Jakob Christoph Heer Der Wetterwart 1925 I Die feierliche Abendhelle steht über den Bergen. Als feuriges Rad sinkt die Sonne hinter fernen westlichen Spitzen. Eine mattsilberne Platte glänzt in der Ebene der See, langsam deckt ihn die Dämmerung mit blauen Schleiern zu. An seinen Ufern hat heute die beginnende Weinlese gejauchzt. Lange habe ich durch mein Glas dem krabbelnden Ameisenvölklein, den fröhlichen Scharen der Winzer und Winzerinnen zugesehen. Nun sind sie in ihre Hütten und Häuser gegangen. Da ein Tupfen, dort ein Tupfen glimmen die Lichter wie Johanniswürmchen auf, wo sie gesellig leuchten, ruhen die Dörfer, weit draußen, wo der Lichtfleck breit ausgegossen wallt, liegt am Ende des Sees St. Jakob, die große Stadt. Jetzt läutet es über der einschlafenden Welt wohl Betzeit von den Türmen. In meine Einsamkeit herauf dringt kein Ton, kein Ton. Die Stille auf meinem Felsen ist groß und grenzenlos. Ich bin der Wetterwart vom Feuerstein und bedarf des Lebens der Tiefe nicht. Gehörte ich zu den Armseligen, die sich ohne Menschen langweilten, so wäre ich nicht zu Berg gestiegen. Von Menschenart und Menschenwesen aber habe ich mehr gesehen als andere, und in ihr Treiben verlangt mich nicht zurück. Die, denen ich diene, dürfen sicher sein, daß ihnen der Wetterwart nicht vom Feuerstein entläuft. An den Berg fesseln mich die übernommene Pflicht, die mir lieb ist, und der hinkende Fuß, den ich hasse. Es sind nun sieben Jahre, daß ich mich mit dem noch nicht völlig geheilten Bein auf das Observatorium in die Verbannung schaffen ließ. Der Tag war nicht leicht und der Anfang meines Sonderlinglebens schwer. Aufbrüllen hätte ich manchmal mögen vor Weltheimweh, aufbrüllen wie ein Stier. Der Teufel versuchte mich. »Wirf dich hinab von deiner Spitze,« flüsterte er, »und ich trage dich in die Weltstädte, in denen Licht, Leben und Liebe wundersam erwallen, ein Wort, und du wandelst an der Via Toledo im Zauber neapolitanischer Nächte, ein Wort, und um dich flirtet Paris, und du wirst dich in Kairo wieder in den Kreisen der Paschas und Beis ergehen und von Frauen umgeben sein, die dir huldigen. ›Adler!‹ werden sie dir zulächeln, und für dein Lächeln werden sie schwach werden und einen Augenblick lang die Tugend vergessen.« »Teufel, du lügst!« schrie ich zitternd in Erinnerungen. »Kannst du mir meine Abigail wiedergeben, mein Weib, das schönste und süßeste Geschöpf, das über die Erde gegangen ist?« »Der schlechtesten eins!« höhnte der Teufel mit einer freudigen Grimasse. Ich sah ihm scharf in die schadenfrohen Augen. »Laß sie ruhen unter den Zypressen am blauen Meer!« grinste er, »ruhen bei ihrer Sünde!« Da ihm mein Auge standhielt, schüttelte er sich und wurde still. Ich warf den Blick auf den hinkenden Fuß. Nein, die mich gesehen haben in der Frische, im Glück, im Stolz meiner gewaltigen Manneskraft, sollen mich jetzt nicht bemitleiden, daß ich ein Krüppel bin. Becher, die ich, ein Übersatter, von mir geschleudert habe, will ich nicht wieder aufheben. Das wilde Herz hat sich gebändigt, es ist mit der Weltlust vorbei. – Nur jetzt, da der goldene Herbstsonnenstrahl aus den Gipfeln der Berge ruht, wird mir die Seele wieder unruhvoll und quälerisch. Sie wittert und spürt, wie hinter all dem Scheinen und Glänzen, hinter dem Ruhen und seligen Frieden, hinter dem wonnig verklärten, großen Jahresfeierabend der Natur der Winter, der weiße Alpenwinter, die eherne Erbarmungslosigkeit, das unbegreiflich tiefe Schweigen lauert, das wie Gift am Mark des Lebens zehrt. Vor der großen, langen Stille, die nun kommen wird, fürchtet sich das feige Herz. Wie siege ich über die seelenmörderische Einsamkeit, die sich vom Herbst zum Frühling dehnt? Wie schlage ich mich durch das Schneeschweigen, daß es mich nicht erwürgt? Das ist die Frage. In den Wintern, die ich bereits auf dem Berg verlebte, habe ich mancherlei Meteorologisches geklügelt, mancherlei Beiträge zur Witterungskunde verfaßt. Ich reichte sie jedesmal der Meteorologischen Landesanstalt in St. Jakob ein, jedesmal wurden sie gedruckt, von ein paar Fachgelehrten belobt, darauf in die abgründigen Schränke der Bibliotheken begraben. Das hält nicht mehr vor, Mäusezähmen wäre dankbarer. Ich habe aber für den Winter, der jetzt im Anrücken ist, einen Plan, der sich mir je länger desto stärker, ja mit einem dämonischen Reiz in die Sinne schmeichelt. Um nicht tollwütig zu werden oder umzukommen in der großen Winterkirchhofruhe meines Gipfels, will ich die Geschichte meines Lebens, eine Selbstrückschau schreiben, wie ich von Vater und Mutter her, durch Kraft und Unkraft, Drang und Zwang, aus einem stillen Heimatsohn ein abenteuernder Ruheloser wie Ahasver und der menschenfremde Einsiedler auf hoher Warte geworden bin. Ob ich mir aber die Kunst zutrauen darf, ein Buch zu schreiben? – Warum nicht! Ich habe etwas zu sagen, das ist das Wesentliche. Wem? Mir selbst! Rechenschaft will ich mir geben, aber euch keine Rechenschaft, ihr Menschen der Tiefe. Glaubt von mir, was ihr wollt! Die Bauern und Älpler, die um den Feuerstein wohnen, nennen mich schlechtweg den »Mexikaner«. Und doch merken sie unter der leichten Oberfläche, die sich in den Jahren des Weltlebens über mein Wesen und Gehaben gelegt hat, den ehemaligen Einheimischen, das Blut von ihrem Blut. Darauf erfinden und bauen sie ihre Legenden. Jedem, der es hören will, erzählen sie, daß ich auf meinem einsamen Posten über Welt und Wolken als ein Reuevoller für eine Tat des Jähzorns büße, die zu strafen der Arm der menschlichen Gerechtigkeit zu kurz gewesen sei. Ich sei, sagen sie, ein Unglücklicher aus dem Gebirge, der in jungen Jahren eines Mädchens wegen auf dem Dorftanz einen hoffnungsvollen Nachbarssohn erstochen habe, vor dem Gericht über das Meer entflohen und nach vielen Jahren unter einem fremden Namen wieder in die Heimat zurückgekehrt sei. Ich weiß nichts von dieser Geschichte, nichts von Mord und Goldgräberei, richtig ist nur, daß ich ein Einheimischer bin, mein Name Leo Quifort ein jenseit des Meeres angenommener ist; ich mag aber den Blutschein, mit dem mich die Gerüchte des Volkes umgeben, nicht zerstören, er hütet das Geheimnis meines eigenen Lebens, das ich bei einem heiligen Eide vielleicht mit mir begraben muß, damit ich am Auferstehungstag nicht vor einer reinen Toten wie ein Lügner und Lump erscheine. Klebt kein Blut an meinen Händen, so brennen mich doch Wunden und Narben in den Träumen der Nacht. Aus überschäumenden Schalen der Jugend und des Lebens habe ich getrunken, und unter den hohen und tiefen Rätseln des Daseins hat mich keins so lang, so stark gefesselt wie der Wunder wunderbarstes: Weibesliebe! Ich bin mit Männern immer rasch fertig geworden, mit Frauen nie. Ich habe geirrt und gelitten, sonst wäre ich nicht der Sturmvogel, der Abenteurer geworden, der selbst den ehrlichen Namen seines Vaters verloren hat. Am meisten haben die gelitten, die mich liebten – Duglore und Abigail! Ich fürchte, daß die Hand, die unzähligemal den Wettern des Himmels getrotzt hat, zittern und sich scheuen wird, die dunkelsten Blätter meines Lebens zu schreiben. Und doch ist das Kapitel Liebe noch nicht zu Ende. – Für meine reinste, meine letzte Liebe bin ich in die Selbstverbannung gegangen, zu Berg gestiegen und Wetterwart geworden aus eigener Wahl. Wenn ich an dich, Gottlobe, denke, dann spüre ich wohl, daß ich, trotz dem ergrauenden Schnurrbart noch kein Greis bin, sondern ein feuriges Herz, das noch vor Liebe überwallen kann wie in Jugendtagen, und es sind nicht die Jahre, es ist der Eindruck des vielen Erlebens, was mich manchmal mit dem Gefühl überschleicht, als sei ich ein alter Mann. Mit röchelnder Brust, mit zersplittertem Fuß haben mich die Älpler im Sommer vor sieben Jahren im Gebirge aufgelesen. Auf meinem langen Schmerzenslager im Haus des Bauern Melchi Hangsteiner in Selmatt wütete ich vor Leibesqualen und vor dem Gedanken, daß ich nun ein Krüppel sei und bleibe, still verbissen in mich hinein. Da wurde Gottlobe, die scheue, liebliche Dreizehnjährige meine Gespielin. Mit herzergreifendem Augenaufschlag und einem verwirrten Lächeln legte das Bergkind die Heckenrosen wie ansprießende Liebe auf mein Bett. Ich hielt die zage, braune Kinderhand, die sie mir zögernd gereicht hatte, und las mit durstiger Seele in ihren dunkeln Augen und seinen Zügen. »Ja! – ja! – sie ist's!« rief es heilig in meiner Seele, und die Augen gingen mir über. Sie erschrak vor der Heftigkeit meines Gefühls, und dann wich die Scheu doch vor dem fremden, schwerkranken Mann, wie im sanften Spiel und stummen Suchen erwachte in den warmen Augen Gottlobes das Vertrauen zu mir und ging wie eine Blume im Sommermorgenstrahle auf. Unter den Blicken und dem ernstlieblichen Plaudern der Gespielin erloschen die grimmigen Schmerzen, meine zerrissene Seele wurde still wie ein Kinderlächeln und der aus Elend und Abgrund Genesende selber ein gütiges, harmloses, gegen Gott dankbares Kind. Vom Leben will ich nun nichts mehr als das Glück meiner Gottlobe! Es war wohl auch Weltmüdigkeit, vornehmlich aber quellendes Dankgefühl gegen den Himmel, der mir diese letzte Liebe beschied, daß ich mich an die Stelle des ersten Wetterwarts aus dem Feuerstein zu treten entschloß, der in einem furchtbaren Gewitter vom Blitz erschlagen worden war. Dann und wann kommt Gottlobe einmal zu Berg und besucht ihren väterlichen Freund. Nur zwei Sommer kam sie nicht. Da hatte sie Hangsteiner auf mein Drängen aus der Selmatter Tannen-Heimat nach Ct. Jakob in die Stadt gegeben, damit das herbe Kind etwas sehe und lerne von der Menschenwelt. Lieblicher, doch bergfrisch kehrte sie wieder, eine Blume wie Enzian. Jetzt ist sie zwanzig. Aus den dunkeln Augen unter den langen Wimpern bricht das Strahlenfeuer einer leichtbeweglichen und vornehmen Seele. Vom groben Bauernklotz Hangsteiner ist nichts an ihr, aber unendlich viel von ihrer feinen Mutter Duglore. Gottlobe, Kind, ich möchte dich sehen! Gewiß bereitest du mir die Freude, daß du in den letzten Tagen des Herbstes mit deinem leichten, schwebenden Gang heraus in das Observatorium gestiegen kommst. Dein Lachen und das helle Lied deiner Jugend werden durch meine Klause dahinläuten. Wir werden plaudern wie einst. Und wenn du wieder gegangen bist, will ich den Winter nicht fürchten; wie ein Mann will ich gegen die Geister der Einsamkeit streiten, still warten, bis der Lenz mit Blumen und Vogelschlag wieder auf meine Zinne klimmt, und das Buch meines Lebens schreiben. Der junge Lehrer von Selmatt wird Gottlobe zu mir heraufführen. Hans Stünzi! Ja, das ist auch ein prächtiger Bursche. Vor Begierde nach den beiden lieben Menschenkindern bin ich von meiner Hütte, die an die Felswand lehnt und halb darein gebaut ist, durch die unterirdische Treppe, die ins Windmesserhäuschen auf dem Gipfel führt, ins Freie gestiegen. Wie die Säule von Theben klang die Eisenpyramide des trigonometrischen Signals auf der Spitze im Nachtwind. Abgewendet von der großen, freien Welt, die sich am Tag mit Hügeln, See, Fruchtlandschaften, Dörfern und Flecken bis in die letzte Bläue des nördlichen Himmelskreises dehnt, in der Nacht mit Myriaden irdischer Sterne wie mit einem Lichterteppich beglänzt, habe ich vom Feuerstein in das finstere Tal zwischen den Bergen geschaut. Drei, vier Lichttupfen im dunkeln Grund. Das ist Selmatt! Drei Stunden wäre es bei gutem Wetter und heilen Füßen in die Bergspalte hinabzusteigen. Was kümmert's mich? Ich steige nicht hinab, ich lebe, ich sterbe auf dem Berg; ob mich dann die Älpler hinuntertragen oder mir ein Grab in die Felsen des Feuersteins wühlen, das gilt mir gleichviel. In jenen fernen Zeiten, da das Volk die Götter noch mit Opferflammen ehrte, war mein Gipfel ein heiliger Berg, auf dem seine Priester die Lohen der Anbetung entfachten. Darum heißt er der Feuerstein. In tausend Jahren wird er nicht so unheilig geworden sein, daß man mich nicht darauf begraben könnte. Von Selmatt steigen weggewohnte Leute wie der junge Lehrer und meine Gottlobe in vier Stunden leicht auf den Berg. Hans Stünzi ist ein wirklich gescheiter, junger Mann, eine schwungvolle Natur, ein Mensch mit Plänen und Entwürfen, den nur die Bescheidenheit seiner Stellung und Armut lähmend hindert, an den großen Webstuhl des Lebens zu treten. Er verwaltet neben seinem Lehrerberuf die Post und den Telegraphen von Selmatt, er ist der Talwart des Bergobservatoriums und mein Proviantmeister, neben Gottlobe die einzige Seele, die sich treu und herzlich um mich sorgt und mir ganz ergeben ist. Als im Winter vor zwei Jahren die Lawinen den Draht zwischen Selmatt und mir gebrochen hatten, wer kämpfte sich schon nach ein paar Tagen unter Lebensgefahr und übermenschlicher Anstrengung zu dem Gott- und Menschenverlassenen aus die sturmumheulte Spitze? Mein junger Held, mein Hans Stünzi. Er brachte mir den Neujahrsgruß Gottlobes und Kunde der Welt, Briefe und Zeitungen. Die unerwartete Freude! Vergessen werde ich's ihm nie. Hans Stünzi ist recht drollig. Die kraftvollen Augen fragen: »Was sind Sie für ein merkwürdiger Mann, daß Sie Nachrichten aus den fernsten Ländern und in den fremdesten Sprachen erhalten?« Sein Mund aber wagt die Frage nicht. Seine Bescheidenheit ist so groß wie sein Mut; auch weiß ich aus den Erzählungen Gottlobes, daß er stets bereit ist, mich gegen jenen blutrünstigen Verdacht zu schützen, den die Einbildungskraft des Volkes um das Geheimnis meiner Vergangenheit spinnt. Das Rätsel, das über meiner Herkunft schwebt, beschäftigt zwar auch ihn; ich bin überzeugt, daß er heimlich unablässig forscht, wer ich sein möchte, aber ehrlich und in guten Treuen, und an die Kannegießereien der Bauern glaubt er mit seinem vorsichtigen Verstande nicht. Und wie hübsch! Trotz des Kopfzerbrechens, das ich ihm bereite, würde er für mich jederzeit durch das Feuer und die Lawinen gehen. »Herr Leo Quifort!« Nie spricht er meinen Namen, ohne daß ein Freudenschein über sein aufgewecktes Gesicht leuchtete! Mein lieber neugieriger Hans Stünzi, Lehrer von Selmatt, Taltelegraphist der meteorologischen Station auf dem Feuerstein! Du könntest von deinem Schulhäuschen nur in das Haus hinübergehen, in dem Gottlobe wohnt. Und Melchior Hangsteiner, der Bauer, könnte dir wohl sagen, wer ich bin; aber der in Einfalt starke Mann wird schweigen wie die Felsen der Berge, er wird sich eher das Dach über dem Kopf zusammenbrennen lassen, als daß er Verrat an dem beginge, was der Friede seines Lebens ist. Auch ich muß um Melchi Hangsteiners willen schweigen. Ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn, aber ich habe es seinem nun verstorbenen Weibe, der schmerzenreichen Mutter Gottlobes, mit einem heiligen Eide zugeschworen, daß ich keine Verwirrung unter sein Dach tragen und ihn nicht ins Unglück stürzen werde. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, daß die Blätter der Beichte, die ich jetzt schreiben will, mich überdauern und vielleicht dir, Hans Stünzi, einmal das Rätsel lösen, das um mich spinnt. Die eine Möglichkeit ist die, daß Melchi Hangsteiner vor mir stirbt. Dann werde ich frei sprechen dürfen; aber gottlos wäre es, wenn ich ihm deswegen einen früheren Tod als mir selber wünschte. Die andere Möglichkeit ist die, daß ich die versiegelten Blätter in gerichtliche Verwahrung gebe und verfüge, daß sie dir überreicht werden, wenn wir beide, Hangsteiner und ich, das Zeitliche gesegnet haben. Dir möchte ich mein Leben bekennen. – Nein – über das Schicksal der Blätter kann ich erst entscheiden, wenn sie vollendet vor mir liegen. Schreiben, schreiben! Das ist jetzt der große Drang. Doch geht schon Mitternacht auf leisen Zehen über die Berge, über ihnen ist der Wunderblütenbaum der Sterne am stillen Himmel in Prächten aufgegangen, und ich mag die Toten jetzt nicht aus den Gräbern rufen, dich nicht, Mutter, und dich nicht, Vater, das arme Duglörle nicht und die schöne Abigail nicht, die Märchengestalt meines Lebens, die unter Pinien am Meerstrand schläft! Ruht, ihr Toten, ruht ihr Lebendigen! Allem, was atmet und lebt, meinem Herzblatt Gottlobe voran, wünscht einen schönen Traum Jost Wildt, der Wetterwart. »Zum Sehen geboren. Zum Schauen bestellt, Dem Turme geschworen Gefällt mir die Welt!« II »Zum Sehen geboren!« Ich bin ein Maienkind und sah zuerst die Felsen des Feuersteins, wie sie sich im jungen Taglicht röteten. Als kleiner Bube wünschte ich oft ungeduldig, die Sonne möchte etwas rascher vom Felshochgewände ins Tal herniedersteigen und mir die vom Tau der Wiesen genetzten, kalten Füße erwärmen. Meine Heimat – ich entschleiere die Hälfte meines Lebensgeheimnisses – ist Selmatt, ich bin ein Kind des Dörfchens im tiefen Grund. Freilich die Häuser, die jetzt am Abend einen Faden des Lichts aus ihren Fenstern empor zum Feuerstein spinnen, sind nicht die Stätten meiner Jugend. Das größere, alte Selmatt, das meine Knaben- und Jünglingsschritte behütete, ist schrecklich vergangen. Sonst wäre ich weder der Abenteurer noch der Wetterwart und in der Heimat nicht so fremd geworden, daß nur noch einer, eben Melchi Hangsteiner, weiß, wer ich wirklich bin. Also nicht Leo Quifort. Das ist eine mexikanische Unterlegung. Ich bin Jost Wildi, der Sohn des Bauers und Schiefertafelhändlers Klaus Wildi und seiner Ehefrau Ottilie Rhemberger von Selmatt. Obgleich das Selmatter Tal nur durch die Schroffen und Gewilde, die Zinken und Zacken des Feuersteingebirges von der üppigen und menschenreichen Welt der Hügel und Seelande getrennt ist, liegt es so verloren wie eins in den Bergen. Eine halbe Tagereise windet sich sein Eingang um die Ausläufer des Feuersteins, und schlecht und holprig steigt der Weg die letzten paar Stunden der Selach, dem brausenden Bergstrom, entlang. In seinem Hintergrund, wo die milchweißen Bäche einander Grüßgott, die Füchse des Tals und die Gemsen der Berge einander Lebewohl sagen, lag mit saftgrünem Wiesenplan das Dorf Selmatt mit breiten steinbeschwerten, von Sonne und Luft braungesengten Schindeldächern, und daraus erhob sich weiß und schlank der rotbehelmte Turm der Kirche. Mein Vaterhaus, das aus den Dorfplatz, die Kirche, den efeuumrankten Pfarrhof und den dahinter sich türmenden Alpwald in die Sonne schaute, war eins der ältesten und schönsten Holzhäuser im Tal. Am Balken, der das Vordach stützte, stand wohl zweihundertjährig die Inschrift: »Dieses Haus gehört jetzt mein. Bald wird es einem andern sein. Meine Wohnung ist dann der Totensarg, Drum sei mit deiner Liebe ja nicht karg.« Es muß also unter meinen Vorfahren einen gemütstiefen, das Leben ernst überdenkenden Mann gegeben haben. Die ältesten Erinnerungen unseres Geschlechts aber hängen mit dem malerischen, mächtigen Ahorn zusammen, der halb noch grünend, halb schon gestorben vor unserem Haus auf dem Dorfplatz stand und dem die Überlieferung des Volkes ein Alter von über tausend Jahren gab. »In jener fernen Zeit, als auch die Männer noch Weiberröcke trugen,« erzählte Kaspar Imobersteg, der ehrbare Schulmeister des Dorfes, »und der christliche Glaube noch nicht durch die heilige Reformation gereinigt war, gab es auf den Hochgeländen und in den Höhlen des Feuersteins noch die Wildleute. Sie warm ein jähblütiges, aber schönes und gelenkiges Geschlecht. Die Männer groß und kräftig, die Frauen schlank, fein und zierlich, nicht viel größer als Kinder, dabei so scheu und flüchtig, daß sie selten ein Mensch zu Gesicht bekam. In der Angelegenheit des Glaubens aber waren die Wildleute verstockte Heiden, die um Johanni ihren Göttern große Feuer und Feste auf dem Feuerstein bereiteten. Zum Ende der Feier kamen sie, die Männer in roten, die Frauen in weißen Röcken, die sie sonst nicht trugen, unter Dudelsackmusik, Pfeifenschall und Trommelschlag zu Tal und tanzten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang unter dem Dorfahorn von Selmatt. Zu dieser Freinacht, während der in Selmatt keine Glocke geläutet werden durfte, hatten sie sich das Recht in einer großen Sterbezeit erworben, in der sie den Talleuten verrieten, daß Bibernellkraut gegen den schwarzen Tod helfe. Da Gott aber keine Freude an dem heidnischen Leben hatte, strafte er das Wildvolk damit, daß er den Männern nicht mehr genug zarter Frauen wachsen ließ. War nun ein junger, schöner Wildmann, namens Wildiwäldi. Der hatte kein Mädchen mehr zum Tanz unter dem Ahorn gefunden. Trauernd schloß er den Zug derer, die im Sonnenaufgang vom Dorf auf die Berge stiegen. ›Wildiwäldi‹, rief da ein Selmatter Mädchen, das vor den anderen Dorfbewohnern aufgestanden war, durchs Fenster, ›wolltest du mein Wildiwäldi sein, ich tanzte mit dir all' Tag!‹ Da ließ Wildiwäldi den Zug, ging zu dem Mädchen, und weil es, obwohl keine Wildfrau, ein liebes und feines Wesen war, so blieb er im Dorf, und als das Mädchen schon ein hochbetagtes Mütterchen geworden war, sagte sie, es gebe auf der Welt doch nichts so Liebes wie einen Wildiwaldimann. Von ihm kommen die Wildi.« Soweit berichtete Kaspar Imobersteg, der Schulmeister. Was er mir nicht erzählte, wußte ich sonst, nämlich, daß die, welche von den Wildleuten stammten, unter dem Volk der Berge als ein besonders warmblütiger, lebhafter und aufgeweckter Schlag Menschen galten, die leichter wie andere bei Mädchen Erhörung und Liebe fänden, und solange ich denken kann, war ich erfüllt vom heimlichen Stolz, ein Nachfahre Wildiwäldis zu sein. In den Adern meines Vaters aber floß das Blut unseres Geschlechtes nur verhalten und gedämpft. Es hatte schon vergoren, als ich ihn, vielleicht im dritten Jahr meines Lebens, kennen lernte; ich habe ihn, der in seiner Jugend einer der wildesten Tänzer im Gebirge gewesen sein soll, nur als einen stillmürrischen, ja gegen mich fast überstrengen Mann im Gedächtnis, der den Faden seines freudlosen Hinspinnens, die Sorge um Geld und Erwerb, nur selten durch eine milde oder fröhliche Regung unterbrach. Deswegen freute ich mich, daß er über Winter als fahrender Händler von mir und der Mutter abwesend war. Tafeln und Griffel aus dem Selmatter Schieferbergwerk waren damals in der weiten Welt bekannt. Als »Griffelstrich«, wie man das von Eltern und Voreltern überkommene Wandergebiet eines Selmatter Händlers nannte, besaß der Vater den Rhein bis ans deutsche Meer, kaum war das kurze, goldene Korn der Bergäcker geschnitten, getrocknet und eingebracht, so kam Leben und Bewegung in das Schiefergeschäft, wurden die Tafel- und Griffelballen auf Pferden nach Zweibrücken am Ende des Selmatter Tals gesäumt, wo die Selach in den größeren Bergstrom der Balgenach mündet. Mit einer stillen Umständlichkeit rüstete sich der Vater auf die winterlange Wanderschaft, und einige Tage vor der Abreise erweichte sich sein herbes Wesen, gab er der Mutter und mir etwa ein gutes Wort, das aus dem harten Munde unendlich wohl tat. Ein Kleid aus starkem, grobem, braunem Bergtuch, ein runder Filz mit langen, glatten, glänzenden Haaren, ein rotes Halstuch und mit mächtigen Nägeln versehene Stiefel bildeten seine dauerhafte Ausrüstung. Dazu gesellten sich der derbe, an der Spitze mit Eisen beschlagene Knotenstock und der mit Murmeltierfell überzogene Sack, der am Leibgurt angeschnallt war. Sein scheinbar gemessener Bergschritt war aber so ausgiebig, daß ich als Junge stets etwas eilen und springen mußte, um an seiner Seite zu bleiben, wenn ich ihn bis nach Zweibrücken begleiten durfte. Das kam in meiner Jugend ein paarmal vor. Von seinen Geschäften sprach der Vater nicht mit mir. Ich sollte kein Verlangen nach den Bildern der Welt bekommen. Dagegen sagte er wohl etwa: »Du wirst es einmal schöner und besser haben als ich. Du wirst dein Leben lang als Bauer im Selmatter Tal wohnen können.« In Zweibrücken war Einkehr und Nachtquartier. Noch im Sternenschein am Morgen begab sich der Vater mit mir an die Balgenach, an deren Ufer die Selmatter Schieferwaren aufgestapelt lagen und die langen, schmalen Lastboote angebunden waren, die unter den Tafelbergen und Griffelballen fast in der brodelnden Strömung versanken. Es waren stets neugezimmerte Kähne, denn die, die einmal ins Niederland gefahren waren, wurden nicht wieder ins Hochland gebracht, sondern in Köln oder einer anderen Stadt, wo sie eben der Fracht ledig wurden, an die Schiffer verkauft. Der Vater ergriff mit seiner knochigen Rechten meine Hand so fest, daß ich, wäre nicht die Scham gewesen, hätte aufschreien mögen. »Jost, Jost, vergiß das Beten nicht. Grüße die Mutter und folge ihr. Tue recht, sonst – wenn ich zu Ostern wieder komme.« – Eine nachdrücklich drohende Gebärde unterbrach seine Rede. »Und bleib gesund, Jost!« Unter den scharf vorgestellten Wimpern hervor umklammerten mich seine Blicke wie Zangen. Nach dem mehr eindringlichen als zärtlichen Abschied sprang er in eins der Boote; von den Schiffsknechten gelöst, wogten sie in die Strömung. Als ob er von der Heimat in stummem Gebet Abschied nehme, stand der Vater mit gezogenem Hut, das nackte, braune Gesicht gegen die Selmatter Berge gewendet; über den mit raschen Wellen wandernden Schiffen glühten die fernen Schneefelder und Firne im Frührot; ich aber blieb und sah den Davongleitenden in einer Stimmung nach, die mir beinahe die Tränen ins Auge drängte. Ich wäre ums Leben gern wie der Vater Tafel- und Griffelhändler geworden, aber nicht einmal bis Gauenburg, der kleinen Hauptstadt unseres Ländchens, die zwei Stunden vorderhalb Zweibrücken gegen die Ebene hinaus gelegen ist, nahm er mich mit. Ich wagte es auch nicht, ihn darum zu bitten. In fernen Rheinlanden hat der Vater in jungen Jahren meine Mutter, Ottilie Rheinberger, die Tochter schlichter Bauersleute, bei denen er Quartier zu nehmen pflegte, kennen gelernt. In den harten Bauernschädeln seiner Eltern aber saß der Glaube, ein Selmatter könne nur mit einer Selmatterin ein wahres Eheglück begründen, und sie wollten von der fremden Verlobten des Sohnes nichts wissen. Der überschäumende Kraftmensch aber geriet über die Halsstarrigkeit der Eltern in eine Wut, daß ihm Schulmeister Kaspar das Gewehr gewaltsam entreißen mußte, mit dem er seinem Leben ein Ende bereiten wollte. Mit den Eltern jäh brechend, führte der Vater seine Braut als Weib nach Selmatt. Nun war meine Mutter eine sehr anmutige, junge Frau, aber im Dorfe verstand ihre fremdartige Sprache außer meinem Vater niemand; sie selber lernte Selmatter Deutsch nur radebrechen, und in den Bergen verlor ihr helles, liebes Lachen, das ihr zuerst doch die Herzen gewonnen hatte, seinen silbernen Ton. Die Trennung von der Heimat und den Ihrigen, der Tod der Eltern, die sie nicht mehr gesehen hatte, gingen ihr nahe, die himmelhohen Bergwände, das wilde Rauschen der Wasser, die schwerblütige knorrige Art des Selmatter Volkes bedrängten die an hellere Lebenstöne gewöhnte Seele, das junge Weib, das dem Vater mit viel guten Vorsätzen, mit Vertrauen und fröhlichem Mut in die harten, starren Berge gefolgt war, fand sich auf die Dauer in Selmatt nicht zurecht; sie war unter den Dörflern, die ihr nicht feindselig, aber verständnislos begegneten, die »Fremd«, ein verirrtes Kind, ein aus dem Nest gefallener Vogel. »Ich kann anfangen, was ich will, so ist's nach der Meinung der Selmatter nicht recht,« lächelte die Mutter, dabei aber traten ihr die Tränen in die warmen Augen. Am meisten litt sie unter dem sonnenlosen Winter des Gebirgstales. Von Martini bis zur Lichtmeß verlor das wärmende Gestirn die Kraft, sich über die Gräte der Berge emporzuschwingen. Gelang es ihm zum erstenmal wieder, dann blickte die Sonne um elf Uhr Vormittags durch das »Lichtmeßloch«, ein großes, von der Natur selbst hoch über dem Alpwald in die Mauern der Berge gesprengtes Felsentor, gerade auf Helm und Turm der Selmatter Kirche. Sobald der kupferne Knopf der Turmspitze zu erfunkeln begann, rannten wir Jugend das Dorf entlang und riefen aus vollen Hälsen: »Lichtmeß, Lichtmeß – die Sonne ist da!« Und die Dörfler öffneten die Truhen und Banktröge und schenkten uns für die Freudenbotschaft ein paar Handvoll dürres Obst. Dann war kein Weib so glücklich wie meine Mutter. Mit einem Lächeln des Erstaunens versetzte sie: »Es gibt also wirklich und wahrhaftig noch die liebe Sonne in diesem Tal! O, dafür sei Gott gedankt!« Sie erhob ihre kräftige, mittelgroße, hübsch gerundete Gestalt vom Sitz beim Spinnrad, trat an die niederen Stubenfenster, sah selber nach dem lichten Wunder an der Kirchturmspitze und streckte, wenn das Sonnenbündel in unsere Stube drang, die Hände in den golden erzitternden Strahl, als ob sie sich wärmen wolle. Ich verschlang ihr anmutiges Gesicht, in dem blühendes Wangenrot und ein feiner Zug heimlicher Schmerzen ernst und lieblich zusammenspielten. Ihre heimlichen Leiden verbarg die Mutter vor mir und den Menschen in einer stillen Art, die ihr wohlgefällig stand; ich aber war ein törichter Junge. »Jost,« bat sie, »so sprich doch wieder einmal ein rheinländisch Wort! Du hast es als kleiner Knirps so hübsch geredet.« Weiß Gott aus welchem Bubeneigensinn versagte ich ihr widerspenstig und hartnäckig die kleine Freude und ließ mich durch ihren schmerzlich enttäuschten Blick nicht rühren. Wenn sie aber am Spinnrad selbstvergessen und mit verklärten Augen von ihrer Jugendheimat erzählte, dann saß ich, still horchend, stundenlang vor ihr auf dem Schemel, »Auf einem Felsen über dem Rhein steht bei der Kirche lindumschattet das spitzgiebelige Haus, in dem meine Eltern wohnten. Darauf hat der Storch sein Nest gebaut. Mit langgestreckten Beinen, einen Frosch im Schnabel, fliegt er über den Strom daher und füttert die Jungen. Vor dem Haus aber ist eine Laube, die im Herbst voll golden angelaufener Trauben hängt. Da saß ich mit meinen Schwestern stets am liebsten, da blickt es sich am schönsten auf den Strom. Auf dem Rhein ziehen mit lustigen, bunten Wimpeln die Schiffe, die großen und die kleinen, und Nachen wie Schwäne einher, und sonntäglich gekleidete Menschen grüßen und singen ihre Lieder, von Ufer zu Ufer widerhallen Sang und Klang.« So plauderte die Mutter. Aus ihren Erzählungen erbauten sich die duftigen Bilder der Ferne, die mir der Vater vorenthielt, und kreuzten sich mit seinen Plänen und füllten den Kopf des zum Bauern und Älpler bestimmten Jungen mit wunderlichem Fremdweh und Weltdrang. Die Mutter aber fühlte sich in Selmatt unglücklich, die Sonnenhaftigkeit ihres Wesens wich einer stillen klaglosen Ergebung, ihre volle Gestalt geriet schon früh in Zerfall, das schwere lichtbraune Haar verlor die üppige Fülle und ein müder, trauriger Zug nistete sich in das blühende Oval ihres Gesichtes. Verärgert und verbittert darüber, daß die harte Wirklichkeit des Lebens die redlichen Absichten seiner stürmischen Freierszeit, den aufregenden Kampf mit seinen Eltern ins Unrecht setzte, verknorrte sich das Gemüt meines Vaters, er wurde ein Kauz, dem es gelegentlich auf eine Ungerechtigkeit gegen mich oder die Mutter nicht ankam. Er verstand es nicht, sie durch Liebe und Güte heiterer zu stimmen, nur einmal im Jahr bereitete er ihr eine Herzfreude; das war, wenn er um die Osterzeit von seinem Handel heim nach Selmatt kehrte. Da brachte er ihr von den grüßenden Brüdern und Schwestern aus den Rheinlanden Blumensamen mit und die Mutter schmeichelte den Töpfen auf den Fenstergesimsen und den Beeten des kleinen Hausgartens während des kurzen Gebirgssommers eine Pracht von Levkojen und Nelken, von Rosen und Primeln ab, ein holdes Geranke, welches das Herzenstrauerspiel der »Fremd«, das sich unter unserem Dache begab, ein wenig bedeckte. Nach einem kurzen Aufleuchten der Wiedersehensfreude fiel der Vater wieder in seine stille Mürrigkeit; ehe er aber die Bauernarbeit aufnahm, horchte er nach der Heimkehr das Dorf dahin aus, ob nicht durch Todesfall, Erbteilung oder andere Umstände ein wohlgelegenes Äckerchen, ein Stück Wiese oder Wald oder ein Alpenanteil für den Verkauf feil geworden sei, und legte, wenn sich die Gelegenheit gab, die Ersparnisse seines Handels im Erwerb sonnig fruchtbaren Grundes und Bodens an, um den es im Selmatter Tal etwas schmal bestellt war. Als es ihm wieder einmal gelungen war, ein Bergäckerchen zu ergattern, fand im Gasthaus zur »Gemse«, dem einzigen in Selmatt, die Fertigung des Kaufes statt. Da der Wirt zugleich der Bäcker des Dorfes war, bei dem man, wenn die eigenen Vorräte nicht ausreichten, das Brot holte, so geriet ich mit Duglörli, dem Schulmeisters- und Nachbarskind, an diesem Tage auch in das Gasthaus. In guter Laune über den Kauf rief der Vater uns Kinder zu einem kleinen Vesperimbiß an den Tisch. Duglörli und ich saßen nun mitten unter einer Gesellschaft Selmatter Bauern, die schwarze Zipfelmützen auf dem Kopf und qualmende Pfeifen im Mundwinkel hängen hatten und beim Freitrunk, der den Abschluß des Kaufvertrags begleitete, sich lebhaft und angelegentlich über eine Menge Dinge des Dorflebens unterhielten. »He Klaus,« hüstelte ein uns verwandter, alter Bauer meinen Vater etwas scheel zu, »was bist denn auf Land und Grund aus wie der Böse auf arme Seelen. Hätt' wohl ein anderer gern auch einmal ein Stück, kann's aber nicht erschwingen, weil du schon die Hand drauf hast!« Der Vater zwinkerte mit den Augen überlegen. »Nun, Vettermann,« antwortete er etwas pfiffig und spöttisch, »vor ein paar Jahren hätt' ich's noch nicht gesagt, aber jetzt, da ich für meine Pläne bald Land, Wunn und Weid genug habe, darf ich dir und den anderen mein Spiel schon aufdecken. Der Selmatter Tafel- und Griffelhandel geht zugrund'! In anderen Ländern sind auch große Schieferbrüche aufgeschlossen worden, und die fremden Händler brechen mir nichts, dir nichts in die Griffelstriche ein, die bisher allein uns Selmattern gehört haben. Die Wahrheit! Sie liefern zum gleichen Preis wie wir die feiner und gleichmäßiger gekörnte Ware. Da fallen die ältesten, treusten Kunden ab. In Münster im Westfalenland hab' ich gegen zweitausend unverkaufte Tafeln liegen. Ja wenn es gelingen würde, im Bergwerk Lager zu entdecken, wie wir sie früher besessen haben, da käm' man mit Übelleiden schon wieder gegen die fremden Händler auf, aber der feinere Selmatter Schiefer ist erschöpft, der Handel ein Bettelmannsgeschäft. Und nun, Vettermann, folgt die Auflösung des Knopfes, warum ich von etlichen Jahren her allerlei Land aufgekauft habe. Mein Bub und ich müssen doch noch etwas umzutreiben haben, wenn mit Tafeln und Griffeln gar nichts mehr zu errackern ist.« Das wuchtige Gesicht des Vaters blickte schlau und siegreich in den Kreis der Bauern, die ihm mit emporgereckten Hälsen zugehört hatten. In sichtlicher Bestürzung und mit offenen Mäulern saßen sie einen Augenblick mausestill da; zuerst fand der Vater Duglörlis, Schulmeister Kaspar, wieder das Wort. »Bist ja gar ein Schwarzmaler, Klaus,« sagte er mit herzlichem Vorwurf, »Selmatter Tafeln und Griffel kann man doch brauchen, so lange die Welt steht.« Zuversichtlich klang aber sein Wort nicht, und etwas verkniffenen Blicks weidete sich der Vater an der Ratlosigkeit der Selmatter, die wohl spürten oder wußten, daß in seiner Ansicht über den Rückgang des Schieferhandels ein stark Korn Wahrheit steckte. Der alte Vettermann kratzte sich im Haar und hatte die Pfeife auf den Tisch gelegt. »Sapristi – Sapristi,« hob er an, »das wär ja wie ein halbes Todesurteil für unser Dorf. Zweihundertundvierzehn Köpfe sind wir in Selmatt, von Acker und Alpen können aber nicht ein halbes Hundert leben. Wenn's käm', wie Klaus sagt, helf' uns Gott. Ich möcht's aber nicht glauben!« »Jeder kann davon halten, was er will,« versetzte der Vater trocken. Nun begannen die anderen Bauern zu sprechen und ergingen sich in halben Befürchtungen. Da war aber ein frecher und verwilderter Bursche, der nicht zu der Gesellschaft gehörte, sondern, breit auf die Ellbogen gestützt, vor einem Glas Enzianbranntwein an einem anderen Tisch der Wirtsstube saß. Der rief laut und grell in das wiederauflebende Gespräch: »Was kümmert ihr euch um die Äcker, ihr Selmatter! Nur hellauf! Einmal stürzt doch der Tafelberg auf euere Köpfe, dann habt ihr alle Grund und Boden genug!« Er begleitete seine gottlose Rede mit einem wiehernden Lachen. »Was sagst?« riefen die Bauern. Drohende Fäuste erhoben sich. Da trank er sein Glas aus und ging. »O, das ist nur der Lotterkunz, der niederträchtige Vagabund,« versetzten einige, aber auf den Gesichtern der Bauern, die wie aus Stein gemeißelt waren, blieb der kreidebleiche Schrecken, und es wurde in der Stube so still, daß man hätte eine Fliege husten hören. Als aber die Bauern wieder zu sprechen anhoben, sagte der Gemeindeschreiber: »Es ist wohl nur der Lotterkunz, aber man sollte einmal in der Gemeindeversammlung darüber reden, ob der Tafelberg wirklich eine Gefahr für das Dorf ist. Das Gerücht munkelt sich nun doch einmal weit und breit herum.« Der Wettermann versetzte mit einem frommen Augenaufschlag und Seufzer: »Ich mein', was heut gesprochen wird, das sollte uns alle mehr zum Kirchenbesuch anhalten. In Not und Gefahr kann Gott allein uns Selmattern helfen.« »Schon recht,« bemerkte mein Vater nachdenklich. »Gott ja – und gute Sperrhölzer! Scharfe Augen, was auf der Bodenalpe und im Bergwerk mit den Quellen und Wassern geht!« Dazu nickten ein paar Bauern; der Gemsenwirt aber, der breit und behäbig bei den Gästen stand, lachte gezwungen: »Nu, das wird ja gut! Wir werden also in ein paar Jahren ein Schieferwerk haben, das den Bürgern keinen gemeinsamen Nutzen mehr abwirft, in das man aber immer wieder dickstämmige Hölzer stellen und sperren muß, damit der Berg nur nicht aufs Dorf fällt.« – Die Bauern redeten endlos; neben Duglörli sitzend war ich ganz Auge und Ohr für ihr Gespräch. Da beachtete aber der Vater, daß ich noch da war; barsch versetzte er: »Was braucht ein Bube länger, als nötig ist, im Wirtshaus zu bleiben und den Erwachsenen in den Mund zu spähen.« Ich lief eilends aus der »Gemse« auf den abendhellen Dorfweg, mit mir Duglörli. »Mein Gott, wie fürchte ich mich,« flüsterte das Mädchen und seufzte so komisch wie eine Erwachsene. Ohne Abschied rannte es zu seiner Mutter. Ich aber hing dem Gehörten nach. Ich wußte jetzt, warum mich der Vater nicht wollte Griffel- und Tafelhändler werden lassen, warum er mich zum Bauern bestimmt hatte, und daß er ein gescheiter Mann war; aber das trat zurück vor dem ungeheueren Gedanken, daß das Schieferwerk, der Tafelberg, eine beständige Gefahr für das Dorf Selmatt sei. Er trug etwas Neues, Fremdes, Großes, Schweres in meinen Jugendtag. Er war wohl auch das tiefstgreifende Erlebnis meiner Kindheit. Nein, tiefer griff ein paar Jahre später der Tod der Mutter. Lebt ihre Seele irgendwo auf einem fernen, lichten Stern, dann mag ihr die schweigende Nacht meinen Gruß bringen: Mutter, liebe Mutter, wie gerne würde dein Bub jetzt rheinländisch mit dir sprechen. Und dein Vaterhaus am Rhein, liebe Mutter, habe ich gesehen. Ich habe den Schieber des Fensters geöffnet. Der Nachtwind fährt mir durch die Haare. Ich aber wiege mich in das linde Gefühl, gesegnete Hände würden leise meinen Scheitel streifen. – Mutterhände. III Jenseit der grün und weiß erschimmernden, rauschenden Selach, über die eine gedeckte Brücke führte, erhob sich mit steilen Wänden der Tafelberg, die gewaltige Vorburg des noch gewaltigeren Feuersteins. Grau und unwirtlich stach sie wie ein halbzerfallenes riesiges Schloß aus dem Getäfel der Korn-, Flachs- und Erdäpfelfelder, welche die Sonnenhalde des Selmatter Tals bedeckten. Verkrüppelte, einseitig ausgeladene Tannen und Föhren klebten an den zerrissenen Felsen, in der halben Höhe des Feuersteins aber brach der Tafelberg flach ab. Braune Hütten und Hürden schauten von seinem Rand wie von einem hohen Altan lieb und freundlich ins Tal und schimmerten am Morgen schon lange in Sonnenglanz, wenn das Dorf noch in kühlem, blauem Schatten lag. Das war die Alpe Boden, die schönste der Gemeinde Selmatt, eine lange, fast ebene Zinne, auf der sich sommersüber das Alpenvieh in stattlichen Herden erging. Hinter dem Tafelberg, etwas talein, stieg der Feuerstein zum höchsten seiner Gipfel auf. Mit Felsen wie Riesenorgelpfeifen, mit rötlichem, warmen Gestein ragte er in die Bläue des Himmels, eine Hochwarte, die am Morgen den ersten Strahl der Sonne empfing, am Abend noch in die Länder zündete, wenn das Licht auf den anderen Bergen schon erloschen war, ein Hort der Sage, die ihm in der Betrachtung des Volksgemütes fast etwas geheimnisvoll Heiliges gab. Es war schon damals nicht selten, daß im Sommer Bergsteiger nach Selmatt kamen, am Abend in der »Gemse« rasteten und in der Nacht den Berg erstiegen. Wiewohl es noch keine meteorologische Station auf seiner Spitze gab, war er doch der weit und breit bekannte Wetterheld des Volkes, das seine Verrichtungen im Freien nie ohne einen forschenden Blick nach seinem Gipfel zu beginnen pflegte. Aus dem Volksmunde kannte ich selber von Kindheit an die Menge der Wetterzeichen, die sich am Feuerstein im Wandel des Tages und der Jahreszeiten ereigneten, die lockeren, oft lang hingestreckten Silberfähnchen und Fahnen, die der einbrechende Westwind an seinen obersten Felsendom heftete. Ich wußte, daß das Räuchlein, das am Morgen auf seiner Spitze stand, in der Sonne verging, wieder kam, wuchs und zur Wetterwolke wurde, die Blitze nach oben und unten schleuderte und den ganzen Berg in ein fahles, falsches Leuchten versetzte, und war, wenn ihn die schwarzen, fliegenden Mäntel umhüllten, dröhnend die Runsen erwachten und der Donnersturm wie mit den Posaunenstößen des Gerichts um ihn brüllte, ganz Auge und Ohr. Ich hatte den Feuerstein lieb, weil mein Vorfahr Wildiwäldi von seinen Höhen herniedergestiegen war, und hätte in meinem Drang nach den Bildern der Welt wie die Fremden tun mögen, die seinen Gipfel erklommen, aber die Selmatter hielten diejenigen, die empor zu Berg wanderten, ohne Wildheuer oder Jäger zu sein, für Halbnarren, und mein Vater hätte an mir die Ausschweifung nicht geduldet. In der Höhe der Gipfel wohnte die Schönheit, in der Tiefe des Tals die Häßlichkeit. An den Ufern der Selach standen vor den Fundamenten des Tafelbergs, in graudunkeln Mauern geschichtet, die im Berg gebrochenen Schieferplatten, lag in Hügeln der aus dem Werk geschaffte Schutt, der, wenn die Selach hoch lief, in den Fluß geworfen wurde, und war ein Vorrat von Sperrholz bereit gelegt, ein Haufen blanker, auf dem Wildbach hergetrifteter Hochwaldstämme. Um das Gemenge von Schiefern und Hölzern wucherte, von graublauem Gesteinsstaub überstreut, der großblätterige Alpenhuflattich, den ich wegen seiner wollig schmierigen Art nie recht mochte, und erhob der Eisenhut die prachtmäßigen stahlblauen Dolden. Im Hintergrund des Lagerplatzes gähnten aus dem Felsen des Tafelbergs die beiden mächtigen, unregelmäßig ausgehauenen Tore, ein kleineres und ein größeres, die in die unterirdischen Brüche des Werkes führten. Fällt der Tafelberg wohl einmal auf das Dorf Selmatt und was haben wir dabei für unsere Köpfe zu gewärtigen? Seit ich mit dem Schulmeisterkind Duglörli das Gespräch der Männer in der »Gemse« erlauscht hatte, verließ mich die Frage nie wieder. Ich hielt das Ereignis bald für wünschenswert, bald den Wunsch für furchtbar verworfen; ich erlebte den Sturz unzählige Male als gruseliges Traumspiel der Nacht und dankte am Morgen Gott, daß die rotgeschnäbelten Bergkrähen noch aus den überhängenden Föhren- und Tannenschirmen des Berges ins Frühlicht flogen. Daß ich manchmal wünschte, der Tafelberg möchte stürzen und über den Häuptern derer von Selmatt zusammenschlagen, hatte seine besondere Bewandtnis. Jedesmal geschah es nach einer jener scharfen Züchtigungen, die ich mit oder ohne Anlaß von meinem Vater Klaus erhielt. Sie ereigneten sich bei den Besichtigungen der angekauften Äckerchen und ihrer Grenzsteine. »Damit du dein Leben lang nicht vergissest, wo die Marken stehen!« begütigte er mich; doch trugen sich die Schläge auch ohne den Zweck der Gedächtnisnachhilfe zu. »Des Menschen Trachten ist böse von Jugend auf,« sagte der Vater, und unversehens wie ein Gewitter, das über die Hochgräte der Berge einherrauscht, kamen die Schläge. »Nimm's mir nicht übel, Jost! Wir stammen von den Wildleuten her. Das ist Sarassenblut, das man gar nicht genug dämmen und dämpfen kann.« Er schien eine Gefahr darin zu wittern, daß ich schlank und straff wie ein Bolz heranwuchs und unbewußt die Kunst besaß, mich mit jedermann in ein gutes Einvernehmen zu setzen; ja die Leute brauchten nur zu sagen: »Euer Jost, was ist der schön, flink und gescheit!« gleich kam als Antwort eine sinnlose Züchtigung des ahnungslosen Jungen. In mir aber lebte ein leicht verletzlicher Stolz; voll heimlicher Wut nahm ich meinem Vater die törichten Schläge wirklich übel, und in abgründiger Gekränktheit schrie ich einmal: »Vater, ich wollte, der Tafelberg stürzte und erschlüge dich und mich.« Seine Augen loderten auf: »Da hat man deine Schlechtigkeit! Und auch die schönen Äcker sollen zu Grunde gehen, die ich gekauft habe, für dich gekauft, du Strolch!« Unter seinen schwergenagelten Bergschuhen entschwanden mir die Sinne; als ich wieder zu mir selber kam, da salbte mir die Mutter die Beulen und Wunden, als ich die Augen aufschlug, da herzte und küßte sie mich. Gierig wie einer, der neue Lebenskraft schöpfen will, sog ich ihr den Atem vom Mund, begann vor Elend herzzerbrechend zu weinen, sie mit mir, uns innig umschlungen haltend, ließen wir den Tränen freien Lauf. »Mutter, du gute Mutter, du – du – du bist lieb,« stammelte ich keines anderen Gedankens fähig und unaufhörlich; ich begrub meine Knabenfinger in ihren Nacken und meinen Kopf in die Schlangen ihres Haars, und über der schluchzenden Liebe kam Erleichterung und Erlösung über mich. Ich glaube jener Tag war schuld, daß ich später die geistige Anlehnung mehr bei der Frauen- als bei der Männerseele gesucht habe. Der Vater schämte sich ein wenig wegen des stillen Erbarmens, das man im Dorf mit mir hatte; allmählich wurde er in den Angelegenheiten der Züchtigung vernünftiger, denn er mußte sich selber sagen, daß ich für mein Alter ein sehr brauchbarer und anstelliger Junge war, aber was Wunder, daß ich ihm nie gern nahte, daß ich keine echte Liebe zu ihm faßte und mich heimlich freute, wenn er den Wanderstab ergriff. Wie früher zog er im Herbst auf seine Geschäftsreise aus, im Schieferwerk blieben die Dinge, wie sie waren; mit befreundeten Knaben drang ich etwa in das Werk, um Haifischzähne und andere Versteinerungen des Selmatter Schiefers zu suchen, die wir gegen ein wenig Kleingeld an einen wandernden Naturalienhändler verkauften. In den Höhlen und Hallen des Bruchs glommen die Lichter der Arbeiter, durch das Labyrinth von unterirdischen Gängen knarrten und rollten die Wägelchen, an den feuchten, brenzlig riechenden Gewänden kroch der klebrige, goldgefleckte Erdmolch; die Luft zog im Sommer kühl, im Winter feuchtwarm dahin. Ich aber habe den Aufenthalt in den dunkeln, mit Holzwerk gesperrten Schlünden nie geliebt; es erschien mir so traurig, wie das Wasser von der Decke und an den Wänden in Tropfen und Tränen herunterrieselte. Ich konnte mich nicht von der Vorstellung lösen, es gehe ein leises Geisterweinen durch die Räume, und wenn aus irgend einer fernen, verlorenen Ecke des Bruchs ein geheimnisvoller Laut, als hätte das Gestein geseufzt, die Stollen daherschwebte, konnte ich mir nichts anderes denken, als das Bergwerk sei der Vorhof der noch tiefer in der Erde gelegenen Hölle. Hinaus, hinaus ans Gotteslicht! Ich begriff die Leute nicht, die im Bruch ihrem Tagwerk nachgingen, und durch meinen Kopf summte es: was sind die Selmatter für Narren; sie schaufeln sich ihr eigenes Grab! Als hätten sie sich aber das Wort gegeben, sprach in der Gemeinde niemand mehr davon, daß dem Dorf durch das Werk eine Gefahr drohe. Sprachen die Menschen nicht, so redete dafür von Zeit zu Zeit der Berg, gaben die Geister ihre Zeichen. Die Kräfte, die den Schlamm des Urmeers mitsamt seinen Fischen und Schnecken zu Schiefer geknetet und gepreßt, mit starken Armen die zuerst wagrechten Lagen schief in die Höhe gestellt hatten, waren noch am Leben und am Werk! Unter den Gewölben, in denen die Sorglosigkeit früherer Bergleute zu wenig tragende Pfeiler und Wände des Gesteins übriggelassen hatten, knickte und brach dann und wann ein Sperrstamm, als wäre eine Alpentanne von hundert Sommern nur ein Zündhölzchen. In das Bergwerk hinab rauschten Quellen, Bächlein und Bäche, die am Feuerstein und auf der Bodenalpe geheimnisvoll aus ihrem bisherigen Lauf versiegten. Ihre Ableitung beschäftigte immer einige Männer. Aber was vermögen einige Männer endgültig gegen die Kräfte des Gebirgs? Man sieht die Geister nicht, und sie sind doch da und unermüdlich. Sie feiern den Sonntag nicht, sie schlafen nicht in der Nacht. Ihr Werktag dauert von Ewigkeit zu Ewigkeit, und was nach ihren Entschlüssen geschehen muß, das geschieht in seiner Stunde und in seinem Augenblick. Das geschieht, ob es ein törichter Junge wünscht oder nicht, groß, gewaltig, ehern und erbarmungslos! – Im übrigen, was kümmerte mich der Schieferbruch? – Philosophische Betrachtungen stellte ich damals noch nicht an, und lieber als der Tafelberg waren mir die Sonnen- und Lichterspiele am Feuerstein, und halb unbewußt trug ich auch schon eine junge Liebe im Herzen. Die galt Duglörli, dem Schulmeisterskinde. Es war eine etwas eckige, doch leichte und blühende Gestalt. Um ihr Gesicht wand sich rostbraunes, seidenweiches Haar, auf den Wänglein saßen ihr wie hingespritzt ein paar Sommersprossen, doch nur so viele, daß man ihretwegen grad sah, wie fein und zart das Gesichtchen gebildet war. Ihre Augen aber blickten so groß, daß man manchmal in dem Schlankoval ihres Antlitzes überhaupt nur die sinnenden, träumerischen Augen unter den dunkeln Wimpern sah. Die Jugend hat aber ihre seltsamen Liebeserklärungen. »O, wie bist du häßlich,« rief ich Duglore zu. »Du hast gestielte Augen und bist eine Rote obendrein!« Worauf sie weinte und mit den schmalen Füßchen stampfte, bis ich nach einer Weile bat: »Glörli, sei wieder gut! Du bist nicht fuchsrot, sondern nur ums Merken ein wenig rot.« Lassen konnten wir uns nie. Bei ihr und in ihrem gemütvollen Elternhaus habe ich die reinsten Tage meiner Jugend verlebt, und wenn in meinem Wesen, wie der Vater meinte, etwas Abgründiges stak, das unterdrückt werden müsse, so begleitete es mich doch gewiß nicht in die Stube meines herzgütigen Lehrers und seines lieblichen Töchterleins. Die gesamte Familie, Vater, Mutter und Kinder, waren stillfrohe, treuherzige und grundbrave Menschen, bei denen nur gute und liebe Gedanken Raum hatten. Und die junge Liebe, die zwischen mir und dem Nachbarsmädchen emporwuchs, war rein und fein wie Bergblumenerwachen am schmelzenden Schnee. Von meinem lieben Duglörli will ich jetzt erzählen. Nein, drei Abende hat die Feder geruht. Hans Stünzi, mein junger Freund aus Selmatt, und Doktor Wilhelm Gutleib, der Assistent der Meteorologischen Landesanstalt in St. Jakob, waren bei mir auf Besuch. Sie hielten Inspektion und Inventarisation der Wetterwarte. Bis auf ein paar leicht auszugleichende Kleinigkeiten sind die Hütte, das Viertelhundert von Instrumenten und die mannigfaltigen Uhrwerke der Apparate, die ihre Beobachtungen selbst aufschreiben, für den Winterdienst wohl im Stand. Auch die Vervollständigung des Proviantvorrats hat begonnen; acht Träger sind an der Arbeit, vier schaffen die Lasten von Selmatt bis an den Bösen Tritt, vier andere bringen die Büchsen, Schachteln und Kisten in das Observatorium hinauf. Hans Stünzi ist mein Kurier, treulich hat er alles nach meinen Angaben besorgt; von hunderterlei Dingen, die mir nach siebenjähriger Erfahrung für das Winterleben notwendig sind, fehlt nichts, was so groß wäre wie der Punkt eines i. Das meiste mußte die Landesanstalt vergüten, einiges ist persönliche Angelegenheit; ich mag in der Einsamkeit nicht ohne manche jener kleinen Bequemlichkeiten sein, an die ich mich in der großen Welt gewöhnt habe! Sie sind da! Achtung vor meinem treuen Hans Stünzi. Mit Doktor Gutleib aber habe ich mich gezankt und mich beschwert, daß sommersüber jenes Stück der Drahtleitung von Selmatt nach dem Observatorium, das immer noch den Lawinen ausgesetzt ist, nicht unterirdisch gelegt worden ist, wie es die Meteorologische Landesanstalt auf meine Bitte in Aussicht genommen und versprochen habe. »Die Herren Tal-Meteorologen mögen doch einmal kosten, wie es tut, wenn man bei gebrochenem Draht von jeder menschlichen Mitteilung abgeschnitten wie ein Häftling im weißen Schneekäfig sitzt!« zürnte ich. Ich geriet in Eifer und wurde dem blondbärtigen, rosenwangigen Doktorjüngling unheimlich. Mit einem Seidentuch seine Brillengläser fegend, an denen schon vorher kein Stäubchen war, erwiderte Doktor Gutleib stammelnd: »Sie wissen ja, Herr Quifort, Sie wissen ja, man studiert auf der Landesanstalt die Verlegung der meteorologischen Talstation von Selmatt nach Tusswald, von der Gebirgs- auf die Flachlandseite des Feuersteins. Es wären Vorteile dabei. Der neue Touristenweg von Tuffwald auf den Gipfel ermuntert dazu. Sobald die Talstationsfrage erledigt ist, wird es unsere erste Sorge sein, daß das Observatorium sein vollständig sicheres Kabel erhält; aber bis zur Entscheidung der Stationsfrage müssen wir Sie um Geduld bitten, Herr Quifort – wir wollen hoffen, daß Sie diesen Winter« – »Selmatt ist die einzig richtige Talstation«, fiel ich dem Assistenten ins Wort. »Der Weg an der Sonnenhalde des Berges, mag er etwas schlechter sein als der von Tuffwald her, ist drei Wochen im Frühling früher schneefrei, und dann haben wir am jetzigen Lehrer von Selmatt einen Talwart, der zuverlässig wie Gold und mit Einsicht und Eifer bei seinem Amte ist. Darum halte ich die Frage der Stationsverlegung für ein Stück müßiger Bureaukratie.« In diesem Augenblick trat Hans Stünzi ins Observatorium; er hörte eben noch das Lob, das ich ihm bereitete. Darüber erglühte er freudig. Herr Assistent Doktor Wilhelm Gutleib, der rosenwangige, verweichlichte Stubengelehrte, stelzte am zweiten Tag mit geputzter Brille, tadellosem Überzieher und seinen Ledergamaschen nach Tuffwald hinunter. Er wird der Meteorologischen Landesanstalt die Mitteilung bringen, der Wetterwart Leo Quifort sei ein ruppiger Herr. Die Stadt habe den Doktor selig und gebe mir, daß ich ohne Drahtbruch über den Winter komme. Hans Stünzi blieb zum anderen Tage und bis gegen Sonnenuntergang. Er ist blond wie der Doktor. Aber welch ein Unterschied! Während die Blondheit des Doktors etwas ungemein Fades, Ungesättigtes hat, verrät diejenige Hans Stünzis erdgeborene Urkraft. Freilich, wie kühn sind ihm die Stirnecken gebaut! Und wie ihm die Augen herzerquickend sprühen! Es ist gerade, als breche ein Strahl starken, schaffenden Geistes aus ihnen hervor. Ich glaube es ihm gern, daß die kleine Schulstelle in Selmatt mit ihrem Dutzend Kindern und das bißchen meteorologischen Dienstes seinem Tätigkeitsdrange nicht genügt. Nun habe ich meinen jungen Freund tüchtig ausgeforscht und ausgelauscht. Er ist ein lieber, gescheiter Mensch! »Herr Quifort, könnte ich mir mein Leben so gestalten, wie ich wollte,« gestand er mir, »so wäre ich jetzt mit meinen vierundzwanzig Jahren wohl Zögling einer polytechnischen Schule; ich spüre es, die Ingenieurkunst wäre mein innigster Lebensberuf. Dürfte ich dieser Neigung folgen, würde ich nicht ruhen und rasten, mich Werken von Landeswert widmen, Bergstraßen anlegen, Lawinenzüge verbauen, Wildwasser zähmen, die lebendige Kraft unserer Ströme in schaffende Elektrizität verwandeln, unsere Dörfer mit Licht und Kraft ausrüsten, irgend etwas Großes wollte ich für die Heimat tun. Aber da balle einer die Faust, wenn er keine Finger hat! Meine Mutter ist eine kleine Ellenwarenhändlerin im Städtchen Gauenburg, die schon die Kosten meiner Lehrerbildung fast nicht hat erschwingen können!« Es war ergreifend, wie er von seinem Glauben, seinen Plänen, seinem Ehrgeiz sprach. Die Worte kamen ihm mit bebendem Metall der Stimme wie aus elektrisch geladener Seele, die den Überschuß ihrer Kraft weitergeben muß, zugleich aber mit der Verhaltenheit und Bescheidenheit eines Menschen, der die Unzulänglichkeit seiner äußeren Mittel auch im Augenblick der Begeisterung nicht vergißt. So sehr mich aber seine Herzensentladung fesselte, sprach ich nicht viel dazu und habe ihn damit wahrscheinlich enttäuscht. Ich dachte an Gottlobe, wie früher übrigens auch schon, wenn ich mit Hans Stünzi zusammenkam. Die zwei prächtigen Menschenkinder wären es gegenseitig einander wert, daß sie einen Bund fürs Leben schlössen. Ich wüßte für Gottlobe keinen treueren Schützer als Hans Stünzi. überhaupt, wen anders als Hans soll sie in Selmatt, dem verlorenen Weiler und Winkel, finden, der ihr Lebensgefährte werden könnte? Ich lenkte das Gespräch auf Gottlobe hinüber. Während wir so plauderten, bemerkte ich, wie die frisch lebendigen Augen Stünzis ungewöhnlich scharf prüfend über die Züge meines Gesichtes liefen. Als er sich ertappt spürte, wurde er purpurrot. Ich aber lachte: »Sitzt mir eine Fliege auf der Nase, oder suchen Sie den Totschläger in meinem Gesicht, von dem die Leute sprechen?« Er spürte, daß er eine Antwort geben müsse, also stotterte er tief verlegen, aber wahrheitsmutig: »Ich sah in Ihrem Gesicht eben – eine große Ähnlichkeit mit Gottlobe. Sie gleicht Ihnen mehr als ihrem Vater oder ihren beiden Geschwistern!« Daß ich bei diesem Wort nicht vom Stuhl fiel, war alles; doch habe ich in meinem Weltleben die Kunst gelernt, mich nicht überraschen zu lassen. Das war in diesem Augenblick ein Glück. Schalkhaft lachend wandte ich den Spieß: »Die physiognomische Entdeckung macht der Stärke Ihrer Einbildungskraft volle Ehre, aber, mein lieber Herr Stünzi, Gottlobe hier, Gottlobe überall, selbst in meinem verwitterten Gesicht, da gestatten Sie mir doch auch eine Entdeckung – Sie sind närrisch verliebt und verschossen in das Mädchen!« Nun war er unendlich verwirrt. »Die Liebe ist hoffnungslos,« warf er gequält und düster hin, »noch hoffnungsloser als die Ingenieurkunst. Ich würde gern Lehrer in Selmatt bleiben, wenn wenigstens daraus etwas werden könnte. Nicht Gottlobe ist mir abgeneigt, aber ihr Vater, Hangsteiner, haßt mich wie einen Erdkrebs, von dem er merkt, daß er in seinen Garten dringen möchte. Ich habe früher jede Woche einmal einen Abendbesuch in seiner Familie machen und mit Gottlobe ein paar Lieder singen dürfen. Jetzt nicht mehr. Hangsteiner hat mir das Haus verboten. ›Warum – darum!‹ sagte er schulterzuckend, als ich ihn um Auskunft über die harte Wegweisung bat. Der Mann ist aus lauter Mißtrauen zusammengesetzt. Er wird Gottlobe diesen Herbst auch nicht mehr mit mir auf den Feuerstein auf Besuch zu Ihnen steigen lassen.« Hans Stünzi schaute mit wahrhaft trostlosen Augen. »Doch, doch, Gottlobe wird mit Ihnen kommen,« erwiderte ich. »Ich gebe Ihnen einen Brief an Hangsteiner mit, der ihn an ein altes Versprechen erinnert.« Darüber war mein junger Lehrer wieder sehr verwundert. Genug, ich weiß jetzt, daß er sie liebt, und wenn sie ihn wieder liebt, dann... Nachdem Hans Stünzi gegangen war, faßte ich den ganzen Abend Pläne für die beiden. So wahr ich Jost Wildi von Selmatt bin, soll es, wenn sich die beiden lieben, kein Ehehindernis geben. Hans Stünzi soll Ingenieur werden und Gottlobe seine Frau. Ich habe die Mittel, gegen die granitene Bauernhärte Hangsteiners Minen springen zu lassen, die gegebene Versprechen nicht verletzen. Unglaublich gefährliche, scharfe Augen hast du, mein lieber Hans Stünzi, aber du magst forschen und kombinieren, wie du willst, du wirst den Faden, wie alles zusammenhängt, nicht finden; dafür ist er in ein zu verworrenes Gewebe menschlicher Schicksale hineingesponnen. Ich ergreife ihn wieder und erzähle von deinem Vorgänger Kaspar Imobersteg und seinem Kinde Duglörli. IV Kaspar Imobersteg, der Schulmeister von Alt-Selmatt, war kein Distelvogel wie sein Nachfolger Stünzi. Er wollte keine Lawinen verbauen und keine Wildwasser zähmen; aber er war ein in Herzenseinfalt guter, frommer Mann, der uns Jugend des Dorfes ohne viel Schelte in Zucht, Ehren und kleiner Wissenschaft unterwies. Er hatte sich im Wachstum überschossen, trug also trotz seiner Bescheidenheit den Kopf doch höher als andere Menschen, einen kleinen, mageren, klugen Kopf, in dem ein Paar kindlich warmer Braunaugen standen, die gleichen, wie sie Duglore besaß. Nur die langen unruhigen Schlenkerarme und Schlenkerbeine konnten an Schulmeister Kaspar, von dem manche behaupteten, er hätte ein Schneider werden sollen, ein bißchen stören. Der lange Mann hatte eine kleine rundliche Frau, die Schulmeisterin, der eine so stille Art des Schaltens und Waltens eignete, daß man in dem kindergesegneten Haus mehr ihren guten Geist als ihre leibliche Anwesenheit spürte. Die Kinder, die in ihrer Gestaltsbildung zwischen dem langen Vater und der kleinen Mutter blieben, wuchsen nach dem üblichen Gewohnheitsmaß der Menschen heran, am lieblichsten Duglörli, die älteste, des Schulmeisters und mein Augenstern. »Duglore, was ist das für ein seltsamer Name?« fragte ich einmal Kaspar, den Schulmeister. »Er steht nicht im Kalender.« Da lächelte er: »Den hat mein Vater, der Soldat in napoleonischen Diensten war, der Enkelin gegeben. Er bedeutet, die einmal Ruhm haben soll vor Gott!« Da gefiel der Name auch mir. In unserem eigenen Haus war es drückend einsam, und wenn ich unsere paar Kühe gefüttert, gemolken und getränkt hatte, erlaubte mir die Mutter, die Kränklichkeit und Husten früh zur Ruhe zwangen, daß ich den Abend bei der Lehrersfamilie verbrachte, und als sie eines Frühlings, kurz nach der Rückkehr des Vaters, wie ein Licht, dem das Öl ausgegangen ist, erlosch, da wurde in den folgenden Wintern die Schulmeistersstube vollends mein zweites Heim. Vierzehnjährig war ich, als die Mutter starb, und gern denke ich an die Abende bei Kaspar. Selmatt war versunken im Schnee, und im Sternenglanz der Winternacht bauschte er sich mit glitzernden Kristallen wie volle Kissen auf den Dächern. Ich aber war mit ein paar Schritten in der licht- und wärmedurchströmten Oberstube des Schulhauses. Da saß seine siebenköpfige Familie um den holzgerahmten Schiefertisch beim Abendbrot. Bei meinem Eintritt schlug Glörli ein helles Lachen an: »Jost, der ist für dich gerichtet!« In der vom Licht rosig durchschimmerten Hand hielt sie einen geschälten dampfenden Erdapfel empor, und bei einer Schale bläulicher, entrahmter Milch, in der noch einige Butterkügelchen schwammen, ergänzte ich mein Abendbrot und fühlte mich in dem munteren Kreis wie der Vogel im Nest. Vom kurzen Nachtimbiß hinweg wandte sich Schulmeister Kaspar, der im Nebenberuf Kirchenorgelspieler am Sonntag und eifriger Tischler am Werktag war, zur Hobelbank, die an einer Wand der geräumigen Stube stand. Die Säge zischte, der Hobel flog, das Stemmeisen warf seine Späne. Duglörli und ich halfen dem Lehrer bei der Arbeit, leimten die Falzen oder trieben die Stifte in die Ecken der Tafeln, die er mit erstaunlicher Behendigkeit rahmte. Er geriet über dem Abendwerk in ein erzählendes Plaudern, das ihn oft durch alle Reiche der Natur und vom Hundersten ins Tausendste führte. Eins seiner Lieblingskapitel waren die Wildleutsagen vom Feuerstein. »Die Wildleutfrauen,« hob er fröhlichen Gesichtes an, »waren so scheu und furchtsam, daß ein Jäger alt werden konnte, bis es ihm gelang, eine zu fangen. Konnte ein Wildweiblein nicht mehr fliehen, wand es sich in sein nachtschwarzes Haar, das ihm bis auf die Fußknöchel reichte, wie in einen Mantel ein und kugelte sich darin wie der Igel zusammen. Nahm aber der Senne oder Jäger die schwarze Haarkugel mit heim, siehe, da rollte sie sich ein wenig auf, feurige Augen wie die der Wildkatzen blitzten hervor, ein liebliches Gesichtchen, Lippen so rot wie Alpenrosenblust, Zähne wie weißes Bein lächelten, und die Wildfrau fing inständig an zu bitten und zu betteln, man möchte sie doch etwas an die Sonne lassen. Das war aber Verstellung und List. Sobald sie an der Sonne war, eilte sie wie die Gemse den Bergen zu. Gab man ihrem Lächeln nicht nach, wurde daraus ein flehentliches Weinen, das die Herzen der Menschen erschütterte; gelang der Frau die Flucht nicht, begann sie zu kratzen und zu beißen, trieb Unfug und sprang die Wände hinauf und starb tollwütig am dritten Tag. Denn so war es bei den Wildleuten: die kleinen Frauen waren wilder als die großgewachsenen Männer. Mit entzücktem Gesicht und aufleuchtenden Augen horchte Duglörli. »Grad wie ein Wildweiblein würd' ich tun, wenn mich jemand von Selmatt forttragen wollte, zappeln und strappeln, mich kugeln, bitten und beißen,« rief sie, grinste mit verzogenem Munde, stellte die Finger krumm, als wollte sie mit den schmalen Händen einen Feind überfallen, und gab sich ein gefährliches Ansehen, was ihr zwar nicht vollkommen gelang, aber einen erheiternd komischen Anblick gewährte. Vater Kaspar betrachtete das drollige Bildchen mit zustimmendem Kopfwackeln und göttlicher Zufriedenheit. Den Hobel wieder ergreifend, sagte er: »Gewiß Duglörli, wir sind treu wie die Wildleute, wir sind keine, die von Selmatt gehen wie mein lieber Freund, der berühmte Handelsherr Hans Konrad Balmer in Hamburg, der auch ein Selmatter Bub gewesen ist.« Nun war es an mir, die Ohren zu spitzen. Bemerkte es aber Kaspar nicht oder beschäftigte ihn der andere Gedanke stärker, er fuhr fort: »Es hat mich zwar auch einmal der leichtsinnige Weltdrang erfaßt. Da war ich noch jung und ledig, von meinem guten Vater, der gestorben war, hatte ich ein Kapitälchen als Erbe in den Händen, und es war gerade im Anfang der Ferien. Da ergriff ich den Wanderstab und wollte bis nach Basel in die schöne und große Stadt am Rhein ziehen. Als ich aber nach Gauenburg kam, besuchte ich die vortreffliche alte Frau, bei der ich während meiner zweijährigen Seminarzeit gewohnt hatte, und als ich voll friedlicher Erinnerungen von ihr ging, da war es schon Abend. In einem Gewölbe war ein Kramladen alter Bücher, den es früher nicht gegeben hatte, und die Preise, die an den Bänden standen, schienen mir billig. Ich stieg hinauf auf das Schloß von Gauenburg. Da standen die Selmatter Berge so rot. Eine innere Stimme fing an in mir zu reden: ›Was willst du so weit fort von Selmatt? Du siehst ja schon hier etwas von den flacheren Ländern. O Kaspar, Kaspar, es steht ja alles so schön in den Büchern. Und die alten Bücher sind manchmal wertvoller als die neuen und teueren. Kaufe doch lieber die Bücher als an den Rhein zu wandern!‹ Ich ging zu der alten Frau und übernachtete in dem Kämmerchen, das ehemals mir gehört hatte. Da war mir am Morgen wie am Abend. Ich wandte mich in das Gewölbe und erstand die Bücher, die ich für einen Bergschulmeister ziemlich und nützlich erachtete: eine alte Landeshistorie, eine Weltgeschichte, ein Pflanzen- und ein Tierbuch, diese vier mit lehrreichen Abbildungen, dazu viel Annehmliches und Zuträgliches mehr, reichlich vier Tragkraxen voll. Über den Büchern verließ mich der Weltteufel, und ich kam nur noch ein einziges Mal nach Gauenburg. Das war, als die Eisenbahn von St. Jakob dahin eröffnet wurde, und ich sah, was ich sehen wollte, die Lokomotive, die schnaubend und qualmend den Zug zieht, und das mit der großmütigen Hilfe meines Freundes Hans Konrad Balmer gegründete naturgeschichtliche Museum.« Über den etwas ausgemergelten Zügen Kaspars lag der Abglanz inneren Friedens. Ich bat ihn, daß er etwas von seinem Freunde, dem Handelsherrn Hans Konrad Balmer, erzähle, von dem ich nicht das mindeste wisse. »Dein Vater besucht ihn doch jeden Winter, wenn er ans Nordmeer kommt,« erwiderte Kaspar überrascht. »Er berichtet mir aber nie, was er in der Fremde erlebt,« warf ich unlustig hin. »So, von unserem Jugendfreund hätte er dir aber schon erzählen dürfen,« versetzte Kaspar mit einem für den Vater mißbilligenden Ton. Ich erwartete, er würde nun selber beginnen, in diesem Augenblick rief indes die Kuckucksuhr halb zehn von der Wand, und das war in der Schulmeistersstube unweigerlich das Zeichen zum Feierabend. Mit einem kräftigen Atemstoß blies Kaspar den Hobel aus, lobte die Menge der gerahmten Tafeln und sprach: »Nun Gott die Ehr'!« So war's jeden Abend; er schlug den Deckel des Zimmerharmoniums zurück, griff mit langen Armen und Fingern nach den Tasten und mit langen Beinen nach dem Blaswerk und präludierte ein ergreifendes Kirchenlied, die neunte Nummer unseres Kirchengesangbuches: »Lobt den Herrn! Das Sterngefilde Predigt laut von Gottes Macht, Und von seiner Huld und Milde Spricht des Frühlings Blumenpracht. Lobt den Herrn! Lobt den Herrn!« Im Halbkreis sammelten sich die Familienglieder, die noch wachten, um Kaspar. Stets stellte sich Duglörli so, daß ihre Augen in die ihres Vaters schauten, und in inniger musikalischer Fühlung mit ihm sangen sie andächtiglich. Wie ein vom Himmel herniedergeflogener Liederengel erhob sich die leichte wippende Gestalt des schlanken Mädchens aus dem Bild der kantierenden Familie. Hell drang ihr silberner Sopran über die anderen Stimmen vor; ohne daß sie es wußte, schlug sie mit dem vorgestreckten Zeigefinger leise den Takt, wiegte wie ein singender Vogel das Köpfchen und ließ aus den warmen Lichtern den lebendigen Gottesglauben strahlen. Am anderen Abend aber erzählte Schulmeister Kaspar beim Tafelrahmen von seinem großen Freunde und meinem großen Unbekannten Hans Konrad Balmer. »Ja, der war aus anderem Holz geschnitzt wie wir alle,« begann er mit wackerer Bescheidenheit, »obgleich auch nur ein Selmatter, hatte er das Zeug, in die große Welt zu gehen. Er saß mit mir im Seminar zu Gauenburg auf der gleichen Bank; während wir anderen aber den ganzen Verstand zusammennehmen mußten, um den Lehrern mühsam zu folgen, lernte er spielend und löste die schwierigsten Aufgaben wie aus dem Handgelenk. ›Woher hat er's nur?‹ fragten wir. Obgleich er uns alle an Können und Wissen, an rechnender Klugheit wie an Reife des Wesens übertraf, war er ein lieber und dienstfertiger Kamerad, und wenn er von uns einen Gefallen wünschte, besaß er ein so freimütiges, zwingendes Lächeln und Reden, daß man ihm wie von selbst zu Diensten war. Mit dem zwingenden Sprechen und Schauen beherrschte er uns völlig. Da, kurz vor dem Examen, kam eine schlimme Geschichte aus. Konrad Balmer hatte nicht nur uns Mitschülern, sondern auch einem Mädchen in Gauenburg, Berta Wegenstein, gefallen, Über der Liebschaft kam es zum Bruch mit dem Seminar und dem Lehrerberuf. Der frische, kecke, trotzige Bursch ging in die Welt hinaus, und lange Zeit, wohl an die zehn Jahre, hörte niemand mehr etwas von Hans Konrad.« »Und die Berta Wegenstein hat er ganz vergessen während dieser langen Zeit!« rief Duglörli mit erglühenden Wangen in die Erzählerpause des Vaters. »Das wär' aber sehr wüst von ihm.« Vor lauter Eifer, was nun weiter geschehen sei, vergaß sie die Rahmen zu leimen. Der gute Schulmeister Kaspar ließ aber auf sich warten und hobelte so emsig, als sei ihm der Faden der Geschichte ausgegangen, die er vielleicht doch etwas bedenklich für unsere Ohren fand. Bitten und Betteln unsererseits, und er erzählte. »Es ist halt merkwürdig gegangen,« versetzte er entschuldigend. »Also nach seiner Flucht hat man lange nichts mehr von ihm gehört. Als aber seine Mutter auf dem Sterbebette lag, da kam er als ein Mann nach Selmatt zurück, dem man es von weitem ansah, daß er sein Glück gemacht hatte und unter die Vornehmen und Reichen der Welt gehörte. Er war nach seiner Flucht Kaufmannslehrling in St. Jakob geworden, dann als Angestellter in ein Hamburger Handelshaus getreten. Diesem diente er drei Jahre in Indien. Als er wieder nach Hamburg zurückkehrte, da gefiel er der Tochter des Großhandelsherrn, wie er uns allen gefallen hat. Sie wollte keinen anderen zum Mann als Hans Konrad Balmer, und nach dem Tode seines Schwiegervaters wurde er selbst ein mächtiger Handelsherr mit Schiffen, die über die Meere fahren.« »Der Mann gefällt mir!« rief ich lebhaft, »und den kennt der Vater und besucht ihn.« »Ja den!« versicherte Schulmeister Kaspar mit freudigem Stolz, »Hans Konrad ist halt im Glück nicht hochmütig geworden!« Duglore aber hob den Kopf mit leis zürnenden Augen. »Wie magst du nur einen rühmen, Vater, der das Gauenburger Mädchen vergessen hat. Hat sie ihn denn nicht zuerst geliebt!« »So hör' nur,« dämpfte der Schulmeister die liebliche Entrüstung seines Kindes. »Gott hat doch alles wunderbar zum guten gewandt. Ich hab's miterlebt. Wie Hans Konrad schon als reicher Herr Selmatt besuchte, schloß er mit mir die alte Freundschaft wieder und hat mir manches anvertraut, was sein Herz bewegte. Und einmal trat er freudig zu mir. ›Denk dir, Kaspar,‹ erzählte er, ›ich komme von einem schweren Gang, ich war in Gauenburg, ich habe meine alte Liebe, die Berta Wegenstein, besucht; obgleich sie meinetwegen ums Glück gekommen ist, hat sie mir verziehen!‹ Als aber zwei Jahre später seine erste Gattin, durch die er zu seinem Weltglück gelangt war, starb und ein Jahr vergangen war, – jetzt horch, Duglörli – da kam er wieder ins Land und fragte seine Jugendgeliebte, ob sie die Mutter seines einzigen Kindes werden wolle. Sie wurde es! – Was sagst jetzt, Duglore?« fragte Kaspar mit innigem Lächeln. »Ich hätt' ihn hinterdrein nicht mehr genommen!« antwortete das Mädchen mit einem an ihr sonst ungewohnten Trotz. Es war reizend, wenn das sanfte Duglörli zornig wurde, und wir beide, der Schulmeister und ich, mußten lachen über ihre blühende Heftigkeit. Kaspar aber wollte einen schönen Schluß an seine Erzählung fügen. Zu mir, dem Erbauteren, gewandt, versetzte er: »Nun leben die beiden in Hamburg und vergessen in Glanz und Ehren der Fremde die Heimat nicht. Als Hans Konrad Balmer das letzte Mal in Selmatt zu Besuch war, fand er unseren Kirchengesang etwas rauh. Da schenkte er der Gemeinde die Orgel. Ihr kennt den Dietrich Hangsteiner im Selachgrund, der beim Triften unglücklich gefallen ist, seit Jahren im Bett liegen muß und sich nicht rühren kann. Hans Konrad Balmer denkt zu Weihnachten stets an den armen Mann und seine große Haushaltung. Er läßt sich auch von allem unterrichten, was in unserem Ländchen Schönes und Nützliches geschaffen werden soll, und ist mit offener Hand dabei. Als eifrige Freunde der Natur in Gauenburg ein Museum gründeten, in dem die Gesteine und Kristalle der Alpenwelt, die schönen und merkwürdigen Versteinerungen, die Schwertfische und Delphine und die fliegenden Fische aus unserem Schieferbruch mitsamt den Tieren des Hochgebirges, der Gemse, dem Bären und dem Steinadler, aufgestellt wurden, da wollte Hans Konrad Balmer auch seinen Teil zu den Sehenswürdigkeiten beitragen. Durch seine Handelsagenten in Ägypten, Indien und Amerika ließ er die vierfüßigen Tiere, Vögel, Schlangen, Krokodile und Fische der fremden Länder jagen und sammeln und übergab sie dem Museum, die Vierfüßer in einer Menge schöner Schaukästen, die Schlangen mit Klappern und Brillen in klaren durchsichtigen Gläsern. Ja, mein Freund Hans Konrad Balmer!« – – »Mein Freund!« kam es wie ein unterdrückter Freudenruf aus der Seele Kaspars, der sich gar nicht genug tun konnte, das Haupt des Hamburger Handelsherrn mit einer Krone der Menschenliebe und des Lichts zu umgeben. Seine Bewunderung steckte mich an. »Hans Konrad Balmer ist nun ein Mann nach meinem Herzen, und wie er mir gefällt,« versetzte ich warm, und ließ die Schilderung Kaspars, wie ein ehemaliger Selmatter Junge sich das Glück der Welt erkämpft hatte, in meinem Kopfe weiterklingen; Duglörli aber merkte es und schmollte: »Nun schaust du mit ein Paar Augen, Jost, wie wenn du selber in die Länder hinauslaufen wolltest!« Das hatte nun freilich gute Weil'; mein Vater nahm mich ja nicht einmal nach Gauenburg mit, wo ich das schöne naturkundliche Museum hätte sehen können, und eher noch als ich in die Welt, kam die Welt zu mir. Über den unterhaltlichen Erzählungen des Schulmeisters, die sich noch manchmal mit Hans Konrad Balmer beschäftigten, verging der lange Winter im Selmatter Tal, Frühling und Sommer stiegen auf die Berge, und Duglörli und ich hüteten die Kühe der Eltern auf der Bodenalpe über dem Tafelberg. Da raffte ich mich ohne das Vorwissen irgend eines Menschen zu nachtschlafender Zeit empor und klomm aus lauter Weltdrang durchs mondhelle Gebirge auf den Feuerstein. Ich stand in leis wehenden Morgenwinden, in Schmerzen und Wonnen der Jünglingsjahre auf dem freien Gipfel, und blickte im Strahl der aufsprühenden Sonne in den fast unendlichen Kreis der Berge und Länder, die, aus grauem Schlummer erwachend, sich mit Lichtern, Farben und Freuden schmückten, und meine Seele tastete und dürstete nach einem reicheren Lebensinhalt, als mir ihn Selmatt gab. Als wäre ich selber ein Kind der Sonne, des Lichts, blieb von dieser Stunde Schauen und Leben etwas Sehnsüchtiges und Erhebendes in meinem Gemüt. Es war aber auch die Zeit, da mir der Tag leer schien, wenn ich nicht die dunkeln Augen, die rostbraunen Zöpfe Duglores sah, deren Gestalt lieblich aufzuknospen begann, und deren eckige Kinderart sich je länger, desto mehr in eine süße, mädchenhafte Weichheit der Gebärden, des Ganges und aller Bewegungen auflöste. Ich wußte indessen selber nicht, was für ein unsäglich glücklicher Bursche ich trotz mancher Härten meines Vaters in Dorf und Alphütte der Heimat war, und nur das Außerordentliche schien mir Wert zu besitzen, das etwa wie der heimliche Besuch des Feuersteins mein sonniges Stillleben unterbrach. Daher gab mir ein merkwürdiger Gruß der Welt, der Duglörli und mich auf der wonnigen Bodenalpe überraschte, fast ein Jahr zu sinnen und zu träumen. V Es war bei der sommerlichen Viehhut auf der Bodenalpe zwischen mir und Duglore des gegenseitigen Sichlockens kein Ende, in Schelmerei, Neckerei und Sichvertragen gingen die wonnesamen Tage. Manchmal aber war es ganz still zwischen uns; wenn ich Duglörli nur in meiner Nähe wußte, war ich es schon zufrieden, und stundenlang konnte ich, den Kopf auf die Ellbogen gestützt, in Gras und Blumen liegen und an ihr vorbei nach den Orgeln und Münstern der Feuersteingewände spähen. An den Grasbändern schwebte die Herde des Selmatter Schafhirten wie eine Schar weißer Wölkchen dahin, oder auf den Planken kletterten die ärmeren Leute von Selmatt als Wildheuer umher, warfen ihre Bündel von Felsenabsatz zu Felsenabsatz, und, wenn das Sommertreiben des Menschenvölkleins fehlte, so ästen doch die Rudel der Gemsen wie leicht hingeworfene braune Schatten am Gefelse, zogen die Raubvögel schreiend ihre Kreise. Meine Augen aber waren vom vielen Sehen und Spähen so scharf geworden, daß mir nicht das Kleinste, was sich am Feuerstein regte, nicht einmal das Murmeltier entging, das sich irgendwo am Berg auf die Hinterpfoten stellte und zum Männchen erhob. »Was bist du für ein langweiliger Kamerad!« rief Duglörli, die neben mir in den blühenden Alpenrosenstauden saß und mit geschickten Fingern aus lichtgoldenen Alpenprimeln eben einen Kranz zu Ende gewunden hatte. »Gefällt er dir?« Ich sah hin, aber ich regte mich nicht. Sie warf den Kranz in einer leichten Aufwallung des Zornes weit von sich, über meine Ruhe verzweifelt rief sie: »Jost, was denkst du nur in deinem Kopf? Das ewige Hinsinnen ist schrecklich. So haben es, glaub' ich, die alten Heiden getan, die Wildleute, die Gott hat vergehen lassen.« über diesen Gedanken mußte ich lachen, wurde munter und schielte nach der lässig Sitzenden. »Jetzt schaust du grad wie ein Heide,« scherzte sie, und als müßte sie sich vor meinen Augen schützen, hob sie den braunen Arm vor das Gesicht, in dem feine, samtene Röte und gesundes Sonnenbraun lieblich ineinandergeschmolzen waren. »Doch sieh,« rief sie, »dort kommt Melchi den Bergweg herunter, jetzt ist's aus mit dem Necken und Spaßen, jetzt müssen wir recht tun, Jost.« Leicht und zierlich wie eine Gemse sprang sie empor und grüßte den mit einer Last Wildheu daherschreitenden Burschen mit einem Jodler, der aus ihrem Mund fast so sanft wie ein Kirchenlied klang. Ich selber hielt damals von dem jungen Melchi Hangsteiner so wenig wie jetzt von dem alten; er war aber wie jetzt noch ein achtbarer Mensch, und Duglörli war ihm deswegen stets ein bißchen Freund. Der Sohn jenes armen Flößers im Selachgrund, der so unglücklich über einen Felsen in den Fluß hinuntergestürzt war, daß er nun schon seit vielen Jahren mit lahmem Rücken das Bett hüten mußte, rackerte sich Melchi wie kein Erwachsener in Selmatt, damit der kinderreiche Haushalt vor der Gemeinde in Ehren bestehe. Wegen seiner Arbeitstapferkeit war der Bursche von jedermann wohl angesehen, auch von mir, aber die von Kindheit an gehegte stille Abneigung zwischen uns war mit den Jahren nicht kleiner geworden, weil ich überzeugt war, daß Melchi im stillen Duglörli gerade so stark liebe wie ich. Nur verbarg er es unter einer Hülle von Anspruchslosigkeit und Scheu, weil er gegen den stolzen Jost Wildi doch nicht aufzukommen vermochte. Durch die Sommerhitze keuchte der starke, plumpe Bursche, der ein Jahr älter als ich und zwei Jahre älter als Duglore war, den Bergweg daher und warf, als er bei uns angelangt war, die schwere Bürde Wildheus von sich, streifte die Leinwandkapuze, die seinen Flachskopf schützte, in den Nacken, wischte sich mit dem Ellbogen Schweiß und Heustaub aus dem Gesicht und setzte sich rastend, doch von seiner Mühsal noch schwer atmend, zu uns. »Ihr beiden habt's lange gut,« keuchte er, »nur den lieben langen Tag ein bißchen zum Vieh zu sehen. Ihr habt ja ein Leben wie die Ratsherren.