Landweg über Paris heimzufahren. Den Ring, der nun einmal – ob kostbar oder nicht – so gar nicht zu seinem abgetragenen Anzug paßte, und den er als fürstliches Geschenk für eine Lebensrettung erhalten, die – sich selber durft' er's ja gestehn – nichts andres gewesen als die Flucht und das Entsetzen vor einem durchgehenden Esel. Allein und von allen nach seinem Sturz gemieden, nicht Passagier und nicht Angestellter, hatte der kleine Kapellmeister keine Ahnung, daß ein Ring wie dieser von der schönen, kleinen Hand der Frau Tilly Schuch verschwunden war und seit Malaga gesucht wurde. Wußte so wenig von diesem Verlust wie die Häfeles, die nur ihre Liebe beschäftigte, davon geahnt hatten. Nichts wußte er von diesem Ring, als daß er viel zu funkelnd, zu glanzvoll, zu vornehm war für den kleinen Musiker, der das Hungern und das Dirigieren wohl noch lernen mußte ... Einmal hatte er ihn doch tragen wollen, den unverdienten, herrlichen Ring. Einmal sich daran erfreuen. Und dem Kapitän wollte er's sagen, daß er mit diesem Ring am Zeigefinger – für den Ringfinger war er ihm zu weit – die ihm gewidmete »Meerfahrt« oben in der Glasveranda komponiert. »Sie erlauben ...« sagte Mücke leise und höflich, indem er sich einen Rohrstuhl nahe an das Instrument zog. Balzer erlaubte. Das heißt, er hatte Mücke gar nicht bemerkt. Mit halbgeschlossenen Augen phantasierte der weltentrückte Tondichter. Jetzt kam der Höhepunkt des Sturmes ... Ha! – in der Entfernung sah man Nachen scheitern ... mit zerrissenen Segeln spielte der Wind ... und wieder: stark, fest, zuversichtlich – das Kapitänsmotiv ... Mit beiden Händen hieb er's in die Tasten. Man kann nicht sagen, daß diese Musik beruhigt, dachte Mücke. Was spielt der merkwürdige Mann bloß? Es ist, als ob er irrsinnig wäre. Und er sah Balzer nach den Fingern – In diesem Augenblick glaubte Mücke, der Schlag treffe ihn. Der Ring. – der Ring! ... Wie ein blutrotes Auge, höhnisch, teuflisch, grinste ihn vom knochigen Zeigefinger der ovale Rubin an. Das war ja schon wieder der Ring der Herzogin! War derselbe, den in jener hellen Nacht in Granada der Assessor heimlich im Mondschein an seiner Hand bewunderte auf dem Balkon. Derselbe Ring, der auf hoher See im Schatten der Rettungsboote an dem Finger Anna Häfeles aufleuchtete. Und nun gar noch einmal der Ring an der knochigen Hand dieses armen Teufels! Also das mußten subjektive Wahnvorstellungen sein, Gesichtshalluzinationen. Dieser Ring konnte doch kein wirklicher Ring sein, nicht Gold und Stein. Wie käme der Musikant, der kein Geld hatte für die Heimfahrt vierter Klasse zu Lande, wohl zu solchem Schmuckstück! Mücke sprang auf. Er kümmerte sich nicht darum, daß sein Stuhl umfiel, daß irgend etwas hinter ihm in Scherben klirrte, daß Balzer, zu Tod erschreckt vom Klavierstuhl springend, laut aufschrie. Wie besessen lief Mücke davon. Hart an der Treppe stieß er auf Erich, der ihn unten vergeblich gesucht hatte, bis ihm der Irländer verraten, daß Mücke aufs Bootsdeck gestiegen sei. »Herr Mücke,« Erichs Stimme war sehr freundlich, als er höflich grüßend an den Mützenrand griff, »ich glaube, Sie wollten mit mir etwas besprechen ...« »Nein, bitte, nein!« Mücke wehrte hastig ab, als gelte es, eine drohende Christenverfolgung abzuwenden. »Ich bespreche gar nichts mehr! Sie sind ein Ehrenmann – die Häfeles sind Ehrenleute – Balzer ist ein Ehrenmann – – ich gebe jedem von Ihnen jede Erklärung ab, die Sie wünschen. Ich bin umsonst am Leben geblieben! Ich war ein Narr in Granada auf dem Balkon! Ich sehe leuchtende Steine, wie andre mouches volantes . Ich kann Ihnen nicht erzählen, was ich erlebt habe und was mich so verwirrt – aber ich will jeden Eid schwören: in Tausendundeiner Nacht kann's auch nicht verrückter zugehn!« Damit stürmte er grüßend an Erich vorbei und die Treppe hinab. Der sah ihm mit großem Erstaunen nach und dachte, daß die schönen arabischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht zwar der Wunder voll sind, aber doch wesentlich klarer als die überstürzte Ansprache des auferstandenen Gents, die er soeben gehört. Er hoffte, von Balzer einige Aufklärungen erhalten zu können, der gerade, echauffiert, wie es schien, mit den Händen fuchtelnd, aus der Veranda heraustrat. »Was ist denn eigentlich los mit ...?« Aber der kleine Kapellmeister, der sich an allen Nerven aus seiner Tondichtung in die rauhe Wirklichkeit gerissen fühlte, weinte fast, als er hervorstieß: »Mitten im Sturm bin ich gewesen ... das heißt, verstehen Sie, das Kapitänsmotiv hatte ich schon – auf der Brücke stand er – Bronze, Eisen, Stein. So steht er ... im Klang, verstehn Sie – da fällt ein Stuhl um – verstehen Sie – und dann die Scheibe ... Und wenn ich damals nicht unter den Esel gekommen wäre, dann wäre das alles nicht! Aber unsereiner soll keine Juwelen tragen bei der Arbeit ... Das ist Frevel. Abgetretene Stiefel und Edelsteine, das geht nicht! ... Und jetzt find' mir einer das Adagio wieder – das Adagio!« Rührung über sein Schicksal oder Zerknirschung über den Frevel ließen ihn nicht weiterreden. Tränen schluckend und mit den Schultern zuckend, entfernte er sich. Wenn ich jetzt noch einen derartigen Dialog führe, bin ich auch verrückt, dachte Erich. Er zwang sich eine Weile, den Blick auf das landschaftliche Bild zu heften. Es ist gut. wenn man in solchen Augenblicken in Holland ist. Der Niagara, der Himalaja, ja selbst der Dönhoffsplatz würden die Verwirrung mehren, vertiefen, unheilbar machen. Aber diese grünen Flächen – diese Wiesen, Windmühlen, Kühe, wie das beruhigt, befriedigt! Man muß Holland dankbar sein, weil es so grün und sanft hingestrichen ist auf dem sonst so aufgeregten Globus. Dann beschloß er, Bergemann zu suchen, um dem zunächst einmal von dem bedenklichen Geistes- und Gemütszustand seines Neffen schonend Kunde zu geben ... ... Während sich dieses, unbemerkt von all den vom nahenden Abschied erregten Passagieren, die unten das Promenadendeck füllten, oben auf Bootsdeck begab, schlang sich Kreuzwendedich von Reubke mit etwas unsicheren, blassen Händen vor dem Spiegel der Kabine, die bis zur Biskaya von der von ihm verehrten Tilly Schuch bewohnt war, die frühlingsgrüne Foulardkrawatte. Hilde hatte sie ihrem Patienten aus seinem nicht ärmlichen Vorrat ausgesucht und mit der Wäsche und den Kleidern säuberlich zurechtgelegt. »Blau – Herr von Reubke – ist die Meerfarbe,« hatte sie munter gesagt, »die hat nun ausregiert. Ein Kavalier muß immer mit der Zeit und mit der Situation gehen. Grün ist der Frühling, und grün ist das Land, an das wir jetzt steigen. Sie wenigstens.« Nun ja, er wenigstens stieg ans Land. Er hätte viel lieber irgend etwas andres getan. Zum Beispiel Opium geraucht oder sich in ein Flugschiff gesetzt, um unmittelbar nach Deutschland zu steuern, ohne all diesen Gesichtern wieder zu begegnen. Diesen Menschen, die wußten um seine unqualifizierbare Aufführung, um die schmachbedeckten drei letzten Tage seines in des Wortes wörtlichstem Sinn aus der Balance gekommenen Lebens. Das Spiel um Tilly Schuch hatte er natürlich glatt verloren. Wenn auch noch keine Kunde von Schwammerls offizieller Verlobung zu ihm gedrungen war, so hatte ihm Kloppenbusch, der ihm in aller Frühe heute im Gehrock einen feierlichen Abschieds- und Krankenbesuch gemacht hatte, doch mitgeteilt, daß sich gestern abend im verdunkelten Musikzimmer ein Herr und eine Dame geküßt und bei seinem Nahen erschreckt entfernt hätten. Er habe erst die Vermutung genährt, es handle sich um Mister Hobsen und das nette Fräulein Agnes aus der Fröbelschule. Dieses sei aber nicht möglich, da er dieses letztgenannte Paar – unmittelbar nach dem Abenteuer im Musikzimmer – hinter dem Rauchzimmer in derselben Situation getroffen habe. Und der kurze Aufschrei des Fräuleins sei dann ein ganz andrer gewesen als der kurze Aufschrei der Dame im lichtlosen Musikzimmer. Auch habe er eben, als er an der Kabine Schwammerls vorüberging, der noch – wohl angenehm träumend – im Schlafe lag, an dem vor der Tür zur Reinigung hängenden Smoking neben der edelweißverzierten Schleife eines österreichischen Alpenvereins, die auf der See keinen rechten Sinn habe, ein Frauenhaar bemerkt. Ein langes, goldblondes