Peter Prosch Der freiwillige Hofnarr Memoiren des Peter Prosch, Handschuhhändlers aus Tirol Herausgegeben von Heinrich Conrad Vorwort Das »Leben des Tirolers Peter Prosch« gehört zu den Büchern, denen der Erdgeruch einer natürlichen, durch keine literarische Schulung und Absicht gebändigten Sprache anhaftet. Der 43jährige Verfasser hat sich nach dreiunddreißig Jahren eines beständigen Wanderlebens in seiner Heimat zur Ruhe gesetzt, findet Zeit zum Nachsinnen und erstaunt über die Buntheit und die Wechselfälle dieses Lebens. Aber dieses Nachsinnen und Rückschauen erfolgt nicht ohne einen bestimmten äußeren Anstoß. Den Höhepunkt und Abschluß seiner Erlebnisse bildet sein Aufenthalt in Paris. Als er in die Heimat zurückgekehrt ist und mit einer gelben Perücke auf dem Kopf in seiner Wirtsstube sitzt, strömen die Dorfbewohner zusammen, staunen ihn an wie ein Wundertier und begreifen nicht, daß dieser »Pariser« der unter ihnen geborene, ihnen allen bekannte, ehedem braungelockte Koppen-Peterl sein solle. Er muß erzählen und erzählen, und da kommt es ihm zu Bewußtsein, daß sein kurioser Lebenslauf es wohl verdiene, der Nachwelt überliefert zu werden. So setzt er sich denn hin und bringt ihn zu Papier. Man erstaunt, wie frisch, anschaulich und gewandt er seine Erlebnisse darstellt, wie humorvoll er sich selbst ironisiert. Es ist, als ob er über einen Dritten schriebe und nicht zum erstenmal sich als Schriftsteller versuche. Diese Plastik und Sachlichkeit der Darstellung ist indes keine bloß angeborene Gabe. Der Theriak- und Ölverkäufer, Handschuhhändler, Branntweinbrenner und Bierwirt, der an den weltlichen und geistlichen Höfen von Wien, München, Ansbach, Würzburg, Bamberg, Regensburg, Köln, Prag, Salzburg und Versailles verkehrt, ist dort als Hoftiroler, Nachtstuhlverwalter und Hofnarr die Zielscheibe mehr oder minder grober Späße großer Herren und hat immer wieder die Aufgabe, nach der Tafel beim Kaffee und Konfekt durch die humoristische Erzählung seiner jüngsten Abenteuer das Zwerchfell seiner wohlgesättigten fürstlichen Gönner wohltuend zu erschüttern und dadurch ihre Verdauung zu befördern. Aus dieser Übung bildet sich bei ihm ein knapper, drastischer Erzählungsstil heraus, der schließlich der Niederschrift seiner Lebensumstände zugute kommt und ein Buch hervorbringt, das sprachlich, zeit- und sittengeschichtlich und als Denkmal der Volksliteratur von nicht geringem Werte ist. Nirgends hält er sich mit Betrachtungen auf; die Fülle der Ereignisse seines zwischen höfischem Überfluß und tirolerischer Armut beständig hin und her pendelnden Daseins läßt auch dem Rückschauenden keine Zeit zu Reflexionen und beflügelt seine Feder. So langweilt sich der Leser keinen Augenblick und – holt schließlich für sich selbst die Reflexionen über dieses merkwürdige Stück Menschenleben und das primitive Gesicht der Zeit, das sich in seiner Schilderung abspiegelt, nach. Peter Prosch hat die Niederschrift seiner Erinnerungen noch um sechzehn Jahre überlebt. Wie diese sich gestaltet haben, wissen wir nicht. Er starb am 5. Januar 1804 zu Ried im Zillertal, wo er am 28. Juni 1744 zur Welt gekommen war – nicht 1745, wie er schreibt. Die erste, außerordentlich selten gewordene Ausgabe seiner Erinnerungen erschien 1789 in München. Ein Neudruck erfolgte für die Ende der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts erschienene Sammlung »Neue Volksbücher, unter Mithilfe Mehrerer herausgegeben von C. Rienitz« (Gustav Nieritz), Berlin. Möge die vorliegende dritte Ausgabe dem lesenswerten fesselnden Volksbuche neue Freunde erwerben! Florens Ilmer. Hier wär mein ganzer Lebenslauf. Ihr Herren und Frauen nehmt ihn auf Mit Gunst und hohen Gnaden. Wenn dort und da ein Fehler ist, Und sich das Ding nicht zierlich liest, Wird's doch dem Buch nicht schaden. Ein Autor bin ich wahrlich nicht, Hab' weder Reime, noch Gedicht Mein Leben durch gekritzelt: Und schrieb ich so mein Leben hin, So war der Stil nach meinem Sinn Tirolerisch geschnitzelt. In unsrer aufgeklärten Zeit Kann meines Lebens Seltenheit Vielleicht noch manchem dienen. Er steck' die Nase nur hinein; Sie wird ihm wahrlich nützlich sein: Denn er wird manches innen. Ich bin kein eitler Spatzlfing: Es ist ein wunderliches Ding Gewiß ums Menschenleben; Der viel auf Glück und Schicksal baut, Ist wahrlich eine arme Haut, Und muß viel Lehrgeld geben. Dem setzt das Glück den Lorbeer auf, Den hebt es auf den Thron hinauf, Dem gibt es eine Kappe; Dem Haselnüsse, dem ein Reich. Und doch sind alle Menschen gleich, Der Doktor, wie der Lappe. Wenn ich auch gleich ein Töffel war So sah ich dennoch hell und klar Mit meinen eignen Augen, Daß gute Menschen nur allein Das Glück der Menschen können sein, Und böse zu nichts taugen. Wenn's mit dem Beutel nissig steht, Und wenn es einem übel geht, Lernt man die Menschen kennen: Im Unglück und in Traurigkeit Lernt man den Wert der Menschlichkeit, Und wahren Wert der Tränen. Die Armut prüft den wahren Freund, Sie zeigt, wer's gut und redlich meint, Sonst gibt's nur eitle Worte. Durch Unglück, wie Erfahrung lehrt, Wird erst der wahre Freund bewährt, Wie Gold in der Retorte. Als Peter Prosch im Unglücksjahr In Elend und in Jammer war, War er in fremden Landen. Von Brandenburg der Markgraf da, Als er den Peter elend sah, Der ist ihm beigestanden. Die Markgräfin von Anspach dort Half mir auch, und mit einem Wort, Wie Bayerns Marianne, Die mir mit Geld und gutem Rat So viele große Gnaden tat Zu meines Glückes Plane. Euch drei (es ist auch meine Pflicht) Euch drei vergeß ich ewig nicht; Euch weih' ich dies mein Leben, Das Peter Prosch in jeder Zeit Für euch, weil er's vom Herzen weiht, Bereit ist hinzugeben. Peter Prosch. Erstes Kapitel Ich rutsche in die Welt.– Meine armen, aber doch ehrlichen Eltern. – Wer schläft, ißt.–Vater und Mutter sterben. – Ich werde ein Bettelbub. – Das Geißdiendl. – Mit zehn Jahren geh ich als kleiner weithoseter Tiroler ins Reich.–Werde Läuferlehrling beim Fürsten von Taxis und entlaufe in die Heimat zurück. Wie mir meines Vaters Schwester, Anna Proschin, sagte, kam ich Anno 1745 unter dem Gerstenschneiden an das Tageslicht, aber nicht auf die Welt; denn mein Eingang in die Welt war wunderbar: indem meine Mutter vom Gerstenschneiden nach Hause kam, entfiel ich ihr unter der Haustür; zum Glück kam meines Vaters Schwester, gedachte Anna Proschin, über einen Berg herunter, eben vom Gerstenschneiden dazu, und machte mich von meiner Mutter los, welche eine überaus große Freude hatte, einer solchen Bürde entlediget zu werden. Nun (Gott sei Lob) itzt bin ich in der Welt, und in der h. Taufe wurde mir der Name Peterl beigelegt. Gregori Prosch und Anna Mayrin waren meine sehr arme, aber doch ehrliche Eltern. Es waren unser eilf lebendige Geschwisterte, unter welchen ich der jüngste Zweig war; wir wurden alle sehr arm erzogen, so, daß wir öfters statt der Morgensuppe bis auf Mittag im Bette mit Schlafen zubringen mußten. Doch wir wuchsen allgemach herbei, weil unsere Mägen niemals zu stark überladen wurden, und waren insgesamt frisch und munter. Es waren unser noch viere, die jüngsten, zu Hause bei der Mutter, welche nun eine Witwe war (weil unser Vater gestorben ist) und uns mit harter Arbeit und bitterm Schweiß Tag und Nacht kümmerlich ernähren mußte. Man weiß wohl, was eine Witwe mit vier Kinder verdienen kann; wir mußten also auch mitarbeiten, soviel in unsern Kräften war, mein Bruder Anton, ich, und noch zwei kleinere Schwestern: die ältern waren alle in Diensten. Da wir sehr arm waren, so hatte ein jedes zwei Pfaiden, oder Hemder, welche uns groß und zum Wachsen gemacht waren. Ich war immer der Liebling meiner Mutter, welche in mir mehrern Geist und Talent erblickte, als in den übrigen meiner Geschwisterten. An einem sommerheißen Tage, als die halbe Wäsche schon eingeweicht war, und ich mein Feiertagshemd anhatte, woran sehr lange Ärmel waren, mußten meine Schwestern Holz klauben, ich das Tuch bleichen, und mein Bruder mit meiner Mutter auf dem Berg in den Wald hinaufgehen, um Streue herunterzutragen, damit wir Flachs und Erdäpfel bauen konnten. Der Kübel zum Tuchspritzen war mir viel zu schwer, und ich machte meine Hemdärmel bis an die Ellenbogen waschnaß; das verdroß mich, und war mir sehr zuwider. Was brauchest du das? dachte ich, und schnitt die halben Ärmel von dem Hemde weg: nun ging es leichter, ich dachte aber dabei nicht an meine Mutter. Um drei Uhr nachmittags kamen meine Mutter und mein Bruder von dem Berge; wie erstaunte aber meine Mutter, als sie sah, wie ich meine Ärmel zerschnitten hatte! Sie ging mit einem Tremmel auf mich los, und sagte: Warte, du Strick, ich will dich lehren verderben, was mir so viele Mühe kostet! Ich hielte aber nicht für ratsam, auf sie zu warten, und nahm die Flucht. Weil sie alt, und ich flink war, so holte sie mich nicht ein; sie sagte aber: ich krieg' dich schon! Es wurde Abend, die Nachtsuppe gekocht, und ich dazu gerufen. Ich traute aber dem Landfrieden nicht. Ich und mein Bruder Anton schliefen zu ebner Erde in dem Kasten. Ich kannte meine Mutter zu gut; mein Bruder aber, welcher ein frommer, fleißiger, arbeitsamer, guter Bub war, und um das, was vorgegangen, nichts wußte, dachte an nichts Böses. – Das war mein erster Streich, welcher mich noch reuet, daß ich ihm solchen zugefügt habe. Bei uns ist dann gewöhnlich, daß jedermann nackend schläft. Während dem Suppenessen schlich ich mich in den Kasten, und schlüpfte durch das große Loch in den Strohsack hinein, hielte mich auch ruhig, bis nach dem Essen mein Bruder kam, und mich nicht wußte wo ich war: zog sich auch nackend aus, kam ins Bette, wurde mich gewahr, und sagte: Was machst du da drinnen? Ich sagte: es grauset mir. Er ließ es gut sein, und schlief ein. Es wurde Nacht; in einer halben Stunde kam meine Mutter ganz in der Stille mit einer großen Rute; da sie wußte, wie wir sonst gewöhnlich lagen, nahm sie den Teppich hinweg, willens mich recht zu peitschen, und zerhaute meinen armen, unschuldigen Bruder so desperat, daß er ganz jämmerlich schrie. Ich schrie im Strohsack dann auch mit. Meine Mutter haute so lange, bis sie glaubte, ich wäre genug gezüchtiget, zog den Teppich hinauf, und ging schlafen. Nun kroche ich wieder aus dem Strohsacke heraus, und erzählte meinem Bruder im Vertrauen, was ich getan habe; welcher aber die ganze Nacht fortjammerte, daß er so unschuldig ist geschmissen worden. Den andern Tag bei der Morgensuppe war ich ganz munter und lustig; mein Bruder aber weinte noch immer fort; meine Mutter fragte ihn daher: »was fehlet dir?« Er sagte: »weil ich gestern so Schläge hab' gekriegt, und hab' doch fleißig gearbeitet.« »Ich hab' ja dir nichts getan, und hab' nur deinen Bruder geschmissen, weil er die Hemdärmel abgeschnitten hat?« »Ja, das gläb' ich,« sagte er, »mein Bruder ist im Strohsack drin gesteckt, und ich hab' dafür die Schläg' kriegt.« Da meine Mutter dieses hörte, fing sie an über meinen Einfall herzlich zu lachen, und wurde mir wieder ganz gut. Unsere Eltern hatten ein kleines Söldenhäuschen bei Ried im Zillerthal, genannt Taxach zu Kopper; gehört unter die hochgräfl. von Tannenbergische Herrschaft, und Gericht Rothenburg am Inn. Meines Vaters Schwester war eine Bötin nach Schwatz, wo unser Graf von Tannenberg wohnet; ich ging auch bisweilen mit ihr, und kam auf diese Art in des Grafen Haus; er sah mich, ich gefiel ihm, und nun war er entschlossen, mich etwas lernen zu lassen, behielte mich auch öfters so lange im Hause, bis meines Vaters Schwester, welche alle Wochen dahin ging, wieder kam. Unter dieser Zeit brauchte man mich zum Ausschicken, und zu allerhand kleinen Verrichtungen im Hause. Der itzt regierende Graf Ignatz war ein junges lustiges Herrl, und hatte mich gerne zum Spielen und Herumlaufen im Hause bei sich; ich hatte gute Tage im Essen und Trinken, mußte aber wieder mit meiner Bäsl nach Haus. Weil mir aber meine Kameraden Riepl Michäl, Seitner Urbl, Knappenhoißl, Kapfinger Märtl, und Klärl Sepäl neidig waren, daß ich öfters beim Grafen im Hause war, legte mir Schuster Märtl den Spitzname: das junge Gräfl, bei, woraus dann der Name: Taxach Gräfl entstund, so wir alsdann öfters hören werden. Meine Mutter starb auch unterdessen. Ich verlor also frühe meinen Vater und Mutter, und das Häuschen überkam mein Bruder Aenderl, welcher ein gar böses Weib hatte, welches uns geschwind alle miteinander aus dem Hause jagte. Wir waren also unser vier unerzogene Geschwisterte auf weitem Felde. Weil wir kein Vermögen hatten, hatten wir auch keinen Vormunder, und so nahm sich kein Mensch unser an, bis endlich meine Schwestern zu Kindsdiendeln angenommen wurden. Nun war ich ganz allein, und irrte so von einem Hause zum andern: mein Hausrat war ein Mehlwändl, ein Schmalzemmerl, ein Brotsäckl, und ein Mehlspeicherl, welches alles ich um siebenzehn Kreuzer von dem Winterer Blasy gekauft habe, wurde auch öfters vom Hunger so matt, daß, wenn ich auch etwas zu kochen gehabt hätte, ich es vor Mattigkeit nicht hätte tun können. Mein gewöhnlicher Aufenthalt war auf dem Schusterbichl, Knappenbichl, Noyhausbichl, und meinem itzigen Scholderbichl herum, und wußte nicht einmal, wo ich in der Nacht schlafen sollte. Es ist hier, wie an vielen Orten gebräuchlich, daß man um die Zeit Allerheiligen den Goten und andern armen Kindern Seelenweggen austeilet; diesen trachtete ich auch fleißig nach, und hatte meinen Brotsack ziemlich angefüllt bekommen. Allein mein Proviant war von keiner Dauer, weil ich allzu begierig darauf versessen war, und öfters als es sein sollte in meinen Sack hineinguckte. An einem schönen Nachmittage, um die Zeit der Weinlese, wenn die Blätter anfangen gelb zu werden, und bei dem geringsten Lüftchen rasselnd von den Bäumen fallen, wenn alle Getreidefelder leer sind, und die Kühe in kleinen Herden über die Berge und Felder hinweiden, kam der arme Peterl, als ein Knab von neun Jahren, an einem einsamen Fußsteige den Berg herab; ich war barfuß, und meine schwarzbraunen Füße, mit einer dicken Haut überzogen, hatten sich ohne Verletzung über spitzige Steine hinzugehen gewöhnt. Mein Haupt war durch Sonnenschein, Kälte, Regen und Winde so abgehärtet, daß mich auch das Ritzen der Distel und Dörner an den Wegen nicht schmerzte. Ich war mit einem zerrissenen kleinen Hemde und erbettelten alten Kleidern behangen. Meinen runden, wohlwangichten, gelockten Kopf bedeckte ein zerrissener, von Alter grau gewordener großer Hut, durch dessen Spalten meine hellbraunen Haare häufig herausguckten; an meiner Seite hing mein alter Brotsack, und in der Hand trug ich einen starken haselnen Stock, um die Hunde damit abzuwehren. Wie ich so den Fußsteig den Berg herabkam, sah ich vor mir eine schöne Wiese, und jenseits der Wiese einen Wald, in welchem oben auf der Höhe ein dicker Rauch emporstieg. Rechter Hand einen Steinwurf weit von dem Weg lag ein Rübenacker, welcher rundum mit einem Faden umzogen war, an welchem alte Lumpen hingen, die, wenn sie der Wind bewegte, das Wild zu verscheuen bestimmt waren. Der arme Peterl eilt hin in die Wiese an den Bach, trank, und setzte sich neben einer Erlstaude auf den Wasen hin. Da ich hungerig war, machte ich meinen Sack auf, und als ich nur Krumen und ein paar Bissen trockenes Brot fand, gingen mir die Augen über, und die Tränen flossen mir häufig über meine braunen Wangen herunter; mit Seufzen sagte ich zu mir selbst: O meine liebe Mutter! nun hab' ich dich nicht mehr – und weinte laut – immer hattest du Brot, und wenn mich hungerte, so gabst du mir; itzt bin ich oft hungerig, und habe kein Brot. Ich guckte wieder in den Sack in alle Ecke, und ließ alle Brocken zusammrumpeln, und aße selbe mit größter Begierde auf. Nun, fuhr ich weiter fort, o liebe Mutter! da liegst du hinter der Mauer in dem Kirchhofe und faulest, und dein armer Peterl geht nun allein in der Welt betteln, wie ein armes Küchlein, das seine Gluckhenne verloren hat, umherirrt. Du sagtest mir oft, unser Herrgott habe alle Menschen lieb, er sähe sie alle, wenn wir ihn auch nicht sehen, und wenn man ihn um etwas bittet, so sei er so gut, und gäbe einem oft etwas. Lieber Herrgott, ich will auch an deiner Türe betteln; du mußt wohl ein reicher und vornehmer Herr sein, weil du den Himmel, die Welt, die Sonne, und alles so schön hast machen können; gib mir doch diese Nacht eine gute Herberg, und mache doch, daß ich künftigen Winter nicht so erfrieren darf; gib doch deinem armen Peterl auch was! Ich weinte wieder: o liebe Mutter! – – aber sie ist nun tot, und ich sehe sie nicht mehr, und so eine Mutter bekomme ich in meinem Leben nicht wieder. Ich hab' oft gesehen, daß die Leute schwarze Kleider haben, auch so schwarzes Zeug auf den Hüten tragen, wenn jemand aus ihrer Freundschaft gestorben ist. Dies steht so schön, dachte ich, und wenn dies andere Leute sehen, so werden sie mit traurig, und haben Mitleiden mit den Leuten, die solche Kleider tragen; aber der arme Peterl hatte so nichts. Indem ich so bei mir klagte, fiel mir das Rübenfeld in die Augen, und ich bekam Lust rohe Rüben zu essen; aber meine Mutter hat mir oft befohlen, nie etwas zu stehlen. Indessen kam ein Diendl, welches eine weiße Geiß an einem Band leitete, um sie auf der Wiese neben dem Rübenfelde zu weiden. Ich armer Peter machte mich auf, und ging zu dem Diendl hin; es war ein bildschönes Diendl, auch beiläufig 10 Jahre alt, sie weidete ihre Geiß ruhig, und ließ mich zu sich, ohne mich zu fürchten. Mädl, fing ich an, ich möchte gerne ein paar rohe Rüben essen, aber ich darf nicht; gehören sie dir und deinen Leuten zu? Ja! wo bist du her? Lieber Gott, ich habe keine Heimat, ich bin ein armer Bub, ich heiße Petrus, aber die Leute heißen mich nur den armen Koppen Peterl. Das Diendl machte ein sehr freundliches Gesicht, und sagt: Du heißest Petrus? Das ist gar ein schöner Name! Ich heiße Maidäl. Das ist auch ein schöner Nam', widersetzte ich, aber meine Mutter hieß Anna, der ist doch noch hübscher. Das weiß ich nicht, sagte sie: wo ist dann deine Mutter? Sie ist gestorben, und begraben. Nun machte das sonst so schöne Diendl ein trauriges Gesicht: du armer Peterl! sagte sie, wie lange ist sie schon tot? Schon ein Jahr! Ich weinte wieder, und das Diendl hatte auch nasse Augen. Du bist ein schöner Jung, ich habe dich lieb, aber du hast so unreine zerrissene Kleider an, sonst möchte ich dich in die Arme nehmen, dich küssen, und nahe bei dir sitzen. Meine Kleider sind zwar zerrissen, aber rein, doch aber habe ich das Herz nicht, dich in die Arme zu nehmen, und zu küssen, denn du bist vornehmer als ich, ich bin nur der arme Koppen Peterl. Höre, Peterl! du sollst keine rohen Rüben essen; bist du denn hungerig? Ja, mich hungert. So will ich mein nachmittagiges Merendebrot mit dir teilen. Sie zog sodann ein doppelt geschlagenes Butterbrot aus ihrer Tasche, und reichte mir solches. Nein, sagte ich, da esse ich nichts davon, sonst hast du nicht genug. O! ich bin gar nicht hungerig, auch iß ich mich diesen Abend wieder satt, und du weißt nun nicht, ob du etwas bekömmst. Sie zog auch ein kleines Messerl aus dem Sack, und teilte das Butterbrot in zwei ungleiche Teile, den größern aber gab sie mir. Wir beide saßen beisammen und aßen vergnügt. Nun fielen mir wieder die Trauerkleider ein. Höre, Maidäl, fing ich an, nachdem ich meinen Anteil aufgezehrt hatte: die Leute haben so etwas Schwarzes auf den Hüten, wann ihnen jemand gestorben ist; ich möchte auch gerne so etwas haben, aber ich habe nichts. Ja freilich, armer Peterl! sagte sie, sollst du einen Flor auf deinem Hut haben; ich habe halt auch keinen, sonst gäb' ich ihn dir. Indem schaute sie umher, und sieht an den Faden hin, welcher um den Rübenacker gezogen war, und ersieht ein Stück von einem alten schwarzen kreponenen Rock von ihrer Mutter. Flugs sprang sie hin, riß einige lange Streifen davon ab, und brachte sie mir. Ich sprang auf, freute mich, und wollte das Mädl in meine Arme nehmen: sie wies mich aber sanft ab, suchte Stecknadeln zusammen, und ich gab ihr meinen durchlöcherten Hut hin. Allein jeder Versuch war vergebens, die Lappen auf den Hut zu bringen, denn er war so fest vernähet, daß man die Nadeln nicht dazwischen durchbringen konnte. Endlich fing das Mädl an und sagte: Da fällt mir etwas ein! Unser Verwalter hatte einmal einen Flor um den Arm, als er trauerte. Das geht an, versetzte ich; und geschwind hatte sie die alten schwarzen Streifen mit Stecknadeln um den Arm ziemlich ordentlich befestiget. Wir beide brachten in verträulichen und kindischen Gesprächen noch etwa eine Stunde zu, sodann aber begann es Abend und kühl zu werden. Ach, Peterl! sagte sie, wo wirst du diese Nacht schlafen? Darf ich denn nicht mit dir in das Dorf gehen? Ach nein! wir haben einen bösen Überreiter, der jagte dich fort, armer Peterl! Bekümmere dich nicht, Maidäl, ich habe noch immer einen Ort gefunden, wo ich habe herbergen können, aber ich gehe nicht gerne von dir. Die Tränen stunden mir in den Augen, und Maidäl weinte auch. Hier, sagt sie endlich, siehst du den dicken Rauch oben auf dem Berge aufgehen? Ja, war die Antwort. Da ist ein Kohlbrenner, fuhr sie fort, mit Namen Georg Brucher. Dieser ist gar ein guter Mann: der nimmt alle arme Leute in seine Hütte, wenn sie unser böser Überreiter fortjagt; da geh du hin. Nun stunde ich auf, nahm meinen Stock, und itzt faßte mich Maidäl um den Hals, küßte mich, und kehrte mir mit ihrer Ziege den Rücken; ich aber wanderte fort, und dem Kohlbrenner zu. Als ich durch das Laub daher rauschte, und auf ihn zukam, sagte ich gleich zu ihm: Vater, willst du mich diese Nacht beherbergen? Das weiß ich noch nicht. O ja, Vater! beherberge mich doch; da war ein Diendl auf dem Felde, das hieße Maidäl, und hütete eine Geiß, das sagte mir, du wärest so ein guter Mann, du würdest mich beherbergen. Das könnte wohl geschehn, wenn ich wüßte, ob du ein braver Bub wärst: denn schau, böse Kinder kann ich nicht leiden; bist du denn allein? Ja, meine Mutter ist vor einem Jahre gestorben, und habe auch keinen Vater mehr. Wie alt bist du? Ich bin 9 Jahre alt. Höre, Junge, wenn ich wüßte – doch bleibe da bei mir, ich will dich heute beherbergen. Er führte mich sodann in seine Hütte, gab mir zu essen und zu trinken, ob ich gleich nicht hungerig war, und machte mir ein Lager zurechte, worin ich sehr gut schlief. Den andern Tag dankte ich ihm; er gab mir eine gute Morgensuppe, und bedauerte es, daß ein so hübscher Bub betteln sollte: ich fing an nachzudenken, und bekam am Bettel einen Ekel, so daß er mir ganz zuwider wurde; wenn ich nur arbeiten könnte, dachte ich mir, und erfragte mir auch wirklich bald einen Hütersdienst auf dem Berge, wo ich den ganzen Sommer zum Lohn ein rupfenes Hemd, ein Paar Schuhe, und 4 Kreuzer im Gelde hatte. Ha! dachte ich mir, du hast doch zu essen, und darfst dich nicht bekümmern, wo du schlafen sollst, und der Bettelvogt darf dich nicht mehr verjagen. In diesem tröstlichen Gedanken packte ich meine wenige Sachen zusammen, nahm selbe auf meinen Buckel, und trollte damit den Berg hinauf. Unterwegs rief mir mein alter ehrlicher obbemeldter Görg von seiner Haustüre zu: Wo gehst hin, Peterl? Ich sagte: auf den Berg hinauf, Schafe zu hüten. Er sagte: wenn du schon itzt im Sommer etwas zu essen hast, was tust denn aft im Winter? Ich weiß nicht, war die Antwort. Er erwiderte: ich habe deine Eltern gut gekannt, waren gar brave Leute. Er sagte auch: es sind gar viele, die ihr Brot mit einer Handelschaft außer Landes suchen, probier es auch, wer weiß, ob du nicht dein Glück finden kannst? Wie sollt ich es denn machen, ich habe weder Geld noch Kredit, wer wird mir was geben? Ich will dir Bürge sein, sagte er. Auf seine Worte ging ich zurück, und zum Bartlme Hauser, als einem Theriak- und Ölfabrikanten, hin; dieser borgte mir selbst um 3 fl. 9 kr. solche Waren. Ich ging also außer Landes mit noch einem Kameraden ins Bayern, als ein herumlaufender Ölträger, im zehnten Jahre meines Alters, und weil ich die Medizin nicht verstünde, auch der Hunger mich niemal ungeschoren ließ, so hausierte ich die meiste Zeit bei den Bäurinnen in den Kucheln um Nudeln herum, anstatt mit meiner Handelschaft etwas zu erobern; denn, wenn ich meine Kraxen voller Nudeln hatte, war ich reich und vergnügt, und niemand hatte weniger Sorgen und Bekümmernis, als ich; ich durfte mir auch nicht fürchten, daß ich bestohlen würde. Mein Nachtlager war ein Bund Stroh oder eine Bank in der Stube. Nun fing ich an, meine Eltern zu verschmerzen, weil es mir so gut ging, und mein Magen doch alle Tage mit Dämpfnudeln gestopfet wurde. Ich dankte oft meinem ehrlichen Görgen, daß er mir solch einen guten Rat an die Hand gab. Ich wanderte mit meiner gedachten Handelschaft noch eine Zeitlang in Bayern herum, und kam sodann in Schwaben nach Augsburg, Dillingen und Dischingen, wo ich im Markte beim obern Bauern über Nacht blieb. Ich sah allda Heiducken, Läufer und Bediente, und fragte, was dieses für ein Volk sei, und was es bedeute? Man sagte mir, es sei in diesem Schloß ein großer Fürst, nämlich der Fürst Taxis, und viele Herrschaften. Den Tag darauf wollte ich mit meiner Apothek ins Schloß hinauf hausieren, und war begierig einen Fürsten zu sehen, weil ich nicht wußte, wie er aussehen sollte. Ich kam beim Schloßtore an; allein, wie erschrak ich ob dem Laute: Wo aus? denn es hatte mich noch niemand so stark angeredet; die Schildwache verwehrte mir den Eingang, und ließ mich nicht passieren. Ich nahm meine Kraxen von der Achsel herunter, ging beiseite, und setzte mich darauf, guckte und fragte immer, was dann das für ein Gespreng, Gefährde und Reiterei aus und ein sei? – Man fragte mich, wo ich her sei, was ich machte, und was ich in meiner Kraxen habe? Ich gab meine Antworten, und erfuhr zugleich, daß der Fürst bald auf die Jagd fahren wollte. Voller Freuden wartete ich, und wenn ich auch den ganzen Tag hätte hungerig sitzen bleiben müssen, so wäre ich doch nicht von der Stelle oder meiner Kraxe gegangen, um nur das fürstliche Wunder zu sehen. Endlich kam ein Vorreiter, und hintennach vier Läufer, unter welchen ein Italiener war, mit Namen Augustin, dieser rief mir, und sagte: He, du kleiner Tyroler, kannst laufen? Jawohl! So lauf mit uns. Ich legte sogleich meinen Stock auf meine Kraxen, und lief mit ihnen beiläufig anderthalb Stund bis in den Eglinger Wald, wo die Jagd versammelt war. Es war lächerlich, so einen kleinen weithosenden Tyroler unter vier schön geputzten Läufern zu sehen. Die Jagd nahm ihren Anfang, während welcher einige Kavaliere zu mir kamen, und mich um verschiedenes fragten; ich gab ihnen kurze tyrolische Antworten. Es war mir zwar unterdessen leid um meinen Stock und Apotheke, doch aber lief ich überall mit ihnen herum. Nach vollendeter Jagd kam es auch zu den Ohren des Fürsten, daß ein fremdes Wild in der Jagd ersehen worden, nämlich ein kleiner weithosender Tiroler. Der Fürst verlangte mich zu sehen, und ich noch mehr einen Fürsten betrachten zu können. Er ließ mich zu sich kommen. Itzt fing ich an zu spüren, was Herrschaften sind; noch niemals habe ich vor einem Menschen gezittert, aber itzt führte man mich zitternd Schritt vor Schritt, meinen Hut unter dem Arm, dem Gezelte zu, wo viele Kavalier und in der Mitte ein großer starker majestätischer Herr war, der mich sanft anredete: Wo kommst du her, kleiner Jung? Aus Tyrol. Von wo? Von meiner Mutter. Das zweifle ich nicht. Kannst du brav laufen? Du hast's wohl gesehen. Willst du es lernen, und bei mir bleiben? I wohl! Hast du auch Eltern? Gehabt habe ich wohl eine, aber itzt habe ich keine mehr. Itzt weinte ich laut, und sagte: O meine liebe Mutter! Das mag ein guter Jung sein, sagte der Fürst, man bringe ihn ins Schloß, ich will für ihn sorgen. Der Zug ging wieder zurück, und ich lief wieder mit. Als ich wieder zurückkam, erblickte ich mit Freuden meinen Stock und Kraxen, nahm solche auf den Buckel, und wollte marschieren. Alle sagten, ich sollte hinein ins Schloß; ich sprach: ich mag nicht! Warum? Dort steht einer mit einem Schnauzbart, einer Bölzkappen, einem Säbel an der Seite, und einem Schoißer auf dem Arm; er sieht so trotzig aus, und schreiet die Leute so scharf an; er möchte mich erschießen, und deswegen mag ich nicht. Alle lachten, und ließen mich gehen, ich wanderte dem Markte zu, und machte unterwegs meine Gedanken, daß die Fürsten auch aussehen wie andere Menschen. Als ich im Markte zum obern Bauern kam, gab mir die Bäurin ein Stück Brot; ich aß solches, legte mich sodann auf das Stroh, willens zu schlafen, und sagte während diesem zu mir selbst: Ich hab' oft gehört, wer mit großen Herren umgeht, der sei reich, und von den Fürsten und andern großen Herren fließen vorn und hinten und auf allen Seiten Gnaden aus, und ich bin heute so nahe bei einem gewesen, und habe doch nichts bekommen, und spüre auch nichts von Gnaden. Ich dachte mir auch, wenn ich einem fremden unbekannten Menschen drei Stunden weit den Weg gewiesen hätte, so hätte ich doch einen Groschen bekommen; oder wäre ich mit jemandem so weit spazieren gegangen, so hätte ich doch Nudeln aus Gnaden von den Bäurinnen bekommen. Wie ich so moralisierte, kam der Läufer Augustin und sagte: He! frisch auf, Tyroler! wie heißest du? Den ganzen Tag Peterl. Du sollst mit mir ins Wirtshaus gehen, und sollst auch nicht mehr da schlafen. Hast du Gnaden vom Fürsten bei dir in dem Sack? Ja, ich soll für dich bezahlen. Hat dein Fürst einen großen Vorrat von Gnaden? Ja, so viel wir alle brauchen und verdienen. Ich stund freudig auf, wir gingen ins Wirtshaus, wo wir aßen und tranken, und ich wurde sodann in ein gutes Bett geführt, wo ich ganz herrisch und ruhig schlief, und die ganze Nacht mit nichts als großen Herren, Fahren und Reiten zu tun hatte. Den andern Tag kam ein Schneider, und nahm mir das Maß zu einer Läuferkleidung, ich aber wurde dem Wirt auf Befehl des Fürsten in Kost und Quartier übergeben, bis meine ganze Kleidung fertig war. Nun dachte ich wieder an meinen alten Görgen, und an seine Worte: »Wer weiß, wo ich mein Glück finden kann.« Ich führte ein unbekümmertes Leben; meine Apotheke verkaufte ich einem Tyroler, ich blieb beim Wirte in der Kost; Heiducken, Läufer und andere Bediente nahmen mich mit sich zu allen Lustbarkeiten, und die Zeit wurde mir also ganz kurz, bis meine Kleidung fertig war. Endlich kam der Tag, an welchem ich sollte aus- und angekleidet werden; es kam der Läufer Augustin, und holte mich ins Schloß; ich wurde in ein Zimmer geführt; es kam der Barbier, er packte aus, und wollte mir die Haare abschneiden; weil aber unter selben die meisten meiner Untertanen verborgen waren, machte ich aus Furcht und Schamhaftigkeit große Augen, und dachte: was will das werden? ich mußte es aber doch geschehen lassen; nach diesem führte man mich in die Hofwaschkuchl, und sperrte die Türen zu. Es waren da sechs französische schöpfigte Weibsbilder, der Läufer Augustin, Barbierer, Leibkutscher, und zwei Heiducken, wie auch eine große Waschwanne voll warmes Wasser in Bereitschaft. Da sollte ich mich auskleiden, und das wollte ich nicht tun. Es braucht nicht viel Zeremonien, sprach einer; die Heiducken und der Leibkutscher packten mich an, und hielten mich, und die sechs schöpfigte Weibsbilder hatten meine wenige Kleidung bald vom Leibe, und ich lag in der Wanne. Itzt ging es ohne Barmherzigkeit mit ihren Waschbürsten über mein armes Leder her; vom Kopf bis zu den Füßen wurde ich so zerrieben, daß gewiß kein großer Herr auf der ganzen Welt, von Noe an bis auf gegenwärtige Zeit, so stark frottiert wurde. Es gingen mir die Augen über, und unten ließ ich das Wasser, und vor Ängsten habe ich geschwitzt: also gingen dreierlei Wasser von mir. Nun dachte ich mir, was es doch kostet, wenn man ein Herr werden will! Doch in einer halben Stunde war die Marter vorbei, und ich werde gewiß in meinem Leben nicht mehr so andächtig gereiniget. Einige gingen davon; Mademoiselle Chamason trocknete mich mit Fleiß und Andacht ab, brachte mir ein Pfaid und Unterhosen, und ich wurde in ein Bett geführt, wo ich zwei Tage und Nächte in einer Herrlichkeit fortgeschlafen habe. Endlich den dritten Tag brachte man mir meine neuen Läuferkleider; ich wurde mit diesen angezogen und in den Schloßhof geführt, wo viele vom Hofe um mich herum gingen, und den jungen Tyroler nicht mehr kennen wollten. Ich bekam nach diesem mein Mittagessen, einen Trunk Wein, und durch den Läufer Augustin den Auftrag, daß ich mich heute bei der fürstlichen Tafel sollte sehen lassen. Ich war in meiner ganzen Herrlichkeit, aber doch nicht so kommod, wie in meiner weiten Tirolerhose. Es wurde zur Tafel geblasen, und wie das Konfekt aufgetragen ward, führte man mich in den Saal. Potz Plunder! was das für ein Gerenn, Geläuf und Gepräng war, auf und ab, hin und her; alles hatte die Hände voll zu tun. Da hab' ich g'schaugt, und sah noch nichts von der Tafel; denn weil sie dick hintereinander um die ganze Tafel herum stunden, so konnte ich auch nicht sehen, wer in der Mitte war; ich habe geglaubt, sie essen alle im Stehen; man führte mich hinein, und machte Platz; itzt sah ich die Herrschaft, erschrak, und wollte wieder zurücke; der Fürst aber rief mir: komm her, Kleiner! Man ließ mich nicht hinaus, und führte mich zu ihm hin; man lehrete mich das Rockküssen sowohl dem Fürsten als der Fürstin, worauf die Fürstin sogleich befahl, mir einen Teller voll Konfekt zu geben, welches ich in der Geschwindigkeit verzehrte. Sie war eine liebe, schöne, große und gravitätische Frau, eine geborene Fürstin von Fürstenberg. Itzt war ich schon heimlicher, und der Fürst und andere Herrschaften sagten, daß sie kaum mehr glauben können, daß ich der kleine weithosende Tyroler sei; sie hätten mich alle lieb, und beschenkten mich mit ein und andern Sachen von der Tafel: ich wurde hüpfend und mit Freude in mein Quartier zurückgebracht. Nun wurde beschlossen, mich dem Läufer Augustin in die Lehr anzuvertrauen, welcher mich auch, zwar für Bezahlung, freudig annahm. Es waren unser drei Lehrjunge, und wir mußten alle Tage 4 Stunden weit, nämlich nach Dillingen, spazieren laufen; ich war ihm der liebste, und deswegen bekam ich nicht viele Schläge von ihm. Mein Lehrprinz war ein guter lüftiger Haushalter, der gerne bei allen Gesellschaften, Schmausen und Spielen die halben Nächte zugegen war; mich nahm er auch überall mit sich. Er hatte monatlich 16 fl. Besoldung, und machte noch manchesmal viele Schulden dazu; es kam der Herrschaft zu Ohren, daß ich auch die meiste Zeit bei ihm in den Gesellschaften war; es hieß: aus dem Buben wird auf diese Art nicht viel, sondern er wird, wie sein Lehrprinz, ein lüftiger Mensch werden. Deswegen beschloß man, mich dem Läufer abzunehmen, und in der Kanzlei, zum Ausschicken, und zur Lampe, die Tag und Nacht brennet, zu gebrauchen; dem Läufer aber wurde bei Verlust seines Dienstes verboten, mit mir nie mehr zu reden. Itzt hatte sich der geheime Rat Kirchmayr als mein künftiger Vater meiner angenommen, und seine Frau, welche eine geborne Jörgin war, ist bis auf itzt noch alleweil meine Mutter. Der geheime Rat nahm mich ganz in seine Protektion, und ich mußte ihn bei der Tafel bedienen; er liebte mich wie sein Kind, und das darum, weil er samt seiner Frau von weitem aus tirolischem Geschlechte entsprossen war. Ich wurde von allen Menschen bei diesem Hofe geliebt: aber der Läufer Augustin konnte nicht verschmerzen, daß man mich so von ihm wegnahm, deswegen stellte er mir auch überall heimlich nach. Ich war ausgefüttert und sollte lernen, und es wollte nichts in meinen Kopf; Ordnung halten sollte ich auch, und das freie ungezwungene Leben war ich schon gewöhnt. Nun bekam ich das Heimweh. Der oft gehörte Läufer traf mich einst hinter dem Schloß auf der Wiese ganz allein an: Was machest du, fragte er: und wie lebst du? Gut sonst; aber das herrische Leben freut mich nicht, es ist mir die Weil lang. Warum denn? Ich möchte gern zu Hause im Tyrol sein. Das kann ja sein, mein Sohn, sprach er: es geht morgen ein Bot von Lauingen nach Augsburg, und von Augsburg nach Innspruck, da kannst du scharmant mitkommen; ich will dich heimlich mit einem Boten auf Lauingen schicken, wenn du nur gewiß morgen um halb zwölf Uhr bei der Hecke bist. Ich hatte eine große Freude, wieder in mein Vaterland zu kommen, weil ich nicht wußte, in welcher Gegend der Welt ich mich befände; ich dachte aber dabei nicht, daß ich zu Hause nichts als Armut hätte. Es wurde beschlossen – ich ging zurück ins Schloß, aß zu Mittag, und ging darnach zum Schloßtor hinaus, ohne einem Menschen etwas davon zu entdecken. Beim Ausgang aus dem Schloß fragte mich der Oberststallmeister: wo gehst du hin? Auf das Feld, war die Antwort, machte ihm mit einer Hand ein Adieu, ging meinen Weg fort, und kam zur bestimmten Zeit zur Hecke, wo der Läufer und ein Diendl schon auf mich warteten. Der Läufer küßte mich, und sagte: itzt geh' du in Gottes Namen; und darnach hab' ich gemerkt, daß er zum Diendl allein gesagt: bis Medingen geht ihr durch den Wald. Ich sagte, ich müßte mich zuvor bei der Herrschaft bedanken, und das Geld, welches ich unter der Zeit nach und nach geschenkt bekommen habe, mit mir nehmen. Nein, sprach er, du brauchst es nicht, ich will dir alles nachschicken. Ich glaubte ihm, und aus Begierde, mein Vaterland wieder zu sehen, lief ich mit dem Diendl fort durch den Wald, bis gegen das Medinger Feld. Unterwegs redeten wir miteinander sehr wenig, doch fragte ich sie einmal: wo führst du mich hin? Sie sagte: ins Tyrol. Ich dachte mir: ich komme doch vom Tyrol heraus, und weiß nicht, wozu es liegt; und das Diendl sollte mich hineinführen, und ist selbst noch niemals darin gewesen. Neben solchen Gedanken plagte mich auch die Furcht; ich dachte mir alleweil: wer weiß, wo du itzt hinkommst? Das Gewissen sagte mir auch: du hättest dich doch vorher bei der Herrschaft bedanken, und nicht so davon laufen sollen. In diesen Gedanken ging ich mit dem Diendl drei Stunden lang fort, bis gegen das halbe Medinger Feld. Nun zurücke auf das Schloß. Man ging zur Tafel, und ich wurde nicht gesehen; weil ich mich sonst gemeiniglich dabei eingefunden, fragte der Fürst sogleich nach mir, und ließ deswegen meinen Vater zu sich rufen; dieser wußte aber eben so wenig, wo ich sein sollte. Da aber der Oberststallmeister das hörte, sprach er zum Fürsten: Ihr Durchlaucht, um diese und diese Zeit ging er zum Schloß hinaus, ich fragte ihn, wohin? er sagte: ins Feld; und machte mir mit der Hand ein Adieu. Man fragte nun auch geschwind nach dem Läufer, der war aber eben so wenig zu finden. Geschwind wurden vier Reitknechte auf alle vier Ecke ausgeschickt, und einer, mit Namen der schwarze Michl, traf meinen Weg, reitet quer übers Feld her, denn er hatte mich mit dem Diendl schon laufen gesehen, gab seinem Schimmel die Sporen, und jagte schon nun ganz nahe hinter uns drein. Gutes habe ich nun nichts mehr zu hoffen, dachte ich mir, und aus solcher Furcht weinte und schrie ich laut: O lieber Gott, was bedeutet das? ein schwarzer, trotziger Reiter auf einem weißen Roß? Wir liefen aus allen Kräften, allein es war schon zu spät. Halt! schrie er, oder ich haue dich zusammen; ich zitterte; er sprang vom Pferde, umgürtete mich mit seiner großen Reitpeitsche, und sagte zum Diendl: Wer hat dich geschickt? Sie sagte: der Läufer Augustin. Gut, sagte er, man kennt dich und ihn. Mich nahm er an seiner Peitsche mit sich, und ritt im Trappe zurück auf das Schloß. Wie wir beim Schloßtore unsern Einzug machten, waren alle Fenster voll Köpfe. Der schwarze Michl, triumphierend, gab seinen Raub fröhlich für einen Carolin Trinkgeld hin. Ich wurde gleich zum Fürsten geführt; der geheime Rat Böckers und der geheime Rat Kirchmayr, als mein Vater, fragten mich: Jung, wo hast du hingewollt? Nach Hause. Wer hat es dich geschaffen? Der Läufer. Diesen aufzusuchen wurde abermal die Anstalt gemacht, aber es war, wie vorher, vergebens. Den vierten Tag kam er erst im Vorschein, kam aber auch zugleich, ich weiß nicht aus was Ursache, vom Hofe weg; und ich wurde wieder vom Fürsten meinem Vater Kirchmayr übergeben, welcher mich als seinen verlornen Sohn in Gnaden wieder annahm. Es verging noch eine geraume Zeit in Disching, wo ich öfters zur Tafel kam. Der Fürst und die Fürstin waren sehr gnädig, und versprachen mir oft, mir mit der Zeit, wenn ich gehorsam wäre, ein gutes Brot zu verschaffen, denn er war gewiß der beste Herr für brotlose Leute, und man zählt nur einen Fürst Taxis Alexander. Es war schon späte Herbstzeit, und deswegen begab sich der Hof nach Regensburg, wohin mein Vater Kirchmayr mich auch mit sich nahm, und mich sodann fragte, ob ich studieren oder einen Präzeptor haben wollte. Wir wohnten neben den PP. Augustinern, und hatten noch ein junges Geisl, eines Spitalpflegers Tochter, bei uns im Hause, mit Namen Walburg; diese war auch arm, und deswegen ließ sie mein Vater, so wie mich, erziehen, stellte uns auch beiden einen Präzeptor, der eben nicht viel Spiritus im Capitolium hatte. Nun sollten wir miteinander lernen. Ich hatte eine graue Livree, mit Silber bordierten Hut, Fetzenpfaid, und einen Lausbeutl, war auch um und um aufgeputzt wie ein Marktgaul; denn ich mußte alle Tage meiner gnädigen Frau die h. Messe ministrieren. Wenn aber der Präzeptor mit mir nicht vorher eine Weile mit Berchtolsgadnerware spielte, wollte ich auch nicht lernen; wollte er mich strafen, lief ich davon und zu meiner gnädigen Mutter ins Kabinett, woraus mich der Präzeptor nicht holen durfte, und die gute Walburg bekam also die Schläge allein. Hatte er aber zuvor mit mir gespielt, so lernte ich auch fleißig. Aber nun fing sich meine Marter an. Meine Mutter wollte keinen glatten oder rauhen Tyroler mehr haben, sondern ich sollte höflich werden und Manier lernen. Schau, sagte sie, du mußt nicht so grob sein; wenn ich dir rufe, mußt du nicht allemal sagen: Hoy? oder: Was willst? sondern du mußt sagen: Was schaffen Euer Gnaden? Ich sagte Ja, und ging zur Türe hinaus, sie ruft: Peterl! Was willst? Hab ich dir nicht erst gesagt, du sollst nicht so sagen? wo ist: Was schaffen Euer Gnaden? Ich hab's vergessen, sagte ich, und will es nicht mehr tun, und ging fort. Bei der zweiten Türe: Peterl! Hoy! Wo ist, was schaffen Euer Gnaden? Das was schaffen Euer Gnaden wurde mir so zuwider, daß ich nun recht das Heimweh bekam, und oft laut weinte, und rief: o liebe tiroler Mutter! hätte ich nur nie nichts von Gnaden gewußt; du gabst mir oft Brot, aber ohne Gnaden, und nun muß ich mit lauter Gnaden umgehen. Ich erfragte beim schwarzen Elephanten Salzburger Fuhrleute, ging mit ihnen des andern Tags um fünf Uhr in der Früh weg, und machte also einen doppelten Weg, zuerst nach Salzburg, sodann ins Tyrol, und kam endlich zu Hause, wo ich keinen Bissen zu essen hatte, an. Zweites Kapitel Neuer Hunger. – Mir träumt, daß die Kaiserin Maria Theresia mir einen Hut voll Geld schenkt und mir ein Brandweinhüttel bauen läßt. – Ich kaufe den Platz zum Brandweinhüttel. – Wanderung nach Wien. – Memorial an meine liebe gute Kaiserin. – Ich finde incognito Unterkunft im Schloß zu Schönbrunn. Nun war es mir wie ein Traum, daß große Herrschaften auf der Welt sind, und ich bin so arm zu Hause, daß ich nicht einmal eine Herberge und ebensowenig Geld und Hausrat habe; meine Schwestern konnten mir auch so wenig helfen, wiewohl zwo verheuratet waren: denn sie hatten selbst nichts, als jede einen Haufen kleiner Kinder, und Ölträger zu Männern. Mein übler Nachbar, der Hunger, fand sich auch bei mir wieder ein. Ich redete oft mit meinen Spielkameraden, von welchen keiner aus dem Ort gekommen ist, von der weiten Welt; denn sie hielten mich schon für einen Gereisten, und ich erzählte ihnen von den großen Herrschaften, Tafeln, und was ich immer gesehen habe. Wie in der ganzen Welt bekannt, daß die unsterbliche Kaiserin Maria Theresia von allen ihren Untertanen nicht umsonst als eine wahre Mutter geliebt wurde, so hörte ich auch, daß sie die Tyroler absonderlich gern hätte. Tag und Nacht gingen mir dergleichen Gedanken, wie ich mich etwa bei ihr beliebt machen könnte, in meinem Gehirn herum. Allein der Hunger tat weh, und ich mußte mich bestreben, daß ich zu essen bekam. Ich ging deswegen unter meinen Befreunden bald zu diesen, bald zu jenen, aber die Freundschaft hatte bald ein Ende, und sie wurden meiner Visite gleich überdrüssig; ich mußte mich, um mich des Hungers zu erwehren, zum Schafhüten verdingen. Nun hütete ich am Riedberge, eben bei demjenigen Bauern, nämlich z' Oertler, wo ich das erstemal hätte hin sollen, die Schafe, und bekam in der Frühe eine Suppe und ein Mus zu essen; auf Mittag gab man mir ein paar Hände voll Dämpfnudeln mitzutragen, welche allemal um 10, längstens bis 11 Uhr schon verzehret waren. 