Otto Stoessl Menschendämmerung Novellen     Albert Langen, München 1929 Inhaltsverzeichnis Die Erweckten in Königsberg Der bedenkliche Kauf Der Verdacht Landflucht Hundsmörder Hunderache Die Vogelfarm Der Tod des Firdusi Baracke 26 Geli Tassai Die Erweckten in Königsberg I Am dreißigsten November des Jahres 1770 wurde zu Memel einem Infanterie-Unteroffizier namens Schönherr ein Sohn Johann Heinrich geboren, der sich nachmals für das Licht aus der Hütte und den neuerlich gesandten göttlichen Mittler hielt. Die Eltern übersiedelten nach Angerburg, in die Heimat der Mutter, hier besuchte das Kind die Stadtschule. Die Verhältnisse des Hauses waren zwar dürftig, aber doch nicht so armselig, um den Sohn zu einem kümmerlichen Taglöhner zu bestimmen. Er sollte Kaufmann werden, und man schickte ihn nach Königsberg zur Lehre in eine Handlung. Für den in engen provinzialen Zuständen aufgewachsenen Knaben mußte diese Hauptstadt von Ostpreußen wie die unendliche eröffnete Welt selbst wirken: altertümliche Straßen und Plätze, hochgiebelige Häuser mit riesigen Speichern, die Kanäle des Pregel, wo die Schifferkähne aus dem Landinnern Waren zum Hafen führen, eine Bevölkerung von Fischern, Fuhrmännern, Handwerkern, Seeleuten, zusammengefaßt und beherrscht von reichen Kaufherren, deren Geschäfte Beziehungen zu ganz Deutschland und über das Meer hinaus nach England und Skandinavien, gegen Osten nach Rußland mit sich bringen, diese ganze irdische Masse wiederum vergeistigt und erhöht durch eine alte und berühmte Universität, die den Stolz der Stadt, den Ruhm der ganzen Landschaft ausmacht. Eine notwendige geistige Richtung nach dem Helldunkel eines Weltgefühls und einer gläubigen Ahnung war dem jungen Schönherr von der Natur vorgeschrieben. In den Eindrücken der großen Stadt wußte er nur Elemente seiner Deutung wiederzufinden. Er besuchte die Predigten geschätzter Kanzelredner und ging den Leuchten der Universität nach, die er bald durch die achtungsvollen Hinweise der Königsberger von Angesicht kennen lernte, namentlich den großen Kant, dessen ständige Spaziergänge er zu kreuzen liebte, um den bereits weltberühmten Mann immer wieder zu beobachten. Vielleicht erglomm in seinem Herzen schon damals der bei seinem leidenschaftlichen Gemüt begreifliche Ehrgeiz, sich selbst zu einem solchen Beherrscher der Geister zu erheben und ihnen seine Art und Anschauung aufzuerlegen. Er las an den freien Abenden bis tief in die Nacht, was ihm von Büchern in die Hand kam, philosophische, theologische vor allem, er schwärmte mit jungen Studenten, deren Bekanntschaft er suchte. Nach zwei Jahren dieser unfruchtbaren Lehrzeit und dieses unbefriedigten Dienstes in der Handlung wanderte er nach Angerburg zurück, um seinen Eltern die Zustimmung abzuringen, studieren zu dürfen. Da sie nur eben ja sagen, aber den Sohn nicht mit Geld unterstützen konnten, blieb ihm nichts übrig, als den schwerfälligen und unzulänglichen Bildungsweg des Mittellosen einzuschlagen. Er wurde ins städtische Pauperhaus von Königsberg als Zögling aufgenommen, das von der Stadt dem Unterrichte der Armen gewidmet worden war und seinen Schülern die Anfangsgründe des Wissens beibrachte, sowie freien Unterhalt und Quartier vergönnte. Das Schulwesen dieser Zeit stand nicht wie das unsrige in abgegrenzte Stufen und Lehrziele gegliedert, sondern in einer gewissen Freiheit und Willkür des Betriebes. Die höhere Bildung, über die Anfangskenntnisse hinaus, blieb, sei es in bestimmten Anstalten oder im Unterricht Einzelner, besonders Geistlicher, dem Belieben, der Begabung und dem Pflichtgefühle des Lehrers wie des Schülers überantwortet. Jeder konnte lernen, was ihm gemäß war und eindringen, soweit es ihm möglich war, wie denn auch sogar das Studium an der Universität eigentlich allen zugänglich war, die sie aufsuchen wollten und von deren Leistung es dann allein abhing, wie weit sie es mit dem empfangenen Stoff brachten. So betrieb Schönherr im Pauperhause eigentlich die gleichen regellosen und verworrenen Studien wie vorher, sein Geist war lebendig und erregbar, aber einer inneren Ordnung und Zucht nicht fähig. Theologische Bücher und Vorträge wirkten auf ihn, aber sie schreckten ihn zugleich ab. Er hatte sich in den langen Jahren der Unbekümmertheit sein Verhältnis zur Heiligen Schrift und zu allen Glaubensfragen eigenwillig, mehr in phantastischen Erhebungen und Träumereien, als in verstandesmäßigen Untersuchungen zurechtgelegt, der Betrieb der Theologie als Wissenschaft, wenn auch im Pauperhause ohne großen Aufwand geführt, konnte ihn nur ernüchtern und enttäuschen. Offenbarungen als Lehrgegenstand und auf Beweise gestellt, verloren die heilige Kraft, die sie für ihn besaßen, der sie nur hatte erleben können. Er verließ endlich ganz und gar unbefriedigt das Pauperhaus und besuchte die Universität. Wie so viele arme Jünglinge damals mag er den und jenen Freitisch ausgenützt, die Barmherzigkeit der Reichen in Anspruch genommen, manche Tagesstunden untergeordneter Arbeit in einem Geschäfte oder am Hafen geopfert, von einem Stück Brot gelebt haben, wenn es nichts anderes gab. Er brachte sich eben durch. An der Universität begann er mit philosophischen Studien, vermochte indes, ungeschult und ohne sichere Kenntnisse, ohne eigentlichen Untergrund des Verständnisses, den Vorträgen überhaupt nicht zu folgen, seine Gedanken schweiften ab, er stellte Fragen, die ihm nötig schienen, die aber mit dem eben behandelten Gegenstande nichts zu schaffen hatten, abseits lagen und Lehrer wie Schüler beirrten, aber seinen dunklen Eifer zeigten, etwas zu gewinnen, was auf versäumtem oder versagtem Wissen beruhte. Seine Fragen gingen, wie bei schlecht unterrichteten Menschen immer, auf Allgemeines und dadurch auf wesenlose Begriffe: auf die Unsterblichkeit der Seele, auf die Freiheit des Willens, auf die ewige Natur der Dinge und dergleichen. Die Vorträge der Lehrer wären zuletzt vielleicht auch dazu gelangt, aber über Vorstufen und schwierige eingehende Beweiswege, die er mit blindem Eifer durch Vorwegnahme des Zieles und der Endergebnisse störte. Den Gefragten blieb nichts übrig, als ihn wieder und wieder auf Bücher zu verweisen, aus denen er nachholen sollte. Damit erging es ihm aber nicht besser als mit den Vorträgen, die schriftlichen Lehren verwirrten und störten seine eigensinnigen, längstgewohnten Betrachtungen, was er las, führte ihn immer wieder nur zu sich selbst, anstatt zum Gegenstande. Die Schuld an seinem Fehlen und Ungenügen suchte er nicht bei sich selbst, er gab sie nur den Büchern, ihrer Pedanterie, ihrer anmaßenden Unklarheit, ihrer dünkelhaften Wissenschaftlichkeit. Nirgends wurden die Fragen so gestellt, wie seine Einfalt sie forderte, und den Eigensinn jedes Denkers, seinen Gegenstand auf seine besondere Art zu behandeln, wollte er am wenigsten anerkennen, der doch auch nicht anders verfuhr. Die Wissenschaft und dieser ihr armer Jünger konnten sich also auf keine Weise miteinander vertragen. Er fand nichts als Redensarten und willkürliche Kunstausdrücke, ausgetüftelte mechanische Spielereien anstatt des Lebens. Endlich verließ, er Königsberg, um an anderen hohen Schulen zu finden, was ihm hier verschlossen geblieben war. So zog er, ein armer Handwerksgesell der Wissenschaft, über Land nach Greifswald, von da nach Rostock. Natürlich erging es ihm auch hier nicht anders. Schließlich war ihm das Wandern Selbstzweck. Ein Student auf dem Wege fand überall Quartier und bescheidenen Unterhalt bei Landgeistlichen, aber auch bei Bauern. Er war in diesen Jahren trotz Mangel und schlechter Nahrung hoch und stattlich gewachsen, ein mächtiger blonder Bart fiel ihm bis über die Brust hinab, sein blaues Auge hatte einen nach innen gewandten Ausdruck ergebenen Suchens und bei aller Enttäuschung bewahrter treuer Hoffnung. Älter als die Scholaren sonst, benahm er sich würdig, bescheiden, aber selbstbewußt und nötigte den Menschen trotz seinem verwahrlosten Anzug und demütigen Gebaren unwillkürliche Ehrerbietung ab. Von Rostock wandte er sich nach Hannover, von da nach Lemgo im Fürstentum Lippe-Detmold, wo er bei Verwandten eine Weile als Gast lebte, bis er, mit ein paar Talern beschenkt, wiederum aufbrach und nach Rinteln an der Weser geriet. Alle diese Wege machte er ohne Plan. Er, den die Welt der Menschen nicht hörte und der sie nicht begriff, fand das größere Reich auf den Landstraßen, in Regen und Sturm, am Saume von Forsten oder Feldern, in den Wolken des Himmels oder im blauen Glanz, er verstand ohne Beschwerde den Ruf der Kreatur, das Herbstgebrüll der Hirsche, das mahnende Pochen des Spechts, die jauchzende Zuversicht der Lerchen, die Versunkenheit der Frösche in ihren Tümpeln, das unablässige Sagen und Singen der umbuschten Bäche, er brauchte tagelang keinen Menschen zu treffen. Nächte verbrachte er auf duftenden Heuschobern unter dem Sternenschein, oder, wenn es sein konnte, auf einem Dachboden bei guten Bauersleuten, Mahlzeit hielt er unter einem Baum, wenn's hoch kam, bei einem braven Pfarrherrn. In Dörfern ein wunderlicher Gast, spotteten über ihn die Burschen und schenkten ihm die Mägde halb bewundernd, halb mitleidig mit einer lächelnden Ehrerbietung einen Trunk Milch oder steckten ihm ein Stück Brot oder Speck zu. Die Hunde liefen ihm aus den Gehöften zu, ohne zu bellen. Wollte er des Menschen Bestimmung und das Wesen des Schöpfers ergründen, so mußte er das Gesetz erkennen, das Körper und Seele bildete. Und dieses Gesetz mußte für alles Geschaffene gleich bleiben, für den Baum, wie für das Tier und den Menschen, es war das, was hinter allem Leben über Zeit und Raum verblieb, war Gott selbst im Dornbusch und Gott in ihm. Dieses Gesetz erschuf die Dinge und erklärte sie, und wer es besaß, war Schöpfer selbst und Gottes Anteil. Solche Gedanken gingen unaufhörlich mit ihm. Er saß einmal am Ufer eines Teiches und betrachtete die grünen Inseln von Seerosenblättern, in deren Haufen die weißen Blüten standen. Wie wachsen sie? Da mußte er lächeln: durch das Wasser. Eine innere Stimme schien ihm, und jetzt voll Ernst zu wiederholen, daß der Ursprung im Wasser ruhe. Wuchs nicht jede Pflanze nur durch Regen, Tau, Feuchtigkeit? Trocknete ein Trieb aus, so starb er, je saftiger aber einer war, desto jünger, desto lebendiger war das Gewächs. Und Saft war, Feuchtigkeit in jeder Kreatur, Blut erfüllte, zeugendes Naß alle Zellen, die sich bildeten. Also blieb Flüssigkeit, Wasser, das erste Prinzip der Welt. Aber wie wird im Nassen das Feste, wie gliedern sich darin Körper, vereinigen sich Massen, wie beseelen sich diese Gebilde? Er saß auf einem Steine inmitten einer ganz verlassenen, rotglühenden Heide unter der starken Hitze der Hochsommersonne und atmete den eigentümlichen glühenden Geruch ein, der aus dem Licht des Tages, den Schlieren der Luft und dem Hauch der entfachten Blumen allenthalben schwebte. Dieses abwesende Sinnen und Fühlen gab ihm, indem er sein Hemd öffnete, um die erhitzte Brust zu kühlen, mit dem Duft von überallher auch Antwort. Er warf sich taumelnd und von dieser Stunde ganz benommen rücklings in das Heidekraut und schloß die Augen vor der Sonne. Da hatte er eine eigentümliche uferlose Empfindung, als verlöre er mit der Schwere seiner Glieder und all ihrer besonderen Eigenschaft den Körper selbst, als sei das Gefühl zu stehen oder zu liegen, überhaupt irgend im Raume zu wurzeln, mit einem Male gänzlich von ihm genommen und er schwebe gleichsam aufgelöst in einem Unendlichen wie in einem unbeherrschbaren, aber auch unwillentlichen Fluge, wobei er mit einem inneren Blicke, der Zeit, Ort und wesenlos eine wahre Unendlichkeit umfaßte, nicht mehr Erscheinungen von Dingen, sondern deren eigentliche Einheit erkannte, und zwar erschien ihm dies, soweit Worte solchen Zustand überhaupt vergegenwärtigen können, wie eine unkörperliche umflutende Nebelwelt, deren leiser, ziehender, halb beklemmender, halb lösender, seliger Ton, ein Klang, der wiederum eine Fülle von Laut zusammennahm, durch einen Schimmer bestimmt, angezogen und entfernt wurde, der hinter und über dem Tageslicht, der Sonne, ruhte, so daß diese nur als ein Schatten eines höheren, tieferen, allgemeineren Lichtes wirkte. In diesem Zustande entrückter Wahrnehmung und vollkommener erfaßter Auflösung seiner selbst, in solchem Meer der Bewußtheit verharrte er stundenlang, er genoß das unsagbare Glück dieser Entlastung, die ihn an ein geheimnisvolles Ganzes hingab, als würfe er seinen Körper wie ein Gewand, aber nicht mit willentlicher Gebärde, sondern gleichsam im Sinken oder Steigen von selbst ab, streife ihn wie im Hauch eines Windes von den Schultern. Allmählich kehrte er dann zu sich zurück, die Erinnerung und Beseligung des eben verlassenen Zustandes wie eine unverlierbare leichte, durchwallende Glut in allen Gliedern, den Verstand mit einem Male wunderbar erhöht und deutungssicher, von dem gewissesten Funde alles Geheimnisses hinter allen Falten der sinnlichen Erscheinung überzeugt, weit und lebenseinig für immer. Er versuchte nun die unsagbaren, soeben durchmessenen Ereignisse in eine, wie er gar wohl wußte, gleichnishafte, jedoch für ihn unbedingt schlüssige Beziehung zur Umwelt, zu den gegebenen Dingen, zur Geschichte der werdenden physischen und sittlichen Welt zu bringen, die ja selbst nichts anderes als ein Gleichnis sein konnte. Aus einem Urnebel, aus einer Urfeuchtigkeit, dem Grunde und bestimmbaren Ganzen ringsum erwuchs das Leben, wurde aus dem Freien notwendig eingesogen und hineingenommen, wie Glieder, zu denen die Seele sich im Hauch einfindet. Dies, dies machte lebendig: Wärme, Feuer! Licht schafft Wesen aus Wasser, bindet Feuchtes zu Festem! Licht macht Körper, Licht ist überall, in ihm, in diesem Busch, in dem Geruch, ringsum ist Licht. Und damit gleich auch Seele, Leben. Es fließt in die Dinge und dadurch bestehen sie auch. Göttlich ist er durch das Licht. Licht ist sein Sinn, sein Auge, macht ihn sprechen, läßt seine Glieder wachsen, ihn vernehmen, was um ihn, und sagen, was in ihm ist. Licht fließt, wohin jede Kreatur wandelt, als ihr eingeborener Geist und Gott; auch mit ihm geht dies unendliche Licht, das vom Anfang und überall ist. Auf dem Teiche flimmerten die kleinen Wasserwellchen in tausendfältigem Glänzen und kräuselten sich unablässig, als schafften sie eben in waltender Bewegung immer neue Gebilde. Eine Erhebung ohnegleichen beseligte den Mann, der aufgerichtet, verzückt im unendlichen Umkreis die erhabene Einfalt der Weltursachen erblickte. Der Taumel der Erkenntnis ließ ihn das All umfassen, indem er Licht und Wasser in allem Seienden wiederfand, in allem Mannigfaltigen als Urgrund; Mann und Weib verkörperten ihn als Gleichnisse, das Weib als die gebärende, empfangende, ernährende, aber aus sich allein bestimmungslose Masse, der Mann als das zeugende, beseelende, schaffende Element, als das waltende Licht. In diesen Urwesen: in der Wärme und im Wasser lag der Raum der Ewigkeit als im männlichen und weiblichen Element beschlossen, aus ihrer Umarmung ging die Seele, das Leben, alle Gestalt hervor. Johann Heinrich Schönherr, der an diesem Tage das Wunder solcher Offenbarung so wahr, so eindeutig und unzweifelhaft annahm, wie das eigene Selbst, sah sich durch diese Gnade, was er längst geahnt, als Mittelpunkt des Alls auserwählt, Licht und Wasser, Gott, die höchste Einigung der Urprinzipien in ihm wiedergeboren. Und er besann sich der geheimnisvollen Worte Christi zu Nikodemus als eines Zeugnisses; da Nikodemus fragt: »Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?« Da antwortete Jesus: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« Solche seine Erkenntnis konnte nur den Anfang von Gott haben, der wie die Sonne über seinem Haupte einen Strom des Lichtes in seinen Geist hinabsandte. Er, Schönherr, war ausersehen, von Gott zu zeugen, der da kommen wollte, nachdem sein eingeborener Sohn, der für sie starb, den Menschen genommen worden war. »Und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich.« Diese Worte des Johannesevangeliums fielen ihm ein und erschienen ihm jetzt wie seine neuerliche Berufung. Er war der verheißene Mittler und Tröster, der Mann, der die Flut begrenzen, das Licht, das diese Welt neu beseligen sollte, der Geist, der widerstand, der Paraklet der Menschheit. Im Rausche dieses Selbstgefühles kehrte er bei den Pfarrern wie der Sohn Gottes ein, bescheiden, aber voll Hoheit, und stellte sich in seiner unbefangenen Treuherzigkeit gar als Paraklet vor. Die einen nahmen ihn als Narren, andere als Betrüger, wieder andere ließen sich mit ihm in Erörterungen ein und konnten seine Offenbarung nicht widerlegen, bei der keine Beweise galten, sondern bloß annehmen oder verwerfen. Ein Grobian von Pastor, dem Schönherr nach langem Streit den nahen Tod weissagte, wenn er nicht an seine Erkenntnis glaube, warf ihn aus dem Hause. In Leipzig fand Schönherr sogar einen Schüler, oder glaubte einen zu finden, dem er solchen unbedingten Gehorsam auftrug. Als dieser eine Flasche Wein brachte, um dem Propheten einen Trunk zu bieten, ergriff Schönherr das Glas, hielt es dem Gastgeber hin wie beim Abendmahl und sprach: »Herr, deine Wege sind wunderbar.« Der erschrockene Jünger, der den Mann für verrückt hielt, brachte ihn unter dem Vorwand eines Spazierganges in ein Irrenhaus. Man begrüßte dort den priesterlich Auftretenden mit allen Ehren, und es war ein Augenblick, der selbst den Arzt ergriff, als Schönherr das Christusbild im Besuchszimmer lächelnd grüßte: »Wo bist du, mein Bruder?« Damit öffnete er die Tür, die ihn zu den Narren führte, und nahm mit würdigem Anstand durch ein sanftes Neigen des Hauptes von seinem Schüler Abschied. Bald erkannte er freilich, wohin man ihn gebracht hatte, setzte sich, als er nicht mehr fortgelassen wurde, nieder, weinte bitterlich und sprach: »Der Freund, den ich am meisten geliebt habe, hat mich verraten.« Dann redete er kein Wort mehr und bestand darauf, zu fasten. Der Arzt vermochte ihn nur durch einen glücklichen Einfall zum Essen zu bringen, indem er sagte, alle heiligen Männer hätten Honig gegessen, diese unschuldige Speise, die das Fasten nicht breche. Da blickte der Paraklet mit einem Zuge von wehmütigem Gehorsam zu dem Überredenden auf und nahm kopfschüttelnd vom Süßen. Nachdem er einen Monat lang geduldig und still im Irrenhause gelebt hatte und seine Harmlosigkeit erkannt worden war, entließ man ihn mit einem ausreichenden Zehrpfennig, so daß er sich bis Königsberg, wohin er zurückzukehren gedachte, anständig fortbringen konnte. In einem härenen Mantel, der ihm bis an die Füße reichte, barhaupt, den Bart bis zum Gürtel, machte er allenthalben Aufsehen, und in den Städten, wo ein wunderlicher, aber mit Sicherheit auftretender Mensch immer auf eine gewisse Folge zählen kann, schlossen sich ihm einzelne treuere Leute an. Vorsicht und unwillkürlich angeeignete Gewandtheit ließen ihn jetzt auch seine höhere Bestimmung als Paraklet nicht an die Spitze seiner Erörterungen stellen, vielmehr wandte er sein Augenmerk auf die Erläuterung des weltlichen und gemeinen Lebens und suchte in seinen Anhängern einen höheren Sinn, eine göttlichere Würdigung und Betrachtung des Daseins zu erwecken, indem er die altbekannten, rührenden Geschichten der Evangelien gleichsam selbst mit ihnen wiedererlebte und sie wiederfinden ließ, da sie sich als rührende Gleichnisse alles irdischen Begegnens unwillkürlich einfinden, wo immer der Gegensatz zwischen der hartnäckigen Lebenssucht aller und der liebenden Freiheit des einzelnen wirksam wird. In Königsberg versammelte sich bald ein Kreis von Anhängern aus verschiedenen Schichten um ihn. Die aus dem Volke gewann er, wofern er sie nicht schon von seinem früheren Aufenthalte kannte, durch seine freundliche Teilnahme, indem er sie über ihre Verhältnisse und Arbeiten befragte und das Gespräch unmerklich auf höhere Dinge brachte. Er suchte sie mit der Ungerechtigkeit des Geschickes, mit Armut, Krankheit, Geldmangel, Not, mit ihren schweren Zuständen durch den Hinweis auf die Macht des Gemütes zu versöhnen, das in einer gerechten inneren Freiheit überall das Glück gemäßen Daseins finden und sich am kleinsten so erfreuen könne, daß kein Mächtiger diesen wahrsten Besitz rauben oder zerstören dürfe. Er legte ihnen die Lehren der Bibel menschlich nahe, die sich ein und das andere Mal sogar zu praktischen Ratschlägen für ihre augenblickliche Lage verwerten ließen. So erwarb er das Vertrauen auch zu seinen eigentlichen Grundsätzen. Mit Studenten und den Angehörigen der höheren Stände fand er gleichfalls Anknüpfung. Von solchen Wohlhabenderen mochte er auch die bescheidenen Mittel zu seinem Unterhalte bezogen haben, wenngleich niemand genauer wußte, woher er seine Wohnung, seine Kleidung und sonstigen, allerdings äußerst geringfügigen Bedürfnisse, hauptsächlich aber die Kosten von Versammlungen bestritt, die bei ihm stattfanden. Am Sonntag sang die kleine Gemeinde ein Lied, dann betete Schönherr laut und erklärte das Evangelium des vorigen und des jetzigen Sonntags, aber nicht in Form einer Predigt, die keine Unterbrechung duldet, sondern als geistliche Erörterung, die Fragen zuläßt, Einwendungen aufnimmt und so die Überzeugung des einzelnen aufs eindringlichste allen vermittelt. Diese Erbauungen gingen in seiner Wohnung, in einem großen, geweißten Zimmer vor sich, wo nur ein sauberes Bett, Schönherrs Lager, sonst aber für die Gäste Stühle bereitstanden, während er betend und lehrend an einen kleinen Tisch trat, auf dem vor einem Holzkreuze in einem Glase ein paar frische Blumen angeordnet waren, die gewöhnlich von einem der Frauenzimmer mitgebracht wurden, die sich dem Kreise angeschlossen hatten. Eine bescheidene Kollation von Brot und Milch erquickte die Teilnehmer. Wenn durch das Fenster dieses Raumes die helle Sonne auf Schönherrs verklärte Züge fiel, schien dies eine wunderbare Bestätigung der ewig wiederkehrenden Heiligung des Lichtes, wovon er sprach. Denn Gott sei das Licht, und alle göttlichen Eigenschaften würden durch das Licht und am Lichte verstanden. Die Schöpfungsgeschichte erläuterte er nach seiner Entdeckung, wie im Anfange die beiden Urwesen, Licht und Wasser, in Eigestalt Himmel und Erde gebildet hätten. Solche Vermählung und Welterschaffung wiederhole sich ewig in allen Vorgängen des Daseins, am höchsten im vollkommensten Gebilde Gottes: im Menschen. Während die übrige Natur in Unschuld die unablässigen Entstehungen verwalte, sei nur dem bewußten Menschen eine Verkehrung und Verderbnis des reinen Wesens möglich, die ihm seine Sünde, sein Schicksal bedeute. Schönherrs Lehre wollte die heilige Einfalt der Urtatsachen auch für den Menschen wiederherstellen: vereinigtes Wirken zum Zwecke der Gottseligkeit. Der Weg dazu ist vorgeschrieben durch den Gebrauch und die Befriedigung aller Sinne in einem überirdischen, nicht eiteln, lauteren Gesamtgefühl. Als Sinnbild dieser Lehre, die sich auf alle Gebiete bezog, auf alle in Beispielen und Folgerungen angewendet wurde, galt Schönherr die Taufe als Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes, aber die Taufe mit Wasser und Licht als Blut, weil dieses die Seele, das Feuer des Lebens ist. Darum gab Jesus beides, sein Blut, worin seine heilige Seele wirkte, und seinen Leib, der von Wasser gebildet, organisiert war, für das Leben der Welt hin, damit sie heilige Säfte und heilige Wirkungsregeln dadurch empfinge. Unter seinen Hörern war ein gewisser Bujack, dessen naturwissenschaftliche Kenntnisse die gläubige Überzeugung zuweilen störten. Schönherr mochte freilich sagen, so oft er wollte, dieses Gefühl, diese erste durchdringende Anschauung stünde nicht zu Beweis, gestatte aber, einmal angenommen, jeden Schluß auf alles weitere Leben, der sonst zuverlässige Jünger fand doch den alten Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen, Offenbarung und Vernunft nicht geschlossen, wie Schönherr versicherte, dessen leidenschaftliche Beredsamkeit allerdings gegen Äußerungen des Zweifels eine solche Gewalt der Mitteilung erhielt, daß alle Hörer, auch Bujack, wie von einer vollkommenen Gewißheit hinweggehoben wurden. Aber Schönherr mochte selbst irgendein übriges tun, um seine Anhänger zu trösten, die nun einmal viele Jahrhunderte nach den Zeiten solcher Offenbarungen lebten und daher irdischer Bekräftigungen bedurften. Oder wollte er in seinem Selbstbewußtsein die Anerkennung eines Menschen erzwingen, den er selbst hochstellte? Es ist heute kaum mehr klarzubringen, was ihn eigentlich dazu veranlaßte, daß er eines Tages in seinem merkwürdigen Aufzuge, von Bujack begleitet, der nicht wußte, worauf sein Meister ausging, vor dem Hause haltmachte, wo der große Kant wohnte. Hier verabschiedete er den Schüler, der ihn mit einem fragenden Blicke ansah, mit einem halb verheißenden, halb spöttischen Lächeln und zog die Klingel. Eine alte Magd öffnete ihm und ließ ihn, als er den Herrn Professor zu sprechen verlangte, kopfschüttelnd in ein Besuchszimmer treten, wo er warten sollte. Peinlich sauber standen alle grünbezogenen Stühle um den polierten Tisch, kein Stäubchen trübte den Eindruck der äußersten Ordnung, den dieser Raum machte, wie denn alle Gegenstände, die notwendigen, wie die schmückenden, so zusammengestellt und gehalten waren, als seien sie seit undenklichen Zeiten unveränderlich in dieser Lage und in diesen Beziehungen zueinander und zu ihrem Herrn. Nicht nur das hohe Alter des Philosophen, auch die ungeheuere Bewegung seines Geistes mochten einen unverrückbaren Halt an äußeren Dingen der täglichen Umgebung verlangen. Ebenso sorgfältig, sauber gehalten, glatt rasiert, mit weißem Halstuche und gepudertem Zopfe, in schwarzem Rock und schwarzen Strümpfen, ein freundliches, wenn auch etwas fremdes Lächeln auf den Lippen, trat Kant, der damals im letzten Jahre seines stillen Lebens stand, ins Zimmer. Schönherr verbeugte sich ungeschickt, aber bescheiden und demütig, Kant erwiderte höflich den Gruß und lud den Gast ein, Platz zu nehmen und zu sagen, was ihn hergeführt habe. Der Paraklet – er litt in dieser Stunde selbst ein wenig an seiner eigenen, sozusagen unangemessenen Erscheinung und seinem Stegreifauftreten gegenüber dem Professor – Schönherr also begann den Grund seines Besuches auseinanderzusetzen. Da Kant ihn reden ließ und vorerst überhaupt schwieg, mußte der Gast weiter ausholen und berichtete von den furchtbaren Zweifeln, die ihn in seiner Jugend und am Anfange seiner Studien gequält hatten, und wie er das tiefste Bedürfnis zu glauben mit jenem anderen, gleich dringenden der Vernunft, die nur Beweisbares und Bewiesenes anerkennen wollte, nicht habe übereinbringen können. Die Offenbarung der Schrift anzuzweifeln oder höhnisch zu übergehen sei ihm ungeheuerlich erschienen, der inständig begehrten Übereinstimmung von Glauben und Wissenschaft sei er sicher gewesen, wenn er sie gleich überall vergeblich in Büchern oder Hörsälen zu lernen gesucht habe. Er habe diese Welt nicht lieben können, ehe er von der anderen, höheren, Gewißheit empfangen. Da unterbrach ihn Kant: »Am ratsamsten freilich wäre es, zu warten, bis man in die andere Welt kommt.« Schönherr entgegnete, ohne Wissen von dieser äußeren und der wahren höheren, inneren oder jenseitigen Welt gebe es überhaupt keine Tugend. Darauf Kant: »Im natürlichen Zustande kann man gut sein ohne Tugend und vernünftig ohne Wissenschaft.« Schönherr, dessen natürlicher Zustand eigentlich diesen Gedanken hätte anerkennen sollen, kam darauf nicht mehr zurück, sondern ging auf seine Lehre über und trug die Einfachheit des Grundsatzes, sowie die Erörterung aller daraus folgenden Tatsachen der sittlichen und religiösen, wie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nicht ohne eine gewisse leidenschaftliche Bewegung vor, und wie die vielfältige irdische Welt lediglich aus den zwei Urwesen Wasser und Feuer entstanden, aus ihnen allein zu erklären sei und sich von ihnen ernähre und erhalte. Endlich schloß er und sah erwartungsvoll auf Kant. Dieser sagte mehr zu sich als zu dem Fremden, den er mit Gedanken nicht beunruhigen mochte: »Man könnte ohne Vermessenheit in gewissem Verstande freilich sagen: gebet mir Materie, ich will eine Welt daraus bauen! das ist, gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus entstehen soll. Kann man aber wohl von den geringsten Pflanzen oder einem Insekte sich solcher Vorteile rühmen? Ist man imstande zu sagen: gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Raupe erzeugt werden könne?« Dabei unterbrach er sich aber sogleich und richtete, ganz ernst, ohne auch nur mit den Augen zu lächeln, den Blick auf Schönherr: »Wenn Ihnen an diesen sogenannten Urtatsachen soviel gelegen ist und Sie daraus alles Leben ableiten zu sollen glauben, so muß sich, verstehe ich Sie recht, auch alles Leben durch Wasser und Licht allein behaupten?« Schönherr bejahte. »Dann brauchten Sie also nur einen Versuch zu machen, nämlich von Licht und Wasser zu leben. Glückt es Ihnen, so bedürfen Sie doch weiter keines Beweises.« Schönherr konnte darauf im Augenblicke nichts erwidern. Kant erhob sich und verabschiedete ihn. II Unter seinen Schülern und Anhängern war einer der treuesten ein gewisser Altrogge, der auch ein junges Mädchen mitbrachte, Marianne Schmeil, das er liebte und zum Weibe begehrte. Sie aber entzog sich seiner Werbung und lebte mühselig als Weißnäherin von ihrer Hände Arbeit, trotzdem ihr Altrogge einen bescheidenen Wohlstand hätte bieten können. Hingegen hatte sie schon beim ersten Anblick eine schwärmerische Hinneigung zu Schönherr gefaßt, hing an seinen Lippen, nahm, was er sagte, auch nur bildlich gemeinte Ausdrücke, wörtlich und kannte nichts als seinen Wunsch und Willen. Sie war wohl beschränkten Geistes, auch nicht eigentlich schön, aber durch die Reinheit und hilflose Demut ihres Wesens anziehend. Ihre rührende Treue und ganz in sich versunkene Gläubigkeit bestärkte die übrigen weltlicheren Anhänger und übte auch auf Schönherr selbst ihre Wirkung, der bisher mit Frauen nichts zu tun gehabt hatte und nun zum erstenmal die Liebe eines weiblichen Wesens empfand. Der weltfremde und einfältige, seiner Natur bedenkenlos folgende Mann wärmte sich an diesem Feuer und fand daran Trost, Stärkung seines Selbstgefühls, Zuversicht auf seine Sendung. Aber er war so weit entfernt, das wahre Gefühl des Mädchens zu erkennen, geschweige zu teilen, daß er ihre leidenschaftliche Anhänglichkeit durchaus nur als geistliche, als opferwilliges Bekenntnis zu seiner Lehre deutete und nicht im mindesten irdisch nehmen oder auf sich als Mann beziehen mochte, wie er sich selbst ja auch nicht als Sterblichen und den irdischen Begierden Verfallenen, sondern als unberührbaren, höheren Geist ansah. Altrogge, der die Hoffnung bewahrte, das junge Mädchen doch noch zu gewinnen, und dabei Schönherrn aufrichtig ergeben war, sah das eigentümliche Verhältnis mit Stolz und Beruhigung an, denn gerade diese unbefangene, rein geistliche Zuneigung des Meisters schien neben der unirdischen Gemeinschaft der beiden doch für ihn wenigstens die Möglichkeit der ersehnten weltlichen Verbindung mit der Widerstrebenden offen zu lassen. Nicht nur dieses Paar, sondern auch die Lebensverhältnisse anderer Personen seines Kreises und seine eigenen Denkwege brachten Schönherr dazu, über die Verbindung der Geschlechter und über das sinnliche Leben von Mann und Weib zu lehren, was er für wichtig hielt. Wenn er die Wiedergeburt eines wahrhaft vollseligen Menschentums für möglich erachtete und seinerseits zu erwirken hoffte, wie hätte er die Tatsachen der irdischen Menschwerdung verschweigen oder übersehen dürfen! Daß er sich selbst für den wiedergeborenen Mittler hielt, verkündete er jetzt nicht mehr, sei es aus Vorsicht, oder weil er selbst zur Zeit davon abgekommen war. Das aber durfte er sagen und so viel höhere Bedeutung vor seinen Anhängern für sich in Anspruch nehmen, daß er berufen sei, als erster jene Vollseligkeit zu erreichen, die die Geburt eines wahren Menschensohnes bedinge und verbürge. Der in der Offenbarung Johannis verheißene Wiederkommende könne nur durch Vermittelung eines Mannes von einem Weibe geboren werden, das völlig rein und unschuldig in Erkenntnis der Wahrheit lebe. Höchste Ausbildung in dieser Erkenntnis und Unschuld und Jungfräulichkeit seien die Bedingungen dieser Wiederkunft. Er ließ mehr ahnen, als er etwa unverhohlen aussprach, daß er sich als Mann, Marianne Schmeil als Weib für fähig halte, diese Ausbildung zu erwerben. Unter Männern brauchte er die gröbsten Ausdrücke, um den bloßen Lustzweck des geschlechtlichen Verkehrs zu verdammen als das zusammengedrängte Gleichnis aller Hölle, Sündigkeit und hoffnungslosen Verderbens der Menschheit. Der wahre Zweck der ehelichen Gemeinschaft sei Kindererzeugung, aber im Geiste der Wahrheit, des Lichtes, der Vollseligkeit. Diese Lehren, die einerseits hohe Forderungen an das sittliche Bestreben seiner Anhänger stellten, andererseits eine Befriedigung des Selbstgefühls gewährten, machten Schönherr angesehen, seinen Kreis auf eine gewisse Weise sogar vornehm. Die Leute hingen an seinen Worten und Winken wie Falter am Lichte. Und er rechtfertigte wiederum ihr Vertrauen, indem er bescheiden, innig versunken seiner Lehre lebte und keinen Wunsch zu kennen schien, als sie und mit ihr das Menschengeschlecht selbst zu fördern. Wenn aber innerhalb dieser Gemeinschaft Friede und gegenseitiges Vertrauen herrschten, wurde durch die eigentümlichen Grundsätze doch das Leben derer beeinflußt, die ihrerseits zwar außerhalb standen, aber mit Mitgliedern Berührung hatten. Da waren Töchter, die ihren Vätern und Müttern, Söhne, die dem Elternhaus, Gattinnen, die den Männern entzogen, von dem neuen Geiste erfüllt wurden und im gemeinen Leben unwillkürlich dessen Sinn und Gehalt spüren ließen, zur Anwendung brachten, oder sich doch so äußerten und gebärdeten, wie sie gelehrt worden waren zu denken. Schönherrs Worte über die Ehe, als über eine ruchlose, sündlich weltliche Einrichtung mußten, in grober Nacherzählung weiterverbreitet und entstellt, Verdacht, Zorn, Haß und Furcht erregen. Viele Klagen liefen bei den Kirchenbehörden gegen den gefährlichen Irrlehrer ein, dem man von Amts wegen das Handwerk legen solle. Ein ruhig denkender Oberer erkundigte sich über Schönherr und beantwortete die Beschwerden damit, daß man einen Menschen unbehelligt lassen wolle, der selbst glaube, was er sage, und durchaus harmlos sei. Als König Friedrich Wilhelm III. zu einem Besuche nach Königsberg kam, trachtete man sogar, ihn gegen den bescheidenen Mann aufzubringen und erzählte allerhand Fürchterliches über Schönherr, was aber nur zur Folge hatte, daß der hohe Herr seinen theologischen Gewährsmann, den berühmten Schleiermacher, mit Erkundigungen beauftragte, die schließlich ein königliches Reskript erwirkten, des Inhalts, man möge dem armen Prediger Ruhe geben, dessen Absichten gut und dessen Lehren ungefährlich seien. In dieser Zeit stand Schönherr auf seiner Höhe, lebte aber still und getrost in seiner unbekümmerten Dürftigkeit und suchte durch nichts anderes als durch Unterweisung, Beispiel und Liebe Macht zu gewinnen. Sein Schicksal nahm, ohne daß er es aber auch nur ahnte, die traurige Wendung alles willkürlichen Prophetendaseins zu Vereinsamung und Enttäuschung, zu Verbitterung und stillem Absterben, als sich ein junger leidenschaftlicher Mensch ihm näherte, dessen weltliche Kraft, Ehrgeiz und innere Bewegung die freundliche Zufriedenheit der übrigen unterbrachen: Johannes Wilhelm Ebel, ein Studiosus der Theologie, der aus einer alten Pastorenfamilie stammte. Sein Großvater war wegen ähnlicher Ideen über die Fleischwerdung des Paraklet aus dem Amte gejagt worden, wie sie der Enkel nachmals zu den seinigen machte. Der junge Ebel hatte unter dürftigen Verhältnissen seine Studien in Königsberg betrieben, sich aber gleichwohl ehrbar in den Sitten und im strengen Bibelglauben seines Hauses gehalten und noch als Jüngling ein gewisses Ansehen und hohe Gönner erlangt. Anders als Schönherr bestimmte ihn eine wohlausgebildete und bewahrte feinere Lebensart zu einem bescheidenen, aber sicheren weltlichen Auftreten. Er wußte sich auch in der besten Gesellschaft unaufdringlich mit Anmut zu bewegen und bei aller Bescheidenheit zur Geltung zu bringen; Frömmigkeit schien zwar sein ganzes Wesen zu durchdringen, aber sie machte ihn darum nicht ungeschickt oder fanatisch, er suchte den Verkehr, auch mit ganz anders Gesinnten, die er mehr durch allgemeine Liebenswürdigkeit für sich einzunehmen, als durch Beweise umzustimmen trachtete. Was bei Schönherr ein rein geistiger Ehrgeiz war, durch eine ursprüngliche Anschauung sein Selbst zu erheben und herrschend zu machen, war bei dem jungen Ebel vorerst weltliches Streben nach Macht und Geltung unter den Mächtigen. Der Sohn einer alten, aber armen Pastorenfamilie, deren Verbindungen mit den Pfarrkindern, mit Gutsherren des hohen reichbegüterten ostpreußischen Adels die eigenen unzulänglichen Verhältnisse so recht ins Licht setzen, mag unwillkürlich den stärksten Wunsch nähren, nicht als untergeordneter Vermittler der Verbindungen dieser hohen Herrschaften mit Gott, sondern als anerkannter Verwalter der Gnade neben, ja über ihnen zu stehen und sie kraft geistiger Überlegenheit zu beherrschen. Dabei brauchte eine wahre innere Frömmigkeit, ein stetes Bedürfnis nach geistlichem Lichte nicht Schaden zu leiden. Beides, den Weg zu äußeren Ehren und zu geistlicher Vertiefung, wußte er sich zu sichern. Er kam als Hauslehrer zu den Söhnen des Grafen zu Dohna-Schlodien, der als Haupt einer mediatisierten deutschen Fürstenfamilie an der Spitze der Gesellschaft Königsbergs stand. Damit war Ebels weltlicher Erfolg angebahnt. So trat er, schon eine Hoffnung seiner Kirche und ein Stolz seiner Gönner, Schönherr näher. Die in der Familie bewahrte scheue Anhänglichkeit für die überlieferten Lehren des Großvaters, die den Mann ums Amt gebracht hatten, war bei dem Enkel zu einem unabweislichen mystischen Drang gesteigert und näherte ihn den Schriften der ersten