Frauenhaar! Reubke war so wütend geworden, wie es sein immer noch der Schonung bedürftiger Zustand irgend erlaubte. Kloppenbusch hatte ihn etwas eigenartig zu trösten versucht, indem er ihm berichtete, er habe einmal, da ihn alles, was Liebe anbetreffe, früher – früher! – lebhaft interessiert, ein schönes Buch über »Minnedienst« gelesen. »Minne« aber sei so viel wie Liebe, wie Reubke vielleicht wisse; oder doch eine besondere, gewissermaßen eine mittelalterliche Abart dieser vielverbreiteten herzlichen Empfindung. Und in diesem Buche habe nun gestanden, daß es dem solchen Minnedienst verrichtenden Ritter durchaus nicht darauf angekommen sei, die angebetete Dame wirklich, was man so sage, zu besitzen. Im Gegenteil, sie sei meist die eheliche Frau eines andern gewesen und habe in einigen Fällen diesem andern immerzu gesunde Kinder geschenkt, ohne daß durch diese freudigen Familienereignisse der aufreibende Minnedienst ihres Ritters eine Unterbrechung oder eine Abschwächung erfahren habe. Einer dieser Ritter – er glaube, es sei ein Herr von Lichtenstein gewesen, der sich darüber auch poetisch ausgesprochen – habe als höchste Gunst erfleht, ein von seiner Dame bereits mehrfach getragenes Hemdlein über den Panzer zum Turnier anlegen zu dürfen. Ein andrer – den Namen wisse er nicht mehr, aber er habe auch so einen verdammt adeligen Vornamen gehabt, wie Kreuzwendedich – habe es durch ausdauernde Minne als Huldbeweis ertrotzt, daß er einmal in einem Bettlein liegen durfte, das kurz vorher seine angebetete Dame zur Nachtruhe benutzt hatte. Er, Kloppenbusch, freue sich nun, sagen zu können, daß die Ähnlichkeit, ja man könne sagen, Übereinstimmung jener sogenannten Minne mit dem Abenteuer Kreuzwendedichs, das in Tillys Kabine endete, höchst wunderbar sei. Kloppenbusch war von dieser Übereinstimmung der poesievollen Geschehnisse geradezu entzückt. Kreuzwendedich durchaus nicht. Im Gegenteil, er empfand es als ein betrübendes Zeichen seiner immer noch vorhandenen Schwäche, daß er seinen mitteilsamen Besucher bei dieser Wendung des Gesprächs nicht aus der Luke warf oder ihm mindestens mit einem harten Gegenstand auf den Kopf schlug. Tieftraurig die in Kloppenbuschs Erzählungen enthaltenen Tatsächlichkeiten einerseits und die geringen Aussichten auf ein angenehmes Leben an dem wieder zu besteigenden Lande andrerseits erwägend, stand Kreuzwendedich, bereits bis auf das Jackett angekleidet, vor Tillys Waschbecken und gurgelte mit Myrrhenwasser. In diesem Augenblick nahm das Zwiegespräch, das in der Kabine gegenüber Selma mit dem Edlen von Scupinsky führte, eine Tonstärke an, die schlechthin zum Zuhören zwang. Schon mehrfach war in diesen Leidenstagen in das trübe Dämmerleben Kreuzwendedichs seltsames Geräusch, wie von heftigem Streit, aus dieser Kabine gedrungen. Aber sein Interesse an dem Hader der Mitwelt war fast auf den Nullpunkt gesunken gewesen; und so hatte er gar nicht hingehorcht, was Selma dem Edlen von Scupinsky, oder was der Edle von Scupinsky der entfärbten Selma an unerfreulichen Wahrheiten etwa zu sagen wußte. Jetzt war das anders. Aus den Zeiten, da er noch die Bänke des Realgymnasiums ohne nennenswerte Erfolge drückte, erinnerte sich Kreuzwendedich eines guten Spruches; und es bereitete ihm aufrichtige Genugtuung, daß dieser Spruch lateinisch war: »Solamen miseris socios habuissee malorum.« Wie der Mann hieß, der das vor zweitausend Jahren gesagt – Ovid oder Virgil oder Horaz oder anders –, war gleichgültig. Recht aber hatte er, wie der Lateiner häufig. Es war entschieden ein Trost für einen, der sich zum Platzen ärgerte, zu hören, wie andere vor Ärger auch Anstalten trafen zu platzen. Und viel weniger taten offenbar der Edle von Scupinsky und seine Freundin da drüben eben nicht. Kreuzwendedich öffnete ein wenig die Kabinentür, um die eifernden socios malorum besser vernehmen zu können. Und nun verstand er jedes Wort. Entweder gingen die beiden von der falschen Voraussetzung aus, daß hier niemand unten geblieben war, der die Intimitäten ihrer Zwiesprache erlauschen konnte, oder sie hatten sich allmählich in eine solche Wut gesteigert, daß sie die schlichtesten Gesetze der Vorsicht und des Anstandes vergaßen. »Also so geh schon zu deinem Pilsener Narren, zu deinem Zwingenberg Urquell!« Scupinsky war schon ganz heiser vom Schreien. »Wenn er dich erst mal ohne all deine Schönheitsmittelchen gesehen hat, du Liebling, wie ich in der Biskaya, dann wird er sich vollends dem Trunk ergeben.« »Du hast meine Briefe nicht aufzumachen – du elender Hochstapler! Nimm andern ihre Sachen weg, soviel du magst, aber meine Korrespondenz laß gefälligst in Ruh', ja!« »Ich hab ein Recht nachzusehen, was du treibst – wie du mich betrügst, du Brettlmensch!« »Ha betrügst! Du sagst ›betrügst‹ – Du! Daß ich nit lach!« »Du giltst hier für meine Frau und –« »Ich gelt' –? Das glaubt schon eh' keiner mehr, daß ich auf so einen Wurschtel, wie du, fürs ganze Leben 'reinfall, und mir von dir einen Trauring anschnallen lass!« »Halt's Maul, sonst ...! Ich hab für dich bezahlt ... die ganze Reise ... und Kaviar frißt du mit 'm Löffel ... und in Barcelona zwei Hüte und in Sevilla eine Mantilla ...« »Schofel genug – die Stewardeß mit dem langweiligen Madonnengesicht hat eine feinere kriegt – – – aber nit von dir, was?« »Ich hab dich hier durchgefüttert und all deine Extradummheiten bezahlen dürfen ...« »Jawohl, von Zwingenberg seinem Geld. Und wenn ich mit dem nit gefußelt hätt', bis ihm das Blut im Hals war und die Stielaugen schier herausg'fallen sind – dann hättst du von der ganzen Reise nix wie den elendigen Ring, den du mir jetzt nit amal geben willst – als Abschiedsgeschenk.« »Ich hab ihn doch nicht – wie oft soll ich dir's denn noch wiederholen?! Das ist's doch eben, du blödsinnige Gans, weswegen ich so außer mir bin – er is weg – weg – weg!« Ein häßliches Lachen aus Selmas Kehle, das jäh abbrach. Scupinsky hatte sie wohl wütend an der Hand gepackt. Oder am Hals – »Lach' nit, infames Weibstück – lach' nit – oder ich ... Das kann uns doch den Hals brechen, begreifst du denn das nicht! Der Ring muß herausgefallen sein ...« Kreuzwendedich verstand nichts mehr. Mit übermenschlicher Anstrengung dämpfte der Edle in der Kabine seine Wut, und sein Organ war ganz leise geworden. Aber Selma, deren Hals und Hand wieder frei geworden zu sein schienen, nahm keine Rücksicht. »Und das soll ich dir glauben, du Obergauner – der ganze Witz ist doch nur, daß du den Rubin, der so wertvoll ist, behalten willst, zu Geld machen möchtest ...« Den Rubin –? Den Rubin...! Kreuzwendedich flog das Blut in die Schläfen. Er hatte Ohrensausen, als wäre er mit dem Kopf in ein Glockenspiel gefallen. Er hörte nichts mehr. Mit geschlossenen Augen und zitternden Knien stand er an den Türpfosten gelehnt. Eine Galoppade von Ideen jagte durch sein Hirn. Der Rubin – das war also Tillys Ring! Und den hatte Scupinsky – oder doch, hatte ihn gehabt. Und er, Kreuzwendedich – wußte jetzt ... Ah! Schwammerl hatte sie geküßt – gut. Aber er hatte das Hemdlein an der Lanze – nein, den Rubin hatte er entdeckt. Scupinsky war ein Schurke – er wollte ihm nachher einen Kuß geben. Denn ohne ihn wäre er ja verloren gewesen. Aber erst wollte er ihn verhaften lassen. Aber nein – der Ring war wichtiger. Hatte der Edle den nun noch – wie Selma krähte – oh, was war das für ein liebes Mädchen, diese Selma! – oder war der dem Dieb auch schon wieder gestohlen? ... Wenn nur ein Mensch jetzt hier herunterkommen wollte ... mit den Bibberbeinen konnte er doch nicht verhaften und niederboxen und all so schöne Sachen. Jetzt wurde drüben die Tür halb aufgerissen und wieder gewaltsam um ein Stück zugedrückt. Es war, als ob eine Hand sich bemühe zu öffnen, während eine andere zuhalten wollte. Und jetzt verstand er auch wieder. Das war Selmas Stimme, die kreischte: »Ach was, du Idiot – die blonde Pute, die denkt nicht mehr an ihren Ring. Die hat ja jetzt den Wiener Odeurfritzen mit dem versicherten Schnupfen – vorhin, als die Stewardeß die Koffer herausgeholt hat, hat sie's ihr doch selbst stolz erzählt – daß sie verlobt ist – mit dem einen von den zwei Trotteln, dem wienerischen.