Jonas Lie Hof Gilje Eine Familiengeschichte. 1894 Erstes Kapitel Es war ein klarer Nachmittag oben im norwegischen Hochland. Die Luft lag frostig mit einem schwachen, rosigen Schimmer auf den scharfen Kämmen und Bergspitzen, die sich wie die Linien riesiger Festungswerke bis zum Gesichtskreis hinter- und übereinander auftürmten. Tief unten umschlossen niedrige Berge mit ihren weißen Abfällen sich enger und enger, näher und näher zusammenschiebend, die Landschaft, als ob sie den Zutritt zu ihr verwehren wollten. Der Schnee hatte in diesem Jahre ziemlich lange auf sich warten lassen, lag aber jetzt, am Anfang des Christmonats, schwer auf Föhre und Fichte, so daß sich deren Äste unter seiner Last tief herabbogen. Die Birken standen sozusagen bis an die Hüften im Schnee, und die schiefergedeckten Häuschen des Dorfes waren fast darunter begraben. Den Zugang zu den Höfen bildeten tiefe ausgeschaufelte Hohlwege, und rechts und links davon ragten hier und da die Thürpfosten und Zaunpfähle aus dem Schnee hervor. Auf der Landstraße hatte der Schneepflug vor kurzem Bahn geschaffen, und auf dem roten Ziegeldache des Hauptmannshofes waren Leute damit beschäftigt, die gefahrdrohend über die Dachrinne hängenden Schneemassen herabzuwerfen. Das Hauptmannsgehöft war das bedeutendste des Ortes. Seine Gebäude waren zwar ohne Anstrich, aber in sauberer Ordnung aufgeführt, wie das vor einem Menschenalter Brauch war. Auf dem Zaune lag der Schnee in einer hart gefrorenen Kruste, und auch der Hof war tief damit bedeckt, so daß er fast bis zu den niedrigen Fensterbänken reichte. Es war derselbe unbehagliche Nordwind, der, wenn immer die Gangthür geöffnet wurde, auch die Küchenthür aufstieß, und wurde sie dann nicht alsbald wieder geschlossen, so öffnete sich gewiß noch eine andre Thür im Hause – und dann kam der Hauptmann mit rotem, wütendem Gesicht aus seiner Amtsstube gestürzt und verhörte ärgerlich das ganze Haus, wer zuletzt hinausgegangen sei. Er konnte nicht begreifen, weshalb die Thüren nicht recht schließen wollten, obgleich es das natürlichste Ding von der Welt war: die Schlösser waren alt und klapperig, und der Hauptmann wollte das Geld für neue nicht herausrücken. Unten in der Wohnstube saß die Frau Hauptmann zwischen Sofa und Ofen in einem alten braunen, von hausgewebtem Stoffe gemachten Kleide und schneiderte. Sie war groß und steif, und ihr hageres Antlitz zeigte scharfgeschnittene Züge, die im Augenblick in bekümmerte Falten gelegt waren, denn sie war mit einer schwierigen Aufgabe beschäftigt: es handelte sich um die Frage, ob es der Mühe wert sei, noch einmal einen neuen Flicken in das Hinterteil von Jürgens Hosen zu setzen; er scheuerte sie immer durch, so daß es wirklich zum Verzweifeln war. Sie hatte sich vorgenommen, die Zeit dazu zu benützen, während Hauptmann Jäger, ihr Mann, in seiner Amtsstube beschäftigt und die Kinder nach der Post gegangen waren; denn sonst war sie den ganzen Tag im Hause abgehetzt. Ihr mit Perlmutter und ausländischen Holzarten eingelegtes Nähtischchen stand offen vor ihr. Es mochte wohl ein Familienerbstück sein, das ziemlich altmodisch war und dadurch etwas an sie erinnerte und jedenfalls gar nicht, weder zu dem hochlehnigen, ledergepolsterten Armstuhl, worauf sie saß, noch zu dem langen, mit grünem, hausgemachten Wollstoff bezogenen Sofa von Birkenholz paßte, das wie eine einsame Insel an der Wand stand und gewissermaßen sehnsüchtig nach dem braunen Klapptisch hinübersah, dem, wie er da zwischen den beiden Fenstern stand, seine wie Flügel herabhängenden Klappen ein niedergeschlagenes Ansehen gaben. Dort an der unteren Wand der braune Kasten mit den vier dünnen Beinen und dem Haufen Papier und Büchern darauf, zu denen sich einige Mützen und ein Fernglas gesellten, war das alte Klavier. Frau Jäger hatte es aus der Hinterlassenschaft ihrer Eltern in ihr Hochlandsheim bringen lassen, und übte nun gewissenhaft mit ihren Kindern dieselben Stücke, die sie in ihrer Jugend gelernt hatte. Die geräumige Stube mit ihren kahlen Holzwänden, dem ungestrichenen, aber saubern Fußboden, den mit kleinen Scheiben versehenen Fenstern, vor denen in der Mitte hochgesteckte Vorhänge hingen, war im Verhältnis zu ihrer Größe, besonders ihrer Länge, sehr spärlich ausgestattet. Von einem Stuhle zum andern war eine halbe Meile, und alles war sehr einfach, wie es in den vierziger Jahren in den Beamtenwohnungen im Hochland durchweg der Fall war. Der mittlere Teil der inneren Längswand war von Steinen aufgeführt und getüncht, und vor dieser hohen Brandmauer stand der altmodische Ofen. Er ragte wie ein gewaltiger Riese ins Zimmer hinein, aber es waren auch solche Eisenmassen und so knorrige Holzscheite, wie daneben lagen, notwendig, um den großen Raum zu erwärmen, und Holz gab es ja genug auf dem Hauptmannshofe. Die Frau Hauptmann hatte endlich mit Preisgabe aller feineren Auswege für die Unaussprechlichen einen mächtigen Lappen auf den beschädigten Teil aufgelegt und nähte nun eifrig drauf los. Die Nachmittagssonne warf noch einen schwachen Schimmer auf die Fensterbrüstung. Es war so stille im Zimmer, daß das durch die Berührung der Nadel mit dem Fingerhute verursachte leise Klappern deutlich hörbar war, und als eine Zwirnrolle zufällig zu Boden fiel, weckte sie einen förmlichen Wiederhall. Mit einemmal nahm die Frau eine aufrechte Haltung an, wie ein Soldat beim Apell. Sie hörte ihres Gatten rasche, schwere Tritte auf der Treppe. War es wieder die Gangthür? Hauptmann Jäger, ein roter, rundlicher Herr in einem abgetragenen Uniformrock, trat hastig und pustend mit einer noch nassen Gänsefeder zwischen den Zähnen ein und ging ohne weiteres ans Fenster. Seine Frau nähte nur um so schneller, denn sie mußte die Zeit ausnützen und hielt es auch für weise, sich gegenüber dem, was kommen konnte, auf die Verteidigung vorzubereiten. Inzwischen versuchte der Hauptmann den durchsichtigen Teil einer Fensterscheibe durch Anhauchen zu vergrößern. »Du sollst 'mal sehen,« sprach er dabei, »die Kinder bringen etwas von der Post. Sie springen da unten um die Wette und haben Jörgen und seinen Schlitten schon überholt.« Die Nadel flog nur noch hastiger durch den Stoff. »Nein, aber wie sie laufen! ... Thinka und Thea, und nun gar Inger-Johanna. Komm doch 'mal her, Ma, und sieh, wie das Mädchen die Füße setzt. Sieht's nicht gerade aus, als ob sie tanzte? Sie hat sich vorgenommen, die erste zu sein, und wird's auch werden. Es ist keine Lüge, das kann ich dich versichern, daß das Mädel hübsch ist, Ma! Das sagt aber auch jedermann. Nein, nein, komm nur 'mal her und sieh, wie sie Thinka zurückdrängt. ... So komm doch, Ma!« Aber »Ma« rührte sich nicht. Ihre Nadel arbeitete mit nervöser Hast. Sie nähte mit den Ereignissen um die Wette, denn es war immer noch möglich, daß sie mit dem Aufsetzen des Lappens fertig wurde, ehe die Kinder heimkehrten und die Sonne hinter dem Bergkamme verschwand, denn die Tage, die diese ihnen hier oben bescherte, waren gar kurz. Die Stufen vor dem Hause wurden in zwei, drei Sprüngen genommen, und die Thür ging auf. Richtig – Inger-Johanna! Sie kam mit aufgehaktem Mantel hereingestürzt, die Bänder ihrer Mütze hatte sie schon unterwegs auf der Treppe gelöst, so daß ihr das üppige schwarze Haar wirr über das erhitzte Antlitz siel. Die bunten wollenen Handschuhe warf sie atemlos auf den nächsten Stuhl, dann stand sie einen Augenblick stille, denn die Luft zum Sprechen fehlte ihr, und strich sich das Haar zurück. »Unten auf der Post,« stotterte sie endlich, »liegt ein Bestellzettel von Hauptmann Rönnow und Lieutenant Mein. Sie wollen Fuhrwerk haben. Das Pferd soll morgen früh um sechs Uhr hier auf Gilje sein, steht darin; sie kommen also hierher.« »Rönnow, Ma!« rief der Hauptmann aufgeregt. Das war einer von seinen Jugendkameraden. Jetzt kamen auch die andern mit derselben Nachricht ins Zimmer gestürmt. Das bleiche, scharf geschnittene Angesicht der Frau mit dem schlichten schwarzen Haar, das ihr in einfachen Flechten bis auf die Wangen fiel, nahm einen besorgten Ausdruck an. Sollte sie die schöne Kalbskeule hergeben, die sie eigentlich für den in Aussicht stehenden Besuch des Probstes bestimmt hatte, oder genügte das Ferkel? Dieses hatte sie oben im Norden in den Bergen gekauft, und es war fürchterlich mager. »Sieh 'mal einer an, Rönnow! Paß auf, der wird nach Stockholm versetzt,« meinte der Hauptmann nachdenklich. »Vielleicht Adjutant. ... So'n Menschen darf man ja auch nicht hier im Westen verbauern lassen. Weißt du was, Ma? Ich habe es damals gleich gesagt, als ihn der Prinz bei der Uebung auf der Heide so sehr auszeichnete. ›Deine Geschichten, Rönnow, deine furchtbaren Räubergeschichten, die machen dein Glück,‹ sagte ich, ›aber– aber, nimm dich vor dem General in acht, der versteht den Rummel.‹ – ›Ach was,‹ meinte er, ›die schlucken's, wie Pferde den Hafer.‹ Und er scheint wirklich recht gehabt zu haben. ... Der jüngste Hauptmann! Es ist unerhört!« »Der Prinz!« Die Frau war endlich mit den Unaussprechlichen fertig geworden und stand schnell auf. Ihr braunes, mageres Antlitz nahm einen entschlossenen Ausdruck an: sie hatte sich für den Kalbsbraten entschieden. »Inger-Johanna! Paß auf, daß Vater seine Sonntagsperücke aufsetzt,« rief sie und begab sich eilig in die Küche. Der Ofen in der guten Stube war bald voll Holz gepackt und glühte. Seit dem Frühjahr, wo er gereinigt und mit Elsenschwärze geglänzt worden war, hatte er unbenutzt gestanden, und nun rauchte er natürlich so, daß man trotz der siebzehn Grad Kälte Fenster und Thüren aufreißen mußte. Stor-Ola, der Knecht, schleppte lange Holzscheite in die Küche, und dann bearbeitete er draußen auf dem Beischlag des Hauptmanns alten Uniformrock mit Schnee und Bürste, denn es sollte nicht so aussehen, als ob Jäger sich für die Gelegenheit besonders fein angezogen hätte. Das Fremdenzimmer wurde hergerichtet und ein Feuer angezündet, so daß es in dem dünnen Ofen knisterte und prasselte, die Fliegen an der Decke aus ihrem Winterschlafe erwachten, summend umherflogen und sich die Täfelung vor der Brandmauer bräunte. Jörgen bürstete sich seine Haare mit Wasser, und die kleinen Mädchen nahmen reine Schürzen vor, denn die Kinder sollten herunterkommen, die Gäste ebenfalls begrüßen und darauf achten, daß es am Spieltisch nicht an Fidibussen fehle. Solange es das Zwielicht gestattete, spähten eifrige Augen aus den Fenstern hinaus, und Stor-OIa bahnte mit Schaufel und Besen einen Weg von der Einfahrt nach der Treppe durch den Schnee. Inzwischen war es ganz dunkel geworden, und die Kinder lauschten mit laut klopfendem Herzen auf das kleinste Geräusch, das von der Heerstraße zu ihnen herausdrang. Ein Besuch war ein Ereignis für sie! Kam er doch aus der fernen, fremden Welt, worauf sich all ihr Denken und Sehnen richtete, von der sie so vieles hörten, was ihnen groß und abenteuerlich klang. Horch! Schellengeläute! Nein, Thinka hatte sich getäuscht. Sie hatten sich gerade über diese Thatsache verständigt, als Inger-Johanna, die im Dunkeln am Fenster stand, dessen einen Flügel sie ein klein wenig geöffnet hatte, ausrief: »Aber jetzt kommen sie!« Ganz recht, man konnte das Schlittengeläute jetzt deutlich hören. Nun öffnete sich auch die Hausthür, und Stor-Ola stellte sich mit der Stalllaterne an der Treppe auf, um die Ankommenden zu empfangen. Noch ein kleines Weilchen, und man hörte auch das Knirschen der Schlittenkufen. Der Hauptmann setzte den Leuchter auf den Tisch im Gange und trat auf die Vortreppe hinaus, während die Kinder, die Köpfe dicht aneinander gedrängt, aus der halbgeöffneten Küchenthür guckten und den hinter ihnen knurrenden und winselnden Paßauf hinderten, hinauszustürzen und die Gäste anzubellen. »Guten Abend, Rönnow, guten Abend, Herr Lieutenant – herzlich willkommen auf Gilje!« ertönte des Hauptmanns kräftige, muntere Stimme, während der Schlitten in den letzten Teil der Fahrbahn einbog und auf dem Hof vor der Haustreppe vorfuhr. »Seid herzlich willkommen, sage ich noch einmal.« »Das ist ja eine Hundekälte, Peter, eine reine Hundekälte!« schalt eine hohe in Pelze gehüllte Gestalt, während sich das schwitzende Pferd im Geschirr schüttelte, daß die Schellen laut rasselten. Rönnow ließ die Zügel fahren und kletterte mit etwas steifen Beinen aus dem Schlitten. »Wir sind bis aufs Mark durchfroren, und die kleine Ratte, die sie uns statt eines Pferdes vorgespannt haben, wollte gar nicht vom Fleck – ich glaube, es ist ein Teckel, den sie uns gegeben haben, damit er uns durch die Schneewehen graben sollte. – Na, guten Tag auch, Peter! Deine warme Stube wird uns wohl thun. Wie geht's, wie steht's?« schloß er oben auf der Treppe und schüttelte dem Hauptmann die Hand. »Vergessen Sie den Flaschenkorb nicht, Herr Lieutenant!« Während die Herren im Flur ablegten, den Kutscher bezahlten und Stor-Ola die Koffer hinauftrug, verbreitete sich aus der Stube ein Duft von Königsräucherpulver und rief dem Hauptmann Rönnow die Frau ins Gedächtnis zurück, deren Dasein er in der Freude des Wiedersehens seines alten Kameraden einen Augenblick vergessen hatte. Seine hohe, stattliche Gestalt blieb an der Thür stehen, und er zupfte sich die Halsbinde zurecht. »Seh' ich denn anständig aus, Peter? So, daß ich mich vor deiner Frau sehen lassen kann?« sprach er und fuhr sich mit den Fingern durch das kurze, krause Haar. »Gewiß, gewiß, du bist schön genug. Ein verflucht strammer Kerl, Herr Lieutenant! – Seien Sie so gut, meine Herren! – Hauptmann von Rönnow und Lieutenant Mein, Ma,« sprach er vorstellend, nachdem sie eingetreten waren. Frau Jäger erhob sich von ihrem Platze am Tische, wo sie jetzt mit einem sauberen weißen Strickzeug saß. Den Hauptmann Rönnow bewillkommnete sie so herzlich, als es ihre steife Gestalt nur zuließ, während ihre Begrüßung des Lieutenants etwas weniger entgegenkommend ausfiel. Es war die Schwester des Stiftsamtmanns, der die Gäste ihren – »Saalam« gemacht hatten, wie Hauptmann Rönnow sich nachher ausdrückte – alte, vornehme Familie. Die Hausfrau verschwand bald darauf, um für »ein kleines Abendbrot« zu sorgen. Hauptmann Rönnow rieb sich die erfrorenen Hände, drehte sich ein paarmal auf einem Beine um sich selbst und pflanzte sich dann mit dem Rücken vor dem Ofen auf. »Ich versichere dich, wir sind bis auf die Knochen durchfroren, Peter, aber ... ach, Herr Lieutenant, bitte, holen Sie doch den Flaschenkorb herein!« Als der Lieutenant mit dem Korbe wieder eintrat, zog Rönnow eine versiegelte Flasche daraus hervor, ergriff sie mit zwei Fingern am Halse und ließ sie vor Hauptmann Jägers Augen hin und her schwingen. »Das sieh dir 'mal an, Peter Jäger! Ganz genau, und dann erwarte ich, daß du deinem alten Kameraden gerührt um den Hals fällst. Echter Arrak aus Atschin in Vorder-, Hinter-, Ost- oder Westindien! Hiermit überreiche ich sie dir feierlich. Möge sie dein Herz schmelzen, Peter Jäger!« »Heißes Wasser und Zucker, Ma!« rief der Hauptmann in die Küche. »Nun werden wir ja sehen, ob du uns Landleute mit deinen Geschichten aufziehen willst! Und dann an den Spieltisch – wir müssen Whist mit einem Strohmann spielen.« »Brr, zum Donnerwetter! Was hast du denn da für Zeug im Tabakskasten, Jäger?« polterte Rönnow, der an den Rauchtisch getreten war, um sich eine Pfeife zu stopfen. »Das ist wohl Schnupftabak! Sehen Sie nur 'mal, Lieutenant, setzt uns der Mensch Wurmsamen aus der Kinderstube vor!« »Was? Das ist Tidmands mit drei Kronen, alter Freund. Wir hier oben in den Bergen rauchen euren Virginia nicht,« entgegnete Jäger, während er den Spieltisch herrichtete. »Wenn du Blattkanaster und Bremer Rollentabak suchst, dann sieh nur ins andre Fach, da findest du alles. Die Sorte können wir hier oben nur den Böcken anbieten.« Jetzt öffnete sich die Thür, die drei Töchter des Hauses traten mit ihrem kleinen Bruder ein und brachten Theebretter mit Gläsern und Kannen, worin sich das heiße Wasser befand. Zuerst kam die große blonde Kathinka mit einem Theebrett voll Gläser, worin Theelöffel standen und leise klirrten. Sie versuchte das Kunststück, sich grüßend zu verneigen, während sie das Brett hielt, und wurde dunkelrot, als dieses bedenklich ins Schwanken geriet und der Lieutenant die Hand ausstrecken mußte, um es im Gleichgewicht zu halten. Seine Aufmerksamkeit lenkte sich aber sofort auf die zweitälteste mit den dunkeln Augen und den langen Wimpern, die mit einer dampfenden Wasserkanne auf einem Tellerchen folgte, während sich die jüngste, Thea, mit der Zuckerschale schüchtern hinter ihr versteckte. »Aber, lieber Jäger!« rief Rönnow überrascht aus, als er seines Freundes fast erwachsene Töchter erblickte. »Wo kommen denn die her? Du hast mir wohl einmal von ein paar kleinen Mädchen geschrieben und von einem Jungen, den du taufen lassen wolltest ...« In diesem Augenblick kam Jörgen mit sehr entschlossenen Schritten durchs Zimmer stolziert, machte die schönste Verbeugung, die er zu stande bringen konnte, und riß sich dabei mangels einer Mütze an seiner gelben Stirnlocke. »Wie heißest du?« »Jörgen Winnecken von Zittow-Jäger.« »Das ist aber schwierig. Du bist wohl ein richtiger Hochlandsjunge, he? Nun laß mich 'mal sehen, ob du ebenso hoch springen kannst, wie dein Name lang ist.« »Nein, aber so hoch, wie meine eigene Kappe,« versicherte Jörgen, trat ins Zimmer zurück und zeigte seine Fertigkeit. »Ein forscher Junge, der Jörgen!« – und damit hatte Jörgen sich genügend gezeigt und ward nicht weiter beachtet, aber während sich die Herren ihren Arrakpunsch brauten, hielt er seine Augen unverwandt auf Lieutenant Mein gerichtet. Dieser trug einen über den Lippen kurz gehaltenen Schnurrbart, der Jörgens Meinung nach aussah, wie ein nicht richtig in den Mund gelegtes Trensengebiß. »Und nun, meine Kleine,« redete Hauptmann Rönnow diejenige der Töchter an, die an seiner Seite stand, »wie heißest du denn?« »Inger-Johanna.« »Nun hör einmal« – er sprach dies, ohne die Augen von ihrem Arme zu erheben, den er freundlich klopfte. »Ach, hör doch 'mal, meine kleine Inger-Johanna, in der Brusttasche meines Pelzes, der draußen im Gange hängt, stecken ein paar Citronen – ich dachte mir wohl, daß diese Frucht hier oben im Hochlande nicht wächst, Jäger – zwei Citronen ...« »O, nicht doch,« rief der Lieutenant, aufspringend, »ich bitte, lassen Sie mich –« Hauptmann Rönnow sah verwundert empor. Das dunkle, magere Mädchen, das aus dem ihm ziemlich kurz um die Beine hängenden Kleide herausgewachsen war, stand jetzt im vollen Scheine der Lichter vor ihm. Ihr fein geformter, blendend weißer Hals wurde durch das blaue, hausgemachte, etwas ausgeschnittene Kleid prächtig gehoben und trug das Köpfchen stolz mit einer schwanenartigen Biegung, und dem Hauptmann ging plötzlich ein Licht auf, weshalb der Lieutenant so zuvorkommend war. »Bomben und Granaten, Peter!« rief er. »Hast du das gehört, Ma?« fragte Hauptmann Jäger mit einem befriedigten Schmunzeln. »Hier in dieser einsamen Gegend wachsen die Kinder leider sehr wild auf und lernen ihr Benehmen von den Dienstboten,« entgegnete Frau Jäger. ... »So mach doch nicht so 'n krummen Rücken, Thinka, halt dich gerade!« Thinka reckte ihre lange Gestalt in die Höhe und versuchte zu lächeln. Sie war vorgestern in der Küche durch die Kellerluke gefallen und hatte nun die schwierige Aufgabe, das Pflaster zu verbergen, das eine Seite ihres Kinns bedeckte. Bald saßen die Herren rauchend und jeder mit einem Glase dampfenden Arrakpunsches an der Seite bei ihren Karten. Auf dem Spieltische standen zwei Talglichter in hohen Messingleuchtern, zwei andre auf dem Klapptische. Sie gaben gerade genug Licht, daß man den Kalender, der unter dem Spiegel hing und einen Teil der hohen Gestalt der Hausfrau sehen konnte, wie sie mit ihrer fein getollten Haube dasaß und strickte. Die entfernter stehenden Stühle waren bei der im Zimmer herrschenden Dunkelheit kaum zu erkennen, ebensowenig der Ofen und die Küchenthür, aus der das Brodeln des Bratens hervordrang. »Drei Trick, so wahr ich lebe! Drei Trick, und mit solchen Karten!« rief Hauptmann Rönnow im Eifer des Spieles. »Danke, danke,« fuhr er, zu Inger-Johanna gewandt, fort, die ihm einen brennenden Fidibus auf die ausgegangene Pfeife hielt. Er paffte dichte Rauchwolken in die Luft, während sein Auge wieder prüfend auf ihr haften blieb. Ihr Ausdruck war so lebendig, und die großen schwarzen Augen funkelten unter den langen Wimpern wie zwei dunkle Tropfen, während sie dastand und dem Spiele folgte. »Wie heißest du doch gleich, meine Kleine?« fragte er zerstreut. »Inger-Johanna,« wiederholte sie mit einem unterdrückten Lachen. »Ach ja, gewiß – nun bin ich an der Reihe zu geben ... Ihre Tochter macht mir den Kopf warm, Frau Hauptmann! Ich hätte wirklich die größte Lust, sie mit mir nach Christiania zu nehmen. Die Frau Stiftsamtmann müßte sie 'mal sehen. Wir hätten rasendes Glück mit ihr, das versichere ich Sie. ... Na, endlich richtig gegeben – spiel aus!« Mit der Hand auf ihres Vaters Stuhllehne gestützt, sah Inger-Johanna unverwandt in die Karten, aber in ihrem Antlitz stieg ein höheres Rot empor, und Rönnow blickte sie verstohlen von der Seite an. »Ein Anblick für Götter – ein Anblick für Götter!« rief er aus, schob die Karten, die er eben geordnet hatte, zusammen und warf sie auf den Tisch. »Ich meine natürlich, wie der Lieutenant mit dem Strohmann umgeht. ... Sie verstehen mich doch, gnädige Frau?« Er nickte ihr bedeutungsvoll zu. »Donnerwetter, Peter! Das ist die richtige Karte zum Ausspielen. Nun sollt ihr 'mal sehen, was 'ne Sache ist,« fuhr er fort. »Trumpf, Trumpf, Trumpf und nochmal Trumpf!« Er warf eifrig vier hohe Treffs auf den Tisch, ohne darauf zu warten, daß die andern nachspielten. Die Miene der Hausfrau, die dasaß und ihre geheimsten Gedanken so unbefangen aussprechen hörte, blieb unbeweglich. »Es ist die höchste Zeit, Kinder,« sprach sie in gleichgültigem Tone, »daß ihr gute Nacht sagt, es ist Schlafenszeit für euch.« Bei dem Befehl flog etwas wie Enttäuschung über die kindlichen Gesichter, aber der Gedanke an Widerspruch kam ihnen gar nicht in den Sinn. Sie gingen um den Tisch herum, machten ihren Knicks und reichten den Gästen die Hand. Mit dem letzten Blick sah Jörgen, wie der Lieutenant sich umwandte, einen langen Hals machte und den Mund aufsperrte, gerade wie es der »Schwarze« machte, wenn er aus der Stallthür guckte. Frau Jäger mit ihrem Strickzeug richtete sich auf. »Sie haben ja seinerzeit im Hause meines Bruders, des Stiftsamtmanns, verkehrt, Herr Hauptmann Rönnow,« sprach sie. »Die sind kinderlos und können wohl gastfrei sein. Gehen Sie auch jetzt noch zuweilen hin?« »Ob ich noch zuweilen hingehe, gnädige Frau? O, gewiß, es wäre ja ein Verbrechen, wenn ich das unterließe. Haben Sie noch nie daran gedacht, eine Ihrer Töchter hinzuschicken? Die Frau Stiftsamtmann ist gerade die richtige Frau dazu, eine heranwachsende junge Dame in die Welt einzuführen ... und nun gar Fräulein Inger-Johanna!« »Das wäre in der That ein unverhofftes Glück,« erwiderte Frau Jäger langsam, »aber wie können wir bescheidenen Landleute wohl so etwas von unsrer vornehmen, großartigen Schwägerin erwarten? Kleinliche Verhältnisse machen die Leute kleinlich, in großen ist das natürlich etwas andres oder sollte wenigstens etwas andres sein. Mein Bruder hat sie sehr glücklich gemacht.« »Gut,« versetzte Hauptmann Rönnow. »Wollen Sie Ihrem alten Freunde gestatten, etwas für Ihre anziehende kleine Inger zu thun?« »Nun, ich sollte meinen, Ma würde dir sehr dankbar sein, nicht wahr, gelt, Gilta? Uebrigens hat Inger-Johanna ihre Schönheit nicht von uns beiden geerbt, Ma!« meinte Hauptmann Jäger. »Aber Rasse steckt doch in ihr,« beeilte er sich hinzuzusetzen, als ihn ein strafender Blick seiner Gattin traf. »Ihre Urgroßmutter ist von der Königin von Dänemark nach Norwegen verheiratet worden, weil sie für den Kopenhagener Hof zu schön war. Das war deine Großmutter, Ma, Fräulein von ...« »Aber, lieber Mann!« bat Frau Jäger. »Ach was, Ma: mit der Zeit ist mancher Scheffel Sand über die Sache gestreut worden.« Das bei dem vorstehenden Gespräche ins Stocken geratene Spiel kam jetzt wieder in Gang, bis die Hausfrau mit dem Strickzeug in der Hand an den Spieltisch trat, die Lichter schneuzte und ihrem Manne etwas ins Ohr flüsterte. »Ja, gewiß, Ma! Freilich!« rief der Hauptmann und sah überrascht auf. »›Mein Kamel für dein Dromedar,‹ sagte Per Vangensten, da vertauschte er seinen alten, spatlahmen Gaul gegen ein Vollblutfohlen. ... Wenn du mir deinen Arrak von Holland und Hinterindien vorhältst, dann komme ich mit meinem Rotwein direkt aus Frankreich! Zwei Dutzend Flaschen hat mir mein Schwager, der Stiftsamtmann, damals im Herbst, als Jörgen getauft wurde, heraufgeschickt. ... Die zwei obersten links, Ma; am besten wäre es, wenn du Marit mit einer Laterne mitgehen ließest – und dann kannst du der Stiftsamtmännin erzählen, wir hätten hier oben tief im Schnee ihre Gesundheit getrunken.« »Ja, Peter Jäger, für derartige Aufmerksamkeiten hat sie eine kleine Schwäche.« Frau Jäger, die das Zimmer verlassen hatte, trat jetzt mit einem steif gestärkten Damasttuch auf dem Arme wieder ein. Hinter ihr kam eine der Mägde, die ihr helfen sollte, den Klapptisch in die Mitte des Zimmers zu rücken und zum Abendessen zu decken, und während dieser Zeit mußte der Spieltisch über den Gang in die gute Stube getragen werden, die jetzt warm geworden war. »Hat das nicht Zeit, Ma, bis unser Robber zu Ende ist?« Ma schien die Frage überhört zu haben, allein ihr Schweigen übte doch einen gewissen Druck auf die Gesellschaft aus; man fühlte, daß es ihre Ehre galt – den Kalbsbraten. Schweigend, aber mit einer gewissen Hast, spielten die Herren weiter. »Na ja, Rönnow,« sprach Hauptmann Jäger endlich, als Ma mit dem Tischtuch stumm und unbeweglich mitten im Zimmer stehen blieb, »denn hilft das nun nichts; wir werden wohl aufstehen müssen.« Im Schlafzimmer oben klopften ungeduldige Herzen. Jörgen schlief bald ein und nahm das Bild seines Lieutenants in seine Träume mit hinüber, wie er, gerade wie der Rappe, das Maul aufriß, wenn dieser aus der Stallthür ins Tageslicht trat, aber die Schwestern schlichen auf den großen, kalten, finstern Gang hinaus, beugten sich übers Treppengeländer und starrten auf die Pelze und Tücher, die unten an der Wand hingen, und auf die Peitsche, die beiden Säbelscheiden und den Flaschenkorb, der von der auf dem Gangtisch stehenden Stalllaterne schwach beleuchtet wurde. Der wohlbekannte Bratenduft stieg ihnen warm in die Nase, und sie sahen, wie die Gäste mit den Punschgläsern in der Hand und den flackernden Lichtern in die gute Stube gingen, sie hörten, wie der Klapptisch aufgestellt und gedeckt wurde, und dann drangen Gläserklingen, Lachen und lustige Stimmen zu ihnen empor. Ueber jeden Laut tauschten sie ihre Meinung aus und suchten seine Bedeutung zu ergründen, und jedes abgerissene Wort wuchs sich in ihrer durstigen Einbildungskraft zu einer Geschichte aus. Da standen sie in der Kälte, bis sie mit den Zähnen klapperten und ihre bebenden Glieder gegen das Treppengeländer stießen, so daß sie endlich wieder ins Bett krochen, um sich aufzutauen. Das Geräusch der gerückten Stühle, als die Gesellschaft sich vom Tisch erhob, lockte Inger-Johanna und Thinka wieder auf den Gang hinaus. Thinka hielt stand, weil Inger-Johanna stand hielt, aber endlich mußte sie klein beigeben, denn sie fühlte ihre Beine nicht mehr, und nun hing Inger-Johanna allein auf dem Treppengeländer, und wenn die Thür unten geöffnet wurde, dann hörte sie Offiziersnamen nennen, abgerissenes Lachen, kräftige Flüche und donnernde Beteuerungen und dazwischen ihres Vaters lustige Stimme – alles bruchstücksweise, denn jedesmal kam das Zufallen der Stubenthür dazwischen. Als Inger-Johanna endlich auch wieder zu Bett ging, lag sie noch lange wach und dachte darüber nach, daß Hauptmann Rönnow sie zweimal nach ihrem Namen gefragt und dann am Spieltische gesagt hatte: »Ich hätte wirklich Lust, sie mit mir nach Christiania zur Frau Stiftsamtmann zu nehmen. Wir hatten rasendes Glück mit ihr!« Und dann hatte er nach einer Weile hinzugefügt: »Ein Anblick für Götter! Ich meine natürlich, wie der Lieutenant mit dem Strohmann umgeht.« Bildeten sie sich etwa ein, sie hätte nicht verstanden, was er gemeint hatte? Der Wind stürmte und heulte um den Giebel des Hauses, er sauste und brummte durch den großen getünchten Schornstein draußen auf dem Gange, und sie hörte schon halb im Traume Hauptmann Rönnows: »Trumpf, Trumpf, Trumpf und nochmal Trumpf!« Am nächsten Tage ging Ma freilich wie gewöhnlich mit dem Schlüsselbunde im Hause umher – sie hatte aber so gut wie gar nicht geschlafen. Sie war in ihren Haushaltungssorgen vor der Zeit alt geworden, wie so viele andre »Mas«, alt vom Ertragen kleinlicher Nörgeleien, alt von Mühen und Beschwerden, alt durch die ewigen Versuche, mit wenig Geld viel auszurichten, alt vom sich beugen und krümmen, vom beständigen Bestreben, unbekümmert auszusehen, wo sie doch der einzige eigentlich sorgende Gedanke im Hause war. Allein – »man lebt ja nur für die Kinder!« Das war der Seufzer, worin Ma immer wieder Trost fand. Und die Zeit war noch nicht gekommen, wo die »Mas« sich die Frage vorlegten, ob sie es sich nicht selbst schuldig seien, ihr eigenes, persönliches Leben zu verwirklichen. Für die Kinder war jedoch heute ein freier Tag, und gleich nach dem Frühstück kamen sie in die gute Stube gestürzt. Da stand der Spieltisch wieder an der Wand, und die Karten lagen in einem unordentlichen Haufen auf dem zum Anschreiben benutzten Papier. Daneben lagen die drei Pfeifen, wie sie bei der vorläufigen Reinigung des Zimmers beiseite geschoben worden waren. Das eine Fenster stand noch offen, ungeachtet der Wind hereinblies, so daß es am Sturmhaken schütterte. Etwas Eigentümliches schwebte über dem Raume, ein Duft, der an den Wänden zu hängen schien – angenehm war er gerade nicht – aber doch lag etwas darin, etwas, das von einem Ereignis sprach. Draußen vor dem Fenster stand Stor-Ola und hörte Marits Erzählung zu, daß der Hauptmann Rönnow einen blanken halben Thaler als Trinkgeld oben in der Gaststube auf den Tisch gelegt habe und der Lieutenant zwei Schillingstücke unter die Lichtputzschere, und wie Frau Jäger das Geld unter die Mägde verteilt habe. »Der Lieutenant war nun gerade nicht sehr freigebig,« meinte Marit. »Was du schwätzest! Weißt du denn nicht, daß ein Lieutenant gleich tot geschossen wird, wenn er ebensoviel gibt wie sein Hauptmann, Mädchen?« rief Stor-Ola hinter ihr her, als sie mit dem Mehltönnchen und dem Schlüssel zur Vorratskammer ins Haus eilte. Den ganzen Vormittag konnte man aus dem Schlafzimmer des Hauptmanns lautes Schnarchen hören. Die Gäste waren gar nicht zu Bett gegangen, denn bereits um sechs Uhr morgens war der Schlitten vorgefahren. Nachdem die zweite Flasche indischen Arraks geleert war und sie sich mit einem kräftigen Frühstück für ihre Tagereise gestärkt hatten, waren sie abgereist. Nun galt es aber, sich den freien Tag zu nutze zu machen! Die Schwestern lärmten mit ihren Schneeschuhen im Hausflur, und Jörgen versuchte das kühne Kunststück, die Flurtreppe hinabzuspringen. Hierauf ging es den steilen Abhang hinter dem Kuhstall hinunter, während die Shawls bei der lustigen Fahrt im Nacken flatterten. Einmal kam Inger-Johanna beim Springen bedenklich ins Schwanken und – nein, es gelang ihr, sich aufrecht zu halten. Das kam davon, daß sie nicht auf ihre Füße, sondern zum Schlafstubenfenster hinaufgeblickt hatte, um zu sehen, ob ihr Vater sie bewundere. Er stand auch dort und zog sich an. Ma hatte endlich gegen Mittag den Mut gefunden, ihn zu wecken. Zweites Kapitel. Einige Tage vor dem heiligen Abend wurde Stor-Ola und der Rappe mit dem Frachtwagen von Christiania zurückerwartet. Zweimal im Jahre, zu Johannis und kurz vor Weihnachten, machten sie die Reise dahin und holten Vorräte für das Haus. Heute war der neunte Tag nach der Abfahrt, aber wie die Wege jetzt waren, wo das Pferd bei jedem Schritte tief versank, konnte man nichts Bestimmtes wissen. Im Sturmlauf von den Kindern und dem auf einem Auge blinden Paßauf unten in den glatten Anhöhen begrüßt, traf der Lastwagen am späten Nachmittag endlich ein, und trotz der Mühseligkeiten auf den steilen Bergwegen wieherte und keuchte der Rappe vor Verlangen, wieder im Stalle an der Seite seines braunen Freundes zu stehen. Er war mit seiner Reise vollständig zufrieden und arbeitete sich schweißbedeckt im Geschirr ab, um die letzte Höhe vor Gilje zu überwinden. Marit, die Köchin, und Torbjörg standen draußen im Beischlag vor der Küche; die drei kleinen Mädchen und Jörg umdrängten voll Neugier den Wagen und das Pferd, und der Hauptmann selbst erschien auf der Haustreppe. »Na, Stor-Ola, wie ist's mit dem Rappen gegangen? Er schwitzt und ist etwas mitgenommen, wie ich sehe. Hast du die Uniformknöpfe bekommen? – Na, schön! – Hast mir doch den Tabak nicht vergessen und auch die Rechnung mitgebracht? Na, dann führ den Rappen in den Stall; er soll heute eine Extraration Hafer erhalten. Was? Was hast du denn noch?« Stor-Ola hatte außer der Rechnung aus seiner inneren Westentasche noch einen in ein besonderes Papier geschlagenen Brief zum Vorschein gebracht. Einen Augenblick sah ihn der Hauptmann überrascht an: die Aufschrift zeigte die Hand und das Siegel das Wappen der Frau Stiftsamtmann, und ohne ein Wort zu sprechen, eilte er ins Haus zu seiner Frau. Die Ankunft des Wagens mit den Waren – das große, alle halbe Jahr wiederkehrende Ereignis – nahm des ganzen Hauses Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Inhalt interessierte alle, nicht bloß die Kinder, und wenn Stor-Ola später am Abend in der Küche saß, wo ihm aus Anlaß seiner glücklichen Heimkehr etwas besonders Gutes aufgetischt wurde, und von seiner Reise in die Stadt, vom Rappen und sich selbst erzählte, welche Wunderthaten sie an dem und dem Berge ausgeführt hätten, und daß der Wagen einen Zentner mehr gewogen habe als das letztemal, dann stand er groß da, und auch auf den Rappen fiel ein Streiflicht des Glanzes, der ihn umgab. Der Hauptmann hatte sich ins Haus begeben und wanderte wohl schon eine Stunde lang mit dem blauen Brief der Frau Stiftsamtmann in der Hand in seiner Stube auf und ab. Er schaute Ma ganz entrüstet an, weil sie mehr an die mit dem Wagen gekommenen Sachen, als an seine Vorlesung zu denken schien. Sie müßten das alles später am Abend ruhig besprechen, hatte sie erwidert. »Alles das – alles das, Ma! Daß Inger-Johanna für den nächsten Winter dorthin eingeladen ist, und dafür sind wir Rönnow zu Danke verpflichtet. Das ist doch klar, sollte ich denken. Was? Was?« brauste er ungeduldig auf. »Ist dir das nicht klar? Oder hältst du noch mit etwas hinterm Berge?« »Nein, lieber Jäger.« »Ja, dann solltest du aber das Abladen des Wagens nicht mit deinen stillen, bedeutungsvollen Seufzern und heimlichen Bedenken aufhalten, die mich immer ganz wirr im Kopfe machen. Du weißt, ich kann das nicht ausstehen! – Ich gehe immer gerade aufs Ziel los.« »Ich habe nur an deinen Uniformrock gedacht, ob der Schneider wohl die Reste vom Tuch mitgeschickt hat. Du weißt ...« »Da hast du recht, da hast du recht, Gitta!« und er schoß eilig hinaus. In der Küche herrschte eine gewaltige Thätigkeit. Vor dem großen, in viele Fächer geteilten und mit zahlreichen Schiebladen versehenen Vorratsschrank wurden die Waren ausgepackt und eingeräumt: Rosinen, Zwetschgen, Mandeln, verschiedene Sorten Zucker, allerhand kleine Gewürze und Zimmet, alles wurde an den dafür bestimmten Platz gethan. Dabei fiel ab und zu ein kleiner Zoll, eine Zwetschge, zwei Mandeln, drei Rosinen für die kleinen Mädchen ab – kurz, die Ankunft des Wagens brachte eine kleine Vorfeier des Christfestes mit sich. Auch der Hauptmann nahm zuerst lebhaften Anteil an der Sache. Er packte die Tintenkrüge, den Tabak und die »kräftigen Flüssigkeiten« aus, die in den Keller gebracht werden sollten, und als das besorgt war, rannte er ein und aus, mit einer oder der andern Rechnung oder einer eingetauchten Gänsefeder in der Hand, um jene mit der Gesamtrechnung, die seine Frau an die oberste Thür des Vorratsschrankes genagelt hatte, zu vergleichen. »Ma! Hast du schon jemals eine so schlechte Addition gesehen?« Er blieb plötzlich vor der Rechnung stehen, die schließlich immer richtig befunden wurde, und wandte sich dann bedächtig wieder ab, indem er seine Feder an der fuchsigen Wochentagsperücke abtrocknete. Sein vollblütiges, erregbares und etwas fahriges Wesen geriet immer außer sich, wenn er eine Rechnung erblickte; sie hatte eine ähnliche Wirkung auf ihn, wie ein rotes Tuch auf einen Stier, und sobald, wie im gegenwärtigen Augenblick, alle Halbjahrsrechnungen auf einmal auf ihn einstürmten, fing er an geradezu zu toben. Für seine Frau war das eine alte Geschichte; sie hatte sich im Laufe der Jahre eine merkwürdige Fertigkeit angeeignet, den Stier bei den Hörnern zu fassen. Sie ließ ihn gewähren, und die Kränkungen, die ihm demzufolge nicht widerfuhren, schienen trotzdem einen wachsenden Sturm des Zornes heraufzubeschwören. Mit einem kräftigen Schlag auf die Thürklinke und mit verschobener Perücke trat er plötzlich ein. »Vierundsiebzig Speziesthaler, drei Ort und siebzehn Schillinge! – Vierundsiebzig – Spezies – drei Ort – und siebzehn Schillinge! Das ist ja zum Tollwerden! Also Succade hast du bestellt! Succade!« Er war so wütend, daß ihm die Stimme überschnappte und er im Fisteltone sprach und vor Aerger lachte. »Hi, hi, hi, hi! Haben wir denn die Mittel dazu? Und nun gar Mandelseife fürs Gastzimmer!« Dies letzte sprach er in tiefen, gedampften, unheimlichen Baßtönen. »Es geht wirklich über meinen Verstand, wie du darauf verfallen bist!« »Aber lieber Mann, die Mandelseife hat der Kaufmann ja als Zugabe gegeben!« »Zu–ga–be? Hm, so, als Zugabe? Ja, da kannst du sehen, wie sie uns betrügen? ... Vierundsiebzig Spezies, drei Ort und siebzehn Schillinge – das ist, um toll darüber zu werden, reinweg toll! Wie soll ich denn das Geld schaffen?« »Aber du hast's ja bis jetzt immer beschafft, Jäger – schweig doch vor den Leuten!« flüsterte sie ihm hastig zu, und darin lag die Bitte, den Rest seines Zornausbruches aufzuschieben, bis sie am Abend allein waren. Wie ein befreiendes und reinigendes Gewitter zogen die Ausbrüche des Hauptmanns, zu denen die Rechnungen Veranlassung gaben, an jenem Nachmittage über das Haus hin. Aengstlich und scheu suchten die Kinder Schutz bei der Mutter, die das Unwetter auf sich zog, aber als sie nachher den Schritt des Vaters wieder oben im Dienstzimmer hörten, nahmen sie ihre alte Beschäftigung auch gleich wieder auf. Neugierig lasen sie die Papierdüten auf, guckten hinein und schüttelten sie, in der Hoffnung, in den Falten festgeklemmte Rosinen oder Korinthen zu finden, sie sammelten die umherliegenden Bindfadenenden, beobachteten die Wage und schnitten die Stangenseife in Stücke. Unter all diesen Verdrießlichkeiten stand die hohe Gestalt der Frau Jäger in ununterbrochener Thätigkeit wie ein Kran über die Kiste mit Waren gebeugt, die in die Küche gebracht worden war. Krüge, Weidenkörbe mit Heu darin, kleine Säcke und eine endlose Zahl von Päckchen verschwanden nach und nach an ihren verschiedenen Aufbewahrungsorten, bis endlich das letzte, ein Sack mit feinem Weizenmehl, in die Mehlkiste in der Speisekammer gestellt worden war. Als nun der Vorratsschrank verschlossen wurde, stand der Hauptmann zum zwanzigstenmal davor. Mit der Miene eines Dulders, der sich nun lange genug hat quälen und peinigen lassen, klopfte er seiner Frau leicht mit den Fingern auf die Schulter. »Ich muß mich wirklich wundern, Gitta,« sagte er leise, aber in vorwurfsvollem Tone, »daß dich der Brief, den wir heute erhalten haben, nicht mehr interessiert.« »Ich habe an nichts andres denken können, Jäger, als an deinen Aerger über die Rechnungen. Nun meine ich, du könntest heute abend 'mal den Franzbranntwein kosten, ob er gut genug zum Weihnachtspunsch ist – der Cognak ist so teuer, weißt du.« »Das ist ein guter Gedanke, Gitta! – Ja, ja – sieh nur zu, daß das Abendessen bald auf den Tisch kommt.« Teller mit Hafergrütze und bläuliche Milch in dunkeln Satten wurden hereingebracht. Sie standen wie schwarze Inseln auf dem weißen Tischtuche, und ihr Anblick war nicht dazu angethan, den Wunsch nach Verlängerung des Abendessens zu erwecken. Nachdem die Kinder zu Bett geschickt worden waren, saß der Hauptmann ganz ruhig und gemütlich an dem noch aufgeschlagenen Klapptisch mit seiner Pfeife und seinem Probegrog aus Franzbranntwein, dessen Verwandlung in Weihnachtspunsch in der Küche vorgenommen wurde, aus der auch das Brodeln eines Waffeleisens hereindrang. »Mach ihn nur stark, Ma, nur recht stark; dann kannst du auch zum Teil gelben Kochzucker nehmen. Wenn der Grog recht stark ist, schmeckt man das nicht. – Ja, ja!