Von Ihr und Ihm Dialoge von Rudolf Presber     »Man ist übereingekommen, die Aufrichtigkeit durch schöne Redensarten zu ersetzen. Und auch die Kunst zu lieben ist von dieser Handlungsweise angesteckt worden.« Ninon de Lenclos an den Marquis de Sévigné.     Siebente Auflage Stuttgart und Berlin Deutsche Verlags-Anstalt 1913 Die Mücke Modisches Seebad. Zwanzig Mark Kurtaxe. Richtiggehende Rennen mit Geldpreisen. Familienbad. Kurtheater mit Hofschauspielern »als Gast«. Venezianische Nächte. Eselreiten. Und so. Es ist spät am Abend. Ein Schlafzimmer im Strandhotel, weiß und grün. An der Wand: »Othello und Desdemona«, »des Matrosen Heimkehr«, die gedruckte Mitteilung, daß »für Wertsachen keine Garantie übernommen wird«. Und ähnliche Kunstwerke. Vom Balkon Aussicht aufs Meer, das sehr ruhig ist, und auf Hunderte von Strandkörben, von denen sich noch nicht dasselbe sagen läßt. Ein Dampfer in der Entfernung mit Lichtern wie eingesetzte goldene Nägel, Sterne darüber. Der Himmel weißlich-blau wie gutgewässerte Milch. Irgendwo spielt der Friseur Harmonika. Alle Damen im Strandhotel wissen, daß es der Friseur ist. Stimmung. » Er « und » Sie « beim Auskleiden. Sie sind aus Berlin und tatsächlich verheiratet. Ersteres ist fast Regel im Strandhotel, letzteres nicht. Sie hat noch ein paar Turnübungen gemacht mit den gelblederüberzogenen zierlichen Fünf-Pfund-Hanteln. Er steht in resedafarbenen Unterhosen am Balkon und sinnt träumerisch vor sich hin. Dazu neigt er in Unterhosen. Sie (auf dem Bettrand sitzend und langsam den Strumpf von dem wohlgeformten rechten Bein ziehend) : Adolar, wie wär's, wenn du auch zu Bett gingst? Er (tief versonnen) : Gott, Gott – wenn man das so malen könnte! Sie (leise die Stelle prüfend, wo der Strumpf eine Falte hatte und ein wenig die kleine Zehe scheuerte) : Du kannst es nicht. Das weißt du nun schon seit zehn Jahren. Warum sagst du's also jedesmal? Er : Es erleichtert mich. (Er tritt vom Balkon zurück und vollendet die Nachttoilette.) Eine eigene Sprache reden sie doch, diese Sterne! Wenn man so denkt ... (Er gurgelt mit Thymian-Extrakt.) Sie (das Bettuch über sich ziehend) : Kannst du nicht ein bißchen leiser gurgeln? Die Wände sind doch so dünn. Er (hat sich des Thymian-Extrakts in den Eimer entledigt) : Aber es ist doch nichts Unanständiges. Sie : Solche Geräusche sind häßlich. Männer von Geschmack gurgeln lautlos. Er : Woher weißt du das? Ich bin übrigens schon fertig ... (Im Vorbeigehen nach dem Bett fällt sein Blick in den Spiegel im Schrank, der zwar nicht aufgeht, aber sehr edel geschweift aus Ahornholz gefertigt ist.) Du hast mir noch gar nichts über meine neuen Nachthemden gesagt. Grüne Börtchen – bemerkst du? Und ein Täschchen mit Perlmutterknopf ... Ganz wie die vor zehn Jahren, weißt du noch, als wir in Potsdam ... Wir hatten gesagt, wir fahren durch – bis Frankfurt. Sie : Das hätten wir vielleicht tun sollen. Aber willst du nicht das Fenster schließen, es kommen Mücken herein. Er : Antonie, ich wollte dich bitten, die Balkontüre offen zu lassen. Sieh doch – wir können die Sterne sehen vom Bett aus. Und wir hören die Harmonika. Sie : Ja, es ist der Friseur. Er spielt ganz gut, aber er onduliert schlecht. Und meine Haarfarbe hat er natürlich in Löckchen nicht vorrätig. Er : ... und das Rauschen des Meeres, wie es so die Muscheln auf den Sand wirft. Vielleicht auch Perlen, wer weiß. Oh, das alles regt an ... Sie : Zu was? Er : Zu schöpferischen Gedanken. Sie : Ach so. Er : Du wirst sehen, ich werde malen ... Sie : Das seh' ich seit zehn Jahren. Er : Ja, aber malen – und malen , das ist ein Unterschied. Sie : Wem sagst du das?! Aber willst du nicht doch lieber die Balkontüre schließen? Er : Im Prospekt steht ausdrücklich: » Keine Mücken«. Sie : Ich fürchte auch nicht die Mücken, die im Prospekt stehen, sondern die Mücken im Zimmer. Er : Gut, wenn du willst. (Er steht auf.) Du siehst, ich tue alles ... (Am Balkon.) Oh – jetzt kommt auch der Mond! Sie : Das macht er doch jede Nacht. Er : Herrlich. (Weich rezitierend.) Füllest wieder Busch und Tal ... Sie : Apropos – Busch; ihr wart doch wohl im Zirkus? Er (ernüchtert das Fenster schließend) : Ja. Es fährt da jetzt ein Affe Rad. Er sieht aus wie dein Assessor, wenn er Sonntagssport treibt. Sie : Adolar – du hast versprochen! Er (brummend) : Ja, ja. Ich bereue schon. (Milder.) Ich weiß, du mußt so ein bißchen Flirt haben. Sie : Ich kann doch nicht immer im Atelier bei dir sitzen. Ich kann doch ... Er (fortfahrend) : Terpentin nicht riechen, ich weiß. Nur seltsam, daß dein erster Verlobter ein Lackfabrikant war. Sie : Ich habe ihn doch auch nicht geheiratet. Und wenn ich ihn geheiratet hätte – also, du, Adolar, das weiß ich, seinen Lack täglich zu riechen oder gar seiner Zubereitung zuzusehen, das hätt' er mir nie zugemutet. Er mag seine Fehler gehabt haben, aber eins ist sicher: es war ein nobler, feinfühliger Mensch. Er : Das sind sie alle, die man nicht heiratet ... Aber sieh mal ... (Er knipst das Licht aus.) Sie : Das bist nun wieder ganz du. Du sagst: »Sieh mal« – und drehst dabei das Licht ab. Er : Aber Kind, ich meinte das doch geistig. Sie : Das ist immer deine Ausrede. Wenn du was Dummes gesagt hast, nachher hast du's »geistig« gemeint. Er : Ich wollte sagen: sieh mal, Kind, wir wollen uns nicht zanken. Wir sind doch auf dem besten Wege, uns wieder ... wie soll ich sagen: uns wieder zu finden . Hier auf neutralem Boden – es war ein guter Einfall! Die See, die Sterne, der tiefe Friede des Meeres, all diese, wie soll ich sagen – all diese urewigen Vermittler ewiger Gedanken – die glätten, beruhigen, versöhnen. Sie : Adolar, manchmal sprichst du wirklich sehr hübsch. Er : Findest du –? Gott, ich fühle das ebenso. Das kommt ganz kunstlos, nicht wahr? Sie : Liebgehabt hab' ich dich ja im Grunde immer. Bloß ... Er : Ich weiß, ich weiß. Du hattest einen »Menschen« lieb, und der »Künstler« befremdete dich. Künstler – du dachtest an Atelierfeste, an Gondelfahrten, an Mandolinenständchen ... Sie : Ja, mindestens dacht' ich nicht an Frauen, die sich nackt malen lassen. Er (überhört's) : Und ich erwartete mehr Verständnis, mehr Aufgehen in meine Kunst. Sie : Aber ich hab' doch Lübkes Kunstgeschichte ganz durchgelesen. Er : Ich tadle ja auch nicht. Überhaupt, wir wollen uns nichts mehr vorwerfen. Sie (froh) : Nein, das wollen wir nicht mehr! Und du, Adolar, deine Nachthemden sind auch wirklich hübsch. Und ich habe gleich gedacht an damals ... Und daß wir in Potsdam ausstiegen, war doch ganz nett. Und wir hätten denn doch auch das Schloß nicht mehr gesehen, wo der alte Menzel gewohnt hat. Er : Der alte Fritz, meinst du. Sie : Na, oder der . Er : Sieh mal, die Hauptsache ist doch, daß man sich ineinander einlebt . Daß man ... Sie (setzt sich im Bett auf) : Na also – Adolar, hab' ich das nicht immer gesagt? Er (zögernd) : Es ist – ja möglich, daß du's gesagt hast. Jedenfalls, sieh mal, ich denk' mir so: jeder hat seine Lebensaufgabe, – ich meine Kunst, du – deine Wohltätigkeit. Dir ist es sehr einerlei, was ich male, – und wie ich's sehe, und warum ich's so sehe. Du kannst meinen Hang zur Einsamkeit nicht verstehen ... Sie : Bitte, du gehst dreimal in der Woche an deinen Stammtisch, und zweimal spielst du Billard. Du hast also doch schon eher einen Hang zu meiner Einsamkeit. Er : Nun ja – gut – ich hab' dich eben auch nicht recht verstanden – dies ewige Nähen für Kinder von anderen Leuten ... und meine Skizzenmappen plündern für Basare. Und wenn man zu Mittag essen will – Komiteesitzungen. Und wenn man das schönste Nordlicht zum Malen hat – Proben für lebende Bilder. Sie : Aber jetzt siehst du's ein ...? Und übrigens, weißt du, deine Bilder sind auch sehr interessant. Ja. Erst hab' ich's gar nicht so verstanden. Aber nun – ich glaube, ich habe mich hinein gesehen. Er : Hin–ein–ge–se–hen – das ist's! In die Menschen und in die Bilder muß man das. In die Leinwand und in die Seelen. Siehst du, jetzt die vier Wochen, da du allein hier warst ... eh' ich mich entschloß, dir nachzufahren. Sie : Bitte, eh' ich dir schrieb: »Adolar, es ist einsam hier. Komm!« Er : Ja. »Und bringe mir das Foulardkleid mit und den Crêpe-de-Chine-Schal und den Biedermeier-Beutel mit den Perlen und das Necessaire für Handpflege ...« Sie : Aber ich wollte doch nett aussehen, wenn du kommst. Er (zärtlich) : So, wie du jetzt aussiehst, – das steht dir doch am besten. Sie : Du siehst mich ja gar nicht! Er : O doch. Mit meines Geistes Augen. Und dann der seine Duft! Sie : Halb Chypre, halb Opoponax, halb Reseda – ich hab' mir das selbst ausgedacht für die Reise. Er : Herrlich! Drei Hälften. Aber dieser Geruch paßt zu dir, zu deinem lockigen Blondhaar, zu deinen rosigen Händchen ... Siehst du, jetzt, wo wir uns gewissermaßen im Großen wieder verstehen – wo du mich als Künstler ahnst, und ich deine im Grunde feine Frauenart, losgelöst von ihren kleinen Weltlichkeiten, schätzen gelernt habe ... Sie : (reicht ihm die Hand hinüber) : Ja – nicht wahr ... die richtige Ehe beginnt erst – Er : Knapp vor der Scheidung. (Er drückt ihr die Hand.) Sie : Sprich nicht mehr davon, Adolar. (Sie gibt ihm auch die andere Hand.) Ich wüßte wirklich nicht, was jetzt noch ... Sssss ... Sssss ... Sssss. Sie : Was ist denn das? Er (lauscht) : Ach, nichts. Eine Mücke ... Sie : Das nennst du nichts?! Ich werde morgen ein ganz dickes Gesicht haben! Er : Das macht nichts, Schatz. Sie: Natürlich, dir macht's nichts, wenn ich ein dickes Gesicht habe. Er : Schließ deine süßen, kleinen Ohren zu und – Sie : O Gott, nein ... ich kann nicht. Fang sie, Adolar ... Hast du sie? Er (ärgerlich) : Aber wie soll ich denn im Dunkeln eine Mücke fangen? Sssss ... Sssss ... Sssss. Sie (sitzt ängstlich lauschend wie ein Hase im Bett aus) : Du – Adolar, ich kann das nicht haben – ich kann nicht! Du hast sie hereingelassen ... Ja, du. Die ganzen vier Wochen hab' ich keine Mücke nachts hier gehabt! Und kaum bist du da, krieg' ich Ungeziefer. Er : Sei so gut! Ich hab' sie doch nicht mitgebracht von Berlin. Ich hatte gerade genug zu schleppen an dem Foulardkleid und dem Crêpe-de-Chine-Schal ... Sie (empört) : Ich hätt' wohl hinkommen sollen, um mir's selbst zu holen? Aber so beweg dich doch nicht immer, du hetzt ja das Tier geradezu auf mich. Er : Aber in drei Teufels Namen, ich bewege mich doch gar nicht. Sie : Siehst du, so bist du nun, – das Bett knarrt doch – das macht es doch nicht von selbst ! Sssss ... Sssss ... Sssss. Sie (kreischend) : Adolar – so fang sie doch ... Jetzt ist sie dicht an meinem Ohr ... Au, du piekst mir ja in die Nase ... Also ein rücksichtsloser Mensch bist du doch! ... Hast du sie wenigstens? Sssss ... Sssss ... Sssss. Sie : Also du hast sie nicht ... Nicht einmal Mücken fangen kannst du! Bloß die Fenster aufreißen. Er : Ich tat's doch wegen des Mondes. Sie : Als ob der Mond hereinkäme! Mücken kommen herein. Er (ärgerlich) : Wenn du nicht so sinnlos parfümiert wärst ... Sie : Bitte, halb Chypre, halb Opoponax und ... Er : Die dritte Hälfte Reseda. Ich weiß. Auf solche urblöden Zusammenstellungen kommst auch nur du. Sie : Der Assessor ... Er : Also laß mich bloß aus mit dem Kamel! Sie : Also für Schick hast du keinen Sinn. Der Assessor ... Er : Warum nicht gleich der Lackfabrikant? Der hätte für das Ineinandergießen von solchem Zeug noch eine berufliche Entschuldigung. Sie : Also – so unfair, mir fortgesetzt vorzuwerfen, daß ich um deinetwillen einen braven Mann unglücklich gemacht habe ... Er : Der unglückliche Mann hat eine Frau mit zwanzigtausend Mark Rente und drei bildhübsche Kinder von ihr. Sie : Das wird ja immer besser! Das soll natürlich heißen, daß ich dir nichts eingebracht habe. Und dabei weißt du doch, daß Tante Sussy ein Leberleiden ... Er : Die leberleidende Tante Sussy hat diesen Sommer angefangen Tennis zu spielen. Wenn wir Glück haben, reitet sie nächstes Jahr Polo-Konkurrenzen. Sie : Du willst also andeuten, daß sie dich enttäuscht, weil sie nicht stirbt? Er : Ich will gar nichts andeuten. Ich will schlafen. Sie : Das sieht dir ähnlich! Er : Herrgott, alles, was ich tue, sieht mir natürlich »ähnlich«. Sonst tät' ich's doch nicht! Sie : Schrei nicht so roh, die Wände sind so dünn. Er : Warum ziehst du in ein Hotel, das Papierwände hat?! Sie : In solches Hotel können eben nur anständige Frauen ziehen. Du wohnst natürlich auf deinen »Ausstellungs«-Reisen in Hotels mit dicken Wänden. Das ist bezeichnend für dich! Aber die Frivolität, mit der du das sagst ... Er : Kreuzdonnerwetter, ich sag 's doch gar nicht! Sssss ... Sssss ... Sssss. Sie : Adolar, du stehst jetzt auf und fängst die Mücke – oder ... Er : Ich soll mich doch nicht bewegen. Sie : Also das Wort verdrehst du einem im Munde. Erst läßt du Tiere herein, vor denen ich ein Grauen habe. Dann hetzt du sie auf mich. Dann wirfst du mir meine Mitgift vor. Dann wünschest du meiner einzigen Verwandten den Tod. Und jetzt weigerst du dich auch noch ... (weint). Er (macht Licht) : In drei Teufels Namen, ich weigere mich gar nicht. Ich ... Sie : Brülle nur so weiter! So ist's recht. Zeugen werd' ich haben für deine empörende Behandlung. Links in Nr. 123 der Oberstleutnant ist zwar halb taub – aber dein tierisches Geschrei hört auch ein ganz Tauber. Und rechts in Nr. 125 die alte Schwedin versteht zwar kein Deutsch, aber deine abscheulichen Schimpfworte wird sie schon verstehen. Sssss ... Sssss ... Sssss. Er (ergreift wütend einen Pantoffel) : Das ist schon zu dumm! Sie (kreischt) : Adolar – schlagen willst du mich – schla–gen!? Er : Donner und Doria – nein ! Die Mücke will ich totschlagen. (Er wirft einen Stuhl um und haut mit dem Pantoffel nach der Mücke, die um die Nachttischlampe schwirrt. Trifft aber nur das gefüllte Wasserglas. Das Glas geht kaputt, das Wasser spritzt ins Bett. Die Mücke entsurrt nach der Decke und bleibt träumerisch auf der Rückenpartie einer gemalten Putte sitzen.) Es klopft an der Tür. Er : Schockschwerenot, wer ist denn ...? Die Stimme des Assessors : Ich. Er : Wer – ich? Die Stimme kenn' ich doch! Der Herr Assessor? Die Stimme des Assessors : Allerdings. Er : Ich denke, Sie sind abgereist? Die Stimme des Assessors : Ich bin wieder gekommen! Sie werden die Dame nicht weiter mißhandeln. Ich bin zu jeder Genugtuung bereit. Sie (leise) : Der Ochse! Er (stellt langsam den Pantoffel zu dem anderen. Betrachtet eine Weile das Bild Othellos. Dann heftet er den Blick auf die Mitteilung, daß man »für Wertsachen im Hotel keine Garantie übernimmt«. Schließlich geht er zur Balkontüre und öffnet sie langsam.) Sie (zaghaft nach einer Weile) : Adolar, du wirst doch nicht ...? Er : Ich weiß nicht, was du meinst, – aber ich werde nicht. Sie : Adolar – es kommt am Ende wieder eine Mücke herein. Er : Oh, eine Mücke mehr, – das macht nun nichts. (Das Meer ist leicht bewegt. Die Strandkörbe sind ruhig. Der Friseur spielt noch immer Harmonika. Stimmung.) Die Rettungsmedaille Es ist Spätsommer. Draußen spielt der Wind mit verbranntem Laub über dem Asphalt. Es regnet ein wenig, wie immer, wenn der Provisor in der Apotheke gegenüber seine Nangkingbeinkleider anhat. Ein Bollejunge klingelt. Die Elektrische rasselt. Zwei Taxameterkutscher beschimpfen sich. Auf dem Gesims des geöffneten Fensters sitzt ein ruppiger Spatz und verdaut. Er und sie am Frühstückstisch . Er sitzt, den Kopf mit einer Kompresse bedeckt, eine italienische Seidendecke über den Beinen, im Sessel; auf der Nase hat er ein Pflaster, das eingerissene Ohrläppchen ist frisch genäht. Er riecht nach Karbol und Eau de Cologne, ist vierzig, talentvoll, wie er glaubt, ohne Beruf, wie jeder weiß, und gestern in den Kanal gesprungen, wie in der Zeitung steht. Sie ist aschblond, blonder als voriges Jahr, rotbäckig, rotbäckiger als nachmittags, schlank, schlanker als vor der Marienbader Reise, und eine jener Frauen, die kurze Zeit zu besitzen sehr köstlich und die dauernd zu besitzen sehr lästig genannt werden muß. Er sieht mit etwas zittrigen Fingern die Post durch, während sie 25 Tropfen Zitrone in ihren Tee preßt. Sie : Sagtest du etwas? Er : Nein. Das ist bloß – die Flüssigkeit in den Gedärmen, das viele Wasser, das ich gestern geschluckt habe. Sie : Trinke Tee! Er : Davon wird doch die Flüssigkeit nicht weniger. (Schiebt ihr ein großes Kuvert hinüber, in das er nur von oben hineingesehen hat.) Schon wieder eine Verlobungsanzeige! Steck unsere Karten in ein Kuvert: Mit herzlichem Glückwunsch. Sie : Wer ist's denn? Er (gleichgültig) : Ich weiß nicht. Sie : Ah, unser lieber Doktor Heymann heiratet das kleine Fräulein Koppel, weißt du, die niedliche mit der Hasenscharte und den geschnittenen Drüsen am Hals. Sie hat zwar nichts, aber der Vater ist vortragender Rat. Ja, der Doktor! Ein Idealist! Er : Beschimpfe doch die Leute nicht schon beim ersten Frühstück! Sie : Ist Idealist ein Schimpfwort? Er : Wenn du 's sagst. Sie : Jedenfalls ist es ein Glück für einen, wenn er wirklich in den Verhältnissen ist, so schlankweg heiraten zu können. Er : Ja, aber noch ein größeres Glück für ihn ist's, wenn er's trotzdem bleiben läßt. Sie : Gott, Ottomar, du mußt, scheint's, Wasser schlucken, um geistreich zu sein! Er : Mir scheint, du solltest die letzte sein, die mir vorwirft, daß ich Wasser geschluckt habe! Denn ich habe es gewissermaßen für dich geschluckt. (Er knöpft die Weste und das Hemd auf und steckt diskret das Fieberthermometer in die Achselhöhle.) Du erlaubst? Sie : Ich erlaube dir alles in Anbetracht deines nicht gewöhnlichen Zustandes – selbst solch unappetitliche Hantierungen am Frühstückstisch. Ich erlaube dir bloß nicht, alle Widerwärtigkeiten deines Lebens, vom Keuchhusten angefangen, den du als Kind gehabt hast, und den Stunden, die du in Quinta hast nachsitzen müssen, bis zu dieser gegenwärtigen Stunde auf mich zurückzuführen. Das nicht. Er : Aber ... Sie : Pardon, ich rede. Mein Vetter, der Senator in Bremen ... Er : Schwöre mir, daß du nicht sagst: daß er ein Mahagoniboot hat, daß er »aus eigener Tüchtigkeit« auf Gummi fährt, daß er nun schon den Kronenorden dritter besitzt und in Preußen längst Exzellenz wäre ... Ja, verstehst du denn nicht, daß mich dieser Mann in den Kanal getrieben hat?! Sie : Du solltest das Fieberthermometer herausnehmen! Du hast Fieber. Was hat das Mahagoniboot des Senators mit der schmutzigen Kanalstelle am Halleschen Ufer zu tun, an der du »beinahe« ein Kind gerettet hast? Er : Aber dies Kind, versteh doch, hätte ich ja nie gerettet ... Sie : Du hast es ja auch gar nicht gerettet. Schiffer haben es herausgezogen und dich ... Er (bewegt die Hände, als ob er sich am Rücken reiben wollte, beherrscht sich und läßt's) : Also – liebe Aurelie ... Sie : Also – lieber Ottomar? Trinke Tee, ja. Onkel Ernst – du hast gelesen, er ist unter den Männern genannt, die ernstlich als Nachfolger des Kultusministers in Frage kommen – Onkel Ernst hat einen vortrefflichen Ausspruch ... Er : Also – liebe Aurelie, ich weiß nicht, ob mir jetzt der Tee bekommt. Aber das weiß ich, Aussprüche des Onkel Ernst verschlimmern jetzt meinen Zustand. Ich gebe zu, er verdiente, Kultusminister zu sein. Ich gebe zu, daß seine Aussprüche – zu mir hat er immer nur gesagt: »Woher kommt's, lieber Freund, daß ich Sie stets mit einem geheimen Postrat verwechsle, der einen so tragischen Tod erlitt, weil er in seiner Jugend so viele Postmarken geleckt hatte« – gebe zu, gegen seine Aussprüche sind die Sibyllinischen Bücher Fibelverse, Knallbonbonweisheit, Schüttelreime. Aber dieser Mann in Verbindung mit dem Bremer Konsul und dem Vetter Hugo, der Attaché in Tokio ist und schon den Orden vom aufgehenden Abendstern hat ... Sie : Morgenstern. Er : Mir auch recht! Meinetwegen beide. Abend und Morgen. Und dann die Äbtissin von Heiligenwiege, der der Fürst zu Putbus den goldenen Hirtenstab gestiftet hat und die eine Duzfreundin von drei Prinzessinnen und deine Cousine ist – diese Suppe, diese Suppe. Sie : Was denn, was denn? Er : Sippe, Sippe wollt' ich sagen – diese ganze Sippe hat mich gestern in den Kanal gestoßen ... ja, ja, sie !! Alle haben sie hinter mir gestanden und gehetzt: »Spring!« Und haben gelacht und gekichert: »Tu's! Wenn du schon ersäufst!« Und der Vetter, der Senator, hat gesagt: »Ich habe ein Mahagoniboot, aber untersteh dich nicht, dich daran festzuhalten!« Und der Onkel Ernst hat gedrängt: »Der Postrat, dem du ähnlich siehst, ist ja auch schon tot – also, was denn? Riskier's!« Und im Rücken hab' ich ein Picken gespürt wie von einem Stachel, jawohl – das war der Hirtenstab, den der Fürst zu Putbus gestiftet hat. Und die Äbtissin von Heiligenwiege hat ihn mir persönlich in den Rücken gebohrt ... Sie (ist erschreckt aufgesprungen) : Ottomar – du hast ... du bist wirklich krank. Ich werde den Sanitätsrat ... Er (faßt sie am Handgelenk und zwingt sie in den Stuhl zurück) : Nichts wirst du! Und das alte Kamel schon gar nicht, das nur Abführmittel verschreibt, weil er selber hartleibig ist. Hier bleiben wirst du! Zuhören wirst du ... Nicht mehr zum Aushalten war's mit der Familie! Orden, Gummiräder, Hirtenstäbe, Mahagoniboote – jeden Tag irgendeine Auszeichnung, irgendeine Notiz in der Zeitung. Und dann immer dein Gesicht und deine Litanei: »Ottomar, du solltest doch auch ...« »Ottomar, könntest du nicht ...« »Ottomar, ließe sich denn gar nicht ...?« Morgens früh auf meinem Waschwasser schon ist das Mahagoniboot geschwommen. Ins Essen sind mir die Sterne und Komturkreuze gefallen. Am meine Mittagszigarre hast du mir die Gummiräder gewickelt. In meinem Bett abends hab' ich noch den Hirtenstab gefunden. Und ich? Nichts. Nichts in der Frackklappe, nichts hinter dem Familiennamen ... Sie (mit schwerem Vorwurf) : Meier . Er : Donnerwetter, ja doch, Meier!! Aber hab' ich denn von Meier geheißen, als ich dich in St. Moritz im Lift küßte? War ich denn Freiherr von Meier, als ich deiner Tante in Pontresina die sieben Schals trug? War ich Graf Meier, als du mir im Schweizerhof in Luzern das Jawort gabst? War ich Geheimrat , als du mir sagtest, daß du nichts mitbekommst als die Bettwäsche? War ich Königliche Hoheit als ich deinem Vetter, der nach Tokio ging, 20 000 Mark pumpen durfte? War ich ein Erzbischof , daß mich auch dein Onkel Ernst, als er eine Million mit einer zugehörigen Mannheimer Jüdin heiraten wollte, zu Madame Bi-Bi mit den gezähmten Kakadus schickte, ihr seine kindischen Liebesbriefe abzubetteln? War ich ... Ha-tzi – ha-tzi ...! ( Ein furchtbarer Schnupfenanfall verhindert ihn, weiter zu erforschen, was er nicht war.) Sie : Du warst nur eines immer – un-zart. Un-zart. Er : Aha – unzart! Weil ich nicht versengt, zu Asche verbrannt, weggeblendet sein wollte von dem Glanz deiner Familie? Weil ich in der Todesangst meines Existenzkampfes Flecke in euren Sonnen erspähte? Weil ich zu konstatieren wagte, daß Onkel Ernst nicht nur mehr Orden auf dem Frack hat als die Portiers am Abgeordnetenhaus am Sonntag, sondern auch mehr Warzen im Gesicht als der selige Liszt. Daß der Bremenser Senator nicht nur ein Mahagoniboot hat, sondern auch den Ruf, ein Geldschneider und Leuteschinder zu sein. Daß die Äbtissin nicht nur Siegelring und Hirtenstab besitzt, sondern auch einen so dummen Hochmut, um drei Dalailamas daraus zu machen. Sie (fortfahrend mit dem müden Lächeln der Märtyrerin, die für ihre Familie gefoltert wird) : – und daß alle diese von Staat und Kirche hoch angesehenen Leute Verbrecher sind, die dich in den Kanal trieben, dich zu ertränken, das ist neu. Gestern noch hast du ein Kind retten wollen. Nachdem du dieses Kind nicht gerettet, aber von den Schiffern Prügel bekommen hast, änderst du nachträglich die Motive dieses edlen Sprunges ... Er : Nichts ändere ich! Seit Wochen bin ich jeden Tag am Ufer entlang gelaufen – an der Spree, am Kanal, bei Treptow, im Tiergarten, an den Grunewaldseen – und habe mich gefragt: Wo ist hier die meiste Chance, daß mal ein Kind hineinfällt ? Sie : Ottomar, du bist ... Er : Verrückt? Nein. Ich habe mir gesagt: du heißt Meier. Bloß Meier! Denn dein Vater hieß schon so. Du bist ein anständiger Kerl, der sein Auskommen hat, aber du hast kein Talent, es zu etwas zu bringen, das einem Senator, einem Geheimrat, einem Mahagoniboot, einem Hirtenstab zu vergleichen wäre. Der Fürst zu Putbus schenkt dir nichts. Prinzessinnen korrespondieren nicht mit dir. Die Zeitungen nennen dich erst, wenn deine Witwe annonciert: »Es hat dem Allmächtigen gefallen, meinen lieben Mann ...« Das mußte anders werden! Irgend etwas mußte ich an Auszeichnung erwerben. Alles wäre mir recht gewesen: Kammerherr des Emirs von Buchara, Vizekonsul von Honduras, Ehrenkavalier der Königin von Madagaskar ... Aber das alles ist gar nicht so einfach. Da plötzlich stand's vor meines Geistes Augen: »Du – rettest – ein Kind!« Aus was ? Aus dem Wasser natürlich! Wann ? Das hängt von dem Kind ab. Wo ? ... Ich ging die Ufer ab. Es gibt kein Ufer in und um Berlin, das ich nicht unter dem Gesichtspunkte geprüft habe: Fällt hier vielleicht bald ein Kind ins Wasser? Am Halleschen Ufer endlich fand ich ein paar Kinder, die dicht an der Böschung spielten. Ein ruppiges, struppiges Mädel, so etwa fünf Jahre alt, armselig, ungezogen, quengelig, den Mund immer mit Zwetschgenmus bekleckert – ein unleidliches Gör. Aber ich liebte das Kind. Jeden Morgen – wochenlang – promenierte ich am Halleschen Ufer. Sah die Kinder spielen und wartete. Lauerte! Schutzleute, Arbeiter, besorgte Frauen riefen es oft von der gefährlichen, abschüssigen Stelle. Mariechen – Mariechen hieß der Ausbund an struppiger Ungezogenheit – spielte immer wieder an der verbotenen Stelle. Einmal muß es doch ... dacht' ich. Da – gestern! Ich biege gerade an der Möckernstraße ein, da seh' ich das Mariechen an der Böschung stehn; eine Sardinenbüchse hängt es an langer Strippe ins Wasser. Das sinnige Kind »fischt«. Ich lese rasch noch: »Wasserwärme 9 Grad.