« Der andre Trottel bin ich, konstatierte Reubke betrübt, der größere; denn ich muß es auch noch als Überraschung anhören. Er dachte jetzt leidenschaftslos, ganz sachlich. Schließlich war er ein anständiger Kerl; und hier galt's nicht mehr allein den anstrengenden Wettlauf um eine hübsche Witwe und ihre stattlichen Renten – hier war offenbar einer Schurkerei ein Ende zu machen und einem ganz üblen Glücksritter das traurige Handwerk zu legen. In Kreuzwendedichs Beine und Gehirn kam Ruhe. Und das war gut, denn er konnte sie brauchen. Eben wurde drüben die Tür mit einem gewaltigen Ruck weit aufgerissen. Ein wütender Schrei, als ob Selmas Finger geklemmt würden. Scupinsky, dunkelrot übers ganze verlebte Gesicht, das dünne gefärbte Haar verwirrt, als habe eine unfreundliche Hand hineingegriffen, stürzte, schon im Reiseanzug, den Hut in der Hand, auf den Gang und wollte die Treppe empor. Unwillkürlich trat Reubke einen Schritt vor. Scupinsky prallte zurück, als hätte er den Teufel gesehen. Er griff unsicher nach der Klinke seiner Kabinentür, die er hinter sich zuzog, und stammelte: »Herr – Herr von Reubke – bitte, was machen denn Sie hier?« »Ich wohne hier – Ihnen gegenüber.« Kreuzwendedich sagte das lächelnd und sah ihm dabei in die Augen wie ein Tierbändiger, der Schakale dressiert. Die Tür hinter Scupinskys Rücken schloß sich lautlos. Selma schien die Schwierigkeit der Situation begriffen zu haben. »Sie haben –« Scupinsky versuchte zu lächeln, aber sein spähendes Auge hatte alle Sicherheit verloren und war voll Angst – »Sie haben einiges von unserm kleinen ehelichen Disput mit angehört, Herr Baron, nicht wahr?« »Einiges.« »Ach ja – so Frauen, wenn sie nervös sind – und, ja, auch man selbst – man redet da – wenn man erregt ist, mein' ich – allerlei Törichtes, nicht wahr ... hm, allerlei Unverantwortliches.« »Unverantwortliches.« Scupinsky war dieses Echo unangenehm, man sah das. »Sie werden hoffentlich aus dem Gehörten – ich bitte übrigens vielmals um Entschuldigung, daß wir so laut wurden – wir nahmen an, daß alle Passagiere bereits oben seien bei der Gepäckrevision ...« »Dacht' ich mir.« »Ich meine – meine, Sie werden doch wohl keine falschen Schlüsse ziehen, Herr Baron, aus dem Gehörten?« »Nein, nur richtige Schlüsse. Verlassen Sie sich darauf.« Diese zugesicherte Erfüllung seiner Hoffnung schien aber wiederum Herrn von Scupinsky durchaus nicht so angenehm, wie sonst erfüllte Hoffnungen zu sein pflegen. Er griff sich mit zwei Fingern in den Stehkragen, als ob ihm dieses Wäschestück plötzlich zu eng werde, räusperte sich, lächelte wie ein Bauer, der Zahnweh hat, machte den Versuch einer leichten, chevaleresken Verbeugung und sagte: »Herr von Reubke, wir beide sind Männer, nicht wahr. Ehrenmänner ...« »Was das erste anbetrifft, so glaube ich, daß Sie recht haben. Für das zweite möcht' ich den Pluralis ablehnen ...« »Soll ich das dahin verstehen, daß ich ...« »Ich bitte das zu verstehen, wie es Ihnen beliebt.« Kreuzwendedich erinnerte sich plötzlich seiner frühen Knabenjahre, da er emsig Käfer sammelte und die unentrinnbar gefangenen auf Stecknadeln aufspießte, ehe er sie in den Spiritus versenkte. Das war eine Gemeinheit; und er hatte, älter und verständiger geworden, dieser kindischen Grausamkeit nur mit Schaudern gedacht. Jetzt aber kam es ihm vor, als ob er sich eben wieder betätige, wie in seinen frühen Knabenjahren, einen Käfer spießend. Aber die Gemeinheit leugnete er diesmal. Scupinsky schien einen schwierigen Denkprozeß zu erledigen. In seinem Gesicht arbeitete es. Ein zuversichtliches Lächeln gewann die Oberhand, als er wieder begann: »Könnte ich Sie für zwei Minuten allein – unter vier Augen – sprechen, Herr Baron?« »Mir scheint, daß wir hier so allein sind wie nur irgend möglich.« Er sagte das kühl und ruhig und überlegte dabei: wenn ich mit dem Kerl in eine Kabine gehe, ist er imstande, einen sechsläufigen Revolver zu ziehen oder mich niederzuschlagen. Kreuzwendedich war nicht feig. Aber er fühlte sich doch noch von der Seekrankheit in einer Weise geschwächt, die ihm heute einen Boxkampf oder ähnliches als eine wenig aussichtsreiche sportliche Vergnügung erscheinen ließ. »Sie haben vielleicht recht –« Scupinsky war sichtlich bemüht, seine geschmeidige Rede ganz in Öl zu tauchen – »ganz recht, Herr Baron. Wir sind schließlich auch hier allein – mindestens für ein paar Augenblicke. Und was wir beide uns, als Männer von Welt, zu sagen haben, bedarf ja nur zweier Minuten.« Kreuzwendedich dachte, daß es noch nicht einer halben Minute bedürfe, Herrn von Scupinsky zu sagen, daß er ihn für einen ausgemachten Schurken halte. Aber da er begierig war, was etwa dieser Edle noch vorbringen könnte, so unterdrückte er dieses schroffe Werturteil und sagte nur knapp und ohne Wärme: »Bitte!« »Durch Ihre hübschen und freimütigen Erzählungen, Herr Baron ... Pardon, nicht mir haben Sie erzählt, aber andern – und Sie haben ja selbst erfahren, daß die Wände hier Ohren haben ... Also durch Ihre scharmanten Erzählungen aus Ihrem Leben bin ich über Ihre Privatverhältnisse ziemlich gut orientiert ...« »Wenn das etwa auf eine Drohung irgendwelcher Art hinauslaufen sollte, Herr, so sparen Sie sich die Mühe. Aus der Tatsache, daß ich nicht vermögend bin und solche Luxusreise eigentlich meinen Verhältnissen nicht angepaßt ist, mache ich kein Hehl. Anderes aber hab' ich nicht zu verbergen. Also –« »Pardon, Pardon! Sie mißverstehen mich durchaus, mein werter Herr Baron.« »Ich bin nicht Baron. Ich führe nur – und zwar mit Recht – den einfachen Adelstitel.« »Abermals Pardon. Wir Österreicher sind so gewohnt ...« »Ich dachte, Sie wären Ungar –? Aber gleichviel. Ich verzichte auf Standeserhöhungen durch Ihre Güte. Wollen Sie, bitte, kurz –« »Ganz kurz.« Scupinsky gewann an Zuversicht, aber er blieb sehr höflich, fast devot. »Mit Ihren eignen Bekenntnissen übereinstimmend, Herr Baron – Pardon, Herr von Reubke, ist die Tatsache mir nicht unbekannt, daß Sie in England einen Onkel hatten, übrigens einen ganz vortrefflichen Herrn –« »Ich bitte, sich mit Taxierung meiner Familie nicht aufzuhalten.« »– einen Herrn, der preußischer Legationsrat a. D. war und dessen Vermögen, als er in London starb, etwa achtmalhunderttausend Mark in deutschem Gelde betrug ... Da nun leider –« Scupinsky lächelte diabolisch, indem er das sagte – »leider, wie Sie wissen, durch eine kleine Vergeßlichkeit des Herrn Erblassers, den Erben nicht bekannt wurde, in welcher der vielen Banken Londons dieses ansehnliche Kapital lagert, so hat sich dieses Depot seit dem Tode des seligen Herrn Legationsrats um Zins und Zinseszins vermehrt und wird in zwei, drei Jahren rund eine Million erreicht haben ... In zwei, drei Jahren, in denen es, von den Erben ungestört und unangegriffen, weiter so ruhig anwachsen kann, wie ...« »Wollen Sie mich verhöhnen, Herr –! Das sind doch ...« »Vermutungen? Nein. Auf mein Ehrenwort werden Sie vielleicht keinen allzugroßen Wert legen –« »Nein.« »Schade. Ich könnte Ihnen sonst dieses Ehrenwort ohne jedes Risiko verpfänden dafür – daß ich – verstehen Sie wohl – ich die Bank sehr gut kenne, auf der das Depot Ihres seligen Oheims lagert, von dem Ihnen ja wohl ein Drittel zukommt – wenn es erst für Sie entdeckt ist.« Kreuzwendedich fühlte, daß ihm schwach wurde. Eine zuversichtliche Stimme sagte ihm, daß Scupinsky diesmal nicht log. Auch stimmte die von dem Glücksritter angegebene Höhe des Vermögens mit den Mutmaßungen der Familie genau überein. Scupinsky fuhr, jetzt ganz sicher und geschäftsmäßig im Ton, in seiner Rede fort, während er Reubke nicht aus den Augen ließ. »Ich habe nämlich vor Jahren – am Anfang meiner Laufbahn – in dieser selben Bank als Angestellter gearbeitet. Habe gewissermaßen dort gelernt und begonnen. Daher –« Kreuzwendedich hatte wieder das Gefühl: das stimmt. Daß diese Beschäftigung Scupinskys in der Bank damals dem Institut nicht gerade zum Vorteil gereichte, und daß seine sogenannte Lehrzeit mit anderthalb Jahren Zuchthaus geendet hatte, fühlte Reubke allerdings nicht mit. »Ein freundliches Geschick hat es also gefügt –« in Scupinskys Stimme kam etwas Gönnerhaftes –, »daß ich in der glücklichen Lage bin, Ihnen ein recht stattliches Vermögen, ein Vermögen von ungefähr dreihundertdreißigtausend Reichsmark – soviel kommt eben auf Ihre Kappe – nachzuweisen, das Ihnen nach englischen wie deutschen Gesetzen gehört.