50 bis 60 Schafe hatte ich zu hüten, und diese gingen im Gebirge so weit auseinander, daß ich den ganzen Tag Kreuz hin, Kreuz her, über Stöcke, Steine und gefährliche Gräben laufen und springen mußte, um keines davon zu verlieren. Eines Tages, auf den Abend, legte ich mich in der Dämmerung sehr hungrig und abgemattet nach aller Länge auf den Wasen hin und überlegte das, was sich zeither mit mir zugetragen, wie auch meinen gegenwärtigen Zustand. Auf einmal hörte ich neben meiner im Gesträuß etwas daher trappen, und wurde also in meinem Nachdenken gestört. Futsch war ich auf, und sah eine junge weiße Ziege mit einem Jungen. Ich schlich ihr durchs Gesträuch nach, ohne zu bedenken, wo wir waren, well ich halt Milch bei ihr zu bekommen hoffte, um sie zu trinken und meinen Hunger damit zu stillen; ich erwischte sie auch wirklich bei einem hintern Lauf, und hielte sie fest; die Ziege aber erschrak, und machte mit mir, weil ich sie nicht entlassen wollte, einen Kapriol von 12 Schuh hoch über einen Felsen, Stock und Stauden hinunter. Wie wir uns unterwegs getrennet haben, weiß ich nicht mehr. Ich lag auf einer Ebene, geschunden und zerkratzet am ganzen Leib, und sah die Ziege mit ihrem Jungen an einem andern Felsen klettern; mich lüstete aber nicht mehr nach ihrer Milch, sondern ich mußte darauf bedacht sein, auf welcher Seite des Felsens ich wieder zu meinen Schafen kommen könnte; trieb diese zusammen, und nach Hause. In Zeit von 14 Tagen gingen die Schafe auf die Alpe, und mein Verdienen nahm ein Ende. Nun kam ich zu meinem alten Görgen, und bat ihn wieder um die Herberge, welcher mich auch einnahm. Da schlief ich dann auf dem Solder unter dem Dach, hatte einen Teppich halb unter, halb über mich, und ein Stück Holz unter dem Kopf. Endlich wurde ich krank; und das Häusl von meinen Eltern verkauften mein Bruder und sein böses Weib an meinen Schwager, welcher mich in meiner Krankheit abholte, und mich in sein neuerkauftes Häusl ebenfalls unters Dach auf das Heu überlegte, wo ich auch besser ausruhen konnte. Ich wurde (Gott sei Dank) wieder gesund und logierte noch bei meinem Schwager auf dem Heu. Tausenderlei Gedanken von großen Herren, von Gnaden und Glück, von der guten Kaiserin, welches ich von den Leuten öfters sagen hörte, quälten mich Tag und Nacht, und war ohne Unterlaß damit beschäftiget. Eines Abends ging ich wie gewöhnlich schlafen, da träumte mir ganz natürlich: ich wäre zu der guten Kaiserin gekommen, hätte meinen Hut unterm Arm, welchen sie mir voll Geld geschenkt und mir auch auf einen gewissen Flecken, wo eine alte Brechlstube gestanden, eine Wohnung und ein Brandweinhüttel bauen lassen. Voll Freude erwachte ich, dankte meinem Schöpfer, sprang über die Stiege hinab, und erzählte es meiner Schwester, welche just kochte; diese lachte mich aus, ich aber achtete es nicht und ging flugs, den Platz zu betrachten, welchen ich so fand, wie ihn mir der Traum geschildert hat. Der Bauer, welchem dieser Platz zugehörte, hieß Anton Krapf, ein alter ehrlicher Mann, welcher eben einen Steinwurf weit davon einen Zaun machte. Ich ging zu ihm hin, und sagte: Guter Toni, sei doch so gut, und gib mir das Plätzl, wo die Brechlstube steht, zu kaufen (welches etwa 6 bis 7 Schritte ins Quadrat ausmacht), die Kaiserin läßt mir ein Haus darauf bauen. Woher weißt du dann das? Es hat mir heute Nacht so natürlich davon geträumt, daß ich glauben muß, es sei gewiß. Armer Jung, du erbarmest mich, ich will dir ihn geben, du kannst dich darauf verlassen. Deine Eltern hab' ich gut gekannt, waren auch brave Leute; ich hätte ihn zwar schon öfters verkaufen können, aber du sollst ihn haben. Wie teuer? Zween Gulden, ein Skapulier und ein Gläsl Brandwein. Die Hand darauf! richtig. Wir gingen miteinander hinauf zu meinem Schwager, welcher mir die zween Gulden vorstreckte; ich bezahlte ihm damit den Platz, gab ihm auch das Skapulier und ein Fräckäl Brandwein. Gelt, Schwester, es wird wahr, was ich dir heut morgen gesagt hab'? Itzt glaubst du es wohl? denn ich hab' wirklich schon Grund und Boden, und durch unsern Herrgott und die Kaiserin bekomm' ich auch ein Haus, und werde noch reich; darnach will ich mir erst recht gute Schmalznudeln kochen, und sie mir recht schmecken lassen. Zehnmal des Tags ging ich hin, meinen Platz zu besehen, legte mich darauf, und sah mein künftiges Haus schon in Gedanken. Ich hatte weder Rast noch Ruhe; ich mußte zu der Kaiserin meine Reise antreten, obschon alles meiner spottete, und mich jedermann auslachte. Endlich ward der Trieb so stark, daß ich mich nun wirklich auf den Weg machte. Ich nahm in einem gemalten gläsernen Fläschl eine Maß Kirschengeist mit mir, und wanderte im Gottes Namen durchs Tal hinaus, ohne einen Kreuzer Geld oder Zehrung, nach Innspruck zu: weil ich gehört hatte, daß dort große Herren wären, welche über alles zu befehlen hätten, so dachte ich mir, wird wohl auch die gute Kaiserin dort zu Hause sein. Ich kam den ersten Tag über acht Stunden weit, ohne einen Bissen geessen oder etwas getrunken zu haben, nämlich bis gegen Hall. Der Hunger plagte mich, und matt ward ich auch; da begegnete mir ein Herr in einer Chaise, (wie ich es hernach erfragte, war es der Baron Crusina); dieser fragte mich: was fehlt dir, kleiner Duxer? und warum weinest du? Narr! wenn dich so hungern tät, wie mich, so würdest du auch nicht lachen. Hungert dich denn stark? Ja, ich habe heut' noch nichts geessen. Wo willst du dann noch hin? Ich gehe zu der Kaiserin. Was willst du dann bei ihr machen? Ich habe da ein Fläschl Kirschenbrandwein, den gebe ich ihr, und sie läßt mir ein Häusl bauen. Willst du mit mir auf mein Schloß, dort, so du siehst? ich will dir zu essen geben, will dich über Nacht behalten, und du mußt mir noch mehr erzählen. Wohl! Er nahm mich also zu sich in den Wagen, und wir fuhren hinauf ins Schloß unweit der Foldererbrücke. Da wir ins Schloß kamen, empfing ihn seine Frau. Schatz! sagte er, hier bring ich dir einen kleiner Duxer: er begegnete mir auf dem Wege, und weinte aus Hunger; du mußt ihn recht füttern lassen. Ja, mein Schatz! er ist ein hübscher Jung, er gefällt mir. Und zu mir: du sollst gleich was bekommen, Kleiner! Sie nahm mich darauf bei der Hand, und führte mich in das Zimmer. Auf dem Abend gingen sie zum Essen, und nahmen mich zu sich an die Tafel, wobei ich herrisch gefüttert wurde, bekam auch Wein, und wir brachten den Abend mit verschiedenen Gesprächen zu; der Gärtner nahm mich sodann zu sich in das Bette, welches ich mir auch trefflich schmecken ließ. Dem andern Tag stunden wir auf; ich gab ihnen beiden einen guten Morgen, küßte ihnen die Hände, und bekam eine Milchsuppe zu einem Frühstück. Der alte Herr und die Frau unterhielten sich mit mir, fragten mich um alles aus; ich gab ihnen über alles meine Antworten und zeigte ihnen mein Brandweinfläschl. Gut, sagte er, du bleibst noch ein paar Tage bei mir da; ich habe eine Schwester zu Hall im königl. Stift, ich besuche sie bald wieder, ich will dich mit mir nehmen, wer weiß, ob sie dich in dem Stift nicht annehmen, oder brauchen können. Ich war mit allem recht wohl zufrieden; denn ich sah, daß er alles sehr gut mit mir meinte. Dem dritten Tag fuhr er wieder hinein, und nahm mich mit sich in den Wagen. Als wir in das Sprachzimmer kamen, sah ich mit Verwunderung bei zehn schwarzgekleidete Weibsbilder, wie Jesuiten, und auf den Köpfen hatten sie Piretter. Es war die Gräfin Arko, als Oberste, die zwo Gräfinnen Fugger, des Barons Schwester, Fr. v. Stotzingen, Fr. v. Aufseß, Fräulein Severin und andere mehr. Sie grüßten mich, und redeten freundlich mit mir; durch dieses wurde ich beherzt zu reden und erzählte ihnen meinen ganzen Traum. Durch Rekommandation des Baron Crusina behielten sie mich endlich ganz in dem Stift, und ich schlief in der Schweizerei. Es gefiel ihnen meine Munterkeit, und sie sagten öfters zu einander: vielleicht könne aus meiner Einbildung und Vorhaben etwas werden; denn es kommen immerzu Herrschaften von Innspruck in die Visite zu ihnen, welche ihre Eltern, Verwandte oder Bekannte in Wien haben, und wenn sie mir etwas durch Rekommandation bei den Herrschaften helfen könnten, so wollten sie es herzlich gerne tun. Unter dieser Zeit wurde mir bei den h. Messen das Ministrieren, und die übrige Verrichtungen in der Kirche aufgetragen. Ich mußte auch Kirschenbrandwein brennen, weil ihnen der meinige, welchen ich ihnen zu versuchen gab, sehr gut geschmecket hat. Es verstrichen beinahe drei Monate, unter welchen mich die Fräulen öfters zu sich ins Sprachzimmer riefen, sich mit mir unterhielten, und mich mit allerhand Sachen beschenkten. Bei mir war Tag und Nacht kein anders Gespräch, als Kaiserin, Hut voll Geld, Brandweinhüttl, Haus bauen und so fort. Endlich kamen der Graf von Enzenberg, als Gouverneur, und Graf Leopold Künigl in die Visite; diesen zween Grafen erzählten die Fräulen von mir, meine beständiges Verharren auf meinem Vorhaben, und daß ich deswegen gar keine Ruhe gäbe. Die zween Herren lachten über mein Anliegen, versprachen mir aber doch eine Rekommandation mitzugeben. Die Gräfin Taxis war eine geborne Willtscheeg von Wien, und des Grafen Leopold Künigl sein Vater war Oberhofmeister beim Erzherzog Leopold. Der Prälat von Wildau hatte auch einen Bruder in Wien, Hrn. geheimen Rat von Spers; diese alle versprachen mir Rekommandationen und Briefe mitzugeben. Kurz, meine Reise wurde beschlossen. Die Frau Oberstin, Gräfin von Arko, zahlte mir das Schiff, und die Stiftsfräulen legten mir eine Zehrung von 7 fl. zusammen. Nun fuhr ich mit des Aschbachers Ordinari-Schiffe, welches alle Wochen nach Wien abging, ab. Unterwegs ging es mir ganz gut, denn ich hatte auf dem Schiffe auch gute Leute. Wir kamen Anno 1757 im Monat September zu Wien an, und in der Rossau auf dem Schänzl landeten wir an; ich logierte auch in der Rossau bei der Waschhütte ein. Ich hatte noch 15 kr. im Gelde, und einen ziemlich starken Hunger, aber es verstunde mich kein Mensch. Zum Glück sah ich auf dem Schänzl in einer Sudlhütte gekochte Knödl, und ließ mir geschwind für 6 kr. davon geben, welche ich mit größter Lust verzehrte, worauf ich in meinem vorigen Logis mich schlafen legte. Ich hatte wohl zwei Briefe bei mir, einen vom Graf Künigl an seinen Hrn. Vater, Obersthofmeister, und einen von dem Prälaten von Wildau an seinen Bruder, Hrn. v. Spers. Allein man kann sich leicht einbilden, wie es sowohl von Wägen als Menschen in Wien wimmelt, und wann ich jemand fragte, bekam ich allemal nur kurze Antworten. Ich sah auch, daß allda die gemeinen Leute nach Herrschaften nicht viel fragten, weil man nicht weiß, wer beisammen in einem Hause wohnet; ich glaubte aber, es wäre wie bei uns im Tyrol, wo ganze Gemeinden aneinander bekannt sind, und sodann, wenn man den Ort weiß, auch das Haus, und den Menschen, den man verlangt, leicht erfragen kann. Da aber, wenn man das Numero, oder das Haus nicht weiß, erfragte man auch manchesmal nicht einmal den Papsten, voraus, weil mich niemand recht verstunde. So ohne Geld saß ich auf dem h. Dreifaltigkeitsplatze auf einem Stein. Nun hieß es nicht mehr Kaiserin, Hut voll Geld, und Brandweinhüttel; sondern: o wärest du nicht vom Hause gegangen! und: wie kömmst du itzt wiederum heim? Ich weinte bitterlich. Indem so tausend Menschen vorbeigingen, kam auch Graf Spauer aus Tyrol, Domherr von Salzburg, und itzt regierender Bischof von Brixen. Dieser hatte die Gnade, mich zu fragen: Wo kömmst du her? Aus Tyrol. Und was machst du hier? Ich zeigte ihm meine Briefe, und erzählte ihm mein ganzes Vorhaben und Anliegen. Auf dieses nahm er mich mit sich in sein Quartier, und ließ mich bei seinem Kutscher schlafen. Den Tag darauf gab er mir zween Siebenzehner, und ließ mich durch seinen Bedienten zum Hrn. von Spers führen. Ich gab ihm den Brief von seinem hochwürdigen Herrn Bruder; er hatte daran eine große Freude, und behielte mich diesen Tag bei sich, fragte mich um alles aus, welches ich ihm alles aufrichtig erzählte. Den andern Tag führte mich dieser Herr selbst zur Gräfin Martinitz. Dieser war den vorigen Tag ihr Schoßhündl gebissen worden, und befand sich sehr übel; das war ein Lamentabl; ich hatte ein kleines Büchsel Theriak bei mir, legte ihm davon ein kleines Pflästerl auf seine Wunde, und das Hündl kam schleunig zur Genesung. Nun war ich in der besten Rekommandation, und wurde auch mit etwas beschenkt. Die Gräfin und der Herr von Spers ließen mich nachher in das emanuelische Stift hinaus führen, wo in einem Saal viele junge Kavalier versammelt waren, unter andern waren auch junge Grafen von Taxis aus Tyrol zugegen. Diese hatten die größte Freude, einen jungen weithoseten Landsmann zu sehen. Ich bekam auch allda zu essen und zu trinken. Es kam einer gleich mit einer Geige, ich mußte vor ihnen tanzen, und die jungen Kavalier sprangen auch mit mir herum. Es opferte mir ein jeder etwas in meine weite Hosen, so daß ich bei 5 fl. zusamm bekam. Nun war ich schon reich. Itzt wurde ich von einer Herrschaft zur andern rekommandiert, und kam auch zum Kardinal Migazzi zur Tafel, wo viele Herrschaften beisammen waren; ich bekam Essen und Trinken, und etwas Geschenke. An dieser Tafel war auch unter andern Herren der Graf Johann Kotegg, dortmaliger böhmischer Kanzler: dieser hatte so eine Freude an mir, daß er mir gleich erlaubte, auch zu ihm zu kommen, und ihn zu besuchen; ich fragte geschwind: wo bist du zu Haus? – Frag' du nur in der Josephstadt dem Koteggischen Grafen nach, sagte er. Den andern Tag kam ich zu ihm auf Mittag hin; der Portier meldete mich, man führte mich hinauf, und ich kam ins Tafelzimmer, küßte dem Grafen und der Gräfin die Hände, und bekam an einem Nebentische zu essen und zu trinken; der Graf und die Gräfin unterhielten sich mit mir, und ich wurde ihnen so lieb, daß sie mir sogleich das Versprechen taten, mir alle Tage bei ihnen zu essen zu geben, und daß auf dem Fenstergesimse für mich alle Tage ein Siebenzehner liegen würde. Aus Freude fuhr ich dem Grafen und der Gräfin von Freiem um den Hals, küßte sie, und dankte ihnen. Sie versprachen mir auch zugleich, daß alles gut gehen werde, und erlaubten mir, ihn Vater und sie Mutter nennen zu dürfen. Nun war ich ein neugemachter Grafensohn, und kam wieder nichts in meinen Kopf, als Kaiserin, Wien, Hut voll Geld, Haus bauen und Brandweinhüttel: ich brachte in diesen Gedanken wieder etliche Tage zu, bis mein neuer Vater Gelegenheit bekam, mit dem Obersthofmeister beim Erzherzog, Graf Künigl, zu reden, unter welcher Zeit ich täglich und fleißigst beim Essen erschien, welches mir auch trefflich schmeckte, wofür ich der Herrschaft in solcher Zeit allerhand kurzweilige Unterhaltungen machte. Es war, wie gemeldet, Anno 1757 im Herbst, als mich mein Vater nach Schönbrunn schickte, allwo dortmals der kaiserliche Hof war, damit ich mit Gelegenheit zum Graf Künigl kommen sollte. Wohl zehnmal kam ich zum Residenztor, und allemal ging ich wieder zurück, weil zween Dragoner zu Pferd unweit dem Tore, und zween schnauzbartigte Grenadier unter dem Tore gewachtet haben. Endlich fragte ich einen vorübergehenden Bedienten, ob ich nicht zum Graf Künigl kommen könnte. Dieser sagte, ich sollte nur mit ihm gehen: linker Hand zu ebener Erde in der Residenz sei sein Quartier; er führte mich hin, ich gab einem Bedienten meinen Brief von seinem Sohn von Innspruck, dieser hieß mich warten. Endlich ließ mich der Graf zu sich kommen, nachdem er den Brief gelesen hatte. Ich küßte dem Grafen und der Gräfin gleich die Hände, sie behielten mich beim Essen, und fragten mich unterdessen um alles aus; ich erzählte ihnen alles, meinen Traum auf dem Heu, meine Reise, mein Vorhaben, Kaiserin, Wien, Hut voll Geld, Brandweinhüttl, und Haus bauen, wie auch mein ganzes bisheriges Geschick. Gut, mein Kind! sagte die Gräfin, du mußt aber Geduld haben, und fleißig beten; wenn Gott will, kann alles geschehen. Ich bedankte mich, und ging wieder zurück nach Wien. Dem Tag darauf kam ich zu meinem Vater Kotegg, welchem ich alles erzählte; er hatte eine große Freude darüber, und sagte, es wird gewiß alles gut gehen. Ich lief alle Tage nach Schönbrunn, und wieder zurück nach Wien, um allda zu schlafen: habe auch damals die Kaiserin das erstemal im Vorbeifahren gesehen. Eines Tages sagte der Graf Künigl zu mir: Jung, du mußt das aufschreiben, was du von der Kaiserin begehren willst. Ich folgte seinem gutgemeinten Rat, und schrieb auf einen Viertelbogen folgendes Memorial »Meine liebe gute Kaiserin, ich hab daheim in meinem Vaterland von den Leuten sagen hören, daß du ein so gutes Mensch bist, und mir hat bei meiner Schwester unterm Dach auf dem Heu geträumt, ich sei zu dir gekommen, und du habst mir einen Hut voll Geld geschenkt, und hast mir lassen ein Brandweinhäusl bauen. Ich bitt dich gar schön, sei so gut, und tu es mir, ich will meiner Lebstag für dich beten. Peter Prosch, von Ried aus Tyrol. Der Graf Künigl nahm solches von mir, schaut es an, und schob es lachend in seine Tasche, indem er sagte: ich will es Ihrer Majestät der Kaiserin mit nächstem übergeben. Ich ging wieder nach Wien zu meinem Vater Kotegg, und machte meinen Rapport, wie es sich mit mir zugetragen, welcher sich erfreute, und mir Glück wünschte; ich ging darauf gleich wieder nach Schönbrunn, um mich in der Sache etwas mehrers zu erkundigen. Bald hernach übergab der Graf Künigl bei der Mittagstafel der Kaiserin auf einem silbernen Teller mein Memorial, welche es gnädigst annahm, es lächelnd las, und es dem Kaiser Franz übergab, sprechend: Mein Schatz! sieh da die Natur, und das aufrichtige Gemüt eines Tirolers. Der Kaiser las es, gab es auch weiter, und also kam es bei der ganzen Tafel herum, wo es nicht wenig von den Herrschaften bewundert und belacht wurde; die Kaiserin sprach darauf zum Graf Künigl: ich will den Jungen selbst kommen lassen. Zwischen Furcht und Hoffnung wartete ich die ganze Zeit zitternd unter der Haustür, um, wenn der Graf kömmt, zu hören, wie es gegangen ist. Endlich kam der Graf; aber er machte vor mir ein trotziges Gesicht, und sprach: Es wird nichts daraus. Ich erschrak, tat einen lauten Schrei, und weinte; der Graf sprach: Nein, nein, mein Kind! die Kaiserin hat dein Memorial gnädigst angenommen, und gelacht, auch zu mir gesprochen, daß sie dich selbst wollte kommen lassen. Es wird alles gut gehen, du mußt nur Geduld haben, und wenn die Kaiserin ausfährt, dich öfters sehen lassen. Nun war Viktorie; voller Freude lief ich zu meinem Vater Kotegg, und wollte ihm alles erzählen; aber er wußte schon vorhin alles, denn er war selbst bei der Tafel gegenwärtig. Er sagte mir auch, daß die Kaiserin sehr gnädig gewesen sei, und daß sie über meine Schrift recht gelacht habe; er tröstete mich auch, und sagte: es wird alles gut gehen. Ich mußte wieder nach Schönbrunn, um, wenn die Kaiserin ausfährt, mich sehen zu lassen; auf die Nacht kam ich wieder nach Wien zu schlafen. In der Frühe wieder nach Schönbrunn, und auf die Nacht wieder nach Wien; und wenn ich manchesmal bei einem Lehnrößler hinterhalb aufzusitzen kam, und eine Strecke lang fuhr, so bekam ich bisweilen von den Kutschern drei oder vier derbe Peitschenhiebe zur Belohnung fürs Aufsitzen, welche Belohnung mir auch nicht gefallen wollte. Ich kam wieder nach Schönbrunn, und aus Egard des Grafen durfte ich im Hof und im Garten überall herumgehen, ohne daß mich eine Wache oder sonst jemand aufhielte. Die Kaiserin sah mich im Vorüberfahren öfters, und das alle Nacht nach Wien Laufen wurde mir zu oft. Der kühle Herbst war da, barfuß war ich, ein rupfenes Hemd, eine lederne, etwa drei Finger breite Bauchbinde, weite Hosen, ein schlechtes Röckl, und ein Hut waren meine Kleidungsstücke, welche, wie leicht zu schließen, für eine kühle Zeit viel zu gering waren. Nun fing mein Glauben auch an zu erkalten, ich dachte mir, daß ich ja wohl die Gnade mit der Kaiserin zu plaudern nicht haben werde, weil es so lange zugeht, da sie mich doch im Vorüberfahren schon öfters gesehen, und mich doch nie zu sich kommen ließ. Auf einem Abend ging ich noch einmal im Garten herum, und gegen Maria Hietzing zu, da sah ich zu ebner Erde eine Türe halb offen stehen; ich schaute hinein, und sah einen Waschkessel, und nebenher ein schönes Bett mit einer ungarischen Decke. Ich sagte zu mir selbst: da gehst du zu Nachts her nachzusehen, und wenn niemand darin liegt, so wird es für dich ein gutes Lager. Wie ich mir selbst den Auftrag gemacht, also hab ich ihn auch vollzogen. Ich ging um 10 Uhr zu Nachts hin, schaute hinein, und weil niemand darin war, zog ich mich ganz aus, legte mich darein und schlief herrisch. Es kam auch die ganze Nacht niemand zu mir. Ich stund den andern Tag auf, kleidete mich an, machte die Tür wieder halb zu, wie sie zuvor war, ging sodann zum Graf Künigl, und gab ihm einen guten Morgen. Dieser fragte mich, warum ich heute schon so früh da wäre. Ich erzählte ihm alles, wie es sich zugetragen, und wo ich bei der Nacht geschlafen habe. Er lachte, und sagte: du hast viel Glück, daß du in der Residenz schlafen darfst, und es kein Mensch nicht weiß. Er sagte mir auch, es wäre das Zimmer, wo für Ihro Majestät die Kaiserin das Bad gesotten würde; der Mann, der das Bad zurichtete, und hierüber die Aufsicht hatte, war zu Maria Hietzing verheiratet, und ging schier alle Nacht zu Hause schlafen. Ich logierte also inkognito bei vier Wochen in diesem Zimmer, ohne bemerkt zu werden, weil ich allemal bei der Nacht hin, und wiederum früh heraus ging. Das Essen hatte ich beim Graf Künigl, und in der Residenz das freie Nachtlager: mithin ging es mir so ganz passabel. Ich lief auch unter der Zeit bisweilen nach Wien zu meinem Vater Kotegg, welcher mir allerhand Rat und Einschläge gab. Einsmals schickte mich der Graf Künigl mit seinem Büchsenspanner zum Kapelldiener, und ließ mich rekommandieren, daß er mich öfters ministrieren lassen wolle, weil ich ein armer Knab wäre. Es geschah, und ich ministrierte täglich. Drittes Kapitel Ein wälscher Kammerdiener fühlt mich zur Kaiserin. – Das Mensch mit der goldenen Spulen und den glöckelten Schnürln ist nicht die Kaiserin, sondern nur eine Hofdame. – Audienz. – Maria Theresia schenkt mir den Hut voll Geld und verspricht mir auch das Hüttel zu bauen. – Ich tanze und singe Drall lall la!. – Ich bekomme noch mehr Geld in meinen Hut. – Ich fahr heim und seh das Geißdiendl wieder. – Mein Haus wird gebaut und ich mache, 16 Jahre alt, Hochzeit mit dem Geißdiendl Maria Fiechtlin. Den 23. September im vorgemeldten Jahr ministrierte ich auch rechter Hand, beim St. Antoni de Palma Altar. Die Kaiserin fuhr aus, und kam früher in die h. Messe auf das Oratorium als gewöhnlich, und ich und mein Kapuziner waren noch beim Altar. Als der Dienst kam, nämlich Schweizer, Trabanten, Gardisten, und ein ganzer Lärm Herrschaften, da sperrte ich Maul, Augen, und Ohren auf, und glotzte ärger, als in der Wäsche zu Disching. Die h. Meß ging zu Ende, und beim Evangelium St. Johannis nahm ich das Buch auf einen Arm, kehrte mich gegen die Kaiserin, machte einen Kniebucker, und begrüßte sie mit der Hand; sie lachte und ging zurück, und ich mit meinem Kapuziner in die Sakristei: da mußte ich warten, bis alles aus war, vorher konnte ich nicht zur Tür hinaus. Wie alles vorbei war, ging ich auch, wie andere Menschen, zur Tür hinaus. Gähling kam ein Kammerdiener in einem weißlichten Rocke und einem mit Gold bordierten Kamisol; dieser fragte mich: Wie eißest du? Peterl, war meine Antwort. Wie nock? Presch, aus Tyrol. Du solls mit mir gommen zu Ihrer Majestät der Gaiserin, sie will dick spreck. Mit Freude, Furcht, Angst und Zittern wanderte ich mit ihm durch die Wachten, und über die Stiegen hinauf. Im zweiten Stock im Saal hieß er mich warten; ich war barfuß, und meinen Hut hatte ich unter dem Arm. Zu oberst auf der Stiege stunden zween Schweizer in weiten Pumphosen, Kragen um den Hals, und spitzigen Hüten. Bei einer Tür war ein deutscher und ein ungarischer Nobelgardist. Ich schaute um und um, wispelte ein Stückl, und alle, die da waren, lachten, weil sie sahen, daß ich nicht wußte, was ich tat. Aus Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, kam mich wirklich das Prunzen an. Endlich ging bei einer Tür in einer Ecke ein Kammerfräulein heraus; wie ich es hernach erfahren, war es die Gräfin Insagin. Ich kniete gleich nieder; denn ich glaubte, es wäre die Kaiserin selbst; sie lachte, und sagte: ich bin's nicht, sie wird aber gleich kommen; du sollst indessen da hinein gehen. Sie machte mir eine Tür auf, ich ging hinein; sie machte die Tür hinter meiner wieder zu, und ich wußte nicht mehr, wo ich hineingekommen war. Aber wie erstaunte ich, als ich mich umsah, und mehrere als zwanzig weithosende Tyrolerbuben um mich her versammelt sah. Ich ging darauf zu, und gab einem die Hand, er gab sie mir auch, bis ich mit meiner Hand an der Wand anstieß; ich erschrak, kehrte mich um, und sah wieder nichts als lauter solche Buben, die mir alle akurat gleich waren; ich lachte, sie lachten auch, ich hüpfte, sie hüpften auch. Itzt kamen traurige Gedanken, und ich zweifelte, ob ich bei mir selbsten wäre, denn ich konnte mich gar nicht fassen. Endlich ging rechter Hand weit droben im Saale eine doppelte Tür auf. Der Saal war glatt, die Kaiserin kam herein, ich lief ihr entgegen, schlüpfte, und fiel auf den Buckel. Ich raffte mich geschwind wieder zusammen, und kniete nieder. Die Kaiserin kam herbei und sagte: Steh auf! Ich stund auf; und sie sagte: Grüß dich Gott, Kleiner! Bist du der Tyroler, der mir rekommandiert worden ist? und gab mir die Hand zu küssen. Ich küßte ihr aber den Küttel, und sagte: Dank dir Gott! Bist du unsre Kaiserin Maria Theresl? Da außen vor der Tür war auch so ein Mensch, ich hab gemeint, du bist's; sie hatte einen goldenen Spulen an der Seite, und glöckelte Schnürchen. Sie lachte, daß ihr der Bauch geschottert hat, und sagte: jene war's nicht, ich bin eure Kaiserin; was willst du von mir haben? Ich lief um einen Sessel, und sagte: hocke dich nieder. Sie sagte aber: ich hocke so alleweil, sag', was willst du von mir? Die doppelte Tür, wo die Kaiserin herauskam, war voller Köpfe; sie hatten ein solches Gelächter, daß die Kaiserin mit der Hand zweimal gedeutet, und gesagt, man sollte schweigen, sonst könnte sie mich nicht verstehen. Ich fing nun an, und sagte: Schau, meine liebe Kaiserin, ich bin ein armer Bub, ich habe weder Vater noch Mutter, und logiere bei meiner Schwester unterm Dach auf dem Heu. Da träumet mir in einer Nacht von dir, weil ich es von den Leuten sagen gehört, daß du ein so gutes Mensch bist, ich sei zu dir gekommen, und habe dich gebeten, und du habst mir lassen auf einem gewissen Flecken, wo eine alte Brechlstube gestanden ist, welches Fleckl ich um zwei Gulden, einem Skapulier, und ein Fräckäl Brandwein gekauft habe, ein Brandweinhäusl bauen; auch habest mir einen Hut voll Geld geschenkt; den Hut hatte ich just so, wie ich ihn itzt in der Hand habe. Ich bitte dich, sei doch so gut, und tu es mir! ich will in meinem Leben für dich beten. Ja, du sollst es haben, sprach sie, wenn es niemand einen Schaden tut; und gab mir ihre Hand zu küssen; ich küßte ihr aber wieder den Küttel. Ja, Kaiserin! schau, du mußt mir auch einen Zettel mitgeben; denn unsere Herren sind nicht so leichtgläubig, und dich hätte ich darnach auch nicht mehr bei mir, und so würde vielleicht aus der ganzen Sache nichts. Ich will es dem Graf Kotegg sagen, daß er dir einen Brief an den Gouverneur Enzenberg mitgibt, der wird es hernach schon glauben. O! ich bitte dich, vergiß es nicht. Nein, ich vergesse es nicht, heut soll es noch geschehen. Kannst du auch umgehen mit Brandweinbrennen? Ja, ich habe es von meiner Mutter gesehen, und hätte dir ein Fläschl voll Kirschenbrandwein mitgebracht (itzt entfuhr mir ein Seufzer), aber es ist mir zu Hall in dem Stift zerbrochen. Sie lachte darüber, und sagte: ich trinke keinen. Was machen dann die Stiftsfräulen zu Hall? Die Gräfin Arko samt dem ganzen Stift legt sich dir zu Füßen. Wenn du hinauf kommst, grüße sie mir. Was sagen dann sonst die Tyroler von mir, haben sie mich lieb? Ich hab dir's ja schon gesagt; wenn ich nichts Gutes von dir gehört hätte, so hätte mir auch nichts Gutes geträumet, und ich wäre auch heut nicht bei dir; durchaus in unserm ganzen Lande vom Größten bis zum Kleinsten sagt ein jeder, du seist das beste Mensch, und die Welt bringt uns kein solches Weibsbild mehr hervor, wie du bist. Sie lachte herzlich, und sagte: das freut mich, ich habe die Tyroler auch gern, denn sie sind treu und aufrichtig. Sie griff mit ihrer linken Hand in ihre Kamisoltasche, nahm vierundzwanzig Kremnitzer Dukaten heraus, und opferte solche in meinen Hut. Itzt verließ mich der Atem; ich setzte den Hut auf den Boden nieder, das Handküssen, welches man mir vorhin verboten hat, habe ich vergessen: ich küßte ihr also die Hand, nahm sie bei der Mitte, sprang und hüpfte um sie herum, und sang: Drall lalla, Drall lall la! Wer war nun reicher und herrlicher als ich? Ja, Kaiserin, sagte ich, wenn du einmal ins Tyrol kommst, will ich dir gewiß auch etwas schenken, weil du mir ein Häusl bauen läßt. Nun kam der alte Görg, Glück, Traum, Wien, Kaiserin, Brandweinhüttl, Hut voll Geld, und alles in Erfüllung. Die Kaiserin lachte, daß sie geschottert hat, und ich hüpfte und tanzte vor ihr. Sie nahm Behüt Gott! man machte die Tür auf, ich tanzte so hinaus, hüpfte durch die Wachten, welche alle lachten, über die Stiegen hinunter, hatte meinen Hut, worin die Dukaten waren, auf einem Arm, und ging in einem Galopp dem Graf Künigl zu, welcher mit Begierde und Freude erwartete, wie es mit mir gegangen sei. Er hatte eine überaus große Freude, als wenn ihm selbst ein großes Glück widerfahren wäre. Er nahm mir das Geld ab, und behielt es für mich auf; darnach ging das Mittagessen an. Als wir bei der Tafel waren, kam der Büchsenspanner vom Erzherzog Leopold, und sagte, ich sollte mit ihm zum Erzherzog kommen. Voll Freude sprang ich auf, folgte ihm, und wir kamen zum Erzherzog, welcher mich fragte, wo ich herkäme, und warum ich so eine weite Hosen anhätte. Ich sagte: die Wachten haben auch weite Hosen an; er sagte: das sind Schweizer. Und ich bin ein Tyroler. Hör du, sagte er, du mußt Soldat werden, ich laß dir hernach ein Brandweinhäusl bauen. Ich mag nicht, und brauch kein Brandweinhäusl von dir, mir läßt deine Mutter eins bauen. Du mußt doch Soldat werden, und bei mir bleiben. Und ich mag nicht, ich geh heim ins Tyrol. Bist du doch selber kein Soldat? Ja, ich hab schon ein Regiment. O du Fratz du! was verstehst du von einem Regiment; zeig' es mir, wo hast du es? Es liegt in Ungarn. Schläft es alleweil? Du bist nicht gescheit, und verstehst nichts; du mußt Soldat werden. Und ich mag nicht. Er nahm sein Reitpeitschl, ich war Pferd, und also machten wir aus seinem Zimmer die Reitschule. Er schenkte mir zuletzt drei Dukaten, und ließ mich gehen. Ich lief mit den Dukaten in der Hand dem Graf Künigl wiederum zu, welcher schon alles wußte, und auch großen Anteil an meinen Freuden hatte. Nun ging ich zu Bette, und habe bisher in meinem Leben nicht mehr so herrisch geschlafen, als in dieser Nacht. Den Tag darauf um 11 Uhr wurde ich gerufen, wohin? in einen großen Saal. Da waren die Elephantin von Spanien, des Kaisers Joseph seine erste Gemahlin, die Erzherzoginnen Maria Anna, Christina, und Elisabeth, auch noch viele Damen und Herrschaften zugegen. Sie fragten mich um allerhand Dinge aus, und ich antwortete ihnen: die Spanierin ausgenommen; denn diese verstunde nicht Deutsch, und ich nicht Wälsch. Es kam ein Spielmann herbei, und ich mußte mit des General Dauns Tochter eines tanzen. Sie hatte einen großen Reifrock an, und ich kam ihr nicht auf den Leib; denn ich war zu klein. So tanzte dann ein jedes auf seine Partie: ich machte Sprüng und Burzelbäume; alle lachten, und hatten eine große Freude. Jede Erzherzogin schenkte mir drei Dukaten, und ließen mich darnach gehen. Ich lief wieder zum Graf Künigl, und gab ihm das Geld. Nun habe ich genug, sagte ich, ich bleibe nicht mehr hier, sondern gehe nach Haus. Der Graf wehrte ab, und sagte mir, es wäre mein Glück, wenn ich noch länger hier bliebe; aber es half alles nichts. Er gab mir 9 fl. Zehrung, das übrige aber übermachte er nur per Wechsel an seinen Sohn in Innspruck. Ich dankte ihm für alle Gnaden und Guttaten, er gab mir einen Brief, wünschte mir Glück, und ich lief mit Freuden nach Wien meinem Vater Kotegg zu, welcher schon alles wußte, und sich samt allen den Seinigen mit mir erfreute, daß es mir so gut ergangen war. Diese ist die beste Herrschaft aus vielen Tausenden; sie liebten mich wie ihr eigenes Kind, und das aus der Ursache, weil ich arm war. Noch bis auf den heutigen Tag habe ich, wenn ich nach Wien komme, in ihrem Schloß in der Josephstadt sowohl, als auch auf ihrem Schloß zu Neuhof in Böhmen freie Kost und Quartier, solang ich bleiben will. Sie hatten einen einzigen Sohn, und dieser war mein Bruder; er liebte mich auch brüderlich, wie auch alle Offizianten und Bedienten im ganzen Hause. Mein Vater gab mir einen Brief an unsern Gouverneur, Grafen von Enzenberg. Ich dankte Summa Summarum für alles, ging zum blauen Bock, und fuhr auf einem Zeiselwagen ab in mein Vaterland ins Tyrol. Was ich unterwegs für Gedanken und Projekte gemacht, kann ich mir selbst nicht alle mehr vorstellen. Es war an einem Sonntag um 11 Uhr, daß ich zu Hause ankam, um die Zeit, da die Melker mit dem Vieh von den Alpen nach Hause fahren. Eine Viertelstund von mir in einem salzburgischen Wirtshause waren Spielleute. Diese besuchte ich, und weil ich zween Gulden von meiner Zehrung erspart hatte, so wollte ich mich als Mensch das erstemal unter meinesgleichen lustig machen. Ich ließ mich etwas größer sehen, und gab deswegen den Spielleuten vier Kreuzer; denn das war bei uns zur selbigen Zeit sehr viel, und wagte einen Tanz. Die Leute hatten schon gehört, wie glücklich ich gewesen sei. Ich war schon dreizehn Jahr alt, und wurde itzt als ein Wundermensch angesehen, weil noch niemand aus unserm Ort nach Wien gekommen ist. Buben und Diendln bewillkommten mich alle, und gaben mir die Hände. Unter andern war ein hübsches Diendl, auch in meinem Alter, welches mir eben ihre Hand gab, mir die meinige drückte, und sagte: Gehst du nicht einmal mit mir tanzen? O ja! sagte ich, und fing an mit ihr zu tanzen. Unter wählrendem Tanz sagte sie mir ins Ohr: Peterl, magst du keine rohen Rüben, oder geschlagenes Butterbrot mehr essen? Es war eben das Diendl, welches neben dem Rübenacker auf der Wiese ihre Geiß hütete, da ich von dem Berge mit meinem Brotsack herunterkam. Wir blieben nun beisammen, und gingen nach dem Tanz miteinander nach Hause. Unterwegs umarmten wir uns öfters in unschuldiger Zufriedenheit, versprachen einander zu lieben und zu heuraten, und kamen also nach Hause. Nach etlichen Tagen ging ich nach Innspruck zum Gouverneur, Grafen von Enzenberg und Grafen Künigl. Sie verwunderten sich sehr, daß ich das Glück gehabt hätte durch einen Traum, von dem ich ihnen vorher in dem Stift zu Hall gesagt habe, und daß ich barfuß zur Kaiserin gekommen sei, und wünschten mir darüber Glück. Vom Grafen Künigl bekam ich das Dekret zum Häuslbauen, wie es hier folgt. Ich Alexander Joseph des h. R. R. Graf v. Künigl, Freiherr zu Ehrenburg und Wart, Herr zu Campan, Inhaber der Herrschaften Schönegg und Richelspurg, Erblandtruchseß der fürstlichen Grafschaft Tyrol, Ihrer K. K. apost. Majestät etc. etc. wirklicher geheimer Rat, Kämmerer und Oberstjägermeister im Ober-Österr. Landen, auch Schützenoberst; bekenne hiemit von obtragendem Oberstjägermeisteramts wegen, daß von ob Allerhöchst-gedacht Ihro R. K. K. apost. Majestät etc. etc. dem ehrsamen Peter Prosch zu Ried, Gerichts Rottenburg am Inn, auf sein alleruntertänigst, allergehorsamstes Bitten, jene an sich erkauft und von den Häusern ziemlich entlegene Hütte samt dem in der Breite sechs, und in der Länge ungefähr sieben Klaftern austragenden Grunde zu einer Bewohnung mit einer Stube, Kammer und Feuerstatt, oder Kuchl zu errichten, dann bei solcher neuen Behausung, weil er, Prosch, ohnedas berechtigter Brandweinbrenner ist, den erzeugenden Brandwein all ingrosso verteilgeben zu därfen, vermög sub dato sechsundzwanzigsten Oktobris dies zu Ende gesetzten Jahrs meinem obhabenden Amt zugefertigt allerhöchsten Resolutions-Intimati allergnädigst verwilliget worden, also, daß er, Prosch, solche Wohnung in obbemeldter Maß bauen und dabei den Brandwein in Kraft des ihm, Prosch, ausgefertigten Patents brennen möge, jedoch daß er, Prosch, gehalten sein solle, drei Kreuzer Feuerstattszins in das herrschaftliche Rottenburgische Urbarium alljährlich zu erlegen, derentwillen obrigkeitlich gefertigten Revers abzugeben, und eine Oberst-Jägermeister-Amtliche Verleihungs-Urkund zu erheben: folglich hierum zu Folge weiterer Verordnung de dato Novembris ejusdem anni gegenwärtige Verleihungs-Urkund auf ihn, Prosch, ausgefertigt, und dem sodann erteilt worden sei. Zu wahrer Urkund dessen habe ich vom bemeldten Amts-wegen mein gräflich angebornes Insiegl (doch mir, meinen Erben, und Insiegl außer des Amts in allweg ohne Schaden) allda unter setzen, mithin diese Urkund andurch bekräftigen, und also gefertigter letzt erholtem Prosch zustellen lassen. So geschehen zu Innspruck dem zehnten Tag Monats Novembers im ein Tausend sieben Hundert ein und sechzigsten Jahre. Vom Graf Künigl überkam ich darauf mein Geld, welches von seinem Vater von Wien per Wechsel übermacht worden ist, und reiste mit Freuden nach Hause. Es hätte vor zwei Jahren zu Ried die Kirche sollen gebaut werden, und die Gemeinde am Riedberg schlug wirklich schon 40 Stämme Holz dazu. Weil aber unser Herr Dechant und Pfarrer zu Fügen, Freiherr von Enzenberg, unversehens starb, so wurde aus dem Kirchenbau nichts, und so mußte das geschlagene Holz verfaulen. Ich bat die Nachbarschaft um das geschlagene Holz, und weil sie es nicht mehr brauchen konnten, gaben sie mir solches um 12 fl. 30 kr. Nun fing ich an das Haus zu bauen; und meine Baumeister waren Lorenz und Georg Guck am Gattererberge; sie hatten in ihrem Leben niemals ein Haus gebaut, sondern nur Stallungen. Was verstund aber ich, ich glaubte, es wären doch Zimmerleute. Das Häusl wurde also ganz vom Holz gebaut, worin ein Stübl, eine Kuchel und drei Kämmerle waren. Ich akkordierte mit ihnen, daß sie mir sollten das Häusl mit samt den Fensterrahmen, Türen, Stiegen mit allerfeinster Schneid und Stuckatorarbeit ganz und franko herstellen. Sie verstunden nicht, was ich sagte, aber ich verharrte auf meinem Diktieren, und der Akkord wurde beschlossen mit 310 fl. – Das Häusl wurde in Zeit von zwei Jahren nach und nach ausgebauet. Ich ging unter dieser Zeit wieder außer Landes ins Bayern mit Theriak und Ölwaren zu hausieren. Ich kam nach München und Nymphenburg, wo ich beim Kontrolor über Nacht blieb. Es waren viele Hofleute da, welche mich um allerhand Sachen ausfragten. Ich erzählte ihnen auch, daß ich zu Wien bei der Kaiserin Maria Theresia gewesen sei; diese erzählten es dem Kurfürsten Maximilian Joseph, welcher der beste, gemeinste und lustigste Herr von der ganzen Welt war. Dieser ließ mich zur Nachttafel rufen und fragte mich sodann um alles aus, wie ich zur Kaiserin gekommen, und was sie zu mir gesprochen habe. Ich erzählte ihm alles, worüber er herzlich lachte. Der Speissaal war mit Marmor gepflastert. Es kamen große schnauzgebartete Grenadier, und brachten das Konfekt. Ich fürchtete mich; und der Kurfürst fragte mich, ob ich nicht Soldat werden möchte. – Nein, ich mag nicht. – Er ließ mir durch einen Kammerknaben, Baron Segesser, auf einem silbernen Teller eine ganze Maxd'or und ein Glas Wein zu einem Handgeld antragen. Auf dieses kam ein Grenadier herbei; ich lief davon, fiel auf den Buckel, und bekam ein Loch im Kopf, daß ich blutete. Sie erbarmten sich; die Kurfürstin Maria Anna, welche die beste und mitleidigste Dame ist, bedauerte mich sehr; und ich bekam die ganze Maxd'or und das Glas Wein, ohne daß ich Soldat werden durfte. Ich ging in mein Quartier zum Kontrolor und schlief ruhig. Ich hausierte noch eine Weile in Bayern mit meiner Ware herum und kam sodann nach Regensburg zum alten Fürst Taxis, welcher sehr gut kaiserlich war, auch bei Marien Theresen und beim Kaiser Franz sehr viel galt, und im Ansehen stund. Dieser hatte gehört, daß ich zur Kaiserin gekommen sei, er fragte mich deswegen um alles aus, und ich erzählte ihm alles; er lachte darüber herzlich, und hatte eine große Freude; er ließ mir auch Essen und Trinken geben, und versprach mir zugleich, jährlich, so lang ich leben werde, eine Carolin, als eine Pension, bei ihm suchen zu därfen. Anno 1761 ging ich wieder nach Hause und habe auf der ganzen Reise 21 fl. profitiert. Zu Hause wurde ich krank, so, daß man glaubte, ich würde sterben; ich wurde deßwegen mit allen geistl. Hülfsmitteln versehen. Mein Häusl war nun ausgebaut und ich wurde auch (Gott sei Dank) nach und nach wieder gesund. Als ich wieder unter die Leute kam, hörte ich, daß meine Maria Fiechtlin erstaunlich lamentiert und geweint hätte; mich freuete dies, und ihre Treu gefiel mir sehr wohl. Sie war im sechzehnten Jahre, wie ich, und hatte auch keinen Vater und Mutter, wie ich. Wir kamen zusammen, und beschlossen, uns auf Ostern Anno 1762 zu heuraten. Auf unserer Hochzeit, welche in meinem neuerbauten Häusl war, waren 113 Gäste beisammen, die uns in Summa mit 69 fl. 40 kr beschenkt haben. Der Verfasser teilt samtliche Namen in einem »Hochzeitsregister für den ehrengedachten Peter Prosch nächst Ried im Taxach« mit. Es sind offenbar lauter einfache und arme Leute, denn unter den 113 sind nur 11, deren Gabe einen Gulden erreicht oder übersteigt. Der nobelste ist der Angerer Kristl, der mit 1 Gulden 40 Kreuzer die reichste Gabe stiftete. Dagegen bleibt der einzige, der mit einem Titel aufgeführt wird, nämlich »der vornehme Herr Anton Bachmayr« mit 36 Kreuzern unter den ärmsten Spendern. Viertes Kapitel Ansehnliche Erbschaft. – Ich werde mit Feuer geweiht. – Ein Toter liegt in meinem Bett, ist aber nur ein Peruquenstock. – Ich fange meine neue Handelschaft mit glasierten Handschuhen an. – Ich finde bei meiner Maidäl was Junges. – Der Fürstbischof von Würzburg wird mein Gönner. – Bei ihm lern ich die Narretei auf höfische Art. Nun waren wir verheuratet und brachten ein und dreißig Jahre, sieben Monate, und fünf Tage zusammen. Mein Weib hat mir die von ihrer sel. Mutter ererbte 500 fl. Hauptsache, und in Mobilien eine Polsterziehe, ein Unterbett, ein Pfännl und eine Hanfhächl zugebracht. Mein Hausrat war, wie vor gemeldet, ein Mehltrüchel, ein Mehlwändl und ein Schmalzemmerl. Außer den Hochzeitgeschenken, welche mir die Stiftsfräulen zu Hall machten, habe ich noch allda bekommen ein ganzes Bett, zwölf geräucherte Schinken, einen Wiener Mätzen geröttelte Gerste, acht Pfund Butter, einen Wiener Mätzen weizenes Mehl, einen kupfernen Hafen zum Brandweinbrennen, ein Wachsstöckl, von Rosenkränzen und Bildern einen ganzen Lärm, einen Windling, eine Beißzange, ein Hämmerl und ein Leimpfännel. Nur wurde ich von gehörten Fräulen wegen dem bedauert, daß ich so jung geheuratet habe. Wir lebten beisammen in Liebe und Unschuld vierzehn Tage, und hatten noch einige Überbleibseln von unsrer Hochzeit. Eines Tages auf dem Abend waren wir ganz allein und vergnügt beisammen, aßen eine kleine Schüssel voll Schmarren, tranken zwei Fräckele Brandwein und gingen miteinander schlafen: Courage! wir bekamen in der Nacht den ersten Prozeß. Den Tag darauf beim Mittagessen konnte ich sie und sie mich aus Schamhaftigkeit nicht anschauen. Wir hausten nun je länger je lieber friedlicher und einiger fort. Endlich starb meines Vaters Schwester, meine sel. Fräule Tante. Diese wurde ehrlich begraben und hinterließ ein ansehnliches Vermögen von acht französischen Talern; unser waren acht lebende Geschwisterte, mithin bekam ein jedes einen Taler, und diese war meine erste Erbschaft. Ich verlegte mich wieder auf meine Öl- und Theriak-Handelschaft und ging mit einem Briefe von der alten Gräfin Fugger auf das Land durch Bayern ins Schwaben nach Augsburg. Es war eben um die Zeit, als der Bischof von Freysing und Regensburg, itz'ger Kurfürst von Trier, unter dem Prinz Joseph von Darmstadt, als Bischof von Augsburg, zum Koadjutor erwählt wurde. Ich wurde durch den Baron von Zech, als Oberststallmeister zu Augsburg, welcher ein geborner Tyroler und mein Landsmann war, bei Hofe aufgeführt. Der Bischof Joseph war der gemeinste, aufgeräumteste, und liebenswürdigste Herr; er gewann mich lieb, so, daß ich täglich in der Residenz bei der Tafel erscheinen mußte. Es war alle Tage große Tafel; ich sah den Kurfürst von Trier, und das Koadjutorwerden freuete mich herzlich; ich gab auch deßwegen keine Ruhe und sammelte von den Domherren die Vota : ich bekam deren dreizehn, und kaufte mir zu dem Ende ein Schwäbischgmünder Kreuzl. Eines Abends wurde in der Gesellschaft zu meiner Koadjutorweihe zugerichtet. Zu dem Ende wurde ein Stuhl in die Mitte des Zimmers gestellt: ich bekam einen Schurz um die Mitte, einen langen Bart von Flachs, eben eine solche Bischofshaube, und also setzte ich mich auf den Stuhl. In mein Maul steckten sie mir einen silbernen Teller, mein langer Bart hing unten hinaus, und ich mußte noch in jeder Hand eine brennende Kerze halten. Nun ging der Zug um mich herum an, wobei ein jeder eben eine brennende Kerze in der Hand hatte. Einer hatte den Schwangkessel in den Händen, welcher mit Wasser gefüllet war, um, wenn es sollte brennend werden, zu löschen. Sie gingen um mich herum, sangen und opferten mir ein jeder auf meinem in dem Maul gehaltenen Teller etwas, bis gähling einer mit seinem Lichte mir in den Bart kam, welches ich wegen dem Teller nicht sehen konnte. Flugs fuhr die Flamme in meine Bischofshaube, weil Bart und Haube aneinander hingen; ich warf eilends Leuchter, Geld und Teller weg, und hatte zu wehren, daß ich das Feuer von mir bringen konnte. Der Greiffenklau aber, welcher mit dem Wasser im Schwangkessel die Flamme löschen sollte, kam so ins Lachen, daß er den Kessel samt dem Wasser fallen ließ. Mir aber hat die Brunst meine Haare, Ohrwäschl, und den ganzen Kopf so verbrannt, daß große Fetzen Haut herunterhingen. Einer lag dort, der andere da, vor lauter Lachen, und ich war in der Mitte, wohl ein barmherziger Koadjutor. Ich ließ mich in meinem Leben um die ganze Welt nicht mehr so weihen, und wollte lieber zu Hause noch natürliche Schafe hüten. Die Herren kamen endlich wieder zu sich, und klaubten mir das Opfer zusammen, welches bei 13 fl. war. Ich wurde sodann zum Hof-Chirurgus geschickt, welcher mich verband und heilte. Der Fürst-Bischof Joseph schenkte mir für die Weihe eine Carolin. Ich logierte und blieb noch einige Tage bei der Frau von Stauffenberg (welche eine geborne Ulmin, und dero Bruder Gänßvogt zu Landsberg war) zu ebner Erde allein in einem Zimmer, und hatte den Schlüssel täglich bei mir, weil ich von Jugend auf sehr furchtsam und flüchtig vor den Gespenstern war. Auf einem Abend nach der Tafel bedankte ich mich, und gab jedem gute Nacht, pfiff über die Stiege hinunter, und ging meinem Zimmer zu. Allein wie erschrak ich! Als ich die Tür aufmachte, sah ich ein Kruzifix, zwei brennende Lichter neben meinem Bette, und einen Toten mit einer Schlafhaube darin liegen. Ich fiel schon unter der Tür zurück, als wenn mich ein Donner niedergeschlagen hätte, kroch über die Stiege hinauf, und getrauete mir aus Furcht nicht mehr aufzustehen. Die Herrschaften waren oben auf der Stiege, und sahen mir zu. Sie lachten erstaunlich, führten mich mit Gewalt wieder hinunter, und zeigten mir, daß es nur ein eingepuderter Peruquenstock war. Auf dieses ließ ich mich befriedigen, und blieb noch etliche Tage im Hause, weil es so eine gute Herrschaft war: ging alsdann nach Dillingen, und kam zu Ellwang an, wo der Fürst Anton Ignaz, ein geborner Graf Fugger von Innspruck aus Tyrol, war. Ich ließ mich beim Hofmarschall von Schwarzach melden, ich kam nach Hof, übergab dem Fürsten den Brief von seiner Mutter, welcher deßwegen eine große Freude hatte; er hieß mich Landsmann und Willkomm sein, und sagte, daß ich der erste Landsmann sei, der zu ihm gekommen wäre; er erlaubte mir eine Weile bei ihm am Hofe zu bleiben, allwo ich ausruhen und mich satt füttern sollte. Ich nahm es mit Freuden an, und es wurde mir gleich vom Hoffourier ein Zimmer angewiesen, wo ich logieren und schlafen konnte. Zu essen und trinken hatte ich mit der Dienerschaft in der Thiernitz; ich blieb beiläufig drei Monate lang, und das Hofleben gefiel mir. Ich kam unter dieser Zeit alle Tage zur fürstl. Tafel, wo mich alle Herrschaften, und auch die Dienerschaft gern hatten, sich alle mit mir unterhielten und an meiner Aufrichtigkeit ihre Freude zeigten. Der Fürst, mein Landsmann, war der beste, frömmste und gemeinste Herr, ich glaube vom ganzen Deutschland: dieser hatte auch seine Freude und fragte mich um alles aus; ich erzählte ihm täglich etwas, absonderlich von Wien, von der Kaiserin, von seiner Mutter und Geschwisterten aus Tyrol, welches er gerne hörte und mir erlaubte, daß ich ihn alle Jahre besuchen und zu ihm kommen därfte. Eines Tages unter dieser Zeit kam ich zum Kaufmann Zucki; allda wurde ich mit dem Domherrn Graf Kümburg bekannt; dieser bestellte zuerst neun Dutzend glasierte Innsprucker Frauenzimmer-Handschuhe. Nun fing meine neue Handelschaft an. Ich ging fort, und der Fürst schenkte mir zu meinem neuen Hauswesen eine Beisteuer von 8 Maxd'or; er wußte aber nicht, daß ich schon verheuratet war; er gab mir auch einen Brief an seine Mutter nach Innspruck. Ich ging nach Haus, fand allda bei meiner liebsten Maidäl was Junges, und also wußte ich, daß ich schon Papa war. Wir brennten zu Hause miteinander Brandwein; ich ging über eine kurze Zeit nach Innspruck, und übergab den Brief des Fürsten seiner Mutter, welche ebenfalls eine große Freude hatte. Mit dieser Gelegenheit wurde ich zu Innspruck bei allen Herrschaften bekannt, die mich alle wohl leiden konnten. Allda ging ich zu einem Säckler, mit Namen Veit Mohr, und bestellte mir Handschuhe; weil er mich aber nicht kannte, und ich soviel bares Geld nicht hatte, so wollte er mir nichts borgen. Ich logierte beim Hrn. von Findler, welcher ein alter, gütiger und ehrlicher deutscher Kavalier war; diesem erzählte ich meinem Zustand, er schickte sogleich seinen Bedienten zum Säckler, und bürgte mir die Handschuhe aus. Es war eine sehr gute Herrschaft, so mir auf mein ehrliches Gesicht trauete. Ich ging mit den Handschuhen nach Hause, und von da aus über eine kurze Zeit ins Reich, und kam mit dieser Ware nach Ellwang, verkaufte die bestellte 9 Dutzend dem Graf Kümburg, und kam nach Hofe, wo mich der Fürst wieder gern sah, mich eine Zeitlang bei sich behielt und nachher auch beschenkte. Von da aus ging ich nach Grallzheim und Hohenlohe-Bartenstein, logierte allda beim Wirt Roßmayr und kam dem Tag darauf mit meiner Handelschaft nach Hof. Der Fürst und die Fürstin, welche eine sehr gnädige Herrschaft waren, gingen mit andern Herrschaften bei mir vorbei, redeten mich an, und ich wurde zur Tafel gerufen. Der Fürst und die Herrschaften waren sehr gnädig, unterhielten sich mit mir: ich bekam meine Kost bei Hofe, und im Wirtshause wurde mir das Schlafgeld bezahlt. Ich hielte mich beiläufig 8 Wochen in Bartenstein auf; denn es ging mir wohl und die Herrschaft hatte mich gern. Eines Tages nach der Tafel sagte der Fürst zu mir bei einem Fenster: Hört, Peterl! Heut kömmt der Fürst von Schillingsfürst, wir wollen einen Spazierritt machen, und ihn empfangen. Ich freute mich, und der Spazierritt war mir sehr recht. Darnach fing es aber an zu regnen, als wenn der Himmel offen gewesen wäre; der Fürst sagte zu mir: bei solchem Wetter reite ich nicht, reit du allein, und empfang den Fürsten bei Blauenfeld in meinem Namen. Ich hatte von Ellwang ein grünes Röckl an, mit von roten Bändern auf dem Buckel genähten H und W, einen grünen Spitzhut und ein hölzernes Seitengewehr, welches ich Sarras oder Gottfriedl nannte. Mir war das Fürstenempfangen sehr lieb, und ich ging deßwegen in den Stall, wo eine prächtig aufgeputzte braune Stute stand, welche alleweil roßte, nie aufnahm und sehr kützlich war. Es war um St. Johanni; das Roß war mit einem schönen Schellgeschirr und einem Sattel angetan. Ich wollte dem Pferde schön tun, aber man verwehrte es mir. Die Stalleute hoben mich darauf, banden mir die beiden Knie an dem Sattel fest, führten mich zum Stall hinaus, und ich ritt hoffärtig durch die Residenz und das Städtl hinaus bis zum Tor. Meine Reiterei ging sehr gut, solange die Häuser dauerten. Reiten konnte ich zwar nicht viel. Wir kamen bis vors Tor, pumbs, da stand es wie ein Stock; ich wollte es treiben, allein das Pferd wies mir was anders: es schlug so derb hinten aus, saichte und farzte, und schützte mich so in die Höhe, daß, wenn man mich nicht angebunden hätte, ich gewiß drei Klafter weit geflogen wäre. Wieder hinauf in die Höhe, wieder herunter, biff, baff, ich verlor meine Peitsche, Zügl, Hut, Stock, Sarras und meinen Verstand. Nun saß ich entwaffnet auf meinem Pegasus, welcher jämmerlich ausschlug; er setzte das Maul auf seine Brust, lief mit mir über Stock und Stauden gegen Blauenfeld zu. Ich war nicht mehr bei mir selbst und saß auf dem Pferd wie ein Ausgebalgter auf einem Hügel, reckte den Kopf in die Höhe, und schrie: I-ha-ha-ha! Flugs kehrte es wieder mit mir um nach Bartenstein zum Stalle; ich wußte aber nicht mehr, wo ich war. Man band mich los, hob mich herunter, und trug mich sogleich ins Wirtshaus zum Roßmayr, wo man mir geschwind eine Ader öffnen, und ich drei Wochen im Bette liegen mußte. Ich wurde (Gott sei gedankt) wieder besser, und hernach vom Fürsten ehrlich beschenkt. Ich verkaufte allda meine noch übrigen Handschuhe. Von da aus begab ich mich zu meiner Liebsten nach Hause, welche mich, wie es leicht zu erachten, als ihren Liebsten empfangen. Nach einigen Tagen ging ich nach Innspruck, und bezahlte meine auf Kredit genommene Lederware. Itzt borgte mir der Säckler schon selbst so viel, als ich wollte; ich nahm auch wieder Handschuhe und dergleichen Waren aus, und ging damit aufs Land. Weil aber in Bayern der große Akzis aufgekommen ist, so konnte ich allda nicht mehr handeln. Wir gingen durch München: denn meine Liebste, wiewohl sie schwanger war, war auch bei mir. Da kam ich zum Graf Seinsheim, welcher mich fragte, wo ich hinging. Ich sagte, ins Reich mit Tyroler Handschuhen; er sagte, ich sollte auf Würzburg reisen, es sei der Fürst sein Bruder, er gäbe mir einen Brief an ihn. Ich nahm den Brief willigst und mit Freuden an, und ging mit meinem Weibe über Donauwörth, Grallzheim und Mergenthal, allwo ich nach Hof kam, und viele junge Kavalier als Novizen waren. Der Herr von Epting war Statthalter; der Prinz Karl, als Deutschmeister, war auch mit seinem Hofstaat da; ich kam öfters zur Tafel: der Prinz Karl und die deutschen Herren waren lustig und ich auch; denn Essen und Trinken hatte ich genug, ich mußte oft aus dem gläsernen Jägerhorn trinken, von welchem ich manchesmal einen Rausch bekommen habe. Es war ein Aff bei Hofe, der Schmiedl hieß; mit diesem hatte ich oft eine Bataille, denn sie hatten ihn mit Fleiß wider mich passioniert gemacht. Einsmals bei der Tafel sagte der Prinz Karl zu mir: Heute mußt du den Schwanen eine frische Streue ins Nest bringen. Ich sagte: ich kann nicht fahren. Es fährt schon ein Bedienter mit dir, sprach er. Nach der Tafel war eine kleine Zille mit einem Bund Stroh geladen vorhanden. Wir fuhren auf einem kleinen Weiher hinein zum Neste, es war sonst niemand zugegen; der Bediente sagte zu mir: steig ins Nest hinüber und mache die Streue. Ich stieg hinüber und wollte Streue machen: witsch war er mit der Zillen davon. Nun war ich allein im Neste. Gleich erschien der Prinz Karl mit allen Kavalieren und Novizen. Alles lachte über diesen Stockfisch im Weiher, und wurfen mir mehr als zwanzig papierne Handgranaten hinein; da ich dergleichen in meinem Leben noch nicht gesehen habe, glaubte ich, eine jede solcher Kugeln würde mich tot schlagen. Ich machte Sprünge, und da ich aus dem Weiher nicht heraus konnte, machte ich mit meinem Springen und Wüten das ganze Nest von den Pfählen los; also kam ich endlich damit zum Gestade. Ich war nicht wenig müd, und froh, daß ich diesesmal noch mit dem Leben davon gekommen war. Ich blieb noch etliche Tage, und verkaufte Handschuhe. Herr von Lehrbach, Landkommandeur zu Ellingen, Bubenhof und Zobl waren meine besten Kameraden und hatten mich recht gern. Der Prinz Karl beschenkte mich auch, und sodann reiste ich nach Würzburg. Ich erfragte unterwegs, daß meine sogenannte Mutter von Disching und Regensburg, die gewesene Frau geheime Rätin von Kirchmayr, itzige Madame Decos, Oberstpostmeisterin zu Würzburg sei. Alsogleich ging ich zu ihr hin, auf dem Graben in des Hrn. Burg seinem Haus, auf das Postamt. Sie verwunderte sich sehr und hatte ein große Freude, mich zu sehen: erlaubte mir auch gleich, bei ihr im Hause zu logieren und mit ihr an ihrem eigenen Tische zu speisen. Bis gegenwärtige Zeit noch tut diese mehr Gutes an mir, als manche Mutter ihrem eigenen Kinde. Ich erfragte auch, daß der Fürst zu Wernegg auf der Jagd, oder dem Luftschloß sei. Ich ging mit dem Brief des Grafen Seinsheim nach Wernegg. Unweit Geldersheim begegnete mir die Wurst von der Dienerschaft; ich fragte, welcher der Fürst wäre? sie sagten, er käme erst in der dritten Chaise; ich ging also fort. Es kamen sechs sechsspännige Chaisen; der zweite war ein Schimmelzug; ich fragte noch einmal, und zwar den Kutscher. Der hintere Schimmel rechter Hand aber reckte den Schwanz in die Höhe und deutete mir mit diesem zurück. Ich glaubte es dem Schimmel, daß in der nächsten Chaise der Fürst sei, sprang hinzu, gab meinen Brief hinein, und es war wirklich der Fürst Adam Friedrich darin. Dieser fragte mich: Wo kommst du her? Aus Tyrol und von Bayern. Er schuf dem Oberststallmeister von Welten, man sollte mich hinten aufstehen lassen und mich mit in die Stadt nach Hof bringen. Ich kam nach Hof und der Kammerfourier Spielberger wies mir ein Zimmerl neben der Pagerie an. Ich kam dem Tag darauf in den Marschallsaal, wo ich zu essen und trinken bekam. Der Herr Hofmarschall von Gebssattel sagte mir, ich sollte mich gefaßt halten, denn der Fürst werde mich holen lassen. Wie das Konfekt hinein war, kam der Hoffourier, machte sein Kompliment, meldete es, und ließ mich hinüberführen zur fürstl. Tafel. Der Fürst grüßte mich, und fragte mich um alles aus: wegen Wien und der Kaiserin, wie alt ich sei, warum ich so jung geheuratet habe, und wie viel ich zu meiner Haushaltung des Jahrs hindurch brauche. Der Fürst gewann mich lieb; er sagte, ich sollte eine Zeitlang bei ihm bleiben, und versicherte mich, daß es mir nicht übel gehen werde. Alle Herrschaften in Würzburg liebten mich, und dieser ist mit der Zeit mein bester Hof im ganzen Deutschland geworden. Ich war frei im Handel und Wandel, hatte bei der Knaben- und Kavalier-Tafel mein Essen und Trinken, mein Pferd stund beim freien Futter im Hofstall und mein Hofmeister hatte sein Essen und Trinken in der Ritterstube. Der Fürst ging nach Bamberg, nahm mich mit sich hinten auf seiner Chaise, unter dem Titel als Nachtstuhlverwalter; denn ich war der erste Kammerherr von hinten, und wenn unter Wegs etwas passierte, so mußte ich mit meiner Chatouille herunter und auspacken. Das war meine ganze Verrichtung. Und wer den Adam Friedrich gekannt hat, der weiß selbst, was er für ein liebenswürdiger Herr gewesen ist. Er liebte Aus- wie Inländer, und, wenn alles lustig, aufgeräumt und wohlauf war, hatte er seine größte Freude dabei. Alle Fremde, die nur nach Würzbürg kamen, empfingen alle erdenkliche Ehren und Lustbarkeiten. Bei diesem Fürsten nun mußte ich hernach alle Jahre sechzehn Wochen bleiben, und wenn er nicht selbst in der Narretei besser erfahren gewesen wäre, als ich, so wäre es mir manchesmal übel ergangen. Manchesmal hatte ich nicht viel vorrätigen Spasses bei mir; aber der Fürst suchte so lang und viel, bis wir endlich auf einen Diskurs gekommen, bei welchem er öfters so gelacht hat, daß ihm die Tränen aus den Augen quollen. Es leben noch Herrschaften genug, die davon Augenzeugen gewesen sind, und mir es noch attestieren, auch mich manchesmal bedauern, daß diese Zeiten vorüber sind. Er gab mir soviel, als ich gesagt habe, daß ich zu meiner Haushaltung brauche. Er war ein frommer, auferbaulicher und wahrer Bischof; er war Soldat, Jäger, Musikant, Baumeister, Gärtner und ein wahrer Vater aller seiner Untertanen, so, daß er in Würzburg und Bamberg unsterblich ist. Ich hatte die höchste Gnade, in 13 Jahren allemal eine Zeitlang um ihn herum bei Hofe zu sein, und kann mich rühmen, daß er mir öfters sagte, wenn ich nach Hause ging: »ich sollt« Gott vor Augen haben, mich gut aufführen und bald wieder kommen. Es freue ihn nur dieses, daß von keinem Menschen aus seinem Hofstaat jemals eine Klage von einer Schwätzerei, oder sonst was über mich eingelangt sei, und daß mich alle Menschen leiden könnten, wie doch sonst gemeiniglich das Widerspiel aus Mißgunst oder Meid sich bei den Höfen zuzutragen pflegt.