« Es geht noch, denk' ich ... Ich wußte es: heute – heute oder nie! »Mariechen!« ruft eine entsetzte Stimme irgendwoher. Das Kind will sich umdrehen, gleitet, rutscht ... Schon hatte ich den Rock aus, die Zugstiefel ... Sie : Also deshalb trugst du immer diese gräßlichen Zugstiefel? Er : Natürlich! Schnürstiefel hätten aufgehalten ... Ich sprang und – Sie : Ja, du sollst noch vor dem Kind im Wasser gewesen sein. Er : Das kann sein. Ich wußte aber doch, es kam nach ! Aber ich war zu weit gesprungen. Die Schiffer von der »Daphne« – wie der abscheuliche Äpfelkahn zu dem Namen kommt, weiß der Teufel! – hatten das Mariechen schon mit Stangen gefaßt. An den gebauschten Röcken. Zogen's heran und ... (Er schaudert in nicht angenehmen Erinnerungen.) Sie : Dann hast du dich an ihren Stangen auch festgehalten. Er : Es war doch nichts mehr zu retten im Wasser! Und bei 9 Grad in der Dreckbrühe – zum Vergnügen schwimmt da doch keiner herum! Sie : Warum haben sie dich denn so geschlagen, als sie dich im Trocknen hatten? Er : Das Ufer war voller Menschen. »Er hat sich ins Wasser gestürzt mit dem armen Wurm,« schrie irgendein Blödsinniger. »So'n Rabenvater« ... »Wenn sich der Kerl versäufen will, soll er's doch man alleene machen« ... »Und Lysol hat er'm erst noch zu trinken jejeben!« Sie : Mein Gott, Lysol – ?? Er : Ja, siehst du, das war mein Unglück. An der Stelle, wo ich zur Rettung abgesprungen war, lag – der Satan weiß, wie sie da hingekommen – zufällig eine Lysolflasche. Leer natürlich. Das heißt: vielleicht war auch einmal Branntwein drin oder Ameisenspiritus oder Haaröl. Aber das alte Weib – ich seh' sie noch, sie hatte eine blaue Schürze und Hände wie Ofengabeln, die sie immer zusammenklappte das alte Weib hatte »Lysol« gekreischt. Und der Schutzmann, der an der Flasche roch, widersprach nicht. Warum roch er überhaupt an der Flasche? Hätte er mich lieber geschützt! Die Leute waren ja wie verrückt. Ich glaubte, sie hätten mir das Kreuz zerbrochen. Und ein Mann in Plüschpantoffeln und ohne Kragen schrie immer: »Du Lump – du miserabliger!« Und auf der Polizeiwache erfuhr ich dann, daß es der Vater von dem Mariechen war, das ich retten wollte. Er war nicht davon abzubringen, daß ich das Kind ins Wasser geworfen. Solche Leute in Plüschpantoffeln sind schrecklich in ihren Vorurteilen. Sie : Du sollst aber – das steht doch in den Zeitungen – ganz verworrene Redensarten geführt haben auf der Polizeiwache ... (Sie entfaltet ein Blatt und liest) ... »Der übel zugerichtete, offenbar geistesgestörte Mann behauptete seinerseits, in den Kanal gestoßen worden zu sein. Obschon niemand diesen Vorgang bemerkt hat ...« Er (reißt ihr das Blatt aus der Hand) : Natürlich hat's keiner bemerkt! ... Denn der Senator läuft nicht, wie ich, zu Fuß am Halleschen Ufer auf und ab. Der gondelt im Mahagoniboot oder fährt auf Gummi in Bremen. Und der Vetter Exzellenz hat gerade irgendwo seinen Katzenbuckel gemacht. Und der Attaché putzt seinen Abendstern für ein Kirschblütenfest oder was weiß ich. Und die Äbtissin trägt ihren Hirtenstab spazieren. Und sie wissen alle von nichts. Und wenn ich ihnen sage, daß sie mich in den Landwehrkanal geschmissen haben, daß ich ihretwegen das Wasser geschluckt und die Prügel bekommen und mir den Mann mit den Plüschpantoffeln fürs Leben zum Feind gemacht habe, so werden sie mich auch für verrückt erklären. Genau wie diese Zeitungsschreiber, die von nichts was wissen und über alles orakeln. Und sie sind's doch gewesen – doch ... doch ... doch ! »O, com' è bello ...« Mietwohnung im Südwesten. Ein bürgerliches Eßzimmer, an dessen Wänden ein paar Kopien guter Blumen- und Jagdstücke besseren Geschmack verraten. Die Möbel sichtlich schon in der zweiten Generation, der Teppich in der dritten. Der Plafond verrät, daß der Wirt gar nichts machen läßt, aber auch kein Recht hat zu steigern. Der Tisch ist einfach gedeckt für ein Abendbrot. Zwei Teller. Drei Platten mit sehr viel kaltem Aufschnitt. Kartoffelsalat mit dem Versuch einer Mayonnaise. In der Mitte des Tisches thront wie ein Bismarckturm im Flachland eine goldgekapselte Flasche Sekt. In Eis steht sie nicht, aber am Halse trägt sie ein seltsames, etwas angeschmutztes, blaßrotes Bändchen. Eine Hängelampe über dem Ganzen, in dem ein Gasglühstrumpf schon recht lange seine Schuldigkeit getan hat. Herbert betritt wenig vor Emmi das Zimmer. Er ist in einem neapolitanischen Fischerkostüm, das eigentlich die Beine nackt verlangt. Aber da der Ofen nicht überwältigend heizt und da der Kostümierte Erkältungen fürchtet, so hat er die baumwollenen Unterbeinkleider anbehalten, die zwar eine hautähnliche Farbe haben, aber grobmaschige Falten schlagen. Die breite, rote Schärpe, die das vorn offene Foulardhemd abschließt, scheint ihm unbequem. Die rote Mütze steht ihm gut zu dem welligen schwarzen Haar und dem Spitzbart, der für einen vor bald dreihundert Jahren in Amalfi geborenen Fischer und Revolutionär erstaunlich gepflegt ist. Er betrachtet die Arrangements, schraubt behutsam an der Lampe herum, ohne dadurch die Lichtquelle irgendwie zu verstärken, widmet der Sektflasche ein halb wehmütiges, halb ironisches Lächeln und sieht dann ungeduldig nach der Tür zum Schlafzimmer. Emmi kommt auf den Zehenspitzen, »Karli« nicht zu wecken, aus dem Schlafzimmer. Sie hat ein mit vielen Münzen behängtes Zigeunerkostüm der Preziosa an, Samttaille, bunter Rock, türkisches Tuch im Haar. Emmi : Soll ich offen lassen die Tür – wegen Karli? Herbert : Aber nein, dann können wir ja kein lautes Wort sprechen. Emmi : Man kann auch leise vergnügt sein. Damals war auch ... Herbert (leicht abwehrend) : Ich weiß, ich weiß! Aber die Hauptsache ist, daß er uns nicht aufwacht. Wenn er um diese Stunde seinen Schlaf nicht hat, dann ist er unausstehlich. Emmi : Aber – Herbert! »Unausstehlich« ist er doch nie. Aber du hast recht – heute, wo das Mädchen nicht da ist ... Herbert : Sie hätte doch auch morgen zu ihrer Tante gehen können. Am so mehr, als die Tante bestimmt nicht existiert. Emmi (am Tisch ordnend) : Aber dann hätte sie doch gesehen, wie wir uns hier verkleiden – bloß eins für das andere. Herbert : Ja, mit den Herrlichkeiten aus der Mottenkiste. Wie ein Anachronismus kommt man sich vor, wenn man zufällig am Spiegel vorbeigeht. (Er hängt eine Serviette über den Spiegel.) Emmi : Was machst du? Herbert : Also weißt du – uff, ist das eine Arbeit, staubig ist er auch! – Dich will ich mir ja ansehn in dem Fähnchen – aber mich auch noch sehn – im Spiegel – das kannst du nicht verlangen! Emmi : Aber Herbert! Nu verdirb mir doch nicht die nette Idee. Es war doch heute vor drei Jahren ... Erinnerst du dich noch? ... Bürgerball ... Ehrlich gesagt: ich hatte mich so gelangweilt. Er erklärte mir alle Masken. Herbert : Ja, er war sehr gründlich. Emmi : Aufregend gründlich ... (in der Erinnerung den ersten Gatten leicht kopierend) : »Siehst du dort den Don Quixote – bemerkst du, daß er einen falschen Helm aufhat? Was müßte er auf dem Kopf haben –? Ein Rasierbecken? Gut ... Wie würdest du jenen Herrn dort zeitlich einordnen – den mit den Spitzenmanschetten, den Kniehosen und dem schiefsitzenden Zweimaster – Wie? Direktoir?« Herbert (ebenso) : »Und der Mann in der Goldrüstung dort – meine liebe Emmi, du scheinst nicht zu ahnen, daß das offenbar Alexander der Große sein soll. Weißt du noch, wann die Schlacht bei Gaugamela war? Und wen er dort besiegt hat ...« Emmi (hält ihm den Mund zu) : Pscht! nicht! ... Wenn ich Heinrich nachmache, ist's schließlich was andres – ich bin seine Frau gewesen. Aber von dir mag ich's nicht. Du – Herbert : Ich habe seine Frau geheiratet. Und (einen Augenblick von der Erinnerung gepackt) das Kostüm da hat sie angehabt, als ich ihr zuerst ... Emmi : Von Liebe sprach. Ja. Preziosa – »Einsam bin ich – nicht alle–ei–eine –« Herbert : Pscht – still, um Gottes willen – Karli!! Emmi (die Stimme dämpfend) : Ach so, ja. Singen dürfen wir heute nicht. Aber das Kostüm – (sich an ihn lehnend) gefällt dir's noch? Herbert : Ja. Das heißt – (den Kopf hochreckend) so gräßlich nach Naphthalin gerochen hat's damals nicht. Emmi : Das glaub' ich. Ich trug's ja zum erstenmal. Herbert – (sie breitet die Arme aus, läßt sie aber sofort wieder sinken) wie dumm – jetzt sind hinten alle Druckknöpfe aufgesprungen! Willst du so gut sein ... Herbert (ihr die Taille wieder schließend) : Preziosa mit Druckknöpfen! Du bist eben dicker geworden. Emmi : Ein bißchen. Da ist Karli dran schuld. Herbert : Ein bißchen sehr. – Dunner ja, den mittleren krieg' ich nicht zu. Das war schon vorhin eine Arbeit! Was hast du denn übrigens mit deinem Haar gemacht? Emmi : Herbert! Siehst du das jetzt erst? Ich hab' wieder das falsche draufgelegt – das von damals. Herbert : Hm! Ja. Nun stimmt's in der Farbe nicht mehr ganz. Emmi : Das war immer so. Du hast's bloß damals nicht so gesehen. Herbert : Ich finde das ekelhaft – die falschen Haare. Du weißt doch, die meisten kommen aus China und werden gefärbt. Von Leichen werden sie geschnitten – von Pestkranken und ... Emmi : (hält sich die Ohren zu) : Hör auf –! Das ist doch damals schon so gewesen – aber damals hast du nichts gesagt – da hast du mich nur verliebt angesehen und gerufen: »Kellner – Betriebsdirektor – Sekt für Preziosa und Masaniello!« Und dann hast du die Mandoline genommen ... Herbert : Ja, in die sich dann der dicke Rechtsanwalt gesetzt hat, daß sie kaputt war für immer. Emmi : Und hast gespielt: » Sul mare ... « Das heißt, das hab' ich damals am meisten an dir bewundert; du hast sogar den zweiten Vers gekonnt! Den kann sonst nie einer. Wie war er doch? Herbert (leise markierend, dann lauter) : Conquesto zefiro Così soave – O, com' è bello Star' sulla nave ... Emmi (von der Erinnerung überwältigt, laut einfallend) : – O, com' è bello – –! Herbert : Pscht! – Karli! Emmi : Und Heinrich machte darauf aufmerksam, daß sich Masaniello auf » bello « reime. Herbert : Daß aber das Lied zwei Jahrhunderte jünger sei als der. Emmi : Und dann kam der Sekt. Pomery – nobel hast du's gegeben! Herbert : Richtig – Sekt. Dafür hast du ja heute auch gesorgt. Emmi : Gelt?! Was sagst du. Französisch – wie damals. Heißt das: in Deutschland auf Flaschen gezogen. Eine ganze Flasche. Herbert : Heinrich hielt uns damals einen Vortrag über die Verschwendung im alten Rom, die den Niedergang der Sitten herbeigeführt hat. Emmi : Gott, ja – in den Scheidungsakten kam ja die Flasche Sekt noch vor. Herbert : Na, so ganz unschuldig war sie vielleicht nicht an all dem, was kam. (Sie setzen sich. Emmi legt Herbert vor und schmiert ihm ein Brot.) Emmi : Heinrich trank ostentativ protestierend Mosel. Herbert : Ja, der noch dazu nach dem Pfropfen schmeckte. Emmi : Im Trinken und Essen war er überhaupt bequemer wie du. Herbert (mißvergnügt ein paar Stücke an den Tellerrand schiebend) : Rindsbraten ess' ich zum Beispiel überhaupt keinen. Und nun gar – englisch! Emmi : Hier ist auch Zunge. Herbert : Ja, aber von ganz hinten, wo's schon keine mehr ist. Emmi : Schimpf nicht! Komm, mach den Sekt auf. Herbert : Eis hast du keins? Wie? Nu, da wird er reizend schmecken. Wo ist denn der Sektöffner? Emmi : Wir haben doch keinen. Wozu auch! Herbert : Also in meiner Junggesellenwirtschaft war einer. (Er versucht erst mit der Gabel, dann mit dem Taschenmesser die Kapsel zu öffnen. Das Blut steigt ihm in den Kopf von der Anstrengung, und der Schweiß perlt ihm über die Stirn.) Emmi : Wart, ich hol' eine Feile! ... oder einen Bohrer. Herbert (ärgerlich) : Warum nicht gleich einen Stiefelknecht?! Ein Haushalt! Was ist das übrigens für ein dämliches schmutziges Bändchen, das die Flasche um den Hals hat –? (Reißt's ärgerlich ab und wirft's weg.) Emmi : Aber Herbert –! Kennst du das nicht mehr? Das ist doch ... Gott, wenn du's doch nicht kennst ... Herbert (einen Augenblick bei der Arbeit pausierend, wischt sich den Schweiß) : Also, nu sag's schon. Du hast eine gräßliche Art, immer Rebusse aufzugeben mit gemütvollen Lösungen. Emmi : So – ja. Damals – in der Nische – als Heinrich mit dem Kellner zankte, hast du zu mir gesagt: »Alles an Ihnen ist ein süßes Rätsel. O über den Glücklichen, der es lösen dürfte!« Herbert (beiläufig) : Ja, ja. Heinrich hatte halb hingehört und übersetzte sofort: » O fortunate adulescens, qui ... « Emmi : Laß doch! Herbert : Nu weiß ich immer noch nicht, was mit dem Bändchen los war. Emmi : So ein Endchen hing mir am Ausschnitt heraus. Mein Korsettschoner. Ich sah, wie du listig danach lugtest ... Plötzlich – in deinem Übermut ... Herbert : (wieder energischer um die Flasche bemüht) : Au, mein Daumen! Was? gestochen hab' ich mich. So ein verflixter Draht! Das hätt' mir einer sagen sollen, als ich ... Student war. Nicht mal einen Sektöffner –! Also – laß – – es – geht!! (In diesem Augenblick fliegt der Pfropfen aus der warmen Flasche mit gewaltigem Knall an die Decke und zertrümmert im Herunterfallen das Milchglas der Ampel, dessen Scherben mit großem Geklirr in die Teller und Gläser fallen. Emmi schreit auf. Herbert , dem der Sekt in hellen Schaumwellen über Brust und Hose fließt, ist vom Stuhl aufgesprungen und hält in weitvorgestreckter Rechten die immer noch überquellende Sektflasche, während er sich mit der Linken mittels einer Serviette abzutrocknen sucht. Dabei schimpft er in unklaren Worten wütend in seinen Bart: »Also – so eine Gemeinheit ... einmal im Jahre trinkt man Sekt ... Der Teufel soll die ganze Wirtschaft holen ... Karli nebenan ist von dem Pfropfenknall, dem Klirren der Scherben, dem Schrei der Mutter wach geworden und hat allsogleich ein mörderisches Geheul begonnen.) Emmi : Um Gottes willen, Herbert, die Lampe – Herbert (unwirsch) : Das seh' ich doch. Emmi : Und das Kind –! Herbert : Das hör' ich doch. Nun hast du's glücklich geweckt mit deinem dummen Aufschrei. Wer schreit denn auch gleich so, wenn ... Emmi : Aber nein, du hast's geweckt mit deinem dummen Sekt. So talentlos! ... (nach dem Schlafzimmer rufend) Tarli ... Buwichen; Tarlemännchen – Mama tommt zu Tarlichen ... Herbert (ihr nach, ärgerlich) : Sprich doch ordentlich mit dem Kind! Emmi : Er versteht's ja doch nicht. Herbert : Gerad darum! ... (er hat die Flasche hingestellt) . Ja, feiern wir nun eigentlich unser karnevalistisches »Erinnerungsfest« oder –? Emmi : Aber das Kind schreit doch! Es wird naß sein. Herbert (mit der Serviette wischend) : Ich bin auch naß. Emmi (mit einem Versuch zu scherzen) : Masaniello – ein Fischer! Herbert : Ach was, Quatsch. Die Hosen zu eng und naß. Und der Sekt deutsch, und die Mandoline kaputt – und der Bengel schreit ... und ... Emmi : Er wird sich schon beruhigen, wenn ich ... Herbert (immer wütend) : Wenn du – ja! Es ist einfach ein Blödsinn gewesen, das Mädchen wegzuschicken! Emmi : Also du weißt doch ganz gut – wenn sie dageblieben wäre und unsere Maskerade gesehen hätte – sie hätte die Fäuste in die Seiten gestemmt und sich totgelacht. Mit diesem gräßlichen Bauernlachen. Herbert : Sie hätte vielleicht recht gehabt. Ich finde, es ist lächerlich, daß zwei Leute, zwei erwachsene Leute, sich als Masaniello und Preziosa verkleiden – um beständig einen Bengel von fünf Monaten trockenzulegen. Einfach: Dalldorf! (Das Geschrei im Nebenzimmer bekommt eine spitze, drohende Note.) Herbert : Also, nu gehen wir schon! Das ist ja wirklich ein infamer Bengel! Emmi : Ach was, beschimpf dein Kind nicht, ja! Du hast auch geschrien und hast auch Windeln naß gemacht. Herbert : Also – es ist geschmacklos, mir das dreißig Jahre später vorzuwerfen, wenn ich ein Masaniello-Kostüm für dich angezogen habe, das mich überall zwickt. (Sie sind hineingegangen ins Schlafzimmer. Emmi hat den Jungen aus der Korbwiege genommen. Er beruhigt sich etwas, besonders als er die Entdeckung gemacht hat, daß er seine eigenen Tränen mit dem vorgestreckten Züngelchen abfangen und konsumieren kann. Emmi breitet eine Lederschürze über ihren roten Samtrock, legt das Kind darauf und beginnt es mit spitzen Fingern auszuwickeln, wobei sie die Knie ganz leise schaukelt, um den Kleinen vollends zu beruhigen.) Emmi (singend) : »Brav, Kleiner, brav! ... Dein Pa–pa ist ein Schaf –« Herbert : Also ich verbitte mir, daß du dem Jungen solche Sachen ... Emmi : Ach sei doch nicht so – ich hab' mich doch bloß im Text geirrt ... Ich glaub' fast, Herbert, es ist ein großes Geschäftchen ... Herbert (sich etwas entfernend) : Na, wenn du das jetzt erst glaubst ... Dann versteh' ich, wie du so unsinnig viel Naphthalin in die Kleider streuen kannst. Emmi : Gib mir mal den Schwamm aus dem Gestell – ja? Nein, den andern ... aber naß ... nicht so, ein bißchen ausdrücken. Danke. Ist er nicht reizend so? Herbert : Von hinten –? Das ist Geschmacksache. Bist du nun bald fertig? Emmi : Nur noch das Popochen pudern ... Gib mal die Quaste, ja. Erst ein bißchen in den Puder stoßen ... So (zu Karli, der, beide Fäustchen am Mund, mit großen Augen ins Licht starrt) – und nun triegt mein Buwichen sein Tittelchen – und wird ins Bettchen delegt ... und ... Herbert : Also, Emmi, ich kann mir nicht helfen – er sieht ihm ähnlich. Emmi : Wem? Herbert : Heinrich, dem Gründlichen – dem Oberlehrer! Emmi : Aber, Herbert – das ist entweder eine Beleidigung oder– Herbert : Oder ein interessanter Beweis für eine wissenschaftliche These. Bei Mäusen und Karnickeln ist das vielfach beobachtet worden, daß die Jungen eines zweiten Wurfs noch die Farbe oder kleine körperliche Merkmale des Männchens zeigen, von dem der erste Wurf stammt und das beim zweiten ganz ausgeschaltet war ... Emmi : Herbert, ich verbitt' mir das! Ich bin doch kein Karnickel! Herbert : Das behaupte ich auch nicht. Aber du gehörst zur Klasse der warmblütigen Säugetiere und ... Emmi : Ich würde mich vor dem Kind schämen! So gemeine Ausdrücke ... Herbert : Nu, der schämt sich doch auch nicht. Kann ich einen Augenblick das Fenster aufmachen? Emmi : Nein. Erst muß er im Bettchen liegen. Herbert : So leg ihn doch schon hin! ... Ich will dir das in Büchern zeigen. Emmi : Ich danke für solche Bücher! Nein, da muß ich dir doch sagen, Heinrich hat keine so schweinischen Bücher in seiner Bibliothek gehabt. Er war nur für das Ideale. Herbert : Ja, wenn du den Akkusativ cum Infinitiv »ideal« nennst und die Verben mit dem unregelmäßigen Gerundium. Emmi (fortfahrend) : – aus der Odyssee hat er mir vorgelesen und solche Sachen. Herbert : Odyssee ist auch Schwindel! Dieser Odysseus – zehn Jahre Ilium – zehn Jahre Irrfahrt – und dann kommt er heim zur Penelope und macht eine Wirtschaft mit den »Freiern«! Rechne doch aus: vierzig Jahre alt muß die Frau mindestens gewesen sein. Und das im Süden! Auf einer heißen Insel im ägäischen Meer! Emmi : Um Gottes willen – Ithaka ist doch eine von den ionischen Inseln – die kleinste. Herbert : Aha – der selige Oberlehrer geht um! Weißt du, es ist einfach lächerlich, wie du da sitzst als »Zigeunerin« mit lauter Rechenpfennigen am Mieder und auf den falschen Haaren und Vorträge über die »ionischen Inseln« hältst und über deinen ersten Mann. Emmi : Ich halte keine Vorträge über ihn. Ich sage nur: er ist nicht »selig«. Er ist sogar sehr gesund. Gesünder wie du. Er turnt. Er müllert. Er schläft bei offenem Fenster. Auch im Winter. Herbert : – und läuft auf dem Waschwasser Schlittschuh. »Holländisch« meinetwegen! Emmi (trägt das Kind in das Bettchen) : Und für den da könnt ich mir gar keinen besseren Lehrer denken. Wenn er mal ins Gymnasium kommt, soll er auch in Coetus B . Da bekommt er Heinrich als Lehrer in Untertertia. Herbert (links vom Kinderbett) : Also das wird er nicht ! Emmi (rechts vom Kinderbett) : Also – das wird er doch ! Denn, verstehst du, daß ich mit Heinrich keine Kinder hatte, das mag ja ein bißchen an ihm gelegen haben. Aber die Kinder anderer Leute erziehen, das kann er besser wie du. Dir ist's ja schon zu viel, wenn du den Schwamm und das Puderquästchen reichen sollst. Herbert : Na, ein Untertertianer wird doch nicht mehr gepudert! Emmi : Aber seelisch wird er gepudert. Herbert : Nu hör schon auf mit dem Quatsch! Bis dahin ist noch viel Zeit. Vielleicht hab' ich mich bis dahin zu Tode »verweichlicht«; vielleicht hat er sich bis dahin zu Tode »gemüllert« ... Und übrigens frier' ich an den Beinen in dem unsinnigen Kostüm. Ein Paar Winterhosen zieh' ich jetzt an, daß ich wieder warme Beine kriege. Und den Sekt mit der Zimmertemperatur kannst du allein trinken – Preziosa! (Er rennt wütend ins Ankleidezimmer.) Emmi (mit den Tränen kämpfend an der Wiege) : Delt, Buwimännchen, wir zwei hätten beim Onkel Heinrich bleiben sollen – delt? Tein Pennchen machen, Buwimännchen – nit weinen muß Buwimännchen – tomm, mach die Guckelchen zu – so. Und jetzt – »Schlaf, Buwimann, schlaf – dein Pap–pa is en Schaf ...« Der Mord in der Padoja-Schlucht Ehe ich morgen vor den Geschworenen erscheine, um mich, des vorsätzlichen Mordes an der Dorothea Kathinka Kabeljau angeklagt, zu verteidigen, muß ich mir selbst, ganz kühl und ruhig, ohne zu beschönigen, ohne zu fälschen, das Bild jener furchtbaren Tage heraufbeschwören, damit ich es meinen Richtern in seiner ganzen grausigen Farbenpracht malen kann. Niemand versteht, wie ich, gerade ich , dazu komme, eine Frau in den späten Jahren ihres Mädchentums in die Tiefe der Padoja-Schlucht zu stürzen. Und doch tat ich's; kann's und will's nicht leugnen. Zwar ist der Leichnam nicht gefunden. Dieses fasse ich aber nur als eine bewußte Dauerreklame der Dame auf. Ich war immer galant. Als meiner kleinen Schwester das Nachttöpfchen zerbrach, habe ich – vierjährig – das meine geliehen und für sie die Prügel bezogen. Ich war der einzige, der wußte, daß Tante Laura falsche Zähne und keine echteren Locken hatte; denn ich hatte einmal bei ihr übernachtet, als mein Großvater als einziger in der Familie den Keuchhusten bekam. Und ich habe mein Geheimnis bis heute bewahrt. Bei unseren Kinderspielen heiratete ich immer das Lieschen vom Buchbinder Schulz, das eine Stuppsnase und krumme Beine hatte. Ich wurde auch mit dem Lieschen eingesegnet, weil niemand anders mit ihr in die Kirche gehen wollte. Später, als ich wirklich heiratete, da nahm ich – meines älteren Bruders Braut. Die hatte ich trösten müssen, weil sie der Schlingel sitzen ließ. Und ich ließ mich erst von ihr scheiden, als sie gern den Apotheker heiraten wollte, der das unfehlbare Mittel gegen den Hundefloh erfunden hatte und zu Geld gekommen war. Damals fing ich an Bücher zu schreiben. Ich weiß nicht, ob sie gut waren; aber moralisch waren sie gewiß. Wenn zwei Leute sich darin küßten, so waren sie verheiratet oder verlobt. Und meine Ehen trennte nur der Tod im letzten Kapitel. Es gibt Bösewichter darin, aber keine weiblichen. Die Frauen, die darin vorkommen, sind alle wohlgesittet und in guten Jahren. Sind edel und hilfsbereit und gut gekleidet. Trotzdem ernährten sie mich nicht. Die Bücher nämlich. Ich nahm also die leitende Stellung an einer belletristischen Zeitschrift an. Das stand auch in den Zeitungen; und diese eilige Bekanntgabe meiner Pläne wurde mein Unglück. Durch diese Notiz unter »Mosaik« wurde ich zum Schwerverbrecher. Ehe ich mich der neuen Aufgabe widmete, unternahm ich eine Erholungsreise und mietete mich auf dem »Ulirothkopf« ein. Der Ulirothkopf ist ein Berg, der damals eigentlich erst erfunden wurde. Er hat einen »Höhenkurort«, der besteht aus einem Hotel, einem Teich, einer Allee und einem Aussichtstempel. In dem Hotel riecht's egal nach zerlassenem Fett, an dem Teich riecht's nach toten Fischen, in der Allee riecht's nach lebenden Kühen, und in dem Aussichtstempelchen riecht's nach Kindern. Man sieht von dem Ulirothkopf aus elf Seen. Auf dem Prospekt. Am Tage meiner Ankunft, dem 4. Juli, sah man zwar keine elf Seen, denn es war Regenwetter, aber sehr viel mehr Damen. Nicht mehr ganz junge Damen. Die saßen in der Halle in Schaukelstühlen um zwei Spiritusöfchen und waren in sehr malerische Tücher gewickelt. Einige trugen Kneifer auf der Nase und hatten Emporlesebücher in den Händen. Andere häkelten. Alle sprachen von den Obermüllers aus Bremen, die eben abgereist waren, weil Herr Obermüller Frostbeulen bekommen hatte. Nicht gut sprachen sie; denn die Tochter der Obermüllerschen hatte sich hier oben mit einem Referendar verlobt, der sich nicht einmal vorgestellt, bloß verlobt hatte. Und sie sprachen auch von den Meyers aus Frankfurt, die eben angekommen waren. Nicht gut sprachen sie; denn die Meyers hatten vier Hutschachteln für zwei Damen bei sich und wollten an einem Tischchen für sich allein essen, nicht an der großen Tafel. Dieses macht fünfzig Pfennige mehr pro Tag und Person und einen schlechten Eindruck. Als ich meinen Namen in das Fremdenbuch eingetragen hatte – bescheiden klein unter die Riesenbuchstaben eines Ökonomierats aus Hannover – und von der Treppe zufällig zurücksah ins Vestibül, beugte sich eine spindeldürre Dame, die keinesfalls als solche auffiel, über das Buch. Sie schien sehr befriedigt von der Lektüre. Sie hatte weit herausgekämmte rotblonde Haare und – ich weiß nicht, warum – ein lila Band darin, das sich wie der kühne Schienenstrang einer Hochgebirgsbahn durch die Wellen der Frisur zog und sehr neckisch