Ein Skizzenbuch. Neue Geschichten von Heinrich Seidel.     Leipzig A. G. Liebeskind. 1889.     V Meinem Bruder Hermann                             zugeeignet.           VI Waldesrauschen, wunderbar Hast du mir das Herz getroffen. Lenau.         Tief die Welt verworren schallt, Oben einsam Rehe grasen. Eichendorff.     Waldeinsamkeit, Die mich erfreut. Tieck.     VII An Hermann. Der Geist des Waldes spricht:         »Kennst du mich noch? Ich bin der Geist des Waldes, Des Heimathwaldes, der dich einst umrauschte. Von meines Sees vielgeliebter Fluth, Von meinen Buchen, meinem Tannengrün Macht' ich mich auf und Grüsse bring' ich dir Von deines Heimathlandes goldner Flur. Wir kannten uns gar wohl. In meinem Reich Warst du ein steter Gast. Du liebtest mich, Du liebst mich auch noch heut, das weiss ich wohl, Dir ist vertraut noch heut des Windes Wehn, Der bald mit Brausen meine Wipfel beugt Und bald im Blattwerk lieblich singt und säuselt. VIII Dir ist vertraut des Morgens blanke Frische, Des Mittags träumerische Gluth – der Abend, Wenn hinter dunklen Wipfeln sinkt die Sonne, Und still der Tag im Glanz des Abendrothes Dahinstirbt. – Du vernimmst im Geist das Rauschen Des Sees noch, der an sein Ufer wallt, Du siehst ihn schimmernd glatt dahingestreckt, Ein Silberspiegel für des Himmels Glanz, Du hörst ihn noch, wie er zur Winterszeit Mit mächt'gem Donner seine Fesseln sprengt. Vor Allem aber war dir lieb und werth Die vielgestalt'ge buntgefärbte Schaar Der Vögel, wie sie gross und klein, vom winz'gen Zaunkönig bis zum mächt'gen Aar die Fluren, Die Wälder und die Seen belebten rings. Du liebtest sie und spürtest eifrig aus IX Ihr Treiben und ihr Thun: Was in den Wipfeln Sein Liedchen schlug, was auf dem Boden lief, Was singend durch die Büsche sprang, was lieblich Im Blau verloren jauchzend tirelirte, Was heimlich im Geröhricht zwitscherte, Was auf den Wassern schwamm und was im Blauen Mit heis'rem Schrei die mächt'gen Kreise zog – Nicht wahr, dies Alles ist dir wohl bekannt. Ich dachte einst, du würdest bei mir bleiben, Du dachtest selber so. Dein Streben war, Ein Forscher einst zu werden, der im Wald Und auf der Flur das liebliche Geheimniss Der schaffenden Natur belauscht. – Ein Andres Hast du erwählt, und köstlich ist auch dies. Denn was ist besser wohl als Wunden heilen? Was göttlicher, als Leiden zu vermindern? Was edler, als ein Samariter sein? X Doch schwer ist auch, was du dir auserwählt, Der steten Mühsal und der Plage voll. Drum, bist du von der Arbeit müd' und matt, Lass deinen Blick auf diese Blätter schweifen, Durch die ein Waldduft weht aus jener Zeit, Da noch dein Ohr den holden Stimmen lauschte, Der Wald der Heimath noch dein Haupt umrauschte.«     Inhalt.               Der Haselwurm (1888) Der Neuntödter (1888) Ein Brief an den Frühling (1887) Der Hagelschlag (1887) Das letzte Geleit (1887) Am See und im Schnee (1888) Allerlei Thiere (1878) Die Geschichte eines Thales (1886) Die Kohlmeise (1883) Der Goldbrunnen (1886) Der Trilpetritsch (1886)     1 Der Haselwurm. 3 Eine so grosse Stadt wie Berlin birgt eine Menge von Originalen, allein sie machen sich nicht sehr bemerklich, da sie bei dem ewigen Wogenschlag strömenden Lebens zu hastig an uns vorübertreiben, während sie in einem kleinen Städtchen gleichsam unter einer Glasglocke eingesperrt der täglichen Beobachtung sich darbieten. Jedoch im Laufe der Zeit sammelt man auch in Berlin die Kenntniss einer ganzen Reihe von wunderlichen Persönlichkeiten. Dieser Gedanke kam mir, als ich in einer Conditorei vor dem Potsdamer Thore an einem heissem Junitage Selterwasser mit Kognak schlürfte und mir gegenüber der Lachonkel vor seiner Zeitung sass. So nannte man im Kreise meiner Bekannten einen Mann in mittleren Jahren mit einem 4 erdgrauen, ziemlich nichtssagenden Antlitz, welchen man in den Conditoreien vor dem Potsdamer Thore wechselweise beobachten konnte, wie er süssen Kuchen mit Schlagsahne verzehrte und dazu eifrig in irgend einer beliebigen Zeitung las. Das Wunderliche war nun, dass er nie über die erste Seite hinauskam und stets auf dieser, selbst im Reichsanzeiger oder im Militärwochenblatt, eine Fülle von Humor zu entdecken schien, denn alle Augenblicke brach er in ein anhaltendes lautes Kichern aus. Sah ihn deswegen jemand verwundert an, so nahmen seine Züge wie der Blitz den Ausdruck finsteren Ernstes an und mit einer Miene des tiefsten Nachdenkens, vergrösserten Augen und gerunzelter Stirn betrachtete er den erschrockenen Beobachter. Sonst war er harmlos und still für sich hin, die Stammgäste dieser Lokale hatten sich längst an sein schnurriges Wesen gewöhnt und beachteten ihn gar nicht mehr. Heute hatte er seine Lektüre, die erste 5 Seite des Intelligenzblattes, bereits unter unglaublichem Kichern beendet und stand nun an der Wand vor seinem Regenschirme und seinem Hute, im Begriffe fortzugehen. Diese Situation schien von erschütternder Komik für ihn zu sein, denn im Anblicke dieses Parapluies brach er in erneutes Kichern aus und schüttelte wie überwältigt den Kopf dazu. Plötzlich aber erhob er die Hand und stiess sie mit ausgestrecktem Zeigefinger heftig nieder, als wolle er sagen: »Nun aber ist's genug,« ergriff Hut und Schirm und ging mit dem finstersten Ernst davon. Ich habe schon manchen herzlich lachen sehen bei seiner Lektüre, ja ich kannte einen Mann, der, wenn er die Hand nach den »Fliegenden Blättern« ausstreckte, in Erwartung des sicheren Genusses stets schon pränumerando lachte, allein solche Genügsamkeit und Erheiterungsfähigkeit, die selbst aus Reichsanzeiger und Intelligenzblatt und dem Anblicke eines Regenschirmes den Honig des Vergnügens saugt, ist mir weiter nicht vorgekommen. 6 Als ich dann mit den Gedanken an diesen wohl geistig etwas gestörten Sonderling beschäftigt dem Thiergarten zuschlenderte, begegnete mir der Mann mit dem Höhrrohr, ein alter kleiner und etwas fetter Herr, der sich durch eine unermüdliche Neigung für Gänsebraten auszeichnet, den der Berliner zu jeder Jahreszeit verzehrt. Dieser fast taube, alte Herr besteht mit unerbittlicher Energie darauf, dass ihm stets ein Bruststück gereicht wird und zeichnet sich dabei durch beträchtliche Grobheit aus. Ich sass einmal in einem Bierhause, als er ankam, mit gewaltiger Stimme den Kellner herbeirief und Gänsebraten bestellte. » Aber ein Bruststück!« setzte er mit drohender Stimme hinzu. Nach einer Weile kam der Kellner zurück und äusserte sein tiefstes Bedauern, dass leider nur noch Keule vorhanden wäre. Der Mann setzte sein ungeheures grünlackirtes Höhrrohr, das er stets an einem Lederriemen wie eine Art Gewehr umgehängt trug, ans Ohr und liess sich die Sache wiederholen. »Ich will 7 aber Bruststück!« donnerte er furchtbar; der Kellner kroch ganz in sich zusammen, blieb aber bei seinem ersten Bescheide. Der Mann stiess sein Höhrrohr wüthend auf den Tisch und schrie: »Kenne ich schon! Flausen! Wollen mir bloss keins geben! Gut! – Bringen Sie mir Keule!« – fügte er plötzlich mit solchem Gebrüll hinzu, so dass der Kellner fast in die Kniee sank und zitternd davoneilte. Die Pause, bis das Essen kam, füllte der Mann durch Lesen aus, indem er sich sechs Zeitungen verschiedener Richtung herbeiholte und eine nach der anderen ruckweise und heftig, wie von tiefem inneren Zorn über die Erbärmlichkeit ihres Inhaltes erfüllt, durchblätterte und sie dann verächtlich auf den Tisch schmetterte. So war er mit allen sechs politischen Organen fertig, als der Gänsebraten kam, welchen er unter heftigem Knurren und vielen Flüchen auf Kellner und Wirth, die Polizei, welche solche Schändlichkeiten duldet, und die Menschheit, die solche Auswürflinge hervorbringt, verzehrte. 8 Kaum war der Mann mit dem Höhrrohr vorüber, als die Pelztante in Sicht kam. So nannten mein Freund Abendroth und ich eine weitere sonderbare Erscheinung des Viertels vor dem Potsdamer Thore, eine hagere, ungeheuer grosse Dame am Ende der dreissiger Jahre mit einem langen Leichenbittergesicht, welche sowohl im Sommer wie im Winter sich in kostbare Pelze kleidete. Sie trug trotz des heissen Juniwetters auch heute einen wunderbar schönen Samtmantel, der an den Aermeln und dem unteren Rande fussbreit mit köstlichem Rauchwerk besetzt war. Diesen Mantel hatte sein Verfertiger auf eine reiche Fülle von Unterzeug berechnet; da jedoch diese sonderbare Dame ein Kleid trug, welches ganz eng um die Füsse schlackerte, so stand der Pelz nach allen Seiten weit ab, also dass man dies wunderliche Geschöpf einer Glocke vergleichen konnte, die auf ihrem etwas zu langen Klöppel einherwandelt. So schwankte sie an mir vorüber, zuweilen mit ihrem Sonnenschirm 9 einen energischen Ausfall machend auf einige Strassenjungen. welche sie umschwärmten wie die kastilianischen Bremsen einst den edlen Rosinante. Das war ja ein Glückstag heute, denn als ich zwischen vier und fünf Uhr in den Thiergarten kam, fand ich dort richtig den »Mann von der Luiseninsel« vor. Dort stand er, in etwas vorgebeugter Haltung auf seinen Stock gestützt, und sah mit seinem leeren Blicke auf den Weg hin, der an der Luiseninsel vorüberführt. Dieser Mann ist eine der bekanntesten Erscheinungen solcher Art in Berlin und vieles ist über ihn geschrieben und gefabelt worden. Zu jeder Jahreszeit und bei jedem »Wetter kann man ihn um die genannte Stunde dort antreffen; er steht dort längere Zeit, als warte er auf jemand, und wandert dann langsam wieder den Weg zurück, den er gekommen ist, durch die Thiergarten und die Bellevuestrasse. Er ist ein schöner alter Mann mit einem langen zweigetheilten grauen Vollbart und fällt besonders auf 10 durch zwei wohlgedrehte weisse sogenannte Schönheitslocken, die sorgfältig an seine Schläfen geklebt sind. Man erzählt, vor langen Jahren habe ihn seine Geliebte an diesen Ort bestellt, sie sei aber nicht gekommen, sondern mit einem andern davongegangen. In Folge dieser Thatsache fiel er in eine schwere Krankheit, und nachdem er von dieser körperlich wieder genesen war, wanderte er Jahr für Jahr Nachmittags zu derselben Stunde hinaus und wartete auf die Ungetreue. Als ich nun weiter in den Thiergarten hineinschritt und die kühle grüne Dämmerung mich aufnahm, da dachte ich: »Wenn mir nur noch der ›Vogelfritze‹ begegnet, dann ist meine Sammlung vollständig.« Also hatte ich einen Stammgast des Thiergartens getauft, einen behaglichen kleinen Herrn in höheren Jahren, der mir bei meinen Spaziergängen überall auch in den abgelegensten Theilen zu begegnen pflegte und sich einen grossen Theil des Tages hindurch dort aufzuhalten schien. Zuerst 11 war er mir, der ich selber ein grosser Vogelfreund bin, aufgefallen durch seine Theilnahme an diesen gefiederten Geschöpfen. Bald traf ich ihn, wie er die wilden Enten fütterte, welche sich in den letzten Jahren so massenhaft dort angesiedelt haben, bald fand ich ihn vor, indem er zu den Staaren emporsah, welche auf einer der kleinen Inseln in dem Wipfel der grossen Silberpappel ihre Abendversammlung abhielten, bald sah ich ihn das Treiben einer rothbraunen Nachtigall verfolgen, die auf dem mit welkem Laub bedeckten Boden in zierlichen Sprüngen ihrem Erwerbe nachging. Und so traf ich ihn nie, ohne dass er sich in einer oder der anderen Art mit irgend einem fröhlichen Gefieder beschäftigt hätte. Das seltsamste aber war, dass er immer mit den Thieren sprach und auf ihre Stimmen und Laute mit Gebärden und Worten Antwort gab. Mehrfach hatte ich schon bemerkt, dass er auf einen Vogelruf sich nach der Richtung wendete, wo dieser erschallte und ausrief: 12 »Ja, ja, das sagst du wohl!« oder: »Na, na, so schlimm ist es wohl nicht!« oder auch: »Ganz recht, mein Sohn, sehr richtig!« Als ich ihn einmal in der Gegend des Floraplatzes traf, wo in den alten Eichen zahlreiche Dohlen zu kläffen pflegen, da sah ich, wie er einer solchen lärmenden Gruppe aufmerksam zuhörte. Als ich an ihm vorüberkam, schwenkte er die erhobene Hand mehrmals an seinem Ohre hin und her, sah mich pfiffig an und sagte: »'s ist alles Schwindel, alles Schwindel, so 'ne Dohle kann lügen wie gedruckt.« Dann ging er, in sich hineinlachend und seine Hand noch mehrfach wie zur Abwehr schwenkend, weiter. Dergleichen wunderliches Betragen hatte mich längst aufmerksam gemacht auf diesen Mann und auch ich war ihm im Laufe der Zeit wohl bekannt geworden, so dass er mir mit Vorliebe, wenn wir uns begegneten, allerlei kurze sonderbare Bemerkungen zurief. Einmal, vor acht Tagen, 13 kam er mir sehr eilig entgegen. Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter und rief schnell weiterschreitend: »In einer halben Stunde gibt's Platzregen! Ich hab's vom Pirol! Ein sehr zuverlässiger Vogel!« Ich lachte darüber und musste dies bald dadurch büssen, dass ich bis auf die Haut nass wurde. Als ich in diesem Zustande mit blanken, glänzenden Kleidern vor der kleinen Conditorei an der Bendlerstrassenecke vorbeikam, sass der Vogelfritze am offenen Fenster und grinste mich überaus freundlich an. Dann pfiff er wunderschön mehrere Male wie ein Pirol und wollte sich ausschütten vor Lachen. Der Thiergarten war wegen des heissen Nachmittages heute noch wenig besucht; auf den Spielplätzen sassen einige Kindermädchen, deren Schützlinge im Sande die herrlichsten Bauten ausführten, zuweilen traf ich auf einer einsamen Bank ein zärtliches Pärchen, das vor dem Vorübergehenden mit höchst mangelhaftem Erfolge Gleichgültigkeit gegeneinander zu heucheln 14 versuchte, einige ältere Gewohnheitsspaziergänger liefen ihr Pensum ab und manchmal tauchte ein gelangweilter Schutzmann auf, der mit dem Auge des Gesetzes vergeblich nach irgend einer Unordnung spähte. So gelangte ich allmählich an den neuen See, setzte mich dort auf eine leere Bank und sah den wilden Enten zu, welche zahlreich dort umherschwammen, sowie den wenigen jungen Leuten, welche auf den kleinen Fahrzeugen des Bootverleihers meist ziemlich ungeschickt umhergondelten. Ich hatte bereits eine Weile mit dämmernden Gedanken mich diesem angenehmen Nichtsthun hingegeben, als ich Schritte in meiner Nähe vernahm, die ich jedoch weiter nicht beachtete, bis plötzlich Jemand auf derselben Bank Platz nahm und die bekannte Stimme meines Vogelfreundes sagte: »Guten Tag, lieber Herr . . .« mit jener eigenthümlichen Dehnung des letzten Wortes, welche andeutet, man würde gern Namen oder Titel hinzufügen, wenn man ihn nur wüsste. Ich erwiderte den Gruss höflich, und nun 15 fuhr er mit schlauem Lächeln fort: »Wie ist Ihnen neulich der Platzregen bekommen?« »O, sehr gut,« sagte ich, »aber ich wollte doch lieber, ich hätte Ihnen und dem Pirol Glauben geschenkt, denn mein neuer Sommeranzug hat diese Behandlung sehr übel vermerkt.« Er lächelte scheinbar sehr befriedigt, so dass in seinem alten Gesichte hundert kleine Fältchen sichtbar wurden, und fragte dann: »Sie sind auch ein Vogelfreund, lieber Herr?« Als ich dies bejahte, fuhr er fort: »Nun, da freuen Sie sich auch über die wilden Enten, nicht wahr? Vor einigen Jahren erst haben sie sich hier angesiedelt und nun zählen sie schon nach vielen Hunderten. Das macht Spass!« schloss er und rieb sich die Hände. Wir kamen nun in ein angeregtes Gespräch, wie es sich unter zwei Liebhabern so leicht entspinnt und während desselben bemerkte ich gar nichts Sonderbares an ihm, nur dass er einmal einem Buchfinken, 16 der in der Nähe sich vernehmen liess, mit halbzugekniffenen Augen beifällig und schlau zunickte und ein andermal einer krächzenden Krähe höhnisch zurief: »Ja, das möchtest du wohl!« Als ich im Laufe des Gespräches der stillen Freuden erwähnte, welche einem Freunde und Kenner der gefiederten Welt erblühen aus der Beobachtung der so mannigfaltigen Gewohnheiten und Eigenschaften seiner Lieblinge und wie die Natur durch diese sangeskundigen Geschöpfe gleichsam mit lieblichen Stimmen zu ihm spricht, da nahmen die Gesichtszüge des alten Herrn einen geheimnissvollen Ausdruck an, er rückte mir etwas näher und sagte: »Aber den wahren Genuss hat man doch erst, wenn man ihre Sprache wirklich versteht.« »Ja, gewiss,« sagte ich, »ihre Lock- und Warnrufe, ihre Ausdrücke für Schreck und Wonne, Hass und Liebe.« »Nein, nein,« sagte er, zog die Stirn kraus und drehte seine Hand mit ausgespreizten Fingern schnell vor dem Gesichte 17 hin und her, »das meine ich nicht, ich meine ihre wirkliche Sprache. Sie reden miteinander, ganz wie die Menschen. Ich muss das wissen.« Ich sah ihn verwundert an: »Wieso denn?« fragte ich. Er rückte mir ganz nahe, sah mit seinen weitgeöffneten grünlichen Augen mir starr in's Gesicht und sagte: »Weil ich die Vogelsprache verstehe! – Ja, ja!« fügte er dann hinzu und nickte einigemal sehr eindringlich mit dem Kopfe. Ich muss gestehen, mir ward ein wenig wunderlich zu Muth, denn im Grunde der seltsamen Augen dieses Mannes glomm es wie ein irrer Schein, jedoch ich fasste mich schnell und um nur etwas zu sagen, fragte ich: »O, wirklich? Wie gelangten Sie zu dieser Kenntniss?« Der Mann lehnte sich in die Bank zurück, sah vor sich hin über den See hinweg und sprach, indem er leise den Kopf dazu schüttelte: »Das ist eine absonderliche Geschichte. Ich fürchte, Sie werden mir 18 nicht glauben.« Er schien mir jedoch nicht abgeneigt zu erzählen und so ermunterte ich ihn ein wenig dazu. Nachdem er meine Gesichtszüge mit einem seltsam prüfenden Blicke gemustert hatte, begann er ohne weiteres: »Der kleine Ostsee-Badeort Dannenhagen ist Ihnen wohl nicht bekannt?« »Gewiss kenne ich ihn,« sagte ich fast freudig überrascht, »dort habe ich ja die Geschichte mit dem Tausendmarkschein erlebt Siehe Band III.: Neues v. Leber. Hühnchen . und bei meinem Freunde Johannes die famose Pfirsichbowle getrunken, zu welcher der liebe Gott selber vermittelst eines gewaltigen Hagelschlages das Eis geschickt hatte.« »So, so,« sagte er, »um die beiden Geschichten bitte ich nachher, wenn Sie die meine erfahren haben. – Also desto besser, da kennen Sie die Gegend und die ungeheure Strandwaldung, in welcher dieser Ort gelegen ist. – Vor etwa zwanzig Jahren hielt ich mich dort auf und streifte bei gutem und schlechtem Wetter redlich in 19 der Gegend umher. Ich war damals noch ein tapferer Fussgänger und tägliche Märsche von acht bis zehn Stunden waren mir nichts Ungewöhnliches, so dass ich nach dem Verlaufe von drei Wochen die ganze Waldung so ziemlich zu kennen glaubte. Um so überraschter war ich an einem heissen Julitage, als ich in einer schon häufig durchstreiften Gegend an einen Ort gerieth, der mir gänzlich unbekannt war. Wie konnten mir diese mächtigen Eichen bisher entgangen sein, dergleichen gab es ja sonst in der ganzen Heide nicht. Es überkam mich etwas wie Ehrfurcht vor der Majestät dieser düsteren Stämme, die in gewaltige knorrige Aeste sich theilten, deren vielfache Verzweigung die mächtigen Kuppeln grünen Laubes trug. Es war ganz still dort und trotz des hellen Sonnenscheins ein wenig dämmerig. Nur aus der Höhe kam der tiefe, dumpfe Ruf eines Kolkraben, sonst kein Ton. Im Weiterschreiten schreckte ich ein Eichhörnchen aus dem trockenen Laube; ich hörte 20 deutlich das Einhäkeln seiner scharfen Zehennägel, als es an einem rauhen Stamme in die Höhe sprang und dann listig hinter einem Baumknorren auf mich herablugte. Nun vernahm ich wieder das dumpfe Rufen des Kolkraben, der hoch in der blauen Luft seine Kreise zog, und als ich mit meinen Blicken durch das Laubgewirr zu ihm emporzudringen versuchte, entdeckte ich im Gipfel der höchsten Eiche einen mächtigen Horst dieses bei uns schon so selten gewordenen Vogels. Sie können sich denken, dass dies für mich ein Vergnügen war. Dann schritt ich aus der Dämmerung der alten Eichen hervor und nun lag dort ein muldenförmiger Grund, eingeschlossen von Hochwald und ganz erfüllt mit Haselsträuchern, zwischen welchen die glühende Sonne brütete. Dergleichen Haselsträucher waren mir in meinem Leben nicht begegnet. Gruppenweise schossen sie aus den mächtigen Wurzelstöcken hervor, jede Pflanze mehr einer Versammlung von stattlichen Bäumen vergleichbar, als einem 21 Strauche; ich musste mich erst durch die zahlreichen, noch grünen Früchte überzeugen, dass ich wirklich Haseln vor mir hatte. Wunderlich, wunderlich, dachte ich, wie konnte dir dies alles bis jetzt entgehen? Diese Haselbäume mussten übrigens uralt sein; manche von den Stämmen hatten über einen Fuss im Durchmesser. Ich kann Ihnen kaum deutlich machen, wie wunderbar unheimlich still es dort in der glühenden Sonne zwischen dem mächtigen Strauchwerk war; die Rabenrufe waren verstummt und nur zuweilen ging ein seltsames Rascheln durch das welke Laub am Boden, so dass es mir jedesmal kalt den Rücken herablief. Kennen Sie die Sage vom Haselwurm? Sehen Sie, dies war der richtige Ort für ihn. Unter solchen uralten Haselbäumen wohnt die weisse Schlange oder der Haselwurm, und ganz sicher darf man auf seine Anwesenheit rechnen, wenn auf den Zweigen dieser Bäume die sonderbare Mistelpflanze schmarotzend angetroffen wird. Dies hatte ich, langsam 22 weiterschreitend, kaum gedacht, als ich wie von einem elektrischen Schlage getroffen zusammenfuhr, denn ich erblickte bei einer Wendung plötzlich vor mir eine Baumgruppe, die wie der Grossvater aller der übrigen in der Gegend erschien und auf allen Zweigen mit den wunderlichen Nestern der Mistelpflanze bedeckt war. Ich vermag es nicht auszudrücken, ein wie ehrwürdiges und greisenhaftes Aussehen diese Baumansammlung durch die mächtigen Bärte des wuchernden Gewächses erhielt und welchen Eindruck des Uralten, von aller Kultur Unberührten dieser Anblick auf mich machte. Ich stand eine Weile und schaute, und eine Angst befiel mich vor der Einsamkeit. In dem ungeheuren Wurzelstocke der Hasel und in dem etwas erhöhten Boden, auf welchem sie stand, waren allerlei kleine Höhlen und Vertiefungen mit glatten Rändern, als würden sie zum- Aus und Einschlüpfen täglich benutzt; sie lagen schwarz in der grellen Sonne da und ich erwartete alle 23 Augenblicke ein weisses züngelndes Schlangenköpfchen daraus hervorschauen zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, alles blieb so still, dass ich fast das Niedergleiten der Ströme des Sonnenlichtes zu vernehmen glaubte. Es war doch wohl nur eine Sage, die Geschichte vom Haselwurm oder der weissen Schlange, von der man nur ein ganz kleines Stückchen zu essen braucht, um die Sprache der Vögel zu verstehen, fest gegen Schuss und Hieb und Stich, und der Liebling aller Weiber zu werden. Kaum hatte ich dies gedacht, da raschelte es wieder durch Gras und dürres Laub und zwar auf der anderen Seite der Hasel. Ich sprang schnell zu, konnte aber nur die Halme sich noch ein wenig bewegen sehen, dann war es wieder still. Offen gesagt, mir ward etwas unheimlich zu Muthe und ich strebte weiter, um in bekannte Gegenden zu kommen. Zu meiner Verwunderung lichtete sich der Wald jetzt und durch eine Lücke zwischen den Zweigen sah ich ein Stück von einem 24 uralten, mit Moos und Hauslauch bewachsenen Strohdach ragen; aus dem Schornstein kam heller Rauch. Dies nahm mich ganz besonders wunder, denn von einer menschlichen Ansiedelung hatte ich in dieser Gegend ebenfalls niemals etwas bemerkt. Weiterhin am Strande lag allerdings eine sogenannte Heringshütte, allein diese ward nicht mehr benutzt, da man den Fischfang an dieser Küste schon seit einer Reihe von Jahren aufgegeben hatte. Ich gelangte auf einen unbetretenen, mit hohem Grase bewachsenen Weg, der an dem Hause vorüberführte. Eine langhaarige weisse Ziege von unbeschreiblich ehrwürdigem Aussehen war dort angebunden, sah eine Weile forschend auf mich hin und graste dann ruhig weiter. Das Haus war ebenfalls uralt, wie ich beim Näherkommen sogleich sah, die Balken schwarz und verwittert und auf dem bemoosten Strohdach mit wunderlich geschnitzten Pferdeköpfen am Giebel standen unzählige, röthlich blühende Dolden des Hauslauches empor. Ein 25 vielhundertjähriger Hollunderbusch, dessen mächtige Kuppel ganz mit weissen Blüthentellern bedeckt war, stand wie ein alter Freund daneben. Nur der Unterflügel der alten morschen Thür war geschlossen, der obere geöffnet und zeigte die schwarze Finsterniss des inneren Flures. Ich hob die Klinke und trat in den verräucherten Vorraum. Oben an den Balken nisteten die Schwalben und schossen zwitschernd durch den offenen Thürflügel aus und ein, im Hintergrunde auf dem grossen Ziegelsteinherde hing ein Kessel über dem Feuer und sang, sonst war es einsam und still. Ich klopfte an die Thür zur Linken; es kam keine Antwort. Dann trat ich ein in eine saubere Bauernstube, wie man sie bei solchen Leuten findet, die eine kleine Gastwirthschaft betreiben. Der Fussboden war weiss gescheuert und mit Sand bestreut, um den alten schwarzglasierten Kachelofen, der auf hölzernen Füssen stand, lief eine Bank und einige saubere braune Tische waren von ebensolchen Stühlen und Bänken 26 umgeben. Aus einem grossen Glasschranke lugten Flaschen und Gläser hervor und an den Wänden hingen schöne Bilder, die Schicksale der Genoveva, das Erdbeben von Lissabon, Napoleon auf Elba und zwei wunderschöne spanische Jungfrauen, namens Elvira und Bianka, darstellend. In der einen Ecke tickte mit lautem Schlage eine alte Standuhr, und das einzig Lebendige von Betracht war ein zahmes Rothkehlchen, welches, nachdem es den ersten Schreck über meine Ankunft verwunden hatte, eifrig hinter den summenden Fliegen her war. Mein Marsch hatte mich hungrig und durstig gemacht; ich setzte mich auf einen Stuhl und wartete, ob nicht Jemand kommen würde. Der Pendel der Uhr ging hin und wider, die Fliegen summten, das Rothkehlchen flatterte, draussen zwitscherten die Schwalben und sang der Kessel, aber Niemand kam. Ich trat ans Fenster und blickte hinaus. Dort blühten brennende Liebe, Lawendel und Fingerhut und weiterhin erstreckte sich ein Grasgarten 27 mit mächtigen Obstbäumen. Da erblickte ich einen alten Mann bei einem Bienenstaude und klopfte an die Scheiben, um mich bemerklich zu machen. Dies hatte Erfolg, und nach einer kleinen Weile schlürften langsame Schritte über den Flur und der alte Mann trat ein. O, wie uralt war der. Er trug ein schwarzes Käppchen, unter welchem spärliches weisses Haar sich hervorstahl. Die pergamentene Haut seines Antlitzes war von hundert kleinen Fältchen und den zierlichen Flussgebieten feiner blauer Aederchen durchzogen und der zahnlose Mund ein wenig geöffnet. Er war in die alte Tracht des Landes gekleidet, trug weisse Hemdärmel, eine lange Weste mit grossen Taschen, Kniehosen, schwarze Strümpfe und Schnallenschuhe, auf denen er sich langsam schurrend fortbewegte. »Wat will de Herr?« fragte er. – »'n beten to eten un to drinken, müch ik woll,« sagte ich. – »To drinken känen Sei kriegen – Melk un Snaps,« erwiderte der Alte. »Warm Eten kann ik Sei nich geben. – 28 Hier is keiner in, as ik. – Sei sünd all in't Heu. – Aewer groff Brot känen Sei kriegen – un schöne Bodder – un Honnig – un Pimkees – un'n beten suren . . . Aal is ok noch dor.« Es war merkwürdig; als sträube er sich, das Wort Aal auszusprechen, machte er vorher eine kleine Pause und drückte es dann scheinbar mit Widerstreben hervor. – »God,« sagte ich, »denn bringen Sei mi ein Glas Melk – un'n Aquavit – un groff Brot – un schöne Bodder – un Honnig – un Pimkees – un ok 'n beten suren Aal.« – Der Alte zog die Stirn in Falten, liess seine Lider einige Male schnell über den hellblauen Augen, die aussahen, als seien sie vor Alter ausgeblasst, auf und nieder spielen und wiederholte mit einem gewissen Nachdruck: »Un ok 'n beten suren . . . Aal.« Dann schurrte er im Zimmer umher und auf den Flur hinaus und brachte mir alles einzeln heran, so dass es eine Weile dauerte, bis alle die Sachen beisammen waren. 29 »Dei Flietigen lopen sik dot, dei Fulen drägen sik dot,« sagte ich, »nich wohr, Olling?« Darüber musste der alte Mummelgreis so sehr lachen, dass er in's Husten kam und einen kleinen Erstickungsanfall erlitt. »Is richtig, is richtig?« sagte er, als er endlich wieder zu sich kam, »Sei sünd 'n spassigen Herr! Jejajeja!« Ich that den guten Dingen alle Ehre an, während der Alte immer im Zimmer herumlauerte, mit Gläsern klapperte oder aus dem Fenster sah, mich aber dabei nicht aus den Augen liess. Als ich mich an den sauren Aal machte, merkte ich, wie er still ward, und ein Seitenblick überzeugte mich, dass er mit den Händen auf dem Rücken und etwas geöffnetem Munde vorgebeugt dastand und mich mit einiger Spannung beobachtete. »Dei Aal hett jo so 'ne witte Hut,« sagte ich. Der Alte zog wieder die Stirn kraus und seine Lider gingen unglaublich schnell auf und nieder: »Hei is von die witte Ort,« erwiderte er, »dat sünd jo dei besten!« 30 Ich wollte mir nun nicht die Blösse geben zu bekennen, dass mir von einer Art des Aales mit weisser Haut bis dahin noch nicht das Geringste bekannt geworden war und machte mich tapfer an das gut aussehende Gericht. Ich fand es vorzüglich. Das Fleisch war schneeweiss und zart, schmolz auf der Zunge und hatte einen ganz besonderen Haselnussgeschmack – mir däuchte, ich hätte noch nie ein so köstliches Gericht gegessen. Ich liess nichts übrig, und als der Alte das merkte, ging er mit stillem Händereiben hinaus. Das zahme Rothkehlchen war unterdess auf meinen Tisch gepflogen und immer dreister einhergekommen: »Ach wat, ich nehm' mi 'n beten Kees, hei ward mi woll nix dohn!« sagte es plötzlich, hüpfte dreist herzu und nahm ein wenig von dem weissen Käse auf. Ich war ganz starr vor Schreck und stierte mit entsetzten Augen auf den Vogel hin. Da ich mich nun so ruhig verhielt, so ward das Thierchen noch muthiger und pickte 31 sich etwas von der Butter ab. Dann rief es: »Dank ok schön, min leiwe Herr!« hüpfte auf das Fensterbrett und putzte sein Gefieder. In diesem Hause blieb ich keinen Augenblick länger bei diesem Hexenmeister, wo die Rothkehlchen sprechen konnten und man weissen Aal vorgesetzt bekam, den es gar nicht giebt. Der Alte kam wieder in die Thür, ich zog meine Börse und fragte nach der Schuldigkeit. »Ich bedank mi velmals vör de Ihr, die Sei mi andahn heben,« sagte er, »un kosten deiht dat nix. Un laten Sei sik den suren . . . Aal god bekamen.« Dabei plinkte er wieder so wunderlich mit den Augenlidern und um seinen zahnlosen Mund lag ein sonderbares Lächeln. Ich stammelte ein paar Dankesworte und machte, dass ich fortkam. Draussen stand wie vorhin die alte ehrwürdige Ziege, sie sah mich wieder aufmerksam forschend an und meckerte dann, dass es klang wie ein Gelächter. Ich lief weiter durch den Haselbusch, doch nun 32 war die brütende Mittagsstille vorüber und überall Vogelstimmen vernehmlich. O welch ein Kichern und Geschwätz, ich vernahm deutlich Spottworte, die nur auf mich gemünzt sein konnten. Hatte ich denn zuviel von dem guten Rostocker Aquavit getrunken? Unter den Eichen war es stiller; ich setzte mich auf eine alte hervorragende Baumwurzel am Fusse eines der riesigsten Stämme, fühlte mir den Puls, rieb mir die Schläfe und kniff mich schmerzhaft und schonungslos; es war hohe Zeit, dass ich aus diesem Traume endlich aufwachte. Aber es blieb alles wie es war, ja aus der alten Eiche zu meinen Häupten, die den Rabenhorst trug, kamen nun auch tiefe, grobe Stimmen und ich hörte, wie ein alter Rabe den jüngeren von der guten alten Zeit erzählte, da noch vor jeder Stadt ein vielbenutzter Galgen stand, an welchem fleissig gehängt wurde, so dass die Raben es gut hatten. Die Welt begann sich zu drehen vor meinen Augen, ein Schwindel überkam mich; ich sank 33 zurück gegen den Stamm der alten Eiche und verlor die Besinnung. Bis hierher enthält meine Geschichte ja nur wenig des Wunderbaren, aber von dem, was nun folgt, werden Sie – so fürchte ich – mir manches nicht glauben. Denn, denken Sie, als ich wieder zu mir kam, lag ich nicht unter einer alten Rieseneiche, sondern unter einer jungen Kiefer in einer mir durchaus wohlbekannten Gegend. Die einzigen Eichen in der Nähe waren solche, die soeben erst aus Samen aufgegangen mit nur zwei Blättern aus dem Moose hervorsahen. Ferner habe ich trotz aller aufgewendeten Mühe weder die Eichen, noch den Haselhorst, noch das alte Haus jemals wiedergefunden. Alles war wie von der Erde hinweggelöscht. Sie werden sagen, ich sei auf meiner Wanderung eingeschlafen und habe die ganze Geschichte nur geträumt. Aber wie wollen Sie dann erklären, dass ich von diesem Tage ab die Sprache der Vögel verstehe in allen Dialekten, von dem des 34 Zaunkönigs bis zu dem des Kondors. Erst vorgestern hatte ich mit dem alten Kondor im zoologischen Garten einen längeren Gedankenaustausch. Er hat Heimweh nach den Anden, wo, wie der Dichter so schön sagt: »Der Kondor überm Abgrund hängt, Den Orchideen bunt umrahmen.