« Ich und mein schwangeres Weib gingen nun von Würzburg fort, kamen nach Ochsenfurt und erfragten, daß unweit von hier, nämlich zu Anspach, auch ein Fürst und viele Herrschaften wären. Wir gingen von Uffenheim Anspach zu; da wir auf Lehrberg kamen, wie erschraken wir! als wir hörten, daß zu Anspach alles Lutherisch sei. Wir gingen mit Furcht und Zittern dahin, und fragten bei dem Stadttor die Wache, ob kein Wirtshaus in der Stadt sei, wo Katholische oder Handelsleute einkehrten, weil wir uns vor den Lutheranern allzusehr gefürchtet haben, und noch niemal in ein lutherisches Ort gekommen sind. Wir bekamen die Antwort: beim schwarzen Bären. Hier fanden wir zu unsrer größten Freude drei tirolische Handelsleute, nämlich den Knittel, Stier und Zitronenmelcher, wie auch einen katholischen Bürger, Lambert, aus Tyrol. Sie freuten sich, wie wir, daß wir als Landsleute einander sahen, zahlten meinem Weibe gleich eine Maß Tyrolerwein, und darauf gingen wir schlafen. Dem andern Tag aßen wir zu Mittag: mein Weib war schön, und hatte deßwegen allerhand Ansprachen; denn es waren allerlei Kostgänger im Hause. Unter andern auch der Kammerdiener vom Herrn von Lehrbach, Deutschherrn von Mergenthal; dieser kannte mich, und sagte es seinem Herrn, welcher es dem Marggrafen hinterbrachte. Wir hatten noch 9 Dutzend Handschuhe. Ich wurde nach Hof geholt, und mein Weib ging auch furchtsam mit mir; wir wurden in einen Saal geführet, wo die Herrschaften in einer Gesellschaft beisammen waren. Der Marggraf und die Marggräfin grüßten uns, wir küßten ihnen die Kleider; beim Pharaotische legte ich meine Ware aus; die Herrschaften paschten mir die Handschuhe aus, so viel ich hatte, und sie wurden mir alle miteinander ehrlich bezahlt. Es kam ein Herr mit einer Geige, und spielte darauf, und der Marggraf schuf, daß ich mit meinem Weibe tanzen sollte; dieses geschah auf unsere Manier, und verursachte großes Gelächter. Es wurde nun zur Nachttafel zugerichtet, und der Marggraf und die Marggräfin ruften uns hinein. Da bekamen wir zu essen und zu trinken, und unsere Taschen voll Konfekt und Gebackenes. Wie sehr erfreuten wir uns, unsere Handschuhe verkauft, Essen und Trinken genug genossen zu haben, und daß es unter Lutheranern auch so gute Herrschaften gibt. Wir dankten beide dem vorsichtigen Gott. Wir blieben noch etliche Tage, und gingen alsdann mit Freuden nach Hause. Fünftes Kapitel Der Jud Zächerl. – Ich zeige einem Kanzlisten ein asiatisches Porträt. – Ich werde Kammerherr von hinten und fürst: bischöflich bambergischer Nachtstuhlverwalter. – Hintere Sonnenuhr. – Man will mir einen Sohn aufdisputieren. – Ich werde für den Bayrischen Hiesl arretiert. – Die Feuerwerkshosen. – Ich soll zwiefach Fleisch hüten. – Neue Wienerreise und neue Kremnitzer Dukaten von meiner guten Kaiserin Maria Theresl. Vom Haus wanderte ich über eine kurze Zeit Innspruck, bezahlte meine Ware, kaufte wieder neue ein, und begab mich wieder aufs Land ins römische Reich. Ich war bisher ganz allem, und der erste Handschuhhändler aus Tyrol. Ich kam nach Augsburg und Dillingen, wo der fürstl. Hof war, da kannte man mich noch wegen der Koadjutorwahle von Augsburg. Ich erschien bei Hofe, wo der Fürst-Bischof Joseph, Prinz von Darmstadt, wie schon gemeldet, ein sehr liebenswürdiger und lustiger Herr war. Unter andern befand sich bei Hofe ein Jud, mit Namen Zächerl, von Oettingen; mit diesem hatte ich manche Bataille bei der Tafel. Er war gekleidet wie ein Husar. Einstens bei der Tafel sagte der Fürst zu mir, ich sollte dem Zächerl seine Haube vom Kopfe nehmen, und selbe mir aufsetzen. Ich tat es. Er, der Zächerl, lief mir nach, und ich davon. Dieses geschah in einem großen Saale: im Laufen bückte ich mich schnell nieder, und Zächerl fiel so derb mit Stiefel und Spornen über mich hin, daß er wirklich auf dem Kopfe gestanden, und die Beine in die Höhe gereckt hat. Durch dieses kam der Fürst so ins Lachen, daß man glaubte, er werde keinen Atem mehr schöpfen können: die Tränen flössen ihm häufig aus den Augen, so, daß der Hofmarschall von Lamberg mir abzutretten befahl. Ich ging vor dem Zächerl, weil er das Seitengewehr gezogen, in die Flucht, und dachte mir pax vobis ; ich blieb noch etliche Tage, und ich und der Zächerl wurden wieder Freunde. Es waren Komödien; unter andern wurde auch aufgeführt Nulle gratia Bugerella . Es waren spanische Kleidungen dabei, welche mir so wohl gefielen, daß ich den Fürsten so lang darum tribulierte und bat, bis er befahl, daß mir der Hofmarschall eines schenken sollte. Eines Tages sagte der Hofmarschall bei der Tafel, daß mein Kleid wirklich schon in Bereitschaft sei, und wenn man es mir anziehen würde, so müßte ich mir, um mich nicht gar zu sehr zu erfreuen, die Augen verbinden lassen. Voll Freude ließ ich mich in das Augenverbinden ein; darnach brachten zwei Heiducken einen von Holz und mit Eisen stark beschlagenen spanischen Mantel, und legten ihn mir an. Er wog nur 85 Pfund, und der Herr Hofmarschall versprach mir, daß ich diesen Mantel mit mir nach Hause nehmen därfte. Man band mir die Augen auf, und nun sah ich meine spanische Kleidung, in welcher ich mich im mindesten nicht bewegen konnte. Da kam der Zächerl und wollte sich an mir rächen, aber der Fürst ließ es durch die Heiducken verhindern, und ich wurde auf dieses losgelassen. Ich blieb bei diesem Hofe noch einige Tage, und wurde vom Fürsten passabel beschenkt, verkaufte noch etliche Paar Handschuhe und ging alsdann nach Ellwang. Der Fürst Fugger hatte eine große Freude, mich wieder gesund zu sehen, und ließ mir gleich ein Zimmer bei Hofe, um darinn zu logieren, anweisen. Ich kam hier täglich zur fürstl. Tafel: der Fürst und alle Herrschaften unterhielten sich mit mir. Es war allhier auch die Frau Generalin von Raßler; mit dieser wurde ich bekannt: sie hatte mich sehr lieb, und deswegen bekam ich von ihr meinen ersten Orden. Eines Abends war in dem Fürstensaal bei der Gesellschaft Musik, und ich mußte mit der Frau Oberstjägermeisterin v. Gnering eines tanzen. Wir waren alle untereinander lustig. Der Herr Hofmarschall v. Schwarzach sagte zu mir, ich sollte sie mit etwas lustigem unterhalten. Unter andern Musikanten war auch der Kanzlist Rauch; ich fragte diesen, ob er mir mit verbundenen Augen ein Licht auf dreimal ausblasen könnte? Ja, vom Herzen gern. Der Herr von Leyden und Baron Thurn verbanden ihm die Augen, und das Licht wurde auf ein Eck des Tisches gestellt. Man drehte ihn um und um, und nun sollte er blasen. Ich stieg stillschweigend auf den Tisch, reckte ihm mein hinteres Geficht über das Licht vor, und nun blies er mit solchem Eifer, daß er mit seiner Nase an mein Postscriptum gestoßen; er riß die Binde herab und sah ein asiatisches Porträt vor sich. Alle Herrschaften lachten so, daß manche auf die Sessel zurücke fielen. Unter andern war der Oberleutnant Stemmer zugegen, welcher das ellwangische Kontingent kommandierte; dieser sagte, ich müßte Soldat werden: ich mag nicht, versetzte ich; er sagte, ich käme nicht mehr zum Schloß hinaus, eher ließ er mich bei der Wache arretieren; also müßte ich herhalten. Ich wettete aber mit ihm um zwo Bouteillen Wein, daß ich hinauskäme; unterdessen ließ mich der Bestandsmann des Bräuhauses in seinem Märzenkeller unten hinaus, und unversehens ging ich bei der Wache wieder hinein. Das Gewett war gewonnen, und der Fürst sprach mir Recht zu, daß mir der Leutnant Stemmer nichts mehr im Wege legen dürfte. Dem andern Tage exerzierte man im Feuer auf dem Schönberg; ich sah gerne zu, fürchtete mich aber doch vor dem Soldatwerden. Ich kam von weitem durch den Wald, stieg auf einen Fichtenbaum, und sah, daß der Fürst selbst, und die ganze Nobleß, dabei war. Der Graf Kümburg sah mich, und zeigte mich dem Oberleutnant Stemmer an, welcher geschwinde sechs Grenadier mit aufgepflanztem Gewehr auf mich los kommandierte. Aus Furcht hüpfte ich von dem halben Baume, und von dem halben fiel ich herunter. Ich lief bergein, denn so leicht hat man mich selbiger Zeit nicht eingeholt, und der Stadt zu. Ich kam zum Jagdtor, rechter Hand im ersten Hause lief ich hinein, und bis in den zweiten Stock hinauf: allda traf ich ein offenes Zimmer an, zog den Schlüssel ab, und sperrte mich hinein. Wo war ich? Beim Stadtknecht, und ich wußte es nicht. Die Soldaten marschierten herein, und ich schaute bei einem Fenster hinunter; der Herr v. Leyden und Adelmann sahen mich, und ich wurde mit vier Grenadier geholt, welche keinen Schlüssel brauchten: ich müßte Soldat werden, und kam deswegen auf die Wache. Man holte mich von da weg zum Prall im goldnen Adler hin, wo der Leutnant Stemmer und die Herrschaften beisammen waren; allda vertranken wir mein Handgeld. Dem andern Tag ließ mich der Fürst wieder zur Tafel kommen, und beschenkte mich löblich. Nun war ich entschlossen, nach Würzburg zu reisen. Der dasige Fürst war damals zu Veitzechheim, eine Stunde von Würzburg, in einem Lustgarten. Ich kam dahin; der Fürst grüßte mich, und hatte eine Freude mich wieder zu sehen. Mir wurde wieder, wie vorher, neben der Pagerie oberhalb dem geistlichen Rat Kales zu logieren erlaubet. Ich ging schlafen, hatte aber für diesmal kein Nachtgeschirr, mußte deswegen zum Fenster hinausprunzen, und das Traffwerk hinunterrodeln lassen. Bei der Tafel, wie allzeit gewöhnlich, mußte bald der, bald ein anderer laut vorbeten, und das Los traf heute den geistlichen Rat Kales. Der Fürst, wie er allzeit ein diskursiver Herr war, fragte den geistlichen Rat Kales: Wie geht es? Kurieus! war die Antwort. Warum? Heut in der Frühe ging die Sonne auf das herrlichste auf, und das Wasser rann doch vom Dache bei meinem Fenster herunter. Der Fürst lachte hierüber herzlich, weil er schon wußte, was geschehen war. Der Fürst ging nach der Stadt, und ich hatte auch meine Handschuhe verkauft. Es kam der Tag, an welchem der Fürst nach Bamberg reisete; ich aber hatte noch keine Abschiedsaudienz gehabt, und es war mir doch auch um meine Marschroute l'Argent. Der Herr Obermarschall von Gebssattel sagte mir, ich sollte mich in die Mitte des Audienzzimmers stellen, daß mich der Fürst sähe, sonst könnte er es vergessen. Ich tat es, denn ich hatte schon eingepackt, um nach Hause zu gehen. Es kam die Stund, da es schon eingespannt war. Der Fürst ging, die Kavalier machten Spalier; ich küßte dem Fürsten die Hand, bedankte mich in dem Audienz- und im weißen Saal; des Fürsten seine Antwort war: Reise glücklich, und komm bald wieder. Ich hatte keinen Hut bei mir, ging traurig nach, und auf der Hauptstiege bedankte ich mich noch einmal. Der Herr Lobele von Kuttenburg hatte den vordern, und ich den hintern Kammerdienst: der Fürst war schon in den Wagen gestiegen: – – geschwind, geschwind! Ich weinte. Der Herr Obermarschall von Gebssattel sagte zu mir: tummel dich! geh mit, vielleicht darfst du morgen mit mir wieder zurück. Ich ging mit, und wir kamen zu Wernegg an; es war ein kalter Herbst. Ich logierte, wie gewöhnlich, bei der Pagerie. Es war der Herr Obermarschall v. Gebssattel, der Herr Oberststallmeister von Greiffenklau, Bubenhof, Hauptmann Gebssattel, General Redwitz, Herr von Fett, und Kammerherr Lobele von Kuttenburg, wie auch der Militzleutnant Kollöffel zu Nachts bei der Tafel. Wir waren lustig, aßen und tranken munter; während dem sagte zu mir der Marschall von Gebssattel: von Rechts wegen solltest du heute Wasser trinken. Das war weit gefehlt, sagte ich. Der Bubenhof aber widersetzte: Herr Obermarschall, er soll Wein trinken, aber ich möchte ihm gern einen zinnenen Schenkbecher voll Wasser über den Buckel hinuntergießen; ich gebe dir einen bayrischen Taler. Meinetwegen, dachte ich mir, du bist inwendig naß, du kannst auch um einen bayrischen Taler auswendig naß werden, und du mußt oft zu Hause sechs Tage lang, um einen solchen zu verdienen, hart arbeiten. Courage, Monsieur ! dachte ich mir. Nun ging es an: der Bubenhof einen Becher voll auf die bloße Haut, Hauptmann Gebsfattel einen Becher voll, Fett einen Becher voll, Lobele von Kuttenburg einen Becher voll, und Oberststallmeister Greiffenklau einen Becher voll. Mir lief das Wasser zu den Hosen hinaus; ich kriegte die Wassersucht: in- und auswendig naß, gingen wir auseinander, und ich bekam für jeden Becher voll Wasser einen bayrischen Taler. Ich war auf der Reise, wie schon gemeldet, Kammerherr von hinten, Nachtstuhlverwalter und Landknaben-Hofmeister. Traff naß ging ich in die Pagerie, wo es zum Glücke eingeheizt war. Ich hatte etliche der liebsten Knaben von der Welt bei mir; diese lagen schon im Bette, als ich patsch naß kam. Es waren die Herren von Rabenau, Zobl, Wernegg, und Hettersdorf. Ich zog meine nasse Kleidung samt dem Hemde aus, um solche beim warmen Ofen zu trocknen. Der Kammerknab von Rabenau nahm seine Reitpeitsche, hauete mir eins auf mein Postscriptum und sagte: Adam! scherst du dich in dein Paradies, oder nicht? sonst haue ich dir dein NB. NB. Es war vor vier Wochen der Erzherzog von Österreich, Maximilian, zu Würzburg; man zog das Militär zusammen, und wurde in der Früh und auf den Abend beim Tor auf- und zusperren ein Kanonenschuß losgebrannt. Beim Erwachen in der Frühe geschah ein solcher Schuß, und der Herr von Rabenau nahm seine Sackuhr, hielt sie zu seiner hintern Sonnenuhr, und sagte: Peterl! schau, meine Uhren gehen akkurat zusammen; er ließ auch einen fahren, und sagte: Retraite! itzt gehen die Tore auf. Der Herr von Zobl und Wernegg kanonierten auch dazu. So hatten wir einen Tumult, daß der Fürst geglaubt hat, es brenne. Des andern Tags wurde nachgefragt, und ich bekam vom Herrn Obermarschall von Gebssattel einen Verweis. Nun ging der Hof um 8 Uhr über Schweinfurt, Gemeinberg und Hasfurt, wo uns der bambergische Hof empfing, und die würzburgischen Kavalier wieder zurück gingen. Wir kamen nach Bamberg, und gingen nach Seehof. Der Fürst, wie auch alle Herrschaften in Bamberg konnten mich leiden, und der Fürst hatte mit mir seine Unterhaltung. Allda war im Koppenhof die Stuterei; unter andern auch eine Eselsmutter, welche ins Kindbett kam. Der Herr Oberststallmeister von Kindsperg gewann mich zum Gevater; ich wurde in einer Chaise hinaufgeführt; und wer war es? Ein junger Esel, der bekam den Namen Prosch. Ich hatte meine sonderliche Freude daran; wir machten uns darnach wieder zurück auf den Weg, und kamen mit gutem Humor nach Seehof. Dem Tag darauf fragte mich der Fürst, ob wir uns auf dem Gevatergang gut divertiert hätten. Ich erzählte ihm die Umstände, worüber er und alle Herrschaften erstaunlich lachten. Da ich vom Fürsten wegging, begegnete mir der Postbriefträger, dieser gab mir einen Brief, für welchen ich einen guten Batzen zahlen mußte, welcher mich noch in meiner Seele schmerzet. Ich glaubte, er wäre von meinem lieben Weib von Hause, aber nein, er war nur von Rabenau, Zobl und Wernegg in Würzburg. Ich war begierig, diesen Brief zu lesen, der folgenden Inhalts war. Lieber Peterl! »Es werden dir bekannt sein meine Umstände: du weißt's, daß wir nach dem Zapfenstreich bei dem Kapuzinerbrunnen beisammen gewesen sind, wo du mir was gegeben, und das halbe Dutzend Handschuhe verloren hast. Ich bin nun im Kindbette mit einem Buben entbunden, der dir akkurat gleichsieht, und so schön ist, wie du. Ich bedarf deine Hilfe, und ersuche dich, mir 40 fl. zu meiner und des Kindes Unterhaltung zu schicken, damit ich nicht gezwungen bin, mich an den Fürsten wegen deiner Pension zu wenden. Deine getreue Anna Maria Lochbleckerin, Kalchträgerin von Würzburg. Wie ich diesen Brief las, ging der Herr Obersthofmarschall von Stauffenberg vorbei, riß mir den Brief umversehens aus den Händen, liest ihn, und gibt solchen hernach dem Fürsten, welcher mich gleich ins Kabinett rufen ließ, mir einen scharfen Verweis gab, und sagte, er hätte nicht geglaubt, daß er von mir eine solche Aufführung hören müßte, und, wenn ich mich nicht genug legitimieren könnte, daß ich unschuldig wäre, so sollte ich mich alsogleich von seinem Hofe entfernen. Ich sagte zum Fürsten: Glaubst du denn, daß ich ein solches Tier, wie eine Kalchträgerin ist, nur mit einer Zange anrühren würde? Gut, sagte der Fürst, ich will es glauben, und es wird sich zeigen, konnte aber dabei das Lachen kaum verhalten. Ich schrieb gleich meinen hochweisen Korrespondenten nach Würzburg einen Brief, und ersuchte sie um meinen ausgegebenen guten Batzen. O der Batzen! Ich gab ihnen aber in meinem Briefe für diese neugebackene Lüge mein angebornes Lob. Über eine Zeit darauf war zu Seehof am St. Peter und Pauli Tag offene Tafel, und es waren sehr viele Menschen zugegen. Der Vizedom von Kindsperg hatte vor einer geraumen Zeit ein armes verlassenes Waislein angenommen, und ließ es gut erziehen. Dieses ließ er auf Tiroler Art rot und grün, wie ich war, kleiden. Der Vizedom von Kindsperg steckte das Kind unter die fürstliche Tafel, welches der Fürst vorhin schon wußte, ich aber nicht. Der Fürst war in seinem besten Humor, und alle Herrschaften waren aufgeräumt, auch ich war herzlich lustig. Der Fürst schaute öfters unter die Tafel, über welches ich mich wunderte, und auch hinunter sah. Eilfertig kam der kleine Tirolerbub, mit einem Memorial in einer Hand heraus, lief auf mich zu, und rief beständig: Papa! Papa! Ich erschrak, und lief schnell davon; aber der Bub lief mir überall nach. Was der Fürst und alle Herrschaften hierüber gelacht, kann sich jeder leicht selbst einbilden. Ich blieb noch eine Weile allda; denn der Fürst, wie auch alle Herrschaften konnten mich wohl dulden, und reiste sodann mit ihnen nach Würzburg. Es hatte der Fürst zu Veitzechheim einen Affen, dieser wurde majoren, und wollte nicht mehr gut tun. Der Fürst schenkte mir diesen Affen; es wurden auch Pferde ausgemustert, von welchen ich ebenfalls eines erhielt. Wieder bekam ich vom Herrn von Rosenbach einen gezogenen Kugelstutzen und zwei Pistolen. Ich hatte auch einen sehr großen englischen Hund vom Fürst von Ellwang bekommen. Mit dieser Equipage ritt ich fort: den Stutzen an der Seite, den Affen bei mir auf dem Pferde, der Hund voraus, und also kam ich nach Bamberg, wo ich vom Herrn Oberststallmeister von Kindsperg ein kleines Kaleschel bekam. Von da aus fuhr ich über Nürnberg und Donauwörth nach Aicha. Es war um dieselbe Zeit, als der bayrische Hiesl im Schwabenland als Oberstjägermeister regierte. Man sah mich für ihn an, wurde auch wirklich deswegen von etlichen Dragonern arretiert, und nach Aicha gebracht. Der Zulauf des Volkes war nicht gering, weil man den bayrischen Hiesl in Händen zu haben glaubte. Ich ließ mir aber bei der Sache ganz wohl sein, und trank Kaffee. Man visitierte zuerst meinen Koffer und dieser war vom kurfürstl. Mautamt Rhein obsigniert. Meine Schreibtafel samt passe-port und ein Dekret von Würzburg hatte ich bei mir in der Tasche. Bei allen Fenstern in der Stadt war es voll von Köpfen, um den bayrischen Hiesl zu sehen. Es kam ein Offizier, bei dem mußte ich alles aufweisen, und mich legitimieren. Zum Erstaunen des Volkes wurde ich entlassen, meine Zeche bezahlt, ich fuhr mit meiner Equipage wieder davon, und kam gegen München, logierte wie gewöhnlich in der Schwäbingergasse beim Birnbaum-Bräu, und kam dem Tag darauf nach Hofe. Der Kurfürst und die Kurfürstin waren zu meinem Vergnügen gesund und wohl auf, und sahen mich gern. Der höchstselige Kurfürst Maximilian hatte schon viele Jahre einen possierlichen Affen in dem Kamin bei seiner Dreflbank, und dieses war eine Madame. Der Kurfürst erfuhr, daß ich ein Mannsgeschlecht von einem Affen bei mir hatte; er befahl mir, ich sollte meinen Affen gleich nach Hofe bringen. Nun kam dieser zu der Affin in dem Kamin, und blieb viele Jahre in bayrischen Diensten, bis ihn endlich der General Graf Salern ohne Fortpflanzung seines Geschlechts erhielte, welcher ihn auch noch eine lange Zeit hatte. Ich blieb noch drei Wochen bei Hofe, weil mich der Kurfürst und die Kurfürstin wohl gedulden konnten. In der Thiernitz hatte ich mein Essen und Trinken; der Kurfürst gab mir für meinen Affen sechs Dukaten, ich ging sodann mit Dank von München ab, und kam als ein Kapitalist ins Tyrol nach Hause, bezahlte meine Lederwaren, und blieb eine Zeitlang bei meiner Liebsten. Unter dieser Zeit trug es sich zu, daß wieder eine Fräule Tante von mir starb und christlich begraben wurde. Nun hatten wir noch sieben lebende Geschwisterte schon wieder das Glück zu erben. Das Kapital war zwar nicht aus den stärksten, und bestunde nur in einem spanischen Taler, welcher damals bei uns 2 fl. 12 kr. galt. Es war aber in Mobilien desto mehr vorhanden. Wir klaubten dann alle Stücke in der Stube zusammen, und stunden bei diesem Haufen von Erbsachen alle rings herum; ich als Stammherr hatte das jus dominium und erstes Votum zu geben. Wir warfen Kürze halber das Los darum: sie verbanden mir deshalben die Augen; meine älteste Schwester hob allzeit ein Stück in die Höhe, und ich mußte sagen, wem es gehören soll; und also wurde die ganze Pastete auseinandergeklaubt. Wie man mir die Augen aufband, sah ich meinen Anteil, welchen ich für mich erraten habe, mit Verwunderung; denn es war auf meiner Partie ein alter eisener Leuchter, ein Paar Krautmesser, ein Pfannenholz, und ein Nudelwalcher: aber ich konnte doch alles brauchen. Es ist gewiß keine so friedliche Erbschaftsteilung unter sieben Geschwisterten geschehen, wie diese, besonders wo man in natura geteilt hat, wie wir. Über eine Zeit nach dieser erträglichen Erbverteilung ging ich wieder nach Innspruck, kam alldort zu meinen Gräfin von Trapp, Taris, Lodron, Künigl, Tannenberg, Martinitz und Hormayr, und wurde auch durch diese bei andern Herrschaften bekannt, von welchen mir diejenigen, welche mich am meisten plagten, die liebsten waren. Unter andern kam ich auch in der Vorstadt zu dem Stammherrn Graf Philipp von Wellersberg; dieser rufte mich zu sich, wir wurden gleich miteinander bekannt, und ich gefiel ihm; er fragte mich um allerhand Dinge, und hatte fast den nämlichen Humor, wie ich. Es war der Hansl Trapp, Graf Arko, Seau, Obrist Caprara, Hauptmann Ballaus, und sein Bruder, der Domherr von Passau; diese hatten eine runde Maschine im Zimmer, woran eine von Draht gemachte Kette und vorne eine messingene Kugel war. Sie warfen jene auf ein Häufchen zusammen; der Wellersberg sagte zu mir, ich sollte darauf stehen, er wolle mir einen kaiserlichen Taler dafür geben. Vom Herzen gern stund ich darauf; der Graf Wellersberg legte den Taler neben mir auf ein eisernes Stängl, und trieb unweit von mir eine große gläserne Kugel herum. Ich spürte nichts, und die Herren lachten doch. Ich lachte auch dazu; denn mir war nicht übel bei der Sache. Der Wellersberg sagte, es wäre die Maschine zerbrochen, und deswegen würde aus dem Ding heute nichts werden, ich sollte meinen Taler nur nehmen. Ohne Bedenken griff ich nach dem Taler. Au weh! wie schlug mich das Donnerwetter zu Boden: ich wußte nicht, wie mir geschehen war, und meinen Taler hatte ich auch verloren. Die Herren suchten ihn; ich stund zitternd auf, ging weit von der Maschine, und wollte im Zimmer nicht mehr bleiben. Wie die Herren gelacht haben, kann man sich leicht einbilden. Es hatte der Herr von Wellersberg ein Gut im Pustertal, genannt Wellersberg, und von daher ließ er sich eine Maskerade machen. Diese bestund aus einem grünen Hut, braunen Rock, einem Kragenhemde, rotem Brustfleck, Bauchbinde, Hosenträger und einer doppelten schwarz glanschetternen Hosen. Wie die Faßnacht aus war, ließ er mich kommen, und schenkte mir die ganze Kleidung. O! das war eine Freude! Ich dankte ihm, und er sagte mir, ich sollte sie morgen anziehen, denn es wäre beim Landshauptmann, Grafen von Wolkenstein, Gesellschaft und Musik, und da sollte ich in meinem neuen Aufzug erscheinen. Ich ging nach Hause zum Herrn v. Störzinger über die Brücke, wo ich logierte, und kleidete mich dem Tag darauf also an. Allein es regnete dem ganzen Tag hindurch, als wenn der Himmel offen gewesen wäre, deswegen reuete mich die Kleidung, und ich wollte nicht erscheinen. Auf dem Abend ließ mich der Hauptmann Ballaus mit vier Mann und einer Porte-Chaise, in welcher ich aber nicht hinein, sondern nur obenauf sitzen mußte, durch die Vor- und Hauptstadt in die Gesellschaft holen. Es sind wegen dieser kurieusen Convoi nicht wenige Leute nachgelaufen. Ich kam in die Gesellschaft, wo alles aufgeräumt, lustig, und große Musik war. Ich war etwa eine halbe Stunde darin, als ein und andere Herren anfingen, mein Kleid zu loben, sagten aber anbei: Pfui! was stinkt so? Ich stund bei der Musik. Paff! ging es in meiner Hosen los, und marschierte sehr herb sick sack darin herum. Ich machte Sätze und Sprünge, und wo ich hinkam, floh alles vor mir; denn es schlug mir bald da, bald dort einen Fetzen aus meiner Hosen, und ich bekam deswegen nicht wenig blaue Flecken. Daß hierüber bei den Herrschaften ein großes Gelächter entstanden sei, wird man mir leicht glauben können. Diese war meine Gallahosen; sie war mit italienischen aufgelösten Feuerrädeln garniert, welche sie mir unversehens angezündet haben. Ich wurde aber zuletzt dafür ehrlich beschenkt, und ging mit der durchlöcherten Hosen in mein Logement. Dem Tag darauf kam ich zum Herrn Revisionsrat von Findler hin, allwo vier schöne Töchter, und etliche italienische Kostgänger waren. Sie waren lustig, und ich noch lustiger, weil die Herrschaft mit mir so gut war, daß mir gleich erlaubt wurde, bei ihnen freies Quartier zu nehmen. Es wurde allda im Gartenbrunnen bei der Nacht öfters Fleisch gestohlen. Nun mußte ich, um dem Diebe auf die Spur zu kommen, und dem Stehlen abzuhelfen, meine Liegerstätte im Sommerhause des Gartens aufschlagen; mir wurden zu Gehilfen zwei Pistolen und ein Hühnerhund mitgegeben; wenn ich schlafen ging, schloß ich das Sommerhäusl allemal fest zu, und legte mich furchtsam nieder. Einsmal, da ich, wie sonst, in großer Furcht und Angst schlief, hörte ich etwas bei einem Ecke des Sommerhäusl heraufsteigen, und oben auf dem Dache über die Schindeln herumkrappeln. Courage! aber ich dachte weder an das Fleisch, weder an den Hund, und noch weniger an die Pistolen; sondern duckte mich unter dem Bette aus Furcht zu einer Kugel zusammen, steckte die Finger in die Ohren, machte die Augen zu, und mit solchem Herz und Mut lag ich wie in einem Dampfbade, bis die Sonne aufging. Schritt vor Schritt ging ich durch die Tür, um zu sehen, ob noch ein Fleisch im Brunnen sei, oder nicht. Da sah ich mit Verwunderung den Dieb: es war eine große Katze beim Fleisch, welche ein großes Stück aus dem Wasser gezogen, und sich damit zu sättigen trachtete. Der Hund tat hier das Beste, und wir erhielten den Wahlplatz und das meiste Fleisch. Ich erzählte der Herrschaft bei der Tafel, wo ich täglich speisen durfte, von meiner Tapferkeit, worüber nicht wenig gelacht wurde, und es wurde in kurzer Zeit in der ganzen Stadt bekannt. Ein gewisser junger Kavalier, G. H. C., der in diesem Hause eine gewisse Fräulein karessierte, erfuhr auch, daß ich Nachtkommandant im Sommerhäusl sei. Einsmal um 8 Uhr in der Frühe kam er, und klopfte an. Ha! dachte ich mir, das geht übers Fleisch los! Er rief: Peterl! mach auf! ich bin zum Koffee eingeladen. Ich hab keinen. Bei der Fräule trink ich ihn. Ja, warum gehst du nicht bei der Haustür hinein? Mach auf, ich gebe dir dafür einen Siebenzehner! Flugs war die Tür offen; er gab mir, was er mir versprochen, ging durch den Garten, und wurde von dem Alten gesehen. Man stellte mich gleich nach der Mittagstafel deswegen zur Rede. Ich gestund alles ein, und bekam zum Lohn von dem alten Herrn mit einer Peitsche Schläge, mit der Erinnerung: »Ich habe dich zum Fleischhüten, und nicht zum Torwart bestellt. Laß mir nur niemand mehr herein, er mag auch sein, wer er immer will.« Ich versprach alles heilig, küßte ihm die Hand, und dankte. Nun hatte mich der alte Herr wieder so lieb, als wie vorher, und sagte zu wir: Peterl! du mußt deinem Hausherrn folgen, der dir zu essen gibt, ich meine es dir nur zum Guten. Hierauf schlief ich etliche Nächte sehr gut und ruhig. Die Diebe waren nicht mehr so gefährlich, und das Fleisch hatte bessern Friede. Eines Morgens aber kam wieder der nämliche Fräuleinwerber, und klopfte an: Peterl! Was willst? Mach auf! Nä! Nä! Ich gib dir einen Siebenzehner. Ich dachte mir a proposito , Siebenzehner, alter Herr, Peitschenhiebe, auch etwa aus dem Haus jagen. Ich mag nicht! ich mag nicht! Mach auf, oder du kriegst von mir Schläge! Geh weiter, oder ich sag's dem alten Herrn! Gib acht! ich krieg dich gewiß. Ich machte ihm aber doch nicht auf. Nachmittags begegnete er mir auf einem Spazierritt nach Amproß. A ha! dacht ich mir, in die Flucht gehen ist das Beste. Witsch war er mit ein paar Peitschenhieben auf meinem Buckel: Mach auf, sagte er, oder ich krieg dich! und gab mir einen Siebenzehner; ein andersmal mach auf, oder ich erwisch dich wieder. Ich dankte ihm, und ging sogleich fuxwild nach Hause; nahm im Sommerhäusl mein Bett, trug es durch den Garten in das Haus über die Stiege, und wollte es unter das Dach auf den Boden hinauf bringen. Allein auf der Stiege begegnete mir der alte gnädige Herr, und sagte: was gibts da? Ä was! das verfluchte Fleischhüten da! Laß ich ihn herein, gibst du mir Schläge; laß ich ihn nicht herein, gibt er mir Schläge: so hab ich alle Tage ohne Multiplikation richtig meine Schläge. Mein Buckel ist auf diese Art Fleisch zu hüten nicht gewohnt. Der alte Herr lachte, und ich ging mit meinem Bette hinauf unters Dach. Hier blieb ich noch eine Zeitlang, nahm wieder Handschuhe, ging nach Hall, und fuhr sodann auf einem Schiffe nach Wien. Allda kam ich in der Josephs-Vorstadt zu meinem Graf Koteggischen Vater und Mutter; ich wurde auch von dieser Herrschaft zu meiner größten Freude und Nutzen wieder ins freie Quartier, und beim Offiziantentisch in die freie Kost aufgenommen. Eben waren die Gräfin Kevenhüllerin, und die Gräfin Baar als Obersthofmeisterin bei Ihrer Majestät der Kaiserin Maria Theresia zur Tafel eingeladen, bei welchen ich wieder Gelegenheit fand, mich und meine Waren weiters zu rekommandieren und bekannt zu machen. Diese Gräfinnen rekommandierten mich bei dem kaiserlichen Hofe so, daß mir nun gleich erlaubt wurde, mit meiner Ware dahin zu kommen. Ich kam nach Hof, und ließ mich bei der Obersthofmeisterin Gräfin von Baar melden, bei welcher ich gleich vorgelassen wurde. Es waren bei ihr die Gräfin Kevenhüller und die des h. röm. Reichs Gräfin Eleonora von Wallerstein, itzige Fürstin von Schwarzberg, eine schon von Jugend auf mir bekannte Frau, welche mich auch bei jeder Gelegenheit rekommandierte, wie auch die Gräfin Insagin, Gräfin Schlick, und noch viele andere, bei welchen ich viele Handschuhe verkauft habe. Das kam endlich der Kaiserin zu Ohren, welche mich sogleich kommen ließ. Die Kaiserin fragte mich, ob ich schöne Handschuhe habe? Ja! Wie bist du dann vom Tyrol heruntergekommen? Ganz gut, auf dem Wasser. Ich küßte ihr zugleich den Rock, und gab ihr drei neue Kupferkreuzer als eine Steuer von meinem neuen Häusl. Sie sprach: hast du dir ein neues Häusl bauen lassen? Ja! vergelt dir's Gott. Sie fragte mich noch um ein und anderes aus, besonders vom Tyrol, was man von ihr rede, ob man sie gern habe, oder schelte. Sie gab mir auch 12 Kremnitzer Dukaten für meine Steuer und Reise. Es kam auch die Gräfin Insagin, welcher die Kaiserin gleich befahl, für die Erzherzoginnen Handschuhe zu kaufen. Alle Handschuhe wurden mir nun abgenommen, und passabel bezahlt. Ich kam voller Freude wieder zu meinem Vater Kotegg zurück, welcher eben deswegen eine große Freude bezeigte, weil ich glücklich war. Ich blieb noch etliche Tage bei dieser meiner guten Herrschaft, und ging zuweilen in der Stadt herum, die Wunder zu sehen; bedankte mich sodann bei meinem Vater und Mutter für alle Guttaten, ging zum blauen Bock, und fuhr auf einem Zeiselwagen eine Strecke durch Österreich herauf. Unterwegs, oberhalb Linz, als ich zu Fuß ging, und nichts zu tragen hatte, als einen Ranzen, worin meine Kreuzer, ein paar Schnupftüchel, und ein Paar Strümpf waren, ging ich auf der gemachten Straße so meinen Weg fort. Unverhofft hörte ich hinter mir rufen: He! he! Sauschneider, Sauschneider! Ich dachte bei mir: was gibts? schaute frisch um, und sah einen Menschen hinter mir drein laufen. Ich wartete auf ihn, und da er kam, sagte er zu mir: Hör, Sauschneider, unsre gnädige Frau dort droben auf dem Schlosse hat einen Stier, diesen möchte sie gern geschnittener haben; sei er so gut, und gehe er zurücke, er bekömmt einen bayrischen Taler und Essen und Trinken. So bist du auch ein Sauschneider, dachte ich. Ich entschuldigte mich aber mit diesem, daß ich keine Instrumenten bei mir hätte. Er sagte, der Zeug wäre schon auf dem Schlosse zu bekommen. Ich dachte bei mir: bayrischer Taler, Essen, Trinken und Quartier! Geh zurück, und schneid weg, was zu viel ist. Ich ging mit dem Boten, die gnädige Frau ließ mich geschwind zu ihr kommen, und empfahl mir den Stier an. Ich ließ nun selben im Hofe binden und werfen, machte das Instrument dran, und schnitte und brannte solchen, so gut ich konnte. Da alles vorbei war, bekam ich den mir versprochenen bayrischen Taler, Essen und Trinken und, weil es schon so spät war, daß ich meinen Weg nicht mehr hätte fortmachen können, auch ein gutes Bett; denn die gnädige Frau war ganz wohl zufrieden. Ich machte mich dem andern Tag sehr früh auf und ging meinen Weg über Salzburg ins Tyrol nach Hause. Sechstes Kapitel Mein Kaiser Franciscus ist gnädig zu mir. – Sein betrübter plötzlicher Tod zu Innspruck macht alle Gnaden zu Wasser. – Reise ins Reich. – Weil mir zu Köln das Hausierengehen verboten wird, lass ich mich hausieren tragen. – Von Strumpfbändern schweige ich. – Der Bär im Garten. – Mein mißglücktes französisches Kompliment. Es kam der glückliche und unglückliche Zeitpunkt, nämlich das 1765te Jahr herbei. Man hörte von weitem schon unter dem gemeinen Volke, daß der kaiserliche Hof nach Innspruck kommen sollte. Es wurden wirklich Quartiere bestellt, und alle übrige Anstalten gemacht. O! wie erfreute ich mich, daß unsre gute Kaiserin Maria Theresia auch einmal unser Vaterland zu sehen verlangte. Ich ließ gleich ein Dutzend schöne weiße Handschuhe machen, um ihr damit ein Präsent zu machen. Im Juni trafen schon allerhand fremde Herrschaften ein, um dem Beilager des Großherzogs von Toskana beizuwohnen. Anfangs Juli kam auch wirklich der ganze kaiserliche Hof, und der Einzug geschah unter fröhlichem Jubelgeschrei vieler tausend Menschen, wegen der glücklichen Ankunft unsrer besten und mildesten Landesmutter und bei unsrer Nation unsterblichen Kaiserin Maria Theresia. Es wurden Freudenfeste, Ball, Opern und Freischießen angestellt, und die ganze Stadt mit Wachslichtern illuminiert. Dem Tag darauf wurde das Beilager gehalten, und in der St. Jakobs Stadtpfarrkirche um 12 Uhr von dem Kardinal Migazzi die Kopulation vollzogen. Ich hatte das Glück, wie überall, daß ich durch einen bekannten Sakristan durch die Sakristei eingelassen wurde, und ein Ministrantenkleid anzuziehen bekam, wo ich Gelegenheit hatte, im Chor alles auf das Beste zu sehen. Ich hatte in meinen Leben noch niemal in einer Kirche beieinander soviele Majestäten, Geschmuck und Brillanten, als dortmals, gesehen. Denselbigen Abend wurde auf dem Rennplatz vor der Residenz in Beisein einer unzähligen Menge Volkes ein Feuerwerk abgebrannt. Wir hatten aber die ganze Zeit, solang der Hof in Innspruck war, eine so ungünstige Witterung, daß es schien, der ganze Himmel hätte schon vorhinein getrauert. Zu gleicher Zeit kam ein solcher schwerer Regen, daß er den Namen Francisco und das ganze Feuerwerk auslöschte, und alles Volk erbärmlich benetzte und traurig nach Hause jagte, welche Auslöschung jedermann für eine üble Bedeutung hielt. Die höchsten Herrschaften befanden sich samt der übeln Witterung doch ganz gesund und wohlauf; bis endlich (ich zittere am ganzen Leibe, wenn ich daran denke) der für das Land Tyrol so unglückliche Tag ankam, nämlich der 18te August Anno 1765, an einem Sonntage. Es war große, aber doch nicht mehr offene Mittagstafel, denn die gemeinen Leute durften nicht mehr hinein, wie vorher. Ich war vormittags beim Obersthofmeister vom Erzherzog Leopold, Grafen von Künigl; dieser sagte mir, ich sollte heut um 2 Uhr zu ihm kommen, und meine Handschuhe mit mir nehmen, er wolle mich mit sich im Riesensaale zur Tafel nehmen, daß ich der Kaiserin meine Handschuhe geben könnte. Ich ging zu meiner Gräfin von Trapp nach Hause, aß allda über Mittag, nahm sodann meine Handschuhe, kam um halb 2 Uhr zum Graf Künigl, und wartete allda eine Weile. Da man zur Tafel blies, ging der Graf, nahm mich mit sich bis in den Riesensaal, stellte mich in ein Eck hin, wo ich wartete, wie er mir befahl. Es kamen die höchsten Herrschaften in der schönsten Ordnung, und setzten sich eben so zur Tafel. Es waren auch viele vornehme Herrschaften im Saal, welche zusahen. Nach einer halben Stunde erblickte mich der Kaiser Franciskus, und winkte mir sogleich, daß ich zu ihm kommen sollte. Ich kam voll Furcht und Freude zu ihm, und machte mit einer Kniebeugung mein Kompliment. Neben ihm saßen seine Schwester Eleonora, und die Erzherzogin Maria Anna. Ich hatte das Handschuhpäckl in meiner Rocktasche, und während dem ich das Kompliment machte, ersah der Kaiser das Päckl, und fragte gleich: Was hast du da? Ich sagte, es wären ein Dutzend Handschuhe, welche ich meiner lieben Kaiserin für das mir zu Schönbrunn Anno 1757 gnädigst erteilte Recht, ein Häusl zu bauen, zum Präsent geben wollte. Er sagte: Laß sie mich sehen! Ich gab ihm solche, und er nahm gleich ein Messer, und schnitte mir Bändl und Papier davon. Ich tat darüber einen lauten Schrei, und drohete ihm, daß ich ihn deßwegen beim Burgpfleger Kühebach verklagen wollte. Er lachte, und alle bei der ganzen Tafel mit ihm. Er gab die Handschuhe ohne meinem Versehen unter der Tafel weiter, und schnapps waren sie verloren. Ich lief nach, konnte sie aber nicht finden; ich ging deßwegen wieder zurück zum Kaiser, und begehrte solche von ihm; er aber sagte, er habe sie nicht, und fragte mich zugleich, was ich mir wünschete; ich glaubte, es wäre die Meinung von den Speisen der Tafel, und sagte: Nichts. Er fragte mich: Wo hast du geessen? – Bei der Gräfin Trapp, war die Antwort. Der Kaiser sprach zu der Gräfin, welche gegenüber an der Tafel saß: Es ist schade, wie mögen Sie doch einem solchen Buben etwas geben? Sie machte ihre tiefe Verbeugung, und indessen sagte ich: Franz! gib du mir zu essen. Hierüber lachte er, und die Erzherzogin Maria Anna sagte zu mir: Du bist ja nicht gescheit! mein Papa hat dich ja gefragt, was du wünschest; er hätte dir etwas gegeben. Ich tat einen Pfiff, und sagte: Hops, Franz, das ist was anders! Was hast du gesagt? Er sprach: Was du dir wünschest? Daß du mich gern hättest, und (indem ich mit der Hand aufs Maul deutete) daß ich zu leben hätte. Er sagte: Komm am Mittwoch zu mir, und laß dich melden; ich will dir was geben, daß du, dein Weib und Kind zu leben haben. Ich tat aus Freuden einen Sprung und lauten Schrei, und sagte: Franz! ein Mann ein Wort; ich gab ihm die Hand, er lachte, schlug mir ein, und gab mir die Hand zu küssen; ich rief den Fürst Auersberg zum Zeugen, und sprach: Du bist ein ehrlicher Mann, und hast gehört, was der Kaiser gesagt hat. Der Kaiser lachte immer fort, griff mit einer Hand in seine Kamisoltasche, schenkte mir fünfzehn Dukaten und eine Medaille mit des Großherzogs Leopold und seiner Gemahlin Porträt, mit der Überschrift: Foedus amoris ; und sagte auch: Das ist das Handgeld auf den Mittwoch, damit du siehst, daß du kommen darfst. Ich kniete vor ihm nieder, dankte ihm; und der Prinz Karl wies mir inzwischen meine Handschuhe, auf welche ich gleich lief; allein sie waren unter der Tafel schon wieder weiter, und ich sah sie beim Kaiser. Ich lief wieder hinüber, und er gab mir sie, und sagte: Jetzt gib sie meiner Theresl. Also unterhielte sich der größte Monarch an seiner letzten Tafel mit einem seiner mindesten und ärmsten Untertanen solange, daß wirklich schon das Konfekt aufgetragen wurde. Nun ging ich mit meinen Handschuhen zu der Kaiserin, und ein Kammerherr gab mir einen silbernen Teller, daß ich meine Handschuhe darauf legen konnte; ich kniete auch nieder, küßte ihr den Rock, und gab ihr selbe. Sie nahm solche gnädigst und lachend an, zog ihre Handschuhe ab, und die meinigen an, welche recht waren, und sie erfreuten. Sie fragte mich auch, was ihr Kaiser Franz mit mir gemacht habe; ich sagte es ihr; indessen gab sie mir ihre angehabte Handschuhe zum Muster, welche ich noch heut zu Tage habe, und sagte: Bring mir auf dem Mittwoch noch solche 12 Dutzend, ich will dir hernach auch was schenken. Unterdessen stunden alle von der Tafel auf, und die höchsten Herrschaften schwänkten ihnen den Mund aus; der Kaiser und die Kaiserin küßten einander, und sodann wurde Koffee getrunken. Endlich nach vielen Komplimenten gingen die höchsten Herrschaften auseinander in ihre Zimmer. Die Kaiserin winkte mir, daß ich sollte mit ihr kommen, welcher ich gleich durch das Vorzimmer, Audienzzimmer, und durch die Garderobe bis ins Schlafzimmer nachfolgte. Es waren allda Portraits von allen ihren Kindern; Sie fragte mich, ob ich sie kenne, und ich nannte sie alle bei ihrem Namen: Sie lachte, und sagte: das freuet mich, und wenn du am Mittwoch bei meinem Kaiser Franz gewesen bist, so komm auch zu mir, und zeige mir, was er dir geschenkt hat, denn, wenn er gibt, so gibt er gut, und er hat dich gern, Jung! du kannst glücklich sein; und bring mir auch zugleich meine Handschuhe. Sie gab mir für mein Dutzend Paar Handschuhe 12 Kremnitzer Dukaten, und ihre Hand zu küssen, wofür ich tausendmal dankte. Hier gab ich ihr auch ein Memorial, um Erlangung eines Bierfratschlschanks, welches sie gnädigst annahm, und mich ihrer Gnade bei der Hand versichert hat, welchen Schank ich zwar erst Anno 1770, aber richtig erhielte. Sie verließ mich unter der Tür, durch welche ich rückwärts hinausging, und nun ging alles in die Oper. Der Kaiser Franz war in derselben ganz aufgeräumt und gutes Humors. Als die Oper aus war, ging der Kaiser Franz samt seinem Gefolge und dem römischen König über den Franziskanergang nach der Burg zurück. Die Kaiserin kam eben mit ihrer Bedienung über eine kleine Weile hinten drein. Der Kaiser ging in ein Vorzimmer, wo zween Grenadier neben einer Tür Wacht stunden. Es waren bei dieser Tür zwo Treppen, von welchen eine der Kaiser mit einem Fuß besteigen wollte. Ach Schröcken! er sank links an den wachtstehenden Grenadier, welcher aus Schröcken auswich, und also fiel der beste Kaiser zwar etwas sachte auf den Boden. In einer Viertlstunde, o Gott! gesund, lebendig, und tot. Es war um Dreiviertl auf 1O Uhr abends. Der jetzt regierende Kaiser Joseph kam dazu, und nahm seinen halbverschiedenen Herrn Papa in seine Arme. Alle Menschen stunden da, wie Statuen, denn der Schröcken war so groß, daß man ihn nicht beschreiben kann. Die Kaiserin, welche von diesem unverhofften schrecklichen Zufalle nichts wußte, und bald nachkam, begleitete man über eine andere Stiege in ihre Zimmer, unter dem Vorwand, daß durch diesen Gang sehr gefährlich zu gehen wäre, und daß man sich wegen den locker gewordenen Ziegeln Leids tun könnte. Sie ließ sich bereden, und wurde, ohne daß ihr etwas Übels zu denken beifiel, in ihre Zimmer gebracht. Ich bin nach der Oper nach Hause gegangen, ohne mir etwas von diesem mich so tief niederschlagenden Unglück träumen zu lassen. Es logierten in meinem Hause der Fürst von Kiemsee, der Karl Firmian, Gouverneur von Mailand, und mehrere Herrschaften, welche alle bei der Nachttafel, wobei ich aufwartete, sehr aufgeräumt und lustig waren. Indessen kam des Fürsten sein Läufer, welcher seinem Herrn ganz leise ins Ohr sagte: Euer fürstl. Gnaden, den Kaiser hat diesem Augenblick der Schlag berührt, und er ist nun leider wirklich tot. Der Fürst erschrak, und sagte: du bist nicht gescheit; ich komme noch nicht lange von der Oper, und hab ihn alldort gesund und aufgeräumt gesehen. Euer fürstl. Gnaden, erwiderte der Läufer, ich komme dem Augenblick vom Hofe, man trug ihn in ein Zimmer, die Tore in der Burg wurden gesperrt, und es ist so und nicht anderst. Der Fürst schickte nun, um sichere Nachricht einzuholen, einen Kavalier nach Hof, welcher auch die nämliche Bestätigung brachte. In Eil stund man von der Tafel auf; alles weinte, und bedauerte den guten Kaiser und Marien Theresien; alle gingen traurigst in ihre Zimmer. Ich heulte und wälzte mich in meinem Zimmer aus Trauer und Bekümmerung um den besten Kaiser, für die liebe Kaiserin, und über mein Unglück. Nun wieder nach Hof. Es wurde den Augenblick ein mündlicher Eilbot nach Wien abgeschickt, über eine Stunde wieder einer, und unsere gute Kaiserin, Maria Theresia, wußte noch gar nichts. Sie befahl, man sollte ihren Kaiser fragen, ob man nicht bald zur Tafel anrichten lassen sollte. Es kam die Antwort, man sollte noch ein wenig warten, dem Kaiser Franz wäre nicht ganz wohl. Sie war bekümmert um ihren lieben Kaiser, und hatte über diese Botschaft keine Ruhe mehr. Es waren der jetzige Kaiser Joseph und der Kaiserin Beichtvater bei ihr im Zimmer. Über eine kleine Weile befahl sie wieder zu fragen, ob noch nicht Zeit zum Speisen wäre, und wenn ihrem lieben Kaiser nicht wohl sei, so wollte sie allein bei ihm im Zimmer speisen. Es kam die Antwort, daß man die Tafel nur sollte fortgehen lassen, es wäre ihm gar nicht wohl, und deßwegen wollte er nicht zur Tafel gehen. Jetzt wollte sie mit Gewalt hinüber, um zu sehen, wie es mit ihrem Kaiser beschaffen wäre; allein man hielte sie ab, soviel man konnte, man brachte ihr allerhand löbliche Diskurse bei, und aus diesem merkte sie, daß was widriges passiert sein müsse. Sie wollte abermal mit Gewalt den Augenschein selbst einnehmen, aber sie wurde wieder abgehalten. Nun kam der gewaltsamste und erschrecklichste Herzensstoß über die beste Matron, denn ihr Sohn, Kaiser Joseph, mußte ihr selbst sagen, daß ihn Gott zu sich genommen, und er nicht mehr bei Leben sei, mit den Worten: »Mama, auf diese Art habe ich meinen besten Papa sel. verloren.« Diese Donnerworte, welche die beste Kaiserin selbst von ihrem Sohne Joseph hören mußte, brachten ihr solchen eindringlichen Schröcken, daß sie augenblicklich in eine so schwere Ohnmacht dahingesunken, daß alle Bemühungen der Leibärzte und andrer Hofleute, zum größten Leidwesen des Kaiser Josephs, welcher auf zwo Seiten zu kämpfen hatte, in Zeit von drei Stunden vergeben waren, sie wieder zurecht zu bringen. Man kann sich die erstaunliche Niedergeschlagenheit des ganzen kaiserl. Hofes, wie auch meine, und aller übrigen Völker Betrübnis nicht genug vorstellen. Am andern Tage ging alles traurig in den Gassen herum; die besten Freunde redeten aus Trauer nicht einander an, und wurde sogar keine Glocke geläutet. Die wachthabenden Offizier zogen mit großen Trauerflören und mit piano gerührten Trommeln auf; alles war bestürzt, und alle Festivitäten waren auf einmal eingestellt. Alle auswärtigen Herrschaften wollten über Hals und Kopf wieder nach Haus, und waren nicht genug Pferde und Chaisen aufzubringen, weil alles auf einmal aufbrechen wollte. Es war an einem Dienstag, als ich aus meiner Liegerstätte mit Lamentieren bei der Gräfin von Trapp zum Vorschein kam; alle bedauerten mich wahrhaft, und die gedachte Gräfin riet mir, daß ich zum Säckler gehen, und 6 Dutzend schwarze Handschuhe für Ihre Majestät die Kaiserin, statt der weißen, nehmen sollte, welches mir, aus Verwirrung in Betrachtung meines und der lieben, guten, und betrübten Kaiserin Unglück, nicht würde eingefallen sein. Ich ging also zum Säckler Veit Mohr, dieser hatte solche im Vorrat, und er gab mir, so viel ich verlangte. Da ich damit bei Hofe im Vorzimmer ankam, ließ ich mich durch die Kammerfräule Gräfin Insagin melden: diese hieß mich weinend warten, und meldete es ebenfalls weinend der Kaiserin. Wie sie herauskam, sagte sie mir, daß ich hinein gehen soll zu Ihrer Majestät der Kaiserin. Ich sagte, ich könnte vor Weinen nicht, und legte deßwegen meine Handschuhe auf ein Kanapee; sie sagte aber: die Kaiserin hat es befohlen, und machte mir zugleich das Kabinett auf; ich mußte also hinein zu der höchstbetrübten Kaiserin, welche mich also anredete: »Gelt, Peterl! was wir Menschen sind, und was Gott tun kann? O! mein lieber Franz ist nicht mehr!