Kirchenväter, stellte ihm das herbe Leben der frühen Heiligen, die Spekulationen Taulers und Susos vor Augen. Diese Anlage ließ ihn, bevor er ihn auch nur gesehen hatte, von Schönherr die irdische Verwirklichung solchen inneren Lebens erwarten. Überhaupt wirkte in dem jungen Manne eine tiefe Ungeduld, die manchen Menschen zeitlebens vorwärts jagt, als müsse sich in jedem Augenblick das Endliche, Höchste, Äußerste erfüllen. Wer von Natur gläubig und mystisch veranlagt ist, wird diese Erfüllung unwillkürlich aufs Geistliche übertragen und darin suchen, er wird sie vom Leben erzwingen wollen, auch wenn es am gemeinsten sich anläßt und gerade dann, er wird alle Lehren und sinnbildlichen Ereignisse der heiligen Schriften vor sich erwachsen lassen mit der ungeheueren Inständigkeit des Wunsches, daß sie jetzt und jetzt die Tore der Welt sprengen sollen. Und was der Buchstabe nicht vermag, wird er aus eigenem beibringen und sich selbst zur Axt der Verwirklichung machen, so daß Weissagung und Ausgang in der Glut seines Willens plötzlich in Eins verschmelzen und der innig Betrachtende sich in seinem Fieber zum Handelnden erhebt, ferne Offenbarungen schließlich auf sich bezieht, der sie allein erfüllen kann und zu vollstrecken meint. Bei einem Besuche im Vaterhause erzählte ein Bekannter, in Königsberg – wisse denn der junge Studiosus nichts von ihm? – lebe ein Mann, dem es möglich geworden sei, die Aussprüche der Bibel und ihren ganzen Inhalt wörtlich mit Vernunftbeweisen in Einklang zu bringen und gegen jede logische Anfechtung zu verteidigen. – So sah Ebel Schönherr als sein Schicksal und seinen Meister an, da er bloß von ihm hörte. Obgleich besser durchgebildet als Schönherr, fand der Begeisterte an der vernunftmäßigen Bedenklichkeit des Systems nichts zu zweifeln, er war als Wunsch und Traumesmensch überhaupt dazu außerstande. Der Glaube lebt in einer hohen Luft der Überzeugung, Gewißheit und Wörtlichkeit, so führte Ebel, wie sein Meister, wo die Schlüssigkeit aufhörte, die Bildlichkeit ein, während er alles Gleichnishafte vermöge der Inständigkeit seiner Anschauung wirklich sah. Die Beziehungen zu Schönherr blieben bestehen, als Ebel dank dem Grafen Dohna eine Stelle als Pastor in Hernsdorf erhielt, wo er heiratete und ein glückliches Familienleben begann, sie wurden noch verstärkt, als er nach Königsberg als Prediger ans Collegium Fridericianum zurückgelangte. War seine Einbildungskraft und sein mystisches Bedürfnis durch die Freundschaft mit Schönherr in diesen Jahren ausgefüllt, so wuchsen sein Ehrgeiz und Selbstgefühl durch das Ansehen, das er sich in so jungen Jahren mit seinen Predigten erwarb. Er war schlank, schwarzhaarig, schwärmerischen Blickes, und sein Auftreten, der Reiz seiner zugleich ursprünglichen und zarten, aber leidenschaftlichen, jünglingshaften Anmut ergänzte den Sinn seiner Worte durch eine überstrahlende Gemütsmacht und gab ihnen jenen leuchtenden Hintergrund, der insbesondere die frommen Mädchen und Frauen des Auditoriums unwiderstehlich umfing. Dieser Erfolg steigerte wiederum seinen Eifer und bestärkte ihn nur noch in seiner mystischen Richtung, als die Untersuchung gegen Schönherr auch sein, Ebels, Verhalten in ihre Prüfung einbezog. Mit Mut und Treue erklärte er sich als Schönherrs Anhänger und triumphierte über die Widersacher, als das Verfahren eingestellt wurde. Noch war die sogenannte Bewegung um diese Zeit friedlich und sich selbst überlassen. Der Sturm der Ereignisse fuhr damals mächtig über Deutschland hin, aber nichts davon ist bekannt, daß diese furchtbare Erregung auf Schönherr und Ebel oder auf ihre Leute sonderlich übergegriffen habe, deren Sinn kaum nach den Dingen des gemeinen Geschehens stand. Erscheinungen, die gar wohl wie Zeugnisse und verwandte Zeichen einer Weltoffenbarung und Apokalypse hätten gedeutet werden mögen, die Rückkehr einer zerbrochenen, zerlumpten, von Gottes Hand geschlagenen Armee aus dem russischen Winter, Napoleons Abstieg und Ende, die Erhöhung und Befreiung des Volkes in Deutschland, alles das zog über diese Gemeinde hin wie wilde Jagd in den Wolken über das stille Gras, das weiterwuchs und einfältig grünte. Als aber die Erhebung abgeschlossen, der Friede wieder hergestellt war, als nun die ungeheure Zerstörung und Neuordnung den Acker der deutschen Seelen um- und umgegraben hatte, war er für allerhand Samen geistlichen Sinnens bereitet, der denn auch überall reichlicher aufging. Wiederum wurde Ebel mehr durch die Ereignisse selbst bestimmt, als daß er sie planvoll betrieb. Nach der furchtbaren Erderschütterung war ein Geschlecht zurückgeblieben, das gewaltiger innerer Erregungen bedurfte, um sein Schicksal und seine höhere Eignung durch heilige Tatsachen zu bestätigen. Der deutsche Adel dieser Zeit sieht seine angestammte Gläubigkeit und fromme Überzeugung durch Gottes Weltgericht wunderbar anerkannt. Und Gottes Wiederkunft, die in den Ereignissen Tatsache geworden ist, muß sich in der Lehre erneuern. Ebel lernte im Jahre 1815 den Grafen Kanitz kennen, der, aus den Freiheitskriegen heimgekehrt, zu Königsberg als Tribunalrat ein Richteramt annahm und sich in einer Freundschaft an den jungen Prediger schloß, die durch nichts getrübt werden konnte und über alle dunklen Ereignisse der späteren Zeit hinaus bis zu seinem Tode dauerte. Der Graf war ein Mann von vollkommener religiöser Überzeugung, dabei eine romantische Natur, von den angestammten unmittelbaren Beziehungen der Gottheit zum Menschen, zu erlesenen Familien vor allem, durchdrungen, bestimmt zu Schwert und Glauben, nicht zu Wort und Vernunft; wem er sein Herz schenkte, dem gab er es bedingungslos und lieferte sich ganz aus. So nahm er Ebel, mit dem ihn eine Freundschaft auf den ersten Blick verbunden hatte, als Herrn seines Verstandes und Gemütes an, was dieser sagte und tat, war wohlgesagt und -getan, weil von einem Menschen, den der Graf ehrte; Prüfungen und Zweifel hätte er mit seiner Selbstachtung nicht vereinbaren können. Er hatte zuviel Leid und Blut und Untergang mit angesehen und Sieg, der mit dem Aufgeben alles Glückes erkauft war, als daß er auf das bloße äußere Leben sonderlich mehr hätte achten mögen Er hatte einen Kriegskameraden bei Groß-Görschen neben sich selbst im Sturm vom Säbelhieb eines Franzosen niederfallen sehen, den Grafen Wilhelm von der Groben, mit dem ihn eine alte Freundschaft verbunden hatte, die er nun, herrenlos, auf Ebel übertrug. Diese Verbindung näherte den Geistlichen noch enger dem höchsten Adel des Landes, und Kanitz war es, der Ebel der Familie des Landhofmeisters von Auerswald, des mächtigsten Mannes, empfahl, dessen älteste Tochter, Ida, die Witwe eben jenes verstorbenen jungen Helden Wilhelm von der Groben, sich in der Einsamkeit ihres schlesischen Gutes trostlos von der Welt abschloß. Ebel konfirmierte eine jüngere Tochter Auerswalds, und Kanitz bezeichnete ihn als den einzigen, der die Witwe von dem Trübsinn ihrer Verzweiflung durch seine Lehre und seinen Zuspruch retten und dem höheren Leben im Geiste wiedergewinnen könne. Der Landhofmeister von Auerswald erwirkte die Bestellung Ebels zum Diakon der Altstädtischen Kirche, die in Königsberg als die ehrwürdigste Glaubensstätte angesehen war, weil sie das Grab eines Sohnes Martin Luthers beherbergte. Auf Bitten Auerswalds sollte der Diakonus Ebel die Gräfin Ida von der Groben in Schlesien aufsuchen und ihrer Verzweiflung entreißen. Bevor er sich zu diesem Gang entschloß, der ihm verantwortlich und gefährlich erschien, wollte er sich mit Schönherr beraten. Er traf ihn eben in einer geistlichen Erörterung im Kreise seiner Anhänger und zögerte, ihm diese, nach seinem Dafürhalten notwendig geheime Mitteilung zu machen. Ohne sich, wie sonst, an der Wechselrede der Anwesenden zu beteiligen, blieb er still in der Ecke des Zimmers, bis ihn Schönherr, der solche Fremdheit des bedeutendsten seiner Jünger weder gewohnt war, noch dulden mochte, in seiner heiter-derben Art anrief, warum er so betrübt dastehe, ob ihm denn die Vögel das Brot weggefressen hätten. Als Ebel die Antwort bis zu besserer Gelegenheit vertagen zu wollen erklärte, wurde der Meister grob, er könne diese Geheimniskrämerei und dieses Zagtun nicht leiden, ob der Herr Diakon denn den Kindern Gottes mißtraue, die hier versammelt seien und voreinander, wie vor ihm selbst, nie ein Arg gehabt hätten. Ihrer aller Seelen weideten unter einem Lichte. Da mußte Ebel denn wohl oder übel den Antrag berichten, der ihm gemacht worden war und die Meinung des Meisters vor der ganzen Gesellschaft erbitten. Schönherr, durch das vorige Zögern gereizt, nahm die Angelegenheit zuerst nicht eben wohlwollend auf, warum sich denn der Schüler immer an die Reichen und Vornehmen halte, denen der Geist ja doch nur als eine Zerstreuung, nicht als innerer Gebieter gelte und der Geistliche stets als ein Gefäß, worein sie sich ihrer Sünden, Zweifel und Gemeinheiten entledigten, um es gleich erleichtert beiseite zu stellen, damit sie von neuem schwelgen könnten. Vollends hier erkenne man doch deutlich die Absicht, ihn zu einem weltlichen Geschäfte zu verwenden. Ebel solle sich vor diesen Grafen und Gräfinnen hüten, vor diesen überfeinen Weibern: »Du bist ein Levit, und alle Leviten sind den Weibern untertan. Hängst du dich an diese Weiberröcke, so werden sie dich in den Staub ziehen!« Ebel entgegnete besonnen, er kenne Schönherrs Art in solchen Reden nicht wieder, er hätte nicht erwartet, Menschen geschmäht zu hören, die voll Vertrauen die Hilfe eines Priesters begehrten, der ja dazu allein bestimmt sei. Wem sollten sie sich denn eröffnen, und wer anders vermöchte sie zu trösten und zu befreien? Wenn sein Beistand nicht jedem zugänglich bleibe, der ihn erbitte, wie sollte er die Welt erlösen können? Es sei dem Lichte keine Wahl gegeben, sich zu versagen. Aber er müsse sich einzelnen verschließen, um sich der größeren ärmeren Gemeinschaft zu erhalten. Nein, es komme auf den Zustand an, der zu heilen sei, hier in der Heimat stehe er, Ebel, inmitten einer wohlbehüteten und einigen Glaubensschar, dort in der Fremde ringe ein einsames und verlassenes Weib mit ihren Zweifeln und Qualen. Hier wirke sein Ruf fort, auch wenn er selbst fern sei, dort gelte es, eine verirrte Seele vom sicheren Abgrund wegzureißen. Schönherr zögerte. Er fürchtete für Ebel. Der lächelte, seiner könne er gewiß sein. »Wie aber, wenn du strauchelst, wenn du anstatt eine Verzweifelte eine Verhärtete findest und unterliegst?« – »So komm du selbst mit mir!« – »Nein, bleibe bei uns! Bleib, geh nicht!« schrie Marianne Schmeil entsetzt. Schönherr sah sie erstaunt an: »Marianne, sei getrost!« Ebel redete ihm zu, schon längst hätte Schönherr andere ernste Männer in Deutschland aufsuchen sollen, um seiner Lehre die Anerkennung der Besten zu verschaffen und sie weiter wirksam zu machen, das Verharren in diesem engsten Winkel sei seines Wertes unwürdig, und wenn er nicht den Versuch mache, auch nur einen Fernstehenden durch die Kraft heranzuziehen, sondern mit dem Zustreben derer sich begnüge, die schwach und bedürftig jeden erreichbaren Seelentrost aufsuchten, bewiese er sich und der Welt niemals den wahren Gewinn. Jetzt sei die Stunde da, ihn, den Erweckten, zu wecken, und nicht er, Ebel allein, sondern der Meister sei berufen. »Geh nicht,« weinte Marianne vor sich hin. Schönherr sagte: »Ihr habt allezeit Arme bei Euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.« Als aber das Mädchen ihn unschlüssig stehen sah, faßte es nach seinem Mantel, um ihn zurückzuhalten, da entzog er sich ihr, jedoch mit Sanftheit und sprach ihr zu: »Warum bist du so furchtsam?« Zu Ebel aber nickte er flüsternd: »Ich komme!« III So brachen sie denn auf und reisten über das östliche Deutschland, dank Ebels angesehener Stellung und gewandtem Betragen überall wohl aufgenommen, in geistlichen Kreisen ohne Arg, wenngleich mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt, die durch Schönherrs wunderliches Gehaben veranlaßt sein mochte, der seine Ansichten schroff und streng äußerte, während Ebel die verbindlichste Überredung pflegte und dem Widerstande auch zu weichen vermochte, ja sich jeder logischen Beweisführung ohne weiteres schier unbefangen entzog. Aber die innige Begeisterung und Zuversicht des Glaubens der beiden erweckte Achtung, und mancher schien sie so unbedingt zu teilen, dem es schwerlich danach ums Herz war, um nicht für lau zu gelten, und überredete sich, da er solchen Aufschwungs entbehrte und etwa seinen eigenen geringeren Sinn im stillen anklagte. Man wird am härtesten durch Pflichten gedrängt, die man sich einbildet und nicht wirklich erfüllen kann, dies schafft eine Heuchelei des Gehorsams, ärgerlicher, weil unfaßbarer, als die aufrichtige Nichtachtung. Die Erfahrung, die mancher Reisende macht, daß ihm bei fremden Menschen, in neuen Orten und Umständen alles wunderbar leicht vonstatten geht, Erfolge verspricht, die er daheim nicht einmal zu träumen wagte und unverhoffte Früchte in den Schoß wirft, beglückte auch die beiden auf ihrer Wanderschaft. Und Schönherr genoß mit rührender Zufriedenheit und kindlichem Behagen das Wohlsein und die ehrbare Auskömmlichkeit dieser geistlichen Fahrt, indem er oft auf den Hunger, die Entbehrungen, Enttäuschungen und einsamen Kümmernisse hinwies, die er als armer Studiosus auf ähnlichen Wegen hatte ausstehen müssen. Endlich kamen sie nach Schlesien auf das Schloß der Gräfin von der Gröben, das inmitten eines kleinen, aber anständigen Gutes und schönen Gartens in dem Hügellande lag, das zu den bedeutenderen Erhebungen des Riesengebirges sanft ansteigt. Von den Dorfleuten gewiesen, betraten sie durch das offene Gittertor den Garten, der in der Üppigkeit sommerlichen Wuchses durch seine verlassene Ungepflegtheit und Einsamkeit ihr Herz mit der Ahnung trostlosen Kummers erfüllte. Die unbeschnittenen Hecken und Baumlauben schatteten so dicht, daß selbst die starke Sonne nur gedämpft durchleuchtete, manche Zweige hingen verdorrt, volle Rosenbüsche mit allzuvielen entblätterten Blüten verrieten, daß niemand da war, der die Rosen rechtzeitig vom Stocke abnahm. Sie kamen zum gelben ländlichen Schlosse selbst, ohne irgend einem Bedienten zu begegnen, durch den sie sich hätten ankündigen lassen können, und traten endlich in den weißen Vorsaal ein, wo ihre Schritte auf den Fliesen hallten. Das gedämpfte Kläffen eines Hündleins aus den inneren Gemächern meldete die Ankunft Fremder, und nach einer Weile schob sich aus der weißen Tür ein alter Diener in schwarzem Frack, aber eine blaue Schürze vorgebunden, einen Flederwisch unterm Arm, ein Tablett in der Hand, ein Käppchen auf dem grauen Schädel, unrasiert, sah sie fremd, aber nicht unfreundlich an und blieb vor ihnen in einiger Entfernung stehen, ohne etwas zu sagen. Ebel fragte nach der Gräfin und bat, den Besuch anzumelden, der vielleicht auch schon durch vorangegangene Briefe angekündigt sein möchte. Der Diener lächelte: »Briefe liest sie nicht.« – »So sagt ihr denn, guter Mann, Menschensöhne seien da.« – »Sie will niemand sehen.« – »Auch Fremde nicht?« – »Wenn Sie für Arme sammeln wollen, habe ich Auftrag, das Notwendige zu reichen.« – »Wir wollen geben, nicht nehmen.« Übrigens hätten sie auch einen Gruß von des hochseligen Herrn Grafen bestem Freunde Kanitz zu überbringen. Der Diener ging. Nur kurze Zeit saßen sie wartend auf der weißen Bank des Vorhauses, als anstatt des alten Mannes die Gräfin selbst eintrat, eine kleine, zierlich gewachsene, schwarzhaarige Dame in Trauerkleidern, deren große goldbraune Augen sich mit einem von Kummer und Einsamkeit verschleierten Blick auf die Ankömmlinge richteten, denen sie mit einiger Verlegenheit die Hand reichte. Ebel stellte Schönherr und sich mit wenigen Worten vor, erbat ihre Gastfreundschaft für einen kurzen Besuch und bestellte die Grüße ihrer Familie und des Grafen Kanitz, ihres gemeinsamen Freundes. Bei diesem Namen erblaßte die Dame, lächelte aber gleich mit unsäglich ergreifender Fassung. Schönherr, der für die eigentümliche Zurückhaltung keinen rechten Sinn hatte, begann sofort von dem Schicksal zu reden, das sie betroffen habe. Ebel unterbrach ihn und lenkte das Gespräch auf die der Gräfin notwendig entgangenen, aber gleichwohl am Herzen liegenden Zustände der Heimat, auf das Befinden ihrer Lieben, der Eltern, des Landhofmeisters, der jungen Schwestern, auf Ereignisse der Stadt Königsberg selbst und so fort. Ging die Gräfin anfangs nur aus gesellschaftlichem Zwang auf diese Erörterungen ein, so folgte sie ihnen bald mit der natürlichen Teilnahme einer jungen Frau, deren Einsamkeit und abgesperrter Schmerz jählings durch den Zutritt der ganzen, zugleich unveränderten und doch entfremdeten äußeren Welt unterbrochen und widersinnig geworden scheint, unwillkürlich äußerte sie lebhaftes Interesse für diese oder jene Ereignisse der Heimat, sie erfuhr von der ansehnlichen Laufbahn ihres Schwagers, des Mannes ihrer nächstältesten Schwester, des Heinrich Theodor von Schön, und konnte die Frage nicht unterdrücken, wie sich ihr Vater, und ob sich gar Ebel mit diesem sogenannten Freigeiste vertragen möge. Mit einem stillen Lächeln bekannte dieser, seine und Herrn von Schöns Ansichten seien so verschieden, daß sie sich überhaupt kaum begegnen könnten, zu einem Streite fehle völlig der Boden, wo sich der eine in Lüften bewege, der andere sozusagen unter der Erde grabe. Das Lächeln auf dem feinen Gesichte Idas von der Gröben, das erst der grenzenlosen Trauer abgezwungen war, stellte sich im Laufe des Gespräches allmählich häufiger, von selbst und aus innerer Erfrischung und erwachender Regsamkeit des erhellten Gemütes ein, durchleuchtete auch den Blick der offen auf Ebel und Schönherr gerichteten Augen, das unwillkürliche Erröten der Überraschung in der ersten Minute wurde jetzt zur natürlichen, gesunden Farbe eines erwärmten, aufgeschlossenen Wesens. Sie führte die Besucher durch das recht weitläufige Gebäude, zeigte die Einrichtung der Stuben, die mit Porträts der eigenen und der Familienangehörigen ihres weiland Gemahls, mit allerhand Kriegserinnerungen, Jagdgegenständen geschmückt, sonst aber recht einfach nach Art und Vermögen bescheidener Landedelleute bestellt war. Bis auf ihres Gatten und ihr eigenes Zimmer stand alles offen, zwar geordnet, aber doch mit einer gewissen Nachlässigkeit, wie wenn nur aus guter Gewohnheit, aber ohne eigentliche Strenge das Nötige getan würde. Im Gespräch unterließ die Gräfin nicht, hier einen Gegenstand wegzutun, an eine andere Stelle zu bringen, dort ein vergessenes Büchlein geschwind in eine Lade zu schieben, sich ärgerlich für den Staub zu entschuldigen, der über einer Alabastervase lag. Die Standuhren tickten nicht. Auf einer Terrasse, die einen schönen Ausblick auf den Garten, die Wiesen und das weitere buschige Gelände bot, verließ sie die Gäste, um, wie sie sagte, in aller Eile für eine anständige Mahlzeit zu sorgen, die ohne ihre Befehle sicherlich ganz versäumt würde. »Siehst du, Levite, ein Frauenzimmer, nichts weiter,« spottete Schönherr. »Du irrst, wir haben sie erweckt, sie weiß es nicht, aber sie ist gerettet.« Ebel lächelte glücklich, aus Anstand hatte er Schönherr seinen Anteil an dem Gelingen zugewiesen, das er sich ruhig allein beimessen durfte, denn der Ältere hatte überhaupt fast ganz geschwiegen, er aber erkannte, daß er die Einsamkeit der armen Frau wirklich unterbrochen und dadurch die entsetzliche Schwermut ohne besondere Aufwendung gelöst, in ein natürliches Lebensgefühl gemildert hatte. Die unbewußte Verwandlung, die sich in den Zügen, in den Bewegungen, in der wachsenden Teilnahme, in dem freieren Lächeln, in der volleren Stimme, in der Aufmerksamkeit der Hausfrau auf die kleinen Nachlässigkeiten der sonst unberücksichtigten Wohnung ausgedrückt hatte, gereichte ihm zur herzlichen Genugtuung. Vor dem tiefen Kummer, der die junge Frau eingezwängt hatte, mochte man Ehrfurcht hegen, aber die liebenswürdige Befreiung eines so schönen Wesens zu seiner unwillkürlichen Natur, und wie es sich dem Leben, beschämt zwar, doch sehnsüchtig zuwandte, mußte einen Mann notwendig rühren. Es war wie das Wunder des Lichtes selber, das nicht nur das Feste im Flüssigen schafft, sondern wiederum das Starre zum Flüssigen, die widernatürliche Ruhe eines lebendigen Todes mit der schönen Bewegung und Wärme des Blutes löst. Die wenigen Tage des Aufenthalts im Schlosse benützte Schönherr zu Besuchen bei den verschiedenen, entlegenen Hütten der schlesischen Ackerleute, Weber, Hirten, wobei er tief ins Gebirge hineingeriet und überall ein dem seinigen verwandtes geistliches Streben, Mühen und Betrachten mit hoher Befriedigung wahrnahm, das diese ärmsten Menschen aus Eigenem sich hatten erschaffen können. Zumindest verstanden sie sogleich, was er in langwieriger Lehre sowohl für sich selbst hatte erwerben, als nachher den beschränkten harthörigen Geistern seiner Anhänger beibringen müssen. Die stillversunkene Demut und gehorsame sinnende Ergebung der Schlesier war ihm eine liebe Offenbarung selbst, und er genoß, während er halbe Tage lang auch wieder allein herumstrich, sich auf Wiesen im Grase wälzte, den süßen Wohlgeschmack eines Halmes kaute, an einem der schwatzenden Bäche saß, den langentbehrten Zauber der Einsamkeit, dem er vor Jahren die erste Offenbarung des Naturwesens und der Gottheit verdankt hatte, und der sich hier mächtig und bestätigend wiederholte. Indessen wich Ebel nicht aus der Gesellschaft der Gräfin, und es war ihm vergönnt, was anfangs nur unbewußt und von der Überraschung erwirkt war, dem vollen Verstande, ja dem Gemüte der edlen Frau abzugewinnen: eine wahre Zuwendung zum Lichte der Welt. Freilich eine Zuwendung zu einem geistlichen, keinem irdischen Feuer; fromm erzogen und durch ihr Schicksal wie durch die ererbte Gewohnheit der alten Familienart leidenschaftlich gläubig, mußte die junge, schöne Frau die natürlichste, begreifliche, langunterdrückte Sehnsucht nach dem Leben in einer gläubigen Neubelehrung empfangen, die ihr nicht das vergebliche Nachtrauern und Sichvergraben im endlosen Schmerze gestattete, sondern den gelassenen Gehorsam gegen den Willen Gottes, die stille Freude am reinen Wandel im Lichte vorschrieb, eine Heiterkeit, die Leib und Seele der einstigen Vereinigung mit dem Geliebten durch Vergöttlichung und Klärung würdig machte. Mitgefühl, Anhänglichkeit an den hohen Gönner ihren Vater, Bewunderung der Gefühlskraft der Gräfin, unwillkürliche Ehrerbietung vor ihrer Anmut, die Gewohnheit, alles Irdische und Natürliche geistig anzusehen und so zu rechtfertigen, was ihm sonst als gemein gegolten hätte, gaben dem Diakon Beredsamkeit, seine feinen weltgewohnten Bewegungen, seine schonungsvolle Art das Entscheidende mit Sanftmut zu sagen, sein schwärmerisches Haupt mit dem milde glühenden Blick, der schmale Bart, das gescheitelte, wellige, zu den Schultern reichende, gepflegte Haar verliehen ihm eine merkbare, gewiß nicht unabsichtliche Ähnlichkeit mit den Bildern Christi, alles dies wirkte auf den Sinn der Gräfin, und sie fügte sich dem so natürlichen, so unbegreiflichen Wunder ihrer Wandlung, das ihre Strenge in eine holde Frömmigkeit, ihre ertötete in eine erwachte Lebensneigung und Zuversicht löste. Ja, sie überließ sich sogar der wiedererwachten Heiterkeit; gleich einem lauteren Wasser aus der Tiefe kam jezuweilen ein quellendes Lachen aus ihrer Kehle und erschrak nicht mehr sofort über seinen Laut, sondern hallte lieblich aus. Und zum ersten Male hörte Ebel dieses Lachen über seinen Begleiter. Während sich die Gräfin dem Ernst und der Ergebenheit des Diakons, seiner Weltgewandtheit und taktvollen Überredungsgabe ohne Arg anvertraut hatte, nötigte ihr, als der vornehmen Dame, die Art Schönherrs ein Entsetzen ab, das sie nicht anders als durch Spott und Witz loswerden konnte. So sehr sie sich durchaus dem Gemüt und dessen Eingebungen überließ, die urweltliche Einsiedlermanier des groben, ungeschickten Paraklets bekämpfte sie mit dem Verstande. Sie konnte mit der Hingabe an das geistige Leben, mit der Versunkenheit in die Offenbarungen die vollständige Achtlosigkeit auf weltliche Sitte, auf die Rücksichten, die jeder mit dem Nächsten haben muß, nicht entschuldigen. Alle hohen Gewißheiten Schönherrs, die ihr bei Ebel angemessen und selbstverständlich erschienen, dünkten sie bei dem Naturmenschen verzerrt und spaßhaft, unziemlich, ja unwürdig. Sie nannte ihn geradeheraus einen Waldteufel, und wenn Ebel ihr zwar lächelnd, aber eindringlich die außerordentlichen Verdienste Schönherrs, seine erste Entdeckung, die Begründung seiner Lehre, die Überlieferung vorhielt, gab sie süßsauer alles zu, aber wozu brauche er diesen Genossen? Der Eitelkeit des Jüngeren mußte diese höhere Wertschätzung, die sie ihm bewies, schmeicheln, seinem Ehrgeiz die Selbständigkeit nahelegen. Einstweilen genoß er solche Anerkennung ohne weitere Folgerungen, aber auch in ihm war eine natürliche Entwicklung lose geworden, ein Anstoß gegeben zu einer entscheidenden Wendung, und das Schicksal trieb diese Menschen wie rollende Räder über den steilen Abhang hinunter. Die Gräfin von der Gröben entschloß sich zur Rückkehr in ihre Heimat. IV Unter den näheren Bekannten der Auerswaldschen Familie nahm eine junge Waise den ersten Platz ein, ein Fräulein Minna von Derschau, Tochter eines in den Befreiungskriegen gefallenen Majors, die schon darum, aber auch wegen der alten Freundschaft der Häuser als Schützling des Landhofmeisters besonders behütet wurde. Ähnlich wie bei der nunmehr dem Leben wiedergewonnenen, entlastet, ja vergleichsweise heiter und gefaßt zurückgekehrten Gräfin von der Gröben hatte ihre Anlage selbst und das traurige Schicksal, den geliebtesten Vater so jäh und früh verlieren zu müssen, den Sinn des Mädchens verdüstert, ihr Dasein reuig gemacht, als wäre es an sich eine Schuld. Alles was jungen Geschöpfen in ihrem Alter zur harmlosen Freude gereicht: das Bewußtsein der eigenen Schönheit, unverfänglicher Schmuck, Geselligkeit, Vergnügen an Tanz, Spielen, Theater, Musik, an Gesang und Verkehr schien ihr ein Abscheu. Eine rührende duldsame Liebenswürdigkeit ebenso wie eine noble Zurückhaltung des Benehmens hielt sie davon ab, dieses ihr klösterliches Gefühl, das sie gegen die sinnlose Existenz ihrer Altersgenossinnen einnahm, zu zeigen, gar davon zu sprechen, bloß die ständige Schwermut, der sie sich ergab, verriet es und erschwerte jeden Versuch, sie aus ihrer Einsamkeit – sie hauste mit einer alten treuen Magd in einer kleinen, mit Erinnerungen an die Eltern eng ausgefüllten Wohnung – auch nur zu begrenzter Geselligkeit zu nötigen. Auerswald, der Ebel für die Rettung seiner Lieblingstochter nicht genug danken konnte, hielt es für seine Pflicht, auch diesem umdüsterten Schützling seines Hauses die Möglichkeit einer zugleich gottwohlgefälligen und leiblich heilsamen Erlösung zum Leben zu verschaffen. Er legte ihm Minna von Derschaus Rettung nahe. Ebel, der in Schönherr nach wie vor seinen Meister erblickte und die Beziehungen zu ihm trotz manchen aufgetauchten Gegensätzen unverbrüchlich hielt, hatte dem Kreise des Paraklet auch den Grafen Kanitz zugeführt und einen Amtsbruder, Heinrich Diestel, die beide dort hoch aufgenommen und mit halb ernst, halb gleichnishaft gemeintem Rang geschmückt worden waren, als Engel aus der Apokalypse. Kanitz, der ehemalige Krieger, konnte gar wohl als Schwertträger gelten und Diestel, ein grober polternder, einfältiger Mensch, der geistig beschränkt, aber dabei pfiffig und schlau, ja spitzfindig, zum Gehorsam gegen höhere Naturen geboren, außerhalb dieser geduckten Unterordnung wieder einen Feldwebelübermut gegen die ihm Preisgegebenen ausarten ließ, wurde durch Schönherr zum Engel erhoben, der nach der Offenbarung das Siegel brechen durfte, also Heinrich Siegelbrecher genannt. In dem gemischten Kreise des Paraklet, den hauptsächlich Arme, Schiffer, Fuhrleute, Kleinkaufmänner, Lackierer, Schuster und deren Frauen bildeten, konnte Diestel seinem Hange zu ausfahrenden Reden, anzüglichen Schmähungen aller Andersdenkenden, ausfälligem Schimpf gegen Mächtige, die ihm zuwider waren, ohne Einschränkung nachgeben; daß er bei Meinungsverschiedenheiten nicht durch tiefere Gründe Widerlegungen finden, sondern nur eben zanken konnte, fiel hier, wo jeder sprechen durfte, wie ihm der Schnabel gewachsen war, nicht weiter auf. Solche untergeordnete Art eines unterrichteten und geistlich beamteten Mannes trug sogar dazu bei, das Ansehen und die Überlegenheit des Meisters zu erhöhen, dessen Urwüchsigkeit, ja gewollte Nichtbeachtung der feineren Formen immer etwas rührend Schlichtes, Herzenseinfältiges und darum Liebenswertes behielt und ihn ohne sein Zutun über die anderen stellte. Ebel lud nun auch Fräulein von Derschau zum Besuche eines der von Schönherr veranstalteten geistlichen Abende ein, und sie glaubte dem Diakon diese Bitte nicht abschlagen zu dürfen, dessen Beredsamkeit und Güte sie als ständige Hörerin seiner Predigten gern vertraute, wenn sie gleich noch nicht gewöhnt war, ihre geistliche Stimmung mit anderen zu teilen, geschweige zu erörtern. So trat eines Abends, als Schönherr an seinem erhöhten Platze vor den Anhängern kniend ein gewaltiges Gebet und Bekenntnis sprach, dem Diestel mit schwitzender Begeisterung, Marianne Schmeil mit fiebernden, unverwandten Blicken, die Übrigen teils versunken und in Träumen, teils erregt, teils mehr oder minder gleichgültig, weil längst an solche Ereignisse gewöhnt, zuhörten, vom Grafen Kanitz geführt, eine schwarzverhüllte, hohe Gestalt in den übervollen Raum, dessen Luft, von Dunst verdorben, drückend lag. Frauen reichten ihren Säuglingen die Brust; da viele Handarbeiter und kleine Leute nach Feierabend kamen, war es selbstverständlich, daß sie hier mit der ganzen Familie ihr Abendbrot verzehren durften. Die Angekommene ging auf den Zehenspitzen, um nicht zu stören, und geschickt im Gedränge ausweichend in die entfernteste Zimmerecke, lehnte sich dort an die Wand und betrachtete den betenden Meister, der von diesem Besuche nicht unterrichtet worden war, weil sich das Fräulein plötzlich und ohne Ebel zu verständigen, aufgemacht hatte. Schönherr sah unwillkürlich auf die Eintretende und folgte während des Gebetes ihrem Weg mit seinen Blicken, ebenso wandte sich Marianne Schmeil zurück und schaute auf Minna, die von der dunstigen Hitze bedrückt, das Spitzentuch abnahm. Oder sie ließ es vielmehr mit einer fast unwillkürlichen Bewegung auf die Schultern herabsinken und entblößte so ein durchscheinend blasses und wieder an den Wangen rosiges, schmales, dunkelblauäugiges Gesicht, von einem schweren, aschblonden Haarkranz umgeben, dessen Last den Kopf leicht niederbeugte. Vor der dunklen Hülle erglänzte die marmorne Farbe der Haut wie das Licht selbst. Welcher Ausdruck von Angst, Trauer, Ergebung, die nichts mehr erwartete, lag auf diesen Zügen! Schönherr rief mit einer Stimme, die übermächtig erdröhnte: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Türe auftun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.« Der gewaltige Ausdruck dieser Worte, deren Verheißung zugleich die Bitte eines tief einsamen verlassenen Gemütes enthielt, denn jede Rede der Schrift, die von einem Lebenden übernommen wird, geht in dessen eigenstes Dasein ein und sagt außer ihrem Sinn seine besondere Not aus, die Erscheinung des alternden durch-und-durchgewühlten, suchenden und gerade in seiner Gewißheit doppelt ratlosen, weltfremden, selbstgerechten und selbsterschütterten Mannes traf das Herz des jungen Mädchens gleich einer Offenbarung, ebenso wie ihre aus dem Dunkel leuchtende Erscheinung ihn. Minna von Derschau empfand vor Schönherr in diesem ersten Augenblick ein Gefühl wie vor dem Höchsten des Lebens und dem Vater der Ewigkeit selbst, einen kindlichen Gehorsam, der nichts verweigern konnte, und der Paraklet wiederum liebte das Mädchen, aber er bekannte sich dieses Erdengefühl nicht ein, sondern deutete es als überirdische Erfüllung, die ihm vergönnt worden. Nichts Reineres und nichts Fragwürdigeres zugleich ließ sich ersinnen, als diese Begegnung einer jungen Dame des Adels und der ersten Gesellschaft Königsbergs mit einem alternden Schwärmer von niederer Herkunft, derben Sitten, dunkeln Lehren. Ein einziger Augenblick hatte sie verbunden und eine Zugehörigkeit begründet, die, einmal erschlossen, jedem Mann und jedem Weibe, welchen Alters oder Standes immer, alle Geheimnisse der Sinne, alle Not der Kreatur und alle Höhe der Himmel wie das bittere Salz göttlicher Tränen einflößt, die von den Wimpern des Ewigen stammen. Solcher schier unheimliche Zwang, der das junge Mädchen sich dem alternden Manne zuneigen und ihn wieder, der wahren Art dieses Gefühles unbewußt, seine Leidenschaft willentlich umdeuten, die schöne lichte Gestalt als seine eigenste Offenbarung betrachten ließ, als hätte er wie Gott selbst sich dieses Wunder zum Trost und zur Erhöhung erschaffen, machte das Paar innerhalb der Gemeinschaft für eine nur zu kurze Weile gleichsam in einen Abgrund der Gefühle versinken, den keines ermaß. Schönherr, der nach rascher Beendigung seines Gebetes zu ihr trat, flüsterte ihr zu, sie sei die Braut des Lammes, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabgefahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne. Und während sie, tief erglühend, von der Umgebung benommen, nicht wußte, wie sie diese Worte verstehen sollte, unfähig, solchem glühenden und weltfremden Anhauch auszubeugen und ihn nach der Sitte der Gesellschaft sei es zu belächeln oder unbeachtet zu lassen, aber wiederum auch nicht wagte, anzunehmen, was diese ehrwürdige und gewaltige Gestalt ihr mit einer ergreifenden Demut antrug, während beide also miteinander einen Augenblick lang gleichsam ringend verwuchsen, wie die Sonne mit der Wolke, zupfte Marianne Schmeil, tränenüberströmt, Schönherr von hinten am Ärmel seines Mantels und flüsterte: »Ich bin die Braut.« Der wandte sich mit jäher Bewegung um, sah das armselige Geschöpf und hinter ihm den jungen Altrogge, der ihn vorwurfsvoll anschaute, lächelte mit einer wilden ausbrechenden Leidenschaft, die allen fürchterlicher schien, als wenn er gelacht oder das Zornigste gesagt hätte. Da brach im gleichen Augenblick Minna von Derschau zusammen und, in die Knie stürzend, stammelte sie: »Ich bin ja nicht rein.« In Aufregung taumelten alle Anwesenden durcheinander, bemühten sich um die Ohnmächtige, fragten, schwatzten, gaben Ratschläge, während Schönherr Minnas Haupt mit beiden Händen sanft an seine Knie hielt. Die Leute hatten sich mit eigenen Kümmernissen beschäftigt, und, an manche Erregungen des Bekennens gewöhnt, das Paar vorher kaum beachtet, jetzt wußten sie darum nicht, was geschehen war, kannten die vornehme Dame auch gar nicht, und redeten allerhand, wie sie über solche Fremde aus der besseren Gesellschaft eben zu denken pflegten, bis Altrogge die irrselig um sich blickende Marianne Schmeil mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer führte, Diestel als Ordnungsmann sich in seinem Elemente fand, alle übrigen grob belfernd hinauszutreiben, und nur mehr Graf Kanitz zurückblieb, der die endlich Erwachende besorgt aber ruhig ansprach. Minna sah sich zu Schönherrs Füßen, sie blickte erstaunt, wie aus einem Traume um sich, schien den Raum und was ihr hier begegnet, nicht mehr zu erkennen, dem Paraklet, der sie mit tiefem Schmerz und völlig unsicher anschaute, lächelte sie unsäglich wehmütig, gleichsam aus einer weitesten Ferne zu. Und wiederum mit den Blicken ineinander verwachsen, neigte sich der Wille des armen Mädchens dem des armen Mannes. Er beugte sich über ihre Stirne und berührte sie mit einem Kusse, den sie noch auf den Knieen hinnahm. Dann richtete sie sich rasch auf. Graf Kanitz bot ihr den Arm, hoch und schlank stand sie da, lächelte und ging. Der Prophet suchte noch einmal ihren Blick, aber sie sah nicht mehr nach ihm zurück. – V Minna von Derschau verfiel nach diesem Besuche infolge der Erregung einem Nervenfieber, das sie für Wochen aufs Krankenlager warf. Die Gräfin von der Gröben und Ebel teilten sich in ihre Pflege und verbrachten Tage und Nächte bei der körperlich und seelisch ganz Erschütterten, die in ihren Phantasien von dem Zorn des Herrn sprach, der ihre Schuld erkannt, ihre Unreinheit verflucht habe. In lichten Augenblicken sah sie dankbar, mit einem Ausdrucke von himmlischer Güte und Liebe auf Ida, die sie durch freundliches Zureden, ja durch sanften Scherz von den üblen Vorstellungen und Selbstanklagen abzubringen suchte. Den meisten Einfluß auf die Kranke schien aber Ebel zu gewinnen, der sie zu beruhigen verstand, indem er ihrem ängstlich unsicheren Blicke unverwandt seinen zuversichtlichen entgegenhielt, oder mit seiner feinen schmalen, fast weiblichen weißen Hand über ihre Stirn strich. Wie er mit dem gescheitelten, schwarzen Haar, dem milden Ausdruck des sinnenden Gesichts, den nachdenklichen Worten, die er tröstend und zuversichtlich sagte, vor ihr erschien, trat wiederum die gewollte oder unabsichtliche Ähnlichkeit mit der Vorstellung jenes höheren Menschensohnes hervor, die das arme Mädchen hegte, und die Gräfin von der Gröben wunderte sich nicht weiter, daß Minna manchmal den Diakon in Anfällen eines ergreifend ausbrechenden Jubels als den Herrn selbst begrüßte, der ihr erschienen sei. Dabei beugte sie sich, ein rührendes Bild sanftester Leidenschaft und anmutigster Verirrung, über Ebels Hand, ja sie schlang einmal, indem sie sich aus dem Bette mit Anstrengung emporhob, ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn mit einer zugleich keuschen und selbstvergessenen Hingabe, die allen Tränen in die Augen trieb. Ida von der Gröben errötete tief und sah den Diakon mit einem großen Blicke an, die Kranke mit einem wehmütigen, indem sie flüsterte: »Wie haben Sie das Kind dem Waldteufel anvertrauen mögen?