« »Wie wollen Sie das erklären, wenn ich nicht damals von dem sauren . . . Aal gegessen hätte? Ich bin übrigens sehr zufrieden damit, denn diese Kenntniss gewährt mir viel Unterhaltung und unerschöpfliches Vergnügen. Nur manchmal läuft eine kleine Enttäuschung mit unter. Sie wissen, was die Dichter dem Gesange der Nachtigall unterlegen, dass er Lust und Leid der Liebe jauchze und klage. Wollen Sie ein Stückchen dieses Liedes in wortgetreuer deutscher Uebersetzung, so hören Sie: »Fette, fette, fette, fette Flieg'n, Mück'n, Mück'n, Mück'n, Mück'n, Käf-, Käf-, Käf-, Käf-, Käferchen, 35 Zuck-, zuck-, zuck-, zuck-, zuckersüsse Holderbeer'n Schmeck'n, schmeck'n, schmeck'n fein, De-, de-, de-, de-, de-, delikat!« Ich fürchte, Sie haben sich das anders gedacht. Wie es mit der Festigkeit gegen Schuss, Hieb und Stich aussieht, das habe ich noch nicht ausprobieren können, gegen Hexenschuss bin ich jedenfalls nicht gefeit« – hier rieb er sich ein wenig mit der Faust die Kreuzgegend – »ebenso, wie Sie sehen, nicht gegen Mückenstich.« Damit erschlug er eine Mücke, welche soeben auf seiner Hand sich den durchsichtigen Hinterleib prall voll Blut gesogen hatte. Dann fuhr er fort: »Und was das Glück bei den Weibern betrifft, so ist es damit auch nichts, und vielleicht ist das nicht gerade das Schlimmste.« Ein mir unbekannter Vogel hatte schon seit einiger Zeit aus der Ferne einen Lockruf von seltsam eindringlichem Tone erschallen lassen und jedesmal hatte der alte Herr, ohne sich in seiner Erzählung unterbrechen zu lassen, mit der Hand 36 nach jener Richtung hin abgewinkt. Jetzt wurden die Rufe immer dringender; der Alte murmelte: »'s ist gut, ich komme ja schon!« und stand auf: »Ich habe die Ehre, mein Herr,« sagte er, indem er mit der Hand an seinen Hut griff. »Sie hören, man ruft mich.« Damit machte er sich auf und ging eilig davon, während er, wie damals bei den Dohlen, seine Hand in der Gegend des Ohres eifrig auf und ab schwenkte. Mit äusserster Verblüffung sah ich ihm nach. Ich war, was man mit einem vulgären Ausdrucke »baff« nennt. Und seitdem zergrübele ich mir den Kopf und kann nicht in's Klare darüber kommen, ob der Mann verrückt ist, oder ob er mich ganz ungeheuer zum besten gehabt hat. Was denkst du, lieber Leser?     37 Der Neuntödter. 39 Die kleine Geschichte, welche ich erzählen will, ist nach einem Vogel benannt, welcher leider einen sehr schlechten Ruf besitzt und mit dem hässlichsten Namen bezeichnet wird. Davon sind Dorndreher und Dorngreuel noch die besseren, rothrückiger Würger und Würgengel dagegen klingen schon sehr nach Mord und Todtschlag und der Ausdruck Neuntödter nun gar hat etwas Düsteres, Blutiges und Geheimnissvolles an sich, schaurige Vorstellungen erweckend von systematisch betriebenen Massen- und Gewohnheitsmord. Leider muss nun der Wahrheit gemäss bezeugt werden, dass diese Namen wohlverdiente sind und dass dieser Vogel, trotzdem er nicht viel grösser ist als ein Sperling einen bösen Räuber vorstellt, und dazu 40 die grausame Gewohnheit besitzt, seine aus Heuschrecken, Käfern, Eidechsen, kleinen Fröschen und jungen Nestvögeln bestehende Beute auf Dornen zu spiessen, um sie bequemer verzehren zu können. Darum hat nun das gefährlichste Raubthier dieser Erde der Mensch, welcher es als sein alleiniges Vorrecht betrachtet, alle anderen Geschöpfe, die ihm schmecken, mehr oder weniger grausam zu tödten und aufzuessen, mit vollem Rechte diesen kleinen hübschen Vogel mit so bösen Namen belegt und ich bin überzeugt, die Frau Geheimräthin kann ihn nicht ohne inneren Schauder betrachten, wenn sie solche schlechte Dinge von ihm hört. Mir ist zwar nicht bekannt, ob diese Dame weiss, dass in ihrer Küche die Fische lebendig geschuppt und die Krebse mit kaltem Wasser zum Kochen aufgesetzt werden und dass die Köchin, um den fast unsterblichen Aal zu bewältigen, diesen sich in Salz todt laufen lässt, doch hoffe ich, um ihrer schönen Menschlichkeit willen, dass ihr solche Thatsachen nicht bewusst 41 sind. Theodor Storm sagt sehr gut: » . . . . . . . Köchinnen sind grausam, Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche.« – und leider hat er Recht. In vielfachen sehr ergötzlich zu lesenden Romanen sind mir nun aber schon Räuber begegnet, welche, wenn sie nicht gerade in ihrem mühevollen Berufe thätig waren, sich als höchst angenehme Gesellschafter und sehr nette Leute erwiesen. Sie spielten sogar mit nicht zu verachtender Geschicklichkeit die Mandoline, sangen dazu zärtliche Lieder und trugen in ihren dunklen Augen einen Ausdruck sanfter Melancholie, welcher in allen fühlenden Weiberherzen die Flamme der Liebe entzündete. Sie waren bis auf das bischen gelegentliche Morden, was nun einmal der Beruf mit sich brachte, edel, hülfreich und gut, unbeschreiblich galant gegen die Damen und nahmen niemals denen etwas fort, die nichts hatten. An diese anziehenden Charaktere erinnert mich nun immer der Neuntödter, denn er ist unter unseren 42 einheimischen Vögeln einer der lieblichsten Sänger. Zwar auf Eigenes versteht er sich nicht recht und gleicht darin unseren menschlichen Sängern, welche auch meistens nicht selber was ersinnen, sondern dasjenige vortragen, welches andere sich erdacht haben. Alle Singvögel, welche sich in der Umgebung seines Wohnsitzes hören lassen, ahmt der Neuntödter nach und zwar auf das Lieblichste und Genaueste, das trillernde Lied der Lerche sowohl als den schwerfälligen Gesang der Amsel, den schmetternden Schlag des Finken ebenso gut als das krause Geschwätz der Rauchschwalbe, kurz die mannigfachsten Gesänge hinter und durcheinander in emsiger Abwechslung, so dass man nicht müde wird, ihm zuzuhören. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es unter diesen Vögeln Künstler und Stümper giebt, manche können viel, manche wenig, im Allgemeinen aber darf man annehmen, dass die älteren Männchen auch die besseren Sänger sind. Seit einigen Tagen trug ich mich nun 43 schon mit dem Gedanken, auf welche Art ich wohl meinen schwerkranken an das Zimmer gefesselten Freunde, dem Landschaftsmaler Richard Böhlau eine dauernde Unterhaltung zu schaffen vermöge. Mit solchen Erwägungen soeben noch beschäftigt, trat ich in den Laden eines Vogelhändlers, um, wie es meine Gewohnheit war, mich nach Neuigkeiten umzusehen, denn die Frühlingszugzeit war im besten Gange und in diesen Wochen hat man öfter Gelegenheit, allerlei Seltenheiten des Vogelhandels zu Gesicht zu bekommen. Es war nun gerade eine Sendung rothrückiger Würger angelangt und die Vögel flatterten unbändig und scheu, wie es ihre Art ist, wenn sie wild eingefangen sind in einem Kistenbauer. Es waren meist jährige Vögel, wie ich an der matteren Färbung und dem bräunlichen Tone der Brust erkannte, aber einer war darunter, der mein Herz sofort mit stiller Begier des Besitzes erfüllte. Fürwahr, das war ein ganz alter Herr und entsprach vollständig der 44 Schilderung, welche Naumann von einem »recht sehr alten Männchen« entwirft. Insonderheit das leuchtende Rothbraun des Rückens und die schön rosenfarbig angeflogene Brust hob ihn bedeutsam von seinen jüngeren Genossen hervor. Zugleich gingen mir die vorhin angeführten Eigenschaften durch den Sinn und die Erleuchtung kam mir, dass ich für meinen armen Freund, der ein so grosser Liebhaber und Kenner der Natur war, nichts Besseres finden könne, ihm seine einsamen Stunden zu erheitern. Ich kaufte den Vogel, dazu ein grosses Nachtigallenbauer, ein Quantum frischer Ameisenpuppen und einige Schock Mehlwürmer und gab die Zeit am Nachmittage an, da Alles in die Wohnung meines Freundes gesendet werden sollte. Es war gerade ein Freitag und an jedem Freitagnachmittage pflegte ich mich nach Böhlau umzusehen.     45 Auf dem Platz am Kreuzungspunkte zweier bekannter Strassen im Westen von Berlin steht eine wunderschöne Platane, welche den Sommer hindurch im Schmuck des dichten Laubes prangt und im Winter mit unzähligen schwärzlichen Stachelkugeln behängt ist. Verfolgt man von diesem Baume aus die eine der kreuzenden Strassen nach südöstlicher Richtung, so gelangt man sofort in einen der stillsten Winkel dieser Gegend, denn es zeigt sich, dass die Strasse alsbald sackartig verläuft und ihr Ende durch den Zaun eines Parkes mit hohen Bäumen begränzt wird. Auf einem der Grundstücke dieser abgelegenen Ecke hatte Richard Böhlau im Garten sein Atelier, das an den Hinterflügel des Hauses angebaut worden war. Dort hielt er sich fast ausschliesslich auf, obwohl durch eine finstere Wendeltreppe erreichbar, er in dem Hinterflügel noch eine kleine Wohnung besass, wo Schlaf- und Wohnräume sich befanden und sein wunderlicher alter Diener hauste. Zur spärlichen Erleuchtung dieser Treppe 46 diente ein Fenster, das hoch in der Wand des Ateliers angebracht war und von diesem das Licht aus zweiter Hand erhielt. Dieses dunkle Fenster in der Wand der Malerwerkstatt hatte für mich immer etwas unheimliches, und wenn ich die Augen dennoch erhob erwartete ich stets, dass etwas Gräuliches daraus hervorschauen möchte. Man konnte von dort oben das ganze Atelier übersehen und manchmal hatte ich Böhlau gefragt, was er wohl sagen würde, wenn er einmal von seiner Wohnung kommend durch das Fenster schaue und sich dann selber unten im Atelier an der Staffelei stehen und malen sähe. Er hatte dann lachend gesagt: »Ich würde schnell hinunterspringen und den infamen Kerl das Genick umdrehen.« »Ja, wenn er aber dann nicht mehr da ist?« hatte ich ihm entgegnet. Dann wurde er ganz zornig. »Ach, Sie sind ein ganz unverbesserlicher Phantast,« sagte er, »ich fürchte, Sie glauben an Doppelgänger und dergleichen Zeug. Sie haben ja auch Sinn für Märchen, 47 Sagen und Träume. Ich hasse das. Alles Unreelle ist mir in der Seele zuwider. – Die Zeiten sind ja Gott sei Dank vorüber, wo man einen Schwind und einen Steinle verehrte und nur Träumer, wie Sie einer sind, hängen ihnen noch an. Nein, ich lobe mir die reine Natur und male was ich sehe.« Dann waren wir richtig wieder bei einem unerschöpflichen Streit-Thema angelangt – denn ich war der Meinung, dass diesen beiden Romantikern unter den Malern, zu denen ich noch den früh verstorbenen Rethel rechnen möchte, der ächteste Ausdruck deutschen Wesens gelungen ist, dass sie von allen Malern der Neuzeit am meisten Nationales besassen, während mein lebhafter ausschliesslich auf das Reale gerichteter Freund in ihren Hervorbringungen nichts als krankhafte Fieberphantasien zu erblicken vermochte. Dagegen war sein Respekt vor demjenigen, was er Natur nannte, ein fast abergläubiger zu nennen. Ich erinnere mich einer Zeit, als er einmal ein schön in wechselvoller Landschaft gelegenes Dorf in Mecklenburg mit uralten bemoosten Strohdächern entdeckt hatte. Er schrieb mir begeistert, dies Dorf und seine Umgebung wimmeln so von Motiven, dass es ihm auf Jahre hinaus Arbeit gebe und ich solle ihn doch einmal besuchen. Da ich mich gerade in Warnemünde aufhielt, so fuhr ich hinüber und fand ihn mitten im Sumpf, wo er sich ein kleines Pfahlgerüst hatte bauen lassen und in einer Wolke von Mücken und Stechfliegen eifrig einen kleinen Tümpel mit spiegelndem Wasser, Schilfrohr, Weidengebüsch und Graskufen malte, der den grauen Strohdächern des Dorfes und dem dämmernden Hügellinien der Ferne als Vordergrund diente. »Ich bin hier in Wasserstiefeln so lange herumgewatet,« sagte er, »bis sich Alles richtig zusammenschob, denn von da oben giebt's kein Bild – die Natur ist rücksichtslos gegen uns Maler.« Da ich nun keine Wasserstiefel hatte, mussten wir unsere Unterhaltung aus der 49 Ferne führen. Bald aber packte er seine Sachen zusammen, watete an's Land und wanderte mit mir in der Gegend umher. Wir gelangten an einen Hügelhang und hier führte er mich fast geheimnisvoll an einen Dornbusch und sagte: »Hier oben giebt es zwei Punkte, von denen aus dies wundervolle Dorf zu bewältigen wäre. Dies ist der eine. Sehen Sie nur wie die Strasse sich hier in das Dorf hineinwindet, wie durch die Lücken zwischen den Häusern die Lichter auf sie fallen und wie sie allmählich zwischen den sich vorschiebenden Häusern und dem Grün der Obstbäume verdämmert. Ein reizvolles Motiv. Aber der Hintergrund taugt nicht viel; wie die Dächer dort gegen den Himmel abschneiden, das wirkt nicht. Nun kommen Sie aber einmal mit.« Wir gingen ein tüchtiges Stück zur Seite und höher an dem Hügelhang hinauf bis zu einem alten Hollunderbaum, der aus einer Mauer hervorgewachsen, hunderte von weissen Blüthentellern dem Sonnenlichte 50 darbot. Von hier schauten wir wieder auf das Dorf hin. Eine dämmernde Ferne mit sanft geschwungener Hügellinie war hinter ihm aufgestiegen und weithin ein zweites Dorf, das wie ein blasser Traum in nebligem Dufte lag. Zur Seite blitzte ein Stückchen See – es war ein ganz anderes Bild als vorhin, denn die Landstrasse war bereits hinter dem ersten Hause des Dorfes verschwunden und kam fast nicht mehr zur Wirkung. »Sehr schön,« sagte ich. »Ja, ja,« antwortete er, »aber hier taugt nun wieder der Vordergrund nichts.« »Nun, da nehmen Sie doch von beiden Ansichten das Beste und kombiniren es mit einander. Das muss ja ein prachtvolles Bild geben.« Er sah mich an, als hätte ich ihn aufgefordert, dem Kölner Dom die Fenster einzuwerfen oder sonst eine ähnliche Tempelschändung zu begehen. »Da sieht man wieder,« sagte er, »dass Sie gar keinen Respekt vor der Natur haben, Sie unverbesserlicher Phantast.« 51 Das Merkwürdigste aber war, dass trotz alledem die Landschaften von Richard Böhlau einen seltsamen poetischen Zauber ausübten, weil in diesem Manne, der sich selbst nur für einen treuen Copisten der Natur hielt, ein gutes Stück von einem Poeten steckte, nur dass er sich dessen selber garnicht bewusst war.     Seit längerer Zeit nun aber war es für den Maler mit den Studien in der freien Natur vorbei, denn unheilbares Siechthum bannte ihn an's Zimmer und gestattete ihm höchstens bei schöner Witterung ein wenig in dem kleinen Garten spazieren zu schleichen. Er schaffte zuweilen noch Einiges, indem er vorhandene Studien ausführte, doch zuletzt gab er auch dies auf, weil er den Anstrengungen nicht mehr gewachsen war. Als ich ihn an jenem Freitag Nachmittag besuchte und bald darauf die 52 Sendung vom Vogelhändler ankam, schien er dies Geschenk, das Pflege und Wartung beanspruchte, mit etwas säuerlicher Miene aufzunehmen und hatte auf meine begeisterte Schilderung der Genüsse, welche ihm dieses wild und unbändig in dem neuen ungewohnten Käfig umhertobende Thierchen bereiten würde, nur ein resignirtes Lächeln. Ich suchte für den scheinbar nur aus Höflichkeit angenommenen Zimmergenossen einen guten Platz aus, verhüllte den Käfig einstweilen durch ein grünes Tuch und überliess das Weitere ruhig der historischen Entwicklung. Als ich nach einer Woche wieder zu meinem Freunde kam, ging er mir freudig entgegen und auf seinem Angesicht sah ich ein Leuchten, das ich dort schon lange vermisst hatte. »Sie wissen garnicht, was Sie mir geschenkt haben,« sagte er , »den Frühling, den ich so schmerzlich entbehren muss, haben Sie mir in's Haus gebracht, ich lebe wieder draussen in der schönen grünen Welt, Alles durch diesen Vogel.« 53 Dabei wendet er sich und sah liebevoll auf den Neuntödter hin, der schon viel weniger wild in seinem Käfig auf und abhüpfte. »Lassen Sie sich erzählen,« fuhr er fort, als wir uns gesetzt hatten: »Ich will nun gleich offen gestehen, dass mich Ihr Geschenk im Grunde mehr ärgerte, als erfreute. So sehr ich auch die Vögel in der Freiheit liebe und mich mit ihnen beschäftige, so oft habe ich schon meine Abneigung gegen gefangene Vögel ausgesprochen. Sie wussten dies und mir schien desshalb Ihr Verfahren unverständlich. Ich ärgerte mich über das unbändige Thier und als ich ihm am anderen Morgen Futter gab und dabei sein wildes Toben mit ansehen musste, da hätte ich ihn am liebsten fliegen lassen. Später beruhigte er sich wieder hinter seiner grünen Decke und als ich nachher lesend auf dem Sopha lag und es ganz still war, nur dass ich zuweilen ein neues Blatt umwendete, da gab er auf einmal sonderbare Töne von sich: »»Gaak, gaak,«« sagte er plötzlich, und 54 darauf folgte ein Finkenschlag, so sauber und nett wie nur möglich, es klang so als käme es hoch aus einem Baumwipfel. Dies schien eine vorläufige Probe zu sein, denn nach einer Weile begann er wieder und zwar mit dem Wachtelruf mehrfach wiederholt. Daran schlossen sich die verschiedensten Locktöne und dann ging er zu einem langanhaltenden Lerchengesang über von so gedämpftem Klange, als töne er hoch aus der blauen Luft hernieder. Jetzt schien die Scheu gebrochen, denn nun blieb es so bei, bald ein Stück schwerfälligen Amselgesanges wie aus entferntem Walde tönend, bald das dahinrieselnde Lied der Dorngrasmücke, bald ein Stückchen vom Baumpieper mit dem langausgezogenen hinsterbenden zia, zia, zia, bald ein Bischen vom Gartenlaubvogel und zum Schluss ganz deutlich und täuschend ähnlich das knarrende Geschwätz des Drosselrohrsängers und zwar ganz vollständig. Ich war zugleich erheitert und entzückt, zumal der Vogel nach kurzer Pause zeigte, dass sein 55 Reichthum noch lange nicht erschöpft sei, denn mit dem krausen Gesang der Rauchschwalbe begann er plötzlich wieder und zwar klang dieses als flöge sie in der Luft vorüber, so dass das Lied an Stärke abnahm und das gedehnte zerrr am Schluss wie aus weiter Ferne klang. Daran schloss sich der scheltende Warnungsruf der Amsel und in stetem Wechsel allerlei Anderes, das ich zum Theil wegen mangelnder Kenntniss nicht richtig unterbringen konnte. So ging es weiter den Tag über und all die andern Tage fort, ich wurde nicht müde ihm zuzuhören. Das Seltsamste aber ist, dass aus diesen nachgeahmten Vogelgesängen in meinem Geiste sich allmählich eine Landschaft aufbaute, die ich deutlich vor mir sehe, in der ich träumend umherwandle. Denn da ich weiss, dass der Neuntödter nur die Gesänge der Vögel wiedergiebt, die sich in seiner nächsten Umgebung hören lassen, so ward meine Phantasie sofort angeregt und nun sehe ich ganz genau den Ort vor mir, wo dieser Vogel wohnte. 56 Zwischen Kornfeld und Wiese eingesprengt liegt ein Gebüsch von Weissdorn, Schneeball, Haseln, Weiden und wilden Rosen, einzelne Bäume ragen darüber hinaus. Ueppiges Gras und Kraut schiessen an den Rändern durch die Zweige empor, Gaisblatt und Hopfen durchranken es. Auf breiten Klettenblättern sonnt sich der Laubfrosch, in der Luft stehen die Schwebefliegen, tanzen die Libellen. Gegenüber wird die Wiese vom Hochwald begränzt, zwischen den Stämmen dämmern bläuliche Schatten. Von dorther schallt aus Wipfelhöhen der Schlag unzähliger Buchfinken, der schwermüthige Gesang der Amsel und das unermüdliche Lied des Baumpiepers. Zur Seite geht die Wiese in raschelnden Rohrwald über, dahinter blinkt ein See mit fernen dämmernden Uferbuchten. Von hier tönt das knarrende Geschwätz des Drosselrohrsängers, den man bei mir zu Lande so treffend Karrekiekkiek nennt. Ueber der blinkenden Feuchte des Seespiegels schweifen die Schwalben, zuweilen schiesst 57 eine jagenden Fluges herbei und schwingt sich um das Gebüsch zugleich in der Luft ihr Liedchen singend. Und aus dem Korn schallt fern der Ruf der Wachtel, das Krähen des Rebhahnes, und über dem Korn schwebt Lerchengesang nah und ferne, während im Gebüsch eine Grasmücke leiert und im Baumwerk darüber der fleissige Gartenlaubvogel unermüdlich sein Missing, missing in den Klang seines reichen Liedes mischt. Ach, ich rieche den Duft der Wiesenkräuter und den gewürzigen Hauch des Seeufers, welchen zuweilen ein Wind herüber trägt.« So kannte ich meinen Freund noch garnicht; ich sah ihn beifällig zustimmend an und nickte. Ueber seine blassen an den Spuren unheilbaren Siechthums durchfurchten Züge ging ein liebenswürdiges Lächeln. »Nun dürfen Sie mich einen Phantasten schelten,« sagte er, »thun Sie es nur, es soll mich nicht kümmern, ich hab' doch meine Freude dran.« * * * 58 Mit meinem Freunde ging es zu Ende, bei jedem Besuche fand ich ihn schwächer und als ich am nächsten Freitage wiederkam, fiel mir dies ganz besonders auf. Zugleich aber bemerkte ich, dass seine Staffelei ausnahmsweise wieder an's Licht gerückt war und auf einem Stuhle daneben Malgeräthschaften ausgebreitet lagen. Es stand auf der Staffelei aber kein Bild, sondern ein grosser flacher Kasten mit verschlossenem Deckel. Mein Freund war trotz seines kranken Aussehens von einer gewissen inneren Heiterkeit erfüllt und sprach von neuen landschaftlichen Entdeckungen, welche er durch die Vermittlung des Vogelgesanges gemacht hatte; fürwahr er lebte ganz in diesem Bilde seiner Phantasie. »Wenn ich erst wieder gesund bin,« sagte er, »da will ich ausziehen und nicht eher ruhen, bis ich eine solche Gegend gefunden habe, wie sie mir vorschwebt und dann male ich für Sie davon ein Bild als Dank für diesen wunderbaren Vogel.« Dabei schweiften seine Blicke 59 wie unwillkürlich nach dem schwarzen Kasten auf der Staffelei hin, doch als er bemerkte, dass ich diesen Blicken gefolgt war, ward er ein wenig roth und liess seine Blicke verwirrt über die Wände seiner Werkstatt schweifen. »Wenn ich wieder gesund bin,« das war sein drittes Wort in dieser ganzen Zeit so oft gewesen; ich konnte es nicht anhören ohne einen leisen Schmerz im Herzen zu fühlen. Als ich wieder fortging, hatte mir sein alter Diener draussen aufgelauert und fragte, ob er mich eine Strecke begleiten dürfe, er habe mir etwas mitzutheilen. Dann drehte er verlegen die Hände um einander, kraute sich ein wenig in den grauen Haaren, welche verrätherisch unter seiner fuchsigen Perrücke hervorschauten und begann endlich: »Es ist nur wegen meines Herrn. Herr Böhlau haben etwas vor. Sie schliessen sich ein. Und ich will es nur sagen, Herr Doktor, weil Sie doch der Freund des Herrn Böhlau sind: In dem schwarzen Kasten da steckt es. Und wenn 60 ich dann endlich schon zehnmal an die Thürklinke gefasst habe und endlich an zu klopfen fange, dann schelten der Herr Böhlau und sagen, ich solle mich scheeren und ihn in Ruhe lassen. Ich bin doch immer sonst aus und eingegangen und der Herr Böhlau haben niemals Geheimnisse gehabt.« »Nun, was meinen Sie denn, was Herr Böhlau vorhat?« fragte ich. Er zuckte die Achseln. »Ich glaube der Herr Böhlau malen,« sagte er. »Und der Herr Sanitätsrath haben es doch verboten. Manchmal dauert es an die zwei Stunden. Und wenn ich dann endlich die Thür wieder offen finde, dann liegen der Herr Böhlau auf dem Sopha und es ist nicht zu sagen wie dann die Brust geht und wie matt sie aussehen und wie sie husten. Ich habe schon oben durch das Fenster gesehen aber der grosse Teppich, für welchen sich Herr Böhlau das Gerüst haben machen lassen, hängt davor und es ist nichts von ihnen zu sehen. Und ich wollte nur fragen, Herr Doktor, ob ich dem Herrn Sanitätsrath das sagen muss?« 61 »Das können Sie thun,« sagte ich, »aber ich fürchte, es wird nicht viel nützen, Herr Böhlau hat seinen eigenen Kopf.« »Haben sie, haben sie,« sagte der Alte wehmüthig und verabschiedete sich unter vielen Entschuldigungen. Das Geheimniss des schwarzen Kastens wurde auch während der nächsten Wochen nicht aufgeklärt. Mein Freund schwieg darüber und ich fühlte mich nicht berechtigt darnach zu fragen. Als ich zum letzten Male da war, fand ich ihn zwar äusserst angegriffen und sein blasses Gesicht von einer zarten Wachsfarbe überhaucht, allein er schien mir von einer stillen inneren Befriedigung erfüllt zu sein und behauptete sich wohler zu fühlen wie seit lange. Es fiel mir auf, dass seine Blicke zeitweise, wenn er sich unbeobachtet glaubte, mit einer gewissen Wärme auf seiner Staffelei und dem verschlossenen Kasten ruhten. Am andern Vormittag kam der alte Diener eilig gelaufen und theilte mir mit, dass sein Herr soeben gestorben sei. Ich ging 62 sofort mit ihm und fand meinen Freund angekleidet auf dem Sopha, halbaufgerichtet, im Rücken von Kissen unterstützt, das Gesicht seinem Vogel zugewendet. In dieser Stellung war er sanft eingeschlafen. Der Diener liess mich eine Weile allein und als ich nun ganz still dasass und meinen Freund anschaute, dessen Antlitz die unwandelbare Ruhe des Todes zeigte, da begann der Neuntödter zu singen hold und lieblich wie eine Lerche aus der hohen blauen Luft. Es war das erste Mal, dass ich selbst diesen Vogel hörte. Im Nachlasse meines Freundes fand sich ein verschlossener Brief, an mich gerichtet. Sein Inhalt war folgender: Lieber Freund! Diesen Brief werden Sie erhalten, wenn ich nicht mehr bin. Ich hinterlasse Ihnen zum Andenken den Inhalt des Kastens, der auf meiner Staffelei steht. Darin befindet sich mein letztes Bild, und zugleich das erste, welches ich nicht nach der Natur 63 gemalt habe. Ein solches Verfahren hat, wie Ihnen wohl bekannt ist, meinem künstlerischen Gewissen von jeher widerstrebt und diesmal bin ich nur desshalb von meinen strengen Grundsätzen abgewichen, weil ich keinen bessern Weg wusste, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen für das Geschenk, welches mich in den schweren Stunden meiner Krankheit bis in die tiefste Seele erheitert und erfreut hat. In gewissem Sinne, denke ich, ist auch diese Landschaft nach der Natur, denn ich habe nur gemalt, was der Vogel mir gesungen hat. Nehmen Sie auch das Thierchen an sich und verfügen sie nach Gutdünken darüber. Und nun leben Sie wohl, guter Freund! Ihr Richard Böhlau.     64 Drei Tage später, an einem schönen Morgen am Ende des Juni ward mein Freund auf dem Mathäikirchhofe begraben. In einem kleinen verhüllten Bauer hatte ich den Neuntödter mit, und als die vielen schönen Kränze auf dem frischen Hügel geordnet waren und das Leichengefolge sich zerstreut hatte, stellte ich den Käfig auf das Grab und öffnete seine Thür. Wild und ungestüm schoss der überraschte Vogel in die Luft empor und setzte sich nach einer Weile auf den Wipfel einer Traueresche. Dort erst überkam ihn das ganze Wonnegefühl der wiedererlangten Freiheit. Er wippte und drehte, wie es die Art dieser Vögel ist, heftig mit dem Schwanze und stiess mehrfach seinen Lockruf aus. Dann stürzte er sich hinab und flog schnell in hüpfenden flachen Bögen auf eine entfernte Gebüschgruppe zu, wo ich ihn aus den Augen verlor. Ich denke, er wird seine grüne Heimath bald wieder gefunden haben. Auf der nächsten Ausstellung hing das letzte Bild meines Freundes geziert von 65 einem Lorbeerkranz mit schwarzer Florschleife. Alle Verehrer seiner Kunst waren sich einig, dass ein Bild von tieferer Wahrheit und zugleich feiner poetischer Auffassung aus seiner Werkstatt noch niemals hervorgegangen sei.     67 Ein Brief an den Frühling. 69 Lieber alter Freund! Ich glaube wohl, dass ich dich so nennen darf, denn wir kennen uns nun schon viele Jahre, und du darfst glauben, dass meine Hinneigung zu dir in dieser Zeit immer nur gewachsen ist. Ich muss es dir endlich einmal sagen, wie gern ich dich habe, und wie sehr ich deine unvergleichliche Kunst verehre. Insonderheit im Winter, wenn die Erde zu Stein, das Wasser zu Glas und der Regen zu weissem Pulver gefroren ist, wenn Bäume und Gesträuche mit traurigen Besenreisern dastehen, und die vertrockneten Reste einst frischgrüner Ranken trübselig im Winde rascheln, da erfüllt mich zuweilen die tiefste Verwunderung, wie du, Zauberer, es anfängst, dies alles so köstlich zu verwandeln, 70 den kalten, harten Stein des Bodens in einen üppigen durchblümten Teppich, die Besenreiser in schimmernde Blüthenzweige und den erstarrten Spiegel des Teiches in weiche fliessende Wellen, auf welchen leuchtende Wasserrosen sich wiegen. Wir haben unter uns Menschen ja auch Zauberer, welche allerlei können, zum Beispiel Eierkuchen in Cylinderhüten backen, ohne dass es diesen was schadet, und aus demselben Hute holen sie nachher eine ganze Ausstattung für Zwillingskinder und so viele Bälle, dass man eine ganze Schule, und so viele Becher, dass man eine Kompagnie Soldaten damit versehen kann; allein das sind doch nur öde und durchsichtige Gaukelkunststücke und nicht zu vergleichen mit den deinen, über welche nun schon von Anbeginn viele Tausende von gelehrten Häuptern gebrütet haben und ewig brüten werden, ohne sie jemals zu ergründen. Du schwingst deinen Zauberstab über die öde sibirische Steppe, auf deren versteinerter Fläche bislang der eisige Winterwind 71 einherjagte, und siehe, binnen kurzem ist sie ein blühendes, farbiges Meer von Tulpen und Iris, Tazetten und Hyazinthen, du steigst lächelnd die Berge hinauf und säumest die Ränder starrender Gletscher mit Blüthen ohne Zahl, ja selbst in den Ländern der Mitternachtssonne zauberst du eine wundervolle Blumenpracht auf die erweichte Oberfläche des ewig gefrorenen Bodens, so dass deine zarten Blüthenkinder gar über dem Eise wohnen. Du lieber Frühling, ich danke dir, dass du alle Jahre aus dem warmen Süden wieder zu uns kommst, obwohl es dort, wie die Leute sagen, so viel schöner sein soll als hier. Doch muss es wohl bei uns auch nicht so übel sein, sonst würden die kleinen, klugen Vögel, welche so gerne und eifrig dein Lob singen, nicht alle Jahre vorüber fliegen an der Pracht seiner Mandel- und Orangenbäume, um bei uns ihr Nest zu bauen in Weissdorn und Heckenrosen. Ja, wenn du einkehrst, lieber Frühling, und ihnen die Stätte bereitest, indem du 72 das zarte Laub und die schimmernden Blüthen aus der Knospe lockest, da kehren sie alle treulich wieder, und wo bis dahin nichts vernehmlich war als das rauhe Geschrei der Krähen, das Zirpen der Meisen oder höchstens der zwitschernde Gesang des ewig munteren Zaunkönigs, da ist nun die Luft erfüllt zum Ueberquellen von süssem Getön. Und nicht allein besetzest du die lichten Auenwälder mit jauchzenden Nachtigallen, welche jeder schätzt, und hängst die Luft voll tirelirender Lerchen, welche alle kennen, nein, so mannigfach wie Form und Farbe deiner Blumen und Blätter ist auch der Gesang deines munteren Geflügels. O wie freue ich mich, wieder die süssmelancholisch abfallende Tonfolge des Fitis zu hören aus dem Erlenbruchwald oder im Gebüsch das Gezwitscher der Dorngrasmücke, welches dahinrieselt wie ein plätscherndes Bächlein. Oder das knarrende Schwatzen der Rohrsänger im Uferschilf und das eindringliche Pfeifen des Baumpiepers am Rande des Waldes. Ob 73 sie nun viel können oder wenig, das gilt ihnen gleich, und der kleine Baumläufer zwitschert sein winziges Lied von anderthalb Tönen mit derselben Inbrunst wie die Nachtigall, und wer nicht singen kann, der trommelt wie die Spechte an einem dürren Ast oder klappert gleich dem Storch oder bläst das Bombardon wie die Dommel im Rohr. Ja, mein lieber Concertmeister, das verstehst du einzurichten. Allerlei haben wir doch schon zusammen erlebt, mein lieber Freund, und wenn es auch keine grossen Dinge waren, so stehen sie doch wie liebliche Blumen in dem Garten meiner Erinnerung. Gedenkst du noch jenes ersten Pfingsttages in der kleinen mecklenburgischen Stadt, als ich den ganzen Morgen umhergeschweift war zwischen den blühenden Gärten, wo die goldenen Schmetterlinge flogen und die Vögel sangen. Du weisst es gewiss noch, denn es war einer von den herrlichsten Tagen, die du je geschaffen hast, und die Mädchen, welche mir begegneten, waren alle 74 viel schöner als sonst, und aus ihren Augen leuchtete der Widerschein deines Glanzes. Wo waren sie denn mit einmal alle hergekommen, die man den ganzen Winter fast nicht gesehen hatte, nun waren sie in ihren hellen Gewändern alle aus den finsteren Häusern hervorgeblüht wie die Hyazinthen aus dem dunklen Schooss der Erde. Und später, weisst du es wohl noch, lag ich in den Anlagen am Wall auf dem Rücken im Grase zwischen den goldenen Butterblumen, und zu meinen Häupten in der riesigen Silberpappel, die mit zarten Kätzchen über und über bedeckt war, sang eine Nachtigall ergreifend schön. Nicht ferne von mir ragte mit röthlichem Gemäuer der Dom empor in die reine Luft, und aus ihm hervor mischten sich fromme Pfingstchoräle und das feierliche Dröhnen der Orgel mit dem Jubel rings umher. Ja, überall blühte es, und ich blühte mit, überall sang es, und mein Herz sang mit, und obwohl sich weiter gar nichts ereignete, so war es doch eine Stunde des Glücks, die 75 ich nimmer vergessen kann. Das war dein Zauber, du wunderbarer Frühling. Du bist mir auch ein wenig gut, das weiss ich wohl. Denn sonst hättest du wohl nicht zu jenem anderen unvergesslichen Tage im Mai, da jene Gute und Reine mein eigen ward, die ich kaum verdiene, einen so festlichen Himmel über die Erde gespannt und die ganze Welt in schimmerndes Licht getaucht. Das werde ich dir nie vergessen und dir manches andere dafür verzeihen. Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben, manchmal beträgst du dich ein ganz klein wenig unangemessen. Erinnerst du dich wohl noch an jenen neunten Mai, da alle die jungen, frischgrünen Rosenblätter mit Reif bedeckt und alle Nachtigallen heiser waren, oder an jenen elften Juni, wo du sogar noch mit Schnee kamst? Das – nimm es mir nicht übel – sind sehr wunderliche Launen und machen es deinen Verehrern recht schwer, dich zu vertheidigen; denn bedenke doch, es giebt unter den Menschen viele böswillige Gesellen und Philister mit öden Gehirnen, welche nur darauf lauern, dir etwas anzuhaben und deinen uralten, wohlverdienten Ruhm zu untergraben, indem sie deine ganze Schönheit für ein müssiges Hirngespinnst halbtoller Dichterlinge erklären und als verständige Leute nichts von dir wissen wollen. Darum hoffe ich, dergleichen nicht wieder zu erleben. Was ich aber noch ferner hoffe, das ist, dich noch recht oft wiederzusehen, mein guter, alter Freund. Freilich, du bleibst ewig jung und ich werde immer älter werden. Mich dünkt jetzt schon manchmal, ich stünde auf der Höhe, wo man wieder den Weg nach abwärts führen sieht. Und zuweilen ist mir, als erblickte ich am Ende dieses Weges in fernem Dämmer jenes dunkle, von Cypressen umgebene Thor, das den Eingang bildet in jene unbekannte Welt, aus welcher man nicht zurückkehrt. Aber vorher, lieber Freund, hoffe ich, dein leuchtendes Antlitz noch recht oft zu begrüssen, und dann, wenn es sein muss, 77 wünsche ich, mit dir dahin zu gehen um jene Zeit, da die wilden Rosen blühen und das Heu in den Wiesen duftet. Dann, wenn du von hinnen scheidest, will ich mit dir wandern Arm in Arm in jenes bessere Land, wo dein Reich niemals endet wie auf Erden, wo du nur ein flüchtiger Gast bist. Dein treuer Verehrer Heinrich Seidel.     79 Der Hagelschlag. 81 Mein Freund Johannes hatte mich zu einer Pfirsich-Bowle eingeladen und da er zu den wenigen Menschen gehört, welche das Geheimniss der Bereitung eines solchen Getränkes ergründet haben, so schien es mir nicht übel, dieser Einladung Folge zu leisten. Das Geheimniss selber, wie ich bei dieser Gelegenheit verrathen will, hat etwas verblüffend Einfaches, denn es besteht nur darin, dass man guten Wein nimmt, ja sogar eine Flasche fünfundsechziger Rauenthaler kann ohne Schaden hinzugegossen werden. Solches Verfahren ist aber den meisten Menschen viel zu einfach und sie verschwenden Zeit, Mühe, Arbeitskraft und Erfindungstalent, um aus der verdünnten Schwefelsäure des sogenannten Bowlenweines etwas Trinkbares herzustellen, 82 müssen das aussichtslose Unternehmen aber stets mit brummendem Kopfe bereuen. Soweit war also die Sache ganz gut, und doch lagen die Verhältnisse nicht so einfach, wie man hätte wünschen können, denn mein Freund Johannes und ich sassen sechs Stunden weit auseinander in zwei verschiedenen Badeorten der Ostseeküste, getrennt durch einen Strom, eine grosse Strandwiese und einen Wald von bedeutender Ausdehnung, und da der Strom keine Fähre besass, so gab es keinerlei Wagenverbindung zwischen diesen Orten, als auf einem ungeheuren Umwege über die zwei Meilen weiter im Binnenlande gelegene Handelsstadt. Da ich in Folge dessen ganz auf meine natürlichen Fortbewegungsmittel angewiesen war, so liess ich mich, um rechtzeitig bei meinem Freunde Johannes einzutreffen, gegen ein Uhr Mittags über den Strom setzen und hatte nun eine sechsstündige Wanderung vor mir, welche ich genau in der Mitte, wo man bei einem Forstwärter eine kleine 83 Erfrischung erhalten konnte, zu unterbrechen gedachte. Der Tag war heiss und sehr schwül und hinter meinem Rücken im Westen war allerlei wunderliches weisses Wolkengebirge aufgethürmt. Dazu wehte kein Lüftchen, die See war glatt wie ein Spiegel und verlor sich in weisslichem Sonnendunst und der vor mir liegende Wald, den ich auf flacher unbeschützter Wiesenfläche etwa in anderthalb Stunden erreichen konnte, war ebenfalls in dunstige Schleier gehüllt. Auf dieser weiten schattenlosen Fläche war ich mit einer grausamen und rücksichtslosen Sonne ganz allein und sie versuchte alle ihre Künste an mir. Da ich aber wusste, dass es gegen solche Behandlung kein Mittel giebt als Nichtbeachtung, so destillirte ich mit der Geduld eines Mühlenesels unverdrossen vorwärts und gelangte endlich an den Wald, aus dessen Schatten es mich wie wundervolle Kühle anhauchte, obwohl auch dort eigentlich nichts als Schwüle war. Bevor ich unter diesem Meere von 84 Wipfeln die Aussicht verlor, blickte ich mich noch einmal um. Das Wolkengebirge im Westen hatte sich höher gethürmt und an seinem Grunde eine finstere Färbung angenommen, eine merkwürdige lauersame Stimmung lag in der Luft und entfernte Geräusche waren mit sonderbarer Deutlichkeit zu hören. Als hätte es auf mich gewartet, fiel sofort als ich in den Wald eintrat, ein grosses Geleite von Fliegen über mich her, darunter die tückische blutsaugende Blindfliege. Sie verliessen mich nicht wieder und wurden sie müde von dem ewigen Schwärmen, so ruhten sie so lange auf meinem Rücken, bis sie wieder zu Kräften gekommen waren. Zuweilen erschien mit sonorem Tone eine grosse Pferdebremse, untersuchte mich kreisend von allen Seiten auf meine Essbarkeit und zog, wenn sie fand, dass ich ungeniessbar war, mit unwilligem Brummen wieder davon. Ausser diesem ewigen Gesumme der Fliegen war der Wald still, kein Blatt regte sich und 85 kein Vogel sang, nur in der Ferne liess ein Pirol unablässig seinen flötenden Ruf erschallen. Es klang mir immer wie: »Hier ist's kühl! o! Hier ist's kühl! o!« aber ich wusste, der Vogel log. Nachdem ich wohl eine Stunde in diesem Walde mich vorwärts bewegt hatte, ward die Stille der Einsamkeit durch einen dumpf grollenden Ton unterbrochen, gleich dem Murmeln eines schlafenden Riesen und als ich unwillkürlich rückwärts nach dem Himmel aufsah, bemerkte ich die schimmernden Ränder grauer Wolken, die bereits über die Wipfel blickten. Froh, mich jetzt in der Nähe eines sicheren Zufluchtsortes zu wissen, schritt ich schneller aus und erreichte in einer kleinen halben Stunde das Walddorf, an dessen Ende das Gehöft des Forstwärters gelegen war. Unterdess war die Sonne zuerst von Dünsten verschleiert und dann von den aufrückenden Wolken verdeckt worden, so dass eine zunehmende unheimliche Dämmerung rings verbreitet war, während die gewaltige 86 Stimme des Donners immer näher tönte. Vor dem Hause des Forstwärters hielt ein städtischer Wagen und im Innern herrschte Verwirrung und Unruhe. Das hübsche Dienstmädchen, welches mir Bier brachte, klärte mich darüber auf: »De Herr is so krank«, sagte sie, »de Doktor is all dor«. Ja, da musste es schlimm stehen, denn wenn in solchen Orten der Doktor geholt wird, da ist es mindestens hohe Zeit. Mittlerweile, als es so finster geworden war, dass man kaum im Zimmer hätte lesen können, als das Zucken der Blitze bereits sichtbar war und der Donner mächtiger rollte, kam der Arzt mit der Frau des Forstwärters in das Zimmer wo ich mich befand und sagte: »Sie müssen sich auf alle Fälle Eis verschaffen, liebe Frau, denn wenn sie die Wunde jetzt nicht mit Eis kühlen, kann ich für nichts stehen. Und zwar so bald als möglich.« »Ja, wo soll ich Eis herkriegen?« sagte die Frau. »Nach Bornemünde sind drei Stunden hin und drei zurück, und im 87 ganzen Dorf ist heut kein Pferd zu haben. Sie sind alle nach der grossen Wiese, eine Stunde von hier und fahren Heu ein.« »Hm, hm!« sagte der Doktor, griff sich mit der Hand in den Bart und grübelte. Da blitzte es plötzlich, dass Alles im Zimmer, auch in den Winkeln, völlig klar zu sehen war, doch ebenso schnell wieder in die Finsterniss zurückschwand. Bald hinterher kam ein knatternder Donner und als der verhallt war, blieb ein seltsames grausiges Rasseln in der Luft zurück, wie wenn mit den jagenden Wolken Schaaren von geharnischten Reitern auf gepanzerten Pferden herannahten. Zwischen diesem harten Geräusch war ein grausiges siedendes Kochen vernehmlich. Und näher kamen die furchtbaren Töne, die Wipfel der Bäume beugten sich, die Blätter flogen und plötzlich rasselte es hernieder, das Getöse des Donners fast übertäubend, von unendlichen Hagelschlossen. Sie donnerten auf das hölzerne Dach des kleinen windfangartigen Vorbaues und trommelten auf die 88 Fensterbleche und tanzten in wilden Sprüngen auf dem Steinpflaster. Wie weisse Strähne hing es vom Himmel und im Nu war der Boden mit glasartigen Körnern bis zu der Grösse von Hasel- oder kleinen Wallnüssen bedeckt und alle Vertiefungen damit angefüllt. Zehn Minuten dauerte wohl dies Phänomen, dann zog es, allmälig schwächer werdend, in die Ferne und nach einer kurzen Weile brach die Sonne wieder hervor und schien auf die nassen glänzenden Blätter, als wäre nichts geschehen. Der Doktor hatte schweigend aus dem Fenster in das Unwetter geblickt und während er nun seine Augen über den Boden schweifen liess, um die Menge des angesammelten Hagels zu schätzen, da verklärten sich plötzlich seine Züge und mit leuchtenden Augen wandte er sich und rief: »Frau Hedemann, kommen Sie doch, nun haben wir Eis so viel wir wollen.« Diese kam eilig aus dem Zimmer, wo sie ihrem Manne während des Unwetters Gesellschaft geleistet hatte, und als nun der 89 Doktor auf die in allen Vertiefungen angesammelten Hagelmassen zeigte und ihr in fliegender Hast auseinandersetzte, was er meinte, da faltete die Frau die Hände und sprach, indess ihr die Thränen über das Gesicht liefen: »Der liebe Gott hat es gesandt. Nun wird mein Mann wieder gesund werden!« Der Doktor rief: »Nun aber frisch an die Arbeit, schicken Sie alle Leute hinaus, die Sie auftreiben können!« Er nahm selber einen Korb, der in der Nähe stand, ich schloss mich ihm sofort an und bald hockten alle Personen, welche im Hause verfügbar waren, draussen und scharrten das köstliche Himmelsgut, welches in Erdvertiefungen und Wagengeleisen mehrere Zoll hoch gelagert war, zusammen. Auf Anordnung des Arztes ward im Keller ein grosser flacher Bottich auf eine Unterlage von Stroh gesetzt und fast bis zum Rande mit dem Hagel angefüllt. Dann hüllte man Alles in Stroh ein, breitete darüber wollene Pferdedecken und durfte so die Hoffnung 90 hegen, den gesammelten Schatz über vierundzwanzig Stunden zu bewahren. Nachdem der Doktor die Frau kurz unterwiesen hatte in dem was zu thun war, verabschiedete er sich. In seinen Augen war ein seltsames Licht und als er auf dem Wagen sass, schweiften seine Blicke wie unwillkürlich über das Himmelsgewölbe, an welchem längst wieder unbewölkte Bläue glänzte. Mit fröhlicher Seele dem wunderbaren Zufalle dieses Ereignisses nachsinnend, wanderte ich weiter durch die abgekühlte Frische des tropfenden Waldes und von solcher Schwungkraft war ich erfasst, dass ich kaum merkte, wie schnell ich vorwärts kam. Von Zeit zu Zeit bückte ich mich, nahm aus den tiefen grasigen Wagenspuren des wenig befahrenen Waldweges eine Hand voll der eisigen Körner und ward nicht müde, deren Grösse und verschiedenartige Bildung zu bewundern. Zwischen dem Orte, von welchem ich kam, und dem kleinen Seebade Dannenhagen lag, wie eine Insel in den Wald 91 eingesprengt, ein kleines Bauerndorf, und als ich dorthin gelangte, fand ich, dass der Hagel auch dort vorüber gezogen war und einen Theil der angebauten Feldfrüchte vollständig verwüstet hatte. Am Wege stand ein alter Bauersmann und schaute auf ein Haferfeld hin, dessen grünendes Wachsthum gänzlich zerschlagen und vernichtet war. Mitleid befiel mich mit dem Alten, dessen Hoffnungen ein schnell vorüberrauschendes Unwetter mit einem Male zerstört hatte, allein als ich näher kam, wandte der Mann sein Gesicht mir zu und ich sah, dass er vergnügt grinste und dass aus seinen Augen die Begierde sich mitzutheilen funkelte. War dies der Acker seines Feindes, und war es teuflische Schadenfreude, die sein Herz so fröhlich stimmte? Ich beschloss dies zu ergründen: »Na, Olling,« sagte ich, »Sei sünd jo so vergnäugt un hebben't gornich nörig!« »Ick freu' mi so äwer den'n ollen Hagel!« sagte er. »Woso?« fragte ich verwundert. 92 »Je«, sagte er, »dei Hawer is jo hen, äwer ick heww em hoch versäkert. Nu bruk ick em nich to meien, ick bruk em nich intoführn, ick bruk em nich to döschen un krieg em doch god betahlt. Un doräwer möt'k mi bannig hägen. Bor Geld lacht, un ick lach mit!« Damit kicherte er so recht von Herzen, und ich schritt weiter, verwunderten Gedanken nachhängend über diesen merkwürdigen Hagelschlag, der überall Segen stiftete. Aber das war noch nicht das Letzte, denn als ich nach fast dreistündiger Wanderung in das kleine Ostseebad Dannenhagen, den Ort meiner Bestimmung gelangte, schien man auch dort dem gefallenen Hagel die höchste Beachtung zu schenken, und als ich am Augusta-Hôtel vorüberschritt, hockten sämmtliche Kellner mit herabhängenden Frackschwänzen und alle Dienstmädchen dieses Gasthofes ringsum im Walde und sammelten in Körbe, Schaalen und Bottiche die kostbaren Körner, als seien sie von Gold. 93 Mein Freund Johannes, der in der Erwartung meiner Ankunft auf der Bank vor der Thüre des kleinen weissen Hauses, in welchem er mit seiner Familie wohnte, gesessen hatte, stand erfreut auf und kam roth und strahlend im Antlitz, wie die untergehende Sonne, mir entgegen. »Heil, heil!« rief er, grosses Glück ist uns widerfahren! In dem ganzen Orte giebt es kein Eis, denn auch dem Gastwirth ist es bei der grossen Hitze schon seit Wochen ausgegangen. Wir hätten unsere Bowle warm trinken müssen barbarischer Weise. Aber was geschieht? Der Himmel legt sich ins Mittel und sendet uns Eis – Eis, so viel wir wollen. Kinder, Frau, Mädchen, Alle sind hinaus gewesen zur Eislese, wir haben eine ganze Wassertonne voll, wir sind glücklich!« Und so geschah es, dass in Folge dieses Hagelschlages in Dannenhagen an diesem Abend eitel Schwelgerei und Wohlleben herrschte, denn zum ersten Male gab es seit Wochen wieder im Augusta-Hôtel 94 Butter, die nicht auf dem Teller umherlief, kühles Bier und kalten Moselwein, und diese Konjunktur liess man nicht unbenutzt. Ja, die Wirthin liess sich sogar durch den allgemeinen Freudentaumel hinreissen, Fruchteis herzustellen und schrieb sich dadurch in die Herzen der Damen mit goldenem Griffel ein. Als ich aber nachher mit der Familie meines Freundes um die gefüllte Bowle sass, deren köstliche Kühle die Trinkgläser mit feinem Thau bereifte, da erzählte ich ihnen das Erlebniss meiner Wanderfahrt und wir Alle stiessen vollen Herzens an auf das Wohl des Mannes, der fieberglühend auf Genesung harrte. Ich darf hier wohl hinzufügen, was ich erst später erfuhr, dass er sie auch gefunden hat und noch manch' Jahrzehnt sich des neugeschenkten Lebens zu erfreuen hofft.     95 Das letzte Geleit. 97 Die Begebenheit, welche ich hier erzählen will, hat sich in Berlin wirklich zugetragen. Eine kleine Gesellschaft von Künstlern und Architekten hatte, durch wechselnde Gespräche vielfach angeregt, weit über die Mitternachtsstunde hinaus in einem kleinen Weinhause beisammen gesessen. Der Angesehenste unter ihnen, ein Baumeister, welchen ich Humbert nennen will, ein Mann von Geist und Empfindung und auf vielerlei Gebieten zu Hause, gehörte zu jener immer seltener werdenden Klasse von Architekten, welche mehr Künstler als Geschäftsleute sind. Die Gabe der Rede stand ihm in hohem Grade zu Gebote, und durch anregende Einfälle wusste er immer wieder das Gespräch zu beleben, sodass schliesslich, 98 als die Gesellschaft aufbrach, die Stunde nicht mehr eine späte, sondern eine frühe zu nennen war. In die heitere und angeregte Stimmung, mit welcher die Freunde in die warme Mainacht hinaustraten, passte sehr wenig der finstere Anblick eines Leichenwagens, welcher, von sechs schwarzgekleideten Trägern begleitet, langsam auf der menschenleeren Strasse dahergerumpelt kam. Verwundert darüber, dass man zu so ungewöhnlicher Stunde Jemanden zu Grabe brachte, und seltsam berührt durch den Gegensatz des eigenen schäumenden Lebens zu der finsteren Feierlichkeit des Todes, standen die jungen Männer eine Weile und liessen das düstere Gefährt herannahen. Humbert redete den einen der Träger an und erfuhr, dass man einen Selbstmörder in dieser stillen Stunde, um Aufsehen zu vermeiden, zu Grabe brächte. Wie so oft in seinem Leben, einem plötzlichen Antriebe auf der Stelle folgend, wandte sich Humbert leise, aber eindringlich fragend an seine Genossen: »Soll dieser 99 Unglückliche seine letzte Fahrt ohne Geleit machen?« Und hingerissen von der Wirkung des Augenblickes, schlossen sich Alle stillschweigend und paarweise dem einsamen Leichenwagen als Gefolge an. Die Träger sahen sich anfangs wohl bedenklich um; doch als sie die feierliche Stille und Gemessenheit dieses unerwarteten und seltsamen Trauergeleites bemerkten liessen sie die jungen Männer gewähren. Es war gerade jener kurze Zeitraum eingetreten, in welchem selbst eine so grosse Stadt, wie Berlin, wirklich zu schlafen scheint und die wenigen Menschen auf den Strassen sich in letzte Nachtschwärmer und erste Frühaufsteher eintheilen, wo nur zuweilen ein einsamer Schritt durch die Strassen hallt. Der kleine Zug ging langsam die Strassen entlang und bog dann zur Seite ab, wo die Bäume eines grossen Parkes ihre düsteren Zweige über die Mauer streckten und sich finster abhoben von dem nächtlichen Himmel, den die leise anbrechende Dämmerung bereits heller färbte. 100 Endlich hielt der Wagen vor dem Kirchhofe; die Träger schroteten den Sarg herab, und während ein Todtengräber mit der Laterne voranging, begab sich der kleine Zug in das finstere Schweigen der Gräber. Hier war es ganz still, und man hörte nur die taktmässigen Schritte der Träger, das sanfte Klirren der Laterne und das leise Knirschen der Sarggriffe. Zuweilen fiel das Licht der Laterne auf ein helles Kreuz oder eine schimmernde Marmor-Figur, die sogleich wieder in den schwarzen Schatten der Cypressen versank. Dann wendete der Zug sich zur Seite, bis an einer abgelegenen Stelle des Kirchhofes das harrende Grab erreicht war. Die Freunde nahmen schweigend um den Hügel der ausgeworfenen Erde ihren Stand, während der Sarg hinabgelassen ward, und schon ergriff der Todtengräber den Spaten, um sein Werk zu beginnen, als er durch eine abwehrende Handbewegung Humbert's unterbrochen ward und das blinkende Pflanzeisen des Todes wieder sinken liess. Als der junge 101 Baumeister seinen Hut abnahm, folgten die Uebrigen seinem Beispiele, und nun sprach er folgende Worte: »Meine lieben Freunde und Genossen! Wir haben hier einem Manne das letzte Geleit gegeben, den wir nicht kennen, und welchen vielleicht Keiner von uns in seinem Leben je gesehen hat. Wir waren nicht zu solchem Zwecke zusammengekommen, sondern hatten uns am gestrigen Abend vereinigt als froh in's Leben schauende Männer, um in heiterer Rede und Gegenrede fröhlicher Geselligkeit zu pflegen. Wir haben uns unterhalten von unseren geringen Thaten und von unseren hochfliegenden Plänen, von kleinen Erfolgen und grossen Hoffnungen. Wir alle sind Männer, die nicht sehnend zurückblicken in den Mondscheindämmer der Vergangenheit, wo die selige Insel der Kindheit liegt, – nein, mit festem Fusse stehen wir im klaren Sonnenlichte der Gegenwart, und frohen Muthes denken wir, die Zukunft uns zu unterwerfen. Wir sind Männer voller Hoffnungen und 102 voller Entwürfe, wir sind erfüllt von ihnen, wie die leuchtenden Obstbäume, welche dieser milde Mai mit schimmernden Blüthen überdeckt hat. In solcher Stimmung und also freudigen Muthes traten wir hinaus, als uns dieser stille Wanderer begegnete auf seiner letzten Fahrt, als eine Mahnung, welche lautet: Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? In tausend Blüthen steht der Apfelbaum, aber wie wenige wird der Herbst als reife Früchte sehen! Ueberfluss der jungen Kräfte Bei des Lebens holdem Drang, Vollgefühl gesunder Säfte Schafft der Jugend Ueberschwang. »Wollt Ihr darnach schon bemessen, Wie die Frucht geräth am Ziel, Ach, so wollet nicht vergessen: Wurm und Sturm vernichten viel! Wir dürfen überzeugt sein, dass einst auch Hoffnungen und Entwürfe das Herz dieses stillen Mannes bewegten. Was sie aber zerstört hat, das wissen wir nicht, ob es ein Wurm war, welcher in seinem Innern nagte, ob der Sturm widriger äusserer 103 Umstände sie hinweggerissen, – wir wissen nur, dass er den Sprung in den gewissen Tod vorgezogen hat einem zweifelhaften Leben voller Qual. Es steht uns nicht an, ihn zu verdammen, denn wir kennen nicht die Grösse der Last, welche ihn erdrückt hat; wir sind nicht berufen, ihn zu richten, denn nur Gott weiss die Stärke seiner Schuld, – aber wohl geziemt es uns, ihn zu bemitleiden, denn was er auch war, das Eine ist sicher: er war ein Unglücklicher. Der Mann stand wohl einsam hier im Leben, denn weder ein Verwandter, noch ein Freund hat ihn auf seiner letzten Fahrt geleitet. Da wir nun, meine lieben Genossen, einem augenblicklichen Antriebe folgend, diese Pflicht übernommen haben, so fordere ich Euch auf, diesem einsamen Todten die letzte Ehre zu erweisen, ihm eine Hand voll Erde nachzuwerfen in sein Grab und mit mir den Wunsch ihm nachzurufen: »Schlafe in Frieden!« Der Todtengräber, welcher, zwischen Verwunderung über dieses ungewöhnliche 104 Ereigniss und zwischen Zweifeln über die Zulässigkeit dieser Handlung schwankend, erst beim Schlusse der kurzen Rede recht zur Besinnung kam, reichte unwillkürlich, dem Triebe der Gewohnheit seines Gewerbes folgend, den gefüllten Spaten dar, und Alle warfen in feierlichem Schweigen drei Hände voll Erde auf den dumpf tönenden Sarg hinab. Dann, dem Beispiele ihres Anführers folgend, standen sie, den Hute vor dem Gesichte, eine Weile lautlos da. Unterdessen war es heller geworden, eine sanfte graue Dämmerung war rings verbreitet, und ein Athemzug des Morgens rauschte durch das junge Frühlingsgrün. Ueber dem Häusermeere der unendlichen Stadt stand das Morgenroth und hatte in dem blassen Himmel einige goldene Wölkchen angezündet; fern vom Felde her klang das Tireliren einer frühzeitigen Lerche, welche aufgestiegen war, um die Sonne als die erste zu begrüssen. Die Freunde bedeckten ihr Haupt, 105 drückten im Vorübergehen Humbert schweigend die Hand und kehrten, ohne viel zu reden, in die Stadt zurück. Bald wurde das Häuflein immer kleiner, denn Einer nach dem Anderen verlor sich mit stillem Grusse in eine Seitenstrasse und wanderte nachdenklich der Gegend zu, wo er zu Hause war.     107 Am See und im Schnee. Eine Weihnachtsgeschichte. 109 I. Am See. Braunsberg und Wildingshagen sind zwei Rittergüter, welche in einer der fruchtbarsten Gegenden von Norddeutschland nicht weit voneinander entfernt liegen. Vor Jahren lebten daselbst zwei Gutsbesitzer von einerlei Gesinnung und Neigung; sie hielten gute Freundschaft miteinander, unterstützten sich gegenseitig mit Rath und That und waren eifrig bemüht, einer dem andern den guten Rothwein auszutrinken, welcher reichlich in den beiderseitigen Kellern lagerte. Dies freundschaftliche Verhältniss schien sich bei den ältesten Söhnen, welche zur Uebernahme der Güter bestimmt waren, fortsetzen zu wollen. Sie besuchten in einer benachbarten Stadt das Gymnasium, durchsassen 110 fast nebeneinander in langsamem Tempo die Klassen und kamen beide glücklich genau an derselben Stelle durch das Abiturientenexamen, nämlich an derjenigen, wo oben durch und unten durch hart aneinander grenzen. Während dieser ganzen Zeit waren sie unzertrennlich gewesen, hatten bei einer kleinen ausgebleichten Kanzleisekretärswittwe zwei Zimmerchen bewohnt, hatten alle Vorräthe, mit welchen ihre vorsorglichen Mütter das städtische Hungerleben zu mildern trachteten, redlich miteinander getheilt und alle ihre dummen Streiche gemeinsam ausgeführt. Sie bezogen demnächst auch dieselbe Universität, um unter dem Vorwande des Studiums der Rechtswissenschaft sich einige Jahre lang von den schrecklichen Strapazen der Abgangsprüfung zu erholen, und hier erlitt der scheinbar so dauerhafte Freundschaftsbund den ersten Riss, indem Peter Maifeld, der einstige Besitzer von Braunsberg, eines guten Abends in die Netze einiger Corpsstudenten ging und am andern 111 Morgen mit schwerem Haupte als ein Fuchs der Borussia erwachte, während Fritz Dieterling, der zukünftige Herr auf Wildingshagen, fast gleichzeitig in die Burschenschaft Germania eintrat. Da sie nun auf diese Art plötzlich gewissermassen zwei verschiedenen Nationen angehörten, deren unabänderliche Stammesgesetze vorschreiben, sich gegenseitig mit gebührender Nichtachtung zu betrachten, so blieb ihnen nichts übrig, als sich zu trennen und sich fortan mit kühler Höflichkeit aus der Ferne zu besehen. Dies hinderte jedoch nicht, dass sie bei Ferienbesuchen in der Heimath, wo sie sich auf neutralem Boden und sozusagen in Civil fühlten, den alten freundschaftlichen Umgang fortsetzten, bei welchen Gelegenheiten sie allerdings häufig über die erhabenen Grundsätze ihrer beiden Völkerschaften in grossen Streit geriethen, ohne dass es einem von ihnen gelingen wollte, den anderen von der Haltlosigkeit und Verwerflichkeit seiner Anschauungen zu überzeugen. 112 Beide verliessen nach drei Jahren die Universität, Peter Maifeld, um bei einem Freunde seines Vaters die Landwirthschaft praktisch zu erlernen, während Fritz Dieterling noch eine Zeitlang auf Reisen ging. Jedoch nach einem halben Jahre schon rief ihn die Nachricht von dem plötzlichen Tode seines Vaters nach Hause, und er war gezwungen, augenblicklich das Gut zu übernehmen und sich mit Beihilfe eines alten tüchtigen Inspektors in die neue Thätigkeit einzuarbeiten. Nach einem Jahre verheirathete er sich mit einer benachbarten Gutsbesitzerstochter von blühender Gesundheit und achtbarem Vermögen, und nicht ganz ein weiteres Jahr später war auch schon ein neuer, ganz kleiner und sehr anspruchsvoller Fritz Dieterling da, so dass derjenige, welcher noch vor dreissig Monaten im Kreise fröhlicher Genossen gesungen hatte: »'s giebt kein schön'res Leben als Studentenleben!« nun bereits die Würde eines Familienvaters bekleidete und mit vollem Rechte das Lied anstimmen konnte: 113 »O, alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden?!« Dies fiel ihm aber gar nicht ein, sondern mit Feuereifer seiner neuen reichen und vielseitigen Thätigkeit sich widmend, lag ihm nichts ferner als jene sentimentale Erinnerung an die sogenannte frische und fröhliche Studentenzeit, welche man vorzugsweise bei jenen findet, die sich nicht weiter entwickeln, sondern, nachdem sie eine Zeit tollen studentischen Uebermuthes wie eine Krankheit, gleich den Masern, überstanden haben, auf alle viere in das Philisterthum zurücksinken, wo von jeher ihre wirkliche Heimath war. Einige Jahre später starb auch der alte Maifeld, und der Sohn trat an seine Stelle. Auch dieser sah sich alsbald unter den Töchtern des Landes um, und dem Bunde, welchen er einging, entsprosste ein Mädchen, welches auf den Namen Helene getauft, aber Hella genannt wurde. Anfangs herrschte unter den beiden Nachbarsfamilien ein so fröhlicher Verkehr, 114 wie er in den Zeiten der Väter nicht lebhafter gewesen war, und die Braunsberger Halbchaise mit den zwei prächtigen Apfelschimmeln hielt ebenso oft mit scharfem Ruck vor dem Wildingshäger Herrenhause an, als die mit zwei schönen Füchsen bespannte Kutsche Fritz Dieterlings vor dem Hause des benachbarten Freundes. Die beiden jungen Landleute tauschten Erfahrungen mit einander aus, die Frauen Sämereien, Bruteier oder Kochrecepte, und wenn in dem Braunsberger Obstgarten die Grafensteiner Aepfel gediehen oder im Wildingshäger die Grand Richards, so hatte man auf beiden Gütern von diesen köstlichen Früchten. Jedoch im Laufe der Zeit stellten sich allerlei Zerwürfnisse heraus, denn es zeigte sich, dass die politischen Ansichten beider Männer vollständig verschieden waren. Während Maifeld einer äusserst conservativen Richtung angehörte, waren Dieterlings Anschauungen von durchaus liberaler Färbung, und da durch das eben vorübergegangene Jahr 1848 dergleichen 115 Spannungen sich sehr verschärft hatten, so konnte es nicht ausbleiben, dass die Gemüther der beiden Freunde, wenn sie bei dem guten Rothwein aus den Kellern ihrer Väter sassen, sich oft bedeutend erhitzten, indem der eine für das Wohl des Vaterlandes gerade das für erspriesslich hielt, was der andere für dessen Ruin und gänzliches Verderben erachtete. Dazu kam noch, dass Dieterling auch in seinem landwirthschaftlichen Berufe als ein Freund des Neuen und des Fortschrittes sich erwies, während Maifeld auch hier dem Alten und von den Vätern Erprobten anhing und nicht verfehlte, jeden missglückten Versuch einer Neuerung mit lustigen Spöttereien und kleinen höhnischen Bemerkungen zu begleiten. So geschah es denn, dass die Kluft zwischen den beiden Freunden sich immer mehr erweiterte, dass sie immer seltener miteinander zusammenkamen und schliesslich eines Tages an einem dritten Orte so heftig aneinander geriethen, dass Dieterling seinen Nachbar für einen 116 bejammernswerthen Idioten erklärte, während dieser ihm einen aufgeblasenen Schwätzer gegenleistete. Das nach diesem Auftritt unvermeidlich scheinende Duell wurde durch die Vermittelung wohlmeinender Freunde glücklich verhindert, allein von dieser Zeit ab war der Bruch entschieden und die Beziehungen zwischen beiden Gütern gänzlich zu Ende. Da nun auf dem Schutthaufen einer gewesenen Freundschaft die Giftpflanzen der Verleumdung und des Hasses bekanntlich am üppigsten gedeihen, so standen diese Gewächse bald in kräftiger Blüthe und sogen aus jedem kleinen Anlass neue Nahrung und herrliches Wachsthum. Die Erbitterung der beiden Männer nahm solche Ausdehnung an, dass der Name des Gegners überhaupt nicht mehr genannt wurde, und war man gezwungen, die feindliche Familie zu erwähnen, so hiess es einfach »die da«, indem man mit dem Daumen in verächtlicher Weise die Himmelsrichtung andeutete, in welcher das gegnerische Gut gelegen war. Alles 117 Nachtheilige und Dumme, was gute Freunde und getreue Nachbarn von »denen da« bereitwilligst verbreiteten und herumtrugen, ward mit verächtlichem Achselzucken und einer Miene hingenommen, welche ausdrücken sollte, dass lächerliche Abgeschmacktheit eben dasjenige sei, welches man von der gegnerischen Seite als natürliche Lebensäusserung erwarte und voraussetze. Da nun zufälligerweise beide Güter den natürlichen Abfluss ihrer Producte nach zwei verschiedenen Städten hatten, so geschah es auch, da die feindlichen Familien sich nicht mehr suchten und es unmöglich war, sie in der Gegend zusammen einzuladen, dass beide niemals miteinander zusammentrafen und sogar die Männer jahrelang einander nicht ansichtig wurden. Die ältesten Kinder Fritz und Hella, in so jugendlichem Alter voneinander getrennt, hatten sich ebenfalls niemals wieder erblickt, sondern nur voneinander gehört, wodurch sie unter den vorhin erwähnten Umständen zu keinen sehr 118 anmuthigen Begriffen gelangen konnten. Als beide fast erwachsen waren, stellte sich das junge Mädchen unter dem Nachbarssohne ein Geschöpf vor, das man vielleicht zart mit »wüster, unwissender Tagedieb« bezeichnen könnte, während dieser von seiner jungen Nachbarin eine Vorstellung hatte, welche durch den Ausdruck »alberne Zierpuppe« nur schüchtern und mit aller Rücksicht, welche man dem weiblichen Geschlechte schuldig ist, wiedergegeben werden kann. Fast zehn Jahre hatte der Zwist der beiden Familien gedauert, die »alberne Zierpuppe« war blühend und frisch und ziemlich unangekränkelt von der sogenannten modernen Bildung aus der städtischen Pension zurückgekehrt, wo es ihr als einem Mädchen von gesundem Geist und Körper niemals besonders behagt hatte, und der »wüste, unwissende Tagedieb« war mit seinem Militärdienstjahr schon seit einiger Zeit zu Ende, da brach der deutsch-französische Krieg aus. Der junge Fritz 119 Dieterling ward natürlich eingezogen und ging als Unteroffizier mit gegen Frankreich. An der Schlacht bei Wörth und an dem gewaltigen Marsche auf Sedan und dessen Einschliessung betheiligt, begünstigte ihn das Glück, so dass er sowohl von Verwundung als Krankheit verschont blieb, sich das Eiserne Kreuz erwarb und trotz aller Strapazen des Kriegslebens blühend und kräftig vor Paris anlangte. Gegen Ende der langwierigen Einschliessung und Belagerung dieser ungeheuren Festung erhielt er jedoch bei einem der vielen Ausfälle der französischen Besatzung einen Schuss in den linken Arm, zeichnete sich jedoch bei dieser Gelegenheit durch Muth und Umsicht so ungemein aus, dass ihm das Eiserne Kreuz erster Classe zugesprochen war. Seine Verwundung war jedoch so complicirter Natur, dass die Heilung einen sehr langwierigen Verlauf nahm und er allmählich von Lazareth zu Lazareth in die Heimath zurückbefördert ward, bis man ihn zum Zwecke seine gänzliche 120 Genesung abzuwarten in die Heimath entliess. Herrn Peter Maifeld passte die kriegerische Auszeichnung des jungen Dieterling sehr wenig in sein System, insonderheit verdross es ihn, dass der Sohn seines Feindes sich also hervorgethan hatte, dass man ihn des höchsten Ehrenzeichens, das seinem Stande zugänglich war, für würdig hielt. Zu Anfang murmelte er etwas von unverdientem Glück, oder wie er sich auszudrücken liebte, »unverschämtem Torkel«, aber damit half er sich nicht über die Sache hinweg, denn im Grunde that dieser Vorfall seinem altpreussischen Patriotenherzen doch zu wohl. Durch diese verhältnissmässig so seltene Auszeichnung fühlte sich der ganze Kreis geehrt, und überall hörte man mit Behagen und Anerkennung von dem jungen Manne sprechen. Das war nun einmal nicht zu ändern, Muth und soldatische Tüchtigkeit musste der vermeintliche Tagedieb doch besitzen, und das sind immerhin Eigenschaften von 121 allerhöchstem Werth, zumal im Kriege. Ueberhaupt fühlte er zu seiner Verwunderung, und fast mit Beschämung, dass er über seine politischen Gegner lange nicht mehr so schroffe Ansichten hegte als früher, und dies war ihm fatal, denn er glaubte darin bei sich einen Mangel an Consequenz zu erkennen. Ach, er wusste nicht, dass die sogenannte Consequenz in politischen Dingen oftmals nur auf dem Mangel an Fähigkeit oder Neigung beruht, seine Irrthümer einzusehen, und dann nur von Philistern und Thoren für eine Tugend gehalten wird. Die kleinen inneren Reibungen, welche in ruhigeren Zeiten die Gemüther bewegen und zum Kampfe reizen, hatten an Wichtigkeit verloren, da sich in gewaltigem blutigen Ringen Völkerschicksale entschieden. Gleichviel welcher politischen Richtung die Männer angehörten, ihre Söhne oder Verwandten standen gemeinsam auf dem Schlachtfelde für dieselbe grosse Sache, und wenn sie fielen, mischte sich das Blut des einen mit dem des andern. 