« Sie weinte untröstlich, und ich konnte vor Schluchzen kein Wort reden, kniete vor ihr nieder, küßte ihren Rock, und ging weinend zur Tür hinaus. In der Garderobe bezahlte mir die Gräfin Insagin die sechs Dutzend schwarze Handschuhe, und sagte zu mir, ich sollte wegen meinem versprochenen Präsent nur einmal nach Wien kommen, sie wollte die Kaiserin schon daran erinnern, und mir verhilflich sein. Itzt zu dem nunmehr sel. Kaiser Franz. Dieser wurde auf einem Abend von einem Kavallerieregiment mit Fackeln nach Hall auf ein Schiff begleitet, von da aus er zu Wasser bis Wien zu den PP. Kapuzinern in die für ihn schon vorher neuerbaute Gruft gebracht wurde. Unsere betrübte Kaiserin und Landesmutter, Maria Theresia, mußte in diesen traurigen Umständen noch bei zwo Wochen in Innspruck zubringen, bis endlich zu Hall einige Schiffe ausgerüstet wurden, auf welchen die von unserer ganzen Nation beweinte, betrübte Landesmutter ihre Heimreise nach Wien antreten konnte, nach welcher Reise wir wenig Hoffnung mehr hatten, sie noch einmal zu sehen; wir begleiten sie also dahin mit von allen Herzen aufrichtigen Wünschen. In Innspruck war nichts mehr zu tun, weil alle Freuden auf einmal verschwunden waren, mithin ging ich auch mit gesenktem und sehr traurigem Kopfe ins Zillerthal nach Haus. Alles schien mir verdrüßlich, alles war mir zuwider, und der Tod schwebte mir Tag und Nacht vor den Augen; ich hatte weder Rast noch Ruhe, so daß jedermann befürchtete, ich möchte ganz kleinmütig werden. Meine Freunde rieten mir deßwegen, mich zu fassen, auf ein neues wieder eine Handelschaft anzunehmen, und mich damit auf das Land zu begeben, damit mir die Sache besser aus dem Kopfe kommen möchte. Zu dem Ende kaufte ich mir zu Innspruck Frauenzimmer-Handschuhe, grüne Hüte, beschlagene Halsbänder für Hunde, und etliche Dutzend Strümpfbänder ein, und ging mit einem Kameraden außer Land ins Bayern und Schwaben; ich kam endlich nach Ellwang zum Fürsten, welcher mich bedauerte, gnädig aufnahm, und mir befahl, eine Zeitlang bei ihm zu bleiben; denn er hatte mich, wie auch alle Herrschaften, sehr gern. Um mich wieder aufgeräumt und lustig zu machen, gab man mir öfters mehr zu trinken. In der Früh Liqeur, unter Tags Bier und Wein, und so alles durcheinander, daß ich auf die Letzt ins Trinken kam, und aufgeräumt wurde mehr, als dem Fürsten lieb war, deßwegen dieser für notwendig hielt, mir einen Aufseher oder Hofmeister beizulegen, welcher auf mich Acht haben, und ihm von meiner Aufführung Bericht abstatten sollte. Der Fürst war auch im Erzstift Köln präbendiert; er war nun Willens, aus Plaisier und wegen Luftsveränderung eine Reise von Ellwang nach Köln anzutreten. Es wurde alles dazu bereitet und eingepackt: mit ihm mußten reisen Herr Hofmarschall von Schwarzach, Herr v. Leyden, Vizedom, Herr v. Thurn, Hofkavalier, Herr Eib, Hofrat, Herr geistl. Rat Brucker, als Spediteur und unser Zahlmeister, Herr Kammerdiener Vacano, Kuchlschreiber, Heiducken, Hoflaquais und Kutscher mit zween Zügen Pferde. Der Fürst erlaubte mir auch mitzureisen, und ich wurde in die Liste als Hundshofmeister eingetragen. Die Bedienung samt der Bagage brach auf, und ich kam mit dieser zu Mildeburg, wo die Anstalten zum Einschiffen gemacht wurden, einen Tag vor dem Fürsten an. Wir hatten des Müllers von Wertheim seine zwei Jagd- und zwei Nebenschiffe, welche alle berühmt waren. Es waren im goldenen Anker Musikanten, wobei wir uns die ganze Nacht lustig machten. Ich hatte meine zween Hunde inzwischen eingesperrt; um 9 Uhr wollte ich nachsehen, und sie füttern: Au weh! wie erschrak ich, da ich keinen Hund mehr sah: sie waren fort. Um 11 Uhr aber, da die Turner bliesen, und der Fürst mit der Suite kam, wurde ich wieder erfreuet, da ich sah, daß die Hunde vorausliefen. Nach der Ankunft des Fürsten gingen wir gleich zu Schiffe; indessen wurden auf der Jagd sechs Böller losgebrannt, und sodann abgefahren. Wir legten auch unsere Reise, welche der Fürst als Graf von Fugger machte, in Zeit von zehn Tagen auf dem Wasser zurück. Unterwegs, wo etwas Gutes zu bekommen war, fuhr der Schreiner Martin mit einem Nachen hinaus, und proviantierte uns mit Wein, Bretzen, und was er nur aufbringen konnte, im Überfluß. Einsmals kochte ich auch eine tyrolerische Bretzensuppe mit Käse und frischem Butter geschmelzt, und brachte sie dem Fürsten, welcher mir selbe sehr lobte, und nach 20 Jahren noch sehr oft davon redete. Diese Bretzensuppe wurde von uns allen bei Butz und Stingl aufgezehrt, und weil wir einen Krug Wertheimer darauf tranken, und die Hofmusikanten, welche immerfort aufspielten, bei uns hatten, so kamen wir, da die Sonne unterging, recht lustig und vergnügt bei Mainz vom Main in den Rhein, wo wir mitten in dem Rhein mit Ankern über Nacht blieben, und die Schiffe mit Flambos beleuchtet wurden. Des andern Tages fuhren wir durch die Schiffbrücke bei Biberich, Bingen, Mausturm und Binginger Loch glücklich vorbei, und kamen mit der Zeit gegen Koblenz und der Festung Ehrenbreitstein zu, wo ich mit meinen sechs Böllern auf der Jagd die Festung begrüßte, und wir auch unter dem Donner der Kanonen empfangen wurden. Se. kurfürstl. Durchl. der regierende Kurfürst Klemens Wenzeslaus, als Koadjutor von Ellwang, kam uns in einer Jagd entgegen, und empfing unsern alten Fürsten als wie seinen Vater auf das zärtlichste. Es war wahrhaft rührend anzusehen, deßwegen auch allen Zusehern Tränen aus den Augen quollen. Der Kurfürst begleitete unsern liebenswürdigsten Fürsten nach dem Tal in seine Residenz, wo herrlich gespeiset, und hernach wieder unter dem Donner der Kanonen im Namen Gottes abgefahren wurde. Wir kamen den Rhein hinunter bei Bonn vorbei, und endlich zu Köln glücklich an. Allda landeten wir, stiegen gleich nach der Ordnung aus, und weil des Fürsten seine zwei Häuser auf dem Domplatz nicht ganz ausgebaut und meubliert waren, so mußte der Fürst bei seinem Bruder, der in der Rheinstraße, dem Graf Felix, logieren. Es waren unser sehr viele Leute, und der Hof war zu klein; deßwegen mußte ich und mein Hofmeister in dem Glashaus des Gartens unser Quartier nehmen, und darin schlafen. Des andern Tags ging ich in der Stadt herum spazieren, um die Merkwürdigkeiten von Köln zu betrachten und zu sehen; ich kam unter andern in den Dom, wo ich alles betrachtete. Nach geendigtem Gottesdienst gingen wir aus der Kirche über den Domplatz gegen des Fürsten Haus, wo man eben bauete. Hart an dem Dom in einem Gebäude hörten wir schreien und streiten. Wir waren kurieus, und gingen hinein: es war ein Religios in einem braunen Habit auf der Kanzel, und mehr als hundert Theologen und Juristen unten herum auf das höchste gegeneinander im Disput, aber alles lateinisch. Wir dachten, es wäre, wie bei uns im Tyrol, daß es bald zum Raufen kommen würde, und sahen nur, welcher zuerst zuschlagen werde. Wir hatten beide silberne Schlagringe an dem Finger, und waren bereit, über jenen, der der erste, zu raufen anfangen würde, herzuwischen, und ihn toll abzuklopfen. Aber weit gefehlt! Sie wurden im Disput wieder einig, es ging zu Ende, und alles ruhig auseinander. Wir gingen auch wieder heraus, und in der Stadt herum; die Leute betrachteten mich in meiner Kleidung als ein Wunder, und ich verstund auch die plattdeutsche Sprache der Kölner nicht. Bei der Tafel fragte mich der Fürst, wie mir Köln gefallen, wo ich gewesen, und was ich gesehen habe? Ich erzählte ihm alles, worüber er herzlich gelacht, daß ich schon dem ersten Tag gleich in die Disputation gekommen bin. Kurzum, mir gefiel es sehr wohl, und der Bleicherwein schmeckte mir ganz gut. Ich fing auch an, in der Stadt bei den Herrschaften bekannt zu werden; sie wollten von meinen Waren haben, aber ich durfte außer der Meßzeit nicht hausieren gehen. Der Fürst sagte, ich sollte zum regierenden Herrn Burgermeister von Kuen gehen, und ihn bitten, vielleicht erlaubte er mir es. Ich wies ihm meine Handschuhe, wovon er mir zwei Dutzend abkaufte, und bat ihn um die Erlaubnis. Er sagte mir aber, er könne mir außer der Meßzeit das Hausierengehen nicht erlauben; denn der Rat der Boutique ließ mir die Ware wegnehmen. Ich erzählte es dem Fürsten, welcher darüber lachte, und zu mir sagte: du mußt damit Präsente machen. Über ein paar Tage ließ ich mir eine Porte-Chaise bestellen, nahm einen Pack meiner Waren zu mir hinein, und ließ mich darnach zu den ersten Herrschaften hausieren tragen; denn mir ward nur das Hausieren-Gehen verboten. Wo ich hinkam, verkaufte ich, und die Herrschaften lachten über meinen Verstand und Einfall. Ich brachte meine meiste Ware ziemlich bald an. Unter andern kam ich in ein Haus: die Mutter und zwei schöne Fräulen kauften mir drei Dutzend ab; eine Fräule sagte, sie hätte Muster, ich sollte mit ihr auf ihr Zimmer gehen, ob ich dergleichen schaffen könnte. Wir gingen, und sie wies mir ihre Handschuhe: es waren dänische; sie fragte mich auch zugleich: Hast du Strumpfbänder? und was kostet das Paar? Sechs Kopfstücke! Willst du mir eine abmessen? O ja! vom Herzen gern. Sie setzte sich auf einen Stuhl, und gab mir das Knie; ich meßte, meßte Strümpfbänder ab, und dachte mir: im Schweiß deines Angesichts mußt du dein Brot gewinnen. Vor Konfusion, ich weiß nicht, wo ich geblieben bin, kam ich nach Haus zur fürstlichen Tafel, erzählte ihm, aber nicht alles: ich sagte ihm von den Handschuhen, und was ich gelöst habe; aber von Strümpfbändern? Nichts. Meine Ware ging bald zu End, und ich hatte gute Tage; alles war wohlauf, und der Fürst gesund. Eines Abends bei halbem Mondschein gingen wir um 11 Uhr in der Nacht in unser Glashaus schlafen, zogen uns nackend aus, legten uns nieder, und fingen an in der Stille zu beten. Ich war sehr furchtsam, und dies war bekannt. Um 12 Uhr hörte ich von weitem etwas; nüchtern war ich auch nicht; ich schauete durch die Fenster, und in allen Ecken herum. Ich hörte brummen, und sah eine Art von einem Bären durch den Garten ganz sachte auf mein Glashaus zumarschieren. Alle Haare stunden mir gen Berg, ich sprang auf vom Bette, fing jämmerlich an zu schreien, flugs war ich zur Tür hinaus, wie mich Gott erschaffen hat, und über den Hof hinüber, wo alle Kavalier und andere Leute sich versteckt hatten. Der Kuchlschreiber fiel über eine Kiste, und zerquetschte sich den Fuß, daß er vier Wochen liegen mußte; ich lief über die Stiege hinauf ins Vorzimmer; der Fürst schalte, weil er nicht wußte, was das für ein Lärmen war: aus Furcht, daß es brenne, rief er seine Leute zu sich. Man meldete ihm, es wäre ein Bär im Garten, welcher den Tyroler Peterl aus seinem Bette gejagt hätte. Ich wurde wieder in den Hof hinuntergeführt, und mein Hofmeister kam aus dem Glashause, brachte mir das Hemd, ich zog es an, und stund mit Furcht und Zittern da; alles schrie und lachte; die Kavalier ließen den Bären fangen, er wurde zu mir in den Hof geführt: ich wollte ausreißen und nicht abwarten, aber man hielt mich mit Gewalt; man brachte ihn zu mir, und der Bär fing mit mir zu reden an. Man zeigte mir, daß es der Hofläufer Karl war, welchen die Kavalier in des Fürsten seine Bärenhaut einnähen ließen. Wie es hier ergangen, kann sich jeder denken. Ich stund im Zweifel, ob ich mich wieder in meinem Glashause schlafen legen sollte, oder nicht. Der Herr von Thurn sagte aber: Adam! scher dich in dein Paradies, oder ich verhaue dir deinen Arsch. Alles ging endlich gegen 1 Uhr auseinander, und legte sich schlafen. Mir aber wollte kein Schlaf beikommen; ich nahm daher meine Zuflucht zu einer Bouteille Bleicherwein, weil ich gemeiniglich eine dergleichen im Vorrat hatte. Ich brachte die Nacht mit meinem Hofmeister und der Bouteille in Betrachtung und Überlegung meines Schicksals und meiner Begebenheiten ziemlich gut zu. Dem Tag darauf bei der Tafel fing man es wieder an, wo man es gestern gelassen hatte, und ich wurde ziemlich als ein Poltron und Hasenherz geplagt. Meine Waren und Strümpfbänder waren nun verkauft, und ich ging noch eine Zeit lang mit einem Läufer und meinem Hofmeister in der Stadt herum, wir besahen die Schätze, Altertümer, und andere Merkwürdigkeiten sowohl im Dom bei den h. drei Königen, als auch bei St. Ursula, und in der goldenen Kammer, das von sich selbst aus der Mauer gewachsene Kruzifix bei den weißen Frauen, St. Peter, St. Mergen Damenstift, und St.Kompert, wo auch die zwei Pferde auf dem Heumarkt in einem Hause unter dem Dache zu sehen sind. Der Herr von Truchseß war Domprobst, und auch zugleich Probst bei St. Geran oder Kompert, dieser kannte mich von dem Fürsten aus, er war ein lustiger Herr, und hatte mich sehr gern. Bei diesem speisete ich über Mittag; wir aßen gut, und tranken die besten Weine, und wurden ziemlich lustig und aufgeräumt; er sagte mir auch, daß er in Straßburg präbendiert und Domherr sei. Allda befände sich eine große Noblesse und viele Damen: wenn ich wollte, so könnte ich allda viele Handschuhe anbringen; er gehe bald dahin, wolle auch meine Kleider mitnehmen, und mich überall aufführen und rekommandieren. Ich erwiderte, ich könnte nicht französisch reden. Er sagte aber, es könnten viele Herrschaften Deutsch, und was ich notwendig brauchte, wollte er mich schon lehren. Ich war damit zufrieden, und die Reise wurde beschlossen. Er kam öfters zur fürstl. Tafel, und wir redeten manchesmal davon; der Fürst hielt es auch für mich nützlich. Ich brachte ihm also meine Kleider, schrieb auf Innspruck um neue Handschuhe, und kam öfters zu ihm in die Lektion. Ich blieb noch eine Zeit zu Köln, und bedankte mich beim Fürsten. Der Truchseß fuhr bald nach Straßburg, dem ich zu Fuß nachkommen sollte. Ehevor sagte er mir, wenn ich vor Straßburg über die Rheinbrücke käme, so stünde eine Schildwacht daselbst; dieser sollte ich meinen Passe-port weisen, und höflich zu ihr sagen: Monsieur, votre très humble serviteur! Baiséz mon cul! vous plait-il? so wird er mich mit aller Höflichkeit passieren lassen. Ich glaubte, es wäre alles richtig, weil es mir ein geistlicher Domherr im Ernst gesagt hat. Er fuhr nach Straßburg, und wir gingen von Köln auf Bonn, Koblenz, über den Hundsrücken auf Mainz, Worms, Mannheim, Brusel, Karlsruhe, Radstadt, Stohlhofen, und endlich nach Kehl. Unterwegs von Köln bis nach Kehl wiederholte ich Tag und Nacht bei mir mein Kompliment, daß ich es ja nicht vergessen sollte. Zu Kehl beim schwarzen Adler oder Rehfuß blieben wir über Nacht, und da war noch alles ziemlich deutsch. Dem andern Tag um 10 Uhr trat ich den Weg ganz furchtsam an, ging über die lange Brücke mit dem Paß in der Hand, und sah schon von weitem die Schildwacht. Ich zog den Hut ab, und machte mein Kompliment, indem ich sagte: » Monsieur, votre très humble serviteur! Baiséz mon cul! vous plait-il? « Sakaramust! wie erschrak ich, als er mir mit der Muskete ein paar Rippenstöße versetzte, und sagte: » Fouti garçon allemand, sacre Bougre! « Ich hielt nicht lange Stand, und lief wieder zurücke in Eil, den Paß und Hut in Händen haltend, über die Brücke. Im Wirtshause setzte ich mich nieder, schnaufte aus, überlegte das widrige Schicksal meines Kompliments, und daß aus meinem hoffnungsvollen Projekt wieder nichts geworden ist. Ich blieb im Wirtshaus, und schickte den Kellner zum Truchseß nach Straßburg mit einem Briefe. Dieser kam dem andern Tag in einer Kutsche herausgefahren, und wollte mich und meine Handschuhe hineinnehmen; ich sagte aber: Behüt mich Gott, ins Frankreich gehe ich in meinem Leben nicht mehr; wie wird es erst darin aussehen, weil es auf der Grenze schon so arg heruntergeht. Wie ich ihm den ganzen Verlauf erzählte, hab ich geglaubt, der Truchseß lache sich über eine Stunde zu Tod, so, daß er nicht mehr stehen konnte, er wollte mich hernach mit sich hinein haben, aber es war unmöglich. Er nahm meine Handschuhe mit sich, denn er hatte Gesellschaft, welcher er mein gehabtes Schicksal erzählte, worüber nicht wenig gelacht, und es überall bekannt gemacht wurde. Er verkaufte mir auch alle meine Handschuhe, schickte mir das Geld dafür und meine Kleider durch einen Bedienten; ich bedankte mich, und wir gingen sodann wieder zurück über Radstadt, Brusel, Stuttgart, Ulm, Augsburg, und sodann durchs Tyrol nach Haus. Ich war sonst auf dieser Reise ganz glücklich, daß ich mir ein wenig Geld zusamm erspart habe, mit dem ich, mein Weib und zwei kleine Kinderln eine gute Weile auskommen konnten. Siebentes Kapitel Ich werde daheim melankolisch. – Ich henke mich auf. – Ich werde abgeschnitten.; weil ich aber schon tot bin, will man mich wieder hinhenken. – Meine Frau erweckt mich wieder zum Leben. – Fürs Aufhenken werde ich bei Amt an die Kette gelegt und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. – Flucht aus dem Zuchthaus zu Innspruck. – Ich entwische nach Baiern. Eine Stunde vor der Ankunft in meine Heimat ging mir mein liebes Weib entgegen. Vor Freuden, daß sie mich wieder sah, fuhr sie mir um den Hals, weinte, und sagte: Mein Schatz! Gott hat unsre zwei Kindern zu sich genommen, und du triffst zu Hause keines mehr an. Je nun, als Vater betrübte es mich doch auch, und tat mir im Herzen leid, daß ich sie nicht mehr gesehen habe; ich sagte zu ihr: Mein Schatz! bekümmere dich nicht so viel, und gib dich zufrieden, es war ja der Willen Gottes; man soll heutiges Tages froh sein und Gott danken, wenn einem unser Herr Gott die Kinder zu sich nimmt; du siehst ja, wie hart man sich fortbringen muß, und wie ausgelassen und boshaft die Welt ist. Wenn man nicht Vermögen vom Hause aus hat, und sie versorgen kann, so weiß man nicht, wo oft dergleichen Kinder hinkommen, und wie es ihnen ergeht; im Gottes Namen. Unter diesen Gesprächen kamen wir bald nach Haus. Wir zogen uns aus, sie brachte mir warmes Wasser, und wir wuschen uns. Auf die Nacht kochte sie mir Wassernudeln mit Käse, und erzählte mir, was unter dieser Zeit zu Haus passiert sei; wir gingen darauf schlafen. Ich blieb einige Tage zu Haus, und ging alsdann nach Innspruck, um meine Waren zu bezahlen. Ich kam zu der Gräfin von Trapp, welche mich gerne sah; und mit mir Mitleiden hatte, wie auch zur Gräfin von Künigl, Tannenberg, Taxis, Wellersberg und Lodron. Unter andern ging ich auch mit einem Memorial, wegen meiner Wirtschaft, die mir die Kaiserin Maria Theresia versprochen hat, zum Gouverneur Grafen von Enzenberg, und gab ihm solches, mit Bitte, er möchte mir dazu verhülflich sein. Da ich wohl bekannt war, kam ich durch unterschiedliche Zimmer in der Residenz, unter andern durch den annoch schwarz spalierten Riesensaal ins Vorzimmer, wo unser höchst selige Kaiser Franz so schnell und unversehen dahin gestorben ist. Ein Schauer durchdrang mich, das Andenken an mein durch den so schnell erfolgten Tod verursachtes Unglück, und an die das letztemal hier gesehene betrübte Kaiserin Marien Theresien kam wieder in mein Gemüt und Seele so lebhaft zurück, daß ich ganz niedergeschlagen und traurig mich aus der Residenz hinaus machte, noch zu ein und andern Herrschaften, und hernach ganz betrübt wieder von Innspruck in das Zillerthal nach Haus ging. Unterwegs stiegen schwarze Wolken und allerhand melankolische Gedanken in meiner Seele auf; der Tod schwebte wieder vor meinen Augen, und ich kam ganz niedergeschlagen und betrübt nach Haus zu meinem Weibe, welche gleich sah, daß es mit mir nicht recht richtig wäre. Wir hatten uns einander lieb, deswegen war sie für mich bekümmert, und grämte sich sehr; sie ließ mich die wenigste Zeit allein: ihr Bruder Michael Fiechtel war mein Hofmeister, und mußte auf mich acht haben. Es ging so eine Zeit vorbei. In der Frühe war ich ganz munter und aufgeräumt, bis Nachmittag gegen 3-4 Uhr wurde ich betrübt und niedergeschlagen; vor langer Weile fing ich an zu weinen, und wußte nicht, warum: es kam mir alles verdrüßlich vor; das dauerte schier alle Tage bis 9-10 Uhr in die Nacht, wo ich ruhig wurde, und wieder einschlief. Eines Tages stund ich auf, und wir gingen in unsre Kirche. Die Leute sahen mich an, und es wurde überall bekannt, daß ich melankolisch wäre. So ging eine geraume Zeit herum. Die Leute, wie auch der geistliche Herr Provisor besuchten mich öfters, er sprach mir zu, und suchte mir die Sachen aus dem Kopfe zu bringen. Ich und mein Weib gingen wallfahrten auf St. Georgenberg. Ich ließ mir öfters zur Ader, aber es wollte nichts helfen und besser werden, so daß viele Leute mit mir Mitleid trugen, manche auch mir es wohl gönnten, weil ich ihnen zu glücklich war, und darum hatte ich sowohl Freunde als Feinde. Unter andern war Rupert Mayr, oder der sogenannte Bögler Riepl, Schmied zu Ried, ein junger sehr starker Mensch, der im Raufen wenig seinesgleichen hatte. Dieser war zur selben Zeit mein guter Freund, und wir waren Kameraden; er besuchte mich dann öfters: sein Schmiedhandwerk wollte ihm nicht recht anschlagen, und er hauste mehr rückwärts als vorwärts; er war auch ein Projektmacher, wie ich. So lagen wir miteinander manche Stunde vor meinem Hause auf dem Scholderbichl, und machten Projekte. Er hatte nicht viel Kapital, und ich gar keines. Wir kauften nichts destoweniger in Gedanken zu Ried nächst der Kirche ein altes Bauernhaus und Gütl, genannt Glaser. Dieses ließen wir miteinander abreißen, und neu aufbauen. Untenher zu ebener Erde sollte ich Bier schenken, und Wirtschaft treiben, wozu ich Hoffnung hatte, das Recht von der Kaiserin zu bekommen, weil sie es mir versprochen hatte. Im zweiten Stockwerk wollte Riepl Theriak machen, und Öl brennen: die Erlaubnis dazu hoffte er bald zu erlangen, weil er bei dem Gouverneur darum angelangt hatte; es wäre auch alles so geschehen, wenn wir nur dabei geblieben wären. In solchen Gesprächen brachten wir manche Zeit zu. Es kamen öfters mehrere gute Freunde zu mir: mein Vetter Urban Mayr, oder Seitner Urbl, mein Schwager Kapfinger Märtl, Riepl Peter, der Kerl, Schmied Jagt, und der Bader zu Stum unterhielten mich mit Diskursen, auch manchesmal mit Kartenspiel; allein nachmittags gegen 3-4 Uhr wurde ich niedergeschlagen und traurig: ich fing wieder an zu weinen, wiewohl ich nicht wußte, warum. Man redete es mir aus, soviel man konnte; allein mir war immer bang, und ich suchte allein zu sein. So war es täglich bis gegen 9-10 Uhr in die Nacht, wo ich wieder einschlief. In dieser betrübten Lage und Marter ging bald ein Jahr vorbei: Vormittag wußte ich niemal, und konnte es nicht glauben, daß ich Nachmittag nicht bei mir selbst, und ganz konfus und närrisch sein sollte. Aber alle andre Leute wußten es. Vor allen war mein armes gutes Weib Tag und Nacht bekümmert und wegen meiner Gesundheit besorgt, weil sie mich vom Herzen liebte. Eines Abends in der Fasten, da ein tiefer Schnee lag, spann mein Weib beim Licht, und ich las in einem Buche. Es wurde 8 Uhr, und ich wollte schlafen gehen. Mein Weib nahm ein Licht, und ging mit mir in die Kammer; ich zog mich aus, und legte mich im Hemde ins Bett. Mein Weib, weil sie an mir nichts merkte und ich ruhig war, sagte zu mir: ich will noch ein wenig spinnen, und hernach gehe ich auch schlafen; sie gab mir einen Kuß, und ging wieder in die Stube, um zu spinnen. Ich lag bei einer halben Stunde, und schlummerte ein. Es kam mir vor, als hörte ich vor dem Hause die Tochter meines Vetters Mosel-Martelein vom Berg herunter zu mir sagen: wenn ich die Bodenläden und Zaunstecken haben wollte, so sollte ich nur gleich heraufkommen, ihr Vater wollte sie mir zu kaufen geben. Ich stund auf, weiß aber heutzutage noch nicht, wie ich aus dem Hause gekommen; wäre ich über die Stiege hinunter gegangen, so hätte mich mein Weib gehört, oder bin ich vielleicht über den Solder hinab gesprungen. Kurz ich ging im bloßen Hemd und bloßen Füßen in dem tiefen Schnee bei einer halben Stunde weit über den Riedberg hinauf, kam zu Moslers Hause, und klopfte an. Die Bäurin war meiner Mutter sel. Schwester, die machte mir die Tür auf. Wie erschrak sie aber, da sie mich erkannte, und mich im bloßen Hemd sah! Ich fragte nach Martelein, sie führte mich in die Stube, worin acht Personen waren, lauter Vetter und Bäsel von mir, welche schon wußten, daß ich närrisch war. Ich grüßte sie; alle erschraken, ja einige machten sogar das h. Kreuz. Ich fragte, ob er mir die Bretter und Zaunstecken zu kaufen geben wollte. Sie stunden alle auf, setzten sich mit mir hinter dem Tische, nahmen eine Kreide, und fingen mit mir zu rechnen und zu handeln an, schickten aber geschwind einen Buben, den Mosl Bärtl, zu meinem Weib, welche, da sie mich in meinem Bette nicht angetroffen, schon vorher Lärm und Anstalten gemacht hatte, mich mit hölzenen Fackeln aufzusuchen. Ich diskurierte mit den Leuten, welche ich alle kannte, wußte aber dabei nicht, daß ich im bloßen Hemd war, und habe mich auch nicht geschämt, wollte auch öfters in meine Hosentasche um meine Tabaksdose greifen, wiewohl ich keine Hosen anhatte. Ich sagte auch, ich wollte wieder nach Hause; denn mein Weib möchte nicht wissen, wo ich hingegangen wäre, aber man ließ mich nicht aus, und sie handelten mit mir fort. Endlich kam Knappenhoißl, Ried Peter, mein Schwager und mein Weib, welche weinte, und auf ihrem Arm meinen Hut, Rock, Hosen, Strümpf und Schuhe hatte; ich erkannte sie gleich, und ging darauf zu: weil sie weinte, fragte ich sie, was ihr fehle? Sie gab mir meine Kleidung, ich zog mich an, zween führten mich, und wir kamen gegen 11 Uhr in der Nacht nach Haus, wir zogen uns aus, und legten uns schlafen. Die übrigen schliefen in der Stube. Des andern Tags in der Frühe stunden wir auf, gingen in die h. Messe, und ich wußte von allem wiederum nichts; es kam der Bader von Stum, man ließ mir wieder zur Ader, aber es blieb beim alten, und auf dem Abend bekam ich allzeit den alten Anfall von meiner Melankolie bis in die Nacht. So gingen etliche Wochen armselig vorbei; wir waren recht zu bedauern; denn ich und mein Weib nahmen grausam ab, und es konnte mir auch kein Mensch helfen. Es war an einem Sonntag auf dem Abend, daß Leute in meiner Stube beim Tisch mit Karten spieleten, nämlich meine zween Schwäger, Knappell Hoißl, und Schuster Sepäl; ich und mein Weib sahen ihnen zu. Ich hatte aber keine Freude daran, doch merkte man an mir nicht, daß es mir im Gehirn fehlen sollte. Aus der Stube ging eine Tür in ein kleines Zimmerl, welches nur ein Fenster hatte, in diesem war meines Schwagers Bett, und meine Bücher, die ich von ein und andern Herrschaften geschenkt bekommen hatte. Es ging auch von der Haustür ein Riemen in dieses Zimmerl herab, daß, wenn wer klopfte, man die Tür aufziehen konnte. Da ging ich hinein, nahm ein Buch, und legte mich nieder. Mein Weib legte sich auch in der Stube auf eine Bank hin. Die andern karteten fort bis in die Nacht hinein. Ich lag eine Weile, und es kam der alte Anfall wieder. Ich ward sehr ängstig und schwermütig: allein war ich, und so henkte ich mich an dem Riemen auf. Was ich itzt schreibe, haben mir hernach meine Leute gesagt: wenn ich nur daran denke, stehen mir noch die Haare gen Berg. Wie lange ich aber gehangen bin, weiß ich nicht. Es ward Abend. Ich hatte zwo Geißen hinter dem Hause in einem Ställerl. Diesen wollte mein Schwager das Nachtfutter geben, ging ums Haus bei diesem Fenster vorbei dem Ställerl zu; weil ich aber schon lange ruhig war, schauete er zum Fenster hinein, und wollte sehen, ob ich schlief; er sah mich aber hangen. Vor Schrecken sprang er zurücke, konnte nicht reden, ließ sich aber nicht die Zeit, die Schnalle bei der Tür aufzumachen, und so brachte er sie nicht auf. Da die andern beim Tische hörten, was geschehen sei, fuhren sie geschwind auf, sprengten die Türe ein, und sahen mich auch sogleich hangen. Mein Weib fiel aus Schrecken in Ohnmacht; sie lösten oder schnitten mich herunter, und legten mich auf das Bett: weil sie aber kein Fünklein Lebenszeichen mehr bei mir spürten, und in Furcht waren, ich wäre schon verschieden, so wurde beschlossen, mich wieder hinauf zu henken. Allein mein Weib ließ das nicht geschehen, und also blieb ich liegen. Das Haus wurde gleich gesperrt, und mein Weib schickte geschwind um den Bader, welcher auch gleich mich besichtigte, aber nichts anzufangen wußte: er schlug mir eine Ader, aber es ging kein Blut. Also blieben sie um mich bis 10 Uhr, und mein liebes bedrängtes Weib schickte noch um ein paar Mannsbilder zum Wachen. Nach 10 Uhr spürten sie bei mir Leben, sie rüttelten und schottelten mich, die geöffnete Ader fing an zu bluten, und es stieß mir einen Topfen Quark zum Mund heraus, so groß, wie ein Finger und in der Form eines geschnittenen Stücklein Käses. Ich spürte grausames Halsweh, und bekam starke Gichter, so daß sie mich an Händen und Füßen festhalten mußten. Man ließ die Ader wieder laufen, verband mich, und gab mir auch ein: so lag ich in einer Art von Raserei bis 4 Uhr in der Frühe, wo es endlich nachließ und ruhig wurde. Ich kam zu mir selbst, schwach und matt, und spürte noch grausames Halsweh. So lag ich bei 6 Tage; der Bader kam täglich zweimal, und stellte mich wieder ziemlich gut her. Ich stunde auf, ging in meine Kirche, und mit andern Leuten um, und konnte kaum glauben, was sie mir von dieser Geschichte erzählten. Ich war etwas bessers, doch noch nicht ganz richtig, denn auf dem Abend spürte ich allezeit meine Traurig- und Schwermütigkeit; daher mir meine Freunde rieten, ich sollte Waren einkaufen, und damit wieder auf das Land gehen, daß ich es eher vergessen sollte. Es gingen drei Wochen vorüber, ich ging nach Innspruck, kaufte ein, und kam wieder nach Haus; ich ließ noch einmal zur Ader, und war Willens, innerhalb 8 Tagen auf das Land zu gehen. Wie schon gemeldet, habe ich bei Ihrer Majestät der Kaiserin Marien Theresien um eine Wirtschaft angehalten, welche sie mir auch zugesagt haben, und versprochen. Da aber eine halbe Stunde von mir, nämlich zu Uderns, ein sehr reicher Wirt war, mit Namen Anton Pachmayr, welcher auch bey uns zu Ried ein Zapflhaus hatte, wandte er alles auf, um nur keine neue Gerechtigkeit aufkommen zu lassen. Unsere Obrigkeit, welche zu gewissen Zeiten des Jahres hereinkam, um Gerichtstage zu halten, nämlich Thäding, Kirchenrechnung, und dergleichen, war bei ihm im Hause; er galt viel bei ihr, und was er sagte, hatte Hände und Füße, NB . er war reich, und ich war arm, und der Gerichtsschreiber Schröck hatte eine Tochter von diesem reichen Wirte zu einem Weibe, er vermochte auch viel beim Pfleger. Diese zween mochten mich wohl beim Pfleger nicht gar zu gut rekommandiert haben, und vielleicht hätten sie gerne gesehen, wenn ich so unter der Hand nichts erhalten würde, damit nur keine neue Schankgerechtigkeit im Orte aufkommen möchte. Sei ihm, wie ihm wolle. An einem Nachmittag, als ich meine Handschuhe und wenige Kleider einpackte, waren wir, ich und mein liebes Weib, meine Schwester Lisl und mein Schwager beieinander in der Stube, als der Amtsknecht mit einem großen Hunde und Seitengewehr in die Stube trat, und sagte: du sollst mit mir hinaus zum Pfleger kommen. Wir alle erschraken, und ich fragte: ist es dann nicht Zeit, daß ich morgen um 8 Uhr zum Pfleger hinausgehe? Er aber zeigte mir die Schnüre, und sagte: wenn du nicht gleich gutwillig mitgehest, so muß ich Gewalt brauchen, und dich gebundener hinausführen. Es waren drei Stunden bis ins Rotholz: ich zog mich an, mein Schwager lief auf den Berg hinauf, um Riepl Peterl: dieser kam, und verwunderte sich sehr; ich, mein Weib, und dieser wanderten also mit dem Amtsknecht hinaus, ohne viel zu reden, und kamen beim Schloß an. Ich wollte geradenwegs zum Pfleger gehen, um zu erfahren, was es dann wäre; allein der Amtsknecht sagte, ich därfte nicht, es wäre der Befehl, ich sollte gleich mit ihm ins Amthaus gehen. Ich und mein liebes Weib weinten, und schieden betrübt voneinander. Mein Weib und der Riepl Peter gingen zum Pfleger, fanden aber kurzes Gehör, mit der Antwort, es werde sich alles zeigen. Ich wurde zu dem Gerichtsdiener in die Stube geführt. Der Gerichtsdiener Anton saß beim Tische, und schnitzelte an einem Polzscheiblein; er legte solches von sich, stund auf, und grüßte mich. Ich saß beim Ofen auf einer Bank. Ach Gott, wie erschrak ich! als ich sah, daß der Gerichtsdiener mit einer langen und schweren Kette und einer Schelle zu mir kam. Ich sah gegen Himmel, und fing an, laut zu weinen. Er legte mir die Schelle an den linken Fuß: es ging ein Loch durch die Wand, durch dieses ging die Kette, und in der Kuchl wurde ich angeschlossen. Da saß ich auf einer breiten Bank, und wenn ich aufstehen wollte, konnte ich nur auf einem Fuß stehen, den andern mochte ich nicht wegen Kürze der Kette auf den Boden bringen. Der Gerichtsdiener visitierte mich, nahm mir mein Messer aus dem Sack, meinen Flor vom Hals, und meinen Brustfleck und Hosenträger ab, damit ich mich ja nicht mehr henken könnte, wo ich doch schon einige Wochen gesund und besser war. In diesem jämmerlichen Zustande saß ich nun auf der Bank, und weinte eines Weinens zu sagen Tag und Nacht in schröcklicher Erwartung, was noch daraus werden sollte. Also war ich von allen meinen Freunden verlassen, und was mich noch am allermeisten schmerzte, war, daß mir auch der Trost meines Weibes geraubet wurde: sie durfte nicht einmal zu mir kommen, und auch im Beisein des Gerichtsdieners kein Wort mit mir reden. Ich war zu selbiger Zeit sehr furchtsam, und weil man mir vielleicht nicht trauete, mußte des Gerichtsdieners Knecht bei mir in der Stube schlafen. So gingen bei 8 Tage vorbei; unter dieser Zeit wurden von unserm Ort und Nachbarschaft Leute zitiert: Verwandte, Freunde, und auch Feinde, und wer mich nur kannte, mußten zu Gericht; man hörte einen jeden insbesondere ab, einer wußte dieses, der andere das, und der dritte wußte von meiner Sache gar nichts: so gab es durcheinander eine saubere Wäsche. In der zwoten Woche kam der Bahnrichter Lengauer mit einem Schreiber und dem Gerichtsverpflichteten von Straß mit Tinte, Feder und Papier Vormittag zu mir in die Stube, setzten sich zu Tisch, die Feder hinter dem Ohr, und fingen an zu schreiben: Wie heißest du? Peter. Wie noch? Prosch. Woher? Von Ried. Wie alt bist du? Bei dreiundzwanzig Jahren. Bist du verheuratet? Ja, der Pfleger hat es mir erlaubt, er kennt mich ja. Warum bist du daher gekommen? Das weiß ich nicht. Kannst du dir nicht einbilden, wessen Ursach halber? Nein, ich kann es mir nicht einbilden. Und alsofort fragte man mich um allerhand, auch weitschichtige Sachen aus: man examinierte mich mit unterschiedlichen Fragen, welche ich beantworten mußte; alles dauerte bei zwo Stunden, welche mir sehr lang vorkamen. Man packte zusammen, und ging zum Mittagessen: ich war sehr betrübt, weil ich nicht wußte, was dieses alles bedeuten sollte, und ich noch niemal bei dergleichen Sachen gewesen war. Dem andern Vormittag kam der Bahnrichter wieder mit dem Schreiber und Beisitzer, sie fingen mich aufs neue zu examinieren an, wo sie es gestern gelassen hatten. Sie fragten mich um allerhand Sachen, meine Lebensart und Aufführung betreffend, deren ich mich nicht mehr alles zu erinnern weiß; wenn ich alle Akten in Händen hätte, wollte ich sie gern anführen, aber es wäre vielleicht zu langweilig, und mein gegenwärtiges Werk würde gewiß statt 30 – 70 Bogen stark. So viel weiß ich gewiß, daß dieses Verhören bei 14 Tage fortgedauert hat. Man kam immer weiter, so fort bis zum Aufhenken, aber da dauerte es lang. Man fragte mich, ob ich weiß, wie ich es gemacht habe, wie, und warum ich mich gehenkt habe, ob ich Schmerzen gehabt, ob ich vorher Verdruß oder Rausch gehabt, oder ob ich in Rache und Feindschaft mit einigen gelebt, und dergleichen. Es wurden auch unter dieser Zeit wiederum allerhand Leute auf meine Aussagen zitiert und verhört, um zu sehen, wie die Sachen aufeinander gingen, um welches ich aber nichts wußte. Ich wurde nicht mehr verhört, die Akten wurden geschlossen, es wurde ganz ruhig und still, und man sagte mir, daß der Bericht nach Innspruck gelaufen wäre. Diese Nachricht kam auch in mein Haus zu meinem bekümmerten Weib, welche die ganze Nacht nichts, als geweint hatte. Diese, voller Freuden, glaubte, es wäre schon gewonnen, machte sich gleich mit meiner Schwester auf, und kam zu mir heraus, dachte auch, es brauche nichts mehrers, als ich därfte mit ihr nach Haus gehen. Man ließ sie aber nicht zu mir, und sie durfte nicht einmal mit mir reden. Der Gerichtsdiener versicherte und tröstete sie, sie sollte nur Geduld haben, der Sentenz würde bald von Innspruck zurückkommen: es wäre gar nichts Übels zu befürchten, weil sich kein großes Verbrechen gezeiget hätte. Sie ging also wieder nach Haus. Ich bekam auch größere Freiheit, und der Gerichtsdiener ließ mich einmal von der Kette los, damit ich in der Stube spazieren gehen könnte, schloß mich aber gleich wieder an. Etliche Tage waren herum, und ich hörte von weitem, daß zwar etwas von Innspruck zurückgekommen wäre, aber für mich nichts entscheidendes. Unter andern, daß, wenn sich nichts anderes äußern sollte, als daß ich ein melankolischer Narr gewesen, ich zu entlassen wäre; man sollte aber die Sache nochmal untersuchen: ich konnte aber nichts gewisses erfahren, worüber ich wieder ganz bestürzt wurde, weil ich schon so nahe bei meiner Erlösung war, und itzt wieder alle Hoffnung verschwand. Es wurden auf das Neue Leute zitiert, und zwar einige meiner nicht besten Freunde. Ich wurde wie das vorigemal verhört: wie ich heiße, woher, wie alt und dergleichen. Es kam auch öfters das Servanci servacis und ein Factis specis , oder wie sie es heißen, zum Vorschein. Der Herr Bahnrichter Lengauer hatte auch viele Gläubiger, wenigen Kredit, und nicht vielen Verdienst, doch von einem Verhör seine gute Besoldung. Dieser fand es vielleicht für notwendig, die Sache in die Weite und Länge zu ziehen, und recht zu untersuchen, weil er nie etwas dabei einbüßte, und etwas doch besser ist, als gar nichts, auch sonst keine Arrestanten da waren. Die Passion des Pachmayrs und seines Schwiegersohns, des Gerichtsschreibers Schröck, wegen der Wirtschaft mochten meine Sache wohl auch nicht verbessert haben. Es wurden über 20 Personen männlich und weiblichen Geschlechts verhört, und mußte zu Gericht, wer mich, sozusagen, nur kannte. Über 14 Tage dauerte dieses Verhör wieder, und der Gerichtsdiener wurde mit mir nun ganz ernsthaft. Es wurden drei Gerichtsverpflichtete zitiert, man hielt über mich Rechtsgeding; ich konnte aber nicht erfahren, was darin beschlossen worden, und der Gerichtsdiener war gegen mich sehr mißtrauisch. Hierüber ging die Sache wieder nach Innspruck. In Verlauf etlicher Tage aber kam der Bescheid zurück. Des Tages darauf kam der Bahnrichter Lengauer, ich weiß nicht mit wem noch, in meine Stube mit dem Befehl von Innspruck unter einem Arm. Mit einem feuerroten Gesicht und starker Stimme liest er mir mein Urteil herunter, welches ich vor Schröcken nicht verstanden habe: ich erfuhr aber hernach, daß ich zur wohlverdienten Strafe auf zwei Jahre lang nach Innspruck in das Zuchthaus geliefert werden solle. Alle Glieder brachen mir ab, und ich verwußte mich vor Schröcken nicht. Diesem Nachmittag mußte ich mit dem Gerichtsdiener an der Kette in eine grausame finstere Gefängnis oder Keiche, und wurde daselbst angeschlossen. Nun, lieber Gott! glaubte ich für gewiß, es gehe mir an mein Leben, wußte aber nicht, daß des Gerichtsdieners Weib die Stube brauchte, indem sie diesem Abend darin niedergekommen ist. Des andern Tags kam ein Wagen, man führte mich hinaus, schloß mich an den Wagen, und wurde so sorgfältig durch den Schörgenknecht und Hund begleitet, daß ich unterwegs gewiß nicht gestohlen werden konnte. Das Fuhrwerk ging über Schwatz, Wehr, Kohlseß, Wattens, Folders nach Hall. Unterwegs, wo mich die Leute gut kannten, wurde ich von vielen sehr bedauert, weil sie nicht wußten, was ich verbrochen hätte. Wir kamen um 3 Uhr nachmittags zu Innspruck an. Man entledigte mich meiner Fessel; ich wurde dem Zuchtverwalter vorgestellt, und mit einem Brief übergeben, welcher mir meinen Platz in einem Zimmer bei einem etlich und 70jährigen Manne anwies. Ich war im 23ten Jahr, nicht schändlich, und auf tirolische Weise schön gekleidet. Ich hatte weiße Strümpfe, eine schwarzlederne Hose mit drei silbernen Knöpfen an. Des Zuchtverwalters Frau bedauerte mich, und hatte gleich Mitleiden mit mir; ich wurde auch nicht mehr eingeschlossen, so daß ich, wenn ich wollte, zum Prüglvater und seiner Frau, wie auch zum Zuchtverwalter, welcher im dritten Stock logierte, kommen konnte. Es befanden sich übrigens zu ebner Erde in einem Gange, welcher besonders gesperrt war, etlich und 80 Züchtlinge, worunter auch mehrere mit Springern waren; unter diesen durfte ich nicht sein. Im zweiten Stock, auch in einem verschlossenen Gange, waren ebensoviele Weibsbilder. Die Kost, wie ich gehört, war schmal, und viel zu wenig. Am Sonntag auf einem Mann drei gar kleine Knödeln; am Montag Blendten, Dienstag Türkenkoch, Mittwoch eine Handvoll Dampfnudeln; Donnerstags wieder drei kleine Knödeln; Freitags mehr eine Handvoll Dampfnudeln; Samstags wieder Blendten. Auf die Nacht allzeit eine Wierlsuppe, oder eine Pfanne voll Türkenkoch, so dick und steif, daß zwölf Paar einen Schleifer darauf hätten tanzen können. Ich war aber nicht gezwungen, von dieser Kost zu essen; denn sobald es in der Stadt bekannt wurde, daß ich auf eine solche Art zu Innspruck Bürger geworden bin, so schickten mir ein und andere gute, mir wohl bekannte Herrschaften zu essen und zu trinken, daß ich mich also wegen diesem nicht beklagen konnte. Unterdessen kam auch mein Schwager und mein liebes Weib vom Hause herauf. Was war das für eine Freude, da wir, über sieben Wochen abgesondert, in dieser betrübten Lage uns wiedersahen, uns umarmen, und unser Herzenleid einander erzählen konnten. Sie ließ gleich eine Bouteille Wein holen, gab mir 5 fl. im Geld, und wir beratschlagten uns, wie mir zu helfen wäre. Ich gab ihr den Einschlag, zu den mir bekannten Herrschaften zu gehen, und zu bitten; es geschah. Einige gaben mir den Rat, ein Memorial machen zu lassen, und damit sollte sie nach Wien zu der Kaiserin gehen; man ließ ihr eines aufsetzen, sie ging damit, in Willens nach Wien zu reisen, von Innspruck ab. Dies erfuhr ich vom weiten durch meine guten Freunde, welche mir von den Herrschaften zu Essen und zu Trinken brachten. Ich hatte dann weder Rast noch Ruhe, bekam auch bei meiner letzten Aderläß ein gutes Attestat von meinem Medikus, daß ich ganz gesund, vernünftig und gescheit wäre, welches wohl wenige bei itziger Zeit aufweisen können; er sagte auch dabei, wenn man mich nicht bald entlasse, so wäre es kein Wunder, wenn ich ein rechter Narr würde. So gingen noch bei acht Tage vorbei. Mein alter etlich und 70jähriger Kamerad, welcher in seiner Narrheit glaubte, er wäre aus einem herzoglichen Geschlechte, tat nichts, als kommandieren und befehlen. Ein anderer Kamerad, der auch im Zimmer war, fluchte und schwur immer. Ein dritter, welcher für einen Hexenmeister gehalten wurde, unterhielte sich mit Segensprechen und Beten. In dieser Kameradschaft wäre es wohl kein Wunder gewesen, wenn ich meinen noch übrigen Verstand verloren hätte. Das Andenken, daß mein Weib soweit von mir sei, brachte mein ganzes Geblüt in eine Wallung, und führte mich auf Gedanken, welche mir hernach viel Verdruß machten; ich nahm daher meine Zuflucht zu Gott, und sprach im Geheim bei mir also: Lieber Herr Gott! hilf mir aus meinem Jammer, und erlöse mich nur diesmal, aber bald, ich will dir in meinem ganzen Leben nichts mehr einreden, und du kannst mit mir hernach schalten und walten, wie du willst. Du hast ja alle Menschen erschaffen, und ihnen den freien Willen gegeben; alle Menschen sehnen sich nach der edeln Freiheit, warum soll dann ich sie nicht suchen, wenn es in meinen Kräften ist. Du hast dir kein großes Verbrechen vorzuwerfen; man fragte dich nicht, da man dich der Gefangenschaft übergab, so bist du auch nicht schuldig, jemand zu fragen, wenn du dich in Freiheit setzen kannst, denn Notwehr ist ja auch erlaubt. Mit tausenderlei solchen Gedanken ging ich um, und die edle Freiheit wirkte in mir so viel, daß ich mich entschloß, alles für sie zu wagen; ich dachte mir, entweder mußt du sterben, oder du wirst ein Narr; denn lang kannst du hier nicht dauern. Es wurde endlich 7 Uhr abends, und ich lag ausgezogner auf meinem Strohsack. Der Prügelvater kam, und rief uns zum Rosenkranz. Ich entschuldigte mich mit einem starken Bauchgrimmen; er ließ es dabei bewenden, und ging seine Wege. Nun war alles in der Kapelle; ich rief dem Prügelknecht, und sagte ihm, daß ich starkes Bauchgrimmen hätte, er sollte mir ein Frackäl Bierbrandwein holen. Er brachte ihn alsogleich; ich tat einen starken Schluck: er trank auch. Geschwind noch einmal! er brachte ihn wieder: wir tranken, wie zuvor; und geschwind zum dritten Male! Wie er fort war, nahm ich den Rock und die Schuhe auf den Arm, und sprang beim Fenster hinunter in den andern Hof von der Tuchfabrik; halb gefallen, halb gesprungen zum großen Tor hinaus. Dort schauete des Zuchtverwalters Tochter zum Fenster hinaus, und sah mich. Sie wollte geschwind zurück, schlug aber ihren Schädel desperat am Fensterftocke an, daß ich lachen mußte; ich hielte mich aber nicht lange auf; durch die Kotlacke, durch die Vorstadt hinaus auf Millau bei der Wacht vorbei, der alten Straße nach, durch die Haller Au hinunter ließ ich mir gewiß kein Gras unter den Füßen wachsen. Bei der Stadt Hall vorbei gegen der Foldererbrücke wurde es gegen 8 Uhr, und es begunte Nacht zu werden: ich wollte noch hinüber, wiewohl ich schon einen Weg von drei Stunden gemacht hatte. Allein, da mich des Zuchtverwalters Tochter flüchtig gehen sah, wurde gleich Lärm gemacht, und mir nachgesetzt. Wie ich hernach vernommen, wurde alles genau verhört, Verwalter, Prügelvater und Prügelknecht; weil die Kommission, welche den Augenschein eingenommen, nicht glauben konnte, daß es möglich wäre, daß ich von diesem Orte hätte entweichen können. Wie erschrak ich also, da ich drei oder vier Schergen von Hötting oder Thauer erblickte; weil es aber schon finster wurde, wollte ich sie nicht genau betrachten, und bekam Füße, wie ein Hirsch, Ohren, wie ein Fuchs, und Augen, wie ein Falk, und die Haare stunden mir gen Berge, wie einem Igel. Ich dachte mir: erhaschen sie dich, so siehst du in deinem Leben kein Tageslicht mehr, und du kannst nicht mehr zu deiner Kaiserin gehen, dich auszubitten. Mit Schrecken erfüllt sprang ich links in die Kornäcker hinein dem Gebirge zu: da fand ich etliche miserable Irrwege, lief bei einem Bauernhof vorbei: ein großer Hund bellete, ich durchaus; kam sohin zu einem großen Mühlbach, da ich aber diesen Weg niemals gemacht, so wußte ich selben auch nicht zu treffen. Ich hörte schon wieder den Hund hinter mir auf dem Hofe bellen. Aha! dachte ich mir, meine Verfolger kommen nach; ich hatte keine Brücke, und wußte auch keine. Ich sprang also in den Vomperbach hinein, welcher sehr steinigt war, willens hinüber zu watten; allein das Wasser riß mich unter den Füßen weg, und trug mich wohl 10 Schritte hinab, doch zum Glück kam ich auf die andre Seite. Da verlor ich auch meinen Hut: Stock und Schuhe auf dem Arm waren ohnehin schon weg. Nun ging es über ein Feld, tropfnaß kam ich wieder zu einem Bauernhaus, wo wieder ein Hund bellete, ich lief aber geschwind vorbei. Hier erreichte ich einen Wald, und hinter mir hörte ich schon wieder den Hund bellen; durch diesen Wald sprang ich durch, und weil er bergigt war, zerkratzte ich mir nicht wenig die Hände und Füße. Endlich kam ich hinaus, und, weil es Mondschein war, sah ich von weitem ein Dorf mit einer Kirche; diesem eilte ich zu, und wie gemeiniglich bei uns in den Dörfern viele Obstgärten sind, sprang ich, da ich auf dem rechten Weg nicht war, über einen Zaun hin, und über einen andern her, bis ich endlich unweit der Kirche ein Bauernhaus erlangte. Ich kam zum Tennentor, so offen war, ging hinein, und sperrte es hinter mir zu; ich griff auf dem Tennen herum, und fand eine Leiter, legte solche an einem Ort an, und stieg auf eine Stallung hinauf, zog die Leiter zu mir hinauf, damit, wenn jemand kommen sollte, er nicht so leicht hinauskommen, ich aber auf einer andern Seite hinunterspringen könnte. Ich suchte und fand allda einen Haufen Heu, darin verbarg ich mich, daß man mich nicht finden sollte: ich grube herum, wie eine Schermaus, und, o Jammer! die Bretter brachen unter mir, ich fiel hinunter zwischen zwei Pferde in den Roßstall. Wie ich da wieder erschrocken bin, kann ich nicht beschreiben. Ich richtete mich auf, stieg auf den Roßbarn, und schlüpfte durch das nämliche Loch wieder unter dem Heuhaufen hinein. Ich lauerte (denn geschlafen hab ich gewiß nicht) so bei zwo Stunden. Endlich hörte ich laut reden, es wurde ärger, und so laut, als wenn 10 – 12 Personen über eine wichtige Sache Rat hielten, oder sich zertragen hätten. Ein neuer Schröcken! ich dachte mir, die Schergen wären gekommen, und hätten in dem Dorf Lärmen gemacht. Ich zitterte an Händen und Füßen: doch fiel mir ein, wenn sie es wirklich sind, so wissen sie doch deinen neuen Weg in den Roßstall nicht, wohin du entfliehen kannst. Nach und nach hörte und merkte ich, daß die Weibsbilder frühe aufgestanden, zu waschen. Ich hielt mich noch still und ruhig, bis 5 Uhr in der Frühe; da kam ein junger Knecht, schaute sich auf dem Tennen nach seiner Leiter um, und fing an zu fluchen: Die Schwanzbuben sind schon wieder aufm Gäßl gewest, und haben mir meine Leiter gestohlen. Aber mir war nicht ums Gaßlgehen. Die Gsottbank stund neben mir; der Knecht mußte also auf einem Baum heraufklettern, um Gsott zu schneiden. Er erstaunte, als er seine Leiter heroben sah, schaute umher, und wußte nicht, was es bedeuten sollte: fing doch an, Gsott zu schneiden. Ich dachte mir: was machst du itzt? Ha! er wird doch auch ein Mensch sein, Gefühl haben, und Mitleid tragen, wenn du ihm deine Sache entdeckest. Ich schlüpfte also unter dem Heu heraus. Wie erschrak er, als er mich sah, sprang zurück, und glotzte starr auf mich. Ich kniete nieder, bat ihn, und erzählte ihm meine Umstände, daß er mich ja nicht verraten möchte. Vom Mitleiden gerührt ging er fort, kam aber bald wieder, brachte mir einen halben Laib Bauern-Hausbrot, und sagte, ich sollte essen. – Mein Freund, ich bedanke mich, es ist mir weder um Essen noch Trinken; ich gab ihm drei Siebenzehner, und bat ihn, er möchte mir einen Fußsteig auf St. Georgenberg, wo ich sicher gehen könnte, anzeigen, welches er mit Freuden versprach, zugleich bat er mich, ihn auch nicht zu verraten, wenn ich sollte erwischt werden. Er schnitt Gsott bis auf Mittagzeit, ging zum Essen, kam aber bald wieder im großen Schröcken, bat mich aufs neue, ihn ja nicht zu verraten, und sagte mir: ob ich wüßte, wo ich wäre? Ich sagte, nein. – Beim Gerichtsverpflichteten im Hause, widersetzte er; drei Schergen sind schon im Dorfe, sie suchen alles aus, und kommen schon über die Gasse herauf. Der Knecht war weg. Mit Zittern wartete ich unterm Heu; keine Ausflucht war mehr übrig, als durch meinen heimlichen Weg. Ich will sie abwarten, und auf den Tennen kommen lassen, dachte ich mir, so kann ich eher entfliehen. In einer halben Stunde kamen die drei Schergen mit noch drei andern auf den Tennen, suchten alles aus, und stiegen endlich zu mir herauf. Sie sahen das Heu, und fingen mit Gabeln an, wegzuräumen. Itzt nahm ich stillschweigend den Abschied, durch mein Loch in den Roßstall, zur Tür hinaus, und machte Sätze, daß ich mir in meinem Leben dergleichen keine mehr zu machen getrauete: auch ein Hund würde mich nicht leicht erwischt haben. Ich lief dem Gebirge zu, durch das Dorf im Galopp; ehevor ich zu dem Gebirge kam, gelangte ich auf einen Fahrweg rechter Hand nach dem Gebirge hinunter. Diesem lief ich schnell nach, kam über eine Brücke, und endlich nach Vomp, durch das Dorf durch, und dem Kloster Fiecht zu; ich ging zum Klosterbauer hinein, und erzählte der Bäurin meine Umstände, welche gleich Mitleiden hatte, und mich in einem Keller versteckte: sie brachte mir eine Schüssel voll Schmalznudeln, aber mir war nicht ums Essen. Ich ruhete diesem Nachmittage im Keller ziemlich aus, und aus den Abend trat ich meine Reise durch den Wald auf den St. Georgenberg hinauf an; um 9 Uhr kam ich im Kloster an. Ich war vorher schon öfters allda, und meine Geschichte war weit und breit bekannt. Der P. Superior Benedikt führte mich in ein Zimmer, wo ich mich in ein Bett legte. Man brachte mir eine Suppe, und weil ich nun in der Freiung war, schlief ich diese Nacht ganz ruhig. Achtes Kapitel Elektrische Maschinen machen viel Spaß. – Ich binde zur Vorsicht mein junges Weib mit einem Strick an meinem Arm fest; sie wird mir aber losgeschnitten, ohne daß ich es merke. – Ehezwist und Versöhnung. – Protokolle mit Servancis servacis und Factis specis . – Likör