mit ganz kleinen Muscheln benäht war. Außerdem trug sie einen goldenen Kneifer mit Konkavgläsern, am vierten Finger einen Siegelring mit einer Krone im Stein und hieß Dorothea Kathinka Kabeljau. Dies sagte sie mir am Abend bei Tisch, denn sie saß neben mir. Die andern wußten es offenbar schon. Auch daß ihre Mutter adlig gewesen – der Siegelring, dacht' ich –, war am Tische bekannt. Wie ich aus dem diskreten Lächeln des Ökonomierats aus Hannover und seiner Damen gegenüber entnahm. Die Mutter hieß »Luja« – wieso, weiß ich nicht, ich hätte auch diesen Namen eher für eine Bezeichnung für Seife oder Fruchtbonbons gehalten. Luja wurde in ihrer Jugend nur »das Baroneßchen« genannt, war hinreißend schön und berauschend talentvoll. Sie starb deshalb früh. Vom Vater, der bürgerlich war und nicht schön, war nicht die Rede. Doch existierte er bestimmt. Die Tochter sah ihm offenbar ähnlich; denn – ich sagte das schon – die Mutter war hinreißend schön. Die Herrschaften gegenüber sprachen von den elf Seen, die man nicht sehen kann, und von dem Spaziergang in der Allee, in der es nach Kühen roch, und von dem Spaziergang nach dem Tempelchen, in dem immer gerade ein Baby ein natürliches Bedürfnis verrichtete, wenn sich ein Kurgast dort niederlassen wollte. Dieses aber wurde nur diskret angedeutet. Dorothea Kathinka Kabeljau aber sprach nur von sich. Und von der Mutter, dem hinreißend schönen, berauschend talentvollen Baroneßchen, als dessen Fortsetzung sie sich gewissermaßen auffaßte. Die Beteiligung des Vaters blieb durchaus im Dunkel. Sie ließ durchblicken, daß ich ihr diesen bevorzugten Platz am Tische zu verdanken hätte. Die »Geistigen« müßten »zusammenhalten«, sagte sie; und sie aß sehr viel Hammelkeule mit Bohnen dazu. Und sie freute sich, gehört oder gelesen zu haben, daß ich die Leitung einer illustrierten Monatsschrift übernehme, sagte sie; denn hier könne man wahrhaft Gutes und Großes wirken. Dazu aß sie eine Portion Kirschenkompott, die eine bescheidene vegetarisch lebende Familie in Zeiten der Not durchaus genügend ernährt hätte. Es sei schade, meinte sie, daß ich ihre Mutter nicht gekannt habe, die Luja hieß und das Baroneßchen genannt wurde. Es sei eine bedeutende Frau gewesen. Sie selbst habe sie leider auch nicht gekannt; aber sie freue sich, mich kennen zu lernen. Dazu aß sie zwei Mohntörtchen, wodurch die ökonomische Berechnung des Nachtischs nicht aufging und der Ökonomierat aus Hannover ohne Mohntörtchen blieb. Er bestellte grollend dafür Harzer Käse, was seine Beliebtheit am Tische nicht erhöhte. Auf meiner anderen Seite saß ein hübsches, junges Mädchen, die immer rot wurde, wenn sie mir die Saucen reichte. Sie erinnerte mich mit ihrem glattgescheitelten Haar und ihren langbewimperten Augenlidern an ein Bild der heiligen Cäcilie im Museum zu Brüssel oder Antwerpen. Und ich mußte, während Dorothea Kathinka Kabeljau sprach, immerzu denken: ob diese heilige Cäcilie nicht die Katalognummer 243 habe. Denn ich habe zuweilen den Zahlen-Drall. Für den Abend war Mondschein prophezeit. Der Hausknecht machte das. Er war aus dem Tessin und sehr wetterkundig. Sonst fehlte ihm jedes Talent und ein Vorderzahn. Ökonomierats hatten schon den einzigen Kahn auf dem Teich – er hieß »Möwe«, roch nach Teer, war immer halb voll Wasser und sehr hart in den Rudern – für eine »Venezianische Nacht« bestellt. Es regnete aber, so daß Ökonomierats statt der venezianischen Kahnfahrt in der Halle Tarock spielten und auf das Wetter, die Temperatur, den Teich, den Kahn und eine Familie in Hannover, die nicht mit ihnen verkehren wollte, schimpften. Ich stand in dem Glasbau der Vorhalle und sah in den Regen und überlegte mir, warum ich bei solchem Wetter ausgerechnet 1095 Meter über dem Meeresspiegel mich befinden müsse. Zum ersten fiel mir ein, daß 1095 die Kirchenversammlung zu Clermont war, auf der Papst Urban II. den ersten Kreuzzug empfahl; und daran anschließend beschäftigte ich meine Gedanken damit, daß im Jahre meiner Zimmernummer – »48« im ersten Stock – Cäsar über den Rubico ging und Pompejus in Ägypten erstochen wurde. Da stand Dorothea Kathinka Kabeljau neben mir, lächelte und hatte immer noch das lila Bändchen mit den vielen Müschelchen im Kaar. Sie teilte mir mit, daß sie einen Zyklus »Mondgedichte« geschrieben oder eigentlich mehr unbewußt »empfangen« habe, an den sie hier die letzte Feile zu legen denke. Und sie pries mich, daß ich in meiner neuen Stellung die Lyrik pflegen werde; wovon ich noch gar nichts gesagt hatte. Ich hatte überhaupt nichts gesagt. Weder von Lyrik, noch vom Mond, noch von meiner Stellung, noch vom Übergang Cäsars über den Rubico. Aber Dorothea Kathinka Kabeljau gehörte – und ich sage das wirklich nicht nur, weil ich sie später umgebracht habe und weil man von Toten, insbesondere von solchen, die man selbst dazu gemacht hat, nur Gutes reden soll – gehörte zu den seltenen Menschen, die immer schon wissen, was die anderen sagen wollen oder werden oder gegebenen Falles gesagt hätten. So daß sie recht gut unter Trappisten hätte leben und sich entfalten können, ohne an Fähigkeit und Lust zu dem, was sie Konversation nannte, einzubüßen. Von jenem Abend weiß ich nur noch, daß der Mond nicht kam und Dorothea Kathinka Kabeljau nicht aufhörte von ihm zu reden. Immer mit Beziehung auf ihre Gedichte, von denen ein mir unbekannter Doktor Brettsäger gesagt hatte: das Himmelslicht selber fingere silbern hindurch. In der Nacht träumte ich von dem Doktor Brettsäger, der mir mit silbernen Fingern in den Mund griff und versuchte, das Zäpfchen vom Gaumen zu reißen. Ich kam deshalb etwas müde zum Frühstück auf der nassen Terrasse; aber gerade noch recht, um Ökonomierats im erbosten Kampf gegen einige Wespen über dem Geleetöpfchen zu unterstützen. Wofür ich die Belehrung erhielt, daß wer hier länger als zwei Tage bleibe, unbesehen reif für ein Irrenhaus sei. Was mir nicht angenehm zu hören war, da ich – um die Vorteile der Pension zu genießen – für drei Wochen fest gemietet hatte. Es erwies sich, daß für mich an dem letzten Frühstückstischlein gedeckt war, an dem schon Dorothea Kathinka Kabeljau mit einem Notizbuch saß und mich anlächelte. Beim Frühstück habe sie ihre besten Gedanken, sagte sie. Das mochte wohl richtig sein; keinesfalls aber gehörte es zu diesen besten Gedanken, daß sie mir alsbald mehrere Gedichte rezitierte – von sich; für anderes versagte ihr monomanes Gedächtnis. Die Gedichte beschäftigten sich liebevoll mit Wespen und Schmetterlingen und waren für Menschen sehr unangenehm. Sie reimten sich zwar hinten, und es gehörten offenbar immer vier Zeilen zusammen; aber sie wirkten doch nicht so. Ich schützte einen Spaziergang nach dem Tempelchen vor. Dorothea Kathinka Kabeljau hatte es bereits besungen. In zwei Sonetten, die ich hören mußte, während wir den Kuhweg der Allee entlang gingen. Der Weg, der Kuhschmutz und die Sonette endeten gleichzeitig. Das Tempelchen war voller Kinder, die es teils mit Sandspielen unwohnlich machten, teils Unsinniges an seine weißen Säulen kritzelten. Dies veranlaßte Dorothea Kathinka Kabeljau, mir die seltsamsten Beispiele der Frühreife aus ihrer Jugend zu erzählen. Ihren ersten Vers hatte sie mit kaum sechs Jahren in das Fremdenbuch eines Aussichtspunktes bei Niederbreisach eingetragen. Er lautete: Die Sonne scheint – es blüht die Au – Anna Kathinka Kabeljau. Ohne die Dichtung überschätzen zu wollen, wies sie darauf hin, wie sich hier die früh entzündete Phantasie in der Frühlingsmalerei der ersten Zeile mit der energischen Realistik der Verwendung des Familiennamens in der zweiten mische. Hierin sei gewissermaßen die Entwicklungsrichtung ihres Talentes angedeutet, wie ihre letzte Arbeit, ein Gedicht in Prosa: »Der Regenmacher,« beweise, das sie bei Beobachtung des wetterkundigen Hausknechts aus dem Tessin konzipiert habe. Sie hatte es durch einen glücklichen Zufall bei sich. Weshalb sie allsogleich die Kinder samt ihren Fräulein aus dem Tempelchen vertrieb und es mir vorlas. In diese Vorlesung hinein läutete die Dinerglocke. Aber da ich, wie die Dichterin meinte, die einmal empfangene Stimmung durchaus festhalten müsse, las sie ohne Übereilung zu Ende. Ich kam, halb unsinnig vor Hunger, zur Tafel, als gerade der Pudding gereicht wurde. Das Nachservieren erhöhte den Pensionspreis um eine Mark, ohne daß dadurch die bereits kalten Speisen wärmer wurden. Als ich nach Tisch in tiefer Erschöpfung auf meinem Zimmer gerade ein Nickerchen machte, erschreckte mich der eintretende Zimmerkellner sehr, der mir im Auftrag von Fräulein Kabeljau ein Essay brachte. Es war vor drei Jahren in einer Sonntagsbeilage zum »Budweiser Beobachter« erschienen, handelte von der poetischen Sendung der Dorothea Kathinka Kabeljau und hatte, wie es schien, einen Mann zum Verfasser, der der gepriesenen Dichterin verständnisvoll und gütig, aber der deutschen Sprache verständnislos und feindlich gegenüberstand. Beim Nachmittagskaffee bedauerte es die im Budweiser Beobachter Gefeierte schmerzlich, daß sie mir irrtümlich das falsche Blatt geschickt habe. Sie habe mir nämlich den weit tiefer schöpfenden Aufsatz aus der »Iserlohner Tagespost« unterbreiten wollen. Was sie nun nachholte. Und damit ich in der genußreichen Lektüre nicht gestört werde, nahm sie mir so lange den Kaffee weg und beobachtete scharf meine Züge. Und ich fühlte mich Sklave dieser entsetzlichen konkaven Brillengläser, die meine seelischen Regungen bei Genuß fremden Ruhms kontrollierten. Als ich endlich, nachdem ich noch in den Plan eines Romans und zweier Operntexte eingeweiht worden war, ein plötzliches Unwohlsein vorschützend, fluchtartig mein Zimmer aufgesucht hatte, erschien alsbald das dicke Zimmermädchen mit einer Bestellung von Fräulein Kabeljau. Die brave Auguste brachte mir ein Fläschchen Baldriantropfen und das Bild der Dichterin in Kabinettform. In einer Steilschrift, die sich ansah wie eins der sinnigen Zündholzspiele, war auf dem leider ähnlichen Porträt die Widmung zu lesen: »Dem Mitstrebenden, Mitstreitenden, Mitleidenden, Mitempfindenden zu dankbarer Dauererinnerung an bedeutsame Wochen geistigen Austauschs. Dorothea Kathinka Kabeljau.« Wochen!? Wochen – – geistigen Austauschs!! »Wie lange bleibt die Dame?« fragte ich das Mädchen. »Sie hat eben mit dem Wirt auf drei Wochen abgeschlossen ...« Drei Wochen! So lange wie ich! Drei Wochen – Austausch, geistigen Austausch! Die Sonne scheint – es blüht die Au ... Ich warf die Baldriantropfen nach Auguste und wühlte meinen Kopf in ein Sofakissen, das leider mit Seegras gefüllt war. Sieben Tage hab' ich's ausgehalten. Sieben furchtbare Tage. Die heilige Cäcilie an meiner anderen Seite wurde immer blasser. Sie wartete, daß ich sie anrede. Wie konnte ich das, da Dorothea Kathinka Kabeljau zu mir sprach: von ihren Inspirationen, ihrer Vorliebe für Orchideen und Terzinen, ihrem inneren Verhältnis zu Spinoza, ihrem Abscheu gegen Pferdedroschken und Pflaumenkuchen, ihrer Neigung für Verlaine, Giotto, Velvet, Amethyste und Rhabarbergemüse. Ein fröhlicher Ungar war angekommen, der sehr gut Billard spielte. Ich hätte zu gern mit ihm gespielt. Aber wie konnte ich das, da Dorothea Kathinka Kabeljau immer zwischen mir und jedem anderen, Mensch oder Möbel, gleichviel, zu stehen wußte und mir Geständnisse machte über ihre rein menschlichen Beziehungen zu Goethe, Beethoven, ihrer Tante, Napoleon, dem Redakteur der Iserlohner Tagespost, Kaspar Hauser, der romantischen Schule, der Madame Blavatzki und Alexander dem Großen. Wenn ich nach einer Zeitung griff, warnte sie mich, nahm mir liebevoll das Blatt fort und teilte mir mit, was sie einmal gegen die Pest der Tagesjournale geschrieben. Wenn ich einen Spaziergang machte, war sie an meiner Seite und rezitierte mir Oden an die Allmutter Natur. Und als ich einmal verzweifelt auf dem Zimmer frühstückte, schickte sie mir zwei mit Bleistift in der Nacht geschriebene Skizzen mit der dringenden Bitte, ihr beim Lunch meinen unmittelbaren Eindruck mitzuteilen. Durch die Hintertür des Hotels entwischte ich in der Frühe des achten Tages am wetterkundigen Hausknecht, der die, ach, so kleinen Stiefel der heiligen Cäcilie mit Creme schmierte, und den Küchenmädchen, die mißduftende Abfälle nach den Ställen trugen, vorbei. Den Regenschirm hatte ich aufgespannt, obschon ausnahmsweise die Sonne schien, damit mich von oben aus den Fenstern niemand erkennen sollte. Ich mied die sonettverseuchte Allee und den schrecklichen Tempel und schlug, geduckt wie ein Schleichhändler, den einsamen Weg nach der Padoja-Schlucht ein. Zwischen den hohen, grauen, nassen Felswänden einmal allein sein! Ohne Sonette, Ansichten, Bekenntnisse, Erinnerungen! Herrlich –! Tiefatmend schritt ich die feuchten Steinstufen und sog zum erstenmal mit Bewußtsein die Luft der Berge ein. Tief unten gurgelte, sprang, tanzte das silberne Wasser des Wildbachs. Das knorrige Holzgeländer des Klammpfades hatte hier eine Lücke und ließ den Austritt zu einer schmalen Plattform frei. Auf der stand ich nun. Und dachte an nichts. Lüftete bloß mein Gehirn, ventilierte meine Seele, entspannte meine Nerven. Vegetierte in einem lustig von oben durch Farn und Efeu fallenden Sonnenstrahl. Da – leise, deutlicher, drohend – ein menschlicher Sohlenschlag ... ein sich nahender Schritt! Ich erkenne ihn und erblasse. Trete unwillkürlich, die Fäuste geballt, einen Schritt zurück, um nicht fassungslos in den Abgrund zu taumeln. Sie – sie ! Die Dichterin, die Schreckliche, die Unvermeidliche – sie ! Schon kann ich das muschelbesetzte violette Band im rostroten Haar unterscheiden. Schon winkt mir die Mitleidslose mit der Hand – nein, schlimmer, mit einem Papier. »Welch glücklicher Zufall,« kräht sie, »nein, nennen wir's, die wir tiefer in die Dinge sehn, keinen Zufall. Welche lustvolle Schickung, welch sinnreiche Fügung! Heute nacht hab' ich diese Ode – nein, ich muß sie schon Hymne nennen – diese Hymne konzipiert: »Die Padoja-Schlucht« – ? Und jetzt, da ich hierherkomme, nachzuprüfen, heimlich, wie ich denke, allein, wie ich annehmen muß, finde ich Sie , finde ich den einzigen, der mir nachfühlen kann, der mich verstehen wird, der ... Aber hören Sie!!« Sie war neben mich getreten, heraus auf die Plattform. Ich roch wieder das Myrrhenzahnwasser, sah die Konkavgläser spiegeln, die Müschelchen glitzern. Und sie will beginnen. Da – hab' ich's getan. Da hab' ich mich gebückt und – ich weiß selbst nicht, wie – sie aufgehoben auf meinem Arm wie ein Stück Holz, wie ein Bündel Wäsche, wie einen Sack Kohlen, wie einen Haufen Knochen – und hab' sie hinuntergeworfen in die Schlucht. Und hab' ihr nachgerufen: »Du ... also du – du Vampir, du Scheusal, du Stimmungsmörder, du Ferienfresser, du Skandierautomat, du Dichtmaschine – ich bin zu meiner Erholung hier, verstehst du, zu meiner Er–ho–lung ...!« Und dann fiel mein Blick auf die Tafel, die über der moosigen Steinplatte angebracht war und auf der zu lesen stand: »Es wird gebeten, diesen Aussichtspunkt nur einzeln zu betreten.« Und etwas wie Genugtuung strömte erlösend, versöhnend durch mein hüpfendes Herz. Na, also ! dacht' ich. Wahrhaftig nur: Na, also! Und dann ging ich ruhig ins Hotel zurück wie nach vollbrachter guter Tat, wie von einem Löschwerk heimkehrend, einer Sitzung für gefallene Mädchen oder einer Rettung Schiffbrüchiger. Und ich ließ mir den Wirt rufen und sagte ihm: »Herr Grüttlichinger, Nummer 65 im zweiten Stock ist soeben frei geworden. Die Dame liegt in der Padoja-Schlucht und kommt weder als Dichterin noch als Pensionärin mehr in Betracht.« * Hier endet der Bericht des Mannes, der am 25. Juli 19.., ungefähr zehn Minuten von dem Hotel Ulirothkopf entfernt, die dreiundvierzigjährige Schriftstellerin Dorothea Kathinka Kabeljau aus Bimmelshausen in die Padoja-Schlucht warf, die im Baedeker einen Stern hat. Sein Prozeß fand am 20. Oktober desselben Jahres vor dem Schwurgericht zu Büttelheim statt. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten nach kurzer Beratung einstimmig frei . Heimfahrt Eine laue Vorfrühlingsnacht. Die Laternen am Kurfürstendamm haben einen ganz zärtlichen Glanz. Von einem milden abendlichen Regen stehen noch Pfützchen auf den Fahrstraßen. Der Reitweg blinkt feucht. Ganz junges Grün atmet in den Vorgärten. In einer Tornische küssen sich zwei Verliebte. An einer Straßenecke tröstet ein Beamter der Wach- und Schließgesellschaft einen betrübten Betrunkenen, dem ein Schutzmann Frühlingslieder untersagt hat. Autos rasen vorbei. Und stinken. Vor Nr. 527 c, dem merkwürdigen Haus, das einen gotischen Stil mit ionischen Säulen zu einigen sucht und in romanischen Rundbogenfriesen Netzwerk und Schnörkel des Rokoko sinnreich verwendet, halten blanke Autos und elegante Equipagen. Die Chauffeure erzählen herablassend den Kutschern Geschichten von diskreten Tiergartenfahrten und unerhörten Trinkgeldern. Nur der Diener des Grafen Bennigheim liest beim Schein der Wagenlaterne den »Reichsboten«. Das gotisch-romanische Portal von Nr. 527 c wird aufgerissen. Er und Sie entsteigen dem Lift und treten an der geöffneten, übel nach Menschenschlaf riechenden Portierloge vorbei in die Vorfrühlingsatmosphäre der nächtlichen Straße. Sie ist eine Frau an jenem Ende der Zwanzig, wo für andere die Dreißig bereits stark begonnen haben. Ihr Körper ist üppig, aber vom raffiniertesten Modeschneider geschickt verteilt. Unter dem pelzbesetzten Abendmantel trägt sie ein für alle Künste empfängliches Herz und den Familienschmuck der Wolf-Jacoby, die den letzten Teil ihres Namens englisch aussprechen, weil sie seit 1879 ein Zweiggeschäft in Neuyork haben. Ihre Hände sind so schön, daß die Ringe, die ihr ihre Mutter immerzu aus Italien mitbringt, nichts daran verderben können. Von ihrem Vater, dem Bankdirektor, der aus Liebe zur Kirchenmusik in Rom katholisch geworden ist, ohne sich den Hilfskomitees für die durch Pogrome geschädigten Glaubensgenossen zu entziehen, hat sie die langwimprigen, dunklen Schwärmeraugen, die sie mit verwirrender Treuherzigkeit aufschlagen kann. Er ist Privatgelehrter, der abwechselnd über Florenz und über den Einfluß Holbeins auf die englische Kunst schreibt. Die Bücher erscheinen auf Büttenpapier in einem Verlag, an dem er finanziell beteiligt ist, was seinem Schwiegervater jährlich zwanzig- bis dreißigtausend Mark kostet. Seine Kleidung ist gewählt wie seine Rede, sein Blick bedeutend wie der Eindruck, den er auf Mitmenschen zu machen glaubt. Das Vermögen seiner Frau setzt ihn in den Stand, die meistgenannten Kunsthistoriker bei sich zu sehen und bei vortrefflichen Diners endlos über Holbein zu reden. Wenn er allein ist, saugt er die Anregung zu kritischen Arbeiten aus den teuersten Importen. Sein Stil ist so gepflegt wie sein Vollbart; und beide wirken seltsamerweise nicht männlich. Sonst spricht er sehr leise, um eindringlicher zu sein; jetzt aber ruft er laut nach dem Chauffeur. Er : Friedrich – ah, da sind Sie! Gut. Fahren wir also nach Hause. Aber, bitte, nehmen Sie die Kurven etwas langsamer ... Willst du nicht einsteigen, liebe Alix ... Ja, und noch eins! Die Nacht ist so schön – fahren Sie durch den Tiergarten. In mäßigem Tempo, bitte. Sie (schon im Wagen, huschelt sich in die Ecke, schließt ein wenig müde die Augen) : Mein Gott, Felix, du wirst romantisch! Er (zieht den Schlag zu und nimmt pedantisch neben ihr Platz) : Nicht eigentlich romantisch, aber – ich hätte ein wenig mit dir zu plaudern. Sie : Wenn du mit mir plauderst, sprichst du mit dir . Er : Bei rein künstlerischen Themen mag mich dieser Vorwurf ein wenig treffen, liebe Alix. Ich antworte mir dann zuweilen selbst das, was du einwenden könntest. Ich tue das persönlich aus einem gewissen ästhetischen Formgefühl, um im Stil zu bleiben, verstehst du. Um unsere Unterhaltung auf der Höhe und in der Linie zu halten, die des Themas würdig ist. Heute aber – ja, hm. Du solltest den Schal etwas fester um den Ausschnitt nehmen. Sie : Gott, wie besorgt du bist! Er : Ich fange an. Sie : Was soll das heißen? Er : Ich fürchte, du bist erhitzt . Sie : Ich habe doch gar nicht getanzt. Er : Gegen deine Gewohnheit. Ich habe das wohl bemerkt. Du hast dich mit dem Professor Münsterburg in eine Nische zurückgezogen. Euer Gespräch schien fesselnd. Sie : Wir sprachen von Kunst. Er : Man spricht in guten Kreisen nie von etwas anderem. Sie : Ich gratulierte ihm zu dem neuen Titel. Er : Ich habe dich selten bei Gratulationen so erregt gesehen. Sie : Es war heiß in der Ecke. Er : Um so weniger eine Notwendigkeit, das Gespräch über Kunst gerade an der Zentralheizung zu führen. (Beobachtungspause.) Meine liebe Alix, wir leben nun schon zehn Jahre miteinander ... Sie : Diese Gleichzeitigkeit ist mein einziges Verdienst. Er : Solche kleinen Gereiztheiten, die – verzeih mir das Wort – ein wenig orientalische Färbung haben – auch dein lieber Vater bevorzugt diese spitze Dialogführung, die seinen römischen Umgang mit Kardinälen nicht gerade erleichtern dürste – ich wollte sagen: diese kleinen Gereiztheiten beweisen mir nur, daß mich mein kritisches Auge nicht getäuscht hat. Sie : Mir scheint manchmal, lieber Felix, alle Dinge in der Welt sind überhaupt nur dazu da, deinem Scharfsinn diesen rühmlichen Beweis zu liefern. Er : Ich möchte mich heute nicht gern auf rein dialektisches Gebiet locken lassen, liebes Herz. Mein Gefühl wünscht in dieser Stunde zu dir zu sprechen. Nicht mein Verstand. Sie (richtet sich ein wenig in ihrer Wagenecke auf) : Gefühl ... liebes Herz ...? Du bist doch nicht krank, lieber Felix? Hast du zu viel von der Gansleberpastete gegessen? Trüffeln bekommen dir nie. Er : Es handelt sich nicht um mich und nicht um eine Pastete. Übrigens waren es Entenlebern. Und das Rezept dieser Sauce solltest du dir gelegentlich zu verschaffen suchen ... Ich wollte zu dir sprechen wie – wie – nun, sagen wir: wie ein Vater zu seiner Tochter. Sie : Wie der Bruder des Vaters. Er : Wie meinst du? Sie : Deine Beziehungen zu mir haben doch seit Jahren etwas Onkelhaftes! Er : Es wäre möglich, daß gewisse Differenzierungen der Intelligenzen, der Reife und Lebensanschauungen in unserem Zusammenleben ... (Er sieht erschreckt aus dem Fenster.) Oh, wir sind schon am Kanal! Ich bedaure, dies allgemeine Thema verlassen und zum Besonderen kommen zu müssen. Du lebst, meine liebe Alix – durch mich – in einer künstlerischen Atmosphäre, nicht wahr? Als ich dich heiratete, hing bei deinen lieben Eltern im Salon ein Bild von Nathanael Sichel, eine Photographie der Toteninsel, als Pendant Jung-Werners Abschied von Margarete in einem Rahmen von Seemuscheln, wenn ich nicht irre, und ein furchtbares Porträt deines lieben Vaters, das ihn mit dem eben erhaltenen Ritterkreuz von San Marino darstellte. Das war der künstlerische Schmuck deines Elternhauses, der durch einige Familiengruppenbilder, einen ausgestopften Dackel und den Kopf des Apollo in Biskuit kaum auf ein höheres Niveau gehoben wurde. Wenn du jetzt durch deine, durch unsere Räume gehst, so findest du im Eßzimmer einen Apostel von Uhde ... Sie : ... und eine Kuh von Zügel. Er : Im Salon einen holländischen Schnapsbruder von Israels, einen Seydlitz-Kürassier von Menzel, einen Droschkenkutscher von Skarbina, einen Ziegenhirten von Segantini, einen ... Sie : Hältst du Ort und Stunde für geeignet, einen Katalog der Bildergalerie zu entwerfen, die du dir von Papa im Laufe der Jahre hast schenken lassen? Er : Ich wollte nur das veränderte Milieu kurz skizzieren. Sie : Da ich das genau kenne, kommst du vielleicht ohne Umwege zum Thema. Er : Mein Thema ist Münsterburg. Ja, der Professor. Du staunst vielleicht ... Sie : Nein. Er : Um so besser. Ich mache dir keinen Vorwurf. Dein Sinn, deine Aufmerksamkeit ist – durch mich , ich weiß – auf künstlerische Dinge gerichtet. Von der Bewunderung für die Kunst zu der Bewunderung für die Künstler ist es nicht weit. Wir Männer nehmen die Künstler mit in Kauf um der Kunst willen; die Frauen interessieren sich für die Kunst und meinen immer die Künstler. Im Blute liegt dir eine gewisse Überschätzung äußerer Werte. Münsterburg ist »Professor« geworden. Er hat das wohl seiner »Andromeda« zu danken. Ich unterschätze die Qualitäten dieses Bildes nicht, obschon es von Rubens stark beeinflußt und das linke Bein verzeichnet ist. Der Erfolg, die neue Würde, die Medaille, die gefestigte Position haben seine Selbstsicherheit gesteigert. Während er sich früher zurückhielt – auch von dir – ist er jetzt lebhaft bemüht, auch in den Salons, auch bei Frauen Erfolge zu erzielen. Auch bei dir . Antworte gar nicht, liebe Alix ... Wie? Sie : Ich hatte nicht vor, zu antworten. Er : Das ist lieb von dir. Dies Schweigen ehrt dich. Denn es ist ehrlich. Freilich, du kennst mein scharfes Auge. Du weißt, daß es in menschlichen Beziehungen keine Täuschungen für mich gibt. Ich sehe nicht, ich schaue . Ich schaue nicht, ich blicke hindurch . So etwas ist angeboren und kein Verdienst. Ich habe dieses ganze letzte Jahr beobachtet, wie der gute Münsterburg unserer lieben Freundin, der Baronin Braunfelsen, den Hof machte. Mehr als das: wie er seelisch, geistig, künstlerisch – von ihr Besitz ergriff. Und – du wirst keinen Gebrauch davon machen, so kann ich's aussprechen – sie ist seine Andromeda. Sie : Nicht möglich – du glaubst ...? Er : Ich glaube? Mein liebes Kind, das ist der Segen und der Fluch unseres Schauens. Gewänder existieren nicht für uns. Deine, unsere liebe Freundin hat für diesen Mann getan, was in den großen Tagen der Renaissance viele