« Er kostete den Punsch, den feine Frau in einem hölzernen Löffel hereinbrachte, »den kannst du dem Vogt ruhig vorsetzen.« »Marit wird auch gleich mit warmen Waffeln hereinkommen – und dann – was ist's aber mit dem Brief von der Stiftsamtmännin? Siehst du, Jäger, ich meine, wir können doch das Kind nicht gut dahin schicken, wenn wir ihr nicht eine passende Ausstattung mitgeben. Sie muß ein schwarzseidenes Kleid zur Einsegnung, Stiefel und Schuhe, einen Hut und noch manches andre haben.« »Ein schwarzseidenes Kleid zur Konfirm ...« »Ja, und noch ein paar andre Kleider, die wir in Christiania bestellen müssen – und dazu haben mir kein Geld.« Der Hauptmann fing an im Zimmer auf und ab zu gehen. »Hm, so, so ... so, so. Ja, wenn du das meinst, dann ... denke ich, lehnen wir die Einladung kurz und bündig ab.« »Siehst du, Jäger, das wußte ich. Das Dotter möchtest du wohl haben, aber ehe du das Ei entzweischlägst, überlegst du dir die Sache noch einmal.« »Ehe ich das Ei entzweischlage? Ehe ich meinen Geldbeutel entzweischlage, meinst du wohl?« »Nein, ich meine, du mußt einen Teil der sechshundert Thaler kündigen, die ich dir mit in die Ehe gebracht habe. Ich habe nun genug darüber nachgedacht und gerechnet. Inger-Johanna allein kommt uns dieses Jahr auf über hundert Thaler zu stehen ... und wenn wir Thinka nach Ryfylke schicken wollen, dann reichen zweihundert nicht.« »Ueber zweihundert Thaler! Bist du denn toll? Bist du toll ... rein toll, Ma? Bei dir muß eine Schraube los sein!« Er drehte sich mit einem plötzlichen Ruck um. »Lieber soll der Brief in den Ofen wandern!« »Du weißt doch, Jäger, daß ich alles, was du thust, für verständig halte ...« Mit dem Briefe in der Hand und halb offenem Munde blieb er stehen. »... und die geringe Aussicht, die Inger-Johanna vielleicht hätte, einmal später versorgt zu werden, kann nicht weiter in Betracht kommen. ... Die Stiftsamtmännin ist ja allerdings die nächste Verwandte ... und sie hat keine Kinder ... unmöglich wäre es ja nicht, daß sie das Kind 'mal zur Erbin einsetzte. ... N–n–nein, Jäger, mach du's ganz, wie's dir am besten dünkt. Du siehst in solchen Dingen klarer als ich ... und ... wenn du die Verantwortung übernimmst, dann ...« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Der Hauptmann ballte ärgerlich den Brief zusammen, warf seiner Frau einen hastigen Blick zu und stand darauf lange Zeit stille und starrte zu Boden. Plötzlich schleuderte er den Brief auf den Tisch. »Hin muß sie!« rief er aus; »aber die Kriegskosten, Ma! Ich habe in meiner Strategie gelernt, daß die der Feind tragen muß. Und die Frau Stiftsamtmann muß natürlich für Inger-Johannas Aussteuer in der Stadt sorgen.« »Was, die Stiftsamtmännin, Jäger? Die darf nichts bezahlen, nichts – nicht einen Pfennig – bevor sie sich entschieden hat, ob sie das Kind ganz behalten will. Bemühen, sie los zu werden, dürfen mir uns nicht, aber sie soll sich Mühe geben, sie von uns zu erhalten – und sie muß es als eine Gunst von uns erbitten, nicht einmal, sondern zwei- oder dreimal – hast du mich verstanden?« In diesem Winter machte sich die Kälte, die draußen herrschte, drinnen weniger fühlbar. Für zwei Kinder mußten Aussteuern beschafft werden. Webstuhl, Spinnrad und Haspel spielten an den kurzen Tagen und langen Abenden die Begleitung zum Prasseln des Feuers im Ofen. Ma spann selbst all das feine Garn zu den hausgemachten Kleidern, und es wurde gestrickt, gewebt und genäht, ja selbst in Leinwand gestickt, »zwölf Stück von allem für jede.« Und in den Schulstunden beim Vater oben im Dienstzimmer wurde die französische Grammatik mit besonderem Eifer studiert. Der alles erstarrende trockene Frost, der das Haus in seinen Krallen hielt und durch jede Spalte und Ritze drang, das war ja bloß das gewöhnliche hier im Hochland! Der Fahrweg über das Eis des Sees hielt sich lange in diesem Jahre. Er blieb bis tief in den Frühling brauchbar, allerdings unsicher und wässerig blau mit einem braunen Schmutzstreifen darüber. Als er dann aber aufging und das Eis unter den brennenden Sonnenstrahlen schmolz, da lagen auf dem steilen Abhang hinter dem Hauptmannshofe lange Leinwandstücke zum Bleichen, so blendend weiß, daß sie aussahen, als ob der Schnee dort vergessen habe, aus dem Wege zu gehen. Drittes Kapitel Nun war es Hochsommer geworden; auf den Bergen lag der flimmernde Duft der Hitze, und die fernen Spitzen sahen aus, als ob sie im Rauche schwebten. Der Hauptmann stand nach beendigtem Mittagsschläfchen unten am Acker und sah zu, wie Stor-Ola mit den Pferden das alte Brachland, das in diesem Jahre besät werden sollte, umpflügte. Die Hummeln summten im Garten, und Thinka und Inger-Johanna machten am Steintisch in der Laube, wo sie tief über zerlesene, blau eingebundene Bücher gebeugt saßen, deren zerknitterte Blätter starke Fingerspuren zeigten, dieselbe eintönige Musik. Mit aufgestemmten Ellbogen, die Köpfe dicht nebeneinander, lernten sie den Katechismus mit Erklärungen. Sie mußten bis zum Vesperbrot von Seite 84 bis Seite 87 lernen und hatten sich die Finger in die Ohren gesteckt, um sich nicht gegenseitig zu stören. Plötzlich fiel ein Schatten von der andern Seite des Gartenzauns in die Laube, allein sie sahen und hörten nichts, bis sich jemand lustig räusperte. »Ist es erlaubt, die jungen Damen mit einem irdischen Anliegen zu stören?« Sie blickten beide gleichzeitig in die Höhe. Das lichte Hopfenlaub an der Laube war noch nicht vollständig an den Bindfaden in die Höhe geklettert und versperrte die Aussicht nicht. Mit den Armen auf den Gitterzaun gelehnt, stand ein junger Mensch da; sein Kopf war mit einer fast schirmlosen flachen Mütze auf starkem braunen Haar bedeckt, sein Gesicht von der Sonne verbrannt und geschwollen; aber ein Paar gräßliche, verschmitzte Augen starrten die jungen Mädchen an! Weiter hatten sie nichts gesehen. Wie auf Verabredung sprangen sie beim Anblick der Erscheinung auf und rannten, die Bücher im Stiche lassend, voll Schrecken durch die Pforte der Laube die Treppe hinan zu Ma, die in der Küche mit dem Schneiden des Vesperbrotes beschäftigt war. »Da stand einer – da war einer – draußen am Gartenzaune – das war aber nicht so einer, wie sie immer hier umhergehen und betteln.« »Lauf 'mal hin, Jörgen, und hör, was er will,« sprach Ma, die die Sachlage rasch erkannt hatte, »nimm den Weg durch die Beischlagthür. Du mußt so thun, als ob du ganz zufällig kämest.« Die beiden jungen Mädchen sprangen an die Fenster der großen Stube und guckten unter den Vorhängen hinaus. Der Fremde kam gerade mit Jörgen die Haustreppe herauf, wo dieser von ihm fort in die Küche lief. Die kleine Thea stand mit ihrem Butterbrot an der Thür der Wohnstube. Sie hatte die Klinke in der Hand, hielt die Thür halb offen und starrte den Fremden an. »Ist dein Vater daheim?« »Ja, aber du mußt den Weg durch die Küche nehmen, hörst du – und warten, bis wir unser Vesperbrot gegessen haben; vorher geht Vater nicht aufs Dienstzimmer.« Sie glaubte, es wäre ein Militärpflichtiger, der sich in die Stammrolle eintragen lassen wollte. »Aber ich will gar nicht aufs Dienstzimmer, siehst du ...« Jetzt trat Ma, die in der Hast eine Haube, aber etwas schief aufgesetzt hatte, selbst aus der Küche. »Ein junger Mensch, der, wie ich sehe, heute einen weiten Weg gemacht hat ... Seien Sie so gut und treten Sie ein.« Ihr Lächeln war wohlwollend, aber ihr Auge blickte scharf, wie das eines musternden Offiziers. Da waren Löcher und augenscheinlich erst vor kurzem mit grobem Zwirn gestopfte Stellen, auch Risse in Menge, und es war nicht leicht, sich eines gewissen Mißtrauens, daß man ein etwas zweifelhaftes Wesen vor sich habe, zu erwehren, um so mehr, als er beim Eintreten gleich die Bemerkung machte: »Ich komme wie ein Landstreicher aus den Bergen und muß sehr um Verzeihung bitten.« Mas prüfender Blick war inzwischen durch die Schale gedrungen. Der weiße Rand oben unter der Mütze, wo die Haut nicht von der Sonne verbrannt war, und sein ganzes Gebaren bestimmten sie, ihn sehr genau anzusehen. »Wollen Sie nicht, bitte, Platz nehmen? Mein Mann wird gleich kommen,« sprach sie und ging wie zufällig an ihm vorbei an den Nähtisch, um diesen zu schließen. »Ich werde mir einstweilen erlauben, Ihnen einen Schluck Milch anzubieten.« Sie ging hinaus, und gleich darauf trat eine Magd mit einer großen Schale ein, die sie ihm vorsetzte, worauf sie wieder verschwand. Er trank, maß mit den Augen aus, wie viel er getrunken hatte, trank wieder und maß noch einmal. »Das ist köstlich ... gleicht der Hausfrau durchaus nicht... denn die sah ziemlich blausauer aus und« – er stieß einen tiefen Seufzer aus – »furchtbar ehrwürdig.« Er trank noch einmal. »Ja, nun müßte man wohl eigentlich aufhören, aber sintemal und alldieweil...« Er trank noch einmal und setzte die nun leere Schale auf den Teller. »Das beste wäre wohl, wenn ich ihn gleich damit überfiele! ...Reisegeld ganz alle geworden....Wollen Sie mir auf mein ehrliches Gesicht vier...nein, das klingt schlecht... besser gleich fünf Thaler leihen, so daß ich nach Christiania zurückkommen kann?« Die kleinen Augen blinzelten rasch ein paarmal, und wäre der Hauptmann jetzt eingetreten... Er starrte wie geistesabwesend vor sich hin, wiederholte innerlich die Rede, die er halten wollte, und änderte sie fortwährend, bis er wieder vor dem kitzlichen Punkte stand, dem Betrag! Er überlegte, ob es wohl genügte, wenn er nur um vier bäte, oder um drei! Jetzt knurrte es draußen auf dem Gange, und der Hund sprang bellend hinaus. Das war gewiß der Hauptmann. Der junge Mann stand auf, setzte sich aber wieder hin, jedoch in einer Haltung, der man ansah, daß er bereit war, wie eine Feder vom Stuhle emporzuschnellen, »In der Stube? Ein junger Mensch, der mit mir reden will?« Das wurde draußen auf der Treppe gesprochen, und nach wenigen Augenblicken erschien der Hauptmann in der Stubenthür. »Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, Herr Hauptmann; ich bin unglücklicherweise... unglücklicherweise...« Er fing an zu stammeln. Das Unheil wollte, daß eins von den jungen Mädchen, die draußen in der Laube gesessen hatten, das mit den dunklen Haaren, hinter dem Vater eintrat, und da ging es doch nicht an... »...von oben aus den Bergen gekommen,« fuhr er demnach fort. »Sie werden es begreifen, daß man sich da nicht in seiner besten Verfassung vorstellen kann.« Die letzten Worte sprach er in einem gezwungen lustigen Tone, aber der Hauptmann sah nach dieser Einleitung nicht gerade freudig überrascht aus. »Mein Name ist Arent Grip...« »Arent Grip?« rief der Hauptmann und sah ihn an. »Grip? ... Ganz dasselbe Gesicht und die gleichen Augen!. .. Doch nicht am Ende gar der Sohn des Perpetuum? Des Kadetten auf Lurlejken? Der ist Landwirt oder Gutsbesitzer, wie er sich wohl nennt, irgendwo da unten am Fjord.« »Das ist mein Vater, Herr Hauptmann,« »Treibt er es denn immer noch so mit seinen mechanischen Ideen?« fragte Jäger. »Er hatte ja wohl einmal den Bach durch das Dach des Stallgebäudes geleitet, so daß das Vieh ein Sturzbad bekam, als die Rinne undicht wurde.« Inger-Johanna gewahrte eine entrüstete Bewegung, als ob der Fremde plötzlich nach der Mütze greifen wolle. »Schade... schade... daß in jener Zeit ein Mann, wie mein Vater einer ist, sich nicht die nötigen Vorkenntnisse verschaffen konnte.« Das sprach er mit einem so tiefen Ernst, daß man meinte, er habe seine Umgebung vergessen. »So, so, also das ist Ihr Herr Vater! Nun müssen Sie aber zum Vesper bei uns bleiben, ehe Sie weiter wandern. Sag doch Ma, Inger-Johanna, daß sie einen Schluck zu trinken und etwas Butterbrot hereinschicken soll. Wenn Sie aus den Bergen kommen, werden Sie hungrig sein. Setzen Sie sich doch. – Und was ist denn Ihre Anstellung... oder Ihr Beruf auf dieser Welt, wenn ich mir die Frage erlauben darf?« fuhr der Hauptmann fort. »Student! – Und, Herr Hauptmann!« – er verschluckte sich in seiner Hast, den Augenblick zu benutzen, während sie allein waren – »wenn ich so frei... war, so ohne weiteres zu kommen, ohne Sie zu kennen...« »Student!« wiederholte der Hauptmann. »Ja, das habe ich mir gleich gedacht... auf den ersten Blick... aber dann kam es mir wieder so vor...« Er räusperte sich verlegen. »Na ja, Ihrem Herrn Vater machten diese Examina auch Schmerzen,« fuhr er gutmütig zögernd fort. »Ich habe nicht einen Bruchteil von meines Vaters Kopf, aber für das, was ich habe, ist mir doch im vergangenen Jahre das laudabilis prae ceteris gegeben worden.« »Sohn meines alten Freundes Fin Arentzen Grip! – Ihr Herr Vater war im Grund ein guter Kopf, man könnte fast sagen – ein Genie... und daß das beim Offiziersexamen nicht so ganz klappte, daran waren seine unklaren Ideen schuld. ... Also von dem sind Sie ein Sohn? Ja, ja, der hat mir manchen norwegischen Aufsatz gemacht... mit dem norwegischen Stil haperte das immer ein bißchen bei mir, wissen Sie...« »...Und, Herr Hauptmann!« sprach der junge Mann mit festerer Stimme, in der Absicht, diesmal unbeirrt auf sein Ziel loszugehen, »wenn ich mich so ohne weiteres vertrauensvoll an Sie wende...« »Sag doch Ma,« rief der Hauptmann, als Inger-Johanna in diesem Augenblick mit ihrer älteren Schwester eintrat, »sag doch Ma, es sei der Herr Studiosus Arent Grip, der Sohn meines alten lustigen Kameraden von der Kriegsschule.« Die Folge der letzten Botschaft war, daß sich das bescheidene Tellerchen mit einem kleinen Gläschen Branntwein und einem Butterbrot in eine ausgiebige Vespermahlzeit auf einem Theebrett für ihn und den Hauptmann verwandelte. Der alte rotlackierte Brotkorb war mit Schnitten sauren Schwarzbrotes gefüllt, dessen Kruste sich abgetrennt hatte. Es wäre leider im Ofen mißraten, erklärte Ma entschuldigend, und der Student bewies seine Nachsicht mit diesem Mangel dadurch, daß er einen förmlich mörderischen Hunger entwickelte. Die Salzklumpen, womit die Butter aus Sparsamkeit durchsetzt war und die mit perlenden Thränen in reichlicher Menge aus der Oberfläche hervorragten, entfernte er mit raschem Kunstgriff, der den beobachtenden Augen keineswegs entging, durch einen einzigen Schlag seines Messers auf die Unterseite der Schnitten, so daß es Salzklumpen auf den Teller regnete und hagelte. »Möchten Sie nicht noch etwas Rauchfleisch nehmen? Sie werden wohl heute nicht sehr viel gegessen haben... hol noch etwas herein, Thinka... Einen kleinen Schluck zum Käse? Wie? Sie können sich denken, daß wir manchen guten alten Käse auf der Bude Ihres Herrn Vaters versucht haben – und erst die Aepfel von Bergen, die er scheffelweise mit den Schiffen von Hause erhielt. Er war ein so gutmütiger und unerfahrener Landjunge – viel zu gutmütig für solches Rackerzeug, wie wir waren. Ja, ja, wie haben wir seinen Schrank und seine Kisten und Kästen heimgesucht! Und dann ließen wir uns zum Dank die Aufsätze von ihm machen; es waren immer nur die seinigen, die der Lehrer von der ganzen Klasse erhielt und durchsehen mußte.« Der Hauptmann trank den Rest seines zweiten Glases Branntwein aus. »Brr!« machte er und hielt das Glas gegen das Tageslicht, wie er das zu thun pflegte. »Aber er hatte doch etwas Wunderliches an sich, – Nun, das liegt ja auf der Hand, daß sich so ein Landjunge nicht so mir nichts dir nichts auf einmal in neue Verhältnisse findet... , Ich vergesse niemals, wie er uns das erste Mal einen Vortrag über das Perpetuum hielt! Das wurde bekannt und das war es, was ihn eigentlich zu Grunde richtete. Die Leute kamen dahinter – nun, das werden Sie sich ja denken können, wie das zuging – sie hielten sich auf, machten sich über ihn lustig und hatten ihren Spaß mit ihm, und das schadete ihm im Examen.« Der Student rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, und der Beobachtung der jungen Mädchen, die mit ihrer Näherei am Fenster saßen, entging es nicht, daß er sich jetzt vergaß – bisher hatte er sich bemüht, zu verbergen, daß an einem seiner Stiefel die Sohle himmelschreiend vom Oberleder abstand. Sie waren in sehr lustiger Stimmung und getrauten sich nicht, einander anzusehen. Es war aber auch zu toll: der Sohn eines Mannes, der Perpetuum hieß, Kadett gewesen war – und dem Vieh Schauerbäder gab! Vater war doch zu gelungen, wenn Fremde da waren! »Daß er gute Ideen hatte, konnte nicht einen Augenblick bezweifelt werden, allein es war etwas eigentümlich Halsstarriges an ihm. Wenn einer wie er vom Bauernhof in die Stadt kommt und dann gleich anfängt, sich mit den Lehrern über das, was in den Büchern steht, herumzuzanken, das geht doch nicht – und nun gar auf der Kriegsschule und in der Physik – und das gab denn, wie Sie sich denken können, eine schöne Komödie!« »Mag sein, Herr Hauptmann, aber ich wette meinen Kopf, daß es nicht mein Vater war, der unrecht hatte.« »Hm, hm... ja, natürlicherweise... ganz wie der Vater,« murmelte er. »Hm... nun, Sie haben ja trotzdem das ceteris erworben! ... Wollen Sie nicht noch ein halbes Gläschen trinken?« fragte er gastfrei, um die Unterhaltung auf ein andres Gebiet zu lenken. »Nein, ich danke, aber ich will Ihnen sagen, wie es meinem Vater ergangen ist. Genau so, wie einem Jagdhunde, den der Kreisschreiber bekommen hatte. Es steckte viel Rasse und Blut in ihm, aber eines Tages biß er ein Schaf, und das sollte ihm ausgetrieben werden. Das ließ sich wohl am leichtesten bewerkstelligen, wenn man ihn zu den Schafen in den Stall sperrte. Da stand er nun allein dem Leitbock und allen Schafen gegenüber, und er meinte, das könnte einen Hauptjux geben. Der Widder kam auf ihn losgefahren und rannte ihn über den Haufen – nun, das that nicht viel – aber ehe er sich wieder aufrichten konnte, kamen alle fünfzig Schafe angetrippelt und liefen über ihn hinweg, so daß er gar nicht wußte, wie ihm geschah. Wieder standen sie sich gegenüber, wieder rannte der Bock den Hund um, und trip, trip, trip, trip, folgte die ganze Herde ihrem Führer über ihn hinweg. So ging das wohl zwei Stunden lang, bis der Hund ganz still und betäubt dalag. Es war ihm ausgetrieben, und er hat nie wieder ein Schaf gebissen, aber es war ihm auch noch etwas andres ausgetrieben worden, denn ob er nachher noch zu etwas taugte, wollen wir lieber nicht erörtern – er hatte die Kriegsschule durchgemacht, Herr Hauptmann.« Als er nun aufschaute, sah er die dunklen nachdenklichen Augen der Hausfrau auf sich gerichtet, allein ihr Kopf beugte sich gleich wieder auf ihre Näharbeit. Der Hauptmann hatte mit steigendem Anteil zugehört. Die Behandlung des Jagdhundes interessierte ihn, und erst die letzten Worte machten ihm klar, daß etwas hinter der Geschichte steckte. »Hm ... mein lieber Grip ... ja, ja, das meinen Sie wohl. Hm, darin stimme ich doch nicht mit Ihnen überein ... wir hatten tüchtige Lehrer und ... ho ho, wir waren keine Schafe, mein Freund ... ho ho, ho ho, noch weniger Wölfe ... es war ganz gut mit uns auskommen. ... Aber das muß ich einräumen, die Kur war niederträchtig gegen den braven Hund, und insoweit. ... Nun, wie wär's denn mit noch einem halben Gläschen?« »Bitte, Herr Hauptmann.« »Aber was für einen Marsch haben Sie denn heute gemacht?« Mit der Stillung des Hungers und der genossenen Herzstärkung war neues Leben in den jungen Mann gekommen. Er wies auf seine Kleider und war sogar so kühn, seine Füße mit den schadhaften Stiefeln vorzustrecken. »Ich könnte mich als Vogelscheuche in die Erbsen stellen, als Warnung für alle, die von der Landstraße abweichen wollen; das kommt alles davon, daß ich auf der Poststation einen Renntierjäger traf. – Er wußte so viel davon zu erzählen, wie schön es droben im Hochland sei, daß ich Lust bekam, mit ihm zu gehen.« »Ueber alle Maßen vernünftig,« murmelte der Hauptmann, »wenn man Geld für einen Sohn in Christiania daran wendet.« »Ja, sehen Sie, ich war neugierig geworden, und so wanderte ich denn landeinwärts,« »Ist der nun nicht noch verrückter, als sein Vater? So aufs Geratewohl in das düstere, unwegsame Hochland hinein zu wandern!« »Ueber Stock und Stein ging es bergauf, aber ich weiß nicht, wie das ist da oben im Hochland, gerade als wenn die Beine nichts zu tragen brauchten, ich hätte auf den Händen laufen mögen, und da hatte sich niemand in der ganzen weiten Welt drum zu kümmern, denn ich war über ihr, ich saß ihr sozusagen auf dem Dache. Und nie in meinem Leben habe ich ein solches Bild gesehen, wie es vor uns lag, als wir am Nachmittag den höchsten Kamm des Gebirges erreicht hatten. Nichts als kalter, weißer, schimmernder Schnee und darüber ein tiefblauer Himmel, Bergspitze über Bergspitze in blendendem Glanze, so weit das Auge reichte.« »Ja, Schnee haben wir hier freilich genug, Freundchen, der liegt hier den ganzen langen Winter bis hoch an den Mauern hinauf, so weiß und kalt, wie man's nur verlangen kann. Wir sehen uns über und über satt daran ... da ist mir doch eine schöne grüne Wiese oder ein richtiger Kornacker lieber. – Sie haben also das prae ceteris gemacht, sagten Sie, mein Freund? Ja, ja, ja, ja. Wie wäre es denn nun, wenn wir den Schuster veranlaßten, Ihnen heute abend einen kleinen Riester auf den Stiefel zu setzen?« Das war mit andern Worten eine Einladung, über Nacht zu bleiben – und eine große Versuchung, die Bitte um Geld bis morgen zu vertagen. »Danke, Herr Hauptmann, ich kann nicht leugnen, daß das ungemein praktisch wäre.« »Lauf 'mal zum Schuster, Jörgen, und sag ihm, daß er sie in Arbeit nehmen solle, sobald er die Absatzeisen unter die Stiefel geschlagen hat, die ich morgen zur Wegebesichtigung tragen will.« »Aha!« überlegte Grip innerlich. »Da wird er also morgen sehr zeitig aufbrechen – und ich muß mein Anliegen doch noch heute vorbringen. Nun, die Töchter beginnen den Tisch abzuräumen, und es wäre am besten, wenn ich den Augenblick ...« Der Hauptmann erhob sich und trippelte im Zimmer auf und ab. »Ja, ja ... ja, ja, – Wollen Sie 'mal meine schönen Schweine sehen, Grip?« Der Student sprang sofort auf und ergriff seine Mütze. Ein Aufschub! »Haben Sie viele, Herr Hauptmann?« fragte er mit eifrigem Interesse. »Kommen Sie ... der Weg geht durch die Küche; hier hinaus über die Beischlagtreppe. ... Sehen Sie die helle Stelle da oben im Walde? Da haben wir vor zwei Jahren das Holz zum Kuhstall und zum Schweinekoben geschlagen.« Er trat im bloßen Kopfe auf den Hof hinaus. »Marit, Marit!« rief er. »Hier ist jemand, der deine Schweine sehen will. Jetzt wird Musterung gehalten. Es ist eine Muttersau mit sieben. ... Sehen Sie! Aber die Grundmauer, sehen Sie die 'mal an. Es war gerade ein Sumpfpfuhl hier, das Wasser sickerte oben vom Bache her durch. Und nun sehen Sie die Rinne dort ... trocken wie Zunder ...« Jetzt oder nie mußte der Angriff gemacht werden. »... und nun leben sie alle zusammen da drinnen wie die großen Herren,« fuhr der Hauptmann fort. »Alle sieben Thaler ... aber was rede ich! Alle fünf Schweine?« »Was?« »Hier ist deine Kappe, Vater!« rief Jörgen, der aus dem Hause kam. »Und da sind ein paar Leute, die kommen da unten von Fosser.« »So? ... Na, dann wollen wir rasch 'mal in den Stall gucken.« Da standen der Rappe und der Braune eben abgeschirrt. Nach der schweren Arbeit des Pflügens waren ihnen die Haare vom Schweiß zusammengeklebt. »Schöner Stall, wie? – Und ganz hell; die Pferde werden nicht geblendet, wenn sie heraus kommen. Holla, Schwarzer, schwitzest du noch?« Ein warmer, behaglicher Stallduft umgab sie, und endlich ... »Aber Ola!« rief der Hauptmann. »Was ist denn das mit der Krippe des Braunen? Ich kann Fliesen nicht leiden; er beißt doch nicht hinein.« »Ha, ha, ha, ... i, wo wird er wohl?« Ola verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen, denn in Gegenwart eines Fremden wollte er nicht zugeben, daß der neue Braune ein Krippenbeißer sei. Der Hauptmann war ganz rot geworden, er nahm die Mütze ab und trat hastig näher. »So'n Halunke von einem Pferdehändler!« Das war nicht der geeignete Zeitpunkt für sein Anliegen, wie gleich noch deutlicher wurde, denn in diesem Augenblick traten die beiden Leute, die Jörgen angemeldet hatte, aus dem Abendschatten an der Scheunenwand hervor. »Ist das die Tageszeit, wo man einen aufsucht?« fuhr er sie an. »Na ja, geht nur aufs Dienstzimmer.« Damit eilte er über den Hof, warf erst einen Blick in den Brunnen und machte einen Umweg ans Fenster der Wohnstube. »Kinder! Inger-Johanna, Thinka! Zeigt doch dem Studenten den Garten, und er kann sich ein paar Johannisbeeren pflücken,« rief er hinein, ehe er die Treppe zum Dienstzimmer hinanstieg. Nun konnte man wohl eine gute Stunde lang Arent Grips dickhaariges braunes Haupt mit der knappen, flachen Mütze neben dem kleinen blonden Köpfchen Thinkas zwischen den Johannisbeersträuchern sehen. Anfänglich plauderte er sehr eifrig, und seine lebhaften, glänzenden braunen Augen waren gar nicht boshaft, wie es Thinka schien; sie begann sich ziemlich warm für ihn zu interessieren. Am nächsten Morgen fand er seine Stiefel ausgebessert vor seinem Bett und eine Platte mit Kaffee und Frühstück wurde ihm herausgebracht, denn er hatte gesagt, er müsse bei Zeiten aufbrechen. Nun galt es aber, mit geschlossenen Augen, blindlings das Anliegen vorzubringen. Als er herunterkam, stand der Hauptmann, seine Pfeife rauchend, auf der Treppe. Ueber dem fetten Nacken kamen graue Haarbüschel unter der fuchsigen Perücke zum Vorschein. Er blickte ein wenig verdrießlich vor sich in den Morgennebel hinein und suchte sich darüber klar zu werden, ob dieser sich zum Regen verdichten oder fallen werde, so daß er mit der Heuernte beginnen könne. »Nun, wollen Sie sich auf den Weg machen, Freundchen?« »Herr Hauptmann ... können ... wollen Sie mir .. .« in seinem ersten kühnen Morgenmut hatte er fünf gedacht, aber schon auf der Treppe waren sie auf vier gesunken, und jetzt, wo er dem Hauptmann gegenüberstand ... »drei Thaler leihen? Ich muß nach Christiania zurück, habe aber den letzten Schilling ausgegeben. Ich schicke Ihnen den Betrag umgehend mit der Post zurück.« Der Hauptmann hüstelte verlegen. Er hatte gestern etwas Derartiges auf dem Gesicht des jungen Fremden zu lesen geglaubt. Ja, so ein Student, der war der Richtige, das Geld umgehend zurückzuschicken. Ein mißmutiges Lächeln flog über seine Züge, allein es machte gleich einem gutmütigen Ausdruck Platz. »Drei Thaler sagen Sie? – Habe ich die wohl selbst im Hause? Hier ist im Sommer das bare Geld rein wie weggeblasen, Freundchen!« Er steckte die freie Hand in die Brust seiner Uniform und sah ratlos in die Luft. »Nun, nun, hm, hm!« machte er nach einer verlegenen Pause. »Wenn ich sicher wüßte, daß ich sie wieder kriegte, würde ich 'mal sehen, ob sich nicht drei oder vier Orte in Mas Haushaltungskasse auftreiben ließen ... so viel, daß Sie bis zum Vogt oder dem Amtsrichter kämen ... das sind prächtige Menschen; die helfen Ihnen sofort.« Der Hauptmann ging, dichte Rauchwolken ausstoßend, in die Küche, um Ma aufzusuchen, die in der Speisekammer das Frühstück zurecht machte; die Heuernte und die ganze Außenwirtschaft lagen auf ihren Schultern. »Na, was meinen Sie wohl,« sprach er, als er sehr bald zurückkehrte, »Ma hatte wirklich noch drei Thaler; die habe ich ihr für Sie abgeknöpft. Und nun leben Sie wohl, glückliche Reise, lassen Sie uns hören, daß Sie wohlbehalten heimgekommen sind.« »Sie sollen umgehend von mir hören!« rief der Student und machte sich seelenvergnügt auf den Weg. Ma hatte freilich zuerst die Lippen zusammengekniffen, dann aber erklärt, wenn der Hauptmann überhaupt helfen wollte, könne er es nur mit dem vollen Betrag von drei Thalern thun. Der Student sähe nicht wie ein leichtsinniger Vogel aus, und es gehe doch nicht an, ihn zum Amtsrichter oder Vogt zu schicken und vielleicht auch noch zum Pfarrer und dort merken zu lassen, daß er auf Gilje nicht mehr als drei Orte geliehen bekommen konnte. – – Thinka erzählte ein über das andre Mal, was sie und der Student alles zusammen geplaudert hätten. »Was hat er denn gesagt?« drängte Inger-Johanna. »Ach, er war fast die ganze Zeit lustig; ich habe nie jemand so lustig gesehen.« »Ja, aber du mußt dich doch erinnern, was er gesagt hat?« »Ach ... ja freilich. Er fragte, wozu du französisch lerntest. Du solltest wohl abgerichtet werden wie eine Papagei, meinte er, damit du mitschwätzen könntest, wenn du in die Stadt kommst.« »So? Woher wußte er denn, daß ich in die Stadt soll?« »Er fragte auch, wie alt du wärst, und da habe ich ihm gesagt, daß du konfirmiert würdest und dann hin solltest. Er kennt Stiftsamtmanns ganz gut, denn er arbeitet auf Onkels Amtsstube.« »Ach ... so 'ne Art von Bekanntschaft!« »Aber du paßtest gar nicht dahin, sagte er – und weißt du auch warum?« »Nun?« »Du wärst zu eigensinnig.« »Was hat er gesagt?« Sie zog die Augenbrauen zusammen und runzelte die Stirn, so daß Thinka schleunig hinzufügte: »Wer dahin käme, der müsse sich wie ein Bindfaden um die Frau Stiftsamtmann winden, sagte er, und das sei Sünd' und Schade um deinen schönen Hals, wenn der so früh schon geknickt würde.» Inger-Johanna warf den Kopf in den Nacken. »Hast du jemals so 'nen frechen Menschen gehört?« Thinka war nach Ryfylke abgereist. Ihr Platz am Tische, in der Stube, im Schlafzimmer war Luft. Mehr als einmal vergaß sich der Hauptmann und rief nach ihr, und nun war auch der letzte Nachmittag vor Inger-Johannas Abreise gekommen. Der Seehundsfellkoffer, mit neuen Eisenbändern beschlagen, stand zur Aufnahme der Sachen bereit offen oben im Gange, und der Hauptmann hatte den ganzen Tag fürchterlich geschafft, denn das Packen verstand kein Mensch so wie er. Ma reichte ihm umständlich ein Stück des neuen kostbaren Zeugs nach dem andern – Wäsche von Gilje brauchte das Auge der Stiftsamtmännin nicht zu scheuen. Aber es war ein Unglück, daß Jäger das Blut so zu Kopfe stieg, wenn er sich bückte. »Holla! Recht so! – Ich begreife nicht, wo du die Gedanken hast, Ma! Mit dieser ganzen Masse von baumwollenen Strümpfen auf einmal zu kommen! Das, das, das und das will ich haben.« Natürlicherweise, so reiseerfahren wie er war! »Aber du darfst dich nicht soviel bücken, Jäger!« Er richtete sich hastig auf. »Meinst du, daß Stor-Ola von selbst daran denken wird, den Rappen am Widerrist mit Rigaer Balsam einzureiben und die Flasche mitzunehmen? Hätte ich jetzt nicht daran gedacht, dann hätte der Rappe ohne das traben müssen. Spring 'mal hin, Thea, und sag's ihm. – Ach nein, laß,« er holte tief Atem, »ich will doch lieber selber gehen und sehen, daß es richtig gemacht wird.« Es entstand eine Pause, bis der letzte seiner Schritte auf der Treppe verhallt war, und nun machte sich Ma an die Arbeit und packte in eiliger Hast. Lage um Lage stieg der Inhalt des Koffers an, bis zuletzt eine weiße Serviette aufgelegt wurde, die das Ganze bedeckte, und nur noch übrig blieb, daß sie sich auf den Deckel setzte und den Schlüssel umdrehte. Gegen Abend war die größte Arbeit und Unruhe vorüber. Mas feine Buttergrütze mit Himbeersaft stand auf dem Tische und erinnerte in ihrer Festlichkeit daran, daß der gewohnte Kreis sich um ein zweites Glied vermindern sollte. Sie speisten in tiefer Stille, die durch keinen andern Ton, als das Klirren der Löffel unterbrochen wurde. »Da, mein Kind, nimm meine große Tasse!« Der Hauptmann reichte der Scheidenden seine große Tasse mit Himbeersaft. »Nimm nur, was dein Vater dir anbietet.« Er seufzte beklommen tief auf, schob den Teller zurück, und Thränen stürzten aus Inger-Johannas Augen. Sie sollten zum zweitenmale nehmen, aber ... Nun stand er auf, ging pfeifend im Zimmer umher und starrte zu Boden. Es war schmerzlich, Vater so vom Kummer bedrückt zu sehen. »Du mußt jeden Monat schreiben, Kind ... ausführlich und über alles, hörst du? – damit dein Vater etwas hat, woran er sich erfreuen kann,« mahnte Ma, während sie den Tisch abräumte. »Und hör 'mal, Inger-Johanna,« fuhr sie fort, als sie allein mit ihr in der Speisekammer war, »wenn du findest, daß die Stiftsamtmännin deine Briefe lesen will, dann setze ein kleines Kreuz hinter die Unterschrift... Wenn aber etwas Ernstliches vorfällt, dann sprich mit der alten Tante Alette draußen in Bischofsgarten, dann höre ich es, wenn Stor-Ola zum Warenholen nach der Stadt kommt. Du weißt, Vater kann Unannehmlichkeiten nicht vertragen.« »Die Frau Stiftsamtmännin soll lesen, was ich an dich oder Vater schreibe? Das wollen wir doch 'mal sehen!« »Du mußt dich ihren Wünschen fügen, Kind. Wenn du nur willst, wird dir das ganz leicht werden. Und Tante ist so ungeheuer freundlich und gut gegen alle, die sie gern hat, wenn man thut, was sie haben will. Du weißt, wie viel davon abhängen kann, wenn sie Neigung zu dir faßt und ... du verstehst mich wohl ... dich lieb gewinnt. Sie hätte dich gewiß nicht in die Stadt eingeladen, wenn sie nicht im stillen daran dächte, dich an Kindesstatt anzunehmen.« »Ich andrer Leute Tochter? Mich dir und Vater wegnehmen? Nein, dann will ich lieber gar nicht reisen!« Sie setzte sich auf den Deckel der Mehlkiste und fing an zu schluchzen. »Nun, nun, Inger-Johanna, liebes Kind!« sprach die Mutter und streichelte ihr die Haare. »Wir wollen dich ja nicht weggeben, das weißt du doch,« fuhr sie mit bebender Stimme fort. »Es ist ja zu deinem eignen Besten, Kind. Was glaubst du wohl, was ihr Mädchen 'mal zu erwarten habt, wenn Vater uns genommen werden sollte? Wir müssen sehr froh sein, wenn sich für eine von euch ein Unterschlupf findet, und uns wohl hüten, so etwas auszuschlagen ... daran mußt du denken, Inger-Johanna! Du hast Verstand genug; nun mußt du auch lernen, deinen Willen zu beherrschen. Dein Eigenwille ist deine Gefahr, mein liebes Kind.« Inger-Johanna blickte mit dem Ausdruck der Angst zu ihrer Mutter empor. Sie rang schmerzlich nach Fassung, denn gerade an der wurde sie plötzlich irre, bei der sie bisher gewöhnt war, sich Rat zu holen. – »Ich kann die Kleine heute abend wirklich keinen Augenblick entbehren – und nun laßt ihr mich dadrin allein,« rief der Hauptmann und öffnete die knarrende Thür. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie öde und einsam das für mich werden wird, Ma.« »Jetzt gehen wir alle hinein ... und vielleicht singt uns Vater nachher ein Liedchen,« sprach Ma ermunternd, denn des Hauptmanns kräftiger, jetzt aber etwas eingerosteter Baß war sein Stolz und in seiner Jugend eine Berühmtheit gewesen. Das Klavier wurde von Büchern und Papieren befreit, weil der Deckel ganz aufgeschlagen werden mußte, wenn Vater singen sollte. Da stand es nun mit seinen gelben Zähnen, seinem dünnen, scharfen Tone und seinen vier stummen Tasten. Ma mußte begleiten, wobei sie immer hier oder da liegen blieb wie ein Sack, der vom Wagen gefallen ist, während die Pferde unverdrossen auf dem Wege weiter trotten. Seine Ungeduld ertrug sie mit gelassener Ruhe. Heute abend wurde nur »Heimkringlas panna du höga Nord« und »Wikingsbalken« angefangen und dann folgte: »Sieh, dort kommt der Jagdtroß! Armer Frithjof, schau nicht hin. Wie ein Stern vor einer lichten Wolke sitzt sie auf dem Roß!« Er sang, daß die Fensterscheiben klirrten. Viertes Kapitel. Ein neues Jahr hatte begonnen. – Mit zwei Lichtern in Blechleuchtern neben sich, saß der Hauptmann eines Abends gegen Mitte Februar am Tische, rauchte und las im »Hermoder«. Jörgen benutzte die Beleuchtung, indem er am andern Ende des Tisches seine Aufgabe lernte. Er mußte eine festgesetzte Zeit arbeiten, einerlei, ob er sie schon konnte, oder nicht. Was war das? Natürlich Schellengeklingel. Jörgen richtete seinen gelben, struppigen Kopf vom Buche auf. Jetzt war es schon das zweitemal, daß er es in der Ferne hörte, aber wie Haakon Adelstenfosters Wächter, von dem er gerade las, wagte er nicht, seine Arbeit im Stiche zu lassen und seine Meldung zu erstatten, bevor er ganz sicher war. »Ich glaube, es kommt ein Schlitten auf der Landstraße,« flüsterte er endlich, »er ist aber noch weit,« »Ach was – bleib nur bei deiner Arbeit.« Ungeachtet er so that, als sei er ganz in »Hermoders« ästhetische Tiefen versunken, spitzte nun auch der Hauptmann die Ohren. »Das ist des Hausierers Geläute, es ist so dumpf und leise,« sprach Jörgen wieder. »Störst du mich noch einmal, dann sollst du Geläute um die Ohren hören, Jörgen!« Der Hausierer Oejsett war der letzte, den der Hauptmann sich zufällig auf den Hof wünschte. Er schrieb und schrieb um seine lumpigen dreißig Thaler, als ob er sie zu verlieren fürchtete... »Hm, hm,« räusperte er sich, etwas rot im Gesicht, las weiter und nahm sich fest vor, den Mann nicht eher bemerken zu wollen, als bis er in der Stube stand, denn der Schlitten fuhr wirklich vor dem Hause vor. »Hm, hm!« Jörgen fuhr zusammen. »Rührst du dich vom Fleck, Junge, dann schlag' ich dir Arme und Beine entzwei!« drohte der nun kupferrote Hauptmann wütend, »Bleib still sitzen und lern'.« Er hatte selbst die beste Absicht, still zu sitzen. Dieser Spitzbube von Hausierer mochte sein Pferd allein an der Treppe festbinden und sich helfen, so gut er konnte. »Ich höre sprechen ... Stor-Ola ...« »Willst du wohl stillschweigen!« rief der Hauptmann in seinem mörderisch tiefen Baß und machte dazu ein paar Äugen, als ob er seinen Sohn aufessen wollte. »Ja, aber Vater, das ist ja ...« Ein Griff in seine Haare und eine gewaltige Ohrfeige ließen den Jungen durchs ganze Zimmer fliegen. »... der Doktor!« heulte Jörgen. Die Wahrheit, daß er unschuldig gelitten hatte, trat im selben Augenblick zu Tage, indem die vierschrötige Gestalt des Corpsarztes in der Thür sichtbar wurde. Als er eintrat, zog er seine Uhr hervor. »Was ist die Uhr? »So soll doch der Satan deinen schon lange für den tiefsten Abgrund reifen Corpus mitsamt der Seele zerreißen und vierteilen, wenn du das nicht bist, Rist!« »Wie viel Uhr ist es? frage ich ... sieh doch 'mal nach.« »Und deshalb habe ich Jörgen an den Haaren gerissen und geohrfeigt. Na ja, Junge, du kannst für heute aufhören zu arbeiten und darfst dir Sirup zu deiner Grütze zum Abendbrot ausbitten. Lauf hinaus und sag Ma, Rist sei angekommen. Heda, Marit! ... Siri!« rief der Hauptmann zur Küchenthür hinein. »Komm mal eins von euch herein, um dem Doktor die Stiefel auszuziehen!« »Wie viel Uhr ist es? frage ich noch einmal ... kannst du denn nicht nachsehen?« »Fünf Minuten nach halb sieben.« »Dann ist's bewiesen, daß ich die drei Meilen von Jölstadt bis hierher in zwei und einer viertel Stunde gefahren bin.« Der Doktor hatte den Pelz abgelegt, und der kleine, kräftig gebaute Mann stand nun mit der Pelzmütze noch auf dem Kopfe da und verschwand fast in einem Paar ungeheurer Reisestiefel. »Nein, laß das!« rief er eifrig dem Mädchen zu, das ihm beim Ausziehen behilflich sein wollte, »Ach Jäger, komm doch mal mit mir hinaus und sieh dir das Hinterbein meines Falben an, ob er etwa Gallen hat. Er ist mir in den Bergen ein paarmal gestolpert und hat auch ein bißchen gelahmt, weißt du.« »Er hat sich wohl gestrichen?« meinte der Hauptmann, nahm rasch seine Mütze vom Klavier und folgte dem Doktor hinaus. Draußen beim Schlitten blieben die beiden Männer stehen, befühlten die Sprunggelenke des Falben, hoben sein linkes Hinterbein auf und folgten dem Pferd in den Stall, um dort eine genauere Untersuchung vorzunehmen. Als sie wieder heraustraten, waren sie in einem eifrigen Wortwechsel. »Ich behaupte, du könntest ebenso gut sagen, er habe den Rotz in den Hinterbeinen. Wenn du dich nicht besser auf Menschenkrankheiten verstehst als auf Pferde, dann gebe ich keine vier Schillinge auf dein ganzes Doktorexamen.« »Na hör mal, Jäger, dein Brauner, der scheint mir aber absonderliches Futter zu lieben. Er begnügt sich wohl nicht mehr mit Krippenholz?« meinte der Corpsarzt, schelmisch mit den Augen zwinkernd. »Was, hast du das gesehen? Deine Augen ... Racker!« »Gehört habe ich's, gehört! Es war ja gerade, als ob mit einer Säge an der Krippe gearbeitet würde. Damit haben sie dich aber gründlich angeschmiert, du.« »Ach, papperlapap! In einem Jahre hat er die richtige Grüße für ein Jägerpferd, und dann werde ich ihn schon wieder los. ... Aber das muß ich zugeben, du Hast ein gutes Geschäft gemacht, wenn du den Falben für fünfundsechzig gekauft hast.« »Sechzig und das Frühstück, nicht einen Deut mehr – – aber verkaufen thue ich ihn nicht, und wenn du mir auf dem Fleck hundert hinlegtest.« Inzwischen erwartete Ma in der Stube die Rückkehr der Herren. Sie mußte dem Doktor Bericht erstatten, welche Kranken zu besuchen waren. Da war zunächst Aslak in Vaelta, der sich am Donnerstag beim Holzhauen den Fuß schwer verletzt hatte, sodann der Hausmann Anders, der an einer Lungenentzündung litt, und sechs Kinder schliefen in derselben Stube ... es wäre schlimm, wenn er nicht durchkäme. »Wir wollen ihm eine ordentliche spanische Fliege in den Rücken legen, und wenn er dann nicht besser wird, soll er einen tüchtigen Aderlaß haben.« »Er war letzthin nahe daran, ohnmächtig zu werden,« wandte Ma einigermaßen bedenklich ein, »Abzapfen, immer abzapfen. Das ist das Blut, das muß von der Brust herunter, sonst macht die Entzündung ein Ende mit ihm. Ich werde morgen früh beizeiten hingehen und nach ihm sehen ... und für Theas Hals ein wollenes Tuch und etwas Kampferöl, und dann ins Bett mit ihr und tüchtig schwitzen, auch ein Löffel Ricinusöl kann nichts schaden.