Gustav Schwab Wanderungen durch Schwaben Vorwort Wenige Gegenden Deutschlands vereinigen so verschiedenartige landschaftliche Reize wie Schwaben; weniger Länder reizende Bilder schmückt Sage und Geschichte mit einem so rührenden Abendrote ferner Erinnerungen. Bei diesem Reichtum an beiderlei Schmucke sieht sich Künstler und Verfasser des Textes in gleiche Verlegenheit gesetzt. Welche Auswahl soll jener treffen, auf dreißig Bilder beschränkt, wo das Zehnfache nicht hinreichen würde, alle romantischen und malerischen Schönheiten des Landes dem Freunde der Natur vorzuführen? In welche Verbindung soll dieser dreißig Punkte bringen, die, einer vom andern oft durch viele Meilen getrennt, jeder isoliert aufgefaßt sind und auch so dargestellt werden müssen? Die Aufgabe war unleugbar hier viel schwieriger als in mancher andern Sektion dieses Werkes, wo entweder nur Oasen einer pittoresken Natur, auch mythisch und geschichtlich leicht zu erschöpfen, in übrigens gleichgültigerem und weder für Crayon noch für Feder verführerischem Lande sich darboten oder der einfache Lauf eines Flusses ohne Sprünge und Winkelzüge von einer reizenden Landschaft zur andern zwanglos hinleitete. Inzwischen haben wir es versucht, in dieses bunte Gemisch von Einzelheiten doch eine gewisse Einheit zu bringen. Das weitläufige Land ist von uns planmäßig durchwandert worden, und dadurch ist es nicht nur dem Zeichner gelungen, in vier größeren Reisekomplexen Verwandtes zusammenzustellen, sondern auch die Beschreibung konnte bei jeder der vier Wanderungen den Faden der örtlichen und geschichtlichen Schilderungen, nur selten abbrechend, von Gegend zu Gegend fortführen und das, was die bildliche Darstellung beiseite lassen mußte, durch das Wort flüchtig andeuten. Dabei war freilich das Land anders aufzufassen und die Beschreibung in andrer Ordnung vorzunehmen, als es der Topograph getan haben würde. Dieser hätte etwa mit dem höchsten Teile des Landes begonnen und wäre von jenem zu den niedrigern Gebirgen, Hügeln und Ebenen hinabgestiegen; er hätte den Hauptfluß des Landes von seiner Quelle bis zum Ausflusse ununterbrochen verfolgt und, wo es irgend möglich gewesen wäre, eine Totalübersicht, ein Rundgemälde des Landes geliefert. Wer aber den Beschauer vom Kleineren zum Größeren, vom Lieblichen zum Erhabenen, von der bescheidenen Landschaft zur romantischen Naturszene führen möchte, muß einen andren Weg einschlagen und kann seine Bilderreihe nicht einer wissenschaftlichen Ordnung unterwerfen. Den Kern Schwabens bildet eine teils von Hügelmassen besetzte, teils wellenförmig erhabene Landschaft, welche im Westen und im Südosten von höheren Stufen wie von Rändern eingefaßt ist. Die westlichste dieser Stufen, welche landeinwärts allmählig, einem glatten Dache gleich, gegen die Ebene sich herabsenkt, ist der Schwarzwald; die südöstliche, welche plötzlich und steil, wie ein jähes Dach, gegen dieselbe abfällt, ist die Alb. Zwischen beiden, dem Schwarzwald und der Alb, welche im Südwesten bis auf eine Meile einander nahe kommen und nur noch durch die Breite des oberen Neckartales voneinander getrennt sind, dann aber schnell voneinander sich abwenden, erweitert sich die Landschaft immer mehr gegen Nordosten bis zur Jagst und hinaus bis zum Mainstrom. Der Schwarzwald selbst bildet mit seinem badischen Teile, nebst einem schmalen Streife flachen Landes, die westliche Gränze Schwabens; die Alb durchzieht das Königreich Württemberg von Südwest nach Nordost in die Quere. Jenseits derselben im Süden breitet sich eine zweite große Landschaft aus, welche zwar niedriger liegt als die Alb, aber höher als die erste, nördliche Ebene. Es ist dies Oberschwabens Hochebene, welche von der Donau bis zum Bodensee an der südlichen Gränze Schwabens sich erstreckt. Auf dem hier geschilderten Die Schilderung, für Schwaben angepaßt, ist der soeben (1836) bei Metzler in Stuttgart erschienenen gründlichen »Geographischen Beschreibung von Württemberg, von Ludwig Völter« entnommen, einem Buch, das jedem zu empfehlen ist, der einen lebendigen Überblick über einen großen Teil von Schwaben gewinnen will. Schauplatze der Natur drängt sich das Malerische und Romantische, sofern es Auszeichnung verdient, so ziemlich im Neckartal, der Alb, dem Schwarzwald und den Ufern des Bodensees zusammen. Damit glauben wir die Einteilung unsrer Sektion in vier Reisen oder vier Hauptabschnitte des nachbenannten Inhaltes hinlänglich gerechtfertigt. Der erste Abschnitt umfaßt die Reise durch das Neckartal von Cannstatt bis Heidelberg, denn da die Pfalz keine eigne Sektion hat, so meinten wir hier nicht streng bei der Gränze Schwabens stehen bleiben zu müssen. Sieben der schmucksten und niedlichsten Landschaftsbilder sind hier – eine kleine Auswahl aus viel Sehenswertem – herausgehoben worden, und haben wir Bedacht darauf genommen, daß des Betrachtenswürdigen wie des durch Vergangenheit oder Gegenwart Ausgezeichneten möglichst vieles in einem Blatte sich vereinige. So erscheint Cannstatt, das Landhaus Rosenstein und die Residenzstadt Stuttgart zusammen auf einem und demselben Bilde; die nächste Darstellung ist Schillers Haus auf dem Marktplatze zu Marbach gewidmet; dann folgen Kloster Maulbronn, die alte Reichsstadt Heilbronn mit dem Turme, wohin Sage und Poesie das Gefängnis Götzens von Berlichingen verlegt, Weinsberg mit der Weibertreue, Wimpfen am Berg und im Tale, diese vier auf je einem Bilde; die schönen und ereignisreichen Burgen Horneck und Guttenberg füllen nebst Gundelsheim ein einziges Blatt; von den vier Burgen Neckarsteinachs stellt sich die älteste und groteskeste, das Schwalbennest, vereinzelt dar; den ganzen Zug der Neckarbilder beschließt das köstliche Heidelberg, an welchem Kunstdarstellung und Schilderung durchs Wort oft versucht worden ist und nie sich erschöpft hat. Weiteres von dem Hügel- und Ebenlande Schwabens mitzuteilen erlaubt teils der Raum, teils die Bestimmung unseres Werkes nicht. Daher führt sofort die zweite Reise im nächsten Abschnitt unsrer Sektion in eine andre Region unsres Schwabenlandes, in die Täler und Berge der Schwäbischen Alb, wo eine größere Natur sich vor unsrem Auge auftut. Der Durchwanderer unsres Bilderwerkes wird von uns zuerst an den südöstlichen Abfall dieses Jurakalkgebirgs, ins Donautal, geführt, und der Repräsentant jener malerischen Felsgegenden ist hier das Schlößchen Bronnen. An vielem Schönen und Großartigen ungerne vorbeigehend, verweilen wir erst wieder in einem Talabschnitte dieser Albseite beim romantischen Ursprunge der Blau und dem vielseitig merkwürdigen Städtchen Blaubeuren. Die Hochebene der Alb überspringt ein Werk, das dem malerischen und romantischen Schwaben gewidmet ist, wie billig; es eilt der Ausbeute zu, welche die nordwestliche Abdachung des Gebirges verspricht, mit ihren mannigfaltigen und großartigen Tälern, in welchen Obstwälder im Schoße von Buchenhainen und Felsengründen, von Burgen und Schlössern überragt, von versteckten Grotten umlagert, die Erinnerungen einer üppigen Natur ins rauhe Gebirg hinübertragen, dessen Hochflächen an die Steppen und das Klima des Nordens erinnern, während volkreiche und blühende Städtchen an der Traufe des Gebirges die Pforten jener romantischen und doch so gesegneten Täler bewachen. Aus dem Überflusse von Großem, Schönem und Seltenem aller Art heben wir hier auf sechs Blättern Rechberg und Hohenstaufen (in einem Bilde), Hohenurach, die Burgtrümmer des Reißensteins, das Schlößchen Lichtenstein, das Innre der Nebelhöhle und die Burg Hohenzollern heraus. Dann entfernt sich unser Weg einige Stunden von der Alb, um die ganz einzige Lage des Städtchens Haigerloch zu betrachten und die hervorragendsten Städte des mittlern Neckargebietes, Tübingen und Eßlingen, die, jede in eigentümlich reizender Lage, des Merkwürdigen so vieles bieten, für Darstellung und Schilderung nachzuholen. Somit umfaßt dieser zweite Abschnitt eilf Bilder, wovon acht der Schwäbischen Alb und drei dem Mittellande zwischen Alb und Schwarzwald angehören. Der Granitwall des Schwarzwalds trägt, was Ausdehnung, Höhe und Gebirgsart betrifft, einen mächtigeren Charakter als die Mauer der Schwäbischen Alb; der Gang von dieser zu jenem, der im dritten Abschnitte auf der dritten Reise von uns in malerischer und romantischer Hinsicht durchforscht wurde, bildet somit in derselben Beziehung auch einen Fortschritt vom Niedrigern zum Höheren. Seine erhabeneren Schönheiten sind indessen nur im westlichen Abfalle dieses Gebirges gegen das Rheintal und teilweise auf der nördlichen Seite desselben zu suchen. Aus den bescheideneren Reizen der Täler, die der südöstlichen Abdachung näher liegen, haben wir das uralte Kloster Hirsau mit seinem stillen Tannengrunde zur Darstellung gewählt, dann nach Südosten gewendet den Triberger Wasserfall, die Felsenschlünde des Höllentals, Freiburg an der heiter-ernsten Ausmündung des Gebirges mit seinem erhabenen Münster und endlich den Römersitz Badenweiler aufgesucht, in dessen waldigen Grund schon die üppigste Kultur des Rheintales eingedrungen ist. Zwei Siebenmeilenschritte führen uns von da ins Murgtal, aus dessen Herrlichkeiten das stille Forbach und die ehrwürdige Ruine Baden ausgelesen worden. Sieben Bilder sind so dem Schwarzwalde gewidmet. Die drei stolzesten Darstellungen liefert der letzte Abschnitt und die vierte Reise, die den Freund der schwäbischen Natur an den Bodensee und vor die Stirne der Schweizeralpen führt. Lindaus Inselstadt mit einer herrlichen Ansicht des Obersees und einer weiten Rundsicht über die Hochgebirge ist das erste Bild in diesem Kleeblatte; das zweite zeigt den Untersee mit Konstanz, von dem Napoleonidenschlosse des Arenenberges aus gezeichnet. Im dritten Bilde des vierten Abschnittes, dem dreißigsten und letzten unsrer Sektion, trennt sich der Beschauer mit der porphyrnen Felsenfeste Hohentwiels und einer ganzen Gruppe verschwisterter Berge des Hegaus oder Höhgäus vom Schwabenlande. Erste Reise Das Neckartal von Cannstatt bis Heidelberg Cannstatt mit dem Rosenstein und Stuttgart – Marbach mit Schillers Hause – Kloster Maulbronn – Heilbronn mit Götzens Turm – Weinsberg und die Weibertreue – Wimpfen am Berg und im Tal – Horneck, Gundelsheim und Guttenberg – Das Schwalbennest bei Neckarsteinach – Heidelberg   Cannstatt mit dem Rosenstein und Stuttgart Unsre Galerie malerischer Gegenden aus Schwaben eröffnet sich mit einem Tale, über welches eine südlichere Natur das Füllhorn ihres Segens ausgegossen zu haben scheint. Schon der alte Hübner in seinem jetzt hundertjährigen Zeitungslexikon sagt: »Cannstatt ist nach Stuttgart und Tübingen eine der feinesten Städte im Württembergischen.« Er konnte mit diesem rühmlichen Prädikate keineswegs unmittelbar das Städtchen Cannstatt selbst bezeichnen wollen, denn dieses ist ein unansehnliches, in seinem Innern nichts weniger als »feines« Landstädtchen, von dessen Einrichtung zu Hübners und zu unsrer Zeit galt und gilt, was schon zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts Martin Crusius in seiner Chronik vorgemerkt hat: »Die Häuser von Cannstatt sind nicht zur Pracht, sondern zum Gebrauch gebaut.« Jenes Lob kann also nur der Umgegend gelten, und diese verdient es auch in vollem Maße. Der Teil des Neckartals, in dessen Schoße Cannstatt liegt, gehört nicht zu den großartigeren, wohl aber zu den freundlichsten und fruchtbarsten von ganz Schwaben. Das üppigste Rebenlaub kleidet seine sonnigen Hügel, deren Höhen und tiefere Taleinschnitte wuchernde Obstgärten oder vielmehr Obstwälder bedecken und ausfüllen; breite Weidenpflanzungen auf frischen grünen Wiesen ziehen sich zu beiden Seiten der Flußufer hin und machen, in der Nähe zahlreicher und lachender Ortschaften, Gärten und Äckern, wohl auch Weinpflanzungen Platz; einzeln auf Hügeln stehende Kirchen, zu welchen nur die letzten Häuser der Dörfer sich emporziehen, erinnern, mitten im protestantischen Lande, an die alte katholische Zeit, aus der wohl auch einmal die einsame Kapelle eines verschwundenen Dorfes übrig geblieben ist; einige Dörfer sind, wie die Städte Italiens, ganz auf Hügeln gelagert; die neueste Zeit hat diesem lachenden Gemälde Landhäuser, Tempel, Badehallen und Pavillons hinzugefügt, und das unscheinbare Cannstatt selbst verschwindet unter einer Umkleidung von schmucken Vorwerken, Gasthöfen, Badehäusern, Fabriken und vor einer gewerbreichen, an Bauten von Jahr zu Jahr wachsenden Vorstadt jenseits des Neckars, die binnen Jahresfrist mit der Stadt selbst durch die massivste und schönste Steinbrücke des Landes verbunden sein wird. Vom Standpunkt unsres Bildes aus, dem die ferne Hauptstadt im Hintergrunde nicht fehlen durfte, ließ sich nur ein Segment dieses herrlichen Tales darstellen, aber der Künstler hat so viel Schönes, als nur möglich war und die strenge Wahrheit in den Örtlichkeiten vertrug, auf seinem engen Raume zu vereinigen gewußt. Verfolgen wir die Schlangenlinie des Neckars, die sich ganz in den Vorgrund, dem auf dem linken Ufer gelegenen, im Bilde nicht mehr sichtbaren Dorfe Münster zuzieht, aufwärts, so zeigt sich, den ganzen Mittelgrund einnehmend, Cannstatt mit seiner Kirche und deren Turm, einem Werke des berühmten Baumeisters Schickhardt; dann die Neckarbrücke, die Vorstadt; links vom Beschauer der »Sulzerrain«; so heißt der Hügel, hinter welchem die Sulz, d. h. die wichtigste Heilquelle der berühmten Cannstatter Bäder, mit ihren neuen Bauten und Anlagen, sich verbirgt. Hinter den ersten Vorhäusern der Stadt erscheint auf einem Hügel das kleine Dorf Berg mit seiner niedlich gelegenen Kirche, ganz links in der Ferne, zwischen gabelförmigen Hügelvorsprüngen, das Dorf Gablenberg, auch hügelan steigend. Rechts von unserm Auge sieht hinter der Vorstadt noch im Tale selbst das königliche Haus Bellevue hervor, und auf dem jetzt in Rasen und Rosen gekleideten Hügel, der einst der Kahlenstein hieß, ist das herrliche Landhaus »Auf dem Rosenstein« gelagert. Weiter rechts steht ein den Anlagen dieses Schlosses zugehöriger Pavillon. Im Hintergrunde schmiegt sich die erste Haupt- und Residenzstadt Württembergs, Stuttgart, durch die schönsten Anlagen mit Cannstatt verbunden, ganz in den Boden des Kessels, welchen links der Eßlinger und der Bopserberg, rechts der Hasenberg, dessen Fortsetzung zum königlichen Lustschlosse Solitude führt, im hintersten Grunde endlich die hier abfallende Hochebene der »Filder« bildet. Vergleicht man die in so vielen Beziehungen ungemein günstige Lage Cannstatts mit der eingepreßten Stellung, wie sie Stuttgart in einer zwar höchst fruchtbaren, aber wasserarmen Gegend zwischen lauter Hügeln und Bergen einnimmt, so müßte man es unbegreiflich finden, warum die Herren von Württemberg nicht lieber das benachbarte Cannstatt zu ihrer Residenz gewählt haben, wenn man nicht wüßte, daß die Gründung von Residenzen selten auf freier und bewußter Wahl ruhe, sondern dieselben gewöhnlich mit Land und Staat erst allmählig entstehen und gewissermaßen da sind, ehe man sich dessen versieht. Inzwischen machte noch im Jahre 1682 ein Herr Ganniare de St. Paul dem Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg und seinem geheimen Rate in einer eigenen Druckschrift den Vorschlag, zum Besten des Landes Cannstatt zur Haupt- und Residenzstadt zu machen, weil sich dort alles vereinige, was zu einer blühenden Hauptstadt gehöre. Was uns an Cannstatt nicht weniger anzieht als die Reize seiner Umgebung, sind seine geschichtlichen und naturhistorischen Merkwürdigkeiten. Wir beginnen mit den letzteren, die gleichsam die antediluvianische Geschichte des Cannstatter Bodens ausmachen. Schon im Jahre 1700 wurden nämlich in Gegenwart des württembergischen Leibarztes D. Salomon Reisel auf einem Hügel, tausend Schritte von der Stadt gegen Morgen gelegen, an der jetzigen Waiblinger Straße, unter den Überresten uralter Mauern mehr als sechzig Stoßzähne (Hörner heißt er sie) und unzählige Knochenreste »bissiger und etwan auch unbekannter Thiere« gefunden, wie der ehrliche Mann in seinem ausführlichen Berichte sagt, den er »gelehrten und naturverständigen Männern zu ihrem hochvernünftigen Gutachten« und absonderlich zur Erörterung übergibt, »ob diese Hörner und Beine nur ein Spiel und Werk der Natur, in der Erde gewachsen, oder von lebendigen Thieren, in Mutterleib geboren, seyen; nicht weniger, wie sie dahin möchten gekommen seyn«. Auf diesen Bericht hin schrieb D. Schleiß einen »Oedipus Osteolithologicus«, in welchem er die Cannstatter Fossilien für Überbleibsel römischer Hekatomben erklärte, dagegen D. Bayer, ein Altdorfer Professor der Theologie, sie in einer Dissertation des Jahres 1712 zu Angedenken der Sündflut machte. Seitdem sich ähnliche Funde bei den benachbarten Dörfern, zu Cannstatt selbst im Jahre 1816 Durch den jetzigen Oberfinanzrat von Memminger, dessen Werke mit Sattlers »Historischer Beschreibung Württembergs« dem Verf. die meisten Beiträge zu gegenwärtigem Aufsatze und reichliche zu manchem folgenden geliefert haben. und bei Abgrabung des Kahlensteins im Jahre 1823 wiederholten und die Naturforscher, Kielmeyer und Cuvier an der Spitze, das Gefundene ins gehörige Licht stellten, waltet kein Zweifel mehr ob, daß diese merkwürdigen Reste, deren Lagerstätten in der Regel aus aufgeschwemmtem Leimen, auch Süßwasserkalk und Sand bestehen, Zähne und Knochen von solchen Tieren sind, welche zum Teil aus der Reihe der jetzigen Schöpfung ganz verschwunden sind und einer dunkeln Vorzeit angehört zu haben scheinen, und daß die hauptsächlichsten von dem Mammut, jenem Riesentiere der Urschöpfung, stammen, andre dem Nashorn, einer Hyänenart, einer ungewöhnlichen Hirschart, endlich auch andern Tieren der jetzigen Schöpfung angehören. Sehr wahrscheinlich sind diese Tiere durch irgendeine gewaltige Veränderung auf unsrem Planeten zugrunde gegangen und durch eine zweite Umwälzung so zusammengeschwemmt worden, wie man sie jetzt findet. Die Ungebildetern unsrer Vorfahren dachten bei ihnen an Riesengebeine, und manche unsrer Leser werden hier zum erstenmal erfahren, daß schon das klassische Altertum dergleichen kannte. Kaiser Augustus schmückte, nach seinem Biographen, Sueton, »Octav.« 72. sein Landhaus zu Caprea mit jenen riesigen Gliedern ungeheurer Tiere, welche man »Gigantengebeine und Heroenwaffen nennt«. Wir lassen die Kalkfelshöhlen und Pflanzenversteinerungen, durch welche die Gegend Cannstatts sich noch weiter auszeichnet, beiseite und gehen von der Naturgeschichte des Ortes zu seiner eigentlichen Geschichte über, die nicht weniger merkwürdig ist. An derselben Stelle, wo jetzt Cannstatt gebaut ist, befand sich nämlich eine bedeutende Niederlassung der Römer. Wie noch jetzt diese Stadt der Mittelpunkt aller Hauptstraßen des Landes ist, so weisen auch in größerer und kleinerer Entfernung von derselben die dem Antiquar wohlbekannten Namen »Steinstraße«, »Steinerner Weg«, »Römerstraße«, »Kaiserstraße« und ein zu Cannstatt selbst gefundener, »den Straßengöttern« geweihter Altar auf einen ganzen Komplex römischer Straßen, und es lassen sich nicht weniger als sieben Straßenzüge dieser Art erkennen. Auch findet man in der Nähe dieser Straßen in und um Cannstatt seit Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo mit den Tierknochen der Urwelt auch die Menschenwerke früher Zeiten zutage kamen, fast täglich mehr oder weniger bedeutende Baureste römischer Abkunft. So wurden im Jahre 1700 über den zuerst ausgegrabenen Fossilien bei der »Uffkirche«, dem letzten Überbleibsel eines verschwundenen Dorfes, auf einem Hügel achtzig Schuh lange und acht Schuh dicke Mauern entdeckt, welche die Gelehrten für die Grundmauern bald eines Tempels, bald eines Kastells, bald eines Amphitheaters halten wollten. In einem der öffentlichen Badegärten Cannstatts fand man im Jahre 1818 römisches Badegeschirr, Münzen, Spuren von Wärmeboden, in Stadt und Vorstadt schon früher römische tönerne Wasserleitungsröhren und noch vor wenigen Jahren ein Basrelief in Werkstein, die Minerva und den Merkur mit dem Beudel vorstellend. Ganz neuerdings, beim Fundamentieren des Ortpfeilers der neuen Neckarbrücke stieß man auf dem rechten Ufer auf eine sehr merkwürdige Alluvialbildung, die ein durch eisenschüssigen Kalksinter, wie sich derselbe aus verschiedenen Mineralquellen bildet, zusammengekittetes Konglomerat von Natur- und Kunstprodukten ist; die letztern schienen Gerätschaften zerstörter Wohnungen des Mittelalters und späterer Zeiten anzugehören. Das Gestein wurde weggesprengt, und unter ihm kam eine römische Wasserleitung zum Vorschein. Auf dem Kahlenstein, bei Mühlhausen und bei Zazenhausen wurden am erstern Orte Grundmauern und Estrich eines Gebäudes, am zweiten Spuren zweier römischen Wachttürme, am dritten im Jahre 1701 Grundstöcke ausgedehnter Bäder, im Jahre 1816 an einer andern Stelle eilf Gemächer mit Gipsanwurf, Hypokauste, Kanäle, endlich im Jahre 1835 in der Gegend des erstentdeckten Bades abermals Einrichtungen derselben Art entdeckt oder wieder aufgedeckt, dazu allenthalben in der Umgegend Geschirre und Münzen, die letztern hauptsächlich aus dem zweiten und dritten Jahrhunderte, gefunden. Die alten Grabstätten, welche Herr v. Memminger auf dem Altenburgerfelde bei Cannstatt im Jahre 1817 entdeckt hat, wiesen sich durch ihre Grablampen aus Ton und Glas, Aschenkrüge, Salbengefäße, Münzen u. a. durchweg als römisch aus. Vier zu verschiednen Zeiten gefundene Altäre sind, der erste von Emeritius Sextus, einem Krieger der zweiundzwanzigsten Legion, der zweite von P. Sedulius Julianus, aus der achten Legion, der dritte von Sattonius Juvenilis, der vierte von Gerionius (?) Severus, aus der zweiundzwanzigsten Legion, verschiedenen Göttern geweiht und stammen wohl alle aus dem dritten Jahrhundert, der erste gewiß aus dem Jahre 223 nach Christus. Nach der Vertreibung der Römer ließen sich auf ihren Trümmern Alemannen und Sueven nieder, deren älteste Spur ebenfalls in teils früher, teils in neuester Zeit aufgefundenen Grabstätten zu suchen sein dürfte, deren riesige Gebeine in ganz schmuckloser Bestattung jedenfalls römischem Ursprung widersprechen. Auf dem Boden und über den Grundmauern der Römerkastelle aber erhuben sich allmählig die Burgen der freien Deutschen. Es lag sehr nahe, bei den vielen Spuren einer so ansehnlichen Niederlassung, vielleicht der römischen Hauptstadt des mittleren Neckars, auch nach ihrem Namen zu forschen und, da diesen keine Inschrift und keine Münze nannte, ihn in dem Namen der nachmaligen Stadt Cannstatt selbst aufbewahrt zu glauben. Ein sehr unorganischer Gelehrtenwitz des sechzehnten Jahrhunderts hat in den Buchstaben C. ANT. STAT. die Stativa (das Standlager) eines Cajus Antonius oder Antoninus suchen wollen; ein Altertumskundiger unserer Zeit, der verstorbene Leichtlin, gibt der altrömischen Kolonie ohne weiteres den Namen Cana, weil auf einer zu Ötlingen an der Kels gefundenen Inschrift ein gewisser Oceaneolus, Bürger von Cana, erscheint. Allein die Heimat dieses Kriegers dürfte eher die Stadt Cana an der nördlichen Küste Kleinasiens oder eines der beiden Cana in Galiläa als die Stadt Cannstatt in Schwaben gewesen sein. Die Hoffnung, den Namen Cannstatts zu einem römischen zu stempeln, ist so ziemlich aufgegeben, und wenn das römische Clarenna oder aber Grinarione hier gesucht wird, so hat dies mit dem Namen Cannstatt nichts zu schaffen. Was soll aber das Wort, wenn es germanischen Ursprungs ist, bedeuten? An den mythischen Schwabenkönig Canut, der es im J. 392 gebaut und nach sich benannt haben soll, glaubt kein Mensch mehr. Man könnte, wenn der Name nicht zu allgemein wäre, mit Memminger bei Cannstatt an Schiffsanlände (Kahngestade) oder an Kantenstadt (Gränzstätte) denken. In dieser Ungewißheit sei auch uns eine neue Vermutung erlaubt. Der Name Cannstatt tritt (ganz so geschrieben) zuerst in einer Urkunde des Herzogs Gottfried von Alemannien im J. 708 hervor; nicht lange nachher hält Karl Martells Sohn Karlmann hier zu Cannstatt (»Condistat«) blutiges Gericht über alemannische Große. Von nun an erscheint der Ort in den spätem Jahrhunderten häufig, als Canstatt, Kannistat, Cannistat, Chanestatt, Chanelstatt; in der Nähe kommt ein Berg Canbach vor, und unter den Adelsgeschlechtern der Stadt ein Canli oder Chenlin. Nun sind die altdeutschen Stammsilben Can, Kan, Chan, Chane, Cond nichts anders als ebenso viel Variationen des bekannten Wortes Kunne, was Familie, Sippschaft bedeutet. Frisch, »Lexic«, sub voce kunne . Kunne, genus, familia, sexus, uxor et maritus, conjux . Chane, Kane, genus. Chanschafft, conjugium. Chanchi (im sal. Gesetz), cognati . Kungen, Kunden, idem. Könne, genimen. Chone, Konmann, maritus. Conleut, conjuges. Alles mit Belegen. Nach dieser Ableitung hieße Cannstatt nichts anderes als Stätte der Gesippten, gemeinschaftliche Burg von Verwandten, von Mitgliedern eines und desselben Geschlechts gegründet, und der Name der Edlen Canli oder Chenlin von Cannstatt wäre, in Neudeutsch übersetzt, nichts andres als »Vetterlein von Vetternstadt«. Eine geschichtliche Parallele soll uns zu Hülfe kommen. In einer Urkundensammlung der unterösterreichischen Stadt Zwetal Frisch, a.a.O. aus dem »Diplomatorium Zwettalense«. wird erzählt: Die Nachkommen eines gewissen Azo, die allerlei Namen führten, wollten, als Vettern, doch auch einen gemeinschaftlichen Sitz und Namen haben. Sie bauten daher eine Burg. Als nun das Fundament fertig war und alle Sippen im Kreise herum standen, rief einer der Angesehensten aus ihnen: »Hie habent die Chuen dieses Landes an einem Ring«, das heißt: »Hier halten sich die Kunnen, die Vettern des Landes, Hand in Hand im Kreise.« Davon hieß die Burg Chuenring (Kunnring, Vetternring). Sollte Cannstatt in Schwaben und Cunstadt in Mähren nicht dasselbe bezeichnen? Ein ganz ähnlicher Sinn möchte dann auch den schwäbischen Orts- und Geschlechtsnamen Magenhaus, Magenheim, Magstadt zugrunde liegen, denn das altdeutsche Wort Magen trifft mit Kunnen in der Bedeutung Verwandte zusammen. Ob nun, wie die Herren von Cannstatt und die Canli, so auch die Schilling von Cannstatt, die Stein zu Cannstatt, die Herren der Burgen Uffkirchen auf dem rechten, Brie und Altenburg auf dem linken Neckarufer zu dieser Sippschaft der Cannstatter Vettern gehörten, lassen wir dahingestellt. Von Uffkirchen oder Uffkirch ist nur noch Kirche und Kirchhof übrig, das Dorf war im sechzehnten Jahrhundert bis auf wenige Häuser verschwunden; wir hätten es zur Linken von unsrem Bilde zu suchen; Altenburg lag zur Rechten auf der Höhe, dem Namen nach zu urteilen, auf römischen Grundmauern; Brie, Brige, Brey war eine Burg, um die sich die Vorstadt sammelte, die auch diesen Namen führte, der noch in der Benennung der Anhöhe Brag fortdauert; die Burg selbst wurde von Kaiser Rudolf im Jahre 1287 zerstört. Inzwischen verschwand der alte Sinn des Namens Cannstatt frühzeitig, und die Herren von Cannstatt tragen schon im dreizehnten Jahrhunderte, wie später die Stadt, eine Kanne im Wappen. Der Ort stand nach den Römerzeiten ohne Zweifel unter den Herzogen Alemanniens und scheint nach deren Unterdrückung aus der Asche der Zerstörung auferstanden und Eigentum der fränkischen Krone geworden zu sein. Karl der Große verweilte zu Cannstatt. Später ist es durch die Grafen von Calw wenigstens teilweise in welfischen Besitz gekommen. Zur Stadt geworden, kam es mit der Gaugrafschaft und dem Landgerichte, dessen Sitz Cannstatt war, an Württemberg, dessen Grafen übrigens, noch als Graf Eberhard im Jahre 1320 die Residenz von seinem Stammschlosse nach Stuttgart verlegte, wenig mehr von Cannstatt besaßen, außer dem Landgericht und den alten Grafenrechten. Schon daraus erhellt, daß von einer Wahl zwischen Cannstatt und Stuttgart, die Residenz betreffend, eigentlich gar keine Rede sein konnte. Cannstatt hatte frühzeitig Stadtgerechtigkeit und allerlei Freiheiten erlangt. Die Eroberung der Stadt durch Kaiser Rudolf (1287) scheint sie wenig beeinträchtigt zu haben. Der Zusammenfluß von Straßen schuf in der Vorstadt an der Brücke frühzeitig ein gutes Wirtshaus, dessen Reisende der alten Zeit als einer besondern Merkwürdigkeit gedenken. »Cannstatt«, sagt vor ungefähr viertehalbhundert Jahren Ladislaus Suntheim, »ein stat am Neckar, da ist gut Zehrung, da ist ein Wirtzhaus, das hat ein prun in der Stuben hinterm Ofen, darin allerley Fisch.« Daß Petrarch dasselbe sage, scheint auf einem Irrtum zu beruhen. Noch ist das Wirtshaus zum Ochsen, an der alten Stelle neu erbaut, eine Zierde der Vorstadt, und die Fische kommen noch immer aus dem neugefaßten Brunnen der Wirtsstube auf die Tafel der Gäste. Ihre jetzige Gestalt verdankt die Stadt dem Herzog Ulrich von Württemberg, der nach der Rückkehr aus seiner Verbannung sie neuerdings befestigen ließ. Als im Schmalkaldischen Kriege der Herzog von Alba zu Cannstatt einrückte, war Ulrich ärgerlich auf seinen Sohn Christoph: »Hätte man die Spanier aufgehalten, sie würden über die Mauren von Canstatt nit geritten seyn.« Unbeschreiblich groß war das Elend, das Stadt und Bezirk im Dreißigjährigen Kriege und durch die verheerenden Einfälle der Franzosen zwischen 1688 und 1707 betraf. Im Revolutionskriege wurde Cannstatt mit der Umgegend der Kriegsschauplatz selbst. Als Moreau über den Rhein gegangen war und das österreichische Heer zurückgedrängt hatte, suchten beide Teile Cannstatt zu gewinnen. Die Sachsen hatten den Kahlenstein, die Franzosen fechtend Stuttgart besetzt. Der Erzherzog Carl schlug sein Hauptquartier in einem Dorfe jenseit Cannstatts, in Fellbach, mit achtzigtausend Mann auf. Am 20sten kam Moreau nach Stuttgart, und nun erfolgte der allgemeine Angriff vom Neckardorfe Mühlhausen bis Eßlingen und die »Filder« hinauf. Der Erzherzog durcheilt die Stadt mit seinen Adjutanten, und die Brücke wird abgebrochen. Nun rücken die Franzosen vom Dorfe Berg und dem eingenommenen Kahlenstein her, und eine fürchterliche Kanonade von beiden Seiten nimmt die Stadt in die Mitte. Bis zum Abend rollt der Donner und fliegen die Kugeln pfeifend über sie hin. Mitten im Feuer plündern die Franzosen die Vorstadt. Im Gasthofe zum Ochsen werfen ihrer zwei den Wirt zu Boden, um ihn zur Entdeckung seiner Habseligkeiten zu zwingen, als eine Kanonenkugel durch die Wand geflogen kommt und beide Feinde zerschmettert. Eine bange Stille folgt auf diesen Tag. Endlich in der Nacht vom 23sten auf den 24sten Juli treten der Erzherzog und die Östreicher den begonnenen Rückzug wieder an, und die Behörden übergeben die Stadt den Franzosen. Seitdem hat sie den Kaiser Napoleon zweimal (1805 und 1809) und, nach der Katastrophe von Moskau und Leipzig, am 17ten Dezember 1813 den russischen General Barclay de Tolly mit neunzehn Generalen, zweiundsiebzig Obersten und Stabsoffizieren und einen ganzen Troß von Offizieren, dann, nach Napoleons Rückkehr von Elba, zwei Erzherzoge von Österreich in ihren Mauern gesehen. Die Stadt hat mehrere angesehene und berühmte Männer hervorgebracht, darunter zwei von europäischen Namen: Georg Bernhard Bilfinger und Christian Friedrich Schnurrer. In den letzten zwanzig Friedensjahren hat Cannstatt, im Innern ziemlich unverändert, viel von seiner äußern Gestalt verloren und ist eines Teils seiner Ringmauern und seiner altertümlichen Türme beraubt worden. Wer den alten Neckartorturm abbrechen sah, der so lange Stadt und Ufer einen Halt fürs Auge gab, dem kommt wohl das rührend wahre Lied des Dichters in den Sinn, so oft er die verwandelte Stadt mit der einst durch ihre Altertümlichkeit verschönerten Gegend überschaut: Ihr Türme habt, ihr ernsten Mauern Jahrhunderte den Fluß erblickt, Ich seh' mit schmerzlichem Bedauern, Zu welchem Werke man sich schickt. Zerstörung droht: Es wird entrissen Sein Herzensbild dem hellen Fluß; Ihr sollt, entformte Steine, missen Hinfort den schönen Wellenkuß. Ehrwürd'ge Laute, schweigt, ihr Glocken, Verhalle, Ruf der grauen Stadt! Sie schlägt ihr alt Gepräg' in Brocken, Macht sich zum Flecken, eitel, platt! Karl Mayers »Gedichte«. Indessen – das unpoetische und industrielle Jahrhundert nicht allein, auch die Sorge für die Gesundheit forderte dieses und ähnliche Opfer, und zum eitlen Flecken ist darum Cannstatt doch nicht geworden. Wer über der Stelle seiner alten Wälle die Stadt umwandelt, begegnet manchem nicht nur schönen, sondern ehrenwerten städtischen Gebäude, blühenden Fabrikhäusern, mit stattlichen Gasthöfen, umbauten Badequellen und Gärten an beiden Enden der Stadt, geräumigen Schulhäusern und einem trefflichen orthopädischen Institut, dem sein rühmlichst bekannter Gründer Dr. Heine ein entsprechendes, freundliches Haus gebaut und es aufs zweckmäßigste eingerichtet hat. Cannstatts Heilquellen, nicht weniger als zehn an der Zahl, die teils in der Stadt, teils vor ihren Toren sprudeln und zu den salinisch kohlensauren Eisenwassern gehören, haben aus dieser Stadt einen berühmten, aus allen Gegenden Deutschlands, aus der Schweiz, aus Frankreich und selbst aus entfernteren Ländern zahlreich besuchten Badeort gemacht. Die neuere Hauptquelle am »Sulzerrain« kam erst im vorigen Jahrhundert zum Vorschein, wurde anfangs von privilegierten Privaten, dann seit 1772 vom Staat ausgebeutet, lange aber nur zum Betrieb einer Ölmühle benutzt. Erst gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts ward für einige Bequemlichkeit der Gäste gesorgt und im Jahr 1812 die Einrichtung erweitert. Endlich bildete sich der Brunnenverein, und König Wilhelm unterstützte die Anstalt mit hoher Freigebigkeit. Die Quelle wurde 1819 und 1820 mit vieler Schwierigkeit durch Oberst von Duttenhofer neu gefaßt, 1824 das schöne Füllhaus erbaut, und seit kurzem schmückt den Quell die von Thouret gebaute, ebenso solide als geschmackvolle, säulenreiche Brunnenhalle mit zwei geräumigen Galerien zu beiden Seiten. An die hier strömenden Brunnen schließen sich angenehme Spaziergänge und Anlagen mit den reizendsten Aussichten aufs Neckartal. Der schönste Punkt ist bei einer auf dem obersten Raine auf gemauerten römischen Säule, zu der sich die verschiedenen Schlangenwege an der steilen Bergwand emporwinden. Eine dreifache Allee verbindet diese Anlagen mit der Stadt. Die übrigen Quellen werden von Privaten zu Bad- und Brunnenanstalten benutzt, darunter ist das Frösnersche Bad das älteste. Diese Anstalt Frösners kann ihr Datum als Bad- und Schwitzstube bis zum Jahre 1538 zurückführen; das Badehaus ist indessen jetzt abgebrochen; aber der Frösnersche »Badegarten« datiert seinen Brunnenadel von den Römern her; dieser Teil der Anstalt wurde durch die Eßlinger 1449 und abermals im Dreißigjährigen Kriege zerstört, daher auch mit der andern Badestube vereinigt. In solcher Vereinigung blüht jetzt das Bad, und ein palastartiger Gasthof füllt sich alle Jahre mit zahlreichen Brunnen- und Badegästen, die sich der vorzüglich bequemen Einrichtung erfreuen. Auch die übrigen Brunnenanstalten, das Wilhelmsbad, das Bad zum Ochsen und andere, sind gleich empfehlenswert, und in dem sogenannten »Sulzbad« hat Dr. Heine im Jahre 1831 eine Anstalt zum kalten Mineralbade gegründet. Die andern Bäder Schwabens haben den Charakter waldiger oder doch ländlicher Abgeschiedenheit. Offene Natur und Nähe der Residenz geben Cannstatt als Badeort eine andere Physiognomie; auch wird dieses Bad neben denjenigen, welche es wegen seiner spezifischen Heilkräfte benutzen, besonders gerne von Gästen aus solchen Gegenden aufgesucht, welche, wie die Schweiz, keine Residenzstädte haben oder doch eines größern, geselligen Lebens entbehren. Das Badeleben ist hier sehr angenehm und unterhaltend, und von Lustpartien gewährt die Gegend eine seltene Auswahl. Der schöne Tempel, welcher die irdischen Reste der verewigten Königin Katharina umschließt und in der Fortsetzung unsres Bildes linker Hand sichtbar werden müßte, die Katharinenlinde in derselben Richtung mit einer herrlichen Albaussicht, sämtliche Dörfer des obern Neckartales bis Eßlingen mit den lieblichsten Standpunkten, die Neckarfahrten nach Münster und Mühlhausen, das königliche Schlößchen Weil mit der reizendsten Einrichtung und herrlichen Marställen, der Rosenstein und Stuttgart – das alles reicht für eine volle Kurzeit zu täglicher Abwechslung der mannigfaltigsten Genüsse hin. Nach den zwei letzten der genannten Punkte, die auch auf unserm Stahlstiche sichtbar sind, werfen wir noch einen verweilenden Blick. Für das Landhaus »Auf dem Rosenstein« hat S. M. der König Wilhelm die günstigste Stelle in der ganzen Umgegend gewählt, von der man eine entzückende Aussicht auf das Cannstatter und Eßlinger Tal und auf die Gebirgsmündung, deren fruchtbare Tiefe die Hauptstrecke ausfüllt, unter den schönsten Säulenhallen und aus den hohen Zimmern voll einfachen, doch gewählten Schmuckes genießen kann. Von diesem Standpunkt aus, sollte man meinen, hat der geniale Ritter Ulrich von Hutten die Umgegend angesehen, wenn er an einen Freund schreibend sich über Stuttgarts Lage in den Worten äußert: »Nicht leicht hat Deutschland eine schönere Gegend als diese, das fruchtbarste Gefilde, wunderbar gutes und gesundes Klima, Berge, Wiesen, Tal, Flüsse, Quellen, Wälder, alles aufs anmutigste; Früchte wie nirgends sonst, und ohne Mühe aufwachsend; Wein, wie man ihn in diesem Lande erwarten kann. Stuttgart selbst nennen die Schwaben das irdische Paradies; so lieblich ist es gelegen.« Das Landhaus selbst bildet ein längliches Viereck, hat fünf Flügel, ist mit Ausnahme des mittlern Flügels einstockig und, außer den Zwischenwandungen und der Attique, durchaus von den feinkörnigsten Sandsteinquadern, deren reine und präzise Bearbeitung man bewundert, nach dem anspruchlos Schönes und Solides liebenden Geschmacke des Königs aufgeführt. Das Mittelgebäude bildet mit den verbundenen Flügeln die zwei Hauptfacaden gegen Stuttgart und Cannstatt, in deren Mitte jedesmal ein vorspringender Porticus mit einer Haupttreppe vor demselben und sechs Säulen jonischer Ordnung die Haupteingänge bilden. In den Giebelfeldern über den zwei Hauptportiken sind nach der Komposition eines Künstlers von anerkanntem Rufe, des jetzigen Professors Dietrich, von den jetzt verstorbenen Bildhauern Distelbart und Mack Reliefs mit Darstellungen aus der griechischen Mythe von Helios und Artemis-Selene ausgeführt; die kleinen Portiken zieren Medaillons mit kolossalen Büsten griechischer Gottheiten und chimärischen Tierfiguren zur Seite. Die Dächer sind mit Schiefer bedeckt; das Gebäude faßt eine Quadernterrasse ein. Der Entwurf des Ganzen gehört dem Hofbaumeister Salucci an. Die ersten Grabarbeiten wurden im Mai 1822 angefangen, im Spätjahr 1825 kam das Schloß unter Dach, und im Sommer 1829 stand es vollendet und wohnlich da. Die innere Einrichtung, welche Fremden und Einheimischen gegen eine Eintrittskarte mit freundlicher Bereitwilligkeit gezeigt wird, steht durchaus im Einklange mit dem Charakter der äußern Form; alles solid, einfach und schön, die Pracht eher versteckt als zur Schau getragen. Meubles, Vorhänge, Lustres, Tapeten aufs sinnigste gewählt. Im ganzen enthält das Gebäude vierzig Zimmer, eine große Galerie und einen Speisesaal, alles mit den schönsten Arbeiten namhafter Meister, Steinkopf, Schnitzer, Heideck, Adam, Hetsch, verziert; Dekorations- und Zimmermalereien von Gajani, Neher, Sauter. Unter den Sälen zeichnet sich ein Speisesaal mit vortrefflicher Freskomalerei, Dietrichs Komposition, aus der Dionysos-Mythe aus; die große Galerie, die ihr Licht durch zwölf Fenster, zwei Glastüren und eine Laterne über der Kuppel erhält und deren Fries sechzehn Säulen tragen, ist mit sehr schönen Freskomalereien von Gutekunst und in der Kuppel mit Götterszenen in Fresko, vortrefflicher Arbeit von Gegenbauer, vaterländischen Künstlern, geschmückt. Die Reliefs an dem Fries, die vier Jahreszeiten in ländlichen Beschäftigungen darstellend, deren Umrisse bei Cotta erschienen, sind das Werk des der Kunst zu frühe entrissenen Professors Conrad Weitbrecht und werden allgemein als eine der schönsten Zierden des reichausgestatteten Landhauses betrachtet. Von Stuttgart, dessen Häusermasse, auf dem glücklich gewählten Standpunkt unsers Künstlers gesehen, die ganze Tiefe zwischen den Bergen im Hintergrunde des Bildes einnimmt, erwartet der Leser hier keine ausführliche Beschreibung. Für dieses Bedürfnis haben gelehrte und populäre Werke zur Genüge gesorgt; aus ihnen auch nur das Allerwesentlichste auf einige Seiten zusammendrängen zu wollen wäre ein vergebliches Unterfangen. Wir begnügen uns daher, nur dem Auge zum Wegweiser auf unserm Bilde zu dienen. Das äußerste Gebäude zur linken Hand des Betrachters, halb vom Berge bedeckt, ist das königliche Residenzschloß, zur Unterscheidung das Neue genannt, von Herzog Karl im J. 1746 begonnen und, nachdem der rechte Flügel 1762 abgebrannt war, vom verewigten König Friedrich im Jahr 1806 vollständig ausgebaut. Es besteht in einem Hauptgebäude mit zwei Flügeln und ist streng symmetrisch geordnet. Nach dem anfänglichen Plane sollten an den Enden noch lange Galerien angebaut und dadurch ein großer, durch eine Grillage geschlossener Vorhof gebildet werden. Aber auch in seiner nicht ganz vollendeten Gestalt macht die Harmonie und der edle Geschmack, der in dem Ganzen herrscht, diesen Bau zu einem der schönsten Königshäuser, dessen Anblick, mehr als der eines andern deutschen Schlosses, an den Prachtpalast von Versailles erinnert. Zum Schmucke seines Innern, in welchem die trefflichsten inländischen Künstler sich ein bleibendes Andenken gestiftet haben, soll bald Neues hinzukommen. Auf Befehl des Königs hat der Historienmaler Gegenbauer vier Zimmer des Schlosses mit Gegenständen aus der württembergischen Geschichte, worunter namentlich Szenen aus Ludwig Uhlands »Eberhard der Rauschebart«, zu zieren. Neben der Residenz erscheint das hochgetürmte »Alte Schloß«, dessen Schilderung mit allen seinen architektonischen Merkwürdigkeiten und Seltsamkeiten einem historischen Romane in Walter Scotts Manier Ehre machen würde. Es ist ein Werk des unsterblichen Herzogs Christoph, der es auf der Stelle des von ihm abgebrochenen hölzernen Schlosses, das aus der Grafenzeit stammte, im Jahre 1553 zu bauen anfing, aber, noch ehe der Bau fertig war (1558), starb. Erst sein Sohn Ludwig vollendete das Werk im J. 1570. Bald darauf drohte ihm wieder der Einsturz, und Ludwig führte an den am meisten beschädigten Ecken zwei Türme auf, wovon der eine seine Rundung Cannstatt zukehrt. Der dritte und schönste Turm gegen Südosten wurde erst im J. 1687 angebaut. Ein großer Teil des Schlosses steckt jetzt in der Erde verborgen, denn ursprünglich war es mit einem tiefen Graben umgeben, der von seinen Bewohnern der Hirschgraben hieß. Er ward erst in neuern Zeiten ausgefüllt und enthielt unter anderm auch eine unterirdische Mühle, die von demselben Wasser getrieben wurde, das die königlichen Anlagen bewässerte. Das nächste auf unserm Bild hervorragende Gebäude ist die Stiftskirche. Sie hieß ursprünglich die Kollegiatkirche zum heiligen Kreuz und war von Holz. Wann und von wem sie zuerst erbaut worden, ist unbekannt. Der Chor der Kirche rührte ursprünglich vom Jahr 1289 her und hat den Grafen Ulrich, denselben, der das erste Schloß in Stuttgart baute, zum Urheber. Im Jahr 1321 baute Eberhard der Erlauchte weiter. Nachdem der Chor 1419 zusammengestürzt, wurde im vollen Laufe eines Jahrhunderts (1432–1531) das jetzige steinerne Gebäude mit dem großen Turme aufgeführt. Den letztern höher zu bauen hinderte die Stiftsherren das Reformationswerk; denn schon im Jahr 1532 wurde die erste evangelische Predigt in der Stiftskirche gehalten, und der berühmte Reformator Johannes Brenz liegt, als evangelischer Probst, in ihren Hallen begraben. Zwischen dem Chor und Schiffe steht ein kleiner, wahrscheinlich älterer Turm, und im Chore sind die steinernen Bildnisse von eilf Grafen von Württemberg in Lebensgröße an den Wänden aufgestellt, wahre Prachtbilder, die, obgleich erst aus dem siebzehnten Jahrhunderte herrührend, nach dem Urteile kompetenter Richter von nicht geringem Kunstwerte sind. Sie werden dem Künstler Gegenbauer zu Modellen dienen und durch seinen Pinsel in den Sälen des Residenzschlosses Farbe und Leben erhalten. Unter der Kirche ist die fürstliche Gruft befindlich; in der Kirche hallt die berühmte Zwiefalterorgel, der hoffentlich bald ein angemessenerer Platz angewiesen wird; vom Turm schallt die große Glocke, Osanna von ihrem Gießer getauft, mit sonorem Klange seit Jahrhunderten das Tal hinab. Zur Rechten der Stiftskirche erhebt sich herwärts auf unserm Bilde noch das Giebeldach eines ansehnlichen Gebäudes. Dies ist seit langer Zeit das einzige Theater Stuttgarts, aber auch eines der ältesten in Deutschland. In den Jahren 1580–1593 von Herzog Ludwig erbaut, bestand es anfangs aus zwei Sälen, wovon der eine zu ebener Erde, mit künstlichen Wasserwerken versehen und mit römischen Altertümern ausgeschmückt, der andere aber als ein eigentlicher Lustsaal eingerichtet und zweihundertundein Fuß Länge, einundsiebzig Breite, einundfünfzig Fuß Höhe hatte. Es hieß das Lusthaus und diente, während Theaterversuche bald auf dem Markte, bald in einem andern Gebäude des fürstlichen Lustgartens angestellt wurden, lange nur ballettähnlichen Lustbarkeiten. Ein prachtvolles Fest in dieser Art, dessen ausführliche Beschreibung mit vielen Kupfern vor unsern Augen liegt, wurde im März 1616 und wieder im Juli 1617 bei der Vermählung Herzogs Johann Friedrich hier gefeiert. Götteraufzüge, allegorische Darstellungen, Masken aus aller Welt gingen da wochenlang über diese Bühne, viele Fürsten und Fürstinnen und unzählige Edle und Edelfrauen des In- und Auslandes nahmen tätigen Anteil an der Aufführung, und der Vater aller schwäbischen Dichter der neuern Zeit, Georg Rudolf Weckherlin, hatte den Text der Sprüche und Gesänge gedichtet und ohne Zweifel auch an der Erfindung der verschiedenen Aufzüge und Tänze den Hauptanteil. Das Lusthaus, später das Opernhaus genannt, vom Herzog Karl hierzu eingerichtet und dadurch in einen Mantel moderner Nebengebäude gehüllt, war einst der Ruhm unserer Stadt und ist noch jetzt sowohl in Rücksicht seiner kühnen Konstruktionen als seiner meisterhaften Ausführung und unverwüstlichen Festigkeit ein Gegenstand der Bewunderung aller Kunstverständigen. Seitdem im Jahre 1802 das kleinere Theater abgebrannt und sein späteres Surrogat in den Redoutensaal verwandelt worden, ist das Opernhaus von Thouret um 1812, im Innern würdig erneuert, der Schauplatz der rühmlichsten dramatischen und musikalischen Leistungen. Esslair hat die beste Zeit seines Kunstlebens dieser Bühne gewidmet, und seit acht Jahren ist Seidelmann ihre erste Zierde. Was sonst noch auf unserm Bilde von Stuttgart erblickt wird, ist ein Agglomerat von Häusern der sogenannten »reichen Vorstadt«, welche, im sechzehnten Jahrhundert entstanden, jetzt die schönere Hälfte der Stadt bildet, aber wenig Merkwürdiges enthält. Sie ist allein von der Hospitalkirche mit ihrem noch nicht hundertjährigen Turme überragt. Sie war ursprünglich eine Kapelle, die im freien Felde stand. Graf Ulrich vergrößerte sie (1471) und überließ ihre Vollendung den daneben angesiedelten Dominikanermönchen. Der Kreuzgang dieses Klosters enthält unter andern Merkwürdigkeiten Reuchlins Grabstein, und im Chor der Kirche hat Dannecker an der Stelle, wo er vor fünfundsechzig Jahren als Konfirmand eingesegnet worden ist, das Gipsmodell seiner berühmten Christusstatue als Stiftung aufgestellt. Wir kehren von unserm kurzen Augenausfluge auf den Rosenstein und nach Stuttgart zu Cannstatt zurück, um uns von dieser Stadt zu verabschieden und unsere weite Reisefahrt durchs Neckartal anzutreten. Was den Neckarfluß betrifft, so beginnt seine Schiffbarkeit bei dieser Stadt, und er ist ohne Zweifel schon zur Zeit der Römer zu diesem Ende benutzt worden. In der neuern Zeit wurde jedoch erst unter Herzog Eberhard Ludwig ernstlich an die Neckarschiffahrt gedacht und dieselbe im Jahr 1713 »mit vielen Solennitäten auf- und eingerichtet«. Allein auch so stand ihrem Aufblühen noch gar vieles entgegen, und erst die Erbauung des schönen Neckarkanals bei Heilbronn, die Einrichtung neuer Schleusen aufwärts, die Beseitigung hinderlicher Mühlwerke verspricht derselben höhern Aufschwung, zu welchem Zwecke Cannstatt auch im Jahre 1831 durch königliche Entschließung zum Freihafen erklärt worden ist. Inzwischen hindert uns nichts, dem nächsten Ziele unserer pittoresken Reise, der Geburtsstadt Schillers, Marbach, mit fröhlichen Badegästen auf bekränzten Nachen zu Wasser uns zu nahen. Marbach Seht ihr, wie freundlich sich die Stadt Im Neckarfluß beschauet? Da unsere Absicht war, den Freunden unsers Werkes Schillers Geburtshaus zu zeigen, so konnte auf unserm Bilde nur das Innere der Stadt dargestellt werden. Wie sie sich ihre Berge hat Mit Reben wohl bebauet? Dort, wie die alte Chronik spricht, Hat vor viel Jahren dumpf und dicht Ein Tannenwald gegrauet. Gelegen hat ein Riese drin. Ein furchtbar alter Heide, Er bracht' in seinem wilden Sinn Das Schwert nicht in die Scheide. Er zog auf Mord und Raub hinaus Und baute hier ein finstres Haus, Dem ganzen Gau zum Leide. Die Steine zu dem Riesenhaus, Ganz schwarz und unbehauen! Grub er sich mit den Händen aus, Fing eilig an zu bauen, Er warf sie auf die Erde nur, Daß einer auf den andern fuhr, Bis fertig stand das Grauen. Es sei der Riese, sagt das Buch, Aus Asia gekommen, Ein Heidengötz, ein alter Fluch, Zum Schrecken aller Frommen: Mars oder Bacchus sei das Wort, Davon Marbach, der Schreckensort, Den Namen angenommen. Die Steine längst verschwunden sind, Der Wald ist ausgereutet, Ein Märchen ward's für Kindeskind, Das wenig mehr bedeutet; Doch horchet wohl auf meinen Sang, Der nicht umsonst mit seinem Klang Es jetzt zurück euch läutet. Denn ob des Schlosses Felsengrund Versunken ist in Schweigen, Wird man doch drauf zu dieser Stund Euch noch ein Hüttlein zeigen, Und keine sechzig Jahr' es sind, Daß drin geboren ward ein Kind, Dem Wundergaben eigen. Von gutem Vater war's ein Kind, Von einem guten Weibe, Auf wuchs es und gedieh geschwind, Kein Riese zwar von Leibe: Von Geist ein Riese wundersam, Als ob der alte Heidenstamm Ein junges Reis noch treibe. Aus des Verf. Romanze »Der Riese von Marbach«, 1815. Die Hütte, in welcher Schiller, der Riese, am zehnten November 1759 geboren ward, zeigt seinen Freunden in aller Welt dieses Bild in der Gestalt, in welcher sie noch vor zwei Dezennien bestand. Seitdem ist das Haus verwandelt worden. Zur Schilderung der eigentümlichen Lage der Stadt Marbach stehe hier eine kleine Skizze, die an Ort und Stelle nach dem Leben gezeichnet worden und jetzt umgearbeitet sein möchte. Es werden vier Freunde dargestellt, die über den poetischen Charakter von Schillers Genius streiten. Marbach Der erste spricht: Was? zankt ihr über Schiller immer noch? Und ehret alle drei so herzlich ihn! Zweiter: Ach ja! Doch diese reihen, engen Blicks, Den Unvergleichlichen, den Einzigen, Der eine Klassikern, der andre gar Tief mystischen Romantikern ihn zu! Doch Er ist nicht romantisch, noch antik, Der Gegenwart, der Zukunft Geist ist Er; Der neuen Zeit, der in Geburtsweh'n längst Geängstet das Geschlecht entgegenharrt, Geflügelten Vorläufer nenn' ich ihn. Ergehet euch in seinem »Tell« und schaut! Da waltet reine, freie Menschlichkeit, Nicht in romantischer Gefühle Schlucht Versteckt, nicht in der eis'gen Atmosphäre Antiker Bildung gletscherisch versteint. Dritter: Was schmähst du auf antike Gletscherluft? Wo weht sie frischer, kräftiger uns an, Als aus den Chören der sizil'schen Braut? Von menschlichen Entwurfes Eitelkeit, Von jeder Hoffnung trügerischem Grund, Von menschenfreier Berge reinem Hauch, Weht wo der Alten Geist, so ist es hier! Vierter: O weg mit diesem kranken Zwitterkind, Das Zeus, der Alte, wider Wunsch vermählt, Mit der kathol'schen Mutter Kirch' erzeugt. Romantisch ist Er, drum gelang's ihm nicht, Ihm, dem Johannas heilig Bild entstieg, Dem aus der Tiefe sehnenden Gemüts, Aus jungfräulichem Schoß ein himmlisch Wunder Entsprang: die Liebe, die der Heiden Welt Nicht kennt, die erst der christgewordne Norden Heraufbeschwor aus jener andern Welt, Der schlummernden in jeder Menschenbrust, Die Liebe Theklas und des Toggenburgers. Ich preise Schiller, den Romantiker! Erster: Hört an, zum Zwischenspiel in eurem Streit, Den ich zu schlichten hier mich nicht erkühne, Den Schwank, den mir ein Bauer heut erzählt: Jüngst stritten drei, und alle hatten recht. Der eine sagte: »Marbach liegt im Teich!« Teich, schwäbisch für: Tiefe. Der andre sprach: »In Ebenen liegt Marbach!« Der dritte: »Was? Auf einem Berge liegt's!« Und drüber kamen sie sich in die Haare Und prügelten beim Kruge sich aufs Blut; Und hätten sie sich recht verstehen wollen, Gewiß, behalten hätten alle recht! Zweiter: Wie mag das sein? Erster: Kommst du vom Lemberg Der Lemberg, ein schöner, waldiger Hügel, ein und eine halbe Stunde von Marbach. Ludwigsburg, eine Meile von Marbach, zweite Residenz des Königs von Württemberg. her, Der mächtig über alle Hügel ragt, Von dem der Hauptstadt Türm' und Schlossesschiefer Du sieben Stunden weit im Abendglanz Der Sonne schimmern siehst: Nun ja, da liegt Das Marbach drunten, als im tiefsten Tal. Und der so sagte, Marbach lieg' im Teich, Der wohnte drüben, schier auf jenem Berg. Doch der da sprach: »In Ebenen liegt Marbach!«, Das war ein Bürger von dem Dörfchen links, Das an des schönen Lembergs Fuße sich, Rings in der Gegend sichtbar, freundlich lehnet; Und eben war er durch das ebne Feld Gemächlich hin, am späten Feierabend, In Ruh sein Schöppchen einzuziehn, gewallt. Und endlich, der da poltert' auf den Tisch Und zornig schwur, ein Glas dem andern nach Im Unverstand die Gurgel niederstürzend, Daß Marbach lieg' auf einem steilen Berg, Das war ein müder Handwerksbursch, und just Mit seines schweren Reisebündels Last Kam er von Ludwigsburg heraufgekeucht Und hatte zehenmal den Weg verflucht, Der sich an seiner Tagereise Schluß Uneben und mühselig aufwärts windet. Wahr aber ist's, auf jenem schroffen Pfad Liegt Marbach hoch, wie eine Feste, da. Drob stritten diese Drei in Marbachs Schenke; Vergossen ward der Wein, zuletzt das Blut. Dritter: Was soll uns das? Was will dein Marbach hier? Erster: 's will euch erinnern, daß, bestritten, es Des Vielbestrittenen Geburtsstadt ist.   Schiller wird in Marbach sein eignes Denkmal erhalten, und es ist zu dem Ende ein hübscher Platz, die »Schillershöhe«, geschmackvoll angelegt und bepflanzt worden. Bis jetzt ist die auf unserm Bilde dargestellte alte Alexanderskirche vor der Stadt, mit Bogengängen, die auf schlanken Mittelpfeilern hoch emporstreben, und einem kunstreichen Presbyterium geschmückt, so ziemlich die einzige Zierde der kleinen Landstadt, die außerdem nur noch durch die verschiedenen römischen Altertümer bemerkenswert ist, welche schon vor Jahrhunderten in ihrer Nähe (zwischen Marbach und dem Dorfe Benningen) auf dem jenseitigen Neckarufer aufgefunden worden sind. Schon im Jahre 1597 wurden bedeutende Mauerreste eines römischen Castrums, mit Wasserleitung, Zisternen, Vormauern und andern Überbleibseln hervorgegraben, die seitdem wieder mit Ackerboden bedeckt sind. Mehrere Altäre wurden vor und nach dieser ersten Entdeckung aufgefunden. Der eine ist von den Dorfbewohnern von Murr (vicani Murrenses) – ein Name, den ein Dorf und Flüßchen in der Nähe Marbachs noch heutzutage führt – dem Vulkan, der andere von den Schiffsleuten dem Genius der Schiffsleute ( Navtae Genio Navtarum ), ein dritter von einem römischen Krieger der vierundzwanzigsten Kohorte den Landgöttern (Campestribus) gewidmet. Der letztere Stein hat zu einem groben Mißverständnisse Anlaß gegeben. Auf sein Zeugnis hin ist lange Zeit Marbach als die alte Römerstadt Sicca Veneria aufgeführt worden. Genauere Untersuchung hat ergeben, daß die Inschrift nur so viel meldet, der Stifter sei aus der numidischen Stadt Sicca Veneria, deren schon Sallustius erwähnt, gebürtig. Dagegen haben andere Gelehrte auch hier in dem jetzigen Namen der Stadt selbst eine Anspielung auf die alte Niederlassung der Römer gesucht und entweder Ara Martis oder die Stätte der römischen Gränzmark, Markbach, darin finden wollen. Gewiß ist der Name, der mehrfach in deutschen Landen vorkommt, echt deutsch und scheint eher auf eine Pferdeschwemme der Alemannen und eine Stuterei hinzudeuten als auf eine Römerstadt. Kloster Maulbronn Für dieses und die folgenden Bilder bis Neckarsteinach ist von uns besonders auch C. Jägers »Reisehandbuch« benutzt worden. Von der Stadt Marbach aus einige Meilen nach Westen gewendet, gelangen wir durch Wälder, Wiesen, Kornfelder und Fruchtbaumgärten in die Gegend, welche nach der uralten Einteilung Schwabens in Gauen den Hauptteil des Kreisgaues bildete und das Schmiechgau, Enzgau und Salzgau, sämtlich nach den Namen kleiner Flüsse benannt, umfaßte. Unter diesen hatte das Salzgau seinen Namen von dem kleinen Wasser Salzach oder Salzbach, dessen Ursprung bei Maulbronn zu suchen ist, ein Bach, der mit mehreren andern die Ehre teilt, unmittelbar in den Rhein auszumünden, den er bei der bekannten Feste Philippsburg erreicht. Wo seine Quelle aus dem Boden schlüpft, war vor der Gründung des Klosters eine wilde Einöde, deren Wälder sich erst spät vor der Axt kultivierter Bewohner aus dem Tale zurückgezogen haben und jetzt nur noch die Höhenzüge mit ihrer dichten Laubung bedecken. Zu den Zeiten, wo das Faustrecht herrschte, so erzählt die Sage, wurde diese Gegend häufig von Räuberhorden besucht, und der friedliche Wanderer betrat nur mit Angst die verrufene Gegend. Gegen diese Schrecken vermochte nur ein Mittel zu schützen, die Errichtung eines Heiligenwohnsitzes, eines Klosters in der unwirtlichen Einsamkeit. Der Klang einer nahen Klosterglocke wies jedes Schwert in die Scheide und kehrte selbst das Herz des rohesten Räubers um. Darum, heißt es, faßte der Edle Walther von Lomersheim, der schon früher, vom Bischof Günther zu Speyer aufgemuntert, ein Kloster auf seinem Gute Eckenweiler zu bauen angefangen, auf des Bischofs Rat aber den untauglichen Platz verlassen hatte, den Entschluß, in der Mitte des Waldes ein Kloster zu bauen, damit hinfort freier Verkehr in dieser Gegend sich beleben könnte. Der Platz war vormals Eigentum des Hochstifts Speyer gewesen, damals aber, wegen seiner Wildnis, als Schlupfwinkel der Räuber, unangebauet. Günther brachte die Grundstücke wieder zusammen, wovon ein Teil schon unter Abt Bruno dem Württemberger vom Kloster Hirschau abgetreten worden, und bewog mehrere edle Nachbarn zu Schenkungen; darunter war ein Konrad von Lomersheim, ein Werner von Roßwag und Bertha von Grüningen, eine Edelfrau, mit ihren drei Söhnen. So machte sich denn Walther von Lomersheim auch an die Quellen der Salzach und fing hier an ums Jahr des Heils 1137 sein Zisterzienserkloster zu bauen. Schon wurde, spricht die Volkssage, rings umher der Wald gelichtet, Wege wurden nach allen Seiten hin gebahnt und aus den nahen Steingruben mächtige Quadern gehauen. Schon wölbte sich auf dem starken Grunde der schöne Kreuzgang, schon strömten Mönche herbei, den vollendeten Teil des Klosters zu bewohnen, und der Grundstein zur Kirche wurde eben gelegt, als die Räuber, die es verdroß, aus ihrer so günstig gelegenen Gegend vertrieben zu werden, hereinbrachen, den Arbeitern Stillestand auflegten und die Mönche zu sprechen begehrten. Ihnen erklärten sie ihren festen Entschluß, den Klosterbau nicht vollenden zu lassen, und drohten mit Niederreißung des Gebäudes. Da trat ein schlauer Mönch hervor und sprach mit freundlichen Worten: »Gebt euch die Mühe nicht; wir selbst wollen euch geloben, den Bau nicht zu vollenden.« Die Räuber ließen sich einen Eid darauf schwören und zogen arglos von dannen. Die Mönche aber bauten an der Kirche fort, als wenn nichts geschehen wäre, bis an der linken Seitenwand noch ein einziger Stein fehlte; den ließen sie mit Wohlbedacht unten am Boden liegen. Weit durch den Wald hallte nun die Klosterglocke, und auf dieses Zeichen des Treubruchs eilten die Räuber aufs neue herbei, strenge Rechenschaft von den Mönchen zu fordern. Diese öffneten ihre schöne Klosterkirche und führten die Räuber durch die linke Seitenhalle zu der Stelle, da der Stein am Boden lag und oben die Öffnung war. »Ihr sehet«, sprachen sie, »die Kirche wartet noch den heutigen Tag auf ihre Vollendung und soll, unserm Eide gemäß, warten bis an den jüngsten Tag.« So sahen sich die Räuber durch die Schlauheit der Mönche hintergangen, doch konnten sie dieselben eines Eidbruches nicht beschuldigen, fürchteten die mächtigen Beschirmer des jungen Klosters und mieden fortan diese Wälder. Noch zeigt man in der linken Seitenhalle der ehrwürdigen Klosterkirche die Steinplatte am Boden, unterhalb der Öffnung, welche die klugen Mönche gelassen hatten. Nicht weit davon ist in Stein ausgehauen Mörtel, Spaten und Haken zu sehen und darüber eine schwörende Hand mit drei aufgehobenen Fingern, zum bleibenden Zeichen, wie die Mönche ihr Wort gehalten. Und in einer hochgewölbten Zelle, welche die kleine Bibliothek des Klosters aufbewahrt, ist auf einer mit Flügeln verschlossenen Holztafel in Mönchshexametern die Geschichte der Stiftung zu lesen, während die Außenseite der Flügel zu der Rechten eine Wildnis zeigt, in welcher etliche Wanderer von Straßenräubern jämmerlich ermordet werden, zur linken aber Zisterzienserbauleute im Ordenshabit emsig Holz zu fällen, Steine zu behauen, Mauerwerk an einer emporsteigenden Kirche aufzuführen beschäftigt sind. Auf der innern Seite des rechten Flügels halten Bischof Günther und Walther von Lomersheim die Klosterkirche der Jungfrau Maria mit den Händen entgegen, darüber die Worte: »Laß dir dies Opfer gnädiglich befohlen sein«, im Innern des linken Flügels aber kniet der erste Abt des Gotteshauses, aus dessen Mund die Worte gehen: »O Mutter Gottes, empfahe dies Opfer!« Die Tafel wurde im Jahr 1450 vom Abte Berthold gestiftet und im Jahre 1516 erneuert. Wenige Klöster haben so großen Zuwachs an Land und Leuten erhalten als Maulbronn. Von vierundneunzig umliegenden Orten kamen die meisten allmählig an das Kloster und brachten ihm schöne Güter und die trefflichsten Waldungen zu; die angesehensten Freiherrngeschlechter stifteten und verkauften ihm, bis sie größtenteils erloschen sind. Bei diesen Erwerbungen des Klosters findet sich so viel Planmäßigkeit, daß es scheint, derselbe Abt, der die ersten Käufe geschlossen, habe hundert und mehrere Jahre gelebt. Mit der ganzen Umgegend waren die Mönche im steten Handel, und wenn sie einmal einen kleinen Anteil an Dörfern oder Bauern erlangt hatten, so blieb keine Kunst unversucht, bis sie dieselben ganz in ihre Hände bekamen. Inzwischen wollte Bischof Günther nicht faule Bäuche mästen, sondern gemeinnützige Tätigkeit begründen, und mit Recht wurde ihm im Chor der Kirche das Denkmal gestiftet, das noch dort zu sehen ist. Wenn Hirschau durch den Fleiß seiner gelehrten Mönche zunächst nach St. Gallen steht, so hat dagegen Maulbronn vorzüglich das Institut der Laienbrüder und Bartlinge zu seiner Aufnahme benutzt, d. h. diejenige Klasse von Mönchen, welche hauptsächlich zu Hand- und Feldarbeiten bestimmt waren. Ihnen mußten, als der Eilfinger Hof verkauft war, dort die alten Bauersleute weichen, und sie waren es, die hier den edlen Wein zuerst gepflanzt haben, nach welchem manchem ehrlichen Württemberger der Mund noch wässert und der, seitdem das Kloster Maulbronn Herrschaftsgut geworden war, die Keller der vornehmsten Regierungs- und Kirchenbeamten unter dem Namen des Eilfingers mit seinem köstlichen »Morgentrunke« füllte. Außerdem beschäftigte das wachsende Kloster eine Menge Handarbeiter, Schreiber, Ärzte, Maler, Handwerker aller Art, Köche, Fischer, Gärtner, Wirte, dann noch ein Herr von Stalldienerschaft, Vogelstellern, Waldknechten, die höheren Offizialen nicht mit gerechnet, die freilich oft in jene übergegangen zu sein scheinen, wie denn im J. 1519 der Prälat von Maulbronn einen Kanzler hatte, »der etwan sein Scherknecht was«. – Ohne so viel geschickte und fleißige Hände wäre es auch nicht möglich gewesen, so mühsame und kunstreiche Arbeiten auszuführen, wie wir sie noch an den Gebäuden dieses Klosters bewundern. So waren die Klöster nicht nur die Pflanzschule der wissenschaftlichen Kultur, sondern auch des Kunst- und Gewerbfleißes. Freilich artete der Wohlstand des Klosters zuletzt in Wohlleben aus, und ein schamloser Witz der Mönche hat sich hierüber selbst ein Denkmal gesetzt. Oben im Vorhofe der Kirche ist nämlich unter andern Verzierungen im Gewölbe eine Gans am Bratspieß angebracht, mit Würsten, Flaschen und einer dazu komponierten Fuge mit unterlegtem Texte: A. V. K. L. W. H. das soll heißen: »Alle voll, keiner leer; Wein her!