J. C. Heer Felix Notvest I. Eine Holzbrücke schwingt sich über die Reif, den krystallklaren Fluß, der zwischen Waldhügeln hervor in die offene Thalmulde plaudert. Sie verbindet die Abtei und das Dorf Reifenwerd. Stimmungsreich erhebt das ehemalige Kloster seine Doppeltürme und Giebel südlich vom scheunenthorartigen Eingang der Brücke aus mächtigen Baumkronen, und neugierig ragen die leichten, spitzen Dachreiter über das unregelmäßige Viereck roter Hohlziegeldächer. Unter den weit ausgreifenden Aesten der Linden hindurch sieht man das mächtige, altersgraue Thor mit der kleinen Pförtnerei, und nur wenig zurück erhebt sich, von Strebepfeilern gestützt, die hohe, dreischiffige Kirche, ein einfacher gotischer Bau aus dem dauerhaften Grausandstein der Gegend. Ueber die Ecken der niedrigen Seitenschiffe steigen die Türme, die indessen, nur wenig über den hohen First des Mittelschiffes geführt, nicht in ihrer ursprünglichen Anlage vollendet worden sind, sondern mit Spitzhelmen abschließen, deren blau und weiß glasierte Ziegeldächer hell in die Sonne leuchten. Aus den Quadern des einen Turmes schaut unmittelbar unter dem Helm ein stark verwittertes Bildnis, das eine Krone trägt, hinüber zur Brücke und zu der Ruine Reifenloh, einem alten Turm mit geborstenen Mauerzähnen, welcher sich auf dem Buchenhügel über der Brücke und den ersten Häusern des Dorfes erhebt. Das verwitterte Bildnis ist die »Frau von Reifenwerd«, der Volksmund sagt, es stelle Agnes, die Königin von Ungarn, dar, die bei den Dominikanerinnen des ehemaligen Klosters den Schleier genommen, es verschönert, mit Gütern bereichert, zur Abtei erhoben habe und darin in hohem Alter gestorben und begraben worden sei. Seit langen Jahren steht das schicksalsreiche Kloster, von der Sage und Geschichte des Schweizerlandes verklärt, von den alten Linden und Weiden umschirmt, in träumerischer Oede da. Doch dient die Abteikirche den Dörflern von Reifenwerd immer noch als Gotteshaus, der Raum unter den Bäumen vor dem Thor als Kirchhof, und zwei der Klostergebäude, die nächst der Reif an die Mauer gebaute »Mühle«, ein schweres Steinhaus mit gotischen Treppengiebeln, und das hinter der Kirche liegende altertümliche Pfarrhaus, einst das kunstgeschmückte trauliche Heim der Aebtissin, sind noch bewohnt. In den anderen Räumen spinnt die Verlassenheit, und obwohl die Abtei reich an Denkmälern vergangener Zeiten ist, betritt nur selten ein Freund der Geschichte oder der kirchlichen Altertümer aus der nahen Stadt das im Jubel der Glasgemälde warm leuchtende Gotteshaus oder den Kreuzgang, wo mutige Ritter und sanfte Bräute des Himmels unter eingesunkenen Steinen der Auferstehung harren, denn nie ist die Neigung zu geschichtlichen und künstlerischen Studien im Lande geringer gewesen als jetzt. In gedeihlicher Arbeit, doch mit nüchternem Blick geht das Volk durch seine Tage und unterstützt den Wunsch der Regierung, daß die alte unnütze Abtei wieder eine Stätte nützlicher Arbeit werde. Die dumpfe Klosterglocke läutet in den Sonntagvormittagsfrieden, der weit und breit auf der Maienlandschaft ruht. Aus dem Klosterthor strömen die Bewohner von Reifenwerd und wandern in losen, bedächtigen Gruppen der gedeckten Brücke zu und hinüber ins Dorf, über dessen Hausdächern der Rauch in blauen Ringeln zerfließt. Die gemächlich Gehenden sind Kernvolk aus dem Bauernstamme des Landes, steif in Leinen gekleidete Leute mit derben, doch gutmütigen Gesichtern, etwas langsam und schwerfällig, aber gesättigt mit der Kraft, welche der Mensch aus der Scholle schöpft. Die Kirchgänger sprechen wohl alle über die Predigt des jungen Pfarrverwesers, der an die Stelle des kürzlich gestorbenen Dekans getreten ist und von den Dörflern deswegen eine hoffnungsvolle Teilnahme genießt, weil er der Sohn des Antistes, des ehrwürdigen obersten Vorstehers der Landeskirche, ist. »Gewiß, gewiß, er ist ein Feuerkopf, aber das Bauerndeutsch hat er noch nicht in seiner Gewalt — ich selbst habe ein wenig genickt und geschnarcht.« So meint lächelnd der Kommandant, ein hagerer Fünfziger, dessen braunrotes, ehernes Gesicht aus stehendem Hemdkragen schaut, und streift mit der Hand über den ergrauenden Schnurrbart, der ihm mit der straffen Haltung das militärische Aussehen giebt. »Der Dekan hat allerdings handfester geredet,« versetzt mühsam der breite, gebückt einherschreitende Säckelmeister, dem die mächtigen Bauernpratzen bis unter die Kniee hangen, »in das Geistliche hat der alte Herr immer etwas über die Begebenheiten im Dorf, über das Vieh und den Stand der Reben und Felder gemengt — das versteht der Verweser noch nicht.« »Begebenheiten im Dorf,« ergreift der behäbige Hirschenwirt, in dessen aufgeblasenem Gesicht zu kleine Aeuglein stehen, das Wort. »Da find ja zwei Neuigkeiten auf einen Schlag. Der Leutnant Ruedi Fürst ist aus England zurückgekehrt — und der alte, lahme David Fürst giebt die Großratsstelle ab. Das ist wohl so gemeint, daß wir den Leutnant an seine Stelle wählen sollen.« Die kleinen Aeuglein ermessen lauernd den Eindruck der Rede auf seine beiden Begleiter. Im Auge des Kommandanten sprüht ein Funke auf. »Der Leutnant soll sich keine Einbildungen machen!« grollt er scharf, »gottlob sind bei uns die Aemter noch nicht erblich. David Fürst hat wohl äußerlich stets noch zu uns Bauern gehalten, aber eine Unterlassungssünde an uns, an unseren Kindern und Kindeskindern ist es doch, daß er uns das Lehrerseminar, das in die Abtei hätte verlegt werden sollen, verloren gehen ließ. Nun hat der Staat von öffentlichen Anstalten nichts mehr zu vergeben als das Zuchthaus. Das kann uns leicht in den Garten wachsen!« »Das Zuchthaus? Da sei Gott vor!« keucht der Säckelmeister, »nein, da müssen wir eben einen Großrat haben, der sich mit aller Macht dagegen stemmt und wehrt, vor allem nicht den Leutnant, der in den drei Jahren, die er in England gewesen ist, gewiß kein größeres Verständnis für die Bedürfnisse der Gemeinde erworben hat, aber Ihr seid der Mann, Kommandant! Ihr müßt die Last auf Euch nehmen!« »Ich suche das Amt nicht,« erwidert der hochaufgerichtete, soldatische Bauer fast schroff, »ich meine nur, es gehöre nicht in die Familie Fürst!« »Die Frau Kommandantin würde der Titel aber freuen, sie hat Sinn für die Ehren,« lächelt der Hirschenwirt verschmitzt, »man muß einer lieben Frau auch etwas zu Gefallen thun.« Der Kommandant giebt sich den Anschein, als habe er die Bemerkung überhört, und die drei Männer, welche in das Dorf getreten sind, stehen plaudernd vor dem schönen altertümlichen Gasthaus zum »Hirschen«, während sich die übrigen Kirchgänger, Männer und Frauen, langsam in die Häuser zerstreuen. Wie auch Kommandant, Säckelmeister und Wirt auseinandergehen wollen und sich gemächlich »Guten Sonntag!« wünschen, hallen von der Abtei über die Reif herüber ein paar leichte Schüsse in die Stille des Dorfes, an dessen Landstraße man die drei alten steinernen Brunnen singen hört. Ein Flug Tauben stiebt über die roten Giebel des Klosters empor, und einen Augenblick spähen die Männer neugierig über den Fluß. »Bah!« lacht der Hirschenwirt, »Sigunde Fürst schießt im Rosengarten Tauben,« der Säckelmeister aber schüttelt mißbilligend den dicken Kopf: »Am Sonntag! — Das Teufelsmädchen!« »Von dem Flattervogel hört man überhaupt schöne Geschichten,« versetzt der Kommandant mit leichtem Hohn. »Um fünf oder sechs Uhr des Morgens gebe sie einem Stadtherrn am Waldbrunnen zur Steige Stelldichein. Mir kämen meine Lony oder Judith mit solchen Geschichten recht, Gott's Strahl!« »Ihr kennt doch den Herrn, den sie dort trifft; es ist der junge Hohspang, der Sohn des Regierungspräsidenten,« erwidert der Hirschenwirt begütigend. »Sigunde Fürst wie ihr Bruder haben sich die Ziele hochgesteckt!« Mit einem Schulterzucken verabschiedet sich der Kommandant, der das Gespräch nicht weiter führen will, mit ihm der Säckelmeister, und jenen bewegt eine unangenehme Erinnerung. Vor bald vier Jahren, als er noch allein sein Bataillon führte, hatte er die beiden Leutnants Rudolf Fürst, den Sohn des Großrates, und Alfred Hohspang, den Sohn des Regierungspräsidenten, wegen ungebührlichen Betragens mit Arrest bestraft. Vielleicht war er dabei etwas hitzig gewesen, genug, David Fürst, sein ehemaliger Jugendfreund, brach wegen der Kränkung des Sohnes mit ihm und durch ein Ränkespiel des Regierungspräsidenten wurde er seiner Stelle als Bataillonskommandant enthoben, obgleich er sich sagen durfte, daß er nicht nur einer der beliebtesten, sondern auch der tüchtigsten militärischen Führer gewesen sei. Darum darf der aus England zurückgekehrte Leutnant Rudolf Fürst nicht Großrat werden. Eher nimmt er das Amt, das er nicht sucht, selbst auf sich! Mit diesem Gedanken tritt der Kommandant in sein stattliches Heim. Nicht viel später kommt der junge Pfarrer mit rotem Kopf, schlenkernden Armen und fliegenden Rockschößen ins Dorf gelaufen. Er hält vor dem schönen, spalierumrankten Bauernhaus, eilt mit zwei Sätzen die Freitreppe empor, klopft und tritt in die Stube, wo eben Lony, die ältere der beiden Töchter, eine kräftige und schöne Gestalt, den linnenbedeckten Bauerntisch zum Mittagessen rüstet, während sich der Kommandant am Schreibpult niedergelassen hat, mit Barry, dem schönen Bernhardinerhunde, scherzt und die ärgerlichen Gedanken beiseite schiebt. Etwas überrascht, doch freundlich ruhig wendet er sich nach dem eiligen Besuch. »Herr Kommandant, im Kreuzgang der Abtei werden Tauben geschossen. Kommen Sie doch herüber, Sie sind ja Mitglied des Gemeinderates, verbieten Sie die Grausamkeit, die Tiere haben eben Junge!« Die Stimme des Pfarrers bebt metallen, ein schönes, jugendliches Entrüstungsfeuer sprüht aus den braunen Augen. »Ja, das sind die Streiche Ihrer Nachbarin, der Sigunde Fürst, und schicklich sind sie eben nicht – aber ich komme doch nicht mit Ihnen!« Der Kommandant schaut den Pfarrer mit einem überlegenen, spannungsvollen Lächeln an. Enttäuscht und verlegen steht der schlanke junge Mann. Er ist noch ein Jüngling, sein Wesen unfertig, aber sein Kopf ist edel und geistreich, besonders der obere Teil, und das warme, braune Augenpaar, die bebenden Flügel der schmalen Nase und die schön gebaute Stirn, welche von dunklem Haar umlockt wird, verraten eine Feuerseele. Lony, die in ihrer Arbeit innehält, errötet, und die großen blauen Augen bitten den Vater: Gehe mit ihm! »Herr Pfarrer,« fährt der Kommandant väterlich fort, »wenn ich mit Ihnen käme, würde ich Sie vor der Gemeinde bloßstellen. Selbst ist der Mann. Wenn es Ihnen allein gelänge, gegen Sigunde Fürst Ordnung zu schaffen, so können Sie des Beifalls im Dorf sicher sein.« Zögernd und etwas beschämt über die Belehrung geht der Verweser und hört nur noch, wie Lony sagt: »Ich fürchte, daß Sigunde den Herrn Pfarrer narrt,« doch hat er das Gefühl, daß der Kommandant ihm einen guten Rat gegeben habe. – Wer ist denn Sigunde Fürst? Der junge Pfarrer hat sie gleich am ersten Tag, nachdem er seine Stelle zu Reifenwerd angetreten, gesehen. In der Morgenfrühe, als noch der Tau lag, kam sie vom Wald an der Steige her wie eine Walküre auf weißer Schimmelstute einen Feldweg geritten. Da blitzte es von schönen Augen, von weißen Zähnen, da lachte es hell und übermütig und dann – dann sprengte sie mit einem Satz über das hohe Ufer der Reif in den Fluß, der dem Pferd bis an die Kniee reichte, und jenseits durch die Uferbäume empor zur ehemaligen Klostermühle, dem Haus mit den Treppengiebeln, in dem der alte, seit einiger Zeit gelähmte David Fürst eine kleine Fabrik betreibt. »Eine Heidin, eine Zigeunerin« nennt die Dekanin, welche dem Nachfolger ihres Gatten das Hauswesen führt, die Tochter des Großrats und deutet auf allerlei Streiche, die das lose Fräulein dem seligen Dekan gespielt hat. Ob ich mit diesem Wildfang wohl fertig werde? denkt der Pfarrer. Da, wie er von der Brücke gegen die Abtei schreitet und an der Mühle vorbeikommt, tönt es wieder: »Paff, - paff!« Das Gesicht des Pfarrers verfinstert sich. Er eilt durch das Thor, er tritt in das große, stille Gotteshaus, von dessen bemalten Scheiben das Licht in bunten Strähnen und Bündeln auf die geschnitzten Stühle fällt, die hohlen Platten des Fußbodens hallen unter seinem Schritt; mit großem, altem Schlüssel öffnet er eine Seitenthüre, die sich knarrend in den Angeln dreht, und dann tritt er in den schönen, romanischen Kreuzgang. Umsonst späht er nach der Schützin. Wie ein seliger Gottestraum steht der Kreuzgang im Mittagsstrahl und Schweigen. Die Bogen zwischen den alten, verwitterten Säulen sind mit glänzend grünem Epheu verhangen, über die Mauergesimse, welche Säule mit Säule verbinden, schlingen sich blühende Jelängerjelieberranken, und im Rosengarten, wie das Volk den von den Bogengängen umschlossenen Gottesacker der Dominikanerinnen nennt, blüht ein Flor hundertblättriger Rosen. Dazwischen wiegen sich blaue und gelbe Schwertlilien und Fliederbüsche in grenzenloser Verwilderung, halb umgesunkene Steine mit erloschenen Inschriften ragen aus dem stillen Bezirk, wo alles in ungezügelter Freiheit wächst und wuchert. Schmetterlinge hangen an den blühenden Kelchen, und ein leises Zirpen erfüllt das unberührte Paradies, in das nur selten ein Fuß treten mag, denn selbst der mächtige Trog des zweiröhrigen Klosterbrunnens schwimmt so voll langer, grüner Pflanzenfäden, daß man nicht in seine Tiefe sehen kann. Der Pfarrer ergiebt sich dem berauschenden Zauber dieser halbfremden Welt, er denkt beinahe nicht mehr an die Schützin. Da langt gerade vor ihm eine schlanke, schöne Hand durch das Epheugehänge des Bogenganges, die Ranken rauschen leise, und in der Oeffnung steht ein Menschenbild wie ein Märchen. Der Pfarrer will den Arm unwillkürlich wie zur Abwehr heben – das kann doch nicht Sigunde Fürst sein? Das Bild aber lächelt sanft und schalkhaft. »Herr Pfarrer, suchen Sie mich?« Das Wort tönt nur wie ein Windhauch. Die schmiegsame, schlanke Gestalt, die so im Grünen steht, trägt ein helles Kleid, das am Halsansatz in einen leichten Flor übergeht, und auch die Aermel sind nur durchsichtiges Gespinst, so daß Hals und Arme wie Marmor und Pfirsich durch das Kleid schimmern. Ein frischer, üppiger Mund lächelt, die Augen aber blicken kühl, es sind graue, ins Grünliche spielende, fremde Augen, die unter schön geschwungenen Brauen ein Geheimnis bergen. Und in die weiße Stirn hängt eine widerspenstige Locke des reichen, goldblonden Haars, auf dem sich ein Blumenhut so leicht wiegt, als habe ihn eben der Wind dahin geweht. Eine leise Röte steigt dem ungezwungen dastehenden Mädchen in die Wangen. »Sind Sie Fräulein Sigunde Fürst?« stammelt der Pfarrer. »Sie haben mich in der Kirche vermißt?« erwidert sie mit schalkhafter Verlegenheit und tritt mit einer gewandten Bewegung vollends aus dem Versteck hervor. »Der alte Herr Dekan hat so trocken und langweilig gepredigt, da habe ich den Kirchenbesuch etwas verlernt – aber zu Ihnen komme ich vielleicht lieber!« Sie lächelt jetzt mit einem Zug des Uebermutes und reicht ihm unbefangen die weiche Hand, durch deren weiße Haut eine blaue Ader schimmert. »Nein,« erwidert der Pfarrer, »wie Sie es mit der Kirche halten wollen, das tragen Sie ganz mit sich selber aus. Ich wollte Sie nur bitten, Fräulein, daß Sie das Taubenschießen einstellen, es ist ein grausames Vergnügen!« Sie senkt die forschenden Augen betroffen. Aber sie faßt sich rasch wieder. »Die Tierchen müssen ja doch sterben – in einigen Wochen wird die Abtei eine Fabrik!« Da prallt der junge Pfarrer zurück und wird blaß. »Fräulein, was sagen Sie?« fragt er tonlos. »Die Abtei wird eine Fabrik, eine Spinnerei. Besuchen Sie uns, und ich zeige Ihnen die fertigen Pläne. In diesen Räumen wird alles anders, selbst in der Kirche – mein Bruder Rudolf hat das Kloster in tiefer Stille von der Regierung gekauft.« Da wird es dem Pfarrer schwarz vor Augen, er schwankt. »Was ist Ihnen?« fragt das Fräulein verwundert und teilnahmvoll, »ist Ihnen Ihre Kirche schon so lieb?« »O, es ist nicht meinetwegen,« antwortet der junge Mann in bebender Bewegung; »aber, was ist das für eine Regierung, was ist das für ein Volk, das seine Heiligtümer verschachert?! – Sind wir so weit? – Die Abtei Reifenwerd eine Fabrik!« Verständnislos steht das Fräulein bei dem Schmerzens- und Zornausbruch des jungen Mannes, aber sie spürt doch, daß es der Notschrei eines feinen Herzens und eines tiefen Gemütes ist. Sie staunt. Was war ihr in den langen Jugendjahren das Kloster? Nichts als eine unheimliche, beklemmende Nachbarschaft, in welcher die Fledermäuse hausen, die Käuzchen klagen, wo es manchmal geisterhaft knistert und knarrt, ohne daß man weiß, warum. – Und seit langer Zeit hat sie heute den Rosengarten zum erstenmal wieder betreten. Als der Bruder seine Gewehre prüfte, nahm sie eine der Flinten und wollte an den Tauben versuchen, ob sie eine gute Schützin sei. Sonst kümmert sie die Abtei nichts. Hier aber steht einer, dem die Glieder über dem Gedanken erzittern, daß das Kloster untergehe! Der junge Verweser ist ein merkwürdiger Mann! Sie betrachtet ihn neugierig, sie zaudert einen Augenblick, dann sagt sie: »Es ist schon über Zwölf – auf Wiedersehen, Herr Pfarrer, Sie müssen ja auch zur Frau Dekanin essen gehen!« Sie reicht ihm leicht die Hand, zieht das Vogelrohr aus dem Epheu hervor und wandelt davon. Sie öffnet ein Pförtchen, das gegen die Mühle geht, und schaut noch einmal neugierig nach dem in Gedanken Versunkenen zurück. Eine Weile später geht auch er. Gottesfrieden webt über der blühenden Wildnis des Rosengartens. Ein Pfauenauge gaukelt von Dolde zu Dolde. II. Die Abtei Reifenwerd eine Fabrik!« Aus düsterem Brüten murmelt es der junge Pfarrer, der in seinem altertümlichen, holzgetäfelten Stübchen auf und nieder schreitet. Einsam überlegt und kämpft der Mann, der fast noch ein Jüngling ist, während sich draußen vor seinem Fenster das Sonnengold des Abends auf breiten Linden wiegt und in ihrem Schatten die halbwüchsige Jugend des Dorfes sich im Armbrustschießen übt. Nur dann und wann fällt der Blick des Rastlosen zerstreut auf das vergnügte junge Volk. Er setzt sich an den schweren eichenen Studiertisch, fährt mit der Hand durch das dunkle Haar, schlägt das erste Blatt einer silberbeschlagenen Bibel auf, und seine Augen ruhen verträumt auf einem Eintrag von der zierlichen, doch festen Schrift seines Vaters, des Antistes. »Felix Notvest heißest du, mein lieber Sohn, Felix, weil deine Eltern wünschen, daß du glücklich werdest, Notvest aber nach jenem Vorfahren, dem Gerbermeister Hans Denzeler, der in der bösen Schlacht am Jakobsthor das Banner der Stadt nicht hat fahren lassen, sondern das schon verlorene aus Feindeshand wieder errungen hat, wofür ihm und seinen Nachkommen Rat und Bürgerschaft unserer löblichen Stadt den Namen Notvest zu tragen gegeben haben, und das Geschlecht in das goldene Buch der Konstaffel [R1 Die Zunft der Notabeln.] gereiht worden ist. Fest sei in der Not, Felix, und wann alles um dich wankt und weicht, soll dir vor Menschenwitz nicht bangen, wenn du nur vor deinem Gott und dir selbst in Ehren bestehen magst!« Indem Felix Notvest diese Eintragung überliest, hat er eine seltsame Empfindung; ihm ist es, als habe das Leben den weltabgewandten Patriziersohn im Rosengarten mit rauschendem Flügel berührt, und er müsse einen Fahnenkampf wagen, wie jener, der aus einem Denzeler ein Notvest geworden ist. »Selbst ist der Mann« – die Belehrung des Kommandanten geht ihm auch durch den Kopf – in heißer Bewegung steht er auf. »Ich halte dein Banner, heilige Kunst!« murmelt er in seine Einsamkeit. Sein Blick haftet auf zwei Elfenbeinstatuetten, gotischen Schnitzereien von vollendeter plastischer Schönheit. Sie stellen einen heiligen Johannes und eine heilige Magdalena dar und fügen sich so stimmungsreich in die trauliche Pfarrstube, als ständen sie noch aus den Zeiten der letzten Aebtissin in dem mit farbigen, flachgeschnitzten Friesen, bunten Ranken und Spruchbändern geschmückten Gemach, in welchem mehr denn drei Jahrhunderte nichts verändert haben. Die beiden Elfenbeingestalten von hohem künstlerischen Wert stammen aus der ehemaligen Abtei Reifenwerd. Man findet die Urkunde darüber, wenn man mit einem Kunstgriff die Schnitzerei der prächtig wallenden Haare der heiligen Magdalena von der übrigen Statue hebt, in einer Aushöhlung des Leibstückes. Auf einem vergilbten Pergament erzählt die ehemalige junge Nonne Ursula Demut, welche nach der Aufhebung des Klosters dem Sohn des Gerbermeisters, dem Pfarrer Christoph Notvest, die Hand gereicht hat, wie sie die beiden Bildschnitzereien im Klostersturm des Jahres 1525 nicht aus abergläubischer Verehrung, sondern aus Bewunderung für ihre Schönheit mit Gefahr ihres Lebens vor Vernichtung gerettet hat. Sie haben sich dann als in hohen Ehren gehaltene Familienstücke durch eine lange Geschlechtsfolge von Pfarrern vererbt, die bald in der Stadt, bald in friedlichen Dörfern wohnten, und können gleichsam als die Sinnbilder der in der Familie Notvest verbreiteten Liebe für Geschichtswissenschaft und Kunst gelten, die von jeher das bevorzugte Studium der Männer dieses Namens gewesen sind, so daß einige von ihnen sogar die Lehrstühle des Geschichts- und Kunstfaches an der alten städtischen Stiftsschule innegehabt haben. Nun hat ein Spiel, wie es das Schicksal zuweilen treibt, die Statuetten durch Felix Notvest in die Abtei zurückgeführt, deren Schmuck sie einst gewesen sind. Indem er die Schnitzwerke betrachtet, deren Augen, aus irgend einem fremden dunklen Edelstein geschnitten, in geheimnisvollem Glanze erstrahlen, ist es ihm, als sollten sie ihm ein Zeichen geben, daß er einen guten Weg gehe. Doch ist es nur sein eigenes jugendfeuriges Herz, das da spricht: Nein, du wirst nicht hinter deiner Vorfahrin Ursula Demut zurückstehen! Das jugendlich ungestüme Wallen weicht der Ruhe eines großen Entschlusses. Und wenn die Zeit auch furchtbar nüchtern ist, so werden ihn doch die Besten des Volkes verstehen und der guten Sache zum Siege helfen! Das ist seine Hoffnung. Er tritt ans offene Fenster und schaut verträumt dem Spiel der Armbrustschützen zu, die bei den Linden Uebung halten. Auf einbeinigen Melkschemeln sitzend, spannen die Schützen die Sehne in das beinerne Schloß der Armbrust, legen den gefiederten Bolz in die Rinne des Schaftes, heben das Schießzeug an die braune Wange und zielen, das linke Auge schließend, mit dem rechten auf den Tätsch, eine rechteckige, fast mannshohe Lehmscheibe, die, von einem Holzrahmen zusammengehalten, in der Entfernung von dreißig Schritten am Stamme einer alten Linde lehnt. »Ab!« tönt das Kommando des Tätschmeisters, die Drücker knacken, die Sehnen schwirren, die Eibenbogen schnellen, die Bolzen fliegen und klatschen ins Lehmfeld, die meisten in die runde, fußbreite Papierscheibe um den Holzstift in der Mitte des Geviertes. Ueber die Felder her klingen die Volkslieder einer Schar Mädchen, die, in ländlicher Tracht, Arm in Arm verschlungen, langsam gegen den Spielplatz gewandelt kommen. Sie singen: »Wem Gott ein braves Lieb beschert, Der soll von ihm nit scheiden, Er soll es halten treu und fest, Denn wenn er's wieder scheiden läßt, Dann gehet auch sein Herze mit, Und Frieden find't er nimmer nit; Wem Gott ein treues Lieb beschert, Der soll von ihm nit scheiden!« Eine glockenklare, prächtige Altstimme klingt deutlich aus dem Chor. Es ist diejenige Lonys, der älteren Tochter des Kommandanten, deren schöner großer Wuchs dem Pfarrer schon am Morgen bei dem flüchtigen und ergebnislosen Besuch im Hause des stolzen Bauers aufgefallen ist. Die Mädchen mit den braunen Gesichtern und den braunen Armen, die aus den kurzen, blühendweißen Hemdärmeln schauen, kommen in ihren roten Miedern und grüßen die Schar der Schützen. Lony giebt die Hand dem Tätschmeister Karl Wehrli, der eben mit einem eisernen Maßstab den Abstand der Pfeile vom Stifte der Mitte mißt und die Ergebnisse vom Tätschschreiber Hilfgott Stamm, dem Sohn des Säckelmeisters, in das Tätschbuch eintragen läßt. Felix Notvest kennt Karl Wehrli wohl. Er ist der Sohn einer armen Schullehrerswitwe im Dorf, der Bruder seiner Lieblingsschülerin, des Christli, kein Bauer, sondern, wie schon sein Gehaben verrät, ein Arbeiter aus den Werkstätten David Fürsts. Etwas Frisches, Freies, Mutiges blitzt aus dem gescheiten Gesicht des jungen Mannes, das ein hübscher, brauner Schnurrbart schmückt, und wie Lony, das stattliche Bauernmädchen, und der kernig frische Bursche sich grüßen, überrascht sich Felix Notvest in einem Gedanken, über den er selber lächeln muß. Karl Wehrli und Lony Stockar sind zwei junge Prachtmenschen, denkt er, wie von Gott dazu bestimmt, daß sie ein Paar werden. Es wäre hübsch, wenn er als Pfarrer die beiden trauen könnte! Allein während er Lony und Karl Wehrli wohlgefällig betrachtet, wird er selber gegrüßt. Mit lieblich jauchzendem Gesichtchen schaut das fünfzehnjährige Christli, die Schwester des Tätschmeisters, zum Pfarrhaus empor, und glückselig lächeln und leuchten die dunklen Augen seiner Lieblingskonfirmandin. Es drängt den Pfarrer, ein wenig unter die Leute, in das stillfröhliche Leben feiner Gemeinde zu treten, und wie er ins Freie gelangt, ist heller Jubel unter der Jugend. Der Kommandant, der mit anderen Männern auf dem Schießplatz angekommen ist, hat die Armbrust eines der Jünglinge genommen – er zielt, der Bolz fliegt und sitzt dicht neben dem Stift. Das ist immer etwas vom Fröhlichsten, wenn die Alten zu schießen anfangen. Der gestrenge Mann zerdrückt ein gemütliches Lächeln unter dem großen Schnurrbart. »So, meint ihr, ein ehemaliger Soldat treffe die Scheibe nicht mehr?« wendet er sich an die lustig verwunderte Jugend. Eine Weile plaudert auch der junge Pfarrer mit den Dörflern, doch oft etwas verlegen. Seine Welt und die ihrige sind so verschieden, und er findet, wie er wohl spürt, nicht immer das Wort, das sie von ihm erwarten. Dann wendet er sich an Christli, die in heimlicher Unruhe eine Gelegenheit erspäht hat, ihm ihre schmale Kinderhand zu reichen. »Guten Abend, Maililie!« scherzt der Pfarrer, mit einem warmen Blick auf die zierliche Gestalt. Christli erglüht und senkt die langen Wimpern schämig vor Stolz über die Anrede des Pfarrers. »Was hast du denn heute so Jauchzendes und Strahlendes im Gesichtchen, Kind?« fragt er. Aber das heiße, heimliche Christli will nicht von dem kleinen Glück sprechen, das ihm fast das Herz abdrückt. Endlich flüstert es: »Denken Sie, Herr Pfarrer, Herr Rudolf Fürst hat meinen Bruder Karl zum Werkführer gemacht!« Es senkt das heiße Köpfchen wieder. »Ich freue mich mit dir!« erwidert Felix Notvest, der das Vertrauen des Kindes mit einer Art Wonne empfindet; »was möchtest denn du einmal werden? – Doch auch etwas Rechtes? – gelt, Christli!« Wie das warm und treuherzig klingt! Das Kind sieht ihn mit dunklen Augen unter langen Wimpern hervor unendlich verlegen, unendlich glücklich an, wie wenn es etwas sagen wollte, was es doch nicht sagen kann, es brennt wie ein Purpurröschen und bringt es nicht über die Lippen, und verabschiedet sich schamvoll. Während der Pfarrer sich noch über das sonderbare Betragen des scheuen Mädchens wundert, ist das Spiel unter den Linden zu Ende gekommen, Schützen und Zuschauer wandern gemächlich der Brücke und dem Dorfe zu, und über der Abtei steht das Abendrot. Felix Notvest sitzt wieder in seiner Studierstube, seine Gedanken hangen an den Mitteilungen Sigunde Fürsts, an dem weittragenden Entschlusse, welchen er über der väterlichen Bibel errungen hat. Dazwischen sieht er die feine, zierliche Gestalt Christlis, ihr bitterlich verlegenes Gesichtchen. So träumt er wohl schon ein Stündchen. Da dringt in die tiefe Stille liebliche Musik; unter den Linden vor seinem Fenster hervor quillt ein zartes, innig warmes Geigenspiel, die schlichte Melodie eines Volksliedes, und verklingt unter den aufziehenden Sternen. Ueberrascht von den weichen, goldenen Tönen, lehnt der junge Pfarrer ans Fenster, er lauscht, von ihrem Wohllaut gefangen, aufmerksam dem wieder anhebenden Spiel. »Bringt mir denn jemand ein Ständchen?« fragt er sich neugierig, er schüttelt aber das dunkellockige Haupt. »Es kann ja nicht sein!« und beruhigt sich mit den Gedanken, der Geiger sei wohl ein fahrender Spielmann, der im Schutz der Linden ein luftiges Nachtquartier suche und ehe er unter Gottes Sternenhimmel einschlafe, sich selbst ein Schlummerliedchen spiele. Mitten in diese Gedanken aber erschallt helles, übermütiges Lachen – die reinen, getragenen Töne brechen ab – irgend eine weibliche Gestalt, die er nicht zu erkennen vermag, huscht durch das Zwielicht davon. »Sigunde Fürst!« murmelt der Pfarrer geärgert, »das schöne Fräulein versucht nun ihre Streiche an dir!« Nein, jetzt ist keine Zeit, sich auf die Schelmereien eines übermütigen Menschenkindes einzulassen; etwas verwirrt flüstert Felix Notvest: »Ich bin ja dein Bannerträger, heilige Kunst!« und in der schweigenden, blühenden Maiennacht wogt ihm die Brust in großen Gedanken. III. Die Abtei Reifenwerd eine Fabrik! – Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ist die Kunde in das stille, friedliche Bauerndorf gefallen und erregt die Gemüter zwiespältig. »Ich habe Karl Wehrli immer für einen Ehrenmann gehalten, jetzt ist er wegen einer geringen Werkführerstelle der Anschicksmann des Leutnants Fürst geworden!« Während die Abendsonne durch das Spalier in die Stube äugelt, brummt es der Kommandant, die Arme auf den Tisch gestemmt, in heißem Verdruß. »Aber warum machst du die Faust nur im Sack, Hans Ulrich?« erwidert die Kommandantin mit mahnendem Lachen. »Denke doch dran, wie du auf die ungerechteste Weise vom Bataillon weggekommen bist! Jetzt zeige Ruedi Fürst, daß er die Rechnung ohne dich gemacht hat – nichts soll er haben, gar nichts, weder die Abtei, noch die Großratsstelle!« Lachen und Reden der Kommandantin, die ihre Hand auf den Arm ihres Mannes gelegt hat, klingen hell und gewinnend, bittend und überredend. Sie ist die selbstbewußte Herrenbäuerin, obwohl sie den Fünfzigern nahe steht, eine frische, lebhafte Frau. Doch hat der Blick des dunklen Augenpaares etwas Brennendes, und Mund und Kinn sind von einer Härte, die trotz der sanften Bildung der immer noch von einer zarten Röte überhauchten Wangen nicht ganz übersehen werden kann. »Ihr Weiber seid doch immer am leidenschaftlichsten und könnt nicht warten,« knurrt der Kommandant, »ich werde mit meinem Geschütz schon auffahren, wenn es Zeit dazu ist!« Er trommelt mit den dicken Bauernfingern nachdenklich auf den Tisch. »Der Leutnant ist ja nur ein Quatschquatsch und gehört schon deswegen nicht in den Großen Rat!« Judith, die jüngere der Töchter, sagt es, indem sie die Sprechweise des aus England heimgekehrten Fabrikanten nachahmt und die Worte quetscht. Sie ist eine bewegliche, schlanke Sechzehnjährige, welche die übliche Landestracht, über der Büste das blühweiße, mit Röschen besteckte Hemdchen, um die Brust das rote Mieder, trägt und am Fenster bei einer Nähterei sitzt. Ihre Sprache klingt etwas scharf, doch gerade das Vorlaute in Wort und Wesen steht dem Mädchen, das auffallend seiner Mutter gleicht, reizvoll. »Ich denke, Vater,« sprudelt sie lachend hervor, »wenn du Großrat würdest, so käme ich etwas häufiger in die Stadt!« »Wer aber schafft dann auf den Aeckern?« erwidert der Kommandant brummig, »das ist die Frage!« »Ich!« tönt eine frohmütige Stimme aus der Thüre. Es ist Lony, welche, den breiten Schattenhut am braunen Arm, von der Feldarbeit heimkehrend, in die Stube tritt. »Meinetwegen braucht der Vater nicht Großrat zu werden,« sagt sie gelassen, »ich bin gern auf dem Dorf und habe keine Lust nach der Stadt.« »Die Lony findet doch immer das rechte Wort,« versetzt der Kommandant. »Ich gehe jetzt in den,Hirschen´ einen Schoppen trinken, ich komme aber bald wieder heim.« Er lockt Barry. Kaum hat er der Stube den Rücken gewendet, so bricht das spitze Zünglein Judiths gegen Lony los: »Du bist natürlich auf dem Heimweg noch bei der alten Schulmeisterin gewesen, ihr habt ja seit dem letzten Winter eine mächtige Freundschaft, aber es ist dort eben jemand, der macht so!« Mit flinken Fingern ahmt Judith über dem verächtlich geschürzten Mündchen die Bewegung des Schnurrbartdrehens nach. »Du bist eine Närrin!« lacht Lony verlegen. Eine verräterische Röte steigt in ihre Wangen und sie flüchtet sich in die Küche. Es ist wahr, zwischen ihr und Karl Wehrli besteht seit dem letzten Winter eine heimliche Liebe, viel inniger und heißer, als irgend jemand ahnt. Als sie damals an den langen Abenden bei der Schulmeisterswitwe die weiblichen Handarbeiten erlernte und mit den anderen Mädchen ihre Lieder sang, sah sie den Fleiß des willensstarken jungen Mannes, der sich nach schwerem Tagewerk noch über das Reißbrett beugte und Maschinen zeichnete oder aus Büchern voll Zahlen, die er Logarithmen nannte, allerlei mechanische Dinge errechnete, zuweilen aber den Mädchen auch die Lebensbeschreibung berühmter Männer, besonders der großen Erfinder vorlas und einmal zu Beginn einer solchen laut und andächtig folgende Stelle wiedergab: »Es ist zu Berg oder Thal keine Hütte so schlecht, keine Wiege so gering, daß daraus nicht ein Mann hervorgehen könne, der den Geistern in Arbeit oder Kunst neue Wege, höhere Ziele weist, die Sache der Menschheit und Menschlichkeit in seinem Volke fördert und dessen Name von Geschlecht zu Geschlecht ein Segen bleibt!« Bei diesem Satz begegneten sich ihre Augen, ihr war's, als sähe sie Karl zu tiefst in sein verschwiegenes, doch mutiges und tapferes Herz, das selber von einem hohen, fernen Ziele träumt. Mitten in einer weißen Schneenacht gestanden sie sich ihre Liebe. Und komme, was wolle – »Wem Gott ein treues Lieb beschert, Der soll von ihm nit lassen!« Das Lied klingt durch die geräumige, saubere Bauernküche, in der die Zinngeschirre funkeln. Bedächtig schreitet der Kommandant durchs Dorf. Er denkt an seine Frau, wie furchtbar ehrgeizig und leidenschaftlich sie ist. Es ist gegangen, wie es immer geht, wenn man die Armut aufs Pferd setzt. Sie reitet am hochmütigsten! In ihren jungen Jahren war Frau Susanne als Tochter eines Geißenbauers auf schlechtem Hof Seidenweberin und ihr ganzer Reichtum das sammetfeine Gesicht mit den heidelbeerschwarzen Augen gewesen. Um dieser willen hatte er sie zur Bäuerin gemacht. Dann wurde sie Kommandantin. Jetzt will sie auch noch Frau Großrätin werden! Das summt ihm im Kopf. Aber das freundliche Grüßen der Leute, die vor den Häusern Abendrast halten, bringt ihn auf anderes Sinnen. Er denkt: Es ist doch schön in Reifenwerd, und ein behaglicher Heimatstolz erfüllt seine Brust. Gewiß, es ist schön in Reifenwerd! Als ein sauberes, heimeliges Bauerndorf dehnt es sich an der breiten Landstraße, die wie ein weißes Band von der Brücke bis zum fernen Bürgerwalde zieht, wo die Steige nach der Stadt einsetzt. Die wohlgebauten Häuser, unter deren großen Dächern Wohnung, Stall und Scheune gemeinsam ruhen, stehen so weit von der Straße zurück, daß dazwischen Raum genug für eine dörfliche Entwickelung ist, die Reifenwerd das besondere Gepräge giebt. Vor jeder Wohnung nämlich blüht, von Buchs, Weißdorn oder einem Lattenzaun eingefriedet, ein Blumengarten mit Moos- und Monatsrosen und Levkojen, vor jedem Stall liegt ein braungolden glänzender, sorgfältig umflochtener Dungstock, und vor jeder Scheune dehnt sich ein Vorplatz, wo bei schönem Wetter die Wagen ruhen. Blumengarten, Dungstock, Vorplatz – eine andere Anordnung der Welt giebt es an der Straße von Reifenwerd nicht, wer aber am mittleren der drei Dinge Anstoß nimmt, mag bedenken, daß ein stattlicher Düngerhaufen der Stolz und die Ehre des Bauers ist, oder den Blick zu den stattlichen Häusern aus Fachwerk heben, in deren eng aneinander gereihten, blumenumschmückten Fenstern die Sonne blitzt, lieber diesen stehen in Reih' und Glied die Fallläden, oft braun und sonnversengt, oft hellgrün oder hellblau bemalt und mit steifen Blumenstücken verziert. Etwas höher tritt das Mauerwerk frei zu Tage, daraus leuchtet in Dreiecken und Trapezen das bemalte Fachwerk, in das die Fenster des höheren Stockwerks eingefügt sind, und unter dem breit vorspringenden Dache zieht sich ein Balken dahin, worein der Name des Erbauers und seiner Ehefrau und ein Spruch geschnitten ist, der das Haus in den Schirm Gottes stellt. Das ist Reifenwerd. Es ist, obwohl es noch eine Hintergasse hat, das sogenannte »Städtlein«, wo die Häuser mit grün übermoostem Stroh bedeckt sind, das Leben etwas ärmlich geht, doch einer der wohlhabendsten Orte in der weiten Runde. Dazu ist das Dorf kurzweilig, seine Straße von Fracht- und Reisewagen, die nach der Stadt fahren, belebt, und manche seiner Bauern, besonders der reiche Hirschenwirt, ziehen aus den Vorspanndiensten an der Steige ein hübsches Stück baren Geldes. In dieses schöne Dorf fallen nun die Pläne Rudolf Fürsts. Und was bringen sie der Gemeinde Gutes? Mißmutig überlegt es der Kommandant. Seines Sohnes wegen also hat der Großrat Fürst vom Lehrerseminar nichts wissen wollen! Und unter den Reifenwerdern giebt es kurzsichtige Köpfe genug, die nicht weiter rechnen, als wie sie, wenn die geplante Fabrik fremdes Volk in die Gegend zieht, Milch und Fleisch, Korn und Holz teurer als bisher absetzen können. Er tritt in den »Hirschen«, unter dessen niederer Thüre sich der hochgewachsene Mann leicht beugen muß. An die zehn Bauern und ein halb Dutzend Arbeiter aus den Werkstätten, die David Fürst schon vor Jahren in dem Steinhaus mit den hohen Treppengiebeln eingerichtet hat, sitzen beim Abendschoppen, eine so stattliche Zahl, daß man daraus wohl die Unruhe spürt, die im Dorfe über den Absichten Rudolf Fürsts erwacht ist. Die Bauern und Arbeiter sprechen davon, wie der Leutnant die Rechte, welche die Gemeinde auf die Abtei hat, die Benutzung der Kirche, des Kirchhofes und des Geläutes, abzulösen gedenke. Abseits von den Plaudernden, an der Wand, wo die Uhr im Gehäuse tickt, lehnt fast im Halbdunkel der einzige fremde Gast des Abends, ein komisches Männchen mit gelbem, ausgemergeltem Gesicht. Er hat einen Ballen Tuchwaren neben sich und läßt sich einen räßen Käse als Nachtbrot munden; doch ist eine quecksilberne Unruhe in dem kleinen Hausierer, er späht aufmerksam nach Karl Wehrli, der bescheiden in der etwas lauten Gesellschaft sitzt. »Unser junger Pfarrer,« sagt der Bauer Hans Hegner, »der Sohn des Antistes, hängt an der alten Kirche – die Fenster mit den gemalten Scheiben besonders seien Kostbarkeiten, ein Kleinod sei die ganze Abtei!« Der Händler am anderen Tische spitzt die Ohren. »Nu, nu,« lacht Ludi Immergrün, der seinen Kopf voll Ringellocken auf die linke Seite neigt, »es muß doch eine verdorbene Zeit gewesen sein, wo man so weltliche Bilder in die Kirchenfenster setzte. Denkt nur an den Ritter oder Landsknecht im roten Mantel, der die Wirtsmagd auf den Knieen hält. An solche Bilder gucken die Buben und Mädchen hinauf, lachen heimlich und denken statt an göttliche Dinge an allerlei Spusen. Darum hat der alte Dekan die Gemeinde mehreremal ernstlich darum angegangen, daß man die Butzenscheiben durch reines Glas ersetze, und man hat es nur der Kosten wegen nicht gethan. Was ist aber Felix Notvest für ein Pfarrer, daß er Vergnügen an den gottlosen Bildern findet!« »Um seine Meinung fragen wir nicht,« erwidert der alte Schleifer Keller mit dem struppigen Bart und der bläulichen Weinnase, »er ist ein Städter, er meint, er sei gescheiter als wir.« Mehrere Bauern nicken zustimmend, Karl Wehrli aber erwidert: »Ich lasse unserem Verweser Notvest nichts geschehen, obwohl ich wünsche, daß die große Fabrik zu stande kommt.« Der Säckelmeister ächzt: »Ich bin immer gern in die Klosterkirche gegangen und hätte auch gern einmal unter den Linden geschlafen, wo die Eltern und Vorfahren ruhen.« Ein gedankenvolles Stöhnen begleitet sein Wort. Der Kommandant, der aufmerksam, doch stumm dasitzt und den Kopf seines prächtigen Bernhardiners Barry streichelt, fragt den Hirschenwirt halblaut: »Wer ist denn der Jude dort? Ich sah ihn schon bei meinem Weibervolk.« Mißtrauisch blickt er nach dem Hausierer am anderen Tisch. »Es ist der Foulardhändler Joseph Lombardi, kennt Ihr ihn nicht?« flüstert der Wirt. »Er streicht schon seit mehr als zehn Jahren durch die Gegend. Wiewohl er das Deutsche verkauderwelscht, so schwatzt er doch allen Weibern seine Seidentücher auf und nimmt altes beblümtes Geschirr und Zinnzeug an Zahlungsstatt. Auf jedes blumige Täßchen jagt er wie der Teufel auf eine Seele und trägt auch die Bilderkacheln alter Oefen fort. Sein Haus in Rheinsee ist voll alten Gerümpels.« Der Kommandant horcht wieder dem Gespräch der übrigen zu. Eben nimmt Karl Wehrli das Wort: »Woran erinnert uns die Abtei? – An jahrhundertelange, blutige Abhängigkeit der Landschaft von der Stadt, an die bittere Demütigung der Reifenwerder zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Von der Reformation an bis zum Jahre 1798 sind im Kloster die Amtmänner der Stadt gesessen und haben die Bauern mit jenen Zehnten und Zinsen ausgesogen, die unsere Zeit jetzt langsam löst. Als dann der Drang nach der Freiheit kam, als die Reifenwerder mit den anderen Bauern die Vorrechte der Stadt zu brechen suchten, da mußte die Gemeinde, nachdem der Putsch verunglückt war, die berühmte große Buße zahlen, der Anführer der Bauern, Hans Ulrich Stockar, niederknien und entblößten Hauptes vor den gnädigen Herren aus der Stadt Abbitte leisten. Und über seinem Haupte schwang der Henker das Schwert.« »Ja, so war's,« bestätigen die alten Bauern, »als kleine Buben haben wir es selbst miterlebt.« Karl Wehrli schaut mit Spannung nach dem Kommandanten. Gerade von ihm erwartet er ein zustimmendes Wort, denn jener Bauernführer Stockar, über den der Henker das Schwert geschwungen hat, ist der Großvater des Kommandanten. Der stolze Bauer aber streicht sich nur gedankenvoll den Schnurrbart und tätschelt wie aus einer gewissen Verächtlichkeit gegen die anderen den schönen Kopf, den Barry auf seine Kniee gelegt hat. Darüber erregt sich der junge Werkführer. Er beißt sich verlegen die Lippe, er würde zu gern wissen, was Lonys Vater über die Pläne Rudolf Fürsts denkt. Die anderen fragen Karl Wehrli eine Menge Dinge. Als Angestellter der Werkstätten steht er doch Rudolf Fürst und seinen Plänen am nächsten. Und er giebt Antwort, wie der Fabrikant der Gemeinde als Ersatz für die Rechte, die sie an der Abtei besitzt, ein neues hübsches Gotteshaus und ein Pfarrhaus gleich oberhalb des Dorfes an den Rebberg bauen und ihr dazu ein vierstimmiges Geläute stiften wolle. Auf der Stirne des Kommandanten aber schwillt die Zornader, er schleudert einen wilden Blick nach Karl Wehrli. »Jetzt will ich euch auch meine Meinung sagen,« knurrt er, »zuerst Euch, Wehrli! Ich habe bisher geglaubt, daß Ihr wie Euer Vater ein Ehrenmann seid. Ihr seid aber keiner, sondern aus geringem Vorteil seid Ihr der Anschicksmann [R1 Heimlicher Agent]und Spion Eures Brotherrn geworden – ich hätte Besseres von Euch erwartet!« Streng und böse spricht es der Kommandant und trinkt erhitzt sein Glas aus. Der unerwartete Ueberfall lähmt den jungen Werksführer, einen Augenblick sitzt er totenblaß, wie vom Blitz zerschmettert, und der Gedanke: Es ist Lonys Vater! lähmt ihm die Zunge. Der Säckelmeister wendet sich in schwerfälligem Zorn gegen den Kommandanten: »Seid Ihr betrunken, daß Ihr so grob seid? Darf in Reifenwerd nicht jeder frei seine Meinung sagen?« »Ich bin vielleicht der nüchternste von euch allen,« erwidert der Kommandant mit einem Zug des Spottes, aber auch des überlegenen Mitleides in dem geröteten Gesicht, »wenn ihr aber redet wie Thoren, so übermannt es mich. Ich will euch einen Rat geben. Macht aus der Abtei ein Narrenhaus, das ist besser als eine Fabrik, ein Narrenhaus für euch alle von Reifenwerd, die ihr das blühende Dorf zu Grunde richten wollt.« »So darf uns keiner kommen, das lassen wir uns nicht bieten!« Erregt stehen die Gäste auf, der Kommandant schnauft schwer, aber die finsteren Gesichter, die drohend geballten Fäuste schüchtern ihn nicht ein, auch er erhebt sich, gegen die Bauern gewendet, spricht er: »Laßt die Fabrik kommen, die euch so begehrenswert erscheint, verkauft die Milch, die Brotfrucht, alles verkauft teurer als jetzt! Die Fabrik wird doch den Stand der Landwirte fressen, und ihr werdet zuletzt arme Teufel sein. Kennt ihr die Baumwolle? – Sie ist ein Flöckchen, weiß und unschuldig wie Schnee. Der Fluch der Sklaven aber, die sie in heißen Ländern bauen, steckt darin. Wo das Flöckchen hinfliegt, da fallen Hanf und Flachs dem Bauern wie Zunder vom Leib, und was reich und frei gewesen ist, das wird arm und muß spinnen helfen. Laßt die Fabrik kommen! Eure Aecker vergehen, euer Haus gehört nicht mehr euch. Frühwelk wanken eure Kinder, eure Enkel in die Fabrik, ja ihr selbst werdet euch noch an die Spinnstühle stellen müssen. Als abgemergelte Greise werdet ihr auf den Baumwollsäcken sitzen, und auf euer Vesperbrot werden die Thränen herunterlaufen. Dann schwatzt ihr wohl:,Gs gab einmal eine andere Zeit in Reifenwerd!´ Wollt ihr aber davon erzählen, so kommt einer und schreit:,Auf zur Arbeit, auf, ihr alten Knaben!´ – Und zuletzt wird man euch in einem Fetzen zur Grube tragen!« Ein grimmiger Blick der grauen, glanzvollen Augen über die Gesellschaft, ein kurzes »Guten Abend!« und hochaufgerichtet geht der Kommandant mit Barry aus der Stube. Er läßt eine große Stille und Bedrückung hinter sich, erschrocken und stumm sehen sich die Männer an; die Rede des angesehenen Mannes, aus welcher tiefste, leidenschaftlichste Ueberzeugung spricht, hat sich jedem in die Seele gebohrt. Karl Wehrli aber, dem Gekränkten, der doch gewiß kein Weichling ist, rollt eine heiße Thräne über das Gesicht. Die anderen wollen ihn trösten, aber er geht, hinter ihm der kleine fremdländische Händler. Im »Hirschen« ist heute frühes Lichterlöschen! IV. Wie ein Trunkener schwankt Karl Wehrli aus dem Gasthaus, ihm ist, er müsse den Kommandanten einholen und ihm sagen: »Ihr seid ungerecht! Nicht um Rudolf Fürsts willen, aus innigster Ueberzeugung bin ich für die Fabrik. Unser Land bedarf zu seinem Gedeihen der Industrie.« Doppelt schmerzt ihn die Mißhandlung, weil bis jetzt eine stille, hoffnungsreiche Freundschaft zwischen dem lebenserfahrenen Manne und ihm bestanden hat. In bitteren Qualen denkt er an Lony. Indessen folgt er dem Kommandanten doch nicht, sondern wankt wie zerschlagen gegen jenen Teil des Dorfes, der »das Städtchen« heißt. Da gesellt sich eine kleine behende Gestalt zu ihm, der italienische Foulardhändler. Und das Männchen flüstert: »Worda sein Werkführer Ihr. – Nit vergessa mich – jeß auch mehr sahla. – Braucha viel Geld jeß für Geschäft.« Das quecksilberne Kerlchen greift zudringlich nach Karl Wehrlis Arm, in wehem Zorn schüttelt ihn der Werkführer ab, und der Händler stolpert und fällt. Fauchend reinigt er sich in ohnmächtiger Wut. Der junge Mann aber steht bald am Hag eines kleinen Gärtchens und blickt gegen ein altes, niedriges Haus, unter dessen weit vortretendem Strohdach sich der Schattenriß einer ältlichen Frau, die emsig über einer Stichelarbeit sitzt, in einem beleuchteten kleinen Fenster abzeichnet. »Mutter!« stöhnt der Herzwunde. Mitten in der milden, duft- und blütenreichen Nacht überfällt ihn die Sehnsucht nach dem Winter, da Lony an den langen Abenden bei der Mutter gesessen und in Frost und Schnee die Liebe gekommen ist. Gewaltsam faßt er sich, tritt in das Haus und stellt sich unbefangen. »Schläft das Christli schon?« fragt er, die Mütze an die Wand hängend. »Es schläft und hat den schönsten Traum,« erwidert die Mutter, die nur flüchtig durch die Brille von der Arbeit aufblickt. »Sie ist seit acht Tagen wie verwandelt, fast übermütig, alles wegen dem jungen Herrn Pfarrer. ›Mutter, er hat mich Maililie genannt!‹ jubelt es, ›er hat gefragt, was ich einmal werden wolle. Hätte ich es ihm wohl sagen sollen, daß ich eine Geigenspielerin werden will?‹ Christli ist solch ein seltsames Kind – ein rechtes Schwärmerköpfchen, das mir Sorgen macht.« Wie Rat suchend, blickt Frau Wehrli nach ihrem Sohne aus. »Um Gottes willen, Karl!« sagt sie erschrocken. Stöhnend bedeckt er sein Gesicht. »Ja, zwischen mir und Lony hat es gehagelt!« Leid und schwere Erfahrungen haben Frau Wehrli, in deren dunkles Haar sich silberne Fäden spinnen, herb und trocken gemacht. Selber immer emsig, spricht sie zu ihren Kindern selten von etwas anderem als von der Notwendigkeit der Arbeit, und an der tiefen Neigung Karls zu Lony hat sie nie die geringste Freude gehabt. »Arm und reich kommen nicht zusammen!« Von dieser Ueberzeugung läßt sie nicht. Nun aber erhellt sich das schmale Gesicht vor den Schmerzen des Sohnes doch zu einem trostreichen Strahl. »Ueberwinde, Karl! Auf treue Arbeit hat Gott den Segen als Lohn gesetzt.« In schlafloser Nacht geht der junge Werkführer noch einmal den Weg seines Lebens. Er denkt an den Vater, den unermüdlichen Lehrer, der schon vor Jahren starb. Der stets thatbereite Mann hatte in seiner Güte die Unvorsichtigkeit begangen, daß er für einen Jugendfreund eine große Bürgschaft übernahm, eine ungefährliche Bürgschaft, wie er glaubte. Allein der Freund, der einem großen Handelshause in der Stadt als Kassierer angehörte, wurde untreu, ein zweiter Bürge war nicht leistungsfähig, das kleine Vermögen des Vaters reichte zur Deckung nicht hin. Da lieh ihm Lombardi, der Händler, den notwendigen Rest zur Zahlung. Doch bald erlag der Vater der Not und dem Gram, und die Familie preßte seitdem das Blut unter den Nägeln hervor, um die durch Zinsen und Zinseszinsen gewachsenen Ansprüche des Händlers zu befriedigen und die Schande des Konkurses nicht auf den ehrlichen Namen des Toten kommen zu lassen. In seiner Not sieht Karl Wehrli wieder den trüben Regentag, an dem ihn die Mutter von der Beerdigung des Vaters hinweg zu David Fürst führte und für den kaum der Schule entlassenen Buben um ein Plätzchen in der Fabrik bat. Er denkt daran, wie er unter heißen Thränen die junge Hoffnung, wie sein Vater die Bildung eines Lehrers erwerben zu können, begrub und ein hin und her gestoßener Lehrling wurde. Was wußte er damals? – Nichts, als daß er vor der Zeit ein Mann werden müsse, um der Mutter verdienen zu helfen. Nach einer Weile großer Mutlosigkeit hatte er dann an seiner Selbstbildung zu arbeiten begonnen, und nun ist die Frucht seiner Mühe da – in jüngerem Alter als irgend ein anderer hat er es zum Werkführer gebracht, und wenn er zwei Jahre sparsam ist, so kann er die Schuld des Vaters bei dem Händler tilgen! Aber er ist heute, da ihn die Worte des Kommandanten geschlagen haben, elender als bei seinem Eintritt in die Fabrik. Unablässig gehen die Gedanken des Schlaflosen. Das Heimweh nach Lony überfällt ihn. Wenn er nur ihre Stimme hörte, in der etwas so Schönes und Tiefes ist, wie wenn der Wind im Walde rauscht! Und im Halbtraum gleiten seine Gedanken von den blauen Augen Lonys hinüber zu den dunklen Christlis. Bevor er Lony kannte, war das verschwiegene, fast scheue Schwesterchen sein einziger Sonnenstrahl; ein Blick in das stille, tiefe, in einer Fülle von Gedanken gärende Herz des Kindes seine höchste Erholung. Die Welt Christlis ist die Musik. Als sie noch nicht zur Schule ging, hatte sie versucht, auf der Violine des Vaters Lieder zu spielen. Der Vater hatte dem Kinde scherzend die ersten Griffe gezeigt. Und siehe da! Ohne daß sie einen Lehrer gehabt hatte, begann die Violine unter ihren Fingern zart und lieblich zu tönen, und in tiefer Heimlichkeit übt sie nun das Spiel, sie geigt, vor Lauschern geschützt, am liebsten in den Büschen an der Reif, wo nur die Fische sie hören. Das ist das heimliche, zierliche Christli. Sollte das Allerbitterste geschehen, sollte er, weil ihm der Kommandant so furchtbar zürnt, auf Lony verzichten müssen, hätte er nur noch ein Ziel: Dem Christli müßte es gut gehen, und seine Kunst sollte wie eine Blume zum Lichte blühen. Das ist sein heiliger Vorsatz, sein Herz aber schreit: Lony, Lony! In sein schweres Träumen hinein graut der Tag und klingt die Morgenglocke, und der Dengelschlag eines Bauers tönt schon hell durchs Dorf. Es ist jetzt Zeit zur Arbeit. Um das Neunuhrbrot läßt Rudolf Fürst ihn rufen. »Die Gemeindeversammlung ist vor der Thüre. Wie stehen die Dinge?« Der Leutnant fragt es, vom Schreibtische aufblickend, in scharfem Geschäftston. »Mit der Abtei haben Sie, obgleich der Kommandant furchtbar dagegen ist, wahrscheinlich gewonnenes Spiel,« erwidert Karl Wehrli, »aber in der Großratswahl –« »Gut!« unterbricht ihn Rudolf Fürst übelgelaunt. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt. Ob die Schuld nicht etwas bei Euch liegt, Wehrli? Donnerwetter! Geht besser ins Zeug! ›Wess Brot ich ess', dess' Lied ich sing'‹, ist ein guter Spruch für Leute, die vorwärts kommen wollen. Merkt Euch das!« Der junge Mann beißt sich, blaß vor Zorn, auf die Lippen. Um die so schön gedachte Werkführerstelle ranken sich die Dornen, und die große Fabrik, die kommen soll, wirft ihre Schatten voraus. V. Unbekümmert um den Streit, der im Dorfe über den Plänen des Leutnants Rudolf Fürst entstanden ist, geht Felix Notvest seinen einsamen Weg. Er zeichnet und malt in der tiefen Ruhe und Kühle der Abteikirche. Er kopiert einige der schönsten alten Glasgemälde, die den hochstrebenden Bau in ein warmes Feuer setzen, und in dem dämmerigen, zauberhaften Licht, das die Sinne von der Gegenwart abwendet, lebt er in der reichen Vergangenheit der Abtei und versenkt sich immer tiefer in das Studium der Glasgemälde. Ein gutes Stück der Landesgeschichte spiegelt sich in diesen Bilderscheiben, deren älteste bis in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts zurückreichen, während die jüngsten aus den Jahren unmittelbar vor der Aufhebung der Abtei stammen. Sie geben das fast vollständige Entwickelungsbild einer merkwürdigen und schönen Kunst, die durch die berühmten, spätmittelalterlichen Künstler der nahen Stadt auf eine besonders hohe Stufe geführt worden ist, so daß sie von fernen Städten am Rhein und Main zur Ausschmückung der Dome berufen worden sind. Die ältesten der Gemälde, tiefblaue, sammetrote oder sonnengoldene Wappenscheiben, preisen noch die Ritterzeit, aber bald weichen sie denjenigen der Städte und Landschaften, die sich in gemeinsamem Kampfe gegen die Anmaßungen des Adels die staatliche Selbständigkeit errangen und einander nach den Freiheitskriegen und Siegen die mit Blut besiegelte Freundschaft in prangenden Wappenbilderscheiben beurkundeten, welche sie in die Hut der frommen Frauen von Reifenwerd gaben. Sie leuchten, und über ihnen strahlt in farbensatter Pracht der Adler des Deutschen Reiches, in dem das Land damals noch seinen Schirmherrn anerkannte. Wie muß das Gotteshaus in seiner klassischen Zeit von ergreifender Schönheit gewesen sein! Neben der Farbenherrlichkeit der Fenster prangten damals an den Wänden die in den Freiheitsschlachten eroberten Fahnen, Helme und Panzer, und an den hohen Festtagen wallfahrtete das Volk, pries Gott für die ihm verliehenen Siege und verehrte die Heiligen, die in kunstreich geschnitzten Figuren auf den Altären standen, als seine starken Helfer. Von dieser hohen Zeit sprechen im Gotteshaus die Glasgemälde und im Kreuzgang die Grabsteine der Ritter, während andere Werke der religiösen Kunst durch die Reformation vernichtet oder zur Zeit der Bauernunruhen in die Stadt übergeführt und bei einem großen Brand das Opfer der Flammen geworden sind. Die Bilderscheiben aber leuchten und reden! Aus einer je späteren Zeit sie stammen, um so mehr verschwindet das Zeremoniale, treten die Wappen mit den stilisierten Tieren, Engeln, Damen oder geharnischten Rittern zurück, desto häufiger erscheinen dem Volksleben des fünfzehnten Jahrhunderts nachgebildete Gestalten der christlichen Legende, der griechischen und römischen Göttersage, Darstellungen aus der Heldenzeit der eigenen Geschichte und das damalige Volksleben mit all seiner Daseinsfreude: der Säemann auf dem Feld, der Handwerker in der Werkstatt, der Wandergeselle auf der Straße, die Schützen beim Mahl, die Krieger in der Schlacht, die Herren im Rat, die Priester im Konvent, die Nonnen vor dem Altar. Die Gemälde der Abtei sind eine köstliche zeitgenössische Schilderung des reichen Lebens vergangener Tage, unvergleichliche Zeugen der Geschichte des Volkes. Aus diesen Denkmälern einer hohen Vergangenheit hat Felix Notvest den Gedanken geschöpft, der jetzt in einer mit Bildern ausgestatteten Denkschrift Ausdruck gewinnt. Niemand kümmert sich um sein stilles Zeichnen, denn wer tritt am Werktag in die Abtei? – Nur Sigunde Fürst, die sich den Anschein giebt, als sei der Kreuzgang und der Rosengarten ihr besonderer Lieblingsaufenthalt geworden, möchte ihn gern bei seiner einsamen Arbeit beschleichen, und häufig genug taucht der stolze Blondkopf zwischen den blühenden Büschen auf, doch weicht ihr der Pfarrer, wie mächtig er auch den Anreiz des schönen Frauenbildes spürt, immer aus. Einmal aber steht sie ihm so von Angesicht zu Angesicht gegenüber, daß er nicht ohne ein Wort der Begrüßung an ihr vorübergehen kann. »Fräulein,« wendet er sich an sie, »sind Sie die Künstlerin, die unter den Linden die Violine so zart und lieblich gespielt hat?« »Nein, leider nicht!« lächelt sie. »Ich war nur der Störenfried der Ihnen zugedachten Huldigung, die Künstlerin ist eine andere!« Sie spricht es hochmütig neckisch und grüßt in majestätischer Kühle. »Die Künstlerin ist eine andere!« Doch hat Felix Notvest keine Zeit, über dem Rätsel, das ihm Sigunde Fürst aufgegeben hat, zu grübeln, sein Sinnen und Denken ist von der Schrift erfüllt, in der er den vor der silberbeschlagenen Bibel des Vaters gefaßten großen Entschluß zur Ausführung bringt. Jetzt ist die Arbeit vollendet, der Wurf gethan! Die Schrift ist eine Eingabe an die obersten Behörden des Landes, ein flammender Protest dagegen, daß die Abtei Reifenwerd, die Ruhmes- und Siegeshalle der Vorfahren, verkauft und zu einer Fabrik entweiht werde, und das mit gründlichen Belegen versehene Werk enthält den Vorschlag, das geschichtlich wertvolle Kloster in seinem jetzigen Zustand zu erhalten, in seinen Räumen die in Stadt und Land zerstreuten beweglichen Kunstaltertümer und Geschichtsdenkmäler zu sammeln und aufzustellen. Die Abtei soll zu einem bescheidenen geschichtlichen Museum und durch die Würde der Stätte zu einem Delphi gestaltet werden, zu dem das Volk an den Ehrentagen des Landes wallfahrte und in dem es die Gedanken aus den kleinen Kämpfen der Gegenwart zu den Leitsternen seiner Geschichte erhebe. In der Vollendungsfreude ist ihm, er sei seiner Vorfahren, des Gerbermeisters Denzeler und der Nonne Ursula Demut, würdig, und mit dem Hoffnungsmut der Jugend vertraut er auf den Sieg seines vaterländischen Gedankens über die Nützlichkeitspläne seines Nachbars Rudolf Fürst. VI. Der Leutnant sitzt auf seinem Comptoir im ersten Stock des väterlichen Hauses zur Mühle. Sein Blick streift über eine eben fertig gewordene Berechnung. Befriedigt davon steht er auf und schaut, indem er das mittellang geschnittene Haar, das ihm in die Stirne gefallen ist, zurückstreift, flüchtig in den Spiegel. Beim Anblick seines Ebenbildes kommt ihm ein Einfall, der ihn selber belustigt. »So sieht einer aus, der Millionär werden will, rasch und sicher Millionär!