« Nach dem Abendbrot saß der alte Hausfreund mit seiner Pfeife und seinem Punschglase in der einen Ecke des Sofas und der Hauptmann in der andern. Der rote Schimmer auf der Nase und den Wangen des Corpsarztes kam nicht allein vom raschen Uebergang aus der Kälte in die warme Stube, denn er hatte so eine gewisse Art an sich, ziemlich häufig Trost für feine Junggeselleneinsamkeit in etwas Kräftigem zu suchen. »Ja, siehst du, hier haben wir immer Nachrichten,« sprach der Hauptmann, »sowohl aus der Stadt, als auch aus dem Westlande. Die alte Tante Alette hat mir Weihnachten geschrieben, nun wäre eine da, die fähig wäre, die Stiftsamtmännin mit Trense und Kandare zu reiten.« »Das habe ich mir gleich gedacht,« versetzte der Corpsarzt, »Das erste, worauf es in der Reitbahn ankommt, ist, daß man die Natur des Tieres studiert – und Inger-Johanna versteht sich aufs Bäumen: die muß man mit Güte zu fassen suchen,« »... und meine Schwägerin hätte niemals geglaubt, daß so guter Stoff in unsern wilden Hochlanden aufwachsen könnte.« Der Hauptmann begann ungeduldig zu werden. Ma mußte doch nun endlich mit ihrer Kocherei draußen fertig sein, so daß er den Brief seiner Tochter vorlesen konnte. »Du kannst dich drauf verlassen, das ist ein eigentümlicher Pelikan, dieser alte Amtsrichter da unten in Ryfylke. Ich möchte nur wissen, ob er wirklich von da fortzukommen wünscht. Jedesmal, wenn ein Amt frei wird, droht er damit, er wolle sich versetzen lassen, schreibt Thinka. – Nun laß uns aber die Briefe lesen, Ma, und gib mir meine Brille!« rief der Hauptmann, als seine Frau eintrat. »Zuerst den vom November. Da wirst du hören, wie dein Pätchen bei Stiftsamtmanns aufgenommen worden ist, Rist.« Er las einen Teil des Anfangs leise vor sich hin und fuhr dann laut fort: »Als Stor-Ola meine Sachen an der Hausthür hinsetzte, hatte ich die größte Lust, mich gleich wieder ins Wägelchen zu setzen und nach Hause zu fahren, aber dann fiel mir ein, was Vater immer sagt: Am besten ist es, gerade aufs Ziel loszugehen! Ich ging also am Diener vorbei und trat ein. Es war sehr hell im Hause, im Flur hingen sehr viele Ueberzieher und Hüte an den Haken und einigemal flogen ein paar Dienstmädchen mit Platten voll Tassen an mir vorüber, ohne sich im geringsten um mich zu kümmern. Allein ich dachte, daß die, die so aus den Wolken hineinfiel, Eure vielgeliebte Tochter war. In großer Eile zog ich meinen Reisemantel aus und klopfte ein paarmal an. Ich wußte kaum etwas von mir, und so drehte ich die Thürklinke sachte um. Danke, da war niemand. Nun trat ich ins Zimmer und ging nach einer andern Thür, vor der bloß ein Vorhang hing, den ich nur ein bißchen zur Seite zu ziehen brauchte, und ich war, perdauz! mitten drinne! Ja, wie soll ich Euch das nun schildern? Es war ein Eckzimmer, wo ich hineingeraten war, mit Mahagonimöbeln und gepolsterten Lehnstühlen, und Bilder in vergoldeten Rahmen hingen über dem Sofa: die andern sind alle dunkel eingerahmt. Aber von alledem sah ich nicht einen Deut, denn im Anfang kam es mir so vor, als ob es fast finster sei, und doch war es gar nicht finster. Es lag daran, daß die große Astrallampe auf dem Tische, um den eine ziemlich große Gesellschaft Platz genommen hatte, mit einem mächtigen Schirm bedeckt war. Damen saßen auf dem Sofa in einer Nische und an andern Plätzen und tranken Thee. »Da stand ich nun mitten im Zimmer und meinte, mein rotbraunes Kleid könne sich wohl sehen lassen. »›Tante Zittow!‹ sagte ich endlich schüchtern. »›Wer ist das? Was? Wohl gar meine liebe Inger-Johanna? Meines Mannes Schwestertochter!‹ sagte eine Dame hinter dem Tische. ›Du kommst ja wie eine wilde Rose, Kind, und mit den Regentropfen noch im Gesicht – und ganz kalt und verklammt!‹ Sie war zu mir getreten und befühlte mich, aber ich sah sehr wohl, daß ihr Auge hauptsächlich auf mein Kleid gerichtet war, ›Du sollst mal sehen, das Leibchen ist zu lang,‹ dachte ich, ›das habe ich ja zu Hause auch schon gesagt.‹ Allein ich vergaß bald das ganze Kleid, denn das war ja Tante, und sie umarmte mich und sprach: ›Sei herzlich willkommen, liebes Kind! Ich denke, eine Tasse guten, heißen Thees wird ihr gut thun, Jungfer Jörgensen ... und wollen Sie auch Minna anweisen, daß sie oben alles in Ordnung bringe.‹ Und dann setzte sie mich auf einen weichen Polsterstuhl, der dicht an der Wand stand. »Da saß ich nun im Halbdunkel mit einer Theetasse und Zwieback im Schoße – wie ich dazu gekommen war, weiß ich nicht – und dachte, bin ich das, oder bin ich's nicht? »Im Anfang konnte ich die Leute, die ringsumher auf den gepolsterten Stühlen saßen, nicht gut sehen. Der mir nächste Gegenstand, den ich erkennen konnte, war ein Stück von einem Fuße mit einem Sporn und darüber einen breiten roten Streifen, der immer auf und nieder wippte. Ab und zu beugte sich ein mit einer feinen Spitzenhaube bedeckter Kopf ins Licht, um eine Tasse hinzusetzen oder sich mit Kuchen zu versorgen. Die Grenze des vom Lampenschirm gebildeten Lichtkreises lag nicht eine halbe Elle außerhalb des Tisches. »Ach, das war fein und kosig! »Im Lichtkreise unter dem Schirm der Astrallampe saß die Tante. Sie hatte etwas mit einer Negerfigur oben drauf und zündete Räucherkerzen an. »Die blitzende Theemaschine summte, und die blauen Tassen von altem Kopenhagener Porzellan, wovon die Mutter auch noch vier Paare von der Großmutter her im Silberschranke stehen hat, riefen Erinnerungen in mir wach. Aber wenn ich aufsah, fiel mein Blick immer auf Tantes Angesicht, die mir die Seite zukehrte, so daß ich nur die großen Ohrringe unter der Spitzenhaube sehen konnte, und es kam mir so vor, als ob sie mit der vornehmen, festen Rundung des Kinnes der altmodischen Theemaschine gliche, die die Form einer Vase oder Urne hatte. Es war, als ob sie zusammen gehörten seit – ja, ich weiß nicht, seit wie lange, aber seit Erschaffung der Welt kann es ja nicht sein. Und wenn das Gespräch mal stockte und es wurde so stille, als ob nicht eine Menschenseele da wäre, dann pustete und schnarrte die Maschine, gerade als ob man Tantes schönes dänisches Schnarren des R hörte, wenn sie sagt: ›Geerbt, geerbt!‹ und dann zischte sie mal wieder: ›Zittow, von Zittow!‹ Weißt du, Mutter, was du immer von dem dänischen Zittow erzählt hast, der Gesandter in Brüssel war, das ging mir im Kopfe herum.« »Ja, ja, nun sieh einer das junge Ding an ... der steckt das im Blute,« sprach der Corpsarzt lachend. »Aber es schien mir nicht so, als ob Tante der Ansicht sei, es habe Eile, daß ich Onkel kennen lerne, und als ich einmal sah, wie sie Jungfer Jörgensen mit Thee ins nächste Zimmer schickte, wo die Herren Karten spielten, da fragte ich, ob ich mitgehen dürfe. »›Von Herzen gern, mein Kind, Es wäre unrecht, deine Ungeduld noch länger auf die Probe zu stellen. – Und hören Sie, Jungfer Jörgensen, führen Sie doch nachher unsre kleine Reisende hinauf in ihr Zimmer und sorgen Sie dafür, daß sie etwas zu essen bekommt und dann zu Bett geht.‹ Aber ich bemerkte sehr wohl, daß sie gleichzeitig den Lampenschirm an der Seite, wo ich vorbeigehen mußte, herabzog, so daß ich im Schatten blieb. Daran dachte ich aber erst später. »›Was, was, was?‹ rief Onkel. Du hättest nur sehen sollen, wie er mich ansah. In Stirn und Augen hat er große Aehnlichkeit mit dir, Mutter, und ich legte ihm die Arme um den Hals. »Er aber hielt mich mit ausgestreckten Händen von sich ab, damit er mich besser betrachten könne. Man sollte wirklich meinen, das sei Tante Eleonore; du gleichst ihr, wie aus den Augen geschnitten. Na, na, bilde dir aber nur ja nicht ein, daß du eine solche Schönheit seiest.‹ »Das war mein Empfang. »Kurz darauf lag ich in meiner niedlichen, kleinen blauen Stube, die die Vorhänge mit den langen Fransen hat, im Bett. »Es war Räucherpulver auf den Ofen gestreut, und denkt Euch nur, Jungfer Jörgensen nannte mich ›gnädiges Fräulein‹, half mir beim Auskleiden und legte mich in die weichen Daunenkissen. »Da lag ich nun und dachte an alles das, was ich erlebt hatte, und dabei wurde mir immer heißer und heißer im Kopfe, bis es mir endlich so vorkam, als ob ich wieder im Wägelchen hinter Stor-Ola und dem Rappen zusammengeschüttelt würde,« »Ja, ja, das Wägelchen kam leer zurück!« sprach der Hauptmann mit einem tiefen Seufzer. »Paß mal auf, du, ob du sie nicht in einem feinen Staatswagen nach Gilje zurückkommen siehst?« meinte der Doktor. »Sie war so hübsch, Rist,« rief der Hauptmann tief bewegt aus. »Ich meine beinahe, ich sähe sie mitten im Zimmer des Schwagers stehen, mit dem schweren schwarzen, im Nacken aufgesteckten Haar. Wie ganz anders sah sie aus, als sie die drei langen Flechten noch auf dem Rücken trug, und dann kam sie plötzlich in langen Kleidern. Es war, als ob sie mit einemmal ein Schwan geworden wäre. Du erinnerst dich doch noch, Rist, wie sie am Konfirmationstage aussah?« »Aber, lieber Jäger!« warf Ma in mahnendem Tone dazwischen, damit er seiner Begeisterung nicht allzusehr die Zügel schießen lasse, aber der Hauptmann ließ sich nicht irre machen, sondern faltete nur mit großer Vorsicht einen zweiten Briefbogen auseinander. »So, nun sollst du auch den vom 23. Januar hören: »Das Geld, das du mir mitgegeben hattest...« »Na, na.« »... um die Rechnung bei Larsen zu bezahlen ...« »Du kannst gleich mit der zweiten Seite anfangen,« bemerkte Ma mit einem gewissen Nachdruck. »Na ja, hm, hm ... nur gleichgültige Geschichten hier auf der ersten Seite.« »Nein, es ist zu schade, daß Du, lieber Vater, und auch Du, Mutter, meine neuen Kleider nicht sehen könnt! Die Tante ist unbegreiflich gut. In solchen Schuhen ist es unmöglich, anders als hübsch zu gehen, und Tante meint, ich thäte das;, es ist, als ob man fortwährend den Fußboden eines Tanzsaales unter sich habe. Und gestern hat Tante mir ein Paar Halbschuhe aus Glanzleder mit Spangen über den Knöcheln geschenkt. Habt Ihr schon mal so etwas gehört? Ja, ich habe sie auch dafür geküßt, sie mochte sagen, was sie wollte, denn Ihr müßt wissen, daß die erste Lebensregel für eine Dame eine gewisse sichere, zurückhaltende Ruhe ist, sagt sie, aber bei alledem kann sie ganz herzlich sein. Ich hätte diese Zurückhaltung von Natur, meinte Tante, und müsse sie nur noch etwas ausbilden. Und dann soll ich Klavier lernen und ordentlichen Tanzunterricht nehmen. »Tante ist so ungeheuer gut gegen mich, aber es kommt leider oft vor, daß sie die Fenster schließen will, wenn ich sie gern offen haben möchte. Ich meine natürlich nicht in den Wohnzimmern, denn da haben sie sich mit Doppelfenstern gegen die Kälte verschanzt, sondern nur oben in meinem eigenen Stübchen. Denkt nur, erst doppelte Fenster, dann dicke Vorhänge und dabei alle die Häuser, die gerade gegenüber stehen. Es ist kaum zum Atmen, und es hilft gar nichts, daß sie zweimal am Tage mit den oberen Fensterflügeln lüften.« »Tante meint, ich würde mich schon bald an die Stadtluft gewöhnen, aber ich weiß nicht, wie das zugehen soll, denn ich lerne sie gar nicht kennen. Noch nicht ein einziges Mal diesen ganzen Winter habe ich Frostbeulen gehabt! Vormittags fahren wir ein bißchen spazieren und nachmittags gehe ich mit Tante in Läden, das ist alles. Und Ihr könnt mir glauben, hier auszugehen, ist ganz etwas andres, als zu Hause. Springe ich nur mal über einen kleinen zusammengeschaufelten Schneehaufen, um rascher in den Schlitten zu kommen, gleich schilt Tante, daß jedermann an meinem Benehmen sofort meinen Naturzustand sehen könne – wie sie immer sagt. An dem bißchen Bewegung, das ich mir hier mache, würden mich auch Ketten zwischen den Füßen, wie wir sie hier manchmal an den Gefangenen auf der Festung sehen, nicht hindern.« »Und dann will Tante auch nicht leiden, daß ich auf dem Fußboden in der Schlafstube barfuß gehe. O, Ihr hättet nur ihr Entsetzen sehen sollen, als ich ihr erzählte, wie ich mal mit Thinka bei Tauwetter durch den Mühlbach gewatet bin, weil wir den Umweg über die Brücke nicht machen wollten. Aber ich brachte sie endlich doch dahin, daß sie mit mir lachte, und ich glaube ganz bestimmt, daß ein paar niedliche, mit Schwanendaunen eingefaßte Pantöffelchen, die ich heute aus einem Päckchen habe hervorgucken sehen, für mich bestimmt sind. Es ist sehr möglich, seht Ihr, daß mein kleiner Eigensinn dahinein gezwängt werden soll.« »Na, die sieht sich beizeiten vor, daß sie ihr nicht von hinten einen Strick um den Hals werfen,« murmelte der Corpsarzt. »So ein kleiner Eigenwille,« sprach Ma mit einem tiefen Seufzer, »wächst sich gar schnell zu einem großen aus,« – wieder ein Seufzer – »Frauenzimmer kommen damit nicht durch die Welt!« »Einer Frau bester Freund ist ja Fügsamkeit,« sprach er und rührte nachdenklich in seinem Glase, »und doch sprechen die Dichter immer von der ›stolzen Jungfrau!‹ – da liegt ein Widerspruch verborgen.« »Ach was! Du mußt sie in zwei Abteilungen teilen,« brummte der Hauptmann, »es sind meist die häßlichen, die sich fügen müssen,« »Die Schönheit bleibt nicht sehr lange, und es ist immer das beste, an die Jahre zu denken, wo man fügsam sein muß,« bemerkte Ma auf ihr Strickzeug gebeugt. »Mit dem Französischen geht es prächtig,« las der Hauptmann weiter. »Ich werde immer schon vor dem Frühstück damit fertig, und Tante findet meine Aussprache sehr gut. Aber dann kommt das Klavier bis elf an die Reihe, nichts als Hebungen, und später nimmt Tante Besuch an.« »Und nun ratet 'mal, wer vorgestern eintrat? Niemand anders als der Herr Studiosus Grip! Es war gerade, als ob ich ihn schon lange ganz gut kennte, und nun gefiel er mir noch besser, so erfreut war ich, endlich mal jemand zu sehen, der etwas von uns zu Hause wußte. Aber denkt euch nur, ich bin gar nicht sicher, ob er nicht versuchte, Tante zu hofmeistern, und dabei hatte er die Dreistigkeit, mich anzusehen, als ob ich mit ihm im Einverständnis sei. Tante hat ihm zu einer Stelle in Onkels Schreibstube verholfen, weil sie gehört hatte, daß er ein bemerkenswert gutes Examen gemacht hätte und sehr begabt sei, aber daß er von zu Hause so gut wie gar nichts zum Studieren habe.« »Ich habe drei Thaler an ihn gewagt ... aber wie der lange Schlingel es bis zum Magister Artium hat bringen können, das geht über meinen Verstand!« rief der Hauptmann, die Vorlesung unterbrechend. »Aber er hat sie doch richtig zurückbezahlt, Jäger, mit Porto und allem.« Der Hauptmann hielt den Brief wieder so, daß das Licht darauf fiel, und fuhr fort: »... und dann meinte Tante, etwas Schliff in seinem Wesen werde ihm gut thun, und sagte ihm, er solle zu ihren vierzehntägigen Abendgesellschaften kommen. Sie sähe gern Jugend um sich, aber er ließ Tante fühlen, daß er diese Einladung als einen Befehl, einen Zwang ansehe. Und nun war er gekommen, um sich zu entschuldigen, aber das war nur leeres Geschwätz. »›Nun, also werden wir Sie dann und wann an unsern Donnerstagabenden bei uns sehen?‹ fragte Tante. »›Frau Stiftsamtmann entsinnen sich wohl noch des Grundes, weshalb ich fortgeblieben bin? Es war mein ungezogener Einspruch gegen die sieben einigen Theetassen, die den höchsten Richterspruch an Ihren berühmten kleinen Theeabenden fällen.‹ »›Sieh, sieh 'mal an,‹ antwortete Tante lachend. ›Gehe ich fehl, wenn ich behaupte, daß Sie im Grunde doch für die Gesellschaft veranlagt sind? Da findet man Verwendung für alle seine besten Seiten.‹ »›Alle seine glattesten, meinen wohl Frau Stiftsamtmann?‹ »›Na, na, Herr Grip! Ja keinen Rückfall, wenn ich bitten darf!‹ »›Ich habe mein Bestes gethan, denn ich meinte eigentlich für alle meine unwahrsten.‹ »›Nun stecken Sie wieder in Ihrer Widerspruchsecke, und da verschnappt man sich so leicht, wissen Sie.‹ »›Ich meine bloß, wenn man eine abweichende Meinung verschweigt, dann lügt man.‹ »›Nein, man bringt dem guten Ton ein Opfer, und ohne den kann kein gesellschaftlicher Verkehr bestehen.‹ »›Ja, aber was opfert man denn? Die Wahrheit!‹ »›Richtiger wäre wohl zu sagen: einen Teil seiner Eitelkeit, eine Gelegenheit, eine oder die andre glänzende Fähigkeit leuchten zu lassen. Das reizt junge Leute in hohem Grade, glaube ich.‹ »›Möglich, wenigstens nicht unmöglich,‹ gab er zu. »›Sehen Sie? Gutes Benehmen ist überall am Platze,‹ fuhr sie dann aber fort, denn sie läßt sich niemals von ihrem Gegenstand abbringen, ›und wenn ich einen flotten Studenten sehe, der beim Gespräch mit einer Dame die Hände in den Taschen behält oder verkehrt auf einem Stuhle sitzt, als ob es ein Pferd wäre, und die Ellbogen auf die Lehne stützt, dann, mag er mir meine mütterliche Aufrichtigkeit übel nehmen oder nicht, versuche ich stets, ihm einen kleinen Wink zu geben und diesen Mangel an Erziehung zu beseitigen.‹ »Nun hättet Ihr aber sehen sollen! Die Hände flogen aus den Taschen, und dann saß er kerzengerade vor ihr. »›Wären alle Leute so, wie die Frau Stiftsamtmann, dann wollte ich das Besuchmachen gern empfehlen,› sprach er, ›denn Sie sind ein ehrliches Weib.‹« »›Weib? Man sagt Frau!‹ »›Ich meine: eine ehrliche Stiftsamtmännin! ich sage übrigens keineswegs: eine gutmütige,‹ und dabei schüttelte er sich seine gewaltige braune Mähne tief in die Stirn. »Ein Bild von Euch brauche ich mir nicht zu wünschen, denn wenn ich abends im Bett liege, denke ich an Euch und träume, ich wäre daheim. Ja, ich sehne mich gräßlich nach Euch allen, aber Tante darf ich davon nichts merken lassen, sonst könnte es Unannehmlichkeiten geben. Sie kann sich nun einmal nicht vorstellen, daß Menschen anderswo als in der Stadt leben können. »Es gibt also mancherlei, wodurch ich einen dicken Strich habe ziehen müssen, weil ich es gar nicht verstehe. Denke nur 'mal, Mutter, Tante sagt, es sei noch zur Not angängig, davon zu sprechen, daß wir zu Hause Kühe halten, aber zu sagen, daß eine davon gekalbt habe, das darf ich mich nicht unterstehen. Ich möchte nur wissen, wie sich die Leute denken, daß wir neue Kühe bekommen, wenn wir die alten zu Weihnachten schlachten.« Bei dieser Stelle hielt der Hauptmann mit einem lauten Räuspern inne, aber in Mas Angesicht stieg ein Ausdruck der Betrübnis empor. »Das kommt davon,« sprach sie beklommen, »daß wir die Kinder, leider, nicht genug aus der Gesindestube entfernt halten konnten und von alledem, was sie von den Leuten gehört haben.« »Ja, sehen Sie, Frau Hauptmann,« erklärte der Corpsarzt, »da drin in der Stadt, da geht's so anständig zu, daß ein Huhn kaum wagt, Eier zu legen – das wird ›Erzeugnisse der Landwirtschaft‹ genannt, und von etwas andrem will man nichts wissen, sage ich Ihnen.« »Ja,« fiel der Hauptmann ein, »und ich möchte keiner armen Stute raten, so unanständig zu sein, ein Fohlen zu kriegen ...« Ma räusperte sich leise und machte sich am Nähtische zu thun. – Es war beinahe zwölf Uhr, und Ma war schon vor einer Stunde hinaufgegangen. Der Hauptmann und der Corpsarzt waren nach ihrer unbestimmbaren Anzahl von Gläsern etwas ermüdet. Sie glichen den dem Verlöschen nahen Talglichtern, die tief heruntergebrannt und infolge Vernachlässigung des Dochtes triefend vor ihnen standen. »Behalte deinen Falben, Rist, hör auf mich. Der muß früh aufstehen, der mich über ein Pferd täuschen will – bei meiner Erfahrung, siehst du – alle die Jägerpferde, die ich in meinen Tagen ausgehoben habe!« Der Corpsarzt schmunzelte und blinzelte in sein Glas. »Du meinst den Krippenbeißer!« fuhr der Hauptmann hitzig fort. »Aber das war der niederträchtigste Spitzbubenstreich – der reine Betrug! Ich hatte den Kerl deswegen verklagen können. Aber, wie schon gesagt, behalte du nur ruhig deinen Falben.« »Ich bin ihn aber ein bißchen müde geworden, siehst du.« »So, so. Aber das ist doch dein Fehler, Freundchen, dafür kann doch der Falbe nichts. Du wirst die Pferde, die du hast, immer müde. Wenn du sie alle zählen solltest, die du eingehandelt hast, das würde einen hübschen Stall voll geben.« »Er ist mit dem Bauholzfahren verdorben worden, als er noch ein Fohlen war. Schief eingefahren haben sie ihn.« »Bah! Wenn's weiter nichts ist, das wollte ich ihm in vierzehn Tagen mit ein bißchen Einfahren schon austreiben.« »Ich bin's überdrüssig, immer dazusitzen und an dem einen Zügel zu zerren, um ihn vom Grabenrande abzuhalten – wäre das nicht, gäbe ich das Tier in aller Ewigkeit nicht aus der Hand. – Ja, wenn's nur ein bißchen Krippenbeißen wäre!« Ein nachdenklicher Ausdruck erschien im Gesicht des Hauptmanns, der sich in die Sofaecke zurücklehnte und ein paar gewaltige Rauchwolken ausstieß. »Meinem Braunen kann man wirklich nicht viel nachsagen – er knabbert wohl ein bißchen – mit dem einen Eckzahn.« »Ja, mein Falber weicht auch nur nach einer Seite des Weges ab.« Wieder ein paar mächtige Züge aus der Pfeife, und der Hauptmann gab seiner Perücke einen Schubs. »Wenn's jemand gibt, der das Tier wieder in Ordnung bringen kann, dann bin ich der Mann dazu.« Die Pfeife dampfte weiter, und der Doktor klopfte die seinige an der Sofalehne aus. »Mein Brauner ist übrigens ein ganz merkwürdig gutmütiges Vieh – nagt ein bißchen an der Krippe – ohne Fehler ist ja kein Pferd, und es geht so leicht am Zügel – man braucht es nur zu berühren – so weich im Maule – ein reiner Kavalier zum Fahren auf der Landstraße.« »Hm, ja, ja – dagegen läßt sich nichts einwenden, ein braves Tier.« »Du, hör 'mal, Rist, das wäre eigentlich so recht ein Pferd für dich – so fromm, man kann ihm die Zügel auf den Rücken legen.« »Gegen den Falben vertauschen, meinst du?« brummte der Doktor kopfschüttelnd und in zweifelndem Tone. »Daran habe ich wirklich noch gar nicht gedacht. Ich kann nur nicht dahinter kommen, weshalb er auf dem einen Zügel so hart ist.« »Nein, Freundchen, du nicht, aber ich werde schon dahinter kommen.« »Wenn du dich nur nicht täuschest, Jäger – abgemacht ist abgemacht, weißt du.« »Ich mich täuschen? Ha, ha, ha!« Der Hauptmann lachte übermütig und selbstbewußt, so daß er schütterte. »Sag abgemacht, mein Junge; wir tauschen!« »Du gehst etwas hitzig ins Geschirr, Jäger!« »Das ist immer so meine Art gewesen, siehst du – solche Sachen muß man rasch abmachen – forsch und frisch! Und dann machen wir das Geschäft gleich naß,« rief der Hauptmann ganz Feuer und Flamme und sprang auf. »Wir wollen 'mal sehen, ob Ma nicht noch einen Tropfen Cognak im Schranke hat.« Was konnte der Gaul nur für Mucken haben? Der Hauptmann war ganz vom Einfahren des Falben in Anspruch genommen. Dieser drehte immer den Kopf nach einer Seite und drängte nach dem Rande des Weges, sobald man den Zügel nur ein wenig nachließ, aber es war unmöglich, den Grund dieses sonderbaren Benehmens herauszufinden. War er etwa schattenscheu? Das war ein Gedanke! Und der Hauptmann beschloß, die Sache am Abend bei Mondschein zu versuchen. Als er nach dem Mittagessen in den Stall kam, wurde ihm ein wunderlicher Anblick zu teil. Stor-Ola hatte den Falben aus seiner Box herausgezogen und hielt ihm die Faust vor die Stirn. »Nun habe ich das auf jede Art versucht, Herr Hauptmann, aber er zuckt mit keiner Wimper, und wenn ich ihn mit der Axt auf den Schädel haute – regt sich nicht. – Und nun sehen Sie 'mal, wie er sich jetzt rührt!« Er hob die Hände plötzlich vor dem andern Auge des Pferdes empor. »Auf dem linken Auge ist er so blind, wie eine verschlossene Kellerthür.« Lange Zeit stand der Hauptmann da, ohne ein Wort zu sprechen. Die Ader auf seiner Stirn trat dunkelblau hervor, und das Gesicht wurde so rot wie sein Uniformskragen. »Hm, also das ...« Wütend schlug er Stor-Ola um die Ohren. »Unterstehst du dich, dem Pferd zu drohen? Du Schweinehund!« Als Stor-Ola das Abendfutter schüttete, fand sich der Hauptmann wieder im Stalle ein, nahm die Laterne und beleuchtete den Falben. »Wird wohl nicht viel nützen, dir das In-den-Graben-drängen abgewöhnen zu wollen ... da, nimm den Schilling für die Ohrfeige, Ola, dann machst du wenigstens ein Geschäft bei dem Tausch.« Olas breites Gesicht leuchtete verschmitzt auf. »Der Doktor muß sich aber nun ordentlich mit Planken versehen, denn der Braune hat drei zweizöllige rein aufgefressen, solange wir ihn hatten.« »Hör 'mal, du, Ola,« antwortete der Hauptmann nickend, »es ist nicht gerade notwendig, den Doktor etwas andres hören zu lassen, als daß der Gaul bei uns auf beiden Augen sieht.« Als Ola im Frühjahr ein Fuder Brennholz nach Gilje fuhr, begegnete er dem Doktor Rist, der mit seinem Schlitten in den Schnee ausweichen mußte. »Na, du fährst ja den Falben, wie ich sehe? – Hat der Herr Hauptmann ihn in Ordnung gebracht, oder drängt er immer noch so scharf nach der einen Seite des Weges?« »I, wo wird er wohl drängen! Der Herr Hauptmann war ihm über, der hat's verstanden – er geht jetzt ebensowenig schief, als ich.« »Lüg du und der Teufel!« murmelte der Doktor in den Bart, knallte mit der Peitsche und fuhr weiter. Fünftes Kapitel Der Hauptmann war in einer schrecklichen Stimmung und die Thüren dröhnten den ganzen Vormittag. Beim Mittagessen herrschte eine schwüle Stille. Jürgens ernstliches Bestreben, möglichst unbemerkt zu bleiben, war indessen wie gewöhnlich von geringem Erfolge, denn bei der Suppe schlürfte er fortwährend laut. »So schlürf doch nicht wie ein Ferkel,« Junge, donnerte der Vater. Nach dem Essen erinnerte sich der Hauptmann der Notwendigkeit, einige Berechnungen zu einer Vermessungsberichtigung auszuführen, die seit dem Herbst liegen geblieben waren. Da war es nicht ratsam, dem Dienstzimmer zu nahe zu kommen, denn er war gegen das geringste Geräusch empfindlich und wurde bei jeder Störung ganz wild. Demnach war es still, sehr still im Hause geworden. In der Stube hörte man das Spinnrad schnurren, die Thüren wurden mit der größten Vorsicht geöffnet, und wenn trotzdem eine knarrte oder der Wind die Beischlagthür zuwarf, herrschte die größte Angst. Jetzt rief oben jemand, und er kam mit der Reißfeder im Munde aus dem Dienstzimmer. »Wo ist denn nun wieder die alte blaue Zeichenmappe geblieben, die immer oben auf dem Tisch im Gange lag?« Ma mußte heraufkommen, und Jörgen und Thea wurden verhört. »Da ... dort auf dem Tische hat sie fünf Monate gelegen! Was soll denn das heißen, daß ihr mich mit dem ewigen Aufräumen rein zur Verzweiflung bringt?« »Aber lieber, lieber Jäger! Wir werden sie schon finden. Hab doch nur ein wenig Geduld – wir wollen suchen.« Und nun ging's ans Suchen auf dem Boden unter allen Fensterflügeln, umgestülpten Tischen, Haspeln, Schränken und allerhand Gerümpel. Jörgen stand in seinem ängstlichen Eifer in der Tiefe eines Fasses wühlend auf dem Kopfe, bis Ma endlich mit vieler Gewandtheit die Nachforschungen wieder ins Dienstzimmer lenkte. »Oben auf dem Aktenschrank liegt ein großer blauer Umschlag – aber da hast du wohl schon gesucht?« »Da? – Nun möchte ich aber wirklich wissen, wer sich erdreistet hat ... ?« Er stürmte wieder ins Dienstzimmer. Ja, da lag sie! Nun schleuderte er die Reißfeder fort, denn er war gar nicht mehr zum Arbeiten aufgelegt, und sah sehr finster aus, als er mit aufgestützten Ellbogen vor seinem Pulte saß. »Das ist deine Schuld, Ma, sage ich. – Oder war ich es etwa, der den pfiffigen Einfall hatte, sie nach Rylfyke zu schicken?« sprach er und schlug wütend aufs Pult. »Das ist Blutgeld – Blutgeld, sage ich. Wenn das in dem Maße weiter geht, was bleibt uns dann für Jörgen übrig? Uff! Das steigt mir zu Kopfe! Achtzehn Thaler rein ins Wasser geworfen!« »Aber ein Sonntagskleid muß sie doch haben! Thinka hat jetzt die Kleider, die sie von Hause mitbekommen hat, anderthalb Jahr getragen.« »Und neue Schnürstiefel aus Stavanger! O ja! Unter Stavanger geht's natürlich nicht... da steht's!« Er nahm die Rechnung vom Pulte. »Und einen lackierten Gürtel und für Halbsohlen und Schuhflicken zwei Thaler, ein Ort ... und Nähsachen! Ich habe noch nie gehört, daß ein junges Mädchen, das in einer solchen Stellung bei Verwandten ist wie Thinka, sich ihre Nähsachen selbst kaufen müßte! ... Und Porto! Ein Thaler, zwei Orte, fünf Schillinge ... zwei Orte, fünf! ... das ist ja rein unvernünftig!« »Aber Jäger, du mußt doch bedenken, daß das für anderthalb Jahre ist, und jeder Brief kostet doch sechzehn Schillinge!« »Das ist mir ein schöner Amtsrichter, sage ich, der nicht einmal die Briefe bezahlt, die aus seinem Geschäftszimmer abgeschickt werden. Und überhaupt! Warum hat sie denn schon wieder geschrieben, nachdem sie eben erst Grüße in den Brief deiner Schwägerin eingelegt hatte? ... Aber nun kommt's erst gehörig: vier und eine halbe Elle Seidenband! Warum nicht gleich zehn – zwanzig Ellen, so lang, wie von hier nach Ryfylke? Das wäre doch der Mühe wert gewesen, dann hätte sie doch ihren Vater mit einemmal zu Grunde gerichtet. Denn wie das enden wird, das ist ja klar vorauszusehen.« »Aber bedenke doch, die Reisen zum Besuche und zu den Gesellschaften beim Pastor und beim Fürsprech – wir müssen sie doch anständig gehen lassen.« »Ach was! Ich habe niemals gehört, daß Töchter so viel Geld kosten. Das ist ja ein funkelnagelneues Reglement, das du da erfunden hast. Und wo soll denn das am Ende hinaus?« »Wer nicht sät, Jäger, der erntet auch nicht.« »O ja, eine schöne, gedeihliche Ernte steht für uns in Aussicht! Dein Bezirksadonis aus der Schreibstube, der um sie herumscherwenzelt – ein armer Schreiber, der kein Examen gemacht hat! Aber er soll höllisch fix in Erbteilungssachen sein. He, he!« Ma sah etwas betroffen aus und starrte hoffnungslos vor sich hin, denn damit hatte der Hauptmann eine Sache berührt, worüber sie sich im stillen Sorge machte. »Ja, das hat Thinka geschrieben – er sei sehr gewandt in Erbteilungssachen. Hast du denn nicht gemerkt, daß das uns vorbereiten sollte!« Er brummte etwas in den Bart. »Das ist doch so klar, wie Hefenbrüh', daß sie sich in den vergafft hat; deine Schwägerin hatte sonst auch nicht so darüber geschrieben.« »Thinka ist von Natur weich,« antwortete Ma langsam und nachdenklich, »und sie ist so leicht zu blenden, das arme Kind, warmherzig und empfänglich, wie sie nun einmal ist! Aber jetzt hat sie sich ja schon etwas in der Welt umgesehen. – Thinka ist doch immer gehorsam gewesen ... mir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß sie dem Wort ihrer Eltern zugänglich ist. Ich werde ihr schreiben und vorstellen, wie aussichtslos ...« »Aussichtslos? ... Laß ja deine Finger davon, Ma! Heiratsanträge wachsen nicht auf den Bäumen, daß man sie nur so herabschütteln könnte. Was meinst du denn, was für Aussichten Thinka hier oben hätte? Werde ich alt und muß den Abschied nehmen, dann sieht's schlimm aus mit all den Töchtern auf dem Halse! Laß uns nur nicht toll vor Hochmut werden, Ma, ratzentoll! Das steckt dir im Blute, wie allen Zittows.« Ein etwas herber Zug erschien um Mas Lippen, und ihre Augen verdüsterten sich, aber das war sofort wieder vorüber. »Ich meine, wir könnten hier im Hause eigentlich an Speck und Butter sparen; unsre ist nicht halb so scharf gesalzen, als man sie an andern Orten findet, und falls wir die Schweine – ich meine nur die Schinken – nach der Stadt schickten, wenn der Wagen hinfährt, dann können wir das Geld leicht wieder einbringen. Sonst wüßte ich keinen Rat. – Bezahlt muß es aber einmal werden, und da meine ich, es wäre am besten, Jäger, wenn du gleich nach der Post gingest und das Geld abschicktest. Sie sollen doch nicht denken, daß wir nicht zahlen können?« »Zehn und fünf macht fünfzehn ... und die achtzehn,« sprach der Hauptmann, erhob sich stöhnend und zählte das Geld aus der Schublade des Pultes auf. »Das Geld sehen wir nicht wieder. – Wo ist denn nun schon wieder meine Papierschere. – Die Schere, sage ich!« schloß er ungeduldig. Er nahm den grauen Umschlag eines alten Dienstschreibens, drehte ihn um und fing an, einen Umschlag für einen Geldbrief zurecht zu schneiden, »Ueberrock und Halstuch liegen hier beim Ofen,« sprach Ma, wieder eintretend, »So! Steck mir Siegellack und Petschaft in die Seitentasche, damit ich sie nicht vergesse, sonst muß ich fürs Versiegeln auch noch bezahlen.« – – – Des Hauptmanns schwüle Laune war wie weggeblasen, als er von der Post zurückkehrte. Er hatte einen Brief von Inger-Johanna dort vorgefunden und sofort angefangen, etwas hineinzusehen, bis es zu dunkel geworden war. Der Ueberrock flog nur so ab, und ohne die Mütze abzunehmen, fing er beim angezündeten Licht wieder an zu lesen. »Ma, Ma!« rief er zur Thür hinaus. »Sagt doch Ma, sie solle gleich hereinkommen, und dann bringt auch noch ein Licht.« Das Licht hatte gerade die Laune, sich zu verdunkeln, so daß er nicht weiter lesen konnte und warten mußte, bis der Docht sich erholt hatte. Ma war beim Backen gewesen und trat nun, die dabei aufgekrempten Aermel herunterstreifend, ins Zimmer. »Nun hör 'mal zu!« rief er und fuhr fort zu lesen: »... Ach, daß so ein Ball nicht länger dauert! Tante gehört zu den Leuten, die gern beim Aufbruch die ersten sind, so daß ich beim Cotillon in beständiger Angst dasitze, daß sie den Schlitten befiehlt. Und dann werde ich verhört, allein so, wie die paar ersten Male, wo ich beim Nachhausefahren alles Mögliche schwatzte und plapperte und meine Seele und alle meine Gefühle in Tantes Schoß wie in eine Tasche ergoß, ist das jetzt doch nicht mehr. »Gestern war ich auf meinem siebenten Balle, und nun bin ich schon zu allen Tänzen bis zum neunten engagiert, der noch lange nicht der letzte in diesem Winter sein wird, wie ich hoffe. Fünfmal habe ich den Ball eröffnet. Gestern bin ich glücklich, wenn auch mit knapper Not, dem Lieutenant Mein entwischt, der, von dem Jörgen behauptet, er hatte ein Trensengebiß im Munde. Er kommt jetzt immer und will sich den Cotillon sichern, wie er's nennt. Zu Hause in Tantes Gesellschaften sitzt und steht er immer umher (und das ist alles, was er thut, denn es kommt nie ein Wort aus seinem Munde) und starrt mich an. »Aber Ihr solltet nur meine Tanzkarten sehen! Ein Drittel von allen Tänzen habe ich gewiß vorgetanzt. Tante hat mir eine ganz prachtvolle Gürtelschnalle geschenkt, die mit all den dunkelgelben Steinen wunderschön zu meinem Kleide paßt. Tante hat Geschmack, das muß man ihr lassen, aber trotzdem sind wir fast nie einig, wie ich mich kleiden soll. Die alte Tante Alette war gestern hier bei mir, und es gelang mir, sie dahin zu bringen, daß sie für mich Partei nahm, so daß ich die Erlaubnis erhielt, die langen Ohrgehänge wegzulassen. Sie baumeln immer so, daß ich meine, ich hätte zwei Klötze da hängen, und im Kleide muß ich die Arme rühren können, sonst komme ich mir wie eine Holzpuppe vor. »Ihr müßt nämlich wissen, daß ich schon ein halbes Viertel gewachsen bin, seit ich Euch verlassen habe. Aber nie in meinem Dasein habe ich wirklich gewußt, glaube ich, was es heißt, im Winter zu leben. Wenn ich die Augen schließe, ist es mir, als ob ich im Traume durch eine ganze Flucht von Sälen mit strahlenden Kronleuchtern sehen könnte, worin die Klänge der Tanzmusik wogen, und wo ich tanze und von einem großen Herrn geführt werde, so daß mir alles Platz macht. »Ich kann es wohl verstehen, was Tante Eleonore gefühlt haben mag, sie, die so schön war, und der ich, wie viele sagen, so sehr gleichen soll. Sie sei ja auch nach einem Balle gestorben, sagt Tante Alette; das muß vor Freude gewesen sein. Es gibt nichts, was dem Tanzen gleichkäme, nichts, was so viel Vergnügen macht, als das Wettrennen mitanzusehen, das die Herren beim Engagieren veranstalten, wie sie gleichsam mit den Augen knieen und verwirrt werden, wenn ich ihnen eine unerwartete Antwort gebe. »Und wie vielmal glaubt Ihr wohl, daß ich habe hören müssen, ich hätte so wundervolles schwarzes Haar, so merkwürdig strahlende Augen, eine so prachtvolle Haltung? Wie oft meint Ihr wohl, daß mir das auf die feinste und auch auf die plumpste Art gesagt worden ist? Sogar Tante beginnt, mich zu bewundern. Ich könnte mir fast wünschen, der ganze Winter, das ganze Leben (das heißt, solange ich schön bin, nicht länger) wäre ein einziger Ball, wie der polnische Graf, der auf Zucker Schlitten fuhr. »Und jedesmal, wenn ein Ball vorüber ist, und ich liege im Bett und denke daran, und die Musik klingt mir noch in den Ohren, dann habe ich ein Gefühl, als ob ich am liebsten stürbe – bis ich anfange, an den nächsten zu denken. »Dazu soll ich ein neues Kleid haben, hellgelb mit schwarz, das und weiß kleiden mich am besten, sagt Tante, und dann kriege ich auch gelbseidene Schuhe dazu, die bis an die Knöchel geknüpft werden. Tante behauptet, mein hoher Rist sei ein Zeichen von Rasse, und ich fühle auch, daß ich welche habe. Ich scheue mich wahrhaftig nicht, freimütig auszusprechen, was ich denke, und es ist so unterhaltend, zu sehen, wie die Leute die Augen aufreißen und sich wundern, was für eine Art Menschenkind ich eigentlich bin. »Ich fange wirklich an, leise zu zweifeln, ob einige von unsern Herren jemals ein lebendiges Schwein, eine Ente oder ein Fohlen gesehen haben (das ist doch das schönste, was ich kenne). Sowie ich nur etwas vom Landleben erwähne, machen sie so dumme Gesichter! Vielleicht wäre es besser, wenn ich auf französisch davon spräche: un canard, un cheval, un cochon, une vache ! »Studiosus Grip besteht darauf, daß von den in der Stadt aufgewachsenen Leuten noch nicht einer unter zehn jemals gesehen habe, wie eine Kuh gemolken wird. Er ärgert Tante auch immer, indem er ihr vorhält, daß wir alles für viel feiner hielten, wenn's französisch erzählt wird, und er meint, wir läsen und weinten viel lieber über zwei Liebende, die vom Pont neuf aus ins Wasser springen, als wenn es von der Vaterlandsbrücke hier zu Hause geschähe; dann wäre es einfach gemein! Und ich muß sagen, ich finde, er hat manchmal recht, und auch Tante mußte lachen. Und wie oft sie auch sagen mag, es fehle ihm an feinem Wesen und angeborener Bildung, sie läßt sich doch ganz gern von ihm unterhalten. Und das thun sie überall, denn er ist jeden Tag ausgebeten. »Zu uns kommt er gern Sonntag nachmittags und trinkt Kaffee, denn da ist er sicher, wie er sagt, daß Tante und ich uns langweilen (da hat er recht, gräßlich, aber woher kann er das nur wissen?), und dem Umhergehen auf Stelzen und dem Lügen bei den blauen Theetassen entschlüpfe er gern. »Und Tante und er sind so belustigend, wenn er von der Leber weg redet, und Tante ihm widerspricht und kein gutes Haar an ihm läßt. Denn er denkt sich beständig sein Teil; das kann ich schon sehen, wenn er so mit schief gehaltenem Kopfe dasitzt und langsam seinen Kaffee umrührt. Er ist wirklich zu komisch. Wenn er widersprechen will, dann kann man das immer schon lange, ehe er den Mund aufmacht, oben an seiner Stirnlocke merken. »In der Stadt wird von ihm als einem der Schlimmsten im Studentenverein gesprochen, wo sie so begeistert für die neuen, wilden Ideen sind, allein Tante findet ihn pikant und ist der Ansicht, Jugend habe das Recht, sich auszutoben; Onkel meint dagegen, ein solches Benehmen sei heutigestags nachtteiliger für die Zukunft eines jungen Mannes, als die schlimmsten Ausschweifungen, da es ihn unfähig mache, sich unterzuordnen. »Ich möchte übrigens gern wissen, was er von mir denkt. »›Das gnädige Fräulein gehen wohl heute abend wieder zu Balle?‹ fragt er mich manchmal in höchst unpassendem Tone. »Aber ich weiß mich dafür zu rächen. Gerade, wenn er am eifrigsten redet, frage ich Tante um Rat wegen meiner Handarbeit, oder gähne ziemlich unverhohlen, oder sehe zum Fenster hinaus. Daß ihn das ärgert, merke ich sehr wohl, und letzthin fragte er, ob Fräulein Jäger ihre Gedanken bloß einen Augenblick vom nächsten Balle abwenden könne. »Onkel ist häufig böse über seinen Eigensinn und hält ihn für eine Persönlichkeit, mit der unbehaglich zu verkehren sei, aber ich glaube, in seiner Schreibstube würde er ihn doch ungern vermissen, denn er ist sehr tüchtig. »Onkel lebt für weiter nichts, als für sein Amt. Ihr solltet nur 'mal hören, wie er sich wegen des geringsten Fehlers oder Mangels an Pünktlichkeit im Dienst aufregen kann!« »Das dankt ihm der Satan! ... Wenn er Stiftsamtmann ist!« rief der Hauptmann. »Armer Jonas!« seufzte Ma; »er war immer derjenige von den Brüdern, der sich alles am meisten zu Herzen nahm, aber er hatte den besten Kopf.« »Ja, ja; der Amtsrichter in Ryfylke scheint seinen Teil an Kraft und Willensstärke mitbekommen zu haben.