« Ursprünglich stand das Kloster unter des Reiches unmittelbarem Schutz; aber bald fanden die Äbte Ursache, teils freiwillig, teils gedrungen, unter den besondern Schutz der benachbarten Landesherren zu treten. Dadurch entstanden Streitigkeiten, welche Herzog Ulrich von Württemberg damit abschnitt, daß er unter Kaisers Maximilian I. Begünstigung im pfalzbayerischen Erbfolgekrieg das feste und verteidigte Kloster im J. 1504 mit Waffengewalt nach siebentägiger Belagerung in Besitz nahm und Kurpfalz zum Verzichte bewog. Doch weder die Äbte noch die nachfolgenden Kaiser wollten die frühere Freiheit des Klosters vergessen. Als Ulrich die Reformation einführte, wurde von jener Seite alles aufgeboten, um das reiche Kloster unter des Kaisers und Östreichs Schutz zurückzubringen. Das Interim ward durchgesetzt. Dagegen hat Herzog Christoph das Kloster zum zweitenmal erobert und seiner wahren Bestimmung zurückgegeben, indem er es, wie viele andere Klöster, in ein evangelisches Seminar umschuf, das einzige, das ununterbrochen bis auf den heutigen Tag dieser Bestimmung geblieben ist. Bis hierher großenteils aus Pfisters trefflichem Aufsatz im »Schwäbischen Taschenbuch für 1820«, S. LVII-LXIII, ins Kurze gezogen. Über die Einrichtung dieser Vorbereitungsschulen behalten wir uns vor beim Bilde Blaubeurens zu sprechen. Von den katholischen Äbten und Mönchen des Klosters hat sich keiner einen historischen Ruf erworben. Zum ersten evangelischen Abte ward Joh. Egelin im J. 1558 verordnet; ihm folgte Valentin Vanicius, der sich zuerst der für die protestantische Geistlichkeit errungenen Freiheit bediente und ein Weib nahm. Um diese Zeit (10. April 1564) wurde zu Maulbronn in Gegenwart des Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz und Herzogs Christoph von Württemberg zwischen pfälzischen und württembergischen Theologen ein Religionsgespräch abgehalten. Unter den folgenden Äbten haben sich Felix Bidenbach und Lucas Osiander in der literarischen Welt bekannt gemacht. Johann Heinrich Wieland aber mußte im J. 1630 vor den eingedrungenen Katholiken fliehen, und am 9. Novbr. verordneten die kaiserlichen Kommissarien vermöge des Ferdinandeischen Edikts Christoph Schaller zum katholischen Abte; diesen vertrieb Gustav Adolf 1633, und Maulbronn erhielt in Ludwig Leipzig wieder einen evangelischen Vorstand, der aber das folgende Jahr den katholischen Äbten aufs neue weichen mußte, die es bis zum Westfälischen Frieden besetzt hielten, bis 1651 mit Heinrich Dauber die ununterbrochene Reihe von evangelischen Äbten, als Vorstehern der niedern Klosterschule, beginnt, die erst in der neuesten Zeit bei veränderter Organisation einem Ephorus Platz gemacht haben. Viel würdige und ausgezeichnete Männer haben in dieser Schule ihre Vorbildung empfangen, und in befruchtender Stille hat mancher Geist in ihr über künftigen Werken gebrütet; rühmlich bekannt gewordene Namen stehen hier und dort von Knabenhand in die Vorhallen des alten Klosters gekritzelt. Friedrich Wilhelm Joseph, Schellings Vater, ist als Prälat dieses Klosters gestorben, nachdem er den höchsten Ruhm seines Sohnes erlebt hatte; auf dem Gottesacker vor der Klosterkirche hat die erste Gattin des Philosophen Sendling ihr Grab und ihr Denkmal. In diesen düstern Klosterzellen saß vor sechsundsiebzig Jahren der Vater des Verfassers, Joh. Christ. Schwab, einer der letzten Vorkämpfer für ein System, das eine wesentliche Entwickelung des philosophierenden Geistes bildet, über seinem Leibniz; hier erwuchs Sendling, der gewaltige Befruchter so vieles Hohen in Kunst und Wissenschaft, hier J. C. Pfister, der Geschichtsschreiber Schwabens und Deutschlands. Und was derzeit die Jugend in diesen abgeschiedenen Hallen, in den stillen Tälern, auf den waldigen Höhen brütet, mag ein junger Schwabendichter uns erzählen: Maulbronn »Gedichte« von Hermann Kurtz, Stuttg., Hallberger, 1836, S. 53 ff. Dich, entlegnes, stilles Kloster, zeigt mir oft die Phantasie, Die mir stets zu Lust und Schmerzen willig ihre Bilder lieh. Deine alte Kirche steigt mir wieder aus der Jahre Kluft, Mit dem Glöcklein, das so schrillend aus dem Feld die Schwärmer ruft. In dem Kreuzgang altertümelnd wandl' ich, wo in steinern Truh'n Deine alten Mönche mit dem schlau verborgnen Golde ruhn, Lehn' im Chor mich an der Stühle künstlich ausgeschnitztes Holz, Und es macht mich manche Inschrift, die ich klug entziffre, stolz. Ach wie oft schlug meine Sehnsucht eine Brücke durch die Luft Zu den nahen Buchenwäldern mit dem herrlich frischen Duft. Dort in halbem Schlummer hab' ich oft der Rückkehr Frist versäumt, Habe, wie ein Siebenschläfer, manch Jahrhundert durchgeträumt. Fröhlich aus der dumpfen Zelle folgt' ich oft der eignen Spur Oder schweift' an Freundeshand durch Berge, Wälder, Tal und Flur. Deine Meierhöfe haben kühle Milch mir aufgetischt Und die stillen Seen der Wälder mir das heiße Blut erfrischt. Meine Flöte blies ich abends, einsam, nicht allein, im Wald, Denn als Kenner scharten lauschend sich zu mir Eidechschen bald. Dann vereint ward mancher Anschlag, manches Wagstück ausgeführt: Ob es wohl als Heldensage deine finstern Mauern ziert? Noch gedenk' ich, wie wir stiegen zum Gemach, wo Doktor Faust Bis zu seinem blutig an die Wand geschriebnen Tod gehaust, Vom Dorment des Klosters steigt man durch ein Fenster über mehrere Dächer in ein ausgemauertes Gemach, wo die Sage den Dr. Faust vom Teufel holen läßt und ein großer Blutflecken von ihm gezeigt wird. Zum Geburtsort gibt ihm die Sage das benachbarte Städtchen Knittlingen. Wie wir bauten eine Hütte, sie bewohnten mit Gesang Und wie auf den sieben Hügeln Jugendlust die Fahne schwang. Aber nachts, wenn alle schliefen, wacht' ich bei der Lampe Licht, Forschend in des Lebens Tiefen, denn die Ruhe kannt' ich nicht. Und es stieg vor mir der Schatten jenes bleichen Briten auf, Und ich folgte bebend seinem schmerzenreichen Pilgerlauf Durch die langen düstern Räume, wo er aus der halben Welt Schätze, die er wild erbeutet, als Trophäen aufgestellt; Todesluft einatmend bin ich scheu mit ihm hindurchgeeilt, Habe Wunden dort empfangen, welche lange nicht geheilt. Doch, des Blutes Ströme dämmend und den lauten Sturm des Wehs, Streng durch feste Grenzen hemmend meisterte mich Sophokles. Dann versöhnten Sinns erging ich mich in Tassos Zauberpracht Und entschlief mit trunkner Seele in dem Traum der Sommernacht. Aber zu erneutem Leben weckend aus dem fremden Hain Führten mich die heimatlichen Sänger in die Heimat ein. Deutscher Art und deutschen Wesens Hallen, die ich lange mied, Du hast sie mir aufgeschlossen, edles Nibelungenlied! – Also war mein Frühling, selber wagt' ich manchen kurzen Sang, Der in scheuen Tönen zwischen fernem Waldgebüsch verklang. War mir doch Arkadien offen, keine Stunde schien mir grau, Und ein Doppelregenbogen stand an meines Himmels Blau: Lieb' und Freundschaft, wie erhellten sie mein dunkles Herz zugleich! Wie mit Leid und Freude machten sie mein armes Leben reich! Wenn ich's denke, wie als Gast ich weilt' in ihrem lichten Haus, Sprech' ich beide seufzend immer noch mit einem Namen aus! Schönes Tal, du liegst mir ferne, eine fromme Siedelei, Dran mich kaum im raschen Fluge einsam trägt mein Weg vorbei; Aber oft, du stilles Kloster, zeigt mir dich die Phantasie, Die mir stets zu Lust und Schmerzen willig ihre Träume lieh.   Maulbronn liegt zwischen ziemlich hohen, mit Wäldern und Weinreben bewachsenen Hügeln in einem beengten Tale. Die vielen kleinen Seen und Sümpfe, die der Salzbach bildet und welche das Wechselfieber unter der kleinen Seminaristenkolonie früher endemisch machten, sind zum größten Teile ausgetrocknet. Die Gegend selbst war ursprünglich so sumpfig, daß das Kloster selbst auf einem Roste gebaut ist. Das Äußere desselben hat sich fast unverändert erhalten; nur ist seit den letzten Jahrzehenten ein viereckigter unbedeckter Turm verschwunden, der das sogenannte »Wahrzeichen« enthielt. Über dem Eingange nämlich war in halberhabener Arbeit das Maultier abgebildet, das laut der Sage, mit Geld zum Klosterbau beladen, hier bei dem Brunnen stille gestanden sein, getrunken und den nachgefolgten Mönchen die Stelle bezeichnet haben soll, wo sie das Kloster aufzuführen hätten; und nach diesem Wahrzeichen wäre dann von ihnen die neue Stiftung Maulbronn (Mulenbronnen) genannt worden. Der Turm hieß, zu Ehren jenes unschuldigen Geschöpfes, der Eselsturm. Die Hauptgebäude, Klosterschule, Lehrerwohnungen, Kirche, sind noch dieselben wie ursprünglich. Die Wahl wurde dem Künstler schwer, unter dem vielen Herrlichen, was die uralte Kirche Sie heißt die Sommerkirche, ein Betsaal für die Seminaristen heißt die Winterkirche. mit Zubehör von innen und außen bietet, den Standpunkt für ein einziges Bild herauszusuchen, denn Maulbronn verdiente ein eigenes Prachtwerk durch einen kunstgeschichtkundigen Architekten. Von den äußern Ansichten der Klosterkirche bot sich uns als die vorteilhafteste diejenige dar, die den Röhrbrunnen unter schönen Linden, einen Teil des Klosters, mehrere Seitengebäude, Pfeiler und Hallen, die Kirche aber von der Fronte darstellt. Façade und Schiff sind ganz byzantinisch. Sechs rundbogige, schlanke Portale, je zwei zwischen einem Pfeiler, schmücken das Atrium, hinter dessen Dache die höchst zierliche Kirche selbst mit zwei rundbogigen Fenstern in der Fronte und deren sechs an den Seiten und einem mit einfach gewohnter Einfassung verzierten und einer kleinen Rose gekrönten Frontispiz emporsteigt. Im Grunde wird die Hinterseite mit ihren turmartigen Zieraten sichtbar, deren Bauart ganz die altdeutsche, sogenannt gotische ist; hier bewundert man ein schönes, großes Kirchenfenster, das aber auf unserm Bilde nicht sichtbar wird. Dafür zeigt uns dasselbe, außer dem kleinen Glockentürmchen auf dem Frontispiz, auch den hintern (Haupt-)Turm der Kirche, der jedoch selbst nicht sonderlich hoch, obwohl schlank und schmuck mit Blech und Schiefer gedeckt, ist. Er steht über dem Kreuzbau, den die Kirche bildet, einzig auf das Dach gesetzt; denn die Zisterzienser durften, ihrer Ordensregel gemäß, keinen Turm aus dem Grunde aufführen. Die Kirche soll, einem vorgefundenen Plane nach, nicht ganz vollendet sein (s. auch oben); die Steine, welche dazu verwendet wurden, sind schön behauen und von dunkelgrauer Farbe, welche die Zeit in finstres Schwarz verwandelt hat. Hohe Mauern, Türme und einst volle Wassergräben umgeben das ganze Gotteshaus. Im Innern des Klosters hätte, wenn Einzelnheiten statt einer Hauptansicht hätten mitgeteilt werden dürfen, der großartige Kreuzgang des Schönen viel geboten. Die schönsten Bögen, die mannigfaltigsten Verzierungen finden sich hier. Namentlich ist in einem der Gänge, gegen das Viridarium hinein, eine hohe und ziemlich breite Halle gesprengt, in deren Mitte, von einem steinernen Fuße getragen, eine kolossale Steinschale ruht, in welcher die Mönche sommers ihre Labeweine gekühlt haben sollen; auch ist an einer Säule des Kreuzganges als Kapitäl ein kleiner, nackter Mönch mit Tonsur ausgehauen, der, Trauben naschend, auf einer Traube reitet und so ganz im Weine schwelgt. Der Einbau der Kirche, hochgesprengten Gewölbes, mit schlanken Säulen und schönen spitzbögigen Fenstern an den beiden Seitenflügeln des Kirchenkreuzes, wäre ebenfalls der Darstellung sehr wert gewesen, und es liegt uns die sorgfältig ausgeführte Skizze einer Seitenhalle vom Künstler vor Augen. Höchst interessant, aber einer übersichtlichen Darstellung nicht zugänglich, ist endlich das sogenannte Flagellarium, zu dem aus dem Musiksaale eine schöne Wendeltreppe hinabführt, eine herrlich gewölbte, geräumige, hohe Seitenkapelle, mit einem Walde von Säulen verschiedener Höhe und Dicke; sie soll zu Mahlzeiten der Mönche gedient haben und ist mit bunten, noch glühenden Farben ausgemalt. Kloster Maulbronn Im Schiffe der Kirche selbst schmückt die Mitte ein zwölf Schuh hohes Kruzifix aus einem Steine; der steinerne Kreuzesstamm ahmt täuschend das Holz nach. In den Seitengängen sind viele Grabmähler zu sehen; im Chore endlich finden wir uns ganz in das zwölfte Jahrhundert versetzt; in den Chorstühlen sind die tief ausgetretenen Fußstapfen der Mönche noch zu schauen, und von den Seitenwänden blicken uns die Steinbilder des Bischofs Günther und des edeln Walthers von Lomersheim an. Der ganze Chor schimmert im magischen Lichte gemalter Glasfenster. Heilbronn mit Götzens Turm Heilbronn, am rechten Ufer des hier breit durch die Ebene sich hinschlängelnden Neckarflusses, zur andern Seite von mäßigen Hügeln gedeckt, in einer mehr lachenden als charakteristischen Gegend gelegen, ist eine junge blühende Handelsstadt, gepfropft auf den knorrigen Stamm einer uralten Reichsstadt. So kommt es, daß uns unweit der Brücke der Neckarkanal und ein geräumiger Hafen aus frischgehauenen Quadern, mit einer kleinen Flotte von Handelsnachen besäet, im blendenden Schmucke der Jugend entgegenstrahlt, während an der Einfassung uralter Stadtmauern sich von Zwischenraum zu Zwischenraum Türme aus rauhem Gestein, von Jahrhunderten geschwärzt, erheben. Auch im Innern der Stadt findet sich derselbe Kontrast, und auf dem geräumig gemachten Marktplatze steht die winklichte Wohnung irgendeines alten Reichsbürgers oder gar des Reichsschultheißen, an welchem das Auge des Antiquars Spuren einer karolingischen Königspfalz entdecken will und das die Sage zum ersten Hause in einer germanischen Waldwildnis macht – gegenüber dem regelrechten, ins Gevierte gebauten modernen Palast eines reichen und angesehenen Handelsherren. Einer schriftlich aufbewahrten Sage zufolge soll die Auffindung der mitten in der Stadt befindlichen, längst schön in Stein gefaßten Quelle des Siebenrohrbrunnens und die Belebung des christlichen Missionswerkes durch Karl den Großen eine Ansiedelung an diesem Orte zur Folge gehabt haben; der Name Heilicobrunn als Palatium regium kommt urkundlich im Jahr 841 vor. Zu der schönen Hauptkirche St. Kilian – ein ehrwürdiges Altertum, an dessen Äußeres und Inneres viel bewundernswürdige Kunst verschwendet ist und dessen großer, einst noch zu namhafterer Höhe bestimmter Turm die ganze Stadt und Gegend überragt – wurde im Jahr 1013 der erste Stein gelegt. Doch ließ das salische und hohenstaufensche Zeitalter wenig Spuren an dem Gebäude zurück; die Ausführung ist aus dem 15ten, der letzte mit Inschrift behauene Stein aus dem Anfange des 16ten Jahrhunderts (1510). Im Chor hängt ein vielleicht schon bei den ersten Arbeiten ausgegrabenes Riesenbein, das die Naturkunde unsrer Zeit in einen Mammutsknochen zurückübersetzt hat. Dieser Chor, im Jahr 1475 zu bauen angefangen, zeigt von der Blüte deutscher Baukunst; das Innere der Kirche ist sehr schön; die Gewölbe sind hoch gesprengt, Säulen und Pfeiler niedlich gearbeitet. Die große Glocke des Turms hat im J. 1479 Bernhard Bachmann, der Vater des berühmten Theologen, der Reformator der Stadt Heilbronn geworden ist, gegossen. Unter dem Hochaltar will man das geheimnisvolle Murmeln der Quelle des Siebenrohrbrunnens vernehmen, was aber gewiß eine akustische Täuschung ist, denn jenes Brausen aus einer Höhlung des Kirchenbodens dauert noch fort, während die sonst so reiche Quelle seit Jahr und Tag in allen ihren sieben Röhren versiegen gegangen ist; das letztere vielleicht zum Zeichen, daß die Stadt ihr neuestes Heil nicht mehr vom Brunnenrohr eines heiligen Borns, sondern von den industriellen Dampfröhren und dem merkantilischen Zuckerrohr erwartet. Unser prosaisches Jahrhundert hat auch dem Brunnen ohne alle Not die schönste architektonische Zierde, seine gotische Überdachung, geraubt. Wir könnten noch von allerlei Sehenswertem der altneuen Stadt, vom Rathaus (1550) und seinem sehenswerten Uhrwerk, von der deutschen Hauskirche zu St. Joseph, vom Deutschen Hause, von der Franziskanerkirche, die, durch die Franzosen im J. 1688 ausgebrannt, noch in ihren Trümmern einen edeln Stil verrät, dann von dem neuen Archiv, dem neuen Gymnasium, den schönen Lustgärten, den heitern Wartberg an der Spitze, von dessen Höhe immer Tanzmusik herabschallt und das lustige Städtervolk Heilbronns zu sich hinauflockt, endlich von dem zauberisch im Walde gegen Weinsberg gelegenen Jägerhause erzählen; doch eilen wir der Merkwürdigkeit zu, welche unser Maler nicht ohne Absicht in den Vordergrund gestellt hat. Von der Stadt her führt eine schmale und krumme Gasse, die Allerheiligenstraße, zu einer Seitenpforte am Neckar und dem mit der Stadtmauer verbundenen »viereckigten Turme«, von den Einwohnern auch »Götzens Turm« genannt. Die allgemeine Volkssage läßt nämlich in diesem Turme den Ritter Götz von Berlichingen in der Gefangenschaft der Stadt Heilbronn schmachten. Ein schauerlicheres Gefängnis hätte sie dem edelsten aller Ritter nicht anweisen können. Der aus rauhen Quadern aufgeführte Turm mag an hundert Fuß hoch sein, die Breite jeder Seite zehen Fuß. Er ist oben mit einer Zinne versehen und scheint überhaupt in allem seine ursprüngliche Anlage behalten zu haben; an der ganzen Nordseite zeigt er nur zwei kleine Fensterlöcher, beide weit voneinander, in der Höhe; gegen Osten in der Mitte ist ein hoher Schwibbogen gesprengt, der jetzt mit Holz ausgefüllt ist; vielleicht, daß die Gefängniszellen des jetzt innen ganz unwohnlichen Gebäudes hier befindlich waren und ein jetzt versperrtes Licht erhielten. Ohne diese Annahme müßte Götz von Berlichingen hier ganz in Nacht gesessen sein. Innere Unwahrscheinlichkeit hat indessen jene Sage nicht: Eine Inschrift an der nördlichen Seite des Turms, in 10–12 Fuß Höhe, zeigt in deutlicher Mönchsschrift die Jahreszahl MCCCLXXXXII (1392), der Turm war mithin schon weit über 100 Jahre alt, als Götz in Heilbronn gefangen saß. Lassen wir der Phantasie den Lauf! Schlage deinen Goethe auf, Wanderer! In diesem schwarzen Turme sitzt der gefangene Götz bei seiner treuen Gattin Elisabeth, und sie spricht: »In der mutlosen Finsternis erkenne ich dich nicht mehr!« Dann wird der Wächter beredet, ihn »in sein klein Gärtlein zu lassen, auf eine halbe Stunde, daß er der lieben Sonne genösse, des heitern Himmels und der reinen Luft«. Heilbronn Hier in der Natur ist freilich kein Raum zu einem Gärtlein; unsre Phantasie muß eine Holzlege wegräumen, die sich in dem schmalen Zwinger breit macht, und einige Mauern niederreißen, bis sie eins geschaffen hat. Dann aber versenkt sie sich mit andächtigem Schmerz in die Worte des Dichters: »Löse meine Seele nun! – Arme Frau! Ich lasse dich in einer verderbten Welt. Lerse, verlaß sie nicht! Schließt eure Herzen sorgfältiger als eure Tore! Es kommen Zeiten des Betrugs, es ist ihm Freiheit gegeben. Die Nichtswürdigen werden regieren mit List, und der Edle wird in ihre Netze fallen. – Gebt mir einen Trunk Wasser. – Himmlische Luft – Freiheit! Freiheit!« Hier blickt uns die historische Kritik über die Achsel ins Buch und zerstört, mit jenem Lächeln der Ironie um den Mund, das in unsrer Zeit bei ihr stehend geworden ist, die schöne Illusion der Dichtung. Der geschichtliche Götz ist nicht hier gestorben, er hat diese rührende Szene, die ins Jahr 1525 fallen würde, um siebenunddreißig Jahre überlebt, ist auf seiner Burg Hornberg am Neckar, mehr als achtzig Jahre alt, in Frieden und Freiheit den 23. Juli 1562 verschieden, und die Leiche, nach Kloster Schöntal geführt, ruht dort unter einem metallenen Denkmal im Kreuzgange. Die Gefangenschaft Götzens zu Heilbronn fällt auch sechs Jahre früher als der Bauernkrieg, mit welchem sie Goethe in Verbindung setzt, und wurde durch seine Anhänglichkeit an den vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg im J. 1519 herbeigeführt. Und wenn es, was sehr möglich ist, dieser Turm war, der ihn aufgenommen hat, so beschränkt sich doch während viertehalb Jahren Haft sein Gefängnis in demselben auf eine einzige Nacht. Zu einiger Entschädigung teilen wir dem Leser die naive, von Goethe selbst mehrfach benützte Erzählung dieser Begebenheit aus des Ritters eigenem Munde mit. Götz war dem Schwäbischen Bunde zu Möckmühl »in der Mausfalle« unterlegen und nach Heilbronn zu Verfügung des Rates abgeführt worden. »Wie ich nun«, erzählt er in seiner Selbstbiographie, »zu Heilbronn etliche Wochen in einer Herberge verhaftet gelegen bin, da schickt' der Bund einen, der war von Kostanz, ein Schweizer – Stadtschreiber oder was er war –, und hätt' eine Urfehd bei ihm. Die las er mir für, in der Stuben, in Beiwesen vieler von Heilbronn, also daß die Stube voller Leut war, und begehrt', ich sollt' solche schwören und annehmen; und wo ich's nit tät', hätt' der Bund geschrieben, sollten sie mich nehmen und in Turm legen. Aber ich schlug solche Urfehd stracks ab; wollt' ehe ein Jahr im Turm liegen.« Götz berief sich darauf, daß er in ehrlicher Fehde betreten worden sei und vertragsmäßig ein ehrlich, ritterlich Gefängnis anzusprechen habe. Aber seine Feinde bestellten die »Weinschröter«, handfeste Gehülfen der Küfer; »die traten«, erzählt er, »zu mir in des Diezen Herberg in die Stuben und wollten mich fangen. Ich demnächst vom Leder und mit der Wehr heraus. Da schnappten sie wieder hinter sich, und baten mich die Bürger des Rats fleißig, ich sollt' einstecken und Fried halten; sie wollten mich nit weiter führen denn auf das Rathaus. Da glaubt' ich ihnen auch; und wie sie mich in der Herberg zur Stuben hinaus führten, ging meine Hausfrau gleich (eben) die Stiegen heruf, und war in der Kirchen gewest. Da riß ich mich von ihnen und ging zu ihr und sagt': ›Weib, erschrick nicht; sie wollen mir eine Urfehd fürlegen, die will ich nit annehmen; will mich ehe in Turm legen lassen. Tue ihm aber also: Reit hinauf zu Franciscus von Sickingen und Herrn Georgen von Fronsperg« – diese waren Hauptleute des Bundes – »und zeig ihnen an, die ritterliche Gefängnis, wie mir zugesagt, wolle nicht gehalten werden; (ich) versehe mich, sie werden sich als Redliche vom Adel und Hauptleute wohl wissen zu halten.‹ Das tät nun mein Weib; und führten mich die Bündischen mit uf das Rathaus und von dem Rathaus in Turm, und mußt' dieselbige Nacht darin liegen. Und wie sie mich uf den Pfingstabend hineinlegten, mußten sie mich auf den Pfingsttag frühe wiederum heraustun , und führten mich also darnach wieder auf das Rathaus, da waren etliche des Rats bei mir in der Stuben.« Inzwischen war des Ritters treue Hausfrau vom Bundeslager zurückgekommen. Der ganze Haufe des Schwäbischen Bundes zu Roß und zu Fuß zog dem gefangenen Feinde gegen die wortbrüchigen Ratsherren von Heilbronn zu Hülfe. Diese fingen an zu zagen und ersuchten den Ritter, er möchte seine Hausfrau wieder hinausreiten und für sie bitten lassen. Aber der ergrimmte Götz trat zu seiner Frau und flüsterte ihr ins Ohr: »Sag zu meinem Schwager Franciscus von Sickingen und Georg von Fronsperg, sie haben mich gebeten, ich sollt' für sie bitten. Aber sag zu ihnen, was sie haben im Sinn, so sollten sie fortfahren. Ich wollt' gern sterben und erstochen werden; allein daß sie all' mit mir erstochen würden.« Die Frau richtete es aus, und die Herren erwirkten dem Ritter ehrliche Haft, aus welcher er endlich im vierten Jahr (1522) um zweitausend Goldgülden, die er bei guten Herren und Freunden aufbrachte, erlöset ward. Das Geschlecht der Berlichingen steht noch auf den heutigen Tag in voller Blüte und teilt sich in die zwei Linien der Berlichingen-Rossach, welche unmittelbar von Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand abstammen, und der Berlichingen-Jagsthausen, die ihren Ursprung auf einen Bruder des Götz zurückführen. Der letztern Linie gehörte der edle Graf Joseph von Berlichingen, königl. württemb. Landvogt und Staatsrat, an, ein ebenso fein gebildeter als ritterlicher Mann, der noch im höchsten Alter dem Verherrlicher seines Verwandten seinen Dank durch eine gelungene Übersetzung von Goethes »Hermann und Dorothea« in schönen lateinischen Hexametern darbrachte. Er starb auf dem Stammgute Jagsthausen, wo sich noch Götzens echte eiserne Hand befindet, die, durch Heirat an eine Gräfin Hadick zu Wien gekommen, von ihm wieder für die Familie Berlichingen erworben ward und seinem jungen Verwandten, Götz von Berlichingen auf Jagsthausen, vermacht worden ist, weil sie dieses Stammschloß des Ritters nicht verlassen soll. Freiherr Gustav von Berlichingen-Rossach ist gewähltes Adelsmitglied zur Abgeordnetenkammer der württembergischen Landstände. – Heilbronn hat, wie Eßlingen, eine bedeutende Fabrik moussierender Weine, von seinen eigenen Weinbauern besorgt, welche mit dem Erzeugnisse ihrer alten Schwesterstadt wetteifert. Der Weinbau ist hier im höchsten Flore und die Heilbronner »Herbste«, die auch unser Bild andeutet, das Heiterste, was man in Schwaben sehen kann. Unter einem steten »Evoe Liber!« werden diese Weinfeste mit wahrhaft orgiastischem Jubel von den zahlreichen Gutsbesitzern auf ihren Weinbergen, auf den Wiesplätzen am Neckar mit Feuerwerk und in den Tanzsälen ihrer schmucken Gasthäuser begangen, und jeder Fremde, der des Wegs gezogen kommt, ist gastlich eingeladen und wird in den jauchzenden Kreis hineingezogen. Des Herbstes goldner Sonnenstaub Umwebt der Reben üppig Laub, Und aus dem Laube blinkt hervor Der Winzerinnen bunter Chor; Den Trägern in den Furchen all Wächst übers Haupt der Trauben Schwall, Die Treterknaben sieht man kaum, So spritzt um sie der edle Schaum; Gelächter und Gesang erschallt, Die Pritsche klatscht, der Puffer knallt. Wohl senkt die Sonne jetzt den Lauf, Doch rauschen Feuergarben auf Und werfen Sterne groß und licht Dem Abendhimmel ins Gesicht. Uhlands »Gedichte«, X, S. 398. Weinsberg und die Weibertreu Zu Weinsberg, der gepriesnen Stadt, Die von dem Wein den Namen hat, Wo Lieder klingen, schön und neu, Und wo die Burg heißt Weibertreu: Bei Wein und Weib und bei Gesang Wär' Luthern dort die Zeit nicht lang, Auch fänd' er Herberg und Gelaß Für Teufel und für Dintenfaß, Denn alle Geister wandeln da – Diese neuesten Verse Uhlands Uhlands »Gedichte«, X, S. 397. umschließen alles, was Weinsberg Merkwürdigstes hat, seine köstlichen Weinhügel, deren Reben, gepflegt, wie man sie neuerdings in Schwaben pflegen lernt, einen Trank geben, der den edlern Rheinweinen wenig nachsteht; dann den Ruhm seiner Frauen; endlich die Lieder und den Geisterglauben, durch welche Weinsbergs Arzt, der liebenswerte und geniale Justinus Kerner, einen doppelten, wenn auch verschiedenartigen Ruhm erlangt hat. Der Leser kann vor allen Dingen einen Fingerzeig über die vielangefochtene Geschichte der Weibertreue von Weinsberg erwarten, und diese Hoffnung soll nicht getäuscht werden. Raumer, in seiner »Geschichte der Hohenstaufen«, erklärt uns, daß der Ruhm der Weiber von Weinsberg bei Mitwelt und bei Nachwelt ein wohlbegründeter, daß ganz unerheblich sei, was man später aus übertriebener Zweifelsucht gegen die Wahrheit dieser preiswürdigen Tat, drehend und deutelnd, gesagt hat. Er führt für die Begebenheit im allgemeinen vier Zeugen auf; davon gehört aber der letzte in das 17te Jahrhundert und hat sichtlich aus dem ersten geschöpft, die beiden andern sprechen zwar von der Belagerung von Weinsberg, enthalten jedoch kein Wort von der Tat seiner Weiber. So bleibt als Zeuge für diese nur eine Feder, aber allerdings die Feder eines Zeitgenossen übrig. Es ist dies die lateinische Kölner Chronik der Benediktinermönche von Sankt Pantaleon, die mit dem Jahre 1162 schließt, also ohne Zweifel als miterlebt auf folgende schlichte Weise erzählt, was im Jahr 1140 geschehen sein soll. »Im Jahre des Herrn 1140 belagerte der König (Konrad III., der Hohenstaufe) die Stadt des Herzogs Welf von Bayern, Winesberg genannt, und bekam sie vermöge einer Übereinkunft in seine Hand. Den Matronen und Frauen, die er dort fand, erteilte er aus königlicher Milde die Erlaubnis, daß sie sollten forttragen dürfen, was jede auf den Schultern zu tragen vermöchte. Sie aber dachten mehr an die Treue, die sie ihren Männern schuldig waren, als an die Rettung ihrer übrigen Habe, ließen allen Hausrat dahinten und stiegen herab, ihre Männer auf den Schultern tragend. Als nun der Herzog Friedrich (der Bruder des Königs) Einsprache tat und solches nicht geschehen lassen wollte, da sprach der König zugunsten des Weibertrugs: An einem Königsworte zieme sich nicht zu rütteln ( REGIVM VERBVM NON DECERE IMMVTARI ).« Dies ist die einfache Erzählung, die allerdings keine innern Spuren von Unwahrscheinlichkeit enthält und nur dadurch etwas verdächtig wird, daß ein berühmterer Zeitgenosse, Otto von Freisingen, der eigentliche Historiograph seiner Zeit, dessen Chronik nur sechs Jahre später als die eben erzählte Begebenheit schließt, zwar den Krieg des Gibellinen mit dem Welfen ausführlich erzählt und auch der Belagerung Weinbergs gedenkt, aber über die Tat der Weiber ein ebenso tiefes Stillschweigen beobachtet wie alle übrigen Geschichtsbücher jener alten Zeit. Aus den wenigen Worten des Benediktiners hat nun im 17ten Jahrhunderte der Verfasser der »Bojischen Annalen«, der gelehrte Adlzreiter (um 1662), eine mit livianischer Beredsamkeit ausgeschmückte Geschichte gemacht, und aus dieser Quelle ist die Sage von der Weinsberger Weibertreue wohl zunächst in den Mund des Volkes und aus ihm in den Mund des Dichters gekommen. »Man erwartete«, sagt er, »die Frauen würden ihren Weiberschmuck, Gold, Edelgestein, und was sie sonst von edler Bürde finden könnten, in Sicherheit bringen. Sie aber bedachten, daß es keinen kostbareren Schatz gebe als ihre Männer, und zogen aus in einer kläglichen, aber für die Zuschauenden zugleich anmutigen Reihe, jede ihren Mann auf dem Nacken tragend. Solche Frauenliebe preßte dem König Konrad Freudentränen aus. Da war niemand, dem diese sinnreiche Liebe nicht wohlgetan hätte, außer Friedrich, dem Bruder des Königs, der, den Betrug scheltend, erklärte, daß der unterhandelnde König gewiß nicht an diese Gattung von List gedacht habe und daß er mithin nicht den Schutzherrn der Männer machen sollte; diese, verlangte er, sollten auf die Schlachtbank geschleppt werden. Aber er erhielt von Konrad eine wahrhaft königliche Antwort. ›Mein Bruder! Nicht darf ein König, in keinem Falle, die Treue brechen; an einem Königsworte soll man nicht rütteln. Mir muß der Ruf und die Gnade der Gottheit weit mehr gelten als der Tod meiner Feinde. Wenn die Treue einem Fürsten nichts mehr gilt, für wen soll sie dann noch einen Wert haben? Ein Lügner gescholten zu werden ist an jedem freigeborenen Mann eine schimpfliche Makel; wie ganz ehrlos muß es an Herrschern sein!‹« Die Wahrheit der Erzählung vorausgesetzt, läßt sich noch fragen, ob der Schauplatz der Tat die Burg Weinsberg oder die Stadt war. Der ursprüngliche Erzähler nennt Weinsberg ein Städtchen; Otto von Freisingen und die andern Chronisten nennen es ein Castrum, was ebenso wohl Burg als befestigte Stadt heißen kann. Doch sagt der Mönch, die Weiber seien mit ihren Männern auf den Schultern herabgestiegen , was auf einen Ort deutet, der auf einer Anhöhe liegt, und nur auf die Burg Weinsberg paßt, da das Städtchen selbst in der Tiefe gelegen ist, auch ohne die Burg sich gegen keinen Feind würde haben halten können. Zudem heißt auch nur die Burg Weibertreu, ein Name, von dem man freilich nicht weiß, wie alt er ist und ob er der Volkstradition oder der Büchergelehrsamkeit angehört. Immer bleibt es wahrscheinlicher, daß damals das Castrum Weinsberg nur aus der Burg und vielleicht wenigen Häusern Höriger an deren Fuße bestanden und daß aus den letztern die Stadt Weinsberg erst später erwachsen ist. Je angefochtener die Geschichte von der Weibertreue durch die historische Kritik ist, desto heiliger gehalten, desto edler dargestellt soll sie werden durch Poesie und Kunst. Hätte Bürger, der lebenskräftige und für echtes Gefühl sonst so offene Dichter, die Sagenpoesie auf der Stufe ihrer jetzigen Bildung angetroffen, so würde er den rührenden Stoff nicht zu einer skurrilen Romanze verarbeitet und schwerlich im Bänkelsängertone begonnen haben: Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt? Soll sein ein wackres Städtchen; Soll haben fromm und klug gewiegt Viel Weiberchen und Mädchen. Er hätte gewiß nicht gemeldet, der Kaiser Konrad habe seinen »Avis hineintrompeten lassen«, es habe lautes »Zetermordio« gegeben; die »Pastores« haben geschrien: »Wir gehn kapores!« Er hätte keine »Ambassade« von Weibern kommen und diese nicht die Männer »schwer im Sack« und »Huckepack« einhertragen, am allerwenigsten den Kaiser an der Treue seiner eignen Frau zweifeln und »mit der Bürgermeisterin wie mit der Besenbinderin« tanzen lassen. Doch gehört diese Verirrung mehr seiner Zeit als seinem sonst oft über solche Irrtümer erhabenen Genius an. Würdiger hat die Kunst sich an der schönen Sage versucht. In der Kirche zu Weinsberg befindet sich ein altes Gemälde, welches, auch im historischen Interesse, wohl verdiente, von der Kritik näher ins Auge gefaßt zu werden. Oberhalb des Gemäldes standen ehemals die Worte: »Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen.« Die Unterschrift desselben erzählt kurz die Tatsache. Die Burg Weinsberg erscheint auf dem Gemälde, wie sie vor ihrer Zerstörung war; durch die Burgtore ziehen die Frauen in langen Reihen herab, die kleinste der Frauen, die den schwersten Mann trägt und unter ihrer Last beinahe zu erliegen scheint, voraus. Auf dem Vordergrunde hält auf einem stattlichen Zelter Konrad und schaut den Frauen ruhig zu, ohne sich durch die dringenden Vorstellungen Friedrichs irre machen zu lassen. Der sonderbare Aufzug hat die Augen des ganzen Heeres auf sich gezogen. Auch ein modernes Gemälde aus dem vorigen Jahrhunderte hat die Begebenheit behandelt und findet sich hier und da in guten Kopien. In der neuesten Zeit hat ein sehr talentvoller junger Künstler, Alexander Bruckmann von Heilbronn, den Gegenstand auf eine eigentümliche Weise behandelt. Die Szene ist hier unter das Tor der Stadt verlegt, die, mit Häusern und Kirche, schon in ihrem spätern Flore dargestellt ist; die Burg erscheint im Hintergrunde. Der Künstler hat eine große Mannigfaltigkeit von Gruppen, ohne Verwirrung, und von Gesichtern mit dem wechselndsten Ausdruck verschiedener Affekte darzustellen gewußt, das kavallerieregimentartige Aufmarschieren der Frauen ist ganz vermieden, nur einige Männer sitzen förmlich auf den Schultern ihrer Frauen, andere werden von Töchtern, von Schwestern, ja von ganz jungen Mädchen, je einer von zweien, zum Teil verwundet, gehoben, getragen, niedergelassen. Gegenüber dem Kaiser, dessen hohe Gestalt die Mitte einnimmt, ist, kühn vortretend, eine Amazone mit flatternden blonden Haaren und einem Blicke des Trotzes abgebildet, ihr verwundeter Gatte scheint einer der vornehmsten Gefangenen zu sein, sein finsterer Blick hat auch die dargebotene Gnade des Kaisers noch nicht angenommen. Das Kostüm auf diesem Bilde ist prachtvoll, doch nicht ungetreu, die Behandlung der Figuren im altdeutschen Stile, jedoch weder steif noch armselig, das Kolorit durch seine Klarheit und freundliche Lichter ausgezeichnet. Das preiswürdige Bild hat die königlich württembergische Kunstschule zu Stuttgart käuflich an sich gebracht. Im ersten Entwürfe war es für ein Freskogemälde an einer Turmwand der Weibertreu selbst bestimmt. – Die geschichtliche Zeit beginnt für Weinsberg erst mit dem Jahre 1193, wo zum erstenmale die Dynasten von Weinsberg als Besitzer der Burg erscheinen. Dieses Geschlecht stand mit dem Reiche wie mit den ersten und mächtigsten Häusern Schwabens, Frankens und der Rheinlande in der mannigfachsten Berührung. Der bedeutendste Weinsberger war Konrad, Erbkämmerer des Reichs, der seine Burg im J. 1429 mit Heldenmut und Glück gegen die Pfalzgrafen verteidigte. Auf die Stadt, die beim Reiche war, machte er vergebens Ansprüche. Diese kam mit der Zeit an Kurpfalz und unter Herzog Ulrich von Württemberg, im bayerischen Erbfolgestreit, an dieses Herzogtum. Damals wurde ein hoher Turm, der schwarze Mantel genannt, und das alte Ritterhaus ganz zusammengeschossen. Das entscheidende Verhängnis brach jedoch über sie erst im Jahr 1525 ein, wo die Aufrührer aus dem Odenwald, Hans Wunderer an ihrer Spitze, wie ein verheerendes Ungewitter gegen Weinsberg heraufgezogen kamen. Auf diese Nachricht besetzte der Schwäbische Bund Stadt und Burg mit 70 Rittern, Edeln und Gemeinen unter Graf Ludwig von Helfenstein. Die Aufrührer benutzten die Feier des heiligen Osterfestes, die Burg zu stürmen; die Einwohner schlugen sich zu ihnen, und die ganze Besatzung fiel in ihre Hände, bis auf drei Ritter, die, als Weiber von Weinsberg verkleidet, entrannen. Vergebens trat nun die Gräfin von Helfenstein mit ihrem zweijährigen Knaben als Schutzflehende auf. Vor dem Tore schlossen die Bauern einen Kreis; ein Pfeifer mußte Tänze spielen, und alle Gefangenen wurden tanzend gespießt. Da ward die Burg Stein von Stein gerissen. Bald darauf nahm der schwäbische Bundeshauptmann Georg Truchseß von Waldburg schrecklich Rache an den Bauern. Der Pfeifer, der zu dem Morde der Edeln aufgespielt, wurde, an einer Kette um einen Baum tanzend, langsam am Feuer gebraten. Die Mauern der Stadt wurden geschleift und erst spät auf Erlaubnis erneuert. An den Trümmern der Burg ließen im Jahr 1546 die Spanier noch ihre Wut aus. Nach der Nördlinger Schlacht kam Stadt und Burg als vorübergehendes Geschenk an den Liebling des Kaisers, Max Grafen von Trautmannsdorf. Die Ruinen sind seit etwa zwölf Jahren durch einen Verein der Frauen Weinsbergs und die Fürsorge J. Kerners nicht nur vor Verfall bewahrt, sondern aus einem Schutthaufen in die lieblichsten Anlagen verwandelt worden, in welchen sich aus sorgsam gepflegtem Gebüsch Mauerzinnen und Türme, allenthalben zugänglich und zu reizenden Belvederen umgeschaffen, erheben. Äolsharfentöne wehen dem Wanderer entgegen. Von dem höchsten Turme, ein finstres Verlies unter seinen Füßen, blickt dieser gegen Osten in ein friedliches, gesegnetes Tal, mit Dörfern übersäet, dessen äußerstes Ende durch eine gegen Norden streichende Bergkette begränzt wird, während weiter südlich die Ruinen des Stammschlosses der Grafen von Löwenstein herüberblicken und nordwestlich die Durchsicht ins Neckartal sich öffnet. Am Fuße des Berges, wie unter dem Schutze der Burg, steht die uralte Stadtkirche Weinsbergs, unter ihr und um sie versammelt gruppieren sich die Häuser der Stadt. Das jüngste und merkwürdigste unter diesen ist das Dichterhaus, welches der Leser auf dem Blatte sieht, das von unserm Texte begleitet wird, die Wohnung Justinus Kerners, der zu seiner zauberischen Besitzung einen uralten Stadtturm geschlagen hat, in welchem er als Chemiker laboriert, als Sänger dichtet und als Exorzist Geister beschwört. Wer den von Schmerzen und Freuden des Lebens wie von Ebbe und Flut umspülten Geist dieses Mannes, seinen alle Wehmut der Gefühle plötzlich weghauchenden Humor, seinen Scherz, durch Ernst gezügelt, sein strenges und eifriges Wirken als treuer Arzt, das den Geisterbanner ganz vergessen läßt, kennen lernen will, der komme hierher nach Weinsberg. Schwaben und seine Bewohner sehen in der Nähe ganz anders aus, als sie im Norden oft geschildert werden. Die Wohnung Kerners, die auf unserm Bilde mit ihrem Besitzer und dessen Turm im Vordergrunde sichtbar ist, soll uns zum Schluß ein befreundeter Sänger malen: Was andre nur gesungen, Das hast Du Dir errungen: Den magischen Palast. Das Wild sucht Deine Halle, Das Pferd in Deinem Stalle Fühlt nicht der Jahre Last; Und Pilger aller Zonen Mit warmem Danke lohnen Die freundlich dargebotne Rast. Den Turm hab' ich gesehen, Von dem Du ließest wehen Das griechische Panier; Wilhelm Müller zu Ehren, der ihn kurz vor seinem Tode, im Herbst 1827, besuchte, pflanzte der Dichter auf seinen Turm die griechischen Nationalfarben als Flagge auf, die aber über Nacht ein Platzregen verwischte, so daß nur Schwarz und Weiß übrig blieb. Im Regen mußt' erbleichen – Ein Unglück droh'ndes Zeichen – Der frohen Farben Zier. Der edle Sohn der Musen Zog, schon den Tod im Busen, Der Griechensänger, weg von Dir. Wie ruhig bei Dämonen Des Friedens Engel wohnen, Hab' ich bei dir geschaut; Es bricht an deiner Schwelle Die schwarze Macht der Hölle, Der vor der Unschuld graut; Es weicht die Geisterschwüle Vor jener Abendkühle, Die von des Genius Schwingen taut. Doch, daß ich nichts verhehle, Es regt in meiner Seele Sich immer der Verdacht: Es sei dein Haus am Berge Vom wilden Heer der Zwerge Durch Zauber nur gemacht; Einst tragen sie im Sturme Samt Garten und samt Turme Es in die Wolken über Nacht. Aus dem Gedicht »Justinus Kerner«, von Gustav Pfizer, »Gedichte, neue Samml.«, S. 119 ff. Wimpfen am Berg und im Tal Einer der anmutigsten Vorposten der mit merkwürdigen Altertümern gepaarten Naturschönheiten, die in ununterbrochener Reihenfolge erst etwas weiter unten das Neckartal zwischen Heilbronn und Heidelberg zu schmücken anfangen, ist die von den württembergischen und badischen Landen rings enklavierte ehemalige Reichsstadt, jetzt hessen-darmstädtische Landstadt Wimpfen am Berg, drei Stunden unterhalb Heilbronn auf einem üppig bewachsenen Hügel höchst romantisch gelegen. Die buntesten Baumgruppen bedecken alle Abhänge und verbergen dem Reisenden die braunen Mauern der vor Alter zerfallenden Stadt, bis er dicht an ihnen ist, und der Nachtigallengesang aus diesen Gehölzen läßt in den Frühlingsmonaten den Wanderer, der lieber außerhalb des Mauerreichs in einer anmutigen Herberge übernachtet, die an der nach dem Neckar hinunter führenden Straße gelegen ist, nicht ununterbrochen schlafen. Das hohe Alter der Stadt verrät sich durch ihr Aussehen. Den Ursprung verdankt sie wahrscheinlich, wie so viele Neckarstädte, irgendeiner römischen Niederlassung. Geographien und Reisebeschreibungen sagen einander die lächerliche Notiz nach, daß sie der Gemahlin Julius Casars, Cornelia, der Tochter Cinnas, zu Ehren Cornelia genannt worden sei, ohne an den groben Anachronismus zu denken, der eine solche Ehre unmöglich macht. Sollte wirklich irgendein Stein dem römischen Wimpfen den Namen Cornelia vindizieren, so ist dabei viel eher an die Gemahlin des Kaisers Gallienus zu denken, von welchem die letzten Niederlassungen der Römer in dieser Gegend vor ihrer Vertreibung durch die Alemannen herrühren; denn bekanntlich hieß diese Kaiserin Cornelia Salonina, leitete jedoch den Adel ihres Ursprungs nur von dem Kammerdiener eines Corneliers ab, von Chrysogonus, dem Freigelassenen Sullas. Spuren haben die Römer hier unzweifelhafte hinterlassen, und der die Ufer des Neckars weithin überwachende Hügel war für dieselben bei ihren Eroberungs- und Verteidigungsoperationen gegen die Deutschen unstreitig von hoher Wichtigkeit. Als bei Anlegung der benachbarten Salinen der Boden zwischen dem an der Bergstadt Fuße gelegenen Städtchen Wimpfen im Tal vielfach durchwühlt wurde, kamen nicht nur Münzen aller Art, vorzugsweise mit dem Bildnisse des Kaisers Antoninus Pius, sondern auch römische Wasserleitungen zum Vorscheine, tönerne Tafeln von derselben Terra sigillata wie bei vielen hier und dort aufgefundenen, römische Gefäße, Mauerwerk von offenbar römischer Bauart. In einem Gebäude der Stadt aus dem grauesten Mittelalter fand der Verfasser dieses Textes einen durch seine gelbe Farbe von den übrigen abstechenden Stein der Mauerwand einverleibt, auf welchem in erhabener Arbeit ein Löwe und zwei Sphinxe eingehauen noch ziemlich deutlich zu erkennen waren. Das imposanteste Denkmal aber, und wahrscheinlich der Befestigungslinie angehörend, die Kaiser Probus von Neustadt an der Donau und Regensburg über Berge, Flüsse und Moräste bis in diese Gegend führte, ist der hohe und dicke Turm von rotem Sandsteine, mit unbedeutenden Mauerresten, der dem Wandrer, der vom Tale emporgestiegen kommt, zuerst in die Augen fällt. Sein Gemäuer zerfällt der Behandlung der Steine nach offenbar in drei Teile, die aus dreierlei Perioden herrühren. Der unterste Teil, aus reinlichen, glatten Quadern zusammengefügt, ist offenbar römisch; dann folgt das größere Mittelstück aus jenen mittelalterlichen Bausteinen mit ausgebauchter Mitte, die der Periode des zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert angehören; der oberste Teil endlich aus schlechten blauen Bruchsteinen mag eine Restauration des fünfzehnten Jahrhunderts sein. Die daherziehende Straße heißt die Burgstraße, das Viertel der Stadt, in welchem der Turm steht, das Burgviertel. Diese Burg, welcher der Römerturm einverleibt und die überhaupt auf den Trümmern römischer Befestigungen aufgeführt worden zu sein scheint, diente ohne Zweifel zur Sicherung der Neckarschiffahrt; so stand sie ganz zweckmäßig auf der nordöstlichen Spitze des Hügels, und ihr Turm gewährte einen Überblick über den ganzen Neckar. In ihrer halbrömischen Gestalt bestand die Stadt bis zu ihrer Zerstörung durch die über Deutschland hereingebrochenen Hunnen, worunter entweder die Hunnen unter Attila oder die im zehnten Jahrhundert eingefallenen Ungarn zu verstehen sind. In ihren Mauerring hatte sich die Einwohnerschaft der ganzen Umgegend geflüchtet. Burg und Tore waren gut verwahrt, und lange suchten die Belagerer vergebens, die Mauern zu brechen und die Tore zu zerschmettern. Endlich sprang einer der Torflügel krachend auf, und die christliche Bevölkerung erlag, von der Menge der Feinde erdrückt. Diese hausten in der eroberten Stadt als wütende Barbaren; sie schnitten den deutschen Frauen die Brüste ab, damit sie ihre Kinder nicht mehr sollten säugen können. Von solchem Greuel leitet ein nicht sehr wahrscheinliches Calembour den jetzigen Namen der Stadt Wimpfen ab, der ursprünglich Wibpin (Weiberpein) gelautet haben soll. Uns scheint viel eher dahinter der römische Name des Kastells verborgen zu sein, vielleicht mit der Endung auf fines. Wimpfen war schon im siebenten Jahrhunderte mit einem großen Teil der nachmaligen Rhein- und Neckarpfalz dem Bischof von Worms vom Frankenkönige Sigbert geschenkt worden, und unter diesem geistlichen Szepter scheint Wimpfen auch später eine längst verschwundene Bedeutung erhalten zu haben. Kaiser Otto hatte den Bischöfen sogar den Wildbann überlassen. Aus dieser Zeit scheint auch die rundbogige Kapuzinerkirche zu stammen, nächst dem alten Turme das Älteste, was Wimpfen besitzt. Kaiser Friedrich II. sah nicht gut zu der Freigebigkeit seiner Vorfahren, und unter seinem Sohne Heinrich wurde die Stadt Reichslehen (1227). König Heinrich hielt sich in Wimpfen viel auf, und von der Neckarburg, die er baute, sind noch mehrere Spuren vorhanden. Bald nach dieser Zeit wurde Wimpfen der blühende Sitz des kaiserlichen Landgerichts in Franken, aber die Stadt erscheint bald wieder als wormsisches Besitztum, bis sie nach dem Abgange der schwäbischen Herzoge nach und nach zu den Freiheiten einer Reichsstadt gelangte und zuletzt das Schicksal der ganzen deutschen Reichsverfassung teilte. Das Innere der Stadt hat ein labyrinthisches Ansehen; die Straßen sind unregelmäßig und krumm, mitten durch dieselben zieht sich hier und da alterschwarzes Mauerwerk mit Toren hin, wodurch anschaulich wird, daß der Stadtbau ganz verschiedene Perioden durchgemacht hat. Doch verbirgt sie in ihrer unförmlichen Häßlichkeit einiges Schöne und Merkwürdige. Die jetzige evangelische Kirche ist ein sehr ausgezeichneter, altdeutscher Bau; ihr Grundstein wurde 1492 gelegt. Die Chorstühle enthalten in trefflichem, halberhabenen Schnitzwerke die zwölf Apostel; die Kanzel ist sehr altertümlich und aus einem Steine gehauen, in den Flächenfüllungen finden sich verblichene, wie es scheint, gute Bilder, das Hauptbild des Hochaltars stellt eine Kreuzabnahme in Schnitzwerk vor; auf den Flügeln stehen der heil. Christoph und Johannes der Evangelist; ein kunstreiches Hostienkästchen wird in einer Seitenkapelle gezeigt. Noch sieht man das aus Keupersandstein schön gearbeitete Bildnis eines Herrn von Fleckenstein, der in der Schlacht bei Wimpfen gegen Tilly fiel; die beiden Türme der Kirche endigen in hohen Spitzdächern. Am entgegengesetzten Ende der Stadt steht die Dominikanerkirche; von einem Türmchen auf der Stadtmauer, das die Aussicht auf den Neckar gewährt und das Nürnberger Türmchen heißt, spekulierten die Wimpfener der alten Zeit nach der Nürnberger Handelsstraße. Wimpfen am Berg, Wimpfen im Tal und Jagstfeld Den schönsten Überblick über die reizende Gegend gewährt der »Blaue Turm«, ein mittelalterlicher Bau mit neuem Aufsatz, der sich schon aus weiter Ferne als der mächtigste Turm Wimpfens zu erkennen gibt. Am Fuße des Berges erblickt man hier tief in der Ebene das heitere, reinliche Städtchen Wimpfen im Tal mit seiner schönen Stiftskirche, mit einem freien, von Linden beschatteten Platz umgeben, zu dem Kloster gehörig, das hier einst der Bischof Crotold von Worms an der Stelle eines von den Hunnen zerstörten Klostergebäudes gegründet hatte. Die Kirche ward im J. 1278 gebaut; ihr Portal ist bewundernswürdig. Wimpfen im Tal wird einmal des Jahres durch einen großen Jahrmarkt belebt, der am St.-Peter- und Pauls-Tag in der Kirschenzeit abgehalten und, unter dem Namen »Kirschenpeter« weit umher im Lande bekannt, von einer unermeßlichen Menge Menschen besucht wird. Zwischen Obereisisheim in der Au und einem nahen Walde streckt sich das berühmte Feld der Schlacht bei Wimpfen hin, wo der Markgraf Georg Friedrich von Baden mit zweitausend Reitern und zehntausend Mann Fußvolks gelagert war (5ten Mai 1622). Dagegen hatte Tilly und der Spanier Don Corduba den Wald und eine Anhöhe heimlich besetzt. Am folgenden Morgen wurde der Markgraf angegriffen und nachmittags vom Walde aus durch Tillys Reiterei überrascht. Alle Tapferkeit war vergebens. Der Markgraf sah nach langem Kampf sein Lager umgangen, fünf seiner Pulverwagen fuhren in die Luft und verursachten wilde Unordnung und Flucht. Das Weiße Regiment, die unsterblichen vierhundert Pforzheimer opferten sich hier, geführt von ihrem Bürgermeister Deimling, um den geliebten Fürsten zu retten. Abends acht Uhr war die Schlacht zu Ende. Mehr als fünftausend Leichen, davon über die Hälfte feindliche, bedeckten den Kampfplatz. Nachdem der Blick des Beschauers auf dem Grün dieser einst so blutigen Stätte sinnend verweilt, schweift er über vier blühende Salinen, in welche Württemberg, Hessen und Baden sich geteilt haben. Neben Jagstfeld breitet sich ein neues Solenbad einladend aus. Stromaufwärts, Neckarsulm und Heilbronn zu, öffnet sich der Blick ziemlich in gerader Richtung; abwärts schließt sich die Aussicht mit der stattlichen, wohlerhaltenen Neckarburg Ehrenberg bei dem freundlichen Dörfchen Heinsheim, den efeubewachsenen Mauerzinnen der zerfallenden Ruine Horneck und dem gar allzu modernen Gundelsheimer Schloß, endlich der Heimat Götzens von Berlichingen, dem getürmten Hornberg. – Wimpfen am Berg besitzt auch ein neueingerichtetes, von Ludwigshall her geführtes Solenbad, dessen köstliche Lage viele Besucher herbeilocken wird. Es ist ein schönes zweistockiges Gebäude mit zwei Seitenflügeln, die Fronte beinahe ganz gegen Morgen gekehrt. Von dem Gebäude an bis zum Neckar herab werden den Berg schöne Anlagen zieren. Auf der Stadtseite finden Kranke einen zweiten Badegarten und die von Linden und Kastanien umgebene alte gotische Kirche, die wir oben beschrieben haben. Aus jedem Wohnzimmer und aus dem Gesellschaftssaal lacht den Gästen ungefähr dieselbe glänzende Aussicht entgegen, die wir eben beschrieben haben. Unten der Neckarfluß, mit Schiffen bedeckt, rechts zunächst aufwärts Jagstfeld, Kochendorf, die rauchende Saline von Friedrichshall, das schöne Gut Lautenbach und das Gebäude bis hinauf zu den Türmen des Bergschlosses Waldenburg im Hohenloheschen, gerade vor sich Offenau; flußabwärts Heinsheim und den Ehrenberg, auf dem andern Neckarufer Gundelsheim und Horneck. Auf unserm Blatte zeigt sich die Bergstadt jenseits des Neckars, mit dem Römerturm, dem Blauen Turm und der Kirche. Am Fuße des Berges liegt Wimpfen im Tal, diesseits des Flusses das Dorf Jagstfeld, der Hintergrund öffnet sich gegen den Ehrenberg und Gundelsheim. Gundelsheim, Horneck und Guttenberg Nur ungern lassen wir die mehrerwähnte, alte Ritterfeste Ehrenberg vorüber, die sich am linken Neckarufer über dem Dörfchen Heinsheim vielleicht auf römischer Grundlage erhebt und deren Ruinen einem Geschlecht angehören, das, nun längst erloschen, schon im zwölften Jahrhunderte vorkommt. Einer ihrer Bewohner verfolgte in den blutigen Tagen des Dreißigjährigen Krieges mit demselben Henkerbeile Hexen und Lutheraner. Aber uns rufen drei Punkte, die des Schönen und Interessanten noch mehr enthalten und welche der Künstler, höchst glücklich in der Wahl seiner Standpunkte, auf einem Bilde zu vereinigen verstanden hat. Gundelsheim, seines einst altertümlichen Gewandes schon vor dreihundert Jahren durch den Bauernkrieg gewaltsam entkleidet, doch noch mit wohlerhaltenen Ringmauern und vielen alten Türmen versehen, ist ein im Besitze des Deutschordens blühend gewordenes Städtchen, von welchem unser Bild rechter Hand die letzten Häuser hinter dem Hügel hervorragen läßt. Schon im zweiundzwanzigsten Regierungsjahre Karls des Großen schenkte ein Siegfried mit seiner Gattin Wonehild dem Kloster Lorsch die Villa Gundolfesheim, und später kömmt es unter dem Namen Gundolnesheim vor. Schon frühe scheint eine angesehene Familie hier sässig gewesen zu sein; später ward die Stadt Eigentum des Deutschordens und demselben dieser Besitz von Kaiser Wenzel im Jahre 1398 bestätigt; er verblieb ihm auch bis zur Aufhebung des Ordens, da es denn mit der übrigen Umgegend an das Großherzogtum Baden kam. In seiner possierlich angestrichenen Kirche liegt, neben einigen Ordensrittern, der Bürger Balthasar Fuchs begraben, der sich einst im Bauernkriege ausgezeichnet hatte. Der Weinbau ist hier durch die Lage der Berge sehr begünstigt, und das Neckarufer hat ein überaus lachendes Ansehen. Unsere Blicke wenden sich indessen bald herauf zu der durch Alter dem Städtchen verschwisterten, efeuumrankten Ruine Horneck, deren gezackte, von Schutt unterbrochene Türme und Mauerzinnen, von unten herauf gesehen, wie halbausgebrochene Zähne aus dem Gebiß einer wilden und räuberischen Zeit aus dem gähnenden Schlünde der Vergangenheit in die Lüfte ragen. Die vorliegende Abbildung führt uns aber, um den Hinausblick auf die gegenüberliegende Burg Guttenberg gewähren zu können, in das Innere der Trümmer selbst und zeigt uns von diesen zur Rechten des Beschauers nur den stattlichsten und besterhaltenen Turm der Ruine mit der Kehrseite sich rechts und links fortsetzenden Mauerwerkes und zur Linken, glücklich versteckt, das moderne Schloßgebäude, das jetzt den einzigen Wohnsitz von Horneck bildet und das, von der Fronte gesehen, in seiner fensterreichen Regelmäßigkeit, blendend angestrichen, einen unangenehmen Kontrast mit den zerfressenen Resten des Altertums bildet. Der Erbauer der alten Burg Horneck war, wahrscheinlich ums Jahr 1250, Konrad von Horneck, der mit seinem Sohne in der Burgkapelle begraben liegt. Die Familie, die schon vorher blühte, war eine Wohltäterin des Kollegiatstiftes Wimpfen, und Werner, ein Bruder Konrads, erscheint als Probst zu Wimpfen und zu Speyer. Wimpfen pries seine Frömmigkeit und Freigebigkeit. Aber schon um 1274 ging die Burg Horneck mit dem zu ihren Füßen gelagerten Städtchen Gundelsheim in die Hände des Deutschordens über, und auf der Burgkapelle zu Horneck stellte vor Zeiten ein Ölgemälde den Eintritt Werners von Horneck (vielleicht des obengenannten) in den Orden und seine Übergabe der Burg an diesen dar. Die mündliche Volkssage erzählt, er habe dies getan, als er sich, nach der frommen Sitte der Zeit, mit seinen Söhnen zu einem Kreuzzuge angeschickt. Die Tochter mußte über diesem heiligen Werke als Nonne nach Billigheim wandern und ein gebrechlicher Sohn im Elend zurückbleiben. Das Gemälde ist mit der Besitznahme des Schlosses durch die Krone Württemberg spurlos verschwunden und mit ihm die Wappen des Gemäldes, die den einzigen Aufschluß über die Horneckschen Familien, deren man dieses Namens fünf zählt, hätten geben können. Horneck wurde nun von Zeit zu Zeit der Wohnsitz mehrerer Deutschmeister, deren Gebeine unter noch vorhandenen Grabsteinen in der Burgkapelle ruhen. Darunter war der ausgezeichnetste Jost von Venningen, ein gewandter Unterhändler und Friedenstifter, dessen sich der Pfalzgraf Friedrich der Siegreiche in allerlei Händeln bediente. Unter ihm wurde die Burg Horneck einer der Hauptsitze des Deutschordens in Deutschland. Sein und seiner Nachfolger Grabsteine sind sehr schön gearbeitet; sie stehen aufrecht an die Wand gelehnt und geben der Kapelle ein ernstes Aussehen. Die Burg stand in Blüte bis zum Bauernkrieg. Da zog die aufrührerische Schar auch gegen die Besitzungen des Deutschordens zu Felde; in Neckarsulm hatte sie frischen Mundvorrat gefaßt und rückte vor Gundelsheim, um den Deutschmeister zu belagern; dieser aber, ohne die Ankunft der Aufrührer in seinem Gebiete zu ahnen, war zufällig mit seinen besten Kleinoden und einem Teile seiner Angehörigen zu Heidelberg; seine Abwesenheit entflammte die Rachgier der Bauern noch mehr; Stadt und Burg war augenblicks in ihren Händen, und nun schwelgten sie an den vorgefundenen Wein- und Kornvorräten und verwandelten die Burg zu großem Teile in einen Schutthaufen. Erst lange nach ihrem spät erfolgten Abzüge wurde diese wieder in wohnlichen Stand gesetzt, aber es blickt uns jetzt aus ihrer verfallenen, steinernen Umzäumung das oben beschriebene moderne Schloß entgegen, das mehr Raum hat als mancher königliche Palast und die Wappen aller deutschen Ordensmeister und Ritter enthalten haben soll. Das Schloß gehört jetzt einem Kaufmann, Herrn Sandel von Gall, und diesen Sommer (1836) wohnt Herr Wellesley, ein Neffe Wellingtons, Gesandtschaftssekretär am Stuttgarter Hofe, als Mietgast in demselben. Hinter Horneck erhebt sich ein Kranz von Wäldern. Durch ein enges tiefes Seitentälchen führt der Weg zur nahen Wallfahrtskirche des heiligen Michaels, die auf der Abdachung eines mit Reben bekränzten Berges steht. Hier, wo jetzt der Dämonenbezwinger unter Traubenranken seinen kleinen Tempel hat, wurde vor sechzehn Jahrhunderten in dichtem Buchenwalde dem »besten und größten Jupiter« und der »Königin Juno«, derselben, die auf dem aventinischen Berge zu Rom einen herrlichen Tempel hatte und als Länderbeherrscherin angebetet wurde, von römischen Kriegern geopfert. Beim Eingang in die Kapelle steht in einer Mauernische ein römischer Altar. Eine schüsselartige Vertiefung, in der eine Öffnung angebracht ist, scheint die Bestimmung gehabt zu haben, das Opferblut aufzufangen und wieder abfließen zu lassen. Auf der rechten Seite sind ein Hahn und ein Opfermesser, auf der linken ein Krug, eine Pfanne und ein zweischneidiges Schwert eingehauen. Eine achtzeilige lateinische Inschrift sagt uns, daß es ein Votivaltar ist, den besagten Göttern Cajus Fabius Germanus, Benefiziar oder Gefreiter des Consuls, »B. Cos.«, was nicht, wie irrtümlich-komisch erklärt wurde, »bis Consul« heißt. für sich und die Seinigen errichtet hat. An die Stelle der heidnischen Opferstätte trat frühzeitig das christliche Gotteshaus. Eine liebliche Sage knüpft sich an seine Gründung. Als die Ufer des Neckars noch Wildnis waren, lebte in der Gegend ein heidnischer Jüngling und seine Braut, welche Christin war. Diese, nach vergeblichen Versuchen, ihren Verlobten zu bekehren, flüchtete in die Einöde, lebte unter den wilden Tieren, die von ihrem Jammer gerührt schienen und ihrer schonten, grub das Schicksal ihrer letzten Tage Bäumen und Steinen ein und war nach einigen Jahren dahingewelkt. Eines Tages verfolgt der Heidenjüngling auf der Jagd ein Wild, das er nicht erreichen kann, bis an die Stelle, wo er einen Rasenhügel und in Baum und Stein gegraben die rührende Kunde von dem letzten Geschicke seiner Geliebten trifft. Da warf er seine Götzen von sich, zog nach Worms zum Bischof und ließ sich taufen. Dann erbaute er aus Steinen und Holz eine Einsiedlerhütte auf diesem Berge, diente Gott und labte verirrte Wanderer. Zahlreiche Wallfahrten machten sich auf nach dem heiligen Manne. Endlich, als er alt und schwach geworden, pochte es in einer stürmischen Regennacht an seiner Zelle. Ein hoher Pilger trat herein. Der Greis zündete schnell ein Feuer an, die Kleider des Durchnäßten zu trocknen, setzte ihm Speise vor und warf sich selbst auf die Knie, sein Abendgebet zu verrichten. Da verklärte sich vor seinen Augen der Pilger zum milden Todesengel, der ihm Gottes Friedensgruß brachte und die Stirne des Betenden küßte, daß die Worte auf den Lippen erstarben und er zum sanften Schlummer niedersank. An der Stelle, wo sein Siedelhaus gestanden, erhub sich seiner Bekehrung zu Ehren die Kapelle Sankt Michaels des Satansüberwinders. Zu unserm Bilde zurückgekehrt, werfen wir nun zwischen dem alten und neuen Gebäude der Burg Horneck einen Blick über den Neckar, auf das Dorf Neckarmühlbach und die zwischen zwei Waldbergen auf einem niedrigen Hügel mit gedecktem hohen Turm und bewohnbarem Schlosse hoch in die Lüfte steigende Burg Guttenberg. In dem freundlichen Dorfe Neckarmühlbach selbst verdient die hohe, heitere Kirche einer Erwähnung, deren luftige, offene Räume den Eindruck der freien Natur machen. Auf einer Steinplatte findet man hier eine kniende Familie ausgehauen. Es ist einer der Dynasten von Weinsberg mit seinem Hause, der erste Erbauer der Kirche. Ein Konrad von Weinsberg, nachmals berühmter Erzbischof zu Mainz, baute zunächst am Fuße seiner Burg 1393 die Euchariuskapelle, deren Äußeres unscheinbar ist, in deren Innerem aber der Kunstfreund zwei sehr alte, schön verzierte Altäre trifft, über deren einem ein Spitzbogen, dem andern ein arabischer Bogen sich wölbt. An einem derselben ist das Schnitzwerk von Wert. Das Wichtigste aber sind die altdeutschen Gemälde, die sich auf den vier Flügeltüren der beiden Altäre, außen und innen, befinden, die jedoch leider ihrer Zerstörung entgegengehen. Auf einem gemalten Tabernakel liest man die Jahreszahl 1492. Die kleine Kapelle ist von einem Friedhof umgeben. Der Weg zu der Anhöhe, auf welcher die Burg Guttenberg ihre Schwestern Horneck und das Stammschloß Götzens von Berlichingen, den weiter unterhalb am Neckar liegenden hochgetürmten Hornberg, begrüßt, ist etwas steil, aber der Berg selbst nicht so wild und felsicht, sondern überall mit Fruchtbäumen bepflanzt und mit Rasen bedeckt. In weitem Umkreise zieht sich der Weg auf bequemen Stufen bis ans Burgtor. Dann erst gelangt man zwischen einer Masse von Ruinen durch fünf sehr starke Tore in den innern Burgraum, der das neuere Gebäude enthält, das weit in die Gegend hinausschaut. Die Burg ist sehr fest, mit vielen zum Teil wohlerhaltenen, gegen die Waldseite von Efeu zum Teil ganz verdeckten kleinern Türmchen versehen, aus deren Mitte himmelan der hohe Turm sich erhebt, der die Burg auch auf unserer Abbildung auszeichnet. Das neuere Gebäude ist nach dem Walde zu ebenfalls mit Efeu so überwachsen, daß kaum noch die verschlossenen Fensterläden Raum haben. Aus diesem Bau hat man den freien Ausblick auf Horneck, Hornberg und das Beinhaus der kleinen Michaelskapelle, mit dem reizendsten Niederblick ins Neckartal. Guttenberg am Neckar, von Horneck aus Namensursprung und Alter dieses Schlosses liegen im Dunkeln. Einer Familie des Namens Guttenberg verdankt es schwerlich seine Entstehung. Der Anblick der Burg lehrt, daß ihr Alter über die schriftlichen Nachrichten, die wir von ihr besitzen, hinaufreicht. Sie war ehemals Reichsgut, wurde 1330 von Kaiser Ludwig an seinen Bruderssohn, den Pfalzgrafen Rudolf, verpfändet, erscheint dann auf einmal im Besitze der Herren von Weinsberg als Lehen von Worms (1393), und mehrere Dörfer bilden nun ihr Zubehör. Einen Anteil an der Burg – wie, weiß man nicht – besaß um diese Zeit auch das berüchtigte Mitglied der Schleglergesellschaft Wolf von Wunnenstein, der gefürchtete Feind Graf Eberhard des Greiners von Württemberg, derselbe, von welchem Uhland im »Überfall im Wildbad« singt: Da kommt ein armer Hirte in atemlosem Lauf: »Herr Graf! Es zieht 'ne Rotte das untre Tal herauf. Der Hauptmann führt drei Beile, sein Rüstzeug glänzt und gleißt, Daß mir's wie Wetterleuchten noch in den Augen beißt.« Und Eberhard erwidert: »Das ist der Wunnensteiner, der gleißend Wolf genannt, Gib mir den Mantel, Knabe! – Der Glanz ist mir bekannt, Er bringt mir wenig Wonne, die Beile hauen gut – Bind mir das Schwert zur Seite! – Der Wolf, der lechzt nach Blut!« Uhlands »Gedichte«, X, 432. Nach dem Jahr 1427 empfing Konrad von Weinsberg von Bischof Friedrich von Worms das Schloß »Gudenburg« (Guttenberg) nebst mehren Dörfern zu Lehen. Aber der Aufwand dieses stolzen Reichserbkämmerers verschlang sein Gut, seine Witwe verkaufte das ganze Besitztum um 6000 rheinische Gulden an den reichen Hans von Gemmingen, der eine Landgräfin von Steinach zur Frau hatte, und von nun an trug diese Familie die Burg von Worms zu Lehen. Der reiche Hans war von so starkem Gliederbau, daß er einst an einem Tage von Amberg in der Oberpfalz bis nach Neuenfall am Kocher ritt und abends noch einem Jagen und Wettlaufen beiwohnte. Bei dem Hofgerichte, das Friedrich der Siegreiche zu Heidelberg im J. 1462 abhielt, erschien Hans von »Gudenberg« als ein Doktor beider Rechte, ein Mann, der – wie sein Namensverwandter Reinhard von Gemmingen in seiner Chronik sagt – zu allen Sätteln gerecht war, reuten und reden konnt', Freunden bei Verträgen diente; gab einen Schützen ab und einen Streiter und lag trotz seines großen Reichtums doch nicht auf der Bärenhaut bis in sein achtzigstes Jahr. Bei der Güterteilung von 1518 unter Pleickards von Gemmingen Kinder fiel die Burg an Dietrich von Gemmingen, den edeln Geistesverwandten der Sickingen und Berlichingen. Er ward unsterblich durch seine Anhänglichkeit an die Sache der Reformation. Zu einer Zeit, als das offene Bekenntnis der neuen Lehre, besonders in der Nähe mainzischer und deutschordenscher Besitzungen, nur Gefahr bringen konnte, hub er dem Freunde Luthers, Erhard Schnepf, welcher Prediger zu Weinsberg war, einen Sohn aus der Taufe, und als derselbe aus jener Stadt vertrieben ward, fand er bei Dietrich von Gemmingen, der sich von ihm in der Mühlbacher Kapelle das reine Evangelium predigen ließ, ein glückliches Asyl. So ward er der erste Edelmann im Kanton Kraichgau, der öffentlich der Sache Luthers beitrat. Er starb auf seiner Burg im Jahr 1526, wo er auch begraben liegt, und Schnepf, der indessen nach Wimpfen berufen wurde, hielt ihm eine rührende Leichenrede. Dietrichs Bruder, Wolf von Gemmingen, war als Bekenner nicht weniger mutig. Als Karl V. im Schmalkaldischen Krieg ihn mit mehreren Edelleuten nach Heilbronn berief und sie persönlich aufforderte, der neuen Lehre zu entsagen, trat Wolf hervor und antwortete: »Es würd' mir leid tun, meinen Kaiser, der nächst Gott mein oberstes Haupt ist, zu betrüben; doch wollt' ich solchs noch eher tun denn Gott erzürnen.« Von diesem Wolf sagte das Sprüchwort, sein Hals sei krumm, aber sein Gemüt schlicht und eben. Dietrichs Sohn, Philipp, wohnte nach seinem Vater auf Guttenberg. Er war ein guter Mathematiker, reich an Instrumenten und Büchern, die nach seinem Tode an die Landschaden von Steinach und von da vielleicht in die Heidelberger Bibliothek übergegangen sind. Nachdem er lange Zeit der Pfalz gedient, zog er sich zu der Wissenschaft und ritterlichen Spielen auf seine Burg zurück, hielt eine seinem Reichtum angemessene Dienerschaft und einst auf der Burg ein festliches Turnier. Nach seines kinderlosen Sohnes Tod ging die Burg auf väterliche Verwandte über, die meist in der Mühlbacher Kapelle begraben liegen. Bis auf den heutigen Tag ist diese edle Familie im Besitze der Burg, deren protestantische Geschichte gegen die strengkatholischen Annalen des gegenüber in Trümmern liegenden alten Hornecks einen Gegensatz bildet, dem die Gestalt beider Schlösser entspricht.   