« Leutnant Rudolf Fürst darf schon in den Spiegel sehen. Er ist ein junger Mann von großer Stattlichkeit, mit hochgewölbter Brust, kraftvollen Schultern, mit den Zügen eines kühlen Rechners, die oft etwas Undurchdringliches haben. Ueber die scharfen, grauen Augen schatten schwere Brauen, die beinahe zusammengewachsen sind, eine senkrechte Furche, welche sich von der Stirn zur Nasenwurzel zieht, giebt dem Gesicht den besonderen Ausdruck und leicht etwas Finsteres; aber wenn dieses ernste Gesicht lächelt, so ist es beinahe schön und bedeutend. Sein gepflegtes Aeußere verleiht ihm das Ansehen eines Mannes von Welt oder eines Kaufmannes, der lange in fremden Städten gelebt hat. In Manchester hat er das kühle, sichere Wesen eines Engländers erworben. Ein kleines Manchester soll, wenn es nach seinen Plänen geht, die Abtei werden, ein großer, intensiver Betrieb, in allem das Gegenstück der altväterischen Weise, in welcher der Vater sein kleines Geschäft geführt hat, das in der besten Zeit nur ein Viertelhundert Arbeiter, Schlosser, Schleifer und Hilfskräfte zählte. Rudolf Fürst findet es lächerlich, daß ein Fabrikant, wie das der Vater bis vor wenigen Jahren gethan hat, selber an den Schraubstock tritt, sich von den älteren Arbeitern, seinen einstigen Jugendkameraden, mit »du« anreden läßt und ihnen beim Arbeitsschluß eine Prise aus seiner Dose anbietet, daß er den Arbeitern beim ersten Kind Gevatter steht, die Lehrlinge, die ihn wie ein Schwert fürchten, in eigener Person über die Kniee spannt und mit dem Strick züchtigt, ihnen aber auch nach wohlvollendeter Lehrzeit ein Sparkassenbuch mit einem ersten Eintrag schenkt. Das alles wird fürder überwundene Patriarchie und vergessene Idylle sein, besonders aber die jeder richtigen Geschäftsführung feindliche Einrichtung, daß die Arbeiter wegen landwirtschaftlicher Arbeiten, die sie verrichten, mehr oder weniger zu den Stunden kommen und gehen können, die ihnen belieben, und in den Zeiten der Heueinfuhr, Ernte und Weinlese gar nicht in den Werkstätten erscheinen. Das ist Schlendrian, der Arbeiter braucht kein Bauer zu sein! Auf den bescheidenen Fundamenten, welche der Vater gelegt hat, wird er in großem Stile weiterbauen! Billige Räume, billige Arbeitskräfte, und wozu hat man einen reichen Militärkameraden und Freund? Alfred Hohspang, der Sohn des Regierungspräsidenten, giebt sein Geld, und er, Rudolf Fürst, giebt seinen Scharfsinn in das Unternehmen. Auf dem Wasser schwimmen schon Maschinen seiner zukünftigen Fabrik, und hinter ihnen her kommt seine Verlobte, Kitty Bell, eine der reichen Erbinnen der Maschinenfabrik Bell Brothers in Manchester. Da giebt es keinen Widerstand, und wenn die Reifenwerder ihre Rechte auf die Abtei nicht gutwillig abtreten, so geht es zwangsweise durch die Regierung. Er hat es nicht vergessen, daß er ein Sohn Reifenwerds ist, er hat der Gemeinde ein Angebot auf ihre Rechte gemacht, das sich sehen läßt, und wenn ihn die Mitbürger als Großrat berufen, so wird er dem Dorf angemessenen Dank wissen. Wollen die Reifenwerder nicht – so wird es ihr Schaden sein! Er hält den Kopf stiernackig vorgebeugt und überlegt. Da öffnet sich die Thüre, mit einem schalkhaften Lächeln tritt Sigunde, sein Quälgeist, herein. »Sage doch, Ruedi, ist Kitty Bell hübsch? Hat sie die weiblichen Tugenden, ist sie sanftmütig, demütig und geduldig?« Voll Uebermut schiebt sie die Rollen von Zeichnungen von dem ledernen Ruhebett, das im Gemache steht, hinweg, streckt sich darauf hinaus, und blinzelt strahlenden Gesichts nach ihrem Bruder. Er aber antwortet ihr halb erzürnt über die bäurische Form, die sie seinem Namen giebt, mit einer ungeduldigen Gegenfrage: »Was ist denn aus deinen romantischen Frühmorgenstelldichein geworden, die du mit Alfred Hohspang verabredet hast? Die Stute hat ja seit mehreren Tagen gute Ruhe!« »Ach, Alfred Hohspang,« scherzt sie, »der kleine Sohn eines großen Vaters! Du wirst doch nicht glauben, daß ich ihn dir zuliebe gar heirate – er wird ein paarmal umsonst zum Brunnen an die Steige geritten sein!« »Das tönt anders als vor einem Monat!« Die Stirnfalte Rudolf Fürsts vertieft sich, und er spielt nervös mit den Fingern. »Kannst du denn wirklich gar nicht vernünftig sein? Ein gutes Wort, und du hast seinen Ring am Finger und bist die beneidete Herrin der Villa Venedig.« »Und du,« lacht sie, »bist dann ein allernächster Verwandter Robert Hohspangs, des mächtigen Handelsherrn und Staatsmannes, welcher dir die Stellung bei Bell Brothers verschafft hat und dessen wohltönenden Namen du bei der Werbung um Kitty etwas voreilig als den des zukünftigen Schwiegervaters deiner Schwester mißbraucht hast. Ist's nicht so, Ruedi?« Der Leutnant wird kreideweiß. »Du bist ein Chamäleon, du spielst in allen Farben!« »Ich möchte nur keine geschwisterliche Tyrannei,« antwortet sie gleichmütig. »Alfred Hohspang! Was ist an ihm? Ein wenig reiten, ein wenig Militär spielen, horchen, was da und dort für Witze fallen, sie aufschreiben, heimkehren und sie als eigene erzählen – dazu die aufgelesenen Urteile über Politik und Theater! Er ist ein Buch, das man in ein paar Stunden auswendig kennt, aber mich fesselt ein neues – rate!« Die Augen Sigundens haften, während sie sich behaglich reckt, lustig fragend auf dem Bruder. »Ich habe keine Zeit, Rätsel zu lösen,« erwidert er unwirsch, »es interessiert mich auch nicht!« »Ich habe eben in der Wohnstube die Eingabe des Pfarrers Felix Notvest an die Regierung gelesen, das heißt: angefangen zu lesen.« Sigunde blickt, seit sie in der Stube des Bruders weilt, zum erstenmal ernsthaft, was ihrem feinen und geistvollen Gesichte sehr gut steht. Das findet auch der Leutnant. »Ah – ah!« lacht er etwas gezwungen, »aber dein Interesse für den Pfarrer ist ein schlechtes Zeugnis für deinen Geschmack. Seine Arbeit ist ein Gallimathias!« Sigunde zuckt die Schultern. »Alle Achtung vor ihm!« sagt sie nach einer Weile des Nachdenkens träumerisch. »Die Schrift kommt aus Eigenem, er hat Illusionen, er glaubt doch an irgend etwas! Ihr aber, du und Alfred Hohspang, glaubt nur, daß zwei mal zwei vier ist – darum seid ihr so langweilig!« »Und was glaubst du denn eigentlich?« fragt der Bruder höhnisch. »Ich habe einen lustigen Kopf und ein trauriges Herz,« erwidert sie halb melancholisch, halb scherzhaft, »ich suche das Glück, aber mit diesen beiden kann ich es wohl nicht finden!« »Das heißt, du bist ein überspanntes Frauenzimmer,« höhnt er. »Und ich habe keine Zeit, mich mit deinen Schrullen abzugeben.« »Das ist häßlich von dir!« Beleidigt geht Sigunde, und Rudolf Fürst läßt den Werkführer rufen. »Wehrli,« beginnt er, »es handelt sich darum, daß wir eine Anzahl geschickter junger Mädchen gewinnen, die andere in der künftigen Spinnerei anleiten können! Sagt Eurer Schwester, dem Christli, daß sie sich für die nächste Zeit bereit halten soll. Ich sende sie etwa sechs Wochen in eine Fabrik an der oberen Reif, damit sie das Ansetzen der Fäden erlernen kann, gegen den Herbst hin spinnen wir vielleicht schon probeweise, dann mag sie andere Kinder darin unterrichten.« Karl Wehrli wird blaß und steht verlegen. »Das Christli,« stammelt er, »ist erst fünfzehnjährig und so zart gebaut – wir wünschen es nicht in die Fabrik zu schicken!« Die Stirne Rudolf Fürsts runzelt sich. »Bah, bah,« versetzt er barsch, »so könnte mir jeder kommen! Ich kann keine alten Weiber mit steifen Fingern brauchen. Nein, wenn einmal alles eingerichtet ist, bedarf es wohl fünfzig bis hundert solcher Mädchen und Buben, und noch jüngerer. Also abgemacht, das Christli hält sich bereit!« Der Werkführer will noch etwas erwidern, aber Rudolf Fürst winkt ungeduldig, daß für ihn die Angelegenheit erledigt sei. Erregt eilt Karl Wehrli die ausgelaufene Treppe des Steinhauses hinunter. Der Gedanke, daß das zierliche Schwesterchen ein Spinnmädchen werden soll, brennt ihn wie Feuer. Auf der Treppe begegnet ihm der kleine, bewegliche Hausierer Joseph Lombardi, und ein grausamer Haß blitzt aus den Augen des Italieners, der demütig die Stiege emporschleicht. Bei der Erscheinung des drängenden Gläubigers spürt Karl Wehrli erst echt die Zangen der Not. Ob ihm das Herz auch über dem Gedanken blutet: das arme Christli muß sich darein fügen, in die Fabrik zu gehen, eine Weile wenigstens! Wie er aber das Kind schonend auf das Unabänderliche vorbereiten will, da rüttelt ein tiefes Entsetzen den zarten Leib und die schmalen Glieder des Mädchens. Ein schreckhafter Jammer bricht unter den langen seidenen Wimpern hervor, mit verzerrtem Gesichtchen schreit es: »Ich springe eher in die Reif, als daß ich in die Fabrik gehe!« »Christli, du weißt ja gar noch nicht, was eine Spinnerei ist!« mahnt Karl. »Ich weiß es nicht,« stöhnt das Mädchen, »ich denke aber, daß es etwas so Häßliches ist wie ein Gefängnis!« Gegen die sanften Vorhalte der Mutter und des Bruders wappnet sich das heiße, heftige Kind, die Finger ineinander verkrampft, mit schweigendem Trotz und finsterer Feindseligkeit. Eine Weile geht es wie ein Schatten durchs Haus, zuletzt aber lächelt es mitten in brütenden Schmerzen wieder hoffnungsreich. Es denkt an den gütigen jungen Herrn Pfarrer, und seine Wangen werden rot. »Maililie hat er mich genannt,« flüstert es. In seltsamen, dunklen Wallungen der bedrängten, gehetzten Kinderseele, in innerster Hinneigung und in unendlichem Vertrauen erscheint dem Christli Felix Notvest, sein Freund, sein Lehrer, als mächtiger Retter und Helfer fast in einer Verklärung wie jener, der gesprochen hat: »Lasset die Kinder zu mir kommen!« Wenn ihm der Bruder und die Mutter mit all ihrer Liebe nicht helfen können, so will es mit dem Herrn Pfarrer sprechen. Er weiß gewiß einen Weg, daß es kein Spinnmädchen werden muß. Mit dem Herrn Pfarrer sprechen! – Das Christli starrt. – Nein, das kann es nicht, weil es etwas sehr Thörichtes begangen hat. Aus lauter Freude und Jubel darüber, daß er es »Maililie« genannt hat, ist sie nach dem Tätschschießen mit ihrer Geige im Einbruch der Nacht unter die Linden zurückgelaufen und hat, von ihnen verborgen, unter seinen Fenstern ein Lied gespielt. Sie weiß es selber nicht mehr, wie sie auf den unglücklichen Einfall gekommen ist, nur eins: Sie ist bei dem Spiel von Sigunde Fürst überrascht worden und das vornehme Fräulein hat sie ausgelacht. O diese Schande! Und wenn nun Sigunde Fürst dem Herrn Pfarrer das Geschehnis verraten würde. Dem armen Christli ist, es müßte sterben vor Scham! »Ich muß ihn doch um Rat bitten!« Ein Vertrauen wie auf Gott steht in den Augen des Kindes. VII. Felix Notvest weiß noch nicht, wie sich die Regierung zu seiner Eingabe stellt, doch ist ihm die Arbeit selbst ein Segen geworden, sie hat ihm Klarheit über sein Innerstes gebracht. Er ist ein Mann mit den Neigungen zur Gelehrsamkeit, ein Dokumenten- und Bücherwurm, aber kein Pfarrer. Um diesen Beruf in seiner Höhe und Tiefe zu erfüllen, muß man mitten in Lust und Leid, in Not und Glück des Volkes aufgewachsen sein und seine Seele kennen. Ihm aber, dem Patriziersohn aus der Stadt, stehen die Bauern halbscheu gegenüber, er findet, weil ihm die Lebensverhältnisse in Reifenwerd zu fremd sind, den Ton nicht, der zu Herzen geht, und in der Kirchenpflege sagt es ihm der Säckelmeister in wohlwollendem Freimut: »Sie sprechen über die Köpfe Ihrer Gemeinde hinweg!« Darum Berufswechsel! Eine neue schöne Aufgabe steht klar vor ihm. Ein Sprößling des niedergehenden Patriziates der Stadt, möchte er an ihrer neugegründeten Universität auf den Lehrstuhl der vaterländischen Geschichte steigen und das Beste, was das Patriziat geliebt und gepflegt hat, das Verständnis und die Hochachtung für die Kulturarbeit der Vorfahren, durch empfängliche Schüler in das nüchtern gewordene Volk tragen, das über seinem wirtschaftlichen Vorwärtsdrang die Fühlung mit dem geschichtlichen Untergrund seines Lebens verloren hat. In diesem Sinne hat er einen Brief an seinen Vater, den ehrwürdigen Antistes, geschrieben. Ginge er von Reifenwerd fort, so würde ihm aus seiner kurzen Verweserzeit nichts fehlen als ein dunkles Augenpaar unter langen Wimpern, seine schüchterne und doch so gescheite Lieblingsschülerin, das Christli. Bis die Entscheidung fällt, lebt er geschichtlichen Studien im Kloster. So tritt er eines Abends aus dem Gotteshaus in den blühenden Kreuzgang. Ueber die Steildächer der Abtei rieselt die Sonne, aus dem hangenden Epheu dringt der glucksende Ton brütender Vögel und der Rosenduft webt über der blühenden Wildnis. Da traut er seinen Augen kaum: mitten in der verwahrlosten Pracht, unter den Dolden des Holunders und den Ranken des Geißblattes sitzt auf einem umgestürzten Grabstein eine Nonne, eine Dominikanerin, wie sie vor vierhundert Jahren im Kreuzgang gewandelt haben. Sie liest mit gesenktem Blick selbstvergessen in beschriebenen Blättern. Einen Augenblick zögert Felix Notvest. Sein Blick gleitet vom Schleier, der um ihr blondes Haar gewunden ist, das weiße Wollkleid hinunter, um das sich der dunkle Strick schlingt, auf den mit Sandalenriemen verschnürten Fuß, der unter dem Rand des Kleides hervorschaut. Was ist das für ein entzückendes Wunder – dieser kleine übermütige Fuß! Der junge Mann, der bis dahin nur zwischen Vater und Mutter, zwischen Büchern und Scharteken gesessen hat, errötet. Es ist Sigunde Fürst, die in dieser Maskerade dasitzt. Er grüßt stumm und will weiter gehen. Da kommt plötzliches Leben in die lesende, träumende Nonne. Mit glühendem Haupt erhebt sich die junge Dominikanerin, die vielleicht die Begegnung herbeiführen wollte, aber nun durch das plötzliche Erscheinen Felix Notvests doch etwas verwirrt ist. Erst nach einem peinvollen Augenblick löst sich die gegenseitige Ueberraschung. »An diesem Kleid sind Sie selbst schuld, Herr Pfarrer,« lächelt sie. »Ich las Ihre kurze Schilderung des Lebens der Dominikanerinnen. Da überfiel mich die Lust, selbst eine zu sein – die Nonne Ursula!« »Wie kommen Sie aber zu den Blättern?« stottert Felix Notvest, der seine Eingabe in ihrer Hand erkennt. »Die hat mir das Glück zugeführt! Herr Pfarrer, was Sie über die Abtei schreiben, ist ergreifend, und ich bin Regierungspräsident Hohspang zu großem Dank verbunden, daß er Ihre Eingabe an meinen Bruder gesandt hat.« Das klingt warm und aufrichtig. »Eine Indiskretion!« grollt der Pfarrer. »Verzeihen Sie dieselbe um meinetwillen!« erwidert Sigunde Fürst bittend und bescheiden. »Die Schrift giebt mir viel zu denken. Ich sehe dabei mein ganzes unnützes Leben. Sie aber wollen etwas schaffen, was groß und erhaben ist! Ich möchte Ihre Schülerin sein, nein, jene Ursula Demut, von welcher Sie in der Eingabe sprechen, ich möchte etwas für die Erhaltung der Kunstaltertümer thun!« »Sie, Fräulein Fürst?« Und bei den einschmeichelnden Worten geht ein Sturm durch die Seele des Pfarrers. Sigunde ist so schön und sie ist anders, als die Dekanin, als die Leute im Dorf von ihr sprechen. Sie ist verleumdet worden. Ihr Atem streift ihn, die grauen, ins Grünliche spielenden Augen leuchten wundersam auf. Und der Mund – dieser Mund! Es ist nicht zu denken, daß ein Mensch einen solchen Mund küssen dürfe! Aus einer kurzen Ueberlegung blickt sie, die schmalen, feinen Hände über die Kniee gefaltet, zu ihm auf. »Es muß etwas geschehen für die Abtei. Obwohl mein Bruder zürnen wird, ich gehe doch zu Regierungspräsident Hohspang und erbitte seine Teilnahme für Ihren großen Plan. Er ist mir wohlgesinnt, und,« fügt sie mit einem schelmischen Lächeln bei, »selbst alte Herren sind nicht hartherzig, wenn ein junges Fräulein betteln kommt – dafür wünsche ich nur einen Dank, nämlich daß ich Ihre Schülerin sein darf!« Ihre Augen heischen ein freundliches Ja, vor Ueberraschung seiner selbst nicht ganz mächtig, stammelt der Pfarrer: »Ich will Ihnen gern alles im Kloster zeigen, was Ihren Anteil erregen kann.« Wohl ist es ihm, als begebe er sich mit dieser Zusage in eine dunkle Gefahr; aber es liegt doch ein geheimnisvoller Reiz darin, mit dem schönen begeisterungsvollen Fräulein durch die stillen Räume der Abtei zu gehen. Sie jubelt über sein Wort; das als Nonne verkleidete Weltkind legt zutraulich einen Augenblick ihre Hand in die seine, und mit erzwungener Kühle sagt er: »Kommen Sie mit mir in den Kreuzgang, da finden wir gleich die größten geschichtlichen Denkmäler, die eingemauerten Grabsteine der bei St. Johann erschlagenen Ritter.« Und da er sich neben dem verkleideten Fräulein unsicher fühlt, so spricht er lehrhaft wie ein Professor mit ihr. »In jener Schlacht,« erzählt er, »erlag fast der ganze Adel den Hellebarden der Bauern, und umsonst stellten nach der Niederlage die Herren, welche noch auf den Schlössern saßen, die Bitte, auf der Walstatt ein Kloster errichten zu dürfen. Als aber die frommen Frauen von Reifenwerd um die Erlaubnis baten, die mit ihrem Herzog Erschlagenen auf dem Schlachtfeld auszugraben und sie in ihr Kloster überzuführen, widerstanden die Bauern und Städter nicht und gestatteten es. Die Nonnen verrichteten die schwere Arbeit, mit Schaufeln gruben sie die schon Beerdigten aus, führten ihrer über Hundert nach Reifenwerd und betteten sie in diesem Wandelgang zur ewigen Ruhe. Die Abtei ist also das große Grabmal des Adels unseres Landes geworden und also auch damit eine geweihte Stätte unserer Geschichte.« »Allein, das merkwürdigste unter den Denkmälern,« fährt Felix Notvest fort, »ist hier neben dem Eingang zur Kirche – es ist dasjenige der Königin Agnes von Ungarn. Sie kennen ihre Gestalt aus Ihrer Schulzeit.« »Herr Pfarrer,« lacht Sigunde hell, »nichts weiß ich – es sind nicht alle Lehrer so beredt wie Sie!« »Ein Wappen mit dem ungarischen Doppelkreuz, ein Spruch,« sagt der Pfarrer, um sein Erröten zu verbergen, »das ist alles, was der alte Stein enthält, doch ist der Spruch bezeichnend. Mit wenig inhaltschweren Worten sagt er: » Jacet hic pelegrina insatiabilis. Satura «, zu Deutsch: ›Hier ruht eine Pilgerin, die unersättlich war. Sie ist satt geworden‹« Die Augen Sigundens leuchten in Spannung auf, sie wiegt das schöne Blondhaupt und sagt: »Das ist ein Wort, das zu denken giebt. Wie kann man des schönen Lebens satt werden?« »Agnes,« erklärt der Pfarrer, »war die Tochter des deutschen Kaisers Albrecht, mit siebzehn Jahren vermählt und Königin, mit zwanzig Jahren Witwe. Damals lebte an ihrem Hof Rudolf von Balm. Sie liebte ihn, er aber sie nicht. Er fiel in Ungnade. Nun kam im Jahr 1308 der Kaisermord bei Brugg, und unter den Verschworenen, die mit Johannes von Schwaben über Albrecht herfielen, war auch Rudolf von Balm. Um die Unthat zu sühnen, eilte Agnes von Ungarn herbei, mit ihrer Mutter Elisabeth übte sie an den Rittern, die nicht hatten entfliehen können, die Blutrache. Vor dem Thor des Klösterchens Reifenwerd wurde Rudolf von Balm auf das Rad geflochten. Auf einem Thronsessel sitzend, überwachte die auf Schloß Reifenloh wohnende Königin die Qualen des Ritters, den sie einst geliebt hatte. Umsonst flehte der Mann mit den gebrochenen Gliedern um einen Trunk. Sie ließ ihn dürsten, weil er ihr einst einen Kuß verweigert hatte. Da siehe! Vom Brunnen des Klösterchens herüber flog eine Taube, in ihrem Schnabel brachte sie ein nasses Blatt und letzte den Sterbenden. Vor dem göttlichen Wunder ergriff Agnes das Entsetzen, sie floh und die Nonnen begruben den Toten. In fernen Ländern frönte Agnes, unersättlich an Mannesliebe, dem Genuß und mied die Stätte. Jahrzehnte später aber erschien in strengem Winter eine Pilgerin am Thor von Reifenwerd, Agnes von Ungarn. Neben dem Grab des Ritters führte sie ein gottseliges Leben und erhob das Kloster, das sie vergrößerte und bereicherte, zur Abtei.« Sigunde schweigt, dann seufzt sie; in seltsamer Unruhe blickt sie in die Weite und lächelt plötzlich. »Es ist nichts,« sagt sie traumvoll halb zu sich, halb zum Pfarrer, »so sind wir Glücksucherinnen mit lustigem Kopf und traurigem Herzen.« Felix Notvest staunt. Es dämmert. Ein Streifen Abendrot, ein Goldstrom glüht über den Dächern, im Kreuzgang aber dunkelt es schon stark, und da und dort in den Winkeln der Abtei regt sich das Nachtgevögel. »Gott, die erschlagenen Ritter!« Sigunde erschauert. »Bitte, Herr Pfarrer, begleiten Sie mich bis zum Gang gegen die Mühle! Ich fürchte mich.« Sie hält sich mit ihrer blühenden Gestalt dicht an ihn, und zum erstenmal spürt er den süßen Zauber, der Schirmer eines zagenden Mädchens zu sein, eines so feinen Mädchens wie Sigunde Fürst, deren schlanke und doch volle Gestalt auch in der Nonnentracht zur Geltung kommt. Sie stehen unter der schmalen Pforte gegen die Mühle, lassen die Hände ineinander ruhen und mögen nicht auseinandergehen. Eine Weile später aber schreitet Felix Notvest allein und verträumt durch den Kreuzgang. Als ein schlankes Horn hängt der Mond am blauen, tiefen Himmel der Nacht, und die Abtei wirft ihre Schatten auf den bleichen Glanz des Rosengartens. Sigunde ist wohl seltsam in ihren Einfällen, und die Gänge ihrer Seele sind sonderbar: »So sind wir Glücksucherinnen.« Was für ein fremdes Wort. Und doch wünscht Felix Notvest, das Abenteuer möchte sich wiederholen, sie möchte wieder als Dominikanerin, die Schrift in der schlanken Hand, auf dem eingesunkenen Grabstein sitzen. Eine weite Sehnsucht nach der eben Entschwundenen füllt seine Brust. Es ist kein Fleck Erde so arm, er will einmal blühen. Selbst das alte Kloster, das nur die Entsagung der frommen Seelen, die Kasteiungen der Nonnen gesehen hat, will nicht untergehen, ehe es die Liebe grüßt. Ein junger Pfarrer, der in vergangenen Jahrhunderten träumt, ein lebenslustiges, romantisches Fräulein, das sich im Gewand einer Dominikanerin gefällt, schwärmen, er als Gebender, sie als Empfangende, durch das zauberisch verklärte Reich, in dem die Rosen duften, die alten Grabmäler schimmern und die farbenreichen Bilder aus hohen Fenstern leuchten. Durch die Abtei schwebt das Glück, zieht singend und klingend die Liebe. Ursula Demut – anders nennt sich Sigunde nicht mehr – kommt wieder und wieder. Sie lächelt dann und wann verstohlen und schalkhaft über ihren Lehrer, der ihr die Kunstgeschichte warm und beredt entwickelt. Mag er sich auch in seiner Blödigkeit die Art eines nur für seine Wissenschaft begeisterten Professors geben, sie spürt es doch, wie ihm unter seinem Pfarrkleide das Herz fast vor Liebe springt. Sie weiß, wie gut ihr das einfache weiße Gewand der Dominikanerin steht. Sie vergißt nie, ein paar Rosenknospen an den Schleier zu heften, der ihr blondes Haar umwindet, und am Kleid hängt immer auch irgend eine Blume, wie wenn sie der Zufall hingeweht hatte. – – – Wie das Frühlingsmärchen schreitet sie leicht und frei in ihren Sandalen neben Felix Notvest. »Ein toller Einfall!« spricht sie lächelnd. »Ich habe mir heute morgen von meinem Bruder den Grabstein der Königin Agnes schenken lassen. Die Inschrift darauf ist tiefsinnig. Vielleicht gehe ich selber einmal in ein Kloster, obgleich ich nicht weiß, wie man des schönen Lebens satt werden soll –« Wie aus Versehen berührt ihre Hand die seine, da geht eine Blutwelle über sein geistvolles Gesicht, das ein so regsamer Spiegel seines Fühlens wie selten bei einem Menschen ist. »Das schöne Leben!« wiederholt sie traumvoll. Da überwältigt es Felix Notvest. »Sigunde!« Mitten unter Rosen kniet der Pfarrer vor ihr. »Felix!« – Sie halten sich umschlungen, und er küßt den schwellenden Mund, von dem er geglaubt hat, daß ihn kein Sterblicher je küssen dürfe, und er schlürft die selige Stunde. Die Liebenden flüstern Kluges und Thörichtes. »Aber ich kann ja gar nicht wohl Pfarrerin von Reifenwerd werden,« stammelt Sigunde, die vor Glück kaum weiß, was sie spricht. »Ich habe zu viel lose Streiche gemacht.« Felix Notvest zeigt ihr einen Brief seines Vaters und lächelt: »Sigunde!« In schönen, herzlichen Worten billigt der Antistes die Plane des Sohnes, neugierig überfliegt Sigunde den Brief und bricht in einen Jubelruf aus: »Du willst nicht Pfarrer in Reifenwerd bleiben, sondern Professor in der Stadt werden?« Mit sonnenhaftem Blick reicht sie ihm beide Hände: »Herr Professor Notvest!« und zieht ihn freudvoll durch die Wildnis gegen das Pförtchen der Mühle. Da unterbricht ein Geräusch wie ferne Rede die Einsamkeit. Das Paar späht und hört die Worte: »Suche nur, Christli, der Herr Pfarrer zeichnet irgendwo in dieser Gegend.« Das Häubchen der Dekanin taucht auf, es verschwindet im Innern der Abtei und die Augen Christlis irren im Kreuzgang wie die einer verlorenen Seele hin und her. Felix Notvest geht dem Mädchen entgegen. »Guten Abend, Herr Pfarrer!« bebt die Stimme des Kindes wie ein Glöckchen. Schüchtern und steif steht das Christli an einer Säule, zerrt mit der Hand verlegen am blauen Schürzchen und senkt das von dunklen Locken umspielte Köpfchen mit einer Bescheidenheit und Anmut, daß es nichts Lieblicheres giebt. Aufmunternd sagt Felix Notvest: »Nun, Christli?« »Herr Pfarrer,« bebt die glockenfeine Stimme, »soll ich zu Herrn Rudolf Fürst in die Fabrik gehen?« »Hat dich deine Mutter zu mir geschickt?« forscht Felix Notvest. Das Kind wendet sich, eine dunkle Glut steigt ihm in die schmalen Wangen, um den Mund zuckt es ihm weinerlich: »Nein, die Mutter möchte, daß ich in die Fabrik gehe, aber ich fürchte die Spinnerei!« »Du kommst also aus dir selbst?« »Ja!« haucht das Kind. Die Schürze vor das Gesicht hebend, beginnt es krampfhaft zu schluchzen, und herzzerschneidender Jammer schüttelt und rüttelt die schmalschulterige Gestalt. Der Pfarrer möchte zu seiner Lieblingsschülerin sprechen: »Christli, wenn du es wünschest, suche ich dir eine leichte Stelle in einem guten Hause der Stadt.« Er hat aber das Wort erst auf der Zunge, da sieht er hinter dem Kind die übermütigen Augen Sigundens wie in leichtem Spott auf sich gerichtet, und unter dem Zwang ihres Blickes verdrehen sich ihm Gedanke und Wort. Verlegen sagt er: »Sei nicht so hochmütig, Christli, und gehorsam gegen die Mutter! Wenn sie es will, so mußt du ihr folgen.« Im gleichen Augenblick tritt Sigunde etwas vor und bricht, Christli anblickend, in ein helles Gelächter aus: »Ach, die kleine nächtliche Geigenspielerin unter den Linden!« Wie angewurzelt steht Christli, keinen Tropfen Blut in den Wangen, gelahmt von Enttäuschung, Scham und Hilflosigkeit – erst wie es spürt, daß die Erde es und seine Schande nicht verschlingt, schießt es mit einem klagenden Schrei davon. Sigunde lacht und lacht. Der junge Pfarrer ist verstimmt. »Die kleine nächtliche Geigenspielerin unter den Linden?« wiederholt er tonlos. »Ja,« sagt Sigunde, sich beruhigend, »angelockt von ihrem Spiel, habe ich sie beschlichen, da war sie auch so komisch. Du fragtest mich, wer dort gespielt habe. – Sie!« Wortlos steht Felix Notvest. Eine Stimme in ihm ruft: Du bist ein Feigling, ein schmachvoller Feigling! Dieses Kind glaubte aus unschuldigem Herzen an dich und suchte deinen Rat. Du aber hast es wider besseres Wissen und Gewissen, aus einer thörichten Scham vor Sigunde enttäuscht! Seine fröhliche Braut zieht ihn mit sich in die Mühle. Und in die sinkenden Tage eines alten Mannes bringt die Verlobung im Klostergarten einen letzten Schein des Glücks. In die Tage des Großrates David Fürst. VIII. Gelähmt und gebrochen sitzt der alte Kleinfabrikant im Lehnstuhl und läßt die halbverknöcherten Hände auf der gestreiften Wolldecke ruhen, die seine Kniee umhüllt, aber aus dem klugen Gesicht spricht doch noch etwas von der ehemaligen Kraft des Mannes, der sich aus eigenem Können zum Besitzer einer Werkstätte und zum Meister einer kleinen Arbeiterschar aufgeschwungen hat. Reglos ruht er im wallenden weißen Bart, und manchmal läßt er das eine Lid müde sinken. Jetzt richtet er die tiefliegenden Augen, deren Blick hie und da ein wenig verschwimmt, voll auf Sigunde. »Deine Verlobung mit dem Herrn Pfarrer ist dein erster glücklicher Streich, mein Sorgenkind. Wenn du deinen Verlobten nur auch in Ehren hältst!« mahnt er mit väterlichem Nachdruck. Und dann wendet er sich an Felix Notvest. »Sei meiner Sigunde ein nachsichtiger Freund! Sie ist ein von seinen Launen hin und her getriebenes, den Eingebungen des Augenblicks folgendes Kind, ein Wesen mit glücklichen Anlagen, das alles hätte lernen können, leider aber doch nichts gelernt hat, weil seine Einbildungskraft zu groß, die Willensfestigkeit zu klein ist. Felix, nütze die Stunde, wo sie ihr besseres Selbst sucht, ja recht gut aus!« Der Großrat liebt es, mit dem jungen Pfarrer über seine Kinder zu plaudern, und wenn er den Namen Ruedis nennt, umfliegt seinen Mund manchmal ein Lächeln väterlichen Stolzes. »Er weiß genau, was er will, er kommt schon an sein Ziel.« Dann fährt er mit veränderter Miene und Stimme fort: »Nur die Heirat mit der Fremden will mir nicht in den Kopf. Sie trennt ihn vom eigenen Volke ab, und dann ist er nur Fabrikant, nichts als Fabrikant. Darum würde ich gern sehen, wenn er jetzt Großrat werden könnte, das würde ein Band zwischen ihm und dem Volke.« David Fürst läßt die Augenlider sinken, bis er nach einer Weile wieder zu sprechen beginnt: »Es thut mir herzlich leid, Felix, daß Ruedi aus Furcht vor Scherereien die Antiquitäten der Abtei so voreilig durch einen Vertrag dem italienischen Händler zugesichert hat; es wäre mir eine große Freude, wenn ich jetzt sagen könnte: Da, mein Lieber, was im Kloster nicht niet- und nagelfest ist, gehört dir. Doch ist es zu spät. Trage es Ruedi nicht zu stark nach!« Felix Notvest beißt sich auf die Lippen, er denkt an seine Eingabe, und das unheimliche Schweigen, das sich über diese Angelegenheit breitet, fällt ihm schwer auf die Seele. Zweimal schon war Sigunde in der Stadt. Hat sie mit dem Regierungspräsidenten gesprochen? Sie sagt nichts davon, und aus Zartgefühl will er sie nicht fragen. Ueber alle die Dinge, die ihn bedrücken, hilft ihm seine reine, große Liebe hinweg. Was hat es auf sich, daß die Dekanin wegen der Verlobung das Pfarrhaus zu verlassen und in die Stadt überzusiedeln droht und die Häupter der Kirchenpflege bedenklich die Köpfe dazu schütteln? Er selber bleibt ja nicht mehr lange in Reifenwerd! Ströme sonnigen Lebens gehen von Sigunde aus, und eine besondere Freude ist für Felix Notvest die Einführung seiner Verlobten in das Elternhaus, das alte Patrizierhaus am grünklaren Fluß, der aus einem anmutigen See wallend an den Grundfesten der behäbigen Stadt vorüberzieht. Sie fahren über die Steige, sie treten in den geräumigen, mit Steinplättchen belegten, mit Barockstuccaturen ausgeschmückten Flur, der den Besucher mit den Bildern würdevoller Pfarrer und Gelehrter in Halskrause und Barett und mit den Porträts sanfter, geistreicher Frauen empfängt, welche an die ehrenvollen Ueberlieferungen des Geschlechtes der Notvest erinnern. Dem jungen Paare wandelt feierlich ein altes entgegen, und Sigunde, die ein ebenso einfaches wie vornehmes Kleid trägt, das ihre jugendlich vollen Formen entzückend zur Geltung bringt, neigt den stolzen Blondkopf vor den Eltern Felix Notvests. »Gesegnet sei dein Eingang, Auserwählte unseres Sohnes!« spricht der Antistes mit feinem Lächeln, lüftet zum Gruß das Sammetmützchen auf den weißen, spärlichen Locken und zieht Sigunde an seine Brust. Die Mutter, ein zartes Frauenbild in schwarzseidenem Kleid, das weiße Häubchen auf dem schlicht gescheitelten Haupt, küßt die Stirne Sigundens und wendet die gütigen Augen, die lichten Frieden verbreiten, zu ihrem Sohne: »Ich danke dem Herrn, der meine Gebete erhört hat. Du hast gut gewählt, Felix!« Zustimmmende Mutterfreude schwebt auf dem von hundert feinen Fältchen durchzogenen, doch wie von einem letzten Schein der Jugend rosig überhauchten Gesichte der würdigen Frau. Felix Notvest aber ist von Sigunde entzückt, wie anmutig und ungezwungen sie auf den ruhevollen, schlicht vornehmen, von kindlicher Frömmigkeit durchbebten Ton des Elternhauses eingeht und die frohe Laune des Herrn Antistes anzuregen weiß. Was für eine ehrfurchtgebietende Erscheinung ist der greise Vorsteher der Landeskirche! Wie eine Patriarchen-, wie eine Prophetengestalt, wie ein Führer aus der großen Zeit der Glaubenskämpfe, ragt der hohe Mann, in dem sich das Wesen des Predigers mit reicher klassischer Bildung und leisem Humor verbindet, in die Gegenwart. Scheint auch die große, schmale Adlernase auf eine Kämpfernatur zu deuten, giebt sie im Zusammenspiel mit den klugen, milden Augen und dem menschenfreundlichen Ausdruck der Züge doch nur das Bild geistvoller Ueberlegenheit. Der eigene Sohn sogar spürt eine Art Befangenheit vor dem hochverehrten Manne, der jetzt mit Sigunde die Gemächer des Hauses durchwandelt und den nußbaumenen, geschnitzten Schränken die mannigfachen Reliquien, die sich im Laufe der Zeit und der Geschlechter im Hause gehäuft haben, entnimmt. Es sind Geschenke, die Religionsflüchtlinge aus deutschen Landen, aus England und Frankreich, welche bei den Vorfahren Zuflucht und Heimstätte gefunden, in dankbarem Sinne zurückgelassen oder in besseren Zeiten aus der wiedergewonnenen Heimat als Gruß gesandt haben, und allerlei Andenken von führenden Geistern der Litteratur, die auf ihren Reisen Gastfreundschaft in der Familie der Notvest genossen haben. An jeden Gegenstand, Ring, Becher, Haarlocke oder silberbeschlagenes Buch, Pastellbildchen oder Silhouette, knüpft der Antistes eine artige Geschichte, und ebenso artig widmet Sigunde dem Gespräch und den Dingen, die ihrem Erfahrungskreis doch ferne liegen, leuchtenden Auges ihre Aufmerksamkeit. Der Antistes ist entzückt von ihr, wie seine Gattin. Das Tischgespräch fügt es, daß der alte Herr auch auf das öffentliche Leben zu sprechen kommt. Dabei läßt er eine leise Mißbilligung durchklingen, daß sich infolge der allgemeinen Aufklärung des Volkes die Achtung vor den hohen Behörden verringert, der kirchliche Sinn ab- und der weltliche zugenommen habe, und man spürt es dem Vorsteher der Landeskirche wohl an, wie ihm bei aller Milde des Geistes die Neuerer ein Greuel sind. Die feinsinnige Mutter aber lenkt das Gespräch in den häuslichen Kreis zurück. Mit ebenso inniger wie natürlicher Frömmigkeit erzählt sie Sigunde, wie freundlich Gott ihren würdigen Gemahl und sie durch eine glückliche Ehe der sich nahenden goldenen Hochzeit entgegengeführt habe. »Und nachdem wir schon nicht mehr auf die Erfüllung unseres zwanzigjährigen Gebetes hoffen durften, segnete uns der Herr und schenkte uns unseren Felix, unser liebes einziges Kind!« lächelt die Greisin voll Mutterglück. »Wir haben ihn nun freilich wieder ziehen lassen müssen,« fügt sie nachdenklich bei, »das Haus ist einsam und wir haben den Plan gefaßt, zu Gottes Wohlgefallen und unserer Freude irgend ein armes, aber braves und begabtes Mädchen bei uns als Tochter aufzunehmen, damit sich das stille Heim wieder mit dem Sonnenschein der Jugend belebe.« »Christli!« ruft eine Stimme in Felix Notvest, und das Blut schießt ihm in die Wangen. Die Augen Sigundens aber hangen groß und bittend an der Antistin. »Lassen Sie mich Ihre Tochter sein und Ihre Liebe mit niemand als mit Felix teilen!« Die Mutter lächelt: »Ja, nun hebt Ihr gesegneter Eintritt in unseren Kreis die Absicht auf, deren Verwirklichung uns vielleicht Unruhe gebracht hätte.« Sigunde küßt die Hand der gütigen Frau. Das Glück der Eltern ist vollständig, der junge Pfarrer gerührt von der kindlichen Hingebung Sigundens, die lächelnd auf den Teppich niederkniet und dem Antistes die Nachmittagspfeife anzündet. Später spielt der Herr Antistes, der ein feinsinniger Liebhaber und Kenner der klassischen Musik ist, die Hausorgel, und in weihevoller Freude vergehen die Stunden, ein hochbeglücktes junges Paar kehrt am Abend von nicht minder beglückten alten Eltern nach Reifenwerd zurück. Der folgende Sonntag aber bringt die Entscheidung über das künftige Schicksal der Abtei. Zum letztenmal schauen die lichtgesättigten Spitzbogenfenster der Klosterkirche, die auf so viel Sturm und Drang niedergesehen haben, auf eine Gemeindeversammlung der Bauern von Reifenwerd. Sie sind Zeugen eines heftigen Tagens. Die Parteien der »Leinenen«, die mit dem Kommandanten gehen, und der »Baumwollenen«, die sich um Karl Wehrli scharen, sind fast gleich stark; davon, daß Rudolf Fürst Großrat werde, ist keine Rede, und er selbst muß, um sich wenigstens die Abtei zu gewinnen, die höchste Selbstüberwindung üben, die es im politischen Leben geben kann. Mit bleichem Gesichte erhebt sich der stattliche Mann und spricht in seinem gequetschten Deutsch: »Man hat mir nachgesagt, daß ich nach der Großratwürde strebe, dem ist aber nicht so, und ich schlage Hans Ulrich Stockar, den Kommandanten, als Mitglied des Großen Rates vor, damit er die Vorteile des Bauernstandes, die einige allzu Ängstliche durch meine Pläne gefährdet glauben, in der Behörde wahren kann. Ich hoffe, durch diesen Vorschlag eine friedliche Abtretung der Abtei zu erleichtern!« Wie viel Mühe dieser Schachzug den jungen, ehrgeizigen Mann gekostet haben mag! Den Schweiß von der Stirne wischend, setzt er sich. Die Erklärung überrascht, die einen finden sie edel, andere flüstern: »Er ist ein Fuchs!« doch genehmigt jetzt die Gemeinde, die fast einstimmig den Kommandanten zum Mitglied des Großen Rats gewählt hat, mit einer kleinen Mehrheit die Abtretung ihrer Abteirechte an Rudolf Fürst. Der Beschluß übt einen gewaltigen Eindruck auf die Bauern. Der neugewählte Großrat ruft in zorniger Entrüstung: »So, jetzt könnt ihr mit den Glocken Rudolf Fürsts dem freien Bauernstand ins Grab läuten. Wehe Reifenwerd!« Der Ruf vermehrt die Verwirrung. Manche schauen sich noch einmal in dem alten, ehrwürdigen Gotteshause um, in dem ihre Voreltern, Eltern, sie und ihre Kinder zur Taufe gebracht und als Konfirmanden eingesegnet worden sind, wo sie mit ihren Frauen am Altar gestanden und so manchem Freund ihrer Jugend das Lebewohl ins dunkle Jenseits entboten haben. Dem dickköpfigen, gebeugten Säckelmeister laufen die Thränen über die Wangen, andere flüchten sich rasch über die Brücke ins Dorf hinüber, als scheuten sie von jetzt an die geweihte Stätte, die sie verraten haben. Der Wein muß helfen, die Entscheidung in ein rosiges Licht zu stellen. Der »Hirschen« füllt sich mit Gästen. »Es ist gut gegangen,« spricht Jakob, der starke, breitschulterige Sohn des Hirschenwirts, und muntert die Leute zum Trinken auf. »Wenn's einmal ans Sterben kommt,« lacht der Schleifer Keller, die blaue Weinnase schneuzend, »schlafe ich doch lieber, wo es nach Rebenblüte duftet, als an der Reif, wo es nach Fischen riecht!« »Ich habe auch für die Fabrik gestimmt,« brummt Ludi Immergrün, der Bauer mit den Ringellocken, der den Kopf stets auf die Seite legt, und stellt das Weinglas fest auf den Tisch, »das gewaltthätige Donnern und Wüten des Kommandanten hat mich geärgert! Was, wir oder unsere Kinder in die Fabrik? Mein Diethelm, meine Kathri? Zwischen uns und Rudolf Fürst ist die Reif! Uns kann es gleichgültig sein, was er drüben treibt!« Von Herzen glücklich über den Ausgang der Gemeindeversammlung ist niemand, am wenigsten Rudolf Fürst. Mit finsterer Stirne steht der junge Fabrikant neben seinem Vater, dem im Lehnstuhl sitzenden Großrat, und hält die Hand auf das Fenstergesimse gestemmt. »Ich bin also deinem Rat gefolgt und habe im voraus auf die Wahl verzichtet und, wie man sagt, den bösen Hunden Brot vorgeworfen, aber an diese Stunde werde ich, wenn in Zukunft ein Reifenwerder von mir einen Gefallen wünscht, denken. Das Dorf soll es spüren, daß es mir die Ehre der Großratswahl nicht hat anthun mögen! Ich hoffe nur, daß die starrköpfigen Bauern, wie es der Kommandant prophezeit hat, in meine Gewalt kommen. Und wenn sie am Thor der Abtei um Arbeit bettelnd stehen, dann ist das Lachen an mir: Tretet ein ihr stolzen Herren von Reifenwerd!« Ein finsteres Lächeln spielt um die Lippen des jungen Mannes. »Ruedi, Ruedi,« stöhnt der Alte, sich mühsam im Lehnstuhl aufrichtend, »trenne dich nicht von der Heimat, von dem Volke! Wer das thut, ist ein armer Mann, und wenn ich dich so reden höre, brennt mich die Reue, daß ich aus Liebe zu dir die Abtei nicht habe Lehrerseminar werden lassen. Ruedi, lieber Ruedi, um das Andenken deines Vaters willen werde nicht der Fluch von Reifenwerd!« Der junge Mann aber schweigt, und sein Blick geht am sorgenvollen, bebenden Haupt des Vaters vorbei auf die Mauern der Abtei. »Am Montag über acht Tage kommt die Genehmigung der Verträge vor den Großen Rat,« sagt er ableitend, »am Dienstag rücken die Bauleute ein. Es geht jetzt rasch, Fabrik, Kirche, Villa, das wird alles zu gleicher Zeit in Angriff genommen, anders, als wenn sich ein Reifenwerder drei Jahre überlegt, ob er ein Lusthäuschen in seinem Weinberg erbauen will oder nicht!« Ueber diesem Gedanken erhellt sich sein Gesicht. »Ich möchte jetzt an Kitty schreiben.« Mit einer raschen Bewegung löst er sich aus der Gesellschaft des mahnenden Vaters. Der einsame, alte Mann aber seufzt: »Es ist gut, daß ich die großen Veränderungen nicht mehr erlebe!« Da treten Felix und Sigunde, aus dem Kreuzgang kommend, in das Zimmer. »Wie seltsam der Atem des Vaters geht,« flüstert sie erschrocken. Sie horchen angstvoll. David Fürst, der die Hände auf der Wolldecke liegen hat, röchelt, er schlägt noch einmal, als wäre er über irgend etwas Fremdes erstaunt, die Augen auf und flüstert: »Ruedi –«. Ihm fehlt aber die Kraft, weiter zu sprechen, und er neigt das Haupt zur Linken. Die Schauer des Todes beben durch das Gemach. Der Leiter patriarchalischer Kleinindustrie ist dahin, der junge, willensstärke Führer der Großindustrie hat freie Hand, offenen Weg, und als Ziel winkt eine Million. IX. Schon hat sich über David Fürst das Grab geschlossen. Der Große Rat hat die Verkaufs- und Abtretungsverträge Rudolf Fürsts mit der Regierung und der Gemeinde Reifenwerd endgültig gutgeheißen und ist mit einigem Kopfschütteln über die Eingabe Felix Notvests, den merkwürdigen Vorschlag zur Erhaltung der Abtei, hinweggeschritten. »Was für ein seltsamer, junger Kauz!« spricht man in Stadt und Land. Gedankenvoll geht der junge Pfarrer eben vom alten Thor der Abtei gegen die Mühle. An einem zur Abfahrt gerüsteten Fuhrwerk vorbei, auf dem Fabrikkisten hoch geschichtet sind, tritt er in das alte Steinhaus, eilt die ausgelaufene Steintreppe empor, und Sigunde, die sich vor ihm schelmisch hinter die Thüre versteckt hat, bietet ihm mit durstigen, aufleuchtenden Augen und mit zärtlicher Bewegung den schwellenden Mund zum Kuß. Sie trägt Trauergewänder, ihr blondes Haar aber erflimmert in der Sonne, die durch die blumenumrankten Fenster bricht, sie ist frisch und duftig wie eine Frühlingsblume und erscheint ihm in der Schönheit ihrer Jugend noch viel liebens- und begehrenswerter, seit der Tod ihres Vaters, wie er meint, klärend und läuternd über ihr oft geheimnisreiches, sprunghaftes Wesen gegangen ist. »Du, Felix,« flüstert sie neckisch, »wie heißt denn das Lateinische im Anfang des Aufsatzes, der im ›Volksboten‹ über dich steht?« Wie er sie mit seinen braunen, lebhaften Augen überrascht anblickt, reicht sie ihm neugierig das Blatt vom Tisch. Während des Lesens strömt ihm die Röte ins Gesicht, Scham oder Zorn oder beides zusammen. »Difficile risum tenere!« beginnt der Leitartikel der in der Stadt erscheinenden, vielgelesenen Zeitung. »Wir sagen das mit Hinblick auf die Eingabe des Herrn Pfarrers Felix Notvest, welche in ihrer Absonderlichkeit wohl überhaupt nur aus Rücksicht für den ehrwürdigen Vater des Antragstellers, den hochgeschätzten Vorsteher unserer Landeskirche, in den Räten zur Behandlung kam. Auch nur dieser Name war es, der den voreiligen jungen Mann vor den Geißeln des Spottes schützte, die seine mittelalterliche Marotte reichlich verdient hat. Über den Unwert der Eingabe ist kein Wort zu verlieren, ihr Grundgedanke ist zu barock, als daß ihr ein vaterländisches Mäntelchen etwas nützte. Unser Volk ist in seiner Rührigkeit zu gesund, als daß es irgend welches Bedürfnis spürte, sich in die verblichenen Ruhmesfahnen alter Jahrhunderte zu hüllen. Der Staat als Sammler alten Glases, alter Grabsteine, alten Blechs und alten Beins! Nein, Herr Pfarrer! Statt daß Sie sich einer halbverzückten, rückblickenden Betrachtung der Dinge, die hinter uns liegen, ergeben, treten Sie hervor aus Ihrer Klause und stellen Sie sich mit uns an den Webstuhl der Zeit!« Verächtlich schleudert Felix Notvest das Blatt weg. »Niemals, Herr Viktor Heueler. – Lieber einsam unterliegen, als mit Ihnen auf der Bank der Spötter sitzen!« grollt der Pfarrer, und an der schön gewölbten Stirne pulst die Zornader heftig. »Sigunde, ich bin doch im Tiefsten meiner Seele sicher, daß die Zeit kommt, wo man fragt: ›Was war das für eine Regierung, welche die Heiligtümer des Volkes so leichthin vernichtet hat?‹ Nein, nein, ungestraft entblößt sich kein Land von den Zeugen seiner Geschichte.« »Wer ist aber denn Viktor Heueler?« fragt Sigunde neugierig. »Ein verunglückter Kandidat der Theologie, den ich deswegen so gut kenne, weil er bei meinen Eltern häufig Freitisch genossen hat. Begabt, doch händelsüchtig, kam er schon als Student in Prozesse, wurde von der Universität weggewiesen, schloß dann eine vorzeitige unglückliche Ehe, kam mit politischen Plänen auf keinen grünen Ast und ist jetzt der Redakteur des ›Volksboten‹. Wenn dir in der Stadt eine hagere, schlottrige Gestalt mit verbissenem Gesicht, schmalem, langem, rotem Bart begegnet, und der Mann drückt sich, eine schwarze Mappe unter dem Arm, scheu wie das böse Gewissen um eine Ecke, dann ist das Viktor Heueler, der aus seinem Leben nichts Rechtes gestalten kann und deshalb sein zersetzendes Gift auf alles spritzt, was es Gutes und Schönes in der Welt giebt.« Wegwerfend erzählt Felix Notvest von dem Manne. »Und was heißt das Lateinische zu Anfang seines Artikels?« wiederholt Sigunde die Frage. »Es sei schwer, über mich nicht zu lachen,« versetzt der junge Pfarrer, indem er sich mit der Hand verdrossen durch die Locken fährt. Sigunde überlegt einen Augenblick, dann sagt sie fröhlich und schelmisch: »Du, Felix, das habe ich ja auch schon gedacht. Ich wußte gleich, nachdem ich dir das Wort gegeben hatte, daß du mit der Eingabe nur ein Luftschloß baust!« Er staunt sie wortlos an. »Sigunde!« schreit er dann, »das sagst du.« »Wer anders als du,« lächelt sie begütigend, »wird auch das alte Zeug ernst nehmen! Aber dein Eifer gefiel mir so gut, ich sah ihn gerne, ich hab' mich aus Freude darüber mit dir verlobt – ich liebe deine feurige Art und Weise. – Felix, sei gut!« Schmeichelnd lehnt sie das schöne Haupt an seine Schulter, aber ihr Scherzton verfängt nicht. Bebend vor Zorn wendet er sich von ihr zum Fenster. Da fällt mitten im schmerzlichen Wogen der tiefverletzten Seele sein Blick zufällig auf das Warenfuhrwerk, das zur Abfahrt bereit vor der Mühle hält. Neben dem Wagen steht in seiner Arbeitsbluse Karl Wehrli, der Werkführer, und in Sorgen tief gebückt Christlis Mutter, die Frau Schullehrerin; das Kind selber aber kauert, ein Kleiderbündel neben sich, auf der Ladung des Fuhrwerks. Teilnahmlos läßt Christli das mit einem geringen Sommerhut bedeckte Köpfchen in hilfloser Traurigkeit hängen und scheint kaum auf die Wünsche und Zusprüche der Seinen zu horchen. Nichts von der jauchzenden Lieblichkeit der Maililie ist mehr an der zarten Gestalt, und wie sie doch einmal zerstreut die dunklen Augen zu den Fenstern hebt, wendet und verhüllt sie das schmale Gesichtchen mit einer so jähen, schreckhaften Gebärde, daß es Felix Notvest einen Stich durch die Brust giebt. »Ach, die kleine Geigenspielerin!« lacht Sigunde, die ebenfalls ans Fenster tritt, »jetzt fährt sie ins Oberland, um das Ansetzen der Fäden zu lernen!« Da wendet sich Felix Notvest ernst und traurig, doch ohne Zorn, an seine Braut. »Sigunde,« spricht er ruhig, »ich will die schwere Beleidigung, die du mir zugefügt hast, vergessen, wenn du keinen Widerspruch dagegen erhebst, daß ich eine Angelegenheit, die mich im Gewissen quält, wieder gut mache. Ich möchte das dunkle Los Christlis, das zum Tode betrübt ist, in ein Helles verwandeln und das feinfühlige Kind meinen Eltern zuführen, die, wie du weißt, gern ein liebliches Mädchen in ihr Haus aufnehmen würden.« »Deinen Götzen, die kleine Geigenspielerin, welche dir Ständchen bringt?« Sigunde spricht es lächelnd, aber wie es keine Erwiderung findet, erlischt das Lächeln, aus den grauen, ins Grünliche spielenden Augen zuckt ein Strahl wilder Leidenschaft, ein kaltes, grausames Feuer, und in einem Ton, der Felix Notvest überrieselt, fährt sie fort: »Das Kind kommt niemals in das Haus deiner Eltern, es sei denn, du wolltest mit mir brechen!« »So hart bist du, Sigunde?« stammelt er fassungslos, während sich im Hof der Wagen knarrend nnd rollend in Bewegung setzt. »Ich hasse sie!« antwortet Sigunde scharf und finster auf feine stumme Frage, »warum, das weiß ich selbst nicht – wohl, weil sie dich liebt!« »Sigunde! Ich kann nicht mit dir sprechen – wir kämen zu weit.« Er geht und sucht in der Abtei Beruhigung. Aber ihm ist es, als dufteten die Blumen des Rosengartens nicht mehr wie vor einigen Tagen. In seinem Liebesrausche ist ihm Sigunde fast als Heilige erschienen, wenigstens als die verständnisvolle, in allen Gedanken mitschwingende Freundin seiner Seele, als das herrliche Weib, das den Geliebten mit anfeuerndem Wort zu den höchsten Zielen führt, und als die barmherzige Samariterin bereit, die Wunden, die ihm die Welt schlägt, zu verbinden. Und nun ist sie bloß eine Schauspielerin und er ihr Spielzeug! O, wie weh diese Erkenntnis thut, wie bitter weh! Wozu das arme Christli hassen? Er ist so erzürnt gegen Sigunde, daß er sie eine Weile nicht aufsucht. Mit einer Teilnahme, über die er selber erstaunt ist, verfolgt er in seinem Brüten den bereits in Angriff genommenen Abbruch und Umbau des Klosters. Hunderte von Werkleuten sind einige Tage nach der Beerdigung des Großrates Fürst in Reifenwerd eingerückt, sie legen durch die Reif oberhalb der Abtei ein starkes Wehr von Quadersteinen, das die Wasser des Flusses schwellt, sie wühlen das Bett eines Kanales, im Rosengarten werden die tiefen Gruben für die Turbinen gegraben, aber auch drüben beim Dorf ist hastendes Leben; auf dem Burghügel von Reifenloh, wo man die Brücke und die Abtei zu Füßen hat, läßt Rudolf Fürst in die malerischen Ruinen des ehemaligen Schlößchens hinein eine Villa für sich und seine zukünftige Gemahlin bauen, und am Rand des Weinberges wachst bald das Fundament der neuen Kirche aus dem Boden. In der alten gotischen Abteikirche aber hütet der fremde Krämer Joseph Lombardi mit quecksilberner Unruhe seinen Schatz von Glasgemälden. Innige Freude über die Erwerbung steht in dem gelbledernen Gesicht des Männchens, das kaum recht lesen und schreiben kann und, nachdem es vor Jahren mittellos ins deutsche Land gekommen ist, mit seinem zusammengerackerten Vermögen Kunstaltertümer kauft und in Rheinsee, gleich jenseits der Grenze, von einem hinkenden Sohn und einer einäugigen Tochter bewachen läßt. Der Pfarrer verplaudert mit ihm manche Stunde, er mag den Kauz leiden; wie er ihn aber wieder einmal erwartet, tritt nicht der Italiener, sondern Sigunde in die Thüre, und von der Flut farbigen Lichtes umspielt, kommt sie ihm, schön wie ein Märchen, entgegen, streckt ihm die von blauen Adern durchzogene Hand entgegen, die strahlenden Augen und der frische Mund heischen Versöhnung, liebkosend drängt sie sich an ihn, mit der gleichen Gewalt wie im Rosengarten empfindet er den Zauber der schmiegsamen Gestalt. Ein Blick, ein langer, tiefer Kuß und der erste Streit der Liebenden ist vergessen. Nach wenigen Tagen aber ist Sigunde schon wieder der alte Uebermut. »Felix,« schmeichelt sie, »ich habe einen Einfall, der mir einmal während deiner Predigt kam, einen Wunsch! Gieb mir einen Kuß auf deiner Kanzel, damit ich am Sonntag unter den vielen steifen Leuten etwas Fröhliches zu denken habe.« In hohem Ernste erwidert er: »Erfüllte ich dein Verlangen, Sigunde, so würde ich jenes Los verdienen, das die ungetreuen Nonnen traf. Sie wurden lebendig ins Grab gemauert. Ich bin mit meinem Gewissen für die Weihe der Kanzel verantwortlich, auf der ich stehe und predige!« Da ist sie schon wieder gekränkt, plötzlich zuckt aus ihren Augen der Strahl wilder Leidenschaft, das kalte, grausame Feuer, das Felix Notvest mit einer Art Grauen erfüllt. »Ich möchte dich einmal für den verweigerten Kuß dürsten lassen, wie Agnes von Ungarn den Ritter auf dem Rad!« lacht sie. Er ärgert sich über ihren tollen Wunsch, über ihre rohe Antwort und auch darüber, daß sie ihr Denken und Thun so häufig mit der Gestalt der Königin Agnes verbindet, als wäre eine Wesensgemeinschaft zwischen ihr und dem gierigen, unersättlichen Weibe, das als eines der grausamsten im Gedächtnis der Geschichte lebt. Es ist etwas Fremdes zwischen ihnen, und vielleicht ist es ein Glück für beide, daß die Ankunft Kitty Bells die zerstreuende Wirkung übt, welche das Erscheinen einer neuen Gestalt im gewohnten Kreise immer erzeugt. Oft wandelt Felix Notvest einsam, und er fühlt es wohl, wie ihm die Dörfler von Reifenwerd ausweichen, wie er ihnen durch die Verlobung mit Sigunde und die ihnen unverständliche Eingabe an die Regierung noch fremder geworden ist. Er sehnt sich nach der Zeit, wo er Privatdozent sein wird. »Nütze die Stunden, wo sie ihr besseres Selbst sucht, recht gut aus!« Die Worte des Heimgegangenen Großrates David Fürst umklingen ihn, aber er kann sich nicht helfen, Sigunde gleicht in seinen Gedanken dem Schmetterling, welcher den Farbenstaub verloren hat, und dafür gewinnen die goldenen Töne, die an jenem lauen Abende unter den Linden hervorgequollen sind, die heimliche, keusche Huldigung eines Kindes, der seltsame Dank für ein flüchtiges Wort der Güte, in seinem Innenleben plötzlich Bedeutung. »Christli liebt dich!« Sigunde sagte es. Wie Sigunde aber dein Vertrauen enttäuschte, so hast du in einer Anwandlung unmännlicher Feigheit dasjenige des Kindes enttäuscht, und in seiner Brust ist es jetzt öde wie in der deinen! Der Kunstdrang des herben Mädchens, das im Oberland spinnen lernen soll, erscheint ihm wie etwas Heiliges, und der Wunsch, daß Christli das schöne, doch überstille Haus der Eltern mit holdem Klang erfülle, wird immer lebendiger in ihm. Während er so träumt und in einen Feldweg schlendert, begegnet ihm Lony, die prächtige, starkgebaute Tochter des Kommandanten, die einen Korb Sommerfrüchte am braunen Arme trägt. Er wünscht ihr guten Feierabend. »Noch nicht Feierabend!« erwidert sie frohmütig, »in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag giebt es im Dorf stets ein besonderes Arbeitsstück. Da besorgen die Bursche und Mädchen in Feld und Reben die dringenden Arbeiten für jene Leute, die alt oder krank sind. Heute nacht thun wir es für den Schleifer Keller, dem ein Schleifstein, der zersprungen ist, die Rippen eingeschlagen hat.« »Ein schöner Brauch!« erwidert Felix Notvest. »Mir ist, ein solches Nachtwerk sei so gut wie ein Gottesdienst!« »Ja, wenn wir die schönen Bräuche nur behalten können,« erwidert das Mädchen mit vollem Blick der großen blauen Augen, »aber es ändert sich so vieles, und es liegt wie Streit und Leid in der Luft.« Damit geht Lony, ernst grüßend, und gedankenvoll sieht der Pfarrer der Dahinschreitenden nach. »Sie spürt es also auch,« murmelt er. X. Es liegt wie Streit und Leid in der Luft. Den Anlaß zu diesen Worten nimmt Lony aus ihrem eigenen täglichen Kreis. Der Geist leidenschaftlichen Hochmuts geht, seit der Vater Großrat geworden ist, im Hause der Eltern um, ein höhnender Haß gegen diejenigen Bewohner des Dorfes, die in der Entscheidung über die Abtei nicht die Partei des Vaters genommen haben. Die Mutter ist die Seele dieser Unduldsamkeit, das schärfste Wort aber findet sie durch Judith, die noch kaum zur Jungfrau herangeblühte Schwester, die sich, stolz auf ihr hübsches Gesichtchen, vorlaut in die Angelegenheiten der Erwachsenen mengt. Den mächtigsten Haß haben die Mutter und Judith auf den jungen Werkführer Wehrli geworfen. Der Anspielungen, die kränken, der Sticheleien, die verwunden, ist kein Ende, und seit vielen Wochen gehen hinter dem Rücken des Vaters grausame Verhöhnungen Lonys. Vor ihm selbst aber klar und deutlich von Lonys Liebe zu dem Werkführer zu sprechen, wagen die Mutter und Judith doch nicht, er ist zu gewaltthätig im Zorn. Die Ruhe des Sonntagvorabends liegt über Reifenwerd, von fernher rauscht der Fluß, die Johanniskäfer stiegen wie leuchtende Fünkchen, und der volle Mond, der im Osten steigt, erhellt Dorf und Landschaft. Auf der grünen Bank vor dem schönen, spalierumrankten Hause sitzen der Kommandant mit ruhsam unterschlagenen Armen und die Kommandantin, die das Gemüse für den Sonntagstisch rüstet. Sie sprechen von der hoffnungsreichen Ernte, der man entgegengeht. Da tritt Lony, die in der aufgehefteten Schürze einen Bund Weizenhalme trägt, aus der Thüre, steckt sich im Garten noch ein paar Nelken ins Mieder und sagt, sich gegen die Eltern wendend: »Ich gehe jetzt zum Nachtwerk in die Reben Kellers!« »Ja, du brauchst dich wegen des Lumpen wohl um den Schlaf zu bringen!« versetzt die Kommandantin mit ihrer hellen Stimme und einem tadelnden Lachen. »Der Schleifer ist auch einer von denen, die gegen uns geredet und gewühlt haben.« »Die Reben Kellers,« erwidert Lony ruhig, »bedürfen es dringend, daß man sie aufbindet und sie nicht so frei flattern und ranken läßt. So ginge ihm ja der halbe Herbstertrag zu Grunde!« »Geh nur, Lony!« ermuntert der Kommandant seine Älteste, »das Rebstück schaut so verwahrlost auf die Straße herunter, und wenn es in Ordnung kommt, so steht es dem Dorfe wohl an.« »Gute Nacht, Vater, Gute Nacht, Mutter!« Mit kräftigen Gliedern schreitet Lony wohlgemut hinaus in die Mondhelle, und der Kommandant, der ihr stillvergnügt nachblickt, sagt: »Sie ist doch ein Mädchen wie Gold!« »Es könnte aber nichts schaden, Hans Ulrich,« bemerkt die Kommandantin, welche die fleißigen Hände einen Augenblick ruhen läßt und die dunklen Augen auf ihren Mann heftet, »wenn du einmal in der Nacht zu der Jungmannschaft gingest.« Ein Ton mütterlicher Sorge klingt durch ihre Rede. Über das gefurchte Gesicht des Kommandanten stiegt ein Schatten. »Ich merke schon lange, daß ihr, du und Judith, etwas gegen die Lony habt,« knurrt er unruhig. »Aber ich lasse nichts auf sie kommen. Wer ist am frühesten des Morgens, am spätesten des Abends auf dem Feld?« Und wie die Kommandantin nur ungläubig und verdächtigend dreinblickt, grollt er mit einem Aufblitzen der grauen Augen verstimmt: »Donnerwetter, Frau, so sprich – was ist an Lony nicht recht?« In diesem Augenblick tritt Judith, die mit Vorräten für den Sonntag aus der Krämerei kommt, rasch atmend in den mondbeschienenen Vorgarten, und die letzten Worte erlauschend, sagt sie hastig: »Ich habe eben mit der alten Schulmeisterin einen Streit gehabt; Mutter, erzähle es dem Vater nur, daß die Lony heimlich mit dem jungen Wehrli geht, die Geschichte kommt jetzt doch unter die Leute. Die Schulmeisterin hat mir in der Kramerei die Hand geben wollen, da habe ich vor allen Leuten, die dastanden, gesagt ich, gebe meine Hand einer Kupplerin nicht!« Die Kommandantin horcht gespannt, ein kaum spürbares Lächeln der Billigung stiegt über ihre harten Züge. »Was hat die Schullehrerin darauf erwidert?« fragt sie neugierig. »Nichts,« versetzt Judith triumphierend, »sie ist, ohne etwas zu kaufen, weggegangen!« Der Kommandant hat nur das erste Wort gehört. In großem Zorn steht er auf. »Lony hält's mit Wehrli!« schnaubt er, »sie weiß doch, daß ich mit dem Anschicksmann des Leutnants einen Span habe. Wo hat sie die Augen? Wo hat sie die Achtung vor dem Vater? Hagelstrahl!« Voll Zorn, mit wuchtigem Schritt geht er auf und ab. »Ja, aber du hast doch selber gesehen, wie verschlagen und in sich gekehrt sie ihres Weges geht, seit du dem jungen Wehrli im ›Hirschen‹ gesagt hast, daß er nichts als ein trauriger Handlanger und Spion ist,« versetzt die Kommandantin; »die alte Schulmeisterin hat die Geschichte natürlich im Winter eingefädelt, doch hat ihr jetzt Judith den rechten Namen gegeben!« In die Stube tretend, knirscht und wütet der Kommandant, der Hitzkopf, und die schöne Judith flüstert der Mutter mit siegreichen Augen zu: »Jetzt giebt's Ordnung!« Im Weinberg aber arbeitet die Jungmannschaft von Reifenwerd. Der Mond wandelt gemächlich über fernen, blauen Höhen, durch die Reben geht Flüstern und Lachen, langsam rückt die Schar der freiwilligen Winzer und Winzerinnen die Halde empor, Lony still und emsig unter ihnen. Zwischen fleißigen Händen fallen die überflüssigen Schosse der Reben, und die bauschigen Stöcke fügen sich dem Band der Weizenhalme. Schon regt sich der Morgenwind, in der Tiefe des Dorfes krähen die ersten Hähne, die Lerche schmettert in der Luft, im Osten hellt sich der Himmel und der Morgenstern steigt der Sonne voran. Auf der Höhe, wo Reben und Wald aneinander grenzen, steht schon sonntäglich gerüstet seit einer Weile der Kommandant unter einer Tanne und hält Barry, der zu Lony laufen will, am Halsband zurück. Die wackeren braunen Mädchen und Bursche aber, die ihr Werk vollendet haben, sammeln sich, ohne ihn zu bemerken, aufatmend am Waldrand und erwarten den Aufgang der Sonne. »Lony, stimme an!« bitten sie, und das Lied »Unsere Berge lugen ins Land« erklingt. Mit einer Art Andacht lauscht der Kommandant, er ist es schon zufrieden, daß der Werkführer Wehrli nicht in der Schar ist. Da röten sich über den blaugrünen Waldhöhen, die noch im Schatten liegen, die fernen Schneeberge, ein viereckiges Firnfeld, das sich am höchsten in den blassen Himmel erhebt, glüht in einer Pracht wie junge Rosen. »Der Garten der Verena!« – »Seht, ihr umgestülpter Kessel taucht schon aus dem Schnee, das bedeutet ein gutes Weinjahr. Du kennst die Sage, Lony, erzähle!