122 Um diese Zeit geschah es, dass an einem wunderschönen Tage des beginnenden Herbstes Hella ihren Pony satteln liess, um einen Spazierritt zu unternehmen. Eine klare, sonnige Luft war rings verbreitet, stärkend wie Wein, und aus den dampfenden Morgennebeln war ein goldener Tag emporgestiegen. Es war als hätte die blaue wolkenlose Glocke des Himmels sich unendlich erweitert und die Welt sich vergrössert, denn vieles an den dämmernden Höhenzügen des Horizontes, das sonst in blauem Dunst oder matten Schleiern verhüllt lag, that sich in bestimmten Linien und zarten Umrissen hervor, und an dem Wahrzeichen der Gegend, der Kirche von Borna, welche viele Meilen weit sichtbar auf dem langgestreckten Höhenzuge sich zeigte, der den Lauf der Elbe begleitet, konnte man heute alle Fenster zählen. Der Trieb in die Ferne, der solchen Tagen eigen ist, die erfüllt sind von den Lockrufen wandernder Vögel und den silbernen Fäden des fliegenden Sommers, hatte auch 123 Hella ergriffen, und am liebsten wäre sie hinausgeritten in die weite Welt, die heute so sauber und glänzend erschien, so recht wie ein Schauplatz für lauter zierliche und anmuthige Abenteuer. Sie dehnte deshalb ihren Ritt heute weiter aus als gewöhnlich, bis sie an die Grenze gelangte, wo an dem Walde des feindlichen Nachbargutes entlang ein wenig befahrener Feldweg lief. Dort liess sie ihr Pferdchen im Schritt gehen, und als sie, den Blick auf den herbstlich gefärbten Wald gerichtet, dort entlang zog, wurden allerlei Erinnerungen an längst entschwundene Zeiten in ihr wach. In früheren Tagen, als die Familien noch viel miteinander verkehrten, war man öfters auf halbem Wege in diesem Walde zusammengekommen. Das Gehölz umschloss einen kleinen See, an dessen Ufern unter dem Schutze einer alten mächtigen Eiche einige Rasenbänke sich befanden und eine regendichte Mooshütte errichtet war, die bei ungünstiger Witterung einen Unterschlupf bot. Dort hatten die beiden 124 Familien mit anderen Freunden aus der Umgegend so manches kleine Sommerfest miteinander gefeiert, und oftmals war von dort aus das Klingen der Gläser, fröhliches Gelächter und lustiger Gesang durch den Wald geschallt. Aus ihrer frühen Kindheit erinnerte sich Hella so mancher dieser Zusammenkünfte, und besonders die letzte dieser Art, welche überhaupt stattfand, war ihr treu im Gedächtniss geblieben. Man hatte an einem wunderschönen Herbsttage dort am See den Geburtstag der Frau Dieterling gefeiert, und Hella erinnerte sich noch sehr wohl ihrer Verwunderung, als sie alle jungen Fichten der Umgegend mit leuchtenden Georginen und Sonnenblumen geschmückt fand, denn im ersten Augenblick hatte sie gedacht, diese Nadelhölzer hätten solchen farbigen Zierath aus eignem Vermögen hervorgebracht. Fürchterlich war es gewesen, und sie hatte sich sehr die Ohren zugehalten, als Fritz Dieterling zu Ehren des Tages aus einer grossen Messingkanone das Echo angeböllert hatte, 125 aber nachher hatte sie selbst über den See hinweggerufen: »Hella!« Da hatten ihr zarte Stimmen geantwortet, schnell hintereinander weg und immer ferner, wohl viermal, und sie hatte fest geglaubt, dort in dem grünen Dämmer des Seeufers müssten noch andere kleine Mädchen sein, und sie wollte sie holen, um mit ihnen zu spielen. Fritz Dieterling aber hatte überlegen gelächelt und gesagt: »Das ist ja man bloss das Echo, und wenn du spielen willst, dann musst du mit mir spielen. Komm mit, ich weiss was. Was Schönes.« Dann waren sie zusammen in den Wald gegangen, so weit fort, bis sie nichts mehr von der Gesellschaft hören konnten und es ganz einsam und still war, so dass sie nur das Rascheln der Füsse im Laube hörten und den seltsamen Schrei eines Vogels über den Wipfeln. Sie hatte gefragt: »Was schreit da so?« Da hatte Fritz geantwortet: »Das ist der Kückewieh!« Als ihr nun bange wurde in der Einsamkeit und weil ihr der Name des Vogels, der so 126 seltsam schrie, graulich vorkam, da hatte Fritz gesagt: »Der Kückewieh thut dir nichts, der frisst man bloss Kücken und Gössel, und nun kommt's auch gleich, das Schöne!« Dann hatte sie alle Angst verloren, denn sie waren an einem Orte angelangt, wo eine Menge von mächtig grossen Nussbüschen ihre Zweige ausbreiteten und theilweise ihren Reichthum an braunen Früchten schon auf das Laub des Bodens gestreut hatten. Nur zuerst hatte sie sich wieder ein wenig erschrocken über den hässlichen, schnarrenden Ruf eines anderen Vogels, der mit lautem Schelten und hörbarem Flügelschlag durch die Zweige entfloh, aber Fritz hatte wieder sehr beruhigend gesagt: »Das ist man bloss der Holtschraag, der mag auch gern Nüsse, und sieh mal, da läuft auch ein Katzeicher den Baum in die Höh', der ist auch hier bei gewesen.« Dem braven Fritz waren meistens nur die plattdeutschen Namen der Thiere bekannt, doch zuweilen, wo es sich seiner 127 Ansicht nach gut machen liess, wie hier beim Katteker, versuchte er eine Uebersetzung ins Hochdeutsche. Nun hatten sie Nüsse gesammelt ganze Taschen voll, bis sie dessen müde waren. Wenn unten nicht mehr genug lagen, war Fritz wie ein »Katzeicher« hineingeklettert in die stattlichen Büsche und hatte geschüttelt und sie hatte gejauchzt, wenn die glatten braunen Früchte, die schon lose in ihren Hülsen sassen, auf das welke Laub herniederprasselten. Zum Schluss hatte er dann zwei stattliche schlanke Ruthen geschnitten, an der ihren war ein grüner Busch als Zierde geblieben, an der seinen, die einen Wurfspiess darstellen sollte, war dieser beseitigt, und so zogen sie weiter, indess Fritz mit seiner neuen Waffe unterwegs allerlei ungewöhnlich bösartige wilde Thiere seiner Einbildung erlegte und so fortwährend den Weg von schrecklichen Gefahren reinigte. In diesem Gehölze, das nicht gerade nach strengen Gesetzen der Forstwirthschaft behandelt wurde, darum aber desto 128 lieblicher und voller Abwechselung war, befanden sich auch eine Anzahl von stattlichen wilden Obstbäumen, und als sie nun an einen solchen gelangten, der eine Fülle gelblicher Holzbirnen in das Gras zu seinen Füssen gestreut hatte, da erschien Hella dieser Ort mit seinen mannigfachen Gaben fast wie ein Märchenwald, und obwohl diese Früchte herbe waren, dass sie den Mund zusammenzogen, so verlieh ihnen doch ein seltsamer Reiz der Neuheit etwas ganz Besonderes. Danach gelangten sie in eine kleine Lichtung, wo auf einem durch Holzhauer von Graswuchs befreiten Flecke eine Anzahl von über mannshohen Königskerzen aufgeschossen waren. Aus den Gebüschen am Waldesrande leuchteten die Hagebutten, einige Herbstschmetterlinge gaukelten lautlos umher, und überall hatten die Kreuzspinnen mächtige Netze gewebt, in deren Mitte sie auf die glänzenden Fliegen lauerten, welche die Luft durchsummten. Hier war es so einsam und weltverloren, dass Hella wieder die 129 Bangigkeit überkam. »Nun haben wir uns gewiss verirrt!« sagte sie. »Verirrt?« sagte Fritz sehr wegwerfend, »in diesem Holz kann ich mich gar nicht verirren, das weiss ich auswendig. Dies ist doch man bloss der Seebusch. Denk mal, wenn's der Urwald wär' mit allerhand Tigern und Riesenschlangen drin! Na, die sind hier ja nicht, aber Addern giebt's hier, und beim See 'rum auch Snaken. Snaken die thun nichts, aber die Addern stechen, die sind giftig. Vorig Jahr hat der Jäger eine todtgeschlagen, ich hab' sie gesehen, sie haben so'n Zickzack auf'm Rücken.« Hu, wie gruselig war das wieder! Hella drängte sich dichter an Fritz und bat ihn umzukehren. »Meinswegen,« sagte dieser, »aber vor den Addern brauchst du keine Bange zu haben. Unser Rademacher sagt, eine frisch geschnittene Haselruthe ist das beste Mittel gegen die Addern, na, und die haben wir ja.« Damit fasste er seinen Wurfspiess am dicken Ende und liess 130 ihn wie eine Reitpeitsche durch die Luft pfeifen. Sie wendeten sich um und gingen in der Lichtung zurück. Auf den dichten Gebüschen des Waldrandes von wilden Rosen, Schlehdorn und jungem Buchengestrüpp lag der Sonnenbrand und brütete würzigen Duft aus, und als sie dort entlang streiften, ward in dem halbtrockenen Grase zu ihren Füssen ein leichtes Rascheln bemerklich, das sich träge auf das Gebüsch zu entfernte. Fritz hatte schnell seine Ruthe erfasst, und indem er Hella mit der andern Hand zurückschob, sprang er schnell zu und schlug plötzlich auf einen Ort im Grase los. Der tückische Kopf einer Kreuzotter schoss an jener Stelle zischend empor und wüthend schnappte das giftige Gewürm in die Luft, bis ein zweiter, besser gezielter Schlag ihm den Garaus machte. Fritz sah ganz blass aus vor Aufregung, obwohl er sich nichts merken lassen wollte. »Das war 'ne Adder!« sagte er, »die hat genug!« 131 Dies war ein wunderbares, schreckliches und furchtbares Abenteuer für Hella, sie sah mit Bewunderung auf Fritz und mit Grauen auf das erlegte Giftgewürm, das noch mit ein wenig verglimmendem Leben erfüllt, ohnmächtig zuweilen die Schwanzspitze regte. Als ein kleiner Held war er ihr damals erschienen, so eine Art Drachentödter, von denen man in Märchenbüchern liest. Fritz hatte wie jeder ordentliche Junge vom Lande ein tüchtiges Ende Bindfaden bei sich, nebst unzähligen anderen brauchbaren und unbrauchbaren Gegenständen, welche seinen Hosentaschen für gewöhnlich das Ansehen zweier knolliger Geschwülste gaben. Er machte eine Schlinge, fing den Kopf der Kreuzotter darin ein und schleifte den glatten Wurm hinter sich her, indem er von Zeit zu Zeit einen befriedigten Blick nach ihm zurücksendete und der etwas verängstigten Hella mit erhabenen Worten Trost einsprach. Diese trippelte neben ihm her in einem Gemisch 132 von Bewunderung und Grauen und getheilt zwischen den unvereinbaren Bestrebungen, dem greulichen Thiere möglichst fern und dabei doch ihrem schützenden Begleiter möglichst nahe zu bleiben. Darum war sie ungemein froh, als sie endlich die Gesellschaft wieder erreicht hatten, woselbst man dem braven Drachentödter einerseits hohes Lob spendete und anderseits an der gruseligen Frage: wie es hätte kommen können, wenn? . . . . ein herrliches und ausdauerndes Gesprächsthema fand. Diese Kreuzotter musste aber wohl die letzte ihres Stammes gewesen sein, denn seit jener Zeit hatte man in der ganzen Gegend nicht mehr von so verdriesslichem Gewürm gehört. Unter solchen Gedanken war Hella langsam an dem Rande des Waldes entlang geritten und kam nun an eine Stelle, die stets eine ganz besondere Lockung auf sie ausgeübt hatte. Seit das Zerwürfniss zwischen den beiden Familien ausgebrochen war, bestand ein Verbot ihres Vaters, den 133 Wald des feindlichen Gutes jemals zu betreten, und das war ihr an diesem anziehenden Fleck immer besonders grausam und hart erschienen. Die ragenden Stämme, welche den grössten Theil des Forstes bildeten, traten dort zurück und umgaben in weitem Bogen eine von niederem Buschholz, blumigen Grasflächen und einzelnen grösseren Bäumen erfüllte Lichtung. Unter den letzteren that sich eine mächtige alte Eiche hervor, welche in der Mitte dieses Platzes gleichsam als der König des übrigen Pflanzenwuchses sich darstellte. In der Umgegend hiess diese Gegend »der Vogelsang«, und zwar mit Recht, denn solche Orte lieben unsere Singvögel, und in jedem Frühling war hier ein fast betäubendes Flöthen und Musiziren. Auch schien es Hella immer, dass nirgendwo so herrliche Waldblumen zu finden seien als hier, und im Sommer, wenn ein betäubender Duft von Jelängerjelieber dort wehte, hatte sie als Kind oft sehnsüchtig hinübergeblickt nach den üppigen Himbeergebüschen und 134 den mit blaubereiften Früchten bedeckten Rankenhügeln der Brombeeren. Auch heute, wo der Gesang der Vögel bereits verstummt war und statt der leuchtenden Blumen nur eine verschiedenartige Färbung des Laubes und das glänzende Roth der Vogelbeeren oder das schimmernde Schwarzblau der Schlehen vorhanden war, übte dieser Ort den alten Zauber auf sie aus. In dem stillen Sonnenschein, der in der geschützten Bucht warm brütete, flogen behaglich die bunten Herbstschmetterlinge, ein Zug zwitschernder Meisen ging von Baum zu Baum, an die feinsten Zweige sich anhäkelnd, in der Ferne hob ein Reh lauschend den Kopf und schritt zögernd und scheinbar widerwillig dem Hochwalde zu; alle schienen gern zu verweilen an diesem freundlichen Ort. Hella war heute unternehmungslustiger als sonst, sie warf den Kopf auf, als wollte sie sagen: »Ei, warum denn nicht?« Einen Augenblick später war sie vom Pferde, 135 band den Pony am Waldrande an einen Ast und schickte sich an, den Wunsch ihrer Kindheit zu erfüllen, in das verbotene Paradies einzudringen. Als sie zwischen dem Buschwerk durch das hohe Gras dahinging und dazu unternehmungslustig die kleine Reitpeitsche schwenkte, schrak sie doch plötzlich zusammen über den hässlichen, schnarrenden Ruf eines Hähers, der wahrscheinlich in den Nussbüschen eine Nachlese gehalten hatte und nun entfloh. Aber gleich lächelte sie wieder: »Das ist man bloss der Holtschraag,« dachte sie mit denselben Worten, die damals Fritz gebraucht hatte. Ob er wohl noch jetzt immer »man bloss« sagte? Und wie er überhaupt wohl jetzt aussah? Als Kind hatte er ein hübsches, gesundes Aussehen gehabt, aber so viele Sommersprossen, dass sein Gesicht anzusehen war wie das gesprenkelte Ei eines Wasserhuhns. Hella schritt weiter durch das windstille, sonnige Schweigen, nur das Laub raschelte zu ihren Füssen und die Gräser, welche ihr 136 Kleid streifte. Sie kam an die alte Eiche, welche noch stolz und grün emporragte und eine Unzahl von ihren Früchten in das Gras gestreut hatte. Ein Eichhörnchen rannte in komischen Sprüngen davon und sprang in hastigen Sätzen an der rauhen Borke des mächtigen Stammes in die Höhe. »Katzeicher,« dachte Hella unwillkürlich und lächelte. Hinter der Eiche senkte sich der Grund zu einem kleinen Erlenbruch, und diesen kleinen Abhang hinab hatte sich ein ungeheurer Strauch von wilden Rosen gelagert. Aber die zarte Pracht seiner unzähligen blassrothen Blüthen war längst entschwunden und hatte einer Unmenge von nützlichen Hagebutten Platz gemacht, die gleich Korallen leuchteten. So gelangte Hella endlich an das Ende der Lichtung, wo die glatten Stämme schimmernder Buchen emporstanden. Es verlockte sie, zu dem kleinen See vorzudringen, um zu sehen, ob die Mooshütte wohl noch stände, und den Platz wieder zu betrachten, an welchem so freundliche 137 Kindheitserinnerungen hafteten. In diesen gewaltigen Buchenhallen war es noch stiller als in der Lichtung. Die einfallenden Sonnenlichter hoben die aus dem welken Laube aufgetauchten Fliegenpilze in leuchtendem Scharlach hervor, und hier und da standen ganze Gesellschaften anderer Pilze, braun oder golden oder auch weiss, glänzend wie Porzellan. In der Höhe löste sich zuweilen ein reifes welkes Blatt; man wusste nicht warum, bei der allgemeinen Stille der Luft. Vielleicht weil ein Sonnenstrahl es traf, oder eine Mücke vorübersummte. Dann flatterte es langsam herab, leuchtete noch einmal auf in einem Sonnenstreif, verblasste wieder im Dämmer und legte sich lautlos zu den übrigen. Die Füsse Hellas rauschten dahin über diese weiche Decke, welche von vielen Herbsten dort aufgespeichert war, zuweilen schrie ein Specht, zuweilen tönte das feine »Sit, sit« eines Baumläufers, zuweilen schlüpfte eine rothbraune Waldmaus mit leisem Rascheln in das schützende Loch, dazwischen war immer wieder das 138 träumerische Schweigen eines schönen, windstillen Herbsttages. Düstere Fichten lösten dann das auf schimmernden Säulen emporragende Hallendach des Buchenwaldes ab. Dahinter tönte plötzlich ein anhaltendes Rufen von wilden Enten; dort musste der See sich befinden. Der grasbewachsene Weg, auf welchem Hella jetzt leise dahinschritt, machte eine Biegung, und nun lag in Glanz und Schimmer plötzlich das freundliche Gewässer vor ihr. Sie trat näher zum Ufer, da standen mit lautem Klatschen hinter einer kleinen Rohrbreite eine Anzahl von Enten auf, um zu einer entfernten Stelle des Sees zu flüchten; sie hörte genau das taktmässige Pfeifen ihrer schweren, aber schnellen Flügelschläge. Zwei scheue Reiher schwankten in der Ferne auf mächtigen grauen Schwingen um eine bewaldete Landzunge, und ein Kragentaucher war plötzlich von der Wasserfläche verschwunden, um nach einer langen Weile an einer weit entlegenen Stelle wie durch Zauber wieder da zu sein. Die Wellenringe des 139 aufgestörten Wassers schwangen sich in die Weite, allmählich verschwimmend, und bald wieder war der See so glatt wie Glas und schien einzig darauf bedacht, seine buchtigen, in allen Farben des Herbstes schimmernden Waldufer so genau wie möglich abzuspiegeln. Die Mooshütte war noch da, aber vernachlässigt und verfallen, doch von den Rasenbänken sah man nur verschwommene Ueberreste, überwuchert von hohem Gras und jungem Buschwerk. Es schien, als sei dieser Platz seit Hellas Kinderzeit niemals wieder benutzt worden und in Vergessenheit gerathen. Das junge Mädchen ging an den hohen Ufervorsprung, zögerte ein wenig und sah sich um, rief dann aber muthig ihren Namen über den See hinaus: »Hella!« – Sie erschrak doch ein wenig, als ihre Stimme die Einsamkeit durchbrach und von den Waldbuchten her einige Male klar und deutlich der Ruf zurückkam. Dann lächelte sie aber gleich wieder: »Es ist man bloss das Echo.« – Sie dachte jetzt 140 an die Rückkehr und schlug eine andere Richtung ein, um auf einem neuen Wege den »Vogelsang« wieder zu gewinnen. Als sie deshalb zu einem Wiesenstreifen am Ufer des Sees hinabstieg und dort entlang ging, ward sie durch ein plötzliches Rascheln erschreckt, und zugleich erblickte sie eine grosse Ringelnatter, welche an ihr vorbei sich eilig durch das Gras wand und dem mit Weiden vermischten Uferschilfe zustrebte. Nun ward es ihr höchst unbehaglich in dieser Gegend, denn obwohl hier jetzt keine giftigen Schlangen mehr vorkommen sollten, wie sie das den alten Forstmeister und Freund ihres Vaters vielfach hatte versichern hören, so waren ihr doch diese unheimlichen Thiere auch ohne Giftzahn immer sehr verdächtig und unangenehm. Sie erinnerte sich zwar auch an Fritzens Ausspruch von den Snaken, welche am Seeufer vorkämen und unschädlich wären, allein besser erschien es ihr doch, diese Gesellschaft zu meiden. Da nun gerade eine Art von Fusssteig auf die Höhe 141 des Uferabhanges zu führen schien, so eilte sie dort hinauf und streifte hastig durch Hasel- und Dorngesträuch dahin. Aber mit dem Wege war es nur Schein gewesen, bald musste sie sich mühsam durch die Büsche winden, dornige Zweige griffen nach ihrem Kleide und hielten sie auf und dann, als sie endlich von einem alten Baumstumpf aus mit einem kleinen Sprunge das Freie gewinnen wollte, gab das morsche Holz nach, sie glitt aus, erreichte zwar noch eben das gewünschte Ziel, blieb jedoch mit der Schleppe ihres Reitkleides oben an den Dornen hängen, so dass sie dicht an den Busch gedrängt vollständig gefesselt dastand. Ohne sich den Anzug vollständig zu zerreissen, wusste sie sich nun kaum zu helfen, denn die Wendung, welche sie machen musste, um ihre Fesseln zu lösen, spannte das Kleid nur immer noch fester an. Hella stand eine Weile und überlegte, während ihr Herz klopfte, dass sie es zu hören meinte. Dazu kam der unangenehme 142 und aufregende Gedanke an die Schlangen, von welchen sie annahm, dass sie in solchen alten vermorschten Baumstumpfen, wie der in ihrer unmittelbaren Nähe, mit ganz besonderer Vorliebe nisteten. Sie stand eine Weile und überlegte. Es gab ein Mittel, loszukommen, und zwar eins, das wenig Schwierigkeit machte. Wenn sie herausschlüpfte aus ihrem Reitkleide wie eine Nuss aus der Hülse, dann gewann sie Freiheit der Bewegung und konnte die zurückgelassene Kleidung mit Leichtigkeit aus den Dornen lösen. »Wenn aber in diesem Augenblicke Jemand darüber zukäme, ein Jäger oder Holzsammler oder gar ein Mitglied der feindlichen Familie! Sie schauderte bei diesem Gedanken. Aber was sollte sie machen? Entweder mit kräftigem Rucke sich losreissen und ihr halbes Kleid in den Dornen lassen, oder jenen einfachen Weg ergreifen; anderes gab es nicht. Sie durchspähte den Wald nach allen Richtungen, wandte sich dann und liess ihre Blicke am Seeufer entlang gleiten: alles war einsam 143 und durchwebt vom stillen Sonnenschein. Sie presste die Lippen in raschem Entschluss auf einander, ihr Herz begann schneller zu pochen, und mit scheuer Hand fing sie an, die Knöpfe des Reitkleides zu lösen. Aber nicht weit war sie damit gelangt, als mit klatschendem Flügelschlag die Enten an einer anderen Stelle des Sees aufstanden, und sie, über dies Geräusch erschreckt, zusammenfuhr und innehielt. Sie blickte sich ängstlich um. Da am Ufer des Sees in der Ferne über dem Buschwerk war ein Kopf aufgetaucht, ein männlicher Kopf mit einem verblichenem Jägerhut bedeckt, und gleich darauf trat dort eine jugendliche Gestalt hervor, welche mit einem verschossenen Jägeranzug bekleidet, langsam das Ufer entlang schlenderte. Hella ward in schneller Reihenfolge dunkelroth und leichenblass, hastete mit verwirrten Fingern, die Knöpfe wieder zu schliessen und spähte dann, von leichtem Laubwerk und dem Schatten des Waldes verborgen, auf den nahenden Wanderer 144 hin. Es war ein Jäger, das sagte ihr die Kleidung, und wahrscheinlich oder sicher ein Angestellter des feindlichen Gutes, der den Forst besichtigte. Waffen und Tasche trug er nicht, nur einen einfachen Stock, mit welchem er zuweilen einige kunstvolle Lufthiebe ausführte oder eine verspätete Distel köpfte. Der Jäger musste auf seinem Wege nahe an dem Fusse des Abhanges vorüberkommen, und nun galt es zu entscheiden, was zu thun war. Sollte sie sich verborgen halten, bis er vorüber war, oder ihn anrufen, dass er ihr zu Hülfe käme? Um darüber klar zu werden, musste sie erst sein Gesicht genauer sehen, ob es Vertrauen erweckte. Zwar wurde dann ihr komisches Abenteuer der feindlichen Familie bekannt, und es gab für »die da« etwas zu lachen, allein was machte das, wenn man es nicht hörte? Der junge Mann kam näher, und Hella musste sich sagen, dass er sehr vertrauenerweckend aussähe. Er hatte ein angenehmes und gutes Gesicht und blickte frei und treuherzig aus seinen 145 dunklen Augen; dieser Jäger glich nicht dem bösen Kaspar aus dem Freischütz, sondern dem guten Max. Nur dass er nicht ganz so wabbelig erschien wie dieser. Sie hatte das Gefühl, hier dürfe sie etwas wagen, und als der junge Mann ganz nahe war, wappnete sie sich mit dem ganzen Stolze ihres Mädchenthums und mit der Würde und Hoheit, welche der Tochter eines Gutsbesitzers zukommen, und rief: »Sie, Jäger! Kommen Sie hier mal schnell herauf und helfen Sie mir.« Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass der junge Mann ziemlich verblüfft ausgesehen hat, als er aus dem schweigenden Walde heraus und mitten in der vermeintlichen Einsamkeit also angeredet wurde, allein er verlor keine Zeit, sondern folgte auf der Stelle diesem Rufe. Man muss ihm ferner das Zeugniss geben, dass er nicht lachte, als er sah, welch ein lieblicher Vogel sich dort gefangen hatte, sondern eine würdevolle Theilnahme bewies, wie es sich ziemt, wenn ein Mitmensch also in 146 Noth gerathen ist. Mit kritischem Scharfblick übersah er sofort die Lage, zog ein schönes festes und scharfes Taschenmesser hervor, klappte es auf und sagte: »Es ist man bloss . . . es ist nur dieser eine Dornbusch hier – das wollen wir gleich haben.« Damit setzte er das Messer an und schnitt mit einem kräftigen Zuge den Stamm des Weissdornes durch, so dass Hella auf der Stelle befreit war. Mit den ersten Worten, welche der Jäger sprach, war mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges eine Reihe von Gedanken durch Hellas Köpfchen gefahren, und als sie nun ein wenig rosig angeblümt mit gesenkten Augenlidern dastand und die Schleppe ihres Kleides von den eingedrungenen spitzen Haken des Dornbusches befreite, da ward es ihr zur Gewissheit, was sie dachte. Er hatte »man bloss« gesagt. Er hatte bei seinen Dienstleistungen den linken Arm, der mit dem Daumen in den zugeknöpften Rock eingehakt war, gar nicht benutzt, sondern das Messer sehr geschickt ausschliesslich mit 147 der Rechten geöffnet. Und wie gut und hübsch und heldenhaft er aussah, trotz der Sommersprossen, welche sich über seinen Nasenrücken zogen! Sie hatte nun den Dornbusch aus den Falten des Kleides gelöst und warf ihn achtlos bei Seite, denn sie wusste ja noch nicht, dass ihr Geschick an diesem grünen Zweige hing. Dann hob sie das Haupt und sah freimüthig den Jäger an: »Sie sind Herr Fritz Dieterling!« sagte sie. »Und Sie Fräulein Helene Maifeld,« war seine Antwort. »Ich danke Ihnen,« fuhr sie fort und hielt ihm die Hand hin. Der junge Mann drückte diese sanft und sagte: »O, es hat mir viel Vergnügen gemacht.« – Hella lächelte unwillkürlich und flüchtig. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen!« sagte sie dann. – »An diesem See war es zuletzt,« erwiderte Fritz, »ich dachte eben daran, als ich dort unten entlang ging.« – »Wie seltsam,« sagte Hella. »das liegt wohl in der Luft, mir ging es vorhin gerade so.« 148 Dann seufzte sie ganz leicht, denn es ging ihr durch den Sinn, wie sich die Zeiten so böse verändert hatten. »Damals waren schöne Tage!« sagte sie. – »Die giebt es heute auch noch,« sprach Fritz rasch, und Hella schlug die Augen nieder vor seinem Blick. Dann wandte sie wie suchend und ungewiss den Kopf nach der Richtung, in welcher sie gekommen war. »Rustan wartet,« sagte sie dann, und wandte sich zum Gehen. – »Wie, Rustan lebt auch noch?« fragte Fritz rasch, »der muss doch schon uralt sein.« »Es ist sein Nachfolger,« sagte Hella, »er ist am Vogelsang angebunden und wartet auf mich.« Damit machte sie eine vornehme kleine Verbeugung und wollte davon, aber Fritz war alsbald an ihrer Seite. »Sie könnten sich verirren,« sagte er, »oder noch einmal . . . .« hier schwenkte er seinen Stock über die Dornbüsche hin . . . . »wenn es auch nur der Seebusch ist, es ist ein biesteriges Holz.« – Sie schritten eine 149 Weile schweigend neben einander hin durch den herbstlichen Wald, ein frühlingsfrisches, junges und blühendes Paar. Sie schienen für einander bestimmt zu sein, und doch hatte menschliche Thorheit eine starre Mauer von Hass und Vorurtheil zwischen ihnen errichtet. Aber holde Wünsche und zartes Sehnen sind leichte Schmetterlinge, welche solche Mauer gar leicht überfliegen, Dann sprachen sie allerlei von der Zeit ihrer Kindheit, harmlose Dinge von Pflaumen- und Apfelbäumen, Lieblingsthieren und allerlei gemeinsamen kleineren Erlebnissen. Es war, als flüchteten sie sich aus der so hässlich veränderten Gegenwart in jene freundlichen Tage. Dabei gelangten sie an eine Lichtung, die eine kleine Fichtenschonung enthielt im Alter von etwa zehn Jahren. »Hier war es mit der Kreuzotter,« sagte Fritz plötzlich. Hella nahm fast ängstlich ihre Kleider zusammen, so dass Fritz lächelnd bemerkte: »So'n Viehzeug giebt's hier ja gar nicht mehr, ich glaube, das war damals die letzte 150 ihres Stammes.« Aber Hella ging doch ein wenig schneller, und während ihre Blicke über die dunkelgrünen Fichten schweiften, sagte sie: »Alles hat sich verändert seit jener Zeit, das eine ist verfallen, das andere verwachsen.« »Aber wir sind doch die alten geblieben,« sprach Fritz schnell. Ein ganz zartes Roth stieg in ihre Wangen, sie sah gerade vor sich hin, nickte fast unmerklich, und indem sie ebenmässig weiter schritt, sagte sie leise: »Ich glaube wohl.« Fritz hielt ihr in plötzlicher Aufwallung die Hand hin, sie ergriff dieselbe ohne Zögern, und nun sahen sich beide eine Weile treuherzig in die Augen. »Alles soll wieder gut werden!« rief er dann. »Ja, ja!« war ihre Antwort. Sie wussten beide, was sie meinten, obwohl keiner es aussprach. Dann erreichten sie den Vogelsang, viel zu früh, wie beide heimlich dachten. Sie standen eine Weile unter der alten Eiche und sahen schweigend in den glänzenden Herbsttag hinaus, auf die schimmernden 151 Sommerfäden in der Luft, auf die beackerten Felder, wo hier und da eine Glasscherbe diamantartig blitzte, und auf das ferne Braunsberg, das auf bewaldetem Hügel gelegen, mit rothen Dächern aus den Baumwipfeln hervorschien. Nun wieherte Rustan, der seine Herrin erblickte und schon eine Weile vor Ungeduld emsig den Waldboden gescharrt und gestampft hatte; zugleich schwamm der dünne Klang der Mittagsglocke durch die hellhörige Luft; es war zwölf Uhr. – »In einer Stunde muss ich zu Hause sein,« sagte Hella, und beide begaben sich zu dem ungeduldigen Pony. Fritz führte ihn in den Weg, dann setzte Hella den schlanken Fuss in seine Hand, er half ihr in den Sattel und gab ihr die Zügel. Sie zögerte noch eine Weile und blickte auf den Kopf des Pferdes, das mit dem einen Vorderfusse den Boden zierlich scharrte und mit dem Schweife die Schenkel peitschte. Dann reichte sie Fritz zum Abschiede die Hand. »Heisst es, auf Wiedersehen?« fragte dieser. Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht 152 an, sondern beugte sich vornüber, dass ihr Kopf fast die Mähne des Pferdes berührte, und in demselben Augenblicke schoss der muntere Pony mit ihr davon. Fritz blickte ihr nach, wie sie auf dem Wege am Rande des Waldes in eiligem Trabe dahinritt, und wie sie dann in den breiten Landweg einbog, der gerade auf Braunsberg zuführte. Dieser war von alten Haselhecken eingefasst, und durch eine Lücke ward noch zuweilen die schlanke Reiterin sichtbar, oder wo die Büsche niedriger waren, schwebte ihr Köpfchen mit wehendem Schleier darüber hin. Dann schob sich ein Hügelhang vor den Weg, und nun war nichts weiter sichtbar als die sonnige Einsamkeit des klaren Herbstmittages. Die Sommerfäden zogen fast unmerklich dahin, auf dem Acker blitzten und funkelten die Scherben, weiterhin über dem satten Grün des Wiesengrundes revierte ein Bussard, zuweilen mit rüttelndem Flügelschlage an einer Stelle verweilend, aus dem Schornsteine des Herrenhauses von Braunsberg stieg kerzengerade 153 eine schmale Rauchsäule in die ruhige Luft und von den fernen dämmernden Höhen der Elbberge schimmerte in zartem Umriss die Kirche von Borna herüber. Fritz kehrte langsam auf demselben Wege, welchen beide vorhin gegangen, durch den Wald zurück. Als er an der Stelle angekommen war, wo er Hella aus ihren Fesseln befreit hatte, nahm er den abgeschnittenen Dornbusch auf und betrachtete ihn liebevoll und sorgfältig. Als er einige Zeit später durch den Garten von Wildingshagen auf sein Vaterhaus zuschritt, trug er ihn noch in der Hand. Dass am nächsten Vormittage Fräulein Hella Maifeld auf ihrem gewohnten Spazierritte wieder an dem Vogelsang vorüberkam, woselbst Herr Fritz Dieterling bereits seit einer Stunde nachdenklich und zuweilen in die Ferne spähend umherwandelte, ist einer jener merkwürdigen Zufälle, durch welche die Geschicke der Einzelwesen sowohl als der Völker so oft in bestimmte Bahnen gelenkt werden. Wer nun aber wissen 154 will, was an diesem und den folgenden Tagen jenes schönen Herbstes unter der alten mächtigen Eiche auf dem Vogelsang geschehen ist, der muss hingehen und einen alten Waldkauz befragen, der schon seit vielen Jahren in einem schönen geräumigen Astloch dieses Baumes seinen Wohnsitz hat. Denn dieser weise Vogel hat alles mit angesehen und angehört von dem Augenblicke an, wo er verwundert über den Klang menschlicher Stimmen in seiner Nähe sich ein wenig vorbeugte und mit seinen runden Eulenaugen auf das junge schöne Menschenpaar niederblickte, bis zu jener Stunde, da an einem grauen Nebeltage zwei Wochen später dasselbe Paar unter Küssen und Thränen von einander Abschied nahm. Von den bei dergleichen Gelegenheiten üblichen und so beliebten Schwüren ewiger Treue hat der kluge Vogel aber nichts vernommen, denn solches hielten die beiden jungen Leute für selbstverständlich und keiner Betheuerung bedürftig. Fritz Dieterling ging 155 wieder auf die landwirthschaftliche Hochschule, welche er bereits vor dem Kriege besucht hatte, und erst zu Weihnachten war ein Wiedersehen zu erwarten. Jedenfalls würden sie auch dann eine Gelegenheit finden, sich zu sehen, und zur Sicherheit ward der Morgen des ersten Weihnachtstages für eine Zusammenkunft auf dem Vogelsang festgesetzt.     