« Als der Zustand der Kranken sich verschlimmerte und ihre Kräfte unerklärlich, aber ständig verfielen, berief man auf Anraten von Freunden einen jungen Arzt, den Doktor Sachs, der sich in Königsberg wegen seiner anscheinend unfehlbaren Diagnosen und merkwürdig glücklichen Kuren eines gewissen Ansehens erfreute, obgleich er in eben den Kreisen, die ihn zu Rat zogen, nur mit Mißtrauen und schlecht verhehlter Geringschätzung behandelt wurde, weil er Jude war. Durch rasche Auffassung, eindringliches Studium und natürliche Begabung hatte er sich trotz der widrigen Verhältnisse, die ihn hinderten, an der Universität herangebildet. Bekannt war, daß er eine Lehrstelle an der Fakultät anstrebte, auf die er nach seinen Leistungen wohl, nach den Gepflogenheiten der Zeit aber keinen Anspruch erheben durfte. Als er, Minnas Krankheit beobachtend, mit seinem eigentümlich ernsthaft lächelnden Gesichtsausdruck an dem Lager saß, fragte er Ebel und die Gräfin nach den Umständen des Anfalls und erfuhr so, was in der Stadt längst gerüchtweise verbreitet war: die Lehren Schönherrs, seine Versammlungen und den Auftritt, wie der Paraklet das junge Mädchen zu seiner Braut erklärt hatte. Er verschrieb eine einfache, leichte Behandlung, niederschlagende Arzneien, kühle Bäder, Obst- und Milchnahrung und erzielte bald eine Besserung, die anhielt. Unterdessen ergab sich notwendig und natürlich ein näherer Umgang mit Ebel. Dieser fand sich durch den Verstandesmenschen, den scheinbar nüchternen Arzt, als durch sein urtümliches Widerspiel merkwürdig angezogen und zugleich abgestoßen. Aber diese heimliche Abneigung bekämpfte er, weil er gerade mit feindseligen Naturen sich zu messen angetrieben war und ihm in seiner priesterlichen Einbildung eben solche ganz zu bezwingen als seine höchste eigentliche Aufgabe galt. Desgleichen führte im jungen Arzte der Trieb, alles, auch das seiner Anlage Versagte, seinem Wissen anzueignen und seinem Wesen einzuverleiben, zu ähnlicher Wirkung, denn er mochte durchaus die Welt des Gefühls teilen, die ihm verschlossen war, und seine eingebildete Fähigkeit, alles Menschliche zu erfassen, gerade dort erproben, wo sein Verstand aufhörte und eben eine Empfindung allein gefordert war, die er zwar bei andern erkennen, aber nicht aus Eigenem erzeugen konnte. Nebenbei unterlief freilich, etwa unbewußt, der leidenschaftliche Ehrgeiz des nach seiner Meinung zu Unrecht Niedergehaltenen, sich gerade in der Welt der Feinde, in der ungeistigen oder hochmütigen herrschenden Gesellschaft durchzusetzen und den Widerstand aller, der durch die Gewalt der Begabung nicht gebrochen werden konnte, durch die List und Gewandtheit einer scheinbaren Unterwerfung zu umgehen. So wurden die äußerst gegensätzlichen Naturen miteinander verbunden: Sachs schloß sich in einer schier leidenschaftlichen, bei seinem sonst kühlen und skeptischen Wesen doppelt überraschenden Anhänglichkeit an Ebel an, er gab seine zernichtende Dialektik für die aufrichtige Bemühung daran, jene Gefühlswelt aufzunehmen, die ihm der willig Lehrende eröffnete, er zwang sich selbst oder schien vielmehr aus freien Stücken eine Leidenschaft des Glaubens anzuerkennen, zeigte eine Bereitschaft, Offenbarungen anstatt des Wissens hinzunehmen, als sei ihm hier zum ersten Male eine goldene freiere Welt höheren Lebens gewiesen. Seine Fragen wurden aus nachdenklich spöttischen und zweifelnden immer mehr innerlich angeregte. Was seinen Erfolg vermehren, seine ehrgeizigen Bestrebungen fördern konnte, schien auch seinem eigentlichen Drang zu entsprechen, seiner Seele Halt, Grenzen, Frieden zu verschaffen, Saiten seines Gemüts zu berühren, die er bisher nie vernommen hatte. Wer den in geistigen Naturen unheimlich glühenden Eifer, alles Menschliche zu umfassen, würdigt, wird den Seelenzustand dieses furchtbaren Schülers begreifen, der alles, aber auch alles Lebendige erleben wollte, und sich vermaß, es teilen, ja sich aneignen zu können. So nahm er von Ebel die Taufe, auch seine Frau trat zum Protestantismus über und beide wurden Genossen des Kreises, der sich um den Diakon scharte. Dessen enges Verhältnis zu einem an Verstand und Auffassung überlegenen, geschulten Geiste wie Sachs mußte die dumpfe Ergebenheit für Schönherr noch mehr auflockern. Darin waren die Gräfin von der Gröben und Doktor Sachs einig, wie sie ja in ihrer leidenschaftlichen Energie manches Verwandte hatten, Ebel ernst und wahrhaftig zu nehmen, den armen Schönherr aber als hohlen Lügner und Affen seines Glaubens auszuspotten und zu verachten. Beide wirkten auf Ebel ein, er möge sich von dem lächerlichen Meister lossagen. Ebels Eitelkeit nahm diese Ratschläge gierig auf, seine innere Abhängigkeit von Schönherr und eine gewisse Rücksicht ließen ihn freilich verhehlen, wie sehr er ihnen bereits geneigt war. Unterdessen bewirkte die innerlich schon vollzogene Entfremdung bei den Versammlungen, wo der in ärmlichen Umständen verharrende, dürftige und derbe Schönherr mit seinem zu Ansehen und Geltung in der Welt gelangten Jünger häufig aneinandergeriet, ohne äußeren Anstoß wachsende Mißhelligkeit. Der Paraklet lebte in all den Wochen der Krankheit des Fräuleins von Derschau in einer ständigen, ihm selbst unerklärlichen Aufregung, er vermißte sie und wagte doch nicht, sich dies einzugestehen oder gar andere nach ihr zu fragen, nur schien eine ungeheuere Anspannung seines Willens sie zu rufen. An ihrer Statt traten an einem Sonnabend Ebel und Sachs bei ihm ein. Sie fanden ihn nachdenklich und allein auf seinem Bette sitzen. Anders als er sonst Gäste behandelte, nahm Schönherr den Doktor Sachs auf, mit unverhohlenem Mißtrauen, mit einer höflichen Kälte, die an dem sonst herzlichen Menschen doppelt abschreckend wirkte und eine Verachtung verriet, der er anderen gegenüber nicht fähig war. Ebel, der in gewohnter Höflichkeit zu vermitteln strebte, sah sich, was noch nie geschehen war, mit Spott zurückgewiesen. – »Ich kenne dich gar nicht, Schönherr, sonst bist du gütig und duldsam nach dem Bilde unseres Herrn und heute so stachelig.« »Wer nicht für uns ist, der ist wider uns, und den muß man hassen. Was soll eine Liebe, die uns verdirbt und alles Feindselige annimmt?« Sachs warf ein: »Mir scheint, Sie tun unrecht, von Haß und Liebe zu sprechen, sowie davon, daß für Ihr Verhalten zu den Menschen entscheiden müsse, ob einer für oder wider Sie sei.« Schönherr lächelte: »Ich wüßte nicht, wie ich auf der Welt einen andern Maßstab fände, als mein Gefühl für die, die meinen Willen teilen oder ihm entgegenwirken.« Darauf antwortete Sachs: »Eine tiefe Bestimmung zur Vollkommenheit, zur göttlichen Einheit mit der Welt und dem Schöpfer, die das einzelne Geschöpf in der Gnade aufgehen und selbst zu Gott werden läßt, ist jedem Menschen eingeboren. Also stellt keiner Dunkel oder Licht an sich vor, wie es ja auch im Bereich der Farben nicht Helligkeit und Nacht, nicht schlechthin weiß und schwarz gibt, sondern nur mannigfache Abschattungen des Lichtes, also des Göttlichen selbst. In jedem Menschen ist, mehr oder minder wahrnehmbar und hoffnungsvoll, das Göttliche, das Licht, die Erkenntnis und Vollkommenheit, also die Seligkeit durchaus als sein eigentliches Wesenhaftes enthalten, aber, ich gebe es zu, mannigfach verwirrt, getrübt, verdunkelt. Nicht Böse und Gute wären also zu scheiden, Schafe und Böcke, sondern Gute und minder Gute, und der Sinn jedes Lebens, die Aufgabe jedes Menschen bliebe sein eigentliches Selbst das Göttliche, das Gute, das Wahre, sein Licht und Urprinzip aus sich herauszuarbeiten. Dies scheint mir das erhabenste Geheimnis der christlichen Lehre, und was sie von allen früheren Erkenntnissen um eine Welt, wahrlich um die ganze Welt scheidet, daß sie Gott in jedem Menschen annimmt und anerkennt, nicht im Bevorzugten, daß sie vielmehr allen das gleiche innewohnende Heil zuspricht, wofern sie es zu verdienen wissen. Aber freilich darauf kommt alles an, daß jeder den Gott aus sich herausarbeite, und es kann nur den Unterschied zwischen bewußten hellen Menschen und unbewußten dunklen und in ihrem Trüben Verharrenden geben.« Schönherr warf den Kopf zurück: »Ja, das paßte euch Gleichmachern und anmaßenden Weltknechten freilich, daß jeder die Gnade wie den Feldherrnstab im Tornister trüge. Nein, es gibt Gutes von Anbeginn und Gute, aber auch Sünde und Sünder, Erlösung für die einen, Verdammung für die anderen, und diese Welt reicht nicht aus, den Unterschied auszugleichen, der Seelen von Ungeheuern trennt.« Leise sprach Ebel: »Wie willst du aber, Schönherr, den Guten und Bösen unterscheiden und erkennen, da die Sinne Irrtum und lichtstumpf sind?« Schönherr lächelte erst, fuhr aber ernster fort: »Es gibt Prüfungen und strenge Proben, denen müßt ihr euch unterwerfen. Ich erkenne die Begnadeten und die Verworfenen kraft meines inneren Wissens, also, daß ich die Zeichen auf jeder Stirne sehe, wohin einer gehört, und ich habe die Böcke von den Schafen geschieden.« »Wer soll's Ihnen glauben, wessen maßen Sie sich an?« unterbrach ihn Sachs ungeduldig. »Wer mir folgt, der glaubt mir, dem brauche ich nichts weiter zu beweisen. Es gibt keine Hilfe als den Glauben und keinen Beweis als die Gewißheit; wer aber fragt, der zweifelt und ist verworfen von Anbeginn. Und wenn in der Offenbarung gesagt ist: ›und mitten unter den sieben Leuchtern einer, der war eines Menschen Sohn gleich‹, oder ›ich bin der Erste und der Letzte‹, wenn und so wahr dies alles gesagt ist, so kommt ein neuer Menschensohn zur Welt und schafft, was ihm verheißen und auferlegt ist. Und das will ich tun.« Sachs ging, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, auf und nieder, ohne ein Wort mehr zu sagen, Ebel aber wurde heftig: »Das ist gegen die Schrift. Jesus soll wiederkommen, aber kein anderer ist gemeint, am wenigsten du, was fällt dir bei!« Schönherr darauf: »Wenn Jesus gemeint wäre, so hätte ihn die Schrift ausdrücklich genannt. Sie weissagt einen andern.« Ebel: »Dann können wir miteinander nichts mehr zu schaffen haben. Gut, kommt's auf Glauben oder Verwerfen an, so sage ich hier und dazu: nein und bleibe dabei. Es ist mein Wille nach Gottseligkeit und Vollkommenheit, aber nach keinem, der sie sich allein anmaßt und verwaltet.« Da ging in Schönherr eine Veränderung vor, die sich in seiner Betroffenheit und bekümmertem Ausdruck seines Gesichts zeigte, denn er liebte Ebel und wollte ihn nicht lassen. So lenkte er ein und schwächte seine Behauptungen ab, nicht auf die Person des Mittlers und wie man diese Wiederkunft deute, komme es an, sondern auf den Sinn der Worte und darauf, daß man die Zeit gegeben wisse, wo die Sicheln zu schneiden, die Hippen zu schlagen hätten und daß der Überwuchs des Übeln zerstört werden müsse, und hierin wollten sie einen Pakt schließen. Kalt fragte Ebel, was er darunter verstehe. Geheimnisvoll und mit einem Ausdruck verschmitzter Freude, der dem Arzte wahnsinnig erschien, begann Schönherr zu erklären, was seine Absicht sei. In den »Ebräern« heiße es: »Denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden über dem Kämpfen wider die Sünde. Und habt bereits vergessen des Trostes, der zu euch redet als zu den Kindern: mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er, und er stäupt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.« So wollten sie paarweis, je ein Mann und ein Weib, unbekleidet bis aufs Hemde, ihren Leib an den Hüften mit Ruten streichen bis zum brennenden Schmerze und zum Blutvergießen, als ein Opfer, das da lebendig und heilig sei und ein wahrer Dienst Gottes. Daran sollten sich diejenigen erkennen, die zueinander gehörten und der Erlösung wert seien. Und damit würden sie sich versöhnen. Ebel schwieg, Sachs fragte höhnisch: »Wen wollen Sie zur Genossin?« Schönherr errötete, sagte aber sogleich aufrichtig und ernst: »Die Braut des Lammes«. – »Das wußt' ich,« erwiderte Sachs, »wir sehen jetzt wohl deutlich genug, wie lächerlich und töricht das alles ist und wie sinnlos.« Ebel senkte stumm den Kopf. Schönherr schwieg. Da Marianne Schmeil mit Altrogge und andern eintrat, wurde die peinliche Verlegenheit unterbrochen, Ebel nahm kurzen Abschied, Sachs empfahl sich mit einem hämischen, aber verbindlich vorgebrachten Scherz und bot Schönherr die Hand, was dieser aber nicht zu bemerken schien, sondern durch den Arzt gleichsam hindurch, auf die entgegengesetzte Seite der Mauer sah, während er zu Ebel halb traurig, halb verächtlich flüsterte: »Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist, ach daß du kalt oder warm wärest.« Ebel schüttelte den Kopf, ohne zu erwidern, da setzte Schönherr mit ausbrechendem Zorn und lauter Stimme fort: »Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« Gleichwohl zögerte Ebel, sich von Schönherr endgültig loszusagen, noch einmal, ohne Sachs, versuchte er, sich mit ihm zu einigen. Schönherr war gereizter als je, er nannte Ebel einen Lügner und lachte darüber, daß er sich erkühne, im Geiste stehen zu wollen, er schrie ihn an und machte ihn wie einen Schüler herunter, er klagte ihn an, seine ihm von Gott bestimmte Braut gefangen zu halten und ihm entfremdet zu haben, er forderte sie von ihm, er bestand auf der Geißelung schon um der Buße willen, die Ebels Verirrungen notwendig gemacht hätten. Dieser konnte gegen den Heftigen nichts ausrichten und verließ ihn abermals ohne Erklärung. Endlich schrieb er ihm: sollte ihr beiderseitiges Verhältnis fortbestehen, so müßte Schönherr gewisse unerläßliche Bedingungen erfüllen, denen auch er, Ebel, seinerseits sich unterwerfe, als: keiner dürfe den andern überschreien, Lügner schelten, Zurechtweisungen ablehnen, Unrecht leugnen. Und wenn einer behaupte, im richtigen Geiste zu stehen, so müsse man ihm das gelten lassen. Schönherr antwortete versöhnlich, er war sogar bereit, die Geißelung aufzugeben, da er sie nicht als das einzige Zeugnis der Aufnahme ins Reich Gottes betrachten wolle, sie sollten die Streitpunkte auf sich beruhen lassen und sich bei dem vereinigen, was ihnen längst gemein sei. Da wurde aber Ebel wiederum bestimmt, auf eine endgültige Lösung zu dringen, er widerlegte die Forderung der gemeinsamen Buße als sinnlos, zumal Schönherr immer nur alle anderen, niemals sich selbst für besserungsbedürftig halte. Der Brief schloß so: »Es sind diese Worte, das wisse jedermann, Gottes Worte an unseren Freund Schönherr, der hat sie durchzudenken und zu beherzigen, und solange er sie nicht versteht und freundlich aufnimmt und in seinen Segen verwandelt, ist er noch ferne vom Reich Gottes.« Als Schönherr diesen Brief und besonders die letzten Zeilen las, lachte er grimmig auf: »Das sind Gottes Worte an mich, nicht übel, was mir recht ist, muß auch dir billig sein. Du missest wahrlich die Spannung der Himmel und der Erden.« Er verwahrte den Brief sorgfältig, zeigte ihn aber niemand, sprach hinfort nie mehr von seinem einstigen Schüler und Liebling und duldete auch nicht, daß jemand dessen Namen in seiner Gegenwart nannte. Mit dem Ausscheiden Ebels, dem auch Diestel und Graf Kanitz folgten, waren aus dem Kreise Schönherrs alle die Teilhaber aus einer höheren Schichte der Gesellschaft verschwunden und die Konventikel nur mehr auf die bescheidenen Gespräche und den treuen Gehorsam unbedingter, aber armseliger Anhänger beschränkt. Bevor wir der ausgreifenden Bewegung folgen, die um Ebel den bedeutenden Ring durch Weltstellung und Bildung ansehnlicher Mitglieder zusehends erweiterte, und bevor wir zeigen, wie auch dieser Ring seinem notwendigen Verhängnis entgegentrieb, mag noch in Kürze der Ausgang Schönherrs berichtet werden, der, seit dem Zwist eigentlich kaltgestellt, bloß ein unseliges, wenn auch der eigenen Verarmung kaum bewußtes Scheinleben in Unruhe und leidenschaftlichem Bedürfnis nach neuem Aufschwunge hinschleppte. Seine Getreuen hingen ihm nach wie vor bedingungslos und gläubig an, denn er war ihnen der einzige höhere Geist, dem sie begegnet, der einzige, der eine schönere Welt verheißen und damit auch gewähren konnte, und mit dem gemeinsamen Urgrund der Sehnsucht so tief verwachsen, daß sie außer ihm, der davon bezeugte, nichts kannten, und daß nur er Verwirklichung schien und bieten konnte. Ihm folgten sie denn, hingen an seiner Gebärde, an jedem seiner Worte; sie versuchten zu enträtseln, was er verschwieg, zu teilen, was ihn bewegte, aber er war seit dem Bruche mit Ebel recht schweigsam geworden und machte es ihnen schwer. Stundenlang wanderte er, jede Begleitung zurückweisend, allein durch die Straßen. Er hoffte Minna wiederzusehen, sie ansprechen, fragen zu können. Er strich in der Gegend ihres Hauses umher und spähte nach ihrem Fenster. Er forschte ihre Wege aus, und es gelang ihm wohl etliche Male, ihr gegenüberzutreten, aber sie war niemals allein, tief verschleiert eilte sie an ihm vorbei und war entschwunden, ehe er sie anreden konnte. Eine gewisse Angst und Reue hielten sie davon ab, noch einmal ein Wort an ihn zu richten oder eines von ihm anzuhören, hinwiederum war er zu scheu und ungeschickt, sie anzuhalten. Sie mußte, so glaubte er, aus freien Stücken ihn noch einmal aufsuchen und von neuem den goldenen Faden anknüpfen, der sie beide mit Gott verband. Fragte ihn Altrogge teilnehmend, Marianne Schmeil ängstlich um die Ursache seines Kummers und was ihn den Freunden entfremde, so lächelte der nunmehr zum Greise gealterte Mann auf furchtbar schmerzliche Weise mit einem Zuge verachtender Verzweiflung auf den Lippen. Ein einziges Mal sagte er, mehr zu sich selbst, als zu den in ihn Dringenden: »Ich wäre doch auch gern einmal selbst von Herzen froh und nicht ganz allein gewesen und hätte mein armes Haus gern geschmückt und also im Schein des Glückes gesehen.« Als Marianne darauf, seinen Ärmel schüchtern anfassend und zu ihm aufblickend sagte: »Du hast ja uns,« da erwiderte er nichts, wandte sich ab und ging schneller, so daß es ihnen schwer war, ihm zu folgen. Während derart seine täglichen Wege in dunkleren, mühseligeren Zuständen ermatteten, schien sich sein Sinn neuen Aufregungen und Aufschwüngen zu eröffnen, als wolle er mit Gewalt ein Unerreichbares bezwingen. So verkündete er eines Tages einen Plan, den er, wie es schien, lang ausgedacht hatte, denn wenn er allein war, saß er vor großen Zeichenblättern mit Stiften, Linealen, Zirkeln und fertigte bedeutende Entwürfe an, die er vor den Besuchern geheimnisvoll, aber mit einem verheißenden Lächeln zurückschob, bis er so weit war, ihnen das Ganze zu verraten. Zu der Stunde, da er es tat, kam er ihnen größer vor als sonst, leiblich über sein Maß gewachsen, das Haupt hoch erhoben, der Blick frei und kühn, wie seit langem nicht, Zuversichtlich, ja freudig. Diese höchste mitteilbare und sich mitteilende Erhebung, die nun anhielt und keine Abschwächung erlitt, solange das wunderliche Werk betrieben wurde, zwang auch alle seine Anhänger bedingungslos zu einem Gehorsam, der nachmals doppelt rätselhaft erscheint, weil er gegen alle Vernunft und gewöhnliche Einsicht geleistet wurde. Wem es aber gelungen ist, Seelen von Menschen zu bewegen, aus ihren strengen selbstischen Verbindungen loszumachen, so daß sie völlig neu gerichtet, Irdisches und Vernunftgründe für nichts, Geistiges und einen höheren Sinn ihrer selbst, der ganzen Welt für wirklich und alles halten, der wird sie, wie einst Machthaber Sklaven zum Bau der Pyramiden, auch zu einem Werke willig finden, das keinen andern Gedanken hat, als dieses Streben aller nach dem Überfliegen ihrer gemeinen Schranken zu vollstrecken. Nicht die Möglichkeit und Faßbarkeit, sondern die erhabene Unsinnigkeit selbst wird ein begreiflicher Inhalt unbegreiflichen Tuns. Ist derart ein völlig Vernunftwidriges begonnen worden, so mag man billig nicht über das Tun staunen, sondern nur über die rätselhafte Kraft eines Einzelnen, sich und seiner Stimme überhaupt Menschen zu unterwerfen. Was er befiehlt, ist dann schier gleich, und selbstverständlich, daß sie gehorchen. Schönherr wollte auf dem Pregel ein Schiff bauen, nach Anweisungen, die er im Traume erhalten hatte. Es sollte der »Schwan« heißen, und er sah ein zugleich schlankes und kühnes Fahrzeug, das auf dem Wasser wie ein Vogel, schneller als alle Segelschiffe, ohne Ruder, ohne Dampf, bloß durch einen Mechanismus, den er ausgesonnen hatte, sich bewegen und gleichsam dem Himmel, der Ewigkeit zuschweben sollte. Man mag sich gerne denken, daß ihm das Bild einsam, edel und sicher auf dem Wasser ruhender, den hohen Hals emporbiegender weißer Schwäne oft genug als das erhabenste Gleichnis seiner eigenen Weltfahrt erschienen war, das er nun körperhaft zu erfüllen wünschte. Bujack riet ihm, doch vor dem Bau wenigstens Modelle des Mechanismus, des Schiffsrumpfes, der einzelnen Bestandteile des Fahrzeuges anzufertigen und Proben ihrer Leistung anzustellen. Schönherr aber wurde über solche kleingläubige Vorsichten ärgerlich und verwarf sie mit Hohn: »Nimm dir Winterkleider mit, damit du in der Ewigkeit nicht erfrierst.« Sein »Schwan« sollte sie ins Weite tragen. Ohne sich darüber auszusprechen, aber auch ohne gefragt zu werden, ob dieses Fahrzeug als Erfindung der ganzen Menschheit zugedacht sei, oder bloß ihm und den Seinen dienen sollte, ordnete er das Werk an, begannen es alle. Und Schönherr fällte zwei hohe Ulmen, die vor seinem Hause standen, um das erste Bauholz zu gewinnen, Zimmerleute unter seinen Anhängern lieferten anderes, hämmerten und schafften auf einer kleinen eigenen Reede, Bretter wurden gesägt und aneinander gefügt, alles in den freien Stunden der armen Leute. Kinder spielten selig unter den Spänen und Abfällen, Mütter saßen auf den Stapeln, säugten ihre Kinder, lächelten feierlich, wie über ein heiliges Wesen, das geboren werden sollte. Er leitete und befehligte alles, erneute Heiterkeit und Gewißheit leuchteten aus ihm, feuerten seine Helfer an, daß jeder Axtschlag wie ein Freudenruf tönte, und das Tun, nicht erst das Ende, bereits ein volles Glück herbeigeführt zu haben schien. Als das Fahrzeug so weit gediehen war, daß Schönherr allein, ohne seine Anhänger, die erste Probe machen konnte, erwies es sich natürlich, ins Wasser geschoben, als unfähig zu jeder Bewegung. Bujack versuchte noch einmal zu einer Prüfung im Kleinen am Modell und zu Änderungen des Planes zu raten, aber Schönherr tobte wie ein Rasender gegen ihn und jagte ihn davon, da sein Unglaube am Mißlingen schuld sei. Unvollendet ließ man den »Schwan« am Ufer verlassen und gestrandet liegen und verfallen, die Anhänger sprachen nicht mehr davon, aber sie mieden Schönherr fortan scheu und ernüchtert, der bald auf wenige Getreue beschränkt war. Mit diesem Werke war auch er verfallen und gescheitert. Er verstummte seither, oder er redete wirr, zu Predigten und Lehren war er nicht mehr zu bewegen, das weiße Haar hing zausig um sein ganz durchfurchtes und vergrämtes Gesicht, der Bart wehte mißfarben und ungepflegt im Winde, er wanderte weit umher, kehrte wie einst als Fremdling, aber nur mit Angst oder Mitleid als Narr angesehen, in Hütten und Dörfern ein und schlief auf der Streu. Er brauchte nicht Not zu leiden, weil ihm seine einstigen Freunde genug zur Unterstützung zukommen ließen, insbesondere sandte ihm Ebel heimlich und unter fremdem Namen jeden Monat einen hinreichenden Betrag, aber er teilte das Geld gleich an Arme aus und schweifte in Sturm und Unwetter, oder saß allein in der Sonne, den Kopf niedergebeugt. Nur gelegentlich duldete er Begleitung oder Pflege der armen Marianne Schmeil, die ihm unverbrüchlich anhing. Sie war es auch, die ihn suchte und auffand, als er, von einer tödlichen Erkältung betroffen, zu Juditten, unweit von Königsberg, in einem Pfarrhause untergebracht, auf einem reinlichen Bette, in einem weißen, sonnigen Zimmer fiebernd lag. »Er stirbt uns,« hatte sie entsetzt gerufen, als sie eintrat und den Abgezehrten erblickte, der mit eingefallenen glühenden Wangen, spitzer Nase und geschlossenen Augen zu schlummern schien. Sie setzte sich zu ihm ans Bett: »Sterben?« flüsterte er und legte lächelnd und mühsam seine Hand auf ihre Schulter. »Die wiedergeboren worden sind, können nicht sterben. Ich war schon tot, aber jetzt lebe ich ewig.« Da sie ihn pflegte, dankte ihr ein liebreicher Ausdruck, wie sie ihn vordem nur selten von ihm gekannt hatte, für jede Handreichung, und in allem Schmerz fand sie sich beseligt wie noch nie. Als sie ihn so zu erleichtern suchte, schüttelte er einmal schwermütig den Kopf und bedeutete ihr, die Bibel aufzuschlagen. Er ließ sie die Worte des Predigers vorlesen: »Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe denn die bösen Tage kommen und die Jahre, da du wirst sagen, sie gefallen mir nicht. Ehe denn die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster werden und Wolken wiederkommen nach dem Regen. Zur Zeit, wenn die Hüter im Hause zittern und sich krümmen die Starken, und müßig stehen die Müller, weil ihrer so wenig worden ist, und finster werden, die durch die Fenster sehen, und die Türen an der Gasse geschlossen, daß die Stimme der Mühle leise wird und man erwachet, wenn der Vogel singet und gedämpft sind alle Töchter des Gesanges. Wenn man sich auch vor Höhen fürchtet und sich scheuet auf dem Wege; wenn der Mandelbaum blühet und die Heuschrecke beladen wird, und alle Lust vergehet.« In der Morgendämmerung, bei den ersten Hahnenschreien und als die Hunde anschlugen, verschied er im Schlafe. VI Der Ebelsche Kreis, dem in diesem Jahre Männer und Frauen aus den bedeutendsten Familien beitraten, bildete nun eine auch nach außen kenntliche Gemeinschaft, ohne daß irgendwelche bestimmte Formen sie hervorzuheben und zu binden brauchten. Schon durch eine gewisse, zugleich anspruchsvolle und demütig-einfache Tracht fielen die Mitglieder auf, die Damen durch schmucklose einfarbige, dunkle, anschließende Kleider mit weißen Kragen, so daß sie ein wenig klösterlich erschienen, die Männer durch besonders lange predigerhafte Schlußröcke mit weißen, hohen Halsbinden. Eine eigentümliche hochmütige Bescheidenheit verband sie untereinander, wirkte indessen den Außenstehenden gegenüber fremd, demütig und hoffärtig in einem. Ihre zur Schau getragene Einfalt bei ihrer sonst feinen Bildung und Übung in aller Geselligkeit mußte fast lächerlich oder heuchlerisch anmuten, in ihrem geschlossenen, ungestörten Kreise aber stellte sich der Eindruck völlig gemäßen, würdigen und gleichgestimmten Beisammenseins sofort her. Wie es bei der ritterlichen Erbsitte der Adeligen leicht zu verstehen ist, nahmen die schönen und geistig bedeutenden Damen dieser Gesellschaft den vordersten Rang ein, unter ihnen wieder Ida von der Gröben, ohne dies erst zu beanspruchen oder durch Winkelzüge des Ehrgeizes erwirken zu müssen. Männer und Frauen ordneten sich ihr unter, die sie mit ihrem Blick allein, mit der Sicherheit und unbedingten Festigkeit ihres Wesens, aber auch mit Witz, Verstand, Gefühl beherrschte. Sie selbst wiederum stand in einem Verhältnis zu Ebel, das sich bei überschwänglichen, zugleich religiösen und eigenwilligen Frauen natürlich ergibt, doch mit Worten und in einzelnen Handlungen nur schwer begreiflich oder glaublich machen läßt. Will man es sich halbwegs vorstellen, so mag man an die schwärmerische Hingabe denken, die solche Frauen manchmal dem Arzte bezeugen, der sie aus schweren wirklichen oder eingebildeten Gefahren befreit hat. Ähnliche geistliche Rettungen, die hauptsächlich von seelischer Beeinflußbarkeit abhängen, gelingen überdies nur, wo die Gemüter einander von Anbeginn zuneigen. Wann und wie das natürliche Verhältnis der Unterordnung und Verehrung in gleichstimmende Liebe übergeht, wird von Außenstehenden kaum erfaßt werden können, da sich solche Ausgleichungen der Seelen sozusagen jenseits der Mitwelt, wie auf Berggipfeln unter Nebeln und Wolken und bloß von dem glühenden Schein einer einsamen Sonne beleuchtet und vergöttlicht ereignen. Was will aber die Form und körperliche Ausdrucksweise solcher Beziehungen der Geschlechter besagen gegenüber der höchsten inneren Einheit, die sich ohne sinnliche Verwirklichung und auch weit über jede hinausgreifend, in allen Seelenkräften vollzogen hat und zwei Menschen bis in die letzte Fiber ihres Wesens so miteinander durchdringt, daß die Gebärde des einen aus Leib und Willen des anderen genommen, daß der Mann mit der Seele des Weibes zu blicken, dieses mit dem Geiste des Mannes zu antworten scheint. Die Gräfin hing an Ebel mit einer Dankbarkeit, die in ihm nicht bloß einen Priester, sondern einen Spender und Bürgen der Gnade sah, der das Wort besitzt, das vom Tod erlöst und zu leben erlaubt, denn er hatte sie wirklich dem Dasein wiedergegeben. Den Einwänden, eine solche Rückkehr sei in ihr selbst vorbereitet gewesen und wäre wohl auch durch die Begegnung mit irgendeinem anderen Menschen aus der Heimat möglicherweise ebenso veranlaßt worden, konnte sie bloß ihre Gewißheit entgegenhalten: sie war in ihrem schlesischen Gute wie in einem Sarge gelegen, und nur wer den Odem Gottes besaß, konnte ihr, die für tot dort hauste, diesen Hauch des Lebens wiedergeben. Aber gesetzt den Fall, ein anderer hätte sie zur völligen Wandlung bewegen können, wer anders als Ebel hätte ihr deren Ziel, den Sinn ihres Daseins bieten und darstellen, es also wertvoll und lebenswürdig machen können, wie sie es jetzt als innerste Einheit mit dem Herrn, als unmittelbaren Weg zu ihm ansah. Hinwiederum vermochte sie aus der Kraft ihres Gemütes den Geist Ebels so dauernd über alles Gewöhnliche hinauszuheben und in solcher dünner, klarer, überschauender, fragloser Höhe auch festzuhalten, als hätte zugleich ihre Seele die seine aus den Niederungen gegriffen und wie der Adler des Zeus einen göttlichen Knaben unmittelbar gegen das übermächtige Licht gerissen. Denn erst durch sie, durch den Glauben, womit sie ihm glaubte, durch die Deutung, womit sie seinem Tun und Lassen, seinem Geringsten und Zufälligsten die zwingende Gewalt göttlichen Gebotes, überirdischer Wahrheit beilegte, erst durch ihre Anschauung, Empfindung und Haltung wurde er der, als der er sich nunmehr zu benehmen wagte und von andern Anerkennung verlangte. Erst indem sie ihn heilig sah, schaute er – und oft nicht ohne Entsetzen – sich selbst so an. Die ungeheure Wörtlichkeit, die sie seinen Gedanken und Lehren beilegte und womit sie sie über und außer alles Maß der überkommenen religiösen Gemeinschaft rückte, wurde Ebel zur Offenbarung und zum Schicksal. Er mußte sich sputen und mühen, solchem Schwung nachzukommen, wozu sie ihn zwang, solche Kraft der Empfindung gleichmäßig aus sich zu erzeugen und zu erhalten, die sie selbstverständlich voraussetzte, sich im Leben ohne Spuren der Ermüdung, des Zweifels, gar des Spottes so zu benehmen, wie sie ihn sehen wollte. Und was sie in ihrer Leidenschaft bloß zu fühlen brauchte und sicher besaß, mußte er aus dem bewußten Verstande erschaffen. Es war, als ob ein Feuer das andere nähre, und eben in diesen verzehrenden wechselseitigen Zumutungen eine Belebung und Erneuerung ohnegleichen. Dazu die Spannung die zwischen ihm und dieser Frau noch gesellschaftlich bestand und den Mann immerhin zu steter Haltung und Strenge nötigte. Wie hatte sie den armen Schönherr, der dem Urzustande der Offenbarung wahrlich näher gewesen war, mit ihrem Spott verfolgt, unmöglich gemacht und seiner Herrschaft über Ebel beraubt! Irdische Liebe eines Weibes hätte blind gemacht, solche himmlische war scharfäugig. Dieser Zustand beiderseitiger Steigerung bis zu einer furchtbaren Fallhöhe wäre unter Gatten unmöglich, deren Gemeinschaft eine irdische Beschränkung voraussetzt, wie sie ihr ja auch ziemt. Darum gedieh dieses Verhältnis ruhig und ungestört neben und über einer durchaus glücklichen Ehe Ebels, dessen Frau für die Gräfin eine unbeirrbare Verehrung hegte und mit dem Stolz der Einfältigen über die Stellung entzückt war, die ihr Mann bei so außerordentlichen Menschen einnahm. Mit seiner Gattin durfte Ebel getrost in das sanfte Tal der irdischen Zustände niedersteigen und sich hier vom ungemessenen Anspruch der Höhen erholen; sie hatte häusliche Sorgen, Kinderglück und Herdfeuer zu verwalten, sie flickte die Wäsche und hielt die Kleider instand, worin ihr Mann sich nachher als Gewaltiger zeigte, und sie sah zu ihm auf, auch wenn er und seine Leute längst ihrem Verständnis entrückt waren. So verkehrte Ebel im Schlosse, Ida von der Gröben im Hause des Archidiakons, beide wie Boten aus einer anderen Welt, und ihr wunderbares Einverständnis, eine Leidenschaft, die gleichsam von außen nach innen, nicht von innen nach außen brannte, konnte um so weniger Anstoß erregen, als sich auch Minna von Derschau, Fräulein Emilie von Schrötter und viele andere zu Ebel nicht anders stellten, wenn sich gleich jede nach ihrer Art benahm, Minna etwa scheu verehrend, Emilie von Schrötter mit einer gewissermaßen heiteren Leidenschaft und Überzeugtheit. So wandelte Ebel inmitten von schönen, edeln, bedeutenden Frauen und dachte dem weiblichen Geschlechte eine bestimmende und beherrschende Stellung zu. Die Frauen konnten, mußten ihn lieben, aber wie ein zugleich verwandtes und höheres Wesen, nicht wie irgendeinen Mann, sondern man durfte sich ihm offenbaren wie einem Gewissensherrn und genoß die brennende Scham des Bekenntnisses nicht mehr als Qual, sondern als Trost. Er stärkte gerade seine weiblichen Anhänger durch die Achtung, die er vor ihrer Wahrhaftigkeit zeigte. Und dies war der Kern seiner Lehre, daß jeder Mensch nach völliger Selbsterkenntnis streben, durch fortwährende überwachende Selbstbetrachtung nach echter Einheit mit Gott, mit dem Sinn und Ziel dieses Lebens trachten müsse. Den alten Zwiespalt, der von je gläubige Seelen erschüttert und im Bodenlosen vergeblich nach Halt greifen gemacht hat, daß der Mensch wie das Tier an Begierden gebunden leben, aber dabei nach Gott, nach höchstem Vollenden verlangen und sich ihrer in der vollsten Entäußerung begeben müsse, versuchte Ebel auf seine Weise zu lösen, indem er diesem irdischen Zwange sein Recht mit seiner Notwendigkeit vergönnte. Ja, der Mensch war an ein sinnliches Leben gefesselt, aber nur, wie er es empfand, machte ihn zum Tier oder Gott. Wer es um seiner selbst willen, um der Wollust, um des Triebes willen achtete, der war verworfen, wer es um der höheren Erhaltung der menschlichen und göttlichen Ewigkeit willen eben duldete, war gerettet. Es galt, die Sinne nicht zu töten, sondern zu reinigen, sie zu binden und der geistigen Notwendigkeit unterzuordnen. Er wollte ihren Träger, den Menschen, bewußt und zum Herrn der Instinkte machen. Was höchste Vernunft, allerdings unter Verlust des wahren Zaubers der menschlichen Freuden gelegentlich vermag, sollte hier der Glaube tun und eine Seligkeit außer, über der Lust des Geschlechts erwirken, wie sie in der vollkommensten Vereinigung der Wesen untereinander und mit Gott bestand. Jeder sollte solchen Gipfel anstreben, schon zu ihm aufzusteigen war Glückes genug und leitete die innere Vereinigung ein, darum galt ständige Beobachtung und Bereitschaft alles. Weil aber solche Erkenntnis und Behandlung der Triebe, des gesamten inneren Lebens von keinem einzelnen bedingungslos und wirksam erreicht werden kann, weil es sich eben um ständige Wechselbeziehungen handelt und ein Verhältnis der Menschen zueinander geradezu fordert, ergab sich ein Zusammenschluß der verwandten Naturen, ja auch der Grundverschiedenen, eine Förderung der minder Tauglichen durch die Vorgeschrittenen, eine Schule der Gläubigkeit und Erkenntnis mit Lehrenden, die ihrerseits Zöglinge waren, mit Bevorzugten, die voranschritten, aber jezuweilen durch eigenes Verschulden oder durch bewußte Strenge Höherer wieder in neue Unterordnung rückversetzt wurden. Ein unverbrüchliches allseitiges Vertrauen, immer wieder auf Ebel und seine Nächsten gerichtet, bestimmte und gliederte diesen mannigfachen Kreis, der sich in einer Ordnung der Hoffnung, des Glaubens und der inneren Wandlung wie in einem vorbestimmten, frommen Tanze bewegte, von jenem Willen allein geleitet und abhängig, der alle um den Pfarrer sammelte und mit diesem Willen abbrach, sinnlos zum Taumel und Wahnwitz ausarten mußte, wenn er irre wurde. Ebel selbst rechnete mit gewaltigen äußeren Tatsachen, denen die innere Vollendung seiner selbst und seiner Leute entgegenkomme, er verkündigte nach der übernommenen Lehre anderer Vorgänger das wirkliche Herannahen der Apokalypse, den Eintritt der Offenbarung des Antichrists, der Weltpredigt des Evangeliums vor den Menschen und setzte dies alles ans Jahr 1836, glaubte aber in einer gewissen Ungeduld durch die Inständigkeit der eigenen und der Bemühungen seiner Nächsten die Erlösung der Welt etwas früher erwirken zu können. Das Gelingen göttlicher Ratschlüsse machte er von der menschlichen Freiheit abhängig. Die unheimliche Großartigkeit der Erlösung, die hier gewonnen werden sollte, indem jeder das eigentliche Glück der Sinne drangab und die sinnlichen Handlungen zu beherrschen strebte, um mit ihnen übersinnliche Vollendungen zu erreichen, machte aus allen diesen Hoffenden ebensoviele Verzichtende, und die Liebe und Ehrfurcht, die sie um Ebel drängte, ließ es sie auf sich nehmen, daß sie dann Paarungen und Beziehungen mit andern ertrugen, die sie nie aus freien Stücken gewählt hätten. Wie Ebel seinen leidenschaftlichen und demütigen nächsten Bekennerinnen ihre Stellung anwies und wie er das Andrängen aller zugleich duldete, aber in Schranken setzte, war seine und Ida von der Gröbens ordnende und bestimmende Gabe. Am erschütterndsten wirkte diese auch gegen den Willen der einzelnen verfügte Gliederung bei der armen Minna von Derschau. Sie hatte zu Ebel jedenfalls eine tiefe Liebe gefaßt, die ihm freilich nicht als solche, sondern nur als Anbetung eines göttlichen Menschen bewußt wurde. Eine gewisse Verwirrung ihres Gemütes mag Minna freilich solchen Erschütterungen durch einzelne Erlebnisse, durch machtvolle Menschen und Erscheinungen zugänglicher gemacht haben. Seit sie von Schönherr damals gleichsam wie vom blendenden Licht in ihrem unbewußten Dunkel getroffen worden war, übertrug sie ihre vordem allgemeine Frömmigkeit auf einen erhabenen Empfänger, und was sie in Schönherr mehr auf dessen inständigen Wunsch aus Bestimmbarkeit zu erblicken geglaubt, sah sie in Ebel aus eigenstem Gefühl und Willen, weil sie ihn liebte. Freilich hätte sie dieser Neigung sonst nie Raum gegeben, hier durfte und sollte sie es getrost, wo es auf die allgemeine Verherrlichung eines Allgeliebten ankam, und sie wandelte in ihrer Demut diese Leidenschaft in eine göttliche um und in eine Verkündigung. Sie hatte mit Ida von der Gröben viele merkwürdige Gespräche über Ebel und ihre Gefühle. Einmal offenbarte sie ihr erschüttert, jetzt sei es ihr klar geworden und sie wisse, Ebel sei der Herr Jesus Christus selbst, der wiedergekommen sei, um die Offenbarung zu verwirklichen. Ida von der Gröben flammte auf, und indem sie mit beiden Händen Minna packte und krampfhaft festhielt, sah sie sie mit einem furchtbaren Blicke an: »Ja, ja, aber wenn du dies sagst, werden sie ihn kreuzigen.