« Die Stimmen vermengen sich: »Setzt euch, die Lony erzählt!« Als einzige stehen bleibend, berichtet Lony die Sage, wie das ferne Schneefeld, das jetzt strahlend ins Land herniederscheint, einst eine grüne Trift gewesen ist, auf welcher die junge, übermütige Verena ihre Herden trieb. »Weil aber Verena ihrem Geliebten mehr Ehre als ihrer Mutter erwies, ihn mit Sahne und Kuchen bewirtete, der zitternden Alten aber nur ein Becken saurer Milch vorsetzte, rief die Mutter, ins Thal steigend, den Fluch über die Alpe. Da begann es zu schneien. Verena stülpte den Sennenkessel zum Schutz vor dem vielen Schnee über das Haupt und schickte dem Geliebten ihre Jauchzer zu. Der Schnee fiel immer dichter und der Geliebte wandte sich, Verena aber ist versunken im Graus, nur in guten Sommern ragt ihr Kessel aus dem ewigen Eis, das die Alpe bedeckt, und von Zeit zu Zeit klagt eine Stimme: ›O, daß ich dem Geliebten mehr Ehre angethan habe als der Mutter!‹ Das ist die Sage,« schließt Lony. »Doch seht, die Sonne kommt!« Die Augen der Bursche und Mädchen richten sich nach Osten, die Sonne rollt, ein feuriges Rad, über waldige Höhen empor, von den Bergen herab wallt das Licht und zuckt und flutet über das Land. Der Kommandant aber sieht nur sein Kind, die starke, gesunde, herbinnige Lony mit dem Aehrenzopf wie reifes Korn, mit den Augen wie blühender Flachs. Wie das Sinnbild der Heimat hebt sich ihre heitere, ruhige Gestalt im Morgenstrom des Lichts von dem reichen Ackerlande, das hinter und unter ihr im Thal erschimmert. Sie aber geht hin und hängt ihr Herz an einen Mann, der von der schönen Heimat keine Scholle, keine Krume sein eigen nennt! Das thörichte Mädchen! Das Herz voll Liebe und Groll, überdenkt es der Kommandant, dann lächelt er unter dem Schnurrbart, er murmelt: »Mit deiner Sage kommst du mir gerade recht,« er läßt, indem er selber aus seinem Verstecke tritt, Barry los, der mit Freudengebell an dem überraschten Mädchen emporspringt. Der jubelnde Ruf Lonys: »Vater!« der achtungsvolle Gruß der Jungmannschaft setzen das Herz des Kommandanten in noch bessere Stimmung. Er steigt mit der Schar der Jungmannschaft plaudernd ins Dorf, und wie er in sein Haus tritt, sagt er mit freundlicher Güte: »Ruhe dich aus, Lony, vor dem Mittagessen möchte ich mit dir etwas besprechen!« Allein Lony hat sich erst eine Stunde in ihre Kammer begeben, vor der die zwitschernden Schwalben ihre Nester bauen, so fährt sie über einen lauten Wortwechsel, der sich in der Stube erhoben hat, empor. Sie schreit: »Gott, das ist Karl!« »Kupplerin hat Eure Judith meine Mutter genannt. Ihr mich einen Ehrlosen!« Wie Lony, leichtgekleidet, bebend vor Schreck, unter die Thüre tritt, schnaubt Karl Wehrli dem Vater die Vorwürfe entgegen. »Hans Ulrich, wirf ihn doch hinaus, den geringen Fabrikknecht!« ruft die Mutter, und am Fenster steht mit blassem, höhnischem Lächeln Judith, die sich blitzblank wie aus einer Spielzeugschachtel zum Kirchgang gerüstet hat. Lony wirft sich dem Kommandanten mit aufgelöstem Haar zu Füßen und umklammert seine Kniee. »Vater, schicke die Judith, daß sie Abbitte leiste, sie hat eine himmelschreiende Sünde an Frau Wehrli begangen. Ich allein bin schuld!« »So, du bist schuld,« knirscht der Kommandant, und seine Wut bricht los: »Unser Haus ist ein Bauernhaus, und wenn du das nicht weißt, so sei verflucht wie jene Verena auf dem Berg!« »Karl, Karl!« stöhnt Lony, und ihrer selbst nicht mächtig, umhalst sie den jungen Mann. Bei diesem Anblick schäumt der Zorn des Kommandanten über. »Faß an, Barry, faß an!« Aber das treue Tier, das nicht auf Karl losgehen will, heult nur, es fletscht zuletzt verwirrt die Zähne gegen den eigenen Herrn, und der Kommandant brüllt: »Dich erschieße ich!« Zugleich erhebt er die mächtige Bauernfaust gegen Lony. »So geh und verdirb mit dem Schuft!« Seine harte Faust trifft das Mädchen, es wankt und sinkt stöhnend zu Boden. Totenblaß geht Karl Wehrli auf den Kommandanten los, aber plötzlich hält er inne. »Gott mag zwischen Euch und mir richten! Komm, Lony!« Einen Augenblick zögert Lony, da schreit die Mutter: »Geh nur – es zieht dich doch mehr zu ihm als zu uns!« Ein Grauen vor dem Elternhaus erfüllt die Geschlagene, und laut aufweinend folgt sie dem sanften Zug des Geliebten. Der Kommandant mißhandelt in sinnloser Wut den treuen Barry, er sieht erst, daß Lony gegangen ist, wie Karl Wehrli ihr am Dorfbrunnen das Blut abwäscht. Einen Augenblick regt es sich in der Brust des Kommandanten seltsam. Sie blutet – und sie stand doch so herrlich im Frühlicht! Im Dorf läuft die Kunde von dem Ereignis mit der Schnelligkeit einer Feuermeldung umher. Die meisten Leute ergreifen für das Liebespaar Partei und eifern gegen den als alten Hitzkopf bekannten Kommandanten, besonders gegen die Kommandantin, die, statt den aufbrausenden Mann zu sänftigen, ihn verhetzt. Man kennt sie, man kennt Judith! Das Dorf ist empört über die Beleidigung, die das schnippische Mädchen der ehrbaren Schullehrerswitwe zugefügt hat. »Der Kommandant soll nur sehen, daß er sich an der Jüngsten nicht die Rute bindet, die er an Lony verdient hat!« So grollt und flüstert es von Haus zu Haus. Ermattet vom vielen Weinen sitzt unterdessen Lony in der Stube ihres väterlichen Freundes, des Säckelmeisters, bei ihr Karl. Der alte gebückte Bauer, der sich ehrlich, aber vielleicht zu früh um eine Versöhnung bemüht hat, kehrt traurig und kopfschüttelnd zurück. »Ich weiß nicht, ob die Deinen hagebuchene Herzen haben. Wenn du etwas von ihnen wollest, sollest du selber kommen!« In der einbrechenden Nacht, wie die Straße menschenleer geworden ist, geht Lony vor das Haus der Eltern und klopft an die geschlossene Thüre. Die Mutter schaut aus dem Fenster und ruft heraus: »Der Vater schläft schon. Ich soll dir aber aufschließen, wenn du von dem Werkführer lassen willst!« Da wankt Lony von der Thüre und taumelt zurück in die Nacht. Sie spürt es lange nicht, daß ein Freund neben ihr geht, ein Freund, der fast so übel dran ist wie sie, Barry, der vor Freude winselt, wedelt, ihre Hand leckt, aber sich fast nicht bewegen kann, weil ihn sein Herr so furchtbar geschlagen hat. Sie liebkost das blutrünstige Tier. Dann sagt sie: »Geh heim, Barry!« Aber nur stärker winselnd kriecht der Hund dicht an ihre Füße und harrt aus bei ihr. Am anderen Tag kommt ein Händler und holt Barry. »Sein Herr hat ihn mir aus Verdruß verkauft, weil er nicht zum Hause hält!« Heulend folgt das schöne Tier der Leine des fremden Mannes. Der Verkauf des treuen Freundes beelendet Lony bis ins tiefste Herz, und wie Karl am Abend aus der Werkstätte kommt, sagt sie: »Ich bin hoffnungslos!« Und eine lange, bange Schicksalsstunde endet in das Wort Karls: »Wenn du dich wirklich mit mir in die Fremde wenden willst, so löse ich meine Stellung in der Fabrik, so rasch es möglich ist.« Da legt Lony ihre Hand in seine Hand und unter Thränen flüstert sie: »Wem Gott ein treues Lieb beschert, der soll von ihm nicht lassen!« Heiße Küsse besiegeln den schweren Entschluß des Paares, in die Ferne zu ziehen. Das Traurige ereignet sich. Nach erfolglosen Versuchen des Säckelmeisters, zwischen dem Liebespaar und der Familie des Kommandanten zu vermitteln, wandern Karl Wehrli und Lony aus dem Dorfe, und in der Frühe des schönen Sommermorgens giebt ihnen die Jungmannschaft das Geleite bis zum Brunnen an der Steige. Im breiten Thale liegt in Duft und Glanz Dorf Reifenwerd am Fuß seines Rebberges, aus den schwellenden Feldern glitzert wie ein Silberfaden die Reif und die Turmhelme der Abtei leuchten in weiß und blauem Farbenspiel. Am Brunnen nimmt das Liebespaar Abschied von der Heimat. Da rollt die Steige herauf ein Wägelchen, der Kommandant fährt nach der Stadt zu einer Sitzung im Großen Rat. »Gott! Der Vater!« stößt Lony schreckhaft und doch wie voll plötzlicher Hoffnung hervor. Allein der harte Mann, der wohl erwartet hatte, Lony würde sich unterwerfen, wendet das Haupt. Da fällt sie dem Pferde in die Zügel. »Vater, ein Lebewohl!« schluchzt sie herzbrechend. Einen Augenblick stutzt der Kommandant, aber vor dem jungen Geleitvolk schämt er sich seines Schwankens, er haut auf das Roß ein, es schleudert die Flehende beiseite und sie hört nur noch die zornigen Worte: »Wenn du und deine Wechselbälge auf dem Schub nach Reifenwerd kommen, so kenne ich euch nicht! Verdirb wie Verena!« Alle, die dem Paar das Geleite gegeben haben, sehen starr hinter dem Wägelchen drein, das auf der Straße nach der Stadt zu rollt. Auf Karl gestützt, wandert Lony wie gebrochen der Fremde entgegen. Sie hat selbst das Stück Brot aus dem Vaterhause nicht, das in der Fremde vor Heimweh schützen soll. Arm wie Adam und Eva, da sie aus dem Paradies getrieben wurden, wandert das Paar seinen Weg. Ihm leuchtet kein Stern als seine Liebe! XI. Eine leistraurige Stimmung lagert sich über dem Dorf Reifenwerd. Der Auszug des Liebespaares hat eine stille Bestürzung hervorgerufen, manchen Bewohnern ist es, als ob mit dem lebensmutigen Karl Wehrli, mit der treuen Lony Stockar ein Teil des guten Geistes, welcher bis dahin die Gemeinde beseelt hat, geschieden sei. »Das kommt von der Fabrik!« sagen die Leute, wie aber der erste Zornausbruch, der erste Groll über die Härte des Kommandanten verwunden ist, da spüren gerade die ehrenfestesten der Bauern, daß eine Stimme in ihrem Innersten doch seine Handlungsweise entschuldigt und verteidigt. Welcher von ihnen würde sein Kind gern an einen Mann hingeben, der von Gottes großer Erde kein Sandkorn sein eigen nennt? Ein strebsamer Mann wie Karl Wehrli ist an sich gewiß aller Achtung wert, aber er lebt von der Hand in den Mund, eine Laune seines Herrn, und er ist brotlos, er flattert wie der Vogel von Zweig zu Zweig, er hat kein Nest und weiß nicht, auf welchen Ast er sich am anderen Morgen setzt. Was besitzt er anders als seine hellen Augen und seine geschickten Hände. Wie bald aber können sich Augen schließen, Hände ermatten und kalt werden! Das arme Weib, die armen Kinder! Mit dem Manne trägt man das letzte Stück Brot aus dem Haus. – Das ist der Fabrikarbeiter! Anders der Bauer! Wie die Eiche mit seinem Grund und Boden verwurzelt, von Gott im Himmel geschirmt, mehrt er das väterliche Vermögen, spart in guten und schlechten Jahren, und wenn sein letztes Stündchen kommt, so spricht er zu den Seinen, die am Sterbebette stehen: »Fürchtet euch nicht! Da ist euer wohlgefügtes Dach, in der Truhe liegen die Gülten [R1 Wertbriefe] und bei meinem Totenmahl backt Kuchen, laßt ein Faß auslaufen, ihr habt ja Kornfeld, ihr habt Reben genug!« Solche Vergleiche ziehen die zu Reifenwerd, und dabei kommt ihnen zum Bewußtsein, daß es in Zukunft zweierlei Bewohner ihres Dorfes geben wird: Bauern und Fabrikarbeiter! Sie schütteln die Köpfe zu den großen Veränderungen in der Abtei, sie nennen die Werke Rudolf Fürsts spottweise Kleinamerika. »Was geht uns dieses Treiben an? Zwischen ihm und uns liegt ja die Reif,« lachen sie trocken, »wir bleiben Bauern, und unsere Töchter werden keine Männer aus dem Spinnervolk heiraten.« Wie ein warnendes Beispiel steht aber doch der Auszug Karl Wehrlis und Lonys vor ihren Augen. Nein, das Treiben in der Abtei geht sie nichts an. Die Jugend schießt am Sonntagnachmittag unter der Leitung des neuen Tätschmeisters Hilfgott Stamm wie sonst mit Pfeil und Bogen nach dem Ziel, bis die Erntezeit dem munteren Spiel ein Ende steckt. Dann schwanken die stolzen Wagen mit den hochgetürmten goldenen Garben die Straße entlang, das Niederlegen der Sicheln bildet ein sangreiches Fest, und nicht viel später, wenn die Trauben zu reifen beginnen, tönt der klappernde Schlag der Ratschen durchs Dorf. Die Frauen und Mädchen brechen auf den weißen Kiesbänken der Reif den Hanf, die Agelnfeuer leuchten in die blaue Herbstdämmerung und weithin verbreitet sich der Duft der Erdäpfel, welche sich die Jugend in den Gluten brät. Aus der Herbstweide erheben die Glocken des Viehes ihr Spiel, der Schimmer anblauender Trauben grüßt vom Rebenhang. Die Weinlese jauchzt. Dann girren die mächtigen Eichbäume der Kelter in hohem Ton, durch die Straße schweben die Duftschwaden des jungen Weines und ziehen die Fuhrwerke mit den grünbemalten Fässern, aus denen die letzten Herbststräuße ragen. Dazu erklingt Tag und Nacht das Schellengeläute der nach der Stadt rollenden Fuhren. So geht das Bauernleben freundlich und behaglich in Reifenwerd. In aller Herrgottsfrühe aber, am Mittag und am Abend, gleitet durch dieses behagliche Leben eine schmächtige Gestalt, wie ein Häufchen Unglück. Es ist Christli, das aus dem Oberland zurückgekehrt ist, an den ersten Maschinen spinnt, die Rudolf Fürst in der Abtei eingerichtet hat, und bei seiner Mutter im Dorfe wohnt, während anderes Spinnervolk, das der rastlose Fabrikant herzugezogen hat, zunächst die Räume der Abtei bewohnt. Mag Christli noch so säuberlich sein, irgendwo hängt, wenn es ins Dorf tritt, ein Flöckchen Baumwolle an seinem Kleid, das einst so frische Gesichtchen ist blaß, und scheu, ängstlich, mit gesenkten Blicken, wie eine, die kein gutes Gewissen hat, hastet das schmale Mädchen durchs Dorf und ist der Spott aller. Hinter den Häuserecken hervor rufen die Buben: »Spinnmädchen! Schäme dich, Spinnmädchen!« Sie schaben Rüben gegen das Kind, und wo sich Christli, das vorher so beliebt unter den Dörflern war, blicken läßt, ist sie wie die Eule unter den Vögeln. »Auf die Seite, Spinnmädchen!« Der Kommandant ruft es, der mit seiner Tochter Judith nach Hause fährt. Und die hochmütige junge Bauerntochter, die ihre Tracht mit Silberketten verschönert hat, halt die Hand vor die Nase, als belästige sie der Fabrikgeruch, der aus den Kleidern der Spinnerin strömt. Mit trostlosem Blick laßt Christli das Gespann vorüberleiten. Es klagt nicht, es weint nicht, es ist nur unheimlich still und in sich verhärtet. Am Sonntagnachmittag sagt die Mutter, die selber von allem Unglück der letzten Zeit, besonders von der Beleidigung, die ihr Judith zugefügt hat, wie zerdrückt ist: »Christli, wollen wir nicht ein wenig spazieren gehen, einmal sehen, wie die neue Kirche am Rebberg wird?« »Nein,« erwidert es dumpf mit einem Blick des Abscheus auf seine Fabrikhände, von denen die Seife die schwarzen Tupfen, welche vom Oel der Maschine herrühren, nicht wegwäscht, und es brütet, in einer Ecke sitzend, starr und seelenlos vor sich hin. »So spiele doch um Gottes willen wieder einmal ein Liedchen auf deiner Geige!« bettelt die Mutter. Aber wie von einem plötzlichen Schmerz getroffen, zuckt Christli jäh zusammen: »Nein, Mutter, nein!« erwidert es leidenschaftlich, eine dunkle Röte steigt in das blasse Gesichtchen, es bedeckt die Augen, und wie in einem wilden Weh stößt es hervor: »Wenn ich nur nie spielen gelernt hätte!« »Dann lies noch einmal die Briefe Karls!« schmeichelt die um ihr Kind bekümmerte Mutter in dunkler Angst. »Sie sind so hoffnungsreich!« Der Mutter zuliebe holt Christli die Briefe, deren Inhalt sie schon kennt, aus dem Schranke und entfaltet sie. »Also bis nach Lyon sind Lony und ich gewandert, und wir haben auf der Reise Erfreuliches und Betrübendes erlebt,« erzählt Karl in seinem ersten Schreiben. »Während ich Arbeit in Schmieden und Werkstätten suchte, verdingte sie sich als Magd an die Bauern. Sie hat Korn gesichelt, hat in den Reben mitgeholfen, und die meisten Leute wollten sie behalten. Ueberall wunderten sie sich über die schöne, kräftige, arbeitsvertraute Magd. Aber sie litt auch manches unter den Scherzen der Knechte. In den Bergen, wo deutsches und welsches Land sich scheiden, warb ein junger angesehener Bauer, bei dessen Eltern sie erst drei Tage gearbeitet hatte, um ihre Hand. Da erzählte ihm Lony unsere Geschichte, und der junge Mann hatte eine solche Teilnahme, daß er uns Mundvorrate, so viel wir tragen konnten, mit auf den Weg gab. An der Grenze drehte sich uns das Herz um, aber was half es, wir mußten hinein in das französische Land! Nirgends bekamen wir Arbeit, weil wir die Sprache nicht beherrschten. In Lyon kauften wir bei einem Bäcker Brot, es war ein braver Elsässer, der deutsch sprach. Er wies Lony, die mehr Glück hat als ich, an seinen Bruder, den Obergärtner eines großen Herrschaftsgutes. Ich suchte umsonst eine Stelle in den vielen Betrieben der Stadt. Entmutigt wollen wir weiter ziehen, da wendet sich die Frau des Obergärtners, die Lony schätzen gelernt hat, an den Besitzer des Gutes, einen Großfabrikanten, und am anderen Tag morgens acht Uhr bin ich schon Arbeiter der großen Webereien Laporte \& Cie., Reparateur, eine Stellung, die mich beglückt, weil ich alles anwenden kann, was ich bei dem alten David Fürst gelernt habe. Eines Tages kam, nachdem die Vorschläge anderer gescheitert waren, die Frage an mich, wie wohl ein Webstuhl umgeändert werden müßte, um darauf ein bestimmtes schwieriges Muster zu erzeugen? Eine Nacht des Versuchens und Probierens, und mit zwei Schnüren mehr, als sie ein gewöhnlicher Stuhl besitzt, erzeugt jetzt die Fabrik das gewünschte Muster. Ich aber sehe auf ein weites Feld, wo es noch viel auszuklügeln und zu erfinden giebt.« Im zweiten Brief erzählt Karl von seiner Hochzeit: »Lony meinte am Hochzeitstage immer noch, es müßte ein Brief vom Kommandanten kommen. Dann sagte sie: \>In Gottes Namen!\< Abends sechs Uhr begleiten uns zwei Nebenarbeiter als Trauzeugen, um sieben Uhr saßen wir bei der Obergärtnerin, die Kuchen gebacken hatte. Seitdem hat Lony schon drei Briefe nach Hause geschrieben, Briefe zum Herzsprengen, aber auf die ersten zwei kam keine Antwort, der dritte wurde uns mit dem Vermerk: \>Annahme verweigert\< wieder zugestellt. – Lony leidet! – Gott, wenn sie mir meine Lony töten, die Herzlosen! – Nein, ich will sie zum Glücke führen, will dem hagebuchenen Bauernstolz zeigen, was ein rechter Mechaniker zu leisten im stande ist. Ich fürchte das Leben nicht, ich bin zähe bei meiner Arbeit Tag und Nacht, und zum Zeugnis, daß sie sich lohnt, sende ich euch die ersten ersparten hundert Franken!« Beinahe teilnahmlos sind die Augen Christlis bis dahin über die Briefe geglitten, aber jetzt kommt es an eine Stelle, bei der es trotzig sein Köpfchen schüttelt und ein leises verächtliches Lächeln sein Mündchen umspielt: »Und Du, liebes, herziges Schwesterchen, halte Dich an den jungen Herrn Pfarrer, niemand in Reifenwerd ist Dir besser gesinnt als er! Vor meiner Abreise hat er es mir herzlich versprochen, daß er ein hütendes, schützendes Auge über Dich halten werde, grad so, als ob er selbst Dein älterer Bruder wäre.« Das Gesichtchen Christlis verzieht sich schmerzlich. Sie haßt den jungen Pfarrer, an dessen Augen und Lippen sie eine Weile wie an einer Offenbarung gehangen, von dem sie in einer gewissen Stunde voll kindlicher Leichtgläubigkeit etwas wie ein Wunder erwartet hat. Dort im Kreuzgang. Wie kalt hat er sie abgewiesen! Am meisten kränkt sie das Geigenspiel, das kindlich thörichte Geigenspiel unter seinem Fenster! Sie schämt sich über den unüberlegten Streich, von dem die Mutter nichts weiß, fast zu Tode, und der Gedanke an die Violine ist ihre Pein. Noch mehr als den Pfarrer haßt sie seine Braut Sigunde Fürst. Wie das vornehme Fräulein sie so spöttisch lächelnd anblickt und dann etwa fragt: »Kannst du nicht freundlicher grüßen, kleine Geigenspielerin!« Starr und sonnenlos brütet das blasse Mädchen, in einen Winkel gedrückt, mit gefalteten Händen durch den Sonntagnachmittag. Die Mutter hat sich an dem Geld, das Karl gesandt hat, erfreuen können, Christli nicht! Lombardi hat das Geld genommen. Und wie aufmunternd Karl schreibt, daß Christli nur bis zum Frühling in der Fabrik aushalten möge, schüttelt es ungläubig den Lockenkopf. Das arme, an die Maschinen gezwungene Mädchen, das im dunklen Drang ihres kindlichen Gemütes Geigenspielerin hat werden wollen, hat den Glauben an Gott und die Menschen verloren! »Wenn es nur schon Abend wäre und nicht wieder Tag würde!« schluchzt es tief in sich hinein. XII. Wie der stumme Jammer im schmalen Gesichtchen seiner Lieblingskonfirmandin Felix Notvest, sein Sinnen und Denken ergreift! Seine Gedanken sind mehr bei dem armen, verachteten Spinnmädchen als bei seiner feinen Braut Sigunde. Bis in seine Studierstube dringt das Sausen der Spinnstühle, die von morgens früh, mit einer Stunde Unterbrechung um die Mittagszeit, bis abends um acht Uhr laufen. Und wenn ihn das Geräusch weckt, so denkt er: Jetzt steht das Christli schon an seiner Arbeit. Eine große Unruhe überfällt ihn. Soll er sich damit zufrieden geben, daß er in seinem Unterricht manche Demütigung, die Mitschülerinnen der Spinnerin zudenken, verhüten und dem verschüchterten Mädchen etwas Duldung verschaffen kann? Darüber nachzudenken hat er um so mehr Zeit, als Sigunde in der Gegenwart ihrer zukünftigen Schwägerin Kitty Bell reiche Zerstreuung findet. Fast täglich ist in der Mühle Gesellschaft. Kitty Bell, die zunächst bei der Familie des Regierungsrates Hohspang wohnt, welche mit der ihrigen durch alte Handelsfreundschaft verbunden ist, kommt mit Alfred Hohspang häufig nach Reifenwerd, und Sigunde, die für alle neuen Erscheinungen in ihrem Bekanntenkreise empfänglich ist, hält gute Kameradschaft mit der aschblonden Engländerin, auf welcher der Hauch der großen Welt ruht und die mit ihrer immer gleichen Kühle, mit ihrer unerschütterlichen Sicherheit zur Achtung zwingt. Am meisten interessiert sich Miß Bell für die Villa, die ihr Verlobter baut. In England schon hatte sie sich von ihm die Burgruine Reifenloh mit ihren Mauerzacken beschreiben lassen und selbst die Anregung gegeben, das künftige Heim nach englischen Vorbildern in einer romantischen Vermengung von Neu und Alt darein zu fügen. »Da uwerden wir maken das – da das – das muß uwerden eine Anlage!« So verfügt die kühle, steifvornehme Kitty, und in einer Stunde kennt Rudolf Fürst ihre Wünsche für die Ausgestaltung ihres Wohnsitzes. »Nicht wahr, sie hat praktischen Sinn?« flüstert er der Schwester bewundernd zu. »Sie scheint mir ein wenig herrisch,« antwortet Sigunde voll Schelmerei. »Ach, weil du selbst nicht weißt, was du willst, magst du eine klare Natur nicht leiden,« versetzt er wegwerfend. Aber bald muß er erfahren, wie peinlich es werden kann, wenn Kitty Bell ihre Verfügungen mit der Sicherheit einer Dame trifft, die von Jugend auf zu befehlen gewohnt ist. Sie tritt mit den Geschwistern in das hohe gotische Gotteshaus der Abtei. »Pretty, pretty – ravishing – ganz prächtig!« Sie will in die Hände klatschen, da erinnert sie sich an die Weihe des Ortes, an dem sie steht. »Man uwird bringen die Glaß mit die Figurs auf Reifenloh – uwird sein adelsvoll zu haben eine Veranda oder eine Gartencottage mit die Glaß – uwird sein als in english castels – uwenn uns besuchen englishmen, uwerden sie sagen: \>Splendid\< – in England kosten Glaß uwie diese zweihundert Pfund bis fünfhundert Pfund das einzige Glaß.« Da wird es Rudolf Fürst in der kühlen Kirche schwül, er stottert: »Die Scheiben sind verkauft!« Sigunde aber lacht über seine Verlegenheit, und wie auch seine Augen bitten, sie möchte ihn vor Kitty nicht bloßstellen, treibt doch der Dämon des Uebermutes Sigunde zu der Bemerkung: »Alles hat mein Bruder in England nicht gelernt, vor allem die Wertschätzung der Glasgemälde nicht. Er hat sie zu einem lächerlichen Preis verkauft.« »O, o,« versetzt die Engländerin, welche die Aufregung ihres Bräutigams nicht sieht oder nicht sehen will, »es ist ein großer Fehler, aber man uwird kaufen zurück die Glaß – nicht uwahr, Herr Rudolf, Sie uwerden kaufen zurück, es ist – uwie saken man in deutsch – es ist notuwendig!« Rudolf Fürst verbeißt einen Fluch auf die unbeirrbare Festigkeit Kittys. »Gewiß, wenn's geht, so kaufe ich die Scheiben zurück!« versetzt er. Sigunde erzählt der zukünftigen Schwägerin den Kampf Felix Notvests um die Altertümer, ernsthaft hört Miß Bell zu, und wie sie mit Sigunde einmal den Pfarrer trifft, reicht sie ihm mit achtungsvollem Lächeln die Hand: »Sie kennen die Glaß! In diesem Lande ist kein kluger Mann als Sie, Herr Pfarrer.« Sigunde errötet! Sie giebt viel auf die Urteile der Schwägerin, die aus den Erfahrungen einer großen fremden Welt spricht, sie ahnt, daß sie ihren Verlobten mit seiner Begeisterung für die alte Kunst zu leicht gewogen hat. Ihr ist, sie hätte an ihm ein Unrecht gut zu machen, und ehe sich Felix Notvest darauf versieht, schweben über ihm wieder Liebestage so hold und sonnig herauf, wie in der Stille des Rosengartens. Im anbrechenden Winter giebt es reizvolle Besuche bei den Eltern in der Stadt, um die Sigunde ihre glücklichsten Talente entfaltet. Wie bezaubert sie ihre Kreise mit ihrer natürlichen und warmen Empfänglichkeit für schöne Anregungen jeder Art. Mit innerster Wonne sieht es Felix Notvest, wie selbst die kühle Miß Bell sich dem berückenden Eindruck des leicht entflammbaren Wesens seiner Braut nicht entzieht. Sigunde ist in seinen Augen das Sonnenkind, geboren für das Glück, für das eigene und für dasjenige der anderen! Nur leise will ihn manchmal das Gefühl überschleichen, daß im Dunkelsten ihrer Seele bei aller Romantik eine dämonische Selbstsucht ruhe. Dann, wenn er an das arme Christli denkt. Die grauen, kühlen Augen, die manchmal so merkwürdig ins Grüne nachdunkeln, hemmen ihn an jedem guten Entschluß. Eines Abends will er von einer Sitzung der Kirchenpflege, die im »Hirschen« stattgefunden hat, durch den hohen Schnee in sein Pfarrhaus zurückkehren. Da liegt, halb an einen Balken hingelehnt, am Eingang der Brücke eine elende Gestalt in dünnem Kattunkleid, ein dreizipfliges Wolltuch um den Kopf. »Christli!« spricht der Pfarrer in herzlichem Erbarmen, »erwache, ich begleite dich zu deiner Mutter!« Wie aber das Kind, das im Kampf mit dem hohen Schnee vor Uebermüdung eingeschlafen ist, zu sich selber kommend, den Pfarrer erkennt, schreit es in einem jähen Abscheu vor ihm mit schreckhaft verzerrten Zügen: »Nein, nein, lassen Sie mich!« Es rennt sinnlos, so daß es wieder in den Schnee stürzt, wie eine Verfolgte gegen das Dorf. Da weiß es der Pfarrer: selbst wenn es in seiner Macht stände, Christli etwas Gutes zu erweisen, so würde das beleidigte Kind doch nicht die kleinste Wohlthat aus seiner Hand annehmen. Nun ist er in einer wahren Herzensangst um das Mädchen. Wie er einmal mit Sigunde durch einen sonnbeglänzten Tag wandert, läutet die Fabrikglocke. Die jugendlichen Fabrikarbeiterinnen eilen aus der Abtei, eine blasse, hastige, dunkle Schar. Gedankenvoll läßt Felix Notvest den Blick auf dem Völkchen ruhen und sein Gesicht verdüstert sich. »Was kommt denn über dich?« scherzt Gigunde leichthin. »Mir gefällt der Betrieb deines Bruders nicht!« versetzt der Pfarrer ernst. »Ich sehe jetzt in der Schule die übernächtigen Spinnmädchen und Spinnbuben, die willenlos in den Bänken einschlafen und vor Schlaffheit dem Unterricht nicht folgen können. Zehnjährige Kinder sind in der Spinnerei beschäftigt, kurz, dein Bruder betreibt seine Industrie in gewissenloser Weise, und manchmal ist es mir, ich hätte als Pfarrer die Pflicht, den Schutz der Behörden für die armen Kinder anzurufen.« Sigunde lacht etwas gezwungen und schüttelt über den Verlobten die volle Schale ihres Spottes: »Illusionen, Felix! Ein neues Luftschloß! Du denkst natürlich an die kleine Konfirmandin, die zu deinen Fenstern so rührend emporgegeigt hat. Aber was versteht ein Gelehrter vom Betriebe einer Fabrik!« Schwere Tage der Verstimmung sind wieder da. Sie ist nicht das Weib, dessen ich bedarf, sie hat kein Herz, schreit es laut in der Brust des Pfarrers. Mit einer gewissen Absichtlichkeit vernachlässigt auch Sigunde ihren Bräutigam. Der Aufenthalt Kitty Bells in der Familie des Regierungspräsidenten Hohspang giebt ihr ungezwungene Gelegenheit zu Besuchen in der Stadt. In der Villa Venedig, dem vielbewunderten Besitztum des Regierungspräsidenten, das zwischen hohen Bäumen an der Stelle einer ausgedehnten ehemaligen Stadtbastion hinreißend schön an den Ufern des Sees gelegen ist, gefällt es Sigunde besser, als sie jemand zugestehen will. Sie hat Sinn für den vornehmen Luxus des Hauses, für die persischen Teppiche, für die Gemälde und Statuen, selbst für die stimmungsvolle Umgebung und für den See, der durch die winterdürren Bäume in die Fenster der Villa blitzt. In tiefen Zügen genießt sie die Anregungen der reichen Welt, die in dem gastfreundlich offenen Haus ein und aus geht. Es ist eine Gesellschaft von Fabrikanten und Handelsherren, von Beamten und Gelehrten, die den über das ganze Land verbreiteten Anhang, den »Ring« Robert Hohspangs bilden. So wird der Kreis von einer kleinen, aber erbitterten Gegnerschaft des Staatsmannes genannt, in dessen Hand offen und geheim alle Fäden der höheren und niederen Politik des Landes zusammenlaufen. Der Verkehr trägt in dem überall hin vervetterten und verschwägerten Hause das Gewand reizvoller Geselligkeit, und Robert Hohspang, der in der Vollkraft ergraute Magistrat, der von jeher nicht nur als der mächtigste, sondern auch als der schönste Mann des Landes gegolten hat, übt in seinem stolzen Heim den ganzen Zauber seines Wesens aus; er übt ihn mit der Würde und Gewalt eines selbstbewußten Ratsherrn und jener ritterlichen Liebenswürdigkeit, die ihm, wie oft auch seine Politik Anfechtungen erfahren, stets wieder die Herzen des Volkes gewinnt. Da ist Reichtum, da ist Macht, da ist Ansehen, da ist Sigunde mit ihrem glücklichen, schmiegsamen Naturell selbst ein willkommener Gast. Wonnig empfindet sie es. Spielend hat sie den leichten Groll, den Alfred Hohspang bei der Ankunft Miß Bells gegen sie zur Schau trug, besiegt, er hat ihr den jähen Abbruch der Stelldichein am Waldbrunnen verziehen, und sie findet die Gesellschaft des »kleinen Sohnes eines großen Vaters«, wie sie ihn zu nennen liebt, leidlich angenehm. Die beiden sitzen stundenlang im Schaukelstuhl vor dem französischen Kamin, in dem die Flammen züngeln und knistern, plaudern und rauchen Zigaretten. Alfred Hohspang, dessen Stirne in eine leichte Glatze übergeht, erzählt vom Theater, von der Börse und berichtet die neuesten Anekdoten und Witze, sie aber neckt ihn mit herzlichem Lachen, weil er das goldgefaßte Augenglas wohl zwanzigmal in der Stunde aufsetzt und niederlegt, weil er immer die Uhr zieht, als sei er der mit der Minute rechnende Geschäftsmann und dabei doch die halben Tage müßig verbringt. »Aeh – äh,« scherzt er, »was die Bauern von Reifenwerd jetzt vornehm werden. Kommandant Stockar, der neue Großrat, ist gestern mit Frau und Tochter am Theater vorgefahren. Nagelneuer Schlitten, zwei Braunen, alles gediegener Staat!« Sigunde lächelt etwas wehmütig: »Gott, welche Kurzweil hat man in Reifenwerd?« »Warum bringst du nie mit den Herrn Pfarrer?« fragt Kitty Bell. »Ach der Bücherwurm!« lacht Sigunde, »er bereitet sich auf seine Gelehrtenlaufbahn vor, da bringt ihn keine Macht der Erde aus seiner Stube!« Sie vermißt ihn wohl nicht stark, mit ihren häufigen Besuchen in der Stadt, in der Villa Venedig kommt sie fröhlich über den langen Winter hinweg. Felix Notvest aber vergeht fast vor Not um sein Schutzkind, das Christli, und die Stimme, die ihm zuruft: Du bist ein Feigling! giebt keine Ruhe. Da braust der Frühlingssturm durch die Lüfte, an der Reif schwellen die silbernen Kätzchen der Weiden, die Knaben prüfen, ob die Ruten bald saftig genug sind, um daraus Pfeifen zu klopfen, und Rudolf Fürst baut wieder an allen Ecken und Enden seiner Besitzungen. Der Palmsonntag steht vor der Thüre, da die Konfirmation stattfindet, da auch aus Christli, das jetzt noch ein Kind ist, eine Jungfrau werden wird. In diesen weichen, schönen Tagen voll Lebensdrang wandeln der Pfarrer und Sigunde noch einmal durch die Abtei und sprechen, durch den verwüsteten Rosengarten schreitend, von der Uebersiedelung in die Stadt, wo im Mai ihre Hochzeit gefeiert werden soll, von dem Tuskulum freundlicher Kunst und feiner Gastfreundschaft, zu dem sie ihr Heim im elterlichen Patrizierhaus gestalten wollen, und in der Freude des inneren Sichwiederfindens brechen sie von einem Strauch, der mitten in der Zerstörung frisch zu treiben gewagt hat, die Blütenzweige. Da entsteht aufwärts an dem neuen Kanal, der in den Rosengarten hereinführt, ein großer Lärm, die Arbeiter werfen die Werkzeuge zur Seite, sie rennen gegen das neue Wehr, sie sprechen erregt und deuten, während auch das neugierige Paar dort anlangt, in die klare Wassertiefe unter dem Wehr, wo die Flut wie ein Weiher ruht. »Dort liegt sie,« hört man rufen, »wir haben sie über die Mauer hinunterspringen sehen!« Ein Mann watet angekleidet in das Wasser und taucht nach dem im Grunde hin und her flutenden Körper. Mit Anstrengung hebt er die schlaffe Gestalt empor und trägt die Triefende auf einer Leiter, die man ihm bereit gestellt hat, zu den zusammengelaufenen Leuten hinauf. »Christli!« Dem Pfarrer wanken die Kniee. »Sie hat auf dem Gesimse einen Zettel geschrieben, sucht nur, dann wird man wohl sehen, warum sie ins Wasser gesprungen ist!« tuscheln die aus der Fabrik herbeigeströmten Arbeiterinnen, »schaut, wie der Spinnmeister bleich ist!« »Haltet die Mäuler und geht an die Stühle,« donnert der auf den Lärm herbeigeeilte Fabrikherr die Schwätzerinnen an, »diese aber tragt in die Abtei, die Weiber sollen um sie sorgen – tot wird sie wohl nicht sein!« Er stampft und wütet, der junge Pfarrer aber hält wie erstarrt ein mit Bleistift beschriebenes Stück Papier, das man in den nassen Kleidern Christlis gefunden hat. »Vergieb mir, liebe Mutter! Der Spinnmeister quält mich, weil er etwas Böses von mir will. Darum springe ich in die Reif!« Das Stück Papier Rudolf Fürst reichend, sagt der Pfarrer zornbleich: »Zu Ihrer Ehre werden Sie den Spinnmeister sofort entlassen!« »Fällt mir nicht ein,« schnaubt Rudolf Fürst, »wegen dieser Zierpuppe! Mengen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten!« Unter den beiden Männern ist heftiger Streit. Dann tritt Felix Notvest zu den Frauen, die sich um Christli bemühen. Tief seufzend erwacht die Unglückliche und stöhnt wie von einem Traum befangen: »Mutter, ist es wirklich schon fünf, schon wieder Zeit zum Aufstehen und in die Fabrik zu gehen?« Da nimmt der Pfarrer vor aller Augen die schmale, blasse Hand des Kindes. »Nein, Christli, du gehst nicht mehr in die Spinnerei!« Und die Augen Sigundens, die zornig blitzend auf ihm ruhen, haben keine Macht mehr über ihn. In wallender Aufregung sitzt Felix Notvest in seiner Studierstube. Ein junges, kaum erst erwachendes Leben hat sich vernichten wollen im Lenz, wo alles blüht und hofft. Was muß die Kinderseele gelitten haben, bis Christli den entsetzlichen Sprung gewagt hat! Das Gewissen klagt den Pfarrer an: Du hättest handeln sollen und hast aus Feigheit nicht gehandelt! In wilder Fieberstimmung schreibt er seine Predigt vom Abend zum Morgen, blaß und verstört sitzt er im flutenden Licht und murmelt, den Kopf zwischen die Fäuste gestemmt: »Ich muß – ich muß – sonst bin ich ein Elender!« Da tritt Sigunde, schön und frisch wie der junge Tag, in das Gemach. Ein blasses Lächeln geht über ihre Züge. »Da sitzest du ja wie der Hexenmeister Faust! Wie stehen wir eigentlich nach dem gestrigen Ereignis zusammen?« Er schiebt ihr die während der Nacht entstandene Predigt hin. Sie liest, dann fragt sie spöttisch: »Bist du wegen der kleinen Geigenspielerin ganz verrückt geworden, Felix?« Sie zerreißt die Predigt in einem Ruck mit schallendem Gelächter und wirft sie ihm vor die Füße. »Das ist Unsinn!« Da springt er keuchend vor Zorn auf, und an allen Gliedern bebend, steht er vor ihr. Mit blassen Gesichtern schaut das Paar sich wortlos an. »Lösen wir unsere Verlobung?« fragt sie endlich tonlos. Jetzt findet auch er die Sprache wieder. »Du hast das Wort gesprochen, Sigunde, gut denn!« keuchte er. »Ich gehe nicht in die Stadt, ich bleibe Pfarrer von Reifenwerd. Im Hinblick auf die Spinnerei deines Bruders ist es nötig, daß hier ein Mann von Herzen steht. Ich weiß es jetzt, daß jener geringe Zeitungsschreiber Viktor Heueler recht hat, daß es höhere Aufgaben als die Erhaltung von Kunstaltertümern giebt: das ist der Schutz der Jugend vor leiblicher und sittlicher Gefahr. Gehe du zu den Reichen, ich bleibe bei den Armen, bei den unterdrückten Fabrikkindern und stelle mich für sie an den Webstuhl der Zeit!« Die Seele Felix Notvests bebt und klingt mit seinen Worten, und er erscheint mit seinen flammenden Augen Sigunden als ein wahrhaft herrlicher Mann; aber sie unterwirft sich dem Gefühl seiner Größe nicht. »So halte es mit dem Spinnmädchen!« knirscht sie ohne jeden Klang der Stimme. »Die Rache dafür bleibe ich dir nicht schuldig!« Entsetzlich steht Sigunde da. »Agnes von Ungarn!« keucht er. »Meinetwegen Agnes von Ungarn,« erwidert sie, die Hände geballt, eine wilde, kalte Grausamkeit im entstellten Antlitz. »Ich bete, daß ich dich einst dürsten lassen kann; ja, ich will Agnes von Ungarn sein, aber immerhin mit dem Unterschied, Plebejer, daß ich für dich keine Abtei bauen werde!« Verächtlich wirft sie ihm den Ring hin, einen Augenblick später ist Felix Notvest allein, und ihm ist, als bebe die Erde. »Sigunde!« schreit er wehvoll auf. Das also ist das Ende der hoffnungsreichen Liebe! Aermer als Adam und Eva, da sie aus dem Paradies getrieben wurden, scheiden Felix Notvest und Sigunde Fürst. Jenen blieb doch die Liebe! XIII. Ostern, das freudereiche Fest ist da! Die jungen Bursche streichen durch das Dorf, und hinter Scheunen und Gartenhecken tauchen die Köpfe der Mädchen auf. Jedes schenkt dem Burschen, der ihm am besten gefällt, ein bunt beblümtes Ei mit einem zierlichen Spruch. Christli stellt sich, obwohl sie jetzt Jungfrau ist, mit keinem Ei hinter den Hag. Wo wäre der thörichte Bursche, der es bei ihm, dem durch seine unbesonnene That verrufenen und verfemten Kinde, zu erschmeicheln käme und spräche: »Christli, ich kehre dafür auf dem nächsten Markt in der Stadt mit dir ein!« »Du unglückliches Kind, du unglückliches Kind!« jammert Frau Wehrli, deren Gestalt über allem Schweren, das sie erlebt hat, stets kleiner geworden ist, gerade, als müßte sie vor Kummer langsam in den Boden versinken. »Hätten sie mich doch im Wasser ertrinken lassen!« wimmert das Mädchen in der Ecke, in der es mit abgewendetem Gesichte steht, als möchte es in die Wand sich verkriechen. »Schäme dich, du gottloses Geschöpf!« schmält die Mutter. »O, an meine Konfirmation werde ich denken,« stöhnt Christli, »an das Zischeln und Flüstern der Leute. Kein Mädchen wollte neben mir stehen. Mutter, was soll ich noch auf der Welt?« Leise, leise schluchzt Christli. Da pocht es an die Thüre. Wie der Blitz schießt das Kind in das Nebengemach. Dort kann es nun weilen und seinen Gedanken nachhängen, denn der Pfarrer ist zur Mutter gekommen, und mehr als eine Stunde spricht er mit ihr und setzt ihr auseinander, daß das arme Mädchen nicht in Reifenwerd bleiben könne. Das Ergebnis der Unterredung ist ein doppeltes: Frau Wehrli übernimmt an Stelle der alten Dekanin, die nicht aus dem alten Pfarrhaus der Abtei in das neue am Rebberg übersiedeln, sondern sich in die Stadt zurückziehen will, das Amt einer Haushälterin bei dem jungen Pfarrer, der erklärt, daß er ledig bleiben werde, und Christli wird in das Haus des Antistes aufgenommen. Das Mädchen freut sich über die Veränderung nicht, sie klagt auch nicht, willen- und seelenlos wandert sie an einem der nächsten Tage zur Seite des Pfarrers in die Stadt. »Du bringst uns einen seltsamen Gast,« sagt die alte, feine Mutter, »das Kind ist so schüchtern, so bitterlich schüchtern und scheu.« Aus dem leisbekümmerten Ton der Frau Antistes spürt Felix den Zweifel, ob die junge Spinnerin je in dem schlicht vornehmen Wesen des Patrizierhauses heimisch werden könne, und er sieht wohl ein, daß die Mutter sich des Mädchens nur annimmt, weil sie in ihrer Güte ihn, den Sohn, nicht betrüben möchte. Eins aber verhehlen ihm die greisen Eltern in all ihrer großen Herzensgüte nicht: ihren Schmerz, ihre religiösen Bedenken über die Aufhebung des Verlöbnisses mit Sigunde. »Hast du auch bedacht, mein lieber Sohn,« mahnt der ehrwürdige Vater, »daß ein Verlöbnis ein Versprechen vor Gott ist und daß der Prediger für die Beispiele, die er dem Volk giebt, vor dem Höchsten verantwortlich ist? Ich habe an Sigunde nichts von Schatten gesehen, darum zögere ich, das schwere Ereignis in die Familienchronik einzutragen, in der bis dahin nur von Liebe und Treue in Gottes Segen steht!« Felix Notvest hat mit seiner schönen, strahlenden Braut Sigunde, die in ihren guten Stunden so entzückend lieb sein kann, schweren Herzens gebrochen, sein Innerstes ist darüber in einem wehen Aufruhr, der Schmerz der Eltern wühlt in ihm, jetzt treffen die Vorwürfe seines hochverehrten Vaters sein Haupt wie Schwerthiebe, er fiebert, es ist, als habe er die letzte Kraft, die ihm aus den Wirrnissen der letzten Zeit geblieben ist, für die Versorgung Christlis im Elternhaus aufgespart. Wenige Stunden nach seiner Ankunft bricht er zusammen, viele Wochen liegt er hinter dicht verhangenen Fenstern krank bis ins Mark, und in der Sorge um sein junges Leben gehen Schritt und Rede in der Antisteswohnung gedämpft. Eines Sommerabends aber wendet sich die Frau Antistes an Christli: »Es geht dem Herrn Pfarrer besser! Er hat mich gefragt, ob du zuweilen auf deiner Violine spielest, und schien traurig, als ich ihm sagte, daß du in unserem Hause noch nie etwas von deiner Kunst gezeigt hast. Ich glaube, ein Lied von dir würde ihn erfreuen.« Die dunklen Augen Christlis sehen sie unter den langen Wimpern hervor groß und erschreckt an. »Ich kann ja gar nichts mehr spielen,« stößt sie verlegen hervor. Sie kämpft – da, bei Einbruch der Nacht, horch! Aus dem hintersten Winkel des Hauses schwebt ein sanftes Lied, klingen liebliche, goldene Töne. Der Bann einer Kinderseele ist gelöst, und über dem Spiel erwacht auch Felix Notvest zu frischem Leben. »Ich bleibe Pfarrer,« spricht er, und eines Tages, wie der Sommer sich schon wieder in den Herbst neigt, siedelt der Genesene aus dem Elternhause nach Reifenwerd in das neue Pfarrhaus über, das neben der neuen Kirche freundlich am Rebberg steht. Da empfängt ihn Frau Wehrli, die ihr Amt mit einer stillen Freudigkeit angetreten hat, und in herzlichem Wohlwollen begrüßen ihn die Dörfler. Sein erster Weg am anderen Morgen geht durch die gedeckte Brücke nach der Abtei, als hätte er dort Abschied zu nehmen von seiner ehemaligen Pfarrerwohnung, von allerlei schönen und schweren Erlebnissen, die nur noch Erinnerung sind. Wie viel hat sich an der Reif verändert! – Ueber dem Eingang der Brücke steht, geschickt und kunstreich in die Ruine Reifenloh hineingebaut, das englische Schlößchen, das Rudolf Fürst und seine Gemahlin bewohnen, und schaut mit hellen Fenstern über den Fluß bis in das ferne Hochgebirge. Einzelne alte Buchen umschatten das stolze Heim wie ein natürlicher Park, und in weiten Lichtungen, die zu blühenden Gärten umgewandelt sind, steigen weißbekieste Wege bis zum leichten eisernen Thor an der Brücke hernieder, dessen vergoldete Spitzen in der Sonne flimmern. Das ist sehr hübsch, aber wie ein Vandale hat Rudolf Fürst gegen die alte schöne Abtei gewütet. Mit zornigem Erstaunen ermißt Felix Notvest die Verwüstung. Von dem ehrwürdigen Aeußern des Klosters ist kaum etwas übrig als die roten, steilen Hohlziegeldächer. Verschwunden sind die zierlichen Dachreiter, abgetragen die Türme des Gotteshauses mit den weiß und blau schillernden Helmen, mit dem Steinbildnis der Frau von Reifenwerd. Nackt und verstümmelt ragt die hohe gotische Kirche mit ihren Strebepfeilern, an denen sich surrende Transmissionsräder drehen, über die Dächer der Umgebung. Die Spitzbogenfenster des Gotteshauses sind durch Zwischenmauerungen zu kleinen unregelmäßigen Vierecken umgestaltet worden und in die übrigen Abteigebäude hat man gleichmäßige, langweilige Reihen von zusammen über hundert Fenstern gebrochen. Wo eines derselben offen steht, stiebt der weißgraue Fabrikstaub ins Freie, und die alten Linden, auch der ehemalige Kirchhof von Reifenwerd sind davon wie von einem Schleier grauen Schnees überschüttet. Nur das Thor mit den Wappen steht unversehrt. Aus der vergitterten Pförtnern streckt der alte Schleifer Keller, der wegen der eingeschlagenen Brust zu keiner Arbeit mehr nütze ist, die blaue Weinnase und überwacht den Ein- und Ausgang der Arbeiter und Arbeiterinnen. Mit ihm plaudert der Pfarrer eine Weile, und der geschwätzige Invalide erzählt, wie in der Zeit, da Felix Notvest krank lag, der kleine quecksilberne Foulardhändler Fuhre um Fuhre von Kunstgegenständen aus dem Kloster geholt habe: das Steinbildnis der Frau von Reifenwerd, die Grabsteine der Ritter, die geschnitzte Kanzel, die Stühle, die bildergeschmückten Spruchbänderstreifen aus dem Pfarrhaus und in Watte sorgfältig eingewickelt die Menge der Bilderscheiben, selbst den Ritter, der die dralle Wirtsmagd auf den Knieen hält. Der Schleifer reißt seine Witze über den Italiener von Rheinsee. Eines fallt Felix Notvest in der Erzählung des Alten auf: er sagt nichts von dem Grabstein der Königin Agnes. Hat ihn Sigunde, ihrem merkwürdigen Einfall folgend, wirklich für sich in Anspruch genommen und behalten? Er mag aber den Pförtner nicht fragen. Auf dem Rückweg trifft er den Säckelmeister, dem vom vielen Säen die Pratzen bis auf die Kniee hängen: »Ihr wollt also der Unsere sein, Herr Verweser. Gut, geht mit dem Volke, dann geht es auch mit Euch.« Dem Alten lacht das breite, wetterharte Gesicht; Felix Notvest hat über den achtungsvollen, freundlichen Willkomm die Brust voll Sonne. Eben fährt Rudolf Fürst in einem eleganten Wagen von der Brücke daher und grüßt die beiden Männer kaum. »Richtig, heute ist Donnerstag,« bemerkt der Säckelmeister, »da fährt der Leutnant zur Börse. Ein, zwei Stunden Geschäft, dann sitzen die Fabrikanten im Kasino zur Mahlzeit zusammen, spielen und besprechen bei französischem Wein die Staatsgeschäfte. Alles für die Fabrikanten und Handelsherren, nichts für die Bauern! Das ist die Politik des \>Rings\<.« »Sie hat doch im Kommandanten einen mächtigen Gegner,« erwidert der Pfarrer, »in der Stadt horcht man weithin auf, wenn der Großrat von Reifenwerd in seiner derb kernhaften Geradheit spricht.« Der Säckelmeister kratzt sich mit seiner breiten Pratze im Haar. »Der Kommandant,« erwidert er, »geht einen bösen Weg. Im übrigen habe ich nicht davon sprechen wollen, sondern, daß Ihr als Pfarrer und Schulvorsteher Arbeit genug in der Gemeinde finden werdet. Ihr braucht nur in das Leben des armen, fremden Spinnervolkes von drüben hineinzusehen, namentlich in seine Jugend, und Ihr habt eine große Aufgabe vor Euch. Selbst unsere gesunde Bauernjugend will nicht mehr recht vorwärts. Und doch war eine ordentliche Schulbildung immer der Stolz derer von Reifenwerd!« Die tiefliegenden Augen des Säckelmeisters ruhen voll Zutrauen auf Felix Notvest, und herzlich schütteln sich die Männer die Hände. Vor dem inneren Blick des jungen Pfarrers liegt ein schönes, dankbares Feld der Bethätigung. »Geht nur herzhaft mit dem Volke, Herr Pfarrer, dann geht es auch mit Euch!« Das Wort des Alten ist seine Richtschnur. Er tritt, ein Neugeborener, in das neue Gotteshaus von Reifenwerd, das sich mit seinem schlanken, in einen Spitzhelm endenden Turm freundlich neben dem Pfarrhaus am Rebberg erhebt. Er findet die Kanzel mit Blumen bekränzt und fast die ganze Gemeinde zu seiner Begrüßung versammelt. Es hat sich also doch ein Band der Liebe zwischen ihm und den Reifenwerdern gebildet! Sein männliches Eintreten für Christli, auch seine Trennung von Sigunde Fürst haben ihm die Herzen gewonnen, und da er nicht mehr der Jüngling mit dem Gesicht wie Milch und Blut, sondern ein Mann geworden ist, der bereits Schweres erfahren hat und ernst ins Leben schaut, so wählen die Reifenwerder den feurigen Prediger zum lebenslang bestellten Seelsorger der Gemeinde und beweisen ihm ihr Vertrauen, indem sie ihn zugleich an die Spitze ihres Schulwesens berufen. Wohl wallt eines Tages die ehemalige Liebe zu Sigunde noch einmal schmerzhaft auf – an dem strahlenden Herbsttag, wo sie im altehrwürdigen Münster der Stadt mit Alfred Hohspang an den Altar tritt. »Gottes Segen über dir!« murmelt Felix Notvest. Im siegreichen Kampfe mit sich selbst drängt er seine Seele von den geheimnisreichen Augen Sigundes zu dem Bilde Christlis, an das er, seit es im Hause seiner Eltern weilt, bei sich selber oft wie an ein jüngeres Schwesterchen denkt. Die Eltern haben das schüchterne Kind, dessen schlichtes, goldenes Geigenspiel die Hausorgel des Herrn Antistes begleitet, lieb gewonnen. Nicht so schnell, wie aus der Puppe ein Schmetterling bricht, erst in Ansätzen erkennbar, wird im schlichtfeinen Patrizierhaus am Strom aus dem Spinnmädchen ein Fräulein, das doch Naturkind ist! Dunkle Augen unter seidenen Wimpern, sanftgerötete Wängelchen, ein feingebogenes Näschen, ein herbes Mündchen, über dem schmalen Gesicht ein Hauch wie unberührter Frühling. Das ist Christli! »Doch wieder Maililie!« flüstert Felix Notvest und ist mit seinem Lose versöhnt! XIV. »Der Kommandant geht einen bösen Weg!« So spricht wenigstens der Säckelmeister, sein alter Freund. Wer steht aber auf der Landschaft höher da, als der Großrat von Reifenwerd. Der Mann, der das Amt nicht suchte, lebt ihm mit überraschender Hingabe. Er ist nicht bloß der Vertreter der Gemeinde Reifenwerd, er ist der machtvolle, mit durchschlagender Bauernberedsamkeit begabte Anwalt der gesamten Landwirtschaft im Großen Rat und trifft hie und da mit einem kurzen, derben Schlager den Nagel wunderbar auf den Kopf. Als die urwüchsigste Gestalt der Versammlung ist er selbst bei seinen Gegnern beliebt und genießt, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, landauf, landab den Ruf eines Ehrenmannes von unverfälschtem Schrot. Nur eins, nur eins! – Seit der Kommandant Großrat ist, hat er keine Ruhe mehr auf seiner Scholle. Wenn er oben in den Reben steht, glaubt er, es wäre ihm unten in den Aeckern wohler, aber ganz gut fühlt er sich nirgends, er ist der gesetzte Mann nicht mehr wie früher, die angefangene Arbeit verleidet ihm bald. Er wendet sich an Judith: »Zieh dich an, du kannst mit mir in die Stadt fahren!« Wahrend er im Rate sitzt, kutschiert die Tochter mit ihrem Bernerwägelchen von Laden zu Laden, von Schneiderin zu Schneiderin, sie hat die ehrbare Bauerntracht abgelegt, stolz geht sie im städtischen Kleid, sie trägt so viel Schmuck, als müßte sie die väterliche Wohlhabenheit ins Land rufen, und über den heidelbeerschwarzen Augen, die sie von der Mutter geerbt hat, sitzt auf den dunklen Ringellöckchchen ein duftiger Blumenhut, wie Sigunde Fürst nie einen niedlicheren besessen hat. Dazu führt Judith eine offene Börse. Sie reicht für ihre Rechnungen nicht immer aus. Da warten die beiden Frauen, bis der Kommandant mit einem Döselchen heimkommt, wie es bisweilen geschieht. Sie umschmeicheln ihn, und in seiner Weinlaune giebt er ihnen reichlich Geld. Das ist sein Hausregiment! In der Stadt aber pfeifen es die Vögel vom Dache, daß der Weg zum Herzen und zum Geldbeutel des Großrates von Reifenwerd das Lob der schönen Tochter ist. Das weiß die Wirtin »Zur Müllern«, wo die Räte nach der Sitzung tafeln, da hört man nichts als »Fräulein Großrat, wie hübsch Sie heute wieder sind!« Und die Ratsherren sprechen: »Geben Sie uns doch einmal mit Ihrem liebenswürdigen Fräulein Tochter und Ihrer verehrten Frau die Ehre eines Besuches!« Dann drängen die Frauen und der Bauernhochmut fährt festtäglich zu den Bekannten auf Besuch. Darum sagt der Säckelmeister, der Kommandant gehe einen bösen Weg. Sein Leben ist freilich ein anderes. Nur selten kommt der Säckelmeister aus dem Dorfe heraus. Er ist mit den Seinen in Reben und Feld unermüdlich thätig. Ob die Schwere des Bodenwerks seinen Rücken gebeugt hat, ist er doch der Säemann geblieben, wie es keinen zweiten im Dorfe giebt, wie langsam seine Pratzen und Füße sind, so findet er doch die Zeit, neben den eigenen Aeckern noch die Felder der Witwen und Waisen, die ihn darum bitten, zu bestellen, und wenn er bei dem letzten Wurfe sein »Gesegn' es Gott!« spricht, so ist die Fruchtbarkeit über dem Acker. Das Gedeihen der Saat ist seine Herzensfreude! Darum versteht er es nicht, wie ein Bauer der Politik mehr Ehre erweisen kann als seinem Haus und Landgehege. Am meisten spricht er darüber mit seinem Sohn Hilfgott. Der wackere junge Mann, der jüngst als Feldweibel aus dem Militär zurückgekehrt ist, hat sich halb in das frische Gesichtchen Judiths, in ihre heidelbeerschwarzen Augen und in ihre kecken, dunkeln Ringellöckchen verschaut und Judith erwidert die Neigung des jungen, starken, blonden Bauernsohnes, der mit dem gleichen ruhigen Gehaben, mit dem nämlichen wuchtigen Schritt und sicheren Wurf wie der Vater durch die Furchen schreitet. »Sieh, Hilfgott,« mahnt aber der Säckelmeister, »der Kommandant ist ein gescheiter Mann für andere und ein Thor für sich. Die Politik muß ihm nur dienen, das Heimweh nach seiner Lony zu betäuben, und wenn in der Haushaltung der Name Lony nicht mehr ausgesprochen werden darf, so schreit er desto lauter in seiner Brust. Darum die Rastlosigkeit, darum das ewige Ein- und Ausschirren der Pferde. Laß es dir gesagt sein! Ein Bauer, der jede Woche einmal aus dem Werktag einen Sonntag macht, der mit seiner Frau und Tochter ins Theater fährt, geht zu Grunde, selbst wenn er so reich ist wie der Kommandant. Darum, Hilfgott, Herz und Gedanken weg von Judith. Sie ist kein Weib für dich!« So vernarrt in die hochmütige Jungfrau ist der junge Mann noch nicht, er folgt dem Rat des Vaters. »Warum sieht man denn Euern Hilfgott nicht mehr?« fragt eines Tages der Kommandant den Säckelmeister wie im Scherz. Der kratzt sich etwas verlegen im Haar und wird rot. »Wir, Hilfgott und ich, meinen nur, wo Herrenmusik ertönt, komme der Dreschflegel bald zur Ruhe!« knurrt er. »Darum kommt er nicht mehr?« »Darum!« antwortet der Säckelmeister. Mißvergnügt tritt der Kommandant nach der flüchtigen Auseinandersetzung in sein schönes Heim. »Da hast du's, Judith, mit deinem verdammten Klavier!« versetzt er ärgervoll. »Wie hast du gebettelt und getrotzt, bis es ins Haus kam. Jetzt treibt es die Freier daraus.« Judith schlägt auf dem Instrument ein paar lustige Töne an. »Ist das die Antwort?« knirscht er. »Hans Ulrich, Hans Ulrich,« wirft Frau Susanne dazwischen, »die einzige Tochter eines Großrats darf doch eine kleine Freude mehr als andere Bauernmädchen haben!« In diesem Augenblicke pocht es! »Herr Pfarrer!« grüßt die Familie überrascht. Unter der Thüre steht Felix Notvest. »Herr Kommandant,« spricht er, »ich möchte Ihnen und der Frau Kommandant anzeigen, daß ich am nächsten Sonntag von der Kanzel die Geburt eines Kindes der Eltern Karl und Lony Wehrli, Namens Hans Ulrich, zu verkünden habe.« »Wir haben auf den Sonntag schon eine Ausfahrt festgesetzt!« meint Judith, die den Männern eine Flasche Wein auftischt, schnippisch. Die Frau Kommandant lächelt verlegen und kalt: »Wir danken Ihnen, Herr Pfarrer, daß Sie es uns im voraus wissen lassen, es wird niemand von uns zur Kirche kommen.« Der Kommandant aber stammelt: »Hans Ulrich – Hans Ulrich! – Ja, seht, das ist halt die Lony, sie kann den Vater nicht vergessen!« Eine große Freude zittert über das eherne Bauerngesicht, und als suche er Ausdruck, liebkost er Barry, den treuen Hund, den er verkauft hat, der ihm aber weite Wegstunden her wieder zugelaufen ist. »Nein,« erwidert der Pfarrer, »Lony kann ihren Vater nicht vergessen, darf ich Sie bitten, daß Sie diesen an Frau Wehrli gerichteten Brief lesen? Er ist unmittelbar vor der Geburt des Kindes geschrieben.« Stillwütend sehen es die Frauen, wie der Kommandant den Brief nimmt, wie die Neugier den Trotz besiegt. Er liest, aber in dem steinernen Gesicht ändert sich kein Zug, am ehesten ist noch ein Mißtrauen darein geprägt. Einmal unterbricht er sein aufmerksames Lesen. »Zum Wohl, Herr Pfarrer!« brummt er, »wenn die Lony lügen könnte, würde ich sagen: \>Das ist erlogen!\< Der junge Schnaufer Wehrli fährt von Reifenwerd nach Lyon, erfindet für die gescheiten Franzosen, grad als wenn sie auf ihn gewartet hätten, eine neue Webmaschine, und sie bezahlen ihm für jeden Stuhl so viel wie der Metzger dem Bauer für das schönste Kalb, und eine große Fabrik arbeitet wegen der vielen Bestellungen mit Ueberzeit. Das ist ein Kalenderstückchen ohnegleichen. Lony lügt aber nicht, etwas muß daran Wahres sein!« Die Frauen sind über die Rede ganz verwirrt. »Mutter, man darf also den Namen wieder aussprechen,« höhnt Judith spitzig. »Sie haben das Geld gesehen, das Wehrli geschickt hat?« fragt der Kommandant, den Pfarrer mit den Augen durchdringend. »Ich werde es selbst nach Rheinsee tragen, um eine alte Schuld der Familie zu begleichen, und ein hübscher Rest kommt als Aussteuergeld für Christli auf die Bank. Doch bitte, lesen Sie weiter, Herr Kommandant!« erwidert Felix Notvest ruhig. Und der Kommandant liest: »Wenn das Kind ein Büblein sein wird, soll es wie mein lieber Vater getauft werden: Hans Ulrich! Aber es ist unendlich traurig, ich werde ihm kein Lied singen können. Sobald ich eines anstimme, das ich in Reifenwerd gesungen habe, erwürgt mir das Heimweh den Ton. Die gräßliche Totenstille, mit der sich die Meinen umgeben! In der Nähe der Stadtgrenze, wo wir wohnen, hat ein alter Franzose sein Gütchen, und weil er meinem lieben Vater gleicht und er meine Besuche wohl leiden mag, trete ich manchmal in seinen Garten. Aber wie weh hat mir gestern der gütige Mann gethan! Er sagte: \>Nein, Ihr Vater kann mir nicht gleichen, denn wenn ich eine Tochter hätte wie Sie und ich dürfte ein Enkelkind erwarten, was auch geschehen wäre, ich ginge sie suchen bis ans Ende der Welt.\< Mein Vater ist härter als der fremde Franzose. O, wenn er nur ein wenig barmherzig wäre, an Gott und sein letztes Stündlein dächte, so schriebe er auf einen Zettel: \>Lony, es ist dir verziehen!\< Und wenn es nicht meinetwegen wäre, so doch wegen des Kindes, daß ich ihm mit Frieden im Herzen ins Ohr flüstern könnte: \>Du hast einen lieben, lieben Großvater in Reifenwerd!\<« Der Kommandant legt den Brief, der am Schluß nur noch die Geburtsanzeige, ein Wort der Vaterfreude von Karl Wehrli enthält, schweigend in die Hände des Ueberbringers zurück. Erst beim Abschied sagt er: »Lony soll ein gutes Wort von mir haben!« Mit fester Ehrlichkeit verspricht er es Felix Notvest. »Welch hohen Beruf hat der Pfarrer, wenn er in die Tiefen des Lebens greift!« denkt heimkehrend der Geistliche. Gehobenen Herzens, in der Freude eines schönen, erreichten Zieles tritt der Friedenstifter in sein Pfarrhaus zurück. Er kennt seine Haushälterin, Frau Wehrli, nicht mehr. Das vergrämte Gesicht ist lauter Sonnenleuchten, die kleine, gebeugte Frau blickt wie verzückt, wie wenn alles Zauber und Märchen wäre, auf die Goldstücke, die Karl geschickt hat. »Sie haben einen Buben, einen herzigen Buben – und das viele, viele Geld! Mein Karl! Ich wußte ja stets, daß er es weit bringen würde im Leben, doch so geschwind!« Die Thränen laufen der alten Frau über die abgehärmten Wangen. Das ist wunderbares Glück! Felix Notvest aber will jetzt den Schild über der armen, gequälten Fabrikjugend erheben. Christlis Schicksal hat seine Augen geschärft, er sieht das Los dieses Kindes in einer Menge hohlwangiger, müder Mädchen und Buben verhundertfacht, eine verkümmerte Jugend, die von der Arbeit am Spinnstuhl verkrümmte Beine und jenen sonderbaren Gang hat, als schleppten sie am einen Fuß ein schweres Gewicht mit sich. Es giebt kein Gesetz, das sie schützt. Die wenigen Paragraphen, mit denen der Staat das Gewerbewesen ordnet, stammen aus einer Zeit, wo man nur die gemütlich geführte Kleinindustrie kannte, noch nichts von den ausnützenden Betrieben wußte, wie sie Rudolf Fürst und andere Fabrikanten des Landes eingeführt haben. In der Verfassung aber steht der schöne Satz: »Das Ziel der Volksschule ist, ein leiblich und geistig gesundes, sittlich starkes Geschlecht von Staatsbürgern heranzubilden!« Dieser Satz soll durch die Industrie kein Scheinwort werden. Im Namen der Volksschule beginnt Felix Notvest den Kampf für die unverletzbaren Rechte der Jugend! XV. Auf Schlößchen Reifenwerd ist fröhlicher Besuch eingetroffen – Frau Sigunde Hohspang! In heller Seide wandelt sie neben ihrer Schwägerin Frau Kitty Fürst, die dunkel gekleidet ist, durch den im ersten Anhauch des Frühlings schwellenden Garten. Das Gewand fließt ihr wundervoll um die schmiegsamen Glieder, in die Stirn hängt das blonde widerspenstige Löckchen, die graugrünlichen Augen leuchten und strahlen in geheimnisvoller Kühle, und um den frischen, üppigen Mund spielt schalkhafter Uebermut. »Und also nicht eine einzige Bilderscheibe in den Veranden?