Auf dem Wege neckarabwärts begegnet der Wanderer noch mancher Seltenheit und Schönheit, die hier zwar unabgebildet bleibt, aber doch nicht unerwähnt bleiben darf. Das freundliche Dorf Haßmersheim, vom nahen Neckar oft durch gefährliche Überschwemmungen heimgesucht und doch schon seit Karl dem Großen bestehend, sendet seine Schiffer rheinabwärts bis nach Holland. Der nahe »Hünenberg« ist dem Altertumsforscher wie dem Mineralogen merkwürdig; sein Gips wird weit und breit verführt. Der turmreiche Hornberg ist durch Götz von Berlichingen, der ihn schon 1516 erkaufte, berühmt geworden. Hier verbrachte der Mann mit der eisernen Rechten den heitern Abend stürmischer Tage, schrieb seine Lebensgeschichte und starb, wie wir schon erzählt, im höchsten Lebensalter. Nach mancherlei Besitzern kam die Burg an das Geschlecht der Gemmingen. Sie ist aus Muschelkalk gebaut, die Torbogen, die geschmackvollen Tür- und Fenstereinfassungen aber sind aus Keupersandstein gearbeitet. Das anmutig gelegene Dörfchen Hochhausen bewahrt ein altertümliches Denkmal, die Kapelle der heiligen Notburga, mit Bildern aus dem Leben der Heiligen, die zum Teil von hohem Werte sind. In geringer Entfernung ist die Grotte dieser Jungfrau, die von einem schwermütigen Echo beseelt wird. Notburga war, der Sage zufolge, die Tochter des Frankenkönigs Dagobert, der, auf dem Hornberg gelagert, das Reich gegen die Wenden beschirmte. Von einem abtrünnigen Franken, Samo, dem Führer der feindlichen Wenden, zur Gemahlin begehrt und an den Haaren herbeigeschleppt, verweigerte sie dem Heiden ihre Hand, und unter dem Gebet mit dem Schwerte von ihm bedroht, entfloh sie aufs jenseitige Neckarufer, wohin ihr eine von ihr längst gezähmte Hirschkuh nachfolgte. Von diesem treuen Tiere wurde sie aus der Schloßküche ihres Vaters gespeist, bis der Küchenmeister die Hindin entdeckte und, ihr folgend, auch dem König Dagobert den Weg zu seiner Tochter Zufluchtsstätte zeigte. Dieser ergriff die Widerstrebende, sie mit sich heimzuziehen, aber ihr Arm löste sich vom Leibe und blieb in seiner Hand. Entsetzt entwich Dagobert. Die Jungfrau heilte das Kraut, das ihr eine Schlange herbeibrachte. Den König trieben die Qualen des Gewissens aus der Gegend. Das Volk entdeckte die Heilige und ward scharenweise von ihr bekehrt. Sie lehrte es auch die Künste des Frankenlandes, den Boden bauen und mit Reben bepflanzen. Einst als die Ernte reif war, sprach sie: »Auch meine Erntezeit ist gekommen«, und bald darauf starb sie. Ihrem letzten Willen gemäß ward ihr Leichnam auf einem stierbespannten Wagen ins Feld geführt und, wo dieser stille stand, beerdigt. Darüber erhebt sich das Kirchlein zu Hochhausen, und in der Grotte steht ihr steinernes Bild, ein alt einfältig Werk aus grauer Zeit. Nach dem hübschen Städtchen Neckarelz und mehren Dörfern erscheinen die Ruinen Dauchstein und Minneberg, die letzte durch eine rührende Sage verherrlicht. Minna, die einzige Tochter des Grafen von Hornberg, dem Ritter Edelmut heimlich verlobt, floh, einem verhaßten Ehebund auszuweichen, mit einer Dienerin in schweigender Nacht auf einem Nachen über den Neckar und lebte sieben Jahre lang verborgen in einer Felsenspalte, von der Dienerin genährt und, als langer Kummer sie in der Blüte ihrer Jahre hinwegraffte, auch begraben. Um diese Zeit kehrte Edelmut aus dem Heiligen Lande, wo er unter Bouillon gefochten, zurück und suchte die verlorne Geliebte vergebens. Der Zufall führte ihn in diesen Forst und das Bellen der Hunde in die Kluft, wo er von der überlebenden Dienerin Minnas Geschick erfuhr. Er erbaute auf dem majestätischen Berge die Trümmer, die der Wanderer noch bewundert. Das Schwalbennest bei Neckarsteinach Der geschlängelte Neckarfluß nähert sich mit seinem rechten Ufer dem Odenwald auffallend bei Neckargerach und erhält jetzt auch auf der linken Seite hohe Gebirge zur Begrenzung. Damit fangen die romantischen Partien des herrlichen Tales an, und in diesen gewundenen Bergschluchten, durch welche der Fluß oft einen vom Auge kaum erwarteten Ausgang findet, scheinen sich die zahlreichen Burgtrümmer, die nur bald aus der Tiefe emporlauschen, bald aus der Höhe herabschauen, erst recht zu Hause zu fühlen. Den Reisenden, die auf einem Nachen diese Gegenden gewöhnlich zu Wasser durchschneiden, bietet sich hier ein Wechsel von Ansichten dar, wie sie ihn nur am Rhein wieder finden. Dem freundlichen Neckargerach gegenüber, hinter dem Dorfe Guttenbach, blickt an dem schroffen Hange eines dicht mit Buchenwald überwachsenen Bergesgipfels noch immer das rötliche Gemäuer der Minneburg hervor. Eine Stunde später zeigt sich auf der rechten Seite auf einem mächtig emporragenden Felsen, der den unten stehenden zerstreuten Hütten des armseligen gleichbenamten Dörfchens jeden Augenblick den Untergang zu drohen scheint, die Burg Zwingenberg, ein vollständiges Meriansches Bild eines wohlerhaltenen Edelsitzes aus dem fünfzehnten Jahrhundert, wo über zwei sechzig Fuß hohen, starken Mauern noch fünf wohlgedeckte Türme hervorragen und ein geräumiges Innere von Burgwohnungen einschließen. Hier führte das Geschlecht der Twingenberger im vierzehnten Jahrhundert ein verwegenes Leben. Ihre Feste wurde darum von Kaiser und Reichs wegen gebrochen. Die Burg, 1384 wieder aufgebaut, jetzt ein badisches Jagdschloß, ist in gutem Stande. Von jetzt an nimmt die Neckarfahrt einen düstern Charakter an; mächtig emporsteigende Berge, mit den dichtesten Wäldern bekleidet, engen den Fluß so gewaltig zusammen, daß es kaum möglich erscheint durchzudringen. Auf dem linken Ufer ragen mit ihren roten Mauern die Trümmer der Burg Stolzeneck hervor; nach einer starken Krümmung begrüßt uns das zur Linken gelegene Dörfchen Neckarwimmersbach, endlich erscheint am äußersten Ende eines von Bergen eingefaßten Halbzirkels das Städtchen Ebersbach in schöner baumreicher Gegend, dessen Seitentäler tiefe Blicke in den Odenwald tun lassen und oberhalb dessen dorther der forellenreiche Gamelsbach in den Neckar fällt. Von hier aus dürften die Römer in den Odenwald eingedrungen sein. Bald schließt sich das Tal wieder und nimmt einen schauerlichen Charakter an; die Waldberge, die hier einem Hochgebirge anzugehören scheinen, werden ganz unbewohnt, bis nach einer Fahrt von zwei Stunden die Aussicht wieder freier wird, die Ersheimer Kapelle mit schön behauenem Turm und Begräbnissen der Herren von Hirschhorn und das schöngelegene Städtchen Hirschhorn mit seiner stattlichen Burg zum Vorschein kommt, deren Dynasten schon 1232 erscheinen und im fünfzehnten Jahrhundert erlöschen. Da, wo jetzt das Gebirge zurückweicht, kommen aus einem Tale des Odenwaldes die Lachs und der fischreiche Finkenbach, die vereinigt sich in den Neckar ausgießen. Die Gegend wird hier flacher und charakterloser, bis man die jetzt allmählig eingehende Feste Dilsberg, bis in die jüngsten Zeiten ein Staatsgefängnis, zur Linken hat, deren Bergkegel nicht allzu steil vom Ufer in die Höhe steigt. Wo das Neckartal nördlich einbiegt und abermals einen offenen Halbkreis bildet, spiegelt sich am äußersten Ende das Städtchen Neckarsteinach am Fuße mächtiger grauer Felsen im Strome, und auf bedeutenden Höhen liegen vier mächtige Schwesterburgen, die Sitze der Landschaden von Steinach, in nicht großer Entfernung voneinander. Wir haben die äußerste und älteste, im Munde des Volkes das Schwalbennest, mit ihrem Taufnamen Schadeck genannt, für unsere Bilderreigen ausgewählt. Von unten auf war das alte Raubnest unzugänglich, denn es liegt am höchsten von allen vieren über dem schwindelnd steilen Abstürze eines Steinbruches, wie verwachsen mit seinen Sandsteinen. Wer von ihren Zinnen herabschaut, fürchtet senkrecht in den Fluß zu stürzen, wer zu ihnen emporblickt, glaubt die ganze Steinmasse auf sich herabstürzen zu sehen. Das Ganze scheint fast mehr gewachsen als gebaut zu sein, auch, der Lage und dem unbedeutenden Raume nach zu urteilen, eher nur zur Warte gedient zu haben. Um auf der schroffen Abdachung des Berges nur Raum zu gewinnen, mußte in den Felsen eingehauen werden; so in schief winklichtem Parallelogramm an die Ritzen des Berges geschmiegt, kehrt die Burg dessen stumpfe Winkel gegen den Neckar hinaus und zeigt hier doppelte Mauern; von Süden und Norden hat sie zwei Eingänge, deren erster das Haupttor bildet. Auf den beiden hinteren, dickeren Mauern ragen zwei runde Türme, Mastkörben gleich, in die Luft; der innere Hofraum ist kaum dreißig Fuß tief; von Burgverlies, Brunnen, Kapellen, Jahreszahlen keine Spur. Nur Salamander, Ottern, Raubvögel und ein seltsamer Alter, der den Weg nach Weinsberg noch nicht gefunden hat, hausen in der engen Öde, hinter welcher der Berg sogleich wieder in steiler Felsenwand emporsteigt. Der alte Kauz, der hier Geister sieht, ist in der Christnacht geboren und rühmt sich der Abstammung aus einer alten sächsischen Königsfamilie. Ihm ist eines Abends in der Burg die junge Pfalzgräfin, die der alte Landschaden vor fünfhundert Jahren vom Schlosse zu Heidelberg geraubt hat und weswegen seine Burg gebrochen worden ist, mit ihren zwei Schwestern, alle drei mit Atlaskleidern prächtig angetan, erschienen. Er zeigt bei Beschreibung derselben eine köstliche Phantasie und viel Kenntnis der altertümlichen Kostüme. Auf einer Mauerspitze der Burg sah er die Geister sitzen, aber da er auf sie zugehen wollte, sind sie ohne Spur verschwunden; nur ein goldener Ring, im Grase schimmernd, blieb von der Erscheinung übrig. Der arme Mann hob ihn auf und verkaufte ihn später. Er darf hier sein Gärtchen bauen und hat dafür die Obliegenheit, das alte Nest sauber zu halten. Dieser närrische Burgvogt hat eine so interessante Figur, einen Kopf so voll von Geistergeschichten, daß unser Künstler sich die Mühe nahm, ihn zu zeichnen, und ihn auch auf unserm kleinen Bilde nicht fehlen ließ. Die Bauart der Burg gehört einem früheren Alter an als die Urkunden des Geschlechtes. Die ganze Umgegend war ein Geschenk fränkischer Könige an das Bistum Worms; von ihm trugen die Ritter von Steinach, die in der Mitte des zwölften Jahrhunderts aus Sachsen hierher gezogen, Besitzungen zu Lehen, die bald ihr freies Eigentum wurden. Schadeck scheint ihr ältester und erster Besitz, und der erste Besitzer der Burg Schadeck scheint Bligger von Steinach gewesen zu sein, der, nach einer Urkunde des Bischofs Burkhard von Worms vom J. 1142, die Stelle, auf welcher das Kloster Schönau im Odenwald erbaut worden, von Graf Boppo von Lauffen zu Afterlehen getragen. Sehr schnell breitete sich dieses Geschlecht aus und gehörte zu einer der kräftigsten und angesehensten Ritterfamilien der deutschen Vorwelt. Konrad von Steinach bestieg im J. 1150 den bischöflichen Stuhl von Worms, ein Mann, der bei Kaiser Konrad und seinem Nachfolger Friedrich stets in hohen Ehren stand. Noch in spätem Jahren nahm er eine Sendung seines Kaisers an den griechischen Hof an, starb aber auf diesem Zuge im Angesicht von Tyrus, wo er auch begraben ward. Bald teilte sich die Familie in eine dritte Linie, die den Namen der Harfenberge annahm. Sollte der Minnesänger Bligger von Steinach (Maness. I 177) der Gründer derselben sein und von ihm die Harfe in dem Wappen herrühren, die nachher sowie den Namen Bligger auch die Landschaden von Steinach usurpierten, deren erste Stammglieder Bligger und Hartwig (zwischen 1286 und 1300) sind, während die alten Steinache ebenfalls um diese Zeit ausstarben? Schwalbennest Jener Minnesänger Bligger von Steinach spricht von einer schönen Frau am Rheine; eine Erinnerung an Saladin macht glaublich, daß er den Orient gesehen und Kreuzfahrer gewesen. Mit dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts erscheinen, einem unruhigen Familiengliede zu Ehren mit dem Scheltnamen gezeichnet, die »Landschaden von Neckarsteinach«, die ein gekröntes Greifenhaupt auf einer Harfe im Wappen führten. Unter Konrad von Landschaden erwarb die Familie reiche Besitzungen, aber Schadeck verkaufte sie (1335) um vierhundert Pfund Heller an die Stifter Mainz und Worms. Im J. 1350 zum offenen Hause geworden, ward sie 1428 verpfändet, und der Besitz der schon verödeten Burg wanderte als Lehen von Hand zu Hand. Von diesem Schwalbenneste führt ein schmaler Fußpfad zu einer andern der vier Landschadensburgen, zu der auf dem Riegelsberge ebenfalls sehr malerisch gelegenen Hinterburg, mit freierer Aussicht nicht nur ins Neckartal, sondern auch in das einsam wilde Tal von Thönau, dessen schmale Bergschlucht sich durch Felsen hinein windet, während das Flüßchen Steinach dem Neckar zueilt. Von innen eng, von außen stark befestigt, war sie auf der Hinterseite von einem tiefen in Felsen gehauenen Graben geschützt, hatte von der Neckarseite her eine Zugbrücke, doppelte Ringmauern mit vorspringenden Ecktürmchen, in der Mitte einen starken, jetzt die Hauptruine bildenden Turm. Auch hier finden sich keine Denkmäler. Schon im J. 1341 war sie baufällig und 1541 und 48 kam sie als Speyersches Erblehen ganz an die Landschaden von Steinach, von welchen sie der Bischof von Speyer um 1750 wieder an sich zog und bis 1803 behielt. Nach wenigen Minuten gelangt man von der Hinterburg auf einem Waldpfade weiter herab zur Mittelburg, der geräumigsten von den vier Burgen, die eben jetzt durch ihren neuesten Besitzer ganz in wohnlichen Stand gesetzt wird. Auf dem reizenden Vorplatz der innern Burg genießt man von einem von der Façade mit ihren schönen Bogengängen sich hinziehenden freien Räume aus die schönste Aussicht rechts und links auf die Schwesterburgen, hinab ins Dorf und auf den gewundenen Neckarstrom und hinüber auf den steilen Dilsberg. Das Innere der Burg ist anständig ausgestattet und war im Jahre 1700 die Wohnung des Fürstbischofs von Speyer. Steinachsche Familienurkunden erwähnen der Burg schon frühe. Bei dem Erlöschen des ältesten Geschlechts fiel sie den Erbtöchtern zu, und im sechzehnten Jahrhundert kam sie ganz an die »Landschaden«. Nach dem Aussterben dieses Mannsstammes, welcher sie ganz zum Hauptsitze gemacht hatte und die andern Burgen darüber verfallen ließ, wurde sie, als Lehen von Worms und Mainz, Sitz der Metterniche (nicht des jetzt blühenden Zweiges); nach ihrem Aussterben (1753) fiel sie wieder an Worms und Speyer, in deren Rechte (1803) Hessen-Darmstadt eintrat. Durch zwei Gärten nähern wir uns auf breitem Wege der Vorderburg, der ödesten von allen. Über dem Tore steht das Wappen des Erneuerers der Burg, die Harfe und die Jahreszahl 1568. Efeubewachsene Mauerreste umgeben das Ganze, und an den festen, viereckigen Turm schließt sich ein unregelmäßiges Wohngebäude mit morschem Dache an. Der ältere Teil der Burg war schon im vierzehnten Jahrhundert baufällig; im fünfzehnten Jahrhundert wurde sie Erblehen der Landschaden. Jetzt schützt sie ein Privatmann vor dem gänzlichen Untergang. Am Fuße des Berges, der die vier Burgen trägt, dehnt sich das freundliche Dorf Neckarsteinach mit vielen Fischerwohnungen und Schiffernachen den Neckar entlang. Die Kirche bewahrt viele Grabsteine der Landschaden. Der älteste und schönste trägt die einfache Umschrift: 1369 in. die. Sancti Michael', o' (obiit) Ulricus Lantschad. Miles. Es ist eine alte Rittergestalt mit vor sich gesenktem Schwerte. Zwei Engel halten ihm ein Kissen unter das Haupt, ein Bild der Ruhe; zu seinen Füßen schmiegt sich ein Hund, das Bild der Treue; zur Rechten hat er die Harfe, zur Linken einen gekrönten Heidenkopf. An diesen Ulrich knüpft sich die Volkssage von der Entstehung der Landschaden. Sein Vater, Bligger von Steinach, war wild, wie die Gegend, die er bewohnte, sein Herz hart, wie der Felsstein, auf dem er nistete. Kaiser Rudolf von Habsburg hatte verordnet, daß niemand eine Burg haben solle, es geschehe denn ohne des Landes Schaden . Aber Bligger, von Mord und Raube lebend, war der Schrecken der ganzen Gegend, der Landschaden . Vom Kaiser vor Gericht gezogen, blieb er auf seiner unzugänglichen Burg, bis Acht und Aberacht über ihn ausgesprochen ward und er keinen Weg mehr sicher betreten konnte. Die Ruhe war dem wilden Raubritter unerträglich, und eines Morgens ward er entseelt im Burghofe liegend gefunden. Sein Sohn Ulrich Landschade von Steinach hatte den Unnamen des Vaters, aber nicht sein böses Gemüt geerbt. Des Vaters Sünden zu büßen und sich mit Kaiser und Reich zu versöhnen, nahm er das Kreuz und zog gegen die Sarazenen. Er half Smyrna belagern und erobern, vernichtete einen dreimal stärkern Haufen Feinde, hieb endlich dem Sultan, in dessen Hoflager er sich verkleidet eingeschlichen hatte, den Kopf ab und brachte die Beute zu seinem jubelnden Heere. Jetzt bestätigte ihm der Kaiser feierlich seine Ritterwürde, verlieh ihm seinen bisherigen Schimpfnamen »Landschaden« als ritterlichen und ehrlichen Geschlechtsnamen und gestattete ihm, den Kopf des erlegten Feindes als Helmzierde im Wappen zu führen. – In einer kleinen Stunde gelangt man von dem Dorfe Steinach nach dem Städtchen Neckargmünd, das, von der üppigsten Vegetation umgeben, an der Einmündung des tiefen, köstlichen Tales liegt, welches uns auf der beschatteten Straße oder dem sonnigen Fluß zur herrlichen Mauerkrone dieser gesegneten Gegend führt, zur Stadt und Ruine Heidelberg. Heidelberg Heidelberga Deleta – das vernichtete Heidelberg –, diese Umschrift erhielt, auf den Vorschlag Boileaus, die Kehrseite einer Münze, durch welche Ludwig XIV. im J. 1693 das Werk der Bosheit den Zeitgenossen als eine Heldentat verkündigen wollte. Mit welchen Empfindungen des Abscheues und Nationalhasses mußte der Anblick der rauchenden Trümmer vor bald anderthalb Jahrhunderten ein deutsches Herz erfüllen! Keine kriegerische Maßregel hatte zu jenen Verwüstungen gezwungen; der Plünderung der Stadt, der Zerstörung des Schlosses, das keinen militärisch wichtigen Punkt mehr darbot, lag nichts als Rachsucht zum Grunde. Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz hatte vor der Schwelle und in den Sälen seiner Hofburg den König Heinrich III. von Frankreich als Herzog von Anjou einst seinen Unwillen über die Greuel der Bartholomäusnacht empfinden lassen und den fürstlichen Gast einem Gemälde gegenübergeführt, das die Ermordung des Admirals Coligny darstellte. Ein Jahrhundert vermochte nicht das Andenken an die erduldete Schmach auszulöschen, und Ludwig XIV. machte dem unversöhnlichen Grolle mit der Brandfackel Luft. Er ahnte wohl nicht, daß das Andenken an diese Untat durch die Herrlichkeit der Ruine bald überstrahlt werden und daß die Pracht jener Trümmer den Glanz seines eigenen Stammes überleben würde. Wer denkt jetzt noch beim Anschauen dieser nur halb versunkenen Herrlichkeiten an die Motive ihrer Verwüstung; wer, wenn er die Riesenglieder der Heidelberger Ruine aus dem lachendsten Gebirgstale Deutschlands zum erstenmal aufsteigen sieht, könnte mit einem andern Ausdrucke als dem der Bewunderung und des Entzückens ausrufen: »Heidelberga deleta! ...« Auch war es des Himmels Wille, daß die Ruine in unverkümmerter Schönheit als solche fortbestehen sollte. Nach der gedoppelten Verwüstung durch die Franzosen (1689 und 1693) rührte dreißig Jahre lang keine Menschenhand an sie. Endlich, als Karl Philipp in Heidelberg sein Hoflager hatte (1718–1722), versuchte man es, die Baue wieder wohnlich zu machen; aber Karl Theodor besuchte das Schloß erst im 22sten Jahre seiner Regierung. Die ältesten Bewohner von Heidelberg erinnern sich noch, wie damals (1764) auf dem Schlosse bankettiert und das Riesenfaß, das um 1750 wieder gefüllt worden war, angestochen wurde. Schon war die neue Einrichtung eines der Paläste angeordnet, da entzündete und zertrümmerte in der Nacht nach Anwesenheit des Kurfürsten ein herabfahrender Blitzstrahl, was der Zerstörung durch den französischen Mordbrenner Mélac entgangen war, und bis auf wenige Gebäude des Innern wurde alles in Asche gelegt. In solcher Gestalt erhebt sich die Ruine seit 72 Jahren aus der üppigen Vegetation, mit welcher Natur und Kunst sie umgeben hat. Statt uns in Schilderungen zu versuchen, lassen wir einen unsrer größten Dichter den Eindruck wiedergeben, den diese in ihrer Art einzigen Trümmer in dem Beschauer hinterlassen. Bei dem ersten Anblicke so ausgedehnter Baulichkeiten kann man zweifeln, ob man wirklich Ruinen vor sich habe und nicht noch wohnliche Paläste: Es scheint ein Schloß – doch ist es keines. Du siehst vom hohen Bergesrücken Es stolz im Sonnenstrahle blicken, Mit Türmen und mit Zinnen prangen, Mit tiefem Graben rings umfangen, Voll Heldenbilder aller Orte, Zween Marmorlöwen an der Pforte; Doch drinnen ist es öd' und stille, Im Hofe hohes Gras die Fülle, Im Graben quillt das Wasser nimmer, Im Haus ist Treppe nicht noch Zimmer; Ringsum die Efeuranken schleichen, Zugvögel durch die Fenster streichen. Dort saßen mit der goldnen Krone Voreinst die Herrscher auf dem Throne, Von dort aus zogen einst die Helden, Von denen die Geschichten melden. Die Herrscher ruhn in Gräberhallen, Die Helden sind im Kampf gefallen; Verhallet war der Burg Getümmel, Da fuhr ein Feuerstrahl vom Himmel: Der reiche Schatz verging in Flammen, Gemach und Treppe fiel zusammen. Inwendig ward das Schloß verheeret, Doch außen blieb es unversehret. Sobald erlosch der Edeln Orden, Ist auch ihr Haus verödet worden. Doch wie noch die Geschichten melden Der Herrscher Namen und der Helden, So sieht man auch die Türm' und Mauern Mit ihren Heldenbildern dauern. Auch wird noch ferner manch Jahrhundert Das hohe Denkmal schaun verwundert Und jenes Schloß auf Bergesrücken Verklärt im Sonnenstrahl erblicken. Uhland, »Die drei Schlösser«. »Gedichte«, Xte Aufl., S. 357. Der Leser wird bemerken, daß nur die Hauptzüge dieser Schilderung vom Heidelberger Schloß entlehnt sind. Stadt und Schloß Heidelberg liegen in dem engen Tale, in welches hier, wenige Stunden vor seiner Mündung, der Neckarstrom, einem ungeheuren Waldbache ähnlich, durch die hohen Granit- und Sandsteinwände links des großen, rechts des kleinen Odenwaldes hineingezwängt wird; die Stadt so tief, daß sie des Schauspiels der aufgehenden Sonne entbehren muß; das Schloß am Fuße des Königsstuhles, des erhabensten Berges nächster Umgegend, auf Granitfels, 613 Fuß über dem Meere, 313 über dem Flusse. Das sich zersetzende granitische Gestein ist dem Pflanzenwachstume besonders günstig; daher die prächtigen Gruppen kraftvoller Bäume und der wohltuende Wechsel mannichfaltiger Schattierungen von Laub- und Nadelholz, der Efeu gedeiht auf dem Schlosse mit seltener Üppigkeit; große Trümmermassen der alten Feste werden von Efeu umschlungen und gleichsam zusammengehalten. Zunächst über dem Schlosse grünen saftige Kastanienwälder, und in dem ganzen Tale ist die Vegetation des Nordens und des Südens zauberisch ineinander verwoben. Doch versetzen wir uns einen Augenblick in die Zeit, wo die Kultur noch keines ihrer Wunder bewirkt hatte und Stadt und Schloß noch nicht stand. Damals war der Schloßhügel wohl nichts als ein mit Heidelbeeren überwachsener Berg, der dem spätem Orte den Namen gab. Arme Hirten und betriebsame Fischer siedelten sich allmählig am Berg und im Tale an. Dann kamen die Römer, brachten Wein und Ackerbau, dämmten den Fluß ein und machten ihn schiffbar und schirmten im dritten Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung die Ausmündung des Gebirgstales durch Schanzen und Kastelle gegen die Einfälle der Alemannen. Auf dem linken Neckarufer errichteten sie wahrscheinlich eine obere und eine untere Burg, an deren Stelle später das alte, jetzt bis auf den Namen verschwundene und das neue Schloß, die jetzige Ruine, kamen; am andern Ufer stand ein anderes Kastell auf einem Vorsprunge des Heiligenberges; durch Mauern waren die verschiedenen Festen miteinander verbunden; innerhalb der Mauern, wo jetzt die Stadt steht, lag ein größeres Fort, auf dessen Grund der ebenfalls uralte Marstall, den der Neckar bespült, erbauet ist; außerhalb liefen römische Heerstraßen am Königsstuhl hinauf, deren Überbleibsel am »Plattenwege« zu sehen sind. Nachdem die Römer aus der Gegend verschwunden, wuchsen allmählig die Hütten deutscher Ansiedler zu Flecken und Dorf zusammen, die vielleicht endlich eine karolingische Villa bildeten. Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts residiert der Hohenstaufe Konrad als erster Pfalzgraf bei Rhein in dem durch ihn verschönerten Orte, und Herzog Ludwig von Bayern, Sohn Ottos von Wittelsbach, empfängt später mit der Pfalz auch »Kastell und Städtlein Heidelberg« zu Lehen. Nun wurde Heidelberg Hauptstadt der Rheinpfalz und blieb es, wie ein Phönix von Zeit zu Zeit neu aus der Asche gewaltiger Feuersbrünste und Kriegsverheerungen emporsteigend, fünfhundert Jahre hindurch. In diesem langen Zeiträume gedieh auch Schloß Heidelberg zu der Herrlichkeit, die noch jetzt im Schutte so groß ist. Die ursprüngliche Form des Schlosses, wie dies aus den Überbleibseln alter Mauern hervorgeht, war ein ziemlich regelrechtes Viereck, das auf römischen Ursprung schließen läßt. In diesem mäßigen Räume gefiel sich ohne Zweifel noch Konrad von Hohenstaufen. Geschichtlich ist, daß die Kurfürsten Ruprecht I. und III. († 1390 und 1410) einzelne Teile des Schlosses erbauen ließen. Jener legte (1346) den ersten Grund zu einem der ältesten Denkmäler des Schlosses, zur Kapelle, die unter Friedrich I. (1470) erneut und im 17ten Jahrhundert unter Friedrich V. zum Königssaale umgeschaffen wurde, dessen Decke vier gewaltige Säulen trugen, und die seit der Franzosenzeit Ruine mit neuer Dachbedeckung ist. Von dem dritten Ruprecht, dem römischen Könige, rührt der Rupertusbau her, der gleich beim Eintritt in den innern Bau links ins Auge fällt und, mehrfach erneuert, gleichfalls seit 1689 in Trümmern liegt. An ihn schließt sich der »Alte Bau« an, von unbekanntem Gründer, doch wohl aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Aus derselben Zeit, von Friedrich I. gegründet und eine der höchsten Rückenseiten des Schlosses einnehmend, stammt der »Gesprengte Turm« von zwanzig Fuß Stärke. Galerie und Steingewölbe sind erst von 1603. Im J. 1689 widerstand dieser Pulverturm, wie für die Ewigkeit geschaffen, mit deutscher Kraft der Verheerung; nur ein Mauerstück konnte losgesprengt werden, das jetzt malerisch in der Tiefe liegt. Der ganze Umkreis zitterte vom Donner. Dem sechzehnten Jahrhunderte gehören die eigentlichen Prunkstätten der Verwüstung: der »Achteckige Turm«, vollendet um 1530, vom Blitz ausgebrannt 1764; der Bau Ludwigs V. (1524), mehrfach erneuert und auch erst seit 1764 Ruine; der Otto-Heinrichs-Palast, vollführt im J. 1556, ein Prachtbau, wie ihn kein Kaiser jener Zeit hatte, aber schon im Dreißigjährigen Kriege vom Brande stark beschädigt, später erneuert, von den Franzosen abermals und nach neuen Herstellungen vom Blitze (1764) zum drittenmal zerstört. Die Vorderfaçade ist in aller Pracht und Herrlichkeit des Zeitalters, in gutem Stile, mit unendlichem Fleiße von Künstlern verschiedener Lande ausgeführt und mit historischen Statuen und allegorischen Figuren in sonderbarer Zusammenstellung – David bei Venus, Tiberius und Brutus – verziert; der »Dicke Turm« (seine Umfangsmauern waren 16 Fuß stark), zum erstenmal aufgeführt vom Pfalzgrafen Ludwig 1533, bis zum Gurtgesims niedergerissen, neu aufgeführt und erhöht von Friedrich V. im J. 1619, von Mélac im J. 1689 gesprengt, stürzte seine Hälfte über die Stadt hinab. Die großartigen, von Efeu, aus dem zwei Fürstenstatuen schauen, dicht bewachsenen Trümmer ragen scharf abgeschnitten in die schwindlige Tiefe hinab und begränzen mit schroffer Linie den Niederblick ins Tal, den man hier nächst der herrlichen Fernsicht genießt. Aus dem siebzehnten Jahrhundert stammen der »Bibliothekturm« (1610), dessen kugelförmiges Dach gänzlich verschwunden ist, der »Friedrichspalast« (1601–1607) mit den lebensähnlichen Statuen der pfälzischen Ahnen in vier Abteilungen, von Karl dem Großen bis zu Friedrich IV., dem Erbauer, mehrere von den Schüssen der Schweden (1633) verstümmelt, einer noch im Stein von einem Geschosse getroffen und wie sterbend zusammengesunken. In diese Zeit gehört auch der an den »Dicken Turm« gränzende »Englische Bau« Friedrichs V., von einfachem, edlem Stile, einst Wohnung der Enkelin von Maria Stuart, der Tochter Jakobs I., der Gemahlin des unglücklichen Winterkönigs, mit dem schwebenden Luftgarten, niedergebrannt von den Franzosen. – Noch ziehen im Schloßhofe die Syenit- und Marmorsäulen des schon 1508 in Granit gesprengten Ziehbrunnens, Geschwister der Riesensäule im Odenwald und, wie sie, wahrscheinlich römischen Ursprungs, die Blicke des Wanderers auf sich, so wie Brücken, Schloßgraben, Batterien und unterirdische Gänge. Auf der schönen »Großen Terrasse« bewundert man den ältesten Baum der erneuten Schloßanlagen, die kolossale Thuja occidentalis, die im J. 1618 gepflanzt wurde, mithin schon ins dritte Jahrhundert hinüberreicht, und freut sich der herrlichen Aussicht. Den schönsten Standpunkt für einen Überblick der Stadt und der weiten Rheinebene bis über Mannheim hinaus, zu der blauen Vogesenkette, gewährt jedoch in der Nähe des »Dicken Turmes« der »Große Wall«, später der »Stückgarten« genannt, den die abziehenden Franzosen zu Mélacs blutiger Zeit ebenfalls zu sprengen versucht hatten. Von seinen Ruhesitzen herab, über das Geländer hinausgelehnt, wollen auch wir einen Blick auf die Merkwürdigkeiten der Stadt wagen. Unter den öffentlichen Gebäuden ruht unser Auge mit besonderem Interesse auf der ältesten Kirche der Stadt, zu St. Peter, wo Hieronymus von Prag, der treue Gefährte des berühmten Hus, 1406 seine Thesen anschlug und auf dem nahen Totenhofe vor versammeltem Volke verteidigte. Vor der Kirche schläft unter vielen andern, deren Denksteine Tränenweiden überschatten, auch der große Philolog Friedr. Sylburgius († 1596) und in der Kirche unter ebenso vielen der erste Rektor der Universität, Marsilius ab Zeghen † 1396). Geschichtlich merkwürdig ist auch die Kirche zum heiligen Geist, die Hauptpfarrkirche der Stadt, an der drei Fürsten bauten, die in ihren dunkeln Schoß ganze Geschlechter alter Pfalzgrafen und Kurfürsten aufgenommen hatte und an welcher die Franzosen zu Mordbrennern und Tempelschändern geworden sind. Später wurde die Kirche die Ursache großer Zerrüttungen und Religionsstreitigkeiten. – Bei der Providenzkirche ist das Grab der Dichterin Rudolphi, und in der modernen Jesuitenkirche ruhen die Gebeine Friedrichs des Siegreichen, nachdem sie vor der französischen Gräberplünderung in das Kloster geflüchtet worden waren. Heidelberg Von den Toren zeichnet sich das auf die Neckargmünder Straße führende, auch auf unserm Bilde sichtbare luxuriöse Karlstor aus, das im J. 1775 mit großer Verschwendung städtischer Gelder aufgeführt wurde. Die schöne Neckarbrücke ist neu; den letzten Pfeiler der durch die Franzosen gesprengten älteren rissen die Wasserfluten des Jahres 1784 mit sich fort. Die neue Brücke, 700 Fuß lang und 30 breit, wurde 1786–1788 gebaut; am 16. Oktober 1799 wurde sie vergeblich mit siebenfachem Sturm von den Neufranken angegriffen; sie gewährt einen herrlichen Standpunkt, zumal für das Schauspiel der untergehenden Sonne, wo die niedern Berge schon in Dunkel gehüllt sind, die Höhen noch von lebhaftem Lichte strahlen, der Neckar im Purpur der Abendröte glüht, das ferne Haardt-Gebirge wie mit Gold überdeckt erscheint und aus der Mitte der Landschaft düster und feierlich groß die Schloßruine sich erhebt. Noch vereinigt die kleine Stadt, deren lange, belebte, mit schmucken Kauf- und Kramläden prangende Hauptstraße an das große Paris erinnert, aus wissenschaftlichem und anderem Gebiete vieles Denk- und Sehenswürdige. Die Universität, von Ruprecht I. 1386 gestiftet, 1803 von Karl Friedrich von Baden erneuert, durch zufällige Umstände gegenwärtig minder besucht, besitzt einen Kreis der berühmtesten Lehrer und Gelehrten Deutschlands. Ein schönes Museum ladet zur Geselligkeit ein; viele Fremde, besonders Engländer, haben ihren längern oder kürzern Wohnsitz in der freundlichen Neckarstadt aufgeschlagen, und das ausgezeichnete Privatinstitut des Dr. Kaiser beherbergt in Mehrzahl junge Briten. Der deutsche Dichter denkt mit wehmütiger Rührung an die schöne Zeit von 1806–1811 zurück, wo Heidelberg der Sammelplatz der reichsten Geister war, eine junge, begeisterte, selbst in ihrer Keckheit liebenswürdige Schule hier einen ihrer blühendsten Sitze hatte und die Presse von Mohr und Zimmer das Vaterland mit den schönsten Werken der Poesie und Kritik erfreute. Nicht lange vorher hatte Friedrich Hölderlin, der tiefsinnigste deutsche Lyriker, die Ode gesungen, die dieser Schilderung nicht fehlen darf: Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust, Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied, Du, der Vaterlandsstädte Ländlich schönste, so viel ich sah. Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt, Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt, Leicht und kräftig die Brücke, Die von Wagen und Menschen tönt. Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst Auf die Brücke mich an, da ich vorüberging, Und herein in die Berge Mir die reizende Ferne schien; Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog, Traurig froh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, Liebend unterzugehen, In die Fluten der Zeit sich wirft. Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen Kühle Schatten geschenkt; und die Gestade sahn All' ihm nach, und es bebte Aus den Wellen ihr lieblich Bild. Aber schwer in das Tal hing die gigantische Schicksalskundige Burg, nieder bis auf den Grund Von den Wettern gerissen; Doch die ewige Sonne goß Ihr verjüngendes Licht über das alternde Riesenbild, und umher grünte lebendiger Efeu; freundliche Wälder Rauschten über die Burg herab; Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal, An den Hügel gelehnt oder dem Ufer hold, Deine fröhlichen Gassen Unter duftenden Gärten ruhn.   Die Umgegend Heidelbergs ist nicht minder gepriesen und preiswürdig als Schloß und Stadt. Wer kennt die Namen »Heiligenberg«, »Königsstuhl«, »Neuenheim«, »Handschuchsheim«, »Riesenstein«, »Stift Neuenburg«, »Ziegelhausen« und »Wolfsbrunnen« nicht, und wem, der einmal in Heidelberg verweilt hat, knüpfen sich daran nicht die anmutigsten Erinnerungen? Während Heidelberg voll von historischen Denkmalen ist, hat sich die Sage mit ihrem dichterischen Zauber nach dem Wolfsbrunnen zurückgezogen, einem romantischen Talwinkel mit spiegelklarem Weiher, nach Schweizerart gebauter Herberge und waldiger Umgebung, der nur ein paar die Bergwände überragende Gletscher fehlen, um den Wanderer ganz in die Schweiz zu versetzen. Hier läßt das Volk die heidnische Zauberin Jetta, die ihren Wohnsitz auf dem Jettenbühl beim Schlosse hatte und hier, eine zweite Veleda, auf dem pythischen Stuhle saß, auf einem Wandelgange Labung an kühler Quelle suchend, von einer Wölfin zerrissen werden. Die Dichterin Amalie Helvig hat diese Sage behandelt. Der Vater der modernen deutschen Poesie, Martin Opitz, hat dem stillen Platze auch ein schönes Sonett gewidmet, das »den edeln Brunnen« besingt, »mit Ruh und Lust umgeben, mit Bergen als einer Burg umringt; dessen Wasser anmutiger denn Milch und köstlicher denn Reben ist«. »Nicht umsonst«, sagt er, »ist dieses grüne Tal überall von Gebirge beschlossen; Die künstliche Natur hat darum dich umfangen       Mit Felsen und Gebüsch, auf daß man wissen soll, Daß alle Fröhlichkeit sei müh- und arbeitvoll       Und daß auch nichts so schön, es sei schwer zu erlangen.« Die Ansicht des Schlosses, der Stadt mit ihren merkwürdigsten Teilen, der Brücke, des Stroms und der Berge verdankt Herr L. Mayer der großen Güte des Herrn Geheimenrats R. C. von Leonhard, der ihm mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit seinen herrlich gelegenen Berggarten, welcher die Aussicht auf die südliche und westliche Seite der Ruine gewährt, zur Wahl eines Standpunktes überlassen hat. Desselben Gelehrten reichhaltigem, geistvoll angelegten und ausgeführten »Fremdenbuche für Heidelberg und die Umgegend« (Heidelb., Groos, 1834) dankt dieser Aufsatz nicht nur die wichtigsten Notizen, sondern auch die blühendsten Farben seiner Beschreibung. Das Schloß, wie es in allen seinen Teilen vor der Zerstörung war, lernt der Freund des Altertums vollständig kennen aus dem (Heidelberg, bei Oßwald 1829 erschienenen) mit 24 trefflichen, in Aquatinta von C. Rordorf gestochenen Kupfertafeln versehenen Prachtwerke von Herrn Universitätsgarteninspektor J. Metzger. Doch wir wollen dieses Blatt mit keiner Notiz, sondern lieber mit dem frischen Worte des Dichters schließen. »Es gibt Gegenden«, sagt L. Tieck, »bei denen uns ist, als hätten sie schon seit Jahren mit rechter sehnsüchtiger Liebe auf uns gewartet oder als sei lange unser Geist dort schon einheimisch gewesen, so bekannt, so lieb ist uns alles; dieser schöne Ort mit seiner herrlichen Ruine, dann Baden-Baden und die Neckartäler, vorzüglich die Gegend um den Hornberg, ist nächst den Rheinufern das Lieblichste, was ich in Deutschland kenne.« Zweite Reise Die Alb und Mittelschwaben Bronnen im Donautal – Blaubeuren – Hohenstaufen und Rechberg – Der Reißenstein – Urach – Schlößchen Lichtenstein – Die Nebelhöhle – Burg Hohenzollern – Haigerloch – Tübingen – Eßlingen   Das Schlößchen Bronnen im Donautale Den schiffbar gewordenen Donaustrom, wie er von Ulm breit ausgehend seine Länderfahrten unternimmt, überlassen wir einer eigenen Sektion und einem andern Beschreiber in unserm Werke. Aber das liebliche Tal, das er als klarer Wiesenbach durchirrt, gehört unserm Schwaben an; und als Repräsentanten dieser weniger besuchten und doch an malerischer Mannichfaltigkeit so reichen Gegenden hat der Künstler das kühn und romantisch gelegene Schlößchen Bronnen mit seinen Felsenumgebungen gewählt, das wir in unserm Texte mit dem übrigen Donautal in die nötige Verbindung bringen wollen. Die Donau, von Abend gegen Morgen strömend, entspringt aus drei Quellen. Die kleinste derselben, die vor dem Schlosse der Fürsten von Fürstenberg zu Donauöschingen in einer viereckigen Einfassung von Quadersteinen sprudelt, gilt für die Hauptquelle, und der Bull jenes Österreichers ist bekannt, der die Röhre des Schloßbrunnens zu Donauöschingen mit der Hand zuhielt und lachend ausrief: »Schauen S', wie werden die Wiener sich wundern, wenn die Donau ausbleibt!« Bedeutendere Quellen, aber nicht mit dem Namen der Donau gezeichnet, sind die Breg und die Brigach, welche, beide im Schwarzwalde, die erstere bei Furtwangen, unweit Triberg, die letztere bei Sankt Georgen entsprungen, nicht fern von Donauöschingen sich mit jener ersten Quelle vereinigen. Jeder dieser drei Ursprünge hat als Donauquell seine Verteidiger gefunden. Der alte Pegnitzschäfer Siegmund von Birken wollte mit dem österreichischen General Marsigli den Österreichern die Donau gleich von ihrem Ursprung an vindizieren und nahm deswegen die Quelle der Breg hinter dem damals österreichischen Furtwangen als Hauptquelle an; der berühmte Geograph Joh. Maier dagegen suchte die natürlichste Quelle der Donau in der Brigach bei Sankt Georgen. Wieder andere wollten aus dem celtischen Worte Dona, was »zwei Flüsse« bedeuten soll, schließen, daß die Vereinigung der Breg und Brigach bei Donauöschingen die wahre Donauquelle sei. Die Alten endlich suchten die Quelle der Donau in dem ehemals beträchtlichen, jetzt aber ausgetrockneten Weiher, der sich zwischen Donauöschingen, Asenheim und Pfohren befand, alle Flüßchen vom östlichen Abhange des Schwarzwalds aufnahm und dadurch ein beträchtliches Wasser bildete. Welche von allen diesen Quellen der Caesar Tiberius auf seinem Zuge gegen die Vindelizier besucht und welche somit von den Römern die Sanktion des klassischen Altertums als Donauquelle erhalten habe, bleibt ungewiß. Denn der Geograph Strabo, der von jener Reise erzählt, sagt in seinem siebenten Buche (zu Anfang) nur, Tiberius sei vom Bodensee eine Tagereise weit gegangen, um (in der Nähe des Herzynischen Waldes) die Quellen des Isters – Strabo braucht ausdrücklich die Mehrzahl – zu schauen. Die kürzeste Tagreise, da Tiber sich keines Eilwagens bedienen konnte, war allerdings die nach dem Weiher bei Pfohrheim oder nach der Quelle zu Donauöschingen. Diese letztere zeigt sich schon in ihrem Ursprunge dienstbar und netzt in anmutigen Schlangenlinien dem Fürsten von Fürstenberg seinen einfach und schön angelegten Schloßgarten. Die bei Pfohrheim verbundenen Quellen, die jetzt den Donaunamen entschieden tragen, machen eine nach Süden eingebogene Krümmung bis zu dem Dorfe Geisingen und wenden sich dann nordöstlich gegen das württembergische Städtchen Tuttlingen, das vor dreiunddreißig Jahren abgebrannt und nun sehr reinlich gebaut ist. Die Gegend ist hier kahl und bietet noch nichts Interessantes dar. Bei Tuttlingen erweitert sich der Donaubach durch den Einfluß der Elta oder Eltach, und nun begränzen ihr Gestade zu beiden Seiten Berge, von welchen die des linken Ufers der südlichen Abdachung der Schwäbischen Alb angehören. Bald unterhalb Tuttlingen werden die Umgebungen des Flüßchens reizend; auch setzt dieses schon einen Eisenhammer bei Ludwigstal in Bewegung. Bei dem Städtchen Mühlheim, das eine Wallfahrtskirche und zwei Schlösser dem Fluß entgegenhält, nimmt dieser eine östlichere Richtung an, biegt bei der kleinen Stadt Fridingen südlich ein, um dann ganz westlich zu fließen. Hier beginnen die eigentlich romantischen Partien des Donautals. Auf dem rechten Ufer zeigt sich bald in einem seiner wildesten Seitenwinkel auf einer steilen, von drei Seiten freien Anhöhe die Ruine des Schlosses Kallenberg, auf sigmaringischem Grund und Boden. Es bildete eine eigene kleine Herrschaft und steuerte einst zum Kanton Hegäu. Gewaltige Türme und Mauerringe von wahrhaft zyklopischen Steinen laden den Wanderer ein, den waldigen Bergriß emporzuklimmen und den Vorsprung nicht unbesucht zu lassen, auf welchem die mächtigen Trümmer liegen, von welchen man einen tiefen Niederblick auf die blaue Donau und die gegenüber starrenden Felsenwände hat. Ins Tal zurückgekehrt, wandelt der Reisende nicht lange an der bebuschten und rings von Bergen eingeschlossenen Donau fort, denn bald ladet ihn ein breiter, oben zwischen turmhohe Felsen durchgehauener Bergpfad zur Besteigung der Höhe ein, von welcher das hier abgebildete Schlößchen Bronnen, gar keck auf Felsenspitzen hingestellt und mit dem festen Lande nur durch eine Zugbrücke verbunden, wie ein schwebender Vogel mit den oft über diesem Tale kreisenden Reihern und andern Waldvögeln von seinem Steinhorste nieder ins Tal blickt, dessen friedliche Felsentiefe mit Wiesen und einsamen Gehöften unser Bild so treu und malerisch wiedergibt. Nur die herrliche Lage dieses Jagdschlößchens, mit welchem ein Meierhof, ein Jägerhaus und eine Mühle verbunden sind, hat seine Aufnahme in die Reihe dieser Bilder bestimmt. Geschichtliches von Bedeutung weiß der Verfasser nicht zu melden; er hat nicht einmal das Geschlecht erkunden können, das hier gehauset hat. Einst gehörte Bronnen zur Enzbergschen Grafschaft Mühlheim. Jetzt ist es ein württembergisches Schloßgut und zu dem Städtchen Fridingen als Mutterort gehörig. Auf der andern Seite des Berges führt ein Wald von schlanken Buchen wieder nach dem Donautale hinab, und wir gelangen zu dem ehemaligen, uralten Kloster Beuron. Die erste Ansiedelung auf einem Hügel soll hier von einem Amtsherzoge Kaisers Karl des Großen herrühren und schon im Jahre 777 nach Chr. entstanden sein. Noch heißen zwei Felsen und der Platz, auf dem das alte Kloster stand, Altenburren und Bussenburren; das letztere leitet man von der Wohnung des Gründers auf dem Bussenberge bei Riedlingen – jener ersten Warte für die Alpenaussicht – her. Das alte Kloster dauerte bis in den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. Im J. 1077 gründete nun ein schwäbischer Fürst, den die Sage Peregrinus nennt, auch das in seinen Gebäuden noch bestehende Kloster im Tale, das, von einem Kollegium regulierter Chorherren vom Orden Sankt Augustins besetzt, als unmittelbares Reichsstift bis zur Säkularisation sämtlicher Klöster blühte und mit dem tiefgelegenen Gebirgsdorfe Bärenthal und Ensisheim zusammen eine Herrschaft bildete. Es war bis zu seiner Aufhebung wegen der eifrigen Seelsorge seiner Mönche berühmt, und man zählte jährlich in der Beuronschen Stiftskirche gegen zwanzigtausend Kommunikanten. Von den gelehrten Studien seiner Geistlichen zeugen viele im Druck erschienene Schriften und Dissertationen. Bronnen Die Kirche samt den Klostergebäuden und die hohen Mauern bilden noch eine Zierde der einsamen Gegend. Auch führt hier eine hübsche, gedeckte Brücke über die Donau. Nahe dem Kloster gegen Morgen erhebt sich eine Kette von Felsen, an deren Fuße die Donau hinfließt. Oben ist weites, ebenes Feld, das sich bis gegen das Städtchen Pfullendorf hinzieht. An dieses Feld heftet sich der Name Altstatt, das heißt: alte Wohnstätte; ein Name, womit gewöhnlich römische Niederlassungen, die später verschwanden, angedeutet werden; auch hat man wirklich auf diesen Äckern viele Altertümer gefunden, und die Gelehrten suchen hier ein altes römisches Kastell, Pragodurum. Neben dieser Felskette steigt in der Gestalt eines abgekürzten Kegels ein achtzig Fuß hoher, steiler Fels aus der Donau empor. Er bildet den in die Mauersteine ganz verwachsenen Grund der Bergfeste Wildenstein und hängt mit dem festen Lande gar nicht zusammen. Diejenigen Teile der Gebäude, welche nicht aus der Masse des Grundgesteins bestehen, sind durch 24 Schuh dicke Mauern ersetzt. Die Dachstühle hängen in eisernen Schrauben, so daß die Häuser sie im Notfall, wie einen Hut, abwerfen und dadurch alle Feuersgefahr vermieden werden konnte. Um in die Feste gelangen zu können, mußte ein gegenüberstehender Fels aufgemauert und durch Aufziehebrücken einerseits mit dem festen Lande, andererseits mit Wildenstein verbunden werden. Waren diese Brücken aufgezogen, so konnte das Schloß nicht eingenommen werden; auch mochte es dem Hunger lange widerstehen, denn im Innern des Schlosses befand sich ein Brunnen, eine Pferdemühle, ein großer Mehlkasten, ein Zeughaus, eine Schmiede, Kasematten und Stallungen. Vor Zeiten führte aus der Feste ein bedeckter Gang bis ins Donautal, dessen Ausmündung noch unten am Berge gezeigt wird. Für die Sage, daß diese Burg ursprünglich ein Sitz der Wilden von Wildenstein gewesen, läßt sich keine Urkunde anführen. Von ihnen soll Burg und Herrschaft an die von Gundelfingen, dann an die Freiherren von Zimmern gekommen sein. Urkundlich ist, daß die Pfalzgrafen bei Rhein gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts Lehensherren der Festung waren und im J. 1487 Johann Werner von Zimmern vom Kaiser Friedrich III. die Erlaubnis erhielt, sich Herr zu Wildenstein zu schreiben und das Wappen der Wildensteine, da die Familie Wildenstein von Wartenberg, deren Schloß in der Baar gelegen, vor kurzem ausgestorben war, neben dem Zimmernschen zu führen. Mit kurzer Unterbrechung blieb diese Familie im Besitze der Burg, bis ihr Mannsstamm im J. 1594 erlosch, worauf die Feste an die Grafen von Helfenstein und mit deren Erlöschen (1627) an das Haus Fürstenberg überging, welches dieselbe unter Badenscher Oberlandeshoheit noch heutzutag inne hat. Im 17ten Jahrhundert wurde Wildenstein bei jeder Feindesgefahr mit einer Besatzung versehen. Eine Kriegslist brachte die Festung im Dreißigjährigen Kriege in den Besitz eines von der schwedisch gesinnten Hohentwieler Besatzung abgeordneten kleinen Korps (10. Aug. 1642), aus welcher dieses jedoch schon am 4. Sept. wieder infolge einer Kapitulation auszog. Nun hielten sie wieder Österreicher und Bayern besetzt, und endlich wurde sie gegen das Schloß Langenargen am Bodensee ausgewechselt, welches die Schweden bisher innegehabt hatten. Damals genoß diese Bergfeste einen solchen militärischen Ruhm, daß der berühmte Topograph des 17ten Jahrhunderts, Merian, sie in Kupfer gestochen und der Zeilerschen Topographie von Schwaben einverleibt hat. In späterer Zeit wurde die Burg zu Aufbewahrung von Staatsgefangenen gebraucht. Sie hat noch ihre eigene Gemarkung und ist zum nahen Dorfe Leibertingen eingepfarrt. Jenseits der Donau sieht man auf einem hohen Berge, welcher die Gestalt einer Pfanne hat, das Mauerwerk eines andern alten Schlosses, das im Munde des Volkes noch Pfannenstiel heißt; ihm gegenüber stand ein anderes, jetzt nur noch an Gräben und Vertiefungen erkennbares Schloß, dem die Umwohner den Namen Kreidenstein geben. Auf diesem linken Ufer der Donau gelangt man bald an den Fuß eines Felsen, den eine andere Zierde des Tales krönt, das uralte Schloß Werrenwag, dessen alter, urkundlicher Name jedoch Werbenwag ist und um der Erinnerungen willen, die sich an denselben knüpfen, wiederhergestellt zu werden verdiente. An dem Fuße des Berges zieht sich malerisch der Weiler Langenbronnen mit einer Mühle und zerstreuten Häusern hin. Das Schloß selbst liegt auf einem sehr kühnen Felsenvorsprung, der nach drei Seiten her in das köstliche romantische Tal, auf Wald, Wiese und Fluß hinab und hinüber gegen Wildenstein und die hohen Felswände des Tales überraschende Aussichten gewährt. In die Tiefe namentlich kann man nicht ohne Schwindel blicken. Das Schloß, zuletzt aus freiherrlich von Ulmschen Besitz an das Haus Fürstenberg übergegangen, ist, mit altertümlichen Zimmern, Sälen und labyrinthischem Einbau, in wohnlichem Stand erhalten. Von diesem Schlosse stammt der Minnesänger Hug von Werbenwag, dessen Blüte in die Jahre 1260–1275 zu setzen ist, wie denn Herr Archivrat Mone in Karlsruhe ihn und seinen Bruder Albrecht von Werbenwag in einer Urkunde der siebziger Jahre des 13ten Jahrhunderts gefunden hat. Seine Lieder in dem Manesseschen Codex (II 49, 50), sechs an der Zahl, gehören zu den lebendigsten der Sammlung, sind von empfindungsreichem Humor eingegeben und zeugen von stolzer Gewalt über Silbenmaß und Sprache. In dem ersten Liede besingt er die minnigliche Rosenröte der lieben Wängelein der Geliebten und beklagt ihre Sprödigkeit. Er will gehen und sie bei dem Könige verklagen, daß sie seinen Dienst für gut nahm und ihm doch weder Trost noch Hülfe tut. Läßt der König es ungerichtet, so hat er Mut zum Kaiser. Nun fürchtet er aber, daß ihm und der Geliebten ein Kampf vom Gerichte aufgelegt werde: Muos ich danne vehten (fechten), dast (das ist) ein not! Kume ich sluege (kaum schlüge ich) ir wengel unt ir munt so rot. So ist ouch laster (Schimpf), sieht (wenn mich schlägt) ein wib mich one wer (ohne Wehr) im kampfe tot! Wiegt es König Konrad und der Kaiser gering, so will er vor den jungen König aus Thüringenland und am Ende gar vor den Papst gehen, der wohl die geeignetste Behörde sein möchte, einen solchen Handel auszutragen. Im letzten Vers aber antwortet die Geliebte selbst. Ihr Sinn ist milder geworden. »Dir ist Minne besser denn Recht!« spricht sie und bittet den Freund, der so sehr zürnte, noch lange in ihrem Dienste zu leben. Sieht man dieses einfache Lied näher an, so findet sich in seinen historischen Beziehungen eine tiefe Ironie enthalten. Der König, an welchen sich Herr Hug von Werbenwag wenden will und der ihm zum Besitze der Geliebten verhelfen soll, ist König Konrad, d.h. der unglückliche Konradin, der seit 1253 (bis 1269) dem Rechte nach römischer König war; aber dieser hatte das Reich im voraus verloren und konnte kaum sich im Besitze eines Teiles seiner Erbgüter erhalten. Der Kaiser, an welchen der Dichter appellieren will, war während des großen Interregnums jener Zeit, wo niemand wußte, wer Koch oder Kellner im römischen Reiche sei, höchst zweifelhaft. Appelliert der Liebende an Alfons von Kastilien oder an Richard von Cornwall? Der Spötter läßt es ungewiß. Wenn dieser problematische Kaiser ihm nicht hilft, ist er gesonnen, sich an »den jungen künig us Düringen lant« zu wenden. Dort aber war weit und breit kein König zu finden, wohl aber hatte der arme, junge Herzog von Thüringen, Sohn Sophiens von Brabant, eben damals auf ganz Thüringen verzichtet (1263) und war ein länderloses Kind. Da ihm wahrscheinlich auch dieser junge König nicht helfen wird, ist er entschlossen, sich an den Papst zu wenden. Aber, ach! Urban der IV. ist gestorben, und der päpstliche Stuhl steht leer (? Okt. 1264 – 4. Febr. 1265). So findet er nirgends einen Richter, weder einen weltlichen noch einen geistlichen, und muß sich sehr glücklich preisen, daß seine Drohung bei der Geliebten dennoch ihre Wirkung nicht verfehlt. Wenn diese unsere Erklärung richtig ist, so muß dieses Gedicht des Minnesängers zwischen den 2. Okt. 1264 und den 4. Febr. 1265 fallen. Im vierten Liede klagt Herr Hug, daß seiner »Frauen« die Sprache, in der er singt, unbekannt sei; so ist auch das sein Mißgeschick, daß, was er ihr in Schwaben singt, sie einem im Frankenlande gibt! – Im fünften und sechsten Liede überbietet sich die Sprache, den Maien nach Würdigkeit zu singen. »Der Sommer kommt sommernd mit wonniglicher Wonne«, singt der Dichter des Donautals; »mancher Wald laubt von Laube; die Blumen beblümen das Feld; süße Töne tönen die Vögel; mit schöner Grüne grünet das Tal; aus Röte glaset rot; in brauner Bräune purpurfarb steht der Mai, hier gelber gelb, dort blauer blau, da Lilienschein weißer als weiß; Gott färbet Farbe viel der Welt!« Möge in solchem Glanze des Dichterlenzes das Donautal jeder schauen, der in diese selten besuchten Schönheiten der schwäbischen Natur seine Schritte zu vertiefen sich die Mühe nimmt! Unterhalb Werbenwag folgt die Straße am linken Ufer den Schlangenwindungen der Donau; sie führt nach einer Stunde an der Ruine des Bergschlosses Falkenstein vorüber. Die ältesten Bewohner dieses Schlosses waren die Edeln von Magenbuch. Dann ging es von Geschlecht zu Geschlecht, bis es mit Moss nach Erlöschen des Zimmernschen Stammes an Helfenstein und mit diesem 1627 an Fürstenberg kam. Bei dem Eisenhammer Thiergarten geht die Straße auf einer Brücke auf das rechte Donauufer über und tritt bei den fürstlich Sigmaringenschen hübschen Anlagen zu Inzigkofen aus den malerischen Gebirgsgründen mit dem Flusse heraus, wo zwischen niedrigeren und kahleren Hügeln Sigmaringen, die Hauptstadt des gleichnamigen Fürstentums, immer noch anmutig gelegen, sichtbar wird. Blaubeuren Wir befinden uns hier in einem Tale, das ganz der südöstlichen oder der Kehrseite der Schwäbischen Alb angehört, an deren Fuße wir schon bei dem Schlößchen Bronnen und im Donautale gestanden haben. Diese Seite des Albgebirges ist großenteils weit rauher und einförmiger, dazu niedriger und minder charakteristisch als der schroffe Abfall der nordwestlichen Seite, mit dem diese Blätter unsere Leser bald vertraut machen werden. Der Obstbau hat fast gänzlich aufgehört, und die steinigen Äcker geben wenig gute Frucht. Wer von den Höhen der Alb diesem Tale sich nähert, glaubt gewiß nicht, daß hier eine Ausbeute für unser malerisches Deutschland zu finden sei. Und doch, was vermögen nicht Wasser und Felsen aus einer Gegend zu machen! Wirklich liegt Stadt und Kloster Blaubeuren in einem engen, tiefen, äußerst malerischen Tale und bildet, wie unsere Darstellung durch den Künstler zeigt, ein höchst romantisches Landschaftsgemälde. Hohe, mit tausendjährigen Felsen und Ruinen alter Schlösser gekrönte Berge umschließen den Gesichtskreis, bis ins Tal und die Ebene herab steigen die Steinklippen, drängen sich in die Stadt herein und mischen sich unter die Häuser. Das ganze Gebirge besteht aus Kalkstein und blaßgelbem, klüftigem Marmor. Sein Gestein umlagert auch die geheimnisvolle, nach der Sage des Volkes unergründliche Quelle des hier entspringenden Bergflüßchens, das der Stadt seinen Namen gegeben hat und von seiner Farbe mit vollem Rechte die Blau heißt. Sie nimmt noch in der Stadt selbst die Aach und bei Herrlingen die Lauter auf, bildet das vier Stunden lange, felsgeschmückte, wald- und wiesenreiche Blautal, durchströmt einen Teil der Stadt Ulm und fällt dort in die Donau. Der Ursprung derselben, hinter dem Kloster Blaubeuren, das sich in seinem Wasser spiegelt, am Fuße des steilsten Albgebirges, heißt der Blautopf. Er ist ein merkwürdiges, von der Natur geformtes Bassin von 125 bis 130 Fuß im Durchmesser, aus dem die Quelle des Flusses grünblau – ob von der Beschaffenheit des Wassers oder von der eingeschlossenen Umgebung gefärbt, ist unentschieden – hervorquillt. Die Sage von seiner Unergründlichkeit ist längst widerlegt. Georg Bernhard Bilfinger, der nachmalige Geheimerat, der seinerzeit mit so vielem Glücke die Tiefen der Weltweisheit erforschte, hat schon im Jahre 1718 das Senkblei in diesen Born hinabgelassen; eine Messung unserer Tage gab als Resultat die immerhin bedeutende Tiefe von 71 Fuß. Dies Bassin stößt so viel Wasser mit so viel Gewalt von sich, daß der Fluß nur dreißig Schritte davon zwei Mahlmühlen und bald darauf eine dritte treibt; die Quelle behält auch bei der größten Dürre so viel Wasser, daß in jeder Mühle wenigstens ein Rad geht. Bei abgehendem Schnee oder starkem Regen füllt sich der Kessel, das Wasser wird lehmig und braust, daß man es weithin hört, es wirft sich in die Höhe und sprudelt wie in einem siedenden Topfe. Es ist daher nicht unglaublich, daß ein Teil des sich auf der Alb sammelnden Regen- oder Schneewassers sich von unten herauf in diese Quelle ziehe und der Blautopf mit den vielen Erdfällen der Alb in unmittelbarem, unterirdischem Zusammenhang stehe. So viel Wasser dieser Kessel ausgießt, so ist doch bei ruhigem Wetter kein Ausfließen sichtbar, die Oberfläche erscheint ruhig und spiegelglatt, und kaum bemerkt man über der Mitte, dem Berge zu, drei Ringe, welche das aufsteigende Wasser bildet. Schwimmvögel, die die Quelle durchschneiden, sieht man an dieser Stelle stärker rudern. Bei dem größten Wasser, das sich seit Menschengedenken aus dieser Quelle ergoß, im Jahre 1784, konnte man nur von einiger Höhe den Stoß der Wellen entdecken. Dennoch soll, einer Sage zufolge, der überströmende Topf im Jahre 1641 Stadt und Kloster mit dem Untergange bedroht haben und die Nymphe des Quells nur durch die Opferung zweier vergoldeter Becher versöhnt worden sein. An der Abendseite wird das Bassin von einem aus Quadern erbauten Wehr beschlossen, in welchem Schleusen stehen, die beim allzu starken Andrange des Wassers geöffnet werden. Bei diesem Wehr steht ein Brunnenhaus mit Druckwerk, welches die Brunnen der Stadt und des Klosters aus dem Blautopfe speist. Während die Blau selbst an manchen Stellen des Winters mit Eis bedeckt wird, überfriert die merkwürdige Quelle niemals. Blaubeuren Die Ruinen zwei berühmter Bergschlösser, Ruck und Gerhausen, krönen die Felsberge, die über der Stadt emporsteigen. Ruck oder Rugge war ohne Zweifel das Stammschloß der Pfalzgrafen von Tübingen, und es bleibt ungewiß, ob sie, aus Hohenrätien stammend, hierher gezogen oder ob ein Zweig derselben, von hier aus nach Rätien übersiedelnd, dort das Haus Ruchaspremont gegründet hat. Uns ist das erstere wahrscheinlicher, da schon die Römerwelt Rucinaten und Rugusker als Alpenstämme kannte. Von den drei Pfalzgrafen von Tübingen, Hugo, Anselm und Sigibotho, Gebrüdern, welche das Benediktinerkloster, das sie in einer Einöde gestiftet hatten, nach Blaubeuren verlegten und ihm hier im J. 1085 die Sankt-Johannis-Kirche einräumten, schrieb sich Sigibotho Graf von Rugge. Sein Sohn hieß Siegfried, sein Enkel Hermann. Nach diesem scheinen sich die Pfalzgrafen ganz nach Tübingen gezogen und den Geschlechtsnamen Rugge aufgegeben zu haben. Sie hatten auf ihrer Stammburg nur noch Advokaten oder Vögte; diese, so wie Dienstleute und Truchsessen von der früheren Hofhaltung her, legten sich nach der Sitte damaliger Zeit jetzt den Namen von Rugge bei. Unter solchen ist wohl auch der Minnesänger »Her Heinrich von Rugge« zu suchen, der bei Manesse (I 97–100) erscheint und ziemlich reichlich zu Rüdigers Sammlung beigesteuert hat. Er singt die jubelnden Worte von seiner Geliebten: Min lip von liebe mac ertoben Swenne ich das allerbeste wip So gar ze guote höre loben, Diu nah in minem herzen lit! Er hatte wohl Ursache, von seinem Schlosse herab (wenn er anders dort hausen durfte) im Winter zu singen: »Nun steht die Heide lange fahl. Der Schnee hat sie zu einer einzigen Blume gemacht. Die Vögel trauern überall.« Doch wenn ein Weib ihn tröstet, dann »will ein schöner Sommer kommen; seine Klage ist sanfter, den Vogel hat er viel vernommen, und der grüne Wald steht mit Laube«. Aber der gute Sänger, der sonst nur dem wonniglichen Vögelein horcht, das dem ohne Maß langen Winter ein Grablied singt, hat auch ein Ohr für den Jammer und die Not der Welt. »Die Welt will mit Grimm zergehen«, ruft er in einem andern Liede aus; »es ist an den Leuten viel groß Wunder geschehen: Freuen sich zween, so spotten ihrer viere. – Die Welt ist von Freuden geschieden; Juden, Christen und Heiden denken allzu sehr an das Gut, wie sie das gewinnen!« Zuweilen hat er auch Lust, die Frauen zu bespötteln: »Denn ist ihrer eine nicht recht gemut, dabei finde ich kaum drei oder viere, die zu allen Zeiten sind hübsch und gut.« Von der Feste Rugg oder Ruck selbst ist nur noch weniges zu sehen. Man weiß, daß sie einst ein stattliches Viereck mit einem Binnenhofe und drei Türmen gebildet. Aus dem Besitze der Pfalzgrafen von Tübingen ging es in den der Grafen von Helfenstein über, die vielleicht eines und desselben Stammes mit jenen waren, und diese verkauften das Schloß mit der Stadt und andern Festen im J. 1442 an Württemberg; der Bauernkrieg und später der Dreißigjährige Krieg arbeiteten an ihrem Verfall. Das letzte Überbleibsel ist seit dem Jahre 1823 vor der Zerstörung gesichert. Stattlichere Trümmer sind von der Feste Hohengerhausen übrig, die über ihrem Vorwerke, dem Frauenberg, auf einer schroffen Felsspitze äußerst malerisch gelegen sind. Unter den Ruinen ist eine Höhle befindlich, die, von dichten Buchen umschattet, den Anblick der zerstörten Burg nicht wenig verschönert. Von dieser selbst ist das Burgtor noch kenntlich, außerdem steht von ihr ein gewaltiger Mauerstock von schönen Buckelquadern aus Tuffsteinen. Im Munde des Volkes heißen diese mächtigen Überreste des Mittelalters Rusen-(oder Riesen-)schloß. Wer die Burg gebaut, ist unbekannt; ihr Geschlecht, aus welchem ein Hartmann von Gerhausen zu Ende des eilf ten Jahrhunderts den Grafentitel führte, scheint mit den Ruggen verwandt gewesen zu sein. Später, als auf Ruck die Grafen von Helfenstein saßen – so erzählt die Tradition –, pflogen diese und die Herren von Gerhausen beständige Fehde miteinander und veranlaßten so das Sprichwort in schwäbischer Mundart: Hüt dich, Ruck, Daß dich Gerhausen nit verdruck'. Gerhausen das Schloß kam übrigens an die Helfensteiner und von diesen mit Ruck und der ganz verschwundenen Burg Blauenstein an Württemberg. Beide zerfielen gleichzeitig. Auf Gerhausen wohnte zuletzt noch ein württembergischer Forstknecht, bis es um 1751 in Trümmer gerissen und die Steine zum Aufbau der armseligen Gerhauser Dorfkirche verwendet wurden. Im J. 1768 wurde die Ruine um 60 Gulden an einen Bürger von Blaubeuren verkauft. Er und seine Nachkommen nagten daran, bis in unserer Zeit durch die verdienstlichen Bemühungen des Kameralbeamten Teichmann die Burg um 44 Gulden an den Staat zurückverkauft und so gerettet wurde. – Von der Stiftung des Klosters Blaubeuren war oben die Rede. Dasselbe behielt Johannes den Täufer, dem die frühere Kirche gewidmet war, zu seinem Schutzpatron und erhielt im Lauf der Zeiten massive Gebäude, nicht so kerkermäßig gebaut wie die andern Klöster jener Zeit. Seine großen Baulichkeiten schließen noch jetzt einen schönen grünen, mit Bäumen bepflanzten Platz ein. Die Klosterkirche ist in Form eines Kreuzes gebaut, hochgewölbt, mit zwei angebauten Kapellen und einem hohen Chor versehen; da, wo Kirche, Seitenflügel, Kapellen und Chor sich vereinigen, erhebt sich über dem Ganzen der hohe Turm. Unter ihm soll einst eine herrliche Orgel mit silbernen Pfeifen gestanden haben, die ein Raub der französischen Kirchenräuber, wahrscheinlich am Schlusse des siebzehnten Jahrhunderts, geworden wäre. Im Chor der Kirche bewundert man nicht nur vortreffliches Schnitzwerk von dem Ulmer Künstler Georg Syrlin, namentlich die an den hölzernen Stühlen ausgeschnitzelten Bildnisse der Guttäter des Klosters, der Grafen von Helfenstein, sondern derselbe bewahrt auch ein ganz herrliches Gemälde, dessen Ruhm weiter verbreitet zu werden verdient. Da nämlich die Kirche von alters her Johannes dem Täufer heilig war, so fertigte Georg Syrlin zu Ehren dieses Kirchenpatrons einen im Jahre 1496 von ihm vollendeten, mit dem schönsten vergoldeten Schnitzwerke verzierten Hochaltar. Die Gemälde rühren nicht, wie die gemeine Sage behauptet, von demselben Künstler her; der Schöpfer dieses Meisterwerkes oberdeutscher Schule, das nicht nach Gebühr bekannt geworden, ist nicht einmal seinem Namen nach mit Sicherheit erhoben; die einen Nachrichten heißen ihn Stöcklin, die andern Grün oder Grien. Wahrscheinlich war auch er aus Ulm und arbeitete auf Bestellung oder in Gemeinschaft mit Syrlin. Diese Gemälde teilen sich, wie alle Hochaltarbilder, in die vorn und hinten bemalten Flügeltüren, in das Innere und in die Rückseiten des Altars, wo wieder bemalte Flügeltüren und Altarblätter sich befinden. Das Ganze enthält einen Zyklus von Bildern aus dem Leben Johannis des Täufers, dem die Kirche heilig war. Die Darstellungen auf dem Innern der Flügeltüren sind folgende: Dem Zacharias wird im Tempel die Geburt Johannis verkündigt. – Begrüßung der heiligen Jungfrau durch Elisabeth. – Fußwaschung der Elisabeth und Geburt des Täufers. – Seine Beschneidung. – Johannes predigt am Jordan. – Er tauft. – Er weist die Messiaswürde zurück. – Er zeigt auf das Lamm Gottes. – Er tauft Jesum. – Er straft den König Herodes wegen Ehebruchs. – Seine Gefangenschaft. – Enthauptung. – Darbringung seines Hauptes. – Seine Grablegung. – Die Johannisjünger holen ihres Meisters Haupt. Im Innern des Hochaltars sieht man unten die lebensgroßen Büsten Christi und der Apostel; oben Maria mit dem Kinde, die beiden Johannes, die heilige Scholastina und den heiligen Benedikt in ganzen Statuen; dann auf zwei weitern Flügeltüren links in halberhabener Arbeit die Geburt Christi, rechts die drei Weisen aus Morgenland. Auf der Hinterseite des Hochaltars erscheinen zwei Flügeltüren mit Gemälden in Lebensgröße, die Heiligen Urban, Sylvester, Gallus, Otmar, Konrad und Ulrich darstellend. Hinter den Türen sind unten die Büsten von zwei weiblichen Heiligen und sechs Bischöfen angebracht. Die schönsten Gemälde endlich befinden sich an der vordern Außenseite der Flügeltüren in vier großen Hauptbildern: Gebet am Ölberg. – Verspottung Christi. – Kreuztragung. – Kreuzigung. Das letztere ist ausgezeichnet schön durch den Ausdruck der trauernden Frauen. Da dieser herrliche Altar, der leider durch Mutwillen und Roheit nicht unverschont geblieben ist, noch nirgends ausführlicher beschrieben worden, so wird auch die trockene Notiz, auf welche wir uns hier beschränken mußten, dem fremden Kunstfreunde willkommen sein. In der Nähe des Altars, an der Sakristeitüre, befindet sich Georg Syrlins Bild, von ihm selbst in Holz geschnitzt und mit einem Elogium versehen. Dies hat Veranlassung zu einer Volkssage gegeben, in welcher Georg Syrlin nicht nur als der Schnitzer, sondern auch als der Maler des Altars erscheint. Die Mönche haben, heißt es, den Künstler nach vollbrachter Arbeit gefragt, ob er sich getraue, noch einen schönern Altar zu fertigen. Als der Meister dieses im freudigen Gefühle seiner Kraft bejahet, haben ihm die neidischen Mönche beide Augen ausgebohrt und so den lichten Farbenquell für immer versiegen gemacht. Aus den hohlen Blicken schwindet Seiner Bilder Sonnenpracht, Lebt nur noch im stillen Geiste Tief in schmerzensvoller Nacht. Und so liegt er eingesunken Wie ein Opfer am Altar; Ihn bewacht, ihn zwingt zu schweigen Seiner Henker finstre Schar. Und die Welt wähnt ihn gestorben, Doch im dunkeln Winkel sitzt In der Kirche stumm der Blinde Dort im fernsten Stuhl und schnitzt. Statt des Pinsels ist das Messer, Das ihn stach, in seiner Hand; Dieses führt er leise, künstlich, Schmücket still des Stuhles Rand. Schnell verbirget er's am Herzen, Wenn er Tritte gehen hört, Wenn der Andacht lautes Beten Vor dem eignen Bild ihn stört. Ach, da brennen Farbenstrahlen Ihm durchs tiefe, wunde Herz, Und in Hand und Augenhöhlen Zuckt der Sehnsucht heißer Schmerz. Als er tot war und begraben, Aufgerieben früh vom Gram, Glaubten sich die Mönche ledig Und vergaßen Furcht und Scham. Doch es blieb des Frevels Zeichen In den Kirchenstuhl gedrückt, Wo, von Holz geschnitzt, ein Männlein Traurig lauert, blind, gebückt. Nur ihr Auge ward geschlagen, Daß es ihn erkannte nicht; Doch der Wandrer, doch der Pilger Grüßt' in Tränen dies Gesicht. Ein Jahrhundert sagt's dem andern; Zürnend von der Bilder Pracht Rücklings kehrt sich der Beschauer Zu dem Antlitz voller Nacht. Aus der Romanze »Georg Syrlin« von G. Schwab. Zugleich mit dem Kloster erwuchs auch das Städtchen Blaubeuren, welches aber nicht im Besitze der Pfalzgrafen von Tübingen, sondern der Grafen von Helfenstein war; ein unruhiger Besitz, verpfändet und während dieser Pfandschaft gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts durch einen Krieg mit der Reichsstadt Ulm gefährdet und endlich im J. 1447 mit den benachbarten Festen, die inzwischen auch helfenbergisch geworden waren, an den Grafen Ludwig von Württemberg verkauft. Unter württembergischer Herrschaft teilte Blaubeuren die Schicksale des Landes in den unruhigen Zeiten Herzogs Ulrich, wurde im Dreißigjährigen Kriege nach der unglücklichen Nördlinger Schlacht österreichisch und kehrte erst infolge des Westfälischen Friedens wieder unter die Oberherrlichkeit Württembergs zurück. Während der österreichischen Okkupation erhielt das Kloster einen unerwarteten Besuch von Wiederhold. Das Licht des Evangeliums hatte die Stadt schon im J. 1534 (durch Ambros. Blaurer) begrüßt. Das Kloster aber, das unter seinen katholischen Äbten einen durch Gelehrsamkeit ausgezeichneten Mann in seinem ersten Abte Azelm oder Azolin († 1101) und in dem Abte Heinrich Faber einen Mitgründer der Universität aufzuweisen hatte, blieb noch katholisch, und während der Pest zu Tübingen wurde die halbe Universität in dasselbe verlegt. Der letzte katholische Abt, Christian Tübinger (1548–1562), war, wie der erste, ein Gelehrter und hat eine Geschichte des Klosters Blaubeuren hinterlassen. Im J. 1562 dehnte sich die Reformation auch auf das Kloster aus, und in der Person des bekannten Reformators Matthäus Aulber wurde demselben der erste evangelische Abt gesetzt. Inzwischen hatte Herzog Christoph einige reformierte Klöster dazu bestimmt, künftigen Kirchendienern, die zum Lehr- und Predigtamt bestimmt waren, ihre Vorbildung zu erteilen und sie zu den Universitätsstudien tüchtig zu machen, und hatte zu diesem Zwecke durch den berühmten Johannes Brenz eine Klosterordnung entwerfen lassen, die am 9. Jan. 1556 in das Land ausging. Sämtliche Klosterschulen, deren anfangs dreizehn waren, wurden unter die Aufsicht von Brenz gestellt, und unter dieser Zahl war auch Blaubeuren. Vorerst war die Einrichtung dieser Seminare ziemlich altklösterlich, besonders was die Lebensweise dieser jungen evangelischen Mönche betraf; denn anderes waren sie in der ersten Zeit nicht. Die wissenschaftliche Bildung hatte sich durch gründlicheres Studium der Humanioren bereits aus dem Dunkel des Mittelalters erhoben. Aber ohne Erlaubnis ihres Prälaten (dies war der oberste Vorstand des Klosters) oder eines der beiden Präzeptoren (später Professoren) durften sie selbst während der Rekreationszeit nicht »vagieren«, d. h. außerhalb des Klosters sich umtreiben, und mußten »ziemlich ehrbare Röcke«, d. h. schwarze Mönchskutten, tragen, »wie ihnen solche sommers- und Winterszeit« von den Klöstern »aus Gnaden gereicht wurden«. Dabei fand man es nötig, diese vierzehn- und sechzehnjährigen Knaben vor dem »schändlichen Laster des Zu- und Volltrinkens, auch alles Zechens und Spielens und anderer dergleichen Üppigkeiten« ernstlich zu verwarnen. Übrigens war schon in jener uralten Klosterordnung die Absicht des Gründers ausgesprochen, das Bestehen dieser Klosterschulen durch zeit- und zweckmäßige Verbesserungen zu sichern. »Doch«, sagt sie, »da sich über kurz oder lang fügte, daß Gestalt der Sachen, Gelegenheit oder Läuf' oder in anderwege die Notdurft erforderte, in obgesetzten Kirchen- und Schulordnungen oder andern Artikeln etwas zu ändern, zu bessern, zu mindern oder zu mehren, (so) soll das jederzeit Uns und Unsern Erben vorbehalten sein.