« »Und du Melchi, du übertust dich. Du machst ja Bündel, die gegen die zwei Zentner sind, närrisch große Bündel, Melchi.« Das war nun keine Schelmerei Duglörlis, wie einen Augenblick vorher ihr Singen und Jodeln, sondern ein Wort warmer Gemütsaufrichtigkeit. Bei dem Lob ging ein verständnisvolles Lächeln über das häßliche Gesicht des starken Jungen, auf dessen Wangen die Sommersprossen dick wie mit der Maurerkelle angeworfen saßen, und dieses Lachen um den breiten Mund war überhaupt der einzige Schönheitsstrahl, dessen das schon etwas ältliche Gesicht Melchis fähig war. Wir plauderten über die Wildheuernte, über das Vieh, von dem herüber der Anschlag einer Blechglocke oder zweier dann und wann friedlich durch die große Sonnenruhe der Bodenalpe klang, und mädchenklug suchte es Duglore, wie stets, wenn wir drei beisammen waren, Melchi durch ein eifriges Gespräch zu verbergen, daß sie für mich mehr übrig habe als für ihn. »Seht,« rief sie, »ist dort nicht eine Wolke wie ein sich bäumender Schimmel, auf dem ein Reiter mit fliegendem schwarzem Mantel sitzt,« und deutete mit schlankem Arm in die weiß und schwarz geränderten Silberschiffe des Himmels, die lässig über die ragenden Felsengipfel zogen. Wir beiden Bursche schauten hin; ich vergaß aber die Wolke über einer viel merkwürdigeren Erscheinung, die still und groß durch die Bläue des Himmels strich. Auch Duglörli sah sie und schrie: »Ein Wunder – ein Wunder!« Das Wunder war eine sanft leuchtende, goldene Kugel, die, so groß wie der Mond, über dem Lichtmeßloch am Himmel schwebte. In langsamem, feierlichem Sinken begriffen, verschwand sie hinter den von der Abendsonne bestrahlten Wolken, erschien aber wieder an ihrem unteren Rand, tauchte frei in den lichtvollen Himmel und sank tiefer – tiefer. »Ich sehe nichts!« versetzte Melchi etwas trostlos und begriff unsere Gebärde der Überraschung und des Erstaunens nicht. Endlich hatte ich seinem Blick den Weg nach dem im Abendglanz leis errötenden Ball gewiesen. Als er das sanfte Lichtspiel im blauen Himmel entdeckt, sprang er auf, warf die Arme auseinander und rief: »Wollen wir nicht lieber beten. Der Mond fällt vom Himmel. Das ist der Anfang vom Untergang der Welt.« Duglörle blickte bei diesem Wort beklommen nach mir: »Jost, Jost, mir wird auch unheimlich,« seufzte sie. »Gott, wenn in der Nacht kein Mond mehr auf die Welt schiene, ich möchte nur hören, was der Vater spricht.« Wie ein Wild, das Angst hat und flüchten möchte, kindlich hilflos schaute sie nach mir. Ja, was würde Kaspar sprechen? Wie im Banne eines Märchens starrte auch ich nach der lichten, schwebenden Kugel im Abendblau. Ist es der Mond, oder ist er es nicht? An der goldenen Scheibe hing noch etwas wie die Mondsichel, aber deutlich unterscheiden konnten es meine scharfen Augen nicht; auch wurde der goldene Ball zusehends kleiner, war nicht mehr größer als ein Kopf, nein, schon so klein wie eine Faust, sank rascher, ruhte hinter dem Lichtmeßloch einen Augenblick auf einer fernen, sonnigen Felsenspitze und glitt wie ein untergehendes Gestirn hinter sie hinab. Ich mochte in die silbernen Wolken und in das Blaue spähen, so viel ich wollte, der Himmel war leer, wie er sonst immer gewesen war. Duglörli und Melchi atmeten auf. »Der Mond ist nicht mit einem Mordsknall zersprungen, wie ich gefürchtet habe,« versetzte der Wildheuer erleichtert. »Das Leben haben wir noch, aber an die ausgestandene Angst werden wir denken!« Damit ergriff der Bursche sein Bündel und schwankte, unter der Last verborgen, talwärts. Die Erscheinung der leuchtenden Himmelskugel, die auch auf anderen Alpen des Selmatter Tals beobachtet worden war, gab abergläubischen Leuten unendlich viel zu sprechen; Schulmeister Kaspar aber, der zu Besuch auf die Alpe gestiegen kam, hatte seine besondere Ansicht über den glänzenden, aus den Tiefen des Himmels erschienenen Ball. »Jost,« versetzte er, den Langfinger wichtig erhebend, »das ist wohl nur aus Frankreich herübergeflogenes Teufelszeug. Die Franzosen, die unruhigen Köpfe, wollen immer etwas Besonderes für sich haben. Deshalb haben sie auch die Montgolfieren oder Luftschiffe erfunden. Das, was ihr gesehen habt, war wohl ein Luftschiff, ein riesiger runder Sack von Seidentuch, unter dem in einem angehängten kleinen Kahn ein Feuer brennt. So fliegt das Satansschiff weit über die Welt, und wenn einer sich an Gott und an seinem Leben versündigen will, kann er sich neben dem Glutfeuer in den Kahn setzen und über die Länder fahren. Es sind aber nur die verworfensten Menschen, die es tun, und in der Luft werden sie leicht tollsüchtig, daß sie entweder die Montgolfiere selber anzünden oder, vom Schwindel ergriffen, aus dem Kahn springen und totstürzen.« Ich erhob verschiedene Einwendungen: »Wir haben kein Feuer, keine Menschen gesehen, nur eine Sichel unter dem Ball, die ein Kahn sein könnte.« Da schaffte Kaspar bei seinem nächsten Besuch einen seiner Folianten auf die Bodenalpe empor und wies mir auf einer der letzten Seiten des Buches das Bild eines Ballons mit der Unterschrift: »Pilâtre de Rozier und Marquis d'Arlande steigen am 28. Oktober 1783 bei dem Schlosse Muette in der Nähe von Paris mit einer Montgolfiere in die Luft.« Ich verschlang das Bild und die dazu gegebene Beschreibung und antwortete dem Schulmeister mit herzlicher Zustimmung: »Nun glaube ich selber, daß die Kugel, die wir gesehen haben, ein Luftschiff war. Ich möchte nur gern wissen, ob in dem Ballonkahn Menschen gewesen, und wo sie zur Erde gekommen sind.« Kaspar aber erwiderte, die Freude in den ehrlichen Augen: »Gelt, wie ich damals wohl getan habe, statt eine beschwerliche und teuere Reise bis nach Basel an den Rhein zu machen, in Gauenburg die Bücher zu kaufen, die über so viel Nützliches und Belehrendes Auskunft geben.« Auch Duglörli mengte sich ins Gespräch. »O Jost,« sagte sie sorgend und lieblich mahnend, »was kümmerst du dich um allen Handel und Wandel und Unfrieden der Welt? Was hülfe es uns, wenn wir wüßten, wohin die Montgolfiere gewandert ist? Sie wird ihr Ende und Ziel schon gefunden haben.« Dazu nickte Schulmeister Kaspar; ich aber versetzte lachend: »Es kümmert mich halt! Es muß doch wie im Himmel schön sein, in einem Luftschiff über Dörfer, Seen und Berge zu fliegen. Das möchte ich einmal gerade so still und heimlich erleben wie den Sonnenaufgang auf dem Feuerstein an jenem Morgen, als du, Duglörli, meine Kühe ohne einen Hüter gefunden hast.« Dem Schulmeister und Duglörli stand über dem raschen Wort der Verstand still. Wenn mir plötzlich Flügel aus den Schultern gewachsen und ich wie ein Adler über die Berge davongeflogen wäre, hätten Vater und Kind nicht erstaunter und erschrockener sein können. »Jost – Jost,« rief Kaspar bestürzt, »so abgründige Gedanken hast du und dein Vater hat sie nicht abtöten können mit den vielen Schlägen, die er dir gegeben hat!« Duglörli aber begann heftig zu weinen. Ich spürte, wie ich den Menschen, die ich am meisten liebte, mit einem einzigen Wort unheimlich geworden war. Ich aber konnte mit ihnen nicht im Gefühl eines leisen Zerwürfnisses leben, und suchte durch ein stilles, sanftes Betragen nun sommerlang das Vertrauen Duglörlis und ihres Vaters wiederzugewinnen; doch wurde es Winter, jener letzte schöne, heimelige Winter, den wir in Selmatt verbrachten, bis über den kühnen Worten jugendlichen Drangs und wilden Blutes wieder die Eintracht zu stande kam, die sonst Kaspar, Duglore und mich mit der Wärme des Gemüts verband. Als ich wieder einmal zum Tafelrahmen in die Wohnstube Kaspars trat, lachte Duglörli inniglich: »Nun wissen wir, wo das Luftschiff sein Ziel und Ende gefunden hat. Rat einmal!« – »Was soll ich wissen,« versetzte ich fast gleichgültig, aber doch in heimlicher Spannung nach dem Schicksal des Fahrzeuges. Da legte sie das »Gauenburger Männlein«, einen im Gebirgsland verbreiteten Volkskalender, vor mich hin. Und wir beide guckten darein. In dem Kalender war erzählt, daß der Ballon, der so viel Angst und Schrecken im Bergland verursacht habe, ohne daß er mit Menschen besetzt gewesen wäre, einer französischen Militärabteilung entflogen sei, und ein Bild schilderte, wie Jäger die zerrissenen Reste der gespenstischen Blase im Hintergrund eines Alpentals elendiglich an einer dürren Tanne hängend gefunden hätten. Da war ich enttäuscht und mochte nicht mehr vom Luftschiff sprechen. Duglore und ihr Vater aber lächelten heimlich, daß meine Begeisterung für das fliegende Schiff einem kühlen Schweigen gewichen war. In demselben Kalender stand unter den »hervorragenden Männern aus der Heimat« Hans Konrad Balmer, der große Freund Schulmeister Kaspars, abgebildet. Nun konnte sich Kaspar nicht genug an dem Bilde weiden und zeigte es mir mit freudestrahlenden Augen. Ich vermochte in dem Porträt die vielen menschenfreundlichen Züge, die Kaspar seinem Freunde nachrühmte, nicht zu entdecken; mir schien aus dem Gesicht des Handelsherrn, das mit scharfen Augen aus weißen Koteletten vorblickte, eher ein Mann zu sprechen, der der Welt die Worte entgegenhielt: »Ich bin's! Ich hab's! Ich vermag's! Wer will mir widerstehen?« Aber sonderbar! Der Ausdruck der siegreichen Wucht und Rücksichtslosigkeit in diesem Antlitz fesselte mich stärker, als wenn die Güte mit Engelsstimmen daraus geredet hätte. Oft dachte ich: »Das wär's! Das wär's! Ein Mann wie Hans Konrad Balmer werden!« Als der Schulmeister in diesen Tagen auch noch einen kurzen, aber liebevollen Brief von Balmer erhielt, da kannten das Glück und die Begeisterung der schlichten Seele keine Grenzen. Ein paar Abende ließ er den Hobel ruhen und schrieb dem gefeierten Jugendkameraden eine Antwort, die den Umfang des erhaltenen Briefes reichlich zehnmal übertraf. »Jost, es steht auch von dir drin,« lächelte er, als er das Schreiben unter großer Umständlichkeit vor einer Kerze siegelte, »Hans Konrad und du dürfen keine Unbekannten bleiben.« Aus zwei Kalendern schnitt er die Bilder seines Freundes, zog sie auf steifes, weißes Papier, setzte ein Schutzglas darüber und umgab sie mit einem Rahmen von gemalten Alpenblumen, wie er vorher keinen so kunstreich erdacht und erschaffen hatte. Mit dem einen Bild schmückte er seine Stube, das andere schenkte er mir, und freute sich, als ich ihm sagte, ich hätte es in meiner Kammer aufgehängt. Mit gemütlichen Plauderabenden verging der Winter. Kaspars kluger Kopf strahlte, zuerst über den Brief Balmers, dann über einen größeren Auftrag von Rahmen für Luxustafeln. Darein setzte er nun seinen ganzen Eifer. Ein Kirchenlied pfeifend, legte er wie ein Künstler auf die grüngestrichenen Rahmen Häufchen von Farben: etwas steif zwar entstanden Blumen, wie sie auf unseren Alpen wachsen, Sonnensterne, aus deren goldenem Knopf die weißen, schmalen Blätterstrahlen nach allen Seiten liefen, Soldanellenglöcklein mit dem Gehänge zierlicher Fransen, das Alpenstiefmütterchen mit rundlichem Gesicht und rötlichgelben Tupfen, die Auge, Nase und Mund vorstellen konnten. Wenn es ein recht schöner Rahmen werden sollte, zog er eine Ranke durch die Blumen und setzte darauf noch Vögel wie die Bergammern, die, auf einem Ast sitzend, sich das Gefieder mit dem Schnabel ordnen, oder er war mit den Blumen sparsamer und malte Sprüche auf die Leisten: »Halte Ordnung, liebe sie, Ordnung spart dir Zeit und Müh!« In seiner emsigen Arbeit war er überzeugt, daß die Strophen der Lebensweisheit beitragen würden, einem jungen Menschenkind die Pilgerschaft durchs Tal des Irdischen so weit zu erleichtern, als gute Lehren und gute Grundsätze uns Menschenkindern über die Steine manches Anstoßes hinweghelfen können. Duglörli aber gefiel mir als das Kleinod der Schulmeistersfamilie je länger, desto herzlicher. Es war, als ginge von ihrem lieblichen schmalovalen Gesicht, von ihren dunkeln Augen und ihrem braungoldenen Haar ein lichter Schein, ein Sonnenstrahl der Sauberkeit und Freude durch das Haus. Obgleich zart wie ein Alpenglöckchen, stand sie der kleinen, stillen Mutter hilfreich zur Seite, schaute wie ein jüngeres Mütterchen lieb und geduldig zu den Bedürfnissen der um sie bettelnden kleinen Geschwister, und was sie begann, und was sie tat, das lief ihr leicht und schmiegsam von der Hand. Am reizvollsten aber fand ich sie stets beim Abendlobgesang, wenn der Jubel ihrer Stimme schön und andächtig durch das Kirchenlied drang, als hätte sie Gott eigens für ein großes Glück zu danken. Ohne daß ich ihre Lernstunden besonders bemerkt hätte, ja als ob ihr die Kunst des Spiels anfliegen würde, entfaltete sie sich zur Dorfkünstlerin. Dann und wann begann sie an ihres Vaters Statt die Orgel zum Gottesdienst in der Kirche zu spielen und saß während der Predigt als liebliches Jugendbildnis schön und bescheiden in der Nähe ihres Instrumentes mitten unter den wie aus Fels gemeißelten Bauernköpfen der Emporkirche. Die Gemeinde aber sagte: »Sie spielt heiliger als der Schulmeister selbst. Man meint gar, unter ihren Händen würden die Orgelpfeifen lebendig und priesen aus eigener Seele den Herrn!« Über dieses Lob war niemand glücklicher als Kaspar. »Ja, wenn Duglore in einer Stadt lebte, so würde sie vielleicht gar eine berühmte Sängerin, an deren Spiel und Gesang sich eine Menge Menschen erheben könnte,« sagte er mit Feierlichkeit, »aber es ist auch schon ein Verdienst, daß sie den hartköpfigen Selmattern in die Herzen und in die Gewissen spielt. So spüren sie doch den ewigen Gott!« »Einverstanden,« dachte ich, kränkte mich aber an meinem Kirchennachbar Melchi Hangsteiner, der von unseren Chorstühlen her mit den wasserblauen Augen unter den hellgelben Brauen und Wimpern während des Gottesdienstes wie bezaubert und gebannt nach Duglore starrte, die auf der Emporkirche allen Blicken freigegeben war. An einem Sonntag im ansprießenden Frühling ärgerte ich mich an Melchi und seiner offenkundigen Bewunderung für Duglore so stark, daß ich den Zorn darüber ein paar Tage mit mir trug. Der wird sich doch nicht einbilden, grollte ich, daß für ihn im Garten des Schulmeisters Kirschen reifen. Da schimmerten in Frühlingswinden und Sonnenschein der rostbraune Kopf und die leicht gekleidete Gestalt des Mädchens von der Wiese beim Kirchhof. Sie steckte Wäsche an ein Seil, und wie sie mich auf der Dorfstraße erspähte, rief sie: »Jost, du könntest mir helfen, das Seil weiter an den Bäumen dahin zu spannen.« Ich lief zu ihr; ich wußte aber selber nicht, wie's mich überkam: als sich Duglore just auf die Zehen gestellt hatte und mit ausgestreckten Armen ein Stück blühweißer Wäsche in eine Klammer heftete, umschlang ich die schlanke Lenzgestalt mit meinen Armen. »Der Pfarrer sieht's ja,« bat sie erschrocken, »die Toten sind so nah!« »Und ob,« erwiderte ich mit jäh aufsteigender Lust, »dich will ich jetzt herzen und küssen!« Sie wehrte und sperrte sich; über den Widerstand ereiferte ich mich; mit einer Heftigkeit, die mir selber neu war, die ich aber wonnig und schreckhaft empfand, überwältigte ich die junge Kraft. »Duglörli, rühr' dich, wenn du kannst!« rief ich, ihre junge kindliche Fülle an meine Brust gedrückt. Sie antwortete nicht; sie knirschte nur zornig mit den Zähnen, eine unwirsche Bewegung ihres Kopfes, die dichte, rostbraune Haarflut löste sich, streifte mein vorn übergebeugtes Gesicht; ein feiner Duft strömte daraus, der mich berauschte. Zwischen Hals und Mieder drängte ich mein Gesicht in wilden Küssen. Endlich gab ich die Erschlaffte frei – und wunderte mich selber des tollen Überfalls. Duglore sprach nicht, sie weinte nicht. Wie gebrochen und betäubt lehnte sie an dem Gartenzaun und nestelte mit krampfhaft erbebenden Fingern das Mieder zusammen. Ihr totenblasses Gesicht schaute wie zerstört durch die niedergeglittenen Haarsträhnen; ein brennendes Leid stand in den schreckhaft großen Augen, eine Trauer wie der Tod. Herzklopfende Reue, rieselnde Angst um das Mädchen mischte sich mir in das Wonnegefühl des jähen, jugendlichen Kraftausbruches, ich mußte etwas sprechen, tun. Mit einer Weichheit und Zartheit, die ich mir vorher selber nicht zugetraut hatte, hob ich mit der Hand das schlaff hängende Haupt des Mädchens; wie eine Träumende gab sie meiner sanften Bewegung nach, sich halb an mich lehnend, die Lider über den Augen geschlossen, ruhte sie. »Duglörli,« flüsterte ich und strich ihr die Haarsträhnen aus dem blassen Gesicht, »ich habe dich ja aus innigstem Herzen lieb, Duglörli – ich nehme einmal kein anderes Mädchen zur Frau als dich.« Da schlug sie wie aus wehem Traum die dunkeln Augen zu mir empor, lächelte mit zitterndem Mund und begann, vollends zum Bewußtsein gelangt und sich willenlos an meine Brust lehnend, zu weinen und zu schluchzen. »O Jost,« stotterte sie, »wie hast du gut geredet! Ich könnte ja sonst nicht leben in der Schande, die du mir angetan hast; in die Selach müßte ich springen. Was sind das für tolle Geschichten!« Und weinend und lachend fing sie an, viel Törichtes und Liebes zu stammeln. »O, du jähes Blut! Ich habe aber schon lange gewußt, daß du ein Wilder bist! Das habe ich gewußt, wie du von dem Luftschiff, dem Teufelszeug gesprochen hast. Und immer, immer! Nun du aber gesagt hast, du liebest mich, so liebe ich dich auch! Und habe dich stets geliebt und will dich noch mehr lieben. Ich liebe dich ewiglich.« Sie dachte nicht mehr daran, daß der Pfarrer es sehen könnte, und daß die Toten nahe seien; sie stand nur demütig wie eine Magd. Von diesem blühenden Lenztag an waren wir Stillverlobte! Duglore ging in ihrer jungen Liebe, als trüge sie eine Krone von Gott; der Abendlobgesang strömte noch brünstiger von ihren Lippen, durch ihre Orgeltöne rauschte das Jauchzen ihrer Seele, und es war eine feine jugendliche Würde an ihr, die mein rasches, gärendes und brausendes Blut bezähmte und mich ihr nur noch anstandsvoll begegnen ließ. In meiner eigenen Liebe aber begrub ich alles quälende Sehnen nach den Bildern der Welt. Ich wollte, wie es der Wunsch meines Vaters war, ein stiller Bauer im Selmatter Tal werden und dachte nicht daran, daß ein im Blauen ziehendes Luftschiff ein Menschenschicksal umstürzen kann. VI Gottlobe kommt lange nicht! Der alte Hangsteiner sei nicht so wohl, telegraphiert mir Hans Stünzi, aber in einigen Tagen sei's wahrscheinlich wieder gut. Wenn nur das Wetter schön bleibt! In den Lüften herrscht die große, selige Ruhe des Spätherbstes, Altweibersommer. Wenn es auch Nachts auf meinem Gipfel schon frostet, der Lärm des Vogelzuges, der den Winter kündet, in die Stille meines Observatoriums dringt, so sind doch die Tagstunden prächtig. Der bis zum Montblanc und Großglockner, zum Monte Viso und den Vogesen gehellte Himmel strahlt wolkenlos in tiefer Bläue, die wasserhelle Glaskugel meines Sonnenscheinmessers brennt vom Morgen bis zum Abend auf das untergelegte Papier eine zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich kräftige Linie, das Barometer regt sich nicht, und die vier über dem Gipfel ausgereckten Arme des Anemometer, die mit ihren metallenen Schalen den Wind wie mit offenen Händen auffangen, spielen kaum merkbar mit der leise aus Osten drückenden Luft. Das Wetter bleibt gut. Gottlobe wird also kommen. Sobald der Abend sinkt, zieht es mich mächtig zu meiner begonnenen Lebensbeichte, und wenn ich einmal darein vertieft bin, läßt sie mich nicht sobald wieder los. Ich schreibe oft bis in die Morgenstunden und muß selber staunen, wie frisch und lebendig die Bilder der Jugend im Spiegel der Erinnerung auferstehen. Wie ein schönes, altes Lied greifen sie mir ans Herz! Es gibt aber Wesen, die mit meiner Schreiberei nicht einverstanden sind. Vor allen »Flock«, mein weißer Spitzer, mein Herzkamerad, nicht. Ich habe das Tier damals, als ich im Hause Melchi Hangsteiners langsam von meinem zerschmetterten Beine genas und es wieder in die Sonne spazieren führte, von einem durchs Gebirge hausierenden slowakischen Mausefallenhändler gekauft. Flock begleitete mich auf den Berg und die guten und die bösen Stunden haben wir in sieben Jahren miteinander geteilt. Wir haben schon, wenn die Vorräte gegen den Frühling knapp wurden, miteinander gehungert; wir haben uns, wenn die Kerzen ausgingen, im Dunkeln miteinander unterhalten; Flock begriff, verstand alles und war mir auch in den öden Zeiten des Drahtbruchs Tröster; vieles hat er schon erlebt, nur das nicht, daß ich ihn vernachlässige. Aber jetzt, wenn ich an meiner Beichte schreibe. Kein Wort, keine Liebkosung! Gestern abend hob er sich mit den Pfoten auf mein Knie, dann auf meinen schreibenden Arm und versuchte spielend den ihm verhaßten Federhalter mit der Schnauze aus meiner Hand zu zerren. »Leg dich, Flock!« Als er dem Befehl wimmernd folgte, da heftete er die beredten Augen wehmütig auf mich: »O Herr, was hast du für Anwandlungen!« Denn Flock ist gescheit wie ein Mensch; nur schade, daß ihm die Zunge gebunden ist. Mit ihm trauern über ihren Herrn, der in seine Lebensgeschichte versonnen ist, »Pück«, die Dohle mit dem lahmen Flügel, die ich, ein Scheit werfend, einem über dem Gipfel aufschwebenden Weih habe abjagen können, und »Mi«, die Bergmaus, die sich von selber zu mir gefunden hat, und wenn ich pfeife, auf meine Hand springt und den Nußkern zwischen den Fingern holt. Mein liebes, betrübtes Dreiblatt von Freunden, ich kann euch nicht helfen. Die Gestalten meiner Jugend winken mir, meine Duglörli ruft ihr silberhelles, sanftes: »Jost!« – Der Vater war von seiner Wanderschaft so wohlgemut heimgekehrt, als es seine mürrische Sinnesart zuließ. Zur Feier des Wiedersehens besuchten wir am Sonntag den Gottesdienst, das erblühende stille Grab der Mutter, nahmen darauf in der »Gemse« einen Trunk und traten zum Mittagsimbiß, den uns eine Nachbarin kochte, wieder in unser Haus. Die kurze Frist vor dem Mahl benutzte der Vater, um durch alle Räume des Hauses zu gehen und nachzusehen, wie sie im Stande gehalten seien. Als er aber in mein Schlafgemach kam und das Bild Hans Konrad Balmers bemerkte, stieg der Ärger in seine Züge. Sein Auge schoß mit einem Blitz zornigen Mißtrauens von dem Bild, das in dem von Schulmeister Kaspar verfertigten hübschen Rahmen an der Wand hing, auf mich zurück. Ingrimmig keuchte er mir zu: »He, was soll das?« »Ich mag den Mann,« erwiderte ich mit der Ruhe meiner jungen Männlichkeit, »wenn du mir schon nie von ihm erzählt hast, so weiß ich von Schulmeister Kaspar« – Der Vater machte aber eine Gebärde, daß er nicht hören wolle. »Da wird ein Ränkespiel hinter meinem Rücken aufgeführt, he,« knurrte er kalt und verhärtet. »Du magst Balmer – ja, ja – und er mag dich.« Damit brach er das Gespräch und den Rundgang ab; verstimmt wandten wir uns beide in die Stube zum Mittagstisch, ich ertrug aber die stumme Spannung nicht, legte den Löffel neben meinem Zinnteller auf den Tisch und sagte: »Vater, ich habe diese Art Zusammenleben satt. Du brauchst den Ärger nicht still hinunterzuwürgen, und ich bin groß genug, daß du mit mir sprichst.« »So, du reißest jetzt schnell den Anlaß vom Zaun, um mit mir zu brechen,« schnob er und erhob sich. »Geh doch morgen schon nach Hamburg, wenn du glaubst, es sei dir mit dem Fluch deines Vaters wohl draußen in der Welt. Natürlich hat der Schulmeister in deinem Auftrag geschrieben und Aufhebens von dir gemacht. Geh, du Unflat du!« »Vater, ich weiß nicht, was Schulmeister Kaspar geschrieben hat, von einem Auftrag noch weniger,« erwiderte ich blaß vor Zorn und sprang empor. Da wurde er doch stutzig, räusperte sich und knurrte: »Aber ich weiß es!« »So sprich, Vater, was ist denn?« drang ich auf ihn ein. »Nun,« versetzte er etwas gelassener, »ich hab' dir absichtlich nie erzählt, daß ich jedesmal, wenn ich dort in den Meergegenden mit Tafeln hausiere, Balmer von meiner Anwesenheit wissen lasse. Er kommt dann auf eine Stunde in mein Gasthaus, und ich muß ihm von Selmatt und Schulmeister Kaspar berichten. Dem tu ich's zuliebe und Balmer ein wenig. Wir sind ja alle drei Schulkameraden. Also, wie mich Balmer vor ungefähr zwei Monaten wieder im Gasthaus besuchte, da fragte er gleich: ,Ist's wahr, Klaus, ist dein Junge, der Jost, ein so heller Kopf? Und er erzählte von dem Brief des Schulmeisters und sagte darauf: ,Gib mir den Buben, den Jost in die Lehre! Meine Frau wünscht es auch!' Das hat er gesagt, und nun möcht' ich wissen, Jost, hast du das eingefädelt oder nicht? Das Bild hat mich auf den Gedanken gebracht.« Er blickte mich mißtrauisch an und begann wieder: ,Jost, ich habe dich all mein Lebtag zum Bauern bestimmt! Du wirst doch nicht zu Balmer gehen wollen?« Bohrend und fragend haftete sein Blick auf mir. Ich war von dem Plan Balmers, mich nach Hamburg zu ziehen, so überrascht, daß ich eine Weile stumm blieb. »Welt, Welt!« wollte eine Stimme in mir emporjubeln. Da schwebten aber die sanften Augen Duglores vor meine Seele; ich streckte dem Vater, der sich schon in wütender Kränkung von mir wenden wollte, die Hand hin. »Ich verspreche es dir jetzt vor unserem Herrgott, Vater,« sagte ich laut, »daß ich ein Bauer und Älpler in Selmatt bleibe bis an meinen Tod!« Wir drückten uns stumm die Hände, schauten uns gegenseitig lang und stark in die Augen, dann fand der Vater zuerst das Wort. »Jost, ich habe dir die Jugend nicht leicht bereitet,« keuchte er, »aber es hat geholfen. Dein Blut ist zahm und verständig.« »Nicht wegen deiner Schläge,« wollte ich erwidern, »sondern weil ich eine junge Liebe im Herzen trage.« Ich sah aber, daß ihm das Wasser in die Augen trat vor Bewegung und Glück. In einer Eintracht, wie sie noch nie zwischen uns geherrscht hatte, nahmen wir den durch den Streit unterbrochenen Imbiß wieder auf, und als der Vater wieder etwas Herr seiner Rührung geworden war, versetzte er weich: »Ich denke, Jost, daß wir noch viele schöne Jahre miteinander verleben; auf die Wanderschaft geh' ich jetzt nicht mehr, in den letzten zehn Jahren ist das Geschäft übers Bohnenlied schlecht geworden.« Indem er sich zusehends ermunterte, begann er ein Gespräch, das seit einem Jahr oder zweien seine Lieblingsunterhaltung war; nämlich das von meiner späteren Verheiratung. »Nein, über den Graben bist du noch nicht, Jost. Es kommen jetzt noch die Weibergeschichten. Da hat es schon manchem die Hand in eine Mühle gezerrt, in die er nicht hätte hineingeraten sollen. Wahr bleibt aber: ein Haus ohne Weib ist wie eine Rauchkammer, in der kein Speck hängt.« Und er sprach vorsichtig darum her, daß ich einmal eine Frau nehmen solle, die er mir unter den Töchtern des Landes auswähle. Das ging mir aber schlecht in den Kopf. »Vater, was sagtest du dazu, wenn ich ein Auge auf Schulmeisters Duglore würfe?« fragte ich keck. »Die Duglore – die Duglore!« antwortete er, den Kopf nachdenklich wiegend. »Sackerlot, Jost. Das Mädchen ist schon recht, aber« – er machte die Bewegung des Geldzählens – »da fehlt's ein wenig. Sonst habe ich nichts gegen den Schulmeister oder das Kind; es hat mir auch gefallen, wie sie heute morgen die Orgel geschlagen hat. Schau dich aber noch zwei oder drei Jahre unter den anderen Mädchen um, Jost, vielleicht findest du eine, die dir grad so gut gefällt und reicher ist als Duglore. Gilt dann aber noch das Glörli, wohlan, so schicke ich mich drein. Das Kind ist mehr wie recht, und Kaspar ist uns stets ein treuer Nachbar gewesen.« Ich hätte dem Vater über seiner Rede um den Hals fallen mögen, denn ich hatte gefürchtet, es würde zwischen mir und dem Manne, der nur auf Geld und Gut hielt, zu einem scharfen Strauße kommen, wenn ich von Duglore spräche; nun aber hatte er die Rede gelassen, ja halb zustimmend hingenommen, und als wir den Sonntagnachmittag mit einem weiten Spaziergang über unsere Bergäcker ausfüllten, da blickte sogar einmal eine stille Weltzufriedenheit aus seinem sonst ewig säuerlichen Wesen. Still und friedlich lebten wir vom Frühling in den Sommer hinein; er schaute zu Korn und Acker, ich trieb mit Duglore das Vieh auf die Bodenalpe. Wenn es die Gelegenheit gab, so kam er etwa zu Besuch, um nach mir und dem Stand der Kühe und Rinder zu sehen, und lief ihm dann Duglore in die Quere, hatte er gewiß ein scherzendes und wohlwollendes Gespräch für sie, das ihm niemand im Dorf zugetraut hätte. Duglörli aber schaute darüber mit jauchzenden Augen in die Welt, litt dann und wann von mir einen heimlichen Kuß und flüsterte glückselig: »O Jost – du mein lieber Jost!«, und ich selber glaubte an viele schöne Jahre, die Duglore, mir und dem Vater beschieden wären. Vor- und Hochsommer wandelten mit blauem Himmel, Sonne und Blumenpracht vorbei, über die Bodenalpe klang der Juchschrei der Sennen, Duglörli selber jodelte am Morgen und Abend wie ein Singvogel in die Welt, niemand war unglücklich, als Melchi Hangsteiner, der Wildheuer, der wohl spürte, daß er das Mädchen an mich verloren geben müsse, und Augen voll fressenden Neides auf mich heftete. Als aber der August kam, fiel langes, schreckliches Unwetter in die Berge ein. Gewitter mit Blitz und Donnerschlägen krachten die Lehnen dahin, eins löste das andere ab, sintflutartige Regen folgten sich Tag auf Tag, die in einen Sumpf verwandelte Bodenalpe lag im naßkalten Nebel, und wenn er zerriß, sah man an den Felsen des Feuersteins Sturzbäche wie zur Zeit der Schneeschmelze. Bald regnete es wieder unaufhörlich, brüllend und mit erhobenen Schweifen rannte das Vieh über die Alpe oder schaute, dicht aneinandergedrängt, unter den triefenden Schirmen der Wettertannen hervor, und manchmal hatten wir Mühe, die vom Blitz erschreckten Herden beisammenzuhalten. »Jost, hätt' ich dich nicht, umkommen müßt' ich auf der Alp,« scherzte Duglore trübselig und sah mir beinahe neidisch nach, als ich eine Last Käse nach Selmatt hinunterzutragen hatte. Im Dorf traf ich merkbare Unruhe, und mit ingrimmigem Humor fagte der Vater: »Nun der Schieferhandel hin ist, geht auch der Bruch zugrunde. Im Werk seufzt es und kracht und dröhnt es, daß sich kein Mensch mehr hineinwagt. Sei froh, daß du einen gescheiten Alten hast, Jost, der beizeiten Grund und Boden kaufte. Das Bauernhandwerk wird jetzt über den Tafelnhandel Trumpf!« Als ich aber mit einer wohlgeschützten Last Brot auf die Alpe zurückstieg, flog mir, einen Männerfilz auf den Kopf gestülpt, über die Schultern einen alten Soldatenmantel geworfen, Duglore durch den strömenden Regen entgegen: »Man verlangt nach dir, Jost,« rief sie bekümmert. »Es sind alle Männer der Alp aufgeboten. Hinten gegen den Feuerstein hat sich eine Spalte gebildet, da muß dem Wasser gewehrt werden, das vom Berg darein stürzt.« Mit einem Viertelhundert anderer Männer arbeitete ich die Nacht dahin bei Laternen- und Kienfackelschein. Das ganze Dorf aber hätte nicht genug der hölzernen Kanäle bauen, zimmern und legen können, um die Wasserfluten des Feuersteins über die Spalte zu leiten. Sie klaffte breiter, sie wuchs in die Länge, die Mannschaftsaufgebote waren umsonst, in wenigen Tagen konnte man längs des Feuersteingebirgs den Erdbruch eine Viertelstunde weit verfolgen. Seine Ränder verschoben sich, der hintere schien in die Höhe zu steigen. Richtiger war aber wohl, daß der vordere sank, mit ihm die Alpe Boden und der Tafelberg, auf dem sie ruhte, nur spürten Menschen oder Vieh von der langsamen Senkung nichts, die sich bloß in mannigfaltigen äußeren Zeichen kundgab. Als ein Sonnenblick die Wolken durchkreuzte, kam Duglore voll Entsetzen zu mir gerannt: »Denk dir doch, Jost,« rief sie, »aus der Tür unserer Hütte sieht man den Turmknopf der Kirche von Selmatt, den man vorher nicht hat sehen können. Komm, blick selber hin! Mir ist himmeltodesangst!« Die Entdeckung Duglörlis bestätigte sich. »Sei nicht so kaltblütig, Jost,« jammerte sie. »Sollten wir nicht mit dem Vieh nach Selmatt hinunterziehen?« »Was hilft's?« erwiderte ich. »Wenn der Tafelberg stürzen will, ist die Gefahr im Dorf nicht kleiner als auf dem Berg. Hören wir, was die Boten berichten, die von Selmatt auf die Alpe steigen!« Die Boten meldeten aber nur neuen Schrecken. Ein Block, so groß wie ein Kleiderkasten, sei vom Tafelberg mitten ins Dorf geflogen, habe das Kirchendach durchschlagen und liege jetzt, halb in den Boden gegraben, neben dem Taufstein im Gotteshaus. Es sei ein Anblick gewesen, wie wenn der Stein aus dem Felsen des Tafelbergs gequetscht oder gestoßen würde, und als er am Kirchturm vorüberflog, hätten im Luftzug die Glocken, zuerst die kleinen heftig, dann selbst die große mit schwerem Ton angeschlagen. Dieses Läuten ohne Menschenhand hätte einen jähen Schrecken im Dorf verbreitet, viele Selmatter hätten ihre wertvolleren Sachen zusammengepackt und sich zur Flucht nach Zweibrücken gerüstet; ja zwei Familien seien wirklich geflohen. Den anderen aber sei der Gemeinderat entgegengetreten, er habe sie beschworen, im Dorf zu bleiben, bis die Abgeordneten des Landrats und die von ihm zugezogenen Gebirgstechniker, die unterwegs nach Selmatt seien, gesprochen hätten. Je nach ihrem Ratschlag wolle man handeln, und wenn eine ernstliche Gefahr bestehe, Dorf und Alpe räumen, aber sich nicht durch eigenmächtige Entschlüsse in der Stunde der Not und Gefahr trennen. Nun waren die Abgeordneten und Techniker da. Über die gefahrdrohende Spalte spannten sie Papierstreifen, die Streifen strafften sich und rissen nach einigen Stunden. Der Berg »lief« also noch stetig, er senkte sich, wie die Sachverständigen sagten, auf der schiefen Ebene einer Schieferschicht des Feuersteins, an die der Tafelberg angelehnt war. Und des Beratens war kein Ende. Da fiel aber mitten in die Untersuchungen ein Trost, der die Fachleute wie die Laien beruhigte. Aus den Wolken trat, vom Neuschnee, der in den Gewittertagen gefallen war, frisch versilbert, der Feuerstein hervor. Aufatmend begrüßten die verängstigten Gemüter das von einem Windwechsel begleitete Gutwetterzeichen, in der Nacht fegte der Ost die Regenwolken aus dem Gebirge, über die vor Nässe triefenden Berge leuchtete die Sonne. »Die augenblickliche Gefahr ist vorüber,« ging's von Mund zu Mund, »und mit dem guten Wetter kommt die Bewegung der Alpe langsam zum Stehen. Da sei Gott gepriesen, wir können doch in Frieden Dank-, Buß- und Bettag feiern.« Denn das stillste, feierlichste Fest im frommen Gebirgsland stand bevor. Am Vorabend des Tages wanderten die Abgeordneten und Techniker mit dem Versprechen wiederzukehren, talaus, um den Feiertag mit den Ihrigen zu begehen; am Berg und im Dorf wurden einige Mann Wache aufgestellt, und Schulmeister Kaspar brachte uns die Abrede der Väter wegen der Viehhut am heiligen Fest. »Jost,« versetzte er, »du gehst am Morgen mit deinem Vater zur Kirche; du,« wandte er sich zu Duglore, »bleibst bis zur Mittagszeit beim Vieh auf der Alp, dann kommt Jost wieder, und du steigst ins Dorf hinab.« »Und das Orgelspiel?« fragte Duglore beklommen. »Ich spiele zum Morgen-, du zum Nachmittaggottesdienst,« antwortete der Schulmeister. Obgleich Duglore gern Einwendungen erhoben hätte, blieb es bei dieser Abrede. In der strahlenden Sonntagsfrühe begleitete sie mich noch ein Stück Weges und brachte es fast nicht übers Herz, sich von mir zu trennen. »Es ist mir stets, ich sollte dir noch etwas sagen, Jost,« versetzte sie kleinlaut, »ich bleibe in dieser gefährlichen Zeit nicht gern ohne dich auf der Alpe zurück,« und zerdrückte eine Träne. »Aber sei kein Närrchen, Kind,« erwiderte ich, »wozu Furcht? Sieh, was ist es für ein ruhiger, stiller Tag!« »Ich will Lieder aus dem Kirchengesangbuch singen,« tröstete sie sich selbst und nahm endlich Abschied. Winkend weilte sie aber noch lange am Berghang. – »Ich gedenke also bei diesen ernsten und bösen Zeiten nicht auf Reisen zu gehen,« sagte der Vater beim Morgenbrot. »Im übrigen hat man wieder Zuversicht in das Schicksal des Dorfes. Selbst die beiden geflüchteten Familien sind zurückgekehrt.« Da erhoben die Glocken von Selmatt ihr Feiertagsgeläute. Die niedersteigenden Bergwege und die Dorfstraße daher strömte das dunkelgekleidete Volk in die Kirche: die eisenharten Selmatter Bauern und Älpler, die sich vor nichts beugten als vor den Gesetzen des Landes und dem Geheimnis des Glaubens, die Frauen und Mädchen, die Betbuch, weißes Tüchlein und irgendein wohlriechendes Gartenkraut in den Händen trugen. Unter dem Ahorn sammelte sich das von sonnigem Gipfel überleuchtete Bild und bewegte sich in die geöffnete Kirchentür. Mitten im Volk gingen im besten Sonntagsstaat mein Vater und ich. Es verhallten im Turm über uns die Glocken. Es verhallte das Grabgeläute des Dorfes Selmatt. VII Ich besann mich eben auf Worte, um die schreckliche Stunde zu schildern, in der meine Heimat unterging. Da regte sich der Telegraph. Freudig meldete mir Hans Stünzi, er werde mir morgen Gottlobe zuführen. Ich legte vor Glück und Erwartung die Feder nieder. Die Pause tat mir wohl. Die Beichte greift mich an, und ich muß zu mir selber sehen, daß ich die meteorologischen Pflichten nicht wie die selbsttätigen Instrumente bloß mechanisch erfülle, denn vom Morgen bis zum Abend lassen mich die Gedanken nicht los, wie ich nach vollendetem Tagewerk die Geschichte meines Lebens in verständliche Worte gestalte. Ich atme, lebe und schwebe in der selbst gestellten Aufgabe. Dieses Sinnen und Planen hat mir glücklich über die schweren Tage hinweggeholfen, an denen mein sehnsüchtig erwarteter Besuch, Gottlobe, wegen der langsam vorrückenden Genesung Melchi Hangsteiners nicht kam. Nun aber war mein Liebling mit Hans Stünzi zwei köstliche Tage da! Im kühlen, sonnigen Morgen machte ich mir an den Blechrädern des Windmessers auf dem Gipfel zu schaffen und spähte lange vor der Zeit nach dem aus der Tiefe emporsteigenden Wanderpaar. Gegen zehn Uhr schlug Flock, der Spitzer, freudig an. Sein seines Ohr mochte bereits, einen Jauchzer Hans Stünzis gehört haben. Endlich schwenkten die beiden Steigenden um die Felsenecke. Gottlobe war in ihrem kurzgeschürzten, graublauen Wollkleid die frischeste, straffeste Bergsteigerin, die je auf den Feuerstein gekommen ist. Wie sie geht und steht, wie sie den Schritt auf den Felsen nimmt, wie ihr der Rucksack die jugendliche Büste lebensvoll herausdrängt, der Bergstock elastisch durch die Hände gleitet, ist ein reizvolles Schönheitsspiel. »Herr Quifort,« rief mir die leicht Heranschreitende entgegen, flog mit einem jubelnden Schrei, der ihr heißblütiges Temperament verriet, dem Lehrer voran, eilte zu mir her, streckte mir beide Hände hin, und wie ich ihr, als alter galanter Herr, den Rucksack von den Schultern schnallte, lachte sie entzückend lieb und hell: »Nein, die Artigkeit verdien' ich wahrlich nicht. Sie denken natürlich im stillen, ich sei eine häßliche Kröte, daß ich so lange ausgeblieben bin.« Ernster fuhr sie fort: »Es ging früher wirklich nicht, der Vater war zu krank. Nun aber, wie freu' ich mich! Ich habe ein herzliches Heimweh gehabt, Sie wieder zu sehen. Die Erlaubnis gab sich nicht leicht. Der Vater ist eben von jeher etwas eigensinnig, er hat in einem fort über Ihr Brieflein gemurrt und geknurrt; aber was vermag ein Vater, wenn ein Wildfang zu Berge steigen will!« Sie jubelte wieder in hellem Jugendübermut. Daß ich meinen Liebling nicht an die Brust riß und küßte, daran war bloß Hans Stünzi schuld, der just grüßend zu uns trat. Ich wartete meinen jungen, vom Marsch hungrigen Gästen im Observatorium mit einem Imbiß auf. Der Appetit der beiden war meine Freude. Als ich mit einem frisch aufgefüllten Teller luftgedörrten Fleisches, das ich in durchsichtige Blättchen geschnitten hatte, aus der Vorratskammer in mein Stübchen zurückkam, stand auf meinem Tisch der herrlichste Herbststrauß aus Gottlobens Rucksack, samtbraune Aurikeln, Astern, Reseden und brennendrote, große Nelken, wie sie einst vor den Fenstern meiner Mutter blühten. Um meine Fenster hin glühte ein Gehänge von Herbstfrüchten aus Feld und Wald; Beerendolden des Pfaffen- und Berberitzenstrauches funkelten rot zwischen den Zweigen duftüberhauchter stahlblauer Schlehen, und zwischen Tannenästchen mit reifen Zapfen leuchtete der milde Glanz der Silberdistel. Weben und Leben und Segen der Natur umfingen mich auf meinem Felsen, dem kein Samenkorn entsprießt. »Es ist aber heute gar nicht mein Geburtstag, Kinder,« rief ich freudig in die schimmernde Pracht. Glückliches Lachen antwortete dem meinen. »Leider eine Abschiedsfeier,« versetzte Hans Stünzi. »Wir wünschen, daß Sie es sich über den Winter gut gehen lassen auf dem Berg. Wenn er nicht ganz verrammelt und verschlossen ist, komme ich, mit Ihnen das Neujahr zu begehen.« »Und ich sag's Ihnen jetzt schon,« scherzte Gottlobe mit innigem Gemütslaut: »Alles Liebe, alles Erfreuliche, alles, was Ihr Herz erheben kann, mit Ihnen, unserem Wetterwart, ins neue Jahr! Dazu ein fröhliches Unsergedenken, wie auch wir Ihrer allzeit gedenken.« An den kleinen Imbiß schloß sich eine Besichtigung des Observatoriums, das drei niedrige Stockwerke hoch aus den schützenden Felsen schaut. Im meteorologischen Bureau erklärte Hans seiner Begleiterin das kunstreiche Spiel der graphischen Apparate, die von Uhrwerken bewegt mit ihren Stiften die Temperatur, den Feuchtigkeitsgehalt, die Druckverhältnisse der Luft, die Bewegung und Stärke der Winde für jeden Tag, für jede Stunde und Minute des Jahres in Linien auf Walzen oder Schirme zeichnen. Gottlobe bewies ein lebhaftes Verständnis für die Instrumente, die mit der wissenschaftlichen Bücherei das Erdgeschoß einnehmen, lebendiger aber erwachte ihre Teilnahme im ersten Stock, in meinem guten Stübchen, in dem eine Menge Erinnerungen meiner Vergangenheit in Zeichnungen, kleinen Gemälden, fremdländischen Gebrauchsgegenständen und in einer Bibliothek von Dichterwerken gesammelt sind. »Und diese wundervollen Landschaften kennen Sie alle und haben Völker gesehen, die mit so merkwürdigen Gesichtern und bunter Tracht aus den Gemälden schauen?« fragte sie mit leuchtenden Augen. Als ich aber mein anstoßendes Schlafzimmer öffnete, in dem auch ein Bett für Hans steht, wurde sie vor dem schlichten Jugendbild ihrer Mutter ganz still. Erst nach einer Weile versetzte sie mit tiefer Innerlichkeit: »Meine Mutter hat Sie von der Zeit her, da Sie bei uns krank lagen, auch sehr lieb gehabt, Herr Quifort.« Dann haftete ihr Blick überrascht auf einem Ölgemälde. »Dieses Frauenantlitz ist wohl nur von einem Maler ersonnen,« versetzte sie in nachdenkendem Zweifel, »so viel Schönheit und Güte kommen doch nicht in einem einzelnen Frauengesicht zusammen.« »Doch, Gottlobe,« lächelte ich von Erinnerungen bewegt, »das Bild ist sogar sehr gut. Die Dame hieß Abigail Dare und war mir eine teuere Freundin!« Gottlobe und Hans schauten etwas verwundert, ich aber führte meine Gäste rasch ins zweite Stockwerk. »In diesem Gemach sind nichts als Kisten mit Überbleibseln aus früheren Zeiten,« bemerkte ich, »aber hier. Gottlobe, ist für dich das Gastzimmerchen gerichtet.« »Wie hübsch ist es ausstaffiert,« rief sie. »Dieses Bild ist Selmatt vor dem Bergsturz?« Ich nickte, Hans aber besprach die Zeichnung mit großer Ausführlichkeit. »Was das merkwürdigste ist,« lachte Gottlobe am Schluß unseres Rundganges froh gelaunt, »man vermißt in Ihrem Berghaus kaum das Walten einer ordnenden Frauenhand. Hübsch ist alles an seinem Ort.« »Dafür ist man alter Junggeselle,« scherzte ich. Aus dem Observatorium trugen wir das muntere Geplauder in den flutenden Sonnenschein des Gipfels hinaus und ergingen uns an den Bildern der hell und weit aufgeschlossenen Erde. Auf dem Rasen sitzend, begann das Paar Lieder zu singen, nach dem Mittagsmahl aber bezeugte Hans Stünzi einen feinen Takt des Herzens, für den ich ihm dankbar war. Er nahm das schöne Wetter des ersten Novembertages und ein paar Naturstudien, an denen ihm gelegen sei, zum Vormund, um eine weite Wanderung über die Gräte und Spitzen des Feuersteingebirges anzutreten, und ließ mich so auf gute Art mit Gottlobe allein. Nun konnten wir zwei uns nach Herzenslust aussprechen. Wäre sie wohl nicht lieber mit Hans gegangen? Nein, sie ist auch gern bei mir geblieben. Die Anregung zu unserer Unterhaltung gab er uns selbst, denn aus weiter Ferne klang durch die feierliche Gebirgsstille sein reiner, voller Tenor: »Du liebes Aug', du schöner Stern, Du bist mir nah und doch so fern!« Gottlobe horchte verträumt. Sie erinnerte mich in diesem Augenblick an Duglore, an die Gespielin, an die Verlobte meiner Jugend, doch hat sie keine rost-, sondern kastanienbraune Flechten, und trägt, ins jugendlich Weibliche verfeinert, die Spur des Wildleutebluts. Die Augen haben einen lebendigen Strahl; ihr Antlitz schimmert von jener warmen Schönheit, die aus einer starken, spannkräftigen Seele kommt, und ihre Bewegungen verraten das Feuer ihres Temperaments. Ich möchte das junge, schöne Menschenkind nur sehen, wenn ihr die Seele über einer großen Liebe erblüht. Ja, ja, Hans Stünzi, wer da einmal wecken darf, was noch schlummert, und Gottlobe lieben, der ist gewiß ein glückseliger Mann. Als sie spürte, wie meine Gedanken um ihre Gestalt schwebten, schlug ihr eine rote Welle in die Wangen. »Nicht wahr, das Lied von Aug' und Stern, das Hans singt, gilt dir, Kind,« lächelte ich und stürzte sie damit in eine noch reizendere Verwirrung. »Es ist weder sein noch mein Glück,« versetzte sie, den Blick senkend. »Mich erbarmt Hans Stünzi, er erfährt in Selmatt nicht viel Gutes und leidet unter dem harten Hochmut der Bauern. Ihre Freundschaft, Herr Quifort, ist sein einziger Sonnenblick.« Leis und fein erbebte die Stimme. »Vater Hangsteiner wird ihm doch gewogen sein?« fragte ich etwas heuchlerisch. »Der!« stotterte sie. »Er ist gegen den Lehrer der Schlimmste, er nennt ihn nur den Hungerleider im Schulhaus, und dagegen, daß ich mit ihm auf den Feuerstein steige, hat er bis zuletzt Einwendungen erhoben. Ich habe ihm bei Himmel und Hölle versprechen müssen, daß ich mit dem Lehrer nur Gleichgültiges plaudere.« »Und hast du es gehalten?« fragte ich. Sie nickte, sie lächelte, sie stammelte: »Ich darf doch nicht meinerseits Hans Stünzi« – Sie vollendete den Satz nicht, ein hilfloses Zucken, das kein Lächeln und kein Weinen war, ging um ihren Mund. »Du darfst doch Hans Stünzi nicht von dir aus sagen, daß du ihn liebst,« ergänzte ich ihr abgebrochenes Wort. »Das meinst du, Kind! Hast du ihn denn wirklich so lieb?« Errötend nickte sie stumm und schwer. »Seit langem,« rief sie mit flammenden Augen, »ist er alles, woran ich sinnen und denken kann! Ich bin deswegen zu Ihnen gekommen, Herr Quifort. Die Mutter hat es mir in der Sterbekrankheit auf die Seele gebunden, daß ich auf keinen lebensentscheidenden Schritt, keine Verlobung eingehe, bis ich mich mit Ihnen beraten habe. Meine Mutter hat Sie eben sehr lieb gehabt und groß von Ihren Lebenskenntnissen gedacht, während sie vom Vater wußte, daß er manchmal etwas kurz und eigensinnig in seinen Ansichten ist. Aber helfen werden Sie mir nicht können, sage ich mir selber.« In den dunkeln Augen erloschen die Lichter, stand schmerzliche Hoffnungslosigkeit; ich aber konnte nicht sprechen, weil mich die Erinnerung an ihre Mutter erschütterte. »Da ist jetzt der junge Viehhändler Böhninger von Zweibrücken, der immer zu uns ins Haus gelaufen kommt,« entlud sie ihr Herz. »Der Vater schwört nicht höher als auf den! Nun reden und flüstern die beiden zusammen, wie hübsch und gescheit es wäre, wenn der Bursche mein Mann würde, als Schwiegersohn den Hof übernähme und der Vater nur noch die Oberaufsicht behielte. Ich mag aber Böhninger nicht. Er kann ein rechter und tüchtiger Bauer sein, aber wie süß er tun will, spüre ich doch überall den rohen Viehhändler heraus. Lieber, als daß ich ihn nehme, gehe ich aus dem Hause fort und werde in St. Jakob Magd und warte auf Hans Stünzi, der wohl durch Gottes Güte einmal eine bessere Stellung finden wird. Jetzt ist an eine Liebe nicht zu denken. Lehrer in Selmatt! Das reicht zum Sterben, aber nicht zur Ehe.« Mutlos schwieg sie, ließ das Köpfchen hängen und suchte die hervorquellenden Tränen zu verbergen. Ich nahm ihre Hand und sagte ernst: »Nein, die Todsünde begeh nicht, Kind, daß du aus Kleinmut oder aus Gefälligkeit gegen den Vater einen Mann nimmst, den du nicht liebst. Du darfst dich nicht lebendig begraben! Um deiner Mutter willen nicht!« Sie schaute mich in Tränen verständnisinnig an. »Ich aber denke dran, Gottlobe,« fuhr ich fort, »wie du mir über jene elenden Tage hinweggeholfen hast, da ich, ein Fremdling, mit zerschmettertem Bein und toll vor Schmerzen unter euerm Dache lag. Ich denke daran, wie du mir durch dein unschuldiges Mädchengeplauder und dein helles Spiel das Leben in einer Stimmung wieder hast begehrenswert erscheinen lassen, da ich es am liebsten von mir geworfen hätte. Dafür will ich dir jetzt danken, Kind, indem ich dir und Hans Stünzi einen Weg für eure Liebe bereite. Nur bis zum Frühling Geduld, Gottlobe!« Eine warme Überraschung blitzte unter den dunkeln Wimpern des Mädchens hervor; ihre Brust wogte, aber eines Wortes war sie nicht fähig. Ich hob wieder an: »Weil mir Hans Stünzi selber lieb ist wie ein Sohn, soll er nicht in Selmatt versauern und verderben. Ich kenne seine Talente; er soll in der Welt den Posten suchen, der seinen Neigungen und dem hohen Schwung seines Geistes entspricht, Ingenieur werden und Werke der Volkswohlfahrt schaffen. Vorher aber soll er als Freier vor Vater Hangsteiner treten, vorher sollst du sein junges, glückliches Weib werden. Wozu dient mir mein Vermögen? Ich habe niemand auf der Welt als euch. Ich öffne Hans das Tor, ich setze ihm ein Kapital aus, mit dem er seine jungen Kräfte entfalten kann.« Halb gläubig, halb ungläubig horchte mir Gottlobe wie ein Kind zu, dem man ein frommes Märchen erzählt. Allmählich begann es ungestüm aus ihren Augen zu leuchten. Zitternd vor Freude nahm sie meine Hand und küßte sie mit der unschuldigen Glut ihrer Lippen. »Woher so viel Güte, Herr Quifort?« stammelte sie. »Weil ich deiner gütigen Mutter unauslöschlichen Dank schulde,« rief ich bis ins Innerste bewegt und hätte ihr jauchzenden Herzens gern mehr gesagt, wenn es nicht gegen den Eid meines Lebens gewesen wäre. Geküßt aber habe ich sie auf Stirn und Mund, wie ein Vater sein Kind küßt. Mit der Glühenden saß ich Hand in Hand, und im Angesicht der weißen Berge haben wir noch viel gesprochen, was zu heilig ist, als daß ich es auf diese Blätter trüge. Da kam Hans Stünzi von seiner weiten Gebirgswanderung zurück. Er spürte gleich, daß etwas Besonderes vorgefallen war; er sah bald mich, bald Gottlobe an, die den Jubel ihrer Seele nicht verbergen konnte. Wir verbrachten einen angeregten, lieben Abend, ich schloß mit den beiden jungen Menschenkindern das »Du« innigster Freundschaft; aber es ging ihnen zuerst schwer von den Lippen. Untereinander werden sie es jetzt, da sie durch den Nachmittagsonnenschein zu Tale steigen, leichter finden. Es müßte doch mit Wundern zugehen, wenn Hans und Gottlobe in ihrer Jugend, Schönheit und Kraft sich ihre Herzen nicht entdeckten. Ich habe es Hans in einer Besprechung unter vier Augen noch gesteckt. Er werde doch nicht zu Tale steigen, scherzte ich, ohne daß es zwischen ihm und Gottlobe zu einem herzhaften Kuß käme. Das sei ja selbstverständlich. Da reckte er sich wie ein Hecht im Garn. »Mephisto!« rief er, »Mephisto, der den Menschen das am liebsten vorzaubert, was ihnen Schmerzen bereitet, weil sie es nicht haben dürfen.« Ich aber sprach ihm von Geld, das mich aus gewissen Gründen nicht freue, das ich aber im Frühling in seine Hand legen wolle, damit er sein Leben nach seinem Verlangen gestalten möge. Natürlich verließ er mich in wundervoller, taumelnder Verwirrung. Nun wird das junge Paar schon ein Wörtchen zusammen sprechen; die Hoffnung, die Liebe werden das starke Zahngehege meines jungen Freundes sprengen. Um mich aber leuchten Blumen und scheinen Früchte, schwebt flüsternd die Erinnerung an die beiden Menschenkinder, die ich mit den innersten Herzfasern liebe. Ich fürchte den Winter nicht, und über dunkle Blätter, die ich schreiben muß, wird die Hand leichter gleiten. Gute Geister walten um den Mann, der den Zauber der Freude in die Gemüter dieses Paares gießen durfte. Es ist Allerseelentag! Ich habe in der Jugend nichts von diesem tiefsinnigen Fest gewußt, aber in den Weltländern habe ich es kennen gelernt; ich feiere es heut', indem ich des Untergangs meines Heimatdorfes Selmatt und deiner bangen Sterbestunde, o Vater, und der vielen Toten gedenke, die meine Jugendtage als Lebendige umgaben. VIII Dank-, Buß- und Bettag also in Selmatt! Dunkelgekleidetes Volk hatte in erschütterndem Ernst das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem Taufstein standen zu sechs die blank erschimmernden, zinnernen Abendmahlkrüge und die alten, silbereingelegten Holzkelche, davor lag auf Zinntellern das heilige Brot, neben dem Taufstein aber, halb in den Kirchenboden eingegraben, ragte wie eine unheimliche Drohung fremd und sonderbar der vom Tafelberg gestürzte Block, der wegen seiner Größe nicht hatte fortgeschafft werden können, und eine notdürftig geflickte Stelle der Decke verriet, wo er durchgebrochen war. Der bäuerliche Pfarrer hatte seine wuchtige Predigt bereits vollendet, die Gemeinde sich schon zum heiligen Abendmahl erhoben, und durch die Kirche scholl, vom Orgelspiel Kaspars, des Schulmeisters, getragen, das inbrünstige, trostvolle Gemeindelied: »Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kränkt. Der allertreusten Wege Des, der den Himmel lenkt.« Während des Gesanges kreisten die Abendmahlkelche, die von den Kirchenvorstehern herumgeboten wurden. Den Gesang unterbrechend, nahm, wer just an der Reihe war, dreimal einen ehrbaren Schluck. Ich glaube, daß ich gerade einen der Becher hielt, als durch die Kirchentür ein Weib stürzte, das ein Kindlein erwartete und deswegen den Gottesdienst nicht hatte besuchen können. Überlaut schrie sie: »Ihr Männer und Frauen, es raucht und stäubt hoch hinter dem Tafelberg. Steine und Blöcke fallen!« Der Gesang brach ab; mit zerstörten Gesichtern, doch in feierlicher Ordnung drängte die Gemeinde unter den segnenden Worten des Pfarrers ins Freie, die Frauen, von denen viele nach ihren Kindern riefen, schluchzten und schrieen. Aber heller, klarer Sonnenschein lag über den Gräbern des Kirchhofs und auf den schon herbstlich erfalbenden Blättern des alten Ahorns auf dem Dorfplatz. Unter dem blauen Himmel stand das Gebirge bis zum rötlichen Gipfel des Feuersteins rein und scharf. Keine sichtbare Gefahr! Doch! Die Wände des Tafelbergs hinunter rollte Geschiebe, stürzten größere Blöcke, ein paarmal erhob sich ein Geräusch wie Gewehrgeknatter, dumpfes Dröhnen mengte sich darein, und wenn es am Tafelberg still wurde, rauschte der Nachhall an der Halde hinter der Kirche, als ginge das Sausen eines Sturms durch den Bergforst. Eine Gruppe von Männern stand auf dem Dorfplatz. »In den Wald hinter der Kirche,« rief eine Stimme, und schon sah man einzelne die steile Wiese hinaufrennen, die zum Rand der Tannen führte. Da wieder ein größerer Gesteinssturz und ein Donnerschlag, doch war noch kein einziger Stein über die Selach ins Dorf geflogen. Aus dem Bergwald aber hoben sich schreiend die Krähen; eine dunkle Vogelwolke wälzte sich, als wäre Sturm in den Lüften, über dem Dorf, bald hoch im Blauen, bald tief über den Dächern, schwirrte von Talwand zu Talwand und wagte es nicht, sich irgendwo niederzusetzen. Urplötzlich war die gesamte Kreatur in Aufruhr; die Hunde heulten zum Himmel, das wenige im Dorf zurückgebliebene Vieh plärrte in langgezogenen Klagetönen, eine Ziege, die irgendwo hatte loskommen können, drängte zitternd zwischen uns Männer. »Seht, seht,« rief mein Vater, »die Kühe rennen von der Alpe Boden ins Dorf herunter, sie purzeln vor Schrecken übereinander!« Und die Angst der Tierwelt schlich sich den Männern rieselnd in Mark und Bein. »Duglore – Duglore!« kam es in herzzerreißendem Schreien vom schmerzverzerrten Munde Schulmeister Kaspars. »Ich gehe zu Duglore,« rief ich jäh entschlossen; der Vater aber herrschte mich an: »Jost, du bleibst bei mir, nein, springe in den Wald hinauf, Jost!« Er selber lief, wohl um noch Geldeswert zu holen, ins Haus; händeringend taumelte auch Schulmeister Kaspar davon. »Duglore – Duglore,« hörte ich noch seine Stimme. Mir war, ich sollte zu ihr auf die Alpe Boden eilen, zugleich aber, ich sollte auf den Vater warten, und ich sollte den Flüchtlingen folgen, die über die Grashalde gegen den Wald emporrannten, alle noch in dunkler Kirchentracht. Da sich aber die drei verschiedenen Regungen kreuzten, blieb ich unbewußt und mutterseelenallein auf dem Platze zwischen Vaterhaus und Ahornbaum stehen. Ich merkte, wie das Getöse vom Tafelberg her wuchs; noch bei klarer Luft sah ich, wie er wankte. Wie eine mächtige, in sich zusammenbrechende Wand kam er, erst langsam, dann schneller gegen das Dorf. »Der Berg – der Berg!« scholl der Entsetzensruf der Flüchtlinge von der Grashalde, ein einziger mächtiger Schrei. Auf der Kirche von Selmatt schlug es elf Uhr, doch hörte ich nur noch sechs Schläge. Unter der Türe rief der Vater: »Jost – Jost,« dann war mir, es wolle mich irgend etwas zerreißen. Ich fiel; im Fallen aber sah ich noch, wie graue Rauch- oder Staubwolken hinter dem stürzenden Berg emporwallten, wie ein wilder Luftwirbel den mächtigen Stamm des Ahorns brach und drehte. Der Baum fiel mit der mächtigen Krone auf mich. Ich spürte, daß mich Äste und Zweige wie Ruten schlugen, wie ein erstickender Staub durch sie dahersprühte, wie irgend etwas, wohl zunächst unser Hausdach auf die Krone des Baumes prasselte und nun kam Schlag auf Schlag, Stoß auf Stoß. So viele Wahrnehmungen – und alles war das Werk eines einzigen Augenblicks! Ich glaube nicht, daß ich bei Bewußtsein geblieben war; ich erinnere mich nur, daß ich auf einmal den Gedanken hatte, es sei sehr still um mich her, daß mich das Gesicht von den Zweigen schmerzte, die mich beim Fallen des Baums gestreift hatten, daß ich mit der Hand vor mich hintastete und in weiche Blätter griff. Dann unterbrach ein Seufzen und Stöhnen die Stille. »Vater – Vater!« schrie ich. »Jost, armer Bub, hast du Schmerzen?« fragte er keuchend. Aus dem Klang der Stimme merkte ich, daß er nicht fern war. »Nein,« erwiderte ich, »aber du?« »Ein Ast oder Balken drückt mir das Herz ab, ich kann nichts regen als die Beine. Ich glaube, wir sind alle im Unglück, das Dorf mit Menschen und Vieh. Und wenn du auch mit dem Leben davonkommen solltest, Jost, so kann ich dir nicht mehr helfen. Geh am Ende doch zu Hans Konrad Balmer. Ich muß sterben. Ach, mein Gott, ach, mein Gott!« Das stoßweise, keuchende Sprechen des Vaters ging allmählich in ein röchelndes Beten über. Ich suchte tastend und einige Schritte kriechend durch den Raum, den die Baumkrone offen gelassen hatte, zu ihm zu gelangen; durch Äste und Laub erreichte ich wenigstens seine Hand. Er hielt die meine, er sprach aber nicht mehr; nach einer Weile ließ der zum letztenmal Aufseufzende die Hand los. Es wurde gräßlich still um mich. »Vater – Vater!« schrie ich. Kein Zeichen mehr. Er war gestorben! Ein merkwürdiger Laut, den ich zuerst gar nicht zu deuten wußte, drang in die Stille, Ein Gurgeln! Das kam entsetzlich näher. Ich erriet, der gestürzte Berg schwellte die Wasser der Selach. Ertrinken! ertrinken! Ich ließ den Toten, tastete, bald die Hände, bald den Kopf anstoßend, in den Ästen des Baumes umher und entdeckte eine Stelle, an der ich mich aufrichten konnte. Ich griff weiter in die Höhe, ich stieg und kletterte einen Ast empor, stieß aber bald an etwas Festes, an den Balken und an die Schindeln eines Daches, und fand mich endlich in einer von dicken Ästen des Baums gebildeten Gabel wie in einer Höhle nicht übel zurecht. Die Arme um die Äste geschlungen, saß ich; dann und wann erschreckte mich der geheimnisvolle Laut der steigenden Wasser, die meine Schuhspitzen erreichten, Todesfurcht rieselte mir ins Herz; über mir regte sich das Erdreich seufzend, als ob es dem Druck nachgeben und den engen Raum, das Grab ausfüllen sollte, in dem ich lebte. Allmählich verlor sich dieses Geräusch, das Wasser stieg nicht mehr; es war so still, daß ich das Ticken meiner Uhr in der Tasche hörte. Ich suchte ein Zündhölzchen, um nach der Stunde zu sehen, ich fand keins; ich wußte nicht, war seit dem Sturz viel Zeit vergangen oder wenig, schien auf der oberirdischen Welt noch die Sonne, oder war schon die Nacht mit ihren Sternen eingebrochen. Bei dieser Vorstellung bäumte sich der jugendliche Lebenswille krampfhaft auf. »Licht! – Licht! – Licht!« Ich schrie es in die dumpfe, von kaltem Wasserduft geschwängerte Grube, aber es gab kein Licht als die roten, die blauen, die grünen und gelben Ringe, mit der meine Phantasie die Finsternis erfüllte. Ich verfiel in einen Weinkrampf und wußte nicht, galten die Tränen meiner eigenen Hoffnungslosigkeit, dem Tod meines Vaters oder Duglore, die wohl auch irgendwo unter den Felsen erschlagen lag, dem schrecklichen Untergang der Heimat! Hätte ich nur wie der Vater nach kurzem Leidenskampf auch hingehen können! Was stand mir bevor? Ich begann alle Gebete und Kirchenlieder herzusagen, die ich auswendig wußte; ich dachte an alle, die mir in meiner Jugend lieb gewesen waren, innig und herzlich an Duglore. Als aber die Kette dieser Gedanken abgewandelt war, tastete ich nach den Blättern des Ahornbaums, der mich so verhängnisvoll geschirmt hatte, zerknüllte sie zwischen den Fingern, zerkaute sie, und die Bitterkeit auf der Zunge erfrischte mich. Nach einiger Zeit fiel ich in ein Träumen und Brüten; an den einen der beiden Äste geschmiegt, schlummerte ich eine Weile dahin. So glaube ich wenigstens; denn vieles, was ich in den qualvollen Stunden erlebte, ist mir nur stückweise im Gedächtnis geblieben, zittert nur noch wie ein Traum und nur, wenn die Stunde der Erinnerung günstig ist, in meiner Seele nach. Als ich erwachte, hielt ich die Uhr ans Ohr. Sie ging nicht mehr! Es war also der andere Tag. Ich zog sie wieder auf, damit mich ihr Ticken dann und wann ans Leben erinnere, und da mich mein unbequemer Sitz unerträglich zu schmerzen begann, forschte ich, den Fuß ausstreckend, nach dem Stand des Wassers. Die Selach mußte wieder einen Abzug gefunden haben, es war fort. Ich hatte Hunger und brennenden Durst, ich letzte die Zunge an den feuchten Blättern, und als ich die Taschen nach ein paar Brosamen durchwühlte, fiel mir mein Messer in die Hände. Ohne bestimmte Ursache war mir der Fund eine Freude. Um die steifen Glieder zu recken, um gegen ein fröstelndes Gefühl und den Schwarm dunkler Verzweiflungsgedanken anzukämpfen, schnitt ich mit dem Messer Zweige von den Ästen und zerschnitzelte sie im Finstern in kleine Stücke. So wohl viele Stunden. Auch die Knöpfe meines Kirchenfracks wurden das Opfer dieses Spiels, ohne das ich vielleicht wahnsinnig geworden wäre. Endlich begann ich mit der Messerklinge die feuchte Erde aufzugraben, denn ungefähr an der Stelle, wo ich war, kreuzte ein mit Steinplatten eingedeckter Wasserabzug die Straße. Der wahnwitzige Gedanke erfüllte mich, dieser Abzug könnte meine Rettung sein. Aber an einem Stein, der sich mir in den Weg stellte, brach die Klinge. In dumpfem Elend ließ ich den Tränen freien Lauf. Da – ein Geräusch, wie wenn etwas von oben käme, wie von Holz, das durchbrochen wird. Ich hörte das helle Klingen metallener Schläge im Dreiviertelstakt, den ich vom Dreschen her wohl kannte. Das kam doch von Menschen! Ein heißer Schauer der Hoffnung überwallte mich, ich kroch dem bald schweigenden, bald wieder ansetzenden Ton nach, die tastende Hand ergriff etwas Rundes, Eisernes, ein Rohr, dessen Öffnung seitlich über einem spitzen massiven Fuß mündete. Mit zitternden Fingern klopfte ich mit dem Stumpf des Messers heftig auf das Rohr. Da horch! Wieder ein paar metallene Schläge als Antwort. Wie aus Weltferne drang der Ton einer menschlichen Stimme in mein Grab: »Ja – wer seid Ihr!« – »Jost Wildi!« Eine Zwiesprache begann. – »Wer?« – »Jost Wildi!« – »Seid Ihr in der Kirche?« – »Nein, unter dem Ahorn.« – »Seid Ihr allein?« – »Mein Vater liegt tot in der Nähe.« – »Sind in der Kirche wohl noch Leute?« – »Niemand!« – Menschenstimmen! – Wunderbare Musik! »Etliche Stunden Geduld,« flüsterte es. »Wir graben Euch aus. Haltet die Hände unter das Rohr. Wir träufeln Euch Gebranntes zu.« – »Noch einmal!« – Eine Weile lief die Unterhaltung. In meinem Verließ noch erfuhr ich, daß im ganzen nur dreiundzwanzig Selmatter gerettet waren, darunter Duglore, die anderen waren tot oder vermißt, so auch Kaspars übrige Familie. »Nun also Geduld,« rief einer, »wir ziehen das Rohr zurück. Wir wollen es noch an anderen Stellen in den Boden treiben.« Sie graben mich aus, sie graben mich aus! Das brauste wie ein Lied durch meine Seele; eine Weile waren meine Lebensgeister in frischer Spannung. Mit inniger Dankbarkeit dachte ich an jenen Schmied von Zweibrücken, der das Rohr vor wohl einem halben Jahrhundert geschmiedet und der Gemeinde geschenkt hatte, als sein Bruder in einer Lawine umgekommen war. Vielleicht hatte es nie seinem Zweck gedient, die Nachforschungen nach Verschütteten zu erleichtern, aber jetzt rettete es mich – mich! Und auch Duglore lebt. O die langsamen, schleppenden Stunden! Furchtbar begann mich der Aufenthalt in meinem Kerker wieder zu beklemmen; ich geriet in Fieberträume, ich sah die Goldkugel des Luftschiffs am Himmel über dem Lichtmeßloch schweben – es flog an eine Felsenwand – daraus stürzte Duglore und blutete wimmernd im Abgrund. – Ich fuhr auf: »Du bist wahnsinnig, Jost; es ist ein Betrug deiner Einbildungskraft, daß Leute von oben mit dir gesprochen haben. Sie graben dich nicht aus. Du bist vergessen – vergessen!« Bedrückend wirbelten Erinnerungen und Einfälle um mich. Da vernahm ich deutlich Pickelschlag und Zischen von Schaufeln über mir. Das Hausdach, das über die Krone des Ahorns gefallen war, fuhr unter den Schlägen der Männer auseinander. Licht! Mehr tot als lebendig kam ich zur Welt und bemerkte erst nach einer Weile, daß es nicht die Sonne, sondern milder Mondschein war, der auf die graublaue Trümmerstätte des Dorfes Selmatt floß. Ich sah selbst die Hände nicht recht, die sich mir entgegenstreckten, die glücklichen Gesichter der Männer nicht, die mich gerettet hatten. Es war mir gleichgültig, daß man die ausgegrabene Leiche meines Vaters vorübertrug. Auf Fragen gab ich keine Antwort; ich kam mir vor wie ein Tor, der nicht wußte, sollte er lachen oder weinen, die anderen Menschen erschienen mir auch wie Toren, und ich begriff ihre Hantierungen nicht. So groß war die seelische Erschütterung! Ich glaube, unbewußt habe ich Duglore gesucht. Ich fand sie in Zweibrücken, aber ob ich noch in der Nacht oder am hellen dritten Morgen nach dem Bergsturz in dieses Dorf gelangt bin, ob allein oder mit anderen, ist aus meiner Erinnerung getilgt. Erst nach einigen Tagen spürte ich wieder Leid und Freude, doch war mir, als würde ich in meinem Leben nie wieder lachen und in einem steten Erbeben der Schicksalsfurcht durch die Welt gehen. Neben mir stand im dunkeln Gewand, von Leid und Schmerz blaß und schattenhaft wie eine Halbgestorbene, Duglore. Ihre schmalen Finger hielten meine Hand umklammert, sie hob die trüben Augen, aus denen die Tränen hervorbrachen, zu mir; gebrochen von Trauer, bebte ihre Stimme: »Jost, es sind alle tot, Vater, Mutter, Geschwister. Ich habe in der Welt jetzt niemand mehr als dich, Jost!« – Zum erstenmal war ich wieder bei gesammelter Besinnung. Die Schluchzende weich umschlingend, sprach ich: »Ja, Glörli, in Liebe und Treue wollen wir jetzt zusammenhalten.« IX Es ist ein heiterer Ton in das dunkle Kapitel vom Untergang Selmatts gefallen. Der Apparat klapperte; Hans Stünzi meldete mir die glückliche Heimkehr mit Gottlobe. »Ich grüße den Zauberer auf dem Berg,« telegraphierte er. »Und der Kuß?« fragte ich. »Soweit ist es freilich noch nicht gekommen,« drahtete er zurück, »zuerst muß die feindliche Burg sich ergeben: Hangsteiner. Aber gesungen haben Gottlobe und ich auf dem Heimweg wie Frühlingsvögel, und lustig hat sie über einen gespottet, der in Zweibrücken Kühe kauft und verkauft. Pläne des Lebens haben wir himmelhoch gebaut. Mir aber sitzt, was du mir wunderbar Gütiges gesagt hast, wie ein Vogel im Kopf, von dem ich stets fürchte, daß er mir davonfliege. Ich bin mit mir auch noch nicht im reinen, ob ich dein großherziges Anerbieten annehmen darf oder nicht. Ich lebe in einem Rausch der Freude, daß auf der Welt ein so großmütiger Mensch wandelt. Ich danke dir, verehrter Freund, aus überschwenglich erfreuter Seele.« Ja, wenn's nur Frühling wäre, würdest du den Zauber erfahren, Hans! Aber die Winterszeit schneidet mich von dem brieflichen Verkehr ab, der notwendig ist, einen größeren Betrag meines Vermögens zu erheben. Telegraphisch läßt sich das nicht ordnen. Hätte ich doch gleich gehandelt, dir, Hans, die Briefe mitgegeben! Der Entschluß kam mir aber selber zu plötzlich. Und dann die Überlegungen und Zögerungen des Alters. Ich bin das wilde Blut nicht mehr, das gleich den ersten Einfall für den besten hält. Im Frühling aber, im Frühling, Hans! Als ich nach Zweibrücken kam, fand ich Duglore bei einer Bauernfamilie, die der Unglücklichen barmherzige Liebe erwies. Da die wackeren Leute sahen, daß meine Nähe der tief im Gemüt Erschütterten wohltat, luden sie auch mich an ihren Tisch und räumten mir eine ihrer unbewohnten Kammern ein. Ich lebte die erste Zeit wie auf den Kopf geschlagen dahin und vergaß in meiner Geistesverwirrung sogar, Duglörli zu fragen, auf welche wunderbare Weise denn sie gerettet worden sei. Ich erfuhr es erst, als wir Überlebenden in das Schulhaus von Zweibrücken vor den Landesratsschreiber geladen wurden, der unsere Rettung für die Landesgeschichte in ein Protokoll trug. Unter Zuckungen des Weinens erzählte Duglore: »Vor unserer Alphütte sang ich aus dem Kirchenliederbuch die gleichen Nummern, die für den Bettagsdienst in Selmatt ausgelesen worden waren. Da ging das Knattern und Donnern im Hintergrund der Alpe los. Als ich mich angstvoll nach ein paar Leuten umsah, die wegen der Viehhut auch nicht zum Gottesdienst ins Tal gestiegen waren, erzitterte die Erde. Das Vieh rannte den Weg, der ins Dorf hinunterführt, wie im Hui dahin. Ich ihm nach. Mit mir einige andere Leute von der Alp. Wie wir aber erst ihren Rand erreicht hatten oder schon einige Schritte bergab geflüchtet waren, da wankte der Berg. Er begann auf der äußeren Talseite zu stürzen, und talein erbrauste ein plötzlicher Wind, der uns von dem fallenden Berg hinwegblies, als wären wir dürre Blätter. In dem Wirbeln, Sausen und Rauschen, Rollen und Donnern vergingen mir die Sinne, ich merkte aber nach einiger Zeit doch, daß ich wieder auf festem Boden war. Mund und Nase waren mir so schrecklich voll Staub, daß ich beinahe erstickte; ich versuchte die Augen zu öffnen, es gelang mir nicht, weil noch zu viel Staub durch die Luft flog. Als ich sie aber öffnen konnte, war schon alles wieder still. Ich hob mich empor; durch einen blauen Rauch schien die Sonne wie ein mattglänzendes Blech. Ich erkannte die Verheerung Selmatts und rief nach Vater und Mutter. Da kam Melchi Hangsteiner gelaufen; bei seinem Haus im Selachgrund, von dem es nur das Dach fortgeweht und die Wand eingedrückt hat, verbrachte ich mit einigen anderen Geretteten die Stunden.« Melchi gehörte also auch zu den Überlebenden, mit ihm seine Familie bis auf den Vater, den lahmen Flößer, der am Tag nach dem Sturz über dem ausgestandenen Schrecken gestorben war, zugleich war Melchi derjenige, der in Zweibrücken die erste Hilfe geholt hatte. Diese Mannschaft, die grub, wo sie die verschüttete Kirche vermutete, war am Montagnachmittag gegen drei Uhr durch das eingestoßene Rohr auf meine Spur geraten. Sie war die einzige, die unter den Trümmern noch auf ein Zeichen des Lebens führte. Nur einige Leichen am Rande des Schuttfeldes und die meines Vaters wurden noch entdeckt. Bis auf ein Häuflein meist jüngerer Leute lag Selmatt erschlagen und unter den Trümmern des Tafelbergs. Der Überlebenden waren wir dreiundzwanzig. Zog man unser Seelenleid nicht in Rechnung, auch nicht, was wir von Leuten litten, die das hundertmal Erzählte immer wieder von uns zu hören verlangten, ging es uns sämtlichen gut. Eine opferfreudige Teilnahme für uns regte sich weit und breit, Hilfsmittel und Geld trafen aus der Nähe und Ferne für uns ein. Als den großmütigsten Spender nannte man Hans Konrad Balmer in Hamburg; aber der Name machte kaum einen Eindruck auf mich. Ein unheimliches Rauschen trennte mich stets noch von der Wirklichkeit der Dinge, nur wie durch einen hemmenden Schleier sah ich die Welt, und wie aus einer Krankheit genesend mußte ich die Maßstäbe des Lebens erst wieder gewinnen. Doch drängte die Frage bald von selber heran: »Was soll aus uns werden?« Als müsse von den Waisen und erwachsenen Hinterlassenen Selmatts ein besonderer Segen ausgehen, erboten sich viele wohlangesehene Familien aus weitem Umkreis, eins oder mehrere der elternlos gewordenen Kinder in ihr Haus aufzunehmen und zu erziehen. Auch um uns, Duglore und mich, entstand ein Wettbewerb der Fürsorge, um sie, das anstandsvolle Schulmeisterstöchterlein namentlich, weil viel schönes Lob über ihr Kirchenorgelspiel im untergegangenen Dorf durch die Menschen lief, die sie doch nie spielen gehört hatten. Und die menschenfreundliche Teilnahme riß uns gewaltsam aus starren Schmerzen empor. Unter den mancherlei Leuten, die Duglore sehen wollten, führte der alte, würdige, um unser Wohl treubesorgte Pfarrer von Zweibrücken auch ein Ehepaar namens Z'binden, das von einem Besuch der Unglücksstätte im Selmatter Tal kam, zu der Leidversunkenen. Es waren Leute, denen man die Menschengüte und den bürgerlichen Wohlstand auf den ersten Blick ansah. Frau Z'binden nahm Duglore mütterlich liebreich bei der Hand: »Nun möchten wir Sie, liebes, schwergeprüftes Kind, fragen, ob Sie nicht in die schmerzliche Lücke unserer einzigen Tochter treten wollten, die uns der Tod vor einem Jahr entrissen hat,« sprach sie. »Mein Mann und ich wüßten uns gar kein größeres Glück. Unsere Familie besteht bloß aus uns Eltern und zwei Söhnen, von denen der ältere als Student fern von Haus weilt, der jüngere daheim noch die Schule besucht. Wir wohnen in Hagenach, da also, wo die Balgenach aus den Bergen in die Ebene fließt; wir besitzen eine kleine Fabrik und ein schönes, von Gärten und Bäumen umgebenes Heim, das gegen den Feuerstein und seine Bergnachbarn schaut. Sie hätten also jeden schönen Tag den Gruß aus der alten Heimat, Duglore, und dafür, daß Sie auch in der neuen innig heimisch würden, wollten wir schon sorgen. In allem und jedem wären Sie die Nachfolgerin unserer seligen Tochter. Nun, was denken Sie dazu, liebes Kind?« Leis erzitternd erhob Duglore das Haupt und schaute Frau Z'binden in das gewinnend freundliche Gesicht; das Mädchen aber konnte nur schluchzen: »Ich danke Ihnen.« Dann nahm ihr ein hervorbrechender Tränenstrom die Worte hinweg, und als sie sich wieder faßte, stieß sie jammervoll hervor: »Nein, nach Hagenach hinaus möchte ich nicht versetzt sein, am liebsten kehrte ich nach Selmatt zurück.« »Aber das geht jetzt doch nicht, Duglore,« mahnte Herr Z'binden mit freundlichem Lächeln, »dort hinten ist ja keine lebendige Seele mehr,« und Frau Z'binden, die der Weinenden tröstlich das Haar streichelte und sie mit lieben Worten beruhigte, versetzte: »Ein Harmonium würde Ihnen bei uns nicht fehlen; wir wissen, daß ein schönes, frommes Lied manchmal mehr über ein trauriges Herz vermag als jedes Menschenwort.« Da horchte Duglore doch empor. Herr Z'binden sagte: »Ich begreife, Duglore, daß Ihnen unser Angebot zu neu und zu unvermittelt ist. Bedenken Sie sich einige Tage; wir kommen wieder nach Zweibrücken, dann hoffen wir auf Ihr Ja. Es ist beinahe unmöglich, daß Ihnen jemand ein angenehmeres Heim bieten kann als wir.« Damit ging das Paar, und der Pfarrer von Zweibrücken versuchte Duglore mit milder Überredung für den Vorschlag der Familie Z'binden zu gewinnen. »Ich meine halt,« sagte er im Tone sanfter Überredung, »wenn uns Gott eine so liebe Hand hinstreckt, sollten wir sie dankbar ergreifen.« Doch in Schmerzen verträumt, schwieg das Mädchen hartnäckig und eigensinnig. Erst als auch der Pfarrer gegangen war, kam wieder etwas Bewegung in die halb versteinerte Gestalt, und belebten sich die umflorten Augen. »Jost,« zitterte ihre Stimme, »ich sehe ja auch ein, daß wir wieder mit dem Leben rechnen müssen, obgleich ich noch lieber bei unseren Eltern im Grabe läge. Nur trennen wollen wir uns in diesem großen Leid nicht, Jost! Ich habe einen Gedanken, der mir wie von meinem lieben Vater selig selber im Traum eingegeben worden ist. Wir wollen dem Pfarrer von Zweibrücken bekennen, daß wir ein Liebespaar sind, und ihn bitten, daß er uns, wenn wir nach Landessitte auch noch ein wenig zu jung sind, bald traue. Dann wollen wir wieder ins Selmatter Tal ziehen, neben der alten zerstörten Heimat aus dem Geld, das uns der Landrat von den eingelaufenen Liebesgaben geben wird, ein Haus oder auch nur ein bescheidenes Häuschen an einen schönen sonnigen Fleck bauen und da in Liebe und Frieden bei den Gräbern unserer Eltern leben. Wohl ist die Bodenalpe gestürzt, aber gegen das Lichtmeßloch empor gibt es noch einige kleine Weiden, die leicht ein paar Kühe erhalten. Mir erschiene dieser Plan als das Schönste, Jost, was wir uns wünschen können.« Zum erstenmal ging etwas wie ein sanfter Sonnenstrahl über ihre leidblassen Züge, stieg eine neue Hoffnung aus ihrer schmerzverdüsterten Seele. Ihre Hände suchten zärtlich die meinen. Ich konnte aber Duglore nicht helfen. »Du kommst mir mit deinem Wort wohl wie eine mutige Heldin vor,« gestand ich ihr, »ich aber bin nicht so stark wie du. Wenn ich nur gegen das Selmatter Tal blicke, kriecht es mir stets noch wie ein Schauder durchs Mark. Dort hinten leben, nie loskommen von den schrecklichen Erinnerungen, nein, ich hätte keine glückliche Stunde, ich würde schwermütig, wahnsinnig. Ich gehe nur noch einmal ins Selmatter Tal. Für meine und deine Eltern will ich dort beten, nachher mag Wald wachsen oder geschehen, was will; aber eine neue Heimat suchen und gründen, liebes Duglörli, kann ich auf der Schreckensstätte nicht.« Sie glaubte mir ohne Einwendung, aber der hoffnungsreiche Schein auf ihrem Märtyrergesichtchen verging; sie blickte stumm betroffen wie ein Kind, wenn sein Lieblingsvogel tot im Käfig liegt. Selbst ihr Wunsch, daß wir uns wenigstens einen gemeinsamen Dienst auf einem Bauernhof suchen sollten, erregte meine stillen Bedenken. Ich, Jost Wildi, Knecht! Duglore Magd! Es regte sich doch wieder der Stolz in meinem Kopf. Auch kam niemand, der uns beide hatte dingen wollen. Als mir aber ein Großbauer vom Flachland, der das Selmatter Tal besucht hatte, eine schöne Stellung auf seinem Heimwesen anbot und von Roß und Wagen, über die ich zu verfügen hatte, sprach, da wandelte mich die Lust an, auf seinen Vorschlag einzugehen. Ich riet Duglore, ihrerseits das Angebot der Familie Z'binden anzunehmen, in der sie wohl manches Nützliche für unseren späteren eigenen Haushalt lernen könne. Der Entschluß fiel ihr schwer, es lag noch alles in der Schwebe, auch meine Stellung bei dem Großbauern. Da kam der alte Pfarrer und meldete: »Jost Wildi, der Herr Landammann wünscht Euren Besuch. Er bestellt Euch auf morgen ins Landratshaus nach Gauenburg. Um halb acht fährt der Bote von Zweibrücken ins Städtchen. Da mögt Ihr mit seinem Fuhrwerk fahren!« Duglore und ich blickten mächtig überrascht auf. Ich fragte: »Was wünscht wohl der Herr Landammann von mir?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte der Pfarrer, »die Aufforderung stand in einem Brief, den er mir über die geplante große Trauerfeier auf der Unglücksstätte von Selmatt schrieb. Kommt mit ins Pfarrhaus! Da ist vielleicht unter den Liebesgaben noch ein Kleid, das Euch besser steht und paßt, als das, was Ihr jetzt tragt.« Durch den klaren Herbstmorgen fuhr ich der Balgenach entlang nach Gauenburg. Das Wagenfahren, das mir neu war, gefiel mir; in dem Kleide, das ich trug, fühlte ich mich wohl, und als ich die Türme des Städtchens sah, nach dem ich mich jugendlang umsonst gesehnt hatte, da war mir doch, der geistige Druck und die Niedergeschlagenheit, die mich seit dem gräßlichen Tag von Selmatt begleitet hatten, wichen langsam von mir, ich könnte wieder Teilnahme an den Vorgängen des Lebens fassen. Und daß ich nun vor dem ersten, höchstgestellten Manne unseres Landes erscheinen sollte, erfüllte mich mit Feierlichkeit. Wozu rief er mich nur? Als ich mich eben erst im Treppenhaus und Flur des Landratshauses, in denen alte Männerbildnisse und Waffen hingen, umsah, trat ein Amtsdiener, der einen kleinen Silberschild auf der Brust trug, auf mich zu. »Sie sind gewiß Jost Wildi von Selmatt,« sagte er, »kommen Sie.« Im nächsten Augenblick stand ich bereits in einem mit alten Bildern und Fenstergemälden ausgeschmückten Gemach vor dem Landammann. »Willkommen, mein junger Herr Wildi!