« spricht sie schelmisch. »Es war dem Händler nichts abzuringen,« erwidert die aschblonde Schwägerin mit ihrer gewohnten Zurückhaltung, »der Verkauf ist die einzige unüberlegte Handlung Rudolfs gewesen!« Eben läutet die Fabrikglocke zur Mittagspause und die Frauen treten in das Haus. Auf einer Chaiselongue behaglich hingelehnt, schaut Sigunde zerstreut nach der ehemaligen Abtei hinüber, aus deren Thor, wie ein Zug dunkler Ameisen, die Arbeiter und Arbeiterinnen strömen, jung und alt, zusammen mehrere Hundert, darunter besonders viel halbwüchsige Jugend. Einige Gruppen hasten über die Brücke gegen das Dorf, die einen laufen barfuß und ohne Kopfbedeckung in bloßen Hemdärmeln, in Schlappschuhen, Bluse und Mütze, andere wenden sich gegen die Spinner- Häuser, die Rudolf Fürst neben dem ehemaligen Gemeindekirchhof hat bauen lassen und sich gleichförmig, lang und niedrig wie Schuppen dahinziehen. Noch andere setzen sich einfach an die Mauer des Friedhofs und verzehren da im Märzsonnenschein aus Schüsseln und Papieren ihr Mittagbrot. Sigunde schaut auf das Treiben hinaus. »Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so wäre eine Fabrik vor den Fenstern nicht meine Liebhaberei, das geht gegen meinen Schönheitssinn, da lobe ich unsere reizende Villa. Blauer See, weiße Segel, ferne Berge!« »Die Erträgnisse der Fabrik verschönern aber das Leben auch in der Villa Venedig,« versetzt Frau Kitty, die einen prüfenden Blick über die Mittagstafel wirft, etwas gereizt, »man soll den Vogel, der Gold im Schnabel bringt, nicht tadeln.« Erst jetzt, wie sich alle Arbeiter verlaufen haben, kommt Rudolf Fürst erregt und erhitzt in die Wohnung. »Wenn nur der Teufel die Spinnerei holte! Gut, daß man wenigstens seinen Börsentag hat und daß ich bald für ein paar Wochen in den Militärdienst einrücken kann. Da ist man doch wieder Mensch, grüß dich Gott, Sigunde!« »Meinen Glückwunsch zu deinem Hauptmannstitel,« erwidert die Schwester. Er aber wirft sich erschöpft in einen Stuhl, Sorge und Ueberarbeitung haben ihre Spuren in sein Gesicht gezeichnet. »Hier ist das Haus, die Fabrik ist drüben; es ist nicht erlaubt, den Geschäftsverdruß in die Wohnung zu tragen,« versetzt Kitty verweisend. »Da habt ihr Frauen leicht reden,« erwidert Rudolf Fürst finster, »grad vor zwölf habe ich ein Unglück verhüten können. Es ist stets die gleiche Geschichte. Sobald man nicht bei ihnen steht, schwatzen die dummen Mädchen. Man taucht in einer Ecke auf, da stürzen sie an ihre Maschinen, stecken die Hände in das Getriebe hinein oder begehen sonst einen Unsinn. Soeben habe ich einem Mädchen den Zopf abgeschnitten, mit dem es in die Transmission verwickelt worden ist – einen Augenblick später – doch ich will euch das Mahl nicht verderben – nun, Sigunde, wie steht es in der Villa Venedig?« Geschäftsmäßig fragt er, eilig und unbehaglich ißt er. Sigunde aber plaudert vergnügt von den mannigfaltigen Besuchen, die sie in der Villa Venedig empfängt, von der Bewunderung, die das Landgut bei allen Gästen erregt, das einfache, doch geräumige Haus in italienischem Stil, seine Veranden mit den leichten, farbenfreudigen Malereien nach venetianischen Motiven, die Aussicht durch die Reihe alter hochstämmiger Platanen auf den von Segeln belebten See und die fernen Schneeberge, die Rosenguirlanden an den heimlichen Wegen und die stillen kleinen, von Sträuchern und Schilf umwachsenen Buchten, in denen die Vergnügungsboote liegen. »Bei uns ist ein stetes Kommen und Gehen von Leuten, gewöhnlichen und ungewöhnlichen, faden und geistreichen – der fadeste ist natürlich Alfred!« sprudelt sie lachend heraus. »Ich finde es ohne Geschmack, daß du dich über deinen Mann lustig machst,« rügt Frau Kitty, »man wird sagen, du habest ihn nur wegen seines Reichtums genommen!« »Warum soll man es nicht sagen?« erwidert Sigunde mit kampflustig aufblitzenden Augen. »Gott, ich habe ihn doch nicht wegen seines Geistes nehmen können, diese Thorheit wird mir niemand zutrauen: Gerade deswegen, weil ich nicht enttäuscht bin, finde ich mich aufs glücklichste mit meinem Schicksal ab. Und man hat ja doch auch seine Zerstreuungen. Habt ihr den Namen Fredy Cellas, des Violinvirtuosen und Komponisten, schon gehört? Er ist ein großer Künstler, hält sich selber für ein Genie, und sein ganzes weiches Wesen ist wie eine Bitte an die anderen, daß sie ihn auch als solches anerkennen möchten. Ich thue es natürlich. Nun flammen mir die schönen, melancholischen Augen entgegen, die wilde, unstete Seele ist mir völlig ergeben, so daß ich nur hinzublicken brauche, und seine Kunst liegt mir zu Füßen. O diese Musikabende auf Villa Venedig! Ich trage dazu das Dominikanerinnenkleid, er ein dunkles Sammetkostüm, die Lichter lassen wir rot verhängen, und in seinen ausschweifenden Tönen entsteht für mich eine fremde Welt. Da kann ich träumen!« Erst jetzt bemerkt Sigunde das strenge Gesicht Kittys, die schon wieder einen Tadel bereit hält. »Keine Entrüstung, liebe Schwägerin,« lacht sie, »Cella ist ein durchaus anständiger Mann, du würdest die Eltern meines ungetreuen Pfarrers damit beleidigen, wenn du etwas anderes annehmen wolltest, sie haben ihn nämlich schon letzten Herbst, bald nachdem er in der Stadt aufgetaucht ist, als Lehrer des Violinspiels für jene Spinnerin Christli angestellt, die sich über das Wehr geworfen hat. Ja, horch nur, Ruedi! In einigen Jahren wird eine Künstlerin von Ruf aus deiner Spinnerei hervorgegangen sein, das heißt, wenn man ihr die Laufbahn nicht abschneidet! Cella schwört es bei seiner edlen Melancholie und seiner kastanienbraunen Künstlermähne, sie sei ein großes und ausgeprägtes Talent!« »Wer sollte ihr denn die Laufbahn abschneiden?« fragt Kitty kühl. Da blitzt es aus den grünlichen Augen Sigundens: »Dem kleinen Götzen, der mir meinen Felix abtrünnig gemacht hat? Als ich Cella in die Villa Venedig einladen ließ, war etwas wie Berechnung dabei, und ich dachte nicht, daß wir wirklich so befreundet würden.« Sie lächelt verträumt, dann fragt sie plötzlich: »Was denkst denn du, Ruedi?« »An den Bruder des Mädchens, den ehemaligen Werkführer Wehrli. Sein Name klingt überall durch die Webindustrie, von einer Fabrikbörse zur anderen. Er hat einen Stuhl erfunden, der in der mechanischen Weberei eine Revolution bedeutet. Die Weber, die nicht Wehrli-Maschinen anschaffen, sind ruiniert. Es ist fabelhaft! Den Vorteil haben die Franzosen. Gescheiter wäre es gewesen, ich hätte ihn behalten können, und er hätte für mich eine tüchtige Erfindung gemacht. Ich wollte auch lieber eine rechte Maschinenfabrik einrichten, als Baumwolle spinnen – doch das kommt vielleicht noch – zunächst heißt es, alle Kraft für die Eisenbahn einsetzen, die von Rheinsee bis ans Gebirge gebaut werden soll. Sie muß Reifenwerd berühren!« »Vorher, Ruedi, kommt noch etwas anderes,« versetzt Sigunde, die sich eben einen Apfel schält; »ich habe dir den Appetit nicht verderben wollen, darum bringe ich es zum Nachtisch. Hast du schon Wind von der Eingabe der Schulbehörde Reifenwerd wegen deiner Fabrik?« Er schnellt von seinem Stuhl aus und durchfliegt das Blatt, welches Sigunde ihm reicht. »Was? Eine Untersuchung meiner Spinnerei wegen ungebührlicher Kinderarbeit durch eine regierungsrätliche Abordnung begehren sie? Der Teufel soll mich holen, wenn ein Mensch in meine Fabrik tritt, den ich nicht drin sehen will! Gut, wenn die Reifenwerder den Krieg wollen, so sollen sie ihn haben bis aufs Messer. Und dieser Pfarrer –« Rudolf Fürst wütet, Sigunde aber unterbricht ihn lächelnd: »Thue, was dir der Regierungspräsident rät. Lasse die Untersuchung über dich ergehen, sie wird nur eine Komödie sein. Es handelt sich, sagt der Regierungspräsident, nicht nur um dich, sondern um alle Fabrikanten. Muß die Regierung das Kleinste wegen der Fabriken einräumen, so giebt es einen Sturm durchs Land, und mit der Freiheit eurer Betriebe ist es vorbei. Also kaltes Blut, Ruedi! Den Pfarrer überlasse nur ruhig mir, ich spanne ihn eines Tages schon aufs Rad. Frauen verzeihen keine Beleidigung!« Zornig geht Rudolf Fürst auf und ab. »Die verdammten Reifenwerder! Bei Gott, ich gebe keine Ruhe, bis sie alle an den Spinnstühlen stehen – aber jetzt muß ich ein wenig ausschnaufen!« Ohne sich um die Frauen zu bekümmern, läuft er in den Garten hinunter und hört eben noch, wie drüben in der verstümmelten Abtei das Lärmen der Maschinen wieder einsetzt. Sonst erfüllt ihn dieses Tosen und Rauschen mit dem glücklichen Gefühl, daß er vorwärts komme, aber heute hat ihn der Aerger über die Eingabe der Reifenwerder so verstimmt, daß ihn das Sausen der Stühle nur noch mißmutiger macht. Die Märzensonne scheint so schön und leichtsinnig. Eigentlich wollte er heute am liebsten über Berg und Thal reiten. Wozu das fortwährende Hasten und Jagen, das Bauen und Planieren? Wozu der Fabriktyrann sein, sich selbst und Hunderte von Arbeitern quälen, sich freudlos aufreiben vor der Zeit? Seine Gemahlin Kitty dankt es ihm sicher nicht, als Fabrikantentochter findet sie seinen Eifer selbstverständlich, sie ist und bleibt die kalte Natur mit dem befehlenden: »Man wird!« Sie könnte selber eine Fabrik leiten! Und ob sie auch mannigfache gute Eigenschaften hat, stößt sie doch alle Leute durch ihre Kälte ab. Selbst bei seinen Geschäftsfreunden ist sie die unbeliebte Fremde, die anders sieht, anders fühlt und anders denkt als die Menschen der Heimat. Sie spürt es wohl selbst, aber sie ist zu stolz, um davon zu sprechen oder auch nur das Geringste von ihrer englischen Art aufzugeben. Und er? Er ist Fabrikant, nur Fabrikant! Das fremde Weib trennt ihn von seinem Volke, und das Gefühl, daß er nicht mehr Geltung hat, daß er sich nicht an den öffentlichen Angelegenheiten in Gemeinde und Staat beteiligen kann, weil ihm die Mitbürger kein Vertrauen entgegenbringen, hat, wie er selber spürt, in seinem Wesen eine Schärfe gegen die anderen erzeugt, die oft verletzt. Wozu das Hasten, wozu das Jagen? Ja, wenn ihm die Reifenwerder nur wenigstens die Großratsstelle anvertraut hätten! Das wäre eine Ableitung! Jetzt hat er nur ein einziges Ziel: eine selbstverdiente Million! Ihm ist es, als schwanke in der Luft ein weißes Blatt und darauf glänze die Zahl mit den sechs Nullen! Es gaukelt, es schwebt, es sinkt, die Zeit läßt sich ausrechnen, wann er es in den Händen halten wird. So strebt er mit aller Thatkraft dem fliegenden Blatte entgegen! Es ist wahr, die Ausnutzung der kindlichen Arbeitskräfte ist gemein; aber die schwachen, schlecht bezahlten Hände sind notwendig, um die Million für ihn zu ergreifen! Er wendet sich in die Fabrik. XVI. Die Untersuchung in der Spinnerei Reifenwerd mußte eine Komödie sein und war eine Komödie, denn niemand aus der Gemeinde, der unparteiischen Aufschluß hätte geben können, wurde dazugezogen. Unter dem alten Thor begrüßte Rudolf Fürst die Kommission, und unterdessen hoben im rückliegenden Teil der Abtei die Angestellten die Kinder aus den Fenstern. Keines solle sich diesen Vormittag mehr blicken lassen! Im Dorfe erhitzen sich die Gemüter, die gesamte Bauernschaft tritt für die Schulpflege ein, manche wohl aus Sorge für die armen, kleinen Spinner und Spinnerinnen, manche aus bloßem Haß gegen die Fabrik, die störend in ihr Bauernleben eingreift. Sie ist in Wirklichkeit doch anders, als die Reifenwerder es sich einbildeten, da sie ihre Rechte an die Abtei dahingaben. Das aus einheimischen und fremden Landesgegenden zusammengewürfelte Volk der Spinner Rudolf Fürsts, meist der Ueberschuß älterer Betriebe, bleibt nicht in seinen elenden Wohnungen jenseits der Reif. Am Sonntag, besonders an den Tanzsonntagen, drängen sich die Leute in den »Hirschen«, und ob sie auch den Bauern die Milch schuldig geblieben sind, tragen die Frauen und Mädchen doch schreiende Kleider und entschädigen sich die Männer für die Entbehrungen der Woche mit reichlichem Gutleben. Das ärgert die sparsamen Bauern. Nur einer reibt die Hände, der Hirschenwirt, der sich in seiner Schlauheit, so gut es geht, zwischen den Parteien durchschlängelt und sogar in manchen Dingen der Parteigänger Rudolf Fürsts ist. »Sucht einmal eine kleine Magd,« knurrt Ludi Immergrün, der Bauer mit den Ringellocken, »wegen des bißchen baren Geldes schicken die armen Leute ihre Mädchen lieber in die Spinnerei, stundenweit aus den Dörfern laufen sie der Fabrik zu!« »Mit den Knechten ist es noch schlimmer,« versetzt Hans Hegner, »da ärgert mich meiner gestern, den ich den Winter durch gefüttert habe – ein kurzer Wortwechsel – heute morgen meint er trotzig: ›Meister, es ist mir bei Euch verleidet, ich habe in der Abtei um Arbeit gefragt, in vierzehn Tagen trete ich aus!‹ Gotts Donnerwetter, wer hilft mir über den Sommer?« So schimpfen und klagen die Bauern. »Unser Pfarrer aber,« sprechen sie anerkennungsvoll, »der redet jetzt anders als damals, wo er noch voll Bücherstaub war. Er greift aus dem Leben, und da hat seine Rede Kraft und Saft!« In der That! Mit gewaltigem Wort predigt und redet Felix Notvest von der Heiligkeit des Kindes, von der Bedeutung der Jugend als der künftigen Ehre und Wehre des Landes, und weiter, stets weiter führt ihn sein Eifer. Schutz nicht nur den jugendlichen Arbeitern, Schutz auch den schwachen Frauen und selbst den Männern! Aus der Kirche von Reifenwerd fliegt der Funke über das Land, aus nahen und fernen Fabrikdörfern treffen Abordnungen in Reifenwerd ein, die den Gottesdienst besuchen und den Pfarrer bitten, daß er während der Woche in ihre Gemeinden komme und Vortrage gegen die verderbliche Kinder- und Frauenarbeit in den Fabriken halte, und Tag um Tag erhält Felix Notvest eine Menge Briefe voll freudiger Zustimmung zu seiner politischen Thätigkeit. Sie kommen von Männern, die, wie er, die Gebresten des Volkslebens erkennen, die ihm ihre thatkräftige Mithilfe anbieten, und dabei sind genug Leute von Bildung und Herzen. »Gottlob, ich bin nicht allein!« murmelt er innigst bewegt. Nein, im Ratsaal nötigt Kommandant Stockar, der aus Verachtung und Haß gegen alles, was Fabrik heißt, ein leidenschaftlicher Anhänger des Pfarrers ist, die Regierung mit seiner hagebuchenen Hartnäckigkeit zu einer Erklärung über die Untersuchung in der Spinnerei Rudolf Fürsts und Robert Hohspangs. Da spricht der große Staatsmann das Wort: »Die Bewegung in Reifenwerd ist aus persönlicher Gehässigkeit gegen den Fabrikanten Rudolf Fürst entstanden. Die junge Industrie unseres Landes muß zuerst in Freiheit wachsen und erstarken, ehe sie beschränkende Bestimmungen erträgt. Die Regierung wird dem Treiben einiger unruhiger und überspannter Köpfe keine Einräumungen machen.« Beifall bei den Männern des Rings, diejenigen aber, die an Felix Notvest hängen, antworten mit dem Ruf: »Sprengung des Regimentes Hohspang, Umsturz der Verfassung! Wir bedürfen einer neuen. Die gegenwärtige, die unsere Väter im Kampf gegen das Patriziat errungen haben, war vor dreißig Jahren wohl eine Schöpfung, auf die sie stolz sein durften. Die Landeswohlfahrt hat sich unter ihr ungemein gehoben. Wie aber dem Manne allmählich der Konfirmationsrock des Jünglings zu enge wird, so ist sie jetzt für die mannigfaltiger gewordenen Bedürfnisse des Volkes ein zu schmales Kleid.« Mit der Forderung des Pfarrers von Reifenwerd, daß namentlich der in den industriellen Betrieben beschäftigten Jugend der wirksame Schutz des Gesetzes zu teil werde, verknüpfen sie eine Fülle anderer Wünsche, darunter besonders den einen: »Abschaffung der lebenslänglichen Aemter!« Felix Notvest sieht es: Was er zaghaft und schüchtern begonnen hat, ist wie die Flocke Schnee, die ein Sonnenstrahl an der Kante des Gebirges löst. Bald wird sie ein kleiner Ball, der stärker ins Rollen gerät, wächst und als donnernde Grundlawine die Weite des Landes erschüttert. Mit schweren Schritten in seiner Stube auf und ab gehend murmelt er: »Und sie wollen, daß ich für so vielerlei, was nicht aus Eigenem stammt, wegen des Einen; das ich will, ihr Führer sei und für das Gesamte die Verantwortung trage.« Sorgenvoll überlegt er. Ihm ist alles Umstürzen zuwider. In sein tiefes Sinnen tönt vom Flur eine liebliche Stimme: »Gott grüße dich, Mutter!« Über sein verdüstertes Gesicht stiegt ein Sonnenstrahl: »Christli!« »Herr Pfarrer!« In hellem, schlichtem Sommerkleid steht sie vor ihm, errötend reicht sie ihm ihre schmale Kinderhand und hebt sie die dunklen Augen unter langen Wimpern zu ihm empor. »Wie Frühling im Walde!« denkt Felix Notvest. Sie kommt häufig nach Reifenwerd, Pfarrer und Dörfler sehen am Sonntag das gespannt horchende Mädchen gern in der Predigt, aber etwas schüchtern ist Christli geblieben, besonders schüchtern gegen ihn, und das Liebliche, Jauchzende ist nicht auf ihr Antlitz zurückgekehrt, das Innerste ihres Wesens ernst und tief. Weich und duftig liegt ein sonniger Herbsttag über dem Lande. »Wandern wir eine Stunde durch Gottes schöne Welt, Christli?« fragt der Pfarrer munter. Sie nickt mit scheuem Lächeln, das doch Glück bedeutet: »Ja, ich komme so selten in den lieben Wald!« Die dunklen Tannen schlagen die Bogen über dem Paar, geheimnisvoll zieht und zirpt in den Kronen der Meisenschwarm. In den Lichtungen steht da und dort ein Ahorn oder eine Birke und leuchtet in der tiefen Sonnenruhe wie eine selige Flamme. »Also, es geht meinen Eltern gut?« forscht Felix Notvest. Betreten schweigt Christli einen Augenblick, erst auf seinen bittenden Blick erwidert es mit gesenkten Wimpern: »Es ginge ihnen gut, aber der Herr Antistes bereitet sich Ihretwegen so schwere Kümmernisse!« Christli schießt das Blut in die Wangen und der Pfarrer wechselt die Farbe. Mit bitterer Sorge sehen seine würdigen Eltern, die im alten, kunstreichen Haus am Strom nur mit Geistlichen und Gelehrten weltabgewendet verkehren, auf seinen Kampf für die armen Fabrikkinder. Sie wissen in ihrer Stille so wenig von der Not des Volkes! Und seit er sich von Sigunde getrennt hat, ist das unendliche Vertrauen, das sie in ihren Sohn gesetzt haben, etwas erschüttert. Das deckt alle Liebe, die sie für ihn hegen, nicht zu. Vorsichtig, in schmerzenreicher Güte hat ihn der Vater, der von Geistlichen aus dem Anhang des Regierungspräsidenten leise, doch nachhaltig zu der Mahnung gedrängt wird, aufgefordert, daß er seines Amtes in kirchlicherem Sinne walte und nicht das Menschliche zu stark in das Göttliche menge. Ein Schritt noch, und seine armen Eltern sind untröstlich! Zwischen ihm und seinem Vater, dem er in grenzenloser Liebe und Ehrerbietung zugethan ist, wächst eine Dornenhecke empor, durch die sich ihre Hände kaum mehr finden können. Und doch, und doch drängt ihn das Gewissen vorwärts auf dem eingeschlagenen Pfad! Gerührt betrachtet Christli ihren Schützer, der schweigend mit sich selbst kämpft. »Herr Pfarrer!« flüstert sie verlegen, »wie gut Sie gegen die Menschen sind!« Eine heiße Bewunderung brennt in ihrem Gesichtchen. »O Christli!« seufzt Felix Notvest, »die Mißverständnisse zwischen meinem Vater und mir thun mir so weh! Sieh, als ich mein Amt in Reifenwerd antrat, da gab mir der Vater selbst einen Spruch auf den Lebensweg mit: ›Fest sei in der Not, und wenn alles um dich wankt und weicht, so soll dir vor Menschenwitz nicht bangen, so du nur vor dir und deinem Gott in Ehren bestehst!‹ Ich habe nur einmal geirrt, damals als eine wunde Kinderseele in den Kreuzgang kam und Erlösung von mir hoffte.« »Sprechen Sie nicht mehr davon, Herr Pfarrer!« steht Christli heiß und demütig. »Ich sehe jetzt die Not,« fährt er mit steigender Stimme fort, »darum will ich für die gute Sache redlich streiten. Ich gehe nicht leichtsinnig mit der Studierlampe des Pfarrers, wie manche mir vorwerfen, in den Kampf. Ich will nichts Unmögliches, ich ziehe meine Kreise nach dem Maßstab eines Mannes, der das industrielle Leben aus Erfahrungen am eigenen Leibe kennt. Du kennst ihn, Christli!« »Karl,« erwidert das Mädchen freudvoll, »er ist stolz, daß Sie so häufig Briefe mit ihm wechseln und ihm das Vertrauen erweisen.« Helle Zustimmung glüht im Antlitz Christlis. Ob sie in ihrer tiefen Zurückhaltung auch wenig spricht, in den dunklen Augen, auf den geröteten Wangen steht es, wie ihre Seele mit derjenigen ihres Schützers bebt und lebt. Sie hat sich ihm wieder zugewendet, und Felix Notvest spricht wie zu einer treuen, verständnisreichen, jungen Freundin mit ihr. Wer kennt die Leiden eines armen Fabrikkindes besser als sie? Eine Weile gehen die beiden schweigend durch den sonnigen Waldesfrieden. Von Süden leuchten über goldgrüne Tannenwipfel die Schneeberge duftig und traumhaft heran. In dieser Ruhe werden auch die Gedanken des Pfarrers friedlicher. Er plaudert mit Christli von ihrem Lehrer und ihrer Kunst und spürt es wohl, daß ihr dabei die Seele wie eine Blume aufgeht. »So groß und gewaltig wie Fredy Cella werde ich das Spiel nie lernen,« versetzt sie zaghaft. »Wolltest du es wirklich, Christli?« »Ja, ja!« flüstert sie andächtig wie ein Bekenntnis. Felix Notvest spürt es, daß das Herz Christlis von nichts so sehr erfüllt ist wie von ihrer Kunst. Sie nährt eine schwärmerische Verehrung für ihren Lehrer Fredy Cella. Sie liebt ihr Spiel mit der Stärke einer Leidenschaft, und was an dem ernsten, tiefen Mädchen herb und spröde geblieben, gerät, sobald sie den Bogen streicht, in Fluß und Schwung. Ihre Seele blüht in Tönen, aus den dunklen Kinderaugen strömt das Feuer. Sie sucht und sucht, sie gehört zu jenen Künstlerinnen, die für ihre Kunst hungern, in Lumpen gehen und sterben können und bis zum letzten Atemzug glauben, daß sie ihnen doch einmal ein Glück bringe, wie es sonst kein Sterblicher erfährt. Es ist gewiß eine Freude, mit dem tiefgründigen, zum Höchsten ringenden Mädchen durch das Sonnenschweigen des herbstlichen Waldes zu wandern. Aus verträumten Sinnen spricht Feliz Notvest: »Christli, wer hätte das gedacht, als ich dein Spiel unter den Linden für dasjenige eines Zigeuners hielt!« Erschreckt, mit einem Augenpaar, als hätte sie in ihrem jungen Leben schon alle Bitternis der Welt ausgeschöpft, starrt sie den Pfarrer an, totenblaß, die Hand schmerzhaft auf die leichte Fülle verkrampft, wendet sie den Blick von ihm ab, sie schluchzt – das starke Christli weint herzzerbrechend. Auch er ist über sein unbedachtes Wort zum Tode erschrocken. »Christli!« stammelt er, »ich glaubte, ich dürfe mit dir über alles sprechen!« »Nein, über die Thorheit eines Kindes nicht!« stößt sie, das Gesicht in den Händen verbergend, wehvoll und heftig hervor. Sie steht still, als versage ihr der Gang oder als möchte sie sich von ihm flüchten. Er spricht ihr milde zu: »Verzeihe mir, Christli!« Langsam schreiten sie auf dem Waldweg, der zum Brunnen an der Steige führt. »Ihnen – ich kann Ihnen nicht zürnen, Herr Pfarrer – es thut nur weh!« »Sieh, da sind wir an der Stelle, wo im Frühling die Maililien wachsen,« versetzt Felix Notvest, »du selber Maililie, Christli!« »Maililie!« Sie schüttelt das Köpfchen. In einem Ton, als wäre ihre Seele fern, flüstert sie beklommen und traumvoll: »Aus dem Wort kam es, das thörichte Spiel, aus dem thörichten Spiel kommt das andere. – Unglück. Das sagt mir mein Herz.« Es klingt etwas unsäglich Rührendes in den bebenden, schwebenden Worten. »Christli!« spricht Felix Notvest bewegt, »sind wir nicht Bruder und Schwester? – Gieb mir darauf die Hand!« Etwas zögernd, mit abgewandtem Blick streckt er ihm die Rechte hin. »Ich danke dir, Christli. Und nun vertraue deinem Bruder: Maililien bedeuten Glück!« »Wenn Sie es sagen, Herr Pfarrer, so wird es schon wahr sein!« Ein voller, warmer Blick ihrer dunklen Augen trifft ihn, ein gläubiges Lächeln zuckt um ihr Mündchen. XVII. Bruder und Schwester! – Von seinen Predigtblättern aufblickend, träumt Felix Notvest in die siegreich über die Nebel emporrollende Herbstsonne, die sommerlich durch die Fenster bricht. Er wird den Weg der Gewissenspflicht gehen, den armen Kindern, die in den Fabriken arbeiten, soviel in seinen Kräften steht, Licht, Luft, Freudigkeit des Wachstums bringen. Christli aber wird den Dornenpfad der hohen Kunst steigen, an dessen Ende das blendendste und flüchtigste der Irrlichter schwebt, der Ruhm! Sein Sinnen schwebt über dem gestrigen Waldgang. In seinen Wunsch, Christli möchte das Spiel weniger lieben, läutet die Elfuhrglocke. Da führt Frau Wehrli einen Besuch heran. »Herr Heueler!« – Der Pfarrer tritt einen Schritt zurück und seine Züge verdüstern sich. »Ich freue mich, Herr Pfarrer, daß Sie meinen Rat befolgt haben. Sie sind an den Webstuhl der Zeit getreten, an den sausenden Webstuhl der Zeit!« Der hagere Zeitungsschreiber des »Volksboten« mit dem auf die Brust hinunter reichenden, schmalen roten Bart spricht es mit halber Stimme. Mit den Augen, die niemand recht ansehen können, schaut er halb nach dem Pfarrer, und ein blasses Lächeln huscht über sein bissiges Gesicht. »Nun, Sie bilden sich doch wohl nicht ein, daß mein Thun und Lassen durch Ihre Ratschläge bestimmt wird?« erwidert Felix Notvest abweisend. »Bitte, was wollen Sie von mir?« Ihm ist es, als krieche eine Natter über seinen Weg. Was haben seine Pläne mit der Feder Heuelers gemein, deren ätzende Erzeugnisse viele verachten, die meisten fürchten und alle, solange sie nicht nach ihnen selber sticht, mit Vergnügen lesen? Heueler setzt sich ohne Umstände und legt Bein auf Bein. »Keine Umschweife!« beginnt er, »wir stehen durch Ihre anerkennenswerte Thätigkeit an einem Wendepunkt des politischen Lebens; aber wenn Sie nicht die Beute des Rings werden wollen, heißt es rasch handeln. Man ist Ihnen auf den Fersen! Da gestatten Sie mir, daß ich Ihrer etwas akademischen Art mit dem Reichtum meiner Erfahrungen zu Hilfe komme und Ihren Ideen einen ungeheuren Aufschwung gebe, ja mit einem Schlag einen widerstandslosen Sieg!« Heueler lächelt und spielt bedeutungsvoll mit der schwarzen Mappe, die er stets, als wäre sie ein Teil seiner selbst, bei sich trägt. »Ich verbiete Ihnen die Mitwirkung in meinen Angelegenheiten,« erwidert Felix Notvest ruhig aber ernst; »bekämpfen Sie mich, aber lassen Sie die Bewegung für die Fabrikjugend von Ihrer Mithilfe rein!« »Sie erinnern sich an meine Prozesse!« fährt Heueler unbeirrt fort. »Ich habe das Sprichwort vom Kirschenessen mit großen Herren erfahren. Der Dank dafür an das Regiment Hohspang ist reif wie Weizen, für den die Sichel schon gedengelt ist. Sie wissen: unter jedem Dach ist ein Skelett. Seit ich den Urteilen der mit Hohspang verbundenen Richter unterlag, habe ich in jahrelangem Fleiß die Gebeine in den Häusern der Mitglieder des Ringes gesammelt. Sie wissen: jene Geschichten, die man in jeder Familie gern totschweigt, vor denen man zittert, daß sie öffentlich bekannt werden könnten, die wie von Zeit zu Zeit aufseufzende Gespenster im Hause umgehen.« Heueler öffnet die Mappe, seine Augen blitzen in unstetem Feuer, er schnellt auf, er spricht heiser vor Zorn: »Aus diesen Blättern kommt die Züchtigung, bebend vor Furcht sollen sich die Männer des Ringes in ihren Wohnungen verkriechen!« Er klopft auf das Manuskript. »Ihnen aber, Herr Pfarrer, geben die Skelette freien Weg. Treten Sie vor! Das Volk jubelt Ihnen zu. Nur eins: Eine Hand wascht die andere. Im Siege vergessen Sie meine Dienste, die Sie jetzt gering anschlagen, nicht ganz.« Viktor Heueler spricht so hastig, daß Felix Notvest nicht zu Worte kommt. Erst jetzt, wie jener in einem Gefühl der Genugthuung den langen Bart streicht, ruft er: »Ich beschwöre Sie, verbrennen Sie die ›Skelette‹. Bedenken Sie, daß unter den Leuten des Rings Männer von vornehmer Gesinnung, ehrlicher Ueberzeugung sind! Sie mögen augenblicklich unsere Gegner sein, nach dem Kampf müssen wir aber doch wieder ein einiges Volk bilden und in Treuen zusammen arbeiten. Wie wäre das möglich nach einem Sieg mit vergifteten Waffen? Ihre Teilnahme, die den klaren Fluß der Bewegung in einen trüben Strom fressender Leidenschaften verwandelte, würde mich zwingen, davon zurückzutreten.« »Sie Schwärmer!« spöttelt Heueler, die Schultern zuckend. Da braust der Pfarrer auf und öffnet mit bezeichnender Gebärde die Thür. »Sie bringen mich doch nicht von Ihren Rockschößen,« lächelt Heueler, »auf Wiedersehen anderwärts, Herr Pfarrer!« Damit geht er. Auch Felix Notvest macht sich wegfertig. »Wohin?« fragt Frau Wehrli ängstlich über seine Erregung und Blässe. »In die Höhle des Löwen! In die Villa Venedig zu dem Regierungspräsidenten!« »Hat unser Pfarrer Feuer zu melden?« fragen sich die Reifenwerder erstaunt. Es gilt mehr als Feuer zu löschen, es gilt ein Landesunglück zu verhüten; allmählich indessen mäßigt Felix Notvest seinen Lauf. Was wird er dem Regierungspräsidenten sagen? Er steht und wartet an dem mit Wappen geschmückten Thor der Villa Venedig, die nicht nur wegen der stimmungsvollen Schönheit ihrer Umgebung, sondern mehr noch durch die in ihr waltende vornehme Gastlichkeit und die strahlenden Feste, die darin abgehalten werden, berühmt ist. Sie hat durch die junge, geistreiche und lebenslustige Herrin als Stätte großherziger Gastfreundschaft und feiner Geselligkeit frischen Glanz erlangt. Kein angesehener Fremder zieht durch die Stadt, ohne daß ihn das Andenken an schöne Tage oder Abende, die er in der Villa Venedig erlebt hat, in die Ferne begleitete, und die Künstlerwelt, die Maler, die Bildhauer, die Dichter und Musiker sind die besonderen Lieblingsgäste Sigundens, der sie als einer freigebigen Gönnerin huldigen. Auch die Gesellschaft der Schauspieler und Schauspielerinnen zieht sie in ihren Kreis, und dann und wann holt sie sogar Zigeunerbanden oder anderes fahrendes Volk von der Straße, um sie in ihrer Villa mit fürstlichem Luxus zu bewirten. Und wie versteht es Sigunde, bei den glänzenden Festen ihre Talente zur Geltung zu bringen! Da giebt es Schäferspiele im Park, da gleiten mit festlichen Gruppen belebte Kähne aus den mit Seerosen bedeckten Buchten, unerwartet dringt Musik aus lauschigen Verstecken. Sigundens Kunst der geselligen Überraschungen ist unerschöpflich, und sie fesselt ihre Gäste mit hübschen Einfällen bis weit in die linde Nacht, in der sich die Rosenguirlanden und Baumkronen mit farbigen Laternen wie mit leuchtenden Früchten des Paradieses schmücken. Felix Notvest kennt das Leben in der Villa Venedig nur vom Hörensagen, nur aus dem Volksmund der zum guten Teil noch in die Bande der Spießbürgerlichkeit gefesselten Stadt, welche die ehemalige Großratstochter von Reifenwerd wie die märchenhafte, ihren ausschweifenden Launen folgende Königin eines königlich schönen Besitztums bewundert und beneidet, aber auch mancherlei verkleinernde Nachreden über sie führt. Das Schicksal hat Sigunde, die glückliche Mutter eines Knaben ist, an die richtige Stelle gelenkt, denkt Felix Notvest nicht ohne Wehmut. Heute ist es still in ihrem herrlichen Reich. Hat man sein Läuten nicht gehört? Endlich öffnet ein betreßter Diener das Thor. Da taucht aus einer Baumgruppe der stolze Blondkopf Sigundens selber hervor, sie erkennt ihn, zaudert einen Augenblick, in vornehmer Kühle schreitet sie ihm entgegen. Sie trägt ein helles Kleid wie damals, als er sie im Rosengarten zwischen den Epheuranken stehen sah, und durch das leicht durchbrochene Gewebe schimmern Hals und Arme wie Marmor und Pfirsich. Aber der frische, üppige Mund lächelt nicht, die grauen, ins Grünliche spiegelnden Augen blicken kalt, und sie mißt ihn mit großer Selbstbeherrschung, als ob ihr ein völlig Fremder gegenüber stehe. »Der Herr Regierungspräsident hält eben sein Mittagsschläfchen,« sagt sie gelassen auf seine Begrüßung und Frage, »er darf vor drei Uhr nicht gestört werden.« »Ich danke Ihnen, dann komme ich nach drei Uhr!« Mit einer leichten Verneigung will Felix Notvest gehen. Da spielt doch ein Lächeln um ihren schönen Mund. »Warum suchen Sie den Herrn Präsidenten nicht im Regierungsgebäude auf?« fragt sie mit einem leichten Anflug von Spott. »Es ist nichts eigentlich Amtliches, was ich mit ihm zu besprechen habe, nur sonst eine dringende Angelegenheit, die keinen Aufschub erträgt.« »Dann darf ich Sie wohl einladen, in meiner Gesellschaft auf den Herrn Regierungspräsidenten zu warten? – Wir sind ja doch alte Freunde. Hier unter den hohen Bäumen ist mein Lieblingsplätzchen. Ich bitte, Herr Pfarrer!« Sie spricht es mit gewinnender Liebenswürdigkeit, ihre Stimme heimelt ihn an wie Gedenken an die Zeit, da sie im Rosengarten bat, seine Schülerin sein zu dürfen, und das schöne Frauenbild, das ihm ermunternd zulächelt, ergreift ihn so eigen, daß es ihm ist, als sollte er sie wieder mit ihrem Mädchennamen »Sigunde« ansprechen. Seine Brust geht heftig, und in dem malerischen Baumrondell über einer kleinen Bucht des Sees, das sie als ihr Lieblingsplätzchen bezeichnet, erregen sich ihm die Gedanken noch stürmischer. Denn da steht von einem breitästigen Therebinthenbaum überschirmt der Grabstein der Königin Agnes aus der Abtei Reifenwerd und redet mit Doppelkreuz und Spruch von versunkenen Liebestagen. Wie er Frau Hohspang aufs höchste überrascht und verwirrt anblickt, spielt ihre Hand verlegen mit dem Buch, in dem sie bei seiner Ankunft gelesen hat, doch schüttelt sie die Erregung mit einem Lächeln von sich ab. »Ich habe Sie wohl im Genuß eines interessanten Buches gestört?« fragt er, nur um das Schweigen zu brechen. »Das Werk ist ein französischer Roman,« versetzt sie und wendet den Blick in einer Art mädchenhaften Errötens von ihm, »sein Grundgedanke ist das alte Sprichwort, daß man immer auf seine erste Liebe zurückkomme. Er sagt eigentlich das Gleiche, was der Grabstein der Königin von Ungarn und was jedem die eigene Erfahrung bestätigt!« Mit lechzenden Zügen schaut sie ihn an, und um sie webt wieder der Hauch des Märchenhaften, der sie einst im Rosengarten umgeben hat. Aber Felix Notvest hält an sich, und wie er nicht antwortet, flüstert Frau Hohspang: »Es ist vielleicht doch unrichtig, zu sagen, daß es jedem so ergehe. Viele vergessen doch sehr leicht! – – Sie, Herr Pfarrer, zu vergessen, wäre allerdings unmöglich. Sie sind ja der Mann des Tages geworden, wo man hinhorcht, spricht man von Ihnen!« Was will Sigunde? »Fäden, die sich von Ihrer Villa in mein Vaterhaus spinnen,« antwortet er etwas unsicher, »verraten es mir allerdings, daß man mir in Ihrer Familie eine gewisse Aufmerkfamkeit schenkt.« Sie horcht überrascht und lächelt zu dem Vorwurf, der in seinen Worten klingt. Sie schweigt mit bestrickendem Aufschlag, mit heißem Verlangen ruhen ihre Augen auf ihm. Felix Notvest hat die jähe Empfindung, Sigunde brenne darauf, daß er sich irgendwie, und wenn es nur mit der Thorheit einer augenblicklichen Aufwallung wäre, vor ihr demütige. Mächtig spürt er den Zauber des Weibes, dessen Züge seit den unvergeßlichen Tagen im Rosengarten wohl etwas reifer geworden, doch von noch verführerischerer Schönheit als damals sind. »Wer diesen Mund küssen dürfte!« Wie einst bebt er unter dem Anreiz des Gedankens. Sie spürt, wie er kämpft und wankt. »Mitten in der Welt voll Anregung, mitten in dem Reichtum, die mich umgeben,« haucht sie, daß ihn ihr glühender Atem streift, »weiß ich doch, daß ich das beste Gut meines Lebens den schönen Stunden verdanke, die ich mit Ihnen im Rosengarten der alten Abtei verlebte.« Es ist ihm, als müsse er ihr zu Füßen sinken und stammeln: Ich liebe dich ja noch immer! Doch während ihre Augen mit überwältigendem Zauber auf ihm ruhen, geschieht ein Wunder. Wie wenn es leibhaftig dastände, sieht er Christli, nicht das jetzige Christli, die werdende Künstlerin, sondern Christli, das Kind, das sich im Kreuzgang vor der Fabrik gefürchtet hat. Als hätte Sigunde den Vorgang in seiner Seele erraten, sagt sie in eisigem Ton: »Sie lassen jetzt wohl die kleine Spinnerin zu Ihrem Weibe erziehen?« Flammende Röte stiegt über das Gesicht Felix Notvests. »Nein!« stottert er, »ich habe –« Um Augen und Mund Sigundens zuckt aber ein so ungläubiges und verächtliches Lächeln, daß er den Satz nicht vollendet. Es ist ein grenzenlos peinvoller Augenblick zwischen ihnen, Sigundens Gesicht hart wie Stein – Agnes von Ungarn! denkt er. Da tritt der Diener unter die Bäume. »Der Herr Regierungspräsident ist bereit, Sie zu empfangen!« Mit steifem Nicken, mit eisiger Kälte entläßt Sigunde Hohspang den Pfarrer. »Jetzt ist sie deine Todfeindin!« sagt ihm eine innere Stimme. Noch verwirrt von der zügellosen Grausamkeit, die in ihren Augen blitzte, doch des Ernstes der Stunde bewußt, tritt er hochklopfenden Herzens vor den Gewaltigen, in dessen Händen die Schicksale des Landes ruhen. Mit ruhiger Spannung, mit der Würde eines unbeugsamen Herrschers empfängt der greise, unwillkürlich Ehrfurcht gebietende Staatsmann den jungen Volkstribunen von Reifenwerd. Seine blauen Augen ruhen leuchtkräftig und durchdringend auf Felix Notvest. »Sprechen Sie!« sagt er, die Hand leicht in die Hüfte gestemmt. »Herr Regierungspräsident,« beginnt der Pfarrer voll Hochachtung, »die wachsende Bewegung im Volk kann Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein. Sie kennen auch meinen Anteil daran. Ein Wort von Ihnen, und sie kommt zum Stillstand. Geben Sie mir die Versicherung, daß Sie den alten Gesetzen Achtung verschaffen werden, daß Sie mit ehrlichem Willen mithelfen wollen, Lücken, die darin sind, auszufüllen, damit den Industriearbeitern, insbesondere den armen Kindern ein freundlicheres Los zu teil wird. Ihr Wort – und ich trete von der Bewegung zurück, ich enttäusche tausend Augen, die hoffnungsreich auf mich gerichtet sind. Ich trage die Schande. Aber geben Sie mir die Versicherung heute. Morgen ist es zu spät, da ist ein Werk teuflischer Volksverhetzung schon gethan!« Beschwörend spricht es Felix Notvest. Stumm und undurchdringlich mißt der Regierungspräsident den Sprecher. In einem Ton, daß jedes Wort wie ein Hammerschlag klingt, erwidert er: »Wir dulden keine Revolutionäre im Staate, besonders unter denen nicht, die sein Brot essen. Ich warne Sie. Verschanzen Sie sich nicht hinter das lebenslängliche Amt eines Pfarrers! Wir werden Sie schon zu ergreifen wissen, und unser hochwürdiger Herr Antistes wird seine Pflicht ohne Ansehen der Person erfüllen – auch gegen seinen Sohn!« »Ist das Ihre einzige Antwort? Ihr letztes Wort?« stammelt Felix Notvest erblassend. »Mein letztes!« Der gewaltige Staatsmann winkt würdevoll und streng, daß die Audienz beendigt sei. »Herr Präsident,« ruft Felix Notveft in wehevollem Zorn, »wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Ich fürchte, Sie werden Ihre Antwort bereuen!« An Leib und Seele zerschlagen, wankt er aus der Villa Venedig, seine Gedanken jagen sich. Jetzt giebt es kein Zurück mehr, nur ein Vorwärts. Erst wie er die Stadt schon weit im Rücken hat und über die grünen, stillen Höhen der Steige nach Reifenwerd wandert, erlangt er wieder die volle Besinnung; und er hört wieder das Wort Sigundes: »Sie lassen jetzt wohl die kleine Spinnerin zu Ihrem Weibe erziehen?« Gott weiß es, als er den Arm schützend über das arme Christli erhob, das Kind zur Erziehung in sein Vaterhaus gab, da war es nur eine That innigsten Erbarmens mit dem schmerzenreichen, jungen Leben gewesen, und kein anderer Gedanke hatte sich in denjenigen tiefen Mitleids gemischt. Doch wie sonderbar! Mit dem ahnungsreichen Blick des eifersüchtigen Weibes hat Sigunde tiefer in sein Herz gesehen als bis zur Stunde er selber. »Ja, ich liebe Christli – ich liebe sie schon lange!« Er jubelt es auf seinem einsamen Wege wieder und immer wieder: »Christli! – Maililie!« Was ist aller dämonische Zauber Sigundes gegen die unberührte Schönheit des lieblichen Kindes, das kaum zu wissen scheint, wie reizvoll es geworden ist! Plötzlich aber überfällt ihn jetzt eine Sorge um das Kind, die er vorher nie gekannt hat. Er denkt an Fredy Cella, den Lehrer Christlis, der wegen einer Erbschaftsangelegenheit noch immer in der Stadt weilt und in einigen feinen Häusern Unterrichtsstunden giebt. Der etwa dreißigjährige Künstler, der von seinem Vater, dem berühmten Violinvirtuosen, das rasch wallende Blut, von seiner Mutter, einer Polin, die schönen, stammenden Augen und das zur Melancholie neigende Wesen geerbt hat, erscheint ihm plötzlich wie eine große Gefahr für seine Liebe zu Christli, die mit so warmer Begeisterung von ihrem Lehrer spricht. Wie, wenn sich das feurige Herz der jungen Künstlerin zu ihm neigte? Oder wenn in seiner keuschen Seele wirklich nichts Raum hätte, als der Drang zur hohen, heiligen Kunst? Eine wahre Seelenangst beklemmt Felix Notvest, und in gewaltigen Herzensstößen spürt er, wie lieb, wie unendlich lieb ihm Christli geworden ist. Mitten durch seine Liebe taumeln aber wie Raben im Sturm schwarze Gedanken. Im ruhigen Herbstabend hört er die Windsbraut durch die Lüfte sausen. Sie wirft die Wetterwolken mit falbem Schein von Horizont zu Horizont und die Blitze zucken auf die todestraurige Erde! Seine Seele lebt im Vorspiel dessen, was kommen wird. Was schon da ist! Lostage, vielleicht Schicksalswende für ein ganzes Volk. Und er trägt die Verantwortung! Da mag die Seele des Mutigsten eine Weile zweifeln und zagen. Felix Notvest durchwacht die Nacht, er wacht wie der Bauer, des Hagelschlags gewärtig, der auf seine Ernte niedersaust, des Blitzes, der vom First zum Keller fährt und zündet. Er wacht in Anfechtungen. Er hört es nicht, wie sich seine treue Haushälterin bekümmert an die Thüre schleicht. Sie aber hört, wie er mit murmelnder Stimme das vierzehnte Kapitel St. Marci liest: »Und sie kommen in ein Gut Namens Gethsemane!« XVIII. Es wetterleuchtet! Die ›Skelette‹ Heuelers stiegen über das Land! Hatte Felix Notvest, wenn ihm der Regierungspräsident entgegengekommen wäre, die Geister noch beschwören können, die er gerufen hat? – Vielleicht – vielleicht auch nicht! Nie ist das Volk von einem Tag zum anderen, von einer Woche zur anderen in einen solchen Wirbel, in ein derartig wildes Unwetter der Empörung gerissen worden wie durch ›Skelette‹ Heuelers, von denen jeder Tag frische Stücke in Tausenden von Exemplaren bringt, die sich durch die neugierige Bevölkerung mit Windeseile bis in die fernsten Hütten des Unter- und Oberlandes verbreiten. In Reifenwerd stehen die Leute auf der Landstraße und beratschlagen, was sie von den Blättern halten sollen. Die »Skelette« sind ein mit ausgesuchter Bosheit zusammengestelltes, halb satirisches, halb in volkstümlichem Pathos geschriebenes, mit politischen Forderungen durchsetztes Sündenregister der Männer des Ringes, ein Meisterstück giftiger Volksverhetzung. Die Geschichten, welche sie berichten, klammern sich an Geschehnisse, die das Volk kennt, und haben wenigstens den Schein der Wahrheit. Sie nennen keine Namen, aber jeder einzelne der Angegriffenen ist so deutlich umrissen, daß die Leute mit den Fingern auf ihn zeigen, und doch wieder so unbestimmt gezeichnet, daß eine gerichtliche Klage unmöglich, vor allem nicht klug wäre. So sitzen denn die Getroffenen wie die Käfer auf der Nadel, die ›Skelette‹ dringen in alle Lebensverhältnisse hinein, sie stellen den Vater vor den Söhnen und Töchtern, den Gatten vor der Gattin, den Vorgesetzten vor den Untergebenen ohne Schonung bloß. Die Regierung, selbst Präsident Robert Höhspang, ist von der Heftigkeit und Niedertracht des Angriffs, von dem man eine Weile gar nicht weiß, woher er kommt, wie auf den Kopf geschlagen, und wie sich die Thatkraft zum Handeln wiederfindet, da ist es zu spät, und die Empörung im Volk gegen Robert Hohspang und den ›Ring‹ so weit und stark verbreitet, daß er nichts mehr wagen darf. Die Entrüstung schreit in der Stadt, sie schreit draußen in der Landschaft, doch in entgegengesetztem Sinne: dort in der festen Hochburg des Regimentes Hohspang richtet sich der Sturm des Zorns gegen Heueler und die gewaltthätige Partei der Neuerer, in deren Dienst er steht, in den Dörfern aber ruft man zum Kampf gegen den übergewaltigen Präsidenten und seinen Anhang von Fabrikanten, Handelsherren und ergebenen Beamten. Am stillsten sind eine Weile die von den ›Skeletten ‹ Getroffenen, andere lähmt die Furcht, daß sie demnächst auch unter die Gezeichneten zählen könnten, und einige der am stärksten Angegriffenen verreisen, um der Schande und dem Spott aus dem Wege zu gehen und in der Hoffnung, daß während ihres Fernseins Gras über die bloßstellenden Geschichten wachsen werde, ins Ausland. Unter den Flüchtlingen ist Alfred Hohspang, der Sohn des Regierungspräsidenten, der in den ›Skeletten‹ aufs engste mit häßlichen Theater- und Spielergeschichten in Verbindung gebracht ist. Von seinem lebenstrahlenden Weibe, von seinem Erstgeborenen hinweg hat ihn die Schande nach England getrieben. In wenigen Wochen hat sich das Volk in zwei gewaltige Lager geschieden. Die einen halten, zum Teil gerade wegen der Gemeinheit des Angriffes, treu zu Robert Hohspang, der sich, wie sehr man ihn auch der Günstlingswirtschaft bezichtigen mag, durch die Hebung des Verkehrs, des Handels und der Industrie doch bleibende Verdienste um das Staatswesen erworben habe. Die andere Partei, diejenige, die ihn stürzen, eine neue, volkstümlichere Verfassung und Regierung einführen will, ist die volkreichere, aber sie hat kein Haupt, keinen Führer. Eines Tages erscheint Viktor Heueler bei Felix Notvest. »Ich habe Ihnen das Feld geebnet – wenn Sie keine Memme sind, thun Sie jetzt Ihre Pflicht.« Mit einem Zorn, einer Verachtung, wie er sie sonst nie gegen einen Menschen bewiesen hat, stößt Felix Notvest den Pamphletär zurück. Allein gerade diejenigen Männer der Fortschrittspartei, welche die höchste Achtung verdienen, rufen ihm zu: »Sie haben die erste Anregung zu der Bewegung gegeben, führen Sie uns jetzt, es muß ein makelloser Ehrenmann an der Spitze stehen, ein Mann, den die Gegner anerkennen. Sollen wir die Beute einer Handvoll ehrgeiziger Advokaten und Amtsstreber werden? Sie haben das Vertrauen des Volkes, kein anderer!« Selbst das kleine Häuflein der Ruhigen, die zwischen den Parteien stehen, mahnt eindringlich: »Thun Sie Ihre Pflicht, Herr Pfarrer, Sie dürfen das Land nicht endlosen Wirrungen preisgeben, es nicht an den Rand des Verderbens bringen!« Er aber antwortet auf alle Vorstellungen und Bitten nur dumpf: »Ich kann nicht mit einer Partei gehen, in deren Schoß ein Heueler sitzt, ich kann sein Werk nicht zu dem meinen machen!« Umsonst erwidern seine Freunde: »Heueler gehört nicht zu uns, er ist ein einsamer Ehrloser; was können wir dafür, daß er unsere Bewegung mit seinen ›Skeletten‹ befleckt hat?« Der Pfarrer bleibt fest. Da geht ein Stichwort durchs Land: »Auf, am ersten Sonntag im November zur Landsgemeinde in Reifenwerd! Wenn wir zu Tausenden als ernste Männer vor seinem Hause stehen, so kann er nicht mehr anders, er muß sprechen.« Gewaltig sind die Vorbereitungen getroffen. Wenigstens zehntausend ehr- und wehrhafte Bürger werden in Reifenwerd zusammenströmen. Ergriffen von dem erhabenen Vertrauen des Volkes, kann Felix Notvest nicht mehr anders als sein Führer sein! Er ringt und ringt bis am Vorabend des großen Tages. »Soll ich? – Soll ich nicht?« Da tritt mit verstörtem Gesicht Hauptmann Rudolf Fürst in seine Studierstube. Mit finsterem Haß mißt ihn der Fabrikant und schnaubt: »Die Regierung wagt es nicht, Truppen zum Schutz meiner Fabrik aufzubieten, aber, Pfarrer, wenn sie durch Ihre Partei angegriffen und zerstört würde« – mit der geballten Faust droht der Fabrikherr – »dann – dann erreicht meine Kugel Sie sicher.« »Ich stehe mit meiner Ehre und meinem Leben dafür ein, daß kein Ziegel Ihrer Fabrik verletzt wird,« antwortet der Pfarrer ruhig. »Haben Sie eine so geringe Meinung von unserem Volke, Herr Fürst?« Das kleine Ereignis entscheidet den inneren Kampf Felix Notvests. »Meine ärmsten, teuersten Eltern! Gott helfe mir und verzeihe mir. Ich muß euch Schmerzen bereiten. Ich stelle mich auf den Boden der vaterländischen Pflicht!« Spät am Abend schickt er einen Boten in das alte Haus seiner Jugend am Strom. Der große Tag dämmert, schwer und trüb zieht er herauf, es regnet und schneit, aber auf den Straßen, die nach Reifenwerd führen, wallt es vom ersten Tagesschein bis gegen elf Uhr dicht und endlos heran, und das Dorf wimmelt von Menschen. Um elf Uhr drängt die Menge über die Brücke und sammelt sich in der Nähe der ehemaligen Abtei, wo auf weißüberschneiter Wiese die Rednerbühne errichtet ist. Manches merkwürdige Bild hat das schicksalsreiche alte Kloster im Laufe der Jahrhunderte gesehen, aber gewiß kein solches. Nicht zehn-, nein dreißigtausend Bürger, vom flaumbärtigen Jüngling bis zum altersgebeugten, kahlköpfigen Greis, Bauern-, Handwerker- und Industrievolk aus allen Teilen des Landes, stehen an dem düsteren Vorwintertag Mann an Mann wie Mauern in Regen und Schnee, und eine unabsehbare Wagenburg von Zuschauern umgiebt den weiten Menschenkreis. Da steigt Felix Notvest auf die grünumwundene Rednertribüne, freudiges Murmeln wie Wogenbranden erhebt sich, die Menge entblößt die Häupter und das rauscht wie Flug einer ziehenden Vogelschar. Dann wird der Kreis still wie ein Wald, in dem sich kein Lüftchen regt. Felix Notvest, der jugendliche Redner mit dem geistvollen Gesicht, schickt die bebende, doch metallreiche Stimme über das schweigende Menschenmeer: »In Gottes Namen! Ich möchte die Landsgemeinde mit einem Gelöbnis eröffnen, das wir alle einer dem anderen geben. Wir wollen Mißstände abstellen, die unsere Volkswohlfahrt zernagen, wollen beraten, was der Gegenwart und Zukunft des Volkes frommt, wir wollen nur bestehende Dinge – Dinge wiederhole ich – angreifen, aber keine Personen. Wir wollen in unseren Gegnern Männer achten, die es mit dem Lande ebenso ehrlich meinen wie wir. Wir wollen uns bewußt sein, daß einem Volke nur dann das Selbstbestimmungsrecht gebührt, wenn es seine Leidenschaften zu zügeln vermag. Nach den festen Formen und Gebräuchen einer Ratsversammlung wollen wir tagen, und jeder von uns gelobt es Gott und allen anderen, daß er seine eigene Würde und die des gesamten Volkes heilig halten will!« Eine tiefe Stille – dann ertönt von allen Seiten das Wort: »Wir geloben es,« und wie die Tausende es rufen, da ist's, als ob Stimmen in der Tiefe der Erde und in der Höhe des Himmels das Gelöbnis der ernsten Menge begleiten. »So laßt uns zu den Wahlen und Beratungen schreiten!« spricht Felix Notvest. Fünf Stunden dauert die Landsgemeinde. Am Abend lodern Freudenfeuer auf den Höhen, weiter und weiter von Reifenwerd bis auf die letzten Hügel des Unter- und die Vorberge des Oberlandes erflammen die Feuer, die Böller krachen in die Novembernacht und reitende Boten verkünden den achtungerzwingenden siegreichen Verlauf der Landsgemeinde. Worüber das Volk sich freut? Darüber, daß es von einem Manne, der sich auf die edelsten Eigenschaften der Bürger berief, mit sicherer Hand an den Gefahren des Aufruhrs vorbeigeführt worden ist, über seine eigene würdige Haltung. Kein Ziegel der Fabrik Rudolf Fürsts ist verletzt worden, und selbst in der Stadt, im Kreise Robert Hohspangs atmet man auf. Am Morgen noch hatte man dort geglaubt, bei dem schlechten Wetter würden der Tagenden nur ein kleines Häuflein sein. Als man dann von den vielen Tausenden hörte, entstand eine mächtige Furcht, sie würden heranziehen und im Kampf mit den wenigen Truppen, welche in der Stadt lagern, das Regierungsgebäude stürmen. Nun hatte das Volk sich unter der Führung Felix Notvests selber übertroffen. Kein Mißklang trübte den Tag. Im Regierungsgebäude sitzt Präsident Hohspang mit seinen Räten. Unter dem überwältigenden Eindruck der einmütigen Landsgemeinde legt der greise Staatsmann, bis zu Thränen erschüttert, sein Amt nieder. Mit ihm die Räte. »Selten kommt ein Unglück allein!« Der alte Volksglaube bestätigt sich am Hause Hohspang. Die Bewohner der sonst so glückgesegneten Villa Venedig stehen noch ganz unter dem niederschmetternden Eindruck, den der Sturz des Regierungspräsidenten im engsten Kreise hervorgerufen hat. Da trifft eine lähmende Schreckensnachricht aus England ein: »Alfred Hohspang ist auf der Jagd vom Pferde gestürzt, eine Strecke weit geschleift worden und bald darauf seinen Verletzungen erlegen.« Wenn auch Alfred Hohspang an Lebenstalenten tief unter seinem Vater geblieben ist und in seinem Charakter Schwächen gehabt haben mag, der jähe, elende Tod des jungen Mannes erweckt die warme Teilnahme für die Hinterlassenen. Das Unglück ist eine heilige Sache. Es sänftigt die Leidenschaften. Waffenruhe waltet zwischen der siegreichen und unterlegenen Partei, eine neue stellvertretende Regierung ist in Kraft getreten. Wie aber die Vertrauensmänner des dankbaren Volkes seinem Führer Felix Notvest das Amt eines Vorstehers der Erziehung und des Unterrichts anbieten, da lehnt er ebenso fest wie bescheiden ab: »Ich bleibe Pfarrer in Reifenwerd!« Nur in jenem Rat, der die mannigfaltigen Wünsche, welche auf der Landsgemeinde ausgesprochen sind, prüfen und die neue volkstümliche Verfassung schaffen soll, nimmt er eine Stelle an. Für ein Kinderschutz- und Fabrikgesetz will er seine volle Kraft einsetzen! Das ist auch neben der Abschaffung der lebenslänglichen Beamtenstellen die dringendste der Volksforderungen. Ist dieser Edelstein in die Herrscherkrone des Volkes gesetzt, dann wird er dem lauten Treiben des politischen Marktes mit der gleichen Freude entsagen wie den Huldigungen der Menge, die ihm grüßend zujubelt, wo er sich auf Weg und Straßen zeigt. Er träumt von einem zukünftigen, weltfernen Glück mit Christli im stillen Pfarrhaus von Reifenwerd. Mit leiser, erbarmender Trauer denkt er auch an das Weib, das er einst so heiß geliebt hat. Sie ist seine Todfeindin, aber auch die Mutter eines Kindes, das seinen Vater nie kennen lernen wird. Dazwischen mahnt eine Stimme: »Hüte dich vor Sigunde! Sie ist Agnes von Ungarn!« XIX. Die Ausgestaltung der neuen Landesverfassung ist ein langwieriges Werk, und die meisten ihrer Bestimmungen rufen frischen Streit. Die Partei der unversöhnlichen Unterlegenen, deren Sammellinse die Villa Venedig ist, hat, zu schwach zu einem ernsthaften Kampfe, von ihren Gegnern die Kunst der ›Skelette‹ gelernt, aus der Burg Robert Hohspangs stiegen die giftigen Pfeile in die Menge der Fortschrittsmänner. Die neue Partei bietet ihnen ja eine breite Zielscheibe! Wie viel Ehrgeiz, wie viel Eigennutz haben sich an die siegreiche Bewegung geschlossen. Namen, die man vorher nie gehört hat, beginnen zu klingen und bedecken sich mit dem flüchtigen Ruhm der Tagesgröße, manche, die mit großen Worten am Wohl des Landes arbeiten, suchen im stillen noch mehr das eigene, einen Sessel im Rat oder ein einträgliches Amt in ihren Bezirken. Was ist leichter als über die Selbstsucht, die den Mantel der Bürgertugend trägt, Satiren schreiben? Einer nur steht zu hoch da, als daß ihn ein Pfeil der Gegner erreichen könnte. Felix Notvest, der siegreiche Führer, der »Cato von Reifenwerd«, wie man ihn mit achtungsvollem Scherze im Lande nennt. Ruhig geht er seinen Weg durch die Stürme der Zeit. An ihn wagen sich die Verunehrung, die persönlichen Angriffe, wie sie sich in schweren politischen Erregungen leicht ereignen, nicht heran. Gerade weil er schlichter Pfarrer geblieben ist, genießt er das erhabene Vertrauen des Volkes jetzt, anderthalb Jahre nach der großen Volksversammlung von Reifenwerd, wo er den Sieg über Robert Hohspang, den mächtigen Regierungspräsidenten, davongetragen hat, noch im gleichen Maß. Er schmeichelt den Leidenschaften seiner Partei nicht und übt seinen gewaltigen Einfluß im Sinne der Versöhnlichkeit. Selbst seine Gegner erkennen es an. Die Einsichtigsten unter ihnen haben es eingesehen, daß für sie durch treue Mitarbeit an dem Werk der neuen Verfassung mehr als durch Groll und Widerspenstigkeit zu gewinnen ist, und die wilden politischen Wogen glätten sich ein wenig. Das ist der schönere Sieg Felix Notvests. Neben dem »Cato« sitzt der »Stier« von Reifenwerd, der Kommandant, im Verfassungsrat. Er fühlt sich darin als der berufene Anwalt des Bauernvolkes, das bei der Neuordnung der Dinge nicht verkürzt werden soll. Seinen besonderen Haß hat er auf die mächtig ins Land dringenden Pläne für den Bau neuer Eisenbahnen geworfen. »Gotts Himmelsakrament! Muß denn jedes alte versteckte Nest seinen Bahnhof erhalten!« Wie ein Hagelwetter fährt sein Wort in die Spiegelfechtereien der Advokaten und Streber, die sich die Wahlgemeinde gefügig machen, indem sie ihnen Stationen an den kommenden Eisenbahnen versprechen. Man bewundert seine knorrige Aufrichtigkeit, lächelt aber auch über die Eitelkeit, daß er sich so häufig wie möglich mit seiner schönen Tochter zeigt und sie Freunden und Bekannten vorstellt. »Das ist meine Judith!« spricht er dann voll Vaterstolz, und seine grauen, großen Augen unter den buschigen Brauen leuchten warm. Heute hat er, wie es oft geschieht, den Pfarrer eingeladen, mit ihm auf dem Bernerwägelchen aus der Stadt nach Reifenwerd zurückzufahren. Sie sind zwar nicht in allen politischen Fragen einig, aber doch Freunde. Nie ist Felix Notvest das rötlichbraune, eherne Gesicht des soldatischen Bauern so hager und eingedorrt erschienen wie jetzt, das Stück Unterlippe, das zwischen den Flügeln des großen, grauen Schnurrbarts sichtbar ist, so zerquält und zerbissen. Ihm schwebt eine vorwurfsvolle Frage auf der Zunge: Ihr habt also der Lony immer noch nicht geschrieben? Er schweigt aber, denn wenn der Kommandant nicht von selber mürbe wird, so hilft kein Zureden! Schon rollt das Wägelchen die Steige hinunter. Vor den beiden Volksmännern liegt Reifenwerd im Abendsonnenglanze. Jenseit des mit Obstwäldern umgebenen Dorfes ragen über die Steildächer der ehemaligen Abtei zwei aus Backsteinen gebaute neue Kamine in die Luft, und ihre langen, schwarzen Rauchfahnen werfen fließende Schatten in die sonnige Landschaft. »Hauptmann Fürst baut ja wieder wie besessen!« knurrt der Kommandant. »Die beiden Schornsteine könnten mir Reifenwerd verleiden. Fürst schert sich um das in Aussicht stehende Fabrikgesetz keinen Pfifferling.« »O doch,« erwidert der Pfarrer lebhaft. »Er weiß es so gut wie die anderen Fabrikanten, daß die Baumwollspinnereien von dem Tage an, wo der Kinderschutz eingeführt ist, aufhören, die Goldgruben ihrer Besitzer zu sein, und nur noch einen bescheidenen Nutzen abwerfen. Er ist aber gescheiter als sie mit ihrer leeren Drohung, vor dem Gesetze aus dem Lande zu wandern.« »Eben, eben,« spricht der Kommandant grimmig, »zu seiner Baumwollspinnerei baut er jetzt eine Maschinenfabrik. Es wird in unserer Gemeinde stets schöner.« »Nun,« meint Felix Notvest, »ein Stamm geschickter, wohlgelöhnter, selbstbewußter Metallarbeiter wird dem Dorfe besser als das ärmliche Spinnervolk anstehen.« »Reifenwerd stehen nur die Bauern an!« grollt der Kommandant zornig. »Zum Teufel mit dem Fabrikgesetz, wenn es nur dazu gut ist, unser Dorf mit noch mehr Dienstleuten Rudolf Fürsts zu füllen!« Bei dem Angriff auf seine Lieblingsschöpfung blitzt es im Auge des Pfarrers kampflustig auf. »Haben Sie gehört,« versetzt er, den Kommandanten scharf anblickend, »daß Rudolf Fürst vor vierzehn Tagen in Lyon gewesen ist und mit Direktor Karl Wehrli einen Vertrag abgeschlossen hat, der ihm allein das Recht giebt, in unserem Lande die Wehrli-Webstühle herzustellen?« Fast unmerklich läuft ein Zittern über das Gesicht des Kommandanten. »Es muß doch etwas Sonderbares in der Brust Rudolf Fürsts vorgegangen sein,« fährt der Pfarrer lächelnd fort, »als ihm sein ehemaliger schlichter Angestellter die Bedingungen des Vertrages, bei dem es sich um Hunderttausende von Franken handelte, auseinandersetzte. Aber wer beugt sich nicht unter die Thatsachen und den Erfolg?« »Ich beuge mich nicht,« knurrt der Kommandant, »es fiele mir leichter, an Lony zu schreiben, wenn sie das Weib eines armen Mannes wäre. Aber jetzt hat sie mich ja nicht nötig! Wehrli ist grad so einer wie Rudolf Fürst!« Das Wägelchen hält vor dem Pfarrhaus. »Herr Kommandant, darf ich Ihnen einen Rat in Ihr Heim mitgeben?« erwidert der Pfarrer; »warten Sie mit einem Brief an Lony nicht, bis Sie das Schicksal beugt. Und Karl Wehrli verwechseln Sie nicht mit Rudolf Fürst; der erfolgreiche Erfinder ist ein Fabrikant mit dem Wappen der Herzensgüte, sein Ruf auf dem Gebiet der Arbeiterwohlfahrt ist nicht kleiner als der seines technischen Genies. Er hat das Wort geprägt: Kinderarbeit und überlange Geschäftszeiten sind die Jugendkrankheit jedes Industrievolkes. Je rascher es sie überwindet, je glücklicher das Land! Es ist unsere geflügelte Losung geworden.