« Das Hauptgebrechen dieser Klosterschulen war die naturwidrige Strenge der Anforderungen an Knaben und Jünglinge, die über geringe Unterlassungen und Vergehen selbst mit der Rute gezüchtigt wurden. Hierzu kamen noch die häufigen, täglichen Religionsübungen, durch welche sie überladen, aber nicht erbaut wurden und die Bibel kennen, aber nicht lieben lernten. Diese Gebrechen dauerten fort, während die klassische Bildung, für welche zu Anfang der Reformation mit Begeisterung gewirkt wurde, allmählig in den Hintergrund trat. Demosthenes und Xenophon wurden aus den Unterrichtsstunden verdrängt und Cicero, Virgil und Ovid nur durch das Bedürfnis des Lateinlesens, -schreibens und -redens erhalten. Von griechischen Schriften blieb von Anfang des vorigen Jahrhunderts, außer dem Neuen Testament, nur des Chrysostomus Abhandlung vom Priestertum übrig, und die Klassiker schlüpften erst im Jahr 1777 durch Geßners griechische Chrestomathie, somit durch eine Hinterpforte, wieder herein. Vor der Mode wurden die armen Alumnen (dies war der Name der Seminaristen bis auf unsere Zeit) aufs strengste gehütet. Im J. 1720 erging nach Blaubeuren der Befehl, daß sie sämtlich ihre Haare sollten wachsen lassen, und wenn einer das Bedürfnis einer Perücke empfände, sollte er bei fürstlichem Consistorio um die Konzession untertänigst nachsuchen, da sich leider »ergeben, daß das Perückentragen unter den Alumnis so gemein werden will«. Zugleich wurde ängstlich darauf gesehen, daß die »fröhliche Erquickung« der Zöglinge in »ehrbaren, christlichen und klösterlichen Schranken eingeschlossen« bleibe, daß nur »ehrliche Ergötzungen«, daran »vernünftige und moderative Gemüter« ein Gefallen finden können, wie Musik und eine selten genug gestattete »Promenade«, gestattet wurden, und nicht nur Karten und Würfel, wie billig, sondern auch das Brettspiel waren verboten, auch das an sich immerhin »anständige und honette« Schachspiel »dissuadiert«. Alle »ludi pueriles, die mit Tumult, Geschrei, Springen, Abmattung und Gefahr vorgenommen werden« waren aufs strengste untersagt. Indessen wird man um solcher Mängel willen kein allgemeines Verdammungsurteil über diese Anstalten aussprechen und den Einfluß der Verhältnisse und des Zeitgeistes mit in Anschlag bringen. Gewiß milderte die Persönlichkeit der Aufsichtsbehörde und der Vorgesetzten gar vieles an jenen strengen Verordnungen, und gewiß ist, daß gründliche Kenntnisse in den für den Theologen nötigen Fächern allenthalten auf diesen, frühzeitig auf viere reduzierten, nach zween zweijährigen Kursen abgeteilten Klosterschulen (Blaubeuren gehörte zum untern Kursus) erworben wurden. Verbesserungen im Einzelnen wurden schon im Anfange des vorigen Jahrhunderts, namentlich durch den berühmten J. A. Bengel, damals Klosterpräzeptor zu Denkendorf, hervorgerufen. Unsere neueste Zeit hat aber diese Anstalten gänzlich umgeschaffen, und es wäre ein frevelhafter Leichtsinn, jetzt – wo sie in andern Ländern vermißt oder nachgeahmt werden – noch an ihre Aufhebung denken zu wollen. Im Jahre 1785 und 1794 wurde der Lektionsplan umgestaltet und bedeutend erweitert, im Herbste 1807 die zwei obern Klöster, 1810 auch die zwei niedern Klöster kombiniert und bei dieser Gelegenheit das Kloster oder Seminar Blaubeuren, das auch im Dreißigjährigen Kriege unter der österreichisch-katholischen Herrschaft eine Zeitlang eingegangen war, aufgehoben, jedoch bei Wiederherstellung der vier Seminarien im Jahre 1817 erneuert. Mit diesen Einrichtungen der neuesten Zeit verlor sich die alte Klosterdisziplin und jede unvernünftige Beschränkung der wissenschaftlichen Vorbildung gänzlich. Wer jetzt unsere Klöster betritt, findet fröhliche Jünglinge, von einem ihnen im Alter nicht allzu ferne stehenden jugendlichen Repetenten in ihren Studien und Erholungen geleitet und begleitet, rüstig turnend, nicht länger, als gründliche klassische Bildung erfordert, im Ringe der Mauern gehalten, sondern auf Feld und in Wäldern sich tummelnd und nur vor dem Müßiggang und der Ausschweifung gehütet. An der Spitze der Anstalten stehen nicht verlebte Prälaten, sondern Ephoren, Männer im besten Alter, in den Forderungen der Zeit erzogen und mit ihnen vertraut; zu Professoren werden junge und tüchtige Männer erlesen, zu welchen die Jugend Vertrauen fassen kann, während sie ihnen durch gelehrte Bildung und Religiosität Achtung und freiwilligen Gehorsam einflößen. Geographie, Mathematik, Physik und Propädeutik zur Philosophie gehen dem Unterricht in der Religion und im klassischen Altertum zur Seite. Alle Lehrer und Erzieher haben, nach den neuesten Verordnungen, sich's zur Aufgabe zu machen, nicht nur in den Unterrichtsstunden, sondern auch außer denselben in die möglichst genaue Verbindung mit den Zöglingen zu treten, jeden nach seiner Individualität kennen zu lernen und ihm tätige Teilnahme an seinem wahren Wohle zu beweisen. Wir sind der Überzeugung, daß diese Digression, die wir ein für allemal machen, da der Freund der vorliegenden Blätter noch zwei ähnlichen Pflanzstätten deutscher Lehrer und Prediger in denselben begegnen wird, das Interesse für Blaubeuren nicht zu schwächen geeignet ist, und schließen unsere Beschreibung nur noch mit der Notiz, daß diese Stadt zwei ausgezeichneten Männern das Dasein gegeben hat, dem freimütigen Kanzler und Hofprediger Andreas Osiander (1562) und dem deutschen Philosophen Christoph Gottfried Bardili (1761). Hohenstaufen und Rechberg Hohenstaufen O denk an jenen Berg, der hoch und schlank Sich aufschwingt, aller schwäbischen Berge schönster, Und auf dem königlichen Gipfel kühn Der Hohenstaufen alte Stammburg trägt! Und weit umher, in milder Sonne Glanz, Ein grünend fruchtbar Land, gewundne Täler, Von Strömen schimmernd, herdenreiche Triften, Jagdlustig Waldgebirg und aus der Tiefe Des nahen Klosters abendlich Geläut. Dann fernhin, in den Burgen, in den Städten, Gesegnetes Geschlecht, treufeste Männer, Die Frauen aber sittig und verschämt, Ja, wie uns Walther sang, den Engeln gleich. So läßt Uhland in seinem Fragmente »Konradin« einen deutschen Freund zu dem letzten Hohenstaufen-Sprößling sprechen, um ihn durch die Erinnerung an seinen schönen Stammsitz aus dem verhängnisvollen Süden zurückzuziehen. Der Dichter hat mit diesen Worten ein anschaulicheres Bild von dem Berg und seiner Umgebung entworfen, als eine weitläufige prosaische Ortsbeschreibung es zu liefern vermöchte. Nichts ist aus diesem Bilde verschwunden als die Stammburg selbst, von welcher auf dem kahlen Kegel nichts übrig geblieben ist als ein kaum sichtbares, bereits in Staub zerfallendes Mauerstück. Es war nur ein Traumgesicht, wenn der edle Max von Schenkendorf im April 1813 den Berg bestiegen und dem Feuer des Himmels gerufen hat, ihm den Weg zu zeigen: Kommt, ihr Blitze, brecht hervor, Daß ich finden mag das Tor Zu der Burg der Hohenstaufen! Und es hieß in der Tat nicht hoch geschworen, wenn er prophezeite, daß der neue deutsche Bund diese Steine überdauern soll – die längst nicht mehr vorhanden waren. Doch begünstigt gerade jene gänzliche Kahlheit des Berges das Spiel der Phantasie, und es wird ihr leichter, die Burg »herrlich wieder aufzubauen«, als wenn sie ihren alten Plan aus dürftigen, gestaltlosen Trümmern zusammenzusetzen sich abmühen müßte. Der Berg steht wieder vor unsern Augen, wie er vor achthundert Jahren oder früher dagestanden, öde und unüberbaut. Nun steigt aus der benachbarten Tiefe im 11ten Jahrhundert ein schwäbischer Edler, Friedrich von Büren, Friedrichs Sohn, empor zu der luftigen Höhe und baut sich hier auf dem Stwipfen (dem Stufenberge) sein hohes Haus; er nannte sich sofort von Staufen, Kaiser Heinrich IV. macht ihn zum Herzog in Schwaben und gibt ihm seine Tochter zum Weib, und Friedrich selbst wird der Ahnherr eines Kaiserhauses. Sechsmal saß die Krone auf dem Haupte seiner Nachkommen; das Haupt des siebenten fiel vom Rumpf, als seine Jünglingshand darnach greifen wollte. In diesen hundertsiebzehn Jahren sehen wir die Burg sich allmählig ausdehnen. Der erste hohenstaufische Kaiser Konrad III. wahrt ihren Besitz gegen die Mönche von St. Denis; sein Sohn Barbarossa hält die väterliche Burg in hohen Ehren; doch scheint sie noch nicht sehr geräumig gewesen zu sein, denn er hatte nicht einmal eine Burgkapelle. Ein besonderer Weg führte ihn zu der kleinen steinernen Dorfkirche herab, die der Hohenstaufen- Verein als das einzige Denkmal der Staufen auf jenem Berge denn das Dorf Hohenstaufen liegt nur wenige Minuten unter dem höchsten Gipfel – zu erhalten sich vorgesetzt hat. Eine Inschrift, der Form nach aus dem sechzehnten Jahrhundert, über einer zugemauerten Türe angebracht, berichtet uns dieses mit den schlichten Worten: Hic transibat Caesar. Der großmächtigst Kaiser wohlbekannt, Fridericus Barbarossa genannt, das demütig edel deutsche Blut übt ganz und gar keinen Übermut, auf diesem Berge hat Hof gehalten, wie vor und nach ihm die Alten, zu Fuß in diese Kirch ist gangen, ohn allen Pracht, ohn Stolz und Prangen, durch diese Tür, wie ich bericht, ist wahrlich wahr und kein Gedicht.   Amor bonorum, terror malorum.   Als König Philipp, Friedrich Barbarossas jüngster Sohn, der seinem Bruder Heinrich VI. auf dem Kaiserthrone gefolgt war, bei Bamberg durch Otto von Wittelsbach erschlagen worden (1208), floh seine Gemahlin, die griechische Kaiserstochter Irene, auf die Stammburg ihres Gatten und starb hier an einer unzeitigen Geburt. Ihr Leichnam ward im nahen Kloster Lorch beigesetzt. Die letzten Kaiser des Hauses nahmen sich nicht Zeit, sich nach ihrer Stammburg umzusehen, sie betrachteten sie als Reichsburg, und so blieb Hohenstaufen auch in der Folge Reichsdomäne, bis sie aus Karls IV. Besitz durch Pfandschaft an Eberhard den Greiner von Württemberg kam (1347). Dies Land freute sich später ihres ungestörten Besitzes anderthalb Jahrhunderte lang, bis im J. 1525 die aufrührerischen Bauern das Tal herunter kamen und sich am Fuße des Berges lagerten. Der Überfall geschah bei Nacht, und obgleich der feindliche Haufen nur klein war, warfen doch die Wächter des Schlosses in der Angst die Schlüssel von der Zinne herunter, verbargen sich oder machten sich nach kurzer Gegenwehr, den Hauptmann Michael von Reißenstein an der Spitze, davon. So ward die ehrwürdige Burg von den zügellosen Bauern eingenommen, ausgeraubt und verbrannt. Die ergriffenen Knechte wurden von den Zinnen herabgestürzt. Martin Crusius sah 63 Jahre nach der Zerstörung des Schlosses die Trümmer, die von ihrer Größe zeugten, und hat sie ausführlich beschrieben. »Lieber Gott«, ruft er in seiner Chronik aus, »soll eine so große Herrlichkeit der mächtigsten Fürsten zu einem so scheußlichen Anblicke gediehen sein? Alles ist verschwunden wie ein Rauch, alles ist hinweggeflogen wie ein Vogel. Ein Bauernschultheiß hat jetzt die Schlüssel zu dem Tor, welches vor Alter wurmstichig ist; er mähet das Gras, das im Schloßhofe hoch steht; der Holunderbaum wächst da und dort in den Winkeln.« Doch sah Crusius noch deutlich die zwei Hauptteile des Schlosses, den Mannsturm, die Behausung des Frauenzimmers, den Bubenturm und eine sieben Fuß dicke Mauer von Quadern, welche die ganze Burg umschloß, alles noch schwarz vom Brande des Bauernkrieges. Aber »in allen Teilen des Schlosses ist kein Bildnis, keine Inschrift, kein Wappen, keine Farbe mehr. Alles ist durch Feuer, Regen oder böse Zeiten ausgetilgt. Was ein schöner Körper war, ist jetzt nur ein Beingerippe«. So sah es im J. 1588 aus. Jetzt ist auch dieses Gerippe verschwunden; die Herzoge von Württemberg haben mit den Überbleibseln ihr Schloß zu Göppingen gebaut. Aber das Auge des Dichters erblickt die alte Burg in ihrer vorigen Herrlichkeit: Es steht in stiller Dämmerung Der alte Fels, öd' und beraubt; Nachtvogel kreist in trägem Schwung Wehklagend um sein moosig Haupt. Doch wie der Mond aus Wolken bricht, Mit ihm der Sterne klares Heer, Umströmt den Fels ein seltsam Licht, Draus bilden sich Gestalten hehr. Die alte Burg mit Turm und Tor Erbauet sich aus Wolken klar, Die alte Linde sproßt empor, Und alles wird, wie's ehmals war. So Harfe wie Trompetenstoß Ertönt hinab ins grüne Tal, Gezogen kommt auf schwarzem Roß Rotbart der Held, gekleid't in Stahl. Und Philipp und Irene traut, Sie wall'n zur Linde Hand in Hand: Ein Vogel singt mit süßem Laut Vom schönen griech'schen Heimatland. Und Konradin, an Tugend reich, Der süße Jüngling, arm, beraubt, Im Garten steht er stumm und bleich: Die Lilie neigt ihr trauernd Haupt. Doch kündet jetzt aus dunklem Tal Den bleichen Tag der rote Hahn, Da steht der Fels gar öd' und kahl, Verschwunden ist die Burg fortan. An ihrer Stätt' ein Dornbusch steht, Kalt weht der Morgen auf den Höhn – Und wie der Fels so kalt und öd' Scheint auch das deutsche Land zu stehn. So sang vor 25 Jahren Justinus Kerner. »Dichtungen«, S. 231 f. Auf dem Berge sieht man noch außer jenem Stückchen Mauer zwei enge Höhlen am westlichen Hange des Berges, die den gemeinschaftlichen Namen Heidenloch führen, den schon Crusius kannte, und die dem Besucher des Berges so lange zur Zuflucht gegen Unwetter dienen müssen, bis der Hohenstaufen-Verein, wie er denn auch dieses beabsichtigt, für ein bescheidenes, den Gipfel nicht verunstaltendes Obdach gesorgt hat. Der Emporblick an dem Gipfel von der letzten Stufe vor dem Dorfe aus hat im Anfang etwas Finsteres und Wildes. Man steht nun selbst schon auf einem hohen Bergrücken, am Fuße des Kegels, der sich über dem Dorfe Hohenstaufen erhebt, von dem nur wenige Häuser sichtbar werden. Links sieht man auf einem Hügel hangende Kalksteinfelsen, als wenn sie die Lava wären, die ein ehemaliger Vulkan heruntergestürzt hätte. Eine Ziegelhütte liegt einsam daneben. Die Stille der Umgebungen, die Höhe, auf der man schon steht, das hingestreute Dorf, die Gestalt der Bergspitze, alles das gemahnt den Wanderer mehr an die Schweiz als irgendeine andere Stelle des Landes. Die Aussicht vom Hohenstaufen wie vom Rechberg herab zeichnet sich vor andern Albaussichten dadurch aus, daß der Fernblick nach allen Seiten frei ist, indem er selbst gegen Süden und Osten noch über Hügel und Ebenen schweift, ehe er auf der Albwand, von der diese beiden Ausläufer nebst dem dritten, dem Stuifenberg, mehrere Stunden vorwärtsspringen, zu ruhen kommt. Das bewaffnete Auge erblickt bei günstigem Himmel in dieser Richtung sogar Tiroler- und Schweizeralpen hinter der Schwäbischen Alb. Zuäußerst gegen Osten gekehrt hat man das Albuch-Gebirge mit seinem Fürsten, dem trümmer- und höhlenreichen Rosenstein, vor sich. Gegen Süden verweilt der Blick vom Hohenstaufen aus zuerst auf dem Rechberg, dessen Schloß auf dem tieferen Vorsprung, dessen Wallfahrtskirche auf dem kahlen Gipfel, dessen freundliches Dorf an der Seite dem seltsam gestalteten Höcker ein lachenderes Ansehen gibt, als der etwas kahle Rücken sonst haben würde, und das Ganze zu einer eigentümlichen, aber anmutigen Erscheinung macht. Um den Rechberg her lagern sich die nähern und fernem Albrücken: der Hornberg, der Stuifen, der Bernhardusberg mit einer Wallfahrt; weiter rechts winkt aus der Tiefe das alte Schlößchen Staufeneck, dann kommen die Berge des Geißlinger Tales, in weiterer Ferne Teck, Neufen, Achalm, Hohenzollern, kurz die ganze obere Alb, alles auf engen Raum zusammengedrängt und hintereinandergeschoben. Westlich dehnt sich die hügelige Fläche bis zum Schwarzwald aus, nordwestlich die hohen Hügelketten des württembergischen Unterlandes und dahinter wohl gar der Odenwald; im Vordergrund wellenförmiges Land mit einzelnen Tannenhainen; im Norden ein Stück des alten Herzynischen Waldes, der Welzheimer Wald, die Löwensteiner Berge, blaue Gipfel des Frankenlandes in der Richtung von Schwäbisch Hall. Unser Bild konnte von dieser Ferne, da es den Anblick beider Berge zu geben bestimmt ist, nur etwa ein Vierteil des Kreises mitteilen, nach Süden die Alb von Boll bis Teck, nach Norden den Stromberg und die zwischen beiden liegende Landstrecke. Wir fügen nun noch ein Wort bei von Hohenrechberg Die Burg steht um ein Ziemliches tiefer als der Gipfel des Berges auf einem abgesonderten Hügel, den eine große steinerne Brücke mit der Bergspitze, auf welcher die Kirche steht, verbindet und dessen Mittelfelsen sie ernst und altertümlich noch unter Dach und Fache krönt und dadurch einen starken Kontrast mit dem kahlen Hohenstaufen bildet, der einst einen Kaiserpalast trug. Aus mehreren Vorhöfen ragt das hohe Schloß in Form eines Hufeisens, das auf dem nördlichen Flügel durch ein zweites Gebäude fortgesetzt und geschlossen ist, hervor. Verfallener als das von einem gräflich rechbergischen Beamten bewohnte Schloß sind seine Mauern und Türme. Hohenstaufen und Rechberg Eine Volkssage läßt die Stammherren des Geschlechts schon im 7ten Jahrhundert im sogenannten Christental an einer großen Schlacht der bekehrten Alemannen teilnehmen und darauf die Burg erbauen. Geschichtliche Nachrichten finden wir erst im zwölften Jahrhundert (um 1165). Ein Ulrich von Rechberg († 1202) war Marschall der Hohenstaufen, ein anderer Ulrich Bischof von Speyer († 1195), ein Siegfried († 1227) Bischof von Augsburg. Die Kriegstaten eines Hans von Rechberg schildert Joh. v. Müller in seiner Schweizergeschichte. Die Burg erscheint erst im J. 1300 bestimmt als Besitztum des Geschlechts und hat ihren Namen von dem Rehgebirge, auf dessen Vorsprunge sie liegt. Die Familie führte auch auf dem Helm einen Rehbock. Unter den spätem Rechbergen machte sich um 1489 Wilhelm bemerklich, der, als Diener eines Bayernherzogs, einen päpstlichen Legaten den schriftlich gedrohten Bannfluch des Heiligen Vaters buchstäblich verschlucken ließ und dann den Brief samt dem Pfaffen spießte. S. G. Schwabs Romanze in dessen »Schwäb. Alb«, S. 324f. Die Heldentat zog dem Ritter den Bann zu und vertrieb ihn vom Hofe. Im Städtekrieg 1449 und am Schlüsse des Dreißigjährigen Krieges 1648 litt das Schloß gewaltig, doch steht es noch fest und würdig von Gestalt bis auf diesen Tag, bewacht von dem Rechberger Klopfer, einem Familiengeiste, der in seinen Hallen umgeht und jeden Todesfall in dem jetzt in den Grafenstand erhobenen Geschlechte durch sein Pochen verkündet. Den Ursprung erzählt die Sage so: Ulrich II. von Rechberg wurde im J. 1496 vergeblich von seiner Gemahlin, Anna von Wenningen, von ferner Fahrt erwartet. Früher hatte er seinen treuen Hund von Zeit zu Zeit mit Briefen geschickt; jetzt blieb auch dieser aus. Endlich, als sie brünstig in der Burgkapelle für ihren fernen Gatten betete, störte sie im Beten ein lautes Pochen, so daß sie unmutig ausrief: »Ich wollte, du müßtest ewig klopfen.« Als sie das Tor öffnete, stand der Hund davor, aber ohne Brief. Sein Herr war tot, und bald brachte man seine Leiche. Die Frau unterlag dem Kummer; auf dem Sterbelager hörte sie ein Pochen, bis ihr Auge sich schloß. Erfüllt ist, was im herben,       Erkrankten Sinn sie bat: Will wo ein Rechberg sterben,       Der ew'ge Klopfer naht. S. die zweite Romanze a.a.O., S. 227ff. Eine Brücke verbindet das Schloß mit dem Gipfel des Rechberges, auf welchem ursprünglich eine Einsiedelei mit einem aus Lindenholz geschnitzten Marienbilde stand und wo später die Herren von Rechberg eine schöne Wallfahrtskirche nebst Pfarrhaus gebaut haben. Ein guter Tubus steht hier dem Besucher dieser Höhe zu Dienste, mit welchem er bei einigermaßen günstiger Witterung in Südosten die Gipfel der Schneeberge leicht erkennen wird. – Nordwestlich von beiden Bergen liegt, von beiden herab in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar, die ehemalige alte Reichsstadt Gmünd, katholischer Konfession, mit merkwürdigen Kirchen und Kapellen geschmückt. Wenige unserer Leser dürften wissen, daß diese Stadt vor Jahrhunderten den Baumeister ausgesandt hat, der den Prachtbau des Mailänder Doms aufführte. Der Italiener Gamodea nennt in seinem Werke über Mailand als Baumeister des Domes Heinrich Arier von Gmünd. Der Reißenstein bei Reidlingen Wir führen jetzt den Freund romantischer Natur einem der schönsten Täler der Schwäbischen Alb zu, nachdem wir einige Stunden vom Hohenstaufen vorwärts in das offene Land hinausgetreten sind und ihm die blaue Gebirgskette im Überblicke vorgestellt haben. »Der Gebirgszug der Schwäbischen Alb, an welchen sich südlich der Heuberg, nördlich der Albuch und das Hertfeld anreiht, hat ein Streichen von Südwest nach Nordost und erhebt sich gegen Nordwest in einem steilen Abfalle von ungefähr 1000 Pariser Fuß über die Talsohl, während er sich gegen Südost sanft verflacht. Der nordwestliche steile Hang, die zum Teil sehr tiefen Taleinschnitte und das mehrfältige Vorkommen plutonischer Bildungen lassen auf vielfache, noch nicht genau erörterte Veränderungen bei diesem Gebirge schließen. Unverkennbar haben basaltische Massen die ganze Albkette gehoben. Ehe jene Erhebung eintrat, scheint dieses Land wo nicht ganz, doch zum Teil von Wasser bedeckt gewesen zu sein. Als aber dieselbe im Süden und Südwest plötzlich und mit großer Gewalt auftrat, wurden die abfließenden Wasser von dem bereits gegenüberstehenden Schwarzwaldgebirge zurückgeworfen und stürzten nach Nord und Nordost. Diese Strömung muß zwar nur temporär, jedoch außerordentlich heftig gewesen sein; sie bespülte die Nordwestseite der Albkette und vermehrte noch hierdurch die bei der Erhebung entstandenen zahlreichen Zerreißungen und Einschnitte. Nur in der Nähe der Basalte und am Rande der Täler ist zuweilen eine Störung der Schichten bemerkbar, sonst sind sämtliche Gebirgsformationen fast horizontal geschichtet. Dagegen zeigen ein und dieselben horizontalen Schichten auf kurze Entfernung hin ein so verschiedenes Niveau, daß dieses nicht anders als durch große Verschiebungen zu erklären sein dürfte. Während jener Katastrophe mußten die Hebungen in den Gewässern einen außerordentlichen Wellenschlag hervorbringen; es entstand eine Strömung von Südwest nach Nordost, welche das gehobene Gebirge an seiner Nordwestseite bedeutend angriff; der am ganzen Fuße der Alb bemerkbare Rücken hatte sich aber höher gehoben als das Hauptgebirge selbst und hierdurch die auflöslicheren Schichten des Lixs und Oxfordmergels der heftigsten Brandung entgegengestellt. Solcher Gewalt konnten diese Massen nicht widerstehen, die Fluten untergruben dieselben, die auflagernden Kalkmassen stürzten ins Tausendfache zertrümmert nach und wurden von den Wellen mit fortgenommen. So war der Erhebungsprozeß der Schwäbischen Alb ein ganz anderer als derjenige des französischen und Schweizer Jura, des Schwarzwaldes, der Vogesen und der Alpen; denn hier findet man weder Aufrichtungen noch Verbiegungen und Überstürzungen, alles ist horizontal gehoben.« Aus dem für die Alb klassischen Vortrage des Grafen Friedrich von Mandelsloh in der zwölften Versammlung der deutschen Naturforscher zu Stuttgart im Herbst 1834: »Über die geognostischen Profile der Schwäbischen Alb.« In seiner jetzigen Gestalt erscheint indessen dieses unter so wilden Kämpfen der Elemente entstandene Kalkgebirge aus der Ferne, wie sein Bruder, der schweizerische Jura, dem Anblick etwas trübselig und eintönig. Der Wanderer erwartet gewiß viel weniger, als darin zu finden ist, und auch nur, als wir selbst ihm hier in beschränkter Auswahl geben. Die ganze schroff aufsteigende Bergewand, schwarzblau von der Entfernung gefärbt, hier ihre nordwestliche Abdachung gegen den Neckar, die ungleich höher ist als die südöstliche gegen die Donau, uns entgegenbietend, bildet am Horizont eine lange gerade Linie von etwa dreißig Stunden, nur von wenigen, kaum über die Bergfläche sich emporhebenden Gipfeln unterbrochen; dem verweilenden Blicke teilt sie sich bald in eine Menge aneinandergereihter, sargförmiger Berge, mit welchen hie und da eine Kegelform, selten eine Halbkugel wechselt; kein Fluß am Fuße belebt oder mildert den Anblick; waldige Hügel lagern sich fast allenthalben im Vorgrunde des Gebirges bis zum weit vom Fuße desselben zurückweichenden Neckar, der für den ferneren Beschauer wieder von Hügeln gedeckt ist. Aber wenn die Luft nicht dunstig, der Horizont an den Bergen blau ist und die Abendsonne einen Strahl auf diese Ferne wirft, so erheitert und belebt sich bald das Gemälde. Die dunkle Farbe des Gebirges wird durchsichtiger, indem der Sonnenschein eine leichte Röte darüber gießt, in welcher bald mehr Wechsel der Formen hervortritt, als das Auge früher geahnt hat. Bald schimmern uns die reichen Buchenwälder, von welchen diese Berge bis zu ihren obersten Höhen umkleidet sind, entgegen, Vertiefungen mannichfaltiger Täler werden sichtbar, die sich zwischen den mehr und mehr von dem ganzen Bergeszug abgelösten Massen eröffnen; wo die Vorhügel einen Blick durchlassen, entdeckt man, wie funkelnde Punkte, Dörfer und Städte; am Fuße der Alb hin und in die Berge hinein ziehen sich üppige Obstwälder; die Höhen sind mit weißen Kalkfelsen, die vom Grün der Wälder sich jetzt deutlich ablösen, übersäet, und auf den vereinzelten Gipfeln des Gebirges zeigt uns die scheidende Sonne vorher unbemerkte Schlösser und Ruinen. Ein solcher Moment, in welchem das Gebirge auf viele Meilen weit in seinen Einzelheiten kenntlich erscheint, prägt der Phantasie den Charakter der Schwäbischen Alb für immer ein, und wenn der Freund ihrer mannichfaltigen Schönheit sie später wieder in blauer Ferne erblickt, so wird sein Auge noch mit Lust auf diesem verschwommenen Gebirgszuge verweilen: Das ist die teure Schwabenalb, Die allenthalb Blau nach der Ebne winket, Wo man auf Heiden hoch und kühl, Fern vom Gewühl, Die reinen Lüfte trinket, Wo Blütenduft Zu Tale ruft; Man wandert schnell, Bis man am Quell In Waldesschatten sinket. Wir aber führen ihn hier in ihre nächste Nähe, bis er – durch der Täler Pfad In Wälder trat, Aus denen Felsen stiegen, Und bis er auf den Spitzen links Sah rechts und links Die alten Burgen liegen. Die angeführten Stellen dieses Abschnitts sind den schwäbischen Romanzen meiner »Gedichte« entnommen, I, S. 343 f. und 331 ff. Die Ruine der Burg Reißenstein liegt eine starke Meile von dem Talstädtchen Kirchheim unter Teck, links von dem Teckberg, auf der südöstlichen Bergwand des Neidlinger Tales. Doch hat sie der Künstler nicht in diesem Tale selbst aufgesucht, sondern seinen Standpunkt in dem Heimenstein, einer der Burg gerade gegenüberliegenden Höhle, genommen. Auf dem Wege von der nordwestlichen Albzinne nach dieser Grotte findet man sich bald im dichtesten Walde; unter einem bunten, aber wohltuenden Gemische der verschiedenartigsten Bäume. Auch der Boden bekleidet sich von Schritt zu Schritt mit einer üppigen Vegetation von Gras, Blumen und Kräutern; man merkt, daß man nicht nur von Städten, sondern von allen Menschenwohnungen fern wandelt, und die unendlich wohltätige Gegenwart einer jungfräulichen Natur labt Herz und Auge, während die würzige Bergluft in dieser blühenden Einsamkeit Brust und Füße stärkt und alle Müdigkeit weghaucht. In dem Eingeweide des Felsen, welcher den Namen Heimenstein führt, öffnet sich am südlichen Abhange eine schmale Höhle, welche denselben nach Südosten durchschneidet, etwa 60 Schritte lang und von innen eng, aber wohlgeformt, lichtlos, durch herabhängende und auf den Boden bunt hingeworfene Steinmassen unterbrochen, bald von dreifacher Mannshöhe, bald so niedrig, daß man nur gebückt durchkriechen kann und nur mit Licht versehen und unter dem Vortritt eines Führers durchkommt. An der wieder erweiterten Kluft steht man vor dem schroffen Abgrunde des Tales, und dem Blicke gerade gegenüber erscheinen als Vorsprung der entgegengesetzten Talwand die herrlichen Trümmer der alten Feste Reißenstein, als Krone eines Felsen, der sich aus einer Fülle von Wald erhebt. Dieser überkleidet die ganze obere Hälfte des länglichen Bergkessels, den das Tal bildet. Schmuck und malerisch winkt dem Hinunterblickenden aus dem tiefen Grunde, den hier die kleine Lindach durch das Gebirge gewählt hat, das Dorf Neidlingen herauf, das einst der tapfere Verteidiger Hohentwiels im Dreißigjährigen Kriege, der um das Württemberger Land hochverdiente Wiederhold, als Lehen besaß. Nach Norden und Nordost öffnet sich das Tal gegen das Städtchen Weilheim und die schönen waldigen Kuppen des Erkenberges und Aichelberges. Gegen Südwesten ist das Tal durch einen waldigen Bergesgrund ganz abgeschlossen. Das Volk läßt in dieser Höhle einen Geist über einem ungeheuren Schatze wachen und schreibt auch diesem, der einst als Riese hier gehaust, den ursprünglichen Aufbau des Reißensteines – Riesensteines – zu: Reißenstein Droben von dem Berge hoch Schaut herab das Felsenloch; Drin aus seiner langen Nacht Ist der Riese Heim erwacht. Streckt das zott'ge Haupt hervor, Luget durch sein schwarzes Tor; Ihm gefällt das tiefe Tal, Der gewölbte Riesensaal. Und er sehnt sich nach dem Licht, Weilt in seinem Steine nicht; Bald mit einem Schritt er stand Auf der andern Felsenwand. Nun ruft er die Zwerge, die Menschen, auf, ihm ein Haus zu bauen. Maurer, Steinmetz, Zimmermann gehorchen ihm. Bald steht der Riesenstein fertig, und nur der letzte Nagel am obersten Fenster fehlt noch. Doch der Ries im Augenblick Nimmt den Knecht bei dem Genick, Streckt zum Fenster den hinaus, Daß es allen ist ein Graus. »Hämmre, meine Hand ist fest, Daß sie dich nicht sinken läßt! Schlag den Nagel in den Stein Zwischen Erd und Himmel ein!« Draußen hängt er so mit Schreck, Doch er wagt's und hämmert keck; Nieder läßt der Heim ihn sacht: »Zwerg, du hast es wohl gemacht!« Urkunden erzählen von dieser Riesenfeste wenig, und man kennt ihre geschichtlichen Erbauer und Besitzer nicht. Gegen Ende des 14ten Jahrhunderts wurde sie vom Grafen Eberhard von Württemberg dem Ritter Hans von Lichtenstein überlassen, der sie seinen Tochtermännern abtrat. Im Jahre 1441 kam sie durch Kauf an den Grafen von Helfenstein und machte von da an einen Teil der Reichsherrschaft Wiesensteig aus. In das Innere der lange fast ungekannten Ruine gelangt man nach mancher Mühseligkeit von deren Rückseite – die auf dem Bilde sichtbare Vorderseite stürzt in tiefen Abgrund nieder – durch eine auf Händen und Füßen zu durchkriechende Höhlung. Dann klettert der keckere Wanderer an den Abgründen des Schuttes hinauf zum höchsten und mächtigsten Turme, wo sich die Aussicht auf das Neidlinger Tal von der andern Seite und eben deshalb ganz verändert, nach Nordost und Norden viel großartiger geworden, wiederholt. Dieser viereckige, gegen Nordosten stehende Turm hat 70–80 Fuß Höhe. Gegen Süden zeigt sich das ziemlich vollständige Gerippe eines großen Wohnhauses, von dem noch drei hohe Mauern stehen, die vierte zerfallen ist. Das Dach fehlt ganz, und der Himmel schaut hoch herein. Der Boden des Hauses ist mit wuchernden Ahornen, Eschen und Steinlinden angefüllt. Das Ganze ist durch mannichfaltiges Mauerwerk untereinander verbunden und umschlossen. Aus dem Felsen, auf dem eine Art Vorhalle ruht, führt, zusammengeschmolzen mit dem Mauerwerk, die Höhle empor, die jetzt den einzigen Zugang zu dem Schlosse bildet. In der Mauer darüber sind zwei große gewölbte Öffnungen, welche vielleicht die Eingänge zu zwei gewaltigen Zugbrücken gebildet haben, da jener Eingang unmöglich der einzige in das Schloß gewesen sein kann. Dem südlichen Schlusse des Tales ist man hier ganz nahe. Dort bildet die Lindach vom Gipfel der Alb herab über pittoreske Felsen den hübschen Wasserfall in einen durch Wald und Berg ganz abgeschnittenen Kessel. Man entdeckt ihn nicht eher, als bis man durch das bunte Gemisch der schlanksten Buchen, Eichen, Ulmen- und Ahornbäume, die sich an der Bergwand hinaufziehen und mit Kirschbäumen und anderm Obste abwechseln, hindurchgedrungen ist. Hundert Schritte klettert der Wanderer an gelindern Fällen hinauf, bis er auf dem Felsen ausruht, wo der obere Quell aus dem Kalkstein hervorspringt Und aus hoher Umschattung       Sein redseliger Sprudel hüpft. Urach Das Tal, das alle Schönheiten der Albnatur in größter Vollständigkeit und Fülle in sich vereinigt, ist das Uracher Tal. Die Zierde dieser Gebirgsabhänge, die reichen Buchenwälder, bekleiden seine Berge vom Gipfel bis an den untersten Saum der Wiesen, die den ebenen Grund des Tales bilden und einen zweiten Wald der mannichfaltigsten Obstbäume beherbergen, die im Frühling mit ihren Blüten die Tiefe, über der in den dürren Wäldern noch der Winter raschelt, zu einem Paradiesesgarten umschaffen. Doch ist der Sommer die schönste Jahrszeit für dieses waldige Felstal, dessen eigentlich malerischer Teil mit dem in einem lieblichen Obstwalde ganz versteckten großen Pfarrdorfe Dettingen beginnt, wo es nicht mehr viel über eine Viertelstunde breit ist und die Felsen zuweilen so nahe rücken, daß das Tal ganz geschlossen scheint. Zur Linken fließt dem Wanderer die Erms, das klare, muntre Waldwasser, das die schmackhaftesten Forellen beherbergt. Zu beiden Seiten der Heerstraße vereinigen sich Kirschen-, Zwetschen-, Birn-, Äpfel- und Nußbäume auch zur Sommerszeit, wenn die Blüte längst vorüber ist, zu einem freundlichen Gemisch von mannichfaltigem Hellgrün, während die abwechselnden Formen des hier ebenfalls in verschiedenen Gestalten sich gefallenden Gebirges in das undurchdringliche, saftige Dunkel der Buchen gehüllt sind und im heißesten Sommer durch ihren bloßen Anblick ein Ahnungsgefühl der Kühle erwecken. Auch in stille, schattige Seitentäler tut das Auge von Zeit zu Zeit einen erfrischenden Blick. Das schönste derselben, östlich von der Feste Hohenurach, der Brühl genannt, ist die abgeschiedenste Waldgegend, nach allen Seiten von den höchsten Bergen eingeschlossen, mit immergrünem, bewässertem Wasen bedeckt. Von der südwestlichen Gebirgswand rauscht uns der dreifache Wasserfall des Brühlbaches entgegen, der sich hier die ganze Albhöhe herab über eine Tuffsteinmasse fast senkrecht ergießt und auf den die Felsen und Wälder der Albhöhe niederschauen. Gegen Mittag schlingen sich bei günstiger Sonne, wenn man den Fällen ganz nahe getreten ist, durch den Wasserstaub die Edelgesteine eines oft wiederholten Regenbogens. Ein wildes Gehölz umgibt den Schauplatz der Szene; eine köstliche Gruppe überhangender Bäume spiegelt sich oben am Rande in dem hervorspringenden Wasserbogen, dessen Fall gegen 80 Fuß betragen mag. Der Platz oberhalb des Wasserfalles, auf der sogenannten schönen Wiese, übertrifft an düstrer Abgeschiedenheit alles, was man in diesen stillen Bergen findet, und doch ist der Hinunterblick auf den ruhigen Grund, in das jungfräuliche, unbewohnte Tal, unaussprechlich befriedend. Man freut sich der ungestörtesten Einsamkeit, und nur der Blick auf die Burgtrümmer Hohenurachs im Hintergrunde mahnt an das Leben hinabgegangener Geschlechter. Hier lebt und webt die Natur noch in ihrer alten Kraft und Stille, ja die Wunder der ewigen Gerechtigkeit wiederholen sich noch heutigen Tages hier auf diesen Höhen, in diesen Gründen. Ein reicher Bauer aus der Umgegend hatte seine Geliebte zu Urach vor Gericht verleugnet und geschworen, nicht auf dem Bette sterben zu wollen, wenn er löge. Dann ging er den steilen Gebirgspfad empor, seiner Heimat zu – Er ließ die Magd wohl weinen Und an der Brust den Kleinen! Was murrst du, alter Wasserfall? Was schüttelt ihr die Häupter all', Ihr Eichen und ihr Buchen? Ihr Winde, wen kommt ihr suchen? Die hohen Felsen stehn zu Hauf, Sie heben den weißen Finger auf, Die Bauern alle, die andern, Mit Eile, mit Eile wandern. Der eine schleichet hinterher, Sein Atem wird ihm kurz und schwer, Zu des Gesteines Klötzen Geht er, sich hinzusetzen. Vergebens warten auf ihn die Wandergenossen. Zuletzt im Regen und im Wind Die Dirne kommt mit ihrem Kind, Ihr ist, als ob es riefe Wehklagend aus der Tiefe. Da schleicht der Mond vor, ihr zu leuchten, und zeigt ihr im feuchten Grunde, zwischen Strauch und Baum, zwischen Fels und Wasserschaum, zerschellt und röchelnd, den Ungetreuen. S. die Romanze »Der Schwur«; G. Schwabs »Gedichte«, I, S. 325f. Wir verlassen diese Einsamkeit und nähern uns auf der Landstraße der Feste Hohenurach wieder. Dieser stumpfe Bergeskegel, von seinem Fuß an mit Wald bewachsen, steht von drei Seiten ganz frei, und selbst die vierte, wo er gegen Süden mit dem höheren Gebirge zusammenhängt, hat eine solche Vertiefung, daß er dadurch zu einem ganz abgesonderten Berge wird. Die Burg, mehr als 2000 Pariser Fuß über der Meeresfläche gelegen, beherrschte den ganzen Rücken des Berges und bot gegen die südliche Alb drei Terrassen dar: die untere Burg auf dem hintern, steil abstürzenden Felsrücken, mit einer in die Felsen gehauenen Brustwehr, in deren Schutze die Burgkapelle stand; dicht über dieser die obere Burg mit hohem Bollwerk, mit Halbmonden auf den vier Ecken und einem starken, hohen Turm, der den Haupteingang bedeckt; endlich über dem Bollwerk auf dem vordersten Felsengipfel die innere Burg, das eigentliche Schloß, welches die Stirn in das Haupttal hinabwies. Der einzige Eingang in die obere Burg ist in der östlichen, der Stadt zugekehrten Ecke. Vor dem Haupttore, welches auf das Bollwerk führt, ist ein breiter, tiefer Graben, in Felsen gesprengt. Der Umfang der innern Burg war nicht von Bedeutung. Der Schloßhof beschrieb ein unregelmäßiges Viereck. Zwei Hauptgebäude umzogen die nördliche und östliche Seite; auf der Westseite lief eine hohe Mauer mit einem Turm im Innern des Hofes; die Seite gegen das Bollwerk schloß der feste, mit einer wehrhaften Plattform bedeckte Eingang. An den äußern Ecken standen sehr feste Türme; zudem umlief die ganze innere Burg ein mit vielen Türmen besetzter Zwinger. Das alles liegt jetzt in Trümmern, ist aber auch als Ruine noch groß: Hohenurach Aus des Gebirges Kerkern Schaut Urach ernst herab, Mit morschen Turmeserkern, Mit seines Dichters Grab. S. G. Schwabs »Gedichte«, I, S. 301. Dieser Dichter ist Nikodemus Frischlin, der von »den Hofteufeln«, dem Adel, eifersüchtigen Mitlehrern und endlich den Fürstendienern, die »der Könige lange Hand gebrauchten«, verfolgt, seines Lehrersitzes in Tübingen verlustig, auf der Flucht, aus der er Libellen geschleudert hatte, ergriffen, auf dieser Bergfeste eingekerkert ward und freiheitsuchend an den Felsen zerschellte (1590). Ihn schlossen sie in starre Felsen ein, Ihn, dem zu eng der Erde weite Lande. Er doch, voll Kraft, zerbrach den Felsenstein Und ließ sich abwärts am unsichern Bande. Da fanden sie im bleichen Mondenschein Zerschmettert ihn, zerrissen die Gewände. Weh! Muttererde, daß mit linden Armen Du ihn nicht auffingst, schützend, voll Erbarmen! Just. Kerners »Dichtungen«, S. 128. Die Erde hat ihn wenigstens lange labend in ihrem Schoße bewahrt, denn im J. 1755 ward auf dem Kirchhofe zu Urach ein eichener Sarg aufgegraben, in welchem der zerschlagene Leichnam, sonst noch unversehrt, eine Papierrolle in der linken Hand und in ein gelehrtes Staatskleid eingehüllt, gefunden wurde. Er hatte also doch ein ehrendes Begräbnis erhalten, wenn anders die Zeugen sich in ihrem Funde nicht getäuscht haben. Ein früherer Gast dieser Kerkerfeste war, wenn Hohenurach hier nicht mit dem Schlosse der Stadt Urach verwechselt wird, der Vater des Herzogs Ulrich von Württemberg, der wahnsinnige Graf Heinrich, der, im J. 1490 von seinem Bruder Eberhard im Bart hierher gelockt, in einen Ring geschlossen sein früher Land und Leuten verderbliches Leben hier vertrauerte. Sein edles Gemahl Eva folgte ihm in diese wilde Einsamkeit, gebar ihm in der Gefangenschaft noch einen Sohn (1498), Georg, der durch seinen Sohn Herzog Friedrich I. Stammvater des jetzt blühenden württembergischen Hauses wurde, und wartete ihm getreulich ab bis zu seinem Tode (1519). Auch der berüchtigte Kanzler Enslin saß lange Zeit hier gefangen, bis er mit dem von ihm verführten Kommandanten der Burg am 22. Nov. 1613 auf dem Marktplatze zu Urach enthauptet ward. Wer die Burg Hohenurach erbaut hat, ist unbekannt; wahrscheinlich Egon oder Egino I., der im 11ten Jahrhunderte lebte. Von seinen zwei Brüdern baute der erste, Egino, der zweite, Rudolf, vollendete die Burg Achalm. Die urkundliche Geschichte des Hauses Urach umfaßt zwei Jahrhunderte; es gehörte zu den ausgezeichnetsten und merkwürdigsten Schwabens. Schon der Sohn des Stifters, Konrad oder Kuno, brachte es bis zum Kardinal. Er war Begleiter des Papstes Gregor VII., Zeuge der Szene zu Canossa und nachher einer der heftigsten Gegner Heinrichs V. Im J. 1111 hielt er als päpstlicher Legat zu Jerusalem eine Kirchenversammlung und sprach hier über den Kaiser den Bann aus, den er auf verschiedenen Synoden wiederholte; auch präsidierte er das Konzil zu Soissons, wo Abälards Prozeß verhandelt wurde. Nur sein eigener Wille verhinderte, daß er nicht zum Papst gewählt wurde. Sein Bruder Gebhard, Bischof von Speyer, liegt im Kloster Hirsau begraben. Von den spätem Grafen erhielt Egon der Fünfte nach einigem Kampfe durch seine Gemahlin Agnes im J. 1219 das Breisgau. Sein Erbe war sein ältester Sohn, Egon VI.; der zweite Sohn, Kuno, Bischof von Oporto und Kardinal, war einer der berühmtesten Männer seiner Zeit, groß in weltlichen wie in geistlichen Geschäften. Als päpstlicher Legat hatte er in Frankreich, England und Deutschland die glänzendste Rolle gespielt. Auch er lehnte als Kardinal die Papstwürde ab und zog sich nach einem langen, geräuschvollen Leben in das stille Ermstal auf Hohenurach, den Sitz seiner Väter, zurück. Hier mit dem Bau des Klosters Güterstein beschäftigt, erhielt er den beschwerlichen Auftrag, als Legat nach Palästina zu gehen, um dort einen Kreuzzug leiten zu helfen, und starb im J. 1230 auf der Reise. Egons VI. Enkel, Graf Berthold von Urach, wurde Stifter des fürstenbergischen Hauses. Aber seine Linie erlosch mit ihm und mit ihm das Haus der Grafen von Urach. Die Grafschaft Urach mit Stadt und Burg ging jetzt, noch im dreizehnten Jahrhundert, durch Tausch an Württemberg über. Graf Eberhard im Bart liebte Stadt und Feste und hauste oft in beiden. Grausam verwüstete die Burg der Herzog von Alba im Schmalkaldischen Kriege (1547), und erst der baulustige Herzog Christoph stellte sie wieder her. Im 30jährigen Kriege war Hohenurach in schwedischen Händen und wehrte sich, als die Stadt längst übergeben war, hartnäckig gegen die Obersten des Feldmarschalls Gallas, und erst ganz ausgehungert erhielt die tapfere Besatzung ehrenvollen Abzug. Urach war das letzte Besitztum, das nach dem Westfälischen Frieden von den Östreichern dem rechtmäßigen Landesherrn wieder eingehändigt wurde. Während der französischen Überfälle von 1693 diente die Feste vielen zum Asyl. Die erste große Beschädigung erhielt es durch den Blitzstrahl 1694. Seit dieser Zeit blieb es baufällig und sparsam besetzt, bis es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ganz zerfiel und seine Steine zur Erbauung des benachbarten Jagdschlosses Grafeneck verwendet wurden. Auf dem höchsten Punkte des Schlosses genießt man eine herrliche Aussicht in das Uracher Tal, das durch seinen schmalen Durchbruch durch das Gebirge, seine waldigen Bergwände und seine Ausmündung in ein breites, ebneres Land viel Ähnlichkeit mit dem Heidelberger Tale hat. Die Fernsicht auf der Burg ist beschränkt, und zwischen den beiden Bergsäulen des sich erweiternden Tales blickt nur ein kleiner Abschnitt der fernen Fläche herein, deren Hintergrund das Schloß Hohenheim und die fruchtbaren Bergebenen vor Stuttgart bilden. Das Städtchen Urach am östlichen Fuße der Burg, gewerbreich durch die Leineweberei, den Leinwandhandel und die Bleiche, von Herzog Friedrich I. seit 1597 hier eingeführt, bietet einiges Merkwürdige dar, darunter die alte Residenz des Grafen Eberhard im Bart, das von Graf Ludwig von Württemberg 1443 aufgeführte und von Eberhard im Bart aus Gelegenheit seiner Vermählung im J. 1474 verschönerte Schloß, das schon Martin Crusius herrlicher fand, »als man es von außen dafür ansieht«, und einer königlichen Hofburg verglich. Die Wände des halbhölzernen Gebäudes sind mit üppigen Efeuranken bedeckt; in dem freistehenden Portal ist der Palmbaum des wallfahrenden Eberhards im Bart und sein eines Helden würdiger Sinnspruch: »Attempto« (d. h. »Tento«, »Ich wag' es!«) farbig eingezeichnet. Im Innern zeigt unter vielen Zimmern ein großer Saal mit steinernem Boden uns die Brautbettstatt jenes Eberhard, und ein zierlich gemalter und vergoldeter Rittersaal, der äußerst geräumig ist, erinnert vielfach an jenen Fürsten sowie an einige spätere Perioden der württembergischen Geschichte. In diesem Saale wurden bei der Hochzeit Eberhards mit einer mantuanischen Prinzessin vierzehntausend Personen gespeist; der Wein lief aus einem Brunnen unmittelbar in dem Saal in die Becher. In der Hausflur sieht man das in Lebensgröße sehr schön geschnitzte Bild des wahnsinnigen Grafen Heinrich. Außer dem Schlosse verdient der durch den edeln Eberhard gestiftete St. Amandushof Erwähnung; Herzog Christoph räumte denselben dem frommen Lutheraner Hans Ungnad, Freiherrn von Sonneg, ein, der, einst österreichischer Gesandter zu Konstantinopel, jetzt ein Asyl in Tübingen gefunden hatte und zu Urach slavische Bibelübersetzungen und Drucke leiten wollte, mithin die erste Bibelanstalt gründete. Die Ironie des Schicksals vermachte seine Druckerei – der Propaganda zu Rom. Jetzt ist das Stift ein niederes evangelisches Seminar; seine Kirche, schon durch Eberhard im Bart zur Stadtkirche geworden, bewahrt den schön geschnitzten Kirchenstuhl Graf Eberhards. In dieser Kirche ließ Herzog Ulrich im J. 1537 ein Colloquium seiner Theologen halten, in dessen Folge alle Bilder aus den Kirchen entfernt wurden. Das nahe Karthäuserkloster Güterstein, jetzt bis auf die Spur verschwunden (an seine Stelle ist ein Wasserwerk und in der Nähe ein Fohlenhof getreten), hatte wahrscheinlich großen Anteil an der Sinnesänderung des edeln, aber in seiner Jugend rohen und ausschweifenden Eberhard. »Der alte Vater«, ein Prior zu Güterstein, besaß sein ganzes Zutrauen, und als die Reue ihn nach dem Heiligen Grabe trieb, legte er hier sein Testament nieder und empfing kniend des alten Vaters Segen. So erinnert fast alles in Urach und in der Umgegend an den ersten Herzog Württembergs, den herrlichen Fürsten, dem der Papst sein seltenstes Geschenk, die Heilige Rose, zuerkannte, den der Kaiser selbst der Kaiserkrone würdig achtete, der den Wissenschaften ihren Sitz in Tübingen gründete, der in einer schweren und mißtrauensvollen Zeit sich rühmen konnte, ruhig sein Haupt im wilden Walde in jedes Untertanen Schoß legen zu können, und der auf seinem Sterbelager sprach: »So jemand ist, dem wider Billigkeit meine Regierung schwer und ungerecht gewesen, dem soll es mit aller meiner Habe ersetzt werden; und wenn dir damit, mein gnädiger Gott und Schöpfer, noch nicht genug getan ist, so ist hier mein Leib: Züchtige ihn und mach ihn zu einem Sühnopfer!« Schlößchen Lichtenstein In einem tiefen grünen Tal Steigt auf ein Fels, als wie ein Strahl, Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein Vergnüglich in die Welt hinein. In dieser abgeschiednen Au Da baut' es eine Ritterfrau, Sie war der Welt und Menschen satt, Auf den Bergen sucht sie eine Statt. Den Fels umklammert des Schlosses Grund, Zu jeder Seite gähnt ein Schlund, Die Treppen müssen, die Wände von Stein, Die Böden ausgegossen sein. So kann es trotzen Wetter und Sturm, Die Frau wohnt sicher auf ihrem Turm, Sie schauet tief ins Tal hinab, Auf die Dörfer und Felder, wie ins Grab. »Die blaue Luft, der Sonnenschein«, Spricht sie, »der Wälder Klang ist mein, Eine Feindin bin ich aller Welt, Zu Gottes Freundin doch bestellt.« Diese und die folgenden Verse aus der Romanze »Schloß Lichtenstein«; G. Schwabs »Gedichte«, I, S. 319ff. Seitdem wohnten lauter Menschenfeinde auf der Burg, und einer von ihnen hat den von den Menschen vertriebenen Herzog Ulrich in seinem Felsenneste aufgenommen: Er zeiget ihm das finstre Tal, Das weit sich dehnt im Mondenstrahl. Der Herzog schaut hinunter lang, Er spricht mit einem Seufzer bang: »Wie fern, ach, von mir abgewandt, Wie tief, wie tief liegst du, mein Land!« »Auf meiner Burg, Herr Herzog, ja, Ist Erde fern, doch Himmel nah; Wer schaut hinauf und wohnt nicht gern Im Himmelreich von Mond und Stern?« Hier lernt der verstoßene Herzog mit dem Himmel umgehen und wird aus einem Menschenfeind und Untertanenquäler zu einem Freunde von Gott und Welt umgeschaffen. Wie hat er erworben solche Gunst? Wo hat er erlernet solche Kunst? In des Himmels Buch, auf Lichtenstein, Da hat er's gelesen im Sternenschein! Das Schloß zerfiel, es ward daraus Ein leichtgezimmert Försterhaus; Doch schonet sein des Windes Stoß, Meint, es sei noch das alte Schloß. Mehr als diese Romanze weiß auch die Geschichte wenig von dem durch seine ganz eigentümliche Lage vor allen andern Albpunkten ausgezeichneten »Lichtensteiner Schlößlein«, welchen Titel die Jägerwohnung von der alten Burg noch heutzutage entlehnt, zu sagen. Die Burg war Eigentum und Sitz der Herren von Lichtenstein, die seit 1243 mehrfach vorkommen, auch mehrere Schlösser dieses Namens besessen zu haben scheinen. Im J. 1389 bedienten sich Anshelm und Schwenger von Lichtenstein »scharfer und ehrenrühriger Wort'« wider die Reutlinger, die sich dann im Städtekrieg in den Besitz von Lichtenstein setzten, das aber bald württembergisches Lehen wurde. Crusius beschreibt uns die alte Gestalt des Schlosses genau und erzählt: »Am untern Teil des Schlosses sind Festungswerke, auf alte Art gebaut, etwas höher ein herrlicher Pferdestall und kleine Kammern anstatt des Kellers, alles in Felsen gehauen. Wenn man die Stiege hinaufgeht, findet man eine weite und helle Stube mit gegossenem Boden; vor derselben sind Doppelhaken in der Wand. Im obern Stockwerk ist ein überaus schöner Saal, rings herum mit Fenstern, aus welchen man bis an den Asberg (bei Ludwigsburg) sehen kann: Darin hat der vertriebene Fürst Ulrich von Württemberg öfters gewohnt, der des Nachts vor das Schloß kam und nur sagte: ›Der Mann ist da!‹, so wurde er eingelassen.« In dieser Gestalt stand das Schloß bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, wo es abgerissen und, mit Beibehaltung der alten, ganz in den Fels hineingebauten Grundlagen von Mauern und Türmen, eine freundliche, blanke Försterwohnung an seine Stelle gesetzt wurde. Die alte Burg lebt nur noch in unserer Romanze, in alten Handzeichnungen, in der Chronik des Crusius, vor allen Dingen aber seit zehn Jahren in dem allgelesenen schönen Roman des frühverstorbenen schwäbischen Dichters Wilhelm Hauff. Dieser bevölkerte das Schlößchen mit einem alten Ritter von Lichtenstein und seiner lieblichen Tochter Bertha, und ließ, der Sage getreu, den verjagten Herzog Ulrich hier und in der benachbarten Nebelhöhle verborgen und gepflegt werden. Auf Crusius gestützt, entwirft uns Hauff, wo er seinen jungen Helden Georg von Sturmfeder, nach einem schlimmen Abenteuer, auf Lichtenstein seine Bertha, den alten Vater, den unerkannten Herzog und den treuen Pfeifer von Hardt finden läßt, folgende höchst lebendige Beschreibung des Schlößchens: »Georg hatte indes Zeit genug, das Schloß und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim ungewissen Scheine des Mondes, die kühne Bauart dieser Burg aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tage beleuchtet anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem tiefen Albtal ein schöner Felsen frei und kühn empor. Weit abliegt alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgespült. Selbst an der Seite von Südwest, wo er dem übrigen Gebirge sich nähert, klafft eine tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten Sprung einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, daß nicht die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten Teile vereinigen konnte. Wie das Nest eines Vogels, auf die höchsten Wipfel einer Eiche oder auf die kühnsten Zinnen eines Turms gebaut, hing das Schlößchen auf dem Felsen; es konnte oben keinen sehr großen Raum haben, denn außer einem Turme sah man nur eine befestigte Wohnung; aber die vielen Schießscharten im untern Teile des Gebäudes und mehrere weite Öffnungen, aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten, zeigten, daß es wohlverwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine nicht zu verachtende Feste sei. Und wenn ihm die vielen hellen Fenster des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten doch die ungeheuern Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungelbe Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, daß es auf festem Grunde wurzle und weder vor der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde.« Georg geht mit dem Pfeifer über die Zugbrücke, dann gelangen sie an das innere Tor. »Es war nach alter Art, tief, stark gebaut und mit Fallgattern, Öffnungen für siedendes Öl und Wasser und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen, womit man in den guten alten Zeiten den stürmenden Feind, wenn er sich der Brücke bemeistert haben sollte, abhielt. Doch die Ungeheuern Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst der schöne geräumige Pferdestall und die kühlen Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer gewundener Schneckengang führte in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen; denn auf dem Vorplatz, der zu den Zimmern führte, wo in andern Wohnungen häusliche Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.« W. Hauffs »Schriften« VI, S. 23 ff Wo im alten Schlosse jener Saal stand, da hängt jetzt, ebenfalls im zweiten Stocke des Schlößchens, das Fremdenzimmer in der Luft und eröffnet den freien Blick in das wundervolle Tal, an dem gewiß auch das verwöhnteste Auge Wohlgefallen finden wird. Von dem schroffen Fels herab mißt der Blick eine Tiefe von wenigstens dreihundert Klaftern, welche, von dem Waldbache der Echaz gebildet, etwa eine halbe Viertelstunde breit, rechts und links von waldigen Alpen umlagert, sich eine Meile in die Länge zieht und mit drei lachenden Dörfern, immer wasserfrischen grünen Wiesen und wohlverteilten Obstpflanzungen besetzt ist. In der Höhe das wildeste Gebüsch mit Wald und Fels, rechts und links die rauheste Alb. Im Hintergrund ein isolierter Bergrücken, hinter dem der vulkanische Gipfel der Achalm hervorblickt, so neugierig, als könnte er scheu jeden Augenblick sich wieder hinter den Vorderberg zu Grunde bücken; rechts und links verliert sich die lachende, hügelige Breite bis gegen Hohenheim und die Stuttgarter Höhen, in den buntesten Farben, bis zur bleichsten Bläue verschmolzen. In diesen Richtungen liegen in der Nähe die Städte Pfullingen und Reutlingen; links von dem Beschauer etwas ferner, hinter der Bergwand, Tübingen; in seinem Rücken, von Waldfläche gedeckt, Hohenzollern und Hechingen. Aber wer den obersten Boden des Hauses zu besteigen nicht scheut, der wird durch ein zerbrechliches Fenster, mit bewaffnetem Auge, gegen Südost eine ganze Kette von Vorarlberger und Schweizer Alpen bis zum Säntis und Glarnisch hin, aus weiter Ferne, schneebedeckt, mit Staunen sich entgegenschimmern sehen. Der Förster, der diese vereinzelte Warte bewohnt, seufzt jahraus, jahrein über die Einsamkeit der Werktage, die Wut der Stürme, die Strenge endloser Winter und die Kürze lieblicher Sommer. An dem schönsten Frühlingstage des Jahres, dem Feste der Freude, dem Pfingstenmontag, wogt jedoch der Strom des geselligen Lebens auf einmal bis über Bord dieser im Luftmeer einsam schwimmenden Arche. Da wird die benachbarte Nebelhöhle beleuchtet, und aus Ober- und Unterland kommt eine unzählige Menge fröhlicher Gäste zusammengeströmt, die Jungen, um die Wunder der hiesigen Umgegend zum ersten Male zu genießen, die Alten, um in Erinnerungen der Natur und der Freundschaft einen frohen Tag sich rückwärts zu versenken. Erst aus der Tiefe von Pfullingen zu Wagen und Rosse, von Unterhausen zu Fuße durch einen Bergspalt, jedenfalls mühsam emporgekommen, lagert man sich auf einer ebenen Albwiese, dem begrünten Dache der Höhle, dann wird die von unzähligen Lichtern funkelnde Höhle besucht, endlich schlendern Karawanen um Karawanen durch den Wald der Hochfläche, bis, selbst denen, die zum zehnten Male hier pilgern, unerwartet, die Waldebene am Abgrund aufhört und das steile Schloß mit seinem tiefen Tale dahinter, nur über eine Zugbrücke zu erobern, vor den Wanderern emporsteigt: Und einsam ist es jetzt nicht mehr, Es kommt der Gäste fröhlich Heer, Aus einer Höhle kommen sie, Doch Menschenfeinde sind es nie. Manch holdes Mädchenangesicht Läßt leuchten seiner Augen Licht; Da führt mit Recht in solchem Schein Das Schloß den Namen Lichtenstein. Die Männer stolz, die Mägdlein frisch, Sie sitzen all' um einen Tisch, Die Erde lächelt herauf so hold, Es strahlt am Himmel der Sonne Gold. Sie spenden von des Weines Tau Dem Herzog und der Edelfrau, Sie bitten sie, dies Schlößlein gut Zu nehmen in ihre fromme Hut. Und ziehn sie ab, mit einer Brust Voll Gotteslieb' und Menschenlust, Dann steht in spätem Sternenschein Einsam und selig der Lichtenstein. Die Nebelhöhle Die malerischen Schönheiten Schwabens beschränken sich nicht auf seine Oberfläche, sie setzen sich selbst unter dem Boden fort; keine Provinz Deutschlands ist so reich an unterirdischen Grotten und größeren Höhlen; ja fast jedes Jahr setzt die Entdeckung eine neue hinzu; und selbst hier, wo man es weniger erwarten sollte, herrscht das Gesetz der größten Mannichfaltigkeit, und die Stalaktiten der verschiedenen Höhlen zerfallen in Geschlechter und Arten, wie die Blumen und Früchte, die am Fuße dieser Gebirgsgrotten in den lieblichen Tälern blühen und reifen. Das ältestbekannte, berühmteste und imposanteste von diesen Subterraneen ist die Nebelhöhle, obgleich sie durch die jährliche Beleuchtung mit viel tausend Talglichtern viel vom feenartigen Schimmer der Tropfsteine verloren hat und in dieser Hinsicht mit ihren jüngeren oder doch frischeren Schwestern sich nicht messen darf. Der alte, bescheidene Name, den das Volk der Höhle gegeben hat, ist das Nebelloch und rührt wahrscheinlich von ihren Ausdünstungen her. Der bekannte deutsche Reisende Keysler machte vor hundert Jahren auch das Ausland mit dieser Höhle bekannt, beschrieb sie und wies auch ihre große Ähnlichkeit mit der Baumannshöhle nach. Schon er berechnete die Länge sämtlicher unterirdischen Grotten und Gänge von dem äußersten Eingange bis an den Ort, wo man von diesem am weitesten entfernt ist, auf 488 Fuß. Seitdem ist sie oft und genau untersucht und vielfach beschrieben worden. Die Höhle liegt drei Stunden oberhalb Reutlingen, an dem Ende eines Seitentälchens von Oberhausen, an der Seite eines hohen waldigen Bergfelsens, der Stellenberg genannt. Ihr großer portalmäßiger Eingang ist mit einer, gewöhnlich verschlossenen, Türe versehen, zu welcher Pfullingen und das nähere Dörfchen Oberhausen die Schlüssel verwahren. Dieser Eingang öffnet sich gegen Nordost an der steilen, felsigen Waldwand, ungefähr 140 Fuß unter dem Rande des Gebirges und 2457 Fuß über der Meeresfläche, zwischen bemoosten Felsen. Die Höhle selbst besteht aus mehreren Abteilungen, der untern, der obern und den zwei kleinern obern Höhlen. Die untere Höhle teilt sich wieder in die vordere und hintere Höhle, welche beide nur durch einen schmalen Durchgang verbunden sind. Die Hauptrichtung der ganzen Höhle geht von Südost nach Nordwest; ihre Länge beträgt 540 Fuß, wovon 315 Fuß auf die vordere und 225 Fuß auf die hintere Höhle kommen; ihre mittlere Breite hat 75 Fuß, ihre Höhe steigt bis auf ungefähr 70 Fuß. Durch den Eingang steigt man auf einer Treppe von 68 Stufen, welche 1803 an die Stelle des sehr beschwerlichen und schlüpfrigen Weges gesetzt worden ist, hinab und kommt dann in die vordere Höhle. Noch auf der Treppe erweitert sich die Höhle in einem hohen Gewölbe, das schornsteinartig über 50 Fuß in die Höhe steigt und oben eine kleine Öffnung hat, durch welche ein schwacher Schimmer des Tageslichts hereinfällt. Die Wirkung desselben verliert sich aber bald, und mit stillem Staunen langt man in der Tiefe der finstern und geheimnisvollen Unterwelt an und sieht sich hier von einer großen, an 40 Fuß hohen Halle umfangen. Links von hier breitet sich eine weite Kammer von mehr als 100 Fuß Tiefe aus, an deren Ende gleichsam ein Wasserfall von Tropfsteinen aus der Wand hervorbricht. Die Hauptausdehnung der Höhle geht rechts gegen Nordwest. Der durch Brücken erleichterte Weg führt über Felsen und Tiefen. Auf der ersten Brücke sieht man wundersame Tropfsteine, den »Bären« und den »Handscherben«, eine gewöhnlich mit Wasser gefüllte Tropfsteinschüssel. Später gelangt man an eine große, freistehende Felsengruppe von den schönsten Tropfsteinen, welche in ihrer Mitte einen schauerlichen Kessel einschließt. Hier teilt sich der Weg in zwei Gänge, wovon der eine links in die »Grotte« führt, wo die glänzendsten und wunderlichsten Tropfsteingebilde, »Kapelle, Kanzel, Altar, Orgel samt Vorhängen und Deckenverzierungen, Heiligenbilder in Nischen und Felsenritzen«, sich zeigen; hier ist auch der größte Wasserbehälter, und bald folgt das Ende der Höhle. Die Nebelhöhle Der Gang rechts führt über zwei Brücken zu einem schmalen Durchgang und damit in die hintere Höhle, die sich gleich beim Eingang in einer Höhe von 20–30 Fuß und in einer Breite von 40–50 Fuß ausdehnt und wo uns zuerst der Taufstein begegnet. Nach 150 Schritten trennt sich diese minder merkwürdige Höhle in zwei Äste und setzt sich von beiden aus in einem oberen Stockwerke fort. Diese obere, schwer zugängliche Höhle dehnt sich wieder von Südost nach Nordwest und kann zum Teil nur erklettert und mit Leitern befahren werden. Sie besteht aus vier Hauptteilen, wovon ein Gewölbe rechts reich an den sonderbarsten Tropfsteingestalten ist. Endlich finden sich im Norden der hintern Höhle zwei mühsam zu ersteigende kleine Höhlenkammern; in der Wandspalte einer derselben ward ein Knochen von einem menschlichen Schenkelbein gefunden. Die ganze Höhle befindet sich in Jurakalkstein, und die darin vorkommenden Mineralien sind fast lauter Erzeugnisse von aufgelösten Teilen dieses Kalksteins: Mondmilch, Fadenstein, Kalkspat, Stalaktiten. Auch will man verschiedene Versteinerungen darin gefunden haben. Die Temperatur der Höhle ist 4,8º R. Vergl. Memmingers »Beschr. v. Reutlingen«, S. 12–21. Wir entlehnen zur Ergänzung des vorliegenden Bildes die Farben abermals dem Dichter, dem wir schon eine so lebendige Schilderung Lichtensteins verdanken. Denn auch in diese Finsternisse ist die Poesie hinabgedrungen. Mit Recht rühmt Uhland diese vaterländischen Schilderungen des jungen Dichters in seinen schönen Versen »Auf Wilhelm Hauffs frühes Hinscheiden«: »Gedichte«, 10te Aufl., S. 157. Noch eben war von dieses Frühlings Scheine Das Vaterland beglänzt. – Auf schroffem Steine, Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu. Doch in der Höhle, wo die stille Kraft Des Erdgeists rätselhafte Formen schafft: Am Fackellicht der Phantasie entfaltet, Sahn wir zu Heldenbildern sie gestaltet; Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt, Ward zu beseeltem Menschenwort erweckt. Die Szene, in welcher Hauff seinen Helden durch den Pfeifer von Hardt dem vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg in die Nebelhöhle zuführen läßt, gehört zu den schönsten und phantasiereichsten seines Romans »Lichtenstein«. Dort wird der Eintritt Georgs von Sturmfeder in die Höhle folgendermaßen beschrieben: Hauffs »Werke«, V, S. 84ff. »Der Mann von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere zu tragen; denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran durch das dunkle Tor. Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin und wieder gesehen; aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen Urgroßvater in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen gehört, das von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden; dort war ein Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf, was der Knabe je über der Erde gesehen hatte; was die kühne Phantasie des Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches erfinden konnte, goldene Säulen mit kristallenen Kapitalem, gewölbte Kuppeln und Smaragden und Saphiren, diamantene Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen das Auge blendeten, alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief eingedrückt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden Jünglings. Alle Augenblicke stand er still, von neuem überrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte; denn in hohen, majestätisch gewölbten Bogen zog sich der Höhlengang hin und flimmte und blitzte, wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch größere Überraschung stand ihm bevor, als sich sein Führer links wandte und ihn in eine weite Grotte führte, die wie der festlich geschmückte Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war. Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm die Fackel aus der Hand, stieg auf einen hervorspringenden Felsen und beleuchtete so einen großen Teil dieser Grotte. Glänzend weiße Felsen faßten die Wände ein, Schwibbogen, Wölbungen, über deren Kühnheit das irdische Auge staunte, bildeten die glänzende Kuppel; der Tropfstein, aus dem die Höhle gebildet war, hing voll von Millionen kleiner Tröpfchen, die in allen Farben des Regenbogens den Schein zurückwarfen und als silberreine Quellen in kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge glaubte bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Draperie und gotisch verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen Dome nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den Wänden hin- und herzogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von Märtyrern und Heiligen in ihren Nischen bald auf-, bald zuzudecken. Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für hinlänglich gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. ›Das ist die Nebelhöhle‹, sprach er; ›man kennt sie wenig im Land, und nur den Jägern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man allerlei böse Geschichten von diesen Kammern der Gespenster weiß. Einem, der die Höhle nicht genau kennt, möchte ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlünde und unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die jetzt leben.‹ ›Und der geächtete Ritter?‹ fragte Georg. ›Nehmt die Fackel und folget mir‹, antwortete jener und schritt voran in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, als Georg die tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Führer darauf aufmerksam. ›Das ist Gesang‹, entgegnete er, ›der tönt in diesen Gewölben gar lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer singen, so lautet es, als sänge ein ganzer Chor Mönche die Hora.‹ – Immer vernehmlicher tönte der Gesang; je näher sie kamen, desto deutlicher wurden die Biegungen einer angenehmen Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben herab tönte ganz nahe die Stimme des Singenden (Ulrichs), brach sich an den zackigen Felswänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle, geheimnisvolle Tiefe ergoß.« Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete sang: Vom Turme, wo ich oft gesehen Hernieder auf ein schönes Land, Vom Turme fremde Fahnen wehen, Wo meiner Ahnen Banner stand. Der Väter Hallen sind gebrochen, Gefallen ist des Enkels Los, Er birgt besiegt und ungerochen Sich in der Erde tiefstem Schoß. Und wo einst in des Glückes Tagen Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild, Da meine Feinde gräßlich jagen, Sie hetzen gar ein edles Wild. Ich bin das Wild, auf das sie birschen, Die Bluthund' wetzen schon den Zahn, Sie dürsten nach dem Schweiß des Hirschen, Und sein Geweih steht ihnen an. Die Mörder han in Berg und Heide Auf mich die Armbrust aufgespannt, Drum in des Bettlers rauhem Kleide Durchschleich' ich nachts mein eigen Land; Wo ich als Herr sonst eingeritten Und meinen hohen Gruß entbot, Da klopf ich schüchtern an die Hütten Und bettle um ein Stückchen Brot. Ihr warft mich aus den eignen Toren, Doch einmal klopf ich wieder an; Drum Mut! Noch ist nicht alls verloren, Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann. Ich wanke nicht; ich will es tragen, Und ob mein Herz darüber bricht, So sollen meine Feinde sagen: »Er war ein Mann und wankte nicht!« Dieses schöne Lied ist von Fräulein Emilie Zumsteg, der Tochter des bekannten Komponisten, vortrefflich in Musik gesetzt worden, und seine originelle Melodie verdient wohl eine allgemeinere Verbreitung. Was in Hauffs Roman von der Höhle gesagt worden, ist alles ganz nach der Natur geschildert. Dem Dichter Wilhelm Hauff selbst tönte der Gesang einer zahlreichen akademischen Jugend, die von seiner Dichtung begeistert war, in seinem letzten Lebenssommer, in welchem er in diese Höhle und später in das Grab hinabstieg, aus den unterirdischen Grotten entgegen und endigte in ein hundertstimmiges stürmisches Lebehoch, dessen Echo gar nicht verhallen wollte. Da heißt es recht: Aus Uhlands »Glockenhöhle«; »Ged.«, X. Aufl., S. 475. Dort lassen lust'ge Zecher Sich auf der Felsbank nieder, Sie schwingen volle Becher Und singen trunkne Lieder. Nie klang die Grotte so wie heut Von Feuerlärm und Sturmgeläut! Burg Hohenzollern Zwei Gebirgskegel treten aus der langen Reihe der schwäbischen Albhöhen weithin sichtbar hervor: am östlichen Ende der dem Freunde dieses Werkes schon vorübergeführte Hohenstaufen, auf dessen kahlem Gipfel, nur dem geistigen Auge sichtbar, aber für dieses unzerstörlich, die Burg eines längst verschwundenen Geschlechts unsterblicher Herrscher thront; gegen das Westende desselben Gebirges Hohenzollern, die mit Trümmern gekrönte Bergwiege eines blühenden Königsstammes. Dieses letztere, einst sehr feste Bergschloß liegt eine halbe Stunde von Hechingen, der kleinen Residenz des Fürstentums Hohenzollern-Hechingen, auf einem freistehenden kegelförmigen Berge, der gegen 800 Fuß hoch ist. Den Gipfel bildet ein Kalkfelsen, dessen Seiten überall senkrecht abgeschnitten sind. Zu dieser Spitze, welche das Schloß trägt, führt nur ein einziger, mit Brücken verbundener Zugang, und die Feste war noch überdies absatzweise durch neun stark mit Eisen beschlagene Tore verwahrt. Das Schloß selbst bildet ein längliches Viereck und besteht aus einem Hauptgebäude und zwei Flügeln, an dem die südöstliche Seite, deren Flügel längst eingestürzt ist, mit Ausnahme der Kirche, offen steht. Rechts hat der Eintretende hier das Zeughaus, in welchem einiges Geschütz und eine sehenswerte Waffensammlung des Mittelalters aufbewahrt wird, eiserne Panzer, Helme, Morgensterne, Spieße und was sonst von Waffen der veränderte Kriegsgebrauch längst unnütz gemacht hat. Darunter zeichnen sich einige schön von Stahl gearbeitete und mit Zieraten versehene Rüstungen der Grafen von Hohenzollern besonders aus. Das Ganze ist in einem alten Saale aufbewahrt. Neben diesem Zeughause sind zwei Mühlen übereinander, von eigentümlichem Mechanismus, wovon die untere durch Pferde, die obere durch Menschen in Bewegung gesetzt wurde. Jenem Hause gegenüber steht links, unansehnlich, doch nicht ungeräumig, die Burgkapelle, das älteste Gebäude des Schlosses; denn ihre Erbauung fällt gewiß schon ins eilfte Jahrhundert. Die Festung hatte keinen Brunnen mit lebendigem Wasser; eine große gemauerte Zisterne, welche die abgeleitete Traufe der Dächer auffing, vertrat für die Bewohner seine Stelle. Den übrigen Teil des Schlosses nehmen hohe und geräumige Zimmer und Säle ein, die jedoch nichts Bedeutendes darbieten. Im Hofe des Schlosses stehen ein paar alte welkende Bäume. Mühevoll in den Felsen gehauene Gewölbe ziehen sich unter der Oberfläche des Berges hin. Das Ganze der Burg war schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts dem gänzlichen Zerfalle nahe, und das topographische Lexikon Schwabens aus jener Zeit sagt mit Bedauern, daß bald dieses berühmte preußische Stammschloß zu einem Schutthaufen geworden sein werde. Burg Hohenzollern mit Hechingen Seitdem hat sich die hohe Regentenfamilie, welche dieser Burg entsprossen ist, des Hauses ihrer Väter angenommen, nachdem S. K. Hoheit der Kronprinz von Preußen im Sommer 1823 einen Abend auf seinem ahnherrlichen Schlosse verweilt hatte. Die Wohnungen sind erneuert und wieder in baulichen Stand gesetzt, und dem Ganzen ist ein hoher steinerner Turm hinzugefügt worden, der die sonst wenig sich in die Höhe türmenden Ruinen hebt und eine unermeßliche Aussicht über Berge, Täler und Flächen eröffnet. Westen, Norden und Nordosten liegen ganz offen da, der Süden bietet uns die Albkette mit einem Kranze der schönsten Wälder entgegen, und ihre Berge lagern sich in amphitheatralischem Halbrund vor dem gern auf ihnen ausruhenden Auge. Das Geschlecht der Hohenzollern verliert sich in graue und unkenntliche Ferne; die Sage fabelt bald von einem Grafen Meginhard, der schon im fünften Jahrhundert gelebt und aus geistlichem Drange sich in eine wilde Einöde der Schweiz zurückgezogen habe, bald von einem italienischen Grafen Ferfried aus der berühmten römischen Familie der Colonna, der in den Parteiungen jener Zeit Italien verlassen habe und vom Kaiser um 1040 mit dieser Burg und einigen Reichs zöllen belehnt worden sei. Andere leiten den Ursprung des Hauses von den Guelfen ab und halten einen Abkömmling des fränkischen Königs Pharamund, Ethiko I., genannt Adelreich, der zu Anfang des 8ten Jahrhunderts Herzog in Elsaß und Alemannien war, für den gemeinschaftlichen Stammvater der erlauchten Häuser Habsburg, Lothringen, Baden und Hohenzollern. Sein jüngerer Sohn, Ethiko II., genannt Haching, soll die Stadt Hechingen gebaut haben; des ältern Sohnes, Adelberts, Urenkel war Thassilo, der erste, den die Geschichte mit Gewißheit als Grafen von Zollern bezeichnet und der um das J. 800 nach Chr. lebte. Die Burg Hohenzollern – Castrum in colle –, vermutet man, stand damals schon; Thassilo kam mit ihrem Erwerbe zugleich zu seinem Namen. Sein Sohn Thanko, ein tapferer Mann, der zu seiner Zeit im Kleinen hieß, was seine Nachkommen im Großen wurden, »ein Schiedsrichter über Krieg und Frieden«, pflanzte den Zollernschen Stamm fort. Das Geschlecht lief nun schon in mächtige Seitenlinien aus; das Stammschloß der Ahnen soll Thankos Ururenkel, Friedrich I. von Zollern, um 980 erneuert und erweitert haben. »Von diesem Friedle«, sagt Münster in seiner Kosmographie, »meldt man nit vielle, ob er zu zit ist gewesst ain Kriegs-, Hof- oder Husmann; alle achten ihn hiefür, daß er das Schloß Zollern geneuert und gebessert hab.« Sein Enkel Friedrich III., um 1111 Kaiser Heinrichs V. oberster und geheimer Rat, war ein allgemein beliebter Mann seiner Zeit; Rudolf II. von Zollern, sein ältester Sohn, entschied, als ein mutiger Anhänger der Welfen, die blutige Schlacht auf dem Wohred (Wöhrd) bei Tübingen (6. Septbr. 1164). Von dieser Zeit an teilte sich der Zollernsche Stamm in zwei Äste, wovon der eine in Franken das Haus der Burggrafen von Nürnberg gründete, der andere durch Rudolfs älteren Sohn Friedrich IV. die väterlichen Erbgüter in Schwaben erhielt. Die Geschichte erzählt jetzt mehr von dem fränkischen Aste, den Burggrafen. Ein solcher war im Gefolge des Königs Rudolf des Habsburgers unter den Belagerern Stuttgarts im J. 1286, während sein Vetter Friedrich Graf von Zollern die Stadt den verbündeten Grafen mutig verteidigen half. Zu Anfang des 14ten Jahrhunderts sitzt auf Zollern Eitel Fritz III., der Eberhards des Erlauchten von Württemberg Tochter Margaretha zur Ehe hatte. Ihr Erstgeborener, Friedrich V., genannt Ostertag von Zollern, war ein menschenfreundlicher, jovialer Mann, der sich der Jagd und seines häuslichen Glückes freute; ein guter Reichssoldat dagegen war sein Sohn Friedrich der Schwarze (VI.), bis er, vom Glücke verlassen, in der Schlacht von Sempach fiel. Ein tragisches Schicksal hatte Friedrich VII. von Zollern, der Öttinger genannt (†1426), der auch die Burg Hohenzollern an Baden verpfändete. Er war ein Rat Graf Eberhards IV. von Württemberg gewesen. Seiner Witwe, der herrschsüchtigen Gräfin Henriette, kündete er jedoch mit unhöflichen Worten den Dienst auf. Mit ihrer Feindschaft bedroht, ließ er das Wort fallen: »Kann mich auch ein giftiges Weibsbild verschlingen?« Darauf schrieb ihm die Gräfin – die Romanze mag es erzählen »Der Graf von Zollern«; Schwabs »Schwäb. Alb«, S. 43ff. –: »Verschlingen alleweg will ich Dein Gut , dein Schloß , dein Leben, dich ! Kein feiges Weib, wie du geglaubt, Es traf dein Spott ein Fürstenhaupt.« Nicht lange, so geriet der Graf mit den Reichsstädten in Fehde und hielt mutig ihre Belagerung auf seiner Burg Hohenzollern aus: Er zieht die Flügelbrück' empor, Verriegelt wohl sein neunfach Tor; Die Knechte führt er auf den Wall, Sein Schuß bringt unten viel zu Fall. Fröhlich zechte der Belagerte auf seiner Feste ein ganzes Jahr lang. Da naht es schwarz, wie neues Heer, Zweitausend sind es oder mehr. Der Knappe spricht: »Gnad uns, o Christ! Die Württemberger Fahn' es ist!« Der kühne Graf kämpft noch ein Jahr, Bis Scheune leer und Keller war. Er beißt die Lippen sich vor Wut: »Verschlungen hat sie doch mein Gut !« Die Tore schließt er langsam auf. Es zieht herein der Feinde Hauf; Die Ulmer brechen Stein um Stein, Die Württemberger lachen drein. Nach Stuttgart führt man ihn zu Roß: »Verschlungen habt Ihr, Frau, mein Schloß . Ihr ließet mir kein Lösepfand; Mein Leben steht in Eurer Hand.« Aber die Gräfin ließ ihn in einen finstern Turm werfen. Zehn Jahre wohnt der Graf in Graus, Sein Haar wird grau, sein Blick löscht aus. Da sinkt er traurig in das Knie: »Verschlungen hat mein Leben sie!« Endlich stirbt seine Feindin; der Befreite ermannt sich; Gott zu danken will er ins Gelobte Land ziehen. » Mich hat sie mir gelassen, mich !« Er schwingt, wie sonst, zu Rosse sich, Er fliegt durch die besonnte Flur Und denkt an Gottes Fehde nur. Er springt vom Roß, er steigt ins Schiff, Er schwimmt vorbei am Felsenriff, Er ist der erste auf dem Strand, Er fasset das Gelobte Land. – Da spürt sein Odem erst die Gruft Und seine Brust die Kerkerluft; Die Kraft, im Innersten versehrt, Ihr Letztes hat sie aufgezehrt. Dem Knappen sinkt er in den Arm, Der Morgenwind umhaucht ihn warm; Sein sterbend Haupt, es neiget sich, Er seufzt: »Verschlungen hat sie mich !« Dies geschah im J. 1426. Seine Witwe geriet in solches Elend, daß sie ihren Feind, das Haus Württemberg, um Almosen anflehen mußte. Eitel Fritz, Öttingers Bruder, verglich sich mit Württemberg, trat einige Dörfer ab und versprach mit allen seinen Nachkommen dieses Hauses Diener zu sein. Jost Niklas, der Sohn des Öttingers, baute die zerstörte Burg, wiewohl unterbrochen durch einen Überfall der Städte, wieder auf (1454). Wie sie damals aus einem von des Vaters Gefangenschaft und Kreuzzug und des Sohnes fehlgeschlagenen Bauversuchen erschöpften Schatze kümmerlich aufgeführt ward, stand sie, nur durch den Grafen Friedrich von Zollern, Bischof von Augsburg, am Ende des vorigen Jahrhunderts mit einigen Gebäuden vermehrt, bis auf diese Tage, wo königliche Freigebigkeit sie erneuet hat. Der auf der Feste Hohenzollern selbst eine Zeitlang verkümmernde Stamm wurde durch den fränkischen Ast der Burggrafen von Nürnberg verherrlicht. Schon im J. 1411 hatte der zehnte Burggraf, Friedrich VI., die Statthalterschaft der Mark Brandenburg erlangt, das Burggrafentum dafür an Nürnberg veräußert und seinen Sitz nach Berlin verlegt. Im J. 1417 kam die Mark mit der Kurwürde erb- und eigentümlich an ihn, und aus seinen Nachfolgern sind Preußens Könige hervorgegangen. Indessen blühte auch die Nachkommenschaft von Jost Niklas auf dem neuerbauten Zollern wieder fröhlich auf, durch dessen Sohn Eitel Fritz IV., der einen eigenen Orden zu Erhaltung der christlichen Religion gegen den Türken stiftete. Des letztern Sohn, Eitel Fritz V., wurde als Gespiele Karls V. zu Brüssel erzogen und ward zu Pavia im Jahre 1525 ein Opfer welschen Giftes. Von seinem Enkel, Eitel Fritz VI., ist die Hohenzollern-Hechingensche, seit 1653 gefürstete Linie entsprossen, in deren Besitze noch heutzutage die Burg Hohenzollern ist. Im Dreißigjährigen Kriege, wo Österreich das Öffnungsrecht erhielt, wurde das Schloß von den Württembergern (1634), im Bayrischen Kriege (1740) von den Franzosen eingenommen. Mit 1798 verzichtete Österreich auf jenes Recht, und seitdem hat die Burg keine militärische Bedeutung mehr. Wir scheiden nicht von dieser Gegend, ohne einen Blick auf das benachbarte Belsen zu werfen, ein kleines Filialdorf, dessen kleine Kapelle erhöht auf einer Wiese zwischen lauter Bäumen steht, von einem grünen Hag sauber eingezäunt, von großen weißen Quadersteinen überaus einfach, ohne alle architektonische Verzierung und so reinlich aufgebaut, als käme sie heute erst aus den Händen des Meisters. Ich nehme meine früher ausführlich dargelegte Meinung, daß dieses interessante Bauwerk römischen Ursprunges sei, »Schwäb. Alb«, S. 295ff. hier förmlich zurück und kann sie jetzt nur für einen der ältesten Christentempel des Landes halten, dem die Erbauer einige Steine eines alten, der 22sten Legion angehörigen römisch-ägyptischen Götzenaltars oder Tempels, Kuhköpfe, Widderköpfe und Zwerge in rohem Basrelief darstellend, als Trophäen in das Frontispiz eingemauert und das Siegerzeichen des Kreuzes darüber gesetzt haben. In den Mund des Volkes ist die Meinung der gelehrten Etymologen des sechzehnten Jahrhunderts übergegangen, die aus der Kirche von Belsen einen Baalstempel gemacht haben. In der Darstellung des Hohenzollerns auf unserm Bilde, die dessen Vorderseite vom besten Standpunkt aus aufgenommen wiedergibt, hat sich der Künstler in Beziehung auf den Vordergrund eine kleine Freiheit erlaubt und eine benachbarte, jedoch nicht ganz auf dieser Stelle zu suchende Kapelle, deren malerisches Bildchen gar zu einladend war, aus einiger Ferne herbeigezogen. Haigerloch Wer von der Alb in die Ebene herabgestiegen ist und den Hohenzollern hinter sich hat, erwartet von dem flachen Lande zwischen jenem Gebirge und dem Schwarzwalde keine Naturreize mehr. Noch einige Hügel, noch einige dichte Buchenwälder, dann folgt ein langweiliges Blachfeld mit kahl gelegenen Dörfern, ein Weg, auf welchem den Reisenden nur der Rückblick auf die blauen Berge der Alb und die Erinnerung an das Schöne und Erhabene, was ihn auf ihren Gipfeln und in ihren Tälern erfreut und überrascht hatte, für die nichts bietende Nähe zu entschädigen vermag. Hinter dem Dorfe Rangendingen wird das Feld so einförmig, daß man nach stundenlanger Leere froh ist, in der Ferne auf scheinbar ununterbrochener Ebene eine Kapelle, von grünen Linden umgeben, auf wenig erhöhtem Boden liegen und die Gegend beherrschen zu sehen. Wenn wir aber auf diese Oase zueilen wollen, um im Schatten der Bäume auszuruhen, tut sich zwischen ihr und uns ein unerwarteter Abgrund auf: Wir blicken wie in einen der Trichter aus Dantes Hölle hinab, in welchem, der Himmel weiß, um welcher Verschuldung willen, das fürstlich sigmaringische Städtchen Haigerloch gebannt liegt und auf die wunderlichste Art Platz genommen hat. »Dies ist wahrhaftig eine tollgewordene Stadt!« war der erste Gedanke, der dem Verfasser dieser Zeilen laut entfuhr und einen alten fürstlichen Gärtner lachen machte, der ein kleines Gärtchen umgrub, das sich hinter dem Schlosse, welches zuvorderst auf einer Felsenzunge liegt, bis zur Ebene herauf dehnte. Im Angesichte dieses tollen Städtchens erzählte mir der Mann von einem tollgewordenen Volke . Er war während der ersten französischen Revolution bei einem Herzog und Pair zu Paris Gärtner gewesen; aber dieser Herzog hatte die rote Mütze aufs Haupt gesetzt, war der Pair seines eigenen Dieners geworden und gab den schmutzigen Ohnehosen, die das Estrich seiner Säle besudelten, die republikanische Accolade. Ich horchte dieser Erzählung nur halb und mußte immer auf die seltsamen Gassen hinunterblicken, die an den grünen Bergwänden hinab und hinauf und um den Bach herum zu kriechen schienen, während Kirche und Schloß sich eines hohen und behaglichen Platzes auf der die Tiefe zerschneidenden Felszunge bemächtigt hatten. Immer klarer wurde es mir: Diese Stadt lebt ; sie hat einst auf der Ebene gestanden; irgendein Ereignis hat sie zur Verzweiflung getrieben, und in der Todesangst ist sie in diese Tiefe hinabgesprungen. Meine Vorstellung bekam Konsistenz in dem folgenden Gedichte:   Haigerloch in Schwaben Auf der Höhe schläft die Stadt       Wie ein frommes Kind, Ihre Straßen, gleich und glatt,       Schöne Glieder sind. Drunten tief im Tale schäumt       Durch Gestein der Bach, Während oben alles träumt,       Ist er plätschernd wach. Auch die Wolken schlafen nicht,       Wandeln hin und her, Endlich drängen sie sich dicht,       Ein Gewittermeer. Und die Windsbraut fährt heraus,       Und die Blitze sprühn, Daß die Gassen, Haus an Haus,       Wie von Flammen glühn. Und der Donner grollend fährt       Nieder in die Schlucht, Wo der Bach, vom Guß genährt,       Strömend Pfade sucht. Wasser gärt und Luft und Flur,       Wie am jüngsten Tag, Und das Volk der Städter nur       Tief im Schlummer lag. Da, wie bei dem wilden Drang       Sich nichts regen will, Wird's den Häusern endlich bang,       Halten nicht mehr still. Denn sie selber sind erwacht       In dem grausen Sturm, Taumeln auf in schwarzer Nacht,       Hoch voran der Turm. Dieser wandelt schwer und bang       Durch die Gassen quer, Unter aller Glocken Klang,       Mit der Kirch einher. Doch die leichten Häuser sind       Bald vorangerannt, Drängen sich herab geschwind       Von der Hügelwand. Da erhebt sein moosig Haupt       Hinten auch das Schloß, Und vom Efeu dicht umlaubt       Schreitet's durch den Troß. Alles strömt dem Tale zu, Bis an Bachesrand Plötzlich unwillkommne Ruh Die Verirrten bannt. Denn aus Felsenufern spritzt       Drohend er herauf, Und das ganze Wetter blitzt       Aus der Wellen Lauf. Jenseits streckt ein Felsenstein       Seine Zung ins Tal; »Ach, wer drüben könnte sein!«       Seufzen all' zumal. Sieh, da faßt der Turm sich Mut,       Hat besehn den Platz; Bei der Blitze falber Glut       Macht er einen Satz. Und es tut's die Kirch ihm nach,       Tut's ihm nach das Schloß, Drüben stehn sie hinterm Bach       Auf dem Felsgeschoß. Und die hüben finden Raum       Leidlich in dem Tal, Flechten längs dem Wasserschaum       Ihre Gassen schmal. Winden ihre schiefen Reihn       Aus der Schlucht empor, Und zuoberst gräbt sich ein       In den Lehm das Tor. Und verwehet ist die Nacht,       Und die Luft wird stumm; Und die Städter sind erwacht,       Sehn sich staunend um. Seltsam Wunder! Wie und wo?       Wer erschuf dies heut!? Welcher Wahnwitz hat sie so       In die Kluft gestreut? Nach der Heimat heißt der Trieb       Sie zur Höhe sehn. Nur ein kleines Kirchlein blieb       Dort in Linden stehn. Dieses hat auf Gott vertraut,       Lief nicht in der Irr, Und noch jetzt es ruhig schaut       Nieder aufs Gewirr. Drunten alle sehnen sich,       Stadt und Schloß und Turm, Ob nicht wieder wunderlich       Nächtlich komm' ein Sturm, Sie zu führen aus der Schluft       An des Hügels Rand. Aber stille bleibt die Luft,       Und sie stehn gebannt. Haigerloch scheint ursprünglich eine Grafschaft gewesen zu sein und ein eigenes Geschlecht dieses Namens besessen zu haben. Wenigstens enthält die Manessesche Sammlung ein dem Grafen Albrecht von Haigerlou zugeschriebenes Lied (I 24), der in sittsamer Rede das Los des Mannes preist, welcher »ein stetes Lieb mit Armen all um und um beschlossen hält und dem auch sie ohne allen Haß Treue im Herzen trägt; ein solcher ist glücklicher denn der Minnedieb, den man sagen hört: ›Verbotene Wasser sind oft besser denn Wein!‹« Die Herrschaft bestand aus der oben geschilderten Stadt Haigerloch, einigen Dörfern, Meiereien und Klöstern, und die Einwohner bekennen sich zur katholischen Religion. Später erscheint sie als ein Besitztum der Grafen von Hohenberg, kam nach deren Absterben an Österreich und von diesem durch Tausch an Hohenzollern-Sigmaringen. Die seltsame Lage des Städtchens bewunderte auch der in seinem eigenen Lande die schönsten Gegenden zu Schlössern und Anlagen auswählende Herzog Karl von Württemberg und erklärte, daß sie durch Kunst verschönert zu werden verdiene, ja daß er selbst sich arm an diesem Orte bauen würde. Zur topographischen Ergänzung des Gedichtes sei noch hinzugefügt, daß es nur von drei Punkten einen Zugang zu dieser versenkten Stadt gibt, den einen durch das Tal, die zwei andern von den Bergen herab. Das fürstliche Schloß, das mit andern Gebäuden auf dem Berge steht, ist geräumig und schließt ein Hauptgebäude, einen Seitenflügel und einen großen Schloßhof mit starkem Röhrbrunnen in sich; hinter ihm zieht sich ein schöner Lust- und Baumgarten, selbst ein Weinberg, eine Seltenheit in diesem Oberlande – das freilich sigmaringisches Unterland ist –, hin. Dem Schlosse ziemlich nahe, nur etwas weiter unten, steht auf einem ringsum schroff abstürzenden Felsen der Glockenturm mit der großen und schönen Schloßkirche, die zugleich Hauptpfarrkirche ist; noch sind zwei andere Kirchen in der obern und untern Stadt, und auf dem gegenüberstehenden Berge liegt niedlich gebaut und von Linden umgrünt jene fromme Kapelle, die der heiligen Anna gewidmet ist. Unfern von ihr führt die Landstraße in das obere Tor der Stadt; hier fängt ein anderer Berg an, der von beiden Seiten ein tiefes Tal hat. An diesem Berge nehmen die Häuser ihren Anfang, die bis in die Tiefe hinunter rechts und links stehen. Mitten durch geht die Landstraße. Ganz im Talgrunde liegt die untere Stadt. Die Landstraße zieht sich von oben ohne Beschwerlichkeit bis in die Vorstadt herab und von hier über eine lange, starkgebaute Brücke zwischen den beiden hohen Bergwänden durch fast unvermerkt wieder die Anhöhe hinauf und zur Ebene. Oben am entgegengesetzten Tore steht ein alter, der Sage nach römischer, hoch und massiv aus Knotenquadern gebauter Turm, auf welchem die Hochwacht ist und in dem einige Glocken, worunter eine von ansehnlicher Größe, hängen. Südlich an der obern alten Pfarrkirche von St. Ulrich stand vor Zeiten ein Dominikaner-Nonnenkloster, das schon im 16ten Jahrhundert eingegangen ist, und seit undenklichen Zeiten ist Haigerloch der Sitz eines katholischen Landkapitels. Die sehr zahlreichen Juden Haigerlochs bewohnen ein südlich von der Stadt gelegenes Tälchen, das »Hag«, wo sie eine Begräbnisstätte und Synagoge haben. Der Bach, dessen gebäumter Schlangenleib durch die seltsame Stadt sich windet, war ohne Zweifel Zeuge und Mitarbeiter großer Naturrevolutionen in diesem Tale. Auch sieht man unterhalb der Bleiche wirklich noch auf den mächtigen Granitfelsen schöne Muschelabdrücke. An demselben Flüßchen liegt, eine kleine Meile von Haigerloch, das Dorf und Bad Imnau, wert, berühmt zu werden durch sein edles, alkalisch-erdiges Stahlwasser, dessen obere Quelle von Kielmeyer, die untere von Klaproth untersucht worden ist und das große Ähnlichkeit mit den Wassern von Schwalbach und Spa hat. Die untere Quelle hat Jahrhunderte lang ihre vorzügliche Heilkraft im stillen bewährt; seit vierzig Jahren ist auch die Badeeinrichtung und der Gasthof auf den Fuß besuchterer Bäder eingerichtet. Die später entdeckte obere Quelle, die Fürstenquelle benannt, wird vorzugsweise zum Trinken benützt. Sie liegt am östlichen Ende des Badegartens, vierhundert Schritte von der untern Quelle entfernt. Beide sind mit niedlichen Häuschen gedeckt und durch Baumalleen verbunden. Das eigentliche Badehaus steht westlich vom Gasthofe. Es ist zu bedauern, daß dieser Kurort, der schlechten Wege halber, von Fahrenden nur durch Umwege besucht werden kann, wenn nicht die neueste Zeit, die in der Kultur dieser Gegenden rasch vorschreitet, auch hier schon das Nötige getan hat. Tübingen Es gibt eine Reihe häufig unscheinbarer Städte in Deutschland, an welche sich die Erinnerungen, der Dank, die Liebe vieler Tausende knüpft und deren Bild, auch wenn Natur und Menschenkunst ihm keinen äußern Schmuck verliehen hätte, doch von Unzähligen mit mehr Interesse betrachtet wird als das reizendste Gebirgs- und Stromtal oder als eine kuppelreiche, mit stolzen Türmen fernhin prangende Residenz. Diese Städte sind die kleinern deutschen Universitäten, die Asyle des vom Lebensmarkte noch nicht umtosten Jugendgeistes, die stillen Pflanzschulen der Begeisterung für Wissenschaft, Kunst und Poesie, die trauten Zeugen der ersten Freundschaft und Liebe und manches Seelenbundes für die Ewigkeit. Darum durften in einer Bildergalerie der interessantesten Gegenden Schwabens und der Pfalz die hohen Schulen dieser Länder nicht fehlen, und glücklicherweise gehören alle drei, vermöge ihrer Lage und Umgebung, zu den allerschönsten Punkten dieser Sektion. Auch auf dem Bilde Tübingens wird manches Greisen- und Mannesauge mit Rührung verweilen und mit dem Schreiber dieser Zeilen in die Empfindung einstimmen, die ihn aus der geliebten Bildungsstätte seiner Jugend in die Fremde begleitet hat: Diese und die folgenden Strophen aus der Romanze »Die Tübinger Schloßlinde« Schwabs »Ged.«, I, 264ff. Und wie sollt' ich dein vergessen,       Du getreue Musenstadt, Die mein ganzes Herz besessen       Und mich wohl gepfleget hat! Von dir singen, von dir sagen       Könnt' ich gar viel Leid und Freud; Nur ist's nicht aus fernen Tagen,       Ach, mir ist's, als wär's erst heut! – Tübingen hat zwar keine großartige Lage, wie seine Schwestern Freiburg und Heidelberg, wohl aber eine höchst liebliche und zum ruhigen Verweilen einladende. Seine Vorderseite, die südliche, ist längs dem Ufer des hier noch jugendlich bescheidenen Neckarflusses auf die Terrassen eines Hügels malerisch, Gasse hinter Gasse, gebaut und kehrt die schönste Seite seines Schlosses, die Hauptgebäude seiner Schule sowie seine gotische Kirche dem Flusse zu, der durch ein grünes, mit uralten Lindenalleen besetztes Wörth, unter Steg und Brücke, noch ziemlich rasch dahineilt und jenseits dessen an der Heerstraße eine schlanke Pappelreihe, die indessen der Tod des Naturnachlasses bedroht, mit der Stadt parallel hinläuft. Ihre Kehrseite verliert sich in das wiesenreiche und einfachere Ammertal, während die Südseite gerade vor sich das waldige Steinlachtal hat, mit der Aussicht auf die Schweizerstraße und einem überaus reizenden Durchblick auf die Kette der Schwäbischen Alb. So liegt Tübingen gar wohnlich inmitten zweier Berge, die das Ammer- und Neckartal voneinander scheiden, am Trivium drei wechselvoller Täler, an jene schirmenden Hügel so zuversichtlich angeschmiegt, daß das altertümliche Schloß den Vorhügel des »Spitzberges« besetzt hält, der östliche Teil der Stadt die Anhöhe hinanklimmt, die eine schmale Bergschlucht vom »Österberge« trennt, auf diesem letztern selbst endlich das schöne Gebäude der neuen Anatomie, von vielen Gärten und Gartenhäusern umgeben, Platz genommen hat. Unser Stahlstich zeigt diese Südseite, oberhalb des Schlosses aufgenommen, im Profile, und der Künstler hat der alten, von innen nichts weniger als anmutigen Stadt eine Physiognomie abzusehen gewußt, welche auch von ihr selbst ein freundliches und in der Wahrheit begründetes Bild liefert. An dem Namen Tübingen zerarbeitet sich der Scharfsinn der Gelehrten und leitet ihn nicht sehr glücklich bald von den Tubanten, die doch nach Tacitus in der Gegend von Bonn zu suchen sind, bald von einer fingierten römischen Steinschrift, bald von dem Worte Twinge oder Zwinge ab, was ein Kastell, vielleicht ein römisches, bedeuten könnte; während doch die Endung -ingen dem Orte mit so vielen andern gemein ist und nicht wohl zum Stamme gezogen werden kann. In den ältesten Urkunden heißt die Stadt bald Tvvingen , bald Tiwingen , bald Toingen , was allerdings der letzten Meinung einigen Halt geben könnte. Die Geschichte des Orts beginnt erst mit seinen Pfalzgrafen, die, mutmaßlich aus Oberrätien hierher gekommen, S. unsere Beschreibung von Haigerloch. ihre Burg oder Pfalz, ungewiß wann, vielleicht auf römischer Unterlage hier gründeten und unterhalb des Schloßberges ihre Sassen sich ansiedeln ließen. Die ersten, welche die Geschichte als Grafen von Tübingen, um 1100, nennt, sind die Brüder Heinrich und Hugo; der erste Pfalzgraf von Tübingen, ebenfalls Hugo, kommt erst im J. 1149 vor; er besaß die Pfalzgrafschaft als ein Lehen des Herzogs Weif von Bayern, geriet aber mit diesem in Streit, und Weif kam, seine Pfalz Tübingen zu belagern, aber der Pfalzgraf, auf dessen Seite Friedrich, der Sohn des Königs Konrad des Hohenstaufen, die Herren von Zollern und viele andere waren, schlug in einem glücklichen Ausfalle das große Heer des Herzogs gänzlich. Der Weif selbst entkam mit Mühe auf die Burg Achalm. S. ebendaselbst. Im J. 1166 rächte sich dieser durch einen neuen Einfall in das Gebiet des Pfalzgrafen, der sich endlich vor dem Kaiser und vielen Fürsten zu Ulm seinem Lehnsherrn auf Gnade und Ungnade ergeben und sein früheres Glück mit dreijährigem Kerker in Rätien büßen mußte. Der Name der Pfalzgrafen hört mit dem J. 1342 auf, wo Gottfried II. und Wilhelm die Stadt an Württemberg verkauften; nun hießen sie nur noch Grafen und eine Seitenlinie Herren von Tübingen; der letzte dieses Namens, Hans Jerg von Tübingen, starb als württembergischer Schloßhauptmann von Hohentübingen im Jahre 1667. Das Schloß Tübingen in seiner jetzigen ansehnlichen Gestalt rührt aus dem 16ten Jahrhunderte von Herzog Ulrich von Württemberg her. Den dicken, gegen die Stadt gekehrten Turm, auf welchem sich jetzt ein Observatorium befindet, baute er im J. 1507; ein anderer ward 1515 begonnen; diesen sprengten im J. 1647 die Franzosen in die Luft, und an seine Stelle ist der eckige Turm getreten, in welchem jetzt die Kriminalgefängnisse eingerichtet sind. Ein dritter Turm findet sich westlich, rechts vom Ausgange aus dem Schlosse; in seinem untersten Stocke war das fürchterliche, fensterlose »Haspelgefängnis«, in welches die Gefangenen durch dasselbe Loch hinuntergelassen wurden, das ihnen spärlich Luft und Tagesschimmer gewährte. Außerdem umgeben das Schloß mehrere Gräben und feste Bollwerke, die noch aus jener Zeit abstammen. Inzwischen wurde der hölzerne Teil des Schlosses, nachdem dasselbe mit dem jungen Prinzen Christoph im J. 1519 nach kurzer Gegenwehr von 64 Edeln dem Schwäbischen Bunde abgeliefert worden und lange in österreichischen Händen geblieben war, nach Ulrichs Rückkehr in sein Land (1535), abgebrochen, neu von Stein ausgeführt und mit schöngeschmückten Toren und Eingängen versehen, auch von den Nachfolgern würdig ausgebaut und eingerichtet: Ja, er hat es neu erbauet,       Stark und fürstlich es erhöht; Blickt, ihr Enkel, auf und schauet,       Wie es noch so stattlich steht. Stolz auf seinem schlanken Renner       Ritt der Herzog mitten ein, Hoher Rat der weisen Männer       Zog gemächlich hinterdrein. Aus den Zellen, aus den Schenken,       Dicht in Mantel und in Bart, Sah man Hut und Degen schwenken       Den Studenten alter Art. Denn seit dem 3ten Juli 1477 besaß Tübingen eine Hochschule, von dem edeln Freunde seines Volkes und Beförderer der geistigen Bildung seines Landes, dem nachmaligen Herzog Eberhard im Bart, gestiftet. »So haben wir« – sagt die Stiftungsurkunde des Gründers – »in der guten Meinung, helfen zu graben den Brunnen des Lebens, daraus von allen Enden der Welt unersichtlich geschöpft mag werden, tröstliche und heilsame Weisheit zur Erlöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit, uns auserwählt und fürgenommen, eine hohe gemeine Schul und Universität in unsrer Stadt Tübingen zu stiften und aufzurichten, die denn von dem Heiligen Stuhl zu Rom mit päpstlicher und vollkommlicher Fürsehung begabt und dazu mit gnug notdürftigen, gebührlichen und ehrbaren Statuten angesehen ist.« Die Universität war ein Werk, auf welches Eberhard stolz war, und Tübingen seitdem sein Lieblingsaufenthalt, öfters, wenn er dort war, schickte er sein Komitat aufs Schloß, er selbst aber kehrte in der kleinen Behausung seines alten Erziehers, des gelehrten Nauclerus, der seinen Gedanken ins Leben gerufen hatte, im Kanzlerhause unweit der Kirche, ein. Da erhub er sich morgens vor Tage, verrichtete sein Gebet, deliberierte drei Stunden und ließ seine gegenwärtigen Schreiber Befehle ausfertigen, dann ging er zur Kirche. Hierauf wurde in Nauclers Hause Mittag gehalten, mit zwei oder drei Gästen vom Adel und Gelehrtenstande. Die Mittagsmahle aber waren nicht kostbarer als anderer gemeinen Bürger, desto würdiger die Gespräche von Kirche, göttlicher Lehre, öffentlichem Regiment und gegenwärtigen Gefahren des Vaterlandes. Nach dem Mittagessen war öffentliche Audienz, und der Herr antwortete den ärmsten Untertanen freundlich. Dann ruhte er ein wenig, las die Vesper und setzte sich wieder mit seinem gelehrten Freunde ans Abendessen, wo er die Regierungssorgen unter fröhlichen Diskursen vergaß. »Dies war«, sagt ein Zeitgenosse, »der Fürstenhof in der Hütte des greisen Doktors.« Tübingen hatte von Anfang an stattliche und angesehene Lehrer in jeder Fakultät; den ersten Grund legten Gabriel Biel, Johannes Reuchlin, und besonders die beiden Vergenhanse (Naucleri). Noch zeigt man das Haus, wo Melanchthon wohnte, der sechs Jahre seiner Jugend in Tübingen zugebracht hat. Herzog Ulrich liebte das abtrünnige Tübingen nicht sehr, doch reformierte er, wovon sofort gesprochen werden soll, die Universität wie das ganze Land eifrig und beschloß sein Leben auf Hohentübingen. Noch rauscht vor dem Schloßtor im Sommerwind eine Linde, die der Mund der Sage aus einem Reis erblühen läßt, das der festlich Einziehende vom Barette warf. Die Hochschule selbst hatte kaum vierundzwanzig Jahre geblüht, als sie ihrer zu Wittenberg errichteten Schwesteranstalt schon berühmte Lehrer zuschicken konnte. Bei diesem freundschaftlichen Verkehr beider Universitäten teilte sich die Religionsbewegung Wittenbergs den Tübingern bald mit. Aber Ulrich war vertrieben, und Österreich, das im Besitze des Württemberger Landes war, leistete, von den alten, unbiegsamen, katholischen Theologen Tübingens unterstützt, hartnäckigen Widerstand. Hören wir ein angebliches Bauerngespräch aus jener Zeit (um 1523): »Fritz: Lieber Kunz, wo bist du so lange gewesen, daß ich dich nicht gesehen hab'? Kunz: Zu Tübingen, unter den Studenten. Fritz: Was sagt man Gutes zu Tübingen, wie hält sich die Hoheschul gegen den Luther? Kunz: Es ist gleich wie anderswo; wer viele Pfründen hat, der ist dem Luther feind, und diese schelten ihn als einen Ketzer; aber die arme Rotte hat ihn lieb. Fritz: Lieber, ich hab' gehört, wie ein Doktor da sei, der heiße Doktor Fetz, der wolle den Paulum nicht lesen lassen, nur darum, daß ihn der Luther so oft herfürzieht. Kunz: Ei, er heißt nicht Fetz, er heißt Lemp. Fritz: Fetz und Lemp (Lumpen) ist nicht sehr ungleich; er heiße halt der Hader!« Und nun folgt ein Strom von Schimpfwörtern gegen Jakob Lemp von Marbach, einen alten Theologen Tübingens, der schon 1494 Rektor der Universität gewesen war und seinen Lehrlingen die Transsubstantiation – mit der Feder hinzuzeichnen verstand. Das Gespräch schließt mit der Hoffnung, die Zeit sei gekommen, daß die rechte Wahrheit an das Licht komme und die Finsternis, darin die alten grauen Esel gelegen sind, verschwinden werde, et caetera. Die Umbildung der Universität kam auch wirklich unter dem seinem Lande zurückgegebenen Herzog Ulrich durch Simon Grynäus von Basel und den bekannten Reformator Ambrosius Blaurer oder Blarer von Konstanz, nach mancherlei Kämpfen und Verlegenheiten, im J. 1535 glücklich zustande. Aus eigener, freier Neigung kam im Herbst 1536 der große Melanchthon, der Gegenden, Städte, Menschen, die ihm schätzbar waren, besuchen wollte, nach dem Schauplatze seiner Jugend, auf die erneuerte Universität, half dem akademischen Rate an seinem Reformationsgeschäft und freute sich der »schola reflorescens«. Der Herzog Ulrich hoffte ihn jedoch vergebens zu halten, und Melanchthon verließ Tübingen schon am 15. Okt. wieder. In demselben Jahre wurde die erste Ordnung für Errichtung des theologischen Stifts zu Tübingen, der noch auf den heutigen Tag blühenden Bildungsanstalt evangelischer Geistlichen, entworfen. Die etwas spätem Statuten waren ungemein streng in Beziehung auf die Hausordnung, unerlaubtes Ausgehen, Tanz usw. Nur gegen das deutsche Laster der Trunkenheit mußte ein Auge zugedrückt werden, und nach Gutdünken der Lehrer wurde erst der mit Karzerstrafe belegt, »der sich über beide Ohren vollgesoffen«. Im J. 1541 waren die Stipendiaten in der sogenannten Bursa (zuerst der alten, dann der neuen) untergebracht. Die Anstalt verkümmerte aber hier und war nach zehnjähriger Dauer dem Untergange nahe, als endlich, gerade zur bedenklichsten Zeit, im J. 1546 den Zöglingen das aufgehobene und seit lange leer gestandene Augustinerkloster eingeräumt wurde, was auch der ungestörte Sitz des im gemeinen Leben noch auf den heutigen Tag so genannten »Klosters«, d. h. des theologischen Seminars, geblieben ist. Im Hofe dieses Klosters soll aus grauer Mönchszeit ein Gemälde zu sehen gewesen sein, in welchem die Mönche selbst sich zum Hohn die Greuel ihres Standes dargestellt. Das abenteuerliche Bild stellte einen mit der Kutte bekleideten Mönch dar, der mit einem Wanderstab in der Rechten die Treppe hinabstürzt. Sein linker Fuß war ein Hirschfuß, sein rechter eine umgekehrte Leuchte; seine Hände hatten Krallen; in dem übergehängten Zwerchsack war das gestohlene Vermögen der Witwen und Waisen angedeutet, sein Paternoster bestand aus Würfeln und Rechenpfennigen, sein Busen war voll Kartenblätter, in seiner Kapuze ein Kegelspiel, sein Hals war ein Eselshals, sein langer Bart hatte die Gestalt eines Bechers, seine Nase war ein Hundsschwanz, und mit dem Munde schien er zu bellen. Aus seinem Rückgrat wuchs ein krummes Horn hervor, dem unter höllischem Dampf ein zweiter Mönch entstieg, der mit der linken Krallenhand den Ablaß verteilte, mit der rechten die Monstranz emporhob. Sei dem, wie ihm wolle, diese Stätte wurde jetzt einem der wohltätigsten und berühmtesten Institute geweiht, aus welchem seit dreihundert Jahren viel fromme und gelehrte Männer und einige große Geister, unsterbliche Zierden des Staats, der Kirche und der Schule, hervorgegangen sind. Ulrichs Werk vollendete Herzog Christoph durch Erweiterung und Dotierung der Anstalt in den Jahren 1557 und 1559, und die Stiftung blühte mit der Universität aufs herrlichste auf, so daß schon der Dichter Frischlin in seiner poetischen Schilderung des Stifts (1569) rühmen konnte, daß aus ihm, dem Trojanischen Pferde, so viele gelehrte und berühmte Männer hervorgegangen. Am letzten Tage des scheidenden 16ten Jahrhunderts taten dem Hause fünf junge Fürsten die Ehre an, in seinem Speisesaal mit stattlichem Gefolge, zur Seite der speisenden Stipendiaten, ein öffentliches Mahl einzunehmen. Der Dreißigjährige Krieg führte auch diese Anstalt an den Rand des Untergangs. Man ließ die Stipendiaten laufen, die Klostereinkünfte wurden, als Kirchengüter, von den triumphierenden Katholiken zurückgehalten; der Sieg der Schweden, der bessere Tage versprach, war von kurzer Dauer, und nach der Schlacht von Nördlingen fiel das Land dem Feind anheim; das Stuttgarter Konsistorium bildeten jetzt zwei Jesuiten; die Landesklöster wurden wieder von Ordenspersonen eingenommen. Dennoch hörte das evangelische Stift nicht ganz auf. Pfarrer flüchteten sich in dasselbe, aus ihm selbst aber gingen – da Mangel und Seuchen in wenig Monaten über 300 Kirchendiener hingerissen hatten – Jünglinge, die noch halbe Knaben waren, auf die Kanzeln über. Seit 1639 fristete der neue Stuttgarter Hofprediger Joh. Valentin Andreä der Anstalt das Leben im wörtlichen Sinne. Den Zöglingen wurde jetzt wieder Fleisch gereicht, aber im J. 1642 wollte der Wein nicht zureichen, und man verfiel auf den Gedanken, die Alumnen könnten nicht Wasser, nur – Bier trinken. Das mißrieten aber die weinländisch gesinnten Visitationsräte; sie mußten von dem Fürsten zurechtgewiesen werden, »daß viele gelehrte Leute in Niedersachsen und andern septentrionalischen Landen mit Bier auferzogen werden, deren Magen und ingenio unbeschadet«. Auch sei ein »gerechtes Bier« besser als saurer Wein. Nach dem westfälischen Friedensschlusse lebte das theologische Stipendium bald wieder auf. Doch – der Raum und die Bestimmung dieser Blätter erlauben uns nicht, die weitern Geschicke dieser jetzt dem Geiste der Zeit angepaßten Anstalt, um welche das Ausland Württemberg mit Recht beneidet, weiter zu verfolgen, und wir bemerken nur, daß von ihren jetzigen beiden Gebäuden, die dem Neckar und einer köstlichen Aussicht zugekehrt sind, der obere Bau, von der Stadt durch einen breiten Graben abgeschnitten, das alte Augustinerkloster ist, wie es 1560 erweitert worden. Seine Kirche ist längst in die reichhaltige Klosterbibliothek umgeschaffen, welche besonders aus der Stiftung eines edlen Freundes der Wissenschaften, eines Freiherrn von Palm, erhalten und in dem Fache der Philologie vervollständigt wird. Der untere, dicht am Neckar stehende Bau ist über dem ehemaligen Refektorium des Klosters und den Mönchszellen im J. 1792 neu aufgeführt worden. – Tübingens Hochschule stand im vorigen Jahrhundert in ihrer vollsten Blüte; sie hat auch im gegenwärtigen manche Stürme ausgehalten und überdauert und zählt eine große Anzahl berühmter Lehrer in allen Fächern. Seit 1817 ist eine katholisch-theologische Fakultät mit ihr vereinigt, und das Wilhelmsstift, ein Seminarium katholischer Theologen, hat seinen Sitz in dem ehrwürdigen »Collegio Illustri« erhalten, welches mit dem Jahre 1589 als eine Fürsten- und Adelsschule »aus der Asche des Franziskanerklosters, ein schöner Phönix, hervorgestiegen kam« und durch den Herzog Ludwig mit großen Kosten gebaut worden war. Auch diese Fürstenschule suchte ihresgleichen in allen deutschen Landen. Vom Jahre 1594 bis zum Jahre 1729 studierten hier nicht weniger als 37 deutsche Fürsten, deren Reigen Herzog Johann Friedrich von Württemberg, als Erbprinz, führt, ein so gelehriger Zögling, daß er Kameraden, die ihn gegen seinen jungen Hofmeister aufwiegeln wollten, entgegnete: »Das sei ferne, daß ich also tun wollte! Wenn mein gütigster Herr Vater auch einen bloßen Stab mit der Gewalt eines Hofmeisters mir vorsetzen wollte, so würde ich seinen Befehl nicht kraftlos sein lassen.« Wirklich war die Zucht in diesem Collegium musterhaft und scheint nicht durch Zwangsmittel, sondern durch Kräftigung des Willens gewirkt zu haben. Als eben in jener ersten Zeit einige Edelleute vom Stuttgarter Hof, welche auf dem Schlosse wohnten, nach der Jagd das Collegium Illustre als Mittagsgäste besuchten, griff einer diese studierende Gesellschaft über Tische mit Scherzreden an und nannte sie höhnischerweise Fuchsschwänzer und Dintenschlucker. Der Hofmeister des Erbprinzen, Abraham de Bellin, hatte dem gegenübersitzenden Spötter lange zugehört und die Tischkumpane unter sich streiten lassen. Auf einmal befahl er Stillschweigen und richtete seine Rede mit sehr lauter Stimme an jenen Hofkavalier: »Heus tu«, sprach er, »worauf gründet sich denn euer, der Höflinge, Lob? Vielleicht besteht's im H..., im närrischen Geschwätz, im Courtesieren? Wir könnten auch h..., läppische Reden führen, courtesieren; aber wir wollen nicht. Besteht euer Ruhm im Saufen und Schwelgen? Wir können auch fressen und prassen; aber wir haben kein Belieben daran . Oder rühmt ihr euch des Spielens? Wir können auch dieses tun; aber wir haben keine Zeit dazu. Oder ist das Reiten euer Vorzug? Nun, hat nicht erst heute einer von uns Fuchsschwänzern den Gewinn im Ringelrennen vor euch davongetragen? Oder suchet ihr den Ruhm im Zanken und Balgen? Wohl, so können auch wir fechten. Juckt einem der Buckel, so fordere er uns heraus, wann und wie er will, wir werden ihm mannlich erscheinen. Wenn das eure Künste und Wissenschaften sind, auf die ihr pochet, so wißt, daß andere diese keines Hellers wert achten! Dagegen schicke man uns allesamt im Namen unsers Herrn zu einem König oder Fürsten! Wir werden freimütig selbst vor Ihrer Kaiserlichen Majestät reden können, wo ihr kein Maul aufzutun euch erkühnen würdet; Königreiche wollen wir mit Hülfe unserer Beredsamkeit und Klugheit regieren helfen! Nun wisset ihr, mit welchem Ruhm ihr uns Fuchsschwänzer scheltet, zu eures eigenen Standes Schmach, ihr, die ihr sprechet, als wäret ihr aus dem weitläufigen Geschlechte der Brutorum und wüßtet, als Esel, gar nichts!« Dieses Collegium Illustre liegt in einem finstern Teile der innern Stadt; eine freundlichere Straße bilden die Universitätsgebäude nebst einigen Professorenhäusern und einer Freiwohnung für Studenten in der Nähe der Stadtkirche. An die Stelle des alten Sapienzhauses, das kurz vor der Universitätsreformation mitsamt der Bibliothek im Jahre 1534 in Rauch aufgegangen war, trat die Aula nova, die 1547 vollendet wurde und im vorigen Jahrhunderte ganz neu aufgebaut worden ist. Tübingens jetzige geräumige Stadtkirche, dem heiligen Georg geweiht, übrigens nicht mehr im reinen altdeutschen Stil aufgeführt, scheint an die Stelle einer älteren, baufälligen getreten zu sein und wurde ums Jahr 1470 zu bauen angefangen; ihr Bau war bei Gründung der Universität noch nicht vollendet. Ihre große, wohltönende Glocke war schon im J. 1411 gegossen und somit Bewohnerin eines älteren Kirchenbaues. Eberhard im Bart erhob sie zu einer Kollegiat- oder Stiftskirche und versah sie mit einem Probst und tauglichen Canonicis. Die schöne Orgel, im J. 1732 erneuert und nachteilig aufgestellt, ist erst im J. 1836 an ihren alten und zweckmäßigeren Platz zurückversetzt worden. In der Gruft der Kirche finden sich die Begräbnisse und im Chor die inschriftreichen Grabsteine Eberhards im Bart, Ulrichs, der jugendlichen Christina und ihres Bruders Herzogs Christoph, des Heiligen seines Landes, von dem sein Epitaph ohne Schmeichelei sagt: »dignus qui imperio fuisset orbis.« In derselben Kirche ruhen alte berühmte Lehrer der Hochschule, darunter der fleißige Annalist Martin Crusius, dem auch diese Blätter manche merkwürdige Notiz, manche lebendige Sage aus Schwaben verdanken. Noch darf ein unscheinbares Bauernhaus nicht vergessen werden, das, auf einem nördlichen Hügel vor der Stadt gelegen, den stolzen Namen Osiandreum führt. Die mündliche Sage erzählt, daß der Professor humaniorum Joh. Oslander, einer der seltensten Männer seines Vaterlandes, später württembergischer Prälat und Oberkonsistorialdirektor, der – mit französischer Sprache und Sitte seit einem Jugendaufenthalt in Paris bekannt – zur Zeit des Franzoseneinfalls unter Peysonnel im J. 1688 eine Art von Kommando über die Stadt bekleidete, hier sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Seine Unterhandlungen retteten die Stadt vor der Plünderung und die Stadtmauern vor der Zerstörung. Weil aber der französische General beschworen hatte, sie niederzureißen, so wurde in Gegenwart Osianders an vier Stellen eine Bresche in die Mauer gesprengt, und der Gallier sagte höhnend: »Sehet da die Macht eurer Wissenschaft auf der Erden liegen!« Ein Denkstein in der hergestellten Stadtmauer bezeichnet dieses Ereignis. Die Umgegend Tübingens ist äußerst anmutig, voll der mannichfaltigsten Spaziergänge und Aussichtspunkte, unter welchen sich gegen Süden im Steinlachtale der St. Blasienberg, gegen Westen die von vier Dichtern L. Uhland, G. Schwab, Nie. Lenau, Alb. Knapp. besungene Wurmlinger Kapelle, gegen Norden das alte Kloster Babenhausen, tief im Walde gelegen, mit einer herrlichen altdeutschen Kirche und einem höchst kunstvollen Refektorium, auszeichnen. Zu entfernteren Ausflügen ladet die einst vorderösterreichische Stadt Rotenburg, sehr schön am Neckar liegend, das kleine, angenehme Bad Niedernau mit seinen Tannenwäldern und in verschiedenen Richtungen die Städte Hechingen, Reutlingen und Herrenberg ein. Köstliche Aussichten auf die Alb gewähren die Berge, die Tübingen umlagern; einen Überblick auch schon das Schloß, das jetzt die wissenschaftlichen Sammlungen der Hochschule beherbergt. Zu Tübingen vom Schlosse       Sieht man ein weites Land, Zu Wagen, Fuß und Rosse       Bewohner mancherhand, Und Burgen und Kapellen       Auf fernen Bergen stehn, Und untenhin die Wellen       Des stillen Flusses gehn. »Christophsromanzen«, 8. Die alten, ehrwürdigen Tore der Stadt, deren eines, von Eberhard im Bart gebaut, sein Symbol und seinen Wahlspruch trug, sind jetzt alle abgebrochen, und nach mehrern Seiten hin vergrößert sich die Jahrhunderte lang innerhalb ihres Zwingers gebliebene Stadt. An dem Ufer des Neckars wohnen hier zwei große deutsche Dichter. Das freundliche Haus, das (auf unserm Bilde nicht sichtbar), an den Österberg angelehnt, gegen die Neckarbrücke herabschaut, ist Ludwig Uhlands Haus; weiter unten, in einem von den Wellen bespülten Turme, träumt seit 33 Jahren Friedrich Hölderlin und brütet über seinem verstummten Saitenspiel. Eßlingen Wer alle Reize und Denkwürdigkeiten dieser lieblichsten Gegend und Stadt in Schwaben, von welcher unser Blatt die schönste Merkwürdigkeit mitteilt, bildlich darstellen wollte, müßte sich mit seinen Ansichten in ganzen Heften verbreiten können, und ebenso müßte die Beschreibung Bögen, statt Blätter, füllen. Der Verfasser dieses Textes hat vor Jahren einem Freunde, der sich in diesem Segenstale häuslich niederließ und den jetzt eine blühende Familie als glücklichen Hausvater umringt, die Lieblichkeit des Neckartals im Liede als in einem Spiegel vorzuhalten versucht. Da sich in dem Bilde nichts geändert hat und er noch heute keine bessere und empfundenere Schilderung dieser Gegend aus eigener Feder mitzuteilen imstande wäre, so soll ein Teil davon die Stelle prosaischer Ausmalung hier vertreten: Wer in das schöne Neckartal       Am frühen Morgen blickt, Wenn ihren ersten Sonnenstrahl       Die goldne Sonne schickt, Dem regt im Herzen und im Sinn       Sich mannichfache Lust, Und werdend gehen her und hin       Gedanken in der Brust. Sie fliegen zum Gebirg hinan,       Das thront im Hintergrund, Da sieht auf dunkelblauem Plan       Das Auge sich gesund. Ei! denkt die Seele, solch ein Tal       Ist Mannes würd'ger Sitz; Bald glühn die Berg' im Sonnenstrahl,       Bald im Gewitterblitz! Dann senkt das Auge tiefer sich       Nach grünem Wiesenplan, Dort wandelt frisch und morgendlich       Der helle Fluß die Bahn. Zur Seite durch die       Wälder rauscht Die linde Frühlingsluft,       Und auf dem andern Hügel lauscht Der Bäume Blüt' im Duft.       O welch ein Tal – spricht da das Herz – Für jungfräuliche Glut!       Für Jünglings ersten Liebesschmerz, Für stillen Hoffnungsmut!       Wie lieblich wär's, im Morgenlicht Zu steigen in den Kahn;       Wie der Geliebten Angesicht Schaut die Natur dich an! Das Auge folgt des Flusses Lauf;       Und reicher wird das Gau. Da steigen Rebenhügel auf,       Mit üpp'gem Grün ins Blau. Und Berge stehen angefüllt       Mit einem Blütenhain, Und in die junge Fülle hüllt       Die graue Stadt sich ein. Von Lindengängen schmuck belaubt,       Verschmäht sie andern Putz; Ein schlankes Münster hebt sein Haupt,       Verspricht des Himmels Schutz. Da regt sich Lust nach Weib und Haus       In solchem Segenstal, Da geht der Mann aufs Freien aus       Im Morgensonnenstrahl. Die alte Stadt Eßlingen ruht aus und verjüngt sich im Schoße der reichsten Natur; sie selbst ist in ihrem Innern reich an historischen Erinnerungen. Ursprünglich stand, an der Stelle kaum gelichteter Wälder, hier nur eine einsame Zelle, in welcher die Gebeine des Märtyrers Vitalis ruhten, zu der die zerstreuten neubekehrten Einwohner der Umgegend zu wallfahrten pflegten. Aber eben dieser Sammlungsplatz der Gläubigen gab dem Orte in ziemlich früher Zeit eine politische Wichtigkeit, und schon im Jahre 1077 hält Kaiser Heinrich IV. zu Eßlingen wider seinen Gegenkönig, den Herzog Rudolf von Schwaben. Das Stadtrecht erhält es indessen erst unter dem Kaiser Friedrich II., und damit beginnt Eßlingens Flor. Erst eilt des Neckars leise Welle Vorbei an einer kleinen Zelle,       Drin ruht ein Heiligengebein; Doch schon ist es ein Platz der Ehren, Und mit des Reiches Glanze kehren       Schon deutsche Könige dort ein. Und bald, wie Staufens großen Söhnen Verliehen wird, ihr Haupt zu krönen,       Und nun die Schwaben Meister sind, Da dehnet sich die enge Klause, Da wurdest du im Königshause,       O Stadt, ein sorgenfreies Kind! Der Rotbart baut an deinem Turme, Der Philipp nimmt in Kampf und Sturme       Doch deiner jungen Mauern wahr. Des größten Friedrichs Adler schmücket Dein graues Tor, und unverrücket       Bewacht es noch sein Löwenpaar. Diese und die verwandten Verse aus Schwabs »Ged.«, I, S. 152 ff. Wirklich hat Friedrich II. Eßlingen mit dem Stadtrecht Mauern und Tore gegeben. Noch steht von ihm das »Wolfstor«, über dessen Bogen ein Adler eingehauen ist, und zu beiden Seiten zwei hoch in Stein erhabene Löwen, das Wappensymbol der Herzoge von Schwaben ausprägend. Die Hauptkirche der Stadt, zu St. Dionys, wurde – wie dies der unterste Teil des Schiffes und der offenbar vorgotische Einbau desselben beweist – noch früher begonnen, übrigens nach chronikalischen Nachrichten erst zu Ende des 13ten Jahrhunderts vollendet. Dieses Jahrhundert war die Zeit des schwäbischen Gesanges; auch Eßlingen hatte seinen »Schule-Meister« oder Meistersänger – ein Name, der lange fälschlich dem Zeitalter des Minnesanges abgesprochen worden ist –, einen Dichter, der »den lichten Maienschein« dieser Frühlingsgegend pries. Das Glück der Hohenstaufen ging jetzt zu Ende. Heinrich VII. hatte im J. 1233 das Predigerkloster und die dazu gehörige Kirche zu Eßlingen gebaut. Als er zwei Jahre später, wegen Empörung gegen seinen Vater abgesetzt, in einem Gefängnisse den Tod fand, trat seine Gemahlin Margarita vor den Prior des Klosters und übergab ihm die goldene Krone mit der Weisung, den Erlös unter den Armen auszuteilen. »Ihr Mönche, gebt dies Gold den Armen, Ihr Mönche, flehet um Erbarmen,       Fleht für die Seele meines Herrn!« Wert ist dies Weib, daß man sein denket, Das auch der Krone Gold verschenket,       Als unterging der Ehre Stern. »Sieh zu deinem Reiche, Gott! Sonst erschleicht er dir noch deinen Himmel ohne Wehr!« So sang der »Schulmeister von Eßlingen« unter vielen andern Scheltworten (Maness. II 93–95) feindselig dem Habsburger Rudolf entgegen, als er sich auf den römischen Kaiserthron setzte. Aber bürgerliche Wohltaten besiegten den Widerwillen der Eßlinger, und zuletzt nannten sie Rudolf nur »ihren lieben Kaiser«. Die Stadt wurde immer blühender, und selbst stürmische Zeiten rüttelten vergebens an ihrem Wohlstande. Sie sah dem Kampfe der Gegenkönige Ludwig von Bayern und Friedrich von Österreich, der den Neckar blutrot färbte, ungefährdet zu. Hundertunddreißig Jahre später ward die Frauenkirche mit ihrem herrlichen Turme gebaut, den uns das gegenwärtige Blatt vor Augen hält. In Frieden baust du kühn aus Quadern Die Kirche, die den Ast von Adern,       Den schlanken Turm, zur Höhe treibt; Es stehn die hellen Fensterbogen Mit lichten Bildern überzogen,       In deren Glas die Sonne bleibt. Nun waren deine Tempel fertig Und ihres Gottes neu gewärtig;       Da zückt herein der Morgenstrahl: Erneut, gereinigt ist der Glaube, Es reifet deine dunkle Traube       Jetzt für den Kelch im Abendmahl. Eßlingen Im Jahre 1531 hielt der nach Eßlingen berufene Reformator Ambrosius Blarer die erste evangelische Predigt in der Dionysiuskirche am Tage nach Sankt Dionys. Von Jahrzehend zu Jahrzehend wuchs jetzt Eßlingens Blüte; die Handwerker gediehen, Weinbau und Weinhandel machten die Stadt lebendig und wohlhabend, während doch alle Üppigkeit aus dem häuslichen Leben der Eßlinger verbannt blieb. Diesen Flor unterbrach einigemal die Pest und gegen das Ende des 17ten Jahrhunderts der Einfall Mélacs im Franzosenkriege. Noch trägt ein kleines Häuschen in der nur wenige Mauer- und Turmruinen zeigenden, verödeten Eßlinger Burg seinen Namen, und von Geschlecht zu Geschlecht pflanzt sich die Sage fort, daß ihm sogar eine schöne Jungfrau Eßlingens geopfert werden mußte, um ihn von der gänzlichen Zerstörung der Stadt abzuhalten. Siehe die Romanze »Das Eßlinger Mädchen« in G. Schwabs »Gedichten«, I, S. 260 ff., wo freilich der Sage ein beruhigender Schluß gegeben ist. Die Grafen von Württemberg lebten in beständigen Fehden mit der Reichsstadt, die endlich infolge der großen Zeitereignisse im J. 1802 unter württembergische Landeshoheit gekommen ist, unter der ihr Wohlstand nur zugenommen hat. Die blühendsten Baumwollen- und Wollenspinnereien, besonders die ihre kunstvollen Erzeugnisse über ganz Deutschland verbreitende Blechwarenfabrik des Herrn Deffner, welche mit den berühmtesten englischen Fabriken wetteifert, die Tuchfabrik der Herren Gebrüder Hartmann und die Weinhandlung der Herren Kessler und Comp., deren moussierende, champagnerähnliche Weine durch ganz Europa versendet werden, gehören nach Gründung und Aufschwung ganz den neuesten Zeiten an. In Beziehung auf die letztere, an deren Spitze der Schwiegersohn eines hohen Beamten und der obengenannte Freund des Verfassers stehen, ist in der unruhigen Zeit von 1831 der nachfolgende Scherz des Verfassers gesungen worden, der hier zum erstenmal seine Stelle im Drucke finden soll: Schwäbisches Rätsel Wir haben einen Insurgenten       Im sonst so frommen Schwabenland, Er tobet gleich den Elementen       Im ersten, wilden Schöpfungsstand. Wißt, seine Zahl ist viele Tausend,       Er haust im Rems- und Neckartal; Dort ist er still, doch wird er brausend,       Wenn man ihn zwingt mit Kerkerqual. Versüßen will man ihm die Bande,       Mit Zucker füttert man ihn gut; Doch eben diese milde Schande       Erhitzet ihm sein Jugendblut. Er schäumt vor Zorn, er sprudelt Rache,       Sein Riegel wird ihm zum Geschoß, Aus dem verschließenden Gemache       Bricht er mit einem Schusse los. Es hat der Freche die Empörung       Dem wilden Frankreich abgelernt Und macht bei uns dieselbe Störung,       Und niemand ist, der ihn entfernt. Zwar, hüpft er gleich in welschem Tanze,       Sie sagen ihm zum Schabernack, Es habe der forcierte Franze       Doch einen deutschen Beigeschmack. Inzwischen lassen sie ihn toben,       Und schimpft man auch, man steht ihm bei; In manchen Köpfen gibt er Proben,       Daß er ein Mann vom Berge sei. Und laßt es nur ins Ohr euch sagen,       Der Hauptmann der Rebellion (Ihr werdet ihn nicht drob verklagen!)       Ist des Ministers Schwiegersohn! Als besonderer Eigentümlichkeit ist des sogenannten Eßlinger Gebiets zu erwähnen, das aus mehreren kleinen Weilern besteht, welche still und abgeschieden auf der Strecke zwischen dem Roten Berg und Eßlingen, zwischen Wein, Obst und Wald liegen, meist aus zerstreuten, über das ganze Gebirge bis auf die äußersten Höhen verbreiteten Häusern zusammengesetzt sind und sich höchst malerisch und einladend den Blicken darstellen. Sie sind, auch in vielem andern noch altdeutscher Sitte getreu, nach Weidgerechtigkeiten und Hirtenschaften eingeteilt und, obgleich mit eigenen kleinen Kirchen versehen, doch nach Eßlingen eingepfarrt. Stille Frömmigkeit herrscht unter ihnen, und hier und da bewahrt ein solcher »Filialist« geheime Heilmittel der Natur, die er, von den Vorältern ererbt, zum Nutzen und Frommen der Nachbarschaft anwendet. Auch unser Bild zeigt uns einige von diesen glücklichen Pfarrkindern Eßlingens. Die Stadt war in dem letzten Jahrzehend lange bleibender Sitz der jetzt wandernden Liederfeste für den vierstimmigen Gesang. An einem solchen musikalischen Agon wurde auch vor Tausenden von Zuhörern das Gedicht gesprochen, aus welchem unser Aufsatz die bezeichnendsten Strophen mitteilt. Wer auf der Brücke von Eßlingen steht und die erlesensten Gaben der Natur mit den seltensten Schätzen des Altertums gepaart überschaut, wird einstimmend mit dem Dichter der umblühten, ehrwürdigen Stadt die Worte zurufen: Zeig immer stolz dein Prachtgelände, Die schmucken Werke deiner Hände,       Dein Tal, vom Segen Gottes voll, Und deine grauen Altertümer, Der Burg und der Kapellen Trümmer,       Die Kindeskind noch schauen soll! Dritte Reise Der Schwarzwald Kloster Hirsau – Der Wasserfall bei Triberg – Die Hölle – Freiburg im Breisgau – Badenweiler – Forbach im Murgtale – Das alte Schloß Baden   Kloster Hirsau Das hohe Schwarzwaldgebirge fällt nach allen Seiten in tiefer liegende Landschaften ab, im Süden und Westen ins breite Rheintal, im Norden in die wellenförmige Ebene der obern Rheinpfalz, die den Schwarzwald vom Odenwald trennt, im Osten in die Flußtäler der Nagold, der Waldach, des Neckars und der südlich dem Rheine zueilenden Wutach. Es streicht von Südsüdwesten nach Nordnordosten mit einer Längenausdehnung von fünfundvierzig Stunden; die Breite von Osten nach Westen beträgt zehn, am nördlichen Ende allmählig verschmälert nur fünf Stunden, der ganze Flächenraum etwa neunzig Geviertmeilen. Die höchste Höhe hat das Gebirge im Süden, wo der Gebirgsknoten des südlichen Schwarzwalds, der Feldberg, 4600 Pariser Fuß über das Mittelländische Meer sich erhebt. Im Norden vertritt der Kniebis in etwas kleinerem Maßstabe (3016 Fuß hoch) den Feldberg. Am steilsten und schroffsten ist der westliche Abfall ins Rheintal, wo sich das Gebirge in mehreren hintereinander gelagerten Wällen bis zur höchsten Kette auftürmt. Im nördlichen Teil entsendet der Westabsturz Bergäste ins Rheintal hinaus, auf welchen sich wieder einzelne Kuppen erheben. Gegen Osten ist der Abfall im südlichen Teile ziemlich bedeutend, jedoch nicht schroff, im nördlichen dagegen, dem Innern Württembergs zu, wo sich das Gebirge allmählig verflächt, gering, so daß der von hier aus den Schwarzwald besuchende Reisende den Boden des Gebirges betritt, ohne es gewahr zu werden. Im Norden, gegen die Oberpfalz, ist der Abfall wieder ziemlich steil und hoch. Die nördliche Hälfte des Gebirges selbst nimmt den Charakter einer Hochfläche an. Vom Süden, aus dem Knoten des Feldbergs, strömen die Quellbäche der Hauptflüsse nach allen vier Weltgegenden, die Wutach, die Wiese, die Dreisam dem Rhein, die Breg und die Brigach der Donau zu. Die Hochfläche des Gebirgs wie seine Köpfe bedecken meist ausgedehnte, dicke und dunkle Nadelwaldungen, hier und da von einem Köhlerplatz, einem Feldstück, auch größern Feldungen unterbrochen. Auf den höchsten Höhen hören die zusammenhängenden Wälder auf. Das rauhe Klima duldet nur verkrüppelte Nadelbäume, und mit jedem Schritte sinkt der Fußtritt in schwarzen, schwammigen Moorgrund ein, welcher von einzelnen Rasen hoher Sumpfgewächse besetzt ist. Seine Wunder erschließt der Schwarzwald erst im Schoße der Täler, wo die Natur vom Erhabensten und Schauerlichsten allmählig ins Lieblichste und Mildeste übergeht, so daß der Wanderer, der am Morgen vom Gebirgssturm umsaust unter verkrüppelten Fichten einherschritt, am Abend zwischen Hirsefeldern, zahmen Kastanien und Weinbergen wandelt. Die Hauptzierden dieser Täler sind ihre hingestreuten Hütten, Höfe, Mühlen und Dörfer und der rasche Fluß, der, anfangs braun, doch klar vom Moorgrunde kommend, immer kristallheller wird, häufig anfangs ein Sturzbach ist und die ungeheuersten Felsblöcke mit in sein Bett hinabnimmt, bis er in der Ebene zum breiten und leicht zwischen niedrigen Ufern dahingleitenden Gewässer wird. Die Hauptmasse dieses Gebirges, als eines Urgebirges, besteht aus Gneis und Granit, jener im südlichen, dieser im nördlichen Schwarzwalde vorherrschend. Gegen Norden und Osten verliert sich das Urgebirge allmählig unter der Decke des roten oder bunten Sandsteins, der zuoberst ganz in eine Tonlage übergeht. Als Zwischenglieder treten mehrere untergeordnete Steinarten auf, darunter schöner, dem Urgebirge sich anschließender Porphyr. Auch Metalle umschließt die Gebirgsmasse, und besonders beträchtlich ist ihr Eisenreichtum. Kalte und warme Mineralquellen voll edler Heilkräfte entströmen jene dem Sandstein, diese dem Urgebirge. Als Bewohner teilen sich in den Schwarzwald im Süden und Westen die Alemannen des Breisgaus und der nordwestlichen Schweiz, die Oberschwaben im Osten, im Norden die Niederschwaben. Die Wohnungen sind hölzern, die Tracht ist ernst und schwarz, die Beschäftigung des Schwarzwälders richtet sich nach dem Boden, den er besitzt.