« »Sie – Sie wissen wirklich ...?« Kreuzwendedich sah farbige Kreise vor den Augen. Auf seiner Stirn stand in Perlen der Schweiß. »Zuversichtlich. Ein Vermögen, von dem Sie aber niemals einen roten Heller sehen werden, wenn Sie dieses – dieses – wie nannte ich es doch gleich – ach ja, dieses freundliche Geschick mißachten. Will sagen, wenn Sie nicht die Hand ergreifen, die ...« »Ihre Hand –« »Es scheint so, daß es die meine ist.« »Das hieße ja – –« »Hm. Eine Hand wäscht die andere. Sie können mir jetzt – ich gebe das zu, Herr von Reubke – durch Mitteilung einiger erlauschter und selbstverständlich mißverstandener Gesprächsbrocken ärgerliche Unannehmlichkeiten bereiten, vielleicht sogar meine Abreise von Amsterdam – an deren Beschleunigung mir aus privaten Gründen viel liegt – um ein paar Stunden verzögern. Aber – ich sähe dann wirklich nicht ein, wozu ich Ihnen die Gefälligkeit erweisen sollte, den Namen der mir gut bekannten Londoner Bank zu nennen. Der Bank, an deren Depositenkasse ich häufig den Vorzug hatte, Ihren liebenswürdigen Herrn Onkel – er war etwas schwerhörig, trug einen leicht ergrauten Knebelbart, nicht wahr, und hatte eine Vorliebe für weißleinene Gamaschen und – wohl aus Studententagen – zwei Narben auf der linken Wange. Die eine ging, wie ich mich recht erinnere, quer durchs Ohr ...« »Ja – ja – durchs Ohr.« Alles stimmt, alles! Jetzt bin ich der Käfer, dachte Kreuzwendedich schaudernd. Jetzt spießt mich dieser dunkle Ehrenmann. Und unternehme ich etwas gegen ihn, so bin ich für immer im Spiritus ... Aber nein, einem Schurken den Rücken decken und dafür als Trinkgeld sein eignes Erbteil ausgeliefert erhalten – lieber irgendwo unterkriechen und abends am ungedeckten Holztisch Aschingerwürstchen mit Senf essen sein Lebtag! Kreuzwendedich räusperte sich und gab sich Haltung. Er war sehr blaß, als er langsam, jedes Wort betonend, sagte: »Ich halte Sie, Herr von Scupinsky, zwar für einen Lügner –« Scupinsky zuckte zusammen und kaute die Unterlippe. »Ich sagte: Lügner. Regen Sie sich nicht auf: wer stiehlt – ich sage: stiehlt und falsch spielt, muß lügen. Diesmal aber haben Sie wohl einmal ausnahmsweise die Wahrheit gesagt. Aber wenn es auch wahr sein mag, daß eine Hand die andre wäscht – ich verzichte darauf, meine leidlich saubere Hand von der Ihrigen waschen zu lassen. Ich ziehe es vor, als armes Luder die andern vor Ihnen zu schützen und ...« »Haben Sie sich das auch wirklich gut überlegt, Herr Baron?« Scupinsky stand dicht bei ihm. Seine Augen funkelten tückisch, und in seiner heiseren Stimme wetterleuchtete eine Drohung. »Sehr gut.« In diesem Augenblick kam, drei Stufen auf einmal nehmend, Bob, der herkulisch gebaute Decksteward, die Treppe herunter. »Herr von Scupinsky,« meldete er sehr höflich, »der Herr Kapitän – im Rauchzimmer – läßt bitten, ihn für ein paar Minuten aufzusuchen.« »Steward!« Kreuzwendedich hatte das angenehme Gefühl, daß seine Haltung gut und fest war, als er das sagte. »Ich komme sofort auch ins Rauchzimmer – und will den Kapitän sprechen. Wollen Sie – auf meine Verantwortung – diesen Herrn da nicht aus dem Auge lassen, bis er vor dem Kapitän steht!« Keine Muskel bewegte sich in des Stewards sommersprossigem Gesicht, als er ruhig und mit aller Höflichkeit nickte: »Ich habe von dem Herrn Kapitän bereits ganz denselben Befehl.« Da wußte Scupinsky, daß sein Spiel verloren war. Ein zynisches Lachen verzerrte seine Züge, als er, dem athletischen Steward vorausgehend, über die Schulter Kreuzwendedich zurief: »Schade, daß ein so reicher Mann wie Sie, Herr von Reubke, wird bis an sein Ende Hungerpfoten saugen müssen!« Kreuzwendedich blieb, als die beiden im Stiegenhaus verschwunden waren, noch einen Augenblick schweratmend stehen. Das Anständigbleiben wurde einem doch manchmal verteufelt schwer gemacht. Aber ein Wohlleben als Gnadengeschenk von diesem üblen Burschen – nein! Als er, seine noch nicht recht parierenden Knochen zusammennehmend, langsam die Stufen steigen wollte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Selma, blaß wie eine nächtliche Erscheinung, aber wie keine angenehme, das mehrfarbige Haar unordentlich in der gepuderten Stirn, keuchte ihn an: »Herr von Reubke, der Mann ist ein Schuft ... Aber ich, glauben Sie mir – ich hab das alles nicht gewußt ... Ich ...« Kreuzwendedich ließ sie stehen. Es ist, weiß der liebe Himmel – die erste Dame, dachte er im mühsamen Emporsteigen, zu der ich unhöflich bin, seit ich als Junge der unleidlichen Gesellschafterin meiner Großmutter, die mir immer die gezuckerten Mandeln von meiner Geburtstagstorte wegfraß, die Zunge herausgestreckt habe ... * Im Rauchsalon saß der Kapitän vor einer Menge beschriebener Papiere und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch. Er liebte Papier und Schreibarbeit nicht und machte kein Hehl daraus. Diesmal aber schien ihm die Sache besonders unangenehm, was schon den kräftigen Seemannsflüchen zu entnehmen war, die er in kurzen Zwischenräumen leise vor sich hin murmelte. Hinter ihm stand in dienstlicher Haltung, den Bauch vorgestreckt, der Obersteward und neben diesem in weißer Jacke Beppo Marlettino, der Friseur, wichtig und zuversichtlich. Kahl und unfreundlich wirkte der sonst so behagliche Raum. Die kleinen Vorhänge waren schon abgenommen für die große Reinigung im Hafen. Von den Tischen waren die Rauchutensilien und die Schachbretter entfernt. Im Hintergrund standen ein paar Stühle aufeinander, wie in einem Großstadtcafé am frühen Morgen. Es roch nach kaltem Rauch. Durch die Luken sah man langsam, gleichmäßig die Ufer des Kanals vorüberziehen, grüne Wiesen mit sattem Vieh. Die Sonne hatte sich durchgekämpft und lag freundlich auf den grünen Flächen. In der Ferne blitzten die morgenfeuchten Dächer eines Dörfchens auf. Ein paar Schornsteine rauchten schon. Die Windmühlen bewegten langsam in der leichten Brise ihre gewichtigen Flügel. Der Kapitän zog unter dem Wust von beschriebenen und leeren Papieren die geschwungene Goldkrücke eines Spazierstocks hervor und betrachtete sie aufmerksam, als sehe er sie zum erstenmal. Unter dem Goldrand war das spanische Rohr mit einem Messer scharf durchschnitten. »Es ist kein Irrtum möglich, Beppo?« »Aber nein, Herr Kapitän. So wahr meine selige Mutter ...« »Lassen Sie schon Ihre selige Mutter liegen! Sie war gewiß eine anständige Frau. Sie kamen also in die Kabine des Herrn von Scupinsky?« »Wie alle Tage, bitte, zum Rasieren. Aber – wohl verstanden, Herr Kapitän – es war die Kabine auf dem Promenadendeck, in die er umgezogen war aus der Luxuskabine.« »Nummer dreizehn. Ich weiß.« »Ich sag's ja immer, Herr Kapitän, wir sollten die Kabine ›Zwölf A ‹ nennen – die Dreizehn bringt Unglück.« »Was schadet's schon, wenn sie einem Lumpen Unglück bringt? Uns hat sie Glück gebracht. Ohne daß der Kerl – der Himmel erschlag' ihn! – umgezogen wäre, hätten Sie doch sicherlich nicht ...« »Gewiß nicht. Ich sah sie zufällig liegen, die Krücke; ganz zufällig, als ich mich nach ein wenig Papier umsah, den Seifenschaum vom Messer zu streichen. Aus dem Boden einer Hutschachtel schien sie gefallen zu sein, in der die Dame wohl gekramt hatte. Die kramt ja in allem. So oft ich vorbeikam ...« »Sie sollen die Passagiere nicht immer ausspionieren!« Beppo war gekränkt: »Herr Kapitän, ohne meine guten Augen und ohne meinen Einfall, einen Napf fallen zu lassen und mit Napf und Pinsel und Seife gleich die Krücke da rasch aufzuraffen und blitzschnell einzustecken – so, sehn Sie – ohne das wüßten wir doch jetzt nicht ...« »Gut, schon gut! Errichten Sie sich doch nicht immerzu Triumphbogen, wenn Sie bloß ... Was wollen Sie denn hier, Herr Balzer?« Der Kapitän wandte sich, ärgerlich die Mütze in den Nacken rückend, zu dem kleinen Kapellmeister, der, wie geschoben von einem edlen Vorsatz, geniert, aber mit strahlenden Augen direkt auf den Tisch losging. Er stotterte vor Aufregung. »Ich habe – habe eine So–Sonate komponiert, Herr Kapitän.« »Meinetwegen. Irgendeine Dummheit muß der Mensch machen.« »Ich möchte gern die So–Sonate ...