« Etwas ungeduldig hört ihm der Kommandant zu. »Ich mache noch einen Halt ›im Hirschen‹!« lenkt er das Gespräch ab. Die beiden Männer trennen sich. »Kommandant, du bist ein armer Mann, dich stößt dein eigenes, stolzes Bauernhaus ab!« denkt der Pfarrer, »sonst gingest du nicht zuerst zum Wirt!« Felix Notvest tritt noch einen Trostgang an in die Wohnungen jener armen Spinnerfamilien, in denen Armut und Krankheit zu Hause sind. »Geben Sie nicht mehr an die Leute weg, als Sie selber besitzen,« ermahnt die treubesorgte Haushälterin Frau Wehrli sorgenvoll den Pfarrer. »Ich bin noch lange nicht der Ritter St. Georg,« lacht Felix Notvest, »den Mantel habe ich noch nie mit den Armen geteilt!« Der Kommandant aber sitzt als einziger Gast im Hirschen. »Überall, sei's ehrlich, sei's hinterhältig, spricht man mir von Direktor Wehrli! Ich bin wie der Narr im Spiel!« Gedankenabwesend starrt er ins halbvolle Glas. Das ist eine Gewohnheit, die langsam über ihn gekommen ist. Manchmal bewegen sich dann seine Lippen unter dem grauen Schnurrbart und er stößt irgend ein abgerissenes Wort hervor. Dann blicken die grauen Augen auf und er ist wieder bei der Welt. Ein Kratzen an der Thüre weckt ihn aus seinen Gedanken, Barry, der ausgekundschaftet hat, daß sein Herr im Dorf ist, springt mit freudigem Winseln an ihm empor, und seine Augen leuchten beim Anblick des Hundes aus. Das Tier wedelt mit dem buschigen Schweife, es ist, als ob seine Blicke den Herrn fragen: »Willst du nicht heimkommen?« Ja, wenn er im Hause den Frieden hätte! Hier aber kann er so schön von Lony träumen. Das thut ihm so wohl. Er sieht sie, wie sie nach einem fröhlichen Nachtwerk im roten Licht der aufgehenden Sonne mit der Jugend des Dorfes am Waldrand des Rebberges steht und mit ihrer Glockenstimme das Lied anstimmt: »Unsere Berge lugen ins Land.« – Seit ihm der Pfarrer den Brief gezeigt hat, ist er voll brennenden Heimwehs nach ihr, und die wandernde Zeit macht es nicht kleiner, es wächst und wächst, es ist eine zehrende Flamme. »Und sie hat das gleiche fressende Heimweh nach mir, wie ich nach ihr! – Lony – Lony – wie seltsam ist es, daß wir nicht zusammen kommen können!« murmelt er. Da tritt der Hirschenwirt in die Stube, später der dickköpfige Säckelmeister, man spricht über die Angelegenheiten der Gemeinde, dann ziehen andere Gäste den Kommandanten in ein Kartenspiel, bis er sich in der einbrechenden Dämmerung endlich an Barry wendet: »Gelt, wir werden heimgehen müssen!« »Was ist auch das für eine Ordnung, Hans Ulrich, daß du den Weg ins Haus nicht mehr findest und zuerst das Roß ein paar Stunden vor das Wirtshaus stellst, ehe du zu den Deinen kommst,« klagt und zürnt die Kommandantin bei seinem Eintritt ins Haus und hat die rötlichen Flecken der Leidenschaft auf den Wangen. »Ich möchte dich nur wieder einmal auf dem Acker sehen, müssen wir uns nicht vor den Leuten schämen, daß wir mit den Feldwerken hinter ihnen bleiben. Wohin soll das führen, Hans Ulrich?« Der Kommandant liebkost in düsterem Schweigen Barry und überlegt. »Wer hat gewollt, daß ich Großrat werde? – Du, Susanne, du,« bricht er dann los. »Ich kann die Ämter jetzt doch nicht aufgeben und die Eisenbahn über Reifenwerd bauen lassen, wie der Hauptmann es wünscht. Aber es kommt jetzt anders. Ich stelle einen jungen Oekonomen zur Leitung der Feldarbeiten ein.« »Vater,« mengt sich Judith ins Gespräch, »ich würde nicht zu stark gegen die Eisenbahn anstreiten. Ich habe es schon lange gemerkt, daß die Dörfer im stillen die Bahn doch wünschen, sie hat überall, selbst in Reifenwerd, mehr heimliche Anhänger, als du denkst.« »Judith – Judith,« zürnt er drohend, »was redest du in meine Angelegenheiten.« »Ich bin erwachsen,« erwidert sie mit schmollendem Lachen, »ich habe gute Augen und sage gern die Wahrheit!« Da gefällt ihm seine schöne Tochter mit den heidelbeerschwarzen Sternen doch wieder, es klingt so hübsch und frisch, wie sie spricht. Einige Tage später ist Franz Wohlgut, der junge Ökonom, da, der, wenn der Herr Großrat in den Sitzungen oder auf gemeinnützigen Fahrten ist, die Arbeit auf dem Heimwesen leiten soll. Er trägt Rohrstiefel, einen grauen Anzug mit grünen Rändern und Manschetten, auf die er sich dann und wann etwas mit dem Bleistist notiert. Leichtbeweglich, schnell und sicher greift er bei der Arbeit zu, ist freundlich und bescheiden und wäre ein hübscher junger Mann, wenn er nicht auf der einen Wange eine Narbe mit häßlichen Rändern sitzen hätte. »Das Mal ist abscheulich,« wendet sich Judith an den Vater und spreizt abwehrend die Hände; »nein, neben dem arbeite ich nicht!« »Es ist nicht nötig, daß du ein Vergnügen an Franz findest, nur daß du höflicher mit ihm bist als mit einem Knecht, wünsche ich; er hat studiert und richtet uns jetzt eine Buchführung ein, wie sie auch einem rechten Bauernwesen wohl ansteht, und im Rebbau und in der Obstveredlung soll er ein wahrer Meister sein!« Judith lacht, wie der Vater seinen Stellvertreter rühmt. »Ich soll den Obstveredler doch nicht etwa heiraten?« erwidert sie lustig. »Nein, aber sonst dazu schauen, daß du einmal unter die Haube kommst. – Immer Anbändeleien; aber zur Verlobung mit einem jungen Bauern aus gutem Haus bringst du es nicht. – Das kommt von deinem Hochmut – es ist eine Schande und ein Spott!« Beleidigt bricht Judith in bitterliches Schluchzen aus: »Soll ich einen Fabrikarbeiter nehmen wie die Lony?« »Judith, so böse ist ja die Sache nicht gemeint,« versetzt der Kommandant begütigend und streichelt sein weinendes Kind. Er kann nun ruhigen Blutes im Lande herumfahren, der große Wortführer der Bauernsache sein und den Bau der Eisenbahn bekämpfen, er kann auf seinen einsamen Fahrten ungestört an Lony denken, und vielleicht spürt er, daß es noch mehr als die Politik die Sehnsucht nach seiner Ältesten und das schlechte Gewissen ist, die ihn ruhelos durch die Dörfer treiben. Franz sorgt daheim. Nach etwa vierzehn Tagen sagt er aber: »Es muß an Franz doch ein falsches Härchen sein. Sobald er kommt oder geht, knurrt Barry. Der Hund will sich nicht mit ihm vertragen.« Wie er selber der Thüre den Rücken wendet, macht Judith, den Blick vielsagend zur Mutter gerichtet, mit dem Finger das Zeichen eines Ringes an die Stirne. »Merkst du nichts, Mutter? Der Vater spinnt. Jetzt soll ein Kalfakter von Hund, wie unser Barry, die guten und bösen Eigenschaften der Menschen herausriechen!« Der Kommandant spinnt ein wenig. Selbst dem Pfarrer fällt im Ratssaal manchmal das nach innen gewandte Wesen des Mannes auf, den er als junger Verweser so kraftvoll und kernfröhlich gesehen hat. Allein auch über das Haupt Felix Notvests ziehen die dunkeln Wolken heran, bittere Tropfen fallen in den überschäumenden Becher des Erfolgs. Es ist, als müsse seine Liebe zu Christli welken, ohne daß sie je Wort gewonnen hat. Das seltsame Kind vermeidet es, so viel es kann, ihm zu begegnen, besonders, wenn es unter vier Augen geschehen könnte, und besucht seine Mutter, wie er wohl merkt, mit Vorliebe an den Tagen und Stunden, an denen ihn Sitzungen vom Pfarrhause fernhalten. Wenn er sie dennoch einmal überrascht, ein jähes Erschrecken, ein tödliches Verlegensein. Darin liegt etwas wie Selbstanklage, das Eingeständnis, daß sie ihren Lehrer Cella liebt. Er aber kann seinen Hoffnungstraum begraben. Sein schwerstes Leid ist indessen die stets tiefer fressende Entfremdung von seinen Eltern. Der ehrfurchtgebietende Vater, die feine, herzensgütige Mutter kränken sich bis in den Tod, daß ihr einziger Sohn, der Sprosse eines der angesehensten Geschlechter, den sie fern von den verderblichen Einflüssen der Welt in christlicher Liebe für das sanfte Amt eines Pfarrers erzogen haben, unter die Neuerer gegangen ist und an ihrer Spitze steht. Dazu tritt jetzt die Frage nach der Abschaffung der lebenslänglichen Ämter ernst in den Vordergrund und füllt die Verhandlungen der Räte. Hunderte von Amtsbrüdern erwarten von ihm, dem Volkstribunen, dem Sohn des Antistes, in grenzenloser Sorge und Spannung Hilfe und Rettung. Er soll seinen mächtigen Einfluß dafür verwenden, daß sein Stand nicht den Launen der Volksgunst ausgeliefert werde, und ihnen die Lebenslänglichkeit des geistlichen Amtes in der neuen Verfassung sichern. Ist er aber für die Lebenslänglichkeit der Beamtungen seines Standes, dann wird der Hohn der politischen Gegner furchtbar über ihn hereinbrechen. »Seht,« werden sie ihm zurufen, »wie der uneigennützige Volksführer auf feinen eigenen Schutz bedacht ist!« In der eigenen Partei wird ein großer Abfall von ihm sein. Spricht er sich gegen das Privilegium der Geistlichkeit aus, so schreien ihm seine gehetzten, geängstigten, empörten Amtsbrüder das Wort »Judas« zu. Sie drängen, daß er handle und Farbe bekenne, und es hat sich unter ihnen bereits eine wühlende Gegnerschaft gebildet, die sein Zaudern zum Gegenstand ihrer Angriffe macht. Sie hat ihren Kern in der Stadt und ihren Herd in der Villa Venedig, wo die trauernde Witwe Sigunde Hohspang gute Freundschaft mit einigen Geistlichen hält. Mit allen Mitteln weiblichen Hasses und weiblichen Scharfsinns arbeitet sie an seinem Sturz, überall spürt er die Hand des rachsüchtigen Weibes. XX. Ja, Sigunde ist an der Arbeit! Mildes Dämmerlicht liegt über der Landschaft. Es gießt sich über die silbern erglänzenden Fluten des Sees aus und umfließt die ragenden Bäume in dem Parke der Villa Venedig, der schon so viele jubelnde Feste und Spiele gesehen hat. Heute sind die lauschigen Gänge an den Buchten still, nur ein Rauschen und Säuseln geht manchmal durch die Zweige. Langsam und feierlich senkt sich die Nacht. In ihrem Boudoir träumt Sigunde Hohspang. Die junge Witwe trägt das Gewand einer Dominikanerin, das fromme Lieblingskleid ihrer einsamen Stunden, aber alle die kunstvollen Werke, die durch die verständnisvolle Liebe des Präsidenten zusammengetragen worden sind, die farbenfrohen Gemälde, die edlen Erzeugnisse handwerklicher Kunst, die das reiche Gemach schmücken, scheinen ihr heute fremd und kalt. Sie bannen die Leere nicht, die ihr aus allem entgegenstarrt, auch in ihr regt es sich heute wie ein scheues, leises Flüstern, und Stimmen, die lange geschwiegen haben, werden in ihr laut. Mit einem Seufzer tritt sie endlich von dem Fenster. Nun scheiden sie großfaltige Vorhänge von dem schwermütigen Weben da draußen, und das Licht der schlanken Ständerlampe, das ein leichter Schirm von roter Seide zu warmen Tönen dämpft, ergießt sich durch das trauliche Gemach. Sie will sich nicht von jener herben Stimmung überwältigen lassen, und mit einer kurzen trotzigen Bewegung, die seltsam absticht von dem Kleide der Demut, das Sigunde trägt, wirft sie den blonden Kopf zurück. Ein harter Zug liegt um ihre Lippen und löst sich erst wieder, als ihr Blick auf das prächtige Gemälde fällt, das über dem Kamine hängt: ein Kinderköpfchen, – das Bild ihres Sohnes. Nun sitzt sie auf einem der weichen Polsterstühle und starrt hinauf in die Züge dieses einzigen Wesens, das sie wahrhaftig und mit der ganzen Kraft ihrer wilden und zügellosen Seele liebt. Lange träumt sie vor diesem Lockenköpfchen, bis ihre Gedanken wie unter dem Drange stärkerer Mächte abirren und wieder nach jenen Kreisen treiben, vor denen sie in den warmen Schein des Lampenlichtes floh. Glück! – Glück! – Mit geöffneten Lippen sieht sie ins Weite, und wie ein Zug von eilenden Gestalten gehen durch ihr Träumen alle jene, die ihr nahegekommen waren in ihrem jungen Leben. Und wieder, wie so oft schon, bleibt auch heute ihr Sinnen bei den Gedanken an einem haften: Felix Notvest. »Glück wäre es gewesen, wenn du das Weib Felix Notvests hättest werden können!« Wie im Traume hat sie es selbst gesprochen; aber wie wenn eine andere Stimme es gesagt hätte, so erschrickt sie über ihre eigenen Worte, von denen sie fühlt, daß sie aus dem tiefsten Grund ihrer Seele kommen. Lange hat sie gekämpft dagegen. Nun weiß sie es; seit sie den starken Mann und Geliebten verloren hat, schreit ihre Seele nach ihm. Sie schreit nach dem Manne voll Illusionen. Solange sie seine Braut gewesen ist, hat Sigunde ihn geliebt, wie man einen stattlichen, achtbaren Mann liebt, nun ist es anders! Da ist Felix Notvest, der Volksführer! Da ist Glaube, Kraft und Größe! Da ist einer, der alle die anderen um Haupteslänge überragt! Die anderen, was waren sie denn? Da war Alfred, ihr Gatte, ein Alltagsmensch, zu mittelmäßig und zu nichtig, um gut oder schlecht zu sein, da war ihr Bruder Rudolf, ein kühler Rechner und ein zäher Streber auf der Jagd nach der Million! Da war der Präsident, ein glatter Weltmann mit verbindlichem Lächeln und vollkommenen Manieren. Und so wie diese waren sie alle! Aber Herz? Größe? – Und wieder denkt sie an Felix Notvest, den Träumer, an den gläubigen Mann, und stärker denn je fühlt sie, daß sie ihn noch liebt. Wie ein Stachel sitzt ihr diese Liebe im Fleische, denn sie weiß es: er ist fertig mit ihr geworden, sie ist ihm nichts mehr – er verachtet sie. Scharf und klar tritt ihr wieder jenes Bild vor Augen, das sich ihr unten im Parke bei dem Therebinthenbaume so haßvoll eingeprägt. Wieder sieht sie ihn vor sich stehen, kämpfend und ringend mit der Versuchung, und wieder fühlt sie wie damals, daß ihr nur eine den Sieg entrissen hat: die kleine Spinnerin. Eine jähe, herzlose Grausamkeit zuckt durch ihre Züge, und ihre ganze Haltung strafft sich. So steht sie nun da, erfüllt von einem einzigen Gedanken: Rache zu nehmen an ihm, an jenem Kinde, das es gewagt hat, dem Siegeslauf ihres Glückes in den Weg zu treten, an Christli. Ein fieberndes Jucken zerrt um ihre Lippen, wie sie so mit starrem Blicke vor sich hin sinnt, und ihre Finger nesteln in unruhigem Spiel an den niederhängenden Schnüren, die ihrem Kleide als Gürtel dienen. Sie langt nach einem Schriftstück, das vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. Es weist nicht ihre eigenen, zugleich schwungvollen und zierlichen Züge, sondern die eilfertigen Haken eines Mannes, der schnell und viel zu schreiben gewohnt ist, eine Schrift, die gegen ihren weiblichen Schönheitssinn geht. Ihre Augen streifen nur wenige Sätze der Arbeit, die sie bereits am Nachmittag beschäftigt hat: »Das als geschichtliche Erscheinung merkwürdige Amt des Antistes, das seinen Träger mit dem Gewissensrechte und der Gewissenspflicht ausrüstet, die hohen und niederen Behörden im Namen der Landeskirche zu überwachen, zu ermahnen, ja selbst das Veto gegen ihre Beschlüsse einzulegen, wurzelt in der Idee eines Gottesstaates, wie sie dem religiös ergriffenen Volk der Reformationszeit vorschwebte. Welcher Widerspruch gegen das Staatsgrundgesetz der neueren Zeit, das die Gewalten scheidet! Wir wollen das Amt, das eine Beleidigung für unsere Behörden ist, dahin verweisen, wohin es in seiner Überlebtheit schon lange gehört, in die Rumpelkammer der Landesgeschichte. Selbst Herr Pfarrer Felix Notvest wird uns zugeben müssen, daß die Abschaffung des Antistiums eine unmittelbare, selbstverständliche Folge der von ihm begonnenen und geleiteten Verfassungsumänderung ist.« Sigunde läßt das Blatt sinken, ihre ins Grüne spielenden Augen flammen wie die eines schönen Raubtieres auf. Der Aufsatz wird in einem Blatt der Partei Felix Notvests veröffentlicht werden. Der Sohn muß als der Feind seines Vaters erscheinen. Das ist gefädelt! – Alles in ihr ist Gier, Felix Notvest weh zu thun. Sie tritt wieder ans Fenster. Der weiche Schein des Mondes wiegt sich auf den Baumwipfeln des Gartens und breitet einen Streifen flüssigen Goldes auf die Stahlbläue des nächtlich erhellten Sees. Ihre Blicke gleiten suchend über den glanzvollen Spiegel, doch er ist leer. Sie träumt wieder. Da dringt ein leise aufzitternder Geigenton in das Gemach, sehnend wie ein flehender Liebesruf. Sigunde lauscht, und wechselnd wie ihre Gedanken jagt die Sprache ihrer Züge. Seltsam ergreift sie dieses sehnende Spiel. Es klingt an jene Saite, die in ihrem Innern nach Glück und Schönheit schreit, und eine Wallung von heißer Dankbarkeit drängt sich in ihr auf gegen den, der da kommt, sie aus dem Banne furchtbaren Grübelns zu erlösen, gegen Fredy Cella. So tritt sie ans Fenster, und in stummem Lauschen blickt die hochaufgerichtete Gestalt nach dem Nachen, der unter dem Drucke sicherer Ruderschläge über den silberklaren See herübertreibt, und von dem jene bestrickenden Geigentöne klingen. »Guten Abend, Maestro!« ruft sie, als die Töne verklungen sind, und winkend grüßt sie den Künstler, der sich, die Geige noch in Händen, im Boote neigt. Und wenige Augenblicke später steht Fredy Cella vor ihr und küßt ihre Hände und blickt verzückt in die strahlenden Augen der schönen Frau, die ihm heute gütiger scheint und herrlicher denn je. »Meine herzlichen Glückwünsche zu Ihrer Tournee, lieber Freund,« sagt sie freudig. »Welche Erfolge! Die Zeitungen wühlen ja ihren Wortschatz aus, um Sie und Ihre Kunst zu feiern! Und meinen Dank für Ihre lieben Zeilen aus der Ferne, besonders aber dafür, daß Sie den Weg in die Villa Venedig so leicht wieder gefunden und daß Sie Ihr Kommen durch das herrliche Spiel auf dem See für mich zu einem doppelten Feste gemacht haben!« Beinahe zärtlich blicken ihre Augen auf den unter dem sanften Drucke ihrer Hand erglühenden Künstler. »So will ich,« sagt er, »denn in der Folge immer als armer Musikant über das Wasser kommen, wenn mir die Töne die Thür zu Ihrem Hause und zu Ihrer Güte leichter erschließen.« Flammend ruhen seine Augen auf der in Schönheit strahlenden, schmiegsamen Gestalt Sigundens, er möchte weiter reden, und heiße Worte wollen sich über seine Lippen drängen. Sie aber unterbricht ihn. »Nein – zuerst machen wir jetzt Tischlein deck dich! Auf wann haben Sie Ihre Rückfahrt angesetzt? – Auf Elf?« »Der Bursche, der mich überfährt, wartet nicht länger,« versetzt Fredy bedauernd, und mit einem leisen, schalkhaften Lächeln streifen Sigundens Augen die schmalen Künstlerhände Cellas, die es nicht wagen, die Ruder selber zu ergreifen. Sein Künstlerstern ist, seit er dann und wann Konzertreisen in die benachbarten Länder unternimmt, in raschem Steigen begriffen. Der unvergessene Ruhm seines Vaters öffnet ihm die Säle; wo er spielt, erwacht auch die Erinnerung an den Knaben und Jüngling, der ein gern gesehener Begleiter des gefeierten Virtuosen war, und er gewinnt die Herzen durch ein Spiel von wundersamer Vollendung, das er sich in einigen Jahren der Stille erworben hat, durch eine künstlerische Sprache, die allen Geheimnissen der Seele Worte leiht. Vielleicht auch durch seine persönlichen Vorzüge, durch den Reiz einer geheimnisvollen Vornehmheit, die sein Wesen wie seine Kunst so eigen umgiebt, als ob der Mann, dessen Vorfahren in der Stadt den ehrsamen Namen Keller geführt haben und schlichte Handwerker oder Krämer gewesen sind, sich in geeigneter Stunde als Kaiserssohn von Rußland oder Oesterreich offenbaren könnte. Keine Spur von künstlerischer Vernachlässigung, im Gegenteil eine gediegene Sicherheit des Auftretens, voll gesteigerten Selbstgefühls. Die ihm Freund sein wollen, müssen damit rechnen. Wer versteht den Ton, den er liebt, so zu treffen wie seine Herzensfreundin – Sigunde Hohspang. Sie liebt seinen herben Stolz, seine rührende Güte, und wenn er manchmal selbst an ihrer Seite in finsterer Traurigkeit brütet, entschuldigt sie ihn mit herzlichen Worten über seine freudlose Jugend an der Seite eines Vaters, der zwar ein Genie, aber nicht frei von häßlichen Fehlern war, und ihn erbarmungslos von Stadt zu Stadt, von Gasthof zu Gasthof, von Konzert zu Konzert schleppte. Da kam sie über ihn, die wortlose Traurigkeit, der unstillbare Durst nach der Zärtlichkeit einer Frauenseele. Die beiden sitzen beim ausgesucht köstlichen Mahle, er muß noch einmal von seinen Reisen erzählen und von seinen Erfolgen in allen den Städten, in denen er gespielt hat. Glitzernd perlt der Schaumwein in den feingeschliffenen Gläsern, und während diese in hellem Tone aneinander klingen, ruhen Sigundens Augen verheißend in den seinen. »Auf Ihre Zukunft, auf Ihre weiteren Erfolge!« sagt sie, und wie sie dann das Glas hinsetzt und einen Pfirsich aus dem prächtigen Fruchtkorbe nimmt, fragt sie: »Haben Sie schon bestimmte Pläne gefaßt für die nächste Zeit, Fredy?« »Pläne?« Er sieht sie an und seine Augen sagen mehr als seine Worte. »Im Spätherbst muß ich wieder fort auf eine größere Tournee, bis dahin will ich hier bleiben – wenn ich darf. Ein Konzert werde ich geben in dieser Zeit – Fräulein Wehrli soll zum erstenmal darin mitwirken. Schon vor meiner Reise hat sie zugesagt.« Über Sigundens Züge ist es wie ein starres Staunen gezogen. Nun aber bricht sie los: »Die Spinnerin?!« Ganz entstellt sind ihre Züge vor Haß und eifersüchtiger Glut. Ihr ist es, als stehe wieder wie damals an jenem Morgen, da sie das Verlöbnis mit Felix Notvest löste, die Gestalt Christlis als unsichtbare Feindin ihr gegenüber. Maßlos drängt sich der Haß gegen jene in ihr hervor. »Sie lieben also diese Spinnerin?! O, sagen Sie es nur offen – Sie lieben – –« Da stürzt ihr der Künstler zu Füßen, er umklammert ihre Kniee und bedeckt ihre Hände mit glühenden Küssen. Sein Mund stammelt kaum verständliche Worte, aus denen nur immer heiß, wie ein Schrei nach Erhörung der Name Sigunde klingt. Und erst nach und nach findet er sich selbst wieder. »Nur dich liebe ich, Sigunde – dich allein! Du hast mich hergezogen, weil ich ohne dich nicht leben kann, du bist die Göttin meiner Kunst, meines Könnens, meines ganzen Seins! Was ist mir Fräulein Wehrli gegen dich! Eine Künstlerin – ja – aber du – nein – wenn du es nicht willst, so werde ich sie nicht spielen lassen in dem Konzerte – ich – –« Still und hoch aufgerichtet hat Sigunde bisher niedergeschaut auf den im Liebestaumel ringenden Künstler. Nun plötzlich geht bei seinen Worten ein Leuchten über ihre Züge. Nur einen Augenblick lang flackert es in ihren Augen, lauernd und triumphierend zugleich. Dann sagt sie: »Fräulein Wehrli soll spielen!« »Sie soll – –?« Wirr blickt Fredy auf sie, die noch eben sich aufgebäumt hat gegen den Gedanken, den sie nun vertritt. »Ja!« sagt Sigunde, und ihre Hände streichen über das Haar des Künstlers zu ihren Füßen. Wie ein Schauer geht es über ihn. »Sigunde, was du willst, geschieht – –!« Da beugt sie sich plötzlich nieder, und ein glühender Kuß brennt lodernd auf seinen Lippen. Wankend vor Glück erhebt er sich, er will die heißbegehrte Frau in seine Arme schließen, er will durstig das Glück genießen, das er so lange und sehnend begehrt und das sich ihm bisher so qualvoll versagt hat. Da tönt vom See der langgezogene Ruf des Schiffers, der zur Abfahrt mahnt. Sigunde aber wehrt seinem heißen Drängen. »Nach dem Konzerte wollen wir uns wiedersehen, Fredy!« ruft sie. »Nach dem Konzerte, in dem Fräulein Wehrli ihre Kunst zeigen wird!« Taumelnd vor Glück scheidet Cella. Und während das Boot, das ihn über den See trägt, die dunkel schimmernden Wogen durchschneidet, steht oben im Rahmen des Fensters hoch aufgerichtet eine Frau. Sie trägt das Kleid der Dominikanerin, aber ihr Antlitz spricht von erbarmungslosem, siegessicherem Triumphe. Sie winkt noch einmal flüchtig auf den lichten See. XXI. Von der Stadt streicht der Frühlingswest über die Anhöhe der Steige hinüber ins Thal der Reif. Am sonnigen Weinberg stehen die Bauern und stoßen mit schweren Fußeisen die Stäbe zu den Reben, an denen die Frauen die Schosse schneiden. Der Kommandant arbeitet mit den Seinen, zwanzig Schritte vorwärts die Frauen, weiter zurück er allein. Franz Wohlgut ist mit den Knechten irgend anderswo beschäftigt. Jetzt hat er sich mit Frau und Tochter zum vormittäglichen Zwischenbrot gesetzt und sein Blick geht auf das freundliche Dorf, auf das anmutige Thal, in dem die Saaten ergrünen. Hoch am Himmel schmettert die Lerche freudvoll, über die mürbe Erde dahin eilen die rotgetüpfelten Marienkäfer und der Vrodem steigt wonnig aus der Scholle. Das Gesicht des Kommandanten aber ist griesgrämig. Ärgert ihn das herrschaftliche Gefährt, das auf der Landstraße rollt und jetzt vor dem Thor des Schlößchens Reifenloh hält? Vielleicht auch ein wenig. Er brummt: »Was Sigunde Hohspang wohl für einen Narren durch die Welt führt?« Vor allem kränkt ihn das sonderbare Bild auf dem Felde. Von einem Ende der schönen Thalmulde zum anderen zieht sich eine Reihe von Stangen, an denen rote Fähnchen flattern, und verliert sich in der Richtung der Stadt in einem Nebenthälchen der Reif. Die Ingenieure, die Steckenmännchen, wie er sie verächtlich nennt, laufen quer durch die Äcker. »Vater, habe ich es nicht gesagt, daß die Eisenbahn doch kommt?« spöttelt Judith. O, der Kommandant weiß es wohl, daß er sich mit seinem Kampf gegen die Eisenbahn verrannt hat, daß sein Ansehen darunter gelitten hat und man im Land über den viereckigen Bauernkopf lacht, der sich der Lokomotive entgegenstemmen wollte. Wie ihn das ärgert! »Ich sage nichts mehr,« erwidert er gedrückt, »mir scheint, Gott will unsere schöne Bauerngemeinde verderben. Ich aber weiß, was ich thue. Von der Politik habe ich genug. Wenn die Frühlingsarbeiten beendet sind, reise ich nach Lyon, ich sage: ›Grüß Gott, meine Lony!‹ Ich bleibe eine Weile dort, und der alte Franzose, dem ich ›Bonjour‹ sagen werde, soll nicht mehr spotten, ich gleiche ihm nicht.« Herbinniges Leuchten geht über das Gesicht des Kommandanten. »Wo hast du auch den Charakter, Hans Ulrich?« fragt die Kommandantin mit heimlicher Schärfe der Stimme und brennenden Augen, »glaubst du, es thäte nicht auch uns um die Lony weh? Aber sie soll zuerst den Kopf brechen, sie soll uns entgegenkommen. Ja, dir käme sie schon! Die Mutter aber ist auch da! Hat sie in jenem Brief, den du gesehen hast, ein einziges liebes Wörtchen von mir geschrieben?« »Du bist jetzt gar ein leidenschaftlicher Teufel, Susanne!« versetzt der Kommandant grimmig. »Es war doch ein anderes Schaffen, meine ich, als die Lony noch dazu half und sang. Judith steht ja wie ein Seufzer in den Reben.« Knirschend geht er an die Arbeit zurück. »Siehst du, wie der Vater spinnt!« flüstert Judith der Mutter zu. »Ach,« lächelt diese, »ein Bauer von Reifenwerd kommt nicht so leicht nach Lyon.« – – Jedenfalls ist er unverträglich gegen die Seinen. »Ho!« knurrt er, wie er in den nächsten Tagen einmal aus dem ›Hirschen‹ heimkommt, »du kannst dich, mein' ich, an Franz gewöhnen, Judith, dazu habe ich ihn eigentlich nicht angestellt, daß du mit ihm Klavier spielst und er mit dir singt.« »Nur keine Sorge, Vater!« versetzt Judith lustig, »er ist ja doch nur ein besserer Knecht!« »Ja, mir kann der Oekonom viel zu viel,« knurrt er, »und dir ist die Arbeit ein Ueberdruß!« Wie Judith allein ist, weint sie still und heiß. Auch ihr kann der Oekonom nur viel zu viel. O, wenn sie es dem Vater bekennen dürfte, warum sie wie ein Seufzer in den Reben steht. Allein sie darf es nicht einmal der Mutter verraten. Franz hat sie im Winter aus einer großen Verlegenheit erlöst und jetzt in eine noch größere geführt. Eine Schneiderin in der Stadt drängte auf die Bezahlung einer ansehnlichen Rechnung, von der der Vater glaubte, sie sei längst beglichen, wahrend sie das dafür bestimmte Geld zu anderem Putz gebraucht hat. Sie durfte es nicht darauf ankommen lassen, daß der Vater, der Kommandant, eine amtliche Mahnung erhielte. Die Schande, das Donnerwetter! Da wandte sie sich an Franz, den vielseitigen, höflichen und zuvorkommenden Stellvertreter des Vaters, und bat ihn um Rat. Franz Wohlgut reinigte seine Brille und blinzelte sie verständnisvoll an; dann sagt er: »Das ist schwierig, Fräulein Judith, aber in der Stadt giebt es Leute, die einer reichen Bauerntochter gegen Unterschrift und Zins Geld borgen. Ich will die Angelegenheit an die Hand nehmen.« Stets sieht sie jetzt das verschlagen lächelnde Gesicht, das er damals gegen sie wandte, sie aber war die grenzenlose Thörin und nahm das Angebot dankend an. Eines Tages, als sie allein im Hause war, führte Franz ein verkniffenes, glatzköpfiges Männchen her, das mit einer widerlich hohen Stimme sagte: »In dieses schöne Haus zu kreditieren, ist eine große Ehre für mich. Sie brauchen nur zu unterschreiben, Fräulein.« Sie gab die Unterschrift, sie bekam das Geld, sie ließ durch Franz die Schneiderin bezahlen und schenkte ihm einen ansehnlichen Betrag für den Liebesdienst. Seither ist sie die Gefangene des Ökonomen. Wenn sie nur das Geld zurückbezahlen, die Geschichte aus der Welt schaffen könnte! O, dann wollte sie gern arbeiten wie eine Magd. Es kommen Stunden, in denen die schöne Judith nicht mehr lacht, in denen sie, am Klavier sitzend, mit leichtsinniger Tanzmusik das Grauen, das sie überlaufen will, betäubt. Das Grauen überläuft Judith dann, wenn der Ökonom sie manchmal so vielsagend anlächelt und nach ihr blinzelt. Wie stolz sie auch sein mag, versteht sie dieses Lächeln und Blinzeln, sie muß es verstehen und dulden, daß er, wenn sie einmal allein sind, zutraulich mit ihr spricht, und mit welcher Schlauheit sie ihm auch ausweicht, er ist der zehnmal Schlauere und legt sie stets neu in seine Schlingen. Sie ringen miteinander, heimlich und stumm, und wenn das Spiel nicht ihren Stolz empfindlich verletzte, würde sie es kurzweilig finden. »Ihr seid aber frech!« versetzt sie schnippisch und wütend. »Fräulein Judith,« scherzt er, »es ist ein Gefallen den anderen wert!« Im Heimlichen nimmt Judith seine Dienste wieder in Anspruch. Es ist so verführerisch leicht. Er trägt ihre Unterschrift in die Stadt, und das Geld ist da, man kann sich mit den Ausgaben dehnen und strecken und ist nicht mehr ganz auf die Launen eines Vaters angewiesen, der manchmal ebenso knausern kann, wie er sonst freigebig ist. Franz erhält für seine Dienste manches schöne Trinkgeld, und es giebt Zeiten, wo sie ihm die Hand, die er tätscheln will, nicht entzieht. Wenn die Mutter es entdeckt, so bricht sie wohl mit einem scharfen Tadel los, Judith aber entschuldigt sich: »Das ist ja nur Scherz!« In den Augen Franz Wohlguts aber ist es bitterer Ernst. »Bedenken Sie, Judith,« flüstert er lächelnd siegesbewußt, »daß die Scheine doch einmal geordnet werden müssen. Wie unauffällig könnten wir es thun, wenn Sie mir die Hand reichen wollten. Wer schaut uns nach der Hochzeit in die Rechnung!« »Woher nehmt Ihr die Frechheit, so mit mir zu sprechen?« fragt sie verächtlich. Sie stampft vor Wut. Aber Franz weiß, wie man Vögel zähmt. »Es ist da ein Brief aus der Stadt an mich gekommen!« Er entfaltet ihn und legt ihn auf den Tisch vor sie hin. »Der Vater kann ja jeden Augenblick in die Stube treten!« flüstert sie entsetzt. »Franz, lieber Franz, mache mich nicht unglücklich!« Sie umhalst ihn wie ein Kind, das eine Züchtigung von sich abwenden will. »Lieber Franz, ich will mir alles überlegen.« In den heidelbeerschwarzen Augen steht die Furcht der Hilflosigkeit. Mächtig klopft das Gewissen an die Brust Judiths. »Das hast du an Lony verdient!« schreit es, »an der alten Frau Wehrli!« Sie spielt wieder auf dem Klavier. Das erleichtert das Gemüt. Bei ihrem ersten Ton geht ein Fluch über die Lippen des Kommandanten. Er rechnet mit zähem Eifer in den Ein- und Ausgangsbüchern der Wirtschaft, die Franz führt. So that er schon gestern und vorgestern, vor den Einträgen und Zahlen, die blitzsauber die Seiten füllen, verbeißt er sich in eine stille Wut. Er kann das nicht finden, was er sucht. »Leidest du an der Zahlenkrankheit?« lächelt Frau Susanne kühl, »ich meine, wir wollen jetzt doch lieber Imbiß halten!« Der Kommandant knurrt: »Nein, ich rechne aus Mißtrauen gegen Franz! Der Ökonom giebt es mir zu vornehm, und obgleich ich ihm jeden Monat einen ansehnlichen Posten bezahle, langt das, was ich ihm gebe, nicht für seine Anschaffungen, und manchmal läßt er ja noch Geld bei mir stehen. Im Winter ein neues Gewand, eine Pelzmütze und Rohrstiefel, dann einen Mantel, jetzt wieder ein neues Gewand und eine schwersilberne Uhr. Man kann's ja nachrechnen, was das kostet!« »Er hat vielleicht von früher her etwas Geld,« versetzt Frau Susanne. »Der ist von früher her arm wie eine Kirchenmaus,« antwortet der Kommandant. Es ist gut, daß er das blasse, gequälte Gesicht seiner schönen Tochter nicht sieht. »Ich komme ihm schon noch auf die Fersen!« brummt er. Er stellt aber die Fallen seiner Bauernschlauheit umsonst, und eines Tages wendet sich Franz Wohlgut vor Frau Susanne und Judith mit einem Gesicht voll ehrlicher Entrüstung und verhaltenen Spottes an den Kommandanten: »Ich habe dieses Mißtrauen satt. Entweder glaubt Ihr an meine Redlichkeit, oder ich gehe!« Der Kommandant muß sich ins Unrecht setzen. »Ich bin selber ganz verwundert, wie geschickt und gewandt Ihr im Wirtschaftswesen seid. Es wäre mir nicht recht, wenn Ihr ginget. Also bleibet herzhaft da!« spricht er begütigend. Judith krampft sich bei diesen Worten die Brust. Sie starrt durch das Fenster in den blühenden Mai. Ein sonderbarer Rettungsgedanke zuckt ihr durch die Stirne unter den dunklen Ringeln. Sie will sich in einem heimlichen lieben Brief an Lony wenden und der Schwester das Unglück entdecken, in das sie durch ihren Leichtsinn geraten ist. Wenn es einen Gott im Himmel giebt, wird ihr Lony aus diesem Elend helfen. Zu solchen Plänen demütigt sich die stolze Judith. Während sie durchs Fenster blickt, geht draußen müden Schrittes der Pfarrer vorbei. »Meine Güte,« spricht sie, ihre Sinne mit Gewalt von sich selber auf andere Dinge ableitend, »unser Pfarrer braucht auch nur die Augen zu schließen, dann kann man ihn in den Sarg legen!« »Ja, die Politik!« knurrt der Kommandant gedankenschwer. XXII. Ja, die Politik! – In weiten Kreisen ist man ihrer Kämpfe satt. Felix Notvest aber steht auf der Höhe der Wogen. Welche Erfahrungen, welche Enttäuschungen! Herrliche Freunde seiner Jugend sind seine haßerfüllten Feinde geworden, und so mancher Parteigenosse, der eine Eiche aus dem Kernwald des Volkes, hat sich im Sturm der Ueberzeugungsnot als ein morscher Baum erwiesen. Heimliche Gegner so viele wie Steine in der Reif, und sie kämpfen aus dem Hinterhalt! Ruchlose von hüben und drüben reißen selbst sein friedevolles Elternhaus in den lärmenden Streit des Tages. Wozu? Sein Herz, sein Handeln liegt vor allen, die sehen wollen, wie ein offenes Buch da. Darauf mögen sie losschlagen, aber das Vaterhaus in Ehren halten. Bis in die letzten Tiefen seines Wesens grollt der greise Antistes seinem Sohn. Jetzt geht Felix Notvest zu ihm, unter Thränen setzt er sich mit dem Vater auseinander. »Vater, ich habe Liebe und Barmherzigkeit gepredigt für die armen Kinder in den Fabriken,« sagt er, bebend in Qualen. »Die Drachensaat des Aufruhrs hast du gesät,« erwidert der Antistes. »O, mein unglücklicher Sohn! Wie haben deine Vorfahren still und gottselig gelebt! Du aber bist der Höchste geworden im Rate der Leichtfertigen und Bösen. Sie trügen deine herzliche Güte. Ihre Namen sind nicht rein, darum flüchten sie sich hinter den makellosen Ehrennamen der Notvest und erheben ihn zum Schild ihrer hinterhältigen Anschläge.« Mit der zitternden Stimme des Alters spricht es der Antistes vorwurfs- und kummervoll. »Vater, unter denen, die hinter mir stehen, sind Tausende von redlichen und ehrenwerten Bürgern!« »Was aber fügest du zu dem gemeinen Manne, dessen Namen ich nicht aussprechen mag, der über alles spottet, was einem Volke groß und heilig sein soll, dich aber in seinem wüsten Blatte ›Freund‹ nennt?« Die Wangen des weißlockigen Greises röten sich vor Zorn, und vor Scham bedeckt Felix Notvest das brennende Gesicht mit beiden Händen. »Du schweigest, mein Sohn?« »O Vater,« bricht die Stimme Felix Notvests aus tiefster Brust, »du selber hast es auf das erste Blatt meiner Bibel geschrieben: ›Fest sei in der Not, Felix, und ob alles um dich wankt und weicht, soll dir vor Menschenwitz nicht bangen, so du nur vor deinem Gott und dir in Ehren bestehest‹ – o Vater, ich bestehe!« Der greise Antistes schüttelt tiefbetrübt das Haupt. »Wie schmerzlich muß ich es erkennen, daß du, mein Felix, und ich zweierlei Geistes sind!« »Nein, Vater, nein, das sind wir nicht!« stößt der Pfarrer in wildem Weh hervor. »Doch – doch!« empört sich der Vater, »die du führst, wagen sich selbst an das durch das Urchristentum geheiligte, von den Reformatoren erneuerte Amt des Antistes. O Felix, sie tasten am bebenden Haupt deines Vaters, und du wehrest es ihnen nicht.« Indem er spricht, hebt er ein Zeitungsblatt als Zeugnis empor. »Du wehrest es ihnen nicht,« fährt der Greis mit erhobener Stimme fort, »daß sie die Kraft unserer ehrwürdigen Landeskirche untergraben und sie als einen Spielball dem Wankelmut des Volkes preisgeben. Vergiß nicht, Felix, daß ich ihr Schirmer bin!« Da bricht Felix Notvest zusammen, er sinkt in die Kniee. »Vater!« haucht er mit der Stimme eines leidenden Kindes. Doch der Greis hebt die dürren, zitternden Hände über das gesenkte Haupt seines Sohnes: »Es ist besser, Felix, wenn du unser Haus eine Weile nicht betrittst. Aber so weit gehe nicht mit deiner Rotte, mein Sohn, daß der Antistes, der dein Vater ist, dir vor der Synode und allem Volke die Würde des Pfarrers aberkennen muß! So weit gehe nicht! Der Herr segne und behüte dich, er lasse sein Angesicht über dir leuchten und gebe dir seinen Frieden!« Die sorgengebeugte Gestalt, die den verlorenen Sohn in Schmerzen segnet, ist ein erschütterndes Bild. »O Felix, vom Herrn erflehter, geliebter Sohn, laß uns nicht deinetwegen in Jammer und Schmach zur Grube fahren!« fleht seine Mutter, die Greisin mit den jugendlich rosigen Wangen, die zum Abschied herzugetreten ist, und küßt den Sohn in wehevoller Liebe. »Christli möchte ich noch gern die Hand geben!« stöhnt er. »Sie ist zu ihrer Mutter auf Besuch nach Reifenwerd gegangen!« Er wankt aus dem Vaterhaus, er verbirgt vor den Menschen die Thränen, die ihm aus Wehmut über das Zerwürfnis unaufhaltsam über die Wangen strömen. Alles, was der Vater gesprochen hat, wogt und wallt in seiner Seele. Nein, er ist der Freund Heuelers nicht, sondern sein erbittertster Feind! Leider ist es aber wahr, daß sich von ihm durch seine Partei eine unsichtbare Kette zu der verhaßten Gestalt des Pamphletärs zieht, daß es Führer und Genossen giebt, die zwar Heueler öffentlich verleugnen, aber doch immer schonend die Hand über ihn erheben, im stillen mit ihm Freundschaft halten und seine Feder für Parteidienste in Anspruch nehmen. Was für eine teuflische Bosheit treibt Heueler an, daß er in seinem Blatte Freundschaft zu ihm heuchelt und mit einer erlogenen Herzlichkeit in Ausdrücken wie »Unser lieber Pfarrer von Reifenwerd« oder einfach »Freund Notvest« von ihm spricht? Was Wunder, wenn auch die Blätter der Gegner mit grausamer Absichtlichkeit die Namen Felix Notvest und Viktor Heueler so zusammenstellen, als wären sie ein unzertrennliches Paar. Immer dunklere Wolken wälzen sich über seine Seele heran. Die geängstigten Amtsbrüder drängen mit Bitten und Drohungen, daß er in der Entscheidung über die Lebenslänglichkeit ihr Fürsprech sei. Er aber murmelt im Selbstgespräch: »Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich. Wozu den Geistlichen ein Vorrecht. Was für eine traurige Gestalt ist der Pfarrer, der von seiner Gemeinde gehaßt, verachtet, auf den Buchstaben des Gesetzes pochend, doch von der Kanzel das Wort Gottes predigen will. In seinem Munde ist es ein Hohn!« Er wischt sich den Schweiß von der Stirne. Er muß den Gewissensweg gehen. Und seine Amtsbrüder?! Sie werden den unglücklichen Vater, den obersten Schirmer der Landeskirche zwingen, daß er den Verräter, den Feind der Kirche, seines Amtes als Pfarrer unwürdig erklärt, ihn mit eigener Hand niederstößt, der Vater den Sohn! Aus innerster Ueberzeugung, im heiligsten Bewußtsein, daß es seine Pflicht ist, wird es der Vater, der so hoch von seinem Amte denkt, thun! Aber wer ist zuletzt der Getroffene? – Nicht er, sondern der Vater selbst, das Herz wird ihm über der Erfüllung der Pflicht brechen! Dem düsteren Wanderer ist, als heben sich von allen Seiten wuchtige Fäuste gegen das herrliche, teure Haupt seines Vaters, wie Posaunenstöße des Gerichts hört er den Vorwurf: »Sie wagen sich sogar an das geheiligte Amt des Antistes!« Wer nur die Frage nach der Berechtigung des altüberkommenen Antistitiums in die Parteipresse gebracht hat? Irgend ein heimlicher Feind. Sie stellen, heißt sie beantworten. Das Amt des Antistes ist ein mittelalterliches Ueberbleibsel, das im Staatsleben der Gegenwart keinen Raum hat. Aber wie milde, wie weise hat es der Vater verwaltet! So daß ihn das ganze Land verehrt. Er wird seine Abschaffung als einen unerhörten Treubruch an der Geschichte des Volkes, an seinem edelsten Selbst empfinden, als eine Schmach, die sein Tod ist! »O, daß dieser Kelch an ihm vorübergehen könnte!« stöhnt Felix Notvest. »Ja, wenn das Amt nur fortbestehen könnte, bis der silberlockige Vater das Haupt seinem Gott und Herrn neigt!« Aber Freund oder Feind werden es erbarmungslos fällen. Das ist entsetzlich – das ist entsetzlich! Schwarze Gespenster gehen mit Felix Notvest den stillen Weg von der Stadt über die Anhöhe nach Reifenwerd. Wer den heimwärts wandernden Pfarrer sieht, muß wohl denken: Ein Gottverlassener! Halbwirr steht er bald still, läuft er bald wie ein gehetztes Wild. Er sieht es nicht, wie die Welt um ihn blüht und mait, wie die Apfelbäume an der Straße in Brautpracht prangen, wie der Weißdornstrauch sich blütenüberhangen neigt, er hört es nicht, wie der Fink auf dem obersten Wipfel der Tanne schmettert und die Amsel tief im Busche ihre Liebesstrophen weich und schmelzend flötet. Er tritt in den Steigwald und glaubt, kein Mensch sei je elender die uralte Straße gewandert. »Rücktritt – nein, das rettet den Vater nicht! Und ich – ich werde zerrieben zwischen den Rädern des Geschicks! Wie hat der Weise recht, der da sagt: Wir leben nicht, wir werden gelebt!« Da begegnet sein Blick einem wunderlieblichen Frühlingsbilde. Auf der bemoosten Bank neben dem großen steinernen Waldbrunnen sitzt Christli selbstvergessen und bindet Maililien, die ihr im Schoße ruhen. Sie hat ihren leichten Hut neben sich gelegt, und ein Sonnenstrahl, der durch das weiche, linde Laub des Frühlings äugelt, ruht verträumt auf ihren dunklen Locken. In den einsamen Sonnenstrahl gaukelt dann und wann ein Schmetterling, leuchtet auf und steht wie ein buntes Flämmchen über dem kindlich schönen Haupt. Jetzt schwebt er auf die Maililien nieder, die sie an die leichtgewölbte Brust gesteckt hat. Sie erspäht den Falter, sie lächelt ihm zu, harmloses Glück spielt um ihr sonst so herbes Mündchen, dann ist sie wieder mit voller Seele bei ihren Blumen, die nicht duftiger sind als sie selber in der Jugendschönheit des zwanzigsten Lenzes. Inniger, herzbezwingender Frühling schwebt um die feine Gestalt und der Adel des künstlerischen Empfindens ist über das zarte, in anmutsvollen Linien spielende Gesicht gehaucht. Neben ihr plaudert der verwitterte Waldbrunnen mit frischem Strahl in die grüne, lauschende Einsamkeit. Eine Weile steht der Pfarrer und saugt das liebliche Bild in sich, als stände er im Banne eines Gotteswunders. »Christli!« Er streckt ihr die Hand entgegen. Sie fährt jäh zusammen und erglüht. »Herr Pfarrer!« Sie erhebt sich erschreckt. Dabei fallen ihr die Blumen zur Erde und die Ungeschicklichkeit verwirrt sie noch stärker. Sie will sich nach ihnen bücken. »Es freut mich herzlich, Christli, daß du die Maililien wieder liebgewonnen hast,« spricht Felix Notvest weich und wehmütig. Tiefes Leid bebt in seiner Stimme. »Seit Sie mir gesagt haben, Maililien bedeuten Glück, glaube ich nicht mehr, daß mir aus den reinen Blumen Unglück komme,« erwidert Christli. »Nicht wahr, Herr Pfarrer,« lächelt sie, »Maililien bedeuten Glück!« Errötend hebt sie die dunklen Augen zu ihrem Beschützer, sie erbebt wie ein aufgescheuchter Vogel, sie erkennt die Thränenspur in seinem zermarterten Gesicht. »Gott – Herr Pfarrer – Sie haben geweint – Sie leiden – und ich spiele mit Blumen!« – Sie erzittert ratlos, an ihren langen seidenen Wimpern hängt ein tauheller Tropfen, in hilfloser Rührung stammelt sie, den Arm vor die verschwimmenden Augen haltend: »Ich schäme mich so sehr vor Ihnen – der liebe Gott weiß es, Herr Pfarrer – ich bete jede Nacht für Sie – ich – ich.« Sie spürt, daß sie etwas Thörichtes sagen würde, sie schweigt. »Hast du mich wirklich lieb, Christli?« fragt Felix Notvest in weichem, tiefem Ernst, er ergreift ihre Hand, seine Augen suchen ihre Sterne. Sie hält sie zur Erde gesenkt, wo die Maililien liegen, ihr Antlitz ist in die Glut der Verlegenheit getaucht, die schlanke Gestalt bebt wie Espenlaub. »O Christli,« spricht der Pfarrer in wallender Bewegung zu der Schweigenden, »mir ist, du fliehest mich. Wie mich das schmerzt, Christli. Hast du Fredy Cella lieber als mich?« Sie senkt das Köpfchen nur tiefer und schüttelt es leise. »Sprich – ums Himmels willen, sprich, Christli!« fleht Felix Notvest. »Liebst du mich, ich meine vom ganzen Herzen und ganzer Seele?« Da hebt sie das Haupt langsam und verträumt, sie drängt es in den Nacken, er hält die leichte Gestalt, die dunklen Augen strahlen in heiliger Seligkeit, um den Mund schwebt ein rührendes Lächeln. Windhauchleis flüstert sie: »Ja, Herr Pfarrer!« Doch erschreckt über das eigene Wort flieht sie seinen Blick. »Gott! Verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer!« stammelt sie in brennender Scham. »Denken Sie doch an die kleine, arme Spinnerin. Ich könnte leiden und sterben für Sie, aber Sie lieben dürfen – das ist zu viel!« »Maililie!« Der Pfarrer hält sie umschlungen, die Arme, die sich wehren wollen, werden schwach, in keuschem Glück duldet sie seinen Kuß. Das Paar liest die am Boden liegenden Maililien zusammen. Leise rauschen die Waldbäume über ihnen, und kein Wanderer hat je am Brunnen der Steige einen so tiefen Zug der Labe gethan, wie der müde Volksführer am Tage der großen Anfechtung. Ihm ist es, als habe Gott ihn wieder zu Ehren angenommen. »Ich will stark sein, ich will milde sein!« flüstert er. Durch die Obstblüte wandeln Felix und Christli nach Reifenwerd. XXIII. Die Liebe Felix Notvests zu Christli ist eine andere als jene, die er in schwellendem Jugenddrang einst für Sigunde empfunden hat. Sigundens Zuneigung schien ihm die schöne, große Erfüllung des heiligen Naturrechts, zu lieben und geliebt zu werden, Christlis Liebe gilt ihm wie ein Segenszeichen, eine Gnade des Höchsten, der durch die Züge des Schicksals wunderbar Glück in die Seele leitet, wenn sie vor Leid im Verzagen ist. Bis die politischen Stürme zur Ruhe gekommen sind, soll seine Liebe zu Christli geheim gehalten sein, niemand soll darum wissen als das alte Mütterchen, Frau Wehrli. Christli selber muß sich ja noch aus den Banden einer achtungsvollen Scheu frei machen, die sie vor ihm hegt. Das wird die Zeit geben, denkt Felix Notvest, und so oft er am bemoosten Steigebrunnen vorbei zum Rat in die Stadt oder von dort nach Reifenwerd zurück wandert, grüßt er den Brunnen mit einer aus dem Innersten strömenden Dankbarkeit für ein großes Glück. Das Dorf aber steht unter dem Eindruck eines traurigen Ereignisses. Der wachsende Gegensatz zwischen Bauern- und Fabrikvolk ist am Tanzsonntag in einem jähen Raufhandel zum Ausbruch gekommen und hat über einige achtbare Familien unendliches Leid gebracht, besonders in diejenige des Hirschenwirts. Gegen Mitternacht haben die übermütigen Bauernbursche die Spinner, die mit ihren Mädchen beim Wein saßen, zu necken und zu hänseln begonnen; im Streit hat Jakob, der Sohn des Hirschenwirts, einen Arbeiter so geschlagen, daß der Verletzte am Tag darauf gestorben ist. Sechs Bursche sind wegen des Handels gefänglich eingezogen. Felix Notvest hat dem Erschlagenen ins Grab gepredigt. Wie er heimkommt, sitzt Frau Wehrli, einen Brief auf dem Schoß, in Thränen da. »Lony,« sagt sie, »kann nicht genesen, ihre Gesundheit ist seit der Geburt der kleinen Lony so stark erschüttert, Karl voll Kummer.« »Sollte man nicht dem Kommandanten und seiner Familie davon Bericht geben?« fragt er. »Ach denen,« erwidert Frau Wehrli in ehrlicher Entrüstung, »der hagebuchene Stolz hat es ja noch nicht einmal zu einem Briefzeichen an Lony gebracht.« Leid im Haus, Leid im Dorf. Und ein neuer Sturm durchbraust das Land. »Die Geistlichkeit will den Antistes zwingen, daß er den Pfarrer von Reifenwerd, seinen Sohn des Amtes unwürdig und verlustig erklärt, weil er ein Feind der Landeskirche ist.« So geht weit und breit das Gerücht. Die Reifenwerder stellen die Feuerspritze auf die Straße. »Ehe ein paar Abgesandte aus der Stadt Felix Notvest die Kirchenbücher unter den Händen wegnehmen dürfen, läuten wir Sturm. Und einen neuen Pfarrer, der sich auf die Kanzel wagt, jagen wir mit einem solchen Strahl aus dem Wendrohr davon herunter, daß ihm das Wiederkommen vergeht.« So sprechen Kommandant und Säckelmeister, die Bauern und die Spinner, nie war die Gemeinde Reifenwerd einiger als jetzt zum Schutz Felix Notvests. »Geht mit uns, Pfarrer, wir gehen mit Euch. Wir wissen schon, daß wir niemals einen Berufeneren bekommen!« Wie ihn die Treue seiner Gemeinde wehmütig stimmt. Ihm ist ja doch, er sei nicht wert, daß die Sonne mehr auf sein schuldiges Haupt niederscheine und ihm ein guter Mensch »Grüß Gott« sage. In der Stadt tritt, seit Felix Notvest seine Stellung zu den Forderungen der Geistlichkeit erklärt hat, der greise Antistes, der ein Jahrzehnt lang nicht mehr gepredigt hat, Sonntag um Sonntag auf die Kanzel der Reformatoren im alten Münster, spricht gegen die Neuerer und verurteilt und bekämpft das Werk des eigenen Sohnes. Das Wort des Greises rettet aber die Lebenslänglichkeit des geistlichen Amtes nicht. Nein, Gewalt gegen Gewalt, die weltliche Macht gegen die geistliche Macht. Der Volkssturm braust um das Antistitium. Wie ein verwundetes Tier vergräbt sich Felix Notvest in die Einsamkeit, in aufquellendem Weh stöhnt er: »Mein Vater – mein Vater! – Sie stoßen ihn ins Grab!« Nur Christus ernste Augen sind Licht in seinem brennenden Leid. Wie ihn das liebe Mädchen in allen Regungen der Seele versteht, wie sie mit ihm fürchtet, mit ihm hofft, mit ihm ringt. Oft bringt sie ihr Instrument mit sich und erfüllt das Haus mit dem Silberklang ihres seelenvollen Spiels. »Es ist mir ein großer Trost,« sagt Felix Notvest, »daß wenigstens du mit deiner lichten Kunst im Hause meiner Eltern bist. Begleitest du den Vater noch immer, wenn er auf der Hausorgel seine geistlichen Lieder spielt?« Sie nickt freudig, sie errötet: »Denke dir, Felix, Fredy Cella ist schon im Frühling vor den Herrn Antistes getreten und hat ihn um die Erlaubnis gebeten, daß ich in einem seiner Konzerte, in einer großen klassischen Aufführung, deren Ertrag für die Armen bestimmt ist, mitwirke.« Ernstvoll horcht Felix Notvest auf und sieht wohl, wie Christlis Augen hoffnungsreich leuchten. »Was antwortete ihm mein Vater?« »Der Herr Antistes rief mich, und nachdem wir eine Weile darüber gesprochen hatten, legte er mir sehr feierlich die Hand aufs Haupt: ›So gehe in Gottes Namen hin, Christli, und trage Licht und Schönheit, die vom Himmel stammen, in die dunklen Seelen!‹ sprach er.« »Und dir ist die Mitwirkung in dieser Aufführung Herzensangelegenheit?« forscht der Pfarrer ernst. »Ich thue nur, was du mir erlaubst, Felix!« Um ihr Mündchen zittert es aber wie ein rührendes Kinderflehen. »Nur einmal will ich Herrn Cella in einem Konzert unterstützen, im Herbst, ehe er nach fernen Städten zieht. Er hat mich so innig darum gebeten, und ich möchte ihm den Beweis der Hochachtung für seine Künstlerschaft geben. Auch der Herr Antistes sagt, daß ich ihm zum Abschluß meines Lernens diesen Dank schuldig sei, dann spiele ich nur noch im engen Kreise der guten Menschen, die mich umgeben. Gestattest auch du es mir, Felix, daß ich mit Herrn Cella spiele?« In der zaghaften Bitte verlangt die feurige Künstlerinnenseele ihr Recht, mehr als die Worte verrät das glühende Köpfchen, wie Christli nach dem Spiel, das ihre Kunst einem weiten Kreise offenbaren soll, dürstet. Ihre dunklen Augen bitten um sein »Ja«. Felix Notvest versteht es wohl, daß jedes künstlerische Können wie eine Knospe an die Sonne drängt, wie die Blume im Licht will es in der Teilnahme der Mitmenschen stehen, aber ihm ist einen Augenblick, er sollte Christli von dem Gedanken abmahnen. »Ach, du bist selber ein Schwarzseher geworden,« redet er sich zu, er mag sein Christli nicht betrüben, er spricht nur sehr ernst: »Denke Kind, an die Hunderte von Augen, die auf dich gerichtet sein werden! Wenn dir in deiner Schüchternheit die Kunst versagte!« »Ich werde die Menschen nicht sehen, ich werde nur spielen!« Wie ruhig, wie vertrauensvoll Christli das erwidert. Eines Tages ist Fredy Cella im Pfarrhaus. »Wohin denken Sie, Herr Pfarrer,« ruft er mit flammenden Blicken, »dem Haupt der Fräulein Wehrli ein Leid? – Ich stehe mit meiner Künstlerehre für meine Schülerin!« Im Wesen Cellas liegt eine vornehme Ehrlichkeit. »So sage auch ich: In Gottes Namen,« antwortet Felix Notvest in getragenem Ernste. Wie zum Segen küßt er ihre reine Stirne. In ihren dunklen Sternen flammt der Dank, daß er gütig gewesen ist gegen sie. »Gelt, Felix, bald kommt jetzt der große Frieden, wo du und ich beisammen sind und uns die Welt nicht mehr stört.« Sie spricht es so innig gläubig, und er spürt es wohl, wie ihre Seele in allem, was sie thut und läßt, seine Seele sucht. Der große Frieden! Felix Notvest kommt sich vor wie der Schiffer, der schon hinter hohen Wellen das Land erspäht, aber den Tod in dem Augenblick am meisten fürchten muß, wo er nach dem rettenden Riffe greift. »Dein Werk ist gethan, das Fabrikgesetz da!« jubelt eines Tages Christli stürmisch. Ihre Augen hängen bewundernd an ihm. »Felix, woher hast du die Kraft zu dieser selbstlosen That geschöpft.« Er antwortet ihr nur mit einem Kuß. Ja, eine That der Selbstlosigkeit ist da, ein göttlicher Faden ist am Webstuhl der Zeit in das Gewand des Volkes gewoben worden: ein Fabrikgesetz, das würdig neben dem Arbeiter- und Jugendschutz der vorgeschrittensten Länder steht und in die Hut redlicher Männer gegeben ist, damit es vor den Versuchungen des Eigennutzes kein toter Buchstabe bleibe. Es schützt das Lernziel der Volksschule, und aus der Spinnerei Rudolf Fürsts wankt kein armes Kind mehr wie Christli spät abends durch den hohen Schnee. Spiel und Kunst aber in diesen dunklen Tagen! Es will ihn so seltsam gemuten. Doch spricht man auch im Haus des Kommandanten von Spiel und Kunst. XXIV. Judith hat sich nicht um das erlösende Geld an Lony gewandt. Dafür ist der Ökonom Franz Wohlgut seinem Ziele ein gutes Stück näher gekommen. »Ich muß immer daran denken, wie ich dem Vater deine Verlobung mit Franz mitteile! Ich weiß nur nicht, soll ich ihm deine Angelegenheit so mundrecht machen, daß ich ihm Tag um Tag einen Tropfen gebe, oder mit einem Schlag das Ganze? Das ist nichts Leichtes, Judith! Gelt, von Lyon aber sagt er nichts mehr, die Phantasien habe ich ihm ausgetrieben.« Einen Augenblick steht das Spinnrad der Frau Susanne still, das glatte Gesicht ist hell und die dunklen Augen brennen. »Eine gescheite Frau,« meint sie dann belehrend, »kann mit ihrer Liebe den stärksten Männerkopf brechen, aber es braucht Geduld, viel Selbstüberwindung und Sanftmut. So habe ich mich als junge Frau schon des Vaters angenommen, sonst wäre er nicht Kommandant, Großrat und der Erste im Dorf geworden. So halte es, Judith, mit Franz, und du wirst gewiß glücklich mit ihm!« Die Wintersonne scheint freundlich in die Stube, die Spatzen sitzen vergnügt auf den dürren Zweigen des Fensterspaliers und spreizen das Gefieder, aber Judith seufzt vor ihrem schön geschnitzten Rad. »Was dir nur fehlt, Kind?« fragt die Kommandantin, die das Werg der Kunkel wieder emsig durch die Finger gleiten laßt. »Kein Vergnügen hat man mehr, nicht einmal eine Schlittenpartie!« erwidert Judith gedrückt. Vielleicht sagt sie es bloß, weil sie andere beklemmende Gedanken nicht verraten will. »Mir gefällt es, daß der Vater jetzt wieder so viel zu Hause weilt,« versetzt Frau Susanne, »morgen hat er allerdings eine Sitzung in der Stadt, seit langer Zeit die erste wieder.« Judiths Augen glänzen auf, sie holt das Zeitungsblatt. »Im Theater wird ›König Lear‹ gespielt. Das ist ein berühmtes Stück.« »Wenn es nur etwas wie der ›Viehhändler aus Oberösterreich‹ wäre!« meint Frau Susanne, »bei dem hat der Vater so herzlich lachen können.« »Jetzt hat er sich aber in den Kopf gesetzt, das Theater sei nicht für Bauersleute!« antwortet Judith kleinmütig. »Ich will mit ihm sprechen,« versetzte die Kommandantin. Wie er am Abend heimkommt, brummt der Kommandant schon ein wenig, daß Frau Susanne und Judith mit ihm ins Theater fahren wollen. Allein der Aufenthalt im schneebehangenen Wald, das Fällen der mächtigen Tannen, der Imbiß am lodernden Feuer, die prickelnde Winterluft, der Gedanke an den schönen Erlös aus den Hölzern, haben sein Herz fröhlich gestimmt. Wie die Kommandantin über das gesunde Rot seiner Wangen scherzt, Judith dienstbeflissen zum Abendtrunke sieht, da knurrt er, ein Lächeln zerdrückend: »Gut, so wollen wir uns die Komödie ansehen, und du, Judith, machst dann vielleicht auch wieder ein anderes Gesicht, als wenn du Gott den Essig ausgetrunken hättest. – Was schrickst du so zusammen?« Kopfschüttelnd betrachtet er seine Tochter. Der Bauernstolz fährt ins Theater. Breit und behäbig sitzt der Kommandant im schwarzen Rock und Stehkragen, die schwere goldene Uhrkette sichtbar, das Urbild der Bauernwürde und Bauernwohlhabenheit, im Schauspiel, rechts neben ihm in dunklem Seidenstaat die Frau Großrätin, links die blühende Judith, welche das prächtige helle Kleid trägt, durch das sie in Schulden gekommen ist. Was schert es sie! Die heidelbeerdunklen Augen blitzen, sie schürzt das Mündchen vor Vergnügen und die Sorgen sind vergessen! Das Spiel ist im Gang, auf der Bühne erhebt sich der König zornbebend vom Thronsessel und ruft Cordelia zu: »Folg deinen Wegen ohn' unsre Lieb' und Gunst, ohn' unsern Segen!« Da stutzt der Kommandant, schwere Erinnerungen treiben ihm das Blut ins Gesicht. Er wendet keinen Blick vom Spiel, er schwitzt, und wie die harten Töchter Goneril und Regan den alten Vater vertreiben, da stöhnt er und murmelt: »Das sind zwei schlechte Weiber!« Er gebärdet sich so laut, daß sich einige Zuschauer verwundert nach dem alten, stolzen Bauersmann umsehen. Judith sitzt neben dem unruhig gewordenen Vater wie auf Kohlen, und die Frau Kommandantin schämt sich seiner. Wie der Vorhang fallt, sagt sie spitz: »Es ist ein dummes und übertriebenes Stück!« – »Es ist nicht so schön wie der ›Viehhändler aus Oberösterreich‹,« flüstert Judith, der Kommandant aber knurrt: »Es ist ein gescheites Stück!« Das Spiel beginnt wieder. König Lear irrt in Sturm und Wetter auf der Heide. Da erhebt sich der Kommandant, ohne daß er es selbst weiß, von seinem Sitz, in grenzenloser Spannung begleitet er die Handlung, und wenn ihn die furchtbar verlegenen Frauen mit sanfter Gewalt niederziehen, steht er immer wieder auf. Umsonst flüstert ihm die Kommandantin zu: »Es ist ja nur eine Komödie!« umsonst entsteht um ihn ein Gemurmel von Frage und Antwort: »Was ist das für ein verrückter Bauersmann?« – »Bst! Es ist der Großrat von Reifenwerd, Kommandant Stockar!« Umsonst rufen die Zuschauer hinter ihm: »Setzen Sie sich doch!« – er spürt es nicht, wie er allgemeines peinliches Aufsehen erregt. Die Kommandantin ist blaß vor Ärger, Judith flennt und verläßt im Zwischenakt das Theater. Die liebliche Cordelia erscheint wieder, »Dein Unglück, Vater, beugt mir ganz den Mut, sonst übertrotzt' ich wohl des Schicksals Wut.« Da stöhnt der Kommandant: »Lony – Lony! –« Er stöhnt es so laut, daß man es einige Reihen weit im Theater hört. Ein Diener mahnt ihn zur Ruhe. Wie aber der wahnsinnige König die erwürgte Cordelia auf seinen Armen bringt und zärtlich in die Klage ausbricht: »Tot, mein armes Närrchen?« da schreit der Kommandant: »Das ist falsch – gottlob im Himmel, meine Lony lebt!« Eine ungeheure Aufregung entsteht, viele glauben, der Großrat von Reifenwerd sei plötzlich irrsinnig geworden, man will ihm Hilfe bringen, er aber knurrt: »Laßt mich, so klar im Kopf wie heute war ich noch nie!« Eine schreckliche, stumme Schlittenfahrt nach Reifenwerd! Die Kommandantin und Judith wagen nicht sich zu rühren, so heiß blitzt und wetterleuchtet es in den Augen des Kommandanten, der mit den Zähnen auf den Schnurrbart beißt und auf die Pferde einhaut. »Geht zur Ruhe!« herrscht er beim Eintritt ins Haus Frau und Tochter an, »ich aber will thun, was ich wie ein Narr unterlassen habe – bei Gott im Himmel, ich werde kein König Lear!