und Bauchrumpeln. – Wettklistieren mit einem Juden. – Sauhatz und große Courage-Angst. – Das Dampfloch. – Fahrt nach Wien. Den Tag darauf kam der Pater Benedikt, fragte mich um alles aus, und ich war am ganzen Leibe wie gerädert: itzt spürte ich erst, daß ich mir an meinem rechten Fuß mit Abspringen vom Zuchthaus eine zween Finger tiefe Wunde versetzt habe. An Händen und Füßen war ich geschunden. Meine Schuhe und Kleider habe ich im Bache verloren. Der P. Superior schickte gleich einen Boten in mein Haus um Geld und notwendige Kleider. Mein Weib war eben im Begriff, mit meinem Schwager und einem Memorial nach Wien zu gehen, und meine Schwester mit weißer Wäsche zu mir nach Innspruck zu schicken, als der Bot kam, mit Vermelden, wie und wo ich wäre. Sie erschrak aus Freude darüber, gab ihm 4 fl. Geld, Schnupftüchel, Hut, Schuhe, Rock und Brustfleck mit, und sagte, sie werde sich gleich auf München begeben, wo wir uns einander sehen könnten. Ich blieb noch zween Tage liegen, weil ich nicht gehen konnte. Dem vierten Tage stund ich auf, und es wurde beschlossen, daß mich der Prälat mit einem Jäger über die Lampfen bis in die bayerische Riß zu nachts sollte führen lassen. Um zwo Uhr nachts traten wir den Weg an; ich bedankte mich vorher, weil ich für Kost und Liegerstätte nichts bezahlen durfte, und nahm Abschied. Wir gingen bei drei Stunden über ein grausam steiles und felsigtes Gebirg hinauf der Lampsen zu. Der Jäger hatte Brot und Brandwein bei sich, davon wir bisweilen einen Bissen nahmen, und einen guten Schluck daraus taten. Gegen 5 Uhr sahen wir von ferne auf einer Felsenwand etliche Gemse: ich wartete, der Jäger ging darauf zu, er ließ knallen, und es burzelte ein Gemsbock herunter; der Jäger öffnete ihn, schoppte Taxen hinein, ließ ihn liegen und deckte ihn zu. Wir gingen unsern Weg, kamen auf die Lampsen, und hielten allda Mittag. Darnach gingen wir dem Berg hinunter, und kamen durch die kaiserliche in der bayerischen Riß auf dem Abend an. Es war allda nur ein einziges Wirts- und Jägershaus zugleich, woselbst wir über Nacht blieben. Des andern Tags bedankte ich mich beim Jäger: er ging wieder zurück, und ich ging durch das Tal im Isarwinkel bis nach Lengries, dort fuhr ich auf einem Floß nach München. Als wir zu München unter der Isarbrücke fuhren, sah ich mit größter Freude mein Weib und meinen Schwager auf der Brücke stehen: Wir stiegen aus, ich und mein Weib und Schwager kamen zusammen; Hand in Hand umarmten wir uns, gingen in ein Wirtshaus, aßen und tranken; ich erzählte ihnen alles, wie es mir ergangen, welches mein Weib mit Weinen anhörte: wir beratschlagten uns auch, was wir weiters anfangen sollten. Mein Weib hatte die Vorsicht gebraucht, und meine zu Haus gehabte Ware auf dem Postwagen gegeben. Nun wurde beschlossen, nach Ellwang zu gehen, weil sie die Ware dorthin bestellt hatte. Wir gingen auf Dachau, Schwabhausen, Aicha und Postholzen. Da blieben wir über Nacht; ich und mein Weib schliefen beisammen. Ich hatte meine Hosen und Hemd an; der Schrecken war noch in mir, und mir kam im Schlafe vor, die Schergen wären wieder hinter mir: ich sprang zum Bette und Haus hinaus, der Straße nach durch Rhain, Donauwörth, Harburg, und etwelchen Dörfern bei 12 Stunden weit, bis Wallerstein zum Kronenwirt ins Haus. Dieser kannte mich, gab mir Essen und Trinken, und weil ich nichts redete, als von Schergen und Verfolgen, und eine große Furcht zeigte, so sperrte er mich in ein Zimmer, womit ich zufrieden war. Die Sache wurde im Städtchen bekannt. Dem Tag darauf kam mein Weib und Schwager, erfragten mich, und brachten mir wieder meine Kleider. Was war das wieder für eine Freude! Der Haushofmeister von Wallerstein kannte mich auch, ließ mich und mein Weib nach Ellwang führen, damit ich nicht mehr durchgehen könnte. Wir kamen zu Ellwang in der Residenz an. Der Fürst, welcher schon alles wußte, hatte eine Freude, daß ich wieder angekommen wäre; er versprach mir gleich seinen Schutz, gab mir Quartier bei Hofe, wie auch die Kost, und ich war nun außer aller Sorge und Furcht. Der Leibmedikus Tröltsch von Nördlingen, und Doktor Steinmann verschrieben mir Medizin, und in einem Vierteljahr wurde mir von dem Kammerdiener Singheiser wohl öfters als siebenmal zur Ader gelassen; ich bekam aufs neue mit schärferm Befehl meinen Hofmeister, durfte auch ohne Erlaubnis nirgends hin, als in Hofgarten und zur fürstlichen Tafel gehen; bisweilen auch in Märzenkeller, und zu St. Sebastian unter die große Linde außer der Stadt. Ich wurde nach und nach besser, und der Fürst erfreute sich, daß ich wieder gesund war. Ich blieb noch bei einem halben Jahre in Ellwang. Meine Handschuhe waren angekommen; ich war besser, so daß nichts mehr zu fürchten war. Mit Erlaubnis des Fürsten, der mir was schenkte, und den Befehl gab, bald wieder zu kommen, gingen wir auf Grallzheim, Bartenstein, Mergental und Würzburg; allda kamen wir zu meiner Mutter, Oberpostmeisterin von Decos, und logierten bei ihr. Zu Würzburg war von meiner Affäre noch nichts bekannt; ich ging mit meinen Handschuhen zu den Herrschaften, welche eine Freude hatten, mich wieder zu sehen, verkaufte auch überall. Mein Weib aber, weil sie jung und schön war, nahm ich nicht mit mir: man weiß schon, wie es bei Herrschaften hergeht, wenn sie ein fremdes Wildpret sehen; nur zu der Obersthofmeisterin von Greiffenklau ging sie mit mir, und blieb auch manchen ganzen Tag bei ihr im Zimmer, weil sie die Frau Obersthofmeisterin gern hatte. Mein Weib war ohnedem scheu, und nicht gerne unter vielen Leuten: deswegen blieb sie gern zu Hause. Ich kam nach Hof, und der Fürst hatte eine rechte Freude, mich wieder zu sehen, weil ich so lang ausgeblieben war, aber um alles übrige wußte er nichts. Ich bekam, wie ehevor, meinen Tisch bei der Knaben- und Offiziertafel, und alle Kavalier hatten mich sehr gern. Eines Tags ging der Fürst mit vielen Herrschaften ins Kollegium, um neue elektrische Maschinen zu sehen und zu probieren. Ich mußte auch mitgehen. Wir kamen in den Saal, und es fing an zu donnern, zu blitzen und zu regnen: alles war mathematisch. Man zeigte dem Fürsten allerhand Sachen. Ich hatte lederne Hosen an. Der Herr Oberststallmeister von Welden kam wie ungefähr zu mir, und sagte, ich sollte mich in den Lehnstuhl, der in der Gegend stund, setzen. Ich tat es, und er plauderte mir von seinem Pferde was vor, welches er mir schenken wollte. Ich spürte etwas, und man pumpte mir das ganze Hinterquartier in den Stuhl hinein. Der Fürst kam gegen mir herunter; man sagte mir, ich sollte aufstehen, ich konnte mich aber nicht losmachen, so viel ich mich auch bemühete. Der Fürst, alle Herrschaften stunden vor mir, und sagten, ich sollte doch aufstehen, es schicke sich nicht, vor dem Fürsten zu sitzen. Ich konnte aber nicht. Alles lachte, besonders der Fürst so sehr, daß ihm die Augen übergingen. Ich mußte eine Weile hangen, bis ich wieder losgelassen wurde. Ich konnte aber zween Tage kaum mehr sitzen. Man sah noch allerhand Sachen. Endlich mußte ich auf ein Bänkel stehen; man gab mir einen Eisendraht in die Hände, und trieb ein Rad um. Weil ich den Likör gern trank, kam der Fürst mit einem Gläsel, und sagte: Peterl! riech nur, wie herrlich er schmeckt! Ich schmeckte, und sieh! aus meiner Nase brach Feuer heraus, und zündete den Brandwein an; das Feuer fuhr so in meine Nase herauf, daß ich glaubte, es werde mir meinen Kopf zerreißen: ich wußte nicht mehr, wo ich stunde. Der Fürst ließ vor lauter Lachen das Glas samt dem Brandwein fallen. Die Herrschaften konnten sich auch nicht genug lachen, und ich wußte nicht, wie mir geschehen war, denn das war mir kein Spaß. Man sah noch mehrere Sachen: auch die Kirche, die nun sollte gebauet werden. Endlich fuhr man wieder nach Hof. Es gingen etliche Tage vorbei, und der Fürst erfuhr, daß ich mein Weib bei mir hatte; er fragte mich: Du hast ja dein Weib bei dir? Ja! Warum führst du mir sie nicht auf, und bringst sie nicht nach Hof? Nä! nä! es ist nicht notwendig. Du mußt sie doch einmal hereinführen! Für was? du weißt ja, wie es bei Hofe hergeht: Sippschaft, Oheim, Vetter, Enkel, Schwäger; ich brauch das Ding nicht, ich mag nicht. Ist sie so schön? Ja freilich! Morgen bring sie mit dir herein, oder ich laß sie holen; du mußt nicht so kindisch sein, es geschieht ihr ja nichts bei Hofe. Ja! du weißt es nicht, und bist nicht überall dabei. Nun, ich sag es dir, bring sie morgen mit dir, oder ich – – Die Tafel war vorbei, ich ging nach Haus und erzählte meinem Weib alles, welche keine Freude daran hatte, auch nicht gern nach Hof ging, weil sie scheu und furchtsam war. Ich hatte es zwar auch nicht gern, allein es mußte doch sein. Es war Sonntag, und bei Hofe große Kapiteltafel. Ich legte mein schönes Kleid, blau und rot mit Silber, und mein Weib ihr Feiertagskleid an. Wir aßen zuvor bei meiner Mutter über Mittag. Es schlug 2 Uhr. Ich nahm einen langen Strick, womit man die Wäsche aufzuhängen pflegt, band mein Weib am rechten Fuß damit an, und das andere Ende wickelte ich drei- bis viermal um meinen linken Arm. Also führte ich sie durch die Stadt nach Hof. Wir hatten nicht wenige Begleiter. Als wir über den Residenzplatz kamen, schauete bei Hof alles heraus. Der Hoffourier führte uns in den Marschallsaal. Potz Blitz! da ging's zu: Peterl, daher! Peterl, hierher! ich aber setzte mich mit meinem Weibe zwischen zween aufrichtig guten, vertrauten Freunden, dem General Münster und General Kerpen. Wir waren sicher. Alle Kavalier brachten meinem Weibe Konfekt, Apfel, Mandeln, Birne und Wein, aber mir nichts. Sie gefiel ihnen, aber ich hielt meinen Strick fest. Im Fürstensaal war Musik. Es war der Domprobst Frankenstein, Domdechant Groß, Weihbischof, Landrichter Greiffenklau, Kammerpräsident Kuttenburg, Obermarschall, General Stetten, Jägermeister Pöllnitz, Stallmeister, und viele Damen und Domherren gegenwärtig. Das Konfekt wurde aufgetragen. Die Kavalier gingen hinüber, und ich mit meinem Weibe auch hinten drein. Als uns der Fürst kommen sah, lachte er schon von ferne. Ich führte sie zu ihm hin, wir küßten ihm die Hand; er lobte sie, und lachte mich aus, daß ich sie nicht eher nach Hof gebracht hätte. Früh genug, sagte ich. Der Fürst lobte sie abermals, wie auch alle Herrschaften, und verwunderten sich, daß sie mich hat heuraten mögen, und dennoch war ihr keiner lieber, als ich; denn sie wußte schon warum. Ich hielt immer meinen Strick fest, und dachte, jetzt hat es keine Not mehr. Die Tafel ging zu Ende, man stund auf, und trank Koffee. Mich führte man aber zum Schenktische; weil sie mich alle gerne hatten, tranken sie mir eines zu auf die alte Hack; schwarze Guckele; was schert's die Welt; blaue Guckele; Hannsl im Keller; drei Hauptständ; uns wohl; niemand übel; brave Soldaten; ins Herz hinein, daß's bufft; alle schöne Mädeln; so viel Tropfen, so viel Jahre. Sie gaben meinem Weib auch zu trinken, und wir tranken guten Wein. Dem Fürsten gefiel es, daß mich die Kavalier gerne hatten, und lachte sehr. Alles stund voll herum: der Fürst redete lang mit mir, und ich hielt meinen Strick fest. Unter dieser Zeit schnitt der Domprobst Frankenstein den Strick ab, und mein Weib war fort. Er war zwar beiläufig 70 Jahre alt. Der Fürst redete noch mit mir; wir tranken; ich hatte aber auf mein Weib vergessen; er ging, die Herrschaften auch; ich sah mich um nach meinem Weib: au weh! ich hatte nichts als einen Züpfel Strick noch um den Arm. Da war es aus. Ich lief fort nach Haus, und sie war nicht da. Ich suchte sie im roten Bau, Rosenbach, Zobl, konnte sie aber nirgends finden, noch erfragen. Ich nahm zween Stadtknechte: wir suchten alle Häuser in der Stadt aus bis in die Nacht, aber umsonst. Ich weinte, weil ich wohl wußte, daß meinem Weibe auch nicht wohl wäre. Die Nacht ging, wiewohl traurig, vorbei. Dem andern Tag ließ mich meine Mutter kommen, und sagte, ich sollte mich nur nichts bekümmern, sie wäre an einem guten Ort, und wohl aufgehoben. Das macht nichts, ich bin Possessor, und wenn sie kömmt, so will ich sie recht abtrischacken. Untersteh dich, und rühre mir wegen diesem das gute Weib an: sie kann nichts dafür. Was, parbleu ! ich sie nicht anrühren? Unter dieser Zeit kam der Hofläufer Joseph, und sagte, ich sollte gleich zum Fürsten kommen. Ich ging, der Fürst war noch im Schlafrock in der kleinen Galerie; ich ging hinein und küßte ihm die Hand. Wie hast du geschlafen? Ich habe nicht geschlafen; ich weinte. Du mußt kein so Narr sein; dein Weib, die Kapfinger Maidäl, ist bei der Kammerjungfer der Frau von Frankenstein gelegen; du kennst ja den Domprobst, er ist ja ein alter Herr. Ja, Fürst! alte Kühe lecken auch gern Salz; ich will sie schon trischacken, wenn sie kömmt. Wenn du sie trischackst, so will ich mit dir auf der Fürstenwacht trommeln lassen: untersteh dich, und füg ihr nur das mindeste Leid zu! ich werde es gleich von deiner Mutter erfahren, so darfst du sodann nicht mehr nach Hof. So! du hilfst auch noch dazu zum Mätressieren? Ja, auf solche Art, weil man dich nur vexiert; es ist ja nur Spaß. Ah Spaß! was verstehst du von der Weiberei. Der Fürst lachte, und sagte: itzt geh nach Haus, und wenn sie kömmt, gib ihr gute Worte, und küsse ihr die Hand. Ja, ja! ich will sie schon küssen. – Untersteh dich! Ich ging nach Haus: meine Mutter saß im Zimmer, und fragte mich, was der Fürst gesagt hätte. Ich setzte mich auch in einen Winkel. Endlich kam mein Weib weinend, weil sie mich schon kannte. Ich sah sie nicht an, und kehrte mich gegen die Wand. Meine Mutter fing an: Schämst du dich nicht, du eifersüchtiger Lally? die Herrschaft macht Spaß, und du plagst dein Weib auch noch? Sie hat sonst nicht viel gutes an dir; gleich schau sie an, und gib ihr die Hand! Ja, wenn sie solche küßt. Vom Herzen gern, mein Schatz! sagte mein Weib. Ich schaute sie nun ein wenig an, und gab ihr die Hand: sie küßte mir selbe, und bat mich um Verzeihen; ich fuhr ihr um den Hals, und wir waren nun wieder ein Paar. Wir blieben auch noch eine Zeitlang in Würzburg, bis wir alle unsere Handschuhe verkauft hatten. Zuletzt bedankten wir uns beim Fürsten, weil er uns was ehrliches geschenkt, und gesagt hat, ich sollte mit meinem lieben Weib gescheit sein, gut hausen, und bald wiederkommen. Wir nahmen von allen Herrschaften Abschied, gingen zurück über Pittert, Mergenthal, Partenstein, Grallzheim, und kamen wieder auf Ellwang. Den dasigen Fürsten freuete es, daß wir so glücklich gewesen, und ich wieder ganz gesund wäre. Itzt müßt ihr eine Zeitlang bei mir bleiben und ausruhen. Wir blieben da, alles war recht lustig, und wir hatten die schönste Zeit. Mein Logement hatte ich, wie allemal, bei Hofe. Unter dieser Zeit war bei der fürstlichen Tafel der Diskurs wegen meiner vorjährigen Affäre, und der Fürst sagte, man müsse doch was anfangen, und nach Wien an die Kaiserin schreiben, sonst wäre ich zu Haus nicht sicher. Unterdessen hatte er Kundschaft von Innspruck eingezogen. Der Herr v. Leyden war Vizedom, ein vernünftiger und gescheiter Herr, dieser mußte mich unter die Hand nehmen und abhören. Außer der Stadt in dem Graben mußte ich wieder Inquisit werden. Das Examen fing so an: Wo bist du her? Wie heißt du? Wie alt? Auch kamen öfters wieder Servancis servacis und Factis specis zum Vorschein, und sofort bis zum Henken: von da aus bis zum Ausspringen vom Zuchthaus, und so alles akkurat, als wie es unsre Obrigkeit zu Haus gemacht hatte, daß ich wirklich geglaubt habe, sie haben es miteinander abgeredet. Der Herr von Leyden machte einen Auszug und Bericht dazu. Der Fürst begleitete es mit einem Schreiben, und bekräftigte es mit seinem großen Signet und eigener Unterschrift. Nun sollte ich mit meinem Weib nach Wien zu der Kaiserin gehen. Weil ich aber noch furchtsam war, getrauete ich mir nicht in das Kaiserliche zu kommen, aus Furcht, ich möchte aufgefangen werden. Ich wartete noch etliche Tage, und es trug sich zu, daß mein Vetter Urban Mayr mit seinem Bruder Philipp auch von der Handelschaft hier anlangten. Wir hatten eine Freude einander zu sehen. Sie kamen zum Fürsten, und weil der Fürst wußte, daß der Urberl schon einmal mit mir zu Wien gewesen war, fragte ihn der Fürst, ob er nicht wollte mit meinem Weibe nach Wien zu der Kaiserin gehen; er wollte ihn schicken. O ja! als Gesandter gehe ich gern. Der Fürst gab ihm 20 bayrische Taler, für beide zur Zehrung. Der Fürst gab ihnen die Briefe, sie gingen nach Regensburg, und fuhren auf dem Wasser nach Wien. Die Kaiserin war dazumal zu Laxenburg. Durch meinen Vater Kotegg fanden sie bei der Kaiserin einen Zutritt; mein getreues Weib tat einen Fußfall, und bat für mich. Die beste Kaiserin versprach ihr alles bei der Hand, schenkte mir alle künftige Strafe, und gab ihr noch 12 Kremnitzer Dukaten zu einem Reisegeld. Mein Weib bedankte sich, küßte ihr den Rock, und ging wieder nach Wien. In zween Tagen bekam sie einen Brief vom Graf Würm an die Obrigkeit zu Innspruck, daß, wenn nichts anders obwalte, als was sie vorgeben, die Kaiserin mir alles geschenkt habe, und ich frei wäre. Mit Freuden schrieb sie mir alles nach Ellwang. Sie fuhr sogleich von Wien mit einem Zeiselwagen über Linz und Salzburg ins Tyrol, und kam in 10 Tagen glücklich zu Hause an. Nun wollte ich auch nicht mehr lang bleiben; ich machte mich auf, bedankte mich beim Fürsten, und ging auch wieder nach Hause. Alle Leute verwunderten sich, daß ich mich aus dieser Wäsche so glücklich herausgearbeitet habe. Ich blieb eine Zeitlang zu Hause, und wir lebten miteinander in Lieb und Frieden. Mit der Zeit hielt ich zu Innspruck bei dem Gouverneur, Grafen von Enzenberg, um das Brandweinbrennen an, welches ich auch laut folgenden Patents erhielt. Formalia Wir N. und N. der röm. K. K. apostol. Majestät usw. usw. Repräsentations- und Hofkammer-Präsident, auch Rat der O. Oe. Landen, urkunden hiermit, daß wir dem Peter Prosch zu Ried, Gerichts Rottenburg am Inn, auf sein eingereicht bittliches Anlangen das Kerschen, Wachholder, auch allerhand Obst- und Beerbrandweinbrennen mit zwei Häfen in der von den Häusern entlegenen Hütte auf seine Person, auch auf Wohlgefallen und Widerrufen, gegen nachfolgenden Bedingnissen bewilligt haben, daß er, Prosch, in das unter-innthalische Umgelderamt, so lang selber mit dem Brandweinbrennen im obgemeldeten Ort verfahren wird, 2. fl. Umgelds-Rekognition jährlich zu entrichten habe, und zu sotaner Brandweinbrennerei sich allein des Holzes aus dem Salzburgischen (wozu er sich anheischig gemacht) zu gebrauchen, dann den Brandwein nicht als ein Zechgetränk weder zu Hause noch sonst klinwein auszuschenken, minder einig verdächtigen Personen Aufenthalt zu geben, gehalten und verbunden sein solle. Anbei wird ihm, Prosch, anbefohlen, wenn er jemand andern wissen sollte, so derlei Brandwein brannte, und nicht mit einem von uns ordentlich ausgefertigten Patent versehen wäre, solches unverlangt, und zwar bei Verlust dieser Konzession anhero anzuzeigen. Zu welchem Ende dann, und mit obig ausführlichen Bedingnissen wir eröftertem Peter Prosch diese Konzession unter etwelch aus unsern Miträten Handschrift und Petschaften verfertiget, bestellen lassen. Gegeben zu Innspruck, den 23. Monatstag Februar Anno 1761. J. G. Freih. v. Enzenberg. Sebastian Graf Trapp. Franz G. Sterzing. Joh. Ach. Fenner. Ich brannte also Kerschen-, Wacholder- Zwetschken-, Apfel- und Birnbrandwein. Ich hatte die Gerechtsame, und meine Schwestern Lisl und Threindäl taten die Arbeit. Ich trug öfters Schwarzkerschenbrandwein nach Innspruck zum Enzenberg, Spaur, Trapp und Findler. Sie lobten solchen, und zahlten mir ihn auch gern. Doch dieser kleine Handel wollte nicht viel austragen: auch der Frankenwein schmeckte mir besser, und lag mir mehr in dem Kopf, als der Tyrolerwein, besonders weil ich diesen kaufen mußte, und jenen bei Hofe umsonst trinken konnte. Ich legte mir also wieder Lederwaren und Handschuhe zu, ging nach Haus zu meinem Weib, nahm von ihr Abschied, und wanderte im Gottes Namen mit meiner Handelschaft auf das Land. Ich kam nach München. Der Kurfürst Maximilian sah mich gern; und gemeiniglich, wenn ich ihm einen guten Morgen gab, nahm er mich beim Schopfe, schüttelte mich, machte mir darnach das h. Kreuz, und ließ mich laufen. Bis zur Tafelzeit konnte ich hingehen, wohin ich wollte, und verkaufte also sehr viele von meinen Handschuhen. Der itzige Kurfürst von Trier, als Bischof zu Regensburg und Freysing, war auch zu München bei Hofe. Eines Tags, als ich bei meiner liebsten Kurfürstin Mariandl im Kabinett war, wo sie arbeitete, kam ihr Bruder herein; sie rekommandierte mich ihm, und sagte zugleich: »Bruder, der ist der einzige Narr, den ich leiden kann – er ist brav, schwätzt nicht, und kann gescheit sein, wenn man will. Man darf ihm trauen; mein Kurfürst und ich haben ihn recht gern.« Er gab mir die Hand zu küssen, und sagte, ich sollte ihn auch einmal heimsuchen, er könne mir auch zu essen und zu trinken geben. Ja! sagte ich, ein Mann ein Wort. Er gab mir die Hand, ich küßte sie, und nun war's richtig. Er hatte einen Hofmarschall, dieser war ein Pol, mit Namen Saboiski; er fragte mich, wo ich hingehe? – Nach Regensburg. Er sagte: komm morgen zu mir auf ein Frühstück; der Fürst geht morgen nach Freysing, du kannst auf einer Chaise aufsteigen, so kommst du leichter hinunter. Mir war es auch recht. Ich packte diesem Tage meine Bagage zusammen, und bedankte mich beim Kurfürsten und der Kurfürstin. Dem Tag darauf um 8 Uhr kam ich zum Hofmarschall; der Fürst war auch dabei; man trank Koffee, ich bekam auch einen. Zuletzt gab mir der Hofmarschall ein rotes Gläschen voll guten Likör, ich trank ihn, sie lachten: es ward aufgepackt, eingespannt, ich stieg hinten auf, und man fuhr von München ab. In einer Stunde, als wir gegen Freymann kamen, fing es in meinem Bauche desperat zu rumpeln an, so daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich mußte absteigen. Neben der Straße in einem Graben ging ein Spritzer, wie ein Brunn. Sie fuhren fort, und ich mußte nachlaufen, holte sie ein, stieg auf, aber durch das Nachlaufen hat es sich in meinem Leibe recht durcheinander geschüttelt. Es rumpelte wieder im Bauche, ich mußte absteigen, auf die Seite, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, absteigen, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, absteigen, auf die Seite, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, absteigen, auf die Seite, fortfahren, nachlaufen, absteigen; rumpeln, und so bei zwanzigmal in vier Stund: den halben Weg gelaufen, den halben gefahren, den Hintern und die Hosen schier zerrissen; stramazet und galldad kam ich zu Freysing an, und sah aus, wie ein weißes Tuch. Ob die Herrschaft unterwegs gelacht oder geweint habe, weiß ich nicht. Ich ging zum Bräu Lederer Hansen, ließ mir eine Suppe geben, und legte mich ins Bett, wo ich gut geschlafen. Die Herrschaft ließ mich demselben Tage, als wir ankamen, überall suchen, es konnte mich aber niemand finden. Des andern Tags in der Früh ging ich nach Hof, packte meine Handschuhe aus, und verkaufte auch einige. Bei der Tafel fragte mich der Fürst, wie es mir gestern ergangen, und wie ich heruntergekommen sei. Ich erzählte ihm alles natürlich: sie lachten vom Herzen darüber, und wünschten mir Glück zur bayerischen Aderlaß. Mir ging es zu Freysing gut; ich hielte mich noch etliche Tage auf, bedankte mich, nahm Abschied, und ging alsdann nach Regensburg. Mein alter Fürst Taxis Alexander war unter dieser Zeit in Witwenstand gekommen, weil seine gute Fürstin von Fürstenberg gestorben war; er war auch sehr betrübt. Ich war es nicht weniger, weil sie mich sehr gern gehabt hat. Eine Karolin, welche ich alle Jahre von ihr hatte, war auch hin. Der Fürst konnte mich ebenfalls wohl leiden, und unterhielt sich öfters mit mir, besonders wenn ich ihm vom Tode des Kaisers Franz erzählte, da rollten ihm öfters Tränen über die Wangen, denn er war gut kaiserlich gesinnt. Er ließ mir einmal in einer Gesellschaft 6 Dutzend Handschuhe auspaschen, wo er selbst mitspielte. Mein Essen und Trinken hatte ich in der Pagerie beim Knabentische, wo ich öfters als einmal bei einer Flasche Burgunderwein auf des Fürsten Taxis Gesundheit getrunken habe. Wenn viele fremde Herrschaften da waren, und der Fürst sah, daß sie lustig waren, befand er sich in seiner Herrlichkeit, und war aufgeräumt; er vergönnte auch jedem, sowohl Einheimischen als Fremden, was er hergab. Alles lebte bei diesem Hofe und war vergnügt. Leute, die er auch nicht brauchte, fanden bei ihm Brot, und er war in vielen Ländern berühmt: kurz, es war nur Ein Fürst Taxis . Alle Kavalier und Damen konnten mich gedulden, und ein jeder aus ihnen versprach mir, alle Jahre einen kleinen Taler zu geben. Dieses gefiel dem Fürsten, der mir eine neue Uniform, blau und rot, schön mit Silber bordiert machen ließ. Ich blieb noch eine Zeit, verkaufte Handschuhe, bedankte mich, nahm Abschied, und ging mit meiner Handelschaft über Nürnberg und Erlang nach Bamberg. Mein bester Fürst Adam Friedrich war von Würzburg nach Bamberg gezogen. Dieser erfuhr meine Ankunft im Nachtzettel, ließ mich dem andern Tage im Steinwege beim Einhornwirt mit drei Grenadier abholen, und ich kam auf die Fürstenwacht, bis es zur Tafel Zeit war. Der Hauptmann Redwitz und ich waren auf der Wacht lustig: es ging mir auch in der Tat nicht übel. Es besuchten mich einige von meinen Herren Vettern. Man ging zur Tafel, und ich wurde hinaufgeführt. Ich küßte dem Fürsten die Hand, er gab mir einen Verweis, daß ich so lang ausgeblieben wäre, meine Residenz nicht zur gehörigen Zeit angetreten, und die Vesper versäumt hätte. Ich entschuldigte mich mit dem, daß ich auswärtige Staatsangelegenheiten zu verrichten gehabt hätte. Der geheime Rat Aufseß und General Redwitz saßen nebeneinander, und der Graf Natt darzwischen. Der Fürst war gutes Humors, alle Herrschaften waren lustig und aufgeräumt. Nach der Tafel trank ich eins mit dem Domherrn von Pibra und Doktor Petz auf die alte Hack. Es hatte vorher geschnieen, und der Fürst fragte den Petz, was er glaube, daß aus diesem Schnee wohl werden wird. Ich wurde einquartiert, und bekam meinen Tisch wie gewöhnlich in der Pagerie bei den Knaben, welche mich auch alle gern hatten, und meine besten Kameraden waren. Der Hofmeister Carame war ein närrischer, lustiger, und, wenn er wollte, auch gescheiter Mann. Der Zeremoniarius Dietrich, Professor Behr, Repetitor Faber, Knaben Franz Kuttenburg, Lochner, Lips, Fett und Künsberg, Würzburger Kanzelisten, Geiger und Stang, wir alle waren bei einem Tische beisammen. Das war ein Leben. Studiert, repetiert, disputiert, auch bisweilen gezwickt; dabei hatte doch jeder seinen Dienst und seine Standespflichten erfüllt. Eines Tags hatte der Oberstjägermeister von Schamberg ein großes Diner oder Mittagstafel. Ich, der Nathan, Fischerl, und ein paar Juden kamen auch dahin. Alles war lustig und aufgeräumt: nüchtern waren wir auch nicht. Das Mittagsmahl dauerte bis in die Nacht. Es wurde gespielt. Einigen Kavalieren kam in den Sinn, mich und den Jud Nathan zu klistieren. Ich bekam 5 fl. und der Jud 3 fl. Es wurde zugerichtet: man legte uns nebeneinander auf einer Tafel auf die Bäuche. Die Operation ging vor sich; ich wurde mit kaltem, und der Jud mit warmen Wasser bedient. Au weh! wie schrien wir, da alle übrige in ein lautes Gelächter ausbrachen. Ich lief in dieser Verwirrung aus dem Zimmer über die Stiege hinab, zum Haus hinaus über den Platz, und kam ohne Stock und Hut in mein Quartier, weiß aber nicht, wie der Jud davongekommen ist. Dem andern Tage ging ich mit meiner Ware in der Stadt herum bei meinen bekannten Herrschaften, und verkaufte überall etwas, weil sie mich alle gern hatten, und leiden konnten. Unterdessen wurde zu einer großen Schweinjagd über den Seehof hinaus unweit Bratwurstsberg die Anstalt gemacht. Es war ein eingesperrtes Jagen, und ich, als Kammerherr von hinten und Nachtstuhlverwalter, fuhr auf des Fürsten Chaise auch dazu. Beim Fürsten war der Domprobst von Hutten, Domdechant von Fett, und Kammerpräsident von Kuttenburg. Alle Herrschaften und Fremde fanden sich auch dabei ein. Der Zug ging durch etliche Dörfer, und überall liefen viele Leute nach. Man kam bei Bratwurstsberg an, der Fürst stieg aus, und ging mit allen Herrschaften in den Umfang und zubereiteten Schirm hinein, welcher mit einem großen Gitter versehen war. Mehr als 2000 Zuschauer waren auf den Bäumen und überall herum. Vor dem Schirm steckten 5 oder 6 große Schweinsfedern; ich war beim Fürsten in dem Schirm, und es durfte niemand schießen, als der Fürst und die ersten, wie auch fremde Herrschaften. Die Jagd fing an, alsobald kamen 2 und 3 große Schweine heraus, so geschossen wurden, denn der Fürst war ein sehr guter Jäger. Es kamen wieder andere, und wurden auch geschossen. Man zog den Zeug auf und zu, und ließ nur soviele heraus, als der Fürst befahl. Endlich kam ein zweenjähriger Keiler, der Fürst schoß ihn an, er stürzte, lief aber wieder davon. Ich fragte den Fürsten, ob ich hinaussteigen, eine Feder nehmen, und das Schwein totstechen dürfte. Der Fürst erlaubte es mir; ich stieg hinaus, nahm eine Feder, und ging auf die Sau los. Der Fürst schickte jedoch einen Jäger und Heiducken mit Federn mir nach, welche ich aber nicht gesehen habe. Die Sau lief davon; ich bekam Courage, und verfolgte sie herzhaft, und, wenn ich sie erwischt hätte, hätte ich sie in den Arsch oder Bauch gestochen, weil ich das Jägerhandwerk nicht verstund und nie gesehen habe: sie lief aber davon, ich herzhaft nach, und schrie eines Schreien: Hui Sau! Hui Sau! Ich weiß nicht, durch mein Schreien, oder des Volkes Gelächter und Geschrei, oder vom Schmerzen des empfangenen Schusses wurde die Sau wild, kehrte schnell um, und in vollem Grimme auf mich zu. Ich – ach ich! wo ist Courage? – zurück, verlor meinen Spieß, meinen Hut, und einen Schuh, und machte solche Sprünge dem Schirm zu, daß ich völlig in den Lüften über das Gitter hineingehupft bin. Der Fürst sank zurück auf seinen Stuhl, die Augen gingen ihm über, er konnte nichts reden, allen Herrschaften bebten ihre Bäuche, und das ganze Volk schrie und lachte so, daß mir Zeit und Weil lang wurde. Mir war gar nicht lächerlich bei der Sache, ich sah gelb, grün, blau und weiß aus, und zitterte auf Händen und Füßen. Ich sah zurück: weit hinter mir lag Jäger, Heiduck und Schwein beisammen. Wie der Fürst vom Stuhl aufstund, und vor Lachen wieder reden konnte, sagte er mir: itzt hast du dein Courage gezeigt, und du darfst keck ohne Gefahr draußen bleiben, denn die Sau holt dich gewiß nimmer ein. Der Fürst und alle Herrschaften sagten, sie hätten in ihrem Leben keine solche Sprünge und Sätze gesehen; allein, was tut Furcht und Schröcken nicht? Die Jagd ging weiter fort, ich aber setzte mich aus Mattigkeit hinter dem Fürsten nieder. Man schoß in allem 72 Schweine, und die Hauptsau war um drei Zoll länger als ich. Es wurde abgeschossen, und alles ging wieder in seiner Ordnung zurück: wir kamen nach Bamberg, wo ich nicht wenig von dem Fürsten und allen Herrschaften die ganze Zeit hindurch wegen meinem Courage und Mut geplagt wurde. Eben dazumal fiel das Fest des h. Benediktus ein, an welchem der Prälat von Münchsberg gemeiniglich einige Herrschaften zur Tafel einzuladen pflag; ich war auch darunter begriffen; ich bat daher den Obermarschall von Stauffenberg um Erlaubnis, der mir sagte: du kannst zwar hinaufgehen, aber zu nachts bei des Fürsten Spiele, weißt du schon, daß du erscheinen mußt. Ganz gewiß! antwortete ich. Man fuhr hinauf ins Kloster: der Kammerpräsident Guttenburg, Oberstjägermeister von Schamburg, Oberst von Marschall, und noch mehrere Herrschaften waren dabei. Man ging zur Tafel, man speiste, es gab guten Wein, man wurde warm und aufgeräumt, kurz, alles war gutes Humors, so, daß ich auf den Obermarschall, auf den Fürsten und sein Spiel vergessen habe. Ich kam gut illuminiert um 10 Uhr in mein Quartier beim Raben im Sande an, und schlief ganz herrisch meinen Rausch aus; nichts blieb mir als ein wenig Kopfweh mehr übrig. Dem andern Tag ging ich wie gewöhnlich nach Hof; mein Hofmeister hatte sein Essen in der Ritterstube, und aß um 11 Uhr zu Mittag, und auf die Nacht um 6 Uhr. Wir gingen hin, und, weil ich noch einen Brand von gestern hatte, trank ich mit ihm ein Glas Wein zum Frühstück. Es schlug 11 Uhr, ein Viertel darüber, und er bekam nichts. Wir glaubten, es wäre darauf vergessen worden; aber die Aufwärter lachten, und sagten, es wäre heut Fasttag. Wir gingen in das Knabenzimmer, und ich dachte, ich kann ihm wohl von meinem Tisch etwas zukommen lassen. Es schlägt 12 Uhr. Man trägt die Suppe auf, man betet, und setzt sich zu Tische, und der Hofmeister Carame legte wie gewöhnlich vor. Ich bekam aber keine Suppe, und, weil er öfters so Spaß machte, wollte ich selbst um den großen Löffel langen, und mir vorlegen. Halt! hieß es auf einmal, es ist der Befehl vom Obermarschall, du hast Fasttag. Ich bekam also nichts, und die andern fraßen neben mir mit desto größerm Appetit darauf. Der Hunger und Durst drangen noch ärger in meinen Leib: fuchswild stund ich vom Tische auf, und gab meinem Hofmeister 30 kr., er sollte mir aus dem Wirtshause beim Raben etwas zu fressen holen. Er ging, kam aber nicht wieder, und ich wartete mit Ungeduld darauf. Es schlug 1 Uhr, und er kam noch nicht. Ich wollte darnach umsehen, und ging zur Residenz hinaus, man nahm mich aber gleich in Empfang, und brachte mich auf die Fürstenwacht. Wie erstaunte ich, als ich meinen Hofmeister mit seinem Topfe schon darin sitzen sah. Es ist der Befehl vom Obermarschall, hieß es wiederum, du hast Fasttag. Es schlug 2, 3, halb 4 Uhr, und war noch immer Fasttag; mich hungerte, daß mir die Augen übergingen. Man stellte das Konfekt, und, weil nichts warmes mehr auf der Tafel war, kam der Befehl, daß ich hinaufkommen sollte. Ich ging ins Tafelzimmer, alles lachte: ich küßte dem Fürsten den Rock; er grüßte mich, und sagte: Wo kommst du her, du Süffling? Von der Wacht. Wie hat das Mittagsmahl geschmeckt? Gar nicht gut. Er lachte, und sagte: Hast du einen kleinen Appetit? Kannst dir es denken, ich bin noch nüchtern. Wenn man halt ungehorsam ist, so muß man büßen. Die Kavalier wollten Spaß machen, aber vor Hunger ging mir nichts vom Herzen. Der Fürst sagte endlich: Nun geh hin zum Kuchlmeister, und laß dir etwas anrichten. Vom Herzen gern ging ich; ich wurde auch doppelt mit Essen und Trinken traktiert. Itzt war es besser. Daß ich den Tisch bei den Knaben hatte, ist schon bekannt. Einsmals nach dem Essen machte der Herr Hofmeister Carame seinen Koffee im Zimmer, wo er das Wasser in einem Teekessel auf der Kohlpfanne hatte. Der geheime Rat Brinner und Hofkaplan Faber waren bei ihm. Es wurde Zeit, daß ich hinunter zur Tafel mußte; ich nahm also Abschied, und ging meinen Weg über den langen Gang: unterwegs ging ich linker Hand aufs Privet. Keinen Hut hatte ich auf; ich setzte mich ganz ruhig nieder, den Kopf auf beide Arme stützend, und dachte weiter an nichts. Gerad hinauf ging ein Dampfloch: der Hofmeister sah mich hineingehen, geschwind nahm er seinen Teekessel voll warmes Wasser, lauft damit über eine Stiege zum Dampfloch hinauf, und schüttet mir das warme Wasser gerad auf meinen Kopf herab. Ich habe geglaubt, der Schlag rühre mich. Vor Schröcken machte ich einen Sprung zur Tür hinaus, vergaß meine Hosen hinaufzuziehen, und in dieser Verwirrung lief ich über die Stiege ins Tafelzimmer hinein. Alles fing an zu schreien und zu lachen; der Fürst fragte: Was gibt's? was gibt's? – – Ich weiß nicht, was es gibt; ich konnte vor Schröcken nicht erzählen, wie es mir ergangen, und der Fürst wußte nicht, was mir geschehen war. Endlich kam der Kammerfourier, und erinnerte mich an meine Hosen: ich zog sie hinauf, und legte mich ordentlich an. Als ich zu mir selbsten kam, erzählte ich dem Fürsten, wo ich gewesen, und wie es mir ergangen ist. Der Fürst lachte, daß ihm die Augen übergingen, wie auch alle Herrschaften. Ich blieb noch eine Zeitlang zu Bamberg, und es kam die Zeit, daß der Fürst wieder nach Würzburg ging; ich bekam die Erlaubnis, nach Hause zu gehen. Er gab mir meine Pension, und sagte: Habe Gott vor Augen, reise glücklich, haus' mit deinem Weibe gut, bleib nicht zu lange aus, und komm bald wieder. Ich küßte dem besten Fürsten die Hand, bedankte mich, und wir gingen von Bamberg ab über Nürnberg, Donauwörth, Augsburg, und sodann ins Tyrol; ich kam auch zu Hause glücklich an, wo ich mein Weib mit einer neugebornen Prinzessin ganz gesund angetroffen, worüber ich mich sehr erfreuet habe. Ich blieb eine Zeitlang zu Haus bei meinem Weib und Kind, brannte Brandwein, ging wieder nach Innspruck, zahlte meine Handschuhe, kaufte neue ein, ging zurück, blieb noch eine Zeit zu Haus, und fuhr alsdann mit einem Haller Ordinärschiffe auf dem Inn mit meiner Ware nach Passau und Linz; weil aber die Schiffleute nicht genug vorsichtig und das Wasser hoch war, so scheiterte das Schiff an einem Joch der Brücke. Einige Menschen kamen ins Wasser, einige sprangen in die nächststehende Salzzillen: unser drei sprangen an das nämliche Brückenjoch, wo das Schiff angefahren ist, und hielten uns über 10 Minuten aneinander fest, bis man uns mit Seilern zu Hilfe gekommen ist. Es waren sehr viele Menschen am Ufer, welche die ins Wasser gefallenen Menschen und Waren aufgefangen, und bis auf eine Weibsperson, so ertrunken ist, gerettet haben. Es wurde alles auf ein anders Schiff gebracht, wir fuhren hernach glücklich über dem Strudel und Wirbel, und kamen in der Rossau auf dem Schänzl zu Wien an. Neuntes Kapitel Graf Kotegg gewinnt mir all mein Geld ab, dazu noch Hut, Bauchbinde und Rock. – Angstnacht unter dem Kanapee. – Ich gewinne all mein Geld zurück und noch obendrein. – Zuckerhüte. – Die Kavaliere machen mir Angst um meine Frau. – Mausbüchsen. – Soldatenstreiche. – Die Nymphenburger Schloßkatze zieht mich über den Großen Kanal. – Kurfürstlich-bayrisches Gnadengehalt von 6912 Pfenning jährlich. – Mein getreues Weib stirbt. Ich ging mit meinen Handschuhen sogleich in die Josephsstadt zu meinem Vater und Mutter Kotegg, wo ich allemal freie Kost und Quartier hatte, welche wahrhaft eine große Freude hatten, mich wieder bei sich zu sehen. Meine Handschuhe waren die meisten schon bestellt bei der Fürstin von Schwarzenberg, Hatzfeld, Coloredo, Auersberg, Claris, Schulenburg, Thierheim, und noch mehr andern. 27 Dutzend durfte ich nach Hofe nehmen. Eines Tags kam ich mit meinem Vater Kotegg dahin. Die Gräfin Insagin meldete mich bei Ihro Majestät der Kaiserin, welche mich auch gleich kommen ließ. Ich machte meinen schuldigen Kniebucker, und küßte ihr den Rock. Sie grüßte mich, und fragte, wie ich hierher gekommen. Ich sagte ihr, auf dem Wasser, und wie es mir zu Linz ergangen sei. Sie lachte und sagte: was an den Galgen gehört, ertrinkt nicht. Sie hieß mich aufstehen, ich gab ihr Handschuhe, wie auch drei neue Kupferkreuzer zur Steuer von meinem Häusel, und ein Memorial wegen meiner versprochenen Wirtsschaft. Sie nahm alles gnädigst an, versprach mir auch die Wirtschaft, und gab mir zwölf Kremnitzer Dukaten für meine drei Kupferkreuzer als Steuer und für Zehrgeld. Sie redete noch allerlei Dinge mit mir vom Tyrol, ob man sie gern habe, und dergleichen. Sie ließ mir meine Handschuhe durch die Obersthofmeisterin, Gräfin von Baar, bar bezahlen, und sagte, ich sollte in etlichen Tagen zum böhmischen Kanzler, Rudolph Kotegg, gehen, er werde mir etwas Schriftliches nach Innspruck mitgeben. Ich machte meinen Fußfall, dankte ihr für alles tausendmal, küßte ihr den Rock, nahm Abschied, und sie sagte, ich soll ihr die Stiftsdamen zu Hall grüßen. Sie ging in ihr Zimmer, ich aber nahm rückwärts meinen Weg und ging nach Haus; mein Vater und Mutter hatten eine sehr große Freude, daß ich wieder so glücklich gewesen war. Der böhmische Kanzler, Rudolph Kotegg, war meines Vaters Bruder, dieser schickte mich in etlichen Tagen mit einem Bedienten zu ihm, welcher mich gleich vor sich kommen ließ; er befand sich aber nicht gut, und sagte, ich sollte heut bei ihm bleiben: der Bediente soll nach Haus gehen, und seinem Bruder sagen, daß ich bei ihm sei; er gab mir auch folgendes Schreiben nach Innspruck mit. Formalia An Ihro röm. k. k. apost. Majestät etc. etc. Peter Prosch, aus Tyrol, alleruntertänigst gehorsamstes Anflehen und Bitten, um Verleihung der Wirts- und Gastgebs-Gerechtigkeit. Resolutum. Dem k. k. Landesgubernio in Tyrol ex officio mit dem Auftrag beyzuschliessen, daß, wenn keine erhebliche Bedenken (welche allenfalls ehestens anzuzeigen) obwalten sollten, dem Supplikanten in seinem Gesuche zu willfahren sey. Per Sacr. Caesar. Reg. Majest. Wien, den 26. Dezemb. 1767. Jos. W. v. Reisch. Er ging nicht aus; zur Tafel kamen einige Herrschaften, und ich durfte auch mitspeisen. – Es wurde herrlich traktiert, und alles war aufgeräumt. Man stund auf, und trank Koffee. Die Herrschaften gingen nach Haus, und ich mußte bei ihm bleiben. Ich habe in der Frühe etwas von Handschuhen verkauft, welches er wußte; ich hatte auch eine rote und grüne Kleidung mit Silber von Würzburg an, und 40 fl., welche ich für Handschuhe eingenommen habe; wir waren allein. Auf einem Tische lag das Damenbrett, Becher und Pasch. Er sagte: Peterl! setze dich, wir wollen paschen. Wie teuer? Um einen Taler. Wir setzten uns, und, um ihm keinen Verdruß zu machen, spielte ich mit; verspielte das erstemal, zweite-, dritte- und viertemal. Ich fing an zu schwitzen, und saß ganz locker auf meinem Stuhl. Wir spielten fort; der Graf lachte heimlich, und in anderthalb Stunden waren meine 40 fl. weg. Ich zitterte an Händ und Füßen, und über meinen Rücken und Gesicht floß immer ein Schweißtropfen auf den andern. Ich wollte deswegen, und auch, weil ich nicht mehr setzen konnte, aufhören; er sagte aber: Wie hoch hältst du deinen Hut? – Fünf Taler. Wir spielten, und diese waren auch weg. Ich wollte wieder aufhören, aus Furcht vor meinem Vater und Mutter, wenn ich nach Hause käme, und alles verspielt hätte; er sagte aber: das tut nichts. Wie hoch hältst du deine Bauchbinde? – Sieben Taler. Wir spielten wieder fort; ich warf in Leid und größten Sorgen, verspielte allemal, und meine Binde war fort. Ich fing an zu weinen, weil ich fürchtete, ich därfte mich zu Hause nicht mehr sehen lassen. Ich wollte aufhören. Das tut nichts, laß du mich sorgen. Wie hoch hältst du deinen Rock? Ich gebe ihn nicht her. Probiere es, du kannst vielleicht alles wieder gewinnen. – Lieber Gott! zwanzig Taler. Wir spielten; in einer halben Stunde saß ich neben dem Grafen ohne Geld, ohne Hut, ohne Binde und ohne Rock, waschnaß, und alles war verspielt. Ich rehrte, und der Graf lachte heimlich, nahm mein Geld und Kleider, und ging damit in sein Kabinett, sagte aber lachend: ich komme bald wieder. Nun saß ich in meinem Elend, und dachte: was wird das werden, wenn ich nach Hause komme? Wohl eine Stunde lang sah ich niemand, es wurde finster, endlich kam ein Kammerdiener, ich fragte: wo ist der Graf? O! der Graf hat sich schon lang retiriert, heute siehst du ihn nicht mehr, du mußt ein andersmal kommen. Ich ging dann weinend ohne Hut, Bauchbinde, Rock und Geld über den hohen Graben, h. Dreifaltigkeitsplatz und Mehlgrube bis in die Himmelburgsgasse. Im Prinz Eugenischen Bau neben der Münze logierte mein Vater im Winter. Die Herrschaft war schon bei der Tafel, und ich suchte unvermerkt in meiner Mutter Kabinett zu kommen, schlüpfte unter ihr Kanapee, und schlief die Nacht ziemlich ruhig. Der böhmische Kanzler hatte das, was sich mit mir zugetragen, schon vorher zu wissen gemacht; sie warteten beim Essen mit Verlangen auf mich; sie schickten deswegen drei-, viermal hin und her, und wußten beide Herrschaften nicht, wo ich hingekommen wäre; es war ihnen doch wieder um mich leid. Des andern Tags in der Frühe, wie mein Vater und Mutter Koffee tranken, redeten sie von mir, und ließen den Haushofmeister kommen, dem sie befohlen, weil ich diese Nacht nicht nach Hause gekommen, in der Stadt nachzufragen, wo ich wäre. Ich rief nun vor Freuden laut unter dem Kanapee: Mutter! da bin ich. Sie erschraken, ich kroch heraus, da fing man an laut zu lachen, weil ich so en Negligé im Vorschein kam. Ich erhielt einen beiderseitigen Verweis, und alle Hausoffizianten waren froh, daß ich wieder an das Tageslicht gekommen bin. Ich mußte meine ordinäre Tyroler Reisekleider anziehen, und der böhmische Kanzler tat nichts dergleichen, daß er mir meine abgespielten Kleider wieder zurückgeben wollte. Wir blieben noch eine Zeitlang zu Wien. Endlich kam die Zeit, daß ich und die Herrschaft auf unsere Güter ins Böhmen gehen sollten. Wir kamen mit sechs Wägen zu Neuhof an. Der Erzbischof von Prag, Bschidofzgi von Bschidofzgi, und der Bruder, der böhmische Kanzler, kamen auch, meinen Vater und Mutter auf ihren Gütern heimzusuchen. Alles war wohlauf; wir hatten ein Gut in der schönsten Lage, Fischweiher, die schönste Orangerie, und Fasanerie. Man fuhr spazieren, und spielte auf dem Abend. Der böhmische Kanzler wollte wieder mit mir paschen. Ich sagte aber: Nä, nä! mit dir tu ich nimmer, du gewännst mir die Hosen auch noch ab. Mein Vater und Mutter, wie auch der Erzbischof von Prag sagten mir aber, ich sollte keck mitspielen, ich werde gewiß nichts verspielen, und glücklich sein. Der Erzbischof lieh mir 6 kaiserl. Taler; wir setzten uns, paschten, und vier Taler waren in kurzer Zeit wieder verspielt. Nun fing ich abermal an zu schwitzen; alles lachte. Die Gesellschaftsfräule Tonnerl hatte mich gewiß inniglich lieb; sie steckte mir rückwärts 3 kaiserl. Taler zu, und sagte, du mußt Courage haben, und keck spielen. Durch diesen jungfräulichen Eifer angetrieben, stund ich auf, voll Courage; ich gewann immer fort; meine Mutter lachte heimlich, mein Vater auch; alles patschete, und sprach mir zu: ich bekam noch mehr Courage, und gewann meine 40 fl., Hut, Bauchbinde, Rock und noch dazu 27 fl. Kaisergeld. Itzt sprang ich auf, fiel meinem Herrn Onkel, dem Kanzler, um den Hals, küßte die Tonnerl, und meiner Mutter die Hand, und versprach, in meinem Leben nicht mehr mit einem großen Herrn auf Risiko zu spielen. Alle Herrschaften hatten mich gern, und deswegen blieb ich noch eine Weile. Mein Bruder, der junge Johann Kotegg, welcher die Gräfin Klary geheuratet hat, und itzt bei der Justizstelle Präsident ist, gab mir zween Karolins zur Apanage von unsern Gütern, sohin gingen wir mit dem Erzbischof nach Prag, wo wir herrlich bewirtet wurden, in des Erzbischofs Residenz logierten, und alles Merkwürdige in der Stadt besahen. Der Erzbischof, als Herr Vetter, schenkte mir einen sechsfachen Kremnitzer Dukaten, wofür ich ihm die Hand küßte, und mich höflichst bedankte. Mein Bruder, der junge Graf, ging zu seinen Eltern, nach Neuhof, zurück; ich küßte ihm tausendmal die Hand, nahm Abschied, und marschierte über Thabor, böhmisch Buttweiß und Linz nach Salzburg, wo ich beim Bierbräu in der Höll einkehrte. Ich hatte noch von des vorigen Erzbischofs von Schrattenbach Zeiten her ein und andere Bekannte, als den Obersthofmeister, Graf Arko, den Oberststallmeister, Graf Kimburg, die Grafen Seau und Kimburg, Domherren von Salzburg und Ellwang. Ich legte meinen würzburgischen Uniform an, und weil ich des Erzbischofs Vater und Geschwisterte von Wien aus kannte, kam ich nach Hof. Der Erzbischof war ganz freundlich, und hatte eine Freude mich zu sehen, weil er von den Hofleuten von mir schon vorher erzählen gehört hatte. Der Oberststallmeister, Graf Kimburg, war mein bester Patron. Ich hatte Essen und Trinken bei der Kavaliertafel. Der Fürst und die Domherren waren alle aufgeräumt und lustig, und hatten mich recht gern. Eines Tages, wie es in Salzburg schon seit vielen Jahren gebräuchlich sein muß, kamen mit dem Konfekt vier schöne kleine Salzstöckeln auf die Tafel in Form großer Zuckerhüte, welche jährlich an einem gewissen Tag von den Salzarbeitern in Hallein dem Erzbischof wegen gewissem Trinkgeld zum Präsent gemacht werden. Die Herrschaften lobten solche, und der Erzbischof fragte mich, wie mir diese Zuckerhüte gefielen; recht gut, sagte ich, wenn ich nur ein halbes Dutzend zu Haus hätte. Er sagte: ich will dir ein Paar schenken, wenn du sie mit dir nach Haus nehmen willst. Ich küßte ihm dafür die Hand, und dankte. Er schenkte mir noch zween Dukaten, und sagte, ich sollte ihn bald wieder heimsuchen. Ich ging von Salzburg nach Reichenhall, Lofer, und den tyrolischen Paß Strub, wo ich für meine zween Zuckerhüte, welche l6 lb. wogen, 1 fl. 32 kr. K. G. Maut bezahlen mußte. Ich kam mit meinen Zuckerhüten glücklich zu Hause an, wo ich mein liebes Weib und meine Kinder gesund antraf. Ich zeigte ihr sogleich meine Zuckerhüte, welche ich von Salzburg bis nach Haus auf dem Buckel getragen habe. Sie hatte eine große Freude daran, und sagte: Schatz! nun haben wir auf viele Jahre Zucker genug. Wir aßen auf die Nacht und gingen schlafen. Des andern Tags in der Frühe sagte ich zu meiner Frau Liebsten: mach uns ein warmes Bier, aber gut. Sie nahm eine Maß Bier, und machte es wie gewöhnlich; wir setzten uns zum Tische, ich schenkte ein. Ich gab auch meinem Kind davon zu trinken; dieses machte ein Maul, als wenn Gall darinnen wäre. Ich trank auch, und es war teufelmäßig sauer; ich greinte deswegen mit meinem Weibe, und glaubte, sie habe ein Tropf- oder sonst ein saures Bier genommen; sie sagte aber: Nein. Ich tat noch einen Brocken Zucker darein, rührte um, versuchte noch einmal; es war aber weit mehr sauer, als zuvor; ich gab auch der Hauskatze davon, diese mochte aber keines. Ich schleckte endlich am Zucker, und merkte, daß es Salz sei. Itzt war mein Handküssen, Zollgeben, Buckeltragen, unsere Freude, und alles umsonst; es reuete mich nur, daß der Zoll mehr austrug, als das Salz wert war. Nach einer kurzen Zeit ging ich nach Innspruck, meine Handschuhe zu bezahlen, und gab dem Graf Enzenberg meinen Brief, welchen mir der böhmische Kanzler zu Wien, Graf Kotegg, mitgegeben hat. Also erlangte ich endlich in zwei Jahren nach vielen gemachten Wegen und großer Mühe meine Schenkgerechtigkeit, wiewohl der Anton Pachmayr stark dawider war, und mich nicht aufkommen lassen wollte, auch die Obrigkeit es nicht gern sah, da doch die ganze Gerechtigkeit jährlich nicht 20 fl. austrägt, und dem Hauptwirt gar keinen Schaden tut, wie sich hernach gezeiget hat: nichtsdestoweniger wurde die Sache durch falsche Vorspieglungen von zerschiedenen Parteien bei der hohen Stelle rückhaltig, und meiner Ehre und gutem Namen ziemlich nachteilig gemacht, welches ich aber an seinem Ort gestellt sein lasse, bis ich endlich aus beigebrachten überzeugenden Beweistümern und Attestaten folgendes Dekret bekam. Formalia. Von der röm. k. k. apost. Majestät etc. etc. wegen, hiemit in Gnaden anzufügen, auf das bittliche Gesuch des Peter Prosch zu Ried Gerichts Rottenburg am Inn, um Verwilligung einer realen Bier- und Brandwein-Fratschlerey nebst Auskochung warmer Speisen, will man bey dermal nicht sonders widrig fürwaltenden Umständen solche Bier- und Brandwein-Fratschlerey und Abgab der warmen Speisen, jedoch auf seine Person allein, und gegen quartaliter zu erlegenden dreißig Kreutzer Umgelds- Recognition hiemit gestattet haben. Wornach dann der Impetrant zu verabscheiden ist. J. G. Freyh. v. Enzenberg. Ex Mand. excell Gub. sup Austr. actum oeniponti in Cons. die 5. Jan. 1769 Joseph v. Freising. Hier kann man die Ungleichheit des Resolutium sehen, welches ich von Ihro Majestät der Kaiserin erhielt, und des gegenwärtigen Dekrets, welches nur auf Bierzapfen-Recht lautet, wo mir doch im erstern von der höchsten Stelle aus eine Wirt- und Gastgebs-Gerechtigkeit ist verwilliget worden. Nun war ich Brandweinbrenner und ein Bierzapfler; weil aber bei diesem Gewerbe vieles auf das Borgen ging, konnte ich mich in meinem