« Wie schweres und doch helles Erz klang die Stimme des hoch und breit gewachsenen alten Herrn, der mir wie einer jener Helden erschien, von denen uns Schulmeister Kaspar aus Krieg und Schlacht erzählt hatte. Kein Wunder, daß das der erste war im Land! Er aber streifte mich mit einem wohlwollenden Blick seiner starken, ruhigen Augen vom Kopf bis zu den Füßen. »Kernholz aus dem Bergwald unseres Volkes!« lächelte er leutselig. Mich aber, den Weltunkundigen, verwirrte es, wie ein Mann, dessen Erscheinung mich zur Ehrerbietung zwang, so freundlich schauen und sprechen konnte. »Es gereicht mir zur Befriedigung,« sagte er würdevoll herzlich, »daß ich einem hoffnungsvollen Bürger Selmatts das tiefe Leid aussprechen kann, das ich mit allen meinen Landsleuten über den Untergang der wackeren Berggemeinde empfinde.« Und unvermerkt zog er mich in ein Frage- und Antwortspiel über den Bergsturz und mein vorheriges Leben, nickte dann und wann zu meinen Bescheiden und fragte endlich: »Der Name Ihres früheren Selmatter Mitbürgers, Herr Hans Konrad Balmer in Hamburg, ist Ihnen doch bekannt? Da ist ein Brief von ihm, der Sie angeht!« Der Landammann reichte mir das Schreiben. Als er aber merkte, daß ich in der schwer leserlichen Handschrift nicht recht vorwärts kam, nahm er es wieder zur Hand: »Ich will es vorlesen! ›Lieber Freund Landammann,‹ schreibt mir der Großkaufmann. ›Endlich erfahre ich Ausführliches über die Katastrophe von Selmatt. Keine Worte, dafür Tat! Für die Hinterbliebenen gewähre ich Kredit, so viel Dir wünschbar erscheint. Der ausgegrabene Jost Wildi interessiert mich. Schulmeister Imobersteg hat mir im letzten Winter berghoch über den aufgeweckten Burschen geschrieben. Laß ihn doch einmal auf eine Probe zu Dir kommen. Ist Dein Befund gut, eröffne ihm, daß ich ihn gern und mit den besten Plänen für seine Zukunft zu mir nach Hamburg ziehen würde. Wenn er einverstanden ist, will ich einen Mann aus ihm bilden, der unserer Heimat Ehr bereitet.‹« Ernst fuhr der Landammann fort: »In der Tat, mein lieber Herr Wildi, ich habe nach der kurzen Besprechung den Eindruck, daß Sie es wohl wagen dürfen, auf das großherzige Anerbieten meines Freundes einzugehen. Sie sind von jenem guten, starken Volkswesen, aus dem das Leben seine kraftvollen Männer schneidet, und ich bin der Ansicht, daß es kein Schaden für unser Land ist, wenn es Bürger, die sich bewähren, außerhalb der Grenzen besitzt. Im Gegenteil, wir blicken mit besonderem Stolz auf sie. Doch was sagen nun Sie selber zu der Einladung des Herrn Balmer?« »Ich muß mich zuerst besinnen, Herr Landammann,« antwortete ich ehrlich. Er lachte herzlich über das trockene Wort. »Gut, besinnen Sie sich, aber in einigen Tagen erwarte ich Bescheid! Jetzt habe ich freilich keine Zeit mehr für Sie, aber, Herr Wildi, ich lade Sie zum Mittagstisch ein; es wird meiner Frau lieb sein, Sie kennen zu lernen, einmal als den, der aus dem Bergsturz gerettet worden ist, sodann als den, der wahrscheinlich zu Herrn Balmer nach Hamburg geht. Meine Frau ist mit Frau Balmer befreundet. Sie haben die Balmerschen Schaukästen im Naturalienmuseum noch nicht gesehen? Gut, das tun Sie jetzt. Ich gebe Ihnen jemand mit, der Sie dorthin und um die Mittagszeit in mein Haus führt.« – Als ich nach Zweibrücken zurückwanderte, da war mir von dem liebenswürdigen Empfang, von der vornehmen Güte des Landammanns und seiner ihm ebenbürtigen Gattin das Herz geschwellt. Die Bilder des Naturalienmuseums, das ich nun endlich und unerwartet gesehen hatte, gaukelten um mich; der Brief Balmers rauschte mir in den Ohren, mir war seltsam wohl und weh zumute. Die von der Kindheit an heimlich emporstrebenden Lebenskräfte regten sich wieder; in wunderbar erhöhter Stimmung spürte ich plötzlich, was doch das Leben für ein unnennbar großes Geschenk Gottes sei. Warum sollte ich, nun meine Heimat begraben lag, nicht in die Welt gehen, die mich so freundlich und mit so großen Versprechungen lockte. Ich fühlte wohl, wie mir das Wachstum im Blute lag. Aber Duglörli? – Ein Stich ging mir durchs Herz, schmerzlich wallten meine Gedanken auf, die Geister der Liebe schlugen mit denen des Lebens- und Weltdrangs eine erbitterte Schlacht. Zu meiner Überraschung holte ich auf meiner Wanderung kurz vor Zweibrücken einen Bekannten ein, Melchi Hangsteiner. »Woher kommst denn du?« fragte ich. Eine verkniffene Zufriedenheit auf dem dicken Sommersprossengesicht, versetzte er: »Auch von Gauenburg! Der Großbauer, der dich hat zu sich nehmen wollen, ist mit den sechs Stück Jungvieh, die er von den Alpen um Zweibrücken gekauft hat, heimwärts gezogen, da habe ich ihm die Tiere bis Gauenburg treiben und in die Eisenbahn verladen helfen. Er hat sich über deine lange Unschlüssigkeit verdrossen und gesagt, du nehmest sein schönes Anerbieten nicht ernst genug, und hat mich gefragt, ob ich zu ihm kommen wolle. Nun habe ich es ihm versprochen.« »Also viel Glück, Melchi,« warf ich leicht hin. Im stillen aber bedauerte ich diesen Ausgang; unruhvoll spürte ich, wie er mich auf die Seite Hans Konrad Balmers drängte. »Duglore hat sich heute wohl auch entscheiden müssen,« erzählte Melchi weiter, »auf dem Weg nach dem Städtchen sind mir der Fabrikant aus Hagenach und seine Frau begegnet. Sie fuhren in einem Wagen talein.« Wir sprachen noch Gleichgültiges und verabschiedeten uns am Eingang des Dorfes; je näher ich aber dem Bauernhaus kam, in dem Duglore und ich wohnten, desto schwerer wurde mir das Herz. Ich fand meine Verlobte im feuchtwarmen Herbstabend auf einer unter Bäumen halbverborgenen Bank im Vorgarten des Hauses. Sie saß sinnend und mit gefalteten Händen; als sie mich erblickte, schritt sie mir matt und traurig entgegen. »Gottlob, Jost, daß du kommst,« sagte sie, »rate mir doch, was ich tun soll! Herr und Frau Z'binden erwarten heute noch eine bestimmte Antwort von mir. Und was bringst du von Gauenburg?« Ich setzte mich zu ihr, getraute mir aber nicht, ihr von Hans Konrad Balmer zu berichten. »Jost, nicht dieses schreckliche Verschweigen!« bat sie. Da erzählte ich ihr hastig und erregt meine Gauenburger Erlebnisse, doch ohne meine Neigung auszusprechen. Sie hörte mir eine Weile mit gesenkten Augen ruhig zu, plötzlich aber lag sie an meinem Hals. »O Jost – und du gingest gerne!« flüsterte es aus ihrem Tiefinnersten. »Du kannst es nicht verbergen. Balmer will dich mir wegnehmen, und er ist mächtig über dich, das weiß ich von Selmatt her. Ich lasse dich aber nicht, ich lasse dich nicht!« Ihre Hände wühlten und krallten sich an meinem Arme fest. »Jost – lieber Jost!« – »Ich habe dich ja lieber als mein Leben,« flüsterte ich ihr zärtlich ins Ohr, »du bist mein Duglörli und ich dein Jost bis ans Ende der Welt. Niemand kann mich dir wegnehmen, auch in Hamburg nicht.« »Ja, dein Duglörli!« versetzte sie zögernd. »Aber die Mädchen in der Fremde haben auch Augen. Sie werden sehen, was ich gesehen habe. Wie du der schönste Bursch im Bergland bist, so wirst du der schönste am Meer sein. Und dein Lachen und dein Reden und dein Schweigen wird jenen Mädchen in der Ferne gefallen, wie es mir gefällt. Den dunkeln Glanz in deinen Augen werden sie sehen und, ob sie wollen oder nicht, dir zufliegen müssen wie die Mücken dem Licht. Und es kommt der Tag, da bist du nicht mehr mein Jost, und ich kann nicht mehr dein Duglörli sein. Aber wisse, lieber Jost, was sie dir sagen mögen, du wirst nie eine finden, die dich mehr liebt als ich – Jost – kein treueres Herz!« In glühender, wunderlicher Beredsamkeit strömten ihr die Worte. Nun schwieg sie. Die Gestalt weit vorgeneigt, ließ sie die Arme auf den Knien ruhen, der letzte Tagschein spielte um ihre Flechten, Stirne, Brauen und Wimpern, in wunderfeiner Linie zog sich's von den Löckchen hinab zu Kinn und Hals; der Mund aber zuckte in Leid, und das Trauergewand ließ sie so feierlich erscheinen, daß ich etwas wie eine heilige Ehrfurcht vor ihr empfand. Ich war vor ihrem Schmerzensbild bereit, meinen Welttraum zu begraben. Da hob sie aber die Augen zu mir. »Schau mich nicht so düster an, Jost!« sagte sie. Ich glaubte einen Vorwurf in dem Klang ihrer Stimme zu hören. »Also, Duglore, ich gehe nicht nach Hamburg!« versetzte ich knirschend, und wunderte mich selber, wie kalt, schneidend und scharf das Wort des Verzichtes von meinen Lippen kam. Duglore zuckte zusammen; wie ein getroffenes Wild sprang sie auf, glitt aber wieder auf die Bank zurück. Eine bange, schwere Stille war eine Weile zwischen uns. Dann kam es fast tonlos von ihren bebenden Lippen: »Jost, geh nur nach Hamburg! Vielleicht verliere ich dich; aber Verlieren ist lange nicht so schlimm, wie wenn du noch einmal in diesem Ton, der das Herz gefrieren macht, zu mir sprechen würdest. Verlieren ist nicht schlimmer, als wenn ich mit deinem Vorwurf leben müßte, ich sei dir vor die Sonne deines Glückes getreten, als wenn ich diesen Vorwurf vielleicht selber in der Seele trüge – geh nur, Jost!« Das letzte Wort klang unsäglich weich und süß, aber auch unsäglich traurig. »Nein, Duglore, ich bleibe bei dir,« wollte ich rufen. Da kamen aber Schritte über den Weg. Das blasse Mädchen schwankte Frau Z'binden entgegen und gab ihr beide Hände. »Ich komme zu Ihnen nach Hagenach und will Ihnen eine fleißige, brave, treue Tochter sein!« sprach sie leise, doch vernehmlich. Wie eine demütige Magd stand sie zitternd im Dämmerschein; Frau Z'binden aber, die den Kampf in der Brust des Mädchens ahnte, schloß sie mütterlich in die Arme und küßte sie auf die Stirn. »Duglore,« sagte sie, »nun bist du unser Kind – unser liebes Kind!« Ich wollte mir einreden, nun habe Duglore selber ihr und mein Schicksal entschieden, aber es war mir dumpf und schwer bei dem Gedanken. Wir sprachen diesen Abend nicht mehr miteinander; nur mit einem bebenden Kuß sagten wir uns, daß wir in Liebe vereinigt seien, wenn wir uns auch Schmerzen bereiteten. Ich rang die ganze Nacht und konnte mir nicht helfen; der Weltdurst fraß sich wie ein süßes Gift stets tiefer in meine Seele; mir war, ich würde mein bestes Selbst mit Füßen treten, ein Paradies verlieren, wenn ich die Einladung Hans Konrad Balmers nicht annehmen würde. Ich war aber am Morgen fast noch unsicherer als am Abend. Umsomehr überraschte es mich, als mir die bleiche Duglore einen lieben guten Tag bot und, etwas traurig zwar, aber gefaßt, von meiner Reise nach Hamburg wie von etwas Feststehendem zu sprechen begann. »Wie denkst du dir denn deinen Aufenthalt in der fernen, fremden Stadt, lieber Jost?« fragte sie beim Morgenbrot. »Wann wird man dich denn wieder in der Heimat sehen?« Ich wußte, was es der treuen Seele kostete, so zu sprechen, und war gerührt, daß Duglore es mir so leicht machte. »Ich denke,« versetzte ich zögernd, »daß ich etwa eine dreijährige Lehre durchmachen muß. Diese Zeit will ich in starker Arbeit ausnutzen, damit ich sehr viel lerne. Dann komme ich wieder heim, und in Gauenburg oder sonst in einem hübschen Ort gründe ich mit dir, liebes Duglörli, ein eigenes Geschäft, und du hast unterdes in der Familie Z'binden auch manches gelernt, was uns das Leben verschönern kann. Dann wohnen wir wenigstens bei den Menschen und nicht in einem einsamen Tal, in dem es nur ein schreckliches Erinnern und ein trauriges Dahinleben gäbe.« Ich ergriff die Hand Duglörlis, die schweigend horchte. »Es ist ja im letzten Grund dein Vater, der mir diesen Weg aufgetan hat. Erinnerst du dich seines Briefes?« »Ja,« sagte sie tröstlich. »Und weil das Los von meinem seligen Vater kommt und dein Vater auch noch gesagt hat, du sollest nach Hamburg gehen, so wird es mir weniger schwer, mich darein zu fügen. Von den lieben Toten kann ja nur Segen kommen, und wie sich das Schicksal wende, werden wir in ihrem Schutz vor Gott und den Menschen bestehen mögen. Das habe ich diese Nacht in heißem Gebet überlegt – und noch vieles andere. Ich weiß, daß du nicht anders handeln kannst, Jost! Es liegt dir im Blut! Was dich in die Ferne treibt, ist das nämliche, warum ich dich so unsäglich liebe. Es ist dein großer, freier Mut! So lasse ich dich in Gottes Namen ziehen und will Gott bitten, daß er mir die Kraft gebe, die Trennungszeit zu überstehen!« Sie sah mich ernst, friede- und ergebungsvoll an; durch mein Herz zuckte der Gedanke: Du bist ein Tor, daß du von diesem Mädchen hinweggehen willst. Schöneres, Edleres, Besseres als Duglore findest du doch nicht auf Erden. Stumm neigte sich meine Seele ihrer selbstüberwindenden Liebe. Und wenn du gehst, sprach die Gewissensstimme in mir, so darf Duglore weder offen noch heimlich das kleinste Leid geschehen. Ich brach endlich das Schweigen. »Duglore, jede Woche schreibe ich dir in einem Brief alles, was ich tue und denke.« – Ihre Augen leuchteten freudig und dankbar auf. »O, du lieber Jost,« sagte sie, »ja, schreiben sollst du mir! Ans Schreiben habe ich noch gar nicht gedacht. Ich werde dir stets ausführlich antworten. Dann ist es, wie wenn wir miteinander reden würden. Ja, es kann doch noch alles schön und gut werden!« »Und was die fremden Mädchen und Frauen angeht,« flüsterte sie leis und zärtlich, »so vergiß nie, daß dich keine lieben würde, wie ich dich liebe, daß es kein treueres Herz gibt.« »O, Duglore,« stammelte ich, »das steht ja wie mit Feuerbuchstaben in meiner Brust.« Mit einem heißen Kuß schloß ich ihr den Mund. Hand in Hand blickten wir stumm in den heiteren Herbsttag und spürten in unseren Seelen das Gotteswunder, daß zwei Menschen einander nie mehr und inniger lieben, als wenn sie vor dem Scheiden und Meiden stehen. Glücklich und beruhigt bin ich, daß mein Paar, Gottlobe und Hans, noch bei mir gewesen sind. Cirrocumuli, feine, weiße Schneeblütenwolken, schweben im Westen, die Berge trüben sich, die Quecksilbersäule im Barometer stürzt. Bald wird mein Feuerstein eine reine blitzende Krone tragen! X Es schneit! Flocken, fast so groß wie meine Manuskriptblätter, gleiten lautlos und geheimnisvoll durch die Nacht. Dieser stille Schneefall mauert mich ab von Welt und Menschen. Zusammengekugelt liegt Flock am Ofen, und Pück, die Dohle, hat den Kopf unter die Flügel gesteckt. Tiefe Wehmut zittert mir durchs Herz. Wie froh bin ich, daß ich in meiner Beichte Vergessen finde! Der Abend hat just die richtige Stimmung, daß ich von meinem Abschied aus der Heimat spreche. Still gehobenen Mutes wanderte ich nach Gauenburg hinaus, um dem Landammann meinen Entschluß mitzuteilen. »Ich hätte mich in Ihrem Wesen verrechnet, wenn Sie auf das Angebot meines Freundes nicht eingegangen wären,« erwiderte er mit einem wohlwollenden Lächeln und ließ seine Blicke über meine ganze Gestalt gehen, als werde er sich an mir, dem in großem Wandererentschluß stehenden jungen Manne. »Nun Glück auf, Herr Wildi!« fuhr der ehrwürdige Greis mit klarer, angenehmer Stimme fort. »Seien Sie fleißig, seien Sie brav und treu, und unter der Führung unseres lieben und verehrten Landsmannes in Hamburg werden Sie Ihren schönen Weg gehen. Ist es Ihr Ernst, daß Sie nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehren und selbst ein Geschäft begründen wollen, so werden Sie meine und des Landrates Hilfe und Förderung finden. Sie besitzen ja von Ihrem Vater her ein eigenes kleines Kapital und aus den Liebesgaben für die Hinterbliebenen von Selmatt liegt zinstragend eine Summe in der Schirmlade des Landes; daraus wird den Berechtigten je nach Bedürfnis ausgehändigt, auch Ihnen, wenn Sie sich einmal selbständig machen wollen. Und wenn Sie durch irgendwelche Lebensumstände vorher eines Betrages bedürfen, so schreiben Sie mir mit Darlegung der Gründe. Der Landrat wird das Gesuch wohlwollend prüfen. Melden Sie mir überhaupt dann und wann, wie es Ihnen geht, und lassen Sie sich in der Fremde stets von dem Gedanken begleiten, daß Sie der Bürger eines kleinen, aber für seine Söhne treu sorgenden Landes sind!« Mir war, aus der stolzen Greisengestalt spreche meine Bergheimat, das gesamte Land in verkörperter Güte zu mir; in rascher, warmblütiger Bewegung streckte ich dem Landammann die Hand entgegen. »Nein,« rief ich, »den Dank, den ich Ihnen schuldig bin, vergesse ich nie; in Liebe und Treue denke ich immer an unsere Berge!« Da schoß ein noch wärmerer Strahl des Wohlgefallens aus den Augen des ehrwürdigen Herrn, und lächelnd beendigte er die Unterredung mit den Worten: »Nun gehen Sie zu meiner lieben Frau, Herr Wildi, sie hat sich die Freude erbeten, für Ihre Reiseaussteuer zu sorgen. Man muß Ihnen, wohin Sie gelangen, ansehen, daß Sie aus einer rechten Heimat kommen!« Rasch und wie von selbst ordneten sich meine Angelegenheiten, und der herbvornehmen Frau Landammann war eben das Beste, was sie in Gauenburg auftreiben konnte, für mich gut; ein Bürgerssohn aus reichem Haus hätte keine schönere Ausrüstung erhalten. Ich trug den feinen, dunkeln Anzug, der dazu gehörte, zum erstenmal bei der großen Trauerfeier, die aus Landesauftrag auf der Stätte des verschütteten Dorfes Selmatt abgehalten wurde. Der furchtbar schwere Tag war der Abschied von der Heimat. Am anderen zog ich nach Hamburg, Duglore nach Hagenach, Melchi zu seinem Großbauer. All die Heimatlosen der untergegangenen Gemeinde hatten wieder ihr Dach und Nest, und es ging ihnen sogar besser, als ehe das erschütternde Unglück geschehen war. Da lag sie ja, die alte Heimat mit ihren Toten, ein Geröll- und Blöckestrom, ein Sodom und Gomorrha der Berge. Wo der Tafelberg mit seinen überhängenden Tannen- und Föhrenschirmen und zerrissenem Gestein gestanden, braune Hütten und Hürden freundlich von der Alpe Boden ins Tal geblickt hatten, gähnte eine schreiend neue, graublaue, fast glatte Schieferwand. Die Wand hinab fegte der mit Schneeflocken untermischte Sprühregen eines rauhen Oktobertages auf den Schutt, der das Dorf bedeckte; der Feuerstein aber war in Wolken verborgen. Aus der Wölbung des Sturzschuttes ragte der Geröllhügel, den die Zweibrückner Mannschaft aufgeworfen hatte, als sie mich, den Lebendigbegrabenen, aus der Gruft der Ahornkrone schaufelte. Darauf stand, mit schwarzem Tuch umwunden, die Kanzel, von welcher der alte Zweibrückner Pfarrer seine wuchtige Trauerrede begann: »Klag' auf Klag' – Hundertzweiundneunzig in einem Grab.« Er verlas die nicht enden wollende Reihe der Toten. In weitem Ring schluchzte das Bergvolk stärker und stärker auf. Mit entblößten Häuptern trotzte es wie eine dunkle Mauer dem Sturm und Regen, gab den Toten die Ehre, weihte das Schuttfeld zum Kirchhof, zog eine Hecke um das kleine Geviert, in dem die etlichen Aufgefundenen, darunter mein Vater, begraben lagen, und erhob auf dem Hügel ein großes, dunkles Grabkreuz mit der kurzen, schweren Inschrift: »Hier ruht Selmatt!« Allmählich strömte die Menge wieder gegen Zweibrücken hinaus; wir Selmatter Hinterlassenen blieben noch eine Stunde: jedes hing seinen schweren Gedanken nach und betete für die Eltern und die anderen Erschlagenen. Wie ich innig an meine selige Mutter dachte, da fiel mir ein, es würde sie wohl im Grabe freuen, wenn ich auf der Reise nach Hamburg ihre Rheinheimat, die Stätte ihrer Kindheit, besuchte. Duglore trat zu mir. »Jost,« sagte sie, »es hat ein Zweibrückner mein Kirchengesangbuch gefunden, das mir im Sturm des Bergsturzes davongeflogen ist. Es ist zwar von Wind und Wetter etwas übel zugerichtet, aber ich will es dir doch schenken, Jost. Lege es jede Nacht als ein Gedenken von mir unter dein Kopfkissen, und es wird dir ein Schutz und mir ein Trost sein!« Ich nahm das seltsame Liebesunterpfand, und still schieden wir von der verwüsteten Heimat. Ich war über jeden Schritt froh, der uns von ihr entfernte. Hätte ich doch in der nebelumwallten Talspalte nicht leben können, ohne ein Tor zu werden. Duglore und Melchi aber, die neben mir gingen, sagten, es sei ein Leid, daß man nun die alte Heimat den Hasen und den Füchsen überlasse, daß Wald da wuchern solle, wo sonnenbraune Hütten und steinbeschwerte Schindeldächer das einfache Leben der Eltern beschirmt hätten. »Es ist mir schrecklich, wenn ich denke, daß am Abend kein Lichtlein durch die Heimat schimmert,« versetzte Duglore schmerzvoll, und Melchi erwiderte: »Ich gehe ganz gewiß wieder nach Selmatt; wenn es sonst auch niemand tut, will ich da wohnen. Der Berg ist gefallen, das Tal sicherer als vorher.« Tu's, Melchi, dachte ich, Duglores Augen aber leuchteten voll inniger Dankbarkeit über seine Worte. »Jost, eigentlich hätten wir uns auch dazu entschließen sollen,« sagte sie noch am Abend in Zweibrücken, der nichts als ein herzbeweglicher Abschied war. »Daß ich über die Trennungszeit hinwegkomme,« schluchzte Duglore, »dazu helfe mir Gott!« Fast mit Gewalt mußte ich mich aus ihren klammernden Armen lösen, und ich atmete auf, als der Gemütssturm des Abschiedes vorüber war. Das Wetter hatte sich über Nacht gehellt; sonnig erwachte der Tag, der mich hinaus in die Welt führte, über den Bergen. Noch einmal sah ich den Feuerstein glühen, aber nach einer Stunde Eisenbahnfahrt schon stand er nur noch wie ein Traumbild der Luft hinter dunkeln Wäldern und blauduftigen Hügeln, und über ihm vergingen in Licht und Schleier die Hochlandsfirnen. Als ich noch einmal nach dem Berg meiner Väter blicken wollte, war er nicht mehr da. Zum Zerspringen wogte meine Brust. »Du bist aus einem rechten Lande, Jost Wildi. Ihm zu Ehren mußt du dich als ein braver und tapferer Mann bewähren. Du hast an Duglore eine gottgesegnete Liebe. Der mußt du treu sein bis in den Tod.« In heiligen, geheimnisvollen Lauten redete es in mir. »Junger Mann, Mut! Es lebt sich auch anderwärts, selbst in Amerika,« sagte ein älterer Herr, der mir gegenüber saß, etwas spöttisch. Er sah aus, wie wenn er weit durch die Länder gereist wäre. Ich schämte mich meiner weichen Regung und der Stimmen, die wie Orgeltöne durch die Grundtiefen meiner Seele geklungen hatten. Ich gehörte der Welt! Aber jedes halbwüchsige Stadtkind wußte mehr von der Welt als ich. Zum erstenmal fuhr ich auf einer Eisenbahn, und über manches, was ich fragte, erstaunten die Menschen und stellten lachend die Gegenfrage: »Ja, woher kommen Sie denn, daß Sie das nicht wissen?« »Von Selmatt!« Das Dorf war vom Bergsturz her in aller Munde; die Antwort erweckte Teilnahme, und wenn ich auch über meine Unkenntnis erröten mußte, getröstete ich mich, daß ich mich unter den Leuten bald zurechtfinden würde. Ein paar Stunden jenseit der Landesgrenzen aber ward es mir schwer. Die Leute schüttelten zu meinem Bergdeutsch die Köpfe, als spräche ich Welsch; ich verstand auch sie nicht. Still fuhr ich meines Weges, und halb hoffnungsreich, halb reuevoll ließ ich mich bis zum Abend durch die Herbstbilder der mannigfaltigen Landschaften in die Ferne tragen. Ich übernachtete in einer großen Stadt, wechselte den Zug, den ich am Morgen bestiegen, mit dem Rheindampfboot und rüstete mich den Brüdern und Schwestern meiner Mutter, mir unbekannten Verwandten, Grüßgott zu sagen. Milde Oktobersonne überglänzte den mächtig breiten Strom, an den Ufern lehnten verträumte Kirchen, auf den Hügeln standen die Schlösser, aus den Rebbergen schimmerten die Landhäuser und hoben heitere Fahnen zum Gruß empor, an den Abhängen der Weinberge herrschte reges Treiben, das freudige Bild der Weinlese, das mir ebenso neu war wie der groß und stattlich dahingleitende Dampfer. Herzliches Muttergedenken kam über mich, am stärksten, als eine Gruppe von Landleuten, die eben ins Boot gestiegen war, von Trauben und Wein, von Kauf und Verkauf zu sprechen begann. Ich verstand ihre Sprache, vom Munde der Mutter hatte sie meine Kindertage umklungen. An der Stromhalde hing ihr Heimatdorf; nach ihrer Beschreibung erkannte ich es auf den ersten Blick: die lindenumschattete Kirche auf dem Felsen, das spitzgiebelige Haus, auf dem der Storch sein Nest gebaut hatte, die Laube, aus deren Blättern die golden angelaufenen Trauben glänzten. Ich stieg ans Land, den Hügel empor, fand aber das Mutterhaus geschlossen. Eine Nachbarin, die auf einer Treppe Bohnen enthülste, rief mir zu: »Die Familie Rheinsberger schneidet hinter dem Haus im Weingarten die Trauben,« kam und führte mich. Ein Mann, in dem ich leicht den ältesten Bruder meiner Mutter erkannte, empfing mich mit gezogenem Käppchen und neugierig freundlichem Blick. »Schön sonnig Wetter macht's,« begann er und hielt mich für einen fremden Weinkäufer. »Ich bin Jost Wildi von Selmatt!« stellte ich mich vor. Er öffnete die Augen groß. »Da wär't Ihr also meiner Schwester Ottilie selig ihr Sohn!« Die gesamte, wohl zwanzig Köpfe zählende Gesellschaft der Winzer und Winzerinnen wurde auf mich aufmerksam; mein Onkel aber, ein Fünfziger mit hell aufgeschlossenem Bauerngesicht, blieb etwas zurückhaltend, bis er sich überzeugt hatte, daß ich wirklich nur zu einem kurzen Freundschafts- und Verwandtschaftsbesuch und nicht etwa gekommen sei, um Ansprüche an die Familie zu erheben. Nun aber ging es los mit Fragen, von den Alten nach der seligen Mutter, von den Jungen, die sie nicht gekannt hatten, nach dem Bergsturz, von dem sie aus den Zeitungen wußten. Bei Trunk und Imbiß erwachten die verwandtschaftlichen Gefühle. Ein paar lustige blonde und braune Bäschen gefielen mir besonders wohl. »Er kann von der Mutter her doch noch ein wenig rheinländisch,« kicherten sie, »nur gut kann er's nicht.« Eins der Mädchen – Liesel hieß sie – stieß mit übermütig schelmischen Augen das Glas an das meine. »Jost, sag' doch, sind in deinem Bergland alle Burschen so schmuck wie du?« lachte sie, und als ich nun der fröhlichen Gesellschaft die Trauben schneiden half, wich sie nicht aus meiner Nähe. Die anderen Mädchen wollten auch ihren Teil an mir haben; sie fanden es spaßig, daß ich so groß und so alt hätte werden können, ohne je eine Weintraube gesehen zu haben, und jubelten: »Da ist wieder eine süßgoldene für dich, Jost!« Nur um keins der lieben Bäschen zu kränken, aß ich Trauben, bis ich übersatt war. In die blauen Augen, in das Lachen, in das Blondhaar und in die junge üppige Gestalt der Liesel aber verschaute ich mich schier. Und sie sich in mich! Am Abend entfaltete sich in der weinbehangenen Laube beim Schein farbiger Papierlaternen, beim angärenden Weinmost und munteren Spiel mit Walnüssen lustiges Jugendtreiben. Nicht lang, so rief der Klang einer Violine und einer Handharmonika die Paare zum Tanz, und unter allerlei Schalk und Mummereien der Mädchen flogen die Stunden. Ich tanzte zwar nicht mit, weil ich um meinen Vater in Trauer war, aber ich ließ mir von Liesel allerlei ins Ohr sagen, was närrisch und doch lieblich klang. »Jost, nur ein paar Tage bleibe,« flüsterte sie, »du mußt rheinländisch sprechen, rheinländisch lachen und singen und – lieben lernen.« Ich aber riß mich am anderen Tag von meinen Verwandten, alt und jung, von den schelmischen Mädchen und der verliebten Liesel los, die mich alle noch halten wollten. Auf einer Umsteigestation schrieb ich Duglore das erste Brieflein, doch kein Wort von den artigen, fröhlichen Rheinländerinnen, von den vielen Küssen, die mir Liesel mit schwellenden Lippen gegeben und genommen hatte. Ich schämte mich bitterlich vor Duglore und dachte im brausenden Zug darüber nach, was für ein veränderlich und wundersam Ding das Menschenherz ist, und wie ich, Jost Wildi, der nie mehr hatte lachen wollen, den Abend lang ein leichtsinniges Blut gewesen war. Ich war über mich selbst ein wenig erschrocken, eigentlich traurig sein konnte ich aber nicht. Dafür war der Abend zu schön gewesen! Ein Abend vielleicht wie jener, da mein Vater sein Herz an meine Mutter verlor. Ich gedachte der Eltern und überlegte das Wort jenes alten Herrn, der mich für einen Amerikafahrer gehalten hatte. Gewiß, es lebte sich auch anderwärts, nicht bloß in den Bergen! Wo aber waren die Berge geblieben? Was sollte ich zu dem weiten, lichtblauen Himmelsgewölbe sagen, das nicht von ihnen gestützt wurde, zu den braunen Flüssen, die wohl Schiffe trugen, aber keine Wellen warfen, zu der weiten Sandheide, über die der dünne, krüppelige Kieferwald bläulich erschimmerte. Bekümmert blickte ich nach den wunderlichen Windmühlen, die mit ihren trägen Riesenflügeln den Horizont und den sinkenden Abend gespenstig belebten. Ich meisterte die Tränen der Sehnsucht nach Duglore, und als ich aus der Unruhe und dem Gespräch der Reisenden merkte, daß Hamburg nahe sei, steckte ich den Tannenzweig der Heimat auf den Hut, an dem mich Herr Balmer auf dem Bahnhof erkennen würde. Lange Lokomotivpfiffe schrillten in graue Nebel hinein! Es war aber in Hamburg von Anfang an vieles anders, als ich mir eingebildet und vorgemalt hatte. Zu meiner großen Enttäuschung wurde ich am Bahnhof nicht von Hans Konrad Balmer abgeholt. Als ich neugierig und beklommen umherspähte, kam ein feingekleideter, hagerer Herr auf mich zu und entblößte seine Glatze mit überschwenglicher Höflichkeit. Seine Verbeugung kam mir sehr komisch vor, weil ich ihren Sinn noch nicht kannte. »Johannes Andreesen, Privatsekretär,« stellte er sich mir vor. »Herr Konrad Balmer empfehlen sich Herrn Wildi und lassen Herrn Wildi auf morgen um neun ins Bureau bitten.« Wie fremd, dachte ich, und diese Empfindung wuchs, als ich mit dem Sekretär in einem Wagen durch die lichterfüllten, nebeligen Straßen der Stadt fuhr. Herr Andreesen sprach mancherlei, wovon ich so viel verstand, daß ich künftig bei ihm wohnen werde. Da hielt der Wagen in einer stillen Straße mit hohen Häusern. Wir stiegen die Treppe hinauf, die helle Beleuchtung blendete mich; die im dritten Stock gelegene Wohnung der Sekretärsfamilie kam mir vor wie ein Fürstenpalast, ich wagte darin kaum zu gehen und zu stehen. Die Sekretärsleute gaben sich die größte Mühe, es mir heimisch zu bereiten, aber ihr höflicher, abgemessener Gesprächston verwirrte mich; darüber, daß ich die feinen Tischgebräuche nicht kannte, errötete ich fort und fort, und als ich halbtot vor neuen Eindrücken in mein Zimmer kam, wagte ich es kaum, mich auf mein Bett zu legen. Und wenn es schon beim Sekretär so ist, wie muß es erst beim Herrn aussehen! Das Heimweh erfaßte mich vor dem Einschlafen furchtbar: Wäre ich doch wieder in Zweibrücken oder wenigstens bei den Verwandten am Rhein! Es beelendete mich, daß Herr Hans Konrad Balmer, der doch ein geborener Selmatter war und mich zu sich eingeladen hatte, nicht einmal an den Bahnhof gekommen war, um mich zu begrüßen. Duglores Kirchengesangbuch unter dem Kissen, schlief ich doch gut! XI Scheu und fremd tat ich an der Seite des Herrn Sekretär Andreesen die ersten Schritte und den ersten Gang durch das lärmende Leben der Stadt. Als wir auf einem Fleet, einem braunen, schmutzigen Wasserkanal, zwischen alten Häusern ein paar warenbeladene Schiffe erblickten, fügte er: »Das sind nun von den Leichtern und Schuten des Herrn Balmer!« Groß wie eine Fabrik, aus alten und neuen Gebäuden zusammengebaut, stand das Geschäftshaus. Darin arbeiteten eine Menge Menschen fleißig wie die Ameisen. Wir kamen durch Fluren und Gänge; Männer begegneten uns, die mit beschriebenen Zetteln von Tür zu Tür eilten, und keiner sah nach dem anderen, und keiner sah nach uns, aber jeder hatte es wichtig. Wir schritten durch einen Saal, in dem wohl dreißig oder fünfzig Schreiber standen, schrieben oder rechneten und kaum einen schnellen Blick von ihren Pulten nach uns warfen; dahinter lag das kleinere Zimmer, in dem Herr Andreesen, wie er sagte, allein arbeitete, und an einer folgenden Türe stand: »H. K. Balmer.« – Herr Andreesen schaute auf die Uhr. »Noch zwei Minuten, Herr Wildi!« Da geht's aber genau, dachte ich. Schritte regten sich drüben, er pochte, die Tür ging auf, ich schaute in eine große, einfach gehaltene Stube, in der ein Schreibtisch, Schränke und viele Bücher standen. Der Großkaufmann, der in diesem Augenblick gekommen war, tat mir einen Schritt entgegen. »Ah, Herr Wildi, glücklich gereist?« versetzte er leichthin, bot mir kurz die halbe Hand und bedeutete mir, ohne meine Antwort abzuwarten, ich möchte mich auf einen niedrigen Lehnstuhl setzen, während er seinen Platz auf einem erhöhten Stuhl einnahm. Der Sekretär aber war verschwunden. Mir klopfte das Herz: in der kalten, fremden, knarrenden Sprache des Herrn Balmer war nicht ein Ton selmatterisch. »Nur einen Augenblick,« sagte er, riß ein paar Umschläge auf, die Telegramme oder Briefe enthielten, und reichte sie mit ein paar Worten Herrn Andreesen hinaus. Unbequem auf dem niedrigen, weichen Stuhl sitzend, hatte ich unterdes Zeit, dem schwärmerisch geliebten Freunde meines seligen Schulmeisters Kaspar ins Gesicht zu blicken, in dem unendlich viele Falten und Fältchen kreuz und quer liefen und sich um die Augen und den eingezogenen Mund knäuelten. Ich hatte erwartet, Herr Hans Konrad Balmer würde ein schöner Mann sein, ähnlich dem Landammann; nun aber war er häßlich, doch von einer anziehenden Häßlichkeit. Unwillkürlich dachte man vor dem in Falten zermarterten Gesicht, was dieser Mann wohl schon alles zusammengeplant und zusammengearbeitet habe in seinem Leben, und fühlte sich im Banne einer unheimlichen Wucht, die ihn noch gewaltiger als selbst den Landammann erscheinen ließ. Plötzlich ruhten seine Raubvogelaugen durchdringend auf mir. Da er doch nichts sagte und mich die stumme Prüfung quälte, hielt ich den Augenblick für gekommen, die Grüße des Landammanns zu bestellen. »Schon gut,« versetzte er kühl und abweisend, »das Wesentliche ist, daß Sie sich entschlossen haben; mein Lehrling zu werden. Sie müssen nun eben von der Pike auf dienen!« Das klang furchtbar nüchtern und kalt, und, da er nicht selmatterisch mit mir sprach, erachtete ich es als Pflicht, ihm schriftdeutsch zu antworten. Etwas wegwerfend aber bemerkte er: »Später, das können Sie doch noch nicht!« Ich errötete, saß wie auf Nadeln und wünschte mir Flügel, um mich von ihm hinwegzuheben. »Ich kann mir vorstellen, daß es Ihrer Bildung überhaupt an allen Ecken und Enden mangelt,« fuhr er fort. »Ich werde mit Herrn Andreesen wegen der Nachhilfestunden, die Ihnen gegeben werden sollen, sprechen. Man wird Sie jetzt an Ihre Arbeit führen; je nach Ihren Leistungen werde ich Sie fördern. Ich hoffe, es gibt ein Sichfinden, Herr Wildi – meine Frau wünscht unseren Landsmann gelegentlich auch einmal zu sehen!« Nun war sein Ton doch merklich wärmer, und ein Strahl verhaltenen Wohlwollens glitt unter den buschigen, mächtigen Brauen hervor und streifte mich. Das war gut, ich wäre sonst über den kalten Empfang trostlos gewesen; auch so hatte ich noch das Gefühl, ich sei zwischen die Finger einer außerordentlich harten Faust geraten. Eine weite Kluft gähnte zwischen den begeisterten Schilderungen, die mir Schulmeister Kaspar von seinem Freunde entworfen hatte, und dem wirklichen Wesen des Herrn Balmer. Ich wurde von Sekretär Andreesen in einen Speicher geführt und erfuhr nun, was es hieß, von der Pike auf zu dienen. Meine erste Arbeit in dem großen Kolonialwarenhaus war, mit ein paar anderen Lehrlingen und Arbeitern einen Berg von Zucker in Säcke zu füllen und die Säcke abzuwägen, und nachdem ich eine Woche lang Zucker geschöpft hatte, sackte ich Reis, Kakao, Kaffee, Kautschuk, Gummi und die widerwärtigen Farbhölzer, die ihr Gelb, Rot und Blau in die Haut ätzten, dann kam wieder Zucker an die Reihe. Alle Wochen einmal ging Herr Balmer allein oder mit einem Beamten des Hauses durch die Schuppen, griff da und dort in einen Sack und musterte die Waren, indem er sie beroch oder tastend durch die Finger gleiten ließ. Als er einmal dicht in meiner Nähe vorbeikam, hielt ich es für meine Pflicht, höflich zu grüßen; er nickte flüchtig, ließ mir aber hinterher sagen, er setze keinen Wert darauf, von seinen Lehrlingen bemerkt zu werden, nur darauf, daß sie arbeiteten. Einmal hörte ich aus seinem Munde auch ein gewaltiges, mit norddeutschen Flüchen versetztes Donnerwetter, das ein paar Warenaufseher anging. »Solche Leute hol' der Teufel – da geht das beste Geschäft kaput!« Der wütende Zorn, in dem ich Herrn Balmer gesehen hatte, erklärte die schwüle Stille, die stets über den Leuten herrschte, wenn er an irgendeiner fernen Tür erschien. Jeder suchte ihm aus dem Weg zu gehen, und wer zu ihm gerufen wurde, zitterte um sein Brot. War er wieder gegangen, so erhob sich da und dort in den Ecken ein Flüstern, doch niemand sprach vom Herrn Balmer, sondern nur vom »Gewaltigen« und jeder so vorsichtig, als hätten die Wände Ohren; am furchtsamsten redete von ihm Herr Andreesen, sein Privatsekretär, der höflichste Mann auf Gottes Welt. Er vermied es überhaupt, den Namen Balmers auszusprechen, als läge in seiner bloßen Nennung eine Gefahr, und geschah es doch, so gewiß in einer Art, als verbeuge er sich innerlich noch schnell vor seinem Herrn. Dadurch wurde Herr Balmer mir selber geheimnisvoll. Ein- oder zweimal, als er durch die Magazine schritt, sah er meinen Hantierungen mit undurchdringlicher Miene zu, ging aber ohne Lob und Tadel weiter. Wie sehr er indes seine Anteilnahme für mich verbarg, hatte ich doch die innere Gewißheit, daß er sich beständig über mich und meine Arbeit unterrichten ließ. Scheu empfund ich davor nicht, ich hatte im Gegenteil das befreiende Gefühl raschen Einlebens in meine Pflicht, war meiner scharfen Augen, die jeden Arbeitsvorteil erspähten, sicher und besaß zu feine Ohren, um mir von meinen Vorgesetzten etwas zweimal sagen zu lassen. Und dankbar mußte ich Herrn Balmer in anderer Hinsicht sein. Durch den Privatsekretär Andreesen hatte er mir verschiedene Lehrer angestellt. Um vier Uhr Abends schlüpfte ich, wie der Schmetterling aus der Puppe, aus meinem Arbeitskleid und eilte erhobenen Kopfes, ein junger Herr, in meine Privatstunden. Wohl hatte Balmer recht: es fehlte meinen Kenntnissen an allen Ecken und Enden; aber Duglores Vater hatte die Fundamente so gut gelegt, daß darauf leicht weiterbauen war. Mit der ausgeruhten Kraft eines jungen, starken Menschen, dessen geistige Fassungskraft jugendlang nie überangestrengt, ja nie ganz gesättigt worden war, ging ich an meine Aufgaben und meisterte sie spielend. Der ungezügelte Lerneifer half mir vortrefflich über das Heimweh hinweg, das manchmal wie eine Quelle aufspringen wollte, denn so schöne Abende wie bei Schulmeister Kaspar gab es in der nach Grundsätzen vornehmen Spießbürgertums geführten Sekretärsfamilie nicht; mir fehlten die dunkeln Augen Duglores, und für die Bilder, mit denen eine Weltstadt die Empfänglichkeit eines jungen Mannes reizen kann, waren meine Blicke noch zu scheu. Ich stand aber doch in einer Zeit des Wachsens und Reifens, und hätte mich Duglore sehen können, wie ich nach Haltung und Lebensart gedieh, sie hätte gestaunt. Das war das Verdienst der Frau Sekretär Andreesen. Die blonde, blitzsaubere, für Äußerlichkeiten lebhaft empfindliche Hamburgerin verbarg ihren Stolz darüber nicht, daß die Familie Balmer mich gerade zu ihr ins Quartier gewiesen hatte, und setzte nun ihre Ehre darein, auf den Wildling der Berge das Edelreis städtischer Gesittung zu pfropfen. Selten ging oder kam ich, ohne daß sie aus dem Erker ihrer schönen, nur etwas hoch gelegenen Wohnung einen spähenden Blick nach mir geworfen hätte, wie sich denn ihr Pensionär im Straßenbild ihrer Vaterstadt ausnehme. Wenn ich in die Wohnung trat, lachte sie ihr kühles, fröhliches, gesundes Lachen, mit dem sie halb ernsthaft, halb scherzhaft die Dinge der Etikette zu erledigen pflegte, und versetzte lustig: »Wer würde Ihnen noch ansehen, daß Sie aus einem wilden Lande kommen, in dem die Menschen von den Bergen wie von einer Mückenklappe totgeschlagen werden?« Weihnacht war nahe. Als ich an nichts dachte, überbrachte mir Herr Andreesen eine Einladung des Herrn Balmer und seiner Gemahlin zur sonntäglichen Mittagstafel. Ich war freudig überrascht; die Frau Sekretär schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Die Ehre, die Ehre, da doch gar niemand von den langjährigen ersten Beamten des Hauses eingeladen ist! Das kommt, weil Sie ein Landsmann des Herrn Balmer sind.« Eine reizende Eifersucht, daß die Einladung nicht ihrem Gatten galt, spiegelte sich in den Worten der anmutigen, kleinen Frau. Als aber der Sonntag da war, unterwarf sie den äußeren Jost Wildi einer so weiblich sorgfältigen Prüfung, daß er wie ein Hamburger Bürgerssohn vor der Familie des Großkaufmanns erscheinen konnte. Halb Villa, halb Palast, schlanke Edeltannen vor dem Eingang, lag das Haus Balmer mit glänzenden Fenstern an der äußeren Alster, auf deren Eis sich eine Menge eleganter Schlittschuhläufer und -Läuferinnen tummelten. Am Tor stand ein Diener mit farbigen Aufschlägen, zwei andere standen wie Bildsäulen an der breiten Steintreppe, eine Flügeltür öffnete sich: eine nicht sehr große, aber vornehme Gesellschaft, ein verheirateter Sohn und eine verheiratete Tochter mit ihren Angehörigen und noch einige Eingeladene, sammelte sich. Bei der Begrüßung äußerte der »Gewaltige« mit einem dünnen Lächeln scheinbar oberflächlich: »Es freut mich, Herr Wildi, Sie hier zu sehen,« und wandte seine Aufmerksamkeit den übrigen Gästen zu. Umsomehr erfreute mich der herzliche Willkomm durch Frau Balmer: »Endlich sehe ich Sie, Herr Wildi! Ich war schon lange nach unserem jungen Landsmann neugierig!« Mit einer jugendlich raschen Bewegung bot sie mir die Hand, sprach zu meiner Ermunterung ein paar Worte Heimatdeutsch und lächelte: »Mein Mann hat Sie wohl beim ersten Empfang sehr erschreckt. Das ist nun seine Art, daß er jung ins Geschäft tretenden Leuten etwas abstoßend begegnet. Ihr Aufenthalt in Hamburg gestaltet sich aber gewiß viel schöner, als Sie denken. Sie haben wohl aus unserer Einladung gespürt, und ich darf es Ihnen verraten, daß mein Mann von Ihrer Tätigkeit durchaus befriedigt ist! Nun hoffen wir, Sie dann und wann als Gast in unserem Haus zu sehen!« Mir war, eine Eisrinde, die mich bisher in Hamburg umgeben habe, springe unter den warmen, braunen Frauenaugen entzwei; ich konnte den Blick kaum von der stattlichen Gestalt wenden, die, trotz ergrautem Haar im Gegensatz zu Herrn Balmer fast jugendlich lebhaft und froh schaute. Das Altheimatliche, das sie durch Rede und Wesen strömen ließ, umfing mich wie warme, erlösende Frühlingsluft. Ich war der Frau, deren Liebesgeschichte ich von Kaspar selig kannte, vom ersten Augenblick an ergeben und hielt es Herrn Balmer groß zugute, daß er nach einer kurzen Abirrung zu seiner Jugendliebe zurückgekehrt war. Obgleich in den gesellschaftlichen Formen noch etwas unsicher und auf die Nachahmung der anderen angewiesen, verlebte ich in dem Hause des Großkaufmanns einen überaus frohen und anregenden Tag. Herr Balmer war gegenüber dem Bilde, das ich bisher von ihm gewonnen hatte, ein ausgewechselter Mensch. Der strenge Geschäftsherr, der nach der Schilderung der Angestellten und Arbeiter am liebsten Donnerkeile schmetterte, war im Kreis seiner Familie und Gesellschaft der liebenswürdige, feine Wirt, der für jedermann ein verständnisvolles Nicken, ein bezauberndes Lächeln besaß. Ob er mit Erwachsenen oder mit Kindern sprach, entfaltete er stets ein Feuer des Wohlwollens und der Liebe, als hätte überhaupt noch nie ein Wölkchen des Unmuts seine Stirne getrübt, als gäbe es für ihn nichts als die Hingabe an die kleinen oder großen Anliegen derer, die um ihn weilten. Nachdem er mich langehin wie absichtlich etwas übersehen hatte, war er plötzlich mit einem väterlich gewinnenden Strahl seiner leuchtkräftigen Augen an meiner Seite: »Na, Herr Wildi!« Mit ein paar leichten Fragen zog er mich in ein offenstehendes Nebengemach, und in der halben Abgeschiedenheit begann er, sich mit mir von der Heimat zu unterhalten. »Ja, nun ist Kaspar Imobersteg, mein lieber Jugendfreund, tot,« versetzte er nachdenklich und mit halb geschlossenen Augen: »Er war in all seiner großen Bescheidenheit eine Perle unter den Menschen, lieb und treu ohnegleichen. Wenn solche sterben, reizt es mich natürlich wenig mehr, das Land wieder zu besuchen. Ich trenne mich langsam von der Heimat ab.« Er sprach in einem wehmütigen Ton, wie wenn er zu sich selber redete und sich ganz vom Strom seiner Gefühle treiben ließe. »Seine Älteste lebt,« versetzte er nach einer Weile des Nachsinnens. »Erzählen Sie mir doch!« In weichster Stimmung schlürfte er, was ich von Kaspar und Duglore sprach. Dann unterbrach er mich. »So, Kaspar hat Ihnen zuerst von mir gesprochen, nicht Ihr Vater. Nun, ich versteh's! Klaus, Ihr Vater, wurde aus einem hellen, frohen Jugendkameraden später etwas Kauz. Glauben Sie, ich hätte ihn, wenn er in Hamburg war, ein einziges Mal in mein Haus führen können? Nie! Um die Zeit, in der er hierher zu kommen pflegte, mußte ich in dem kleinen Gasthaus ›Zum Grünen Glas‹ in der Altstadt Nachfrage halten lassen, ob er denn bereits eingerückt sei. Dann suchte ich ihn auf, um einen Abend mit ihm zu verplaudern.« Herr Balmer wirkte durch die Gegensätze seines Wesens wahrhaft geheimnisvoll auf mich; die kleine Unterhaltung, von der er bald unter seine übrigen Gäste zurücktrat, legte mich vollkommen in seinen Bann. Als man sich verabschiedete, überreichte mir Frau Balmer eigenhändig ein verschnürtes Paket. »Sie erraten nicht, was drin ist,« lachte sie. »Ein Wecken Gauenburger Birnbrot! Ich habe ihrer ein paar von meiner Freundin, der Frau Landammann, erhalten, die Sie grüßen läßt. Sie sollen also über Weihnachten auch etwas Heimatliches zu knuspern haben!« Die feine, frauliche Aufmerksamkeit und Güte bewegte mich dankbar, aber das kurze Gespräch, dessen mich Herr Balmer gewürdigt hatte, galt mir unendlich mehr. Förmlich verwirrt kam ich von der Sonntagseinladung heim; auf die Frage der Sekretärsleute, wie sie denn verlaufen sei, antwortete ich mit einem jubelnden: »Entzückend schön!« Es litt mich nicht im Haus, es drängte mich zu einem weiten Gang im Freien; als wäre durch die Unterhaltung mit Balmer ein Fieberstoff in mein Blut gelangt, brannten mir die Wangen. Ich lief und lief mit glückseligem und unruhvollem Herzen. Er ist eben doch, wie ihn Schulmeister Kaspar geschildert hat. Wunderlich ergriff es mich, daß Herr Balmer, den die Menge nur als den rechnenden, rücksichtslosen Kaufmann kannte, meinen Vater, den schlichten Tafelhändler, in einem geringen, volkstümlichen Wirtshaus aufgesucht hatte, um mit ihm von fernen Knabentagen zu sprechen. Das bezeugte einen unendlich weichen und zarten Kern in seiner Seele! Alle meine Gedanken waren nur ein großes Lechzen danach, daß ich bald wieder seine starken unergründlichen Augen über mir spüren dürfe. Wie eine Offenbarung überströmte es mich, ich müsse diesem Manne einmal herzlich nahe kommen; in erhöhten Gefühlen eilte ich durch die verschneiten, nächtlichen Straßen Hamburgs und ließ mich in der Altstadt von den dunkeln Silhouetten der Türme und Häuser, von den Lichtern, die rot aus den Fenstern brachen und sich mit zitterndem Strahl in finsteren Wassern spiegelten, wie von einem wonnigen Lebensmärchen umspinnen. In der Tat ging mir nun in Hamburg eine wundervolle Zeit auf. Die Einladungen in das schöne, von feiner Geselligkeit belebte Haus Balmer wiederholten sich; mit der Familie begannen die Gäste Anteil an mir zu nehmen; wohlwollend entschuldigten sie die bergursprünglichen Herbigkeiten, die noch an meinem Wesen, die Sprödigkeiten, die noch an meiner Sprache hafteten, und mit einer nicht geringen Anpassungsfähigkeit fand ich mich in die Formen des neuen feineren Lebens, die mir zuerst wie ein Leib und Seele verrenkender Eiertanz von Worten, Gebärden und Bewegungen erschienen waren. Frau Balmer, der gute Geist aus der Heimat, nickte mir mütterlich zu: »Ja, ja, Herr Wildi, Sie entwickeln sich prächtig. Sie machen uns mit Ihrem frischen, anstandsvollen Wesen wirklich Freude. Jedermann in unseren Kreisen mag Sie!« Ein leiser, glücklicher Stolz lag auf dem kräftigen pfirsichblütenen Frauenangesicht. Herrn Balmer aber in das zerknitterte, rätselvolle Antlitz zu blicken, galt mir noch wichtiger. Ich sah die vielen Faltenwinkel und Haken darin nicht mehr, nur die Schönheit der geistigen Kraft und Wucht, den sonnigen Strahl der Güte in seinen Augen. Ich war vollständig im Zauber seines geheimnisvollen Wesens; tagelang konnte ich trauern und trübsinnig sein, wenn seine Unterhaltung mit mir etwas kühler und knapper ausgefallen war, als ich erwartet hatte, und heimlich jauchzen, wenn das hinreißende Lächeln für mich um seinen Mund gespielt oder mir eins seiner Worte den Herzensklang des Wohlwollens verraten hatte. »Es war doch ein Glück im Unglück des Selmatter Bergsturzes, nicht wahr, Herr Wildi,« äußerte er eines Tages. »Es hat Sie zu mir geführt. Ich denke, Sie werden es nie bereuen. Seien Sie versichert, nach allem, was ich schon von Ihnen gesehen habe, nehme ich Sie nicht klein. Ich trage stets Bedacht darauf, wie ich Ihnen einmal die Stelle schaffe, die Ihrer Einsicht und Kraft angemessen sein wird.« Ich fühlte mich wie ein junges, feuriges Roß, das den Sporn in der Flanke hat und mit gestreckten Sehnen nach seinem Ziel fliegen muß! In dieses Glück hinein fiel nur dann und wann ein Schatten. Das waren die sehnsüchtigen Briefe Duglores. »Lieber Jost,« schrieb sie, »wenn es mir schon bei der Familie Z'binden gut geht und mich die Fabrikantenleute halten wie ihr einziges Kind, so denke ich doch Tag und Nacht an dich. Tag und Nacht! O, was für eine große Freude hat mir dein Bild gemacht! Du bist ein Stolzer darauf, für mich fast ein zu Stolzer. Das Bild steht in meiner Kammer in einem Glas. Wenn ich am Morgen erwache, so erhebe ich zuallererst das Lämpchen zu dir, desgleichen zuletzt am Abend und rede lieb mit dir. Nein, meine Tränen fließen, und ich sage: ,Jost, was bist du für ein Böser, daß es dir in Hamburg so wohl gefällt! Frau Z'binden macht mir mit ihrer Rede viel Schmerzen. Sie sagt, ich sei ein törichtes Kind, daß ich mein Herz an einen hänge, der in einer so großen Stadt in der Fremde sei. Dann ist's mir, man schlage meine Seele mit Brennesseln. Auch Herr Z'binden lächelt manchmal so mitleidig und heimlich über meine große Liebe zu dir. Darum spreche ich lieber nichts mehr davon; es wird mir doch angst und bang und traurig, wenn ich sehe, wie sie zweifelsüchtig sind. Ich muß viel leiden, weil ich an dir hänge, Jost. Und doch liebe ich dich seit meinen Kindertagen. Das weißt du. O schreibe mir aufrichtig, warum du so gern in Hamburg bist. Nein, schreibe mir wieder einmal, wie du mir zuerst geschrieben hast. Du hast geschrieben, du hättest das Heimweh wie ein Narr! Ach, so schön berichtest du mir nie mehr. Im Traum strecke ich die Hände nach dir. Du aber fährst auf einem Schiff, und fort und immer weiter fort, und meine Arme können dich nicht erlangen.« Der wehmütige Klang der Briefe bebte mir bis in die Tiefen der Brust; ich fühlte, wie ein Zwiespalt zwischen meiner jungen Liebe und den ehrgeizigen Plänen zu klaffen begann, mit denen mich das väterliche Wohlwollen Balmers erfüllte. Am Alsterbecken Hamburgs und in den Anlagen ergrünte und erblühte aber bereits der rasche nordische Lenz. Als mich eines Sonntagmorgens ein Spaziergang weit vor die Tore der Stadt führte, da zitterte schon die anbrütende Frühlingswärme über den grünen Feldern der Wintersaat. Mir selber war leichtsinnig wie der Lerche zu Mute, die in den klaren, glänzenden Lüften schmetterte. Ich hätte steigen, steigen mögen, um von irgend einer Warte aus in die Frühlingslandschaften zu blicken. Schwer mißte ich die Berge. Nur um mir das Gefühl des Emporwanderns zu bereiten, um wieder einmal wie von der Bodenalpe oder vom Feuerstein hinab in die Welt zu sehen, bestieg ich den Nikolaiturm, den höchsten der Stadt. Lebenerfüllt, ein wunderschönes Zusammenspiel von Giebeln und Türmen, von Häusern und Wassern und mit Inseln grüner Lenzüppigkeit zwischen den sich mengenden Dächern, lag sie mir zu Füßen. Umsonst aber suchten meine Augen das Meer! Mit dem Frühling kam Abwechslung in die Einförmigkeit meiner Magazinsarbeit. Ich durfte dann und wann die Schuten, die den Warenverkehr zwischen den Speichern und dem Hafen vermittelten, durch das Gewirre der Stadt begleiten. Bald gelangte ich an die kleinen Häfen, in denen die Flußschiffe der Binnenstädte ankerten, bald an die großen Kaie der Meerdampfer. Die mannigfaltigen und beweglichen Bilder, das Rufen und Schreien der Arbeiter, das Ächzen der Krane, die aus den Tiefen der Schiffsräume die Warenballen hoben, und das Schwirren und Pfeifen der kleinen Boote, die sich zwischen den Riesenleibern der Ozeanschiffe hindurchwanden, wurden mir mitten in nützlicher Arbeit eine vertraute Welt. Selbst einen volkstümlichen Freund fand ich unter den Angestellten des Hafens, Jürg Rungholt, den Aufseher einer kleinen Reederei. Wenn ich nicht in der Familie Balmer eingeladen war, verbrachte ich den Sonntag mit dem treuherzigen, humorvollen Manne, der eine Menge Anekdoten von Schiff und See zu erzählen wußte. Ein Spaziergang führte uns nach Ottensen, wo sein Schwager und seine Schwester eine kleine Gärtnerei betrieben. Bei den harmlosen Menschen verging der Nachmittag mit einer Besichtigung der Gärtnerei, einem Geplauder über das Wachstum der Pflanzen und einem Trunk Bier im Grünen, und unwillkürlich erinnerte mich der Aufenthalt bei den Gärtnersleuten an die stillen Sonntage in der Heimat, wo ich mit dem Vater über die Äcker der Berghalde gewandelt war und wir uns am Emporschießen des Bergkorns gefreut hatten. Die schönsten Stunden der Erholung und Anregung waren mir aber stets in der Familie Balmer beschieden. Sie besaß am lieblichen Süllberg bei Blankenese, der allerdings nach den Maßstäben meiner Heimat nur ein sanfter Hügel im breiten Lande ist, ein aus Baumkronenüppigkeit ragendes Landhaus. Seit die Natur wieder grün geworden war, fuhr die Familie jeden Sonnabend dahin und verlebte den Sonntag auf dem reizvollen Fleck Erde. Dabei war ich meistens ihr Gast und wußte kaum, was mir besser gefiel, ob die Fahrt auf der Elbe im Sonnengold des Vorabends, ob der weite Blick von der Höhe des Landhauses auf den wie einen See verbreiterten Strom und die grüngoldige Linie der Marsch am jenseitigen Ufer oder die Schiffe, die meer- oder stadtwärts am Horizont auftauchten, wie schöne Ungeheuer vor dem Landhaus vorüberglitten und in der Ferne verschwanden, oder die zauberischen Hochsommernächte des Nordens, in denen sich Abend- und Morgenröte beinahe die Hände reichten. Am meisten liebte ich den Aufenthalt, weil Herr Balmer die Unnahbarkeit seines Wesens nie so sehr ablegte, als wenn er sich, bevor noch weitere Gäste eintrafen, im Morgensonnenschein unter den Bäumen seiner Villa erging. Er wünschte mich bei diesen einsamen Spaziergängen, selbst wenn er, die hohe, hagere Gestalt vornübergebeugt, in tiefem, schweigendem Nachdenken wandelte, nahe zu wissen. Nach einer Weile begann er das Gespräch, bei dessen wichtigeren Stellen er stillzustehen liebte. Häufig kam er auf Schulmeister Kaspar und die Heimat zurück; der Höhepunkt guter Laune war, wenn er einen Brocken Selmatterisch in sein schnarrendes Norddeutsch warf, es entging mir aber nicht, daß sein Heimatgedenken nur ein nebensächliches Spiel gegen die großen Geschäftspläne war, die ihn bewegten, und alles, was er mit reicher Hand an der Heimat tat, nur einer Laune und der Befriedigung seines Ehrgeizes diente. Seine Urteile über die Menschen und Dinge waren oft lieblos und verächtlich, und zuweilen erschrak ich über die Erbarmungslosigkeit, mit der er den Stab über die ihm ergebensten Angestellten seines Hauses brach. Seine Frau versuchte ihn zu überreden, daß er die Sekretärsleute Andreesen für einen Sonntag auf den Süllberg einlade, da es ihnen doch peinlich sein müsse, wenn nur ich, ihr Pensionär, zu Gaste geladen sei. Ich selber ergriff die Gelegenheit zu einer bescheidenen Fürsprache. Da fuhr aber Herr Balmer mit rotem Kopfe auf. »Andreesen – Andreesen!« hielt er seiner Frau entgegen. »Soll denn mein Landsitz eine Erholungsstätte für die Kreaturen meines Hauses sein? Leute vom Schlage Andreesens braucht man, aber man will sie nicht weiter sehen, als es notwendig ist. Im Grunde sind mir diese selbstlosen Knechtsseelen zuwider wie die Fliegen an der Wand!« Er wandte sich zu mir und sagte scharf: »Herr Wildi, wer ein Hammer werden will, muß auf die Ambosse schlagen können und sie verachten, weil sie sich schlagen lassen! Wenn Sie das nicht wissen, kommen Sie nicht vorwärts in der Welt!« Er war ein Mann mit zwei Seelen, einer abgründigen, in der es von Menschenverachtung brodelte, und einer gütigen, und mir wandte er nur diese zu. Unter den Wipfeln des Süllberges steckte er mir die Lichter und Leitsterne einer schönen, freien Zukunft auf und ließ es nicht bei Worten bewenden. Nach einem der anregenden Sonntage empfing er mich mit dem gewinnendsten Lächeln im geheimnisvollen Gesicht im Kabinett des Geschäfts. »Herr Wildi,« versetzte er, »ich möchte Ihnen meine Zufriedenheit über Ihr bisheriges Verhalten damit bezeugen, daß ich Sie wesentlich besser als die übrigen jungen Leute stelle und Sie jetzt schon in eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit und in die Lage versetze, auf eigene Faust mit Geld umgehen zu lernen. Das ist keine kleine Kunst, Hamburg aber dafür ein großes Versuchsfeld. Nun versuchen Sie! Fallen Sie einmal herein – jeder erlebt's! – dann erst recht Kopf hoch! Aus den Niederlagen, die uns die Welt bereitet, lernen wir sie beherrschen. Also, ich habe die Kasse beauftragt, Ihnen je auf den letzten des Monats hundert Mark Taschengeld zu verabfolgen. Wir stehen ja doch in einem Ausnahmeverhältnis zueinander!« Ich hatte irgend etwas überschwengliches auf der Zunge, aber mit einer abweisenden Handbewegung versetzte Balmer: »Ich habe jetzt keine Zeit mehr für Sie, nur noch eins: am nächsten Sonntag veranstalten wir einen Gesellschaftsausflug nach Helgoland, wir erwarten Sie bei der Fahrt!« Ich war der glückseligste Mensch in Hamburg und freute mich wie ein Kind. Das Meer! Das Meer! Wer hätte gedacht, daß Jost Wildi von Selmatt je das Meer sehen würde! XII Während ich vom Frühling und Sommer schreibe, wintert es, als könnte Frau Holle nicht genug Schnee auf den Feuerstein schütten. Nacht um Nacht steigt er eine Stufe tiefer über die Felsen, Weiden und Wälder des Berges hinab. Heute hat er das Tal und die Dächer von Selmatt erfaßt, morgen wird sein großes Leintuch sich auf die Ebene breiten. Ich sehe selbst durch das Glas keine Gemsen mehr. Sie haben sich in die Wälder hinab verzogen. Aber hungrige Raben haben heute zum Ärger meines Spitzers an die Fenster des Observatoriums gepickt. Als er zu bellen begann, schlug mir das Herz schon in der Hoffnung, es komme ein Mensch, ein Jäger vielleicht! Nein, ich muß mich mit der Gesellschaft vergangener Lebensgestalten begnügen. Du trittst zu mir herein, meine blauäugige Abigail, mein Märchen! Eine wundervolle Fahrt! Der letzte niedere Streifen Land ertrank in den sich mächtig ausbreitenden Wassern, und in den grünen Wellen des Ozeans versank die gelbe Flut der Elbe. Das war nun das Meer, nicht so gewaltig und furchtbar, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt hatte, aber von fesselndem Leben und bestrickender Schönheit. In einer frischen Brise wogte es mit langgestreckten Kämmen und weißen Gipfeln, mit hellgrünen Hängen und dunkelgrünen Schluchten. Schief hingelegt, tanzte darauf, von Möwen umflattert, die Menge der weißen Segel. Während ich in staunender Bewunderung schwelgte, hielt die Gesellschaft fröhliches Picknick, und einer der Herren erzählte Geschichten und Sagen von der Sturmflut, von den Inseln, Städten und Dörfern, die darin untergegangen seien, wie Selmatt unter den Felsen der Berge. Da tauchte in der Ferne aus der licht- und dunkelgrünen Flut etwas wie ein Felsen- oder Geisterschloß empor; das begann sich mit Farben zu beleben und schimmerte rötlich wie die Gipfelwände des Feuersteins – Helgoland! Auf der Insel zerstreute sich unsere Gesellschaft einzeln oder in Gruppen, wohin sie eben die Neugier trieb. Ich stieg den Aussichtsweg des Falm empor, gelangte in schauendem Umhertreiben auf das abschüssige Nordkap hinter der schmucklosen Kirche des Eilandes, blickte auf die bewegte See und stand noch, als der wehende Wind die letzten Spaziergänger meiner Bekanntschaft wieder fortgetrieben hatte. In breiten Wellen rollte das Meer aus fernen Himmelstiefen heran, strahlende Sonne setzte ihre blendenden Lichter auf die Wellen, die Möwen kreisten auf und nieder und tauchten die Flügelspitzen in den Gischt der Wellen, und das Rauschen des Ozeans drang mir wie die Laute eines überwältigenden Naturgebets in die Seele. Mit aufgelösten Sinnen lauschte ich der Sprache der Wogen wie einst den Gewittern am Feuerstein. Als ich nun so ziemlich allein auf der freien Felsenkanzel stand, zwitscherte, lachte und schäkerte es von Mädchenstimmen hinter mir. Vorsichtig, die Hände in die gefährdeten Hüte verkrampft, kam ein Schwarm Backfische heran, frische, liebliche Jugend in hellen Sommerkleidern, und schaute mit blauen, braunen und schwarzen Augen auf das Schauspiel der ruhelosen Wellen. Die zwei Dutzend Mädchen, ältere und jüngere, mochten irgendeiner hamburgischen Privaterziehungsanstalt angehören, die ihren Zöglingen einen fröhlichen Tag auf Helgoland bereitete. Da sah ich unter den Backfischen eine von fremder Art, älter und größer als die übrige Schar. Sie hatte den einen Arm wie eine Beschützerin um den Nacken eines kleineren Mädchens gelegt, am anderen Arm hing der leichte, zierliche Strohhut, und im Ellbogen hielt sie gegen Wind ein paar wundervolle dunkelblonde oder lichtbraune Flechten fest, die ihr über die Schulter herabflossen. Meine Augen blieben wie gebannt auf der fremden Gestalt haften und durften es umso eher, als sie, den kleinen schwellenden Mund heiß und durstig geöffnet, in verträumter Ruhe auf das Meer hinausblickte und gar nicht wahrnahm, was um sie vorging. Mein Erstaunen über ihre Schönheit und ihre Wohlgestalt wuchs von Augenblick zu Augenblick. Der ernste Zug ihres Profils hatte wohl etwas Fremdes, aber in dem fesselnden Gesicht standen zugleich die deutschesten blauen Gretchenaugen, die ich je gesehen hatte, und über dem Antlitz lag ein weicher, unsäglicher Duft der Jugend und Lieblichkeit ausgegossen. Die Brise wehte heftiger, die kleineren und jüngeren Mädchen eilten über den kurzen Rasen des Oberlandes dahin gegen die Kirche zurück; die größere aber blieb und trat mit einer entzückend schmiegsamen Bewegung sogar näher gegen den Abgrund. Im Wehen des Windes zeichneten sich die schlanken Glieder durch das licht getönte Kleid. »Fräulein Big – Fräulein Big!« riefen die Backfische der noch Säumenden zu und immer lauter: »Fräulein Big, so kommen Sie doch!« Ohne Eile wandte sich das Mädchen zum Gehen. Da war es, daß unsere Augen sich begegneten und wie zufällig einen Herzschlag lang ineinander ruhten. Sie ahnte wohl, daß ich sie schon eine Weile beobachtet hatte, in ihrem Blick aber lag weder eine Mißbilligung noch eine Ermutigung, weder ein Spott noch ein Schreck; sie ging einfach. Mir jedoch war, ich hätte in die rätselreichsten blauen Augen, in das schönste und süßeste Gesicht geblickt, das unter Gottes Sonne möglich sei; zugleich hatte ich den Eindruck, sie müsse ein vornehmes und verwöhntes Weltkind sein. Ich zögerte eine Viertelstunde; dann war es Zeit, daß ich mich wieder in die Gesellschaft begab, die sich am Strande sammelte. Als ich die Treppe des Falm vom Ober- zum Unterland niederstieg, stand, nach der Düne ausblickend, noch einmal die Schar der Backfische, denen sich ein Herr und eine Dame, wohl Lehrer und Lehrerin, zugesellt hatten, unter ihnen »Big«, die Fremde, mit dem entzückenden Ebenmaß der Züge und den wundervollen Augen und Flechten. Ich hatte kein Recht, sie zu grüßen, doch schaute ich mich, als ich etliche Schritte gegangen war, nach ihr um und wollte mir das schöne fremde Menschenbild in die Erinnerung prägen, wie man sonst etwas Erfreuliches vom Weg in die Kammern des Gedächtnisses schließt. Da überraschten meine Augen die ihren, wie auch sie mir, ruhig forschend oder fragend, nachspähten. Nur so lange, wie man das Wort »Blick« spricht, dann schaute sie mit den anderen nach der Düne, der flachen Sandinsel, wo die auf Rädern beweglichen Häuser der Badegäste standen und einzelne Badende sich vom Schaum der breit einherströmenden Wellen überspritzen ließen. Mir aber ging es heiß durch die Seele, und als ich die Fremde, diesmal am Strand und aus einiger Entfernung, zum dritten Mal in ihrer Gesellschaft sah, wagte ich es, einen Herrn aus der unseren auf die junge Dame aufmerksam zu machen. »Ach, das exotische Fräulein?« antwortete er leichthin. »Ist wohl eine Deutschamerikanerin mit ein paar Tropfen Indianerblut. Pikante Menschenspielart, was? Aber unsere Hamburgerinnen sind mir doch lieber!« Damit hatte das Gespräch sein Bewenden, und nachdem man sich noch eine Weile unter dem malerischen Volk und unter den Fremden der Insel getummelt hatte, trug uns der Sonderdampfer des Herrn Balmer wieder nach dem bereits nächtlich erflammenden Hamburg zurück. »Nun, Herr Wildi, was sagen Sie zu Helgoland?« fragte Frau Balmer bei meinem nächsten Besuch. »Nicht wahr, uns Leuten aus den Bergen tut es doch wohl, wenn wir nur wieder einmal ein paar Felsen sehen?« Ich erzählte mancherlei, was mich gefesselt hätte, nur nichts von dem schönen Mädchen. Ihr Bild aber begleitete mich durch die Arbeits- und Mußestunden des Sommers; ich überraschte mich auf dem stillen Wunsch, der Fremden wieder zu begegnen. Wozu sie noch einmal sehen? Das wußte ich selber nicht. Sicher nicht etwa aus einer warmen inneren Neigung, die mich bei der stummen Begegnung auf Helgoland erfaßt hätte, sondern nur aus dem Verlangen nach Schönheit, nach etwas weiblich Bewunderungswürdigem. Meine Liebe zu Duglore kam dabei nicht in Frage, und ich gab sogar dem Hamburger Herrn recht, daß die reizenden und liebenswürdigen Mädchen, die Herrn Balmers Landgut am Süllberg mit munterem Jugendspiel belebten, eher die zarten Gefühle des Herzens erregten als jenes fremde Geschöpf in seiner eigenartigen und blendenden Schönheit. Ich mochte übrigens die Gedanken wandern lassen, wie ich wollte, der Sommer ging, ich sah das Märchen von Helgoland nicht wieder, sachte geriet es in Vergessenheit, und umso leichter, als ich im Kreise der Familie Balmer schöner Anregungen genug fand. Wie es Duglore voll weiblicher Ahnungskraft in einer Abendstunde vorausgesehen hatte, genoß ich das Glück, den Mädchen zu gefallen. Nur daß ich die winkenden Gelegenheiten zu Liebeleien nicht ergriff. Das wäre bei meinem heißen, jähen Blut wohl seltsam gewesen, wenn nicht Balmer meine Seele ganz in Banden gehalten hätte. Ich wußte es, daß er auf seinen Liebling eifersüchtig sein würde, wenn er je vernahm, daß ich mit einem Weibe ginge, oder daß ich in der Heimat eine Liebe hätte. Ich gehörte, wie er unser Verhältnis zu betrachten sich gewöhnt hatte, ihm – ihm – ihm! – Und daran glaubte ich selber. Wie eine Sonne, die sich nie verdunkeln kann, strahlte mir das Augenleuchten und Lächeln meines väterlichen Gönners in die Seele. Ich liebte den geheimnisvollen Löwen mit jener bewundernden Inbrunst, mit der sonst ein junger Mann ein angebetetes Weib liebt, und hätte mich für ihn, wenn er es gefordert hätte, ruhig in Stücke hauen lassen. Er ließ mich gegen den Herbst hin durch einen seiner Beamten auf die Kenntnisse prüfen, die ich im Magazin- und Warendienst erworben hatte, und rief mich aus den Schuppen und Speichern in die Schreibstube, wo ich bei allerlei Abschreibearbeiten ebenso einfach wie in den Warenräumen beim Säckefüllen begann. »Und wie kommen Sie denn mit den hundert Mark monatlichem Taschengeld aus?« fragte er. »Sehr wohl, Herr Balmer,« erwiderte ich dankbar, »ich mache Ersparnisse.« Die Antwort versetzte ihn in die heiterste Laune. »Vortrefflich,« nickte und lächelte er, »man wird Ihnen künftig hundertundfünfzig Mark im Monat ausrichten.« In meinem Leben gab es nichts Quälendes als den Gegensatz, der zwischen meiner Liebe zu Duglörli und meinen größeren Lebensabsichten bestand. Ich durfte es ihr nicht schreiben, wie wohl es mir in Hamburg ging und gefiel, und ihr meinen heiß verschwiegenen Traum nicht bekennen, als freier Nachfolger Hans Konrad Balmers den Erdball in kühnen Unternehmungen zu umspannen. Das hätte sie nur noch in größere Herzensnot gebracht. Und deren trug sie schon genug. »Es ist in unserem Hause nicht mehr so schön wie früher,« schrieb sie. »Was muß ich alles erleben, Jost? Otto, der älteste Sohn der Familie Z'binden, der am Polytechnikum die erste Prüfung abgelegt hat, kam in die Ferien heim. Der sanfte, ernsthafte Mensch gefiel mir zuerst gut, aber dann fing er an, mir still den Hof zu machen; jetzt gefällt er mir nicht mehr, du kannst dir denken, wie unlieb es mir ist. Mein Herz gehört ja nur dir, lieber Jost! Das habe ich ihm gesagt. Aber da schaute er mich viele Tage so traurig an. Und dem Herrn und der Frau Z'binden liegt die Sache natürlich auch nicht recht. Sie machten Herrn Otto starke Vorstellungen, und ich mußte dabei sein und sagen, ich wolle nichts von ihm wissen. Das war, obwohl es ja wahr ist, recht peinlich für mich. Er reiste dann wieder ans Polytechnikum ab; aber er schrieb mir einen Brief, den mir Herr Z'binden abverlangte. Es stehen große Torheiten darin. Wiewohl mich Herr und Frau Z'binden unschuldig wissen und mir nicht weh tun wollen, ist halt doch etwas Unheimeliges im Haus, und wir alle finden zueinander nicht mehr den alten Ton. Ich würde am liebsten fortgehen, und dem Herrn und der Frau Z'binden wär's wohl auch recht. Aber wohin? Zu dir nach Hamburg! Nein, das ist mir zu weit, und die Leute würden sagen, ich wär' dir nachgelaufen. O, wie ist es traurig, daß wir nie miteinander reden können! Briefe schreiben ist ja doch nur, wie wenn ich durch ein Schlüsselloch nach dir spähe. Manchmal finde ich keinen Trost, als wenn ich mich ans Harmonium setze, spiele und wie mit dem Vater selig die Kirchenlieder singe: ›Befiehl du deine Wege!‹ und andere. Dann glaube ich doch, ich finde noch einmal großes Glück durch dich, lieber ferner Jost.« Es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß noch ein anderer junger Mann seine Augen auf Duglore geworfen hatte, dazu einer, dem städtisches Leben nicht fremd war, und die Aufrichtigkeit und Treue, mit der sie mir ihre Erlebnisse erzählte, umgaben mir ihre Gestalt, die in den Bildern der Welt manchmal zu verblassen drohte, wieder mit dem duftigen Reiz meiner Selmatter Jahre. Wie, wenn ich mit Duglore später in die Welt zöge? Frau Balmer hatte ihre Jugend auch in der Bergheimat verlebt und stand nun in ihrem Kreis doch glücklich, würdig und vornehm auf der Höhe der Pflichten. Aber Duglore war eine zu schlichte, mit der Heimaterde zu innig verwachsene Natur, als daß sie sich ohne Schaden für ihr stillsonniges, reiches Gemüt hätte in die Welt verpflanzen lassen. Sie glich meiner Mutter, die, in ein fremdes Erdreich versetzt, verkümmerte und verging. Die Briefe an Duglore, in denen ich meinen wahren Hoffnungen und Plänen keinen Ausdruck geben durfte, wurden mir eine Last, lieber schrieb ich dann und wann an den Landammann, dem ich doch verraten durfte, wie glücklich ich mich unter den Fittichen Balmers fühlte. Ich überraschte mich unter Selbstvorwürfen auf dem Gedanken, meine Liebe zu Duglore sei wie eine Kette, die ich am Fuß schleppe, und auf dem Wunsch, wenn sie nur den jungen Z'binden erhören würde. Dann hätte ich für meine Weltpläne freien Weg! In dieser dumpfen Zeit der Selbstverwirrung, da der Ehrgeiz die Liebe, die Stimme der Untreue mein besseres Selbst überschrie, ließ ich mich mit einem jungen Manne ein, der an die Stelle meines früheren französischen Sprachlehrers, eines alten, hektischen Männchens, getreten war. Ernest Leglu hieß der Schlingel, dem man zwar eine bewegte Vergangenheit anspürte, der aber bestechend seine Manieren und einen blitzenden Geist besaß und sein glänzendes Französisch nie eleganter und witziger entfaltete, als wenn es bereits auf Mitternacht ging. Kein Trinker, aber ein Hocker, drängte er, wie spät es in der Nacht sein mochte, noch gegen das Matrosenviertel von St. Pauli hinaus, in ein zwischen alte Häuser gebautes Café, das ansehnlicher als die übrigen Kneipen an der Gasse stand. Weil Leglu eher schwächlich und weibisch als stark gebaut war, hielt ich es für Freundespflicht, ihn schützend durch die oft von trunkenen Schwärmern belebten Straßen zu begleiten und geriet mit ihm in das Haus, das sich um diese Zeit nur noch gegen ein Paßwort öffnete und seine Besucher in einer über der Treppe gelegenen Hinterstube empfing. Eine abscheuliche Atmosphäre herrschte in dem immerhin nicht kleinen Raum. Durch die mit dunkelroten Vorhängen dicht verschlossenen Fenster drang kein Zug frischer Luft, und die schlechtgenährten Gasflammen schwelten in dem glühwarmen Gemach. An den grünen Tischchen saßen einige Gewohnheitsspieler, dazu eine Menge gelegentlicher Gäste, Handlungsreisende, Matrosen und Steuerleute, auch einige jener Ärmsten unter den weiblichen Nachtfaltern, die sich überlebt hatten und vor Gier zitternd darauf warteten, daß sich irgend ein glücklicher Spieler mit einer Spende starkgeistigen Getränks von ihren Schmeicheleien loskaufte. Doch ging es in der schwülen Stube ziemlich ruhig zu, denn sobald sich in der von allen Leidenschaften erhitzten Gesellschaft Streit und Händel regen wollten, schaffte der Wirt, ein Hüne mit einem Faungesicht, energisch Ruhe. »Meine Tante, Deine Tante!« tönte der gedämpfte Ruf von den einen, das Klappern der Würfel von den anderen Tischen. Jeder Spieler hielt das Geldhäuflein, das er vor sich liegen hatte, und seine Nachbarn scharf in acht, und ich empfand das Bild der Leute, die sich selber gegenseitig als Schelme und Diebe zu betrachten schienen, mit Abscheu und Ekel. Dennoch ließ ich mich von Leglu ins Spiel ziehen, verlor ein weniges, gewann desto mehr; aus der anfänglichen Unlust stiegen nach und nach der Reiz des Gewinnens, die Freude an den Aufregungen des Spiels empor, und ich vergaß darüber sogar die Widerwärtigkeit des Ortes und der Gesellschaft. »Sehen Sie!« lachte Leglu in seinem gebrochenen Deutsch. Noch ein paarmal begleitete ich ihn in die Spelunke; aber der Taumel dauerte jedesmal nur, bis ich den Kopf wieder an die frische Luft getragen hatte, dann erfaßte mich eine Scham über mich selber, daß ich das gewonnene Geld am liebsten fortgeworfen hätte. Einmal aber hatte ich das Unglück, richtiger wohl das Glück, daß ich einen größeren Betrag, als ich bis dahin zusammen gewonnen hatte, verlor. In Bestürzung und Wut kam ich heim, in Wut, weil ich einen jähen Verdacht nicht los werden konnte, Leglu, der Galgenvogel, habe mich durch ein falsches Spiel hineingelegt. Als ich nun beim Eintritt in mein Zimmer auch noch einen lieben, ernsten Brief Duglores fand, bemächtigte sich meiner eine Zerknirschung wie Kains, da er Abel erschlagen hatte; mir war, mein Vater und die toten Selmatter alle ständen gegen mich auf, um den Leichtsinnigen mit ihren Fäusten zu erschlagen. Ich wußte mir nicht anders aus der furchtbaren Stimmung zu helfen, als daß ich einen glühenden, stürmischen Liebesbrief an Duglore schrieb. Er fand eine selige Erwiderung. »O Jost, wie danke ich dir,« kamen ihre Zeilen, »mit deinem letzten Brief hast du einer armen gequälten Seele den Frieden zurückgegeben. Hinterdrein darf ich es dir ja gestehen. Die Flüchtigkeit und Kühle deiner Briefe hat mich oft gemartert und gekreuzigt. Ewig danke ich dir, Jost, für deinen letzten und will nicht mehr klagen und ungeduldig sein und dir vielleicht auch noch schwere Stunden bereiten; in Liebe und Treue will ich still harren, was du in Liebe und Treue beschließest. Ich habe es in den schwersten Tagen immer gedacht und denke es fest und freudig: Mein Jost wird schon den Weg finden und mich führen!« Der Brief erschütterte mich, schroff sagte ich mich von Leglu los, ging dafür dann und wann mit jenem braven, treuherzigen Rungholt, den ich am Hafen kennen gelernt hatte, und das Ende des schwülen Nachttreibens war die innigste Rückkehr zu Duglore. Ich warf mich in die Arbeit wie noch nie. Als der Frühling wieder blühte, spürte ich eine Schnell- und Federkraft der Seele, die ich kaum zu bändigen wußte. Es war das Glück langanhaltenden willensstarken Fleißes! »Mein lieber Herr Wildi,« nickte mir Herr Balmer zu, »Sie sind ein Mann außer der Reihe, bald eine große Nummer in meinen Berechnungen und Plänen. Halten Sie sich bereit!« Und keine Wolke deutete auf Sturm! Da trat seltsam zwischen uns doch das Weib. – Abigail! XIII In anderen Wintern vertrieb ich mir die langen Abende oft damit, daß ich mir von Hans Stünzi einen Auszug aus den Zeitungen auf das Observatorium telegraphieren ließ und ihm durch den Draht mit einem Schnickschnack von Glossen zu den Blättermeldungen antwortete. Ich habe ihm auch dieses Jahr wieder ein paar Journale, deutsche und französische, bestellt. Jeden Abend tickt's und klappert's am Apparat; ich höre wohl auch einmal lässig zu und fange einiges auf, ich lasse aber was ich höre, zu dem einen Ohr hinein, zum anderen hinaus, und die betrachtenden Rückantworten unterbleiben. Darüber ist mein Hans ängstlich und unglücklich. Was mir fehle, fragte er an, ob ich krank oder melancholisch sei? Ich drahtete ihm, er solle sich die Mitteilung des Weltkrams sparen und um mich nicht sorgen. Ich würde immer mehr Philosoph. Nun mag er sich den Kopf zerbrechen! Meine Beichte gärt und gärt. Ich habe heute ein eisernes Kästchen geöffnet, das sieben Jahre verschlossen war. Meine Erinnerungsheiligtümer, Briefe und Bilder! Die Bilder sind eine Galerie schöner Mädchen- und Frauengestalten. Sie stammen aber aus einer späteren Zeit, als von der ich jetzt schreibe. Aus meinen Hamburger Tagen rühren nur wenige der Bilder, darunter eins jedoch, das einen Jüngling vorstellt. Der junge Mann ist schlank wie ein Bolz, muskelkräftig und von breiter Brust. Sein Anzug hat nichts Auffälliges, sitzt aber elegant und tadellos. Je nachdem man mehr die einen oder mehr die anderen Züge des Gesichts ins Auge faßt, könnte es einem jungen Kapitän zur See oder einem Künstler angehören. Es ist ein starker Zug impulsiver Kraft und männlichen Willens darin, doch auch eine schöne Weichheit der Seele, vor allem strahlende Gesundheit und Stärke, etwas Bescheidenes und etwas Sieghaftes! Das Sieghafte wohnt auf der hoch gewölbten Stirn, um die das dunkle, glänzende Haar in linden Wellen geht, und leuchtet aus den adlerscharfen, dunkeln Augen. Das war ich! – Was verschlägt's, wenn ich als einsamer Mann behaupte, ich sei ein schöner Junge gewesen. Es ist erhärtet in einem Brief, in dem mich ein Bildhauer, der jetzt einen berühmten Namen trägt, inständig bat, ich möchte ihm Modell für einen sterbenden Achill stehen. Ich tat es nicht. Mit vergilbten Zügen liegen die kleinen Briefe da. Sie kamen von törichten Backfischen oder jungen Damen, die sich keinen besseren Zeitvertreib wußten und deswegen ein Stelldichein und eine Heimlichkeit mit mir suchten. Nun sind die Briefe wieder ins Kästchen geschlossen. Vorbei – vorbei! – – Ich war eben auf dem Weg von der Schreibstube Balmers in die englische Stunde begriffen. Da schrieen die Ausläufer und Schusterjungen von Hamburg: »Guckt – guckt in die Luft! Ein Ballon – ein Ballon!« Da und dort an den Straßenecken standen gaffende Leute und gestikulierten, lebhaft sprechend, gegen den blauen Maienhimmel empor. Ich hemmte meinen Schritt und blickte mit ihnen. Eine prächtige Goldkugel, wie Duglore, Melchi Hangsteiner und ich sie einst über das Lichtmeßloch und seine Nachbarberge hatten ziehen sehen, nur größer, schwebte in der Schau der Straße stetig und langsam wie eine feierliche Riesenampel über die rötlichen Dächer und schwarzen Kamine der Stadt. Das Luftschiff ging wohl nicht sehr hoch; man konnte nicht nur den Korb, sondern selbst die Stricke unterscheiden, an denen er von der mattleuchtenden Seidenkugel herniederhing, und erkannte leicht zwei Männer, die in dem vogelkäfigartigen Gebilde standen und hantierten. »Sie werfen Sand aus,« rief die neugierige Jugend. »Es ist der Luftschiffer Sommerfeld, der beim Zoologischen Garten aufsteigt. Tragt Sorge, daß ihr keinen Sand auf die Köpfe kriegt.« Sich sanft ausbreitend, wie ein Samenwurf aus Bauernhand, glitt ein Goldregen die blaue Luft herab; der Ballon mit den beiden Männern stieg höher und entschwebte hinter einer Giebelkante meinem Blick. Ich aber war eigentümlich gefesselt durch das Schauspiel, mit dem sich ein besonders klares Heimatgedenken verband, und ich beschloß, wenn nichts dazwischen trete, am Sonntag zu dem Ballon nach dem Zoologischen Garten hinauszugehen, um Zeuge seines Aufstieges in die Lüfte zu sein. »Wann kommt denn Herr Balmer von Berlin zurück?« fragte ich am Samstagabend Sekretär Andreesen. »Nicht vor Sonntagnachmittag,« erwiderte er. »Da hätte ich also einen freien Tag auf eigene Faust,« versetzte ich leichthin. »Gewiß, Herr Balmer wird ruhen wollen,« fügte Andreesen bei. »Herr Balmer hat sehr anstrengende Besprechungen und Geschäftstage hinter sich.« Mein Sonntagsplan war also entworfen. Da kam am Sonnabend noch ein Brief von Duglore, die mich mit innigen Glückwünschen daran erinnerte, daß morgen, am Sonntag, mein Geburtstag sei. Der Brief enthielt aber noch eine ernste Mitteilung: »Lieber Jost, nun muß ich dir schreiben, daß Herr Otto Z'binden vom Polytechnikum nach Hause zurückgekehrt ist. Er verträgt das schwere Studieren nicht, er sieht wirklich elend und angegriffen aus. Er will sich jetzt neben seinem Vater in der Spinnfabrik betätigen und bleibt daheim. Also soll ich gehen; sonst fängt er wieder an, mir den Hof zu machen, was allen nicht recht ist, mir nicht und Herrn und Frau Z'binden nicht. Mir ist so angst. O gib mir doch einen Rat, was ich anfangen soll, lieber Jost!