« Sie wollten ihn dem Spott, dem Neid und Haß nicht aussetzen; er selbst wußte von dieser Offenbarung nichts, keiner sollte sie erfahren, sie beide mußten sie allein tragen und ihn selbst davor beschützen. Er sollte sinnen und tun, was seiner Macht zukam, aber ohne sie der Welt vor der Zeit zu erklären. Doch wie hatte Minna diese Offenbarung erfassen können? Ida von der Gröben empfand im stillen einen leisen Neid und Eifersucht gegen diese Fähigkeit des Glaubens und der Erleuchtung. Das Mädchen bekannte ohne Arg, weil sie ihn liebe und ihr dieses Gefühl selbstverständlich und geheiligt erschien, liebten ihn doch alle und wer sollte Gott nicht lieben? Ida aber ergriff dieses Bekenntnis und preßte es mit stärkeren Fragen. Als Weib dem Weibe gegenüber, als leidenschaftliches Geschöpf, das ungeheurer Empfindung, ungeheurer Gedanken fähig, eine unermeßliche Folgerichtigkeit von Begierden und den tiefsten Ursprung alles Glaubens im Triebe witterte und fürchtete, drang sie in die hilflos demütige Freundin nach Enthüllung dieser Liebe, sie forschte nach allem, was sie wußte und selbst erlebt hatte, während Minna als Jungfrau davon nur fiebernde und entsetzte Ahnungen besaß. Aber zugleich störten diese Fragen alles Heimlichste auf, als hätte das Mädchen gehegt, gewünscht, gewußt, was es jetzt zum ersten Male erfuhr. Unter der Folter dieses liebevollen Verhörs, unter der erschauernden Aufrichtigkeit der Bekenntnisse, die Minna ablegte, wurde ihr erpreßt, was sie nie getan, nie gewollt, nie gedacht hätte, erniedrigte sie sich zugleich und wurde sich selbst zum Abscheu, weil sie den Gedanken an den Höchsten mit solchen Trieben verquickt sah. Daß sie nur durch die Fragen zu diesem Höllenweg der Wünsche geführt, nunmehr erkannte und darum einer Leidenschaft verfallen war, deren sie vordem nie fähig gewesen, bemerkte weder sie noch die Gräfin. Vielmehr übte die eine ebenso selbstverständlich das Recht der Herrschaft der Stärkeren in ihrem Drängen, wie die andere die Pflicht des Gehorsams der Schwächeren in ihrem Nachgeben. Aber diese Beichte bedrückte Minna, anstatt sie zu befreien, die alte Vorstellung ihrer Unreinheit und tiefsten Unwürdigkeit trat wieder schreiend hervor und eine Verzweiflung erschütterte sie, von der Ida die schwersten Folgen für das arme Mädchen befürchtete. Da bot sich der Gräfin ein Gedanke, den sie längst erwogen hatte. Man mußte Minna verheiraten, und zwar sie als die bedeutendste und innigste Anhängerin mit dem obersten Freunde der Lehre, mit dem Grafen Kanitz. Ohnehin bestand die Notwendigkeit solcher voranleuchtender Paare, der alternde Mann bedurfte einer edlen Führerin, er war ihrer würdig. Wie weit hier die Eifersucht einer schweigsam verzehrten weiblichen Natur mitwirkte, um Minna von der nächsten Nähe Ebels abzudrängen und so ein echt weibliches Spiel veranlaßte, mag jeder selbst beurteilen. Kanitz würde sich fügen, da bei ihnen durchaus eine allgemeine höhere, keine besondere vereinzelte Liebe galt. Übrigens beherrschte Ida auch den Grafen völlig, genau so wie sie jedem Blick Ebels gehorchte. Sie wagte freilich nicht, Minna selbst zu dieser Ehe zu raten, ihr davon zu sprechen, aber sie zog Ebel ins Vertrauen und gewann ihn sogleich für diesen Plan, der eine neue, engste Verbindung der Nächsten des Kreises verhieß. Ebel wußte denn eine Gelegenheit der Erörterung mit Minna herbeizuführen, wobei sie mit den Äußerungen ihres alten schweren Schuldbewußtseins, den Selbstanklagen ihrer schlechten Triebe und Gedanken nicht zurückhielt. Wem dies alles galt, verschwieg die Erglühte freilich. Ebel hörte sie geduldig an und zeigte, als sie, mit Angst und Demut sein Urteil erwartend, zu ihm emporsah, ein gütiges, heiteres Gesicht. Er beruhigte sie, alle diese Anfechtungen seien Zeichen und notwendige Bestimmung; was in dem Herzen lechze, sei nicht an sich schlecht, sondern werde es erst durch üblen Geist, ihr sei eine hohe Gnade zugeteilt, da sie als Jungfrau die Vollendung noch vor sich sehe. Sie und Graf Kanitz seien die Zeugen, von denen in der Offenbarung geschrieben stehe, sie würden eintausendzweihundertundsechzig Tage weissagen. Sie solle sich mit dem Grafen in ehelicher Liebe verbinden, sie sei zum Weibe, zur Mutter eines reinen, vollseligen Geschöpfes, zur Führerin der Menschen geschaffen. Minna schaute ihn mit einem Blicke zweifelnder Fügsamkeit an und willigte ein, wenn der Graf sie wirklich zur Ehe begehre. Kanitz gehorchte gerne dem gleichen Zureden, war doch ein so schönes und edles Wesen wie Minna aller Gefühle eines so schwärmerischen und ritterlichen Mannes würdig, um wievielmehr, wenn solche Neigung als gottgewollt und von dem Freunde empfohlen wurde, der ihm als Vermittler aller Gnade galt. So warb der Graf um Minna von Derschau und empfing ihr Jawort und wahrlich, als dieses fromme Paar einander den Brautkuß gab – Minna beugte sich und reichte ihm die Stirne, indessen ihr Gesicht mit geschlossenen Augen und Lippen, blaß wie Stein leuchtete – war vielleicht zum ersten Male Ebels Lehre der Heiligung, aber wie schmerzvoll, verwirklicht, daß alle irdische Vereinigung im Geiste der Seligkeit ohne Begierde und frei von sinnlichen Wünschen erfolgen müsse. Zum zweiten Male hatte Ebel das Schicksal eines Weibes bestimmt, das sich gehorsam, erschüttert und gedemütigt unter das Joch der Gnade fügte. Wenn Ebel den Anblick dieses gebeugten Nackens als Mann, nicht als Priester, geschweige denn als unbeweglicher Gott hätte anschauen können und wollen, ihm hätte gegraut vor seiner Macht, die in dieser Stunde dieses Haupt nicht nur gebeugt, sondern gefällt und einen lebendigen Menschen in den Sarg gebracht, wie er damals einen daraus befreit hatte. Er aber ahnte in seinem von allen bestärkten Gottübermut nichts von diesen Bedrängnissen, oder er achtete sie gering gegenüber den höheren Geboten, denn ein ungeheurer Schwall der Dinge mußte hereinbrechen und seine kleine Schar bereit finden. Er sammelte sie und überließ sie wiederum einer Ordnung, die sich von selbst und mit Hilfe seiner Nächsten vollzog. Der Gedanke, daß jeder Mensch in seinen wesentlichen Lebensverhältnissen der Ergänzung durch andere bedürfe, wie er selbst auch anderen Hilfe leiste, schien ihm durch die übernommene Schönherrsche Lehre von den Urwesen, vor allem in der Beziehung von Mann und Weib begründet. Eine dunkle Ahnung, als sei in jedem Menschen eine urgegebene Einheit der Geschlechter vorhanden, aber zugunsten des leiblich Bestimmten unterdrückt, so daß jeder Ergänzung und neue Einheit in fremden Wesen außer sich selbst suchen müsse, mag durch seine eigenen Verhältnisse bestärkt, die Ordnungen seines Kreises bestimmt haben. So erklärte er die Gräfin für seine »Lichtnatur«, für das Weib seines Kopfes, Emilie von Schrötter für seine »Finsternisnatur«, für das Weib seines Herzens, seine eigene Gattin als Weib der Umfassung, womit er wohl den Zustand der täglichen, sinnlichen und dauernden Gemeinschaft benannte. Alle diese Ausdrücke konnten ebensowohl einem begeisterten Bedürfnis selbständiger Verkündigung, als eigentlichen persönlichen Verhältnissen entsprechen, in beiden Fällen verschieden ausgelegt werden und mußten bösen Argwohn und Verdächtigungen erregen, wenn sich das Mißtrauen einmal in diese, durch besondere Stellung geschützte Gesellschaft einfraß. Ebensolche Ergänzungen fand aber Ebel selbst und jeder der übrigen auch an anderen, wie zum Beispiel Sachs als sogenannte »Hauptzentralnatur der Finsternis« galt, weil der Meister in ihm eine ständige, sowohl gefürchtete als unentbehrliche verstandesmäßige Gegenstimme seines eigenen Wesens vernahm und brauchte. In solchen merkwürdigen Bei- und Überordnungen fanden sich alle vereinigt und auseinandergehalten, wobei das innere Gefühl der jeweiligen Abstände und des Trennenden von selbst Stufen baute, ohne daß sie durch schonungslose Gesetzgebung erst ausdrücklich bestimmt zu werden brauchten. Ebel verharrte inmitten und über allen, umringt von seinen Nächsten, den Frauen, dann von den beiden Zeugen Kanitz und Minna. Für ihn selbst gab es, wie für die Außenstehenden ein Geheimnis: seine eigene Person. Hielt und verkündigte er sich nur als Priester der kommenden Offenbarung, der die nahe Auferstehung Christi glaubte und lehrte, so wußten die Gräfin und Minna – niemand sonst – daß er selbst der wiedergeborene Herr sei und erscheinen und wirken müsse. Und wie das stärkste Licht durch die vorgelagerten Schichten mit immer geringerer Helligkeit schimmert, entfernte sich Bedeutung und Würdigung Ebels auch für die Weiterstehenden, aber allen blieb er der Bestimmende und Führende. VII Nur mit Sachs hatte er beständige Kämpfe auszutragen, der nun einmal zu bedingungslosem Glauben und Hinnehmen nicht geschaffen war und sowohl geistiger Erörterungen, als auch gewisser Erregungen aller Leidenschaften bedurfte, um seine immer wieder erwachende skeptische Natur durch die Gegenstimme eines Erhöhungsbedürfnisses und Glaubenstriebes besiegen zu lassen. Wieweit dieses Verhalten unbedingt und natürlich, wieweit es durch weltliche Rücksichten bestimmt war, bleibt dunkel, soviel steht aber fest, daß sich der merkwürdige Geist der Verneinung, als welcher er im ganzen Kreise bekannt war und sein Wesen trieb, jedenfalls aufrichtig genug auch zu einer Zeit äußerte, da er den Gläubigen angehörte. Er pflegte bald bei diesen, bald bei jenen unter oder übergeordneten Mitgliedern, vorzüglich bei Frauen – war er doch durch seinen Stand als Arzt, da ihm die Behandlung aller Zugehörigen anvertraut war, hinlänglich gerechtfertigt – die Empfindungen und Lehren gern ins Ungemessene zu übertreiben, wodurch sie in abschreckender Verzerrung erschienen, oder mit höhnischer Selbstverspottung herabzusetzen, wodurch er die solcher Dialektik Ungewohnten mit seinen spitzen Gründen zur Verzweiflung hetzte. Denn wenn man ihn hörte, war gleich das Höchste und alle innere Gewißheit in ein Nichts, noch schlimmer, in ein Gemeines und ins Fragwürdigste verwandelt. Dabei fand er an den ohnedies für die meisten unverständlichen und gefürchteten, absichtlich im Dunkel gelassenen oder dem eigenen Ermessen der Einzelnen überantworteten Lehren der geschlechtlichen Reinigung und Läuterung ein besonderes teuflisches Vergnügen, indem er gerade die sinnlichen Zustände, Empfindungen und Gedanken der weiblichen Mitglieder dringlich erforschte, die Bekenntnisse hierüber durch halb ärztliche, halb gläubige Fragen nach Möglichkeit ausbreitete, andererseits gerade dieses Heikelste mit jener ärztlichen Selbstverständlichkeit erörterte, die von den übrigen als Zynismus oder als grobsinnliches Behagen empfunden werden mußte. Die jungen Mädchen schonte er und erschreckte sie nur gelegentlich durch eine starke Frage oder eigentümlich dreiste Offenbarung, dann erröteten sie und antworteten etwas Unbeabsichtigtes, worauf er seine früheren Anspielungen völlig ins Harmlose, Geistige und Gläubige umdeutete, so daß sich die Unglücklichen erst recht als hintersinnig und verdächtigt, selbst des Mißverständnisses schämten, hingegen ließ er sich den Frauen gegenüber, bei denen er eine gewisse Vertrautheit voraussetzte, mit einiger Kühnheit gehen und erregte bei den stetigen, ernsten und gefaßten Naturen gelegentlich unverhohlenen Abscheu, den er dann durch gesteigerte Demut, Gläubigkeit und Gehorsam vergessen machen mußte, bei den Unsicheren aber, die in der Lehre erst Halt und Beruhigung suchten, ein unsicher prickelndes Gefühl berührter Instinkte, scheues Gelächter, innerste Schwankung, nachher Bestürzung. Und das eben war seine Absicht. In jedem Einzelnen vermochte er die dichten, aber leichten Schleier mit einem einzigen Wort, mit einer beiläufigen Frage oder Gebärde wegzuziehen, die über der Hölle des Gemütes hängen. So konnte sein bloßes Erscheinen alles ins Bodenlose und Entsetzliche zurückdrängen, was ohne ihn als Klarheit, Ordnung, beherrschte Kraft erschien und sich fügte. Er machte die Erde unter den Füßen brennen, die Hirne in den Schädeln sieden, er schien mit allen Sinnen verbündet, die Ebel fesseln wollte, so daß sie bloß durch seine Nähe Zuversicht bekamen und aufbegehrten. Gleichwohl hing Ebel mit einer merkwürdigen Zähigkeit gerade an diesem gefährlichen Manne und beschwichtigte die empörten oder besorgten Klagen beleidigter Frauen des Kreises entweder mit gleichgültigen Worten oder mit lächelnden, sie hätten Sachs sicherlich mißverstanden, er habe es nicht so arg meinen können und dergleichen. Dem Arzt wiederum verwies er etwa sogar mit aufbrausendem Zorn solche selbständige und zerstörende Handlungen und Reden, aber er wurde durch dessen ruhig spöttisches Verhalten sogleich still gemacht und zog sich zurück, bis die Sache auf diese Weise wieder einschlief. Ebel fürchtete den Arzt, aber nicht so, wie es der böse Ausgang gerechtfertigt hätte, als Zeugen lichtscheuer Handlungen, als Ankläger geheimer Verfehlungen, sondern als Geist, der ihn besiegen, seine Lehren verhöhnen und dadurch um ihre Kraft bringen konnte. Er glaubte gerade diesen Widerstrebenden um jeden Preis bändigen zu müssen, als hinge an dessen Glauben und Anerkennung seine eigene ganze Macht. Der Arzt war gewissermaßen die Verkörperung der Zweifel, die Ebel selbst gegen sich vorzubringen hatte, ein tieferer Sinn lag schon im Namen, den er dem Gefürchteten beilegte: »Hauptzentralnatur der Finsternis«; wie jede Weltordnung ihr Böses und ihren Widerspruch braucht, den sie unter ihren Füßen bändigt, so fand Ebel auch für die seinige diese Stimme des Dunkels und Hohnes an Sachs. Die Frauen nahmen den Arzt anders und scherten sich nicht um seine geistige Bedeutung, er war ihnen bloß widerwärtig und gefährlich, sie wollten ihn unschädlich machen, wenn sie schon nicht wagten, ihn gegen den Willen des Meisters gar auszustoßen. Aber Sachs war nicht so einfach zu behandeln und übte, ließ man ihn überhaupt nur in die Nähe, wiederum eine eigentümliche Art bedrängenden Zaubers selbst auf feindliche Naturen aus, denn sein Betragen hatte sogar im Hohn eine gewisse Anmut, und wo er die Frauen eigentlich am tiefsten erniedrigte, eine entsetzliche Huldigung. So war es dazu gekommen, daß er eine der Damen des Kreises, allerdings nicht eine der Vordersten, bei einer Unterredung, die dazu bestimmt war, ihn zu besiegen und zu beschämen, bei der Frage des Bekenntnisses der beiderseitigen Regungen und der Bekämpfung der niedrigen Triebe durch Gewöhnung an die Gefahr, recht in die Enge trieb. Er erklärte sich selbst mit allem Ernst als unverführbar und sogar dem Anblick hoher Reize einer so schönen Frau gegenüber vor Versuchung sicher. Die Törin, aus Begierde, über ihn zu triumphieren und ihn des Gegenteils zu überweisen und aus jenem Triebe selbst, den sie unterdrücken wollte, der sich aber mit der Eitelkeit verbündete, entblößte nun ihre schönen Schultern mit einer, wie es schien, unabsichtlichen Bewegung, indem sie den Schal herabgleiten ließ. Sachs benützte den Augenblick, zeigte sich zwar, was die Sinne betraf, nicht als frei, aber dafür einer dankbaren Gelegenheit gewachsen, stürzte sich mit anderen Küssen, als den sonst erlaubten auf die anmutige Versucherin und war geschickt oder glücklich genug, an Stelle eines eigenen Sündenbekenntnisses eine angenehme gemeinsame Verfehlung zu erzielen. Sei es, daß dieser Vorfall ruchbar geworden, sei es, daß ähnliche sich wiederholt hatten, oder daß nur die Art des Mannes die Bekenntnisse der Frauen hervorzulocken, zu deuten oder durch eigene zu reizen ihn verdächtig machte, oder daß er als Zeuge gefürchtet, als zweifelhafter Anhänger mißliebig war, Ida von der Gröben ließ ihn eines Tages berufen. Diese Ladung traf den Arzt in einer schweren Gemütserschütterung, da gerade zu dieser Zeit seine Frau verschieden war. Schmerz und Verzweiflung, Hoffnung einer höheren Gemeinschaft, die Vergebung der Sünden und Vereinigung in Aussicht stellte, Bewußtsein der Schuld, Reue, tiefster Zweifel an dem eigenen Wesen, Unsicherheit über alle Verhältnisse zu allen Menschen verwirrten den sonst überklaren Verstand und warfen ihn ganz in den Schwall von Gefühlen, unter denen er wie ein unkundiger Schwimmer mehr zu kämpfen hatte, als daß er sie teilte. Ida von der Gröben veranlaßte den Grafen Kanitz zu folgendem Briefe: »Ich habe, seit wir uns nicht gesehen, doch Tag und Nacht heftige Pein um Sie gelitten und meine Seele zittert vor dem Verderben, davor Sie stehen. Ich habe seit der Zeit unablässig zu Gott geschrieen, und ich weiß, worum ich ihn bitte! Mich verlangt zu hören, was in Ihnen vorgeht, denn ich bedarf der Botschaft hierüber; sagen Sie mir, ob Gott Sie treffen kann? Mit der Angst um den Untergang Ihrer Seele und um alles Verderben und Elend, das Sie über Ihre unglückliche Frau, über unzählige Menschen und die Welt bringen? Kann Gott Sie hier treffen, so wird das erwachte beängstigte Gewissen Sie die Hilfe ergreifen lehren; und darauf warte, danach frage ich mit unermüdlichem Eifer und fürchterlichem Ernst und Strenge. Kommen Sie heute um vier her und bringen Sie mit den Beginn Ihrer Rettung. Ich erwarte Sie, denn ich habe zunächst mit Ihnen zu sprechen und werde nicht ablassen, bis Gott in entschiedenem Segen oder Fluche hinausführt das Ende des, das er hier begonnen an Ihnen und durch Sie! Daß der Arm des allmächtigen Gottes Sie ergreife!« Sachs erschien zu dem Verhör, den unbedingten Gehorsam gegen die Übergeordneten wagte er selbst am wenigsten außer acht zu lassen, waren es doch Grafen und Gräfinnen, die ihn forderten, denen er die endlich erlangte Professur verdankte, die seine ärztliche, seine Stellung in der Welt beeinflußten, kurz, er gehorchte. Aber vielleicht hätte er es in dieser Stunde, in dieser Gemütsverfassung auch ohne solche äußeren, zwingenden Verhältnisse getan. Er fand sich vor dem Grafen Kanitz und der Gräfin von der Gröben und hatte es schwer, den beiden gegenüber eine halbwegs richtige Haltung und die nötige Sicherheit zu behaupten, denn die gesellschaftliche Gewandtheit, die er sich nur mit Mühe hatte aneignen können und jedesmal mit tausend Zweifeln auf die Probe gestellt sah, war den beiden Vornehmen selbstverständlich, dazu eine Überlegenheit des fraglosen Gemütswesens über seine, beständig von den Einwendungen der Vernunft gequälten und verstörten Gefühle. Der ganze Mann, sonst selbstbewußt und auch nach dem Äußern ansehnlich, erschien unsicher und mit einem peinvollen Lächeln, das ihn anderwärts dem Mitleid empfohlen hätte. Aber in Fragen ihres eigensten Bekennens und der Zugehörigkeit kannten diese zwei Wesen kein Erbarmen. Kanitz sah ihn streng an und hielt ihm den eigentümlichen Spott vor, der seit einiger Zeit in allen seinen Reden gegen die Freunde bemerkbar werde, und womit er eben schmähe und herabsetze, was er bekannt habe und noch bekenne. Es sei ein gewisser Trieb in ihm, gestand Sachs mit einiger Verlegenheit, gleich mächtig und gefährlich wie irgendein sinnlicher, wie eine verzehrende Begierde, alles, was sein Gemüt, sein innerstes Wesen betreffe und ihn aufs stärkste ergriffen habe, durch eine merkwürdige Gegenstimme wiederum abzuschütteln und sich gewissermaßen davon zu befreien. Sein Verstand bedürfe immer der Hervorbringung der Gegensätze, des Vergleichs, einer Messung aller gegeneinanderwirkenden Kräfte. Diesem Triebe habe er bei derartigen beanstandeten Bemerkungen nachgegeben. Kanitz fragte, ob nicht jedes Wort des Zweifels an sich schon Lästerung sei. Sachs schüttelte halb ratlos, halb ärgerlich den Kopf. Die Gräfin setzte das Verhör fort, er habe aber nicht bloß den Glauben, die gemeinsame Überzeugung, sondern auch einzelne, vor allem den Pfarrer Ebel selbst verdächtigt und mit lästernden Bemerkungen getroffen. Das möge so sein, aber der Herr Graf und die Frau Gräfin sollten nur einmal ihr eigenes Herz prüfen, ob sie nicht alles, was ein Mensch überhaupt denken könne, gedacht hätten, eben weil es denkbar sei, eine Reinigung des Denkens scheine ihm noch viel hoffnungsloser als eine der Sinne. Kanitz drängte weiter, was man etwa bloß als Gedanken denke, wie man sich eben etwas Vorstellbares gelegentlich vorstelle, sei bei einem von Natur fragwürdigen Gemüte wie dem seinigen zunächst nicht anzuklagen, wohl aber das gefährliche Verneinen, das dann in seiner ganzen Haltung, in jeder Äußerung peinlich hervorbreche. Er solle sagen, ob er noch zu ihnen gehöre, oder nicht, es stünde ihm ja zu gehen frei, wohin es ihm gefiele, aber einen spöttelnden Anhänger, einen gegnerischen, einen Wolf im Schafspelz wollten sie nicht dulden. Sachs beteuerte, er denke heute wie immer, soweit sein freier Wille in Betracht komme; den Einspruch seiner triebhaften Verneinung, seines angeborenen Zweifels könne er nicht verhindern. Er müsse ihm entgegenwirken, wie jeder anderen gemeinen Versuchung. Ida von der Gröben sah den Doktor Sachs bei diesen Worten mit so strenger Leidenschaft an, daß die eigentlich kleine Frau gleichsam von innen her wuchs und mit einer Schönheit, die durch die Empfindung erhöht war, den Spott unterdrückte, den der Arzt etwa während des ganzen Verhörs im Stillen als Gegenstimme gehegt haben mochte. Die Kraft ihres Blickes machte ihn gefügig, so daß er vielleicht sogar vergaß, daß er einem Weibe, nicht einer Überzeugung folgte. Sie wollten aber nun auch seine Zweifel und seine verwerflichen Meinungen und Handlungen kennen, und er müsse sie alle einzeln aufzählen und erklären, Besserung und Bekämpfung geloben, bevor sie ihn entließen. Sachs bekannte nun, daß er vor allem an Ebel und seiner Sendung, an dessen unbeweisbaren Behauptungen und Offenbarungen gezweifelt und sich darüber auch geäußert, daß er die Lehre von der Bekämpfung der sinnlichen Triebe durch den freien Willen bis zu ihrer völligen Unwirksamkeit für widernatürlich und zwecklos gehalten, daß er immer wieder versucht sei, ihr entgegen zu handeln, wie er auch ähnliche Versuchungen bei anderen beobachtet und allerdings durch Worte und Handlungen bestärkt zu haben bekenne. Ebels und vieler anderer Menschen Lebensführung im heiligen Sinne sei ihm oft als Heuchelei oder als grober Selbstbetrug erschienen, eben weil er die Möglichkeit solcher verleugnenden Ausmerzung aller menschlichen Lust nicht glauben wolle. Seine Sündenlitanei ging lange so weiter und hob mit jedem Eingeständnis eigentlich die ganze Gemeinschaft auf, machte aber wieder durch, wie es schien, aufrichtige Reue alles Vergangene ungeschehen. Es war ein so wüstes Durcheinander von Bekennen und Zweifeln, Begehren nach Glauben und Bedrängnis durch Spott, von innerster Lebensangst und Hoffnung, die nach Halt verlangte und ihn bei dieser Gemeinschaft suchte, die ihm als edel und auserwählt erschien, während er sie andererseits verhöhnte, ein solches widersinniges Gegeneinanderzeugen aller Stimmen in diesem Bekenntnis, daß Ida und der Graf Kanitz zugleich entsetzt und verzweifelt diese schwelende Hölle eines menschlichen Gemütes sahen und darüber in ihrer eigenen Sicherheit mehr Mitleid als Zorn empfanden, während der Angeklagte wiederum sich der Demut nicht schämte, womit er um Gnade bat, als hinge sein Leben davon ab, daß ihn der Kreis dulde, den er doch wieder in jedem Augenblick verriet. So sollte er einen Bericht aller seiner Sünden, der Handlungen wie der Gedanken schriftlich abfassen und Ebel vorlegen. Mit ihm sollte er sich aussprechen, dann werde er wieder ins Klare kommen und der Gemeinschaft von neuem würdig sein. Sachs zeigte sich über diese Begnadigung so unverkennbar und ehrlich beglückt, so befreit und versöhnt, daß auch die beiden Richter eine gewisse Genugtuung empfanden, als wäre ihnen eine wahrhafte Seelenrettung geglückt. Indessen hatten sie freilich nur den Druck fremder, entgegengesetzter Naturen über eine andere bestimmbare, schwankende und unzufriedene ausgeübt. Aber Sachs war so beschämt, so besserungseifrig, so gedemütigt, so beflissen, sich wieder mit seinem ganzen Kreise zurechtzustellen und in Gnaden aufgenommen zu werden, daß er das schriftliche Bekenntnis in der Tat eiligst und doch aufs genaueste niederlegte und der Gräfin von der Gröben einhändigte. Ein Bedürfnis, zu zeigen, daß er diesen Vornehmeren an Sinnesart gleich sei, ließ ihn jede Vorsicht hintansetzen und mit diesem Berichte, der durch arge Tatsachen gegen ihn zeugte, seinen Kopf gleichsam den Mächtigen ausliefern. Diese Reuehandlung versöhnte ihn wieder mit Ebel, aber sie veränderte doch den Mann selbst und sein fragwürdiges Verhältnis zu den andern nicht, so daß er bald als Sünder und Abtrünniger, oder doch als ganz Unzuverlässiger galt, der von allen zurechtzuweisen war, bald wiederum als Mittler zwischen den unnahbaren Oberen und den fernerstehenden Gliedern, indem er Ebels und der Frauen Aufträge ausrichtete, Gewissen erforschte und dergleichen, da er als Arzt sich besonders für vertrauliche Sendungen und Prüfungen eignete, je nachdem eben die Wage seiner wechselnden Anschauungen nach der Verstandes- oder nach der Gefühlsseite neigte. Den merkwürdigen Zustand, daß man einen so unzuverlässigen, schwankenden, gelegentlich höhnischen, selbst feindseligen Mann so lange als engsten Vertrauten litt, trotzdem man seine zweifelhafte Gesinnung erkannt und in engen Auseinandersetzungen zu spüren bekommen hatte, mag man nur in der eigentümlichen Natur solcher geistigen Beziehungen erklärt finden, am Widerspruche und gerade in entgegengesetzten Trieben sich zu bewähren. So ist ja auch Sachsens Bedürfnis nach Duldung in Ebels Gemeine zu verstehen. Diese inneren und äußeren Verhältnisse brachten in den sonst einigen Kreis manche Aufregungen und Trübungen, die Ebel wieder, der in ihrer Mitte eigentümlich zurückgezogen und unnahbar wie in seinem Allerheiligsten waltete, zu wunderlichen Deutungen veranlaßten, indem er aus diesen Vorgängen in nächster Nähe gewaltige Zustände und Ereignisse der äußeren Welt, der Natur wie der Geschichte ableitete. So stand eine Überschwemmung in Rußland mit der Untreue des Doktor Sachs in Zusammenhang, aus Krisen unter seinen näheren Anhängern folgerte er politische Schwankungen und Gefahren, wie zum Beispiel türkische Kriegsdrohungen und dergleichen. Aber bald sollten bedeutendere Umstände in Königsberg selbst ihn und die Seinen näher bedrängen. Sein Gönner Auerswald, Ida von der Gröbens Vater, war gestorben und die Landhofmeisterschaft auf seinen Schwiegersohn Theodor von Schön übergegangen, der zwar die Vorzüge der gesellschaftlichen Stellung seiner Familie benützte, aber, völlig anderer Richtung, die erlangte Macht in einem Sinne auszuüben begann, welcher der Amtsführung des alten Auerswald entgegengesetzt war. Schön gehörte zu den liberalen Nationalisten, die damals in Preußen eine demokratische Verwandlung der Dinge, eine Belebung und Erneuerung des gemeinen Wesens durch die sogenannte Aufklärung wünschten und anstrebten. Begreiflich genug erzürnte die Schwärmerei und dunkle gesellige Vereinigung den Nüchternen, durch Logik und Klarheit innerhalb der faßlichen täglichen Dinge zugleich erhellten und beschränkten Kopf aufs äußerste – sind doch alle Verstandesmenschen die ärgsten Buchstabengläubigen des Unglaubens. Als Verwaltungsmann mit Wissen und Willen derb zupackend und in der Wahl seiner Mittel nicht sehr ängstlich, beschloß er, dem Spuk in Königsberg geradezu auf den Leib zu rücken und müßte er dabei seine Standesgenossen, seine Schwägerin selbst, die Gräfin von der Gröben, und all die andern ins Herz treffen. In der Mitte des schleichenden, dämmernden und zehrenden Übels schien ihm Ebel und dessen Gemeinschaft zu stehen. Er hatte manches gehört, das sie ihm verdächtig machte; da er ihre leidenschaftliche und geradezu ansteckende Frömmigkeit, den Einfluß kannte, den sie auf so viele ausübten, und da er diese ihre Wirkung verabscheute, war er nur allzusehr geneigt, sie noch anderen, geheimen, bösen, ja verbrecherischen Grundsätzen und Handlungen zuzuschreiben. So glaubte er manchen, insgeheim verbreiteten Gerüchten, die den Männern und Frauen der Ebelschen Gemeinde allerhand geschlechtliche Ungeheuerlichkeiten nachsagten, die unter dem Schein und Vorwand der Lehre begangen werden sollten. Bevor er genaue Schuldbeweise in der Hand hatte, konnte er freilich nicht geradeheraus vorgehen. So führte er zuerst bloß einen Schlag, der den Bau des Fuchses vernichten sollte, indem er die Schließung der Altstädtischen Kirche anbefahl, die vorgeblich baufällig war. Dadurch zwang er den Archidiakon Ebel, seine Predigten in einer weit ungünstiger, fern vom Herzen der Stadt gelegenen Kirche zu halten und hoffte ihn dadurch der vornehmsten Hörerschaft zu berauben, wenigstens den Zuzug neuer Elemente der besten Gesellschaft fernzuhalten und den gefährlichen Mann mit seiner Schar engster Anhänger gleichsam zu vereinzeln und ihn dann leichter zu vernichten. Diese, vorerst freilich nur versteckten Handlungen der Feindseligkeit und der allerdings gleich in der ersten Zeit der Schönschen Amtsführung merkliche Geist der Neuerung und unbarmherzigen Vernunftherrschaft mußten in Ebel und den Seinen das Gegengefühl des bedrängten Glaubens und das Bedürfnis stärken, die Macht ihres besseren Wesens und die Herrlichkeit Gottes, von der sie wußten, deutlicher zu erweisen und den Leugnern zu Gemüte zu führen. Jetzt oder nie schien die Zeit gekommen, wo die Offenbarung zu beginnen, die Wiederkunft zu erfolgen, die Predigt der Worte Gottes gewaltig anzuheben hätte. Eine tiefe, innere Erregung gärte in allen leidenschaftlichen Seelen. Die zwei ewigen Feinde innerhalb der menschlichen Gesellschaft, die ins Irdische eingewachsenen Verstandesmenschen und die schwärmerisch ausgreifenden Gefühlsbeherrschten spürten sich aufgerufen, ohne daß irgendeine auffällige Kundgebung geschehen wäre. Es gibt Zeiten, wo diese eingeborene geistige Feindschaft alle anderen Gegensätze oder Zugehörigkeiten vergessen macht. Sie erregten in Ebel und den Seinen schier unbewußt ein nicht mehr zu bändigendes Begehren nach wunderbarer Erweisung ihrer Wahrheit. Vielleicht hätte Ebel noch gezögert, der überhaupt mit seiner Trennung von Schönherr und der erlangten Alleinherrschaft ein gewisses Ruhe- und Friedensbedürfnis empfand, zumal er seine Macht inmitten einer bedeutenden Schar so angesehener Gläubigen ohne Widerspruch genießen konnte, aber die Frauen, vor allem die Gräfin von der Gröben und die seit ihrer Ehe zugleich verstörte und schwärmerisch erregte Minna Kanitz trieben ihn durch ihre Bitte und ihren überzeugten Eifer zu einer entschiedeneren Wahrsagung der kommenden Entscheidung. Nicht erst das Jahr 1836 sollte die Schlachten des Tausendjährigen Reichs erwecken, die Frömmigkeit und der Wille der Gläubigen wollten sie – nicht zum Heile – beschleunigen. Minna Kanitz und die Gräfin von der Gröben wußten, Ebel sei der wiedererstandene Heiland. Wenn sie ihn dazu drängten, den Tag der Offenbarung für eine baldige, vorzubereitende allgemeine Zukunft anzusetzen, so brannte in ihnen wohl der Eifer, diese höchste glückselige Einheit sinnfällig zu erleben und andern zu zeigen, während Ebel, der sich selbst nur als Prediger und Vermittler der Wahrheit ansah, die leibhaftige Wiederkunft Christi erhoffte. Weil er sie glaubte, mußte er sie auch beschleunigen können. Zur selben Stunde, da der Herr weiland auf dem Ölberge verklärt worden, in der Osterwoche, werde er wieder erscheinen. So war es den Frauen recht, die an diesem Tage das größere Wunder von Ebels Einheit mit Christus erwarteten. Nun hatte die erwachte Leidenschaft der übrigen ihren Sinn und Gegenstand. Sie hielten Versammlungen und Gebete ab und bereiteten sich vor, denn Christus sollte seinen neuen Gläubigen in verklärter Gestalt, gekleidet in himmlisches Licht, erscheinen, gerade wie damals den Aposteln auf dem Berge. Man sollte den Herrn als Gemeinde vereinigt und in heiterer Erwartung begrüßen, der wie ein Gast in eine fröhliche Gesellschaft, wie dereinst zur Hochzeit von Kana, auch hier nach so vielen Jahrhunderten abermals zu einer Hochzeit treten würde. Ein armes junges Mädchen sollte einen braven Jüngling heiraten, Aussteuer, Mahlzeit, bekränzte Kirche, alles sollte den hohen Tag würdig vorbereiten und ausfüllen. So sehr die Gräfinnen von der Gröben und Kanitz in Ebel drängten, dieses Fest der Wiederkunft anzusetzen, so sehr widerrieten andere die gefährliche Probe, insbesondere Graf Finkenstein, ein besonnener, frommer, doch weltgewandter Herr, der mit seiner Gattin dem Ebelschen Kreise angehörte, aber eine gewisse Unabhängigkeit beanspruchte, die ihn oft genug mit den Unbedingte in Widerspruch setzte. Ebel, der die Frage zu entscheiden hatte und von seinen Frauen bedrängt wurde, sich für den Termin auszusprechen, verhielt sich, wie immer bei solchen an den Leib rückenden Fragen, zögernd und schwankend. Dem Grafen Finkenstein verwies er seine Kleingläubigkeit und Furchtsamkeit. Wo immer der Herr erwartet werde, dort sei er sichtbar oder unsichtbar Gast, und wenn die Herzen ihn riefen, wolle er sich nicht entziehen, aber freilich dürfe kein Zweifel ihn abhalten. Hingegen äußerte er sich den Frauen gegenüber hinhaltend und unbestimmt. Er verbot ihnen weder die Anberaumung des Festes, noch die Hinausgabe des Losungswortes von der Wiederkunft des Herrn, aber er mengte sich nicht in die Vorbereitungen, tat nichts zu besonderer Verherrlichung und hielt sich, so weit er konnte, von persönlichen Äußerungen und jeder unmittelbaren Einmischung zurück. Nur der Pfarrer Diestel, als unbedingter Gefolgsmann, wie ein derber Korporal, der die Sache des Leutnants unbedingt zu der seinen macht, betrieb die Angelegenheit mit allem leidenschaftlichen und beschränkten Eifer, mit Grobheit und übertriebener Verzückung, mit phantastischen Ausmalungen, in deren derben Zügen sich seine rohe, armselige Natur mit ihrer ganzen Einfalt darstellte. Er rannte herum und klagte bei allen Freunden unter einem Schwall von Worten und Tränen über seine Sünden, die ihn des großen Tages und der Heiligung unwert machten, wobei die komische Weise des heulenden Poltrons abstoßen und Ekel erregen mußte, den er wiederum wie eine gerechte Strafe hinnahm, als hätte er ihn mit Absicht hervorgerufen. War er mitten im Jammern und Zähneklappern, so konnte er plötzlich den Tabaksbeutel hervorziehen, seine Meerschaumpfeife stopfen, in Brand setzen und zu paffen beginnen, was als eine gröbste Ausschreitung der Begierden verpönt war, die man zu allererst bekämpfen sollte. Da er freilich mit seinem Geheul lästig fiel, sah man ihn, der an sich auf keine Weise wichtig erscheinen konnte, nicht einmal als Raucher besonders an, er aber verfehlte nicht, auch diese neuerliche Sünde in seine allgemeine Verfehltheit mit lautem Hallo einzubeziehen, also demütige er sich vor dem Herrn und erhalte sich im Gefühle seiner Verdammtheit bis zur Erlösung. Indes also die vornehmen Frauen mit sanftem Eifer und in der Stille das große Ereignis vorbereiteten, lief Diestel wie ein ungeschlachter Fleischerhund allen zwischen die Beine und bellte es aus. Er schämte sich nicht einmal davon zu reden, daß seine Frau wieder einmal in der Hoffnung sei, denn auch das lieferte einen neuen Beweis seiner Sünde, sollte doch vor der völligen Wiedergeburt kein wahrhaft Frommer Kinder zeugen. Oh, er sei abscheulich schwach, aber wenn er wieder einen armen sündigen Wurm in die Welt gesetzt habe, werde die gottselige Überzeugung gleichzeitig in ihm lebendig und fange wie draußen das Neugeborene also in ihm zu winseln und zu klagen an, daß er seiner Schwachheit so recht inne werde und immer ganz von neuem beginnen müsse, die Sünde von sich abzutun. So werde er als ein Unwürdiger, aber herrlich Ergebener den Tag erleben und feiern. Nicht anders als die armen Anhänger des verlassenen Schönherr den »Schwan«, der sie in die Weite und Freiheit einer göttlichen Welt tragen sollte, betrieben die Freundinnen Ebels diesen wunderbaren Hochzeitstag, der Erfüllung und weltliches Glück im Himmlischen, ganze irdische und geistige Seligkeit bringen sollte. Freilich war von den Frauen bei der Ankündigung und Vorbereitung des Festes eine gewisse Vorsicht beobachtet worden, indem sie die untersten, entferntesten Glieder der Gemeinde nicht von der großen Wiedergeburt in Kenntnis setzten, sondern bloß die Hochzeit selbst als besonders erhebende Feierlichkeit zurüsteten, wie ja die Außenstehenden immer mit voller Absicht von der letzten Wahrheit ferngehalten wurden, deren Sinn und Wort ihnen allzu fremd oder erschreckend gewesen wäre; nur die Näheren wußten Näheres, und dadurch bekam alles eine eigentümliche Bedeutung, denn die geheimnisvolle Stimmung und Wichtigkeit der Eingeweihten übertrug sich unwillkürlich auf die anderen und ließ auch diese den Ostertag als höchst ungewöhnlich und ahnungsvoll empfinden. Jeder glaubte, daß sich mehr zutragen würde, als eine Vermählung, wie sie andere schon gefeiert hätten, jeder erwartete Besonderes, ohne zu wissen, was der Nächste meine oder erhoffe. Und die zwei Führerinnen allein wußten das letzte, äußerste, daß Ebel seine Einheit mit Jesus Christus erweisen würde. Unter gehobener, durch das herrliche Geheimnis wunderbar gedämpfter, von schönem Chorgesang durchrauschter, von kunstvollem Orgelspiel abwechselnd belebter, von leisem Gebet wieder beschwichtigter inniger Stimmung verlief der Tag in dem Saal der Brüder-Gemeine, der den Ebelschen Leuten