Vaterlande nicht ernähren, und mußte also mein Brot wieder weiter mit meiner Handelschaft in fremden Ländern suchen. Zu diesem Ende kaufte ich Handschuhe ein, ging damit auf das Land mit meinem Hofmeister, und kam nach Augsburg, Dillingen und Ellwang. Der dasige Fürst hatte eine Freude mich zu sehen, und alle Kavaliers waren froh, daß ich wieder angekommen bin, weil sich der Fürst manche Stunde mit mir im Diskurs unterhielt, und deswegen gutes Humors und aufgeräumt war. Ich blieb eine Zeit dort, und bedankte mich beim Fürsten, welcher mir allzeit was schenkte; er sah es aber nicht gern, daß ich fortging, und befahl mir bald wieder zu kommen. Weil aber der Erwählungstag zu Würzburg, nämlich der heilige drei Königstag, herankam, wo meine Residenz bis Kiliani anfing, mußte ich trachten daselbst einzutreffen; ich ging also über Grallzheim, Partenstein, Mergenthal nach Würzburg, und logierte, wie allzeit, bei meiner Mutter, Madame de Cosse , auf der Post. Ich kam nach Hof; der Fürst lobte mich, und sagte: So bist du brav, wem; du fleißig kömmst; itzt kannst du deine Residenz machen, und eine Zeitlang bei mir bleiben. Ich verkaufte überall von meinen Handschuhen, und wurde fast täglich bei den Herrschaften zur Tafel geladen, so, daß ich selten bei Hof speisen konnte, wo ich doch den Knabentisch und Marschalltafel frei hatte. Wenn aber das Konfekt auf die fürstliche Tafel gebracht wurde, mußte ich bei der Hand sein; denn diese war dem guten Adam Friedrich seine Unterhaltungsstunde bei der Tafel, daß er sich von seinen Regierungsgeschäften ein wenig erholen und aufmuntern möchte. So gingen einige Wochen vorbei. An einem Donnerstag fragte ich den Obermarschall von Gebssattel, ob ich morgen nicht zur Ader lassen und zu Hause bleiben därfte. Er sagte aber: du kannst zur Ader lassen, und deswegen doch nach Hof kommen. Dem andern Tag ließ ich zur Ader, und blieb zu Hause. Mein Herr Gevatter v. Fiechtl, seine Frau, Hofrat v. Heß, Fräulein Augusta, und Crescentia v. Schuster, meine Mutter, und ich speisten miteinander. Wir waren lustig, weil ich sonst auch wenig zu Hause war: dem Tage darauf aß ich beim General Münster. Am Sonntag um 12 Uhr wollte ich in meinem rot und blauen Uniform zu den Knaben zum Speisen gehen. Auf dem Residenzplatz war just Parade, wo alle Tag 300 Mann zu der Garde aufzogen: ich wollte bei dem Inglheimer Bau in die Residenz hinein. Der dortstehende Grenadier sagte aber zu mir: Peterl! gefällt dir die Parade nicht? schau, betrachte sie nur. Ich kehrte mich um, betrachtete sie unterm Residenztor noch einmal, und wir plauderten eine Weile miteinander. Ich sah wohl, daß 6 Grenadier mit aufgepflanzten Bajonetts auf uns zugingen; ich dachte aber, sie lösten den Posten ab. Sie kamen herbei, links hinter uns um, und lösten mich ab. Marsch! Zwischen 6 Grenadier mit einem silbernen Uniform über den ganzen Parade- und Residenzplatz führte man mich hinüber, und der Fürst schaute durch die Jalousie herunter. Es war ein schöner Tag, mehrere 100 Menschen waren aufm Platz, und sahen zu. Überall hieß es: was hat der Hofnarr angefangen? Ich aber kam auf die Fürstenwache. Mehr als fünfzehn Offiziere besuchten mich gleich. Herr von Adelsheim hatte die Wache. Im Offizierzimmer wurden fünf Tische gesetzt: auf dem mittelsten mußte ich mich niederlassen, auf einem jeden Nebentische lag ein bloßer Degen, und alle Spitze gingen gegen mich, daß ich mich nicht rühren konnte. Bei der Tür waren zween Korporale mit häselen Stecken, und so mußte ich mit nüchternem Magen sitzen bleiben bis 3 Uhr. Die Herrschaften waren schon lange bei der Tafel. Endlich schickte mir der Obermarschall einen zinnenen Becher voll Wasser, und ein Stückl schwarzes Brot. Dieses war mein Traktement, und ich mußte es verzehren. Man stellte das Konfekt auf die Tafel, und ich wurde zween Grenadier übergeben; diese brachten mich zu der Fußgarde, und die Fußgarde zur Leibgarde. Nun kam der Kammerfourier Spielberger, und führte mich in den Speisesaal. Ich ging zum Fürsten hin, und küßte ihm die Hand. Er fragte mich: wo kommt der Herr her? Ich sagte: von der Wache. Ist der Herr schon lange hier? Kennst du mich nicht mehr, Fürst? Nein, ich kenne den Herrn nicht. Ich bin der Tyroler Peterl. Nein, das kann nicht sein, mein Peterl ist ein anderer Kerl, der hat Vernunft, wie ein Engel. Kennt ihn der Herr vielleicht? Das glaub ich, ich bin's ja selbst. Mach mir der Herr nichts weiß. Nun fragte mich der Domprobst Frankenstein: Wo ist der Herr zu Haus? Aus Tyrol. Kennt er vielleicht unsern Hoftyroler, den Peterl, auch? Der ist ein charmanter Mann, und der König von allen Tyrolern. Ich bin's ja selber. A pah! der Herr ist ein Lügner, ich kenne ihn besser. Nun wußte ich gar nicht, wie ich daran wäre. Kein Kavalier tat derleichen, als ob er mich kennete. Keiner redete mich an, diese machten nichts, als Komplimenten, wie einem Fremden, und der Fürst schickte sogar den Läufer Joseph in mein Quartier, um zu fragen, ob ich krank wäre, oder wo ich heute speiste. Was ich sagte, hier bin ich, da bin ich, alles half nichts. Ich wußte also nicht, ist der Fürst samt allen Herrschaften konfus, oder hab ich allen meinen Verstand verloren. Ich ging zum großen Spiegel, betrachtete mich um und um, und ich sah doch, daß ich's war, und mir gleich sahe. Der Fürst stund von der Tafel auf, man ging in das Audienzzimmer zum Koffee, mich aber wollte niemand kennen; ich ging also voller Gedanken nach Haus: ich läutete zu Hause an, meine Mutter, die Oberstpostmeisterin, schaute oben zum Fenster heraus. Was will er? Mach auf! Ich brauche nichts! Mach nur auf! Ich kauf nichts! Mach nur auf, ich bin's! kennst mich nimmer? Ich brauch nichts, kauf nichts! und das Fenster zu. Nun wußte ich wieder nicht, was das bedeuten soll, ging also geraden Wegs hin zu den PP. Kapuzinern, und ließ des Fürsten Beichtvater rufen. Dieser kam herunter bis in den Kreuzgang. Ich grüßte ihn, und fragte: wem sieh ich gleich? Er machte mir ein tiefes Kompliment, und sagte: Ich habe die Ehre nicht, den Herrn zu kennen. Itzt hatte ich schon genug, und dachte, du bist auch schon angesteckt, ging also meinen Weg wieder nach Haus, und kam durch Hülf der Köchin, welche nichts wußte, bei dem hintern Tor ins Haus, wo ich wegen allerlei Gedanken in der Nacht wenig geschlafen. Dem andern Tag ging ich, wie gewöhnlich, nach Hof, aber die Wache ließ mich nicht hinein. Ich verlangte zum Kammerfourier Spielberger; man führt mich hinauf; er grüßte mich, setzte sich zu Tisch, und fing an zu schreiben: Wo kommt er her? Wie lang hält er sich hier auf? Was ist sein Tun und Lassen? Was hat er für Gewerb oder Handelschaft? und wo geht er von hieraus zu? Von dergleichen Fragen machte er ein ganzes Protokoll, und entließ mich mit diesen Worten: ich werde sorgen, daß der Herr zu essen und trinken bekömmt; führte mich auch unter dieser Zeit in das Vorzimmer, wo die Leibgarde war. Hier mußte ich warten, und wiewohl sie mich alle kannten, redete doch keiner ein Wort mit mir. Es wurde Zeit, daß man zur Tafel ging; ich ging auch in den Kavaliersaal, aber niemand sah mich an. Ich setzte mich an den Kavaliertisch neben der Ministers Tafel. Es waren bei unserm Tische der Hauptmann Gebssattel, Herr von Zobl, Herr von Halbritter, Münster, Adelsheim, Gobl, der geistliche Rat Kales und Strobl. Diese hörten mich alle reden, aber sie sahen mich nicht an. Es wurde bei der fürstlichen Tafel das Konfekt gesetzt, ich mußte nun hinüber. Ich küßte dem Fürsten die Hand; er rief mir; ich sagte: hier bin ich. Wo? wo? ich sehe dich nicht. Das glaub ich, wenn du mich nicht anschauest. Stund ich da, schaut er dorthin, stund ich dort, so schaut er daher, und so konnte er mich natürlich nicht sehen. Ich stund ihm also gerade unter das Gesicht. Endlich sah mich der Fürst, hatte eine große Freude, und sagte: Grüß dich Gott Peterl! was treibst du dann? ich habe alles gehört, aber dich nicht gesehen. Alle Herrschaften bezeugten eine Freude, daß sie mich wieder sahen. Kurz: soweit brachten sie es, daß ich mir wahrhaft einbildete, ich wäre unsichtbar gewesen; denn man glaubt's nicht, wenn bei einem Hofe viele einander helfen, und in ein Horn blasen, so ist es keine Kunst, einen konfus und ganz närrisch zu machen. Der Major Kloben war vor einem halben Jahre durch seine Suppenkochkunst, Musikgeigen, und Flautotravers schon fertig gemacht, daß er in seiner Einbildung Herzog von Franken geworden ist. Nun war die Reihe an mir, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich General Paoli in Korsika geworden, weil mir schon von dorther ein großmächtiges Einladschreiben mit einer griechischen Kleidung auf dem Postwagen zugekommen, franko gegen Auslag 16 Tlr.: doch aber ließ mich der Fürst kommen, redete mir die Sache aus, und brachte mich wieder zurecht; er versicherte mich aber, wenn es so fortging, und ich nicht schon ein Narr wäre, ich große Hoffnung hätte, bald einer zu werden. Wir blieben noch eine Zeitlang zu Würzburg, alsdann ging der Fürst in den von der Stadt eine Stund weit entlegenen Garten und Sommerschloß Veitzechheim. Es war die schönste Frühlingszeit: ich kam auch mit, und der Fürst war wohlauf, und guten Humors. Unter dieser Zeit war der Herr von Bubenhofen mit dem Herrn Oberststallmeister von Welten in Schwaben auf dem Gut zu Laubheim; zu diesem kamen ein paar Tyroler, welche Öl und Theriak in der Welt herumtrugen. Er fragte sie, ob sie mich kenneten; – ja, und sie wären meine nächsten Nachbarn. Gut; er ging mit ihnen ins Wirtshaus, ließ ihnen zu essen und trinken geben, nahm Feder, Tinte und Papier, und fragte sie um alles aus: wie mein Haus, wie Stuben und Kammer darin aussehe, wie die Stiege aus der Stube in den Keller hinuntergehe, was im Keller, auf dem Boden, unterm Dach, in meinem Roß- und Geißstall hinter dem Hause sich befinde. Mein Weib hatte er in Würzburg schon gesehen. Nun kam er nach Veitzechheim, um dem Fürsten aufzuwarten. Er grüßte mich als Schwager, erzählte mir auch zugleich, daß er vor einem halben Jahr eine Reise durch Tyrol nach Italien gemacht, und sich bei mir zu Hause und bei meinem Weibe eine Zeitlang aufgehalten habe; er beschrieb mir so natürlich mein Haus, Stuben, Kammer, Keller, Boden, Roß- und Geißstall, Rinder etc., daß ich an der Wahrheit gar nicht mehr zweifelte. Ich kannte zwar mein Weib, aber das Ding stieg mir teufelmäßig im Kopf herum. Mehrere Kavaliere redeten laut und in der Stille davon. Ich fing an Mausbüchsen zu machen, und schoß über die Gaißmauer hinunter auf die St. Barbara-Kapelle, wenn die Gänse und die Mäuse miteinander Krieg hatten. Es war regnerisch, es donnert und blitzet. Ich brauch keine Tobakspfeife, wie die Mannsbilder. Eine ganze Krautbrennten voll Kratzbeere haben die Weiber im Himmel droben. Geweihte Milchkräpfeln, Händler und Kätzler, und nackete Hainzeler haben sie gehabt. Gredler Sandl und Hueben Wastl, Satler Reichard und Krosbichl Gräz, und Wastl Wastäl. So ging es in meinem Kapitolium durcheinander, und etliche Wochen konnte ich nicht aus der Sache kommen. Endlich schrieb ich einen Brief nach Haus an mein Weib, sie sollte mir die Wahrheit schreiben, ob ein fremder Herr sich eine Zeitlang bei ihr im Hause aufgehalten habe, oder nicht. In vier Wochen bekam ich einen Brief aus Tyrol von meinem lieben, getreuen Weibe. Mit Freude und Furcht machte ich ihn auf, und las darin folgendes: Ried, den 1. May 1769. Gott zum Gruß! Vielgeliebter Schatz! ich hoffe, meine Zeilen werden dich gesund und wohl antreffen, welches mich vom Herzen freuet. Ich bin heut Gott Lob um 11, Uhr mit einem frischen und gesunden Bubenhosen, welcher den Namen Philipp Antoni hat, niedergekommen; es ist zwar hart hergegangen, nun ist es aber vorbey, und ich befinde mich ganz wohl. Das Diendl küßt dir die Hand, vielgeliebter Schatz! wenn es sein kann, daß du bald nach Haus kommen könntest, wäre es mir vom Herzen recht. Deine Schwestern lassen dich grüssen, und ich verbleibe wie allzeit dein getreues Weib Maria Fiechtlin. Nun war alles aus: ich kannte die Hand und meines Weibes Schrift zu gut, und wußte, daß sie den Bubenhosen nicht kenne, und von der ganzen Sache nichts wissen konnte, wenn es nicht wahr wäre; ich fing an zu rehren und zu heulen: ging in mein Zimmer, packte zusammen, und wollte fort. Der Fürst erfuhr dieses, und ließ mich geschwind zu sich rufen, redete mir alles aus, und versicherte mich, daß so wahr er Fürst wäre, alles nur Spaß, und an der ganzen Sache nichts sei. Ich mußte ihm den Brief geben, und er sagte mir, daß sie meinen Brief aufgefangen: mein Weib hätte mir nur geschrieben Buben, und sie hätten hohen dazu gemacht; er wisse es gewiß, mein Weib sei unschuldig, und wisse von allem nichts; ich sollte nur nicht so närrisch sein, und alle dergleichen Sachen glauben: er gab mir zugleich einen scharfen Verweis, und ich mußte damit zufrieden sein. Alles war wieder in der Ordnung: der Fürst, und wir alle waren lustig, und wohlauf. Am Sonntag darauf in der Gesellschaft hörte ich vom Bubenhofen, Graf Reuß, Truchseß, Herrn v. Heß und Rittmeister Higele, daß morgen in der Frühe vorm Zellertor beim Soldatengalgen zween erschossen werden. Ich hatte es noch nie gesehen; wir stunden deswegen dem andern Tag um 3 Uhr auf, fuhren über den Mayn und gingen über den Zellersteig hinauf, wo wir schon trommeln hörten, weil das Kerptische Kreisregiment im Feuer exerzierte. Wir liefen, und glaubten, es wäre schon die Exekution; wir kamen ganz nahe hinzu, als auf einmal hinter mir aus den Weinbergen 6 Grenadier herauskamen, mich arretierten, und zum Stab hinführten, wo viele Herren beisammen waren. Es wurde mir mein Tyrolerrock ausgezogen, ein Soldatenrock angelegt, Patrontasche, Grenadiershaube, und eine Muskete auf dem Arm. Wer mich und mein Courage kennt, kann sich einbilden, wie mir zumute war. Man führte mich in das erste Glied hinein, schwenkte sich gegen den Galgen, und fing an abzufeuern; ich war wohl öfters als zehenmal dabei zu Boden gefallen, man erinnerte mich aber allzeit mit dem Stocke wieder zum Aufstehen: so mußte ich bis halb 7 Uhr im Feuer stehen, und mit herumziehen. Was für einen barmherzigen Soldaten ich vorgestellt habe, kann sich jeder leicht einbilden. Zuletzt mußte ich in die Kaserne einrücken. Ein Schweißtropfen floß auf den andern, und ich wußte nicht, was ich denken sollte, weil ich bis 12 Uhr in der Kasernen bleiben mußte. Ich schickte zu dem Kommandanten, General Stetten, und ließ ihn fragen, ob es der Fürst befohlen hätte; er gab aber gleich den Befehl, mich zu entlassen. Nun war ich wieder voller Freuden, fuhr auf dem Wasser hinunter, und kam zu Veitzechheim an, wo man mich aber auch gleich auf die Wache führte, weil ich ohne Erlaubnis fortgegangen bin. Endlich trug man bei der Tafel das Konfekt auf; ich wurde geholt, und wie ich kam, lachte der Fürst schon von weitem, weil ich noch ganz soldatenmäßig aussah, und noch nichts im Leibe hatte. Der Fürst fragte mich, und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen, wobei der Fürst und alle Herrschaften nicht wenig gelacht haben. Ich bekam wieder zu essen und zu trinken, und weil meine Handschuhe verkauft waren, bedankte ich mich beim Fürsten, der mir meine Pension gab; ich nahm Abschied, und ging am Samstag nach Würzburg. Ich blieb allda bei meiner Mutter auf der Post; sie sagte, weil morgen Sonntag ist, sollte ich nicht reisen, sondern bei ihr bleiben, da ich ohnehin nicht viel zu Haus gewesen wäre. Dem andern Tage ging ich in die Domkirche; da sahen mich der Bubenhof, Franzi Greiffenklau, und der Domherr Zurein. Sie kamen zur Mittagstafel nach Veitzechheim, und sagten es dem Fürsten, welcher gleich befahl, einen Husaren heraufzuschicken, und mich abholen zu lassen. Wir wir beim Tische waren, kam der Husar vor die Post, und rief: Wo ist der Hoftyroler? Hier! was gibt's? Heraus nach Veitzechheim. Wo fehlt es dann? Das weiß ich nicht; es ist der Befehl vom Fürsten; geschwind. Ohne Hut mußte ich vor dem Husaren über den Graben hinunter nach Veitzechheim laufen. Unterwegs machte ich mir allerhand Gedanken, was etwa passiert sein möchte. Wir kamen an; der Fürst war im Konzert; Rittmeister Bubenhof und Redwitz empfingen mich auf der Stiege. Ich ging zitternd zum Fürsten, und küßte ihm die Hand. Der Fürst sagte: Bist du noch hier? ich habe geglaubt, du wärest schon lange im Tyrol. Je nun, Fürst! was gibts dann? Ich habe dich nur noch einmal sehen wollen; du kannst itzt schon wieder gehen. Freudig ging ich den Weg zurück im vorigen Galopp nach Würzburg; meine Mutter und alle verwunderten sich, daß ich schon wiederum so lustig und wohlauf gekommen bin, und sagten zu mir: du siehst doch, daß dich der Fürst gern hat, und leiden kann. Der Herr von Rosenbach und seine Frau, eine geborne Kinsbergin, ließen mir sagen, ich möchte auf die Nacht zum Essen kommen. Ich kam, und er schenkte mir ein paar Pistolen auf die Reise. Nun ging ich mit meinem Fuhrwerk von Würzburg nach Ochsenfurt und Uffenheim. Unterwegs bekam mein Pferd ein Hühneraug an einem Fuß, und wurde deswegen lahm, so, daß ich es von Uffenheim nicht mehr weiter bringen konnte; was war zu tun? Der Sternwirt, der Bot von Anspach, der Forstner, Gegenschreiber, und noch etliche Bürger sagten, ich sollte es ausspielen lassen; ich gab es dann für 11. fl. preis, und spielte selbst auch mit ihnen. Das Pferd gewann der Bot von Anspach. Ich hatte also eine Chaise, und kein Pferd dazu. Der Rat von Uffenheim, Herr Schmid, kannte mich schon länger, und ließ mich mit seinem Pferd bis Lehrberg, eine Stunde von Anspach, führen. Von da aus schickte ich es zurück, spannte meinen Hofmeister an die Gabl, und ich ging an der Hand. So zogen wir das Chaisel eine Stunde, und hielten zu Anspach bei der Residenz vorbei, das Posthorn an der Seite, und die Peitsche in der Hand zum schwarzen Bärenwirt unsern Einzug. Der Marggraf erfuhr das bald. Dem andern Tage kam ich nach Hof, und küßte dem Marggrafen und der Marggräfin die Hand, welche mich gleich fragten, was meine Pferde machten. Ich erzählte ihm alles, wie es mir ergangen. Der Marggraf lachte darüber, und sagte: das geschieht gewiß nicht umsonst; denn ich kenne dich. Der Hof ging nach Drießdorf, und ich auch mit. Der Marggraf war gutes Humors und aufgeräumt: man fuhr von da öfters in die Stadt, und mir mangelte das Pferd. Ich hielt alldort sechs Wochen lang meine Residenz; endlich aber kam die Zeit, daß ich wieder nach Haus gehen sollte. Der Marggraf fragte mich öfters: Wie bringst du dein Chaisel fort? Ich sagte: wie ich es hergebracht habe. Wenn ich reiten wollte, widersetzte er, wollte er mir ein Pferd schenken. Weil ich aber seit der Reiterei von Partenstein auf keinen Esel mehr, vielweniger auf ein Pferd gekommen, so ging es sehr hart her: doch es mußte sein, wenn ich anderst ein Pferd haben wollte. Man brachte mir einen schönen Schimmel, und ich mußte darauf sitzen. Im Trapp ging es beim Falkenhaus vorbei, wo die Herrschaften von den Fenstern aus zusahen. Ich sprang vom Pferde, ließ den Schimmel laufen, und ging zu Fuß nach Haus. Die Herrschaften lachten alle darüber; ich kam zum Marggrafen, welcher sagte: weil du ein so guter Reiter bist, so mußt du ein Pferd haben; mithin, der Schimmel gehört dir, ich will dir ihn schenken. Ich küßte ihm die Hand, und dankte ihm dafür; packte meine Sachen zusammen, spannte den Schimmel ein, und fuhr mit meiner Equipage über Oettingen, Donauwörth, Rhain, Aicha, Dachau, und Mosach nach München. Bei der Kreuzstraße nach Nymphenburg begegnete mir der Kurfürst mit vier Chaisen, Knaben und andern Reitern. Dieser sah mich, und ließ mein Fuhrwerk halten. Er schickte den Kammerknaben von Segesser zu mir, und ließ mich fragen, wer ich, und was das für ein Fuhrwerk wäre. Antwort: Ich bin eine Mannsperson. Wo bist du her? Von meiner Mutter aus Tyrol. Wie heißest du Kujon? Dem ganzen Tag Peterl. Auf dieses fort. Er hinterbrachte alle Antworten dem Kurfürsten, welcher befahl, mich gleich nach Nymphenburg zu führen; er sagte: der ist gewiß derjenige, welcher bei der Tafel zu Nymphenburg hätte sollen Soldat werden, aber deswegen davon gelaufen, und auf dem Buckel gefallen ist. Ich mußte also hinaus. Mein Pferd stand beim Haushofmeister im Stalle, und ich hatte mein Essen und Trinken in der Tiernitz. Ich mußte täglich zur kurfürstl. Tafel, wo mich der Kurfürst, die Kurfürstin, und alle Herrschaften wohl leiden konnten. Ich hatte auch die Gnade, mich vier Wochen bei dem kurfürstl. Hofe aufzuhalten. Eines Tages bei der Tafel haben ich und der Kurfürst, nebst andern Unterhaltungen, auch Finger gezogen; er war mir aber viel zu stark, und sagte: der Bub hat weniger Kraft, als meine alte Schloßkatze. Was? sagte ich. Er sprach: ich wette mit dir um vier Bouteillen Burgunder, meine alte Schloßkatz zieht dich über den großen Kanal hinüber. Was? versetzte ich wieder; es gilt schon; ich ziehe dich, und zehn alte Schloßkatzen über den Kanal hinüber. Das Gewett war richtig. Fremde Herrschaften waren zugegen, und zwar die verwitwete Kurfürstin von Sachsen und die verwitwete Marggräfin von Baden-Baden, der Herzog von Zweibrück, der Fürst von Kiemsee, und der Bischof von Freysing. Nach der Tafel brachte man die Katz, und ein langes Seil. Alle Herrschaften nebst noch etlichen hundert Menschen sahen zu. Der Zug ging hinauf zum Kanal; auf beiden Seiten waren Leute. Aus einer Seite war ich, und auf der andern die Katze, welche an das Seil, wie ich unter den Armen, angebunden wurde. Ich hatte ein rot und grüne Uniform mit Silber von Würzburg an, und stund auf der Seite, wo der Kurfürst und die Kurfürstin waren. Der Kurfürst sagte: wenn ich dreimal gerufen habe, so darfst du ziehen. Ich stellte mich in Positur am Ranfte des Kanals, und dachte bei mir: Um vier Bouteillen Wein, welchen ich gern trinke, will ich das Luder ja herüber bringen. Holla! ich hatte Courage; denn ich sah, daß der Katze jenseits nicht wohl bei der Sache wäre. Allein wie betrog ich mich! Ich sah nicht, daß das Seil von der Katze weiter über die Spalier durch den Wald hineinging, hinter welchem zween Heiducken das Seil hielten, die ich nicht sehen konnte. Der Kurfürst rief: Das Erstemal, Zweitemal, und ich wartete aufs Drittemal – plumpf! da lag ich im Kanal, und wußte nicht, wie mir geschehen war. Die Heiducken zogen mich über den Kanal hinüber, und während dem plumpste ich bald in die Tiefe und bald in die Höhe, und schnappte mit dem Maul nach frischer Luft. Der Kurfürst lag vor Lachen auf einem von Rasen gemachten Kanapee, und von den übrigen lag eines da, das andere dort; der Kurfürstin Maria Anna gingen vor Lachen und Bedauernis die Augen über. Die Katze an dem Seil lief in den Wald hinein; ich kam hinüber zum Gestad, setzte mich nieder, nahm den Kopf in beide Hände, und betrachtete traurig, was mir passiert war. Ich sah auch, daß ich Wasser von mir gab, und das Gewett verspielt war. Es fing nun zu regnen an; die Herrschaften gingen also wieder in das Schloß, und ich ging zum Kontrolor, und tröcknete mich. Vor Gift und Zorn über mein verspieltes Gewett soff ich zween Schoppen Brandwein; ich blieb lange aus, und dachte mir, es ist doch eine harte Sache, mit großen Herrschaften umzugehen; denn man muß angeführt werden. Bei der Nachttafel kam ich nicht im Vorschein, der Kurfürst aber ließ mich holen. Wie mich die Herrschaften sahen, kamen sie abermal sehr ins Lachen; der Kurfürst schmeichelte mir, und sprach: Wir wollen nun unsern Wein vertrinken, morgen aber will ich dir einen Gnadenpfenning schenken, und jährlich eine Pension zukommen lassen. Ich küßte ihm die Hand, freute mich, hüpfte und sprang, und wir machten wieder Alliance. Die Tafel ging zu Ende, ich nahm Behüt Gott, gab allen gute Nacht, und man ging schlafen. Des andern Tags in der Früh ließ mich der Kurfürst zum Koffee holen, und sagte: Wie hast du auf dein gestriges Bad geschlafen? Ich küßte ihm die Hand, und sagte: recht gut. Nun gab er mir, so groß, als ein bayrischer Taler, eine goldene Medaille, worauf sein Porträt und die Aufschrift Gratia principis war, und auch zugleich ein Dekret folgenden Inhalts: Formalia. Es tragen zwar Se. kurfürstliche Durchläucht weder mit wahrhaften, noch verstellten Narren kein besonders Wohlgefallen, finden auch den Supplicanten viel zu vernünftig, um ihn in solcher Qualität bey Hofe anzustellen. Jedoch in Rücksicht auf des lausigen Peterls besondere Eigenschaften, und daß derselbe von Jugend auf sich besonders appliciret, die untern Schulen unter dem Magister Zuchthaus, und die höhern unter dem berühmten Professor Strick mit besonderm Lobe absolvirt, auch unter letzterm, nebst eigenhändiger Arbeit, in erhabner Stellung sine Praeside mit besonderer Geschicklichkeit defendiret; nach abgeschnittenen Studiis aber sich auf das Mausbüchsen machen verleget, und in dieser Kunst, besonders im Regenwetter, erstaunliche Sprung und Progressen gemacht: als haben Höchstdieselben ihm in solcher Qualitat gnädigst benennet, und ihm ein Gnadengehalt von jährlichen sechs Tausend neun Hundert und zwölf – Pfenning ausgeworfen, welche, so er, oder einer in seinem Namen sich hier legitimieren wird, richtig bei Unserm Kabinet werden entrichtet werden, in so lange er sich durch seine gute Aufführung dessen würdig machen wird. Maximilian Joseph. Secretarius Droïen. Cancellist Sack. Wie mir der Kurfürst selbst dieses Dekret heruntergelesen, und ich die Zahl 6912 hörte, glaubte ich, es wären Gulden, und machte deswegen einen Freudensprung und Burzelbaum. Der Kurfürst hielt ein, und sagte ganz sachte: Pfenning. Da ich das Wort Pfenning hörte, wurde meine Freude in etwas gemäßiget, und ich hierüber gelassner. Der Kurfürst selbst dividiert mir diese Summe zu Kreuzer, und sodann zu Gulden, welches Produkt jährlich zwölf bayrische Taler, folglich alle Monate einen solchen ausmacht, welche ich noch von Sr. itzt regierenden kurfürstl. Durchl. zu Pfalz-Bayern zu genießen und zu erheben habe; wie folget. Dupplicat. Sign. Nachdem Ihre kurfürstl. Durchlaucht auf untertänigstes Verlangen des Peter Prosch sich huldreichst zu entschliessen geruhet haben, demselben, oder auch einem, der sich in seinem Namen melden wird, jahrlich eine Gratifikation von zwölf bayrischen Talern aus Höchstdero Kabinetts- Cassa , so lang er sich wohl verhaltet, abreichen zu lassen, so wird solches gedachtem Peter Prosch zu seiner Legitimation hiemit nachrichtlich angefügt. Sign. München, den 13. Oktob. 1771. NB. Den 7ten November 1778. geruheten Se. itzt regierende kurfürstl. Durchl. etc. etc. oben bemeldte Gratifikation, vermög Signatur, so der Kabinetts- Cassa -Rechnung beyliegt, mildest zu bestättigen. J. G. Pletz. Für alles dieses küßte ich dem Kurfürsten tausendmal die Hände, dankte ihm für alles, und ging von München wieder nach Haus ins Tyrol. Unterwegs erfuhr ich zu meinem größten Leidwesen, daß mein geliebtes Weib in ihrem letzten Kindlbette aus Abgang der notwendigen Hülfe, weil wir keine unterrichtete Hebammen hatten, unglücklich gewesen, und mit Tode abgegangen sei. Wie groß mein Herzenleid gewesen, kann ich niemand sagen. Wir brachten beim Heuraten 31 Jahre und fünf Monate zusammen, hausten acht Jahre in Lieb und Frieden, und erzeugten vier Kinder, deren zwei gestorben, ich aber itzt noch eine Tochter mit 1 \½ Jahr, und einen Sohn mit sechs Wochen, aber keine Mutter mehr dazu hatte; und ich endlich ein Mann ohne Weib. Ich habe in der Jugend meinen Vater und Mutter verloren: mir kam es aber nicht so hart an, als der Tod meines Weibes. Ja, ich will es glauben, wenn einer ein rechtes Zankeisen hat, daß man es leicht entraten kann, und man froh ist, wenn ein solches Weib aus der Welt abpatschet; aber das war die meinige nicht: denn alle Leute hatten sie gern, sie wurde von jedermann geliebt, wer sie nur kannte, und sie war gewiß das beste Mensch von der Welt; deswegen kann ich sie nicht vergessen, so lange ich lebe, ich war ihrer aber nicht wert. Tröste sie Gott! Nun nahm ich meine Schwester Regina zu mir, welche mir hausen, und den kleinen Kindern warten sollte: ich aber besorgte die Wirtschaft und das Brandweinbrennen. Zehntes Kapitel Kirchenbaugeschichten. – Brixen ist schön, wenns nur nicht so klein wäre. – Verzeih mir's Gott, ich muß wieder heuraten. – Ich werde Grundherr. – Pension vom Anspacher Marggrafen wegen Rauschlosigkeit. – Zeughausbesuch. – Große Kourageangst mit geharnischten Männern und Feuerwerk. – Gut, daß ich kein gescheiter Mensch bin; sonst hält mich der Schlag gerührt, sagt der Doktor. Unterdessen starb Blasi Schwaninger, und hinterließ drei unmündige Kinder; er war zugleich Lehnträger über zwei kleine Bauerngüteln und das Wirtshaus genannt Nollehen. Bartlme Lachhartinger war Gerhab über die Kinder. Nun sollte auf dem Lehenhofe zu Innspruck der Todfall angezeigt, neu belehnet, und für die Kinder ein neuer Lehenträger bestellt werden; weil aber kein Vermögen vorhanden war, und der Gerhab nicht umsonst nach Innspruck gehen konnte, so fragten sie sich bei der Herrschaft an, was hierüber zu tun sei. Der Pfleger sagte zu ihnen: Geht hin zum Peter Prosch, dieser geht ohnehin wegen seiner Handelschaft öfters nach Innspruck, gebt ihm ein gutes Wort, er wird euch diese Gefälligkeit schon erweisen. Sie kamen an einem Sonntag zu mir, tranken ein Frackäl Brandwein, und aßen Brot dazu. Sie fragten mich auch, ob ich lange nicht nach Innspruck gehe. – In 14 Tagen. – Ob ich nicht so gut sein möchte, und für sie auf dem Lehnhof ein Memorial eingeben wollte? – Warum das nicht? Wir plauderten noch allerlei durcheinander; unter andern sagte die Witwe zum Gerhaben: das ist ein Kreuz! wir verstehen die Sache nicht, man soll alle Augenblick belehnen, und das Ding trägt nur jährlich 1 fl. 24 kr., zudem ist es allzeit ein weiter Weg; wenn man es verkaufen könnte, und nur etwelche Gulden daraus brächte, wäre es für die Kinder nutzbarer. Ich dachte dem Ding weiter nach, weil ich schon vorher die neu reformierte ferdinandische Landesordnung öfters gelesen hatte, und darin gesehen, daß manche Lehensachen einem manchmal helfen können, voraus, wenn sich einer darauf versteht. Ich fragte sie demnach, wie hoch sie es hielten, und wie teuer sie solches verkaufen wollten. Sie unterredeten sich miteinander, und sprachen: wenn wir 15 fl. dafür hätten, so gäben wir es weg. Ich fragte sie auch, ob es den andern Geschwisterten recht, und sie zufrieden wären, wenn ich es kaufen würde. O ja! sie haben schon lang dawider gemurrt, und man hätte es gern dem Joseph Laimböck, welcher unsers Vaters Gut zu Niederdorf im großen Ried gekauft, dazu geschenkt; er hat es aber nicht angenommen, und wollte auch deswegen eher den Kauf zurückgehen lassen: sie würden gewiß alle froh sein, wenn ich es kaufte. Wenn diesem also ist, so beschließen wir den Kauf; ich zahle euch die verlangten 15 fl. und will noch 30 kr. Leihkauf dazu geben, jedoch mit dem Beding, daß ihr morgen allen euren Geschwisterten sagt, daß sie bei Gericht, erscheinen sollten, damit wir es zu Protokoll kommen lassen. Es war alles richtig: ich bezahlte ihnen sogleich die 15 fl. Die 30 kr. vertranken wir dabei ganz lustig. Dem andern Tage suchten sie mich alle bei meinem Hause, die Brüder Sep und Hauser, die Schwestern Ännl, Threindäl und Maidäl. Ich gab ihnen Brandwein zum Frühstück, alsdann gingen wir miteinander hinaus ins Rotholz, ließen es beim Gerichtsschreiber Schuler protokollieren, und ich bezahlte ihnen beim Bierhannslein eine Zech. Sie gingen wieder zurück nach Haus, und ich meinen Weg Innspruck zu, bezahlte allda meine Handschuhe, ging zu ein und anderer mir bekannten Herrschaft, und gab auf dem Lehenhof mein Memorial ein bei Sr. Excell. Kanzler Hormayr, welcher auch zugleich Lehenprobst war. Ich ging wieder nach Haus, und brannte Brandwein. Wir hatten zu Ried eine alte Kirche, welche sehr klein, und woran ein mit Brettern verschlagenes Vorhaus gebauet war: es konnten aber die halben Leute nicht hinein, weil in unserer Kuratie über 1500 Beichtkinder waren; es war also eine wahrhafte Notwendigkeit, daß wir eine größere Kirche hätten, damit alle Leute ungehindert an Sonn- und Feiertagen ordentlich dem Gottesdienst abwarten könnten. Aber die Kirche war sehr arm, und der Hr. Dechant Felix Wechselberger zu Fügen, als Pfarrherr, welcher doch die Einkünften von dieser Kuratie zieht, wollte auch nicht anbeißen. Wir hatten nicht einmal einen Freythof, da man doch die Toten von Furth und Tieffenbach, zwo und eine halbe Stunde weit, von den Bergen herunter zu Grabe tragen mußte. Der Herr Provisor Andrä Walther mit seinem Gesellpriester Bartlme Schmied kamen öfters zu mir ins Haus, wir redeten oft von der Notwendigkeit dieses Kirchenbaues, und brachten es soweit, daß endlich die ganze Nachbarschaft einhällig wurde, und mich als Gesandten dieser Ursache halben nach Brixen zu unserm Fürstbischof abzuschicken beschlossen hatte. Ich bekam zur Zehrung 2 fl. 43 kr. Ich ging dann über Innspruck, Steinach, Matterny, über den Brenner auf Störzing, und kam endlich nach Brixen, kehrte beim Elefanten ein, und blieb allda über Nacht. Dem andern Tage ließ ich mich barbieren, legte meine würzburgische Uniform blau und rot mit Silber an, ging nach Hof, und war besorgt, wie ich zum Fürsten kommen sollte, weil ich glaubte, es wäre auch eine Hofhaltung, wie im Reich draußen, daß man nicht durch die Wachen sogleich hineinrumpeln könnte. Beim Residenztor sah ich niemand, als einen Portier, welchen ich fragte, wie ich am leichtesten zum Fürsten kommen könnte. Er wies mir die Hauptstiege, und sagte, ich sollte nur selbige hinaufgehen, ich werde schon droben jemanden antreffen. Ich ging hinauf; man saß just bei der Tafel, und ich schaute durch den Gang in das Tafelzimmer. Der Hofrat Cazano war auch dabei; dieser erkannte mich sogleich, weil er zu Innspruck beim Herrn von Findler Kostgänger war. Es erschien ein Kammerdiener, und der Fürst ließ mich zu sich kommen. Ich eröffnete mein Anliegen, und überreichte mein Memorial als Beglaubigungsschreiben; der Fürst nahm es gnädig an, und befahl sogleich dem Grafen Hildebrand, als Konsistorialpräsidenten, es im ersten Rate mit sich, und vorzunehmen. Der Fürst und alle hatten eine Freude mich zu sehen, weil sie von mir schon vieles gehört hatten. Es wurde gleich neben der Tafel ein Katzentischel gestellt, wo ich mich als Herr Gesandter gnädigst niederlassen sollte. Man trug mir Essen und Trinken auf, und der Fürst fragte mich um allerlei vom Reich und meinen Reisen aus; ich erzählte ihm zerschiedene Sachen, und kam endlich auf mein aufgetragenes Geschäft und die Notwendigkeit unsers Kirchenbaues, setzte aber bei, daß die Nachbarschaft sehr arm, und nicht viel beitragen könnte, weil wir einen übeln Wildbach zum Nachbarn hatten, welcher die Felder gar oft überschüttet. Der Fürst versicherte mich gnädigst, es soll alles nach meinem Verlangen ausgehen; ich küßte ihm dafür die Hand, und der Graf Hildebrand nahm mich mit sich in seinem Wagen nach Hause. Wir speisten bei ihm herrlich, und dem andern Tag ging ich zu der Gräfin Taxis. Es kannten mich noch mehrere Herrschaften par Renommée , überall ging es mir ganz gut, und Brixen gefiel mir in allem sehr wohl, wenn es nur nicht so klein wäre. Ich ging alsdann meinen Weg zurück über Störzing, Brenner, Steinach, Innspruck, Hall, und kam wieder gesund nach Haus. Unter dieser Zeit ging es mit meinen kleinen Kindern, und der Wirtschaft ganz hinderlich; denn meine Schwester konnte weder lesen noch schreiben, und ich konnte wegen meiner Handelschaft nicht immer zu Hause bleiben: ich war also, leider! gezwungen, mich um ein anders Weib umzusehen, und (verzeih mir's Gott) wieder zu heuraten. Es war eine halbe Stunde weit in der Finsing beim Metzger eine Kellerin, mit Namen Katharina Gaßnerin, vulgo Dengger Thraindäl genannt, von Ahrenbach Gerichts Stumm gebürtig, welche schon etliche Jahre ehrlich und treu gedienet; sie war ein vertrautes Mensch, ganz hübsch und in meinem Alter, und ihre Wirtsleute hatten sie gern: diese heuratete ich dann, mit Gutheißung meiner Geschwisterten und Befreundten, vom Fleck weg, und gab ihr einen kaiserl. Taler samt einem Ring zur Harre. Es ging nicht lange her, so waren wir geheuratet. Itzt hatte ich zu meinen Kindern eine Mutter, und ich wiederum ein Weib; wir hauseten so zu gleichen Füßen miteinander fort. Der Herr Gassebner zu Innspruck war in der Lehensache mein Doktor, und mußte statt meiner auf dem Lehenhof verpflichtet werden, welches mir 7 fl. 42 kr. kostete. Er schickte mir zugleich meinen Lehenbrief, welcher also lautet: Wir Maria Theresia von Gottes Gnaden römische Kaiserin Witwe, zu Hungarn, Böheim, Dalmatien, Croatien und Sklavonien Königin, Erzherzogin zu Österreich, Herzogin zu Burgund, Großfürstin zu Siebenbürgen, Herzogin zu Mayland, Mantua, Parma ec., gefürstete Gräfin zu Habsburg, zu Flandern, zu Tyrol, verwitwete Herzogin zu Lothringen und Baar, Großherzogin zu Toskana u.u. Bekennen, daß vor Uns gekommen ist Unser getreuer Blasy Schwaninger nebst seinen Geschwisterten, und haben Uns an ihrem offenen besiegelten Brief die sieben Pfund Perner Meraner-Münz auf dem Nollehen zu Ried, in Fügener Pfarr Rothenburger Gerichts gelegen, alleruntertänigst aufgesandt, und anbey allergehorsamst gebeten, daß Wir solche Unserm auch getreuen Peter Prosch, als landesfürstlichen und ordentlichen Grundherrn und Lehenträger deren vom Blasy Schwaningerischen Kindern und Geschwisterten zu Lehen zu verleihen allergnädigst geruheten, wenn er ihnen solche sieben Pfund Perner mit Unserm lehenherrlichen Konsens käuflichen hätte übergeben und zugestellt, und nun von Uns zu empfangen gebührte: dieß haben Wir vigore Unserer ex Cancellaria aulica aus Wien vom 18. April abhin erlassenen Resolution getan, und gedachtem Peter Prosch, als ordentlichem Grundherrn und Lehentrager, wie oben steht, besagte sieben Pfund Perner in der ehevorigen Qualität allergnädigst verliehen; verleihen ihm auch solche hiemit wissentlich in Kraft dieses Briefes, was Wir ihm zu Recht daran verleihen sollen und mögen, also, daß er und seine Erben, Söhne und Töchter, die nun fürpasser von Uns, und darnach unsern Erben in Lehenweis innhaben, nützen und geniessen sollen und mögen, als Lehens und Landes Recht ist. Doch Unserm löblichsten Erzhaus Österreich und sonst Männigliches an Dero und ihren Rechten unentgolten, und der gedachte Peter Prosch, als lang er also Grundherr und Lehentrager seyn wird, solle dem allerdurchläuchtigst, großmächtigst und unüberwindlichsten Fürsten und Herrn Josef dem Anderten, erwählten römischen Kaiser, in Germanien und zu Jerusalem König, Erzherzogen zu Osterreich, Herzogen zu Lothringen und Baar, Großherzogen zu Toskana, Unserm geliebtesten Herrn Sohn, als vermög Urkund vom 17. September 1765 erkiesten Mitregenten, wie auch Uns darvon allzeit getreu, gehorsam, dienstlich und gewärtig seyn, Unsern Schaden wahrnehmen, und nach äußersten Kräften wenden, Unsere Ehre, Nutzen und Frommen bestens befördern, die österreichische Lehen, so er die verändert oder verwendt, erfährt, nicht verschweigen, auch sonst alles das tun, was ein getreuer Lehenträger seiner Lehensherrschaft, denen gemeinen und österreichischen Lehenrechten nach, zu tun schuldig und verbunden ist. Inmaßen obgedacht Unserm allerdurchläuchtigsten Herrn Sohn und Mitregenten, auch Uns er dann darum gelobt, und einen leiblichen Eid zu Gott, der ohne aller Makel empfangenengebenedeytesten Jungfrau und Mutter Gottes Maria, auch allen lieben Heiligen geschworen hat, Ohne Gefährde , mit Urkund dieses Briefes. Gegeben in Unserer Stadt Innspruck dem neunzehnten Tag Monats Juni nach Christi, Unsers lieben Herrn und Seligmachers, gnadenreichen Geburt im ein Tausend sieben Hundert drey und siebenzigsten Jahre. Fx Commisione Sacr. Caesar. Regiæque Majestatis in Consilio Lt. Jos. Payr. Nun war ich also Grundherr über das Meßner oder Nollgütl genannt, und über das Wirtshaus zu Jochler. Es erstrecket sich dieses Lehenrecht auf alle meine Erben und Nachkommende; und muß ein jedwederer Inhaber dieser Güter jährlich auf h. drei König zweenundvierzig Kreuzer, dico 42 kr. Grundzins erlegen: wenn aber einer mit Tode abgeht, oder eines verkauft, oder auch vertauscht werden soll, habe ich allzeit beim Auf- und Abzug von jedem Gulden die akkordierte Kaufs- oder Tauschessumme eines Kreuzers einzulangen und zu empfangen. Ich hauste im Taxach. Der geistliche Herr Provisor Andrä Walther mit seinem Gesellpriester besuchten mich öfters, und unser Diskurs war vom Kirchenbau; denn es war wahrhaftig die höchste Notwendigkeit. Auf einmal traf die Erlaubnis von Brixen an den Dechant zu Fügen ein. Dieser kam an einem Sonntag unterm Gottesdienst herauf, ließ darnach alle Nachbarn in den Pfarrhof kommen, und befragte uns, wie wir dann den Kirchenbau anfangen und fortführen wollten, da wir wissen, daß von der Kirche nicht viel hergenommen werden kann. Wir beratschlagten uns, und es wurde beschlossen, weil doch über 1500 Beichtkinder sind, eine Sammlung anzustellen, und das, was jedweder freiwillig herschenken würde, zusammenzulegen, und damit den Überschlag des Baukostens zu machen. Wir taten es, und brachten in der ganzen Kirchengemeinde zusammen 1000 fl., ohne was manche Nachbarn an Holz, Läden und Schichten noch darzu tun wollten; aber der Überschlag des Kirchenbaues wies uns über 7000 fl. hinaus. Zu diesem Ende fingen wir nun an einem Orte unserer Waldung, genannt Kackstein, an, Holz zu schlagen, Steine zu brechen, und Kalk zu brennen; welche Materialien bei einer Stund weit auf den zum Kirchenbau bestimmten Platz gebracht werden mußten, so auch geschehen ist. In meiner Stube kam der Rat zusammen, nämlich Bartlme Schmied, Bögler Riepl, Niederdorf Sepl, der Kaltenbach Gaber, als Kirchprobst, und ich. Wir machten mit einem Brocken Kreide auf dem Tische den Grundriß zur Kirche; ich war der Zeichner, und der Riß gefiel allen. Wir hatten weder Pickel, Haue oder Schaufel, in Summa gar keinen Arbeitszeug, bestellten aber doch mit allem dem Tagwerksleute und fingen an den Grund zur Kirche herauszugraben. An den abgeschafften Feiertagen arbeitete alles, klein und groß. Es wurden alle notwendige Baumaterialien auf den Platz gebracht, und wirklich wurde im Sommer und Herbst der Grund heraus gemauert. Nun war das vorrätige Geld schon gar. Die Sache kam auch zur weltlichen Obrigkeit, und wir wurden befragt, wer uns das Kirchenbauen erlaubt hätte? Wir glaubten aber, weil wir diese Erlaubnis von unserm Bischof hätten, keiner andern mehr bedürftig zu sein. Es kam der Befehl von Innspruck, und das Kirchenbauen wurde eingestellt. Endlich brach auch der Winter herein, und so wurde es mit dem Bau Feierabend. Unter dieser Zeit ging ich wieder nach Innspruck, kaufte Handschuhe ein, und ging mit meinem Hofmeister und Schimmel auf das Land über Augsburg, Donauwörth, Wasserdritting, und kam glücklich zu Anspach an. Der Marggraf und die Marggräfin sahen mich gern, und waren beide zu meiner größten Freude gesund und wohlauf. Alle Herrschaften und Kavalier konnten mich allda auch wohl leiden, und es war alles bei Hofe recht lustig und wohl auf. Es kam der 10. März, welcher der höchsterfreuliche Geburtstag vom Marggrafen war. Der ganze Hof war in Gala, und alles gratulierte vom Morgen bis Mittag. Ich wollte dann mit meiner würzburgischen Uniform und bayerischen Gnadenpfenning um den Hals auch nicht der schlechteste sein, und keinen müßigen Zuschauer abgeben; denn, wie man bei der Tafel das Konfekt auftrug, fing ich auswendig laut meine Gratulation zu rezitieren an. Alles schrie und lachte als ich fertig war, der Marggraf war mit meiner Gratulation sehr wohl zufrieden, und lobte mich; die Marggräfin ließ mich zu sich kommen, gab mir die Hand, und sagte: du hast beim Sache recht gut gemacht; der Marggraf hat erlaubt und gesagt, du sollst morgen zu uns zum Frühstück kommen. Ich küßte dem Marggrafen und auch der Marggräfin wieder die Hand, wettete aber obendrein mit der Marggräfin eine Bouteille Burgunder, daß ich heute am Galatag keinen Rausch bekomme, welches doch sehr selten geschah, ich wollte auch heute zu Nachts beim Spiel nüchtern erscheinen, und morgen das Frühstück nicht verschlafen. Das Gewett war richtig; alles war lustig und wohlauf, wie an Galatagen zu geschehen pflegt: ich kam zum Erstaunen nüchtern zu der Marggräfin ihrem Spiel und zum Souper ; das war ein Wunder; der Marggraf und die Marggräfin konnten mich hierüber nicht genug loben. Souper und alles ging ohne Rausch vorbei. Es wurde 12 Uhr, und alles begab sich in die Ruhe. Des andern Tags um 9 Uhr war ich schon in der Marggräfin Vorzimmer: der Koffee ging hinein, und ich auch damit, gab der Marggräfin einen guten Morgen, und küßte ihr die Hand; sie war gutes Humors und aufgeräumt, und sagte: der Marggraf wird gleich kommen, er hat dich gern, und du giltest was bei ihm. In einer Viertelstund kam der Marggraf; er grüßte mich, ich gab ihm einen guten Morgen, und küßte ihm auch die Hand. Er sagte: Grüß dich Gott, wie hast du geschlafen? – Ganz gut! – Höre, du hast deine Sache gestern ganz gut gemacht, und hast auch keinen Rausch bekommen; ich will dir alle Jahre hinfüro 25 fl. sage fünfundzwanzig Gulden zur Pension geben, deine Kost hast du ohnehin bei Hofe. Er gab mir 10 bayerische Taler, und sagte: nun kannst du alle Jahre kommen, und bei mir Residenz machen; dieses hast du allemal zu holen, wenn du dich gut aufführest, und nicht zu viel Mausbüchsen machest. Ich dankte dem Marggrafen und der Marggräfin. Bei der Tafel wünschten sie mir alle Glück dazu; ich bekam zugleich vom Obermarschall und den Kavalieren ein Dekret, daß, wenn ich alle Jahre kommen wollte, ich von jedem allemal drei Vierundzwanziger bekommen sollte. Meine sechs Wochen gingen zu Ende; ich packte also meine Sachen zusammen, bedankte mich beim Marggrafen und der Marggräfin, und ging über Uffenheim nach Würzburg; der Marggraf gab mir einen Brief an den Fürsten nach Würzburg mit. Ich kam zu Würzburg bei meiner Mutter glücklich wieder an. Dem andern Tag ging ich nach Hof, und übergab dem Fürsten den Brief, welcher eine große Freude hatte, und mich als Gesandten von Anspach höflich empfing: alle Herrschaften sahen mich gern, weil sie wußten, daß mich der Fürst gern habe, und machten mir alle Komplimenten als Herrn Gesandten. Ich blieb eine Weile zu Würzburg, ging auch in der Stadt herum zu meinen Herrschaften, und verkaufte überall etwas von meinen Handschuhen. Eines Tags war der Fürst und alle Herrschaften bei der Tafel ganz gutes Humors, und wohlauf. Nach der Tafel im Audienzzimmer beim Koffee war der Fürst, Domprobst Frankenstein, der Herr Weihbischof von Gebssattel, Herr General von Ried, der Herr Domdechant Groß, und noch viele andere Domherren und Kavalier zugegen. Es war eben der Diskurs von dem neueingerichteten großen kaiserlichen Zeughause in Wien, und, weil ich noch nicht lange von Wien kam, erzählte ich dem Fürsten, daß ich es gesehen, und daß es zum Erstaunen ist, was da für eine Menge von großem und kleinem Geschütz und allerhand Gewehr sei, daß wohl mehrere 100 000 Mann ausgerüstet werden könnten, ohne daß man es wahrnähme, oder daß nur eine einzige Muskete oder anders Gewehr abgängig wäre. Der General Ried sagte, es sei wahr, man könnte es nicht glauben, und man sähe auch dergleichen in der ganzen Welt nicht. Der Fürst sagte zu mir: Hast du mein Zeughaus auf der Festung niemal gesehen? Es ist zwar kein kaiserliches Zeughaus, doch auf einen Reichsfürsten ist es gewiß groß und schön genug, und auch der Mühe wert, es zu sehen. Ich sagte: nein, ich habe mich niemal hinauf getrauet. – O! das mußt du sehen. – Witsch war der Rittmeister Hügele und einige Offizier bei der Hand: wenn es Ihro hochfürstl. Gnaden befehlen, wollen wir es ihm weisen, und ihn begleiten. Man ging in die Kirche, und nach diesem war Spiel. Beim Spiel sagte der Fürst: Peterl, komm darnach zu mir, ich muß dir was sagen. Das Spiel wurde aus, es war Feierabend, und alles fuhr nach Haus. Ich ging zum Fürsten, küßte ihm die Hand, und er sagte: a propos! du gehst morgen auf die Festung; und die Gesandten müssen sich sehen lassen; es werden die Husaren ausrücken, wenn du hinauf kömmst. Hier hast du sechs Konventionstaler, daß du sie droben zum Trinkgeld geben kannst; aber nimm dich in Obacht, es ist nicht allemal sicher. Ich küßte ihm wieder die Hand, und ging meinen Weg. Der Oberststallmeister von Welten gab auf den Abend ein großes Souper, und NB. ich war auch dabei. Wir waren lustig, und wohlauf. Um 12 Uhr mußte ich dem Herrn General von Eisenberg nach Hause leuchten; ich kam mit einem dicken Nebel zu Hause an, legte mich zu Bette, schlief ruhig, und vergaß die ganze Festung. Dem andern Tage um 3 Uhr kam ein Husar zu Pferd vor mein Quartier: Allons auf! die Herrschaften sind schon beisammen, und warten auf dich. Ich stund geschwind auf, ließ meinen Schimmel satteln, und führte ihn zu Fuß hin. Da ich zum Rittmeister ins Haus kam, empfing man mich mit Komplimenten auf der Stiege. Der Graf Reuß, Bubenhof, Herr von Münster, Herr von Heiß, Rittmeister, Wachmeister, und dergleichen Herren waren gegenwärtig. Likör und Koffee war bereitet, und wir frühstückten. Alles war schon in der Frühe gutes Humors und aufgeräumt. Zween auf beiden Seiten führten mein Pferd, und der Zug ging über die Mainbrücke. Man ließ mir überall als Gesandten die Ehre; so ging es durch die Stadt, und über 15 Personen hielten ihren Einzug in die Festung, wo mich der Kommandant mit einem großen Kompliment empfing. Die Husaren stunden in Parade, wir stiegen von den Pferden, und ich gab den Husaren meine 6 Konventionstaler zum Trinkgeld. Wir kamen darauf zu einer großen Schneckenstiege. Die Herrschaften lachten alle unterwegs, eilten mit mir hinauf, und ich hatte überall die Ehre voranzugehen. Wir kamen in einen großen Saal, wo etliche 1000 Gewehr, und hinter der Tür an einer Tafel zwölf geharnischte Männer waren, diese machten den Kriegsrat aus. Der Saal sah ohnedem fürchterlich aus; da wir alle darin waren, wurden die Türen gesperrt. Wer meine Courage kennt, der stelle sich an meinen Platz: ich wußte von der ganzen Spitzbüberei nicht das mindeste; denn sie haben schon um 7 Uhr von den Konstablern Leute in alle die Harnische gestellt. Nun spitzte ich die Ohren, und die Haare stunden mir gen Berge. Der Kommandant und Rittmeister sagten, ich sollte alles wohl betrachten. Der Notarius beim Kriegsrat hatte eine Feder in der Hand und ein Papier vor sich, auf welchem diese Worte geschrieben stunden: Wenn keiner reden will, Kann ich nicht schreiben viel. Neben dem Kriegsrat stund ein Harnisch an einem Pfahl gebunden; ich fragte, was dieses bedeute. Man sagte mir, es wäre zu Zeiten des Schwedenkriegs ein Spion gewesen, welcher die Festung verraten wollte, deswegen sitzt der Kriegsrat hier, um ihn zum Tode zu verurteilen. Ohne auf was Böses zu denken, sagte ich zu diesem Harnisch: du magst ein rechter Spitzbub gewesen sein. Dem Augenblick packte er mich mit beiden Armen, und die zwölf geharnischten Männer vom Kriegsrat stunden zugleich auf. Ein Feuer fiel über den Tisch hinunter, und steckte den ganzen Saal in Brand, weil alles mit Schwärmern spaliert war. Ich schrie laut: Jesus, Maria und Joseph! kam außer mir selbst, und wußte nicht, wo ich wäre, noch wie ich aus den Armen des geharnischten Mannes gekommen bin. Ich erwischte den Hauptmann Doman beim Ohrwäschl und Halsbindel, und hielte ihn gewiß fest, welcher deswegen erstaunlich fluchte: es war so dunkel von Dampf und Rauch, daß man nicht sehen konnte, was Harnisch, oder wer Freund oder Feind sei. Ich wollte in einen andern Saal hinüberlaufen, aber sie hatten schon vorher einen Ausgebalgten unter die Tür gelegt, welcher einen Strick um den Hals hatte: da ich hinein wollte, zogen sie an, und dieser stund gerade gegen mich auf; ich machte wieder aus Schrecken vor