« – Da war guter Rat freilich teuer. Die Antwort auf den Brief überlegend, schlenderte ich am Sonntagnachmittag über den Holstenplatz nach dem Zoologischen Garten hinaus und wandelte ein Stündchen unter seinen Baumgruppen, an seinen künstlichen Ruinen und vogelbelebten Teichen vorbei und ergötzte mich vor den Tierhäusern am Spiel und Gehaben ihrer Bewohner, am meisten an den Kunststücken Antons, des gelehrten Elefanten. Es war ein Frühlingstag, wie Gott ihn jeden Lenz nur ein- oder zweimal gibt. Durch die Sonne wirbelte der Buchfinkenschlag, eine Menge sonntäglichen Volkes erging sich. Ich traf grüßende Bekannte aus meinem Geschäft, doch keine aus der Gesellschaft, die im Hause Balmer verkehrte, denn diese mied am Sonntag die öffentlichen Anlagen der Stadt. Allmählich vergaß ich die Sorge um Duglore. Plakate wiesen nach dem Platz, einem Baugrund dicht in der Nähe des Gartens, auf dem der Ballon »Saturn« um vier Uhr steigen sollte. Musikklänge lockten in die Leinwandumzäunung, über die sich bereits eine lichtbraune Halbkugel emporbauschte, der sich mit Gas anfüllende Ballon. Als gutgestellter junger Mann löste ich eine Eintrittskarte für den ersten Platz der weiten Zuschauerrunde, war aber enttäuscht, die vordersten Bänke von nicht einmal einem Dutzend Neugieriger besetzt zu finden; nur auf den billigeren Plätzen drängte sich das Volk in Scharen. Der mehr denn halbvolle Ballon knisterte und rauschte im Wachsen geheimnisvoll; wunderfein zeichnete das ihm bereits übergeworfene Netz seine Rauten auf die Hülle, die gegen den Boden hin noch in Falten wehte. Um die Kugel wandelte, gelassen prüfend, der Luftschiffer, eine schöne, straffe, leicht bewegliche Gestalt in einer Uniform, ähnlich wie sie die Schiffskapitäne tragen, und gab den beiden Gehilfen, welche die am Netz befestigten Sandsäcke ein oder zwei Maschen tiefer hängten, seine ruhigen Winke. Es war etwas Sympathisches um die Sicherheit des Luftschifferkapitäns, dessen Haar und Spitzbart bereits eisgrau angelaufen waren. Unwillkürlich glitt mir der Gedanke durch den Kopf: »Der Mann hat wohl seine fünfzig Jahre und schreibt seine sechshundertundzehnte Fahrt aus! Also kann eine Luftfahrt doch nichts so furchtbar Gefährliches sein.« Je länger ich Sommerfeld und seine Hantierungen betrachtete, desto weniger konnte ich an ihm jenes Abenteuerwesen entdecken, mit dem die Einbildungskraft der Menschen nun einmal einen Luftschiffer umgibt; er erschien mir im Gegenteil wie das Urbild besonnener Kraft und Vertrauenswürdigkeit. Seine grauen Augen hatten mich erspäht. Mit leichtem, höflichem Gruße fragte er mich, ob ich Näheres über den Bau und die Bestandteile des Ballons zu wissen wünsche, und fand in einem erklärenden Geplauder den Übergang zu der erwartungsvollen Frage: »Wünschen Sie an der Fahrt teilzunehmen?« »Da wird mir der Preis schon zu hoch sein,« erwiderte ich rasch hin. »Was kostet sie denn?« Er zerdrückte ein feines, wohlgefälliges Lächeln im Bart. »Endlich wieder einer jener Seltenen, die nicht zuerst forschen, ob es ans Leben gehe,« versetzte er gewinnend. »Ich habe mir gleich, wie ich Sie sah, gedacht, Sie seien mein Mann. Sie haben etwas in den Augen, woran wir Luftschiffer unsere künftigen Passagiere erkennen, Herr« – »Wildi,« ergänzte ich. »Es kann sich heute nur um eine Spazierfahrt handeln,« fuhr er fort. »Eine Stunde in der Luft, und ich stelle Sie wieder so sanft auf die Erde zurück wie die Bäurin den Korb voll Eier. Der Preis? Sehen Sie, Herr Wildi, es ist eine mißliche Sache, wenn man vor den Zuschauern ohne Passagier aufsteigen soll; fahren Sie mit, so kommt vielleicht ein zweiter, dritter. Unter Stillschweigen gegen andere: fünfzig Mark.« – Aus dem Zuschauervolk ertönten Rufe: »Es ist bald fünf! Wo bleibt der Aufstieg? Haben Sie keine Uhr, Herr Luftschiffer?« Ein Strampeln und Stampfen erhob sich. »Ich habe heute etwas schwachen Gasdruck,« bemerkte Sommerfeld. Auf sein Zeichen spielte die Musikkapelle irgend ein rauschendes Stück, das die Äußerungen der Ungeduld erstickte. An den Ballon zurücktretend, schob er den Holzreifen unter die langsam flügge werdende Kugel und faßte darin die Endstricke des Netzes zusammen; unterdes aber ließ er mich in einer großen Mappe von Briefen und Zeitungsausschnitten blättern. Naturforscher, Ärzte und Militärs, Kaufleute, Bankiers, selbst einige Damen beurkundeten darin ihre glücklichen Fahrten mit dem Kapitän. »Wunderbar schön muß es ja sein,« dachte ich. »Und der Preis! Nein, bei dem bescheidenen Preis ist es doch gewiß kein Übermut. Geburtstag, Jost! Da darfst du dir nach langer, strenger Arbeit schon etwas Besonderes gönnen.« Unruhvoll überfiel mich jenes Heimweh nach Höhe, das mich auf den Nikolaiturm getrieben hatte, und der Wunsch, mir selber zu beweisen, daß es keine Prahlerei gewesen war, als ich mich vor Schulmeister Kaspar selig und Duglore rühmte, ich würde es wagen, mit einem Luftschiff durch die Bläue des Himmels zu segeln. Ich ließ die Augen prüfend durch den Zuschauerraum gehen, ob nicht doch irgendwo ein philisterhafter Bureaukrat aus dem Hause Balmer versteckt sei, der plaudern und mir nachher unangenehme Neckereien bereiten könnte. Keiner! Ich kämpfte noch hin und her. Wahrscheinlich hätte ich doch auf das luftige Abenteuer Verzicht geleistet, da – wer saß, wie von einem Zauber plötzlich hergetragen, nicht weit von mir in den vordersten, fast leeren Bänken? Von drei Backfischen umringt, mein Märchen von Helgoland in entzückend duftigem Frühlingskleid. Ich spürte, daß auch sie mich auf den ersten Blick wiedererkannte. Gleich war ich wieder im Banne der blauen Augen und der lichtbraunen Flechten. Ich wollte, daß diese Augen Anteil für mich fassen sollten. Mit pochendem Herzen, doch entschlossen, näherte ich mich Sommerfeld, der eben den großen, weidengeflochtenen Korb unter den Holzring schob: »Herr Kapitän, ich fahre mit!« Ein vergnügliches Lächeln glitt um seinen Mund: »In fünf Minuten gilt's!« Ich stand beim Korb und beobachtete mit Spannung die letzten Vorbereitungen, das Abbinden und das Aufrollen des Gaszuleitungsschlauches und das Einlegen des Sandballastes in den Korb. Dann und wann warf ich einen Blick nach der schönen Fremden. Sie hatte sich von ihrem Sitz erhoben und sprach mit ihren Gespielinnen rasch und lebhaft. Fast schien es, als handle es sich um ihre Mitfahrt, von der sie die jungen Mädchen zurückzuhalten versuchten. »Einsteigen,« winkte mir der Kapitän. Schon stand ich in der Gondel; über mir bewegte sich die straff gewordene Seidenkugel wie ein ungeduldiges Pferd, das sich bäumen will. Da kam die hohe, schlanke Fremde mit raschem, leichtem Schritt auf den Ballon zu, fragte Sommerfeld nach dem Preis für die Mitfahrt, gab ihm aus einem Täschchen die Goldstücke und streckte mir bittend die behandschuhte Rechte hin, damit ich ihr in den Korb helfe. Ein Schwung der schmiegsamen Gestalt, die sich mit ihren Händen auf meine Hände stützte: da war sie! Keine Spur von Furcht! Sie sagte nur: »Wie abscheulich ist es, von so vielen Menschen beobachtet zu werden!« Die Sprache ging ihr so rein und perlend vom Mund, daß ich einen Augenblick dachte, sie käme wohl von der Bühne; aber dazu stimmte ihre Bemerkung nicht. Künstler und Künstlerinnen des Theaters lieben es ja, gesehen zu werden. Zu ihren ängstlichen Gefährtinnen zurückblickend, klatschte sie in kindlichem Übermut in die Hände, und die Augen blitzten ihr vor Freude. Sommerfeld aber sprach noch hurtig mit einem Herrn, an dem mir das blasse Gesicht und die lange Haar- und Bartmähne auffielen. Der Kapitän wandte sich an die junge schöne Gastin seiner Gondel: »Der Herr ist Berichterstatter einer großen Zeitung und läßt höflich um Ihren Namen bitten, Fräulein!« Schnell gefaßt, eine herrschende Gebärde in den feinen, jugendlichen Zügen, erwiderte sie kühl: »Wozu meinen Namen? Die Fahrt ist bezahlt. Das genügt!« Ich stutzte ein wenig über das Auftauchen des Journalisten, fand die Antwort der jungen Dame sehr klug und wollte mich versichern, daß auch mein Name nicht in die Zeitung käme; aber in diesem Augenblick zog mich die Fremde ins Gespräch. »Nicht, daß Sie ein Geheimnis um mich vermuten sollen,« sagte sie leichthin. »Ich heiße Abigail Dare und bin Pensionärin der Internationalen Erziehungsanstalt Jenssen und Römer.« Kaum hatte ich mich dem Fräulein selber vorgestellt, da erhob die Musik ihre Fanfaren, sprang der Kapitän auf den Korbrand, umschlang mit der Linken die Stricke und rief, die Mütze schwenkend: »Los!« Und über dem großen Augenblick und dem heldenmütigen Bild meiner schönen Begleiterin war der Journalist vergessen. Die junge Dame erblaßte zwar, als der Korb, wie er von der Erde stieß, etwas schwankte; rasch darauf aber ergriff sie ihren Sonnenschirm, schwenkte ihn über den Rand hinaus und winkte damit den Gefährtinnen Abschied zu. »Ich bin beruhigt,« lächelte sie. »Dort sitzt ja mein braves Dreiblatt bereits im Wagen und fährt mit erschütterten kleinen Herzen heim!« Ein frohmütiger Spott klang in ihren Worten. Wie auf Flügeln hob sich der »Saturn«. Der Platz, auf dem wir noch eben gewesen waren, sank mit der winkenden und Lebewohl rufenden Menge, die sich zu zerstreuen begann, tief zurück. Wie eine Nuß, die plötzlich aufgesprungen ist, wie eine breitoffene Schale lag die Welt, und wunderbar löste sich die Enge in die Weite auf. Unter einem bläulichen durchsichtigen Brodem schimmerte Hamburg wie die Häuschen einer Schäferei, auf den Linien zwischen den Blöckchen rieselte es von dunklem Sand. Das waren die Spaziergänger in den Straßenzügen. Fernherüber blitzten im Abendstrom des Lichts wie eine Silber- und Goldschlange die Elbe und traumduftig ein Stück des Meeres. Mir war bei dem unendlich sanften Schweben und Planen, in dem tiefen Schweigen der Luft und des Lichts, als wüchsen mir selber Flügel; erhöht rauschte das Daseinsgefühl durch die Seele, und in feierlicher Stimmung wünschte ich, der Flug möchte recht lange, lange dauern. Auch die Nähe meiner Gefährtin empfand ich wie ein zartes Glück! Wir waren eine Weile schweigend nebeneinander gestanden, sie und ich in ein staunendes Empfinden versunken. Da begegneten sich unsere Augen. Ein warmes Feuer stand in den ihrigen. »Ich muß Ihnen doch danken,« sagte sie, »daß Sie mir durch Ihr Beispiel die Ermutigung zu der Fahrt gegeben haben. Ich habe zwar früher einmal eine Spazierfahrt in einer Ballongondel gemacht und weiß daher nichts von der abergläubischen Furcht, die die Menschen gegen das Luftschiffwesen empfinden. Es war in Nizza mit meinem Vater; ich war damals ein Mädchen von erst sieben Jahren. Es ist beinahe meine liebste Jugenderinnerung, und seither hat mich stets der Wunsch begleitet, die schönen Eindrücke noch einmal durchzukosten. Ich hatte wohl die lebhafte Begierde, auf den Ballonplatz zu gehen, aber an die Fahrt selber dachte ich nicht; Ihr Beispiel bestimmte mich plötzlich zur Teilnahme am Aufstieg.« »Wird man Sie in Ihrem Institut wegen Ihrer Kühnheit nicht tadeln?« fragte ich. Sie lachte: »Man wird ja schon sagen: ›Die verrückte Big‹, und wird mich den jüngeren Mädchen hinter meinem Rücken als ein abschreckendes Beispiel der Unweiblichkeit hinstellen. Mir einerlei. Aber was sagen denn Sie zu meinem plötzlichen Entschluß?« forschte sie mit dem Ton des heiteren Weltkindes, das durch eine Schule feiner Geselligkeit gegangen ist. »Ich finde die Fahrt so wunderbar schön,« erwiderte ich begeistert, »daß ich allen Menschen einmal eine Stunde in den freien Hochlüften gönnen möchte. Mir ist, es wäre unendlich weniger Kleinkram auf der Welt; allen bliebe etwas Helles, Sonniges, Erhabenes zurück, das ihnen über manche staubige Sorge hinweghelfen würde. Wie mich als einen Glücklichen, betrachte ich Sie als eine Glückliche, daß Sie die Fahrt erleben dürfen und nicht aus kleinen Vorurteilen darauf verzichteten.« Die Blauaugen leuchteten und blitzten zu dieser Antwort. »Das haben Sie sehr schön gesagt!« lachte sie freudig auf. Schnell war die kurze Stunde unter dem Himmelsblau verträumt. Sommerfeld, der schweigsam und sorgfältig zu seinem Fahrzeug gesehen hatte, spähte in die Tiefe. »Sehen Sie dort die Eisenbahnstation in der Nähe des Waldrandes? Auf die Wiese, die daneben liegt, stelle ich Sie ab,« sagte er gelassen. »Noch nicht, Herr Kapitän,« baten Fräulein Dare und ich aus einem Munde, aber schon zog er mit kräftiger Hand die Leine, die durch das orange erstrahlende Innere der Kugel emporlief; die Klappe öffnete sich, und rauschend strömte das Gas in die Luft. Unter dem in Birnform zusammenfallenden »Saturn« schwebten die Felder, Wälder und Gehöfte empor; sanft und leicht, ohne den leisesten Ruck oder Stoß, gewannen wir ein paar hundert Schritte von der Bahnstation den Boden. »Wo ist jetzt die Gefahr?« lächelte Sommerfeld. Ein paar Augenblicke des Harrens, bis sich der Ballon noch mehr entleert hatte und sich auf die Seite zu neigen begann, dann hob ich die elastische Gestalt Big Dares aus dem Korb. Sie drückte mir mit einem sanften Erröten die Hand: »Ich danke Ihnen,« versetzte sie herzlich. »Es war wunderbar schön, nur zu kurz – allzu kurz!« Eine Stunde später saßen wir im Eisenbahnzug, erreichten Hamburg beim Einbruch der Nacht, und ich begleitete meine Gefährtin noch an einen Wagen. Da ließ sie die Hand wie ermüdet in der meinen ruhen und eine stille Bitte lag in ihren unendlich reizvollen Zügen, und leise fragte sie: »Gibt es ein Wiedersehen?« »Kommen Sie übermorgen abend um sechs nach den Anlagen am Steintor,« erwiderte ich erfreut. »Ich werde Sie dort erwarten.« Sie nickte. Da fuhr mein Märchen durch den lichterhellen Abend und verschwand. Ich aber überlegte in gelinder Schwärmerei und wohliger Erschöpfung, daß ich meinen Geburtstag gar nicht genußreicher hätte begehen können als mit dem Luftspaziergang in der Gesellschaft des schönen und merkwürdigen Mädchens. Wozu aber sie wiedersehen? – Ich beantwortete mir die Frage an diesem Abend nicht mehr; am Morgen jedoch erinnerte ich mich, daß ich um Duglore sorgen sollte, die im Begriffe stand, wieder eine Heimatlose zu werden. Im Nachklang des schönen Tags begann ich ihr frisch und aufgeräumt einen Brief zu schreiben, nichts vom Ballon und nichts von Big Dare, aber mit dem Rat, daß sie zunächst eine Unterkunft bei den gütigen Bauersleuten in Zweibrücken suche, bei denen wir nach dem Bergsturz von Selmatt gewohnt hatten. Ich fügte bei, daß ich mich bei Balmer bald sehr gut stelle, und fragte, ob sie sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen könne, wenn ich sie rufe, selber nach dem Norden zu kommen. Es könnte uns für unser späteres gutes Fortkommen vielleicht dienen, wenn wir zuerst einige Jahre in Hamburg lebten. Aber meine Gedanken verwirrten sich doch ein wenig über diesen unsicheren Zukunftsbildern. Die Geschäftsstunde rief; ich brachte den Brief nicht fertig. XIV Ich war auf unserer Schreibstube mitten in der Arbeit, und die Uhr ging schon auf elf. Da kam Sekretär Andreesen hastig, blaß und erregt gelaufen: »Herr Balmer lassen Herrn Wildi sofort bitten!« In meine Verwunderung fuhr die Überlegung: Habe ich mit der Ballonfahrt doch eine Torheit begangen? Bei meinem Eintritt in das grüne Kabinett, in dem die Fäden des Geschäftes zusammenliefen, lag auf dem Schreibtisch vor dem »Gewaltigsten« ein Zeitungsblatt aufgeschlagen. Die Mundwinkel heruntergerissen, die Augen hervorgequollen, einen bitterbösen Zug im Gesicht, warf er mir einen Seitenblick zu; dann einen Rotstift ergreifend, strich er mit schwerer Hand eine kurze Stelle der Zeitung dicht sichtbar an und reichte mir das Blatt. »Lesen Sie!« keuchte er, sich mühsam beherrschend. Ich las: »Nachdem Kapitän Sommerfeld seinen Ballon ›Saturn‹ einigemal, nur von einem Gehilfen begleitet, über unsere Stadt geführt hatte, erwarb er sich gestern die ersten zwei Passagiere für seine Gondel. Diese ersten Fahrgäste aus der Bewohnerschaft Hamburgs waren Herr Jost Wildi, Beamter unserer bekannten Importfirma Hans Konrad Balmer und seine Begleiterin, eine junge Dame, deren Name uns leider unbekannt geblieben ist. Die elegante Fahrgastin, deren Ruhe und Kühnheit das amerikanische independent girl zu verraten schien.« – Die Buchstaben tanzten mir vor den Augen. Zu Tode erschrocken, legte ich das Zeitungsblatt hin. Ich wollte sprechen, aber mit einer raschen unwilligen Bewegung schnitt mir Herr Balmer das Wort ab. »Schweigen Sie!« schrie er und fuhr mit dem ausgestreckten Zeigefinger etlichemal nach dem Zeitungsblatt, als ob er es durchbohren wollte. Ein paar keuchende Atemzüge, und fürchterlich anwachsend, kam sein Donnerwetter: »Was? Die Beamten meiner Firma fahren Ballon? Muß ein nettes Schwindelgeschäft sein, dessen Beamte Ballon fahren dürfen. – Meine guten Freunde werden eins lachen. Ich höre, wie sie lachen. – Nein, nein, Sie Lausbube, Sie – Sie – –, meine Beamten fahren nicht Ballon. – Amerikanisches independent girl . – Sie machen mir wirklich Freude, Herr Wildi.« Ich wollte erwidern, aber wie ich nur zum Sprechen ansetzte, geriet Balmer in eine zornigere, abweisendere Bewegung. Mit jedem Wort wuchs seine Wut, sein geschwollenes Gesicht wurde dunkelrot, er sprang vom Stuhl, rannte das Gemach auf und nieder, stellte sich vor mich hin und brüllte: »Ich will Ihnen zeigen, daß Sie kein Beamter sind, ein Lausbub' sind Sie, dem der Kamm geschwollen ist, ein ganz gemeiner Lausbube, der zum Beispiel für andere wieder bescheiden werden soll. Ihre Privatstunden sind Ihnen entzogen. Das Monatsgeld ist Ihnen gesperrt. Hätt' ich Sie doch Sauhirt in Selmatt bleiben lassen. Sie! Wer Ballon fährt, wird nie ein Kaufmann, das wird ein Abenteurer, ein Schwindler. Ja, ja, bei dem künftigen kurzen Futter werden Sie Ihr – Ihr independent girl wohl streichen müssen.« – »Rohrmann – Rohrmann!« rief er dann, indem er die Kontortüre aufriß. Der Gerufene stürzte herbei. »Rohrmann, schreiben Sie doch, was ich Ihnen sage: ›Der Bericht über die sonntägliche Ballonfahrt enthält bedauerlicherweise einen groben Irrtum. Der darin genannte Herr Jost Wildi ist nicht – unterstreichen Sie das ›nicht‹ dreimal – Beamter oder auch nur Angestellter des Hauses H. K. Balmer.‹ Gut, damit eilen Sie auf die Redaktion des Blattes. Verweigert sie die Aufnahme der Berichtigung, drohen Sie mit Kreditschädigungsklage.« Der Beamte flog. »Sie stehen noch hier, Herr Wildi!« rief der »Gewaltigste« mit schneidendem Hohn. »Sprechen möchten Sie? Hier wird aber von Ihnen nicht gesprochen. Arbeiten Sie etliche Monate still und angestrengt im Schuppen; vielleicht bin ich dann wieder für Sie zu sprechen.« Damit wandte er mir mit einer Gebärde der Verachtung den Rücken zu. Ich taumelte wie ein Betrunkener davon. Ich weiß nicht mehr, wie viel Leute ich auf der Straße angerannt habe, wohin ich vom Morgen bis zum Abend rastlos wanderte, nur daß ich einmal an der Elbe stand und dachte: Dahineinspringen mit der grenzenlosen Schmach, die dich langsam tötet. Lausbube, Lausbube hat er dich genannt! Er ist ein Tyrann, ein Tyrann! Ich schäumte vor Wut, ich stöhnte: Kein Wort der Erklärung oder Verteidigung habe ich sprechen dürfen. In einem jähen Zornanfall wünschte ich, der Journalist liefe mir in die Hände. Dann würde ich ihn prügeln. Allmählich aber kamen in mein einsames zorniges Weinen vernünftigere Gedanken. Ich begriff, daß die Ballonfahrt ein unüberlegter Streich gewesen war, daß der Zeitungsbericht darüber Herrn Balmer bis ins Herz ärgern und doppelt peinvoll kränken mußte, weil ich, sein verhätschelter Liebling, der Anlaß des Ärgers gewesen war. Ich begriff alles. Nur die Schmach hätte er mir nicht antun sollen, daß er mich mit der Zurücksetzung in den Schuppen vor dem gesamten Geschäfte züchtigte. Das war zu viel! Das war wie aus dem Haus geworfen! O, wie hatte ich diesen Mann geliebt! Wie einen Vater. Nein, mehr noch! Und nun handelte er so grausam an mir! Aus dunkelm Gefühl spürte ich auch, daß es nicht die Ballonfahrt war, die ihn so fürchterlich gereizt hatte, nein, nicht der törichte Streich, der ja wohl einigen leichten Spott, aber keinen ernstlichen Schaden auf das Haus bringen konnte, sondern die vermeintliche Liebschaft mit Big Dare. Seine Wut war die des enttäuschten Wohltäters, der seinen Beschützten wie seinen Leibeigenen betrachtete, der eifersüchtig neben sich keine Verehrung duldete, selbst nicht diejenige für ein Weib. Da saß der stärkste Stachel. Aber wie Balmer diesen Stachel aus dem Gemüte ziehen? Ich verlebte einen furchtbar elenden Tag! Als gegen Abend wieder der Ballon Sommerfelds am Himmel zog, verwünschte ich ihn nach dem dunkelsten Afrika. Endlich suchte ich müde und zerschlagen mein Quartier bei den Sekretärsleuten auf, die sich in ein beredt scheues Wesen gegen mich hüllten, vollendete mit einer raschen Wendung meinen Brief an Duglore und schloß: »Verzeih, liebe Duglore, den schlechten Schluß; du siehst es aus der Schrift, es ist mir über Tag unwohl geworden.« Obgleich die Hoffnungen, die ich darin aussprach, kaum mehr zu Recht bestanden, trug ich das Schreiben am Morgen auf die Post. Auf dem Weg kämpfte und rang in mir die Frage, ob ich mich wirklich in den Schuppendienst wolle erniedrigen lassen. Es schien mir über meine Kraft zu gehen. Zuletzt aber stellte ich, der stolze, ehrgeizige Jost Wildi, mich meinen früheren Aufsehern. Ich mußte mit Balmer wieder zum Frieden kommen, und der erste Schritt dazu war wohl die Selbstüberwindung; doch litt ich heimlich mehr Schmerzen, als ich mir gestehen wollte. Die Abrede mit Big Dare lag mir ganz und gar quer. Ja, wenn ich noch derjenige von vorgestern gewesen wäre. Aber seit dem gestrigen Erlebnis war sie mir fremd, bitterlich fremd und trotz ihrer großen Schönheit gleichgültig geworden. Plötzlich empfand ich es als eine Unweiblichkeit, daß sie in keckem Entschluß die Fahrt mitgemacht hatte, und witterte in ihr ein abenteuerliches Blut. Ich ging aber doch ans Steintor und dachte, wenn die fremde, schöne, geheimnisvolle Abigail Dare und ich einander auch nicht viel sein könnten, so sei der Abend doch eine kleine Auslösung aus brennender Qual. Wie ich mich eben unter die vielen Menschen mengen wollte, die lenzfroh durch die Anlagen wandelten, fuhr das Frühlingsmärchen lichtblau in einem Wagen daher und nickte und lächelte mir schon von weitem zu. Nun schritten wir durch den sonngoldenen, duftigen Maienabend unter einer Allee von Kastanien, die ihre Blütenkandelaber weiß und rosig entfalteten, und ich spürte doch wieder den Zauber ihrer unnennbar schönen Jugend. »Verzeihung, Herr Wildi,« war ihr erstes Wort. »Ich fürchte, daß Sie durch die Fahrt in Verlegenheit gekommen sind. Ich schloß es aus der Erklärung Ihres Geschäfts, ich lese es in Ihren Zügen. Es tut mir nur innig leid, daß ich die Schuld daran trage. Ich würde gern dafür büßen, weiß aber nicht wie!« Sie lächelte schelmisch und gütig, und ihr heiterer, herzlicher Ton tat mir wohl. »Indes hat man, wenn man Sie so betrachtet, Herr Wildi, den Eindruck,« fuhr sie scherzend fort, »daß es für Sie eigentlich keine Schwierigkeiten gebe, daß Sie alle spielend überwinden. Gewiß auch diese!« Nun mußte ich lachen. »Sehr viel Zutrauen,« versetzte ich. »Wie kommen Sie zu dem schönen Glauben, Fräulein?« »Ich weiß es nicht so genau,« erwiderte sie schlicht. »Es geht aber ein Strom von Kraft und Stärke von Ihnen aus, daß man denkt, Ihnen müsse alles glücken, was Sie angreifen. In Ihrer Ruhe und in Ihrer Bewegung liegt eine sichere Kraft. Das hat mich ermutigt, Ihnen in den Ballon zu folgen; ich sah es aber schon auf Helgoland, wie Sie den Falm abwärts stiegen. Sie haben eine Art, den Boden zu greifen, gleichsam im Schritt mit ihm zu verwachsen, daß ich damals dachte, Sie kämen aus einer Berg- oder Felsenlandschaft, Sie seien nicht immer Städter gewesen. Aber vielleicht hatte ich den Eindruck doch nur, weil durch Ihr Wesen überhaupt Urkraft der Erde geht.« – Ich blickte Big Dare überrascht an und versetzte: »Nein, Ihre feine Witterung ist im Recht, ich komme von den Bergen. Kennen Sie die Berge?« »Ein wenig,« sagte sie, »ich habe hin und wieder mit meinen Eltern ein paar Hochsommerwochen darin zugebracht. Als Kind und junges Mädchen nämlich. Jetzt leben meine Eltern nicht mehr. Sonst wäre ich nicht in Hamburg.« Sie schwieg etwas versonnen, deutete mit dem Sonnenschirm auf eine von mächtigen Fliederstauden umblühte Bank: »Wollen wir da nicht ein wenig ruhen?« versetzte sie. »Wir wissen einander wohl manches zu erzählen. Darf ich von Ihren Bergen hören?« Ein süßes Lächeln begleitete ihre Bitte, die Blauaugen blitzten ermunternd; ich bat aber sie, zu erzählen. »Richtig, Sie wissen ja noch gar nicht, wer ich bin,« versetzte sie hell. »Denken Sie an einen Schirm, den sein Herr aus Versehen in einer Ecke hat stehen lassen, und der nicht wieder abgeholt wird. Nein, ich will Ihnen kein Rätsel aufgeben. Ich kam irgendwo in einem Hotel am Mittelmeer zur Welt; meine Kindheit habe ich mit meinen Eltern auf Reisen verbracht, und das Wanderleben gelangte erst zum Stillstand, als ich bereits achtzehnjährig war. Ich hatte damals schon meine Mutter verloren; mein Vater, ein Mexikaner, sollte wegen eines alten Erbstreites in die Heimat reisen. Gemeinsam kamen wir nach Hamburg. Da war das Meer sehr stürmisch. Mein Vater entschloß sich, die Fahrt allein zu unternehmen, und ließ mich für die Zeit seiner Abwesenheit in dem Internationalen Mädchenerziehungsinstitut Jenssen und Römer zurück, als er mich aber nach vier oder fünf Monaten wieder abholen sollte, traf statt seiner die Nachricht von seinem Tode ein. Ich war untröstlich; es kümmerte sich nun niemand mehr um mich. Auf den Rat des alten mexikanischen Advokaten, der mein Vermögen verwaltet, blieb ich in dem Institut und bin nun schon drei Jahre da. Was soll ich? Ich habe keinen mir ergebenen Menschen auf der Welt, nur solche, die für ihre Dienste bezahlt werden, und wenn ich heute oder morgen stürbe, so würde das Begräbnis gewiß sehr hübsch, aber außer ein paar lieben, kleinen Mitschülerinnen weinte kein Mensch um mich. Ich bin wirklich ein vom Schicksal stehen gelassenes Menschenkind!« Ihre Art zu erzählen hatte nichts Wehmütiges. Es war das Geplauder einer jungen Dame von Welt, die unbewußt ihre Gefühle beherrscht. »Und aus dem Institut dürfen Sie ohne Begleitung, frei, wie Sie wollen, ausgehen?« »Ich schmeichle mir nicht,« lachte sie, »daß man es gern sieht, ich habe mir aber manche Freiheiten zur Bedingung meines Bleibens gemacht. Nachdem ich achtzehn Jahre wie eine Zigeunerin gelebt habe, kann ich mich doch nicht wie ein Kanarienvogel einsperren lassen. Nein, nein, ich ertrüge es nicht. Mein Vermögensverwalter, der mexikanische Advokat soll für meine Freiheit bezahlen; ich bedarf ihrer wie der Luft. Sobald ich einen Zwang auf mir fühle, erwachen alle meine schlechten Eigenschaften!« »Haben Sie die wirklich, Fräulein, schlechte Eigenschaften?« scherzte ich. »Warum nicht?« erwiderte sie ernsthaft, »ich will kein Engel sein! Wenn man mich quält, kann ich bös und heimtückisch werden, sehr böse!« Wie zur Bestätigung ließ sie die Augen auffunkeln; ein Funke wie der harte Schein eines Diamanten sprühte aus dem tiefen Blau, und die weißen Zähne blitzten zwischen den kirschroten Lippen. Einen Herzschlag lang war Big Dare nur Exotin, unwillkürlich dachte ich an etwas Wildes, vielleicht an eine Pantherkatze, die aus den Wäldern Amerikas hervorspringt; nun aber lächelte sie schon wieder ihr hinreißendes Lächeln, das lieb und unschuldig war. »Nein, an meine schlechten Eigenschaften sollen Sie nicht zu sehr glauben, Herr Wildi, ich habe auch meine guten; die jüngeren Mädchen des Instituts hängen an niemand mehr als an mir!« Sie blickte so gütig, so übermütig und schalkhaft, daß ich es glauben mußte. Eine kleine Pause entstand. » lndependent girl . Darin hat der Zeitungsberichterstatter recht,« nahm sie den Faden ihrer Gedanken wieder auf. »Die Ballonfahrt am Sonntag beweist es. Sie war seit langem mein größtes Erlebnis, wieder einmal ein herrlicher, freier Atemzug der Seele. Davon möchte ich mehr! Ich wußte es im Augenblick des Abstiegs schon. Darum habe ich mich selber auf ein Wiedersehen zu Ihnen eingeladen. Ich wollte mit einem Plan und einer Bitte zu Ihnen kommen, mit dem Plan einer großen Fahrt, mit der Bitte, daß Sie mich als mein Gast begleiten, Herr Wildi. Es müßte doch wundervoll sein, eines Morgens, wenn noch kein gaffender Mensch als Zeuge da wäre, aufzusteigen, der Sonne entgegenzufliegen, weit durch den Tag und hoch am Himmel über die blühende Erde dahinzufahren, Sommerfeld, Sie, ich, und erst am Abend wieder irgendwo, weit in der Ferne, die Erde zu betreten. Ich fürchte nur, daß ich Ihretwegen auf den Plan verzichten muß. Ihre Stellung hindert Sie?« Sie blickte mich doch hoffnungsreich und mit einer schmeichelnden Bitte an. »Ich danke Ihnen, Fräulein Dare, es geht aber wirklich nicht,« versetzte ich ohne Besinnen ruhig und fest. »Fahren Sie doch mit Sommerfeld allein! Ich halte ihn für den zuverlässigsten Luftschiffer, den es geben kann.« Sie schürzte die Lippen zu einem reizenden Schmollmündchen, dachte ein wenig nach und sagte dann lächelnd: »Nein, mit Sommerfeld allein fahre ich nicht. Ich hätte nur mit Ihnen den Mut; nur wenn ich Sie neben mir sehen würde, besiegte ich die Feigheit, die nun einmal bei allem Verlangen nach Schönheit und Größe in meinem Wesen steckt.« Sie erhob sich. »Begleiten Sie mich noch ein Stückchen Weges?« fragte sie. Wir wandten uns in der Richtung gegen die innere Alster. »Warum bleiben Sie denn in einem Geschäft, in dem man Ihnen so wenig Freiheit gönnt, Herr Wildi?« hob sie wieder an. Überrascht von der naiven Frage, antwortete ich nicht sogleich. Ein anmutiges Erröten stieg in ihr Gesicht; sie versetzte: »Ich habe wohl etwas sehr Törichtes gefragt?« »Gewiß, Fräulein Dare,« antwortete ich; nun fiel sie herzlich in mein Lachen ein. »Wie köstlich Sie das sagen!« versetzte sie lustig, und dieser Augenblick brachte uns einander näher als alles, was wir bisher gesprochen hatten. »Wenn Sie ein freier Mann wären, würden Sie meiner Bitte Folge leisten?« forschte sie. »Ich wüßte mir nichts Verlockenderes,« erwiderte ich. »Der Ballonzauber ist wohl einer der stärksten der Welt. Da schreit in uns etwas: ›Mehr – mehr!‹ Ich spüre es selber. Dazu Ihre anregende Gesellschaft!« Die Blauaugen strahlten. »Sie bereiten mir mit diesen Worten ein großes Glück,« lächelte sie. Während wir aber unseres Weges gingen, wandelte kaum jemand an uns vorüber, der sich nicht nach der Gestalt und den Flechten Big Dares umgesehen hätte. Einige Witzworte darüber drangen an unser Ohr. »Ich werde die Flechten kürzen lassen,« zürnte sie, »ich bin gar nicht das eitle Geschöpf, für das man mich ihretwegen hält. Es ist zwar der Wunsch der Institutsleiter, daß ich sie frei trage, aber darum kümmere ich mich nicht mehr: ich möchte wie andere Menschenkinder frei durch den Frühling wandern können. Darf ich Sie wieder treffen, Herr Wildi?« »Ich stehe Ihnen jeden Abend zur Verfügung,« antwortete ich, vom Reiz des schönen Menschenbildes gefangen. »Ich bin in der Welt fast so heimatlos wie Sie!« »übermorgen abend um die gleiche Zeit und am gleichen Ort,« flüsterte sie errötend und freudig. Wir standen am Eisengeländer der inneren Alster. Mit dem Tag stritt die Nacht, und auf der metallisch erglänzenden dunkeln Flut zogen weiße Schwäne ihre Kreise wie im Traum. Beginnende Lichterscheine spiegelten sich; die Silhouetten Althamburgs ragten wundersam ins Zwielicht, und das Leben des weichen Frühlingsabends war mit geheimnisvollen Stimmen um uns. »Also auf gute Freundschaft, Herr Wildi! Und das nächste Mal erzählen Sie von Ihrer Jugend in den Bergen. Das muß doch sehr hübsch zu hören sein. Ich freue mich!« Es war eine kleine Versonnenheit an Big Dare, und sie zog die lange schmale Hand nur zögernd aus der meinen. Nun aber fuhr sie davon, wie das Märchen unter den Rosenwolken des scheidenden Tages. »Auf gute Freundschaft!« Das Wort klang mir nach. Wozu aber sollte die Freundschaft gut sein? Ich ging etwas schweren Schrittes heim. Was war Big Dare für ein prickelnd reizvolles Menschenbild, was für ein merkwürdiges Ineinanderspiel von Jugendschönheit, Phantastik, Freiheits- und Abenteuerdurst, von fein weiblichem Sinn, Güte, Menschenvertrauen und jenem Unsagbaren, das doch eine breite, luftige Grenze um ihr Wesen zog? Mehr noch als die Anmut ihrer Erscheinung fesselte mich der innere Reichtum, der durch ihre Worte und Gespräche schimmerte. Nur das plötzliche Diamantblitzfeuer der Blauaugen blieb mir etwas so Fremdes, daß es mich in der Erinnerung störte wie ein geheimnisvoller Rest, den ich nicht faßte und nicht begriff. Obwohl sie eine Edelgestalt, eine freie, sonnige Seele und zur Bewunderung wie geboren und geschaffen war, fühlte ich mich in Big Dare nicht eigentlich verliebt. Die Begegnung mit ihr überdeckte aber das Leid, in das ich durch das Zerwürfnis mit Balmer geraten war, doch ein wenig und ihre Bemerkung von meiner sieghaften Kraft gab mir Mut. Ich wappnete mich mit einem kalten Stolz gegen die Beamten und Angestellten, die dem gestürzten Liebling ihres Herrn schadenfrohe Blicke zuwarfen, und bat Balmer brieflich um eine Unterredung, in der ich einiges klar zu stellen wünschte. Ich hoffte auf die Vermittlung seiner klugen und gütigen Frau; kränkte mich aber, da jede Antwort ausblieb, tiefer und tiefer und war glücklich, als ich wieder einen Abend mit Big Dare zubringen durfte, welche die quälenden Gedanken doch ein paar Stunden von meiner Seele wälzte. Sie kam in einer wenig auffälligen Straßentoilette zu Fuß, trug das lichtbraune Haar in einem schweren Knoten und fragte drollig: »Steht es mir schlecht?« »Nein, wundervoll!« entgegnete ich. »In der Abendsonne flimmert und schimmert es um Ihr Haupt wie Feuer. Und der Bug des Nackens, diese entzückend stolze Linie!« »Genug, genug,« lachte sie fröhlich. »Sie werden dem alten Lied von meinen leiblichen Vorzügen, das man mir, als ich noch Kind war, vorgesungen hat, keine neue Note abgewinnen. Seien Sie ohne Sorgen, Herr Wildi, ich weiß, daß ich ein hübscher Kerl bin.« Sie strahlte vor hellem Übermut. »Ich darf also mit Ihnen wandern. Das ist das Wesentliche! Und nun ein anderes Lied, Herr Wildi. Das Lied von Ihren Bergen, von Ihrer Jugend! Ich freue mich darauf, wie ich mich auf die Ballonfahrt gefreut hätte, wenn sie möglich gewesen wäre.« In einer fein burschikosen Art, die sich eher spüren als sehen ließ, ging sie mir frisch und froh zur Seite, und obgleich ich nie ein Erzähler und meine Kunst, etwas zusammenhängend darzustellen, gering ausgebildet war, brachte sie es zustande, daß ich ihr eingehend vom fernen Tal der Berge sprach. Sie hatte zuerst ein Fragen, später ein Nicken, ein ermunterndes Blickegeben, das mich unvermerkt mitriß. Ohne zu wissen wie, gerieten wir in lockerer gebaute neue Quartiere der Stadt, endlich in einen kleinen, blühenden Wirtschaftsgarten, in dessen frühlingsduftiger Einsamkeit wir in Weltabgeschiedenheit uns selbst überlassen waren. Die Zeit ging wie im Flug. »Wie sonderbar,« rief Big Dare plötzlich in meine Erzählung, »von dem Bergsturz von Selmatt und dem jungen Manne, der gerettet wurde, habe ich gelesen. Nun sitzt er da! Natürlich mit Teilnahme habe ich von Ihnen gelesen, aber jetzt ist die Teilnahme doch größer. Es muß furchtbar traurig sein, die Heimat zu verlieren.« Sie schwieg mit tief versonnenem Antlitz, und von ihrem feinen kirschroten Mund glitt ein Seufzer. Eine Unruhe erfaßte mich, sie aber blickte warm und ruhig auf. »Sie haben aber doch einmal eine Heimat besessen,« sagte sie schlicht. »O, wie beneide ich Sie! Es muß etwas Herrliches um eine Heimat sein. Alle Dichter loben und preisen ihre Heimat, und von uralters her ist es der nämliche Saitenton: ›Heimweh, du süßes Weh!‹ Ich aber weiß nicht, was Heimat, was Heimweh ist. Ich habe nie eine Heimat gekannt, kann mich nach keiner sehnen und verstehe weder den alten griechischen Heimwehsang der Odyssee, noch den Schweizer, der sich in den Strom stürzte, als das Alphorn blies, oder den Juden, der sich im Tode die Füße nach dem Sonnenaufgang der Heimat kehren läßt. Etwas Wundersames muß es um eine Heimat sein!« An Big war keine Spur des heiteren, sorglosen Weltkindes mehr zu erkennen; eine senkrechte Falte stieg zwischen ihren schöngerundeten Brauen in die Stirn empor, und die ernste Abigail war unendlich ergreifender als das fröhliche Mädchen von vorhin. »Meine Jugenderinnerungen sind ebensoweit über die Erde zerstreut,« versetzte sie nachdenklich, »wie die Ihrigen in einem schmalen Bergtal gesammelt.« Es wäre nicht einmal nötig gewesen, daß ich sie gebeten hätte zu erzählen; sie ergriff von selbst das Wort. »Der Streit um ein altes Erbe,« begann sie, »trieb meinen Vater aus seiner mexikanischen Heimat. Verbittert, weil er sein volles Recht nicht finden konnte, wandte er sich vom praktischen Leben künstlerischen Studien zu, die ihn in die Alte Welt lockten. In Deutschland führte er eine junge Schauspielerin zum Altar, und als ich in die Welt zu blicken begann, waren wir in Italien. Die Eltern blieben nie lange in demselben Hotel, in derselben Stadt; die Mittel, die aus der halbbestrittenen Erbschaft flossen, waren für ein rastloses Reiseleben immerhin groß genug; die Veranlassung zu der unsteten Wanderschaft aber war die Eifersucht meines blassen, kränkelnden Vaters auf die Mutter. Sie war blühend, sehr schön, liebte geistvolle und künstlerische Unterhaltung, und alle Menschen, mit denen sie sprach, hatten sie lieb. Der friedlose Geist meines Vaters aber gönnte ihr keine Ruhe; rastlos ging es von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, namentlich um das Mittelmeer her, doch schweiften wir gelegentlich auch einmal in die nordischen Länder ab. über der großen Unruhe verlor sich indes die Kunst des Vaters, der vortrefflich zeichnete und malte, in eine Menge von bloß angefangenen Bildern. Stets auf Reisen, stets in Hotels, bin ich zwischen Eltern emporgewachsen, die sich unendlich liebten, aber oft Zwistigkeiten miteinander hatten. Beide verzärtelten und verwöhnten mich, und doch war ich ein unglückliches Kind!« Als ich sie nur mit einer stummen Bewegung zum Weitererzählen aufforderte, sagte sie bitter: »Durch das Reisen kam ich um mein Jugendglück. Ich hatte mich kaum an einen Spielplatz, an ein bißchen Gartenecke oder etwas Meerstrand gewöhnt und sie liebgewonnen, ein bißchen Freundschaft mit anderen Kindern geknüpft, flugs zogen wir weiter. Nach einiger Zeit hielt ich es nicht mehr der Mühe wert, ein Plätzchen liebzugewinnen, mich mit anderen Kindern zu befreunden; die gesponnenen Fäden zerrissen ja doch wieder. Die Welt hatte für mich nichts Neues oder Überraschendes; sie erschien mir wie eine Flucht von Hotelzimmern, wie ein Wechsel, in dem nichts als meine Eltern und unsere Koffer Bestand hatten, oft auch ein oder zwei Jahre die Bonne und die Erzieherin, später das Kammermädchen und der Erzieher, die mit mir von Kurort zu Kurort geschleppt wurden. Ich war ein zierlicher und kluger Affe, dem alle Welt schmeichelte, meine Eltern aber hofften, ich würde ein Wunderkind. Die Mutter horchte nervös auf jedes meiner Worte, weil sie glaubte, ich erwache zur Dichterin, und der Vater wollte in jeder kleinen Zeichnung die Künstlerin erkennen. Sie übersahen aber beide, was die kindliche Seele zuerst zur Entfaltung braucht, ein wenig Ruhe und Sichselbstüberlassensein. Wie herb es klingt, seit ich älter und vernünftiger geworden bin, überrasche ich mich oft auf dem Gedanken, daß es eigentlich ein Glück für mich gewesen sei, die Eltern früh verloren zu haben; sie hätten mich sonst mit ihrer sonderbaren Erziehung in den Grund geritten oder in eine törichte Frühehe gehetzt. Ich kam mit meinem Vater tief abgespannt nach Hamburg, und wenn mir Stadt oder Institut auch keine Heimat geworden sind, so verdanke ich ihnen doch einen kleinen Nachfrühling der Kindheit durch den Verkehr mit den Schülerinnen, den Backfischen. Wir verstehen uns sehr gut!« Nur langsam belebten sich die Nasenflügel Big Dares, die blaß geworden waren, wieder mit einem feinen Rosa, hellten sich die Züge, denen die Stirnfalte einen Ausdruck edler Bitterkeit gab; mir aber war, sie habe mir die Schlüssel gereicht, manches Rätselhafte ihres Wesens zu begreifen, vor allem die freie Selbständigkeit, die mich zuerst an ihrer Jugendlichkeit befremdet hatte. Sie gefiel mir besser denn je. Ich spürte aus allem, was sie sprach und wie sie blickte, das wundersame Wetterleuchten einer großen, heißen, in ihrer Weise ringenden Seele. Ausatmend sagte sie: »Wir wollen uns heimwärts wenden! Das Schönste am Abend waren doch Ihre Wildleutsagen aus Ihren Heimatbergen. Ich finde sie zauberisch! Und Ihre arme Mutter! Es tut weh, zu denken, daß eine Mutter nicht ganz glücklich gewesen ist! Noch etwas wollte ich fragen, Herr Wildi. Sie sagten. Sie hätten jenen Ballon, der über das Gebirgsland schwebte, mit dem Schulmeisterstöchterlein gesehen. Hat dieses Mädchen den Bergsturz überlebt?« »Wir wurden, bevor ich nach Hamburg ging, Verlobte,« versetzte ich mit einem kleinen Würgen im Hals, war aber mit mir selbst zufrieden, als das Wort gesprochen war, und froh über das Zwielicht, das mein Erröten weniger wahrnehmen ließ. Ich sah nicht, ob sich die Züge Bigs bei dem Bekenntnis veränderten. »Ich danke Ihnen für die Mitteilung,« erwiderte sie mit einem kühlen Lächeln. »Wir werden um so bessere Freunde sein.« Ich begleitete sie bis vor das ansehnlich große Erziehungsinstitut, das in der Stille einer vornehmen Straße lag. Sie reichte mir wie eine gute Kameradin die Hand. »Sehen wir uns am Sonnabend?« fragte ich. »Nein,« erwiderte sie, »am Sonnabend habe ich einem Schülerinnenkonzert beizuwohnen; ich werde Ihnen ein Briefchen schreiben, wenn es mir möglich ist, Sie wieder zu begrüßen. Die stolze Gestalt ging raschen, leichten Schrittes zur Tür, klingelte und verschwand im hellen Tor; mich aber bewegte auf dem Heimweg die unbestimmte Furcht, sie käme wohl nicht wieder, ich hätte sie zum letztenmal gesehen. Die Mitteilung, daß ich verlobt sei, hatte sie doch wohl etwas ernüchtert. Es tat mir leid um sie. Tiefer aber quälte mich, daß ich von Herrn Balmer keine Antwort auf meine schriftliche Bitte um eine Unterredung erhielt. Die traurige Woche ging schon zu Ende. Den ganzen Samstag war mir, es müsse etwas geschehen. Es geschah etwas, nur nichts Erfreuliches. Kurz vor Feierabend ging der »Gewaltigste« durch die Magazine, warf da- und dorthin einen Blick, sprach mit dem und jenem ein kurzes, geschäftliches Wort, blieb, als er in die Nähe meiner Arbeitsstelle kam, stehen und schaute mir bei meiner Hantierung mit jener undurchdringlichen Gebärde zu, die seine Macht über die Menschen war. Meine Hände begannen unter seinen Blicken zu zittern. Weiß Gott, aus welcher törichten Einbildung, riß es mich zu ihm hin: »Herr Balmer, ich erbitte mir Ihre Verzeihung! Ich halte es im Schuppen nicht aus, ich ertrage diese Schmach nicht länger!« Aber seine geheimnisvollen Augen blieben kalt. »Ob Sie es aushalten oder nicht,« knurrte er mißgünstig, »das ist Ihre Angelegenheit.« Eine herrisch abweisende Handbewegung, ein grausames Genügen im zerknitterten Gesicht ging er, als sei er nur gekommen, um mir seine Verachtung zu beweisen! Die neue Zurückwerfung brachte mich außer Rand und Band. Ich hätte viel gegeben, wenn ich an diesem Abend Big Dare hätte erwarten dürfen. Aber die saß ja im Konzert. Ich sehnte mich nach irgend jemand Liebem, der mir mit ein paar guten Worten über die Wut und das Elend dieses Abends hinweggeholfen hätte. Ich lief an den Hafen, um den treuherzigen Rungholt zu suchen, der so viele Seemannsspäße mit köstlicher Trockenheit zu erzählen wußte. Er hatte aber die Arbeitsstätte schon verlassen. Ich ging in eine Weinstube, die ich durch Leglu kennen gelernt hatte, und las die Zeitungen, wußte aber nach ein oder zwei Stunden so wenig, was darin stand, wie vorher! Da schlug eine bekannte Stimme an mein Ohr: »Lernen Sie eigentlich die Blätter auswendig? Es ist sehr schön, daß man Sie wieder einmal sieht!« Leglu, mein abgedankter Französischlehrer! »Herr Wildi, was ist Ihnen?« fragte er ernst. »Sie scheinen krank zu sein. Gehen Sie doch heim!« Ich weigerte mich; je mehr ich aber meine Ruhe künstlich zu bewahren versuchte, desto mehr schrie mein Herz nach irgend einer Tollheit, die mich die Schmerzen vergessen ließe. Der Schlingel mit seinen prickelnden Witzen kam mir eben recht. Ich folgte ihm in die Spielspelunke und traf das gleiche Bild wie vor einem halben Jahr: erhitzte Gesichter, einen aufreizenden Klang von Geld und Würfeln und die weiblichen Geieraugen. Ich spielte nicht, in allem Elend dämmerte mir der Gedanke, die Zeit könnte nahe sein, wo ich knapp mit jedem Pfennig rechnen müsse. Irgend eines der Weiber höhnte: »Sie haben sich einen eigentümlichen Ort für Ihre Spekulationen ausgesucht, Herr Philosoph.« Ich sah auf. In diesem Augenblick wurden die Gasflammen des Raumes von unsichtbarer Hand abgedreht. Ein rauher Seemann schrie: »Was ist das für ein Schwein von Wirt!« Eine Bewegung wollte unter den Gästen entstehen; ein leises Geflüster mahnte: »Ruhig sitzenbleiben!« Man hörte das Knacken von ein paar Revolvern, Worte: »Wer an dem Geld rührt!« In lautloser Stille verharrte die Gesellschaft einige Herzschläge lang. Da ging die Tür auf, eine Stimme rief: »Ich erkläre sämtliche in diesem Raum Anwesenden für verhaftet!« Im hellen Vordergemach blitzten die Helme und Uniformen der Schutzmannschaft. Die überraschten knurrten und fluchten, und die wieder angezündeten Gasflammen beleuchteten eine leichenblasse Gesellschaft. Als uns ein Wagen durch die morgenstillen Gassen zur Untersuchungshaft abführte, da war mir übler als unter dem Bergsturz von Selmatt. Indes konnte ich noch von Glück sagen; die verhörenden Beamten schenkten meiner Darstellung, daß ich nur zufällig in die Spelunke verschleppt worden sei und mich am Spiel überhaupt nicht beteiligt habe, Glauben. Im Laufe des Sonntagvormittags kam das befreiende Wort: »Sie können gehen!« Aber wie eine Kette begleitete mich das andere: »Sie haben sich dem Gericht als Zeuge zur Verfügung zu halten!« Inmitten der zahlreichen Spaziergänger, auf deren Gesichtern die Freude über den schönen Sonntag lachte, erschien ich mir wie ein Auswurf der Menschheit. Mir war, durch die wonnigen Mailüfte rausche von allen Seiten Unheil heran; es wunderte mich nicht, als mich Frau Andreesen mit verweintem Gesicht empfing. »Jesus, Jesus,« rief sie. »Der Schrecken, die Schande! Wir waren kaum aufgestanden, da kamen zwei Schutzleute in die Wohnung. Alles haben sie nach Ihnen ausgefragt, alles aufgeschrieben. Wir haben natürlich gesagt, wie Sie ein fleißiger junger Herr sind und nur dann und wann 'mal Ihren wilden Tag haben.« Während die Frau an mich hinsprach, kam Sekretär Andreesen in geschniegeltem und gebügeltem Staat aus der Kirche und blickte etwas unsicher, aber mit stummem schwerem Vorwurf nach mir. Wie beneidete ich den höflichen Mann, den ich bereits heimlich über die Schulter angesehen hatte; wie rein stand er in seiner vornehmen Spießbürgerlichkeit vor mir! Ich saß mit wüstem Hirn im Zimmer am Bettrand. Eine tiefe Traurigkeit erfüllte meine Seele. Urmächtig sprangen im Herzen die Quellen des Heimwehs auf. Solange es uns gut geht, ist es leicht, in der Fremde das Haupt stolz zu tragen, aber wenn uns die Erde unter den Füßen zu schwanken beginnt, da möchten wir in die Heimat wie ein Kind in den Schoß der Mutter flüchten. »Duglörli! Duglörli!« An ihre Brust hätte ich meinen Kopf lehnen mögen. Da ist Heimat, da ist Treue, da ist Liebe! Wie glühendes Eisen bohrte sich der Gedanke in die Seele: Du bist, wenn auch nur als Zufallszeuge, in einen schmutzigen Prozeß wegen falschen Spiels verwickelt. Das bricht dir, deinen Hoffnungen und Plänen vollends das Genick! Hätte ich der Eingebung des Augenblicks folgen können, so wäre ich Hals über Kopf in die Heimat abgereist. Ich war aber der Gefangene meiner Zeugenpflicht, die ich nicht zu verletzen wagte, weil ich davon neues Unheil befürchtete. XV Der Sturm wütet um den Feuerstein! Es jauchzen und Harfen, es weinen und jammern die Geister. Es knallt um die Felsen, als gingen Kanonenschläge durch die Nacht. Mir ist, als würde eine Schlacht um den Berg geschlagen, der ich nicht zuhorchen sollte. Das Lied der verlorenen Seelen, die Stimmen, die Schreie der Verzweifelten klagen und saufen und dringen mir in Mark und Gebein. Trotzdem bin ich in meinem einsamen Observatorium vielleicht glücklicher als jene, die jetzt, den Sinnen» oder einen anderen Teufel im Herzen, durch die Lichter der Städte wandeln. Nein, ich wünsche die alten Zeiten nicht zurück! Hoffnungslos verrichtete ich in den Balmerschen Schuppen meine Arbeiten wieder; in Heimweh und Zerknirschung wollte ich Duglore einen Brief schreiben, aber jedesmal, wenn ich ihn begonnen hatte, legte ich die Feder entmutigt nieder. Es gab leider nichts, was ich ihr mit aufrichtigem Herzen hätte berichten können, selbst davor, ihr meine Heimkehr anzukündigen, bebte ich zurück. War sie nicht das Eingeständnis eines schmählichen Zusammenbruchs? Es war nicht die Heimkehr in Ehren, die ich mir erträumt hatte, nicht das Wiederauftreten eines jungen Mannes, der auf seine Erfolge stolz sein kann. Wiewohl mich nun der Boden Hamburgs, der mir traut und lieb geworden war, unter den Füßen brannte, das Heimweh mich rüttelte und schüttelte, ließ ich den Brief an Duglore aus Scham über meinen Mißerfolg bei Valmer ungeschrieben. Dafür erfreuten mich einige Zeilen von Big Dare. Sie lud mich zu einem Stelldichein ans Steintor. Sie kam wie der liebe Frühling, die blauen Augen blitzten und lachten vor Vergnügen. »Ich habe mich nach Ihnen gesehnt,« erzählte sie mit ihrem schmelzenden Lächeln, »ich besuchte inzwischen den Ballon Sommerfelds, da fehlten Sie mir. Und nun kommen Sie, Herr Wildi, wir wollen einen weiten, weiten Spaziergang machen und uns ausplaudern.« Es gelang mir nicht, auf ihren munteren, ungezwungenen Ton einzugehen. Darüber schien sie etwas bestürzt. »Hätte ich nicht wiederkommen sollen?« fragte sie mit halber Stimme. »Die Wahrheit, Herr Wildi!« »Sie sind auf einer falschen Fährte, liebe Big«, erwiderte ich, »ich muß Ihnen ja dankbar sein, daß Sie wenigstens noch Vertrauen zu mir haben. Es geht mir schlecht.« Ich erzählte ihr kurz meine Erlebnisse, den Streit mit Balmer, den Abend in der Spielgesellschaft und die traurige Heimkehr aus der Untersuchungshaft. Sie horchte mir aufmerksam zu; ein gewinnendes Lachen spielte um ihre kirschroten Lippen. »Ist das nun so schlimm?« versetzte sie warm. »Ich könnte mir Sie nicht ohne Abenteuer denken. Wenn ich ein Junge wäre, hätte ich auch den Drang, überallhin zu gucken; mir tut es nur leid, daß auch das freieste Mädchen nicht so frei ist wie ein Mann.« Sie war strahlender Übermut, die Abenteuerlust blitzte in ihren Augen. »Es ist aber das Ende vom Lied,« versetzte ich bedrückt. »Der Tag nach der Gerichtsverhandlung bedeutet Heimkehr in die Berge!« Nun erblaßte Big. »O – o –.« entfuhr es ihrem Mund. »Wir haben uns ja kaum kennen gelernt. Ich habe mich auf so viele schöne Spaziergänge mit Ihnen gefreut. Aber wozu denn heimreisen? Balmer ist doch nur eine einzige Karte im Spiel der Welt. Sie sprachen von seiner Macht über die Menschen. Diese Macht haben Sie ja selbst. Wer Sie ansieht, glaubt und vertraut Ihnen. Auch Sommerfeld hat es gesagt. Sie seien ein außerordentlicher junger Mann, dem ein großer Weg im Leben bevorstände.« Vor Eifer röteten sich die Wangen Bigs. »Ich bin es meiner Verlobten schuldig, daß ich heimkehre,« erwiderte ich finster. »Es ist meine Pflicht.« Big Dare schwieg verlegen. Erst nachdem wir eine Weile stumm nebeneinander hingegangen waren, nahm sie das Wort wieder auf: »Ich kann mir das Mädchen nicht recht denken, das den Geliebten in die Ferne hinausziehen läßt und treu und unverzagt wartet, bis er wiederkehrt. Ich wäre die Natur dazu nicht und muß vor Ihrer Verlobten hohe Achtung haben. Aber noch merkwürdiger erscheinen Sie mir. Sie geben Ihre Hoffnungen, Ihre Pläne auf; Sie verzichten auf die Welt, von der Sie doch selber sagen, daß sie Ihnen gefällt, und sprechen von Ihrer Heimkehr wie von etwas Unwiderruflichem. Darin steckt wieder das große Geheimnis, zu dem ich den Schlüssel nicht habe: ›Heimatstärke!‹« Big brach jäh ab. Die kleine Falte in der Stirn erschien, die dem heiteren Weltkind den Ausdruck des Ernstes gab und ihr ungemein reizend stand. »Ich bin so unglücklich,« stieß sie hervor. »Sie haben doch wenigstens einen Weg, Sie gehen in Ihr Bergland zurück; ich habe keinen. Doch, wenn Sie von Hamburg fort sind, schiffe ich mich nach Mexiko ein. Was aber später werden soll, weiß ich nicht. Ich kann doch nicht immer in Backfischpensionen leben! Ich suche wohl Gherita auf, ein ehemaliges Kammermädchen, das mir sehr lieb war und jetzt in Triest leben soll, und reise mit ihr durch die Welt.« Mehr aus Verlegenheit als aus Neugier fragte ich: »Ja, was wollen Sie denn in Mexiko, Big?« »Don Garcia Leo Quifort,« versetzte sie, »der Advokat, der schon der Berater und Vermögensverwalter meines Vaters war, wünscht, daß ich komme. Er hält den Zeitpunkt für günstig, den alten Verwandtenstreit durch den Verkauf der Minen, um die es sich handelt, aus der Welt zu schaffen. Er freue sich, schreibt er, daß es ihm noch als letztes Lebenswerk beschieden sei, meine Verhältnisse zu ordnen; zugleich aber wünsche er die Dokumente in meine Hand zu legen, da er mit seinen fünfundsiebzig Jahren ein zu alter Herr sei, um die Verwaltung meiner Angelegenheiten weiter zu führen. Das heißt, genau so schreibt er es nicht,« lachte sie mit erbleichenden Wangen, »sondern er rät mir feierlich und dringend zum Heiraten; er wünsche die Papiere meinem Gatten zu überreichen. Heiraten – das ist aber schneller geraten als getan. Selbstverständlich würde ich leicht einen Gatten finden – aber –« Sie schaute plötzlich mit rätselhaftem Gesicht. Nun lachte sie hell und übermütig und spreizte die Hand: »Gewiß, an jedem Finger würde ich einen Gatten finden, der mich mit allen Launen und Unvollkommenheiten in Kauf nehmen würde, wenn er damit mein Vermögensverwalter würde, ich habe aber für die Ehe kein Talent. Was wollen Sie bei meiner verkehrten Erziehung! In dem Alter, da ich hätte mit Kindern und Puppen spielen sollen, hatte ich bereits Augen für die Männer. Ich nahm es ihnen als Kleine, die nicht höher als ein Grashalm war, schon übel, wenn sie mich übersahen, wenn sie für die Mutter mehr Aufmerksamkeit hatten als für mich: ich ließ mir als Siebenjährige von einem siebzigjährigen Prinzen huldigen, der keinen echten Zahn im Munde hatte und ein Toupet trug, mir aber jeden Morgen einen Strauß duftiger Rosen brachte. Als Vierzehnjährige schrieb ich Sonette auf den jungen, schmächtigen Mann, der mir die deutschen Dichter erklärte. Als ihn mein Vater deswegen davonjagte, beschloß ich, Hungers zu sterben! Anderthalb Tage aß ich nichts. Ich weiß die vielen Torheiten selbst nicht mehr, die ich begangen habe.« Sie lachte schalkhaft auf, wurde aber gleich wieder ernst. »Sie glauben gar nicht, Herr Wildi, was ich mit siebzehn Jahren für ein unglückliches Mädchen war. Als ahnten meine Eltern, daß sie nicht lange zu leben hätten, setzten sie ihr Sinnen und Denken darauf, mich an irgend einen Mann mit wohlklingendem Namen zu bringen. Zweimal geriet der Plan bis hart vor die Verlobung; aus launenhafter Widerspenstigkeit, bei der doch Verstand war, zog ich aber jedesmal einen Strich durch die Rechnung. Die jungen Männer behandelten mich wie einen niedlichen Affen, der gar nicht wissen könne, was wahr und was falsch sei; daß ich etwas wie eine feine, nach Verständnis dürstende Seele haben könnte, ahnten sie nicht. Seither ist mir gegen Verlobung und Ehe ein garstiges Mißtrauen geblieben; sie kommen mir vor wie ein rotwangiger Apfel, in dem man ganz sicher auf einen Wurm beißt. Guten Appetit – aber nicht mir, sondern den anderen!« Sie lachte übermütig. »Warten Sie, bis der Rechte kommt,« erwiderte ich mitlachend. Darüber erglühte sie bis in die Schläfen; einen Augenblick wurde es still zwischen uns. Big suchte sich aus dem verfänglichen Gedankenkreis herauszuwinden. »Herr Wildi,« bat sie, »erzählen Sie mir doch von Ihrer Verlobten. Ich bin außerordentlich neugierig, wie das Mädchen beschaffen ist, das Ihnen gefällt. Ist Ihre Verlobte hübsch?« Am Rande eines Kiefernwäldchens weit draußen vor der Stadt, die rot, grau und blau herüberschimmerte, saßen wir auf einem Polster schwellenden Heidekrautes, und wohlig und neugierig blickte Big nach mir. Was brauchte sie sich um Duglore zu kümmern, das glänzende Weltkind um die bescheidene Bergblume? Als sie aber den Blick der blauen Augen nicht von mir wandte, erwiderte ich gezwungen: »Ich weiß nicht, ob mir meine Verlobte im Spiegel der Stadt so reizend erschiene wie im Rahmen der Berge. In den Tälern der Heimat habe ich sie überaus lieblich gefunden. Sie spielte in der Kirche unseres untergegangenen Dorfes die Orgel. Dabei lag auf ihrem Gesicht der Glanz ihres frommen Gemüts, und sie war in meinen Gedanken der gute Engel der Heimat, der Frieden und Freude unter den Menschen verbreitete.« Big blickte versonnen. »Mögen Sie fromme Frauen?« fragte sie. »In meinen Bergen weiß man nichts anderes als fromm zu sein,« versetzte ich, »an meiner Verlobten gefällt mir die Frömmigkeit, weil sie ihr innerstes Wesen ist.« »Da hat Ihre Verlobte allerdings einen großen Vorzug vor mir,« erwiderte Big nachdenklich. »Sehen Sie, da gähnt in meinem Wesen wieder einer jener leeren Räume, die meine Erziehung nicht ausgefüllt hat. In jenem Erbschaftsstreit, der das Leben meines Vaters verbitterte, war ein ihm vervetterter Priester einer seiner Feinde; das gab ihm den Anlaß, mit allem zu brechen, was Kirche oder Religion hieß. Er ließ mich in diesen Angelegenheiten wie eine Wilde aufwachsen. Ich wäre in kein Gotteshaus gekommen, wenn wir uns nicht häufig die Bilder besehen hätten, die es in den katholischen Kirchen gibt. Selbst in Hamburg ließ mich der Vater nur unter der Bedingung zurück, daß ich zu keinen religiösen Handlungen veranlaßt werden dürfe. Ich bin also eine vollkommene Heidin, ich habe zu viel Bücher gelesen, die mir den Unglauben ins Blut impften, um je davon los zu werden. Was sagen Sie dazu, Herr Wildi?« »Das ist Schicksal!« erwiderte ich. »Es kommt aber wohl weniger darauf an, was wir glauben, als daß wir überhaupt gütig gegen die Mitmenschen sind.« Big schüttelte den Kopf. »Sie meinen, die Menschengüte könne die Religion ersetzen. Mein Vater behauptete, die Kunst! Es ist aber beides nicht wahr. Sobald man mir von einer Frau spricht, der, wie Ihrer Verlobten, ein lebendiger Glaube Natur ist, dann überfällt mich, ohne daß ich selbst fromm werden könnte, ein Neid auf sie; ich spüre, daß sie eine Stütze des Lebens hat, die ich entbehren muß. Eltern- und Heimat- und glaubenslos sein, das gibt einen Riß in die Seele. Ich, der Übermut, habe manchmal Stunden, in denen ich es recht tief fühle.« Big hatte sich in eine heiße Erregung gesprochen. In ihrer Bitterkeit aber lag eine Seelengröße, die mir mehr zu Herzen ging, als ihr heiterstes Lächeln. Big, das Weltkind, war für mich keine so große Versuchung wie die ernste Freundin, die mir von dem, was ihre Seele bedrückte und bedrängte, und von den höchsten Lebensfragen sprach. »Sind Sie nicht doch ein wenig undankbar gegen das Schicksal?« fragte ich auf dem Heimweg zur Stadt. »Sie wissen nicht, wie schwer es ist, die Rolle einer überflüssigen in der Welt zu spielen!« gab sie zornig zurück. Als ich ihr ins Auge blickte, stand darin eine klare Träne. Die Träne hatte für mich etwas Überwältigendes. Zum ersten Male bot ich ihr den Arm. Sie nahm ihn mit stiller Dankbarkeit. An diesem Abend aber begann ich eine Gefahr in den gemeinsamen Spaziergängen durch die blühende Welt zu wittern. Ich spürte, daß es mir einmal schwer werden würde, das Bild Bigs aus dem Herzen zu reißen. Im stillen wünschte ich, der Abschied wäre schon da, schon vorüber, zugleich aber waren die Stunden, die ich mit Bieg verbringen durfte, der Sonnenschein der trüben Zeit, in welcher der kommende Gerichtstag seine Schatten auf mein Leben warf. Zum Glück war es kein Hangen und Bangen ohne Ende. Das Verhängnis schritt rasch. Ich wurde noch einmal vor das Untersuchungsamt gerufen, wo man mehr Fragen an mich stellte, als ich beim ehrlichsten Willen zu beantworten wußte, und wenige Tage später erhielt ich die Vorladung zu der öffentlichen Gerichtssitzung, in der ich als Zeuge zu erscheinen hatte. Nun wollte ich nicht mehr im Geschäft Balmer sein, wenn mein Name mit dem wüsten Prozeß verbunden in den Zeitungen genannt würde. Wozu einen letzten fürchterlichen Strauß mit dem »Gewaltigsten« herbeiführen? In herbem Leid und Kampf schrieb ich meinem früheren Wohltäter, an dem ich der übeln Erfahrungen zum Trotz immer noch mit Verehrung hing, einen für seine Güte herzlich dankenden Brief und die Bitte um Entlassung. Ein Tag verging. Ich hatte eben einen Brief Duglores erhalten, aber noch nicht gelesen; ich stand in meinem Zimmer, sann und überlegte manches, als die blitzsaubere Frau Andreesen freudig den Kopf durch die Tür steckte. »Herr Wildi, die große Ehre! Frau Balmer besucht Sie! Sie erwartet Sie im Salon. Die besondere Ehre!« Ich ging mit rotem Kopf. Das frische, rosige Gesicht der feinen Frau Balmer, aus deren Wesen mir gute Heimatluft entgegenströmte, blickte mir zuerst etwas ernst und fragend entgegen, dann aber spielte ein leises, mütterlich sorgendes Lächeln um ihre Züge, als hätte sie doch eine Freude, mich wiederzusehen. »Wildi heißen Sie,« begann sie, »und ein Wilder sind Sie! Was ist denn das für eine Art, nur so den Sack vor die Tür meines Mannes zu werfen!« Ihr Vorwurf klang aber nicht böse. »Nachdem Sie den lockeren Vogel gespielt haben, nachdem Ihnen der Brausekopf etwas unsanft zurechtgesetzt worden ist, wollen Sie plötzlich heim, heim ohne ein Lebewohl. Nun, dieses heiße, rücksichtslose Blut kennt man aus eigener Erfahrung. Ging's nach dem Willen meines Mannes, der sich wegen der närrischen Luftballonfahrt ganz an Ihnen verärgert hat, könnten Sie laufen. Aber mir liegt die Sache schlecht. Ich bedenke den übeln Eindruck, den es für Sie, für uns in der Heimat, sagen wir im Kreise der Landammannsfamilie, hervorrufen muß, wenn es nun eine Trennung in Zerwürfnis gibt. Darüber habe ich mit meinem Manne gesprochen. Er erkennt an, daß er selber ein wenig an Ihrem törichten Streich schuld ist, weil er Sie verzogen, weil er Ihnen zu viel Taschengeld zur Verfügung gestellt hat. Kurz, ich habe den verfahrenen Karren wieder etwas eingelenkt: mein Mann ist bereit, Sie zu empfangen. In Hamburg zwar kann Ihre Rolle nicht weitergehen. Sie sind durch die dumme Anbändelei mit der Amerikanerin in unseren Kreisen unmöglich geworden. Aber, mein Mann wird Ihnen eine Stellung über See vorschlagen.« Ich hatte für die Frau, die mütterlich zürnend und mütterlich lieb auf mich zusprach, zu viel Verehrung, als daß ich den Besuch bei Balmer hätte von der Hand weisen können; es schien mir auch leichter, von der Spielergeschichte mit ihm als mit der Frau zu sprechen, vor der ich mich tief schämte. Ich versprach den Besuch; aber als ich den schweren Gang antrat, begleitete mich kein Schimmer der Hoffnung, daß es für mich je mehr eine Zukunft im bisherigen Geschäft geben könne. In der Tat war meine Unterredung mit Balmer nur ein Abschied. Ich traf ihn eher bedrückt und wehmütig als zornig. »Sie haben ja wieder eine neue Teufelei begangen,« sagte er in jenem eigenartigen Ton, in dem er seine weichste Stimmung zu äußern pflegte. »Ich habe erst, nachdem meine Frau Sie besucht hatte, davon gehört. Jugend! Ich selber könnte Ihnen die Torheiten verzeihen, so oder anders begeht sie jeder einmal, aber als Geschäftsmann bin ich ein Sklave der Öffentlichkeit. Ein Haus muß blank sein vom obersten Leiter bis zum letzten Lehrling, es darf keinen Punkt zum Angriff bieten. Ich kann Ihnen also die Brücke nicht mehr schlagen, von der ich mit meiner Frau gesprochen habe. Wenn ich Sie jetzt halten würde, wenn ich Sie später in eine größere Stellung vorrücken ließe, seien Sie versichert, nach zehn oder mehr Jahren würde die Tatsache, daß Ihr Name einmal in einem unwürdigen Prozeß genannt worden war, wieder ausgegraben und als Waffe gegen Sie und das Geschäft verwendet. Also muß ich Sie ziehen lassen!« Der ruhige, bedauernde Ton, mit dem Balmer sprach, verwirrte mich. O, hätte er bei der ersten Auseinandersetzung so verständig zu mir gesprochen, oder nur an jenem Abend noch, da ich ihn um Verzeihung bat, die Spielergeschichte hätte sich nicht ereignet! »Herr Balmer,« keuchte ich, »es tut mir unendlich leid, daß ich Ihre Hoffnungen nicht erfüllen konnte.« Die Worte erstickten mir in der tiefen Bewegung des Herzens. Die Stunde war, das spürte ich, auch für ihn nicht leicht. Er wandte sich gegen die Tür: »Herr Andreesen, ist denn der Brief, den ich an den Landammann in Gauenburg geschrieben habe, schon fort?« »Herr Balmer belieben,« antwortete Andreesen, »er ist eben abgegangen!« Das schien nun Balmer nicht recht zu liegen. »Ich habe dem Landammann natürlich Kenntnis geben müssen,« wandte er sich mit verschleierter Stimme an mich, »daß Sie aus meiner Fürsorge heraustreten. – Also, Herr Wildi, mit Gott!« – Ein Händedruck, das Band zwischen Balmer und mir war gelöst. In furchtbar wirrer Gemütsstimmung ging ich von dem geheimnisvollen Manne, dem ich, wie nie einem Menschen vorher, Einfluß auf mein Denken gewährt, und der mich, wenn auch nicht ohne Kampf, doch leichthin wieder preisgegeben hatte. Sein Brief an den Landammann quälte mich. Was hatte er wohl über mich und meinen Lebenswandel in die Heimat geschrieben? Wenn dort die paar Hamburger Abenteuer einen bösen Schein auf mich würfen! Wie streng urteilte unser Bergvolk über jede kleine Abirrung vom Weg der bürgerlich nüchternen Tugend! Und was in den Bergen einmal auf jemand saß, das saß unbarmherzig und lebenslang, das wurde nicht wieder vergessen, wie man in einer Stadt vergißt, in der ein Ereignis das vorhergehende begräbt. In meiner Gemütsunruhe las ich nicht einmal den Brief Duglores, den ich in der Tasche bei mir trug. Wo ich stand und ging, spürte ich die brennende Pflicht, ihr zu schreiben, und schrieb ihr aus dunkler Bedrängnis und Scham über den Zusammenbruch meiner Pläne doch nicht. Nur das eine war mir bei dem Namen Duglores ganz klar: Ich mußte, wie viel Überwindung es mich auch kostete, heimgehen und ihr ein stilles Glück bereiten. Das war ich unserer Liebe und der treuen Seele schuldig, die so viel um mich gelitten hatte! Frei, vogelfrei, noch ein paar Tage Hamburg, noch der abscheuliche Gerichtstag, dann trennte ich mich von Big, von meinen Weltplänen, dann würde ich in den stillen Bergen ein stiller Mann werden. Leicht ging es nicht! Mir war, ich sei gerufen, meinem eigenen Begräbnis beizuwohnen. Je näher indes der Tag heranrückte, da ich von Hamburg loskommen konnte, desto mehr drängte es mich zu Big. Ich mochte an nichts und an niemand als an sie denken; sie war mir in ihrer lichten Schönheit, in ihrem freien stolzen Wesen und mit ihrem ungewöhnlichen, glänzenden Geiste mehr, als ich mir eingestehen durfte. Der Gedanke der nahen Trennung, der kein Wiedersehen folgte, umstrickte uns beide mit einem Gefühl gegenseitiger seelischer Nähe, wie es sich zwischen Menschenkindern wohl nur in dem Augenblick ereignet, da sie sich hoffnungslos verlieren. Duglore wirst du immer haben, raunte eine Stimme in mir. Big aber nur noch wenige Tage. Als müßte ich vom Leben noch zusammenrauben, was es bot, warf ich die Sorge hinter mich, so sehr hinter mich, daß ich selbst einen folgenden Brief Duglores ungelesen ließ. Ich wanderte mit Big im Sonnenschein der Nachmittage in die Umgebungen Hamburgs, in die prächtigen Bauerndörfer der Vierlande. O, die schönen Stunden! In leichtsäuselnden Winden wogte um uns das hohe, von der Blumenpracht des Juni durchblühte Gras. Heuer und Heuerinnen in malerischem Trachtengewand boten uns den Gruß, heimelige Gärten und alte Bauernhäuser mit großen Strohdächern luden zur Einkehr, Big fand es köstlich, daß ich für alles, was die Bauersleute hantierten, das geschärfte Auge des Mannes besaß, der einmal auch dabei gewesen ist und wieder dazu zurückzukehren gedenkt. Ich aber ergötzte mich, wie Big sich mit den Bauernkindern unterhielt, sich mit ein paar freundlichen Worten das Vertrauen selbst der schüchternsten eroberte und mit ihnen zu spielen begann. Sie war eine vollkommene Kindernärrin, vergaß, wenn sie bei ein paar Kleinen stand, Weg und Ziel, und sogar mich. »Nein, recht ist es nicht, Herr Wildi,« scherzte sie. »Sollten wir nicht jeden Augenblick für uns zusammennehmen? Ich darf Sie ja nicht einmal bitten, daß Sie mir, wenn Sie wieder in Ihren Bergen leben, Nachricht geben, wie es Ihnen geht. Nein, das will ich nicht; es würde Ihre künftige Frau beunruhigen. Aber ohne Andenken sollen Sie nicht von mir sein.« Sie zog ein kleines Bild aus der Tasche und schenkte es mir. Das Porträtchen war ein quergestelltes Viereck, aus dem, von einer Wolke von Locken und Flechten umgeben, ihre Augen, ihr Antlitz in träumerisch süßem Reize schauten. Darunter stand: »Ihrem lieben Jost Wildi, Big Dare!« Ich streckte ihr mit stummem Dank die Hand entgegen. Sie lächelte: »Ich darf mir doch das gleiche Geschenk von Ihnen erbitten, ein Bild und ein Wort des Gedenkens?« »Morgen, Big,« erwiderte ich. »Wir sehen uns, wenn ich meine Zeugenpflicht erfüllt habe.« Sie nickte. Mit einer Zärtlichkeit der Stimme, die ich nie zuvor an ihr gehört hatte, sagte sie: »Ich wünsche Ihnen herzlich, daß Sie mit Ihrer künftigen Frau sehr glücklich leben. Ich soll und werde für Sie eine Tote sein! In einem Lied aber heißt es: ›Ein Tag im Jahre ist den Toten frei!‹ Bewahren Sie mein Bild, wo es den Frieden Ihrer Frau nicht stören kann, meinetwegen in einem hohlen Baum im tiefen Wald, aber einmal im Jahr gehen Sie hin, betrachten Sie still die – Tote – Ihre Freundin Big.« »Big, sprechen Sie nicht so; es tut mir unsäglich weh,« rief ich, erfüllt vom Trennungsschmerz. »Sie werden für mich eine Lebendige bleiben!« Sie wagte es nicht, mich anzusehen; sie streifte ein paar Halme am Weg, dann gab sie mir in süßer Verwirrung doch wieder einen Blick. »Jost Wildi, eigentlich ist es ein Unglück, daß wir uns begegnet sind,« flüsterte sie, »wir werden uns doch nicht vergessen können, einander die langen Jahre dahin vermissen.« »Gewiß, Big,« keuchte ich, »es ist ein Unglück, das sagt mir mein Herz auch.« Sie lachte gezwungen, wie um sich von einer Last zu befreien. »Geben Sie mir einen guten Rat,« versetzte sie in weichem Scherz. »Wo läuft ein anderer Jost Wildi durch die Welt? Ich will mein Zigeunerleben von ehemals wieder aufnehmen und ihn suchen, wo immer auf Erden er stecke. Meine Bedingungen: Er darf noch keinem anderen Mädchen gehören. Er muß aber gerade sein wie Sie. Die dunkeln, furchtlosen Augen muß er haben wie Sie, die kühne Stirn und das gesunde, goldene Lachen wie Sie, die Frische, die Urkraft, die Echtheit wie Sie! Er darf über seinen Streichen noch stärker ins Wanken gekommen sein als Sie, wenn nur sein Herz noch frei ist.« »Sie sind grausam, Big,« stammelte ich. »Ich muß doch den Weg der Pflicht und Ehre gehen, sonst würden Sie die erste sein, die mich verachtet.« Sie antwortete nicht. Sie trat an einen Heckenrosenstrauch, der eben im Aufblühen begriffen am Feldpfad stand, und versuchte einige der Knospen und Rosen zu brechen. Sie standen aber so hoch, daß ich ihr zu Hilfe eilen und die Zweige zubiegen mußte. In diesem Augenblick rief sie: »Herr Wildi, sehen Sie, dort gerade über dem Heufuhrwerk, auf dem die Vierländerleute sitzen, schwebt der Ballon Sommerfelds!« Wir spähten beide nach der Kugel im Blauen. Auf den roten Lippen Bigs lag eine Bitte, die ich wohl verstand, mit deren Beantwortung ich aber zögerte. Sie war wieder im Zauber des Ballons; die gemeinsame große Fahrt lockte sie wieder, von der sie einst gesprochen hatte. Sie nahm meine Hand mit einem weichen zärtlichen Druck und flüsterte: »Was tut's, ob Sie einen Tag früher oder später in die Heimat gelangen! Und ich habe bereits Ihr Wort. Wie wir gegen die Alster gingen, haben Sie mir ja gesagt. Sie würden mich begleiten, wenn es Ihnen die Umstände gestatteten. Jetzt ist kein Hindernis mehr da!« Berauschend streifte mich der Hauch ihrer wie zum Kuß geschaffenen Lippen; wonnig, sonnig und überredend sprühten die Blitze der blauen Augen. Da, meiner selbst nicht mehr mächtig, umarmte ich die gertenschlanke Gestalt. »Ich komme. Big – ich mache die Fahrt mit dir – aber einen Kuß muß ich von dir haben, du herrliches, herrliches Weib! – Ich weiß ja erst durch dich, was Liebe ist! Ja, ich will mit dir in Gottes hohe Lüfte steigen, ich will ein schönes, großes, unvergängliches Gedenken an dich haben!« Die junge Gestalt fügte sich zitternd meinem Kuß, sanft und schmiegsam lag sie an meiner Brust. »Es ist ein Raub, Jost,« flüsterte sie, »aber – ich habe dich so lieb, so unendlich lieb! Ich kann doch nicht wie eine Verstoßene von dir gehen!« In leidenschaftlicher Hingabe erwiderte sie meine Küsse; vor Wonne versank um uns die Welt. »Big,« stieß ich hervor, »du entzückendes Weib, ich fasse es nicht, daß ich dich lassen soll. Ich kann ja von dir nicht scheiden. Ich ginge mein Leben lang am liebsten mit dir!« Ich blickte in ein wundersam verklärtes Gesicht, in die sonnenhaftesten Augen. »Was sagst du?« flüsterte sie dürstend. »Ich ginge am liebsten mit dir!« wiederholte ich stammelnd. »Ist es dein voller Ernst?« fragte sie in bebender Leidenschaft, als würde sie des Wortes nicht satt. »Big, ich ginge am liebsten mit dir,« wiederholte ich zum zweitenmal. »Und ich mit dir,« flüsterte sie, und gegenseitige wilde Küsse besiegelten das Wort. Ich weiß nicht, wie lange wir im Liebestaumel unter der Heckenrosenstaude verharrten; als wir aber wieder des Weges gingen, da hing Big erschöpft, gebrochen und willenlos an meinem Arm. »Ich möchte jetzt am liebsten in deinen Armen sterben!« hauchte sie und neigte das schöne Haupt mit leisem Schluchzen auf meine Schulter. »Ich mit dir, du süßes Weib!« stöhnte ich und streichelte ihr die glühenden Wangen. Da ließ sie jäh meinen Arm los. »Du mit mir, sagst du,« versetzte sie rauh und schneidend und ein kaltes Blitzfeuer in den Augen, »du mußt ja leben – leben für eine andere!« Wilde Herbigkeit, abgründiger Hohn standen in ihren Zügen. Langsam aber meisterte sie sich. Sie begann von der Ballonfahrt zu sprechen, die wir noch miteinander unternehmen würden; das Gespräch und die Erwartung eines neuen schönen Tages verdeckte ein wenig die tiefe Traurigkeit, die unsere Seelen erfüllte. Ich war froh, als ich mit Big die Stadt erreichte; aber zum vollen Bewußtsein, wie furchtbar die Flamme der Leidenschaft von Herzen zu Herzen gelodert war, kam ich erst, als wir uns getrennt hatten. Ich empfand ein abgrundtiefes Mitleid mit Big, mit ihrer jäh flammenden Liebe. Du hättest dieses Feuer nicht sollen ausbrechen lassen, schrie eine Stimme in mir, du darfst Big nicht mehr sehen, sonst, sonst – Mächtiger noch schrie die Stimme: Wie hast du Duglore verraten – dein liebes, armes Duglörli! Und nun kommen Blätter, die ich nur mit zitternder Hand schreiben kann! XVI »Der Tag des Gerichts!« Eine gute Überschrift. Ich habe an diesem Tage das Wehen des Schicksals gespürt. Als ich von Big nach Hause kam, fand ich einen ungewöhnlich großen, mit Amtssiegeln versehenen Brief aus der Heimat. Auf meinem schon gepackten Koffer sitzend, schnitt ich den Umschlag auf. Gutes Papier! Landammann und Landrat schrieben mir. Wie von einer Schlange gebissen, fuhr ich empor. »Oho! Was hat denn Balmer für Bosheiten über mich berichtet? Was? Liederlicher Lebenswandel steht da! Schwindelabenteuer! – Schlechtes Frauenzimmer! – Intimer Verkehr in einer Verbindung von Falschspielern! – Den guten Ruf des Landes schädigen! Was? Landammann und Rat verfügen: ›Jost Wildi hat sich innerhalb drei Tagen nach erledigtem Gerichtsfall den Landesbehörden auf dem Rathaus in Gauenburg zu stellen unter Androhung, daß im Weigerungsfälle seine polizeiliche Heimschaffung von Hamburg durch die Vermittlung des Herrn Konrad Balmer nachgesucht und eingeleitet würde. Damit Mangel an Reisegeld keine Ausrede des Nichterscheinens bilden kann, ist Hans Konrad Balmer gebeten, Wildi auf Landeskosten eine Karte dritter Klasse in die Heimat zu verabfolgen. Wildi ist nach seiner Heimkehr unter Vormundschaft zu stellen, die bei gutem Verhalten später, doch nicht vor einem Jahre, wieder aufgehoben werden soll.‹« Dazu schrieb der Landammann, meinen tiefen Fall beklagend, ich solle den guten Funken in meinem Herzen beweisen, indem ich mich den wohlerwogenen Beschlüssen des Rates füge. »Das mir, Jost Wildi!« Ich nahm den Brief des Landammanns und das amtliche Schreiben, zerriß sie, schleuderte die Fetzen zu Boden, und als ich auf einer saubergezackten Papierunterlage das Staatssiegel meines Heimatlandes mit der aufgehenden Sonne, der Bergtanne und der Hellebarde alter Schlacht liegen sah, trat ich mit dem Fußabsatze darauf, daß der Lack in Sand zersplitterte. In meinem Herzen aber raschelte etwas und zermürbte wie das Papier in meinen Händen und das Siegel unter meinen Füßen. In meiner Brust fraß etwas wie Gift. War ich denn ein Landstreicher, ein Schwindler, ein Schelm? Hatte ich mich bei Balmer nicht wie ein Tagelöhner gerackert, am Abend gelernt bis in die tiefe Nacht? Was wollten dagegen ein paar Ausschweifungen des jungen Blutes sagen. Ich hatte doch mein ernstes Ziel nie aus den Augen verloren. Nein, der Mann, den ich da im Spiegel erblickte, der war wohl totenblaß, aber der besaß eine Lebensstärke, die ihn nie untergehen ließ. Ich sammelte die Papierfetzen und hob sie sorgfältig auf. »Damit du an die tödliche Beleidigung denkst; damit du nie wieder das Heimweh bekommst!« Aus vielen dunkeln Wallungen trat nur ein Gedanke klar hervor: In die Heimat, die dich beleidigt hat, gehst du nicht! – Nie wieder! Ein innerer Drang erfaßte mich, den Entschluß durch irgend eine Handlung zu bestätigen, festzulegen. Ich griff zur Feder und schrieb an Landammann und Rat in Gauenburg: »Ich bitte, mich nicht zu erwarten! Darüber dürfen Sie am glücklichsten sein. Käme ich, so wäre mein Erstes, Sie zu Tal und Berg, durch das ganze Land und bei allem Volk eines unerhörten Ehrenraubes anzuklagen, rastlos würde ich Rechenschaft von Ihnen fordern, bis mir mein Recht würde. Ich komme also nicht! Balmer aber mag es in der Todesstunde verantworten, daß er durch seinen Brief an Sie, Herr Landammann und Rate, aus dem eiteln Bedürfnis, groß und rein in seiner Heimat dazustehen, einen sittlichen Totschlag an mir zu verüben versucht hat. Zu stolz zu einem Wort der Verteidigung, aber zum Kampf gegen jede Vergewaltigung bereit – Jost Wildi!« Ich stürmte mit dem Briefe hinaus in die Nacht; am liebsten hätte ich Balmer aus dem Schlafe geschellt und ihm zugerufen: »Abgrund! So wenig ist dir Menschenglück?« Furchtbare Abrechnung hätte ich gern mit ihm gehalten. Dann wandten sich meine Gedanken zu Big. In verführerischem Glanze stand ihr Bild vor mir. Ein Wort – und mit einem Schlage war diese vornehme, stolze Seele mein, mit ihr das Glück der Welt! Nein, das nicht, das nicht! Ich sah das Märtyrergesichtchen Duglörlis, den Jammer in ihren dunkeln Augen. Ich begann das Liebesgestammel, die glühenden Küsse, die ich am Heckenrosenstrauch mit Big getauscht hatte, qualvoll zu bereuen. »Ich ginge am liebsten mit dir!