« »Aber, Mensch, ich habe jetzt keine Zeit für Sonaten! In einer Stunde legen wir an und ...« »Ja, ja – eben deshalb. Sie sind nämlich darin, Herr Kapitän, in der Sonate. Ja. Und mein Dank ist darin, Herr Kapitän.« Balzer legte ein beschriebenes Notenblatt mit zitternden Fingern vor Jürgens hin, der ihn verblüfft aus großen, runden Augen anstarrte. »Ich – bin drin?« »Ja, ich bitte zu entschuldigen, daß ich ... ich meine, daß die letzten Zeilen verwischt sind ... Ich tu das sonst nicht ... Arm, sagte meine Mutter immer – aber sauber und ganz.« »Jetzt kommt der mir auch mit seiner seligen Mutter!« »Pardon, nein, sie lebt noch. Aber es mußte so schnell gehen ... Und Herr Mücke hatte mir die Inspiration gestört, weil er den Stuhl umwarf ... Ich habe als kleines Kind schon komponiert, Herr Kapitän. Aber wir sind arm, ja. Damals hatte ich kein Papier. Ich meine, kein Notenpapier ...« »Herr, sind Sie des Teufels? Ich habe jetzt keine Zeit für Ihre Biographie!« Balzer ließ sich nicht irremachen. Seine leidenschaftliche Rede drängte vorwärts wie ein Amokläufer. »Und danken wollt' ich Ihnen, Herr Kapitän. Einesteils durch die Widmung für Ihre Person: daß Sie so sind, wie Sie sind, ja ... andernteils ...« »Schockschwerenot, einesteils sind Sie ein Narr, Herr Balzer, andernteils lass' ich Sie hinausführen, wenn Sie jetzt nicht ...« »Andernteils ... Sie müssen mich hören, Herr Kapitän, andernteils – für Ihre Herzensgüte, daß Sie mich da oben mein Heimweh haben austoben lassen, ja, an dem verlassenen Klavier. Es muß übrigens bald einmal gestimmt werden. Auch das Pedal klappert ein bißchen. Und deshalb – zur Erinnerung – ich könnte ihn ja doch nicht tragen, er paßt nicht zu meinem bescheidenen Anzug, Herr Kapitän, nicht wahr – und dann, er hindert mich auch beim Klavierspielen – wirklich – deshalb nehmen Sie, bitte, diesen Ring, den ...« Weiter kam Adam Balzer nicht in seiner wohldurchdachten Widmungsrede. Sprachlos hatte der Kapitän ihm, rasch zugreifend, den Ring aus der leise zitternden Hand genommen, starrte mit offenem Mund auf den Rubin und dann wieder in die versteinerten Gesichter Beppos und des Oberstewards, als wollte er sich darin Rats holen. Dann griff er mit der freien Hand unter die gehäuften Papiere und zog einen zweiten Rubinring heraus. Ganz den gleichen wie den von Balzer überreichten. »Ja, bin ich denn verrückt, oder ... Das sind ja nun auf einmal zwei Rubinringe!« »Zwei!« Beppo und der Obersteward wiederholten es leise, bedrückt, wie der finstere Chor in der attischen Tragödie, ehe eine Gottheit den Knoten zerhaut. In diesem Augenblick schob Bob, der athletische Steward, den Edlen von Scupinsky vor sich her durch die Tür ins Rauchzimmer. Es war, als ob er ihm nur diensteifrig den Weg zeigte und höflich den Vortritt ließe. Er sagte sogar mit einer kleinen Verbeugung: »Bitte sehr!« Aber Scupinsky spürte die Faust im Rücken. Mit einem raschen, tückischen Blick hatte der Edle alles überschaut und begriffen, die Anwesenden, ihre Haltung und Gesichter, den Kapitän, der sich weder erhob noch grüßte, den Tisch, von dem ihm die goldene Krücke von Öltzendorffs Spazierstock entgegenblinkte, und die Situation. Verloren gab er sich noch nicht. »Die Art der Zitierung,« sagte er sanft, und ein milder Tadel, mehr ein Bedauern über die mangelnde Kinderstube der andern klang leise mit an, »die Art der Zitierung ist ja etwas merkwürdig, Herr Kapitän. Aber ich bin zuviel auf See gefahren, um nicht zu wissen, daß ein Schiffskommandeur mit den Machtbefugnissen eines kleinen Königs ausgestattet sein muß. Sie haben diese Macht bis jetzt sehr ritterlich und tadellos ausgeübt, Herr Kapitän, ich hoffe ...« »Ich bitte, mir Ihr Lob zu ersparen, Herr! Kommen wir ohne Umschweife zur Sache!« »Bitte. Ich bin begierig, da ich die ›Sache‹ nicht kenne ... bitte aber um Kürze, da ich noch packen muß.« »Das werden Ihnen die Holländer wohl erleichtern.« Mit zwei Fingern an die Mütze greifend, rief der Kapitän hinüber zu dem eben eintretenden dicken Holländer, der phlegmatisch, in den langen Regenmantel gewickelt, seinen Bauch, wie ein wichtiges Paket, vor sich hertrug: »Dat is die Mijnheer in questie, wilt U zoo goed zijn de noodige stappen te doen.« Das ist der Herr, um den es sich handelt, wollen Sie, bitte, das Nötige veranlassen? Unter dem fadblonden, hängenden Seehundsbart kam ohne Eile und Erregung die pomadige Antwort: »O, is hij dat? De fransche politie stuurde ons al zijn signalement. Wilt U is kijken, het portret liikt sprekend. Hij heefd in Nizza valsch gespeeld.« Oh, das ist er? Wir haben sein Signalement schon von den französischen Behörden, Wollen Sie, bitte, sehen, das Porträt stimmt ganz genau, – Er hat ein bißchen falsch gespielt in Nizza. Lächelnd, fast freundschaftlich den Edlen von Scupinsky von oben bis unten musternd, stellte sich der Holländer breitbeinig neben sein Opfer. Scupinsky kämpfte gewaltsam die ohnmächtige Wut nieder, die in ihm aufstieg, und das weltmännische Lächeln seines Gesichts zerriß. »Ihre Gesellschaft, Herr Kapitän, wird wenig erbaut sein, wenn sie von den Belästigungen hört, denen ihr Vertrauensmann auf der ›Astarte‹ einen Passagier, der seine Luxuskabine mit gutem Geld bezahlt hat, auszusetzen für nötig hält.« »Meine Gesellschaft –« der Kapitän fertigte, während er sprach, ohne Überstürzung den Schiffsarzt ab, der ihm eben, sehr erstaunt um sich blickend, die Gesundheitspapiere zur Durchsicht unterbreitet hatte – »meine Gesellschaft wird sich freuen, daß ich meine Passagiere, ohne daß sie Verlust erlitten, ausborden kann. Herr von Öltzendorff wird seinen historischen Stock wiedersehen – wenigstens die wertvolle Krücke. Und – wir haben keinen Seekranken mehr, Doktor, was? Nein? Sehr gut – ja, und Frau Schuch wird wieder in den Besitz ihres indischen Rubins gelangen, der ...« Der eintretende Kreuzwendedich von Reubke hatte die letzten Worte gehört. »Wenn Sie etwa für die Überführung dieses Gentlemans Zeugen brauchen, Herr Kapitän – ich habe ungern mit den Gerichten zu tun, aber ich stehe zur Verfügung.« Der dicke Holländer hatte phlegmatisch in den Papieren geblättert, die auf dem Landweg Amsterdam weit schneller erreicht hatten als das Schiff, auf dem der Glücksritter fuhr, mit dem sich diese Blätter beschäftigten. Unter dem hängenden Seehundsbart ließ sich ein befriedigendes Grunzen vernehmen, das die in mäßigem Deutsch nicht allzu deutlich geformten Worte einleitete: »Oh – dieser Mann hat so viel als das ich seh' – schon manches einmal mit das Gericht zu tun gehabt ... angefangen mit – zwei Jahren Zuchthaus – – wo er is gewesen Volontär – in das Schottische Bank von London.« Balzer schrie laut auf vor Schmerz. Er glaubte, eine eiserne Zange habe ihn oberhalb des Ellbogens erfaßt. Aber es war nur Reubke, der neben ihm stand und ihn plötzlich heftig in den Oberarm gekniffen hatte. »Die – Schottische Bank in London!! Haben Sie's gehört?« »Aber ja –« sagte Balzer ärgerlich, indem er sich den schmerzenden Arm rieb. »Das kann uns doch nun schon egal sein, wo der Mann vor so und so viel Jahren mal gestohlen hat.« »Ja, das sagen Sie so – das sagen Sie so ...« Ein heißer Jubel drohte Kreuzwendedichs Stimme zu ersticken. Er sah plötzlich seinen toten Onkel durch den Rauchsalon spazieren in weißleinenen Gamaschen, den gepflegten weißen Knebelbart gebürstet und die Hand am schwerhörigen Ohr, als wolle er hören, was ihm der Neffe zu sagen habe ... Er mußte hinaus an Deck, mußte etwas unternehmen, irgendwas ... Im Treppenhaus stieß er mit Tilly und Schwammerl zusammen. Die beiden, schon reisefertig, gingen eingehakt und strahlten halb glücklich, halb verlegen. »Also bitt' schön ... Herr von Reubke – wir zwei, wie Sie uns da schaun, wir sind nämlich ...« Schwammerl hatte sich sehr gefürchtet vor diesem Moment. Denn schließlich – er hatte den körperlichen Zusammenbruch des Rivalen ausgenutzt. Und wenn auch der immer delphische Sprüche machende Doktor Lux lächelnd behauptet hatte, die Biskaya könne eigentlich ganz allein den Ruhm dieser Verlobung beanspruchen, so schien es Schwammerl doch sonnenklar, daß er ohne Reubkes Seekrankheit niemals dazu gekommen wäre, Tillys molligen Arm – wie jetzt – vertraulich durch den seinen zu ziehen und seine linke Franz-Josephs-Kotelette so selbstverständlich der herrlichen goldschimmernden Krone ihres Köpfchens zu nähern. »Ja also – Sie werd'n überrascht sein – gell, Tilly-Schnuckerl, das wird er? – wir sind nämlich verlobt, ja.