« Vergl. Völter a.a.O., S. 3-43 Von allem diesem, was hier übersichtlich gesagt worden, erzählen wir umständlicher bei einzelnen Bildern. Vorerst folge uns der Naturfreund in eines der bescheideneren Täler des württembergischen Schwarzwaldes, zum Kloster Hirsau. Helicena, erzählt uns die Sage, war eine fromme, reiche Witwe, die brünstig ganz dem Herrn sich anzutrauen strebte und oft auf den Knien ihn fragte, auf welche Weise sie ihre Erdengüter am besten anwenden könnte. Da lag sie in der Nacht einmal,       Gewiegt in fromme Träume, Und sah ein seltsam fremdes Tal,       Darin drei Fichtenbäume. Die Bäume waren wundersam       Aus einem Stamm gesprossen; Aus ihren duft'gen Wurzeln kam       Ein klarer Born geflossen. Und ob der fremden Wunderau       Sah sie am Himmel wallen Hoch einen Dom auf Wolken blau,       Hört' eine Stimme schallen: »Dies Gotteshaus, du fromme Braut,       Sei, wo die Bäume stehen, In bestem Grund von dir gebaut,       Nimm's aus geweihten Höhen!« Die Frau erwacht, zieht ihr Feierkleid an, schmückt sich mit duftigen Blumen, wandert in ein fremdes Tal, bis ihr alles klar im Sonnenschein entgegenblickt, die drei Bäume und der Born voll Himmelstau, der hell über Blumen fließt. In stiller Demut ging sie aus,       So stille kehrt sie wieder Und setzet hier das Gotteshaus       Aus Himmelshöhen nieder. So lautet die Legende von der Stiftung des Klosters Hirsau. Kerners »Dichtungen«, S. 101ff. Dies soll im J. 645 geschehen und Helicena aus dem Geschlechte der Edelknechte von Calw gewesen sein. Inzwischen stiftete sie wahrscheinlich nur die St.-Nazarius-Kapelle und das dazu gehörige Haus, und erst zur Zeit Ludwigs des Frommen brachte Notung, Graf von Calw, Bischof von Vercelli, die Gebeine des heil. Aurelius nach Deutschland und fand durch ein himmlisches Zeichen hier, am rechten Ufer der Nagold, wo die St. Nazariuszelle Helicenas stand, die Stätte, wo er dem Heiligen Kloster und Kirche gründete (830). Inzwischen geriet es in den folgenden Jahrhunderten ganz in Verfall, so daß Albert der Ältere, Graf von Calw, 1066 ff. dasselbe von neuem stiften mußte und es auf dem linken Ufer der Nagold baute, auf welchem noch jetzt seine Trümmer stehen. Von nun an beginnt die Glanzperiode Hirsaus. Das Kloster kam durch Schenkungen bald so in Aufnahme, daß die Zahl der Mönche mit den Laienbrüdern sogar auf dreihundert stieg. Es wurde von ausgezeichneten Äbten regiert und bald der Sitz mittelalterlicher Bildung und Gelehrsamkeit. Aus Hirsau gingen jetzt Kolonien von Mönchen nach Frankreich und Schwaben. Um das neue Kloster, das Abt Wilhelm 1083–1091 gebauet, erhoben sich in der Folge viele und stattliche Gebäude, die eine Ringmauer umschloß. Im J. 1525 wurde Hirsau von den Bauern geplündert. Angezogen durch die Schönheit der Gegend – die klare Nagold bewässert hier das lieblichste Wiesental zwischen himmelhohen Tannenbergen, und das Kloster blickt auf einer kleinen Erhöhung frei durch den Talgrund hin –, ließ der gute, baulustige Herzog Christoph von Württemberg hier ein Schloß aufführen, hob aber als Reformator seines Landes im J. 1558 das alte Kloster auf und verwandelte dasselbe in eine evangelische Klosterschule. Der erste lutherische Abt, D. Heinrich Weickersreuter, wurde dem letzten katholischen Abte, den man christlicherweise im Kloster absterben ließ, als Koadjutor gegeben. Die neue Stiftung blieb unangefochten, bis infolge der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges die evangelischen Äbte dem Katholizismus wieder weichen mußten. Das Kloster sah jetzt wieder zwei katholische Äbte. Erst der Westfälische Frieden brachte die evangelische Ordnung der Dinge zurück. Die Klosterschule blühte unter der Leitung würdiger Prälaten, unter welchen berühmte Namen Schwabens glänzen, ruhig fort, bis das verhängnisvolle Kriegsjahr 1692 die gänzliche Zerstörung des Klosters und damit die Verlegung der Klosterschule nach Denkendorf unweit von Stuttgart herbeiführte. Äbte von Hirsau wurden indessen fortkreiert, solange die alte Verfassung Württembergs dauerte. Die Franzosen, die grausamen Verwüster der Pfalz, verbrannten am 20. Septbr. 1692 auch hier Kloster und Klostergebäude. Die Veranlassung zu der Untat soll ein Strich des Bürgermeisters der Nachbarstadt Calw durch einen Kontributionsbrief Mélacs und die Ermordung eines französischen Offiziers gewesen sein. Was Mélac zerstörte, vollendeten die Beamten selbst. Die herrliche Klosterkirche, die gegen 300 Fuß lang war und zwei hohe gleiche Türme hatte, lag freilich schon in Asche, aber eine schöne Kapelle, welche 1783 noch unversehrt dastand, wurde um 1800 zu Baumaterialien verwendet. Kirche und Kreuzgang hatten damals noch gemalte Fenster, über welche der große Lessing aus einer Hirsauer Handschrift des evangelischen Abtes Johann Parsimonius von 1579, die Joh. Jak. Moser der Wolfenbüttler Bibliothek überlassen, seinerzeit berichtet hat. Sie sind unter König Friedrich nach Monrepos bei Ludwigsburg gewandert und dekorieren jetzt in den dortigen Anlagen ein zierliches Kirchlein. Von sämtlichen Gebäuden sieht man noch die Ruinen der Peterskirche und den einen ihrer Türme, eine ganz erhaltene Kapelle, einen großen Teil des Kreuzgangs, vom Kloster selbst einen achteckigen und einen runden Turm, die ausgebrannten vier stattlichen Wände des Jagdschlosses, die Reste der Aureliuskirche und rechts von der Nagold ein Kirchlein auf dem Platz der alten Stiftung. Diese sämtlichen Überbleibsel in dem von immergrünen Tannenbergen beschauten, wiesenreichen Nagoldtale, in wucherndes Gebüsch eingekleidet, gewähren einen rührenden, doch nicht finstern Anblick. In der Hauptkirche sollen sich in den alten Zeiten sehr viele Gemälde befunden haben; in einer Seitenkapelle sah man die ledernen Kriegskleider eines Riesen, der einst in diesem Revier gehauset. Solange das evangelische Seminarium bestand, war über dem Kreuzgange das Dormitorium der Stipendiaten und darin je auf vier Seiten vierzig Fenster mit alt- und neutestamentlichen Glasmalereien. Innerhalb des Kreuzganges plätscherten drei Brunnen, worunter ein schöner Springbrunnen. Einer von ihnen steht jetzt im Bade zu Teinach, die Schale des andern wird zur Viehtränke in Teinach selbst benützt. Unter den Monumenten des Klosters fand sich auch das Grabmal des Abtes Bruno, eines Herren von Württemberg (um 1100), das zu den ausgezeichnetsten Denkmälern des Altertums gehörte. Ein ebenfalls gut erhaltenes Grab ist das des Abts Aurelius. Mehrere andere Gräber von Äbten sind zerstört; es werden deren immer mehrere ausgegraben und neuerlich durch Anordnung der Regierung gehörig geschont, die Gebeine aber an einer und derselben Begräbnisstelle beigesetzt. Mit den Denksteinplatten, die sonst offen in der Kirche dagelegen haben mögen und jetzt mehrere Fuß tief aufgegraben werden müssen, ist man bisher nicht geschickter umgegangen als früher räuberisch und mutwillig mit den darunter befindlichen Skeletten, deren goldene Siegelringe und andere Kostbarkeiten die Habsucht reizten. Die Denksteine sind bis auf wenige völlig zerschlagen, und die Stücke liegen ohne Zusammenhang umher. Auch das Denkmal des Reformators Brenz soll hier aufgegraben worden sein. Einer der vielen Steine besagt, daß der Abt Johannes Schultheß das Kloster nach einem Brande wieder aufgebaut, was ohne allen Zweifel nach dem Bauernkriege geschehen ist, wo Schultheß die Leitung des Klosters seit dem Jahre 1524 führte. Merkwürdige Schriften über das Kloster Hirsau, deren Verfasser der nach Weingarten geflüchtete Abt Wunibald († 1637) ist, hat man in letzterem Kloster vor etwa 20 Jahren gefunden. Im Ganzen findet der Forscher in Hirsau nur wenig, aber dies Wenige, aus der unschätzbaren »Hirsauischen Chronik« des Trithemius ergänzt, ist für die Kunstgeschichte von großer Bedeutung. S. in Mones »Anzeiger für Kunde der d. Vorz.« den gelehrten Aufsatz vom Hauptmann Krieg-Sachfelden im 1. u. 2. Hefte des 4. Jahrg., 1835. Die Aureliuskirche, von der nur Reste stehen, ist aus dem 9ten Jahrhundert und höchst merkwürdig als treue Kopie der römischen Basiliken, wie solche seit dem vierten Jahrhundert angelegt wurden; namentlich sind die Hirsauer Kreuzgewölbe – wohl die ältesten in Deutschland – eine treue Nachbildung der römischen aus der letzten Kaiserperiode. Wie denn die deutsche Kunst bei allmähliger Zunahme technischer Fertigkeit diese Vorbilder verließ, zeigt sich bei der dritthalbhundert Jahre später erbauten Peterskirche zu Hirsau, von der sich der Grundriß in Gestalt eines lateinischen Kreuzes sowie einer der Türme noch erhalten hat. Abenteuerlich schauen die Menschen- und Tiergestalten hier von dem hohen Gesimse herunter. Diese häufig vorkommenden und vielfach gedeuteten Steinbilder beruhen teils auf biblischen Darstellungen, teils auf Legenden und Sagen von den Schutzheiligen, teils endlich auf heraldischen Beziehungen. Auf der Südseite des Turmes sieht man einen sitzenden Arbeiter in Laientracht, mit lockigem Haupthaar, der mit beiden Händen den mittlern Pfeiler trägt. Die Figur stellt einen der sogenannten Oblaten (freiwillig angebotener Laien) vor, durch deren Beihülfe Abt Wilhelm hauptsächlich den Bau ausgeführt. Alle Bilder zusammen formieren eine Hieroglyphenschrift, welche sich auf den Bau der Kirche bezieht. – Aus den hohen Mauern der Schloßruine strebt eine schlanke Ulme empor, die unsterblich bleiben wird, weil Ludwig Uhland sie besungen hat. Zu Hirsau in den Trümmern,       Da wiegt ein Ulmenbaum Frisch grünend seine Krone       Hoch überm Giebelsaum. Er wurzelt tief im Grunde       Vom alten Klosterbau, Er wölbt sich statt des Daches       Hinaus in Himmelsblau. Weil des Gemäuers Enge       Ihm Luft und Sonne nahm, So trieb's ihn hoch und höher,       Bis er zum Lichte kam. Es ragen die vier Wände,       Als ob sie nur bestimmt, Den kühnen Wuchs zu schirmen,       Der zu den Wolken klimmt. Wenn dort im grünen Tale       Ich einsam mich erging, Die Ulme war's, die hehre,       Woran mein Sinnen hing. Wenn in dem dumpfen, stummen       Getrümmer ich gelauscht, Da hat ihr reger Wipfel       Im Windesflug gerauscht. Ich sah ihn oft erglühen       Im ersten Morgenstrahl; Ich sah ihn noch erleuchtet,       Wann schattig rings das Tal. Zu Wittenberg, im Kloster,       Wuchs auch ein solcher Strauß Und brach mit Riesenästen       Zum Klausendach hinaus. O Strahl des Lichts! Du dringest       Hinab in jede Gruft. O Geist der Welt! Du ringest       Hinauf in Licht und Luft. Die tiefen Töne dieses Liedes verhallen wie der Gesang im Gewölbe einer Klosterkirche; ich aber, der Berichterstatter, werfe noch einen Blick voll eigentümlicher Wehmut auf diese Ruinen, die bald ein treues Blatt vervielfältigen soll: Im J. 1692, gerade hundert Jahre vor meiner Geburt, wurde der dreijährige Sohn des Klosterbeamten aus den flammenden Gebäuden von den flüchtenden Eltern getragen. Das Kind ward ein achtzigjähriger Greis und war der mütterliche Großvater meiner längst auch ruhenden Mutter, die ihm als kleines Mädchen noch oft die Locken des schneeweißen Hauptes gescheitelt hat. Der Wasserfall bei Triberg So gern wir bei den Bädern des württembergischen Schwarzwaldes, dem einsamen und heilkräftigen Wildbad, dem lebendigen, noch manche alte Volkssitte freilich nicht rein bewahrenden Teinach, dem stillen Liebenzell, dem Wallfahrtsort unfruchtbarer Frauen, mit der gewaltigen Ruine eines Raubritters, »des Merklinger Tyrannen«, verweilt hätten, so treibt uns doch die beschränkte Zahl dieser Blätter dem Kerne des Hochgebirges zu, der für malerische und romantische Darstellungen die reichste Ausbeute liefert und im Breisgau zu suchen ist. Dieser neun Meilen lange, in größter Ausdehnung sieben Meilen breite Gebirgsstrich, einst eine eigene Landgrafschaft, ist reich an hohen Kettenbergen, vielen Felsen, auch fruchtbaren, mit Wein gekrönten Hügeln, die sich in ihrer letzten Abdachung in die reizende Rheinebene verlieren. Unter den Bergen des Breisgaus überschaut der Feldberg, der höchste Berg unsers deutschen Vaterlandes, an Höhe wie an Pracht der Aussicht dem Rigi der Schweiz wenig nachstehend, wo neun Monate des Jahres der Schnee nicht schmilzt, die ganze Kette der Tiroler- und Schweizeralpen, vom Hochvogel an bis zur Jungfrau und Blümlisalp, die Ketten der Vogesen, des Taunus, des Odenwaldes, der Schwäbischen Alb und die waldigen Wellen des Schwarzwaldes, über welche der Feldberg wie ein Ararat hervorragt, und hinter diesen die unermeßliche Rheinebene mit ihrem silbernen Strome. Es ist die schönste Fernsicht, die Deutschland zu bieten hat. Nächst dem Feldberg zeichnen sich der Kandelberg, der Blauen und der Bolchen aus, lauter köstliche Punkte für Aussichten. Zwischen allen diesen Bergen sind tiefe Täler voll der ernstesten Reize, das gefeiertste unter ihnen, wiewohl von bescheidnerer Schönheit als die meisten, Hebels Wiesental; die andern durch die Dreisam, die Glotter, die Alb, die Elz gebildet, alle das Gebirge in den verschiedensten Richtungen durchziehend. Auch zwei Seen hat das Breisgau aufzuweisen, den Feldsee und den Titisee. Natur, Häuserbau, Sprache und Sitte der Bewohner mahnt hier allenthalben an die benachbarte Schweiz, und so ist es denn kein Wunder, wenn wir in diesem Gebirge auch den einzigen Wasserfall Deutschlands finden, der sich kühn mit dem gepriesenen Schweizerfalle, dem Gießbach, messen darf. Triberg ist ein kleines Städtchen von keinen hundert Häusern und kaum achthundert Einwohnern; es bietet an sich keine Merkwürdigkeit dar, als daß es zu den Landstädtchen Schwabens gehört, die von Zeit zu Zeit mit einer Feuersbrunst heimgesucht zu werden vom Geschicke bestimmt scheinen; denn im J. 1525 wurde es samt seinem Schlosse von den rebellischen Bauern verbrannt, im J. 1642 zerstörten die eigenen Bewohner Tribergs die den Herren dieses Namens angehörige Ritterburg in einem Aufruhr und warfen Feuerbrände darein; vor etwa zehn Jahren endlich ist das ganze Städtchen durch Nachlässigkeit in Brand geraten und ganz in Flammen aufgegangen, so daß aus dieser finstern Gegend jetzt ein neuer Ort mit heitern Gebäuden aufgestiegen ist. Die Stadt liegt in einer engen, kaum hundert Morgen messenden Bergschlucht, etwa zweihundert Schuh tiefer als die drei dieselbe nicht besonders malerisch umschließenden Bergrücken, und doch liegt sie noch höher als der höchste Gipfel des Kaiserstuhls am Rheine. Die neue Anlage des Städtchens ist so berechnet, daß hinter der breiten Hauptstraße der Wasserfall herniederwallt und die Bergschlucht emporsteigt. Denn in nächster Nähe haben hier die Naturgeister ihren Sitz aufgeschlagen; in einer von ferne kaum bemerkbaren Bergschlucht spielen auf dem stürzenden Fallbach, der vom westlichen Rücken des Bergkessels herabtost, die Wassergeister auf ihrer gewaltigen Orgel, während auf nordwestlicher Seite an der Felsenecke der Gebirgskluft, wo der enge Fußpfad an der rauschenden Schonach hinaufführt, die Luftgeister auf der tannenbesaiteten Äolsharfe des Waldes mit ihren seufzenden Hauchen das Rauschen des strömenden Waldbaches begleiten. In mancher stürmischen Nacht kann der Wanderer diesen natürlichen Äolsgesang unter den hohen Tannen belauschen. Vielleicht war es hier, wo der frühvollendete Schenkendorf seine feierliche Hymne auf den Schwarzwald gesungen hat. Wenigstens läßt sich hier der Ton vernehmen, von welchem er so begeistert singt, die uralten Säulen des Waldes anredend: Euch Bäume hat kein Mensch gestreut,       Euch säte Gottes Hand; Ihr alten, hohen Tannen seid       Mir meines Gottes Pfand. Durch eure schlanken Wipfel geht       Sein wunderbarer Gang, In euren grünen Zweigen weht       Ein schauervoller Klang. Das ist ein ferner Liebeston,       Er klingt wohl tausend Jahr, Von Geistern, deren Zeit entflohn       Und deren Burg hier war. Wie schaurig hier und wie allein       Im höchsten schwarzen Wald, Nicht fern kann hier die Wohnung sein       Der seligsten Gestalt, Der Freiheit, die mein Herz gewann,       Der süßen Heldenbraut, Der ich, ein liebentbrannter Mann,       Für ewig mich vertraut. Der Mund des Volkes hat eine andere Deutung für die Lieder dieser Naturharfe. Zum erstenmal hörten den ungewöhnlichen Klang in den Tannenwipfeln zu Ende des 17ten Jahrhunderts einige auf den nahen Schönwälder und Schonacher Höhen stationierte Soldaten eines kaiserlichen Regiments. Ihr frommer Aberglaube ließ sie übernatürliche Wirkungen ahnen. Bald fanden sie auch am höchsten und schönsten Tannenbaum bei einer lautern Felsenquelle ein aus Lindenholz geschnitztes Marienbild, das Jesuskind im Arme haltend, angeheftet. Ein Bürger von Triberg, mit Namen Friedrich Schwab, hatte das Bildchen als Weihgeschenk für seine an der Quelle des Felsens erlangte Genesung im Jahre 1680 an diesen Tannenbaum angeheftet. Die Soldaten, die in jenem Gesänge der natürlichen Windharfe die Huldigung der Engel hörten, der Mutter des Heilandes dargebracht, ließen dem Bild eine blecherne Kapsel verfertigen und diese mit der Inschrift schmücken: »Sancta Maria, patrona militum, ora pro nobis.« Dazu fügten sie eine Opferbüchse, die bald so reich wurde, daß vom Ertrag eine, freilich vergängliche und vergangene, Kapelle aus Brettern gezimmert werden konnte. Dichterohr vernimmt diesen Gesang nicht nur an der Felsenecke bei Triberg. Von demselben Engelsklang im Walde hat noch neulich Alphons von Lamartine in seinem »Jocelyn« auf seiner eigenen Dichterharfe die sanften Laute nachhallen lassen, die hier ihre passende Stelle finden: Ihr Tannen, Wohlklangs voll, ihr Harfen in dem Wald, Drauf jeder Himmelswind die eigne Stimme hallt, Ihr seid das Saitenspiel, wo alles weint und singet, In tausend Echos sich Natur mit Lust verschlinget; Kein Menschenseufzer ist, der nicht mit süßem Hall In einem Ätherhauch fänd' einen Widerschall. Ihr heil'gen Bäume wißt, was Gott uns zubeschieden. Singt, weinet, tragt mit mir die Trauer wie den Frieden! Gott aber weiß allein, ob euer süßer Klang Sei Weinen über uns, sei froher Lobgesang! Wir kehren jetzt zum Gegenstande des vorliegenden Bildes, dem Triberger Wasserfalle, zurück. Dieser Fallbach verleiht der nächsten Umgebung einen sehr romantischen, schweizerischen Anstrich, wo sich im verjüngten Maßstabe vieles Malerische vereinigt: Felsengruppen, sanftere Wiesenfluren im Hintergrunde, kahle Berghöhen, Partien schattiger Schwarztannen, an welche sich einfache Holzhütten und Bauernhöfe anlehnen, in deren Umzäunungen die Herden, Kühe und Ziegen, von strohflechtenden Hirtenknaben oder Mädchen geleitet, bergan und -ab gleiten. Der Fall stürzt sich in der engsten Schlucht in neun bis zehn Absätzen herunter, die jedoch nicht, wie beim Reichenbach des Berner Oberlandes, durch horizontale Strömungen des Wassers voneinander getrennt sind, sondern, dem Gießbache bei Brienz ähnlicher, zusammen doch wieder nur ein einziges, wallendes Wasserband ausmachen, dessen Mitte – fast wie jener – durch einen betretbaren Steg durchschnitten ist. Die mächtigsten Tannen steigen zu beiden Seiten wie die Posten eines zerfallenen Portals empor, als dessen einstige zerfallene Wölbung ein gewaltiger Felsblock mitten im Wasserschaum auf dem Boden liegt. Bei dem Städtchen vereinigen sich drei Waldbäche, die Nußbach (vom nordöstlichen Bergeinschnitt herabfließend), der Fallbach und die Schonach, und strömen, drei Stunden durch ein tiefes und breites Tal fließend, unter dem malerischen Städtchen Hornberg in die Kinzig, die von dort an das mit Recht berühmte Kinziger Tal bildet, dessen romantische Bergwände die lieblichen Städtchen Hausach, Gengenbach und Offenburg umschließen. Von dem erstgenannten dieser drei Orte führt ein Seitenweg über das waldige Wolfach, das treffliche Bergwerke besitzt, in das Schappacher Tal, das die schmucksten Schwarzwaldhütten zeigt, aus denen in eigentümlicher Landestracht freundliche Bewohnerinnen mit großen blauen Augen dem schaulustigen Wanderer lächelnde Grüße zunicken. Ist man einmal dort, so sind die Bergpfade allzu lockend, als daß die Bäder Rippoldsau, Griesbach, Peterstal und das tief in dem Abgrund versteckte Antogast übergangen werden dürften. Könnten dreihundert statt dreißig Bilder aus Schwaben gegeben werden, so dürften aus allen diesen Gegenden mehrfache Darstellungen nicht fehlen. Die Hölle Von Triberg fördert uns ein Gebirgsweg südwestlich in das von Südosten nach Nordwesten streichende Felstal, das von seiner furchtbaren, selbst im rauhesten Schwarzwald unerwarteten Wildheit den Namen Höllental davongetragen hat. Dieser Weg, der zunächst nach den Dörfern Schönenwald und Furtwangen führt, geht am Scheitel der Triberger Wasserfälle vorbei, welcher dadurch höchst interessant ist, daß das Bergflüßchen Guttach hier völlig verschwindet und sich unter einer Masse, ja, man könnte sagen, einem horizontalen Mauerwerk jener rundgewaschenen Felsblöcke verbirgt, welche in dieser Höhe, auf diesen Gipfeln der Gebirge ein wahres Rätsel sind. Unter dieser Steindecke hört man das Rauschendes Waldstromes. »Hier muß einmal das Meer gewesen sein«, sagte unser Führer trocken und gläubig, und der Anblick widersprach seiner Behauptung nicht. Auch ist der Wasserreichtum auf dieser Gebirgshöhe sehr groß, Felder und Wiesen vertrocknen im heißesten Sommer nie ganz, und wenn in unsern fruchtbaren Ebenen und Tiefen die letzteren in den jüngsten heißen Jahrgängen afrikanischen Steppen glichen, labte sich das Auge dieser Gebirgsbewohner an unverwelklichem Grün. Schönenwald und Furtwangen liegen in solchen bewässerten Tälern, deren Höhen mit Tannenwäldern bekränzt sind. Die Gegend ist hier an sich nicht malerisch, namentlich hört alles Felswesen auf, das der untern Gegend zwischen Hornberg und Triberg den Namen der kleinen Hölle verdient hatte; doch erhalten die einförmigeren Tiefen und Hochflächen einen eigentümlichen Reiz durch die zum Teil abenteuerlich schweizerische Bauart der Häuser und Höfe, die anmutig zerstreut umherliegen und bei denen die verschiedensten häuslichen und landwirtschaftlichen Zwecke viel mehr im Relief und in ihren ungekünstelten Forderungen erscheinen als bei uns im überkultivierten Lande. Ihr Anblick gewährt den mannichfaltigen Wechsel und die Unterhaltung, ja selbst hier und da den malerischen Reiz, den die Gegend selbst den Blicken des Wanderers versagt. Eine starke Bevölkerung in mannichfaltigen Nationaltrachten belebt diese zerstreuten Gehöfte, doch ist gerade die Kleidung der Weiber, obwohl charakteristisch, keinesweges schön zu nennen. Nur der Kopf, den der weiße oder auch grellgelb gefärbte Schwarzwälder Strohhut von männlicher Form noch über der Haube deckt, hat einen der roten Wangen und blauen, hellen Augen würdigen Schmuck. Das schwarze manchesterne Leibchen ist allzu kurz und knapp, nach hinten nicht einmal zu der kurzen Taille herabreichend. Der dunkle Faltenrock breitet sich nach unten im Dreieck unter vielen Falten aus und entfernt sich gänzlich von der Form des menschlichen Körpers, so daß die schmucksten Mädchen zu einer Mißgestalt abgestumpfter wandelnder Kegel werden und besonders von hinten gesehen recht abscheulich sind. Die Farbenzusammenstellung jedoch, schwarzmanchesterne Spenzer, unter diesen rote Mieder, dunkle Röcke und blaue oder rote Strümpfe, hat etwas sehr Gefälliges. Die einsamen Orte Schönenwald und Guttenbach, über welche der Weg führt, haben alte Kirchen, mit Hof und Hoftor umgeben, durch welches die vergoldeten Kirchhofkreuze hell herausblicken. Furtwangen aber ist ein stattliches, sehr lebendiges Uhrmacherdorf im ausgesprochensten Schwarzwaldcharakter. Hier geht die Straße nach »der Neustadt« durch, einem gewerbtätigen Städtchen, das seine hölzernen, zum Teil sehr kunstreichen Uhren durch halb Deutschland versendet. Der Wanderer zur Hölle verläßt hier die Straße und schlägt sich rechts durch immer steiler werdende Waldgegenden an der »kalten Herberge« (einer in Schwaben sehr häufig vorkommenden Benennung) vorbei, welche eine Wasserscheide zwischen dem Rhein und der Donau bildet, nachdem er kurz zuvor die der Kinzig und somit dem Rheine zueilende Guttach verlassen und über den einen der Donauzuflüsse oder vielmehr der Donauquellen, die Breg, gegangen war. Sein Weg führt ihn jetzt zwischen zwei Seitentälern hindurch; von der linken Seite her winkt ihm in ziemlich freundlicher Lage das Pfarrdorf Urach (wohl von jener Albstadt und Feste zu unterscheiden), rechts schaut aus wilderer Talumgebung Neukirchen heraus; vom höchsten Bergrücken öffnet sich ihm die Aussicht auf die gestreckten Schwarzwaldshöhen, welche das Rheintal begrenzen, namentlich auf den Rücken des Feldberges, den schon im Augustmonat jedes Unwetter mit Schnee bedeckt. Selbst die ganze Umgegend kann mitten im Sommer bei besonders ungünstiger Witterung unter Schnee gelegt werden. Nachdem wir auf diesen Höhen in großer Einsamkeit dahingepilgert, tat sich uns endlich am südlichen Abhang ein weites, nicht steil und hoch eingeschlossenes Wiesental mit der Dorfschaft Langenorlach auf, deren vereinzelt stehende Häuser das ganze weite Tal ausfüllen. Dann ging es durch fruchtbare Geländer, immer abwärts, dem Höllental zu. Neustadt, das, wie Triberg, nach einem Brande neu aufgebaut ist, bleibt links liegen, und unversehens ist man auf der breiten Straße, die zur Hölle führt und wo der schwarze Dämon dieses Passes, der übrigens ein unschuldiger Waldgeist ist, von Viertelstunde zu Viertelstunde ein einladendes Wirtshaus hingezaubert hat. Das erste führt einen Stern im Schilde und ist noch eine Stunde vom Eingang in das eigentliche Höllental und von seinem steilsten Abhang entfernt. Die Ankunft bei den Felsen selbst bildet einen um so überraschenderen Moment, je weniger die letzte Strecke, die noch zurückzulegen ist, den Reisenden auf sie vorbereitet. Das Tal ist nämlich auf diesem ganzen Wege breit genug, um rechts und links von der bequemen Straße jene gewohnten Übergänge vom Tale zu den Bergen zu gestatten, jene Unebenheiten und Wellenlinien, die der Blick durchlaufen kann, ohne unmittelbar auf den Bergwänden aufzuprallen. Plötzlich aber, nachdem man vom zweiten Wirtshause, welches zugleich das Posthaus ist, eine starke Viertelstunde die steiler werdende Bergstraße bis zum Tale hinab verfolgt hat, rücken die Berge ganz nahe zusammen, und ehe man es sich versieht, findet man sich von den ungeheuersten, bald hervorspringenden, bald turmähnlich emporsteigenden, bald überhangenden Felsenmassen umringt, eingeschlossen und fast bedroht. Bei jedem Schritte, den der Wanderer tut, treten ihm neue Felsenkolossen entgegen; der Vorschritt scheint ihm abgeschnitten; und blickt er, wie zagend, hinter sich, so ist auch hier die eben noch offene Straße durch wie plötzlich hervorgesprungene Steinblöcke gesperrt. Nur der Wald wuchert furchtlos unter diesen versteinerten Riesen; sein lustigstes Grün bekleidet ihre Wände und überkleidet sie oft, und seine kühnsten Stämme scheinen eben erst die höchsten Gipfel der Felsen erklettert zu haben und blicken triumphierend in die Tiefe hinab. Hier und da bildet das bemooste Gestein die turmhohe Wand der Straße, und der Wandelnde sucht vergebens den Himmel über sich. Ihm zur linken Seite rauscht ein schäumender Bach, der sich mit der Straße durch die Felsengassen windet und in der Ebene, von andern Bergwässern verstärkt, die meergrüne Dreisam bilden wird. Der kühnste Fels, den unser Bild zeigt, heißt der Hirschensprung. Die Sage von einem Wilde, das ein kühner Sprung von Fels zu Felsen rettete, während der nacheilende Jäger von der Tiefe verschlungen ward, knüpft sich an denselben. Die Vergleichung des Höllenpasses mit dem berühmten Münstertal in der Schweiz liegt sehr nahe. Der Verfasser dieser Zeilen, der binnen sechs Tagen beide Täler durchmustert hat, glaubt, daß der erstere, was das Großartige und besonders was das Pittoreske unserer Felsenpartie betrifft, keine Vergleichung mit den Wundern jenes Schweizertales zu scheuen habe, nur daß dort sich durch mehrere Stunden fortsetzt, was hier eine Viertelstunde dauert. Wilder, zerreißender, zermalmender ist es allerdings dort in der großen Werkstätte der Natur zugegangen. Die Wasser der Sündflut scheinen die Stirnen der höchsten Felsengipfel mit ihren Wirbeln ausgehöhlt zu haben, während höhlenartige Grotten ihre Füße spalten; in seltsameren Gestalten treten dort die Felsenkulissen reihenweise aus den grünen, häufig waldlosen Bergwänden hervor, und die zischende Schlange der Birs windet sich unzufrieden und zornig durch die finstern Abgründe. Hier im Höllental trägt alles einen ruhigeren, aber auch erhabeneren Charakter; die Natur scheint selbst im Kampf ihre Ruhe und Würde nicht vergessen zu haben. Ein entschiedener Vorzug des Höllentales endlich ist die herrliche Vegetation der Wälder, mit welchen der Jura im Münstertale sich nicht zu messen vermag. Höllental Dem staunenden Wanderer dauert freilich bei uns diese erhabene Naturszene nur allzu kurz. Kaum hat er, wenn ihn Bewunderung nicht länger fesselt, fünfzehn Minuten vom Eingang in die Höllenpforte zurückgelegt, so öffnet sich auch schon wieder ebenso unerwartet ihr Ausgang. Ein malerischer Fels, welchen die ganz zerfallenen Trümmer der uralten Burg Falkenstein krönen, schließt diese grandiosen Felspartien. Von ihr erzählt eine geschichtliche Sage, die des schauerlichen Bergspaltes, dessen letzter Vorposten sie ist, vollkommen würdig erscheint und von der sich der Berichterstatter, der sie aus dem Munde des Volkes vernommen hat, nur so viel erinnert, daß von wilden Rittern hier ein gefangener Knecht unmenschlich über die Zinnen gestürzt worden. In der neuen Zeit ist der Höllenpaß durch den Rückzug der Franzosen im J. 1796 bekannt geworden. Nach den letzten Felsengruppen zeigt die Natur noch mitten im Tale ein anderes Angesicht. Bald erscheinen jetzt wieder Wirts- und Bauernhäuser, die Berge treten, noch während der Weg abwärts führt, immer weiter zurück, und wie weggehaucht sind die Felsen. Fruchtbarkeit drängt sich in das offene Tal herein, die Reben erscheinen wieder in Ranken an den Hütten und bald auf den freien Hügeln; endlich breitet sich, von einem weiten Runde entfernterer Gebirge rings eingeschlossen, der heitere Grund aus, dem die Phantasie des Volkes den vielleicht allzu schmeichelhaften Namen des Himmelreichs verliehen hat. In zerstreuten, schmucken Häusern zieht sich das Dorf, das ebenfalls diesen Namen führt, die Heerstraße entlang, lustig rauscht die Dreisam der Straße bald näher, bald ferner; links schaut aus üppigem Baumgrün das heitere Dorf Kirchzarten mit Turm und Häusern hervor; bald nimmt uns Zarten, das alte römische Tarodurum, auf, dann das Dörfchen Ebnat; bisher durch den Schloßberg verdeckt, verkündigt endlich das himmelansteigende Münster die Hauptstadt des schönen Breisgaus, Freiburg, und ihr mittelalterliches Tor verspricht dem Wanderer nach den Schaudern der Hölle und dem Sonnenschein des Himmelreichs sanfte Ruhe und friedlichen Schatten. Freiburg im Breisgau Die Stadt Freiburg hat eine der prachtvollsten Lagen unter den Städten Deutschlands, die sich im Bilde nicht ausdrücken und überschauen läßt. Aber der Reisende mag von Wien oder Dresden, von Heidelberg oder vom Bade Baden kommen, satt von Bewunderung und ungläubig gegen Weiteres: Hier wird er von neuem seine Augen auftun und, wenn ihn ein blauer Himmel und die schönste Jahreszeit – Spätfrühling oder Herbst – begünstigt, sich an Nähe und Ferne nicht satt sehen können. Das Münster von Freiburg entschädigt für Burgruinen, Paläste oder andern Schmuck der Gegend von Menschenhänden; es ist gerade dadurch eine so hohe Zierde der Stadt und ganzen Gegend, weil es die einzige ist und kein anderes Gebäude auch nur über seinen Fuß emporragt. An der schönen protestantischen Kirche, die jetzt eben, aus einem Gebirgsdorfe hierher verpflanzt, emporsteigt und die unsere Zeichnung antizipiert hat, wird es, in gehöriger Ferne, einen edeln, aber sehr bescheidenen Nebenbuhler erhalten. Freiburg liegt fast in der Mitte des Breisgaues, dessen Hauptstadt sie ist, dicht am Fuße der Schwarzwälder Gebirgskette, die hinter ihren Mauern emporsteigt. Ihr zunächst erhebt sich der Schloßberg, von allen Seiten in frisches Rebgrün gekleidet, aus dem hier und da dunkle Trümmer der Vergangenheit hervorblicken; an ihn schließt sich der freundliche Johannisberg und, beide weit überschauend, der Roßkopf. Gegenüber beherrschen der Schönberg, Kibfels, Schauinsland und tiefer hinein der Belchen und des Schwarzwaldes höchste Spitze, der Feldberg, die obere Gegend. Zwischen diesen Bergreihen rauscht aus dem Tale von Kirchzarten die Dreisam herab, links am Saume der Stadt vorüber. Hier ist einer der Hauptpässe des Schwarzwaldes, der sich durch das genannte Tal, das Himmelreich und die Schluchten des Höllentales hinaufzieht und zum benachbarten, eigentlichen Schwabenlande den Zugang öffnet. Vor der Stadt aber entwickelt sich in einer Ausdehnung von mehrern Stunden eine ungemein fruchtbare und bevölkerte Fläche, ähnlich einem ununterbrochenen, lieblich wechselnden Garten, längs dem Ufer des Rheines, noch vor diesem aber begränzt durch das waldgekrönte Rebgebirge des für Botaniker und Mineralogen so merkwürdigen Kaiserstuhls, über welchem in dunkler Ferne die Häupter der Vogesen emporragen. An diese Orientierung, die wir fast wörtlich von dem trefflichen Geschichtsschreiber und Topographen Freiburgs entlehnen, dessen Werke hier unser Leitstern sind, »Freiburg im Breisgau mit seinen Umgebungen, von Heinrich Schreiber«, Freiburg, Herder, 1825. – »Das Münster von Freiburg«, von demselben, 2te Aufl., ebendas., 1829. schließe sich die begeisterte Schilderung des Dichters, der hier im J. 1814 in der Morgenröte der deutschen Freiheit, ohne Ahnung der Gewitter, die eine zu stechende Sonne zusammenziehen sollte und die er nicht erlebt hat, voll Jugend und Hoffnung sang: »Der Schwarzwald«, von Max v. Schenkendorf. Wie fröhlich hier im reichen Tal Die lieben Bäume stehn, Gereift an Gottes mildem Strahl, Geschützt von jenen Höhn. Ihr Kirschen und ihr Kästen sollt Noch manches Jahr gedeihn, Auch du, Gutedel, fließend Gold, Auch du, Markgrafenwein. Doch höher, immer höher zieht, Zum Walde zieht mich's hin, Dort nach dem dunkeln Gipfel sieht Mein liebetrunkner Sinn. O Dreisam, süßer Aufenthalt, O Freiburg, schöner Ort, Mich ziehet nach dem höchsten Wald Die höchste Sehnsucht fort. Nicht schrecket mich im Höllentor Der grause Felsensteg, Weit über Land und Fels empor Zum Gipfel geht mein Weg. Du mit dem weißen Wälderhut Und mit dem schwarzen Band, O Mägdlein, sittig, schön und gut, Grüß mir das deutsche Land! Ich muß hinauf zum schwarzen Wald, So liebend und allein, Dort soll fortan mein Aufenthalt Und meine Kirche sein! Die erste Lichtung dieser dichten Urwälder, die sich bis tief ins Tal und in die Ebene erstreckten, verdankte das Land den Römern, welche den wichtigen Engpaß, wo die Dreisam aus den Bergen tritt, aufs sorgfältigste besetzt hielten. Ihr Tarodurum lag unfern von Freiburg, wahrscheinlich oberhalb des Dorfes Zarten, wo eine quer das Tal durchlaufende Verschanzung, der »Heidengraben«, mit steilen Abhängen und darunter hinrauschenden Waldbächen, die Niederlassung gegen die wilden Gebirgsalemannen verteidigen half. Auch auf dem Schlosse von Freiburg mag eine römische Warte gestanden haben, welche das nahe Tarodurum mit dem fernen Mons Briscanus (Breisach) verband und von der noch zahlreiche Bruchstücke roher Mosaik zeugen, die vor etwa fünfzehn Jahren hier gefunden worden sind. Die Stelle, wo Freiburg steht, war indessen noch zu Anfang des eilften Saeculums, wie aus einer Urkunde erhellt, mit Walde bedeckt. Erst zu Ende dieses Jahrhunderts sollen Jäger, Fischer und, um der reichen Erzgruben willen, die bis auf die neueste Zeit in den umliegenden Bergen bearbeitet werden, Bergleute sich in einem Dorfe hier angesiedelt, und nach einer Chronik soll ein Graf von Kyburg seinem Schwager, einem Herzoge von Zähringen, die Erlaubnis erteilt haben, auf dem jetzigen Schloßberge von Freiburg ein Jagdhaus aufzuführen. Der eigentliche Begründer der Stadt Freiburg ist Herzog Berthold III., aus dem uralten Geschlechte der Bertilonen, die schon im 8ten Jahrhundert der Bertholdesbara ihren Namen gaben, von einem Schlosse bei Freiburg, das, am Rande des Schwarzwaldes über dem gleichnamigen Dorfe gelegen, bis 1111 sein Vater Berthold II. bewohnte, der Zähringer zubenannt. Mitten in unruhigen Zeiten gründete er hier, nach dem Muster Kölns, das er als mächtige rheinische Handelsstadt persönlich kennen gelernt hatte, ein freies Gemeinwesen, eine freie Burg, der eine eigene Verfassungsurkunde bestimmte Rechte zusicherte und die er und seine Nachkommen bald, so wie im Osten des Schwarzwaldes das neu begründete Villingen, zu fröhlichem Blühen brachten. Unter seinem Bruder Konrad (1122-1152) läßt die Sage den herrlichen Münsterbau beginnen, und als im J. 1146 der h. Bernhard, das Kreuz predigend, in diese Gegenden kam, verweilte er zwei Tage zu Freiburg und bezeichnete viele Reiche und Vornehme zur Fahrt nach Palästina mit dem Kreuze. Der Letzte des Zähringerstammes, Berthold V., starb in dieser Stadt (1218) und liegt im Münster, wo noch sein riesiges Steinbild Ehrfurcht gebietet, begraben. Sein Erbe ward zerstückelt. Die Stadt Freiburg überließ der Kaiser, der sie als vorgebliches Reichslehen an sich gezogen hatte, dem Grafen Egon I. von Urach, dem Schwager Bertholds. Unter seinen Nachfolgern nahm die Stadt an Kraft und Umfang zu. Zünfte treten hervor (1293), und mit ihnen erscheint der erste Bürgermeister. Aber die Grafen von Urach versanken in schwere Schuldenlast, und als die Stadt diese bezahlen sollte, gerieten Herr und Land, die Waffen in der Hand, aufs feindseligste aneinander. Graf Egon III. belagerte sie (1299) vergebens, ein kühner Fleischer erschlug ihm seinen eigenen Schwager, Konrad von Lichtenberg, den Bischof von Straßburg. Seitdem nahm Achtung und Gewalt der Grafen ab, und die Stadt wurde so mächtig, daß sich selbst die Markgrafen von Hochberg um ihr Bürgerrecht bewarben. Sie verordnet sich jetzt unter einer Schattenbestätigung der Grafen ihre Obrigkeiten selbst und erkauft sich bald (1327) eine förmliche Freiheitsurkunde, vermöge der sie mit den bedeutendsten Städten, Fürsten und Edeln nah und fern Schutz- und Trutzbündnisse schloß. Handel und Gewerbe standen jetzt in voller Blüte. Neue Straßen entstanden; begüterter Adel ließ sich in Freiburg nieder, und lange behauptete die ›Stube zum Ritter‹ die Oberhand über die ›Bürgerstube‹. Aber als Graf Friedrich im J. 1356 ohne männliche Erben dahinstarb, geriet die Stadt in mancherlei Unglück, in die Acht und endlich einem aufgedrungenen Herrn, dem Bruder des Verstorbenen, dem Grafen Egon, in die Hände. Die Stadt erwehrte sich seiner, er aber brütete mit Fürsten und Edeln im Bunde einen Überfall aus. Ein verwiesener Bettler, der der Herren Anschlag in einem nahen Dorf belauscht hatte, verriet ihn den Bürgern, und den in der Stille heranziehenden Feind empfing die Sturmglocke. »O weh«, rief er bei diesen Tönen, »heute Herr zu Freiburg und nimmermehr!« Jetzt brachen die Bürger das Schloß ob der Stadt, eine der schönsten Festen Deutschlands, zogen siegestrunken vor die Burg zum Weiher bei Emmendingen und gewannen auch diese. Aber die mutwillige Ermordung zweier Edeln zog ihnen die Feindschaft der Herren und Städte zu, und mit dieser Hülfe bezwang sie Graf Egon in einer großen Schlacht am 18. Okt. 1366. Über 1000 Freiburger wurden erschlagen, bei 400 in den Rhein getrieben, wohl 400 gefangen. Doch ermannte sich die Stadt, und nach langen Unterhandlungen erkauft sie sich durch Burg und Herrschaft Badenweiler die Befreiung von dem verhaßten Grafen und unterwirft sich infolge ihrer Bedrängnis dem Hause Habsburg, das auf diese Weise leichten Kaufes zur Perle seiner Vorlande kam. Jetzt war Freiburgs kräftige Jugendzeit vorüber; es kränkelte an einer unerschwinglichen Schuldenlast, und Sempachs Schwert fraß seine edelsten Söhne. Darüber gewannen die Bürgerlichen die Oberhand in der Stadt, die zugleich der Juden ledig wurde. Als Herzog Friedrich von Österreich, ihr nunmehriger Herr, zur Zeit des Konzils von Konstanz dem entsetzten Papste Johann XXIII. treu geblieben, verlor der Geächtete mit seinen übrigen Landen auch Freiburg, und die Stadt schwor am 15. Mai 1415 dem Reiche, aber schon am 10. Nov. 1427 wieder dem Herzoge. Hochverdient machte sich Erzherzog Albrecht VI. um Freiburg durch die Stiftung der Hochschule im J. 1456. Seine Nachfolger aber verpfändeten und versetzten von der Stadt, was sie konnten; unter Erzherzog Sigmund kam die ganze Stadt als Pfand an Karl den Kühnen von Burgund, der ihr einen tyrannischen Mann zum Vogte setzte. Endlich kam Sigmund, mit den Schweizern verbündet, seinen alten Landen zu Hülfe. Der böse Vogt wurde zu Breisach in einem Aufstande gefangen und nachher dort hingerichtet. Mit Jubelgesängen empfingen an Ostern die treuen Bürger zu Freiburg ihren Sigmund. »Christ ist erstanden, der Landvogt gefangen!« sangen sie. Granson und Murten demütigten den racheschnaubenden Burgunder, und vor seinem eigenen Nancy sank er in den Staub (1477). Seitdem entwickelten sich die Landstände zu Freiburg, und dieses wurde der entschiedene Mittelpunkt des Staatslebens in den österreichischen Vorlanden. Aber der Erzherzog war aufs neue bereit, die Stadt an den Meistbietenden loszuschlagen. Da fand sie einen festen Anker an König Maximilian, der die Vorlande liebte und manche Abenteuer des Teuerdanks in diesen Gegenden bestanden haben soll. Ihm huldigte die Stadt am Pfingstmontage (31. Mai) 1490, und als Reichsstadt sah sie acht Jahre darauf, blühend und durch den Kaiser von ihrer Schuldenlast befreit, den herrlichen Reichstag zur Einleitung des Schweizerfriedens in ihren Mauern. Der Bauernkrieg drohte auch Freiburgs Mauern Zerstörung. Joß Fritz, ein Flüchtling des Speyerer »Bundschuhes«, hatte sich im J. 1513 an die Spitze von zweitausend unter 10 Hauptleute verteilten Bettlern gestellt und wollte unter einer Fahne, die das Leiden Christi zwischen Papst und Kaiser darstellte, Befreiung von den Herren, von Zöllen und Abgaben, vom Rotweiler Hofgericht, Freigebung der Wälder und Wasser, bedingte Tilgung der Schuldbriefe mit Feuer und Schwert erobern. Die Verschwörung wurde zu guter Stunde an den Markgrafen von Baden und an Freiburg verraten, das schleunige und abschreckende Maßregeln zur Unterdrückung des Aufruhrs ergriff. Im spätem Verlaufe dieses Krieges wurde von einem 50 000 Mann starken Bauernhaufen das Blockhaus auf dem Schloßberge genommen und die Stadt selbst gebrandschatzt. Bald aber sagte sie den Bauern, durch Zuzug verstärkt, feierlich ab, und der Krieg endete allerorten mit einer furchtbaren Treibjagd auf die Bauern, wobei jedoch Freiburg und der Umgegend das Lob ehrenvoller Mäßigung gebührt. Im Verlaufe des sechzehnten Jahrhunderts erholte sich die Stadt von ihren Anstrengungen, aber im folgenden sah es sich unerwartet schnell in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen und mußte alle seine Verheerungen in vollem Maße teilen. Im Dezbr. 1632 wurde es von dem schwedischen Obersten Schaffalizki belagert. Zwei verkleidete Jesuiten bedienten das Geschütz der Stadt, die endlich in Brand geriet, erobert und geplündert wurde. Zum zweiten Mal ergab sich das wieder geräumte Freiburg dem Herzog Bernhard von Weimar (11. April 1638) und wurde erst im J. 1644 von dem bayrisch-kaiserlichen Feldherrn Mercy dem Feind im Sturme wieder genommen. Ruhmvoll behauptete sich dieser gegen den später so genannten großen Condé und Turenne im Besitze der Stadt. Der Westfälische Frieden gab Freiburg, während alles rings umher an Frankreich fiel, noch Frist, aber im Herbst 1677 wurde die Stadt, deren neue Befestigungen ihr einen verderblichen Reiz gaben, von den Franzosen überfallen und nach sechs Tagen erobert. Volle zwanzig Jahre, bis zum Riswycker Frieden (30. Oktbr. 1697), blieb Freiburg, bald förmlich abgetreten, unter französischer Botmäßigkeit und wurde von Ludwig XIV. nach Vaubans Planen unter großer Verwüstung der Stadt zu einer Hauptfestung umgestaltet, die auf der obersten Spitze des Schloßberges das Adlerschloß (Fort de l'aigle), auf dem untern Vorsprunge das Sankt-Peters-Schloß (Fort St. Pierre) beschützte, dessen Werke sich bis zur Stadt herabsenkten. Beide vermittelte die sehr feste Sternschanze (Fort de l'étoile) durch verdeckte Wege. Noch jetzt überschaut man mit Staunen die Überbleibsel dieser Schlösser, ungeheure Mauerblöcke, in Felsen angelegte Gewölbe, tiefe Brunnen, über den Bergrücken laufende Gräben und Verbindungslinien, alles in kurzer Zeit, aber mit Verwüstung von Kirchen, Türmen, Klöstern und Bürgerwohnungen ausgeführt. Im übrigen bestätigte Ludwig die alten Rechte und Freiheiten der Stadt; aber Freiburg verblutete durch Auswanderung, und Ludwigs Riesenwerk wurde spottweise la dernière folie de Louis XIV genannt. Die Zurückgabe an das Reich führte eine gehässige Reaktion gegen die Stadt und ihre Beamten herbei, und den Frauen Freiburgs wurde urkundlich vorgeworfen, daß sie sich den französischen Truppen geneigter erwiesen als den Österreichern. Endlich, mitten unter den Drohungen des Spanischen Erbfolgekrieges, erhielt die Stadt ihre alten Rechte wieder; aber am 21. Septbr. 1713 erschien das französische Heer unter Villars, 150 000 Mann stark, vor der Stadt, die nach verzweifelter Gegenwehr mit den Schlössern sich ergab, im folgenden Jahre jedoch mit dem Frieden unter ihre vorige Oberherrschaft, das Erzhaus Österreich, zurückkehrte. Unter diesem mannichfaltigen Kriegsjammer war Freiburg zu einer ausgebrannten Stadt mit 500 Bürgern zusammengeschmolzen, die regelmäßig eine Besatzung von 5 – 6000 Mann zu beherbergen hatten. Eben erst fing ihr Wohlstand an, sich wieder zu erheben, als der Polnische Thronfolgekrieg sie in den vorigen trostlosen Zustand zurückwarf. Nach Kaiser Karls VI. Tode (1740) huldigte sie Marien Theresien, wurde aber bald im blutigen Kriege mit österreichischen und darauf mit französischen Truppen überschwemmt. Der Marschall Coigny beschoß im September 1744 die Stadt mit einziger Schonung des Münsters, während der König von Frankreich selbst auf dem Lorettoberge (demselben, von dem aus unser Künstler das Bild der Stadt entworfen hat) eine Nacht zubrachte und den Truppen Geschenke austeilte. Die Belagerung der 8000 Mann starken kaiserlichen Besatzung dauerte fort bis in den November und endigte mit einer Kapitulation. Die Franzosen zerstörten jetzt die Festung, ihr eigenes Wunderwerk; die drei unbezwungenen Schlösser wurden in große Schutthaufen verwandelt, Straßen wurden aufgerissen, die Häuser vom Pulverdampfe geschwärzt, die Dächer durchgeschlagen, die Fenstergestelle zertrümmert, die zwei- und dreifachen Gürtel von Mauern und Wällen zerrissen, das Münster selbst schwer beschädigt. Das alte Freiburg war nicht mehr zu erkennen. Seitdem verlor es seine historische Bedeutsamkeit. Es wurde nach dem Aachener Frieden (1748) nicht wieder befestigt, die Trümmer seiner Feste dafür in blühende Gärten und Rebgelände umgeschaffen, auf dem Schloßberge selbst fing anstatt seiner Schlösser ein Hain von anmutigen Bäumen und Büschen zu ergrünen an. In der Revolution erschienen im Juli 1794 die Franzosen wieder zu Freiburg, aber Moreaus Rückzug gab die Stadt den Österreichern zurück. Der Frieden von Campo Formio (17. Okt. 1798) warf die arme deutsche Stadt dem Herzog von Modena als Entschädigung zu, aber der Frieden von Preßburg führte einen erwünschten Regentenwechsel herbei. Dem würdigen Nachkommen seiner ältesten geliebten Fürsten, der Herzoge von Zähringen, dem Großherzog Karl Friedrich von Baden, öffnete Freiburg am 30. Juni 1806 Tore und Herzen. Große Ereignisse gingen seitdem an Freiburg vorüber, aber es blieb bei seinem alten Regentenhause. Außer diesem besitzt die verjüngte, kleine Stadt von ihrem Altertume nur noch ihr Gebirge, ihre Hochschule und ihr Münster. Wir verweilen bei diesem letztern, wie unser Auge, dem Bilde der Stadt zugekehrt, auf diesem ätherischen Kolossen ausruht. Das Münster, durchaus von rotem Sandstein aufgeführt, ist in der gewohnten Kreuzform angelegt und, wie alle christlichen Tempel, von Abend gegen Morgen gerichtet. Der Turm erhebt sich an der Abendseite in gleicher Breite mit dem Mittelschiffe, dem er zum vordem Strebepfeiler dient. Durch ihn führt der Haupteingang zur Kirche. Zwei Nebenschiffe treten aus dem Hauptschiffe zu beiden Seiten und von gleicher Weite hervor. Niedriger als das Hauptschiff, höher als die Nebenschiffe, folgt sodann der Querbau, an dessen Rückseite, gegen Osten, sich kleinere Türme erheben. An ihn reiht sich der Chor, nicht breiter, aber beträchtlich höher als das Hauptschiff, von einem Kreuzgang und einer Kapellenreihe umgeben. Von diesen verschiedenen Teilen stellt der Querbau mit den »Hahnentürmchen«, als ältester Teil der Kirche, den byzantinischen Stil in seiner Auflösung und seinem Übergang in den deutschen Stil dar, weiter vorwärts im Langhause nur noch an den Bogenstellungen, womit die Wände der Seitenschiffe bekleidet sind, und einigen Säulenknäufen sichtbar; das Ganze stellt die deutsche Baukunst in ihrem ersten Erwachen und ihrer raschen Ausbildung dar. Aus gleicher Zeit und in gleichem Stil ist der Turm selbst bis zur obern Hälfte und zur Pyramide, die beide, reicher und köstlicher als die großen und einfachen, wiewohl würdig geschmückten Massen der untern Hälfte, die kühnste Höhe der altdeutschen Kunst bezeichnen. Der älteste Teil der Kirche dürfte von Herzog Konrad von Zähringen (reg. von 1122-1152) herrühren, das Langhaus unter Graf Konrad von Freiburg (reg. von 1236-1272) nebst dem alten Chore vollendet worden sein. Um Jahrhunderte weiter vorgerückt zeigt sich die deutsche Kunst am jetzigen Chor, der an die Stelle jenes älteren (1354-1513) aufgeführt worden. Hier erregen die künstlicheren Gewölbe, die kühnen, weitgespannten Bogen, der köstlichere Bilderschmuck auf Strebepfeilern und über Türen, endlich die phantasiereicheren Ausschmückungen der Fensterbogen unsere Bewunderung, aber die feierliche Größe der Anordnung und die ernste, wohltätige Harmonie der altem Kunst wird vermißt. Gleichzeitig mit dem Chor scheinen die obern Stockwerke der beiden Hahnentürmchen zu sein. Das Ganze zusammen macht dennoch den Eindruck eines in sich Vollendeten; Plan und Kräfte wirkten bei dem Freiburger Münster mehr als irgendwo im Einklang und schufen ein Werk, das unter die ersten Zierden des deutschen Vaterlandes zu rechnen ist. Was die Einzelheiten betrifft, so nimmt zuvörderst der untere Teil des Turmes unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Viereck, dessen Stützpfeiler weit hervortreten, bildet einen Vorplatz, in welchem einst öffentlich Gericht gehalten wurde, was mehrere Zeichen und Inschriften an den Wänden andeuten. In der vordern Turmmauer befindet sich das äußere, säulenreiche Portal, das bis zur Spitze seines Bogens offen ist und in seiner Giebelverdachung eine Vertiefung mit schönen Hochbildern hat. Eine mit dem reichsten Bilderschmucke versehene Vorhalle zieht sich von hier aus nach dem innern Hauptportale. Seine Seiten sind mit dichtgedrängten Stäben bekleidet und in vier im Spitzbogen zulaufende Höhlungen geteilt, welche mit Bildern verschiedener Größe ausgefüllt sind. Auch die durch einen Mittelpfeiler in zwei Teile geschiedene Türe ist vom Gesimse bis zur Bogenspitze ganz mit Bildwerk bedeckt. Über der Dachhöhe des Mittelschiffes wird die viereckige Form des Turmes durch eine vortrefflich konstruierte zwölfeckige Galerie in ein Achteck umgebildet. Vier große spitzige Winkel, welche über den rechten Winkeln des untern Gebäudes hervorspringen und durch ihren Anschluß an den Turm zu gleichschenkeligen Dreiecken werden, lassen die frühere Form des Vierecks vorherrschend bleiben; dabei wird auch das Achteck nicht aus den Augen verloren, denn jene vier spitzwinkeligen Vorsprünge dürfen als die Strebepfeiler des mittleren Turmes genommen werden, ohne welche das Achteck seine volle Reinheit haben würde. Von der untern Galerie führt eine Wendeltreppe von 56 Stufen auf die Plattform, den schönsten Standpunkt auf dem ganzen Turme. Acht kolossale Fensterräume öffnen in hohem und reichem Spitzbogen die Wände des völlig ausgebildeten Achtecks, und auf den schmalen Pfeilern zwischen diesen Bogen ruht die hochgetürmte, gleichfalls in ihren acht Seiten kühn durchbrochene Pyramide; man findet sich in einem Tempel voll wunderherrlicher Kunst, und doch geben diese Wände und dieses Dach die Aussicht nach dem Himmel und nach der entzückenden Ferne fast ganz frei. Die Fensterbogen sind zweimal durchschnitten und oberhalb reich verziert. Hohe Giebel mit geschmückten Feldern krönen sie, und bis zu ihrem Scheitel steigen an vier Seiten die zarten Schlußsäulchen der mit der untern Galerie hervortretenden vier spitzen Vorsprünge herauf. Von der Plattform führen 70 weitere Stufen zur obern Galerie. Die Pyramide hat hier an ihrem Fuße einen Umfang von 120 Schuh. Ihre weitgeöffneten Rosen sind mannichfaltig und wechseln auf gefällige Weise. Ausführung und Dimensionen sind in dieser höchsten Region des Turmes weise und glücklich auf die Ferne berechnet. Der an den Strebepfeilern angebrachte Bilderschmuck hat zum großen Teile historische Bedeutung; man glaubt vier Grafen von Freiburg, mehrere Herzoge von Zähringen, die Grafen von Urach und Kyburg mit ihren Gemahlinnen zu erkennen. Die ganze Höhe des Turmes wird zu 513 Werkschuh oder 355 Pariser Fuß, nach einer andern Berechnung zu 385 Fuß 10 Zoll rhein. Maßes angeschlagen. Das Langhaus der Kirche besteht aus einem Mittelschiffe und zwei Abseiten. Die Wände des ersteren werden auf jeder Seite von sechs freistehenden Pfeilern und je einem Wandpfeiler getragen; gegen die Abseiten ist es durch tiefer gesprengte, gegen Querbau und Chor durch einen hoch geschwungenen Bogen geöffnet; 140 Fuß rhein. lang, 35 breit; die Breite jeder Abseite beträgt 16 Fuß. Die Pfeiler sind mit Standbildern von Engeln und Aposteln geschmückt. Die sechs Fuß dicken Mauern haben an den innern Wänden im Kleeblatt geschlossene Bogenreihen; die Knäufe der darunter freistehenden kleinen Säulen umfassen eine ganze Pflanzenwelt. Unter den Fenstern sind am Mittelschiffe und an den Abseiten durchbrochene Galerien angebracht. Die Gewölbe sind einfache deutsche Kreuzgewölbe; die Höhe des mittlern beträgt 82 Fuß. Von außen stützen sechs Strebepfeiler das Langhaus und senden, nachdem sie das Dach der Seitenschiffe weit überstiegen haben, hochgespannte, größtenteils durchbrochene, auf ihrem Rücken mit Blumen bekleidete Bogen nach dem Mittelschiffe herauf. Die Strebepfeiler enden sich in schmale Giebeldächer, an deren Schlüsse nach hinten hohe, schlanke Türmchen aufsteigen. Sehr auffallend ist es, daß sich in der rechten oder südlichen Seite des Langhauses ein weit heitrerer Geist und eine üppigere Kunstblüte ausspricht als in der gegenüberliegenden nördlichen. Die erstere ist mit weit mehr Bildern geschmückt, die Laubverzierungen sind gedrängter und mannichfaltiger, die Giebel mit Schmuck bedeckt, ihre Türmchen in zahllose Blumensäulchen gespalten; ganze Gruppen von Tiergestalten drängen sich in kühner Verbindung zusammen. In gleichem Verhältnisse erscheinen auch die Fenster der verschiedenen Teile, deren zusammen die Schiffe allein 26 zählen. Von später Ausführung, wiewohl gewiß früh beabsichtigt, sind die durchbrochenen, schmuckvollen Galerien, die sich ah den Dächern des Mittelschiffs und der Abseiten fortziehen und die schmalen Gänge schützen, die daran herumführen. Noch hat dieser Teil der Kirche einige Angebäude aus verschiedener Zeit. Eine herrliche Zierde des Langhauses, die von keiner andern Kirche in der Welt übertroffen wird, sind die gemalten Scheiben seiner Fenster, in denen das Münster eine Reihe der schätzbarsten Kunstdenkmale besitzt. Die ältesten reichen in das vierzehnte Jahrhundert hinauf. Hier ist das Glas sehr dick, durch und durch gefärbt und stückweise zusammengesetzt. Die Umrisse der Figuren sind mit schwarzer Farbe, und zwar von innen aufgetragen und eingebrannt. Daher das lebendige Farbenspiel und die unzerstörbare Haltbarkeit dieser ältesten Glasgemälde. In solcher Verschwendung und Fülle, mit Ausschließung jedes ungefärbten Tageslichtes aus dem zauberisch durch sie beleuchteten Tempel, versichert auch unser Künstler sie nirgends auf seinen Wanderungen angetroffen zu haben. »Als wenn durchsichtige, leuchtende Decken in Farbenpracht vom hohen Gewölbe niederhingen, so harmonisch verbinden sich die schönen Fenster mit dem ehrwürdigen schattenreichen Gebäude.« Wenn irgendwo, so ist Uhlands verlorene Kirche hier wieder gefunden:       Der Himmel war so dunkelblau, Die Sonne war so voll und glühend,       Und eines Münsters stolzer Bau Stand in dem goldnen Lichte blühend.       Mir dünkten helle Wolken ihn, Gleich Fittigen, emporzuheben,       Und seines Turmes Spitze schien Im sel'gen Himmel zu verschweben.        Wie mir in seinen Hallen war, Das kann ich nicht mit Worten schildern.       Die Fenster glühten dunkelklar Mit aller Märt'rer frommen Bildern;       Dann sah ich wundersam erhellt Das Bild zum Leben sich erweitern, Ich sah hinaus in eine Welt       Von heil'gen Frauen, Gottesstreitern. Die Kunst der neuesten Zeit hat an dieser teils unvollendet gebliebenen, teils wieder zertrümmerten Welt fortgeschaffen, und der Münster ist in diesem seiner Teile aufs glücklichste restauriert worden. Freiburg gehört zu den Städten, welche die ersten Versuche in der wiedererfundenen Kunst der Glasmalerei mit glücklichem Erfolg anstellten. Die Münsterhütte setzte sich mit den Glashütten auf dem Schwarzwald in Verbindung und errichtete eigene Öfen. Bald gingen aus diesen unter der Leitung des berühmten Glaskünstlers Hermann aus Neustadt die schönen Scheiben hervor, welche die Rundfenster westwärts an den Abseiten des Langhauses zieren und an sonnigen Abenden ein zauberisches Farbenspiel über den Estrich und an den Pfeilern verbreiten. Ihm folgte Maler Andreas Heimle von Breitenau, der sich nicht mehr mit bloßer Färbung und Mosaik des Glases begnügte, sondern Gemälde von vortrefflicher Zeichnung und Schattierung lieferte. Von ihm sind die vier Evangelisten im fünften Fenster des südlichen Seitenschiffes und die köstliche Leidensgeschichte Christi in den beiden Kapellen des Abendmahles und der Grablegung (dort über der steinernen Darstellung des Nachtmahls vier, hier acht Bilder), lauter Vorstellungen nach Dürerschen Zeichnungen. Unser Künstler konnte in den letztern die sichere Hand, die hier mit flüssigen, glühenden Farben so tadellos geschaffen hat, nicht genug bewundern, und uns beide zog es immer wieder nach jenen Meisterwerken hin. Der Freiherr von Rheinach-Werth hat diese herrlichen Bilder dem Andenken seiner Eltern gestiftet. Wir gehen zu dem uralten Querbau der Kirche über, zu dem zwei rundbogige Türen führen. Auch hier ist die nördliche Seite wieder die einfachere und rohere, während die südliche Türe ein schönes Portal bildet. Auch in seinem Innern ist der nördliche Teil des Querbaues schmucklos; der südliche zeigt eine seltsame Gesimsverzierung: links eine Sirenenfamilie, daneben ein Krieger, der gegen einen Greifen ausholt, endlich eine Gruppe von zwei sich bekämpfenden Centauren. Am Gesimse zur rechten Seite gehen Wolf und Widder bei einem Mönch in die Schule; der Wolf ergreift den Widder und wird von dem Mönche gezüchtigt; ein Weib reißt einem Löwen den Rachen weit auf; zween Greifen hält ein Mann an Stricken gebunden. Ein uraltes Hochbild in der Halle stellt die Krönung Davids durch Samuel vor. Auf fünf freien Stufen steigt man zu dem neuen Chor empor, der sich zu seinem Umfange verhält wie das Mittelschiff zu den Abseiten. Er ist in der Mitte abermals erhöht, und auf vier weiteren Stufen erhebt sich fernhin sichtbar der schöne Hochaltar, dessen Schnitzwerk erst seit wenigen Jahren kunstreich ergänzt und erneut worden ist. Der Altar enthält vortreffliche Gemälde von Hans Baidung aus Gmünd in Schwaben, dessen Name zum erstenmal im J. 1513 erscheint und der sich später auch durch Holzschnitte und Kupferstiche berühmt gemacht hat; er starb am Lorenztag 1552. Diese Gemälde bestehen aus zwei Hauptbildern, welche auf dieselbe hölzerne Tafel des freistehenden Altars nach vorn und hinten gemalt sind, und aus acht kleineren Vorstellungen, die auf gleiche Weise die Vorder- und Rückseite der vier Flügel zieren. Das Hauptbild gegen den Chor enthält die Krönung der Jungfrau Maria, die im Goldstoffgewande, die Hände abwärts gefaltet, das Haar gescheitelt, in der Mitte sitzt, zur Linken Gott den Vater, zur Rechten den krönenden Heiland, über ihr schwebend der Heilige Geist und Musikchöre von Engeln; im Hintergrund ein lichtstrahlendes Wolkenmeer, aus lauter verschwebenden Engelsgestalten gebildet. Die beiden Flügel dieses Bildes zeigen als Zuschauer der feierlichen Szene die Apostel, lauter Köpfe voll scharfer Zeichnung und kräftiger Haltung. Geschlossen stellen sich auf diesen Flügeln vier kleinere Gemälde dar: die Verkündigung, durch Farbenschmuck und Idee ausgezeichnet; die Heimsuchung, mit freundlicher Landschaft; Haupt und Brust der Jungfrau, eine der lieblichsten Schöpfungen; die Geburt Christi, ein Nachtstück, bei dem, wie in Correggios »Nacht«, alle Beleuchtung, ein mondartiger Glanz, vom Kinde ausgeht und besonders die liebliche Mariengestalt beleuchtet; endlich die Flucht nach Ägypten, vielleicht das gelungenste Bild von allen: die h. Familie an einem Dattelbaum vorüberziehend, Maria auf einem Maultier, das Kind mit der Linken umfangend, mit der Rechten den Zügel führend, Joseph, mit ausdrucksvollem Gesicht, zu Fuße, den Rosenkranz in der Linken, den Wanderstab, an dem eine Flasche hängt, in der Rechten, über die Achsel gelegt. An dem Baume klettern vier Engel in der gefälligsten Anordnung, ein fünfter läßt sich am äußersten Aste auf das Tier herab und reicht dem Kinde, das schon mehrere Früchte im Schöße hat, mit der Linken drei Datteln. Das Hauptblatt der Hochaltarbilder auf der Rückseite stellt die Kreuzigung Christi dar, reich an Figuren voll Kraft und Ausdruck; Christus eben vollendet, der Schacher links gläubig aufblickend, der Schacher rechts in Qual sich windend. Am Kreuze Magdalena verzweiflungsvoll emporblickend; todesblaß zusammengesunken Maria, die Johannes in den Armen hält. Hinten trauernde Frauen; links gegenüber Gruppen von Kriegern und Zuschauern, darunter das helle, freundliche Antlitz eines Mannes mit rotem Barett, der ohne Zweifel der Künstler selbst ist, denn vor ihm steht sein kindlich staunendes Söhnlein, das auf einem Täfelchen das Monogramm des Malers trägt. Die Flügel stellen einerseits die Heiligen Georg und Laurentius, andererseits Johannes den Täufer und den heil. Hieronymus vor. Zur Seite des Hochaltars zeichnet sich durch treffliche Arbeiten des Meißels der Sitz der Priester aus. Das Gewölbe des Chors bildet ein kunstreiches, netzförmiges Gewebe und ist bedeutend höher als das des Langhauses. Eine Scheidewand sondert von Pfeiler zu Pfeiler den Umgang mit seinen Kapellen vom Chore. Dreizehn Strebepfeiler, Fortsetzungen der Mauern, wodurch die Kapellenräume im Innern voneinander geschieden werden, stützen den Chor durch hochgespannte Bogen, die sie über das flache, mit Quadersteinen belegte Dach der Abseiten werfen und die an ihrem Anschluß an das Chordach dreimal durchbrochen sind. Nur wenige dieser Pfeiler haben Verzierungen. Die Reihe der Kapellen nimmt nordwärts mit der Sankt-Alexanders-Kapelle ihren Anfang; unter den Glasgemälden, die den Chor schmücken, enthält sie das ausgezeichnetste, dessen Zeichnung von dem trefflichen Hans Baidung selbst herrührt. Überhaupt ist die Erfindung der Glasgemälde in dem Chor phantasiereicher und die Zeichnung richtiger als bei jenen im Langhause. Dennoch bringen sie nicht dieselbe Wirkung hervor, denn das Glas ist nicht mehr selbst gefärbt, sondern weiß, und die Farben sind nur auf beiden Flächen eingebrannt; daher sind auch gegen die Wetterseite hin ganze Teile abgefallen. Die Universitätskapelle bewahrt auf zwei nicht sehr großen Altarflügeln, die nur von einer Seite bemalt sind, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngern; der eine Flügel stellt die Geburt Christi vor, wieder ein Nachtstück. Der Mond blickt nur schwach durch zerrissenes Gewölke; das Hauptlicht geht von dem Kinde aus, das in einer weiten Halle, von fünf Engeln umgeben, in einer Wiege ruht. Joseph und Maria neigen sich zu ihm, und in unübertrefflicher Beleuchtung tritt ein alter Hirt hinter einer Säule hervor. In der Ferne verkündet ein Engel den Hirten die Geburt. Im Bilde des zweiten Flügels ist die Opferung der drei Könige dargestellt. In goldener Schale reicht der eine kniend dem Kinde, das die sitzende Mütter im Arme hält, seine Gabe. Der zweite steht mit seinem goldenen Gefäße neben Marien. Ihm gegenüber hält mit einem Begleiter, der, wie geblendet, die Hand vor die Augen hält und zu dem Sterne emporschaut, im goldverbrämten Kleide der Mohrenkönig. Vor ihnen geht ein Windspiel, im Hintergrunde sind einige Krieger, in der Ferne die Mauern von Bethlehem sichtbar, über dessen Brücke dichtgedrängte Soldatenscharen ziehen. Unter dem Gemälde, das Holbein wahrscheinlich vor seiner Abreise nach England (1526) ausgeführt hat, sind die Donatoren abgebildet. Wahrscheinlich kamen die Bilder durch ausgewanderte Domherren in die Hände der Universität. Schon den Kaiser Rudolf II. gelüstete nach ihrem Besitze; vor dem 30jährigen Kriege flüchteten sie nach Schaff hausen; die Franzosen entführten sie mit Hans Baidungs Altarbildern im Jahre 1796, und vergebens forschte die verwaiste Stadt nach allen; endlich wurden sie ihr im J. 1808 zurückgegeben. Außerdem ist im Chor noch der Giebel der nördlichen Türe merkwürdig durch eine Höhlung in dem Spitzbogen, der ihn umzieht, in welcher ganz eigentümliche Vorstellungen der Schöpfungstage vorkommen, die unser Auge unwillkürlich als Ironie auffaßt. Da ballt z. B. Gott in Greisengestalt Kugeln zu Sonne, Mond und Sternen; in den Giebelreihen bearbeitet Adam die Erde, Eva spinnt, und ihr Erstgeborener füllt im Hintergründe ein Fäßchen am Felsenquell. Noch manches andere Bild- und Schnitzwerk fesselt unsere Neugierde und selbst unsere Bewunderung, und nur weil der Raum uns mahnt, hören wir auf, aus der reichen Quelle zu schöpfen, die uns noch so viel Interessantes spenden könnte. Auf dem Wege nach dem herrlichen Gebäude hatte mich ein liebenswürdiger junger Landsmann, ein Studierender der Medizin auf der Freiburger Hochschule, begleitet und mich von den Resultaten seiner Wissenschaft unterhalten. Er sitzt mit Eifer zu den Füßen eines berühmten und ernsten Lehrers der Anatomie und erzählte von den Versuchen seines Meisters, dem Sitz der Seele auf die Spur zu kommen, die, zum Kummer des Lehrers wie des Schülers, auf ein nicht sehr tröstliches Ergebnis zu führen schienen. So hatte unser Gespräch eine schmerzliche Wendung genommen, als wir die Kirche zusammen betraten. Das ahnungsvolle Zauberlicht, das hier herrschte, hatte uns bald umgestimmt; aber erst, als wir wieder vor dem kolossalen Werke menschlicher Andacht standen und von außen den herrlichen Bau, der ins wolkenlose Morgenhimmelblau hineinstieg, mit weit zurückgeworfenem Nacken maßen, fand unsere Hoffnung und unser Glaube wieder Worte; wir gaben einander die Hand und schieden mit dem Ausrufe: »Nein, der Menschengeist, der dieses Werk ersonnen hat, ist kein Produkt der Nervenreibung; die Monaden, in welchen der Entwurf so erhabener Schönheit zum Bewußtsein, durch welche er zur Ausführung und zur Dauer für Jahrhunderte kam, können keine Eintagsfliegen gewesen sein; sie müssen ihre Besinnung zum Schöpfer, den sie verherrlichen wollten, mit hinübergetragen haben, sie müssen dauern und ihr Werk in Ewigkeit überleben!