« Eine Stimmungswahrheit des verwirrten Augenblicks, mehr nicht! Nur Duglore nicht lassen. Mit der Treue zu ihr stand und fiel alle Achtung vor mir selbst, das Recht, daß es mir nach diesen Stürmen im Leben wieder wohlergehe. Aber wie Duglore erreichen, da ich entschlossen war, nicht in die Heimat zurückzukehren? Gibt es wirklich Ahnungen, Seelenverbindungen über weite Länder hin? In einer Art Hellseherei wußte ich, daß Duglore mich suchte in dieser Nacht, daß all ihr Wesen mir näher war als sonst. Es war wohl doch nur eine Vorspieglung der erregten Sinne, der Selbstvorwürfe darüber, daß ich die Liebe meiner Jugend, seitdem ich mit Big ging, schrecklich im Stich gelassen und verraten hatte. Am Morgen schritt ich nach dem Justizgebäude am Holstentor, um meine Zeugenpflicht in dem Falschspielerprozeß zu erfüllen. Auf dem schweren Gang atmete ich die frische Luft in tiefen Zügen, sie tat meinem verknäuelten Kopfe wohl; als mich aber der Amtsdiener in das Zeugenzimmer wies, da wurde mir beinahe übel. Eine furchtbar abstoßende Gesellschaft verlebter junger und alter Männer, geschminkter Damen, ein paar Bekannte, die frech zu mir herübergrüßten, auf vielen Gesichtern etwas wie ein stiller Hohn, daß ich mit meiner frischen Mannesjugend mitten unter ihnen sei! Von Zeit zu Zeit wurden ein oder zwei Zeugen gerufen und ins Verhandlungszimmer geführt. Nur ich nicht. Unter dem Blick eines auf und ab schreitenden Schutzmannes gingen die Stunden entsetzlich langsam dahin. Denken! Aber jeder Gedanke, den man in diesem Räume und in dieser Gesellschaft dachte, besudelte sich selbst. Wie um Schutz zu suchen gegen den Luftkreis, der mich umgab, griff ich nach den beiden Briefen Duglores, die ich erhalten, aber bisher in dumpfer Befangenheit zu öffnen versäumt hatte, über den Neuigkeiten, die sie enthielten, vergaß ich fast augenblicklich die Gesellschaft um mich her. »Inniggeliebter Jost,« schrieb die Ärmste, »ich bin in Todesnot um dich. Dein letzter Brief war rasch abgebrochen. Du sagtest, du seist unwohl. Seither habe ich kein Wort mehr von dir gehört. Nun muß ich glauben, du seist schwer krank, lieber Jost! Daß du mir aber nicht durch jemand anders hast schreiben lassen, das nimmt mich wunder. Ich vergehe fast in schweren Träumen und Angstmattigkeit. Was soll ich anfangen ohne Trost? Ich bin von der Familie Z'binden gegangen; es war allen leid und doch nötig. In Liebe und Frieden haben sie mich ziehen lassen, und Herr Z'binden hat mir ein Schönes an eine künftige Aussteuer gegeben. Ich habe mich nach Zweibrücken zu den freundlichen Bauersleuten gewandt, wie du mir in deinem Briefe rietest. Sie haben aber Hände genug und brauchen niemand in ihrem Dienst; nur haben sie gesagt, ich könne wohl bei ihnen bleiben, bis ich eine Stelle fände, die mir gelegen sei. Lieber Jost! Sie haben auch nach dir gefragt. Als ich von dir erzählte, kam mir in lauter schwerem Leid der Gedanke, ich wolle nach Selmatt gehen, wo wir glückliche Kinder gewesen sind. In der großen Stille des Weges und im Gebet für dich bin ich ruhig geworden. Mir war, der liebe Gott rede zu mir und gäbe mir den Entschluß ein, daß ich mich aufmache auf die Reise, dich suche in der fernen Stadt, und wenn du krank bist, armer Jost, dich mit meinen Händen pflege, bis du wieder gesund wirst. Daß ich dann mit dir rede, was werden soll mit unserer Liebe.« – Ich wurde unruhig. Duglore nach Hamburg! Diese Torheit war ja nicht auszudenken. Der Brief ging weiter: »Ich habe dir schon geschrieben, lieber Jost, daß Melchi Hangsteiner ein Haus zu bauen angefangen hat in Selmatt, und daß ihm der Landrat das Geld gegeben hat zum Bauen. Du weißt, daß ich zuerst gesagt habe, man sollte in Selmatt wieder bauen. Ich habe gemeint, wir! Nun aber hat es Melchi getan. Es ist ein ganz aus Holz gezimmertes Haus und hat Scheune und Stall, und die Fenster schauen frohmütig nach dem Lichtmeßloch. Darin lebt Melchi mit einem Knechtlein, drei Kühen und einem Rind. Ich habe bei ihm zu Mittag gegessen. Und da wir doch allzeit gute Jugendkameraden gewesen sind, habe ich ihn gefragt, was er meinen würde, wenn ich dich suchen ginge. Er hat es mir aber furchtbar abgeraten. Er hat gesagt, es wäre schade für das viele, schöne Geld, das die Reise kostet; sie sei auch gefährlich für mich allein! Und er hat sonst mancherlei Windiges gesagt, um mich von dir abspenstig zu machen. Hat's aber nicht tun können, und bald habe ich gemerkt, daß er nur einer Maus den Speck legen will. Melchi hätte selber gern eine Frau ins Haus. Er hat mich gemeint. Der Tor! Als ob er nicht von früher wüßte, daß ich nur an dir hange. Ich ging um drei Uhr wieder von Selmatt fort. Nachdem ich ein gut Stück Weg ein schweres Herz gehabt hatte von wegen Melchis Worten, du seist gewiß gesund wie ein Fisch in der Selach und schreibest nur aus Lieblosigkeit nicht, kam ich doch wieder mit mir ins reine. Gewiß ist es schade für das Geld; es wäre eine schöne Nachhilfe für meine Aussteuer. Aber, frage ich, was soll mir irdisches Gut, wenn ich nicht den Frieden der Seele habe? Also, lieber Jost, habe ich zwischen Selmatt und Zweibrücken beschlossen, daß ich dir diesen ernsten Brief schreiben wolle. O, lieber Jost! Ob du krank bist oder nicht krank, schreibe mir! Hättest du es gern oder ungern, wenn ich nach Hamburg käme? Und kommt kein Brief von dir, so denke ich, du seist schwer krank. Dann hast du wohl meine liebende Hand nötig. Und alles sollst du meiner großen Unruhe zugute halten, die mich umhertreibt in einem fort.« Tränenspuren lagen auf den Worten: »In unverbrüchlicher Liebe und Treue! Dein Duglörli.« Ich geriet in eine so mächtige Bewegung, daß ich des Ortes, an dem ich war, vergaß und von der Bank aufsprang. Das erweckte den Verdacht des Schutzmanns, der über die sich leise und frech unterhaltenden Zeugen Wache hielt. Er trat auf mich zu, winkte mit dem Finger, nahm den Brief und überflog ein paar Zeilen; als er aber sah, daß sie nur den Notschrei eines gequälten Mädchenherzens enthielten, gab er ihn mir ebenso stumm zurück, wie er ihn entgegengenommen hatte. In diesem Augenblick rief der Gerichtsdiener unter der Tür: »Zeuge Wildi!« Endlich! Ein Sieden und Rieseln in der Brust, aber meiner Pflicht klar, folgte ich ihm in den Verhandlungssaal vor die Richter. Auf der Anklagebank saßen der dicke, hünenhafte Wirt, mein schmächtiger Leglu, ein ehemaliger Schiffskapitän mit einer roten Knollennase und ein paar andere, die ich nicht kannte. Unvergänglich prägte sich mir das traurige Bild in die Seele, der Verlauf meines Verhörs aber bot nichts Besonderes. Ich hatte noch einmal zu erzählen, wie ich in die Gesellschaft geraten sei. Ein Gewirre von Kreuz- und Querfragen brach über mich herein. Die Stunde vor den Richtern erschöpfte mich wie eine Last, die ich auf einen Berg zu tragen hätte; als mir aber eben schwarz vor den Augen werden wollte, kam nach einer scharfen Ermahnung des Staatsanwaltes, mich nie mehr in so schlechter Gesellschaft blicken zu lassen, das befreiende Wort: »Zeuge Wildi! Sie sind entlassen!« Die Ermahnung war überflüssig. Aus dem Justizgebäude trug ich den Gedanken fort: Nur nie wieder vor Gericht! In Luft und Licht der freien Umgebung des Palastes, in dem so viel Elend zusammenkommt, genoß ich einen Herzschlag lang das beseligende Gefühl, daß die seit Wochen gefürchtete Stunde hinter mir liege; im nächsten Augenblick aber dachte ich schon an den zweiten Brief Duglores. Was enthielt er? Sie wird doch um Gottes willen von ihrem törichten Vorhaben, zu mir zu reisen, abgestanden sein! Ich lief in die prächtigen Anlagen, die sich gegen die Elbe hinunterziehen, und spähte nach einem vor den zahlreichen Spaziergängern geschützten Plätzchen. Ich fand es in grünem Baumwerk, das einen Teich umgab, hatte mich aber erst auf die Bank gesetzt, als hinter mir schalkhaft eine Stimme lachte: »Guten Tag, Jost Wildi! Natürlich hat mich der Herr nicht gesehen, zum Glück aber ich ihn! Wie ist's denn gegangen, gut? Der Kopf sitzt ja noch ganz hübsch zwischen den Schultern.« Big neigte sich zum Gruß zu mir, und in einer seinen Liebkosung streifte ihre Wange die meine; sie war nicht die schwermütige Seele vom gestrigen Abend, sondern die Glückliche, die nur an des Lebens Wonnen und Freuden dachte. »Wir werden zusammen speisen, nachher werden wir zu Sommerfeld hinausfahren und mit ihm den Plan der großen Ballonreise besprechen,« lachte sie wie ein sich freuendes Kind, das den Spielgenossen so heiter sehen möchte, wie es selber ist. »Hast du mir das Bild mit dem lieben Wort mitgebracht?« fragte sie. Nein, das hatte ich unter den mannigfaltigen Sorgen des Abends und des Morgens vergessen. »Nur einen Augenblick, Big,« bat ich, »nur bis ich einen Brief gelesen habe!« Sie machte ein zum Küssen liebes Schmollmündchen, erhob sich, um mich mit dem Brief allein zu lassen, und lockte das Wassergeflügel, das in dem Weiher zog. Ich aber las mit wachsendem Schrecken Duglores zweiten Brief. »Und du schweigst, lieber Jost!« schrieb sie. »Du bist also schwer krank. Das sagen mir auch meine Träume! In einem weißen Bett liegst du und schaust gegen die Türe und denkst: Wo bleibt denn Duglörli? Ich komme, lieber Jost! Ich war bei der Schneiderin in Gauenburg. Da war gerade Markt, und Melchi, der noch ein Rind zu seinem Viehstand kaufte, war auch da. Er sagte mir noch einmal, die Reise sei eine Torheit, und machte mir Vorstellungen; als er mich aber festen Sinnes sah, da tat er mir die Liebe und hat sich auf dem Bahnhof nach dem Fahrplan erkundigt. Da hat man ihm gesagt, daß am Dienstag eine Bauernfamilie, die nach Amerika auswandere, den Weg über Hamburg nehme, und wenn ich mit den Leuten frühmorgens abfahre, bin ich am Mittwochabend um sechs Uhr in Hamburg. So tue ich.« – »Am Mittwochabend um sechs Uhr!« Das war ja heute, das war in einigen Stunden! Der Brief lief weiter, aber zu Ende lesen konnte ich ihn nicht. Neugierig und ungeduldig blickte Big zu mir. Da schrie sie auf: »Jost, es ist ja kein Tropfen Blut mehr in deinem Gesicht!« Ich flüsterte ihr nur ein Wort zu. Sie verstand, sie sank erschreckt zu mir hin, umschlang mich zitternd, lehnte sich gebrochen an meine Brust, Tränen füllten ihre Augen; wie eine Vernichtete ließ sie das stolze Haupt tiefer und tiefer sinken. In dem schmerzverzerrten Mund schimmerten die weißen Zähne. Die Gestalt erinnerte mich an ein Wild, das todwund getroffen ist, das sich verteidigen möchte, aber die Kraft dazu nicht findet. Die Hände ineinander verkrampfend, flüsterte sie: »Und ich muß gehen! Aus ist der Traum! Wenn es aber einen Gott gäbe, könnte er Herzen wie die unseren nicht trennen! Wenn er uns wenigstens noch die Fahrt gegönnt hätte! Im Morgenstrom des Lichts wollte ich mit dir in jene Höhen steigen, Jost, wo in den Schwingen der Seele kein Staub mehr ist. Und für dieses Glück hätte ich dem gütigen Gott gehuldigt und hätte versucht, fromm zu sein wie deine Verlobte. Aber er gönnt's mir nicht!« Abgründige, wahnwitzige Worte, Flüche auf das Schicksal fuhren aus wilder Seelenzerrissenheit über ihre zuckenden Lippen; das Gesicht trug einen so wunderbaren Ausdruck des Schmerzes, der Leidenschaft und seelischer Schönheit, daß es mich unheimlich überrieselte. Es riß mich etwas zu Big, zugleich aber rief eine Stimme in mir: »Fürchte dieses rätselvolle Weib, fliehe sie!« Sie krallte ihre feinen schmalen Hände in meinen Arm, ihre Augen gruben sich in die meinen, ihr zerquälter Mund flehte: »Jost, ein Wort! Gingest du wirklich dein lebelang am liebsten mit mir?« Ich spürte, Big täte sich ein Leid an, wenn ich sie jetzt enttäuschte. Mein Gewissen wand sich. Ihr die Hand drückend, stammelte ich: »Ja, ich ginge am liebsten mit dir, Big!« Sie küßte mich wild und schmerzenreich, als müßte ich den Atem aus der Seele verlieren. »Und dein Bild?« keuchte sie. »Ich kann nicht leben ohne dein Bild!« »Ich sende es dir, Big!« versprach ich, um die Erregte etwas zu beruhigen und litt mit ihr. Da flatterte eine Gruppe spielender Kinder in unsere Nähe; die jähen Gefühlsausbrüche fanden ihre äußere Hemmung. Wir gingen ein Stück; unter einer Baumgruppe aber, die uns der Neugier verbarg, hielt Big den Schritt an. »Es muß sein – es muß sein!« stammelte sie. »Leb' wohl, Liebster!« Noch einmal bohrten sich ihre Augen in die meinen, als wollten sie mir die Seele aus dem Leibe trinken. Unnennbar zart legte sie ihre beiden Hände an meine Wangen, zog mich zitternd an sich, und preßte ihre Lippen auf die meinen. Ein langer, heißer Kuß, ein kurzes, flammendes »Lebewohl!« – und die Unglückliche ging. Ich aber, ich überlebte den tollen, furchtbaren Tag. Obwohl ich keinen Ausweg aus den Fangeisen und Klemmen meines Lebens sah, meine Gedanken rastlos zwischen Big und Duglore hin und her eilten, tat ich noch manches Vernünftige. Ich las auf meinem Zimmer den Brief meiner Verlobten zu Ende. Bauernschlau hatte Melchi Hangsteiner die Reise Duglores so eingerichtet, daß in der Heimat niemand anders darum wußte als er und sie. Damit sie ohne Aufsehen und üble Nachrede der Menschen wieder in die Heimat zurückkehren könnte, wenn die Hoffnungen, die sie auf mich setzte, sich nicht erfüllen würden, streute er in Zweibrücken aus, sie sei als Magd nach St. Jakob gegangen. Nein, Melchi Hangsteiner! Ich war entschlossen, für Duglore alle Opfer, die das Leben verlangen würde, zu bringen. Nur um eins bat ich Gott. Daß mich das Wiedersehen mit ihr nicht enttäuschen möge! Ich fühlte, wie mir das Großstadtleben, die Tage mit Big andere Maßstäbe der Schätzung weiblichen Wesens als die stille Bergheimat gegeben hatten. Wie, wenn mir nun Duglore unbedeutend erschien? Konnte ich dann siegreich gegen die rätselvolle, verführerische Kraft Big Dares bleiben? Bald kalt, bald warm lief mir der Schweiß über den Nacken. Ich tröstete mich! Welche Seelen- und Liebesstärke lag doch darin, daß das weltunerfahrene Berg- und Heimatkind die Reise zu mir unternahm! Wohl war es ein furchtbar törichter Entschluß, doch spürte ich seine Größe, und Duglörli erschien mir umgeben vom Strahlenkranz mutigster Treue. Nur heim wollte ich nach allem, was sich begeben hatte, mit ihr nicht gehen! Aus einem Umschlag nahm ich eine Fahrkarte, die mir Andreesen gebracht hatte, steckte sie in einen anderen Umschlag und schrieb darauf: »Mit Dank an Herrn Hans Konrad Balmer zurück!« Nachdem ich dem höflichen Sekretär bereits am Morgen die Hand gedrückt hatte, verabschiedete ich mich von seiner munteren Frau, die dem Sohn der Berge eine vorzügliche Zeremonienlehrerin in den Dingen des Weltanstandes gewesen war. Sie hatte zwei leichte Tränen für mich. Meine Mittel waren auf den Ausflügen mit Big, der ich stets als Kavalier begegnet war, zusammengeschmolzen. Sie reichten aber für mich und Duglore einige Tage. Inzwischen wollte ich Arbeit suchen. In einem bescheidenen, doch sauberen Gasthaus bestellte ich für sie, in einem anderen für mich Quartier und war eine Viertelstunde vor Ankunft ihres Zuges auf dem Bahnhof. Der Zug pfiff gellend ein; die Reisenden verknäuelten und entknäuelten sich in eiligen Gruppen. Dort, dort stand eine Bauernfamilie, an deren Gehaben ich von weitem Heimatart erkannte, mit Reisesachen schwer beladen, Vater, Mutter, Großvater und ein paar Kinder, die eben von den Angestellten einer Auswanderungsgesellschaft in Empfang genommen wurden. In der Gruppe stand, den Rücken gegen mich gewendet, ein mittelgroßes, schlankes Mädchen in grauem Filzhut und Reisekleid. Sie hielt einen Knaben an der Hand, als gehörte sie mit zu der Gesellschaft. Unter dem grauen Filzhut hervor fiel ein rotbrauner Knoten in den Nacken. Eine zierliche Wendung des Kopfes – Duglörli! Mein Blut wallte. Ich trat näher, näher. Duglörli, die dem verschüchterten Buben, den sie führte, liebevoll zusprach, bemerkte mich nicht. Ich blickte in ein Antlitz von wunderfeiner Frische, rührender Lieblichkeit, in dunkle Augen mit der Glanzfülle einer schlichten, lauteren, warmen Seele. Unwillkürlich kam mir der Gedanke, dieses Mädchen könnte schutzlos durch die weite Welt reisen, es wäre nirgends der lose Mund, die freche Hand, die es wagen würde, ihre Reinheit, Feinheit und Güte zu kränken. »Gottwillkommen, Duglörli!« rief ich leise. Sie zuckte freudig zusammen; sie ließ die Hand des Buben, ein Blick, ein zitterndes, bebendes »Jost!« Demütig und voll unsäglicher Liebe senkte sie das Haupt und ergriff mit beiden Händen meine Hand. »Jost,« zuckte es von ihrem Mund, »sei mir nicht böse, daß ich gekommen bin!« Wir nahmen verworren Abschied von der Bauernfamilie, und ich war mit Duglore allein. Wie im Traum, den flutenden Gefühlen des Wiedersehens hingegeben, verbrachten wir den Abend ohne viele Worte. An meinem Hals weinte sich Duglore aus von ihren Schmerzen. »Sei mir nicht böse, Jost,« wiederholte sie unter Schluchzen, »daß ich gekommen bin. Was tut ein Herz, ehe es bricht!« Ich streichelte ihr Haupt und Wangen, wie man ein Kind beruhigt. »Jetzt sollst du still sein, Glörli,« flüsterte ich, »morgen sprechen wir uns aus. Ich danke dir, daß du die Reise gewagt hast, es wird alles gut!« »Jost, was soll ich dir Liebes sagen?« lächelte sie unter Tränen. »Du bist nicht mehr krank, nur etwas blaß, doch was für ein schöner, stattlicher, vornehmer Mann! Wenn ich dir aber ins Gesicht sehe, bist du doch der alte, liebe, liebe Jost. Deine Augen reden so treu!« Unter meinen sanften Liebkosungen hob Duglörli gläubig die dunkeln Lichter zu mir. Ich verließ eine Getröstete und spürte am Ende des ereignisreichen Tages ein stilles Glück. Quellen der Kindheit und Jugend sprangen lebendig in meiner Brust, und ihr Fließen und Rieseln lullte die Sorgen, die mich umgaben, in Schlaf. Ein Segen lag auf dem Wiedersehen. Von Big hatte ich mich mit der vollen Kraft meines Herzens wieder zu Duglore geschlagen. Was war mir Big? Ein schönes, fremdes Märchen, das aus blauem Ungefähr in mein Leben hineingefaltert war, Duglore aber war mir süße Jugend von meiner Jugend, Seele von meiner Seele, Engel der Heimat! XVII Nun kam der schwere Tag, an dem ich Duglore manches eingestehen mußte, was nicht leicht zu sagen war. Als ich sie am Morgen aufsuchte, nickte sie mir frisch und lieb bereits vom Fenster entgegen. In ein paar Sätzen war ich bei ihr. »Wie hübsch du dich aber kleidest, Bergkind!« versetzte ich überrascht. »Das einfache Kleid steht dir so schön!« Die paar Worte der Anerkennung entlockten der lieblichen Gestalt ein glückliches Lächeln. »Nicht wahr,« scherzte sie, »ein wenig hat die Selmatterin bei der Familie Z'binden gelernt?« Sie setzte einen prächtigen breitrandigen Strohhut auf das reiche, rostbraune Haar. »Er hat sehr viel gekostet,« plauderte sie, »es war mir aber daran gelegen, wohlgetan vor dir zu erscheinen.« In hoffnungsreichem Ernst und stiller Freudigkeit begleitete sie mich in das Ameisengewirr der Stadt. Die zag Schreitende kümmerte sich nicht um das lärmende Leben, das uns umgab. Unter dem Hut blickte das frische Antlitz froh und traut, doch mit merklich herberen Zügen als in unseren Selmatter Tagen hervor. Duglore war das halbe Kind nicht mehr, das ich in Zweibrücken verlassen hatte; sie war das in Schmerzen gereifte junge Weib, und ihre Augen blickten groß, glanzvoll und sehnsüchtig nach dem Gelobten Land ihrer Liebe. Warm und demütig baten sie, daß ich erzähle. Ihr gesamtes Wesen bebte in der Erwartung, was ich ihr zu sagen haben würde. »Hättest du nicht an deine Arbeit gehen sollen, Jost?« fragte sie plötzlich, und je einsamere Wege wir einschlugen, desto ernster wurde unser Gespräch. »Darum hast du mir also nicht geschrieben, Jost, weil es böse um dich steht,« versetzte sie furchtbar betroffen und mit einem herztiefen Seufzer. »Wenn du noch so vorsichtig sprichst, ich spür's ja doch! Gelt, dein Wildblut? Gott selbst hat mir die Unruhe eingegeben, daß ich zu dir habe kommen müssen. Stellenlos bist du und ohne Brot, du Ärmster! Da will ich nicht zu stark forschen und fragen, was gewesen ist, nur, was du jetzt zu tun gedenkst. Jost, gehst du mit mir in die Berge heim?« Schwer Atem holend, erschrak sie über mein Schweigen. Draußen im morgenstillen Zoologischen Garten auf- und abwandelnd sprach ich mich mit meiner Verlobten aus. »Heimkehren kann ich nicht,« gestand ich ihr mit geschnürter Brust. »Landammann und Rat wissen um mein Zerwürfnis mit Balmer. In der Ansicht der Herren ist alles Recht auf seiner, alles Unrecht auf meiner Seite. Sie haben mir die Heimkehr befohlen, gerade aus Trotz gegen sie gehe ich nicht zurück! Ich bin vor Balmer umsonst zu Kreuze gekrochen, da habe ich mir geschworen, daß ich es vor niemand mehr tue. Nein, vor den Herren in Gauenburg demütige ich mich nicht! Was hülfe es? Wer einmal ihr Mißtrauen erweckt hat, der hat in der Heimat ein Leben wie in einer Hölle; von Gauenburg aus dem Rathaus kriecht ein Etwas in die Täler, daß man im Volksverdacht gekennzeichnet ist. Niemand traut einem mehr von Herzen, niemand gibt einem mit offenem Auge Bescheid, es ist ein stummes Schulterzucken um ihn her. Ich könnte in dieser Luft nicht leben, Duglore.« »Jost,« erwiderte sie erschüttert, »warum solltest du nicht mit stolzem Kopf wieder in die Heimat treten dürfen? Hast du wirklich Böses getan?« Durch hervorbrechende Tränen suchte mich ihr geängstigter Blick. O, daß ich anders hätte sprechen können! Ich erzählte ihr von dem übereilten Brief, den ich in wogendem Zorn an Landammann und Rat geschrieben hatte. Sie ließ das Haupt wie eine geknickte Blume hängen. »O, wie traurig, wie gräßlich!« stöhnte sie. »Gegen die Regierung hast du dich aufgelehnt! Das tun doch sonst nur die abgründigsten Menschen. Jost, ich flehe dich an, schließe Frieden mit der Heimat. Ohne Heimat kann es ja keinem Menschen gut gehen.« Die leis singende Stimme, das angstvolle Flehen der blassen Märtyrergestalt, die in der Fremde neben mir wankte, ergriffen und schmerzten mich; das Geschehene aber ließ sich nicht ändern. Meine Redekünste verfingen in der klaren Seele Duglores nicht. Sie versank in ein peinigendes Schweigen; sie berührte keinen Bissen des Mittagsmahls. Tief in sich kämpfend saß sie mit nassen Augen und gefalteten Händen. Mir selber wurde schwerer und schwerer zu Mut und es war mir wie Befreiung, als sie mich aufgelöst in Weh bat, daß ich sie an den Hafen führe, damit sie den Reisegefährten von gestern, den Bauersleuten, Lebewohl sagen könne. »Duglore,« versetzte ich unsicher, »Amerika ist auch das Ziel, das ich für dich und mich denke. Jenseit der Wasser wollen wir uns eine stille neue Heimat gründen.« Sie starrte mit blutleeren Lippen. »Nein, Jost,« stammelte sie wie erwachend, »Amerika bräche mir das Herz!« Ein Schauer ging durch ihre Gestalt. Nun wurde ich selber ratlos und spürte des Lebens Sorge rings um mich. Stumm schritten wir durch die Gassen und erreichten den Hafen. Da lag der schon angeheizte große Auswandererdampfer und stieß aus seinen Schloten die dunkeln Rauchwolken in den blauen Sommertag; auf dem Riesenschiffe und darum her krabbelten die geschäftigen Menschen. Unsere bäuerlichen Landsleute kamen schweren, müden Ganges. »Siebzig Jahre in den Bergen und nun muß ich über das Meer sterben gehen,« knirschte und jammerte der Großvater zu Duglore gewandt. »Hätt' mich vor dieser Reise nicht eine Tanne erschlagen können! Mir wär' wohler! Und nötig wäre sie nicht, hätte mein Sohn zu seinem Heimwesen geschaut.« Um den knorrigen weißhaarigen Alten drängten sich die Enkel wie Vögel, die im Sturm nicht wissen, was werden will, und trüb und kleinlaut reichten die Eltern den Schiffsleuten ihre Habseligkeiten hin. Endlich, endlich wurde es fünf Uhr! Der Dampfer stieß noch mächtigere Rauchwolken aus, sie verfinsterten Kai und Flut und die sonnigen Giebel der Stadt, Brücken wurden zurückgezogen, Ketten rasselten, Salutschüsse dröhnten, und mächtig aufrauschend wogte das Schiff. Die gefalteten Hände über dem Haupt erhoben, stand verzweifelt der Alte. Letzte Grüße, letztes Winken! Das Trennungsbild hatte Duglores Kraft erschöpft. »Führe mich in mein Gasthaus«, bat sie. Fassungslos stützte sie sich auf meinen Arm. »Die armen, armen Leute!« stöhnte sie unterwegs ein paarmal wie entgeistert. »Nein, Jost! An Amerika wollen wir nicht denken.« In ihrem Zimmer, einem Raum von abgestorbener Altmodigkeit, ließ Duglore den Tränen freien Lauf. Mit einem jähen Ruck umschlangen ihre Arme meinen Hals: »O, Jost,« schluchzte sie, »ich bin über alles, was du mir gesagt hast, furchtbar unglücklich. Jost, gehe nicht von mir, bleibe bei mir!« bat sie mit leidenschaftlicher Wärme. Ein Beben, Schütteln und Rütteln lief, als ginge es ans Sterben, durch ihre Gestalt; die Hände in die meinen verkrampft, flüsterte sie: »Lieber Jost, oder sollte ich nicht still, still wieder in die Heimat fahren und keinem Menschen sagen, wo ich gewesen bin? Aber nein, ich kann dich ja nicht lassen! Ich bereite dir so viele Schmerzen, und du hast für dich selber genug zu kämpfen. Gelt, du mein Jost?« Das klang wie eine Kinderstimme. Ihre bebenden Finger streichelten meine Wangen, singend und klagend woben ihre Töne um mein Ohr. Selber bis in die tiefsten Tiefen der Seele erschüttert und elend zog ich Duglore an meine Brust und erwiderte ihre zitternden Liebkosungen mit heißen Küssen. In Wallungen hoffnungsloser Schmerzen und auflodernder Liebe fand sich im Schicksalssturm der Gemüter Jugend zu Jugend. Leiden und Qual des Tages gingen unter in einer Liebesnacht, in der es kein Bedenken, keine Überlegung, kein Flehen und Wehren, nur ein seliges Sichineinanderneigen der Seelen gab. Es war kein Leichtsinn, kein Übermut dabei, nur das letzte, höchste Bedürfen eines jungen Paars, das sich nicht mehr Steg und Weg auf Erden weiß, das nichts mehr besitzt als seine Liebe und sein heißes Blut. »Jost, was haben wir getan? Ich schäme mich ja vor Gott und den Menschen,« flüsterte Duglore in strömender Zärtlichkeit. »Aber, wenn du lebst, lebe ich mit dir, wenn du stirbst, sterbe ich mit dir, wenn du nach Amerika gehst, gehe ich mit dir. Nur bei dir bleiben will ich. Du bist meine Heimat, ich bin dein getreues Weib und will nicht von dir weichen als im letzten Atemzug!« Süßes und Liebes, Hohes und Heiliges ging von Stammelmund zu Stammelmund, bis der frühe Sommertag ergraute. Entmutigt und traurig ließ ich vorgestern nacht die Feder sinken. Ich habe auch gestern nicht geschrieben. Die Blätter reißen ja nur alte Wunden auf! Ich weiß nicht, ob ich sie vollende, und nicht, was ich mit ihnen beginne, wenn sie vollendet sind. Fallen sie einmal dir, lieber Hans Stünzi, in die Hände, dann bitte ich dich inniglich: Wirf keinen Makel und keinen Stein auf Duglore! Suche mit redlichem Herzen die Stunde, da sie, wie die Krämer des Lebens sprechen, »fiel«, aus den Tagen und Jahren zu begreifen, in denen sie schmerzenreich gewandert ist wie die dürstende Hagar. Da rauschte aus dem Sande die Quelle! Sie hat getrunken nicht nach menschlichem, aber nach göttlichem Recht. Für einen Lechzenden gibt es keinen verbotenen Brunnen, ein Hungriger darf sich an heiligen Broten vergreifen. Gedürstet und gehungert hat Duglore nach ein wenig Glück! Ich selber trage für jene Stunde die Rechtfertigung in mir. Ich war meiner Verlobten, die unter dem Blitzstrahl des Unglücks leidverzweifelt in meinen Armen lag, das Höchste schuldig; weniger wäre eine Herzlosigkeit, eine Erbärmlichkeit gewesen! Hans Stünzi hat übrigens, wie er mir gestern abend durch den Draht sagte, selber seine quälenden Sorgen. Der junge Viehhändler Böhninger von Zweibrücken, der seine Augen auf Gottlobe geworfen hat, weilt bei Melchi Hangsteiner auf längeren Besuch, angeblich um dem Alten, der einen schlechten Winter hat, in Scheune und Stall zu helfen, in Tat und Wahrheit wohl, um Gottlobe in den Abenden am surrenden Spinnrad mit bäuerlicher Galanterie zu umwerben. Ich fürchte, sie erlebt schwere Tage. Der Alte wird sie zwingen wollen! Es wäre für ihn ein ingrimmiger Triumph, wenn er mir durch den verliebten, trostlosen Hans Stünzi melden könnte, daß ihre Heirat mit dem Viehhändler festgelegte Sache sei. Nein, mein zagender Hans, Gottlobe gehört nicht zu denen, die das Glück ihres Lebens um ein Linsengericht verschenken. Ihr liegt der Witterungssinn für Manneswert ja im tiefsten Blut, darüber bin ich ruhig. Täuschung! Ich bin nicht so ruhig, wie ich sein sollte. Wie ein Löwe möchte ich aus meinem Schneekäfig brechen und handeln! O, daß es doch erst Frühling wär'! – Still, still, wildes Herz! Ich will schreiben, sonst werde ich vor Unrast toll auf meinem Berg! XVIII Ein strahlender Sommermorgen ging über die Dächer Hamburgs. »Schlaf, Glörli, schlaf dich aus von Leid und Lust!« Ich küßte mein Lieb; im Traum lächelte sie und suchte mich, die Lider geschlossen, mit tastender Hand. Schlummertrunken küßte sie mir die Finger. Ein Segen auf den heutigen Weg! Unter der Tür blickte ich zurück. Ja, lächle im Traum, du armes Kind! Ich gehe, mir Arbeit, uns beiden Brot, Lebensluft, Glück und Sonne zu erkämpfen. Jost Wildi ist ein tüchtigerer Kopf, ein vornehmeres Herz, als Landammann und Rat daheim in den Bergen glauben. Der letzte Blutstropfen gehört nun seiner Liebe und seiner Pflicht. Durch die Straßen der Stadt eilte, lärmte, hastete und läutete in vielen tausend Gestalten die frische Geschäftigkeit der Morgenstunden. Jeder und jede, die zwischen den langen, hohen Häuserzeilen liefen, hatten ihr Ziel, ihre Stätte, ihre Arbeit, ihre Pflicht, ihr Brot. In der großen Stadt, die so unendlich vieler Hände bedurfte, mußte es mir leicht fallen, auch das meine zu finden. Ich dachte selbstbewußt an die mannigfaltigen Kenntnisse, die ich mir im Geschäftshaus Balmer erworben hatte, sammelte die mir geeignet erscheinenden Stellenangebote der Hamburger Blätter und etlicher Agenturen, die gegen Entschädigung jungen Kaufleuten behilflich sind, begann die Stellenjagd und war überzeugt, daß ich ein kleines Glück für mich und Duglore finden werde. Ich lief vom Morgen zum Abend, von Hohenfelde bis nach Altona, in die Menge von Häusern und Geschäften, die einer Hilfskraft bedurften, und hatte die Empfindung, daß der erste Eindruck, den die Kaufleute von mir erhielten, gut und gewinnend sei. Die Teilnahme erlosch aber, sobald ich auf ihre Fragen nach meinem Vorleben Auskunft gab. »Wir bedauern, für jemand, der bei der Firma Balmer entlassen worden ist, haben auch wir keinen Raum,« versetzten sie bedauernd. »Wenn Sie wenigstens ein Zeugnis des Hauses vorzuweisen hätten!« Oder die Leute sprachen: »Jost Wildi! Wo ist uns der Name in diesen Tagen begegnet?« Ich wagte es nicht, ihnen auf die Spur zu helfen; die sich aber selber an die Zeitungsberichte über den Spielerprozeß erinnerten, hatten die vorwurfsvolle Abweisung: »Wie dürfen Sie es nur wagen, sich bei uns zu melden? Glauben Sie, unser Haus sei für jeden vom Gericht Hergelaufenen gut genug?« In unheimlicher Enttäuschung suchte ich am Abend Duglore auf. Es schien, als seien meine Hände im Fleiß der Weltstadt überflüssig, für mich darin weder Arbeit noch Verdienst. Sehnsüchtig empfing mich Duglore, die sich nicht getraut hatte, allein aus dem Hause in die Gassen der Stadt zu treten. Ein stummes, scheues Glück, das kaum die Augen aufzuschlagen wagte, schwebte um ihr Wesen. Im linden Sommerabend wurde ihr Mündchen allmählich beredt. »Ich verstehe mich selber nicht mehr, Jost,« lächelte sie, »wie ich gestern, als die Bauersleute aus der Heimat davonfuhren, über alle Grenzen hinaus erschrocken und hoffnungslos habe sein können. Heute habe ich nichts als die Freude bedacht, daß ich bei dir bin, Jost, und daß es keine Trennung mehr zwischen uns beiden gibt. Du wirst mich mit Gottes Hilfe gut führen!« Ihre dunkeln, warmen Augen streiften mich, durch ihre Gestalt bebte die Wonne des Beisammenseins. Der Verzweiflungssturm war seliger Gläubigkeit gewichen. Verminderter Hoffnung begab ich mich am Morgen wieder auf den harten Weg der Stellensuche. Er führte mich über manche Stätte, auf der ich mit Big gegangen war. Wie, wenn sie plötzlich meine Straße kreuzte! Nein, um Gottes willen nicht! Duglore und Big! Unmöglich, zwischen den beiden Naturen einen Vergleich zu ziehen. Sie waren Gegensätze wie Tag und Nacht. Duglore glich dem Tag des Hochlandes, der klar und friedlich über die Tannengipfel geht und in Tälern und Höhen den schlichten, frommen Jubel der Blumen entfacht; Big glich der Nacht, in deren geheimnisvollem Schoß Sterne und Sonnen ruhen, der Nacht, die uns um so unergründlicher erscheint, je reicher sie sich mit Lichtern besteckt. Duglore war ein Wesen, in dessen Seele man hinabsah wie in den Grund eines kristallenen Bergwassers, Big aber war das Meer, in dem tief unten unter jedem forschenden Senkblei noch ein Geheimnis phosphoresziert. Mein sicherer Weg, mein ruhiges Gewissen war Duglore! Die Betrachtungen gingen in der Sorge des Tages unter. Ich sollte wieder mit dem niederschlagenden Gefühl zu der Harrenden zurückkehren, daß ich keine andere Arbeit als eine jener Stellen gefunden hätte, die entweder die Abgestumpftheit der Sinne von Jugend auf oder den Mut der Verzweiflung erfordern. Ich lief an die Warenkaie, suchte die paar Bekannten auf, die mir aus der Zeit geblieben waren, da ich hin und wieder die Schuten und Leichter Balmers begleitet hatte, und traf am Binnenhafen Jürg Rungholt, den mir befreundeten Hamburger, der die Arbeiter und Speditionen einer kleinen Reederei beaufsichtigte. Als ich dem untersetzten Mann mit dem breiten, braunen Seemannsgesicht in kurzen Zügen mein Schicksal und meinen dringenden Wunsch nach Arbeit darlegte, erwiderte er gutmütig und verständnisvoll: »Ich habe oft gedacht, wie es Ihnen wohl gehe, Herr Wildi. Nun geht es Ihnen schlecht. Und die Braut hier. Schwerenot, da muß schon Arbeit her!« Er wurde über dieser Einsicht so lebendig, als es seine ruhige Natur gestattete, wandte sich an das Bureau seiner Reederei und trug mir nach einer halben Stunde eine Stelle als Hilfsheizer auf einem Schiff an, das Getreide ins Binnenland führte. Er schämte sich fast, mir den niedrigen Dienst anzubieten. Im Drang der Umstände aber frißt der Teufel Fliegen, ich war ausnahmsweise nicht der stolze Jost Wildi und erwiderte mit freundlichem Dank für seine Bemühung, ich wolle das Angebot mit meiner Verlobten besprechen. »Bringen Sie mir den Entscheid morgen nachmittag mit Ihrer Braut in das Haus meines Schwagers, des Gärtners in Ottensen,« lud mich Rungholt ein. »Da fällt mir bei: in einem an die Gärtnerei anstoßenden, auf Abbruch bestimmten ehemaligen Bauernhaus könnten Sie mit Ihrer Verlobten billig wohnen. Mein Schwager und meine Schwester mögen Sie ja, und Ihrer Braut aus den Bergen wird es draußen im Grünen auch besser gefallen als in der Stadt.« Die warme freundschaftliche Gesinnung Rungholts tat mir wohl, und als ich Duglore nicht ohne heimliche Bedenken von der Heizerstellung auf dem Getreideschiff sprach, freute mich die Verständigkeit, mit der sie mir den Vorschlag zu einer Arbeitsgelegenheit erwägen half. »Bitterlich langweilig werden mir ja die Tage deiner Abwesenheit schon werden,« flüsterte sie, »aber die Liebe wird mir darüber hinweghelfen.« Wir besuchten am Sonntag Morgen in einer der Hamburger Kirchen den Gottesdienst. Er stimmte Duglore ruhig und feierlich. Sie ließ sich namentlich von der Wahrnehmung ergreifen, daß von der frommen Gemeinde die gleichen Kirchenlieder wie in der Heimat gesungen wurden, und die Stadt des Nordens verlor dadurch etwas von der bitteren Fremde, mit der sie Duglore bisher beklemmt hatte. Auch der Nachmittag, den wir bei einem Trunk Bier in freundlicher Unterhaltung mit Rungholt und den Gärtnersleuten verbrachten, sprach sie ermutigend an. »Wenn ich schon kaum ein Wort von der Sprache verstehe,« lächelte sie mir zu, »so merke ich doch an ihrem herzlichen Lachen, daß es gute Menschen sind!« Das Ende des schönen Sonntags war, daß wir künftig unser schlichtes, trauliches Heim in dem Bauernhaus hatten, das mit seiner grünen Umgebung wie eine Insel aus alter Zeit zwischen roten, neuen Backsteinwänden am Rand der Gärtnerei stand, daß Duglore Gehilfin bei den Gärtnersleuten und ich Heizer auf dem Warenschleppdampfer wurde. Gewiß konnte der Dienst in der fast unerträglichen Hitze des Feuerraums eines Schiffes nur der Anfang, nur der Übergang in eine Stellung sein, die mich höher führte, aber nach bedenklichen Irrungen und Wirrungen hatte ich doch wieder den guten Grund ehrlicher Arbeit unter den Füßen und ein ehrliches Brot für mich und Duglore. Was verschlug es, daß mich vom Kohlenschaufeln und Schieben oft die Hände und Arme schmerzten, daß ich von dem Schweiß, der mir über das glühende Gesicht triefte, halb zum Skelett abgemagert, aus den Kleidern fiel. Den aufreibenden Dienst unterbrachen die glücklichen Tage, an denen unser Boot nach Hamburg zurückkehrte, an denen ich mit Duglore ein paar freie Stunden oder einen freien Abend verbringen durfte. Da fuhr mir die linde Hand der Geliebten tröstlich über die Stirn, und über dem Geplauder ihres Mündchens vergaß ich die Mühsale. »Ich beginne die Leute schon ein wenig zu verstehen,« erzählte sie, »sie sind mit meiner Arbeit zufrieden und begegnen mir lieb und freundlich. Ich habe heute den ganzen Tag Blumen geschnitten. Nun haben auch wir Blumen in unseren Zimmern. Ist das nicht eine wunderschöne Beschäftigung? Aber, Jost, wie habe ich mich auf deine Heimkehr gefreut!« Zag und zärtlich drängte sie sich an meine Brust und duldete mit gesenkten Wimpern meinen Kuß. »Und das Heimweh nach den Bergen, Glörli?« fragte ich, ihr das Haar streichelnd. »Ein wenig, ein wenig bleibt's,« gestand sie leise, »da ist nun nicht zu helfen. Gewiß kämpfe ich tapfer dagegen, Jost, aber wie du nun wieder drei Tage fortgewesen bist, da hat's mich übernommen. Ich habe Melchi Hangsteiner einen großen Brief geschrieben. Das habe ich doch tun dürfen, nicht wahr, Liebster?« Nein, die Mitteilung war mir unangenehm; etwas spöttisch sagte ich: »In einem deiner Herzwinkel muß Melchi doch sehr weich gebettet sein!« Duglore errötete. »Ich habe für Melchi gewiß nichts weiter übrig,« verteidigte sie sich, »als die große Achtung dafür, daß er sich wieder in Selmatt angesiedelt hat, als die Dankbarkeit, daß er die Stätte unserer Jugend, die Gräber unserer Eltern nicht den Hasen, Gemsen und Füchsen, Eulen und Adlern überläßt. Ich finde es so trostreich, daß jeden Abend wieder ein Licht im Tal von Selmatt brennt.« »Laß gut sein, Duglore,« scherzte ich, »eigentlich sollte ja auch ich Melchi danken, daß er dir bei den Vorbereitungen für die Reise so selbstlos geholfen hat!« »Gelt,« versetzte Duglore leuchtenden Auges, »und wir müssen doch stets jemand in der Heimat haben, der uns schreibt und berichtet, wie es in den Bergen steht und geht. Ohne jeden Zusammenhang mit der Erde, auf der man seine Jugend verlebt hat, kann ja doch niemand leben. Ich wenigstens nicht. Es ist gerade, als sei die Heimat noch sonniger, wenn man aus der Ferne daran denkt. Wie seh' ich doch im Selmatter Tal alles so klar und deutlich vor mir, jeden Baum und Strauch, der über die Selach hängt oder an den Bergen grünt. Bei meiner stillen Gartenarbeit ist mir oft, als klängen leise und fernher die untergegangenen Glocken des Dorfes durch die Luft, in Duft und Sonne stände die Gemeinde wieder auf, und alle unsere Lieben wandelten.« Ich erschrak über den Glanz in den dunkeln, großen Augen, der jedesmal hervorbrach, wenn Duglore von der Heimat erzählte. »Aber du willst doch nicht von mir fortgehen, Duglörli,« versetzte ich lind. »Wo denkst hin, Jost?« lächelte sie mit einer schamvollen Liebkosung. »Ich habe es dir ja schon gesagt, daß meine Heimat jetzt bei dir ist. O, Jost, wenn wir nur bald das Geld beisammen hätten, damit wir ein Ehepaar werden könnten. Das ist meine stärkste Sehnsucht. Ich schäme mich so furchtbar.« – Sie kam nicht weiter; sie begrub ihr Gesicht an meiner Schulter. »Törichtes Kind,« flüsterte ich liebeselig; sie aber stammelte in heiliger Verwirrung mädchenhafter Keuschheit: »Wenn es ein einziger Mensch wüßte, ich müßte sterben vor Scham.« »Duglore,« sagte ich, »morgen trete ich eine fünftägige Fahrt an. Sei mein geduldiges Kind. Wenn ich wiederkomme, dann, Duglore, kaufen wir uns Ringe, jedes dem anderen ein Liebesunterpfand. So viel verdienen wir doch mit unserer Arbeit, daß wir einander Ringe kaufen können.« »Ja – ja – ja – was bist du für ein lieber Jost,« jubelte sie und fiel mir um den Hals. »O, wie will ich mich an dem Ring freuen und ihm Sorge tragen!« Mir selber kürzte der Gedanke an den schönen Abend, den ich beim Ringkauf mit Duglore verleben würde, die langen Tage in Kohlenstaub und Feuersglut; nur dann und wann flog es wie heimliche Sorge durch meine Sinne, daß mein künftiges Weib stets und gar so stark in Heimatbildern lebte. Vielleicht kämpfte die Ärmste schmerzlicher und tapferer, als ich wußte, als sie mir verriet; vielleicht gehörte sie doch zu den Frauen, die, wie meine Mutter, nie Wurzeln des Gemüts in der Fremde fassen. In zärtlichem Kummer dachte ich an lauter Liebes, mit dem ich mein Bergkind umgeben und umspinnen wollte, und nahm fast bei jeder Landung die Gelegenheit wahr, ihr einen Gruß und ein Lebenszeichen zu senden. Eine qualvolle Unruhe aber begleitete mich wegen Big. Ich hatte ihr mein Bild versprochen, konnte es aber aus innerem Widerstand nicht absenden, denn jedes Gedenken für sie erschien mir wie ein Verbrechen an Duglore. Ich konnte es nicht. Von meiner ersten größeren Fahrt eilte ich um so freudiger nach der Gärtnerei von Ottensen, als mir Rungholt bei meiner Ankunft am Kai gesagt hatte, er wüßte für mich eine Schreiberstelle, die in vier Wochen frei werde, da der jetzige Inhaber zum Militär abgehe. Ich wäre ja beinahe umgekommen, wenn ich längere Zeit hätte Heizer bleiben müssen. Und nun ein schöner glücklicher Abend! Als ich aber in die Gärtnerei kam, trat mir Duglore mit mattem, wankendem Schritt entgegen; ihre Stimme klang angstvoll, und wir waren kaum unter vier Augen, als ihre Tränen unaufhaltsam Hervorbrachen. »O, Jost, mir ist sterbensweh!« Willenlos ließ sie sich meine Liebkosungen gefallen. »Aber was hat's denn nur gegeben, Duglore, was schaust du nur so jammervoll?« drang ich in ihr zerstörtes Wesen. Es dauerte lange, lange, bis ich sie zum Sprechen brachte. »Ein Brief Melchis,« stammelte sie endlich. »Darf ich ihn lesen?« bat ich. Sie zog das zerknitterte Papier zögernd aus der Tasche; mit steigender Entrüstung und in wilden Schmerzen durchging ich es. »Liebe Duglore,« lautete das fehlerhafte Schreiben. »Ich habe erwartet, du würdest schnell wieder daheim sein. Daß du nicht gekommen bist, finde ich erstaunenswert. Auch deinen Brief! Hierzulande spricht man viel von Jost, aber nichts Gutes. Ich war vorgestern wegen der Abrechnung des Hausbaus in Gauenburg. Auch hab' ich noch manches haben müssen an Gerät. Da habe ich schon in Zweibrücken im Wirtshaus gehört, Jost sitze im Käfig, weil er mit falschen Würfeln gespielt habe.« »Die Verleumder, die elenden!« schrie ich. Duglore, die, das Gesicht in die Hände begraben, wie ein Häuflein Unglück am Tisch saß, wimmerte und stöhnte leise: »Das andere, das andere tut weher!« Ich las, und der Brief zitterte in meinen Händen: »Bei der Rechnung haben der Landammann und die Räte auch von Jost geredet. Sie haben gesagt, wegen der falschen Würfel sei Jost gnädig mit einem blauen Aug' davongekommen, aber er habe sonst noch Streiche gemacht, daß ihn Hans Konrad Balmer im Geschäft nicht mehr hat brauchen können. Er ist in einem Luftballon gefahren und hat eine bei sich gehabt. Von der hat der Landammann gesagt, es sei wohl eine Saubere! Er besitzt die Zeitung, in der es steht. Jost hat also eine andere, und das ist es, warum ich mich über deinen Brief verwundere. Die Räte haben wollen, daß er heimkomme, aber aus bösem Gewissen ist er nicht gekommen. Wenn er jetzt käme, ginge es ihm schlecht; die Räte spaßen nicht, wenn einer widersetzlich ist. Darum will er mit dir nach Amerika. Ich habe gedacht, ich verrate es nicht, daß du zu ihm gereist bist; denn du sollst wegen Jost nicht auch noch in ein schlechtes Licht kommen. Zeige ihm den Brief nicht! Aber dir habe ich alles geschrieben, damit du dich noch einmal besinnen kannst und ihm nicht blind glaubst, was er dir angibt. Stürze dich doch nicht ins Unglück, Duglore!« »Melchi ist ein Schuft!« fuhr ich auf. »Was braucht der Gift in unsere Liebe zu mischen?« »O Jost,« wimmerte Duglore erbarmungswürdig. »Melchi hat gewiß aus ehrlicher Seele geschrieben. Das Entsetzliche ist nicht der Brief, sondern daß du wirklich eine Weile mit einer anderen gegangen bist. Das brennt wie das Feuer, das schmerzt. Jost – Jost – Jost, ich kann ja kaum mehr leben. Ich muß dir die Wahrheit sagen. Ich habe an dem Abend, an dem der unglückselige Brief kam, die Hände nach dir ausgestreckt. Mir war, aus der Ferne solltest du mir zurufen: ›Das Gerede von der anderen ist nicht wahr!‹ Als ich deine Schlüssel in meiner Tasche spürte, habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich ging in dein Zimmer hinüber. Ich dachte, das furchtbare Leid würde schon kleiner und ein wenig weichen, wenn ich nur mein Gesicht an deine Kleider hindrängen könnte. Da fand ich unter dem Deckel des Kirchengesangbuches, das ich dir in Selmatt gegeben habe, die kleine Photographie, auf der steht: ›Abigail Dare ihrem Jost Wildi!‹ – O, das ist hart, Jost. Das ist hart!« Duglores Worte verloren sich in Schluchzer, mir selber war grauenvoll zu Mute! Ich hatte zu ihr nie von Abigail Dare gesprochen und gehofft, dieser Kelch würde an meinem armen Kinde vorübergehen. Noch starrte ich. Da hörte ich vor der Tür die Stimme der Gärtnersfrau sprechen: »Herr Wildi ist drinnen, Jürg, bei seiner Braut.« Rungholt fragte also nach mir. Nein, er durfte meine leidvolle Duglore nicht sehen; ich ging hinaus und bat ihn auf mein Zimmer. »Nicht einmal nötig,« sagte er, »aber ich muß Ihnen leider einen Bericht bringen, der Ihnen und Fräulein Imobersteg unangenehm ist, weil er sie der zwei freien Tage beraubt, die Ihnen bevorstanden. Sie sollen morgen von acht Uhr an den Dienst auf einem Schiff versehen, das für die Fahrt nach Holland gerüstet ist. Es handelt sich um eine Abwesenheit von zehn Tagen!« – Nur jetzt nicht von Duglore fort, war mein erstes Empfinden; aber Rungholt drang in mich und sagte: »Ich würde Ihre Zusage wie eine Gefälligkeit nehmen, die Sie mir selber erweisen. Ein paar unserer Leute sind krank oder sonst vom Dienst abgehalten; wir befinden uns in schwerer Verlegenheit!« Duglore erschrak mit mir über die Nachricht, versetzte aber: »Sag nur zu, Jost! Es wäre ein Unrecht, wenn wir Rungholt nicht liebevoll entgegenkämen; er ist ein so wohlwollender, guter Mensch.« Wir begaben uns an diesem Abend noch in die Stadt und kauften die Ringe; von dem Glück aber, das wir uns ausgedacht hatten, war nichts dabei. Ich verzehrte mich in grenzenlosen Selbstvorwürfen und Duglore klammerte sich in einer wehen Zärtlichkeit an mich. »O Jost, es ist eben gekommen, wie ich dir damals in Zweibrücken gesagt habe. Du bist schön und gefällst den Frauen und hast selber dein heißes Wildleutblut. O, es wäre wohl besser gewesen, ich wäre in der Heimat geblieben; aber zurück kann ich jetzt nicht. Du hast mich doch lieber als die andere? Ich kann dich ja nicht lassen. Nicht wahr, Jost, wir gehen bald nach Amerika?« Eng aneinandergeschmiegt, wandelten wir in der Menge der Menschen, die der linde Sommerabend ins Freie gelockt hatte, und was Gutes in meiner Seele war, flüsterte ich Duglore zu. Da – wer ging im feierabendlichen Volk? – Big! Die Augen unverwandt auf uns gerichtet, schien sie uns schon eine Weile bald vor-, bald nachgegangen zu sein. Sie war so schlicht gekleidet, wie ich sie noch nie gesehen hatte, fast wie ein Mädchen aus dem Volk. Ihr Gesicht trug einen leidenden und unruhvollen Zug. Die blauen Augen aber hingen an mir. Mir war, sie riefen mir zu: »Das Bild – das Bild!« Ein lähmender Schreck bemächtigte sich meiner. Ich nickte Big wie aus innerem Zwang, wie aus einer Herzensbitte, sie möchte doch gehen, stumm zu. In diesem Augenblick hatte auch Duglore Big erspäht. Jäh zusammenfahrend, flüsterte sie mit entsetztem Blick: »Das ist sie, Jost! Das ist sie! Was will sie noch von dir!« Big war verschwunden! – Ich hätte sie wegen dieser Begegnung verfluchen können, Duglore aber, die wie zerschlagen an mir hing, sagte tonlos: »Sie liebt dich, sie liebt dich rasend. Deswegen hat sie keinen Blick von dir wenden können. Ich fürchte sie gräßlich.« Sie zitterte wie ein Espenlaub; mit Mühe und Not brachte ich sie in die Gärtnerei nach Ottensen zurück. Da saß sie weh verträumt, die Gestalt weit vorgebogen, die Hände im Schoß gefaltet, im Abendschein am Fenster, ein Bild wie damals, als wir vor dem Bauernhaus in Zweibrücken vom Abschied und von meiner Reise nach Hamburg sprachen. »Sie liebt dich rasend,« wiederholte sie stammelnd, »aber ich kann ihr den Platz nicht räumen, ich kann es nicht, Jost.« Ihre Stimme klang wie ein zerbrochenes Glöckchen. »Wie schwer, es dir zu sagen! Mir ist, ich würde Mutter! Nein, so bestimmt weiß ich es noch nicht, es ist mir nur wie eine Ahnung. Mein Jost, verlasse mich nicht!« Das Haupt an meiner Brust geborgen, flüsterte sie es tonlos; über dem Wort aber entstand eine so mächtige Bewegung in uns beiden, daß wir doch wieder eines Herzens und einer Seele wurden. Big Dare vergaßen und einige Stunden reinen Glückes genossen. Es war mir eine furchtbare Pflicht, Duglore schon am Morgen zu verlassen und den zehntägigen Dienst anzutreten. Ich spürte, daß sie nach dem verleumderischen Brief Melchis und der bedenklichen stummen Begegnung mit Big die stärkende Kraft meiner Nähe nötig gehabt hätte. Sie sah, wie schwer mir im jungen Tag das Scheiden fiel; sie begleitete mich durch den erfrischenden Morgensprühregen, der dem weichen Abend gefolgt war, zum Kai, an dem mein Dampfboot lag, und wir trösteten uns mit der Zuversicht, daß es eine der letzten Fahrten sei, die mich von ihr hinwegreiße, und daß die Schreiberstellung diese schmerzlichen Trennungen nicht mehr bringen werde. Sie konnte ihre Hand fast nicht aus der meinen lassen; auch ich zögerte, bis mich der Maschinist in den Schiffsraum zu rufen kam, und es die höchste Zeit zur Arbeit war. Ich stieg schon die schmale eiserne Leiter zu den Kesseln hinab, da mußte ich den Kopf noch einmal durch das Tagloch heben, um nach Duglore zu sehen, um ihr noch einmal rasch zu winken. In ihrem Reisefilzhut und grauen Reisemantel stand sie blaß und versonnen am Ufer. Ein Winken – ein Lächeln – ein Blick der Liebe, der Treue, der Ermutigung – die kleine schwarze Hölle des Dampfers hatte mich aufgenommen. Der schmutzige Dienst in heißer Luft, vor den feurigen, unersättlichen Rachen der Öfen, unter ein paar schwarzen Teufeln, die aus der Hefe des Volkes kamen und die Zeit mit gemeinen Reden kürzten, fiel mir saurer als je; mit jeder Stunde, die das Schiff weiterglitt, wuchs das Heimweh nach Duglore. In Rotterdam, wo das Boot zum ersten Male anlegte, schrieb ich ihr einen herzlich warmen Brief. Zugleich erledigte ich mich des Versprechens gegen Big Dare, ihr mein Bild und ein liebes Wort ewigen Lebewohls zu senden. Ich schrieb die Zeilen mit widerstrebender Seele, nur um nicht wortbrüchig zu werden und um die Freundschaft und kurze Liebe, die uns verbunden hatte, in Ehren zu beschließen, und atmete auf, als ich Bild und Briefchen zur Post gegeben hatte. Ich begriff, daß Big mein künftiges Weib einmal hatte sehen wollen; nun aber mochte um Gottes willen auch sie fassen, daß unser Liebestraum zu Ende sei, und mir und Duglore nie mehr in den Weg treten. Gewiß, wie leidenschaftlich lieb mich Big gewonnen hatte, sie war zu edel, zu vornehm, um der Störenfried zwischen mir und derjenigen zu werden, die ältere, stärkere Rechte auf mein Herz besaß als sie. Was aber hielt sie nach unserer jähen Trennung noch in Hamburg zurück? Warum hatte sie nicht bereits jene Reise nach Mexiko angetreten, die sie so bestimmt in Aussicht genommen hatte? O, daß sie endlich ginge! Sie dauerte mich innig; ein liebevolles, reines Gedenken und die Bitte zu Gott, daß ihr ein schönes, reiches Leben beschieden sei, sollten die Märchengestalt begleiten, die blendend in meinen Schicksalskreis hineingetreten war. Jede Faser meiner Seele aber gehörte jetzt Duglore. In meine freien Stunden in Rotterdam, der alten malerischen Stadt, zu der der Rhein die Grüße des Hochlandes herniederträgt, fiel eine große Widerwärtigkeit. Der Dampfer erhielt den telegraphischen Befehl, mehrere Städte anzulaufen, die bei unserer Abreise nicht als Halte vorgesehen waren. Wohl wurde Duglore davon unterrichtet – das besorgte Rungholt – aber das Wiedersehen verzögerte sich um noch einmal zehn Tage. Ich eilte von jedem Hafen, in dem unser Boot anlegte, auf die Post, um zu fragen, ob nicht ein Brief von Duglore für mich daliege. Kein Lebenszeichen! Eine wilde Unruhe überkam mich; in die Seekrankheit, die mich ergriff, mischte sich ein Fieber. Ich konnte auf der Heimfahrt meinen Dienst nicht mehr versehen und begann Schiff und Meer wie das Grauen zu hassen. Mir war, ich würde Hamburg und Duglore nicht mehr erleben. Endlich fuhr der Dampfer in einer Morgenfrühe ins Elbewasser; es dämmerte das niedere Land empor und nach einigen schleichenden Stunden kamen wir in Hamburg an. Als ich das Boot verließ, taumelte ich vor Fieber und Schwäche. Am Kai trat mir mein Freund Rungholt entgegen. Seine blauen Augen ermaßen mein schlechtes Aussehen. Ich aber fragte stürmisch: »Wie geht es meiner Braut? Ist sie wohl?« Mit einer eigenartigen Gebärde des Bedauerns schüttelte Rungholt den dicken Kopf. »Sie wissen es noch nicht?« versetzte er verlegen. Ich starrte ihn schrecklich an. »Haben Sie mit Fräulein Imobersteg nicht einen Streit an jenem Abend gehabt, als ich wegen der Fahrt zu Ihnen kam? Meine Schwester glaubte es,« versetzte er in einer Ruhe, die mich empörte. »Nein, aber sprechen Sie doch!« schrie ich vor Ungeduld. »Ist meine Braut krank?« Er stemmte die Arme in die Hüfte und nickte: »Es war so etwas, Schwerenot! Das Fräulein wohnt nicht mehr bei meinem Schwager und meiner Schwester. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht.« »In welches?« drängte ich in furchtbarer Angst. »Sie ist nicht mehr dort,« fuhr Rungholt fort. »Warten Sie – es ist neun Tage her!« »Ist sie gestorben?« unterbrach ich ihn von Angst gemartert. Er schüttelte den Kopf. »Nein! Als meine Schwester sie besuchen wollte, war sie schon in die Heimat abgereist. Heimweh! Das war die Krankheit. Nicht alle ertragen die Fremde. Irgend ein Mann, ein Verwandter, hat sie vor nun drei Tagen geholt!« Durch die große norddeutsche Ruhe Rungholts bebte die tiefe, verhaltene Teilnahme. Ich war keines Wortes mächtig, dumpf und stumpf hörte ich, was er sprach, zuletzt tönte mir sein Wort nur noch sinn- und seelenlos ins Ohr. Ich spürte noch den kalten Schweiß auf der Stirn, daß mich die Kraft verließ und wie mich Rungholt mit starkem Arm zu halten begann. Als ich wieder zu Sinnen kam, lag ich selber, ein Schwerkranker, im Spital. XIX Es schneit bei ruhiger Luft in gewaltigen Flocken. In Selmatt unten aber stürmt es in den Herzen. Hans Stünzi telegraphiert mir: »Gottlobe flüchtete sich vor ihrem Vater ins Schulhaus. Er wollte sie mit Gewalt zwingen, daß sie Böhninger die Hand reiche. In Tränen aufgelöst, kam sie und ist noch da. Sie bittet dich um ihrer seligen Mutter willen, daß du mit einem Drahtbericht Hangsteiner zusprechest. Sie sagt, sie gehe eher aus dem Haus und aus dem Tal, als daß sie sich das Ja abringen lasse.« Was sollte ich antworten? Ich habe nach einigem Besinnen durch Hans Stünzi an Hangsteiner gedrahtet: »Auf Weihnachten möchte ich, der Einsame auf dem Berge, etwas Schönes zu denken haben; zwei Menschenkinder, die mir lieb sind, glücklich wissen. Jag doch den Viehhändler zum Teufel! Ich komme als Freiwerber für Hans Stünzi, meinen jungen Freund, zu dir. Gibst du ihm die Hand Gottlobes, so stelle ich ihn aus meinem Vermögen so, daß er auf Eure windige Lehrerstelle in Selmatt pfeifen kann. Ein paar Jahre soll er frei und unabhängig Studien leben und später genug haben, um sich an einem bedeutenden Ingenieurunternehmen zu beteiligen; auch die Aussteuer Gottlobes nehme ich auf mich. Die Bank in St. Jakob wird dir auf eine Anfrage bestätigen, daß meine dort niedergelegten Wertschriften für meine Versprechungen ausreichen. Ich erfülle sie, sobald wieder ein brieflicher Verkehr vom Feuerstein nach der Stadt möglich ist und erbitte deine zustimmende Antwort.« Zitternd, jubelnd, jauchzend haben mir Gottlobe und Hans durch den Draht gedankt. O, sie werden dem Alten die Hölle schon heiß machen und seine hagebüchene Stirn brechen. Ich will den Dank des Paares nicht. Was ich tue, geschieht im Andenken an Duglore, der ich in Amerika gern einen lieblichen Weg durch die frischen Auen und Frühlingswälder des Lebens bereitet hätte, der ich aber den Dornenkranz der Liebesmärtyrerin aufs Haupt drückte. Gott weiß, wieviel ich dafür litt! Kann ich Gottlobe und Hans den Weg der Liebe bahnen, o, dann wünschte ich, daß es ein ewiges Leben über den Sternen gäbe und Duglore in Seligkeit Zeuge sein dürfe, wie ich unserem Kind das Glück bereite. Unserem Kinde! Es ist freilich noch nicht der Punkt in meiner Beichte, an dem ich davon sprechen sollte. Es geschieht, übermannt von dem Schmerz der Erinnerung, wie Duglore mit gekreuzigter Seele, überzeugt von der abgrundtiefen Schlechtigkeit ihres Jost, die Frucht seliger Liebesnacht unter dem Herzen, von Hamburg gegangen ist. Die Ärmste! Die Ärmste! – So, nun ist der Draht gebrochen, nun bin ich in dem Augenblick, da ich mit brennender Sehnsucht die Antwort Melchi Hangsteiners auf meine Freiwerbung für Hans Stünzi erwartete, losgetrennt von dem lieben Paar drunten in Selmatt, abgeschnitten von der Welt. Es ist heute Wintersonnenwende. Zugleich der traurigsten Tage einer, die ich je auf dem Feuerstein erlebt habe. Umsonst versuchte ich am Morgen das Sprechfünkchen des Apparates hervorzulocken, umsonst griff ich heute jede Stunde mit zitternder Hand nach der Taste; es war, wie wenn man ein entseeltes Liebes ins Leben zurückrufen will, ein Anklopfen ohne Antwort, ein trostloses Erkennen: »Tot – tot – tot!« Die Entdeckung drängte mir beinahe die Tränen in die Augen. In aufquellender Wut überlegte ich den vorwurfsvollen Brief, den ich den Herrn der meteorologischen Landesanstalt wegen der bureaukratischen Distelei schreiben wollte, durch welche die völlige unterirdische Legung des Drahtes verhindert worden ist. Wer befördert aber einen Brief vom Feuerstein in die Stadt? Doch vor die Wahl werde ich im Frühling die Anstalt stellen: Kabel oder Kündigung meines Amtes! Es ist nun erwiesen, daß der Draht stets an einer Stelle bricht, an der man es nicht erwartet, und nur eine vollständige unterirdische Führung vor der niederschlagenden Überraschung schützt. Das drittemal erlebe ich den Bruch, aber so früh im Winter ereignete er sich noch nie. Das ist nun ein schönes Sich-durch-die-Einsamkeit-beißen und -fressen! Die gestrige Luftruhe hat in fürchterlichen Sturm umgeschlagen. Ich sah den ganzen Tag keinen Zoll Welt, nicht einmal das Wolken-, Schnee- und Hageltreiben, das an meiner Hütte vorbeisaust. Der Schnee hat die Fenster verklebt, die Stube verdunkelt. Stunden um Stunden habe ich damit zugebracht, die luftdurchlässigen Thermometer-, Hygrometer- und Windmessergehäuse von dem Schneestaub zu reinigen, den der Sturm darein getrieben hat. Es war ein fast vergeblicher Kampf, den ich morgen wieder aufnehmen muß. Noch heulen die Lüfte, als zöge das Heer der Verzweifelten, ja die Hölle selber an meiner Hütte vorüber. Schrei auf Schrei! Es ist, als ob ein Unheimlicher an Tür und Fenster rüttele und mit Gewalt Einlaß fordere. Ich kenne ihn. Es ist der Tod! Ich philosophiere vor der Flamme, die ich vom Morgen bis zum Abend brennen lassen muß, und habe lange in herzbeklemmender Traurigkeit an einsames Sterben gedacht. An den armen, letzten Menschen habe ich gedacht, der einmal über die erlöschende, erkaltende Erde schreiten wird. In einem Schneesturm, wie er heute durch die Berge rast, wird der Flüchtige ermüdet hinstürzen, sich noch einmal erheben, wieder straucheln und seine Seele veratmen. Dann ist alles gewesen, das Hoffen und Harren, die Freude, das Leid, die Ehre, die Schmach unseres Geschlechts. Wozu? – Ich, der lebendig begrabene Wetterwart, bin glücklicher als der letzte Mensch! Noch darf ich meine Seele ein wenig an der Tierseele wärmen. Als ich heute wehmütig am toten Apparat hantierte, wedelte sich Flock, der Spitzer, heran, hob den Kopf auf mein Knie und redete mit verständnisvollen Augen in seiner Gebärdensprache: »O Herr, es geht dir schlecht! Dein Kummer betrübt mich so sehr!« Puck, die Dohle, kletterte trotz ihres lahmen Flügels an mir empor, setzte sich auf meine Schulter und rieb liebkosend ihre Wange an meiner Wange. Ein Lockton, und Mi, das Mäuschen, kam, sprang auf meine flache Hand und naschte die Nuß. Mit meinem Dreiblatt plaudernd, verstand ich jenen Gefangenen, der seinen Kerkermeister erschlug, als er ihm die gezähmte Spinne tötete. Was für einen Entschluß faßt jetzt Hangsteiner? Er soll meine Bitte, die Hand Gottlobes Hans Stünzi zu überlassen, in blasser Bestürzung, in knirschender Wut aufgenommen haben. Zu meinem jungen Freunde sagte er, Hans möchte sich zum Teufel scheren, eine Antwort auf mein Telegramm gebe er nicht. Umsonst habe sich Gottlobe händeringend vor ihn hingestürzt, seine Kniee umklammert und gefleht, er möge sie ziehen lassen, damit sie in St. Jakob Magd werde. Hangsteiner schlug ihr alles ab! Das war die letzte Nachricht von Hans Stünzi! Wann darf ich auf die Fortsetzung rechnen? Ich fürchte, daß sich mein junger Held am Neujahr nicht wird zu mir emporkämpfen können! Es fällt zu viel Schnee. Der Drahtbruch aber wird Hangsteiner ermutigen, meinen Wünschen zu widerstehen. Die Unterbrechung der Verbindung wird ihn etwas von der abergläubischen Furcht erlösen, die er vor mir empfindet; er wird sich sagen, wenn ich nicht einmal mehr ein Zeichen vom Berg geben könne, dann fehle mir auch die Kraft, wie ein Adler von meinem Horst auf ihn herniederzufahren. Ich wüßte aber nicht, was ich täte, wenn ich im Frühling erführe, er hätte seine Vatergewalt mißbraucht und Gottlobe in eine Ehe ohne Liebe gedrängt. Nein, das wagt er trotz des grimmigen Hasses nicht, den er seit den Jugendtagen auf mich geworfen hat. Er gehört zu den Menschen, bei denen das Gold die stärkste Überredung ist. Deswegen muß ihn mein Vorschlag doch zu einer gewaltigen Achtung vor mir zwingen. Und dann lebt er in der geheimen Furcht, ich könnte trotz meines Versprechens gegen Duglore die Fälschung aufdecken, die er vor zwanzig Jahren an Ordnung und Gesetz begangen hat. Er muß sein angemaßtes Recht vor meinem natürlichen beugen. Er muß! Ich träumte mit gesenkter Feder und sah Gottlobe mit Hans durch den Mai zu seliger Hochzeit schreiten. Da brüllte der Sturm auf, wie den langen Tag noch nie. Das Observatorium zitterte und klirrte, als wollten es die grimmigen Lüfte in die Tiefe werfen. Deutlich hörte ich im Toben des Orkans das Weinen und Wehklagen einer Frauenstimme durch die Doppeltür der Hütte dringen. – Abigail! – In erregten Sinnen war mir wirklich und wahrhaftig, sie stände als eine barfuße, schlecht bekleidete Büßerin mit langem aufgelöstem Haar vor der Tür, stehe: »Nur für ein Viertelstündchen laß mich ein, ich friere, Jost!« Das Blut rieselte mir ins Herz zurück. Unwillkürlich öffnete ich die Türe. Niemand war draußen im Sturm der Nacht. Und doch bringe ich den Gedanken nicht los, sie sei in den Wettern weinend an meiner Hütte vorübergegangen. Liebe Abigail, komm und setze dich an mein Feuer! Ich will nicht daran denken, daß schon die köstlichste Zacke aus der Krone deiner Liebe gebrochen war, als du an das Lager eines Verlassenen und Elenden tratest und sprachst: »Ich liebe dich – lebe!« Nur daran, wie du mir barmherzige Samariterin gewesen bist! – Ich war nach der unbegreiflichen Flucht Duglores zum ersten Male in meinem Leben krank, mit einem Hirn wie voll siedenden Schwefels schwer krank, und von vielem, was damals mit mir geschah, weiß ich nichts mehr; an einen Augenblick aber erinnere ich mich deutlich. Ich hatte einen entsetzlichen Traum. Mir war, ich irre durch die Täler und Berge der Heimat; die Menschen aber, denen ich begegnete, riefen mir alle zu: »Das ist Jost Wildi, der die Duglore Imobersteg ermordet hat.« Aus dem Tal lief ich keuchend gegen den Feuerstein empor, auf dem Gipfel aber standen wieder Leute. »Fort, fort,« schrieen sie, »du mußt nach Gauenburg! Dort wirst du vor dem Rathaus gehängt. Du hast die Duglore Imobersteg auf dem Gewissen.« überall, wohin ich floh, traf ich Selmatter von ehemals, die mich mit dem Ruf »Mörder!« von sich hinweg und gegen Gauenburg trieben. Immer wollte ich fliehen und kam stets näher an die Stadt. In diese schrecklichen Phantasien mischte sich eine milde Männerstimme: »Ich kann Ihnen die Zusicherung geben, Fräulein, daß wir den Patienten auf der besseren Seite haben. Ich gestatte Ihnen, an seinem Lager zu bleiben, aber sprechen dürfen Sie nicht mit ihm!« Es kam mir zum Bewußtsein, daß ich krank liege und die Stimme diejenige des Arztes sei. Ich wollte die Augen aufschlagen, aber es ging nicht; doch hörte ich, wie er das Zimmer verließ, und spürte, wie eine weiche kühle Frauenhand meine glühende Stirn berührte, Tränen, die nicht ich weinte, auf meine heißen Wangen fielen. Wundersam erlösend kam der Gedanke über mich: »Duglore lebt ja und ist bei mir!« Glückselig träumend, überdachte ich es und konnte nun die Augenlider öffnen. »Es ist Big – es ist nicht Duglore!« Enttäuscht schloß ich die Augen wieder. Ich spürte einen weichen Kuß auf meinem Mund. Da er aber nicht von Duglore kam, ließ er mich gleichgültig. Ich wollte überlegen: Woher kommt nur Big? Mein Hirn war aber zu schwach, einen Gedanken festzuhalten. Ich schlummerte wieder ein und genoß wohl einen sehr langen und tiefen Schlaf von einem Tag weit in den anderen hinein, denn als ich erwachte, hatte ich selber das Gefühl, daß die Krankheit im Weichen, die Genesung im Anzuge sei. Nur matt und zerschlagen suhlte ich mich und nach kurzer Munterkeit wieder schlafsüchtig. An meinem Lager saß Big, aber nicht das fröhliche Weltkind, sondern ein ernstes Bild mit fremdem Wesenszug, und einem Schatten um die Blauaugen wie von Übernächtigkeit, Kummer und Sorge. »Wie hast du mich gefunden?« fragte ich freudlos. »Woher wußtest du, daß ich krank bin?« Eine Blutwelle schoß ihr in die blassen Wangen. »Nun, verzeih mir, Jost,« flüsterte sie weich, »ich ertrug die langen Tage ohne Nachricht von dir nicht; ich forschte den Ort aus, wo du wohntest, und vernahm in der Gärtnerei, daß du, Ärmster, Dampfschiffheizer gewesen seist, daß deine Verlobte wegen Heimweh wieder in die Berge gereist sei, und du krank im Spital liegest. Die Liebe trieb mich an dein Schmerzenslager, ich traf dich in einem sehr häßlichen Zimmer mit anderen Kranken zusammen und ließ dir dieses geben, damit du allein seist und eine bessere Pflege genießest. Du warst sehr krank, Jost; der Arzt hat einige Tage deinen Tod befürchtet. Aber wie schrecklich finster schaust du!« »Hätte er mich nur sterben lassen!« erwiderte ich knirschend. »Magst du es nicht leiden, daß ich bei dir bin?« versetzte Big traurig. Ich gab keine Antwort. Darüber geriet sie in eine furchtbare Niedergeschlagenheit. Sie wollte gehen und blieb doch. Mir fielen die Augen wieder zu; im Halbschlaf spürte ich ihre Tränen auf meinen Wangen und ihren zuckenden Kuß auf Stirn und Hand. Dann ging sie. Ich hatte keinen Sinn mehr für Big. Wenn ich wachte, flogen meine Gedanken um Duglore. In wilden Wettern zog es durch die Seele des Genesenden. Ich hätte es eher begriffen, wenn Duglore, irre an mir, den Tod in der Elbe gesucht hätte, als daß sie heim in die Berge gereist sei. Ein Mädchen, das sich Mutter fühlt, trennt sich doch nicht von dem Vater ihres zukünftigen Kindes und trägt ihr Unglück nicht aus der Fremde in die Heimat. Duglore wußte doch so gut wie ich, welche Schande der harte Sinn unseres Bergvolks auf ein Mädchen häuft, das Mutter wird. Nein, so unsinnig handelte sie nicht. Ihre Flucht hatte unter diesen Umständen etwas Unglaubwürdiges, Unerklärliches. Ist sie wirklich heim? Dann hatte sie wohl erkannt, daß ihre Muttergefühle eine Sinnestäuschung waren! Wer mochte da klug werden? Und der Verwandte, der sie geholt hätte? Melchi? In marternden Rätseln grollte ich dem Schicksal, daß es mich das Fieber hatte überstehen lassen, und meine Wiederherstellung schritt nur langsam vor. Eines Sonntagmorgens kam Rungholt mit seiner Schwester, der Gärtnerin, auf Besuch. Sie trafen Big und wunderten sich nicht wenig über meine vornehme, innigst für mich besorgte Schützerin. Als sie gegangen war, erzählte ich dem Geschwisterpaar kurz, wie sie und ich Freunde geworden seien. »Mädchen gegen Mädchen,« versetzte Rungholt mit einer Schlauheit, die ich ihm nicht zugetraut hätte. »Fräulein Imobersteg ist wohl wegen Fräulein Dare verschwunden!« Dem widerstritt aber die Gärtnerin. Die beiden hätten sich ja gar nicht gekannt, sagte sie, mit Ausnahme des sonntäglichen Kirchganges habe Duglore das Geschäft nie verlassen, Briefe seien außer den meinen nicht angekommen und Fräulein Dare erst zum Ankauf einiger Blumen in die Gärtnerei getreten, als ich bereits krank im Spital gelegen hätte. Rungholt sei auf falscher Fährte. Wir besprachen die Umstände der Flucht Duglores ausführlich. An einem Samstag erhielt sie meinen Brief von Utrecht und erfreute sich daran; am Sonntag besuchte sie den Gottesdienst, von dem sie trotz des sommerlich warmen Wetters mit einem Frostanfall heimkehrte. Darauf rief die Gärtnerin einen Arzt. Am anderen Tag verfügte dieser, daß die Angegriffene ins Krankenhaus gebracht werde. Duglore sprach bereits von Abschied und Heimkehr und sagte, sie würde mir über die Gründe schreiben, wenn ihr etwas wohler sei. Die Woche hindurch fand die Gärtnerin keine Zeit, meine Verlobte im Spital zu besuchen, am Samstag aber kam ein Fremder in einer Droschke gefahren, der sich als ein Verwandter Duglores vorstellte und das Gepäck abzuholen wünschte. »Er sprach das Deutsch so seltsam und fast so unverständlich wie Fräulein Imobersteg; sein ungewandtes und ungeschlachtes Wesen verriet den Bauern,« erzählte die Gärtnerin. »Hatte der Mann Sommersprossen?« fragte ich. »Das Gesicht über und über voll,« erwiderte sie, »weißliche Brauen und flächsernes Haar.« So wunderlich es mir vorkam, konnte ich nicht mehr zweifeln, daß Melchi Hangsteiner Duglore geholt hatte. Die Gärtnerin erzählte weiter, sie habe dem Fremden gesagt, sie würde Duglore am Sonntagmorgen im Krankenhaus besuchen, er habe sie aber wohl nicht verstanden. Als sie am Sonntagmorgen in das Spital kam, war Duglore mit dem Fremden fort. Warum hat mir denn Duglore das Unrecht angetan? Ich überlegte in grimmigen Schmerzen. Ich bat Rungholt, einen Brief an sie zu schreiben, daß ich krank liege, und sie um Gottes willen um eine Zeile der Auskunft über ihren schweren Schritt bitte; der Brief würde sie durch Melchior Hangsteiner, Landwirt in Selmatt, wohl erreichen. Einige Tage später, als ich selbst wieder zur Feder greifen konnte, schrieb ich an den alten Pfarrer in Zweibrücken und bat ihn um eine Mitteilung, wo meine frühere Jugendgespielin wohne, und wie es ihr gehe. Davon, daß sie in Hamburg gewesen sei, sprach ich nicht. Jeden Tag kam Big zu mir, legte einen blühenden Zweig auf die Decke meines Bettes und stellte ein paar frische Rosen in ein Gefäß am Fenster. Was wäre aus mir, dem heimatlosen, verlassenen Menschen geworden ohne sie? Ihr schuldete ich es, daß ich nicht unter wildfremden anderen Kranken des Hospitals lag, und durch Arzt und Wärterin eine Pflege genoß, die nicht sorgsamer hatte sein können. Ja, vielleicht schuldete ich ihr deswegen das Leben. Ich hatte ihr aber keinen Dank dafür, sondern warf eher einen Groll auf das Gefühl der Genesung und auf den Gedanken, das Leben wieder beginnen zu müssen. Ich verstockte mich in einen düsteren Brütesinn und hielt mich für einen Menschen ohne Glück und Stern, und die unbegreifliche Flucht Duglores war mir die Bestätigung, daß sich mein Schicksal aus sonniger Zeit in schattendunkle Irrwege verloren habe. Im Grunde meines Herzens tat es mir leid um Big. Sie war zu stolz, um ein liebes oder dankbares Wort von mir zu erbitten; aber ich wußte, daß sie unter meinem Benehmen litt, in aufwallender Enttäuschung lieber von mir gegangen wäre, als bei dem finster Schweigenden auszuharren, und nur aus innerem Zwange blieb. Ich aber fand die Brücke seelischer Verständigung mit ihr nicht. Im Gegenteil! Manchmal erfaßte mich ein böses Verlangen, nachdem Duglore gegangen war, nun auch mit Big zu brechen. Allmählich erweichte sich indes der harte Sinn. Ich litt ihre Anwesenheit und liebte den Blick auf die wie eine Gerte biegsame, hohe Gestalt mit der Anmut der Weltgewandtheit und jener Schönheit, die aus einer feurig empfindenden Seele fließt. Das geistvolle, etwas blasse Antlitz, der kühne Schnitt der Stirn und Nase, die Fülle lichtbraunen Haars, das sich in weichen Locken um die Schläfen schmiegte und in einem schweren Knoten in den Nacken floß, fesselten mich, aber mehr, wie man ein schönes gemaltes Bild bewundert, als aus inniger, warmer Teilnahme des Gemüts, und der halbverhaltene Unmutsblitz, der leise zitternde Ausdruck von Demütigung, der, wenn ich auf eine ihrer freundlichen Fragen eine mürrische Antwort gab, über ihr Gesicht ging, berührten mich nicht tiefer. Es hätte mich kaum erschüttert, wenn Big eines Tags nicht mehr zu mir gekommen wäre; es ging mir mit ihr wie mit dem Blau des Himmels und mit dem Grün der Bäume. Als ich mich jeden Tag eine Stunde erheben durfte, fand ich Blau und Grün der Natur matt; es gelüstete mich kaum wieder einmal ins Freie zu treten. »Darf ich dir ein paar Gedichte vorlesen, Jost?« fragte Big in stiller Verzweiflung. Sie las, und »Wanderers Nachtlied« traf eine mitklingende Saite in meinem Gemüt. »Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust!« Mir war, ein Zauberstab hätte mich berührt; ich bat Big: »Lies mir mehr vor!« Ein Leuchten ging über ihre Züge. Sie las wohl eine Stunde lang und am anderen Tag wieder. Nie mehr kam sie ohne Buch. Dichter und Lieder waren mir alle neu. Eine mir bisher unbekannte Welt hielt mit schmeichelndem Ton und schönen Gedanken in meinen Sinnen Einzug. Big wählte die Gedichte mit einer feinen Empfindung für das, was meinem Herzen wohltat. Sie las die mannigfaltigen Strophen, als ob ihre eigene Seele in den trostreichen, edlen und hohen Gefühlsgängen der Dichter aufgelöst wäre. In den blauen Augen und in ihrem Antlitz glänzte ein sanftes Feuer, das nichts Alltägliches darin zurückließ, und wundersam bog und schmiegte sich die Stimme mit dem Wohllaut und Sinn der Lieder. Ich lauschte verträumt. In einem Herzen, das verdorrt schien, begann es leise zu schwellen und zu grünen. Bescheiden und stillerfreut flüsterte Big: »Ich freue mich, daß ich dir etwas sein kann, Jost!« Ich streckte ihr mit einem dankbaren Lächeln stumm die Hand entgegen. Um diese Zeit, da ich aus meiner geistigen Beklommenheit und Starrnis erwachte, erhielt ich zwei Briefe aus der Heimat. Der Pfarrer von Zweibrücken, der sich mit seiner Antwort nicht beeilt hatte, meldete: »Duglore Imobersteg wohnt in Zweibrücken und hat sich kürzlich mit Melchior Hangsteiner in Selmatt verlobt; gestern war das Paar bei mir und bat um baldige Trauung. Ich brachte dabei die Rede auf Ihren Brief. Wahrscheinlich hätte Duglore Imobersteg Ihnen selber geschrieben, aber Melchior Hangsteiner wollte nichts von einer Beantwortung Ihrer Anfrage wissen. Zu meiner herzlichen Betrübnis haben Sie sich eben die Menschen der Heimat, selbst Ihre Jugendgespielen, wie das genannte Paar, durch Ihren leichtsinnigen Lebenswandel, der hier nicht unbekannt geblieben ist, entfremdet. Ich begrüße Sie mit dem Wunsche, daß Gott Ihnen durch Ihre Krankheit die Kraft zu einem neuen, besseren Leben gebe!« Der andere Brief kam von Melchi. »Da mich der Pfarrer ermahnt hat, dir zu schreiben, tue ich es, wiewohl ich und Duglore beschlossen haben, auf Briefe von dir nicht mehr zu antworten, ob du sie selber verfaßt oder durch andere schreiben lässest. Duglore, die über deiner Schlechtigkeit in Hamburg gestorben wäre, wenn ich sie nicht mit vielen Kosten geholt hatte, geht dich nichts mehr an. Briefe, die du schickst, werden ungelesen verbrannt. Wir sagen: Laß uns ein für allemal in Ruh! Du hast ja die andere. Sieh zu, daß du die Kinder dieser erhalten kannst!« Der Brief endete in einem groben Geschimpfe. – »Die Kinder dieser.« Der Ausdruck fiel mir auf, ohne daß ich etwas Vernünftiges dazu denken konnte. Melchi hatte ihn wohl nur in die Feder laufen lassen, um mich damit recht zu kränken. Ich weinte leise, heiße Tränen in mein Kissen, durchging wieder die Geschichte meiner Liebe zu Duglore und dachte an das Gemüt voll Unschuld; an all das Glühen und Sichzueinanderkämpfen unserer Herzen und an die Jahre vom ersten gegenseitigen kindlichen Wohlgefallen bis an den Morgen, da sie mich zuletzt zum Dampfboot geleitete. In siedendem Weh suchte ich zu verstehen und zu begreifen. Ich verstand und begriff nicht. Nie hatte Duglore von Trennung gesprochen, nur von Vereinigung. Nun dieses fast hinterlistige Davongehen derjenigen, der die Treue doch im Blute lag, und die überraschende Verlobung mit Melchi! Über diesen Abgrund kam ich nicht. Es liegt aber in der menschlichen Natur, daß sie mit ihrer Einbildungskraft selbst da Brücken schlägt, wo keine zu schlagen sind, daß sie stets Gedanken findet, die das Unbegreifliche begreiflich gestalten. Im Widerstreit mit mir selbst begann ich Duglore zu verstehen. In dem Muttergeheimnis, von dem sie mir mit einer leisen Andeutung wie von einer Möglichkeit gesprochen hatte, sah sie sich getäuscht, zugleich aber erschrak sie vor Amerika und seiner verschleierten Zukunft! O, im Grunde ihres Herzens haßte Duglore den Gedanken, auszuwandern, mit der ganzen Gemütskraft eines Heimatkindes. Ihr Eingehen auf meinen Plan war nur ein Zugeständnis an unsere Liebe gewesen. Die ihrige aber hatte durch die Entdeckung der Photographie Bigs und die Entdeckung, daß doch eine Untreue mit meinem Aufenthalt in Hamburg gewesen war, einen erschütternden Stoß erhalten. In ihrem verwirrten Köpfchen quoll und rauschte während meiner Abwesenheit das Heimweh. Voll Verzweiflung schrieb sie ihre Stimmung an Melchi Hangsteiner, in den sie ein warmes liebendes Vertrauen setzte, weil er auf die zerstörte Scholle unserer Kindheit wieder das Banner hoffnungsfreudigen Lebens pflanzte. In der Brust des Mannes aber, der sich in einer hoffnungslosen Liebe zu Duglore, in einer unfruchtbaren, wühlenden Eifersucht auf mich verzehrte, stammten über dem Brief das Erbarmen und ein jäher Liebesmut empor. Er wagte, was ihm kein Mensch zugetraut hätte: opferte seine Silberlinge, reiste, trat vor die erkrankte Duglore und erschien ihr wie ein Held, der sein Alles hingibt, um sie aus dem Betrug und den Armen eines Unzuverlässigen zu befreien. Ein Kampf in der Seele Duglores! Es siegte der Mann, der ihr ein Haus in der Heimat und das Glück des Jugendbodens anzubieten hatte über den in der Heimat verachteten Taugenichts, dem seine erste Liebe nicht immer heilig gewesen war. In heißen Selbstvorwürfen rang ich um eine verständige Betrachtung der Dinge, bereute es tief, daß ich meine reine, duftige Blume aus den Bergen nicht treuer behütet und gepflegt hatte, und ließ es mich bis in die Urgründe meines Gemüts schmerzen, daß ich Duglore in einer Verkettung von eigener Schuld und Mißgunst des Geschicks an jenen Melchi Hangsteiner verloren hatte, den ich stets als einen Mann tief unter meinen seelischen Eigenschaften angesehen hatte. Das tat weh, weh! In meiner Selbstzerknirschung und brennendem Wehmut aber warf ich keinen Zorn auf Duglore, nicht einmal auf Hangsteiner. Ich wünschte dem milden Stern meiner Jugend ein stilles, sanftes Weiterglühen, ein Harschen und Heilen der Wunden im weltfernen Tal der heimischen Berge. Mit gefalteten Händen nahm ich stumm Abschied von Duglore, mit ihr von Heimat und Land, dachte, ich würde beide nie wieder sehen, und gab, mich dem Schicksal beugend, verloren, was nicht zu halten war. Hat wohl Big Duglore aus Eifersucht etwas zu Leide getan? Die Frage, die zuerst mein schlichter Rungholt aufgeworfen hatte, überfiel mich trotz der Gegenrede seiner Schwester stets wieder mit stummer Qual. Unsinn, erwiderte mein Verstand. Der Gedanke ließ mich aber keine rechte Liebe mehr zu Big fassen, doch fand ich auch den Mut nicht, mich über den flatternden Verdacht, für den es keinen Anhalt gab, offen mit ihr auszusprechen. Ich durfte ihre Herzensgute und Aufopferung für mich doch nicht mit einem Worte kränken, das, wie schonend ich es wählen mochte, ein beleidigendes Mißtrauen gegen sie enthielt. Da meldete uns der Arzt, daß ich das Krankenhaus verlassen könne. Was nun beginnen, da ich gegen meinen Wunsch und Willen nicht gestorben war und den Kampf mit dem Leben wieder aufnehmen mußte? – Im Stuhle lehnte Big. Auf ihrem Schoß ruhte das Buch, aus dem sie mir vorgelesen hatte; in ihren Zügen lag es wie Stolz, Hoffnungslosigkeit, Trauer, und ein zuckendes Spiel ihrer Finger verriet ihre innere Unruhe. Die blauen Augen forderten, daß ich spreche, und nachdem wir uns lange schweigend am Fenster des Krankenzimmers gegenüber gesessen hatten, begann ich: »Liebe Big! Es gibt noch Wunder der Güte auf Gottes Erde! Davon habe ich eins erlebt! Das Wunder, über das ich staune, ist deine Barmherzigkeit! Aus Kreisen, in denen du stets nur der umschwärmte und verwöhnte Liebling gewesen bist, hast du dich losgerissen, um mich armen, heimatlosen, halb zu Grunde gerichteten Gesellen, den alle anderen verlassen haben, zu pflegen. Wie soll ich es dir danken, Big?« Eine seine Röte, Ernst und Spannung stiegen ihr ins schöne Antlitz. In den blauen Augen lag der Glanz tiefsten Gefühls; wie Sonnen, weich, liebreich, in verlangendem Feuer blickten sie mich an. Ich zögerte aber, das Wort zu sprechen, das sie von mir erwartete. Sie drückte beide Hände vor die Glut des Gesichts; zwischen den Fingern quollen ihre Tränen hervor. Ich bat: »Big!