« Kreuzwendedich hatte es gewußt, daß er etwas unternehmen mußte. Aber daß er gerade Schwammerl mitten auf den Mund küssen würde, akkurat zwischen die zwei Franz-Josephs-Koteletten, das hatte er nicht geahnt. Schwammerl auch nicht. Aber es war doch so. »Alsdann –« Schwammerl sagte das sehr verblüfft, »da sieht mer doch, was a guter Freund is! Ja.« Und besorgt fügte er hinzu: »Wann S' jetzt nur kan Schnupfen nit kriegen, Herr von Reubke. I hab' nämlich schon wieder einen. Aber jetzt is ja eh' egal.« Aber Kreuzwendedich hörte die letzten Worte schon nicht mehr. Er hatte Tilly noch gratulierend die Hand gequetscht, daß sie leise aufwimmerte, dann hatte er sich rasch entfernt. Er mußte etwas Gutes tun, irgend etwas, Öltzendorff mitteilen, daß seine goldene Krücke wiedergefunden sei. Oder der Kapelle zwanzig Franken schenken oder an die Äbtissin ein Funkentelegramm schicken, daß sie sich aus ihren Orchideen Salat machen solle, oder dem Peterle ein Sahnenbeefsteak mit Bratkartoffeln dedizieren. Und dazwischen blitzte es ihm durch den Kopf, daß er wieder mal im Eifer falsch disponiert hatte. Denn er hätte am Ende besser und mit mehr Genuß Schwammerl die Hand gequetscht und Tilly geküßt ... Und dann – Teufel auch! – für die fatale Gastfreundschaft der Kabine hätte er sich ja auch eigentlich bei der schönen Frau Tilly noch bedanken müssen. Vielleicht mit einem Scherzwort anknüpfend an Kloppenbuschs lichtvolle Darlegungen vom Minnedienst ... Aber sie war fort. Er hörte nur noch ferne und ferner ihr vergnügtes Lachen. Esprit de l'escalier! »Ist es wahr – ist es wirklich wahr –?« Reubke erschrak heftig. Er hatte Arthur Mücke wie all die andern auch, tagelang nicht gesehen; so aufgeregt hatte er ihn nicht in Erinnerung. So lebhaft, so gespannt. Sein Gesicht hatte all das Holzige, das Zurechtgeschnitzte verloren. Da glotzte kein fischäugiger, zur Gleichgültigkeit dressierter Dandy, den kein Vulkanausbruch zu einem Augenblinken, keine winkende Freude zu einem rascheren Schritt bewegen konnte; da kochte ein von heißer Wißbegier geschüttelter, leidenschaftlicher Mensch, der nicht mehr Herr seiner Gefühle, seiner Hoffnungen war. »Pardon, was soll denn wahr sein?« Reubke fand sich sowenig in Mückes neuem Gesicht zurecht wie in seinen Fragen. »Daß mein Onkel ... Natürlich. Aber nein, das können Sie ja gar nicht wissen ...« »Ist dieser elende Scupinsky ...« »Edle – wollen Sie sagen.« »Nein – ich will ›elend‹ sagen. Ist dieser Mensch wirklich ver ... ver ...« »Verhaftet ist er. Ja. Die Holländer sind zwar nach den zweibeinigen Proben, die da herumlatschen, recht phlegmatische Leute, und die Eile haben sie gewiß nicht erfunden – den Herrn aber haben sie sich prompt gelangt. Und Öltzendorffs Goldkrücke ist auch glücklich zutage gefördert. Und zwei Rubinringe ...« »Zwei – nur zwei ...?« Mückes Augen wurden rund in größter Spannung. »Frau Schuchs Ring –« »Ja, und –« »Die Ringe von Balzer, Häfele, Eckardt ...? Vier müssen es sein. Vier!« »Um Gottes willen, es sind ja sogar in ›Nathan der Weise‹ nur drei!« Die Logik dieses Ausspruchs schien Reubke selbst nicht bezwingend; aber Mückes gereizte Fragerei verwirrte ihn. »Dann hab' ich –« Mückes Züge verdüsterten sich –, »hab' ich die andern Ringe doch geträumt – halluziniert ...« »Sehr glaublich. Immer schöner als meine Träume ... Ich hab' – werden Sie's glauben? – drei Tage lang nichts als fliegende Hunde gesehen ... Die sahen alle aus wie Peterle. Lauter Peterles mit Flügeln. Und hatten Orchideen an die Schwänze gebunden mit marineblauen Schleifen.« Mücke hörte offenbar gar nicht zu. Denn was er jetzt sagte, paßte durchaus nicht auf Reubkes interessante Mitteilungen über seinen leidenden Zustand und die damit verbundenen Sinnestäuschungen. »Oh, wie froh bin ich – wie glücklich – wie – –!« »Warum? Haben Sie Geburtstag?« »Nennen Sie's so, Herr von Reubke – nennen Sie's immerhin so! Aber beim ersten Geburtstag, sehen Sie – da weiß man ja gar nicht, daß man lebt, nicht wahr? Man kennt das Wort, den Begriff ›leben‹ nicht. Man hat keine Ahnung, was da draußen blüht, singt, lockt, wartet auf uns, nicht wahr?« Reubke hatte nie darüber nachgedacht, ob er etwas und was er an seinem ersten Geburtstag empfunden. Aber es war schon so. »Aber sehen Sie heute – heute ...! Da mein Geburtstag gar nicht ist und doch mein Geburtstag ... Vielleicht – vielleicht betret' ich heute zum erstenmal festes Land – wirklich festes Land!« »Das ist doch nicht Ihr Ernst –?« Das Symbolische lag Reubke an sich nicht. »Denn – verstehn Sie mich recht, Herr von Reubke« – Mücke sprach das feierlich und langsam wie ein vom Staat dafür besoldeter Richter im Namen des Königs Recht spricht –, »wenn der Mann dort ein Falschspieler ist, ein Dieb, ein Betrüger, ein systematischer, skrupelloser Menschenverderber, so hat er kein Recht, als Gentleman mir die Waffe in die Hand zu zwingen, daß ich selbst ein Ende mache – nicht wahr –, Sie verstehen doch?« »Nein!« sagte Reubke ehrlich. Aber er hatte den Eindruck, daß ihm das große Unannehmlichkeiten zuziehen konnte. »Leben werd' ich – verstehn Sie ... leben will ich! ... Ein anderes Leben werd' ich leben – ein neues! Und wissen Sie, wer mir Helfer und Zeuge sein soll? Der Bruder meiner Mutter ...« Reubke war froh, diesmal bestätigen zu können. Er hatte allerdings schon in Tanger den Eindruck gehabt, daß Mücke lebte und leben wollte; und so schien ihm die Mitteilung des Entschlusses, zu tun, was er bisher auch getan, den reichlichen Enthusiasmus, der ihn sichtlich befeuerte, nicht ganz zu erklären. Aber Kreuzwendedich hatte gar keine Zeit, über diese wunderlichen Bekenntnisse des gewandelten Lebemannes nachzudenken, da Mücke immer stürmischer, beglückter, ekstatischer in ihn hineinredete, als mache sich eine lang zurückgedrängte, hinter fader Tünche mühsam verborgene temperamentvolle Jugend endlich Luft. »Das soll er«, bestätigte Reubke, denn Mücke schien seine Zustimmung zu erwarten. Er hatte bloß keine Ahnung, wer der Bruder von Mückes Mutter war. »Das ist lieb von Ihnen, Reubke, daß Sie mich verstehen – lieb! Ich danke Ihnen von Herzen!« Reubke fühlte seine beiden Hände stürmisch geschüttelt. Er hätte dem schmächtigen Jüngling gar nicht so viel Kraft zugetraut. Und er hatte den Eindruck, daß wenig fehlte und er hätte jetzt von Mücke den Kuß zurückbekommen, den er selbst vorhin zwischen Schwammerls wohlriechend geölte Franz-Josephs-Koteletten befestigt hatte. »So denk' ich mir ungefähr russische Ostern«, sprach er vor sich hin, als er kopfschüttelnd dem wie beflügelt Enteilenden nachsah. * Die »Astarte« zog langsam und würdevoll die letzte Schleife des Nordseekanals. Verschwunden waren die saftigen Wiesen. Die Handelsstadt schob nüchtern und korrekt ihre schützenden Steindämme, ihre riesigen Speicher vor. Die roten Backsteine leuchteten in der Frühlingssonne. Kleine Dampfer hasteten fauchend und pfeifend vorbei. Auf müde daherziehenden Frachtkähnen sprangen wichtig kleine Hunde herum und bellten. Ein Motor der Hafenpolizei schoß hinüber nach dem Bahnhofskai. Ein paar Kähne, vollgepfropft mit stumpfsinnig hockenden Japanern und Chinesen, schaukelten im Kielwasser eines Dampfers der Nederlandgesellschaft, der nach Ostindien ausfuhr. Die Musik an Bord des Asienfahrers spielte »Wilhelmus von Nassauen ...