« Nur etwa vierzehn Tage waren vergangen, als sie zu ihrer großen Ueberraschung schon wieder einen Brief, diesmal von der Frau Stiftsamtmann mit einer Einlage von Inger-Johanna erhielten. Sie müsse unter allen Umständen ihre liebe Inger-Johanna noch ein Jahr behalten, schrieb die Frau Stiftsamtmann. Sie wäre ihnen, sowohl ihr selbst, als auch ihrem Manne, unentbehrlich geworden, so daß es ihnen schwer werde, sich vorzustellen, daß sie überhaupt noch ein andres Heim habe. »Ihren Onkel hat sie nun einmal durch das jugendfrische Leben, das sie ins Haus gebracht hat, ganz verwöhnt. Mein lieber Zittow mit seiner ängstlichen Gewissenhaftigkeit ist in seinem schweren Amte mit Aufregungen und Verantwortung überlastet und nach seinen vielen schlechten Nächten sehr der Zerstreuung und Aufheiterung bedürftig. Ja, wir sind selbstsüchtig genug,« scherzte sie, »den Vorschlag zu machen, daß wir uns in das Kind teilen wollen, und zwar bin ich so unbescheiden, eine Teilung ins Auge zu fassen, die ich selbst als ungerecht anerkennen muß, nämlich, daß Inger-Johanna im Sommer zum Besuche nach Hause reist, aber nur, um wieder zu uns herunter zu kommen. Es würde uns eine große Enttäuschung sein, wenn Ihr nicht darauf einginget. »Aber wir wollen den Apfel der Zwietracht nicht vorzeitig ins Rollen bringen, sonst könnte es uns ergehen, wie den Großmächten, welche um die schöne Insel im Mittelländischen Meere haderten, die dann während der Verhandlungen versank! Und ich bin auch weit davon entfernt, dafür einstehen zu wollen, daß der liebe Gegenstand des Zwistes nicht in kurzer Zeit ein eigenes Heim zu seiner Verfügung haben wird, das im richtigen Verhältnis zu den Ansprüchen steht, die sie mit ihrem ganzen Wesen und ihrer Schönheit zu machen berechtigt ist. »Daß ich als ihre Tante einseitig für sie eingenommen sein sollte, kann ich kaum glauben; ich kann mich zum wenigsten auf einen erfahrenen, kundigen Meinungsgenossen berufen, unsern gemeinschaftlichen Freund Hauptmann von Rönnow, der in der vorigen Woche im Gefolge der Königlichen Majestäten von Stockholm hier war und, nebenbei gesagt – aber das bleibt unter uns – auf dem Sprunge steht, eine ganz außerordentliche Laufbahn zu machen. Er war ganz begeistert, als er Inger-Iohanna wiedersah, erklärte sie für eine vollendete Schönheit und Dame von angeborener Vornehmheit, ganz dazu gemacht, in Kreisen Aufsehen zu erregen, die über dem Gewöhnlichen erhaben sind, und noch manches andre, was nicht für die Ohren des lieben Kindes bestimmt ist. Ich kann nur hinzufügen, daß er sie beim Abschied meiner Obhut dringend empfahl und mich mit einer gewissen Besorgnis bat, für ihre weitere Entwickelung Sorge zu tragen. »Steht er auch nicht mehr in der ersten Jugend, so ist er doch vielleicht der schönste, oder auf alle Fälle einer der schönsten und hervorragendsten Männer im ganzen Heere, und es würde ihn keine Mühe losten, auch die Anspruchsvollste zu gewinnen.« »Na, das will ich meinen! ... Du, Ma,« sprach der Hauptmann mit einem schlauen Blinzeln, »was sagst du nun? Jetzt glaube ich, daß unsre Aussichten steigen.« Er ging einigemal rings ums Zimmer herum und fiel dann über Inger-Johannas Brief her: »Liebe Eltern! »Nein, nun muß ich Euch aber etwas mitteilen. Hauptmann Rönnow ist hier gewesen! Er kam gerade, als Tante große Gesellschaft hatte, und sieht noch einmal so schön und kühn aus, als damals bei seinem Besuch auf Gilje, und ich habe wohl bemerkt, daß er ein wenig stutzte, als sein Auge auf mich fiel, während er Tante begrüßte. »In mir hämmerte es auch ganz gewaltig, kann ich Euch sagen, sowie ich ihn wiedererkannte; ich fürchtete wirklich so halb und halb, er könne mich vergessen haben. Aber er trat zu mir und ergriff meine beiden Hände. »›Die Knospe, die ich zuletzt auf Gilje gesehen habe,‹ sprach er ganz warm, ›ist wahrlich herrlich aufgegangen.‹ »Ich errötete natürlich, denn ich weiß sehr wohl, daß er die erste Veranlassung meines Hierseins ist. »Das nenne ich aber echte Vornehmheit und eine freie und gerade Art, sich zu benehmen! So unterhaltend er auch war, verlor er niemals auch nur einen Hauch seiner prächtigen, männlichen Würde, und außer ihm noch andre zu beachten, davon konnte den ganzen Abend keine Rede sein. Ich gestehe, daß ich jetzt einen andern Maßstab gefunden habe, wonach ich beurteilen werde, ob jemand ein echter Kavalier ist – das, was ich einen Mann nenne, und da wird es wahrlich viele geben, die nicht bestehen können. »Auch Tante hat sich über sein Wesen ausgesprochen, und ich glaube, sie fühlte sich geschmeichelt, weil er so liebenswürdig und herzlich gegen mich war, wenigstens ist sie seitdem in der besten Laune. »Von da an ist er täglich gekommen und weiß so viel von Stockholm und dem Leben am Hofe zu erzählen, daß man gar nicht müde wird, ihm zuzuhören. Mit mir spricht er immer von Euch zu Hause – vom Vater, der, ungeachtet er älter ist ...« »Viel, viel älter!« warf der Hauptmann eifrig dazwischen, »vier, fünf Jahre zum mindesten!« »... doch stets sein unvergeßlicher Freund geblieben sei. Ihr könnt Euch denken, wie gemütlich diese Abende waren. Tante versteht die Sache. Ich habe ordentlich Sehnsucht nach ihm, und Tante geht es geradeso. Die beiden letzten Abende – er ist wieder abgereist – haben wir zusammen gesessen und fast von nichts andrem gesprochen. »Gestern abend war Grip hier. Seit Hauptmann von Rönnow zum erstenmal bei uns war, haben wir Grip nicht wieder gesehen. Und kann man sich wohl einen solchen Menschen vorstellen? Er behauptet, er könne nichts Besonderes an Herrn von Rönnow finden! Da saß er, widersprach uns und war den ganzen Abend querköpfig und unleidlich, so daß Tante seiner ganz überdrüssig wurde. Er sprach immer in wegwerfendem Tone über ein schönes Aeußere und eine hohle Trommel und dergleichen, als ob es nicht gerade die echte Männlichkeit und Natürlichkeit wäre, wegen deren man unsern Hauptmann Rönnow den Preis zuerkennen muß. »Ach, ich habe die halbe Nacht gelegen und mich geärgert. Er rührte in seiner Tasse und sprach über Menschen, die mit einer seidenen Binde von Redensarten und Schmeicheleien in der Welt umherliefen. Man könne einen gesunden Verstand zu Tode schmeicheln, so daß man zuletzt wieder da stände wie eine – ich habe es deutlich gehört, wie er ›Gans‹ sagte! Ist das nicht furchtbar unverschämt? Ich bin ganz sicher, daß er mich meinte.« »Als er gegangen war, sagte Tante auch, daß sie von nun an nicht mehr zu Hause für ihn sein werde, wenn nicht noch andre Leute anwesend seien. Die Vorstellungen, die er uns allein zum besten gäbe, habe sie satt; diese Art von Leuten müsse man fest in ihren Schranken halten. Fortkommen im Leben werde er niemals, meinte sie, dazu hielte er zu viel von seiner eigenen Meinung.« »Es wäre übrigens langweilig, wenn er ganz wegbliebe, denn trotz all seiner Schrullen ist er mir manches Mal ein guter Kriegskamerad gegen Tante gewesen.« Sechstes Kapitel Vor drei Tagen hatte der Hauptmann den Deckel seiner großen, alten Meerschaumpfeife mit Kreide putzen lassen, ohne sie jedoch jetzt vom Pfeifengestell herabzunehmen und zu gebrauchen. Mit den andern Pfeifen und der ganzen Ausstattung des Rauchtisches hatte er ein Reinigungsfest veranstaltet. Dann war der Kantor gerufen worden und hatte sein Möglichstes thun müssen, das alte Klavier zu stimmen. Auf die Haustreppe waren zwei weiß gestrichene Bänke gestellt, und der den Garten umgebende, lang vernachlässigte Lattenzaun wies nun hie und da frische weiße Stäbe auf, die so aussahen, wie vereinzelte neue Zähne zwischen einer Reihe alter, grauer. Die Gartenwege wurden gefegt und mit frischem Kies bestreut und der Hofraum gesäubert. Der Hauptmann war in beinahe übermütig guter Laune, eifrig und unermüdlich, überall zugegen. Zeitweise gönnte er sich eine gewisse Ruhe und stellte sich rauchend auf die Treppe oder in der großen Stube ans Fenster, von wo aus man die Landstraße übersehen konnte, oder er ging bis ans Hofthor und blieb dort mit seiner Pfeife auf der niedrigen Feldmauer sitzen. Heute nachmittag war der Hauptmann eben wieder ins Haus gegangen, um zum, wer weiß wievielten Male, die Stimmung des alten Klaviers zu prüfen, die stetig herunterging, als der am Fenster stehende Jörgen einen sich bewegenden Punkt auf einer der hellen Strecken der Landstraße, die auf der andern Seite des Wassers sichtbar war, zu erspähen vermeinte. Hastig nahm der Hauptmann das Fernglas auf, lief auf die Treppe hinaus, kam wieder herein, rief nach Ma – und bezog geduldig seinen Posten am offenen Fenster, wo er jedesmal nach Ma verlangte, wenn das Fuhrwerk wieder bei einer Biegung des Weges in Sicht kam. Da unten ging's aber nicht so rasch. Der Rappe blieb von selbst stehen, wenn ihm ein Mensch begegnete und Stor-Ola Auskunft geben mußte. Eine junge Dame in einem knapp sitzenden Staubmantel, mit Sonnenschirm und Handschuhen und einem feinen, messingbeschlagenen englischen Koffer hinten auf der Kutsche, war schon an sich kein alltäglicher Anblick; allein daß es die Tochter des Hauptmanns auf Gilje war, erhob die Sache ins Gebiet des Aufsehenerregenden, und die Nachricht hatte sich schon eine ziemliche Strecke in der Umgegend verbreitet, als das Fuhrwerk gegen Abend vor der Hausthür vorfuhr. Da standen Vater, Mutter, Jörgen und Thea, und auch der Unteroffizier Tronberg zeigte sich hinten an der Ecke des Hauses, und die Knechte vom Hofe und die Mägde warteten im Flur. Stor-Ola wurde um die Freude, das Fräulein vom Wagen auf die Treppe zu heben, geprellt, denn sie sprang allein vom Wagentritt unmittelbar in die Arme ihres Vaters, küßte ihre Mutter, drückte Thea an die Brust und schwenkte Jörgen einmal auf der Treppe herum, damit er einen ersten Eindruck von ihrer Heimkehr bekäme. Ja, das war ihr Sonnenschirm, den sie achtlos auf der Treppe hatte fallen lassen, womit jetzt ein barfüßiges Mädchen eintrat. Ma nahm ihn vorsichtig an sich, den teuren, mit schönen Fransen besetzten Sonnenschirm mit dem langen Elfenbeingriff, der zwischen Treppe und Wagenrädern gelegen hatte. Der Hauptmann nahm ihr selbst den Mantel ab. Haar, Kleidung, Handschuhe, wie sah sie aus! Eine feine, erwachsene Dame von Kopf zu Füßen. Und nun war die Sonne von Gilje in der Stube! »Ich habe mich den ganzen Tag nach dem Tabaksduft gesehnt und mir immer ausgemalt, wie dir die Rauchwolken um den Kopf ziehen, Vater! – Ich glaube, du bist ein bißchen stärker geworden – hu! und im Staatsrock! – Ich habe dich mir immer im alten, abgetragenen vorgestellt – und Mutter – Mutter!« Sie lief hinter Ma in die Speisekammer, wo sie lange allein zusammenblieben. Dann kam sie ruhiger wieder zum Vorschein. In der Küche brannte ein Helles Feuer. Dort stand Marit, ein untersetztes, rotwangiges Hochlandsmädchen mit weißen Zähnen und kleinen Händen. Sie stampfte Grütze, daß ihr der Schweiß auf der Stirn stand, denn sie wußte sehr wohl, daß Stor-Ola sie so haben wollte, daß fünfzehn ausgewachsene Männer auf der Kruste tanzen konnten – und nun kam plötzlich das Fräulein, um ihr zu helfen. Nachher mußte Inger-Johanna auch an Torbjörgens Spinnrad spinnen. Der Hauptmann folgte ihr überall hin und sah ihr mit Augen zu, worin ein verdächtiger Glanz schimmerte, und als sie wieder in die Stube kam, nahm sie die Flasche aus dem Schranke und schenkte denen draußen jedem einzeln einen Schluck als Willkommtrunk ein. In der Stube wartete das Abendbrot – ein frisches Tischtuch war aufgedeckt, und darauf standen rote Bergforellen und ihr Leibgericht: Erdbeeren mit Rahm. ... »Daß sich niemand untersteht, sie zu wecken, so müde, wie sie gestern abend war,« hatte der Vater gesagt, und deshalb saß Thea von halb sieben an außen vor der Thür und wartete darauf, irgend ein Geräusch von innen zu vernehmen, damit sie mit dem Teller voll kleinem Gebäck hineinstürzen könne – denn Inger-Johanna sollte den Kaffee im Bett einnehmen. Jörgen, der Thea standhaft Gesellschaft leistete, war durch die genaue Betrachtung des wunderlichen Schlosses an ihrem Koffer und der kleinen, feinen Lackschuhe ganz in Anspruch genommen, mit denen er sich Stirn und Nase rieb, nachdem er sie angehaucht hatte. Jetzt wachte sie drinnen auf, und die Thür öffnete sich, um Jörgen, Thea, Paßauf und etwas später Torbjörg mit dem Kaffeegeschirr einzulassen. Ja, nun war sie daheim! Durch die geöffneten Fenster drang der Duft frischen Heus, und sie hörte, wie die schweren Fuder donnernd in die Scheune rollten. Und als sie aus dem Fenster über das lange, schmale Wasser da unten blickte, und dann das Auge zu den Berggipfeln erhob, die aus dem leichten Nebel auf der andern Seite so steil gen Himmel ragten, da verstand sie teilweise ihrer Mutter Empfindung, daß es so eng hier oben sei und daß es einunddreißig lange Meilen bis zur Stadt waren. Aber dafür war es so duftig schön, und – war sie denn nicht auf Gilje daheim? Sie mußte auf der Stelle hin, im Heu liegen, und damit sie ungefährdet am Bock, der bösartig war, vorbeikommen konnte, um ihres Bruders Werkstatt und das heimlich aus Lauf und Schloß einer alten Soldatenbüchse verfertigte Jagdgewehr zu sehen, mußte Jörgen ihn halten. Damit, daß er ihr sein Gewehr zeigte, bewies er seiner ältern Schwester ein besonderes Vertrauen, denn Pulver und Schießwaffen waren ihm aufs strengste verboten, was aber nicht hinderte, daß er sich sowohl drüben, als auch hier in den Bergen kleine Arsenale von dem Vater gemausten Patronen angelegt hatte. Das war ein frohes, fast berauschendes Bewillkommnungsfest während der nächsten drei, vier Tage! Erst als sozusagen wieder Werktagsstimmung eintrat, fing Ma an, von dieser und jener häuslichen Angelegenheit mit Inger-Johanna zu sprechen und ihr ihre verschiedenen Sorgen und Kümmernisse anzuvertrauen. Was sollte aus Jörgen werden? Sie mußten doch einmal daran denken, ihn nach der Stadt zu schicken! Ma hatte viel darüber nachgedacht, ob sie nicht an Tante Alette schreiben und sie um Rat fragen sollte. Vater durfte nicht durch kostspielige Pläne beunruhigt werden. Ob Tante Alette nicht veranlaßt werden könnte, den Vorschlag zu machen, den Jungen in Kost und Wohnung zu nehmen? Dann würden wenigstens allzu große bare Auslagen vermieden. Sie könnten ihr ja allerhand Nahrungsmittel schicken, Butter, Käse, Brot, Pökelfleisch und Speck, so oft sich eine Gelegenheit bot. Jedenfalls müsse sie sehen, daß sie während des Winters einmal mit Vater darüber sprechen könne, wenn sie gehört habe, was Tante Alette dazu sage. Und mit Thinka hatte sie auch viel durchzumachen! Ma hatte ihre liebe Mühe und Not gehabt, zu verhindern, daß Vater etwas erfuhr – »du weißt ja, wie wenig er Aerger vertragen kann« – und Mittwochs hatte sie immer mit einer wahren Todesangst Jörgen aufgelauert, um Thinkas Brief beiseite zu bringen, wenn der Junge mit der Post kam. Sie hatte ihr im Frühjahr einmal über das andre Mal geschrieben und ihr Vorstellungen gemacht, was für eine thörichte Schwachheit sie begehen würde, wenn sie sich mit dem Schreiber Ohs verplemperte. Im Anfang waren dann einige wirklich ganz trostlose Briefe gekommen. Man könne auch in bescheidenen Verhältnissen glücklich sein, hatte sie geschrieben – die Aussicht auf eine Anstellung als Untervogt wäre doch da, worauf sie bauen könnten! Ma hatte ihr aber ernstlich vor Augen gestellt, wie so etwas enden könne, z. B, wenn er krank würde oder stürbe. Was sollte dann aus ihr und vielleicht einer ganzen Schar von Kindern werden? »Es gilt nur das erste Aufwallen der Empfindung zu überwinden. Nun kommt sie im Herbst nach Hause, und es wäre zu wünschen, daß sie sich diese Geschichte aus dem Sinne schlüge. Mein Bruder Birger ist ja so heftig, aber daß er sofort, als er hinter die Sache kam, losbrach, wie meine Schwägerin schrieb, diesem Ohs den Laufpaß gab und noch am selben Tage die Thür wies, das ist doch wohl ganz gut gewesen.« Die letzten paar Briefe ließen hoffen, daß Thinka ruhiger geworden sei. »Thinka ist furchtbar weichherzig,« rief Inger-Johanna mit funkelnden Augen aus. »Ich glaube, wenn man sie einsalzte und in einen Topf legte, sie muckte nicht. Onkel Birger hätte sich das nur gegen mich herausnehmen sollen; nicht einen Tag länger wäre ich im Hause geblieben!« »Aber Inger-Johanna, Inger-Johanna!« rief Ma kopfschüttelnd. »Du hast eine gefährliche Gemütsart und bist sehr verzogen worden. Es gibt nur sehr, sehr wenige unter uns Frauen, denen es gestattet ist, ihren Neigungen zu folgen.« Der Hauptmann ließ keine Gelegenheit vorübergehen, wo er seine aus der Hauptstadt zurückgekehrte Tochter zeigen konnte. Er hatte seine Zeit bis jetzt gut ausgenützt, denn Anfang nächster Woche mußte er zu verschiedenen Kartenvermessungen ins Hochland, und bald darauf begann die Uebungszeit. Nun waren sie zum nächsten Sonntag zum Vogt Gülke eingeladen – eine Reise von vier oder fünf Meilen ins Thal hinab. Der alte Rumpelkasten von Kutsche wurde aus den tiefsten Tiefen der Scheune hervorgezogen, und der arme Rappe und der Fuchs – der blinde Falbe war langst wieder abgeschafft worden – sollten zusammengespannt werden und ihre schon drei Monate dauernden Versuche, friedlich nebeneinander zu gehen, fortsetzen. Wenn es etwas gab, worauf der Hauptmann streng hielt, so war es militärische Pünktlichkeit, und Schlag halb fünf Uhr morgens wanderte die ganze Familie im feinsten Putz, der Vater und Jörgen mit aufgekrempten Beinkleidern, die Damen mit aufgeschürzten Röcken zu Fuße die Anhöhe von Gilje hinab – das war der schwierigste Teil des ganzen Weges – während Stor-Ola mit dem leeren Wagen auf der Landstraße hinunterfuhr. Das Wetter war heiß und beschwerlich, und der Wagen rollte unaufhörlich in einer dichten Wolke lästigen Straßenstaubes, den die Hufe der Pferde und die Räder aufwirbelten. Allein es ging ja die ganze Zeit meist bergab, und nach jeder Meile wurde ausgeruht und verschnauft. Um halb eins waren sie am Ufer des Sees angelangt und brauchten nur noch mit der Fähre überzusetzen, und dann kam noch ein kurzes Stück Wegs bis zum Vogtshofe. Auf der Fähre wurde die Gelegenheit benützt, die Kleider ein wenig zurecht zu zupfen und abzustäuben, und der Hauptmann zog seinen neuen Uniformsrock an, der im Wagenkasten unter dem Sitze lag. Sobald sie die Anhöhe am andern Ufer erstiegen hatten, sahen sie den Wagen des Amtsrichters vor sich ins Hofthor einbiegen, und auf dem Hofe hielt bereits das Wägelchen des Doktors und der Gig des Fürsprechs. Auch der Vogt selbst stand da und half der Frau Amtsrichter beim Aussteigen; der Gerichtsschreiber und die Tochter befanden sich bereits auf der Treppe. Nach der langen Fahrt mußten die Damen natürlich ihre Kleider etwas in Ordnung bringen, ehe sie glaubten, sich sehen lassen zu können. Von den beiden Töchtern des Fürsprechs trug eine ein rotes, die andre ein weißes durchsichtiges Kleid, und von den drei Töchtern des Amtsrichters waren zwei in Weiß und eine in Blau. ... Daß eines so gering besoldeten Hauptmanns Tochter in brauner Seide und Stiefelchen mit Glanzlederspitzen kam, ließ sich ja durch die eigenartigen Verhältnisse erklären, zischelte Frau Fürsprech Scharfenberg dem alten Fräulein Horn vom Pfarrhofe ins Ohr. Es war vermutlich ein abgelegtes von der Stiftsamtmännin drinnen in der Stadt, das für sie zurecht gemacht war. Frau Scharfenberg ärgerte sich nämlich, daß der junge Horn, der Hilfsprediger bei seinem Vater, dem Pfarrer, zu werden erwartete, Inger-Johanna eine viel schmeichelhaftere Aufmerksamkeit widmete, als ihrer eigenen Tochter Bine, mit der er so gut wie verlobt war, und es schien auch so, als ob der Gerichtsschreiber nicht blind für sie sei, denn beide stürzten fort, um ihr einen Stuhl zu holen. Die Frau Amtsrichter und »Ma« wurden selbstverständlich aufs Sofa genötigt. Auch das fand Frau Scharfenberg wieder nicht richtig, denn ihr Mann war Nummer 2 im Gerichtsbezirk, und daß der Vogt heute die reiche Frau Silje eingeladen hatte, war, wie ihr Mann gesagt hatte, weiter nichts, als seine Sucht, sich beliebt zu machen; die blieb deswegen doch, was sie war: die Witwe des Krämers Silje. Eine lange Stunde verging, während die Gesellschaft sich, so gut es gehen wollte, unterhielt, bis die Hausfrau dem Vogt einen Wink gab, die Gäste zu bitten, sich ins Speisezimmer zu begeben. Die einzige, die gelacht und unbefangen geplaudert hatte, ehe das Eis als gebrochen anerkannt werden konnte, war Inger-Johanna gewesen, die anfangs mit dem Amtsrichter und dann mit Horn und dem Corpsarzt ein Gespräch angeknüpft hatte. Ma kniff allerdings die Lippen ein wenig unruhig zusammen, wahrend sie sich den Anschein gab, als sei sie von der Unterhaltung der Frau Brinkmann sehr gefesselt; aber sie wußte sehr wohl, wie sie alle nachher über ihre Tochter herfallen würden. – – Es war ein ziemlich hitziges Mittagsessen gewesen. Die Müdigkeit und der Hunger nach der langen Fahrt waren infolge der überreichen Bewirtung bald vergessen und hatten einer sehr muntern, durch Erzählungen und Lieder gewürzten Stimmung Platz gemacht, und die Gesellschaft saß lange bei Tische, bis der Amtsrichter seinen Stuhl geräuschvoll zurückschob und damit das Zeichen zum Aufstehen gab. Während des Danksagens für die genossene Mahlzeit stand der dicke Vogt strahlend im Zimmer und forderte und empfing den üblichen Zoll als Gastgeber: einen Kuß von jeder der jungen Damen. Die Herren der Gesellschaft zerstreuten sich mit ihren Kaffeetassen draußen im kühlen Flur oder spazierten mit der Pfeife auf dem Hofe umher, während die Damen in der Stube am Kaffeetische saßen. Der Amtsrichter unterhielt sich mit etwas lauter Stimme mit dem Vogt, und der Hauptmann stand rot und erhitzt draußen auf dem Hof und kühlte sich ab. »Heute hat er den Zapfen aber mal richtig aus dem Spundloch ziehen müssen,« sprach der Corpsarzt und schlug den Hauptmann auf die Schulter. »Wir haben tüchtig gepichelt.« »Ach, Rist, jetzt eine Pfeife, und dann ein bischen ruhen!« »Aber, Mensch, du hast sie ja in der Hand!« »So? – Ja, ich meine geladen, weißt du.« »Du hast ja eben dagestanden und sie gestopft.« »Ich? Nein, wahrhaftig! – Aber Feuer, siehst du, Feuer!« »Hör mal, du, Jäger. Scharfenberg ist schon hinaufgegangen, um ein Mittagschläfchen zu halten.« »Ja, ja – aber du, mit dem Falben, da hast du mich schnöde angeführt.« »Ach, red doch nicht, Peter. Dein Krippenbeißer hat sich bei mir halb durch die Wand gebissen. – Hör mal du, der Madeira war aber stark!« »Du, Rist ... meine Tochter Inger-Johanna ...« »Ja, siehst du, Peter, daß du ein bißchen übergeschnappt über sie bist, das nehme ich dir gar nicht übel; die verdreht noch ganz andre Hirnkasten, als deinen.« »Sie ist ... so schön ... so schön ...« sprach er mit einem bedenklichen Ausdruck der Rührung in seiner Stimme, und dann zogen sich die beiden Kriegsmänner in gesetztem Marschschritt in eines der obern Schlafzimmer zurück. Drinnen im Flur stand der lange Buchholz, der Gerichtsschreiber des Amtsrichters, steif und still mit der Kaffeetasse an der Wand und suchte sich darüber klar zu werden, ob ihm jemand anmerken könne, daß er einen kleinen Spitz hatte. Er war im Zimmer bei den Damen gewesen und hatte versucht, mit Fräulein Jäger eine Unterhaltung anzufangen, »Wie lange sind sie schon hier, Fräulein Jä–Jä–Jäger?« »Drei Wochen.« »Und wie la–la–lange beabsichtigen Sie hi–hi–hier zu bleiben?« »Bis Ende August.« »Ve–ve–ver–vermissen Sie die Ha–ha–ha–Hauptstadt nicht hier oben?« »Nein, gar nicht.« Sie wandte ihm den Rücken und fing an, mit ihrer Mutter zu sprechen, denn genau dieselbe Reihe von Fragen, hatten nun sämtliche Herren an sie gerichtet. Neben der Thür stand der untadelhafte Kandidat Horn und genoß seinen Mokka – und des Gerichtsschreibers Niederlage. Er wartete nur auf eine Gelegenheit, Inger-Johanna anzureden, fand aber ein unübersteigliches Hindernis in der Frau des Amtsrichters, die anfing, sich mit ihm zu unterhalten, bis infolge einer Aufforderung des Vogts plötzlich ein allgemeines Ausrücken stattfand. Die ältern Damen mußten hinaus auf die Treppe treten und zusehen, wie das junge Volk » Witmann sucht eine Witwe « spielte. Frau Silje saß nach all dem guten Essen breit und gutmütig da und unterhielt sich vortrefflich. »Nein, diesmal hat er sie aber nicht gefangen! Das nächste Mal müssen Sie die Beine etwas flotter heben, mein Herr Sekretär,« sprach sie lachend vor sich hin, als ein Versuch des Gerichtsschreibers, Inger-Johanna zu fangen, kläglich scheiterte. »Das schöne Fräulein ist schon einer Anstrengung wert!« Frau Scharfenberg fand, daß es auf der Treppe ziehe, und als sie sich in den Flur flüchtete, wo die stets kränkliche Frau des Vogts in ihren Shawl gewickelt saß, konnte sie dieser und der Frau Amtsrichter gegenüber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die zwanglose Art, wie die jungen Damen heutigestages liefen – so, daß man die Strümpfe bis hoch über die Stiefel sehen könne – etwas sehr frei sei, aber Frau Silje fände nicht das geringste Unpassende darin, meinte sie spöttisch. »Nun, sie wird ja wohl auch oft genug mit den andern Dirnen barfuß gelaufen sein und im bloßen Hemd Heu gemacht haben, ehe sie den Krämer geheiratet hat.« Ma gab Inger-Johanna auch einen ängstlichen Wink, sobald sie in ihre Nähe gelangen konnte. »Du mußt nicht so wild laufen, Kind! Das sieht nicht gut aus ... und dann muß man sich fangen lassen.« »Vom Sekretär? In alle Ewigkeit nicht!« Ma seufzte. Mit dem Spiel wurde bis zur Theezeit fortgefahren, wo auch die nach dem Mittagessen Verschwundenen in ausgeruhtem Zustande, zu einer Partie Boston bereit, wieder sichtbar wurden. »Aber Jörgen? ... Wo steckt denn nur Jörgen?« Man rief nach ihm, und er kam auch alsbald etwas bleich, mit einem verdächtigen Angstschweiß im Gesicht und einer Munterkeit, der man auch anmerkte, daß sie ein wenig erkünstelt war, aus dem Dienstzimmer des Vogts, wo er mit dessen Schreiber, welcher von dem wenig beliebten Teil der Amtsthätigkeit, der auf seinen Schultern ruhte, den schönen Beinamen »Pfändungsgaul« trug, zusammengesessen und geraucht hatte. Auch nach dem Abendessen wurde die Bostonpartie mit ungeheuren Bêten und ganz merkwürdigen, aufgedeckten Spielen vom Amtsrichter, dem Hauptmann, dem Vogt und dem Fürsprech fortgesetzt. In der andern Stube saß Ma. Sie war unruhig und wunderte sich, ob Vater gar nicht ans Aufbrechen dachte, denn sie hatten den weitesten Weg nach Hause, und es war bereits nach zehn. Aeußerlich vollkommen ruhig, hoffte Ma, die kleine Frau Scharfenberg mit der spitzen Zunge würde bald wagen, sich an der Thür des Spielzimmers zu zeigen. Aber das dauerte doch eine ganze Weile, und es schien, als ob die andern Frauen ihr überlassen wollten, den Aufbruch zu machen, und schließlich winkte sie Inger-Johanna herbei. »Kannst du nicht hineingehen und den Vater daran erinnern, daß es Zeit ist?« flüsterte sie ihr zu. »Du mußt aber so thun, als ob du aus eigenem Antriebe kämst.« – – Um elf Uhr saßen sie endlich im Wagen, nachdem der Vogt auf der Haustreppe sein Hausherrnvorrecht bei den jungen Damen wieder zur Geltung gebracht hatte, denn er war ein Meister in der Kunst, alle die spaßhaften Anstellereien zu durchkreuzen, die sie versuchten, um sich ihm zu entziehen und dem schmatzenden Abschiedskusse zu entrinnen. Der Gerichtsschreiber und der Kandidat Horn geleiteten den Wagen bis zum Thor. »Die haben sich weder deinet- noch meinetwegen so angestrengt, Ma,« meinte der Hauptmann kichernd. Er kutschierte, allein er wandte sich unaufhörlich zurück, um das Gespräch im Wagen zu hören und seinen Senf dazu zu geben. Eine gute halbe Meile auf ebener Straße, wo sie alle im Wagen sitzen konnten, ging's im kurzen Trabe. Es war schwül, ein halbfeuchter Heuduft lag über der Gegend und ein leichter Hauch von Dämmerung. Stor-Ola gähnte, der Hauptmann gähnte, die Pferde gähnten, Jörgen nickte, und Thea schlief wohl geborgen unter Mas Shawl. Ab und zu wurden sie durch das Rauschen eines Sturzbachs aufgeweckt, der schäumend unter einer Brücke der Straße hindurchströmte. Inger-Johanna war in ihre Träume versunken und meinte schließlich, eine gelbbraune Kröte vor sich zu sehen, mit kleinen, neugierigen Augen und einem großen Maule – das dicke Tier richtete sich ungeschickt auf und hüpfte auf sie zu. In diesem Augenblick standen die Pferde still. »Hu! – Ich glaube, ich habe vom Vogt geträumt!« sprach Inger-Johanna zusammenschauernd. »Wir müssen hier aussteigen,« rief der Hauptmann schlaftrunken. »Wir sind am Rognerudberge, aber Ma und Thea können sitzen bleiben.« Der Tag brach an, und die Reisenden sahen, wie die Strahlen der Sonne die fernen Berggipfel vergoldeten, aber sie selbst war noch nicht sichtbar, bis sie endlich wie eine Goldkugel über dem Bergkamm im Osten emporstieg, die Anhöhen im Westen mit einem rosigen Schimmer übergoß und in den Tautropfen auf den grasbewachsenen Abfällen glänzte. Nun ging es Fuß für Fuß in den Anhöhen weiter, und als sie die Gemarkung von Gilje erreichten, waren die Leute schon auf den Wiesen damit beschäftigt, das Heu auszubreiten. »Es ist doch angenehm, wieder zu Hause zu sein,« meinte Ma. »Ob Marit wohl daran gedacht hat, die Forellen in den Rauch zu hängen?« Diese trat eben hastig aus der Beischlagthür. »Gestern abend ist ein feiner Stadtherr hier angekommen ... der, der vor zwei Jahren schon einmal hier war und seine Stiefel besohlen ließ ... ich wußte mir nicht zu helfen und habe ihn in der blauen Kammer schlafen lassen.« »Aha! Studiosus Grip! Er ist wohl auf dem Nachhausewege.« Ma sah Inger-Johanna verstohlen an und bemerkte, daß ein nachdenklicher Ausdruck in ihrem Antlitz aufgestiegen war, als sie schnell aus dem Wagen sprang. »Jäger muß morgen zur Kartenberichtigung weit ins Gebirge, bis über die Grönelidstrift hinaus,« bemerkte Ma, »und dazu muß noch viel hergerichtet werden.« »So – so? Und schon sehr frühzeitig?« fragte der Student. »Ich habe den Plan, quer über die Berge nach Hause zu gehen, wie das letzte Mal, und ordentlich Luft zu schnappen.« »Aber dann könnten Sie ja meinen Mann begleiten. Fünf, sechs Meilen haben Sie gewiß denselben Weg – und für Jäger wäre Ihre Gesellschaft eine große Annehmlichkeit. Sie haben wohl nichts einzuwenden, wenn ich auch für Sie etwas Frühstück schneide – zum Mitnehmen?« »Danke, danke sehr für alle Ihre Freundlichkeit, Frau Hauptmann. – Sie will mich los sein, das liegt auf der Hand,« murmelte er, während er sich in den Vormittagsstunden auf dem Hofe die Zeit zu vertreiben suchte, denn mit Ausnahme der Hausfrau schliefen alle andern noch. Aber um den Hauptmann zu begleiten, war er nicht hier herauf gekommen. Am Nachmittag, als es anfing, sich etwas abzukühlen, machten der Hauptmann, Inger-Johanna, Jörgen und der Studiosus Grip einen Spaziergang auf dem schönen Wege nach der Mühle. Stor-Ola und Aslak, der Kätner, folgten ebenfalls, denn es war etwas am Mühlrad auszubessern, und jetzt, wo der Mühlbach fast trocken war, ließ sich das am leichtesten nachsehen. Nun hatten sie ihr Ziel erreicht und überlegten eifrig, wie das große Rad am besten aus der Achse zu heben sei. »Nein, aber dieser Jörgen, der hat's wirklich wieder herausgetüftelt!« rief der Hauptmann. »Du mußt den Schreiner Tor zu Hilfe nehmen, Ola, sobald du mit den Pferden aus den Bergen wieder zurück bist; und dann laßt euch nur von Jörgen bescheiden, der versteht's. Wenn es sich nicht um Büchergelehrsamkeit handelt, ist er klug genug.« »Setz dich ordentlich auf die Hosen, Jörgen, gerade wie du's mit der Roggengrütze machst; je rascher du schluckst, um so eher ist's überstanden,« tröstete Grip. »Sieh mal an, da hätte ich beinahe die Angelschnur für morgen vergessen! Du mußt noch heute abend hinunter zum Krämer laufen, Jörgen. Wir fischen Forellen da oben, passen Sie mal auf,« sprach der Hauptmann zu Grip gewandt. »Ach ja,« pustete er auf dem Rückweg, »ich habe es nötig, mal wieder in die Berge zu kommen; das ist mir sehr zuträglich; ich kehre immer drei, vier Pfund leichter zurück.« »Diese Gegend interessiert mich schon seit der Zeit, als ich noch die Schulbank drückte,« bemerkte Grip. »Wir kriegten einmal die Aufgabe, den See in eine Karte dieses Bezirks hineinzuzeichnen; er war damals erst vor ein paar Jahren mitten in einem weiten Tafellande in den Bergen, wovon kaum ein paar Renntierjäger etwas wußten, entdeckt worden, – und das war es gerade, was mich anzog, als ich vor zwei Jahren den Renntierjäger traf. Ich wollte auch etwas entdecken – sehen, was dort wäre,« »Ganz mein Fall,« warf Inger-Johanna dazwischen, »ich habe mir auch immer auszumalen gesucht, wie es in der Stadt wäre.« »Sie sollten Ihren Herrn Vater ein Stück Wegs in die Berge begleiten, Fräulein, und sehen, ob Sie schöne Aussichtspunkte entdecken.« »Das ist ein Gedanke ... gar nicht übel!« rief der Hauptmann, »nicht unausführbar, gar nicht! ... Du könntest ganz gut bis zur Grönelidstrift reiten.« »Ach Vater! Wenn du das durchsetzen könntest!« antwortete sie eifrig. »Nun habe ich auch Lust gekriegt, zu sehen, was dort ist. Ich glaube, wir haben uns immer eingebildet, die Welt höre an unsrer eigenen Weidegrenze auf.« »Wir nehmen Decken auf dem Packsattel mit, und wo sich ein Dach für mich findet, wird es ja wohl so sein, daß auch du ... na, na, Morten! Willst du die Menschen wohl in Frieden lassen!« Der Hauptmann zog eine Rolle Kanaster aus der Tasche und hielt dem Bock, der auf sie losgefahren war, als sie den Hof wieder betraten, ein Stück hin. »So'n Sakermenter! Er will seine Ration haben, der Kerl! – Du, Ma,« rief er, als er seine Frau aus dem Vorratshause kommen sah, »was sagst du dazu, wenn ich Inger-Johanna morgen mit mir nehme? Sie kann Freitag mit Ola und den Pferden wieder zurückkehren – sie und Jörgen.« »Aber lieber Jäger, was soll sie denn da oben?« »Sie kann auf der Grönelidstrift übernachten.« »Ein so anstrengender Ausflug! – Da, wo du hingehst, ist es ja überall so unwegsam und wild.« »Sie kann zu Pferde bis weit hinter die Trift kommen. Der Rappe geht unter ihr und dem Packsattel so ruhig, wie ein Pastor über Berg und Moor. Ich selbst reite den Fuchs.« Er war bei dem Gedanken, seine Lieblingstochter mit sich zu nehmen, ganz hitzig geworden. »Ja, gewiß, Kind, du gehst mit!« rief er ihr zu. »Du mußt uns einen guten Eßkorb voll packen, Ma,« fuhr er zu seiner Frau gewandt fort. »Punkt fünf morgen früh müssen wir aufbrechen. Tronberg trifft uns mit seinem Pferde weiter oben, und dann wird wohl auch schon Rat werden, daß Sie auch reiten können, Grip.« Braun gebrannt im Nacken, rot und schweißtriefend im Gesicht und in Hemdärmeln kletterte der Hauptmann die Bergabfälle hinan, die unter dem Torsknut liegen. Zuerst kamen die Packpferde mit Inger-Johanna und dem Gepäck. Daneben gingen einige Bauern und erklärten eifrig die Grenzzeichen und -steine, wenn die kleine Gesellschaft hielt und der Hauptmann eine Linie vorläufig aufnehmen wollte. Die Reisenden hatten auf der Grönelidstrift übernachtet, waren aber seit fünf Uhr in der Flur mit Vermessungen beschäftigt. Jetzt arbeiteten sie sich durch das Weidengestrüpp flacher Berghalden, wobei die Pferde wieder und wieder die Krümmungen desselben Baches durchwaten mußten. So erreichten sie nach einem steilen Aufstieg den Platz, wo der Unteroffizier Tronberg, den sie schon unten zwischen den Vorbergen gesehen hatten, zu ihnen stoßen sollte, und machten Halt, um ihn zu erwarten. Der Hauptmann zog das Fernrohr hervor, sah einen Augenblick flüchtig nach den blendenden Eisfeldern hinüber und richtete es sodann tiefer und tiefer. »Das müssen die Leute von Rognelid sein, das, was sich da unten im Westen der Höhe von Bräkstad bewegt. Was?« Die Leute, die er anredete, brauchten nur ihre Augen zu beschatten, um darüber ins reine zu kommen, daß das die Gegenpartei war, mit der sie morgen am Tiskebach zusammentreffen sollten, aber sie waren schlau genug, das nur durch ein bewunderndes: »Nein, aber was für ein Fernglas der Herr Hauptmann hat!« auszusprechen, »Haben Sie gefischt, Tronberg?« rief er, als der Kopf von des Unteroffiziers »Grauem« sich nickend auf dem steilen Fußpfade zeigte. »Forellen? ... Heute morgen gefangen?« »Jawohl, heute morgen, Herr Hauptmann,« antwortete Tronberg, indem er dem Hauptmann die Fische hinreichte, und dieser sah ihnen in den Rachen. »Ja, die sind von heute,« sprach er zufrieden, während der Unteroffizier seine Mütze abnahm und sich Stirn und Kopf trocknete. »Die Fische hätte man da unten an den Felswänden im ganzen Thalkessel gleich braten können,« versicherte Tronberg dabei. »Feine Fische. Sehen Sie nur den mal an, Grip, der wiegt sicher seine drei Pfund.« »Herrje! Ist das Fräulein auch hier?« rief der Unteroffizier aus, nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an und grüßte militärisch, als Inger-Johanna ihr Pferd zu ihm hinlenkte und die glänzenden, rotgetupften Fische betrachtete, die an des Unteroffiziers Sattel hingen. Der alte Lars Opidalen, auf dessen Antrag die Katasterberichtigung vorgenommen wurde, trat zu ihr und strich mit seiner rauhen Hand über die ihre, während er die an einer Weidenrute aufgeschnürten Forellen zählte. »Und das soll Staub und Erde sein!« sprach er voll Bewunderung. »Hilf dem Fräulein aus dem Sattel, Lars, hier ist's nicht ratsam für sie, zu reiten? es wird zu gefährlich glatt.« Der Weg zog sich steiler und steiler bergan; nur zuweilen kamen flache, moorige Strecken, und manchmal verlor er sich ganz im Steingeröll. Ueber ihnen ertönte der wilde Schrei eines Fischadlers. Kreischend zog er seine Kreise, und als Jörgen ihn anrief, flog er davon. Wahrscheinlich hatte er seinen Horst da oben an der Bergwand. Die Schrotflinte des Hauptmanns wurde hervorgeholt, und Tronberg schickte sich an, seine Schießkunst zu versuchen, allein der Adler kam nicht wieder in Schußweite. O, wer jetzt zwischen den Felsblöcken da oben hätte liegen und ihm auflauern können! Jetzt kreiste der Adler mit ausgebreiteten Schwingen wieder in ihrer Nähe. Plötzlich krachte ein Schuß, und dann folgten einige heftige, klatschende Flügelschläge: der Adler wehrte sich gegen das Niedersinken. Der Schuß war durch eine Schwinge gegangen, man sah das Tageslicht durch ein Loch in den Federn schimmern, und es wurde dem Vogel augenscheinlich schwer, sich im Gleichgewicht zu halten. »Pfui! Er ist angeschossen!« rief Inger-Johanna. »Wer hat denn eigentlich geschossen?« fragte der Hauptmann ganz verblüfft. »Jörgen ist mit einer Büchse fortgelaufen,« bemerkte Tronberg. »Jörgen? Er will mir doch nicht weis machen, daß das sein erster Schuß war? Die Kanaille! Na, diesmal hat er sich von den Hieben, die er eigentlich verdient hätte, freigeschossen – das war, meiner Seele, ein guter Schuß. Der Schlingel! Ich habe ihm aufs strengste verboten, ein Gewehr anzurühren.« »Verboten! O ja,« murmelte Grip. »Ist das nicht sonderbar, Fräulein Inger-Johanna? Gerade in dem, was uns verboten ist, werden wir merkwürdigerweise gewöhnlich am tüchtigsten. Alle diese Verbote fördern durch ihre Uebertretung unsre Erziehung am meisten. Das führt beim Heranwachsen zu Spitzbubenstreichen, und die hinterlassen ihre Spuren, sie machen helle Köpfe und schlechte Charaktere! – Sehen Sie nur alle diese krummen, verdrehten Zaubergestalten ... man kann wohl sagen, daß das Leben hier wirklich versteinert ist ... und doch quillt es überall auf,« fuhr er stehen bleibend fort. »Wissen Sie auch, wozu ich wohl Lust hätte, Fräulein Inger-Johanna?« Keine Spur des ironischen Zuges, der gewöhnlich in seinem Gesicht lag, war noch zu bemerken. »Ganz einfacher Schulmeister möchte ich werden! ... Die Kinder lehren, die beiden ersten Stäbchen mit ihren eigenen schlichten Gedanken kreuzweise zu legen...das sind die Grundlagen, die uns treu bleiben. Man sollte sie lehren, genau so viel und so wenig zu glauben und zu begreifen, als sie wirklich in sich aufnehmen können. Und dann zur Thür hinaus mit all diesen Heerscharen von beliebten sogenannten schützenden Verboten! Ich würde mich darauf beschränken, ihnen die Folgen zu zeigen: Pulver und Streichhölzer vor ihren Augen untereinander mischen, bis es sich entzündete, und dann sagen: ,Sei so gut, Jörgen. Meinetwegen kannst du mit diesen beiden Dingen in der Tasche so viel umherlaufen, als du willst. Du selbst wirst in die Luft fliegen, nicht ich.' Das Gefühl der Verantwortung, das ist es, was mir in der heranwachsenden Jugend wecken müssen, wenn wir sie zu tüchtigen Menschen erziehen sollen.« »Sie haben furchtbar viele Ideen, Grip.« »Sie meinen fixe? Hätte ich nur etwas Anlage zu schriftstellerischer Thätigkeit, aber ich bin wie auf den Mund geschlagen. ...Sehen Sie, hier gibt es nur vier Pforten, und die heißen: Theologie, Philologie, Medizin und Rechtswissenschaft, und ich habe vorläufig an der letzten angeklopft. Was ich da will, das weiß ich eigentlich selbst nicht! ... Haben Sie 'mal von der Katze gehört, Fräulein, die sie in eine Glaskugel gesetzt hatten, aus der sie nachher die Luft auspumpten? Sie merkte, daß etwas Unangenehmes vorging, daß sie nicht atmen konnte und daß die Luft dünner und dünner wurde, und da setzte sie mit einemmal die Pfote aufs Luftloch ...Ich werde mir ebenfalls erlauben, die Pfote aufs Luftloch zu setzen, denn hier ist auch ein luftleerer Raum. Nicht oben in den Wolken bei den Dichtern, bewahre! Da blitzt und leuchtet es, und sie schreiben, um für das Volk und die Freiheit und alles, was erhaben und groß ist, in so vielen Richtungen zu wirken, als Striche auf dem Kompaß sind. Aber in der Wirklichkeit hier unten auf Erden...für einen Prosaiker, der nun einmal wenig auf Redensarten gibt, für den ist jeder Weg versperrt! Für unsre besten Gedanken hat die praktische Welt keine Verwendung, sage ich Ihnen, Fräulein, nicht einmal so viel, daß ein Mann genug davon von sich geben kann, sich unglücklich zu machen ... und so lebt man denn, so gut man kann ... das andre Leben mit den Kameraden und betäubt sich mit ihnen in Punsch jedesmal, wenn man draußen in den Theegesellschaften seine Sache brav verleugnet hat....Nun aber diese Luft! Jeder unendliche Atemzug wie ein Glas des feinsten ...feinsten ...ja, was soll ich doch gleich sagen?