von den sinnverwandten, achtungsvoll geneigten mährischen Brüdern zur Begehung des Festes zur Verfügung gestellt worden war. Kränze aus frischem Tannengrün wanden sich über die Decke, Licht strömte durch die hohen Fenster der alten Kapelle in der Langgasse. Die Verlobten wurden von Diestel zusammengegeben, der eine kräftige, gar nicht üble Ansprache hielt. Ebel fehlte. Wieder wurde gesungen, wieder gebetet und Orgel gespielt, dann gab es Pausen der Erwartung, wo niemand ein Wort zu sagen wagte, als müsse das Entscheidende eben jetzt und sogleich sich ereignen. Nach einer Weile, als nichts Besonderes eintrat, begann irgendwo eine Stimme etwas zu flüstern und bald stellte sich das natürliche Menschengesumme eines vollen Bethauses wieder her, ward wiederum unterbrochen durch neues mächtiges Orgelspiel, durch zusammenhaltenden Gesang, verstummte zu neuer Pause. In einer solchen trat Ebel ein, ernst, bleich, schwarz gekleidet und mit einem schmerzlichen Lächeln. Ida von der Gröben und Minna Kanitz gingen ihm entgegen, sie knieten vor ihm nieder, Emilie von Schrötter und die brustkranke Maria Consentius warfen sich ihm gleichfalls zu Füßen, Graf Kanitz stand, aber mit tiefgebeugtem Haupt, Diestel, der auf der Kanzel war, erhob betend die Arme. Ebel beugte sich zu den Frauen nieder und zog sie zu sich empor, er küßte sie auf die Stirnen, dann trat er auf die Kanzel und betete laut. Endlich zog er sich wieder zurück und saß unter den Frauen in der ersten Bank. Wiederum begann Gesang und Orgelspiel, und als es endigte, brachen die Fernstehenden, Nichteingeweihten einigermaßen enttäuscht auf, es erhob sich Ungeduld und Lärm einer lange zurückgehaltenen Menge, immer mehr Leute schlossen sich an, endlich schickte sich auch Graf Finkenstein mit seiner Frau zum Gehen, nicht ohne mit einem gewissen Lächeln seiner Schwester, die zu den nächsten des Ebelschen Kreises zählte, einen Blick zuzuwerfen, der die Vergeblichkeit des Tages feststellte. Gerade diese Schwester war es, die Finkenstein sowohl zu Ebel hinzog, als ihm den Prediger unlieb machte, denn der Graf hing mit übergroßer Liebe an ihr und empfand ihre äußerste Hingebung an Ebel mit Schmerz und Eifersucht. Er nahm daher an den Bestrebungen der Gemeinde Anteil, um der Schwester nahe zu bleiben, aber er nährte dabei sein Mißtrauen, seine Angst um das Mädchen, dessen inbrünstige und schwärmerische Gemütsverfassung, leiblich und seelisch gleich gefährlich, ihm die Schwester entfremdete. Der Blick, womit sie ihm antwortete, mußte ihn erschrecken, so viel Zorn und Vorwurf lag darin und so viel Abweisung in dem Zurückwerfen des kleinen, runden, von glatten schwarzen Haaren umgebenen, nicht schönen, aber eigenwillig bedeutenden Kopfes. Ebel blieb mit seinen Frauen allein in der verlassenen Kirche. Nur die Anwesenheit des Doktor Sachs, der in einer Ecke stand, von niemand in den eigentlichen Sinn des Tages eingeweiht worden war, aber alles zu wissen schien, verhinderte eine Erörterung des Geschehenen und Ungeschehenen. Endlich trieb Diestel, wiederum wie ein Schäferhund, zum Aufbruch und schwatzte von seinem Hunger und daß ihm der Magen krache, um ihn so recht an seine Unvollkommenheit zu mahnen. Verstimmt, wortlos verließen nun die letzten die Kapelle. – VIII Seit diesen zwiespältigen Offenbarungstagen wuchsen die übeln, drohenden Ereignisse und verfinsterten den Himmel über den dicht zusammengedrängten Schäflein dieser Hürde. Graf Finkenstein trat mit geflissentlichem Aufsehen aus der Gemeinschaft. Seine Schwester konnte ihm den Zweifel an dem Wiedererscheinen des Herrn an jenem Ostertage nicht verzeihen, denn sie und alle andern schrieben dieser Mattherzigkeit das Fehlschlagen der Hoffnung zu. Das Mädchen behandelte ihn so fremd, so eisig, sie veranlaßte alle übrigen zu gleicher Abweisung, daß der sonst weltwillkommene Mann sich inmitten einer Gesellschaft seiner nächsten Standesgenossen gar von Frauen verachtet und moralisch gezüchtigt sah. Weder sein Stolz, noch sein Verstand ertrugen diese Behandlung. Seine Gattin, weltlicher gesinnt, ehrgeizig und lebensfroh, bestärkte ihn in seinem Zorn; sie hatte sich dieser Gemeinschaft bei aller sonstigen mehr gesellschaftlich geübten, als innerlich strengen Frömmigkeit nur widerwillig gefügt; sie glaubte den Gemahl und sich selbst aus einem Kerkerloch befreit, als sie dem Kreise den Rücken kehrten. Auch waren ihr Andeutungen, eigentümlich vorsichtig versteckte und zugleich merkwürdige Ratschläge Ebels, ihr eheliches Leben betreffend, längst wunderlich und zudringlich erschienen. Jetzt deuteten sie und ihr Mann diese Reden vielleicht anders, als sie gemeint waren, die sogenannten geschlechtlichen Reinigungen, von denen sie früher als von einer Eigentümlichkeit der Lehre ohne besondere Gedanken reden gehört, vielleicht selbst gesprochen hatten, schienen beiden nun höchst widerwärtig und heuchlerisch als Vorwände übler Geheimtuereien in einem schlimmen Lichte. Finkenstein sah seine Schwester ohne Rettung diesem Übel preisgegeben, er konnte nur auf sie verzichten, die nichts von ihm wissen wollte. Nach seiner Absage erkrankte Minna Kanitz auf den Tod. Sie war von je äußerst zart und körperlichen und seelischen Leiden mehr noch als andere Frauen ausgesetzt; eine Schwangerschaft, die ihre geringen Kräfte aufgezehrt hatte, und dazu die beständige seelische Erregung warfen sie vollends nieder. Sachs, der ihr in der schweren Stunde geholfen hatte, gab weder für die Mutter, noch für das äußerst schwächliche Kind Hoffnung. Minna zeigte in ihrer Mattigkeit nicht einmal für dieses kleine Wesen besondere Teilnahme, freilich hatte sie es nach der Geburt mit einem wehmütigen Lächeln neben sich ins Bett genommen und das kleine, verrunzelte, greisenhafte, rote Lärvchen nachdenklich betrachtet, aber sich nicht gewehrt, als man ihr das Kind bald wieder wegtrug. Sie war zu schwach, es zu nähren, es starb bald und sie fragte seither nicht einmal nach ihm. Ihr Mann, der bei allen diesen Ereignissen ratlos, bald demütig ergeben, bald zornig und ungeduldig herumstand, von der Hebamme, den Besuchern, den Frauen, am meisten von Sachs hin und her geschoben, mit Besorgungen und Handreichungen beauftragt, die er höchst unvollkommen erledigte, in seiner Verzweiflung vereinsamt, da niemand ihm Antwort oder Trost geben konnte, näherte sich der Frau, die bleich und aufgelöst dalag, wie einer Fremden. Auch in der Ehe war sein Verhältnis zu ihr ganz fern und unklar geblieben. Es gab kein böses Wort, aber doch lag eine ganze Welt zwischen ihnen. Sie teilten ja vieles, den Glauben, alle Überzeugung im einzelnen und die göttliche Verehrung Ebels, aber dies alles war zu wenig für eine Ehe, die so Hohes verlangende Menschen vereinigen sollte; was sie trennte, war zu viel, als daß es durch allgemeine Güte des Wesens, durch gegenseitige Teilnahme hätte ausgeglichen werden können. Kanitz behandelte Minna mit achtungsvoller Scheu und vorsichtiger Zartheit, sie ihn mit einer wehmütigen Freundlichkeit, die tief verletzen mußte, wo Liebe erfordert war. Daß in einem Kreis, der sich für auserwählt hielt, der in einer Sphäre hoher Gefühle daheim war und keine irdische Rücksicht kannte, eben aus diesem leidenschaftlichen Empfinden eine Ehe geistlicher Konvenienz möglich, ja notwendig werden konnte, gehört zu jenen erschütternden tragischen Schicksalseinfällen, die den Handelnden, gerade wo sie die höchste Freiheit in der höchsten Absicht behaupten wollen, mit der unerbittlichen Übermacht der Natur alle eigene Bestimmung entwinden. Solche Menschen werden in den Abgrund versenkt, den sie selbst zwischen sich und das ganze irdische Geschlecht gelegt haben. Nun verharrte Minna bleich und fiebernd stundenlang in einem Halbschlafe. Wenn sie wach war, blickte sie eigentümlich klar und fremd und schien doch niemand von den Anwesenden zu bemerken, obgleich sie die nötigen Handreichungen erbat, dafür dankte, auf Fragen antwortete. Namentlich mit ihrem Gatten blieb das Gespräch gleichsam leblos und gegenstandslos. Eine gewisse Ungeduld warf sie umher, ohne daß sie ihre Wünsche ausdrückte, denn sie äußerte nur unwesentliche, deren Erfüllung sie nicht beruhigte. Die Teilnahme der vertrautesten Besucher war ihr lästig, bloß die angeborene, immer geübte und selbst in diesem Zustande noch gewahrte Höflichkeit und Zucht des Betragens, oder ihre äußerste Schwäche hinderten sie, den Überdruß durch Worte laut werden zu lassen. Als Ida von der Gröben kam, sonst ihre nächste, ihre Herzensfreundin, zeigte Minnas Gesicht eine Veränderung, die alle erschreckte, als fürchte sie sich, sie machte eine abwehrende Handbewegung, aber zu schwach, sich aufzurichten, etwas zu sagen, sich zu verteidigen, drehte sie sich zur Wand. Ida setzte sich gleichwohl an das Lager, ergriff ihre Hand, flüsterte mit liebevoller Stimme Freundliches und Tröstendes, über die sichere Wirkung der Arzneien, über die baldige Kräftigung und dergleichen. Minna schien dies alles zu hören, sie antwortete sogar, als ob sie daran glaubte, aber ihr Blick war ungehalten. Endlich unterbrach Sachs dieses Zusammensein, indem er Ida mit den Augen winkte, sie möge gehen. Erschüttert und ihre Bewegung verbergend, wollte die Gräfin von der Gröben Abschied nehmen, aber Sachs schüttelte zornig den Kopf und machte bloß eine Gebärde: Still fort! Da schlich sie auf den Zehenspitzen weg, den Blick unverwandt nach der Ruhenden gerichtet, ob diese ihr nichts sagen oder bedeuten wolle. Aber Minna sah streng vor sich hin und beachtete Idas Weggang nicht im mindesten. Bald danach schien sie ein Geräusch zu hören und wurde unruhig, bis Ebel eintrat, worauf ihr Antlitz einen seltsamen, peinlichen, lächelnden Ausdruck annahm und Runzeln über ihre Stirne zuckten. Mit klarer Stimme, ohne den Diakon anzusehen, der bei der Tür stehen blieb, aber auch ohne Sachs oder ihren Gemahl anzusprechen, sondern immer gleichsam durch die Zimmerwand schauend, fragte sie plötzlich: »Muß ich sterben?« Als ihr niemand antwortete, wiederholte sie mit ruhiger Stimme: »Muß ich sterben?« Sachs wollte sich ihr nähern, da lächelte sie ein wenig und machte eine kleine Handbewegung, als meinte sie: es ist gut, ich weiß genug. Jetzt trat Ebel an ihr Bett und faßte ihre Rechte und sprach von der wahren letzten Vollendung, die ihr bevorstehe, von den höchsten Wonnen, denen sie entgegengehe, da sie den Herrn selbst wiedersehen werde. Sie unterbrach ihn mit der Bitte, er solle ihr das Abendmahl reichen. Ebel fuhr fort, indem er beschrieb, wie sie ihr junges edles Leben geübt und geschärft hatte für dieses endliche Ziel, da nahm ihr Gesicht, das bisher geduldig lauschend erschienen war, von neuem den finsteren Ausdruck an, und sie wiederholte dringlicher ihre Bitte. Wiederum fuhr Ebel, der, durch diesen nahen Tod in seiner nächsten Umgebung gewaltsam erschüttert, Gottes Nähe und Entscheidung über ihn selbst spürte, mit den Worten der Hoffnung und Zuversicht fort, die nur er hier benötigte, und bat die Sterbende, sie möchte seine und ihrer aller Botin an den Heiland sein, dem sie berichten sollte, wie er, Ebel, Lehre und Beispiel verwaltet und verstanden habe, und sie möchte aus ihrer neuen Welt ein Zeichen der Wahrheit senden, und daß diese mit der Erfüllung übereinstimme. So würde sie erst über ihr Leben hinaus Trost, Gewißheit, Gnade spenden. »Schweig,« flüsterte Minna erregt und entzog ihm die Hand, die er noch immer hielt, »gib mir das Abendmahl.« Endlich reichte ihr Ebel mit schier unwilliger Gebärde den Kelch. Unter den üblichen Gebeten nahm sie den Trank, dann lehnte sie sich mit verklärter Stirn befreit zurück, sprach kein Wort mehr und ließ keinen mehr zu sich sprechen, sondern schien mit gefalteten Händen, aber mit geschlossenen Augen zu beten oder zu schlummern, bis ihre Arme plötzlich schlaff herabsanken. Auf dem Heimwege sagte Ebel erschüttert zu Sachs: »Daß sie so schwer gestorben ist. Sie hat doch die Wahrheit gehabt.« »Welche Wahrheit?« antwortete Sachs mit einer Stimme, die Hohn, Zorn und Erschütterung nicht mehr verbarg. »Deine Wahrheit, nicht aber ihre. Du hast sie mit deiner fürchterlichen Gottseligkeit unterjochen können, solange sie unter deiner Macht stand, aber wenn es zum Sterben kommt, schlägt der eigentliche Mensch aus. Du solltest das gespürt haben.« »Ja, der Leib, alles Sterbliche, das Tier empört sich noch einmal.« »Du hast es mit allen deinen Reinigungen nicht ausgetrieben. Hast du dieses Tier nicht aus ihren Augen schauen gesehen, Ebel? Hast du den Blick vertragen? Dich ist er angegangen. Das Tier hat den Henker angeschaut.« »Sie hat ihr Leben aus freier Wahl und mit freiem Willen gelebt.« »Damit hat sich noch jeder geistliche Verführer entschuldigt. Aber siehst du denn nicht: dieses Frauenzimmer hat dich geliebt, alle diese Jahre der Qual und der Züchtigung lang, deshalb hat sie alles gelobt, alles geglaubt, alles getan, was du verlangt hast. Das war ihre Wollust, nicht ihr Glaube. Hast du das nicht gewußt?« »Warum sollte die Liebe nicht ein gerechter Grund des Glaubens sein?« »Du hast sie zu ihrer Ehe gezwungen und hast weiter gepredigt und weiter beseligt, bis zu diesem Sterben!« »Ich bin kein Herr über Leiber, aber die Seelen hab' ich bestimmt und will's verantworten.« »Ihr Blick war so aus Leib und Seele zusammengeboren, daß du ihn nicht verantworten könntest. Das Leid der anderen magst du leicht auf dich nehmen.« »Was kann ich dafür, daß unser Leben hier voll Qual ist. Gott macht sich für uns nicht leicht. Wir sind nicht Menschen, um es gut zu haben.« »Du brauchst, glaube ich, nicht zu klagen. Du forderst ja immer nur von den andern. Dir lässest du nichts abgehen.« »Ich kann keinem mehr bieten, als mich selbst. Und keinem habe ich mich geweigert. Ich war offen wie ein Tisch. Wer meinen Frieden, meine Verteidigung, mein Glück nehmen konnte, hat es genommen.« »Du hast versprochen und nichts gegeben als höchstens Worte. Dieses Weib aber hat Durst gehabt. Und du hast sie gepeinigt. Du hast sie von ihrer Quelle zurückgehalten, da sie trinken wollte, bis sie verschmachtet ist.« »Sie hat es so gewollt.« »Weil du es so verlangt hast.« »Ja. Und ich habe sie dadurch erhöht, denn jeder hat seine Bestimmung zur Erkenntnis, jeder hat seine Seele von Gott und Gott in seiner Seele und ist ihr verpflichtet. Das habe ich in ihr erweckt.« »Und das willst du nicht sehen, daß wir einen Leib haben, der auch von Gott ist und Gott in ihm, daß wir auf einer Erde leben, wo Pflanzen wuchern und Insekten im Taumel einer Stunde Gott näher sind, als jeder Wille. Wo Tiere sich in gewaltiger Lust begatten und daran ihre Schönheit und ihr Schicksal haben, um das Tier auf der Erde zu erneuern, und wo Menschen einander suchen und begehren, da ist Gott. Und ich sage dir, daß die Lust eines Menschenpaares, da es sich umschlingt und voneinander Glück begehrt, um ein Kind zu zeugen, Gott selbst gebietet. Und wer diesen Augenblick durch den Willen versteint, durch das Bewußtsein erstarren macht, zwischen diese Einheit das Schwert des Gedankens legt, der hat Gott gemordet. Nur wer das Herz zu dem Stück Tier faßt, das er ist, der hat die Seele zu dem Stück Gott, das ihm vergönnt ist.« »Wenn du immer so glauben, so denken könntest, wärest du herzhaft böse, und in deiner Weise hättest du freilich recht, denn auch der Ruchlose bezeugt Gott. Aber das vermagst du nicht, deshalb kommst du zu mir, deshalb hast du mich angehört, deshalb folgtest du mir. Und so geht es allen. Sie ahnen, sie wissen etwas anderes in sich und vom Menschen. Sie wünschen es mit aller Kraft, es gibt einen Durst, den dieses Wasser nicht stillt, das aus den Brunnen auf der Erde fließt, eine Liebe wissen wir alle, außer unseren Paarungen, eine Erfüllung, die nicht in den menschlichen Jahreszeiten reif wird. Es gibt ein Licht in uns allen, das wir zwar verschütten können, aber das in Stunden dennoch tief in uns glüht und wir kennen ein Glück, das über und außer uns besteht und das wir finden müssen. Wir haben alle unsere Sinne, nicht damit wir sie ziellos brauchen, sondern damit wir aus uns und mit ihnen den wahren, den eigentlichen Menschen erschaffen, aus diesen Sinnen können wir unser Antlitz, unsere Gestalt, unsere Bestimmung formen. Gott hat uns nach seinem Ebenbild gemacht, nicht sich nach unserm, und wir müssen uns nach seinem Ebenbild bilden, nicht nach unserm. Das bleibt unsere Bestimmung, so daß wir, wenn wir allen unseren Willen auf dieses Höchste gerichtet haben, in Wahrheit Gott auch ähnlich werden. Hast du nicht schon an Werken von Malern und Bildhauern gesehen, wie sie in irgendeinem Zug auf irgendeine geheimnisvolle Weise ihrem Urheber gleichen? So können wir uns Gott ähnlich machen. Wer freilich das Tier, den Lehm, aus dem wir geformt sind, als solchen liebt und ausbildet, der wird aus sich einen Götzen machen, der hinfällt, wenn der Hauch bläst. Aber wer seine Sinne als ein Schöpfer braucht, der entäußert sich ihrer um des Werkes willen, das ihm auferlegt ist, und wenn seine Stunde kommt, hat er ein Bild vollendet, das Gott gleicht, nein, Gott selbst ist. Dann wird die Form zerschlagen, aber das Bild ist Wahrheit und Ewigkeit.« Sachs blieb stehen und sagte: »Oh, ich will dir die Quelle aller deiner Erkenntnisse zeigen. Denn wenn ich dir nachgegangen bin, so war's aus dem gleichen Grund, nur hab' ich mir's nicht klar gemacht, bis heute vor diesem Anblick des Todes. Angst und Eitelkeit schauen aus dir und aus deiner Lehre! Du bist ein Feigling, du fürchtest dich vor dem Tod. Du zitterst vor dem Gedanken, dein wertes Ich, dein wohlgefälliges Antlitz, dein schöner Anstand könnte eines Tages zu Staub werden und in irgendeinem Grab, ohne Spur und bis auf die letzte Erinnerung getilgt, zu einem Haufen Dreck vermodern. Ich bin ja selber so feig, ich weiß es. Da erfindest du, was alle Menschen seit Anbeginn sich eingebildet haben: ihre Ewigkeit und Unsterblichkeit und ihre Erneuerung in Gott. Aber in dieser Furcht zerstörst du das einzige, was du besitzest und zerstörst es allen andern: das Leben selbst. Du vergiftest den Brunnen aus lauter Durst. Hast du Minna sterben gesehen und kannst noch glauben, daß sie lebt und mehr erlangen soll, als sie verlieren mußte?« »Ja, das glaube ich.« »Nun, ich habe nur eine furchtbare Kraft in einer furchtbaren Enttäuschung für immer zerbrechen gesehen.« »Nein, die Enttäuschung endet, die Kraft kann nicht aufhören.« »Wer die Kraft zu seinem Gott hat, der muß die Kraft zu seinem Tier haben.« »Nein, über sein Tier! In jedem Sinn ist ein Tier lebendig, der Adler des Blickes, der Hund des Geruchs, der Schakal des Mundes, der Löwe der Arme, sie alle jagen mit ihm und dienen dem Menschen, der starken Seele, die sie ausschickt und zurückruft und unter deren Gebot sie sich fromm einschmiegen müssen, weil sie einem Geist angehören, nicht sich selbst allein.« »Wohl dir, Ebel, wenn du in deiner eiteln Gottseligkeit leben und mit deiner Kälte das Übel ansehen kannst, das rings um dich wächst. Denn, magst du alles für wahr halten, was du sagst, alles glauben, was du lehrst, eines mußt du wissen, daß du unendliches Leid und allen Schmerz der Kreatur verschärfst, wenn du sie zu deinem Gott zwingen willst. Laß den Staub beim Staube! Warum gehst du nicht in die Wüste? Setze dich nieder und beschaue deinen Nabel und erfreue dich deines Gottes in dir, aber laß die Menschen Menschen sein mit ihren Sinnen und ihren Begierden, mit ihren Erfüllungen und ihren Verzichten. Kannst du einen einzigen für den Verlust einer guten Stunde, für einen Schmerz entschädigen, den dein Hochmut ihm angetan? Ich könnte nicht mehr ruhig schlafen, wenn ich die Scham und das Elend des Blickes auf dem Gewissen hätte, womit dich Minna angeschaut hat. Auch aus ihr hat Gott zu dir gerufen. Aber du willst nur deine Stimme hören. Du bist hochmütig, Ebel! Du kennst nur dich und deine Anmaßung. Das Elend, das du angerichtet hast, kann dich nicht bewegen, du bist schwer wie ein Berg von Stein, kalt und hart wie Stein. Es wallen Ströme von Liebe um dich, du rufst von überall her Liebe, Wärme, Empfindung über dich, weil du daran leer bist, es fließt dir zu, wie in ein offenes Becken, das bloß empfangen kann, aber du gibst nichts her, als das leere Rauschen der Worte und keines, das Liebe, Mitleid, Menschlichkeit, Leben bedeutet. Deine Gottseligkeit ist Eiseskälte. Unter deiner Rede grünt nichts. Oh, du hast nur die Pfaffengewandtheit, alles nach deinem passenden Gebrauch für dich umzudeuten. Du sammelst Weiber um dich und reinigst sie. Das ist Augenlust und Fleischeslust wie bei den andern, die du Tiere schimpfst. Aus deinen ohnmächtigen Begierden machst du gottselige Götzen und dienst ihnen mit Weihe. Du wärst nicht so schlau, wie du bist, wenn du dir aus deiner Niedertracht nicht noch ein gutes Gewissen gemacht hättest. Und die Narren, die du betrügst, sehen deine Schamlosigkeit und sagen, es ist Keuschheit, spüren deine Härte und beben vor Gott. Sie, die aller Liebe würdig sind, opfern sie dir und legen sie dir zu Füßen. Und du gehst über diesen Teppich. Du lassest getrost alle Menschen sich kreuzigen, damit du dich erhöhen kannst. Du begehst alle die Sünden, die du ausrotten möchtest, nur wendest du sie verschmitzt von außen nach innen, denn deine geschlechtliche Reinigung ist erst recht Unzucht und stammt aus einer verstellten, darum schamloseren Begierde, deine Keuschheit ist erst recht nichts anderes als Geilheit und erfüllt sie auf heiligem Weg und mit heiligen Mitteln wider die Natur. Deine Entäußerungen sind verkappte, stechende Wollüste und was dir Erfüllung bietet, tut denen, die dir folgen, Leid. Du kreuzigst die andern und wäschst hochmütig deine Hände in Unschuld. Oh, welches schmutzige Wasser! Das Tier ist reiner.« Er schwieg, außer Atem. Ebel, der neben ihm gegangen war, trat einen Schritt von ihm weg und sagte leise: »Ja, du bist böse von Natur, darum willst und kannst du nichts anderes sehen, als das Übel. Wer so schaut, muß in allem sein Ebenbild finden. Du gehörst freilich zu mir, so wie das Schlechte zu uns gehört. Deshalb bist auch du mir auferlegt. Ich habe alle Geißeln gespürt, angespieen bin ich jetzt, sei getrost, auch mein Kreuz wird nicht fehlen.« Damit ließ er ihn stehen und eilte fort. Diese längst fällige Auseinandersetzung hatte für Sachs die feindselige Trennung vom ganzen Kreise zur Folge. Graf Kanitz schickte ihm in seinem und Ida von Gröbens Namen mit einem Briefe voll Drohung und Verachtung das Entgelt für ärztliche Behandlung. Ebel litt sehr unter dem Verrat, wie Sachs' Abfall genannt wurde, er ahnte, damit beginne sein eigener Absturz. Wie immer seine Lebensführung und Anschauung und der Wille gewesen sein mag, der ihn bestimmte und Macht über Menschen gewann, es war die unheimliche, rätselhafte und gefährliche Kraft eines Einzelnen, die ihm zum Verhängnis werden muß, sobald sich einer der Unterjochten empört und der beherrschten Masse das Recht auf sich selbst wiedergibt. Im kleinsten Umfang wiederholte sich hier das ewige Schauspiel der bewegenden und der bewegten Menschen, das nur zweierlei Schicksale kennt: Entweder kreuzigt der eine die Menschheit, oder die Menschheit kreuzigt den einen. Hingegen hatte Sachs zwar einen Alpdruck überwunden, aber er stand doch noch unter der peinigenden Erinnerung seiner Unterjochung unter Ebels befehlendem Blicke und der vornehmen Frauen Strenge, unter der hohen Erwartung, dem übermenschlichen Anspruch, und er mußte seine Befreiung mit einem Haß, einer tiefgehenden beschämten Erniedrigung bezahlen, die er weder sich selbst, noch Ebel jemals verzeihen konnte. Daß man seinen Abfall mit Verachtung bestrafte, ohne seine inneren Gründe, seine eigentliche Notwendigkeit anzuerkennen, erfüllte ihn mit einem Bedürfnis nach Rache, das nur seine Stunde abwartet, um dann furchtbar aufzuzischen. Was vor einiger Zeit noch eine Gefahr gewesen wäre, den einflußreichen Geistlichen zu beleidigen, gereichte dem Arzt jetzt beinahe zum Vorteil. Er, der durch den Einfluß Ebels und der Seinen die Professur erlangt hatte, brauchte diesen Einfluß nicht mehr zu fürchten, seit Schön und der damalige Rationalismus mit ihm in Königsberg zur Macht gekommen war. Seine still lauernde Bereitschaft fand unverhofft einen Bundesgenossen im Grafen Finkenstein, dessen Schwester bald nach Minnas Tode Kanitz heiratete und dadurch zu einer herrschenden Stelle in der Gemeinschaft aufrückte. Sie hatte sich längst jedem Gefühl für den Bruder entzogen, dessen Austritt aus dem Kreise ihn zum Feind aller gemacht. Die Schwester empfand seinen Abfall doppelt, weil sie sich als Verwandte gewissermaßen für ihn verantwortlich fühlte. Sie betrieb nun die Vergeltung hierfür mit jener kleinlichen Eindringlichkeit und böswilligen Findigkeit, die Frauen so natürlich ist, wenn sie hassen. Sie bewog Kanitz, ihrem eigenen Bruder ein Darlehen aufzukündigen, womit er ihm vor Zeiten eine wichtige, jetzt noch schwer zu entbehrende Hilfe geboten hatte. Dieses Vorgehen der eigenen Schwester mußte den Grafen Finkenstein aufs äußerste erbittern. Er sah sich von ehemaligen Nächsten nicht nur ausgeschlossen und gehaßt, sondern wie ein Schädling verfolgt und in der Ebelschen Gemeinschaft nun nichts anderes mehr, als die vereinigte menschliche Niedrigkeit und Feindseligkeit. Haben Gegner sich wie zwei Tiere einmal in solchen Kampf verbissen, so wird das Gefühl nicht leicht fehlen, im andern sei nicht der einzelne, sondern das Böse schlechthin zu vernichten. Wie mußte es den Beleidigten empören, als er nun noch erfuhr, der Ebelsche Kreis sei im Begriffe, ein anderes Mitglied seiner Familie, ein junges Wesen von auserlesener Schönheit, eine Verwandte, die er hoch schätzte und die ihm bisher herzlich nahe stand, an sich zu ziehen, ein Fräulein Celine von Myrbach. Dieser, wie er es ansah, ruchlosen Verführung wollte er nicht länger untätig zuschauen und schrieb der jungen Dame, die ihn wegen vorher geäußerter andeutender abfälliger Bemerkungen über Ebel zur Rede gestellt hatte, folgenden Brief: »Meine liebe Celina! Da Dich der liebe Gott in Deinem Schreiben Fragen an mich hat tun lassen, von denen es des Heils Deiner Seele wegen wünschenswert gewesen wäre, wenn Du sie früher und in unbefangenerem, gedemütigterem Geiste des Christentums getan hättest, als es, nach Form Deines Briefes zu urteilen, nun der Fall zu sein scheint, so habe ich die feste Hoffnung, daß Dein Ohr den einfachen Worten der Wahrheit noch nicht ganz verschlossen sein wird. Ich werde also meine Kenntnis von dem Geist und Leben Ebels kurz aussprechen, die ich durch bittere Erfahrungen von vielen Jahren und böse Kämpfe der Seele erworben habe. Dem Menschen, der an sich selbst und durch Beobachtung der Geschichte die Bosheit und Schmach des menschlichen Herzens erfahren hat und von der List und Tücke des Satans weiß, welcher sich sogar einem Engel des Lichts angleichen kann, dem wird, was ich erzähle, weder außerordentlich, noch unglaublich scheinen. Der gewöhnliche Weltmensch kann es freilich nicht fassen. Du weißt, daß am Ende des vergangenen und zu Beginn unseres Jahrhunderts ein hochbegabter, aber vielfach verwirrter Mann, Schönherr, die ewigen Wahrheiten des Glaubens in der Heiligen Schrift auf die äußere gebrechliche Stütze des menschlichen Verstandes setzen wollte, und aus der Beobachtung, daß man in allen geschaffenen Wesen einen männlichen und einen weiblichen Pol wahrnehmen kann, ein Urwesen des Feuers und des Wassers als göttliche Elemente ableitete. Mit dieser Einbildung bemeisterte sich seiner und namentlich seines vorzüglichsten Schülers Ebel zugleich der hochmütige Wahn alleiniger Erleuchtung und daß sie einen Schlüssel zu aller Wahrheit besäßen, Träger der Erkenntnis für die ganze Menschheit seien. Es ist Dir bekannt, wie Ebel sich nachmals von Schönherr lossagte und viele, nach christlicher Vollendung trachtende Menschen, Kanitz und andere und so auch mich und mein Haus durch seine Versprechungen zu gewinnen verstand, daß er uns den Weg des wahren Christentums weisen könnte. In vier Jahren eines fürchterlichen Gewissenszwanges, der mir jetzt erst erklärlich und notwendig erscheint, wann immer ernste Menschen auf selbstgewählten Wegen heilig werden wollen und zwischen Gott und dem ewigen Mittler Jesus noch einen Mittler schieben, so daß sie nicht geradeaus zu Christus gehen, in vier Jahren dieses Seelenzwanges erfuhren wir als eigentliche Aufgabe, für uns ein Reich Gottes in unseren irdischen Sinnlichkeiten zu erschaffen. Dies ist der Sinn der Ebelschen Unterweisung und nichts anderes, daß jeder dem anderen Urwesen in sich zum Bewußtsein und zur Unterwerfung unter das erste verhelfen müsse. Dies geschehe durch sogenannte Reinigung des Verhältnisses der Geschlechter zueinander und dadurch, daß man erkenne, wie unter den Erleuchteten alles rein und heilig sei, wie man also dem gemeinen tierischen Triebe des Geschlechts auch unter den nach Vollkommenheit Strebenden immer mehr Raum gestatten müsse, und es nur darauf ankäme, in jedem Augenblick über ihn Herr zu bleiben. Erst jetzt verstehe ich die höllische Verruchtheit andeutender Ratschläge, die Ebel mir und meiner Frau für unser eheliches Leben gegeben hat, und ich fühle mich wie vor einem Abgrunde gerettet, daß ich vor solcher Übung zurückgeschauert bin. Ich habe die zur Gewißheit gesteigerte Vermutung, daß Ebel mit Ida von der Gröben, Emilie von Schrotter und Marie Konsentius in einem unzüchtigen Umgang nach seiner scheinheiligen, in Wahrheit buhlerischen und lüsternen Lehre gestanden hat und Marie Konsentius, aber auch die arme Minna Kanitz durch unnatürliche Aufregung des Geschlechtstriebes vor der Zeit ins Grab gehetzt hat. Das sind die Gefahren für alle, die in die Ebelsche Kirche treten. Darum schließen sich Frauen ihr an, darum sind Mädchen wie Du aufs schwerste bedroht, wenn sie daran denken. Als ich das erkannt hatte, lernte ich wieder mich, wie ich bin, an der unsichtbaren, aber dem Sünder und Armen nahen Hand Jesus halten, und so untreu ich bin, er ist getreu geblieben bis auf diesen Augenblick. Diese herrliche Erfahrung, liebe Celina, wünsche ich auch Dir, dann wirst Du in einem Augenblicke wieder klar sehen und an Christi Hand alle Stricke des Versuchers zerreißen, die Dir drohen. Ich bin zu jeder weiteren Erklärung bereit und dazu, Dich immer wieder aufzunehmen, wenn Du auf Deinen unseligen Wegen weiterwandelnd, einmal wirst zurückkehren wollen.« Der Brief hatte den entgegengesetzten Erfolg, als den er beabsichtigt. Er trieb das Mädchen in die Arme der Ebelschen Gemeinschaft. Sie übergab das Schreiben dem Pfarrer Diestel, der mit seiner ganzen Gier und Fleischerhundleidenschaft über die Sache herfiel und dem Grafen mit solchen Beleidigungen antwortete, daß dieser notgedrungen eine Injurienklage einreichen mußte, die in der Folge eine nähere Untersuchung der gegen Ebel erhobenen Anschuldigungen nötig machte. Diese vom Oberpräsidenten Schön veranlaßte und beeinflußte Erforschung des Sachverhaltes ergibt einen Prozeß gegen Ebel und Diestel, der nun alles aufrollt, was für und wider die Gemeinschaft vorgebracht werden kann. Hier enthüllt Sachs, was er gegen seinen einstigen Freund auf dem Herzen hat, und ist der gefährliche Zeuge, weil er den Geist der Lehre selbst als Geist zugleich darzustellen und zu widerlegen vermag. Ebel verteidigt sich mit einer gewissen duldenden Gelassenheit, die von Mißgünstigen als Zaghaftigkeit und Schuldbewußtsein, von Geneigten als innerste Unberührbarkeit gedeutet werden kann. Für ihn treten die Gräfin von der Gröben und der getreue Kanitz mit zorniger, leidenschaftlicher und rücksichtsloser Ergebenheit ein, beide erhalten im Gange des Verfahrens Ordnungsstrafen, weil sie sich zu Beleidigungen von Zeugen, ja der Richter, des Gerichtes selber hinreißen lassen. Endlich weigert sich Ida von der Gröben überhaupt, vor einem solchen Tribunal zu erscheinen. Sachs wird durch die Bekundung seines eigenen, dereinst der Gräfin übergebenen Sündenbekenntnisses lächerlich und als Zeuge fragwürdig gemacht. Die Untersuchung schleppt sich im umständlichen, schriftlichen Verfahren, in dem eigentümlichen Schneckenrechtsgang vorwärts, der manche Beeinflussungen und Trübungen, willkürliche Auslegungen und Unterstellungen zuließ, ja begünstigte. Eine scheinbare Strafsache wird fast geflissentlich als Disziplinarangelegenheit behandelt. Vielleicht bestimmt auch eine selbst bei den Gegnern noch vorwaltende Rücksicht auf die Teilnehmer der Bewegung zu einer so ängstlichen und geheimen Behandlung der ganzen Sache, daß sie den Prozeß und seinen Gegenstand vielleicht für immer in Dämmerung und Unklarheit entrückt hat. Jeder sah darin nur, was er seiner Anlage und Gesinnung nach erkennen wollte, die sogenannten »Aufgeklärten« und Demokratischen ein Pfaffennest von geheimem Unflat und schmählicher Heuchelei, doppelt widerlich, weil es die Vornehmen und Begüterten anging, die Gläubigen und seelisch Beeinflußbaren den alten Kampf der weltlichen Masse gegen den reineren Willen des Einzelnen und gegen jede innere Erhebung und Zuversicht. Je nach der angeblichen Gesamtstimmung siegte bald die eine; bald die andere Meinung. Die erste Instanz verurteilte Ebel und Diestel zum Amtsverlust wegen vorsätzlicher Pflichtverletzung und erklärte beide zu allen öffentlichen Ämtern für unfähig, daß Ebel wegen Sektenstiftung in eine öffentliche Anstalt zu bringen und nicht eher zu entlassen sei, als bis man von seiner Besserung überzeugt sein könne. Als die demokratische und rationalistische Partei der ersten Instanz wiederum durch eine religiöse abgelöst war und Friedrich Wilhelm IV., selbst ein schwärmerischer und von verwandten Lehren bestimmter Monarch, zur Regierung gekommen war, entschied das Obergericht mit ebenderselben Ängstlichkeit und Vorsicht, die den ganzen Prozeß kennzeichnet, daß es zwar bei der Amtsentsetzung zu verbleiben habe, daß aber Ebel von der verhängten Verwahrung in einer öffentlichen Anstalt losgezählt und von der Anschuldigung der Sektenstiftung freigesprochen werde. Aber Ebel und die Seinen waren, so oder so, im Augenblicke, da der Staat in das tief versteckte, innerliche und zarte Gewebe dieser Beziehungen eingegriffen hatte, als Gemeinschaft vernichtet. Ebel zog sich mit seiner Frau, mit der Gräfin von der Gröben, dem getreuen Kanitz und noch etlichen Anhängern nach Ludwigsburg zurück, wo sie allesamt als eine stille scheue Kolonie lebten. Er selbst schrieb ein paar höchst verworrene und unlesbare Schriften über seine und Schönherrs Lehren, wie auch Ida von der Gröben und Kanitz in etlichen Broschüren nachträglich auf den Prozeß und auf ihrer aller Rechtfertigung zurückkamen, aber das Eigentliche wird man sowohl in diesen Äußerungen, als in den Prozeßakten vergeblich suchen, da die Handlungen im Dunkel der geheimsten menschlichen Triebe und Zusammenhänge verborgen, ja vielleicht sich selber unbewußt, vor sich gingen, und, wie immer sie gewesen sein mögen, in ihrer Dämmerung und ihrer Unbestimmtheit zerfließend, nur mehr zu deuten, nicht sinnfällig zu ergründen sind. Bloß die ewige Wiederkehr ewiger Wünsche und den Flügelschlag einer Sehnsucht nach Überwindung des gemeinen verhängten menschlichen Schicksals glaubt man zu vernehmen, und wie dieser Fittich rauscht und für eine Zeit einen Schatten auf den Tag der Menschen wirft. Der Schatten vergeht und unversehens nach vielen, langen Zeiten rauscht und schattet es wieder. Die kleine Fabel läßt eine größere Angelegenheit ahnen. Im Jahre 1861 schied Ebel aus dem Leben. Die Grabschrift des ersten Engels, des treuen Grafen Kanitz, aber ist diese: »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.« Der bedenkliche Kauf oder der verlorene Kopf Alfred Kubin zugeeignet In einem alten Hofe, dem sogenannten »Lehngütel«, auf der Höhe einer Waldstraße, die vom Inn hinaufführt und über die Donau nach Bayern weitergeht, wohnt ein berühmter Zeichner einsam in der Gesellschaft einer alten Magd, seiner Haustiere, seiner Bücher und seiner merkwürdigen Blätter. Auf seinem Abendspaziergang kehrt er wohl bei den Nachbarn ein, bespricht Weltlauf, Wetter, Ernteaussichten und gibt sich alle Mühe, so bäurisch zu reden wie die Leute, daheim aber, nach der geordneten Mühe des Tages, wenn er den grünen Lichtschirm aufsetzt und noch eine Stunde liest, läßt er sich von den Wellen der Gedanken aus dem Buche neue Gestalten und Einfälle zutragen. Er geht zeitig zu Bett, er trinkt weder Wein noch Tee, um seinen gerechten Schlaf zu sichern – er hat genug Aufregung und Abenteuer, Träume und Gesichte in seinem Kopf, er braucht sie nicht durch Reizmittel zu erschleichen. Frühmorgens tritt er allemal frisch, voll Lust an seinen Zeichentisch beim Fenster. In etlichen Bechern stehen viele Dutzend Federn an langen Stielen und Pinsel und Tinten und Tuschen bereit, Federn aus Gänsekielen und Schwanenkielen und breite Schilffedern und harte Holzfedern und Federn aus Stahl mit haardünnen Spitzen für den allerfeinsten Strich. Nun sucht er sich sein Werkzeug zurecht, prüft es an dem Daumennagel, dann auf einem Blatt, und die Augenblicke zwischen der ersten Probe und dem Anfang der eigentlichen Arbeit entrücken ihn schon in seine Welt. Sein Kopf wird warm, seine Finger eilen, sein Gesicht neigt sich zärtlich und streng über das gelblichweiße, alte, geschöpfte Papier, jede Linie ist leidenschaftliche Liebe, ist Schicksal, Furcht, Hoffnung, Glück, ist in dem Nu, da sie an ihrem Punkte ansetzt und zu ihrem Ende ansteigt oder sinkt, eine Ewigkeit in einer Sekunde. Jede Linie ist Musik des Sichtbaren und der Gedanken. Aus dem Zusammenklingen dieser Punkte, Geraden und Bögen wachsen Gestalten, Räume, Dinge, unerhörte Ereignisse von Geraden und Bögen, von Gesichtern, von Menschengesichtern und von Tiergesichtern und von den geheimnisvollen Gesichtern von Geräten, von Hauswinkeln, von Sträuchern, Bäumen, Wolken. In Stunden, in einem Tage ist manchmal ein solches Blatt mit Figuren bedeckt, mit Märchen voll Grauen und Lächerlichkeit, mit schaurigen Winkeln und lebendig-entsetzlichen Augen. Es ist seine Welt der Geister und Gesichte, des Gelächters, des Entsetzens, des irren menschlichen Kummerkrieges und -friedens und der haarsträubenden Fragen ohne Antwort. Er lebt wie ein Einsiedler im Gehäuse, jahraus, jahrein und – zeichnet. Aber gelegentlich muß er immerhin in die Welt hinaus, sei's auch nur auf ein paar Tage, wenn seine Pinsel und Federn aufgebraucht sind, zum Einkauf neuer Werkzeuge, von Papier und Tuschen und zur Ordnung geschäftlicher Angelegenheiten und, wie er sagt, zum Auslüften seines Gehirns. Das gibt dann immer wieder einen umständlichen Abschied von dieser Höhe und eine endliche Rückkehr voll Zufriedenheit, wenn er seinen vollen Koffer aus buntbestickter Leinwand, selbst einen phantastischen Wundersack nach seiner Manier, im Flur abstellen und beim Anstreifen seiner Filzschuhe die alte Magd, die freundlich bei der offenen Küchentür steht, selig-bekümmert fragen kann: »Nichts Neues?