«. Hellgekleidete Damen winkten mit Tüchern. Ein feierlicher alter Herr stand, die Mütze in der Hand, zwischen ihnen und verneigte sich lief hinüber nach den Mauern, Speichern, Kranen, hinter denen mit seinen Grachten und Gärten Amsterdam lag. Grabusch saß, reisefertig, die »Parerga« Schopenhauers in der Manteltasche, auf seinem Koffer. Die meisten Passagiere hatten, die Länge des Nordseekanals unterschätzend, schon kurz hinter der Schleuse voneinander lauten und herzlichen Abschied genommen, um sich dann während der Fahrt immer wieder aufs neue zu begegnen, etwas verlegen wieder anzureden und ihre Eindrücke über Häfen und Kanäle im allgemeinen sowie über Sprache, Charakter, Viehstand und politische Zukunft Hollands im besonderen auszutauschen. Grabusch aber, als einer, der hier schon zum sechsten oder siebenten Male ankam, war schließlich der Mittelpunkt eines größeren Kreises. Kloppenbusch, den Krimstecher über den reichlich karierten Ulster geschnallt, das Ehepaar Tiegs, schweigsam und vornehm, Tilly und Schwammerl, verstohlen lodernde Blicke glücklichen Einverständnisses tauschend, und Pilzheimer, still und gedrückt, neben der wieder genesenen Gattin Emilie, umstanden den die Situation erläuternden Amtsgerichtsrat. In einiger Entfernung lauschten auch die Öltzensdorffs seinen Worten und Winken. Sie waren schon in Besuchstoilette, da sie – aus unbekannten Gründen – vor ihrer Abreise nach England auf dem deutschen Generalkonsulat ihre Karten abgeben wollten. Der Amtsgerichtsrat hatte bereits in geschäftsmäßigem, wenig interessiertem Tone auf die wesentlichsten Sehenswürdigkeiten hingewiesen, die man nicht versäumen sollte. Hatte die Calverstraat genannt, Damrock mit der Börse, Industriepalast; hatte die Rembrandts im Rijksmuseum gerühmt und einen lohnenden Ausflug nach 's Gravenhage, der eigentlichen Residenz, empfohlen. Jetzt deutete er nach links auf die ungeheuren, dem Wasser entzogenen Hinterteile einiger nebeneinander in den Docks aufgereihten Dampfer und sagte: »Wir werden bald anlegen. Da drüben sind schon Juliana en Wilhelminadok, und hier rechts der rote Turm, der da herankommt, ist das Kop van de Handelskade, das Hauptgebäude mit der Registratur.« Er sagte das lässig und müde; nicht stolz auf sein Holländisch, denn es hatte ihn ein paar tausend Gulden gekostet, als er in Amsterdam den Gatten seiner Schwester nach dessen moralischer Entgleisung rangierte. Auch beabsichtigte er nicht, die gepriesenen Sehenswürdigkeiten persönlich aufs neue zu besichtigen; denn in seinem Herzen lebte noch die alle Unternehmungslust hemmende Enttäuschung der in dieser Nacht gezogenen Bilanz. Auch diese achte Seereise hatte ihn also seinem spät geschauten Lebensziel nicht näher gebracht! Die Ernüchterung war um so größer, als die diesmalige scharfe Prüfung der Frauen – der während der Seefahrt maskenlos sich gebenden Frauen – immerhin eine einzige Würdige übriggelassen hatte: Elisabeth Hunneberg. In der Stunde der Entscheidung aber hatte ihn selbst dann die besonders tückische Biskaya zu Werbungen untauglich gemacht; und als er endlich, wieder genesen und zu neuem Entschluß erstarkt, zunächst einmal vorsichtig bei Mister Hobsen nach Fritzchens unsichtbarem Vater diskrete Erkundigungen einzog, hatte dieses sinnvoll begonnene Gespräch rasch eine unliebsame Wendung genommen. Mister Hobsen beschränkte sich nämlich nicht darauf, seine eigne Unkenntnis in dieser Richtung achselzuckend zuzugeben. Er ließ auch deutlich durchblicken, während er eine Zigarette rollte, daß die Diva selbst ganz zuverlässige Mitteilungen über diese Frage nicht machen könne. Was er einesteils mit ihrem starken künstlerischen Temperament, andernteils mit ihrem schwachen menschlichen Gedächtnis, das auch die Souffleusen zuweilen zur Verzweiflung bringe, zu entschuldigen geneigt war ... Während das Entsetzen dem an eine gewisse Ordnung in Familienangelegenheiten gewöhnten Grabusch die Kehle schnürte, hatte er dann noch ein unverlangtes Kapitel aus der merkwürdigen Lebensphilosophie des Amerikaners genießen müssen, die darin gipfelte: die sogenannten Eltern eines Menschen seien für diesen selbst, sobald taugliche Neigungen in ihm erwacht und die Möglichkeit der Selbsternährung gegeben seien, ziemlich gleichgültig und unbeträchtlich. Wenn man erst den Mut hätte, mit dem stark überschätzten sogenannten »Familienleben« zu brechen, würde die Selbständigkeit des einzelnen und damit der Wert der Gesamtheit erstaunlich rasch zunehmen. Er zum Beispiel wisse von der Dame, die ihn vor achtunddreißig Jahren geboren habe, nur, daß sie voriges Jahr in Aix-les-Bains eine, wie er ihr wünsche, erfolgreiche Kur gebraucht habe; und sein Vater habe nach einer ihm zufällig bekanntgewordenen Version in Nagasaki einen Exporthandel mit Kimonos begründet; nach einer andern Version habe der alte Knabe im Mormonenstaate Utah in Salt Lake City eine städtische Anstellung. Wenn dies letztere zutreffe, so hoffe er, daß die Stellung mit Pensionsberechtigung verbunden sei ... Grabusch hatte die weiteren und gewiß interessanten philosophischen Darlegungen des Mister Hobsen mit illustrierenden Beispielen aus dem eigenen Gemütsleben nicht mehr gehört. Seine Entschlossenheit, die Walkürenhand der Diva für seinen herbstlichen Lebensrest zu ergreifen, sank jäh in sich zusammen. Er war wieder genau so weit wie vor zwei Wochen, als er, aus dem Hafen von Genua schwimmend, sich hoffnungsvoll das erste Glas Pommard einschenkte und die Weiblichkeit der Tischgesellschaft mit prüfenden Augen musterte. Nun saß er – den sonnenbeglänzten Kai von Amsterdam vor Augen – auf seinem Koffer, den er schon siebenmal in der Adolfsallee in Wiesbaden, froher Erwartungen voll, umständlich gepackt hatte. Er mußte zurückkehren, wie er ausgezogen war, zu seinem unfolgsamen und genäschigen Pudel, der faul wurde und nicht mehr schön roch; würde versuchen, wieder auf die Jagd zu gehen, um die Doppelflinte beim ersten schmerzhaften Jucken des Ischiasnervs wieder erschreckt an die Wand zu hängen; würde dreimal in der Woche kegeln und, wenn er Glück hatte, im September eine zähe Gans oder eine gräßlich fette Spansau dabei ersiegen, die er der Gesellschaft mit einer Champagnerbowle weit über den Wert bezahlen mußte. Würde Schopenhauer lesen und zu den Konzerten nachmittags in den Kursaal gehn. Um im Winter dann eine neue Seereise zu planen, die vielleicht ... wenn er Glück halte ... und wenn die Biskaya nicht ... Sein Auge schweifte unwillkürlich das Deck entlang bis zu jener Stelle, wo ein ungleiches Paar in ein leises, aber leidenschaftliches Gespräch verwickelt schien. Zwingenberg, sein Kabinengenosse, hatte die letzten Tage und auch leider einen Teil der Nächte, wenn er Grabuschs Schlaflosigkeit wahrnahm, dazu benutzt, allerlei seltsame Gespräche zu führen. Gespräche, bei denen er keinerlei Antworten erwartete; gedankenvolle Monologe, die darin gipfelten, daß das weibliche Geschlecht doch noch andere Vorzüge habe als solche auf dem Gebiet der Kochkunst; daß es die Genüsse des Lebens verkennen heiße, wenn man sie abhängig mache von einer groben Köchin, die den unseligen Hang zum Lotteriespiel habe; daß es zarte und unaussprechbar warme Empfindungen gebe, die durchaus nicht an die jungen und unreifen Jahre gebunden seien; und daß mithin jeder, sofern er nur nicht schnöde das Geld andrer vergeude, seine eignen Dummheiten machen dürfe, so spät es ihm beliebe. Jetzt stand der zu neuem Frühling erwachte Zwingenberg da unten bei Selma, die einen ihrer größten und blumenreichsten Hüte trug. Ihre längst sorglich von Scupinskys beschlagnahmten Gepäck geschiedenen Koffer, Taschen und Hutschachteln standen bereits bei dem unansehnlichen rindsledernen Schiffskoffer des neuen Freundes. Die Aussprache der beiden aber – die nur durch eine kurze Vernehmung Selmas vor dem Kapitän und dem holländischen Kriminalbeamten peinlich unterbrochen worden – hatte mit zarten Angelegenheiten des Herzens und der schönen Empfindungen begonnen und mit gemeinsamer Abfassung eines knappen Telegramms geendet. Diese Depesche gedachte Zwingenberg unverzüglich von Amsterdam an seine Bank zu schicken, um sich in das Hotel nach Scheveningen, das Selma empfahl, die nötigen, nicht ganz unbedeutenden Summen für eine standesgemäße, auf einige Wochen berechnete Verpflegung zweier Liebender senden zu lassen. * Der Kapitän Jürgens hatte ausnahmsweise das Kommando auf der Brücke während des Anlegens dem ersten Offizier übergeben. Er hatte den dringenden Wunsch, den ärgerlichen Fall Scupinsky der Amsterdamer Behörde als eine fertige Sache zu übergeben, klargestellt, protokolliert und ohne jede lästige Weiterung für seine andern Passagiere. Aus den Aussagen Tillys, Erichs und Balzers hatte sich rasch ergeben, daß es sich hier um zwei ganz gleiche Ringe handelte. Um zwei edle indische