« Er rollt drohend die grauen Augen, und wortlos gehen die beiden Frauen. In der Nacht schreibt er Lony einen schönen, von Liebe überquellenden Brief. »Ich will nicht schlechter sein, meine Lony, als der alte Franzose und komme selber nach Lyon!« Seit vielen Jahren ist dem Kommandanten nie so wohl gewesen wie an dem grimmigen, in roten Rauch gehüllten Wintermorgen, an dem er zum Pfarrer geht und nach der Adresse Direktor Wehrlis fragt. »Der Brief kommt nicht zu früh,« sagt Felix Notvest sorgenvoll, »wenn er nur nicht zu spät kommt, wenn Lony darüber nur aus dem Heimweh genesen und ihren Kindern Hans Ulrich und Lony eine kraftvolle Mutter sein mag. Ob sie aber genesen kann, steht bei Gott. Ein eben eingetroffener kurzer Brief Karls ist sehr ernst.« Der Kommandant ist aus allen Himmeln gestürzt. »Sie muß genesen! Sie muß!« ruft er und eilt auf die Post. Nein, so etwas Wahnsinniges wie den Tod Lonys läßt Gott im Himmel nicht zu! Zu Hause trifft er Judith, deren Augen bläulich unterlaufen sind. »Judith, du siehst auch aus, als wäre der Zorn Gottes über dich gefahren!« fährt er sie grimmig an. »Du bist gar kein frisches Mädchen mehr, sondern bald eine Vogelscheuche. Du bist auf dem besten Weg, eine alte Jungfer zu werden. Das kommt von deinem unerträglichen Hochmut. Die Bursche haben dir den Hof gemacht, früher, meine ich; jetzt kommt ja keiner mehr. Wie viele sind es eigentlich gewesen, sechs oder sieben? Stets aber, wenn man geglaubt hat: Jetzt ist ein Schwiegersohn da! so sind sie weggeblieben, zuletzt auch der reiche Müllerssohn und der Leutnant, den du im Bade kennen gelernt hast. Was für eine Schande! Man hat einen Stall voll auserlesenen Viehs, die schönsten Felder, die bestgelegenen Weinberge, einen rauschenden Wald. Aber die Tochter, die nicht weiß, wie hoch sie thun will im Luxus, findet keinen Mann! Ich möchte jetzt doch erfahren, wie ich im Alter zu stehen komme!« Bei den donnernden Worten des Vaters laufen Judith die Thränen des Elends und der Wut über die Wangen, aber sie spricht nicht. Jetzt ist, von den lauten Worten des Vaters hergelockt, die Mutter da. »Mein Leben lang gehe ich mit dir nicht mehr ins Theater, Hans Ulrich!« beginnt sie tadelnd. »Wer hätte geahnt, daß du über dem Stück so allen Bedacht verlieren würdest!« »Ich aber danke euch, daß ihr mich hingeführt habt,« höhnt er grimmig, »da haben die Komödianten einem alten Narren das Licht gut vor die Nase gesteckt.« »Wenn du sagst, die Judith würde eine alte Jungfer, so bist du wirklich ein Narr!« lacht Frau Susanne kalt. »Hast du jetzt noch nicht gemerkt, Hans Ulrich, daß es bei Judith eine große Aenderung giebt?« Er schielt nach der Tochter, die weinend abseits steht, und kann seine Neugier nicht verhehlen. »Was soll ich gemerkt haben?« knirscht er. »Ich bin zuerst auch erschrocken darüber!« versetzt Frau Susanne sanftmütig. »Worüber?« keucht er. »Sie hat sich mit Franz Wohlgut versprochen.« Da taumelt der Kommandant wie ein Berauschter auf. »Ihr Nattern, ihr Schlangen! Da würde ich wahrhaft der närrische König! Das giebt ein schönes Neujahr! Holt mir einmal den Franz Wohlgut, daß ich ihm ins Gesicht lache. Gott im ewigen Himmel! Seit wann findet sie denn die Narbe des Lumpen schön?« Da wendet sich Judith wie eine Rasende gegen den Vater. »Franz ist kein Lump!« schreit sie mit verzerrtem Gesicht. »Kränke ihn nicht! Sonst – –« »Doch, doch, der ist ein Lump – er ist ein Erbschleicher!« Judith stürzt zu Füßen des Vaters und rauft sich das Haar. »Vater,« schreit sie verzweifelt, »wenn Franz mich nicht nimmt, muß ich in die Reif springen. – Mache mich nicht elender, als du die Lony gemacht hast!« Sie windet sich vor seinen Füßen. »Geh zum Pfarrer,« winselt sie, »und bestelle das Aufgebot!« »Ja, steht es so?« gellt die Stimme der Frau Susanne, welche starr die Hände ringt. »Gott, das wußte ich nicht.« Der Kommandant ist kreidebleich, er schwankt wie ein zitterndes Rohr, er sinkt auf einen Stuhl und legt die Arme, die schwer wie Blei sind, auf den Tisch. Es ist eine unheimliche Stille zwischen den drei Menschen. Zuerst findet die Kommandantin die Sprache wieder: »Franz ist wenigstens redlich, tüchtig und geschickt. Wir werden uns drein fügen müssen!« lenkt sie ein. Der Kommandant antwortet nicht, mit bebender Hand beginnt er Barry zu streicheln und sagt: »Barry, suche die Lony,« aber die Lippen unter dem grauen Schnurrbart zucken, daß er fast nicht sprechen kann. Der Hund rennt in der Stube hin und her, schnuppert und bellt. Es ist ein Spiel, das ihm sein Herr schon lange im Heimlichen beigebracht hat! Er streichelt den Hund wieder, dann fragt er wie nebensächlich: »Ist Franz im Wald?« »Ja,« wimmert Judith, »Vater, was willst du?« »Ich will ihm sagen,« antwortet der Kommandant in unheimlicher Ruhe, »du kannst die Judith, die mißratene, gefallene Hochmutsfratze haben, und die Mutter, die sie erzogen hat, auch. Ich verkaufe mein Heimwesen, und aus dem Erlös gebe ich ihm ein schönes Draufgeld. Und wenn ich das Heimwesen verkauft habe, so suche ich für mich und Barry in Lyon ein ruhiges Plätzchen und lebe bei der Lony und ihren Kindern.« Eine wilde Flamme schießt aus den Augen Judiths. »Das Haus, Vater, und das Heimwesen mußt du vor der Hochzeit Franz abtreten, das ist seine Bedingung. Sonst geht er und nimmt mich nicht. Ich muß dir doch alles sagen! Er ist halt stolz, er will nicht von der Laune seines Schwiegervaters abhängen!« »Sprich nur zu!« würgt der Kommandant hervor, »meine liebe Judith, du redest wie ein Engel!« »Dann können du und die Mutter bei uns wohnen, und Franz sagt, er werde gegen euch anständig sein!« Die blauen Augen des Kommandanten sind aus den Höhlen gequollen, sein Gesicht ist schrecklich. »Jene Verena, die ihrem Vater saure Milch vorsetzte, ist im Schnee umgekommen. Was du deinem Vater vorsetzest, ist aber mehr als saure Milch! – Was sagst denn du dazu, Frau, daß die Judith solche Reden über die Lippen gehen läßt?« »Du, Hans Ulrich, hast sie erzogen, nicht ich. Wer hat sie stets in die Stadt mitgenommen und ihr dort vom Männer- und Weibervolk schmeicheln lassen?« heult Frau Susanne. Das trifft. »Luft! – Luft!« Der Kommandant reißt am Hemdkragen und steht auf. Ruhelos jagt der Großrat Stockar in diesen Tagen mit dem Schlitten durchs Land. Er sucht einen Käufer für sein Heimwesen, mit einem Schlag steht es in allen Blättern zum Verkauf ausgeschrieben, reiche Bauern und Bauerssöhne aus anderen Dörfern kehren im »Hirschen« an und sind neugierig und lüstern nach dem schönen Gut. Franz Wohlgut ist nicht mehr im Haus. In der Gemeinde ahnt man den Zusammenhang, des Raunens und Redens ist kein Ende. »Der Undank Judiths ist dem Kommandanten über den Verstand gegangen,« sprechen die einen, die anderen sagen: »Es giebt doch noch Zeichen und Wunder – er hat mit Lony Frieden gemacht!« Frau Wehrli, der Pfarrer und Christli sind voll schöner Hoffnung, daß sie nun genesen möge. »Ich habe einen Brief von Lony!« tritt der Kommandant eines Tages mit leuchtenden Augen ins Pfarrhaus. »Und wir einen von Karl!« erwidert Frau Wehrli. »Lony ist genesen!« »Ja, es ist manchmal auch ein Glück dabei, wenn ein alter Bauer ins Theater geht. Das war kein Thor, der den ›König Lear‹ geschrieben hat! Frau Wehrli, Ihr müßt Euch das Stück auch einmal ansehen.« Wie der Kommandant herzlich plaudern mag. XXV. Der Brief Karl Wehrlis lautet: »Uns, liebe Mutter, ist also Heil und Segen widerfahren. Als Lony das Schreiben des Vaters bekam, überströmte sie die Freude so stark, daß ihre Schwäche gleich wie weggeflogen war. Sie weinte zuerst lange, seither leben und schweben ihre Gedanken in der Heimat, ihre Wangen beginnen sich wieder zu färben und wir sprechen bereits vom nächsten Frühling und einem großen Osternbesuch in Reifenwerd. Ich muß nur immer sagen: ›Überthue dich nicht, Lony, damit du frisch und stark bist, wenn der Vater kommt!‹ Sie ist aber schon viel kräftiger als vor wenigen Tagen!« »Mütterlein,« scherzt Christli, die ihrem Konzert entgegengeht, »meine Augen werden dich unter den vielen Besuchern und Besucherinnen gleich herausfinden.« »Ich komme aber nicht in eure Aufführung,« erwidert Frau Wehrli, »ich würde vor Angst um mein Christli umkommen, ehe du den ersten Ton spielst; aber, Kind, hier im stillen Pfarrhaus denke ich unterdessen auf das andächtigste an dich.« Der Abend ist da, trüb und nebelig ist er über die Stadt hereingesunken, die Laternen flackern um den Renaissancebau des Konzerthauses, das seine schönen und großen Ueberlieferungen hat; die Wagen rollen vor den Säulenaufgang, durch den wohl im letzten halben Jahrhundert alle Träger berühmter Namen der Tonkunst emporgeschritten sind. Die Kutscher schreien, die Pferde scharren, eine winterlich in Mäntel, Pelzwerk und Seidentücher gehüllte Menge flutet in die Halle. Konzert des berühmten Mitbürgers, des Geigenvirtuosen Fredy Cella, und erstes Auftreten einer hochbegabten Schülerin, die auch ein Landeskind sein soll. Lockung genug! Cella ist ein in hellem Glanze strahlender Stern, um seine Schülerin schwebt der Reiz der Erwartung. Niemand kennt die Künstlerin und ihr Spiel genauer, ihr Name steht auf keiner Ankündigung, nur mündlich spricht es sich durch die Leute, daß es die bildschöne Pflegetochter des Herrn Antistes sei, und man belobt es als ein großes Entgegenkommen des greisen Herrn gegen den Virtuosen, daß er die Mitwirkung der jugendlichen Künstlerin in einer Zeit gestattet, wo allerlei Leid schwer auf seinem Hause lastet. Die junge Künstlerin aber kann sich schon wegen des geachteten Hauses, aus dem sie tritt, eines freundlichen Empfanges versichert halten. Die Spannung ist aufs höchste gestiegen. Sowohl der hohe, lichte Saal, der festlich erleuchtet und erhellt ist, wie die Galerien, welche ihn umziehen, füllen sich mit Menschen; überall ist Flüstern und Bewegung. Felix Notvest, der den ganzen Tag friedlos gewandert ist, wird von einer sich steigernden Unruhe verzehrt. Soll er bleiben, soll er gehen? Er hört das Flüstern um sich: »Der Pfarrer von Reifenwerd.« Er drückt sich in die dunkelste Ecke des Saales und wünscht, sein Vater, der Antistes, den ein leichtes Unwohlsein am Erscheinen verhindert hat, säße unter den Zuhörern. Was quält mich eigentlich? fragt er sich, und dann giebt er sich die Antwort: Es ist nur die Sorge, daß der Erfolg das Künstlerblut Christlis überschäumen lasse, daß es plötzlich der Taumel erfasse: Ich bin nicht für ein stilles Liebesglück erschaffen, nein, meine Seele ist sür die große, heilige Kunst! Doch wozu diese eifersüchtige Sorge? Wie keusch und wie heiß liebt ihn die tiefe, heimliche Christli! In einer Seitenloge nahe der Bühne, auf welcher die Aufführung stattfinden soll, ihm quer gegenüber, so daß er sie leicht beobachten kann, bemerkt er Sigunde Hohspang, die ein entzückendes Halbtrauerkleid trägt und hinter einem Elfenbeinfächer hervor mit den graugrünen, leuchtenden Augen in die Gesellschaft späht und mit Nicken und Neigen des stolzen Blondhauptes die Grüße vornehmer Bekannter, Männer der Kunst und Wissenschaft, erwidert, mit denen sie stets gute Freundschaft hält. Neben ihr sitzt oder steht, von einer Dienerin, die sich im Hintergrunde hält, überwacht, ein Kind, ein märchenhaft schöner Knabe, dem eine Flut goldener Locken auf die Schultern wallt. Es ist, als sei ein Engel, wie sie die alten Meister gemalt haben, in dem blauäugigen, lebhaften Kinde auf die Erde niedergestiegen. Die Erscheinung des Knaben, der mit unschuldigem Lächeln Kußhändchen in die Gesellschaft wirft, beruhigt Felix Notvest, dem der plötzliche Anblick Sigundens einen Stich ins Herz gegeben hat. Sigunde gefällt es jetzt, sich vor der Stadt als glückliche Mutter zu zeigen. Es ist selbstverständlich, daß sie der Aufführung beiwohnt. Wo ist sie, wenn etwas Künstlerisches in Frage kommt, nicht zugegen? Sie ist die Freundin und Gönnerin des Geigenvirtuosen, ja mehr! »Sigunde Hohspangs Narr!« nennen ihn die Leute in der Stadt, und indem sie seine Kunst bewundern, lächeln sie zugleich über ihn, weil er in der Einbildung lebt, daß Sigunde Hohspang ihm, dem gottbegnadeten Künstler, eines Tages die Hand reichen werde. Sie hat ihm wohl selbst das von schwarzen Locken umwallte Haupt mit dem Größenwahne gefüllt, für den er durch Abstammung, Anlage und die Erfolge seiner Künstlerlaufbahn empfänglich ist, die schon um die Stirne des Jünglings Lorbeeren wand. Eigentlich ist nur überraschend, daß er sich entschlossen hat, sich längerhin von ihr zu trennen und zum Winter in den großen Städten des Auslandes Konzerte zu geben. »Hat er wohl eingesehen, daß er, wie einst ich selber, nur das Spielzeug des herzlosen Weibes ist?« fragt sich Felix Notvest. Die Überlegungen des Pfarrers werden durch das Klingelzeichen abgebrochen, welches den Beginn der Aufführung ankündet, der Vorhang rollt empor, und im Saal werden die vielen Menschen still, doch ertönt zunächst nur das Pianostück einer alternden Künstlerin, die man in der Stadt schon lange kennt. Eine kurze Spanne, nachdem es verklungen ist, führt ein junger dunkelgekleideter Mann ein weißgekleidetes Mädchen auf die Bühne. Das schmale Gesicht marmorweiß, eine Knospe auf der wogenden Brust, die Fülle des Haares in natürlichen Locken, so steht sie jung und schlicht im grellen Lichte der Lampen und verbeugt sich. Beifälliges Murmeln geht durch den Saal, die Begrüßung der Künstlerin durch die Zuhörerschaft atmet herzliches Wohlwollen, selbst der stolze Blondkopf Sigundes nickt mit einem aufmunternden Lächeln. Felix Notvest aber bricht eine schmerzhafte Angst um Christli beinahe das Herz. Da hebt die blasse Künstlerin eine Violine aus dem einen der beiden Instrumentenkasten und prüft flüchtig die Saiten. Sie ist ja so furchtbar schüchtern, denkt Felix Notvest, mein armes Christli wird scheitern! Horch! Ein schön gehaltener Ton geht durch die Räume und durch alle Seelen. Die marmornen Züge der Künstlerin füllen sich mit feinem blühenden Rot, und die dunklen Augen unter den seidenen Wimpern erglänzen. Ein Geigenstrich noch, und sicher, als sei es von jeher ihr Beruf gewesen, vor den Menschen zu spielen, führt sie den Bogen. Erlösung geht durch die Zuhörerschaft. Nein, das ist keine unreife Künstlerin, die man mit der Furcht hört, die Finger könnten unsicher werden und versagen. Es ist auch keine Künstlerin, die nur der großen Fertigkeit ihres Spieles vertraut. Die Töne müssen ihr von Herzen kommen, weil sie so tief zu Herzen gehen. Es gibt sich daraus eine innig starke, aber auch eine unschuldige Seele zu erkennen. Spiel und Erscheinung sind eins, gesättigt mit einer tiefen sittlichen Gewalt, so daß die Zuhörer selbst in ein edleres und reineres Menschentum emporgehoben werden. Die Künstlerin hat geendet, sie senkt die Geige – einen Herzschlag ist noch Ruhe, als verklängen die holden Töne in der Seele der Zuhörer erst jetzt – dann bricht der Sturm des langanhaltenden Beifalls los, Fredy Cella, der Lehrer, wird gerufen, er küßt die Hand der Schülerin, die mit rotüberströmten Wangen und etwas verwirrt die Huldigungen über sich ergehen läßt, und dankt der Zuhörerschaft mit überschwenglichen Verneigungen. Sigunde hat zwei herrliche Kränze zu Füßen des Künstlerpaares geworfen und, wie Felix Notvest wohl bemerkt hat, eine warme und lebhafte Teilnahme bekundet. Doch ist der schöne Knabe mit den goldig wallenden Locken und die Dienerin, die ihn behütet, nicht mehr bei der in Lebenslust strahlenden Frau. Hat sie wirklich ihren Sinn gewandelt? Ist der Haß gegen die arme Christli der gütigen Teilnahme für die hochbegabte jugendliche Künstlerin gewichen? – Oder trägt nur eine freundliche Laune sie für den Augenblick über den Haß hinweg? Das zweite Stück spielt Fredy Cella, der Virtuose mit den schönen schwermütigen Augen. Felix Notvest hat von dem Spiel Fredy Cellas den gleichen Eindruck wie von der Persönlichkeit des Künstlers, nämlich den einer tief und groß veranlagten Persönlichkeit, die aber in einer beständigen Ueberreizung des Selbstbewußtseins an der unsicheren Grenze dahinwandelt, die das Genie vom Wahnsinn trennt. In seinem mächtig ergreifenden Spiel bebt das Feuer, die Sehnsucht nach etwas Großem, was jenseits menschlichen Erreichens ist; schwül und traurig locken seine Töne, etwas unsäglich Aufreizendes taumelt und wühlt durch sein Spiel, und der Pfarrer wünscht sich zurück zu dem silbernen Geigenton, in die süße, ernste, friedevolle Kunst Christlis. Jetzt läßt Fredy Cella die mit schweren, funkelnden Ringen geschmückte Virtuosenhand sinken, die dunklen Augen blitzen und rollen in weicher Selbstverzückung, und aus dem Saale ertönt brausend Beifall. Ehe die Pause der Aufführung kommt, finden sich Künstler und Künstlerin in einem Zusammenspiel voll Wehmut und Seligkeit. An der Kunst ihres Meisters rankt sich diejenige Christlis in lichte sonnige Höhen, und eine große Freude, das lieblich Jauchzende, das Felix Notvest in ihren Kindertagen so wunderbar an Christli gefesselt, steht in ihren Zügen. Die Aufführung muß ein großer Tag in ihrem jungen Leben sein! Felix Notvest beklemmt es die Brust. Ist es edel von ihm, daß er das geweihte junge Talent Christlis um der Liebe willen der Kunst entziehen will? Während der Beifall noch stärker als bei den zwei vorherigen Stücken aufbraust, flattert ein weißes Blatt, als wäre es zufällig den Händen eines Zuhörers der obersten Galerie entflogen, in den festlich erleuchteten Saal auf die Köpfe derer, die im Parterre sitzen. Felix Notvest bemerkt es wohl, wie in diesem Augenblick Sigunde Hohspang blaß und erregt das schöne Blondhaupt in den Schatten der Loge zurücklehnt. Dieses erste Blatt ist aber nur das Zeichen für einen wahren Schneefall von Blättern, der aus der Höhe aus die verwunderten Zuhörer niedergeht. Die Papiere schweben und stiegen überall hin, selbst auf die Bühne, zu Cellas und Christlis Füßen. In den Beifall auf das eben gehörte Stück mengen sich die Rufe: »Ein neues ›Skelett‹ – ein neues ›Skelett‹ – es ist eine Gemeinheit, es uns hier anzubieten – wer wagt die Schandthat?!« Eine jähe Verwirrung, wie wenn Feuer ausgebrochen wäre, entsteht in dem Saal. Es ist kaum je eine Versammlung von festlichen Menschen so rasch aus dem lichten Reich hoher Kunstbegeisterung in die rauhe Wirklichkeit voll Niedertracht zurückgerissen worden, wie die Leute, welche sich zu dem Ehrentag der jungen Künstlerin eingefunden haben. Christli hat eines der Blätter, das ihr zu Füßen gewirbelt ist, ergriffen – mit einem Schrei läßt sie es sinken – sie schwankt in tödlicher Blässe. Der junge schwarzgekleidete Mann, der sie zuerst auf die Bühne geleitet hat, kommt, verneigt sich und spricht in das verwirrte Publikum: »Das Konzert muß infolge unliebsamer Störung aufgehoben werden!« Er zieht die halb bewußtlose, taumelnde Künstlerin, die das schöne Haupt wie eine geknickte Knospe hängen läßt, aus dem Bereich der Zuschauer, von denen die einen höhnische, die anderen mitleidsvolle Blicke auf sie werfen, die meisten aber durch bewegte Gesten dem Zorn und der Verachtung über die Störung Ausdruck geben. Auch Felix Notvest hält eines der mit nicht gewöhnlicher Kunst ausgestatteten Flugblätter in den zitternden Händen. Ein Bild stellt die alte Abtei Reifenwerd im Mondschein dar und ein Mädchen mit den Zügen Christlis spielt, an einer Linde lehnend, auf der Violine andächtig zu einem Fenster empor, in dem ein Jüngling mit seinen Zügen lauscht. Darunter stehen einige Zeilen erklärenden Textes: »Die musikalische Laufbahn der Künstlerin Christina Wehrli begann damit, daß sie dem nunmehr zur Berühmtheit gelangten Pfarrer und Volksführer Felix Notvest von Reifenwerd nächtliche Ständchen darbrachte. Eines Tages wurde die Konfirmandin, die Hand an das eigene Leben legte, aus dem Wasser gezogen, und der romantische Pfarrer entzog sich der Pflicht nicht, für die künstlerische Zukunft der Verirrten zu sorgen. Doch ist wohl nur der ungenügende Einblick in das Vorleben seiner Schülerin daran schuld, daß es Herr Fredy Cella wagt, sie den Kunstkreisen unserer Stadt vorzustellen. Wir haben mit Fräulein Christina Wehrli nichts zu schaffen. Fräulein, gehen Sie!« Felix Notvest starrt auf das Blatt, in dem der Same Heuelers schrecklich aufgegangen ist. Erst der Ruf, der ihm ins Gesicht tönt: »Das ist ja der Pfarrer!« bringt ihn wieder zur Besinnung. »Zu Christli!« Er dringt in das Künstlerzimmer. Ihr ganzes Wesen bebt in Aufruhr und Empörung. Mit einem wehvollen Klagelaut zerbricht sie den Bogen, unter dem eben die starken goldenen Töne hervorgequollen sind, und tritt mit dem kleinen Fuß so zornig auf das schöne Instrument, daß es zerbricht. Sie erblickt Felix Notvest, das Gesicht, in dem stärkere Farben des Todes als des Lebens stehen, mit den Händen bedeckend, weicht sie schreckhaft vor ihm zurück, sie wimmert: »Felix, schaue mich nicht an, ich muß vor Schmach sterben! Schau mich nicht an, ich ertrage es nicht!« »Gehen Sie!« redet ihm der junge Mann zu, der das Konzert geleitet hat, »Sie regen das Fräulein noch mehr auf!« Es kommen Frauen, um der Künstlerin etwas Hilfe zu leisten, und die Männer verlassen das Zimmer. Eine dunkle Gewalt treibt Felix Notvest durch die Gänge zu der Loge Sigundes. Er muß die Anstifterin des Unglücks zur Rede stellen! Die Thüre der Loge ist offen, und man blickt durch sie in den sich mit dumpfem Geräusch entleerenden Saal. Fredy Cella steht aufgeregt vor Sigunde. »Mein Konzert, mein schönes Konzert – verflucht die Stadt, in der mir das geschehen ist!« Seine Augen rollen und funkeln in wahnwitziger Wut und seine Hände fuchteln in die Luft. »Besänftigen Sie sich, Maestro!« scherzt Sigunde, sie streckt ihm beide Hände. »Möge Sie nie ein größeres Unglück treffen als dieser kleine Zwischenfall. Nehmen Sie ihn doch nicht zu tragisch. Sie reisen jetzt nach Norden, ich fahre nach Süden, im Frühling gibt es in der Villa Venedig ein fröhliches Wiedersehen und dann – Gott, da ist ja der Herr Pfarrer.« Siegreich und zauberhaft lächelt Sigunde Felix Notvest entgegen, und die rätselhaften, ins Grünliche schimmernden Augen leuchten in grausamem Triumph. Er sieht aus wie der Tod. »Sind Sie auf dem Rad, Herr Pfarrer?« flüstert sie haßvoll. »Agnes von Ungarn!« keucht er und ihm zuckt die Faust, daß er sie dem verleumderischen Weibe ins schöne Gesicht schlage. »Immer noch mit dem Unterschiede, daß ich Ihnen keine Abtei baue!« höhnt sie. In diesem Augenblicke kommt eine Frau gelaufen: »Herr Cella, Fräulein Wehrli hat sich eben mit Gewalt aus unserer Mitte frei gemacht, sie ist fortgegangen und wir wissen nicht wohin!« In seiner Herzensnot um Christli vergißt der Pfarrer alles andere und stürzt fort! In der langen, bangen Winternacht steht er am See und horcht, ob sich nicht müde Schritte und das Rauschen eines Frauenkleides regen, etwas Weißes, das den Tod sucht, im Nebel auftauche, seine arme, vernichtete Christli. Sterbenselend vor Zorn, Sorge und traurigen Gedanken wendet er sich im grauenden Tag über die Steige nach Reifenwerd. Wie der Mutter Christlis das Schreckliche erzählen? Und wo ist sie, seine zerbrochene Maililie? Wie er in die Wohnung tritt, hört er Frau Wehrli laut beten. Mit entgeistertem Antlitz tritt sie ihm entgegen. »Christli war in der Nacht da!« erzählt sie schluchzend, »sie ging nach einem kurzen, herzzerreißenden Abschied und ist jetzt schon auf dem Weg zu Karl und Lony! Ich habe sie nicht halten können!« Da faltet Felix Notoest die Hände: »Gott, ich danke dir, daß sie keinen böseren Weg gegangen ist.« Eine Thräne der Befreiung rollt über sein verhärmtes Gesicht. »Christli, mein armes Christli!« XXVI. Wilder als der Schneesturm im Wald, wütet das Schicksal in den Seelen. »O Mutter, liebe Mutter,« schreit ein Brief des zerschlagenen Christli, »wie dürfte ich meinem Felix je wieder unter die Augen treten. Ich wußte es ja, daß aus jenem thörichten Kinderspiel unter den Linden Unglück kommen werde. Nun ist durch mich und das Konzert, das Felix nie hat wollen, unendliche Schmach auf sein Haupt gefallen. Darüber muß meine Liebe sterben.« Zerstört und blaß starrt Frau Wehrli auf die wehvollen Zeilen und findet keinen Trost, wenn sie die trüben Augen zum Pfarrer erhebt. Wie ein Schatten wankt Felix Notvest durch sein Pfarrhaus. Wohl glaubt im Volke niemand aufrichtig an den Fleck, der auf den Ehrenschild des treuen Führers gespritzt worden ist. Wie weithin auch das bleiche Lächeln der Schadenfreude krieche, daß sich wenigstens der Schein eines Makels an einen hochgeachteten Namen geheftet hat, nimmt man das ›Skelett‹ überall als ein verleumderisches Werk von ausgesuchter Böswilligkeit, und in der Stadt herrscht viel Mitleid mit der jungen Künstlerin, die an der Schwelle ihres Ruhmes um Ehre und guten Namen gebracht worden ist. Wann aber war die politische Leidenschaft je barmherzig? Die Gegner Felix Notvests geben sich den Anschein, als glaubten sie an die Wahrheit des Flugblattes. Sie stellen die Flucht Christina Wehrlis als offenes Schuldbekenntnis hin. Die Lebenslänglichkeit des Pfarramtes aber fällt. Da fordert die Landeskirche den Pfarrer von Reifenwerd auf, daß er seine politische Thätigkeit und seinen Lebenswandel vor der Synode rechtfertige und gegen die Urheber des Flugblattes gerichtliche Klage erhebe. Unter dem Schreiben steht das Amtssiegel des Antistes, der Name seines Vaters. »Mein Leben liegt offen da wie ein Buch, gegen ein anonymes Flugblatt verteidige ich mich nicht, ich bedarf keiner Rechtfertigung, weder vor der Synode noch vor dem Gericht.« Das ist die Antwort Felix Notvests. Das Unerhörte geschieht! Vor allem Volk erkennt der Antistes feierlich dem unbotmäßigen Pfarrer Felix Notvest die Würde eines Geistlichen der Landeskirche und das Recht ihrer zu walten, ab. Der Vater dem Sohn! In biblischer Größe wie Abraham, der seinen Sohn schlachten und Gott opfern wollte, ragt der Vorsteher der Landeskirche aus seiner Zeit. Felix Notvest ist krank, er starrt und starrt und ermißt, was für erschütterndes Unglück er über das stille Patrizierhaus am Strom, über die greisen Häupter der Eltern gebracht hat. Er sieht sie, wie sie händeringend durch die altväterischen Gemächer gehen und, irre an ihrem Sohn, irre an Christli, irre am ganzen Volke, Gott fragen, wie der vom Himmel in heißen Gebeten Erflehte so weit habe abirren können vom guten Wege der Väter. Wie nagt der Gram am ehrwürdigen Vater, daß unter seiner Amtsführung das Antistitium untergeht, das er für eine Einrichtung göttlichen Rechtes hält! Es geht unter! Umsonst eilt der seiner Würde entkleidete Pfarrer selbst in den Rat, bittet er mit Thränen in den Augen, daß man das Antistitium wenigstens so lange bestehen lasse, bis der jetzige Träger des Amtes, der silberlockige Greis, sein Haupt in den Tod beuge. Ihm antwortet der Kommandant: »Die Gemeinde Reifenwerd hat eine von allen Bürgern unterzeichnete Bittschrift an den Antistes gerichtet, in der wir ausführen, wie haltlos alle Anschuldigungen gegen Euch sind, wie segensreich Ihr in unserer Gemeinde gewaltet habt, und ihm ans Herz legen, daß er Eure Entsetzung widerrufe. Er hat es nicht gethan! Darum ersuche ich den Rat im einmütigen Namen der Gemeinde Reifenwerd, die keinen anderen Pfarrer als Felix Notvest unter sich dulden wird, um die Abschaffung des Antistitiums, um die Einsetzung einer obersten Kirchenbehörde, die unsere gerechten Wünsche achtet.« So spricht der Mann, der einen Augenblick unter der Freude, daß er seine erste Tochter wiedergefunden, vergessen hat, daß die Ehre seines Hauses unter der Schande der zweiten wankt, und der nun doch vorübergehend noch einmal am öffentlichen Leben Anteil nimmt. Eine stürmische Sitzung – die ehrwürdige Einrichtung des Antistitiums, die über vier Jahrhunderte bestanden und im Anfang die Blätter der Landesgeschichte mit ruhmeswürdigen Thaten der Barmherzigkeit an Religionsflüchtlingen aus allen Ländern bedeckt hat, ist dahin. Der neue Kirchenrat setzt Felix Notvest wieder in Ehren und Amt. Soll er dem herzlichen Rufe der Gemeinde folgen, soll er am heiligen Tage der Weihnacht vor sie hintreten und ihr die frohe Botschaft bringen: »Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!?« Oder soll er Sohnestreue bis zur letzten Höhe üben und der neuen Behörde antworten: »Ich unterwerfe mich dem Willen meines Vaters.« Da giebt das Schicksal selbst die Antwort auf den Zwiespalt, der Felix Notvest zerreibt. Der ins Mark getroffene fromme Vorsteher der Landeskirche erkennt die neue Verfassung nicht an. Mit der dünnen, flackerigen Stimme des Alters predigt der silberlockige Greis auf der Kanzel des Münsters: »Die Gewalt des Antistes ist von Gott, kein Rat, keine Volksmenge, nur Gottes Wille kann den Antistes seines Amtes verlustig gehen lassen, seine landeskirchlichen Entscheide aufheben.« Plötzlich versagt und bricht die Stimme des Predigers, der auf der Kanzel sein Amt verteidigt, er schwankt, ein Schlaganfall hat ihn getroffen, der Sohn wird an das Sterbebett des Antistes gerufen. »Mein Felix, mein Felix, wirf keinen Stein auf deines Vaters Grab! Ich that, was mein Amt gebot. Siehe, Gott selbst enthebt mich nun des meinen! In den Himmeln wird die ewige Güte das Rätsel lösen, warum ich und du, mein lieber Sohn, uns nicht haben verstehen können und uns haben Schmerzen bereiten müssen, einer dem anderen!« »Vater, darf ich Pfarrer in Reifenwerd bleiben?« schluchzt Felix, der am Lager des Sterbenden kniet. »Bleibe es in Gottes Segen, Felix.« Der Vater haucht es, die kalten, feuchten Finger suchen die Hand des Sohnes, der kraftlose Mund küßt seine Stirne. Da steht der Atem des Greises still. Der letzte Antistes der Landeskirche ist gestorben. Und siehe da! Das Wunder der Liebe und Treue, mit dem die Gottheit schon im grauen Altertum ihre Güte an hochbetagten Paaren offenbarte, ereignete sich am Lager des ehrfurchtgebietenden Toten. Auch die treue Lebensgefährtin neigt das Haupt in den Tod. »Grüße mir das Christli, Felix,« unterbricht die im Lehnstuhl sitzende Greisin ihre leisen Gebete; »sie war uns ein Sonnenstrahl in dunkler Zeit, schreibe du ihr die Worte der Liebe und des Segens, mit denen ich nicht mehr auf ihren Brief antworten kann.« »Mutter, Christli ist meine Braut!« flüstert Felix Notvest. »Dann will ich vor meinen Gott und Herrn hinknieen, ich will ihn bitten, daß er ihre Schritte aus der Ferne in die Heimat lenke und ein treues Herz das Leben meines Felix hüte!« »Mutter!« dankt Felix Notvest, unter strömenden Thränen beugt er sein Haupt in ihren Schoß. Wie er wieder aufblickt, sieht er eine Verklärte. Wie Philemon und Baucis, im Leben und Sterben einander getreu, ist das greise Elternpaar dahingegangen. Von zwei Gräbern hinweg, über die der Schneesturm treibt, tritt Felix Notvest auf die Kanzel von Reifenwerd und entbietet seiner Gemeinde die frohe Botschaft: »Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen.« Noch tiefer als die herzensgewaltige Predigt erschüttert die Gemeinde der Anblick ihres wiedergewonnenen Pfarrers. Felix Notvest ist ergraut, nein, über Nacht weiß geworden wie das Land, auf das der Schnee fällt, silberlockig wie sein Vater, der Antistes. Lautes Weinen geht durch die ergriffene Gemeinde. XXVII. Das Werk der neuen Landesverfassung ist mit der Ordnung der kirchlichen Fragen ausgebaut und vollendet. Um den treuen Volksführer ist es still geworden. Das ist gut so! Sein Feuergeist ist in den Verfassungswirren der wilde Reiter gewesen, der sein Pferd niedergehetzt hat. Seine Gesundheit hat gelitten, die leibliche Kraft ist geschwächt. Kein hörnerner Siegfried, der sich mit Unempfindlichkeit gewappnet, viel eher ein Kämpfer, der jeden Schwertschlag, den er gegen andere führt, am eigenen Leibe gespürt hat, ist der Sieger, bedeckt mit Wunden, aus der Schlacht gekommen. Davon erzählen die plötzlich weiß gewordenen Locken, die ein sonderbares Widerspiel zu seinem doch noch jugendlichen Gesichte bilden. Er sitzt in den Tagen zwischen Weihnacht und Neujahr in seiner Studierstube, und draußen vor den Fenstern fallen die Flocken des Winters weiß und rein, groß und schwer, still und ruhig auf die Erde und lullen alles Leben in Schlaf. Wie das dem müden Kämpfer wohlthut, wohl wie die Nachricht, daß die Führer und das Volk seinen inständigen Bitten nachgeben und, weil er im Leid um seine Eltern ist, von der großen Landsgemeinde und Huldigungsfeier absehen, mit der sie mitten im Winter den Abschluß des großen Werkes aus dem Boden von Reifenwerd, wo es begonnen worden ist, begehen wollten. Nur wie ein Traum zieht es durch seine Seele, daß heute die schwarzmarmornen Ehrentafeln im Vestibül des Rathauses um zwei goldene Namen dahingegangener verdienter Mitbürger vermehrt werden, um den des letzten Antistes und um den Robert Hohspangs, des Alt-Regierungspräsidenten und großen Staatsmannes, der an dem nämlichen Tage wie der Antistes gestorben ist. Was sind Ehren im Leben, was sind Ehren im Tod? Vor dem Weltgericht werden nur die Thaten der Selbstlosigkeit zählen! Eine That der Selbstlosigkeit ist da, das Fabrikgesetz. Aber wie viel Leid ist in den einen göttlichen Faden gezwirnt! Die herrlichen Eltern sind um des Sohnes willen in Jammer zur Grube gefahren, der Name des Mädchens, das er liebt, ist von einer Verleumderin entehrt, die keusche Maililie, die er sich hegen und pflegen wollte, welkt im fremden Land. Es ist furchtbar, und seine Seele schreit nach ihr! Sie schreit Fluch über Sigunde, das schöne gottlose Weib, das seit dem Hinscheiden ihres Schwiegervaters, des Regierungspräsidenten, die reichste Witwe im Lande ist. Schön, geistreich, gewissenlos! So mag sie frei den Freudenkelch des Lebens trinken, heute im Süden, morgen im Norden und zwischenhinein auf dem entzückenden Landsitz am heimatlichen See. So mag sie ihre Herzlosigkeit mit dem Schein der Mutterliebe umhüllen, die sie ihrem blonden, engelschönen Knaben widmet! Seit der Flucht Christlis kann Felix Notvest den Namen des verleumderischen Weibes nie hören oder lesen, ohne daß sein Herz in Schmerz und Zorn überwallt. Er preßt dann die Hand auf die Brust, als müsse er eine vergiftete Wunde decken, die nie vernarbt. Er sieht wieder die wie Riesenschneeflocken im Konzertsaal herniederfallenden Flugblätter, die blasse Künstlerin, wie sie mit einem Wehschrei von der Bühne taumelt, seine durch eine Schurkerei vernichtete Christli! Ja, Sigunde Hohspang hat in ihrem Rachedurst gut zugeschlagen! Wie mit einem scharfen Schwert hat sie Christli von ihm getrennt. Er ist einsam, sie ist einsam, die Seelen weinen nacheinander, und sie können doch nicht zusammen kommen! Der Pfarrer wühlt in den Briefen Karl Wehrlis, sein Auge ruht auf den abgerissenen Zeilen, den Stammelworten innerster Not, mit denen Christli manchmal die Mitteilungen des Bruders begleitet, aber seine Züge werden nur hoffnungsloser. Wohl lebt ja in Christli eine zehrende Liebe zu ihm, und die göttliche Flamme, die einen Augenblick im Weh der jungen Brust erloschen schien, flackert aus der Asche, aber es war eine freundliche Täuschung, als es im Anfang ihres Aufenthaltes in Lyon schien, daß sich ihr erregtes Gemüt unter dem Zuspruch ihres Bruders beruhigen werde. Wie ringt es, nach Karls Briefen zu urteilen, mächtig und wild in der heißen, verschwiegenen Seele, wenn Lony ihr Leiblied singt: »Wem Gott ein treues Lieb beschert, Der soll von ihm nit lassen,« wenn sie Christlis Hand ergreift und in ihrer schlichten, warmen Art sagt: »Nimm dir das Lied zu Herzen! Sigunde Fürst ist es nicht wert, daß du ihretwegen einen einzigen Tag fern von Felix Notvest bist!« Da schreit und bäumt es sich in Christli, da verlebt sie entsetzlich schlimme Tage: »Wenn Felix stürbe und ich könnte nicht an seinem Lager stehen und ihm hilfreich fein in der höchsten Not – ich stürbe selber!« stößt sie dann hervor. Ueber einen Punkt aber kommt die arme, eigensinnige Christli nicht hinweg: sie kommt mit ihrem durch das schmähende Flugblatt tödlich verletzten und überreizten Ehrgefühl in keinen Frieden! Das alles sieht Felix Notvest trauervoll aus Karl Wehrlis Briefen, und der Bruder hat wohl mit dem Rate recht, selbst die Mutter möge sich nicht in Christlis inneren Kampf mengen, sondern sie gewähren lassen, bis ihr die Liebe von selbst den Heimweg weise. Felix Notvest dürstet nach ihr wie der Ritter auf dem Rad nach einem Trunk, und stets treibt es ihn vor ihr liebes Bild, das in der Wohnstube hängt. Dunkle Augen unter seidenen Wimpern, ein fein gebogenes Naschen, ein herbes Mündchen, ein schmales Gesicht und darüber ein Hauch wie unberührter Frühling! Selbst eine hohe, trostreiche Fügung vermag er in der schmerzensreichen Reise Christlis zu erkennen. Die plötzliche Erscheinung des lieben Mädchens war für die arme, sich in Heimweh verzehrende Lony wie Regen des Himmels auf ein versengtes Feld, leidtilgender Heimatgruß, vielleicht eine heilige Erquickung auf den dunklen Pfad, den wir einst alle wandern müssen. Obwohl es schien, als habe der vor Liebe überfließende Brief des Kommandanten die Krankheit und Schwäche Lonys hinweggetrieben wie Lenzregen den Winterschnee, obwohl sie nur in dem einen Gedanken lebt, daß sie im Frühling mit Karl zu längerem Besuch in die Heimat komme, ist ihr Gatte in beklemmender Sorge um sie. »Die Rosen auf ihren Wangen gefallen mir nicht,« schreibt Karl, »es ist mir stets, sie könnte erlöschen wie ein Licht.« Ein Pochen an der Thür schreckt Felix Notvest aus seinen Betrachtungen. »Herr Heueler!« Der Journalist und Pamphletär, der ein paar Schneeflocken vom Hute streift, sieht recht abgerissen aus. Kein Wunder! Sein Blatt, das am Anfang der politischen Bewegung wuchs wie ein Schwamm im Regenwetter, ist dem Volke zuletzt wegen seiner Giftigkeit verleidet, mit dem Rückgang der Bewegung hat es seine vielen Tausende von Lesern verloren und ist am Zusammenbruch. »Herr Pfarrer,« fragt Heueler finster, »was bekomme ich zum Dank für meine große thätige Mithilfe an Ihrem Ruhm?« »Den Fußtritt, den Sie verdient haben!« antwortet Felix Notvest voll Abscheu. Die Augen, die Heueler sonst halb verschleiert hält, leuchten verächtlich und vielsagend auf, es liegt eine wilde Feindseligkeit darin. »Leben Sie wohl, Herr Pfarrer,« erwidert er spöttisch demütig, »wir stehn noch nicht am Ende des politischen Liedes.« Ein anderer aber steht am Ende des politischen Liedes. Der Kommandant! Er hat es verwunden, daß er im Kampf gegen die Eisenbahn unterlegen ist und daß Rudolf Fürst mit seiner Fabrik in Reifenwerd stets mächtiger wird, er sieht nur noch das Elend im eigenen Hause. Judith geht wie ein Marterbild, wie ein Gespenst einher, ihre Augen sind hohl, die Wangen mißfarbig, grau und grünlich, der Blick stechend und flackrig. »Hans Ulrich,« beginnt Frau Susanne, die auch um Jahre gealtert hat, hager und knochig geworden ist, »schau das Kind an, es grämt sich zu Tode! Es hat ja schon einen Fuß im Grab. Sollten wir nicht Franz Wohlgut kommen lassen, damit wir uns mit ihm ins reine setzen können?« Der Kommandant brennt zähneknirschend auf: »Niemals!« Die letzten Tage des Jahres sind da, wo jede Bäuerin Kuchen backt und die Straße entlang die Dorfjugend: »Sylvester, Sylvester,« ruft! Da tritt der Kommandant im höchsten Sonntagsstaat vor Frau Susanne und Judith: »Haltet Neujahr wie ihr wollt; ob das Heimwesen verkauft ist oder nicht, ich reise jetzt nach Lyon. Ich will nur noch die alte Frau Wehrli fragen, was sie an ihren Sohn auszurichten hat.« Wie aber der Kommandant ins Pfarrhaus tritt, da wischt sich Frau Wehrli die Augen, und wie der Pfarrer seine Stimme hört, bittet er: »Herr Kommandant, treten Sie bei mir ein!« Sein Wort tönt ernst und traurig. Der Kommandant will es nicht spüren und spürt es doch. »Meiner Lony geht es gut!« beginnt er unsicher und in wachsender Herzensangst, »ich fahre jetzt nach Lyon!« Der Pfarrer starrt ihn an: »Ich rüstete mich eben auf den Weg zu Ihnen! Ihrer Lony geht es gut, sie ist jenseits alles Leides und alles Schmerzes.« Der Kommandant fährt auf und schwankt, er hält sich an der Lehne des Stuhles und stemmt sich an die Wand, die Lider unter den dreizackigen Brauen zucken, er gebärdet sich, wie wenn er fröre und die Schauer des Sterbens auch über ihn liefen. Ohnmächtig läßt er den Mund hängen, bis er, wie aus einem entsetzlichen Traum erwachend seufzt: »Tot? Ist meine Lony gestorben – tot?!« »Sie sagen es selbst!« erwidert der Pfarrer. Er müht sich um den alten, zerschlagenen Mann. »Sie stand doch so schön am Rebberg oben im Morgenrot!« flüstert der Kommandant. Mitten im Wort bricht seine Stimme, er schluchzt, und zwei dünne, klare Thränen rinnen die ehernen, mageren Wangen hinab – er sinkt tappend auf den Sessel zurück und fragt: »Wie ist Lony gestorben?« Gebeugt und mit gefalteten Händen sitzt er da. Felix Notveft liest ihm den Brief Karl Wehrlis vor, der das schmerzliche Ereignis mitteilt: »Sie erzählte unserem kleinen Hans vom Großvater in Reifenwerd, der zu Besuch kommen würde. Sie sprach mit Christli über Reifenwerd, über die Jugendzeit, wie alles schön gewesen sei, die alten Linden, das Tätschschießen. 'Lony, begieb dich zur Ruhe!' mahnten wir, aber sie sagte: 'Laßt mich! Es wird jetzt alles von selbst wieder gut.' Sie wollte noch singen: 'Wem Gott ein treues Lieb beschert', aber es ging nicht, sie erzählte dafür, wie die Jungmannschaft in der Nacht die Reben des Schleifers Keller bearbeitet hat. 'Und an der Tanne stand im Tagschein der Vater und lachte vor Freude!' Nun war es auf einmal, als ob die Lony träumte. Dann sank sie Christli in den Arm. 'Karl!' hauchte sie noch – der Rest war Sterben!« Der Kommandant bebt und zittert an allen Gliedern. »So, sie hat noch an den Morgen gedacht? Ich aber sehe meine Lony nie wieder – niemals – niemals! – Doch, doch; meine Lony kann ja nicht tot sein!« Er fährt auf: »Lebt wohl, Herr Pfarrer, und erzählt anderen Leuten solche Märchen!« Wie einer, der im Dunkeln tappt und es doch eilig hat, verläßt er das Pfarrhaus. Einen Augenblick zu spät fällt es Felix Notvest ein, daß er dem Kommandanten hätte folgen sollen. Der unglückliche Mann geht vor sein Haus, aber er tritt nicht ein. »Das ist brav, Barry, daß du bei mir bist!« Er wendet sich, er steigt den hoch mit Schnee bedeckten Rebberg empor, aus dem einige nackte, braune Schosse ragen. Am Waldrand stellt er sich hinter die Tanne, hinter der er einst gestanden hat, und er thut so, als ob er jemand belauere. »Sie hat halt doch eine große Freude gehabt an meinem Brief,« spricht er für sich. »So schau doch her, Lony, ich lache vor Freude!« Und er grinst. »Barry, suche die Lony!« schmeichelt er dem Hunde. »Ja, wenn du sie halt nicht findest, ist sie tot – tot.« Er hört die Stimmen von Leuten, die in der Nähe Holz hacken. »Komm, Barry!« Wie wenn er von den Leuten etwas zu fürchten hätte, schleicht er weiter durch den mit Rauhreif behangenen Wald und gerät in eine wilde, ächzende Eile. Er weiß es selber nicht, wie viele Stunden er schon mit Barry im Schnee wandert. Nach Lyon will er plötzlich nicht mehr, der alte Bauersmann. Was würde er dort finden! Nichts als ein frisches Grab! Aber weit weg will er von seinem verunehrten Heim. »Warum die Lony, warum nicht die Judith?« fragt er im Selbstgespräch. Vor Fußspuren im Schnee hält er an: »Wenn es die Tritte Lonys wären!« Vogelschwingen haben sich im Vorüberflug in den reinen Schnee gezeichnet. »Ehe die Seele Lonys in den Himmel gestiegen, hat sie wohl in heiliger Liebe den Boden der Heimat, gestreift.« Überall entdeckt er Lonys Spur, jeder Hauch des verschneiten Waldes, die klirrenden Eisnadeln sprechen von Lony, seinem Prachtmädchen! Der Sylvesterabend dämmert, und wo der Wald hoch und still ist, ruht der Kommandant, den Kopf Barrys auf seinen Knieen. Und wahrhaftig, er sieht Lony. Jung und stark schreitet sie, ein Büschel Weizen im Arm und die Sichel in der Hand, mit lachenden Augen auf ihn zu. Und er redet sie an: »Lony, soll ich das Heimwesen Franz Wohlgut geben?« »Sei nicht so unvorsichtig, Vater!« und ihre großen Augen, die so innig sind wie blühender Flachs, strahlen ihn an. Ja, er und seine Lony verstehen sich. »Du hast recht, Lony, ich bin kein Thor wie König Lear!« Er erwacht über seinem eigenen Wort. Da, horch! – Rings im Lande klingen die Neujahrsglocken, die Töne schweben und beben über die gefrorene Erde und steigen hinauf zu den ewigen Sternen. Wie schicksalsmächtig das singt und klingt! Der alte Mann im Walde ringt sich empor. Wenn man doch die Jahre zurücknehmen könnte, die selbstverschuldeten Jahre ohne Liebe und Glück! Er schwankt zu der Lichtung; das Gesicht von den Thränen der Reue bedeckt, schreit er in den schwarzen, starren Winterhimmel hinauf: »Liebe Lony, ich wünsche dir von Herzen ein gutes, gesegnetes, glückhaftes und freudenreiches neues Jahr!« Mehrere Tage irrt der Kommandant einsam durch die Wälder. In einer fernen Gegend hören die Leute nächtlicherweile einen Hund heulen. Sie gehen den langgezogenen, kläglichen Tönen nach. Im Dickicht einer Waldschlucht finden sie einen Greis, der kraftlos und ohne Besinnung daliegt und wohl erfroren und gestorben wäre, wenn ihn das treue Tier nicht mit seinem Leib gedeckt hätte. Als man den Unbekannten, der einen guten Sonntagsstaat trug und eine bedeutende Summe Geldes bei sich hatte, ins Dorf brachte und er wieder etwas zu Kräften gekommen war, wollte er seinen Namen geheim behalten. Der Gemeindepräsident aber erkannte ihn. »Gott, seid Ihr es, Großrat?« – »Ja, so weit kommt man,« stöhnt der Kommandant, »wenn man die bessere Tochter mißhandelt und die schlechtere verzieht!« Er wird unausfällig nach Reifenwerd und in sein Haus zurückgebracht, aber unter den Dörflern, die zuerst glaubten, er sei zur Beerdigung Lonys nach Lyon gereist, ist des Munkelns und Redens kein Ende, die Reifenwerder schämen sich ihres Großrates und merken es wohl, daß dieser Beste vom Bauernstamme vor dem Zusammenbruche steht. Niemand mag in das Unglückshaus treten, und seine Bewohner kommen vor Schande nicht auf die Straße. Dem Kommandanten ist weh und weinerlich, er wiederholt nur immer: »Es ist mir nicht gut, Susanne, hole mir ein Glas roten Weins!« Er sitzt am Tisch und trinkt, wortlos sitzt er da, liebkost dann und wann Barry, und wenn er etwas spricht, ist es von Lony. »Lony ist jetzt im Himmel!« versetzt Frau Susanne sanftmütig. »Soll aber deine Judith auch wie Lony sterben? Mich drückt der Kümmer um das Kind in die Erde. Wir wollen mit Franz reden!« »Ich trete das Heimwesen nicht ab!« knirscht er. »Du bist jetzt in den Sechzigen, Hans Ulrich,« überredet Frau Susanne, »lade ein wenig von deinen Schultern ab. Was willst du noch regieren! Lasse einmal die Jungen schalten und walten. Mit Franz wird schon auszukommen sein!« Der Tod Lonys, das Unglück im Haus, die Gewissensbisse, der Wein und das Zureden seiner Frau übermannen nach und nach den Kommandanten. »Gebt mir Frieden!« stöhnt er. »Ich bin ja schon ein halber Narr, was thut's, wenn ich ein ganzer werde? Ich will nichts als ein Plätzchen, wo ich an Lony denken kann.« »Soll Judith an Franz schreiben, daß er vorbeikomme?« fragt Frau Susanne, »du wollest dich mit ihm besprechen!« »Gut, sie mag ihm schreiben!« murmelt der gebrochene Kommandant, »schlagt mir auch den Nagel in den Sarg, ich habe nichts dagegen!« Ein dunkler Tag kommt. In der Wohnung sitzt, die Feder hinter dem Ohr, die Kanzleibogen vor sich, der Notar. Franz hat zwei Zeugen mitgebracht, keine Bauern aus dem Dorf, das wollte der Großrat selbst nicht, sondern zwei seiner Freunde. »Was seid Ihr von Beruf?« wendet sich der Kommandant an den einen. »Güterhändler!« »Und Ihr?« fragt er den anderen. »Börsenmakler!« Der Kommandant knurrt unwillig. »So, ich lade alle Beteiligten und Zeugen ein, die Urkunde zu unterschreiben,« versetzt der Notar nach einer Stunde kalt und geschäftsmäßig, doch auch so, als habe er selbst kein Zutrauen zu dem geschlossenen Ehe- und Übergabevertrag. Er reicht die Feder zuerst dem Kommandanten. Wie der Großrat unterzeichnet, daß er Haus- und Heimwesen, mitsamt der Fahrhabe, doch mit Vorbehalt eines Leibgedings, eines Oberstübchens, das ihm und seinem Eheweib als unzerstörbares Eigentum angehört, an seinen Schwiegersohn abtritt, da zittert ihm die Hand so sehr, daß er die Linke auf den rechten Oberarm legen muß, um den Namen hinmalen zu können. Dann bringt Judith, die wieder fröhlicher geworden ist und besser aussteht, Rotwein auf den Tisch, und ein ländliches Mahl bildet das Ende der Vertragsverhandlungen. Es kommt dem Kommandanten vor wie eine Henkersmahlzeit, aber Franz Wohlgut stößt sein Glas an das des Kommandanten. »Vater, kein so trübseliges Gesicht! Ich weiß gewiß, was gegen Eltern schicklich ist, von mir und meinen Freunden aus erfährt auch niemand etwas von der Abtretung.« »Ich danke dir, Vater! Du sollst es schön und gut bei uns haben!« lacht Judith, und die heidelbeerschwarzen Augen glänzen wieder. Vierzehn Tage später aber kommt der dickköpfige Säckelmeister zum Kommandanten. Er windet und wendet sich und will nicht mit der Sprache heraus. Um so gröber sagt er zuletzt, was ihn drückt: »Es ist also die Meinung im Dorf, daß Ihr das Amt niederlegen sollt, ehe es alle Spatzen von Reifenwerd pfeifen:?Wir haben einen durch seinen Schwiegersohn und seine Tochter bevormundeten Großrat!?« Der Kommandant blickt ihn wortlos und traurig an. »Ihr habt recht, Säckelmeister!« Er legt seine Würde nieder. Der Mann, der in kurzer Zeit ein Schatten seiner einstigen Stärke geworden ist, schleicht zerstört einher. »König Lear!« Er schüttelt den Kopf. »Weniger als König Lear!« Er glaubt, daß er nicht mehr elender werden könne, der arme, alte Narr, der mit Barry in der Lenzsonne am Rebberg sitzt und von Lony träumt! XXVIII. Frühling! Die Jugend des Dorfes eilt in der Abenddämmerung an die Reif, setzt brennende Kerzen auf Schindeln und Brettchen, läßt sie auf den Wellen tanzen und erfüllt die Straßen mit dem Ruf: »Sankt Fridolin?- Winter bachab!« Wieviel drängendes Leben herrscht in Reifenwerd. Ueberall fleißige Bauersleute, Rudolf Fürst oder Oberst Fürst, wie er jetzt den militärischen Titel führt, vergrößert seine Werkstätten, welche die ehemalige Abtei bald ganz umschließen, Hunderte von fremden und einheimischen Arbeitern bauen die Eisenbahn, die hinter der Fabrik über die Reif setzt. In der gleichen Richtung wie die alte Landstraße, doch einige hundert Schritte von ihr getrennt, durchschneidet sie die Aecker und Felder der Reifenwerder, läuft zum Bürgerwald an der Steige und dringt dann durch das Thälchen eines der Reif zuströmenden Baches und einen längeren Tunnel in die Stadt. Die Bauern grollen der Fabrik, sie grollen der Bahn, mit noch mehr Sorge erfüllt sie ein anderer Vorgang. Die wegen Schlägerei bestraften Bursche, die aus dem Gefängnis zurückgekehrt sind, leidet es um ihres Ehrenmakels willen nicht mehr im Dorf. »Amerika!« ist ihre Losung. Der eine zieht ledig, der andere mit einer wohlhabenden Bauerntochter, ein paar wandern mit Vater, Mutter und Geschwistern über die großen Wasser. Für die Häuser und Felder, die sie verlassen, fehlt es an bäuerlichen Käufern. »Wozu noch mehr Land erwerben?« fragen einander die Reifenwerder. »Neben der Fabrik, welche die Arbeitskräfte an sich zieht, finden wir die dienstbaren Hände nicht, die es bebauen.« Da fallen die Häuser und Felder der Auswanderer dem Obersten Fürst zu, der jede Gelegenheit nützt, um sein Besitztum in Reifenwerd zu vergrößern. Die Wohnungen vermietet er an seine Schreiber, Werkführer, Schlosser und Spinner, auf die Felder stellt er seine Vorratsschuppen, »Klein- Amerika,« wie die Bauern spottweise die stets wachsende Ansiedelung nennen, die jenseits der Reif um die Abtei entstanden ist, greift nach Alt-Reifenwerd hinüber. Das erschreckt die Bauern wie der Sturz des Kommandanten. »Es geht ein fauler Wind durch unsere Gemeinde.« »Ja, gewiß ein fauler Wind!« wendet sich der dickköpfige Säckelmeister, dem die Arme immer tiefer hangen, an den Pfarrer. »Unsere Töchter geben jetzt ihre Hand den Schreibern und Angestellten des Obersten, diesen halben Herren. Da sind wir Bauern die guten Schwiegerväter, die Milch und Brot umsonst in die jungen Haushaltungen schenken. Schaut nur, was Ludi Immergrün seiner Kathri alles heimlich zustecken muß, damit ihr windiger Schreiber mit den engen Tuchhöschen anständig durch das Dorf gehen kann.« Der Hirschenwirt mit dem Bäuchlein und den kleinen Zwinkeraugen, der bei den Plaudernden steht, kratzt sich im Haar. Er hat seinem Sohne Jakob, der die Freiheitsstrafe verbüßt und jetzt in einer tüchtigen Wirtstochter eine herzige Frau gefunden hat, in einer ziemlich fernen Berggegend um spottbilligen Preis eine neue hübsche Fremdenpension gekauft, deren Besitzer an dem Bau verblutet ist. Nun quält ihn die heimliche Sorge, ob das Paar das Haus in Aufschwung zu bringen vermöge. So wühlen überall im Dorfe die Sorgen, doch ist der Pfarrer gerade jetzt im Auftrag Karl Wehrlis, der ihm ein lieber Freund geworden ist, mit einer erfreulichen Aufgabe beschäftigt. »Es ist mein Herzenswunsch,« schreibt Karl Wehrli, »daß der Name meines lieben Weibes, meiner unvergeßlichen, früh Heimgegangenen Lony, durch eine That des Segens im Gedächtnis der Heimat bleibe. Bewegt von der Erkenntnis, daß ich selber durch ein paar gute Bücher den Weg ins Leben, zu Glück und Ehre gefunden habe, bitte ich Dich, mein Felix, in Reifenwerd eine öffentliche und unentgeltliche Jugend- und Volksbibliothek einzurichten, die zu Ehren der geliebten Toten den Namen?Lony- Stiftung? führen und mit jährlichen Zuschüssen, für die ich sorge, vermehrt werden soll. Lasse darin die Lebensbilder großer Männer nicht fehlen.« »Lony-Stiftung!« Was mag dabei der von der Höhe des bürgerlichen Lebens gestürzte Kommandant Stockar denken, der jetzt mit Frau Susanne als ein ungern Geduldeter im Hause seines Schwiegersohnes Franz Wohlgut wohnt? Auch darüber plaudern die Männer. »Mir würgt es die Brust, wenn ich ihn sehe,« keucht der Sackelmeister, »wie er so verloren durch die Aecker geht oder hinauf in die Reben schwankt, sich mit Barry unter eine Tanne setzt und den Tag verbrütet.« »Ja, wenn dem Manne geholfen werden könnte!« versetzt der Pfarrer, »aber was hilft es, wenn ich Franz Wohlgut ins Gewissen rede? Er ist ein Mann ohne Ehre, der mit dem erschlichenen Vermögen an der Börse spielt. Das ist öffentliches Geheimnis, und die Kaufleute in der Stadt schütteln die Köpfe über den neumodigen Bauern von Reifenwerd, der großgestiefelt und gespornt in die Produktenhalle tritt und Geschäfte nach Tausenden von Franken abschließt.?- Armer Kommandant!« Wie gern ihm der Pfarrer helfen würde! Seit Felix Notvest seine Eltern verloren hat, seit Christli am entsetzlichsten Tag ihres Lebens von ihm geflohen ist, lebt er in einem heißen, oft über das Ziel schießenden Drange, das Unglück in der eigenen Brust mit Wohlthun zum Schweigen zu bringen, hohe Schatten mit Thaten unbegrenzter Güte zu versöhnen. Sein Glück und dasjenige Frau Wehrlis ist der letzte Satz aus Karls Brief: »Ich spähe ins Vaterland,« schreibt er, »ob sich dort irgendwo eine günstige Gelegenheit für mich finde, Schöpfer einer großen Industrieanlage zu werden. Ja ich überlege es mir ernsthaft, ob ich nicht bald kommen, eine Weile ohne Geschäft mit meinem Buben das Land durchreisen und ihm dessen Schönheiten weisen soll. Der Plan zu einer großen Fabrik giebt sich dann vielleicht von selbst. Jedenfalls sei versichert, daß mein Bube mit dem ehrsamen Reifenwerder Namen Hans Ulrich dem guten Großmütterchen nicht als welscher Springinsfeld in die Arme eilt. Dafür sorgt seine ernste Erzieherin, Christli. Der lebhafte, mutwillige Bube hängt mit rührender Liebe an ihr. Sein Betteln hat sie dazu gebracht, dem Worte untreu zu werden, das sie sich selber geschworen hat. Sie, die nie wieder eine Violine berühren oder den Ton eines Instrumentes um sich dulden wollte, giebt ihm Unterricht in den Anfangsgründen des Geigenspiels. Das ist doch ein Zeugnis für die Heilkraft der Zeit. Felix mag die Hoffnung nicht fahren lassen.« Der Pfarrer selbst beginnt zu hoffen und zu glauben. In schwebender Ferne sieht er das gelobte Land, in dem er und Christli im Frieden wandeln werden. So bald kommen aber Karl Wehrli und Christli nicht. Halb gezwungen und mit innerem Widerstreben schließt Karl Wehrli einen neuen Vertrag mit der Gesellschaft in Lyon ab, der er als technischer Direktor vorsteht. »Und unser armes eigensinniges Christli findet allein den Heimweg nicht!« stöhnt Felix Notvest, von Sehnsucht überwältigt. »Ich vertrauere mein Leben im einsamen Pfarrhaus und meine Maililie verwelkt in fremdem Land!« Die Zeit vergeht, es wird wieder Frühling und noch einmal Frühling; käme jetzt Christli, so könnten sie mit der Eisenbahn bis nach Reifenwerd fahren und im kleinen Bahnhof aussteigen, der sich nahe bei der Eisenbahnbrücke zwischen den Fruchtfeldern des Dorfes erhebt. In der Stille, in der er jetzt lebt, erinnert sich Felix Notvest, daß seine Kindheit von einem kunstsinnigen Heim umgeben war. Haben die Stürme des Lebens die freundlichen Bilder des Elternhauses eine Weile bedeckt, so glänzen sie jetzt wieder hervor. Die neue Eisenbahn kommt seinen Kunststudien entgegen. Sie führt ihn häufig nach Rheinsee. Da vertieft er sich in die Sammlungen Lombardis, mit gereiftem Verständnis forscht er in den Reliquien der untergegangenen Abtei Reifenwerd. Manche schöne Abhandlung über ältere und neuere Kunst der Heimat reift im Frieden des Pfarrhauses zu würziger Frucht. Unauffällige Anerkennungen für die gründlichen und gediegenen Arbeiten fallen ihm zu, aber nicht aus dem Schoße seiner Partei, von seinen politischen Freunden, die zum Volke der nüchternen Nützlichkeitsmenschen gehören, sondern sie kommen aus jenen Kreisen der Stadt, die bei der großen Bewegung zu Robert Hohspang standen, aus dem alten Bürgerhaus mit seinen kunstfreundlichen Bildungsüberlieferungen, aus dem Stand reicher Großkaufleute, die auf ihren Reisen die Kunst der ausländischen Städte kennen und schätzen gelernt haben. Sein Name beginnt als der eines feinsinnigen Kunstkenners zu klingen. Ja ihm ist, ein Frühlingslüftchen der Kunst wehe durch das eigene Land, dessen neue Verfassung er umsonst mit einem Satze zu gunsten der vaterländischen Kunst hat krönen wollen. Die Kunst hat wenigstens eine hohe Freundin und Gönnerin, welche die schönen Denkmäler von Reifenwerd nicht weniger als er selber liebt. Es ist die Schützerin und Förderin alles Schönen, Sigunde Hohspang, das glückliche Weib. XXIX. Sigunde Hohspang, das glückliche Weib! Sie erscheint ihrem Volke wie ein schönes Märchen, ihre Villa Venedig wie ein Märchenschloß. Was man alles davon spricht und flüstert. Wohl geht weit und breit ein Gerücht, daß Sigunde die heimliche Urheberin jenes Flugblattes gewesen sei, das die Ehre des Pfarrers von Reifenwerd und der jungen Künstlerin vernichten sollte und diese in die Fremde trieb. Man hat eine Weile scharf von der zügellosen Rachsucht der schönen Frau gesprochen. Was kümmert sie selber sich darum! Sie hat so viele Verteidiger wie Ankläger, sie widerlegt ihre Verkleinerer mit ihrer Freigebigkeit und Güte. In der Stadt entsteht kein gemeinnütziges Werk, sie steht als die reiche Frau mit der offenen Hand dazu, sie zeichnet dafür den ersten großen Beitrag, sie giebt mit Anmut und Würde, frei waltet sie mit den Talenten, die die Bewunderung der Männer erregen. Sie ist reich und geistreich! Sie ist schön! Ihr sind noch die süßen Reize der Jugend beschieden. Nur leise, leise haben sich ihre Formen zu feiner Molligkeit gerundet, entzückend steht sie zwischen Knospenhaftigkeit und lieblicher Reife. Unter dem in einen dicken Knoten gewundenen, schimmernden Blondhaar lachen die großen, grauen Augen, die oft plötzlich ins Grüne nachdunkeln, in strahlender Lebensfreude, der schwellende Mund spricht es nicht, er haucht es nur: »Ich bin jung, ich bin glücklich!« So gilt sie auch vor der Welt als das vom Schicksal wundersam begünstigte Schoßkind des Glücks, als sein verzogener Liebling! Sie träumt unter dem Terebinthenbaum, wo das Grabmal der Königin Agnes steht, in den blauen Sommertag. Da kommt ihr schöner, blondlockiger Knabe, der aus den Kieswegen des Gartens den Reisen schlägt, unter den Baum gelaufen. »Mutter!« jubelt der Junge. Indem ihr Blick, ihre Hand das Lockenhaupt des Sohnes streift, überwältigt sie der Mutterstolz. In jedem Zug ist der Knabe das verjüngte Ebenbild seines Großvaters. Im Enkel dämmert und wächst die Gestalt Robert Hohspangs, dessen Erscheinung das Volk immer bezwungen hat, dem Leben frisch entgegen. In dem leuchtenden Jugendmut des Jungen offenbart sich schon der Adel des Geistes, die feine Vornehmheit, die den großen Staatsmann ausgezeichnet hat. Sigunde Hohspang sonnt sich an dem hoffnungsreichen Bilde ihres Einzigen, und Pläne künftiger großer Zeit gehen durch ihr stolzes Haupt. »Mutter!