« »Punsch,« schlug Inger-Johanna ziemlich kurz vor. »Nein, Leben! ... Mit der freien Natur zu streiten, fühlt man sich nicht geneigt. Ich bin einig mit den Bergen, mit der Sonne, mit all diesen krummen, verrenkten Birkenzweigen.... Wenn sich die Leute da unten nur so geben wollten, wie sie sind, aber das thun sie nie, außer bei einem guten, tüchtigen Gelage, wenn sie tief in den Brunnen getaucht sind und sich in hinlänglich gehobene Stimmung versetzt haben. Es gibt eine ganze Freimaurerschaft von Leuten, die einander nur in diesem Zustande kennen.... Oder auch in Westermanns Dampfbad, wenn uns Westermann bei dreißig Grad Hitze mit frischen Birkenreisern peitschte! Die Badestuben dienten unsern Vorfahren als nationale Klubs, wissen Sie, Fräulein ...« »Nein, ich kriege heute wirklich absonderliche Dinge zu hören, wie mich dünkt,« antwortete sie mit unterdrückter Heiterkeit. »Horcht! ... Horcht! ... Da schlägt die Rohrdommel!« flüsterte Jörgen. Der Ton kam aus einer kleinen sumpfigen Niederung, über der der weiße Moornebel lag, und sie blieben stehen und lauschten, »Haben Sie jemals eine solche überwältigende Stille wahrgenommen,« fragte Grip, »wie nach dem vereinzelten dünnen Pfeifen?... Ein solches Piepsen hört man auch hier und da im Lande....Abel ist tot! Woran ist er gestorben? Am Trunk, sagen die Leute.« Er schüttelte den Kopf. »Am luftleeren Raum, behaupte ich!« »Hier sehen der Herr Hauptmann die Linie, die von alters her für Opidalen gegolten hat,« rief der alte Lars, »dicht, dicht an der Schlucht entlang, wo wir hinunter und quer über das Wasser müssen ... gerade auf Rödkamp am Torsknut los, da, wo Sie die drei grünen Holme zwischen dem Steingeröll sehen, Herr Hauptmann,« in seinem Eifer drohte er mit dem Stocke, »dafür kann ich Zeugen schaffen.« Der Nachmittagsschatten fiel in die Schlucht, wo das Eiswasser aus den Spalten der schwarzen Bergwand sickerte. Hier und da schien die Sonne noch auf mit gelbem Renntiermoos bewachsene Stellen oder kleine Gruppen von violetten, weißen und gelben Hochgebirgsblumen, die das Wunder vollbrachten, hier oben unter dem Schnee ihr eigenes, farbenfrohes Leben zu leben. »Dort kommt Mathis mit dem Kahn,« rief der alte Lars. Das Boot, das sie zu dem seinem Sohne gehörigen Weideplatze bringen sollte, kroch da unten in der Tiefe wie ein Insekt auf der grünen Wasserfläche, aber das Herabsteigen war eine wahre Erquickung für den etwas beleibten, mit Atmungsbeschwerden kämpfenden Hauptmann, und die Aussicht auf seinen Lieblingssport, den Fischfang, trug ebenfalls dazu bei, seine Stimmung zu heben. »Wir kommen gerade zur rechten Zeit hinunter, wenn sie am besten beißen,« meinte er. Als sie sich in den vierkantigen Trog einschifften, der unten an der Fischerbude wartete, hielt er die Angelschnur bereit, für deren Ausrüstung mit Ködern er mit großer Umsicht gesorgt hatte. Das Gefolge, das keinen Raum im Boote fand, mußte mit den Pferden um den See herumwandern, und man konnte sie vom Wasser aus dann und wann auf einige Augenblicke zwischen den Uferhöhen sehen. »Was hältst du von einer kleinen Schleppangel im Schatten dem Ufer entlang, Mathis? Meinst du nicht, daß sie dort schärfer auf den Köder gehen werden? Wir wollen doch nicht so geradeswegs hinüberrudern,« sprach der Hauptmann vergnügt. Unter der Ruderbank lag Mathis' eigene Angelschnur, und nun wollte auch Inger-Johanna ihr Glück versuchen. Ihr Vater befestigte ihr einen Köder am Haken, aber sie wollte sich nichts sagen lassen, und ohne zu warten, bis sie an eine günstige Stelle kamen, warf sie ihre Schnur sofort aus, ließ sie hinter dem Boote hertreiben und zog sie während des Ruderns ab und zu gewandt auf. »Seht nur den Griff!« rief der Hauptmann, »das steckt ihr im Blute ... Du stammst auch eigentlich aus einem Fischergeschlecht, denn ich und mein Vater, wir sind in der Gegend von Bergen aufgewachsen. Hätte ich nur einen Thaler für jeden Dorsch, den ich aus dem Wasser gezogen habe, dann wärst du eine Erbin ... Was? Was?« Man hörte ein Plätschern im Kielwasser, und Inger-Johanna fühlte ein heftiges Zucken. Einen Augenblick zeigte sich ein gelber Fischbauch im Sonnenschein auf der Wasserfläche, und Inger-Johanna versuchte nun nach dem ersten fieberhaften Ruck, die Schnur in halb aufgerichteter Stellung langsam einzuziehen. »Der erste Fisch, den ich in meinem Leben gefangen habe!« rief sie jubelnd aus, wahrend sie das glänzende Geschöpf über den Rand des Bootes hob. »Dann soll er auch am Leben bleiben!« rief Grip, löste den Fisch von der Angel und schleuderte ihn weit in den See hinaus. Mit einem heftigen Ruck seiner gewichtigen Person fuhr der Hauptmann in die Höhe, so daß es rings ums Boot plätscherte, so sehr geriet es ins Schwanken, allein daß das unzeitgemäße Opfer der Tiefe zu Ehren seines Augapfels dargebracht worden war, ließ die Dummheit in milderem Lichte erscheinen, und er blieb guter Laune. Bald nachher näherten sie sich den Uferhöhen, in deren Schatten er seine Angel auswarf. Dabei fing er plötzlich an, eine Weise, die viele Jahre in ihm geschlummert hatte und nun mit der Erinnerung an seine Kindheit in der Gegend von Bergen wieder erwacht war, zu singen, so daß sein in der lautlosen Stille tiefer und klangvoller Baß den Widerhall der Ufer erweckte. Glatt und blank lag der See ringsum, und der Hauptmann zog eine Forelle nach der andern heraus. Die steilen grünen Matten mit all dem grasenden Vieh spiegelten sich so klar im Wasser, daß man die Hörner zählen konnte. »Ja, ja, hier laufen die Kühe wie die Fliegen an den Wänden in die Höhe,« sprach der Hauptmann. »Schlüpft ihnen da oben eine Melkbütte aus der Hand, dann rollt sie zu uns ins Boot herab.« Mehr Hausraum, als die kleine Erdhütte zwischen den Felsblöcken und ein halbverfallener Holzschuppen mit einem großen Feldstein auf dem Dache und einem Lichtloche boten, war freilich nicht vorhanden. Dort sollten der Hauptmann und Inger-Johanna bis Sonnenaufgang schlafen, um dann mit Jörgen, Stor-Ola und dem Rappen die Heimreise anzutreten. Sie hatten zu Abend gespeist und sahen nun, wie die Sonne hinter den hohen Bergen im Westen versank. Der Hauptmann wanderte in Pantoffeln und aufgeknöpftem Uniformrock draußen auf der Matte auf und ab und rauchte seine Pfeife mit dem äußersten Wohlbehagen. Ab und zu blieb er stehen und sah, wie die Strahlen der untergehenden Sonne die fernen Bergspitzen vergoldeten. Jörgen lag mit seines Vaters langem Fernrohr hinter einem Felsblock und suchte nach Renntieren auf den Schneeflächen. »Leben Sie wohl, Fräulein Inger-Johanna,« sprach Grip. »Ich gehe noch diese Nacht mit einem von den Leuten übers Gebirge. Hier sind mehr Menschen, als die Herberge aufnehmen kann. – Aber lassen Sie mich Ihnen zuvor sagen,« fuhr er leiser fort, »daß dieser Tag offenherziger Aussprache im Hochlande einer der wenigen in meinem Leben gewesen ist ... wo ich nicht einmal das Bedürfnis gefühlt habe, einen einzigen schnöden, erbärmlichen Witz zu machen ... und nicht vor mir selbst auszuspucken ...« fügte er bitter hinzu. »In dieser Gestalt ... genau so, wie Sie dastehen, so schön, so schlank, so übermütig unter dem großen Strohhut, werde ich Sie in meiner Erinnerung bewahren, bis wir uns in der Stadt wiedersehen.« »Bis zur Svartdalsbude sind gut fünfviertel Meilen,« unterbrach ihn der Hauptmann, als er nun Abschied nahm. »Sie sind uns allezeit in Gilje willkommen, Grip!« – Beständig rückwärts grüßend, hatte er schon ein gutes Stück des steilen Aufstiegs zum Torsknut erklommen. »Hat nicht den Anschein, als ob er etwas von Müdigkeit wüßte, der Bursche,« meinte der Hauptmann. Auch sie stand da und sah ihm nach ... der letzte Sonnenschein erfüllte die klare, spiegelnde Abendluft mit einem matten goldigen Schimmer ... und ein warmes Leben erstrahlte in ihrem Antlitz ... Am Morgen nach ihrer Rückkehr befanden sich Ma und Inger-Johanna zusammen im Garten und pflückten Zuckererbsen fürs Mittagessen. »Nur die reifsten, Inger-Johanna, die, die bis zu des Vaters Heimkehr zu hart und trocken werden würden. – Was wird nur die Tante sagen, wenn sie hört, daß mir dich mit Vater so tief ins wilde Hochland haben reisen lassen? ... Sie wird einen solchen Ausflug gewiß nicht einladend finden oder zu fassen vermögen, daß du so gesprächig über Steine und Felsen werden kannst.« »Nein, ihrer Ansicht nach läßt sich nichts mit ihrem Tilderöd vergleichen,« erwiderte Inger-Johanna lachend. »Reich mir 'mal deinen Teller her, ich will ihn in den Korb ausschütten,« sprach Ma. »Also Tante schreibt, Rönnow werde den ganzen Winter in Paris bleiben?« »Rönnow? Ja. ... Aber ich freue mich sehr darauf, ihr diesen Winter Gedekes ›Schilderungen aus der Schweiz‹ vorzulesen ... dabei kann ich ihr kleine Gaben von meinem Ausflug in unser Hochland verabreichen.« »Da sprichst du wieder einmal ohne Nachdenken, Inger-Johanna. Es bleibt immer ein großer Unterschied zwischen dem, was im Bereich der Civilisation liegt, und den öden, wilden Gegenden hier oben in unsern Bergen.« Mas mit einem großen Sonnenhut bedecktes Haupt beugte sich zwischen die Erbsenreiser. »Vater sagt, es sei gewiß, daß Rönnow an den Hof von Stockholm versetzt werden solle, und er sei nach Paris gegangen, um sich im Französischen zu vervollkommnen.« »Ja, aus dem wird gewiß noch etwas Großes. ... Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie traulich und gemütlich es ist, wenn Tante und ich abends allein sind und ich vorlese.« Mas großer blaugetupfter Sonnenhut erhob sich. Mit dem Tischmesser in der Hand reichte sie ihrer Tochter den geleerten Teller zurück. »Dann hat er gewiß das Wesen, das für eine höhere Stellung paßt.« »O, vollkommen, vollendet ... aber ich weiß nicht, wie das ist: er ist gar nicht dazu gemacht, daß man hier auf dem Lande an ihn denken kann.« Ma stand eine kleine Weile mit dem Messer in der Hand da, ohne sich zu regen. »Nun haben wir wohl genug,« sagte sie endlich und nahm den Korb etwas schwerfällig auf. »Die Erbsen sind in diesem Jahre nichts Rechtes,« seufzte sie. Siebentes Kapitel. In der Küche auf Hof Gilje herrschte eine emsige Thätigkeit, denn die Weihnachtsschlachterei war im Gange. Vom Beischlag drang ein kalter Zug herein, und in der Luft schwebte ein Geruch von Muskatblüte, Ingwer und Gewürznelken. Laut trommelten die Hackmesser, und dumpf dröhnte das Stampfen im großen Steinmörser, woran Stor-Ola mit einer weißen Schürze und einer Serviette um den Kopf arbeitete, daß das Haus zitterte. Oben am langen Küchentisch saß Ma mit Stopfnadel und Hanfzwirn und nähte Rollwürste zusammen, während einige Käthnerfrauen und Thea, weiß wie die Engel, damit beschäftigt waren, Fleisch für den feinen Kloßteig zu schaben. Hinten auf der Küchenbank saß die kürzlich nach Hause gekommene Thinka mit blutigen, mörderisch aussehenden Armen und stopfte Blutwürste über einem großen Trog. Das machte sie mit großer Fertigkeit und sehr rasch vermittelst eines großen Wursthorns. Sie steckte einen langen Dorn durch jede Wurst und band einen der großen, unheimlichen Riesenblutegel nach dem andern, während deren Brüder und Schwestern in gewaltigen Kesseln brodelten, woran die Flammen in die Höhe leckten und in den Schornstein schlugen. Auch der Hauptmann war in die Küche gekommen und übersah mit einem gewissen Vergnügen das Schlachtfeld. Das waren ja recht angenehme Aussichten, woran man gern denken mochte, und kleine Proben der fertigen Erzeugnisse waren ihm auch fortwährend auf sein Dienstzimmer geschickt worden, damit er seine Meinung darüber zum besten gebe. »Ich werde euch 'mal zeigen, wie man hacken muß, ihr Mädchen,« sprach er und nahm Torbjörg die beiden Hackmesser aus der Hand, und nun flogen sie so rasch auf dem Brett auf und nieder, daß man sie kaum unterscheiden konnte, und die in der Küche versammelte Gesellschaft, ganz verblüfft über dieses Meisterstück, die Arbeit unterbrach und laut ihre Bewunderung aussprach. Es dauerte freilich nur zwei bis drei Minuten, während Torbjörg und Aslak den lieben, langen Tag mit den leinenen Schürzen dastehen und hacken mußten. Aber ein Sieg ist nun einmal ein Sieg, und als der Hauptmann nachher in die Stube ging und stillvergnügt ein Liedchen vor sich hinsummte, that er das nicht ohne einen kleinen, verschmitzten Nebengedanken an seine Kriegslist, denn, ja, meiner Seele, die Arme schmerzten ihn hinterher doch ganz gewaltig. Er rieb sie sich ein paarmal, ehe er sich eine Serviette um den Hals band und sich an den Tisch setzte, um den warmen Blutürsten mit Rosinen und Butter, womit Thinka gerade eintrat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. »Ein bißchen Senf, Thinka!« Thinkas schlanke Gestalt glitt lautlos an den Eckschrank, um das Verlangte zu holen. »Hör 'mal, du, wenn der Teller ein bißchen wärmer wäre, schadete das auch nichts ... er muß für Butter und Rosinen eigentlich fast glühend heiß sein.« Die allzeit flinke Thinka war im Nu mit einem Teller draußen am Herde, und als sie gleich darauf wieder eintrat, hielt sie ihn mit einer Serviette, denn mit der bloßen Hand konnte man ihn nicht anfassen. »Nun gieß' nur alles hier auf diesen Teller, Vater, dann sollst du 'mal sehen.« Eine der glücklichsten häuslichen Seiten, die Thinka nach ihrer Rückkehr offenbarte, war die unvergleichliche Geschicklichkeit, womit sie den Vater zu behandeln verstand. Von Gereiztheit war fast keine Rede mehr. Dabei war mit ihrer launigen, gemütlichen Fügsamkeit eine wahre Ruhe ins Haus eingekehrt, denn der Hauptmann wußte, er brauchte ihr nur den kleinsten Wink in Hinsicht auf die Zubereitung einer Lieblingsspeise zu geben, er wurde stets beachtet. Sie war so gefällig, wahrend Ma sich immer nur in einer schwerfälligen, ungeschickten Weise fügte, als ob es, bildlich gesprochen, in ihr krachte, so daß er brummig wurde und anfing zu zanken, trotzdem sie wußte, daß ihm das sehr schlecht bekam. Nun war seit Montag morgen wirklich außerordentlich viel geleistet worden, und sie konnten darauf rechnen, morgen abend fertig zu werden. Zwei Kühe, ein Kalb und ein Schwein, das war keine kleine Schlachterei – von den Schafen ganz zu schweigen. »Der Vogt! – Das Pferd des Vogtes ist auf dem Hofe!« verkündete plötzlich in der Dämmerung eine Stimme der in der Küche arbeitenden Gesellschaft. »Spute dich, Jörgen, lauf hinauf in die Dienststube zu Vater und sag' ihm, er möchte herunterkommen und ihn empfangen,« rief Ma nach kurzer Ueberlegung. »Du mußt das,« auf die Schürze zeigend, »ablegen und aufhören, Stor-Ola, so ungelegen es auch ist.« »Der hat gewittert, daß wir Würste im Kessel haben, glaube ich,« rief Marit in ihrer derben Hochlandssprache. »Ist das nicht schon das zweite Mal, daß er uns mitten in unser Weihnachtsschlachten kommt? Gewiß ist er seinen Leuten zu Hause im Wege.« »Nimm dein Mundwerk in acht, Marit,« sprach Ma ärgerlich. »Der Vogt mag sich wohl zu Hause nicht allzu behaglich fühlen, seit er seine Frau verloren hat, der arme Mann.« Aber es war doch sehr ungelegen, daß er gerade heute kam – grenzenlos ungelegen. ... Allein man mußte aushalten, es war nicht angängig, die Arbeit zu unterbrechen. »Der Vogt bleibt bis morgen hier,« rief der Hauptmann, hastig in die Küche tretend. »Da ist nichts zu machen, Ma! Ich werde ihn auf mich nehmen, wenn wir bloß etwas bekommen, daß wir nicht verhungern.« »Ja, das ist leicht gesagt, Jäger! ... So, wie wir hier stehen und alle Hände voll zu thun haben.« »Krammetsvögel ... Frikandellen ... ein bißchen frische Wurst. Das ist doch nicht schwer zu beschaffen ... ich hab' ihm gesagt, daß er Metzelsuppe essen muß – und hör 'mal, Thinka, ein Glas Grog,« rief er seiner Tochter mit einem freundlichen Nicken zu, »etwas Toddy – so rasch als möglich«. Thinka war schon in Bewegung und rannte nur einen Augenblick hinauf an ihre Kommode. Von Natur anspruchslos und gar nicht blöde, war sie gleich nachher wie der Wind mit dem Toddybrett und einer frischen blauen Schürze unten, und dann, nachdem sie den Vogt begrüßt hatte, am Schrank, um Rum und Arrak herauszunehmen, dann wieder am Rauchtisch, wo sie ein Bündel Fidibusse holte und den Herren aufs Theebrett legte, ehe sie wieder in der Küchenthür verschwand. »Du mußt dich waschen, Torbjörg, und oben das Fremdenzimmer für den Vogt in Ordnung bringen ... und dann müssen wir nach Anne Vaelta schicken, daß sie hier hilft, so wenig sie auch taugt. – Jörgen, spring 'mal gleich hin,« sprach Ma, die sich ihrer allernotwendigsten Truppen mehr und mehr beraubt sah. Stor-Ola hatte das Pferd des Vogts in den Stall gebracht und stand nun wieder in seiner großen weißen Schürze, die wie ein Chorhemd aussah, vor dem Mörser und stampfte bum, bum, bum. »Seid ihr denn rein aus dem Häuschen? Denkt ihr denn gar nicht ein bißchen nach?« sprach der Hauptmann, der plötzlich hereingestürzt kam. Er dämpfte zwar seine Stimme, war aber um so ärgerlicher. »Warum rollt ihr nicht gleich auch noch ein bißchen? Damit der Vogt es richtig über und unter sich rumpeln hört. Es ist ja so, daß im Zimmer alles wackelt.« Ma machte eine Gebärde der Verzweiflung, und in ihren Augen erschien plötzlich ein düsterer, wilder Ausdruck, der fast wie Auflehnung aussah ... nun fing auch er noch an, sie zum Aeußersten zu treiben ... aber es kam nur zu einem entsagungsvollen: »Nimm deinen Mörser hinaus auf den steinernen Flur des Beischlags, Stor-Ola.« Thinka wurde die Aufsicht über die im Gange befindlichen Arbeiten und die Herrichtung des Abendessens übertragen, so daß Ma drinnen bleiben konnte; allerdings saß sie wie auf Nadeln, und es mußte doch so aussehen, als ob nichts vorginge. Als Ma hereinkam, herrschte anfangs zwischen ihr und dem Vogt aus Anlaß des schweren Verlustes, der ihn betroffen hatte, eine etwas feierliche Stimmung, denn sie war noch nicht mit ihm zusammengetroffen, seit er vor drei Monaten seine Frau begraben hatte. ... Er fühle sich sehr vereinsamt, da er nur eine Schwester, Fräulein Gülke, bei sich habe. Vigo und Baldrian – was eine Verkürzung von Balthasar vorstellen sollte – wären beide auf dem Gymnasium und kämen erst im nächsten Jahre nach Hause, wenn Vigo die Universität bezöge. Der Vogt blinzelte etwas und machte eine traurige Gebärde, als habe er die Absicht, sich über ein Auge zu fahren, aber weiter auch nichts. Er hatte sozusagen an jeder Thürschwelle des ganzen Bezirks Trauervorstellungen gegeben; hier aber war er zu Leuten gekommen, die viel zu vernünftig waren, als daß sie an einem gedeckten Tische einen umständlichen Schmerzensausbruch von ihm erwartet hätten. So entwickelte sich denn eine längere Sitzung von einem Austausch sich steigernder, starker Artigkeiten begleitet, wenn während der Mahlzeit Gelegenheit war, etwas von der Hausfrau zu sehen, oder bei jeder neuen Schüssel, die Thinka dampfend und verlockend unmittelbar aus der Pfanne hereinbrachte ... ein richtiger Schlachteschmaus mit altem schäumenden Flaschenbier, da das neue Weihnachtsgebräu noch zu frisch war; und außerdem ein paar wohlangebrachte Schnäpse. Der Vogt wußte sehr wohl, was im Hause vorging und wie thätig Ma und Thinka waren. Die erwachsene Tochter räumte den Tisch ab und besorgte alles so flink und gemütlich, ohne viel Worte und Aufhebens davon zu machen – und dabei so umsichtig. Ehe sie es selbst recht wußten, saßen sie wieder mit ihren Pfeifen und Toddygläsern auf dem Sofa, und jeder hatte eine frische dampfende Kanne neben sich. Des Vogts Gülke neugierige kleine Aeuglein standen weit voneinander ab; sie konnten in zwei Ecken auf einmal sehen, während sein rundlicher, kahler Schädel dem entgegen glänzte, mit dem er sprach. Er saß hoch aufgerichtet, und seine Blicke folgten wohlgefällig dem blonden, schlanken Mädchen mit der feinen, leuchtenden Haut, das so lautlos und anmutig seinen Geschäften nachging. »Du bist ein glücklicher Mann, Hauptmann,« sprach er mit einem tiefen Seufzer. »Trink' ein bißchen, Vogt,« erwiderte der Hauptmann gutmütig tröstend und stieß mit ihm an. »Ja, du hast gut reden mit deinem Haus voll Behagen ... weiche Kissen rings um dich in allen Ecken und Kanten, so daß du noch welche nach der Stadt abgeben konntest. Aber ich, siehst du,« seine Augen wurden feucht, »ich sitze nun den ganzen Tag auf meiner Amtsstube zwischen Akten. Ich war gewaltig verwöhnt, weißt du ... na ja, wir wollen nicht mehr davon reden. Ich soll wohl für das eine oder das andre, was ich gethan habe, gestraft werden. – Nicht wahr, Fräulein Thinka,« scherzte er, als sie eintrat, »das ist ein böser Vogt, der da so ungelegen mitten in die Schlachterei bei Ihnen hineinfällt? Aber ihr müßt ihm etwas häusliches Behagen leihen, seit es ihm daheim verloren gegangen ist. – Aber da hätte ich beinahe etwas vergessen,« fuhr er eifrig fort und eilte mit der Pfeife im Munde nach seiner Aktentasche, die an einem Stuhle neben der Thür hing. »Ich habe Ihnen hier den zweiten Teil von ›Der letzte der Mohikaner‹ mitgebracht, den Ihnen Bine Scharfenberg schickt ... und ich sollte bitten um ... ja, wie hieß es doch nun gleich? ... aber warten Sie, ich hab's mir aufgeschrieben: ›Eine launenhafte Frau'‹ von Emilie Carlén«.« Er suchte das Buch eifrig hervor und überreichte es ihr, nicht ohne einen gewissen ritterlichen Anstand. »Nun dürfen Sie aber ja nicht vergessen, Fräulein Kathinka, mir morgen das andre Buch zu geben,« fuhr er scherzhaft drohend fort, »oder Sie machen mich da unten bei Bine Scharfenberg rein unglücklich – mit der ist nicht gut auskommen, wissen Sie.« Schon während der Vogt noch sprach, glitten Thinkas Augen gespannt über die ersten Zeilen ... nur um eine Ahnung zu haben, wie es weiter ginge ... und im Augenblick war sie aus ihrem Zimmer wieder da und brachte das ausgelesene Buch von Carlén und den ersten Band der Mohikaner, sauber in Papier eingeschlagen und mit Bindfaden zusammengebunden, mit. »Sie sind pünktlich, wie ein Geschäftsmann, Fräulein Thinka!« scherzte der Vogt, während er das Päckchen mit einer gewissen langsamen Umständlichkeit in der Tasche verwahrte und das junge Mädchen mit seinen kleinen Augen wohlgefällig betrachtete. Ungeachtet sie sich seit früh morgens bei der Schlachterei und andern Arbeiten sehr angestrengt hatte, konnte es Thinka, nachdem sie zu Bett gegangen war, doch nicht unterlassen, einen flüchtigen Blick in das unterhaltende Buch zu werfen. Sie las ein Kapitel, und noch eins, und noch eins, und ihr Vorsatz, nach dem nächsten aufzuhören, wurde immer schwächer. Noch um zwei Uhr nachts lag sie mit dem Leuchter hinter dem Kopfkissen und folgte dem letzten der Mohikaner, dem edlen Unkas, durch alle ihn umdräuenden Verfolgungen und Gefahren. Und da wunderte sich Ma noch, daß so viele der dünnen Talglichte im Winter verbraucht wurden! Ehe der Vogt am nächsten Morgen abreiste, mußte er noch ein kleines warmes Frühstück zu sich nehmen, und dann verabschiedete und bedankte er sich für die behaglichen, heiteren Stunden, die sie ihm bereitet hatten, trotzdem er zu so ungelegener Zeit gekommen war. »O ja, Frau Hauptmann,« er wußte es ganz gut, daß er ungelegen gekommen war – »obwohl Ihnen ja jetzt eine helfende Hand im Haushalte zur Seite steht. ... Ja, Fräulein Thinka, ich habe Sie scharf beobachtet, man hat nicht umsonst Polizeiaugen! ... Unsichtbar, und doch immer gegenwärtig, wie ein stiller Hausgeist ... ist das beste, was man von einer Frau sagen kann,« sprach er lebhaft in schmeichelndem Tone, während er sich den Shawl um den Hals wand und in den Schlitten stieg, freundlich mit den Augen zwinkernd, und mit etwas ins Graue spielenden Bartstoppeln, denn er hatte sich heute nicht rasiert. »Ein gemütlicher Mann, der Vogt! ... Der hat ein Herz im Leibe,« meinte der Hauptmann, als er munter und händereibend aus der Kälte wieder in die Stube kam. Aber nach all den starken Mahlzeiten wahrend der Schlachtezeit wurde der Hauptmann ganz krank. Der Corpsarzt riet ihm, Wasser zu trinken und sich ordentlich Bewegung zu machen – dann und wann ein Glas Toddy werde ihm auch nichts schaden. Und daß Weihnachten gleich hinterher kam, machte den Blutandrang nach dem Kopfe auch nicht besser. Der Vater war niedergedrückt, aber er wollte nicht gern außer der gewöhnlichen Zeit im Frühjahr und Herbst einen Aderlaß anwenden, allein nach einer kleinen, zu Ehren des Gerichtsschreibers Buchholtz gegebenen Abendgesellschaft, an einem Donnerstag, wurde es zu schlimm. Er ging ganz unglücklich umher und erblickte in allen Ecken Verluste, Zurücksetzungen und falsche Rechnungen. Nun half's nichts mehr, nun mußte doch nach dem Kantor Orjseth geschickt werden, denn außer seinen kirchlichen Amtsverrichtungen besorgte dieser den Jugendunterricht und ließ zur Ader. Was er in den beiden ersten Zweigen leistete, soll hier ungesagt bleiben, aber in Hinsicht auf die zuletzt erwähnte Thätigkeit, kann man dreist behaupten, daß er das Blut des ganzen Bezirks in hohem Maße, ja, eimerweise auf dem Gewissen hatte, und nicht zum geringsten Teile das des vollblütigen Hauptmanns, den er nun seit einer Reihe von Jahren regelmäßig angezapft hatte. Die Wirkung war einfach großartig! Auf die schwüle, beklommene Donner- und Unglücksstimmung, die sich in jeder Ecke des Hauses fühlbar gemacht und alle bis auf Paßauf hinab schwer bedrückt hatte, folgte strahlend helles Wetter, Spässe mit Thinka und ganz ausschweifende Pläne, daß die Familie im Sommer hinunterfahren sollte, um sich die großen Exerzierübungen anzusehen. Als sich seine überströmende, lustige Laune bis zu dieser Höhe emporgeschwungen hatte, ergriff Ma entschlossen die Gelegenheit, ihm die Notwendigkeit, Jörgen zur Schule zu schicken, vorzustellen ... auch daß Tante Alette sich erboten hätte, für Kost und Wohnung und noch mancherlei aufzukommen, und die Sache müsse eingerichtet werden. Nun gab es ein Berechnen, ein Hin- und Herreden mit Beweisen und Gegenbeweisen über die geringsten Kleinigkeiten, die zum Unterhalt eines Menschen in der Stadt gehörten. Der Hauptmann vertrat die Ausgaben- und Sollseite in der Form entrüsteter Fragen und Vermutungen über jede Einzelheit, die darauf hinausliefen, daß Ma ihn mit aller Gewalt zu Grunde richten wolle, und Ma verteidigte ebenso hartnäckig und zäh die Seite des »Habens«, indem sie ihm wieder und wieder alle die Posten vorrechnete, die in Abzug zu bringen seien. Und wenn ihr dann bei den ewigen Wiederholungen manchmal etwas wirbelig wurde, so daß sie sich verschnappte, dann kam eine schlimme Zeit für sie, bis es ihr glückte, sich wieder von ihrer Niederlage zu erholen. Der Hauptmann mußte langsam daran gewöhnt werden, bis es so viel Eindruck auf ihn gemacht hatte, daß er selbst anfing zu denken und die Sache vom richtigen Standpunkt aus zu sehen. Wie ein hartnäckiger, unermüdlicher Kreuzer hatte sie das Ziel stets vor Augen und näherte sich ihm unmerklich, aber sicher. »Die baren Auslagen!« Sie waren für Ma ein Geschwür, das bei der leisesten Berührung schmerzt und schließlich aufgeschnitten werden muß. Das Ende vom Lied war wie immer, daß der Hauptmann sich überreden ließ und nun selbst am eifrigsten für die Sache eintrat. Ueberall wurde Jörgen beobachtet, und er mußte oben auf dem Dienstzimmer sitzen, wo sein Vater auf Tod und Leben mit ihm lernte. »Die Geschichte ist so alt, wie die Berge!« trompetete der Hauptmann höhnisch .... »Schwingt man ein Huhn herum, legt es auf den Rücken und zieht einen Kreidestrich vor den Schnabel, dann bleibt es ganz stille liegen, ohne sich zu rühren. Es hält wohl den Strich für einen Strick, der es festhält. Ich habe das sehr häufig versucht – grüß' du sie nur herzlich von mir und schreib' ihr das dabei, Thinka.« »Aber warum erwähnt Inger-Johanna das in ihrem Briefe?« fragte Ma etwas ernst. »Warum? Wegen nichts – nur um etwas zu schreiben.« In dem gestern an die Eltern angekommenen Briefe war einer an Thinka eingeschlossen gewesen, denn Mas bevorstehender Geburtstag gab Veranlassung zu besonderen Verhandlungen zwischen den Schwestern. Und Inger-Johanna hatte die Gelegenheit benutzt, ihr eine kleine Vorlesung zu halten, etwas wie eine Aufmunterung zum Aufstand; sie solle nur treu zu ihrer Flamme im Westen stehen, wenn wirklich noch etwas Feuer darin sei. Das mit dem Huhn und dem Kreidestrich kam aus zweiter Hand, von Grip. Frauenzimmer ließen sich alles Mögliche weis machen und legten sich ganz gutwillig zum Sterben hin, wenn man ihnen einen Kreidestrich vor den Schnabel zöge. »Das könne wohl wahr sein,« meinte Thinka, »aber wenn doch nun alle so dagegen wären und sie einsehe, wie es Vater und Mutter betrüben würde« – sie seufzte und der Hals war ihr wie zugeschnürt – »dann wäre der Kreidestrich wahrlich zu dick, als daß sie etwas dagegen vermöchte.« Inger-Johannas Brief hatte sie ganz trübe gestimmt. Sie fühlte sich so unglücklich, daß sie hätte laut aufschluchzen können, wenn sie jemand ansah. Und Ma that das mehr als einmal während des Tages und bemerkte gewiß, daß sie ganz rote Augen hatte. Während der Nacht las sie »Arwed Gyllenstjerna« von Van der Velde, so daß die Thränen herzhaft flossen. Der Brief der Schwester enthielt auch mancherlei, was ihre eigenen Angelegenheiten betraf und nicht gerade für Vater und Mutter bestimmt war. »... Denn siehst Du, Thinka, wenn man hier alle Bälle mitgemacht hat, wie ich, dann hopst man nicht mehr blind umher mit allen Kerzen in den Augen. Man hat eine Kleinigkeit gelernt, man erwartet etwas auf die eine oder andre Art von der Unterhaltung oder den Leuten. Denn das Ballgeschwätz! Na! ... Ich sage wie Grip, ich habe es satt, satt, satt! Tante ist wohl auch nicht mehr so drauf versessen, daß ich hingehe, obschon manchmal doch noch mehr als ich. »Nun werde ich auch noch für hochmütig, anspruchsvoll und tadelsüchtig und was nicht alles gehalten, bloß, weil ich keine Lust habe, beständig über nichts zu schwatzen. Tante findet jetzt, daß eine gewisse eigenartige Kälte zu meinem ›allzu lebhaften Naturell‹ getreten sei, eine zurückhaltende Ruhe, die Achtung einflößt und reizt – also wohl das erwünschte Richtige, vermutlich etwas, was dem in Puddingsteig eingebackenen Eis der Chinesen gleicht, wovon wir im Bien gelesen haben, weißt du noch?« »Tante hat so viele Einfalle diesen Winter. Nun will sie, daß wir beiden untereinander französisch sprechen! Aber daß sie dem Hauptmann von Rönnow geschrieben hat, ich sei vollkommen darin, war mir eigentlich gar nicht recht. Ich habe keine Lust, ihm als Schulmädchen vorgestellt zu werden, wenn er zurückkommt. Außerdem ist meine Aussprache gar nicht so ›rein‹, wie sie immer sagt. »Ich verstehe sie wirklich manchmal nicht mehr. Wenn jemand Grip in dieser Zeit verteidigen könnte und sollte, dann wäre sie es, aber statt dessen greift sie ihn bei jeder Gelegenheit an.« »Er hat eine freie Sonntagsschule oder Vorträge für jeden, der kommen will, in einem Saale draußen in der Stargade angefangen. Das ist etwas, was, wie Du Dir denken kannst, Aufsehen erregt. Und Tante zuckt die Achseln und sieht voraus, daß er sich in der guten Gesellschaft unmöglich machen werde, obschon sie früher immer die erste war, die sich für ihn interessierte und fand, daß er stets mit etwas Neuem komme. Das ist erbärmlich, wie mir scheint.« Achtes Kapitel. Jürgens Reise mußte so eingerichtet werden, daß sie stattfand, ehe die Schlittenfahrt aufhörte, denn die Tauzeit konnte bis Johannis dauern, und Pferdebeine auf den dann grundlosen Wegen aufs Spiel zu setzen, wäre doch Wahnwitz gewesen. Sollte er nicht eines ganzen Jahres verlustig gehen, dann mußte er bei Zeiten in die Stadt und sich zur Aufnahme in die Schule vorbereiten. Er ging immer in tiefen Gedanken und Grübeleien über alles das umher, was er nun aufgeben mußte: Gewehr, Schlitten, Schneeschuhe, Drehbank, Werkzeuge, die auf und zwischen den Anhöhen aufgestellten Wind- und Wassermühlen, alles das mußte selbstverständlich jemand vermacht werden. Hier kam natürlicherweise Thea in erster Linie in Betracht, und dafür sollte sie alles gut aufbewahren, bis er einmal wieder nach Hause kam. Hätte man ihn gefragt, was er am liebsten werden möchte, würde er geantwortet haben: Drechsler, Müller oder Schmied – das letzte, was in den Kreis seiner Vorstellungen getreten wäre, oder wozu er Trieb oder Neigung gefühlt hätte, wäre wohl die Erhebung in die höheren Regionen der Buchgelehrsamkeit gewesen. Allein Hellas und Latium lagen nun einmal wie ein unabweisbares Geschick in seinem Wege, so daß es nutzlos gewesen wäre, auch nur einen Gedanken an etwas andres zu verschwenden. In den Taschen der neuen Kleider, die aus abgelegten des Hauptmanns hergestellt waren, steckte am Reisetage ein ganzer Pack geheimer Depeschen: erstens, ein vierzehn Seiten langer Brief, den Thinka bei nachtschlafender Zeit unter reichlichen Thränenergüssen an Inger-Iohanna geschrieben und worin sie alle Einzelheiten über Ursprung, Fortgang und hoffnungslose Entwickelung ihrer Liebe zu Ohs geschildert hatte. Sie besaß drei Erinnerungszeichen an ihn: eine kleine Vorstecknadel, ein Eau de Colognefläschchen, das er ihr einmal zu Weihnachten geschenkt und endlich den Brief mit der Haarlocke, den er ihr an dem Morgen gegeben hatte, als er aus der Schreibstube entlassen worden war. Und wenn sie nun auch nicht gegen ihre Eltern handeln, sondern lieber selbst unglücklich werden wollte, so habe sie ihm doch das unverbrüchliche Versprechen gegeben, ihn nie, nie zu vergessen – bis zu ihrem letzten Atemzuge an ihn zu denken. Die zweite Depesche war von Ma an Tante Alette und enthielt – außer einigen ökonomischen Vorschlägen –einen kleinen Wink, Inger-Johanna vorsichtig auszuforschen, wann Hauptmann von Rönnow aus Paris zurückkehre. Ma könne in der letzten Zeit nicht recht klug aus ihr werden. Daß nach Jörgens Abreise eine solche Leere im Hause entstehen würde, hätte der Hauptmann sich nie vorgestellt. Der Junge hatte den Tag auf seine Art ausgefüllt, Veranlassung zu mancherlei Gemütsbewegungen, zu vielen Anstrengungen und auch manchem Aerger gegeben und so viel zu einem gewissen raschen Blutumlauf beigetragen, so daß dem Hauptmann, jetzt, wo er fort war, ein heilsam wirkendes Element fehlte. Jetzt hatte er nichts mehr zum heimlichen Beobachten und Beaufsichtigen, zur Hebung seines Scharfblickes und zu einer gelegentlichen Ueberrumpelung – nur mit der ruhigen, nie zu Tadel Anlaß gebenden Thea konnte er Schule halten. Der Corpsarzt hatte ihm deshalb aus Vorsicht eine blutreinigende und blutverdünnende Löwenzahnkur angeraten. Und als nun der Frühling kam, überall blendendhell und glänzend wie Wasser, mit schmelzenden Schneeflächen und seinen Vortruppen von roten Blumen an den steilen Bergwänden, da war Thinka schon mit dem Tischmesser draußen und stach Löwenzahnwurzeln. Sie waren noch klein, jung und hell, aber sie wurden von Tag zu Tag kräftiger. Der Hauptmann leerte mit militärischer Pünktlichkeit jeden Morgen um sieben seine bestimmte Anzahl von Bechern und stürmte dann hinaus. Heute schlug ihm ein schwerer, rauher, eiskalter, mit Hagel und Schnee vermischter Regenschauer in der Hausthür entgegen und drang weit in den Flur hinein, und die Bergabhänge lagen wieder weiß da. An den letzten Morgen hatte er die Richtung nach den neuangelegten Kartoffeläckern genommen, die jetzt umgepflügt werden sollten, aber in diesem Wetter! ... »Wir müssen die Erdarbeiten aufgeben, Ola!« rief er befehlend in den Hof hinaus. »Es sieht ja gerade so aus, als ob wir die Gäule noch einmal an den Schneepflug spannen müßten.« Dann watete er weiter, denn das war kein Wetter, wo man ruhig an einem Fleck stehen bleiben durfte. Gegen die Fenster der Wohnstube trieb und strömte es in ganzen Schauern und drang hinein, so daß es notwendig war, unaufhörlich aufzuwischen und Tücher auf die Fensterbänke zu legen. Drinnen im trüben Tageslicht standen Ma und Thinka über den Früchten ihrer gemeinsamen Winterarbeit am Webstuhl, einem Stück noch ungebleichten Drells, das sie ausmaßen und berechneten, wie es sich am vorteilhaftesten zu Tischtüchern und Servietten verarbeiten lasse. Plötzlich ging die Thür weit auf und die dicke, nasse, in einen Mantel gehüllte Gestalt des Hauptmanns wurde sichtbar. »Ich habe da unten jemand getroffen, der etwas für dich hatte, Thinka ... in Wachstuch gepackt. Weißt du, von wem das ist?« Thinka ließ den Drell fallen, errötete tief und trat einen Schritt auf ihren Vater zu, verneinte aber gleichzeitig die Frage durch ein entschiedenes Kopfschütteln. »Rejerstadt, der Pfändungsgaul, hatte das bei sich auf einer Reise hier herauf und hatte den Auftrag, es hier abzugeben.« Der Hauptmann hatte unterdes das Paket genauer betrachtet. »Das ist ja das Siegel des Vogts – gebt 'mal die Schere her!« In seinem Eifer nahm er sich nicht einmal die Zeit, abzulegen. »Ein Son–nen–schirm... ein sehr schöner ... neuer ..!« rief Thinka aus und starrte ihn regungslos an, »Nun seh' mir einer den alten ... Schwernöter an! Der Vogt strengt sich ja gewaltig für dich an, Thinka.« »Siehst du denn nicht, hier steht ›Vielliebchen‹ auf dem Zettel,« rief Ma lachend, um ihrer verlegenen Tochter zu Hilfe zu kommen. »Ja, richtig: ich habe ihm ein Vielliebchen abgewonnen... am Neujahrstag, als Vater und ich bei Pastor Horn zu Mittag aßen – nach der Kirche. Ich hatte das rein vergessen,« sprach Thinka tonlos, erhob den Blick halb vom Boden und sah ihre Eltern an. Dann ging sie still hinaus und ließ den Sonnenschirm auf dem Tische liegen. »Hm, es will mir fast scheinen, als könntest du den neuen Drell zu einer Aussteuer nötig haben, Ma,« meinte der Hauptmann händereibend und warf seinen Mantel mit einem gewissen Schwung ab. »Was sagst du zum Vogt als Schwiegersohn hier auf Gilje?« »Thinka ist fortgelaufen, das hast du doch gesehen, Jäger,« antwortete Ma mit leicht bebender Stimme. »Es scheint ihr wohl, als ob es noch nicht sehr lange her sei, seit er seine Frau ins Grab gelegt hat. ... Thinka ist so seelengut und möchte sich so gerne fügen, aber alles hat doch auch seine Grenzen, und man darf nicht zu viel verlangen.« Als sie sich dem Drell wieder zuwandte, lag etwas Hastiges in ihren Bewegungen, das auf einen inneren Aufruhr schließen ließ. »Aber der Vogt, Ma! – Ist denn der etwa keine gute Partie? Ein netter, hübscher Mann in den besten Jahren. Ich weiß ums Leben nicht, was ihr Frauenzimmer eigentlich wollt... und Gitta,« fuhr er mit etwas bewegter Stimme fort, »es sind gewöhnlich die Männer, die in ihrer ersten Ehe am glücklichsten gewesen sind, die sich am schnellsten wieder verheiraten,« – – Mit reißender Schnelligkeit ging es auf Johannis los. Frühlingsgärung erfüllte Luft und Wasser. Die Feldflur lag feucht und naß, Hügel auf, Hügel ab in tiefem Grün, wie eine üppige Weide. Die angeschwollenen Bäche brausten und rauschten in ihren frisch erblühten Ufern; sie schäumten gleichsam über von denselben Lebenskräften und -säften, die die Knospen der Erlen, Weiden und Birken fast mit einem hörbaren Knall aufsprengten und deren Wirkung auch in den kraftvollen, lebendigen Bewegungen, der raschen Sprache und den lebhaft blickenden Augen der Hochlandsbursche zu Tage trat. Im Anfang des Sommers traf auch ein Brief von Inger-Johanna ein, dessen Inhalt den Gedanken des Hauptmanns eine neue Richtung gab: »Christiania, 14. Juni 18 ... Liebe Eltern! »Endlich ein kleiner Augenblick, um an Euch zu schreiben. Hauptmann von Rönnow ist gestern wieder abgereist, und ich habe mich von den ununterbrochenen gesellschaftlichen Anstrengungen während der zwei, drei Wochen seines Hierseins noch nicht erholen können. »Wie schön wird es nach alledem sein, wenn wir nächste Woche nach Tilderöd gehen, denn es fangt schon an, recht heiß und dumpfig in der Stadt zu werden.« »Kein Tag ist vergangen, wo wir nicht in Gesellschaft waren, entweder zum Diner, oder abends, aber die Perle von allem waren doch Tantes eigene kleine Mittagessen, die berühmt sind und bei denen wir fast ausschließlich französisch sprachen. Die Unterhaltung ging so flott; es stehen einem ja da ganz andre Ausdrücke zu Gebote, und die Gedanken jagen einander, noch ehe sie ganz ausgesprochen sind. Rönnow spricht aber auch ein glänzendes Französisch!« »Ein Mann, der sich so zu benehmen versteht wie er, macht einen gewissen vornehmen Eindruck; man fühlt sich in eine Atmosphäre ritterlicher, männlicher Würde erhoben und hört Sporen klirren –ich hätte fast gesagt, musikalisch – man vergißt ganz, daß es Leute gibt, die schwere Tritte haben.