« und versuchte sanft, ihr die eine Hand herabzuziehen, aber sie preßte die Finger nur stärker auf Wangen, Augen und Stirn. Zornig knirschte sie: »Und du hast mir gar nichts zu sagen, als die paar schalen Worte von vorhin. Warum sprichst du nicht wie am Kornweg der Vierlande?« Sie stöhnte die Worte in bitterstem Herzeleid. Es rang mächtig in mir: ich spürte wieder die Liebe zu Big. Ich stand mit gekreuzten Armen. Nach einer schweren Pause fragte ich in tiefem Ernst: »Big, nur ein ›Ja‹ oder ein ›Nein‹. Gibt es in deinem Herzen keine Erinnerung an meine frühere Verlobte Duglore Imobersteg, die feindlich zwischen deine und meine Liebe treten wird?« Einen Augenblick noch hielt sie die Hände vor dem Gesicht, als prüfe sie sich selbst. Sie gab das Antlitz frei, blickte mich still, ernst, ja fromm an, und von ihren Lippen strömte ein leises, klares »Nein, Jost!« Unsere Augen ruhten einen Herzschlag lang ineinander. Ein dunkles Ungewiß glitt von meiner Seele. »Dann sprechen wir nie mehr von Duglore Imobersteg,« versetzte ich. »Und nun Big, wenn du dein Leben mit mir zu teilen bereit wärst – so – so wär's das einzige, was mir noch begehrenswert scheint in der Welt!« stammelte ich und kniete, vom Augenblick überwältigt, vor ihr. Eine Pause. Ihre Hände streckten sich nach den meinen; sie flüsterte: »Du weißt es ja gar nicht, wie wahnsinnig ich dich liebe!« Sprachlos ruhten unsere Augen ineinander, leis zog mich Big an sich, sanft folgte ich, die Lippen schmolzen heiß zusammen. Gedämpft versetzte ich: »Big – jetzt mein einziges Glück!« Plötzlich sanken aber ihre Arme schlaff von mir. Sie starrte, als wäre kein Glück in ihrer Seele, seufzte abgrundtief und begann bitterlich zu weinen, nicht wie eine Glückliche, nein, wie eine Unglückliche. Dieses Weinen verstand ich nicht, nur daß sie ihr Leben, ihr herrliches Leben hingebe an mich. »Und hättest du nicht gesprochen,« schluchzte sie, »von mir geworfen hätt' ich's. Nun aber will ich dein treues Weib bis an mein Ende werden.« Sie hielt meine Hände krampfhaft umschlungen, und heute, als müder Mann weiß ich nicht, wer mich mehr geliebt hat, Duglore oder Abigail. Es kam rasch eine Zeit, da hatte der blaue Himmel nichts Drückendes mehr für mich, da lachte er, und die grünen Bäume, die schon der Herbst zu färben begann, wiegten sich in Glanz und Schimmer. Die Welt um mich war voll Licht und Leuchten, und durch die Sonnenflut klang es nur dann und wann leise wie der Ton eines Glöckleins aus alter Zeit, wie ein Seufzer, der mit den Wogen des Meeres rollt, wie eine Sage, die um einen Kirchhof schleicht. »Es war einmal ein Dorf, das hieß Selmatt. In diesem Dorf wohnte ein Mädchen, das hieß Duglörli« – – Silbernes Lachen Bigs, und es schwiegen Glockenton, Seufzer und Sage! XX Ich habe heute den ganzen Tag an Hans, Gottlobe und Melchi Hangsteiner denken müssen. An diesen besonders! Wir waren von Jugend auf Leute, die sich nicht riechen konnten. Aber, wenn wir uns auch hassen, verachten können wir uns innerlich nicht. Wie stark er im Kreis der Seinen die Schultern über mich zucken mag, er weiß, daß ich nicht aus dem Dutzendholz der Menschen geschnitten bin. Ich meinerseits aber kann Melchi Hangsteiner, wenn er auch von einer Eiche nur ein Zerrbild, nur ein Knorren ist, nicht klein nehmen, weil es mir eine der wunderbarsten Offenbarungen der menschlichen Natur bleibt, wie das filzige Bäuerlein im Selmatter Tal, in raschem Entschluß ein paar Rinder, vielleicht seine halbe Habe opferte, keck in die Welt ging, die er nicht kannte, und ein armes Mädchen erlöste, das sich vom Jugendgeliebten verraten glaubte. Ja, es übersteigt meine Fassungskraft, daß ein Mann liebend das Weib, das die Liebesfrucht eines anderen unter dem Herzen trägt, zum Altar führt. Ich hätte dazu den Mut nicht! Wenn nun einmal aus einem so harten und verzwängten Herzen wie dem Melchi Hangsteiners diese Wunderblume hat sprießen können, warum nicht die andere, daß er sich jetzt der Liebe Gottlobens erbarmt, den Haß gegen mich und Hans Stünzi bändigt und nach ruhiger Überlegung zu Gottlobe sagt: »Nimm ihn!« – Als ich das Krankenhaus in Hamburg verließ, neigte sich der Sommer, der so schicksalsschwer über mein Leben gegangen war, in einen milden, sonnigen Herbst. Selbst über der See lag die Luft lau und lind. Es war der Wunsch Bigs, daß ich auf Helgoland, in den spielenden Meerwinden, auf den Wegen und Pfaden, wo wir uns zum ersten Male begegnet waren, ganz genesen und gesund werden sollte. Wir verlebten die Tage wie Kinder und bewegten uns um so freier, als nur noch wenige Fremde auf der Insel zugegen waren. Wie wenn nie heiße Tränen aus dem reinen Blau ihrer Augen gerollt wären, gab sich Big, die ein entzückend schlichtes Matrosenwollkleid und eine weiße gestrickte Mütze trug, wieder als das liebe, heiter und sorglos lächelnde Weltkind. Wir sonnten uns in dem kurzen, borstigen Gras, das auf dem Oberland um die Hügel alter Heidengräber wächst, schauten in das Spiel der Wellen, die wie emportauchende Pferde mit weißen Mähnen gegen die Klippen stürmten, und der Möwen, die wie blitzende Ampeln im goldenen Sonnenschein an den Felsen auf und nieder schwebten. Genesungsstimmung umfing mich wie Traum. Es war eine stille Kraft in mir, die alles weit von meiner Seele wies, was sie hätte mit schweren Gedanken beladen oder betrüben können, eine Stimme, die mir zuflüsterte: »Du hast genug gelitten. Wirf das Alte hinter dich! Gib dich der schönen Gegenwart hin!« Gläubig lauschte ich ihr, vergaß und vergaß, und wenn doch eine Erinnerung an Duglore in meiner Brust aufseufzen wollte, schaute ich Big in die glückseligen Augen. Im Grase liegend, tippte sie mit ihren rosigen Fingern schelmisch nach meiner Fingerspitze. »Du – du – du! Jetzt bist du mein!« Eine verwirrende Zärtlichkeit bebte im Klang ihrer Worte. Sie duldete, daß ich ihr die aufgesteckten Flechten löste. »Nun bist du wieder, Big, wie ich dich zuerst sah. Big, mein Märchenkind,« flüsterte ich; sie aber ließ ein bittendes Lächeln um den kleinen, kirschroten Mund spielen. »Ich gehe am liebsten mit dir!« lachte ich herzlich. Ich wußte, daß ich Big keine innigere Freude bereiten konnte, als wenn ich sie damit an unseren Spaziergang durch die Vierlande erinnerte. Was ich damals im Gefühlssturm hingeworfen hatte, war das Paßwort unserer Liebe geworden. Freudig erglühend, erwiderte sie es mit einem weichen Kuß. Hand in Hand und Wang' an Wange saßen wir stumm und selig auf der Höhe des Eilandes. In der Ferne, hinter der das Festland liegen mußte, schwebte eine Rauchwolke auf dem lichtbeglänzten Meer, wanderte zwischen den erblinkenden Segeln und verlor sich sacht in der Endlosigkeit des westlichen Horizonts. »Ein Auswandererschiff!« bemerkte ich. Da hingen auch die Augen Bigs an der in der Nachmittagshelle ziehenden schwarzen Wolke. »Unser Weg!« versetzte sie nach einer Weile mit einem ernsten Lächeln. »Ich habe dir schon früher erzählt, Jost, daß mich mein Vermögensverwalter Don Garcia Leo Quifort in Mexiko erwartet. Seither hat er mir wieder eindringlich geschrieben, ich möchte doch kommen, da ihn die Verantwortung und das Alter zu bedrücken beginnen. Du kommst doch mit, um die Last für mich auf dich zu nehmen?« Sie klatschte fröhlich in die Hände. »Gewiß, Big, wir werden über unsere Zukunft sprechen müssen,« erwiderte ich nachdenklich, »nur eins, ich bin der Mann nicht, der sein Leben aus den Mitteln seines Weibes fristen möchte!« »O – o – o,« schmollte Big. »Mein ganzer Lebensgedanke war bis jetzt, aus eigenem etwas zu werden und zu sein,« fuhr ich, unbeirrt von ihrem enttäuschten Blick, fort. »Ob du arm wärst, oder ob du nun reich bist, Big, ich will arbeiten. Es gehört zu meinem Glück!« Einen Augenblick zürnte sie; dann jauchzte sie: »O du prächtiger Mann!« Sie fiel mir um den Hals und schmollte wieder: »Aber weißt du, daß du mir mit deinen Arbeitsvorsätzen die schönsten Pläne zerstörst?« »Pläne? Laß hören, Big!« erwiderte ich überrascht. Sie schwieg etwas versonnen, dann begann sie wie in schelmischer Schüchternheit: »Du kennst meine Jugend, Jost, das vornehme Zigeunerleben, das ich geführt und unter dem ich als Kind oft gelitten habe. Nun, seit ich dich liebe, spüre ich doch ein Heimweh nach den früheren Wanderfahrten. Gerade deinetwegen! Mit dir, Lieber, möchte ich, wenn die Fahrt nach Mexiko hinter uns liegt, noch einmal alle die Wege ziehen, die mich mit meinen Eltern von Stadt zu Stadt, von Land zu Land geführt haben. Was mir gleichgültig wäre, ja, was mich abstoßen würde, wenn ich es allein wiedersehen müßte, lockt mich bei dem Gedanken, daß ich es mit dir genießen darf: Neapel, Rom, Venedig und manche schöne, stille Winkel in Italien. Bitte, lieber Jost, versprich mir, daß du mit mir reist. Du kannst ja später arbeiten!« Ein sehnsüchtiger Glanz lag in ihren Augen; ihr durstig geöffneter Mund begann Gedichte zu sprechen. »Es sind die Lieder Mignons,« sagte sie. »Du errötest, Jost, daß du sie nicht kennst? Wozu? Das ist's ja, was mich von Anfang an so sehr an dich gefesselt hat, daß an dir, dem hochgescheiten Menschen, keine Spur überlieferter Bildung ist und du alles so frisch und echt nimmst. Darum möchte ich mit dir reisen, dich zu allem, was groß, schön und erhaben in der Welt ist, führen, in die Museen, in denen die Kunst der Jahrhunderte steht, und durch die geweihten Landschaften, über welche die Schöpfungen der Dichter ihren Schimmer ausgegossen haben.« Begeisterung wob um die Gestalt Bigs; die Kraft der Überredung strömte aus ihren Worten. »Du sprichst vom Reisen,« lenkte ich halb scherz-, halb ernsthaft das Gespräch ab, »doch vom Nächstliegenden nicht. Big. Wann soll denn unsere Hochzeit sein?« Sie schwieg eine Weile in heiterer Träumerei. »Die Hochzeit?« versetzte sie lächelnd und errötend. »Ich habe dir gesagt, daß ich wie eine Heidin emporgewachsen bin. Am heidnischesten denke ich über die Hochzeitsgebräuche. Warum vor einen Priester, der uns nichts angeht, warum auf den Markt vor die Menschen tragen, was nach dem innersten, von der Natur geheiligten Empfinden eine Stunde und ein Augenblick sein soll, um die nur die Liebenden wissen dürfen? Wollte ich es, nun, da ist die Kirche von Helgoland, in der es am einfachsten geht. Ich möchte dir aber ohne Priester und Gesetz als dein in Freiheit treues Weib folgen. Ich habe ja auf der Welt niemand als dich.« In ihren Zügen lag die Innigkeit und Glut des liebenden Weibes. »Zigeunerin!« warf ich ein. »Deine Gefühle in Ehren; aber vielleicht gibt es praktische Lebensgründe, die uns veranlassen sollten, uns nach Recht und Gesetz trauen zu lassen.« Sie horchte etwas überrascht auf. »Wohl,« erwiderte sie, »dann trete ich mit dir vor den Altar. Drüben vielleicht in Mexiko! Aber nun rate, wie ich mir unsere Hochzeit hier gedacht habe?« Ein süßes Lachen spielte um ihren Mund. »Wie?« fragte ich spannungsvoll. »Wie keine Königin je Hochzeit gehalten hat,« versetzte sie und hob ihre Augen freudig in die meinen. »Jost, ich möchte meine Mädchenzeit mit der großen Ballonfahrt schließen, die wir in Hamburg planten, deren Ausführung aber durchkreuzt worden ist. Ja, Jost?« »Du hast mein Wort von Hamburg her,« erwiderte ich, »wenn du mir aber in deine Angelegenheiten zu sprechen gestattest – bist du nicht eine Verschwenderin, Big?« »Laß mich's einen Tag sein!« lachte sie. »Freust du dich nicht auf die Fahrt?« »Doch,« versetzte ich. »Nichts Schöneres als eine Fahrt mit dir. Big, im blauen Meer der Luft.« »Fühlst du dich stark genug dazu?« fragte sie unendlich lieb. »Gesund und stark!« antwortete ich aus vollem Herzen. In der Abendsonne, die in den westlichen Meerfernen versprühte und ihre lodernden Feuer über die Wogen warf, schritten wir, eins den Arm über den Nacken des anderen verschränkt, die Insel dahin und vom Oberland über den Falm gegen das Unterland hinab. An der Wegestelle, wo sich unsere Augen zum ersten Male in warmer Frage begegnet waren, hemmte Big den Schritt. Ein stummer Gruß ging von Auge zu Auge. Einige Schritte tiefer am Uferweg kam uns eine Kette von Kindern entgegen, die das niederdeutsche Liedchen sangen: »Slimm, min Moderken, slimm!« Wie sie Big erblickten, schlossen sie den Ringelreihen um sie und tanzten. Als sie das flachshaarige, liebliche Ännchen, das Töchterlein unseres Gastwirts »Zu den blauen Meereswogen«, emporhob und küßte, da jubelte die gesamte Gesellschaft: »Mich auch – mich auch!« Immer war es dasselbe Glück, wenn Big unter Kinder trat! Innig freute ich mich an dem Bilde. Mag sie Zigeunerin, selbst Heidin sein, der Mensch, den die Kinder liebhaben, besitzt den Adel des Gemüts. In die wonnevollen Tage ragte aber doch eine dunkle Stunde. Auf eine Anfrage Bigs schrieb uns Kapitän Sommerfeld, mit einem herzlichen Glückwunsch zu unserer Verlobung, daß er uns in einer kleinen nordischen Stadt mit dem Frühzug erwarte und den Ballon für unsere Ankunft bereit halten werde. Das Boot trug uns von Helgoland die Elbe empor. Da lag am Süllberg die Villa Balmer in der Herbstsonnenstille. Der Anblick und die auftauchenden Erinnerungen stimmten mich trüb. In Hamburg fühlte ich mich vollends unglücklich. Mir war, die Seele meiner armen Duglore irre weinend durch die Lichterfluten und das Menschentreiben der Stadt und suche ihre tote Liebe. Es drängte mich, meinen treuen Rungholt zu grüßen; als ich aber Big mit einem Wort davon sprach, zuckte sie schreckhaft zusammen, und tonlos bat sie: »Nur jetzt verlaß mich nicht, Jost!« Ohne daß wir wußten warum, waren wir beide aus der hohen Glücksstimmung der letzten Tage in eine stumme Traurigkeit verfallen. Wir besorgten einige Geschäfte und verbrachten die schleichenden Stunden bis zum Abgang des Spätzuges, der uns zu Sommerfeld führen sollte, dicht aneinandergedrängt in der dunkelsten Ecke des Bahnhofsaals, als ob wir etwas Fremdes zu fürchten hätten, das zwischen uns trennen wollte. Erinnerung! Nur dann und wann unterbrach ein erzwungenes gleichgültiges Wort das Schweigen. Ein Zittern ging durch die Gestalt Bigs. »Was fehlt dir, Liebling?« fragte ich. »Jost,« entfuhr es ihr in gärender Angst und Erregung, »ich muß plötzlich so stark an deine frühere Verlobte aus den Bergen denken!« Wir dachten also beide an das gleiche. »Jost,« fragte sie, »hast du das Mädchen sehr lieb gehabt?« Ich zuckte zusammen. »Sind wir nicht übereingekommen,« antwortete ich fast heftig, »daß wir nie mehr von Duglore Imobersteg sprechen wollen? Hast du Lust, mich zu quälen, Big?« Ihr Wort hatte mich in die übelste Laune gebracht. »Nun, wenn unsere Vereinbarung nicht gilt, dann möchte ich eins wissen. Big: wie hast du den Weg in die Gärtnerei gewagt? Du mußtest doch fürchten, mit Duglore Imobersteg zusammenzutreffen. Das habe ich mir oft schon neugierig überlegt.« Sie starrte mir schreckensbleich ins Gesicht; sie blieb die Antwort schuldig und nahm eine marmorne Ruhe und Kälte an. Zwischen den schön gewölbten Brauen stand die Falte, die ihrem Gesicht etwas so Schmerzliches und so Bedeutendes gab, und in ihren Augen glomm der weiße Funke, der an ihr fremdes Blut erinnerte. Mir war, eine schwarze Spinne krieche über meine Seele. »Bist du beleidigt, Big?« fragte ich. »Ja,« erwiderte sie heiß und mit einem schleudernden Blick, »ein Mann, der etwas von Weibesseele versteht, demütigt sie nicht, indem er sie in Dingen der Liebe zu Rechtfertigungen zwingen will. Ich habe in jenen Tagen gelebt und gehandelt nicht wie ein vernünftiges Wesen, sondern wie eine Törin. Wenn du mich lieb hast, erinnerst du mich nicht daran.« Unwillkürlich blickte ich mich um, ob wir wenigstens ohne Zeugen seien. Ein seelentiefes Weh lag in dem Wort, und Big tat mir plötzlich furchtbar leid. Dumpf versetzte ich: »Ich frage nie wieder nach unserer Hamburger Trennungszeit!« »Nie wieder, Jost!« sagte sie trostlos. Da fuhr unser Zug in die Halle, der Schaffner rief zum Einsteigen. Auf langer Nachtfahrt gab sich eine linde Versöhnung; stärker als je spürten wir, daß wir doch zwei in hoher Liebe verbundene Herzen seien. Im Frühmorgen, noch unter scheinenden Sternen, erreichten wir die Stadt, in der uns der Kapitän erwartete. Sein Gehilfe empfing uns am Bahnhof und führte uns nach einer der Gasfabrik benachbarten Wiese. Da waren von Sommerfeld, wie es Big gewünscht hatte, die Vorkehrungen für eine rasche Abfahrt ohne neugierige Zeugen getroffen. »Ich habe es mir in Hamburg allerdings nicht träumen lassen, Fräulein Dare, daß ich Sie beide noch einmal als Gäste durch die Lüfte führen dürfte,« grüßte er ehrerbietig, »es ist aber eine alte Erfahrung, daß diejenigen, die einmal ins Blau gestiegen sind, stets auf eine Wiederholung des Fluges sinnen.« »Nur jetzt keine Spazierfahrt,« bat Big, »weit und hoch möchten wir wandern, Herr Kapitän, denn« – ihr Gesicht strahlte in einem halb mutwilligen, halb ernsten Lächeln auf – »es ist meine Brautfahrt!« Kurz darauf versetzte der Kapitän: »Fräulein Dare, Herr Wildi! In Gottes Namen steigen Sie ein!« Der vom Tau der Nacht beschwerte »Saturn« stieg langsam, doch stetig gegen den wie ein Karfunkel leuchtenden Morgenstern empor. Der schmerzliche Abend von Hamburg war vergessen; um die Gestalt Bigs schwebte ein verhaltener Jubel, ein wonniges Glück. Ihr und mir ist die wundervolle Fahrt Schicksal geworden! Die Weihnachtsglocken gehen tief im Land. Es ist heiliger Abend! Obgleich ich wußte, daß mich die Stimmen der Glocken nicht erreichen würden, habe ich mit Flock den Abend im Freien verbracht. Auf dem hartgefrorenen Schnee, der bis an das Hüttendach reicht, habe ich Hinkebein mich getummelt. Nach den Stürmen der Sonnenwende herrscht über dem Feuerstein blauer Himmel und scharfe Kälte. Der Berg war in der Nachmittagsonne ein Wintertraum ohnegleichen, ein Bild von unberührter Reinheit. Nicht einmal ein Vogel hat die Spur seiner Schwinge in den Schnee gezeichnet. Die Sonne sank früh und blutig unter dem blauschwarzen Abendhimmel. In Sterbensblässe und eherner Unbarmherzigkeit standen, von grünlichen Dämmerlichtern umspielt, von der Mondsichel, der hellstrahlenden Venus und dem Jupiter überkrönt, die Berge. Schon waren sie nur gespenstische Schemen, da brach goldiges, rötliches Licht aus ihren Schneegehängen, Feuer, als ströme es aus dem Inneren der Gipfel, als seien sie nicht kalt, sondern erfüllt von Glut. Dreimal kam und erlosch das Winteralpenglühen und züngelte in die dunkeln Täler. Ich aber hätte die Mondsichel, die Venus, den Jupiter und das Alpenglühen gern dahingegeben, wenn ich durch mein Rohr den Strahl eines Weihnachtslichterbaums in der Tiefe, ja nur ein Lichtlein von Selmatt hätte erspähen können. Die gesamte lebendige Welt ist aber überdeckt vom Winterbrodem, leer und ausgestorben liegt die Erde unter dem Flutlicht der Höhe, und es klingt mir beinahe wie ein Traum, daß unter dem Nebelmeer warme Herzen schlagen. O, ich möchte jetzt durch eine große Stadt wandeln, wie ich es mit Big ein paarmal am Weihnachtsabend getan habe, die Glocken und Posaunen von den Türmen ertönen hören, die freudigen Mütter und Väter mit ihrem Weihnachtskauf heimhasten sehen und die Armut belauschen, die keinen Baum zu kaufen vermag, die nur den grünen Zweig von der Marktstätte liest und in der Dachkammer das einzige Lichtlein, das sie darauf zu stecken hat, erfunkeln läßt. Big! Noch einmal möchte ich mit dir an diesem Abend wandern, du Heidin – du Engel der Weihnacht! Ich gedenke jenes heiligen Abends auf dem Meer. Die Musik spielte die frommen Psalmen, hoch am Mast brannte der Lichterbaum. Da wandtest du dich an den Kapitän: »Liegt nicht ein Mann, der wegen Mordes den Behörden überbracht werden soll, gefesselt in den Tiefen des Schiffes? Friede auf Erden! Lassen Sie ihn eine Stunde auf Deck, er soll den heiligen Abend mit mir und meinem Mann begehen!« So sprachst du. Der Mörder weinte vor Freude, daß ein Mensch am Weihnachtsabend liebevoll seiner gedacht hatte, verzehrte mit uns das Abendbrot und erzählte uns von seiner Mutter. Auf dem Observatorium ist es ein einsames, aber kein trauriges Feiern! Schmeichelnd zieht mir ein Gedanke durchs Herz! Wenn nun Gottlobe und Hans, wie Gott es trotz Hangsteiner fügen möge, zusammenkommen, sollte ich da nicht vom Berg steigen, mit ihnen als friedlicher Alter in den Tälern leben und fröhlichen Enkeln die Weihnachtstanne anzünden? Ich will den Gedanken der Zukunft überlassen; stärker bewegt mich im Augenblick der Weihnachtswunsch, die Luft möchte morgen in alle Tiefen klar sein. In den ersten Nachmittagstunden kommen die Kirchgänger von Selmatt, die schon im Morgendunkel nach Zweibrücken aufbrechen, den Talweg zurück. Da bin ich neugierig, wer unter ihnen ist. Ich kann daraus manches schließen, wie es bei Hangsteiner steht, überhaupt durch mein Glas Menschen sehen, sie mit meiner Seele begleiten! Das ist mein einziger Wunsch. Ich feiere das heilige Fest! Keine grüne Tanne, keine Lichter, keine Kinderaugen leuchten mir, aber ich entkorke eine Flasche edeln Griechenweins und danke den liebenswürdigen Gebern. Es ist eine Familie in St. Jakob, die mir je am ersten August einen Korb Wein auf den Berg bestellen läßt. Sie weilte vor etlichen Jahren in einer der großen Bergsommerfrischen. Ihr Sohn beabsichtigte mit ein paar anderen jungen Leuten die sehr schwierige Besteigung eines der höchsten Alpengipfel. Der Vater, der einmal auf dem Feuerstein gewesen war, telegraphierte mir: »Was halten Sie vom Wetter?« Nach dem schwachen Spiel der Instrumente hätte ich leicht antworten können: »Das Wetter ist beständig!« Ich spähte aber in den Luftkreis und sah darin ein Flirren, ein Wandern unbestimmter Lichter. Von meinen Luftfahrten her kannte ich die Erscheinung. Ich telegraphierte: »Bis in vierundzwanzig Stunden schwere Gewitter!« Drei Jünglinge, darunter der Sohn der Familie, ließen sich durch meine Vorhersage von der kühnen Bergunternehmung zurückhalten; drei andere schlugen meine Warnung in den Wind und stiegen zu Berg. Am nächstfolgenden Tag fielen diese auf dem Gipfel dem Unwetter zum Opfer. Seither schickt mir die Familie jedesmal am Jahrestag, am ersten August, den Wein mit ein paar dankbaren Zeilen dafür, daß ihr Sohn auf meinen Bericht von der Bergbesteigung ließ und dem Leben gerettet worden ist. Ich darf mich also bei der Flasche Griechenweins getrösten, daß ich als Wetterwart auf dem Feuerstein nicht bloß im Joch eines großen meteorologischen Tabellenwerkes stehe. Das wäre so problematisch wie vieles in der Welt! Nein, ich darf annehmen, daß meine Wetterstandsberichte der blühenden Lebenswirklichkeit wie in dem einen Fall noch hier und da einen Dienst haben erweisen können. Der Gedanke verleiht mir die Freudigkeit des Berufs, und ermuntert mich zum Ausharren auf dem entsagungsreichen Posten. Ich erhebe mein Glas und spreche: »Ehre sei Gott in der Höhe! Erde und Sternenzelt loben seine Werke. Die Liebe, die den Menschen zu Menschen drängt, und der große Zug des Schicksals, der sich im Leben des einzelnen offenbart, sind sein unergründlichstes Wunder. Ehre sei Jesus Christus! Ich danke dir, daß du uns armen Menschen das große Atemholen vergönnst, Weihnacht, Deingedenken. Erfülle die Sehnsucht der Herzen, Gib, daß wir nicht weiterhin mehr wie die Wilden leben. Friede auf Erden! Friede! Friede! Die Völker bedürfen seiner wie des täglichen Brotes. Ein Verbrecher, der sie in den Krieg hetzt! An den Menschen ein Wohlgefallen! Ich grüße euch, ihr Pfadsucher der Vorzeit, deren Namen verklungen sind. Ihr Menschen der Gegenwart aber! Spinnt an dem lichten Faden der Verschollenen fort, entdeckt, erfindet! Betrügt euch indessen nicht! Wohl lauscht ihr der Gehirnzelle ihr feinstes Leben ab, wohl zerlegt ihr die fernsten Sonnen in ihre Elemente und seid Gefäße, die von Wissen überfließen. Wie steht es aber um die Vermehrung des edleren Lebensgehaltes, um das innere, zartere Glück der Seelen? Fast wie Diogenes muß man es mit der Laterne suchen. Und was findet man? In Hütten und Palästen die große Lebensangst. In euren stolzen Städten stets noch mißhandelte, um ihre Jugend betrogene Kinder, verkaufte Mädchen und Frauen, die Feilheit der Seelen, den Sieg des Geldes, der Gewalt und der Gewissenlosigkeit. Wider euch zeugt die Magd, die Erbarmen mit dem Wurm hat und ihr Neugeborenes erwürgt. Wider euch zeugen die Frauen, die mit faulenden Brüsten in den Spitälern siechen. Wider euch zeugen die Irrenhäuser und Gefängnisse, die ihr stets größer bauen müßt. Der Verbrecher klagt in seiner Zelle: ›Warum ist mir in der bösen Stunde kein Bruder genaht?‹ Der Wahnsinnige knirscht: ›Ein Weib, zwei blühende Kinder, ein Freund! Der Freund ruinierte mein Vermögen und verführte mein Weib!‹ Es schreit der Mensch wider den Menschen, und die Kreatur klagt zu Gott. Ich habe es starrenden Blutes gesehen, wie das jammernde Zicklein von der Mutterbrust gerissen und lebendigen Leibes geschunden wurde, damit die Damen aus der Haut des gemarterten Tieres umso feinere Handschuhe trügen. Ich fragte damals bang: ›Gibt es einen Gott?‹ und lag in Zweifeln. Aus meinem Leben erst wieder habe ich die Kraft des Schicksalmächtigen erkannt. Hinab in die wehen Bilder aber gelüstet mich nicht mehr; stiege ich nieder, müßte ich herzensgewaltig in die Menschheit rufen: ›Etwas mehr Verständnis für das Bedürfen des Nächsten, für seinen Drang nach Sonne, für sein verschwiegenes Leid! Unter den Menschen mehr herzliches Gönnen! Selbst gegen die Tiere!‹ Das wäre eine lichtere Krone der Kultur, als wenn ihr euch den Nordpol und den Südpol zu Trophäen eures Geistes erobert. Heilig sei euch, was atmet und lebt! Eine andere Ehre gibt es nicht für ein künftiges Geschlecht.« – Nein, ich möchte nicht vom Feuerstein steigen und Apostel werden. Auch ich habe den Leidenschaften meine Opfer gebracht, und jeder dürfte mich auslachen: »Was willst du predigen, du alter Sünder, der seine Jugendliebe ins Unglück geführt und nicht einmal sein Weib Abigail hat aus ihrer großen Not erlösen können?« – Ich erhebe mein Glas und spreche: »Im Namen der Weihnacht, die wie eine Ahnung des Künftigen die Menschheit eine Stunde lang mit Frieden beglänzt, will ich an die ethische Entwicklung, an die Zukunft, an die Ehre unseres Geschlechts glauben! Ich schaue, wie Moses vom Berg ins Gelobte Land, nein, aus der Tiefe strecke ich die Hände, aufwallenden Herzens grüße ich die Nachfahren der menschlichen Völker, einen Zug blühender Gestalten. Auf ihren reinen Stirnen wohnt die menschliche Gottähnlichkeit. Sie sind so schön, sie blicken so frei! Ihre Schönheit, ihre Freiheit ist die Güte!« – XXI Ich träumte am Weihnachtsvorabend, wie wohl nur ein Einsamer sich das Bild der Welt zusammenträumen mag. Die Festtage gingen still dahin. Prächtiges Wetter, kein Vogel aber regte sich, und von Selmatt sah ich keine Spur. Da habe ich mich wieder über meine Lebensblätter geneigt. Der »Saturn« schwebte. Die schlanke Gestalt in einen schweren Mantel eingeschlagen, stand Big neben mir. Wir schauten auf die dunkeln Türme und die massige Breite der Stadt, von der wir aufgestiegen waren. Es gab wohl kein Auge, das unser einsames Planen erspähte. Einige frühe Lichter, die in der Stadt zu erglimmen begannen, schienen sich rasch von uns zu entfernen. »Ein guter Nordost,« unterbrach Sommerfeld die Stille. »Wir gehen mit der Schnelligkeit eines gemäßigten Zuges landein. Höher wird der ›Saturn‹ noch rascher wandern.« Aus der dunkeln Wölbung des Himmels traten die Sterne glänzender hervor; nun aber erreichte das steigende Schiff den Morgenstrahl des Lichts! Im Osten erglühte in rosigen Wolken die Sonne. Ihre Flammen flogen auf die Rundung des Ballons; durch den Tragring strömte aus dem Inneren das Licht, als ob die Seide brenne; um jede Linie spielte die Glut. Nun umflutete sie die herrliche Gestalt Bigs. Sie blickte ruhig und feierlich; über ihre Lippen kam ein Ruf des Entzückens: »Ja, das wird nun die Fahrt großen Stils, von der ich in einem fort geträumt habe, daß ich sie mit dir, Lieber, erleben soll!« Als sie wieder in die Tiefe schaute, schreckte sie zurück. »Fahren wir über das Meer?« fragte sie hastig. »Herbstmorgennebel,« flüsterte ich ihr zu, und sie lächelte über ihren Kleinmut. Die kräftiger erstrahlende Sonne sog den Tau, der sich auf die Hülle gesetzt hatte, auf, spannte die goldene Kugel; fauchend entströmte ihr überschüssiges Gas, und mit der Stärke eines Kondors bäumte sich der »Saturn« in die reineren Lüfte empor. »Montblanchöhe!« versetzte Sommerfeld, der das Aneroid beobachtete, und ein forschender, bewundernder Blick seiner stahlgrauen Augen streifte Big. Sie erwiderte gelassen: »Höher, Herr Kapitän, so hoch, bis Ihnen Herr Wildi Halt gebietet!« Stumm genossen wir den Eindruck des Raums, des Unermeßlichen und Unendlichen, des Lichts und des unsäglichen Schweigens, das in den Hochlüften tiefer ist als in den tausendjährigen Ruinen einer Stadt. Die Hand Bigs wies in den ehern gewölbten, schwarzblauen Himmel, den unsere Seidenkugel streifte. Trotz des Sonnenlichts traten die kleinen, feinen Sterne wieder aus ihrem Haus hervor und schauten neugierig nach dem Menschenpaar, das vor ihren Fenstern vorüberzupilgern wagte. »Ist es nicht ein wunderbarer Gedanke, Jost, daß wir zwei Menschen, die einander so lieb sind, mit dem Dasein nur noch durch die Stricke zusammenhängen, die uns an die ziehende Kugel fesseln? Empfindet sich die Zusammengehörigkeit nicht reiner und stärker als in den Tiefen?« Ich antwortete. Da erschrak sie über den Klang meiner Stimme. »So dumpf und so weither, wie aus einem Grab!« versetzte sie. Sie warf einen schaudernden Blick in die Leere, die uns ohne Tönung mit den Gegensätzen von Licht und Dunkel umgab. Ihre Lippen erblaßten, sie schwankte. Ich gab Sommerfeld ein Zeichen, daß er die Höhe mäßige; ich hielt eine Halbohnmächtige im Arm. Als sie die Augen aufschlug, flüsterte sie: »Ich war an der Grenze meiner Kraft. Du aber bist mein starker Jost!« Der Stolz des Weibes neigte sich demütig der überlegenen Manneskraft. In geringerer Höhe glitt der »Saturn« über das Silberfeld der irdischen Nebel. Nur das Schiefhängen des Gondelkorbes, das Knistern, das leise Sausen und Pfeifen der Seidenhülle verrieten, daß wir mit rasender Schnelligkeit wanderten. »Gut nach Süd!« versetzte der Kapitän, die Bussole prüfend. »Da wir um diese Jahreszeit große Temperaturschwankungen kaum zu befürchten haben, ist es wohl möglich, daß der Ballon bis zum Abend trägt!« »Wunderbar!« rief Big, »über das weite, deutsche Land dahin! So hab' ich's mir geträumt!« Sommerfeld strich sich vergnügt den langen, schmalen grauen Bart. »Es wäre mir so angenehm wie Ihnen, Fräulein,« lächelte er, »ich gelangte so ohne die Umständlichkeiten einer langen Eisenbahnfahrt in mein Winterquartier im bayrischen Oberland. Die heutige Fahrt ist die letzte dieses Jahres. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit den Meinen!« »Ja, sind Sie denn verheiratet, Herr Kapitän?« fragte Big neugierig. »Ich habe Frau und zwei Töchter,« erwiderte er. »Sie wohnen in einer kleinen Villa in einem bayrischen Städtchen.« »Sonderbar!« lachte Big hellauf, »wie kam ich nur auf die Einbildung, ein Luftschiffer müsse unbedingt ein lediger Herr sein? Ist denn Ihre Frau sommersüber nicht in beständiger Sorge um Sie?« »Nein, Fräulein,« versetzte Sommerfeld, der während des Sprechens die Bewegung des Ballons stets im Auge hielt, »meine Frau kennt mich als vorsichtigen Fahrer. Gegen dreißig Jahre treibe ich nun meinen Beruf und habe darin nie einen wesentlichen Unfall erlebt. Doch, bei Wien einmal den Beinbruch einer Dame, die gegen meine Warnung bei der Landung zu früh aus dem Korbe sprang!« »Bitte, Herr Kapitän, erzählen Sie von Ihren Fahrten und Reisen,« bat Big. »Sie müssen doch unendlich viel Schönes gesehen und erlebt haben!« Immer sein Fahrzeug beobachtend, geriet Sommerfeld, soweit es mit seiner militärischen kurzgebundenen Art zusammenging, in ein fesselndes Plaudern. In knappen Zügen berichtete er uns von einer Menge merkwürdiger Reisen in weiten Ländern, von ihren Passagieren und Bildern. Wir aber genossen selber eine wunderbare Fahrt. Unter dem Silberfeld der Tiefe, auf dem das Spiegelbild und der Schatten des »Saturns« wanderten, begannen wir wie durch eine Scheibe die Dörfer und Gehöfte, die geschlängelten Stromläufe, die spinnwebfeinen Straßen und Bahnen zu erkennen. Blauumflossen lagen sie wie auf Meeresgrund versunken. Da zerschellte die Silberplatte, wie sich im weichen Frühlingswind das Eis über einem See spaltet. Leben und Bewegung kam in den vom Dasein halbausgelöschten, irdischen Traum; durch die Risse des Silbers quollen, schwebten und flatterten warmfarbige Streifen des Landes empor. Die Erde enthüllte ihr liebes, mütterliches Antlitz! »Ja, ihre Kinder bleiben wir doch,« jubelte Big dem sonnigen Bilde zu. »Jost! War die Fahrt nicht ein vortrefflicher Gedanke?« Die Wandelstücke der Tiefe genießend, lauschte ich dem Gespräch Sommerfelds. Er erzählte von seiner bescheidenen Jugend, davon, wie er in München der Gehilfe einer französischen Luftschifferin wurde, wie ihn die Wahrnehmung, daß die Dame bei ihrem Beruf ein sorgenfreies, schönes Leben führte, auf den Gedanken brachte, selber Luftschiffer zu werden, und wie er dieses Ziel unter mancherlei Kämpfen erreichte. »Und haben Sie dabei Ihre Genugtuung gefunden?« fragte ich. »Gewiß,« erwiderte er ruhig, »ich liebe den Beruf, der mir und meiner Familie ein freundliches Dasein und die Aussicht auf ein nicht zu herbes Alter gestattet; ich beklage darin nur, daß unser Stand durch die leichtsinnige Lebensführung einiger Kollegen vor der großen Öffentlichkeit in ein falsches Licht gerückt ist. Luftschiffer, Abenteurer, Windbeutel sind für viele Menschen dasselbe. Die Luftschifferei läßt sich aber mit den Grundsätzen bürgerlicher Ehrbarkeit wohl vereinigen. Das lag mir von jeher im Wesen. Ich habe namentlich nie zu viel gewagt und mich durch den Spott der berühmtesten Standesgenossen, ich sei ein bloßer Spaziergänger der Lüfte, nie in Abenteuer treiben lassen. Daran habe ich wohlgetan! Wo sind sie hin, die internationalen Koryphäen? Einer nach dem anderen ist auf tollen Hoch- und Meerfahrten verunglückt. Sie maßten sich, weiß Gott, welche wissenschaftlichen Verdienste an; das wirkliche Ergebnis der unglücklich verlaufenen Abenteuerflüge aber war das wachsende Mißtrauen gegen die Aeronautik, die übertriebene Furcht der Menschen vor der Teilnahme an einer Fahrt. Ich habe mit der Wissenschaftlichkeit meiner Aufstiege nie geflunkert, dafür in den fast dreißig Sommern ohne Unfall bewiesen, daß Ballonfahrten unter gewissenhafter Führung eine fast gefahrlose Gelegenheit bieten, die Welt von einer ihrer wunderbarsten Seiten zu genießen. In weiten, gebildeten Kreisen habe ich der Luftschiffahrt als Sport wieder einen Kern von treuen, gebildeten Freunden gewonnen. Das ist mein Stolz!« Die verständige Art, mit der Sommerfeld von sich selber und seinem Berufe sprach, machte einen sehr lebhaften Eindruck auf mich. Ich war ganz Ohr. »Jost,« lachte Big hellauf, »du solltest selbst Luftschiffer werden!« Bei dem Scherze Bigs streifte mich ein prüfender Blick Sommerfelds. Beiden erwiderte ich lachend: »Die letzte Wahl unter den mannigfaltigen Berufsarten wäre es mir nicht.« »Ja, blick nur hin!« rief Big. Sie wies in die Schauspiele der Luft, die sich stets herrlicher entfalteten. Wie leichtbeschwingte Riesenvögel, wie weiße Schiffe und Inseln, die den Seen der Erde entschwebten, stiegen die Reste der Silberplatte, welche die Erde bedeckt hatte, in die blauen Bäche des Himmels, und der »Saturn« wiegte sich im Fabelreich der Wolken. Sie umringten uns wie ein Reigen tanzender Engel, die Gold an den Rändern ihrer schleppenden Gewänder tragen; zwischen den fließenden Gebilden gähnten Schluchten wie im Gebirge, worin das Licht wie in Wasserfällen, Schneebrüchen und Eisstürzen rieselte, und ein Stück warmer Erdwirklichkeit grüßte in die zauberischen Klüfte. In den dunkleren Kernen der Wolken aber spiegelte sich die Sonne; leuchtende Sonnen strahlten überall, und eine Wolke warf der anderen die Regenbogen zu. Da, das Ballongespenst! Auf den schweren Rissen einer Nebelwand haftete der Schatten des »Saturns«, ein jagendes Geisterschiff. Von Gloriolen umspielt, glitten die Schatten unserer Häupter und Gestalten die Wolken dahin. Wir gingen furchtbar schnell! »Jost!« rief Big entzückt. Da horch! Nah und fern antwortete eine Schar feiner Stimmen: »Jost!« »Big!« erwiderte ich, und »Big!« rief es aus den Höhen und Gründen der Wolken. Ich wußte selber nicht, woher mir der Einfall kam; ich sang die Jodler, die ich mit Duglore so oft den Felsen des Feuersteins entgegengejauchzt hatte. Antwortende Jodeljungen in den Wolken ringsum! In meiner Seele aber regte sich jäh ein schmerzliches Gedenken. »Noch einmal, Jost!« jubelte Big. Eine freudige Flamme war in ihr Gesicht gestiegen. Sie lächelte mir bestrickend zu; sie neigte den Mund an mein Ohr und flüsterte heiß: »Jost, wenn du dich entschließen könntest! Ich würde gern das Weib eines Luftschiffers. Du, mein kühner Jost!« Das war kein Scherz mehr, das war Bigs glühender Ernst. Berauschend strahlte in ihren Augen der Ballonzauber. Hatte Sommerfeld das leise Wort gehört? Er blickte mich schweigend und durchdringend an; darauf versetzte er: »Ich würde nicht leicht jemand zu meinem Beruf raten. Ihnen aber, Herr Wildi! Sie besitzen das Geheimnis des Erfolgs, die zwingende Kraft des Auges und des Geistes. Ich wäre stolz. Sie meinem Beruf zuführen zu dürfen!« Ich gab ihm eine abweisende Antwort; doch wob der Ballonzauber auch um mich seine Kreise. Ich blickte schweigsam. Die Wolken blieben wie zerfließende, weiße Inseln hinter uns zurück; in langgestreckter Bahn neigte sich der »Saturn« einem seiner Tiefstände zu, und heimatlich genähert, leuchtete uns die Erde in lebhafteren Farben. Schlösser und Dörfer erglänzten; wir flogen über den Silberfaden eines von Schiffen befahrenen Stroms. In der Ferne dämmerten Waldlandschaften wie in die hellen Gründe eingestreute Schatten. Das irdische Leben erhob seine Stimmen zu uns. Ein Lokomotivenpfiff, das Glockengeläute eines Städtchens. Die aus der Schule strömende Jugend entdeckte uns über ihren Köpfen. Sie schwenkten die Mützen; wir hörten ihren Jubel, ihre Rufe: »Bitte, bitte, steigen Sie bei uns zur Erde!« In den Gassen wurde es wie in einem Ameisennest, in das man einen Stock gestoßen hat, lebendig. Schon lag aber das Städtchen hinter uns. Ein Bauer, der mit den Seinen auf dem Felde beschäftigt war, bemerkte unser Fahrzeug. Jählings trieb er die Leute, die Pferde, die Wagen zur Eile gegen den Hof, als fahre der Teufel am Himmelszelt dahin. Soll ich Luftschiffer werden oder nicht? Ich sah und träumte. Da hatte Sommerfeld auf ungelöschtem Kalk, den er mit Wasser übergossen, einen Tee gerüstet, ein köstliches Labsal in den Lüften. »Wie Sie es geschrieben haben, Fräulein!« wandte er sich ehrerbietig an meine Verlobte. Leckerbissen und eine Flasche prickelnden französischen Schaumweins entstiegen dem Eßkorb. »Habe ich nicht wie eine Hausfrau vorgesorgt?« scherzte Big mit weiblichem Stolz. Als sie aber ihren Kelch an den meinen stieß, lachte sie aufstachelnden Blickes: »Jost, auf einen guten Entschluß!« Luftschiffer werden! Ein absonderlicher Gedanke, ein Plan würdig ihrer freien Adlerseele. Nein, der Mut für den kühnen Beruf fehlte mir nicht. Ich war ja ein Kind der Sonne, des Lichtes, der Luft, das schon in Jugendtagen die Höhe, die Weite der Welt, den Himmel hatte suchen müssen. Besaß ich nicht das scharfe Auge des Raubvogels, das sich bei der Viehhut auf der Bodenalpe geübt hatte, die kleinsten Vorgänge an den Felsen des Feuersteins zu erspähen? Gärte in mir nicht das jähe Blut meiner Vorfahren, der Wildleute am Feuerstein, das Blut, das mich aus der Heimat in die Abenteuer von Hamburg und an die Grenzen des guten bürgerlichen Rufs getrieben hatte? Ich war der Mann, der Gefahren nicht fürchtete, der aber eine Wunde in der Seele trug und des Vergessens bedurfte. In meine Gedanken loderten aufreizend die begeisterten Augen Bigs. Meine Zigeunerin wollte ein Wanderleben führen. Ich selber sehnte mich nach den Bildern der Welt; nur ein Tagedieb, der das Vermögen seines Weibes verzehrte, wollte ich nicht werden. In der Luftschifferei aber lag die Versöhnung ihrer und meiner Lebensabsichten, Reise und Arbeit. Der »Saturn« wanderte durch den sonnenreichen Nachmittag. Luft und Erde entfalteten die Fülle ihrer Bilder; liebliche Hügel- und Berglandschaften wurden licht, ruhten unter uns und verblauten. Sommerfeld, der sich mit den Karten beriet, warf dann und wann einen Namen hin: »Thüringerwald« – »Kronach« und plötzlich »Der junge Main!« Als ich den Blick auf den Strom warf, da fiel es mir erst auf die Seele, daß uns ja der »Saturn« meiner alten Heimat entgegentrug. O, nur einmal einen Blick ins Tal von Selmatt werfen, sehen, wie es Duglore geht! Nein, ich konnte doch nicht Luftschiffer werden. In meiner Brust regten sich mächtig die Stimmen der Überlieferung, meiner kleinbürgerlichen Jugend. »Tu's nicht, tu's nicht!« bat aus seinem Grab der Vater. »Jost, Jost! Habe ich nicht mit Schlägen dein wildes Blut gedämpft?« Das ehrliche Gesicht des Schulmeisters Kaspar jammerte: »Jost, abgründiger Jost, den ich geliebt habe wie einen Sohn, ist's nicht an Vermessenheit und Gottlosigkeit genug, daß du Duglörli um sein Lebensglück betrogen hast? Nun willst du gar den französischen Teufelssack, die Montgolfiere, durch die Lüfte steuern!« Die erschlagenen Selmatter alle knirschten in ihren Gruben: »Jost Wildi, wir sollen so elend unter den Felsen liegen, und du willst den Himmel stürmen!« Wunderlich wogten die Gedanken in meinem Gemüt. Unser Gespann aber glitt durch Glanz und Gloria des schönen Herbsttages. Dörfer, Städte wuchsen heran, lagen im Vogelblick unter uns, schrumpften und blieben zurück; Berge mit sonnenhellen Kuppen hoben sich und vergingen. Von der Feuchtigkeit weiter, dichter Wälder in die Tiefe gezogen, wiegte sich der »Saturn« über den Wipfeln, einem grüngoldigen Meer, ja streifte die Gipfel der wachstumfreudigen Tannen, die uns zu Füßen wie im Sturm errauschten. Aufgeschrecktes Wild, das friedlich in den Lichtungen geäst hatte, brach durch die Stämme. Am Horizont vor uns aber reckten grüne Berge ihre höheren Gipfel; der »Saturn« entfaltete noch einmal die Schwingen und strebte mächtig in die warme Helle des Abends empor. Da, o Wunder! Licht und schemenhaft tauchte es hinter den letzten Höhen auf. Traumbild oder Fata Morgana? Hineingewoben in Gold und Duft der entlegensten Ferne, erstrahlten die Alpen! Die ewigen Häupter ins Sonnenrot erhoben, wandelten sie uns über die Erdenlandschaften wie greise Väter und Mütter entgegen, die einen verlorenen Sohn der Bergheimat mit offenen Armen empfangen wollen. Es waren wohl nicht die Berge von Selmatt, aber doch schneelichte Zinnen und Gipfel. Gebannt und schmerzhaft starrten meine Augen nach den verklärten Gestalten in ferner Himmelstiefe. »Heimat, Bergheimat!« jubelte das Herz in fassungsloser Freude. Mir war, als liebkosten mich linde Hände mit Mutterliebe. Alllebendig und urgewaltig strömte das Heimweh durch mein Dasein dahin, schmeichelte mir wie ein Jugendlied und klagte wie in Orgeltönen: »Jost – Jost – Jost!« Ich stand, die Hände in die Stricke des Korbes verkrampft, die Zähne zusammengebissen, und zitterte. Du darfst nicht heim! Das Herz zuckte mir wie unter einem Rutenstreich zusammen. Du darfst nicht heim, um deinetwillen nicht, weil du der Heimat den Absagebrief geschrieben hast, weil sie dich verachtet. Du darfst nicht heim, weil du Duglore das bißchen Frieden schuldig bist, das sie vielleicht an der Seite Hangsteiners gefunden hat. Du darfst nicht heim wegen Big, die nun dein Weib werden soll. Sie ist kein Kind stiller Berglande, sie ist ein Kind der Welt. Und du, Jost Wildi, bist ein heimatloser Mann! Was verschlägt's, wenn du nun ein Abenteurer wirst, ein Luftschiffer? Im Reich der Lüfte, der Sonne, der Wolken, in Fahrten durch die Zaubergärten der Welt findest du Vergessen!« Die Wange Bigs streifte in einer feinen Bewegung die meine; ihr sorgender Blick suchte meine Augen. »Lieber,« versetzte sie erschreckt, »wir haben die Fahrt zu früh nach deiner Krankheit gewagt. Du bist ja totenblaß!« »Ich habe eine Schlacht geschlagen,« erwiderte ich schwer. »Big – Sturmvögel wollen wir werden!« Die fernen, in Sonnengluten verklärten Berge versanken hinter den grünen Höhen. Keine der seligen Flammen erfunkelte mehr. Was sollten sie einem Sohne leuchten, der nicht heimkehren durfte! In den Augen Bigs strahlte die Begeisterung. »Jost, mein herrlicher Jost,« flüsterte sie, »ich habe stets gewußt, daß du keiner von den Kleinen bist. Wie Adler und Adlerin ziehen wir über die Welt!« »Achtung! Wir landen!« unterbrach Sommerfeld ihre Liebesworte. »Herr Kapitän! Darf ich im Frühling, wenn wir von einer Fahrt nach Mexiko zurückkehren, Ihr Schüler werden?« fragte ich Sommerfeld. Er suchte ein stolzes, glückliches Lächeln im Bart zu verbergen; seine stahlgrauen Augen aber glänzten auf. Heftig drückte er mir die Hand: »Willkommen, Herr Wildi! Ich grüße wohl einen künftigen Meister der Kunst!« In blauer Abenddämmerung landeten wir in der Nähe eines freundlichen Dorfes der bayrisch-österreichischen Grenzlandschaft. Einen Tag blieb Sommerfeld, mit uns rastend, in dem lieblichen Winkel, den schon die Berge säumten. Freundschaftliche Beziehungen knüpften sich. Ohne strenge Verbindlichkeit verabredete ich mit ihm, daß ich im Frühling nach unserer Wiederkehr von Mexiko sein Schüler im Luftschiffahrtswesen würde und ihn einen Sommer lang auf seinen Fahrten begleite. Jost Wildi, der kein Älpler mehr war und kein Kaufmann hatte werden können, hatte mit der begeisterten Zustimmung seines künftigen Weibes seinen Lebensberuf gefunden, einen Beruf weit außerhalb der bürgerlichen Reihe. In jenem stillen Erdenwinkel wurde Big, wie sich Adlerin zu Adler traut, mein liebes, süßes Weib. Wie Kinder schwärmten wir für unser kommendes Wanderleben. »Und wenn ich doch fiele, Big?« scherzte ich. »O, dann wollte ich mit dir stürzen! Vielleicht wäre es das schönste Los, das ich mir denken könnte,« versetzte sie in tiefer Träumerei. Auf ihrer Stirn stand die Falte des Ernstes. Ich verstand das dunkle Wort des glückseligen Weibes nicht. Erst später, viel später stieg es wieder schicksalslebendig aus den Schachten der Erinnerung. Mit ihm die siedende Träne am Tage meines Abschieds aus dem Krankenhaus und die schwere Stunde im Bahnhof von Hamburg. Wir suchten in der Luftschifferei scheinbar die Freuden der Welt, in Tat und Wahrheit aber Vergessen und Betäubung – Big wie ich. Rasch gingen die Flittertage dahin. Dann trat die Reise nach Mexiko gebieterisch in unseren Gedankenkreis. Das Land aber jenseit der Meere erschütterte die auf der wundervollen Fahrt gereiften Entschlüsse und trägt die Schuld, daß man nie von einem Luftschiffer Jost Wildi gehört hat. XXII In erstaunlicher Pracht wandert der Winter über das Gebirge. Die Nachttemperatur beträgt zwar fünfundzwanzig bis dreißig Grad unter Null, am Morgen aber, gegen elf Uhr, erlangt die kleine, glühende Sonne aus kobaltblauem Himmel eine Kraft, daß in der Dachrinne des Observatoriums die Schmelzwasser knistern. Im leichten Anzug kann ich auf meinem Gipfel spazieren gehen, die Brille aber ist ein unerläßlicher Schutz in diesem Meer flutenden Lichts! Die Milde der Luft brachte mir Grüße des Lebens! Eine muntere Gesellschaft Kreuzschnäbel, die aus der Tiefe des Bergwaldes heraufgeflattert kam, flog über den Feuerstein, und auf dem glasharten Schnee fand ich auch einen erstarrten, doch noch lebendigen Schmetterling, einen Zitronenfalter. Woher du armer Geselle, irregeführter Bote des Frühlings? Ich habe ihn ins Observatorium gesetzt. Da mag er sein Sonnenseelchen im Warmen verhauchen. Selmatt lag heute dem Blicke frei. Ich konnte aber durch mein Glas niemand von seinen Bewohnern entdecken, Hans nicht, Gottlobe nicht, doch erlebte ich eine Überraschung. Gegen zwei Uhr kam ein Fremder das Tal daher und trat in das Haus Hangsteiners, um drei Uhr ging er wieder. Ich dachte an den jungen Viehhändler, der es auf Gottlobe abgesehen hat, es war aber ein älterer Herr. Ich grübelte, wer der Fremde sein könnte, und kam auf die Vermutung, es sei der Arzt von Zweibrücken, Hangsteiner liege ernstlich krank. Sorgen im Tal, Sorgen auf dem Berg. Mich quält die Ungewißheit, ob Hans am Neujahr den versprochenen Besuch bei mir wird ausführen können. Ja, wenn nur nicht der verteufelte Ost in die glanzvolle Sonnenlandschaft stieße. Da jagt er aber den staubfeinen Flugschnee in Silberrauch und Windsbräuten empor. Er treibt ihn an die Felsen des Gipfels; er klebt ihn wie wundersam geschweifte Flügel an die Schroffen, und von Tag zu Tag wachsen, die Wächten riesiger heraus. Ich betrachte sie mit ängstlicher Spannung, ja schon mit verzichtendem Herzen. Es wird Hans unmöglich sein, sie zu umgehen oder zu durchbrechen, er darf den Versuch gar nicht wagen, die höchste Lebensgefahr wäre dabei! Jost Wildi, sei gefaßt, das Neujahr ebenso einsam wie die Weihnacht zu feiern. Wieviel mehr würde mich aber eine Plauderstunde mit Hans als aller Glast und Sonnenschein des Gebirges erfreuen. Ich schreibe an meinen Lebensblättern das letzte Kapitel des alten Jahres: »Die Reise nach Mexiko!« Als Zwischendeckpassagier, der sich die Kosten der Überfahrt mit den geringsten Dienstleistungen erwirbt, hatte ich mit Duglore über das Meer setzen wollen, um uns durch unserer Hände Arbeit eine Heimstätte zu gründen. Nun fuhr ich mit Abigail und war nicht der mittellose Auswanderer, der sein Schicksal und das seines jungen Weibes auf eine letzte Ungewisse Karte setzt. Umgeben von dem Raffinement der Welt, reiste ich wie ein reicher Herr an die fernen Gestade, um ein Vermögen zu erheben, das durch Recht und Gesetz mein werden sollte, obgleich ich selber keine Hand zu seiner Erschaffung gerührt hatte und die nicht kannte, die es aus dem Grund der Erde ans Licht gerungen haben. Mir zur Seite lehnte mein stolzes, schönes Weib, und jedes Wort, das sie sprach, jeder Blick, den sie mir gab, war ein verhaltener Jauchzer der Liebe. Ich empfand den Wechsel meines Schicksals wie ein fast unheimliches, übergroßes Glück. Dann und wann regte es sich sonderbar in meiner Seele. Das geschah, wenn vom Vorderdeck ein Auswanderer seine Blicke neugierig und neidisch in das glänzende Leben und Treiben, in das Spiel und den Flirt der Passagiere erster Kajüte warf. Mir war dann, das harte Gesicht spreche: »Jost Wildi von Selmatt! Du bist dort drüben nur ein Eingeschlichener. Erinnere dich, daß du zu uns gehörst!« Oder ein schwarzer Heizer streckte etwa den Kopf aus der Treppenluke, um einen Zug frischer Luft oder einen Trunk Wasser zu schöpfen. Ich erschrak leicht: Sie holen dich wieder zu dem gräßlichen Dienst! Allmählich gewöhnte ich mich, zu denen zu gehören, die auf dem Dampfer wie auf einem stolzen Schloß in lauschigen Kammern, in luxuriösen Hallen und Vergnügungssälen und unter Lustzelten wohnten. Die paar hundert fremder Menschen, die mit mir und Big über die Wasser zogen, waren so sorglos und guter Dinge, als säßen sie in einem schönen Hotel oder daheim auf ihrem Landgut. Sie wandelten plaudernd durch die prächtigen Räume, beschauten sich in hohen Spiegeln, scherzten, lachten, lasen und schrieben; sie aßen und tranken köstlich und tanzten, wenn die Schiffskapelle rief. Sie tanzten über dem tiefen, geheimnisreichen Meer, und nur ein leises Dröhnen verriet, daß das Schiff unaufhörlich und mit der Stärke von vielen tausend Pferden durch die Wogen lief. Big und ich lernten gleich von der Abfahrt an etwas Gesellschaft kennen. Ein schmal gebauter, doch wunderhübscher blonder Junge, der, von einer schwarzen Dienerin behütet, auf dem Verdeck spielte, erregte unsere Aufmerksamkeit. Ein Blick, ein Lächeln Bigs, da kam er gelaufen, riß die Mütze vom Kopf, gab ihr die Hand und begann, als wären wir alte Freunde, von dem Besuch zu plaudern, den er mit den Eltern, einer Pflanzersfamilie von Kuba, in der deutschen Heimat gemacht hatte. Bei der ersten Mahlzeit kam uns ein junges Künstlerpaar aus Berlin an der Tafel gegenüber zu sitzen. Der Herr war ein Holländer, die Dame eine Österreicherin. Im Laufe der Unterhaltung erzählten die Liebesleute, sie hätten sich seit längerer Zeit umsonst bemüht, genügende Ausweisschriften aus ihren Heimatländern zu erhalten, um an ihrem Wohnort die Ehe einzugehen. Nun sei ihnen der Faden der Geduld gerissen; sie führen nach Dover, um sich dort nach englischem Gesetz trauen zu lassen, das die Schließung einer in der ganzen Welt gültigen Ehe in wenigen Stunden gestatte. Ich bemerkte, wie sich Big von der Erzählung des Paares fesseln ließ. Als die ersten weißgrauen Spitzen der englischen Kalkhügel in Sicht kamen, fragte sie: »Wie lange hält denn das Boot in Dover?« »Von zwei bis sechs Uhr,« entgegnete ich. »Jost,« versetzte sie, »wenn du einverstanden bist, lassen wir uns unterdes trauen. Du weißt, wie ich in diesen Dingen denke, aber vielleicht denkt der Vermögensverwalter in Mexiko anders.« Da landete der Dampfer. Am Ausgang vom Hafen in die schwarze, altertümliche Stadt grüßte uns ein würdiger, bejahrter Herr. »Registrer of marriage?« fragte ich. Da grüßte er noch ehrerbietiger und lächelte verbindlich: »Ich kann Ihnen dienen, ich habe schon etlichen hundert Paaren gedient.« Das Standesamt an der Schloßstraße setzte die Trauung auf halb fünf Uhr fest. Wir besuchten einen Gasthof, dessen Besitzer sich als zweiter Zeuge anbot. Mit den beiden traten wir an den grünen Trautisch und legten vor zwei feierlichen Beamten das englische Traugelübde ab. Ich steckte Big den Ring an die linke Hand; wir erhielten eine Traubescheinigung, und die Zeremonie war zu Ende. Eben kam das Berliner Künstlerpaar zur Anmeldung auf das Amt. Seine Überraschung, daß wir schneller gehandelt hatten als es selbst, löste sich in herzliche Glückwünsche auf. Big war nun also auch vor den äußeren Gesetzen der Menschen mein Weib. »Frau Abigail Wildi,« flüsterte ich ihr zu. Mir antworteten stolze, verklärte Blicke und das Wort: »O, wie freue ich mich!« Himmel und Wasser! Nein, oft lagen Nebel über dem Meer, dann doch wieder das klare Blau. Rasch vergingen die Tage der Fahrt, umso rascher, als Big und ich die meiste Zeit mit nützlicher Tätigkeit ausfüllten. Am Vormittag war sie meine Lehrerin im Spanischen, das sie von ihrem Vater her ziemlich beherrschte; am Nachmittag lasen wir die klassischen Schilderungen Humboldts von Land und Leuten in Mexiko und taten unser Bestes, das Stammland Bigs, die es übrigens als Kind schon einmal gesehen hatte, wohlvorbereitet zu betreten. Big wünschte auch, daß mir die deutschen Dichter so lieb und vertraut würden wie ihr selbst. Sie neigte lebhaft zu Heine; da ich aber nicht einmal die Klassiker kannte, las sie mir meistens Schiller oder Goethe vor. Manchmal sammelte sich eine kleine Gemeinde von andächtigen Hörern oder Hörerinnen um die feinsinnige Vorleserin, darunter vielleicht einige, die nur die unverfängliche Gelegenheit suchten, dem jungen Weib ins geistvolle Antlitz zu sehen. Ihr innigster Bewunderer war aber Fritzchen, der kleine deutsche Pflanzersjunge von Kuba. Das nervös lebhafte Kind mit den strahlend klugen Augen war auf einer steten Jagd nach Big und nur etwas ruhig, wenn er sich an ihre Hand oder an ihr Kleid geklammert hatte. »Erzählen Sie mir, bitte, bitte, eine Geschichte!« bettelte er mit einem so feinen Stimmchen und einem so rührenden Ausdruck, daß ihm nicht zu widerstehen war. Allmählich erregte seine schwärmerische Anhänglichkeit an Big das Mißfallen der Eltern. Der Vater hielt ihn mit einer scharfen Zurechtweisung von meiner Frau zurück; der aufgeregte Junge aber wälzte sich, Schaum auf den Lippen, in nervösen Krämpfen und schrie nach Big. In ihren Augen blitzte das Diamantfeuer zornig auf; mit dem Knaben leidend, zitterte sie. Ich versuchte sie zu trösten und zu beruhigen. In warmer Gemütswallung erwiderte sie: »Jost, du weißt es gar nicht, wie lieb ich die Kinder habe, gerade auch diesen Jungen, der mehr aus Seele als Körper besteht! Warum? Weil ich Nachlese der Kinderzeit halten muß! Ich erzählte dir ja, daß ich als Kind stets nur von Erwachsenen umgeben war, keine Geschwister und keine Gespielinnen besaß und also um das reinste Glück der Jugend gekommen bin. Am Ende meiner Wanderjahre erlebte ich eine Zeit, in der mich der Gedanke an die Ehe aufs heftigste abstieß. Freilich, was für Männer kannte ich damals? Dich nicht! Goldene Jugend! Das heißt: vornehme Toren, Schmeichler, Tagediebe. In die Widerspenstigkeit gegen die Ehe aber mengte sich mir stets die Erwägung: Verzichtest du, dann wird dir auch die Wonne eigener Kinder nicht zu teil! Ich hätte mich in der Hoffnung auf Kinder beinahe entschließen können, meine Hand einem ungeliebten Mann zu reichen. Daraus siehst du, wie ich sie liebe!« Der kleine, aufgeregte Junge hatte sich im Arm der schwarzen Dienerin beruhigt. Big aber ließ die Saite fortklingen. In verhaltener Glut kam's von ihren Lippen: »Jost, nun du mein lieber Mann bist, habe ich nur die einzige Herzensbitte an das Schicksal, daß es uns Kinder erleben lasse! Deine Kinder, meine Kinder! Die höchste Seligkeit des Weibes ist es, wenn es von einem starken, hochdenkenden Mann in Liebe Kinder haben und diese wieder zu starken, hochdenkenden Menschen erziehen darf. Das möchte ich erleben!« Lieblich röteten sich ihre Wangen über dem Bekenntnis, das sie in flüsternder Zärtlichkeit vorbrachte. Die Augen strahlten ihr sonnenhaft. Wie sie, gleichsam schon von junger Mutterahnung umwoben, schwieg, erschien sie mir als das anbetungswürdigste Weib; doch drängte mich ein plötzlicher Einfall zu einem Lächeln, und ich unterdrückte die Scherzfrage nicht: »Ja, Big, wir werden doch Luftschiffer? Wollen wir denn die Kinder einmal im Ballonkorb erziehen?« Sie spürte den Widerspruch, in dem sich ihre Lebenswünsche gefangen hatten; sie lachte mit mir und erwiderte nach einem Weilchen lieb und ernst: »Nein, wenn uns Kinder beschieden werden, greifen wir nicht zur Luftschifferei. Da erziehen wir sie in irgend einem stillen Winkel, damit sie wie alle glücklichen Kinder eine Heimat haben.« Ihre Seele klang mit ihrem Wort. »Einverstanden, Big!« versetzte ich. »Es liegt auch mir nicht so dringend an der Luftschifferei. Jedes Leben ist mir recht; nur ein Taugenichts ohne Beschäftigung, ohne Zweck und Ziel möchte ich nicht werden!« Angeregt plauderten wir über unsere Zukunft. In den Wogen ging die Sonne voll goldiger Pracht zur Rüste. Am Morgen traten andere Bilder und neue Betrachtungen in ihr Recht. Der kleine Freund Bigs siegte über seine Eltern und hing ihr wieder an Hand und Kleid. Schon war eine Woche vergangen, die Neufundlandwinde jagten eisig über Neck, das Vorgebirge Sandy Hook kündigte die Nähe der Neuen Welt. Ein schnellsegelndes Boot brachte uns den Piloten, Briefe und Nachrichten entgegen. Auch uns einen Brief! Don Garcia Leo Quifort, der Vermögensverwalter Bigs, schrieb ihr, wie sehr er sich freue, sie und mich in Mexiko zu bewillkommen. In Neuyork lag zwischen der Ankunft unseres Bootes und dem Abgang des Dampfers nach Havanna ein Aufenthalt von fünf Tagen. Ich sah die bleichen Yankees eilen und hasten, ihre innere Aufregung und ihren Gewinngeist, das amerikanische Leben, das beherrscht wird von den zwei Worten: »Time is money!« und »Help yourself!« Nun ging doch ein Hauch der Versöhnung mit dem Schicksal Duglörlis durch meine Brust. Wie furchtbar unglücklich hätte sie sich in diesem fieberhaften, aber herzankältenden Leben gefühlt! Ihr war in der Heimat wohler. In einem Hotel Neuyorks hatten Big und ich am Tag vor der Weiterfahrt den einzigen Zwist, auf den ich mich aus unserer schönen Ehe besinnen kann. Ich war eben mit dem Ordnen meines Koffers beschäftigt. Da kam sie in strahlender Frische von einer raschen Besorgung am Broadway. »Eine Viertelstunde, und ich hatte schon Heimweh nach dir!« grüßte sie, und ihr Blick flog über meine Dinge und Sachen. »Was hast du denn da für ein abgegriffenes und zerzaustes kleines Buch? Schau her, ein frommes Liederbuch!« Ihre Hände hielten das Kirchengesangbuch, das mir Duglörli bei meinem Abschied von Selmatt geschenkt hatte. Sie blätterte neugierig und eifrig darin. »Das Buch gehörte ja deiner Jugendgeliebten,« rief sie und wechselte die Farbe. »Ihr Name steht darin! Jost, darf ich das Buch fortwerfen? Es ist nicht einmal sauber; es trägt die Spuren und Flecke von Erde und Wasser.« »Laß es, Kind!« bat ich. Sie legte es mit einer verächtlichen Bewegung hin. Ich erzählte ihr die Geschichte des Buches, das den Bergsturz von Selmatt so merkwürdig überdauert hatte. »Auf der Unglücksstätte schenkte es mir Duglore. Es war das einzige, was sie noch aus dem Elternhaus besaß. Sie bat mich, daß ich es jede Nacht unter mein Kopfkissen lege. Es würde mir ein Schutz sein in den Gefahren der Welt!« »Ein Amulett!« knirschte Big in zorniger Bitternis. »Ich hasse das Buch! Darf ich es ins Feuer werfen?« Ihre Hand griff wieder danach. »Nein, Big!« versetzte ich ernst, »laß mir das Buch! Sei das Weib mit dem großen Zug, der mich stets an dir entzückt hat!« »Du kannst mir also das kleine Opfer nicht bringen?« grollte sie in blasser Empörung. »Niemals, Big!« antwortete ich fest. »Deine Bitte ist unverständig. Diejenige, die es mir geschenkt hat, hat weder dir noch mir ein Leides zugefügt. Darum kann sein Besitz auch keine Beleidigung für dich sein; wohl aber schädigte es meine Selbstachtung, wenn ich das Buch jetzt deiner Laune opferte. Ich werde also das kleine Denkmal meiner Jugendliebe weiter in Ehren behalten.« Als Big meine Festigkeit sah, traten ihr die Tränen der Kränkung in die Augen; sie schleuderte mir einen Blick voll bitteren Vorwurfs zu, warf den Kopf zurück und ging wie eine beleidigte Königin. So leicht sie sich aber, vom Augenblick bewegt, in eine lebhafte Empörung steigerte, war Big keine Grollerin. Sie kam nach einer Weile, bot mir herzlich gute Nacht, und von dem Zwist blieb in ihrem Wesen nichts zurück als noch ein die paar nächsten Tage andauernder feiner Ernst, als eine leise Traurigkeit, die ihr unendlich reizend stand. Ihre Liebe war nur umso zärtlicher; ihr Naturell forderte einen Mann, der den Mut hatte, zuweilen ihren Launen und Wünschen zu widersprechen. Unsere Unterhaltung griff nie mehr auf das Buch zurück. Erst später, ja erst kurz vor dem plötzlichen Tode Bigs, kam ich in einer der schwersten Stunden ihres und meines Lebens zu der Erkenntnis, daß es ein Glück für uns beide gewesen wäre, wenn ich das unschuldige Liebesunterpfand Duglores an ihre Wünsche dahingegeben hätte. XXIII Auf herrlicher Fahrt glitt der »Washington«, so hieß der Dampfer, der uns von Neuyork über Havanna nach Veracruz führte, drei Tage durch die Bläue des Golfstroms. In Sicht der Halbinsel Florida wandelte ich mit Big, die sich ermuntert hatte, auf dem Verdeck, und bis in die tiefe Nacht verspürten wir keine Müdigkeit. So über alle Beschreibung schön waren die Bilder des südlichen Meeres. Wie ein schwarzes Bahrtuch lagen die Wasser. Der Mond stieg und goß sein sanftes Licht wie aus einer Schale über die See. Unter dem Himmelsdom, der mit einer glänzenderen und reicheren Sternenwelt als in der Heimat besteckt war, erfunkelten phosphoreszierend die Wellen; zauberisches Meerleuchten ging über die Fluten, und um ihren Kreis wob sich der wundervolle Orangestreif, der See und Himmel schied. Ein Schiff mit vollen weißen Segeln zog heran – vorbei. Weich und warm wehte die Luft. Ich flüsterte Big zu: »Es gibt noch andere schöne Dinge als bloß die Luftschifferei!« Ein Seufzer glitt über ihre Lippen: »Vergessen wollen wir die Abrede mit Sommerfeld doch nicht!« Einen Tag später erblickten wir die Bergspitzen Kubas; in Havanna trennte sich Fritzchen, der kleine schwärmerische Freund, von Big. Endlich lag das ersehnte Ziel der Meerfahrt, der Hafen von Veracruz, vor uns. Die aufgehende Sonne überströmte den Schneegipfel des Pik von Orizaba und den Krater des Cofre de Perote mit ihrer Purpurglut, und im fernen Horizont blauten traumhaft die Kordilleren. Eine angenehme Überraschung! Don Garcia Leo Quifort hatte uns einen jungen Mann aus der Verwandtschaft Bigs, Don Joaquin Ribeira, mit einem Diener entgegengesandt, damit diese uns nach der Hauptstadt des Landes geleiteten. Wozu die unvergeßlichen Eindrücke der tropischen Landschaften, die wir durchreisten, die Ankunft im Hochland und die Stadt Mexiko schildern? Der Notar und Advokat Don Garcia Leo Quifort, der an dem Zocalo, dem Hauptplatz der Stadt, wohnte, empfing uns mit der liebenswürdigen Ritterlichkeit der Vornehmen seines Volkes. Der alte, doch rüstige Herr, kam Big mit offenen Armen entgegen, umschlang sie, neigte sein malerisches Zeushaupt auf ihre Stirn, küßte sie und umarmte sie wieder. »Mein Sonnenkind,« sprach er, »Sie haben sich so herrlich ausgewachsen, wie ich es damals dachte, als ich die Neunjährige auf den Armen tragen durfte! Es ist mir die größte Freude, daß ich Sie noch einmal sehen darf, das Glück meines Alters!« Wieder eine Umarmung! Da Big sah, daß mich der zärtliche Empfang, den ihr der alte Herr mit theatralischem Überschwang bereitete, nicht kränkte, fügte sie sich mit anmutiger Schelmerei in seine Freudenbezeigungen. Als sich Don Quifort zu mir wandte, lobte er die Wahl, die Abigail getroffen hatte, und sprach mit mir wortreich und in den blumigen Bildern des Südländers von den hohen Vorzügen meines Weibes, das ihn schon als Kind entzückt hätte. Die halb väterliche, halb galante Schwäche, die der edle Don Quifort mit dem Recht seines würdevollen Alters für Big an den Tag legte, gab uns oft heimlich zu lachen; im übrigen aber war der Notar ein ausgezeichneter Mann, der sein Bestes tat, uns den Aufenthalt angenehm zu bereiten. Wochen vergingen uns wie ein andauernder Sonntag. Das eine Mal galt es, ein Stiergefecht oder ein Theaterstück anzusehen, das andere Mal, die Einladungen zu den Verwandten Bigs zu erledigen, welche uns nach Landessitte vornehme Gastfreundschaft erwiesen, uns mit Pferden beschenkten, aus denen wir reiten lernten, die aber von dem nicht sprachen, was uns eigentlich ins Land geführt hatte. Das hatte wohl seinen Grund darin, daß alle wegen der alten Erbschaft miteinander in stillem Hader lagen. Endlich erfuhr ich so viel, daß sich die Silbermine, um die sich der Streit drehte, zu Marfil in der Nähe der Bergwerksstadt Guanajuato am Abhang der Kordilleren befand. Auf die Grube, die zu einem Sechzehntel Big gehörte, hatte eine kapitalkräftige Minengesellschaft ein großes Angebot gesetzt, und gerade die einsichtigsten unter den vielen mexikanischen Teilbesitzern waren der Ansicht, daß der Verkauf des von einem Pächter schlecht verwalteten Werkes das einzig Vorteilhafte sei. Das Mißtrauen der Verwandten untereinander aber lähmte ein entschiedenes Vorgehen. Des unfreiwilligen Müßiggangs wurde mir nach und nach zu viel; ich entschloß mich, das Besitztum aus eigener Anschauung kennen zu lernen, und ritt mit Big, die nicht allein bei Don Quifort zurückbleiben wollte, von zwei Dienern begleitet, in die Minengegend. In ein paar Tagen erreichten wir das malerisch über einer Schlucht aufgebaute Guanajuato und die in einer reizenden Berglandschaft gelegenen Gruben von Marfil, unter denen die unsere als eine der ergiebigsten galt. Empfehlungen von Don Quifort gestatteten uns den Zutritt zu der Mine, die mir die Erinnerung an das Bergwerk von Selmatt erweckte. An einem Bilde der heiligen Jungfrau vorbei geleitete uns der braune, mit einer Fackel ausgerüstete Führer auf großen, breiten Steinplatten in die weit gesprengten Gänge, deren Stille manchmal von huschendem Leben, dem schlürfenden Schritt gnomenhafter Gestalten unterbrochen wurde. Tiefer, immer tiefer führte uns die Wanderung in das wohl seit vielen hundert Jahren im Betrieb stehende Werk hinab; beklemmend feucht und warm umgab uns die mit schlechten Gasen gesättigte Luft. »Steigen wir eigentlich zur Hölle?« fragte Big mehr angstvoll als scherzhaft. Da, nachdem wir über eine Stunde gegangen waren, erreichten wir die Arbeitsstätte im grauenvollen Schlund. Vom schwachen, unheimlichen Licht einiger Fackeln überleuchtet, trieben zahlreiche völlig nackte Gestalten, an die hundert indianische Bergleute, ihre spitzigen Eisen in das Muttergestein. Ein Leben wie in der Gehenna! Als wir das Bild erst recht zu betrachten begonnen hatten, erscholl das Zeichen zum Rückzug. Eine Sprengung kam. Ein Lichtblitz, ein betäubender Schlag! Die Arbeitsstelle lag mit schimmernden Erzstücken wie übersät. Ein Aufseher leitete die Wägung und Schätzung des Gesteins und die Lastträger traten herzu, welche das Erz durch die schauerlichen Gänge, die wir niedergeschritten waren, nach den Amalgamwäschen vor dem Eingang des Bergwerkes zu tragen hatten. Die Lastträger aber, deren schlürfenden Schritt wir auf unserem Weg gehört hatten, waren Kinder – indianische Knaben und Mädchen von sieben Jahren an, die einen mit verkrümmtem, die anderen mit verschwärtem Rücken. Unter der Aufsicht einiger Greise beluden sie sich mit dem in Säcke gefüllten Gestein, setzten sich, ein Zug stummen hohläugigen Elends, in Bewegung und verschwanden im Dunkel der Gänge. Big stöhnte vor dem herzzerreißenden Bild der jugendlichen Märtyrer weh auf. Ich mußte die Halbohnmächtige stützen. »Auf diesem Weg kommt das Vermögen zu stande, aus dem ich bis dahin so leichtsinnig gelebt habe,« schrie sie leise. »Das Blut mißhandelter, unbeschreiblich unglücklicher Kinder klebt daran!« »Das war aber immer so,« erklärte uns der Führer, der die schmerzvolle Entrüstung meiner Frau nicht begriff. »Es wird aber anders werden, sobald die Mine unter die Leitung einer Gesellschaft gelangt, die über die gegenwärtigen Hilfsmittel des Bergwerksbetriebes verfügt,« versetzte ich, selber erschüttert. »Maschinen werden die Kraft der mißbrauchten Kinder ersetzen!« Da trafen mich die Augen Bigs, als seien ihr die Worte schon Erlösung, mit wahrhaft bewunderndem Blick. »Jost,« bat sie mit bebender Stimme, »dann biete deine ganze Kraft auf, daß die Mine verkauft wird. Ich will auch Don Quifort bereden. Die traurigen Kindergestalten verfolgen mich, bis es geschehen ist, Tag und Nacht!« Unser Leben hatte plötzlich einen hohen Zweck. Ich schrieb Kapitän Sommerfeld, daß meine Heimkehr zum Frühling nicht wahrscheinlich sei, und erhielt von ihm eine bedauernde, aber verständnisvolle Antwort. Als sie kam, war ich schon mitten in rastloser Tätigkeit, den Verkaufsvertrag zwischen den hadernden Mexikanern und der »Valencia«, wie die Bergwerkskompanie hieß, zu regeln. Die Mexikaner, die mich nur den »Kaufmann aus Hamburg« nannten, setzten unter der Führung Don Quiforts ein größeres Vertrauen in mich als in die nächsten einheimischen Vettern und Verwandten, die Gesellschaft aber war glücklich, den Mann gefunden zu haben, an dessen Wort sie sich halten konnte, und im Mai lag der Vertrag da. Big jubelte: »Und die Maschinen, die an die Stelle der armen Kinder treten sollen, stehen auch darin?« »Nein, Big,« mußte ich ihre Freude dämpfen, »das habe ich nicht durchsetzen können! Aber ich hoffe, daß es mir später gelinge, dem Mißbrauch der indianischen Jugend ein Ende zu setzen. Wir lassen unsere Luftschifferpläne fahren, es ist mir die Vertretung deiner Verwandtschaft und eine schöne kaufmännische Stellung in der Grubengesellschaft angeboten.« Die Tränen traten Big in die Augen: »O, ich liebe Mexiko nicht! Ich weiß jetzt, was Heimweh ist und sehne mich nach Europa. Ich habe mich schon so sehr auf die Rückkehr gefreut!« Sie rang einige Tage stumm nach einem Entschluß. Dann sagte sie mit einer stillen Freudigkeit: »Doch, Jost! Wir bleiben da. Ich weiß, daß dich eine angesehene Stellung gerade wie die angebotene am meisten beglückt. Wahrscheinlich kannst du darin das Los der mißhandelten Indianerkinder mildern, und dann, Jost – schenkt uns das Schicksal wohl selber ein Kind!« Ich blickte in unendlich gläubig emporleuchtende Augen und dankte Big für das feine Verständnis, das sie meinen tiefsten Wünschen entgegenbrachte. Es wurde mir Herzenssache, die Stellung zu erhalten. Sie wetzte die Scharte aus, die ich meinem Leben durch den Bruch mit Hans Konrad Balmer geschlagen hatte; sie gab mir wieder einen sicheren Boden und befreite mich von der schamvollen Notwendigkeit, vom Vermögen meines Weibes zu zehren, das mir allerdings seinen ganzen schönen Besitz mit der Freudigkeit eines Kindes geschenkt hätte. Ehrgeizige Träume verbanden mich mit der Minengesellschaft, die mir ihr Vertrauen zu erkennen gab. Da, auf der Höhe des Erfolges, trat mir ein junger, anspruchsvoller Mexikaner, jener Don Ribeira, der uns in Veracruz abgeholt hatte, feindlich entgegen und bewarb sich selber um die Stellung. Unter dem größeren Teil der Verwandtschaft Bigs erhob sich die Losung: »Warum der Fremde? Warum nicht das Blut von unserem Blut?« Ich erhitzte mich über dem stets schärfer werdenden Wettbewerb, und der freie, schöne Posten in Marfil erschien mir noch begehrenswerter. »Es gibt eine einfache Lösung in diesem Zwist mit Don Ribeira,« erklärte mir Don Garcia Leo Quifort, der mir schon wegen seiner väterlich zärtlichen Verehrung für Big mit dem Rat seiner großen Erfahrung zur Seite stand. »Werden Sie mexikanischer Staatsbürger! Legen Sie den Namen Wildi ab, der nicht gut in mexikanische Ohren klingt und Sie immer als Fremden verraten würde. Ich biete Ihnen den meinen an, der, wenn er auch französischen Ursprungs sein mag, doch einem der angesehensten Geschlechter des Landes gehört.« Er wandte sich auch an Big: »Eine Freude vor meinem Tod, Sonnenkind, wenn Sie meinen edeln Namen führen wollten.« Sie versetzte raschhin: »Wildi und Quifort sind in der tieferen Bedeutung fast dasselbe, und,« lachte sie mir fröhlich zu, »unter vier Augen bleibst du stets mein lieber Jost – mein Jost Wildi! Nenne dich also Quifort und du hast die Stelle.« Die Angelegenheit, die Big, das Weltkind, leicht nahm, legte mich schlaflos und drückte mich beinahe zu Boden. Ich lechzte nach der Stellung, aber die Heimat aufgeben, Mexikaner werden! Nun ja, was war mir das arme Bergtal drüben über dem Meer, das erschlagene Dach, das meinen Jugendtag behütet hatte? Um Duglores willen, die des Friedens bedurfte, mußte ich es ja bis ans Ende meiner Tage meiden. Und mein Bergland? Ich grub die Reste jenes harten, unglückseligen Briefes, den Befehl der Heimkehr, wieder hervor, den mir Landammann und Rat nach Hamburg geschickt hatten, und erstickte die weichen Stimmen, mit denen die alte Heimat in meiner Brust flehte: »Verrate mich nicht!« Ich steigerte mich künstlich in einen abgründigen Groll und Trotz und dachte mit böser Genugtuung daran, wie Landammann und Rat in Gauenburg sich kränken würden, wenn nun derjenige, dem sie unrecht getan hatten, das Heimatrecht von sich schleuderte. Das Gewissen aber schlug mich bei diesem Gedanken wie mit Ruten. Den ehrlichen, angestammten Vaternamen verlieren! Das war das Schwerste! Zu schwer für mich. Ich hatte den Namen »Jost Wildi«, der mich an das sagenhafte Volk meiner Vorfahren erinnerte, stets mit Liebe und Stolz getragen. Wie bewegt mein Leben gewesen sein mochte, es klebte kein Ehrenmakel an ihm. Ich spürte, wie der Name ein Teil meiner selber war, wie ich nicht mehr der gleiche Mensch wäre, wenn ich ihm entsagte. Und kein Besserer! Ewig müßte ich mich vor dem Andenken meines Vaters und meiner Vorfahren schämen. Mir war, der Vater müßte sich im fernen Grab regen, und am Feuerstein führen die Geister der Wildleute empor: »Unsegen und Schmach auf den Entarteten!« – Da besuchte mich der Vorsitzende der Minengesellschaft, Don Moreno, ein mexikanisierter Belgier. »Sie sind unser Mann,« ließ er seine Überredungskünste gegen meine freimütigen Bedenken spielen. »Es liegt uns daran, Ihre hervorragende Kraft zu gewinnen; vornehmlich aber wollen wir durch die prächtige Stellung, die wir Ihnen anbieten, verhüten, daß ein Stück altes, faules Mexiko in unsere Gesellschaft eindringt. Wir kennen die Sippe! Gewähren Sie ihr die Einräumungen, die ihrem übertriebenen Nationalstolz schmeicheln. Sie sind hier in der Neuen Welt! Da geht vieles leicht, was in der Alten schwer geht. Was ist eine Staatsangehörigkeit, ein Name? Sie kennen wohl das Sprichwort der praktischen Römer: ›Wo es dir gut geht, ist dein Vaterland!‹ Dafür, daß es Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin in unserer schönen Minenlandschaft gefällt, wollen wir sorgen. Es gibt ein Einleben und Wurzelschlagen, Herr Wildi! Ich stelle mich Ihnen als Zeuge vor. Ich tat, was Sie jetzt tun sollten. Sehe ich aus wie einer, der bereut? Der Name? Er ist Schale, der Mann ist Kern! Bedecken Sie den Namen Quifort mit einer glücklichen Tätigkeit, mit einem raschen Vorwärtskommen, und er wird Ihnen bald lieb sein!« »Gedenken Sie, die Kinderarbeit in der Grube, die ehemals uns gehörte, abzuschaffen?« fragte Big, die unserer Verhandlung beiwohnte. Don Moreno verneigte sich. »Gnädige Frau,« lächelte er, »es wird eine der ersten schönen Pflichten Ihres Herrn Gemahls sein, mit uns die Mittel zu beraten, durch die der ebenso altväterische wie grausame Kinderbetrieb in technisch geeigneter Weise zu ersetzen ist.« Big sah mich mit einer großen, stummen Bitte an. Das war der Augenblick, in dem ich schwankte, in dem ich fiel. In tiefer Beschämung gestehe ich es: Ich willigte ein, für die Stellung Heimat und Name zu lassen. Verwirrt durch das süße Flehen der blauen Augen, beging ich die große Torheit. Wie Don Moreno gegangen war, kam die Reue. Es war zu spät! Dem starken Jost Wildi aber, der im Begriffe stand, seinen Namen zu verlieren, drängten sich die Tränen in die Augen, und gegen den abgrundtiefen Schmerz, den ich empfand, waren die liebkosenden Worte Bigs und der Gedanke, ich könne vielleicht etwas Menschenfreundliches für die armen Indianerkinder tun, ein kleiner Trost. Ich wußte nur, daß ich mit meiner Zusage gehandelt hatte wie Esau, da er Jakob sein Erstgeburtsrecht um ein Linsengericht dahingegeben hatte, daß ich etwas verlor, was für den Menschen so köstlich wie der Boden ist, auf dem er geht, und das Licht, in dem er atmet. Ehe ich recht zur Besinnung kam, erhielt ich auf mein Versprechen hin den Posten in Marfil, und Don Garcia Leo Quifort, der sich mit der Eitelkeit des verliebten Alters freute, daß nun Big seinen Namen tragen würde, besorgte ohne mein Dazutun die mexikanischen Papiere. Es war aber einer der schrecklichsten Tage meines Lebens, als mich nach einiger Zeit ein amtliches Schreiben aus Gauenburg erreichte, ich sei nach Form und Rechten aus dem Verband des Volkes meiner Heimat entlassen. Da stand noch einmal der Name »Jost Wildi«. In den Ungewittern, die durch meine Seele gingen, erschien ich mir wie der Verworfene, der die Hand ins Mutterangesicht geschlagen hat, und in wallenden Stößen spürte ich, daß, wer der Heimat weh tun will, am stärksten das eigene Herz züchtigt. Nun war ich der Fremde in der Welt; ich wußte aber schon, daß einmal der Tag kommen würde, wo ich am Saum der Heimaterde knieen und beten würde: »Vergib dem ungetreuen Sohn!