« – Freiburgs Hochschule darf in unserm Texte nicht übergangen werden. Sie gehört zu den ältesten Deutschlands. Ihr Stifter, Albrecht VI., Erzherzog von Österreich, begleitete ihre Gründung am 21. Sept. 1457 mit denselben schönen Worten, deren sich zwei Jahrzehende später Herzog Eberhard im Bart von Württemberg bei der Stiftung der Universität Tübingen bediente und die somit eine ältere Formel wiederholt zu haben scheinen. Beide wollten »einen Brunnen des Lebens graben, daraus von allen Enden der Welt das Wasser der Weisheit unaufhörlich möge geschöpft werden«. Die ersten Lehrer kamen von Heidelberg, Wien und Erfurt. Unter den ersten Schülern befand sich der durch seinen Freimut so berühmt gewordene, nachmalige Domprediger von Straßburg, Gailer von Kaisersberg, der nach wenig Jahren schon Lehrer und Rektor wurde, und (um 1463) Johannes a Lapide, der einige Jahre darauf in der Sorbonne die erste Buchdruckerei in ganz Frankreich errichten half und in der Folge Beförderer der Universität Tübingen ward. Schnell wuchs der Ruhm der hohen Schule Freiburg; Fürsten, Grafen und Edle strömten hier aus Deutschland, Burgund, der Schweiz, Frankreich und Polen zusammen und verschmähten selbst die Rektorswürde nicht; aus ihren Lehrern wählte der edle Kaiser Maximilian seinen Kanzler Stürzel, das Hochstift Augsburg seinen Weihbischof Kerer, Herzog Eberhard von Württemberg seinen Leibarzt und Begleiter auf der Römerreise, Widenmann. Noch mehr Glanz brachte ihr das sechzehnte Jahrhundert. Hier lehrten jetzt die ersten Rechtsgelehrten, Theologen, Arzneikundige und Philologen, und der erste Enzyklopädist jener Zeit, Georg Reisch, hieß sogar Oraculum Germaniae. Das Land erhielt aus der Schule seine ersten Räte, Augsburg zwei, Wien drei Fürstbischöfe und die Wiener Universität einen Kanzler. Während der Reformation zeigte die katholische Universität große Mäßigung, mehrere Professoren standen in freundschaftlichem Briefwechsel mit Luther, Calvin und Zwingli; Luther selbst berief sich auf das Urteil der hohen Schule Freiburg, und der Senat duldete nicht, daß Glarean auf Luthern in seinen Vorlesungen schimpfte. Das siebzehnte Jahrhundert begann die Universität mit einem Kampfe gegen die Jesuiten, in welchem sie besiegt ward. Der Eintritt dieses Ordens verscheuchte den schützenden Genius der hohen Schule; ihr Ruhm sank, und ihre Erhaltung wurde immer mehr gefährdet. Der Dreißigjährige Krieg brachte sie ihrem Untergang nahe und verzehrte ihr Kapital. Kaiser Leopold I. nahm sich endlich der Universität väterlich an, aber während der französischen Okkupation lag sie begraben. Im achtzehnten Jahrhundert begann mit der Aufhebung der Jesuiten (1773) eine glückliche Epoche für sie, ihr Ruhm wuchs wie ihr Vermögen, und unter Josephs weiser Regierung erhielt ein Protestant nicht nur ein Lehramt, sondern wiederholt die Rektorswürde. Blutige Wunden schlug ihr der Revolutionskrieg; aber im neunzehnten Jahrhunderte kam sie unter Badens Szepter in neuen Flor, und eben jetzt sind berühmte Ärzte, Chirurgen, Anatomen, Theologen, Geschichtsforscher, Juristen und Staatsmänner eine Zierde ihrer Lehrstühle oder doch ihrer Mauern, und treffliche Institute stehen der Universität zur Seite. Neben der Hochschule blühen ein Gymnasium und zwei bescheidene, aber nicht minder ehrwürdige Töchteranstalten, die eine in dem Gebäude des ehemaligen Klosters Adelshausen (Neukloster) seit Kaiser Joseph, die andere bei den Ursulinerinnen, schon seit 1695. In jener erhalten 500, in dieser 450 Mädchen einen zweckmäßigen und gründlichen Unterricht und stehen unter vortrefflicher Leitung. Für geistigen und geselligen Genuß ist in Freiburg durch ein Museum, ein Casino, Lesezirkel, Leihbibliotheken, Konzerte und zeitweilige Schauspiele hinreichend gesorgt, die Umgegend bietet die anmutigsten näheren und entfernteren Ausflüge in eine teils reiche, teils großartige Natur dar, so daß die Stadt gewiß nicht weniger als Heidelberg und Baden der Sommersitz glücklicher Fremden zu werden verdiente, die den Grundsatz »Ubi bene, ibi patria« wenigstens monatweise geltend zu machen Lust und Mittel haben. Badenweiler Willst du der Natur dich freuen,       Willst du sinnen ungestört Über alles, was der neuen,       Was der alten Zeit gehört, O so komm in dieses Eden,       Wo mit Sonne, Mond und Tau Bäch' und Nachtigallen reden       Zwischen heitrem Grün und Blau. Hier, dem Erdenqualm enthoben,       Trinkst du rein des Himmels Luft, Siehst von Strahlen dich umwoben,       Wallst umweht von Blumenduft. Kämst du mit zerrißnem Herzen,       Mit geheiltem gingest du; Schnell entfliehn des Grames Schmerzen,       Lacht dir dieses Tales Ruh. Schau umher! Die Menschenalter       Brausten, stürmten durch das Tal, Folgten wechselnd sich, wie kalter       Winter folgt dem Sonnenstrahl. Zartes siehst du Rauhes mildern,       Blütenglanz im Fels verstreut, Allwärts bei des Lebens Bildern       Bilder der Vergänglichkeit. Tief des Römerbades Trümmer,       Wo im Tal der Heilquell floß; Hoch im reinsten Ätherschimmer       Ein zerfallnes Ritterschloß. Blumenreiche Wiesen grünen,       Wo der Adler Roms geglänzt, Und der deutschen Burg Ruinen       Voll Gesang ein Hain umkränzt. Hinter segenvollen Auen,       Hell durchströmt vom stolzen Rhein, Sind im Ferngedüft zu schauen       Bläulicher Vogesen Reihn. Holde Gegend! Wunderselig       Wall' in deinen Tälern ich; Manches Bild erblich allmählig,       Stets verklärt das deine sich! J. H. v. Wessenberg Der edle und liebenswürdige Sänger dieser Zeilen, dessen Namen Deutschland mit Verehrung nennt, verlebte einen der lieblichsten Maimonate in diesem paradiesischen Tale, und wir konnten uns keinen bessern Führer durch dasselbe wählen. Hören wir ihn zuerst über die Aussicht, die ihm durch seine Fenster im »Römerbad« (so wird das neueste und ansehnlichste Gasthaus zu Badenweiler genannt) entgegenlachte. »Es gibt zwar«, schreibt er, »viele Aussichten, die ausgedehnter, die großartiger, die romanesker sind, aber gewiß wenige, die dieser an Reizen gleichkommen, die für das Auge stets erquickend sind und zu jeder Tagesstunde sich durch Abwechselung erneuen und verjüngen. Den äußersten Fernkreis bilden die sanft gezeichneten bläulichen Vogesen; an ihrem Fuß die fruchtbaren Fluren des Elsasses, belebt von Ortschaften, darunter die Stadt Mühlhausen sich deutlich zeichnet; dann näher der vielfach sich windende und oft durch Inseln durchbrochene Rheinstrom, der mit allerlei Lichtern wie ein Band von Edelsteinen hervorglänzt. Von dieser Herrlichkeit zeigt sich den Blicken nur ein Abschnitt, der aber auf das Übrige schließen läßt. Mäßige Anhöhen in der Umgebung machen als der nächste Gränzkreis die Einfassung jener Fernsicht. Nur wenige Schritte vom Gebäude, das sich Römerbad nennt, erhebt sich der gefällig gestaltete Hügel, den die Trümmer des alten Schlosses des erloschenen Geschlechts der Herren von Badenweiler krönen. Diese malerischen Trümmer, deren Unterlage zunächst von einem buschigten Hain, den angenehme Gänge durchkreuzen, und weiter unten teils mit Schattengängen, teils mit Wiesen und Rebgeländen geschmückt ist, dienen rechts der Landschaft zu einem angenehmen Vorgrund. Links wird ein solcher von übereinander ragenden grünen Hügelreihen gebildet, an deren Fuß die Orte Niederweiler und Müllheim sich hindehnen. Über den letztern Ort hinaus erblickt man die Landstraße, die von Freiburg nach Basel führt, und noch weiter, dicht am Rhein, das Städtchen Neuenburg. Die Menge von Obst- und Nußbäumen, die in dieser weiten Talbucht vortrefflich gedeihen, trägt viel zum Reichtum und zur Verschönerung der Landschaft bei.« Einen Teil der hier geschilderten Aussicht zeigt auch unser Bild, und der Künstler hatte nur zu bedauern, daß der Flecken Badenweiler selbst dem Malerischen der Gegend nicht gehörig entspricht und sozusagen nicht in der Landestracht gebaut ist. Badenweiler Hinter sich hat Badenweiler ein stilles, überaus liebliches Wiesental von sanften Hügeln, die zu Bergen ansteigen und deren Nadelholz durch untermischten Laubwald freundlich gemildert ist, amphitheatralisch umschlossen. Hinter den südlichen Anhöhen dieser Kette verbirgt sich der mächtige Blauen, nächst dem Feldberg und Bölchen zu den höchsten Gipfeln des Schwarzwaldes gerechnet. Die Bewohner zeigen gewaltigen Respekt vor seiner Höhe und betrachten seine Besteigung als ein Wagestück, das den weichlichen, städtischen Badegästen nicht wohl zugemutet werden könne. Indessen führt in zwei vollen Gebirgsstunden ein sehr gebahnter Weg unter Leitung eines Führers den Fremden durch herrliche Buchen- und Tannenwaldung zu seinem Gipfel, der aus freier Heide besteht, empor, und die Aussicht von dieser luftigen Höhe ist eine der herrlichsten, die der Schwarzwald gewähren kann, noch belohnender als die vom bedeutend höheren, aber ins Gebirge zu tief versteckten Feldberge gebotene. Der Blauen ist diejenige Bergspitze der Schwarzwaldskette, die den vorgeschobensten Posten gegen den Rhein behauptet und daher dem majestätischen, weithin auf- und abwärts zu verfolgenden Laufe dieses Stromes am nächsten ist. Außer der fruchtbaren Rheinebene überschaut hier das staunende Auge vier Gebirgsstöcke, den vielköpfigen Schwarzwald gegen Osten, gegen Westen die Kettenberge der Vogesen, gegen Süden die Vormauer des Jura und hinter ihr, bald mit den Wolken sich mischend, bald über sie hervorragend, die schneeblinkenden Kanten der bernerischen Hochalpen, diese jedoch freilich nur bei besonders günstiger Witterung. Wir steigen wieder hinab ins Tal und sehen uns etwas näher nach dem Geschichtlichen von Badenweiler um. Die ganze Umgegend bildete einst eine Herrschaft in der obern Markgrafschaft Baden, machte ein Oberamt aus, das zu Müllheim seinen Sitz hatte, und war in dreizehn evangelische Vogteien, zu welchen noch eine katholische kam, eingeteilt. Berge und Hügel neben fruchtbaren Ebenen schmücken diese Landschaft mit schönen Waldungen, Getreidebau, Wiesen, vortrefflichen Weinbergen, und die Eingeweide des Gebirges sind mit Mineralien, vorzüglich mit Eisen, gesegnet. In der Nähe des Fleckens ist auch ein Silber- und Bleibergwerk, das jetzt ein Privatmann aus dem benachbarten Frankreich besitzt und betreibt. Schloß und Herrschaft ist durch die Hände vieler Besitzer gegangen. Sie kamen vom Herzoge Heinrich dem Löwen an den Kaiser Friedrich, dann an die Grafen von Strazberg und nach Aussterben dieses Hauses an die Grafen von Fürstenberg. Als die Stadt Freiburg im Breisgau sich von ihrem Grafen Egon loskaufen wollte, brachte sie Badenweiler ums J. 1368 um fünfundzwanzigtausend Gulden an sich und übergab sie dem Grafen. Sein Sohn Konrad verpfändete sie an Österreich, sie wurde aber wieder eingelöst und von dem letzten Grafen von Freiburg im Jahre 1444 an Markgraf Rudolf von Hochberg-Sausenberg verschenkt. Jahrhunderte lang zankten sich nun Österreich und Baden um ihren Besitz; der langweilige Streit wurde erst im Jahre 1741 beigelegt, und Baden, das durch das Aussterben der Hochbergschen Linie seit 1503 im faktischen Besitze jener Herrschaft gewesen war, sicherte sich deren rechtliches Eigentum durch eine ansehnliche Summe. Badenweiler ist ein uralter Badeort und strömt über von warmen Quellen, die sich hier in solchem Überflusse finden, daß selbst das Trinkwasser erst abgekältet werden muß. Schon die Römer streckten ihre Heldenglieder in diesen Sprudeln und haben hier in großartigen Überbleibseln eines prachtvollen Bades das stolzeste Denkmal ihrer Weltherrschaft hinterlassen, das in ganz Deutschland zu finden ist. Der Sturm späterer Zeiten hatte dieses Römerbad zerstört und mit Erde zugedeckt. Ein Zufall führte aus Veranlassung von Neubauten im J. 1784 auf die Entdeckung dieser und anderer Altertümer, die jetzt, unter Dach und Fach gebracht, friedlich neben den Burgruinen der Alemannen gelagert sind. Ein einheimischer Dichter schaut von den Höhen auf beide in Gewitterbeleuchtung herab und bricht in die Worte aus: Der Römer und der Ritter Erscheinen im Gewitter Vor Gottes Wolkenthron. Aus dem fliegenden Blatte »Badenweiler« von Pfarrer Graf. Kein Fremder darf Badenweiler verlassen, ohne diesen glänzenden Ruinen, die zur Fürsorge mit einer hölzernen Hülle überbaut sind, einen aufmerksamen Blick zu schenken. Die ganze Länge dieser Römerbäder, die zu einem einzigen Gebäude vereinigt waren, beträgt 324 Fuß, die Breite etwa 100 Fuß und da, wo ein etwa 100 Fuß langer Vorsprung angesetzt ist, gegen 120 Fuß. Das Ganze ist mit der den Römern eigentümlichen und bekannten Präzision und Dauerhaftigkeit gebaut. Ring- und Zwischenmauern des Gebäudes, die von Viertels- zu ganzer Manneshöhe noch stehen, sind aus kleinen festverkitteten Steinen gebaut, Fußböden und Treppen der Bäder selbst aus bläulichweißen Marmorplatten. Diese sind meist gleich groß, lang und dick und passen auf das genaueste zusammen. An den beiden äußersten Seiten des ganzen Gebäudes gegen Abend und Morgen sind große Vorhöfe (atria) befindlich. An jeden Vorhof schließen sich, durch einen breiten Gang oder Vorsaal getrennt, zwei geräumige Zimmer an, wovon je das eine, nordwärts gelegene, von unten geheizt wurde und deswegen, vielleicht zu voreilig, für ein Schweißbad (calidaria cum hypocaustis) erklärt wird. Den innern Raum zwischen diesen Zimmern und Vorsälen nehmen nun größere und kleinere Bäder ein. Die Hauptbäder, vier große Bassins, liegen symmetrisch geordnet in einer Linie. Die zwei äußersten sind die größten und haben unten gegen Süden einen halbzirkelförmigen runden Auslauf, der sich über die äußere Linie erhebt. An der südlichen Seite schweift der Stufeneingang zu diesen beiden Bädern in ein zierliches Rondell aus. Die zwei mittleren, kleinern Bassins sind dagegen ununterbrochene Vierecke. Alle vier Becken sind 5 Fuß tief und in ihrem innern Umfange mit dreifachen Absätzen versehen, die anderthalb Fuß voneinander stehen, so daß die Badenden sich mehr oder weniger tief ins Wasser tauchen konnten. Wände und Böden sind mit jenen schönen Marmorplatten belegt, an welchen sogar hier und da noch die Politur bemerkbar ist; sie sind in einen sechs bis acht Zoll dick aufgetragenen, nach Römersitte aus Kalk und Ziegelmehl zusammengehärteten Kitt eingesetzt, zum Teil auch schon wieder ausgefallen. Die Gelehrten haben diese Bassins für Schwimmbäder (frigidaria, natationes, baptisteria), die zwei unheizbaren Zimmer aber für Auskleidezimmer (apodyteria, spoliaria) erklärt. In jenen 4 Becken zusammen konnte wenigstens ein Manipel, vielleicht eine ganze Kohorte auf einmal, den Schweiß der Märsche und das Blut der Schlachten abwaschen. An die beiden Seiten dieser vier größern Bäder sind neun kleinere Badegemächer, deren jedes ungefähr für zwei Personen Platz hat, im genauesten Ebenmaße angehängt. Zwei dieser nischenartigen Plätzchen sind rund, die andern viereckig, alle aber mit größern Platten belegt als die Hauptbäder; auch sind sie nicht, wie jene, fünf Fuß tief ausgegraben, sondern stehen mit dem Boden in gleicher Höhe, mit drei bis viertehalb Fuß hoch aufgesetzten Platten, so daß man zu ihrem Gebrauche hinaufsteigen mußte. Andere länglichrunde Nischen in den Quergängen zwischen den verschiedenen Becken könnten Lararien gewesen sein. Auf der Südseite befinden sich hinter den Bädern durch ein Kabinett in der Mitte geschieden zwei breite, einst bedeckte Spaziergänge (xysti). Auf der Nordseite, wo ein Vorsprung dem Gebäude größere Breite gibt, zeigt sich ein ganz neuer Komplex von Zimmern und Bädern: rechts und links zwei mit Marmor belegte, ziemlich große Rondelle, welche die Erklärer zu Unctorien (Salbezimmern) machen, dazwischen wieder drei von unten geheizte Calidarien. Auf dem äußersten Vorsprung sieht man eine Reihe von Gemächern, welchen die Erklärung verschiedene Bestimmungen anweist: Teils sollen es Heizstübchen mit Öfen sein, um Wasser in Kesseln siedend zu machen, teils gewölbte Kohlenbehälter, teils Holzplätze, teils kleine unterirdische Kanäle zum Ablaufe des Wassers, wie sie sich auch sonst in dem Gebäude finden. Unter dem östlichen Vorhofe öffnet sich ein gewölbter Gang von sechs bis sieben Fuß Höhe, in welchem die Steine ohne Mörtel nach dem Fugenschnitte gespitzt sind. Dieser merkwürdige Gang durchschneidet unter der Erde von Norden nach Süden das fast 100 Fuß breite Vestibül, lauft sodann im Süden hinter den Bädern, ihrer ganzen Länge nach 260 Fuß, fort und kommt wieder durch den westlichen Vorhof in schiefer Richtung gegen Nordwesten heraus, so daß man durch ihn ganz unter der hintern Seite dieser Bäder durchgehen kann. Welches die Bestimmung dieses unterirdischen Kanals gewesen sei, läßt sich nicht mehr mit Gewißheit ermitteln; daß er zur Abführung des Wassers gedient habe, ist kaum wahrscheinlich, da auf der nördlichen Seite des Gebäudes noch zwei aus Stein gehauene Ablaufskanäle zu sehen sind, welche das Wasser aus den Bädern unmittelbar abgeführt haben. Auch laufen von den beiden Vorhöfen aus, unter die Hauptbäder selbst, ähnliche kurze Abzugskanäle. So mag jener große Kanal irgendein Kommunikationsgang zu uns unbekannten Zwecken gewesen sein. In beiden Vorhöfen beim Einzug in die Bäder standen Altäre, von welchen der westliche, ziemlich erhaltene und nur an der Inschrift beschädigte noch seinen Platz behauptet. Die Inskription lautet: DIANAE ABNOB. Nicht ABNOP., wie die Inschrift aus einem mangelhaften Kupferstiche hier und da aufgeführt wird. Der Augenschein belehrte uns, daß der letzte sichtbare Buchstabe kein P, sondern ein beim Aufgraben des Altars durchhauenes B ist. »Der Diana des Abnoba-Gebirges, d. h. des Schwarzwaldes, heilig.« Der östliche Altar wurde in Trümmern gefunden, auf welchen jedoch auch noch der Name Diana zur Hälfte erscheint. Außerdem fanden sich unter den Ruinen viele Münzen aus den Kaiserzeiten und Stücke von Hausgeräten. Die Hoffnung, eine Inschrift zu finden, welche auf den Erbauer dieser Bäder und auf den Namen der bedeutenden römischen Niederlassung, die hier gestanden haben muß, leiten könnte, ist jedoch nicht verwirklicht worden. Zwar liegt vor uns in gedoppelter Abschrift der Buchstabeninhalt eines silbernen Täfelchens, dessen Original, in diesen Bädern gefunden, zu Karlsruhe aufbewahrt wird. Es ist dies indessen nur ein sinnloses Aggregat griechischer Buchstaben, und in der ganzen Schrift erscheint nichts Zusammenhängendes als der Name »Lukiolos« (Luciolus). Das Genauere der beiden Faksimiles verdankt der Verfasser der zuvorkommenden Güte des um die Geschichte Freiburgs hochverdienten Gelehrten Herrn G. Rats und Professors zu Freiburg Heinrich Schreiber, der ihm darüber folgenden Aufschluß erteilt: »Aug. Gottl. Preuschen, in seinen ›Denkmälern der physischen und politischen Revolutionen in Deutschland, besonders in den Rheingegenden‹ (Frankf., bei Varrentrapp, 1787, S. 209ff.), hielt die Tafel für das Schreiben eines gewissen Nathan aus Alba Akra an einen Freund Fagel im Römerbade zu Badenweiler und geriet dadurch auf die abenteuerlichste Deutung. Der berühmte Oberlin von Straßburg dagegen erkannte das Täfelchen sogleich für das, was es ist, nämlich für ein sogenanntes Amulett, und nannte es: Phylacterium gnosticum Lucioli.« Der befreundete Künstler, mit welchem der Berichterstatter diese Merkwürdigkeiten durchwanderte und welcher fast zwei Jahre unter den Denkmalen Roms zugebracht hat, konnte sich über den Umfang und die Wohlbehaltenheit dieser Bäder nicht genug wundern. Er stand keinen Augenblick an, dieselben der gewaltigen Trümmermasse der Caracallasbäder zu Rom, deren Höhebau nur viel erhaltener ist, an die Seite zu stellen. Wer weiß, ob sie nicht auch den gleichen Erbauer mit denselben haben, da ja auch die nicht allzu entfernte Römerstadt Aurelia Aquensis (Baden-Baden) ihren Namen dem Kaiser Caracalla zu Ehren führt. Nachdem uns die alte Römerwelt zu Badenweiler genug beschäftigt, kehren wir zur alemannischen Welt zurück, und zwar zu derjenigen Periode derselben, die durch Hebels Poesie in steter Jugendfrische erhalten und gewissermaßen unvergänglich geworden ist. Badenweiler selbst ist von Hebel nicht verherrlicht worden; gewiß störten seine deutsche Phantasie eben jene Römerbäder. Dessenungeachtet ist es für denjenigen, der in die reizenden Gegenden des badischen Oberlandes Wanderungen anstellen will zu der Natur, die Hebels alemannische Poesie mit dem Zauberdufte der Dichtung übergössen hat, als Haupt- und Standquartier vortrefflich gelegen. Nur eine halbe Stunde von dem Bade liegt das freundliche Städtchen Müllheim, zu welchem der Alemannen-Dichter den durstigen Wanderer mit so saftigen Worten einladet: »Der Schwarzwälder im Breisgau.« Z' Müllen an der Post, Tausigsappermost! Trinkt me nit e gute Wi! Goht er nit wie Baumöl i,       Z' Müllen an der Post! Schade, daß der Reisende, der in der Post zu Müllheim anlangt, um Hebels Markgräflerwein zu trinken, nur das unfruchtbare Postamtszeichen anstatt des Wirtsschildes an das Posthaus angeheftet findet und daß ihm die Pforte jetzt mit dem Donnerworte aufgetan wird: »Mer wirtet nümme!« (Wir schenken keinen Wein mehr aus.) Gegen Süden führt der Fußpfad von Badenweiler in zwei Stunden über Berg, Wald und Wiese nach der höchst anmutig und zur Fernsicht/nach dem Rheine, den Vogesen, dem Jura und den Alpen einladend gelegenen ehemaligen Kommenturei des Klosters Sankt Blasien, Bürglen, von welchem Hebel in demselben Liede singt: Z' Bürglen uf der Höh', Nei, was cha me seh'! O, wie wechsle Berg Und Tal, Land und Wasser überal,       Z' Bürglen uf der Höh'! In das schöne Schloß, seine bilderreichen Säle und Zimmerreihen teilen sich jetzt zwei Besitzer, S.K. Hoheit der Großherzog von Baden und ein wohlhabender Bauersmann. Den herrschaftlichen Teil bewohnt ein freundlicher, gebildeter Pfarrherr; in dem bäuerlichen finden Gäste von Badenweiler gastliches Gelaß. Der Verfasser dieser Zeilen wird den schönen Abend und Morgen, den er hier in echt Hebelscher Umgebung zugebracht hat, nicht vergessen. Um ihn her schnurrten die Spinnräder schmucker Alemannentöchter, auf deren Stirn, über dem oft bleichen, oft rosigen Angesicht mit sanft gekrümmter Vogelsnase, ein paar malerisch geschleifte schwarze Bänder flatterten, welche die Ausläufer eines kleinen seidenen Schüsselchens sind, das an Haubenstatt den Scheitel deckt; schlanke, rotwangige Bauernknechte mit langen blonden Haaren schnitten sich, sittsam um den Tisch gelagert, ihr schwarzes Abendbrot; auch das Abendessen war eine ganz Hebelsche Szene: Ein Lichtspan aus Buchenholz, der, von Zeit zu Zeit erneuert, in eine eiserne bewegliche Beißzange gesteckt war, die auf einem langen hölzernen Stocke mit breitem Gestelle ruhte, erleuchtete die ganze Stube und gab mit seinem flackernden Lichte den Gesichtern der um den Tisch gelagerten Hausgenossen einen seltsamen Ausdruck. Am andern Morgen schien die Sonne in das erheiterte Gemach, und aus Südosten blickte von ihrem Ätherthrone die Jungfrau des Berner Oberlandes mit ihren Silberhörnern durchs Fenster auf den sein ländliches Frühstück gemächlich genießenden Wanderer herab. Eine Stunde von Bürglen lauert Hebels »Gespenst auf der Straße von Kandern«. In nördlicher Richtung von Badenweiler zeigt das Alemannenland städtischere Szenen: Z' Staufen uffem Märt (Markt) Hent se, was me gert, Tanz und Wi und Lustberkeit, Was eim numme 's Herz erfreut,       Z' Staufen uffem Märt. Z' Friburg in der Stadt Sufer isch's und glatt. Riehe Here, Geld und Guet, Jumpfere wie Milch und Bluet,       Z' Friburg in der Stadt. Nach Nordosten und Osten führt der Weg durchs Gebirge auf den vielbesungenen Feldberg und zu Feldbergs Tochter, der lieblichen Wiese, über Todtnau, Schönau, Marnbach, Zell, Schopfheim, am Röttlerschlosse vorbei, nach Lörrach, lauter durch die »Alemannischen Gedichte« vielfach verherrlichte Stellen, bis wo in der Nähe von Basel »der Chlei-Hüninger Pfarrer« die Oberlandsmaid mit »Gotthards großem Bueben« traut. Tief im Gebirge endlich, nordöstlich von Schopfheim, liegt das Dörfchen Herrischried, zu welchem sich Hebel mit so schalkhafter Liebe wendet: Won i gang und stand, Wär's e lustig Land. Aber zeig mer, was de witt, Numme näumis find i nit       In dem schöne Land. Minen Augen gf allt Herrischried im Wald. Won i gang, se denk i dra, 's chunnt mer nit uf d' Gegnig a,       Z' Herrischried im Wald. Imme chleine Huus Wandelt i und us – Gelt, de meinsch, i sag der, wer? 's isch e Sie, es isch kei Er,       Imme chleine Huus. Doch zurück endlich nach Badenweiler. Das Gasthaus zum Römerbade, so genannt, weil ein alter Römerstein, unter spätern Ausgrabungen gefunden, dem Wirtshause zum Grundstein diente, steht jetzt über zehn Jahre. Seine Lage, sagt Herr v. Wessenberg, konnte nicht glücklicher gewählt werden, und das Freundliche seiner innern Einrichtung entspricht der heitern Lage. Der geräumige hohe Speise- und Tanzsaal, der den ganzen Raum im Gebäude zwischen den zwei Doppelreihen von Wohnzimmern einnimmt und in welchen man von den Gängen vor diesen Gemächern hinabschaut, gibt dem Ganzen ein schmuckes, zierliches, beinahe zauberhaftes Aussehen, und es weilt sich hier mit wahrem Behagen. Die Bewirtung ist trefflich, und die große Reinlichkeit, die sich überall zeigt, erhöht die Annehmlichkeit des Aufenthalts. Im Erdgeschoß befinden sich die Bäder, die ohne überflüssige Verzierung ganz nur zur Bequemlichkeit eingerichtet sind. Auch das Gasthaus zur Stadt Karlsruhe hat sich sehr erweitert und verbessert. Diesem ist jetzt ein großer und zierlicher Speise- und Tanzsaal angebaut. Es gibt Tage im Jahre, wo dieser Saal und der im »Römerbade« die Gäste kaum zu fassen vermögen, die hier Belustigung suchen. Auch der Gasthof zur Sonne hat guten Fortgang, und es fehlt sonst im Orte nicht an guten Mietwohnungen für Kurgäste. In dem kleinen Gesellschaftshaus auf dem Schloßberg ist jetzt eine Leseanstalt errichtet. Der Standpunkt von hier bietet dem Betrachter einen seltenen Verein von weiter Fernsicht in ein lachendes Land von der einen Seite und vom Anblick eines weiten, reich bewachsenen Talgrundes, der von ansehnlichen Waldgebirgen umfaßt ist, dar; zugleich zeigen sich hier auf beschränktem Räume die Trümmer der stolzen Römerzeit und des rauhen, aber kraftvollen Mittelalters nebeneinander. Das Geschlecht, das jetzt hier wohnt, ist von sanftem und mildem Charakter und trägt alle Wahrzeichen einer aufgeklärten und gebildeten Sinnesart. Die Fremden sind gern gesehen, und man begegnet ihnen mit zuvorkommender Freundlichkeit und bedächtlichem Wohlwollen, ohne Kriecherei und Niedertracht. Dieses Wesen geht auch auf die Kinder über: Wie freundlich sind die Kinder! Viel williger, geschwinder       Dient hier die Achtsamkeit Als in dem Fürstensaale Bei Tanz und reichem Mahle       Der schnöden Üppigkeit. Grafs »Badenweiler«. Kein Wunder, daß der Dichter, dem wir diese Worte entlehnen, hier sein Hüttchen bauen und in Natur und Geschichte schwelgen möchte. Des Römerbades Trümmern, Der Bergruine Flimmern       Im Abendsonnengold, Des Heilquells reicher Kammer, Dem Schacht, dem Eisenhammer       Ist meine Seele hold. Natur, mit alter Kunde Stehst du im Schwesterbunde,       Erquickst hier Geist und Sinn. Frei von der Sorgen Schwarme Ruh' ich in deinem Arme,       Du Freudengeberin! Forbach im Murgtal Vergl. Jägerschmieds »Murgtal«, Klübers und Schreibers »Baden«. Im tiefen Schwarzwalde, auf dem im Revolutionskriege beim Rheinübergang der französischen Truppen unter Moreau berühmt gewordenen Kniebis, entspringen drei Quellen, welche vereinigt die Murg bilden, einen der merkwürdigsten Bergflüsse Schwabens. Auf dem fichtenbeschatteten »Ruhstein« nimmt die Rotmurg zwischen Felsen ihren Ausgang und ergießt sich unmittelbar in einen Kessel, den nacktes Gestein umgibt; die Weißmurg quillt ebenfalls aus Felsen im sogenannten Buhlenbach hervor. Sie wird von der Rotmurg beim »Weißen Kreuz« ereilt, und beide ziehen nun unter wildem Geräusch das Baiersbronner Tal hinab, die Ufer von vielen Hütten taglöhnender Holzhauer besäet. Die dritte Quelle, der Fohrenbach, entspringt beim württembergischen Kniebis-Zollhaus, treibt, durch das »Rotwasser« verstärkt, im Christophstale eine Mahlmühle und viele Hammerwerke, in welchen zyklopische Laboranten schmieden, läßt am rechten Ufer Freudenstadt, ursprünglich (1599) eine Kolonie aus Steiermark, Kärnten und Mähren vertriebener und in Württemberg evangelisch-brüderlich aufgenommener Protestanten, liegen und vereinigt sich vor dem württembergischen Dorfe Baiersbronn mit den beiden andern Quellen. So bildet sich die Murg, die hier schon ihren Namen führt und etwa dreißig Fuß breit sein mag. Ihre beiden Ufer sind hier durch die erste hölzerne Brücke verbunden. Der Lauf dieses Flüßchens, welches sich von Osten nach Westen durch eine Strecke von fünfzehn Stunden schlangenförmig fortwindet, durcheilt eines der tiefsten und wildesten Täler in jener großen Gebirgskette des Schwarzwaldes. Sechzehn Brücken verbinden seine Ufer, und achtundvierzig Waldbäche nimmt es während seines Laufes auf. Solange die Murg noch im hohen Gebirgstale fließt, zeigt sich das Tal noch ziemlich breit, und sie befindet sich mitten zwischen den gedehnteren Gipfeln der Berge. So ist sie bei dem ehemaligen Benediktinerpriorate und nunmehrigen Dorfe Reichenbach, so bei Hesselbach, wo die Aussicht, welche die erhöhte Lage des Dorfes hier dem Auge erlaubt, sogar zierlich genannt werden kann; das heitere Tal umzingeln Bergesgipfel, deren entferntere Häupter sich durch Lichtblau malerisch auszeichnen. In der Nähe wimmelt es von kleinen hölzernen Scheunen, die, am schroffen Abhang der Bergwiesen hingestreut, notdürftig das kräftige Heu für den Winter bergen. Keine Gegend, mit Ausnahme der Schweiz, hat einen beträchtlicheren Viehstand, und die herrlichen Waldungen liefern eine Menge vortrefflichen Brennholzes. Doch sieht der Wanderer ganze Strecken verheert, öde und schwarz daliegen. Diese noch immer sichtbare Verwüstung rührt von dem großen Waldbrande des heißen Sommers von 1800 her. Der Verfasser dieses Textes erinnert sich aus seinen Kinderjahren noch sehr gut, wie viele Wochen lang die Schulknaben mit banger Sorge einander jeden Morgen fragten, ob der Schwarzwald noch brenne. Die Phantasie malte sich dabei diesen Waldbrand als ein furchtbar herrliches Schauspiel aus und dachte sich die unzähligen Tannen und Föhren des Gebirges als ebenso viele Pechfackeln, deren Flamme durchs ganze Land hin sichtbar lodere. Die Augenzeugen schildern aber jene Verheerung ganz anders. Sie besteht in einem langsam fortschleichenden Verglosen der Bäume zu Kohle und ist nur in ihren Wirkungen entsetzlich. Der Brand des Jahres 1800 dauerte vom 4. bis zum 21. August und fraß über 7000 Morgen württembergischer Waldungen. – Die Wälder dieser Gegend bestehen meistens aus Föhren, Fichten, Weißtannen, wenigen Buchen und noch selteneren Ahornen. Föhren und Fichten bilden die stolzesten Säulenhallen und erreichen gar häufig eine Höhe von fünfzig Fuß. Ein eigentümlicher Gegenstand der Waldbenutzung ist hier das Teerschwelen oder, wie es die Gegend nennt, das Schmierbrennen. Der Teerschweler pachtet einen großen Distrikt und erbaut sich seinen Destillierofen aus Backsteinen selbst. Auf einer kleinen Blöße, welche trocken an einem etwas flachen Berghange liegt, ringsum aber durch Wald oder Hügel vor dem Winde geschützt ist, wird hier, wie in den Urwäldern Amerikas von den Auswanderern Europas, durch den Teerschweler zuerst ein Blockhaus aus übereinander gelegten Baumstämmen erbaut. Das Dach ist flach, mit Schindeln belegt und mit Steinen beschwert; die Ritzen der Blöcke werden mit Moos verstopft. Die ganze Hütte mag 30 Fuß lang, 15 breit, 8 hoch sein bis ans Dach. Ein Lehmofen sorgt für die Nahrung und Winterfeuerung; die sparsamen Fensterluken geben das notdürftige Licht für die häuslichen Geschäfte. Dies ist der Palast, in welchem der Schweler mit seiner Familie in der tiefen Waldesabgeschiedenheit lebt und oft Tage lang keine fremde menschliche Seele erblickt. Von der eingeschneiten Hütte bahnt er sich mühsam einen Weg, um auf einen Gang für sich und die Seinigen die Nahrungsmittel einer ganzen Woche herbeizuschaffen. Neben der Hütte legt er sich einen mit Reisig bedeckten Schuppen an, um die Kienstöcke zu zerkleinern und aufzubewahren. Dann wird der Teerofen gebaut und kunstreich eingerichtet; fünf stets beschäftigte Personen sind nötig, um für die Destillation einer Woche in zwei Tagen die nötigen Kienstöcke auszugraben und zur Hütte zu bringen. Am dritten Tage zerkleinen die Arbeiter das Kienholz, am vierten Tage wird eingesetzt, und in dreimal vierundzwanzig Stunden ist die Destillation vollendet. Vor dem Ofen holen Händler die Teerschmiere ab und verkaufen sie im Kleinen; das schwarze Pech aber wird in großen und kleinen Partien an Kaufleute abgelassen. Wir kehren aus dem Waldgewerbe an die Murg zurück. Das kleine Dorf Röt auf dem linken Ufer, aus 17 Lehenshöfen zusammengesetzt, ist das rechte Ideal eines Schwarzwalddorfes. Die ziemlich langen, zweistöckigen Häuser sind sämtlich von Holz mit wenig Lehm aufgeführt, die Zimmer mit Borden vertäfelt. Scheuer und Stallung ist unter der Erde, die ländliche Wohnung darüber von Rauch geschwärzt und glänzend. Reichliche Fensteröffnungen geben einen Überfluß von Licht. Frühmorgens stehen die Knechte auf, säubern den Stall, tränken das Vieh und führen es auf die Weide. Wie unterrichtet vom Marsche machen einige glockentragende Kühe in bester Ordnung den Anfang, und alt und jung folgt dem ruhigen Gange der Voranschreitenden. Rinder und Ziegen klettern einzeln an der Bergwand und bemächtigen sich der sparsam aus den Felsritzen hervorkeimenden Gräser und der stärkenden Bergkräuter. Ohne Hirten, ohne Aufsicht durchstreift das Vieh die Waldungen und Äcker seiner Besitzer, und erst die Abenddämmerung führt es in die Ställe zurück. Unerfreulicher als die Viehzucht ist in diesen Gegenden der Ackerbau; Unebenheiten und Abhänge setzen sich fast überall dem Pflug entgegen, und an den meisten Orten muß man sich des Karsts und der Hacke bedienen, nachdem der Boden mit der Asche angezündeter Tannen- und Föhrenscheiter gedüngt worden ist. Von Obstbau ist bei den sparsam vorhandenen Fruchtbäumen keine Rede. Dafür pressen die Bewohner ihren Nadelhölzern den Saft ab, und fast immer qualmt hier der Kessel des Harzreißers. Ein anderes Waldgewerbe ist die Kienrußbrennerei, wozu man sich in den Schwarzwaldgegenden eigener Öfen bedient. Bei allen solchen zum Teil harten Beschäftigungen trifft man in diesen Wäldern stille, friedliche Menschen, blaß wie das Dunkel ihrer Tannen, verlassen von der heitern menschlichen Gesellschaft und doch zufrieden, bei einfacher Lebensart und Sitteneinfalt bedürfnislos und genügsam. Von Röt an schließen auf eine halbe Stunde immer höher werdende Berge von beiden Seiten das enger werdende Tal ein. Die Murg eilt ihrem gekrümmten Wege nach und drängt sich beschwerlich zwischen Felsen hindurch. Auf der Höhe zeigen sich amphitheatralisch gelegen die Schönengründer Höfe. Hinter ihnen nimmt die Murg einen Rang, das Tal wird ganz enge, und man meint die jenseitigen Berge mit einem Steinwurf erreichen zu können. Bald verstärkt sich die Murg von beiden Seiten durch sprudelnde Felsenbäche, den Dobelbach und Füllebach; eine hölzerne Brücke von mehr als hundert Fuß führt hier auf das linke Ufer, mit welchem sich ein größeres und etwas flacheres Tal eröffnet, in dessen Tiefe die Straße neben der Murg hinzieht. Die linke Seite des Tals bildet einen Halbkessel durch ziemlich entfernte Berge, deren Fußgestelle sich in grasbewachsene Hügel verflachen. Auf diesen Erhöhungen ziehen sich fünfundzwanzig Höfe, zum Dorfe Huzenbach vereinigt, wovon fast jeder von dem andern abgesondert auf einem der sich wellenförmig ineinander verschlingenden Hügel gelegen ist. Die Wiedendrehereien, Wieden heißen in der Sprache der Landwirtschaft biegsame Ruten. die sich hier finden, sind dem Waldnachwuchse nicht eben günstig; aber merkwürdig ist es zu schauen, wie junge Fichten von zwei Zoll Dicke und sechzehn Fuß Länge hier gleich einer biegsamen Schnur zusammengedrillt werden. Die Vorrichtung hierzu, die einer Gesellschaft von Holzhändlern gehört, ist einfach; sie besteht in einem hohen, geräumigen Hause, dessen Wände mit Brettern verwahrt sind. Bei dem Dorfe Schwarzenberg, das im Schutze einer Felsmasse ruht und in dessen Nähe auf einer Felsenspitze die Ruinen von Königswart, einem alten Jagdschlosse, zu sehen sind, das Graf Rudolf von Tübingen im J. 1209 erbaut hat, nimmt das Murgtal seinen hochromantischen Charakter an, der an die wildesten Schweizergründe erinnert. Das Fortströmen des Flusses wird von jetzt an durch ein Gewirre vorgeschobener Felsmassen immer mühsamer gemacht. Durch die zusammenhängenden, schroffen Wände des Urgebirges zu sehr im Laufe beschränkt, durch die in ihr eigenes Bett geworfenen, emporragenden Trümmer des Gesteins aufgewiegelt, verwechselt die Murg ihren früher so ruhigen und steten Lauf mit dem heftigsten Geräusch, durchwühlt schäumend die engen Klüfte zerstückter Felsen und bahnt sich tobend den mühsamsten Weg zu einem friedlichen Ausflusse. Zwei Waldbäche vermehren jetzt die Murg; davon ist der stärkste aller ihrer Einflüsse die Schönmünzach, die aus einem mit Felstrümmern übersäeten Tale der linken Murgseite herausfließt. Bei trockener Witterung kaum sechs Schritte breit, wird sie vom schneeschmelzenden Frühling und seinen Regengüssen zu einem furchtbaren Waldstrome angeschwellt, der das ganze Tal unter Wasser setzt. Bei diesem Zusammenflusse legten die Österreicher im Revolutionskriege eine hölzerne Brücke an, die unvollendet geblieben ist. Über derselben liegt die sehenswerte Schwarzenberger Glashütte und unterhalb eine Wasserstube der Calwer Floßholz-Kompanie. Denn da in der immer beschwerlicher sich durchs Gestein fortwälzenden Murg das Verflözen des Holländer Holzes beinahe unmöglich wird, so mußte auf künstliche Schwellungsanstalten gedacht werden. In einer solchen Wasserstube sind Hunderttausende, in einer Schwellung Millionen Kubikfuß Wasser aufgespart, um zusammengetragene Holzberge unter fürchterlichem Getöse zertrümmert fortzureißen und ihre Scheiter durch die Granitblöcke der Gewässer taumelnd zu Tale zu jagen. Gegenüber einer kühlen, klaren Quelle, der Frondbrunn genannt, bezeichnet jetzt auf der rechten Murgseite das Wasser Rennelbach die Gränze zwischen Württemberg und Baden. Ein immer rauheres Bett durchströmt jetzt die Murg; schäumend tobt sie durch die Tiefen waldüberwachsener Höhen, deren Grundfeste sie benetzt; immer düsterer wird das felsbegränzte Tal, und außer dem Wassergeräusch herrscht feierliche Stille. Der Fluß zwängt sich immer mehr westwärts und füllt eine beträchtliche Strecke lang das Tal ganz. Bald nimmt er von der linken Seite aus einem Bergeinschnitte die Hornbach und aus einem Gewirre zertrümmerter Felsen die mit Ungestüm herabtobende Rauhmünzach auf, deren Bette man zu den höchsten Bergen aufwärts verfolgen kann; ihr Wasserstrom selbst geht in der Tiefe zwischen viel tausend Granitblöcken hindurch. Von der zweiten ihrer vier mächtigen Schwellungen, am Fuße des Hohenkopfs, dem einsamsten Plätzchen im ganzen Gebirge, ist es nur noch eine Stunde nach der hinter diesem Berge gelegenen »Herrenwiese«, wo man, bei fast ganz erstorbener Vegetation, in einem andern Klima zu atmen glaubt. Auf dieser rauhen Waldkoppe zeitiget die Kirsche in denselben Tagen, in denen unten am Rheine die Trauben reifen. Nicht mit Unrecht sind ihre Steppen das badische Sibirien genannt worden. In dieser Gegend befindet sich der Hauptsitz jenes ausgebreiteten Floßholzgeschäftes, das eine Handelskompanie von Privatleuten betreibt, die das Holz teils durch die Schwellungen der Waldströme, teils mit unsäglicher Anstrengung und gefahrvollen Arbeiten in Rießen (Kanälen), durch Kähnelwerke, auf Schlittwegen und mit Seilen zu Tale fördert und auf dem Rheine nach Holland verführt. – Unsere Schilderung wendet sich nun wieder der Murg zu. Die Straße zieht jetzt am linken Ufer derselben, von den steilsten Bergen eingeschlossen, weiter westwärts. Das Tal bleibt einsam und düster; schroffe Felsen begränzen es auf der rechten Seite. Die Landstraße aber ist vortrefflich und wird nicht leicht in einem Felsgebirge besser getroffen werden. Hier nähern wir uns dem Dorfe Forbach, dem reizendsten Punkte des Murgtals, wo die wilde und die freundlichere Natur sich wieder die Hände reichen und der daher zur künstlerischen Darstellung von uns ausgewählt worden ist. Auf dem Wege dahin begegnet man rechts und links von der Straße häufigen Kohlenstätten. Weil die steilen Berge nicht erlauben, sie auf der bloßen Erde anzulegen, so sind sie meist von Holz gefertigt und werden an den Baumhängen von Bäumen unterstützt oder von Felsen getragen. Die Kohlenbrennerei wird im Murgtale und auf dem Schwarzwalde auf eine eigentümliche, durch die Lokalität bestimmte Weise betrieben, und die Meiler, in Gestalt einer Halbkugel aufsteigend, dick mit satt angedrückter Kohlenerde überdeckt und mit einem dichten Rasendache verwahrt, zieren den Wald, statt ihn zu verunstalten. Die Ackergrundstücke verlieren sich vor dieser Gegend, zwischen der Rauhmünzach und dem Dorfe Forbach, ganz; nur Nadelholz und weniger Buchenwald bedecken die hohen giebelartigen Berge und reichen herunter bis an Straße und Fluß. Dieser arbeitet mit heftigem Geräusch durch das enge, felsige, einsame Tal. Die unvermerkt gestiegene Landstraße, welche den murrenden Fluß tief unter sich im Grunde dahinfließen ließ, senkt sich allmählig wieder und führt endlich eben in die reinlichen Gassen Forbachs hinein. Den Namen führt das Dorf von dem Waldstrome gleichen Namens, der zwei Mahlmühlen treibt. Das artige Dorf nährt neunhundert Menschen von den beschriebenen Waldgeschäften, die seine Lage ausnehmend begünstigt. Auch die Arbeiten der Forbacher Waffenschmiede sind geschätzt. Die Häuser sind in aufsteigendem Halbzirkel gebaut, und die ringsum sich hintereinander versteckenden Berge, deren Gipfel nur bemerkbar werden und die deswegen hier minder hoch erscheinen, stellen dem Auge eine liebliche Landschaft dar, besonders wenn man, wie auf unserm Standpunkte, sich ostwärts von dem Dorfe befindet und so die Gegend überblickt. Die Kirche, deren hinterer Teil mit dem Chor erst vor wenigen Jahren gebaut worden, heiter und im neuern Geschmack über das Dörfchen sich erhebend, ist kein geringer Schmuck desselben. Aus dem reichen Kirchenfonds sind zwei große Altarbilder von neuern badischen Künstlern angekauft worden, die von Kennern gelobt werden. Man besieht in Forbach noch ferner die bedeckte Hängebrücke mit weitem Bogen, von Fahsold, einem Karlsruher, verfertigt; sie hat durch den anstoßenden jenseitigen Granitfelsen eine sichere Landfeste. Über diese Brücke zieht die Straße auf das rechte Murgufer und erhebt sich dann allmählig. Die Aussicht öffnet sich jetzt immer mehr, das Tal erweitert sich und wird heiterer, die Straße führt talab, für Wagen ganz bequem und sicher. Es ist daher kein Wunder, daß die Kurgäste Badens das Murgtal gewöhnlich nur die vier bequemeren Stunden bis nach Forbach bereisen und tiefer in die Berge einzudringen sich scheuen. Doch tun sie unrecht daran, da der Weg durchaus gut und gefahrlos ist und die eigentlichen Gebirgsschönheiten und Eigentümlichkeiten, wie wir sie bisher beschrieben haben, erst hier ihren Anfang nehmen. Die hiesigen Forsten hat sich, der ergiebigen Auerhahnjagd wegen, der Großherzog vorbehalten, den eben diese Jagd jährlich einmal in die Gegend von Forbach führt. Unterhalb des Dorfes treten die noch immer sehr hohen Berge weiter auseinander. Hier fallen mehrere dicht an die Murg gelagerte Sägemühlen dem Wanderer ins Auge. »Droben im Bergwald tönt die Waldaxt. Hohe Tannen, fünfhundertjährige Eichen fallen auf ihren Hieb. Während hier unten auf dem Flusse die knarrende Mühlsäge mit eisernem Fleiße den dicken Stamm in dünne Bretter gleichförmig vereinzelt und Bretterhaufen hoch aufgetürmt werden, fügt man nahebei ganze Reihen von Dickstämmen in Flöße zusammen«, die, von einem unerschrockenen Steuermann sicher geleitet, auf dem Wege selbst, einer zum andern gesellt, anwachsen, bis auf dem Rheine mehr als hunderttausend solcher Bretter, zu einem einzigen Floße vereinigt, als eine Gesamtladung Holland zuschwimmen, wo sie sich zum Schiffsbau fügen und den Handelsmann, den Auswanderer zum fernen Eilande tragen. Vergl. Klübers »Baden«, II, 144. Auf dem rechten Ufer folgen nun die Dörfer Gausbach, Langenbrand und Weißenbach, wo die hoch über Felslager geführte Straße sich wieder zur tiefen Murg herabsenkt. Hier fängt die Natur, wenn auch sparsam, wieder an, den Ackerbau zu begünstigen; Abhänge sind künstlich gefestigt und hier und da mit Weinstöcken bepflanzt. Dem Dorfe Weißenbach gegenüber, dicht an dem linken Ufer der Murg, zeichnet sich der kleine Kirchhof des Dorfes Au, vereinzelt auf einem rebenbepflanzten Hügel angelegt, aus, und die Spitze seiner kleinen Kapelle ragt malerisch hinter Bäumen und Gesträuch hervor. Der Weg rechts führt so dicht an dem Flusse vorbei, daß aufgesetzte Steine den Wanderer sichern müssen, nicht ins Wasser zu stürzen. Nicht ferne liegt hier, hinter Bergen versteckt, das Dorf Reichental, wo viel Pottasche versotten wird und die Auslaugung der Asche in mächtigen hölzernen Mulden, die aus den stärksten Schwarzwaldtannen verfertigt sind, vorgenommen wird; zum Versieden werden sodann Kessel von Gußeisen gebraucht, in welchen 30 Jahre lang gesotten werden kann. Bei dem Dorfe Hilgertsau verläßt die Straße auf einer hölzernen Brücke das rechte Murgufer, und mit jedem Schritte wird die Aussicht freier und offener. Obertsrot, ein kleiner Weiler, hat eine Tabaks- und Ölmühle unter einem Dache; die letztere empfahl schon lange ihre zweckmäßige Einrichtung und Reinlichkeit und eine vortreffliche Ölpresse. Die beiden Ufer der Murg bleiben immer noch von ziemlich hohen Bergen umschlossen; aber zusehends vertauscht der Strom seinen ungestümen Lauf mit steterem Fortströmen. Die Straße zieht auf der linken Seite mit Krümmungen weiter westwärts. Auf dem jenseitigen Berge zeigt sich sehr schön gelegen das Dorf Scheuern. Diesseits an der Straße ragt auf einer schroffen Höhe, zwischen den Wipfeln hochstämmiger Tannen, die zu einem großherzoglichen Lustschloß mit schonendem Geschmack umgeschaffene Burg Neueberstein hervor, von deren Sälen man teils das wilde Tal hinansieht, teils eine Durchsicht in den lieblichsten Teil der offeneren Gegend bis zum Rhein hin genießt. Am Fuße des Schloßberges stehen mehrere Mühlen. Bald nimmt den Wanderer das auf der rechten und linken Murgseite über Hügel und Ebene sich anmutig ausbreitende Städtchen Gernsbach auf, das sich durch große Gewerbsamkeit, namentlich treffliche Leimsiedereien, auszeichnet. Hier tritt die Murg in ein weit offeneres Tal. Die Hänge und Fußgestelle der beiderseitigen Berge sind von Felsen frei, mit Reben und andern Pflanzungen bekränzt; Berg und Tal schmückt sich mit Obstbäumen. In der Tiefe werden ergiebige Wiesen von Quellen bewässert. Die Murg, die wir jetzt sich selbst überlassen, dient bald nicht mehr dem Schmuck einer seltenen Natur, sondern einzig dem Kunstfleiße der Menschen, bis sie 6 Stunden von Gernsbach, nachdem sie noch viel lachende Dörfer ohne Murren mit glatten Wellen bespült hat, eine Stunde unterhalb dem badischen Städtchen Rastatt, das durch den Gesandtenmord von 1801 eine traurige Berühmtheit in der ganzen Welt besitzt, sich mit dem Rheine vereinigt. Doch sind noch nicht alle Merkwürdigkeiten des Murgtales berichtet. Während drunten in der Tiefe der Mensch im Schweiße des eigenen Angesichtes den Bäumen ihren Saft abpreßt, die Fichten bald zu Ruten drillt, bald schwimmen lehrt und dem Schiffsbau ans Meergestade zusendet, bald in Kohlen und Asche verwandelt und die Natur in jedem Sinne zwingt, sein eigenes, hinfälliges Leben zu fristen, treibt auf den Höhen dieses Gebirges die Geisterwelt ihr freies Spiel. Auf der Teufelskanzel oberhalb Gernsbach predigte einst der Fürst der Hölle in Person, was er jetzt durch seine Jünger im flachen Lande tut, vor einem zahlreichen Auditorium sein Höllentum, bis ein guter Engel vom Himmel gesandt ward, auf dem entgegengesetzten Berge, bei Eberstein, seine Kanzel zu errichten und die Menschenkinder mit himmlischer Beredsamkeit auf den guten Weg zu leiten. Das verdroß den Satan, er tobte in sieben Felsenkammern des Hochgebirges, oberhalb Loffenau, wie ein Erdbeben, spielte mit den ungeheuern Blöcken Ball, baute in der Nähe der Wolken die Teufelsmühle, legte sich, ermüdet von der Arbeit, so schwer in ein Felsenbett nieder, daß seine Gestalt noch ausgedrückt in dem Gestein, mit Pferdehuf und Schweife, sichtbar ist; er stampfte, rasselte, tobte in seiner Mühle, sooft der Engel drüben predigte. Von der Herrenwiese sah Gott der Vater dem Unwesen zu und schleuderte den gefallenen Engel in seine eigene Teufelsmühle hinab, so gewaltig, daß auf dem Hochgebirge der Fußtritt des Stürzenden noch sichtbar ist. Hier verstummte er und regt sich nur zu Zeiten murrend im Ungewitter. Auf einem andern Gipfel, beim festen Turm von Yberg, präsentierte sich der Satan einem ganzen Klub von Hexen, Hexenmeistern, Zauberern und Unholden. Sie beteten ihren Herrn und Meister an, sie opferten ihm Kinder, sie tanzten, sie schmausten mit ihm, doch ohne Salz und Brot. Das dauerte so lange, bis fromme Franziskaner das Kloster Fremersberg erbauten und den ganzen Spuk in den Klipfengraben bannten. Ein friedlicheres Geisterleben webt in den beiden Mummelseen bei dem wildschön gelegenen Kloster Allerheiligen auf dem Seekopf und, eine Meile von der Herrenwiese, auf dem Katzenkopf. Hier haust ein unschuldiges, zwerghaftes Gnomengeschlecht. Einmal kam ein kleiner Bewohner des zweiten Mummelsees, in Rattenpelz gekleidet, in das jenseitige Gebirgsdorf Kappel und holte eine Hebamme ab, seinem Gnomenweibchen bei der Niederkunft beizustehen. Vor seiner Birkenrute teilte sich das Wasser, eine alabasterne Wendeltreppe führte die Staunende in ein goldenes Prunkzimmer, vor ein Bett von Karfunkeln. Hier verrichtete die Wehemutter ihr Geschäft, und der Rattenpelz gab sie der Oberwelt zurück. Ein Strohbündel war ihr Lohn; den sie unwillig wegwarf und erst schätzen lernte, als sie einen an ihrem Kleide hängen gebliebenen Strohhalm in lauteres Gold verwandelt sah. – Ein andermal taucht ein wundersames Seefräulein aus dem Bergsee, bezaubert einen schönen Hirtenknaben und schenkt ihm im Tal ihre Liebe, unter der Bedingung, nie nach ihrem Aufenthalt zu spähen. Der sehnsuchttrunkene Knabe hält seinen Eid nicht und schleicht ihr nach an den See. Da dringt das dumpfe Ächzen eines Sterbenden aus der Tiefe zu ihm empor, und mit den breiten Blättern der Nymphaea bedeckt färbt sich der See blutrot. Ein Greis mit Schneebart und Karfunkelaugen beherrscht dies Nymphengeschlecht. Nächtlicherweile und am frühen Morgen mischen sie sich hülfreich und teilnehmend unter die Arbeiten und Freuden der Talbewohner. Verführt sie ein Sterblicher, so verfallen sie schwerer Buße; verlocken sie ein Menschenkind, so versinkt es zu ihnen in den Abgrund; aber der Greis hält gerechtes Gericht, straft die Verführerinnen und entläßt die Versunkenen aus dem See. Wer einen Stein in die stillen Wasser wirft, den drohen sie unter plötzlich entstandenem Ungewitter zu verschlingen. – Diese Geister sind nicht unsterblich. Selbst ihr König, der silberhaarige Greis, ist dem Tode verfallen, und ein anderer wird seine Stelle einnehmen: Das folgende Lied aus Ed. Mörikes »Maler Nolten«, Bd. I, S. 190f.    Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät Mit Fackeln so prächtig herunter? Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht? Mir klingen die Lieder so munter.       Ach nein!    O sage, was mag es wohl sein?    Das, was du da siehest, ist Totengeleit, Und was du da hörest, sind Klagen; Gewiß, einem Könige gilt das Leid, Doch Geister nur sind's, die ihn tragen.       Ach wohl!    Sie singen so traurig und hohl.    Sie schweben hernieder ins Mummelseetal, Sie haben den See schon betreten, Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal, Sie schwirren in leisen Gebeten.       O schau    Am Sarge die glänzende Frau!    Nun öffnet der See das grünspiegelnde Tor, Gib acht, nun tauchen sie nieder! Es schwankt eine lebende Treppe hervor, Und drunten schon summen die Lieder.       Hörst du?    Sie singen ihn unten zur Ruh. Das alte Schloß Baden Eine Kette wellenförmiger, hoher Waldberge – Köpfe nennt sie das Volk in der Umgegend – trennt Gernsbach von Baden, die Stille des Murgtales von dem betäubenden Geräusch eines europäisch gewordenen Badeortes. Eine Zwischenstation gewährt das alte Schloß Baden; es bietet noch Waldeinsamkeit und Trümmer der Vergangenheit dem sinnenden Wanderer und läßt ihn doch schon einen Blick in das Gewühl der Gegenwart tun, das aus der Tiefe zu ihm emportost. Der gebirgige Weg von Gernsbach nach dem alten Schlosse führt, ehe man den Wald betritt, an einem einsamen Wirtshause vorbei, das einen letzten Niederblick ins ausgebreitete Murgtal und nach den Höhen des württembergischen Schwarzwaldes, mit lachenden Dörfern am Fuße, gewährt. Oberhalb demselben trennt sich der Weg in zwei Pfade, wovon der eine rechts nach Alt-Ebersteinsburg, der durch Uhlands »Graf Eberstein« verherrlichten Ruine, abführt, der andere mit einem schmucken Wegweiser »zu den Felspartien« in den Wald lockt und zugleich nach dem alten Schlosse führt. Die ganze Waldkuppe, deren Kehrseite man hier betritt und an deren Vorderseite auf halber Höhe das alte Schloß Baden hängt, ist durch die freundliche Sorgfalt der badischen Behörden in die schönste Anlage verwandelt worden; alles aber ist mit so viel Achtung und Schonung für die wirklichen Naturschönheiten geschehen, daß man der Kunst, die sich hier mit so viel Beruf in die Natur gemischt hat, nicht feind sein kann. So führen denn auch hier, wie überallhin in der ganzen weiten Umgebung des Schlosses, gebahnte Wege durch den dichtesten Wald, bis man an eine Reihe von Osten nach Westen streichender mächtiger Felsblöcke von rötlichem Sandstein gelangt, wie er einem großen Teile des Schwarzwaldes eigen ist. Diese Massen erheben sich in den herrlichsten bedeutsamen Formen, umgeben von der üppigsten, durch keine Kultur gestörten Tannenwaldvegetation, wobei die allenthalben das Gestein durchwuchernde Digitalis purpurea hauptsächlich eine reiche Zierde bildet. Die vom Schlosse entfernteren Felsen sind erst vor wenigen Jahren zugänglich gemacht und von dem Gestrüppe befreit worden, das sie Jahrtausende einhüllte, so dicht, daß nicht einmal eine Volkssage sich an diese grotesken Riesentürme der Natur, von welchen man meinen sollte, daß sie Goethes herrlicher Schilderung vom Felsenschlosse zum Vorbilde gedient haben, angeheftet hat. Die merkwürdigsten derselben sind ein ungeheures Kastell, aus den riesigsten Blöcken mit Türmen und Basteien in die Höhe aufgeschichtet; dann die bereits zu einem offiziellen Titel gelangte »Felsbrücke«, durch welche zwei auseinanderklaffende Lagen von Sandsteinblöcken verbunden sind, wovon der auswärtsgekehrte Teil zugänglich gemacht ist und einen schönen Durchblick ins Tal und in die Ferne gestattet. Doch um die Aussicht in Fülle zu genießen, verfolgt man die steinernen Stufen, die vom Haupte des Felsberges, von Ruheplätzen unterbrochen, bergab führen, bis zur Einsiedelei und endlich auf das vorderste Plateau, wo die letzten Eckfelsen stehen, die schon seit längerer Zeit in die Anlage des Schlosses gezogen sind, und wo eine Hütte zum Ruhen errichtet ist. Hier hat man die Ruine des alten Schlosses gerade unter sich und genießt die herrliche Aussicht, die der Künstler auf unserm Bilde darstellt. Noch vollständiger erscheinen die Umgebungen von dem höchsten Standpunkte des Schlosses selbst gesehen. Gerade aus über das Tal von Baden weg zeigt sich hier der schön geformte Fremersberg, von einem Franziskanerkloster so genannt, das, von dem Markgrafen Jakob I. im J. 1453 gestiftet, 1828 abgebrochen worden ist. Links zeigt sich der Roßkopf, im Württembergischen der Katzenkopf genannt, als höchster Berg der Gegend. Auf seinem Gipfel bilden mächtige Felsblöcke eine künstliche Höhle, in deren Schutz der Verfasser in zahlreicher Gesellschaft eine Juliusmondnacht des Jahres 1831 durchbivouakiert hat, unter sich den Rhein, auf vierzig Stunden weit wie eine silberne Schlange schimmernd, hinter sich den schwarzblauen, regungslosen Mummelsee, in der beschatteten Bergmulde von geisterhaftem Nebel überschwebt. Doch zu unserer Aussicht zurück. Über das Murgtal weg, auf der Rückseite unsers Standpunktes, erscheint Loffenau mit der schönen Bergperspektive die Murg entlang. Nordwestlich ist sodann die Aussicht durch nähere Waldung beschränkt; sie beginnt wieder mit den Linien der Bergstraße, die durch eine lange, wie ein Binnenmeer sich hinstreckende Horizontalebene von der Haardt, einem Teil der Vogesen, geschieden ist. Diese Ebene durchströmt der Rhein, der weiter aufwärts, in mächtiger Breite und durch seine Krümmungen fürs Auge kleine Seen bildend, auf dunstig dunklerem Grunde hellglänzend emporspiegelt. Der ganze Westen ist sodann von der Kette des Haardtgebirges und der Vogesen eingenommen, die sich in blauer Ferne in gar mannichfaltigen Formen in die Luft linieren und sich nördlich erst bei Oppenheim und Alzey, südlich gegen Mühlhausen und Basel in die Ebene verlieren mögen. Aus ihnen hervor sieht man nordwestlich den breiten Rücken des Donnersberges ragen, und in der fernen Ebene erkennt das bewaffnete Auge den Dom von Speyer und die Türme von Mannheim; die niedrigeren Teile der letztern Stadt sind, wie man auf der See von entfernteren Schiffen nur die Segel und Masten sehen kann, schon von der auf solche Entfernung bereits merklichen Rundung der Erde gedeckt. Den Münster von Straßburg, obgleich in den gedruckten Beschreibungen dieser Aussicht angekündigt, sucht man hier vergebens; er verbirgt sich mit seiner ganzen weitern Umgebung hinter den Fremersberg. Dieser sowie der Schloßberg selbst bilden gar lockende, einsame Seitentälchen, in die man von dem hohen Standpunkte aus, nach Art der Vogelperspektive, hinuntersieht. Die Stadt Baden mit ihrem untern Schlosse liegt, von der Ruine aus gesehen, wie ein alter Städteplan zu unsern Füßen ausgebreitet. Ganze Gruppen von reben-, wald- und ackerreichen Hügeln erscheinen von dieser Höhe herab fast wie Maulwurfhaufen. Landhäuser und Gärten sind in näherer und weiterer Entfernung im üppigen Tale ringsum verstreut. Ganz links öffnet und schließt sich das liebliche Lichtental. Ins Schloß selbst begleite uns ein sicherer, kundiger Führer, der genauer, als wir selbst es vermöchten, erzählen mag. Klübers »Baden«, II, 24ff. »Von der Einsiedelei abwärts führt, außer dem Fußweg, ein kurzer, geebneter Fußsteig zu der Schloßruine. Noch stehen am hohen Vorgebirge, in dem Kreise zwei- bis fünfhundertjähriger Eichen, Tannen, Ahorne und Weißbuchen, auf schroffen Granit- und Porphyrfelsen diese ehrwürdigen Reste, von Efeu umgürtet, in schwindelnder Höhe, mit Ulmen, Forlen, Linden und Stechpalmen bewachsen, durch abgetragene Felsmassen geschieden von der Kette des übrigen Bergrückens. Von diesem hohen Sitze nennt sich Badens Regentenstamm. Neben dem Schloß auf einem Ruheplatz überrascht eine leichte Waldöffnung mit der Aussicht in das Rheintal nach den Vogesen. Durch das obere Tor betritt man die Ruine. Sorglich ist der erhabene, Ehrfurcht gebietende Fels in den Bauplan verwebt. Schauer ergreift das Gemüt bei dem Aufblick an der alten Schloßkapelle, zu den leeren, unbedachten Fensterhallen des majestätischen Turmes. Schwindelnd sieht man aus den Fensterruinen des weiten Rittersaales in die Tiefe. Niedergestürzt sind die meisten Scheidewände und die Fußböden der obern Gemächer; nirgends mehr eine Spur der Bedachung. Ein Rasenteppich mit wilderndem Gesträuch deckt den Schutt der Gemächer und Prachtsäle; nur noch von dem hohen Gemäuer ist er umfangen. Zwischen den innern Toren verkündet, wie eine Geschichte, der dürre, weiße Stamm eines dicken Ahorns einsam das Alter der Verwüstung. Rechts ist der Marstall, links der Eingang in den weiten, noch wohl erhaltenen Keller. Die noch sichtbaren Gewölbe sind von römischer, in dem Mittelbau sind Partien von maurischer und arabischer, in dem Aufbau Teile von altdeutscher Bauart. Dieses erklärt sich aus dem verschiedenen Zeitalter ihrer Entstehung. Schutt, Steine und Mauertrümmer umlagern das trauernde Ganze. Auf dem Mauerwerk und in dem Innern thront die Waldflora. Gesträuch, Kräuter und Bäume von mancherlei Art flammen wild empor. Viele sind längst verschwemmt in dem Strom der Zeit; manche strecken Stamm oder Äste weißgrau zu öden Fensteröffnungen heraus und verwittern in dem Luftmeer; andere grünen in den seltsamsten Gruppen, Verschränkungen und Mißgestalten; mitten unter ihnen hat der Eppich, schlanke Äste breitend, ein dichtes Netz über die Mauer gewoben.