Rubine, die aber immerhin beide selten schöne Steine darstellten. Mückes Aussagen hatten dann noch einmal Verwirrung in die Angelegenheit getragen; bis sich Erich entsann, daß er damals in der Sternennacht von Granada, kurz ehe er sich seines Ringes auf eine, wie er jetzt zugab, vorschnelle und törichte Weise entledigte, den auf die Zigeuner wartenden Herrn Otto Häfele da unten hatte herumgeistern sehen. Da später aber der kleine Kapellmeister zum Lohn für seine Rettungsaktion in Tanger den Ring von den auf dem Landweg verschwindenden Häfeles zum Geschenk erhalten hatte – angeblich als einen Ring der Zigeuner, die nachweislich gar nicht erschienen waren –, so lag der logische Schluß nahe, daß Otto Häfele der glückliche Finder des Ringes gewesen war. Er mochte Stein und Fassung für nicht sonderlich wertvoll gehalten und den Ring dem Kapellmeister deshalb geschenkt haben. Jetzt ging der Kapitän auf die kleine abseits stehende Herrengruppe auf dem Promenadendeck zu, deren Zusammensetzung sein altes Seemannsherz erfreute. »Daß sich Herzen finden auf der See« – mit einem breiten, gutmütigen Schmunzeln zwischen Bergemann und Mücke tretend und sich in beide leicht einhakend, sagte er das, feierlich, wie ein angestellter Erklärer von Raritäten und Kostbarkeiten –, »daß sich Herzen finden auf See ... das ist eine alte liebe Erfahrung, meine Herren. Aber die beiden Herzen, die so tun, glauben Sie mir das, der ich mehr auf dem Wasser schaukle als auf dem weit tückischeren Festlande herumkrieche, sind meistens verschiedenen Geschlechtes. Hier haben wir nun mal die ganz seltene Freude, einen jungen Mann dem Bruder seiner Mutter zuführen zu dürfen, der ihn auf dem unübersichtlichen Kontinent nicht finden konnte. Und – hm« – er stockte und sah mit einem listigen Augenblinzeln Mücke von der Seite an – »es scheint ja, als ob das Wiedersehn zur rechten Zeit stattgefunden hätte. Der Edle von Scupinsky hat in seiner ohnmächtigen Wut allerlei Andeutungen gemacht ... von Ehrenhändeln ›amerikanischer‹ Art ... Übrigens – holla! jetzt weiß ich's, was Sie mir die ganze Zeit so verändert erscheinen läßt, mein lieber Herr Mücke –, wo haben Sie denn Ihr schönes Monokel?« Mücke hielt seinen Blick ruhig aus. Ein ganz unaffektiertes, menschliches Lächeln stieg, von einer leisen, knabenhaften Röte begleitet, in das endlich belebte Gesicht, als er antwortete: »Es liegt bei einem Revolver und andern Dummheiten tief unten wo im Atlantischen Ozean, Herr Kapitän.« »So ist's recht, junger Mann!« Jürgens' breite Hand klopfte fröhlich Mückes schmale Schulter. »In Ihrem Alter kann man noch, wie Kolumbus, an jede Küste steigen. Zu immer neuen Entdeckungen, immer neuen Möglichkeiten. Sie waren – nehmen Sie mir's nicht übel –, als Sie in Genua an Bord kamen, ein bißchen ... alt für Ihr Alter.« Bergemann legte seinen Arm fest in den Arm des Neffen: »Jetzt werden wir beide noch einmal zusammen jung, Herr Kapitän! Und Ihnen und Ihrem schönen Schiff danken wir die Wunderkur.« Der Kapitän wehrte ab. »Nicht dem Schiff, Herr Sanitätsrat. So sehr ich's liebe, ich muß das Lob ablehnen. Mir noch weniger. Dem Meer, wenn Sie wollen, nur ihm. Dem Meer, das gut und groß und gerecht ist. Die Mägen mag's ein Weilchen frotzeln – aber es weckt und weitet die Herzen ... Bloß Sie, mein lieber Herr Doktor,« und er wandte sich, den Ton wieder leicht nehmend, an Erich, der mit unruhig flackernden Blicken das Deck hinaufsah, »Sie scheinen mir ohne Gewinn die brave ›Astarte‹ zu verlassen.« »Doch nicht.« »Nun, eine Freude kann ich Ihnen jedenfalls machen. Den Rubinring hier stell' ich Ihnen wieder zu. Ob es der Ihrige ist oder – der andere, ja, das läßt sich freilich nicht feststellen. Doch da sich Frau Schuch bereit erklärt hat, ohne weitere Untersuchung den einen davon zu nehmen – sie hat ja nun wohl auch das Glück gefunden, das der Rubin erst bringen sollte –, so machen Sie vielleicht auch keine Schwierigkeiten und nehmen den andern?« »Gern, Herr Kapitän. Ich hatte mein Anrecht an jenen Rubin ja eigentlich schon aufgegeben. Freiwillig in Granada. Und nun –« Über Erichs gespannte Züge zuckte plötzlich ein Leuchten. Er hatte Hilde entdeckt, die Tilly Schuch eine vergessene Handtasche aus der Kabine brachte. Mit einem hastigen Griff faßte er einen vorüberkommenden Matrosen am Ärmel. »Wären Sie so gut, Fräulein Hilde – ich meine, der Stewardeß dort – zu sagen, daß wir ... daß der Herr Kapitän sie einen Augenblick bitten läßt ...« Der Matrose griff an die Mütze und eilte, den Auftrag zu bestellen. »Sie verzeihen die Eigenmächtigkeit, Herr Kapitän – ich wollte Sie nämlich bitten, dem Fräulein ...« Hilde war gekommen und stand, sichtlich etwas betroffen, vor dem Kapitän, der selbst nicht recht wußte, was hier geschah. Erich sah unverwandt in das hübsche Gesicht, das in der Blässe, die es jetzt überzog, jener Madonna von Padua mehr glich denn je zuvor. Jenem süßen Köpfchen der Schmerzensreichen mit der edelgeschwungenen römischen Nase, mit den feingeführten dunklen Augenbrauen, mit dem krausen, fast schwarzen Haar, in dem, mehr ein irdischer Schmuck als ein Zeichen himmlischer Abkunft, das schmale Gold des runden Heiligenscheines lag. Erich sprach zum Kapitän, aber sein Blick sank dabei tief, bittend, hoffend, versprechend in die dunklen Augen Hildes. Er sprach langsam, jedes Wort betonend, und nur ein ganz leises Zittern in der Stimme ließ erkennen, daß sein aufgewühltes Herz in rascheren Schlägen arbeitete: »– – wollte Sie bitten, Herr Kapitän, dem Fräulein für drei Tage Landurlaub zu geben ...« »Was denn –?« Der Kapitän schaute aus großen, verblüfften Augen drein. »... Ich habe –« Erich stockte. Sein Blick war von Hildes Augen heruntergeglitten zu der kleinen silbernen Marguerite an ihrem Halse. Seltsam, dachte er, ich habe als Knabe Margueriten schon so geliebt. Ganze Arme voll bracht' ich von den Wiesen nach Haus und verteilte sie in die Ziergläser. Sie soll immer Margueriten tragen. Margueriten, wenn sie erst ... Und dann hörte er Musik. Die österreichische Hymne, kräftig von Blasinstrumenten in den holländischen Frühlingsmorgen hinausgeschmettert. Da besann er sich wieder, wo er war, und vollendete rasch, zuversichtlich und mit jugendlicher Freude an der Verblüffung der andern: »Ich habe durch Funkspruch meine Mutter nach Amsterdam gebeten. Als ich abreiste von Berlin, versprach ich, ihr eine Tochter mitzubringen. Ich habe leider zunächst die Richtung meiner Reise falsch gewählt. Bin erst nach Büssigheim gefahren, statt gleich nach Genua. Aber jetzt ...« Er griff in die Tasche und entnahm ihr den Rubinring, der herrlich in der Sonne funkelte. Mit einem Blick, aus dem alle Feuer der Hoffnung brachen, reichte er ihn Hilde: »Niemand weiß mehr, ob es der glückbringende Rubin der Herzogin ist oder der andere. Aber wollen Sie ihn tragen, Hilde, so soll er Glück bringen – Ihnen ... und mir!« Der alte Sanitätsrat hatte die Augen geschlossen, als ob ihn die Sonne blende, die dort auf den Dächern der Speicher lag. Sein alterndes Herz fuhr nicht in Amsterdam ein in diesem Augenblick. Sein Herz war wieder jung; und vor dem Auge seiner Erinnerung stand in der kleinen deutschen Stadt wieder das Bürgerhaus mit den grünen Läden und den roten Geranien an den Fenstern, das altmodische, reputierliche Gelehrtenheim. Und ein Mädchen kam ihm an der Treppe entgegen, ein scheu zurückgedämmtes Hoffen auf Glück in den hübschen, lustigen Augen. In den Augen, die sie später aus braver, leidenschaftsloser Ehe mit einem andern ihrem einzigen Sohne Erich mitgab in die Welt. Nach einem Menschenalter sollte er sie wiedersehen, die Geliebte seiner Jugendträume, Klara Winternitz, aus deren holdem Bann er beschämt geflohen war, damals, vor einem Menschenalter, unwürdig geworden durch den eigenwilligen Leichtsinn der Schwester. »Was haben Sie, Sanitätsrat?« Erichs Stimme klang ehrlich bekümmert. »Sie sollten doch verstehen.« »Ich verstehe, Erich. Mehr als das: ich freue mich von ganzem Herzen! Der Tag blendet bloß ein bißchen meine alten Augen. So viel Licht auf einmal ...« »Ja, wahrhaftig, die Sonne meint es gut mit uns!« »Das Leben auch, Erich. Nur verlangt es von manchem die Kraft und die Ruhe, zu warten.«