diesem Mann einen Sprung zurück in das Feuer, legte mich auf den Boden, und deckte mir den Hut auf das Gesicht. Das ganze Feuerwerk dauerte gewiß 10 Minuten. Etwelche fluchten, weil sie es auch nicht vorher gewußt haben. Einem wurde ein Flügel von seinem Rock verbrannt, dem andern sein Pelz, dem dritten seine Frisur, und so ging es durcheinander. Man machte endlich alle Fenster auf, der Dampf und Rauch ging hinaus, und es fing wieder an Tag zu werden. Der Kriegsrat saß wieder an dem alten Ort; der mich aber gepackt hat, war nicht mehr zugegen. Ein Kavalier stund da, der andere dort in einem Winkel; sie kamen herbei, ich stund auf, und zitterte auf Hand und Füßen, gelb, blau und weiß sah ich aus, und die Haare stunden mir gen Berge, wie einem Igel. Der Kommandant und Rittmeister machten mir die größten Komplimenten: der Rittmeister fragte mich, ob es mir gefallen, und ob ich noch mehrers sehen wollte? Ich sagte aber: leckt ihr mich brav im Arsch! – Sie nahmen vorlieb, und gingen mit Gelächter auseinander. Sie ritten hinunter in die Stadt, und mich als Gesandten ließen sie allein auf dem Platz; ich nahm mein Pferd, und ging damit zum Tor der Festung hinaus, aber ich sah keine Parade mehr; ich führte dann mein Pferd mit meinem silberbordierten Uniform über die Mainbrücke durch die Stadt, wo ich nicht wenige Ansprachen hatte, und ging zu meiner Mutter in mein Quartier. Matt und schwach, und totenbleich kam ich nach Haus; ich mußte mich auch gleich ins Bette legen. Meine Mutter schickte um den Doktor Sulzbeck, welcher mir etwas eingab, und zur Ader ließ. Unterdessen waren die Kavalier vom Schloß nach Hof geritten, um dem Fürsten Rapport davon zu geben. Der Fürst ging just in die Kirche, und gab ihnen zu verstehen, daß er eher nichts wissen wollte, bis er aus der Kirche zurückgekommen wäre. Nach der Kirche erzählten sie ihm den ganzen Hergang, wie alles abgelaufen, und daß ich mit meinem Pferde zu Fuß nach Haus gegangen wäre. Der Fürst lachte zwar, gab ihnen aber auch einen kleinen Verweis, daß man mir es gar zu stark gemacht, und das Feuerwerk sich auf der Festung nicht geschickt habe, von welchem man ihm vorher nichts gesagt, er es auch nicht befohlen hätte; er sagte: die Historie wird uns der Peterl am besten erzählen können. Ich lag aber unter dieser Zeit miserabel krank im Bette. Dieses dauerte etliche Tage; ich bekam auch das Laxieren über drei Wochen so stark, daß ich geglaubt, es gehe alles zum Loch hinaus. Der Doktor Sulzbeck behauptete, daß, wenn ich ein gescheiter Mensch gewesen wäre, mich gewiß der Schlag gerühret hätte. Eines Tages war Ministerstafel im kölnischen Zimmer, und der Fürst schickte den Läufer Joseph, zu fragen, wie es mir gehe, und wie ich mich befinde; ich sollte doch nach Hof zur fürstlichen Tafel kommen. Ich sagte aber, ich könnte nicht gehen. Er versetzte: du wirst es sehen, du wirst geholet werden; ich wiederholte: du siehst ja, daß ich nicht kann! Er ging fort; in einer halben Stunde kamen zween Sesselträger, ich mußte aufstehen, einsitzen, ich wurde also nach Hof getragen. Ich kam ins Tafelzimmer. Ausgesehen habe ich gewaltig bleich, die Haare stunden mir noch gen Berg; ich war matt und schwach, und die Furcht war noch nicht aus mir. Der Fürst und alle, da sie mich sahen, kamen so ins Lachen, daß ich wieder hinaus, und eine Weile warten mußte. Ich wurde aber hernach hineingerufen; der Fürst fragte mich: Wie ist es dann auf der Festung gewesen, und wie ist es dir ergangen? Ich konnte es ihm mit Worten nicht erzählen, nahm daher in dem Tafelzimmer etliche Hoflakais, setzte sie in Form des Kriegsrats, und machte die nämlichen Sprünge, wie auf der Festung; denn Furcht und Schrecken war noch in mir, und kam itzt auf ein neues wieder. Der Fürst lachte so, daß ihm die Augen überliefen, und es ihn in der linken Seite zu stechen anfing; er konnte auch nicht mehr reden; daher befahl mir der Obermarschall von Gebssattel abzutreten, weil alle Herrschaften so ins Lachen kamen, daß viele ihre Augen auswischen mußten. Ich mußte bei dieser Tafel dreimal abtreten, und wieder hineingehen. Man stund endlich auf, und ging zum Koffee. Ich blieb noch eine Zeitlang zu Würzburg, und verkaufte meine Handschuhe. Ich wurde aber nicht wenig von dem Fürsten und allen Herrschaften geplagt, besonders, wenn fremde Herrschaften anlangten, kam der Diskurs von der Festung sicher auf das Tapet, aber ich wurde niemals umsonst geplagt, weil der General Münster und Herr von Bubenhof Kommissarien zu meinem Nutzen waren. Unterdessen näherte sich der Geburtstag des Fürsten; deswegen ließen mir die Domherren, Minister und Kavalier einen neuen Uniform, rot und blau mit Silber, machen, und einen solchen hatte ich alle 4 Jahre zu hoffen. An dem Geburtstage des Fürsten erschien alles bei Hof in Gala. Es waren viele fremde Herrschaften zugegen. Ich speiste bei der Marschalltafel, und der Herr von Quat hatte mir eine Gratulation aufgesetzt, welche ich auswendig lernen, und beim Konfekt rezitieren mußte. Diese wußte ich nun auswendig; wir aßen und tranken, und waren alle lustig und aufgeräumt. Es kam der Hoffourier, und meldete, daß das Konfekt stehe. Alles stund auf, und ging hinüber in den Kaisersaal; ich war mitten drunter; wir machten unsere Komplimenten, alles war still, ich stund gerade vom Fürsten herüber, und fing laut meine Gratulation zu sprechen an. Der Fürst lächelte, lobte mich, und sagte: du hast deine Sache brav gemacht. Alle Herrschaften klatschten, und freuten sich; denn wenn der Fürst gutes Humors und aufgeräumt war, lachte schon einem jeden das Herz im Leibe. Abends war eine Operette; und so wurde dieser Galatag beschlossen; ich kam aber nicht ganz ohne Rausch zu Nachts nach Haus in mein Quartier. Ich blieb also, weil es so charmant hergegangen, noch eine Weile zu Würzburg; meine Residenz ging aber zu Ende; denn der Fürst ging nach Bamberg, ich bedankte mich dabei, er gab mir mein Deputat, und sagte: Heuer hast du dich extra gut gehalten, hier hast du noch was a parte ; reis glücklich, haus mit deinem Weib und Kindern gut, hab Gott vor Augen, und komm bald wieder; denn solang mir Gott das Leben schenkt, und du dich gut aufführest, darfst du allzeit wiederkommen. Ich dankte ihm für alles, und ging von Würzburg über Mergenthal, Grallzheim, Dinkelspiel, Donauwörth und Augsburg nach Tyrol, und kam glücklich bei meinem Weib und Kindern an. Elftes Kapitel Meine Buben kommen in die Welt. – Der eine findet als Ringer, der andere als junger Gemsbock fürstliche Huld. – In Würzburg gibt's keinen Durst. – In Mannheim ist schon ein Hoftyroler, der Ubrerl, der mich gar nicht gern sieht. – Die Nasenstüberrevenüen in Würzburg hören durch den Tod meines Gönners auf. – Sein Nachfolger will mir seine Huld erhalten, wenn ich binnen einem Jahr gescheit werde. – Ich verlange aber sechs Jahre Bedenkzeit. Während diesen Jahren hatte sich meine Familie ziemlich vermehrt; denn ich hatte vom verstorbenen Weibe zwei, und von dieser drei Kinder, worunter zween Buben, und drei Mädeln sind. Nun blieb ich eine Zeitlang zu Haus, der Kirchenbau aber wollte nicht vor sich gehen. Ich und Bögler Riepl mit dem Kirchenprobsten gingen nach Innspruck, gaben in dem Gubernio ein, und erhielten gleich die vollkommene Erlaubnis zum Kirchenbauen; bewirkten auch zugleich soviel, daß man uns von St. Leonards-Gotteshaus 1500 fl. dazu leihen mußte. Wir machten in unserer Kirchengemeinde eine neue Kollekt, und brachten was ziemliches zusammen: alles arbeitete mit größtem Eifer, so, daß in Zeit von 4 bis 5 Jahren die Kirche unter das Dach gebracht, der Turm aber nur halb ausgebauet wurde. Nun haben wir aber die schönste Geykirche im ganzen Zillerthal; dmn der Herr Provisor Andrä Walther ließ sich keine Mühe zu groß sein, und sonst auch viel kosten. Nach der Hand ging ich wieder nach Innspruck, neue Handschuhe anzukaufen, nahm meine zween kleine Buben mit, und ließ einen wie den andern auf tyrolische Art kleiden. (Der Jakob war sechs, und der Philipp sieben Jahr alt.) Wir kamen nach München, und logierten, wie gewöhnlich, beim Birnbaumbräu in der Schwäbinger Gasse. Dem andern Tage ging ich nach Hof; der Kurfürst und die Kurfürstin waren ganz gnädig, und der Kurfürst hatte schon erfahren, daß ich meine Buben bei mir hätte. Bei der Tafel, wobei er ganz aufgeräumt war, küßte ich ihm die Hand; er fragte mich: wo sind deine Buben? – Im Wirtshaus. Ein Läufer mußte sie geschwind holen: sie kamen in den Speisesaal, sahen hin und her, und machten große Augen. Sie küßten dem Kurfürsten und der Kurfürstin die Hand, und weil große Spiegel im Saal waren, so sahen sie auch Leute darinnen. Sie wollten zu diesen durch die Spiegel hineingehen, weil sie dergleichen niemals gesehen haben. Der Kurfürst war im besten Humor, und fragte die Buben, ob sie auch raufen könnten. Die Buben sagten: raufen nicht, aber ringen wohl. Der Kurfürst sagte, er möchte es sehen, sie sollten ringen. Jedweder zog sich den Rock aus, und neben der Tafel gegeneinander und übereinander her. Philipp, als der ältere, brachte den Jakob, als jüngeren, gleich zu Boden. Der Kurfürst stund von der Tafel auf, zog den größern hinunter, und half dem jüngeren oben drauf. Der größere aber fuhr wieder damit über und über, der Kurfürst aber zog diesen abermal herunter, und half dem jüngern oben drauf. Der Philipp fing an zu rehren. Der Kurfürst fragte: was fehlt dir? Das gläb i, wenn du meinem Bruder alleweil hilfst. Der Kurfürst hatte hierüber sehr gelacht, und eine große Freude damit; auch die Kurfürstin und alle Herrschaften lachten. Sie ließen voneinander, legten ihre Röcke an, und der Kurfürst setzte sich lachend wieder zur Tafel. Die Kurfürstin gab ihnen einen Teller voll Konfekt, und sagte: Will keiner da bei uns bleiben? Der Jakob nahm gleich das Wort, und sagte: I wohl, wenn du mich behältst! Die Kurfürstin sagte: Ja, du sollst da bleiben, wir wollen für dich sorgen. Gleich küßten wir dem Kurfürsten und der Kurfürstin die Hände; der Bub ward angenommen, und zum Schullehrer bei U. L. Frau in die Kost und Schule gegeben: der Gräfin von Seefeld wurde die Aufsicht darüber anvertrauet. Nun hatte ich um ein Maul weniger zu nähren. Ich blieb noch eine Weile, weil mich der Kurfürst und die Kurfürstin wohl gedulden konnten. Doch kam die Zeit herbei, daß ich weiter reisen sollte. Eines Tags auf dem Abend war ein erstaunliches Schneegestöber; ich saß in dem roten Kabinett der Kurfürstin auf einem Hundsküssen vor dem Kamin, den Kopf in beiden Händen haltend, ganz niedergeschlagen und betrübt. Die Kurfürstin saß an ihrem Arbeitstischl, die Gräfin von Seefeld hatte damals den Dienst, und saß am Fenster. Auf einmal kam der Kurfürst zum Kabinett herein, und sagte: Was fehlt dir? Ich sagte: nichts, es kömmt mich halt hart an, von einer so guten und gnädigsten Herrschaft weg zu gehen; einen weiten Weg und wildes Wetter hab ich vor mir, und wer weiß, ob und wenn ich dich wieder einmal sehe. Er kam zu mir, nahm mich beim Kopf, küßte mich auf dem linken Backen, und sagte: du armer Narr! schau mich noch einmal recht an, und, wenn du hörst, daß ich gestorben bin, so bete für mich ein Vaterunser. Ich tat aus Wehmut einen lauten Schrei, lief zum Kabinett hinaus, und rehrte und heulte so erbärmlich, daß ich der Herrschaft ganz leid gemacht: mir war auch das Herz so voll, daß ich selbst nicht wußte, was es bedeuten soll; denn in meinem Leben hab ich niemals so hart von diesem gnädigsten Kurfürsten Abschied genommen; mich dünkte, es sei gar nicht möglich, daß ich mich von ihnen trennen soll: ganz traurig ging ich in mein Wirtshaus, zog mich aus, und legte meine tyrolische Reiskleider an. Zu Nachts bei der Tafel fragte der Kurfürst um mich, ich war aber nicht da. Er schickte gleich einen Läufer zu mir ins Wirtshaus, ich sollte nach Hof zur Tafel kommen; ich sagte, ich hätte schon meine Reiskleider an, und ich mag nicht. Der Läufer ging fort, und in einer halben Stunde kamen zween Grenadier von der Wache, holten mich, und führten mich nach Hof in das Tafelzimmer. Der Kurfürst fragte mich: Was fehlet dir? Ich konnte aber nicht antworten, und fing wieder laut zu rehren an. Die Kurfürstin und der Kurfürst ließen mir von der Tafel zu essen und zu trinken geben, und, obschon ich ein großer Liebhaber vom Wein bin, konnte ich doch weder essen noch trinken; sondern küßte beiden die Hände, rehrte laut, lief zum Tafelzimmer hinaus schnurgerad meinem Wirtshaus zu, legte mich nieder, und rehrte die ganze Nacht. Den Tag darauf spannte ich meinen Schimmel ein, packte meinen andern Buben in einem Sack auf das Wägl, und ich und mein Hofmeister fuhren von München ab; wir kamen bei dem wilden Wetter in sechs Tagen glücklich bei meiner Mutter zu Würzburg an. Es war wieder Jahreszeit, daß der Geburtstag des Fürsten einfiel, bei dem ich allemal erscheinen mußte; der Fürst hatte mir auch öfters befohlen, ich sollte ihm doch einmal einen jungen lebendigen Gemsbock bringen. Am folgenden Tage fuhr ich nach Hof hin, packte meinen Buben in meines Pferds Futtersack, und befahl meinem Hofmeister, wenn er glaube, daß die Tafel bei Hof zu Ende gehe, den Buben im Futtersack nach Hof zu bringen, und in dem Vorzimmer bei der Leibgarde mit dem Sack zu warten. Dem Buben aber sagte ich, er solle sich ja nicht rühren, nur bisweilen sollte er es machen, wie ein Bock: Mä ä ä, und wenn ich den Sack auflöse, so werden viele Herren herumstehen, worunter einer ein kurzer dicker sein wird, mit einem goldenen Kreuze am Hals; dieser wäre der Fürst, zu diesem sollte er gleich hingehen, und ihm den Rock küssen. Ich ging also nach Hof, und wie ich befohlen, so ist es geschehen. Im Kavaliersaal bei der Marschallstafel grüßten sie mich alle, und hatten eine Freude, mich wieder zu sehen; alle waren lustig und aufgeräumt; das Konfekt ging hinein, und wir mußten sodann hinüber. Ich ging zum Fürsten und küßte ihm die Hand, welcher mich lobte, daß ich brav wäre, weil ich bei guter Zeit gekommen bin. Nun, wo kömmst du her, du Hannswurst? war seine Frage. Von München. Ich legte ihm auch die Komplimenten von seinem Herrn Bruder ab. Hast du mir wieder nichts gebracht? Ja, diesmal hab ich was. Was hast du? Etwas Lebendiges. Gewiß einen Gemsbock? Ja, und dazu einen Löw frischen; der macht Sprünge! Aber keine Hörner hat er; denn er ist noch ganz jung. Wo hast du ihn? Der Hofmeister wird ihn gleich bringen. Geschwind bring ihn her, und laß mir ihn sehen. Wart nur, hernach beim Koffee. Der Fürst hatte hierüber eine große Freude, sowohl meinetwegen, als wegen des Gemsbocks: er war sehr begierig, selben zu sehen; daher blieb er nicht mehr sitzen, sondern stund von der Tafel auf, und ging in das Audienzzimmer. Alle Domherren und Kavalier waren ebenfalls höchst begierig, den Gemsbock zu sehen; ich mußte ihn also gleich herbringen. Ich ging hinaus ins Vorzimmer, nahm den Sack auf meinen Buckel, trug ihn in das Audienzzimmer, und stellte ihn auf dem Boden nieder. Der Fürst und ein ganzer Ring Kavalier standen um mich und den Sack herum. Ich lösete den Sack auf, und der Bub stand kerzengrad in die Höhe, schaute sich herum, ging auf den Fürsten zu und küßte ihm den Rock. Alles lachte über diesen Gemsbock, und der Fürst hatte die größte Freude, nahm den Buben beim Kopf, küßte und drückte diesen, und sagte: Peterl! diesen Gemsbock schenkst du mir, ich will dafür sorgen, daß er gut gefüttert wird. Es war ein hübscher Bub; der Oberststallmeister, Herr v. Greiffenklau, hat ihn aus der Taufe gehoben, und sein Herr Bruder, der Dechant von Kamburg, Franzl Greiffenklau, hat ihn zu der Firmung geführt. Wir küßten beide dem Fürsten die Hand, und bedankten uns. Dem Weihbischof, Herrn von Gebssattel, ward er in die Aufsicht gegeben und anvertraut; dieser besorgte ihn auch, gab ihn ins Hauger-Viertl zum Pachmayr in die Kost und Quartier, und in das Julispital in die Schule. Nun hatte ich wieder um ein Maul weniger, und, dachte ich mir, wenn der Fürst lange das Leben behält, so ist er gewiß versorgt. Ich ging in der Stadt herum, verkaufte meine Handschuhe, und war überall willkomm, kam auch des Tages selten in mehrere, als ein Haus. Es war Winter, vor 11 Uhr war nichts zu machen, ich blieb also gleich dort beim Essen: wenn das Konfekt stand, ging ich nach Hof, und bis es aus wurde, war es 4 Uhr, also war der Tag vorbei; doch ich hatte allzeit lange Residenz zu machen, mithin kam ich doch herum. Mit der Zeit kam der Geburtstag, und es erschien alles, wie gewöhnlich, in Gala bei Hof. Ich war dann auch darunter, speiste in der Pagerie bei den Knaben, ging hernach in den Marschallsaal zu der Ministerstafel, wartete auf, und trank ein gutes Glas Wein auf des Fürstens Gesundheit mit; denn Durst habe ich in Würzburg in 16 Jahren niemals gelitten: alle Tische wußte ich zu suchen, und nach der Tafel bei der alten Hacke war ich auch dabei. Wenn ich itzt den Wein hätte, welchen ich in diesen Jahren zu Würzburg bei Hof und in Partikularhäusern getrunken hab, wäre er hübsch alt, und ich könnte gewiß ein schönes Geld daraus lösen: aber es reuet mich kein Tropfen; denn er stand mir oft bei, wenn ich sonst keine Einfälle hatte. Das Konfekt ging nun hinein; der Hoffourier meldete es, man stand auf, alles ging hinüber in den neuen weißen Fürstensaal. Die Musik ging zu Ende; der Fürst grüßte mich, ich küßte ihm die Hand, stellte mich gerade gegen ihn über, alles war still, und ich fing meinen Glückwunsch an. Der Fürst und alle Herrschaften lachten. Der Fürst lobte mich, und sagte: du hast deine Sache gut gemacht, und, wenn du so zunimmst, so wirst du noch ein ganzer Poet, und der Herr von Quat muß von dir fleißig lernen. Alles war lustig und aufgeräumt; die Tafel ging zu Ende, man stand auf, und ging hinüber in das Audienzzimmer zum Koffee. Wir, die Kavalier, und was dazu gehört, blieben beisammen am Schenktische auf die alte Hacke. Man ging in die Kirche: auf dem Abend war Oper, und wie selbe aus war, fuhr alles nach Haus, und so war der letzte Adam Friederichische Galatag beschlossen. Ich blieb noch eine Weile zu Würzburg; der Fürst ging nach Werneck und Bamberg, und ich bedankte mich bei ihm; er gab mir meine Pension mit der gewöhnlichen Lehre: Führ dich gut auf, haus mit deinem Weib und Kindern recht, hab Gott vor Augen, reis glücklich, und komm bald wieder. Ich küßte ihm tausendmal die Hand; mit Tränen befahl ich ihm meinen Sohn, und so sah ich meinen besten Adam Friederich, welchen ich in meinem Leben nicht vergessen kann, zum letztenmal. Ich kann mich aber rühmen, wie es alle Herrschaften zu Würzburg wissen, daß er mich gewiß hat gedulden mögen, und daß er nicht wenig in 18 Jahren wegen meiner gelacht hat: er war gewiß mein wahrer Freund und halber Brotvater. Gott tröste ihn! Ich nahm danach bei den Herrschaften Abschied, reiste mit meinem Hofmeister über Bischofsheim, Ochsberg, Adelsheim, Weibstadt, Heidelberg, und kam das erstemal glücklich zu Mannheim an, weil mir der Kurfürst Karl Theodor zu München, als er aus Italien kam, erlaubt hat, daß ich ihn einsmal zu Mannheim besuchen dürfte. Ich logierte bei den 3 Mohren; des andern Tags ging ich nach Hof zu der Hofdame Fräule von Horneck, weil ich an sie was hatte: diese meldete mich bei Ihro Durchl. der Kurfürstin, welche mich gleich in ihr Kabinett kommen ließ, und mir 6 Dutzend Handschuhe abkaufte; sie sagte auch, ich sollte ein schönes Kleid anziehen und um 1 Uhr wieder in ihrem Vorzimmer sein. Ich küßte ihr die Hand, getraute mir aber nicht, mit ihr zu reden, als wie mit unserer Kurfürstin zu München; denn sie kam mir ganz majestätisch und ernsthaft vor, weil ich sie noch nicht kannte; ich ging alsdann meine Wege, zog mich an, und kam um 1 Uhr in das Vorzimmer: ein Kammerlakai führte mich in den Speissaal, stellte mich hinter einen Kasten, und sagte, ich sollte nur dableiben, bis man mich begehre. Mein Vetter Urban Mayr, oder der sogenannte Urberl, war der einzige Hoftyroler zu Mannheim, welcher aber um meine Ankunft noch nichts gewußt hatte. Man ging zur Tafel, alles lachte und war aufgeräumt; der Urberl kam auch, und war sehr lustig; endlich schickte ihn die Kurfürstin, unter dem Vorwand etwas zu holen, hin, wo ich stand: er erschrak, sprang zurück, nahm seinen Hut und Stock, und zum Tafelzimmer hinaus. Die Kurfürstin schickte gleich einen Läufer nach, und er mußte wieder hereingehen. Die Kurfürstin sagte, er sollte mir die Hand geben, und wir sollten gute Freunde sein; es ging aber lang her, und er wollte wissen, warum ich nach seinem Hof käme? Endlich mit dieser Bedingnis, daß ich den nächsten Montag wieder fortgehen wolle, gab er mir die Hand, wir wurden gute Freunde, weil es die Kurfürstin befohlen, so, daß wir gar zuletzt aus einem Glas miteinander tranken; aber am Montag sollte ich fort. Ich blieb noch zween Tage: der Kurfürst und die Kurfürstin schenkten mir etwas, und die Kurfürstin sagte zu mir, wenn ich in diese Gegend wieder käme, sollte ich sie allzeit besuchen; denn sie hat nicht wenig gelacht, welches bis dato noch geschieht: und itzt getraue ich mir mit ihr schon freier zu reden, weil ich sie kenne; sie kömmt mir auch nicht mehr so ernsthaft vor, wie das erstemal. Ich ging nun von Mannheim über Brusel, Karlsruhe, Radstadt auf Straßburg, wo ich erfragte, daß die Prinzeß Christina zu Bront, drei Stunden von hier, sich aufhalte. Sie hatte eine Freude, mich zu sehen und zu kennen, weil ich einen Brief von ihrer Schwester, der Kurfürstin, an sie hatte. Wir kamen nach Straßburg zurück. Einige Herrschaften fuhren spazieren nach Kehl, und ich verkaufte da beim Rehfuß meine Handschuhe. Sie bekam einen Brief von München, daß der Kurfürst die Blattern habe, und krank sei; alles wurde niedergeschlagen, und ich dachte gleich an die Worte: »Wenn du hörst, daß ich gestorben bin, bet für mich ein Vaterunser.« Es kam wieder ein Brief, daß der Kurfürst viel schlechter und gefährlicher sei; die Trauer im ganzen Schlosse kann ich nicht beschreiben. Nun hörte man, der Kurfürst befinde sich etwas besser; alles war in Hoffnung und Freude. Es dauerte aber nicht lange: eine Staffete brachte die betrübte Nachricht, daß der Kurfürst tot sei; die Bestürzung der Prinzeß war außerordentlich groß, und alle ihre Leute waren betrübt. Mir brachen alle Glieder, und ich wußte mir nicht zu helfen, rehrte und heulte, und blieb noch ein paar Tage; ging zurück über Radstadt und Karlsruhe, wo ich mich eine Weile aufhielt, und meine Handschuhe verkaufte: von da ging ich nach Brusel, wo mich der Kardinal von Hutten kannte; ich mußte eine Weile bei ihm bleiben, weil ich so betrübt war, und so sehr um meinen Kurfürsten lamentierte, damit ich es besser vergessen sollte. Er war ein braver, lustiger und liebenswürdiger Fürst; er schenkte mir was, ich nahm Abschied, ging nach Stuttgart, Ulm, Günzburg, Augsburg, und kam nach München. Alles war bestürzt und in der tiefsten Trauer; ich ging in meinem tyroler Reiskleid zu der Gräfin Seefeld nach Hof; sie erzählte mir den ganzen Hergang von dem Tode des Kurfürsten; sie fragte mich, warum ich kein anders Kleid anhabe, und was ich machen will? Ich sagte: ich gehe nach Haus. Nein, das darfst du nicht, sagte sie; du mußt zur Kurfürstin gehen, sie hat schon öfters nach dir gefragt: du mußt doch nachfragen, was mit deinem Buben geschieht. Ich sagte, ich könnte nicht mit ihr reden. Es war eben der General Graf von Salern bei der Gräfin, dieser nahm mich, und führte mich mit Gewalt hinunter. Die Kurfürstin war just in ihrem Schreibzimmer; er meldete mich. Sie ließ mich gleich kommen, war beim Schreibtische, und weinte bitterlich. Ich tat einen Fußfall, vor Rehren konnte ich nicht reden, sie gab mir die Hand zu küssen: ich stund neben dem Ofen zurück, und schluchzte, machte einen Kniebucker, und ging zur Tür hinaus; denn es wäre mir unmöglich gewesen zu reden, bevor ich recht ausgerehrt, und meinem Jammer freien Lauf gelassen hätte. Fürwahr einen solchen Herrn, der mich so gern gehabt, wie dieser, bekomme ich in meinem Leben nimmer. Wie ich genug ausgerehrt hatte, ging ich wieder zur Tür hinein. Die Kurfürstin erzählte mir etwas von ihres Herrn Krankheit und Tode, und versprach mir zugleich, Mutter für meinen Sohn zu sein, für ihn zu sorgen, und mich nicht zu verlassen, so lange sie leben würde, weil mich ihr Herr sel. so gern gehabt hätte: ich machte fußfällig meine Danksagung, übergab ihr ein Memorial, sie gab es dem Kurfürsten, welcher mir gleich meine 12 bayerische Taler zusagte: ich dankte allerseits, und ging traurig ins Tyrol in meine Heimat. Ich kam nach Haus zu meinem Weib und Kindern, trieb Wirtschaft, und brannte Brandwein. Über eine Zeit ging ich nach Innspruck, zahlte meine alte, und kaufte wieder neue Handschuhe ein. Mein alter Hofmeister und Schwager, Michael Fiechtl, oder Kapfinger Michäl genannt, wollte, weil es ihm bei mir zu wenig abwarf, nun für sich selbst mit Öl und Theriak handeln; ich sah es zwar nicht gern, mußte es aber doch geschehen lassen, weil er glaubte mehr zu gewinnen; es hat ihm aber hernach nicht gut angeschlagen, und reuet ihn heutzutage noch, daß er von mir abgelassen. Ich mußte also einen andern haben, und es kam Johann Ramm, oder Maißl Hannsäl, als Hofmeister zu mir. Wir gingen also mit unsern Handschuhen und Fuhrwerk auf das Land, und kamen nach München. Die Kurfürstin sah mich gern, und war sehr gnädig; weil ich aber den Baron Sturmfeder nicht kannte, so getrauete ich mir nicht, um die Kost anzuhalten, ich verlor also meinen Tisch in der Tiernitz, daher mir Ihro Durchl. die verwitwete Frau Kurfürstin zu einiger Vergütung jährlich 36 fl. Pension gnädigst verwilligt und gegeben. Nun war ich auch ein verwitweter Hoftyroler, und sollte alle Jahre meine Residenz in Fürstenried, ihrem Sommeraufenthalt, machen, wo mir die Obersthofmeisterin Gräfin von Mongelas, Gräfin Seefeld, Gräfin Hörwarth, die junge Mongelas, Fräule von Ecker, Graf Tattenbach, Graf Daun, Obersthofmeister von Segesser; Vizestallmeister von Segesser, und Pater Unger einen bayrischen Taler zu meiner Ökonomie und Reiskösten jährlich zu geben versprachen. Einige wenige Handschuhe kauften mir die Kurfürstin und die Damen auch ab; ich war also zufrieden mit dem, was ich hatte. Mein Bub wuchs, und lernte brav. Ich hörte beim Graf Seinsheim, daß der Fürst nicht wohlauf, und krank sei; ich ging also gleich von München ab, über Schwabhausen, Aicha, Donauwörth, und kam nach Driesdorf. Dort hörte ich mit größtem Leidwesen des ganzen Hofes, vom Marggrafen und der Marggräfin, daß ihr liebster Adam Friedrich und bester Nachbar zur größten Betrübnis der Würzburger gestorben sei. Wer gehört, was ich bei ihm gegolten, und was ich zu Würzburg gehabt habe, kann sich leicht einbilden, wie mir zumute war. Ich hatte mich mit Handschuhen auf Würzburg versehen, wußte nicht, wie es dort mit meinem Sohn ging, und war untröstlich, meinen besten Fürsten nicht mehr zu sehen: ich rehrte immerfort, und war bei der Tafel gar nicht zu brauchen; denn meine halbe Nahrung und mein Verdienst war nun weg, mein Konzept in der Handelschaft war mir verdorben. Mein lieber und guter Marggraf und die Marggräfin redeten mir zwar bestens zu; allein ich konnte mich nicht trösten, der Schaden war zu groß, und ich habe öfters in einer Residenz mehr als 20 fl. allein in Nasenstüber-Revenüen verdient. Der Marggraf sagte mir, es werde mich vielleicht der künftige Fürst auch gedulden können, und ich sollte nur öfters zu ihm nach Anspach kommen, er wolle mir schon anstatt des Fürsten helfen, und mich nicht verlassen; denn sie liebten den Fürsten gar zu sehr: er ist auch selbst mit seinem Hof nach Anspach gekommen, nachdem der Marggraf und die Marggräfin mit ihrem Hofstaat vorher zu Aub auf der Jagd, und nachher zu Bamberg 8 Tage in Seehof waren. So war zwischen beiden Höfen die beste Freund- und Nachbarschaft, und alles hatte den Fürsten geliebt. Ich blieb etliche Wochen in Anspach, während der Zeit der Herr von Erthal Fürst zu Würzburg geworden ist. Man hörte auch, daß die Wahl zu Bamberg bald sein sollte, und der neue Fürst von Würzburg auch Hoffnung habe, Bischof und Fürst zu Bamberg zu werden. Der Marggraf und die Marggräfin rieten mir, weil ich viele gute Freunde in Bamberg hätte, zur Wahl hinzugehen, damit ich durch selbe bei dem Fürsten rekommandiert und bekannt werden möchte, beförderst wenn er hören würde, daß mich der vorige Fürst so wohl hat leiden können. Der Marggraf gab mir etwas mehrers, als meine Pension auswarf; ich bedankte mich dabei: er gab mir einen Brief an General Ried, als Wahlgesandten, mit. Ich nahm Abschied, und ging über Nürnberg auf Erlang. Die verwitwete Marggräfin von Bayreuth kannte mich gut von Würzburg und Bamberg aus; und, weil sie wußte, wie viel ich gegolten, so bedauerte sie mich sehr wegen meinem Verlust, und versprach mir auch deswegen zur Vergütung, so oft ich sie besuchen werde, etwas zu geben. Sie ist eine lustige und gescheite Fürstin, und konnte mich sehr wohl leiden: ich durfte auch bei ihr bleiben, bis man vernommen, an was für einem Tage die Wahl zu Bamberg sein sollte. Ich ging also von Erlang weg, und kam auf Bamberg, ging zum Obermarschall Staufenberg, welcher weinte als er mich sah, wie auch zum Stallmeister Horneck: sie konnten mir aber nicht mehr erlauben, Quartier, Kost und Futter bei Hof zu nehmen. Ich ging zum Herrn von Hutten, welcher Hofstatthalter war, dieser erlaubte mir gleich Kost und Quartier, wie ich es vorher gehabt habe, und der andere Hofstatthalter sorgte für meinen Schimmel. Ich übergab dem General Ried meinen Brief von dem Marggrafen, welcher mir versprach, mich bei dem neuen Fürst-Bischof zu rekommandieren. Der Fürst kam, und die Wahl ging um Ostern vorbei. Dem zweiten Tage küßte ich dem Fürsten bei der Tafel die Hand, und gratulierte ihm zur Wahl, bat auch zugleich, er möchte mich bei Hof gedulden, und nicht verstoßen. Der Fürst sagte zu mir: Dieses Jahr wollen wir es so lassen; aber hinfüro, wenn du gescheit willst werden, wollen wir sehen, wie wir auskommen: aber mit Narren kann ich nicht umgehen. Ich sagte, es wird hart hergehen, so ein großer Fürst sein, und nicht mit narreten Leuten umgehen; ich bat mir sechs Jahre Bedenkzeit aus, denn so geschwind könnte ich es nicht versprechen, ohne meine Natur mit einer so schnellen Änderung zu ruinieren. Der Fürst erlaubte mir nach Hof zu kommen, und ich behielt auch bei den Knaben meinen Tisch, weil mich der General Ried, Domprobst Hutten, Domdechant Fett, der Obermarschall, und alle Domherren und Kavalier rekommandierten; ich durfte mich auch öfters bei der Tafel sehen lassen, wo der Fürst mit mir redete, und so, wie es hier, ist es auch Gottlob in Würzburg. Wir gingen von Bamberg über Nürnberg nach Regensburg; denn der Fürst Taxis war aus Schwaben angekommen, und ich hatte meine Pension bei dem neuen Fürst Karl, wie bei seinem Vater, erhalten. Nun hatte ich allhier doppelte Residenz; denn der Fürst von Ellwang, der Graf Fugger, war Bischof zu Regensburg, wo ich Kost, Quartier und Futter für mein Pferd hatte: dieser ging um 1 Uhr zur Tafel, und um 3 Uhr war solche aus, daß ich also allzeit zum Fürst Taxis früh genug kam, wenn das Konfekt aufgetragen wurde. Da hatte ich dann erst zum Zudecken ein gutes Glas Rheinwein. Die meisten Kavalier (von welchen ich noch jährlich einen kleinen Taler habe) sind mit mir aufgewachsen. Der Fürst Karl kann mich auch wohl leiden, aber er kennt mich nicht so gut von Natur, als wie sein höchst sel. Vater. Es waren schon fünf Jahre verflossen, daß ich meinem letzten Uniform bekommen habe. Die Prinzeß Theres und alle Kavalier baten für mich so lang, bis der Fürst mir wieder einen neuen machen ließ, welcher noch weit schöner, als der vorige, nämlich apfelgrün und ponceau rot mit Gold war, den ich auch hernach zu Paris bei der Königin anhatte. Nun war ich bei diesem Hofe in meine Rechte einstalliert. Der Erbprinz Karl und Prinz Friedrich hatten mich auch schon gern: mit meinem Handschuhhandel bei den Gesandten ging es auch gut; denn außer der Tafelzeit durfte ich herumlaufen, wo ich wollte: weil aber der Fürst-Bischof schon mehrere Jahre blind war, und er mich von altem her kannte, mußte ich bei der ganzen Tafel sein, wo er mit mir seinen Diskurs hatte: ich mußte ihm auch öfters ein tyrolisches Lied singen. Unter andern kamen wir auch auf unsern Kirchenbau, und andere Verfassungen zu Haus im Tyrol: ich sagte ihm, daß wir keine Sterbglocke hätten, und die Kirche sonst arm wäre; er gab mir 46 Lot Goldspitzen, ich kaufte einen reichen Stoff, und ließ ein Meßgewand daraus machen, darauf die verwitwete Kurfürstin mein Petschaft mit Gold sticken ließ. Der Fürst-Bischof ließ mir auch auf mein Bitten 300 fl. an Hrn. von Egger in Innspruck anweisen, um davon eine Sterbglocke anzuschaffen; denn er war ein guter und frommer Fürst, und ich galte gewiß meinen Batzen dabei. Wir blieben noch eine Zeit, der Fürst gab mir meine Pension, ich bedankte mich, nahm Abschied, wir gingen von Regensburg weg, und kamen, weiß selbst nicht wohin, aber es muß doch überhaupt ein lustiger Ort gewesen sein; ich blieb etwelche Wochen, weil mich die Herrschaft gern hatte; wir waren durcheinander lustig. Der Speisesaal war zu ebner Erde, nächst dabei ein schöner Hof mit grünem Wasen. Eines Tags nach der Tafel gingen, wie gewöhnlich, die Herrschaften hinaus vor das Schloß, und wuschen ihnen die Mäuler aus. Damen und Kavalier standen beieinander. Ein Kavalier hatte ein Reitpeitschl in der Hand, dieses nahm eine gewisse schöne Gräfin, und hieb mich damit um die Füße; ich lief auf den Wasen in dem Hof davon, die Gräfin mir nach; ich sagte: gib acht, daß du nicht fällst! sie lief aber, was sie laufen konnte; zum Unglück stolperte und fiel ich, und, weil die Gräfin so nahe hinter mir war, und sich nicht halten konnte, fiel sie über mich hin. Ich rührte mich nicht, und lag mausestill da; die Gräfin wußte auch nicht, wie sie so geschwind auf mich hergekommen wäre. Alle Herrschaften konnten kaum stehen vor lauter Lachen über das tiefe Kompliment der Gräfin. Wir lagen wohl zwei Vaterunser lang; sie stund auf, und sagte: wenn ich eine Pistol hätte, wollte ich dich den Augenblick erschießen; ich sagte aber, ich könnte nicht helfen, und ich müßte lachend sterben, weil ich in meinem Leben bei keinem so schönen Diendl gelegen wäre. Sie ging in ihr Zimmer, um sich wieder aufsetzen zu lassen, denn mit diesem Kompliment war ihr Kopfputz ganz in Unordnung geraten, und die Herrschaften konnten nicht aufhören zu lachen. Hernach kam man zum Spiel zusammen. Anfangs war die Gräfin noch sehr über mich aufgebracht; weil aber alle Herrschaften auf meiner Seite waren, mußte sie endlich selbst lachen. Wir machten noch diesen Tag Alliance, und wurden wieder gut, wie vorher: ich blieb noch eine Weile, nahm Abschied, und ging über Salzburg; der Erzbischof war aber nicht da, alsdann über Lofer nach Haus ins Tyrol, und kam bei meinem Weib und Kindern glücklich an. Zwölftes Kapitel Ich schenke Glocken und darf noch draufzahlen. – Ich kauf ein Bauerngut mit Wirtshaus. – Bin nun ein reicher Mann mit Schulden. – Die Schulden laß ich mir aber schenken. – Wieder mal Hüte voll Geld. – Das große Unwetter im Zillerthal. – Allerlei Verdruß; doch find ich Hülfe. – Mausl Tunid wird mein Schwiegersohn und erhält mein Bauerngut. Nun war ich wieder Wirt und Brandweinbrenner, und blieb eine Weile zu Hause; ich gab mein neues Meßgewand in die Kirche. Man konnte vorher nur auf einem Altare Meß lesen, ich bekam aber vom Herrn Weihbischof zu Regensburg, Herrn von Bernklau, einen Altarstein, diesen gab ich auch dem Herrn Provisor und sagte ihm zugleich, daß mir der Fürst-Bischof von Regensburg eine Anweisung zu einer Sterbglocke gemacht habe; dieser hatte eine große Freude darüber. Wir unterredeten uns auch, weil unsere größere Glocke schon ziemlich alt und fast unbrauchbar war, solche bei dieser Gelegenheit mit der neuen umgießen zu lassen. Ich gab 60 fl. dazu her; alles war ihm recht; ich ging also nach Innspruck, zahlte meine Handschuhe, ging zu unserm Grafen von Tannenberg, der ein eignes Kupferbergwerk in Ahren hatte; diesem erzählte ich alles, und bat ihn zugleich, weil die Kirche in seinem Gerichte liegt, mir einen Zentner Kupfer zur Glocke zu schenken, daß sie etwas größer würde, das er auch gleich tat. Ich ging hernach zum Glockengießer Miller, und bestellte die neue vom Fürsten hergeschaffte Sterbeglocke, ließ auch die alte hinaufführen: beide wurden gegossen, und der Herr Prälat von Wildau, Herr von Spers, hatte sie geweihet; weil man aber neue Stöcke und Beschläge mit Schrauben, wobei der Kirchenprobst Bögler Riepl war, dazu hatte machen lassen, so lief der Unkosten über den Akkord um 56 fl. weiter hinaus, und da wir beim Dechant Wechselberger nicht sattsam angehalten haben, so durfte ich, zum Dank für mein Betteln bei Fürsten und Grafen, und sonst für mein Von- und Zulaufen und andere Unkösten, bei der Kirchenrechnung die 56 fl. auch noch aus meinem Beutel bezahlen. Wir hatten aber doch itzt drei Glocken: ich, Bögler Riepl, Mäusl Hannsäl und Tunig führten sie zu uns herab, sie wurden mit schönen Rammen geziert, die ganze Gemeinde holte uns auf der Uderser-Wiese mit Kreuz und Fahnen ein, und so wurden wir mit Freude und Frohlocken unter Losbrennung der Böller in Ried einbegleitet, die Glocken wurden glücklich aufgezogen, und Anno 1780 auf dem Kirchtage das erstemal geläutet, wo alles Volk eine außerordentliche Freude bezeigte. Vor etwelchen Jahren hatte mir Ihre Majestät die Kaiserin ein ödes Stückl Grundes mit Gutheißung der Nachbarschaft verwilliget, wenn ich für selbes 50 fl. zum Kirchenbau beitragen würde, damit ich es zu einem Anger ausreuten könnte, das auch geschehen: ich besetzte solches mit Obstbäumen. Zuvor, Anno 1778, starb im Oktober mein Gegner, Antoni Pachmayr; das untere Wirtshaus zu Jochler in Ried, wo seine Tochter Anna Pachmayrin sich befand, sollte also feilgeboten und verkauft werden, weil sie das Hauptgut zu Uders übernehmen mußte. Ich hatte mir nun in ungefähr 20 Jahren ein weniges Vermögen erspart; da ich auch ohnedem Grundherr über dieses Gut war, und das Einstandrecht hatte, bekam ich schier einen halben Lust dazu; weil es aber ganz in der Stille hergegangen, und der Bögler Riepl willens war, solches gar zu kaufen, damit es nicht an mich kommen möchte, kaufte ich von Lorenz Plattner, Müllermeister zu Ried, das sogenannte Glasergut, wobei ein sehr altes baufälliges Haus war. Ich war willens, selbes zu bauen, und meine Wirtschaft zur Kirche auf dieses Gut zu übersetzen, wozu ich von Innspruck aus die Erlaubnis schon hatte. Da dieses die Anna Pachmayrin und der Bögler Riepl erfahren, schickten sie den Thomas Lambrecht, Schneidermeister, zu mir mit dem Auftrag, daß ich ihnen das Gut abkaufen sollte. Den folgenden Tag ließen sie mir abermals durch den Mäusl Tunig melden, ich möchte doch zu ihnen kommen, und mit ihnen handeln; sein Bruder Hannsäl war, wie ich schon gemeldet, mein Hofmeister; wir beide gingen also auf den Abend zu ihnen herab. Es waren Leute in der Stube, wir gingen also in die Stubenkammer hinauf zu handeln; ich fragte nach dem Wert, die Anna Pachmayrin antwortete: man gibt es dir, wie dem Bögler Riepl; wir wurden eins, und ich kaufte ihnen das Gut samt dem Wirtshause ab um 4540 fl. und 20 bayerischen Talern Leykauf. Der Kauf war also beschlossen, und wir zogen von Taxach mit meiner Haushaltung nach Ried herab. Jetzt war ich Bauer, doppelter Wirt, und Brandweiner; ich konnte 3 Kühe und zwei Pferde halten, und war auf meine zwei Häuser nicht mehr schuldig, als 1700 fl., mithin in meiner Nachbarschaft einer der reichsten Bauern. An Maria Lichtmesse schenkte ich das erstemal aus. Da ich das letztemal in Anspach war, hörte ich, daß der Marggraf eine Reise nach Italien machen wollte: ich lud ihn daher in mein Haus auf Nudl und Knödl ein, wenn er durch Tyrol reisen sollte. Er sagte es mir zu, und versprach mir bei der Hand, daß ich mit ihm nach Italien und Frankreich reifen därfte. Der Kammerherr von Wellwart schrieb mir sogar, daß ich zu Venedig bei den drei Türmen auf ihn warten sollte. Die bestimmte Zeit kam nun heran; ich bestellte meinen Knecht, den Mäusl Tunig, zur Wirtschaft und zum Keller, ich aber und sein Bruder Hannsäl traten die Reise nach Italien an. Wir gingen über Innspruck, Steinach, Brönner, Störzing nach Brixen, da nahmen wir einen fürstlichen Passeport, und speisten beim Domherrn Grafen von Lodron, einem Enkel des Fürst-Bischofen von Regensburg. Wir waren auch gesinnt, uns Pilgerkutten machen zu lassen, und eine Reise nach Rom zu tun; allein wir ließen es bleiben, bis wir wußten, wie es mit dem Marggrafen zu Venedig aussah. Wir gingen sodann über die Klausen nach Botzen, Neumark, Selurn, welcher Ort eben vor 14 Tagen abgebrannt war, und noch rauchte; ferner über Deutsch- und Wälschmichl nach Trient, da logierten wir beim Posthalter Mamelo; kaum waren wir eine Stunde allhier, so ward die Sturmglocke geläutet, die Tore wurden gesperrt, weil in der Stadt Feuer auskam: zum Glück ward es durch gute Anstalten bald wieder gelöschet. Dem andern Tage besahen wir die Altertümer in der Stadt: das Kruzifix im Dom, welches sich zu Zeiten des Konziliums mit dem Haupt geneiget hat; bei St. Maria Major das Konzilium in natürlichen Porträten; das große Orgelwerk jenseits der Etsch; eine alte kleine Kirche, so die erste im ganzen Land Tyrol ist, und der h. Kassianus selbst gebauet und eingeweihet hat; bei St. Peter das h. Knäblein Simonerl mit Haut und Haaren, den die Juden grausam ermordet; das fürstliche Residenzschloß, und den vor demselben gegen der Etsch aus einem großen Marmorstein gehauenen Igel, wo vor alten Zeiten der Abgott von Trient stand; die Seidenfabrik, welche gar schön anzusehen ist, wo ein Wasserrad so viel arbeitet, als tausend Paar Menschenhände Tag und Nacht verrichten könnm; das polnische Spital, welches ein König von Polen hat erbauen lassen, als er auf der Reise nach Rom zu Trient krank geworden ist. Der regierende Fürst-Bischof war der Graf v. Thun. Von Trient gingen wir nach Roveredo, wälsch Ala, Verona, Padua, und kamen mit dem Postschiffe zu Venedig an; wir logierten beim Wirt zu den drei Türmen, und erkundigten uns wegen der Ankunft des Marggrafens, konnten aber nichts mehrers erfahren, als daß er auf den Karneval ankommen sollte. Wir besahen daselbst den Markusplatz, die Kirchen, die Residenz des Dogen, gingen um zween Siebenzehner auf den Markusturm, und sahen auf der offnen See, so weit das Aug tragen konnte, über die tausend Schiffe und Gondeln. Der Marggraf war von Anspach in die Schweiz gereiset, und hielte sich zu Lausanne eine Zeitlang auf. Fünf Tage waren wir schon zu Venedig, und wußten nicht, wie wir daran wären, oder was wir machen sollten; zu einer Reise nach Rom erkleckte uns das Geld nicht. Endlich hörten wir, daß unsere unvergeßliche und unsterbliche Kaiserin Maria Theresia gestorben sei, und der Marggraf nicht nach Italien kommen werde, sondern von Lausanne zurück nach Hause gegangen sei. Unsre Bestürzung hierüber war außerordentlich groß, wir mußten also auf dem nämlichen Wege, auf dem wir herkamen, wieder nach Haue gehen, und hatten doch bei diesem Metzgerritt 60 fl. verzehret, welche mir aber hernach der Marggraf wieder ersetzet hat. Um Ostern kamen wir von unsrer blinden Spazierreise nach Hause; ich blieb aber nicht lange daselbst. Im ganzen Lande war über den Verlust unsrer besten Kaiserin und Landesmutter eine große Trauer, und bei mir war die Hoffnung wegen des Zinsgroschen und des Handschuhehandels nach dem wienerischen Hofe verschwunden; ich ging also nach Innspruck, kaufte Handschuhe ein, und marschierte mit meinem Hofmeister und Schimmel auf das Land. In München bedauerte mich die verwitwete Kurfürstin sehr, weil sie wußte, wie viel ich an der Kaiserin, und seit sechs Jahren verloren habe. Ich blieb eine Zeitlang bei ihr zu Fürstenried, weil sie und alle Herrschaften mich gern hatten. Die Kurfürstin gab mir auch eine gute ergiebige Beisteuer, damit ich an meinem Gut zu Hause etwas abzahlen konnte. Ich dankte tausendmal dafür, nahm Abschied, ging über Schwabhausen, Aicha, Rhain, Donauwörth, und kam zu Drießdorf beim Marggrafen an, der eine große Freude bezeigte, daß wir, anstatt zu Venedig, uns in Drießdorf einander sahen. Er lachte nicht wenig über meine Reise, zahlte mir meine Unkösten, und bedauerte mich auch sehr, daß ich meine gute Kaiserin verloren habe. Die Marggräfin war auch meine beste Freundin; ich durfte alle Tage in der Frühe zu ihr ins Kabinett kommen, da diskurierten wir von allerhand Sachen, vorderst von Tyrol und meiner Haushaltung: ich erzählte ihr alles haarklein, wie es mit meinen Sachen stund. Einsmals fragte ich sie im Vertrauen, ob ich nicht den Marggrafen um ein Darleihen angehen därfte, damit ich zu Hause etwas von meinen Schulden abzahlen könnte: sie machte mir gute Hoffnung, und versprach mir bei der Hand, daß sie mir, so viel sie könnte, bei dem Marggrafen dazu behilflich sein wollte. Eines Tags in der Frühe beim Koffee eröffneten wir dem Marggrafen unser Anliegen: ich bittete ihn, daß, da er öfters versprochen, mir zu helfen, und itzt die beste Gelegenheit dazu wäre, er mir einen Vorschuß von tausend Gulden, aber ohne Interessen, mit dem Beding machen möchte, daß ich ihm alle Jahre hundert Gulden heimzahlen wollte. Der Marggraf lachte, und sagte: morgen um diese Zeit will ich dir die Antwort geben. Wir hatten gute Hoffnung, weil er so aufgeräumt war: die Marggräfin, wie er weg war, gab mir die Hand zu küssen, und tröstete mich, es werde alles gut gehen. Ich kam zurück in mein Quartier zum Kommißbecken, und erzählte meinem Hofmeister, dem Hannsäl, mit Freuden alles, was vorgegangen war. Am folgenden Tage sagte mir der Marggraf beim Koffee: aus deinem Begehren wird nichts daraus, ich kann dir nichts leihen. Wie vom Donner getroffen erschrak ich; der Marggraf sah mir es an, lachte, und sagte: sei wohlauf, Peterl! ich will dir helfen; auf dein ehrliches Gesicht leihe ich dir das Geld, ich verlange keine oberkeitliche Versicherung, komm du nur alle Jahre, und zahl deine 100 fl. zurück. Vor Freuden erwischte ich ihn bei der Mitte, küßte und drückte ihn; er lachte, und sagte: sei glücklich. Ich küßte der Marggräfin viermal die Hand; er aber schickte mich zum geheimen Kabinettssekretär Hasold: ich und Hannsäl gingen hin, und fanden das Geld schon in Bereitschaft liegen; wir nahmen es in die Hüte, und trugen es zur Marggräfin; in ihrem Kabinett setzten wir uns zusammen auf dem Boden, und zählten das Geld: die Marggräfin schauete uns zu, lachte, und erfreuete sich, daß sie mir hat helfen können. Ich zahlte gleich dem Marggrafen meine erste 100 fl. zurück, und so blieben mir noch 900 fl. übrig, diese trug ich zum Herrn Obermarschall von Eichler, welcher sie mir per Wechsel bei Herrn Rögl, Bankier zu Hall, anwies, von welchem ich sie auch unentgeltlich richtig empfangen habe. Ich fertigte dem Marggrafen mit meiner eigenen Handschrift und Petschaft einen Schuldenschein aus, mit welchem er zufrieden war. Ich blieb noch eine Weile bei ihm, nahm Abschied, und ging mit meinem Hofmeister und Schimmel von Anspach über Nürnberg nach Regensburg, wo mich der Fürst-Bischof mit Freuden empfing, und mir sagte: Nun mußt du eine längere Zeit bei mir bleiben, ausruhen, und dich recht herausfüttern; aber trinken darffst du nicht zu viel, und deswegen mußt du allemal Wasser unter den Wein schütten. Ich versprach es ihm; weil aber der Fürst blind war, und es nicht sah, schüttete ich nur ein und den andern Tropfen Wassers unter den Wein. Der Fürst hatte auch schon ehevor aus Tyrol Nachricht erhalten, wie sich meine Vermögensumstände zu Haus befänden: es reuete auch die Anna Pachmayrin sehr, daß sie mir das Wirtshaus zu kaufen gegeben; sie suchte also mich wieder davon zu verdrängen, und setzte mir vermög eines oberkeitlichen Befehls zur Bezahlung einen so kurzen Termin, daß ich natürlicherweise unmöglich beihalten könnte. Der Fürst, der wohl einsah, daß man mich mit Gewalt drücken wollte, lieh mir also 1000 fl. ohne Interesse, und wies mir solche beim Herrn Landsindikus von Egger an, der sie auch der Anna Pachmayrin bei der Oberkeit auszahlte: von diesem Kapital mußte ich alle Jahre des Fürsten Schwester zu Innspruck 100 fl. heimzahlen. Nun war ich von meinen großen Klagschuldnern bis auf etwas weniges frei; ich blieb beim Fürsten zu Regensburg sechs Wochen lang, denn er war in Wahrheit mein guter Freund und Patron; ich bekam noch überdies meine Pension, und mein Hofmeister Hannsäl zween bayerische Taler Trinkgeld. Wir bedankten uns, nahmen Abschied, und gingen über Freysing und München nach Haus. Wir kamen dieses Mal zum allerglücklichsten bei Weib und Kindern an; ich hatte noch über die zu machende Bezahlung etwas Geld in Händen, und, weil das Haus sehr nieder war, ließ ich es abtragen, und um vier Ringe höher bauen, sechs neue Böden einlegen, dreizehn neue reguläre Fensterstöcke einsetzen, und einen neuen Dreschtennen machen: ich kaufte mir auch sechs schöne Kühe, wie auch Wägen und andern Hausrat; denn, da dieses Gut über 40 Jahre verpachtet war, und die Bestandsleute niemals etwas angeschafft haben, so war im ganzen Hause nicht soviel Hausrat, daß man drin hätte kochen können. Ich mußte mir dann alles bauen, Kuchel- und Kellergeschirr, Betten, Tische, Stühle und Bänke aufs neue machen lassen, welches mir auch große Unkosten verursachte. Hingegen hatte ich itzt eine rechtschaffene und gut eingerichtete Wirtschaft; das Gries und Schmiedfeldl hatte ich auch frisch ausreuten lassen, so, daß ich schöne Felder hatte, und gewiß ein wohlhabender Wirt und Bauer in unserm Ort war; denn, wenn ich wollte, konnte ich alle Tage für mein Vermögen 5000 fl. haben, worauf ich nur mehr 800 fl. schuldig war. Dieses stach der Anna Pachmayrin sehr in die Augen, und der Kauf reute sie immer mehr; sie hatte auch den Herrn Pfleger, und unsere geistliche Herren auf ihrer Seite; zudem, da ich für alle meine Bemühung und Unkösten bei dem Kirchenbau nicht einmal einen eigenen Sitz in der Kirche bekam, zertrug ich mich mit den geistlichen Herren, und gab zur Frühemesse und sonst nichts, oder wenig her, wollte auch nichts mehr opfern, und einen Betbruder konnte ich auch nicht machen. Man gab also auf meine Lebensart und Aufführung genaue Obacht, und man weiß ohnehin, daß ein Pfarrhof und Wirtshaus nicht wohl zusammen taugen. Sogar wurden durch den Meßmer die Nachbaren in den Pfarrhof berufen, und darin über mich ein Protokoll verfaßt, auch den Nachbaren wegen den Hochzeiten und Spielleuten ins Gewissen geredet, daß diese widerrufen sollten, was sie erst vor 14 Tagen bei dem Gerichtsadvokaten di Rossi attestiert haben. Dieses geweihte Protokoll wurde hernach zum Kreisamt nach Schwatz eingeschickt, von welchem mir die Hochzeiten und Spielleute rundum verboten wurden, mit dem Auftrage, nichts mehr darwider einzugeben; und, wiewohl mir von unserm Grafen von Tannenberg und dem Pfleger selbst vorher aufgetragen worden, ich sollte um die Erlaubnis, Hochzeiten und Spielleute zu halten, einlangen, so wurde dennoch die Sache unter der Hand wider mich abgekartet, und half alles nichts mehr. Die Nachbaren, welche beim Gerichtsadvokaten mir zum besten attestiert haben, sollte ich mit Getränk abgeschmiert, und fälschlich dazu beredet haben. Ich wurde dann abgewiesen, und als ein niederträchtig- und verlogener, liederlicher Wirt beschrieben. Aus Verdruß bestellte ich meinen Hofmeister, den Johann Ram, zum Kellner und Haushalter, kaufte in Innspruck Handschuhe ein, und ich und sein Bruder, Anton Ram, oder Mäusl Tunig genannt, gingen mit unsrer Lederware aufs Land: mir kamen nach München und Fürstenried, wo sich Ihro Durchlaucht die verwitwete Frau Kurfürstin aufhielt. Diese empfing mich und den Tunig recht gnädig; denn sie ist