156 II. Im Schnee. Nach einem schönen Herbste kam ein frühzeitiger Winter, der schon im November die Seen mit Eis und die Felder mit Schnee bedeckte, und bis gegen Weihnachten nahm die Kälte immer noch zu. Zuweilen war dazwischen ein milderer, trüber Tag, der aber nur neuen Schnee brachte; und hatten die Flocken dann genug gestäubt und gewimmelt, so stieg eines Morgens die Sonne aus rothem Nebeldunst; es folgten wieder klare, kalte und blendende Tage, wo die unendliche Schneewüste ringsum nur belebt war durch vereinzelte hungrige Krähen oder hier und da durch einen Schlitten, der einsam durch die Landschaft klingelte. Am 24. Dezember wurde Fritz in Wildingshagen erwartet, und Herr Dieterling 157 fuhr selber mit einem Schlitten nach der vor einem halben Jahre erst eröffneten Bahnstation, um seinen Sohn abzuholen. Diese Stadt war dieselbe, welche, nicht weit von Braunsberg gelegen, diesem Orte zum Absatze seiner Produkte und zur Versorgung mit Waaren diente. Kurz hinter dem Walde von Wildingshagen, dem Seebusch, vereinigten sich die Wege, die zu beiden Gütern führten, die gemeinsame Strasse lief dann auf einer Brücke über die Wacknitz und weiter durch einen ausgedehnten Hohlweg zu dem grossen Bauerndorfe Büchtingshagen, wo der Anschluss an die Chaussee erreicht ward. Den ganzen Tag und die ganze Nacht vorher hatte es bei stiller Luft geschneit, und überall lag lose und wollig der frische Schnee, bog in dicken Ballen die Aeste der Fichten, sass nesterweise in dem feinverzweigten Buschwerk, zeichnete schimmernd die dunklen Linien der Aeste nach und hielt jedes welke Blatt mit einem kleinen weissen Polster bedeckt. 158 Der Schlitten des Herrn Dieterling klingelte munter in unberührtem Schnee durch den Seebusch. Zwischen den Stämmen des eingeschneiten Waldes lag ein zartvioletter Dämmer, und seltsam hob sich das schwere Dunkelgrau des gleichmässig bewölkten Himmels gegen den weissen Silberschimmer der Erde ab. Es fisselte ein wenig, wie man dort zu Lande sagt, aber es war kaum festzustellen, ob dieser feine leichte Schneestaub aus den Wolken kam oder durch einen leisen Luftzug von den Bäumen geweht wurde. Krischan, der brave Kutscher, räusperte sich ein wenig auf seinem Vordersitz, deutete dann mit der Peitsche auf den tiefgrauen Himmelsausschnitt am Ende der langen Schneise, in welcher sie fuhren, und sagte mit einer halben Wendung rückwärts zu seinem Herrn: »Dor sitt noch vel Snee in'e Luft, Herr.« »Lat'n sitten,« antwortete dieser behaglich aus dem hochaufgeschlagenen Kragen seines Pelzes heraus. Krischan grinste ein 159 wenig halb respektvoll, halb ungläubig: »Ja, dei,« sagte er dann, »dei ward nich lang mihr täuben. Un Wind kümmt ok. Oll Grossvadder Römpagel hett hüt morn seggt, hei sitt em all in de Knaken. Un wenn de Oll dat seggt, denn hett dat noch ümmer stimmt beter as'n Premeter. Ja, ja.« »Lat'n susen,« antwortete hierauf Herr Dieterling, der gesonnen schien, sich auf nichts einzulassen, sondern alles der historischen Entwickelung zu überlassen. Krischan aber fuhr unbeirrt fort: »Dat künn uns äwer doch eklig begriesmulen in den ollen Hollweg an de Wacknitz. Dor sall'n jo nu all knapp dorchkamen känen. Verleden Woch hebben's all mal den Regelinschen Baron dor rutschüffelt.« «Na, wi warden jo seihn,« sagte Herr Dieterling. Krischan zuckte die Achseln und wandte seine Aufmerksamkeit wieder ausschliesslich den Pferden zu. Hinter dem Seebusch, wo der Weg von Braunsberg einmündete, waren ganz frische Spuren sichtbar, vor kurzem musste ein 160 von diesem Dorfe kommender Schlitten dort vor ihnen her gefahren sein. Krischan räusperte sich wieder, deutete mit der Peitsche auf die neuen Geleise im Schnee und dann mit dem Stiel über die Schulter weg nach Braunsberg und sagte: »Dei dor stiegen in'n Kronprinzen af, sall ich bi Stadt Hamborg vörführen?« Herr Dieterling grunzte etwas, das wie eine Beistimmung klang, und unter Schweigen ging die Fahrt weiter. Nun man aus dem Walde heraus war, konnte man bemerken, dass der Schnee nicht von den Bäumen wehte, sondern aus der Luft kam und sich langsam vermehrte, so dass er die Ferne bereits mit einem feinen wimmelnden Dämmer erfüllte. Zugleich nahm der Wind ein wenig zu und begann die schon gefallenen losen Flocken über den Boden hinzutreiben. Als die Reisenden hinter der Brücke über die Wacknitz in den Hohlweg gelangten, sahen sie, dass der ihnen vorangefahrene Schlitten schon seine Noth gehabt hatte, durch den hier besonders hoch 161 aufgethürmten Schnee zu gelangen, jedoch zum Vortheil für das eigene Gefährt, welches in den zurückgelassenen Spuren fahrend die Schwierigkeiten leichter überwand. Endlich war das Dorf Büchtingshagen erreicht, und nun bot der übrige Theil des Weges auf dem ziemlich hoch gelegenen Damme der Chaussee keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Es waren noch zwei Stunden bis zur Ankunft des Zuges, welche Herr Dieterling in dem behaglich durchwärmten Gastzimmer der Stadt Hamburg durch ein kräftiges Frühstück ausfüllte, während draussen das Schneetreiben sich vermehrte und die Flocken an die vereisten Fenster prickelten. Der Wirth, nach Weise dieser Leute so guten Kunden gegenüber ein zerfliessendes Gemisch von Wohlwollen und Hochachtung, kam mit sanften Katerschritten herbei, rieb die Hände zart um einander und knüpfte eine kleine Unterhaltung an über das Schneetreiben, die Kornpreise und die ungeheure Zukunft, welcher die gute Stadt Zernin 162 durch die Anlage dieser neuen Eisenbahn entgegengehe, und war bereit, Herrn Dieterling in jeder Hinsicht recht zu geben, wenn er auch noch soeben der ganz entgegengesetzten Ansicht gewesen zu sein schien. Es gehörte zu seinen Geschäftsprinzipien, immer ganz der Meinung des geehrten Herrn Vorredners zu sein. Auf dem Bahnhofe traf Herr Dieterling zur rechten Zeit ein, allein der mit Weihnachtsreisenden stark besetzte Zug hatte wegen des ungewohnt grossen Verkehrs und des Schneewetters eine halbe Stunde Verspätung, und als der Gutsbesitzer seinen Sohn aus dem Knäuel von küssenden und umarmenden Söhnen, Töchtern, Eltern, Tanten, Onkeln, Bräuten, Bräutigämmern, Freunden und Freundinnen glücklich herausgefischt und in den Schlitten befördert hatte, da war das Wetter draussen fast stürmisch geworden, und der Schnee jagte durch die Strassen, als seien die Hunde hinter ihm. Krischan begnügte sich, in einem triumphirenden Hinblick auf 163 Grossvater Römpagels prophetische Knochen, mit der Peitsche auf dieses Schauspiel hinzuweisen, und fort klingelte der Schlitten durch die engen Strassen der kleinen Stadt, über deren Giebeln der Schnee hintanzte, an deren Dachvorsprüngen er wie Rauch entlang fegte. Auf der Chaussee, wo der Wind ringsum über freie Feldfläche dahinjagte, konnte man kaum die Augen geöffnet halten, denn nicht allein, dass der Schnee vom Himmel unablässig herniederwimmelte, nein, auch der früher schon gefallene war in Bewegung, sauste in mächtigen Wolken über die Ebene dahin, füllte jeden Graben, jede Vertiefung und häufte an jedem Hinderniss mächtige Wehen empor. Glücklicherweise war aber wegen ihrer erhabenen Lage auf einem Damme die Bahn auf der Chaussee selbst glatt und eben. So gelangte man nach Büchtingshagen, in dessen tiefer gelegener Dorfstrasse das Fortkommen schon schwieriger ward, denn an jedem Hause, jedem Zaun, ja überhaupt jedem geeigneten Ort hatten 164 sich mächtige Schneewehen aufgethürmt, welche zu überwinden den Pferden manche Anstrengung kostete. Trotzdem war es an schnell verwehenden Spuren bemerklich, dass kurz vorher ein anderer Schlitten denselben Weg gemacht haben musste. Als das Gefährt an dem stattlichen Dorfkruge von Büchtingshagen vorüber war und die letzten Häuser des Dorfes passirend in den Weg gegen die Wacknitzbrücke zu einlenkte, wendete Krischan sein verschneites Haupt halb zur Seite gegen seinen Herrn und sprach bedächtig: »Sall mi doch mal wunnern, Herr, un bün doch nieglich, wo wi hüt Heiligabend fiern warden.« »Ach, wat,« antwortete dieser, »man tau, Krischan, dörch den Hollweg möt't wi un nahst hett dat nix mihr to seggen. Du sühst doch dei Sledentraden vör uns. Wo dei anner dörch kümmt, dor warst du doch woll nich hacken blieben.« Krischan grinste fast unmerklich: »Jeja,« sagte er, »dei ward dor woll all insitten as'n Proppen in'e Buddel.« Damit wandte 165 er sich wieder und trieb seine muthigen Pferde hinein in das weisse Schneegewimmel. Zuerst ging es wohl, da sich der Weg in gleicher Fläche mit seinen Ufern dahinzog, als diese aber zu beiden Seiten sich zu erhöhen begannen, da wuchs auch zugleich die Menge des Schnees, welcher sich hinter dem Ufer an der Gegenwindseite aufgehäuft hatte, die Pferde waren genöthigt, ihre Gangart zu mässigen, und stampften schnaubend und zuweilen sich mächtig schüttelnd im Schritt daher. Fritz Dieterling war, nachdem er die nothwendigsten Fragen und Antworten mit seinem Vater ausgetauscht hatte, den ganzen Weg über in Gedanken und Grübeleien versunken gewesen. Insbesondere lag es ihm am Herzen, wie bei solchem wahnsinnigen Wetter die für morgen, den ersten Weihnachtstag, verabredete Zusammenkunft am Vogelsang zu Stande kommen solle. Selbst wenn dieses Schneetreiben sich bald legen würde, sah er die Möglichkeit nicht ein, da alle Wege so gut wie ungangbar 166 waren, noch dazu für ein zartes junges Mädchen. Und der zweite Gedanke war derjenige, welcher ihn in diesem ganzen Vierteljahre kaum einen Tag verlassen hatte, nämlich der, wie unsinnig doch die Feindschaft dieser beiden Väter sei, deren Familien sonst durch jahrelange Freundschaft verbunden gewesen waren. O, wie viele herrliche Versöhnungsreden hatte er in Gedanken schon gehalten, und auch jetzt, mitten in dem grossen Schneegestöber wirbelten solche Worte in seinem Kopfe wie Schneeflocken umher und liessen ihn alles andere kaum beachten. Da mit einem Mal stand der Schlitten. Die Pferde, bis an die Brust im Schnee, dampften und vermochten ihn nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Krischan sah sich um: »Je, Herr, nu 's 't ut.« Der Hohlweg machte hier eine kleine Biegung, und an diesem Orte hatte sich der Schnee ganz besonders angehäuft. »Wenn wi utstiegen,« sagte Herr Dieterling, »denn mag't jo noch gahn.« Vater und Sohn 167 kletterten aus ihren Fusssäcken in den tiefen Schnee und auf das Ufer an der Windseite, wo der Boden ziemlich rein gefegt war. Als sie dort oben standen, bemerkten sie gleich hinter der Biegung des Hohlweges dicht vor sich einen zweiten Schlitten in derselben Lage, nur noch tiefer in den Schnee verfahren. Auch dessen beide Insassen waren im Begriff auszusteigen und das Seitenufer zu gewinnen, welches an jener Stelle ziemlich steil war. Da eine in Pelze und Mäntel gehüllte Dame dabei war, so eilte Fritz schnell hinzu, um ihr behülflich zu sein, und als er niederknieend die Hände hinabreichte, durchzuckte ihn ein vergnügter Schreck, denn in diesem Augenblicke wehte der Wind den Schleier bei Seite, und Hellas Antlitz schaute ihm, von verstohlener Freude lieblich geröthet, entgegen. Er half ihr das Ufer ersteigen und leistete dann auch dem dicken Maifeld den nöthigen Beistand. Von hier oben übersah man gleich, dass es ein aussichtsloses Unternehmen war, in diesen 168 Hohlweg noch weiter einzudringen, denn an seinem vorderen Ende, wo er am tiefsten und dem Unwetter am heftigsten ausgesetzt war, befand er sich fast gestrichen voll Schnee. Herr Maifeld übersah dies mit Feldherrnblick und traf seine Anordnungen. »Johann,« brüllte er mit einer Stimme, die gewohnt war, über Felder und Wiesen hinweg Befehle zu ertheilen, »mit dei beiden Brunen kümmst du noch dörch, wenn du sei äwer dat Aeuwer lerrst. Denn sett di up dat Sadelpierd un mak, dat du na Hus kümmst, un denn bring so vel Lüd mit Schüffeln mit, as jichtens tau kriegen sünd. Wi gahn so lang nach Büchtingshagen in'n Kraug!« Herr Dieterling, der die Befreiung seines Schlittens aus dieser misslichen Lage natürlich nicht seinem Feinde verdanken wollte, gab seinem Krischan unverweilt denselben Auftrag, und so haspelten sich die beiden Kutscher mit den abgespannten Pferden nach rückwärts, leiteten sie auf dem 169 ziemlich schneefreien Ufer der Windseite einen Fussweg entlang, brachten sie auf diesem Umwege glücklich den Abhang an der Wacknitz hinab und zuckelten dann, alsbald im Schneegestöber verschwindend, davon, um ihre Aufträge zu erfüllen. Unterdes hatte auch Maifeld natürlich seinen Gegner erkannt, Fritz hatte sich nach geleisteter Hülfe respektvoll zu seinem Vater wieder zurückgezogen, und während nun die beiden Paare kämpfend mit Wind und Schneetreiben in gemessener Entfernung von einander dem Dorfe Büchtingshagen zustrebten, bewegten die mannigfachsten Gedanken ihre Gemüther. Hella war erfüllt von Bangigkeit, wie diese Sache ablaufen würde, und zugleich von Glück über das unvermuthete Wiedersehen mit ihrem Geliebten. Freilich, ob es so ganz unvermuthet war, das konnte man wohl ein wenig in Frage stellen. Denn da sie ganz genau wusste, an welchem Tage und mit welchem Zuge Fritz in Zernin ankommen musste, so traf es sich höchst merkwürdig, 170 dass sie gerade um diese Zeit ganz nothwendige und unaufschiebliche Besorgungen in der Stadt zu machen hatte, wieder einer jener Zufälle, welche oft von ungeahnten Folgen sind. Fritz dagegen war von stürmischen Gedanken erfüllt, die einander drängten und jagten. Dieser glückliche Zufall, der die beiden feindlichen Männer zum ersten Mal nach zehn Jahren an einen Ort führte, wo sie sich nicht entrinnen konnten, dieser vielleicht niemals wiederkehrende Augenblick durfte nicht ungenutzt vorübergehen. Aber wie? das war die Frage. Die beiden Väter aber ärgerten sich, verdammten diesen hässlichen Zufall und schnauften, da sie beide wohlbeleibt waren und in schweren Pelzen steckten, mit Anstrengung durch den hohen Schnee dahin. Es war Nachmittag, die Dämmerung machte sich bereits bemerklich, und ehe die Hilfe von den Dörfern kam und Bahn in den Schnee geschaufelt war, konnten einige Stunden vergehen. Und so lange mussten 171 sie in der sogenannten Herrenstube des wohleingerichteten Dorfkruges von Büchtingshagen miteinander aushalten. Eine Partie Whist mit dem Strohmann bildeten sie allerdings gerade, aber daran war ja gar nicht zu denken. Verdammte Geschichte! Dieterling und sein Sohn langten zuerst an und nahmen von dem alten Rosshaarsopha an dem einen Ende des Zimmers Besitz, Maifeld und Tochter liessen sich am anderen Ende auf dem neuen glanzledernen nieder. Zwischen beiden Parteien herrschte Schweigen und Dämmerung. Die freundliche Wirthin kam herein, bedauerte redselig das Schicksal der im Schnee Steckengebliebenen und nahm deren Bestellungen entgegen, während eine Magd den alten schwarzen Kachelofen bis an den Rand voll Holz stopfte, so dass bald ein mächtiges Gebuller anhob und der Feuerschein auf dem Fussboden des dämmerigen Zimmers tanzte. Draussen prickelte noch immer der Schnee an die Scheiben, doch 172 hier drinnen wäre es ganz behaglich gewesen, hätte nicht das Gespenst eines alten Haders zwischen beiden Parteien gestanden. Fritz Dieterling, der still und brütend in seiner Ecke gesessen hatte, schien endlich seinen Plan fertig zu haben, er stand leise auf und ging hinaus. Drinnen wurde es allmählich dunkler, denn Licht hatten sich die beiden Herren einstweilen noch verbeten. Sie fühlten sich wohler, wenn sie einander nicht sahen. Beide rauchten in schweigendem Brüten »as wenn 'n lütt Mann backt«, und jeder sah die Zigarre des anderen wie einen Glühwurm aus dem Dunkel leuchten. Die beiden Männer sassen in ihren Ecken wie zwei Gewitterwolken; und wenn sie in der Wucht der Gedanken, welche sie bedrängten, stärker an ihren Zigarren sogen, so wetterleuchtete es auch, während ihr zeitweiliges Räuspern wie entfernter Donner klang. So sassen sie eine lange Weile, bis es ganz finster war. Da machte sich draussen auf der Diele ein 173 Geräusch bemerklich, und ein heller Lichtstreif wanderte durch die Thürritze auf dem Fussboden hin. Plötzlich öffnete sich die Thür, und ein Strom von Helle ergoss sich in das Zimmer, denn die Wirthin trat herein, in jeder Hand eine Lampe. Hinterher folgten zwei stämmige Dienstmädchen und trugen einen für vier Personen gedeckten Tisch mit lauter guten Sachen besetzt. Dann kam Fritz mit einer mächtigen Bowle Weinpunsch, die ringsum herrlichen Duft verbreitete. Diese setzte er mitten auf den Tisch, die Wirthin stellte die Lampen daneben und ging, gefolgt von ihren beiden Gehilfinnen, eilends wieder hinaus. Eine dumpfe Stille war rings verbreitet, die beiden Väter sahen starr und drohend aus, und Hella war blass geworden wie draussen der frischgefallene Schnee. Auch Fritz schien ein wenig bedrückt von der Schwere dieses bedenklichen Augenblicks, denn er athmete tief und presste die Lippen aufeinander. Dann aber fasste er sich, stützte leicht die Fingerknöchel auf den 174 Tisch und sprach mit klarer, vernehmlicher Stimme: »Verehrte Anwesende, ich bitte nur um wenige Augenblicke Gehör für eine ganz kleine Geschichte, welche ich erzählen will. Es waren einmal zwei Männer, welche beide ihr Vaterland innig liebten und bemüht waren, zu seinem Gedeihen soviel beizutragen, als nur in ihren Kräften stand. Ueber die Wege zu diesem Zwecke aber waren sie nicht einig, und da jeder glaubte, der seine sei der einzig richtige, so geriethen sie darüber in ein Zerwürfniss, und sie, deren Familien in ererbter Freundschaft durch viele Jahre miteinander verbunden waren, die Trauer und Freude, Leid und Lust bis dahin miteinander getheilt hatten, betrachteten sich mit Hass und Verachtung und lebten fortan in Feindschaft. Jahre vergingen, da kam plötzlich wie aus blauer Luft ein gewaltiger Krieg in das Land mit einem alten und mächtigen Feinde. Das Land in Parteien vielfach zersplittert vergass seine politischen Kämpfe, Nord und 175 Süd, die sich soeben noch feindlich gegenübergestanden hatten, reichten sich brüderlich die Hände, aller Hader war vergessen, alle Feindschaft vorbei, der einen grossen gemeinsamen Gefahr gegenüber. Vereinigt gingen sie Schulter an Schulter gegen den Feind und warfen in unglaublich kurzer Zeit seine gewaltige Macht zu Boden. Ungeheurer Jubel herrschte in dem geeinigten Lande, Träume der Sehnsucht gingen in Erfüllung, die alte Kaiserkrone strahlte in neuem Glanze, und die goldene Zeit war da, eher als irgend Jemand geglaubt oder geahnt hatte. Die beiden Männer jedoch deren ich vorhin erwähnte, trugen ihren alten Groll hinüber in das neue Reich, das glorreich, mächtig und einig dasteht, eine Bürgschaft des Friedens. Das war nicht gut, und darum kommt einer der jungen, der selber mitgeholfen in diesem Kampfe, er kommt mit der herzlichen Bitte an die beiden Männer, sie möchten ihren alten verjährten Groll hinüberwerfen auf die andere Seite, wo Hass und Hader, Zank und Streit 176 begraben liegen, hoffentlich für ewige Zeit. Der liebe Gott zeigte ihnen so sichtlich den Weg, er sendete einen gewaltigen Schneesturm und führte dadurch die beiden Männer zusammen an einen Ort, er that dies am heiligen Abend vor Weihnachten, zu einer Zeit also, die im ganzen deutschen Lande und weit hinaus, überall, wo nur Deutsche wohnen, den freundlichen Empfindungen der Liebe, der Freundschaft und des Wohlwollens geweiht ist. – Keine bessere Stunde könnten sie finden, den alten Hader zu begraben und sich versöhnlich die Hände zu reichen, als diese, in welcher einst die Engel sangen: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹« Eine tiefe Stille herrschte, als Fritz seine Rede beendigt hatte; da setzten draussen wie auf Verabredung die Kirchenglocken ein, das Weihnachtsfest einzuläuten – langsam anschwellend tönten die feierlichen Klänge durch die stille 177 Winternacht. Fritz nahm zwei gefüllte Gläser, das eine reichte er Hella mit den leise geflüsterten Worten: »Bring's meinem Vater!« das andere gab er Herrn Maifeld, der vor Rührung sich gewaltig räusperte und dem wahrhaftig eine dicke Thräne über die gebräunte Wange lief. Herr Dieterling erhob sich schwerfällig vor der jungen Dame, die ihn so lieblich flehend ansah; auch in seinem Gesichte zuckte und arbeitete es wunderlich, und als sie seine Hand ergriff und ihn führte, da folgte er wie willenlos. Maifeld, von Fritz geleitet, kam ihm entgegen, sie stiessen an mit den Gläsern und drückten sich die Hände, stumm aber gewaltig. Endlich gewann Herr Maifeld Macht über sich und fand seine Sprache wieder: »Ein famoser Kerl, dein Sohn«, sagte er, »solchen möcht' ich woll haben!« »Na, und so'n schönes liebes Töchting!« erwiderte Herr Dieterling, »das liess ich mir auch woll gefallen.« O wie hell horchte Fritz auf, als er 178 diese Worte hörte! Mit einem Mal war er an Hella's Seite, zog sie, die den Kopf an seine Brust schmiegte, an sich und rief: »Dieser Wunsch, liebe Väter, kann auf der Stelle in Erfüllung gehen – wir haben nichts dagegen!« Die beiden Männer waren ganz starr vor Verwunderung und sahen erst sich, dann das schöne Pärchen an. »Ne, so'n Racker!« sagte Herr Maifeld endlich. »So'n Jesuwiter!« fügte Herr Dieterling hinzu, wobei jeder den eignen Sprössling meinte. Aber was sollten sie machen, überrumpelt waren sie nun einmal, und da die alte Feindschaft plötzlich zu Ende war, so lag auch nicht der geringste Grund dagegen vor. Sie schenkten also die Kinder einander zum Weihnachten, setzten sich behaglich an die reichbesetzte Tafel, und es herrschte Friede und Wohlgefallen. Nach einiger Zeit kamen der biedere Krischan und der brave Johann, und nachdem sie ihrer Verwunderung Herr geworden, 179 als sie die beiden Parteien so friedlich und einig bei einander fanden, da meldeten sie, dass in einer Stunde etwa die Schlitten vorfahren würden, da dann die Arbeit der Säuberung des Hohlweges beendet sein würde. »Einundtwintig Kierls hebben wi dor bi kregen«, sagte Krischan, »dat schafft! Un dat sniet nich mihr un is ganz stiernklor un barborschen kolt!« Als die Wirthin zufällig eintrat, da rief Herr Dieterling vergnügt: »Gaud, dat Sei rinkamen, Fru Nägendank, nu gahn S' mal bi un nehmen S' wat Ehr gröttst' Pott is, un den maken S' mal vull Krock von Rum, äwer nich to stark von Water, un'n poor Gläs' bi, un dat geben S' Krischan'n mal mit. Un Krischan, du seggst dei Lüd, sei süllen Herrn Maifelden sin Gesundheit drinken!« »Un Fru Nägendank«, rief dann Herr Maifeld, »denn nehmen S' mal glik Ehren annern gröttsten Pott und maken S' em vull Krook von Arak, äwer ok nich to stark von Water, un 'n poor Gläs' bi, und 180 dat geben S' minen Johann mit. Un du, Johann, seggst de Lüd, sei süllen Herrn Dieterling leben laten!« Die beiden Kutscher grinsten und versprachen diese Aufträge zur Zufriedenheit zu erfüllen. Nach einer Stunde etwa klingelten die mit frischen Pferden bespannten Schlitten vor der Hausthür, die Versöhnten und die Verlobten hüllten sich in Mäntel und Pelze, stiegen in ihre Fusssäcke und fuhren hinaus in die kalte, sternklare Winternacht. Als sie an das Ende des Hohlweges kamen, da standen die Wildingshäger Leute auf der einen, die Braunsberger auf der anderen Seite des Ufers, und die Frau Wirthin musste wohl zu den Kutschern einiges geschwatzt haben, denn die Männer präsentirten ihre Schaufeln und brüllten so laut sie konnten: »Dei jung' Herr sall leben, un dat Frölen ok daneben, vier Faut hoch!« »Vier Faut«, sagten sie, denn also übersetzten sie Vivat in ihr geliebtes 181 Plattdeutsch. Aber diejenigen, welchen dieses Hoch galt, lebten ja viel höher in dem seligen Reiche der Hoffnung und Erwartung holden Glückes. Und ob sie nun auch bald getrennt dahinfuhren durch die blaue funkelnde Winternacht und den silberglänzenden Schnee, in ihren Herzen trugen sie den jungen Frühlingsmorgen mit rosigem Gewölk und dem Gesange jauchzender Lerchen.     183 Allerlei Thiere. 185 Die kleinen Geschichten, welche ich hier erzählen will, haben sich nebst einer Reihe ähnlicher in meiner Familie zugetragen und verdanken ihren Ursprung der Liebhaberei für allerlei Gethier, welche, ein durchgehender Zug in meiner Familie, in meinem jüngeren Bruder Hermann zum besonderen Ausdruck gelangt ist. Da nun wohl selten ein Lieblingsthier anders als auf eine unnatürliche Weise zu Grunde geht, so hätte ich hier eine ganze Reihe von tragischen Ereignissen schildern können. Ich ziehe vor, bei nachstehender Auswahl Trauriges und Heiteres in anmuthigem Wechsel zu mischen. Auf eine merkwürdige und noch immer nicht ganz aufgeklärte Weise kam eine weisse Maus zu Tode, welche mein jüngster 186 Bruder Paul in seiner Kindheit zärtlich pflegte. Das hübsche Thier war äusserst zahm und wohnte in einem kleinen Holzkasten mit Drahtgitter, der auf dem geräumigen Schreibtisch meiner Brüder stand. Dieser Käfig war nie verschlossen und das zierliche Geschöpf lief den ganzen Tag auf dem Schreibtisch zwischen den Büchern herum, ohne jemals daran zu denken, seine Excursionen weiter auszudehnen. Eines Tages wurde eine wilde schwarze Maus gefangen und trotz des Protestes meiner Mutter dem kleinen weissen Prinzen zugesellt. Die Thierchen schienen sich gut zu vertragen, allein am andern Morgen war ein Loch in den Käfig genagt und die schwarze Maus verschwunden. Seit dieser Zeit war die weisse ganz verwandelt. Zwar von ihrer Zahmheit hatte sie nichts eingebüsst; sie duckte sich wie immer geduldig zusammen und stiess ein zartes Warnungsquietschen aus, wenn man sie in die Hand nehmen wollte, allein eine starke Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt; 187 sie lief auf dem Tische schnüffelnd und suchend umher und probirte mehrfach über den Rand in die Tiefe zu gelangen. Eines Tages war sie verschwunden, jedoch nicht lange. Einige Zeit, nachdem ihre Abwesenheit bemerkt war, entstand ein erbärmlicher Lärm unter dem Fussboden des Zimmers, ein Gequietsch und Gerappel, wie es bei Familienzwistigkeiten unter den Mäusen gebräuchlich ist, erhob sich, und plötzlich kam aus dem Mauseloch hinter dem Ofen die weisse Maus in grosser Angst hervorgestürzt. Sie war offenbar herausgeworfen worden. Einige Tage hielt sie sich nun ruhig auf ihrem Tische, jedoch der Friede ihres Gemüths war gestört. Meine Schwester behauptete, die Maus sässe jeden Nachmittag am Rande des Tisches auf Zumpt's Grammatik und seufze – die rothen Augen sehnsüchtig auf das Mauseloch gerichtet. Und es kam eine Zeit, wo die Sehnsucht die Vorsicht überwog, und wo sie wiederum verschwunden war. Aber diesmal erhob 188 sich ein Lärm, noch viel entsetzlicher als das erste Mal, und am Ende kam das Thierchen mühsam aus dem Mauseloch hervor und blieb erschöpft auf dem Fussboden liegen. In seinem rosigen Schnäuzchen hatte es einen Biss und auf dem weissen Sammetfell standen rothe Blutflecke. Man legte es auf Watte in eine Schachtel und flösste ihm Milch ein. Am andern Morgen lebte es noch, aber gegen Mittag ward es matter und matter, reckte sich noch einmal und verschied; mein Bruder sagte, an seinen Wunden, meine Schwester aber behauptete, an gebrochenem Herzen. In seiner Sterbeschachtel ward der weisse Prinz im Garten feierlich begraben, und mein Bruder errichtete auf seinem Grabe ein Denkmal mit der Inschrift: »Hier ruhet tief betrauert von Paul Seidel seine weisse Maus.« Später hatte mein Bruder Hermann einen Thurmfalken aufgezogen. Das Thier führte den Namen Hanne, war 189 ausserordentlicli zahm und flog frei umher. Wenn mein Bruder ihn rief, schwang Hanne sich von einem benachbarten Dache oder aus der hohen Luft herab und setzte sich auf seine Hand. Eines Tages half aber alles Rufen und Locken nicht; der Vogel kam nicht, und man glaubte schon, er habe das Weite gesucht, als plötzlich acht Tage später Paul ihn auf dem Hofe eines kleinen von Arbeitsleuten bewohnten Nebenhauses schreien hörte. Er stürzte sofort zu Hermann, und Beide begaben sich spornstreichs in das Nebenhaus. Auf dem Hofe war eine ganze Familie um Hanne versammelt und der Hausvater fütterte den schreienden, offenbar sehr hungrigen Vogel mit Fleisch. Hermann ging gerade auf die Gruppe zu, und nun entspann sich folgendes dramatische Zwiegespräch. »Dat's min,« sagte mein Bruder, indem er auf Hanne deutete, der, als er meinen Bruder erblickte, im höchsten Grade aufgeregt wurde und mit den schmählich verstümmelten Flügeln schlug. Der 190 Arbeitsmann sah meinen Bruder mit pfiffigem Grinsen von der Seite an. »Dat gift vel so'n Vagels,« sagte er. »Denn faten S' em doch mal an,« erwiderte mein Bruder. Nun hätte man aber Hanne sehen sollen, wie er laut schreiend mit den Flügeln schlug und mit Schnabel und Klauen die Hand des Arbeitsmannes von sich abwehrte. Hermann sah mit stiller Ueberlegenheit diesem Kampfe zu; endlich streckte er dem Vogel die Faust hin und sprach: »Hanne, kumm!« Hopp, da sass er. Triumphirend hielt mein Bruder dem verblüfften Mann das Thier unter die Nase: »Wat seggen S' nu?« »Je, denn ward dat doch wol Ehr Vagel sin,« meinte er kleinlaut, und die beiden Brüder zogen im Triumph mit dem Wiedergefundenen nach Hause. Ein dritter meiner Brüder, welcher Kapitän eines Hamburg-Amerikanischen Dampfers war, brachte eines Tages einen 191 Waschbären mit, ein drolliges Thier, welches ausserordentlich zahm wurde, an welchem aber wieder das Merkwürdigste sein sonderbares und tragisches Ende ist. Er hatte eines Tages seine Kette abgestreift und sich, der ungewohnten Freiheit froh, auf die Wanderschaft begeben. Verschiedene Gärten hatte er schon durchmessen, ungesehen und unbelästigt, als ihn sein Forschungstrieb endlich in den Garten der Bürgerressource führte. Hier war er eben im Begriff, in den grossen Tanzsaal, dessen Thür geöffnet war, einzutreten, als ihn das Schicksal ereilte und er gefasst wurde. Man brachte das seltsame und unbekannte Geschöpf zu dem nächsten Thierverständigen dieser Gegend, zu einem Schlächtermeister. Dieser befühlte es und fand, dass es fett war, und da er bemerkte, dass von ihm etwas Besonderes in dieser Sache erwartet wurde, so folgte er dem Instinkt seines Berufes und erklärte, er könne in dieser Angelegenheit nichts weiter thun, als dieses ungebräuchliche Thier 192 kunstgerecht zu schlachten. Worauf es auf den Block gelegt und abgestochen wurde. Mein Bruder kam nur eben noch zur rechten Zeit, um das Fell für sich zu retten. Ein andermal hatte er drei kleine Eichhörnchen, so jung, dass sie noch aufs Saugen angewiesen waren. Es wurde eine Säugeflasche konstruirt mit einer Federpose als Mundstück, allein die Thiere glaubten nicht an diese Vorrichtung und drehten mit muffigem Gesichtsausdrucke die Köpfe weg, wenn ihnen diese Flasche dargeboten wurde. »Aha,« sagte mein Bruder, »ihr seid gewohnt im Dunkeln zu trinken.« Als ich an demselben Tage in sein Zimmer kam, war ich verwundert, nur die hinteren Theile seines Leibes zu bemerken, welche aus seinem Bette hervorragten: der Oberkörper war ganz und gar unter dem Kissen verschwunden. »Hermann, was machst Du da?« fragte ich verwundert. Mit dumpfer, von Bettfedern halb erstickter Stimme gab er die vergnügte Antwort: 193 »Ich säuge meine Jungen!« Er war mit der ganzen Eichhörnchengesellschaft unter die Bettdecke gekrochen, und dort in dem warmen Dunkel, wo sie sich zu Hause fühlten, glaubten sie an Alles. Ein Wagenfabrikant in der Stadt besass einen Affen, welchen sein Sohn, ein Seemann, mitgebracht hatte. Dieser Affe wurde sehr oft verschenkt: er kam aber immer wieder, weil die Besitzer bald seiner müde wurden und ihn zurückbrachten. Auf den Besitz dieses Affen hatte Hermann schon lange seine Wünsche gerichtet, und als er eines Tages hörte, dass das Thier wieder einmal zu Hause sei, ging er zu dem Wagenfabrikanten und trug ihm sein Anliegen vor. »Sei känen em girn krigen, Herr Seidel,« sagte dieser. »Un wenn sei em nich mihr hebben willen, denn schicken's em man na minen Swigersähn, Herrn Afkat Wulf; de hett seggt, hei wull em nehmen.