« schmeichelt Robert, »reiten wir heute zum Onkel Oberst nach Reifenwerd?« »Nein, der hat ja jetzt keine Zeit für uns,« lacht sie, »er kauft eben das Dorf zusammen!« »Das ganze Dorf?« fragt der Knabe. »Natürlich,« erwidert Sigunde. »Aber wir wollen eine Fahrt durch die Stadt machen!« Sie fährt wie eine strahlende Königin frohgelaunt mit ihrem Sohn im offenen Wagen durch die Straßen und zeigt sich vor dem Volke. Wer will es ihr verargen? Einheimische und Fremde stehen neben ihrem mit einem Paar prächtiger Apfelschimmel bespannten Wagen still. Einer flüstert es dem anderen zu: »Jeder Zoll eine Herrscherin, jeder Zoll ein Prinz!« Sie grüßt und nickt. »Frau Hohspang ist eine Verschwenderin,« erzählt man in der altehrenfesten Stadt, wo jeder Bürger das Geldstück zweimal zu wenden pflegt, ehe er es ausgiebt, man fügt aber gleich entschuldigend bei: »Sie verschwendet edelmütig, mit Geist und Geschmack. Hätten wir viele solche Reiche!« Und mit dem Namen Fredy Cella, des großen Geigenkünstlers, ist der ihrige vom Strahlenschein des Ruhmes umstossen. Sie ist die hochherzige Gönnerin des genialen Virtuosen, in deren seelenvoller Anteilnahme sich seine Kunst zum Höchsten vollendet hat. Um diese Künstlerliebe wird sie von Frauen in den weitesten Ländern beneidet. »Sigunde Hohspangs Narr!« So nennt ihn wohl etwa der heimliche Spott, wenn er aber in linden Sommernächten als Gast der Villa Venedig sein Spiel erhebt, dann bedeckt sich die Seeflut vor dem nächtlich ragenden Märchenhaus mit Booten, in denen entzückte Zuhörer und Zuhörerinnen andachtsvoll seinen halsbrecherischen Tongängen lauschen, die wie emporflatternde und stürzende Engel aus- und niedersteigen. Fredy Cella steht im Zenith seines Ruhmes, mißgünstige Kritik will sogar, er habe den Höhepunkt seiner Kunst bereits überschritten, da und dort regt sich der Widerspruch gegen sein oft überhastetes, oft schwülstiges Spiel, gegen den willkürlichen Bruch mit überlieferten Vortragsformen, die der Kunstwelt heilig sind. Aber wo immer er mit seiner Zaubergeige auftreten mag, drängen sich doch die Männer und Frauen der besten Gesellschaft, die Frauen besonders, zu seinem Spiel und lauschen hingerissen seinem Lied, das sie mit Grauen und Seligkeit erfüllt. Wie seine sehnsüchtige Kunst, haben seine dunklen, stammenden Augen Gewalt über die Herzen, er aber stößt, was ihm schmeichelt und huldigt, mit zorniger Verachtung von sich, aus den Kreisen, die ihn mit unerhörten Ehren- und Liebebeweisen fesseln wollen, reißt er sich mit einem Schlage los, seine Konzertverträge brechend, rast er Tag und Nacht durch die Länderstrecken dahin, bis er am Thor der Villa Venedig steht und ihrer Herrin seine Kunst zu Füßen legen kann. In weicher Träumerei hingegossen, ergiebt Sigunde sich seinen Wunderklängen, weiß Gott, wohin sie mit verschleiertem Blicke denkt. Schrill bricht sein Spiel ab: »Herrin, erhöre mich!« steht er auf den Knieen, und seine dunklen, schwärmerischen Augen beten sie durstig an. Sie läßt die schmale, weiße Hand in die seine sinken und er bedeckt sie mit glühenden Küssen. Er will sie auf den schwellenden Mund küssen, da entwindet sie sich ihm mit sanfter Gewalt. »Fredy,« lächelt sie wehmütig, »keine Thorheiten! Ich weiß, was ich deiner Kunst schuldig bin, ich würde ihr an dem Tage die Flügel brechen, wo ich deinen Wünschen Erfüllung gewährte. Du wärest plötzlich der begnadete Sehnsuchtskünstler nicht mehr, der die Herzen niederzwingt.« »Hol der Teufel das Spiel!« knirscht er, die Augen rollend. Abgestoßen von der Halbheit eines Weibes, das sich nie vergißt, das den verzehrenden Leidenschaften nie in einer Stunde jauchzenden Glücks Genügen schenkt, rast der unglückliche Künstler mit Flüchen hinaus in die Welt, bis ihn liebeheischende Zeilen ihrer Hand zurückrufen. »Fredy,« lächelt Sigunde einmal, »ich stiege mit Robert nach Rheinsee aus, es wäre zu hübsch, wenn du mich begleiten wolltest.« Das Dreiblatt fährt nach Rheinsee, obwohl Fredy Cella die Neigung Sigundes für Kunstaltertümer nicht teilt. Denn für ihn giebt es nur eine Kunst: die seine! Sie wandeln durch die Sammlungen Lombardis. »Wie heimelig mich das alles an meine Mädchenjahre zu Reifenwerd mahnt,« plaudert Frau Hohspang. Eine Wendung. Da sitzt ein stiller Zeichner über seinem Reißbrett – Felix Notvest! »Gott, er ist weiß geworden – schneeweiß!« schreit Sigunde. Die Augen mit beiden Händen verhüllend, weicht sie zurück, als blendete sie ein plötzliches grelles Licht. »Was ist Ihnen, Sigunde,« flüstert Fredy Cella, der mit seinen dunklen, stammenden Augen hinter ihr steht. »Mutter!« ruft Robert, dem blonde Locken mit einem Glanz, als hätte mau Sonnenschein darein gewoben, um die Schultern wallen, erschreckt. »Es ist nichts – nichts,« lacht das stolze Weib schon wieder. Das Dreiblatt wendet sich. Sigunde aber erlebt einen stürmischen Tag. Was ist ihr Fredy Cella! »Felix Notvest ist weiß – er ist schneeweiß geworden.« Tief in die Nacht verfolgt sie der Gedanke. Die fernen Tage im Rosengarten leuchten ihr mit dem duftigen Glanze ewig verlorenen Glücks. Ihr ist, der alte, liebe Träumer sei ihr nah, und eine Legende, die sie einmal vor einem fast erloschenen Bild gehört, gleitet durch ihre Sinnen, die Legende von Sankt Christoph, der das Jesuskind durch den Bach tragen sollte. Ein Kind! Da spürt der Heilige, daß die ganze Welt auf seinen Schultern ruhe und er unter seiner Bürde zusammenbreche. Felix Notvest, ein zermartertes Gesicht und Silberlocken! Sie trägt an dem Namen, den sie zu gering gewogen, wie Sankt Christoph an dem Kinde, ihr ist, sie müsse unter ihm zusammenstürzen. Ihre Lippen zucken in Fiebern, hellsehend blickt sie in künftige Tage. »Wie Königin Agnes werde ich dem Geliebten der Jugend, den ich aufs Rad geflochten habe, eine Abtei bauen müssen. Ich finde sonst keine Ruhe vor ihm!« Ein sonderbarer Gedanke. Wenn sie die Kunstdenkmäler Lombardis kaufen und sie Felix Notvest schenken würde. Das würde ihr Frieden geben – Frieden – Frieden! Da schwebt das Bild des mißhandelten, vernichteten Christli durch ihre Gedanken. Ihre Augen blitzen vor Haß. Sie flüstert starren Blicks: »Niemals – niemals!« XXX. Auf der Rückkehr nach Reifenwerd klingt Felix Notvest der Schrei Sigundes in den Ohren: »Gott, er ist weiß geworden!« Hat sie doch die Spur eines Gewissens, einen Funken weiblichen Herzens? In weher Träumerei schüttelt er das Haupt. Dieses glückliche Weib hat das Christli, die schlichte, zarte Maililie, zertreten! Die heißen Schmerzen wallen neu empor. Warum muß ihn das gottverlassene Weib auch jetzt wieder stören? Das überdenkt Felix Notvest. Allein hat nicht er selbst in jenen fernen Tagen, da sie durch die Wildnis des Rosengartens der alten Abtei streiften, in ihrem phantasiereichen Geiste die Freundschaft für die Kunst geweckt? Seit er Sigunde gesehen, mag er nicht mehr zu Studien in das Museum Lombardi nach Rheinsee fahren. Nur dem unheilvollen Weibe nicht wieder begegnen! Seltsame Vorgänge verlangen auch seine ganze Aufmerksamkeit für die Gemeinde Reifenwerd. Es ist gerade, als ob ein Fluch sein einst so herrliches Pfarrdorf verderben müsse. Heueler, sein Erzfeind, steht noch nicht am Ende des politischen Liedes, er hat sich in der Gemeinde niedergelassen, eine Druckerei gegründet, er giebt ein Blatt »Der Tambour« heraus, das er in Reifenwerd und anderen Industriebezirken vertreibt. Was kann aber von Heueler, dem Geiste der Verneinung, Gutes kommen? Er sät eine wilde Drachensaat des Unfriedens und der Auflehnung in den Arbeiterstand, er treibt seinen Lesern mit glühenden Schilderungen der Feste, die Sigunde, die Schwester des Fabrikherrn, auf ihrem Landgut Venedig feiert, den Stachel des Neides in die Seele, greift die Behörden an und verhöhnt das Fabrikgesetz, in dem das Herzblut Felix Notvests lebendig ist. »Es ist Stückwerk. Man hat euch Steine gegeben statt Brot!« Das ist ein langsam schleichendes Gift, das in der Arbeiterschaft des Obersten wühlt. Ein wie Taumellolch und Tollkirsche rasch wirkendes Gift aber wütet unter den Bauern. Die neue Eisenbahn hat es nach Reifenwerd gebracht. Diesen Sommer noch wogen zu beiden Seiten der Bahn die Ähren und dann niemals wieder! Von der neuen Linie aus haben die Güterhandler und Bauspekulanten, die Freunde Franz Wohlguts, den Blick auf Reifenwerd geworfen. »Eine mächtige, stets wachsende Industrieanlage an wichtiger Verkehrsstraße, darum her eine nur mäßig große Ebene in einer von Höhen umgebenen Mulde. Da liegt Gold im Boden! Über kurz oder lang bedarf die Fabrik des Landes. Wenn dieses zuerst durch unsere Hände geht, bleibt etwas darin, was nicht von Pappe ist!« So rechnen die Spekulanten, sie schleichen sich heimlich in die Gemeinde, sie stehlen sich unauffällig in die Wohnungen der Bauern, sie sprechen vom Wetter und vom Landbau und fragen dann: »Wollt ihr ein gutes Geschäft machen?« Da giebt es wohl einige Bürger, die dem Versucher kurzerhand die Thür weisen, andere horchen und sagen am Abend: »Alte, es ist ein schöner Preis; wenn ich am Morgen noch der gleichen Meinung bin wie jetzt, so verkaufen wir!« Die Frau weint; am Morgen aber kommt der Händler wieder und bringt ihr ein feines Seidentuch als Angebinde. Während sie sich an dem unerwarteten Geschenk freut, wird der Vertrag geschrieben, die Anzahlung rollt, und im Haus ist eitel Freude über das viele bare Geld. Wie die ersten Heimwesen verkauft sind, wird die Geschichte ruchbar, im Wettbewerb mit den Händlern rafft Oberst Fürst, der sich ihnen nicht ausliefern will, durch seine Hintermänner so viel Land als er nur kann zusammen. Eine wilde Preistreiberei ist die Folge. Mancher gute Bauer von Reifenwerd, der in seinem Leben nichts anderes dachte, als daß er und seine Kinder auf der ererbten Scholle bleiben werden, kratzt sich hinter den Ohren: Wer jetzt die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen läßt, ist ein Narr! So teuer war, seit Reifenwerd steht, das Land nie und wird es, bis die Welt untergeht, nicht wieder werden! Diese Ueberlegung leuchtet ein, sie verkaufen ihr Land, die einen an die Spekulanten, die anderen an Oberst Fürst. Ein böser Anfang ist da und das Beispiel wirkt ansteckend. »Schon wieder eine Kampfpredigt, das steht Ihnen im Gesicht!« spricht Frau Wehrli erschrocken. »Darf ich Ihnen als alte Frau etwas sagen, Herr Pfarrer? Nicht nur unter den Arbeitern, auch unter den Bauern giebt es viele, die Ihnen wegen Ihrer Kirchenreden und Zusprüche grollen, ich spüre es, wenn ich ins Dorf gehe, ganz wohl. Ich denke, welches Glück es sei, daß nicht eben jetzt die wiederkehrende Pfarrwahl stattfindet. Herr Pfarrer, Sie bekämen eine Menge ›Nein‹, und wenn das geschähe, so wäre es nicht für Sie, aber für die Gemeinde eine Schande.« Der Pfarrer muß über die letzten Worte des alten Mütterchens lächeln, aber der Ernst kehrt gleich auf sein Gesicht zurück. »Ich heiße Notvest,« erwidert er erregt, »solange ich auf der Kanzel stehe, will ich den Mut der Wahrheit üben. Wahr bleibt nicht nur, daß Heueler mit seinem Hetzblatt die Arbeiter ins Unglück treibt, sondern auch, daß es eine Herausforderung göttlichen Schicksals ist, wenn der Bauer um einen Judasschilling die ererbte Scholle verläßt, daß die Thränen der armen Frauen den Männern Zeichen Gottes sein sollten, die Heimwesen zu behalten. Das rollende Geld, das sie an die festen Äcker eintauschen, wird eines Tages dahin sein. Vom Reichtum bleibt ihnen nur die Armut! In der Geschichte des Untergangs von Alt-Reifenwerd soll es aber heißen: Mit dem Säckelmeister fest stand der Pfarrer. Diese Ehre gebe ich für ein paar ›Ja‹ mehr oder minder nicht dahin.« Felix Notvest predigt umsonst vom Segen, der auf der rauhen Arbeit des Landmanns ruht, umsonst geht der dickköpfige Säckelmeister von Stube zu Stube, von Bauer zu Bauer, umsonst knurrt er ihnen zu: »Wollt ihr denn alle Konkursiten werden. Schämt euch vor den Eltern, die im Grabe ruhen!« Die Verkaufslustigen verschanzen sich hinter allerlei Ausflüchte: »Wir sind ja in Reifenwerd schon lange keine rechte Bauerngemeinde mehr, daran ist die Fabrik schuld. Wir legen den Erlös für die Heimwesen auf die Bank, brauchen keinen Karst zu ergreifen, um kein Hagelwetter zu sorgen, und wenn wir am Ende des Jahres in der Stadt den Zins holen, macht er grad so viel wie früher der Ertrag der Felder. Wir aber haben keine Hand zu rühren gehabt.« Die »Landschlacht« wütet, der Goldregen geht auf das glückliche Reifenwerd nieder und genug Dörfer in der weiten Umgebung neiden die Gemeinde wegen ihres Fabrikanten, dessen Strebsamkeit dem Land um seine Fabrik einen so außerordentlichen Wert gegeben hat. Die Bauern von Reifenwerd sind über den unerwarteten Segen so erregt, daß sie kein Werkzeug mehr zur Hand nehmen, jeder Tag ist ein Sonntag im Dorf. Schon morgens um neun Uhr sitzen sie im »Hirschen«, trinken ein Schöppchen oder zwei und essen einen guten Bissen, besprechen die Landhändel, spielen mit Karten und schlagen dabei mit den Knöcheln aus die Tische. Und am Abend, wenn ihnen der Wein in den Kopf gestiegen ist, singt die Stube voll ausgelassener Menschen die Lieder der Heimat. Singt nur! denkt der Kommandant, der vor sich hin brütet und Barry streichelt, ihr seid doch Thoren wie ich. Und du, Hirschenwirt, pfeifst doch auch aus dem letzten Loch und mußt aus dem Hause wandern. Singt, singt! In sich gekehrt, trinkt er mit der Schadenfreude des Unglücklichen Schoppen um Schoppen und geht spät abends etwas schwankend heim. In die »Hölle«, wie er sein Heim nennt, kommt er früh genug zurück! Die Hölle hat er sich selbst geschaffen! Warum kann er, der rechtlose Mann, vor seinem Schwiegersohn nicht schweigen! Die stolze übermütige Judith hat es, nachdem die Schimpfworte zwischen ihr und ihrem Mann lange genug hin und her geflogen sind, ja auch lernen müssen. Wie sind ihre Wangen eingefallen, wie sind die schwarzen Augen trüb vom Weinen, ihr Gang so schleppend! Sollte sie mit ihrem kleinen Kinde nicht ein stolzes, blühendes Weib sein wie ihre Mutter, Frau Susanne, in jungen Jahren? Warum wohl noch Licht in der Stube ist? fragt sich der Kommandant und tritt ein. Da sitzt neben Judith, die ihr flennendes Kind auf dem Arme hält, die Kommandantin und stöhnt: »Wenn mich doch Gott erlösen wollte! Denke dir, Hans Ulrich, Franz hat hinter unserem Rücken das Haus, das Land und die Fahrhabe bis auf den letzten Stiel verkauft, an den Obersten Fürst verkauft. Der Oberst war schon da und hat das Haus angesehen. Was sagst du dazu, Hans Ulrich?« Mit Entsetzen starrt Judith den Vater an. Ernüchtert und wie ein wunder Stier sich aufbäumend, schreit der Kommandant: »Dieser Handel gilt bei Gott im Himmel nicht!« Er will den Stutzen von der Wand reißen. Da tritt Franz Wohlgut aus dem Nebenzimmer und fährt den wütenden Greis mit funkelnden Augen und einer herrischen Bewegung an: »Auf der Stelle ruhig, Vater! Ihr selber mit Eurer Unverträglichkeit habt mich so weit gebracht! Ich verfluche die Stunde, wo ich in dieses Haus getreten bin!« »Ich auch!« stöhnt der Kommandant in ohnmächtiger Wut. Judith aber, die der Mutter das Kind vom Arm genommen, schreit: »Franz, Franz, was redest du? Wir haben dir ja unser Alles gegeben.« Doch jetzt schäumt Franz Wohlgut gegen sein Eheweib auf: »Bei dir wäre eine Million nicht genug Mitgift. Weißt du warum? Weil neben einem schlechten Weibe auch der Mann schlecht wird!« Er wirft dem Kommandanten ein Stück Papier hin! »Da habt Ihr den Beweis, daß die Judith schlecht ist. Es ist eine gerichtliche Klage für Schulden, die sie als lediges Mädchen, als Eure verwöhnte Tochter heimlich gemacht hat.« Der Mund des Kommandanten öffnet sich, der alte Mann hält sich am Stuhl, daß er nicht falle. Franz Wohlgut lächelt kühl. Der Schlag trifft! »Dann sag's dem Vater auch noch,« gellt die Stimme Judiths, »daß du das Haus verkauft hast, weil du ein ruinierter Börsenspieler bist, sag's ihm grad noch, daß du nach Amerika oder Australien durchbrennen und mich und das Kind sitzen lassen willst – du Schurke!« Der Kommandant hört nichts, er starrt nur auf die Klageschrift, steht blaß und zitternd auf und will aus der Stube gehen. Da wendet sich auch Franz nach der Thür. »Adieu!« »Vater! Vater! Er ist gegangen und kommt nicht wieder!« kreischt Judith, die sich händeringend wie eine Tolle gebärdet. »Hilf mir, Vater!« »Ich würde dir gern helfen, meine arme Judith,« preßt der gebrochene alte Mann mühsam hervor, »aber für ein Kind wie du, das seinen Vater verraten und an den Bettelstab gebracht hat, giebt es wohl keine Hilfe mehr!« »Du hast recht, Vater!« Bitterlich weinend sinkt Judith an seine Brust, umarmt dann die Mutter, küßt ihr Kind und taumelt der Thür zu. »Lebt wohl! Lebt wohl!« »Judith! – Hans Ulrich!« kreischt die Kommandantin und will ihr nachstürzen. »Sie geht und nimmt sich das Leben!« Aber ein starrer Blick des Kommandanten hält Frau Susanna zurück. »Laß sie!« Mit gefalteten Händen ist der gebrochene Mann auf einen Stuhl gesunken, und in unheimlicher Ruhe sagt er leise: »Das Sterben thut ihr nicht so weh, wie mir aus Kindesniedertracht in alten Tagen ein bankerotter Lump zu werden – und das thut nicht so weh wie unsere Missethat an Lony! Frau, bete für Judith, für dich und mich – wir alle drei haben es nötig!« Seine Stimme erstirbt wie Kindesflüstern. Frau Susanne wankt davon und sucht Judith im Wald. Vergeblich. Am anderen Tag hat man sie aus der Reif gezogen und die Leiche ins elterliche Haus gebracht. Der Kommandant streichelt das aufgelöste, fließende Haar seiner unglückseligen Tochter. Seine Stimme schluchzt: »Tochter um Tochter, Judith um Lony – es ist ein Wunder, daß ich nicht wahnsinnig werde, wie der alte König!« Da fällt sein verschwommener Blick auf die kleine Enkelin, die neben der toten Mutter unschuldig am Boden spielt. Er hat es nie geliebt, das Kind Franz Wohlguts, aber jetzt rührt ihn die Kleine. »Zuerst wird Judith begraben,« flüstert er langsam. »Dann kommt die Vergeltung – dann wirst du, Susanne, Seide weben, wie einst als schöne Jungfer, und ich will Arbeit suchen. – Es wird uns wieder wohler sein, Frau, wenn auch wir für unsere Missethat an Lony büßen!« Die Landschlacht ist vorüber, der Winter wieder da! Eines Tages fährt der Hirschenwirt aus dem Dorf. Als ein hutzelnder Greis verläßt der Konkursit den alten stattlichen Gasthof. Sein Sohn Jakob, der neben seiner herzigen Frau etwas ungehobelt im Verkehr mit den Fremden war, hat das Hotel nicht halten können. Immer Hoffnung – und der Alte ging hohe Bürgschaften ein. Da riß ein vorzeitiger Schneefall, der die Gäste vertrieb, das Berghaus mit dem Hirschen zusammen. Der Kommandant arbeitet als Taglöhner da und dort – dann und wann aber kann er wegen schlechten Wetters keine Anstellung finden. Die Enkelin schreit nach Brot! Eines Novembermorgens steht der alte Mann, weil er sonst keine Arbeit finden kann, am Fabrikthor. Wie Oberst Fürst hastig von der Brücke gegen die Werkstätten kommt, als sei er, wie seine Arbeiter, der Minute pflichtig, zieht der Greis, der einen abgeschabten ehemaligen Sonntagsrock trägt, den grünlich angelaufenen Hut, der einmal glänzend schwarz gewesen sein mag, bis an die Kniee: »Herr Oberst, ich bitte um Arbeit!« Rudolf Fürst, der scharfe, trockene Herr, mißt den Gesuchsteller ohne Rührung, doch auch ohne Spott, mit einem durchdringenden Blick vom Scheitel bis zur Sohle. Einen Augenblick ist es ihm, als sollte er den Greis nicht in sein Geschäft aufnehmen, dann sagt er trocken: »Gut, Stockar, rüstig genug seid Ihr ja noch! Also am Montag morgen um sechs Uhr tretet Ihr an und nehmt die Gußtanse auf den Rücken. Pförtner, gebt dem Manne eine Kontrollnummer!« »Sie kommen, die Herren von Reifenwerd!« Der Gedanke erfüllt Rudolf Fürst mit einer stillen Genugthuung. XXXI. Das alte Reifenwerd sinkt und sinkt neben der wachsenden Fabrik des Obersten. Sonst aber blüht das Land unter der neuen Verfassung. Zwar haben sich nicht alle überschwenglichen Hoffnungen erfüllt, die das Volk am Landsgemeindetag von Reifenwerd wie stürmende Blütenwinde erfaßten, aber einige der wichtigsten Erwartungen sind doch in Erfüllung gegangen, an der scharfen Probe des Alltags hat sich die Landesverfassung als ein dem heimischen Volksleben geschickt angepaßtes, tüchtiges Werk erwiesen. Die Lebenslänglichkeit der Beamten wünscht niemand mehr zurück, die Geistlichen, die vergeblich um eine Sonderstellung rangen, finden in den ehrenvollen Wiederwahlen, die ihnen die Gemeinden bereiten, eine schöne Genugthuung, und unter einer volkstümlichen Regierung, die weniger als das Regiment Hohspangs glänzt, aber die Wohlfahrt aller Stände gleichmäßig zu fördern sucht, gedeiht und wächst die Industrie, von glücklichen Zeitläufen begünstigt, ohne den Moloch der Kinderarbeit und die Fuchtel überlanger Geschäftszeiten. Genug Fabrikanten geben es freimütig zu, daß das Fabrikgesetz für sie selber eine Wohlthat sei. Doch Felix Notvest, der treue große Führer, der es mit sicherer Hand an drohenden Abgründen vorübergeführt, hat sich jetzt ganz von der Politik zurückgezogen. Was thut's, wenn sein Ruhm verblaßt, wenn einige ihm grollen, weil er sich nicht mehr um die kleinen Tageshändel kümmern will. Ein Plan indessen, der jetzt das Volk bewegt, hat seinen vollen Beifall. In einer sein ganzes Leben umfassenden Ausstellung will das Land Rundschau über alle guten Kräfte halten, die sich zu Berg und Thal bis in die entlegensten Gaue regen, in einem stolzen Fest der Arbeit, das wohl einige Jahre der Vorbereitung erfordert und aller thätigen Hände bedarf, wollen sich die alte und die neue Partei die Hände zur aufrichtigen, herzlichen Versöhnung reichen. Das Volk will vor sich selbst und der Welt seine Einigkeit zeigen. Sühnen und Söhnen! Ja, wenn Felix Notvest nur auch seiner Pfarrgemeinde den Frieden geben könnte! Wohin er aber schaut, ist Zwiespalt und Zerfall. »Denkt Euch,« erzählt er Frau Wehrli, »in der ehemaligen gemütlichen Wohnung hinter den Spalieren, wo die sonnige Lony einst den Bauernsonntagstisch blitzblank deckte, hausen zwei kinderreiche Spinnerfamilien, die eine an der Wand links, die andere an der Wand rechts, durch die Mitte der Stube zieht sich ein Kreidestrich, damit jede sieht, wie weit sie ihre Kleinen kriechen lassen darf. Im oberen Stockwerk aber sitzt Frau Stockar und webt Seide.« »Der Kommandant will also von Karl gar nichts annehmen?« »Gar nichts!« bestätigt der Pfarrer sorgenvoll. »So weit sei er noch nicht gesunken, hat er erwidert, das Unglück könne einen Mann wie ihn wohl in die Fabrik treiben, aber solange er ein gerades Glied habe, nicht dazu zwingen, von einem verleugneten Schwiegersohn den Unterhalt anzunehmen. Der harte Kopf ist durch alle bösen Erfahrungen nicht weicher geworden.« Da pocht es. »Herr Oberst!« grüßt der Pfarrer, und Frau Wehrli entfernt sich. »Ich bringe Ihnen den Bericht in der Vorüberfahrt selbst,« spricht Rudolf Fürst. »Stockar kann also in seinem Oberstübchen bleiben.« Oberst Fürst meldet es geschäftsmäßig, er läßt sich aber vom Pfarrer einladen, sich zu setzen. »Ich hätte,« sagt er in verändertem Ton, »schon lange gern eine Frage an Sie gestellt, Herr Pfarrer. Was halten Sie von meiner Fabrik?« Er beobachtet Felix Notvest mit durchdringendem Blick und streicht sich nervös den Bart. »Ihr Geschäft geht einer Katastrophe entgegen!« antwortet der Pfarrer nachdrucksvoll. Rudolf Fürst fährt nicht vom Stuhl auf, wie Felix Notvest erwartet hat, sondern versetzt kalt, sogar etwas spöttisch: »Das glaube ich nämlich auch, Herr Pfarrer.« Seine Augen blitzen. »In letzter Linie sind Sie schuld, daß es zu einer allgemeinen Abrechnung zwischen mir und meinen Arbeitern kommt. Ich behaupte nicht, daß Sie Heueler Vorschub leisten. Im Gegenteil! Man spürt es aus Ihren Predigten, daß Sie gerne sprechen würden: ›Besen, Besen, bist's gewesen!‹ Aber Sie bringen die Geister, die Sie gerufen haben, nicht mehr in die Ecke. Von Ihrem Fabrikgesetz her leitet sich die Begehrlichkeit der unzufriedenen Rotten. Durchgehen Sie meine Lohnlisten, meine Ansätze sind so hoch wie überall in ähnlichen Betrieben, meine besseren Arbeiter sind gut bezahlt, Leute, die wenig verdienen, giebt es in jeder Fabrik.« »Auch ein offenes Wort!« erwidert der Pfarrer warm. »Die Arbeiter klagen nicht über die Löhne, sondern über die Behandlung. Ihrer Fabrik fehlt der Tropfen Öl, der die Maschine nicht warm laufen läßt, ein wenig Menschenfreundlichkeit Ihrerseits, ein Band des Wohlwollens zwischen Ihnen und Ihren Arbeitern. Ihre eiserne Faust hält sie wohl im Gehorsam zusammen, aber mit Ihrer Schroffheit bleiben doch Sie selbst der beste Mitarbeiter Heuelers, Herr Oberst!« »Sehr gut!« spottet Rudolf Fürst, erhebt sich, militärisch aufgerichtet, dann spricht er scharf und hart: »Daß Sie mir bei der Abrechnung nicht wieder als barmherziger Volksführer in den Arm fallen. Ihr Ehrenwort, Herr Pfarrer!« »Niemals – ich werde thun, was dann meine Pflicht ist!« Grollend geht Rudolf Fürst. »Mein armes Reifenwerk!« spricht Felix Notveft gedankenvoll. »Trostlose Bilder überall, bei den Arbeitern wie bei den Bauern!« Die Landleute haben sich nach der Heimwesenschlacht einer schmachvollen Faulenzerei ergeben. Einige fahren, von Langeweile geplagt, fast Tag um Tag mit der Eisenbahn in die Stadt, um dort irgend ein kleines unnötiges Geschäft zu erledigen. Den Rest der Zeit bringen sie in der Spelunke des Alt-Hirschenwirtes zu, der in einer halbdunklen Gasse eine Winkelwirtschaft eröffnet hat. Ein verlumpter Mann ist ein ehrloser Mann und der Hirschenwirt nimmt es wohl mit dem Treiben seiner Gäste nicht genau. Man munkelt, daß in seiner Kneipe die Karten fleißig umgelegt werden und die Einsätze des Spieles nicht klein seien. Nur wenige der durch den Erlös der Heimwesen zu barem Vermögen gekommenen Bauern haben die Kraft, es auf die Bank zu legen und in einer stillen Ecke zu warten, bis es den Jahreszins getragen hat, viele werden Spekulanten und Händler. Andere erkennen es beizeiten, daß sie im Nichtsthun verderben würden, und kaufen sich in benachbarten Dörfern neue Güter. Noch andere ergreift vor Langeweile das Amerikafieber, sie ziehen jenen Burschen nach, die bereits früher über das große Wasser gewandert sind und von ihren Farmen günstige Berichte in die alte Heimat senden. Die Auswanderer sehen es jetzt ein, daß es ihnen auf ihren Heimwesen im schönen Reifenwerd wohl genug hätte sein können. Was hilft die Reue? Sie schnitzen sich ein Stück vom sonnversengten Balken des Vaterhauses, steigen noch einmal hinauf in den Rebberg und zeigen den Kindern den fernen Silberkranz der Alpen, der ihnen bisher so schön zum Tagewerk geleuchtet hat. Dann nehmen die starken, braunen Bauern, die Männer wie Eichen, herzbrechenden Abschied vom Land der Väter. Felix Notvest entbietet den Unglücklichen, die nicht die Armut, sondern der durchs Dach hereingeschneite Reichtum aus der Heimat peitscht, den letzten Gruß der Gemeinde. In dieser traurigen Zeit ist ein Wort von Christli das einzige Tröstliche, was der Pfarrer erlebt. Es ist an Frau Wehrli gerichtet. »Mutter, jetzt hallen zu Reifenwerd die Neujahrsglocken! Ich bete für ein Haupt, das mir heilig ist! Gott gebe es, daß ich die unheimliche Kraft, die gegen mich streitet, besiege, daß ich in diesem Jahr den Heimweg zu Felix finde!« Am ersten Frühlingstag predigt er dem ehrenfestesten aller Reifenwerder ins Grab, dem dickköpfigen Säckelmeister, dem Säemann mit den langhangenden Armen, dem Freunde der Witwen und Waisen, der in der »Landschlacht« noch einmal gekeucht und gesprochen hat wie donnernde Wetter. Hat er wohl das Geheimnis des gesegneten Säens mit sich ins Grab genommen? Jedenfalls das Bauernglück von Reifenwerd. Die ihm die letzte Ehre geben, spüren es und weinen. Wie brennend hager ist die Gestalt des Kommandanten geworden. Seine Lippen zucken unter dem grauen Schnurrbart und zwei dünne Thränen beben die schmalen, doch immer noch rötlichen Wangen hinab. Er würde wohl gern mit dem toten Säckelmeister tauschen. Aber für die Sünde an Lony muß er Tag um Tag den Guß des Obersten tragen, bis ihn am Abend der schäbig gewordene Barry, sein letzter Freund, am Fabrikthor erwartet. Wie der Pfarrer von der Grabpredigt in sein Haus tritt, öffnet Frau Wehrli, die vor ihm her gegangen ist, das Fenster den frischen Frühlingswinden. »Wenn die Lüfte jetzt nur etwas Fröhliches nach Reifenwerd brächten,« wendet sie sich mütterlich an den Eintretenden, »wir haben so viel Schweres erlebt.« »Christli!« lächelt der Pfarrer wehmütig. Ihm ist, seine Maililie entschwebe wie ein sehnsüchtig winkendes, duftiges Traumbild. Die Frühlingswinde bringen allerdings Christli, zuerst aber eine Katastrophe in der Villa Venedig und den großen Streik in der Spinnerei und Maschinenfabrik des Obersten Fürst. Trotzige Scharen ziehen durch die Blütenbäume von Reifenwerd dahin, sie folgen einer roten Fahne mit der Inschrift: »Wenn unser starker Arm es will. So stehen alle Räder still!« XXXII. Die Räder stehen still! Um die Werkstätten des Obersten Fürst, die ehemalige Abtei, ist ein Schweigen, wie damals, als Felix Notvest darin zeichnete und die junge Dominikanerin, auf eingesunkenem Grabstein sitzend, seine Blätter las. Ja, viel drückender. Dann und wann erzittert die ruhige Luft von einem Seufzer im Gebälk. Der Oberst schaut sich beinahe befriedigt in den toten Räumen um, er hat die Arbeiter überrascht, nicht sie ihn, als es zwischen ihnen und ihm zum Krache kam. Es handelt sich, wie er es nennt, um die große Säuberung seiner Betriebe. Er hat mit einem Schlag alle diejenigen, die Heuelers Blatt im Geschäft verbreiteten, lasen oder bei sich trugen, zusammen gegen hundert Arbeiter, entlassen. Die Antwort darauf ist der allgemeine Streik. Die Arbeiter fordern Lohnerhöhung, die Abschaffung eines unleidlichen Spioniersystems in der Fabrik, Neuordnung des Bußenwesens und allerlei Dinge von kleinerem Belang. In der schönen Frühlingswitterung bietet der Streik zuerst ein artiges Bild; die Feiernden spazieren mit Weib und Kindern in den blühenden Wald, die Ordnung bei den Zügen und Versammlungen, in denen sie sich stärken, ist vollkommen. Aber bald ist die Freude am Sonnenschein und Lenz dahin, und die Arbeitseinstellung hat ein furchtbar ernstes Gesicht. Oberst Fürst weist jede Verhandlung mit den Abordnungen der Arbeiter zurück, die Bäcker wollen den Frauen kein Brot, die Händler keine anderen Nahrungsmittel mehr borgen, die Menge der Schaulustigen, welche herbeiströmen, um das im Lande noch nie erlebte Schauspiel einer großen Arbeitseinstellung zu sehen, steigert die Verwirrung, und die Streiker spüren es wohl, daß die Zuschauer ihnen so wenig, wie dem Obersten Fürst, dem »Maschinenkönig«, wie man ihn jetzt im Lande nennt, freundlich gesinnt sind. Die Unbeteiligten finden, das Ereignis des Streiks, das bisher nur in den großen Industriebezirken des Auslandes vorgekommen ist, sei eine Verunehrung des eigenen Landes und fragen: »Wie hat Reifenwerd, das schöne ruhige Dorf, solch ein Wespen- und Hornissennest werden können?« Die Regierung sucht ehrlich zu vermitteln. Aber Rudolf Fürst herrscht ihre Abordnung nervös erregt an: »Machen Sie keine Worte, meine Herren Regierungsräte, thun Sie Ihre Pflicht, senden Sie genügend Militär zum Schutze der Fabrik und einen Obersten, der nicht zittert, wenn es eine Salve in die aufrührerische Bande gilt. Dann wollen wir sehen, wer es länger aushält!« Er schlägt mit der Faust auf den Tisch und stampft auf den Boden: »Ich lasse mir das Leben von den Meuterern nicht weiter versauern!« Enttäuscht zieht sich die Abordnung in die Stadt zurück, die Tage vergehen in peinigender Ungewißheit, die Aufregung wächst. Da verbreitet Heuelers »Tambour« das Gerücht, der Oberst lasse in fremden Industriegegenden Hunderte von Arbeitern zum Ersatz für seine bisherigen anwerben. Der Feiernden bemächtigt sich die Verzweiflung, die Leidenschaften gären auf. In der Stadt stehen eine Kavallerieabteilung und zwei Bataillone Infanterie, ruhiges Bauernblut, unter der Führung eines umsichtigen Obersten marschbereit. Die Regierung ist entschlossen, ihre Pflicht zu thun, Leib und Leben des Obersten Fürst und seine Fabrik zu schützen. Der Streik von Reifenwerd soll namentlich keinen Schatten auf die Landesausstellung, die sich vorbereitet, werfen. In diese Tage voll Unheildrohung fällt die Katastrophe in der Villa Venedig. »Fredy Cella, der Künstler,« erzählen die Zeitungen, »kehrte mit dem Spätzug von seiner an Erfolgen und Ehre reichen Konzertreise in den russischen Städten nach der Heimat zurück. Sogleich nach seiner Ankunft ließ er sich von einer Mietdroschke in die Villa Venedig fahren, deren Besitzerin, wie man weiß, ihm freundschaftlich nahesteht, fand aber, da er sich anzumelden vergessen hatte, das Thor verschlossen, das Haus dunkel. Vor dieser leicht erklärlichen Thatsache verlor nun, wie es scheint, der ohnehin stark überreizte von seiner langen, hastigen Reise angegriffene Künstler die letzte Fähigkeit ruhiger Überlegung. Arbeiter fanden ihn gestern morgen in der Nähe der Villa, wie er in trostlosem Zustande zwischen Wasserpflanzen an einer ziemlich tiefen Stelle des Sees stand, in den er wohl in einem Anfall von Schwermut gewatet war. Man erkannte bald, daß man es mit einem Geistesgestörten zu thun hatte, und in den ersten Morgenstunden erfolgte seine Überführung in die Landesirrenanstalt. Wie der Besitzerin der Villa, seiner Gönnerin und feinfühligen Freundin Frau Hohspang, in schonungsvoller Weise Kenntnis von dem Vorfall gegeben worden war, besuchte sie den auf so tragische Weise zu Falle gekommenen Meister. Als er sie erblickte, verfiel er eine Weile in Weinkrämpfe, verlangte dann ungestüm sein Instrument, und ein Grauen wird die stets umweben, die sein Spiel gehört haben, diesen Schwanengesang, diesen Verzweiflungsschrei eines untergegangenen Genies! Denn darüber kann man sich nach der psychiatrischen Untersuchung leider keinem Zweifel mehr hingeben: Fredy Cella, den die einen den Gottes-, die anderen den Teufelsgeiger genannt haben, ist der Kunst, ist der Welt und uns allen für immer verloren! Was die in die Lebensgewohnheiten unseres berühmten Künstlers eingeweihten Freunde schon lange befürchtet haben, ist Ereignis geworden. Der schlummernde Bruder der genialen Begabung, der Irrsinn, ist in seiner Seele jäh erwacht.« »Wieder ein Opfer Sigundes!« flüstert Felix Notvest erschüttert beim Lesen der Nachricht. Seine Gedanken kehren aber rasch zu den Ereignissen im Dorf zurück. Er weiß es wohl, daß in aller Munde die Frage schwebt: »Warum rührt sich der Pfarrer nicht, der sonst stets das volkserlösende Wort gefunden hat.« Freilich rührt er sich! Aber in seiner Weise. Die unschuldigen Frauen und Kinder der Feiernden sollen nicht hungern. Wie sich die Armut zur Stunde der Brotverteilung um das Pfarrhaus sammelt! Der alten Frau Wehrli, die an den Körben sitzt, lacht das Herz, wenn die hungrigen Kinder die Zähne in das frische Brot schlagen, und manches abgehärmte Gesicht hängt in bewundernder Liebe an dem Manne, der aus vollem Herzen giebt! Wie aber auch das Volksführerblut in ihm aufwallt, wie man ihn auch drängen mag, weiter geht Felix Notvest nicht. Vor ihm sitzt ein Streikführer, ein junger, intelligenter Mann mit finsterem, verwegenem Gesicht, und dreht die Mütze auf den Knieen. »Sie wollen uns also zu keinem annehmbaren Frieden verhelfen?« »Ich sage Ihnen ja,« erwidert Felix Notvest, »daß ich die vaterlandslose Richtung in Ihrer jungen Partei vom Grund meiner Seele aus verwerfe! Ich würde, wie der Oberst, das Blatt Heuelers in meiner Fabrik auch nicht dulden!« Da knirscht der Arbeiter: »Sie sind also an Ihrer früheren politischen Thätigkeit Apostat geworden. Ihr Bekenntnis wollen wir uns für die Zeit Ihrer Wiederwahl merken! Sie steht vor der Thüre.« Der Pfarrer erwidert ruhig: »Sie haben bei meiner Wahl gar nicht mitzuwirken, Ihre Sprache verrät Sie ja als Fremder.« Der Arbeiter aber droht: »Es sind genug von Ihren Wählern in unseren Reihen, um Sie zu Fall zu bringen!« Entrüstet weist ihm Felix Notvest das Haus. Der Pfarrer ein Spielball der Parteien! Hat er das gewollt, als die Verfassung die Lebenslänglichkeit der Ämter aufhob. Wie unvollkommen ist alles Menschenwerk! Eine Weile brütet er. Da meldet ein Bote: »Eine amtliche Depesche!« Rasch und schwer atmend, liest sie Felix Notvest. »Die letzte Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Streikes ist ein Vermittelungsversuch durch Sie. Die Augen des Landes ruhen ehrerbietig und vertrauensvoll auf dem bewährten Führer. Wir bitten um Ihr Eingreifen, um Bericht vor Abend, damit wir, wenn es die Umstände verlangen, unsere Vorkehren gegen Ausschreitungen treffen können!« Das ist die Botschaft der Regierung. »Was soll ich mehr ausrichten als andere?« spricht er vor sich hin. Schweren Herzens tritt er aus seinem von Kunstgedanken umrankten Asyl in die zähneknirschende Wut der Streikenden, die fühlen, daß ihre Sache eine verlorene ist. Da fesselt ihn eine friedevolle Frühlingsidylle. Am Waldrand oben sitzt ein alter Mann mit feinem alten Hund an der Sonne. Hans Ulrich Stockar freut sich wohl, daß er die Gußtanse nicht am Rücken hat. Und er kann während des Streiks so schön an Lony denken. Gleich aber entrollt sich vor Felix Notvest auch ein Bild der häßlichsten Leidenschaften. Ein Hause Arbeiterweiber knäuelt sich mit geballten Fäusten, mit Schimpfrufen und Geschrei um einen Wagen. Es ist Sigunde! Gott, wie wagt sich das Unglücksweib, die Wahnwitzige, in dieser Stunde nach Reifenwerd! Blaß und hilflos hat sich die schöne Frau im Wagen erhoben, der von den Arbeiterinnen so umstellt ist, daß er weder vor- noch rückwärts gelangen kann. Alle Schelte und Schimpfe, die das arme Weib dem reichen, das häßliche dem schönen zuschreien kann, fliegen um Sigunde, die mageren Fäuste strecken sich drohend in das offene Gefährt, im nächsten Augenblick wird sie die Beute der wütenden Weiber sein. Wen haßt man in Reifenwerd mehr, als die üppige, hochfahrende Schwester des Fabrikherrn! Da verbreitet sich der Ruf: »Der Pfarrer kommt, der Pfarrer!« Mit einem Schlag hat der Wagen der stolzen Frau freien Weg, die wüsten Schreierinnen aber jubeln wie Kinder: »Der Pfarrer! Jetzt hat der Streik bald ein Ende. Wir gelangen wieder zu Arbeit und Brot!« Sein bloßes Erscheinen hebt den Alpdruck, der auf den Verzweifelten lastet. Sigunde, die frei aufatmet, bemerkt mit maßlosem Erstaunen, welche Macht Felix Notvest über die Gemüter und die wildesten Leidenschaften des Volkes übt. Sie nickt dem Vorüberschreitenden zu, und ein leises Lächeln der Dankbarkeit schwebt um ihren schwellenden Mund. Sie kann ohne die kleinste Anfechtung durch die Menge der Streikenden, die sich zerstreuen, zu ihrem Bruder fahren. Hinter Sigunde her tritt Felix Notvest in das Schlößchen Reifenloh. In einem Vorzimmer wartend, hört er den heftigen Wortwechsel zwischen dem Obersten und Sigunde: »Warum sollte ich mir den Streik nicht ansehen dürfen,« spricht sie, »in dem Unglück, das Fredy Cella betroffen hat, brauche ich Zerstreuung.« Der Oberst aber flucht und wettert: »Du bist das leichtsinnigste Weib der Welt. Du hast dich nie vor Gästen schützen können, die alles, was sich in der Villa Venedig an Lustbarkeiten ereignet, haarklein dem ›Tambour‹ erzählten. Jetzt tauchst du im unglückseligsten Augenblick hier auf. Jedermann wird darin eine strafbare Aufreizung der Streiker erblicken. Den Schaden habe ich. Hätten dich die Weiber nur geschüttelt, du Wahnsinnige!« Heller Kampf ist zwischen den Geschwistern. Endlich wird Felix Notvest gerufen. Da geschieht das Unerwartete. Wie Oberst Fürst gegen jeden Vermittelungsversuch glashart bleibt, gesellt sich Sigunde als Mitkämpferin zu ihm! »Bruder Oberst, ich will es! Die halbe Fabrik ist mein. Ich ziehe meine Kapitalien zurück, wenn du halsstarrig bleibst.« Wie eine Gebieterin herrscht das schöne gereizte Weib den Bruder an. »Die armen Leute sollen nicht verhungern. Wenn du nicht willst, so verteile ich selber Geld unter sie.« Der Oberst schweigt schäumend vor Wut, aber sie droht zu gehen. »Ich glaube, nicht Fredy Cella, sondern du bist irrsinnig geworden,« keucht Fürst, »ich wünsche dir viel Glück zu deiner Reise nach Italien!« »Eben, ich möchte mit der Erinnerung an eine gute That scheiden, es ist etwas für mein trauriges Herz!« »Chamäleon einst, Chamäleon jetzt,« höhnt der Oberst, »Herr Pfarrer, Frau Hohspang möchte sich bei Ihnen wieder zu Ehren bringen.« Felix Notvest ist von dem Benehmen Sigundes verwirrt. Ihm ist, er dürfe sich dieser Hilfe nicht freuen, es lauere eine Bosheit dahinter. Aber sie bleibt stark. Der Oberst muß verhandeln. Im Schweiße ihres Angesichtes ringen die beiden Männer, der Fabrikant sich in den Rauch seiner schweren Zigarre hüllend. Es ist wenig genug, was Felix Notvest an Zugeständnissen für die Streikenden gewinnt, doch für die meisten wieder Arbeit und Brot, nur diejenigen, die der Oberst auf der »schwarzen Liste« führt, bleiben ausgesperrt. Wie Felix Notvest nach einer Stunde von seinem Widersacher geht, lehnt am Fenster des Vorzimmers Sigunde. »Ich danke Ihnen, daß Sie sich der Unglücklichen erbarmt haben!« grüßt er kühl. Da errötet sie mit einem zauberischen Lächeln wie ein Kind. »Ich vermesse mich nicht zu dem Glauben, Herr Pfarrer, daß ich damit Ihre Verzeihung erlangt habe,« flüstert sie mit gesenktem Haupt. »Was ich that, geschah auch nicht Ihnen zu lieb, sondern meinem Bruder zu leide, ich habe aber eine aufrichtige Bewunderung für Sie. Kein Jüngling mehr und doch noch Illusionen für andere! Das erquickt.« Der Blick der grauen Augen hängt verlangend und bewundernd an ihm, ihre Lippen sind durstig geöffnet. Allein Felix Notvest geht. Erwartungsvoll empfangen ihn die Streikenden, dann beraten die Führer über die Zugeständnisse des Obersten hin und her, endlich fällt unter dem Druck der Umstände und unter den stehenden Bitten der Frauen der Entscheid: »Zufrieden sind wir zwar nicht, aber wir nehmen morgen um sechs Uhr die Arbeit wieder auf.« Dazwischen gellt der Ruf des jungen Arbeiters, mit dem intelligenten, doch verwegenen Gesicht: »Wenn der Pfarrer ernsthaft gewollt hätte, so hätte er auch die Ausgesperrten wieder ins Geschäft gebracht. Er selber hat es uns nicht zu gut bereiten wollen!« Der einzelne Ruf verhallt in dem freudigen Gemurmel Hunderter von Stimmen: »Gott sei Dank! Auf einen Streik lassen wir uns nie mehr ein!« Das Land hat nicht umsonst auf Felix Notvest gebaut. Die Regierung wird heute aufatmen. Durch den goldenen Maienabend fährt Sigunde nach der Stadt. Sie hat ihr Gemüt etwas erleichtert, sie hat sich wieder als die große Lebenskünstlerin erwiesen, für die sie in ihren Kreisen gilt und gelten will. Die Begegnung im Schlößchen Reifenloh, die sie hell und fröhlich anmutet, hat rasch einen dunklen Punkt ihres Lebens bedeckt. »Fredy Cella!« seufzt sie tief. In den Zeitungsberichten über den Untergang des Künstlers ist nämlich ein kleiner Irrtum. Freilich hat Fredy Cella seine Ankunft im voraus gemeldet. Er mußte aber das Thor geschlossen, das Läutwerk abgestellt, die Villa dunkel finden. Das war die Strafe, die sie ihm auf eine kleine Untreue gesetzt hatte. Daß er aber in den See waten und irrsinnig werden sollte, nein, da ist ihr Gewissen rein! Nur eins! Nie, nie will sie Fredy wiedersehen! Es überrieselt sie, wenn sie an den Abschied von ihm denkt, an seine dämonische Musik, sie erschauert im linden Abend. In Italien wird sie ihres berühmten Freundes, mit dem sie so wundervolle Nächte verschwelgt hat, in Wehmut gedenken, seiner thörichten, glühenden Liebe stille Thränen nachweinen. Nur nicht wieder in sein zerstörtes Angesicht blicken. Sie wendet sich zu erfreulicheren Gedanken. Es war doch hübsch, daß sie Felix Notvest einen kleinen Dienst hat erweisen können. Der Bruder hat vielleicht recht: Sie will sich bei ihm wieder zu Ehren bringen. Was könnte sie für Felix Notvest, der aus ihrer Schuld weiß geworden ist, alles thun – selbst eine Abtei bauen! Sie träumt und seufzt. XXXIII. Die Räder in Reifenwerd laufen wieder! Es ist aber ein fauler Friede, den Felix Notvest vermittelt hat, eine im Heimlichen gärende Unruhe und Verbitterung ist unter den Arbeitern geblieben, sie sind mit dem Ausgang des Streiks nicht zufrieden: »Warum hat uns der Pfarrer eine so kurze Bedenkzeit gegeben? Wir sind jetzt die Betrogenen!« Oberst Fürst hat auch kein Interesse, den Pfarrer von dem Vorwurf rein zu waschen, daß er in seinen Maklerdiensten lässig gewesen sei. Im Gegenteil! Aus dem Comptoir schleicht sich die Nachrede in die Werkstätten, um die ledigen Ausgesperrten habe sich Felix Notvest gar nicht bemüht. Am Samstagabend vor der Bestätigungswahl des Pfarrers schneit es Flugblätter aus der Buchdruckerei Heuelers in alle Häuser von Reifenwerd hin. Ihr Stichwort ist: »Nieder mit dem Apostaten!« Und der Anschlag glückt! Die Zahl der »Nein«, die auf Felix Notvest gefallen sind, überwiegt die der »Ja« um ein Wesentliches. Man glaubt zuerst an einen Fehler in der Zählung, aber keine Prüfung kann das Ergebnis umstürzen. Unter einem Gesetze, das er mit dem hohen Mut der Jugend, in unerschütterlichem Vertrauen in die Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit des Volkes, im Widerspruch mit seinen Amtsbrüdern vor den Räten befürwortet und verteidigt hat, liegt seine Ehre begraben. »Verworfen; verworfen von meinem lieben Reifenwerd! Was habe ich denn dir, meine Gemeinde, Böses gethan?« stöhnt der Pfarrer. Es ist wohl der dunkelste Tag im Leben Felix Notvests, obgleich er über anderen dunklen Tagen vor der Zeit schneeweiß geworden ist. Er klagt nicht, er weint sein Elend in sich hinein, nur seine Blässe und die Ablehnung jedes Trostes verrät, daß er leidet. In der Gemeinde wütet die Reue und ein Entrüstungsschrei gegen diejenigen von Reifenwerd bebt von Grenze zu Grenze des Landes. »Welchen Ansichten er immer gehuldigt hat, die Leidenschaft seines Herzens war die Sorge um das Glück des Volkes, er hat niemals einen Vorteil für sich gesucht, was er schuf, schuf er für die anderen!« Mancher ehrbare Bürger fragt sich bange: »Wohin steuern wir, wenn solche Verhetzungskünste an den Besten des Volkes möglich sind?« Doch die Teilnahme bewegt den Pfarrer so wenig wie die bleiche Schadenfreude, die da und dort in einer Ecke des Landes lächelt, so wenig wie das Wort »Apostat«, mit dem so mancher Reifenwerder die That himmelschreiender Undankbarkeit bemäntelt. Er spürt nur, wie sein Vater, der ehrfurchtgebietende Greis, gelitten hat, als ihm die Partei seines Sohnes die Antisteswürde entwand, die er treu seinem Gott, treu seinem Volke verwaltet hatte. Ein Groll faßt ihn gegen die politische Thätigkeit, gegen die Partei, welche die altehrwürdigen Einrichtungen der Landeskirche aufgehoben hat, die den Lebensabend seines herzensreinen frommen Vaters verbitterte, indem sie den verdienten Mann um Amt und Würde brachte. In einem Brief, der es wohl erkennen laßt, wie ihn das Heimweh nach seiner patrizischen Jugend erfüllt und in dem er die Absicht äußert, nur noch der Kunst zu leben, sagt er sich grundsätzlich von der Politik und Partei los, die seine Herzenssache eigentlich nur gewesen ist, als es sich um eine erbarmende That für die arme Fabrikjugend handelte. »Die Arbeiter von Reifenwerd haben recht. Felix Notvest ist an den Leitsternen seiner fruchtbaren öffentlichen Thätigkeit Apostat geworden. Welches schmerzliche Schauspiel!« Das schreiben einige Zeitungen, man spricht es nach, und so entsteht die Legende »Der Apostat von Reifenwerd!« Unter Spott und Schmerzen wandelt Felix Notvest. »Es ist gut,« wendet er sich an Frau Wehrli, »daß Christli nicht heimgekehrt ist, wie ich es so heiß gewünscht habe. Jetzt bin ich nicht mehr mutig genug, ihr Los an das meine zu knüpfen. Ich bin jetzt ein kleiner, vernichteter Mann, der Mühe genug hat, sich allein durch das Leben zu schlagen. Mein schönes Vaterhaus gehört nur noch dem Namen nach mir. Die Gnadenstellung, mit der mich der Regierungsrat für den Verlust meines Pfarramtes schadlos halten wollte, nehme ich nicht an, und als Kunstschriftsteller verdiene ich nicht das trockene Brot für mich selbst.« Frau Wehrli ist anderer Ansicht, sie meint im stillen für sich, daß das Christli jetzt kommen sollte. Der Pfarrer ist ein herzwunder Mann und dafür ist kein Kraut gut als die Liebe. In die Traurigkeit dieser Tage tritt ein alter Bekannter, Joseph Lombardi, der quecksilberne Händler, der schon lange nicht mehr mit seinen Warenbündeln durch das Land wandert, sondern sich zum Rentner herausgewachsen hat und den heimlichen Stolz auf sein Museum nicht ganz verbirgt. »Sind wir ihm noch etwas schuldig?« durchzuckt es Frau Wehrli beim Anblick des eisgrauen Männchens, als lebte sie noch in vergangenen Tagen. Nein, der Antiquar kommt zu Felix Notvest, er bittet den Pfarrer, daß er die Herstellung eines illustrierten Kataloges mit kunstgeschichtlichen Abhandlungen über die Sammlungen in Rheinsee übernehme. Da horcht der düster Brütende auf: »Wenigstens ein schönes Arbeitsfeld!« »Und Sie werden sich dabei nicht schlechter denn als Pfarrer stellen,« erwidert Lombardi, die dürren Hände reibend. In das stille Leid Felix Notvests kommt nun nur noch ein schwerer Tag. Die Abschiedspredigt und der Abschied von Reifenwerd. Wohl haben Hände der Liebe die Kanzel und die Kirche wie für einen Sieger geschmückt, aber sie füllt sich nur schwach mit Andächtigen. Die Reifenwerder schämen sich, ihrem treuen Pfarrer unter die Augen zu treten, sie wissen schon, daß sie beim ersten Klang seiner Stimme die Fassung verlieren und schreien würden: »Wir sind es nicht wert, daß du zu uns redest!« Wie die Glocken verhallen, tritt noch eine junge Dame im Reisekleid in das Gotteshaus und stellt sich bescheiden in eine Ecke. Die umflorten Augen des Pfarrers haben sie erspäht. Ihm ist, das Glück sei erschienen. Und siehe da! – Wie der Gemeindegesang verklungen ist, wie er machtvoll zu sprechen beginnt, da versinken die Worte wehmütigen Abschieds in einer herrlichen Maienpredigt auf Gottes unendliche Güte, und die Predigt endet in dem Gebet: »Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten, liebes Reifenwerd, und gebe dir seinen Frieden!« Da ist allerdings kein Auge trocken, und die Frage brennt in den Seelen: Wie kann denn eine Gemeinde Frieden finden, die das treueste Herz verraten hat? Als sich die Dörfler, die dem Pfarrer die Hände reichen, langsam zerstreuen, wartet die feine, schlanke Fremde, bis der Pfarrer als letzter aus dem Gotteshause tritt, das er verloren hat. Demütig und erglühend senkt sie das Haupt. »Christli!« schluchzt Felix Notvest. Sie aber fleht und stammelt, seine Hand in jähem Drange ergreifend: »Verzeihe mir, Felix, daß ich so lange gesäumt habe!« Droben am Waldbrunnen der Steige, der frisch und klar an der seit der Eröffnung der Eisenbahn verödeten Straße plaudert, wandelt das Paar im Sonntagabendfrieden durch blühende Maililien dahin. Der verratene Pfarrer geht nicht ohne Trost aus seiner Gemeinde, die seine Kraft gebrochen hat. Neben ihm wandert Christli. Wie singt und klingt das Lied der jungen Liebe! Wie, kaum den Kinderschuhen entschlüpft, ein Jüngling und ein Mädchen sich fliehen und doch zugleich durch Not und Tod sich suchen müssen, ist das süßeste Geheimnis der Weltdichtung. Aber ein heiligeres Glücksgeheinmis ist Samariterliebe, welche das leiderfahrene Weib am Manne übt, der wetterzerschlagen auf dem Zenith der Jahrbogen geht. So fühlt es Felix Notvest, wenn er seiner Christli in die Augen blickt. Nur ein leiser Kummer begleitet ihn: daß er sie früh verlassen müsse. Die Kränkung durch die Gemeinde Reifenwerd hat ihm einen fast nicht zu überwindenden Stoß versetzt. Das Leid weiht seine Liebe! Wie schön Christli ist! Ob sie jetzt auch das doppelte Alter der blutjungen, schüchternen Konfirmandin hat, die sich in das Gesicht des feurigen Pfarrerjünglings verschaut, sie ist doch jung. Der Ernst, die herbe, abwehrende Anmut veredeln ihr Gesicht, und wenn ihre dunklen Augen dann und wann so traurig blicken, als hätte sie alle Bitterkeit der Welt ausgekostet, so können sie doch auch aus dem schmalen, hübsch gerundeten, frischen Gesicht unter den langen Wimpern hervor so hell ins Leben scheinen und blitzen, als wäre das ihre nichts denn blühender Frühling. Ihr Wesen atmet, ob sie auch keine Künstlerin geworden ist, doch die verhaltene Glut des künstlerisch empfindenden Weibes, und ob ihr gleich die üppigen Formen fehlen, ihr Körper etwas Strenges hat, in ihm wohnt doch ein herzfeiner Geist, eine zart schwingende Seele! Wo die sind, ist Jugend! Was für Süßigkeit hat die herbe Christli, wenn sie »Felix« flüstert! Das neuvermählte Paar verlebt im alten, romantischen Städtchen Rheinsee, am Strom und auf der gebrochenen Burg, die es überragt, mit dem alten Mütterchen, aber fern von den Bekannten, ein wunderglückliches Jahr. Mit wahrer Lust führt Felix Notveft die interessante Katalogisierung der prächtigen Altertumssammlung Lombardis aus. Dazu erfüllen die gehaltenen Töne der Geige Christlis das schlichte Heim mit goldenem Klang, und der etwas menschenscheu gewordene Pfarrer hat die Welt und ihre Kämpfe vergessen. Ganz entziehen kann er sich den Bekannten allerdings nicht. Immer kommen Besuche aus der Heimatstadt in das Museum. Einmal hört er auch wieder von Sigunde. Ihr ganzes Sinnen und Denken steht im Dienste der Landesausstellung, zu der sich die langen, großen Vorbereitungen unter glücklichen Sternen und der treuen Mithilfe von Leuten aus allen Ständen und Lagern vollenden. Aus Eigenem und angeregt durch Kunstfreunde, die in ihrer Villa verkehren, betreibt Sigunde Hohspang nach dem Beispiel der opferfreudigen Begeisterung, die in anderen Ländern für die Dinge und Erzeugnisse, Bilder und Formen vergangener Jahrhunderte erwacht ist, einen großen Plan. Die Sammlungen Lombardis sollen nämlich eine Weile wenigstens im Land ihres Ursprungs, in der Landesausstellung, vor dem Volke zur Schau gelangen und den großen Bildern blühender Gegenwart diejenigen aus der reichen Vergangenheit des Landes gegenübergestellt werden. »Muß denn das ruchlose Weib ihre Hand in allem, haben,« grollt Felix Notvest. Denn was Sigunde unternimmt, ist eigentlich sein Gedanke. Schon hat sie sich zur Hinterlegung der gewaltigen Summe bereit erklärt, die der Antiquar als Sicherheitsbürgschaft für seine Sammlungen fordert, da erklärt Lombardi auch noch: »Vorsteher der alten Kunst muß Felix Notvest werden, die Schlüssel zu meinen Besitztümern gebe ich in keine andere Hand.« Frau Hohspang zürnt, aber der Kauz bleibt fest, Felix Notvest wird der Hüter der einzig schönen Sammlung vaterländischer Altertümer. Er zieht mit seiner Christli ins alte liebe Vaterhaus am Strom der Heimatstadt. »Die letzte Rast,« lächelt er ihr wehmütig zu, »in diesen traulichen Räumen magst du mir, wenn meine Stunde da ist, die Augen schließen.« Ihre dunklen Sterne schauen ihn bänglich an, sie küßt ihn. Sein armes Herz geht zu schnell, es stockt, dann eilt es wieder, als käme es nicht früh genug ans Ziel. In den Zeiten des Kampfes ist es so wild und widerspenstig geworden, das arme Herz! XXXIV. Es blüht der Mai! Banner und Wimpel flattern über der ersten großen Ausstellung des Landes. Sie steht erhaben und malerisch nahe bei der Villa Venedig in einem Lusthaine am Ufer des Sees. Blaue Fluten schwellen heran, duftsatte Winde und weiße Segel streichen über den See, und aus der Ferne schauen die hohen Berge wie Gestalten aus der Heldenzeit des Volkes in sonnigem Ernste auf die festlichen Türme und Zinnen, unter denen der Schaffensreichtum des Landes weit hingebreitet ruht. Sonntagsstimmung erfüllt das Volk, frei, weit und tief atmet seine Seele bei dem erfreulichen Bilde, und selbst in den Söhnen des Landes, die fern von der Heimat unter Fremden das Brot suchen, regt es sich, wie zur Zeit der Rebenblüte der Wein im Faß. Sie müssen zum Besuche der Ausstellung heimwärts ziehen. Da findet in hoher vaterländischer Stimmung auch einer den Heimweg, der es im Drang seines Berufes, in einer an Arbeit, Erfolgen und Ehren reichen Laufbahn kaum wahrgenommen hat, wie viele Jahre gekommen und gegangen sind, seit er mit seiner jungen, vom Elternhaus verstoßenen Braut lebensmutig in die Welt gegangen ist. Direktor Karl Wehrli ist da! Er ist ein Mann in der Vollkraft der Jahre, um sein Gesicht rahmt sich ein glänzend schwarzer, großer Bart, in den Augen blitzt noch das Frische, Freie, Mutige, das schon den Werkführer ausgezeichnet hat. Mit herzinnig gesundem Lachen erzählt er: »Mutter, endlich los aus Lyon, ganz los, aber Schmerzen hat es gekostet!« Und er blickt ernst. »Besonders auf dem Kirchhof! Wie seltsam steht unter den vielen französischen Mälern Lonys Stein mit der deutschen Inschrift: ›Wem Gott ein treues Lieb beschert, der soll von ihm nit lassen.‹ Nun, es war ihr heiligster Wunsch, daß ich in die Heimat ziehe. Und ich bin da, Mutter, ich bin da!« lacht er wieder herzinnig und küßt die Stirne der alten Frau. In dem alten Patrizierhaus am Strom, in dem Felix Notvest mit den Seinen bescheiden wohnt, ist großes Fest. Die alte gebückte Frau Wehrli hört die Engel im Himmel singen. Sie hält ein halbwüchsiges Mädchen im Arm und stammelt: »Wenn das nicht die bare Lony ist!« Und ein Knabe, der schon ein Jüngling werden will, hängt am Hals Christus, welche, den Stürmer von sich drängend, wehrt: »Nicht so wild, Hans Ulrich!« Die beiden Schwäger Felix Notvest und Karl Wehrli sind die herzlichsten Freunde, die man sich denken kann. Manchmal hangen die Augen Karls sinnend an dem zermarterten Gesicht, an den weißen Locken Felix Notvests. »Von seinem Edelmut hat er also nichts davongetragen als Wunden und Narben und das gebrochene Herz,« flüstert er Christli zu. Ein ehrlicher Zorn gegen die Härte seines Volkes will in Karl Wehrli überwallen. Da sänftigt ihn Felix Notvest selbst. Mit einer Glut, in der unendliche Bewunderung, nie wankender Glaube liegt, umhalst Christli ihren Gatten, und eine Liebe waltet zwischen den beiden, als wollten sie das versäumte Glück schmerzvoller Trennungsjahre in Stunden und Tagen einholen. Karl spürt es: In der Liebe Christlis ist Felix Notvest doch ein gesegneter Mann. Er muß sich von dem rührenden Bild der Treue wenden und wehmutsvoll seiner Lony gedenken. Wenn sie diese freudige Heimkehr hätte miterleben dürfen! In warmer Eintracht wandeln der Kunstfreund und der Techniker, der Mann, der liebevoll an der Vergangenheit des Volkes hängt, und derjenige, der hoffnungsreich seine Zukunft fördern möchte, durch die mannigfaltigen, schönen und erquicklichen Bilder der ersten großen Landesausstellung. Im Grunde seines Herzens ist Karl Wehrli der nämliche für die Wohlfahrt des Landes schwärmende Volksmann wie Felix Notvest. Stets kommt er mit leuchtenden Augen von seinen Gängen zurück. »Christli, es ist im Vaterland groß vorwärts gegangen, es ist eine Freude, zu leben; da bekommt man selber Lust, bald wieder etwas Großes anzugreifen! Ich stand heute wieder vor dem prächtigen Maschinensortiment des Obersten Fürst, des Maschinenkönigs! Christli, wie das in Armen und Händen juckte!« Der kraftvolle Mann macht eine Bewegung, wie wenn er gleich an die Arbeit treten möchte. »Seht den Bruder, der sich hat ausruhen und die Natur genießen wollen!« scherzt Christli. »Es ist eine Freude, zu leben!« lacht Karl. Gleich in den ersten Tagen treibt es ihn auch nach Reifenwerd. Da will er sich in seinen Jugenderinnerungen ergehen und seinem Geschäftsfreund, dem Obersten Fürst, guten Tag sagen. »Und dem alten Stockar, daß er seine Gußtanse für immer abstelle, nicht wahr, Karl!« lächelt Frau Wehrli. »Du wirst mit mir zufrieden sein, Mutter,« erwidert er frohgelaunt. Eine kurze Fahrt, er tritt aus dem Bahnhof von Reifenwerd. Da beklemmt es ihm schon die Brust. Wo die Fruchtzelgen der Bauern im Morgenwinde wallten, erheben sich von Spekulanten hergebaute schreiend neue Miethäuser, sie verdecken den ehemals so hübschen Umriß des Dorfes, und die Läden und die Wirtschaften in den Erdgeschossen erinnern ihn an Vorstadtstraßen. Jetzt aber hat er das alte Reifenwerd erreicht, das sich so behaglich an die Landstraße baut. Die drei Brunnen plaudern wie ehemals das Dorf entlang. Er denkt an Lony. Schmerzvoll wogt es in seiner Brust, und beim Anblick des ehemaligen Kommandantenhauses wird ihm nicht wohler. Die Fenster sind halb erblindet, wo die weißen Vorhänge durch das grüne Spalier leuchteten, hängt altes Zeug, mit unbestimmten, abgestorbenen Farben, der Garten ist verwildert. Überall der gleiche Anblick. Der ehemalige, altväterisch stattliche Gasthof zum Hirschen verrät es von ferne, daß er gesunken ist, und nur wenige jener goldenen Dungstöcke, die einst der Stolz der Landleute von Reifenwerd gewesen sind, geben Kunde, daß da noch Bauern wohnen. Der ehrenfesteste steht vor dem Hause des verstorbenen Säckelmeisters. Direktor Wehrli fragt einen vorübergehenden Buben: »Wohnt hier der Großrat Stamm?