edle und viele eitle Frauen gewagt haben. An die Felsen gekettet steht ihr Körper. Diese edle, doch schon fast etwas überreife Fülle, dieses Fleisch mit dem schillernden Elfenbeinton, diese wundervolle Buchtung der gefesselten Hüften, diese ... Sie : Das hast du gewußt ... und ... Er : Der Unterton von Bewunderung schmeichelt mir in deinen Worten. Aber mein Verdienst ist gering. Es war klar für mich – seit Monaten klar und durch tausend unauffällige Dinge bewiesen –, daß diese beiden Menschen in einer seelischen Harmonie zusammenklangen, die nicht frei war von fleischlichem Verlangen und die ihren künstlerischen Ausdruck suchte. Sie : Und dieser künstlerische Ausdruck ist – Er : Diese Andromeda. Der er – vernünftiger- und taktvollerweise – einen indifferenten Kopf gab. Ich kenne die Künstler. Weiß, daß aus ihren Fehlern ihre Größe blüht. Erinnere mich zu Hause an dieses Wort, es ist gut und verwendbar. Ich will sagen: mit diesem Bilde hat er sich seiner Leidenschaft zu der Baronin entäußert. Sein Herz ist frei, sucht, fahndet, spürt. Heute abend hat er dich entdeckt. Sie : Er kennt mich seit fünf Jahren. Er : Die Entdeckung folgt stets der Bekanntschaft, sie geht ihr nie voraus. Mein Blick trügt nicht. Du sahst übrigens gut aus heute. Es war einer der Abende, an denen etwas Sieghaftes von dir ausstrahlt. Sie : Ich hatte Zahnweh. Er : Mir schien, er gab dir einen Zettel. Sie : Ja, die Adresse eines Antiquitätenhändlers, der ... Er : Oh, ich weiß, du hast an meinen Geburtstagswunsch gedacht, eine gotische Truhe für die Briefe meiner bedeutenden Freunde ... Sie : Wir haben viel von der Truhe gesprochen. Er : Wir sind gleich zu Hause. Es war eine schöne Fahrt, laß es auch eine seelisch gewinnbringende sein. Nur die Gefahr zeigen wollte ich dir. Nichts anderes. Mehr wie eine Gefahr würde es nicht. Denn mein Auge wacht, und meine Erfahrung schützt dich. ... Der Wagen hält. Die beiden steigen in ihre Wohnung. An der Tür ihres Ankleidezimmers küßt er ihr die Hand und sieht sie lächelnd an: Er : Deine Augen sind wirklich hübsch. Sie : Aber die deinen sind scharfsichtig. Das ist viel mehr. Gute Nacht. Er (geht stolz lächelnd in sein Schlafzimmer. Er fühlt, daß er ihr imponiert hat. Er lächelt noch während er das Glas Hunyadi-Janos trinkt, das zu seinen minder geschätzten, aber notwendigen Lebensgewohnheiten gehört) . Sie (hat in ihrem Ankleidezimmer das Licht angeknipst und die Türe verschlossen. Sie nimmt jetzt aus dem Ausschnitt ein zerknittertes Blatt, faltet es auseinander und liest die steilen, großen, ein wenig arroganten Schriftzüge Münsterburgs, die wie lauter schadhafte Staketenzäune aussehen) . Dies aber war der Brief, den Alice, genannt Alix Heiderich, geborene Wolf-Jacoby (sprich englisch) an diesem Abend dreimal las und dann verbrannte: »Ja, teure Alix – es muß zu Ende sein! Meine Andromeda war das große, würdige Denkmal, das ich unserer Liebe errichtet habe. Dieser heißen, verzehrenden Flamme, die nun fünf Jahre so himmlisch mein Leben durchlodert, meine Kunst befeuert hat. Als freie, dankbare Menschen reichen wir uns die Hände, schauen uns ehrlich in die Augen und bewahren uns die große Freundschaft fürs Leben. Ich habe der Baronin gesagt, daß wir nicht mehr zu ihr kommen werden – nicht mehr zusammen, nicht mehr zur selben Stunde. Ich habe alle die Briefe verbrannt – es war keine kleine Aufgabe, zwei Stunden hab' ich am Ofen verbracht – und ich bitte dich, tue dasselbe mit den meinen! Auch die Studien zur Andromeda vernichte. Vielleicht könnte doch einmal einer, der die intimen Schönheiten deines Körpers kennt ... Also du wirst sie vernichten. In unsere kleine Wohnung ist schon ein Apotheker eingezogen. Deine Brennschere ist liegen geblieben. Auch das Strumpfband mit dem silbernen Schloß hat sich gefunden. Der Apotheker hat es abgeliefert. Als ich zum letztenmal dort war, meine Teemaschine zu holen, spielte die Dame oben wieder den »Husarenritt«. Aber es roch nicht mehr nach deinem Heliotrop; es roch nach Apotheke ... Ich werde immer dankbar sein und nie vergessen ... Max.« * Er (zieht sich zur selben Zeit, als dieser Brief in Flammen aufgeht, die seidene Steppdecke über die Brust, streicht sich noch einmal wohlgefällig den gepflegten Vollbart und murmelt) : ... denn erstens liebt sie mich ... und zweitens ist er nicht ihr Genre ... und drittens fürchtet sie meine Menschenkenntnis und meine Argusaugen. »Hoheit« Salon einer vornehmen Pension im Berliner Westen. In den Ecken und an den Wänden schüchterne Versuche individuellen Geschmackes. Auf dem Tisch die neuesten französischen Romane, »Mappe« mit illustrierten Zeitschriften, Sarottikonfitüren und die Partitur einer Lehároperette. Ferdinand , Typ eines brünetten Dandy. Mitte der Zwanzig, mit dem heißen Bemühen, Sicherheit und Erfahrung der Vierzig zu heucheln. Schlank und sehnig. Verbirgt die Bescheidenheit seiner Gaben hinter genäselter Blasiertheit, sein gesundes rechtes Auge hinter einem randlosen Monokel. Tadellos gekleidet von einem ersten Schneider, den er pünktlich bezahlt; im Auftreten voller Versprechungen, die er bei näherer Bekanntschaft schuldig bleibt. Hortense , ährenblonde Wiener Schönheit. Weich in Wort und Bewegung. Ein heimliches Lachen und eine schmeichelnde Zärtlichkeit in der Stimme, auch wenn sie Unangenehmes sagt. Kurze, geschmeidige Raubtierbewegungen. Um den Hals nur eine Perlenkette. An der grübchenreichen, weißen, etwas kräftigen Hand zwei schöne Saphire. Unter den langen, leicht angetuschten Wimpern kluge, zärtliche Augen. Ein Herbstabend. Der Lärm von der Straße dringt dumpf herauf. Lichter blitzen vorbei. Kindergeschrei. Ein roter, kleiner Groschenluftballon segelt melancholisch schwankend am Fenster vorüber in die Höhe. Ferdinand (tief im Sessel, die Beine weit ausgestreckt über den Schmiedebergteppich, damit die scharfen Brüche nicht aus den Hosen schwinden) : Was sinnen Hoheit? Stimmt Sie der Kinderballon melancholisch? Hortense : Vielleicht. Hörst du die Kleinen da unten schreien? Jetzt weint eins. Ferdinand : Na ja doch, das bunte Spielzeug fliegt ihnen davon. Anerzogene Proletariergören. Immer gleich brüllen! Hortense : Edler Stoiker – deine reife Weisheit erträgt das ohne Laut und Wimperzucken. Ferdinand : Was denn? Daß mir ein Ballon fortfliegt –? Hortense : Na ja – übertragen in deine Verhältnisse: ein Spielzeug, das deinen Jahren entspricht. Ferdinand : Liebe Hortense, ich denke, ich bin über die Zeiten hinaus, wo ... Hortense : O Gott, »die Zeiten, wo«. – Keiner kommt darüber hinaus! Nur das Spielzeug ändert sich. Unwesentlich. Ferdinand : Schön. Du hast deinen philosophischen Tag. In letzter Zeit etwas häufig. Aber ich begreife. Die erhofften Nachrichten vom Anwalt in Petersburg lassen lange auf sich warten. Ich glaube, der Kerl ist überhaupt ein Trottel. So eine Sache, in der – von Rechten und Titeln ganz abgesehen – Summen auf dem Spiele stehen. Summen, die so ein Hungerleider kaum richtig schreiben kann. – Also ich meine, so was sollte doch schneidiger geführt werden! Hortense : Vielleicht, wenn du nicht durch den Assessor gerasselt wärst ... Ferdinand : Ich finde es etwas unzart, mich an die Taktlosigkeiten meiner Examinatoren zu erinnern. Diese Männerchen ließen mich meine besseren Lebensverhältnisse entgelten. Sie wußten, daß mein Vater Millionär ist, daß ich gut lebe, nicht nur gebüffelt hatte in Berlin. Sie hatten vielleicht auch gehört, daß ich mit dir ... Hortense : Wahrscheinlich. Wir hätten eben vorher Schluß machen sollen. Ferdinand : Schluß? – Ausgezeichnet. Du bist bei guter Laune. Übrigens, wenn wir noch rechtzeitig zur Premiere im Lessingtheater ... Hortense : Ich gehe nicht ins Lessingtheater. Ferdinand : Nu aber hör mal – ich hab' mir mit Mühe vom Portier im Bristol – der Mann ist der einzige, der einem aus der Not hilft – zwei Logenplätze verschafft – der Spaß hat mich vierzig Mark gekostet – und jetzt willst du nicht hingehen? Hortense : Ich fürchte, lieber Freund, du wirst auch nicht hingehen. Ferdinand : Ja – sei so gut – was hast du denn? Etwa doch Nachrichten aus Petersburg? Hortense : Nein, aus Berlin. Ferdinand : Was heißt das: aus Berlin? Wir sind doch in Berlin. Hortense : Kurz und schlicht: die Polizei weiß alles. Ferdinand (springt auf ohne Rücksicht auf seine Hosenbrüche) : die Poli – die Polizei –? (Unter ihrem leicht ironischen Blick posiert er Fassung.) Nu wenn schon – die Polizei ist verschwiegen. (Nach einer Weile etwas gequält) Eigentlich, liebe Hortense, ist es mir ganz lieb. Die Komödie wurde unerträglich ... schon meinen Freunden gegenüber. Hortense : Lieber Ferdi – spielen wir doch jetzt nicht Komödie! Du hattest doch allen deinen Freunden, vielleicht sogar einigen, an deren Freundschaft du nur glaubst, solange du ihnen den Sekt bezahlst, deine Reitpferde leihst und Upmans anbietest – allen unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt, daß ich, Hortense von Heydenhausen, die Tochter eines russischen Großfürsten aus seiner morganatischen Ehe mit einer Türkin aus Adrianopel sei ... Ferdinand : Ich hatte allerdings Georg und Heinz ... Hortense : Gewiß. Und dem Baron aus Kroatien und dem Marquis aus Honduras ... Gleichviel. Du hattest – alles unter dem schon gerühmten »Siegel« – hinzugefügt, daß ich mit dem moskowitischen Hof jahrelang um Anerkennung kämpfe und daß mir das Hofmarschallamt den Titel einer Großfürstin und das konfiszierte Vermögen meines toten Vaters zurückzugeben versprochen hat, wenn ich bis zu einem gewissen Moment Stillschweigen beobachte. Ferdinand : Und wenn ich meinen Allerintimsten derartiges – ich sage nicht erzählt, aber angedeutet hätte – so hätte ich doch eben nur die Wahrheit gesagt, wie ich sie von dir selber weiß. In erster Linie vielleicht angedeutet, um dich vor unziemlichen Annäherungen und Vertraulichkeiten zu schützen ... Hortense : Natürlich. Ferdinand : Denn schließlich, du verstehst, warst du doch ... Hortense : Oh, ich verstehe sehr gut. Deine Geliebte. Ferdinand : Nun ja. Hortense : Der Erfolg deiner Mitteilungen war nur leider nicht ganz der gewünschte. Der unsaubere kleine Kroate mit dem Wappen überall hat mich mit glühenden Liebesbriefen beehrt, die sich lesen wie eine schlechte Übersetzung des Boccaccio. Der edle Heinz hat versucht, mich – als du an Angina im Bett lagst und er dir »Krankenbesuche« machte – mit Veilchen, sehr sinnig – im Salon zu küssen. Ferdinand : Was denn – ist das wahr? Hortense : Ich habe mir vorgenommen, in dieser Stunde ganz wahr zu sein – so schwer mir's wird. Aber diese Lotterbübchen haben schließlich nur die Konsequenzen aus deiner Indiskretion gezogen. Barmädchen, Zirkusdamen, Verkäuferinnen, bestenfalls mal eine kleine Bürgersfrau – in solchem öden Alltagsmenü macht sich eine heimliche Großfürstin als pikanter Zwischengang nicht schlecht. Ferdinand : Ich gebe zu ... es war ... ich hätte vielleicht nicht ... Hortense : Ja, vielleicht hättest du nicht ...! Aber sogar deinen Vater, den würdigen Silbergreis mit der Vorliebe für Trikottheater und Lindenbummel, zogst du in dein kindliches Vertrauen. Ferdinand : Na ja – wenn du's doch weißt. Aber wirklich, das ging nicht anders. Als er hierherkam – angeblich wegen einer Generalversammlung, in Wahrheit ... Hortense : Genier dich nicht, ich kenne die Berliner Generalversammlungen. Ferdinand : Also – schließlich – wie soll ich das sagen – es wußte doch jeder, daß ich – daß ich die Freude hatte, dir das Nötige zum standesgemäßen Leben vorstrecken zu dürfen. Hortense : Du bekommst es nie wieder. Ferdinand (überlegen lächelnd) : Wenn ich deine Prinzipien nicht kennte in diesen Dingen, das Haus Romanow ist eine ganz gute Sicherheit. In diesem Sinne hab' ich auch – ich wollte sagen, auch mein Papa ... Hortense : Natürlich. Ich hatte die Ehre, das Augenzwinkern des würdigen alten Herrn zu beobachten, mit dem er mir bei seinem Aufenthalt in Berlin im Wintergarten auf der Terrasse Geschichten von der Fürstin Gortschakoff aus einem alten Kalender erzählte. Ferdinand : Nun ja, er mußte doch orientiert sein. Meine Ausgaben – unsere Ausgaben übersteigen denn doch etwas das selbst für seine Verhältnisse Übliche. Hortense : Am so unangenehmer wird es ihm sein, wenn er jetzt lesen muß, daß ich keine Großfürstin bin. Ferdinand : Wie soll er denn das lesen? Hortense : In deinen ihm teuren Schriftzügen. (Da Ferdinand sie verständnislos ansieht.) Du wirst's ihm schreiben. Ferdinand : Ich bin doch nicht verrückt. Hortense : Ja, dann wird er's in den Zeitungen lesen. Und so eine Zeitung ist eine der widerwärtigsten Einrichtungen, uns Dinge bekanntzugeben, die uns peinlich überraschen. Ferdinand : So werden wir in derselben Zeitung dementieren. Hortense : Dementis sind eine wunderhübsche Erfindung, wenn man sie länger als vierundzwanzig Stunden aufrechterhalten kann. (Sie nimmt eine Zigarette aus silbernem Etui und zündet sie an.) Das würde leider auf unsern Fall nicht zutreffen. Ferdinand : Ja, also bin ich nun blödsinnig – oder –? Was soll denn der Quatsch heißen? Die Polizei hat in Erfahrung gebracht, daß du deinen schlicht adeligen Namen zu Unrecht führst. Hortense : Richtig. Der schlicht adelige Name stimmt auch nicht. Ferdinand : ... daß du vielmehr die Tochter des Großfürsten Michael Gregor bist und ... Hortense : Falsch. Ja, falsch, sag' ich. Die Polizei hat vielmehr herausgebracht, daß du und andere, daß all ihr braven und diskreten Lebejüngelchen unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies alles erzählt. Und da sie euch – verzeih den harten Ausdruck – wohl für unreife Trottel hält, aber nicht für Spitzbuben – denn ihr habt's bis auf den Marquis aus Honduras, der ein bißchen mit gezinkten Karten spielt, nicht nötig – und da die von euch verbreitete Geschichte ein Märchen ist, so wird sie eben morgen – oder heute noch – bei mir anfragen und sagen ... Ferdinand : Aber was – was denn?! Du bist keine ... du hast in Moskau keinen ...? Aber das ist doch alles Blödsinn. Ich habe doch selbst Papiere gesehen ... Hortense : Papiere! Und – selbst! Ich hätte – ich bin nun mal fürs Stattliche – Karl den Großen zu meinem heimlichen Vater gemacht, wenn ich da nicht doch deinen historischen Kenntnissen mißtraut hätte! Meine Mutter war keine Türkin. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, ihr gerade Adrianopel als Heimat anzudichten. Ich glaube, der Name gefiel mir. Den Namen meines Vaters habe ich nicht gekannt. Sie vielleicht auch nicht. Jedenfalls hat sie nie über seinen Namen mit mir gesprochen. Er kann – warum nicht – ein Großfürst gewesen sein. Wahrscheinlicher ein Regisseur oder der Herr Direktor selbst. Er muß eine hübsche Nase gehabt haben, denn – das war das einzige, was Mutter einmal verriet – die habe ich von ihm. Ferdinand (sich aus seiner Erstarrung erhebend, von Wut geschüttelt auf sie zu) : Zum Teufel mit deiner Nase! – Du hast mich also betrogen – be–tro–gen – be–tro–gen! Hortense (ihm seelenruhig die glühende Zigarette dicht vors Angesicht haltend) : Verbrenn dich nicht, Bubi. – Und dann, schrei nicht so, ja. In deinem Interesse. Kinderstube! – Kinderstube – wenn ein bunter Ballon sich von der Strippe reißt und fortfliegt ... Bedenke, wir sind in einer Pension. Die Leute, die hier immer auf dem Korridor leben, könnten's hören. Übrigens hören sie die Wahrheit. Ich hab' dich eigentlich nie betrogen. Allerdings, ich bin keine Großfürstin und habe zum Hause Romanow so wenig Beziehungen wie du zu Nathan dem Weisen, aber ... Ferdinand (ohne sie zu hören, sich an seine eigenen Erwägungen klammernd) : Aber – aber wenn du keine Großfürstin warst, keine Aristokratin – woher kamen die guten Manieren? Hortense : Entschuldige, die hatt' ich doch gar nicht, als wir uns kennen lernten. Im D -Zug auf dem Brenner. Wenn ich unmanierlich war, so hieß es bloß: wie originell, wie verwöhnt! Denn ich war ja für euch Schafsköpfe die »Großfürstin«. Wenn ich mit den Nägeln knipste – ja, das macht' ich damals noch – mich räusperte wie ein Fuhrknecht, mir mit den Zähnen die Handschuhe zuknöpfte oder mir in die Frisur fuhr – immer hieß es: wie originell! Und dann hab' ich gelernt und rasch angenommen. Und keiner deiner Freunde hat geahnt, daß ich acht Wochen vor unserer Bekanntschaft auf dem Brenner noch Senfgurken auf der Triester Ausstellung serviert habe. Zu echter Bockmusik. Ferdinand : Das ist – das ist gemein! Du hast mich auf niedrige Weise getäuscht. Hortense : Getäuscht – wieso? Was hast du denn eigentlich verloren? Du hast ein Jahr lang das wonnige Gefühl gehabt, mit einer Großfürstin intim zu verkehren. Dein Großvater war ein Bäcker, dein Urgroßvater Schuster. Dein ganzer Stammbaum hat in dir teilgenommen an diesem adeligen Liebesglück. Denn du stammst aus einer Sippe von Strebern. Erinnerst du dich jenes ersten Abends – in München, im Hotel Leinfelder beim Souper –, da ich dir erlaubte, zum erstenmal »du« zu mir zu sagen? Du hast ordentlich Zuckungen bekommen vor Glück. Ich fürchtete schon, du seist Epileptiker. Und als du dir am nächsten Morgen einbilden konntest, mit dem Kaiser von Rußland verwandt zu sein ... Ferdinand : Schweig! Du profanierst unsere seligsten Stunden. Hortense : Aber im Gegenteil, ich weihe sie nachträglich durch vernünftige Erläuterung. Jener Münchener Tag, an dem du immer wieder meine Hand küßtest und mir in der Alten Pinakothek um den Hals fielst, war doch sicher der glücklichste Tag deines Lebens. Hast du ihn deshalb nicht genossen, möchtest du ihn deshalb ausstreichen aus deiner Erinnerung, weil die Voraussetzung deines Glückes eine kleine Lüge war? Ferdinand : Das möcht' ich – das möcht' ich! Hortense : Aber es war ja nicht der Tag allein. Monate hast du geschwelgt. Du kamst dir geadelt vor von deinen Genüssen, baronisiert von meinen Küssen, gefürstet von jeder kleinen Handreichung bei meiner Toilette. Eine Woche lang – denkst du daran – hast du dich sogar wie ein seliger Narr in den Traum gelullt, daß ein Kind, zur Hälfte aus dem Blut Iwans des Schrecklichen ... Ferdinand : Hör auf, ich verbiete es dir, ein Herrscherhaus, das ... Hortense : Ach herrje! Jetzt kommt der Reserveoffizier! Das hätte dir früher einfallen müssen. Aber jetzt höre das Seltsamste, Bubi. Ich hab' gelacht innerlich über deine Parvenüambitionen, deine Liebesstreberei, die sogar noch im Schlafzimmer avancieren will, die das Goldene Vlies auf dem Nachthemd tragen möchte. Aber, siehst du, deine Schlankheit, deine begeisterten, ein bißchen unintelligenten Augen, deine Art, wild und doch respektvoll zu küssen – das alles hab' ich geliebt. Du umarmtest in tausend Seligkeiten eine höhere Klasse Mensch in mir – ich liebte den Pagen, der immer noch dient, wo andere schon brutale Herren werden. Eitel und doch zaghaft hast du dich in mir gespiegelt. Und mein Betrug, der niemand und nichts geschädigt hat als vielleicht das Portemonnaie deines alten Herrn, hat dich so glücklich gemacht. Und dieses Glück, das ich geben konnte, hab' ich eine Weile in dir ehrlich geliebt. Ferdinand : Ich pfeife auf die Liebe einer Hochstaplerin. Hortense (sehr freundlich) : Pfeif nicht ! Du siehst niedrig aus, wenn du pfeifst. Wenn du jetzt dein Gesicht sehen könntest, in dem alle Schneider und Schuster, von denen du stammst, sich heftig empören, weil ich keine Romanow war, du würdest zugeben, daß ich, an deiner Vornehmheit gemessen, noch immer so was wie eine Großfürstin bin. Ferdinand : Oh – und geliebt willst du mich haben! Du –!! Hortense : Ja. Und weil ich dich einmal geliebt habe und nicht gerne meine Erinnerungen schmutzig mache, will ich dich jetzt retten. Ferdinand : Du – mich retten? Als ob ich an deinen Schwindeleien ... Retten! Ich verbitte mir solche Ausdrücke, verstehst du. Hortense : Ich verstehe – aber du noch nicht. Ich will dich retten – vor der Blamage. Vor dem Gelächter, das du ja viel mehr fürchtest als ein Verbrechen. Machen wir hübsch saubere Rechnung. Du hast in mir geliebt, was ich nie war. So will ich dir zum Abschied einen Nimbus schenken von etwas, was du niemals gehabt hast. Den Nimbus der Klugheit und Ritterlichkeit. Ferdinand : Ich danke für deine Abschiedsgeschenke, die nur in faulen Redensarten bestehen. Hortense : Schimpf nicht, Bubi, hör zu. Noch hat die Polizei keine Schritte getan – ich weiß nur, daß sie weiß. Seit heute. Noch tratschen und klatschen die Zeitungen nicht. Das alles kommt mit Sicherheit – morgen – übermorgen. So gehe du auf die Polizei – heute noch. Jetzt gleich. Bitte einen Kommissar um eine Unterredung. Sage, du hast mich gleich durchschaut , hast niemals daran geglaubt, daß ich eine Großfürstin bin oder Beziehungen zu Moskau und dem Kreml habe. Aber ich war hübsch, du warst jung. Ich war nur um den Preis deines Glaubens zu haben. So hast du pfiffig geheuchelt, famos Komödie gespielt und – den guten Landwein vergnügt getrunken, ohne an die betrügliche Etikette zu glauben. Ferdinand (unsicher) : Das ist – dein Ernst? Hortense : Aber natürlich. Hier ist dein Hut und Stock. Versäume keine Minute! An der Ecke stehen die Bedags. Ferdinand : Das wäre allerdings – ein Ausweg, zu retten, was zu retten ist. Hortense : Dich. Der einzige Ausweg. Nun geh schon! Ferdinand : Hortense, das ist – das ist wirklich nett von dir. Es ist doch etwas Nobles in dir ... Hortense : Nicht wahr? Ferdinand : Das erklärt's ja eben auch, weshalb ich ... Hortense : Versäum dich nicht, Bubi! Ferdinand : Ja, du hast recht – ich muß wohl. (Zögernd.) Und was ich noch sagen wollte, – wir werden uns nicht wiedersehen? Hortense : Besser nicht. Ferdinand : Hortense! Hortense : Bubi –? Ferdinand : Ja, da hast du nun wieder recht. Besser nicht. (Drückt ihr die Hand, will gehn, kehrt um.) Aber eh' ich – dorthin gehe, sag mir noch ein liebes Wort! Hortense (sieht ihm lächelnd in die Augen) : Sag deinem lieben Papa einen schönen Gruß von mir – Ferdinand : Danke, liebe Hortense, danke. Hortense : – und du wärst genau der Lump und Schafskopf, für den ich dich – und ihn – im Grunde immer gehalten habe. Korrespondenz Er und der Freund (sitzen sich in seinem Arbeitszimmer gegenüber) . Er : Du rauchst keine Zigarette? Der Freund : Danke. Ich bin zu erregt. Und dann – mir machen diese Ägypterinnen am frühen Morgen immer Kopfschmerz. Er : Du bist erregt? Was sollte ich da erst sagen? Der Freund : Ja, allerdings – ich muß gestehen, deine Ruhe ist mir unfaßlich. Gestern abend – ich hatte mich ordentlich gefürchtet vor dem Gang zu dir. Wer konnte annehmen, daß die kleine Hortense Trepatini – übrigens: Cordelie sagt, das Mädel heißt eigentlich Minna Mückebusch ... Er : Wird schon stimmen. Übrigens: Hortense hat mir gebeichtet, deine Cordelie Cavaluzzo heißt eigentlich Kathinka Muffelmann. Auch nicht sehr romantisch! Der Freund : Also – da lügt Hortense. Bestimmt. Cordelie ist Venezianerin – Er : Aus Pankow, ja. Aber das ist nun wirklich egal. Cordelie ist nicht aus Neapel über die Alpen gekommen – Hortense ist noch viel weniger in Venedig geboren. Ich finde das übrigens gräßlich gleichgültig. Die Hauptsache ist: sie schreiben beide kein orthographisches Deutsch. Womit noch nicht bewiesen ist, daß sie ein Wort in einer anderen Sprache – zum Beispiel Italienisch – richtig schreiben. Der Freund : Da muß ich denn doch bitten, meine Cordelie schreibt durchaus orthographisch, wenn das gute Kind nicht gerade sehr in Erregung ist. Er : Möglich. Das gute Kind ist aber immer in Erregung. Auch das ist unwichtig. Ein un orthographischer anonymer Brief verliert aber schon etwas von seinem Gift und seiner Schärfe, weil er nach rachsüchtigen Domestiken riecht. Nach rissigen Händen, die Pfannen und Toilettengesäße tragen. Der Freund : Ich muß dich aufmerksam machen – ich tat das gestern abend schon, bin aber in meiner begreiflichen Verstörung vielleicht nicht genügend deutlich gewesen – muß dich auf eins aufmerksam machen. Der anonyme Brief, den Hortense, wütend über deinen Abbruch der Beziehungen, an deine Frau richten wollte, ist nicht durch seine Schreibart, wohl aber durch seinen Inhalt gefährlich. Das erbitterte Mädel gibt doch ganz bestimmte Details darin, die leicht nachzuprüfen sind. Sagt zum Beispiel – – Er : Erlasse mir die Beispiele. Ich werd's ja lesen. Der Freund : Ich staune ob deiner Seelenruhe: Du liebst im Grunde deine Frau. Ich sagte noch gestern zu Cordelie, als sie mir unter dem üblichen Siegel die Gemeinheit ihrer besten Freundin erzählte – natürlich in der Absicht, daß ich dich umgehend warnen soll – sagte zu Cordelie: »Wenn seine Ehe dadurch in die Brüche geht, bringt er das Mädel um.