« Mitten in den Umsturztagen nach dem Kriege kam er in den Fall, sich allerhand Unentbehrliches zur Arbeit einholen zu müssen. Er hatte ohnehin schon arge Monate wie ein Belagerter in seinem Hofe ausgehalten. Kanonen hatten über das Donautal herübergebrüllt, man hatte stündlich das Eindringen der Feinde oder das Überfluten der aufgelösten eigenen Armeen gewärtigt, Plünderungen durch verwilderte Scharen und Untaten aufgehetzter, nicht mehr zurückzuhaltender Einzelner. Wie durch ein Wunder war das Ländchen indessen von solchen Nöten befreit geblieben, die gesunde Schwerfälligkeit des Volksschlages, die mächtige Gewohnheit von Gehorsam und Ordnung, wohl auch die geschützte Lage zwischen zwei Strömen, zwischen Wäldern hatten Höfe und Güter, Scheunen und Ställe, hatten auch unsern Zeichner und sein stilles Anwesen gerettet. Inzwischen war in München, wohin er als in die nächste Großstadt immer fahren mußte, um sich mit dem Nötigen zu versehen und seine Geschäfte abzuwickeln, die innere Wirrnis ausgebrochen, wovon er durch die Zeitung, durch mündliche Nachrichten Kenntnis erlangt hatte. Nach dem Sturz des Königtums war die Stadt zwischen die Schraube der feindlichen Parteien gepreßt. Heerhaufen durchzogen die Straßen, und als die sogenannte Räterepublik durch neuen Kampf von einer angestammten, kopfscheu und blutgierig gewordenen bürgerlichen Ordnung abgelöst wurde, die sich auch nur durch Schrecken und Strafen erhalten und befestigen zu können meinte, flogen Kugeln je und je durch die Gassen, und man konnte einen Geller ums Ohr pfeifen hören, wenn man so glücklich war, daß der Schuß einen nicht fühlen machte, was man vernommen hatte. Aber das Fürchterliche schränkte sich selbst immerhin auf gewisse beliebte öffentliche Orte ein, wo die Hauptgebäude standen, denen Angriff oder Verteidigung galten, in den übrigen Stadtgegenden war es vergleichsweise still. Dort ließ sich das gewohnte Leben von der Nachbarschaft des Schreckens nicht stören. Unser Mann hatte diese halbwegige Ruhe abgewartet, bevor er sich zu seiner nachgerade unabweislich gewordenen Reise entschloß. Er fuhr ungestört mit der Bahn, die Züge verkehrten regelmäßig, er traf in der Stadt ein, die er freilich verdüstert und vernachlässigt fand. Im ersten, noch ganz unwirtlichen Frühjahr bei dem stechenden zerstreuten Licht nahmen sich die Menschen, die unsauberen Straßenbahnwagen, die Läden ohne Waren, die Anschlagsäulen mit den irrsinnig durcheinandergeklebten Zetteln böse aus. Immerhin, es gab eine Tramway, gab Automobile, Licht, Wasser, sogar Kost, wenn auch schlechte und teuere, und wirkliches Bier. Die vielen Dinge übten ihre Ordnung aus über den vielen Menschen, die Sachen hielten die Leute zusammen. Federn, Pinsel, Kiele, Farben waren gottlob weder zum Essen, noch zum Trinken, noch zum Morden und Schreien da, so fand er sie in dem Laden, wo er einzukaufen pflegte, in allem wünschbaren Vorrat und konnte sich damit zu leidlichen Preisen versorgen. Das verringerte sein Unbehagen, und der Gedanke, morgen, mit dem Nötigsten ausgestattet, wieder in seine ländliche Stille zurückzukommen, stimmte ihn fast vergnügt, fast gleichgültig gegen die haßerfüllte Sorge, gegen die niederdrückende Not der sonst so munteren Stadt, ertappte er sich doch sogar bei einem schüchternen Pfeifen. Welches Glück, nicht hierbleiben zu müssen! Er schlenderte durch die Gassen. Plötzlich fand er sich in einem kleinen hofartigen Platze, wo es noch kürzlich recht arg hergegangen sein mochte. Die Häuserwände waren beschmutzt, Papier hing in Fetzen von den Mauern herab: öffentliche Anschläge aller Parteien in allen Farben, zerrissen, bekleckst, auch mit geschriebenem Schimpf, mit widerlichen Zeichnungen bedeckt, Kot, vielleicht – wer weiß – sogar eingetrocknetes Blut, zog sich in Runsen über die Sockel; die Fenster in den Erdgeschossen waren zerschlagen, man blickte in leere dunkle Räume, auf der Straße lagen über Glasscherben verbogene Stacheldrähte meterweis, andere waren noch mehrfach vor Tore, zwischen Pfeiler gespannt, vom ersten Stock eines Amtsgebäudes lugte die Mündung eines Maschinengewehres mit stählernen Augen seellos herab. Niemand schien hier mehr zu wohnen. Die Fenster höher oben waren, ob ganz, ob zerbrochen, mit braunem oder mit Zeitungspapier beklebt, manche mit Brettern verschlagen. Das gab den Fronten ein fleckiges Aussehen wie von einem Ausschlag. Keine Topfblumen wie sonst, keine Vorhänge, keine herausguckenden Menschenköpfe, geschlossene Läden, kein Wagen, kein Mistkarren, kein Hund, keine Katze, kein Sperling, keine Leute. Doch, wunderlich genug, zwei kleine Geschäfte allein offen, einander gegenüber, an den Schmalseiten des Platzes, in Gewölben zweier uralter Häuser untergebracht, mit unbekümmerten Auslagen hinter sauberen unzerstörten breiten Rundfenstern: Trödlerläden. Da mußte man doch zusehen, was es hier gab. Der Zeichner trat vor den ersten: Waffen! Die wurden hier wohl jetzt am meisten gebraucht: altes und neues Eisen, eingerostetes und blankes, moderne Brownings, große abgekommene Armeerevolver, aber auch malerische Pistolen aus dem Osten, kleine Handgewehre mit perlmuttereingelegtem Kolben, mit verziertem Hahn, kleinere handlichere Taschenpistolen, Flinten, urtümliche mit Steinschloß, neuere, allerneueste Gewehre aller Systeme, die sich wohl noch vor kurzem rückhaltlos gegeneinander ausgesprochen hatten, Doppelläufe mit Magazinen von blauem Stahl, recht gut geputzt – gebrauchte Flinten glänzen am schönsten, wie gebrauchte Spaten –, strotzende Patronentaschen, Stahlhelme mit und ohne Beulen, übereinandergeschichtet wie Kochtöpfe, Gasmasken, Säbel, erst kürzlich in Fäusten gehalten, geschwungen, dann weggeworfen, wieder aufgehoben, wer weiß auf welcher Flucht, nach welchem Handgemenge, mit offenen Klingen, andere in den Scheiden, bündelweise zusammengelegt wie Sicheln, aber auch alte Degen mit vergoldeten oder versilberten geschmückten Körben, Fechtrapiere, Schwerter, Dolche, Messer, Lanzen, Spieße, Hellebarden, Handschars . Alles war recht, was nur zum Hauen, Stechen, Schießen half und taugte: ein ganzes sichtbares Kompendium der Waffenkunde. Danach schien eine rege Nachfrage hier am Orte wie überall, etwa mehr zum Probieren als zum Studieren. Konnte man doch auch auf dem Lande draußen das meiste gegen einen Revolver eintauschen. Unser Held fühlte sich unter einem leisen Rückenschauer nicht gerade als Held für derlei Bräuche. Aber das gefährliche Durcheinander mit seinen Lichtern und Linien, Bögen und Schatten zog ihn immerhin an. Er las das Schild: Gotthold Gutermann, Althändler zum stillen Gast. Der gute Gutermann mußte den Beschauer wohl von drinnen her gespürt haben wie die Spinne die Fliege, denn sogleich trat er heraus, ein hoher, magerer, schwarzgekleideter, gebückter Mensch mit recht unbestimmten Zügen. Er konnte ebensogut vierzig wie siebzig Jahre haben, bartlos, mit einem durch und durch gerunzelten Gesicht, dessen braune Haut ohne Fleisch und Fett über die Knochen gezogen, aber weit genug war, um Falten zu werfen und Sprünge zu ziehen, ohne daß sich das spitze Nasenbein, die spitze Kinnlade, der spitze Backenknochen durchzubohren brauchten, wie sehr sie auch hinausstrebten. In den Augenhöhlen saßen farblose, wässrige graue Augen ganz drinnen und blickten desto weiter hinaus, über den Zeichner hinweg, durch ihn hindurch, indessen sich die schmalen, blutleeren Lippen öffneten und unter geschäftsmäßigem Grinsen die lückenhaften bräunlichen Zähne wiesen. Ein riesiger, zerbeulter schwarzer Hut beschattete diese Wüste von einem Gesicht. Er setzte gleich zu einer weinerlich greinenden Ansprache an: »Was wird dem Herrn gefällig sein, was werden belieben? Wir führen jederzeit Waffen jeder Zeit und Gelegenheit. Wollen der Herr eintreten! Anschauen kostet nichts. Alles unverbindlich, und vom Anschauen passiert auch nichts. Alles unverbindlich. Verbunden wird man erst später, wenn man sich auf etwas eingelassen hat. Wir haben, he he, auch überhaupt unverbindliche Waffen, bei denen, he, he, von einem Verband überhaupt nicht die Rede sein kann, Schmuck- und Dekorationswaffen. Historische Waffen, nicht bloß hysterische. Der Herr verzeihe den schlechten Witz, aber Waffen verlocken zu schlechten Witzen. Das ist ja der schlechte Witz der Weltgeschichte. Der Herr halten nichts von Waffen, der Herr schätzen vielleicht Bücher, Urkunden, he, he, geistige Waffen, ungeladene, die niemals losgehen, wie oft man auch daraus schießt und wie viele man auch damit umbringen möchte. Übrigens ein weitverbreiteter Irrtum, daß diese Waffen friedlich sind, Gott bewahre! Die Bücher erst mieten die Mörder, die Bücher laden die Gewehre und die Urkunden spannen den Hahn. Nur sterben die andern. He, he, solange Worte morden wollen, werden Hände töten. Auch damit können wir dienen.« Der Zeichner wäre am liebsten gleich weggegangen, aber sei es, daß ihn die Ansprache oder das Äußere des Verkäufers oder Neugierde festhielten, oder seine Handwerksleidenschaft für altes Papier, konnte er doch am besten dieses dicht geschöpfte, edle Urkundenpapier zum Zeichnen gebrauchen, worauf unsere Vorfahren ihre Verträge, Kaufbriefe, Kataster zu schreiben pflegten, und hoffte vielleicht, hier davon einen Vorrat zu finden; er folgte verlegen lächelnd dem Einladenden ins Gewölbe und stolperte über ein paar Holzstufen in den halbdunklen Raum hinab. Hinter den Waffenhaufen, die sich durcheinanderdrängten und bis zur niederen Decke auftürmten, lagen auf alten Tischen und Truhen, auf dem grauen Fußboden in Staub und Spinnweben in der Tat Bücher aus undenklichen Zeiten, alte und neue, gebunden und in losen Packen, in allen Sprachen. Der Inhaber kramte immer noch welche und noch welche hervor, Pergamente und Papiere, viele davon merkwürdig beschädigt, mitten durchgerissen oder durchlöchert wie von Stichen und Kugeln gleich Zielscheiben. Dazu nickte der Trödler fortwährend mit dem Kopfe, als säße sein Schädel lose auf dem Genick wie bei chinesischen Figuren, an deren Wackelhäupter sich der Zeichner erinnerte. »Verträge, werter Herr, Beweis der Echtheit, wenn sie zerrissen sind, je zerrissener, desto echter!« Dabei schleppte er immer andere herbei und warf sie hin, daß es nur so raschelte. »Traktate«, »Erbverträge«, »Friedensschlüsse«, »Hofdekrete«, »Kanzleidekrete«; »zum ewigen Gedächtnis«, »im Namen Gottes«, »in wechselseitigem Einvernehmen«, so oder ähnlich lauteten die Titel und Überschriften der mit vielen Schnörkeln, oft rot wie mit Blut gemalten oder gedruckten, gesiegelten und leider eben häufig beschädigten, zerknitterten Schriftstücke. »Wir haben alle Ideen der Menschheit hier auf Lager,« greinte der Händler, »lauter Antiquaria für Liebhaber, lauter Köpfe, gute Köpfe, feine Köpfe, aber leider Köpfe ohne Rumpf, Köpfe ohne Hand und Fuß. Die Ideen sind die Köpfe der Menschheit, aber das da,« er stieß an einen Bund Säbel, der rasselnd hinfiel, »das da sind die Hände und Füße! Zuerst sitzen die Köpfe fest, dann halten auch die Arme und Beine, aber schließlich werden die Extremitäten ungeduldig und hauen die eigenen und fremden Schädel ab, selbst ohne daß es die Ideen eigentlich gemeint haben. Übrigens sind auch die Ideen keineswegs unschuldig: damit das Paradies erobert wird, muß man in die Hölle kommen. He, he, die Extremitäten tanzen weiter, wenn die Ideen heruntergefallen sind. Vielleicht ist es ganz gut, wenn man zuweilen die Ideen, die Köpfe köpft, he he!« Der Zeichner las nur flüchtig einige Buchtitel, die ihm bekannt vorkamen. »Westfälischer Friede«, »Naturrecht«, »Völkerrecht«, »Manifeste«, »Kundmachungen«, »Polizeidekrete«, »peinliche Halsgerichtsordnung«, »Hexenhammer«, »majestas Carolina«, »codex Justinianus«, »contrat social«, »Kritik der reinen Vernunft«, der »praktischen Vernunft«, »Pitaval«. »Geschichte aller Zeiten,« greinte der Trödler, »lauter Mißverständnisse, Geschichte aller Mißverständnisse, worin sich die Achse der Erde dreht, Irrtümer sind die prästabilierte Harmonie des Menschengeschlechts. Die Köpfe sind nur Kugellager, auswechselbar. Abgenutzt wirft man sie weg und setzt andere ein, neue Mißverständnisse. »Areopagitica«, »die erneute Sibylle«, »von der christlichen Freiheit«, haben Sie davon was gespürt? »Von der Glaubensfreiheit«, nu, wie sind wir so frei, »Eikon Basilike«, »Eikonoklastes«, »defensio regio«, »der Leviathan«, Pufendorf, Grotius.« Er leierte tausend Titel herunter, zu denen er Nebenbemerkungen machte. »Wir haben lauter bewaffnete Schriften. Gibt es überhaupt wehrlose Gedanken, ungeladene Gedanken, welche nicht eines Tages losgehen und die Extremitäten zur Bewegung veranlassen? An den Ideen hängt Blut, jede ist mit Blut geschrieben, Blut ist aller Schriftsteller sympathetische Tinte, schuldiges und unschuldiges Blut. Man möchte gar nicht glauben, wie viel Blut zu so vielen Buchstaben nötig ist, je friedlicher, desto mehr. Das beste Blut gehört zum friedlichsten Wort. Vielleicht sind alle Buchstaben mit Blut geschrieben, zum erstenmal vielleicht, zum letztenmal gewiß. Mit Kopfblut, mit Herzblut! Um Geld ist schier weniger Blut vergossen worden, als um Buchstaben, oder Buchstaben vergülden erst durch Blut das Geld zur Entschuldigung, wie ein Opfer. Klebt am Blut kein Geld, so ist das Blut nichts wert, und klebt am Geld kein Blut, so lohnt das Geld der Mühe nicht. Das ist die Ökonomie der Weltgeschichte, solange der Kopf oben sitzt, sind die Buchstaben Geist, ist aber der Kopf ab,« – dabei nieste er heftig, als wollte er den eigenen Schädel abtun – »ist der Kopf ab« – gellte er, »dann sind die Buchstaben nur mehr Geld, blutiges Papier, blutige Münze. Überhaupt macht uns nur Blut die richtige Freude. Alles das haben wir jetzt um ein paar Mark, und waren doch Staatsverträge, heilige Bücher, Urgedanken, Unsterblichkeiten ihrer Zeiten. Unsterblichkeit währt noch kürzer als Redlichkeit. Belieben der Herr solche kurze Unsterblichkeiten zur Dekoration? Je zerrissener, desto malerischer! Mißverständnisse der Menschheit als Zimmerschmuck! Ach so, der Herr wollen auf unbeschriebene Seiten zeichnen! Auf den Rückseiten der Menschheit deren mutmaßliche Vorderseite? Bitte sehr! Man kann auf Staatsverträgen zeichnen, wo sind die Staaten, wo sind die Verträge, auf Kaufbriefen, wo ist das Gut, wo ist der Käufer!« Der Zeichner fand wenige brauchbare Blätter, die der Händler unter fortwährendem Anpreisen und Greinen sorgfältig einpackte, unablässig kopfschüttelnd, indem er den Kunden steter Dienstbereitschaft versicherte, die Holztreppe hinaufgeleitete und unter Bücklingen verabschiedete. Ganz benommen taumelte unser Mann hinaus. Gleich fand er sich auf der gegenüberliegenden Seite, wo ihn die zweite Auslage wegen des bunten wertlosen, aber malerischen Gerümpels zum Stehen und Schauen brachte: Flaschen, Gläser aus ordinärem Guß, Steinzeug mit schreienden, geschmacklosen Mustern, Bettladen, Matratzen, Messingreste, Nägel, Schrauben, verrostete Bolzen, eine buntangestrichene Madonnenfigur, Lederetuis von Feldstechern, verklexte Städtebilder in schmierigen Rahmen, Tabaksbeutel, Eisen- und Holzstangen, alte Scheren, Fahrradbestandteile, ein verbogenes Stativ eines photographischen Apparates. »Sollte denn gar nichts für mich da sein?« überlegte der Zeichner, und schon war er gefangen. Eine breite, in viele schwarze speckige Röcke und Tücher eingewickelte Frau, den Kopf selbst in einen Schal gebunden, nötigte ihn zum Eintreten. Sie war zunächst die auffallendste Sehenswürdigkeit ihres Ladens mit ihrem Tapirgesicht. Nase und Kinn strebten wie ein vorn abgestumpfter Rüssel zusammen, und kleine, gefräßige, schwarze Augen hinter Fettwülsten maßen den Gast, den Raum, die ganze wüste Wirtschaft wie in Hunger und Gier, als käme es auf die Gattung des Futters nicht weiter an. Die Person wälzte sich auch wie ein übermästetes Tier durch ihre Waren hindurch, rieb sich an Möbeln, schob mit Schnauben, Grunzen und Ächzen ein Hindernis aus dem Weg, hielt die Hände vor den Bauch und stieß so gegen etwas, kehrte um und segelte vor etwas anderes. »Was möchten der Herr?« rasselte sie, indem ihre Stimme gurgelte wie in einem Futterbrei. »Betten, Federn, Einsätze, Sessel, Tische, Vorleger, Pfannen, Kaffeemaschinen, Zeichengeräte, Holzlöffel, Pakfong , China, Double, Eheringe, Messer und Gabeln, einzeln, im Dutzend, Kochkisten, ein Pianino, Kindergeigen, Numero Zwei, halbe, dreiviertel, Lauten, Flöten, Rahmen, Töpfe, Aluminium, Eisen, Nickel! Wir haben alles, was das Haus braucht und das Herz begehrt, in bestem Stil. Bei uns ist Herz und Liebe, nichts als unglückliche Liebe, die weint um jede weggegebene Sache. In jedem Bett hat Liebe geschlafen und wird darin schlafen, wenn sie kann. Man trennt sich nicht leicht von seinen Sachen, mein Herr. Liebe ist das Hindernis und der Anstoß des Verkehrs. Die Sachen hängen sich an die Leute. Was liebt man nicht alles oder bildet sich ein, es zu lieben: Menschen? Herzen? Ach was: Gelegenheiten, Tisch und Bett, Bequemlichkeit, Kochrezepte, Lieblingsspeisen, Vorwände, Ausreden, Mitgiften. Man hat geliebt, man glaubt zu lieben, man haßt, man beneidet, man bangt sich, man ißt, sonst kann man nicht leben, man weint, das gehört dazu, man schämt sich, man kommt zu mir. Immer wegen Essen und Liebe! Das gibt einen Trennungsschmerz, wenn man was versetzt, da wird was gesorgt, was gerechnet! Warum soll man aus Liebe nicht weinen, aber aus Eigenliebe, man schämt sich, auch aus Liebe, man kommt zu mir, aus lauter Liebe, aus lauterer Liebe, aus lautester Liebe, aus Selbstliebe! Man braucht die Sachen nicht mehr, man braucht Essen. Aber die Sachen brauchen immer wen. Die Sachen überleben. In den Sachen stecken drei, vier Lebensgeschichten. Man streicht so ein Bett frisch an, man legt sich hinein und es ist stumm. Ich bin nicht die Öffentlichkeit, ich bin das Depot. Man handelt bei mir, man bietet, ich biete gegen, man vergißt bei mir, auch aus Liebe, morgen ist auch noch ein Tag, oder man ist gestorben und braucht die Sachen nicht weiter. Braucht man redende Sachen? Wenn sie einmal zu sprechen anfangen, müssen sie sterben wie Häuser. Sachen schweigen! Die Menschen reden genug, sollen die Sachen still sein! Aber deswegen sind sie eben Gräber für Herzen, Särge für Liebe, Tröge für Kummerfutter. Leintücher, feinsten Gradel hätten wir, man möchte direkt darauf sterben, so sanft, Taschentücher zum Weinen, zu gut für Schnupfen, Servietten, einmal wird man sie wieder brauchen, Bestecke, Käseglocken, das alles haben Leute gehabt, die niemand mehr belästigen mit ihren Angelegenheiten. »Wieviel Mühe machen sich die Menschen um solche Kummergerätschaften, um die Leidensgelegenheiten. Davon lebt unsereiner. Der Herr wollen etwas Schönes kaufen. Alle meine Sachen sind sehr schön. Gibt es schöne Menschen, frage ich? Es gibt nur schöne Sachen.« Der Zeichner spähte vergeblich nach irgendeinem interessanten Gegenstand, endlich sah er etwas, das er gewiß nicht brauchte, etwas Unheimliches, das nur er finden und gleich erblicken konnte, das ihn anzog, anrief. »Ich könnte wirklich einmal so was zum Zeichnen verwenden,« dachte er und faßte einen Totenschädel an, der hinter einem Kochtopf hervorlugte. »Oh, der Herr haben ein scharfes Auge,« pfauchte die Trödelhexe, »es ist ein echter Totenschädel, feinste Ausführung und, wie der Herr selbst sehen, garantiert haltbar! Der fällt überhaupt nicht auseinander. Man könnte ihn auch kunstgewerblich verwenden. Ein Schädel ist übrigens schon an sich ein Kunstgewerbe, zum Anschaun! Man kann sich viel dabei denken. Mehr als der sich selber gedacht hat. Ich sage immer zu meinem Mann: ›Menschenbein,‹ sage ich, ›ist viel schöner als Elfenbein,‹ und noch eins: es gibt viel mehr Menschen, als Elefanten. Wozu braucht man – sage ich – nach Indien zu fahren und die großmächtigen Trampel auszurotten, so lange man hier im Lande mehr Bein hat, als man braucht? Wozu schießt man denn an jedem Tage und wozu wird immer wer getroffen? Und wozu gibt es Krankheiten, Operationen, Unfälle! Ist's nicht eine Schande, daß die Industrie die Einrichtung auf Menschenbein versäumt? Den Knochen tut nichts mehr weh. Ist ein Schädel nicht ebenso stumm wie eine Matratze? Kann man in ein Holz einen Nagel schlagen, warum soll man ein Wadenbein nicht drechseln können? Baum ist nicht schlechter als Bein. Wird Baum Tisch und Bett und Papier und Zeitung, warum Menschenbein nicht Gabel und Messer und Büchserl und Nadel? Ich bin durchaus gegen die Feuerbestattung. Wer verbrennt Wälder! Wer wird Gebein verbrennen? Nichts geht über Menschenbein, und Menschenbein ist billig, mein Herr. Warum verwendet man nur Haare, auch Haut wäre großartig. Arme Haut? Haut ist reich. Menschenbein ist Rohmaterial, arbeitet im Leben doch auch allerhand Kunstprodukt, denkt lange Schulen lang, schreibt Bücher, malt, singt, tanzt macht Kinder, neues Menschenbein, haßt, schießt, stirbt in Menschenbeins Bett oder auf Menschenbeins Acker und Pflaster oder in Menschenbeins Meer und Schiff, warum soll Menschenbein auf einmal im Tod nichts mehr wert sein, wo es unbeschränkt verwendbar ist, warum in Menschenbeins Friedhof verfaulen? Ich bitte sehr: in Menschenbeins Welt kann man jeden Rohstoff brauchen, wer schämt sich? Mist ist ehrlich und nützlich. Warum ist Menschenbeins Rohstoff heilig? Vorurteil! Menschenbein hat Vorurteile! Menschenbein darf sich das leisten! Vorurteile sind Religion. Wenigstens den Schädel hat man zur Dekoration freigegeben. Müßiges Menschenbein dekoriert! Menschenbein ist noch billiger, als Menschenbeins Kunst und Wissenschaft. Man klaubt's auf der Gasse auf, wo Menschenbein um Menschenbein streitet, um Menschenbeins Futter oder Gerechtsame oder Kronen oder sonstige Fabrikate.« Sie lachte widerwärtig. »Findet man Menschenbein auf Menschenbeins Platz, so kostet es gar nichts. Blut und Bein sind das billigste. Menschenbeins Arbeit und Leben, das heißt Seele, Liebe, Essen und Trinken sind kostspielig, aber Menschenbeins Inhalt: Blut und Bein kosten noch weniger, als sie wert sind.« Der Zeichner hatte von dem Kauderwelsch gar nichts oder nur Brocken verstanden, es brummelte bloß um ihn, aber der Schädel fesselte ihn mit seiner Blässe, mit seinen Buchten und Höhlen und seinem Weltrund. »Ist er alt?« fragte er. »Alt? Jung? Was weiß ich? Vielleicht hat er vor vierzehn Tagen mit seinem Gedärm noch gedacht, verdaut und mit seinem Mund – da« – sie öffnete die Kiefer, wie wenn sie ein Pferdemaul wären – »noch gefressen und geredet, vielleicht vor hundert Jahren. Was weiß ich? Ich habe kein Attest. Bin ich Menschenbeins Vorsehung? Heute jedenfalls ist ihm wohl.« Sie drehte den Schädel in ihrer fetten Hand, als suche sie eine Spur darauf. »Nichts steht auf Menschenbein geschrieben, wenn's nicht von Menschenbein gebrochen ist. Ich suche gerade. Kugel oder Gewalt ist keine durchgegangen. Der da ist vielleicht im Bett gestorben. Was brauchen Sie einen alten Schädel? Sie brauchen einen Schädel, keinen Geburtsschein dazu und auch kein Sterbezeugnis. Ein junger wird's auch tun. Hält doch länger! Gelb wird er bald. Sie können ihn übrigens mit Sepia färben oder in Jauche legen zur Patina. Wegen Menschenbeins macht man solche Geschichten! Nehmen Sie ihn, es wird Sie nicht gereuen. Er ist Ihnen zu schwer, sagen Sie, für den Koffer, was glauben Sie, Menschenbein ohne Gedärm ist nicht schwer, nur was lebt, wiegt, aber totes Menschenbein ohne Zuwage, ohne Lebendgewicht, ist leicht. Nehmen Sie, mein Herr. Sie sind gut bedient. Der da ist ein echtes Stück Menschenbein! Solide Arbeit!« Schon um das endlose Schlappern und Rasseln der Hexe zum Schweigen zu bringen, und weil ihn dieses bleiche glatte Rund mit seinen Schatten und Höhlen anzog, kaufte er endlich das »tote Menschenbein«, wie die Alte den Schädel immer nannte, um billiges Geld, ließ sich ihn in Zeitungspapier einschlagen und steckte ihn, als er im Gasthofe seine Tasche für die Heimreise herrichtete, recht sorgfältig zwischen die Wäsche. – * * * Er war mit seiner Handtasche im Zuge wohlbehalten bis Passau angelangt, dann aber mußte er mit der Fähre übersetzen, um auf die Straße zu seinem Hofe zu kommen. Es war Abend. Er stand vor der Landungsstelle und rief. Keine Antwort. Ein Bauer, der ihm eine Weile zusah, sagte, die letzte Fähre sei um sechs Uhr gegangen. Jetzt sei der Fährmann längst fort beim Bier oder sonstwo. Der Zeichner klagte, er müsse dringend heim, heute abend noch, wo sollte er denn über Nacht bleiben, wenn er nicht übergesetzt werde. Der Bauer schüttelte den Kopf, vielleicht, entwickelte er langsam, sei der Fährmann im Wirtshaus, vielleicht könne man ihn schön bitten, beim Trinken freilich sei es schwer, nickte er aus Erfahrung. Der Zeichner stapfte also ins Wirtshaus, das zum Glück in der Nähe und des Fährmanns Wirtshaus war. In der Schankstube, die schon recht dunkelte, saßen ein paar Leute an einem Tisch beim Bier und rauchten Pfeife. Leise fragte der Zeichner nach dem Herrn Fährmann. Einer meldete sich. »Was will der Herr?« »Ich möchte gern hinübergefahren werden.« »Ist schon zu spät.« »Aber ich muß heute noch über den Berg.« »Nach sechs ist keine Amtszeit nicht und keine Fahrzeit. Das wird der Herr wohl wissen.« »Nun, Sie haben doch ein Einsehen, wenn ich Sie recht schön bitte. Es soll Ihr Schaden nicht sein.« »Ja wohl, ja wohl, aber ich darf überhaupt nicht.« »Warum denn nicht?« Der Zeichner scharrte vor Ungeduld mit den Beinen. Langsam und wohlüberlegt antwortete der Fährmann, während seine Gesellschaft schweigend zuhörte und dampfte. »Ich darf nur fahren, wenn das Zollamt verzollt hat. Nach sechse ist kein Zollamt nicht. Da können der Herr nicht verzollt werden.« »Ist nicht vielleicht auch der Herr Zöllner hier?« Am Tisch murmelte wer, man hörte Füße scharren, einen Lacher, einer sah verdrießlich und strenge auf, er trug seine Amtskappe schief – als nach sechs Uhr. »Was will der Herr eigentlich?« »Sie haben es ja gehört, ich möchte überfahren, und wenn ich vorher verzollen muß . . .« »Amtszeit ist bis sechs Uhr. Nachher wird niemand und nichts nicht abgefertiget. Ist ohnehin zuviel. Nach sechs Uhr bin ich ein Mensch. Wir sind auch nur Menschen.« »Zuviel gesagt,« dachte der Zeichner bei sich, indem er sich das Gesicht der Amtsperson im Hinblick auf deren behauptete Menschheitszugehörigkeit und auf etwaige Verwendung für malerische Zwecke einprägte. Er wollte den Mann mit Höflichkeit behandeln. »Werter Herr, verzeihen Sie, daß ich Ihnen Mühe mache. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Albrecht, Konrad Albrecht, Zeichner. Vielleicht haben Sie meinen Namen schon gehört, er ist nicht unbekannt. Ich wohne auf dem ›Lehngütel‹ drüben. Jedes Kind kennt mich. Ich muß noch heute nach Haus kommen. Ich kann ja nicht im Freien übernachten.« »Ich bin kein Kind, aber ich kenne den Herrn auch nicht. Nach sechs Uhr kenne ich schon gar niemand. Ich kann nach den Amtsstunden nicht aufwarten. Durchaus nicht. Es wird keine Ausnahme gemacht. Das wäre noch schöner! Da könnte jeder kommen.« »Aber Sie brauchen ja nicht zu amtieren, im Gegenteil, sondern bloß zu erlauben, daß mich der Fährmann hinübersetzt. Das wäre ja einfach.« »Das ist gar nicht einfach. Ich habe keine Zolldeklarationen und keinen Tarif und keine Papiere und überhaupts, was geht mich was an nach Amtsschluß? Der Herr kann um acht Uhr in der Frühe kommen, ist zeitig genug. Zum Verzollen ist der Tag da. Unsereins ist kein Vieh, das immerfort dasteht. Da geht mich kein Zeichner nichts an.« »Könnten Sie mir nicht vielleicht wenigstens einen Rat geben?« beharrte Albrecht. »Meinetwegen kann der Herr machen, was er will nach sechs. Ratgeben ist nicht mein Ressort. Überhaupt, es geht mich gar nichts an.« Der Zeichner schüttelte ärgerlich den Kopf, er schämte sich, den Ungefälligen noch weiter zu bitten, aber er wollte durchaus nicht nach Passau gehen und dort übernachten, sondern nach Hause, hatte er doch vom andern Ufer kaum eine halbe Stunde Weges. Deshalb würde er doch keine Nacht versäumen! Er nahm seine Tasche auf und zeigte sie mit flehender Gebärde: »Sehen Sie, Herr Zollbeamter, es ist ein ganz richtiger Koffer. Das Verzollen ist nur ein Spaß, eine Formalität. Könnten Sie nicht vielleicht meine Kleinigkeiten hier an Ort und Stelle anschauen, Sie brauchten sich gar nicht weiter zu bemühen?« »Das ist gar kein Spaß nicht und Formalität ist überhaupt kein Spaß, was das betrifft,« sagte der Zöllner streng. »Nach sechs gibt's keinen Spaß. Da muß ich bitten. Das Amt ist keine Formalität, überhaupt nach Schluß.« Der Fährmann wäre damit zufrieden gewesen es mit den Dienststunden nicht so genau zu nehmen, man sah es ihm an, er wetzte auf seiner Bank und wäre gleich aufgestanden, alle anderen schwiegen und betrachteten den Zöllner, den Zeichner, die Tischplatte, dann tranken sie, dann veränderten sie ihre Stellung, man hörte das Hosenwetzen auf der Bank, die Bank und die Stühle knarrten, dann sahen sie wieder mit großen Augen drein, wie aus dem Schlafe. Unentschlossen nahm Albrecht seine Tasche auf, er wußte selbst nicht, was er jetzt tun werde oder solle. Da rollte etwas im Koffer und pochte an die Leinwand. Albrecht horchte. Es rollte noch einmal und ein drittes Mal. »Was ist denn da drin im Koffer?« fragte der Zöllner. »Da drin rührt sich was.« »Nur ein Totenschädel, bitte sehr.« »Was?« »Ein Totenschädel,« wiederholte Albrecht möglichst unbefangen. Es rollte abermals im Koffer wie zur Bekräftigung und Erinnerung. Die Leute rührten sich nicht, damit man ihre Geräusche nicht etwa mit dem Pochen da verwechsle. »Ja, was ist denn das? Wozu brauchen Sie denn einen Totenschädel? Woher haben Sie denn einen Totenschädel?« Ein Windstoß schlug den Fensterladen auf. In der Stube war es bereits dunkel, draußen im Nebel konnte man nur mehr fragliche Umrisse ausnehmen. Noch einmal pochte der Schädel. »Der möcht außa,« sagte einer. Da gewahrte der Zeichner plötzlich am Fenster eine Gestalt, wie ein Brustbild im Rahmen, einen Mann in einem breiten, dunklen Mantel, einen großen Hut schief ins Gesicht gedrückt, so daß zwischen Schulter und Kopf nur der schwarze Schatten sichtbar war. Albrecht sagte: »Den Totenschädel brauche ich nämlich zum Zeichnen. Sie kennen vielleicht doch meinen Namen. Vielleicht haben Sie auch schon irgendwo Blätter von mir gesehen. Ich mache so Märchenbilder, allerhand Schauerliches und Grusliches, so verrückte Sachen« – er lächelte verlegen über die Selbstkritik – »da ist mir eingefallen, ich könnte einmal auch so einen Schädel brauchen.« »Habens vielleicht einen umbracht?« fragte der Zöllner. »Ich?« Der Zeichner lachte ängstlich: jetzt gab's vielleicht noch eine Untersuchung seiner Handlungen, statt einer Untersuchung seines Handgepäcks. Der Teufel sollte den verfluchten Schädel holen. »Na ja, heutzutag bringen die kleinsten Leut' wen um. Das macht gar nichts mehr, das heißt politisch.« »Aber, aber.« Albrecht wandte sich ratlos an die Gestalt im Fenster: »Vielleicht wird Ihnen der Herr bestätigen, daß ein Totenschädel bei uns Malern ein ganz gewöhnliches Ding ist, so wie bei Ihnen der Zolltarif oder ein Frachtbrief. Fast zu gewöhnlich. Man schämt sich beinah, mit solchen Gegenständen zu hantieren wie Totenschädel oder Kreuz oder Heiligenschein. Aber es kommt immer darauf an, wie man sie verwendet. So will ich es doch einmal versuchen, Manche stellen sich einen Totenschädel im Atelier auf, in der Werkstatt, es macht einen malerischen Eindruck. Wir nennen das Effekt, sogar einen billigen Effekt. Heutzutage muß ja alles billig sein.« »Haben der Herr Waffen bei sich?« »Waffen, o nein, nein, Gott bewahre. Ich kann damit nicht umgehen. Ich kann mich jederzeit legitimieren.« Er griff an seine Brusttasche. »Ich bin ja hier übrigens, wie gesagt, überall bekannt. Jedes Kind weiß, wer ich bin. Ich habe noch niemand ein Haar gekrümmt, nicht einmal dem Totenschädel.« Er lachte verzweifelt über diesen Witz. Der Zöllner antwortete: »Aber die Amtszeit ist vorüber, jetzt um halber Siebene. Es ist ja stockfinster. Gar einen Schädel! Das ist mir noch nicht vorgekommen. Inner der Dienstzeit müßt' man den Fall untersuchen. Aber jetzt! Schererei auch noch!« »Lassen wir den Schädel ungeschoren, dem tut kein Haar mehr weh, auch wenn wir ihn einführen, nicht wahr?« wandte sich Albrecht an den Mann im Fenster. »Deshalb möchten Sie ihn bei der Nacht hereinschmuggeln? Bei Tag könnt' man keinen Kopf erlauben,« meinte der Zöllner. »Ja, was soll man mit einem Schädel anfangen, wenn man ihn schon hat?« »Man möcht' rein glauben, die Amtsperson braucht selber einen,« flüsterte Albrecht zum Fremden. »Das steht in keinem Tarif. Da stehen höchstens: Knochen aller Art vielleicht, entfettet oder roh, aber Schädel?« »Ich möchte wissen, mein Herr, wozu er einen Tarif braucht?« »Ein Schädel ist ein Schädel. Fett ist er nicht. Nutzt nichts, schad't nichts, tut nichts, red't nichts. Ist nicht zum Verzollen.« »Gehört aber nicht ins Handgepäck, gehört ins Beinhaus oder ins Grab. Bei Tag könnt' man den Schandarm holen.« »Meinetwegen auch den Geistlichen, den Totengräber, Witwe, Kinder, Leidtragende, den Meßner, wer sich halt für die Leich' interessiert, während der Amtszeit. Der Schädel aber hat die Amtszeit überschritten. Trifft grad noch einen Zöllner und uns alle miteinander bei der Auferstehung an, im Wirtshaus beim Bier, der leere Schädel. Für den gibt's keine Maß mehr. Schädel leerer, miserabler, zum Erbarmen! Ich könnte den Unglücksschädel vielleicht hier lassen, wenn er für die Verzollung Schwierigkeiten macht und ihn in den nächsten Tagen bei Gelegenheit abholen, ich brauche ihn ja nicht gerade heut' oder morgen,« schlug der Zeichner vor und kehrte sich nach den Zechern um, indem er unruhig von einem zum andern schaute. Aus lauter Phantasie fühlte er auf einmal ein böses Gewissen. »Was machen denn wir mit dem Schädel?« fragte der Zöllner. Verzweifelt flüsterte Albrecht wieder zum Fremden am Fenster: »Freilich die Herrschaften fangen schon mit dem eigenen Schädel auf dem Hals nichts an, was möchte ihnen ein zweiter nützen: ein hohles Duplikat?« »Möchten ihn die Herren anschaun vielleicht, ich kann ihn gern auspacken? Er sieht ganz nett aus!« Er drehte sich wieder zu den Gästen um, die verlegen verneinten. »Das ist ein rechtes Kreuz, mein Herr, nicht wahr?« wandte sich Albrecht zu dem Mann im Fenster. »Hier kann man keinen Schädel brauchen, es sind zu viel Köpfe da, zu wenig Leute, man möcht' ihn nicht einmal anschauen, aber mich läßt man ihn auch nicht wegtragen. Verstehen Sie die Logik? Man möchte am liebsten selber den Kopf verlieren, dann wäre man dem Unverstand recht, der die Welt regiert. Geben Sie mir einen Rat, geschätzter Herr. Wenn man diesen Amtsschädeln das Kopfgedärm ausnähme und hübsch einsalzte, vielleicht möchten sie gescheiter amtieren, als mit Tarif- und Bierdunstinhalt. Ich halte was auf den leeren Schädel da drin im Koffer, der denkt wenigstens nicht mehr oder tut nicht mehr so,« damit nahm er das Gepäckstück von der Rechten in die Linke, weil er müde geworden war, und wiederum rollte der Schädel und ließ sich hören. »Sehr wohl, lieber Schädel, du meinst, sie sollten dich ruhig reisen lassen, oder meinst du etwas Ungezogenes? Aber was willst du, was soll ich tun, wenn sie dich nicht verzollen? Hören Sie ihn bitten, Herr Zollbeamter?« Der Zöllner sah den Zeichner ratlos an, dann kehrte er sich zu seinen Zechgenossen, mit denen er Zeichen wechselte. Auf Albrecht deutend, nickte er, berührte dann mit dem Zeigefinger die Stirn, die andern lachten leise. Einer sagte: »Ist auch nach der Amtszeit.« »Mit wem redt er denn, der damische Kerl.« »Wen hat er denn im Fenster, der Narr?« Vor diesem Zwiegespräch mit einem Unsichtbaren, mehr noch vor dem rollenden Schädel im Koffer war ihnen nicht ganz geheuer. Der Zöllner zwinkerte ihnen mit den Augen zu und schlug dem Zeichner gegenüber einen versöhnlichen, freundlichen Ton an: »Nun ja, ich glaube ja, daß der Herr den Schädel zur Kunstmalerei braucht. Man hat ja auch seine Bildung, gewiß, man weiß, was vorkommt. Mir ist auch der Name des Herrn wohlbekannt. Aber wie gesagt, Amt ist Amt und nach der Amtszeit –.« »Sind alle Schädel leer, nicht wahr?« ergänzte Albrecht bitter. »Entschuldigen schon, nach sechs brauch ich niemand zu kennen,« setzte der Zöllner fort. »Ganz recht: Schonzeit, werter Herr,« wandte sich Albrecht wieder zu dem Herrn am Fenster. »Ich sehe ja ein, der Herr braucht Ruhe, also es ist mir eine Ehre, wenn ich dem Herrn Künstler gefällig sein kann. Damit kein Aufsehen und keine Klage nicht ist,« sagte der Zöllner und machte den Tischgesellen ein Zeichen, sie möchten schweigen. »Nun also, vielleicht ist der leere Schädel doch noch zu was gut,« nickte Albrecht zu dem Fremden hinauf. Der Zöllner aber fuhr entschlossen fort: »Nur keine Unannehmlichkeiten aus der Geschichte! Was nach sechse passiert, geht niemand nichts an. Wenn der Schandarm nichts weiß.« »Wollen Sie vielleicht das Gepäck untersuchen, steht ganz zu Diensten,« erbot sich Albrecht höflich und machte schon Miene, den Koffer zu öffnen. »Aber nein, danke sehr, man sieht ja schon, Handgepäck ohne Steuerbares.« »Nun, und der Schädel?« »Schädel sind nicht zollpflichtig, laß ihn der Herr nur, wo er ist. Er ist gut aufgehoben, daß er nichts anstellt.