« »Wenn ich die plumpen Schmeicheleien, die ich auf den Bällen anhören muß und die mir beinahe wie ein Schlag ins Gesicht klatschen, mit Hauptmann von Rönnows Art und Weise, etwas zu sagen, oder nicht zu sagen, und doch eine Sache klar zu machen, zusammenhalte, dann kann ich nicht in Abrede stellen, daß ich in seiner Nähe das Gefühl eines gewissen unbestimmten Wohlbehagens empfinde. Er behauptete, er habe eine Art Traumgesicht gehabt, während er mir gegenüber am Tische saß. Ich gliche ganz außerordentlich einem Bildnis, das er im Louvre gesehen habe, dem einer Dame mit geschichtlichem Namen und die natürlich schwarzhaarig war, den Nacken hochmütig trug und mit einem Ausdruck vor sich hinlächelte, daß man darunter schreiben könnte: ›Ich warte – und teile Körbe aus – bis der kommt, der mich auf den rechten Platz stellen kann!‹« »Nun, wenn er Freude daran findet, sich etwas Derartiges auszudenken, dann will ich solche Schmeicheleien gern hinnehmen. Es gibt ja Paten und Onkel, die rein vernarrt in ihre Patenkinder oder Nichten sind und sie mit Redensarten und Leckereien verziehen. Ich fürchte, Herr von Rönnow ist ein bißchen vernarrt in mich, denn so verständig und gehalten er sonst auch ist, so wird er doch, wenn von mir die Rede ist, immer etwas überschwenglich, und ich kann ja nicht anders, ich muß ja einsehen, daß das sowohl schmeichelhaft, als auch unterhaltend für mich ist, wenn er immerzu versichert, ich sei gerade wie dazu geschaffen, in einem Hause, wo Damen und Herren der vornehmen Gesellschaft verkehren, die Honneurs zu machen. Er muß eine viel höhere Meinung von mir haben, als ich verdiene, weil er sieht, daß ich wohl ein bißchen aufrichtiger und mehr geradeaus bin, als andre, und es nicht in meiner Natur liegt, mit meiner Meinung hinterm Berge zu halten, selbst in Gesellschaft nicht. »Ja, ja, das ist nun Euer Dank dafür, daß Ihr mich beständig verzogen habt. Auf alle Fälle verkrieche ich mich nicht gleich unter einen Stuhl, sondern versuche solange als möglich sitzen zu bleiben, wo ich sitze. »Aber warum hat sich denn ein solcher Mann nicht verheiratet? Wäre er jünger und ich ein bißchen empfänglicher gewesen, dann hätte er mir gefährlich werden können. Sein Haar ist noch sehr hübsch und schwarz; ein bißchen dünn auf dem Scheitel und mit vieler Sorgfalt gepflegt ist es ja freilich. Aber eins kann ich nicht begreifen: daß die Leute ihr Alter zu verheimlichen suchen ...« Der Hauptmann kratzte sich an der Perücke. »Na, wenn man auf Freiersfüßen geht! Was meinst du, Ma?« Zwei Posttage später kam er mit einem langen Briefe von Tante Alette an Ma nach Hause. Tante Alette stand nicht gerade in hoher Gunst bei ihm, denn erstens war sie ihm »zu belesen und gebildet«, ferner war sie zu »süßlich«, und endlich war sie eine alte Jungfer. Mit entsagungsvoller Miene und über dem Magen gefalteten Händen ließ er sich auf dem Lehnstuhl nieder und bat Ma, ihm das Schriftstück vorzulesen, das er augenscheinlich als ein saures Aktenstück betrachtete: »Meine liebe Gitta! Es ist wahrlich kein leichter Auftrag, sondern ein recht verwickelter und schwieriger, den Du damals auf die Schultern einer alten Jungfer geladen hast – wenn es auch Deine Dich nie im Stiche lassende, treueste Tante Alette ist. Könnten wir nur einmal zusammen sprechen, dann würdest Du alles leicht begreifen: aber nun bleibt mir kein andrer Ausweg, mein Gewissen zu erleichtern, als zu schreiben, bis endlich alles heraus ist, was ich auf dem Herzen habe. »Du weißt ja wohl noch, daß die Stiftsamtmännin nicht gerade eine von meinen Leuten ist, und wenn nicht das gewesen wäre, was Du mir schriebst, als Du Inger-Johanna hierher schicktest, dann hatte ich meine alten Knochen gewißlich nicht aus der Altstadt, wo ich meine paar festen Freundschaften habe, herausgeschleppt, um der Stiftsamtmännin meinen Staatsbesuch zu machen, obgleich sie immer über alle Maßen freundlich gegen mich ist und es wohl auch aufrichtig meint.« »Zuerst und vor allen Dingen muß ich Dir jedoch sagen, daß Inger-Johanna in jeder Beziehung eine Dame ist, aber doch mit mehr Kraft und Saft in sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, und auch mit einem stärkeren Willen begabt, als unsre arme Eleonore! Eins ist sicher: daß sie in mancher Hinsicht Deiner Schwägerin Achtung abnötigt, um nicht zu sagen, sie beherrscht, trotzdem diese sonst für streng und absprechend gilt. Und deshalb muß Deine Schwägerin auch in vielen Dingen ihre Zuflucht zu Schleichwegen nehmen, weil sie einsieht, daß sie ihr Spiel nicht offen vor Inger-Johannas Augen aufdecken darf, und das hat sie meiner festen Ueberzeugung nach gerade in Hinsicht auf den Hauptmann gethan. Er ist diesmal von seiner Pariser Reise ganz bestimmt mit dem Gedanken hierher gekommen, seine Werbung zu Ende zu bringen, nachdem er wie ein kluger Feldherr das Gelände zuerst mit eigenen Augen erkundet hatte. Schon allein die Art und Weise, wie er immer mit ihr verkehrte und ihr aufwartete, hätte einen Blinden überzeugen können.« »Ungeachtet sie auf tausenderlei Weise angegriffen wird, ist der Gegenstand selbst, dem diese Angriffe gelten, die einzige, die nichts zu merken scheint. Sie sitzt unbefangen inmitten der Weihrauchwolken, in Wahrheit beschützt gegen die Schlangenweisheit der Welt durch ihre natürliche Unschuld, über die man sich nicht genug wundern kann, und die alte Tante Alette sagt jetzt auch bewundern, denn das Mädchen hat doch einen ganz ungewöhnlich scharfen Verstand.« »Ganz davon freisprechen, daß all der Weihrauch, womit er und auch Deine Schwägerin sie unaufhörlich umhüllen (und womit ältere und erfahrenere Menschen keine Nachsicht haben, und was sie einem jungen Mädchen nie vergeben), ihr nicht den Kopf etwas verdrehe, will ich sie ja nicht, aber der Schwindel geht nicht in der gewünschten Richtung, nämlich er führt nicht zum Verlieben, sondern nur dazu, ihr Bewußtsein als Dame zu erhöhen, und sie beschränkt sich darauf, in ihm den ritterlichen Kavalier und – ihres Vaters hochgeschätzten Freund zu verehren. »Das ist es, was ihn für diesmal, sozusagen, zurückgeschlagen hat, so daß er unverrichteter Sache wieder abgereist ist, und zwar gewiß auf den Rat Deiner Schwägerin. Wenn meine alten Augen mich nicht täuschen – und ein klein wenig haben wir ja in dieser Welt gesehen und erlebt, sowohl jede für sich, als auch gemeinsam, liebe Gitta! – ist Inger-Johanna noch nicht reif für eine Liebeswerbung, da ihre Eitelkeit und ihr Stolz bisher eine andre Empfindung nicht haben aufkommen lassen ...« Ein tiefes Schnarchen ertönte vom Lehnstuhl, und sie fuhr mit leiserer Stimme fort: »Sie mag wohl danach trachten, und vielleicht ziemlich heiß, in einem feinen Salon zu herrschen, aber sie ist gewiß noch nicht zu der Einsicht gekommen, daß sie dann auch den Herrn nehmen muß, dem besagter Salon gehört. In ihrem offenen Wesen liegt etwas, was den Graben zwischen diesen zwei Fragezeichen für zu breit hält, als daß selbst ein Reiterhauptmann ihn nehmen könnte. Gott segne sie dafür! »Mit der Liebe kommt ein Erwachen, ohne das man nichts von ihrer heiligen Sprache versteht, und wehe denjenigen, die sie zu spät kennen lernen, wenn sie sich schon in sogenannte Pflichtbande haben schlagen lassen! Von unsrer Inger-Johanna glaube ich zuversichtlich, daß die Liebe bei ihr noch nicht erwacht ist – möge ein guter Engel sie beschützen!« »Larifari! So 'ne alte Jungfer!« rief der Hauptmann erwachend. »Weiter ... weiter ... kommt noch mehr?« »Ob der junge Student, der eine Stelle auf der Schreibstube des Stiftsamtmanns hat, in irgend einer Weise diesen Plänen hinderlich werden kann, darüber kann ich weder nach der einen, noch nach der andern Richtung etwas sagen; daß aber die Stiftsamtmännin etwas fürchtet, davon bin ich nach der ganzen Art und Weise, wie sie ihn letzthin behandelt hat, unerschütterlich überzeugt, wenn sie auch viel zu abgefeimt ist, Inger-Johanna auch nur den geringsten Schatten ihrer wahren Beweggründe sehen zu lassen. »Ich habe es ja deutlich gemerkt, als ich am Sonntag, vor ihrer Abreise nach Tilderöd zum Kaffee da war und sie sich durch das Mädchen verleugnen ließ, als er gemeldet wurde; und nachher sprach sie in keineswegs gnädigen Ausdrücken von seinen ›Sonntagsvorlesungen über rabulistische Gedanken‹, wie sie es nannte«. »Ich nehme an, daß das etwas von der Art ist, wofür auch ich in meiner Jugend geschwärmt habe, als ich Rousseaus Emile las, der mich sehr anzog und selbst jetzt noch meine Gedanken teilweise beschäftigen kann. Sie erwähnte als eine seiner Hauptanschauungen, daß er in seiner thörichten Blindheit glaube, die Welt vereinfachen und darin zuerst und vor allem die Erziehung auf einzelne, ganz wenige, natürliche Lehren oder sogenannte Grundsätze zurückführen zu können. Und Du weißt ja, wie wir – aber ich werde zu weitschweifig. Um mich kurz zu fassen: als Inger-Johanna anfing, ihn mit Heftigkeit zu verteidigen, sprach sie von ihm nur noch als dem Sohne des verrückten ›Kadetten von Lurlejken‹, wie er genannt wird, eine der im ganzen Lande wohlbekannten lächerlichen Persönlichkeiten; er aber sei, außer mit seines Vaters verdrehten Ideen, noch mit einer besonderen Fähigkeit ausgerüstet, die gefürchtetste Waffe zu handhaben: die Satire – voilà, das Blendwerk Grip!« »Jugendliche Studentenideen könnten als pikanter Unterhaltungsstoff möglicherweise ganz brauchbar sein, aber von da bis zu seiner thörichten und Aufsehen erregenden Art, sie ohne Achtung vor der Ansicht älterer Leute ausführen zu wollen, sei denn doch ein gewaltiger Schritt; es sei Ueberhebung und verrate etwas Unreifes, Neugenerationsmäßiges, das unter keinen Umständen geduldet werden dürfe.« »Das alles habe ich so weitläufig ausgeführt, um Dir aus den Aeußerungen selbst zu beweisen, daß hier hinlänglich viel Baumwolle in der Leinwand steckt, wie man sagt. Und da ich mein Herzinnerstes ans Tageslicht bringen muß, will ich Dir noch sagen, daß er, Grip, mir so aussieht, wie ein vertrauenswerter, wahrheitsgetreuer junger Mann, der so spricht, wie es seine Natur verlangt, und nicht anders, auch trägt er den schönen Stempel der Wahrheit in seinem Angesicht und ganzen Wesen! Ob er möglicherweise das Wort vergißt: ›Mein Sohn, wenn du in der Welt vorwärts kommen willst, dann lerne, dich zu bücken,‹ weiß ich nicht, aber das wäre ja auch am schlimmsten für ihn selbst und macht ihm keine Schande, das wissen wir. »Mit ihm zu sprechen, war für mich auch eine wahre Erquickung, als ob ich in das Reich der Jugend blickte, und es erweckte mancherlei Gedanken in mir. Die Gelegenheit dazu fand sich, als er mich, die für ihn wohl wenig anziehende alte Jungfer, an zwei Abenden diesen Winter den weiten Weg von Stiftsamtmanns nach der Altstadt begleitete, den ich sonst nur mit Furcht und Zittern mit meinem Mädchen und meiner Laterne zurücklege.« »Ach was! Der thut keiner was!« brummte der Hauptmann schläfrig. Neuntes Kapitel Während des Sommers hatte der Hauptmann sehr viel Dienst gehabt, denn er hatte mit dem Lieutenant das Zeltmagazin und die Waffen- und Ausrüstungsvorräte des Bezirks besichtigt, dann waren die großen Uebungen gekommen und schließlich die Aushebung. An den letzten zwei oder drei Tagen hatte da unten im Gasthause des Hauptortes ein ziemlich lustiges Leben geherrscht, woran der Corpsarzt, Fürsprech Sebelow, der lange Buchholtz, der Untervogt Dorff und die Lieutenants teilgenommen hatten. Aber das Ergebnis war ja insoweit glänzend, als er statt mit seinem Fuchs nun mit einem prächtigen drei- bis vierjährigen Rappen vor dem Wägelchen nach Hause fuhr. Das neue Pferd hatte eine weiße Blässe und weiße Strümpfe und versprach ebensogut zu werden, wie der alte Rappe, wenn ...wenn ... Gerade eben, als das alte Weib sich plötzlich vom Grabenrande erhoben hatte, war im Augen- und Ohrenspiel des Tieres etwas zum Ausdruck gekommen, was es während der drei Aushebungstage sorgfältig verheimlicht hatte. Damals hatte der Hauptmann zur Probe ihm sogar einen Schuß über den Kopf abgefeuert, und es hatte sich nicht gerührt. Das wäre doch wirklich zu niederträchtig – besonders nachdem sowohl der Corpsarzt, als auch Premierlieutenant Dunsack mit ihm ganz einer Meinung über das Tier gewesen waren und er dem Pferdehändler beim Kauftrunk noch fünfundzwanzig Thaler bar zugezahlt hatte. Allein nun trabte er ja wieder ganz ruhig und gesetzt vor dem Wagen dahin. Die kleine Neigung, dann und wann in Galopp zu fallen, lag wohl an einem Mangel der Erziehung oder war jugendlicher Uebermut, der in ihm steckte und bei besserem Einfahren schon verschwinden würde. »Ho-Ho ... holla! Ho-o-o-oa!« Ein besseres Pferd hatte Stor-Ola noch nie an der Seite des Schwarzen im Stalle gehabt! »Du sollst hübsch alt bei mir werden, verstehst du, Jungschwarzer? – Und wenn wir mit dem Staatswagen nach der Stadt zu Inger fahren, dann wirst du mit deinem Onkel zusammengespannt. – Na, na, du Schwei-ne-hund! Schwipp-schwapp, schwipp! Ich will dich lehren und dir deine Ungezogenheiten schon austreiben! Huhla! Brrr!« donnerte er. »Soooo – so!« Unten im Wege vor dem Thore des Bergsethofes stand eine ganze Schar lustiger Leute, die schwatzten, schrieen und tranken. Als sie die wohlbekannte Gestalt des Hauptmanns erblickten, machten sie ihm höflich grüßend Platz. Sie wußten, daß er lange da unten gewesen war, und die jungen Leute, die sich zur Musterung gestellt halten, waren gestern und heute in die umliegenden Höfe zurückgekehrt. »Nicht wahr, Halvor Hejen ... ein hübsches Fohlen?... Vielleicht noch etwas jung.« »Kann sein, Herr Hauptmann! Ein schöner, kräftiger Kerl! Wenn er nicht ein bißchen scheut!« entgegnete der Angeredete. »Was ist denn hier los! – Versteigerung bei Ole Bergset?« »Ja, der Untervogt Bardon hat den Nachlaß in der Stube unter dem Hammer.« »So, so! – Du, Sölfest Staale!« rief er einem jungen Manne blinzelnd zu, »glaubst du etwa, daß Lars Overstadtbräkken die Witwe freien wird? – Du siehst ja aus, als ob dir die Petersilie verhagelt wäre.« Auf den Gesichtern ringsumher erschien eine kaum verhehlte Lustigkeit. Sie wußten, wo der Hauptmann hinauswollte, denn es war ja gerade der Nebenbuhler, den er angeredet hatte. »Gibt's nicht auch eine Kuh zu kaufen, die im Herbst kalben wird?« »Das könnte wohl sein,« meinten sie. »Halt' mir mein Pferd ein bißchen, Halvor, während ich hinaufgehe und mit dem Untervogt darüber spreche.« Oben beim Hause stand alles voll Menschen, und der Hauptmann wurde von einer Gruppe der lärmenden, schwätzenden Leute, Männer und Frauen, Mädchen und Burschen, zwischen denen die Branntweinflasche fleißig umging, begrüßt, bis er das Zimmer erreichte, wo die Versteigerung abgehalten wurde. Da saß Bardon in dem vollgepackten, qualmigen Raume und rief mit seiner wohlbekannten, gewaltigen heiseren Stimme aus, wiederholte die abgegebenen Gebote, drohte mit dem Hammer oder machte einen Witz und drohte dann wieder zum letzten-, allerletztenmal, bis er mit dem rechtsverbindlichen Schlage das Gebot auf der Tischplatte festnagelte. Dem Hauptmann wurde höflich Platz gemacht, wohin er sich auch wandte. »Na, Martin Kvale, du bist wohl nicht recht gescheit, deine Frau zur Versteigerung gehen zu lassen,« sprach er im Vorbeigehen zu einem der reichsten Bauern der Gegend, der eine Jacke mit silbernen Knöpfen trug. Draußen auf dem Vorplatze stand die hübsche Guro Granlien mit einem Schwarme andrer junger Mädchen. »Du, Guro,« rief er und faßte sie unter das Kinn. »Bersvend Vaage ist jetzt vom Exerzieren nach Hause gekommen! Er war immer in Gedanken und wie geistesabwesend, so daß ich ihn beinahe ins Loch hätte stecken müssen ... Du gehst zu bös mit ihm um, Guro!« Er nickte den kichernden Dirnen zu, und als er weiter schritt, sah ihm Guro mit großen, glänzenden Augen nach. Woher wußte er das nun wieder? Der Hauptmann kannte die ganze Gegend inwendig und auswendig, oder »vorwärts und rückwärts«, wie er sich ausdrückte. Er hatte eine ganz unbegreifliche Spürnase für beabsichtigte Hofverkäufe, Verheiratungen, Verlobungen und ähnliches, was die junge Mannschaft betraf, und Guro Granlien war nicht das erste Mädchen, das aus solchem Anlaß die Augen aufriß! Seine fünf Unteroffiziere waren vortreffliche Quellen, aber nicht minder sein eigenes, für diese Dinge allzeit reges Interesse, und wenn er heute den kleinen Abstecher zur Versteigerung machte, so lag die Veranlassung wohl weniger in der Absicht, sich nach einer »trächtigen Kuh« erkundigen zu wollen, als in seinem lebhaften Verlangen, Neuigkeiten einzusammeln und alles zu hören, was während seiner langen Abwesenheit vorgefallen war. Deshalb war es ihm gar nicht unwillkommen, daß die Witwe herauskam und ihn bat, in »die andre Stube« zu treten, wo er, ehe er den Hof wieder verließ, doch einen Tropfen Bier trinken müsse. Neugierig, wie er war, wollte er sie über die Möglichkeit einer zweiten Verheiratung beichten lassen – und hatte denn ja auch die Genugthuung, daß sie ihm nach einer halben Stunde vertraulichen Geplauders den wahren und wirklichen Stand ihrer Gedanken über sich selbst und den Hof anvertraute. In dieser Sache konnte ihn nun niemand mehr hinters Licht führen – die Witwe Bergset wollte »den Witwenstuhl nicht verrücken« und auf »ungeteilter Habe sitzen bleiben«, sich also nicht mit den Kindern auseinandersetzen und – sich nicht wieder verheiraten, aber an die große Glocke brauchte das gerade nicht zu kommen, denn sie wollte umworben werden – natürlich als die beste Partie im Hochlande. Der Hauptmann verstand das nur zu gut, das war das Schlimme. Aber es mußte doch auch noch etwas andres gesprochen werden. »Und der Vogt soll ja auch wieder heiraten wollen,« sprach Randi deshalb im Anschluß an das vorher Gesagte. »So?« »Ja, die Leute behaupten, er wäre jetzt stets und ständig bei Scharfenbergs ... da wird's ja wohl die jüngste Tochter sein.« »Weiß nicht ... adieu, Randi!« Er ging sehr eilig, so daß die Sporen klirrten und der Säbel unter seinem Mantel hin und her schwang, zu seinem Fuhrwerk, ohne sich umzusehen und die ihm geltenden Grüße zu bemerken oder zu erwidern, und als er in sein Wägelchen stieg, drückte er sich mit einer heftigen Bewegung den Tschako fester auf den Kopf. »Danke auch, Halvor, gib mir die Zügel. ...Warte, du ...« Damit versetzte er dem jungen Schwarzen, der ungeduldig geworden war und einige Kapriolen machte, einen Hieb mit der Peitsche, und fort ging's mit straffen Zügeln in vollem Trabe, so daß die Zaunpfähle wie Trommelschlegel an seinen Augen vorüberflogen. An dem stillen, nebligen Herbsttage lief hie und da Vieh auf der Landstraße umher, und besonders ein Schwein erbitterte ihn dadurch, daß es eigensinnig vor dem Wagen hergaloppierte. »Da hast du einen, sieh zu, daß du deine Beine aus dem Wege bringst,« und die Sache endete mit einem sausenden Peitschenhiebe auf den Rücken des Schweines. »Nun sieh mal einer an! Da liegt ein Biest von einer Kuh mitten im Wege,« sprach er bald darauf mit zusammengebissenen Zähnen. »Ja, ja, willst du nicht aufstehen, dann laß es meinetwegen. ... Na, sei so gut ... ich werde so dumm sein, auszuweichen ... fahre drauf los!« Der Aerger hatte vollständig die Oberhand in ihm gewonnen, und er würde gewiß das Rad über den Rücken des Tieres haben gehen lassen, wenn sich dieses nicht noch im letzten Augenblick erhoben hätte – so nahe, daß des Hauptmanns Wägelchen, als es daran vorbeistrich, halb gehoben wurde und sehr nahe daran war umzukippen. »Hm, hm,« murmelte er, etwas zur Besinnung gekommen, als er sich nach dem Gegenstand seiner verunglückten Rache umsah. »So, so ... vorwärts, sage ich, du schwarzer Racker ... glotzest du noch einmal so zurück, dann schlage ich dich in Stücke! ... He, he, he ... renn du und der Teufel! Wart nur, bis wir in die Berge kommen, mein Freundchen, dann wirst du schon klein beigeben.« Schon den ganzen Tag quälte ihn ein gewaltiger » Zimmermann «, aber das war es nicht, was ihn verstimmte, das wußte er ganz genau. Und als er nun nach Hause kam, wo er heute nach seiner langen Abwesenheit mit großer Spannung erwartet wurde, da war sein Angesicht finster. Stor-Ola sah den Hauptmann an und schüttelte treuherzig den Kopf, während er das Fahrzeug von der Treppe fortführte – der Hauptmann war mit dem neuen Gaul gewiß wieder übers Ohr gehauen. »Guten Tag, Ma ... guten Tag!« Er küßte sie hastig. »Ja, ja, mir geht's gut,« sprach er und nahm Mantel und Tschako ab. »Ach, kannst du nicht Marit rufen und den Koffer und Reisesack hinauftragen lassen, damit ich nicht noch länger hier auf der Treppe zu stehen brauche? – Ja, ja – habe eine mühselige Zeit gehabt!« und er entzog sich etwas kühl Thinkas Aufmerksamkeiten. ... »Leg' den Säbel auf die Haken und bring das hier ins Schlafzimmer hinauf.« Er selbst ging zuerst auf sein Dienstzimmer, um sich die eingegangenen Postsachen anzusehen, und dann in den Stall, um sich zu überzeugen, wie Stor-Ola mit dem neuen Schwarzen umging. Daß mit Vater etwas nicht in Ordnung war, lag auf der Hand. Mas Angesicht erschien ängstlich und bekümmert hie und da hinter ihm in einer Thüröffnung, und auch Thinka glitt leise ein und aus, ohne das Schweigen zu brechen. Als er wieder hereinkam, war der Tisch zum Abendessen gedeckt – Häringsalat mit roten Rüben gefärbt, Eier und ein klarer Branntwein und vor allem saure Forellen und das gute Flaschenbier. Der Vater war möglicherweise nicht ganz gefühllos dagegen, aber er blieb wortkarg; selbst durch die sorgsamst ausgedachten Fragen war kaum mehr als eine einsilbige Antwort aus ihm herauszubringen. »Der Vogt soll ja mit Heiratsplänen umgehen, sagt man ... es scheint ziemlich sicher zu sein,« verkündete er endlich als erste erfreuliche Nachricht, die er aus der Welt mit heimbrachte, »mit Scharfenbergs Jüngster.« Tiefes Schweigen trat nach dieser Bemerkung ein, allein, über Thinkas Züge glitt ein Schimmer lebhafter Befriedigung, und sie begann rasch zu essen. Beide Damen fühlten, daß hier der Grund der üblen Laune liege. »Das muß ich sagen, der Mann hat Glück mit seinen Töchtern. ... Bine Herrin auf einem Pfarrhofe, und nun wird Andrea Frau Vogt! ... Da kannst du vielleicht 'mal eine Stelle kriegen, Thinka, wenn du in Bedrängnis kommst ... als Lehrerin oder Stütze der Hausfrau. Sie braucht sich nicht viel ums Haus zu kümmern, nicht mehr, als sie gerade Lust hat, denn der Vogt hat viel Geld.« Thinka sah tief errötend auf ihren Teller. »Ja, ja, Ma! ... So wie man sattelt, so reitet man in dieser Welt.« Weiter wurde nichts gesagt, bis Thinka beim Abräumen des Tisches das Zimmer verließ, als Ma entschuldigend ausrief: »Arme Thinka!« Bei diesen Worten wandte sich der Hauptmann, mit den Daumen in den Aermellöchern der Weste, nach ihr um und sah sie zornig an. »Weißt du, was ich denke? Nachdem sie den Sonnenschirm und eine Aufmerksamkeit nach der andern angenommen, womit er sie den ganzen Sommer überhäuft hat, da hätte sie dem Manne gewiß etwas mehr Dankbarkeit und Entgegenkommen zeigen können, aber sie hat. ... Wäre ich nur zu Hause gewesen, dann hätte es anders kommen sollen,« sprach er, und es begann augenscheinlich ein Gewitter aufzusteigen. »Aber wie mir scheint, habe ich eine Herde Gänse im Hause, und keine erwachsenen Frauenzimmer, die die Augen offen haben. ... Andrea Scharfenberg läßt sich das nicht zweimal bieten, da könnt ihr Gift drauf nehmen, die nicht,« rief er, gerade als Thinka wieder eintrat, so daß sie es hören konnte. Während sie ihn in den nächsten Tagen auf alle Weise umschmeichelte und hätschelte, um ihn ein bißchen helleren Sinnes zu machen, sah Ma ihn dann und wann etwas bedenklich an, und Thinka schlug in ihrer stillen Sorgsamkeit die Augen nieder, wenn er so stöhnte und ächzte. Er entfernte sich nicht weiter vom Hause, als nötig war, um nach dem Jungschwarzen zu sehen. Heute war dieser heiß in einem Hufe, nachdem er frisch beschlagen worden war. Das kam davon, daß der Tölpel von Schmied einen Nagel zu tief eingeschlagen hatte. Der mußte wieder heraus. Der Hauptmann stand schweigend und mit auf der unteren Hälfte der Stallthür aufgestützten Armen an seinem Lieblingsplatz und sah zu, wie Stor-Ola das Hinterbein des Pferdes auf seinen Schenkel stützte und den Nagel mit der Hufzange auszog. Das Tier war gutmütig und zuckte nicht einmal mit dem Beine. »O–o–o–la!« stöhnte plötzlich jemand fast qualvoll, und der Knecht blickte auf. »Kreuzdonnerwetter!« Sinkt dort nicht der Hauptmann langsam nieder, während er versucht, sich an der Stallthür festzuhalten – gerade in den Dünger? Ola sah seinen Herrn einen Augenblick ratlos an und liess das Pferdebein los. Dann ergriff er einen Stalleimer un sprengte ihm Wasser ins Gesicht, bis er bemerkte, daß Leben und Besinnung zurückkehrten. Jetzt hielt er ihm den Eimer an den Mund. »Trinken Sie, Herr Hauptmann, trinken Sie – nur nicht ängstlich. Das kommt von all den Anstrengungen und dem Umherreisen – das ist gerade so, als ob man zu lange Hochzeit gefeiert hätte ...« »Hilf mir auf, Ola! ... So, nun muß ich mich auf dich stützen ... sachte, sachte. ... Ach, das thut gut ... frische Luft!« stöhnte er. »So, nun ist's vorüber, glaube ich ... ja, gewiß ... ganz vollständig vorüber ... aber noch sehr matt. Geh ein Stück hinter mir her, Ola ... der Sicherheit wegen. ... Hm, hm ... das macht sich ja so ziemlich ... ja, ja... das kann schon wahr sein ... unregelmäßiges Leben den ganzen Herbst über. ... So, nun geh hinein und ruf meine Frau. Sag ihr, ich wäre oben im Schlafzimmer ... das geht ja ganz gut mit der Treppe.« Das war kein geringer Schreck! Diesmal war es der Hauptmann, der die Seinen beruhigen wollte und die Sache als eine Kleinigkeit hinstellte, aber Ma schickte doch, ohne ihm etwas zu sagen, einen Boten zum Corpsarzt, und wenn er diesen nicht anträfe, dann sollte er den Bezirksamt bringen. Als der Corpsarzt Rist kam und im Flur Mas ängstliche Meinung gehört hatte, daß Jäger einen Schlaganfall gehabt hätte, hielt er zur Beruhigung des Hauses einen launigen Vortrag. Das Ganze sei eine Frage des Grades. Ein Mensch, der nur so viel trinke, daß er stammle, leide an einer paralytischen Lähmung der Zunge, und von diesem Gesichtspunkte aus sei jeder Mann, den er kenne, ein Schlagflußkranker! Das sei ein bei vollblütigen Leuten nicht so gar seltener Blutandrang nach dem Kopfe gewesen, u. s. w. Jäger selbst hatte den Anfall schon soweit überwunden, daß er abends Toddy verlangte ... allerdings mußte er für ihn selbst äußerst dünn gemacht werden; aber Räubergeschichten aus der Exerzierzeit und von dem neuen Schwarzen wurden unter dichten Rauchwolken und beständiger Erneuerung des dünnen Getränkes bis halb zwei Uhr nachts erzählt. Das Feuer prasselte an einem der folgenden Vormittage im Ofen, während der Hauptmann in seinem Dienstzimmer saß und schrieb, daß die Gänsefeder spritzte. Wie gewöhnlich in dieser Zeit des Jahres war nach seiner langen Abwesenheit ein ganzer Haufe von Rückständen zu erledigen. Theas norwegische Grammatik lag auf dem grünen Tische an der Thür. Sie hatte fertig gelernt und trällerte ein Liedchen, das man draußen auf dem Gange hörte. Da wurden Schritte auf der Treppe laut, und Mas Stimme wies jemand nach oben: »Zum Hauptmann? ... Da hinauf.« Gleich darauf klopfte es an. »Guten Tag! ... Nun?« Es war ein besonderer Bote im Sonntagsputz vom Vogt mit einem Briefe zu eigenen Händen des Herrn Hauptmann Jäger abzugeben. »So? Bekommst du Antwort? – Na, dann geh nur einstweilen hinunter in die Küche und laß dir was zu essen geben ... und einen Schnaps. – Hm, hm!« Der Hauptmann räusperte sich und legte den mit einem Siegel verschlossenen und auf feines Postpapier geschriebenen Brief auf den Pult, während er vorläufig einen Gang durchs Zimmer machte. »Wohl die Verlobungsanzeige ... oder die Einladung zur Hochzeit.« Endlich öffnete er den Brief und las ihn stehend eifrig und flüchtig durch. »Eine gewaltig lange Einleitung! Eins ... zwei ... bis auf die dritte Seite!« Nun kam's. Er schlug mit dem Rücken der Hand, worin er den Brief hielt, in die andre, daß es klatschte, und setzte sich hin. »Ja, ja – ja, ja – ja, ja!« In tiefen Gedanken schnalzte er ein-, zwei-, dreimal mit den Fingern, kratzte sich hinter den Ohren und schob seine Perücke hin und her. »Nein, was man nicht alles erlebt! Was man nicht alles erlebt! ... Und das Gewäsch mit der kleinen Scharfenberg!« Er stürmte zur Thür und riß sie auf, allein er besann sich und schlich auf den Zehen an die Treppe. »Wer ist das da unten im Gange? Du, Thea?« Das kleine, untersetzte, braunäugige Mädchen flog die Treppe hinan. »Bitte Ma, sie solle 'mal zu mir heraufkommen,« sprach er, ihr freundlich zunickend. Thea sah den Vater an und bemerkte, daß etwas Ungewöhnliches an ihm war. Als Ma hereinkam, ging er ihr, den Brief auf den Rücken haltend, entgegen, räusperte sich, und der geziemende Ernst, den die Sachlage erforderte, kam in jeder Miene, jeder Bewegung zum Ausdruck. »Ich habe einen Brief erhalten ... hm, hm ... vom Vogt! ... Da, lies! ... Oder soll ich vorlesen?« Da stand er nun an den Pult gelehnt und trug alle drei Seiten Punkt für Punkt mit großer Geduld vor, bis er zum Kernpunkt kam – dann schwenkte er den Brief in der Luft, daß es rauschte und knatterte, und umarmte Ma stürmisch. »Nun, nun ... was sagst du nun, Ma? – Wir können, wenn wir wollen, bald eine Fahrt hinunter zu unsern Schwiegerkindern machen.« Er rieb sich vergnügt die Hände. »Das war aber eine Ueberraschung ... eine ordentliche. Hm, hm,« fuhr er sich wieder räuspernd fort, »das beste ist, wir lassen Thinka heraufkommen und teilen ihr den Inhalt ... meinst du nicht auch?« »Ja–a–a!« antwortete Ma mit tonloser Stimme, wobei sie sich ab- und der Thür zuwandte – und sie sah nun keinen Rat oder Ausweg mehr für das arme Mädchen. Der Hauptmann ging erregt in seiner Dienststube auf und ab und wartete. Er hatte die erhaben würdige Vatermiene aufgesetzt, die der Bedeutung des Augenblicks entsprach. Aber wo blieb sie denn nur? Das ganze Haus hatten sie schon durchsucht, aber sie war nicht zu finden. Heute wurde der Hauptmann jedoch nicht heftig. »Nun, kommt sie noch nicht?« fragte er ein paarmal ganz milde zur Thür hinaus. Endlich entdeckte Thea sie ganz oben auf dem dunklen Speicher. Dort hatte sie sich, als sie den Boten gesehen und gehört hatte, er käme vom Vogt, in der Ahnung vom Inhalt des Briefes hingeflüchtet und versteckt – und dort saß sie mit tief gesenktem Kopfe, das Gesicht in der Schürze verborgen. Geweint hatte sie nicht, aber es war wie eine plötzliche Angst, ein namenloser Schreck über sie gekommen; sie fühlte einen unwiderstehlichen Drang, sich irgendwo zu verstecken und die Augen zu schließen, damit es völlig dunkel um sie sei und sie nicht zu denken brauche. ... Und als sie nun Thea zu Vater und Mutter, die sie im Dienstzimmer erwarteten, folgte, sah sie fast wie geistig gestört aus. »Thinka,« sprach der Hauptmann, als sie eintrat, »wir haben einen wichtigen Brief bekommen, der deine Zukunft betrifft ... vom Vogt! Nach all seinen Aufmerksamkeiten, die du das ganze Jahr über von ihm angenommen hast, ist es wohl überflüssig, noch besonders zu sagen, worum es sich handelt ... und daß deine Mutter und ich das für das größte Glück halten, das dir in den Schoß fallen konnte ... und uns auch. ... Lies nun den Brief und überleg' dir wohl ... setz' dich doch, liebes Kind!« Thinka las, aber es sah nicht so aus, als ob sie vom Fleck käme; sie schüttelte nur fortwährend stumm den Kopf, ohne es zu wissen. »Du siehst wohl ein, daß er dich nicht um jugendliche Liebesschwärmerei und ähnliches Wischiwaschi bittet. Ob du eine ehrenvolle Stellung bei ihm ausfüllen willst, das fragt er dich ... und ob du versprechen kannst, ihm das Wohlwollen und die Fürsorge entgegenzubringen, die er natürlich von seiner Frau beanspruchen kann.« Eine Antwort war von dem jungen Mädchen nicht zu erlangen, wenn man nicht ein schwaches Stöhnen als solche gelten lassen wollte, und im Gesicht des Hauptmanns stieg ein gewisser feierlicher Ausdruck auf, aber Ma kam ihm mit blitzenden und flammenden Augen zuvor. »Du siehst ja, Jäger, sie ist nicht im stande ... zu denken,« flüsterte sie und fuhr dann lauter fort: »Meinst du nicht auch, Vater, daß es das beste wäre, wenn wir Thinka den Brief nehmen ließen, damit sie sich bis morgen alles überlegen kann? Es war ja eine solche Ueberraschung.« »O, natürlich ... ganz wie Thinka selbst will,« rief er ihnen ziemlich unwirsch nach, als Ma mit ihr hinausging und sie ins Schlafzimmer führte. Dort wurde den ganzen Nachmittag unter dem Federbett geschluchzt. In der Dämmerung ging Ma wieder hinauf und setzte sich zu ihr. »... keinen Ort, wohin man sich wenden kann, siehst du, wenn man nicht ein armes, unversorgtes, überflüssiges Glied der Familie werden will ... nähen, die Augen aus dem Kopfe nähen, bis man zuletzt irgendwo in einer Ecke liegt ... ein so ehrenvoller Antrag würde vielen wie ein großes Glück erscheinen.« »Ohs ... aber Ohs, Mutter!« jammerte Thinka ganz schwach. »Das weiß der liebe Gott, Kind, sähe ich einen andern Ausweg, ich würde ihn dir zeigen, und wenn ich die Finger ins Feuer legen müßte!« Thinka streichelte Mas magere Hände und schluchzte leise in die Kissen. »Vater ist nicht mehr so kräftig ... die vielen Gemütsbewegungen kann er nicht vertragen ... so daß es ziemlich düster aussieht ... ein Anfall, wie der neulich, kann sich wiederholen ...« Als Ma hinausgegangen war, ertönte Seufzer auf Seufzer im Dunkeln. Später am Abend saß Ma wieder oben und hielt ihrer Tochter Haupt am Herzen, damit sie einschlafen sollte, denn sie war so aufgeregt gewesen; und jetzt, wo sie endlich ohne diese nervösen Zuckungen schlief – still und ruhig, das junge blonde Köpfchen regelmäßig atmend in den Kissen – ging Ma leise mit dem Licht hinaus ... das Schlimmste war überstanden! War der Hauptmann schon in zufriedener Stimmung, als er am Fenster des Dienstzimmers stand und Aslak nachsah, der als Eilbote zum Vogt hinunterging und eben im Hofthor verschwunden war, so fühlte er sich in gewisser Weise doppelt ins Reich der Hoffnungen erhoben, als er einen kleinen Brief Inger-Johannas von Tilderöd erhielt. »... Wir sind hier mitten in der Arbeit des Einpackens zur Rückkehr in die Stadt, deshalb wird mein Brief diesmal kurz werden. »Bis zu allerletzt haben wir hier Gäste gehabt. Einsamkeit ist nun einmal nichts, weder für Tante, noch für Onkel, und sie hatten so oft gesagt: ›Willkommen in Tilderöd‹, daß wir den ganzen Sommer über einen längeren Besuch nach dem andern hatten – ganz in aller Ländlichkeit, hieß es immer. Aber ich glaube, keiner ist abgereist, ohne zu fühlen, daß Tante alles stilvoll macht. Trotz aller persönlichen Freiheit für jedermann, bei der Bewirtung sowohl draußen im Gartensaal, als auch auf der Veranda, war und blieb doch stets ein gewisses Etwas über dem Ganzen, das den Gästen einen leichten Zwang, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, auferlegte. Wo Tante zugegen ist, versinkt man nicht leicht in Alltäglichkeit, und sie schmeichelt mir jetzt damit, daß sie sagt, wir teilten uns in die Ehre ihrer Erfolge. »Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich fühle mich jetzt gegenwärtig fast ebenso zu Gesellschaften hingezogen, als früher zu Bällen. Da findet man doch eine ganz andre Verwendung für das bißchen Verstand, das man hat, und es kann ein ganz einflußreicher Wirkungskreis werden; dafür hat mir Tante in diesem Sommer die Augen geöffnet. Wenn man etwas über die geistreichen französischen Salons liest, deren Seele die Frauen waren, dann gewinnt man die Ansicht, daß hier ihr wahres Feld liegt; und in der Welt zu leben und zu wirken, das habe ich gewünscht, seit ich klein war und mich so darüber grämte, daß ich kein Junge war und nichts werden konnte. – »Soweit war ich gekommen, liebe Eltern, als Jungfer Jörgensen mich hinunter in die Gartenlaube zu Tante rief. Die Post vom Amt in der Stadt war eingetroffen, und auf dem Tische lag ein Päckchen mit einem flachen, roten Saffiankästchen und einem Briefe für mich. In dem Kästchen lag ein Goldband, im Haar zu tragen, mit einem gelben Topas, und im Briefe stand bloß: ›Zur Vervollständigung des Gemäldes! Rönnow.‹ »Tante mußte natürlich sofort versuchen, wie der Goldreif mir stehe. Sie machte mir die Haare auf und rief Onkel herein. Rönnows Geschmack sei geradezu claivoyant genial, wenn er mir gelte, rief sie aus. »Ach ja, es kleidet mich ganz gut! »Aber mit dem Brief und all der schwärmerischen Ueberschätzung ist mir doch so, als fühlte ich, wie mich der Goldreif im Nacken drückt. Dankbarkeit ist eine lästige Tugend. »Die Tante macht so viele Pläne für die Geselligkeit des kommenden Winters und freut sich darauf, das Rönnow vielleicht wiederkommt. »Ich für mein Teil muß sagen, ich weiß nicht recht, ich sehe es ungern, und doch auch wieder gern.« Zehntes Kapitel. Je rascher und stiller die Hochzeit vor sich gehe, um so erwünschter sei es ihm, meinte der Vogt. Es sei wichtig, allem Gerede und Geschwätz zuvorzukommen; mit einer vollendeten Thatsache fänden sich die Leute leichter ab. Der dritte Weihnachtstag sei gerade der rechte, allzu großem Aufsehen aus dem Wege zu gehen, und für den Vogt passe es noch ganz besonders, wenn er am Neujahrstage seinen neuen Hausstand beginnen könne. Kathinka war natürlich über jeden dieser Punkte befragt worden, und sie fand regelmäßig alles richtig, was ihr Vater dachte. Die Bestimmung, daß die Hochzeit beschleunigt werden sollte, entsprach vollständig den Wünschen des Hauptmanns; über den andern Punkt, sie in aller Stille zu feiern, war er ja auch mit dem Vogt und Ma einig, aber es lag nun einmal nicht in seiner Natur, daß die ganze Freude gewissermaßen gedämpft, mit einem Tuche vor dem Munde und auf den Zehen einherschleichend vor sich gehen sollte, als ob ein Leichenschmaus auf Gilje abgehalten werde, und nicht eine Hochzeit. Etwas Glanz mußte die Geschichte doch haben, das schuldete er Thinka – und auch sich selbst. Und so kam es denn, daß er kurz vor Weihnachten eine Schlittenfahrt zum Premierlieutenant und zu den Fürsprechern Scharfenberg und Sebelow unternahm, mit denen er noch eine Abrechnung über bei Gelegenheit der beiden letzten Prozesse ausgeführte Kartenberichtigungen vorzunehmen hatte. Wenn dann von dem Gerücht gesprochen wurde, daß seine Tochter und der Vogt in der Kirche aufgeboten worden seien, dann konnte er mit der Frage antworten, ob sie nicht kommen und sich überzeugen wollten. Er werde – im Vertrauen gesagt – nur den Corpsarzt und die allernächsten Verwandten einladen, »aber,« – fuhr er mit einem schlauen Blinzeln fort – »Donnerwetter, du sollst mir willkommen sein – am dritten Weihnachtsfeiertage – nicht am zweiten, auch nicht am vierten, das merk' dir, Freundchen!« Auch für Speisen und ganze Batterieen stärkender Getränke, die zu Hause innerhalb der Wälle aufgestapelt wurden, sorgte er, so daß die Festung klar zum Gefecht war. Am Weihnachtsabend kam ein besonderer Bote mit einem Schlitten voll Pakete an – lauter Geschenke und Ueberraschungen für Thinka. Zunächst und vor allen Dingen seiner verstorbenen Frau warmer Pelzmantel mit Elchhörnchenfell gefüttert und einer Muffe dazu, die von Fräulein Braun unten im Hauptort für Thinka umgeändert worden war, sodann eine goldene Uhr mit Kette, Ohrgehänge und Ringe – alles wie neu vom Goldschmied in der Stadt aufgeputzt, auch ein Wiener Shawl und endlich Eau de Lavande und Handschuhe im Ueberfluß. Im Briefe teilte er seiner geliebten Kathinka mit, daß seine Gedanken nur ihr gehörten, bis er nun binnen kurzem durch ein stärkeres Band mit ihr verknüpft sein werde. Wenn sie erst in ihr neues Heim einträte, werde sie noch vieles andre vorfinden, das möglicherweise nach ihrem Sinne wäre, allein es sei nicht praktisch, das alles nach Gilje zu schicken, nur um es gleich wieder fortzuschaffen Baldrian und Vigo habe er – und er hoffe, sie werde darin mit ihm einverstanden sein – diese Weihnachten nicht nach Hause kommen lassen; sie sollten das Fest diesmal bei seinem Bruder, dem Pfarrer in Holmestrand, verleben. – Noch niemals war in Stor-Olas Zeiten ein solcher Hochzeitsstaat an Pferden und Schlitten auf Gilje gesehen worden. Als sie am dritten Weihnachtstage durch die Berge nach der Filialkirche hinunterfuhren, war das ein Funkeln von Geschirren und Schlittenschellen, und die beiden Schwarzen vor den Breitschlitten glänzten, als ob ihnen Haare und Mähne gewichst worden wären. Unter dem Bärenfell im ersten mit dem Jungschwarzen bespannten Schlitten saß der Hauptmann im Wolfspelz und Thinka in den Kleidern und mit den Schmucksachen der ersten Frau des Vogts; im zweiten, den der alte Rappe zog, kamen Ma und Thea, und Stor-Ola saß hinten auf der Pritsche. An der Kirchenthür standen die Unteroffiziere in Uniform und begrüßten die Ankommenden mit militärischen Ehrenbezeigungen, und drinnen in den Kirchenbänken erhoben sich die Lieutenants Dunsack, Frisack, Knebelsberger und Knobelauch in großer Uniform. Ja, ja, der Vogt sollte merken, daß man hier auch verstand, einer solchen Sache Glanz zu geben! Nach beendeter Trauung ging es heimwärts – und jetzt saß der Hauptmann mit seiner Frau und Thea im ersten und das junge Paar im zweiten Schlitten, und dann kam ein so großes Gefolge, daß des Vogts Wunsch, seine Hochzeit in aller Stille zu feiern, schwerlich als erfüllt angesehen werden konnte. Auf Gilje erwartete sie das festliche Mittagsmahl. Unter den entwickelten Streitkräften des Bataillons vom jüngsten Lieutenant bis hinauf zum Hauptmann war die Tapferkeit beim Angriff auf die Flaschenbatterieen so groß, und die Angreifer dachten so wenig an die Folgen, daß darin für den Vogt eine Mahnung zu weiser Vorsicht lag. Sie alle wollten mit der Braut und dem Bräutigam trinken – wieder und wieder. Der Vogt saß zufrieden und ein wenig vornübergebeugt mit seinem großen, dünn behaarten Schädel über der gewölbten Stirn da und erwog sorgfältig jedes Wort, um nur die witzigsten und für das Ereignis passendsten zu wählen. Solange es aufs Reden ankam, war er unbedingt der Meister, wenn er auch im Corpsarzt einen gefährlichen Nebenbuhler hatte, dessen tiefe satirische Bemerkungen um so bedenklicher wurden, je mehr er trank. Aber bis jetzt richteten sich die kleinen blinzelnden Augen mehr und mehr umnebelt und zärtlich verschleiert ausschließlich auf die Braut. Sie müsse Turmtorte und Weincreme essen – ihm zu Gefallen – er wolle nicht mehr trinken, wenn er es vermeiden könne – ihr zu Gefallen. – »Ich versichere dich, deinetwegen ... nur deinetwegen.