« Er : Dieses werd' ich bleiben lassen. Erstens, weil – selbst die Zubilligung mildernder Umstände angenommen – eine ausreichende Portion Zuchthaus auf so was steht. Zweitens, weil ich damit keinen Gegenbeweis erbringe. Drittens, weil ich kein Blut sehen kann. Viertens, weil ich dann nicht mehr die Möglichkeit hätte, gelegentlich deiner kleinen Cordelie bei einem Souperchen mich dankbar zu erweisen für die Warnung. Der Freund : Warnung – Warnung – ich fand's ja selbst sehr nett von ihr; aber ich sehe nicht recht ein, was die Warnung noch helfen kann. Gestern abend – als ich zu dir kam – hättest du noch alles retten können. Hortense verlangte ja nur ... Er : »Nur« – daß ich sie aufsuchte und wieder von vorn anfinge. Was wäre dabei gewonnen gewesen? Zeit vielleicht. Aber wenig Zeit. Ich konnte ihre Goldplomben nicht mehr sehen. Und die affektierte Art, mit der sie die Artischocken knabberte. Und immer wieder die Geschichte von ihrem Bruder, der im Sudan gefallen – ich wette, sie verwechselt, wenn man ihr ein bißchen zuredet, den Sudan mit dem Sultan ... Nein, nein, nein! Schon besser so. Der Freund : Was heißt »so«? Nun ist der anonyme Brief – Hortense hat es meiner Cordelie telephoniert – schon im Kasten. Mit der zweiten Post, die in einer halben Stunde kommt, wird ... Er (nickt) : – wird ihn meine liebe Frau ausgeliefert bekommen. Ohne Zweifel. Oh, man kann sich in solchen Fällen auf die Pünktlichkeit der reichsdeutschen Post durchaus verlassen. Aber die Post, weißt du, ist un parteiisch. Auch in Ehesachen. Unser Briefträger zum Beispiel – übrigens heißt der Wackere Pachulke, ist ein mordsbraver Kerl und hat fünf lebende skrofulöse Kinder – Der Freund : Ums Himmels willen, was geht dein Briefträger und seine sieben Kinder – Er : Fünf, bitte. Nicht den Ereignissen vorgreifen! Du willst sagen: was meine Briefangelegenheit sie angeht. Die Kinder nichts. Der älteste ist erst sechs Jahre. Aber den Vater. Siehst du, dieser brave Beamte hat mir heute Morgen – mit der ersten Post – auch einen anonymen Brief gebracht. Pünktlich und ohne Skrupel. (Er zieht einen Brief heraus.) Der Freund (die Aufschrift prüfend) : Du, das ist doch die Hand von – von meiner Cordelie? Er : Meinst du? Möglich. Aber siehst du: wenn du und ich ahnen oder wissen, von wem dieser Brief ist, so kann er doch – er trägt keine Unterschrift – für dritte Personen durchaus anonym sein. Zum Exempel für Lili. Der Freund : Für – deine Frau? Ich verstehe gar nichts mehr. Er : So furchtbar schwer ist das schließlich nicht zu verstehen. Ich habe gestern abend – als du mit deiner erfreulichen Botschaft dich verflüchtigt hattest – ein bißchen nachgedacht. Das Resultat dieser ungewohnten Übung war: ich telephonierte nach einer Autodroschke und fuhr in die Münchener Straße zu Cordelie. Der Freund : Zu – zu meiner Cordelie? Er : Ja. Das heißt, vorher kaufte ich noch rasch ein Dutzend sechsknöpfiger Dänenhandschuhe – ihre Nummer kenn' ich ja. Diese dezenten Kleidungsstücke tauschte ich dann gegen ein kleines Schriftstück ein, das wir zusammen dichteten, ich und das liebe Kind. Ein Briefchen – dieses. Der Freund : Was denn – du und Cordelie? Er : Ganz recht. Wir beide. Das adressierten wir dann – Der Freund (betrachtet verblüfft das Kuvert) : – an dich ? Ja aber – Er (lauscht nach dem Korridor) : Verzeih, ich höre meine Frau draußen mit der Jungfer reden. Nun wird sie gleich hier sein. Nimm mir's nicht übel – aber ich habe nur eine knappe halbe Stunde Vorsprung. Vielleicht gehst du – ausnahmsweise – hier über die Hintertreppe. Es ist wirksamer, sie sieht dich jetzt nicht. (Er gibt ihm Hut und Stock und schiebt ihn mit sanfter Gewalt nach der Seitentür.) Der Freund : Wenn ich ein Wort von dieser ganzen Sache verstehe, heiß ich Hans Pips. Er : Der Name ist unschön, aber so wirst du in ein paar Stunden bestimmt heißen. Ich komme zu dir und erzähl' dir alles. Verzeih den formlosen Abschied – und geh mit allen Göttern! Der Freund : Ich gehe, weil du – – aber ich habe den Eindruck ... Er (ihn sanft hinausschiebend) : Um Gottes willen, hab keinen »Eindruck«! Sonst suchst du wieder den Ausdruck und – – Der Freund (schon draußen) : Wenn du dich nur nicht ... (Das Weitere ist unverständlich, weil leise gesprochen. Auch kaum mehr für ihn bestimmt. Mehr für Lisette, das hübsche Stubenmädchen, das dem Freund in den Pelz hilft und dabei, wie immer, die Erfahrung macht, daß man sich gründlich den Mund abwischen muß, wenn man einem Herrn in den Pelz geholfen hat.) Sie (semmelblonder, blauäugiger, weicher Typ, der auf dem Hintergrund kleiner Pfarrhäuser echt deutsch und anheimelnd wirkt, in diesen üppigen Räumen aber ein bißchen deplaciert scheint. Sie ist im bieder zu Hause geschneiderten Morgenrock, noch ein bißchen verschlafen) : Du hast schon Besuch gehabt? Er : Besuch – ich? Ach so, ja, Heinrich. Der rechnet doch nicht. Sie : Ging er, weil ich kam. Er : Warum nicht gar! (Er geht mit sorgenvoll gerunzelter Stirn umher.) Allerdings – er weiß, du schätzest ihn nicht sehr. Sie : Mein Gott, er ist klug und gebildet und höflich. Aber weißt du, seine Frau tut mir leid. Er betrügt sie, ich weiß. Er hat ein Verhältnis und – – Er (dicht vor ihr, legt ihr die Hände auf die Schultern) : Lili – sag das noch einmal – bitte – sprich es noch ein mal aus, dieses Wort. Sie : Aber was denn –? Er : »Verhältnis.« Sie : Nun ja – ich habe gesagt: Verhältnis. Er (sie stürmisch an sich pressend) : Nein, es ist nicht möglich – ? Unsinn, aber ich habe es ja auch nicht geglaubt – du, du, Gute, Reine, Edle ... Wie herrlich fremd und unwahrscheinlich dies häßliche Wort von deinen Lippen kommt! ... Der sollte das hören – oder die , denn nur Weiber, verzeih, du Andersartige, sind fähig, solch schamloses Zeug ... Aber beruhige dich, nicht den Bruchteil eines Augenblicks hab' ich geglaubt, daß ... Sie : Was hast du denn? Um Gottes willen, bist du krank? ... Du hast wieder Trüffelpüree gegessen, Liebster, gestern abend – das solltest du nicht! Und dann alle die Nachtsitzungen Dienstag, Donnerstag, Sonnabend vorige Woche. Er : Kind, du bist der reinste Kalender. Sie : Aber das kann dir doch nicht bekommen. Gib doch diese Schriftführerstelle im Klub auf, du ruinierst dich ja. Er : Oh, dieses treue Auge – nein, nein, daß es so gemeine Menschen gibt! Sie : Aber was denn? Hast du Ärger gehabt ... Er (nimmt mit großer Geste den Brief aus der Tasche und überreicht ihn ihr) : Da – nimm und lies! Ich will kein Geheimnis vor dir haben. So schmutzig es ist. Sie (entfaltet und liest) : »... muß Sie warnen ... Ihre Frau ... kokette Komödiantin ... an der Normaluhr ... angeblich bei Wertheim ...« Das ist – ich bin sprachlos – das soll ich ...? Er : Du. Sie : Keine Unterschrift? Anonym. Er : Natürlich. Schurken und Verleumder unterzeichnen nie . Sie (liest) : »... kaum daß Sie das Haus verlassen haben ... geschlossene Autodroschke ... Dienstag, Donnerstag, Sonnabend vorige Woche.« Also ich kann beschwören ... Er : Schwöre nicht! Wie unedel müßt' ich denken – wie unvornehm handeln, wenn ich auch nur eine Frage ... Richtet sich solches Geschreibsel denn nicht für jeden anständigen Menschen von selbst? Sie : Also ich finde keine Worte ... Er : Suche sie nicht! ... Lili, ich mag Fehler haben – still, Kind, ich habe sie – einen hab ich nicht: ich bin nicht kleinlich, nicht mißtrauisch, nicht unedel. Sie : Du bist – Er : Sag mir's nicht. Denk es. Denk es immer . Lili, sieh, was ich tue! Dies ist meine Antwort an einen Ehrlosen – an eine Ehrlose – eine Frau ist's sicher. So – so. (Er zerreißt mit großer Geste das Schriftstück und wirft's in den Ofen.) Erledigt, vergessen – aus! – (Ganz harmlos, behaglich im Ton.) Und wie hast du geschlafen? Sie : Gut. Das heißt, ich hab' dich kommen hören, Armer. Es war wieder sehr spät ... Er : Leider. Wir berieten lange. – Aber du siehst blaß aus. (Er klopft ihr die Wange.) Blaß – du solltest mal ein paar Tage aufs Land. Sie (mit den Tränen kämpfend) : Oh, was würde wohl erst dann für ein abscheulicher Brief kommen. Er (groß) : Du glaubst doch nicht, daß ich jemals – jemals noch ein Kuvert, das jene Handschrift zeigt, öffne ? Nie – nie – nie! Luft für mich – schlechte Luft. Meine Hand soll verdorren, wenn ... Sie : Oh, deine liebe, schöne, männliche Hand. Aber – ? du meinst, es werden noch mehr solch abscheuliche Briefe – – Er : Sicher. Das ist eine Krankheit der Seele, die solche Menschen befällt. Eine ganze Gruppe – wie eine Epidemie. Sie müssen schreiben, verleumden, besudeln. Aber nichts mehr davon! Zieh dich an, wir wollen ein bißchen an die Luft, ja? Lili – hm, was ich sagen wollte. – Ich sah gestern einen äußerst schicken Hut in der Tauentzienstraße, Lili, wollen wir sehen, wie seine Pleureusen deinem Köpfchen stehen ... Sie : Gustav, du bist – Er (schließt ihr sanft den Mund) : Nicht – sag mir's nicht. Denk es, denk es immer ... Lisette (mit einem Brief auf einem Tablett) : Die zweite Post. Er (gleichmütig) : Für mich –? Es wird der Statutenentwurf sein. Lisette : Nein, für die gnädige Frau. (Sie übergibt den Brief und geht.) Er : So. (Er geht an den Tisch und entzündet sorglos eine Zigarette.) Sie (hat den Brief kopfschüttelnd betrachtet, geöffnet und liest. Staunen, Schrecken, Zweifel, Abscheu wechseln in ihrem Gesicht, das aber durch keine dieser Stimmungsnuancen intelligent wird.) Er : (harmlos, freundlich) : Nun – was Angenehmes? Hoffentlich keine Einladung? Ich wäre so gerne mal abends mit dir allein . Sie (von dem Brief zu ihm, von ihm zu dem Brief sehend, zögernd, kämpfend, plötzlich mit starkem Entschluß) : Kennst du – ? kennst du irgend jemand – eine Dame vielleicht – die »Cordelie« heißt. Er : Cornelie? Sie : Cordelie – mit d. Er : Cor–delie? wart mal. Cor... Eine Tante meiner Mutter hieß so, ja. Sie lebte in Insterburg und bekam mit sechzig Jahren noch die Masern. Ja, es war ein sehr seltener Fall. In medizinischen Zeitschriften wurde davon geschrieben. Sie hat ihr Vermögen einem Dienstbotenheim vermacht. Das war edel von der Tante, aber nicht sehr angenehm für uns. Aber wie kommst du auf die Tante? Sie (freudig) : Ich sprach – nicht von der Tante. (Beschämt.) Gusti, kannst du mir verzeihen? Mir, die ich eben erst – deine Großmut, deinen wahrhaft vornehmen Charakter, deinen – – Er : Nicht – sag mir's nicht! Denk es, denk es immer . Sie : Ja, das will ich. Und nun. Wo ist der Ofen? Sieh, so – und so . (Sie zerreißt den Brief und wirft ihn in das Feuer) . Und dann – Gusti, Mann, Liebster – Er : Du bist so erregt ... Sie : Aber nein – glücklich bin ich. Glücklich wie eine Braut. Er : Das ist recht. – Stand was Unangenehmes in dem Brief? Sie : Nein. Aber ich werde niemals mehr ein Kuvert öffnen, das diese Handschrift zeigt ... Meine Hand soll verdorren, wenn ... Er : (unterbricht mit sanftem Tadel) : Keine großen Worte, Kind. Handeln wir als tüchtige Menschen und – Sie : Oh, wie recht du hast. Und wie einfach und groß du bist! Er (bescheiden wehrend) : Kind, Kind! Keine Hymnen singen. Denk sie, denk sie immer ... Sie : Du hast recht. Und jetzt zieh ich mich rasch um, und wir gehen in die Tauentzienstraße. Er (zerstreut) : Aha, in die Tauentzienstraße. Und was machen wir in der Tauentzienstraße? Sie : Aber Gusti – du hast doch selber ... der Hut – (Sie eilt ins Nebenzimmer.) Er : Richtig, der Hut! (ihr nachsehend) . In die – Tauentzienstraße? ... Tja, nun ging ja alles ganz wunschgemäß. Bloß – (er kratzt sich den Kopf) daß mir gerade der dumme Hut einfallen mußte! Wenn wir bloß Cordelie nicht dort treffen. Sie wird spucken. Ich hatte ihn ihr fest versprochen. Ein Schäferstündchen Ein kleines Hotelzimmer im Südwesten. Es riecht – trotz der sieben Zigaretten, die er geraucht, und trotz des »Koniferenduftes«, den er auf Bett, Plüschsessel und Vorhänge gespritzt hat – nach Sauerbraten und alten Teppichen. Er ist bereits seit anderthalb Stunden anwesend, hat die Rouleaus heruntergelassen, die Schubladen des Nachtkästchens untersucht, eine alte Schnurrbartbinde, einen Hühneraugenring und drei Briefkuverts ärgerlich daraus entfernt und in den Eimer geworfen. Hat konstatiert, daß der Schlüssel zum Schrank, den er nicht braucht, fehlt, und daß einmal eine Dame mit tiefschwarzen Haaren sich am Fenster frisiert haben muß. Hat siebenmal die Anweisung über dem aus verschossener Blaublümchentapete heraushängenden Schellenknopf gelesen: daß man dem Zimmermädchen zweimal, dem Hausknecht aber dreimal stark läuten soll; hat den Kofferständer – der unnötig ist, denn er hat natürlich kein Gepäck – zusammengeklappt und unter das Bett geschoben, eine Brummfliege mit dem Handtuch erschlagen, drei Glas Wasser getrunken und mehrfach vergeblich in den Taschen des hellen Sommerpaletots nach etwas gesucht, das er lesen könnte. Er ist schlank, hellblond, am Anfang der Dreißig und am Ende seiner Geduld. Wie er gerade dabei ist, sich zum achtenmal zu vergewissern, daß man »dem Zimmermädchen zweimal, dem Hausknecht dreimal stark läuten« soll, klopft's. Ein Kellner steckt einen Kopf voll Sommersprossen über einem unsauberen Kragen durch die Türe und meldet mit einem verständnisinnigen Lächeln: »Die gnädige Frau ist soeben angekommen – von der Bahn.« Das »Angekommen« betont er, als ob's ein Fremdwort wäre; und das »– von der Bahn« fügt er an, als ob er eigentlich erwartet hätte, sie käme mit dem Luftballon. Dann zieht er den Kopf mit den vielen Sommersprossen erst in den schmutzigen Stehkragen und dann mit diesem zurück, schließt die Tür, um sie gleich wieder zu öffnen und mit einer mehr wohlwollenden als devoten Verbeugung »sie« an sich vorbeizulassen und hinter ihr zu schließen. Sie ist eine allerliebste Blondine, nicht groß, beweglich, ein bißchen stark geschnürt und warm vom eiligen Gang. Denn anzufahren hat er ihr streng verboten; das fällt auf. Man müßte denn Gepäck haben; und sie hat natürlich keins . Aber Päckchen hat sie eine Menge. Als ob's Weihnachten wäre. Es ist aber ein lachender Frühlingstag; man könnte dieses Lachen sogar an zwei kümmerlichen Kastanienbäumen vor dem Fenster – auf dem Klischee über den Rechnungen und Prospekten des Hotels sind es vier und auch im Wachstum vorgeschrittenere – beobachten, wenn eben nicht die Rouleaus dicht vor den Scheiben lägen. Sie : Also, was sagst du – da bin ich. Nicht anfassen – uff, ist mir heiß! Er : Gott sei Dank, sag' ich, daß du da bist ... Ich dachte schon ... Sie : Immer »denkst du schon«. Und ich bin doch erst ein mal gar nicht gekommen. Er : Zweimal. Sie : Pardon, das eine Mal hatte ich mich bloß im Tag geirrt. Oder vielmehr, du hattest »Dienstag« telephoniert ... Er : Montag. Dienstag kann ich doch nie . Sie : Also – Nathanael, ich könnte schwören. Ich schlug dir schon damals vor, die Telephondame von Amt III auf ihren Diensteid zu fragen, ob ... Er : Die wird sich gerade erinnern! ... Aber lassen wir das doch jetzt! (Stürmisch) Die Hauptsache ist: du bist da und – Sie : Und – (sich ihm entziehend) muß gleich wieder weg. Er (nimmt eilig die Pakete von ihrem Arm und legt sie auf Tisch und Stühle) : Aber – Kind, Liebling, Schnucki, He-le-ne, das ist doch nicht dein Ernst? Sie : Wenn ich dir sage – du, warum haben wir eigentlich heute Nummer vierzehn? Er : Unsere Nummer sieben hat eine Russin ... Sie : Russin –? Um Gottes willen, Russinnen verkehren auch hier? Großer Gott, sie wird doch nicht aus Reval sein – und Schulze heißen ...? Er : Ich weiß nicht. Aber Rußland ist doch so groß. Sie : Wenn man Pech haben soll, wird Rußland ganz klein ... Also das wäre schrecklich! Wir haben voriges Jahr in Bansin eine Russin getroffen – Olga Schulze aus Reval – ich glaub', Olga heißen alle Russinnen, oder –? Sie schnurrte die »r« so nett und roch nach Bisam und rauchte furchtbar viel Zigaretten ... also Adolf hat ihr sogar die Kur geschnitten ... du, wenn die ahnte, daß ich ... daß du ... daß wir ... Er : Aber mich kennt sie doch gar nicht! Und wie soll sie denn ausgerechnet aus Reval in dies Hotel –? Sie (wie von einer Eingebung erfaßt) : Weißt du, ob es einen Stern im Baedeker hat? Er : Einen – Stern? (lacht) du, weißt du, das ist eine Idee! Das bist wieder ganz du . Also da muß ich ... (Er will sie küssen.) Sie (wehrend) : Nicht doch, Nathanael, nicht ... du zerzaust mich. Und der Herr auf der Steuer sieht mich immer so an, weißt du. Er : Aber, Kind, sei doch nicht ungemütlich. Komm, leg ab. (Will ihr helfen.) Sie : Nicht zu machen ... du ahnst ja gar nicht, was ich alles zu tun habe. Nur einen Sprung komm' ich ... Er : Immer diese Sprünge! Sie : Für Seitensprünge schon zu lang. Er (flehend) : Um Gottes willen, werd nicht witzig. Dann zanken wir uns nachher immer. Sie : Weil du über meine Witze nie lachst. Ich habe neulich in einem sehr gescheiten Buche gelesen: es sei ein Zeichen schlechter Erziehung, wenn man über die Witze des anderen nicht lacht. Er (forciert) : Ha–ha–ha–ha–. (Sehr ernst) So, nun hab' ich nachgeholt. (Mit werbender Zärtlichkeit) Und nun – legt meine kleine Maus ab – gelt? Und ihr guter Nathanael hilft ihr dabei – (will ihren Hut abnehmen) . Sie (retirierend) : Ach, nein – nein! Ich hab' ja gar keine Zeit. Und der Herr auf der Steuer ... Er : Potz Donner noch mal, was willst du denn immer mit dem »Herrn auf der Steuer«. Sie : Aber, da muß ich doch hin . (Eifrig) Denk dir bloß – (unterbrechend) sind das Kakes? (Sie nimmt einen Kakes von dem Tellerchen und knabbert.) Ach, Schokoladenguß! Das ist lieb von dir, daß du daran gedacht hast ... Du, ob mir der Herr von der Steuer das übelnimmt, wenn ich ihm so ein paar für seine Kinder – also, Kinder hat er bestimmt; er sieht so aus, weißt du ... Er : Ja, willst du mir nicht vielleicht sagen ... Sie : Ach so, du weißt nicht? Also, denke dir, während wir verreist waren, vierzehn Tage nach Wiesbaden ... Er : Sechzehn und einen halben. Sie : Also gut – sechzehn. Streithämmelchen! (Sie küßt ihn flüchtig) – wegen Adolfs Rheumatismus – denk dir, er hat ihn jetzt im linken Arm – da muß ein Steuerzettel gekommen sein. Auguste – also sie ist so dumm, daß man Wände mit ihr einrennen könnte – Auguste hat das Papier verlegt, verloren, Feuer mit angezündet, Lockenwickel daraus gemacht – was weiß ich. Da kommt vor ein paar Wochen eine Mahnung – ja – also die hab' ich nun wohl verlegt. Er : Oder verloren, Feuer mit angezündet, Lockenwickel draus gemacht. Sie : Willst du damit etwa – Er (rasch begütigend) : Nein. Aber weiter. Nun ist eine neue Mahnung gekommen? Sie : Ja, denk dir: »zahlen innerhalb drei Tagen«, oder – wir werden gepfändet. Also, du, Adolf darf das ja gar nicht wissen. Der würde sich ja was antun, korrekt, wie er ist. Er : Aber Liebling – in drei Tagen. Da hast du doch noch drei Tage Zeit. Sie : Aber der ekelhafte Wisch kam doch schon vor vier Tagen. Er : Ja, allerdings – dann! Sie : Siehst du. Also – ich muß gleich fort. Bis fünf Uhr ist nur die Kasse auf. Denk dir, wenn der Gerichtsvollzieher ... Der soll blaue Marken auf alles kleben ... Also, wenn Adolfs Violoncell so eine blaue Marke hätte, er ginge aus dem Fenster ... Und um halb sechs Uhr muß ich überhaupt zu Hause sein, da kommt Adolf zum Tee und bringt einen Geschäftsfreund aus Oschatz mit. Ach du, Nathanael, wo liegt Oschatz? Er (unsicher) : Ich – ich glaube bei Dresden – oder Leipzig – so an der Elbe, denk' ich. Sie (klatscht in die Hände) : Hurra – der große Gelehrte – mein unfehlbarer Papst weiß auch mal was nicht! Du, also ich muß das aber wissen. Um halb sechs. Als Adolf ging, hat er noch mal gesagt: »Helene, um was ich dich bitten wollte, gib dir beim Tee keine Blöße!« Und nun weiß ich nicht mal, wo Oschatz liegt ... Komm, Bubi, schell mal dem Kellner und laß dir rasch einen Atlas heraufkommen, ja? Einen guten – Kiefer oder wie er heißt. Er : Kiepert. Aber Kind, wir machen uns doch lächerlich. Wir kommen ohne Gepäck hierher – getrennt, allein – jeder weiß, was das heißt ... und dann schellen wir, und der Kellner kommt herunter mit der Bestellung: »Die Herrschaften auf Nummer vierzehn wünschen einen – Atlas.« Sie : Gerade das macht einen ausgezeichneten Eindruck. Übrigens: Nummer vierzehn. Du weißt doch: das ist eigentlich – dreizehn . Die Unglücksnummer. Denn die Dreizehn führt kein anständiges Hotel. Er : Das ist doch auch kein anständiges Hotel. Ich wollte sagen, die Leute sind hier sehr vernünftig. Sie haben bestimmt eine Nummer dreizehn. Unsere Vierzehn ist ganz in Ordnung. Sie (hat auf die Uhr gesehen) : Ums Himmels willen – halb fünf –! Ich komm' nicht mehr hin – zu dem Mann auf der Steuer. Ach, weißt du was, Nathanael, ich glaube, wenn du morgen früh – ganz früh – gleich wenn aufgemacht wird, hingingst – und mir dann die Quittung per Rohrpost schicktest ... Er : Aber gern. Verlaß dich auf mich. (Zärtlich drängend.) Und nun komm, Schatz, mach dir's bequem ... Sie : Hier ist also das Geld. Abgezählt im Kuvert ... Gott, wenn Adolf wüßte, daß du so in seine Verhältnisse hineinsiehst ... Er mogelt ja ein bißchen bei der Deklaration, weißt du ... Zweiundzwanzig Pfennige fehlen. Du bist so gut und legst aus, gelt? Ich hatte keine Nickel mehr. Und Kupfer sieht man ja ein halbes Jahr nicht in Berlin. Ich denke mir, in kleinen Städten ist das anders – zum Beispiel in ... Oschatz. Großer Gott, Oschatz! Hast du nach dem Atlas geläutet? Er (nervös) : Aber nun haben wir ja Zeit – nun können wir ja beim Weggehen ... Sie : Nein, nein , Nathanael, wir haben keine Zeit! Ich hab' dir ja noch gar nicht das Schreckliche erzählt. Denke dir, Paulchen hat plötzlich einen Ausschlag bekommen – ein Rätsel, woher – Adolf hat nie einen Ausschlag gehabt. Na, und daß meine Haut ... Er (zieht sie zärtlich an sich) : Schneewittchen! Sie (entwindet sich ihm) : Schneewittchen sagst du? Nein, das ist geradezu zum Schaudern. Als ob es Ahnungen gäbe, geheime Beziehungen ... Also denk' dir, der Arzt war da, hat Paulchen einen Umschlag gemacht – also wie einen Maulkorb – der arme kleine Kerl, so lieb sieht er aus – du mußt mal kommen – ganz offiziell, – ihn dir ansehen. Also, und morgen früh soll der Umschlag erneuert werden. Dazu hat er nun eine Salbe aufgeschrieben – lateinisch natürlich, um's wichtig zu machen – hier siehst du – ach, du kannst's ja doch nicht lesen. Und wie ich vorhin fortging – »Rabenmutter«, wirst du denken, aber ... ich mußte doch auf die Steuer. Er : Nun aber, da du einen gefunden hast, der für dich auf die Steuer geht ... der für dich durchs Feuer geht ... Sie : Wie nett du reimst! Aber was ich erzählen wollte, da hab' ich – schon in Hut und Mantel – dem armen, kleinen Paulchen versprochen, ich bring' ihm ein Märchenbuch mit ... und da haben seine Augen geleuchtet – also Adolf hat genau solche Augen als Bräutigam gehabt – und hat gerufen: »Aber vom Schneewittchen und den Zwergen« ... Nein, wirklich – und das muß ich jetzt haben. Im Kaufhaus gibt's jetzt solche Märchenbücher mit bunten Bildern zu einer Mark. Er : Aber das Kaufhaus ist reichlich dreiviertel Stunden von hier. Sie : Ach, mit 'nem Auto? Er : Auto –! Das sind die »billigen« Bilderbücher. Aber ich will dir was sagen: ich fahre nachher rasch dort vorbei und schicke es dir durch einen Messenger-Boy. Sie : O du, das ist lieb von dir! (Rechnend.) Nun bin ich dir also schuldig – zweiundzwanzig Pfennige und eine Mark, macht eine Mark und zweiundzwanzig Pfennige. Er : Oh, du bist mir viel mehr schuldig – viel mehr. Eine köstliche, himmlische Stunde bist du mir schuldig. Eine Stunde, auf die ich mich gefreut habe seit ... seit ... Sie : Seit dem letztenmal. Er : Ach, da hast du mich ja zu eurem früheren Hausherrn geschickt, dem Rentier Rösicke, nachfragen, wie's geht ... Sie : Mein Gott, Nathanael, wie gut, daß du mich erinnerst! Der arme Mann ist ja vorgestern gestorben. Er : Er war zweiundachtzig Jahre, da kann man das leichter nehmen. Sie : Ja, aber einen Kranz – einen Kranz müssen wir schicken. Das heißt: Adolf und ich. Also morgen ist schon die Beerdigung. Möchtest du so gut sein, ja? Sonst müßt' ich gleich fort und ... Stechpalmen, die halten sich so gut – und ein paar Rosen vorn hinein – die hat er so geliebt. Er hat immer selber die Blattläuse abgesucht im Gärtchen und war doch schon halb blind. Fünf oder sechs Mark, ja? Wir verrechnen's dann – oder warte mal: hier sind zehn Mark. Du bist dann noch so gut – du gehst ja doch an einer Apotheke vorbei – und läßt Paulchens Salbe machen. Die ist sicher gleich fertig, du kannst vielleicht darauf warten und gibst sie dann dem Messenger-Boy mit, der das Märchenbuch bringt, nicht? Oder hast du keine Zeit – dann natürlich ... Er : Wie kannst du denken! Aber nun komm, setz dich auf mein Knie und ... Sie : Sei mir nicht böse – aber ich muß weg. Ich muß noch in die Leipziger Straße ... Ach, es ist zu dumm – ich wollte es dir nicht sagen – aber morgen ist nämlich Adolfs Geburtstag – er wird fünfundvierzig – sieht noch ganz gut aus dafür, nicht? Die Russin aus Reval – wenn sie's doch wäre! – also erkundige dich mal, wenn ich weg bin, wie sie heißt – versprich mir's. Also die hat ihn für achtunddreißig gehalten. Da hat er den ganzen Tag aus »Rigoletto« gepfiffen, so stolz war er. Wenn er stolz ist, pfeift er immer aus »Rigoletto«. Ja – und zu seinem Geburtstag hab' ich ihm einen Regenschirm gekauft – nicht sehr poetisch, aber sein alter geht wirklich nicht mehr. Und nun hab' ich vergessen, da soll das Monogramm in den Silbergriff graviert werden: » A. F. « Es ist eine Marotte von ihm, er hat überall gern Monogramme ... Schließlich – wo ich dir's doch nun gesagt habe – könntest du nicht rasch an dem Geschäft vorbeigehen? Er (nickt resigniert) : O ja, ich kann. Sie : Ach – und Nathanaelchen, gleich nebenan ist ein Geschäft von ... von ... nun von Damenartikeln – da hab' ich gestern (stockt) – aber nein: wir können uns doch alles sagen, gelt –? Wir sind doch Liebesleute. Er : Ich versteh' immer: Liebesleute. Aber, Helene, was die Liebe anbetrifft ... Sie : Pst – horch ... um Gottes willen – da schlägt eine Uhr (zählt leise mit) : zwei – vier – sechs ... Sechs ? Das ist nicht möglich ... Aber ja! meine Uhr steht. Was mach' ich? – Was mach' ich? ... Adolf und der Freund aus Oschatz ... (Sie rafft ihre Pakete zusammen.) Also, Bubi, vergiß nicht – gleich neben dem Regenschirm ist der Laden ... ich habe mein neues Korsett hingetragen ... Er (in zärtlicher Wallung) : Dein – Korsett ... Ach, Helene ...! Sie : Es ging nicht ... es drückt mich. Ich bin in der linken Hüfte so empfindlich ... Also du brauchst ja nicht zu wissen, was es ist ... Du sagst einfach: »Das Bewußte für Frau Helene ...