« »Na, dann darf ich Ihnen vielleicht mit einer Zigarette aufwarten?« fragte Albrecht, hocherfreut über die gute Wendung, bot sein Etui herum, dem alle Anwesenden im Finstern bereitwillig mit geübten Fingern fast den ganzen Inhalt entnahmen. Der Zöllner entzündete seine Zigarette. Das brennende Hölzchen beleuchtete auf einen Augenblick den Mann im Fenster, wenigstens für Albrecht, der ihm noch eine Zigarette anbieten wollte und sich ihm deshalb mit einer leichten Verbeugung näherte, der andere aber schien diskret zurückzutauchen. »Mir scheint, ich habe den Herrn schon irgendwo gesehen. Vielleicht ist's der Trödler mit den vielen Waffen, ach, Unsinn. Wie hieß er doch: Gutermann oder so!« »Fährmann, alsdann, wenn du den Herrn noch überführen willst, meinetwegen, die Verzollung ist erledigt. Der Schädel passiert. Aber gib acht, daß du den Herrn gut hinüberbringst, man kann nie wissen,« er machte wiederum die bezeichnende Gebärde und grinste den Schiffer an, der ihm das Grinsen zurückgab. Albrecht sah das nicht, denn er nahm gerade seinen Koffer auf, dann verbeugte er sich verbindlich nach der ganzen Tischgesellschaft, auch nach dem Fenster, von wo aber der fremde Mann verschwunden war. »Ich treffe ihn ja draußen,« sagte Albrecht für sich und verabschiedete sich angelegentlich von den Leuten: »Danke vielmals. Sehr zuvorkommend, meine Herren, nichts für ungut wegen der Störung, und wenn Sie sich bei mir einmal den Schädel anschauen wollen oder meine Zeichnungen, wird es mir ein Vergnügen sein. Sie kennen ja das ›Lehngütel‹.« »Gewiß, gewiß, meine Hochachtung. Der Herr wird schon verstehen, Amt ist Amt und Zeit ist Zeit. Wir sind alle nur Menschen sozusagen.« »Natürlich sozusagen. Verzeihung nochmals und guten Abend, meine Herren, guten Abend.« Der Fährmann ging voraus, Albrecht folgte mit dem Koffer. Hinter ihm geschah in der Stube ein allgemeines Stuhlrücken, Bewegung der Beine, Scharren der Füße, Klappern der Krugdeckel. »Damischer Kerl,« »Der spinnt ja,« »Der hat mit wem geredt, als wenn einer beim Fenster stund,« »halber Siebene.« »Ob der an Schädel im Koffer hat?« »So Leut muß man den Willen tun, sonst könntens leicht was anstellen.« »Ja, ja.« »Künstlerkopf.« »Kunst ist bald g'sagt, a Narr, fertig.« Albrecht fror im Freien. Wo war der fremde Herr, von dem er sich doch auch empfehlen wollte, denn nur seinem allerdings stummen Dazwischentreten hatte er die gute Wendung der Zollgeschichte zu verdanken? Der Fährmann ging voraus. Wo war der fremde Mann? Knapp vor sich spürte Albrecht etwas Dunkles. Aha. Da war ja die große schwarze Gestalt mit dem Hut. »Ich muß Ihnen vielmals danken, mein Herr, daß Sie sich meiner in dieser peinlichen Lage angenommen haben. Ohne ihr Dazwischentreten wäre ich kaum losgekommen und hätte irgendwo kampieren müssen. Bei der Kälte hätte ich auf die schönste Art noch ein Fieber dazu gekriegt,« er spürte eben ein Zähneklappern. »Übrigens, erlauben Sie, daß ich mich vorstelle. Mein Name ist Albrecht, Konrad Albrecht.« Der Mann antwortete nichts, sondern ging ruhig neben Albrecht weiter mit so großen Schritten, daß der kleine Zeichner schier laufen mußte, um nicht zurückzubleiben. »Hätte ich geahnt, daß ich wegen des dummen Schädels solche Schwierigkeiten haben werde, ich hätte ihn ruhig an seinem Platz liegen lassen. Ein Schädel hält auch seine Amtszeit ein, und der da im Koffer hat seine wohl längst hinter sich. Ha, ha. Vielleicht war er auch einmal ein Schwierigkeitenmacher. Jeder Schädel setzt seinen Kopf auf, wie man sagt, und macht zu seiner Zeit Schwierigkeiten, entweder weil er denkt, oder weil er nicht denkt, weil er voll oder weil er leer ist. Kein Schädel kann's einem rechtmachen, weder im Leben, noch im Tode. Diese verfluchten Symbole! Wenn irgend etwas es einmal zum Symbol gebracht hat, wird man es nicht mehr los. Es hängt sich an einen, es lebt fort und fort. Glauben Sie, wir werden die Adler, diese Wappentiere, noch anbringen, auch wenn man ihnen gestern die Köpfe abgehackt hat? Wollt ihr denn keine Ruhe geben, Symbole, wollt ihr denn ewig leben? Das hängt sich an meine Gedanken wie an Rockschöße. So ein Schädel, so ein leeres Gedankenmaß, so eine ausgeträumte Hirnbude ist nicht zu armselig, um mich nicht in Nachtschwierigkeiten zu reiten. Reitet mich nicht schon dieser Schädel da auf meinen Schultern in ewige Unbequemlichkeiten? Und dabei gibt ohnehin kein Mensch mehr was auf einen Schädel. Man muß ihn leider tragen, aber ohne Schädel wären wir alle leichter. Daß die Wissenschaft noch nicht ausgedacht hat, wie wir uns ohne diesen Ballast rühren könnten. Vielleicht wäre uns dann schon der freie Flug möglich, unsere gemeinen Geschaffe und Notwendigkeiten könnten wir ganz gut mit den übrigen Organen ausrichten. Fliegen ohne Kopf! Er ist zu schwer. Er ist unser eigentliches, wahres Verkehrshindernis. Ha, ha! Nur ohne Gedanken kann der Mensch fliegen. Ohne Kopf gibt's keine Sorgen, nur Gedanken bereiten die Sorgen in dieser Sorgenküche da droben. Ohne Sorgen wäre das Fressen ein Vergnügen und das Schaffen. Ja, auch das Schaffen ginge von der Hand, von der Hand sage ich. Der Kopf nur macht Bedenken. Die Weltgeschichte ist von Schädeln gemacht, diese Schädelstätte! Ohne Schädel hätten wir die glatte, leichte Ewigkeit, das Paradies.« Er sprach unaufhörlich, je stiller der Mann neben ihm herging mit seinen Riesenschritten. Albrecht fror, fieberte und redete, bis er gar keinen Atem mehr fand und stehen bleiben mußte. Endlich sollte der Nachtmensch da doch auch etwas sagen! Keuchend blieb Albrecht stehen. Auch der Mann blieb stehen. Albrecht sah zu ihm hinauf wie zu einem Turm. Albrecht wartete. Der Mann wartete auch. »Ich habe mir ohnehin schon den Atem aus der Brust, die Seele aus dem Leib, das Gehirn aus dem Kopf geredet,« dachte Albrecht, »jetzt sag' ich justament nichts mehr.« Er blieb also stumm stehen. Endlich – auf einen Augenblick beleuchtete der Mond den Fleck, wo sie waren, man sah den Himmel voller Wolken – endlich zog der Mann, mit der Rechten schwungvoll grüßend, seinen großen Hut, und Albrecht sah den abgebrochenen Wirbel ohne Kopf aus dem weiten Kragen hervornicken. Dann zuckte der Wirbel die Achseln, was besonders greulich erschien. »Mich wundert gar nichts mehr,« dachte Albrecht und wartete. Der Fremde bog seinen Oberkörper mit dem abgebrochenen Wirbel zu seiner rechten Hand hinab, die den Hut in der Hand hielt wie ein Bettler. »Ach, bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte Albrecht höflich, aber zähneklappernd, »wie ich sehe, haben der Herr selber keinen Schädel. Deshalb . . . Ach, das ist aber peinlich.« Albrecht schaute ratlos zu dem Wirbel, zu dem ausgestreckten Hute, da kam ihm ein rettender Einfall. »Darf ich Ihnen vielleicht den Schädel aus meinem Koffer anbieten? Warum sollen Sie bei dieser Kälte ohne Kopf bleiben? Was ich früher gesagt habe, war natürlich ein Unsinn, bloß eine Konversationsmacherei. Ich habe gut reden, ich habe eben meinen eigenen Schädel. Meine Zähne klappern, also bin ich. Ohne Kopf kann man natürlich nicht leben, nicht natürlich leben, die andern Knochen scheppern bloß, nur der Schädel klappert, pardon, ich will gar keine Anspielungen machen, aber in dieser Situation! Sie müssen den Schädel versuchen, er wird Ihnen bestimmt passen, Sie werden sehen, es ist Ihre Nummer, mit oder ohne Hut, es wird auf jeden Fall besser sein. Auch für Geister gehört ein Schädel, wie schon der Name sagt: Geist. Gibt's Geist ohne Kopf? Sie müssen mir den Gefallen tun.« Damit stellte er eilig den Koffer auf den Erdboden, öffnete ihn, nahm den Schädel heraus, klappte dann das Schloß wieder zu und bot den Schädel mit höflicher Verbeugung der ruhigen Gestalt an. »Bitte recht sehr, Sie werden sehen, er paßt Ihnen. Nur ein kleiner Versuch. Dann hat der Schädel doch einen eigentlichen Lebenszweck, nicht wahr?« Albrecht wollte gerade einen Schritt vorgehen, um besser in den Stummen zu dringen, da verschwand die Gestalt unter einem Windstoß, der wie das Rauschen eines Mantels klang. Der Mond war hinter den Wolken verschwunden, mit ihm auch der fremde Mann, verschwunden wie entflogen. »Habe die Ehre,« rief Albrecht. Keine Antwort. »Auch gut, so behalte ich denn in Gottes Namen den Schädel.« »Hollah,« weckte der Fährmann, der am Ufer eine Laterne anzündete. »Ja«, schrie Albrecht, und eilte mit seinem Koffer nach, fand sich am Kies, stieg ohne Überlegung in den Kahn, hörte die Wellen an die Planken schlagen, hörte nach ein paar Minuten wiederum den Kies des anderen Ufers knirschen, spürte den Ruck des Kiels auf dem Sande, stieg aus, bezahlte den Fährmann, empfahl sich mechanisch, ging die Straße weiter, die er auswendig kannte, endlich, endlich sah er das Licht eines Hofes. Noch war die Haustür offen. Der Hund schlug an. Als Karo den Herrn witterte, knurrte er leise und schmiegte sich zutraulich an den feuchten Mantel. Gut, daß man wieder da war! Kalte Nacht das! Die Magd stand an der Küchentür und lächelte freundlich. Der Zeichner stellte den Koffer nieder. Er wollte seine Stiefel abstreifen. Etwas hinderte ihn, sich dabei an den hohen Stiefelknecht anzuhalten, er hatte ja etwas in der linken Hand! Auch Karo, der Hund, schnupperte daran und bellte ganz verwundert. »Ach so! Der Schädel. – Ei du verfluchtes Menschenbein. Jetzt wirst du wohl Ruhe geben.« – Der Verdacht Herr Ambrosius Schigon war ein reicher Junggeselle in den sogenannten besten Jahren, der sich selbst noch immer schmeichelte, er könne die allerschönste junge Frau bekommen, wenn er nur wollte, aber er sei nicht so dumm, es zu wollen. Gegenüber seinen verheirateten Freunden pflegte er oft den Spruch zu zitieren: »Ein Ehemann lebt wie ein Hund und stirbt wie ein Gott, aber ein Junggeselle lebt wie ein Gott und stirbt wie ein Hund.« Ambrosius hielt sich wie die meisten Leute für unsterblich, daher fürchtete er den Hundetod nicht und zog es vor, wie ein Herrgott zu leben, um so mehr, als er die Mittel hatte, sogar den Hundetod zu verschönen. Warum sollte man sich nicht auch einen Tod erster Klasse kaufen können? Er stand einmal nach einem guten Frühstück vor dem Spiegel, knüpfte seine Halsbinde und besah sein frisch gewaschenes, sorgfältig rasiertes Gesicht mit dem kräftigen, schmallippigen, etwas boshaften Munde. Bereits seit einigen Tagen störte ihn ein leises Unbehagen, dessen Sitz, Wurzel, Grund und Art er nicht festzustellen vermochte. Deshalb verweilte er heute länger in gewissermaßen selbstärztlicher Betrachtung vor dem Spiegel. Das Unbehagen war ja noch kein eigentlicher Schmerz, sondern nur die Möglichkeit, die entfernte Ahnung eines solchen und saß in der linken Wange, etwa an der Zunge, nicht an den Zähnen, aber irgendwie neben oder unter, seitwärts der Backenzähne, innerhalb saß es, nicht mehr und nicht weniger, als ob eine ganz bestimmte Stelle anfange, sich bemerkbar zu machen. Eine verteufelte Stelle, sicher, aber unsichtbar, ein Hinterhalt in einem Menschen selbst, von wo ein Fremdes das ganze gesunde Ich ansteckte und, rottete man das Übel nicht beizeiten aus, über den Haufen warf. Je unsterblicher man sich in diesen besten Jahren vorkommt, desto ängstlicher paßt man auf jedes Zeichen eines argen Gegenbeweises der Natur. So achtete Herr Schigon denn auch schon einige Zeit auf dieses Unbehagen, ohne es sich einzugestehen. Heute, vor dem Spiegel, versuchte er mit allerhand unzulänglichen Mitteln die Stelle ausfindig zu machen, wo es sitzen mochte. Er konnte sie sogar mit dem Finger erreichen. Sie schmerzte unter dem Drucke ein bißchen lebhafter, aber auch nur ganz sacht, als wollte sie ihn in verruchter Höflichkeit über ihr Dasein und ihre Bedeutung nicht weiter beunruhigen. Aber man müßte die Stelle doch einmal sehen. Ambrosius steckte vor dem Spiegel die Zunge heraus. Da verschwand die Stelle hinter seiner lächerlichen Grimasse. Auch mit Hilfe eines zweiten, eines Taschenspiegels, gewahrte er nichts als eine satte, breite, rote, saftige Zunge, die er sich selber zeigte. Nein, so kam man der Stelle nicht bei. Nun, er mußte wohl oder übel zu einem Arzt gehen und die Stelle von fremden, sachverständigen Augen ansehen lassen, obschon man sich auf solche fachkundige Anschauung am allerwenigsten verlassen konnte, denn ein Arzt pflegte solche Untersuchungen zum eigenen Besten, nicht zu dem des Leidenden. Aber Herr Schigon, der sehr reich war und darum seinen starken Willen auch durchsetzte, erdachte sich einen schlauen Plan, um das Auge des Arztes zu schärfen und ihn zu einer aufrichtigen Diagnose zu zwingen. Unter der betreffenden mahnenden Stelle neben dem Backenzahn, neben der Zunge oder vielleicht an der Zungenwurzel in der Gaumengegend, saß nämlich der Teufel, der Herrn Schigon erfinderisch machte. Dieser Gedanke war ein Wort von fünf Buchstaben: Krebs! Schigon grinste halb vergnüglich, halb ängstlich. Zwischen allen guten Gelegenheiten seines behaglichen Lebens, zwischen zweitem Frühstück und Mittagsgesellschaft und beim Abendkonzert, namentlich nach der Musik dachte er immer an die Stelle. War sie zur Stelle oder nicht? Wenn er sie vergaß, war sie nicht da, aber sobald er sich ihrer erinnerte, machte sie sich gleich wieder bemerkbar. Vielleicht erzeugte er sie selbst. Man schafft seine Krankheiten, man müßte sie auch abschaffen. Sonst ginge man an seinem eigenen Selbst zugrunde, was doch ein Widerspruch in sich sein sollte. Diese Stelle war ein solcher Widerspruch in sich – in ihm. Wenn sie bloß im Gehirn gewesen wäre und nicht wirklich an der Seite des Gaumens, aber nicht bei den Zähnen, sondern innerhalb, so hätte sie nicht jedesmal geantwortet, wenn er von außen drückte: am Halse, etwas links vom Adamsapfel, ein bißchen weiter oben. Man konnte es keinen Schmerz nennen, nur einen Zustand. Er fand sich im Sprechzimmer eines berühmten Fachmannes ein, des Hauptvertreters der inneren Medizin auf dem hiesigen Platze, des Vorstandes aller inneren Krankheiten in der medizinischen Hauptstadt, der als Krebsforscher einen weitverbreiteten Ruf hatte und Herrn Schigon überdies aus der Gesellschaft längst kannte, so daß er ihn nicht etwa barsch und kurz abfertigen durfte. Vielmehr mußte er ihn schon aus Gründen der Höflichkeit geduldig anhören, aber auch aus wissenschaftlichen Interessen, denn der wunderliche Patient verknüpfte seine eigene Sache mit der Allgemeinheit. Schigon erklärte dem Professor, er, Ambrosius Schigon, zweiundvierzig Jahre alt, gesund, ledig, et cetera, hege bei diesem Schmerz an der Zungenwurzel oder daneben, an der Seite des Gaumens, links, innerhalb, bei diesem Unbehagen, bei dieser leichten, aber jedenfalls merklichen und etwa tückischen Mahnung einen gewissen Krebsverdacht. Diese Angst sei ihm begreiflicherweise zuwider, und es liege ihm weniger an einer augenblicklichen Beruhigung oder Behandlung, als an der dauernden Gewißheit, ob er Krebs habe oder nicht. Danach müsse er sein Leben oder Sterben einrichten, seine gegenwärtigen oder künftigen Verhältnisse ordnen. Die Arzte pflegten in solchen Fällen aus Wohlwollen das Übel zu verleugnen und den Kranken zu beruhigen, vorausgesetzt, daß sie die Geschichte überhaupt beizeiten erkannten. Um dieser Gewißheit willen habe er sich nun entschlossen, der Wissenschaft mit seinem ganzen Vermögen zur richtigen Sprache zu verhelfen und eine Stiftung für Krebsforschung zu machen, aber nur unter der Bedingung, daß er selbst nicht etwa Krebs habe und daß der Herr Professor ihm dies schriftlich geben könne. Gegen diese ausdrückliche verbindliche Erklärung wollte er seinerseits sich verpflichten, falls ihn nicht andere Ärzte des Gegenteils versicherten, sein beträchtliches Vermögen, abzüglich gewisser unvermeidlicher Legate, nach seinem Tode zur Gründung und Erhaltung eines vom Professor zu leitenden Institutes für Krebsforschung zu widmen. Es handele sich um ein paar runde Millionen Mark. Allerdings müsse sich der Professor diese Stiftung bei Lebzeiten des Stifters dadurch sichern, daß er den Krankheitsfall, nein, die Mahnung, das Unbehagen oder wie man den fatalen Zustand nennen wolle, auf Ehre und Gewissen richtig und zugleich als etwas anderes als Krebs erkenne und bestätige. Habe er, Schigon, aber Krebs, so sei es für ihn zu spät, an eine solche Stiftung zu schreiten. Der Professor müsse für seine Diagnose auch einstehen. Zu diesem Zwecke müsse er, Schigon, ihm einen Vorschlag unterbreiten, der zwar schrullig und, zugegeben, auch ungewöhnlich, aber in diesem Falle, bei den hohen allgemeinen auf dem Spiele stehenden Interessen immerhin annehmbar sein dürfte. Der Professor müsse nämlich den Stifter, ihn, Ambrosius Schigon, gerichtlich auf Erfüllung des Stiftungsversprechens belangen und mit der Klage obsiegen. Nur dann würde er, Ambrosius, soweit man auf dieser Welt überhaupt eine Sicherheit haben könne, wissen, woran er sei, und daß er keinen Krebs habe. Der Arzt lächelte verlegen bei dieser Erörterung. Er kannte diese Furchtzustände, die ärger sind, als die Krankheit selbst. Einen anderen hätte er grob angelassen und hinausgewiesen. Herrn Schigon hörte er geduldig an, äußerte sich vorläufig noch gar nicht über den Vorschlag, sondern lud den Antragsteller ein, sich vorerst einmal »anschauen« zu lassen. Er untersuchte ihn, besah mit einem Spiegelchen Schigons Mundhöhle, den Rachen, kitzelte ihn in der Nase, hatte einen andern Spiegel oben an seiner Stirn angebracht wie eine sieghafte Lichtplatte, fragte nach allerhand sonstigen Funktionen, behorchte und beklopfte ihn, hieß ihn sich niederlegen, endlich aufstehn und sagte, während ihn Ambrosius lauernd anblickte: »Das ist gar nichts.« »Also nicht?« fragte Schigon, beinahe enttäuscht. »Nein, nichts als Einbildung! Sie haben irgendeinen nebensächlichen Schmerz, vielleicht nervös, vielleicht von irgendeiner Hautstelle, aber ich kann nichts finden, was einen Verdacht begründen könnte.« »Nun, und?« lächelte Herr Schigon hinterlistig. »Sie meinen die gewisse Stiftung?« Ambrosius nickte. »Nun, wenn Sie durchaus wollen, gebe ich es Ihnen schriftlich, daß Sie keinen Krebs haben.« »Und werden mich auch auf Erfüllung meines Stiftungs-Versprechens klagen?« »Wenn Sie es durchaus nicht anders tun und im Prozeß vor aller Welt zugeben, daß diese Klage nur eine ausgeheckte Formsache ist, daß ich demnach nur vereinbarlich klage, um Ihrer wunderlichen Bedingung zu genügen, so will ich in Gottes Namen und wegen der guten Sache auch das tun.« Schigon sagte dem Vorstande aller inneren Krankheiten noch zu, daß ihm aus diesem Prozesse keine Kosten erwachsen sollten, denn Ambrosius wolle alles Nötige bezahlen, nur müsse sich der Kläger gefallen lassen, daß er, Schigon, als Beklagter den Prozeß auf das schärfste führen und alles aufbieten werde, um zu gewinnen und die Stiftung zu hintertreiben, denn nur so könne er Gewißheit über seinen Krebszweifel bekommen. Werde er endlich rechtens dazu verurteilt, die Stiftung zu machen, dann sei er aller Sorge los und die Wissenschaft möge sich ihres schwer erstrittenen Verdienstes freuen. Aber leicht werde er dem Herrn Professor den Rechtskampf nicht machen! Der Arzt mußte sich nach Herrn Schigons Anweisung den geschicktesten Rechtsanwalt auswählen, dazu und für alle Fälle hinterlegte der Patient eine große Summe Geldes »auf Stiftungsunkosten«. So begann er den Kampf um seine Sicherheit. Zu seiner eigenen Verteidigung oder zu seinem eigenen Angriff suchte Schigon nun einen andern Arzt auf, um von diesem das Gegenteil, also ein widersprechendes Zeugnis zu erlangen. Er mußte mehrere Ordinationen mitmachen, bis er endlich einen Facharzt fand, der nicht über seine bedenkliche Geistesverfassung, sondern über seinen Zustand, über die Mahnung, über das Unbehagen in der linken Mundhöhle, an der Zungenwurzel, kurz: innerhalb, selbst den Kopf schüttelte und, zwar mit allerhand beruhigenden Wenns und Abers, so doch aufrichtig zugab, so etwas könne immerhin Krebs sein. Ganz sicher sei man nie und Herrn Schigons Symptome träfen immerhin in manchen Punkten mit einem solchen Verdachte zusammen. Diese Symptome kannte Herr Schigon freilich sehr genau, denn er hatte in vielen wissenschaftlichen und naturheilkundlichen Werken nachgelesen und seinen Fall auf die Angaben der Bücher hin geprüft. Dabei stellten sich die zugehörigen Symptome von selbst ein und waren nun so gewiß und sicher da, daß kein Mensch mehr wissen konnte, ob sie vor oder nach dem Studium der Werke entstanden waren. Ambrosius bezahlte den aufrichtigen Arzt sehr gut und sicherte ihm eine geradezu fürstliche Entschädigung zu für das Versprechen, die düstere Diagnose vor Gericht zu vertreten. Herr Schigon hatte mit der Durchführung dieses von ihm selbst wider sich, für und gegen die Wissenschaft, für und gegen seinen Krebs, für und gegen diese gewisse mahnende Hautstelle angestrengten Prozesses so viel zu tun, zu laufen, zu veranlassen, Anwälte zu betreiben, die Klägerseite zu bestärken, seine eigene Beklagtenseite festzuhalten, daß er nicht einmal Zeit genug fand, die Symptome weiter zu beobachten. Aber in gewissen seltenen Ruhepausen spürte er die Stelle denn doch. Sie schwieg oder mahnte ganz nach ihrem rätselhaften Belieben. Wenn er mit dem Prozeß beschäftigt war, hielt sie sich diskret zurück, nur wenn er ein bißchen Zeit hatte, kam sie wie eine treue Geliebte zum Stelldichein an der Zungenwurzel. Endlich war der Prozeß anberaumt, eine recht großstädtische Streitsache, die ordentliches Aufsehen machte, denn dieser Klage eines Mannes gegen seine eigene Ruhe war eine gewisse Sensation nicht abzusprechen. Das Publikum fühlte sich gruslig-gespannt, die Ärzte wissenschaftlich und neidisch angeregt, die Advokaten hatten einen Schulfall von geradezu künstlerischem Reiz, denn keiner war an Gewinn oder Verlust des Prozesses sozusagen moralisch, das heißt wegen des lieben Geldes interessiert, sondern jeder nur an der Durchführung, die denn, von allen Seiten wohlvorbereitet, wie eine Symphonie in jedem Instrument untadelhaft besetzt, im Zusammenspiel gründlich geprobt, vor sich ging. Die beiden Ärzte brachten ihre Ansichten über Herrn Schigons Zustand vor, begründeten ihre Diagnose auf Ja und Nein mit allen gegeneinander aufzufahrenden wissenschaftlichen Kanonen. Der Vorstand aller inneren Krankheiten sprach nicht ohne ironische Schärfe, der andere Arzt, der den Krebsverdacht verteidigte, nicht ohne rücksichtsvollen Pessimismus, dem Herr Schigon befriedigt lauschte. Nun, der Gerichtshof, der nicht umhin konnte, in seiner Urteilsbegründung eine gewisse Frivolität des vom Zaun gebrochenen Rechtsstreites festzustellen, sprach Herrn Schigon schuldig, die Stiftung zu errichten, denn während der Professor alle Gründe für das Nichtvorhandensein der Krebskrankheit aufs genaueste darzulegen gewußt, hatte der geschätzte Gegengutachter doch nur eben Verdachtsmomente anführen können. Im Zeitpunkte des Verfahrens, in der Gegenwart war Krebs gewiß nicht feststellbar, für die Zukunft könne man billigerweise keine Gewähr verlangen; denn auch der Professor Nummer 2 behaupte doch nur, die Stelle könne möglicherweise einmal Krebs werden. Alle Welt beglückwünschte Herrn Schigon und die dergestalt bedeutsam, wenn auch wider Willen geförderte Wissenschaft und den Vorstand aller inneren Krankheiten. Ambrosius lächelte zweideutig, er war von diesem vorläufigen Ausgang zwar befriedigt, aber nicht beruhigt. Er verklagte den Gutachter, der ihn als krebsverdächtig bezeichnet hatte, auf Schadenersatz, denn seiner, offenbar fehlerhaften Diagnose hatte er ja das Urteil zu verdanken, daß er die Millionenstiftung machen mußte. Aber diesmal versprach er dem Arzt keine Entschädigung, denn da wäre der Prozeß ja nicht das unerläßliche Gottesgericht geworden, das Herr Schigon dringend benötigte. Wollte der Arzt, der ihn für krebsverdächtig gehalten hatte, die Kosten dieser teuflischen Klage vermeiden, so mußte Schigon bestimmt und unwiderruflich erfahren, daß er wirklich und wahrhaftig Krebs hatte. Der bedrängte Arzt forderte demgemäß ein Fakultätsgutachten über Herrn Ambrosius Schigons Übelbefinden an der linken Zungenwurzel. Zu diesem Zweck mußte sich der Leidende nun von vielen sachverständigen Doktoren untersuchen lassen. Er wurde viele Male hin und hergewendet, befragt, behorcht, beklopft, harnuntersucht, röntgenisiert, er wurde von den Kapazitäten herumgereicht, er hätte die leise Mahnung unter der Zunge schon darum gar nicht vergessen können, weil er sich jetzt täglich mit ihr befassen mußte. Darum erfuhr er auch täglich neue Symptome, schreitet die Wissenschaft doch rüstig fort, und die Fragen der Herren Ärzte lehrten ihn immer neue, bedeutsame Verdachtsmomente seines Zustandes. Er erlebte auch allerhand neue Unbequemlichkeiten, weil er sich aufregte, keine Ruhe gönnte, schlaflose Nächte verbrachte, über die Intriguen der Advokaten in Ärger geriet und neue Schliche und Gegenzüge ausheckte. Er wollte um seine Millionen nicht betrogen werden. Mußte er sie stiften, dann mußte er auch sicher sein, keinen Krebs zu haben. Das mußte gerichtsordnungsmäßig erhärtet, bewiesen, niedergelegt sein! Das Fakultätsgutachten war eine schwierige Arbeit, mußten die Ärzte doch bei einem so ungewissen Anfangsstadium ein bestimmtes Urteil abgeben, wovon das Heil eines Menschen und – der ganzen Wissenschaft abhing, denn es war nicht gleichgültig, ob die Stiftung zustandekam oder nicht. Da flüsterte auch ein ganz leichter, ganz unbewußter Neid mit drein, daß gerade der Krebsforscher eine solche runde Summe bekommen sollte. Warum gerade der Vorstand aller inneren Krankheiten? Nein, sie konnten es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, mit aller Sicherheit und bei ihrer medizinischen Ehre namens der Universität zu beschwören, Herr Schigon habe keinen Krebs. Kurz, das Gutachten versicherte ihm zwar, daß die Wahrscheinlichkeit gegen seinen Krebs spreche, daß aber eine unbedingte Gewißheit hierüber nicht angenommen werden dürfe. Der Arzt, der den Krebs bejaht hatte, durfte somit nicht zum Schadenersatze herangezogen werden, er hatte eben eine unangenehme erwünschte Möglichkeit für möglich gehalten. So war Herr Schigon von der Stiftung freigequält. Er vernahm das Urteil mit Genugtuung, er beglückwünschte den Doktor, der ihm den Krebs zugegeben hatte, er machte dem Vorstand aller inneren Krankheiten, der ihn bestritt, eine leise, spöttische Bemerkung. Als er nach Hause kam, stand er lange vor dem Spiegel, überlegte alle Symptome, die er zugleich mit der fortdauernden, leisen Mahnung jetzt um so sicherer verspürte, als er sich, von allen Prozessen und Beweisen befreit, mit seinem anerkannten, von der Fakultät überprüften Zustände allein gelassen, der ungeheuren Ungewißheit, nein, der einzigen, juristischen, medizinischen, menschlichen, unmenschlichen Sicherheit gegenübersah, er könne immerhin doch – Krebs haben. Da schnitt er sich mit einem Rasiermesser recht scharf und genau die Gurgel durch. Landflucht Das Dienstmädchen – die »Hausgehilfin«, wie man jetzt höflich sagt – hatte am Sonntag eine schlecht gekritzelte Karte bekommen. Ihr Bruder war in Wien, im Schlepper Nr. 69 an der Nordbahnlände. Vielleicht bleibe er einen Tag oder zwei hier, dann fahre er weiter, wahrscheinlich stromabwärts nach Ungarn. Wenn sie ihn noch sehen wolle, möchte sie ihn besuchen. Sie hatte diesen älteren Bruder, Josef, sehr gern, lieber als den kleinen vierjährigen Spätling, den jüngeren Bruder, der jetzt freilich ganz herzig war, wie er toll patschig stand und ging und dalkte, der aber doch die Schuld daran hatte, daß der große Bruder jetzt da war, also auch vom Hof weggegangen war, wie sie vor drei Jahren. Oh, was für eine Geschichte, als sie mit achtzehn der Mutter draufgekommen war, daß sie so spät, als alte Frau mit vierzig, noch ein Kind erwartete! Eine Schande, fast ebenso arg, wie für eine Ledige. Der Hof war ja zu klein für so viele, der Hof, der an dem steilen rechten Donauufer, Spitz gegenüber, in der Enge lag. Hinter der linken, der Stallseite des kleinen Hauses, hing der Berg mit einem riesengroßen, innen ganz grün, dunkel moosbewachsenen Steine so tief über, daß man glauben konnte, der großmächtige Stein möchte einmal fallen und das Haus in seiner wie eigens ausgehöhlten Mulde zerquetschen. Aber diese Wölbung hielt doch wohl schon viele tausend Jahre so. Man kam dem Felstrumm bei von einem dünnen, fast unsichtbaren Wiesenpfad hinter dem Obstgarten, von wo man steil hinaufstieg bis zu einem schmalen Streifen eines schräg aufwärts östlich geneigten Hügels. Dort bauten sie Wein. Kletternd mußte man den Mist zum Düngen in Butten hinauftragen, in der dürren Zeit sogar das Wasser zum Gießen in Kannen, man mußte die kostbare Erde, damit sie nicht abgeschwemmt wurde, durch Steinmauern schützen, deren drei den Abhang in niedrige Stufen teilten. Diese nur wenig angemörtelten, rohen Steinmauern durften nicht einsinken. Die Pflanzen waren zu harken und zu häufeln. Man stand gebückt dabei. Man unkrautete täglich. Man beschnitt die Reben. Man band sie an die Stöcke. Höher oben fing der Wald an. Dort gehörte ihnen auch eine Stelle. Im Herbst machte man das Holz. Man fällte, man beilte die Stämme glatt, man richtete das Baumholz und die Abfälle zu, und dann schleppte man selbst alles hinunter, was nicht zur Sägemühle oder zur Verflößung gebracht wurde, Klötze, Äste, Stangen, Pflöcke in Bündeln, Scharten in Säcken. Das schlimmste aber war mit dem Heu, mit dem Futter fürs Vieh. Die Wiese lag noch höher, hinter dem Wald, zwei Stunden weit. Dort mähte man, breitete das Gras aus und ließ es in der Sonne trocknen. Man achtete, daß es dann nicht wieder von einem Regen naß werde, wenn Gewölk und Wind bedrohlich schienen, mußte man eigens hinaufeilen, um alles geschwind zusammenzurechen. Man war immer wie in einem Wettlaufen mit dem Wetter. Das trockene Gras stopfte man mannshoch auf eine Trage, verschnürte es, und dann schleppte man die Trage auf dem Buckel hinunter. Der Rücken brach einem schier dabei. Mit vierzehn Jahren, gleich nach dem Ende der Schule, mußte sie damit anfangen, denn damals kränkelte die Mutter und konnte diese schwere Feldarbeit nicht mehr machen. Sie wurde an einem Bruch operiert, in der Familie der Mutter war dieses Leiden üblich, und wenn die Tochter einmal in die Jahre kam und dann noch die gleichen Feldarbeiten tat, stand es ihr auch bevor. Einstweilen mußte sie gleichwohl die Mutter ablösen, die sich fortan auf die Küche und die Viehwartung beschränkte. Das Holzmachen, die Weinbergarbeit besorgten im großen und ganzen der Vater und der Bruder, das Helfen beim Mähen, das Rechen, das Heutragen, das Füttern, das Melken gehörte den Frauen zu. Vom Heutragen hatte Marie nach einem Jahre richtig ihre O-Beine bekommen, so schwer war diese Zweistundenlast, die sie auf der Trage über den steinigen Hohlweg hinunter schleppte. Vordem hatte sie schöne gerade Beine gehabt, jeder durfte sie anschauen, und jetzt! Es war schade um sie, sie war doch sonst nicht übel! Und dann noch die Geschichte mit einem neuen Kind, das kommen sollte! Wenn es ein Bub war, gehörte ihm einmal der Hof, der nach dem alten Brauch im Land stets an den Jüngsten fiel. Die älteren konnten dann weggehen, wenn sie mit ihrem Anteil ausbezahlt wurden, oder konnten als Knechte und Mägde beim neuen Herrn, beim Jüngsten, dienen, was niemals gut tat. Wer fügt sich so leicht einem Jüngeren? Mit dem Bruder Josef hatte sie sich ganz schön vertragen. Bei ihm wäre sie geblieben, wenn sie nicht heiratete, und hätte ihm die Wirtschaft geführt, wenn er nicht heiratete. Er war nur wenig jünger als sie, und dann war er ja ein Bursch und stärker. Das paßte schon. Er folgte ihr auch. Aber für einen Jüngsten wollte sie sich nicht ihre Jugend lang plagen. Sie dankte schön für einen Bruch und fürs Operieren im Spital, lieber gleich aufhängen! Sie hatte an den O-Beinen genug! Sie machte der Mutter damals schöne Vorwürfe, als sie das Unglück erriet, oh, sie war grob mit der Mutter, gröber als die Mutter jemals zu ihr gewesen war. Schickte sich so etwas für eine Alte? So eine Schande! So eine Dummheit, wenn man schon über Vierzig war! Was geschah denn, wenn es ein Bub wurde? Damit nahm ja die Mutter den älteren Kindern einfach den Hof weg, und die sollten noch gar das Kleine warten und sich alt rackern, bis es groß genug war, um sie davon zu treiben. Wenn die Mutter krank würde, mußten sie auch ihre Arbeit aufnehmen. Das hätte die Mutter doch vorher überlegen sollen! War sie nicht alt genug, um so gescheit zu sein? Wie sollten sie das alles leisten? Wie denn? Die Mutter weinte damals. Sie schlug die Schürze über das Gesicht und schämte sich. Es war schlimm genug, daß sich eine alte Frau vor ihrer eigenen Tochter schämen mußte, eine alte Frau, die schon Großmutter sein könnte, hatte man so etwas schon erlebt? Die Tochter wollte gar nicht aufhören mit Reden und Vorwürfen, je mehr sie Angst und Mitleid, auch Mitleid mit der Mutter hatte – die war ja arm! – desto mehr redete sie auf sie ein, bis die Frau endlich aufheulte. »Wenn du mir keine Ruhe gibst, häng' ich mich auf,« schluchzte sie und stieg in den Dachboden hinauf. Marie hatte Angst, daß sie sich wirklich etwas antun möchte, und schwieg. Seither gab sie der Mutter Ruhe. In den Wintermonaten, da auf dem Hof wenig zu tun war, saßen die Frau und die Tochter am Fenster. Die Frau nähte an der Wäsche für das Kind, die Tochter flickte. Da riet ihr die Mutter selbst, vom Hof wegzugehen und in der Stadt einen Dienst zu suchen. Es war nichts mit der Feldarbeit! Die Frauen aus ihrer Familie waren nun einmal zu schwach dazu und Schonung gibt es keine auf dem Land. Unmöglich! Es wäre ja zum Lachen. Die Arbeiten müssen getan werden. Der Bauer kann nicht warten. Wenn nicht alles zu seiner Zeit geschieht, fällt auch das Geld aus, das man zu seiner Zeit erwartet. Was bei ihrer Bruchoperation versäumt worden war, das fehlte jetzt an ihrem Munde. Die Mutter war zahnlos. Auch das lag in ihrer Familie. »Mein Gebiß ist beim Arzt geblieben,« sagte sie, wenn man sie fragte, warum sie sich keines einsetzen lasse. Nein, die Marie sollte nicht hierbleiben. In die Stadt gehen! Die Hausarbeit sei ein Spaß nach diesem Kreuz hier, und wenn die Mutter einmal sterbe, dann sollte die Marie geschwind hinausfahren und alles zusammenpacken, was sie von Wäsche, Kleidern und den anderen Sachen hier brauchen könnte, denn der Vater nahm doch gewiß bald eine junge Frau, und dann blieb gar nichts mehr für die Kinder. Nur nicht auf dem Hof alt werden! Es war zu schwer. Nur keinen Bauern heiraten! Man war nicht stark genug dafür. Die Männer hielten es noch aus, wenn sie nicht tranken. Der Vater war gesund und bei Kräften, ein ordentlicher Mann, nichts zu sagen. Er hatte sie auch gern. Er hatte sie sogar geheiratet, als sie die Marie schon bekommen hatte und als seine Eltern eine andere Reichere für ihn wollten. Ein Glück, daß der Hof damals bald frei wurde. Ihre eigene Mutter hatte sie mit dem kleinen Kinde, mit der Marie, nicht aufgenommen und bei Nacht und Sturm weggejagt. Der Mann hatte sie irgendwo untergebracht. Ein Glück, daß er sie gleich brauchte und heiraten konnte. Sie war mit dem Hof hier verheiratet. Sie hatte es sich damals leicht vorgestellt, Bäuerin sein und ein eigenes Haus halten und noch Kinder bekommen und aufziehen. Er war bei der Arbeit jünger geblieben und sie war älter geworden dabei. Wenn sie starb, sollte er hier Witwer bleiben und auf die Kinder warten? Nein, er mußte bald eine jüngere Frau nehmen. Da sollte die Tochter beizeiten sorgen, daß sie nicht zu spät kam, wenn sie hier blieb. Mit dem Sohn war es etwas anderes, der gehörte her, der war hier noch immer besser daran, als irgendwo draußen als Arbeiter oder Knecht. Aber ein Mädchen! Nein. Nur dazu schauen, solange es noch Zeit war. Im Frühjahr kam richtig ein Bub zur Welt. Die Marie pflegte die Mutter und als diese so weit war, daß sie wieder aufstehen und schaffen konnte, ging die Tochter richtig nach Wien in Dienst und kam nur im Sommer oder Herbst auf Urlaub nach Hause, um den Berg anzuschauen und zu lachen, daß sie nicht mehr Heu hinunter oder Mist auf der Butte über den Felsen hinaufschleppen mußte. Am liebsten kam sie zur Weinlese, anfangs Oktober zum Singen und Tanzen. Der Hof, die Feldarbeit hatten solche Feste, womit sie den Jungen schön taten und schmeichelten, als sei es eine Lust, hier zu sein und zu schaffen, wo man so schön sang, zur Zither tanzte und in Reihen Arm in Arm herzog, daß die Steine unter den Schuhen knirschten, oder an der Lände die Schiffe erwartete und die schmucken Dirnen spielte, die sich über die Städter lustig machten. Aber nur nicht warten, bis der Hof und das Jahr ihre Alltagsmiene aufsetzten und ihre Geschäfte wie Schulden eintrieben! Wenn der Wein im Faß arbeitete und im Keller lag, durfte man nicht vergessen, was er als Grüner an Schweiß und Arbeit gekostet hatte, und um dieses scharfe Gedächtnis zu behalten, durfte man auch keinen Schluck davon trinken. Vom Wein ward man schwach und ließ sich benebeln und drankriegen. Der Wein zwang einen dann zu allem Übel, bis wieder ein Jahr um war und bis man wieder einen jungen Wein bekam und sich wieder Vergessen trank mit Halloh und Dummheit. Zum Schluß gab es überall Trottelfamilien, die untereinander heirateten, und abseits ein paar harte, strenge Bauern, die nicht tranken und sich und ihre Leute ohne allen Trost plagten wie ihr Vater. Nein, nach der Lese mußte man gleich auf und davon. Marie hätte schon ein paarmal da draußen heiraten können, aber sie ließ sich nicht fangen. O nein! Tanzen, Singen, Reihweislaufen, ja, aber dann auch zur Zeit auf und davon. Auf Wiedersehen! Und jetzt war der Bruder auch auf und davon und hier. Sie wußte recht gut, wie alles zugegangen war. Die Mutter kränkelte nach dem letzten Kinde. Man hatte eine zweite Bruch-Operation machen müssen, damals war Marie mitten im Winter nach Haus gerufen worden und hatte abgewartet, bis alles gut ausgegangen war. Aber da die Mutter, kaum geheilt, wieder die tägliche Arbeit anfangen mußte, ging es ihr eigentlich nie mehr ganz gut, immer hatte sie