« Mit wachsender Lustigkeit wurde das Einhauen auf die verschiedenen Eßwaren und noch mehr die Getränke bis tief in die Nacht fortgesetzt, als ein Teil der Schlitten im Sternenschein und Nordlichtschimmer mit ihrem halb bewußtlosen Inhalt, von nüchternen Pferden gezogen, heimwärts fuhr, während so viele, als das Haus beherbergen konnte, über Nacht blieben, um das Hochzeits- und Weihnachtsfest am nächsten Tage fortzusetzen. – Zu Neujahr war das Haus endlich von den letzten Fremden geräumt, der Vogt und Kathinka in ihrem Heim eingerichtet, und der Hauptmann fuhr mit Thea hinunter, um das Neujahrsfest bei ihnen zu begehen. Ma war völlig erschöpft und mußte es aufgeben mitzufahren. Jetzt, wo das Arbeitsrad zum Stehen gekommen war und sie am Tage nach Neujahr allein zu Hause saß, fühlte sie erst, wie ungeheuer schwer es gewesen war, das alles zu besorgen: die Aussteuer während des ganzen Herbstes und die Wirtschaft vor dem Doppelfest, Hochzeit und Weihnachten, und dann all der Kummer! So war es aber immer gegangen, so weit sie zurückdenken konnte. Es war gerade, wie wenn man einen Strumpf aufriffelte: je länger sie zurückdachte, desto länger wurde der Faden ... bis zu den Zeiten, wo sie die Entdeckung gemacht hatte, daß die Tage, die sie im Wochenbett lag, eine Erholung für sie waren! Aber das war nun schon lange her! Sie saß in der Dämmerstunde in der Sofaecke, halb schlummernd, und hielt das Strickzeug müßig in der Hand. Aslak und ein paar von den Mägden hatten die Erlaubnis erhalten, zum Neujahrstanz hinunter auf den Skrebergshof zu gehen, und außer der alten Torbjörg, die mit dem Gesangbuch in der Küche saß und abwechselnd schlief und sang, war niemand im Hause. Da erklangen Schlittenschellen, und Stor-Ola kam mit dem Breitschlitten und dem alten Rappen zurück, nachdem er den Hauptmann und Thea beim Vogt abgesetzt hatte. Er trat sich auf dem Flur den Schnee ab und schaute zur Thür hinein. Beim Vorbeifahren am Posthause war der Postmeister mit den für den Hauptmann angekommenen Briefen herausgetreten. »Wann seid ihr gestern abend angekommen? Thea hat doch nicht gefroren?« »I, bewahre, wo wird sie gefroren haben! Wir waren zur rechten Zeit zum Abendessen unten. Ich soll auch viele Grüße von der jungen Frau bestellen; sie war in der Dämmerung im Stall und hat den Rappen geklopft und gestreichelt; das war noch einmal wie ein Abschied ...« »Es steckt schon ein Licht in der Stalllaterne,« sprach Ma etwas barsch, indem sie sich erhob, und Stor-Ola verschwand wieder. Draußen stand der alte Rappe mit dem Schlitten noch hinter sich vor der Stallthür und wieherte ungeduldig. »Nun fehlte weiter nichts, als daß du auch den Schlüssel umdrehtest,« brummte Ola, wahrend er abspannte und mit dem Geschirr und den Schlittenschellen über dem Arme das Pferd vor sich in den Stall gehen ließ. »Ja, aber wiehert der Jungschwarze nicht auch? Das war das erste Mal, daß du hier im Stalle anständig guten Tag gesagt hast, weißt du das wohl? – Aber du mußt jetzt ein bißchen warten.« Er striegelte, putzte und rieb den eben Heimgekommenen wie einen bevorzugten Herrn, und das war er auch, denn sie hatten jetzt gerade das neunte Jahr zusammen gedient. Drinnen in der Küche knisterte und knatterte das Holz auf dem Herde und warf einen unruhigen rötlichen Schein auf Mas frischgeputztes Kupfer- und Blechgeschirr an den Wänden, so daß es aussah, wie sagenhafte Schilde und Waffen. Stor-Ola saß nun da und that sich am Abendessen gütlich, Weihnachtskost und Zuthaten: Butter, Brot, Fleisch, Gewürzkuchen und Pökelfleisch, und Torbjörg hatte Befehl erhalten, eine Kanne Dünnbier im Keller für ihn zu zapfen. Ola hatte doch da unten so mancherlei munkeln hören. »Was unsre Thinka ist, die war hinaus in die Küche gegangen, in der Absicht, den Haushalt sofort zu übernehmen. Aber da hatte sie eine getroffen, die die Zügel in den Händen behalten wollte. ... Das alte Fräulein Gülke mochte nichts davon wissen. Sie war ohne weiteres hinauf auf die Amtsstube gerannt, erzählten die Leute, und hatte ihrem Bruder den ganzen Vormittag so viel vorgeredet und vorgeheult, daß er endlich that, was sie verlangte. Und in der Dämmerung sitzt der Vogt mit seiner jungen Frau auf dem Sofa und plaudert so liebreich mit ihr. Beret, das Stubenmädchen, hat gehört, wie er sagte, er wünsche, daß sie es ganz ungeheuer gut haben und nur für ihn leben solle ... so einer! Der alte, graue Esel! Na, wir sehen ja nun, was er voriges Jahr immer hier herumzufahren hatte! ... Und damit,« schloß Ola schmatzend, während er sich ein frisches Butterbrot zurecht machte, »und damit war sie die Unbequemlichkeit los, aber die Herrschaft im Hause auch.» »Ja, siehst du, Stor-Ola, das nützt nun mal nichts, an der Schnur zu zerren, wenn der Kopf in der Schlinge steckt.» In der Stube hatte Ma die von Ola gebrachte Post im Feuerschein vor der Ofenthür besehen. Außer einer Nummer des »Hermoder«, des »Konstitutionellen« und einem Dienstschreiben fand sie einen Brief von Tante Alette. Sie machte Licht und setzte sich hin, um zu lesen. Daß Jäger nicht zu Hause war, konnte in gewisser Weise als ein Glück betrachtet werden, denn mit diesen Sorgen blieb er besser verschont. »Liebe Gitta! »Ich habe den zweiten Weihnachtstag gewählt, um meine Gedanken über Inger-Johanna für Dich niederzuschreiben. Sie hat es jetzt, wie ich nicht leugne, so weit gebracht, mich mehr zu interessieren, als mir lieb ist, aber wenn wir schon um einer unbedeutenden Blume vor dem Fenster willen eine gewisse Spannung fühlen können, wie viel mehr dann um einer Menschenknospe willen, die in ihrer Jugend schwellender Schönheit steht, im Begriffe, aufzubrechen und ihre Lebensblüte zu entfalten. Das ist mehr als ein Roman, das ist des Allwaltenden herrliches Kunstwerk, das an Tiefe, Glanz und grenzenlosem Reichtum alles übertrifft, was sich menschliche Einbildungskraft vorzustellen vermag. »Ja, sie zieht mich an, liebe Gitta, fast so, daß mein altes Herz bei dem Gedanken an den Lebenspfad erzittert, der ihrer warten mag, wenn ihre Erhebung oder ihr Fall von der Verblendung eines kurzen Augenblickes abhängen können. Was die Natur damit meint, daß sie eine Unzahl von lebenden Wesen, in denen Herzen schlagen, zu Grunde und verloren gehen läßt, ob sie nebenbei in ihrem großen Schmelztigel eine Goldprobe damit anstellt, ohne die nichts zu einer vollkommenen Entwickelung gelangen kann ... wer vermag das zu sagen? Wer vermag die Runen der Natur zu entziffern? Meine Hoffnung für Inger-Johanna beruht darin, daß der Gehalt oder die Schwerkraft ihrer eigenen Persönlichkeit, die in ihrer Natur liegen, in der entscheidenden Stunde in die Wagschale fallen werden. »Ich schicke dir dies alles gewissermaßen als einen mir aus dem tiefsten Innern kommenden Herzensseufzer voraus, denn ich fühle mit steigender Angst, wie der Pfad unter ihren Füßen mehr und mehr geglättet wird und wie fein Deine Schwägerin ihr Netz um sie spinnt, nicht mit kleinlichen Mitteln, über die Inger-Johanna hinwegsehen würde, sondern mit tieferliegenden, hochklingenden Lockungen. »Ihr die blendende Aussicht zu öffnen, ihre eigenen persönlichen Eigenschaften und Anlagen zur Geltung zu bringen – was kann wohl eine größere Anziehung für eine so eifrig strebende Natur haben? Man erzählt von den Engländern, daß sie mit einer Art künstlicher, buntschillernder Fliegen fischen, die sie über dem Wasserspiegel schweben lassen, bis der Fisch zuschnappt, und, wie es mir vorkommt, macht es Deine Schwägerin auf nicht minder geschickte Weise, indem sie Inger-Johannas Illusionen beständig nährt. Sie nennt nicht einmal des Betreffenden Namen, damit er gleichsam von selbst in ihr aufdämmere. »Nimm nur einmal die neulich mir gegenüber gleichgültig, aber in Hörweite von ihr hingeworfene Andeutung, daß sich Rönnow sicherlich satt gesehen, als er unter den besten unsrer Damen nach einer Frau Umschau gehalten habe – war das nicht ganz darauf angelegt, ihren – wie soll ich's nennen? – ihren Ehrgeiz oder Wirkungsdrang zu reizen?« »Ich würde diese Bemerkung vielleicht nicht auffällig gefunden haben, wenn ich nicht den Eindruck beobachtet hätte, den sie am richtigen Orte machte: Inger-Johanna wurde sehr zerstreut und war immer in tiefen Gedanken. »Und doch sollte die Frage, ob man sein Herz hingeben könne, ganz einfach und einfältig sein: Empfindest du Liebe? Alles andre dreht sich bloß um – etwas andres. »Das Unselige und Unheilschwangere ist, daß sie sich einbildet, sie könne lieben, die Pflicht zu lieben auf sich nehmen, und daß sie meint, sie könne zu ihrem unerfahrenen Herzen sagen: ›Du sollst nie erwachen!‹ Liebe Gitta! Und wenn es doch erwachte? Zu spät erwachte? ... Bei ihrer starken, gewaltsamen Natur!« »Das ist das, was mich ganz schwindlig macht, wenn ich daran denke, und deshalb mußte ich schreiben. Mit ihr selbst zu sprechen und sie aufzuklären, das wäre ebenso weise, als einem Blinden Farben zeigen zu wollen, es sei denn, daß sie demjenigen, der sie warnte, blind vertraute. Deshalb bist Du es, Gitta, die eingreifen und ihr schreiben muß. ...« Ma ließ den Brief in den Schoß sinken und sah noch bleicher und spitzer aus, als sonst bei Licht. Tante Alette, die prächtige Tante Alette, ihr wurde es leicht, den glücklichen Glauben zu haben, daß alles so sei – nun, wie es eigentlich hätte sein müssen. Sie hatte ihr bescheidenes Erbe, das ihren Lebensunterhalt sicherstellte, so daß sie von niemand abhängig war. ... Aber Mas Züge nahmen einen kalten, abweisenden Ausdruck an ... ohne ihre viertausend ... alt und abgearbeitet, an Jungfer Jörgensens Stelle bei der Stiftsamtmännin würde sie diese Art von Engelsbriefen wohl schwerlich geschrieben haben. Ma las weiter: »Ich muß hier noch einige letzte Bedenken vorbringen, und Du wirst dies vielleicht für einen traurigen Weihnachtsbrief halten. Diesmal handelt es sich um den lieben Jörgen, dem es so schlimm auf der Schule ergehen soll. Daß er überhaupt so weit in der Klasse hat mitkommen können, haben wir dem Studiosus Grip zu verdanken, der mit großer Ausdauer und ohne von einer Entschädigung etwas hören zu wollen, die deutsche und lateinische Grammatik mit ihm durchgeht und ihm so die schwersten Steine des Anstoßes aus dem Wege räumt. »Und wenn ich Dir nun seine Meinung über Jörgen mitteile, dann thue ich das, weil ich kein geringes Vertrauen in ihn habe und sie für begründet halten muß. Er sagt, Jörgen sei keineswegs ein beschränkter Kopf, eher das Gegenteil. Allein er ist nicht für das rein Wissenschaftliche beanlagt, und das sei die Vorbedingung für jeden Erfolg beim Studieren. Desto besser aber sei er für das Praktische begabt. Im Verein mit einem gesunden, klaren Urteil sei er geschickt und erfinderisch, so daß er ein sehr tüchtiger Handwerker oder sogar Ingenieur werden könne. In dieser Richtung werde er sich gewiß auszeichnen, während er nur Mühe, Verdruß und höchst mittelmäßige Leistungen erzielen werde, wenn er sich beim Studieren von Examen zu Examen hinquälen müsse. »Allerdings kann ich mit Studiosus Grips anderm, etwas jugendlich überspanntem Gedanken, Jürgen zu einem Handwerker nach England (oder gar nach den Vereinigten Staaten von Amerika) in die Lehre zu geben, nicht übereinstimmen, weil hier der Handwerker beinahe mit den dienenden Ständen auf eine Stufe gestellt wird und kein geachtetes Dasein führt, wie das in den genannten Ländern der Fall sein soll. »Dem mag nun sein, wie ihm wolle, mir scheint, daß vieles von dem, was er sagt, jedenfalls in ernstliche Erwägung gezogen zu werden verdient. »Ich möchte manchmal an mir selbst zweifeln, ob ich, so alt ich bin, nicht doch noch zu jugendlich empfinde. Mag das nun die Frucht einer inneren Entwickelung sein, oder einfach Anziehung: die Gedanken der Jugend haben aber immer einen erfrischenden und stärkenden Einfluß auf meine Lebenshoffnung. Niemals werde ich mich mit der Behauptung aussöhnen, es sei ein Naturgesetz, daß die Ideale mit fortschreitendem Alter verblassen, schwächer werden und schließlich zerbrechen, wie andre alte Krüge. »Und wenn ich sehe, daß ein junger Mann wie Grip von den sogenannten praktischen Menschen verurteilt wird – soweit ich es verstehe, nicht so sehr wegen seiner Ansichten über die Erziehung selbst, sondern weil er sich ihnen opfert und sie ins Werk setzen will – dann kann ich nicht umhin, ihm meine ganze Teilnahme und Achtung zu schenken. »Jetzt hat er die Rechtswissenschaft aufgegeben und sich aufs Studium der Philologie geworfen, denn, sagt er, hierzulande nützt keine Thätigkeit, wenn sie nicht ein Aushängeschild hat, und er will nun versuchen, sich durch Ablegen eines ausgezeichneten Examens ein echt vergoldetes zu verschaffen, sich in dem unbearbeiteten Erdboden festzubeißen, wie die Zwergbirke oben im Gebirge, und nicht nachzugeben, wenn auch ein ganzer Bergsturz über ihn kommt, wie er sich ausdrückt. »Wenn ich bedenke, daß er viel arbeiten und täglich ein paar Stunden unterrichten muß, nur um leben zu können, dann kann ich nicht anders, ich muß diesen feurigen Mut bewundern, und – ach, leider, gibt es nicht viele, die ebenso denken – ihm innerlich Glück wünschen.« Ma blieb noch lange sitzen und dachte nach. Dann schnitt sie die Seite, die von Jörgen handelte, heraus. Das konnte doch der Mühe wert fein, es Jäger gelegentlich einmal zu zeigen ... obgleich sie in ihrer Herzenseinfalt selbst noch nicht recht wußte, was sie davon denken sollte. Elftes Kapitel. Nun hatte der Winter alles in sein weißes Gewand gehüllt; weiß war es überall von den Fenstern in der Stube bis zum Garten, den Hügeln und den Bergkämmen, weiß, wohin das Auge blickte, bis zum Himmel hinauf, der wie eine halb durchsichtige, matt gefrorene Fensterscheibe das Ganze bedeckte. Es wäre kalt, behauptete der warmblütige Hauptmann, der anfing, sich damit zu unterhalten, daß er umherging und fühlte, wo es zog, und dann lange Papierstreifen mit Salband und Werg darunter über die entdeckten Risse zu kleistern. Aber von der Arbeit lief er manchmal ohne Hut fort, nur mit der Perücke, und schwatzte mit den Leuten im Stalle oder der Scheune, wo gedroschen wurde. Nun waren ja nur noch Ma, Thea und er da, und was Thinka für ihn gewesen war, das begriff niemand, niemand. Schließlich fing er an, darüber nachzugrübeln, ob er Fuchseisen oder Fallen oder Selbstschüsse für Wölfe und Luchse in den Feldern legen sollte. Ma mußte wohl hundertmal am Tage seine Frage beantworten, was sie meine, obgleich sie ebensoviel davon verstand, wie von den Mitteln, den Mond herabzunehmen. »Ja, ja, mach das nur so, lieber Jäger.« »Ja, aber glaubst du denn, daß sich das lohnt? Das ist es, wonach ich frage. Fuchseisen kosten Geld.« »Nun, wenn du welche fängst...« »Ja, wenn...« »... dann hat ein Fuchsfell doch auch seinen Wert ...« »Ob's nicht am Ende besser wäre, ich legte Köder für Luchse und Wölfe?« »Ist das nicht teurer?« »Ja, aber die Felle ... wenn ich welche fange ... das ist es, worauf es ankommt, siehst du.« Und dann ging er nachdenklich zur Thür hinaus ... um nach kurzer Zeit wieder zu einer andern hereinzukommen und ihre Ohren mit denselben Fragen zu quälen. Mas Instinkt sagte ihr, daß sie eigentlich der Gegenstand seines ersten Fanges war. Ließ sie sich verleiten, einen bestimmten Rat zu geben, dann vergaß er sicher nicht, sie die Verantwortlichkeit für den Ausgang fühlen zu lassen ... wenn die Geschichte schief ging. Auch heute hatte er wieder darüber nachgegrübelt und ihre Ansicht wiederholt verlangt, als sie plötzlich dadurch überrascht wurden, daß der Schlitten des Vogts vor der Treppe vorfuhr. Die infolge des Frostes knarrende Gangthür flog auf, von der eifrigen Hand des Hauptmanns geöffnet. »Herein mit dir in die Stube, Vogt!« Hinter seiner Wolfsschur steckte Thinka sorgfältig in Pelze gehüllt. »Ergebenster Diener, mein lieber Schwiegervater und Freund!« Der Vogt war auf einer Dienstreise in die Berge begriffen und bat um Aufnahme für Thinka auf zwei bis drei Tage bis zu seiner Rückkehr. Er würde es nicht vergessen, sie abzuholen. Sodann ersuche er seinen Schwiegervater, ihm für die weitere Reise einen kleineren Schlitten zu leihen, er müsse am Abend ganz oben auf Nordals Vorwerk sein. Thinka befand sich schon in den Händen Theas und der alten Torbjörg, die sich um die Wette bemühten, ihr die Ueberstrümpfe auszuziehen, und es war nicht umsonst, daß Marit im Eifer durch die Thür guckte. »Du mußt jedenfalls eine Kleinigkeit essen und einen Theewasserknecht trinken, während sich dein Pferd verschnauft und der andre Schlitten hergerichtet wird.« Dem Vogt stand nicht viel Zeit zur Verfügung, aber des Familienlebens Sonne schien hier zu milde, als daß er sich nicht eine halbe Stunde abringen lassen möchte – genau nach der Uhr gemessen. »Du hast den Knoten in meinem seidenen Halstuche so fest geknüpft, daß du ihn auch selbst wieder aufbinden mußt,« sprach er zu Thinka, nachdem er einigemal vergeblich einen Anlauf genommen hatte, abzulegen. »Danke, danke, meine liebe Thinka. Sie verwöhnt mich in jeder Weise ... na, du kennst sie ja, Hauptmann. – Ihr könnt sehen, was sie mir schon zu werden anfängt,« wandte er sich mit einem leisen Lächeln an seine Schwiegereltern, während er sich eifrig über die ihm vorgesetzten Speisen hermachte, aber seinen Theewasserknecht wollte er nur von Thinkas Hand zubereitet haben. Als der Vogt nachher warm eingehüllt von seiner jungen Frau an den Schlitten begleitet wurde, stand Thinkas Thee noch unberührt und fast kalt da. Aber jetzt kam Ma auch mit einem frischen, warmen Aufguß in der Kanne, und sie konnten sich nun in Ruhe zusammensetzen und sich des Wiedersehens erfreuen. »Er ist ja so gütig,« dachte Ma, »er hatte gemerkt, daß sich Thinka nach Hause sehnte.« »Der Vogt ist sehr rücksichtsvoll gegen dich, daß er dir schon so bald Gelegenheit gegeben hat, uns wiederzusehen,« sagte sie laut, »Ein prächtiger Mann! Der sucht seinesgleichen!« rief der Hauptmann mit vollem, kräftigem Basse aus, »er trägt dich ja förmlich wie eine Puppe, Thinka!« »Er ist so gütig, als er nur sein kann. ... In der nächsten Woche kommt Jungfer Braun, um ein Atlaskleid für mich abzuändern, das kaum einmal getragen worden ist. Gülke will Staat mit mir machen,« antwortete Thinka. Ihr Ton war so ruhig, daß es Ma nicht leicht wurde, ihre eigentliche Meinung zu ergründen. »Der Mann steht ja auf dem Kopfe für dich und weiß gar nicht, was er alles ersinnen soll.« Aber außer dem Wunsche, seiner jungen Frau Sehnsucht nach der Heimat zu befriedigen, wurde der Vogt möglicherweise auch noch durch eine kleine Rücksicht auf die jüngeren Kräfte unten im Hauptorte bestimmt, sie nicht allein zu Hause zu lassen – Buchholtz und Holm hatten begonnen, sich etwas häufig einzustellen und sich augenscheinlich behaglich zu fühlen, seit eine junge, anziehende Wirtin im Hause war. Am Abend hatte der Hauptmann einmal wieder ein gemütliches Spiel Pikett. Es war, als ob mit Thinka die Behaglichkeit zurückgekehrt sei. Ihr vermittelndes und ausgleichendes Wesen war wieder im Hause, das spürte man innen und außen. Vater kam wieder vormittags zu einem kleinen Frühstück von » Mölje « und Quarkkäse herunter, als sie in der Küche Pökelfleisch und Erbsen kochte, und Ma fand dieses und jenes schon für sie besorgt, und manche gewandte Handreichung leistete ihr Hilfe, ungeachtet Thinka ein Paar Pantoffeln auf Stramin fertig sticken mußte, die Gülke sich gewünscht hatte. Aber damit war es nicht so gefährlich. Sie kam schon weit vorwärts mit ihrem Muster, wenn Vater Mittagsruhe hielt und sie oben bei ihm saß, nachdem sie ihn in Schlaf gelesen hatte. Der Hauptmann fand das so gemütlich, wenn er die Nadel und das bunte Stickgarn in Thinkas Händen sah – keine andre Möglichkeit, als einzuschlafen. Und dann hatte er sie ja kaum drei Tage! Während die Finger über den Stramin flogen, hielt Kathinka ihre einsame Gedankenstunde ab ... Ohs hatte ihr einen Brief geschrieben, nachdem er von ihrer Verheiratung gehört hatte. ... An sie hätte er geglaubt, so daß er hätte sein Leben dafür hingeben können. Und wären auch Jahre vergangen, er würde gearbeitet, sich gemüht und geplagt haben, um ihr einmal wieder nahe zu sein ... wenn dann auch ihre Jugend hinter ihnen läge. Das wäre seine frohe Hoffnung gewesen, daß sie warten und an ihm festhalten werde, selbst durch Bedrängnis und Niedrigkeit. Aber jetzt, wo sie sich für Geld und Gut verkauft hätte, könne er niemand mehr trauen. Er habe nur ein Herz, nicht zwei, aber das Unselige wäre, er wisse sehr wohl, daß auch sie nur eins habe ... »Hm, mir war, als ob du tief geseufzt hättest,« bemerkte der Hauptmann erwachend, »das kommt davon, daß ich auf dem Rücken gelegen habe. ... So, nun wollen wir Kaffee trinken.« Konnte Thinka auch nicht an Ohs schreiben, so wollte sie doch versuchen, ihr Herz Inger-Johanna gegenüber ein wenig zu erleichtern. Sie hatte deren letzten Brief mit nach Hause genommen, um ihn in der ungestörten Zeit daheim zu beantworten, und nun war sie oben im Zimmer und er lag vor ihr. »Inger-Johanna ist glücklich: sie hat nichts andres zu denken,« seufzte sie, während sie las: Und Du, Thinka, solltest Dein Augenmerk ein wenig darauf richten, aus der Stellung, in die Du nun einmal gelangt bist, etwas zu machen, das ist da oben sehr vonnöten, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der gesellschaftliche Verkehr die große Aufgabe hat, die Sitten zu verfeinern und gegen das Rohe zu kämpfen, wie Tante sich ausdrückt. »Ich schreibe dies nicht für nichts und wieder nichts; ich stehe ja, wie Du weißt, inmitten von Verhältnissen, wo mir der Gedanke an die Möglichkeit, daß ich selbst einmal eine solche Stellung einnehmen könnte, nahe liegt. Wenn ich etwas andres sagte, wäre ich nicht aufrichtig. »Und nun muß ich Dir mitteilen, ich sehe so mancherlei und vielerlei, daß ich wohl Lust hätte, zu versuchen, meinen Ansichten Geltung zu verschaffen. Es sollte doch möglich sein, für einen großen Teil der Interessen, die jetzt gleichsam in Acht und Bann gethan sind, Platz zu schaffen. »Im gesellschaftlichen Verkehr muß man Duldsamkeit üben, sagt Tante. Weshalb kann man dann also Ansichten, wie die Grips, nicht ruhig besprechen? Das erste, was ich thäte, wäre, daß ich mich offen zu ihnen bekennte, selbst auf die Gefahr hin, für überspannt zu gelten; bei uns Frauen wird ja so etwas bis jetzt nur für pikant gehalten. Aber diese Ansichten müssen sich durchringen, auch bis in die gute Gesellschaft. »Ich grüble und denke mehr, als Du ahnst; ich fühle, daß ich etwas leisten könnte, siehst Du. »Außerdem flößt mir die Weisheit der Männer bei weitem nicht mehr die unbedingte Achtung ein, wie früher. Eine Frau wie Tante schweigt und zieht an der Schnur, aber Du kannst Dir schwerlich eine Vorstellung machen, wie viele daran tanzen. Sie ist, unter uns gesagt, etwas altmodisch diplomatisch und geziert, so daß es ihr fast ein Genuß ist, etwas unmerklich und auf Umwegen durchzusetzen, was sie ganz gut auf geradem und offenem Wege erreichen könnte. Ich zöge den geraden Weg vor; meine Natur ist nun einmal so. »Und nun noch eine kleine Mahnung, Thinka (o weh, ich fühle, daß ich so spreche, als ob ich in Tantes Haut steckte). Denke stets daran, daß man eine Stube von keinem andern Platze aus beherrschen kann, als vom Sofa aus. Ich weiß, Deine Bescheidenheit ist so groß, daß sie Dir beständig nur einen Stuhl anweisen, aber Du bist keineswegs so dumm, als Du selbst glaubst; Du solltest nur versuchen, Deine Meinung zur Geltung zu bringen. »Wenn ich Grip einmal wieder träfe, dann würde ich ihm zu beweisen suchen, daß auch noch andre Wege nach Rom führen, als mit dem Kopfe gegen die Wand rennen. Ich habe mir auch meine Ansichten gebildet, seit er mich zuletzt mit seiner Verachtung für den gesellschaftlichen Verkehr gehofmeistert und beständig den Ueberlegenen gespielt hat. Aber ich habe den ganzen Winter über nichts mehr von ihm zu sehen gekriegt, als hie und da einen kleinen Schimmer auf der Straße. Er ist wahrscheinlich ganz von sich selbst in Anspruch genommen, und jetzt, wo er sich öffentlich zu seinen Ansichten bekannt hat, an die man nicht rühren kann, ohne einen heftigen Meinungsstreit heraufzubeschwören, kann man ihn nicht mehr gut zu unsern Gesellschaften einladen, sagt Onkel. In ein paar Herrengesellschaften sei er sehr vorlaut gewesen, als ob er zu viel getrunken gehabt hätte, meinte Onkel. Aber ich weiß sehr wohl warum: er muß etwas haben, wenn er erschöpft ankommt und sich gar zu arg langweilt, und bei Dürings ist es fürchterlich ›luftleer!‹« Thinka hatte den Brief durchgelesen, und es war viel darin, was zum Nachdenken anregte. Allein sie war innerlich so mit Ohs beschäftigt – sie wurde nie damit fertig, den Mühlstein zu rollen. Mitte Februar brachte ein eintreffender Brief etwas Abwechslung in die Einförmigkeit des Winters. Der Hauptmann wog ihn in der Hand und besah ihn einigemal, ehe er ihn öffnete ... weißes, glattes Velinpapier ... im Siegel ein ihm bekanntes Wappen. Ja, er war von Rönnow. Seine schöne, geläufige Handschrift mit den Schnörkeln konnte einen an ihn selbst erinnern, wenn seine vornehme Gestalt auf und ab ging und von Zeit zu Zeit eine flotte, schlenkernde Bewegung mit dem Beine machte. »Herrn Hauptmann Jäger!« »Hochverehrter, lieber älterer Kamerad und Freund! Ich will keine langen Umschweife mit einleitenden Auseinandersetzungen über Lebensstellung, Aussichten etc. machen, sondern gleich auf meine Bitte und mein Begehren losgehen. Falls Du meinen Karten aufmerksam gefolgt bist – die aber in der That mehr kamen, wie sie fielen, als wie ich sie spielte – wirst Du nicht überrascht sein, wenn ich Dir sage, daß ich es während der letzten paar Jahre für richtig befunden habe, mich nach einer Hausfrau und Lebensgefährtin umzusehen, die in meine Verhältnisse paßt.« »Allein während all dieses Suchens lebte doch im geheimsten Winkel meines Herzens das Bild eines schwarzhaarigen, dunkeläugigen Mädchens, das ich zuerst an der Seite des Spieltisches an einem Winterabend auf Gilje erblickt habe. Seitdem habe ich wieder und wieder Gelegenheit gehabt, sie zu sehen; ich bin Zeuge gewesen, wie sie sich zu einem stolzen Weibe und einer Dame entwickelt hat, deren überlegene Natur unbestreitbar ist, und sie hat mich mehr und mehr gefesselt.« »Du wirst nicht erwarten, daß ich Dir bei meinen runden sechsundvierzig Jahren mit einer langen Liebesgeschichte aufwarte, obgleich ich auch in dieser Hinsicht ein gut Teil sagen könnte. Daß ich innerlich noch nicht alt bin, habe ich bei dieser Gelegenheit wenigstens deutlich erkannt.« »Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mich nicht mit diesem Begehren an Dich wenden würde, wenn ich nicht zuvor im Laufe einer längeren und näheren Bekanntschaft geprüft hätte, daß auch Deine Tochter entsprechende Gefühle für mich empfinden kann.« »Daß das Ergebnis dieser Prüfung nicht zu meinem Nachteil ausgefallen ist, geht aus ihrer gestern entgegengenommenen, teueren Antwort hervor, worin sie mir ihr Jawort und ihre Einwilligung gibt, bei Dir um sie anzuhalten.« »In der Hoffnung, daß mein aufrichtiges Vorgehen und meine offene Aussprache keiner Mißdeutung ausgesetzt sind, richte ich hiermit die Bitte und Frage an Dich und Deine liebe Gattin, ob Ihr mir Eurer Inger-Johanna Zukunft anvertrauen wollt.« »Was ein Mann thun kann, ihren Lebensweg zu erleichtern und zu ebnen, das, so kann ich auf parole d'honneur geloben, soll ihr nie fehlen. »Ich will nur noch hinzufügen, daß ich, wenn die Allerhöchsten Herrschaften gegen Ende Mai oder Anfang Juni nach Christiania reisen, mich in ihrem Gefolge befinden werde. Dann werde ich sie wiedersehen, nach der all mein Sehnen und Sinnen steht.« »Voll Spannung Deiner geehrten Antwort entgegensehend, Dein hochachtungsvoller, allzeit getreuer Freund Carsten Rönnow.« Nun gab es etwas andres zu bedenken und mit Ma zu besprechen, als Fuchseisen und Selbstschüsse, und aus dem Mittagsschläfchen wurde heute auch nichts. Er stürzte in großer Eile auf den Hof hinaus ... beim Dreschen sollte ein Mann mehr genommen werden ... und der Dünger mußte da weg ... überhaupt mehr Schneid in die Wirtschaft kommen. Als er ins Haus zurückkehrte, setzte er sich aufs Sofa, zündete einen Fidibus an, fuhr aber wieder in die Höhe, während er ihn auf die Pfeife hielt. Er erinnerte sich, daß ein Bote zum Schmied geschickt werden müsse, damit er die Eggen und sonstigen Ackergeräte zum Frühjahr in stand setze. Zwölftes Kapitel In den ersten Tagen des März kam ein Brief von Inger-Johanna: »... Dies kommt so bald nach meinem vorigen, weil ich soeben einen Brief von Rönnow über eine Angelegenheit erhalten habe, worin ich gern wünschte, liebe Eltern, daß Ihr auf meiner Seite stündet, wenn Ihr, wie ich voraussehe, ausführliche und eindringliche Vorstellungen und Gründe in entgegengesetzter Richtung von Tante erhalten werdet. »Rönnow betrachtet es seinem Briefe nach als sicher und abgemacht, daß wir im Sommer, im Juni oder Juli, Hochzeit halten. Tante will, daß sie bei ihnen stattfinden soll, und hofft, daß Ihr, oder jedenfalls Du, lieber Vater, dazu hierherkommt. »Rönnow führt so viele liebenswürdige Umstände an, die dafür sprechen sollen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß Tante in ihrer überströmenden Güte dafür Sorge tragen wird, das durch einen vier Seiten langen Brief voll Gründe noch weiter auszuführen. »Und gegen das alles habe ich nur einen Einwand zu erheben: daß ich damals, als ich meine Einwilligung zu Rönnows Antrag gab, eine solche Hast nicht im mindesten voraussah, die mir gewissermaßen keine Zeit und Luft mehr läßt. »Möglich ist es ja, daß andre dieses Gefühl nicht verstehen werden, und daß es, wie Tante findet, just nicht den Grad von Innigkeit der Empfindung beweist, wie sie Rönnow wohl zu erwarten das Recht habe. Allein auf dies letzte, eigentlich von all dem vielen, was sie anführen kann, das einzige, was eine Antwort verdient, will ich nur entgegnen, daß es unmöglich Rönnows Absicht sein kann, mich in meinen innersten Empfindungen zu kränken, wenn er erst sieht, wie ich darüber fühle. »Nur um einen kurzen Aufschub bitte ich, zum Beispiel bis zum nächsten Winter, denn ich möchte so gern dieses Jahr, wenigstens den Sommer und Herbst, in Ruhe und Frieden verleben. Es gibt doch noch mancherlei zu bedenken, u. a. auch wegen meiner zukünftigen Stellung. Auch die französische Grammatik muß ich im Sommer noch einmal durchnehmen, am liebsten zu Hause und allein; überhaupt muß ich mich noch vorbereiten. Das ist doch nicht nur so, als ob man ein neues seidenes Kleid anzöge. »Ach, könnte ich es doch so einrichten, daß ich den Sommer in Gilje verlebte! Ich habe gestern den ganzen Tag daran denken müssen, wie herrlich es voriges Jahr im Hochland war. »Nein, Tante und ich würden auf die Dauer nicht gütlich miteinander auskommen. Ihre allerinnerste Eigenschaft – mag sie auch noch so sehr in Liebenswürdigkeit und sanfte Redensarten gehüllt sein – ist doch, daß sie tyrannisch ist. Deshalb will sie nun über meine Hochzeit bestimmen und – das empört mich und thut mir so wehe, daß ich keine Worte dafür habe – hat sie in diesen Tagen meinen gütigen (aber just nicht besonders starken, das zu sagen, wäre Sünde) Onkel dazu gebracht, die wenig ritterliche Handlung zu begehen, Grip seine Stellung in der Amtsstube zu kündigen, und das heißt so viel, als ihm die Hälfte dessen zu rauben, was er hier bedarf, um leben und seine Studien fortsetzen zu können, und aus keinem andern Grunde hat sie es gethan, als weil sie seine Ansichten nicht vertragen kann. »Ich habe ihr offen gesagt, was ich davon denke: daß es sowohl herzlos als auch unduldsam sei; denn ich war ganz empört! »Aber weshalb sie ihn zum siebten und letzten so heftig verfolgt – denn bei Tante ist immer alles zum siebten und letzten – das möchte ich wirklich wissen.« Natürlich mußte man auf Inger-Johannas Wünsche, die Hochzeit aufzuschieben, Rücksicht nehmen, und es begann nun ein eifriges Hinundherschreiben. Aber dann kam Rönnows neue Ernennung, und damit fiel die überwiegend praktische Erwägung in die Wagschale, daß er sein Haus zur Umziehzeit im Oktober einrichten mußte. In Gilje war große Hausreinigung oben und unten, innen und außen. Die oberen Zimmer wurden geweißt und alles in stand gesetzt, damit die Neuvermählten, die nach der Hochzeit im Sommer kommen und den ganzen Juli dableiben sollten, würdig aufgenommen werden konnten. Und wenn Inger-Johanna eintraf, sollte ihr eine Ueberraschung bereitet werden: der ganze Hauptmannshof wurde mit Beziehung auf das Armeedepartement mit Mennige glänzend rot gemalt, nur die Fensterrahmen erhielten einen weißen Anstrich. Des Hauptmanns Werktagsrock sah aus wie eine Karte des gestirnten Himmels von all den Flecken, die er bei seinem beständigen Umherlaufen unter der Malerleiter erhalten hatte, wenn er die Arbeit beaufsichtigte – zuerst das Grundieren und nun den zweiten Anstrich, dann kam als Vollendung der dritte und letzte. Ein frischer Frühlingswind wehte, so daß die Wege zusehends trockneten. Ab und zu hatte er ja bei diesen Vorgängen einen kleinen Schwindelanfall gehabt, und er mußte still stehen und sich besinnen, aber das hatte seinen guten Grund darin, daß ihm in diesem Jahre, wo er so viel wohlgenährter geworden war, der Kantor nicht genug Blut abgezapft hatte, und dann trieb er das Ganze wohl etwas zu eifrig, denn er sehnte sich nach seiner Tochter, daß es eine Art hatte. Er sprach nur von Inger-Johanna, ihren Aussichten, und wie Ma gar nicht in Abrede stellen könne, daß er schon gesehen habe, was in dem Mädchen steckte, als es noch ganz klein war. Nur dachte Ma in ihrem stillen Sinne, während er so geräuschvoll und vergnügt umherging, daß er doch magerer und gesünder gewesen sei, damals, als er noch reichlich Aerger gehabt hatte und die Welt schwerer nehmen mußte. Sie hatte ihn in Tante Alettes Bedenken in Hinsicht auf Jürgens Anlage zum Studieren eingeweiht. »Ich habe es in der letzten Zeit nicht lassen können, lieber Jäger, darüber nachzudenken, ob Jürgens wahres Lebensglück nicht Schiffbruch leidet.« »Schiffbruch leidet! Wieso denn? Soll er etwa Schuster werden und vor uns auf den Knieen herumrutschen, um uns, und vielleicht noch andern Leuten, das Maß zu nehmen? Ach was, nein,« er richtete sich im Bewußtsein der Richtigkeit seiner Ueberzeugung hoch auf, »wenn wir die Mittel dazu haben, ihn studieren zu lassen, dann studiert er, und damit Punktum! Mancher, der dümmer ist als er, ist schon Pfarrer und Vogt geworden.« Eines Tages sonderte der Hauptmann eilig einen Brief von Tante Alette aus seinen dienstlichen Postsachen aus und warf ihn Ma zum ruhigen Durchlesen auf den Tisch. Gäbe es etwas Besonderes, könne sie es ihm ja sagen, rief er zurück, während er die Treppe zur Dienststube hinanstieg. Er war doch in der letzten Zeit ein ganzes Teil dicker und kurzatmiger geworden und mußte sich mehr am Geländer festhalten. »Christiania, 1. Mai 18.. Innig geliebte Gitta! Mit einem gewissen wehmütigen, stillen Gefühl schreibe ich diesmal an Dich, ja, ich hätte beinahe Lust, es mit einem noch stärkeren Ausdruck zu bezeichnen. Meinen alten Ohren will es scheinen, als ob ein Jammerschrei darüber emporstiege, daß so viele lichte Hoffnungen das Haupt zur Erde beugen, und ich finde nur den Trost, den ich mir in meinem langen Leben erworben habe, daß nichts geschieht, was nicht durch eine höhere Weisheit gefügt wird. Ich habe bisher versucht, Dir alles, was Inger-Johanna betrifft, so klar vorzustellen, wie ich es selbst sehen konnte, denn ich halte es für am richtigsten, Dir den Kampf nicht zu verheimlichen, den sie augenscheinlich gegen ein Gefühl durchkämpft, aus dessen Macht, wie ich hoffe, sie der glückliche Umstand noch befreien kann, daß es noch keine Zeit gefunden hat, klar zu werden oder in ihr zur Reife zu gelangen. Vorhanden ist es, und es thut weh, aber ich hoffe, es handelt sich mehr um eine Möglichkeit, die noch nicht hinreichend Wurzel geschlagen hat, als um eine Wirklichkeit, um ein lebendes Gewächs, das nicht, ohne ihr innerstes Wesen krank zu machen, unterdrückt oder erstickt werden könnte. »Aber niemals haben listige Berechnungen einen kläglicheren Triumph gefeiert, als da die Stiftsamtmännin ein Gegenmittel im Fernhalten des Betreffenden glaubte gefunden zu haben und ihn schließlich sogar verfolgte, um es ihm unmöglich zu machen, sich hier in der Stadt zu halten. Wenn man in Betracht zieht, daß Inger-Johanna während der Behandlung, die Grip um seiner Ansichten willen erduldet, augenscheinlich Teilnahme für ihn empfunden, ja, sich fast für ihn ereifert hat, dann war die Wirkung doch wohl nicht schwer vorauszusehen. »An einem kalten Frosttage im Anfang des Winters kam Inger-Johanna voller Aufregung hier heraus, denn sie hatte durch Jörgen etwas über seine Verhältnisse gehört. Auf ihre Veranlassung hin hatte Jörgen ihn ja auch gebeten, ihm viermal wöchentlich Nachhilfestunden zu geben. »Mir ging bei dieser Gelegenheit ein Licht über etwas auf, was ich bisher nur geahnt hatte, was aber den scharfen Augen Deiner Schwägerin nicht entgangen war: daß Studiosus Grip, ohne daß sich Inger-Johanna dessen bewußt geworden ist, sie innerlich als eine immer anziehender werdende Persönlichkeit beschäftigt hat. »Das vertuschen zu wollen, kann gar nichts nützen – es ist eine Krisis, die durchgekämpft werden muß, bevor sie schließlich einem andern angehört, wenn ihre Stellung nicht von vornherein ganz falsch werden und sie ihr ganzes Leben daran tragen soll. »Daß die Nachricht von ihrer Verlobung wie eine niederschmetternde Enttäuschung einer (wenn auch nur entfernten) Hoffnung auf den jungen Mann gefallen ist, sehe ich durchaus nicht für unwahrscheinlich an. »Ich werde gewiß nie die zwei jungen, ernsthaften Gesichter vergessen, die sich einen Augenblick gegenüber standen und einander ansahen, als sie sich eines Nachmittags bei mir trafen. Viel gesprochen wurde dabei nicht. »Sie wisse, daß ihm Unrecht geschehen sei, sprach sie leise. »›Möglich, Fräulein,‹ entgegnete er in schneidendem Tone, indem er die Hand auf die Thürklinke legte, ›es platzt ja so manche Seifenblase.‹ »Inger-Johanna blieb mit zu Boden gesenkten Augen vor ihm stehen, als ob in dem Augenblick eine völlige Veränderung mit ihr vorgehe, und vielleicht stieg auch ein gewisses Verständnis für seine Empfindungen in ihr auf. »Seine Entlassung aus der Schreibstube des Stiftsamtmanns war für manche der Häuser, wo er Unterricht gab, eine willkommene Veranlassung, denn sie kündigten ihm wunderbar rasch danach seine Stellung als Lehrer. Ein Mensch mit so auffallenden, vom Gewöhnlichen abweichenden Ansichten wurde schon längst nicht mehr gern gesehen, und nun war ja das gewünschte Beispiel gegeben. »Ich bot ihm aus aufrichtig teilnehmendem Herzen ein Darlehen an, das ihn in stand gesetzt hätte, ein paar Monate in Ruhe zu leben, bis seine Unterrichtsstunden wieder im Gange gewesen wären, aber entweder war er empfindlich und stolz, oder er glaubte, Inger-Johanna habe etwas mit seiner Entlassung zu thun gehabt. »Daß ihn der vollständige Mangel an Mitteln zum Leben zwang, seinen Stolz und Trotz, die freie Sonntagsschule, zu schließen, die in gewissem Maße Gegenstand der gegen ihn gerichteten Angriffe war, ist ihm gewiß ungeheuer nahe gegangen und hat den Becher zum Ueberfließen gebracht. Er gehe ohne Beschäftigung umher und lebe auf Borg in den Schenken und Wirtschaften, wo er bis tief in die Nacht sitze, berichtet Jürgen. »Daß Inger-Johanna so häufig hier außen saß, um die altmodige Stickerei mit Perlen und Goldfaden zu lernen, geschah, wie ich mir immer gedacht habe, weder um ihrer alten Tante, noch um der Sache willen, sondern weil sie von ihm hören wollte. Sie war dabei immer so ruhelos und zerstreut und fuhr in die Höhe, wenn Jürgen abends nach Hause kam und ihn – ach, leider meist vergeblich – gesucht hatte, um seine Arbeitsstunde zu nehmen. »Ach, Gitta! Das bleiche, schmerzzerrissene Antlitz, womit sie eines Abends ausrief: ›Tante ... Tante ... Tante Alette!