« Sie werden dich für meinen Mann halten ... (Innig) : Nathanael, wenn du mein Mann wärst ...! (Rasch) Aber ich muß fort ... fort ... fort ... Wo ist mein Schirm – nein, das ist um ... Adieu, Bubi ... also reizend hast du's hier gemacht ... und es riecht so gut ... Und meine Lieblingskakes ... Also, gelt, du vergißt nichts. (Sie küßt ihn rasch.) Und vorsichtig mit dem Messenger-Boy ... (Schon an der Türe) Und sei freundlich mit dem Mann auf der Steuer – er ist immer so nett zu mir. Adieu, Bubi, auf bald – bald ... (Sie ist hinausgehuscht.) Er (läßt sich auf einen Stuhl fallen, schließt die Augen und reibt sich mit der flachen Hand die Stirn) . Sie (steckt den Kopf noch einmal zur Türe hinein) : Bubi – wegen Oschatz könntest du vielleicht noch telephonieren. Laß mich an den Apparat rufen – sage: »Der Schlächter will die gnädige Frau selbst sprechen.« Er (nickt) : Der Schlächter – schön. Das heißt, hör mal, Helene ... Sie (ist fort) . Er (geht im Zimmer umher und rekapituliert an den Fingern) : Also – den Kellner fragen, ob die Russin auf Nummer sieben aus Reval ist und Olga heißt – Paulchens Salbe machen lassen und drauf warten. Das Märchenbuch im Kaufhaus holen. Einen Messenger-Boy schicken. Den Kranz für den Rentier Rösicke – Stechpalmen mit Rosen. Dem Mann aus der Steuer ein Kuvert plus zweiundzwanzig Pfennige bringen. Adolfs Regenschirm. Und das Bewußte ... Uff, manchmal möcht' ich Adolf sein. Oder ... Der Kellner (erscheint mit einem Lächeln zwischen den Sommersprossen) : Pardon, ich habe dreimal geklopft. Die gnädige Frau hat mich gebeten, dem Herrn unseren zwölften Band des Konversationslexikons: »Moses bis Petroleum« heraufzubringen. Der Herr wisse schon. Er : Moses – bis Petroleum? Ach, richtig: Oschatz! Beinah' hätt' ich den Mann aus Oschatz vergessen! Bei 35 Grad im Schatten Er und Sie sitzen sich in einem Vorortzuge gegenüber. Die Gegend ist reizlos. Rübenfelder, Felder, Rüben. Auf einem Hügel, der kaum so zu nennen ist, eine Windmühle, die stillsteht. Bauernhäuser, an denen Riesenplakate Schokoladen, Kakes und Zigaretten anpreisen. Und wieder Rübenfelder, Felder, Rüben. Über allem brütet die Mittagshitze des Hundstages. Er: Gestatten Sie, meine Gnädige, daß ich auch dieses Fenster öffne –? Sie: Ich bitte – selbstverständlich. Er : Pardon, »selbstverständlich« ist das nicht. Es ist die Windseite. Das Fenster auf der anderen Seite ist schon offen. So darf ich dieses Fenster – auf der Windseite – laut Reglement »nur mit Zustimmung sämtlicher Fahrtteilnehmer« öffnen. Sie (lacht) : Sie kennen das Reglement gut. Er (die Melodie diskret andeutend) : Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben ... Sie: Aber auch nach dem Reglement haben Sie unrecht, mein Herr. Er: Daß ich nicht wüßte. Sie: Es spricht ausdrücklich, wenn ich Sie recht verstand, von der Windseite . Die Seite aber haben wir schon seit bald zwei Wochen überhaupt nicht mehr. Er: Allerdings richtig. Sehr traurig für Kompromißpolitiker und hohe Hofchargen. Sie: Wieso – gerade für die ? Er: Sie können das Mäntelchen nun nicht nach dem Winde hängen. Sie (lacht vergnügt) : So mögen sie sich mit der Mühle da trösten. Die hat auch ihre einzige Tätigkeit eingestellt ... Nein, die Hitze, scheußlich! Er: Ich kann das nicht finden. Sie: Bloß, weil Sie gern widersprechen? Er: Nein. Obgleich, wenn zwei Menschen immer derselben Ansicht wären, nie ein Dialog zustande käme. Denn nicht das »Ja« als Antwort, sondern das »Nein« ermöglicht eine Konversation ... Das heißt manchmal verhindert auch so ein Nein die Konversation. Sie: Wie das? Er: Nun sehen Sie, wir fahren jetzt seit acht Tagen mit demselben Zug. Und jeden Tag im selben Coupé! Sie: Ja, das ist ein sehr merkwürdiger Zufall. Er: Finden Sie? Ich glaube nicht an Zufälle. Es gibt für alles eine logische Erklärung. Sie: Auch in diesem Fall –? Da wäre ich neugierig. Er: Auch in diesem Fall. Sie, meine Gnädigste, kommen immer ein paar Minuten vor mir auf den Bahnhof. Sie lieben die Einsamkeit und steigen stets in das erste leere Coupé zweiter Klasse, das Sie beim Entlanggehen finden. Ich komme wenig später und habe das Prinzip, stets in das erste Coupé zweiter Klasse zu steigen, in dem – eine hübsche junge Dame sitzt. Sie: Mir scheint, Sie machen mir den Hof? Er: Niemals – bei 35 Grad im Schatten! Aber ich sage die Wahrheit. Sie: Immer? Er: Nein, nur wenn mir die Unwahrheit zu anstrengend ist. Die Lüge, sehen Sie, auch die konventionelle, verlangt Gedächtnis. Man muß sich merken, was man das vorigemal gelogen hat, um das nächstemal an der Stelle weiterlügen zu können. Das ist seelische Anstrengung. Sobald daher die Hitze so groß wird, vermeide ich den Alkohol und alle seelischen Anstrengungen. Auf ärztlichen Rat. Ich mache zum Beispiel auch keine Briefe auf, die Unangenehmes enthalten könnten. Sie (lacht vergnügt) : Schade, nun habe ich Ihnen gerade schreiben wollen. Er : Den Brief würde ich natürlich öffnen. Er könnte ja nur Angenehmes enthalten. Sie : Wissen Sie das so sicher? Er : Ja. Denn ich beobachte Sie seit acht Tagen unausgesetzt – die Zeitung, in der ich lese, ist mir ein schicklicher Vorwand. Ich konstatiere, daß Sie noch nie Ihre Tasche links abgelegt haben, stets rechts. Daß Sie noch nie Ihren Schirm, Ihre Handtasche, Ihr Buch – Raabes »Alte Nester«, ich bin orientiert und salutiere den guten Geschmack – Ihre Abonnementskarte oder irgend etwas vergessen haben, das ich Ihnen hätte nachtragen können. Sie : Und was beweist diese Ordnungsliebe, die ich nicht leugne, für den Brief, den ich Ihnen hätte schreiben können, und für seine Erfreulichkeit? Er : Das beweist, daß eine so ordnungsliebende junge Dame – aus Gewohnheit – zwei Dinge bestimmt geschrieben hätte, die mir zu wissen wertvoll wären. Sie : Nun bin ich aber neugierig. Er : Unter den Brief – Ihren werten Namen. Über den Brief – Ihre noch wertere Adresse. Sie : Sie sind kühn. Er : Auch dieses Lob muß ich bei 35 Grad im Schatten leider ablehnen. Sie : Und wenn es kein Zufall war, daß Sie immer im selben Coupé mitfuhren, warum haben Sie nie einen Versuch gemacht, mit mir zu sprechen? Er : Weil ich sah, daß Sie das erwarteten. In dem Augenblick, wo ich das getan hätte, wäre ich für Sie erledigt gewesen. Ein Mann, der das tut, was die Frauen erwarten, interessiert sie nicht. Sie : Immer besser. Und Sie glauben, daß Sie mich jetzt interessieren? Er : Ein wenig. Sie : Woraus schließen Sie das? Er : Weil Sie sich unauffällig bemühen, während Sie mit mir sprechen, in meinem Hutfutter meinen Namen zu lesen. Sie : Sie haben eine – fast hätte ich gesagt impertinente Art zu beobachten. Er : Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie's nicht gesagt haben. Aber Sie haben recht, ich lebe davon. Sie : Sie sind Maler? Er : Mit dem Kerzen, ja. Bloß die Hände versagen. Sie : Die Hände? Wissen Sie nicht, daß Raffael ein großer Maler geworden wäre, auch wenn er ohne Hände geboren wäre. Er : Ich wußte es und wartete sogar auf dieses Lessingzitat. Aber minder große Maler hängen doch vielleicht von ihren Händen ab. Sie : Und was hätten Sie gemalt, wenn die Hände nicht versagten? Er : Vor acht Tagen noch das Kind meiner Portiersleute, das – der Himmel weiß, woher – einen entzückenden Murillokopf hat. Mit Augen wie dunkle Edelsteine. Mit einem Mündchen wie eine Kirsche im Sonnenschein. Und seit acht Tagen – Sie. Sie : Wenn ich Ihnen nämlich gesessen hätte. Er : Aber, Pardon, Sie sitzen mir doch seit acht Tagen, täglich eine Stunde – nein einundfünfzig Minuten. Ganz still, in einem Coupé des Vorortzuges, das weniger Gelegenheit gibt, auszukneifen, wie jedes Atelier. Sie: Sie haben, das muß man Ihnen lassen, eine scharmante Art, gewagte Dinge zu sagen. Er: Das bedeutet nicht viel. Aber Sie haben eine viel scharmantere Art, sie anzuhören. Es gibt Frauen, die immerzu seelisch die Notbremse ziehen. Das macht den Verkehr so ungemütlich und zerstört den Dialog. Sie: Sie haben sich jedenfalls lange vorbereitet auf diesen Dialog. Er: Ich hatte eine geheime Angst. Kennen Sie Goethes Bonmot – eins der vielen – »Ehe sie mich ansprach, sprach sie mich an, als sie mich aber angesprochen hatte, sprach sie mich nicht mehr an.« Sie: Ich hätte das auf Heine taxiert. Er: Der große Goethe teilte das mit Kleineren: er hatte zuweilen Heinesche Momente. Sie: Und was fürchteten Sie von meiner Dialogführung? Daß ich von der Hitze reden würde? Er: Reden dürften Sie schon davon. Nur nicht darauf schelten. Das ist Sache des Chors der Schwitzenden und Schwatzenden. Der Verlegenen und Verlogenen. Sie: Und warum soll ich nicht auf diese nie erlebte Temperatur und ihre quälende Hartnäckigkeit schelten dürfen? Er: Einmal, weil es alle tun. Alle, die zu acht in einem Coupé fahren. Sie aber fahren allein . Dann aber, weil Sie zu viel Humor haben – leugnen Sie nicht, ich weiß das aus dem lieben Lächeln, mit dem Sie Raabe lesen, verstehen, genießen – zu viel Humor, um nicht zu empfinden, wie diese abnorme Temperatur auch einmal den Unwichtigen Wichtigkeit verleiht, die Maßgeblichen in Schach hält, lahmlegt, ausschaltet. In der Politik geschehen große Dinge – spricht »man« viel davon? Nein, »man« redet von der Windstille, der Wolkenlosigkeit, den Eisgetränken. Durch zwei Kontinente klirrt's leise von heimlich geschliffenen Waffen – lauscht »man« auf das unheimliche Geräusch? Nein, »man« zieht pustend den Kragen aus, lockert umsichtig Westenknöpfe und belehrt den schwitzenden Nachbar, was er schon weiß: Seit dem Jahre soundsoviel hatten wir solche Hundstage nicht. »Seit dem Jahre« ... Das ist's! Die Statistiker haben Oberwasser, protzen mit Zahlen, die uns im Grunde gar nichts sagen; haben die Erlaubnis, uns mit Jahreszahlen, Höchsttemperaturen und solchen Dingen zu langweilen. Könige wackeln auf ihrem Thron – wir aber lesen, daß die einundachtzigjährige Frau Meyer, als sie über die Treuchtelfinger Straße ging, einen Hitzschlag erlitt. Ein gut Stück Erde soll wieder mal aufgeteilt werden – wir aber entsetzen uns, daß ein unvorsichtiges Bübchen, das unabgekühlt ins fließende Wasser sprang, nicht mehr an die Oberfläche kam. Es dampft wie Blut von fernen Wüsten her – wir sitzen zu Klumpen geballt in den Erfrischungshallen und trinken eisgekühlte Zitronenwässerchen ... Es ist für mich sicher, daß Gracian – ich sehe an dem seinen Rot, das Ihnen vom Nacken her über die Wange fließt, daß Sie ihn nicht kennen und befürchten, ich frage Sie danach – er war Jesuit, Rektor in Tarragona, also ein Spanier, und einer der glänzendsten Prosaisten – ich wollte sagen, mir scheint's erwiesen, daß Gracian in solcher heißesten Zeit seine boshafte Allegorie schrieb und berichtete, daß sie im ganzen Lande, selbst in den volkreichsten Städten, keinen Menschen antrafen; sondern alles war bevölkert von Löwen, Tigern, Leoparden, Wölfen, Füchsen, Affen, Ochsen, Eseln, Schweinen – nirgends einen Menschen! Erst spät brachten sie in Erfahrung, daß die wenigen vorhandenen Menschen, um sich zu bergen und nicht anzusehen, wie es hergeht, sich zurückgezogen hatten in jene Einöden, welche eigentlich die Wohnung der wilden Tiere hätte sein sollen ... Ich liebe mit Gracian die Menschen, die sich zurückziehen in die Einöde. Sie: Nennen Sie ein Coupé zweiter Klasse eine Einöde? Er: Es ist jedenfalls das Einsamste, was Sie in einem Vorortzug finden können. Also eine relative Einöde. Die »relativ« stillste Stille, die Sie finden können. Ich bin – ohne etwas anderes von Ihnen zu wissen, als was mir dies Coupé, Ihr Lächeln, Ihre Lektüre und die Rosen auf Ihrem Florentiner Hut erzählen – bin überzeugt, daß Sie in einem Berufe tätig sind, der Stille und Sammlung erfordert. Auch Ihr Lächeln macht mich darin nicht irr. Und wenn ich Ihnen sage, wer ich bin und was mein Metier ist, werden Sie sich nicht über solchen Scharfsinn wundern, der bei uns nur Handwerkszeug ist. Sie: Sie feiern Ihren Sonntag wohl Donnerstags? Er : Wieso – Donnerstags? Das war ... Sie : Das war vor sechs Tagen, als wir zum zweiten Male zusammen fuhren. Da hatten Sie – Ihr Werkzeug – Ihren Scharfsinn wohl zu Hause gelassen? Er : Ich verstehe gar nichts – Sie : Sie lasen in einer Zeitung – etwas unter dem Strich. Plötzlich lächelten Sie, sahen flüchtig nach mir hin – ich las damals einen ziemlich üblen Schmöker – und blickten dann zum Fenster hinaus. Vergnügt, befriedigt. Ich merkte mir die Zeitung und die Stelle, auf die Sie geblickt und die Ihnen solchen beherrschten Frohsinn vermittelt. Ich war überzeugt, da stand etwas – von Ihnen, über Sie. Am Potsdamer Platz hab' ich mir dann die Zeitung gekauft und fand ... Na, Sie wissen's ja selbst. Seit ich die hübsche Kritik gelesen – übrigens nachträglich meinen Glückwunsch –, wußte ich, wer Sie sind. Am nächsten Tag las ich in der Einsamkeit dieses Coupés – Raabe, als Sie kamen. Ich wußte, das würde Sie freuen. Denn er muß einer von Ihren Heiligen sein. Er (verwirrt) : Sehr gütig ... Aber ... Sie : Und daß Sie mich ansprechen würden – gelegentlich, wenn Sie genug »beobachtet« hätten, um mich zu verblüffen – denn eitel sind die Herren Schriftsteller alle – das wußt' ich auch . Er : (immer verwirrter) : In der Tat ... Sie : Und ich hatte mir vorgenommen, Sie dann um etwas zu bitten. Er (aus allen Illusionen stürzend) : Um eine Ansichtskarte – – Sie (immer vergnügter) : Nein. Für mein so »stilles und Sammlung erforderndes« Geschäft um eine kleine Gefälligkeit. Er (kleinlaut) : Vielleicht eine gereimte Reklame –? Sie : Ach nein. Bloß – – ich bin nämlich Leiterin der Filiale einer amerikanischen Grammophongesellschaft. Ach, bitte, kommen Sie doch mal ins Geschäft – hier ist unsere Karte – und sprechen Sie mir etwas auf eine Walze. Er : Auf eine – –? Sie : Auf eine Walze, ja. Ihr Bild kommt dann mit in den Prospekt. Er : Für die Walzen –? Um Gottes willen, nein. Ich habe überhaupt keine Bilder von mir ... Sie : Oh, das macht nichts. Ich habe Sie gestern schon beim Aussteigen rasch getypt mit meiner Liliputkamera. Donatello Er – Mann der Kunst, wo sie nur noch Arbeit ist. Ein blonder Zyklop mit – was bei einem Zyklopen wundernimmt – zwei blauen Kinderaugen. Vor diesen Kinderaugen eine goldgefaßte Brille, die ein wenig die große und gerade Nase wundgescheuert hat. Etwas unbeholfen in den Bewegungen, die nicht verraten, daß er viel mit schönen und zierlichen und seit Jahrhunderten unzerbrochenen Dingen zu tun hat. Seine Kleider sind aus gutem englischen Stoff, aber von einem Schneider, den er aus Mitleid beschäftigt; und da der Schneider einen Buckel hat, baut er die Anzüge alle für ebenso gewachsene Gentlemen. Er spricht langsam und gewählt, aber mit falschen Interpunktionen. Wenn er erregt ist, wirft er, wie ein scheuendes Pferd, seine blonde Stirnlocke zurück, die ihm fast auf die Nasenwunde unter dem goldenen Brillenbügel fällt. Er heißt – nach dem Maler Schwind, den der Vater kannte, liebte, sammelte – Moritz. Sie – Dame der Welt, wo sie nur noch Oberfläche ist. Eine zarte Brünette mit seelenvollem Augenaufschlag ohne viel Seele. Sehr elegant in den Bewegungen und tief überzeugt davon. In einem Hauskleid, das ein Pariser Modell war und demgemäß das Fünffache seines Wertes gekostet hat. Wenn sie erregt ist, wiegt sie den zierlichen Oberkörper in den abgeschnürten Hüften, daß das Leibchen leise kracht. Sie heißt – weiß der Himmel warum – Eudoxia. Das Gespräch begibt sich in seinem Studierzimmer, einem Raum, der durch viele Bücher die Gelehrsamkeit, durch gute Stiche und Bronzen den Geschmack seines Bewohners und durch allerlei unpraktische Nettigkeiten die offizielle und wenig nachdenkliche Liebe seiner Gattin anzeigt. Moritz (indem er fünf verschiedenfarbigen Mappen Stiche und Photographien nach Werken Donatellos entnimmt und auf einem geräumigen Tische ausbreitet) : Also – meine liebe Eudoxia, ehe man eine Arbeit – allein oder gemeinsam – beginnt, muß man sich über Weg und Ziel klar sein. Nach unserem gestrigen, vielleicht nicht notwendigerweise etwas heftig gewordenen Gespräch – Eudoxia : Bitte, Moritz – du warst heftig, ich nicht. Moritz : Ich erinnere nur daran, daß du den Ofenschirm umwarfst, liebe Eudoxia, und meinen kleinen Buddha zerbrachst ... Eudoxia : Nur weil du meine Familie angriffst – jawohl, meine Familie, auf die ich nichts kommen lasse, nichts! Moritz : Entschuldige – ich sagte nur: deine lieben Brüder und deine verehrten Schwestern seien – durch die Gunst der erfreulichen Verhältnisse – berechtigt, zu glauben, daß Tennisspielen, Autofahrten, Jeuen in Monte und Kostüm-Quadrillereiten in Berlin – »arbeiten« bedeute und die solche »Arbeit« Ausübenden berechtige, über das Schicksal zu klagen, das ihnen Nerven statt der Schiffstaue in den Organismus eingesetzt hat. Eudoxia : Also – du fängst schon wieder an? Moritz (eilfertig) : Nein – gewißlich nein! Lassen wir das, lassen wir's durchaus. Also: wir kamen, da du mir zeigen wolltest, welcher Selbstentäußerung und Ernsthaftigkeit dein liebes Persönchen fähig sei, überein – oder besser: du entschlossest dich – oder noch richtiger: du hattest die Freundlichkeit, dich zu entschließen, mir beim Einordnen, Rubrizieren, Textieren der Bilder für meine Monographie des großen Donatello zu helfen. Mithin: du willst ernste Arbeit tun. Ich salutiere dankbar der Helferin. Aber – ich erinnere auch daran, daß Diderot gesagt hat: Le goût des beaux arts suppose un certain mépris de la fortune, je ne sais quelle incurie des affaires domestiques, un – – Eudoxia : Also bitte, – wollen wir jetzt Diderot behandeln oder Donatello? Moritz : Ich danke dir, liebe Eudoxia, für den erfrischenden, auf die Arbeit selbst zufliegenden Ernst, mit dem du diese Stunde, – diese, wie ich gestehe, oft von mir ersehnte Stunde, auffaßt. Eudoxia : Aber ja ! Das wissen wir doch nun. Übrigens diese Stunde – (sieht auf die Uhr) – du, jetzt setzen sie sich bei Brückensteins zu Tisch. Sie hat mir das ganze Menü telephoniert. Die geben nun auch wieder den Lachs nach den Hühnern. Das ist jetzt todschick. Blöd, nicht? Aber man muß es mitmachen. Weißt du, es ist mir ganz lieb, daß ich abgesagt habe. Ich hätte wieder neben dem langweiligen Geheimrat aus Hannover gesessen, – der ist ein Welfe, sagen sie. Ich weiß nicht, was das ist; aber wenn alle Welfen so wenig und so leise reden, so laut und so viel essen, dann werden sie keine Geschäfte machen in der guten Gesellschaft. Denke dir ... Moritz (mit leiser Ungeduld) : Wollen wir nicht lieber anfangen? Eudoxia : Natürlich. Aber was willst du eigentlich? Ich bin die ganze Zeit bereit, – du redest von meinen Schwestern und von Monte und vom Tennis und von Diderot; – das hat doch alles nichts mit Donatello zu tun, – oder –? Moritz : Nein, freilich nicht. Ich bitte um Entschuldigung. Noch einmal: ich freue mich, wie eifrig du bist. »Durch Arbeiten lernt man arbeiten!« hat Friedrich Wilhelm gesagt. Ich habe gute Hoffnungen, liebe Eudoxia, daß auch du einmal mit Shakespeare bekennen wirst: »Die Arbeit, die uns freut, wird zum Ergötzen!« Beginnen wir. Du mit deiner schönen Handschrift führst die Listen nach meinem Diktat, nicht wahr? Also bitte, reich mir mal jenes Blatt dort herüber. Eudoxia : Das nackte Kerlchen mit dem Schwert? Moritz : Ja. Es ist der berühmte »David«. Um 1430 entstanden. Es ist vielleicht der erste, sicherlich der schönste nackte Jünglingskörper, den ein Künstler seit dem Ausgang der Antike schuf. Eudoxia (lachend) : Gott nein, Moritzel, sieh doch nur, – nein, hast du das schon gesehen, was er für einen komischen Hut aufhat? Moritz : Einen Schäferhut, der ... Eudoxia : Also jetzt paß auf. Meine Modistin hat mir gesagt: Schäferhüte werden nächstes Jahr wieder Mode. Also du, ich habe eine glänzende Idee. Glänzend! (Sie klatscht in die Hände.) Du, also Moritzel, du mußt mir das Bild lassen, nein leihen, nur leihen! Das heißt, es könnte ja schließlich auch verloren gehen. So Modistinnen haben keinen Respekt vor Bildern. Nun gar noch vor alten Bildern. Das heißt, ich brauche nur den Kopf mit dem Hut. Den können wir doch herausschneiden? Die Rose Levy, – ach, ich sag' immer noch so, aber jetzt hat ja die Pringsheim das Geschäft, das war der Rose Levy ihre erste Direktrice, hat im kleinen Finger viel mehr Geschmack, wie die Levy in ihrer ganzen dicken Person, – die hat übrigens jetzt Gallensteine, die Arme. Ich wollt' sie immer mal besuchen. – Überteuert hat sie uns ja gehörig; das tun sie alle, nicht? ... Also die Pringsheim muß mir den Hut nachmachen, – muß sie, wird sie, genau so ... Und keinem Menschen sagen wir, woher wir das Modell haben, gelt? – Großartig mit dem eingelegten Zweig und hinten dem Band ... Teuer wird er ja werden, denn so einfach er ist, die Pringsheim rechnet wieder siebzig Mark für »Fasson« ... Also die Pringsheim muß mir ihr Ehrenwort geben, daß sie niemand sagt, woher ... Ich sag' dir, Moritzel, die Neustädter wird bersten ... bestimmt, die reist noch mit dem Nachtzug nach Paris ... Ideen hat er schon gehabt, dein Donatello, was? Moritz : Allerdings. Ich wollte dir ja immer einmal die Einleitung zu meinem Buche vorlesen. Es wäre vielleicht nicht übel, wenn wir damit begännen ... Eudoxia : Später, Moritzel, später! Heute arbeiten wir, nicht? Und »Einleitungen,« – weißt du, da geht's mir allemal wie mit den Ouvertüren. Ich komm' lieber immer erst zur ersten Arie in die Oper. Moritz : Schön. Also arbeiten wir. Willst du mir vielleicht jetzt einmal jenes bunte Blatt links von dir herüberreichen? Eudoxia : Den Bubenkopf? Nett ist der, wirklich nett. Moritz : Ja. Du könntest ihn übrigens kennen, liebe Eudoxia. Es ist der St. Johannes der Täufer, und das Original steht im Kaiser-Friedrich-Museum. Eudoxia : Natürlich – im ... Sicher hab' ich ihn da gesehen! Ich war ja zur Eröffnung damals drin. Ach nein, jetzt verwechsle ich's mit dem Hotel Esplanade – da war ich zur Eröffnung. Aber im Museum war ich auch – wart mal. Richtig, mit der Betty und dem ... wie heißt er doch – dem Rittmeister von den Garde-Ulanen, der der Betty damals so den Hof gemacht hat. Erfolglos – ich schwör' dir's. Aber weißt du, wenn der schon mitgeht – die Witze – also man kommt gar nicht dazu, sich was anzusehen ... Wirklich ein nettes Kerlchen, der Johannes – (wie inspiriert) Moritzel – du, jetzt hab' ich's! Moritz : Was hast du? Eudoxia : Wem er ähnlich sieht, hab' ich. Also genau wie Onkel Emil, genau! Moritz : Erlaube mal, liebe Eudoxia, Onkel Emil ist einundsechzig Jahre, hat keine Zähne mehr und ist völlig kahl. Eudoxia (gekränkt) : Du brauchst mir nicht zu sagen, wie Onkel Emil aussieht! Er hat mich doch mal partout heiraten wollen. Die Leute schaut man sich doch an. Und damals hat er mir seine Kinderbilder gezeigt. Alle Männer, die Absichten haben, zeigen uns ihre Kinderbilder. Gewissermaßen als Empfehlung: so war das – so kann das werden ! ... Und genau so einen offenen Mund, wie dein Johannes, hatte Onkel Emil auf allen Bildern von damals. Später haben sie ihn in Ems an der Nase gebrannt, da verlor sich das. Er hatte eine Verengung in der Nase, weißt du. Knorpel, glaub' ich, oder so. Moritz : Aber liebes Kind, Onkel Emil kann doch nie sehr intelligent ausgesehen haben, während dieser Johannes ... Eudoxia : Also bitte, warum kann Onkel Emil nie sehr intelligent ausgesehen haben? Ach so – natürlich, weil er einmal mich heiraten wollte! Alle Leute, die mich einmal heiraten wollten, waren Idioten, wenn man dich hört. Auch der Hauptmann von den Elisabethern ... Moritz : Aber der arme Mann ist doch im Irrenhaus. Eudoxia : Da kann jeder hinkommen. Und die zu viel denken, erst recht. Jeder – du auch. Und war etwa der Bankier Strützel aus Wien ein Idiot? Moritz : Da er sich an Kundengeldern vergriff und heute noch steckbrieflich verfolgt wird, wäre es eine Gnade für ihn, wenn man's annähme. Eudoxia : Also, mein Lieber, für deine »Gnaden« meinen Verehrern gegenüber dank' ich ... Aber mit dir ist ja nicht zu streiten! Du wirst ja gleich persönlich. Moritz : Ich??? Eudoxia : Laß schon, laß schon! Machen wir weiter. So arg viel Zeit hab' ich sowieso nicht. Ich muß mir noch die Haare waschen lassen. Moritz (enttäuscht) : Heute? Ich dachte, du hättest dich für den Abend freigemacht? Eudoxia : Ja, soll ich etwa wochenlang mit schmutzigen Haaren herumlaufen wie eine Fischverkäuferin von Santa Lucia, weil du über Donatello schreibst? Und die Kamillen sind doch schon aufgesetzt. Und wenn ich's heute nicht tue, gibt's Unordnung in dem ganzen Haushalt. Mit einem Weichselzopf ließest du mich herumlaufen. Und dabei – du bist's doch selbst, der immer predigt, Robespierre habe gesagt: die Ordnung ist das geheiligte Recht aller Menschen. Moritz : Rousseau, Kind, Rousseau. Eudoxia : Pedant! Rousseau und Robespierre – das ist schon ein Unterschied! Das ist aber deine Taktik: wenn du unrecht hast, gleich korrigierst du an Nebenmenschen herum, damit man's nicht merkt. Ich kenn' dich aber besser als die Leute, die deine Bücher lesen. Denn in den Büchern bist du zurechtgemacht, aber im Verkehr mit mir gibst du dich ohne Retuschen. Moritz : Wollen wir nicht lieber von Donatello – – Eudoxia : Natürlich wollen wir. Wer schweift denn immer ab –? Du ! Moritz : Also entschuldige. Möchtest du wohl so freundlich sein, mir jetzt den Kopf des Gattamelata herüberzugeben? – – Aber nein, was du in der Hand hast, ist doch die Grabplatte des Papstes Martin V. Bitte, leg das noch weg. Eudoxia : Da hast du dich nun wieder. Ich soll Anteil nehmen, soll mich »interessieren«. Interessier' ich mich wirklich mal – soll ich's »weglegen«. Was soll ich