« – Tag und Jahr, Jahr und Tag, die Stunde kam. Als uns eine Woge des Schicksals wieder in die Alte Welt warf und scheinbar begrabene Pläne zur Frucht reiften, behielt ich aus guten Gründen den mexikanischen Namen bei. Ich würde aber niemand raten, meinem Beispiel zu folgen. Es ist eine stete Lebenszerrissenheit, wenn man Jost Wildi ist und Leo Quifort heißt. Silvesternacht – neues Jahr! Als die Glocken, die ich nicht hören konnte, durch die Mitternacht der Tiefe gingen, beleuchtete ich das Observatorium mit bengalischen Flammen und ließ vom Gipfel Raketen in das Schweigen der Sterne steigen, drei zum Abschied dem alten, drei zum Gruß dem neuen Jahr. Die Zeichen sind bemerkt worden. Da und dort hob sich aus den Dörfern unter dem Feuerstein zur Erwiderung ein Licht in die Nacht und brachte mir, dem einsamen Wetterwart, die guten Wünsche der Menschen. Am stärksten habe ich mich an den Feuern in der Talspalte von Selmatt gefreut. Meine Gedanken waren ganz bei euch, mein Hans und meine Gottlobe. Möge das Jahr euch an das Ziel eurer Liebe führen! Mit pochendem Herzen erwäge ich die Frage, lieber Hans, ob wir uns morgen die Hände drücken dürfen? – – Abgeschlagen! – Kurz nach neun Uhr schon sah ich Hans mit mehreren Männern gegen den Bösen Tritt heransteigen und vor den jäheren Felsen des Gipfels rasten. Ein gegenseitiges Winken, der Versuch aber, uns durch Rufe verständlich zu machen, scheiterte an der großen Entfernung. Ich sah noch, wie die Männer Seile, Stangen und Leitern für den Kampf mit den Wächten, den überhängenden Schneeflügeln, rüsteten. Zeuge jedoch ihres heldenmütigen Ringens konnte ich nicht sein, da die Felsen unter dem Gipfel zu abschüssig sind. Unter Martern der Spannung verbrachte ich die Stunden. Kein Lebenszeichen! Da hielt es mich nicht mehr. Ich versuchte den Männern mit meinem Hinkebein talwärts entgegenzusteigen. – – Nein, ich mag den Tag mit seinem Hangen und Bangen gar nicht schildern. Um drei Uhr kamen die Männer wieder am Bösen Tritt zum Vorschein; in ihrem Gang lag die Entmutigung. Sie winkten, sie rasteten und traten den Heimweg an. Hans, der am Morgen der Truppe vorangestiegen war, schritt nun hinter den anderen her. Von Zeit zu Zeit stand er still und schaute nach dem Feuerstein. Ich beobachtete den müden Zug bis in die Dämmerung. Als ich ihn nicht mehr sah, war mir furchtbar traurig und öde zu Mut. Ja, Hans, wir hätten miteinander sprechen sollen, du mit mir und ich mit dir, und ein Wort von Gottlobe hätte mir das Gemüt erhoben. Was nun? Dich trotz der großen Enttäuschung in Geduld fassen, Wetterwart, den traurigen Neujahrstag verwinden und schreiben – schreiben! Meine Heimatuntreue brachte mir und Big kein Glück. Der mexikanische Traum dauerte nur so lange, als ich brauchte, um mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, ich sei nun Leo Quifort, der jüngere. Wenn ich mich jemand unter diesem Namen vorstellte, würgte es mich im Halse und bei mir selber dachte ich schamvoll: Wie lügst du, Jost Wildi! Allmählich aber gewöhnte sich das Ohr an den neuen Ruf, und als ich mich mit der Veränderung meiner Heimatangehörigkeit und meines Namens an der Oberfläche der schmerzlich bewegten Seele etwas abgefunden hatte, gewann ich den Aufenthalt in Marfil sehr lieb. Mein Posten bot mir eine angenehme kaufmännische Betätigung, und wir wohnten sehr hübsch. Unsere kleine Villa blickte zwischen den schmucken Landhäusern anderer Bergwerkbeamten hervor von schwellender Anhöhe in das malerische, von einem hellen Fluß durchströmte Tal. Um uns lagen trotz des frischen Bergklimas schöne Gärten, und die Tage und Nächte wanderten wie einst in Selmatt über hohe, schroffe Gipfel, die sich am Morgen und Abend mit Alpenrosenglut umkränzten und Schneeleuchten ins blühende Tal ergossen. Es kamen Augenblicke, Stunden, Tage, an denen ich mir sagte, daß ich meine Stellung nicht zu teuer bezahlt hätte, befreit aufatmete und mit dem Herzen glaubte, daß uns ein ruhiges Einleben in die Verhältnisse der Bergwerkgegend beschieden sei. In einer dieser Glücksaufwallungen widerstand ich der Lust nicht, Hans Konrad Balmer durch einen Brief vom Umschwung der Dinge Kenntnis zu geben und ihm zu erzählen, wie sich der ehemalige Jost Wildi nach den Wirren von Hamburg nun doch, wenn auch mit dem schweren Opfer innerer Güter, auf einen schönen Lebensposten emporgerungen habe. Eine überraschend liebenswürdige Antwort kam. Er sei gewiß, schrieb Balmer, daß ich mir in den neuen Umständen eine reiche, schöne Welt zu schaffen vermöge; über die Opfer sollte ich mich trösten, denn jeder, der vorwärts kommen wolle, zahle den Erfolg mit Herzblut. Der Brief, in dem eine »höfliche Empfehlung an die Frau Gemahlin« nicht fehlte, schloß eine heimliche Wunde und war mir etwas wie eine Bürgschaft, daß unser Leben in Marfil Wurzeln schlage. Warum nicht? Selbst Big versöhnte sich mit dem Gedanken, daß ihr Stammland nun unsere Heimat sei. Sie versenkte sich in die merkwürdige Geschichte der Entdeckung und Eroberung Mexikos, in die bis zur Gegenwart bewegten Schicksale des Landes und gewann umsomehr Teilnahme dafür, als wir auf ein paar gelegentlichen Reisen manches von den überraschenden Denkmälern und Ruinenstädten sahen, die von der hohen Kultur der erschlagenen Urvölker Kunde geben. »Mein Vater ließ mich darüber ganz in Unwissenheit; nun aber glaube ich selber, daß ich unser Land liebenlerne!« versetzte sie. »Ein Hauch der Poesie und Kunst weht ja doch darüber hin.« Leider waren die guten Stunden, in denen Big ein wärmeres Gefallen an Mexiko fand, nicht häufig. Obgleich sie wegen ihres Geistes, ihrer Bildung und ihrer Weltkenntnis der Liebling der vornehmen Gesellschaft von Marfil war, verletzte sie manchmal den empfindlichen Stolz der mexikanischen Herren und Damen durch Vergleiche des Landes mit Italien, die stets zu Ungunsten der neuen Heimat ausfielen. Daraus spürte ich, wie ihr geheimes Sehnen doch nach Europa stand. Und manchmal war sie eine ernste, sehr ernste Big. »Sei doch wieder das übermütige, frische, freifrohe Weltkind, mit dem ich von Hamburg in die Vierlande hinausgeschwärmt bin,« bat ich. Sie erwiderte mit einem süßen »Jost«, und wenn ich müde von den Geschäften unser reizendes Heim betrat, eilte sie mir mit dem jubelnden Ruf »Jost Wildi! – Jost Wildi!« entgegen, damit ich mich am alten, trauten Namen erfreue. Auf ihren Wangen aber lagen die Spuren heimlicher Tränen. Meinem Weib fehlte ein Kind! Ich selber hatte den Herzenswunsch, daß das Spiel eines Knaben oder Mädchens uns enger mit der mexikanischen Erde verbinde, aber so traurig wie Big konnte ich über die unerfüllte Hoffnung nicht sein. Ihr Schmerz war tief und stumm; nur einmal bebte es in zitternder Begierde von ihren Lippen: »Wie beneide ich jenes Bettelweib – es hat ein Kind!« Wenige Wochen später, nahe der zweiten Weihnacht, die wir in Mexiko verlebten, ereignete sich in einer der Minen unserer Gesellschaft ein schwerer Unglücksfall. Ein Irländer, der eine untergeordnete Ingenieurstelle bekleidete, wurde das Opfer eines zu früh losgegangenen Schusses. »Er hinterläßt niemand als ein zweijähriges Kind,« hörte ich die Arbeitsleute sagen. »Die arme Kleine! Sie hat kürzlich auch ihre Mutter verloren!« Ich suchte das Kind mit der Absicht auf, es in die Fürsorge Bigs zu bringen, getraute mich aber kaum. Das arme Wurm war häßlich, fast nur Haut und Gebein und nicht sehr gesund. Mit den Worten: »Da ist ein Weihnachtsgeschenk für dich!« überreichte ich Big zaghaft das gebrechliche Geschöpf. Sie verzog bei seinem Anblick den Mund; bald siegte aber das weibliche Erbarmen, und als die blöden Augen des Kindes sich vor einem kleinen Weihnachtsbaum doch mit schimmernder Freude füllten, da hatte es die Liebe Bigs gewonnen. Maud, so hieß das Geschöpfchen, erfuhr die Pflege eines eigenen Kindes, aber gedeihen und aufblühen wollte sie nicht, und ihre einzige Hübschheit war ein stummer, dankbarer Blick für erwiesene Güte. Im folgenden Herbst begann sie zu kränkeln. »Lebensschwäche!« versetzte der Arzt schulterzuckend. Nun sammelten sich alle Gedanken Bigs darin, die Kleine, die sich nicht entwickeln konnte, dem Tode zu entreißen. Ihre Hingabe war zäh und rührend; als es aber wieder Weihnacht wurde, lag Maud neben dem Weihnachtsbäumchen in einem kleinen Sarg. Der an sich unbedeutende Sterbefall, der sich hatte voraussehen lassen, erschütterte Big mit einer unheimlichen und mir unverständlichen Wucht. »Ich hoffe doch, Maud findet bald eine Nachfolgerin in einem uns eigenen und lieblicheren Kind,« ermunterte ich das blaß vor sich hinstarrende Weib. Da fuhr sie mit schmerzverzerrtem Antlitz empor: »Wo denkst du hin, Jost?« stöhnte sie. »Ich ein eigenes Kind, wenn selbst die fremden, die ich berühre, verderben! Ich weiß es, jedes Kind, das mir lieb wird, muß sterben!« Die krampfhaft emporgerichtete Gestalt war das Bild trostlosen Entsetzens. »Du bist selber krank, Ärmste, wie kämst du sonst auf so schreckliche Gedanken,« versetzte ich. Unter meinen Liebkosungen löste sich ihr starrer Schmerz in weiche Tränen auf. »Ja, Jost, ich bin sehr krank,« schluchzte sie und hielt meine Hand in der zuckenden ihrigen. Ins Herz erschreckt, berief ich einen hervorragenden Arzt. Nachdem er Big einige Wochen beobachtet hatte, war sein einziger Schluß: »Wenn Ihnen Ihr Weib lieb ist, kehren Sie mit ihr nach Europa zurück. Ihre Gemütserschütterung wird hier nicht besser!« Ein Blitzschlag aus heiterem Himmel, eine Zertrümmerung meiner weit ausgreifenden Pläne! Ich rang. Hatte ich mein Heimatbürgerrecht, meinen Namen bloß darum an die mexikanischen Ansprüche dahingegeben, daß ich das Land, in dem ich mir eine eigene Welt schaffen wollte, so bald wieder an das weite Ungewiß tauschte? Hatte ich das kleine Wurm zu Big gebracht, damit es mir das mühsam erkämpfte bißchen Frieden entreiße? Zwei Umstände zwar versöhnten mich ein wenig mit der Heimtücke des Schicksals: halbseitig gelähmt lag der Mann, der mir um Bigs willen großmütig seinen Namen geliehen und meine Bestrebungen stets geschützt hatte, in der Auflösung begriffen, und manche Verwandten Bigs, die vorher mit mir gute Freundschaft gehalten hatten, zogen sich unter der Anschuldigung von mir zurück, ich hätte ihre Vorteile bei der Betreibung des Minenverkaufs nicht genug gewahrt und mir nur die schöne Stellung erobern wollen. Schon nach wenigen Tagen war kein Zögern mehr. Ich traf Big, vor der Goethes Gedichte lagen, in einer grenzenlosen Erregung; den Finger auf ein Blatt gelegt, starrte sie und erschrak mit einem Schrei, als sie sich von mir überrascht sah. »Was grübelst du denn, arme Big?« forschte ich. Sie blickte unendlich verwirrt und hilflos; sie bat: »Jost, laß mich ein wenig allein!« Als sie aber meinen Blick auf sich ruhen fühlte, hauchte sie stammelnd, doch verständlich: »Alle Schuld rächt sich auf Erden!« Ich blickte sie nur in banger Frage an; ein alter schwerer Verdacht aus dem Krankenhaus in Hamburg stieg in mir empor. Da geriet sie über meine forschenden Augen vollends aus der Fassung. Jäh stöhnte sie empor: »Jost, denke an die armen gemarterten Kinder im Bergwerk! Warum hat mein Vater sein Land lassen und wie Ahasver durch die Länder irren müssen? Warum bin ich ein unfruchtbares Weib? Ist das nicht der Fluch der mißhandelten indianischen Jugend, aus deren Qual wir lebten. Ergründen lassen sich ja die Zusammenhänge des Schicksals nicht. Mir aber dämmert doch die Erkenntnis! Die Direktoren sagen, die Not der Kinder sei gelindert worden. Wer weiß, ob es wahr ist? Eure Maschinen sollen in drei Jahren kommen. Wahrscheinlich sind sie in fünf noch nicht da!« Ihre Sprache hatte einen leidenschaftlichen und hinreißenden Klang; ihre Gestalt erbebte in zuckenden Wallungen, und in ihren Augen sprühte das Blitzfeuer. Im stillen bat ich mein edles Weib um Verzeihung wegen meines häßlichen Verdachtes. »Big, wünschest du mit mir nach Europa zurückzukehren?« fragte ich ergriffen. Sie horchte überrascht empor, über ihr bleiches, vergeistigtes Antlitz begann ein traumsüßes Lächeln zu spielen. »Ja, Jost!« hauchte sie herztief und neigte ihr Haupt auf meine Schulter. »Sommerfeld hat mir geschrieben«, fuhr ich fort, »daß er die letzte Tournee als Luftschiffer antritt. Wollen wir seine Schüler werden?« »Ja, Jost!« stammelte sie, von meinen Worten wie von Märchentönen berauscht. »Ich war nie so selig wie mit dir im Luftschiff!« »Und bist du dann wieder meine fröhliche Big wie in den Hamburger Tagen?« »Ich will vergessen, daß es auf Erden so Schweres wie die indianischen kleinen Minensklaven gibt,« flüsterte sie, »und nur daran denken, wie unendlich gütig du zu mir bist, mein Jost! Ich weiß es wohl, du wärest lieber in Marfil geblieben – doch will ich in Europa wieder dein fröhliches Weib sein! Ich schulde es dir!« Ihre Augen strahlten mir wie zwei Sonnen entgegen. Ein herzaufwühlender Entschluß! Ich besaß aber auf der Welt niemand als Big und hatte mein Weib über alles lieb. Es war Anfang April, als wir die Minenlandschaft von Guanajuato verließen und uns nach Europa einschifften, ich in heißerem Weh, als Big ahnen durfte. Die Aufgabe der Stellung in Marfil war der endgültige Bruch mit dem bürgerlichen Leben, das ich im Grunde am liebsten geführt hätte. Aus zornigem Humor über den Zusammenbruch der Lebenspläne, die ich in Marfil gefaßt hatte, aus etwas Neigung und aus innigster Liebe zu meinem Weibe wandte ich mich der Luftschifferei zu. Mein lieber Hans! Es hat nie einen Luftschiffer Jost Wildi gegeben, aber einen Luftschiffer Leo Quifort. Horche hinaus in die Welt! Obgleich sie schnell vergißt, leben in weiten Ländern und vielen Städten der Leute noch genug, die sich an den klangvollen Namen erinnern. Sie werden dir sagen: »Er war der vorsichtigsten und kühnsten Fahrer einer. Er besaß ein wunderschönes Weib. Die beiden waren ein vornehmes Artistenpaar, auf das nicht der Schatten eines Makels fiel. Es fehlte nicht an Frauen, die den stolzen Kapitän Leo Quifort heimlich mit verführerisch heißen Blicken umwarben, und nicht an Männern, die für ein kleines vertrauliches Lächeln Big Quiforts ihre Ehre hingegeben hätten. Der Kapitän übersah die heißen Blicke der Frauen mit einem weltgewandten Scherzwort, und ein einziger hochmütiger Blitz aus den Augen Big Quiforts ließ die Männer in einer Niederschmetterung davongehen, daß sie sich ihr nicht wieder zu nahen getrauten. Nie hat sich ein Mann oder ein Weib zwischen das Paar zu drängen vermocht, das in enger Treue zusammenhielt. Eines Sommers aber zog der mexikanische Luftschiffer doch allein durch die Welt. Es liefen darüber allerlei Gerüchte. Der Kapitän selber widerlegte keins der vielen Märchen, die das Verschwinden Big Quiforts und sein weiteres Leben begleiteten, und wurde immer mehr Philosoph.« So, mein Hans, wirst du ungefähr hören, wenn du in den großen Städten nach Leo Quifort fragst. Warum ich als Aeronaut nicht auf meinen lieben, alten Namen Jost Wildi zurückgriff, warum ich bei Leo Quifort, dem unterlegten Namen, blieb, den ich nie recht habe leiden mögen? Ich schämte mich vor dem Gedanken, die alte Heimat könnte je erfahren, daß ich, der Sohn des ehrbaren Bauers und Tafelhändlers Klaus Wildi von Selmatt, in den Stand der Abenteurer und des zigeunernden Künstlervolkes eingetreten sei. Meiner Big aber habe ich damit eine Lebenswohltat erwiesen. Im Luftschiff läßt sich vieles vergessen, und das freie Leben eines Wandervogelpaares löste den dunkeln Bann, der ihre Seele in Marfil umkrallt hatte. Sie hielt ihr Versprechen; sie wurde wieder mein fröhliches Weib, ein heiteres Kind der Welt, das nie unter den Menschen erschien, ohne ihr Wohlgefallen, ihre Bewunderung, ihre Teilnahme zu erregen. Ein fröhliches Weib? Ich überlege träumerisch, ob ich die Wahrheit niederschreibe. – Leis rauschen die Zypressen am Meer. Ich weiß nun sicher, daß der Fremde, den ich ein paarmal ins Tal von Selmatt schreiten und in das Haus Hangsteiners treten sah, der Arzt aus Zweibrücken war, und ahnte es schon vorgestern morgen, daß Hangsteiner, der seit einiger Zeit kränkelte, gestorben ist. Dunkle Gestalten machten Besuch im Haus. Gestern abend war jeder Zweifel gehoben. Neben dem schlichten Kirchlein, das sich an der Stelle des ehemaligen stattlichen Gotteshauses von Selmatt erhebt, schaufelten und sprengten zwei Männer ein Grab in den Schnee und in den Grund der Erde. Der Gefühlssturm, der sich meiner bei dem winterlichen Bilde bemächtigte, war so groß, daß ich meine Lebensblätter ruhen ließ. In Schauern überfiel mich der Gedanke an die Hinfälligkeit der menschlichen Natur; eilends ordnete ich manches, was nach meinem eigenen Tod nicht im unklaren liegen darf, siegelte die Briefe, die über mein Vermögen Auskunft geben, und vernichtete, was nur Zeugnis der menschlichen Schwächen und Leidenschaften ablegt, eine Reihe Bilder und Briefe von Frauen, die weder Duglore noch Abigail hießen. Obwohl wir keine Freunde waren, hätte ich Hangsteiner ein längeres Leben gegönnt. Das Grab versöhnt den Groll, der uns trennte. Ich habe heute seiner Bestattung beigewohnt. Als die Stunde da war, schritt ich im dunkeln Feiergewand auf den Gipfel, und als im Tal das Häuflein schwarz gekleideter Menschen, die Selmatter und etwas Zuzug von Zweibrücken, den Verstorbenen begleiteten, zog ich den Hut und ließ mir die Wintersonne aufs Haupt scheinen. Im Geiste folgte ich der Abdankungsrede des Zweibrückner Geistlichen, der den gelegentlichen Dienst im kleinen Gotteshaus versieht und hielt dem toten Widersacher stummen Nachruf. Er hatte vor demjenigen des Pfarrers den Vorzug, daß darin der einzigen sonnenhaften Tat, die den verknorrten und verzwängten Lebenslauf des Selmatter Hofbauern schmückte, herzlich gedacht worden ist. Die Tat der Rettung Duglores aus höchster Not wurde in der Heimat nie bekannt. Das Paar warf einen Schleier über die schweren Tage von Hamburg, und als das Kind zur Welt kam, lebte das junge Ehepaar mutterseelenallein in der großen Abgeschiedenheit der Bergsturzstätte von Selmatt. Wer kümmerte sich um seine Liebesgeheimnisse? Hangsteiner ließ das Weib, das er sich so schwer erkämpft hatte, vor dem Volk der Heimat nicht in Schande kommen. Nachdem Duglore ihre Mutterstunde überstanden hatte, ging er nach Zweibrücken auf die Kanzlei der Gemeinde und sprach: »Ich hätte ein Kind in das Geburts- und Bürgerbuch zu melden. Sein Vater bin ich, Melchi Hangsteiner von Selmatt, seine Mutter ist Duglore Hangsteiner, geborene Imobersteg!« »Sein Vater bin ich, Melchi Hangsteiner!« Das war eine grobe Täuschung an Recht und Gesetz. Die jeder Verstellung unfähige Duglore hat ihren Mann nicht dazu angestiftet; in ihrer großen Not und Sorge hat sie aber stillschweigend geschehen lassen, daß er sein in Hamburg begonnenes Liebeswerk in Zweibrücken vollendete. Das Wort »Sein Vater bin ich« umgab ihr Leben wieder mit der Luft der Ehrbarkeit, ohne die sie erstickt wäre; es schenkte ihr den Frieden und die Ruhe des Gemüts. Die Todwunde genas, und dem Himmel für die Erlösung aus dem Abgrund, in den ich sie gestürzt hatte, dankbar, nannte sie das Kind Gottlobe. Ich kann mit Duglore und Hangsteiner nicht rechten. Ohne den aufopfernden Entschluß des Bäuerleins im Selmatter Tal hätte sie wohl den Tod in der Elbe gesucht, ehe ich, von meinem Schiffsdienst zurückgekehrt, das verderbliche Netz eines Weibes hätte zerreißen können, das im Liebeswahnsinn wie eine Verbrecherin handelte. Darum erscheint mir die Tat Hangsteiners wie eine Schicksalsbarmherzigkeit nicht nur an Duglore, sondern an mir selbst, und größer als die Liebe, die ich Big erwies, indem ich sie aus Mexiko in die Alte Welt zurückführte. Hangsteiner erzog Gottlobe in allem und jedem wie sein eigenes Kind, und niemand hat je daran gezweifelt, daß sie seine Älteste sei. Wenn man ihr nur amtliche Papiere unter die Augen halten kann, ist die Welt blind, läßt sie sich das Stärkste gefallen. Sie nahm es als selbstverständlich, daß ich, Leo Quifort, Mexikaner sei. Nun, als Abkömmling der Wildleute, konnte ich wohl für einen Südländer gehalten werden. Wie aber konnten die Menschen Gottlobe für das Kind Hangsteiners nehmen? Ist denn je eine Rosenknospe aus hagebuchenem Stamme aufgegangen? Ein Blick auf die nachgeborenen Kinder Duglores, und die Besucher des Selmatter Tals hätten vor dem heißen Augenpaar Gottlobes stutzen müssen. Keiner stutzte, nur Hans, als er mich im letzten Herbst auf dem Feuerstein besuchte. Das hat mir den jungen Mann noch besonders lieb werden lassen. Melchi Hangsteiner! Ich werfe dir keinen Stein ins Grab nach. Daß du mich haßtest, begriff ich stets. Du hast aber bis zur Unbegreiflichkeit edelmütig an Duglore gehandelt; du warst Gottlobe ein getreuer Vater, und weil du doch nur ein im Tal von Selmatt verknorrtes Bäuerlein gewesen bist, will ich es dir verzeihen, daß du, vielleicht bestochen von etwas Vermögen, mein Kind in die Arme des Viehhändlers von Zweibrücken hast drängen wollen. Die Scholle an der Seite deines Weibes Duglore sei dir leicht, und das ewige Licht leuchte dir! So hielt ich auf dem Gipfel in starker Bewegung Gespräch mit mir selbst und die Grabrede auf den Verstorbenen. Als ich sah, daß sich das Häuslein Leidtragender von dem schneebedeckten Gottesackerchen im tiefen Grund verlor, stieg ich ins Observatorium zurück, und erst jetzt wagte ich zu überlegen, welche Folgen der Tod Hangsteiners für Gottlobe, für Hans und für mich haben wird. Ich kann mir nicht helfen, mit dem Tod Hangsteiners ist doch ein Sonnenstrahl reiner Freude in meine große Wintereinsamkeit gefallen. Mein Paar darf seine junge Liebe hinaus in den Lenz tragen, und ich bin von dem schweren Versprechen, das ich in die Hand Duglores gelegt habe, entbunden. Ich darf reden, ich darf schreiben, das Geheimnis, das über dem Haus Hangsteiners schwebte, lösen und einmal die Blätter meines Lebens, meine Beichte, unbedenklich in deine Hände legen, Hans! So will ich mit starkem, friedlichem Herzen dunkeln Stunden, erschütternden Tagen in meiner Rückschau entgegengehen. XXIV Ich wurde Mitte Mai der Schüler Sommerfelds. Luft, Sonne, Freude, das heilt ein krankes Herz. Die Seele Bigs war mit jubelnder Teilnahme bei meinem neuen Berufe. Bis der Tod mir die müden Augen beschattet, werde ich das begeisterte Antlitz, den freudigen Stolz nicht vergessen, mit dem sie an meiner Seite im Korbe stand, als ich den ersten selbständigen Aufstieg des »Saturns« leitete. Als sich Sommerfeld auf den Herbst in den Ruhestand, zu Fischerei und Jagd ins bayrische Oberland zurückzog, erwarben wir aus Dankbarkeit gegen ihn und dem besonderen Vertrauen, das wir in den Ballon setzten, den »Saturn« als eigen. Ehe wir aber mit ihm in die Welt zogen, verlebten wir einen angenehmen Winter in Paris. Was es an Theorien der Luftschiffahrt zu erlernen gab, erwarb ich mir in der Stadt, die vor einem Jahrhundert den ersten Ballon über die Dächer fliegen sah und seither ihre führende Stellung in der Aeronautik behalten hat. Unendliche Hoffnungen hefteten sich an jenes erste Luftschiff, an das mit Flügeln geborene Kind, das den Ikaruswünschen der Menschheit Erfüllung verhieß. Schon als Lernender erkannte ich aber, wie sehr der Ballon, den ein volles Jahrhundert nicht wesentlich hat zum Gehorsam erziehen können, ein launisches Geschöpf, ein trotz allen Formeln nur halb zu berechnendes Spiel der Luft ist; soweit es indessen eine allgemeine Wissenschaft und Technik der Luftschiffahrt gibt, habe ich vor den französischen Meistern die Prüfung als Aeronaut abgelegt. Mehr als eine Wissenschaft ist die Luftschiffahrt eine Talentsache. Ich besaß das Talent, ich fühlte und spürte, worin das Geheimnis glücklicher Fahrten lag, und anfeuernd ruhten die Augen Bigs auf mir. »Das ist nun unser Junge!« jubelte sie dem »Saturn« freudig zu. Als selbständiger Luftschiffer ließ ich ihn zum ersten Male in dem mir gar nicht, Big nur wenig bekannten Marseille steigen. Dann wandten wir uns Italien zu, für dessen Städte und Gestade Big von ihrer Wanderjugend her eine fast heimatwarme Neigung besaß, und beschlossen im Herbst in Triest zu sein, damit sie die Spur ihrer ehemaligen Dienerin Gherita aufsuchen und das ihr in der Erinnerung liebe Mädchen als Kammerfrau anwerben könne. Nicht darauf angewiesen, von der Hand in den Mund zu leben, trieben wir unseren Beruf mit vornehmer Zurückhaltung, vermieden jeden Schein abenteuernden Artistentums und unterließen es, Passagiere durch Überredung zu gewinnen. Darum ereignete es sich im Anfang, namentlich wenn wir in einer der Städte den ersten Aufstieg unternahmen, häufig, daß ich den »Saturn« ohne Gast ins Blau der Lüfte zu führen hatte. Was verschlug's? Ruhig leitete ich meine Füllungsarbeit im Kreis der neugierigen Menge, deren Gegenwart mir stets das Nervöseste an meinem Berufe war, deren Teilnahme ich aber nicht entbehren wollte, da sie einen Teil der bedeutenden Aufstiegskosten deckte. Big, die den Aufenthalt unter den Zuschauern und Zuschauerinnen noch weniger liebte als ich, schaute mir, wenn es ging, aus den Fenstern eines Nachbarhauses zu und trat erst im letzten Augenblick mit leisem Erröten, doch als Dame von Welt, in den Kreis. Lebhafte Bewegung entstand dann stets: »Wer ist die stolze Fremde? Fährt sie wohl mit?« Sie aber kümmerte sich um die Überraschung der vielen Menschen nicht, ließ sich mit anmutsvollem Schwung, wie bei unserer ersten Hamburger Fahrt, von mir in den Korb heben und grüßte, den Sonnenschirm lässig schwenkend, vom »Saturn«, der wie ein ungeduldiges Roß ins Steigen geriet, gemessen in den Zuschauerkreis zurück. »Wer ist die kühne junge Dame, die so ruhig in die Gondel des Ballons wie in einen gewöhnlichen Kahn steigt?« Eine Stadt zerbrach sich darüber die Köpfe, und neben meiner ruhigen Kraft war es vornehmlich die fesselnde Erscheinung Bigs, die für unsere Aufstiege Teilnahme und Vertrauen erweckte und uns die ersten Passagiere gewann. Die herrlichsten Fahrten waren stets diejenigen, bei denen Big und ich allein in den Sommerstrom der Luft stiegen. Sie besaß ein blindes Vertrauen in meine Sicherheit, fühlte sich auf unseren Fahrten glücklich wie der Vogel und zagte nicht, wenn uns eine Fahrt in unvorhergesehene Abenteuer stürzte. Das erste, eine Schnelljagd in Gewittern, erlebten wir nach einem Aufstieg in Florenz. Der sich plötzlich erhebende Wind trieb und warf uns über die Apenninen. Bald auf der Erde, bald in oder über den blitzdurchzuckten Wolken, gab sich im sausenden Sturm keine Möglichkeit zu landen. Der Versuch hätte entweder den festgehakten Anker zerbrochen, sein Tau zerrissen oder die Ballonhülle in Stücke gezerrt. Die Nacht brach herein; aus gespenstischen Wolken trat der Mond, und einen Augenblick darauf hüllte uns die Finsternis noch tiefer ein. Den Kopf auf den Korbrand gelegt, suchte ich mit angestrengten Augen die Umrisse der Landschaft unter uns zu erspähen; Big aber jubelte in den Aufruhr der Lüfte: »Jost, mein Sturmvogel!« Gegen Mitternacht warf ich den Guiderope, das Schleppseil, aus, das den Gang des »Saturns« verlangsamte. Endlich gelang die Landung; umsonst aber versuchte ich mit Hornstößen die Hirten des Gebirges herbeizulocken, damit sie uns führten und Quartier verschafften. Wir mußten die Nacht neben dem »Saturn« im Freien verbringen; erst im Morgengrauen kamen die Viehhüter vorsichtig zu uns heran. Sie hatten den Ballon, der ein paarmal im Mondlicht aufleuchtete, wohl bemerkt, erzählten sie, ihn aber für den sagenhaften Stier aus der Offenbarung St. Johannis gehalten, der die Welt auf seine Hörner spießen würde. Herzliches Lachen Bigs, welche die gute Laune keinen Augenblick verloren hatte! Drei Tage sprach Florenz von dem jungen mexikanischen Luftschifferpaar und seiner abenteuerlichen nächtlichen Fahrt. Im Hotel, in dem wir wohnten, entstand ein Kommen und Gehen von Herren und Damen aus der einheimischen und fremden Gesellschaft, die sich nach den Einzelheiten der Fahrt und unserem Befinden erkundigten. Sie ließen sich von der liebenswürdigen Natürlichkeit und geistigen Selbständigkeit Bigs anziehen, und einige, die uns nur mit Herablassung genaht waren, mußten uns, da sie gingen, etwas größer nehmen, als sie beim Zutritt gedacht hatten. Wir wurden, ohne daß wir es gesucht hätten, in die große Gesellschaft geladen; Bekannte und Passagiere gaben sich, und als wir Florenz nach längerem Aufenthalt verließen, da waren der Händedrücke, der Wünsche: »Auf Wiedersehen hier oder anderwärts!« und der Blumen, die Big gereicht wurden, kein Ende. Das gab Mut! Fast spielend wuchsen wir in unseren neuen Beruf und in das große internationale Gesellschaftsleben hinein. Niemand hätte in Leo Quifort, der fremde Sprachen und die Formen der Welt wie ein geborener Globetrotter beherrschte, Jost Wildi von Selmatt erkannt, und Big ergötzte sich stets wieder an dem Versteckensspiel, das wir mit den beiden Namen trieben. »Jost – Jost – Jost Wildi!« rief der Schelm, sobald wir aus der Welt in die Heimeligkeit unserer Räume zurücktraten, und die leuchtenden Augen in die meinen begraben, fragte sie kosend: »Jost, gehst du noch am liebsten mit mir?« Am liebsten ging ich mit ihr! Was waren mir die vielen schönen Mädchen und Frauen, Italienerinnen und Fremden, mit denen uns das Luftschifferwanderleben in Berührung brachte, und ihre Vorzüge, die ich mit dem geschärften Blick steigender Menschenkenntnis würdigte? Meine reinste Augenweide blieb Big, der herzgute Kamerad, dem ich mit der letzten Faser meines Herzens ergeben war, das süße, wonnige Weib, dessen liebkosende Hand kein Wölkchen auf meiner Stirne duldete, die freie, stolze Seele, mit der ich mich in gegenseitiger Anschmiegungskraft der Gedanken bis ins Innerste einig wußte. Mitten aber in den Freuden der Welt, in der schrankenlosen Hingabe an Big stieg zuweilen in meinem Gedächtnis das Bild Duglörlis wie das einer vorüberhuschenden armen Seele empor. Sogar im Ballon! In einer wundersamen Septembernacht hing der »Saturn«, ruhig wie eine Ampel, über Neapel in der weichen Bläue, die Land und Meer, die Insel Capri, die Vorgebirge, die weißen Villen, die fernen Berghintergründe und das Sprühfeuer des Vesuvs mit geheimnisvoll lindem Ton zusammenschmolz. Big ruhte auf einem Fell, das ich über die Sandsäcke gelegt hatte. Seit einer Weile schon war unser Gespräch still geworden. Als ich wieder nach der sanft hingegossenen Gestalt blickte, war sie leis eingeschlummert. Ich störte sie nicht, freute mich nur still darüber, daß ihr der »Saturn« so sicher erschien wie dem Kind die Wiege, und träumte über ihrem Schlaf wachend in die Nacht. Da sah ich vor mir zwei traurige, große, dunkle Augen. Die Augen Duglörlis! Unendliche Wehmut umspann mich im Sternenraum. Von den Lippen der Schlummernden aber bebte ein klagender Laut, als fühlte sie schmerzhaft, wie stark ich meiner ersten Liebe gedachte. Als sie nach einer Weile die Augen aufschlug, versetzte ich: »Du hast so schwer geträumt, Kind!« Mit einem bebenden Lächeln erwiderte sie: »Ja, von den Indianerkindern in den Gruben von Marfil!« Wir erlebten in Neapel den größten Erfolg unseres ersten Luftschifferjahres. Eine junge Neapolitanerin aus der Aristokratie der Stadt, ein feuriges Wesen, das eine lebhafte Zuneigung für Big gefaßt hatte, war unsere erste Passagierin. Die Fahrt endete, wie ich nicht gerade gewünscht hatte, auf dem Schirm einer Pinie inmitten der Kampagnen von Camaldoli, die junge Frau war aber davon doch so entzückt, daß sie ein paar Tage später in Begleitung ihres Gatten und eines anderen Paars auf den Ballonplatz kam und die Gondel belegte. Ich bereitete die kleine Gesellschaft darauf vor, daß der »Saturn« den Golf kreuzen würde, und mietete die »Florence«, ein Dampferchen, damit sie unserem Kurs folge. Von hundert Fernrohren beobachtet, schlug der »Saturn«, mit dem sich die Gesellschaft in höchster Begeisterung erging, die Richtung über das von Ruder- und Segelbarken belebte spiegelglatte Meer gegen das Vorgebirge von Sorrent ein. Allmählich verlangsamte sich sein Flug in der kaum bewegten Luft. Der Abend sank; ich lief Gefahr, wenn ich Sorrent, das weiß herüberschimmerte, wirklich erreichen wollte, in die Nacht zu geraten, und ließ den Ballon sachte bis in die Nähe der Meeresoberfläche sinken. Die Mannschaft der heranführenden »Florence« ergriff das Ankerseil, band es fest, und das Boot zog den stets noch schwebenden »Saturn« wieder nach dem Hafen von Neapel hinein, das im weichen Herbstabend mit einer Myriade von Lichtpunkten aus der dämmerhellen Flut stieg. Als die »Florence« und der »Saturn« gemeinsam an die Kaie glitten, erhoben die Scharen der am Ufer stehenden Menschen unendliche Freudenrufe über das vorher nie erlebte Schauspiel einer Ballonlandung auf dem Meer, schwenkten die Mützen und riefen mit der leicht entflammbaren Begeisterung der neapolitanischen Volksseele: »Eviva Leo Quifort!« Die Hochrufe ließen mich kühl; die Stadt aber stand im Banne des »Saturns«, und eine glückliche Fahrt folgte der anderen. Nachdem es schon Oktober geworden war, wandten wir uns nach Triest, wo Big die ehemalige Dienerin ihrer Eltern, Gherita, zu besuchen und für sich anzuwerben wünschte. Es vergingen Tage, bis wir die halbverlorene Spur der Italienerin ausgeforscht hatten. Wir fanden sie als glücklich verheiratete Frau auf einem reizenden Gütchen, das eine Viertelstunde vor der Stadt am steilen Abhang der Küste lag. Es konnte nun freilich nicht die Rede davon sein, daß sie uns von ihrem Mann und ihren Kindern hinweg in die Welt folgte; aber eine rührende Freude lag in dem Wiedersehen der beiden jungen Frauen, und mir selber gefiel Gherita, die mit fröhlich dankbarem Sinn viele anmutige Züge und kleine Begebenheiten aus dem Jugendleben Bigs zu erzählen begann, und ihr von Pinien, Lorbeer- und Olivenstauden, Obst und Wein umgrüntes und eingesponnenes Heim. »Wenn wir nur wie Gherita Kinder hätten, Jost,« versetzte meine Frau mit warmer Empfindung für das Mutterglück ihrer alten Bekannten, »dann wollten wir uns hier auch ein Landhaus bauen! Nicht daß ich Triest als Stadt besonders schätze, aber ich liebe Gherita, ich mag ihren Mann und ihre braunlockigen Jungen und der Fleck Erde ist entzückend schön: molliger Süden, lichtvolles Meer mit weißen Segeln und einem fast unbegrenzten Horizont, in den die träumenden Gedanken wie Schwäne hineintauchen können!« Sie besuchte Gherita jeden Tag, verwöhnte ihr die Kinder, die zu ihr emporjubelten, und fand im Verkehr mit der gescheiten, frohgelaunten Italienerin ein Stück Jugend wieder, ein Idyll, in dem ihre Seele ruhiger und freudiger als je Atem holte. Mich aber trug die letzte prächtige Fahrt des Jahres mit drei Triester Herren über das öde Karstgebirge und die grünen Höhen der Krain und der Steiermark bis an die flachen Gestade des Neusiedlersees. Als ich mit meinen Gästen wieder nach Triest zurückkehrte, sprachen Big und ich bereits vom Abschied und von dem Winteraufenthalt, den wir in Venedig, Florenz und Rom nehmen würden. »Wie, Herr Quifort, verehrte Frau,« warfen die Herren ein, »Sie wollen uns schon wieder verlassen und haben Miramare mit seinen zauberischen Gärten noch nicht gesehen, das Schloß, das so eng und so unglücklich mit der neueren Geschichte Ihres Heimatlandes Mexiko verbunden ist?« Aus Dank für die schöne Fahrt im »Saturn« veranstalteten sie einen festlichen Nachmittag- und Abendausflug nach den Schlössern Miramare und Duino, an dem auch andere Herren und Damen teilnahmen. Der mit den Früchten der südlichen Landschaft behangene Küstendampfer hatte sich kaum aus dem Schiffswirrsal des Hafens gewunden, als uns bereits die beiden vom Herbstsonnenglanz übergossenen Schlösser aus dem bergumkränzten Hintergrund der Adria entgegengrüßten. Helle Geigen- und zärtliche Mandolinenklänge kürzten die Fahrt über das leuchtende Meer; Big sprühte in guter Laune. Als wir vom Meer in den weißen Traum Miramares emporschritten, gesellte sich der Vater eines unserer Fahrgäste als liebenswürdiger Führer zu uns und erzählte von den schweren Erinnerungen, die mit dem Marmorschloß auf flutumsäumter Felsenstufe verbunden sind. Mit der eindrucksvollen Lebendigkeit eines Augenzeugen und der temperamentvollen Geste eines Italieners schilderte er uns, wie Max von Habsburg, der schwungvolle ritterliche Fürst, und sein junges, schönes Weib Charlotte, die Belgierin, Ausfahrt von ihrem zauberischen Schloß hielten, um dem Ziel ihres Ehrgeizes, der Kaiserkrone von Mexiko, nachzujagen. »Sehen Sie, verehrte Frau, hier stieg das glückstrahlende Paar in das kleine Boot, das es zur ›Navarra‹, dem Ozeandampfer, hinausführte, auf dem schon die mexikanischen Flaggen mit dem Bild des schlangentötenden Adlers wehten. Der Blumenregen des Küstenvolkes überschüttete Kaiser und Kaiserin; als die Kanonen Abschied donnerten, blieb kein Auge trocken, und die Segenswünsche hallten bis über das Meer. Sie wissen, wie schrecklich dann das Blatt sich gewendet hat. Vier Jahre nur! Da lag Kaiser Max erschossen auf einem Hügel inmitten des Truppenvierecks der aufständischen Mexikaner, da sperrte man Kaiserin Charlotte als Wahnsinnige in ein belgisches Kloster, aus dem sie nie wieder treten wird. Der Übel größtes ist eben doch die Schuld, und die Frau kann sich nicht freisprechen, daß sie vornehmlich unseren Erzherzog in das blutige Abenteuer von Mexiko getrieben hat!« Ich bemerkte wohl, wie Big sich von dem Trauerspiel von Miramare fesseln ließ und ihre Kraft zusammennehmen mußte, um die Haltung in der fröhlich durch die Gärten flatternden Gesellschaft zu bewahren; doch war sie zu sehr Dame der Welt, als daß sie sich von anderen Menschen leicht auf einer Gemütswallung hätte überraschen lassen. In einem Augenblick aber, da wir unbeobachtet miteinander sprechen konnten, flüsterte sie mir erregt zu: »Ich ertrug die Erzählung von Max und Charlotte kaum. Sie führt uns die Abgründe des Schicksals zu erbarmungslos vor die Augen. Kann man sich noch des Lebens freuen? Mir ist, hinter jedem Baum lauere ein Weh, schwarze Fäden flögen durch den sonnigen Tag, über Berg und Meer, von Erdteil zu Erdteil spannen sich die Foltern dunkler Macht. Was hat diese Charlotte von Belgien verbrochen? Sie hat ihren Gemahl auf der Sonnenhöhe des Lebens sehen wollen, wie jedes Weib den Mann, den es vergöttert! Ob ich im alten Duino auch wieder eine so schmerzliche Geschichte mit anhören muß?« Nein, Duino, das gewaltige, altersgraue Schloß, hoch auf den Felsenzinnen über grauer See, brauchte meine sensitive Big nicht zu fürchten. Aus der schlafversunkenen Feste ist kein hochsinniges Liebespaar gezogen, das sich die Flügel an der Größe seiner Pläne gebrochen hätte! Wir genossen nur das sinnenauflösend schöne Stimmungsbild der Landschaft. Um die finsteren Türme des Schlosses, die sich selbst im Sonnenstrahl nicht erhellen, um die Felsen, an denen die Agave mit ihren spitzigen Dornen klebt, schwebten die weißen Seevögel und die dunklen Raben und spiegelten sich in der zitternden Meerflut, die von den Lichtschirmen der gesellig ziehenden Quallen wie von bunten Lichtern durchglüht war. In Höhen und Tiefen zog friedliches Leben seine Ranken um den versteinerten schweren Gedanken entlegener Jahrhunderte. Big aber war ganz im Banne eines benachbarten Bildes, der Ruine Alt-Tybein. »Möchte man da nicht Maler sein?« rief sie. »Aus dem Azur des Meeres steigt die wilde, lotrechte Klippe; nur ein zerbröckelndes Riff hält sie mit dem Festland zusammen. Auf ihrer Höhe ragen die Tore, die Bogen, die Türme. Lichtes Blau des Himmels strömt durch sie dahin. Eine weibliche Gestalt noch! Sie hat den Arm auf das Gemäuer gestützt, das Kinn in die hohle Hand gelegt und sinnt in die Meerferne. Das wäre in voller Stimmung das Motiv für ein Bild, das ›Hort der Frau Sage‹ heißen müßte.« Der greise Triester Herr, der meiner Frau wohlgefällig zuhörte, nickte: »Ja, sie wandelt in den Trümmern von Alt-Tybein!« Da holten uns aber schon Barken ans Land. Unter breitschirmigen Terebinthenbäumen lagerte die Gesellschaft eine reichliche Stunde bei Abendbrot und Spiel, und allgemeines Bedauern regte sich, als der in einiger Entfernung wartende Dampfer mit gellenden Pfiffen zum Aufbruch mahnte. Die Abendröte stand am Himmel, und als das scheidende Boot noch einmal unter den Ruinen auf hohem Riff dahinglitt, brach sie durch die Türme, die Bogen und Tore wie Feuer und rinnendes Blut. Die Blicke Bigs hingen an dem düsterschönen Gemälde. »Die gnädige Frau hat die Trümmer wohl benannt: ›Hort der Frau Sage‹. Jetzt würde sich kein Fischer mehr in die Nähe des Felsens wagen,« wandte sich der alte Triester Herr zu uns. »Zuweilen soll am Fuß der Klippe die Flut im Mondlicht so traurig aufrauschen, daß der Fischer, der es hört, in spätestens drei Tagen erkrankt und siech bleibt sein Leben lang. Das Volk heißt die gespenstische Erscheinung ›il sospir' del mar‹ – ›das Seufzen des Meeres‹! Auf dem Klippenschloß saß Ritter Ulrich von Tybein. Seinem jungen Weib Jugunde kaum angetraut, wurde er in den Kampf gegen die Türken gerufen. Auf der Altane ließ Jugunde die Lieder der Sehnsucht durch die Harfe klingen. Ein Fischer, jung, braun und schön, trieb den Kahn, senkte die Ruder, vergaß die Netze, lauschte dem Lied und schlug die dunklen Augen zu Jugunde empor. Ein böses Verlangen erfaßte das junge Weib. Vielleicht liegt Herr Ulrich tot und begraben. Sie ließ die Strickleiter über den Felsen hinab ins Meer gleiten. Da war's um die Ruhe des Knaben geschehen; er ruderte heran, stieg und küßte Jugunde den Saum des samtenen Kleides. Über das Schloß aber wachte der treue Vogt und warnte Frau Jugunde in herzlicher Betrübnis. Sie spottete: ›Denkt doch nicht, daß ich wegen eines braunen Fischers meinen hohen Herrn und Gemahl verleugnete!‹ Sie lockte jedoch den Knaben und sprach: ›Warum küssest du mir nur die rosigen Finger, küsse mich lieber auf den rosigen Mund!‹« Big machte eine Bewegung, wie wenn sie der Sage entfliehen wollte; es ging ihr aber wie mir: wir standen beide im Bann des gewandten Erzählers, und die Höflichkeit gegen den liebenswürdigen alten Herrn forderte, daß wir seiner Geschichte zuhörten. »Ritter Ulrich kam unerwartet aus fremdem Land,« fuhr unser Nachbar fort. »Als der Ritter am Tor den Vogt traf, war die erste Frage: ›Wie geht es meinem holden Gemahl, nach dem ich mich in Liebe gesehnt habe all die Zeit dahin?‹ Der Vogt aber begann geheimnisvoll zu reden: ›Herr –‹ Da unterbrach ihn der Ritter: ›Nur nichts Böses von meinem Weibe, das nach der Not des Krieges mein Ergötzen sein soll!‹ Liebe und Verdacht stritten sich in seinem Herzen. Stürmisch eilte er Jugunde zu begrüßen. Als er in ihr Gemach trat, war sie wohl allein, aber im Hintergrund der Stube rauschte der Vorhang des Gewölbes. Er starrte. Erbleichend lächelte Jugunde: ›O mein lieber Herr, es ist nur der Wind aus dem Kamin, der mit dem Tuch vor der Nische spielt!‹ Ritter Ulrich erwiderte schwer: ›Wenn es nur der Wind ist, will ich den Vorhang nicht lüften. Was dort hinten liegt, sei begraben und vermauert. Gibst du es zu, dann sollst du als mein treues Gemahl die Lust und die Wonne meines Herzens sein!‹ Jugunde antwortete: ›Warum sollte ich nicht mit dir wünschen, daß die Nische vermauert werde, in der sich der Zugwind fängt?‹ Mit einem grimmen Lächeln der Befriedigung rief der Ritter in den Hof: ›Vogt, die Maurer!‹ Die Handwerksleute kamen und mauerten Tag und Nacht, bis Vorhang und Gewölbe hinter den Steinen begraben lag. Jugunde aber wunderte sich der Treue des Knaben, der lautlos für sie den Tod erlitt, und dachte, sie würde das Geheimnis wohl tragen.« »Gräßlich, gräßlich!« stöhnte Big. »Ich bin gleich zu Ende,« versetzte der Erzähler. »Drei Tage blieb es hinter der Mauer still. Da drang aus dem Gewölbe ein wimmernder Laut: ›Liebste!‹ Geisterleis und immer leiser kam die Klage neun Nächte lang, dann ein fast unhörbarer Schrei, als ob ein junges Herz bräche, zuletzt nur noch das windhauchfeine Seufzen einer gestorbenen Seele. Jugunde fuhr empor; mit einem Beil wollte sie die Mauer zertrümmern, die Steine wichen nicht. Ein Seufzer – da wandte die Unglückliche die Axt gegen den schlafenden Gemahl – ein Seufzer – da warf sie die Brandfackel über den Erschlagenen ins Schloß – ein Seufzer – da stürzte sie sich ins Meer, und mit der brennenden Burg rollte der Seufzer in die Flut – ›il sospir' del mar'‹! Von Jahrhundert zu Jahrhundert stöhnt er durch die Wogen, schlägt die Fischer mit Verderben, der Seufzer eines Geheimnisses, der nicht ans Licht der Sonne hat kommen können!« Big wußte dem Erzähler keinen Dank. Von der düsteren Sage wie zerschmettert, saß sie stumm. Der liebenswürdige alte Herr aber erschrak über die Blässe meiner Frau. Entschuldigend versetzte er: »Gnädigste Frau, nehmen Sie die Sage nicht zu tief. Il sospir' del mar' ist doch nur die volkstümlich poesievolle Auslegung der alten Wahrheit, daß Geheimnisse die Seele eines Weibes zermürben und töten!« Keiner Erwiderung fähig zitterte Big, als hätte sie selber den Geisterlaut des Meeres gehört. Da erklangen die Geigen und Mandolinen mit sanften und glühenden Weisen über das mit farbigen Laternen umhängte und geschmückte Schiff. Einige junge Paare begannen zu reigen, und plötzliches Leben fuhr in mein fröstelndes, halberstarrtes Weib. »Jost,« rief sie, alle Vorsicht vergessend, »tanze mit mir!« Nur einige Takte, durch die hohe, schmiegsame Gestalt strömte das Feuer wie in elektrischen Schlägen, und in ihren Augen blitzte der Diamantfunke. Ich versuchte ihre jäh aufsteigende Lust zu hemmen, jener wilde, fremde Zug aber, der dann und wann einmal aus den heimlichsten Urgründen ihres Wesens wetterleuchtete, riß sie mit fort. »Welch ein Satanszauber geht um die Mexikanerin?« flüsterten Stimmen, die ich nicht hören sollte und doch hörte. Mir tat es unendlich leid um Big, um deren fiebrig gerötetes Gesicht die Schlangen ihres halbaufgelösten Haares spielten. Sie tanzte wie eine Bacchantin und als sei ein siedendes Gift in ihre Glieder gefahren. Die angeregte Gesellschaft aber erhob die Gläser auf Abschied und Wiedersehen. Jauchzend rief Big: »Leben und Liebe, sie leben!« und ließ ihren Kelch hell an den meinen klingen. Von der Heftigkeit ihrer Bewegung brach das Glas über dem Fuß und rollte über das Verdeck ins Meer. Da kam sie erschreckt und in jäher Verlegenheit über ihr ausgelassenes Wesen zur Besinnung. Am Morgen wand sie sich in Fiebern. Der Arzt sprach von einer starken Verkühlung. Von ihrem zuckenden Munde bebten abgerissen die Erzählungen vom vorigen Tag: »Sie wurde als Wahnsinnige in ein Kloster gesperrt, aus dem sie nicht mehr treten wird. › II sospir' del mar '. – Von Jahrhundert zu Jahrhundert rollt er durch die Wogen und schlägt die Fischer.« – Woher die Sensivität Bigs gegen nur gehörte Erlebnisse, die sonst die Menschen nicht tiefer zu ergreifen pflegen. Sie war aber eine jener starken Naturen, die sich stets wieder emporraffen. Unter der hingebenden Sorge der treuen Gherita, die mehr zu Big als den Ihrigen sah, überstand sie die Fiebertage, und als ich eines Morgens an ihr Lager trat, bebte ein liebliches Lächeln um ihren Mund. »Ich muß ja wieder gesund werden,« flüsterte sie »um deinetwillen, lieber Jost! Habe ich dir nicht auf Helgoland versprochen, daß ich dich zu vielem führen werde, was groß und schön ist in der Welt, und mit dir durch die geweihten Gefilde der Kunst wandeln wolle.« Der erste Sommer unserer Luftschifferei schloß wegen der Erkrankung Bigs, die mich mit dunklen Gedanken beunruhigte, nicht so harmonisch, wie ich hatte erwarten dürfen, aber der Kunstwinter in Venedig, Florenz und Rom verfloß uns wie ein schönes, aus heiteren Tagen gesponnenes Lied, an das ich nur mit unendlicher Wehmut zurückdenken kann. Mehr feiner Lebensgenuß, als manche Menschen von der Jugend ins Alter zusammenzuraffen vermögen, war uns beschieden. Mir wenigstens! Big nur mit Einschränkung. Sie trug einen ruhelosen, nagenden Kummer im Herzen. Es erschütterte mich ja gewiß auch bis in alle Tiefen des Seins, als uns Nachrichten über Duglore aus Selmatt erreichten; aber so abgründig wie mein Weib erschrak ich darüber nicht. XXV Das Wetter hat umgeschlagen. Der Föhn ist Herr im Gebirge. Die Wächten sind gestürzt, rings um den Feuerstein dröhnen die Lawinen. Wie weiße Wasserstürze fahren sie durch die schwarzen Bergwälder, die den Schnee von sich geschüttelt haben. Im Land der Tiefe bilden sich die halbgrünen Flecke der Schneeschmelze, ein frühlinghaftes, blaues Leuchten geht über den See, und die Stadt weit draußen am Ende seiner Fläche erscheint so genähert, daß ich durch das Rohr ihre Kamine zählen kann. An dem trügerischen Lenzweben aber erfreue ich mich nicht, wir zählen ja erst Mitte Januar; acht Wochen wenigstens, vielleicht neun oder zehn dauert es noch, bis ein Mensch auf den Feuerstein wird gelangen können. Ein Mensch – Hans, meine ich. Eine sonderbare Vorstellung beunruhigt mich seit Hangsteiners Tod. Ich befürchte, er habe der erschütterten Gottlobe mit der geheimnisvollen Gewalt eines Scheidenden das Versprechen abgenommen, Hans fahren zu lassen. Manche Sterbende wollen, schon die Ewigkeit vor Augen, töricht die kleine Welt, in der sie gelebt haben, noch über das Grab hinaus mit Gelübden und Eiden, die sie in der Todesstunde fordern, wie Tyrannen beherrschen. Hätte es Hangsteiner getan, dann müßte ich vor Gottlobe das Rätsel meines Lebens lösen. Sie soll frei über das Herz entscheiden können! Hat nicht jeder Mensch ein heiliges Recht, zu wissen, wessen Stammes er ist? So frage ich in der einen Stunde, in der anderen aber: Wozu den Sturm der Gefühle, wenn es nicht ein hohes Gebot ihres Lebensglückes ist, in der Brust der bald Einundzwanzigjährigen entfesseln? Ohne zu ahnen, wie die Schicksale das Lebensspiel ihrer wirklichen Eltern zerschleuderten, hat sie bisher im Frieden des engen Heimattales gelebt und kennt mich nur als den ihr innig zugeneigten väterlichen Freund auf dem Berg. Doch ist sie nicht die einfache Natur, die durch den Andrang einer neuen Vorstellungswelt Gefahr liefe. Dafür besitzt sie ein zu kräftiges Erbe von mir. Gewiß, ein Wort, und sie würde die Stimme des Blutes erkennen. – O, von Gottlobe nur einmal den süßen Ruf »Vater« zu hören. Das ist mein letzter Erdenwunsch. Der »Saturn« hatte Winterruhe. Mir aber ging an der Seite meines schönheitsdurstigen Weibes ein blühendes Feld des Lebens auf. Die Kunst der Jahrhunderte! Ich wandelte mit Big durch die Paläste, Kirchen und Museen von Venedig und Florenz, nahm mit der Empfänglichkeit eines Ungesättigten ewige Schönheitsgedanken in mich auf und ließ mich von Namen umklingen, die in den heiligen Büchern der Menschheit mit unvergänglichen Ehren stehen. Big schenkte mir aus dem Reichtum der künstlerischen Erziehung, die sie genossen hatte, mit der frohen Laune einer Verschwenderin zwanglose Anregung die Fülle. Meine dankbaren Blicke hingen an ihr. Was war sie doch für ein herrliches Geschöpf! – Mitte Dezember kamen wir nach Rom und führten in der Nähe der Piazza del Popolo mit einer Dienerin eigenen Haushalt. In der Wonne des molligen Heims studierte ich manches Wissenschaftliche, das mit dem Ballonwesen in Zusammenhang stand, las mit Big Werke der schönen Literatur, und jeder Tag hatte seinen Spaziergang oder Ausflug. Der Abend gehörte der Musik, dem Theater oder der Gesellschaft. Unnötig, daß wir uns um Bekannte bewarben; die Menschen suchten ihrerseits die Anknüpfung mit uns. Das lag wohl ein wenig an mir selbst, noch mehr an der schönen und bedeutenden Erscheinung meines Weibes und an der Romantik, mit der uns der Luftschifferberuf umspann. In zahlreichen Salons waren wir die Willkommenen. Die Neugierde nach unserem Zigeunertum enttäuschten wir zwar durch die Beobachtung korrekter Form und vornehmen Tons, auch ließen wir sie nicht zu tief in unsere Heimlichkeiten dringen und erzählten denen, die nach unserer Jugend und Heimat forschten, lächelnden Mundes eine Geschichte aus Mexiko. Auf einer Ausstellung junger Künstler erstand sich Big zur Schmückung unseres Heims einige kleinere Gemälde und Skizzen und erregte als Käuferin die Aufmerksamkeit der Maler, weil sie Lob und Tadel der Berufskritik beiseite setzte und ihre Wahl in der Menge der Zeichnungen und Bilder nach ihrem eigenen, unbeirrbaren Schönheitsempfinden traf. Einladungen in die Ateliers flogen uns zu, und nirgends fühlten wir uns so wohl wie unter dem Künstlervolk, jenen merkwürdigen Leuten, die ihr trockenes Stück Brot kaum mit einem Quarto Wein zu würzen haben, aber fröhlich wie Kinder an den großen Tag glauben, an dem ein Wurf ihren Namen von Lippe zu Lippe tragen und ihnen der Ruhm lächeln würde. Durch diese Kreise falterte die Gestalt Bigs, sich selber und anderen Freude schaffend, wie ein Sonnenstrahl. Die Künstler schätzten ihre gehaltvollen Bemerkungen und Urteile über die entstehenden Bilder und verehrten sie als eine liebenswürdige Anwaltin, die ihre Ateliers mit einem fein hingeworfenen Wort der Aufmerksamkeit der Kunstfreunde empfahl. Ja, von einem jungen Schweden ließ sie sich gewinnen, daß sie ihm selber zu einem Brustbild für eine Frühlingsausstellung saß. Es war in dieser Zeit, da sie Nachmittags ihre Stunden bei dem Künstler hatte, als ich an einem trüben, frostigen Tag an der finsteren gewaltigen Runde der Engelsburg vorbei über den stimmungslos daliegenden Tiber schlenderte. Ich sehnte mich halb nach einem weißen Winter voll Licht und Glanz und mit schneebehangenen Tannen, wie es in den Bergen Winter gibt, und freute mich halb auf das Wiedersehen mit Big am abendlichen Kaminfeuer. Da – hatte ich recht gehört? – ein Heimatlaut! Zwei junge Leute schritten vor mir, die sich angelegentlich darüber unterhielten, welche Stellung für ihr Modell die vorteilhafteste sei. Also auch Künstler! Nicht was sie sprachen, nur ihre Mundart fesselte mich bis zu einer herzklopfenden Spannung. Der eine, jüngere, der eine Studienmappe unter dem fliegenden Mantel hervorsehen ließ, sprach das Bauerndeutsch der Umgebung Gauenburgs so unverfälscht, daß ich mein Selmatterisch hätte daran wagen dürfen, der andere erging sich in einer abgeschliffeneren Mundart, die auch nicht weit von meiner Heimat zu Hause sein konnte. O, wie viel Süßigkeit lag in der rauhen Sprache der Berge! Bezaubert wie ein Junge, der selbstvergessen dem Liede eines fremden Spielmanns nachlaufen muß, folgte ich den beiden und wußte es kaum. Sie schwenkten in eine alte, enge Gasse, ich hinter ihnen. Sie verschwanden in eine unscheinbare Osteria. »Noch mehr Heimatdeutsch!« schrie das wallende Herz, und nachdem ich ein paarmal vor dem »Cavallo nero« , wie die Erfrischungsstätte hieß, auf und nieder geschritten war, trat ich selber in die Gaststube. Sie war eine jener einfach ausstaffierten römischen Kneipen, deren ganzer Vorzug in der Güte und Billigkeit des dunkeln Rotweins besteht, schien aber das Stelldichein und die Plauderecke der jüngeren Künstler unter meinen Landsleuten zu sein. Erst zu sieben, später zu neun, hatten sie sich um einen runden Tisch vor die langhalsigen Fiaschi gesetzt, zwischen denen ein kleiner eherner Reiter, irgend ein Held aus alter Zeit, ein kleines Banner des Vaterlandes trug. Über dem Gespräch und Gehaben der Runde junger Leute lag heimatliche Traulichkeit. Sie unterhielten sich von ihren Arbeiten und ihren Lehrern, als aber der Briefträger in die Osteria trat und der Pikkolo oder Cameriere einen Stoß Zeitungen vor sie auf den Tisch legte, brach der Faden des Geplauders ab; jeder blickte in das Blättchen oder Blatt seiner engeren Heimat. Darauf tönten die Fragen: »Will jemand das ›Tagblatt von St. Jakob?«‹ – »Wer wünscht den ›Gauenburger Anzeiger?‹« »Ich!« hätte ich rufen mögen. Das Kinn etwas wehmütig auf den Daumen gestützt, horchte ich als stummer Gast in das wieder anhebende Gespräch, das sich um die Tagesneuigkeiten und um die kleinen politischen Begebenheiten von jenseit der Berge drehte. Dabei erfuhr ich, daß der junge Mann, der die gauenburgische Mundart so vortrefflich sprach, ein Neffe unseres Landammannes sei. Seine Stimme weckte in mir eine Sehnsucht wie jener Alphornklang, der den jungen Gesellen von der Schanze zu Straßburg in den Rhein hinunterriß. Wo war nun mein Zorn gegen die Heimat? Am liebsten hätte ich mich in die gemütliche Gesellschaft meiner Landsleute gesetzt und mich herzlich in der Sprache meiner Jugend ergangen. Jost Wildi, du bist Leo Quifort, der Mexikaner! mahnte die Stimme der Vernunft. Als der erste der jungen Männer aufbrach, ließ auch ich den Cameriere die Menge des Weins abschätzen, die ich aus der vor mir stehenden Flasche getrunken hatte, und wandte mich, die Brust voll wogenden Gedenkens, heimwärts zu Big, die mich seit einer Weile zum Abendbrot erwartete. »Deine Landsleute möchte ich auch einmal sehen,« scherzte sie, »und die Sprache hören, die dich gefangen hat. Läßt sich denn mit einer Dame im Cavallo nero speisen?« »Ein weißes Laken wird man schon bekommen,« erwiderte ich. »Das Abendbrot nehmen wir nach römischer Sitte selber mit und trinken vom Wirt nur den vortrefflichen Wein.« Das gefiel Big. Bei unserem Besuch aber fand sie Stube, Wirt und Gäste etwas zu volkstümlich, begleitete mich später nur noch zwei- oder dreimal in die Osteria und überließ es mir, mein stilles Heimatvergnügen darin zu suchen. Ich fand mich, ohne daß ich von meiner Volkszugehörigkeit gesprochen hätte, jede Woche einmal wie ein befreundeter Gast in den Kranz meiner Landsleute und verlebte unter den jungen, ernst strebenden und dabei herzensfröhlichen Menschen wie auf einer verborgenen Insel heimatlichen Sinnens und Denkens sehr schöne Stunden. Nur der wehmütige Gedanke, wie tief ich mich vor dieser vaterländischen Jugend schämen müßte, wenn ich meine Heimatuntreue eingestände, ließ mich die Versuchung überwinden, mich als einen der Ihrigen zu bekennen. Fast hätten sie es selbst erraten. Der Gauenburger, ein Junge von ungewöhnlich scharfem Spürsinn, warf die Bemerkung hin: »Hat Herr Quifort im Geplauder nicht zuweilen einen Klang, als ob er auch irgendwo bei uns zu Hause wäre?« Ein paar andere nickten zustimmend, ich aber lächelte geistesgegenwärtig: »Ihre Wahrnehmung ist zu begreifen. Ich selber überrasche mich nicht das erste Mal, daß ich bei meiner internationalen Lebensführung unwillkürlich Sprachklänge der Menschen, namentlich der sympathischen Menschen, die um mich sind, auslese. Ihre Beobachtung mag Ihnen ein Zeugnis dafür sein, wie wohl ich mich in Ihren Kreis eingelebt habe.« Das Wort wurde freundlich aufgenommen, das Gespräch glitt weiter, mein Abstammungsgeheimnis war gerettet. Ich überwachte meine Zunge sorgfältiger und wußte auch einen Vorwand, um unverfänglich die Zeitungen der Heimat lesen zu können. In stillem Eifer suchte ich darin ein einziges Stichwort: »Selmatt!« Vergeblich! In der Abgelegenheit des Bergtals geschah wohl nichts Meldenswertes, und wenn etwas geschah, wer hätte es den Zeitungen berichten sollen? Bereits spielten die Frühlingssonnenlichter über den Kuppeln der Ewigen Stadt, ergrünte die Campagna und lockte zu größeren Ausflügen, und auf den Spaziergängen besprachen Big und ich die Pläne der nächsten Sommerfahrt. Nachdem wir an einem schon warmen Nachmittag die Sammlungen und Gärten der Villa Borghese durchschwärmt hatten, trat ich am Abend wieder ins Cavallo nero und erschrak fast; jäh klang der heimatliche Name »Feuerstein« in der Künstlerrunde. Den Anlaß dazu bot ein Zeitungsaufsatz »Die Gründung einer Wetterwarte auf dem Feuerstein.« Als der Augenblick dazu gekommen war, las ich die Abhandlung mit der Gier eines Heimatkindes. »Die Errichtung der Meteorologischen Landesanstalt in St. Jakob,« begann der Artikel, »hat die Anregung zu einer verstärkten Beobachtung der atmosphärischen Erscheinungen in unserem Lande gegeben. Dabei hat die Erkenntnis verbreitet, daß die Anlage einer Gipfelhochwarte als Ergänzung der Landesanstalt die wissenschaftlich-praktischen Leistungen der Meteorologie wesentlich unterstützen müßte. Die Vorzüge eines Observatoriums auf hoher Bergspitze sind einleuchtend. Die Erscheinungen des Luftkreises sind früher und stärker als im Tal wahrzunehmen, und die Beobachtungen bringen die allgemeinen Witterungsverhältnisse reiner und treuer zum Ausdruck, als es auf Tal- und Paßstationen möglich ist, die dem nicht genau zu berechnenden Einfluß örtlicher Strömungen unterworfen sind. Diese Erwägung ließ den Plan eines meteorologischen Observatoriums auf dem Feuerstein, dem unserer Alpenkette frei vorgebauten Gipfel, entstehen, doch lag dabei gleich auch die Hemmung: Wird sich der Mann finden, der mit der wissenschaftlichen Befähigung eines Wetterwartes die Bereitwilligkeit verbindet, vier Monate, ja gegen ein halbes Jahr im furchtbar einsamen Winter auf der Felsenspitze auszuharren? Der Mutige hat sich gefunden! Es ist Gabriel Letzberger von Gauenburg. Der nun Fünfundzwanzigjährige hat in seiner Jugend das Unglück gehabt, von einer Krankheit arg entstellt zu werden. Dieser Umstand drängte ihn in ein einsiedlerisches Autodidaktentum hinein, dem er, abgetrennt vom menschlichen Verkehr, in einem bei seinem Heimatstädtchen gelegenen Häuschen obliegt. Als er von dem Plan des Observatoriums hörte, meldete er sich freiwillig als Wetterwart. Es mache ihm nichts aus, schrieb der junge Mann, der in der Naturwissenschaft gründliche Kenntnisse besitzen soll, noch etwas einsamer als bisher zu leben, wenn man ihm nur genügend Bücher zur Verfügung stelle. Durch die dankenswerte Erklärung Gabriel Letzbergers ist der Bau des Observatoriums in nahe Wirklichkeit gerückt und bereits auch die Frage der Talstation erledigt. Um diese bewarben sich Tuffwald auf der Nord- und Neu-Selmatt auf der Südseite des Berges. Für Selmatt sprach eine Eingabe des Gauenburgischen Landrates. Das sich langsam wieder bevölkernde Tal bedürfe einer Schule; es seien aber doch der Kinder noch zu wenig, um den Bau eines Schulhauses und die Berufung eines Lehrers zu rechtfertigen, wenn dieser nicht zugleich als Talwart des Observatoriums eine Nebenstellung fände. Darauf trat Tuffwald zu Gunsten Selmatts zurück. Auf der wieder erblühenden Bergsturzstätte wird das Observatorium mit dem Eintritt der schönen Jahreszeit gezimmert und gefügt, nachher in die einzelnen Teile zerlegt, auf den Feuerstein geschafft und im Oktober von Gabriel Letzberger bezogen werden. Glück mit dem Bau und dem tapferen Manne!« Damit schloß der Zeitungsaufsatz. Das Leben regte sich also auch in der alten Heimat! Der geheimnisvolle Feuerstein, in dessen Höhlen meine Vorfahren gewohnt hatten, gelangte bei den Menschen zu Ehren! Wie ging es wohl Duglörli? – Ich bat meine Landsleute, mir diejenigen Zeitungen, die von dem Observatorium auf dem Feuerstein handelten, bis zum Herbst aufzubewahren. Ich würde mit meiner Frau den kommenden Winter wohl wieder in Rom verleben, und die Meteorologie sei ein der Luftschifferei zu verwandtes Gebiet, als daß ich nicht groß neugierig nach den Mitteilungen wäre, die weiterhin über das Zustandekommen der Wetterwarte erschienen. Big aber erfreute sich an dem bedeutenden Erfolg, den der junge schwedische Maler auf der Frühlingsausstellung mit ihrem Bild erwarb, das später in unsern Besitz überging, und der Winter in Rom schloß mit den angenehmsten Eindrücken. Unsere zweite Sommerfahrt mit dem »Saturn« bewegte sich durch die großen Städte der Donauländer und endete im Herbst mit einem Aufstieg in Konstantinopel, einem wundervollen Flug über die Märchen des Goldenen Horns, die Gärten des Bosporus und die Schlösser des Marmarameers. Nicht, daß nur lauter Sonne mit unseren Unternehmen gewesen wäre. Der Poesie der Hochlüfte gingen oft mühsame irdische Erfahrungen zur Seite. In der einen Stadt verzögerte schwacher Gasdruck die Füllung, in der anderen war das Gas überhaupt zu schlecht, um einen richtigen Aufstieg zu ermöglichen, zwei Passagiere, die nur einen Teil des Fahrgeldes im voraus erlegt hatten, brannten uns mit beträchtlichem Reste durch; am schwierigsten aber war es stets, die vielen Bedingungen zu erfüllen, von denen die Behörden die Erlaubnis zum Aufstieg abhängig machten. Da mußte ich wieder unendlich froh über Big, meinen herzguten Kameraden, sein. Ein Lächeln, eine liebenswürdige Bitte von ihren Lippen: Türen, die geschlossen waren, gingen auf; über Beamte, die nicht hatten verstehen wollen, kam die plötzliche Erleuchtung, und starre Unmöglichkeit wurde durch ihren Zauber zu blühender Möglichkeit. Sie sprach von meiner Macht über die Menschen, dabei war es die ihrige, die uns in den Städten des Ostens die angesehensten Häuser erschloß. Wir hätten den Winter leicht in den Kreisen der reichen Kaufleute und Bankiers, der türkischen Regierungsbeamten, der Paschas und Beys in Konstantinopel verbringen können, aber wir waren einig, daß sich so reizend wie in Rom die Tage doch nirgends verleben ließen, und nachdem uns die alte bequeme Wohnung bei der Piazza del Popolo wieder angeboten worden war, begaben wir uns über Athen, wo ich Fahrten mit künftigen Passagieren auf den Frühling verabredete, in das uns lieb gewordene Winternest. XXVI An einem unfreundlichen, kalten Abend, bald nach unserer Ankunft in Rom, wandelte mich die Lust an, wieder einmal nach meinen Landsleuten im Cavallo nero zu sehen. »Es ist mir allein zu langweilig,« scherzte Big, »speisen wir zusammen in der Kneipe!« Wir fanden darin den Tisch der Künstler leer. »Die Herren kommen heute abend nicht,« belehrte uns der Kellner, der uns mit freudiger Gebärde wieder erkannt hatte, »sie wohnen einem großen patriotischen Fest ihrer Landsleute bei, für das sie seit einigen Wochen Bilder gezeichnet und gemalt haben. Die Herren haben mir aber Journale für Sie in Verwahrung gegeben. – Da sind sie.« Beim Abendbrot erzählte ich Big von dem Observatorium auf dem Feuerstein und von dem jungen Manne, der, ein Pionier der Wissenschaft, nun einsam auf dem Felsen sitze. In Himmelsweiten hatte ich keine Ahnung, daß ich je sein Nachfolger werden könnte! Nun blätterten wir in den Zeitungen, und meine Gedanken verloren sich in eine freundliche Schilderung, wie die Wetterwarte am letzten Sonntag des Septembers durch Meteorologen und Bergfreunde eingeweiht worden sei. »Von Tuffwald und Selmatt stiegen wir im Mond- und Sternenschein zu Berg,« erzählte der Verfasser, »die meisten mit einem Büchergeschenk für Gabriel Letzberger beladen. Um neun Uhr des Morgens war eine Gemeinde von gegen hundert Bergsteigern auf dem Gipfel versammelt. Das zum Teil in die Felsen eingelassene Haus fand allgemeine Anerkennung; berufen, auf unabsehbare Zeit Wind und Wetter zu trotzen, steht es mit seinen in die Tiefen der Landschaft blickenden Fenstern als ein außerordentlich festes Gefüge da. Über der Besichtigung zerrann eine Stunde, die Teilnehmer sammelten sich auf dem kleinen freien Platz vor dem Observatorium, und mit einem Gottesdienst unter freiem Himmel wurde das Haus geweiht. Der junge, feurige Pfarrer von Tuffwald hielt die Predigt über den Text: ›Das Licht kommt uns von den Bergen‹ und stellte die Warte unter Gottes Schirm.« – Ich las und las, da schreckte mich ein leiser, weher Laut Bigs aus meiner gespannten Aufmerksamkeit empor. Ein Blatt war ihren zitternden Händen entsunken; ihr Antlitz blickte verzerrt und totenfahl. Mit fast brechender Stimme bat sie: »Laß doch durch den Cameriere einen Wagen rufen und bringe mich nach Hause. Ich fühle mich unwohl!« Wem konnten die alten Zeitungen dienen? Ich steckte sie zu mir. Nachdem ich Big heimgebracht, den Arzt an ihr Lager geholt hatte und sie endlich eingeschlummert war, las ich noch in tiefer Nacht das Blatt, das sie so furchtbar erschreckt hatte. Es enthielt die in Kapiteln fortlaufende Schilderung einer herbstlichen Besteigung des Feuersteins, und mit hervorgehobener Schrift stand: »Ein Besuch in Neu-Selmatt.« Meine Augen flogen die Zeitungen durch. »Wie schnell leben die Menschen!« hob das Stück an. »Vor acht Jahren, bei dem großen Bergsturzunglück, umkreiste der Name Selmatt die Erde. Bald aber geriet das Tal, in dem so viele Menschen erschlagen liegen, in Vergessenheit. Jetzt, da Selmatt Talstation der Wetterwarte auf dem Feuerstein geworden ist, erhält es wieder Besuch von Bergfreunden, die den Weg nach dem Hochobservatorium einschlagen. Leider gibt es in dem kleinen Ort, der allmählich wieder auf fünf Wohnhäuser angewachsen ist, kein Gasthaus; doch finden einzelne Wanderer freundliche und gute Unterkunft in der Familie Hangsteiner, welche die Ehre für sich in Anspruch nehmen darf, den Anstoß für die Neubesiedlung der Einsamkeit gegeben zu haben.« Jetzt kommt's! Mein Herz pochte zum Zerspringen. Nein, zunächst folgte die weitläufige Schilderung eines Nachmittagspazierganges über das Bergsturzgebiet, das unter den unablässig tätigen Händen der Bewohner Neu-Selmatts wieder grünendes Feld geworden sei, in dem nur noch zerstreute nackte Blöcke an das furchtbare Geschehnis von einst erinnerten. Aber nun ging der Aufsatz weiter: »Wir verbrachten einen freundlichen Abend im Hangsteinerschen Haus und lernten in der Bäuerin, der Tochter des ehemaligen Lehrers von Selmatt, eine ebenso hochachtbare wie fromme Frau kennen, die uns mit einem stillen, lieben Wesen Einblick in das Hinterwäldlerleben der kleinen Dorfschaft gewährte. Ihre innigste Freude äußerte sie darüber, daß Selmatt ein Schulhäuschen und einen Lehrer erhalten habe. ›Ich war schon in Sorge wegen meiner Ältesten, die im März sechsjährig wird,‹ äußerte sie, ›und darauf gefaßt, daß wir sie nach Zweibrücken hinaus in die Schule geben müßten. Nun kann sie den Unterricht in Selmatt selbst genießen. Bis sie größer ist, bekommen wir wohl auch ein kleines Gotteshaus, in dem etwa gepredigt wird. Das Schulhaus ist für uns eine große Wohltat und wir müssen der Regierung dankbar sein, daß sie stets darauf Bedacht nimmt, aus Selmatt wieder ein kleines, selbständiges Gemeinwesen werden zu lassen.‹« – »Die im März sechsjährig wird!« Über dem Wort wallte mein Herz bis zum Brechen. Nur eine Stelle des Aufsatzes las ich noch: »Frau Hangsteiner ließ sich von uns erbitten, auf dem Harmonium, das den Schmuck der Stube bildet, ein paar Choräle zu spielen. Die frisch wie ein Alpenröschen blühende Gottlobe, das ältere unter den beiden Kindern der Familie, stellte sich mit dunkeln, schelmischen Augen an die Seite der Mutter, erhob die helle Kinderstimme, und das Kirchenlied ›Lobe den Herrn!‹ erfüllte die bäuerliche Stube mit Andacht. Ein stilles Glück lag auf dem herben Gesicht Vater Hangsteiners, Herzensfriede über dem gesamten Haus, und wir legten uns unwillkürlich die Frage vor: ›Wo ist mehr Sonnenschein, mehr Glück unter den Menschen, in diesem stillen Tal oder in der geräuschvollen Stadt?‹« – Nein, das fesselte mich nicht mehr. An meinem Schreibtisch ließ ich überwältigt den Kopf auf die Arme sinken, und in halber Betäubung war ich nur des Gedankens fähig: »Es ist mein Kind – es ist mein Kind!« So verharrte ich in strömenden Schmerzen, und Erinnerung war alllebendig um mich. Da fühlte ich die Berührung einer linden Hand. »Jost, mein lieber Jost,« flüsterte Big, die in weißem Nachtgewand und bloßen Füßen zu mir herangewandelt war. »Unvorsichtige,« schalt ich, »du bist ja krank. Geh zur Ruhe. Laß mich!« »Nein,« versetzte sie ernst und traurig, »es traf mich am Abend so furchtbar, daß deine ehemalige Verlobte in den Bergen Kinder besitzt, während ich dir keins schenken darf. Jost, ich gönne ihr sie aber mehr als irgend einem anderen Weib der Erde.« Dieses Wort Bigs tat mir in meinen grimmigen Schmerzen wohl. Wo aber blieb der freudige Winter, den wir in Rom hatten verbringen wollen? Die wenigen Vergnügungen der großen Gesellschaft, die wir besuchten, der Verkehr mit den Künstlern, die Gänge zu den Kunstschätzen der Ewigen Stadt waren ein seelenloses Spiel und ein Selbstbetrug, und meine Landsleute fanden mich verändert. Ich litt unter einem wühlenden Drang, an Duglore zu schreiben, und verwarf den Gedanken doch stets wieder. Ich liebte mein Kind, ohne es zu kennen, sah aber ein, daß ich ihm nichts sein könne. Jene unbestimmten Verdachte gegen Big, die meine Genesung im Krankenhaus von Hamburg verzögert hatten, der gesamte Knäuel von Fragen und Leiden stiegen wieder empor; ich beherzigte aber ihr Wort: »Ein Mann, der etwas von Weibesseele versteht, demütigt sie nicht, indem er sie in Dingen der Liebe zu Rechtfertigungen zwingen will.« Ich ließ die schweren Gedanken nur in den Geheimschachten der Seele gären und hatte wohl mit der Vermutung recht, daß Big selbst schonungsbedürftig sei und durch ein hartes oder unvorsichtiges Wort wieder in jenen Zustand der Melancholie getrieben würde, der meine Pläne in Marfil vernichtete. Von Duglore und ihrem Kind Gottlobe sprachen Big und ich nie wieder. Sie sah, daß ich litt, und litt selber seit dem Tag, da uns Kunde aus Selmatt geworden war. Es war, als stände eine unsichtbare Wand zwischen uns, durch die sich unsere Hände voll innigster Liebe ineinander zu tasten suchten, an der sie aber stets wieder verzweifelt abglitten. Kein Vorwurf über mein kühles, unruhiges Benehmen kam über die Lippen Bigs, aber in ihren Augen stand die große stumme Angst, und ein brennendes Weh lag in ihrer Zärtlichkeit. Je länger, desto häufiger verließ sie das Haus, ohne meine Begleitung zu wünschen; auf meinen fragenden Blick erwiderte sie: »Ich mache Armengänge!« Das stimmte wohl, das Weib, das nie eine Rechnerin gewesen war, hatte von jeher Geld mit offener Hand unter darbende Künstler und Notleidende jeder Art ausgeworfen. Nun begann sie aber selbst am Morgen vor Tag Gänge in die Stadt zu unternehmen. »Ich schlafe schlecht. Ich liebe die Dunkelheit, den Wind, die Einsamkeit der Gassen,« versetzte sie. Ich aber witterte in dem geheimnisvollen Wesen eine ernstliche Gefahr für Big. Als sie wieder einmal in ihrem schlechtesten, unscheinbarsten Kleid das Haus lautlos wie eine Diebin verließ und hinaus in die frostige Frühe trat, übermannten mich Mitleid und Sorge. Ich folgte ihr, wie etwa ein Eifersüchtiger die Wege seines Weibes zu erspähen versucht. Die rasch im Zwielicht vor mir herschreitende Gestalt verlor sich über die zu dieser Stunde menschenleere Via del Corso in die Kirche Sant' Ignazio. In der rötlichen Dämmerhelle der zum Frühamt brennenden Kerzen kniete sie gesenkten Hauptes in brünstigem Gebet blaß und schattenhaft neben einem der korinthischen Pfeiler und war so tief in ihre Andacht versunken, daß sie mich nicht einmal bemerkte, als ich dicht an sie hintrat. Das Bild der Trostsucherin erschütterte mich; als sie sich aber nach der Messe auch noch in den Beichtstuhl wandte, sich in die Nische einduckte und ihr Gesicht an das Holzgitter preßte, da wallte es in meiner Brust von Weh und Zorn gewaltig auf. Ich war in diesem Augenblick vollends überzeugt, daß mein Weib ein schweres Geheimnis und eine dunkle Gewissensschuld trage. Am Portal der Kirche wartete ich auf sie. Mir war, das Herz sollte mir zu schlagen aufhören. Big, meine heitere Heidin von Hamburg, eine fromme, reuig büßende Sünderin! Mein herrliches Weib, durch dessen ernsten, freien Geist ich mich selber aus den engen Vorstellungen meiner Bergjugend zu einer höheren und größeren Auffassung der letzten Fragen und Rätsel des Daseins emporgerungen hatte, hingegeben und hingegossen an die Mystik flammender Kerzen, geschwungener Weihrauchfässer, singender Knaben und betender Priester! Meine Big im Beichtstuhl! Das war nicht die rührende, kindliche Frömmigkeit Duglores, das war die gehetzte Angst einer Todwunden. Was für ein schrecklicher Abgrund lag denn in der Seele meines sonst so gütigen Weibes? Die Gestalt, die, aus der Kirche tretend, flüchtig an mir vorübereilen wollte, schrak furchtbar zusammen, als ich ihr mit gedämpfter Stimme den Morgengruß bot. »Warum bist du mir gefolgt, Jost?« schrie sie leis und in der tödlichen Scham einer, die auf Heimlichkeiten überrascht wird. Ebenso beklommen stammelte ich: »Ich fürchtete, du würdest eines Morgens nicht mehr zu mir zurückkehren. Ich war in Angst um dich.« Sie schwieg. Erst auf dem Heimweg seufzte sie abgerissen: »Ich habe um ein Kind gebetet!« Der Tag war aber da, an dem ich mit meinem Weib rückhaltlos von Herzen zu Herzen sprechen mußte. »Du hast ein Geheimnis vor mir. Big,« begann ich, nachdem wir wieder in unsere vier Wände getreten waren, mit zwingendem Ernst. »Dich drückt eine Last nieder, die ich nicht kenne. Deine Seele lechzt nach Befreiung. Es steht aber mit deiner Vergangenheit in Widerspruch, wenn du den Kummer, die Tränen deiner Nächte zu Priestern trägst, die dir fremd sind. Nun, sei gläubig! Wenn es dir das Herz erleichtert, tadle ich dich nicht; aber, Big, meine liebe, arme Big, vergiß nicht – die innerste Seelenheimat des Weibes ist die Brust des Mannes, den sie liebt. Was es sei, ich habe das erste Anrecht auf dein Vertrauen! Mir also ein offenes Wort! Ich werde dich bis dicht ans Unmögliche hinan zu verstehen, zu begreifen versuchen – und verzeihen, wenn es etwas zu verzeihen gibt!« Sie war fassungslos auf eine Chaiselongue gesunken. Das verzerrte, erbarmungswürdige Antlitz mit den Händen bedeckt, hörte sie mich schweigend an. Ich fühlte, wie mächtig mein Wort ihr Gemüt traf; nach einer Pause innersten Ringens hob ich wieder an: »Ich will dir mit einem eigenen Bekenntnis auf halbem Weg entgegenkommen. Big, jene Gottlobe, die jetzt im März sechs Jahre alt wird, ist mein Kind!« Kein Schrei der Überraschung, der Empörung, wie ich erwartet hatte, nur ein Rütteln ging durch die erstarrte Gestalt, nur ein Wimmerlaut rann durch die zitternden Finger hervor: »Jost, ich weiß es!« »Big, woher weißt du es?« bat ich dringend und flehentlich. Sie schwankte entsetzt empor, ihre Lippen bewegten sich zuckend, sie wollten sprechen – sprachen aber nicht. Die Wachsbleiche glitt auf die Chaiselongue zurück; Schluchzerlaute, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, drangen zwischen ihren Händen hervor, und endlich ein wirres Gestammel: »Jost, lieber Jost, stoße mich nicht von dir. Warum hätte ich nicht ahnen, nicht wissen sollen, daß es dein Kind ist? Um so schrecklicher ist nur, daß unsere Ehe kinderlos bleibt. Dieser Widerspruch kann zuletzt das freigeistigste Weib in die Kirche treiben.« Wieviel schluchzte und sprach meine arme Big in dieser Stunde! Ihre Schuld aber bekennen konnte sie nicht. Ja, mein Glaube daran geriet wieder ins Wanken. Ich hatte Mitleid mit der Adlerin, die geheimnisvoll die stolzen, freien Flügel gebrochen hatte. Sie dankte mir dafür mit der bebenden Liebe einer Sklavin, ich aber sehnte mich wild und mit aufbäumendem Weh nach jener Big zurück, die, ein Märchenkind des Frühlings und des Glücks, neben mir frei und froh in den Vierlanden geschritten war. Und nun war es wieder Frühling geworden, der siebente, seitdem ich ihr in Jubel und Schmerzen bekannt hatte: »Ich ginge am liebsten mit dir!« Wenn einst in Selmatt, der alten Heimat, die Menschen nicht davon sprachen, daß das Bergwerk einmal auf das Dorf fallen würde, so gaben die Geister doch von Zeit zu Zeit die Zeichen, daß sie wach seien und am Werk. Die Geister des Gebirges, die man nicht sieht, und die doch da sind, die nicht schlafen in der Nacht und keinen Sonntag feiern! Wie sie in den Felsen, spielen die Losgewalten des Gewissens in der menschlichen Brust und zermürben die Geheimnisse. Die Stunde kam. Da sprach Big! Wahrend ich gestern abend leidvertieft den Anfang vom Todeskampfe meines lieben Weibes Abigail erzählte, lieferten sich die Stürme eine grauenvolle Schlacht. Der Föhn aus mildem Süden jauchzte: »Ich setze das Banner des Lenzes auf diese Zinnen!« Der Nordost gellte und höhnte: »Ich stürze dich!« Die beiden Stürme holten sich Hilfstruppen. Es gibt keinen Wind, der in dieser Nacht nicht um mein Haus gerast hätte. Sie haben sich wie eine Horde wilder Tiere gebalgt, gewürgt, sich ineinander verbissen und um den Berg gewälzt. Der Anemometer, der selbsttätige Windmesser, beschrieb die wunderlichste Linie und verzeichnete Sturmgeschwindigkeiten bis zu 160 Kilometer in der Stunde. Nun aber sind die Winde abgezogen bis auf den Nordost, der Sieger und Herr der Stätte geblieben ist. Den Schaden der Schlacht tragen das Observatorium und ich. Es ist doch nicht so stark und fest gebaut, wie jene glaubten, die es vor bald anderthalb Jahrzehnten weihten. Ein Föhnstoß hat das Dach anreißen können. Ich erwachte aus einem wunderschönen Traum, der um die Pyramiden und Königsgräber Ägyptens ging. Im ersten Augenblick war mir, es würde neben dem Observatorium aus einem Mörser in den Kampf der Stürme geschossen. Ich merkte aber rasch, daß es das Geräusch eines Bleches war, das an die Wand des Hauses geklatscht wurde. Ich stand auf, um den Schaden noch in der Nacht zu untersuchen. Es war unmöglich, einen Tritt ins Freie zu setzen, der Föhn hätte mich nach Tuffwald hinuntergeworfen. Am Frühmorgen, als die donnernden Lüfte sich etwas ausruhten, lag die Bescherung da. Das Blech, das Wand und Hüttendach verbunden hatte, stak ein paar hundert Schritte unter dem Gipfel im Schnee, neben ihm weithin zerstreut eine Anzahl der schweren, dicken Schindeln, womit das Haus bedeckt ist. Einer jener Sparren, die quer über das Dach laufen und die beschwerenden Steine stützen, ist gebrochen, ein Leck entstanden, der über die Hüttenwand hinreicht und den Dachboden des Observatoriums auf ein Stück bloßgelegt hat. Ich habe den ganzen Tag an der Ausbesserung gearbeitet und vor Überanstrengung schmerzt mich mein Hinkebein! Meine Lage ist weiß Gott nicht beneidenswert. Der Draht gebrochen, das angegriffene Dach ein Spiel der Stürme. Denn viel wird mein Flickwerk nicht helfen. Wenn nur wenigstens Hans um den Stand des Hauses wüßte. Der Nordost pfeift sein ödes Lied! Da liegen die Blätter meines Lebens. Ich komme an den letzten Glückstraum Abigails, an winkende Erlösung aus Schuld und Pein, an eine Offenbarung des Himmels, als ob er selbst mein liebes Weib retten wollte. XXVII Der anbrechende Frühling des Südens drängte unsere inneren Sorgen in den Hintergrund. Wir gehörten wieder unserem freien, schönen Wanderberuf. Er führte uns von Rom nach Athen. Der blaue Himmel lächelte, die Mandelblüte schimmerte rötlich an den Gehängen, und der »Saturn« rüstete sich, über den Schönheitstraum der Akropolis zu steigen. Wir hatten aber entschiedenes Mißgeschick. Ein Brüderpaar und ihre beiden Freunde, vier junge Großkaufleute, die sich uns im Herbst als Passagiere zugesagt hatten, lehnten bei unserer Ankunft ihre Teilnahme an der Fahrt ab. Die Stadt stehe in einer geschäftlichen Krise, die sich plötzlich verschärft habe, und sie selber stäken zu stark in der Klemme, um an einen Ballonaufstieg denken zu dürfen. In der Hoffnung, es würden sich noch in letzter Stunde ein paar andere Passagiere melden, besorgte ich doch eine Füllung. Sie verzögerte sich indes wegen einer zu engen Gaszuleitung bis in den Abend. Als Big und ich mit dem nur zu Dreivierteln gefüllten »Saturn« ohne Passagiere in die Lüfte stiegen, vergoldete die scheidende Sonne bereits die Stirn des Meers. Eine leichte Brise trieb uns gegen die Berge, und der volle Mond erhob seine Scheibe in die Frühlingsdämmerung. Ich spähte nach einer günstigen Abstiegsgelegenheit, einem ebenen Fleck Erde in der Nähe einer Bahnstation oder wenigstens einer größeren Dorfschaft. Sie gab sich nicht so bald. In der Mondhelle lag ein wenig bewohntes rauhes Hügelland unter uns. Die Kühle der Nacht ließ die Ballonhülle stark zusammenfallen; um das schlechtgefüllte Fahrzeug in der Höhe zu halten, verbrauchten wir den Ballast und entschlossen uns nach etwa zweistündiger Fahrt in Ermanglung einer besseren Gelegenheit, bei einem kleinen Dorf zu landen, das in einer Hügelfalte auftauchte. Im Freien nächtigende Schafhirten an einer Berglehne hatten uns bereits bemerkt, in dem niedrig gehenden Ballon hörten wir ihre Überraschungsrufe. Da, ein Sausen an unseren Ohren! Gewehrgeknatter stieg aus der Tiefe! Die Unglückseligen schossen auf den »Saturn«! Ihrer mehrere! Wir ließen erschrocken weiße Tücher in die helle Nacht flattern und riefen ihnen zu, das Luftschiff bringe ihnen keine Gefahr. Vergeblich! Die Kugeln flogen klatschend in die Seidenhülle über unseren Köpfen. »Duck dich in den Korb!