« Von dieser düstern Beschreibung muß einiges abgezogen werden. Der menschenfreundliche Großherzog hat seit Jahren aufs sorgfältigste nicht nur für die Erhaltung, sondern auch für die bequeme Besteigung der Burg gesorgt. Nach allen Seiten, in alle Gemächer bis zum höchsten Turme führen massive, sichere Treppen, und der Schutt ist, wo es möglich war, aus dem Wege geräumt. So macht das Altertum einen ernsten und doch zugleich freundlicheren Eindruck. Die Ruine nimmt eigentlich vier Etagen ein: den höchsten Turm, unter ihm ein erstes, dann, durch Felsen getrennt, ein zweites Stockwerk, endlich Ruinen des Vorhofes, nebst dem schön erhaltenen Eingang an der Vorderseite des Schlosses. Dieser, das Vortor der Feste, ist gotisch gewölbt, und an der Spitze seines Bogens prangt, wohlerhalten, das badische Wappen in alter Form. An den Seitenwänden rankt Efeu, auf der Ringmauer streben Buchen und Ahorn empor, und wendet man sich beim Hinaustreten um, so sieht man in schönster Perspektive, unter mannichfaltiger Beleuchtung durch die Öffnungen aller vier in kurzen Zwischenräumen hintereinander folgenden Schloßtore. In der Nähe dieses Einganges ist eine ländliche Wirtschaft, wo sich der Wanderer erquicken kann. Übrigens findet man keinen Portier, keinen lästigen Schloß Verwalter; alles steht offen, alles ist so natürlich zugänglich gemacht, daß man sich von der höchsten Spitze der Ruine von selbst zurückfindet. Die breite Fahrstraße vom alten Schlosse nach der Stadt Baden führt an mehreren wohlgewählten Ruhebänken vorüber, durch den dichten, kühlen Wald, den hohe, dicke Fichten, Forlen, Ulmen, Tannen, Buchen und ehrwürdige Eichen vom höchsten Alter bilden und hinter denen die untergehende, hinter den Rhein hinabeilende Sonne das Gesträuch in jene roten Flammen setzt, die recht bezeichnend das Waldbrennen genannt werden. Wenn man den Hain hinter sich hat, gelangt man zu einem Ruhesitze unter vier Eichen. Noch vor ihnen erhebt sich auf künstlichen Felsen, zwischen vier andern hochstämmigen Eichbäumen, unter einem Strohdach ein Belvedere mit malerisch schöner Aussicht, rechts nach dem Jesuitenschlößchen, vorwärts nach dem Friesenberg und Fremersberg, links nach dem Merkuriusberg. Unten ziehen das neue Schloß, von dieser Seite die Stadt fast ganz bedeckend, und die Lichtentaler Allee die Aufmerksamkeit auf sich. Gegenüber zieht sich amphitheatralisch die hohe Gebirgskette hin. Von der Stadt Baden, ihren modernen Herrlichkeiten und dem köstlichen Borne Hygieas erzählen wir hier nichts. Das treffliche, erschöpfende Handbuch Schreibers und andere kleinere Beschreibungen sind in jedes Wanderers Händen. Nur an die frühe, römische Ansiedelung in dieser Gegend sei kürzlich erinnert. Die Steine reden, daß die Römer schon vor siebzehn Jahrhunderten hier nicht nur als Krieger gehaust, sondern in städtischen Mauern sich angesiedelt, in Bädern sich gütlich getan, durch Handel und Wandel Kultur in der Umgegend verbreitet haben. Wer die in der Antiquitätenhalle neben dem Brunnengewölbe von Karl Friedrich von Baden im J. 1804 versammelten römischen Altertümer betrachtet, dem fällt auf mehreren Monumenten der heilige Name Marc Aurel in die Augen. Dürfte er sich dieses paradiesische Tal, das in seiner alten Wildheit vielleicht noch großartiger schön war, als einen Ruhesitz jenes edelsten Heiden, des Stoikers auf dem Throne, denken, ihn in diesen Bädern sich vor Augen stellen, in seine unsterblichen Selbstbetrachtungen vertieft! Die Inschriften selbst gestatten diese Täuschung nicht; sie beziehen sich sämtlich auf den ignobeln Dieb jenes großen Namens, auf den Kaiser Bassianus Caracalla, den Sohn des Septimius Severus, und sind aus den Jahren 198 und 213 n. Chr. Spätere Monumente, meist Brückenzeiger, bewahren die Namen der Kaiser Alexander Severus (um 221) und Elagabalus (um 222) und der erstere den Namen der Stadt: Res publica Aurelia Aquensis. Ihr Gründer Caracalla hat allerdings durch die antoninischen Bäder in Rom, die noch jetzt eines der Wunderwerke jener ewigen Stadt sind, seinen Beruf für Bauten dieser Art hinlänglich dargetan. Die Wasserstadt Aurelia lag auf der aurelischen Heerstraße, die vom Rhein nach dem Neckar, dem Endpunkte des Römerwalles, führte. Ihre Hauptschutzgottheiten waren die Götter des Wassers und des Handels, Neptun und Merkur. Auf einem viereckigen Altar, der im J. 1748 in einem alten Keller am Fuße des Schloßberges gefunden wurde, sagt die Inschrift, daß Cornelius Aliquandus, im Namen des contubernium nautarum, der Schiffergilde, dies Denkmal zu Ehren der domus divina, d. h. des kaiserlichen Hauses, dem Gotte Neptunus errichtet habe. Auf dem Stein ist in hocherhabener Arbeit Neptun abgebildet, stehend, in seiner Rechten einen Delphin, in der Linken den Dreizack haltend, zu seinen Füßen ein Wasserungeheuer. Vom Dienste des Mercurius zeugen zwei Denkmale; das eine ist ein Altarstein, welcher Merkur dem Totengeleiter für eine abgeschiedene Seele gewidmet scheint – er wurde im J. 1804 eine Stunde von Baden ausgegraben –, das andere ein Merkursbild in halberhabener Arbeit, das auf dem benachbarten »Merkuriusberg« (großen Staufenberg) als Altarstein steht, wahrscheinlich ursprünglich der Straße näher errichtet. Das Bild ist von mehr als mittelmäßiger Arbeit, mit Flügeln am Kopfe, den Schlangenstab in der Linken. Zwei andere Denkmale sind Grabsteine römischer Krieger, eines L. Reburrinus Candidus von der 26sten Kohorte, und eines L. Aemilius Crescens von der 14ten Legion, beide aus der Stadt Ära (vielleicht Ära Ubiorum, Bonn) gebürtig. Noch gibt es andere Reste aus der Römerperiode. An der Hauptquelle selbst ist das weite Brunnengewölbe, ursprünglich mit carrarischem Marmor bekleidet, unstreitig römisch und war zur Zeit der Römer vielleicht ein Dampfbad. Auch vor der Antiquitätenhalle fand man im J. 1808 Reste eines römischen Schwitzbades, Wasserröhren von eiserner Solidität; hinter der Stiftskirche sind gleichfalls Überbleibsel von Badgemächern zu sehen. Das alte Armenbad zur Rechten der Halle hat ein geräumiges römisches Bassin mit Stufen, und linker Hand der Halle ist ein weit gesprengtes Gewölbe, wahrscheinlich ebenfalls römischen Ursprungs. Reich an römischen Substruktionen ist endlich der ganze Bezirk der Halle, der Stiftskirche und des Marktplatzes, und in dieser Gegend gewahrt man fast überall in einiger Tiefe römisches Paviment. Es ist sehr wahrscheinlich, daß hier der Mittelpunkt der öffentlichen Gebäude und Anlagen des alten Aurelia war. In edlerem Stile römischer Baukunst sind auch noch die Arkaden am untern Schloßgarten in der Orangerie am sogenannten Schneckengarten. Die unterirdischen Gänge bei den »Büttquellen« und in der »Hölle« gehören nicht weniger den Römern an. Ob die höchst merkwürdigen Katakomben unter dem neuen Schlosse von den Römern stammen oder dem Femgericht ihren Ursprung zu danken haben oder nur geheime Zufluchtsörter in den Fehdezeiten waren, bleibt ungewiß. Die Phantasie neuerer Architekten hat aus allen diesen, im Ganzen nichts weniger als Pracht voraussetzenden Überresten ein gar herrliches Aurelia aufgebaut, dessen sich selbst seine Mutter Rom nicht hätte schämen dürfen. Aber es ist keinesweges wahrscheinlich, daß der reiche Römer sich an der beunruhigten Gränze, unter dem rauhen deutschen Himmel häuslich niedergelassen hätte, und Caracallas Aufenthalt währte nur kurze Zeit. Aurelia Aquensis war somit wohl nichts anderes als ein kleiner Badeort römischer Tribunen und Centurionen, den später die Alemannen verwüstet und der verheerende Zug Attilas vollends bis auf die wenigen Reste, an welchen unsere Konjekturen sich jetzt abmühen, vom Boden vertilgt hat. Vierte Reise Der Bodensee und daß Hegäu Lindau mit dem Obersee und Gebirge – Der Untersee mit Konstanz, vom Arenenberg – Hohentwiel und seine Schwesterburgen   Lindau mit dem Obersee und Gebirge Nach einer langen Wanderung über die Höhen und durch die Tiefen des Schwarzwaldes verpflanzen wir den Freund der Naturschönheiten Schwabens im Fluge von der nördlichen Gränze des Landes an seine südliche, aus dem Gebirgstale Badens an den offenen, lachenden Bodensee. Obgleich unser Werk nur den Blick auf zwei seiner schönsten Buchten eröffnet, so wird der Beschauer doch schon aus diesen Bildern, wenn er bedenkt, daß der wogende Wasserspiegel, den er hier zwischen der üppigsten Vegetation lachender Ufer durchschimmern sieht, von der Kette der Alpen in der Ferne begränzt, sich in gleicher Weise sechszehn Stunden weit fortsetzt, begreifen, warum wir Einheimischen so stolz auf dieses unser »Schwäbische Meer« sind. Der Verfasser dieser Schilderungen hat nur einmal in seinem bisherigen Leben das Meer gesehen: Es war im Kanal, an einem wolken- und windlosen Maitage, als er in einem Zweiruderkahne von Dieppes Gestade sich auf die hohe See führen ließ. Die Wasserfläche, die er der Breite nach überschaute, war nicht ausgedehnter als die Wasserlänge, die man von Lindau aus überschaut, die Wellen gingen nicht höher als auf dem Bodensee, die Stadt Dieppe war von blühenden Äpfelbäumen im Kreise umgeben wie unsere Städte des Sees, und je weiter sie sich von dem Auge des sanft auf der ebenen Meerfläche dahin Schwebenden entfernte, je ähnlicher wurde Stadt und Ufer den wohlbekannten, geliebten Umgebungen des vaterländischen Gewässers. Von süßem Heimweh bezwungen, glaubte er am hügeligen Horizont im Süden die Schneegipfel der Schweizerberge mit seiner Sehnsucht heraufzaubern zu können. Ja, er hatte Mühe, auf dem Meere selbst das Meer zu erkennen. Zu seinem Verdrusse mußte er sich sagen, daß er auf dem heimischen See schon ein lebendigeres Bild des bewegten Ozeans geschaut als hier an seinem Einflusse zwischen Frankreich und England. Zweimal schon war er im Sturm und einmal selbst mit Gefahr über den vom Unwetter empörten Bodensee gefahren; dort schlugen die grünen Wellen in das Schiff herein oder mannshoch an demselben empor, und sein kleiner Nachen flog mit ängstlich gesenktem Segel wie ein Sturmvogel über die Wellen; hier tanzte sein nicht größeres Fahrzeug ohne Segel im Takte friedlichen Ruderschlages über die Fläche des Meeres, die gar keines Zornes fähig zu sein schien. Unbefriedigt und von der kleinen Meerfahrt nichts zurückbringend als eine Anwandlung von Seekrankheit, betrat er das Ufer wieder, stand eine Weile an dem sonnigen Gestade mit gekreuzten Armen und ließ über die spiegelblaue Fläche im Geist einen schwarzen Bodenseesturm dahinbrausen, um doch das Meer zum Meere zu machen. Wir verlassen diese Vergleichung, um uns ganz mit dem Bodensee und der reizenden Bucht zu beschäftigen, welche uns der Künstler vor Augen gestellt hat. Um seine jetzige Schönheit besser zu empfinden, versetze uns die Schilderung eines alten Römers, in der sich freilich viel Täuschung und Unkunde unter die Wahrheit mischt, in die Mitte des vierten Jahrhunderts nach Christus und sage uns, wie damals dieser jetzt so helle See, dieses jetzt so blühende Ufer gestaltet war. »Zwischen den Klüften der höchsten Berge«, schreibt Ammianus Marcellinus, ein römischer Grieche aus Antiochien, den die Feldzüge gegen die Alemannen unter dem Feldherrn Barbatio in diese Gegenden führten, »entspringt der Rhein mit gewaltigem Stoß, bahnt sich über abschüssige Klippen ein Bett, ohne Zuwachs fremder Wasser, und strömt hin mit stürzendem Falle, wie der Nil durch seine Katarakten. Und er könnte vom Ursprung an beschifft werden, da er Überfluß an eigenem Wasser hat, wenn er nicht einem Rennenden ähnlicher dahinliefe als einem Fließenden. Und schon ins Freie hinausgetreten und die tiefen Spaltungen seiner Ufer bespülend, tritt er in einen runden (!) und Ungeheuern See ein – Brigantia (Bregenzer See) nennt ihn der anwohnende Rätier –, der 460 Stadien (11 1/2 Meilen) lang ist und fast in gleiche Breite (!) sich ergießt, unzugänglich durch das Grauen trauernder Wälder, außer wo jene alte, nüchterne Römertugend einen breiten Weg angelegt hat; denn die Natur der Örter und des Himmels Unfreundlichkeit streitet wider die Barbaren. Durch diesen Sumpf bricht der Strom brausend, mit schäumenden Wirbeln, wandelt rasch durch die träge Ruhe seiner Gewässer und durchschneidet sie wie mit einer scharf begränzten Fläche; und wie ein durch ewige Zwietracht getrenntes Element löst er sich wieder ab vom See, mit nicht vermehrtem, nicht vermindertem Strome, mit ganzem Namen und ganzen Kräften, und auch ferner keine Ansteckung erleidend, taucht er sich in des Ozeans innerste Tiefen. Und was gar wunderbar ist, das ruhende Gewässer des Sees wird von dem raschen Durchgange nicht bewegt und der eilende Fluß von dem unter ihm schwimmenden Schlamme nicht aufgehalten; beider Stoff vereinigt und vermischt sich nicht; und lehrte nicht der Anblick, daß es wirklich so geschehe, so würde man glauben, keine Gewalt sollte die beiden voneinander ferne halten können.« Seitdem ist der See aus einem Sumpf ein helles, trinkbares Wasser geworden, und die gleichartig gewordenen Elemente haben sich längst friedlich vermählt. Auch früher schon erschien der See freundlicheren Augen nicht so fürchterlich, und Julius Solinus, der hundert Jahre vor Ammian geschrieben hat, nennt »das rätische Gefilde reich an Feldfrüchten, fett, ergiebig, geadelt durch den Brigantinischen See«. Der Schilderung des Sees und seiner Ufer sowie den großen Begebenheiten, deren Zeuge der Bodensee viele Jahrhunderte hindurch war, hat der Verfasser dieser Zeilen ein eigenes Buch gewidmet, auf welches er den Leser, der Umfassenderes zu erfahren wünscht, zu verweisen sich erlaubt. Hier mag aus jener Beschreibung nur das Gegenbild zu dem Gemälde stehen, das der Römer von dem ungeklärten See und seinen ungelichteten Uferwäldern entworfen hat, ein Bild, das die Dichtung am Schöpfungstage dem weissagenden Boten Gottes in den Mund legt: Aus dem Gedichte »Die Schöpfung des Bodensees«, »Handbuch«, S. 487ff. »Dann werden sich die Haine lichten,       Wie sich der Menschen Herz erhellt, Dann prangt ein Kranz von goldnen Früchten       Um dich, du segensreiches Feld; Die Rebe strecket ihre Ranken       In deinen hellen See hinein, Und schwerbeladne Schiffe schwanken       In reicher Städte Häfen ein. Und die des Höchsten Krone tragen,       Statthalter seiner Königsmacht – An diesen Ufern aufgeschlagen,       Sonnt oft sich ihres Hofes Pracht. Und Völker kommen aus dem Norden       Und aus dem Süden, See, zu dir! Du bist das Herz der Welt geworden,       O Land, und aller Länder Zier! Drum sind dir Sänger auch gegeben,       Zween Chöre, die mit deinem Lob Die warme Frühlingsluft durchbeben,       Wie keiner je sein Land erhob. Das eine sind die Nachtigallen,       Auf Wipfeln jubelt ihr Gesang; Das andre sind in hohen Hallen       Die Ritter mit dem Harfenklang. Wohl ahnst du deinen Ruhm, du wallest       Mit hochgehobner Brust, o See! Doch daß du dir nicht selbst gefallest,       Vernimm auch deine Schmach, dein Weh! Es spiegeln sich die Scheiterhaufen       Der Märtyrer in deiner Flut, Und deine grünen Ufer traufen       Von lang vergoßnem Bürgerblut. Sei nur getrost, du blühest wieder,       Du wischest ab die Spur der Schmach, Und große Sagen, süße Lieder,       Sie tönen am Gestade nach. Zwar dich verläßt die Weltgeschichte,       Sie hält nicht mehr am Ufersand Mit Schwert und Waage Weltgerichte,       Doch stilles Gnügen wohnt am Rand. Der Hauch des Herrn treibt deine Boote,       Dein Netz soll voll von Fischen sein, Dein Volk nährt sich vom eignen Brote        Und trinkt den selbstgepflanzten Wein. Und unter deinen Apfelbäumen       Wird ein vergnügt Geschlecht im Glück Von seinem alten Ruhme träumen:       Wohlan, vollende dein Geschick!« Die seit dem Jahre 1805 mit der bayrischen Monarchie vereinigte Stadt Lindau mit ihrem Zubehör ist auf drei Inseln des Obersees, zwei Stunden von dessen östlichstem Ende, höchst eigentümlich und reizend gelegen; das letztere inzwischen nur für den Anblick, denn der Bewohner, wenn er nicht auf die Brücke oder an den Hafen geht, wird von der herrlichen Umgegend gar nichts gewahr und findet sich von Häusern ohne alle Aussicht eingeschlossen, wovon nur die Rückseiten ganz weniger Wohnungen, darunter das alte Gasthaus zur Krone, eine Ausnahme machen. Die vorderste Insel, auf welcher die eigentliche Stadt gebaut ist, enthält drei Fünftel vom Flächenraume aller drei Inseln; sie ist durch eine sehr schöne hölzerne Brücke, welche nach Zerstörung der alten durch die Wasserfluten des J. 1817 durch den Kronenwirt Zaggelmayer um einen sehr billigen Preis hergestellt worden ist, mit dem festen Lande verbunden. Sie maß früher 300 Schritte, wovon aber jetzt fünfzig Fuß ausgefüllt sind; ihre Breite ist sehr ansehnlich, ein schönes Geländer schmückt sie, und durch Seitenpfade ist für die Fußgänger gesorgt. Auf der zweiten Insel wohnen, von der Stadt durch einen Graben abgesondert und durch Zugbrücken wieder verbunden, Schiffer, Fischer und Weingärtner; auch stehen hier Salzmagazine und Weinkeltern. Der übrige Teil dieser vorzugsweise so genannten »Insel« besteht aus Weingärten und Obstpflanzungen. Die dritte Insel, die »Burg« genannt und mit der Stadt durch eine steinerne Brücke verbunden, ist von ganz kleinem Umfange und enthält fast kein Gebäude außer der kleinen, alten Jakobskirche, die seit der Reformation verlassen steht, zeigt indessen Überbleibsel uralter, großer Befestigungen, die, noch immer unbeschädigt, der Stadt zur Schutzwehr gegen den See dienen und, nebst dem Namen »Burg«, den Aufenthalt der Römer auf dieser Insel sehr wahrscheinlich machen. Vielleicht war es der Kaiser Constantius Chlorus, der Gründer von Konstanz am entgegengesetzten Ende des Obersees, der zu Anfang des 4ten Jahrhunderts auch hier einen Waffenplatz gegen die Alemannen angelegt hat. »Die Lage dieser dreifachen Insel« – wir reden hier mit Ebels Worten »Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz«, Leipz. 1798, 1er Teil, S. 2ff. – »ist außerordentlich schön. Gerade ihr gegenüber öffnet sich das breite, große Tal, durch welches der Rhein aus den rätischen Alpen dem Bodensee zueilt. Die Felsenkette der Schweiz zieht sich auf der rechten Seite dieses Tals bis an den See herab, dehnt sich dicht an demselben in fruchtbaren Vorbergen aus und bildet dessen südliche Ufer, die erhaben, groß und fruchtbar sind. Die linke Seite des Tals wird von den nackten, rauhen Felsen Vorarlbergs begränzt, die sich nach Osten fortsetzen und den See in steilen, hohen Ufern ummauern. Der ganze Teil des Sees, der von Lindau östlich sich ausdehnt, bildet ein großes, schönes, ovales, zwei Stunden breites und fast ebenso langes Becken, an dessen äußerem Ende, hoch über demselben, das Städtchen Bregenz schwebt. Nach Westen und Norden breitet sich der See in eine Wasserfläche aus, die wegen ihrer großen Ausdehnung in Erstaunen setzt. Von Lindau nach Konstanz beträgt seine Länge beinahe eilf und bis an das Ende seines großen Busens, bei Bodenau und Sernadingen, sechzehn Stunden. Da die westlichen und nördlichen Ufer, unerachtet ihrer Krümmungen, im ganzen doch eine gerade Richtung halten, so genießt das Auge den außerordentlichen Anblick eines Wasserspiegels, dessen Fläche ungefähr vierzig Quadratstunden ausmachen kann. Wenn die Luft nicht sehr hell ist, so spielen in der weiten Ferne die Wellen in dem Horizont, und alsdann besonders begreift man, warum dieser See einst das Schwäbische Meer genannt worden ist.« Herrliche Fernsichten gewähren die Hügel am nordöstlichen Gestade des Sees. Je nachdem die Luft dunstig oder ganz hell oder von Wetterwolken durchbrochen ist, erscheinen hier die gegenüberliegenden Hochgebirge dem Auge immer wieder in andern Verhältnissen und andern Gestalten: bald nur in Umrissen, wie ein Traum, bald wie eine blaue, lückenlose Mauer mit scharfen Zinnen; bald ziehen sich, bei starkem Licht und Schatten, früher nie entdeckte Täler in die Gebirge hinein, bald lassen Strichregen und vereinzelte Nebelmassen aus der verschleierten Kette nur isolierte Felsenwände, oft von Eis und Schnee starrend, erblicken, und einsame Felsenhörner strecken ihre Spitzen hoch über die Wolken empor. Ein Sonnenblick kann dann oft Wetter und Wolken zerstreuen und die ganze Landschaft in glänzender Schönheit mit Gebirg und Tal plötzlich aus dem Gewitterdunkel hervortreten lassen. Von Ortschaften erblickt man hier durch ein Fernrohr sehr deutlich die Türme der Abtei von Sankt Gallen; die Städtchen Rheinegg, mit dem Rheinausflusse, Rorschach und Arbon glänzen unter den übrigen Orten, die das Schweizerufer beleben, jenseits dem breiten Spiegel des Sees. Dieser selbst ist von Kähnen und Segelschiffen belebt, wiewohl die Dampfboote, deren drei den Bodensee nach allen Richtungen durchschneiden, solches Leben nicht eben befördern; vielmehr verdrängen sie die kleineren Schiffe, gerade wie die Raubfische die friedlicheren, kleineren und schöneren Bewohner des Sees verschlingen. Zu den schönsten Punkten dieser Art gehören das Landhaus des Kaufmanns Falk und der Ort, wo noch jüngst die Washingtons-Bank stand, kein Denkmal, dem Befreier Amerikas gesetzt, wohl aber ein Plätzchen, das der menschenfreundliche bayerische General Freiherr von Washington auf der Höhe des Weinbergs seiner Villa, die jetzt mit dem Abzug ihres Besitzers in andern Händen ist, jedem Freunde schöner Fernsicht offen gehalten hatte. Auf einem ähnlichen Punkt, etwas näher gegen die Stadt Lindau, bei einem neuen Weinberghäuschen mit einer Bank, hat sich unser Künstler seinen Standpunkt ausersehen, weil er hier die Landschaft besser zusammengerückt und geschlossener fand. Unter den Merkwürdigkeiten der Stadt Lindau stehe die sogenannte Heidenmauer obenan, kolossales Bruchstück einer riesenhaften Befestigung oder eines Turmes, dem von der Hauptbrücke durch das Tor Eintretenden rechts gelegen, jetzt zwischen angränzende Häuser eingezwängt. Sie ist aus ungeheuern unbehauenen Kieselfelsen gebaut, mag 12 Schritte in die Länge halten und wurde, als man sie ums Jahr 1760 an den höchsten, verfallenden Stellen renovierte, 8 1/2 Schuh dick befunden. Eine auf irrige Voraussetzungen gegründete, wiewohl ziemlich allgemeine Meinung schreibt ihre Erbauung dem Kaiser Tiberius zu. Hiergegen streitet neben anderem schon ihre Bauart, die auch kaum gestattet, sie für eine Befestigung der römischen Feldherren des vierten Jahrhunderts gegen die Alemannen zu halten. Höchst wahrscheinlich war es eine Mauer gegen die Heiden, eine Brustwehr gegen die hunnischen Überfälle im zehnten Jahrhunderte; denn die Sitte, mit unbehauenen Steinen aller Art zu bauen, war gerade den früheren Zeiten des Mittelalters eigen. Auch so noch ist sie ohne allen Zweifel, nächst den Substruktionen der »Burg«, das älteste Denkmal der Stadt, deren Name (Lintauuia) zuerst in der zweiten Hälfte des 8ten Jahrhunderts urkundlich vorkommt, als ein von den Händen leibeigener Knechte angelegter Hof. Im 9ten Jahrhundert soll sodann ein Graf oder Herzog von Rätien, Adalbert, das ebenfalls uralte Fräuleinstift von Lindau gegründet haben. Im zehnten Jahrhundert verscheuchte ein großer Brand einen Teil der Einwohner Lindaus. Unter Kaiser Konrad II. kehrten sie indessen zurück, und nun hatte die Stadt unter dem Reich ihr eigenes Regiment, stieg aus verschiedenen Feuersbrünsten immer neu empor und wurde schon von dem Kaiser Rudolf von Habsburg eine uralte Reichsstadt genannt. Von ihren Kirchen soll die Peterskirche auf der Insel schon den Brand von 948 erlebt und überlebt haben und die eingegangene Dreifaltigkeitskirche im J. 1241 gegründet sein. Noch älter war die Kirche des Fräuleinstiftes, ihre alte Gestalt ist jedoch samt dem Stiftsbau und vielen Häusern im Brande von 1728 verschwunden. Das Stift selbst dauerte bis zur Säkularisation, und seine gefürstete Äbtissin übte im J. 1780 zum letzten Male das von den römischen Vestalinnen vererbte Recht, einen Verbrecher, den der Scharfrichter schon am Strick hatte, mit dem Messer, das ihr in silberner Schale nachgetragen wurde, abzuschneiden und so von der Todesstrafe zu erlösen. Im J. 1496 hielt Kaiser Maximilian I. hier einen merkwürdigen Reichstag und leitete von hier aus den nicht sehr glücklich geführten Schweizerkrieg. Vierunddreißig Jahre nachher (1530) errangen die Lindauer Glaubensfreiheit, erklärten sich nach langem Schwanken zwischen Calvin und Luther für den letztern, und seitdem ist die Bevölkerung protestantisch. Damals bereicherte sie ein ausgebreiteter Handel mit Österreich, ganz Deutschland, Frankreich und Italien, der jetzt freilich zu einem nicht sehr bedeutenden Speditionshandel zusammengeschrumpft ist. »Es ist hier«, meldet ein Zeitgenosse der Reformation, »eine solche Niederlag und Zukehr von allerlei Gewerbshändeln aus allen Landen, daß gemeinlich alle Samstage (Sonnabende) auf dem Wochenmarkte mehr denn aus achtundzwanzig Städten und Städtlein von neun und mehr Meilen Weges her ohn Unterlaß Leut herbeifahren, dazu ob vierzehenhundert Karren und Wägen zu dem Tor aus und ein gehen.« Damals hieß Lindau, wohl zugleich in Rücksicht auf seine Lage, »das deutsche Venedig«. Auch stand wirklich die Stadt immer in einiger Verbindung mit dem »Deutschen Hause« jener italienischen Wasserstadt. Der Dreißigjährige Krieg machte Lindau zu einer Festung, deren bedeutende Außenwerke (Karls- und Sternwall) noch dauern. Sie wurde abwechselnd von den verschiedenen streitenden Parteien besetzt; die Stadt litt fürchterlich, und die Pest fraß über 2000 Menschen auf einmal. Noch im vorletzten Jahre dieses Krieges belagerte der Schwede Wrangel die zu Lindau eingeschlossenen Kaiserlichen zu Lande und mit Kriegsschiffen, die zu Bregenz ausgerüstet worden, zu Wasser. Inzwischen siegten die Lindauer in einem kleinen Seetreffen; erst nach mißlungenem Versuche wurde eine Vorschanze erstürmt, und viele Wochen lang hielt die Stadt und ihr kaiserlicher Kommandant, Graf von Wolfegg-Waldsee, das Bombardement aus. Wie durch ein Wunder entstand keine Brunst und verlor kein Bürger das Leben; nur ein fremdes altes Weib ward von einer Granate zerschmettert. Wrangel zog endlich unverrichteter Dinge ab, und erst der Westfälische Frieden öffnete am 30. Sept. 1648 die Tore Lindaus den Schweden und ihrem Oberbefehlshaber Robert Douglas. Das Wirtshaus zur Krone ist ein ehrwürdiger Zeuge dieser Belagerung und bewahrt noch eine Kugel derselben auf. Auch im Innern hat dieser gute Gasthof seine alte Gestalt behalten und spricht in weiten, nicht zu hohen Räumlichkeiten eine reichsstädtische Stattlichkeit aus. Im Hauptsaal ist jeder Fensterpfeiler der dicken Mauer noch mit einer Säule versehen. Auf der Hinterseite können die Gäste hier einen Teil des Hafens und Sees und, besonders bei günstiger Morgenbeleuchtung, das ganze Gebirge in seiner Herrlichkeit übersehen. Andere schöne und altertümliche Gebäude sind das alte Warenhaus, die Brotlaube, der Diebsturm und die schöne gotische St. Stephanskirche, deren Turm der Blitz im J. 1668 hinweggebrannt hat. Im übrigen hat Lindau in der Bauart viel Schweizerisches; die Häuser sind weniger hochgiebelig als bei uns, dagegen breiter; die obern Stockwerke und das Dach bilden einen starken Vorsprung. Der Hafen ist immer noch, trotz des geschmälerten Handels, ziemlich belebt, die nächsten Ufer erheitern schöne Landhäuser, und wenn die Stadt durch ihre abgeschnittene Lage etwas Kerkerartiges hat, so müssen ihre Bewohner auch den Zauber der sie umblühenden Natur, zu welcher die Brücke sie hinüberträgt, wann sie wollen, mit verstärkter Lust empfinden. Der Untersee mit Konstanz Gern hätten wir die Freunde Schwabens von Lindau aus die vielen reizenden Punkte besuchen lassen, welche rechts und links an den Ufern des Obersees den Blicken des Reisenden zuwinken, jeder eigentümliche Naturschönheiten entfaltend und jeder seine eigene, mannichfaltige Geschichte erzählend: am deutschen Ufer das uralte Wasserburg, Langenargen mit dem ausgebrannten Schlosse des stolzen Grafen von Montfort, die alte Reichsstadt Buchhorn (Friedrichshafen) mit einer Schatzkammer von spießbürgerlichen Späßen; das Schloß von Friedrichshafen, die anspruchslos schöne Sommerwohnung des Königs von Württemberg, das getürmte Meersburg mit seinen Felsenschrunden, Überlingen mit den stattlichen Türmen, dem schönen Bade, den rätselhaften Heidenlöchern; dann in dem tief landeinwärts eindringenden Seebusen, der nach dieser Stadt den Namen führt, Hohenfels, die Burg des Minnesängers, das vom Handel belebte Sernadingen (Leopoldshafen) und gegenüber das Sagenreiche Schloß Bodmann. Wiederum von Lindau aus links gewendet, wo das Schwabenufer nach der Schweiz einbiegt, die schöne bergan steigende Stadt Bregenz mit ihren malerischen italienischen Dächern, der äußerste Vorposten des von hier aus bis an Hadrias jenseitiges Ufer ununterbrochen sich streckenden Österreichs; der Gebhardsberg auf seinem schroffen Felsen mit der Übersicht des Sees und dem tiefen Blick ins Rheintal und den Komplex der Graubündner Gebirge; dann der Rheinausfluß mit Rheineck und weiter auf der Schweizerseite das freundliche Rorschach, Romanshorn, Arbon, das Arbor felix der Römer, ihre erste Fruchtbaumpflanzung in der Gegend, mit seinen mittelalterlichen Riesenmauern, in deren Ring der unglückliche Konradin die letzte Rast in Deutschland hielt; endlich eine Menge von Burgen auf den benachbarten Schweizerhügeln, deren jede von einem andern Rittergeschlecht oder einem andern Sänger meldet. Das alles müssen wir beiseite lassen und mit unsern Freunden auf einem der bequemen, wenn auch nicht glänzenden Dampfboote uns auf den Fittigen des Rauches den See entlang, an Konstanz vorbei, durch den Rhein an den Untersee tragen lassen – eine Fahrt von zwölf Stunden, die in vieren zurückgelegt wird, während die herrlichsten Gegenden wie Träume an uns vorüberfliegen. Der frohe Stoß, der unsern Nachen treibet,       Er geht durch Berg und Tal, Sie fliegen hin, die Ruhe thront und bleibet       Nur in des Äthers Saal. Und heller glänzet im Vorüberschweben       Der Turm von Dorf und Stadt, Die Firnen glühn, die niedern Hügel beben,       Umwallt von Blüt' und Blatt. Aus dem »Gesellschaftslied auf dem Schiffe«-, »Handbuch«, S. 519. Den Untersee selbst, an dessen Ufer wir uns vor diesem Bilde befinden, betrachten wir in seiner ganzen Ausdehnung erst von Hohentwiel herab, und zwar in Vogelperspektive; hier kehren wir uns, über seine Wellen hinweg, der Stadt Konstanz und im Hintergrunde noch einmal dem Obersee und den Schweizergebirgen zu. Der Standpunkt, den der Künstler sehr glücklich und ergiebig gewählt hat, ist die Anlage, die vom Arenenberg ausgeht, dem bekannten Napoleonidenschlosse auf thurgauischem Boden, das seit langer Zeit der Ruhesitz der Prinzessin Hortensia ist. Das stattliche Dorf, das hier im Vordergrunde erscheint, ist der schweizerische Marktflecken Ermatingen, der schon in einer Urkunde des achten Jahrhunderts, wenn dieselbe anders echt ist, mit seinem ursprünglichen und vollständigen Namen »Erfmüottingen« als Tafelgut der fränkischen Könige und mit Land und Leuten von Karl Martell dem neuen Kloster Reichenau vergabt erscheint. Eine halbe Stunde weiter oben, links von dem Turme des Dorfes, kommt, gleichfalls am Schweizerufer des Untersees oder eigentlich des hier ausfließenden Rheinstroms gelegen, das altersgraue, starkbefestigte Schloß Gottlieben zum Vorschein, das Bischof Eberhard von Waldburg im J. 1250, als das deutsche Reich nach Friedrichs II. Tod ohne Haupt war, auf seine Faust erbauen lassen. Er verlegte hierher, aus Mißmut über die Stadt Konstanz, seine Residenz und baute da eine bald wieder zerfallende Brücke über den Rhein, um die Stadt an Zoll und Gewerbe zu schädigen. Doch alle Schicksale dieser Burg vergißt man über zweien ihrer Bewohner. Denn während des Kostnitzer Konzils saßen hier nacheinander der Märtyrer Hus und der, dessen Opfer er geworden war, der unwürdige, entsetzte Papst Johann XXIII., gefangen, der erstere, dem Kaiser Sigmund in einem ganz zärtlich lautenden Geleitsbriefe des Reiches Schutz versprochen hatte, wie ein gemeiner Verbrecher in eiserne Fußbänder gelegt und die Nacht über an einem eisernen Armband an die Wand geschmiedet. Hinter diesem Schmerzenslager Hussens steigt die Stadt Konstanz empor, mit den Türmen der Kirche, in welcher er verdammt, und mit der Brandstätte vor dem Tore, das herwärts nach Gottlieben führt, auf welcher er dem Flammentod überliefert wurde. Bei diesen Erinnerungen zwingt uns die Geschichte zuerst zu verweilen, sooft wir Konstanz erblicken. Alles andere verbleicht vor dem Widerscheine dieses gräßlichen Feuers. Dort, in den Hallen jenes Domes, ward am 6. Juli 1415 das feierliche Verdammungsurteil über den Ketzer Hus ausgesprochen, dort riß dem Gerechten, als er auf den Knien für seine Freunde gebetet hatte, von sieben ihn umringenden Bischöfen einer den Kelch aus der Hand und redete ihn als den verfluchten Verräter Judas an, und die sechs andern zogen ihm die Priesterkleider aus, setzten ihm die mit Teufeln bemalte spitzige Papiermütze auf und begrüßten ihn als Erzketzer. Und Kaiser Sigmund erhub sich, rief den Beschirmer des Konzils, den Kurfürsten und Pfalzgrafen am Rhein, und sprach: »Weil wir das Schwert nicht umsonst tragen, sondern zur Strafe über die, so Böses tun, so nehmet diesen Mann, Johann Hus, und strafet ihn, wie einem Ketzer gebührt.« Wenden wir uns zur Richtstätte vor dem Tore. Dort steht der Holzstoß schon aufgerichtet. Betend und singend kommt Hus heran und sieht mit Lächeln, wie man seine Bücher verbrennt. Die Henker fassen ihn und schmieden ihn mit der rostigen Kette an den Pfahl; Stroh und Holzbündel werden ihm um den Leib gelegt. »Heilige Einfalt!« ruft der Märtyrer, als er ein altes Weib geschäftig Späne hinzutragen sieht. Schon lodert das Feuer hell auf, mit heller Stimme fleht Hus um Erbarmen – zu Jesus Christus. Dreimal sieht man ihn die Lippen hinter den Flammen zum Gebet bewegen; dann erstickt der Rauch seine Stimme und sein Leben. Die Wut der Henker spaltet sein Haupt und brät sein zerstückeltes Herz. Seine Asche wird zusammengekehrt und in den Rheinstrom geworfen. Ihm folgte am 30. Mai 1416 sein Schüler Hieronymus von Prag auf dem Scheiterhaufen. Er ward mit nassen Stricken und einer eisernen Kette um den nackten Leib gebunden. Als der Henker das Feuer vom Rücken anzünden wollte, sprach er mutig: »Tritt hervor und zünde das Feuer vor meinen Augen an!« Dann fing er den Lobgesang an zu singen, bis die Flamme über ihm zusammenschlug. »Nicht Mucius Scaevola hat standhafter seine Hand ins Feuer gehalten, nicht Sokrates den Giftbecher so gelassen ausgetrunken«, fügt ein edler Augenzeuge, der Florentiner Poggio, seiner brieflichen Schilderung bei. Wer wird nach solchen Szenen noch von der Pracht und Augenlust dieses Konzils hören wollen, wie viel hundert Kardinäle und Kirchenprälaten, wie viel tausend Fürsten, Grafen und Edelleute hier versammelt waren, wie viel wandernde Pastetenöfen in der Stadt zirkulierten, wie viel fahrende Dirnen für die Lüste dieser Ketzerrichter sorgten? Selbst Papst Johanns Flucht und Herzog Friedrichs Acht und die Papstwahl vermögen unser Interesse nicht mehr zu erregen: Wir kehren uns mit Abscheu von dieser ganzen Zeit ab, unbefleckteren Jahrhunderten zu. Constantia ist eine römische Schöpfung. Als Kaiser Constantius Chlorus, ums J. 304 bei Langers von den Alemannen eingeschlossen, sich durchgeschlagen und dem Rheine genähert hatte, besiegte er denselben Feind bei Vindonissa und ersah sich an diesem Strome auf helvetischer Seite, der schmalen Erdzunge gegenüber, die zwischen dem Untersee und Obersee hinläuft, davon der Rhein aus dem letzteren tritt, einen Punkt, um auf dieser von Natur schon festen Stelle ein Kastell zu bauen. Kein Schriftsteller, keine Inschrift, keine Münze nennt diese Gründung; sie dauert allein in ihrem Namen fort. Als aber der Schwede Horn im J. 1632 Minen gegen das belagerte Konstanz zu graben anfing, da stieß er vor dem Kreuzlinger Tore auf die alten römischen Rippen der Stadt. Ungeheure Substruktionen und die kolossalen Bogen einer steinernen Brücke, Zeugen von weit breiterem Wasserstande des Rheins in jener alten Zeit, traten ans Licht; alles wies auf eine gewaltige, für lange Dauer berechnete Befestigung hin. In diesem römischen, später alemannischen Constantia gewann unter fränkischer Oberherrschaft zuerst der christliche Kultus in der Mitte des 6ten Jahrhunderts eine feste Stätte am Bodensee, als der austrasische König Chlothar I. das Bistum dorthin verlegte, das bis dahin zu Vindonissa (Windisch) bestanden hatte. Kaiser Karl der Große zeigte auf dem Wege nach Rom zur Kaiserkrönung sein gefeiertes Antlitz dem See zu Konstanz, das jetzt schon eine Stadt heißt und in der Marienkirche eine Kathedrale besitzt, zu der sich im neunten Jahrhunderte die St. Stephanskirche gesellt. Im Beginne des 12ten Jahrhunderts wird zu Konstanz ein Reichstag gehalten; um dieselbe Zeit widersteht es mutig einem großen Heere von Bayern und Sachsen, die der Reichsverweser Heinrich der Stolze, ein Welfe, herangeführt. In seines Reiches freier Stadt Konstanz thronte mit seinen Fürsten Friedrich der Rotbart vom 11ten bis zum 23. März 1153 und hörte die Klagen mailändischer Männer über die Tyrannen ihres Vaterlandes gnädig und zur Hülfe bereit an. Zu Konstanz empfing er im J. 1183 die goldenen Schlüssel der italischen Städte. Dreißig Jahre nachher erschien Friedrich II. vor Konstanz, das entscheiden sollte, wer die erste Krone der Welt zu tragen hätte. Es öffnete seine Tore dem Hohenstaufen, und der Gegenkönig Otto, von Überlingen herbeieilend, fand sie verschlossen. Die Reformation verunglückte in Konstanz, so reißend sie begonnen, so wild Hussens Manen mit Klostersturm und Kirchenraub, ja mit Versenkung eines Heiligenleichnams in den See (1529) geopfert worden war. Die Stadt wurde (1548) von den kaiserlichen Spaniern nach verzweifelter Gegenwehr überwältigt und verlor ihre Reichsfreiheit (1549). Im Dreißigjährigen Krieg erschienen Gustav Horn und, von Hohentwiel aus, der Württemberger Wiederhold vor Konstanz, beide vergebens. In der spätem Zeit zog sich wie vom ganzen Bodensee, so auch von dieser Stadt die Weltgeschichte zurück, ihre Einwohnerzahl, die zur Zeit des Konzils mit den Fremden 80000 betragen, schmolz auf etwa fünftausend zusammen, und nur die Gebäude der verödeten Stadt mahnen noch an die alte Herrlichkeit. Kaiser Joseph II. suchte ihr durch noch heutzutage blühende Fabriken von Manufakturisten, Uhrmachern und Juwelierern aufzuhelfen (1777); unter badischer Landesherrlichkeit wurde sie der Sitz des Seekreis-Direktoriums, und der deutsche Zollvertrag verspricht ihr endlich ein erneuertes Aufblühen. Die Hauptmerkwürdigkeit der Stadt ist die Domstiftskirche, wie die meisten alten griechischen Tempel in Kreuzform gebaut, mit einer uralten, nun in einen Weinkeller verwandelten Krypta unter dem Chore. Das hohe Kirchengewölbe wird von 16 Säulen getragen, deren 18 Fuß hohe Schäfte aus einem Steine sind. Die zwei gegen Abend stehenden hohen, viereckigen Türme, oben verbunden und mit eisernem Geländer eingefaßt, beherrschen die Stadt, die beiden Seen und das Gebirge und gewähren eine der herrlichsten Rundsichten. Sie sind seit dem Brande 1511, wo zehn Glocken zerschmolzen, neu aufgeführt. Der Haupteingang der Kirche zeigt auf seinen Torflügeln aus Eichenholz die Lebensgeschichte Christi in bewundernswürdiger Arbeit. Hinter der Domsakristei ist unter einem sehenswürdigen Saal eine Kapelle mit Wandgemälden aus der Zeit und Schule von Martin Schön, in der untern Sakristei ein schätzbares Altargemälde aus Albrecht Dürers Zeit. In der Nebenhalle und im Innern des Domes sieht man Grabmäler berühmter Männer; das hölzerne Bild, das die Kanzel trug, wurde fälschlich für Hus gehalten und so lange beschimpft, bis man es in der neuesten Zeit entfernen zu müssen glaubte. Sehenswert sind ferner die Sankt Stephanskirche mit guten Bildhauerarbeiten Hans Morings vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts, das städtische Rathaus, das Kaufhaus, in welchem auf dem Konzil Papst Martin V. im J. 1417 gewählt worden, wie eine gleichzeitige Inschrift bezeugt, das Haus in der St.-Pauls-Straße, wo Hus ergriffen ward, der Friedhof, in welchem 1183 der Frieden Barbarossas mit den italischen Städten geschlossen worden, die uralten Gebäude »Malhaus« und »hohes Haus«, das alte Dominikanerkloster (jetzt die Macairesche Fabrik) mit einer herrlichen alten Kirche und dem Grabmale des auf dem Konzil verstorbenen berühmten Philologen Emanuel Chrysoloras von Konstantinopel und dem abscheulichen Gefängnis des Märtyrers Hus, die alte Pfalz mit der herrlichen Aussicht auf den See, die hölzerne Rheinbrücke mit steinernen Pfeilern, seit ihrer Erbauung im zwölften Jahrhundert viermal zerstört oder abgebrochen, im J. 1802 in den jetzigen Stand gesetzt, das alte Benediktinerkloster Petershausen auf dem rechten Rheinufer, mit leider verschwindenden Baudenkmalen. Konstanz ist der Wohnort des berühmten, edeln Prälaten Freiherrn von Wessenberg und der sehr ausgezeichneten Malerin Fräulein Marie Ellenrieder. Jener öffnet dem Fremden seine schöne Gemäldegalerie, diese ihr Atelier mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit. Noch sind Vorstadt und Chorherrnstift Kreuzlingen, in herrlicher Lage, und eine andere Vorstadt von Konstanz, das »Paradies«, zu erwähnen, ein kleines, von etwa 60 Familien bewohntes Dörfchen von Gärtnern, Hirten und Fischern, deren Sprache, Kleidung und Sitten von den städtischen ganz verschieden sind, die sich aber von einem überaus fruchtbaren Boden redlich und hinreichend nähren. Des Wanderers Paradies aber ist die ganze herrliche Gegend, von den üppigen Ufern des Untersees an bis zu dem majestätischen Hochgebirge Vorarlbergs und Tirols, das hinter dem durchschimmernden Obersee und dem felsigen Bregenzer Walde dieses schöne Bild begränzt. Hohentwiel und das Hegäu Kein passenderer Punkt ließ sich ausfindig machen, um mit und auf ihm von dem schönen Schwabenland in diesem Werke Abschied zu nehmen, als der seltsame Porphyrfels, der auf seiner äußersten Gränze gegen Süden, in trotziger Gebrechlichkeit hingelagert, mit andern ähnlichen Brüdern, doch schon seit mehr als einem Jahrtausend mit Mauern gekrönt, als Markstein bei seinem Eingang auf der Schweizerseite steht und in spätem Jahrhunderten bis an den Beginn des jetzigen das Land auch wirklich gehütet hat. Nach Süden und Norden, nach Osten und Westen liegt Oberschwaben auf dieser Felskuppe zu unsern Füßen; ja, was wir hier Nicht auf dem Bilde; s. unten. von Land überschauen, bis nach den Schneebergen hin, tief in die Schweiz hinein, war einst von dem vereinigten Volke der Schwaben-Alemannen bewohnt und besessen: Wir stehen auf den Zinnen der Felsenfeste Twiel, Da treibet auf der Ebne der Blick ein weites Spiel, Durch Triften und durch Wälder, durch Klöster und durch Städte Hier ist kein Ziel zu finden als grauer Alpen Kette. Das Land der Alemannen, mit seiner Berge Schnee, Mit seinem blauen Auge, dem klaren Bodensee, Mit seinen gelben Haaren, dem Ährenschmuck der Auen – Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen. »Die Kammerboten in Schwaben«, G. Schwabs »Gedichte«, II, S. 182. Wirklich ist hier nicht nur die Fernsicht auf das ganze Alpengebirge, von den Walliser und Berner Alpen bis zu den fernsten Tirolergipfeln, höchst großartig, sondern auch die entgegengesetzte Aussicht auf die Hohentwiel umringenden, isolierten Bergeskuppen, besonders aber der Niederblick über den See und die Ebene hin, lachender und reizender als irgendwo. Die bedeutende Höhe des Felsenberges erlaubt freilich über die zu seinen Füßen ausgebreitete Landschaft nur eine Art von Landkartenaussicht; doch geben ihr die Menge von Dörfern und Städten den gehörigen Wechsel; man überschaut zu gleicher Zeit nicht etwa bloß, wie auf niedrigeren Höhepunkten, einzelne Abschnitte, die nur aus Feldern oder nur aus Wäldern bestehen, sondern Feld wechselt mit Wiesen und Wald, Hügel mit Tälern, Ruinen mit erhaltenen Burgen und Lustschlössern, Städte und stattliche Klöster mit Dörfern und unzähligen malerisch gelegenen Höfen. Den reizendsten Anblick aber gewähren die Ufer des Sees, auf deren ununterbrochenes Garten- und Rebengelände kein Hügel (sie liegen alle zu tief, sie sind zur Ebene geworden) den Hinunterblick zu hemmen vermag. Der Obersee verliert sich hier breitverkürzt in blauer Ferne; nur die unterste Erdzunge zwischen Überlingen und Sernadingen streckt sich dem Auge entgegen. Desto vollständiger übersieht man hier den Untersee, der, vom eigentlichen Bodensee durch den auf eine Stunde Weges wieder zum Strome gewordenen Rhein getrennt, mit seinem eiförmigen Bassin ganz ausgebreitet vor den Augen des Wanderers liegt und dessen Mitte den schwimmenden Garten der Reichenau trägt, über den die Natur ihr ganzes Füllhorn von Segen ausgeleert zu haben scheint. Auch die Ufer dieses Sees sind unendlich reich und mannichfaltig; eine Menge Dörfer, die Städte Radolfszell und Steckborn, im Hintergrunde das stolzere Konstanz fassen den Rand ein. Auf dem südlichen Ende des Sees sieht man den Rhein, halb Strom, halb See, sich bis zur Stadt Stein fortwälzen, dort, von engern Ufern aufgenommen und wieder entschieden zum Fluß geworden, sich nach Dießenhofen hinabschlängeln, der Stadt Schaffhausen und seinem Felsensturze in jugendlichem Übermut entgegeneilend. Hinter ihm bewaldete Hügel, Vorläufer des Jura, erhoben über die andern der Baiernberg, an seinem Fuße das hochgelegene Schloß der zürcherischen Stadt Regensberg noch sichtbar. Hinter dem See, dem Fluß und den Hügeln des Thurgaus, des Zürcher Kantons und des Aargaus steigen die Alpen auf; links die Tiroler in blaue Ferne gerückt; auch der Sanas tritt seitwärts; den Mittelgrund beherrschen hier die weißen Häupter des Glarnisch, des Dödi und der andern Gebirge von Uri und Unterwalden, in breiten Massen und geschiedenen Gipfeln; rechts heben sich, schneeweißer und spitzer als alle übrigen, die Berner Alpen, Schreck- und Wetterhorn, Jungfrau und Mönch, hoch ins Blaue empor; hinter dem näheren Pilatus verlieren sich die Walliser Berge in Dunst und Wolken. Diese Aussicht hätte sich indessen nicht in ein Bild, nicht in drei zusammenfassen lassen, und da der Künstler den Bodensee mit Fernsichten wiederholt für unser Werk dargestellt hat, so zog er hier mit Recht den Anblick dem Hinausblicke vor und hat uns eine willkommene Ansicht von Hohentwiel und den übrigen, so malerisch gestalteten Burgen des Hegäus gegeben. Er war sehr überrascht, hier die Formen des italienischen Hochgebirges wiederzufinden, Berggestalten und Gruppen, wie sie sonst in ganz Schwaben nicht wiedergefunden werden. Sein Standpunkt, von welchem aus er so viele Burgen in einem Blicke zusammenzufassen wußte, war selbst eine alte Burg (Rosenegg); der ganze Nordwesten des Hegäus, Dies ist der Name eines alemannischen Gaues zwischen der Donau und dem Untersee. Er hat sich im gemeinen Sprachgebrauch erhalten. , mit Hohenstoffeln, Hohenhöwen, Staufen, Hohentwiel (das den Mägdeberg hier bedeckt) und Hohenkrähen, liegt vor unsern Augen; nördlich streckt sich das tiefere Land hin, und wo auch dieses gegen den Horizont in die Höhe steigt, wird das Städtchen Aach sichtbar. Hohentwiel und das Hegäu Wer auf diesem steilen Fels zuerst eine Burg erbaut und ihr den Namen Twiel gegeben hat, weiß niemand. Sollte der Name Duellium urkundlich sein, so wiese dieser auf römischen Ursprung hin. Geschichtlich erscheint der Berg zuerst im zehnten Jahrhundert, in der Empörung der Kammerboten Erchanger und Berchtold, wo diese kühnen Vasallen kurz vor ihrem Sturze den Berg besetzen und befestigen. Erchangers Gemahlin Bertha behielt den Berg als Leibgeding. Am Schlusse dieses Jahrhunderts hauset darauf die schöne, strenge, gelehrte Herzogin Hadewig von Alemannien, die jungfräuliche Witwe Burkhards II., und läßt sich von dem blühenden Pförtner des Sankt Galler Klosters, Eckehard, in den alten Römern und Griechen unterrichten, ohne daß sich die Verleumdung an ihren Ruf wagte. Von dort herab herrschte die Männin, bis Alemannien oder Schwaben wieder ein Herzog gegeben ward. Damals stand auf Twiel ein von unbekanntem Gründer gestiftetes, von ihrem Gemahl erneuertes Kloster, das aber unter Kaiser Heinrich II. (im J. 1003) in das mildere Stein am Rhein hinab verlegt wurde. Twiel blieb inzwischen ein festes Schloß. Schon um diese Zeit schrieben sich Dienstmannen der Burg Herren von Twiel, die auch im zwölften und dreizehnten Jahrhundert erscheinen, während das Schloß selbst noch immer Eigentum der Herzoge von Schwaben war. Erst nach Konradins unglücklichem Ende gab sie der Kaiser Rudolf als ein heimgefallenes Schwabenlehen dem Hause seines Kanzlers Heinrich von Klingenberg. Bei diesem Geschlechte blieb sie, bis im J. 1515 auch ein Heinrich von Klingenberg dem Herzog Ulrich von Württemberg das Öffnungsrecht und dem Vertriebenen auch den freien Gebrauch der Feste überließ und Johann Kaspar von Klingenberg sie im Jahre 1538 ganz an diesen Herzog verkaufte. Seitdem ist sie, mitten im fremden Lande, immer in Württembergs Händen geblieben, hat im 30jährigen Kriege durch Wiederholds unsterbliche Verteidigung und auch im Spanischen Erbfolgekriege ihre Ehre bewahrt und erst im französischen Revolutionskriege schimpflich verloren, wo die unbezwingliche Festung von zwei schwachsinnigen Alten mit ihrer Invalidenbesatzung dem vorübereilenden und gar nicht ernstlich verweilenden General Vandamme überliefert und von den Erbfeinden Deutschlands sofort zertrümmert ward (Mai 1800). Besteige der Leser mit uns die großartigen Trümmer, an deren Fuße, auf halber Höhe des Berges, ein braves Gasthaus, das mit der Försterwohnung und einigen andern Häusern, den sogenannten Meierhof der Feste bildend, an die steile Felsenwand sich lehnt, willkommene Rast gewährt. Bis dahin bekleiden auch Reben den sanfteren Abhang des Berges auf der Sommerseite und gewähren dem Burgbesteiger einen nicht zu verachtenden Labetrank. Bei der Topographie der Trümmer gründet sich unsere Darstellung auf eine erschöpfende briefliche Mitteilung des Herrn Pfarrvikar Schönhut von Hohentwiel. Von diesem Hofe schreitet man, am Gottesacker vorbei, die Höhe, die von hier an aus lauter schroffen Felsen besteht, hinan, auf einer wohlgepflasterten Heerstraße. So gelangt der Wanderer in weniger als einer Viertelstunde an den ersten Eingang der Festung, nachdem sich schon rechts und links die schönste Aussicht eröffnet hat. Zwei Gewölbe führen uns hier in den Vorhof; dann geht der Weg durch ein Portal zur ersten Zugbrücke der Feste. Die Ruinen, die hier zur linken Seite stehen, waren einst Kaserne, Wirtshaus, Wohnung des Arztes; zur rechten befanden sich die Wohnungen einiger Offiziere. Die Mitte des Torhofes bildete einen geräumigen Platz, in welchem noch der schönste, jetzt teilweise verschüttete Ziehbrunnen der Burg gefunden wird. Der immer steiler werdende Weg führt nun zu einer zweiten Zugbrücke, die ein starker Pfeiler stützt. In der Nähe genießt man hier an einer Schanze abermals eine umfassendere Aussicht und steht an einer senkrechten Felswand von wohl 400 Schuh, an deren Fuß sich die Straße den Berg hinanzieht. Hier kommt der schöne Natrolith zutage, der eine seltene Zierde dieses Berges bildet. Ein Blick umher zeigt die lieblichste Gruppierung der Burgen Staufen, Stoffeln, Höwen, Mägdeberg. Jetzt erwartet uns die dritte Zugbrücke, in deren Nähe die Handwerksleute der Festung wohnten. Jenseits der Zugbrücke stand rechts das Haus des Kommandanten, links erblickt man die Ruinen eines Gebäudes, an dem oben noch das Stück eines schönen Säulenknaufes sichtbar ist und das sich in einem Halbkreis um die südöstliche Seite der Burg herumzieht. An diese Kaserne heftete sich noch der Name »Klosterbau«, der an uralte Zeiten erinnert. Der Name wird gerechtfertigt durch den schöngewölbten Gang, der sich unter dem Gebäude hinzieht, aber größtenteils verschüttet ist. An verschiedene Gebäude schließt sich sodann die Kirchenruine, die von verhältnismäßig großem Umfange ist und in deren offene Fensterwölbungen der Himmel hoch hereinsieht. Am besten erhalten ist der Turm, einst noch um ein Stockwerk höher, von welchem zehn Glocken ins tiefe Tal hinab erklangen. Diese Kirche war von dem frommen Wiederhold ganz aus feindlicher Beute erbaut und begabt worden. Alle die bisher beschriebenen Gebäude umschließt ein schöner Hofraum, der zum Paradeplatz der Besatzung diente und in dessen Mitte eine hohe Linde grünte, die leider auch unter den rohen Händen der Burgzerstörer fiel. Von einer kleinen Bank, welche die lieblichste Aussicht auf den See und die Schweizergebirge gewährt, läßt sich hier die Runde um die übrige Burg vollenden. Ein kleines, gegen Südwesten gekehrtes Portal führt hier zu einer Leiter. Diese hinabgestiegen, steht man auf dem obern Teile des sogenannten Rondells; eine runde Öffnung führt weiter hinab auf eine halbzerstörte Wendeltreppe, die in das Innere eines Bauwerkes führt, dessen Struktur bei weitem interessanter ist als alle übrigen Teile der Burg. Das backsteinerne Gewölbe hat ganz die Form einer kleinen Zitadelle; ringsum sind Schießscharten angebracht, in welchen früher Kanonen gestanden zu haben scheinen. Der Bau war von solcher Festigkeit, daß selbst die Zerstörung der Eroberer hier ihre Absicht nur unvollkommen erreichen konnte. Dies Rondell stammt, seiner Bauart nach zu urteilen, wenigstens aus den Zeiten Herzogs Ulrich von Württemberg. Es bildete den größten Turm der Feste, welcher wahrscheinlich an die Stelle eines nicht weit entfernten älteren Turmes trat, der die Bestimmung hatte, die hier weniger abschüssige Seite der Festung gegen feindliche Angriffe zu decken. Später wurde dies Rondell zu einem Laboratorium verwendet, weil es mit den übrigen Festungswerken weniger in Verbindung stand. Schon um der Aussicht willen, die eine seiner wohlerhaltenen Fensteröffnungen bietet, ist dieses Gewölbe des Besuches wert. Man sieht hier in behaglicher Sicherheit über die westliche Felsenwand hinab, welche die allersteilste des Kegels ist. Uns zu Füßen liegt die untere Feste, deren Trümmer man nirgends in so trauriger Gruppierung vereinigt überschauen kann wie hier. Von dem Rondell emporgeklommen, wenden wir uns zuerst einem der Fensterbogen zu, wo uns ein eigentümlicher Ausblick erwartet. Den Vordergrund bildet hier die Ruine Rosenegg. Eine Frau dieses Geschlechtes, verehelichte Freifrau von Tengen, hat im Schwabenkriege bei der Belagerung von Tengen durch die Schweizer auf dieselbe Weise Treue an ihrem Ehegemahl bewiesen wie die Weiber zu Weinsberg, und die Geschichte berichtet uns ein Mann, welcher der Begebenheit im Jahre 1499 als Augenzeuge zugesehen hat. Zum schönen Hintergrunde dient der Burg Rosenegg die Gebirgskette der Schweiz. Die Wanderung durch die Felsruine führt jetzt um die Kanten eines schon früher erblickten viereckigen Gebäudes herum; hier führt ein Durchbruch zu dem eingegangenen Turme, dessen oben Erwähnung getan worden ist. Von dieser Öffnung geht man gerade dem Gebäude zu, das den Namen der »fürchterlichen Burg« führt, an bedeutenden Trümmern vorüber, wo die Windmühlen gestanden haben sollen, die Wiederhold errichtete, als die Mahlmühle von den Österreichern zerstört worden war. Ein kleiner, auf einem Felsen ruhender Durchgang führt in jene »Burg«, welche die höchste Spitze des Bergkegels bildet. In ihrem Hofe öffnet sich eine köstliche Aussicht durch das Hauptportal der Burg, das die Jahreszahl ihrer Erbauung, 1554, trägt: Wie von einem Rahmen eingeschlossen steigt hier aus der Tiefe der unserer Feste verbrüderte Kegel des Krähenberges empor, der für sich allein gesehen nirgends, selbst auf unserem Bilde nicht, wo er doch so vorteilhaft hinter seinem Bruder in schwarzem Schatten hervorragt, so malerisch gesehen wird; durch das Gemach, das sich dem Portale anschließt, erblickt man, als ein zweites reizendes Bild, das Städtchen Aach. Dies ist die Stelle, wo, nach dem Plane des für seinen Wohnsitz begeisterten und unermüdlich tätigen Pfarrverwesers von Hohentwiel, Wiederholds Denkmal aufgerichtet werden soll, Es wird aus einer in Eisen gegossenen Büste Wiederholds bestehen, die ein Fußgestell aus Steinen der Burg erhält, zu welchem noch zwei vorhandene Denksteine mit einer Inschrift vom J. 1649 verwendet werden. Die Büste selbst soll zunächst auf einen alten Säulenknauf zu ruhen kommen. und für uns der beste Ort, von diesem heldenmütigen Verteidiger Hohentwiels zu sprechen. Konrad Wiederhold, 1598 zu Ziegenhain in Hessen geboren, im 17ten Jahre als gemeiner Reiter in hanseatische Kriegsdienste getreten, im Dienste der Republik Venedig mit der Behandlung des groben Geschützes vertraut geworden, seit 1619 württembergischer Rittmeister, wurde, nach ruhmvollen Kriegstaten in Folge der unglücklichen Nördlinger Schlacht (1634), auf Hohentwiel gesetzt, dies Kleinod seinem Herzog zu erhalten. Bald war Schwaben von den kaiserlichen Heeren überschwemmt, alle Festen des Landes waren gefallen; nur Twiel stand wie ein einsamer Fels in dem tobenden Meere fest. Vierzehn Jahre verteidigte er den Platz gegen die verschiedensten Heere; im Flug überfiel er die feindliche Nachbarschaft auf viele Meilen weit, jetzt Heiligenberg beim See, jetzt Wildenstein an der Donau, schlug einen Sturm der Kaiserlichen, die schon in den Vorhof seiner Feste gedrungen waren, glücklich ab, widerstand mit nicht geringerem Mute dem wiederholten Befehle seines von den Feinden bedrängten und freien Entschlusses beraubten Herzogs, die Festung zu übergeben, trotzte den Spaniern, die auf der Ruine Staufens Posto gefaßt hatten, den Kaiserlichen und dem Rate der Stadt Schaffhausen, die ihn teils mit Waffen, teils mit Worten belagerten, überrumpelte und eroberte durch eine glänzende Waffentat das nahe Überlingen und füllte unangefochten »Bauch und Säckel«, wie seine Feinde klagten, vom Raube der Umgegend. Er hatte die Freude, die Feste wohlbehalten und wie im Friedensschmucke glänzend im Jahre 1648 seinem Herrn zurückzugeben. Noch einmal ritt der fröhliche Held von seinem Berge hinunter nach Überlingen, seinen guten schwedischen Freunden Valet zu sagen und die Geschütze in Empfang zu nehmen, welche sie seinem Herzog als Geschenk bestimmt hatten. Dann zog er sich in den Friedensdienst zurück, baute sich ein hübsches Schloß zu Neidlingen am Fuße des Reißensteins, den der Leser aus unserm Werke kennt, und liegt zu Kirchheim an der Teck, wo er als Obervogt 1667 starb und nun auch ein Denkmal erhalten hat, begraben. Nach dieser vom Orte selbst gebotenen Abschweifung schicken wir uns an, die Wanderung durch die Trümmer der Festung zu vollenden. Zunächst am Portale befindet sich der Rittersaal mit der Aussicht auf die Burgen, den See und die Gebirge. Wir übergehen einige Gemächer und Gewölbe, steigen – freilich auf keiner gemächlichen Leiter – an dem zerrissenen Gestein aufwärts und befinden uns jetzt auf dem Turme, der, ohne eigentlichen Zusammenhang mit dem übrigen Festungsbau, vielleicht zu den Überbleibseln der ältesten Befestigung dieses Berges gehört. Derselbe steht so ziemlich in der Mitte des ganzen Burgbaues. Durch mehrere angränzende Gemächer wieder herausgetreten, kehren wir uns der andern Vorderseite der Burg zu, wo eine andere Reihe von Zimmern größere Bedeutsamkeit erhalten hat. Im ersten derselben schmachtete ein Held des Friedens – wie Wiederhold ein Held des Krieges war –, der edle, gelehrte und freimütige Johann Jakob Moser, der Konsulent der württembergischen Landstände, beinahe fünf Jahre lang in unverschuldeter Gefangenschaft (vom 12. Juli 1759 bis zum 25. Septbr. 1764), unverhört und ungerichtet. Kein Schreibzeug, kein Buch, außer der Bibel und Gebetbüchern, wurde dem Gelehrten, dessen geistige Speise das Studium der Wissenschaft war, vergönnt; mit seiner erfinderisch geschärften Lichtputze beschrieb er die jetzt zerfallenen Wände mit frommen, geistlichen Trostliedern. In einem andern Gemache saß der preußische Werbeoffizier von Knobelsdorf; als Jüngling von 20 Jahren eingesperrt, verließ er den Kerker mit grauen Haaren. Im dritten Gefängnisse saß der Oberst Rieger, dessen Schicksale Deutschland aus einem Aufsatze Schillers, »Spiel des Schicksals« überschrieben, kennt. Ignobelere Gefangene, den Gauner Hannickel mit seiner Bande, beherbergte das noch wohlerhaltene Gewölbe unterhalb der Kirche. Noch sind die Kasematten unter der Burg, das Duellium subterraneum, des Besuches wert. Die erste, von dem beschriebenen Turm unterhalb dem Portal in einer Länge von wenigstens 30 Fuß hinlaufend, war in früherer Zeit ein Weinkeller; seine linke Seite ist in die Felsen des Berges gehauen. Von ihm steigt man in ein bedeutend tieferes Gewölbe, an dessen rechter Flanke ebenfalls noch die Felsen hervorragen, aus ihm wieder aufwärts in ein drittes, mit dem ersten in einer Linie liegendes, an dessen rechter Seite der Fels gleichsam ein steinernes, zu beiden Seiten untermauertes Tor bildet. Dies letztere Gewölbe war, in Gemeinschaft mit dem »Drachen« und dem »Löwen«, zwei östlichen Pulvertürmen der Festung, zur Aufbewahrung der Munition bestimmt; es hieß deswegen auch das Kugelgewölbe. Das nötige Quellwasser lieferte die untere Festung, in der obern befanden sich nur Zisternen. Fünfhundertundsechzig Personen im ganzen bevölkerten den Berg, darunter die wenig zahlreiche Besatzung, der in der letzten Zeit ein Kommandant und ein Vizekommandant vorstand. Jetzt ist alles Ruine und der Meierhof allein bewohnt. Nur ungern trennt man sich von den großartigen Trümmern, deren vielfältige Lücken und Fensterhöhlen Himmel und Erde gleichsam zu sich hereinziehen und eine bunte Menge der verschiedenartigsten eingerahmten Bilder zeigen. Betrachten wir Hohentwiel in Verbindung mit seinen Brüderbergen, die sich auf unserm Bilde in so malerischer Gruppierung um dasselbe reihen, so fällt die eigentümliche Beschaffenheit dieser Berge, sofern sie für den Geognosten interessant sein müssen, schon dem Laien ins Auge. Es sind im ganzen acht vulkanische Bergkegel, wovon zwei auf der vorliegenden Gruppe durch die übrigen verdeckt, die mitten aus dem Bodensatze alter Flut aufsteigen, lauter wunderbare, hutförmige Berge, steil aus dem fruchtbaren »Hegäu« emporstrebend, das vielleicht von ihnen den Namen »Höwgäu, Höhengau« erhalten hat. Der größte darunter ist unser Hohentwiel. Sein Gestein besteht hauptsächlich aus Porphyrschiefer oder Klingstein, eine Steinart, deren Grundmasse Feldstein ist, mit sehr vielen fremdartigen Beimengungen. Man findet in demselben ein geschätztes Fossil, den Natrolith, teils derb als Ausfüllungsmasse der Spalten, teils in kleinen, kugeligen, strahligen Bildungen, von gewöhnlich braungelber Farbe. Aus ähnlichem, dem Basalt oft verwandtem Klingstein bestehen auch die benachbarten Bergkegel, der Staufen, Mägdeberg, Hohenkrähen usw., der Hohenstoffeln dagegen ganz aus Basalt, dessen einfache, schwere, bläulich schwarze Masse häufig schöne Fossilien einschließt. Die neuesten Forschungen haben es sehr wahrscheinlich gemacht, daß Klingstein, Basalt und andere verwandte Gebirgsarten nur durch unterirdisches Feuer veränderte und in die Höhe gehobene, primitive Massen sind. Der eben genannte Hohenstoffeln ist der erste Berg links auf unserer bildlichen Darstellung. Er trägt auf seinen drei Basalthügeln, gleich einer dreifachen Krone, die Trümmer dreier Burgen, und seine Aussicht ist nicht minder reich und reizend als die, welche von Hohentwiel herab genossen wird; nicht weniger als zwölf alte Burgen sind hier in der nächsten Nachbarschaft erkennbar. Sein Name, wie der Name Staufen, rührt von dem altdeutschen Stouf, Stauf her, welches Berg (Bergstufe) bezeichnet. Stöfelen, Bergeskuppe, ist der älteste Name des Berges und des Geschlechts, das sich davon schreibt. Schon im J. 1034 ward Norbert von Stofelen, ein kriegerischer Mann, später Begleiter Heinrichs III. auf seinem Römerzuge, der Erbauer Appenzells, Abt zu St. Gallen. Zweiundzwanzig Jahre nachher saß auf Befehl Heinrichs III. der Bruder Kaiser Konrads II., der Bischof Gebhard von Regensburg, einer Verschwörung mit Welf III., Herzog von Kärnten, beschuldigt, kurze Zeit hier, »in Stofola«, gefangen. In den folgenden Jahren kommen die Herren von Stoffeln häufig vor, und der Berg kann sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Sänger Konrad von Stoffeln vindizieren, der in der zweiten Hälfte des 13ten Jahrhunderts ein noch ungedrucktes Gedicht geschrieben hat, »Gabriel von Montavel oder der Ritter mit dem Bock« genannt, dessen Stoff aus dem Fabelkreise der »Tafelrunde« genommen ist und den der Dichter, wie er selbst sagt, »zu Hispania« gewonnen. Der nächste namhafte Berg auf unserm Bilde – nur ein burgloser Rücken steht vorwärts zwischen ihm und Stoffeln – ist Hohenhöwen, von dem vielleicht das ganze Hegäu seinen Namen hat, wie er selbst den seinen von »Höhe«. Das Geschlecht, das sich hier, wahrscheinlich schon im zwölften Jahrhundert, festsetzte, kam aus dem fernen Hessenlande und war ein Zweig der Grafen von Ziegenhain, deren Wappen es führte. Es besaß hier bis ins 14te Jahrhundert eine ansehnliche Herrschaft mit dem Städtchen Engen, gab dem Hochstifte Konstanz mehrere Bischöfe und starb im 16ten Jahrhundert aus. Zwischen Hohenhöwen und Hohentwiel sieht auf einem kleineren Hügel die Burg Staufen hervor, die ein komisches Mißverständnis eines berühmten topographischen Werkes einst zur Stammburg der Hohenstaufen stempeln wollte. Die Burgtrümmer, die im Hegäu diesen Namen tragen, liegen nur eine Viertelstunde nordwestlich von Hohentwiel und waren einst als Schloß samt der Herrschaft desselben Namens dem Kloster Petershausen zugehörig. Schwerlich nannten sich Edelleute davon. Der Mägdeberg, ein fünfter Kegel, wird auf dem vorliegenden Bilde ganz von Hohentwiel zugedeckt. Er trägt die Ruinen einer Burg, die das Kloster Reichenau bauen ließ und die, damals württembergisch, schon im J. 1360 durch den Bund der Seestädte gegen König Wenzel zerstört wurde. Eine Wallfahrt zu den heiligen (eilftausend?) Jungfrauen hatte ihm den Namen Mons puellarum gegeben. Auf dem niedrigsten, aber steilsten, zuckerhutähnlichen Vulkanskegel, für unser Auge rechts von Hohentwiel, stehen die Trümmer von Hohenkrähen, im Munde des Volkes Kreihen. Sie ist die sagen- und geschichtenreichste dieser Burgen. Schon das 13te Jahrhundert kennt Edle von Kreigin, die aber im folgenden Jahrhunderte verschwinden. Ums J. 1540 zogen sich die tapfern Vorfechter Zürichs im Kriege gegen die Eidgenossen, die, erst sechzehn, endlich sechzig an der Zahl, die »Zürcherböcke« hießen, unausgesöhnt auf dieses Asyl zurück, dessen Schloßrecht sie erkauft hatten, um dem Frieden nicht länger im Wege zu stehen. Die Schweizer selbst, ihre ehemaligen Feinde, sprachen für sie, ja, Landammann Frieß von Uri ließ sich verlauten, man könnte diesen Böcken, solange sie verbannt seien, selbst neue Feindseligkeiten, ja sogar die Gefangennehmung eines großen Eidgenossen, nicht übel nehmen. Das ließen die Böcke sich nicht zweimal sagen, und als derselbe Ammann im Marktschiffe den Zürcher See hinunterfuhr, brachen aus einer Bucht zwei bewaffnete Nachen hervor: Es waren die Böcke. »Gebt Euch, Ammann Frieß von Uri, fürchtet nichts!« riefen sie. »Euch ist gut raten, liebe Gesellen«, sagte der Gefangene, redlich und darum unerschrocken, im Hinübersteigen; »ich aber meinte nicht, daß der Rat mich treffen soll!« Die Böcke führten ihn auf Hohenkrähen, bewirteten ihn gastlich, behielten ihn aber, bis Itel Reding, das Haupt der Eidgenossen, unmutig dreihundert Gulden für den Gefangenen hinlegte und ihm die Rückkehr gestattet ward. Den Untergang der Burg führte auch eine romantische Geschichte herbei. Stephan Haußner, ein Edelmann, entführte seine Geliebte, eine schöne Bürgerstochter von Kaufbeuren, auf seine Burg Hohenkrähen, sandte mit seinen Raubgenossen den Kaufbeurern einen Absagebrief und verwüstete die Gegend den ganzen Sommer 1512. Aber die Städter hatten einen Fürsprecher bei Kaiser Maximilian an dessen Bartscherer und lustigem Rate, Kunz von der Rose, der ein Bruder Georg Kreßlings, eines der gefangenen Kaufbeurer, war. Dieser flehte beim Kaiser um Genugtuung. Der berühmte Bundeshauptmann Georg von Frondsberg erschien im November mit nicht weniger als 8000 Mann und 10 Stücken Geschützes vor der Feste; auch die Augsburger hatten zwei »Notschlangen«, Pulver und Büchsenmeister geschickt. Und nun setzten der »Sigmund« und das »Kätterlin« – dies waren Namen der gröbsten Geschütze – den Jungfernräubern so lange zu, bis sie entflohen oder Gnade erhielten. Nur Stephan Haußner, in der Kirche eines Nachbarstädtchens ergriffen, ward enthauptet. Das mit Felsstücken verrammelte Schloß zerstörten die Bundesvölker. Drollige Geschichten erzählt sich das Volk von dem »Poppele auf Hohenkrähen«, dem Geiste weiland Herrn Johann Christian Popelius, Schirmvogtes einer verwitweten Freiin von Hohenkrähen, der hier seit Jahrhunderten umgehen oder, wie der Schwabe sagt, »laufen« muß. Er ist ein lustiges Gespenst: Den Dreschern wirft er die Garbenstöcke auseinander, den Bauern spannt er Ochsen und Pferde verkehrt ein; unerwartet sperrt er auf ebenem Wege die Räder der Herrenkutschen; wo müde Glas- oder Eierträger um den Weg sind, da verwandelt er sich in einen Baumstrunk, und wenn sie sich niederlassen wollen, verschwindet er, daß sie sich mit ihrer zerbrechlichen Last auf den Boden setzen. Einmal ist er vor die Stadt Radolfszell am Untersee gekommen und hat dort so hell das Posthorn geblasen, daß der Wächter ans Tor eilte, aber höchlich verwundert war, niemand zu treffen. Man sieht es, dem echt alemannischen Geiste fehlt nur ein Hebel, um ihm zu seiner lästigen physischen Unsterblichkeit auch eine poetische zu verschaffen. Mit diesem heitern Spuke des harmlosen Volksglaubens verlassen wir das Hegau und unser schönes Schwabenland, soweit es in diesem Werke Raum gefunden hat. Wenn Beschauer und Leser bei den Naturschönheiten dieses vom Himmel gesegneten Landes und den geschichtlichen Erinnerungen, die sich an seine meisten Punkte knüpfen, mit einiger Lust verweilten, so wird es den Künstler nicht gereuen, vor manchem Berg und Tal, Felsen und Wassersprudel, mancher Burg und Stadt in Wind und Wetter, in Regen und Sonnenschein tagelang gesessen und das, was er hier zu mühelosem Genusse bietet, mit Arbeit und Anstrengung ausgesucht und mit gewissenhafter Sorgfalt auf sein Blatt gebannt zu haben; es wird dem Verfasser des Textes nicht leid sein, diesen ausgewählten Bildern ein eigenes Studium gewidmet, so viele Bücher durchsucht, den Erfund verarbeitet und überall, wo der fremde Buchstabe nicht ausreichte, zum Wanderstabe gegriffen und Auge, Kopf und Herz an Ort und Stelle mitgenommen zu haben.