nun eigentlich? Moritz : Also schön – betrachte das Blatt. Gefällt's dir? Du erinnerst dich vielleicht der Grabplatte noch aus S. Giovanni in Laterano? Eudoxia : So was von Ähnlichkeit hab ' ich noch nicht gesehen! Genau so lag meine Großmutter im Sarg. Es war eine herrliche, kluge Frau, frisch bis ins höchste Alter. – Das heißt: eigentlich war's meine Stiefgroßmutter. Du weißt, Papa war zweimal verheiratet. Sie hatten ihr die Zähne wieder angezogen und ihre Sonntagshaube aufgesetzt – und auch die Haube hatte Ähnlichkeit mit dem Ding da, das dein toter Papst aufhat. Hab' ich nicht recht? Moritz : Ich kenne deine liebe Großmutter eigentlich nur aus den mir peinlichen Erbschaftsprozessen, die deine Geschwister dich mitzuführen überredet haben ... Eudoxia : Also, bitte, Otto ist Pfarrer, und Eugen ist Jurist. Ein Pfarrer und ein Jurist werden wohl vor Gott und Menschen verantworten können, wenn sie das unsinnige Testament einer kindisch gewordenen alten Frau einfach anfechten. Und wie das nun wieder beweisen soll, daß sie dem Papst Martin V. nicht ähnlich gesehen hat, das erkläre mir ein anderer! Wenn das »logisch« sein soll – dann bin ich lieber un logisch und habe recht. Moritz : (unruhig) : Pardon, liebe Eudoxia, jetzt eben zerknitterst du in ganz unbegründetem Ärger das richtige Bild des Gattamelata. Gib mir's lieber her. Eudoxia : Was, das ist der Grottamarmelada – –? Moritz : Ganz richtig: der Gat-ta-me-la-ta, die »gefleckte Katze«. Eudoxia : Das hab' ich doch gesagt ! Moritz : So, dann hab' ich's falsch verstanden. Verzeih. Ja, das ist er. Vor dem Santo in Padua steht sein wundervolles Denkmal. Der Doge Francesco Foscari hat den einstigen Bäckerjungen, der zum siegreichen Feldherrn der Venezianer aufstieg, geadelt. Hier reitet er trotzig auf dem herrlichen Schlachtroß in die Straßen seiner Vaterstadt hinein. Eudoxia : Also – Moritzel, bloß Franz-Josefs-Koteletten brauchst du dir hinzuzudenken und das Haar etwas besser zu bürsten – und du hast Onkel Theodor , wie er leibt und lebt. Moritz (lachend) : Liebste Eudoxia, was für eine Phantasie! Wirklich, du schwärmst. Dein Onkel Theodor ist Tuchfabrikant und – Eudoxia : Und wird nächstens Kommerzienrat. Moritz : Mag sein. Ich gönn's ihm gewiß. Aber von einem Kondottiere hat Onkel Theodor doch ganz und gar nichts – mit seinem runden Bauch und seiner fixen Idee, überfahren zu werden. Auf einem Pferd würde er doch direkt eine komische Figur machen, wenn schon seine stark gekrümmten Beine, die er in karierte Hosen zu stecken liebt ... Eudoxia : Moritz, ich muß es mir energisch verbitten, daß du jede Gelegenheit benutzt, angesehene Mitglieder meiner Familie zu höhnen und herabzusetzen. Moritz : Aber ich setze doch nicht herab, liebe Eudoxia. Es ist, das mußt du doch zugeben, einfach ein Unding, sich den guten Onkel Theodor, der in seinem Leben nichts geritten hat als den Kopierbock und der zum Kondottiere so ungefähr das Zeug hätte wie ich zum Heldentenor, auf einem Pferde Donatellos mit dem Kommandostab zu denken. Man muß doch wirklich ein klein bißchen kulturhistorisches Gefühl haben. Eudoxia : Jawohl, Gefühl muß man haben ... Gefühl überhaupt. Aber davon hast du für keinen halben Pfennig. Freilich für deine Schüler hast du's und für Leute, die dich anstaunen, den »großen Gelehrten«, und die den Mund halten und in Ehrfurcht ersterben. Aber für die Familie deiner Frau hast du keine Gefühle. Nicht mal wem von Bedeutung ähnlich sehen sollen meine Onkel dürfen! Du wirfst in deiner Herzlosigkeit ehrwürdigen, angesehenen Männern ihre Glatze, ihre Franz-Josefs-Koteletten und ihren Leibesumfang vor. Deine Respektlosigkeit macht nicht mal halt vor der Haube einer ehrwürdigen toten Greisin. Mich aber, die Enkelin, die Nichte dieser Leute, denen außer dir niemand die Achtung versagt, niemand, hörst du – mich zwingst du, unter dem Vorwand, langweilige alte Bilder zu ordnen, deine Verunglimpfungen mit anzuhören. Moritz : Aber ich zwing ' dich doch gar nicht, Eudoxia ... du selber erklärtest dich zu meiner Freude bereit ... du wolltest ... Eudoxia : Ja, ich erklärte mich bereit – ich wollte. Mit heiligem Eifer und im Bewußtsein, dir wirklich nützen zu können, hab' ich sogar die Gesellschaft bei Brückensteins abgesagt, wo ich mich himmlisch amüsiert hätte. Einen Ehrenplatz sollt' ich haben. Der grundgescheite Geheimrat aus Hannover sollte mein Tischnachbar sein. Ein entzückender Causeur, wenn er auch einer von den Welfen ist, die du auch zu bespötteln und zu beschimpfen liebst. Moritz : Ich? Eudoxia : Jawohl, du . Aber ein für allemal: ich lasse mich nicht tyrannisieren. Und daß du's jetzt nur weißt: Onkel Theodor sagt, deine Bücher sind langweilig. Und Onkel Emil sagt: Donatello interessiert keinen Menschen mehr. Denn wir haben den Eberlein und den Rolandsbrunnen und den ... den ... nun den, der die Totenmaske von Großmutter gemacht hat, die leider bei der Pfingstputzerei kaputt gegangen ist; sonst wollt' ich dir beweisen, daß sie doch dem Papst ähnlich gesehen hat. Und überhaupt anständige, wahrhaft vornehme Leute brauchen gar niemand »ähnlich« zu sehen. Die können einfach so ausschauen, wie nur sie ausschauen. Das ist meine Meinung. Und wenn du heute in Berlin W herumfragst, wie Onkel Theodor aussieht, das wissen sie alle , vom Wirklichen Geheimrat Boxenhagen bis zum jüngsten Kammergerichtsreferendar. Aber der Grottamarmelada ist ihnen ganz schnuppe. Und wenn sie nach Padua im Automobil fahren, haben sie den Baedeker und brauchen nicht auf dich zu warten. Und wie Onkel Emil sich hat porträtieren lassen von Alois Amadeus Schultze, der ein Schüler von einem Schüler von Begas ist, hast du gar nichts gesagt – und über den Grottamarmelada schreibst du dicke Bücher. Ja, glaubst du, daß so was unsere Familie nicht ärgert? Wir haben nur zu gute Kinderstube, um davon zu reden. Und verlangst noch, daß ich dir helfe! Nein, mein Lieber, das wäre einfach würdelos von mir – wür-de-los. Und das bin ich nicht. Ich weiß, wo ich herkomme – und ich weiß, wo ich hingehe. (Sie hat geklingelt, der Diener erscheint.) Peter, telephonieren Sie zu Brückensteins, daß ich nach Tisch noch ein Stündchen komme. Moritz : (räumt schweigend die Donatellobilder zusammen und verschließt die Mappen). Die Sommernacht Auf der Terrasse einer Villa im Grunewald. Wilder Wein fällt in schweren Ranken von den Holzträgern der Bedachung. Ein heißer Sommertag ist schlafen gegangen. Ein leichter Ostwind treibt eine sanfte Kühle von den reichlich gesprengten Büschen und Beeten her. Zwischen dem wunderzarten japanischen Silhouettenschmuck der Fichtenkronen glitzern, wie goldene Nägel, die Sterne des Großen Bären. In tiefem Orange steht der Halbmond über dem zierlichen Biedermeierbau der Nachbarvilla. Vom Rasen leuchten ein paar tropfenschwere weiße Rosen herüber. Auf der nicht sichtbaren Straße, hinter Hecke und Zaun, singen heimkehrende Spaziergänger ein Volkslied, das plötzlich abbricht. Man hört noch eine Weile ferner und ferner ihre taktmäßigen Schritte. Er (alter, soignierter Herr, sorgfältigst nach einer Mode gekleidet, die vielleicht nächstens wieder modern sein wird, eine goldene Brille vor den blauen, ein wenig umflorten Greisenaugen, stellt das Glas auf das japanische Lacktischchen und macht Anstalten, sich aus den Libertykissen des bequemen Korbsessels zu erheben): Ich glaube, meine Liebe, es wird Zeit für mich. Darf Ihr Diener mir wieder ein Auto hertelephonieren? Sie (vornehme alte Dame, ein Spitzenhäubchen auf dem schneeweißen, schlicht gescheitelten Kopf nach dem Geschmack jener Tage, da sie jung war. Ihrem Gesicht, das Güte und Schalkheit spiegelt, sieht man an, daß sie einmal sehr schön gewesen sein muß, als ihre Taille zierlicher, ihre Haut glatter, ihre noch immer edel geformte Hand sicherer war) : Aber lieber Freund, so früh schon? – War Ihnen zu viel Mineralwasser in der kalten Ente? Oder stört Sie, den Zimmermenschen, dies Sitzen im Freien? Mich dünkt, Sie liebten einmal diese Sommernächte. Er: Ist's nicht seltsam, wir haben von allem möglichen gesprochen heute abend, – gute Kameraden, die glauben, sich ganz zu kennen, sich alles sagen zu können. Haben geredet von der Musik der Zukunft und der Literatur von gestern, sogar ein bißchen vom Fortschritt der Medizin und dem Rückschritt der Politik. Und – mir kommt vor – gedacht haben wir immer nur, alle beide, an die Sommernacht. An die sieben Sterne des großen Himmelswagens, der dort oben durch die Himmel kutschiert seit Jahrtausenden, unberührt von unserem Menschenleid. An Blumen, die so fern von diesem Garten blühten; an Nächte, die so weit liegen, und von deren Schönheit wenig Lebende mehr was wissen. Sie (freundlich lächelnd, ohne ihn anzusehen) : Nächte, die so weit liegen, wie – die siebzehn von den Siebzig. Er : Sie waren siebzehn, – ich schon zweiundzwanzig. »Schon« – wie das klingt aus dem Munde des Vierundsiebzigers. Sie : Aber Sie hatten bereits das Physikum bestanden, waren schon in unsern Augen ein halber Arzt. Er : Ja und ein ganz dummer Junge. Sie : Das dürfen Sie eigentlich im Zusammenhang mit jenem Abend nicht sagen, an den wir jetzt beide denken, und der heute so klar und so weit von uns liegt wie dort jene sieben Sterne, wie der goldene Wagen, in dem unsere Erinnerungen rückwärts kutschiert sind. – Am Tag nach jenem Abend haben Sie sich verlobt. Er: Drei Tage später Sie – mit Fritz. Sie : Das hätt' ich sechs Wochen vorher auch schon haben können. Er hat mir ja immerzu erzählt, wie er's nie bereut hat, schon in Sekunda abgegangen zu sein, wie er nun bereits »was ist« in des Vaters Geschäft, Prokura hat, und so ganz nebenbei ließ er einfließen, was er verdient. Gott, ja, es war viel mehr, als mein guter Vater mit seinen kümmerlichen Malstunden je verdient hat. Bilder hat er ja nie verkauft, bis auf das eine, wo er mich im Sommerhut gemalt hat, Mohnblumen in der Hand ... Es hängt ja wohl immer noch in Ihrem Arbeitszimmer? Er: Solang ich lebe, wird's da hängen ... Und – das wissen Sie nicht, jetzt kann ich's ja sagen – auf seiner Rückseite ist ein kleines Blatt befestigt. Rosafarben war es einmal und hatte kleine eingepreßte Kränze, heut ist's verblaßt und die Schrift schwer zu lesen ... Wird's Ihnen nicht zu kühl, liebste Freundin, Sie sollten was um die Schultern nehmen. Sie: Nein, nein, ich bin's gewohnt, abends lang hier zu sitzen und in die Sterne zu sehen. Aber Sie, ich glaube, Sie sind empfindlicher ... Wollen wir hineingehen? Er : Nicht meinetwegen, nur nicht. Es ist eine so herrliche Stille hier, und diese Luft, der Geruch der Kiefern, die nach sonnigem Tag langsam abkühlen, ist für unsereinen, der in seinem westlichen Miethaus nur die langweiligen, duftlosen Hängegeranien auf dem Balkon als Gruß der Natur empfindet, ein wahrer Segen. Sie : ... Was ist das, – ich meine, was war das für ein rosafarbenes Billett, von dem Sie sprachen? Er : Ihre Gratulation zu meiner Verlobung – ein paar Worte nur – gut, herzlich, aber für mich – heut darf ich's ja sagen – eine gewisse Wehmut ausströmend ... Sie : Ist's nicht so, lieber Freund, für uns, die wir jede Rose fragen: Werd' ich noch einmal eine Schwester von dir aus ihrer Knospenhülle springen sehen? die wir das flügge Vögelchen dort aus dem Nistkasten schüchtern den ersten Flug wagen sehen und fragen: werd' ich dein erstes Lied noch hören, mein Kerlchen? für uns ist alles, was aus der Jugendzeit herüberweht – Blatt, Gruß, Melodie – in eine Wehmut getaucht, die nur der mit uns Alternde nachempfinden kann. Die nichtssagenden Dinge gewinnen Bedeutung, da sie übergoldet sind von einer Zeit, in der wir noch so viel hofften, erwarteten, verlangten ... Er : Mag sein, liebste Freundin; aber jenes Blättchen war ein Stückchen Schicksal für mich. Wer weiß, wär' es nicht gekommen, – so prompt, so korrekt, so lieb – nur ein bißchen verwischt, – Sie schrieben's wohl, wie immer, am grünen Tisch in der Jasminlaube im Garten – Sie : Ach nein, – ich schrieb's ... und wenn ich noch zweimal so alt werden könnte, wie ich nun geworden bin, noch grauer, noch runzliger, noch vergeßlicher, und wenn ich nicht mehr wüßte, wie meine Handarbeitslehrerin, mein erster »Schwarm« geheißen hat, und den Tag meiner Verlobung mit Fritz, ja selbst des Guten Todestag vergessen hätte – ich glaub', an jenen Vormittag, da ich – das schrieb, oben in meinem Stübchen, an Großmutters altem Kaunitz, der immer seufzte, wenn man die Arme auf das Schreibbrett legte, – würd' ich mich noch erinnern. Würde noch wissen, wie ich Blatt um Blatt zerriß, bis mein armselig Sprüchlein nichts verriet. Nicht mehr, als meinen Wunsch für Ihr Glück, der immer der gleiche war. Er (langsam wägend) : Sie haben das nicht im Garten ...? Ich dachte ... es war ein Regentag damals, als ... Sie : Mag sein, daß ein kleiner Tropfen auf die Schrift fiel. Aber je nun, – die Siebzigerin darf's ja sagen: vom Himmel kam er nicht . Er (verwirrt) : Verzeihung, liebste Freundin, zürnten Sie mir – damals? Sie : Nennen Sie's so. Ich war zum erstenmal in meinem jungen Leben traurig. Ich konnte doch nicht ahnen, daß Sie Mathilde ... Wirklich, das konnt' ich nicht. Gott, sehen Sie, wie dumm so ein junges Ding ist. Mit siebzig lächelt man, – mit siebzehn zerreißt man fünf, sieben rosafarbene Böglein und kann's nicht vermeiden, daß auf den achten noch ein Tröpfchen aus dem jungen, undisziplinierten Auge fällt. Er : Ja, – aber ich verstehe gar nicht ... Sie : Ist das so schwer zu verstehn? Sie waren der erste Mann – Gott, »Mann« ist ein bißchen viel gesagt für das frische Studentchen mit dem ersten Examen und der zweiten Hackenquart. Er : Das erinnern Sie sich noch? Ich roch damals noch stark nach Jodoform. Sie : Ach ja, ich weiß. Sie kamen mir ja nahe genug. Er : Wie meinen Sie –? An jenem Sommerabend verlor ich die Kompresse über der Narbe. Sie : Wem sagen Sie das?! – Der ganze Abend steht vor mir – so klar – und allmählich so rein wie etwas Schönes, Schlimmes, Fernes, das ich einmal – lang, lang ist's her – so recht mit dem Herzen gelesen und nie wieder vergaß. Wir hatten – wissen Sie's noch – unser einfaches Mahl bei uns auf der Terrasse genommen. Er : Ob ich's weiß! Ich sehe noch den hübschen Schirm über der Lampe, – Ihre kunstfertigen Fingerchen hatten gepreßte Gräser zwischen durchsichtiges Papier geordnet und ... Sie : Ein Geburtstagsgeschenk für Vater. Viel durft's ja nicht kosten. Und er freute sich an allem, was von mir kam. Er : Ihre Mutter häkelte, wie immer. Ich saß zwischen Ihnen, – Sie hatten das Kleidchen an, rosa- und weißgestreift, das Ihnen so gut stand. Sie : Im Haus gemacht – ohne Schneider – für fünfzehn Mark mit allen Zutaten. Fritz saß uns gegenüber und sprach altklug und wichtig von Geschäftsverbindungen und Konjunkturen wie ein Kommerzienrat. Gott, das bißchen Renommieren hat er nie lassen können ... Vater las aus der Zeitung vor und politisierte in seiner lebhaften Art. Die Schlacht bei Solferino war geschlagen, Mac Mahons Namen und des Grafen Cavour klangen zum erstenmal an unsere jungen Ohren. Und dann hielt Sie's nicht mehr, von ihrer Wissenschaft zu sprechen. Sie erklärten den Kehlkopfspiegel, den der Wiener Czermak kurz vorher erfunden hatte, und sprachen große Worte von der Zukunft der künstlichen Beleuchtung bei der Laryngoskopie ... Er : Ich Großmaul! Wie Sie all das noch wissen. Sie : Ich bewunderte Sie damals sehr. Fritz hat das wohl gefühlt; denn er brachte eifersüchtig das Gespräch auf die neuen Versuche mit künstlicher Austernzucht in der Bucht von Arcachon. Lieber Gott, da konnten wir nicht mit. Vater hatte eine Schwäche für Austern, – aber ich glaube, er konnte die Schalentiere zählen, die das Leben dem armen Maler serviert. Er (ganz gefangen von den Erinnerungen) : – ? und dann – dann gingen wir in den Garten, der so schön wild war. Sie : Vater nannte das malerisch, aber in Wahrheit: ein Gärtner war ihm zu teuer. So wuchs, was wuchs. Er : ... und wir vier jungen Leute spielten Blindekuh ... Ich war der erste, den das Los traf. Liebe Zeit, man hätte mir die Augen gar nicht zu verbinden brauchen; ich war ja damals schon so kurzsichtig, und der Garten mit den vielen Bäumen und Büschen trotz all der Sterne über uns so dunkel ... Das Spiel ging wild durch die Himbeerpflanzungen, – ich glaub's noch zu fühlen, wie mir die kleinen Stacheln die tastend vorgestreckten Hände zerrissen, – aber ich hörte Lachen und Kichern, – hier – dort – überall ... und dann taumelte ich wider den Pfosten des Hüttchens, das ganz von Jasmin umsponnen war, – oh, ich weiß noch, wie ich den Duft und den Schmerz gleichzeitig empfand, – und neben mir – ganz dicht – aus dem Häuschen – kicherte etwas. – Ich stutzte, erschrak, griff zu ... und – – ja, das war nun mein Schicksal ... Sie (aufhorchend) : Ihr – Schicksal? Wie das? Er : Ich hatte einen jungen, schmiegsamen Körper gefaßt, – ich hielt und preßte ihn, – er wollte nicht fliehen, – ich fühlte das, – er kam, er bog sich mir entgegen ... ich fühlte einen warmen Atem ... und da, – das Blut ist mächtiger, als die Erziehung – beugt' ich mich nieder und küßte den Mund ... Und der Kuß wurde erwidert, – der Mund hing lang innig an meinem ... Ach, solche Küsse der Jugend, die mit geschlossenen Augen gegeben, genommen werden! – – Um uns eine Welt in Blüten und über uns der Kimmel voller Sterne. Sie (langsam) : Sie – hätten's – nicht tun sollen. Er : Gewiß nicht. Aber ich war's gar nicht. Es war die Sommernacht selbst, die küßte, waren die Sterne, die über mich fielen ... Und dann, ich hab's ja wieder gut gemacht, das Anrecht eines Augenblicks. Nun wußte ich's, – nun durft' ich's nicht mehr vergessen: dieses Mädchen liebt dich! ... Als die geblendeten Augen wieder sahen – oh, ich erinnere mich noch so gut – stand sie neben mir ... Sie : Wer – wer ? Er : Nun natürlich Mathilde , die ich geküßt hatte. Sie : Mathilde – –? Er : Ja, Fritz wischte sich die Stirn und keuchte vor Lachen. Sie suchten etwas auf dem Boden, und als Sie's gefunden hatten, ganz heiß und rot vom Suchen, steckten Sie's rasch ein. Sie (langsam) : Und dann – am nächsten Morgen – zogen Sie, korrekt, wie Sie waren, schüchtern und mutig zugleich, die Konsequenz. – Sie gingen zu Mathildens Vater ... Er : Ich ging ... Ja, das tat ich. Sagte: »Ich muß noch drei Jahre studieren, – aber dann bin ich Arzt, bin bereit ... und – ?« Sie (nach einer Pause) : Mein lieber Freund, – wissen Sie, was ich damals aufhob vor dem Holzhüttchen, um das der heißduftende Jasmin blühte? Er : Ich ahn' es nicht. Sie : Ihre Kompresse, die über der Hackenquart gelegen hatte. – Was sehen Sie so erstaunt? Ein halb Jahrhundert ist's her. Aber – das Wattebäuschlein – erst neulich hab' ich's wieder lächelnd in der Hand gehabt – riecht immer noch leicht, ganz leicht nach Jodoform – nach dreiundfünfzig Jahren. Er : Ja, aber – wie – kamen Sie denn dazu ... Sie : Es war Ihnen von den Schläfen abgefallen, als Sie mich geküßt hatten. Er : Wie denn, – Sie, Sie wären damals – Sie ? Sie : Ich . Er : Aber Mathilde stand doch neben mir, als ... Sie : Gewiß. Es sollte doch keiner was merken! Wir Frauen sind auch mit siebzehn schon listig – wenn wir lieben. Er : Wenn wir ...? Also, das war – Ihr Mund, den ich ... das war Ihre junge Brust, die ... Sie : Ja. Und ich leugne's gar nicht, – was hülf' es auch. Ihr Gedächtnis ist ja so gut in der Sommernacht für die Sommernacht, – mein Mund hing lang innig an dem Ihren ... Denn er hatte geträumt von dieser Stunde, dieser Nacht ... Er : Was denn, was denn!! Ja, um aller Heil'gen willen ... dann hab' ich mich ja verkehrt verlobt damals, – hab' die Falsche geheiratet. Sagen Sie nichts, nichts. Ich weiß es: die Falsche! Fünfunddreißig Jahre hab' ich mit einer Frau gelebt, die den ganzen Tag Staub wischte und Rezepte las und Mullgardinen wusch – die nie ein Buch in die Hand nahm, die nie dürstete nach meinen Quellen. Die nie fragte: »Was ist dir gelungen? Was hoffst du?« Die von meinem inneren Leben keine Ahnung hatte. Die mir Vorwürfe machte, wenn ich am Krankenbette meine Pflicht tat und darum zu spät zu Tisch kam. Die mich zur stummen Verzweiflung brachte mit ihrer gräßlichen »Ordnung«, und die meine Bücher bis an ihr seliges Ende bei jeder Putzerei nach der Größe stellte ... Sie : Pst, – nicht schelten! Jeder trägt sein Päckchen. – Gewiß, lieber Freund, wir hätten besser zueinander gepaßt. Beweis: wir haben uns in Freundschaft die Treue gehalten. – Aber ich bin froh, daß dort oben die sieben Sterne nun doch noch aus Ihnen herausgelockt haben, was ich nie begriff. Denn bis zum Morgen nach jener Sommernacht hatte ich in meinen dummen Mädchenträumen geträumt, die Frau eines Arztes zu werden. Einer Privatklinik wollt' ich als seine erste »Schwester«, als seine »Oberin« vorstehn und ihn alle Tage lieben und bewundern, wenn er im weißen Operationskittel den Leidenden die Milz herausnahm und das kranke Herz auf die andere Seite legte. All so was aber – lachen Sie nicht – hatt' ich dem jungen Manne zugetraut, der uns an jenem Abend bei der Lampe den Czermakschen Kehlkopfspiegel erklärte. Er : Ich Narr, ich Narr! – Wie hab' ich Sie geliebt! Sie : Ich erfahr's ein bißchen spät, mein Freund. Aber sehn Sie, ich bin doch froh, daß ich's noch erfahre. Mich dünkt, ich werde jetzt einmal ruhiger liegen da draußen an der Seite des Legitimen, der wartet. In dem pompösen Erbbegräbnis, das der gute Fritz für uns und – sechs Kinder einrichten ließ. Ich hab' ihm nie welche schenken dürfen. Er : Kinder, – Kinder! Auch ich habe sie erhofft jahre-, jahrelang. Heiß ersehnt als Bindeglied, als Ziel, Zweck, Hoffnung. – Liebste Freundin, wer weiß – wenn wir ? – ob – ob nicht vielleicht ... Sie : Pst! – Brechen wir keine Ehen mehr in Theorien! Freuen wir uns der Sommernacht, die wir noch erinnernd leben dürfen. Sehen Sie nur, wie wundervoll jetzt der Mond in seinem stolzen Orange über der dunklen Fichtenkrone ruht. Ein ganz zartes Wölkchen zieht über ihn hin. Es ist, als ob er sich verschleiern wollte vor uns. Er : Er will's bestimmt. Er will's, der alte Schurke und Betrüger. Damit wir hier unten, wir Dummen, Armen, ewig Geprellten nicht sehen sollen, wie er lacht, lacht, lacht ... Im Sand Strand eines Ostseebades. Lang und schmal. Mittagshitze brütet auf tausend Strandkörben. Wie eine Kolonie plumper Riesenpilze ziehen sie sich am weißen Bande des Wassers hin. Farbige Halbkugeln quellen daraus, die Sonnenschirme der Damen. Hier und dort hängen ein Paar nackte Männerfüße mit melancholisch nach innen gebogener großer Zehe aus einem Korbe. Die Wälle der »Festungen« bröckeln in der Glut, und als feines Gerinnsel gleitet der Sand über die gelben Strandschuhe und weißen Hosen gelagerter Spießbürger, denen ein Strohhut überm Gesicht und ein aufgeklapptes Buch auf der seidengemusterten Leibbinde liegt. Die bunten Fähnchen und Wimpel hängen schlaff und unbewegt an schiefen Stöcken über unordentlicher menschlicher Faulheit. In den Hotels sind alle Fenster verhängt. Zuweilen flitzt das weiße Häubchen eines Zimmermädchens durch den Schlitz der Vorhänge, oder das Gold einer Portiermütze blitzt zwischen Koffern, Fahrplänen und Oleandern vom Eingang her. Er und Sie klopfen mit flachen Holzschippen emsig den eben aufgeschütteten neuen Sandwall ihrer Burg fest. Er ist ein achtjähriger, etwas blasser Junge. Schmalschultrig und mit den Merkmalen zu raschen Wachstums. Leinener Matrosenanzug. Unruhige dunkle Augen und kurze, breite Bubenhände. Er ist ganz beim Spiel und ganz beim Gespräch, beachtet die Vorübergehenden nicht und verliert nie das Gefühl, daß es eigentlich sehr nett von ihm, dem um ein Jahr älteren und dem männlichen, ist, allein mit diesem kleinen Mädchen zu bauen und zu konversieren. Sie ist ein zierliches Blondinchen von sieben Jahren, schon mit dem Bewußtsein, daß ihr der breitrandige Strohhut gut steht; daß es eine Anmut der Geste gibt, und daß ihre gebräunten, nackten Beinchen Formen haben. Wenn Knaben oder jüngere Herren vorübergehen, hört sie mit der gröberen Arbeit auf und ordnet in gespielter Wichtigkeit mit spitzen Fingerchen irgendein Detail ihrer Toilette, als schäme sie sich ein wenig, sich so unordentlich den Blicken der Kenner zu präsentieren. Er : Magst du dein neues Fräulein? Sie : Nein, ich mag überhaupt keine Fräuleins! Mamas sind mir lieber. Er : Ja, die sprechen nicht immerzu Französisch mit einem. Sie : Aber Fräuleins haben nicht so viele Migräne. Da muß man immer still sein. Und soll Bücher ansehen. Und das sind immer dieselben Bücher. Gib mir mal deine Schippe, hier fällt Sand 'runter. Er : Professors Franz sagt: er spuckt immer auf die Schippe, wenn's nicht hält. Dann hält's gleich, sagt er. Sie : Och – Professors Franz! Ich soll nicht mit ihm spielen. Er : Warum? Sein Vater macht Figuren aus Marmor, – so, weißt du, wie sie nichts anhaben und in den Gärten herumstehen. Und der Kaiser ist schon mal in seinem Atelier gewesen, sagt Tante Ida. Und Tante Ida weiß immer, wo der Kaiser gewesen ist, denn sie hat eine Hofdame zur Freundin. Sie : Papa sagt, Figuren, die nichts anhaben, sind überhaupt nicht schön. Weil es gar nicht wahr ist, daß die Menschen nichts anhaben. Er : So? Und die Mohren? Sie : Das sind bloß halbe Menschen. Er : Aber hier im Familienbad haben sie doch auch nicht viel an. Und sind keine Mohren. Sie : O doch. Alle haben sie Anzüge an. Und die sind gestreift, weißt du. Und sobald etwas gestreift ist, ist's nicht unanständig. Er : Aber dein Fräulein findet das Gestreifte auch unanständig. Gestern hat sie's gesagt. Weil's so