« bat ich Big. »Nein!« widerstand sie, ein wildes Leuchten in den Augen, »ich teile die Gefahr mit dir!« Ich wollte aus dem Bereich der Kugeln steigen! Um die Wirkung des Ballastes, der uns mangelte, zu ersetzen, schnitt ich blitzschnell das Tau des Ankers durch – er fiel – ein Schnitt – der Sack fiel, in dem unsere Seilvorräte am Korb hingen. Mütze, Mantel, Instrumente, was zu entbehren war, flog in die Tiefe. Der schlaffe »Saturn« hob sich merklich und erreichte die Fluggrenze der Kugeln. Da balancierte er und begann schon wieder langsam zu sinken. Eine Kugel pfiff und klatschte. »Big, empor ins Strickwerk! Ich opfere auch den Korb!« Ich bot meinem Weib die Hand als Stand für ihren Fuß und schaute empor, wie sie sich in den Seilen über dem Tragring klammerte. Da war mir im Ungewissen Licht, als läge ein wundersam kühner Zug in ihrem Gesicht. Ich erriet schrecklich. »Jost, schneide die Stricke nicht durch – ich rette dich!« schrie sie. Ich sprang, ich kniete auf dem Rand des Korbs und hatte ein Tragseil in den linken Ellbogen, ein zweites in die linke Hand gepackt. Ein todestiefer Seufzer Bigs. Nur mit der Rechten sich noch an einem Stück Netz haltend, schwebte die schlanke Gestalt im Blau der Nacht. Sie ließ los, sie glitt – da hatte ich sie auch mit eiserner Faust gefaßt, hielt sie, riß sie an mich und in den Korb. Ein gespannter Ballon wäre unter der Wucht des Stoßes geborsten. Ein ruhiger Mensch hätte in einer halben Sekunde nicht so viel überlegen und handeln können. Ein anderer Mann hätte die Riesenkraft nicht besessen, die Gestalt aufzufangen. Das Merkwürdigste aber: wir verloren die Besinnung keinen Augenblick, oder nur einen Augenblick! Der »Saturn« fuhr, sein Gleichgewicht suchend, in die Tiefe und in die Höhe, im Korbe lag Big auf den Knien. Sie raffte sich empor, drängte ihre Brust an meine Brust, schlang ihre Arme um meinen Nacken und stammelte: »Also Jost, so wollen wir gemeinsam sterben!« Nun war ich doch zu erschöpft, um sie von mir abzuschütteln. Ich weiß in der Erinnerung nicht, wie lange das Abenteuer dauerte, ob nur drei Minuten oder eine Viertelstunde, uns schien es eine lange Nacht! Wir machten keinen Versuch mehr, dem Verderben zu entrinnen. Brust an Brust erwarteten wir von einer der Kugeln den gemeinsamen Tod. Da merkten wir, daß die Schüsse seltener wurden. Das Flintengeknatter hörte vollends auf, und ehe ich nur die Ventilleine gezogen hatte, lag der »Saturn« auf der Erde. Kein Mensch war zugegen! Doch! Ein alter gebückter Mann nahte sich und bat um Barmherzigkeit für sein Dorf. Die Hirten hätten nicht gewußt, daß es so merkwürdige Dinge wie ein Luftschiff gäbe, und hätten nur aus Angst und Aberglauben darauf geschossen. Bald eilte auch ein Bursche herbei und erzählte prahlerisch, er allein habe gedacht, daß die Scheinkugel in der Höhe ein Ballon sein könnte; er wisse, man brauche die Luftschiffe zu Spähdiensten im Krieg. Auf seine Mahnung seien die Schüsse eingestellt worden. Nun bitte er um eine Belohnung. Scheue Hirten, diejenigen, die vorher auf uns geschossen hatten, kamen, und die mit Schaffellen bedeckten wilden struppigen Gesellen erschraken namentlich darüber, daß ihre Kugeln ein Weib hätten töten können. Willig leisteten sie bei der Entleerung und Verpackung des »Saturns« Hilfe und brachten uns die weit in der mondhellen Landschaft zerstreuten Dinge wieder, die ich in der äußersten Not aus dem Korb geworfen hatte. Am Morgen fehlte kein Stück; einige Instrumente aber waren verdorben. Von Schlaf konnte nach dem furchtbaren Abenteuer keine Rede sein. Erst nachdem wir die Gefahr schon etliche Stunden überstanden hatten, erfaßten uns die stärksten Schauer über das Erlebte. Big schluchzte an meiner Brust: »Jost, warum hast du mich nicht für dich sterben lassen?« »Törin,« schalt ich, »glaubst du denn wirklich, ich hätte mit der gräßlichen Erinnerung weiter leben wollen? Ich, wie ein Pfeil in die Luft schnellen – du, totstürzen? In dem Augenblick, da ich die Erde wieder betreten hätte, würde ich nicht aufgehört haben, die Stelle zu suchen, die dein Blut getrunken hätte. Rasch hätte ich mich zu dir gebettet!« In schweren Gesprächen wogte sich das schreckliche Erlebnis aus. Der Weinkrampf Bigs dämpfte sich in ein leises Wimmern. Ich verstand nur noch das Wort: »Wie gern wäre ich für dich gestorben!« Als ich am andern Tag die Seidenhülle des Ballons untersuchte, waren darin neunzehn Kugellöcher, und selbst am Korb waren Spuren von Streifschüssen. Ich schnitt aus einem Vorratsstück von Ballontaffet runde Flecke und klebte und nähte sie auf die Löcher der Seide. Unterdes kam die amtliche Untersuchung über den Vorfall. Was war mit den armen, einfältigen Hirten anzufangen, die sich vor uns immer wieder auf die Knie warfen und mit emporgehobenen Händen um Gnade flehten? Wir wandten uns mit dem zerschossenen »Saturn« aus Griechenland, wo kein Glück mit uns gewesen war, über das Mittelmeer. Kein Glück? – Doch! Ich war erfüllt von dem Gedanken an die abgrundtiefe Liebe Bigs zu mir, die furchtlos bereit gewesen war, für mein bedrohtes Leben das ihrige in die Schanze zu schlagen, und seit dem Augenblick, da ich in Gefahr gewesen war, mein Weib zu verlieren, wußte ich wieder, wie unsäglich ich sie liebte. Sie lehnte einsam sinnend an der Ballustrade des Dampfers. Ich nahte mich der Träumerin mit der Zärtlichkeit eines Frischverliebten. Die Hand um ihre Hüfte geschlungen, Wange an Wange, schaute ich mit ihr in die Jagd der spielenden Delphine und in die strahlende Bläue des Meers. Da stieg im Süden ein funkelnd grüner Streif aus den leichten Wellen. »Das Pharaonenland!« machte ich Big aufmerksam. »Was wird es uns bringen?« fragte sie halb in sich. Ägypten brachte mir eine Reihe von Fahrten, die zu den schönsten meiner Luftschifferlaufbahn zählten, und meinem Weibe die Offenbarung des Himmels, daß sie zu Höherem berufen sei als sich für ihren Mann töricht aus dem Ballon zu stürzen. Nachrichten über das Abenteuer in Griechenland waren uns über das Meer vorausgewandert, und die Zeitungen von Alexandrien und Kairo bereiteten uns einen begeisterten Empfang. »Der erste Ballon, der in Ägypten stieg, ein Kriegsflugschiff der Franzosen, ging in der Schlacht bei Abukir ruhmlos zu Grunde,« schrieben sie, »und das Glück war auch den Luftschiffen, die später in unseren Städten stiegen, nicht immer hold. Jetzt aber erwarten wir ein ausgezeichnetes Aeronautenpaar. Seit einiger Zeit sind die Namen des kühnen Luftschifferkapitäns Leo Quifort und seiner ebenso bewunderungswürdigen Frau Gemahlin in aller Munde. Das junge Paar ist aus Mexiko in die Alte Welt herübergekommen, um der Sportluftschifferei das Ansehen und den Glanz wieder zu verleihen, den sie, trotz dem löblichen Streben weniger gebildeter Ballonisten, eine Weile hat entbehren müssen. Die Freunde der Luftschiffahrt erzählen über die Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit des jungen Kapitäns wunderbare Dinge und sind nicht einmal überrascht, daß er mit seiner liebenswürdigen Frau Gemahlin aus dem mörderischen Überfall der abergläubischen griechischen Hirten mit einer siegreichen Handbewegung hervorgegangen ist. Die schwerste Kunst der Ballonführung, diejenige des glücklichen Landens, ist in ihrer höchsten Ausbildung das Geheimnis Leo Quiforts. Mit der nämlichen eleganten Sicherheit, mit der er aus der Höhe des Luftkreises auf den von ihm gewählten Wiesenplan stößt, senkt er sein Fahrzeug auf einen Dampfer im Meer, kein Fischerkahn ist ihm zu klein, er landet! Wie am Tag, in dunkler Nacht! Es ist schon die Frage aufgeworfen worden, ob die Augen des Kapitäns eine besondere Organisation besitzen, da er selbst in schwimmender Finsternis jede kleine Unebenheit in der Bodengestaltung der Tiefe und die Drähte jeder Telegraphenleitung erspäht, die das Hindernis eines glücklichen Abstiegs sein könnten.« Ich lachte herzlich zu dem Überschwang, Big aber ereiferte sich: »Ein starkes Korn Wahrheit steckt doch darin, ich zweifle, ob es je einen ebenso sicheren Fahrer gegeben hat, wie dich, Jost!« »Nein, die Wahrheit ist hier,« widerstritt ich und deutete auf die Stelle im »Phare d'Alexandrie«, die ihr gewidmet war. »Im gleichen Augenblick,« schrieb das Blatt, »da man vom Kapitän Quifort spricht, muß man seiner tapferen Frau Gemahlin das Lob aus voller Seele bereiten. Begeisterte Passagiere aus Italien, Österreich, den Donauländern und der Türkei entwerfen übereinstimmend das Bild der jungen und schönen, hochgebildeten und feinsinnigen Frau. Ein Blick in ihr Antlitz: selbst zaghafte Männer fassen Vertrauen in die Gondel des ›Saturn‹, und Damen, die vorher nie daran gedacht hatten, sich in ein Luftschiff zu wagen, werden Ballonfahrerinnen. Nie ist Frau Abigail Quifort ihren Gästen auf schöner Fahrt durch die Lüfte das Beispiel froher Laune, heiterer Geselligkeit und geistvoller Unterhaltung schuldig geblieben, am wenigsten aber dasjenige mutiger Ruhe, lächelnder Standhaftigkeit und Geduld, wenn es eine Sturmfahrt oder einen Abstieg in kulturlosen Gegenden galt. Das ausgezeichnete Paar sei uns in Ägypten willkommen, und da ihm der Ruf vorausgeht, daß es sich in der großen Gesellschaft ebenso glücklich wie im Reich der Lüfte bewegt, werden ihm auch diejenigen, die nicht in den Korb des ›Saturns‹ zu steigen gedenken, einen sympathischen Empfang bereiten.« In der Tat entschädigte uns der Aufenthalt in Alexandrien und Kairo für das Mißgeschick in Griechenland. Der »Saturn« war mit seinen runden Flicken eine große Sehenswürdigkeit der beiden Städte; wir wurden mit Aufmerksamkeiten überhäuft, hatten zahlreiche Passagiere aus vornehmer Gesellschaft, und ein schöner Flug löste den anderen ab. In der Erinnerung sehe ich die vielen tausend Zuschauer, die sich in den Gärten der Esbekieh zu Kairo um unsere Aufstiege drängten, liegt das Bild der Stadt aus der Vogelschau des Korbes unter mir. Es zieht der Nil sein blaues Band um das lachende Eiland von Gesireh; es schimmern die weißen Terrassendächer, die vom Strom zur Zitadelle am Mokatamgebirge hinansteigen; es leuchten die Minarette der etlichen hundert Moscheen; das Fruchtgebiet von Choubra erglänzt wie ein Teppich, Kulturfelder heben sich wie hingelegte Spielkarten aus dem satten Grün der Landschaft, und nicht größer als die Würfel, deren man sich zum Spiel bedient, grüßen die Pyramiden vom gelben Saum der Wüste. Warum mir die Bilder Ägyptens in sonniger Fülle aus der Erinnerung emporscheinen, liegt nicht an dem äußeren Glück, das meine Aufstiege begleitete. Nein! Es war aber in jenen schönen Wochen, als glitte etwas vom Wesen Bigs ab, was sie seit langem wie eine friedlose Traurigkeit umgeben hatte. Ich überraschte mein Weib, wie sie selig in sich selber hineinzuhorchen und zu träumen schien, und aus den blauen Augen blitzte jener Strahl von Schelmerei und Mutwillen, der mein Entzücken gewesen war, als wir durch die Vierlande geschwärmt waren. Endlich, endlich wieder? Trug an der glücklichen Wendung bloß der Brief die Schuld, in dem Sommerfeld seine freudige Genugtuung über unsere Errettung aus dem Gewehrfeuer der griechischen Hirten und über unsere großen Erfolge in Ägypten aussprach, oder die Meldung aus Marfil, daß endlich die schändliche Kinderarbeit in den Gruben ihren Ersatz durch ein System von Maschinen gefunden habe? Gewiß freute sich Big über beide Nachrichten aus Herzensgrund. Die Ursache ihrer glücklich veränderten Stimmung lag aber tiefer – es war, wie wenn der gütige Gott selbst mein herrliches Weib aus seiner großen Angst dem Leben zurückschenken wollte. Nachdem wir schon eine Reihe wohlverlaufener Fahrten hinter uns hatten, zögerte Big plötzlich, in die Gondel des »Saturns« zu steigen. Das erschien mir umso verwunderlicher, als der Wind eine prächtige Fahrt über die Pyramiden versprach, und eine junge Dame unter den Passagieren erklärte, bei dem Flug nur mittun zu wollen, wenn meine Frau ihr über Nacht Gesellschaft im Beduinenzelt der Wüste leiste. An dem reizenden Geschöpf, das einen baskischen Schleier um das zierliche Haupt gewunden hatte, war nichts groß als die schwarzen Augen und der Wille zur Mitfahrt, das Mädchen stampfte vor Ärger, als Big, ohne einen triftigen Grund anzugeben, der Fahrt mit fröhlichem Gesichte zu entschlüpfen suchte. Ich selbst begriff die Laune meines Weibes nicht. Darüber lachte sie nur schelmisch auf. Zuletzt aber stieg sie, unseren vereinten Bitten folgend, doch in den Korb, den ein leichtes Lüftchen über die anmutige Landschaft von Heliopolis wehte. Der Teppich des Grüns ging zu unseren Füßen aus, und unter dem Jubel unserer Gäste flog der »Saturn« im Strahl der untergehenden Sonne über die Sphinx und die Pyramiden und trieb über die gelbe Wüste, über ihre Berge und Täler von Sand, über die Dünen, die das Spiel des Windes in die seltsamsten Formen gebracht hatte. Noch im Anblick der Pyramiden, der viertausendjährigen Denkmäler, landeten wir und plauderten in der linden Nacht vor den Zelten, die wir bei den Beduinen bestellt hatten. Aus weiter Ferne drang etwas unheimlich das Geheul der Schakale; Big aber, die mit der jungen Dame ein Zelt bewohnte, suchte die Gelegenheit, mich aus der Gesellschaft zu ziehen. Aufgelöst in einen Strom der Zärtlichkeit, schmiegte sie sich eng an mich, zögerte noch einen Herzschlag lang und flüsterte, von Glück überstrahlt: »Jost, ich hätte schon heute nicht mehr mittun sollen. Es war meine letzte Fahrt, ich hoffe, die allerletzte! Der Traum der Jahre und mein Gebet sind erfüllt. In seliger Gewißheit spüre ich das Kind, das ich unter dem Herzen trage. Nun gehöre ich ihm!« – Ich sah in ein Antlitz voll rührend gläubigen, demütigen Glücks, und unter den Sternen der Wüste habe ich in der Erschütterung schlafloser Wonne, eins mit dem Leben, eins mit der Welt, wohl die reinste Stunde meines Daseins verbracht und als seliger Träumer den Aufgang der Sonne erwartet, damit sie einem König und einer Königin des Glücks zum Ritt in die Stadt Kairo leuchtete. Der Gedanke an das Kind beherrschte unser Sinnen und Planen. Wir schieden von Ägypten wie von einem Märchenland der Erfüllung, und in Oran brach ich, um mich ganz meinem Weibe widmen zu können, früh im Herbst meine Ballonfahrten ab. Ich sprach mit der wundersam versonnenen Big darüber, ob wir den Winter nicht in Paris verbringen und dort die Geburt des Kindes abwarten sollten. Ich würde inzwischen für den zerschossenen »Saturn« einen neuen, schöneren Ballon bauen lassen, den ich ihr zu Ehren »Big Quifort« heißen wolle. »Nein, an einen neuen Ballon wollen wir nicht denken, Jost,« erwiderte sie mit unendlich bittenden Augen, »nur an einen stillen Winkel, in dem wir unserem Kind einen Fleck Erde zum Spielen und eine Heimat geben können. Lassen wir für das Kind die ehrgeizigen Pläne der Luftschifferei! Und meine schwere Stunde will ich nicht unter fremden Menschen in Paris, sondern bei meiner treuen, liebevollen Gherita erleben. Es wird dort am Ölhang wohl eine kleine Villa zu mieten sein!« Die kleine Villa war zu mieten und die anhängliche Italienerin war von der Aussicht entzückt, ihre geliebte Herrin von ehemals pflegen zu dürfen. Um die Weihnachtszeit schifften wir uns von Neapel, wo wir zuletzt gewohnt hatten, mit einem österreichischen Dampfer nach Triest ein. Big, in hohem Mut, in gesegneter Hoffnung! Aber Mut und Hoffnung des jungen Weibes waren doch nur wie Abendröte über einem blühenden Maientag, der Frucht ansetzen will, und dem die Reifnacht folgt, die Blüte und Frucht tötet. Was half es meiner armen Big, daß einst ihre Fürsprache in der Weihnachtstunde die Kette des Mörders, der im tiefsten Schiffsraum gefesselt lag, lockerte und ihm auf einen Augenblick wieder die Menschenwürde schenkte; was half es ihr, daß sie als Wohltäterin die ärmsten Quartiere Triests aufsuchte und als Fürbitterin für ihr künftiges Kind in den Kirchen kniete? Als sich die ersten Lenzknospen regten, ging sie doch entmutigt und voll banger Ahnungen in die Mutterstunde. XXVIII Ich bin beklommen um und um! Während ich die Blätter meines Lebens schreibe, nagen die Stürme unaufhörlich am Dach, Schindel um Schindel fliegt. Mein Flickwerk hielt nicht stand; ich arbeitete heute wieder von früh bis spät auf dem Dach. Im Schweiß der Arbeit überfiel mich ein eisiger Ost; ich zog mir eine scharfe Erkältung zu und fühle, daß ich nicht mehr der starke Jost Wildi bin von einst. Dazu kommt eine erschreckende Entdeckung. Als ich auf den Abend den Ofen heizen wollte, bemerkte ich, daß mein Holzvorrat knapp geworden ist. Er war im Herbst nicht kleiner als andere Jahre; aber hingerissen von den Wandelbildern der Erinnerung, ließ ich mich oft von der Mitternacht, oft vom Morgen über den Blättern meiner Beichte treffen und habe bei der einsamen Schreiberei unvermerkt mehr Holz zur Feuerung verbraucht als in anderen Wintern. Wenn jetzt eine strenge Kälte einträte, käme ich in große Verlegenheit. Sparen könnte ich am Holze wegen des Stichs in der Brust nicht, und nach einiger Zeit müßte ich den Ofen mit dem entbehrlichen Mobiliar des Observatoriums zu heizen beginnen. Schöne Aussicht das! Der Sturm frißt das Dach, der Wetterwart verbrennt die Geräte und Hüttenwände und steckt endlich die rote Flagge der Not auf den Gipfel! Ich sperre mich gegen diesen Gedanken. Und könnte man mir wirklich Hilfe bringen? Gewiß würde mein treuer Hans übermenschliche Kräfte aufbieten; aber die Möglichkeit besteht, daß ich in einem halbzerstörten Haus einsam und langsam zu Grunde gehen muß. Darum bin ich beklommen um und um. Am stärksten erschüttert es mich aber, daß ich jetzt das Geständnis meiner armen Big in die Blätter meines Lebens tragen soll! Die Hälfte ihrer Schuld ist mein. Als es sich um die Wahl der Stadt handelte, in der mein glückseliges Weib und ich das erste, süße Lächeln unseres eigenen Kindes erwarten wollten, hätten wir uns nicht für Trieft entscheiden sollen. Wohl lebte dort die treue, liebevolle Gherita, und vergaß über der Freude, ihrer ehemaligen Herrin wieder Dienste leisten zu können, beinahe die Sorge um das eigene Heim, um Mann und Kind. Wohl lag die kleine Villa, die wir uns gemietet hatten, wie ein reizendes Vogelnest am windgeschützten, südlich immergrünen Hang, aber aus dem Hintergrunde des lichtblauen Golfes, der an unserem Garten spülte, blickte der malerische, schwere Felsentraum von Duino in unsere Fenster, und als die ehemaligen Passagiere und ihre Damen kamen, um uns zu begrüßen, sprachen sie von dem Ausflug nach den Schlössern und von dem vergnügten Tanz auf dem heimkehrenden Boot, bei dem Big in der Fülle ihrer heißblütigen Schönheit erstrahlt sei. Ich sah, wie die fröhlich plaudernde Erinnerung mein hoffendes Weib aus ihrem Mutterfrieden schreckte. Die wandernden Stunden saß sie nun am Fenster und schaute auf das Meer, unter dessen Glänzen und Lächeln die schweren Geschicke Charlottens, der Belgierin, und der sospir' del mar' durch die Fluten beben. Vor dem Bilde des Golfes ließ Big das schöne Haupt sinken, und von ihrem Antlitz floh, wie das leise Erlöschen eines Sonnenstrahls, die Verklärung der Mutterlust. Ich trat mit hellem Gruß zu ihr; sie aber fuhr aus tiefer Versonnenheit empor, und die traurige Zärtlichkeit ihrer Stimme erinnerte mich an meine selige Mutter, wenn sie bat: »Jost, mein Junge, so sprich doch wieder einmal ein rheinländisches Wort!« In jenen Tagen der großen Betrübnis wohl schrieb sie, unter dem Eindruck der Erinnerungen von Miramare und Duino, das Bekenntnis nieder, wie sie an Duglore, meiner ehemaligen Verlobten, gesündigt habe. Da stehen die Worte: »Wie Charlotte, die Belgierin, ihren Gemahl auf einen Kaiserthron habe ich dich, unsäglich geliebter Mann, auf die Sonnenhöhen des Lebens führen wollen, nun aber, da mich in Erwartung unseres Kindes das Geheimnis böser Tat wie eine Flamme brennt, will ich nicht jener schrecklichen Jugunde von Duino gleichen. Ich fürchte, daß mich die Geburt unseres Kindes dahinrafft. Dann magst du um meine Schuld wissen. Selbst der Gedanke, daß du einen Fluch auf mein Grab werfen wirst, ist mir nicht so entsetzlich, wie wenn ich mit verschwiegener Sünde von der Erde scheiden müßte.« Ich habe das Bekenntnis Bigs, ehe sie aus dem Leben flüchtete, mit aufweinender Seele gelesen. Sie selber bat mich in ihrer schweren Stunde, den Brief zu erbrechen, der es enthielt. Die schwere Stunde dauerte einen Tag und eine Nacht. Die lange, bange Nacht war schon ihrer Mitte nahe. Ich litt mit Big. Zwei heiße Tränen rannen ihr über die brennenden Wangen. »Jost, mich verläßt die Kraft, hilf mir!« ächzte die Erbarmungswürdige. »Erschrick nicht über meine Bitte. Gedenke Neuyorks! Ich sah ein kleines Buch in deinem Koffer, das Kirchengesangbuch Duglore Imoberstegs, ihr Amulett für dich! Du wolltest dich davon nicht trennen. Ich aber fürchte das kleine Buch voll Staub und Erde, das dich begleitet. Jost, das geheimnisvolle Amulett läßt mich die schmerzlichste Pflicht des Weibes nicht erfüllen. Es lähmt mich. Um meiner Liebe und Pein willen, Jost, schaffe es aus dem Hause – und ich will dir unser Kind gebären.« Ich bat Gherita, daß sie das Buch in ihr Heim hinübertrage. Wie merkwürdig war die dringende Bitte Bigs! In furchtbaren Ahnungen begann es mir zu dämmern, daß das unschuldige Buch, das ihre Kraft lähmte, nur das äußere Zeichen einer Schuld sei, die tief in ihrem Gemüte lebte, und Schleier fielen von meiner Seele. Einen Augenblick schöpfte die Verzweifelnde Atem. »Was bist du so blaß, was blickst du so gräßlich, Jost?« stieß sie aber plötzlich hervor. Wimmernd und mit zuckenden Fingern raufte sie sich das prachtvolle Haar, das in seiner lichtbraunen Fülle wie ein Mantel auf den Pfühl herniederfloß. Sie bäumte sich jäh empor. Durch die wirren Haarsträhnen blitzten die blauen Augen entsetzt, wie wenn sie ein Gespenst sehen würden; die süßen Züge verzerrten sich schrecklich, die Arme verrenkten sich in Krämpfen. »Was muß ich dulden, Jost! Es ist nicht das kleine Buch, das mich quält,« kreischte sie, »ich weiß aber, warum ich leide. Ich kann das Kind wegen Duglore Imobersteg nicht zur Welt bringen!« Ihr Mund suchte Luft: »Jost, du ärmster Jost,« gellte ihr Schrei, »ich habe mich vor Duglore Imobersteg am Muttergeheimnis vergangen!« – Mir war, die Erde bebe und spalte sich, giftige Flammen und Dämpfe aus der Hölle schlügen daraus hervor. Big aber glitt kraftlos in die Kissen zurück, stöhnte und schluchzte und weinte so bitterlich wie damals, als wir uns im Krankenhaus von Hamburg verlobt hatten. Es war aber das Weinen der inneren Befreiung! Als ich in wortloser zitternder Vernichtung an ihr Lager sank, reichte sie mir die zuckende, mit kaltem Schweiß bedeckte Hand. »Jost,« unterbrach sie ihre heißströmenden Tränen, »ich habe einen Brief an dich geschrieben. Da ist das Schlüsselchen zu meiner kleinen Schatulle im Nebengemach! Geh, lies, was in dem Schreiben steht, aber lies es nicht vor meinen Augen! Geh, Jost! Vergib, wenn du vergeben kannst! Lies!« Das Wort entschlief auf den glühenden Lippen der Erschöpften und zum Tod Gekreuzigten! Schmerzen aber jagten sie wieder empor. »Geh!« bat sie, »lies!« Ich wankte ins Nebengemach, ich öffnete mit bebenden Fingern das Elfenbeinschächtelchen, eine altmexikanische Schnitzarbeit. Da lagen die mit ihrer lieben Handschrift bedeckten Blätter, doch deuteten die zackigen Buchstaben auf die Angst und die Erregung, in der sie hingeworfen worden waren. Sie wollten vor meinen Augen verschwimmen; mit der letzten Fassung, die mir geblieben war, aber las ich das Geständnis meines Weibes. »Du mein unsäglich geliebter Mann,« schrieb Big, »ich war schon von Helgoland an im Banne deiner dunkeln Augen, deiner stolzen Jugend, deiner frischen Kraft. Mein Herz jauchzte, als ich dich beim Ballon Sommerfelds wieder sah. Weinend gedenke ich der wundersamen Fahrt und der ersten schönen Abende mit dir, in denen es nur die eine Enttäuschung gab, daß du bereits eine Liebe in deiner Heimat besaßest. Ich fühlte es damals wohl, daß ich von dir gehen sollte, ich fand aber die Kraft nicht, wie mit magnetischer Gewalt riß es mich wieder zu dir. Um mein Verbrechen zu begreifen, gedenke der uns nachschluchzenden Tage der Vierlande! Unserer wilden Küsse! Gedenke, wie schroff wir in den Anlagen vor dem Justizgebäude Hamburgs scheiden mußten. Du mein unsäglich geliebter Mann! Ich wankte und taumelte sinnlos von dir! Ich hatte nur einen Gedanken: Nun ist mir mein Jost auf ewig verloren! Was kümmerte es mich, daß mich die Vorsteher des Erziehungspensionats, Römer und Jenssen, die mir wegen der Zusammenkünfte mit dir schon vorher manche Verwarnung erteilt hatten, die Tür wiesen? Ich lebte, ohne jemand mit einem Gedanken verraten zu dürfen, was meine Seele wie Feuer verzehrte, im Hotel. Ich sollte und wollte nach Mexiko fahren, aber ich konnte mich von dem Boden nicht trennen, auf dem du gingst, und nicht von der Luft, in der du atmetest. Rasendes Heimweh nach dir peitschte mich vom Morgen bis zum Abend einsam durch die Stadt. O, nur einen Zipfel deines Kleides sehen, in der Straße nur die Spur deines Fußes. Vergeblich! Ich fragte einen Schutzmann um Rat, wie ich deinen Aufenthalt entdecken könnte. Nach einigen Tagen brachte er mir vom Einwohneramt die Angabe deines Wohnortes, es bot sich mir die Gelegenheit, von einem Burschen der Gärtnerei, in der du mit Duglore Imobersteg Quartier genommen hattest, einem durchtriebenen Gesellen, der jeden Morgen mit einem Wägelchen voll Blumen in die Stadt fuhr, manches über dich und deine damalige Verlobte zu erfahren. Jost, mein Jost, den ich liebte wie einen jungen Gott, ärmlicher Dampfschiffheizer! Der Mann, der hohen Sinnes gesprochen hatte: ›Ich ginge am liebsten mit dir!‹ hinabgesunken in den verachtetsten Beruf einer Hafenstadt. Endlich, endlich sah ich dich einmal; du führtest deine Verlobte aus den Bergen und wagtest mich ihretwegen kaum zu grüßen. Da umkrallte mich der Wahnsinn. Tage trug ich mich mit dem Plan, mein, junges Leben wegzuwerfen und dich zum Erben meines Vermögens einzusetzen, damit du mit deiner Braut glücklich werden könntest. Mächtiger aber quoll der eigene Lebens- und Liebesdurst empor. Um mich sauste und brauste dein Wort: ›Ich ginge am liebsten mit dir!‹ Ein rasendes Mitleid mit dir erfaßte mich, es flüsterte mir vor, du gingest nur aus Pflichtgefühl mit jenem Mädchen, es sei bloß nach Hamburg gekommen, um dich für immer an niedrige Lebensverhältnisse zu fesseln, du würdest das Opfer eines Treuwortes, das du ihr in der Befangenheit deiner Jugend in den fernen Bergen gegeben hättest, im stillen aber unendlich bereutest. Ich kam auf den wahnwitzigen Gedanken, ich müßte dir, ohne daß du es ahntest, die Freiheit wiedergeben, dann würdest du jubelnd in die Arme derjenigen eilen, die bereit war, dich auf die Höhen des Glücks zu führen. So handelte ich wie eine Törin, nicht wie ein vernünftiges Wesen und wurde an der unschuldigen Duglore Imobersteg zur Verbrecherin. Es war an einem Sonnabend. Der Gärtnerbursche hatte mir erzählt, du würdest wohl noch vierzehn Tage auf deinem Schiff von Hamburg fern bleiben. Durch Jenssen und Römer erhielt ich deinen Abschiedsbrief und dein Bild aus Rotterdam. Der Brief, der nur dankte, kein Wiedersehen wünschte, hätte mich zur Besinnung bringen sollen. Das Bild aber verwirrte mich; ich küßte es unzähligemal, und über deinem lieben Gesicht faßte ich in der Nacht den schrecklichen Entschluß. Morgen war Sonntag. Da besuchte Duglore Imobersteg, die sonst die Gärtnerei nie verließ, den Gottesdienst in der Kirche von Ottensen. Auch ich ging hin, mengte mich in die Schar der Betenden und sah, wie furchtbar deine Verlobte bei meinem Anblick erschrak und vor mir in Angst erstarrte; vom Gebet des Geistlichen hörte ich nichts als: ›Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!‹ Was ging das mich an? Ich war eine Heidin! In meinem rasenden Blut schrie deine Stimme: ›Ich ginge am liebsten mit dir!‹ Der Gottesdienst war zu Ende. Die sonntägliche Menge strömte ins Freie, und beim Verlassen der Kirche sah ich wohl, wie deine Verlobte vor mir flüchten wollte, ich war aber schon dicht in ihrer Nähe. ›Fräulein‹, bat ich, ›dürfte ich mit Ihnen ein ernstes Wort sprechen?‹ Sie hielt den Schritt an. In schweigender Qual ließen wir die Menschen sich entfernen. ›Was wollen Sie von mir?‹ fragte das Mädchen angstvoll. ›Die Freiheit Jost Wildis,‹ erwiderte ich in blasser Entschlossenheit, ›der mich mehr liebt als Sie und in der Verkettung mit Ihnen unglücklich ist.‹ Nein, das ist mein Jost nicht!' stieß die Schwankende hervor. ›Hier ist ein Brief aus Rotterdam,‹ versetzte ich. ›Sie kennen die Schrift?‹ Ein Blick nur, sie schrie: ›Abgründiger Jost! Ich kann Ihnen aber Jost doch nicht lassen, Fräulein,‹ flehte sie, ›ich fühle mich Mutter von ihm!‹ Da entfuhr mir die satanische Antwort: ›Ich wohl schon länger als Sie!‹ Augen, deren halbgebrochenen Blick ich nie vergessen werde, starrten mich an. Die Geschlagene taumelte mit einem Weheschrei von mir hinweg in den sonnenlichten Tag!« Der Brief mit dem gräßlichen Geständnis Bigs entfiel mir. In das Gefühl innerer Vernichtung flog die Woge des Zorns, der Wut. Meine erste Regung war: Du Pantherkatze aus den amerikanischen Wäldern, die mein Duglörli zerfleischt hat, nun mußt du von den Händen deines Mannes sterben! Ich machte einen Schritt gegen das Zimmer der Kreißenden, da hörte ich durch die Tür ihre herzzerbrechende Klage: »Kind, mein Kind, erbarme dich meiner!« und die betend erhobene Stimme Gheritas. Nein, das war nicht der Augenblick, furchtbare Abrechnung mit der Verbrecherin zu halten. Ich kam zur Besinnung. Ich hob den Brief vom Teppich und las ihn in stummem Entsetzen zu Ende. »Du fragst mich,« schrieb Big, »wie ich des grausamen Betruges an der unschuldigen Duglore Imobersteg fähig war? Ich handelte in einer Überspannung der Sinne, die weder das Mitleid mit der Unglücklichen noch die Erkenntnis der Verwerflichkeit meiner Tat aufkommen ließ, mit der Sicherheit einer Traumwandelnden, die unbefangen über einen Dachfirst schreitet, und in der herztiefen Überzeugung, ich kämpfe ja nur für dein Glück, innigst geliebter Mann. Es überraschte mich nicht, daß der ganze äußere Erfolg mit meiner Missetat war und mir die Wahl zwischen der Flucht nach Mexiko oder dem Sprung ins Wasser erspart blieb. Der Gärtnerbursche meldete mir die Abreise Duglore Imoberstegs in die Heimat und daß du, ohne sie wiedergesehen zu haben, am Nervenfieber im Krankenhaus liegest. Ich konnte mich dir unverfänglich wieder nähern. Die zwei Briefe, die du aus den Bergen empfingest, verrieten nichts, der Weg stand unserer Liebe offen, und in meiner Verblendung empfand ich an deinem Lager sogar ein dankendes Gefühl gegen das Geschick, das meiner furchtbaren Tat günstig gewesen war. Langsam nur kam das Erwachen aus den glühenden Wahnsinnsträumen, die mich Recht und Unrecht nicht unterscheiden ließen und mir vorspiegelten, ich hätte Großes und Edles an dir getan. Im Krankenhaus dämmerte es leise über der Wahrnehmung heran, daß du doch viel stärker an Duglore Imobersteg hingest, als ich mir je eingebildet hatte. Darum das brennende Weh, die Tränen bei unserer Verlobung! Du hast die Möglichkeit, an der Seite Josts leben zu können, mit einem Opfer erkauft, das größer ist als das Glück, jammerte es in meiner Seele. Ich erstickte ihr Aufweinen. Im Bahnhof von Hamburg aber – du erinnerst dich an den trüben Abend – mußte ich plötzlich an das Mädchen denken, das schmerzzerrissen den Weg in die Heimat gesucht hatte. Ich sah die zum Brechen schreckhaften Augen, das entgeisterte Gesicht Duglore Imoberstegs wie eine Wirklichkeit; zarte Gefühle, die Weib mit Weib verbinden, brennendes Mitleid mit der Unglücklichen, trostloses Weh über mich selbst schwälten durch die Stunde. Mir war, ich sollte dich verlassen, Jost! Doch war diese Stunde nur der Anfang meiner Schulderkenntnis. Am furchtbarsten kam es über mich, als mir in unserer Ehe die süßeste Hoffnung eines Weibes versagt schien. ›Ein Kind!‹ schrie eine Stimme anklagend in mir, ›ein Kind! Wie kannst du ein Kind erwarten? Du hast dich ja vor Duglore Imobersteg am Urheiligsten der Natur vergangen, am Werde- und Muttergeheimnis. Zur Unfruchtbarkeit verflucht ist der Schoß des Weibes, das geheiligtes Drängen einer Knospe verbrecherisch geheuchelt hat!‹ In mir erwachte, obgleich ich als eine Heidin erzogen war, das furchtbarste Wunder der menschlichen Seele, das Gewissen, und überfiel mich mit jener lähmenden Angst, die mich kein Kind von dir, geliebter Mann, empfangen ließ.« Das Bekenntnis Bigs lief weiter, weiter: »Du erinnerst dich an das kleine Buch Duglore Imoberstegs, das ich in Neuyork in deinem Besitz entdeckte. Ich begriff, daß du dich nicht von dem unschuldigen Liebeszeichen deiner Jugend trennen wolltest, ich habe aber vor dem Büchlein, so oft ich es sah oder nur daran dachte, eine gräßliche Furcht empfunden. Es erschien wie die sichtbare Anklage Duglore Imoberstegs gegen mich. Wohl gab es ja Stunden, selige Nächte, lieber Jost, in denen mein geheim nagendes Weh an deiner Brust einschlief, und auf unserem Wanderzug durch die Welt kamen stets wieder Tage, Wochen linden Vergessens und erstohlenen Glücks, urplötzlich aber war das Schicksal wieder mit einem seiner grausamen Winke da. Ich öffnete meinen Goethe. Da stand: ›Alle Schuld rächt sich auf Erden,‹ ich schlug meinen Schiller auf: ›Das Leben ist der Güter höchstes nicht,‹ rief er mir zu, ›der Übel größtes aber ist die Schuld.‹ Die Dichter bestätigten nur den Jammer in meiner Seele, und das Leben hatte für mich Foltern ohne Zahl. Denke an den Tod der kleinen blassen Maud. Selbst die fremden Kinder verdarben also unter meinen Händen. Denke an den alten Herrn von Trieft mit dem vernichtenden Wort: ›Geheimnisse zermürben und töten die Seele eines Weibes!‹ Denke an Rom! Ich hatte mich stets noch mit der schwachen Hoffnung getröstet, das Wort Duglore Imoberstegs, sie fühle sich Mutter von dir, sei ein Vorwand und eine ebensolche Unwahrheit gewesen wie mein hingeschleudertes ›Ich wohl schon länger als Sie!‹ Da kam das Zeitungsblatt in meine Hände. Was half mir die kleine Beruhigung, daß sie im fernen Tal ein bescheidenes Glück gefunden hatte, gegen die schreckliche Erkenntnis, daß sie die Wahrheit gesprochen, daß ich mit der Tat meines Wahnsinns dir dein Kind und dem Kinde den Vater geraubt hatte. Schuld über Schuld!« – Ja, das spürte auch ich. Die Wurzel alles Leides, alles Übels, von dem die Zeilen Bigs herzergreifend sprachen, war doch mein jauchzendes Wort aus den Vierlanden: »Am liebsten ginge ich mit dir!« Ich zuerst hatte Duglore in einer tollen Stunde der Liebesuntreue verraten; meinem Verrat war die verbrecherische Tat Bigs entsprungen, und was mein armes Weib schon lange geschlagen hatte, schlug nun auch mich. Die eigene Schuld stand mir gräßlich hell vor den inneren Blicken. Mir jammerte das Herz: Mein armes Duglörli, mein armes Duglörli! Unter der Größe des Erkennens verflog der wilde Zorn gegen Big, ich konnte aber doch nicht gleich vor die Leidende treten und sprechen: »Ich vergebe dir aus Herzensgrund.« Nein, das konnte ich nicht. Zu mächtig bewegte die Enthüllung ihres schrecklichen Geheimnisses meine Seele, schüttelte und rüttelte mich der Schicksalssturm bis ins innerste Mark. Ich stritt und litt und las den Brief Bigs zu Ende. Er schloß mit den erschütternden Worten: »Ich glaubte, unser Kind sei die Botschaft des Himmels, daß mir verziehen sei; aber je näher ich der Stunde seiner Geburt rücke, habe ich die Gewißheit, daß ich und das Kind über der Lüge meines Lebens sterben müssen. Die Angst, die wilde Angst! Ich bin vor lauter Furcht schon eine Sterbende. Vergib mir die vielen Verstellungen, Jost, und im Jenseits hilf mir tragen, tragen bei meiner übermenschlichen Liebe, Jost. Ich wäre ja so gern für dich gestorben, mein innig geliebter Mann!« Durch die Fenster fiel die rosige Frühe, auf den Bäumen schlugen erwachende Vögel. Ich wollte an das Lager meines Weibes wanken und wenn nicht ein Wort der Vergebung, doch der Barmherzigkeit zu ihr sprechen. Da ein Schrei! Übernächtig und angegriffen kam mir Gherita entgegen: »Sie ist erlöst – sie lebt; das Kind aber, Herr Quifort – es war nicht mehr zu hoffen.« Als ich Big nach dem schrecklichen Geständnis wieder sah, schlummerte die Ermattete in tiefer Friedlichkeit. Neben ihr lag ein wohlgestalteter, toter Knabe. An ihrem Lager ermaß ich mit jammernder Seele das Weltleid der Schuld, und in unendlicher Barmherzigkeit wünschte ich Big, daß sie aus dem tiefen Schlaf dieser Stunde nicht mehr erwache. Ich wußte, daß sie die Augen nur zum Sterben aufschlagen würde. – Die Feder entsank der bebenden Hand! Die lange Nacht lag ich in schmerzvollen Fieberträumen. Ich zog mit Big noch einmal die Straßen, die Städte und Länder unseres Zugvogellebens und unaufhörlich überdachte ich, wie ihr und mir das Leben gelacht hätte, wenn sie ohne die schwärende Wunde in der Seele hätte mein Weib werden können. In wühlender Sehnsucht ließ ich ihr Bild aus den schönsten Stunden unserer Liebe und Ehe vor mir schweben, eine Edelgestalt, die in der Größe ihrer Anlagen berufen gewesen wäre, nichts als ein sonnenhaftes, reines Glück um sich zu verbreiten. Vor das wundersame Bild meines Weibes trat aber weinend Duglörli, mein frommes unschuldiges Duglörli, das mehr als um die Hälfte seines Glücks betrogene Herz. Wozu die Nachtqual niederschreiben? Ich lag heute ernstlich krank und schleppte mich nur mühsam zu meinen Dienstverrichtungen. Warum hat es nicht sein können, meine arme Big? Warum nicht? – – In meine Herztrostlosigkeit fiel ein fast blendender Sonnenstrahl der Freude. Gegen Abend begann der Apparat zu ticken und zu klappern. Im ersten Augenblick erschrak ich und hielt das Geräusch für eine Vorspieglung des fiebernden Blutes. Das Ticktack war aber holde Wirklichkeit, für mich, den überrascht Emporhorchenden, zauberhafte Musik des Lebens. Der Sprechfunke war da, unter dem Stift begann der Streifen zu rollen, Buchstaben und Worte zeichneten sich. Unnötig sie abzulesen, ich erlauschte sie alle mit zitternder Seele. Sie kamen von meinem treuen Hans. Nachdem die jüngsten Föhnstürme eine Menge Schnee des Gebirges hinweggeschmolzen hatten, sei es ihm möglich gewesen, die Stelle des Drahtbruches zu erforschen, und er habe nicht geruht, bis sachverständige Arbeiter von Gauenburg ins Tal gerückt seien, welche die Leitung wieder in Stand setzten. So berichtete er. Ich danke dir, lieber Hans! Wohl eine Stunde lang haben wir uns unterhalten. Ihm und meiner Gottlobe geht es gut. Er gab mir die freudigsten Nachrichten, die ich erhalten konnte, ich fühle mich mit der Erinnerung an Hangsteiner auf das innigste versöhnt. Was ich kaum erwarten durfte, hat der Sterbende getan. Er lies Hans und Gottlobe an sein Lager treten und erklärte dem Paar sein Einverständnis mit ihrer Liebe. Noch mehr! Schon in den letzten Zügen ringend gab er Hans kurze Aufschlüsse über die Herkunft Gottlobes. Mein junger Freund weiß, daß ich Jost Wildi von Selmatt und der Vater Gottlobes bin. Eine Gewissensregung und eine berechnende Klugheit, die ihn sogar im Sterben nicht verließ, bewogen Hangsteiner zu dem Geständnis. Er wollte das Erbe seiner wirklichen Kinder wegen Gottlobes nicht verkürzen, darum sagte er Hans, er hinterlasse ihr nichts, aber sie würde einmal von mir ein größeres Erbe erhalten, als er ihr geben könnte. Das der Grund, warum er das Geheimnis löste. Es war, abgesehen von seiner Fahrt nach Hamburg zur Rettung Duglores, der lichten Tat seines Lebens, das Vernünftigste, was das enge Hirn Hangsteiners jemals bedacht und gesprochen hat. Die Hochzeit des jungen glückseligen Paares auf Mai steht fest. Hans will nun Gottlobe sanft und behutsam den Schleier ihrer Vergangenheit lüften. Ich freue mich darüber bis in den Grund meiner Seele, mit allen Fasern des Herzens reißt es mich zu meinem Kind, ich lebe in der seligen Gewißheit, daß wir uns als Vater und Tochter in zärtlicher Liebe finden werden. Viel Segen, viel Sonne und den Frieden des Herzens auf euren gemeinsamen Pfad! Ich aber will zu eurer Hochzeit im Mai zu Tale steigen und die stille, große Freude in euren Gesichtern sehen! Gottlobe selbst hat mir ihren Gruß gedrahtet! Sie fragte innig, wie es um mich stehe, wie es mir gehe in der langen Einsamkeit. Hans und sie hätten schwer um mich gebangt. In dem stürmischen Glück, daß wir unsere Gedanken wieder austauschen konnten, erwiderte ich: »Es geht mir sehr gut!« Im Grunde hätte ich das Gegenteil sagen sollen. Aber der Kapitän zur See spricht nicht gern davon, daß sein Schiff sinke, und zum Kapitulieren ist für den Wetterwart stets noch Zeit. Ich bin nur froh, daß die Blätter meines Lebens so weit geschrieben sind. Ich will mich beeilen und sie vollenden, obgleich sie dir, lieber Hans, nachdem Hangsteiner gesprochen hat, nicht mehr viel sein können. Trostreicher schreibe ich nach dem sonnenhaften Gruß, den mir heute das Leben entboten hat, das dunkle Kapitel zu Ende, wie meine Abigail nach dem Geständnis ihrer Schuld einsam gestorben ist, gestorben an der Schwelle ihres dreißigsten Jahres, selbst als leidverzehrte Sünderin noch ein bezauberndes Weib, das kein Mensch einer so furchtbaren Tat der Herzensversteinerung fähig gehalten hätte. Aber die Liebe und ihre Verblendung! Nein, ich möchte den Weg des Lebens nicht zum zweiten Male gehen. Ich würde stets das heiße Blut fürchten, das auch Edelnaturen unter den Menschen in einer Stunde der Verwirrung mit sich fortreißt – und sie unsäglich elend werden läßt. Big, meine arme Big schlug die Augen nur auf, um langsam zu sterben. Ich habe gegen sie nie das leiseste Wort des Vorwurfs wegen ihrer schrecklichen Tat an Duglore erhoben. Vorwürfe gehören zum Kleinzeug des Lebens. Wenn die Menschen von den dunkeln Losgewalten der Schuld zerschmettert liegen, erschweigen Anklagen von selbst. In zitterndem Mitleid saß ich am Lager meines Weibes. Als sie die blauen Augen mit einem wimmernden Seufzer emporschlug, stammelte sie schwachen Lauts: »Du bist nicht von mir geflohen, mein Jost, geflohen bis über die Meere? Warum verstoßest du mich denn nicht?« Ihr die Stirne küssend, versetzte ich in tiefer Ergriffenheit: »Ich bin ja so schuldig wie du! Ich will dir tragen helfen, meine liebe, arme Big.« Ihre Finger bebten nach den meinen; sie küßte mir mit kraftlosen Lippen die Hand und hauchte: »Ich danke dir, Jost!« Wehes Weinen spielte um ihren Mund. Am Ölhang von Triest blühte der Frühling in voller Pracht. Aus jeder Ritze des Gesteins jubelte das Leben, die Lerche wirbelte ihre Lieder über Felsen und Meer, und bald öffneten die Rosen ihre Knospen. Langsam und nur äußerlich gab sich die Genesung Bigs. Selbst als ich sie schon in den Garten geleiten durfte, wagte ich es nicht, an dem Schrecklichen zu rühren, das doch eine Aussprache erforderte, eine Aussprache mit der zarten Schonung, die man einer Seelenkranken und Todwunden schuldig ist. Mein stets noch leidendes Weib fröstelte im warmen Sonnenschein, das Blühen und Leuchten des südlichen Frühlings schmerzte sie, schlimmer noch: die Gebrochene erschauerte furchtsam, wenn ich ihr nahte. In wühlender Sorge fühlte ich, wie ihr der Gedanke, daß ich um ihre Schuld wüßte, eine stumme Marter bereitete, ihr die innere Möglichkeit weiterzuleben abschnitt und wie sie sich von stets dunkleren Schatten umspannen ließ. Meine verdüsterte Big suchte auf Erden nur noch eine Gelegenheit, um zu sterben! Wie ihr etwas Befreiung und Erlösung bringen? Ich kam auf den Plan, Duglore in einem Brief um Vergebung für uns beide, Big und mich, zu bitten und war bei mir selber überzeugt, daß mir Duglore aus dem Reichtum ihres tiefen, frommen Gemütes eine Antwort geben würde, die das Seelenleid Bigs milderte und ihr und mir die Möglichkeit zu einem reineren Glück gewährte, als wir es bisher genossen hatten. Ich ging an den schwersten Brief meines Lebens und hielt mich darin an das Wesentliche, an meine und Bigs Schuld, an ihr reuevolles Bekenntnis in dunkler Schmerzensstunde. Darüber hinaus sagte ich Duglore nur noch, daß ich und mein Weib zu jedem Opfer für Gottlobe bereit seien. Von unserem äußeren Lebensgang meldete ich ihr nichts; ich bat sie nur, sie möchte ihre Antwort postlagernd an Jost Wildi in Triest senden. »Demütig lege ich das Leben meines Weibes in deine Hände, du schwergekränkte Duglore,« schloß ich, »erbarme dich ihrer, und erhebe sie aus dem Kerker ihres unendlichen Leides!« Seelenschmerzen verfeinern die Sinne der Menschen. Ich glaubte den Brief in tiefer Heimlichkeit vor Big geschrieben zu haben, sie aber erriet. Sie saß in schmerzvoll durchgeistigter Schönheit mit mir unter den Glycinen des Gartenrondells vor unserer kleinen Villa. Ihre schwer dahinträumenden blauen Augen ruhten auf den weißen Segeln des Golfes. Nur um das Schweigen zu brechen, plauderte ich von künftigen Fahrten durch die Welt. »Wozu reisen?« antwortete sie. »Ich bleibe am liebsten bei Gherita. Uns selber können wir ja doch nicht entfliehen.« Sie neigte das Haupt in trostlosem Weh. »Du hast einen Brief an deine frühere Verlobte geschrieben, Jost,« hauchte sie, »ich weiß es, ohne daß ich dich schreiben gesehen hätte, ich fühle alles, was du denkst, planst und tust, und weiß, daß du aus herzlichstem Erbarmen mit mir an den Brief gegangen bist.« Ihre blasse Hand streifte die meine. »Ich danke dir, mein Jost! Sende aber den Brief nicht ab. Er wird die Seele der Betrogenen nur aufs neue beunruhigen und mir wird selbst die gütigste Antwort nichts helfen.« Sie ließ das Haupt tiefer sinken und stöhnte hoffnungslos. Ich war von ihren Worten überrascht und enttäuscht. »Was soll denn werden, meine ärmste Big,« stieß ich hervor, »irgendwie müssen wir doch wieder zu leben kommen!« Sie starrte. »Jost,« versetzte sie leise, »du hast nie in die Tiefen der Frauenseele gesehen, wenn du träumst, es würde je ein Weib dem anderen das verzeihen, was ich an Duglore Imobersteg verbrochen habe. Dir, dem Geliebten der Jugend, wird sie schon vergeben, aber mir nie; selbst wenn ihre Lippen es beteuerten, ihr Herz tut es nie – nie!« In ihren Zügen stand das Elend der Hoffnungslosigkeit. »In der Welt, die du kennst,« versetzte ich mit eindringlichem Ernst, »gibt es die Frauen vielleicht nicht, die ihren Feindinnen verzeihen, aber meine ehemalige Verlobte in der Ferne der Berge wird die Liebeskraft dazu finden. Ich kenne Duglore. Eine Fürbitte von mir, und aus der Schlichtheit und Frömmigkeit ihrer Seele, aus der unergründlichen Fülle ihres Gemüts schenkt sie dir den Frieden.« Big schauerte: »Verziehe mir Duglore Imobersteg, so verzeiht mir doch Gott nicht!« knirschte sie angstvoll. Ich fand aber vor dem Bild der gramvoll Versunkenen die Überredungsgabe der Verzweiflung und sprach ihr so herzlich zu, daß sie doch horchend das Haupt emporhob. »O, du gütiger Mann – du gütiger Mann,« flüsterte sie, drückte mir lind die Hände und wie ein leiser Hoffnungsstrahl kam es aus ihrem verfinsterten Gemüt: »Ja, sende den Brief an deine ehemalige Verlobte. Sage ihr, daß ich gebrochen auf den Knien vor ihr liege, daß ich gegen Gott und die Menschen fromm und gütig wie sie sein werde, wenn sie mir aus dem Grund ihres Herzens verzeiht.« Schweigend ließ Big ihr Haupt an meiner Brust ruhen, dann kam ein süßer, bittender Ton von ihren Lippen: »Jost, ich möchte mit dir so gern noch ein wenig leben!« An meiner festen Zuversicht auf eine verzeihende Antwort Duglores richtete sich ihre Seele leise empor, sie duldete es, daß ich von schönen Tagen sprach, die wieder für uns heraufziehen sollten, und nahm meine hoffenden Worte mit bebender Zärtlichkeit hin. Als aber eine Woche vergangen war und die von uns sehnsüchtig erwartete Antwort Duglores nicht kam, begrub sie sich in eine unheimliche Niedergeschlagenheit. Teilnahmlos, eine furchtbar ernste Träumerin, saß sie in einem Winkel und schüttelte zu jedem Trost das Haupt. Ich ahnte, daß ihre Gedanken stärker als je den freiwilligen Tod suchten und empfahl die Schwermütige der strengen Wachsamkeit Gheritas. Traurig kam ich wieder mit leerer Hand aus der Stadt. Da fuhr Big wie eine Irrsinnige auf. »Sie schweigt,« rief sie, »nun siehst du, Jost, kein Weib und kein Gott verzeiht, was ich an Duglore Imobersteg verbrochen habe!« Als am Morgen des folgenden Tages noch keine Antwort Duglores da war, wagte ich es nicht mehr, mein todessehnsüchtiges Weib zu verlassen, und bat den Schalterbeamten mir den Brief, wenn er käme, durch einen Sonderboten in die Wohnung zu bestellen. Ohne an Duglore zu zweifeln, doch um Big in zehrender Sorge, trat ich aus dem Postgebäude. Da kam mir ein Bote Gheritas entgegen. »Frau Quifort,« erzählte er atemlos, »ist fort. Wohin weiß niemand!« Ich schwankte zu Tode erschrocken. Ich wußte wohin, nur den Weg nicht, den sie eingeschlagen hatte. Bald und doch zu spät fand ich im Bahnhof ihre Spur. Im leichtesten Sommerkleid, nur einen Sonnenschirm zur Hand, hatte sie eine kleine Strecke den Zug über Nabresina nach Venedig genommen. Ich sah klar: Duino, das Klippenschloß, die Sage, die Felsen, die Meerflut! Das war der dunkle Weg meiner armen, umnachteten Big. Ich ließ den Telegraphen spielen. Zu spät! – Es hat niemand den Todessprung meines Weibes von dem Felsen hinab ins blaue Meer gesehen. Als ich aber nach ein paar Stunden auf die Stätte kam, da führten mich die Fischer auf eine der Klippen. An ihrem Rand lag der zierliche Schirm und der fast spinnewebleichte Sommerhut Bigs. Ich ließ mich von den braunen Männern auf die Wasser unter den Felsen führen und spähte in die tiefklare Flut. Friedlich zogen die Quallen, die Ampeln des Meeres. Da wogte es hell zwischen ihnen heran, da hob es sich wie eine zum letzten Gruß bereite, schlanke Hand. Ein blasses Angesicht! – Big – Big! – Im weichen Abend bettete ich die Leiche meines Weibes mit Hilfe der Fischer aus dem Meer in die Barke. Die Männer entblößten die Häupter, knieten nieder, beteten und betrachteten die Tote scheuen Blicks. »Gott im Himmel, diese Schönheit! Wie jung noch! Warum ist sie wohl aus eigenem Willen gestorben. War sie wohl eine Ehebrecherin?« So ging das Geflüster der Fischer. Nein, das war keine Ungetreue; sie hat nur zu sehr geliebt. Das war ihre Schuld. Sie ist ihr vergeben worden! Auf einem Fischermantel lag die Tote. In ihre lieben Züge zauberte die Abendröte einen letzten Schein des Lebens; der Friede der Leidversöhnung war darauf gebreitet, und die Wellen lichtbraunen Haares umflossen die gertenschlanke Gestalt wie mit einem Mantel der Schönheit. Ich hielt ihre kalte Hand, ich kniete und weinte: »Big, mein Märchen, Big, mein süßes Weib, Big, mein herzguter Kamerad, warum bist du von mir gegangen?« Ein Streifen Papier auf ihrer Brust gab Antwort: »Ich mußte. Ich küsse und herze dich, unsäglich geliebter Mann!« Der Mond schwamm in der linden Nacht; die geheimnisvolle Stimmung der Maiblüte verband Erde, Meer und Himmel wie mit einem Lied. Da haben wir mein Weib mit der Barke still nach der Stadt hineingeführt. In schwere Schicksalsgedanken verloren, ein geschlagener Mann, saß ich in unserer kleinen Villa am Totenlager Bigs und wachte wie manchmal im »Saturn« über ihren Schlummer. Der Morgen kam. Es klingelte. Ein Sonderbote der Post! »Herr Quifort,« sagte er, »ich habe Ihnen den Brief mit der Aufschrift »Herr Jost Wildi« zu überbringen, nach dem Sie den Schalterbeamten ein paarmal dringlich gefragt haben.« Die Antwort Duglores, die Antwort einer schlicht hochsinnigen, frommen Frau. »Lieber Jost!« schrieb sie. »Dein Brief hat mich und meinen Mann sehr erschreckt. Die Antwort hat sich etwas verzögert, weil Hangsteiner zuerst nicht wollte, daß ich dir schreibe. Ich habe ihm aber so lange gesagt, was unsere Christenpflicht ist, bis er in diese Zeilen eingewilligt hat. Er nimmt heute selber den Brief nach Zweibrücken mit. Also, lieber Jost, ich vergebe dir deinen jugendlichen Leichtsinn; gern vergebe ich dir ihn, weil es mir doch eine große Erquickung bereitet hat, aus deinem Schreiben zu sehen; daß du unschuldiger bist, als Hangsteiner und ich glaubten. Es war in mir immer eine Stimme der Verteidigung für dich. Nun freut es mich, daß sie recht hatte. Aber eins, Jost, tue mir zuliebe. Vergiß, was in Hamburg gewesen ist, und denke, wie wir selber denken, unsere Älteste sei Hangsteiners Kind. Schone, so lange du lebst, die Ruhe unseres Hauses! Das ist die Bedingung, unter der Hangsteiner mir den Brief zu schreiben erlaubt hat. Die beiliegenden Zeilen übergib deiner Frau. Ich habe mich nach langem Kampf in das geneigt, was unerforschlicher Ratschluß Gottes war. Friede sei mit uns allen! Amen und Gruß! Duglore Hangsteiner.« Die Zeilen an Big lauteten: »An Frau Jost Wildi! Um dessentwillen, der am Kreuze für uns gestorben ist, vergebe und verzeihe ich Ihnen. Ich vergebe und verzeihe Ihnen aus vollem Herzen und vom Grund der Seele. Wie eine Christin soll, habe ich mich selber durchforscht. Es ist kein Körnchen Groll mehr gegen Sie in mir. Ich wünsche, daß diese wahrhaftige Mitteilung Ihnen die Ruhe des Gemüts, das Glück des Herzens gebe. Dann ist sie mir selber eine Quelle des inneren Friedens. Gott segne Sie und Jost!« »Hörst du, hörst du, meine arme Big!« Das Haupt über das blasse Antlitz der in Blumen ruhenden Toten geneigt, schluchzte ich wie ein Kind. Meine arme Big hörte nicht. Bevor ich aber, umgeben von einer kleinen Schar Triester Freunde, mein Weib in den Schatten der Zypressen über dem Meer geleitete und sie hinab in den maienübergrünten Schoß der Erde bettete, habe ich ihr die Zeilen Duglores auf die Brust gelegt. Big wird sie finden am Auferstehungstag. Es duldete mich nach ihrem Tode nicht mehr lange in den seufzenden Bildern des Golfes von Triest. Nur ein paarmal noch habe ich ihr Grab besucht. Mir war jedesmal, ich müßte mein Weib aus der Erde wühlen. Dann kam eine Abendstunde stillen Abschieds. Meer und Land leuchteten wundersam bis hinüber zu den Lagunen. Ich betete: »Lieber Gott! Wenn die Propheten recht haben, wenn der Tag kommen wird, da deine Engel vom Aufgang bis zum Niedergang des Weltgegebäudes zum Gericht posaunen, die Gräber springen und das Meer seine Toten auswirft und wir alle vor deinem furchtbaren Angesicht erscheinen müssen, dann, lieber Gott, erbarme dich der blassen Abigail! Erinnere dich, daß mir die Hälfte der Schuld gehört; gib mir davon so viel, daß ich und Abigail uns nicht trennen müssen. Verweise uns an die äußerste Grenze deines Reichs, aber laß uns den Trost des gemeinsamen Wandelns!« Ich brach ein grünes Zweiglein von den Zypressen, die um das Grab meines lieben Weibes flüstern, und wankte in die Welt. Ich blieb der Luftschiffer Leo Quifort aus Mexiko, mied aber die Städte, die mich mit Big und dem »Saturn« hatten steigen sehen. Mein neuer Ballon hieß »Kondor«. Ich kam mit ihm bis nach Tiflis und Teheran. Ruhelos wie Ahasver habe ich einsam drei Erdteile durchzogen und wurde ein stets kühnerer Fahrer mit der fast abergläubischen Sicherheit, daß ich nie fallen würde. Der Luftschiffer Leo Quifort ist auch nie gestürzt, erst der heimkehrende Jost Wildi. Das Tal meiner Jugend, den Berg meiner Väter fand ich wie von selbst wieder. Von dieser Heimkehr habe ich dir noch zu erzählen, Hans. Dann hast du die Beichte meines Lebens! Anfang und Ende schließen ineinander. Von der Barmherzigkeit Duglores entsündigt, schlafe meine süße Abigail, schlafe unter den Zypressen am Meer, ruhe dich aus von der stillen, großen Angst deines Lebens. Vielleicht geht auch dein Mann bald schlafen! Der Ost wühlt im zerfallenden Dach, die Kälte nimmt zu und der Stich in der Brust. XXIX Als ich von Abigail und ihrem Grabe Abschied nahm, war ich überwältigt vom Leid der Liebe. Auf meinen Fahrten durch die Welt blickte ich stets aufmerksamer in das Spiel der menschlichen Leidenschaften, ihrer Verirrungen, der Schuld und ihrer Schmerzen. War, was Big an Duglore verbrochen hatte, so unerhört? Nein, nur ein Alltagstück des Lebens, das sich unter tausendmal tausend Formen die Weite des Erdballs dahin wieder ereignet. Wie viele entledigen sich, wenn sie nur den Schein der äußeren Ehre behalten, leicht und spielend der schweren Verschuldungen ihres Blutes und haben keinen Blick für das Opfer, das todwund am Wege hinter ihnen liegen bleibt! Abigail aber, die, von der Leidenschaft dunkler Tage verwirrt, den Maßstab der Lebenswerte verlor, die böse Tat beging und vor sich selber stürzte, marterte sich über ihrer Schuld in unsäglichen Qualen der Seele. So leidet nur ein vornehmes Weib um die glückbetrogene mißhandelte Schwester! Über dieser Erkenntnis fand ich die sanfte Versöhnung mit der Schuld ihres Lebens und mit ihrem frühen freiwilligen Tod. Ich war mißtrauisch gegen mein heißes Naturell geworden, ich dachte, ich würde in meinem Leben kein Weib mehr berühren, war aber doch noch zu jung, um in der Fülle des Lebens den guten Vorsatz zu halten. Glück oder Unglück, ein Liebling der Frauen zu sein, blieb mir auch nach dem Tode meines Weibes treu. Woran es wohl lag? Der schön gebauten eleganten Männer, die sich in der großen Gesellschaft zu bewegen wußten und jedem eine passende Antwort hatten, gab es ja in den Großstadtzirkeln, in denen ich verkehrte, noch genug. Vielleicht trug mein Beruf die Schuld. Die Frauen sind empfänglich für das Außerordentliche; ihre Herzen stiegen dem Mut des Mannes zu, selbst wenn es nur ein physischer Mut ist. Wenn ich mich nicht um sie kümmerte, so kümmerten sie sich um mich: wenn sie mich sahen, erröteten oder erblaßten sie. Jede hatte für mich ein gütiges Lächeln, ein aufleuchtendes Augenpaar; jede schmeichelte mir, ich sei ein seltsam anziehender Mann, und die es mir nicht sagten, schrieben es mir in kleinen duftigen Briefen. »Adler!« begannen die Briefchen. Am liebsten glaubte ich jenen, die mir beichteten, nicht mein starker Wille, der Blitz meiner Augen, mein zurückhaltender Stolz habe sie zu mir gezogen, sondern die leise Träumerei, die sich um meine Stirne spinne, wenn ich mich unbeobachtet glaube. Darin liege die magnetische Kraft, welche die Blicke und die Wünsche der Frauen an mich fessele. Es ging auch eine Sage durch die Menschen, ich hätte ein wunderschönes Weib besessen, selber sprach ich nie darüber und ließ meine Vergangenheit im Dunkeln bleiben. Soviel ich an Frauenliebe aus vollen Kelchen trank, verlor ich mich nie. Ich baute mir Schranken um und um, dachte an Duglore und zog mir die kleine Augenblicksverwirrung einer ehrbaren Frau nie zu nutze, dachte an das Kind, das mir im fernen Alpental blühte, und habe Unschuld mit keinem Wort und keiner Gebärde beleidigt. Darüber bin ich jetzt froh. Im stillen hoffte ich, unter den vielen Frauen eine zu finden, die so süß zu mir wäre wie Abigail, nein, die mit der Zärtlichkeit der Liebe die hohe Schwungkraft ihrer Seele verbände, denn Liebe ist ein armselig Ding, wenn sich über dem, was daran sinnlich ist, nicht die Geister küssen. Ich fand keine Abigail mehr; ich begann, den Frauen, die mich liebten, heftig und launisch zu begegnen, und es tat mir selber leid um die Enttäuschten. Das war die Übersättigung der Welt. Ich widmete mich während des Winters stillen Studien und geriet in den Bannkreis der Idee des lenkbaren Luftschiffes. Sie bewies mir die Begrenzung meiner Kraft. Nachdem ich einen Teil meines Vermögens daran geopfert hatte, ließ ich sie. Ich kam zur Einsicht, daß die Erfindung des lenkbaren Flugschiffes für die Menschheit eine kleine Angelegenheit ist gegen die ernste Frage: Wo liegt die größte Summe menschlicher innerer Vollendungs- und Glücksfähigkeit? Wie erreichen wir sie? Das Leben ist eine scharfe Schule, und in der Luftschifferei erfuhr ich neben den leichtsinnigen Abenteuern, die ich jedesmal bereute, manche schwere Stunde! Es ist nicht leicht, Hans, wenn du mit einem Passagier hoch über die Wolken steigst, wenn der Passagier an der obersten Grenze der Lüfte ein Streichhölzchen entflammt und den Ballon zur Explosion bringen will, wenn du erkennst, daß du einen verbrecherischen Wahnsinnigen führst, wenn er über den mißlungenen Anschlag den Revolver zieht, du selber unbewaffnet bist und nun mit dem Mann im Korb auf Leben und Tod ringen mußt. Selbst wenn du ihn gefesselt zur Erde bringst und heil geblieben bist, bebt dir die Stunde im mutigen Herzen nach. Ich habe als Luftschiffer dem Tode stets ins Auge gesehen, aber das Opfer eines Irrsinnigen zu werden, hatte ich keine Lust. An dem Tag des unfreiwilligen Zweikampfes in hohen Lüften fing ich mich zu erinnern an, daß ich doch mehr aus Liebe zu Abigail und aus dem Bedürfnis, die Erinnerung an Duglore zu betäuben, denn aus innerer Berufung Luftschiffer geworden war. Überlegungen kamen, ob ein Bauer wie Hangsteiner, der ein Stück verwüsteter Erde der Kultur zurückgiebt, nicht einen würdigeren Lebenszweck erfülle, als der bewunderte Aeronaut; ein stilles Heimweh nach Bürgerlichkeit und Unbekanntsein überschlich mich und jener Gabriel Letzberger, der als einsamer Wetterwart auf dem Feuerstein saß, schien mir kein ganzer Narr zu sein. Allmählich hatte ich nur noch ein halbes Ohr für die süßen Torheiten der Frauen, die um den »Kondor« und seinen Kapitän flirteten; dafür liebte ich es, in die neugierigen, warmen Augen der Kinder zu blicken, und das geschah nie ohne die emporquellende Sehnsucht, mein Kind fern in den Bergen zu sehen. Gleicht es mehr mir oder der herzgütigen Duglore? Lebt Wildblutglanz in seinen Augen? Kann ich ihm denn aus wallendem Vatergefühl nicht eine einzige Tat der Liebe erweisen? So träumte ich manchmal bei den Vorbereitungen der Aufstiege, an den Korb des »Kondors« gelehnt, mitten im Gewühl der Zuschauerschaft der fremden Städte. Ich stand im sechsunddreißigsten Lebensjahr und spürte, wie die Weltfeuer in meiner Seele verglommen. Über Paris, wo ich den Winter verbracht hatte, segelten schon wieder die weißen Wolken des Vorfrühlings. Einem linden Zug des Heimwehs gehorchend, plante ich eine Tournee durch die Niederlande und die Städte am deutschen Rhein bis gegen das Hochland, in dem mein Jugendgedenken lag. Im Herbst wollte ich dann als fremder Wandersmann über die Scholle meiner Sehnsucht wandern, wie ein Schelm die Gelegenheit erspähen, mein Kind zu grüßen, und wenn ich ihm in die Augen geblickt, von fern vielleicht auch Duglore noch einmal gesehen hatte, sollte es keinen Luftschiffer Leo Quifort mehr geben. Da die Heimat um Duglores willen keinen Raum für mich hatte, wollte ich mich über das Meer zurück nach Marfil wenden, wo ein paar Menschen meiner noch freundlich gedachten, und mein weiteres Leben in einer bürgerlichen Stellung verbringen. Das war aber alles noch im Erwägen, im Gären und Treiben. Da überraschte mich ein Brief aus St. Jakob. Einer jener Landsleute, die ich in Rom kennen gelernt hatte, erinnerte sich meiner. Im Namen des leitenden Ausschusses einer großen Gewerbeausstellung, die in St. Jakob vorbereitet wurde, fragte er mich an, unter welchen Bedingungen ich während des Sommers meinen Ballon als Fesselluftschiff auf dem Ausstellungsplatz würde steigen lassen. Freiluftschiffer sind keine Freunde des Fesselballons; ich fügte es meinem schönen »Kondor« nicht leicht zu, ihn an ein Tau zu legen; aber der Zug der Heimat war stärker als die Bedenken. Ich beschränkte die anderen Pläne, schloß mit St. Jakob den Vertrag, zog im Mai als Luftschiffer Leo Quifort aus Mexiko ins Vaterland und hatte Zeit genug, meine Einrichtungen gemächlich zu treffen. Für das Volk ein Fremder, ließ ich mich doch mit einer Wonne bis zum Herzpochen vom Wesen und Leben des Heimatlandes umspielen. Dieses Wesen mag herb sein; ich empfand es wie ein lang entbehrtes, weiches, Lied aus fernen Jugendtagen. Was an mir Jost Wildi war, erwachte in strömender Seligkeit. Und doch war St. Jakob nicht meine eigentliche Heimat. Das war nur das Selmatter Tal! Ich stand die Stunden über an den Ufern des Sees, schaute über sein lichtes Blau nach dem Süden, grüßte mit Herz und Hand in wallendem Gefühl den Berg meiner Vorfahren, die freie Zinne des Feuersteins und hinter ihm die unendlich schönen lieben Berge mit den Kronen ewigen Schnees und dem überirdischen Licht der Gipfel. In der Brust erklang es mir von schmeichelnden Stimmen und heiligen Liedern. Am stärksten den dritten Abend vor der Eröffnung der Ausstellung beim Sonnenglühen der Berge. Stadt und See lagen schon in blauen Dämmerschatten, der Feuerstein aber lohte wie in Flammen. Aus der Glut der Felsen trat ein Punkt, der schimmerte mit! Das Observatorium! Da übernahm's mich wie den Schweizer zu Straßburg beim Alphornklang. Wozu den Herbst abwarten? Nein, ich mußte vor der Eröffnung der Ausstellung auf den Feuerstein steigen. Morgen! Der Gedanke ergriff mich aufs heftigste. Vor sehnsüchtiger Wonne verbrachte ich die Nacht schlaflos und stand schon eine Stunde vor Abgang des Frühschiffes am perlmuttern erglänzenden See. Heimat, Heimat! Ich würde jetzt über den See fahren, nach Tuffwald gehen, dort spätes Frühstück halten, den Feuerstein erwandern, eine Stunde im Observatorium rasten, auf den Abend zum Einbruch der Dämmerung in Selmatt sein, heimlich in die lichterfüllten Fenster der Wohnung Hangsteiners spähen, den Feierabendfrieden der Familie, Gesicht und Augen meines Kindes in meine Seele prägen, und den frommen Nachtgesang Duglores und Gottlobes hören. Dann würde ich mit einem Segensgruß still scheiden, durch die Nacht bis nach Zweibrücken gehen, am Morgen den Zug besteigen und am folgenden Tag meine Arbeit auf der Ausstellung beginnen. Der Morgen war unheimlich lind und warm. »Die Berge waren gestern abend zu schön,« unterhielten sich die Leute auf dem Dampfer, »das Wetter schlägt um«. Ja, das wußte ich als Luftschiffer auch. Ein Gewitterabend war aber gerade meinen Plänen in Selmatt günstig. Als Luftschiffer hatte ich schon anderes erfahren denn ein bißchen Blitz und Donnerwetter. Es lebte in mir nichts mehr als ein ungestümer Vorwärtsdrang. Am Abend, am Abend! pochte das Blut. Ich war von Tuffwald um die Mittagszeit schon über die Hälfte des Feuersteins, schon über die Bergwälder und die vom Vieh belebten Alpen hinangestiegen. Um die Felsen stockte die Lust, beklommen von der Schwüle sah ich mich nach dem Wetter um. Teufel, das wuchs wilder heran, als ich erwartet hatte. Die Berge standen wie bleiern in einem wilden, falschen Licht, im jähen Trieb nach der Heimat aber vergaß ich jede Vorsicht! Schon winkte die Schutzhütte des Observatoriums. Ich stieg. »Sie kommen an einem äußerst gefährlichen Tag,« grüßte mich der überraschte Wetterwart Gabriel Letzberger. »In einer Stunde werden wir das furchtbarste Hochgewitter haben, das seit vielen Jahren in diesen Bergen erlebt worden ist. Die Instrumente schwanken wie Vögel in der Luft und stehen auf Erdbeben.« Der Wetterwart war im Gesicht entstellt, wie es die Blätter gemeldet hatten, aber ein kluger, gebildeter Mann, und als ich ihm gesagt hatte, daß ich der Luftschiffer Leo Quifort sei, unterhielten wir uns vortrefflich. »Nun, dann hat die Atmosphäre für Sie keine Geheimnisse mehr,« lächelte der Bescheidene, »ich habe immer gerne von Ihnen gelesen.« »Und ich von Ihnen,« erwiderte ich. »Was sagen Sie dazu, ich würde heute noch gern bis nach Selmatt hinuntersteigen?« Ich ruhte vom Weg erschöpft, es war aber zur Unterhaltung bald keine Zeit mehr. Das Gewitter knäuelte sich erschreckend schnell, die Westwelt lag rabenschwarz, nur im fernen Osten war noch Helle. Das geängstigte Spiel der Instrumente fesselte unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Elektrizität strömte durch das Observatorium, sie knisterte im Boden und auf dem Dach, wir spürten sie wie Ameisenkrabbeln über den Leib laufen, ich sah ihr Sprühfeuer an Letzbergers stark entwickelten Zähnen, die Apparate klapperten und schlugen Flammen. Erblassend fragte ich: »Wie sind die Blitzableiter?« »Gut,« erwiderte er ebenso schreckensbleich, »auf die Probe aber wie heute sind sie noch nie gestellt worden. Um Gottes willen, Herr Quifort, gehen Sie, wir sind in höchster Gefahr!« In diesem Augenblick erfüllte sich das Observatorium mit einer tödlichen Helle von Licht. Der Blitz kugelte am Boden; ich hatte das Gefühl, als würden mir die Haut vom Rücken und die Finger aus der Hand gerissen, das Gesicht mit glühenden Zangen gesengt. Ich stand aber und verlor die Besinnung nicht. Nun war die Erscheinung vorüber und hatte nicht einmal die Wände des Observatoriums entzündet, Metallteile der Instrumente aber waren geschmolzen und ein erstickender Schwefelgeruch zurückgeblieben. Letzberger lag in die Knie gesunken. Als ich ihm zu Hilfe eilte, quoll aus einer ganz kleinen Brandwunde an der Schläfe ein Tropfen Blut. Er atmete noch, aber die Züge gingen schwächer. Die Sprache fand er nicht mehr; ich sah in brechende Augen. Ich weiß nicht, wollte ich in Selmatt Anzeige von dem Unglücksfall machen, oder war es mir nur darum zu tun, dem von Blitzschlangen umzuckten, von Flammenscheinen eingehüllten, elektrisch geladenen Gipfel zu entrinnen. Ich ließ den Toten, ich eilte abwärts, geriet an den Felsen des Bösen Trittes in einen die Luft verfinsternden Schneesturm, trat, vom Schreck verwirrt und vom Blitz geblendet, fehl, glitschte auf dem Schnee, stürzte, hielt mich, ohne doch wieder sicheren Boden gewinnen zu können, mit den Händen an einer Felsenkante, mußte mich ins Ungewisse ergeben, rutschte, fiel, stürzte über die vom Unwetter umdunkelten Felsen und erwachte, nachdem ich Stunden in Ohnmacht gelegen hatte, unter einer leichten Hülle frischen Schnees. Ich war überall am Leib verletzt; vor allem merkte ich aus meinen Höllenschmerzen, daß mein linkes Bein zersplittert war. Bald besinnungslos, bald bei wachem Verstande verbrachte ich in Qualen die Nacht, in der sich das Gewitter verrollte. Allerlei lief mir durch die Gedanken. Ich, der den Stürmen des Himmels getrotzt, war gefallen am Alpenweg der Heimat, der sonst nicht gerade als gefährlich galt. Der Heimat! Aus mystischen Tiefen des Gemüts quoll der Gedanke: Das sind die rächenden Geister der Vorfahren, denen du in Mexiko abtrünnig geworden bist. Tröstlich aber empfand ich: Es ist der Boden Selmatts, auf dem du leidest! – Lebe wohl, Luftschifferei. Den Fesselballon in St. Jakob mag führen wer will! Der Gebirgsmorgen dämmerte empor. Ich kroch, das wunde Bein schleppend, auf den Händen an den Weg. Ob mich jemand finden würde? Gewiß! Wenn Letzberger keine Depeschen und keine Antwort mehr gab, mußte doch der Talwart von Selmatt auf dem Feuerstein Nachforschung nach ihm halten. Schrecklich langsame Stunden gingen. Endlich, gegen elf Uhr, hörte ich einen Hund bellen; ich richtete mich mühselig etwas empor. Unter der Führung deines Vorgängers, lieber Hans, der jetzt Lehrer in Gauenburg ist, kamen vier Männer heran, fanden mich, und als ich ihnen ihre Ahnung bestätigen konnte, daß der Wetterwart vom Blitz erschlagen im Observatorium liege, schafften sie zunächst mich, den noch Halblebendigen, ins Tal. »Gleich nach Zweibrücken,« bat ich, denn Duglore wollte ich verschonen, mich erkennen zu müssen. Die Männer kümmerten sich aber kaum um meine törichte Bitte; sie sprachen untereinander: »Wir bringen ihn zu Hangsteiner; es besitzt sonst niemand ein Gastbett in Selmatt!« Da ich von einer Ohnmacht in die andere fiel, mußte ich willenlos mit mir geschehen lassen, was geschah, und lag wohl auch in Ohnmacht, als man mich in das Haus meines Erbfeindes trug. Ich erinnere mich des Augenblickes nicht. Mit Rührung aber gedenke ich, bis dereinst mein Auge im Dämmer des Sterbens blöde wird, an das milde, friedenreiche Frauenantlitz, das unter der Tür einer einfachen, freundlichen Holzkammer erschien, an die schlichte Bäuerin, die behutsam an mein Lager trat, sich über mich neigte und in einer etwas gezwungenen Schriftsprache fragte: »Herr, darf ich Ihnen ein wenig Brühe zuträufeln?« Da begann der Löffel in ihrer Hand zu zittern. Wie von einem Wunder erfaßt, schrie sie leise: »Um des Himmels willen, du bist es, Jost – mein Jost!« Sie erhob das erblaßte Antlitz und die großen dunkeln Augen, als suche sie ihren Gott. Duglore erlebte meinetwegen noch einmal aufregende Tage. In blinder Furcht vor mir grollte und gröhlte Hangsteiner gegen meinen Aufenthalt in seinem Haus. Ich war aber zu krank, als daß er mich hätte daraus werfen können. Wir sahen uns erst, als ich schon wieder an zwei Stöcken umherhumpelte. Da hatte die Barmherzigkeit und Liebe Duglores schon alles, was dunkel zwischen uns hätte sein können, geklärt. Wie mißtrauisch Hangsteiner gegen die Menschen war, an sein Weib glaubte er wie an eine Heilige. Welcher Mann hätte nicht an Duglore geglaubt? Du hast sie ja noch gekannt, Hans, und warst noch Zeuge der liebevollen Achtung und Verehrung, die sie in Selmatt genoß. Als ich die Märtyrin meines Weltdranges unter so eigenartigen Umständen wiedersah, da wob sich um das mütterlich treuherzige Antlitz noch ein feiner Liebreiz, wie letzter Gruß der Jugend, durch ihr rostbraunes Haar aber wanden sich die ersten Silberfäden. Wehmütig warf ich mir vor: dieses Silber kommt von mir! In den warmen Augen aber lag ein Friede, der sie hinaushob über die Kämpfe der Welt. Gottesfriede! Dieser Friede war mir heilig. Ich empfand für Duglore eine ehrfürchtige, reine Liebe wie niemals für ein Weib, und die einfache Bäuerin hat mir manches aus der Tiefe ihres frommen, lauteren Gemüts geschenkt, was mir die Frauen der großen Welt nicht haben geben können, und wenn ich auf dunkle Irrgänge der Vergangenheit zu sprechen kam, erkannte ich in Duglores Antworten stets die welt- und todüberwindende Macht einer Weibesseele, in der von Jugend auf ein lebendiger Gottesglaube wirkt. Schon in den ersten Tagen meines Schmerzenslagers hatte sie mir Gottlobe zugeführt, unser Kind! Das war nun ein verhalten feuriges, herbliebliches Lebensspiel mit dem Glanz des Wildblutes in den dunkeln Augen und jener wundersamen, ahnungstiefen Schönheit und Daseinsstärke, die nur über den Kindern der echtesten Liebe schweben. Was schüchtern, scheu und herb an unserer Alpenblume war, das löste sich über Nacht und Tag und Wochen in Schelmerei und in unbegrenzte Hingebung zu dem fremden, kranken Manne auf. Sie ließ ihr Augenpaar leuchten und sagte sehr ernst: »Ihr dürft nicht mehr fortgehen, Herr Quifort! Wolltet Ihr Selmatt wieder verlassen, so würde ich ein Seil über das Tal spannen. Dann könntet Ihr nicht hinübersteigen!« Bei ihrem süßen Geplauder und ihren vertrauenden Blicken vergaß ich meine grimmigen Schmerzen. Hangsteiner aber geriet wegen der wachsenden Zuneigung des Kindes zu mir in Sorge und Eifersucht. Als ich schon wieder etwas gehen konnte, saß ich mit Duglore im Abendsonnenrot auf dem Bänkchen vor dem Hause und blickte in die anreifenden, kleinen Kornfelder der wieder erstandenen Heimat, in der nur noch das einsame hohe Grabkreuz an das untergegangene Dorf erinnerte. »Jost,« lächelte meine Freundin innig, »nun gib dir auf der Stätte unserer Jugend selber den Frieden!« Sie bat mich, daß ich, solange Hangsteiner lebe, keinen Zwiespalt in das Herz Gottlobes und keinen Unfrieden wegen des Kindes unter ihr Dach trage. Ich war Duglore heißen Dank schuldig; ihre Bitte war mir Gebot, ich legte das Gelübde des Schweigens in ihre Hand, und damit der Name Jost Wildi unter den wenigen Leuten, die noch darum wußten, keine Erinnerungen an unsere Jugendliebe weckte, blieb ich vor den Menschen des Gebirges Leo Quifort aus Mexiko. In die Unrast der Welt hinaus mochte ich nicht mehr. Als sich niemand an die Stelle Gabriel Letzbergers, des erschlagenen ersten Wetterwarts, finden ließ, da stieg ich, Hinkebein, der zu anderem nicht mehr viel nütze war, mit der Zustimmung Duglores als Meteorologe auf den Berg der Väter. Ich tat es in wallender Dankbarkeit gegen die Güte Gottes, der mich die Versöhnung mit der Geliebten meiner Jugend hatte finden lassen, aus Herzensfreude an meinem lieblichen Kinde und aus Liebe zu dem Land, dessen Bürgerrecht ich leichtsinnig verscherzt hatte. Die Geister der Heimat zürnen mir wohl nicht mehr, auch du nicht, mein seliger Schulmeister Kaspar; meinem Volke aber bin ich der »Mexikaner«, der undurchdringlich Geheimnisvolle geblieben, und nun der Name Jost Wildi frei von jeder Pflicht noch einmal erklingen könnte, gelüstet es mich kaum mehr, den Schleier zu lüften. Der Name klänge wohl auch nicht mehr lange. Der Stich in der Brust! Meinem Hans hat Hangsteiner das Rätsel gelöst. Ich hoffe, daß auch du, Gottlobe, die Blätter meines Lebens lesen und mir dann verzeihen wirft, wie mir deine Mutter verziehen hat. Als reifes Weib sollst du sie lesen! Wenn ich von dir vorher nur noch das liebe Wort »Vater« hörte! – Ich habe die Menschen der Tiefe ohne zu viel Kampf verlassen. Nach den Abenteuern und Stürmen des Lebens ist es etwas Reines und Erhabenes um die Einsamkeit. Nur einen Tag habe ich noch in schmerzlicher Bewegung verbracht. Das war, als ich meiner innigstgeliebten Duglore, die vor drei Jahren einer raschen Krankheit erlag, die letzte Ehre nicht geben konnte. Sie ist dennoch eine Selige geworden. Mir ist, das schmerzenreiche Duglörli sei den leichteren Pfad gegangen als meine blasse Abigail. Darum will ich zu dir stehen, mein herzguter Kamerad, mein süßes Weib. Wie das Land der Ahnung beschaffen sein möge, das hinter den ernsten Pforten des Todes dämmert, ich stehe zu dir, liebe Abigail! Das sind die Blätter meines Lebens! Amen – Amen – Amen. Nein, noch ein letztes Blatt! Drei Tage sind vergangen. Unterdes ist das Dach über meinem Haupte ganz leck geworden, die Kälte gewachsen, das Holz auf die Neige geraten und hat sich zum Stich in der Brust ein heftiges Fieber gesellt. Hans telegraphierte mir, er würde mich am Samstag besuchen und bis zum Sonntagabend bei mir bleiben, die Schneeverhältnisse seien seinem Plane günstig. Da habe ich ihm als Antwort in bitterer Not bekannt, wie es um mich steht – und kapituliert. Hans wird heute mit einigen Männern heransteigen und mich zu Tale bringen. Ich war stets bereit, wie mein Vorgänger Gabriel Letzberger auf dem Posten zu sterben. Würdiger wär's, aber ehe ich die Augen schließe, möchte ich doch noch einmal meinem Kinde, meiner Gottlobe, in die ihrigen blicken. Schlägt mein letztes Stündlein, sollen Hans und sie mir die Lider schließen. Ihr steigt mit mir zu Tal, meine Tiere, ihr treuen Gefährten der einsamen Stunden, selbst du, meine Bergmaus, meine »Mi«. In meinem Testament seid ihr nicht vergessen. Ich habe vor dem Abschied meine sämtlichen Angelegenheiten geordnet, das Observatorium so gut als möglich in Stand gestellt, die langgehenden Uhrwerke der selbstaufschreibenden Instrumente aufgezogen und die meteorologische Landesanstalt in St. Jakob durch Hans unterrichten lassen, daß mein Dienst versagt! – Nur eine Kleinigkeit noch. Ich weiß nicht, wer das Observatorium, das seinen bisherigen Hüter vielleicht für immer verliert, nach mir zunächst betritt. Da will ich kein Ärgernis hinterlassen und den Spruch eines altpersischen Weisen noch von der Wand oberhalb meines Bettes entfernen, ein Wort, das mich oft getröstet hat, ein junges Herz aber kränken könnte: »Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen. Sei nicht in Leid darüber, – es ist nichts; Und hast du einer Welt Besitz gewonnen. Sei nicht erfreut darüber, – es ist nichts. Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen: Geh an der Welt vorüber, – es ist nichts!« Das ist der Spruch. Das Leben ist gewiß nicht viel mehr als eine Fahrt mit dem »Saturn«. Ich danke dir aber, liebe Mutter, daß du es mir gegeben hast, mit ihm die Lust und das Leid der Liebe. Wenn einmal das Weltall untergeht, dann wird durch den leeren Raum doch noch eine Sage zittern: Es war einmal ein Wunder – das Weib! Des Weibes Geheimnisvollstes war die Liebe! Im Guten und im Bösen war sie das höchste Rätsel auf Erden und im Sternenraum! Hans kommt! Ich freue mich unendlich auf Gottlobe, bis zu Tränen erschüttert aber scheide ich von dir, mein Observatorium, mein Feuerstein! Jost Wildi, der Wetterwart. Zu den Lebensblättern des Wetterwarts hat Hans Stünzi noch ein Blatt gefügt: Wir haben den Todkranken geholt! Gottlobe, die vorbereitet war, neigte sich über den Sterbenden. »Vater,« flüsterte sie ihm zu, »Vater!« Ein verwirrtes Lächeln spielte um seine Lippen; er schlug die stets noch schönen, dunklen Augen auf und schlang die Arme um Gottlobe. »Kind!« erwiderte er selig. »Vater!« wiederholte Gottlobe. Verklärten Blickes ist er geschieden. Ihr Alpenblumen von Selmatt, blüht, blüht auf seinem Grab! Das Herz Jost Wildis zürnte wohl einmal der Heimat, aber unendlich größer als sein Zorn war seine Liebe.