‹ steht mir immer vor Augen. Es war wie ein lange zurückgedrängter Aufschrei aus gequältem Herzen. »Wo er jetzt wohnt, ist Jörgen nicht im stände, herauszubringen. Vermutlich ist ihm wegen Mangels an Mitteln seine Wohnung gekündigt worden. »Ich berichte dies alles so ausführlich, weil ich hoffe, daß die schwerste Krisis für Inger-Johanna jetzt vorüber ist. Seit dem erwähnten Abend, wo sie sich, wie sie wohl fühlte, vergessen hatte, ist nie wieder ein auf ihn bezügliches Wort über ihre Lippen gekommen; auch hat sie, wie ich bestimmt weiß, nicht mit Jörgen von ihm gesprochen. Sie hat seinen Charakter bisher zu hoch gestellt und nun eine Enttäuschung erfahren.« »Es ist nicht gut, so jung zu sein und so viel Leben in sich zu haben, das leiden kann! Ich sage Dir, es ist gerade wie mit den Zähnen: man bekommt nicht eher Ruhe vor ihnen, als bis sie alle im Tischkasten liegen.« »Nein, alles das ist nichts für Vater,« dachte Ma. Stor-Ola hatte eine Brechstange in der Hand und arbeitete an einem Steine herum, der in die Umfassungsmauer eingefügt werden sollte. Die Erde hatte noch eine hartgefrorene Kruste, obgleich die Sonne schon sehr heiß stach, so daß er sich, jedesmal wenn er sich ausruhte, die Backen mit der Zipfelmütze abtrocknen mußte. Die Unteroffiziere waren einer nach dem andern mit ihrer Löhnung in der Tasche aus dem Dienstzimmer zurückgekommen, und daß die Landwege in niederträchtigem Zustande waren, das bewiesen ihre bespritzten Wagenräder, die so aussahen, als wären sie förmlich in Schlamm getaucht. Er machte sich eben fertig, die Eisenstange wieder anzusetzen, als er mit einemmal inne hielt. Etwas erregte seine Aufmerksamkeit ... ein Kutschwägelchen mit einem Postknecht, der nebenher ging, und einem kleinen gelben, unter dem Bauche ganz mit Kot bespritzten Pferde. Mit Seilen statt der Zügel und zusammengebundenen Deichselarmen arbeitete sich das Fuhrwerk im Zickzack die Höhe von Gilje hinan, zwischendurch häufig Rast machend, damit das Pferd sich verschnaufen konnte. Die Sonne stach tüchtig auf die gefrorene Erde. Ein Postfuhrwerk unten von Drevstadt! Er kannte sowohl das Pferd, als auch den alten Rumpelkasten. Das war es indessen nicht, was seine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nahm, sondern das, was im Wagen saß: ein Frauenzimmer mit Hut und Schleier. Sah er recht? Diese Haltung des Kopfes ... war das nicht ...? Er machte einige langsame, bedächtige Schritte, setzte dann plötzlich zum Sprunge an, und dann ging's mit einem Satz hinunter, daß er in einer mittelhohen Stube die Deckenbalken berührt hätte. »Nein, aber ums Himmels willen, ist das nicht Inger-Johanna selbst!« rief er und stand unversehens beim Pferd. »Was wird der Herr Hauptm...« Als er sie genauer ansah, stieg doch eine Ahnung in ihm auf, daß am Ende nicht alles gut sein möchte. »Und in einem so schlechten Rumpelkasten!« sprach er entrüstet. »Ist das was für unser Fräulein?« »Guten Tag, Stor-Ola. Ist Vater zu Hause – und Mutter? ... Nein, mir geht's nicht besonders, siehst du, aber nun wird's wohl besser werden.« Sie verstummte wieder. Stor-Ola ging neben dem Pferde her und führte es am Zügel, als Inger-Johanna in den Hof fuhr. Da stand ihr Vater unter der Malerleiter und sah beim Geräusch der Räder auf. Jetzt beschattete er seine Augen, als ob er ihnen nicht traue und genauer sehen wolle, und dann war er mit wenigen, raschen Schritten am Wagen. »Inger-Johanna!« Sie schloß ihn tief bewegt in die Arme, und der Hauptmann zog sie ganz erschrocken und verblüfft mit sich in die Hausflur zu Ma, die sprachlos dastand. »Was ist das! Was ist vorgefallen, Inger-Johanna!« brachte sie endlich mühsam heraus. – »Geh einen Augenblick in die Stube, Jäger!« bat sie, denn sie wußte, wie wenig er vertragen konnte. »Laß sie sich zuerst mit mir aussprechen, dann kommen wir zu dir hinein ... es ist gewiß noch nichts Unwiderrufliches geschehen.« »Vater, Ma? – Warum sollte Vater mich nicht verstehen?« »Komm, komm, Kind,« trieb der Hauptmann mit kaum vernehmbarer Stimme. Nun saß sie da drinnen in der Stube auf dem Sofa neben ihrem Vater und ihrer Mutter und erzählte ihnen, wie sie gerungen habe, um sich selbst weis zu machen, daß sie und Rönnow eine gemeinsame Lebensaufgabe hätten. ... Sie habe sich einen ganzen Haufen von Trugbildern geschaffen. ... Aber da war ein Tag gekommen – sie wußte ihn noch ganz genau – da war es, als ob sie sämtlich verlöschten wie ein Licht. Kohlschwarz und leer war es rings um sie geworden, wohin sie auch blickte ... nichts von dem, was sie gedacht, nichts von dem, was sie geglaubt hatte ... es war, als sei sie plötzlich in eine Wüste geschleudert worden ... »Und Tante hielt mich dazu an, daß ich Muster zu meinem Hochzeitskleid wählen sollte! ... Ich glaube, ich wäre blindlings mit geschlossenen Augen hineingegangen ... denn ich dachte an dich, Vater ... und an die ganze Welt da unten, was die sagen würde, wenn ich ohne eine Spur von Grund meine Verlobung rückgängig machte. ... Und dann schien es mir wieder, als ob ja eigentlich alles fest abgemacht wäre. Ich hatte mich ins Wasser geworfen, und ich konnte weiter nichts thun, als sinken, sinken ... ich hatte kein Recht mehr auf etwas andres, als zu ertrinken. Aber ...« »Nun?« ein kurzes, gewitterschwangeres Räuspern; der Hauptmann saß vornübergebeugt mit auf den Knieen aufgestützten Händen auf seinem Platz und starrte den Fußboden an. »... da,« fuhr Inger-Johanna mit leiser Stimme, noch bleicher und mit einer gewaltsamen Anstrengung fort, »... ja, Heimlichkeiten vor dir, Vater, und vor dir, Mutter, können gar nichts helfen, denn ihr würdet mich nicht verstehen ... kam eine Erleuchtung über mich, wie von einem Blitz, und ich erkannte deutlich, daß schon seit einem Jahre, oder auch zweien, alle meine Empfindungen einem andern gehörten.« »Wem?« »Grip,« flüsterte sie. Der Hauptmann hatte geduldig dagesessen und zugehört – ganz geduldig – bis zum letzten Wort. Nun aber flog er in die Höhe und stellte sich vor sie. Er verschränkte die Hände verkehrt und streckte sie ganz fassungslos aus. »Aber du himmlischer Vater!« rief er endlich aus, »Wo hast du denn deinen Kopf? Was denkst du denn eigentlich? ... Du willst doch wohl nicht einen Augenblick einen solchen ... solchen ... Menschen, wie diesen ... Grip mit einem Manne wie Rönnow vergleichen. ... Ich sage dir, Inger-Johanna, dein Vater ist ganz und gar ... du ... du könntest ebensogut aufstehen und mich auf der Stelle totschlagen.« »Hör mich an, Vater,« rief Inger-Johanna, die im selben Augenblick aufgesprungen war und jetzt vor ihm stand. »Haben auch Thinka und die andern sich unterworfen ... mich tritt keiner unter die Füße.« Ma saß da und hörte bedrückt zu, und ihr gewöhnlich schon so scharfes Angesicht sah noch schärfer aus. »Ein solcher Wahnwitz! Bei Nacht und Nebel fort!« Der Hauptmann schlug sich mit der Faust vor die Stirn und lief voll Verzweiflung im Zimmer umher. »Aber jetzt sehe ich alles ein,« sprach er, stehenbleibend und vor sich hin nickend, »du bist verwöhnt worden ... furchtbar verwöhnt ... und nun kommt der Dank ... nur weil ich so viel von dir gehalten habe.« »Die ganze Welt könnte gegen mich sein, Vater! ... ich könnte nur einen Weg gehen ... thun, was ich gethan habe ... an Rönnow schreiben ... ihm eine volle Erklärung geben und das Tante sagen; und ...« sie stützte sich an die Seitenlehne des Sofas und sah mit bitterem Ausdruck vor sich hin, als die Erinnerung an das Erlebte in ihr aufstieg, »Tante hat gethan, was sie konnte, das kann ich euch versichern! ... sie meinte, wie du, Vater, daß es der reine Wahnwitz sei ... sie hält so viel von mir, daß sie sich nicht darum kümmerte, welches Elend daraus für mich hervorgehen würde, wenn nur die Partie zu stände käme. So eitel und jung wie ich wäre, dachte sie, gälte es bloß, Grip herabzusetzen und zu verfolgen, so daß er ohne Mittel und ratlos, ohne Ausweg dastände, wie ein lächerlich gemachter Mann, der sich selbst aufgeben mußte ... ganz wie sein Vater. Das war so leicht zu machen; so allein, wie er seine Sache verfocht ... und so beifällig, wie das, wie sie wußte, überall aufgenommen werden würde! Ein wahres Heldenstück!« Sie stand da, so in sich selbst gefestigt – wenn auch zitternd – und versunken in ihre eigenen Gedanken, mit niedergeschlagenen Augen und finsterer Stirn. Sie war mager und schlanker geworden. »Und nun bin ich mit mehr Leiden heimgekommen, als ich euch aussprechen und erklären kann ... so voll Angst ...« Tiefes Schweigen herrschte, und während alle ängstlich auf das warteten, was nun zunächst kommen werde, begann sich ein wunderliches Gefühl im Herzen des Hauptmanns zu regen. »Willst du ... willst du sagen ... daß wir dich nicht lieb haben ... daß wir dir etwas Böses anthun wollen? Na ja, kann sein, daß ich später das, was du gethan hast, nicht ganz in der Ordnung finde. ... Ich meine: kann sein. ... Aber jetzt sage ich dir, daß wir, wenn du es nun einmal thun mußtest , ... dafür einstehen werden, gerade so, wie du selbst für deine Sache einstehst. Du siehst auf jeden Fall ein. ... Ach, ich glaube, du bist noch kaum dazu gekommen, dich zu setzen, Kind! ... Und schaff doch endlich einmal etwas zu essen herbei, Ma!« Damit eilte er hinaus. Oben auf ihrem Zimmer mußte mancherlei beiseite geschafft werden, damit sie nicht bemerkte, daß es hergerichtet werden sollte. ... Dreizehntes Kapitel. Der Hauptmannshof stand in seinem frischen roten Anstrich den ganzen Sommer oben auf der Bergspitze und schaute auf die Gegend hinaus, für die er eine wahre Zierde geworden war. Aber Stor-Ola wußte gar nicht, wie das war. Seit der Malerei glich der Hauptmann sich selbst nicht mehr; es war nicht der rechte Segen dabei. Einmal übers andre kam er heraus, und dann hatte er vergessen, was er eigentlich wollte, und mußte wieder umkehren. Nicht ein böses Wort kam ihm mehr aus dem Munde. Sah ihm das ähnlich? Auch zur Arbeit trieb er nicht mehr. Der Hauptmann machte sich dieses Jahr solche Sorgen wegen seiner Schwindelanfälle. Beim Umhergehen blieb er beständig stehen, und Inger-Johanna mußte ihn immer auf seinen verschiedenen Gängen begleiten, stehen bleiben, wenn er stand, weiter gehen, wenn er ging. Es war, als ob ihm der Anblick ihrer schlanken Gestalt Stärke gäbe und als ob er das Bedürfnis empfände, sich immer von neuem zu überzeugen, daß sie sich nicht grämte. »Meinst du, es würde ihr Vergnügen machen, zu reiten oder zu fahren?« fragte er Ma draußen in der Speisekammer. »Sie steht da im Garten und pflanzt und gräbt, aber daran ist sie doch gar nicht mehr gewöhnt, siehst du, Ma. ... Mir scheint, als ob sie so ernsthaft aussähe. ... Aber hast du eine Ahnung, was aus ihr werden soll? ... Hu!« stöhnte er. »Ja, ja, das sag mir 'mal.« Er schöpfte sich einen Löffel voll Molke aus der Bütte. »Molke trinken, das verdünnt das Blut und verlängert das Leben, sagt Rist, dann kann sie so lange als möglich Hauptmannstochter hier auf Gilje sein. ... Ich habe mir die Sache überlegt, Ma. Ich werde nächsten Donnerstag nicht zum Geburtstag des Vogts hinunterfahren. ... Thinka kommt ja bald hierher und ... ach, das thut gut, wenn man so durstig ist,« – – An dem erwähnten Donnerstag ging der Hauptmann noch schweigsamer und wortkarger als gewöhnlich umher. Nicht eine Silbe sprach er beim Mittagessen von dem Augenblick an, wo er sich gesetzt hatte, bis er sich wieder erhob und verstimmt die Treppe hinaufstieg, um sein Mittagschläfchen zu halten, wobei er jetzt sitzen mußte und das auch nur ein paar Minuten dauern durfte. Er wußte nicht, ob er die Augen geschlossen hatte oder nicht; es konnte das eine oder das andre sein. »Ich kann mir sehr gut vorstellen,« sprach er, aus der Thür seines Arbeitszimmers tretend, »wie sie jetzt zusammenschwätzen, der Scharfenberg und die andern ... genau so, als ob man Spießruten durch den ganzen Bezirk liefe, wenn man da hinunterfährt.« Ganz in Gedanken versunken stand er vor dem großen Kleiderschranke auf dem Gang, als Inger-Johanna heraufkam. »Suchst du etwas, Vater?« fragte sie. »Deine Schaftstiefel, die du getragen hast, als du noch ganz klein warst.« Für Haushaltsarbeiten hatte sie zwar keine besondere Neigung, aber sie entwickelte einen großen Eifer für das Aeußere. Vorläufig hatte sie Pläne für die Erweiterung des Gartens; es waren neue Beete abgesteckt und umgegraben, und das neue Stück sollte eingezäunt werden, noch ehe Thinka zum Besuch heraufkam. Mit dem Strohhut auf dem Kopfe stand sie vom frühen Morgen an im Garten, denn es brachte ihr Frieden, wenn sie in der frischen Luft arbeiten und die Näherei, wobei sie so viel denken mußte, im Stich lassen konnte. Der Hauptmann empfand in diesem Jahre eine große Scheu vor den Exerzierübungen. Ma hatte mehrmals vorgeschlagen, Rist rufen zu lassen; nun aber beschloß sie, nach einer Besprechung mit Inger-Johanna, Ernst damit zu machen. Der Corpsarzt brachte immer Beruhigung mit sich, wenn er kam. Gewiß sollte er auf die Heide, meinte er, ein kleiner Parademarsch in Reih und Glied nahm das Fett so prächtig weg und brachte das Blut ordentlich in Umlauf, wie es gehen müßte. »Auf dem Exerzierplatz hast du auch nie über Schwindel geklagt, Jäger! Das ist just die richtige Kur für dich, wenn davon die Rede sein soll, daß wir Weihnachten wieder ein Glas Punsch bei dir trinken.« – – Während Gülle seine Dienstreisen machte, kam Thinka zum Besuch nach Hause. Nun gingen die Schwestern wieder zusammen im alten Heim umher und plauderten, wie in vergangenen Tagen, aber keine von ihnen wunderte sich mehr, was da draußen in der Welt vorgehe. Sie wußten das beide nur zu gut! Er fühle sich so behaglich, meinte der Hauptmann, wenn er Thinka mit ihrem Strickzeug und ihrem Roman draußen auf der Treppe oder im Zimmer sitzen sähe. »Sie sieht doch wohl jetzt selbst ein, wie gut sie es hat,« sprach er zu Ma, und das wiederholte er so oft, daß man fast den Eindruck gewann, als fühle er sich innerlich doch nicht so ganz beruhigt über diesen Punkt. Die augenscheinlichen Beweise, die er durch Inger-Johannas Schicksal erhalten, hatten ihm gewissermaßen die Augen so weit geöffnet, daß er wenigstens die Möglichkeit ahnte, eine Frau könne auch bei einer sogenannten guten Partie unglücklich werden. Seine beständige Beruhigung war dann allerdings, daß das nur bei Ausnahmemenschen möglich sei, wie seine Inger-Johanna – sie, mit ihrer über das Gewöhnliche erhabenen Natur und ihrer Unfähigkeit, unter dem Willen andrer zu leben. Aber Durchschnittsmädchen hatten das doch nicht an sich, sich mit ihren Gefühlen und Gedanken in solche Höhen zu verlieren ... und Thinka war ja wie geschaffen, sich nach andern zu richten und sich zu fügen! Und doch lag ihm die Frage wie ein böser Wurm im Magen. »Du, Inger-Johanna,« sprach Thinka draußen auf der Treppe. »Beobachte doch 'mal Vater, wie zusammengesunken er jetzt aussieht, wenn er da am Gartenzaun entlang geht ... und in einem fort vergißt er seine Pfeife, die er nicht halb ausraucht, ehe sie wieder ausgeht.« »Er erscheint dir also sehr verändert,« nahm Inger-Johanna beim abendlichen Gedankenaustausch oben im Schlafzimmer die Unterhaltung wieder auf. »Armer Vater! Es scheint ihm rein unmöglich, darüber hinwegzukommen ... ich war ja zum Paradepferd bestimmt. ... Aber meinst du, daß er jetzt noch einmal so etwas von uns fordern würde?« »Du bist stark, Inger-Johanna! Und was du sagst, ist gewiß richtig. Er ist so sanftmütig geworden,« entgegnete Thinka seufzend, »und das ist es, was mich so rührt,« – Je näher die Zeit heranrückte, um so mehr graute ihm vor den Exerzierübungen, so daß Ma schließlich zu glauben begann, es sei doch kaum rätlich für ihn, sie mitzumachen, da er selbst so wenig Mut und Lust dazu hatte. Er ging tagelang so allein umher, daß er ganz menschenscheu zu werden drohte. Das erste aufrichtige Aufleuchten, das sie seit lange in seinem Angesicht wahrgenommen hatte, erschien dort, als sie ihm den Vorschlag machte, an den Corpsarzt zu schreiben und ihn um ein Krankheitszeugnis zu bitten. Die Sache machte sich ja auch ganz glatt, nachdem sie einmal in Gang gebracht war. Aber es stieg doch trotzdem etwas wie Reue in ihm auf, als die Bewilligung seines Urlaubsgesuches wirklich auf seinem Pulte lag. Aergerlich ging er umher und dachte, wie sie jetzt alle unten zusammen wären. ... Nun schalt natürlich der Hauptmann Vorderthan seine Leute aus ... und der eine oder andre dachte wohl schon daran, daß er vielleicht mit Pension abgehen werde. Aber er wollte ihnen das Vergnügen versalzen und so lange als möglich aushalten, und wenn er das ganze Jahr nichts als Molke trinken müßte. Die sein Gemüt so beschäftigende und beunruhigende Zeit der Exerzierübungen war endlich vorüber, und er hatte sich schon so weit mit Mas Plan einer möglichen Fahrt nach der Bezirkshauptstadt ausgesöhnt, als eine Post mit einem kurzen Briefchen Jörgens eintraf, das sie alle in tiefe Betrübnis versetzte. Er ertrage es nicht mehr, immer als der Letzte in der Klasse dazusitzen, und habe sich auf einem Schiffe verheuert, das nach England gehe. Dort hoffe er Geld genug zu verdienen, um nach Amerika kommen zu können, wo er versuchen wolle, Schmied oder Wagner oder etwas Aehnliches zu werden. Seine lieben Eltern sollten Nachricht haben, wie sich sein Geschick gestalte. »Du, Ma,« sprach der Hauptmann mit tiefer, zitternder Stimme, als er sich endlich ein wenig von der ersten Betäubung erholt hatte, »dieser Grip hat uns viel gekostet ... das ist weiter nichts als die Folgen seiner Lehren.« Es war schon tief im Herbst. Mehrmals war Schnee gekommen und wieder gegangen, und jetzt hatte ihn der Wind von den glatten, gefrorenen Wegen weggefegt. Die Felder und Berge waren weiß, nur hie und da hoben sich die roten und gelben Farbentöne der vertrockneten Blätter der Laubwälder von der Umgebung ab, und der See da unten schien kalt und blau, bereit zu gefrieren. Da rumpelte es auf dem gefrorenen Landwege, so daß es in dem stillen Oktobertage einen Widerhall weckte und die auf den Pfählen der Gartenzäune sitzenden Krähen bei dem herannahenden Geräusche krächzend aufflogen. Es waren die Räder eines Kutschwägelchens, und darin saß mit der langen Fahrpeitsche an der Schulter in Mantel und großen Ueberziehstiefeln der Hauptmann von Gilje. Er war die anderthalb Meilen hinuntergefahren, um mit Bardon Kleven abzurechnen, und der Untervogt hatte ihn nicht wieder aus dem Hause lassen wollen, ohne daß er ein Gläschen Tomlinger Branntwein, einen Tropfen Bier und ein kleines Vesperbrot angenommen hatte. Allein er war doch vorsichtig gewesen, denn abgesehen vom Besuch beim Vogt war dies die einzige Fahrt, die er seit langer Zeit unternommen hatte. Der alte Rappe lief die lange, flache Strecke in seinem gewohnten schwerfälligen, aber ausgiebigen Trab, und die Landstraße zeigte die Spuren, daß er auf allen Stollen scharf beschlagen war. Er wußte, daß der erste Anhalt zum Verschnaufen kam, wenn er die halbe Meile bis zum Fuße des steilen Absatzes der Anhöhe von Gilje zurückgelegt hatte. Vielleicht lag es daran, daß er frisch beschlagen und die Erdschollen so hoch und hart gefroren waren, daß er stolperte. Es war das erste Mal, daß er das that, und er fühlte wohl selbst das Unpassende, denn er fiel in einen schnelleren Trab ... ließ aber bald wieder nach. Die Zügel, das fühlte er, lagen ihm lose und schlaff auf dem Rücken, ihre Biegung wurde stärker und stärker, bis sie ihm tief unter den Schultern hingen. Die Peitsche hielt der Hauptmann wie vorher an die Schulter gelehnt, nur noch etwas schräger. Er hatte angefangen, kalte Schauer zu empfinden, als ob ihm der Frost in den Körper dränge ... und nun fühlte er sich so müde ... einen unwiderstehlichen Drang zu einem Schläfchen. Er sah, wie die Zügel, die Ohren und der Hals des Rappen mit der dicken Mähne vor ihm auf und nieder tanzten und wie der Erdboden unter dem Wagen nach hinten glitt. ... Dann war es, als ob eine Krähe aufflöge und das Licht vor seinen Augen verdunkelte, aber er konnte die Arme nicht bewegen, um sie zu greifen. Und dort standen die Stangen, worauf die Getreidegarben zum Trocknen aufgespießt wurden, so daß sie aussahen wie gekrümmte alte Weiber ... die wollten sich rächen ... sie kamen mit ihren Strohlocken wie die Wichtelmännchen auf ihn los ... und wollten ihn verhindern, die Arme zu erheben ... die Zügel wieder zu ergreifen und nach Gilje zurückzukehren. ... Es wimmelte förmlich von ihnen zwischen Himmel und Erde ... tanzte, drehte sich, leuchtete und verdunkelte sich ... dann war es, als ob ein Rufen ertönte ... oder ein Getöse irgendwo erschallte, und da kam Inger-Joh... Dem Rappen hingen die Zügel jetzt ganz unten an den Vorderbeinen, und es fehlte nur noch wenig, dann trat er drauf. Aus dem ruhigen Trab, zu dem er schließlich gelangt war, fiel er in Schritt ... dann wandte er den Kopf um und blieb mitten im Wege stehen. Die Peitsche hing dem Hauptmann über die Schulter, er saß da, ohne sich zu rühren, den Kopf etwas hintenüber geneigt. Sie befanden sich noch auf der ebenen Strecke, und der Schwarze stand geduldig da und sah nach der Giljer Anhöhe, die in geringer Entfernung vor ihm lag, wandte dann den Kopf wieder ein paarmal um und schaute nach dem Wägelchen. Nun fing er an, den gefrorenen Boden mit einem Hufe zu scharren, stärker und stärker, so daß die Schollen flogen. ... Dann wieherte er. ... Eine Stunde später hörte man gedämpftes Sprechen draußen im Hofe und das Knarren von Wagenrädern, die sich langsam bewegten. Stor-Ola war von dem Manne vom Söreshofe da unten ans Thor gerufen worden, der den Wagen und den Hauptmann im Wege gefunden hatte. ... »Was ist denn vorgefallen?« rief Mas Stimme in der Dunkelheit vom Beischlag her. Draußen vor dem Eingang zum Friedhofe standen acht Tage danach der alte und der junge Rappe vor einem leeren Schlitten. Eine Salve vor und eine nach dem Einschaufeln der Erde verkündeten dem Bezirk, daß der Hauptmann Peter Winnecken Jäger zur ewigen Ruhe bestattet worden war. Vierzehntes Kapitel. Ueber zwanzig Jahre waren dahin gegangen, und die Verhältnisse da unten beim Krämer und Gastwirt hatten sich zeitgemäß umgestaltet, sowohl in Hinsicht auf die Baulichkeiten, als auch auf die Waren. Im Sommer kamen seit einiger Zeit sogar Vergnügungsreisende und zogen thalaufwärts. Der Schnee wurde vom Winde umhergewirbelt und lag jetzt an einem Sonntagnachmittag hoch auf der Treppe, aber in dem kleinen Zimmer hinter dem Laden herrschte ein lustiges Treiben. Er war wieder da, er, der spaßhafte Grip, und saß nun mit dem Ladendiener, dem Knechte des Untervogts und dem Pfändungsgaul zusammen. Laßt ihn nur erst etwas trinken! »Prost, du alter Pfändungsgaul,« ertönte Grips Stimme, »wenn ich an alle die denke, denen du das Fell über die Ohren gezogen hast, ohne etwas vom Braten zu bekommen, dann kann ich ein gewisses Mitgefühl für dich nicht unterdrücken ... wir sind beide geleimte Seelen.« »Ich habe mir allerdings die Gelehrsamkeit und die Kenntnisse nicht zugelegt,« begann der alte Grauhaarige in etwas gereiztem Tone, »aber ich behalte mir ...« »Ja, ja, ›alles Gesetzliche vor‹, das kennen wir schon. Sei deswegen unbesorgt, Rejerstadt! Bedenke nur, daß die Gelehrsamkeit das Meer der Unendlichkeit ist, und einige Tropfen mehr oder weniger machen es weder größer, noch kleiner. Sieh nur ein wenig in die Sternennacht hinaus, dann wird dir eine Ahnung aufgehen, daß der Planet, worauf du in einer winzigen Ecke pfändest, mein Freund, weiter nichts ist als eine Erbse in der Suppe ... Suppe, sag' ich ... ist alles eins. Nicht wahr, Herr ... Herr Simensen?« Er wandte sich an den Ladendiener, der mit seinen kleinen Schweineäuglein sehr überlegen und geschmeichelt lächelte. »Und aus Veranlassung der letzten Erleuchtung müßten wir eine Kleinigkeit zur Verstärkung des Oels auf der Lampe haben, Herr ... wie heißen Sie doch gleich?« Der Pfändungsgaul hatte das erste Getränk bezahlt, eine Schoppenflasche Branntwein. Er empfand von alters her noch eine gewisse ehrerbietige Achtung vor Grip und wußte, daß dieser mal zu den höheren Kreisen gehört hatte und daß er selbst jetzt noch, wenn er wollte, beim Vogt und dem alten Doktor Rist vorsprechen durfte, Leute, die er nie ohne eine Verbesserung seiner äußeren Erscheinung verließ. »Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, Rejerstadt! Wenn wenig im Kopfe steckt, muß man trinken, wenigstens war das in meiner Zeit wahr! Damals herrschte eine große Verwüstung auf diese Weise, siehst du, von wegen des luftleeren Raums. Merkst du was?« »Hi, hi, hi, hi,« kicherte Simensen. »Ja, Sie verstehen, was ich meine, Simensen. Ein gutes Glas Punschextrakt in dieser Kälte – von Eurem hier im Laden, das thäte gut, was? Mir ist im Augenblick der Mammon ausgegangen, aber wenn Sie die Güte haben wollten, es anzuschreiben ...« Simensen wußte natürlich, wo Bartel den Most holt. »Na, denn zu!« rief er. »Wie man schmiert, so fährt man, wissen Sie, mein lieber Simensen ... und ... na, da kommt das göttliche Naß. ... Wollen Sie wissen, weshalb man trinkt?« »Na, das wird wohl nicht so schwer zu erraten sein.« »Nein, nein ... aber vielleicht kann man das doch in eine höhere Beleuchtung stellen, was ein Mann, wie Sie, anzuerkennen nicht unterlassen wird. Sie wissen ja, daß im allgemeinen eine große Abneigung gegen neue Beleuchtungsflüssigkeiten besteht! ... Sehen Sie, Herr!« Er setzte sich zurecht. »Man lebt in einem dünnen Rocke in der Kälte und in beschränkten Verhältnissen ... schämt sich in seine Seele hinein ... fühlt sich von Tag zu Tag als Mensch tiefer sinken. ... Wird gestritten, dann darf man seine Meinung nicht verfechten, sitzt man an einem Tisch, dann wagt man nicht zu reden ... aber nun ... kaum zwei Schnäpse, und eins, zwei, drei, changez, marche , wie die Taschenspieler sagen, die ganze Welt sieht anders aus, alles nur durch zwei Gläser Fusel als Brille, durch die man sieht. Man blinzelt sich selbst an, fühlt sich wieder gesund und kräftig, so wie man dereinst zu werden bestimmt war. Selbstgefühl, Stolz und Derbheit kehren zurück, die Rede fällt leicht von den Lippen, die Gedanken glänzen, die Menschen bewundern. ... Die zwei Gläser ... nur die zwei Gläser – ich weise übrigens ein drittes, viertes, fünftes oder sechstes keineswegs zurück, Prost! – machen den gewaltigen Unterschied, – Sie wissen doch, was für ein Unterschied zwischen einem gesunden und einem kranken Menschen ist, Simensen? – Während der Mann, den die Welt tot schlug ... na, ja ... aber die zwei Gläser führen ihn immer weiter ... unerbittlich weiter, sehen Sie ... bis er auf dem Armenhof endet. ... Das war ein etwas schwieriger Vernunftschluß, wie?« »Ja, das war es allerdings,« rief Simensen, dem Pfändungsgaul zublinzelnd, »der hat eine halbe Flasche gekostet.« Grip saß auf seinem Stuhle und murmelte etwas vor sich hin. ... Die starken Getränke begannen augenscheinlich mehr und mehr auf ihn zu wirken. Er war den ganzen Tag in der Kälte gewandert ... seine Stiefel waren durchnäßt und zerrissen, aber er trank trotzdem, und er war es fast allein, der die Flasche mit Punschextrakt geleert hatte. »Na, na, werden Sie nur nicht langweilig, sonst gibt's nichts mehr,« brummte Simensen. »Nein, nein ... nein, nein. Meinen Sie noch mehr Vernunftschlüsse ... etwas, was auch Rejerstadt versteht?« Er schüttelte das schwere Haupt in stiller, dumpfer Selbstbetrachtung. »... Habe da ein bleiches, abgemagertes Kind getroffen, das ging da unten umher und weinte so übermäßig hilflos ... weißt du, Rejerstadt ... wenn einer einmal Ohren für Musik hat und hat dann nicht einen Strom von Thränen zur Verfügung ... na, dann trinkt man, trinkt ... her mit der Flasche!« »Am besten wäre es, ihn jetzt zu Bett zu bringen, drüben in der Bauernstube,« meinte Simensen. »Vielleicht ist das Schwein voll!« stammelte Grip. Am Montag morgen, ehe der Tag graute, war er wieder verschwunden, ohne etwas zu sich genommen zu haben, denn früh morgens, ehe er den ersten Schluck getrunken hatte, der sein Zittern beseitigte, war er menschenscheu. Grip befolgte seine eigene Taktik. Er war hier im südlichen Teile des Landes ziemlich allgemein bekannt. Wie er seine Anfälle hatte, wo er trank und umherstrich, so hatte er auch Zeiten, wo er ganz nüchtern in der Hauptstadt lebte, arbeitete und Stunden gab, und dann erregte er wieder und wieder die größten Hoffnungen bei seinen alten, dort lebenden Kameraden und Freunden. Ein Mann, mit einer solchen Gabe, zu lehren und einer so merkwürdig scharfen Auffassung für Sprachwurzeln und -gesetze – nicht nur in Hinsicht auf Griechisch und Lateinisch, sondern sogar hinauf bis zum Sanskrit – dürfte es vielleicht doch noch zu etwas bringen, meinten sie, und als er sich während drei bis vier Monaten aller geistigen Getränke vollständig enthalten und überhaupt eine gewaltige Selbstbeherrschung bewiesen hatte, da sprachen sie bereits davon, daß sie versuchen wollten, ihm eine Anstellung an einer höheren Lehranstalt zu verschaffen – als es mit einemmal ganz unerwartet verlautete, daß er wieder aus der Stadt verschwunden sei. Dann tauchte er nach Verlauf einiger Wochen, von allem entblößt, in einem der Landbezirke auf, zitternd, abgemagert und hart mitgenommen vom Trinken, vom Wetter, vom Uebernachten in Scheunen und auf Heuböden, wobei er selten aus den Kleidern oder in ein ordentliches Bett gekommen war. – – Später, an besagtem Montagmorgen, zeigte er sich noch auf dem Hofe des Vogts. Gülke war der einzige der Angestellten aus früheren Zeiten, der jetzt noch im Amte war. Sogar Rist hatte den Abschied genommen und ließ sich von seiner sorgsamen Gattin, die ihn ständig mit Wohlbehagen und mit vielen sichtbaren und unsichtbaren Kissen umgab, pflegen. Grip wußte sehr wohl, was er that: er wollte die Frau treffen, während der Vogt noch auf dem Amt beschäftigt war. Mit dem Strickzeug in der Hand und dem »Ewigen Juden« vor sich, saß sie in der Wohnstube hinter den Doppelfenstern, während ihre Schwester Thea, die unverheiratet geblieben und jetzt weit über dreißig Jahre alt war, draußen in der Küche fürs Mittagessen sorgte. Thinka führte jetzt nach Fräulein Gülkes Tode selbst die Oberaufsicht im Hause und war ihres alten Gatten Stab und Stütze und den ganzen Tag über unermüdlich. Und diese fettigen, abgegriffenen Romane mit der Nummer auf dem Rücken, die aus der Stadt kamen, sie waren der kleine, grüne Zweig, der ihr geblieben war und sie an ihr eigenes früheres Herzensleben erinnerte. Wie so manche der Frauen unsrer Zeit, denen das wirkliche Leben keinen andern Ausweg gelassen hat, als einen beliebigen Mann zu nehmen, der sie versorgen kann, führte sie in diesen Romanen inmitten der Alltäglichkeit, die nur Mißtöne für sie hatte, in ihrer überspannten Einbildung ein zweites Leben. Dort gab es Leidenschaften, die sie selbst hätte empfinden können, dort wurde geliebt und gehaßt, dort erlebte sie es, daß zwei edle Herzen, aller Schwierigkeiten zum Trotz, glücklich vereinigt wurden, oder sie tröstete bildschöne Helden, die voll Verzweiflung mit Selbstmordgedanken trübe Fluten anstarrten. Dort, in den Wolken setzte sie mit dem unstillbaren Durst des Herzens und des Geistes ein Leben fort, dem die Wirklichkeit keine Gelegenheit gegeben hatte, festen Fuß zu fassen, und dort verwandelte die stattliche, gemütlich runde Frau, die schmale, schlanke Thinka von dereinst, ihren immer noch unvergessenen Ohs in einen Helden nach dem andern – aus einem Geschöpf Emilie Carléns in eins von James, aus einem Ritter Walter Scotts in einen Bulwers, aus einem Musketier Alexander Dumas' in einen modernen Mann Eugen Sues. Hinten auf dem Platze ihrer häuslichen, fleißigen Schwester lag die Näharbeit auf dem Stuhle, von einem Streifen des hellen Sonnenscheins getroffen. Der dunkle, eingelegte Nähtisch war Theas Erbe von Ma, und den alten, innen und außen abgenützten Fingerhut, diese oben am Rande etwas gesprungene und verbogene Hülse benutzte und bewahrte sie, weil ihre Mutter sie ihr ganzes Leben lang benutzt hatte. Sie stand da, wie ein Denkmal Mas – ein Erinnerungszeichen an all die mühseligen Stiche, die sie gemacht und – erhalten hatte, in ihrem ehrenvollen, opfervollen – ja, kann man das Leben nennen? – – Mehr infolge eines Druckes, als nach einem ordentlichen Klopfen öffnete sich die Thür der Wohnstube, und Grip trat vorsichtig ein. »Sie, Grip ... nein, nicht an der Thür, nehmen Sie dort am Fenster Platz! Meine Schwester soll Ihnen ein kleines Frühstück bringen ... ein Butterbrot und Pökelfleisch können Sie doch wohl essen? ... Nein aber, so sind Sie also wieder hier oben, Grip?« »Ich suche Stunden, sage ich Ihnen, Frau Vogt,« antwortete er ausweichend. »Sie haben also Nachricht von Jürgen aus Amerika?« beeilte er sich hinzuzufügen, um von diesem verfänglichen Gegenstand abzulenken. »Ja, denken Sie nur, Jörgen ist ein wohlgestellter, reicher Werkstättenvorsteher drüben in Savannah. ... Er hat kürzlich zweimal geschrieben und wünscht, daß seine älteste Schwester hinüberkomme ... aber Inger-Johanna trachtet nicht mehr nach Glück,« schloß sie mit einer gewissen Betonung, und dann trat Schweigen ein. Grip stellte den Teller, worauf ihm das Mädchen das Butterbrot gebracht hatte, mit stark zitternden Händen auf den Nähtisch, leerte das Gläschen Branntwein, das daneben stand, und dann zuckte es eigentümlich um seine Lippen. »Freut mich ... freut mich ganz außerordentlich!« brachte er endlich mit einer Stimme hervor, die er kaum in der Gewalt hatte. »Sehen Sie, Frau Vogt, daß es Jörgen zu etwas gebracht hat, das rechne ich mir als einen der wenigen spärlichen Halme an, die aus meinem nutzlosen Leben aufgesprossen sind.« Jetzt ertönte Schellengeläute von der Landstraße, und ein Schlitten bog in den Hof ein. »Der Amtsrichter!« rief Thinka. Grip verstand, daß er nicht mehr gewünscht werde, und erhob sich. Thinka begab sich ins Nebenzimmer und kam mit einem Thalerschein zurück. »Nehmen Sie das, Grip ... eine kleine Hilfe, bis Sie wieder Stunden gefunden haben.« Seine Hand zögerte einen Augenblick, ehe sie zufaßte. »Man muß ... muß ... muß!« sprach er gepreßt, griff nach der Mütze und eilte hinaus. Unten am Thor blieb er stehen und sah sich um; die Fenster der Wohnstube waren weit geöffnet. »Sie lüften nach Grips Besuch!« murmelte er bitter, während er die Richtung nach dem Thale einschlug. Mit im Nacken hochgezogenem Shawl und die Mütze, die unten im Hauptort den alten, zerknitterten Filzhut ersetzt hatte, tief über die Augen gedrückt, suchte er seine Hände gegen den kalten Ostwind dadurch zu schützen, daß er sie in die Taschen des alten, dünnen Rockes versenkte, der seine magere Gestalt umhüllte. Der Weg, den er einschlug, war ihm nicht ungewohnt, weder auf seinen weitläufigen Sommerwanderungen im Gebirge, noch wenn er sich, wie jetzt in den düsteren, kurzen Wintertagen, mehr auf der Landstraße halten mußte. Dieser Bezirk hatte eine große Anziehungskraft für ihn, und überall, wohin er kam, lauschte und spähte er nach der geringsten Spur von Inger-Johanna, während er ihre wirkliche Nähe ängstlich mied. »Das Fräulein auf Gilje«, wie man sie allgemein nannte, wohnte da oben in einem kleinen Hause, das sie für tausend Thaler, dem vierten Theile der Erbschaft, die ihr Tante Alette hinterlassen, gekauft hatte. Dort hielt sie Schule für die Kinder des Bezirks und gab außerdem denen des neuen Hauptmanns, des vor kurzem hierher gezogenen Doktors und des Untervogts Unterricht. Sie hatte nun viele Jungen, auf die sie aufpassen mußte, und die sie in der Umgegend untergebracht hatte, denn ihr Bestreben ging in den letzten Jahren dahin, begabte junge Leute nach der Stadt zu schicken und sie dort etwas Ordentliches lernen zu lassen. Etwas Befehlshaberisches lag in ihrem Wesen, und sie war wegen ihres ungewöhnlich selbständigen Vorgehens häufig Gegenstand des Geredes, aber vor ihren Augen wurde ihr nichts als Ehrerbietung erwiesen. Bei ihren vierzig Jahren war sie immer noch schön und schlank, mit unvermindertem, obschon ruhigerem Feuer in den Augen und noch ganz rabenschwarzem Haare. Sie suche nach Begabung bei den Kindern, wie nach vierblätterigem Klee in den Bergen, sollte sie geäußert haben; und wenn Grip unten bei Thinka davon gesprochen hatte, daß Jörgens glückliches Entkommen aus engen Verhältnissen einer der wenigen grünen Halme seines Lebens sei, so verschwieg er, daß ihre kleine Schule ebenfalls ein Ableger seiner Ideen war, die er ihr eingepflanzt hatte. Am folgenden Nachmittag in der Dämmerung schlich eine Gestalt am Zaune des Schulhäuschens entlang. ... Der Drang, möglicherweise einen Schimmer von ihr zu sehen, trieb ihn näher und näher. Jetzt stand er am Fenster. Eine dunkle Gestalt bewegte sich im Innern hin und her, die von dem schwachen, aus der Ofenthür dringenden Schimmer dann und wann unbestimmt beleuchtet wurde. Licht war noch nicht angezündet, und er hörte, wie ein Knabe etwas aufsagte, was er nicht recht konnte. Es klang wie Verse. ... Vielleicht waren es die Kinder vom Compagniechefshofe. Die Hausthür war offen, und gleich darauf stand er lauschend im Flur. Er hörte eine Stimme, ihre Stimme! »Sag du's 'mal auf, Ingeborg. ... Die Jungen sind zu dumm für so etwas!« Es war ein Gedicht aus der nordischen Heldensage, das Ingeborgs klare Stimme jetzt aufsagte. Wie festgenagelt stand er da, bis er wieder Inger-Johannas Stimme hörte: »Nun werde ich Licht machen und euch eure Aufgaben fürs nächstemal geben.« Im selben Augenblick stand er wieder draußen vor dem Fenster. Er sah ihr Haupt im Scheine der angezündeten Lampe ... diese Reinheit in der Zeichnung der Augenbrauen und der Züge ... dieses unsagbar schöne, ernste Angesicht, nur noch charaktervoller ausgeprägt ... die alte, aufrechte Haltung mit dem stolzen, festen Hals! Das war das Bild, das während all dieser Jahre in seinem Innern gelebt hatte ... das Bild des Weibes, das sein hätte werden können, wenn er das im Leben erreicht hätte, was er hätte erreichen sollen ... wenn es ihm das geboten hätte, was es hätte bieten ... und wenn er selbst geworden wäre, was er hätte werden müssen. ... Wie betäubt stand er da, und ein Schwindel erfaßte ihn, wie ein Rausch .. und als er die Kinder in den Hausflur treten hörte, eilte er mit langen Schritten weiter. Seine Füße trugen ihn von dannen, ohne daß er wußte, wie. Jetzt war er unten zwischen den niedrigen Vorhöhen von Gilje, und der Mondschein begann die Bergspitzen zu erhellen. Er stürmte weiter, sein Blut war in Aufruhr ... er sah sie vor sich, sprach fast mit ihr. Da kam ein Schlitten, aber der Frost dämpfte das Geläute. Es war der alte Rist, der, in seine Pelze gehüllt und von dem, was er auf Gilje genossen hatte, überwältigt, darin saß. »Wollen Sie über den See, Grip, dann sitzen Sie hinten auf,« rief er, nachdem er ihn begrüßt und eine Weile angesehen hatte. »Wenn Sie nur das verfluchte Trinken lassen könnten, sage ich Ihnen,« begann er zu ermahnen. So stand sie vor der Lampe, ging es in Grips Gedanken ... nun hob sie langsam die Milchglaskuppel über den Cylinder, und dann fiel der Schein auf den feinen Mund und das feste Kinn ... das dunkle, dicht geschlossene Kleid ... und die Stirn, während sie das prächtige Haupt neigte ... sie sah auf ... gerade nach dem Fenster hin ... »Und versuchen Sie's nur ernstlich, zu widerstehen, wenn der Anfall kommt ... der ist wie der leibhaftige Satanas ...« Grip war nicht im stande, ihn noch länger anzuhören, und so über den See zu fahren auf der luftigen Pritsche, das war kalt ... zu kalt ... Er sprang ab und ließ den alten Rist seine Rede im Glauben fortsetzen, daß er noch hinter ihm sitze. Hu! Das war ein kalter Wind hier außen auf dem Eise! Eine Weile betrachtete er seinen eigenen Schatten, wie er, mit den Händen in den Rocktaschen, dahinglitt, während der Mond durch die Wolken segelte... die Lampe beleuchtete ihr Antlitz so warm ... Drei Tage nachher stand Inger-Johanna am Fenster und sah hinaus. Ihre Brust arbeitete in tiefer Bewegung. Grip war unten im Gasthof zum Löwen an einer Lungenentzündung gestorben! Sie war unten gewesen, hatte ihn bis zuletzt gepflegt, und nun war sie heimgekehrt. Sie hatte mit ihm gesprochen, hatte gehört, wie sie in seinen wilden Fieberreden lebte, und hatte seinen letzten bewußten Blick aufgefangen, ehe sein Auge brach. ... Der Mond stand so klar und kalt am Himmel. Die ganze Landschaft mit den Bergen und all den reinen, gewaltigen Formen erglänzte zauberhaft weiß im Frost ... weiß, wie die Gletscher der Hochgebirge. »Die Macht des Geistes ist groß!« seufzte sie in trauervollen und zitternden Gedanken. »Er hat mir etwas hinterlassen, woran ich denken kann, so lange ich lebe!« Ende