« Da tritt der Bauer, der die Frage gehört hat, selbst aus der Futtertenne und grüßt den vornehmen Fremden, der doch die heimische Sprache spricht, mit lebhafter Ueberraschung. »Endlich ein bekanntes Gesicht,« grüßt Karl Wehrli treuherzig, »wie geht es, Hilfgott?« Einen Augenblick starrt ihn der Bauer an und sucht in seinem Gedächtnis. »Du bist es, Karl!« ruft er erfreut, »herzlich willkommen in der Heimat. Heute mache ich Sonntag!« Die beiden Jugendfreunde schütteln sich die Hände. »Eine Stunde, Hilfgott,« erwidert Karl Wehrli, »ich habe mich auf elf Uhr zur Begrüßung beim Obersten angemeldet.« In dem alten, schönen Bauernhaus des Großrates sitzen die beiden Männer und plaudern von vergangener und jetziger Zeit. Indem sie die Gläser voll Rotwein aneinanderstoßen, spricht der Bauer: »Wer weiß, wie lange man noch den Reifenwerder trinkt, den unsere Väter so hoch gehalten haben. Schau empor zu unserem Rebberg! Man hat mitten durch das Gelände eine leicht steigende Straße gebaut.« – »Und wer sitzt in den niedlichen Backsteinhäusern, die daran stehen?« fragt Karl Wehrli.– »Schreiber und Angestellte des Obersten, die Töchter unserer Bauern geheiratet haben, als diese noch Vermögen besaßen. Es ist gut, daß der Weinberg wenigstens als Bauquartier etwas wert ist. Die Alten, die sich auf das Rebwerk verstanden, sterben langsam weg, und die Jungen lernen es nicht. Für diese Arbeit hält sich eine Schreibersfrau viel zu vornehm, aber so wohl ist ihnen unter ihren Sonnenschirmen gewiß nicht, wie den ehemaligen sommerverbrannten Bäuerinnen.« Gedankenvoll hört Karl Wehrli zu. »In Lyon haben Lony und ich stets im alten Reifenwerd gelebt, wir dachten gar nicht an die Veränderungen; du weißt, in dem Reifenwerd mit dem Tätschschießen, mit dem Volksliedergesang der braunen Mädchen, wie oft haben wir zusammen gesprochen: ›Nur noch einmal auf dem Kiesbett der Reif Erdäpfel in den Agelnfeuern braten!‹« »Agelnfeuer,« lacht Gotthilf Stamm, »ich kam letzthin bei einem Schulbesuch drauf. Ich brachte Hanf und Flachs mit in die Schule. ›Wer kennt das?‹ Ein paar wenige! ›Was bleibt, wenn man sie bricht?‹ Früher hätte die ganze Schule gerufen: ›Ageln,‹ jetzt blieb alles still. In Reifenwerd baut kein Mensch mehr Lein. Du sprichst vom Tätschschießen. Kein Junge weiß mehr, was ein Tätsch ist. Vom Volksliedergesang der braunen Mädchen! Es giebt keine braunen Mädchen mehr, aber einen Gesangverein, doch kann er seine künstlichen Lieder nur singen, wenn der Leiter mit dem Taktstock vor ihm steht, ein echtes, rechtes Volkslied hörst du durch unsere ganze Gemarkung nicht mehr. Weiß der Teufel, was in unserer Jugend steckt, sie hat sogar das Lichterschwemmen am Sankt Fridolinstag vergessen und zu Sankt Nikolaus läuft dir kein Bube mehr mit Feuermütze und Schellenring umher. Dafür an der Fastnacht geringe Masken genug. Ja, ja, Karl, der Kommandant hat gut gesprochen, als er im Hirschen polterte. Wie Zunder ist den Bauern vor der Baumwolle der Lein vom Leibe gefallen, zugleich dem Dorf die alten Bräuche, es lümpelt ein wenig, wo du hinsiehst, und wenn du von einer scheinbar ehrenfesten Schüssel den Deckel hebst, so schwimmt darin die Armensuppe. Und die alten Reifenwerder trägt man im Fötzelhemd zur Grube.« »Ich muß jetzt gehen, Hilfgott,« entschuldigt sich Direktor Wehrli etwas beklommen, »es ist bald elf!« Großrat Stamm giebt ihm das Geleite bis zur Brücke. »O Hilfgott,« versetzt Karl Wehrli peinvoll, »wie schwer wird es mir, meinem Schwiegervater, dem armen alten Stockar, gegenüber zu treten, diesen unglücklichen Reifenwerdern allen. Ich möchte nicht der Oberst sein, ich hätte das Herz nicht, die Leute in meinem Geschäft zu sehen. Wie stellt er sich denn zu ihnen?« Hilfgott Stamm zuckt die Schultern. »Fünf, sechs Tage in der Woche,« erwidert er, »ist der Oberst der Fabrikherr, wie er sein soll, der Donnerstag aber ist seine böse Ecke. Er reitet morgens zur Börse, bei dem reichlichen Mittagessen wird der Champagner ausgewürfelt, gegen fünf kommt er zurückgeritten, und den Wein leicht im Kopf, macht er noch einen Gang durch die Werkstätten. Dann wendet er sich wohl manchmal an die Grauköpfe, die den Guß tragen. ›Ihr alten Herrn von Reifenwerd, wie geht's?‹ scherzt und höhnt er. ›Hirschenwirt, nicht wahr, das war eine andere Zeit, als wo Ihr das Kartenspiel umlegtet?‹« »Der Hirschenwirt ist auch unter den Tansenträgern?« fragt Karl Wehrli erstaunt. »Ich glaubte, er sei Winkelwirt in der Stadt.« »Die Berechtigung ist ihm entzogen worden– vor einem Jahr kam er und bat um Arbeit, er hat gerade das erste Dutzend alter Reifenwerder Konkursiten in der Fabrik voll gemacht.« »Es soll an einem Wink, was sich gegen alte unglückliche Leute schickt, nicht fehlen,« versetzt Karl Wehrli, und am Eingang der Brücke scheiden die beiden Freunde. Direktor Wehrli wird im Hause des Obersten als großer Gast empfangen, selbst Frau Kitty Fürst, die steife Engländerin, bemüht sich redlich, gegenüber dem erfolgreichen technischen Erfinder aus der beklemmenden Zurückhaltung, mit der sie sonst die Geschäftsfreunde ihres Gatten empfängt, herauszutreten, doch will Karl Wehrli das vornehme Schlößchen mit seiner kostbaren Ausstattung als ein anfröstelnd kaltes Haus erscheinen. Kein liebliches Kind trippelt mit fröhlicher Stimme durch die Gemächer und die Dienstboten gehen furchtsam und freudlos zu und ab. Oberst Fürst! Sein angegrautes Haar hat sich so gelichtet, daß er, um die Glatze notdürftig zu verbergen, ein paar Seitensträhnen darüber ziehen muß, in seinem harten, doch bedeutenden Gesicht zuckt ein Muskel dann und wann von selbst. Er raucht die schwersten Zigarren, die es geben kann, gießt sich scharfe Wasser in den Kaffee, trinkt lebhaft französischen Rotwein, doch sichtlich ohne Genuß. »Ich muß etwas haben, was mir die Nerven zusammenhält!« entschuldigt er sich gegen Direktor Wehrli, der nur langsam raucht und trinkt. Allein die Sorgfalt seines Äußeren, eine gewisse militärische Straffheit der Haltung, die Schnelligkeit und Treffsicherheit, mit der er spricht, das Auge, das klar und lebhaft blitzt, eine gewisse Schärfe seines ganzen Wesens verleihen dem Obersten den Anschein der Kraft und Frische. Die beiden Industriellen besprechen weitgehende Pläne, eine warme Hochachtung verbindet den Fabrikherrn und seinen früheren Angestellten. »Ich werde mir die Wasserkraft in den Bergen einmal ansehen!« versetzt Direktor Wehrli. »Und meine Erfahrungen stehen Ihnen zur Verfügung,« erwidert Rudolf Fürst. Damit ist die Tafel aufgehoben. Ein Gang durch die weitläufigen Werkstätten der ehemaligen Abtei. In der Kirche, die zu einer Schlosserei und Dreherei umgewandelt ist, treffen die Geschäftsfreunde einige der alten Reifenwerder, die das Arbeitsmaterial von Werkbank zu Werkbank tragen. O, Karl Wehrli kennt sie schon, die geschwärzten, halbverblödeten Leute, die einen stierenden Blick auf den Fremdling werfen und weiter schlurfen. Was waren das einst für stolze Bauern. »Gott, der Vater Lonys!« Das hagere Zerrbild des Kommandanten, eine greise Gestalt mit unwirschem Stoppelbart und zerbissenen Lippen glotzt ihn an. Und es ist doch noch der Kommandant! »Vater,« geht Karl Wehrli auf ihn zu, »stellt Eure Tanse nieder. Macht für immer Feierabend!« Er ist überwältigt vom Schmerz der Erinnerungen. »Habt Ihr mir zu befehlen, ich habe geglaubt, der Herr Oberst da!« Ein böses, mißtrauisches Feuer sprüht unter den buschigen Brauen des alten Stockar hervor. »Was wollt Ihr von mir?« »So kennt mich doch, Vater. Ich bin Karl Wehrli!« Der Direktor will dem alten Handlanger die Tanse von der Schulter heben. Da brennt der alte Stockar auf: »Karl Wehrli!– Anschicksmann, Spion! Ihr seid der Schuft, der nur meine Lony entführt hat– meine Lony.– Geht, geht, oder– –« Wütend ergreift er ein Eisenstück. »Herr Direktor, kommen Sie!« mahnt der Oberst, »er ist ein böswilliger Narr!« Lange noch grollt der vom Unglück zerschmetterte, nur halb zurechnungsfähige Kommandant dem Direktor in Schimpfworten nach. Früh am Abend, in weher Verstimmung, kehrt Karl Wehrli zu den Seinen zurück. »Und nicht einmal nach den Kindern seiner Lony hat der alte Stockar Verlangen gezeigt?« seufzt Frau Wehrli kummervoll. Sie hat geträumt, goldene Abendsonne würde für den Ärmsten unter den Reifenwerdern aus den Wolken brechen. »So weit kamen wir in der Unterredung nicht!« erwidert Karl gedrückt. »Was hältst du eigentlich vom Obersten Fürst?« fragt Felix Notvest. »Ein technisches Genie und eine Ruine. Schade um Fürst! Was ist aber Reifenwerd unter ihm für ein freudloses Nest geworden. Das Liebe und Trauliche ist dahin und das Neue ist unerquicklich. Ich mag es nicht wiedersehen, es hat mich so aus meinem Glück gerissen, daß ich wohl nach Lyon zurückkehre, um einmal auf der Stätte meiner schönsten Wirksamkeit und größten Erfolge Feierabend zu halten.« So enttäuscht ist er von seinem Besuch in Reifenwerd. »Nein, Karl,« bittet Christli, »schenke den Kindern die Heimat!« Und seine gesunde Natur siegt. Wie er einmal von der Ausstellung kommt, lacht er doch wieder: »Es ist eine Freude zu leben!– Ich muß in der Heimat bleiben– und die Wasserkraft in den Bergen bringe ich auch nicht aus dem Sinn.« XXXV. »Es ist eine Freude zu leben!« Mit Karl Wehrli ist ein ganzes Volk von Glück und Lust erfüllt und hebt seine Schwingen. Es lebt den »großen Sommer«, wie man späterhin die Zeit der ersten Ausstellung mit Vorliebe genannt hat. Züge und Sonderzüge führen die Menschenwogen ununterbrochen nach der Stadt, durch ihre Straßen pilgert das Volk in gehobener Stimmung, und überall entwickeln sich die Bilder malerisch frohen Lebens. Hirt und Bauer, Winzer und Säer, die Männer der schwieligen Hand und die Arbeiter im Felde des Wissens, der behäbige Bauer mit seinem Weibe, der Großvater mit seinem Enkel, der junge Mann mit seiner Braut, der Fabrikant mit seiner Gehilfenschar, der Lehrer mit seiner Schule, Gesellschaften mit wehenden Bannern durchpilgern die Stadt, sie drängen hinaus an den lachenden See zur Arbeitsrundschau der Heimat, einer sagt es zu dem anderen, in Liedern und hohen Reden singt es und klingt es: »Das Land blüht, es ist eine Freude, zu leben!« Wer aber thut es in Lebenslust der fröhlichen Sigunde Hohspang gleich? Sie wird nicht müde, mit ihrem Sohne durch die volkreichen Straßen zu fahren oder zu reiten, durch die Ausstellung zu wandeln, sich begrüßen zu lassen und selber wie eine huldvolle Königin zu grüßen und zu nicken. Die Augen des Volkes wissen nicht, wem sie in höherer Bewunderung folgen sollen, ob dem weichlockigen Jüngling, dessen lebendige Augen groß, sonnig und siegreich blicken, dessen schöngeschwungene Lippen in jugendlichem Glücke, Mut und Lebensfülle lächeln, oder dem stolzen Frauenbilde, das die nur um ein paar Jahre ältere Schwester des Jünglings zu sein scheint. Die Blicke der Männer hängen wohl mehr an der seltenen Frau, von welcher der verklärende Schimmer der Jugend nicht weichen will, diejenigen der Mädchen verwirren sich im Anblick des Jünglings, um den die Zauber unentweihter Kraft und Gesundheit walten, und dessen vollendet schönes Bild durch keines jener Fleckchen gestört wird, welche die Natur sonst auch ihren Lieblingen nicht erspart. Die geheimnisvolle Macht, die Frauen- und Männerschönheit von jeher auf das Volk geübt hat, ist wirksam um Sigunde und ihren Sohn! Die Herzen stiegen dem herrlichen Paare zu, Sigunde aber bereitet aus dem Born ihres Reichtums sich selber, der Stadt und dem Volke Wunder um Wunder. Jeden Abend richten sich die Blicke erwartungsvoll nach der Villa Venedig, dieser Insel des Glücks. Die kunstsinnige Herrin enttäuscht die Harrenden nicht. Eine Rakete schießt aus dunklen Baumkronen in die Luft. Mit einem Schlag sind Villa und Garten ein Märchen des Lichts, prasselnde Feuerwerksgarben sprühen auf gen Himmel und spiegeln sich in der Tiefe des Sees, aus den verschwiegenen Buchten gleiten mit bunten Laternen behangene Boote. Magisch erglänzen die Wasser, weiche Musik erfüllt die Nacht und steigt empor zu den Sternen. Herren und Damen in sommerlichen Gewändern lustwandeln auf den hellerleuchteten Rasenplätzen, und es besucht keine wissenschaftliche, künstlerische oder technische Gesellschaft die Ausstellung, ohne daß sie, wenn sie einiges Ansehen hat, von der Besitzerin der Villa Venedig zu Gaste geladen wird. Aber auch den Kindern aus den Waisen- und Armenanstalten, den siechen Greisen und Matronen aus den Altersasylen, die durch die Ausstellung geführt werden, bereitet Sigunde freudige Feste, und kein Gast scheidet ohne einen Sonnenstrahl im Herzen aus der Villa Venedig. Weit über die Landesgrenzen hat diese Stätte fürstlicher Gastfreundschaft einen geheimnisvollen Ruf erlangt, wie wenn darin eine gütige Fee mit Zauberhänden waltete. Berühmte Männer der Kunst und der Wissenschaft rechnen es sich zur hohen Ehre an, Sigunde Hohspang ihre Freundin nennen zu dürfen. Und dennoch flackert in den verborgensten Gründen der seltsamen Frauenseele ein wildes Feuer des Hasses. Erbarmungslos haßt sie Felix Notveft, seit er die kleine Geigenspielerin zur Frau genommen hat, doch ist es ein ohnmächtiger Haß, der sich nicht in Thaten umsetzen kann. Denn er ist weiß durch ihre Schuld, und seit sich an Fredy Cella ein schreckliches Geschick erfüllt hat, geht ein lähmendes Schicksalsgrauen durch ihre einsamen Stunden. Der arme Fredy Cella! In einer vornehmen Privatanstalt hat sie sür ihn eine Versorgung getroffen, wie es sich für ein gefallenes Genie gebührt. Er hat alles, was sich seine ausschweifenden Launen wünschen. Nur besucht sie ihn nie, sie meint, sterben wäre leichter als Cella wiedersehen. Um den Namen Felix Notvest aber, den sie wie den Tod haßt, webt sich ein neues wunderbares Licht. Wenn die Besucher der Landesausstellung den Glanz der Gegenwart gesehen haben, treten sie an die Kunst der Vorfahren heran, sie wandeln von jenen fernen Zeiten an, wo das Volk in den Höhlen der Berge wohnte oder seine Hütten über den Wassern der Seen aufschlug, durch lebensvolle Bilder der Geschichte, durch tausendjährige schlichte Klosterpforten, durch wappengeschmückte Ritterstuben, und plötzlich blüht ihnen die Kunst jener großen Zeit entgegen, in welcher das Land seine Freiheitsschlachten geschlagen hatte, das vorher arme Volk zu Wohlstand gelangt war und einen jahrhundertlangen Frühling nationaler Kunst erlebte. »Denkmäler aus der ehemaligen Abtei Reifenwerd!« lautet die Aufschrift der strahlenden und funkelnden Glasgemälde. Die Besucher schreiten staunend weiter, sie treten in das Zimmer der letzten Äbtissin von Reifenwerd mit den farbigen, flachgeschnitzten Friesen, dem bunten Rankenwerk und den humorvollen Spruchbändern. Sie wandern durch die ehrenfesten Ratssäle kleiner Städte, sie ruhen in alten, gemütlichen Städter- und Dörflerstuben, und dem Bürger und dem Bauern wird das Herz in den kunstgeschmückten Hauswesen der Vorfahren weit. Sie erfreuen sich an den alten schönen Öfen mit den Bilderkacheln, die Frauen können den Blick fast nicht von den Blumen, Sommervögeln und ländlichen Scenen der buntbemalten Geschirre wenden, die Handwerker schauen still und verlegen nach den blanken Meisterstücken der Schlosserei aus der Zeit der Zünfte, nach den geschnitzten Truhen und Schränken der Renaissance und flüstern einander zu: »Unser gegenwärtiges Können bleibt hinter der Kunst der Alten zurück!« Jeder Besucher läßt sich durch die Bilder der Vergangenheit fesseln, der eine, weil er spürt, daß er da Anregung für seine eigene Arbeit holen könnte, der andere, weil sie ihn so merkwürdig anheimeln, und die Frauen sind die lebhaftesten Schwärmerinnen für die alte Kunst! Sie gilt in den Augen des Volkes als die Krone der großen Arbeitsrundschau und wirkt wie eine große freudige Entdeckung aus dem verflossenen Leben des eigenen Volkes. »Sonderbar,« sprechen die Besucher, »uns ist in der Jugend immer erzählt worden, wie meisterlich die Vorfahren in den Schlachten dreingeschlagen haben, aber wer wußte, daß sie in Friedenszeiten ihre Häuser mit so viel gemütvoller, sinniger Kunst geschmückt haben!« Ein schönes, neues Blatt der ruhmvollen Landesgeschichte liegt vor aller Augen aufgeschlagen. Man spricht davon in Palast und Hütte, die Blätter bringen, sich auf den Katalog Felix Notvests stützend, Schilderungen und Aufsätze, die den mächtigen Eindruck des selbstgenossenen Anblicks vertiefen. Zugleich hört das Volk, wie in anderen Ländern Fürsten, Regierungen, Gesellschaften, die weite Provinzen umspannen, schon seit einer Weile erstaunliche Summen für die Erwerbung und Erhaltung geschichtlicher Kunstdenkmäler aufwenden und wie die Erzeugnisse, in denen sich Sinnen und Denken und das eigenartige Leben der Stammesvorfahren spiegeln, beinahe unermeßliche Werte erlangt haben. Es empfindet eine tiefe Beschämung, daß die herrlichen Handwerks- und Kunsterzeugnisse der Vorfahren leihweise aus dem Auslande haben zurückgebracht werden müssen. Alte Geschichten erwachen und erscheinen dem Volk in einem anderen Lichte als damals, wo sie geschehen sind. Mit Überraschung hört es: »Die besten und wertvollsten Kunstdenkmäler von Reifenwerd sind unter der Regierung Robert Hohspangs um einen Bettelpfennig verschleudert worden! Nur eine einzige Stimme im Lande erhob sich damals dagegen, diejenige Felix Notvests, des blutjungen Pfarrers, aber sie blieb ohne Hilfe und wurde verhöhnt. Der junge Mann schlug damals vor, man möchte aus der Abtei eine Ruhmeshalle für die Väter gestalten, wie man es jetzt nennen würde: ein Nationalmuseum!« »Nationalmuseum!« Wie ein Funke, der in dürres Gras fällt, fliegt das Wort als Flamme über das Land. »Nationalmuseum!« ruft der Osten, im Westen hallt es wieder, und der Norden und der Süden reichen sich darüber die Hände. »Es ist eine heilige Pflicht des Landes, daß es das Erbe der Väter wahre und, was in fremden Besitz übergegangen ist, für die kommenden Geschlechter zurückerwerbe, zuerst als Grundstock die Sammlungen Lombardis!« Es ist noch nicht zu spät. In dem ehemaligen Foulardhändler, der, mit dem künstlerischen Spürsinn des Südländers begabt, die damals verachteten Dinge wie ein Schatzgräber zusammenraffte, erkennt das Volk eine Gestalt von geschichtlicher Sendung, die ihm ein Nationalgut erhalten hat. Und seine Sammlung, so hört man, ist käuflich. Allerdings erschreckt seine Forderung– eine Million! Kaum hat aber je eine Bewegung, die nicht das unmittelbare Tagesleben berührt, das Volk so rasch, so tief, so nachhaltig ergriffen, wie die für die vaterländische Kunst. Mit dem Rufe »Nationalmuseum!« fliegt der Name Felix Notvest durch das Land. Der Urheber des Gedankens war doch er, der feurige Pfarrerjüngling, und mit heiliger Scheu schauen die durch den Tempel der alten Kunst Dahinpilgernden den weißlockigen Mann mit dem Zuge des Leidens im blassen Gesicht. Man spricht von ihm, nicht von Sigunde Hohspang, die es doch mit ihrer Bürgschaft ermöglicht hat, daß die Sammlungen Lombardis der Landesausstellung einverleibt wurden. Wie das sie kränkt! Jetzt wäre die Zeit, ihm eine Abtei zu bauen. »Nein, niemals!« Sie stellt sich dem Gedanken eines Nationalmuseums feindlich gegenüber. Es würde ja doch nur ein Denkmal für Felix Notvest. Allein, was hilft ihr Widerstand! Die Herbstnebel wallen über dem See, die Sonne, die sie endlich durchbricht, bescheint die Ausstellung, die die Freude und der Stolz des Landes gewesen ist, die Freund und Gegner einte und die Herzen höher schlagen ließ, zum letzten Male. Das Volk kann sich getrösten: Aus dem schönen Vorübergehenden ist der Gedanke des Bleibenden erwachsen. Das Nationalmuseum wird erstehen! XXXVI. In die ausklingenden Accorde des vaterländischen Ehrensommers bricht eine furchtbare Kunde. Karl Wehrli bringt sie zu Tode erschrocken den Seinen. »Oberst Fürst,« berichtet er hastig und erregt, »ist nicht mehr unter den Lebenden. Um vier Uhr saß ich mit ihm noch auf dem Zunfthaus. Ich bat ihn, heute abend nicht mehr durch die Werkstätten zu gehen, ich ersuchte ihn, die alten Reifenwerder nicht zu reizen. Er aber ritt seinen Schicksalsweg. Am Fabrikthor geriet der alte, steife Hund Stockars, der dort auf das Feierabendläuten und seinen Herrn wartete, unter die Hufe seines Pferdes. Der Oberst tritt einen Augenblick vor dem Fabrikschluß in die Werkstätten und kommt an dem alten Stockar vorüber. ›Eh', Kommandant‹ ruft er und wirft ihm aus der Westentasche ein Zehnfrankenstück hin. ›Das wird genug sein für Euern schäbigen Hund! Mein Roß hat ihn zertreten!‹ Der Alte glotzt ihn wie geistesabwesend an, dann ergreift er, ehe es jemand hindern kann, in rasender Wut einen ihm naheliegenden großen Hammer und schleudert ihn dem Obersten gegen die Brust. Der Blutende wird in das Schlößchen getragen und verscheidet dort nach einer Viertelstunde. Stockar ist verhaftet.« »Der arme, arme, alte Mann!« jammert Christli. »An der Schwelle des Grabes noch ins Gefängnis!« klagt der Pfarrer. »Ja, wie seltsam,« spricht Karl Wehrli, »überall mehr Mitleid mit dem Alten als mit seinem Opfer! Überall das Gefühl höhern Waltens, daß das dem Tod geweihte Bauerntum sterbend die Faust erhob und sich an seinem Verderber rächte. Wie wenig aber hätte gefehlt, und der Oberst wäre ein wahrhaft Großer geworden. Nur eine gemütreiche Frau aus der Heimat, die ihn mit seinem Volk verbunden hätte, vielleicht auch ein Amt in Gemeinde und Land. Es war ein Unglück, daß der junge, ehrgeizige Mann damals nicht Großrat von Reifenwerd geworden ist. Da wurde die Fabrik seine Welt, und wer an nichts als an das harte Eisen denkt, wird zuletzt selber hartes Eisen. Wir Leute der Industrie brauchen noch etwas dazu, was uns das Herz wärmt, und wenn es zuletzt nur ein kleiner Schulpflegerposten auf dem Dorfe ist.« Die Zeitungen strengen sich zwar an, dem Obersten Fürst, dem »Maschinenkönig« des Landes, Lorbeeren auf den Sarg zu legen. Sie rühmen seine rastlose Arbeitskraft, seine technischen Talente, die das große Etablissement schufen und stetig erweiterten. Aber der Oberst hat seinen Namen nie mit dem Ruhm der kleinsten guten That bedeckt, die er einem seiner Arbeiter erwiesen hätte, er hat nur eigensüchtig ein Vermögen gehäuft, das er nicht mit ins Grab nehmen kann, und dem Gesetze knapp gegeben, was des Gesetzes war. Ja, eines der geachtetsten Blätter des Landes schreibt es frei: »Die Gemeinde Reifenwerd, die unter dem Druck des verstorbenen Fabrikanten gelitten hat, bedarf der Gesundung. Möge der rechte Mann an die rechte Stelle gelangen!« Auf diesem Satz ruhen die Augen Karl Wehrlis, die Wangen unter dem dunklen Vollbart röten sich und Christli, die ihn still beobachtet hat, fragt schelmisch: »Wie steht es denn mit der Wasserkraft an den Bergen hinten?« »Die Unterhandlungen schleppen sich dahin!« erwidert er kurz. »Kaufe die Werkstätten des Obersten!« scherzt sie. »Du bist der rechte Mann!« »Sei still, Närrchen, sei still!« Verräterische Glut fliegt über sein Gesicht, und er legt ihr die Hand auf den frischen Mund. Seit diesem Tag ist er wie verändert, er schweigt, doch sein Schweigen redet. »Ich aber will dem alten Stockar noch eine Freude bereiten,« spricht Frau Wehrli, »er muß noch die Tochter seiner Lony sehen!« Felix Notvest erwirkt die Erlaubnis, daß der in Haft sitzende Kommandant seine Enkelin im Freien treffen darf. Draußen vor der Stadt fallt das Laub im letzten Herbstsonnenglanz. Da wandelt Frau Wehrli mit dem lieblichen Großkind daher. »Ihr, Frau Wehrli!« grüßt der zerrüttete Greis. »Kommt Ihr zu mir?« Bewegt dankt er der schlichten Alten. »Ich bringe Euch jemand mit!« lächelt sie. Da erst beachtet der Unglückliche die jugendliche Begleiterin, die ihn erstaunt anblickt. »Großvater!« Das Mädchen hat die Scheu vor dem Stoppelbart überwunden, sie umarmt ihn. »Lieber, guter, Großvater!« Bei dem Klang ihrer Stimme erzittert Stockar, er steht wie im Banne eines Wunders, als kämen die Laute aus entlegener Ferne. »Bist du es denn, Lony.– Du meine Lony.« »Lonys Kind, Eure Enkelin!« flüstert Frau Wehrli. Er weicht verwirrt etwas zurück: »Gott, ja!– es ist doch Lony– blühender Flachs und reifes Korn. So stand sie im Rebberg oben!« Seine Stimme bricht, seine Hände tasten nach dem Haupte des Kindes. »Gott, ich danke dir!« Andächtig schaut er zum blauen Himmel empor. Er möchte weinen, aber im vertrockneten Auge hat er keine Thränen mehr. Wortlos bebt die Freude durch seine gebrochene Gestalt. Endlich findet er die Sprache wieder. »Frau Wehrli, ich lasse es Euerm Sohne danken, daß er Lony hat zu mir kommen lassen. Verdient habe ich es nicht.« Und wieder ruhen seine Augen auf dem Mädchen. »Sag es noch einmal, das schöne Wort!« »Großvater!« antwortet das Mädchen mit weichem Klang. »Lony, meine liebe Lony im Himmel oben, du hast Erbarmen gehabt mit deinem Vater, du hast mir durch dein Kind einen Gruß geschickt!« Vor Rührung über die ergreifende Freude des alten, unglücklichen Mannes muß sich Frau Wehrli abwenden. Am andern Tage fragt die junge Lony: »Gehen wir heute wieder zu meinem lieben, armen Großvater?« »Dein lieber Großvater ist nicht mehr arm,« erwidert Frau Wehrli, »er ist durch Gottes Güte über Nacht reich geworden! Er mag nun mit deiner seligen Mutter wandeln.« Das Mädchen staunt, dann füllen sich seine großen blauen Augen mit Thränen. Dem Volke aber ist es Erlösung, wie es hört, daß der ehemalige Kommandant und Großrat, ehe es zu einem Urteil über den Totschlag kam, gestorben ist. Ein Schlaganfall in der Nacht! Am Morgen fand ihn der Wärter mit friedlichen, fast verklärten Zügen tot auf seinem Lager, und nun ist mehr herzliche Teilnahme um den König Lear der Bauern, als um den Maschinenkömg des Landes. Frau Wehrli ist glückselig in dem Gedanken, daß sie ihm eine letzte Freude bereitet hat. Wie Karl von der Beerdigung des Kommandanten kommt, setzt er sich der Mutter gegenüber, er schaut ihr mit seinen mutigen, freien Augen ernst in das vom Alter gefurchte, treue Gesicht. »Mutter,« beginnt er, »ich weiß jetzt, was meine Lebensaufgabe ist. Die glückliche Bauerngemeinde Reifenwerd ist untergegangen. Ich kaufe mit meinem Vermögen und unterstützt von dem Vertrauen meiner Freunde die Werkstätten des Obersten Fürst, und meine Heimat, mein liebes Reifenwerd, soll ein glücklicher Industrieort werden!« »Das walte Gott!« erwidert Frau Wehrli. »Und daß du es noch erlebest, langentbehrtes Mütterchen!« Er nimmt ihre runzelige Hand in die seine. Der Engel der Stille geht durch die Stube. Eine Mutter betet für ihren Sohn! Felix Notvest aber bebt in Fiebern um die werdende Schöpfung des Nationalmuseums. Zu seinen Füßen kniet Christli. Sie flüstert: »Gott wird es geben!« »Ja, liebes Christli,« spricht Felix Notvest, »wenn es sein könnte, so wäre es für einen müden Mann Wegzehrung in die Ewigkeit und löschte alle Kränkungen des Lebens aus. Ein Traum der Jugend wahr. Ein höheres Glück kann der Mensch nicht erleben.« XXXVII. Jetzt das Nationalnmseum oder nie! So steht die Frage. Die Bäume des Lusthains, über denen die Wimpel der Ausstellung sommerlustig geflattert haben, knarren unter der Schneelast des Winters, hungrige Raben stiegen krächzend über die verödete Stätte der Volkslust, die Wellen des Sees, die lebensvoll an den Blütenstrand wogten, sind unter einer Eisdecke erstarrt, über der die Nebel mißmutig und langweilig streichen. In diesem harten, erbarmungslosen Winter fechten in den Räten die Führer um das Nationalmuseum. Unter dem Eindruck der Begeisterung, die das Volk wie ein Sturm durchbraust hat, ist ein Gesetz zu stände gekommen, welches die bisherige Lücke der Verfassung ergänzt, die Pflicht des Staates, die vaterländischen Kunstdenkmäler zu erhalten und die Kunst überhaupt zu unterstützen, anerkennt und schöne Grundlagen für den Bau eines Nationalmuseums geschaffen hat. So weit ist alles gut! Und doch ist es, als müsse der hoffnungsreiche Kunstfrühling, der jäh und maienprächtig über das sonst nüchterne Land gekommen ist, in der Härte des Winters untergehen. Die hohe Begeisterung, mit der man an die Gründung des Nationalmuseums herangetreten ist, erlahmt an der Lösung der Einzelfragen, und obwohl im Anfang wenigstens viel guter Wille, sich zu verständigen, vorhanden ist, türmen sich die Schwierigkeiten. In der Stadt hat man als selbstverständlich angenommen, daß das Museum an ihren schönen blauen See zu stehen komme. Zu dieser Erwartung berechtigen sie ihre Bedeutung, ihre reiche Bildungsüberlieferung, die Thatsachen, daß der Gedanke eines Nationalmuseums von einem ihrer Bürger ausgegangen ist und auf ihrem Boden zuerst volkstümliche Gestalt gewonnen hat. Nun aber rühren sich die kleinen Städte und Städtchen im Lande: »Wozu soll die große, stets bevorzugte Schwester alles haben? Einer von uns kleinen wäre es auch zu gönnen, wenn sie sich, an dem Museum emporrankend, zur Blüte entfalten könnte!« In berechnender Opferwilligkeit bieten sie ihre Beisteuern an örtlichen Sammlungen von Kunstdenkmälern, Bauplätzen und Geldmitteln für die Anstalt an, ein eifersüchtiger Wettstreit unter den Städten und Städtchen entsteht. Unter sich gegen die mächtige Stadt, die alles will, verbündet, liegen sie mit sich doch selber im Widerstreit. So stark wie zuerst die allgemeine Begeisterung für ein Nationalmuseum gewesen ist, erwachen die örtlichen Leidenschaften, die Sinne der einen verhärten sich gegen die Beweisgründe der anderen, scharfe Worte und Vorwürfe werden gewechselt, und nachdem viel kostbare Zeit durch Streitigkeiten verloren ist, gehen die Mitglieder der Räte in erbitterter Stimmung auseinander, ohne zu einem Beschlüsse gekommen zu sein. Abgemattet und krank hat sich Felix Notvest in ihre Versammlungen geschleppt, sie zum Frieden ermahnt, gebeten, daß sie nicht das Große über dem Kleinen untergehen lassen, und sie an das Gericht erinnert, das nachkommende Geschlechter über ihren Mangel an Thatkraft in einem Augenblick von geschichtlicher Tragweite fällen werden. Umsonst hat er die letzten Feuer der Jugend sprühen lassen! »Sieh, Christli,« spricht er entmutigt und niedergeschlagen, »ich habe es von Anfang an so kommen sehen. Ich und meine heiligste Hoffnung sterben wohl an demselben Tag!« »Sei kein Schwarzseher, Felix!« scherzt sie mit einem innigen Strahl der Liebe aus den dunklen Sternen, aber heimlich zerdrückt sie eine Thräne. Da kommt wie ein vernichtender Schlag für alle, die noch zu hoffen wagen, die Nachricht: »Das Kensington-Museum in London hat Lombardi achthunderttausend Franken für seine Altertümer angeboten!« Lombardi laßt sich aber durch das überraschend hohe Angebot aus London nicht bestechen. Er giebt sich den Anschein, als ob ihm am Verkauf feiner Sammlungen nichts gelegen sei. Eine Zauderpolitik führend, lächelt er mit dem einen Auge den englischen Agenten zu und schielt mit dem anderen nach den Vorgängen im Lande, in dem er seinen Reichtum zusammengetrieben hat. In der Luft riecht es schon nach Lenz und der Schnee beginnt zu schmelzen. Da hört man plötzlich: »Eine Million für die Sammlung Lombardis!« Es ist das Angebot eines amerikanischen Nabobs, eines jener Eisenbahnkönige, die nicht wissen, wie reich sie sind! »So laßt,« sagen die Bürger, »in Gottes Namen die Kunstdenkmäler unseres Landes über das große Wasser ziehen und uns den schönen Traum eines Nationalmuseums, der nichts als Zank und Enttäuschungen gebracht hat, so schnell wie möglich vergessen!« Was man im stillen gehofft hat, hat sich nicht erfüllt. Wenn sonst die Ehre und das Ansehen des Landes auf dem Spiele gestanden und man nicht mehr gewußt hatte, wo aus und ein, war im Augenblick der höchsten Not stets irgend ein reicher Bürger des Landes aufgestanden und hatte mit einer hochherzigen Schenkung oder sonstwie die Angelegenheit zum Guten gewendet und die streitenden Geister mit einem glänzenden Beispiel der vaterländischen Aufopferungsfähigkeit versöhnt und auf die gute Bahn zurückgeführt. Diesmal nicht! Die Blicke Tausender, die sich im stillen hoffnungsvoll auf die reiche, freigebige, fürstliche Freundin der Kunst und der Künstler, deren Namen in aller Munde schwebt, gerichtet haben, sind enttäuscht. Wenn man vom Nationalmuseum spricht, hat Sigunde Hohspang nur ein wegwerfendes Lächeln. Als ihr die große Erbschaft aus dem Nachlasse ihres Bruders zufiel, durchzuckte sie wohl einen Augenblick die Laune der edelmütigen Geberin und Friedensstifterin. Da steht aber der Name des Mannes im Weg, den sie haßt, weil sie ihn verloren hat, der Name des einzigen Mannes, den sie wahrhaft achtet, den sie liebt! Sigunde Hohspang ist sonst übler Laune. Der plötzliche, furchtbare Tod des Bruders trennt sie von den gesellschaftlichen Unterhaltungen. Zum erstenmal, seit sie die Herrin der Villa ist, findet auch die Sorge den Weg in das ihr sonst verschlossene Haus. Ihr schöner Sohn ist an einer leichten Grippe erkrankt. Er genest zwar, aber vom Neujahr zum Frühling wiederholen sich die Anfälle, und jedesmal schwerer und stärker, doch, wie die Ärzte sagen, ohne eigentliche Gefahr für das Leben. Wie der Lenz kommt, ist der Jüngling nur noch ein Schatten feiner Jugendschönheit und Kraft, und seine lebendigen, großen Augen blicken traurig und gespenstisch. Sigunde Hohspang erschauert bei dem Gedanken, daß sie jetzt in den wundersamen, weichen Tagen des Frühlings mit dem Kranken ins Freie, unter die Menschen treten soll. Wo ist ihr Mutterstolz, ihre Mutterfreude? Eines Morgens zieht sie sich aus ihren aufgelösten blonden Locken, die sie immer noch wie ein goldener Mantel umwallen, das erste graue Haar. Sigunde Hohspang betrachtet es mit Entsetzen. Ihr ist zu Mute, als gebe ihr das Schicksal damit ein unheimliches Zeichen. Mit einer Lebendigkeit, als stände er leibhaftig vor ihr, sieht sie Felix Notvest mit seinem Haupt voll weißer Locken! Ein dumpfes Donnergeroll scheucht sie aus ihrer Träumerei empor! Draußen liegt die Frühlingslandschaft. Vom Hochgebirge weht der Föhn und schmeichelt um Knospen und erste Blüten. Die schwarze, von der Sonne angefressene Eisdecke des Sees summt und klirrt, unter den Stößen des Föhns klafft eine Spalte in der Fläche auf, sie regt sich in seltsamen Ungewitterlauten. Wie ein Schuß rollt es weithin durch das Eis, und geheimnisvolle Stimmen des Lebens drängen sich überall hervor. Es summt und rauscht, durch die Spalten quillt die blaue, lebendig gewordene Flut urmächtig empor, und bald ist die starre Decke aufgelöst in ein klirrendes Gewoge von Inseln und Blöcken. Doch nirgends ein Segel– nur Öde, Öde! Stundenlang starrt Sigunde in das Bild. »Eisbruch!« Das Wort erschreckt sie. Ihr ist es, als sollte sie fliehen! »Robert, wir wollen schon morgen nach Italien reisen, dort magst du in der Milde der Luft völlig genesen!« Sie dringt in ihren Sohn, denn alles drängt sie fort von hier; in die Ferne. Aber der Kranke fleht: »Ich bin so müde, Mutter. Nicht nach Italien! Wie ist der Frühling um unser Haus so schön; im Garten will ich zu Kräften kommen.« Sigunde weiß es selbst nicht, warum der Widerspruch des Sohnes sie so heftig reizt. Es ist ja wahr, die Villa Venedig ist ein unvergleichliches Frühlingsgemälde! Nur Ruhe hat sie darin nicht! Da bringt ihr der Diener einen Brief und sie erbleicht. Der Nervenarzt, bei dem Fredy Cella untergebracht ist, meldet, daß der irre Geigenvirtuose, nachdem er schon vorher sein Instrument in Sicherheit gebracht hatte, die Wachsamkeit seines Wärters getäuscht hat und auf einem Spaziergang entflohen ist. »Sollte er, wie es wahrscheinlich ist, in Ihrem Hause Unterkunft suchen, so bitte, nehmen Sie ihn gütig auf. Er ist harmlos! Ich werde für seine Abholung raschestens sorgen!« Sigunde graut es. Nein, nur Fredy Cella nicht sehen! Sie dringt wieder in ihren Sohn, daß er mit ihr zur Stunde nach Italien aufbreche, aber mit dem Eigensinn eines Kranken lehnt sich der Jüngling gegen den Plan auf, zuletzt weint er: »Willst du mich denn töten, Mutter?« Da ist die schöne Frau ratlos. Soll sie, um sich vor Cella zu schützen, um Hilfe rufen, Aufsehen erregen? Nein, nein, die alten Geschichten und Gerüchte dürfen nicht von neuem aufgerührt werden! Sie geht ohne Rast durch das Haus, durch den im Anhauch des ersten Grüns prangenden Garten und steigt hinab zu den kleinen Buchten, in denen Wasser gurgelnd quellen und das Eis vergeht. Dann hält sie vor dem Grabstein der Königin Agnes. Wunderholde Liebestage stehen gaukelnd vor ihr auf, sie tanzen vor ihr wie Schmetterlinge. Was war das für eine wonnige, ins ganze Leben nachwirkende Zeit, als Felix Notvest, der Träumer, ihr seine schöne, große Gedankenwelt öffnete! Sie sah es reiflich erst später ein, erst als sie ihr üppiges Leben durch ein paar Sonnenstrahlen aus Felix Notvests Geist, mit Kunstgedanken adeln konnte. Und schwelgte sie nicht trotzdem grausam in all dem Hohn und Spott, den der Unverstand auf das fruchtbare Leben des verschmähten Geliebten geschüttet hat! Wieder starrt sie auf den Leichenstein der unglücklichen Königin. Satt werden! – Ist sie von ihren großen Festen satt geworden? Nein, der Lebensdurst brennt und brennt, und es giebt nichts, was ihn sättigt – – als eine große, uneigennützige That. Sie kämpft und kämpft. In ihrer Seele ist Eisbruch, wie draußen auf dem klirrenden See. Die Sonne sinkt in das weite, blutige Abendrot des Föhnhimmels, der Sturm erhebt sein Spiel noch mächtiger, die alten Bäume knarren, und ihre dürren Aeste brechen. Es ist ein Ringen in der Natur, als möchte sie alles vernichten, was nicht Blüte treiben kann. Selbst am Himmel wütet der Kampf, in raschem Wechsel leuchtet die volle Mondscheibe in herrlicher Klarheit auf; dann verschwindet sie wieder in schwarzen, zerrissenen Wolken, und im See beginnen die befreiten, vom Sturm gepeitschten Fluten zu rauschen. Sigunde wandelt ruhelos durch ihr schönes Haus. Sie tritt in das Zimmer ihres Sohnes. Der blasse Jüngling mit den eingefallenen Wangen hat den gesunden Schlaf des Genesenden gefunden, er atmet tief und ruhig. Da wird auch sie friedlicher, in ihrem mit Werken der Kunst verschwenderisch ausgestatteten, heimeligen Boudoir wacht sie und hat das Kleid der Dominikanerin übergeworfen, das ihr lieb ist wie ein Talisman gegen die Anfechtungen der Welt. Ohne Unterlaß aber quält sie der eine furchtbare Gedanke: Wenn Cella doch noch käme? Manchmal ist es ihr, als rüttle und spreche jemand am Thor, aber es ist nur der Sturm in den Bäumen und das Klirren der Eisschollen. Sie fährt auf. Jetzt sind es wirklich Stimmen! »Habt ihr ihn gefaßt?« ruft die eine. »Er ist uns entwischt,« lautet die Antwort der anderen. Gott! Gott! Im grellen Mondschein, der den See taghell erleuchtet, springt ein schwarzgekleideter Mann, der keinen Hut trägt, von schwankender Scholle zu schwankender Scholle. – Cella! – Er hält die Geige hoch in Händen und will gegen den Garten vordringen, aber die Wasserfluten hemmen ihn. Er kann nicht weiter – und jetzt steht er still – er rüstet sich zum Spiel! Flehend, schmeichelnd, wie mit Engelsstimmen schwillt es heran, es taumelt auf in Zärtlichkeit und Leidenschaft, es ist ein Lied, das sich wie ein berauschendes Gift in ihre Sinne wühlt! Sigunde zittert. Das Notturno schmeichelt, das er ihr im Sturm seiner erwachenden Liebe gewidmet und dem sie in der Stille des Boudoirs in süßer Träumerei gelauscht hat. Damals hörte sie nur das heiße Verlangen aus den Tönen, jetzt klingen sie ihr wie das Gericht. Ein Gewimmer aus der Stube ihres Sohnes erschreckt sie. »Mutter, ich ertrage die Töne nicht.« Der Kranke preßt die Hände auf Stirne und Gesicht. Das Spiel setzt einen Augenblick aus, in schwarzen Wolken vergeht der Mond. Der wahnsinnige Geiger, der im Dunkeln nicht mehr zu sehen ist, nimmt sein Spiel wieder auf, es schrillt und jauchzt, als müßten die Bewohner der ganzen Stadt aus ihrem Schlaf, die Toten in der Erde erwachen, die Engel vom Himmel und die Teufel aus der Hölle steigen! »Sigunde – Sigunde!« brüllt er. Dazu klirrt und rauscht der Eisbruch, dazu pfeift der Südwind, dessen Wärme sich wie Spinnweb um die Glieder legt, die Dienerschaft eilt aufgeschreckt mit Lichtern durch das Haus, verworrene Stimmen kommen aus der Ferne, eine Menge Leute, die das grausige Spiel geweckt hat, sammelt sich an den Ufern. Draußen auf schwimmender Scholle steht Cella, bald in zauberischer Helle, bald verschüttet von schweren Wolken, und geigt gottlos und entsetzlich. Der kranke Sohn stöhnt: »Mutter, Mutter! Mein armer Kopf!« Er hat alle Fassung verloren, er wühlt sich weinend in die Decken. Da herrscht Sigunde die Diener an: »So fahrt doch auf den See und entreißt dem Tollen die Geige!« Aber es ist unmöglich, über die wogenden Schollen zu dem Wahnsinnigen zu gelangen. Nur wer irrsinnig wäre wie der Geiger selbst, wagte sich jetzt auf den See! Der Eisbruch schützt ihn vor jeder Verfolgung, aber Fredy Cella wird auch das Opfer der sich auflösenden Schollen sein, und das Spiel wird von selbst aufhören. Knisternd brechen die mürben Blöcke, und bald wird keines Menschen Fuß mehr Raum auf ihnen finden. Sigunde wird allmählich fassungslos wie ihr Sohn, ihre Glieder rüttelt eine abergläubische Furcht, sie spürt es: in dieser gräßlichen Nacht schweben die dunklen Gestalten des Schicksals, Rechenschaft fordernd, um sie. Wie spielt jetzt der Irrsinnige in sanften, getragenen Lauten, in Tönen wie Gold! Sie aber schreit verzweifelnd: »Auch das noch, das Lied der Geigenspielerin!« In einem hellerleuchteten Konzertsaal sieht sie die Riesenschneeflocken der »Skelette« fallen! Ihr ist es, als müsse sie es unsichtbaren Mächten entgegenschleudern: Laßt mich! Meine bösen Thaten habe ich mit guten ausgeglichen! Aber in den Bildern ihrer zügellosen Genußsucht findet sich nicht die kleinste Erinnerung, daß sie jemand aus Herzensdrang Gutes gethan hätte. Alles war nur Laune und Spiel! Plötzlich ist es Sigunde, es sei nicht Cella, der dort draußen stehe, sondern jener gespenstische Spielmann des Gerichts, der da geigt: »Heran, heran, schöne Frau!« »Der Arzt ist eben angefahren!« meldet ein Diener. Sie schwankt an das Lager ihres Sohnes. Mit tiefem Ernste spricht der Arzt: »Ich bleibe hier, es ist notwendig!« Der Fiebernde nagt die Fingerspitzen und redet irre. Da hält es Sigunde nicht mehr! Aus dem Hause, das verdammt und verflucht ist, flüchtet sie ins Freie. In den hohen Bäumen jubilieren die Vögel und loben die Frühe und preisen den Lenz, und der Tag dämmert glorreich in Rosen. Da bricht das Spiel des Geigers mit schrillem Mißton ab. Vor ihren Augen, im roten Strahle der aufgehenden Sonne, sinkt Cella, die Geige hochhaltend, mit dem Schrei »Sigunde!« von geborstener Scholle in die Flut. Der Nachtspuk ist dahin, der Eisbruch vollendet. Im Pfauenfederglanze lächelt und leuchtet der See dem jungen Frühlingstag entgegen. Das stolze, blasse Weib aber kniet vor dem Grabstein der Königin von Ungarn und rauft sich das Haar. XXXVIII. Es ist voller Frühling geworden! Schon stiegen die Schwalben über dem blauen, in stolzem Drange einherwallenden Strom. Die Schwäne wiegen sich und tauchen, und auf der Uferstraße wandelt Lenzvolk in hellen Gewändern. Der Nachmittag sinkt schon in den Abend. Eine grenzenlose Spannung herrscht in der Stadt, und wo sich Leute begegnen und treffen, sprechen sie vom Gleichen. Es ist unerwartet in der Frage des Nationalmuseums eine günstige Wendung eingetreten. Die frisch zusammengerufenen Räte tagen, und der Abend wird die Entscheidung bringen. Wenn sie jetzt nicht auf der höchsten Zinne des vaterländischen Gedankens stehen, ist das Museum verloren! Nicht nur das Land, die Welt blickt auf ihre Entscheidung. Durch eine besondere Fügung der Umstände ist die Angelegenheit berühmt geworden. Sigunde Hohspang, die märchenhafte Frau, hat sich nach dem Tode ihres einzigen Sohnes ihres Reichtums entkleidet und alles, was sie besessen hat, unter dem Namen »Felix Notvest-Stiftung« dem Lande als einen gewaltigen Stock zur Hebung und Belebung der nationalen Kunst geschenkt. »Es ist mein besonderer Wunsch, daß das Nationalmuseum schön, groß und erhaben erstehe, daß es der Vaterstadt Felix Notvests zugebilligt werde und die malerischste Stelle in ihrem Bilde einnehme. Ich verfüge daher, daß man die Villa Venedig niederreiße, und stifte mein Landgut als Bauplatz für das Museum.« So die Urkunde Sigunde Hohspangs! Mitten in der Maienblüte steht die Villa Venedig verlassen wie ein Dornröschenschloß! Nachdem sie ihren Sohn, den schönen Jüngling, beerdigt, die großartige Schenkung den Behörden übergeben, ihre Pferde dem Spital, ihre beweglichen Güter den Armen geschenkt hat, ist Sigunde Hohspang in einem schlichten Kleide wie eine Pilgerin davongegangen. Nur einer weiß es, wohin. Im alten Patrizierhaus am Strom sitzt Felix Notvest am offenen Fenster, und der Schwerleidende schlürft die würzigen Lüfte. Das arme, wilde Herz! Nun wird es wohl bald Ruhe finden! Ein düsterer Schatten liegt über seinen Zügen. Vor ihm liegt ein Blatt mit dem Worte »Der Apostat von Reifenwerd!« Bis zum Grabe also verfolgt ihn die unverdiente Kränkung. Er flüstert: »Herr, vergieb ihnen, sie wissen nicht, was sie thun!« Wie aber Christli herzutritt, hellen sich seine Züge auf: wer solch ein süßes Weib sein eigen nennt, soll nicht klagen! »Christli,« sagt er mit einem matten Lächeln, »ich habe den Wunsch Sigundes erfüllt und ihr geschrieben, daß du und ich ihr verziehen haben!« Da kniet Christli neben ihren Gatten nieder und legt ihr Haupt auf seine Kniee. »Du bist größer als ich!« »Bedenke, welch schweren Weg sie gegangen ist und noch geht! Hätte ich wirklich nicht in deinem Namen auch das Wort ›Verzeihung‹ schreiben sollen?« »Doch – doch, es ist gut!« stammelt Christli ein wenig verwirrt und errötend. Er zieht sie an sich, und das Weib mit den seelentiefen Augen liegt glückselig in seinem Arme. Da ist plötzlich das lieblich Jauchzende in ihrem Gesicht, sie ist wieder die junge, feurige Christli! »Horch, Felix, horch!« jubelt sie, »die Glocken, die Glocken, die Glocken! Sie läuten das Nationalmuseum ein!« Sie klingen zuerst nur von einem Turm, jetzt hallen und dröhnen sie von allen Türmen der Stadt, ihre Klänge rauschen ineinander, und aus fernen Dörfern bimmeln die leichten Geläute heran und alle rufen »Sieg!« über das Land. Andächtig lauscht das Paar. In den Augen Christlis glänzen die Freudenthränen, sie sinkt neben Felix nieder, sie schluchzt: »Ich habe Sigunde wirklich und wahrhaftig vergeben!« Da fallen feine Thränen auf ihr Haupt. Es sind die Thränen des gesegneten Mannes, dem sich der höchste Traum seiner Jugend erfüllt hat. Er sieht es nicht, er hört es nicht, wie sonntäglich gekleidetes Volk heranwallt, wie sich die Straße mit den Rufen erfüllt: »Es lebe das Land! – es lebe das Nationalmuseum! – hoch Felix Notvest! – hoch die Räte!« Ihm ist es nur, als wandelten die Vorfahren von Ursula Demut bis zu seinem würdigen Vater, dem Antistes, die kunstsinnigen Männer und Frauen seines Geschlechtes vorüber, als seien sie ihm nahe, die hohen Gestalten und als grüßten sie ihn: »Du hast den Bannerkampf der Kunst gekämpft! Willkommen, Felix, in unserem Kreis!« Zu seinen Füßen kniet Christli. Da tritt Karl in das Gemach, in stürmischer Freude umarmt er seinen Schwager: »Hart haben sie es dir bereitet, aber jetzt ein herzliches Glück auf, Felix! Heute freut mich mein Volk!« »Ob es manchmal irrt wie ein Kind, so müssen wir das Volk lieben, sonst weicht der Grund unter unserem besseren Selbst, so lange es nur sittlich gesund ist, findet es bewußt oder unbewußt seinen guten Weg!« Aus schwerem Nachdenken, doch wie verklärt, spricht es der Leidende. »Und das redest du, Felix – du bis in den Tod getreuer Mann!« Bewundernd hangen die Augen Christlis an ihm. Er aber lächelt sonnig verträumt: »Die Liebe hört nimmer auf!« XXXIX. Seltsam! Es ist, als habe Felix Notvest einzig noch gelebt, um von den Glocken zu hören, daß der Gedanke des Nationalmuseums gerettet ist, daß es entsteht. Er sieht seine Christli in unendlicher Treue an, noch einmal flüstert er ihren Namen – und das flackernde Herz, das so viel gelitten hat, ist still geworden. Das Volk aber weiß, daß einer seiner Besten starb! Ein stummer Zug bewegt sich von der Stadt die alte, nun vereinsamte Straße der Steige dahin, wo der treue, große Volksführer oft in Anfechtungen gegangen und er in einer der dunkelsten Stunden den erquickenden Trunk der Liebe am Waldbrunnen gethan. Die ungetreue Gemeinde Reifenwerd hat sich die Ehre nicht rauben lassen, ihren getreuen Pfarrer in ihre Mitte zu nehmen, und da er nie ein Grabmal hat wollen, so ließ sie unter die Kanzel den Spruch malen: »Hier hat ehrenfest gestanden, die Liebe gepredigt und die Wahrheit gesprochen der Pfarrer Felix Notvest, ein leuchtendes Vorbild für seine Nachfolger!« Maililien vom Waldbrunnen an der Steige blühen in reicher Menge auf seinem Grab. Wohl siebenmal haben sie schon, wenn ihre Zeit da war, das Grab mit ihren lieblichen Blüten übersät. Oft kniet eine herbe Frauengestalt mit dunklen Augen unter langen Wimpern an dem Grab. Wenn es Abend läutet, erhebt sie sich. Sie wandelt gemessen durch das Dorf, und die Arbeitsleute, die vor den Wohnungen Feierabend halten, grüßen sie mit hoher Achtung und zutrauensvoll. Sie ist wohl ernst und lacht selten, aber sie vollbringt im Sinne des Toten, den sie besucht hat, Werke der Liebe im Dorf. Besonders aber sind ihr die Herzen zugethan, weil sie, die Schwester des Fabrikherrn, ihre Mitwirkung nie versagt, wenn es gilt, das Leben der Gemeinde mit Kunst zu verschönen. Sie spielt auf ihrer Geige die süßen, getragenen Melodien, die goldenen Töne, die das Herz über den flüchtigen Tag zu Höherem und Besserem erheben. Ahnen es die Zuhörer und Zuhörerinnen, daß eine Künstlerin, die nach dem Höchsten hatte greifen dürfen, mit ihrer weihevollen Kunst zu ihnen spricht? Ja, sie danken es ihr! Doch sind es nicht die alten Reifenwerder! Die letzten Grauköpfe von Bauern, auch die Seidenweberin Susanne Stockar, hat der Tod dahingemäht. Eines Tages wird es in Reifenwerd keinen Landwirt mehr geben. Der letzte, der frühere Großrat Stamm, schickt seinen einzigen Sohn, einen sehr begabten Jungen, auf das Gymnasium. Dagegen hört man, daß im fernen Westen Amerikas ein Bauerndorf Neu - Reifenwerd hoffnungsreich gedeihe. Das alte Reifenwerd ist ein blühendes, sich stetig entfaltendes Industriestädtchen, das Vorbild einer wohlverwalteten Gemeinde geworden. In den früheren Bauernstuben haust kein armseliges Spinnervolk mehr, sondern da wohnen in Luft und Licht und wachsendem Wohlstand die Familien einer intelligenten, selbstbewußten Metallarbeiterschaft, und die eine Weile verwahrlosten Gärten an den Straßen sind wieder aufs Neue der Stolz des Dorfes. In dem ehemaligen Hause des Kommandanten, dessen Fenster wieder hell durch die Spaliere blitzen, ist die »Lony-Stiftung«, eine Bibliothek mit Lese- und Schreibinstitut für die Dörfler eingerichtet, wo man durch Reifenwerd geht, spürt man den Geist des Mannes, der das Andenken seines frühvollendeten Weibes mit einem Büchergeschenk verewigte. Der Wohlfahrtseinrichtungen sind im Dorf mancherlei. Und Heueler und sein Blättchen »Der Tambour«? Der neue Fabrikherr that, als sähe er es nicht. Aus Mangel an Abnehmern ging es eines Tages von selber ein, Heueler giebt jetzt in der Stadt ein Kriminalblatt heraus, das der gesunkene Mann in den Wirtschaften vertreibt. Und doch sind in Reifenwerd Spuren seiner Wirksamkeit geblieben, nur hat sich die wilde Bewegung, die seine Hetzartikel unter den Arbeitern hervorgerufen haben, wie gärender Most geklärt. Die mächtige junge Partei, die sich daraus gebildet hat, steht Mann für Mann auf dem Boden des Vaterlandes, sie sucht auch nicht mit Streiken ihre neuen Ziele und Wünsche zu erzwingen, sie ringt mit ruhiger Ueberlegung. »Meine Arbeiter sollen sich mit den Fragen des Vaterlandes beschäftigen, sie sollen ihre Standes- und Berufsvorteile wahrnehmen. Es ist ein Naturgesetz, daß die Flut, die im Dunkel der Wassertiefen ruht, sich in die Höhe drängt, wo die Sonne leuchtet, ein Naturdrang der Niedersten des Volkes, daß sie steigen! Sie üben ein selbstverständliches Recht!« So spricht der Mann, der in der Strohhütte geboren wurde und sich aus eigener Kraft zum ersten Industriellen des Landes aufgeschwungen hat. Er ist ein besonderer Freund der Jugend, der er ermunternd und helfend die höchsten Ziele aufsteckt. Im übrigen hat Karl Wehrli für die Leitung der Werke bereits eine starke Stütze an seinem Sohne Hans Ulrich, und er selber widmet sich je länger desto mehr den allgemeinen Angelegenheiten des Landes: er ist sein weitsichtiger Vertrauensmann beim Abschluß der Handelsvertäge, sein erster Vertreter an den Weltausstellungen, und in Reifenwerd, wo wieder ein starkes Heimatgefühl unter den Bewohnern aufgeblüht ist, blickt man mit Stolz und liebevoller Verehrung auf den thatkräftigen Förderer alles dessen, was dem Gedeihen des Landes frommt. Frau Wehrli hat sie noch erlebt, die neue Blüte Reifenwerds und die hohen vaterländischen Ehrenstellen ihres Sohnes, und als steinaltes Mütterchen geht sie an der Seite Christlis noch durch das Landesmuseum, wie das »Nationalmuseum« endgültig den Namen erhalten hat, und staunt über dessen Pracht. Noch mehr über eine besondere Entdeckung: »Gott, das ist ja die Abtei Reifenwerd!« »Ja, Mütterchen,« lächelt Christli. »Reifenwerd, das Rudolf Fürst zerstört hat, ist wieder erstanden! Und ich kann ohne Klage an meinen Felix denken. Sein brechendes Auge hat ja den Aufgang der Sonne gesehen!« XL. Das Landesmuseum ist der Ruhm des Volkes! Der Einheimische betritt es mit vaterländischem Stolze, der Fremde mit Bewunderung, und jedem gebildeten Manne, der sommerfroh das Land durchpilgert, ist es ein Mekka, an dessen Schwelle er den Wanderstecken ruhen läßt. Die Bilder großer Zeiten umrauschen ihn! In der herrlichsten Lage der Stadt auf den ehemaligen Uferbastionen, an der Stelle, wo die Villa Venedig stand, erhebt es sich zwischen alten malerischen Bäumen an kleinen Buchten, auf denen sich die Wasserlilien wiegen, und vor ihm blaut der See, auf welchem die weißen Segel im Spiel der Sommerwinde gleiten. Über den Bau ragen zwei Türme mit weiß und blauen Spitzhelmen aus glasierten Ziegeln, sie grüßen in die lebensfreudige Stadt und bis zu den fernen reinen Firnen. In der halben Höhe des einen Turmes steht ein verwittertes Steinbildnis: die Frau von Reifenwerd! Ja, in seinen wesentlichen Bestandteilen ist das Museum die wunderherrlich am See neu erbaute Abtei Reifenwerd. Man sagte sich mit Recht, daß es keine glücklichere Lösung gäbe, um die vielen kostbaren Altertümer, die aus dem Dominikanerinnenkloster an der Reif stammen und Kern und Stern des Museums bilden, voll zur Geltung gelangen zu lassen, als wenn sie wieder in die gleichen stimmungsvollen Räume eingefügt würden wie einst. Da ist das altersgraue Thor mit der Pförtnerei, dahinter erhebt sich die hohe gotische Kirche, und tritt man in das dreischiffige Innere, so strahlen und leuchten die Glasgemälde und setzen den Raum in ein zauberisches Feuer. Die Kirche ist aber reicher geschmückt als die von Reifenwerd. Zerschlissene Ehrenbanner, eroberte Fahnen aus den Freiheitsschlachten flüstern von Krieg und Sieg, Morgensterne und Hellebarden, Helme und Panzer, die noch die Spuren des Schlachtfeldes tragen, ruhen zu Hunderten um den Altar der Gottesmutter, welcher die frommen Vorfahren nach errungenem Siege die Waffen opferten. Ein Blick auf die herrlich geschnitzten Stühle, auf die alte kunstreiche Kanzel, und durch eine Seitenthür tritt der Besucher in die blühende Rosenpracht des Kreuzganges, hinter dessen epheuverhangenen Bogen die Grabmäler der Ritter stehen. Das ist wieder Reifenwerd! Ein Grabstein, derjenige, der nächst der Kirchenthür stand, fehlt in der langen Reihe. Der Stein der Königin Agnes mit Spruch und Doppelkreuz. Der Stein wurde in der Villa Venedig trotz eifrigen Forschens nicht gefunden. Das merkwürdige Stück muß schon vorher durch seine Besitzerin heimlich weggeschafft worden sein und ist verschollen. Und wo ist sie, die phantasiereiche, lebenslustige Sigunde Hohspang? Die einen erzählen, sie sei keineswegs arm aus der Heimat gegangen, sondern lebe unter angenommenem Namen in einer fernen Weltstadt, andere neigen zu dem Gerüchte, sie sei Katholikin geworden und in ein Frauenkloster eingetreten. Bei ihrer sprunghaften Natur ist keines von beiden unwahrscheinlich. Das Merkwürdigste ist, daß sie sogar denen, die sie wohl kannten, nur wie eine Gestalt der Sage in der Erinnerung steht, umflossen von einem Schein des Märchens wie einst vom Schein ihres stolzen Blondhaars. Kein Weib hat die Einbildungskraft des Volkes, schon da sie mitten in seinen Tagen lebte, so stark beschäftigt wie Sigunde Hohspang, stets reicher spinnt sich nun die Legende von ihrer Güte und von ihrer Grausamkeit um ihren Namen. Selbst ihre bittersten Feinde geben aber zu, daß sie von einem leuchtenden Strahl verklärt sei. Sie hat den Reichen des Landes das Beispiel der stets offenen Hand für Kunst und Künstler gegeben, die einzig dann wie der arme Fredy Cella durch sie unglücklich wurden, wenn sie sich in die Liebe zu ihr verstrickten. Sigunde Hohspang hat nur den Mann geliebt, den sie aufs Rad flocht, dem sie aber dann die stolzeste Abtei des Landes gründete, ein Werk würdig der Königin Agnes von Ungarn! Und wo ist das Denkmal Felix Notvests? Durchschreitet man die weitläufigen Zimmerfluchten des Museums, die sich in freier Ausgestaltung an die gotische Kirche und den Kreuzgang fügen, so tritt man in eine alte trauliche Stube mit einer von Spruchbändern durchzogenen Decke. Es ist eigentlich das Zimmer der letzten Äbtissin des Dominikanerklosters Reifenwerd, an der Thür aber steht geschrieben: »In dieser Stube entstand der Gedanke des Landesmuseums!« Auf dem Tisch liegt eine alte Bibel aufgeschlagen und auf dem ersten Blatt steht vom letzten Antistes zierlich geschrieben die Eintragung: »Fest sei in der Not, Felix. Und wenn alles um dich wankt und weicht, soll dir vor Menschenwitz nicht bangen, so du nur vor Gott und dir selber in Ehren bestehest.« Darunter ist eine Eintragung mit der festeren Schrift Felix Notvests, die er am Todestag geschrieben hat: »Vater! Ich habe bestanden in Schmerzen!« Auf dem Pult liegen die Eingabe des Pfarrerjünglings an die Regierung, das Schriftstück ist aus alten Staatsakten hervorgesucht worden, daneben das Fabrikgesetz. Über dem Pult stehen zwei herrliche Elfenbeinfiguren, die den heiligen Johannes und die heilige Magdalena darstellen, und zwischen beiden hängt ein lebensgroßes Bild Felix Notvests. Gewiß ein einfaches Denkmal, aber kein guter Mensch kann ohne Rührung vor das Bild treten, das die Güte und den Seelenadel des Pfarrers treu wiedergiebt. Und immer schmückt es die Dankbarkeit mit grünen Kränzen. Die Geschichte des Landes hat gerechter gerichtet als die Mitwelt! Sie feiert den Vorkämpfer des Fabrikgesetzes, den Gründer des Landesmuseums als einen der größten Söhne des Volkes, und das häßliche Wort »Apostat!«, das dem Lebenden so unendlich weh gethan hat, ist verrauscht. Von Sigunde Hohspang hat man noch zweimal gesprochen. Eines Tages, als sich einige Nonnen des Dominikanerinnenordens in die Scharen weltlicher Besucher des Museums mengten, kniete eine von ihnen vor dem Bild Felix Notvests nieder und weinte herzzerbrechend. Da sprach die Priorin scharf: »Schwester Ursula! – Sie gehören nicht mehr der Welt! Kommen Sie!« Die Nonnen zogen die Schluchzende hinweg. Teilnahmvolle Zuschauer, die der Fassungslosen ins schmerzvolle Gesicht geblickt hatten, wollten in ihr die ehemalige lebenslustige Sigunde Hohspang erkannt haben, die frühere Herrin des herrlichen Uferflecks, auf dem das Museum steht. Und wieder sprach man viele Jahre später von ihr, als die Zeitungen meldeten: »Der verschollene Grabstein der Königin Agnes von Ungarn hat sich gefunden! Er steht auf dem frischen Hügel eines kleinen Nonnenkirchhofes im rauhen Gebirg!« »Jacet hic pelegrina insatiabilis. Satura. Hier ruht eine unersättliche Pilgerin. Sie ist satt geworden!«