« Der Affe wurde in der Thür des stets geöffneten Torfstalles angekettet und 194 erhielt eine alte wollene Decke, in welche er sich des Nachts einwickelte. Meinen Bruder liebte er alsbald zärtlich, allein mit den übrigen Bewohnern des Hauses hat er sich nie befreundet. Obgleich er nur kurze Zeit sich bei uns aufhielt, sind seine Thaten doch unzählige. Meine Mutter war eines Tages auf dem Hofe beschäftigt, Hauben, gestickte Tücher und ähnliches zartes Waschwerk selber zum Trockenen an die Leine zu hängen, und als sie nun nach der gethanen Arbeit sich umsah, um sich wohlgefällig des vollendeten Werkes zu freuen, da war die Leine leer, denn der Affe, in dessen Bereich diese Wäsche aufgehängt wurde hatte alle Stücke hinter ihrem Rücken leise heruntergezupft und neben einander säuberlich in dem schmutzigen Rinnsteine wieder ausgebreitet. Ganz besonders hasste das Thier unser Mädchen, welches seinerseits eine grosse Furcht vor ihm hatte. Er suchte es fortwährend durch grinsendes Fletschen der Zähne und durch plötzliche Angriffe aus 195 dem Hinterhalt zu ängstigen, sodass es nur mit Furcht und Zittern in den Stall ging, um Torf zu holen. Einmal hatte er es dermassen bei dieser Gelegenheit in's Bein gebissen, dass es nicht mehr dazu bewogen werden konnte, diesen Stall zu betreten. Der Affe wurde in Folge dessen eine Treppe höher in der Bodenluke angekettet, wo er von nun ab sein Wesen trieb und die Menschheit von oben verachtete. Eines Tages hörte mein Bruder ein erbärmliches Hülfegeschrei auf dem Hofe, und als er hinabeilte, fand er unser Mädchen in einer tragikomischen Situation. Es hatte unter der Bodenluke Wäsche aufgehängt, ahnungslos und keines Ueberfalles gewärtig. Der Affe hatte es anfangs von oben beobachtet; dann war er leise an seiner Kette hinabgeklettert, die mit einem Riemen um den Unterleib befestigt war, hatte sich daran hinabhängen lassen und vermöge seiner Fähigkeit, wenn es eine Bosheit galt, sich regenwurmartig zu verlängern, war es ihm geglückt, das spärliche 196 Haargeflecht des Mädchens zu ergreifen, und nun war er beschäftigt, mit einem Ausdruck teuflischer Befriedigung das arme wehrlose Geschöpf zu zausen und zu zerren, bis endlich mein Bruder Erlösung brachte. Eine besondere Fertigkeit besass er darin, sich seiner Kette trotz aller Vorsichtsmassregeln zu entledigen, um seine Freiheit dann zur Ausübung der wildesten und verwerflichsten Thaten zu missbrauchen. Er wurde weit von unserer Wohnung in fremden Betten vorgefunden, aus welchen er, als man sich ihm näherte, entfloh; er stieg in alle Fenster ein, welche er offen fand, und stiftete unsägliches Unheil; er verdarb die Jugend, ärgerte das Alter und verursachte Aufruhr und Rebellion. Endlich, nachdem er durch seinen Unfug einen ganzen friedlichen Stadttheil in Empörung versetzt, einen Strassenauflauf hervorgerufen und die löblichen Organe der Sicherheitsbehörden von den Dächern herab verhöhnt hatte, erhielt meine Mutter ein Schreiben von der Polizei, durch welches sie »wegen 197 unbefugten Umherlaufenlassens wilder Thiere« in zwei Thaler Strafe genommen wurde. Dies gab dem Affen den Rest, und mein Bruder erhielt strengen Befehl, das Thier augenblicklich abzuschaffen. Er erinnerte sich der letzten Worte des Wagenfabrikanten und beauftragte einen Dienstmann, den Affen mit einer Empfehlung von ihm bei dem Advokaten Wulf abzuliefern. »Ne, ik fat em nich an,« sagte dieser, »hei bitt.« Der Affe wurde in einen Sack gesteckt und sollte nun dem Dienstmann übergeben werden. »Ne,« hiess es wieder, »so fat ik em noch nich an; hei bitt.« Der Dienstmann musste eine Karre holen, und nun fuhr er den Affen, der in seinem Sack die wahnsinnigsten turnerischen Evolutionen vollführte, davon. Auf dem Hofe des Advokaten stülpte er die Karre um und sagte: »Ne Empfehlung von Herr Seidel, un hier wir de Ap!« 198 Herr Wulf, der ebenfalls ein Thierfreund war und sich viele Hühner und zwei prachtvolle Pfauen hielt, beging die Unvorsichtigkeit, den Affen auf der Mauer seines Hofes anzuketten, welche seinen Pfauen zum Lieblingssitz diente. Eine Stunde später hatte er diese beiden prachtvollen Thiere des herrlichen Zierrats ihrer Schweife bis auf die letzte Feder beraubt. Das Maass war voll. Der Affe wurde in einen vergitterten Käfig gesperrt und nach Dömitz geschickt, woselbst ein Liebhaber sich ebenfalls zu ihm gemeldet hatte. Dömitz ist die einzige Festung des Landes, und so darf man wohl annehmen, dass er zur Strafe für seine unzähligen Schandthaten sein verbrecherisches Leben auf der Festung beschlossen hat, denn seitdem hat man niemals wieder von ihm gehört und seine Spur ist verloren gegangen.     199 Die Geschichte eines Thales. 201 Seit vielen Tausenden von Jahren floss der Bach schon durch das Thal. Sein Rauschen und Rieseln war ohne Ende, ob er nun im Frühling, wenn der Schnee in den Bergen schmolz mit trüber Fluth und mit stärkerem Brausen einhertobte, ob er im Sommer grünlich und glasklar zwischen bemoosten Felsblöcken plätscherte, ob er im Herbste die Fülle der gelben Blätter mit sich führte und in seinen stillen Buchten anhäufte, oder ob er im Winter fast schwärzlich und dampfend durch Eis und Schnee dahinging. So war es einst, so ist es heute und so wird es sein, so lange über ihn hinweg die Wolken ziehen und die Gipfel in Dunst hüllen, so lange der Thau fällt und in den feuchten Wiesen die Nebel brauen. 202 Es war vor langer Zeit, da hatte diesen Bach noch keines Menschen Auge erblickt, dieweil es keine gab im weiten Umkreis, und das Thal war erfüllt mit einem mächtigen Urwalde, der, aus sich selbst hervorgewachsen, in sich selbst wieder verging. Keine anderen Töne kannte es, als den Donner des Himmels, das Sausen des Windes in den Wipfeln, das Rauschen der Gewässer, das Brüllen und den Schrei der wilden Thiere, den Gesang der Vögel und das Summen der wilden Bienen. In den Höhlen der Felsen und der uralten Eichbäume wohnten der Bär, der Luchs und die wilde Katze und an den Bach kamen zur Tränke stolze Hirsche und zierliche Rehe. Der Dachs hatte einen ausgetretenen Steig von seiner Höhle bis ans Wasser und der listige Fuchs schnürte dort gerne entlang, um bei der Tränke ein leckeres Vögelchen zu erhaschen oder eine jener roth getüpfelten Forellen, die den klaren Bach in Menge erfüllten. Die Bäume in diesem Thale wuchsen, 203 wie sie wollten, und wurden uralt, bis sie endlich von den Larven der Käfer und anderer Insecten vielfach durchbohrt und überall angehämmert von fleissigen Spechten abstarben und mit weissgebleichten Aesten dastanden. Dann kam ein Sturmwind, der sie unter gewaltigem Krachen zu Boden schmetterte, und alsbald wuchs üppig aus den vermodernden Trümmern neues Leben hervor. Zuweilen stürzte ein solcher Riese in das Bachbett, so dass sich die Gewässer schäumend Bahn brechen mussten durch verworrenes Geäste. Es kam dann wieder ein mächtiger Wolkenbruch, der den Bach hoch anschwellen liess, so dass er die Hindernisse beiseite warf und die Trümmer bergabwärts führte. Nun geschah es einst an einem stillen Sommerabend, da weiter nichts vernehmlich war, als das endlose Rieseln der Gewässer und der Gesang der Rothkehlchen und Amseln, welche der letzte rothe Abendschein noch wach hielt, dass ein stattlicher Rehbock aus dem Walde vorsichtig auf 204 eine begraste Waldblösse trat und dann, nachdem er nach allen Seiten gesichert hatte, an den Bach zur Tränke ging. Als er dort zum Wasser sich niederbeugte, ertönte plötzlich ein durchdringender Warnruf einer aufmerksamen Amsel, wodurch sie ein Raubthier oder sonst etwas, das ihr gefährlich scheint, ankündigt. Auf diese wohlbekannten Töne hin richtete der Rehbock sich hoch empor und wollte sich eben zur Flucht wenden, als ein seltsames Schwirren durch die Luft ging, worauf das Thier einen plötzlichen Satz machte, dann unter mehrfachem Schrecken in die Knie brach und nach einigen vergeblichen Versuchen, wieder hoch zu kommen, vornüber sank und mit dem Kopf im fliessenden Wasser regungslos liegen blieb. Da ertönte hinter dem bergenden Buschwerk ein jauchzender Schrei und hervor trat der erste Mensch, der je in diese Gegend gedrungen, eine neue Art von Raubthier, welche gefährlicher war, als alle anderen zusammengenommen. Er war nothdürftig in Felle 205 gekleidet, roth gebrannt von Luft und Sonne und trug als Waffen Bogen und Pfeile, einen Speer und ein Steinbeil. Zunächst betrachtete er wohlgefällig seinen Pfeil, der dem Rehbocke gerade auf dem Blatt sass und tief eingedrungen war, dann zog er aus einer Tasche von Biberfell ein Feuersteinmesser hervor, brach seine Beute auf, streifte ihr zum Theil das Fell ab und löste eine der stattlichen Keulen heraus. Nun trug er von dem reichlich überall verstreuten dürren Holz zusammen, davon er drei passliche Stücke sorgsam aussuchte. Zwei davon stiess er tief in den Boden und machte dann mit seinem Messer zwei sich gegenüber liegende Vertiefungen in die hervorstehenden Enden. Dann schlang er die Sehne seines Bogens um das dritte beiderseitig zugespitzte Holz und klemmte es mit den Enden in die Vertiefungen der aufrechten Aeste, also dass die Figur eines Reckes entstand, dessen Seitentheile mit starker Federkraft auf den wagrechten Stab drückten. Diesen nun versetzte er 206 vermittels der umgeschlungenen Bogensehne, indem er mit dem Bogen selbst heftig hin und her fiedelte, in eine schnelle, wechselnde Drehung, wodurch wegen der starken Reibung an den Auflagepunkten alsbald eine solche Hitze erzeugt wurde, dass ein leichter Rauch aufstieg und nach einer Weile einzelne Funken hervorsprühten. Solche fing er mit einem bereit gehaltenen Stücke verwitterten Weidenholzes auf, welches alsbald sich entzündete und anfing zu glimmen. Dann hüllte er es in feines, trockenes Gras, das er bald durch eifriges Blasen in den schwelenden Zunder hell aufflammen machte, und nun häufte er neues Gras darauf, dann feine, dürre Zweiglein, dann gröbere Aeste und endlich flammte in der schweigenden Wildniss das erste Feuer empor und sandte eine schnurgerade Rauchsäule in die stille Abendluft. Der Mann hieb sodann mit seinem Steinbeil von einem benachbarten Haselbusch zwei gabelige Aeste zu und einen glatten Schössling, der ihm zum Bratspiess dienen 207 sollte. Daran steckte er seine Rehkeule, legte ihn über die Gabeln der in die Erde gebohrten Stangen und briet nun sein Abendessen, indem er mit sichtlicher Gier auf das Ende wartete. Als er mit dem Hunger eines Raubthieres den grössten Theil des noch halbrohen Fleisches verzehrt und seinen Durst aus dem nahen Bache gelöscht hatte, schleppte er noch mehr Holz zusammen, wälzte auch einen mächtigen Block zum Feuer, der voraussichtlich die ganze Nacht ausdauerte, und streckte sich dann zwischen der Gluth und einem benachbarten Felsblock zum Schlafe nieder, unbekümmert um das Gebrüll der wilden Thiere, denn er wusste wohl, dass sie das Feuer scheuten. So hielt der erste Mensch, welcher diese einsame Wildniss betrat, seine Nachtruhe, indess die Gewässer des Baches lauter durch die Stille rauschten, das Feuer knisternd weiter brannte, die funkelnden Sterne schweigend am Himmel dahinwandelten und die Eulen mit schaurigem Schrei über ihn hinwegflogen. Zuweilen waren 208 im Walde leise schleichende Schritte vernehmlich und zwei glimmende Augensterne, in welchen der Widerschein des Feuers lag, stierten aus der schwarzen Finsterniss eine Weile auf das unbekannte Neue und tauchten dann wieder in das geheimnissvolle Dunkel zurück. Von dieser Zeit an kamen häufig derlei Gesellen in das Thal, um dort zu jagen, und dann hallten die Berge wider vom Geschrei der Jäger, dem Bellen ihrer Hunde und dem dumpfen Blasen der Stierhörner. Es war ein starkes, wildes Geschlecht, das den Bären in seiner Höhle aufsuchte, den gereizten wilden Eber auf vorgehaltene Spiesse aufrennen liess, eine blutgierige Art, nur trachtend nach Fleisch und dem süssen, fetten Mark der Knochen. Als nun des Mordens genug und das Wild selten geworden war in der Gegend, verschwanden sie wieder, um bessere Jagdgründe aufzusuchen, und für lange Zeit kehrte die alte Einsamkeit in das Thal zurück. 209 Dann kam es wieder, dass eines Morgens ein stattlicher Zweiunddreissigender, der auf einer saftigen Waldwiese behaglich äste, plötzlich den Kopf mit dem mächtigen Geweih hoch emporhob und lauschend in die Ferne horchte. Das war nicht das Pochen des Schwarzspechtes, das dort so taktmässig klopfte, solche Töne hatte sein aufmerksames Ohr noch niemals vernommen. So stand er eine Weile, doch als das neue Geräusch sich immer gleich blieb und in der gleichen Ferne, senkte er gleichmüthig den Kopf zu dem fetten Grase wieder hinab. Es war aber das Pochen stählerner Aexte, welches das Thier vernommen hatte, und diese Töne verschwanden nun nicht mehr aus der Gegend, sondern rückten von Jahr zu Jahr näher und an stillen Abenden konnte man an jenen Orten eine Reihe von Rauchsäulen zählen, welche in die unbewegte Luft emporstiegen. Dann kam eines Tages ein kräftiger Mann das Thal hinaufgewandert, der war in gewebte Gewänder gekleidet und stützte sich 210 auf einen Spiess mit blanker stählerner Spitze. Dieser Mann durchstreifte die Gegend um den Bach herum nach allen Richtungen, betrachtete sich die Wiesen und die Waldung, grub mit seinem Spiess von der Erde aus und prüfte diese, indem er wohlgefällig dazu nickte und verschwand dann wieder thalabwärts. Nach einiger Zeit vernahm die Wildniss wieder neue Töne, das Schnaufen von Pferden, das Kreischen mangelhaft geschmierter Wagenräder und das Gebrüll von Kühen, denn das Thal herauf zog eine kleine Karawane, geleitet von jenem Manne, der gefolgt war von einer stattlichen Frau und sechs Kindern, von welchen zwei Söhne und eine Tochter bereits erwachsen waren. Auf einer anmuthigen Grassblösse an dem Ufer des Baches machte die Gesellschaft Halt, es ward mit Stahl und Stein und Zunder ein Feuer angemacht und eine Mahlzeit bereitet. Zur Nacht schliefen sie in den mit Leinwandplänen überspannten Wagen. 211 Am anderen Tage begann nun auch hier das unablässige Pochen der Aexte, der Boden bedeckte sich mit gelblichen Holzsplittern und die Luft war erfüllt mit dem frischen Harzgeruch gefällter Edeltannen. In geschützter Lage entstand ein Blockhaus, dessen Fugen mit Moos und Lehm gedichtet und dessen Dach mit frisch gespaltenen Schindeln eingedeckt wurde, während zur Seite mächtige Stapel von Brennholz für den Winter sich aufthürmten. Als nun durch die unablässige Arbeit schwieliger Hände eine genügende Strecke Landes geklärt worden war und die vom Sommersonnenschein gedörrten Abfälle der Zweige und Aeste einen schweren balsamischen Duft verbreiteten, da kam ein hoher Festtag für die Kinder, denn eines Tages, da gerade der Wind eine günstige Richtung hatte, wurde dieser ganz ungeheuere Scheiterhaufen von trockenem Reisig angezündet, um sich so auf eine bequeme Art dieser hinderlichen Gegenstände zu entledigen. Zwischen den schwarz 212 gebrannten Stumpfen der gefällten Bäume, von denen man nur die kleineren auch ausgerodet hatte, ward dann mit Pflug und Spaten so gut es ging die Erde gelockert und die erste Wintersaat in den jungfräulichen Boden eingebracht. So kam allmählich der Herbst heran. Die Spitzen des jungen Kornes sahen bereits aus der schwarzen Erde hervor, auf den Waldwiesen standen mächtige Schober köstlichen Gebirgsheues zum Wintervorrath für das Vieh, im Rauchfange hingen die Keulen und Rücken von wilden Schweinen, Bären und feisten Hirschen und im Eichwald schwelgten die wenigen mitgebrachten Schweine in unermesslichen Eicheln, um Kraft und Stärke zu gewinnen für eine gedeihliche Nachzucht im nächsten Jahre. So sahen die ersten Ansiedler dieses gesegneten Thales mit Zuversicht dem nahenden Winter und mit gutem Vertrauen der Zukunft entgegen. Das nächste Jahr brachte die erste Ernte, neue Ansiedler und der entstehenden 213 Ortschaft einen Namen, denn da der erste Bebauer den Namen Walter führte, so nannte man nach ihm den Platz Walterode und also heisst das Dorf noch bis auf den heutigen Tag. Im Laufe der Zeit verschwand nun der Urwald bis auf einige wenige alte Riesenbäume, welche man zum Wahrzeichen stehen liess, ganz aus der Ebene des Thales und nur von den Bergen und steilen Hängen schaute er noch finster hin auf den einstigen Schauplatz seiner Grösse und alleinigen Herrschaft. Anstatt seiner breitete sich dort ein bunter Teppich verschiedenfarbiger Felder und saftig grüner Wiesen aus, an dem Bache entlang zog sich die Dorfstrasse und an dieser lagen saubere Häuser mit hübschem Schnitzwerk verziert, umgeben von Gärten, in welchen Basilicum, Raute, Lavendel, Salbei und andere Würzpflanzen dufteten, in welchen Mohn und Lilien, brennende Liebe und Gelbveigelein blühten, und strotzende Küchengewächse üppig sich ausbreiteten. Hinter den Häusern aber im Grasgarten 214 schimmerten im Frühling silbern und rosig die Obstbäume und standen im Herbste gebeugt von goldenen und blauen Früchten. Am höchsten Punkte des Dorfes streckte nun aus dem Schatten uralter Eichen eine Kirche ihr spitzes Thürmlein hervor und an den stillen Sommerabenden hörte man statt des rauhen Gebrülles der wilden Thiere ein friedliches Läuten, das Dengeln von Sensen und das fröhliche Geschrei spielender Kinder. Nur der Bach blieb bei diesem Wechsel der Dinge immer derselbe und rauschte durch Dorf und Wiesen mit demselben Geplätscher dahin, wie einst durch den unberührten Urwald; er sah die endlose Kette menschlichen Daseins an sich vorübergleiten und dahinfliessen wie seine eigenen Wellen, die ewig neu und ewig dieselben waren. Er sah die Kinder an seinen Ufern spielen, wie sie Kanäle und Mühlen bauten und Krebse und Forellen griffen. Er sah sie heranwachsen und pärchenweise im Mondschein an seinen Ufern 215 wandeln, indem sie sich umschlungen hielten und Küsse mit einander tauschten. Er sah gebräunte Männer auf die Arbeit ziehen, indess die Frauen in Haus und Garten sich fleissig regten. Er sah an seinem Rande gebrechliche Greise träumend in der Sonne sitzen, zu deren Füssen neue Kinder die alten Spiele übten, und so flossen die Wellen und die Jahre unablässig dahin. Dieses friedliche Leben ward nur unterbrochen durch solche Ereignisse, für deren Fernbleiben allsonntäglich auf der Kanzel gebetet wird und denen das Menschengeschlecht doch nie und nimmer entrinnen kann. Es kamen Kriegsläufte, in welchen sich die krystallklaren Wellen des Baches mit Blut färbten, es kam eine Feuersbrunst und verzehrte die Häuser des halben Dorfes, eine Pestilenz, ausgebrütet in den Sümpfen der Länder gegen Sonnenaufgang, wanderte herbei, leerte die Häuser und füllte den Kirchhof, Misswachs und sein scheussliches Kind Hungersnoth zehrten an den Gebeinen der Dorfbewohner, doch 216 Alles überwand die unverwüstliche Kraft des Lebens, und so blüht und gedeiht der freundliche Ort Walterode bis auf den heutigen Tag. Und wie sieht es denn jetzt dort aus? Schon wieder ein wenig anders, und wieder sind neue unerhörte Töne bis in die entlegene Einsamkeit dieses Thales gedrungen, denn von dem Hauptthale aus, in welches es mündet, wie sein Bach einläuft in das Flüsschen, das sich dort glänzend durch den Grund windet, schrillt zuweilen herüber, wie der Todesschrei eines furchtbaren Riesenthieres aus dem Geschlechte der Schweine, der gellende Pfiff der Lokomotive. Den Bach hat man eingefangen und seine Kraft vor allerlei Mühlen und Fabriken gespannt, wo er mit unwilligem Brausen über die Wehre stürmt, um wimmelnde Räder und Riemen und knirschende Sägen zu treiben. Aus einem schmalen Seitenthale ragt sogar der mächtige Schornstein einer Papierfabrik hervor, welche eifrig bestrebt ist, ganze Wälder zu fressen 217 und sie in ungemein sehlechtes Papier zu verwandeln. Um die Sommerszeit aber kommen aus Berlin und Leipzig und anderen grossen Städten Geheimräthe und Kommerzienräthe mit gebildeten Gattinnen, ästhetischen Töchtern und klugen Söhnen, um die köstliche Gebirgsluft zu geniessen. Und die Väter wandeln würdevoll in der nächsten Umgegend spazieren und führen weise Gespräche über den Stand der orientalischen Frage oder die neueste Anleihe, während die Mütter, auf den Bänken sitzend und in der schönen Aussicht schwelgend, die grosse Dienstbotenfrage erwägen, und wo man den besten und billigsten Kaffee kauft. Die Töchter aber sind meist mit Skizzenbüchern behaftet, mit welchen sie überall in der Gegend herum sitzen, und es giebt in dem ganzen Dorfe und seiner Umgebung keinen bemoosten Felsblock, keine alte Kropfweide, keine Kuh und keinen Schweinestall, der nicht schon in solchem Skizzenbuche stände. Die klugen Söhne 218 aber hocken beim Biere, rauchen ein Cigarrettlein nach dem anderen und geniessen die balsamische Gebirgsluft auf diese Art. So ist es jetzt, wie es aber in Zukunft sein wird, das weiss Niemand. Es gab ja Städte, welche einst glänzend dastanden in der Pracht ihrer Paläste und weit hinaus ihre mächtige Herrschaft ausübten, doch heute kennt man kaum den Ort in der Wüste, wo sie lagen. Sie sind vergessen und fast ohne Spur verloren. So kann es auch sein, dass die Menschen einmal wieder verschwinden aus diesem Thale, und das Dorf in Trümmer sinkt. Dann wird langsam der Wald herabsteigen aus dem Gebirge in seine alten Standplätze und nach Hunderten von Jahren ein neuer Urwald dort seine Wipfel wiegen, und das Andenken der Menschen, welche dort wohnten, wird hinabgeflossen sein in das grosse Meer der Vergessenheit. Doch mit demselben Rauschen und Rieseln, wie 219 einst und jetzt, wird auch dann der Bach zu Thale wandern mit seinen klaren Gewässern, die ewig kommen und ewig gehen und ewig bleiben.     221 Die Kohlmeise. 223 In der mecklenburgischen Landstadt, woselbst ich mehrere Jahre meines Lebens zugebracht habe, stand in einer abgelegenen Strasse als das letzte ein winziges Häuschen in einem nicht sehr grossen Garten. Das Gebäude war schlecht erhalten und wohl seit dreissig Jahren nicht neu angestrichen, obwohl es vielleicht schon ebenso lange dessen bedurft hätte; die Fenster erschienen schmutzig und blind und theilweise waren zerbrochene Scheiben durch Stücke von alten Kistendeckeln ersetzt, so dass sie aussahen wie kranke Augen, die man mit Pflastern verklebt hat. Der Garten war besser gehalten, allein er zeichnete sich dadurch aus, dass nicht die kleinste Zierblume in ihm zu finden war, selbst vor dem Hause, wo doch sonst auch 224 bei den ärmsten ein paar freundliche Blumensterne zu leuchten pflegen, sah man nichts als Kartoffeln oder Kohl oder sonst ein breitspuriges Küchengewächs. Höchstens kam es einmal vor, dass in einem Jahre Zichorien dort angepflanzt waren, aus deren Wurzeln man den vortrefflichen Kaffee bereitet, und dann konnte es sich ereignen, dass einige zur Samenzucht stehen blieben und mit ihren blauen Blüthenzweigen einen unbeabsichtigten Schmuck darboten. Hätte man nun aus diesen Erscheinungen auf die Armuth der Bewohner dieses Häuschens geschlossen, so wäre dies wohl berechtigt aber nicht richtig gewesen, denn seine Besitzer, die beiden alten Junggesellen Gebrüder Pieper, zum Unterschied von einander Angelpieper und Pilzpieper genannt, erfreuten sich als die letzten Ueberbleibsel einer wohlhabenden Familie eines nicht unbeträchtlichen Vermögens; da sie jedoch über alle Massen geizig waren, so lebten sie in ihrem Häuschen wie ein paar 225 ascetische Zweisiedler, indem sie jede Ausgabe, welche über das Nothwendigste hinausging, hassten und verachteten. Weil sie beide sich keiner bestimmten Berufsthätigkeit gewidmet hatten, so war das einzige, mit welchem sie verschwenderisch umgingen, ihre Zeit, und sie verbrauchten, um nach ihrer Meinung kostenlos zu einer Sache zu kommen, viele Stunden, welche, irgend einer nützlichen Arbeit gewidmet, leicht das Zehnfache hätten einbringen können. Angelpieper, der durch einen Schaden am Fuss verhindert war, weite Ausflüge zu unternehmen, hatte das Häusliche übernommen, er bereitete die Mahlzeiten, besorgte den Garten, fütterte das Vieh, welches aus einer Anzahl von Kaninchen, zwei Schweinen und einigen Hühnern bestand, und in der Zwischenzeit sass er unausgesetzt an dem träge strömenden Fluss, der die Hinterseite des Gartens begrenzte, und angelte, wobei er auch den kleinsten Weissfisch oder Gründling nicht verschmähte. Pilzpieper war für das Auswärtige 226 eingerichtet, denn auf seinen kurzen, krummen und stämmigen Beinen stapfte er gar wacker und ausdauernd durch die Welt. An den Markttagen lauerte er stundenlang auf dem Platze umher, beschnüffelte, befingerte und bemäkelte Alles, kaufte aber nur, wenn er durch einen besonderen Zufall eine Waare zu einem Schleuderpreise erhalten konnte, wenn, wie Reuter sagt, die Marktweiber sich mürbe gesessen hatten und zum Schluss mit ihren Vorräthen räumen wollten. Seinen Beinamen aber trug er davon, weil er die ganze Herbstzeit hindurch ein eifriger und fanatischer Pilzsucher war. Auf der städtischen Kuhweide kamen viele Champignons vor und es fanden sich in der Stadt auch manche Liebhaber dieses wohlschmeckenden Pilzes, welche eifrig danach suchten. Allein allen zuvor that es Pilzpieper, der einmal alle Stellen ganz genau kannte und zweitens schon vor Morgengrauen aufbrach, um der erste bei der Ernte zu sein. Als ich, der ich ein grosser Liebhaber 227 des Champignonsportes bin, einmal des Morgens sehr früh ausgegangen war, da begegnete mir Pilzpieper schon auf der Chaussee mit einem mächtigen Leinenbeutel, der strotzend mit Champignons gefüllt war. Er kannte ganz genau meine Absicht, allein er verzog keine Miene, als er an mir vorüberwurzelte, während ich wusste, er grinste inwendig. Nachher sah er sich alle fünfzig Schritte nach mir um und zwar auf eine höchst sonderbare Art. Er war so steif und knorpelig gebaut, dass weder seine Hüftgegend, noch sein Genick einer wesentlichen Drehung fähig waren, und deshalb musste er, wenn er mich sehen wollte, immer eine Dreiviertelwendung mit dem ganzen Leibe machen, was in seiner taktmässigen Wiederholung einen höchst komischen Eindruck machte. Er brannte nämlich jedenfalls darauf, sich zu überzeugen, ob ich wirklich auf die Kuhweide ginge. Da ich unter diesen Umständen auf dem abgegrasten Felde keine Erfolge mehr erzielen konnte, so gönnte ich seiner 228 Schadenfreude diese Befriedigung nicht, sondern schwenkte heuchlerisch-harmlos auf einen Seitenweg ein, der zum Walde führte, gleich als beabsichtige ich nur einen zwecklosen Morgenspaziergang. Aber nicht allein Champignons, sondern auch alle andern essbaren Pilze waren ihm bekannt und wurden eifrig gesammelt. Die beiden Pieper ernährten sich zur Herbstzeit fast ausschliesslich von diesem kostenlosen und stickstoffhaltigen Gemüse und priesen die Beschränktheit ihrer Landsleute, welche eine solche Nahrung, die in den umliegenden Wäldern so reichhaltig umsonst emporschoss, verachteten. Pilzpieper hatte sich diese Kenntnisse von einem eingewanderten sächsischen Schneider erworben und achtete sie als ein Kapital, das angenehme Zinsen trug. Die krause Morchel, den goldgelben Pfefferling, den kaffeebraunen Steinpilz, den geringelten Reizker und noch manche andere Art kannte und schätzte er. Auch Dinge, vor welchen man im Lande geradezu einen Ekel und 229 Abscheu hatte, waren ihm nicht zu gering. Als er in Erfahrung gebracht hatte, dass die in der Gegend sehr häufige grosse Weinbergsschnecke in Süddeutschland und Frankreich für eine Delikatesse galt, schmunzelte seine Seele; er begann auch dies neue unerwartete Geschenk der Natur kräftig auszubeuten und die beiden Brüder wurden bald das Haupthinderniss der allzugrossen Vermehrung dieser wohlschmeckenden Hausbesitzer. In der Stadt hatte Sage und Uebertreibung, wie das zu gehen pflegt, noch vieles hinzugefügt und die Gebrüder Pieper galten ganz allgemein für Omnivoren, allein ob die Behauptung Glauben verdient, dass ihr grösstes Festgericht aus in Sauer gekochten Ringelnattern und gerösteten Heuschrecken bestände, will ich dahingestellt sein lassen. Auch weiss ich nicht, ob es auf Wahrheit beruhte, was man sonst noch von Pilzpieper erzählte, dass er nämlich im Frühling aus allen Singvogelnestern, welche er fand, die Eier ausnahm, nicht um damit einer 230 unverständigen Sammelwuth zu fröhnen, sondern um ihren Inhalt in der Wirthschaft zu verbrauchen, so dass um diese Zeit in Gestalt von Rührei eine Unsumme von zukünftigem Frühlingsjubel in den unersättlichen Bäuchen der beiden Brüder sein düsteres Grab fand. Pilzpieper ward mir zuerst bekannt. Er hatte eine kleine Schwäche, die man bei seinem sparsamen Gemüth garnicht in ihm gesucht hätte. Er kehrte nämlich bei seinen Ausflügen gern in einem einsamen Landkruge ein, der von seinen Besitzern, einem alten Ehepaar, noch in der Weise der Väter verwaltet wurde und sich durch unglaublich billige Preise auszeichnete. Auch ich sprach gern dort vor, um mit den alten verständigen Wirthsleuten zu plaudern. Dort sass Pilzpieper oft stundenlang bei seinem Glase Bier und Schnaps und liebte es, mit den einkehrenden Gästen Gespräche anzuknüpfen und alle Dinge dieser und jener Welt, welche ihm zugänglich waren, mit dem Schneckenschleim 231 seiner ordinären Anschauungen zu überziehen. Jedoch gelang es mir nicht, sein Vertrauen zu erringen, indem er bald entdeckte, dass ich etwas von Pilzen verstand, und nun sofort einen heimlichen Konkurrenten in mir witterte, der ihn über die besten Standplätze aushorchen wollte. Später kam ich öfter bei meinen Abendspaziergängen an dem Hause der Brüder vorbei und erfreute mich an ihrem Anblick. Sie pflegten dann in etwas schmierige Schlafröcke von blauem Flanell gehüllt, auf einer erhöhten Gartenbank zu sitzen, welche eine Aussicht auf die städtische Kuhweide und den fernen Wald gewährte, und rauchten dazu selbstgezogenen Tabak, welchen sie durch den Zusatz von allerlei nur ihnen bekannten Kräutern verlängert und nach ihrer Meinung auch verbessert hatten. Ich will meine Ansicht über dieses Kunstprodukt für mich behalten, kann aber die Bemerkung nicht unterdrücken, dass es in solchen Augenblicken angenehm war, sich ausserhalb der herrschenden 232 Windrichtung zu befinden. Eines Abends, als gerade Angelpieper allein dort sass, ging ein Trupp von Strassenjungen vor mir her. Kaum hatten diese den Würdigen erblickt, als sie, von einem gemeinsamen Antriebe ergriffen, ihn auf eine mir unverständliche Weise zu verhöhnen begannen, indem sie alle gleichzeitig in den oft wiederholten Ruf: »Piep! piep!« ausbrachen. Auf den Namen allein konnte dies nicht gehen, denn das hätte die grosse Wuth nicht erklärt, welche sich bei Angelpieper plötzlich zeigte. Er ward dunkelroth, drohte mit seiner Pfeife und brach in einen Strom von Schimpfworten aus. Dieses Resultat und der ohnmächtige Zorn des Verhöhnten bereitete den Knaben natürlich ein unermessliches Vergnügen, dessen Verlängerung anzustreben ihnen als eine heilige Pflicht erschien. Sie stellten sich deshalb in einem Halbkreise auf und piepten weiter, so gut sie es vermochten. Aber plötzlich brach Pilzpieper, mit einem spanischen Rohr bewaffnet, aus dem Hinterhalt hervor, stürzte 233 sich zornschnaubend auf die Gesellschaft und trieb sie in die Flucht. Er stand dann noch lange zeternd und schimpfend im Wege und schalt hinter den höhnenden Gassenjungen her, bei welcher Gelegenheit er allen als die einzig mögliche Perspective für die Zukunft das Zuchthaus und den Galgen in Aussicht stellte. Als ich am Abend in den gewölbten Räumen eines ehemaligen Klosters beim kühlen Bier sass, verfehlte ich nicht, mich nach den Gründen dieses Ereignisses zu erkundigen und erfuhr folgende Geschichte: Vor Jahren hatte einmal Angelpieper eine Kohlmeise gegriffen in einem Astloch, woselbst sie zu übernachten gedachte. Er hatte den Vogel in ein altes vorhandenes Bauer gesperrt, und so waren die Gebrüder zu einem Luxusthier gekommen, das sie mehrere Jahre pflegten und an dessen munterem Wesen sie ihren Spass hatten. Tag für Tag erhielt es eine der Wallnüsse, welche sie von den Bäumen ihres Gartens ernteten; diese wurde ausgemacht und an 234 einem Faden aufgehängt. Es war dann lustig zu sehen, wie das Thierchen mit den feinen spitzen Krallen sich an die Nuss anhäkelte und daran pickte. Beide Piepers hatten, so weit sie dies vermochten, ihr Herz an diesen kleinen Vogel gehängt. Die Kaninchen, welche sie ebenfalls eifrig pflegten, liebten sie zwar auch, jedoch mehr mit dem Magen, indem sie solche aufassen, wenn sie gross und fett genug waren. Wenn eines dieser Thiere so weit gediehen war, pflegte der eine Bruder es an den Ohren aufzuheben, während der andere mit gastronomischem Schmunzeln es sachgemäss befühlte und es mit befriedigtem Kopfnicken für reif erklärte. Dann war sein Schicksal besiegelt, es kam in den Kochtopf und mit den Pelzen wurden die Winterjacken ausgefüttert. Diese kleine Kohlmeise aber war vielleicht das einzige in der Welt, an welchem die Brüder ein ideales Interesse nahmen, jedoch auch dieses sollte schmerzlich getrübt werden, als Pilzpieper eines Tages zufällig erfuhr, 235 dass man in Berlin und anderen grossen Städten frische Wallnüsse um die Herbstzeit gern mit fünfzig Pfennigen und mehr für das Schock bezahle. Er theilte dies sofort seinem Bruder mit, und nun rechneten beide. Sechs Schock Wallnüsse verzehrte dies Thierchen jährlich mindestens, das machte zu fünfzig Pfennigen drei Mark, und da sie diesen kleinen Fresser bereits fünf Jahre ernährten, im ganzen fünfzehn Mark. Sie fühlten beide eine Art von körperlichem Schmerz, als sie sich dies vorstellten und wenn das ahnungslose Vögelchen jetzt an seiner Wallnuss herumhackte, so war es, als pickte Jemand an ihren Herzen. Es war ihnen jetzt peinlich, das Thierchen nur anzusehen, dessen winziger Magen das Grab eines kleinen Vermögens darstellte. »Ich glaube«, sagte Pilzpieper, »dass so ein Thier noch nicht so viel wiegt, als ein Thaler. Denke nur, wir haben es dann schon mindestens fünfmal mit Silber aufgewogen!