fest anliegt, wenn's naß ist, hinten und vorn. Sie badet auch nie mit uns. Sie : Nein. Und wenn sie sich abends auszieht, knipst sie immer erst das Licht aus, eh' ... Paß auf, du zertrittst unsere Zugbrücke. Er : Also, die hat gewiß krumme Beine. Sie : Was? Die Zugbrücke hat ...? Er : Nein, dein Fräulein. Ich mag sie überhaupt nicht, weil sie einen Zwicker trägt. Und man weiß nie, wohin sie sieht. Wenn das eine Auge links ist, ist das andere schon rechts. Sie : Mama sagt, so muß ein Fräulein sehen. Überallhin. Fast wie der liebe Gott. Er : Ach geh, der sieht doch auch, wenn das Licht aus ist, und hat keine krummen Beine. Sie : Glaubst du, daß der liebe Gott überhaupt Beine hat? Er : Das weiß ich nicht. Aber Arme hat er, denn Papa sagt oft: Gottes Arm reicht weit. Professors Franz sagt, es gibt gar keinen Gott. Es gibt bloß Götter. Und die macht sein Vater in Marmor. Die haben alle Beine. Sie : Ich weiß. Und die eine, die ist eine Frau von so einem Gott, weißt du ... Sieh mal die Muschel, da ist eine Perle drin! Er : Ach was, das ist bloß eine Warze von der Muschel. Das ist eklig. Unser Diener hat auch Warzen gehabt, und drum hat er immer Handschuh tragen müssen. Aber das wollt' er nicht im Sommer. Und jetzt ist er weg. Erzähl doch von der Frau von dem Gott! Sie : Ja, denk mal, die war ausgestellt. Weißt du, so in einem Laden, wo die Leute hingehen, die so was kaufen. Und sogar in der Zeitung hat von ihr gestanden und von dem Professor. Er : Wieso von dem Professor? Sie : Der hat sie doch gemacht. Er : Ach so, Franz sein Papa hat sie gemacht? Sie : Ja. Und eines Tages – vorigen Sommer, nein, es war Herbst, es gab schon Bratäpfel – da hat mein Fräulein ... Er : Die mit dem Zwicker, die nicht gestreift baden will? Sie : Aber nein, die andere. Die so schöne blonde Haare gehabt hat. Und gebadet hat sie immer mit uns. Und gespritzt hat sie sich mit Papa im Wasser. Bis Mama einmal zugesehen hat von der Brücke und hat gesagt: das schickt sich nicht. Er : Ui! Läßt sich dein Papa das gefallen? Meiner nicht. Der spritzt, wenn er will. Und haben sie sich dann nicht mehr gespritzt? Sie : Nein, dann haben sie sich nicht mehr gespritzt. Er : Was war denn aber an dem Tag im Herbst? Sie : Da hat das Fräulein dem Papa ein Blatt von einer Zeitung gegeben, und da waren Bilder drin. Und ein Bild war die Frau von dem Gott. Und das Fräulein war sehr aufgeregt und hat »du« zu Papa gesagt. Er : Zu deinem Papa – »du«? Sie : Ja, das hat sie oft getan, wenn sie aufgeregt war. Sie war so zerstreut, weißt du. Und dann haben sie Englisch gesprochen oder Amerikanisch. Er : Amerikanisch –? Das gibt 's doch gar nicht! Sie : Doch gibt's! Sie haben's ja gesprochen. Immer haben sie's gesprochen, wenn sie miteinander gezankt haben. Er : Das Fräulein – mit deinem Papa? Läßt sich dein Papa das gefallen? Meiner nicht. Der zankt allein, wenn er zankt. Sie : Ach, mein Papa ist so gut. Manchmal hat er unser Fräulein auch gestreichelt, wenn sie geweint hat. Aber dann hat sie wieder Amerikanisch gesprochen und hat mich fortgeschickt, was holen. Er : Hat sie's nicht leiden mögen, daß sie gestreichelt wird? Sie : Das weiß ich nicht. Er : Und was war mit der Frau von dem Gott auf dem Blatt von der Zeitung? Sie : Das weiß ich doch nicht. Sie haben doch Amerikanisch gesprochen. Aber nachher hab' ich das Bild gesehen, wie Papa mit Mama gesprochen hat. Da war er sehr bös. Und sie hat geweint. Und ich hab' Schelte bekommen, weil ich ins Zimmer kam, ohne zu klopfen. Aber ich brauch' sonst nicht zu klopfen. Das braucht nur Fräulein. Und die hat's auch nicht immer getan. In Papa sein Zimmer ist sie ein paarmal gegangen, ohne anzuklopfen. Er : Woher weißt du das? Sie : Ich hab's doch gehört. Ich war doch ... Papa sein Zimmer liegt doch neben ... Nein, das kann ich nicht sagen. Das ist unanständig. Er : Dann weiß ich's schon. Sie : Du bist ungezogen. So was sagt man nicht. Er : Ich hab's doch gar nicht gesagt. Nur gewußt hab' ich's. Sie : So was weiß man auch nicht. Er : Dafür kann man doch nichts, wenn man was weiß. Und du brauchst dich doch nicht zu schämen, daß du dort warst. Dafür kann man doch auch nichts. Bloß wenn man zu spät hingeht, ist's unanständig. Sie : Pfui! Dazu bin ich doch zu groß. Er : Und was ist denn gewesen mit dem Bild? Sie : Ich bin doch aus der Tür geschickt worden. Er : Aber du bist doch bei der Tür stehengeblieben. Sie : Na ja. Er : Und du hast doch große Ohren ... Sie : Also, bitte, ich hab' ganz kleine Ohren. Sehr schöne Ohren sogar. Meine Ohren sind genau wie meiner Mama ihre Ohren. Und der Professor, Franz sein Vater, hat einmal gesagt, Mama hat so schöne Ohren, wie er noch nie gesehen hat. Da war ich dabei. Er : Also laß doch deine Ohren! Was hast du denn gehört an der Tür? Sie : Papa ist böse gewesen und hat gesagt: Mama sieht dem Bilde so ähnlich. Er : Im Gesicht. Sie : Nein, sonst. Das Gesicht grad' nicht. Das Gesicht, hat Papa gesagt, hat der Professor jemand anderem weggenommen. Verstehst du das? Er : Nein. Aber warum ist dein Papa bös, wenn deine Mama einer Frau von einem Gott ähnlich sieht? Sie : Er hat gesagt ... nein, das mag ich nicht sagen. Er : Gott, mir kannst du's doch sagen. Ich sag's schon Franz nicht wieder. Ich mag ihn gar nicht. Er mogelt beim Murmelspielen. Und dann – er wäscht sich den Hals nicht. Bloß die Hände. Und nur morgens, nicht vor Tisch. Sie : Bäh! Er : Und warum ist dein Papa bös gewesen? Sie : Er hat gesagt, das ist ein Skandal. Und er weiß alles, hat er gesagt. Und Mama hat geweint und hat gesagt, es wäre eine Gemeinheit, – wahrhaftig, das hat sie gesagt. Er : Was wär' eine Gemeinheit? Sie : Wieso was? Das weiß ich doch nicht. Und das Fräulein wäre an allem schuld, hat sie gesagt. Und es wäre überhaupt nur ihr Hals und ihre Schultern. Und das Fräulein wäre froh, wenn ihr Hals und ihre Schultern so in Marmor gemacht würden. Aber wer dem Fräulein seinen Hals und seine Schultern schön fände, der könne ja nichts in Marmor machen. Der könne bloß klatschen und verleumden. Und dann ... Er : Und dann? Sie : Och, dann haben sie ganz leise weitergesprochen. Er : Und was hast du durchs Schlüsselloch gesehen? Sie : Pfui, ich guck' nie durch Schlüssellöcher. Das ist unanständig. Und dann ist auch das Fräulein aus dem Eßzimmer gekommen und hat mich am Haar ziehen wollen, weil ich durchs Schlüsselloch ... Er : Siehst du ... Sie : Aber es war doch gar nicht wahr. Und ich habe geschrien. Und hab' mit dem Fuß aufgestampft. Denn ich lass' mich nicht am Haar ziehen. Dann geht das Haar aus, und ich kann später auf den Bällen mit einer Glatze herumlaufen, wie Onkel Oskar, oder einen ganzen Haufen falscher Locken draufpappen, wie Tante Auguste. Denk dir ... Er : Ach, laß Tante Auguste! Papa sagt, die malt sich und geht deshalb nicht ins Wasser, weil sie sonst abfärbt. Was war dann, als dich das Fräulein am Haar zog? Sie : Da kamen Mama und Papa aus dem Zimmer. Und waren sehr erschrocken. Und Papa sagte: »Nur keinen Skandal!« Und Mama sprach Amerikanisch mit dem Fräulein. Er : Kann deine Mama auch Amerikanisch? Sie : Mama kann alles. Der Professor hat mal gesagt: sie ist eine Fee. Er : Wann hat er das gesagt? Sie : Oh, schon lang. Jetzt kommt er gar nicht mehr. Und ich soll nicht mit Professors Franz spielen. Und wenn sie nicht morgen abreisten – gestern hat's mein Papa gesagt – dann reisten wir heute ab. Er : Was denn, – heute reisen sie ab, der Professor und Franz? Gut, daß ich das weiß. Franz ist mir noch einen Groschen schuldig. Sie : Den kriegst du nie zurück. Man soll überhaupt nichts ausleihen, sagt Mama. Er : Der Franz hat doch versprochen ... Sie : Och – versprochen! Das ist schon was Rechts. Das Fräulein hat auch was versprochen, als sie wegging von uns, – ganz plötzlich, denk' dir, am Abend. Und ganz rotgeweint war sie, und die Koffer hat Mama ihr nachgeschickt am anderen Tag nach Italien, glaub' ich, oder nach Sibirien, – eins davon war's. Er : Was hat denn das Fräulein versprochen? Sie : Noch in der Korridortür hat sie sich umgedreht und hat gerufen, ganz laut, daß wir's alle gehört haben, wie sie's versprochen hat: »Sie sollen bald von mir hören!« Das hat sie gerufen. Er : Und habt ihr denn nichts mehr von ihr gehört? Sie : Nein. Oder doch. Kürzlich ist eine Dame gekommen und hat nach ihr gefragt bei Mama. Und die Dame hat gesagt, sie ist Witwe, – weil ihr Mann gestorben ist, weißt du – und sie will das Fräulein haben für ihre Kinder. Und das Fräulein hätte gesagt, sie solle nur bei Mama fragen, da werde sie Gutes hören von ihr. Er : Und hat deine Mama Gutes gesagt von ihr? Sie : Natürlich. Sie hat gesagt: »Oh, zu einer Witwe paßt das Fräulein sehr gut ...« Aber du, guck bloß, aus dem Graben von der Burg von den Lehmanns da drüben – Papa sagt, es sind Piefkes – da kommt das Wasser aus. Er : Ui, ja fein. Es hat den Damm gebrochen. Wie schmutzig das ist! Sie : Es wird unsere feine Burg zerstören. Er : Aber nein. Das tut nur am Anfang so wild. Das ist ja kein Meer. Das ist Brühe, die bloß Meer spielt. Das versickert schon im Sande. Sicher, so was versickert immer. Sie (steigt auf den Wall, schürzt kokett die Röckchen und läßt das schmutzige Wasser vorbei): Etsch – Brühe, Brühe! Herbst Garderobe im Zirkus. Eng, schmal, dumpfig. Über dem heißen Zimmerchen liegt ein stark gemischter Duft von Parfüm, Lederzeug, Zigaretten, Pferden und einer hübschen jungen Frau, die sich eiligst umgekleidet hat. An den Wänden ein paar welke Kränze, deren Schleifen als Kissen für Stecknadeln und Sicherheitsnadeln dienen, ein paar kolorierte Pferdebilder aus Zeitschriften, und dazwischen im goldenen Rähmchen das Porträt einer Durchlaucht auf einem edlen Engländer mit reich verschnörkelter eigenhändiger Unterschrift. Über einem Kattunsessel im Hintergrund elegantes Straßenkleid und großer Federhut. Auf einem Rohrgestell das weißseidene lange Reitkleid der Schulreiterin, schlicht mit Silberborten verziert. In einem hohen Glas ein paar edle, zartfarbige Orchideen. Die elektrische Birne, von schiefem, milchweißem Schirm überdacht, pendelt tief vor dem Spiegel des schmalen, mit Schminken, Nadeln, Stiften, Scheren übersäten Toilettentischs. Sie sitzt in der Untertaille, die edelgeformten Arme in den Nacken geschoben, und prüft die Wirkung der eben aufgelegten Schminke. Sie ist eine schlanke Blondine, deren Reiz in der jugendlichen Reinheit der Züge liegt. Auch der Hals hat die präraffaelitische Unschuldslinie. Die wirksam gelegte Boticelli-Frisur der goldig schimmernden Haare unterstreicht den Stil. Das weiße Reitkleid, das ihrer wartet, ist raffiniert zu der ganzen Erscheinung gestimmt. Er , Kavalier in den Vierzigern, aber wohl zehn Jahre jünger wirkend. Die Taille noch gut und vom modischen Gehrock leicht betont. Wenig graue Haare im englisch geschnittenen Bart; kurzgehaltene, straffe Offiziersfrisur. Nonchalant, sicher und von unaufdringlicher Eleganz. Er spricht langsam und ruhig mit einer sehr sympathischen Stimme, die – auch wenn er Banales sagt – den Worten eine gewisse Bedeutung gibt. Er raucht aus einem silbergehämmerten Etui kleine ägyptische Zigaretten und verfolgt, während er spricht und zuhört, die stahlblauen Augen ein wenig zukneifend, fast andächtig den Rauch, als erwarte er aus den Kringeln und Figuren dieser verziehenden Wolken ein Orakel. Sie : Genug Rot? Er : Für die Galerie – ja. Für das Parkett schon zuviel. Je blasser du bist, je hübscher wirkst du: weiß, blond, eine Hochmut in Unschuld und wie die Erscheinung der Jungfräulichkeit – aus dem glänzenden Rappen. Oder reitest du Tommy heute nicht? Sie : Doch. Romeo geht noch lahm. Der Tierarzt mit seinen Salben ist ein Ochse. Er trinkt übrigens ... Ist die Durchlaucht in der Loge? Er : Bis jetzt nicht. Aber ich war nur bis zum Entree der Spallachinis draußen. Sie : Er soll mir bloß aus der Garderobe bleiben! Er nimmt alles in die Hand, riecht dran, setzt's woanders hin und hält mich gräßlich auf. Neulich hatt' ich doch beim zweiten Klingelzeichen richtig statt der Reitgerte seinen allerhöchsten Regenschirm in der Hand. Übrigens – eine Durchlaucht und ein Regenschirm! Schon lächerlich. Alles dürfen Männer werden, nur nicht alt und lächerlich. Er : O ja. Oder mindestens: wenn sie's werden, müssen sie das Milieu wechseln. Sie : Ui je! Hast du wieder deinen philosophischen Abend? Er : Sonnabends immer, liebe Lussy. Du weißt, weil ich den Sonntag, der droht, nicht leiden kann. Sie (pudert ihre Hände) : Warum eigentlich? Er : Es sind mir da zuviel Dienstmädchen mit Federhüten auf der Straße und zuviel Kommis, die gern Gardekürassiere in Zivil vorstellen möchten. Sie : Laß ihnen doch das Vergnügen! Er : Ich lass' es ihnen ja. Ich nehme nur nicht gern als Zuschauer daran teil. Sie : Es kann nicht nur Vollblutpferde und Schulreiterinnen geben. Er : Gott sei Dank! Sie : Nanu? Er : Ich mache mir nichts aus Pferden. Sie : Das ist neu. Er : Durchaus nicht. Sie : Und Tommy ... und Romeo? Er : Die hab' ich nur bezahlt. Ziemlich teuer. Dein Bruder ist nicht billig, wenn er Pferde verkauft. Und ich teile die Vorliebe deutscher Landsleute nicht, auf das zu schimpfen, was ich teuer bezahlt habe. Aber sonst – es sind Gäule. Und ein Gaul wird erst dadurch hübsch für mich, daß eine hübsche Frau drauf sitzt. Sie : Ist das ein Kompliment für mich? Er : Es scheint fast so. Es gibt Frauen, die gleichen Napoleon: sie sehen am besten aus zu Pferde. Sie sind für das Pferd geboren, für das Pferd geformt von der Natur. Man kann sie sich – wie die alten Amazonen – ohne Pferd gar nicht vorstellen. Sie : Erlaub mal – mir kommt's vor, wenn du mich am liebsten hattest, war ich nicht zu Pferde. Er : Doch. Wenn ich dich küßte, schloß ich die Augen und stellte mir vor, du säßest auf einem deiner Pferde. Blond, schlank, hochmütig-unschuldig. Ich hörte den Sattel krachen. Ich empfand den Geruch des Juchtenzeugs mit dem Duft deines Haares. Ich hörte Zaumzeug klirren aus deinen Armbändern ... Sie : Pervers. Er : Ganz normal ist keiner, wenn er liebt. Dazu ist unser von der Kulturfolter der Jahrtausende gefurchtes Gehirn zu sein und auch wieder zu arbeitswütig. Es verlangt sein Teil an der Orgie der Sinne. Es will bengalische Beleuchtungen schaffen im dunkelsten Triebleben der Natur ... Aber was willst du? Sie : Klingeln. Es wird Zeit. Noch zwei Nummern – die Japaner – eklig mit ihrer Zehenkunst – und die Reckturner – dann komm' ich. Die Neumeier soll antanzen! Sie soll mir das Kleid zumachen. Er : Laß, bitte. Ich machte das heute gern selbst. (Er hat das weiße Reitkleid behutsam vom Gestell genommen und betrachtet es mit einem zärtlichen Lächeln. Dann, da er sieht, daß sie reden will.) Ich weiß schon: ein Haken, ein Druckknopf, ein Druckknopf, ein Haken ... Auch die Blumen möcht' ich dir heute selbst anstecken. Sie sind doch gekommen? Sie : Ja, Orchideen. Nobel! Danke, du bist heute verdächtig galant. Er : Bin ich das nicht – »immer« will ich nicht sagen, aber häufig gewesen in den drei Jahren? Sie : Ja, ja. Aber ich weiß nicht, deine Galanterie hat heute so einen hinterhaltigen Zug. Sie protzt mit heimlicher Melancholie ... Übrigens, warst du beim Zahnarzt wegen des Eckzahns, den du dir ausgebissen? Geh zu meinem Amerikaner, er ist ja ein bißchen teuer ... Er : Ja, er rechnet in Dollars. Ich kenne ja seine Rechnungen durch deine gütige Vermittlung. Sie : Natürlich, ja. – Uff, vorsichtig in der Taille, daß du den Gürtel nicht zerreißt! ... Übrigens, gestern abend ... wo warst du gestern? Er : Im Theater. Sie : In der neuen Operette? Er : Nein – in »Nathan dem Weisen«. Sie : Bloß für die Bildung? Er : Vielleicht. Aber nicht für meine. Sie : Au, nicht so fest – nu laß schon, die tieferen Druckknöpfe mach' ich mir gern selber zu ... Nicht für deine Bildung? ... Gib jetzt mal die Orchideen. Danke. Schöne Farben. Aber hysterische Blumen, nicht? ... Also für die Bildung von jemand anderem? Er : Allerdings. Sie : O lalla! Da man seine Großmutter nicht mehr »bildet« – Er : Meine eine Großmutter ist dreißig Jahre tot, die andere kannt' ich überhaupt nur aus halb verblaßten Bildern. Sie : – so war es also eine junge Dame? Er : Da die Durchlaucht heute morgen auf der Probe bei dir war – oder? na, also! – und mich gestern gesehen hat in »Nathan dem Weisen« – Sie : Ach, ja – er war drin. Hat wahrscheinlich die Durchlauchtigste »gebildet«. Damit sie beim Cercle 'ne neue Frage hat zum Requisitenschatz ihrer Blödigkeit. Oder nein – das »Morgenblatt« hatte neulich geschrieben: in allerhöchsten Kreisen mache sich antisemitische Gesinnung bemerkbar – da war der Besuch des »Nathan« seine Antwort. Er : Deshalb: »Auf Allerhöchsten Befehl«? Möglich. Und da ihn die Sache von den drei Ringen nicht sehr fesselte, so hatte er die Gnade, sich unter anderem für meine Loge zu interessieren, und dafür: wer das junge Mädchen ... Sie : ... »junge Mädchen« ist sehr unschuldsvoll ausgedrückt. Er : Ich habe für meine Tochter den einfachsten Ausdruck gewählt. Sie : Für deine – was? Er : Tochter. Sie : Wie denn ...? was denn ...? du bist ...? Er : Vater. Natürlich. Da ich – wie du weißt – verheiratet bin, so ... Sie : Aber Durchlaucht sagte – »eine hübsche junge Dame.« Er : Hübsch? Ich hoffe. Dame? Sie kommt eben aus der Pension in Genf. Schwärmt für eine Mademoiselle, die Voltaires Zaïre mit ihr las, und für einen gelähmten alten Abbé, der ... Sie : Du hast mir nie von dieser Tochter ... Er : Ihre Geburt lag fünfzehn Jahre vor dem Tag, da wir uns begegneten. Sie : Ja, mein Gott, dann wäre sie ja jetzt schon achtzehn ... Er : Gestern geworden. Der »Nathan« war ein Geburtstagsgeschenk. Es gibt in unseren Kreisen junge Damen, die sich so einfache Sachen wünschen. Sie : Wenn sie achtzehn werden. – Achtzehn – achtzehn – –! Ich habe immer geglaubt ... Aber dann mußt du ja schon, wart' mal ... Er : Zu errechnen wird das schwer sein. Aber ich weiß es und helfe gern aus. Ich habe mit dreiundzwanzig geheiratet – etwas früh, ich gebe zu. Meine Eltern hielten das für gesund. Sie lebten ganz der Gesundheit ihrer Kinder. Heute bin ich fünfundvierzig. Sie : Ein – Greis! Wenn ich das gewußt hätte! Er : Ich finde, liebe Lussy, wenn ein Freund seiner Geliebten erst sagen muß, daß er ein Greis ist – und nach dreijährigen Beziehungen mit dieser Mitteilung noch »überrascht«, dann ist die Greisenhaftigkeit zu ertragen. Sie : Und ich glaubte immer, du wärst Ende der Dreißig. Er : Das Ende der Dreißig und der Anfang der Vierzig liegen näher beisammen, als viele hübsche Frauen ahnen. Sie : Also – – kannst du das verstehen: ich sehe dich jetzt ganz anders, da ich weiß, du hast eine Tochter ... hast ein Mädel, das, wie ich, schon lieben, begehren, sich verschenken, fallen, glücklich sein kann ... Er : Lassen wir diese Gefühlshypothesen! Reden wir lieber arithmetisch. Ich gestehe und bekenne mich schuldig: auszusehen wie einunddreißig – und fünfundvierzig zu sein. Da ich aber deine Vorliebe für männliche Jugend kenne, so verstehe ich deinen Schreck und ehre deine Erschütterung. Sie : Meine Vorliebe für männliche Jugend ...? Also du witzelst, weil du dich schuldig fühlst. Wann hätte ich ...? Er : Pardon. Da muß ich doch ... Hier sind die Handschuhe. Ich weiß, du knöpfst lange daran, und du hast nur noch zehn Minuten bis zum Glockenzeichen. – Ich bin nämlich gestern abend, als ich die Kleine nach Hause gebracht und über den im Grunde edeln Charakter des Tempelherrn – Durchlaucht wird dir von ihm erzählt haben – genügend belehrt war, noch durch den Speisesaal des Hotels Bristol gegangen. Sie : ... Bristol ...? Er : Allerdings. Es muß so etwas wie eine Ahnung gewesen sein. An Zufälle glaub' ich nicht mehr. Aber vielleicht ... Ich hatte keinen Schirm, und es begann zu regnen. Als ich so durch die roten Lämpchen hinschritt ... Sie : Ah – also das! Gott, welche Umstände, sag's doch gleich – du hast mich gesehen . Gott, ja, was ist denn dabei? Ich habe soupiert. Ganz öffentlich. Mit einem ganz jungen Mann ... nicht wahr? Einem halben Jungen, das mußt du gesehen haben, einem Kind. Er : Hm. Du schältest dem Kind gerade eine Banane. Sie : Er war so komisch. Ich glaube, er hat zum erstenmal – – Er : Bananen gegessen? Das glaub' ich nicht. Sie : Also, du möchtest mir jetzt erzählen, daß dieses nette, blonde Kerlchen ein alter Roué ist, ein Sadist, ein Lustgreis; daß ... Er : Es liegt mir nichts ferner, als das zu wünschen! Sie : Mein Lieber, es wäre auch vergebliche Mühe. Also es ist ein Neffe von mir, daß du's weißt ... Der Sohn meiner Schwester, meiner viel älteren Stiefschwester ... Er : Die in Moskau verheiratet ist? Sie : Ja. Sah er nicht ganz russisch aus, der Junge? Er : Nicht sehr. – Ich überlege nur ... Nein, unter das Strafgesetzbuch fällt dieser Fall nicht. Sie : Was soll das denn heißen? Er : Ja – ich bin nämlich dann dein Onkel. Sie : Was ist das nun wieder für ein Blödsinn? Er : Kein Blödsinn. Der junge Kavalier, mit dem du soupiert hast – Sie : Mein Gott, »Kavalier«! Er : Ich hoffe : »Kavalier« – ist einundzwanzig Jahre alt. Sie : Vielleicht auch gestern geworden? Er : Nein. Schon am 17. Oktober, dem Todestag Chopins und dem Geburtstag Geibels. Sie : Woher weißt du das? Er : Sehr einfach. Es hat mich damals – vor einundzwanzig Jahren – sehr gefreut. Sie : Dich – gefreut? Er : Ja. Der Junge ist mein Sohn. Sie : Du bist verrückt. Er : Es ist sehr unwahrscheinlich, daß ich das erst an dem Tage bin, an dem ich – nach dem Urteil meiner Frau – »vernünftig« werde. Sie : Du behauptest ... du sagst ... Er : Ich weiß. Da ist schon kein Irrtum möglich. Der Junge war drei Jahre in Österreich – daher der »russische« Akzent, der dich verwirrte – und ist jetzt junger Leutnant in Salzburg. Meine Frau ist Österreicherin. Sie hält die »Neue Freie Presse«, sie liebt Anzengruber, Rahmstrudel, Straußwalzer und Erinnerungen an die Wolter. Wenn sie ihren guten Tag hat, darf ich sie »Mizzi« nennen. Sie : Also – wenn das wahr ist, da muß ich wirklich sagen ... Er : Sag nichts! Aber hör mich einen Augenblick an. Wir haben noch drei Minuten. Nur die noch. Sie : Was heißt das? Er : Das heißt, liebe Lussy: du kennst nur mich – ja so – und meinen Sohn. Meine Frau kennst du nicht. Sie ist Wienerin, aber die berühmte Gemütlichkeit hat sie nicht mit über die Grenze gebracht. Sie redet nur davon und könnte sonst aus Hamburg oder Bremen sein. Sie hat meinen – sagen wir: Neigungen, die mich – sagen wir: vom Hause fortfesselten, keine Schwierigkeiten gemacht. Zu stolz, zu kühl, zu überzeugt von ihrer Vornehmheit. Szenenmachen hielt sie für muffiges Kleinbürgerrecht. Als sie von dir hörte – und mir, da teilte sie mir mit, daß sie Henny, unser damals fünfzehnjähriges Mädel, in der französischen Schweiz fertig erziehen lasse. Der Junge war schon in Österreich Kadett. Und sie nahm mir – ganz ohne Feierlichkeit, ganz kühl, geschäftsmäßig, unwienerisch – das Wort ab, in drei Jahren, wenn das Kind zurückkommt, müsse ich frei sein. Sie nannte das so. Frei für das Kind. Für die Moral, für Schwiegervatermöglichkeiten. Bis dahin ... Ich hörte damals nur das: bis dahin. Wenn man verliebt ist – ich war's, du wirst's dich erinnern – hört man nie mehr als zwei Worte hintereinander. Da gab ich mein Ehrenwort. Sie : Also – blöd! Er : Du findest stets den treffenden Ausdruck. Sie : Und das heißt mit dürren Worten: du willst ... Er : Ganz im Gegenteil. Es heißt mit dürren Worten: ich habe nichts mehr zu wollen. Ich habe mein Wort zu halten. Habe Vater zu sein, Vater einer Tochter, die eingeführt sein will in die Gesellschaft. Habe alt zu werden mit Anstand, zu resignieren. Wüßt ich's noch nicht, mein Sohn hätte mir am dritten Abend seines Urlaubs – gestern – die letzte Lektion gegeben. Als er die Banane aß. Sie war übrigens nicht reif. Und daß ihr beide das nicht merktet, war mir das schmerzlichste. Sie : Und nun –? Er : Nun? Ich werde in Vereinen Schriftführer werden, die für Sport oder Moral oder beides silberne Ehrenpreise aussetzen. Vielleicht bring' ich's wo zum Präsidenten und rechne monatlich mit dem Wirtschaftsführer die gegessenen Körnchen, die verbogenen Kartenspiele, die Trinkgelder für die Fensterputzer und die Löhne für die Laufburschen ab. Ich werde an Ansehen gewinnen, und die Haare werd' ich verlieren und die Lust an frischen Blumen ... Sie : Und an schönen Steinen. Er : Ja. Mindestens werde ich die Lust nicht mehr so weit treiben, sie zu verschenken. Sie : Außer an die Tochter. Er : Nein. Junge Mädchen sollen keine Steine tragen. Die kann der Gatte mal schenken. Sie : Billige Moral! Er : Was sie mich kostet, ist meine Sache. Gute Erziehung feilscht nicht. Sie zahlt, steht auf und geht. (Die elektrische Klingel über dem Toilettentisch rattert schrill.) Sie : Meine Nummer! – Wo ist die Peitsche? Er : Hier. (Er betrachtet den Griff der Gerte einen Augenblick.) Sie trägt im Silberknopf noch das Datum – Vergiß es nicht ganz, Lussy! – Und noch eins. Der Junge – es ist mein Blut – ißt gern Bananen. Ich weiß es. Ich hielte es aber für geschmackvoll, daß nicht gerade du sie ihm schälst. Sie : Verlaß dich drauf. (Stimme aus dem Korridor: Fräulein Lussy! – In drei Deubels Namen, Ihre Nummer!) Sie : Ich bin schon da! – Kommst du mit? Er : Nein. Ich will dem Romeo noch einmal den spiegelnden Hals klopfen. Du hast ihn zum erstenmal geritten – damals – auf Probe. Sie : Gott, Bubi, – du kannst ja auch sentimental sein? Er : Ich? Vielleicht. Man muß sich eine kleine Überraschung auf zuletzt aufsparen. (Er stößt die Türe nach dem Korridor auf und läßt sie mit lächelnd gesenktem Kopf vorbei.)