die gnädigste Frau, und sie war immer bedacht, mir zu helfen. Mein Sohn ist unterdessen vom Schulmeister zum Silberdiener in die Kost gekommen; er studierte und lernte Sprachen, und die Kurfürstin bezahlte für ihn alles. Wir logierten in Fürstenried bei Hof, es ging uns wohl, und wir waren ganz lustig und aufgeräumt. An einem Sonntag, es war der 8. Juli Anno 1781, auf den Abend sah man von weitem gegen die Tyrolerberge ein grausam schwarz dunkles Gewitter; wir waren zwar deswegen in Ängsten, doch wußte man noch nicht, wo solches ausgebrochen wäre. Nach 8 oder 10 Tagen kamen von Fügen aus dem Zillerthal etwelche Ölträger nach München; ich traf solche beim Birnbaumbräu in der Schwabingergasse an, grüßte und fragte sie, wie es zu Haus aussähe. Diese erzählten mir, daß ein Wolkenbruch und die davon aufgeschwollenen Bäche im Zillerthal alles verwüstet, und alle meine schöne Felder mit Steinen und Bäumen überschüttet haben. Wie sehr ich hierüber erschrocken, kann sich ein jeder leicht einbilden; ich ging gleich wieder nach Fürstenried, und schnurgerad in die Vorzimmer der Kurfürstin. Die Kammerdienerinnen sagten mir, daß die Kurfürstin schon im Bette wäre: sie hörte mich aber weinen, fragte, was es wäre, und kam im Schlafzimmer bis unter die Tür hervor; ich erzählte ihr mit Wehmut, daß, wie mir meine Landsleute gesagt haben, mein ganzes Vermögen zugrunde gerichtet, und meine Felder gänzlich verwüstet wären. Die Kurfürstin hatte mit mir ein so großes Mitleid, daß sie selbst zu weinen anfing; sie sprach mir zu, ich sollte alles Gott heimstellen, itzt könne ich doch nicht mehr helfen; ich sollte mich heut schlafen legen, morgen früh wolle sie mit mir von der Sache reden, und sie werde mich nicht verlassen. Ich küßte ihr die Hand, und benetzte solche mit meinen Tränen. Sie ging in ihr Bette, und ich in mein Zimmer, wo ich aber die ganze Nacht hindurch schlaflos war. Dem folgenden Tage unterredete ich mich mit der Kurfürstin, was zu tun wäre. Sie gab der Gräfin Seefeld den Auftrag, daß sie an meine Oberkeit schreiben sollte, damit diese einen ausführlichen Bericht erteile, wie es mit meinen Sachen stehe: die Gräfin Seefeld war so gut, und schrieb sogleich meinetwegen an den Hrn. Pfleger. Ich hatte aber keinen ruhigen Augenblick mehr: ich erzählte mein Unglück der durchlauchtigsten Herzogin, welche zum Speisen nach Fürstenried kam; diese wurde so sehr zum Mitleid bewogen, daß sie mir sogleich etwas schenkte, so ich nach Haus schicken sollte, damit meine armen Leute Getreide, Schmalz und andre Notwendigkeiten einkaufen könnten. Ich dankte ihr tausendmal; auch die Kurfürstin sprach mir zu, ich sollte nur ruhig und aufgeräumt sein, sie werde mir auch gewiß helfen. Endlich nach drei Wochen kam an die Gräfin von Seefeld die Antwort von unserm Pfleger, daß ein mit außerordentlichem Schauer vermischtes Hochgewitter die ganze Gemeinde Ried heimgesucht habe; daß sie nun ohne Brot, ohne Geld, ohne Kredit, ohne Hülfe dastünde, der Schaden des Peter Prosch nach der Schätzung des verpflichteten Taxators sich auf 1500 fl. belaufe. Da die Gräfin von Seefeld mir den Brief vorlas, und solchen der Kurfürstin übergeben hat, sagte diese zu mir: Sei getrost, und überlaß dich Gott; du mußt aufs neue zu handeln und zu hausen anfangen, Gott wird dir auch wieder seinen Segen verleihen; denk nur, daß du Anfangs auch nichts gehabt hast. Sie schenkte mir eine ergiebige Beisteuer, und versprach mir, noch weiters zu helfen. Ich dankte ihr tausendmal, und, nachdem sie mir einen Brief an ihre Schwägerin, die Erzherzogin Christina, nach Brüssel mitgegeben, ging ich über Augsburg nach Anspach. Der Marggraf hatte mein Unglück schon ehevor erfahren; er ließ mir daher schreiben, ich sollte zu ihm kommen. Als ich zu ihm ins Zimmer trat, um seine Hand zu küssen, sagte er mir: Grüß dich Gott, Peterl! du bist unglücklich gewesen, nun hab ich eine gute Gelegenheit, dir zu helfen: wir sind quitte, du darfst mir nichts mehr bezahlen, und deine jährliche Pension hast du dennoch zu genießen. Vor Schrecken und Freude machte ich ihm einen Fußfall, nahm ihn bei der Mitte, küßte, drückte, und dankte ihm. Die Marggräfin, so gegenwärtig war, zeigte eine solche Freude darüber, als wenn er ihr selbsten dieses Geld geschenket hätte. Wir blieben noch eine Zeitlang da, weil es der Marggraf also haben wollte, damit ich mein Unglück desto eher vergessen sollte. Hernach nahmen wir Abschied, gingen über Würzburg, Aschaffenburg, Hanau, nach Frankfurt, und fuhren auf dem Marktschiffe nach Mainz, von da aus fuhren wir auf dem Rhein über Bingen, Koblenz, Andernach, Bonn, Köln und Neys bis Düsseldorf, und, weil wir viele Handschuhe bei uns hatten, gingen wir in Westfalen nach Essen und Toren von da wieder zurück nach Gülich, Aachen, Lüttich, Herrschebell, Türlemon und Löwen nach Brüssel und zurück nach Mainz. Manchesmal ging es uns sehr übel, weil wir weder Französisch noch Flammännisch verstunden. Itzt einen Sprung nach Haus. Als unser Herr Graf von Tannenberg und der Herr Pfleger nach Ried kamen, um den Augenschein von dem Wasserschaden einzunehmen, stiegen sie in dem Pfarrhof ab; sie bezeigten ein großes Mitleid, und der Graf versprach, so viel er könnte, der Nachbarschaft zu helfen. Die geistlichen Herren müssen mich aber bei ihm und dem Pfleger so stark rekommandiert haben, daß ich über zwei Jahre daran zu lecken hatte. Dieses gehört aber nicht hieher. – – Meine Felder waren zugrunde gerichtet, einiges Vieh mußte mit Schaden verkauft werden, mein Kellner Johann Ram mußte aus fälschlich vorgegebener Ursache einer gar zu starken Bekanntschaft mit meinem Weibe das Haus räumen, Getreid, Schmalz, und alle notwendige Lebensmittel mußte man kaufen, und ich war meiner Handelschaft wegen in weit entfernten Landen, konnte also zu Hause nicht helfen. Dieses war nun für die Pachmayrischen gutes Wasser auf ihre Mühl, und die beste Gelegenheit, mich vom Haus und Hof zu verdrängen, um es wieder an sich zu bringen. Sie klagten mich dann wiederholtermalen bei der Oberkeit um die Bezahlung des ruckständigen Kapitals von 840 fl.: sie fanden auch Gehör; mein Vermögen wurde untersucht, es kamen 3000 fl. Schulden zum Vorschein, da ich doch nachgehends alle meine Schulden mit 840 fl. bezahlte. Ich wurde ausgeschätzet, und mein Haus auf öffentlichen Kirchgassen feilgeboten. Ich war auf dem Land, und wußte von allem diesem nicht das mindeste, bis ich endlich zu Mainz von meinem Schwager, welcher sich bei diesen Umständen aus gewissen Ursachen um meine Haushaltung eigenmächtig angenommen hat, einen Brief erhielt. Nachdem ich diesen gelesen, wußte ich nicht mehr, wie mir war: Wut und Verzweiflung schlugen mich vollends nieder, weil ich einerseits in etwelchen Jahren große, gute Freunde, und mächtige Stützen in fremden Ländern verloren hab, andererseits aber in meinem Vaterlande, wo man sonst dem Unglücklichen unter die Arme greifen sollte, ich anstatt des Mitleids bei meinem Unglück Haß und Verfolgung fand. Ich sah, daß ich von meinen Kreditoren keine Nachsicht zu hoffen habe, sondern daß ich in dem bestimmten kurzen Termin die 840 fl. bezahlen sollte, nehme ich sie her, woher ich wollte. In diesen betrübten Umständen wußte ich mir nicht anders zu helfen, als daß ich mich an meine Oberkeit selbst wendete; weil ich gewiß wußte, daß sie mit falscher Vorgebung der vielen Schulden, so man mir aufbürdete, hintergangen worden. Ich schrieb also meinem Herrn Pfleger folgenden Brief: Hochedelgebohrner, gestrenger, Hochgeehrtester Herr Pfleger! Jenes Decretum vom 19 ten des abgewichenen Monats August, welcher Euer Hochedelgebohrn dem zu Besorgung meines Hauswesens aufgestellten Haushalter gefällig insinuiren lassen, ist mir erst mittels vom gedachten Haushalter an mich unter dem 21 ten selbigen Monats erlassenen Schreibens dem 2 ten dieses, besag des in Originali hier anliegenden Attestats, zu Mainz wissend geworden, wo ich gedachtes Schreiben nach meiner Rückkehr aus den Niederlanden erhalten habe. Gegen dieses harte Verfahren erlauben Euer Hochedelgebohrn mit Beybehaltung des schuldigen Respects meine bestgegründete Vorstellungen zu machen: daß Erstens die anberaumte Zahlungsfrist erst von dem Tage, wo mir solche wissend geworden, zu laufen anfangen könne, somit mir noch immer nützlich fortlaufe, indem der Andrä Gaßner nur zur Besorgung des Oeconomiewesens auch nicht einmal von mir selbst aufgestellet ist, und nicht dieser, sondern ich die Zahlung zu leisten habe, und hierzu die Mittel ausfindig machen muß. Daß sodann Zweytens der in diesem Decret mir angesetzte Termin von 30 Tagen für einem in fremden Landen seiner Nahrung und Handelschaft nachgehenden Manne viel zu enge sey, und wenigstens eine weitere Zahlungsfrist bis Lichtmeß künftigen Jahres gestattet werden müsse, wo zumalen Drittens der mir ertheilte Zahlungsbefehl der erste, und mein Gläubiger gar nicht gefährdet ist, anerwogen nach eigener bey der anmaßlich vorgenommenen Vermögensinventirung gemachten Rechnung mir noch 1000 fl. nach Abzug der Schulden übrig verbleiben, auch Viertens hinzu kommet, daß mein Gut durch das unglückliche Schicksal der erlittenen Ueberschwemmung so sehr herunter gesetzet worden, und wenn dieses Gut, welches ich vor kurzem um 4540 fl. gekaufet, itzt verkaufet, und so schnell dahin geschleudert werden sollte, ich in den empfindlichsten, unwiederbringlichen Schaden versetzt würde, da vielmehr Fünftens eben dieses ohne meinem Verschulden erlittene harte Unglück einen Maaßstand ausmachte, nach welchem mir dem bekannten Rechte und aller Billigkeit nach ein fünf- und mehr- jähriges Moratorium gestattet werden sollte; ich verlang aber keineswegs eine so lange Nachsicht, sondern bitte nur, daß im Anbetracht solcher Rechts gegründeten Umständen itzt mit der Verkaufung meines Hauses und meiner Güter (die ohnehin, da ich hievon zugleich der Grundherr bin, ohne meinem Wissen und Einwilligung mit Rechtsbestand nicht beschehen kann) zurücke gehalten, und die gebethene Zahlungsfrist bis Lichtmeß verstattet werden möge, bis wohin ich unfehlbar die schuldigen 840 fl., auch wo möglich noch eher abführen werde. Und da mir sonst von einem dringenden Gläubiger nicht das mindeste bekannt ist, so muß ich zugleich gegen die nur durch falsche Vorspieglungen meiner Feinde, zu Schwächung meines Credits, und durch die in neidischer Absicht, mir das erworbene Gut wiederum hinweg zu reissen, geschehene falsche Vergebungen erschlichene gerichtliche Vermögensinventirung feyerlichst protestiren, und mir wegen des andurch zugegangenen Schadens alles nöthige vorbehalten. Von Euer Hochedelgebohren und Dero Gerechtigkeitsliebe erwarte ich die Gewährung meiner Bitte, daß Dieselben nicht nur mit dem Verkauf zurücke halten, sondern auch mir die gebethene Zahlungsfrist gestatten werden. Sollte aber gegen Vermuthen der Verkauf schon geschehen seyn, oder gegen Verhoffen meinem rechtlichen Gesuch keine Statt gegeben werden, so muß ich mir in dem ersteren Fall mit feyerlichster Protestation gegen alles widerrechtlich Unternommene die Ausführung meines Rechtes und der Nullitätsklage vor unserer gnädigsten Landesregierung und dem höchsten Richter, auch die Regreßklage gegen Euer Hochedelgebohren ausdrücklich: in dem zweyten Falle dahingegen die Appellation rechtlich vorbehalten, welche auf zu erhaltenden solchen widrigen Bescheid einzulegen ich dem Andreas Gaßner den ausdrücklichen Auftrag ertheilet habe. Auf allem widrigem Fall, wenn das Gut wirklich verkauft wäre, will ich mir auch weiterhin, mit Vorbehalt meiner Nullitäts- und Regreßklage, und ohne mir hierinnfalls etwas zu begeben, das Einstandsrecht vorbehalten, mir solches hiemit ausdrücklich gebethen haben. Ich hoffe immittels das Bessere, und in dieser tröstlichen Zuversicht harre ich mit schuldigem Respecte Euer Hochedelgebohren Mainz den 3ten Sept. 1782. Gehorsamster Peter Prosch. Auf dieses Schreiben wurde mit dem Verkauf meines Hauses und Hofs innegehalten, und weiter nichts mehr unternommen. Wir gingen geschwind auf dem Marktschiff nach Frankfurt, Hanau, Aschaffenburg, Würzburg, Kitzingen, Nürnberg und Regensburg. Wir kamen beim geistl. Fürst-Bischof an, welcher froh war, daß ich von dieser weiten Reise glücklich bei ihm angekommen. Ich blieb noch eine Zeit zu Regensburg; weil aber der Fürst Taxis noch mit seinem Hofstaat in Schwaben war, litt ich in meinen Revenüen einen Abgang. Eines Tags erzählte ich dem Hofrat Depras, daß ich zu Hause von meinen Gläubigern sehr geplagt würde, meine Schuld von 840 fl. bäldest zu bezahlen: wir beratschlagten uns, weil wir wußten, daß der Fürst allzeit bedacht war, mir zu helfen. Er hinterbrachte es dem Fürsten, und der Fürst lieh mir so viel, als ich brauchte; er gab mir noch dazu meine Pension, und, weil er wußte, daß ich eilen mußte, ließ er mich gehen, mit dem Befehl, daß, wenn ich meine Schulden bezahlt hätte, ich wiederkommen sollte. Ich bedankte mich; der Fürst ließ uns auf dem Postwagen nach München führen. Auf dieser ganzen Reise hatte ich mir etwas erspart, der Fürst hat mir was geliehen, und bei der Gräfin Seefeld, als meiner Säcklmeisterin zu München, lag auch etwas für mich in Verwahrung: so konnte ich meine Schuld bezahlen. Wir kamen nach München; mein Weib wartete schon beim Birnbaumbräu auf mich; ich übergab also meinem Weib und meinem Tunig, als künftigen Schwiegersohne, die 840 fl., damit sie die Pachmayrischen zu Haus ganz bezahlen sollten, welches auch bei Gericht geschehen ist. Ich befahl meinem Weibe und Tunigen die Haushaltung und Wirtschaft an; sie gingen miteinander von München nach Haus, und bezahlten die Schulden: nun war wieder Fried und Ruhe. Unter dieser Zeit hat mein Haushalter, Kellner, und ehemaliger Hofmeister, Anton Ram, oder Mäusl Tunig, mit meiner Tochter eine vertrauliche Bekanntschaft gemacht, und zeigte eine Lust, sie zu heuraten: als Kellner und Haushalter wollte er nicht länger bei mir bleiben, weil er und mein Weib nicht recht gut zusammen sahen; dabei litt aber niemand mehr, als ich, so, daß mein Hauswesen in diesen zweien Jahren ein schlechtes Aussehen gewann, und ich mich nicht mehr erschwingen konnte. Wollte ich auch selbst zu Haus bei der Wirtschaft bleiben, konnte ich nichts bessers hoffen; denn, wenn ich meine Pensionen nicht selbst alle Jahre abholen wollte, würde man mir solche gewiß nicht überschicken, zudem könnte ich meinem Handel und Wandel, durch welchen ich doch immer was gewann, nicht mehr nachgehen. Ich ließ sie also in Gottes Namen zusammen heuraten; er war ein bildschöner Mensch, konnte gut lesen, schreiben und rechnen, war auch schon fünf Jahre bei mir, sowohl auf dem Land als zu Hause, und führte sich allzeit gut und brav auf, so, daß ich mir dachte, er wird so bleiben, und immer noch besser und gescheiter werden. Er hatte auch ein weniges Vermögen; ich hoffte also, daß meine Tochter einen vernünftigen, schönen, und braven Mann, und ich in meinen alten Tagen einen guten Freund, schönen Schwiegersohn und Gehülfen haben würde. Aber – Wir wurden durcheinander einig, und die Hochzeit ging mit beiderseitigem Vergnügen vorbei: sie war die erste, die in unserm Hause gehalten wurde. Ich übergab ihnen um einen gewissen Preis mein Gut und die Wirtschaft zu Jochler, doch blieb ich Grundherr, und war der einzige Kreditor: ich gab ihnen Vieh, und was sonst zur Bauernschaft gehört, und schenkte ihnen noch darzu auf die Hochzeit das Schuldenbuch. Sie fingen an zu Hausen, und es ging anfangs ganz gut; denn sie hatten einander lieb. Ich aber zog mit meinem Weib und Kindern in das Zapflhaus ins Taxach hinauf, und lebte mit meinen Geistlichen und der Oberkeit in Friede und Ruhe. Dreizehntes Kapitel Reise nach Paris. – Die französische Diligence. – Ich hungere und muß fürs Essen zahlen. – Schlechte Nacht mit einem Franzos in einem Haspelbett. – Gutes Leben beim Marggrafen von Anspach in Paris. – Versailles. – Audienz bei der Königin Marie Antoinette. – Heimkehr nach Deutschland. – Der Fürstbischof von Regensburg möchte meine Pariser Avanturen hören und von mir französisch lernen. – Daheim bin ich das Wundertier, das ich in Paris war. – Zum Schluß: ich lach über Schlösser. Ich hatte aber im Taxach bei meinem Zapflwerk und Brandweinhüttel wenig zu tun, und konnte meinem Handel und Wandel nachleben, wie ich wollte: ich kaufte daher zu Innspruck Handschuhe ein, und reiste wieder. Ich ging nach München, und kam zu Fürstenried bei meiner Kurfürstin an: wir waren recht wohlauf, bis die Kurfürstin nach Starenberg auf die Jagd gehen wollte; ich sollte auch dahin gehen; allein unversehens erhielt ich einen Brief von Anspach, in welchem man mir die Nachricht erteilte, daß der Marggraf mir schon vor vier Wochen durch meine Schwägerin Lucia habe zu wissen machen lassen, er werde den 12ten Weinmonat nach Paris reisen, und, wenn ich mitkommen wollte, ich in Anspach erscheinen sollte. Ich zeigte der Kurfürstin den Brief, welche mir sagte: wenn dich der Marggraf mitnimmt, so kann es dir nicht fehlen; vielleicht bist du glücklich; wenigstens kannst du vieles sehen. Ich packte also zusammen; die Kurfürstin und alle übrigen wünschten mir Glück, und sagten, ich sollte nur nicht gar zu französisch zurückkommen. Ich kam zu Drießdorf beim Marggrafen glücklich an; ich küßte ihm die Hand, und entdeckte ihm mein Verlangen, Paris zu sehen. Er sagte lächelnd: auf mein Wort, du sollst es sehen. Er trat wirklich in einem viersitzigen Wagen die Reise nach Paris an; ich hatte aus gewissen Ursachen keinen Platz dabei; er versprach mir aber, aus Straßburg zu schreiben, wann ich nachkommen sollte. Der Abschied war betrübt; er reisete fort; die Marggräfin ging nach Schwaningen, und ich mit ihr: wir waren daselbst über drei Wochen, bis endlich die Nachricht kam. Es war zu Ende Oktobers, und fing schon an ziemlich kalt zu werden. Die Kavalier wollten mir also für diese weite Reise einen Pelz machen lassen: der Herr von Discau berief einen Kürschner von Wasserdritting, der mir den Pelz anmessen sollte: man handelte um 14 fl. aus, und in acht Tagen sollte er fertig sein; aber nach 8 Tagen kam erst ein Bot, der mich fragte, ob der Pelz schwarz oder weiß sollte ausgeschlagen sein. Der Herr von Discau antwortete, er solle ihn nur also verfertigen, wie jener war, den er gesehen hätte. Bei der Marggräfin zu Schwaningen befanden sich der Herr Oberamtmann von Freyenberg, Herr von Eib, und Discau; diese plauderten mir von der Bastille zu Paris den Kopf voll an, und behaupteten, daß, wenn ich dahin ging, ich gewiß in die Bastille kommen würde. Eben um diese Zeit war Madame de la Motte darinnen. Bei diesen Reden fing mir der Appetit und die Begierde, Paris zu sehen, ziemlich an zu vergehen: ich hatte keine große Lust mehr, zudem kam der Kürschner von Wasserdritting wieder, der mich fragte, ob der Pelz von vorne, oder von hinten aufgehen sollte. Alles dieses machte mir Grillen in den Kopf, und ich hielte es für üble Zeichen. Da kam aber vom Marggrafen aus Paris die Nachricht an die Marggräfin, ich sollte alsogleich nachkommen, er habe schon zu Straßburg bei Monsieur Deutsch die Diligence für mich bezahlt. Ich fragte also die Marggräfin im Ernste, was ich tun sollte; sie lachte, und sagte: tu du, was dir der Marggraf schafft; er hat dich gern, und es wird dir nicht übel gehen. Ich küßte ihr die Hand, und sie gab mir an den Marggrafen einen Brief mit: Pelz hin, Pelz her! ich ging nach Anspach, und kaufte bei dem Kaufmann Löw statt des Pelzes einen Mantel, den die Herren Kavalier hernach zahlen mußten. Der Bankier Feyerl gab mir ein Kistl mit weißem Zeug und Servietten gefüllt für den Marggrafen mit, wie auch eine Adresse an Monsieur Frank in Straßburg, und an Monsieur Selonf in Paris: sie waren meine Bankier, wenn mir etwas fehlen sollte. Ich nahm 6 Dutzend schöne weiße Frauenzimmerhandschuhe, und meinen rot und grün mit Gold bordierten Fürsttaxischen Uniform, samt einiger weißer Wäsche zu mir, und fuhr auf dem Postwagen im Namen Gottes über Stuttgart und Radstadt nach Straßburg. Ich ging alsbald zum Monsieur Frank, der sich sehr über meinen tyrolischen Aufzug, und die gute Bekanntschaft mit dem Marggrafen verwunderte; er machte meine Sachen bei dem Mautamte richtig, wo ich für die 6 Dutzend Handschuhe 42 Livres bezahlen mußte: er gab mir auch Geld zur Zehrung, weil ich sah, daß ich mit dem meinigen nicht auslangen würde. Dem Prinz Max von Zweibrücken erzählte ich mein Vorhaben, nach Paris zu reisen; er lachte darüber, und fragte: kannst du französisch? Nein, kein Wort. Da wird was schönes herauskommen; was willst du darinnen machen? Ich will der Königin Handschuhe geben. Da kann ich dir helfen: ich gebe dir einen Brief an den Duc de Polignac mit; denn seine Frau ist Gouvernante du Dauphin: diese kennt mich gut, und kann dir verhülflich sein, daß du zur Königin kommest. Ich blieb einen Tag und zwo Nächte in seinem Palast: wir waren recht lustig; denn seine Gemahlin hatte mich auch gern. Ich ging alsdann zum Monsieur Deutsch im schwarzen Raben, der mich gleich kannte, und mir zu essen gab: ich mußte ihm vieles von dem Marggrafen erzählen, der für mich schon alles bei ihm bezahlt hatte. Am Dienstage um 5 Uhr frühe ging die Diligence ab; aus den zehn Personen, die sich darin befanden, verstand der Kondukteur allein etwelche deutsche Wörter, ich aber kein französisches Wort. Wir kamen nach Zabern und Pfalzburg, wo man zu Mittag speisete. Beim Essen ging alles durcheinander; ein jeder schöpfte sich heraus, was ihm beliebte: ich wollte nicht grob sein, und getrauete mir nicht etwas zu nehmen, sondern wartete, bis man mir vorlegen würde; aber da durfte ich lang warten: kein Mensch gab mir etwas, sie aber fraßen und soffen, wie Luder. Es wurde eingespannt, man mußte bezahlen, die Person drei Livres. Ich war voll Hunger und Durst: eingespannt und abgefahren nach Sarburg, St. Nicolas, und andere Örter, die ich nicht mehr zu nennen weiß. Endlich kamen wir nach Nancy, eine große schöne Stadt. Das Mittagessen war noch nicht fertig; ich ging daher geschwind ein wenig in der Stadt und den Hauptgassen herum, etwas zu sehen: ich kam auf den großen Platz Royal, da sah ich schöne Statuen, Paläste, und das überaus große und schöne Rathaus. Die Zeit ging geschwind herum; meine Auberge konnte ich bald nicht mehr finden. Endlich kam ich hin, und es war schon wieder eingespannt; kaum ließ man mir Zeit meine drei Livres zu bezahlen: man fragte mich aber nicht, ob ich gefressen, oder nicht. Eingesessen und fortgefahren. Um 10 Uhr nachts kamen wir nach Chalons in Champagne. Die Wirtin war eine große, starke, dicke Frau: ich hatte noch zwei Karolins in meinem Beutel und dachte mir, wer weiß, wie es dir in Paris ergehen wird; ich will also sparen, und heut zu Nachts nicht essen; ich gehe auch um 24 Sols nicht ins Bette, weil es ohnehin bald 11 Uhr ist, und man um 3 Uhr abfährt, sondern ich bleib beim Kamin sitzen, trinke eine Bouteille Wein, und esse mein Brot; ich fragte: Madame! was kostet eine Bouteille Wein? – Monsieur! vingt sols. – Bring mir eine Bouteille Wein und Brot. Die andern Passagier waren beim Tische, aßen und tranken brav darauf, und ich verzehrte in einem Winkel meinen Wein und mein Brot. Sie gingen schlafen; die Frau kam zu mir, und sagte: Monsieur! voulez vous dormir? Nä; ich bleib da sitzen, und gehe nicht ins Bette. Non, non, Monsieur! auch dormir. Ich gab ihr ein drei Livres-Stückl, und sagte: gib mir heraus! Eh bien, Monsieur! du mußt payer d'avantage. Warum dann, du S..Leder! hast du nicht gesagt, die Bouteille Wein kostet vingt sols? Ich machte sie aus, wie es mir ins Maul kam. Sie aber lachte darüber, und sagte: Oui, Monsieur! für Bouteille Wein, und manger, und boire, und table d'hôte, und dormir mach quatre livres, cinq sols. – Im Zorn sagte ich: du maitre Can ...! ich hab nichts gefressen und getrunken, und will auch nicht schlafen, warum soll ich so viel bezahlen? So viel ich verstand, sagte sie: ob ich esse, oder nicht, wer mit der Diligence kommt, muß halt bezahlen. Ich sagte: so will ich auch fressen! Sie brachte mir noch etwas; ich mußte bezahlen, was sie verlangte, und wider meinen Willen ins Bette gehen, wenn ich nicht Schläge darzu haben wollte. Frühmorgens fuhr man wieder ab, und wir kamen endlich an einem Sonnabend den I7ten Novemb. Anno 1736 um 9 Uhr abends in Paris an. Eine ganze Stunde fuhren wir durch die Vorstadt bis zur Porte St. Martin: da sperrte ich Maul und Augen auf; ich hörte in den langen Gassen, die mit großen Lampen behangen waren, nichts als das Geknirr, das Geschrei, und Gerassel der Wägen. O lieber Gott! nun reuete es mich das erstemal, daß ich aus Deutschland gegangen bin, und ich sah doch noch keine Bastille. Endlich kamen wir durch diesen Lärm im Hauptkontor der Diligence an. In einem Augenblick war abgepackt, und alles an seinem Ort: da stand ich, und mehrere als 50 Bursche um mich herum, von denen ich nicht verstand, was sie sagten, oder was sie wollten. Endlich sah ich den Kondukteur, bat ihn, er möchte mich doch in ein Wirtshaus führen lassen: er sagte es einem von diesen Burschen, diesem mußte ich 12 Sols geben, und er führte mich ins hôtel grand Bourbon in der Rue Montmartre . Wir gingen hinein, und ein Weibsbild fragte mich: Eh bien, Monsieur, wo pletti loger \& dormir? quatre livres . – Meinetwegen, ich kann nicht helfen: gib mir eine Bouteille Wein und Brot. Sie brachte es mir, ich aß und trank, wußte aber nicht, wie mir geschah: ich zahlte, und wollte schlafen gehen. Ein Weibsbild nahm ein Licht, führte mich und ein anders Mannsbild über vier Stiegen in ein Zimmer, in welchem nur ein einziges Haspelbett unter einem rottüchenem Baldakin war: das Mensch ging ihre Wege, der Franzos zog sich aus, und legte sich ins Bette, ließ mir aber einen Platz übrig; ich zog auch Stiefel und Rock ab, löschte das Licht aus, und legte mich mit Furcht und Zittern, aus Sorge, er möchte mich umbringen, neben ihm ins Bette. Er fing mit mir zu diskurieren an; vielleicht hat er mich gefragt, woher ich käme, wer ich sei, und dergleichen: er erzählte mir noch allerhand Sachen, wovon ich doch kein Wort verstund; ich sagte nur immerdar: Woi Monsieur, woi Monsieur . Er mag es gemerkt haben, daß ich nichts verstand; endlich tat er ein paar recht grober Grölzer. Ich dachte mir, er hat gewiß einen Rausch, vielleicht wird er noch speiben müssen: ich rückte also weiter von ihm weg; die Bettstatt bekam aber das Übergewicht, und ich fiel auf den Boden hinaus; der Franzos kam nach, die Bettstatt war halb um, Rouleau, Decke, und und Matratze lagen auf dem Boden. Nun fingen wir zu fluchen an, ich auf deutsch, und er auf französisch; ich hörte nur immer: F... B... garçon alemand, baisez mon cul! Ich sagte: S... sch..., wer hat es dir befohlen, daß du auch herausfallen sollst; doch aus Furcht, er möchte mich umbringen, dachte ich auf das, was mich die Frau von Ostitz gelehret hat, und was ich sagen sollte, wenn ich mit jemand Händel bekommen würde; ich sagte dann immer: Mi pre pardon, Monsieur! mi pre pardon . Er sah, daß mir leid war, und daß es nicht mit Fleiß geschehen sei. Wir stunden also auf, hoben die Bettstatt auf, richteten das Bett in Ordnung, und legten uns wieder zusammen. Er brummte noch eine Weile fort, ich schlief aber die ganze Nacht hindurch keinen Augenblick lang. Sobald es Tag ward, ging ich auf die Gasse, und glaubte, ich werden den Marggrafen alsbald erfragen. Ich fragte einen: Monsieur ! wo logiert der Marggraf von Anspach? Quesquedit? Monsieur! wo logiert der Marggraf von Brandenburg, Anspach? F... B... alemand und er ging seine Wege. Ich stund da, und betrachtete meinen elenden Zustand. Gähling kam ein Mann mit zween Wasserkübeln hinter mir her; ich war in meinen Gedanken vertieft, als er erbärmlich schrie: à l'eau, à l'eau! ich machte einen Seitensprung, weil ich nicht wußte, was es wäre. Bald darauf sah ich einen Menschen mit einer Portechaise auf Rädeln daherfahren; ich wich vielleicht zu wenig aus, er gab mir also mit seinem Ellenbogen einen so starken Stoß in die Rippen, daß ich übern Haufen fiel: ich blieb auf der Erde sitzen, und sah ihm nach; er aber fuhr den graden Weg fort. Ein so grobes Volk hab ich nie angetroffen: ich dachte mir, wenn es so fortgeht, hab ich Paris bald genug gesehen; aber, warum bliebst du nicht in Deutschland? Ich ging hernach bei einem Koffeehaus vorbei, wo an einem Fenster geschrieben stund: Deutsche Zeitung. Da ließ ich mir Koffee geben, und gab Obacht, wer diese Zeitung las: ich sah ihn, grüßte und fragte ihn, ob er mir nicht ein deutsches Wirtshaus zeigen könnte? Hier, sagte er, rechter Hand das fünfte Haus ist das hôtel de Bavière , in welchem ein deutscher Wirt ist. Wie froh war ich auf diese Nachricht; ich zahlte den Koffee, ging dahin, und ließ mir eine Bouteille Wein einschenken; dem Wirt erzählte ich, wie es mir ergangen wäre, wer ich sei, und warum ich in Paris wäre. Er war von Mindelheim gebürtig, und sagte mir: sei du froh, daß du bei mir bist; ich gebe dir ein eigenes Zimmer, und du darfst mir täglich nur 1. fl. zahlen; das übrige wollen wir auch schon in Ordnung bringen. Die Adresse an Herrn Bankier Selonf hab ich aus Vergessenheit bei Herrn Frank in Straßburg gelassen: ich fragte also den Wirt um den Marggrafen und seinen Bankier; er wußte mir aber weder von einem, noch dem andern etwas zu sagen: ich bat ihn, mir einige aus den Bankiers zu nennen; unter andern nannte er den Monsieur Selonf: ja, sagte ich, der ist's. Nun ist es gut, erwiderte der Wirt, er logiert nicht weit von dem wälschen Spektackel. Montags frühe ging ich in ein geradehinüber gelegenes Koffeehaus, in welchem ein deutsches Mädl von Straßburg war, die ich kannte: ich trank Koffee, unterhielt mich mit ihr und ging in mein Wirtshaus zurück. Am folgenden Tage trank ich wieder bei ihr Koffee; um 9 Uhr aber schickte mein Wirt um einen Fiaker, der mich zum Bankier Selonf führen sollte: ich mußte ihm 36 Sols bezahlen. Wir fuhren unter einem beständigen Gewühl und Geschrei eine Gasse hin, die andere her bei anderthalb Stunden. Der Fiaker, weil er den Namen vergessen hatte, fragte mich, wohin er fahren sollte? ich wußte es auch nicht; er verstand mich nicht, und ich ihn auch nicht; er fing auf dem Bock an zu fluchen, und ich in der Kutsche zu weinen. Endlich hab ich ihm so viel sagen können: Monsieur! retournarete la auberge . Wir kamen also durch ganz andre Gassen nach 3 Stunden wieder in das alte Wirtshaus; der Wirt zankte freilich mit ihm, er aber fluchte, und fuhr davon. Nun schickte der Wirt einen Kommissar mit mir, mit dem ich zu Fuß, wiewohl in größter Furcht, zu Monsieur Selonf ging; dieser ließ mich alsbald zu sich kommen, und sagte mir in deutscher Sprache, der Marggraf habe schon zweimal meinetwegen Nachfrag gemacht, er habe einen eigenen Palast, und logiere außer der Barriere auf einer Menagerie zu Issi: er gab mir ferners eine Bouteille Burgunderwein und Brot, und verwunderte sich sehr über meinen Aufzug; er schickte auch einen seiner Bedienten samt dem Hausknecht nach dem Mautkontor, um meine Sachen abholen zu lassen. Während dieser Zeit mußte ich ihm allerhand Sachen erzählen, und ließ mir dabei den Wein schmecken. Als meine Sachen von der Maut angekommen, bestellte er mir einen Fiaker, welcher mich zum Marggrafen führen sollte. Da wir in der Vorstadt St. Germain bei einem Wirtshaus vorbeifuhren, taumelte ein besoffener Mensch zur Haustür heraus; er fiel, und kam unter unsre Pferde; das vordere Rädl ging ihm über das dicke Bein: alsbald liefen viele Leute zusammen, die uns arretieren wollten. Ich war schon bereit zum Schlag herauszuspringen, und davonzulaufen; denn ich bildete mir ganz sicher ein, daß ich in die Bastille werde geführt werden: aber mein Kutscher hielt mich zurück, und sagte mir: l'excus, Monsieur, l'excus . Sie zogen den Mann heraus, stellten ihn auf, sahen aber, daß er besoffen wäre, und nicht stehen konnte; mithin ließ man uns weiter fahren, und endlich kam ich in dem Palais des Marggrafen an. Sein Kammerdiener, Thomas, war der erste Bekannte, den ich sah; er embrassierte mich vor Freuden. Der Reisestallmeister, Abraham, ging gleich mit mir ins Wirtshaus, wo wir aßen und tranken; da wir ins Schloß zurückkamen, empfing mich der Kammerherr von Wellwart mit vielen Freuden, und sagte: es ist mir nur leid, daß der Marggraf noch nicht zu Hause ist; du siehst schon erbärmlich französisch aus; wie bist du dann nach Paris gekommen? Herr Vetter, sagte ich, heut nichts von meiner Reise, ich habe der Ruhe vonnöten. Man wies mir ein Zimmer an, ich zog mich aus, legte mich nieder, und blieb zwo Nächte, und ein und einen halben Tag in der Ruhe liegen. Der Marggraf schickte mir zweimal eine Suppe; ich konnte aber vor starkem Schlafe, und vor großem Vergnügen, daß ich noch lebendig aus Paris gekommen und nun in Sicherheit wäre, kaum danken. Endlich erhob ich meinen Leib, zog mich ganz frisch an, und ging zum Marggrafen; er zeigte mir eine große Freud, gab mir aber zugleich einen kleinen Verweis, daß ich so lange ausgeblieben bin. Ich überreichte ihm den Brief von der Markgräfin, und erzählte ihm alle meine gehabten Fatalitäten, worüber er nicht wenig gelacht hat; er sagte mir: nun bist du bei mir zu Paris, sei also ruhig und wohlauf. Es wurde mir alsbald meine Kost angeschaffen, und befohlen, daß ich nicht allein ausgehen sollte: der Kammerherr von Wellwart lieh mir Geld, so ich aber nicht mehr zu bezahlen gedachte, weil mir der Marggraf solches zu entlehnen erlaubt hatte. Alle Tage sollte ich in der Stadt etwas neues sehen, damit ich, wenn ich nach Deutschland zurückkäme, vieles zu erzählen wüßte. Ich ging dann alle Tage mit einem aus seinem Gefolge in die Stadt; ich sah daselbst die prächtigsten Plätze und Palais: ich kam öfters ins Palais royal, welches ich nicht genug beschreiben kann; da gleicht es einer immerwährenden Messe, wo man immer einige tausend Menschen Tag und Nacht spazieren gehen sieht. Ich kam in die französische und wälsche Opera auf dem Boulevard, und in allerhand Komödien und Spektackel beim Nicolet; ich sah die Kirchen Nôtredame und S. Genevieve , das Invalidenspital, die Bastille in der Insel, und andre vornehme Kirchen und Gebäude: wir gingen auch bisweilen in deutsche und französische Wirtshäuser, und sahen schöne – – – . Zu Nachts fuhren wir mit einem Fiaker nach Hause, wo ich für uns alle bald einen Kalbsschlegel, bald Fleischknödeln, oder Kässpatzen zurichtete: ein jeder hatte eine Bouteille Wein und Brot für einen Sols, und so saßen wir bei unserm Souper in großer Herrlichkeit, bis der Marggraf nach Hause kam, dem ich alsdann erzählen mußte, was ich gesehen hab, und was den ganzen Tag hindurch Herrn, Geld, Essen und Trinken genug, und keinen geschehen ist. Auf solche Art hatte ich einen guten Dienst, und nichts zu besorgen dabei: diese waren meine besten Tage in meinem Leben, ich werde auch dergleichen nicht mehr bekommen. Den 12ten Dezember ging der Marggraf und Herr von Wellwart nach Versailles; ich gab ihm den Brief vom Prinz Maxen an den Duc de Polignac, und bat ihn, er möchte meine Gesandtschaft gut ausrichten, und mich rekommandieren; er tröstete mich, und abends um 4 Uhr kam er zurück; wir waren eben in der Garderobbe, als der Marggraf gleich beim Eintritt rief: Peterl! morgen sollst du nach Versailles gehen, die Königin will dich sehen. Ich nahm also den folgenden Tag einen Fiaker; der Marggraf gab mir den Kammerlakei Luwin als Dolmetsch mit; ich nahm meine Handschuhe, ein Billett vom Marggrafen, und fuhr nach Versailles: ich fand aber den Duc de Polignac nicht zu Hause, und der Schweizer sagte mir, er käme erst um 5 Uhr zurück. Wir gingen unterdessen ins hôtel del Boeuf , wir aßen und tranken, um mir ein Courage zu kaufen. Um 6 Uhr gingen wir wieder zum Herzog; ich gab mein Billett ab, und er ließ mich alsbald mit meinem Dolmetschen zu sich kommen: er empfing mich ganz höflich, und sagte in französischer Sprache, die Königin komme heut ins Konzert, da wolle er mich aufführen, daß ich mit ihr reden könne. Ein Kammerdiener führte uns hernach durch etwelche Zimmer, stellte uns in einen schönen Saal, und gab mir ein kleines Tischel: ich packte meine 6 Dutzend Handschuhe aus, und wir blieben dabei stehen. Mehr als 200 große Herrschaften, mit Geschmuck und Brillanten gezieret, versammelten sich. Ein vornehmer Herr nahm alsbald ein Dutzend Handschuhe, und wollte sie zum Präsent verehren; ich nahm aber eine nebenbei liegende Karte, und schlug ihnen sachte auf die Tatze, sprechend: laß sie liegen, die Handschuhe gehören für die Königin. Alle herumstehende lachten; er ließ die Handschuhe fallen, ging zurück, und lachte auch. Ein großer Haufen stund um mich herum, sie betrachteten mich und meinen Aufzug: ich zog ungefähr meine Perücke herab, welche sie ehevor für meine natürliche Haare ansahen, und sagten: ce bon peruque du Wien . Der Duc de Guise, welcher ein wenig deutsch reden konnte, fragte mich, ob ich auch die Königin kenne: ich antwortete, daß ich sie noch in der Jugend zu Wien gesehen, und wohl gekannt habe. Um halb 7 Uhr kam die Königin, von dem Comte d'Artois, dem Monsieur, und 7 oder 8 Damen begleitet. Sie war ganz schneeweiß gekleidet, und hatte eine schwarze Gürtel mit Brillanten um den Leib, einen schwarzen Hut, und 3 weiße Federn darauf. Alles stand in Parade; sie ging bei mir vorbei, ich machte meine Kniebeugung, und sie sagte zu mir: Grüß dich Gott, was macht meine Schwester zu Innspruck? ist sie wohlauf? – – Ja: und sie läßt dich schön grüßen. Nun war sie schon durch die Tür hinein, alle Herrschaften gingen nach, und ins Konzert. Ich und mein Dolmetsch stunden da, und glaubten, es wäre schon alles vorbei; als ein Kammerdiener uns auch ins Konzert hineinführte. Es war große Musik; die Königin sang selbst zwo Arien. Während dieser Zeit wurden in dem Saal, wo meine Handschuhe lagen, Tische gestellt mit Koffee, Limonade, Tee, Konfekt, Obst, und allerhand Erfrischungen. Das Konzert war zu Ende; wir gingen heraus, alle Herrschaften kamen nach, und endlich auch die Königin. Der Duc de Guise, als Schwiegersohn vom Hause, schenkte der Königin eine Tasse Tee ein, und präsentierte sie ihr: sie nahm solche, trank, und ging unter den Herrschaften herum. Der Comte d'Artois und mehrere Herren begleiteten sie. Endlich kam die Königin zu mir, und fragte mich französisch durch meinen Dolmetschen: Hast du meine Mutter gekannt? Das glaub ich, sie hat mir ein Häusl bauen lassen, und ich hab ihr viele Jahre hindurch Handschuhe geliefert, da du noch ein kleines Diendl warest. Habt ihr sie auch gern gehabt? Ja, Königin! ein solches Weibsbild trägt die Erde nicht mehr, als unsre unsterbliche Kaiserin Maria Theresia gewesen ist: vom Größten bis zum Kleinsten hat sie alles geliebt; denn sie war eine wahre Mutter aller ihrer Länder, so, daß man sagt, sie wäre das beste Mensch auf der ganzen Welt gewesen: eine so gute Kaiserin bekommen wir nimmermehr; Gott tröste sie. Die Königin sagte ferners: Das freuet mich. Und mich noch mehrers, daß ich in dir das lebendige Porträt meiner Kaiserin sehe. Hier hast du ein paar Dutzend Handschuhe, nimm sie an. Der Duc de Guise nahm und trug sie fort; die andre vier Dutzend nahmen der Comte d'Artois, und Duc de Polignac. Die Königin ging, ich machte meine Verbeugung, und der Duc de Guise brachte mir in einem Papier zum Präsent und Angedenken meine gute Bezahlung dafür. Wir nahmen um 9 Uhr abends einen Fiaker, und fuhren nach Paris. Der Marggraf war noch nicht im Bette; ich mußte ihm dann alles erzählen, er zuckte die Achseln, lachte, und wir gingen schlafen. An dem Christtage bekam ich vom Marggrafen einen neuen grün und rot mit Gold bordierten Uniform zum Christkindl: in diesem ging ich, wie andre Menschen, öfters durch die Stadt spazieren, und trank bald Koffee, bald Likör. Einige hielten mich für einen Jaquet, andre für einen Savoiard: bald war ich ihnen zu propre, bald sagten sie, ich hätte doch kein Schmieß an. Was vor mir war, blieb stehen, und was hinter mir war, lief mir nach, so, daß ich von einem Schwarm der Menschen umgeben war. Wer das Palais royal kennt, kann sich diese Menge Volks leicht einbilden, aber beschreiben kann ich es nicht. Endlich hatte ich alles Sehenswürdige gesehen, meine wenigen Handschuhe waren verkauft, und ich sehnte mich wieder nach Deutschland: ich bat also den Marggrafen um die Erlaubnis, zurück zu reisen, und um einen Brief für die Marggräfin; allein es gingen wohl 8 Tage vorüber, bis er fertig wurde. Was ich an Geld bekommen, behielt der Marggraf, der mir einen Wechsel an den geheimen Kabinettssekretär Schmied mitgab, damit ich es in Anspach wieder erholen könnte. Was ich in Paris verzehret hatte, bezahlte der Markgraf, wie auch die Diligence, und er gab mir noch sieben Karolins Reisegeld mit. Wäre dieser Herr nicht gewesen, hätte ich fürwahr bei meiner Reise nicht viel profitiert. Er wollte, ich sollte auf ihn warten, um ohne Unkösten reisen zu können; aber ich wollte lieber in Deutschland zu meiner Marggräfin gehen. Er gab mir endlich den Brief an Höchstdieselbe; ich bedankte mich, und ging dem 17ten nach Paris. Die Kammerdiener gaben mir das Geleit bis zum hôtel de Bavière ; wir tranken zum Abschied einige Bouteillen Wein, sie gingen zurück, und ich fuhr dem andern Tage auf der Diligence mit guter Gesellschaft von Paris ab. Hätte ich nur ein wenig Französisch zu reden gewußt, welches zu lernen ich bei dem Marggrafen Gelegenheit genug hatte, wäre ich gewiß glücklich gewesen, und wäre von Paris so bald nicht weggekommen; aber wenn man gar nichts versteht, ist es zu hart. Auf der Diligence befanden sich drei junge russische Kaufleute aus Petersburg, welche gut Deutsch redeten, ferners zween Offiziers, und zween Schweizer. Nun schnaufte ich schon leichter, als ehevor, da ich in Frankreich reisete, weil ich nicht mehr Pantomime spielen durfte. Wir waren durcheinander ganz lustig, und kamen über Nancy nach Straßburg, Radstadt, Karlsruhe, Durlach, Stuttgart, Schwäbischgmünd, und endlich dem 13ten Tag auf dem Abend zu Anspach glücklich wieder an. Meine ganze Reise dauerte 3 Monate. Dem andern Tage früh ging ich zu meiner lieben Markgräfin, welche eine überaus große Freude zeigte, mich zu sehen, und von ihrem besten Herrn eine Nachricht zu erhalten: ich übergab ihr den Brief, und erzählte ihr von einigen meiner Fatalitäten, worüber sie nicht wenig lachte, weil sie mein Courage kannte. Sie sagte: itzt mußt du ausruhen, und vier Wochen lang, bis auf den Geburtstag des Marggrafen, hier bleiben; welches auch geschehen. Wir waren recht lustig, und ich mußte ihr jedesmal bei der Tafel etwas von meiner französischen Reise und Geschichte erzählen. Plötzlich empfing ich vom Herrn Hofrat Depras aus Regensburg einen Brief, in welchem er mir meldete, daß der Fürst-Bischof gern sähe, wenn ich bald zu ihm nach Regensburg kommen würde, er möchte gern von meiner Pariser Reise, und gehabten Aventüren etwas hören, und von mir Französisch lernen; er warte sehr hart auf mich, weil er etwas unpäßlich, und einer Aufmunterung bedürftig wäre. Ich antwortete alsbald, ließ dem Fürsten die Hand küssen, und versicherte ihn, daß, sobald des Marggrafen Geburtstag vorbei wäre, und die Marggräfin mir es erlaubte, ich ohne Verschub ihm in Regensburg aufwarten würde. Aber, leider! zween Tage vor dem Geburtstage bekam die Marggräfin einen Brief aus Regensburg, daß der Fürst-Bischof gestorben sei; sie gab mir aber solchen erst nach dem Geburtstage beim Koffeetrinken zu lesen. Ich erschrak, fing an zu heulen, und zu weinen; die Marggräfin weinte auch mit mir, weil sie ihn selbst wohl kannte. Ich wußte mir weder zu helfen, noch zu raten; denn ich hatte wieder einen meiner besten Fürsten verloren, der mich in die 30 Jahre wie ein Vater liebte, und einer meiner größten Guttäter war; mit ihm hab ich also von meiner Hülfe und meinen Revenüen vieles verloren. Ich war deswegen äußerst niedergeschlagen, nahm bei der Marggräfin Abschied, änderte meine Reiseroute, und ging mit meiner Handelschaft nach Würzburg; da konnte ich jederzeit von meinen Waren das meiste verkaufen, weil die Herrschaften mich wohl leiden konnten, und begierig waren, etwas von meiner Pariser Reise zu hören. Ich ging zum Obermarschall von Gebssattel, und fragte mich an, ob ich nach Hof gehen dürfte; er erlaubte es mir alsbald, und ich bekam bei den Knaben und der Marschalltafel mein Essen und Trinken, wie ehevor. Der Fürst war gesund und wohlauf, und ließ mich öfters beim Konfekt zur Tafel kommen, wo ich ihm vieles von meiner Reise erzählen mußte. Der Fürst und alle Herrschaften lachten nicht wenig darüber. Ich blieb eine Zeitlang zu Würzburg, verkaufte meine Handschuhe, ging über Mergenthal, Wallerstein, Nördling, Dischingen und Dillingen nach Augsburg, und kam zu Fürstenried bei meiner verwitweten Kurfürstin an, welche eine Freude hatte, mich als vôtre ser sumble serviteur ganz auf französische Art empfing. Ich mußte meine ganze Reisegeschichte erzählen: alle lachten nicht wenig darüber, und verwunderten sich, daß ich, ohne ein Wort Französisch zu verstehen, überall so gut durchgekommen bin. Man sagt nicht umsonst, sprach die Kurfürstin, je größer der Schelm, je besser das Glück. Während dieser Zeit hatte mein Sohn vier Schulen studiert, Französisch und Italiänisch gelernt, und die Kurfürstin hatte die Gnade, ihn bei der Handlung anzustellen: dieses kostete mir nichts, weil die gnädigste Frau alle Unkösten auf sich nahm, und ihn mit Kleidern und allen Notwendigkeiten versah. Meine Garderobbe war in einem Koffer zu Fürstenried geblieben; ich aber ging unterdessen nach Haus ins Tyrol, bis ich und mein Schwiegersohn auf Höchstdero Namenstag wieder nach Fürstenried kamen. Die Gräfin von Seefeld, als meine Säckelmeisterin, hatte den Schlüssel zu meinem Koffer, gab mir solchen, und ich fand darin einen ganz charmanten neuen Uniform, braun und grün, mit Gold reich bordiert, samt aller Zugehör: er war mir so recht auf dem Leib, als wenn er mir wäre angemessen worden. Servantius Servacis. Frohlockt und freuet euch, und danket in der Still, Und schweigt dem Peterl z'lieb, der jetzo reden will. Heut am Namenstages-Feyer Alles jauchzt, und jubiliert: Darum hab ich meine Leyer Auf tyrolisch eingeschmiert. Ihr wißt selbsten, daß der Witz, So in den Gebirgen wohnt, Von dem Wortgepräng entfernt, Nur der Sprach des Herzens frohnt. Mathematisch soll ich reden; Aber dieß ist mir zu glatt: Darum red ich, wie Poeten, Die Tyrol gebohren hat. Hoffentlich wirst ja nicht zanken, Wenn ich red nach meinem Sinn; Wie's mir kömmt in die Gedanken, Sag ich meine Wünsche hin. So viel Rollen hat ein Budel, Und es Fisch giebt in der See, So viel als in Bayern Nudel, Und in Indien Koffee: So viel Flöh die Jungfern plagen, So viel Nüß ein Zirbelbaum Pflegt in beßtem Jahr zu tragen, Millionen klecken kaum: So viel Kröpfe, Böck, und Ziegen, So viel Schnecken in Tyrol, So viel Jahre mit Vergnügen Dir der Himmel geben woll'. Ja, Sie sollte ewig leben! Ruft der Peterl Tag und Nacht; O! das woll' der Himmel geben! Ruft sein lieber Tunig nach. Unsre kleine Marionetten Tun just, was der Vater will, Freuen sich, und lernen bethen, Sind anheut gewiß nicht still. Diese ruft, und jene lallet: Sie leb' viel dergleichen Jahr! Gott, dem dieser Wunsch gefallet, Sprich: ich will, es werde wahr. Dieß ist, was bey dieser Feyer Dir heut opfert meine Leyer; Und mit diesem schliesse ich: Lebe länger, als wie ich! Peter Prosch, bayerischer verwittweter Hoftyroler. Die Kurfürstin, die Herzogin, und alle übrige Herrschaften zeigten eine Freude daran, und lobten sehr meine grausame Gelehrsamkeit. Die Kurfürstin befahl mir nach der Tafel zu ihr ins Kabinet zu kommen, wo sie mir zu meiner bereits empfangenen Pension eine Zulag gab, daß ich davon bey meiner Residenz in Fürstenried zu leben hatte. Sie sagte ferners: du hast deine Sache brav gemacht; führ dich immer gut auf, so darfst du alle Jahre kommen. Sie gab mir die Hand zu küssen, und versicherte mich ihrer Gnade solang Sie leben, und NB. ich mich gut aufführen würde. Ich bedankte mich, und bekam von den Herrschaften mein jährliches Deputat. Nachdem wir Abschied genommen, gingen ich und mein Schwiegersohn nach Hause. Alle meine Bekannten und Nachbarn hatten schon aus den Zeitungen, und auch sonst vernommen, daß ich in Paris gewesen bin. Sie wußten nicht, was oder wo Paris wäre; vielleicht glaubten einige, es liege gar in einem andern Teile der Welt: ich war also sogar in meiner Heimat und meiner ordentlichen Tyrolerkleidung ein Wundertier, wie in Paris. Alles lief zu, und wollte mich sehen, und bewillkommen. Die Stube wurde so voll, daß man nicht mehr sitzen konnte; jedermann wollte mir zutrinken, ich aber sollte Bescheid tun, und von meiner Reise, wie auch von allen Sachen, die ich gesehen, erzählen. Sie konnten sich nicht genug verwundern, daß ich so weit in der Welt herum gekommen bin. Ich hatte ehevor braungelockte, itzt aber gelbe glatte Haare; sie konnten es sich aber nicht beifallen lassen, daß es eine Perücke wäre; sie wußten, daß ich unter ihnen geboren, aufgewachsen, und der Koppen Peterl wäre, konnten aber nicht begreiften, daß ich itzt so galant und ausländisch aussähe. Nun bin ich in dem 44ten Jahre meines Alters, Handschuhhändler, Bierwirt, Branndweinbrenner, und ein Vater von 6 Kindern. Einer ist in München bei Ihro Durchlaucht der verwitweten Frau Kurfürstin: eine Tochter zu Innspruck bei der Gräfin von Trapp: drei sind zu Hause, und eine auf dem untern Wirtshaus an meinen Schwiegersöhn verheuratet, durch welche ich Anno 1786 von einem Diendl, und Anno 1787 von einem Buben in meinem 44ten Jahre schon Großvater bin. Wessen ich mich von meiner Jugend bis auf die gegenwärtige Zeit mit Wahrheit erinnern konnte, alles dieses hab ich in dieser meiner Lebensbeschreibung getreu und wahrhaft angezeiget, aller kleinen Streiche nicht zu gedenken. Mein Schicksal ist sicher wunderbar, und vielerlei, dabei ich mit tiefen und langen Betrachtungen mich nicht aufhatten will und darf. Betrachte ich einerseits viele meiner Kameraden, unter welchen ich aufgewachsen bin, meine Geburt, meine Armut, und zugleich meinen gegenwärtigen Zustand, so bin ich ziemlich glücklich: wenn ich aber andrerseits überlege, wie viele gute Gelegenheiten ich gehabt habe, bei Großen, nämlich bei Kaiser, König, Kur- und ander Fürstens-Personen, mit welchen ich die höchste Gnade genossen, manche Stunden in ihren Kabinettern und im Vertrauen zu sprechen, mein Glück so gut zu machen, daß ich in meinen alten Tagen hätte hoffen sollen recht wohl versorgt und vergnügt leben zu können; dieses aber noch niemals gänzlich habe erlangen können, da doch viele Menschen, wenn sie nur die Gnade hatten, eine und die andre Stund, oder wenige Augenblick lang mit einem Großen allein zu sprechen, herrliche Bedienstungen, reichliche Versorgung und große Gnaden erlangen, dardurch sie für ihre ganze Lebenszeit glücklich sind; so muß ich mich mit der göttlichen Vorsehung trösten, und denken: überlaß dich fernerhin demjenigen, der dich solang erhalten, und für dich in Glücks- und Unglücksfällen so väterlich gesorgt hat. Nach diesem hoffe auf deine Freunde und Gönner, von welchen, wie dein verflossenes, also auch dein künftiges Schicksal abhängt. Unterdessen ist nichts bessers, als wenn man mit dem vergnügt und zufrieden ist, was man hat, und dabei fröhlich singt: Menschenschicksal ist wunderbarn; Tugend ist des Herzens Lohn. Dieses hab ich schon erfahr'n: Ohne sie, was ist ein Thron? Ich lache über Schlösser, vom G'schütz bewachet, Verhöhne den Kummer, der an Höfen lachet, Verhöhne des Geizes in verschlossnen Mauern, Einfältig's Trauern. Freunde! laßt uns Golddurst, Stolz und Hochmut hassen, Und Kleinigkeiten Großen überlassen. Der Schöpfer ruft uns: Kummt zum Sitz der Freuden Auf meine Weiden. Ende.