« 236 Angelpieper betrachtete den Vogel eine Weile mit düsterer Feindseligkeit, dann sagte er: »Wollen wir ihn fliegen lassen?« Der andere sprach eine Weile nichts, sondern sah auf die Kohlmeise. Es widerstand ihm sichtlich, dass man von einer so grossen Kapitalsanlage nunmehr nicht das Geringste haben sollte. Endlich sagte er: »Alle solche kleinen Vögel sollen ganz famos schmecken. Der Vater von Förster Driese hat sie früher immer auf dem Meisenherd gefangen und hat oft gesagt, man müsse sich die Finger danach lecken. Und fett muss das Thier sein. Denk mal, wie wir es gemästet haben. Dreissig Schock Wallnüsse hat es schon verputzt.« Dabei tastete er mit Daumen und Zeigefinger in der Luft, als befühle er einen eingebildeten Vogel auf seine Körperverhältnisse. Dies leuchtete dem Bruder sehr ein und das Unerhörte geschah; sie schlachteten kalten Muthes das armselige Thier, rupften und brieten es und verzehrten es gemeinschaftlich mit dem erhabenen Gefühl, dass 237 selbst der Kaiser wohl so einen theuren Braten noch nicht auf seinem Tische gehabt hatte. Der Kopf, als das Feinste und nur einmal Vorhandene, ward ausgelost und fiel dem schmunzelnden Angelpieper zu. Von dieser Geschichte hätte wohl Niemand etwas erfahren, wenn nicht Pilzpieper in einer schwachen Stunde die ganze Sache einmal, als in dem Landkruge ein lehrreiches Gespräch über kostspielige Gerichte geführt wurde, sie zum besten gegeben hätte. Mit Windeseile verbreitete sich diese Geschichte in der Stadt, und in der nächsten Zeit erlitten die Gebrüder Pieper Märtyrerqualen durch die vielen freundschaftlichen Erkundigungen nach ihrem Befinden in Folge des schwelgerischen Mahles, so dass sie schliesslich solches als eine tödtliche Beleidigung auffassten. Natürlich hatte sofort die Schuljugend sich der Sache bemächtigt und im Laufe der Zeit nach ihrer Art die ganze Geschichte in das eine Schlagwort »Piep!« conzentrirt. Den nachfolgenden Generationen der 238 hoffnungsvollen Jugend war zwar die ursprüngliche Bedeutung dieses Schlachtrufes längst verloren gegangen, jedoch genügte ihnen vollständig das schöne und sichere Resultat, die beiden alten Herren dadurch, so oft sie wollten, in eine grenzenlose Wuth zu versetzen. So wurde der kleine, grausam geschlachtete Vogel an seinen gewissenlosen Mördern glänzend und dauernd gerächt!     239 Der Goldbrunnen. 241 I. In einem schnell dahinrauschenden Gebirgsbache lebte in alter Zeit ein Fischer, der alltäglich ausging, um seine Angel nach Forellen und Aeschen auszuwerfen, von deren Verkauf in der benachbarten Stadt er seinen Unterhalt zog. Dies war ihm nun auch alle Zeit wohl gediehen, bis in einem Sommer der Fang nicht mehr gelingen wollte, ob er gleich mit derselben Kunst und Geschicklichkeit als früher die Fliegen oder Grashüpfer, welche an seiner Angel als Köder befestigt waren, über das strömende Wasser tanzen liess. Nur selten bekam er ein Gericht der köstlichen Fische beisammen und gerieth in solche Noth, dass er bereits seine wenigen Sparpfennige angreifen musste und in Sorgen darüber gerieth, wie er sich von seinem 242 Berufe ferner ernähren möchte. An einem heissen Sommertage hatte er wieder unzählige Male vergeblich die Angel ausgeworfen und war hinaufgewandert bis dorthin, wo er nicht mehr fischen konnte, weil daselbst das Wasser in brausenden Fällen über mächtige Felsblöcke herabgeschossen kam. Dort sass er nun, während schon die Abendsonne röthlich in den Wipfeln lag und die Kuppen der Felsen leuchtend aus den dunklen Massen des Waldes hervorhob, hatte das Gesicht auf beide Hände gestützt und dachte über sein trauriges Schicksal nach, als er plötzlich zusammenfuhr, denn eine weiche weibliche Stimme in seiner Nähe sagte deutlich: »Was fehlt dir, mein guter Fischer?« Er erhob seine Augen und erschrak nun fast noch mehr, denn ihm gegenüber auf der anderen Seite des Baches sass in einer Felsenhöhlung, aus welcher ein klarer Quell hervorrieselte, eine wunderschöne Wasserfrau. Sie war gekleidet in ein schneeweisses Gewand, aber noch weisser leuchteten 243 ihre schimmernden Glieder daraus hervor und bis zu den Hüften war sie umwallt von ihrem langen Haar, das wie röthliches Gold schimmerte. Als der Fischer nun wieder etwas Muth geschöpft hatte, klagte er der schönen Frau seine Noth und bat sie, ihm zu helfen, wenn sie könne, denn ihm war wohl bewusst, dass solche Wesen allerlei besonderer Künste mächtig sind. Darauf schien das schöne Weib nur gewartet zu haben, denn es lachte lieblich, griff hinter sich und rief: »Nun fange, lieber Fischer!« Damit warf sie ihm ein rundes silbernes Büchschen zu, welches er auch geschickt in der Luft ergriff und alsbald neugierig öffnete. Es befand sich weiter nichts darin als eine künstliche Fliege von wunderbarer Schönheit, denn ihr Leib war aus Edelsteinen und schimmerte herrlich roth und grün, die Beine und Fühlhörner waren fein aus Gold gearbeitet, und die Flügel aus überaus zarten Silberfäden gewebt. Als er nun danken wollte, und zugleich verwundert 244 fragen, wozu er das sonderliche Geschenk brauchen solle, da bemerkte er zu seinem Staunen, dass nun das schöne Weib spurlos verschwunden war, nur die Quelle rieselte dort einsam aus der kühlen Grotte hervor. Seufzend wollte der Fischer noch einmal, bevor die Sonne ganz fort ging, sein Glück mit der Angel versuchen, da bemerkte er, dass von den Fliegen, die ihm als Köder dienten, bereits die letzte verbraucht war und zugleich fiel ihm ein, wozu das Geschenk der schönen Wasserfrau wohl am Ende nützlich sein könne. Er steckte die künstliche Fliege an seinen Haken und ging an einen Ort in der Nähe, wo in den Höhlungen des überhangenden Ufers immer gern Forellen zu stehen pflegten. Kaum hatte er hier das glänzende Juwel einmal sänftlich auf das Wasser fallen lassen, da blitzte und sprang schon etwas und eine Forelle sass am Haken. Ein solches Prachtthier hatte er selten gesehen. Der Fisch war über zwei Fuss lang, der olivengrüne Rücken feist und rund, und der Bauch 245 leuchtete wie Gold. So ging es weiter, kaum hatte er die Angel ausgeworfen, so sass auch schon ein Fisch daran, und ehe die Dunkelheit hereinbrach, hatte er so viele gefangen, wie sonst in einer ganzen Woche nicht. Da sah er, welch' ein herrliches Geschenk er von der Wasserfrau bekommen hatte, sperrte die Fische in seinen Hütkasten und ging dankerfüllt und fröhlichen Herzens nach Hause. Durch den Besitz dieser wunderbaren Fliege wendete sich nun sein Glück zum Besseren, sodass er fortan fast mehr Fische fing, als er verkaufen konnte. Jedoch hatte ihn eine starke Sehnsucht erfasst, die wunderschöne Wasserfrau wiederzusehen; allein, obwohl er sich an jedem Abend an der Stelle einfand, wo er sie zuerst erblickt hatte, so wollte sie doch niemals wieder sich zeigen. Zuweilen wohl glaubte er ihre sanfte Stimme zu hören oder einen leisen melodischen Gesang, allein wenn er dann genauer zuhorchte, ward er inne, dass er sich durch das klingende Rieseln des Baches 246 hatte täuschen lassen. Sonst hatte er wohl nach den hübschen Mädchen gesehen im Dorfe und in der Stadt, und auch diese blickten den stattlichen Fischer nicht unfreundlich an, allein jetzt erschienen ihm alle unschön und gering, denn immer schwebte ihm das rosige Antlitz vor Augen, von dem das weiche Haar in goldenem Falle herniederging und die schimmernden Glieder, welche weisser waren als Kirschenblüthe. So war fast ein Monat vergangen, da sass der Fischer einst zur Abendzeit wieder an jenem Orte, hatte wie damals das Gesicht in beide Hände gestützt und dachte voll starker Sehnsucht an die schöne Wasserfrau. Zuletzt übermannte es ihn, er seufzte tief und sprach: »O du allerschönstes Weib, soll ich dich niemals wiedersehen?!« Da hörte er plötzlich ein silberhelles Lachen, und diesmal war es nicht das melodische Rieseln des Baches, was ihn schon so oft getäuscht hatte, denn als er aufblickte sah er die schöne Wasserfrau 247 wieder wie damals in der Quellgrotte sitzen. Sie winkte mit ihrer weissen Hand und sprach: »So komm doch und setze dich zu mir!« Der Fischer erschrak sehr und das Herz pochte ihm gewaltig, allein er gehorchte doch sofort und ging über die grossen Steine, welche aus dem Bache hervorragten, zu ihr hin. Als er nun dort stand so steif wie ein Bock und nicht wusste, ob er es wagen dürfe warum die Schöne ihn ersucht hatte, da rückte diese ein wenig zur Seite und zog ihn sanft mit der Hand zu sich nieder. Da sass er nun und wagte nicht sie anzusehen, denn er fürchtete sich fast vor ihren sieghaften Augen, welche so blau waren wie das südliche Meer bei klarem Sommerhimmel. Sie aber lehnte sich an ihn, dass es ihn wie sanftes Feuer durchströmte, neigte den Kopf an seine Schulter, sah zu ihm empor und sagte: »Nun, so küsse mich doch, es ist dir wohl vergönnt, mein lieber Fischer!« Einen Augenblick war ihm, als müsse 248 er nun Hals über Kopf davonlaufen, aber da blickte er in ihre Augen, die voll tiefer Zärtlichkeit auf ihn gerichtet waren und da war es um seine Besinnung geschehen, er beugte sich nieder auf den Mund, der glühte wie eine Purpurrose, zwei weisse Arme schlangen sich um seinen Nacken, und nun küssten sie sich so recht von Herzen. Da ging ein Rauschen und Klingen durch das Gewässer des Baches wie lauter Musik, blitzende Forellen schleuderten sich wie jauchzend aus den Wellen hervor und eine der sonst so scheuen Wasseramseln kam geflogen, setzte sich ganz in der Nähe auf einen Stein und sang ihr lieblich geschwätziges Lied, dass es schallte. Sie gewannen sich nun alsbald sehr lieb und der Fischer fragte das schöne Wasserweib, ob es nicht seine Frau werden wolle. Da ward ihr Gesicht ganz ernst, sie schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Ich thäte es schon gern, denn seit lange gefällst du mir wohl, allein fast noch niemals hat eine 249 Verbindung eines Wesens unserer Art mit einem Menschen zu dauerndem Glücke geführt und furchtbare Strafe, sowie langwierige Gefangenschaft in finsteren Höhlen wartet mein, wenn ich gezwungen werde, in das Reich der unterirdischen Wasser zurückzukehren.« Sie konnte aber dem inbrünstigen Flehen des Fischers nicht widerstehen und sprach dann: »Ach, du guter Mann, wie kannst du lieblich bitten. Ich vermag es nicht, dir abzuschlagen, was du wünschest, ob ich gleich für die Zukunft fürchte. Denn obwohl es leicht erscheint, die Bedingung zu erfüllen, welche ich stellen muss, so ist es doch fast noch keinem Menschenkinde gelungen, sie inne zu halten, denn neugierig und misstrauisch ist eure Art und ihr duldet nicht, dass Jemand anders sei und sich von euch unterscheide. Darum merke, wenn ich zu Zeiten von dir gehe auf kurze Zeit, so darfst du niemals fragen, wohin ich mich begebe, noch mir nachspüren, noch mich darum schelten. Kannst du mir 250 dies beschwören, will ich die Deine sein. Brichst du aber diesen Schwur, so ist es dein Tod und mein Verderben!« Diese Bedingung schien dem Fischer kinderleicht zu halten und er beschwor, was das schöne Weib verlangte. Dieses aber sprach: »Noch einen Monat gedulde dich, mein Geliebter, nicht eher darf ich dein werden. So lange magst du meiner harren, in geduldiger Treue.« Weildess war die Sonne ganz gesunken und der Abendschein brannte durch die lichten Stämme mit einer rothen Feuersgluth. Das schöne Wasserweib umschlang den Nacken des Fischers und küsste ihn zum Abschied. In diesem Kuss entschwanden seine Sinne, und es war ihm als würde er hinausgetragen in jene leuchtende Gluth und löse sich auf in eitel feurige Wonne. Und wie das Abendroth allmählich verschwimmt in das Dunkel der Nacht, so verdämmerte auch seine Besinnung. Als er wieder zu sich kam, war er allein, ringsum war es finster und still, nur der 251 Bach rauschte stärker durch die Dunkelheit. Für den Fischer kam nun ein Monat, der ihm so lang erschien, als sonst nicht Jahre. Die Anzahl von Forellen, welche er in der kleinen Stadt absetzen konnte, war vermöge seiner wunderbaren Fliege bald gefangen und in der übrigen Zeit sass er gegenüber der kleinen Felsengrotte und starrte unablässig auf das rieselnde Rinnen der Quelle, welche daraus hervorkam und hing sehnsüchtigen Träumen nach. Als nun der Monat endlich entschwunden war und der Fischer am nächsten Tage die Erfüllung seiner Wünsche hoffte, klopfte es eines Morgens ziemlich leise an die Thür seiner Wohnstube, und als er öffnete, stand eine allerliebste Bauerndirne draussen und lachte ihn halb schüchtern, halb verführerisch an. Der Fischer, dessen Gedanken ganz von seiner Liebe erfüllt waren, bemerkte ihre Schönheit nur wie durch einen Schleier und fragte nach ihrem Begehr. Das Mädchen aber schlüpfte an ihm 252 vorüber in's Zimmer, drehte sich dann einmal zierlich vor ihm herum, dass die Röckchen flogen und fragte: »Kennst du mich denn nicht mehr?« Nun kam sie dem Fischer wohl bekannt vor, allein er vermochte sich nicht auf sie zu besinnen: »Bist du vielleicht die Lore, mit welcher ich als Kind gespielt habe?« fragte er. Da lachte die Schöne hell auf und rief: »O du hübscher Fischer, was hast du für blöde Augen!« Und damit, ehe er sich dessen versah, fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn. Darüber gerieth aber der Fischer in Zorn, denn er gedachte einzig seiner schönen Wasserfrau, welcher er die Treue bewahrte. Er drängte das Mädchen von sich, schob es zur Thüre hin und rief: »Hinaus mit dir, du lose Dirne, ich habe nichts mit dir zu schaffen!« Diese aber, anstatt beschämt oder erzürnt zu sein, lachte jauchzend auf, sprang einen Schritt zurück, nahm mit der einen Hand das gestickte Käppchen ab und löste mit der anderen das Band ihrer Haare und 253 als diese nun wie ein goldener Strom bis über die Hüften hinab flossen, als ihn zwei Augen so blau wie das südliche Meer bei klarem Sommerhimmel sieghaft anblickten, da wusste er mit einem Male, wer sie war, und dass er sein einziges Glück hatte von sich stossen wollen. Nun aber war seine Freude unbeschreiblich und Seligkeit und Wonne eingekehrt in das einsame Fischerhaus.     254 II. Der Fischer lebte mit seiner schönen Frau herrlich und in Freuden und nach Jahresfrist ward ihnen auch ein wunderschönes Töchterchen geboren, welches beider Eltern Schönheit in sich vereinigte. Niemals forschte oder fragte er, wenn seine Frau zuweilen heimlich von seiner Seite schwand und erst nach vierundzwanzig Stunden zurückkehrte. Es war dann jedes Mal als läge es wie frischer Morgenthau auf ihrem Antlitz und gleichsam ein Leuchten ging von ihr aus, wie der Wiederschein einer seligeren Welt. So lebten sie eine Reihe von Jahren, bis dass ihr Töchterlein, welches Wogelinde hiess wie ihre Mutter, zu einer holdseligen Jungfrau herangewachsen war. Um diese Zeit begab es sich, dass ein benachbarter junger 255 Ritter Namens Werner von Steinbach mehr als nothwendig sich in der Gegend zu schaffen machte, so dass es dem Fischer bald auffällig wurde, zumal als er eines Tages von Ferne sah, dass der junge Mann mit seiner Frau sich unterhielt und bei seinem Nahen sich in anderer Richtung schnell entfernte. Von diesem Augenblicke an kehrte der böse Dämon der Eifersucht in sein Herz ein und liess ihm fortan keine Ruhe mehr. Der junge Ritter, welcher wohl die Laute zu schlagen verstand, besass ausserdem die Kunst des Dichters und vermochte in wohlklingende Verse zu bringen Alles, was ihm das Herz bewegte. Als nun einmal der Fischer an einem einsamen Waldgewässer angelte, im Gebiete des Werner von Steinbach, da vernahm er den melodischen Gesang einer männlichen Stimme. Es war ein Minnelied und der Kehrreim eines jeden Gesetzes lautete, wie er nur zu wohl verstand: »Dein gedenk' ich, Wogelinde!« Er schlich näher und bemerkte nun den jungen Werner, welcher ganz 256 in seinen verliebten Gesang vertieft, seiner nicht ansichtig ward. Das schnürte ihm das Herz zusammen und zehrte an seiner Seele, denn nichts anderes glaubte er, als dass an seine Frau diese Verse gerichtet seien. Diese bemerkte wohl die Veränderung, welche mit ihrem Manne vorgegangen war und sah ihn oftmals wehmüthig fragend an oder strich leise mit der Hand über seine Stirn, als wolle sie die bösen Falten weglöschen, welche dort seit einiger Zeit sich eingefunden hatten. So kam wieder einmal der schöne Sommermonat Juli heran, da bemerkte der Fischer, den seine fressenden Gedanken in einer Nacht nicht schlafen liessen, wie seine Frau um die zwölfte Stunde leise aufstand und an den Schrank ging, wo ihre Kleider hingen. Er sah es deutlich bei dem hellen Schein des Mondes, wie sie ein weisses Gewand hervornahm, dergleichen sie früher als Wasserfrau getragen, und sich damit bekleidete. Dann liess sie ihr langes goldenes Haar herniederrollen, seufzte einmal recht tief wie aus 257 bedrängtem Herzen und glitt lautlos zur Thüre hinaus. Der böse Dämon, welcher das Herz des Fischers gefangen hielt, flüsterte ihm zu: »Was kann sie anderes treiben in solcher Heimlichkeit als böse und verbotene Dinge.« Und seinen Schwur vergessend kleidete er sich schnell an und folgte ihr. Er sah die schimmernde Gestalt bei dem hellen Schein des Mondes in einiger Entfernung bachaufwärts gleiten. Zuweilen verschwand sie in dem Schatten überhängender Baumzweige, dann tauchte sie fernerhin leuchtend wieder hervor. Während er ihr nun lautlos folgte, war sie zu jenem Orte gelangt, wo er zuerst ihrer ansichtig geworden war, und hier schwebte sie wie eine Erscheinung über den Bach und verschwand in der dunklen Felsenhöhlung. Der Fischer verlor nun wieder allen Muth; er setzte sich gegenüber der Grotte auf einen Felsblock und starrte auf die Quelle hin, welche silbern aus dem finstren Grunde hervorrieselte. Zur Seite war ihm das wilde Brausen und 258 Rauschen des Baches, der über felsige Trümmer hundertfach zertheilt herabstürzte und sonst that sich nichts hervor in der weiten Runde als das glänzende Weben des Mondlichtes, das Alles rings mit Silber säumte und mit wechselndem Lichte durch geheimnissvolle Finsternisse wandelte. So sass er in grübelnden Schwanken, bis der Schein des Mondes vor der herannahenden Sonne entschwand, und die schwarzen Schatten in eine weiche graue Dämmerung sich auflösten, so sass er noch, als rings die Welt bereits in voller Klarheit lag, die Schatten sich wieder vertieften und die Berghäupter und Baumwipfel in den goldnen Strom des Morgenlichtes getaucht waren. An das ewig gleichmässige Rauschen und Brausen des Gewässers hatte sein Ohr sich allmählich gewöhnt und nun war es ihm, als höre er durch alles dieses Getöne hindurch flüsternde Liebeslaute und kosendes Gespräch; er glaubte die zärtliche Stimme seiner Frau zu unterscheiden und nun schwoll es wieder giftig in ihm empor. 259 Mit einem plötzlichen Entschluss sprang er auf, schritt über die hervorragenden Steine an das andere Ufer und drang in die Höhlung des Felsens ein. Hier fand er, dass zur Seite ein schmaler Gang sich öffnete, wo er sonst stets nur den starren Felsen bemerkt hatte. Am Grunde dieser engen Höhle ging in schmalem Faden die Quelle dahin. Als er eine Weile mit pochendem Herzen den mehrfach gewundenen Gang vorangeschritten war, stand er und horchte. Das Geräusch der Aussenwelt drang nur wie ein dumpfes Summen an sein Ohr. sonst hörte er nur das leise Rieseln des Wässerchens zu seinen Füssen und von Ferne ein melodisches Klingen gleich dem Tone silberner Glöckchen. Er schritt noch eine Weile voran, da ward das Klingen stärker und vor ihm an den von weissem Sinter bezogenen Wänden des schmalen Ganges ward ein seltsamer goldiger Schein bemerklich, in dessen Lichte das aus den Fugen des Gesteines fein hernieder rieselnde Wasser beständig glitzerte. 260 Dem Fischer war so bange zu Muthe und das wunderliche Klingen schlug so mahnend an sein Herz, allein dennoch schritt er weiter. Der Lichtschein verstärkte sich, der Gang bog plötzlich um die Ecke und nun that sich eine weite Höhle mit weissen glänzenden Wänden vor ihm auf, ganz durchleuchtet von jenem seltsamen goldenen Scheine. Von den Wänden rieselte das Wasser in feinen glitzernden Fäden, an den Vorsprüngen der Decke sammelte es sich in Tropfen wie durchsichtiges Gold; diese fielen dann melodisch klingend in die schimmernden Lachen am Boden und diese wieder sendeten schmale gewundene Rinnen von sich aus, welche zu dem abfliessenden Wässerchen sich vereinigten. Die Quelle des Lichtes, von dem die Höhle erhellt ward, konnte der Fischer nicht sehen, deshalb trat er leise noch einige Schritte vor und nun bemerkte er eine grottenartige Vertiefung, gleichsam eine Seitenkapelle der Höhle, welche ganz in goldenem Feuer stand. Ein furchtbarer 261 Schreck befiel ihn, denn auf dem Grunde dieser Seitenhöhle sah er einen fast kreisrunden Brunnen, bis an den Rand mit diamantklarem Wasser gefüllt und um den Rand dieses Brunnens lag eine mächtige goldene Schlange, die von innen heraus wie in krystallenem Feuer leuchtete. Sie schien aus dem Brunnen zu trinken, denn ihr Kopf lag nahe dem Rande und die leuchtende zwiegespaltene Zunge tauchte unablässig in die klare Fluth hinab. In seinem Schreck hatte der Fischer wohl ein lautes Geräusch verursacht, denn plötzlich fuhr die Schlange empor, richtete den Kopf hoch auf und sah auf ihn hin mit zwei seltsam leuchtenden Augen, die so blau waren, wie das südliche Meer bei klarem Sommerhimmel. Reglos vor Angst erwartete der Fischer, das glänzende Ungethüm werde sich nun zischend auf ihn stürzen, allein nichts derartiges geschah. Ein schneidender Wehlaut ging durch die Luft und dann erblasste das goldene Feuer, in welchem der Leib der Schlange leuchtete, 262 so dass in Kurzem die schwärzeste Finsterniss herrschte. Der Fischer in tödtlicher Furcht, dass nun im Dunkeln das schreckliche Thier sich über ihn hermachen werde, stürzte eilig in den engen Gang zurück, stolperte und fiel gegen die Wände und stiess sich blutig, allein er hielt nicht eher inne, als bis er das Freie gewonnen und endlich das eigene Haus wieder erreicht hatte. Der arme Fischer hatte nun all sein Glück verscherzt, da er entgegen seinem Schwur die Heimlichkeit seiner Frau belauscht hatte, denn von dieser Zeit an sah er sie niemals wieder. Er verfiel in eine schwere Krankheit, in welcher er sich immer von einer furchtbaren goldenen Schlange verfolgt glaubte und in einem solcher Anfälle stürzte er sich in ein tiefes Wasser und ertrank. Nun war Wogelinde die schöne Tochter ganz allein. Der junge Werner von Steinbach, der ihr und nicht der Mutter in herzlicher Liebe zugethan war, befand sich in einer entfernten Stadt, 263 wo zu Ehren einer fürstlichen Hochzeit ein festliches Turnier stattfand, sonst hätte er jetzt wohl seine Schüchternheit überwunden und dem verlassenen Kinde seine Hülfe angeboten. Dem schönen Mädchen blieb nun nichts, als auf dem Grabe ihres Vaters zu weinen und um ihre verschwundene Mutter zu klagen. Da erschien diese in einer Nacht an ihrem Bette. Sie sah nicht mehr so blühend und schön aus, sondern ihre Wangen waren bleich wie Wachs, und ihr Antlitz trug einen Zug tiefen Leidens. Sie sprach: »Noch einmal ist es mir auf kurze Zeit vergönnt worden, dich zu sehen und Abschied von dir zu nehmen, mein Kind. Entzünde das Licht in der Laterne und folge mir.« Zitternd entsprach die Tochter diesem Verlangen, denn sie wusste nicht, ob sie wirklich ihre Mutter oder nur deren Geist vor sich habe. Die Erscheinung führte sie zu jener Höhle, zeigte ihr das Geheimniss, wie sie zu öffnen sei und führte sie dann an den klaren Brunnen, um welchen damals 264 die Schlange sich geringelt hatte: »Das Geheimniss dieses Brunnens gebe ich dir als dein Erbtheil,« sagte sie, »wisse also, dass alle Dinge, welche man hineintaucht, sich in eitel Gold verwandeln, nur musst du dich hüten, selber mit dem Wasser in Berührung zu kommen. Dies merke wohl, es wäre sonst dein Tod, denn obwohl von meinem Blute in deinen Adern fliesst, so genügt das doch nicht, dich vor dem Verderben zu bewahren. Zugleich auch würde dadurch die Kraft des Brunnens auf ewig verlöschen. Meinem Geschlechte kann dies Wasser nichts anhaben; ich trank aus ihm Kraft und neues Leben für mein ungewohntes Dasein unter den Erdenbewohnern, bis dein armer Vater vorwitzig all unser Glück zerstörte.« Dann schwieg sie und nur das melodische Klingen der Tropfen und das leise Rieseln der Wasserfäden tönte durch die Einsamkeit. Da hörte man tief unter der Erde dumpf aber deutlich den Ruf einer furchtbaren Stimme: »Die Zeit ist um, wo bleibst du!« 265 Die Frau seufzte tief auf, umarmte und küsste noch einmal ihre Tochter, stieg dann in den Brunnen und versank, indem sie noch einmal die Arme sehnsüchtig nach ihr ausbreitete. Wogelinde aber kehrte in das verlassene Haus zurück und grosse Thränen rollten ihr reichlich über das liebliche Antlitz.     266 III. Um diese Zeit begab es sich, dass die schöne Wittwe Brigitte von Löwen, welche in der Nähe ein schönes Schloss bewohnte, eines Tages auf ihrem isabellfarbigen Zelter in das Thal geritten kam und der Jungfrau Wogelinde ansichtig wurde, welche vor der Thüre des Fischerhauses sass und Fäden spann, so zart und glänzend wie Seide. Da sie von deren traurigen Schicksalen erfahren hatte, ritt sie näher hinzu und als sie die Anmuth und Geschicklichkeit der schönen Fischerstochter bemerkte, welche demüthig und bescheiden vor ihr stand, da erinnerte sie sich, dass sie gerade einer neuen Zofe bedürftig war und fragte Wogelinde, ob sie gewillt sei, einen solchen Dienst anzunehmen. Diese war es wohl zufrieden und so beredete 267 man, dass sie am anderen Tage schon nach Schloss Löwen übersiedeln solle. Wogelinde besorgte nun das Haus, schnürte ihr Bündelchen und pflückte sich zum Andenken die schönste Rose von dem Strauche, der an der Hauswand gerade in vollster Blüthe stand. Da gedachte sie, wie unliebsam es wäre, dass diese schöne Blume so bald welken würde und dabei fiel ihr das Vermächtniss ihrer Mutter ein. Es stand ja in ihrer Macht, diese Rose in Gold zu verwandeln und ihr dadurch ewige Dauer zu verleihen. Zugleich war ihr kleines Rothkehlchen gestorben, das sie schon Jahre lang gepflegt; es war als solle sie alles Lebende verlieren, daran ihr Herz gehangen. Sie nahm auch dieses todte Vögelchen, sowie eine fein und kunstreich gearbeitete Spindel, deren sich ihre Mutter immer bedient hatte und ging damit zum Goldbrunnen. Sie band alle drei Gegenstände sauber an Fäden, tauchte sie in das zauberkräftige Wasser und zog sie alsbald in das feinste Gold verwandelt, wieder hervor. 268 Sie packte diese Sachen sorglich in ihr Bündelchen und trat am anderen Tage ihren Dienst bei der schönen Frau Brigitte von Löwen an. Nun ereignete es sich, dass Werner von Steinbach durch die Sehnsucht nach der schönen Wogelinde getrieben, noch vor Beendigung der Festlichkeiten an jenem fürstlichen Hofe eilig nach Hause zurückkehrte. Unter all den stolzen Schönheiten des Adels und den anmuthigen Bürgertöchtern jener Stadt hatte er keine gefunden, welche der schönen Fischerstochter gleich kam; diese schien ihm alle zu überstrahlen, gleich wie der ruhig leuchtende Mond die Sterne besiegt, ob sie auch noch so sehr funkeln und blitzen. In seiner Heimath angelangt, erfuhr er zuerst von dem Unglück, welches die Fischerfamilie heimgesucht hatte und zugleich, wo die schöne Wogelinde sich jetzt befand. Da erinnerte er sich schnell, wie Unrecht es sei, dass Nachbarsleute so wenig Verkehr mit einander hätten, machte der 269 Frau Brigitte von Löwen sehr bald einen Besuch und war dann unter allerlei Vorwänden recht oft auf ihrem Schloss zu sehen. Die stolze Frau bemerkte diese Annäherung mit grossem Vergnügen, denn schon lange hatte sie ein Auge auf den stattlichen jungen Ritter und nichts lag ihr ferner, als der Gedanke, die schöne Jugendzeit, welche noch vor ihr lag, allein und ohne Gemahl zu verbringen. Nein, sie dachte im Gegentheil einen recht frischen jungen Mann zu gewinnen und mit ihm sich schadlos zu halten für die trübselige Zeit ihrer ersten kurzen Ehe mit einem alten Raufdegen und Saufaus, der zu keines Menschen Bedauern vor einem Jahre bei einem Sturz vom Pferde sich das Genick abgeschossen hatte. Sie hätte aber kein Weib sein müssen, wenn sie nicht bald gesehen hätte, dass diese Besuche nicht ihr, sondern ihrer schönen Zofe galten, und diese Entdeckung verursachte ihr den heftigsten Zorn und verwandelte die wohlwollenden Gefühle, welche sie anfangs für 270 das einsame Fischerkind gehegt hatte, in den bittersten Hass. Da sie noch immer hoffte, Werner von Steinbach für sich zu gewinnen, so liess sie diesem gegenüber sich nichts merken, das unglückliche Mädchen aber sperrte sie in ein einsames Thurmzimmer mit vergitterten Fenstern und gab ihr alltäglich so viel zu spinnen auf, dass die Arme bei der ungenügenden Nahrung von Wasser und Brod, welche sie erhielt, sich noch dazu den Schlaf abbrechen musste, um so schwere Aufgaben zu erfüllen. Wenn nun Werner kam und seine Augen suchend umhergehen liess voller Unruhe, dass er der Geliebten nicht ansichtig wurde, während er doch nicht nach ihr fragen mochte, so war Brigitte wohl äusserlich so lieblich wie Honigseim, doch innerlich von bitterer Galle erfüllt und liess es am Abend die schöne Wogelinde entgelten, deren Arbeit sie nicht genügend fand und dafür sie an den goldenen Zöpfen zerrte, mit den Füssen nach ihr stiess, ja sich nicht entblödete, das wehrlose Kind mit ruchloser Hand in 271 das blüthenreine Antlitz zu schlagen. Und diese weinte, duldete und spann vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht, und ihre Wangen, die sonst wie Apfelblüthe anzusehen waren, glichen bald den schneeweissen Rosen, die man auf Gräber pflanzt. Da ereignete sich an einem Morgen das Unglück, dass ihr die Spindel zerbrach und nun war ihre Sorge gross, denn konnte sie am Abend die vorgeschriebene Menge Garn nicht abliefern, wie bisher, dann waren sicher schreckliche Misshandlungen ihr Loos. Zum Glück fiel ihr noch zur rechten Zeit ein, dass sie ja die in Gold verwandelte Spindel ihrer Mutter besitze. Sie holte das Päckchen herbei, welches die drei goldenen Dinge enthielt, setzte das Rothkehlchen auf den Tisch, legte die Rose daneben und brachte die Spindel in Gang. Wie gross war aber ihre Verwunderung, als sie bemerkte, dass nun das Spinnen ganz von selber ging; ohne dass sie etwas zu thun brauchte. Der Faden schlüpfte ihr aus der Hand aber die Spindel tanzte 272 und sprang allein weiter und spann so feine glänzende Fäden wie sie noch niemals gesehen hatte und dabei glitzerte und funkelte sie in dem schmalen Sonnenstreif, welcher durch das kleine Fenster hereinstand, wie eitel Feuer. Wogelinde steckte den Rocken in den Halter und sah eine Weile vergnügt zu, wie das Spinnen vor sich ging. Sie brauchte nur zuweilen neuen Flachs aufzustecken, das übrige besorgte die kluge Spindel. Das Mädchen setzte sich nun aller Sorgen frei an den Tisch und betrachtete den Vogel und die Rose, und da liefen ihr bald die Thränen der Erinnerung über die bleichen Wangen. Deren eine fiel aber auf die goldene Rose. Da thaten sich die Kelchblätter ein wenig weiter von einander, und der süsseste Duft füllte das Zimmer, ein Duft der Hunger, Kummer und Schmerzen vergessen liess und solche Stärkung gab, dass mit einem Male die bleichen Wangen des schönen Kindes rosig wieder aufblühten. Diese Kraft schien auch auf das goldene Vögelchen 273 zu wirken, denn plötzlich wendete es sein Köpfchen und fing an, sich die Federn zu putzen. Sodann hüpfte es Wogelinden auf den Finger und sang so herrlich, wie diese es noch niemals von dem Vogel gehört hatte, als er noch lebte. So blieb es bei, bis die Spindel den ganzen Flachsvorrath aufgesponnen hatte und sich auf den Boden niederlegte. Da that die Rose sich wieder zusammen und verlor ihren Duft, das Vögelchen hörte auf zu singen und erstarrte zu festem Golde wie vorhin. Als am Abend Brigitte kam, um nachzusehen, war sie so verwundert über das feine seidenglänzende Gespinnst, dass sie gar nicht zu schelten und zu zanken vermochte, wie sie sich doch vorgenommen hatte. Desgleichen war sie erstaunt darüber, dass sie die vorher so bleichen Wangen der schönen Fischerstochter wieder fein rosenfarb angeblümt fand. Sie gab ihr desshalb für den nächsten Tag die doppelte Menge Flachs zum Spinnen und drohte ihr mit grausamen Strafen, wenn sie nicht am 274 andern Abend alles in ebenso feines seidenglänzendes Garn verwandelt habe. Am nächsten Tage ging es ebenso: die Spindel tanzte, die Rose duftete, der Vogel sang und schon um Mittag war sämmtlicher Flachs aufgesponnen. Frau Brigitte entsetzte sich fast, als sie am Abend diese unglaubliche Menge Garn vorfand, daran auch die strengste Hausfrau nichts hätte aussetzen können. Sie gab dem Mädchen noch einmal so viel Flachs wie am Abend vorher, beschloss aber im Stillen, sie am anderen Tage zu belauschen, denn Solches konnte unmöglich mit rechten Dingen zugehen. Nach dem Frühmahl schlich Brigitte leise herzu und sah nun durch das Schlüsselloch mit grossem Staunen, was in dem Thurmzimmer für verwunderliche Dinge vor sich gingen. Sie brach dann schnell hinein, überraschte Wogelinden mitten in ihren Heimlichkeiten und drängte sie alsbald, ihr zu gestehen, wo sie diese drei kostbaren Dinge herhabe. Sie liess auch nicht 275 nach mit Drohungen und Misshandlungen, ja sogar Versprechungen, die sie allerdings nicht zu halten gedachte, bis Wogelinde ihr endlich das Geheimniss des Goldbrunnens mittheilte. Da erwachte in dem bösen Weibe die Gier nach Gold und unermesslichem Besitz und keinen Augenblick wollte sie zögern, sich von der Wahrheit dessen, was sie vernommen hatte, zu überzeugen. Und mit solcher Hast drängte es sie zu dem wunderbaren Brunnen hin, dass sie vergass die Thür des Gefängnisses wieder zu verschliessen. Sie liess sich alsbald ihr Pferd satteln und ritt, so schnell sie es vermochte, zu dem ihr wohl beschriebenen Orte. Als Wogelinde sich überzeugt hatte, dass sie nicht mehr eingesperrt war, packte sie ihr Bündelchen zusammen und beschloss, aus ihrer Gefangenschaft zu entfliehen. Als sie eben aus dem Schlossthore schlüpfen wollte, welches gerade zufällig unbewacht war, denn der Thorwart hatte die Abwesenheit seiner Herrin schnell benutzt, um zu seinem Freunde dem Kellermeister zu 276 schlüpfen und einen Blick in dessen geräumige Weinkanne zu thun, da begegnete ihr Werner von Steinbach, welchen seine verliebte Unruhe wie gewöhnlich um diese Zeit auf das Schloss trieb. Als er nun die Vermisste blühend und rosig so plötzlich vor sich sah, da verliess ihn mit einem Male seine grosse Schüchternheit, er sprang vom Pferde, schloss sie in seine Arme und sagte ihr, wie lieb er sie habe. Sie erzählte ihm dann in grosser Eile ihre Schicksale. Dann nahm er sie vor sich auf sein Pferd und ritt mit ihr auf sein Schloss. Und rings sangen jauchzend die Vögel auf allen Zweigen und in der blauen Luft, aus den fröhlichen Berggewässern sprangen blitzend die Forellen empor, und auf den Waldwiesen standen ohne Scheu die Rehe und sahen nach ihnen hin, als sie so durch den glänzenden Sommertag davonritten. Als Brigitte von Löwen den ganzen Tag ausblieb und auch in der Nacht nicht zurückkehrte, da gerieth die Dienerschaft in grosse Unruhe, zumal als sich ihr Pferd 277 mit zerrissenem Zügel am Morgen allein einstellte, und man schickte überall hin Boten nach ihr aus. Einer derselben kam auch auf die Burg des Werner von Steinbach, und nun fiel es Wogelinden mit Schrecken ein, dass sie in der Eile vergessen hatte, Brigitte zu warnen, mit dem Wasser des Goldbrunnens nicht in leibliche Berührung zu kommen. Es wurden schnell einige Diener mit Fackeln und einer Bahre ausgerüstet und als man unter der Führung Wogelindens in die geheimnissvolle Höhle bis an den Brunnen vorgedrungen war, fand man dort Brigitte starr und in eitel Gold verwandelt. In der Hand trug sie einen Stein von der Grösse eines Kindskopfes, der ebenfalls ganz golden war. Wogelinde war so guten Herzens, dass sie ihrer Peinigerin viele Thränen nachweinte, allein ihr Schmerz verlor sich bald, da sie nach einer prächtigen Hochzeit Werner von Steinbachs glückliche Gattin wurde. War nun auch die Kraft des Goldbrunnens erloschen, so besassen sie doch genug Geld und Gut und 278 was noch mehr war, ihre Liebe. Und dazu erhielten sie prächtige Kinder, so dass das Geschlecht der Steinbachs sich vermehrte und ausbreitete und noch blühet bis auf den heutigen Tag. Die Erben der Frau Brigitte von Löwen wollten anfangs den goldenen Leib als ein Denkmal in der Schlosskapelle aufstellen, allein schliesslich überwog doch bei ihnen die Geldgier. Sie haben ihn nachdem heimlich in die Münze gegeben und es sind eine grosse Menge der feinsten Dukaten daraus geprägt worden.     279 Der Trilpetritsch. 281 Man konnte eigentlich nicht sagen, dass der Christian dumm war, und doch galt er im ganzen Dorfe dafür. Es mochte wohl davon kommen, dass es Niemanden gab, der sich besser und geduldiger hänseln liess und für alle ländliche Kurzweil dieser Art ein so sicheres Opfer war. Das hatte nun seinen Grund weniger in seiner Dummheit, als in seiner grossen Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit, denn er war als ein Sohn armer Köhlersleute in der Einsamkeit des Waldes gross geworden und hatte von der Welt und den Leuten wenig gehört und gesehen, höchstens einmal den Fuhrmann, der die Kohlen auflud, oder ein Beeren und Kräuter suchendes Weiblein, oder den Jäger, der sein Revier abschritt und dabei ein wenig mit dem 282 Köhler plauderte. Desto besser aber wusste Christian im Walde Bescheid und kannte im weiten Umkreis jedes Fleckchen und die Stellen, wo die besten Beeren und Haselnüsse wuchsen. Er wusste die Orte, wo am steinigen Bergabhang die Eidechsen und Ringelnattern sich sonnten, und verstand es, an dem rasch fliessenden Waldbach Forellen zu greifen, die in den Uferhöhlen standen, oder in der Dunkelheit bei dem Lichte eines Kienspans die scheuen Krebse zu belauern. An den stillen Sommerabenden, wenn die Baumwipfel ringsumher in röthlichem Lichte standen und der Rauch des Meilers kerzengerade in die Luft emporstieg, da hockte er gern neben dem Vater auf einem gefällten Stamme, und jener erzählte ihm Geschichten und Sagen aus der Umgegend, denn davon war der Köhler ganz erfüllt. Da erfuhr nun Christian, warum die Holzhauer in jeden gefällten Stamm drei Kreuze einhieben. Dies geschah der Waldweiber wegen, welche auf also gezeichneten Stämmen 283 Schutz fanden vor der Verfolgung des wilden Jägers, der sie sonst ewig hetzte. Natürlich ging Christian dann auf dem Holzschlag herum und sah nach, ob überall dies Zeichen angebracht war. Vom wilden Jäger gab's überhaupt manche schauerliche Geschichten, und in einer stürmischen Herbstnacht hatten die Köhlersleute ihn gar selber gehört, wie er durch die Luft dahinzog, und hatten das Rufen der Jäger und das Gekläff der Meute deutlich vernommen. Aber noch mehr wunderliche Wesen gab es im Walde: so die Moosmännchen und -Weibchen, die, nur so gross wie dreijährige Kinder, am ganzen Leibe mit Moos bewachsen sind und in hohlen Bäumen wohnen. Sie baden sich des Morgens im Thau, und wer darauf achtet, kann oftmals die Stellen finden, wo sie sich gewälzt haben. Wenn aber Jemand die Rinde rings von einem Baume schält oder ein Stämmchen verdreht, dass der Bast platzt, oder es aus der Erde reisst, da müssen sie 284 sterben, und man hört ihre laute Wehklage. Aber auch im Wasser gab es derlei wunderliche Wesen. Dort weiter unten, wo der Bach aus dem Walde tritt und das weite Wiesenland sich ausbreitet, zeigten sich früher, zur Zeit der Heuernte, in einem Weidengebüsch am Wasser eine Menge ganz kleiner Weiblein, die ihre Hemdchen in den Zweigen aufhängten und weildess mit vielem Geplätscher und Gelärm, sodass man ihre feinen zwitschernden Stimmen weit hören konnte, in dem Bache badeten. Aus der Ferne durfte man sie beobachten; trat aber Jemand näher hinzu, da erhoben sie ein grosses Geschrei, rafften eilig ihre am Lande aufgehängten Hemdchen zusammen, sprangen kopfüber, wie die Frösche, ins Wasser und verschwanden. Nun war aber in einem benachbarten Dorfe ein pfiffiger Bauernbursche, der machte eine grosse Falle aus grünem Weidengeflecht und verbarg sie dort geschickt in den Büschen. Als Köder that er ein rothes, seidenes Tüchlein hinein, denn er 285 dachte: Weib ist Weib, und was unseren eitlen Bauerdirnen so wohl behagt, das wird auch den kleinen Wasserfräulein nicht zuwider sein. Er legte sich in der Nähe auf die Lauer, und richtig, bald hatte er auch eins der niedlichen Dinger gefangen. Dies zeigte nicht die mindeste Furcht, liess sich ruhig von dem Burschen auf den Arm nehmen und schaute mit den Aeuglein, die so schwarz waren wie Heidelbeeren, ganz munter und grell um sich. Sobald er es in die Stube gebracht und auf den Boden gesetzt hatte, streifte das Ding seine Hemdärmel auf, schürzte sein schneeweisses Kleidchen und band das schwarze Haar zurück, das ihm wohlgekämmt über die Schultern hing, und dann begann es so eifrig und flink aufzuräumen, zu scheuern, zu bürsten, zu klopfen und zu fegen, dass es eine wahre Lust zu sehen und alle Hausarbeit im Umsehen besorgt war. So blieb das Weibchen im Hause den ganzen Sommer lang. Jeden Abend in der Dämmerung kam aber ein kleines Wassermännlein durch 286 eine Lücke im Gartenzaun gekrochen und kletterte aussen an der Spalierwand in die Höhe, bis es ins Fenster blicken konnte; das Weiblein stand aber drinnen auf einem Stuhl, und dann steckten sie die Köpfchen zusammen und wisperten und pisperten mit einander in einer fremden, wunderlichen Sprache, die so klang, als wenn ein kleiner Quellbach über Kiesel und Gestein klingend dahinrieselt. Bald ist das Männlein dann wieder gegangen und hat sich zuweilen noch ein wenig im Garten zu thun gemacht, an den Obstbäumen emporgesehen oder kopfnickend, mit auf den Rücken gelegten Händen und weiser Miene, die Gemüsebeete betrachtet oder an einer Blume gerochen. Einmal im Sommer hat es einen Büschel Feuerlilien zu sich niedergeholt und sein Näschen in deren Kelche vergraben. Da hat es aber von dem Blüthenstaub ein puterrothes Gesicht bekommen und hat so erschrecklich niessen müssen, dass es beinahe auf den Rücken gefallen ist. Darüber hat das kleine 287 Wasserweiblein nun eine unbändige Freude gehabt, es hat in die Händchen geklatscht und mit seinem silbernen Stimmlein unaufhörlich gelacht. Das Männchen hat zwar dies nicht gerade übel genommen, ist aber doch etwas eilfertiger als sonst durch den Zaun gekrochen und hat sich dann, wie gewöhnlich, mit einem kleinen Schrei kopfüber in den Ziehbrunnen gestürzt. Aus diesem Brunnen ist es auch jedes Mal bei seinen Besuchen zum Vorschein gekommen. Als es nun gegen den Herbst ging, da dauerte es die Leute im Hause, dass das kleine Wesen mit seinen feinen Füsschen immer barfuss umherlief, und sie beschlossen, ihm ein paar Schuhe zu schenken; allein das Ding war nicht zu bewegen, sich Maass nehmen zu lassen. Da streute man Mehl auf den Boden, und nach den Abdrücken der kleinen Fusssohlen musste der Schuster sein Werk verrichten. Der machte nun auch mit besonderem Fleiss zwei Schuhe, die waren noch zierlicher und feiner als die ersten, welche ein Kind 288 bekommt, gar säuberlich mit rothem Leder eingefasst, dass es eine wahre Freude zu sehen war. Als man nun aber dem Weiblein die Schuhe hinstellte und es bat, sich ihrer zu bedienen, da erhob es ein Jammern und Wehklagen, weil man ihm seine Dienste belohnen wolle, zog, indessen die Thränen über sein Gesichtchen strömten, die niedlichen Dinger an, streifte dann die Hemdärmel wieder vor, entschürzte sein Röckchen, löste das Haarband und lief davon, um niemals wieder zu kommen. – Aber nicht allein in Luft und Wald und Wasser lebte es von solcherlei Geschöpfen, nein auch in der Erde waren sie zu Hause, und diese hatten es zumeist mit Schätzen zu thun. Diese Zwerge oder Erdmännlein sonnten zur Mittagszeit zuweilen ihre goldenen Geräthe und köstlichen Geschmeide, allein dem Unkundigen erschienen die herrlichen Dinge nur als blinkende Scherbenhaufen. Kam aber ein wissender und raffte stillschweigends Alles in ein 289 Tuch, so fand er es, zu Hause angekommen, gefüllt mit den werthvollsten Schätzen. Einst, auf seinen weiten Streifereien, war nun auch Christian, dessen Sinn erfüllt war mit derlei Geschichten, an den Rand des Waldes gekommen, wo dieser von den Feldern eines benachbarten Dorfes begrenzt wurde und siehe, dort mitten in dem gepflügten Acker auf einem kleinen, steinigen Hügel da glänzte und funkelte es unsäglich in der Sonne und streute förmlich Blitze auf ihn hin. Da dachte Christian, er wolle klug sein, lief eilends hinzu, schüttete die Steinpilze aus, welche er schon in seinen leinenen Sack gesammelt hatte, und füllte den glitzernden Scherbenhaufen hinein. Als er dann, ganz heiss vom schnellen Lauf und glühend von froher Erwartung, nach Hause kam und dem Vater die köstlichen Schätze zeigen wollte, da erntete er nur Spott und Gelächter, denn aus dem Sacke kamen nur werthlose Scherben von zerschlagenen Bierflaschen hervor, und er 290 musste noch einmal fort, um die weggeworfenen Steinpilze wiederzuholen. Die Zwerge waren häufig in der Gegend, und überall zeigte man die Orte, wo sie wohnen sollten. Dass es aber Niemanden gab, der sagen konnte, er hätte ein solches Männlein gesehen, das hatte seinen besonderen Grund, denn Jeglicher von ihnen trug ein Käppchen, das ihn unsichtbar machte. Dies war ihr höchstes Besitzthum, weil es die schwachen Geschöpfe vor den Angriffen von Mensch und Thier beschützte und ihnen die Möglichkeit gab, sich von Allem, das sie zu ihrer Ernährung brauchten, ungesehen ihren Antheil zu nehmen. Das wiederholte der Köhler oft in seinen Erzählungen und fügte dann immer hinzu: »Darum, wenn man von einem Zwerge was erlangen will, muss man trachten, dass man sich seines Mützchens bemächtigt, denn um dieses wiederzuerlangen, wird er Alles anwenden und seine kostbarsten Schätze hergeben.« Solcher Art waren die Kenntnisse, welche 291 Christian in seiner Jugend sammelte. Ausserdem lernte er die Kuh und die zwei Ziegen hüten und in der Abwesenheit des Vaters den Meiler zu besorgen. Als er nun im Laufe der Zeit zu einem kräftigen Jüngling herangewachsen war, brachte der Kohlenfuhrmann die Nachricht, dass man in einem grossen, an den Wald angrenzenden Dorfe einen jungen Burschen suche, der den Dienst eines Kuhhirten auf der Gemeindeweide versehe. Dafür solle derselbe freie Kost, ferner einen neuen Anzug und für den Sommer sechs Speciesthaler erhalten. Er habe schon den Christian vorgeschlagen, und wenn die Köhlersleute nichts dagegen hätten, sei Alles in Ordnung. Diesen leuchtete ein solcher Vorschlag sehr ein, und auf diese Art war Christian in das Dorf gekommen und hatte sein Amt den Frühling und Sommer hindurch zur Zufriedenheit verwaltet. Zwar manchmal überkam ihn das Heimweh, zumal an stillen Sommerabenden, wenn rings um ihn nichts vernehmlich war, als das 292 Rupfen der Kühe an dem kurzen Grase und das Summen der Bremsen. An solchen Abenden sah er aus dem blauen Dämmer des fernen Waldes die schmale Rauchsäule des Meilers in die stille Luft emporsteigen und wusste dann, dass dort seine Heimath war. Als der Sommer und ein Theil des Herbstes vergangen war und die Kühe nicht mehr auf die Weide gehen konnten, da blieb Christian bei dem einen der Bauern als Kleinknecht, und nun begannen jene Hänseleien, deren geduldiges Opfer er lange Zeit blieb, weil seine Gutmüthigkeit ihn immer wieder Glauben schöpfen, und seine Unerfahrenheit ihn in alle Schlingen fallen liess. Welches Vergnügen bereitete es der ausgelassenen Dorfjugend, Jemanden zu haben, dem man die allerbekanntesten Dinge aufbinden konnte, der sich in die Stadt schicken liess, um vom Krämer ein Fläschchen rosagrüne Tinte oder sechs Loth ungebrannte Asche zu holen, oder vom Apotheker für sechs Pfennige Mückenfett. 293 An den Abenden, wo die jungen Leute in den Spinnstuben zusammen waren, wurde immer etwas Besonderes für Christian ausgeheckt oder Altbewährtes an ihm probirt, und da er nun bereits anfing, etwas gewitzigter zu werden, so trafen seine Gegner ihre Vorbereitungen um so viel pfiffiger, sodass es ihnen vor einigen Tagen noch gelungen war, ihn zu veranlassen, mit der Zunge an dem eisernen Pumpenschwengel auf dem Dorfplatz zu lecken, indem ein Jeder in überschwenglicher Weise die herrlichen Empfindungen zu schildern versuchte, welche dies bei ihm erwecken würde, und alle um die Wette ihre Verwunderung ausdrückten, dass er sich diesen Genuss nicht schon öfter bereitet habe. Da Christian hierbei nun nichts Gefährliches denken konnte und seine Neugier gross war, zumal ihm Einige versicherten, er werde die Engel im Himmel singen hören, wenn er die Sache ordentlich mache, so liess er sich wiederum einmal übertölpeln. Nun war es aber ein bitterkalter December-Abend, und 294 sobald er nur mit der Zunge den Pumpenschwengel berührt hatte, war sie festgefroren, und der arme Christian sass wie ein Fisch an der Angel, zum grossen Jubel derjenigen, welche ihn zu dieser That verführt hatten. Er wäre nun wohl nicht ohne Verlust eines Theiles seiner Zungenhaut wieder losgekommen, hätte eines der Mädchen sich nicht schon vorher weggeschlichen, und nun war sie zur rechten Zeit mit einem Töpfchen voll warmen Wassers bei der Hand, um den Geprellten wieder loszuthauen. Während sie so liebreich thätig war, schalt sie leise in sein Ohr: »O Du dummer Christian, hast so schöne kluge Augen und bist so ein Tölpel, dass Du glaubst, was jeder Hansnarr Dir vorredet. O Du Einfalt, o Du Pinsel!« Diese Scheltworte thaten aber dem Christian gar nicht weh, sondern tönten ihm gar lieblich, denn mit diesem Mädchen hatte es seine besondere Bewandtniss, und wenn er in der Spinnstube, wie gewöhnlich, in dem dunkelsten Winkel sass, da musste 295 er immerfort heimlich nach ihr hinsehen, denn ihm dünkte, der liebe Gott habe mit ihrem rosigen Gesicht und ihrer rundlich schlanken Gestalt ein rechtes Meisterstück vollbracht. Kürzlich war sie ihm begegnet, auf dem schmalen Fusswege, zwischen den Hecken, und da hatte sie im Vorübergehen ganz derb mit ihrer runden Schulter an seine gestreift, und ihm einen Blick dabei zugeworfen, dass er blutroth geworden war. Ja, was die Annemarie wohl nur damals gewollt hatte! Den Blick konnte er nicht vergessen, und an der Stelle, wo sie ihn damals berührt hatte, glaubte er noch immer eine gewisse Wärme zu spüren. Die strenge Winterkälte hielt an, und als die Burschen und Mädchen mal wieder in der Spinnstube beisammen waren, da entspann sich eine neue Verschwörung gegen den armen Christian. Ein alter Dorfspassmacher, der voll von Schwänken sass, hatte einen Brauch aus seiner Jugend in Erinnerung gebracht, den man an kalten Winterabenden auszuführen pflegte, sobald 296 man einen Dummen finden konnte, der darauf einging. Es hiess dann: »Wir wollen den Trilpetritsch jagen«, und Alle zogen hinaus in die kalte Winternacht. Dann gab man dem Dummen einen Sack, dessen Oeffnung er aufhalten musste, in einer Lücke zwischen zwei Gebüschen oder an einem sonstigen geeigneten Ort, und schärfte ihm ein, wohl aufzupassen; die Anderen würden sich jetzt vertheilen und den Trilpetritsch jagen und in den Sack treiben. Zuerst vollführten sie dann im Umkreis einen ziemlichen Lärm mit Händeklatschen und Rufen: »Ho, Trilpetritsch!« Dann drückte sich aber Einer nach dem Anderen heimlich in die warme Spinnstube zurück, und man liess den guten Sackträger so lange in der bitterlichen Kälte stehen, als er es aushalten mochte. Kehrte er dann endlich zu seinen Genossen zurück, so erhoben sie ein grosses Gelächter, der Arme wurde über die Massen gehänselt und behielt so lange den Namen der »Trilpetritsch«, 297 bis ein neuer Dummer gefunden wurde, der ihn ablöste. Nachdem nun an diesem Abend schon allerlei Schnurren erzählt, Lieder gesungen und Possen getrieben worden waren, ging einer der Verschwörer an das Fenster, sah nach dem sternfunkelnden Himmel empor und sagte: »Heut wäre so ein rechter Abend, den Trilpetritsch zu jagen.« » Ja«, sagte ein anderer, »in den klaren Nächten bei Mondschein und Sternenlicht, da treibt er sich gern umher.« »Wer ist denn der Trilpetritsch?« fragte eins der Mädchen, das nicht eingeweiht war. Der Bursche am Fenster zwinkerte ihr mit den Augen zu und deutete heimlich auf Christian hin, fasste sich aber schnell und sagte auf gut Glück: »Nun, was wird's sein? So ein Unterirdischer, so ein Zwergenmännlein.« »Ein grünes Röcklein hat's an und 'ne rothe Nase im Gesicht«, log ein Anderer schnell dazu. An dieser Sache nahm Christian grossen 298 Antheil, denn mit solchen Dingen wusste er Bescheid und erinnerte sich sofort an eine Erzählung seines Vaters. Er rief plötzlich: »Hier am Fuchsberg, da wohnen welche, da, wo die grossen Steine liegen!« »Natürlich«, rief der Erste wieder, »und da wollen wir den Trilpetritsch auch jagen!« Sie zogen nun Alle hinaus zum Fuchsberg, einem kleinen Hügel am Rande des Dorfes, wo der Wald begann. Dort lagen viele mächtige Steinblöcke verstreut, und einige höhlenartige Oeffnungen zogen sich in das Innere des Berges; die Einen hielten diese für einen Fuchsbau, Andere aber wollten wissen, dass dort seit uralten Zeiten schon Zwerge hausten. Es entstand nun eine Berathung darüber, wer den Sack halten solle, und die allgemeine Stimme entschied sich natürlich für Christian. Dieser fühlte sich sehr geehrt durch diese Wahl, fragte aber: »Was soll ich denn mit ihm machen, wenn ich ihn habe?« Auf so gründliche Fragen waren die Anderen eigentlich gar nicht vorbereitet, jedoch rief 299 Einer schnell: »Zuerst bindest Du den Sack mit einem tüchtigen Kreuzknoten zu,« und ein Anderer fügte hinzu: »Und dann kannst Du Dir ja so viel Geld von ihm wünschen, dass Du Dir den Erlenhof kaufen kannst, der übermorgen auf die Gant kommt.« Dies leuchtete Christian sehr ein, und man stellte ihn nun am Fuchsberge an zwei grosse Steine, die einen schmalen Pfad zwischen sich frei liessen. Hier musste er seinen Sack ausspannen, und man schärfte ihm ein, recht aufzupassen und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen; man werde sich nun im weiten Umkreis vertheilen und den Trilpetritsch allmählich hertreiben. Nach einer Weile hörte er auch rings in der Ferne ein Händeklatschen und Rufen, allein anstatt näher zu kommen und sich zu verstärken, ward es allmählich immer leiser und seltener, und nach einer Viertelstunde etwa hörte er gar nichts mehr, worüber er sich sehr verwunderte, denn er wusste ja nicht, dass die jungen Treiber bereits unter heimlichem Kichern 300 auf dem Wege nach der warmen Spinnstube waren. Es war bitterlich kalt, und die Sterne funkelten unsäglich. Vor ihm in der Lücke zwischen zwei schwarzen Kieferwipfeln stand der Vollmond, glänzend wie polirtes Silber, und schaute mit einem sonderbaren Grinsen auf ihn hin. Bald fror ihn tüchtig, seine unbeschützten Finger waren wie Eis, und der Hauch seines Mundes schimmerte weisslich im Mondlicht. Dabei horchte der Arme scharf nach allen Seiten und suchte, so gut es ging, das Klappern seiner Zähne zu unterdrücken. Allein er vernahm nichts, als endlich in einiger Entfernung ein leichtes Rascheln, als wenn dort ein Hase sich bewegte oder ein Eichhörnchen, das unter dem welken Laube nach Eicheln suchte. Allein, obwohl die Stelle hell vom Monde beschienen war, so vermochte er doch dort nicht das Geringste zu sehen. Plötzlich aber wurden Schritte vernehmlich, von der Seite des Dorfes her. Sie nahten eilig, und dann verstummte ihr Geräusch, als 301 wenn die Person lausche oder sich umsehe. Hernach kamen die Tritte wieder schnell näher, doch sehen konnte Christian nach dieser Seite nicht, weil ein finsteres Gebüsch von jungen Fichten dort im Wege war. »Ho Trilpetritsch!« hörte er jetzt eine bekannte Stimme leise sagen. Es war Annemarie, die sich heimlich fortgeschlichen hatte, um den guten dummen Christian, welchen sie trotz alledem herzlich gern hatte, möglichst frühzeitig aus seiner hässlichen Lage zu befreien. Aber ehe dieser recht zur Besinnung kam, geschah etwas Anderes, das seine Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch nahm. Als die Tritte des Mädchens immer näher kamen, wurde es an der Stelle, wo Christian vorhin das leichte Rascheln gehört hatte, plötzlich lebendig, und als nun gar jene ihren leisen Ruf erschallen liess, wurzelte etwas wie mit kurzen Beinchen eilig durch das welke Laub, kam hastig auf Christian zu, und plötzlich spürte dieser einen heftigen Ruck an seinem aufgestellten Sack, und 302 dass sich darin etwas mit gewaltigem Zappeln regte und bewegte. Das durchzuckte den braven Trilpetritsch-Fänger wie ein Schlag, und eilig, so gut er mit den verklammten Fingern es vermochte, schnürte er den Sack mit einem tüchtigen Kreuzknoten zu. Nun stand mit einem Male Annemarie vor ihm, doch ehe sie noch etwas sagen konnte, rief Christian voller Freude: »Ich habe ihn, ich habe ihn, den Trilpetritsch! Du hast ihn mir zugetrieben!« Damit liess er den zugeschnürten Sack am Boden liegen, und ehe es sich Annemarie recht versah, hatte Christian sie um den Leib gefasst und mitten auf den Mund geküsst. Das war doch eine unerhörte That, und er bekam auch einen ziemlichen Schreck, als er sich dessen bewusst ward, allein Annemarie, obwohl sie mit der Hand nach ihm stiess und ihn von sich drängte, schien es doch gar so übel nicht aufzunehmen. Dem klugen Mädchen war ausserdem gleich klar geworden, dass nun, da Christian in seinem 303 Sacke wirklich etwas gefangen hatte, der Vortheil auf seiner Seite lag und es darauf ankam, die anderen gehörig damit bange zu machen. »Nun, was wirst Du drin haben?« sagte sie; »ein Hase wird's sein, oder gar ein Fuchs, aber die Anderen werden sich schön davor graulen, denen sollen die Haare zu Berge stehen.« Damit eilten beide ebenfalls der Spinnstube wieder zu. Als Christian plötzlich in die Thür trat, tönten ihm von allen Seiten ein gewaltiges Gelächter und die höhnischen Rufe: »Der Trilpetritsch! Der Trilpetritsch!« entgegen; allein er ging mitten in die Stube, setzte den Sack auf den Fussboden und rief: »Ja, ich habe den Trilpetritsch!« Als nun die Anderen sahen, dass sich in dem Sacke wirklich etwas regte und bewegte, erschraken sie und wichen in abergläubischer Furcht bis an die Wände zurück, während es zugleich todtenstill im Zimmer ward. Bis dahin hatte sich das unbekannte Ding in seinem Gefängniss ganz 304 mäuschenstill verhalten; nun aber musste es wohl denken, dass seine Zeit gekommen sei, denn plötzlich tönte aus dem Sack ein so gräuliches, höllenmässiges Geschrei, ein Jaulen und Wehklagen in den schrillsten Tönen und ein Zischen, wie von Schlangen, dass die sämmtlichen Insassen der Spinnstube, mit Ausnahme von Christian, in die furchtbarste Angst geriethen, und als nun gar der Sack anfing, sich fortzubewegen, und auf den Haufen derjenigen loskobolzte, welche sich fluchtbereit an der Thür zusammendrängten, da stürzten Alle mit Geschrei aus der Stube heraus und stiessen sich und traten sich und kreischten vor Entsetzen, denn Jeder glaubte, schon im nächsten Augenblick die Faust des leibhaftigen Satans in seinem Nacken zu spüren. Als nun alle fort waren, von solcher Angst erfüllt, dass Keiner den Muth hatte, von aussen in das Fenster zu sehen, da fing Christian seinen Sack wieder ein und liess sich weder durch Fauchen noch Prusten, Zischen und Geheul beirren, denn 305 dergleichen Sachen kannte er und wusste, dass solches nichts zu bedeuten hatte. Er packte zu und fühlte nun, dass das Ding kein Thier war, sondern Arme und Beine und einen Leib hatte, wie ein Mensch. Mit einem geschickten Griff fasste er es um den Hals, und nun zog das Geschöpf andere Saiten auf und begann mit einem quäkenden Stimmlein um Gnade zu flehen und die schönsten Versprechungen zu machen. Aber Christian wusste, was er zu thun hatte. Mit der anderen Hand löste er die Verschnürung des Sackes und schälte nun sorgfältig, ohne das wunderliche Wesen loszulassen, den Kopf desselben heraus. Das Sonderbarste aber war, dass er diesen nun wohl befühlen konnte, aber nichts sah. Das änderte sich jedoch plötzlich, als er zugriff und eine rothe Mütze in der Hand behielt, welche er sofort in seiner Tasche verbarg. Nun sah er in das zornige Gesicht eines Zwergenmännleins und sagte sehr vergnügt: »Guten Abend, lieber Herr Trilpetritsch.« 306 »Ach was, Trilpetritsch!« rief dieser unwirsch, »Rumpetrumpen heiss' ich! Und was würgst Du mich so, Du Tapps!« Christian liess das Männlein los, und nun verhandelten sie mit einander und kamen überein, dass der Zwerg ihm am anderen Morgen bei Sonnenaufgang gegen Zurückgabe des Mützchens dreitausend Kremnitzer Randducaten auszahlen solle. »Dir gönn' ich's noch am meisten«, sagte Rumpetrumpen, »denn ich hatte Dich immer gern, und obwohl mir meine schönen Ducaten leid thun, so freut es mich, dass die Anderen, die mit dem Trilpetritsch Dich zum Narren haben wollten, Dir so zum Glücke verholfen haben. Ich verlustirte mich da ein wenig im Mondschein und sah Dich nicht, weil Du im Schatten standest. Als nun das Mädchen kam, da wischte ich fort und gerieth in den infamen Sack. Ja, die Dummen haben das Glück«, schloss er dann und kicherte mächtig. Das Männlein liess sich nun wieder in den Sack stecken, und Christian trug es, 307 unbemerkt von den Anderen, da das rothe Mützchen ihn unsichtbar machte, wieder zum Fuchsberge. Dann eilte er schnell wieder in seine Kammer, verbarg das Mützchen an einem sicheren Ort und kehrte wieder auf den Dorfplatz zurück, wo die anderen Leute noch alle frierend herumstanden und mit ängstlichen Gefühlen auf die erleuchteten Fenster der Spinnstube hinstarrten. Soeben hatte einer der Kühnsten sich herangewagt und einen scheuen Blick hineingethan. Jetzt kam er gerade zurück und rief: »Alles ist leer, der Teufel ist bereits mit ihm abgefahren!« Darüber musste Christian so laut lachen, dass Alle zusammenschraken; doch als sie bemerkten, dass er es war, stürmten sie auf ihn ein und befragten ihn um das seltsame Abenteuer. »Nun, es war der Trilpetritsch!« sagte Christian, den das geglückte Abenteuer ganz übermüthig gemacht hatte. »Wie sah er denn aus?« rief Einer. »Ein grünes Röcklein hatte er an, und 308 'ne rothe Nase im Gesicht, das wisst Ihr ja schon.« »«Was hast Du denn mit ihm angefangen?« »Nun, ich hab' ihn wieder laufen lassen. Ich konnte das Ding doch nicht in einen Bauer sperren, wie ein Eichhörnchen oder einen Staarmatz.« Unterdess war es Christian gelungen, Annemarie verstohlen am Rock zu zupfen, diese verstand ihn und entfernte sich heimlich. Während nun die Anderen wieder Muth schöpften und die Spinnstube aufsuchten, drückte auch Christian sich unbemerkt bei Seite und folgte ihr. Dann, in einer dunklen Ecke, erzählte er ihr Alles, und als er endlich eine Frage an sie that, über deren Kühnheit er fast selber erschrocken war, sagte sie Ja, sank ihm an die Brust und küsste ihn herzlich. Am nächsten Morgen holte sich Christian das Geld von dem braven Rumpetrumpen, und am Tage darauf, als der Erlenhof zur Versteigerung kam, da that er zur 309 allgemeinen Verwunderung das höchste Gebot und zahlte baar in den herrlichsten Ducaten. Da sahen die Leute wohl, dass es mit dem Trilpetritsch doch seine besondere Bewandtniss hatte, und manche von den jungen Männern wurden gelb vor Neid und fast krank vor Aerger, als sie bedachten, dass sie ihm durch ihre Hänseleien zum Glücke verholfen hatten. Die jungen Mädchen aber fanden sämmtlich, dass der Christian ein hübscher, kluger Bursche sei, und begriffen kaum, wo sie früher ihre Augen und ihren Verstand gehabt hatten, dass sie dessen nicht eher inne geworden waren. Er aber blieb seiner Annemarie treu, und im Frühjahr gab's eine mächtige Hochzeit auf dem Erlenhofe. Alles gedieh ihnen, sie bekamen schöne Kinder und lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.