irgendwelche körperliche Beschwerden, üble Laune, Todesahnung und Lebensfurcht. Vor einigen Wochen war der Arzt von Spitz herübergerufen worden, da sie fieberte. Die Geschichte war ja nicht so arg, aber er sagte dem Mann und dem Josef, ihrem Bruder, geradeheraus, es sei halt ein Kreuz mit der Frau, sie sei recht schwach daran und man müsse immerhin darauf gefaßt sein, daß sie die nahen Wechseljahre nicht überstehe. Bei den Bauern sagt der Arzt ganz leicht etwas ganz Schweres. Die Leute sind das Tragen gewöhnt und man muß auch eine üble Nachricht schleppen können. Ihr Bruder Josef nahm sich die Geschichte zu Herzen, aber so: wenn die Mutter stirbt und noch so bald dazu, dann nimmt der Vater gleich eine junge Frau. Wozu bleibe ich dann auf dem Hof, der entweder dem kleinen Bruder gehört oder der neuen Fremden? Soll ich mich für die plagen? Ich geh doch lieber gleich weg, bevor es zu spät ist. Darum traf er alsbald seine geheimen Anstalten. Zehn Burschen aus der Gegend meldeten sich bei der Agentie der Donau-Dampfschiffahrt zum Dienst auf den Schleppern. Trotz der allgemeinen Arbeitsnot brauchte die Gesellschaft jedes Jahr für die Schlepper Leute, die den Strom kannten, und das waren eben die Uferbauern hier oder in Ungarn. Keine anderen Arbeitslosen, soviel deren sich bewarben, nahm man. Die zehn von hier glaubten kaum, daß sie alle ankommen würden, wer weiß, wen man auswählte und was man für Forderungen und Prüfungen mit ihnen anstellte. Den Strom kannten sie freilich. Mit Zillen und Traunern und Flössen fuhren sie oftmals im Jahr auf- und abwärts, brachten und holten Waren, jedes Jahr kam jeder mehrmals nach Wien oder nach Linz oder Passau, und jeder verstand sich auf alle Tücken des Wassers, auf Untiefen, Strudel, Klippen, auf Wind und Wetter, ohne daß er alle die rätselhaften Zeichen der Karte zu lesen brauchte. Er verstand es einfach von Geburt, aus der Übung. Josef verschwieg die Meldung, aber als er mit allen zehn Bewerbern aufgenommen war, mußte er es geschwind sagen, denn in einer Woche sollte er schon mit einem Schlepper reisen. Den Krach, der damals zu Hause eingeschlagen hatte, hörte Marie von weitem. Die Mutter hatte ihr gleich davon geschrieben: jetzt, wo das Holz gefällt und gerichtet und heruntergeführt werden sollte, wo der Vater niemand sonst für die Arbeit hatte, ließ sie Josef allein, jetzt ging er weg, weil später, nach Jahren vielleicht, etwas Unangenehmes kam. Er werde es schon noch bereuen. Er stellte sich das Leben da draußen viel zu schön vor. Den Arbeiter schone man nirgends. Zu Hause aber habe er doch alles, was er brauche. Der Vater sei ganz weg gewesen. Sonst so hart und ruhig, einer, der sich nicht so leicht etwas merken lasse, weinte er, daß es ihn schüttelte, als der Josef ihnen aufkündigte. Es war nicht zum anschauen! Das tat ihnen der Bub an! – Aber es war mit ihm nichts mehr zu machen. Jetzt war er richtig hier auf dem Schlepper Nr. 69. Unter den zehn Burschen, die man wegen ihrer vorausgesetzten Stromkenntnis angeheuert hatte, fand sich übrigens einer, der Josef wahrscheinlich angestiftet hatte, einer, der bei ihnen nicht einmal zu Hause war und von Schiffen und Wasser gar nichts verstand, aber ein großer Lump, ein gebürtiger Wiener, Sohn einer sehr wohlhabenden Frau, der hätte studieren können, aber nicht mochte, sondern solange erzählte und tribulierte, er wolle auf dem Lande leben und Bauer werden, bis die Mutter richtig einen großen Hof draußen kaufte, zu einem schönen Landhause mit Ställen umbaute, einen Blumengarten mit Sommerlauben anlegte, ein paar hundert Obstbäume pflanzte, Wiesen, Wald und Weinrieden erwarb und alles Geld in die Wirtschaft hineinsteckte, damit der einzige Bub seinen Willen bekam. Sie selbst fand sich, obschon bejahrt, in allem gern zurecht. Sie erntete den besten Wein in der Gegend und verhandelte ihn zum besten Preise, sie zog das schönste Obst und sandte es nach Wien, sie mästete Schweine – ihr Hühnerhof, ihre Gänse und Enten waren berühmt – sie lieferte Milch nach Spitz und Krems, sie vermietete Sommerwohnungen, sie schenkte auch Wein als Wirtin aus. Bei allem half ihr der Sohn nur sehr träg und unwillig. Er trank dafür, und aus dem schüchternen Stadtbuben, der mit vierzehn Jahren hingekommen war, als könne er nicht bis drei zählen, wurde in zwei Jahren der ärgste Schlingel, der alle anderen gleichalterigen echten Bauernburschen wie eine Kompagnie von Lumpen zu den ärgsten Streichen anführte. Als die Mutter einmal auf einer Geschäftsreise über Land war, lud er die Gesellschaft, auch ältere Leute und Gelegenheitsschmarotzer, in den eigenen von seiner Mutter sonst sehr gut verschlossenen Weinkeller und verzechte mit ihnen das beste Faß der letzten Ernte. Die Frau kam gerade zurück, als es leer wurde und die Gesellschaft im Keller besoffen lag. Sie warf die Herrschaften eigenhändig und mit Hilfe von Knechten und Mägden hinaus. Ihren Sohn behielt sie zurück, sperrte ihn ein, bis er nüchtern war, dann zählte sie ihm die notwendigste Wäsche und die schäbigsten Kleider vor, wies ihm in der Dienststube einen Schrank, ein Bett, einen Stuhl an. Dort sollte er von nun an wohnen, seinen Wochenlohn beziehen wie ein Knecht und bei den Leuten essen, aber nicht mehr bei der Mutter an ihrem Tische. Verfehlte er in Hinkunft noch das geringste, so kündige sie ihm den Dienst auf wie einem Knecht und er möge schauen, daß er weiterkomme. Diese Erziehungsmaßregel brachte aber den Unbändigen erst recht auf, statt ihn vernünftig herunterzustimmen. Die Schande wurmte ihn. Wenn ich Knecht sein soll, kann ich es überall sein, dazu brauche ich unsern eigenen Hof nicht. Lieber fort! Anheuern! Das war also der Rädelsführer, und die andern acht waren auch nicht gerade die besten, keine Söhne von rechten Bauern, sondern Kinder von armen Handwerkern und von Kleinhäuslern, an jede Not gewöhnt, die verloren nichts bei dem Tausch, denen war es gleich, wohin sie gingen, die hungerten und froren, wenn's darauf ankam, zu Hause so gut wie anderswo, aber der Josef! . . . Sie wurde von der Straßenbahn endlich bei der Reichsbrücke abgesetzt. Es war Sonntagnachmittag, anfangs Dezember. Die erste Kälte. Der junge Schnee war dicht und üppig gefallen, als hätte er einen ganzen Novembermonat Nichtstun nachzuholen, wo es solange mild und schön sonnig und warm gewesen war wie in einem glücklichen September. Dafür biß der erste Frost jetzt um so zorniger in die Haut, der Wind fuhr einen an und der Schnee peitschte ins Gesicht. Unverzüglich hatte er alles weiß gemacht. Schon war es dunkel, aber die Dunkelheit schimmerte. Breite Schneehauben saßen auf den Pfählen, auf den Ästen und zerstoben bei jedem Windstoß und verübten so aus eigenem ein besonderes Treiben. Aber gleich flogen sie wieder auf ihre Haufen, wo es einen Platz zum Rasten gab. Breite Säume von Schnee hockten wie weißer Pelz auf den Mauern. Die Straße war bereits tief eingeweht. Seit dem Morgen fuhr, als an einem Sonntag, kaum ein Wagen hier. Sonst lärmte und rasselte es unaufhörlich von den schweren Lastfuhrwerken, die zu den Bahnmagazinen anknirschten, oder von dort wegklapperten. Die mächtigen Gummiräder der Automobile und die breiten Eisenreifen der Wagen, die Hufe der gewaltigen Pferde zerstampften da den dichtesten Schnee zu breiigem Schmutz, denn hier tobte der ärgste Verkehr der Stadt: Die Menschen, Tiere, Lasten, Fuhren, die pfeifenden Züge, das Kreischen der verschobenen Wagen, Schimpfen, Geschrei, – eine zähere, leidenschaftlichere, begehrlichere, ungeduldigere Natur, die menschliche, heißer als Hundstagshitze, kälter als Winterschnee, windiger als Wind und strömender als der Strom, der da unten stet und unhörbar in seinem großen Bette lief. Aber am Sonntag war Ruhepause, Naturrast, gerade hier am stillsten, scheinheilig und lauernd, die Magazine schwiegen, die Gittertore zu den einzelnen Geleisen waren geschlossen, nur die Tramway sauste zuweilen funkenschlagend und mit Geläute brausend durch die leere Straße, bis sie zu ihrer Remise abzweigte, die letzten Fahrgäste entließ und Marie allein im Dunkel und Schneetreiben, in der Kälte und Kümmernis ihren Weg zum Schlepper 69 suchte. Sie hatte den Schaffner und einige Nachbarn im Straßenbahnwagen gefragt, wie sie denn zum Schlepper 69 komme. Niemand kannte die Nordbahnlände oder wußte was von Schleppern. »Da unten bei der Reichsbrücke muß es sein!« Mehr sagte keiner, weil für den Wiener am Ufer, dort beim Hafen überhaupt ein neues Reich, eine völlige Fremde anfängt: Stromland, Donaudurchzug. Dort kennt sich niemand von der Stadt so bald aus. Die Schlepper bilden sozusagen bewegliche Wasserwohnungen mit Wassernomaden. Sie kommen an, sie gehen ab, sie rasten nicht im eigentlichen Wien, sondern außerhalb, ganz am Rande, die Schiffer mischen sich nicht unter die Städter, sie stammen alle von weit draußen und haben in der Stadt selbst nichts zu suchen, weder Zeit noch Lust dazu, noch auch Fähigkeit, denn die meisten sind Ungarn, Slowaken, auch Rumänen, ja sogar Bulgaren und Zigeuner und verstehen als einfache Leute oft kein deutsches Wort, geschweige denn, daß sie es gern sprechen. Sie führen ihre Wirtschaft auf dem Schlepper, dort kochen sie sich selbst ihr Essen, dort schlafen sie, höchstens daß die ledigen Burschen nach Feierabend rudelweise in gewisse Kneipen hineinfallen und saufen oder sonst etwas anstellen, was sich nicht gehört und was die Marie für ihren Bruder eben fürchtet. Was sollen die Armen denn anfangen, wenn sie so ganz allein sind? Zum Alleinsein darf man nicht jung sein. Alle Älteren, die Steuermänner, die Maschinisten sind verheiratet. Weiber und Kinder leben auch nur auf den Fahrzeugen. Im Winterhafen, bei geschlossener Schiffahrt, auf ein paar Monate von Eis umgeben und festgehalten, haben sie sogar ihre eigene Schule auf einem Dampfer und ihren eigenen Gottesdienst, damit sie keinen Schritt von ihrer beweglichen Heimat fortzugehen brauchen. Aber so weit war es ja noch nicht. Der Strom floß noch schwarz und stetig ohne Eisschollen dahin und die einzelnen Schlepper lagen jeder für sich irgendwo an der Lände vor Anker, nicht versammelt im Hafen. Stromaufwärts lagen sie in weiten Abständen voneinander mit der Breitseite am Ufer. Das Mädchen watete an den letzten Häusern vorbei über tiefen Schnee bis zum Wasser. Im Dunkel sah sie nicht einmal, wo der feste, hochverschneite Rasenboden aufhörte, sie spürte nur, wenn es abschüssig wurde, daß das Ufer begann. Sie sah auch den einzelnen Schlepper selbst nicht, ob einer gerade hier unten lag, erst wenn sie davor stand. Drüben stromabwärts brannten die Lichter der Reichsbrücke. Jenseits war die Station für die Dampfer. Die kannte sie, dort ankerten die Passagierschiffe, die Frachtdampfer, schlimmstenfalls mußte sie sich dort vielleicht Auskunft holen über den Schlepper Nr. 69. Aber ohne zu fragen, war sie gerade hierher stromaufwärts gegangen, als wüßte sie den Ort aus ihrem eigenen sicheren Gefühl, das sie nun einmal als Uferkind besaß. Der Strom brachte die Menschen und führte sie auch wieder weg, aber er behielt sie irgendwie im Stillen, sie vergaßen ihn nicht leicht, sie gehörten ihm und fanden sich von selbst in alle seine Eigenheiten, sobald sie wieder in seine Nähe kamen. Darum fürchtete sie sich auch in ihrem einsamen Suchen jetzt gar nicht, sie blickte durch die Finsternis, als sähen ihre Augen schärfer oder als spürten ihre übrigen Glieder mit, was sie wußten. Die Füße, die Arme, die Brust, die Hände, die Fingerspitzen, die Wangen, die Lippen spürten, ihr Atem merkte, wo fester Boden war, wo Leere, wo ein Schlepper lag, wo keiner war. Sie kam dann an einen und rief ihn von oben an: »Halloh!« Aber sie schwieg gleich, denn bei dem Sturm hörte man sie nicht. Ein dünnes, kleines Licht brannte dort. Sie mußte näher hinwaten. Sie tappte sich bis an die Steine, die sie durch den Schnee spürte, sie gewahrte die lange, breite, schwarze Masse, sie stieß an eine eiserne Kette, da waren Bretter, ein schmaler Steg. Unten, noch kälter, atmete das Wasser, sie hörte es jetzt leise gurgeln und anschlagen. Sie nahm das Licht an der Steuerseite deutlicher wahr, dort oben auf dem Deck ragte eine kleine Hütte, die Wohnung des Steuermanns, wie sie wußte. Jetzt konnte sie rufen. Sie schrie laut ihr »Halloh«. Lange antwortete niemand. Aber da das Licht brannte, mußte wer »zu Hause« sein. Sie schrie abermals und ein drittes Mal. Endlich öffnete sich oben die Tür, sie hörte sie knarren, das Licht ergoß sich in einem breiten Streifen hinaus, aber die Tür wurde gleich ängstlich von außen zugemacht, der weiße Nebel verschwand im Nu und eine Gestalt antwortete: »Halloh!« Ein Hund bellte drein. Sie fürchtete, sie möchte sich bei dem Geheul gar nicht verständlich machen. »Hier Schlepper 69?« »Waas?« Ins Hundegebell rief sie so laut und deutlich sie nur konnte: »Schlepper 69, Josef Ringseis?« »Waas? Nix Deutsch! Nix Josseff.« Der Mann trat gleich wieder in seine Hütte und schlug ihre Tür zu, er ließ sich in Wind und Kälte auf keine näheren Erklärungen ein, auch weil er ein Ungar war oder ein Kroate und nicht Deutsch verstand. Wäre hier der Neunundsechziger gewesen, so hätte er schon wenigstens die Zahl verstanden und gewußt. Der Hund bellte ihr noch ein wenig nach, dann schwieg er und verkroch sich wahrscheinlich. Sie tappte zurück und hinauf, bis sie festen Boden spürte und versuchte ihr Glück weiter oben. Ein zweites, ein drittes Mal traf sie einen zweiten, einen dritten Schlepper an, tappte wiederum bis zum Wasser hinab, rief so lange, bis die Türe oben aufging, ein Kerl erschien und auf ihre Frage entgegenschrie: »Nix Josseff.« Der zugehörige Hund bellte, solange sie in der Nähe war und schwieg dann wie sein Hundebruder von vordem. In der Dunkelheit und Kälte, im stoßenden Wind, bei dem vergeblichen Warten, bis man sie hörte, bis die Tür ihre Helligkeit und den verdrossenen Mann herausließ, sich drauf gleich wieder schloß und die Figur im Finstern oben das »Nix Josseff« antwortete im Hundegeheul und im völligen Verstummen danach, schienen die Minuten endlos, sie glaubte mindestens eine Stunde mit ihrem Tappen und Suchen verbracht zu haben und war darauf gefaßt, dazu bereit, es endlich aufzugeben, zurückzukehren, nur um wieder ins Licht, unter Menschen, in die Stadt zu kommen. Sie würde den Bruder ja doch nicht mehr finden. Wenn sie bei Tage kam, noch einmal diese weite Reise antrat, war er vielleicht überhaupt nicht mehr hier. Die Stadt ist zu groß, sie wohnte zu weit weg. Aber sie machte doch noch einen vierten Versuch. Sie mußte nach ihrer Vorstellung schon sehr weit draußen sein. Die Luft fühlte sich so ganz frei, als käme sie von gar keinen Mauern und Häusern mehr, sondern fahre ohne jedes Hindernis von der Ebene zum Wasser oder umgekehrt in einem unendlichen Fegen, das sich in ihren kurzen Rock verfing wie in ein armseliges knatterndes Fähnchen. Der Sturm hätte einen ordentlichen Anhalt gebraucht, um ihn anzufallen. Der Schnee stäubte heftig. Wieder stieg sie zu dem schwarzen großmächtigen Schlepper hinab. Wieder rief sie. Wieder öffnete sich die Tür oben. Der Steuermann erschien und antwortete in das Gekläff seines Köters hinein: »Neunundsechzig, Josef Ringseis.« Er wußte sogar den Namen, nur daß er ihn komisch aussprach, so daß sie ihn selbst nicht gleich verstand und wiedererkannte. Aber sie war jetzt an der richtigen Stelle. Der Steuermann kam auch langsam über das ganze Verdeck vorwärts, ihr entgegen, er trug eine Laterne, er zeigte ihr die Landungsbretter, er gab ihr die Hand, er hob sie hinauf. Den Hund neben sich beschwichtigte er. Sie versuchte den Mann auszufragen, er lachte und brummte nur immer im Hintappen: »Jossef, ja Ringseis, Jossef ja, da. Neunundsechzig.« Als sie sich auf die festen Planken geschwungen hatte und stand – der Hund beschnupperte sie –, wies er sie nach links: »Da.« Was da? Schier wäre sie in das Loch gefallen. Der Hund blieb oben stehen und knurrte in die Finsternis hinunter. Eine schmale Holztreppe, eine richtige Hühnerleiter führte durch die Luke in den Schiffsboden. Dort lag wohl die Kabine ihres Bruders. Sie wollte vorwärts hinabsteigen, aber gleich besann sie sich, drehte sich um und kletterte mit dem Gesicht gegen die Stiege über die engen Stufen hinunter. Der Steuermann war schon wieder fortgegangen in seine warme, beleuchtete Hütte auf der andern Seite am Deck. Sie war unten. Hier roch es nach Kohlenstaub, nach Mehl, nach Petroleum, nach Ruß, nach Pech, nach Holz, nach Harz, sie glitschte auf den nassen kalten Planken, es war so eng hier, daß man doppelt Angst hatte zu fallen. Ein Gang, eine Tür. Sie tastete, sie fand die Klinke, sie versuchte sie vergeblich aufzudrücken. Die Tür gab nicht nach, schütterte und lärmte, daß es in dem Gang unheimlich hallte, aber die Tür war zugesperrt. Von fern, auf dem Deck, bellte der Hund. Die schmale Oberlichte von Glas, die sie in der Finsternis glatt abgriff, war schwarz. Drin brannte kein Licht. Der Bruder war also doch nicht hier. Er konnte ja weggegangen sein. Der Steuermann brauchte es gar nicht bemerkt zu haben. Einen Augenblick dachte sie daran, wieder fortzukommen aus der ängstlichen Luft hier, er war nicht zu Hause, also schade. Da fiel ihr ein, ihr Bruder schlief vielleicht schon. Was sollte er anderes tun, wenn es so dunkel war und er sie erwarten wollte? Sie klopfte an der Tür. Keine Antwort. Sie klopfte wiederholt, endlich schlug sie mit der Faust ans Holz, daß sie die Hand schmerzte, die kalten Knöchel brannten und die Tür ächzte und krachte. Da hörte sie seine Stimme drinnen, wie er erwachte und auffuhr. »Ja,« hörte sie. Er schlurfte auf. Das Zündholz schabte laut an der Reibfläche. Er machte Licht. Er drehte den Schlüssel um und ließ sie ein. Da war sie. Da war er. »Servus Mizzl.« »Servus Sepp.« »Na also, bist da.« »Ja.« »Kalt hast's da.« »Ja kalt,« klapperte er nach, in seinen schäbigen alten, zu kurzen und zu engen Winterrock gepackt, er hatte seine alte Radfahrermütze über die Ohren und den Hals tief in den aufgeschlagenen Kragen hineingezogen. Die beiden Hände in die Taschen vergraben, den Kopf zwischen den Schultern geduckt, die Beine aneinandergepreßt, stand er da. Sie warf einen Blick um sich, und schon übersah sie das Ganze, das recht bald zu übersehen war, denn es gab nicht viel hier. Der Raum war hoch, die Kajüte nahm den ganzen Schiffsboden ein. So war es auch am billigsten: mit den Brettern der Vorderwand, wo die Tür eingepaßt war, und mit Brettern zur Linken aus dem großen Schiffsrumpf an der Kielseite einen Verschlag herauszunehmen, dessen Decke gleich von den Planken des Verdecks gebildet war, indessen sich die andere rechte Seite aus der Wölbung der Schiffswand selbst mit leichter Schräge ergab. Immerhin ein ganz großer Raum. Kleiner wäre besser gewesen, niedriger auch! Die Kajüte war so groß wie die Küche in der Wohnung der Herrenleute, gut vier Meter in der Länge und Breite und nicht viel weniger hoch. So hoch, daß man die Decke schon gar nicht mehr sah in der Finsternis. Ein Bett war an der Bretterseite recht hoch angeschlagen. Wenn man darauf saß, berührten die Füße nicht einmal den Boden. An der Seite des Bettes stand ein kleiner Holztisch, wo jetzt die Kerze in einem alten eisernen Leuchter flackerte und Mühe hatte, den hohen, dunkeln, luftigen, kalten Verschlag unsicher zu erhellen. Dafür sah man den Atem deutlich, den sie beide aushauchten, Wolken stießen sie aus. Man hörte das Feuer im Ofen knattern, man sah es auch durch die Fugen brennen. Der kleine, gußeiserne Ofen stand in der Hütte, so daß man ihn rund umgehen konnte. Das Rohr stieg gerade zur Decke hinauf, durch die Planken. Das sah zwar nach Wärme aus, aber man konnte es sich nicht einbilden. Der Bruder schmiß gleich wieder eine Schaufel Kohlen, die er aus einem schwarzen Kübel faßte, bei der Ofentür herein und klappte sie zu. »Huh, kalt hast du's hier,« sagte Marie, ging an den Ofen und griff an das Rohr. Sie erstaunte, sie konnte es mit den bloßen Händen anfassen, es fühlte sich kaum lau an. Die Kälte wurde hier stärker eingeheizt als die Wärme, stieg von den Füßen unablässig auf, denn unter dem Boden vernahm man das stetige, leise Ziehen des Stromes, der Kälte nachlud und nachgoß ohne Unterlaß. Über der Decke aber ging der ebenso stetige Weg der freien harten Luft draußen und lud Wind nach und wehte auch seine Kälte dazu. Mit Luft und Wasser wurde hier Kälte geheizt. Was konnte das kleine, kümmerliche Öfchen mit den paar Kohlenstücken dagegen leisten, selbst wenn es bis zum Bersten voll war und ganz glühte. Dazu kam es aber kaum, denn so lange konnte man es ja nicht heizen. Bei Tag fand man nur in den Dienstpausen her, bei Nacht nur zum Schlafen. Bevor man sich niederlegte, machte man Feuer, lag man, so ging es bald aus, denn zum Nachfeuern aufzustehen, vermochte man doch nicht, man mußte sich dann schon selbst warm machen. »Was hast' denn für Bettzeug?« fragte Marie. Der Strohsack schaute unter dem zur Seite gewälzten Kotzen mit dem groben Leintuch hervor. Sepp erklärte: in der ersten Nacht hatte er sich wie zu Hause zum Schlafen ausgezogen bis aufs Hemd. Dann hatte es ihn gleich sehr gefroren, so wickelte er sich in den Kotzen und in das Leintuch ein, die Bettdecke, auch einen Kotzen packte er darüber. Aber auch das wärmte nicht. Da fuhr er in die Hosen und den Rock und warf den Mantel noch als andere Decke drüber. Darauf schlief man wenigstens ein. »Hast keine warmen Sachen mit?« »Na.« »Was ist denn mit der schönen roten Jacke, die dir die Mutter vorige Weihnachten gestrickt hat?« »Daheim.« »Und deine neuen Kleider, der Sonntagsanzug, die Pelzjacke, die Schafwollstrümpf?« »Auch. Ist schad' darum. Ich werd' mir die schönen Sachen nicht ruinieren bei der Arbeit.« Ja, so war man erzogen, man schonte die guten Sachen, die lagen warm im Kasten zu Hause, und hier fror er lieber in den alten dünnen, miserabeln Fetzen. Marie lachte auf. »Hast wenigstens zum Essen?« »Na. Man muß sich alles selber kochen, da,« er zeigte auf das Öfchen, dessen Platte gerade für ein Kochgeschirr reichte. Ein Häferl mit Wasser wärmte sich drauf an. Wie sollte der Bub sich selbst was kochen? Wenn er daheim von der Arbeit gekommen war, setzte er sich, streckte die Beine unter, die Arme auf den Tisch und wartete, bis die Mutter das warme Essen brachte, den Teller vor ihn hinstellte, Löffel, Messer und Gabel dazu und er sich bloß zu bedienen brauchte mit so viel, als er wollte. Sogar das Brot schnitt sie ihm. »Ja, hast dir denn kein Fleisch mitgenommen?« »Schon. Geselchtes genug, aber kochen!« seufzte er. Marie lachte, da lachte auch er. Man brauchte wohl etwas Warmes, wenn man hier herunterkam. Gestern hätte er gern was gehabt. Kochen verstand er nicht. Der Steuermann ließ sich von der Frau einen Tee machen. Rum drauf. Das tat schon gut. Aber er hatte keinen Tee. Er wollte den Steuermann nicht bitten. Rum hatte er auch nicht. Den kannte er nicht. Das war man draußen nicht gewöhnt. Kaufen konnte er nichts, denn er traute sich nicht, den Schlepper zu verlassen. Jede Stunde konnte der wegfahren, wenn der Befehl kam. Man wußte nicht, wann. Der Steuermann schwieg sich darüber aus, er wollte seinen Mann dabehalten. Ging man weg, lief einem am Ende der Schlepper davon. So eine Blamage! Man mußte schon bleiben. Aber was Warmes hätte er so gern gehabt. Da kochte er sich Wasser und trank es siedend heiß hinunter. Brr! »Gut war's auch,« lachte er. Und die Arbeit? Er saß auf dem Bett und baumelte mit den Füßen. Ja, wenn wenigstens was Ordentliches zu tun gewesen wäre, daß einem dabei warm wurde, aber nicht einmal arbeiten, nur frieren! Nein, das war nicht gerade angenehm. Was hatte er denn eigentlich zu tun? Beim Fahren mußte er mit dem Steuermann abwechseln am Ruder. Vorn zog der Dampfer. Mit dem Steuer hielt man den Kurs. Das strengte gar nicht weiter an, aber der Wind oben auf der Hütte! Der Wind! So kalt konnte es gar nirgends auf dem Lande sein. Die Hände brannten auf dem Holz. Nach zwei Stunden wurde man abgelöst. Es war recht, wenn es wenigstens schneite. Da war die Treppe zum Steuerhäuschen zu fegen, man mußte den Schnee rundherum auch auf dem Deck wegkehren. Da konnte man sich rühren. Die Bewegung machte einem warm. Wenn man damit fertig und wenn noch Zeit zur Ablösung war, konnte man hierher in die Kajüte hinunterkriechen und heizen. Aber das half ja nichts. So fror man draußen und drinnen. Lag der Schlepper, so war man in der Kälte, fuhr er morgens weg, so war man erst recht in der Kälte. Und langweilig! Mit niemand konnte man ein Wort reden. Lauter Ungarn und Kroaten. Die kochten sich wenigstens was, die hatten die Frauen, die Kinder, den Hund. Aber es war schwer, mit ihnen bekannt zu werden. Nur das Notwendigste deutete man sich. Man schrie sich was zu, man zeigte sich die Fäuste, man zeigte hinauf, nach rechts, nach links, oder man drohte einem mit einer »Watschen«. War er schon in der Hütte beim Steuermann gewesen? Was hatte der für eine Frau? Die könnte ihm doch das Essen mitkochen, wenn er sie darum bat und vielleicht etwas zahlte: sein Geselchtes wenigstens oder einen Tee! »Nein, nur hineingeschaut,« lachte er. Dort hing Wäsche. Kinder rannten herum und der Hund. Nein, er war noch nicht hineingegangen. Wär's nicht gescheiter, er ließ den Schlepper abfahren und fahre selbst ab, nach Hause zurück? Dort hatte er doch alles? Oder nicht? Essen, Trinken, warme Sachen, gute Arbeit, keine Sorge! Ja schon, es war schon besser daheim. Das sah er jetzt. Ja! Ja! Na also. Er brauchte nur sich davonzumachen, zwei Stunden mit der Bahn und er war wieder zu Hause. Er schüttelte den Kopf und sagte nichts, Marie redete ihm zu. »Jetzt nicht!« antwortete er und schüttelte sich in seinem Mantel. »Ich möcht' mich zu viel schämen,« klapperte er zwischen den Zähnen hervor. Die Schwester nickte. Das verstand sie. Da hatte er recht. Man mußte zu Ende tun, was man angefangen hatte. Sie blieb eine Weile still vor dem brennenden Ofen, der nicht wärmte. Er saß auf dem Bett, baumelte mit den Füßen und duckte sich in den Mantel. Sie schwiegen einträchtig. Dann wandte sie sich zu ihm. »Na alsdann, jetzt muß ich wieder fort. Zwei Stunden brauch ich nach Haus. Die Herrschaft wohnt weit weg.« Fast so weit wie mit der Bahn nach Spitz. Groß war die Stadt. »Kommst noch zu mir?« fragte sie ihn. »Nein,« sagte er. Der Schlepper fuhr sonst am Ende ohne ihn ab. Das konnte nicht sein. Sie hatte auch nur so gefragt, aus Schicklichkeit. »Na alsdann. Servus, Sepp.« »Servus, Mizzl.« Er gab ihr die Hand. Sie spürte Tränen in den Augen. Er öffnete ihr die Tür. Sie stieg die steile Treppe hinauf. Er folgte ihr. Oben bellte der Hund, schnupperte an ihr und schüttelte sich. Die Kälte war freier als in der dumpfen Kabine. Bevor sie die Landungsbretter betrat, wandte sie sich nochmals nach dem Bruder um: »Servus, Sepp.« »Servus, Mizzl.« Sie winkten einander zu und lachten kurz. – Als sie über den weichen Schnee nach den Lichtern und zur Tramway zurücktappte, fing sie richtig zu weinen an. Aber sie besann sich bald: Für mich möcht' er sich lang nicht so viel Angst machen, wie ich für ihn. Er aber stieg die Hühnerleiter wieder hinab zu seinem Verschlag, schob eine Schaufel Kohle in den Ofen und hörte wenigstens das Feuer, das er nicht als Wärme spürte, warf sich angezogen aufs Bett, wühlte sich in die Kotzen und in den Mantel. Nach Haus'? Nein! Er schämte sich. »Eine Schand'!« Nichts anderes dachte er, als daß er sich schämte: So oder so. Hundsmörder Simroth hatte bereits zwei Frauen ins Grab gegessen, getrunken, gearbeitet. Leider konnte er nicht behaupten: ins Grab geliebt, geschweige denn darüber hinaus. Sie hatten Geld gehabt, nichts weiter. Liebe sah er anderwärts und verstand sich darauf als guter Kenner des Versagten. Als Sommerkellner, als Bierversilberer, als Holzhändler, als Pferdefleischspekulant und in seinen anderen Berufen sah er genug Liebe, man sieht sie überall, besonders wenn man sie nicht hat. Simroth war vierzig Jahre lang so verständig gewesen, einzusehen, daß, wer reich werden will, sich was ersparen muß. Daher ersparte er sich das in jeder Beziehung teuerste: Liebe. Zwei Frauen lagen unter der Erde. Sprechen wir nicht weiter von ihnen. Es ist besser. Jetzt aber wollte er zu leben beginnen und einmal eine Frau zu seinem Vergnügen nehmen, nicht zur Wohnungseinrichtung. Ohne Ehe bekam er keine, denn er war ja schon Vierzig und hatte Geld. Wer Geld hat, muß immer heiraten, wenn er lieben will und ein solider Mensch ist. Simroth hatte Geld, er brauchte also nicht zu fürchten, daß er keine finde. Simroth war stark und gesund und ohne Leibschaden. Warum sollte ihn eine Frau nicht mögen? Er hatte auch Kleider genug, eine fingerdicke goldene Uhrkette, einen Ring mit einem von Brillanten eingefaßten Saphir. Er hob noch heute seine fünfzig Kilo, wenn es sein mußte. Er war auch einmal Möbelpacker gewesen. Unverbraucht, konnte er seine Proben ablegen in jeder Beziehung. Das wollte er, ja, das wollte er ja. Aber diesmal mußte es sich lohnen. Der Richtige mit der Richtigen! Er brauchte keinen harten Schragen, keine knarrende Bettstatt, keine Breithäuptige, keine Schwerfällige, keine Person, keine Hergelaufene. Die allen gefielen, mochte er nicht, und die keinem gefallen, schon gar nicht. Er wollte etwas Feines, etwas Ordentliches, eine, die nur für ihn da war, eine, die ihm ans Herz ging und an den ganzen Mann: ein Weib. Etwas, das mehr war als Wein und Bier und Gelegenheit und soso! Simroth war kein Dichter, darum konnte er seine Wünsche nicht mit zarter Bestimmtheit ausdrücken und seine Gefühle nicht wie Flaumfedern lesen. Aber er wußte deutlich, was er meinte, er suchte danach und rechnete es sich als Geschäftsmann aus, der die Maße und Gewichte kennt. Wollte er auch in der eigentlichen Weiblichkeit seine Erfahrungen erst machen, die Theorie besaß er vollkommen. Simroth war kein heuriger Has', kein träumerischer Liebhaber, kein Leichtsinniger. Wo er stand, stand Simroth. Simroth machte keine Gedichte, las keine Bücher, nicht einmal die Zeitung, höchstens Inserate; er ging nicht auf Bälle, er strich den Weibern nicht nach, er gab sich nicht mit leichten Gelegenheiten ab. Er war kein Taschendieb der Herzen, er war ein praktischer Mensch mit soliden Zielen. Mit einem Wort: er hatte ja schon die Richtige. Sie war Anfang der Dreißig. Eine jüngere hätte nicht zu ihm gepaßt. Da hätte es allerhand Gefahren gegeben. Ein Stier braucht keine Hörner, die ihm andere aufsetzen! Simroth konnte wild werden, wenn er an so etwas dachte. Aber er wollte gar nicht wild werden. Oder auf ganz andere, erlaubte, hochanständige, moralische Weise. Ha! Es mußte eine sein, der Simroth was galt, die schon auf eine solche Gelegenheit wartete, aber noch vor der Abfahrtszeit ihrer Reize. Diejenige war danach. Schlank, aber es war etwas dahinter, es wehte ein Rüchlein Sommerstunde aus ihr, wie sie stand und ging, Sommer, der noch nicht eingetrocknet ist, Erdbeersommer. Gut gewachsen war sie, schwarzhaarig, langbeinig, ordentliche Zähne hatte sie. Sie trug sich streng in Schwarz, hochgeschlossen, mit einer schönen soliden Brosche an der Brust, wie sie überhaupt auch soviel Geld besaß, daß sie nicht den ersten besten zu nehmen brauchte, sondern eben den letzten besten – Simroth. Warum sie eigentlich nicht schon längst einen anderen hatte, wußte Simroth nicht, fragte auch nicht danach. Vielleicht hatte sie einmal unglücklich geliebt, vielleicht war »derjenige« untreu gewesen oder gestorben. Oder diejenigen. Sie konnte ganz wohl mehreren gefallen haben. Danach war sie schon. Aber das ging Simroth gar nichts an. Jetzt war er da, und damit fing ihre Weltgeschichte an. Jedenfalls ging sie höchst ehrbar einher mit einem feinen, weißen, gutgekämmten Pudel, ohne andere Begleitung. An ihren Fenstern blühten Nelken, Geranien, Rosen, Windlinge, und sie saß bei einer Handarbeit, während der Hund neben ihr die Vorübergehenden studierte. So oft unten ein Hund stehenblieb und sich am Laternenpfahl zu schaffen machte, knurrte der Pudel oben leise verächtlich. Dann sah sie ihn an, und er blickte stumm, aus treuem Herzen zu ihr zurück. Kam ihr aber selbst jemand in die Nähe, so bellte Bello ohne jede Zurückhaltung und war bereit, an die betreffenden Beine zu fahren. Rief sie ihn dann ab, so knurrte er verdrießlich, blickte mit seinen kugelrunden schwarzen Augen mißbilligend gehorsam auf die Herrin, ob sie denn wirklich meine, er solle den Menschen da verschonen. War er nicht bereit, jeden Feind zuerst zu verbellen, dann ihm an die Hosen zu fahren, ihn regelrecht zu beißen, ihn anzurennen, mit einem Wort, so zu behandeln, wie man einen Menschen behandelt? Menschen! Wer könnte sie so tief verachten wie ein Hund! Mit Ausnahme der Herrin! Solche unbegreiflichen Ausnahmen macht ein Hund, macht sie aus Liebe, gegen sein besseres Wissen. Man kann gegen die Natur nichts tun; sie rief, sie lächelte, sie brauchte nie den Elfenbeingriff ihres schwarzen Seidenschirmes zu einem Schlage, sie sagte bloß Bello, das genügte ihm. Einen Verehrer hatte sie also bestimmt, aber das war nur – ein Pudel. Simroth lachte herzlich. Simroth hielt nur die Männer für Nebenbuhler, so wie er sich vermutlich den lieben Gott nur als alten Mann vorstellen konnte, nicht etwa als erhabenen Hund oder als weißen Elefanten. Simroth schloß mit Bello Freundschaft. Er war ohne Vorurteile, man muß sich mit dem Bestehenden vertragen. Er biederte sich dem Hundevieh an. Er präsentierte ihm manche Tüte mit feinem Hundefutter. Auch Schokolade nahm und fraß Bello, aber er bellte trotzdem, wenn Simroth kam, er fuhr ihm jedesmal pünktlich an die Waden, so oft Simroth seine Angebetete besuchte. Bello hielt sich durch die Geschenke gar nicht weiter für verpflichtet. Ohne daß sie ihn zurückrief, ließ er nicht ab, selbst wenn er bereits mit der Schokolade beschäftigt war, und knurrte. Das sollte etwa bedeuten: »Ich aber sage dir. Ich habe gesagt. Ich habe keine Schuld. Muß es denn sein? Warum denn? Bin ich nicht da? Bin ich nicht genug? O diese Weiber, kenne sich ein Hund bei ihnen aus.« Dann kroch er dicht an ihren Rock und legte sich genau vor sie, zwischen Simroth und die Frau. Simroth machte sich unsympathische Gedanken über Bello, aber er unterdrückte sie. Vorerst tat er, als schätze er so unmenschliche Treue. Nachdem seine Werbung angenommen war, konnte er die Braut doch nicht umarmen, denn Bello sprang an ihm empor, legte ihm die Vorderpfoten an die Brust und drängte ihn weg wie ein Ringer. Simroth blickte ratlos auf seine Zukünftige. War es nicht an der Zeit, höchste Zeit? Sie lächelte bloß. Anstatt aber den Hund mit einem Fußtritt zu versehen, beugte sie sich zu ihm nieder und kraute ihm noch das Fell. Simroth zu streicheln, wäre ihr nicht eingefallen. Ihm warf sie nur einen Seitenblick zu, begütigend, spöttisch oder höhnisch. Nichts war damit anzufangen, als sich zu begnügen, artig neben ihr zu sitzen und zu lauern, ob Bello Vernunft annahm. Bello beobachtete weiter, veränderte weder seine Meinung noch sein Benehmen, so oft Simroth Andeutungen und Versuche machte. Bestie! Simroth beschleunigte die Hochzeit. Wer saß zwischen ihm und ihr im Wagen, als sie in die Kirche fuhren: Bello. Wer wartete in der Kutsche, bis sie endgültig verheiratet herauskamen: Bello. Simroth führte die Frau ins Haus, in sein Haus, bitte sehr, Bello trat selbstverständlich mit ein. Für den Pudel war kein Lager hergerichtet. Hatte Simroth den Hund mitgeheiratet? Simroth hatte geglaubt, seine Frau werde das Tier ihrer Wirtin oder sonstwem hinterlassen. Er täuschte sich. Bello konnte einstweilen in ihrem Bette zu ihren Füßen schlafen, das war ohnedies sein liebster Platz. Simroth knurrte. Bello wedelte. Hochzeitsnacht. Simroth war kein Dichter, aber er empfand alles Nötige. Er erschien in der Dämmerung. Die Frau lag schon. Soweit war alles gut. Simroth sah eine schwarze Haarflut auf dem weißen Kissen und herrlich undeutlich einen lichten Hals und Nacken. Das Gesicht war abgewandt, vergraben. Simroth trank einen Hauch von Wärme, von Wohlgeruch, von ruhigem Atem. Er flüsterte leise. Sie antwortete nicht, dafür meldete sich Bello. Der Pudel schlug einmal an, er rief sozusagen zur Ordnung. Simroth flüsterte noch einmal. Bello antwortete stärker. Da schrak sie auf oder tat so. »Was ist's?« Welche Frage! Bello bellte in unabänderlicher Gesinnung. »Schick' den Hund weg!« Bello verstand Deutsch, daher ging er bei dieser Zumutung in gemeines Heulen über. Simroth versuchte, ihn nicht zu beachten und vorzudringen. Da spürte er die Zähne in den Waden. Simroth versetzte ihm einen Tritt. Verdammtes Hundevieh, miserables! Bello flog einen Meter weit weg und bellte zwei, zehn Meter länger und lauter. Da richtete sich eine majestätische Herrlichkeit aus dem Bett auf, blank und glatt. Schultern leuchteten, von schwarzem Haar umfaßt. Man glaubte, ihre Augen glänzen zu sehen. Aber sie rief nicht streng, sondern zärtlich: »Bello!«, und das Tier sprang gleich mit einem Satze zu ihr aufs Bett zurück. Sie nahm es mit Schmeichelworten zu sich, sie legte sich wieder nieder. Sie nahm ihn zurück – den Hund. Simroth stand dabei und fauchte. Bello knurrte mit gereiztem Mißfallen. Es war nichts. Simroth versuchte eine Aussprache über die fatale Situation. Die Frau lachte nur kurz, dann wandte sie ihm den Rücken zu, schwieg, und bald verrieten ihre ruhigen Atemzüge, daß sie schlief. Der Pudel atmete ebenso ruhig zu ihren Füßen. Simroth zog sich zurück. Das ging ein paar Nächte so. Wenn Simroth bei Tag auf die Sache zu reden kam, so schüttelte sie die Schultern, zog die Achsel hoch, warf den Kopf zurück, lächelte, gab Simroth einen raschen Blick. Bello schien ihr vertrauter. Aus war's! Der Hund war immer da. Auf die Art konnte die Person doch nie einen Mann gehabt haben. Sie blickte auch so zärtlich auf Bello und lächelte ihm listig zu, dem Hund, dem Simroth lächelte sie anders. Sie lächelte ihm was! Ein paar Tage nach der Hochzeit hatte die Frau eine dringende kurze Reise zu Verwandten zu machen, um allerhand zu ordnen. Sie ließ den Mann und den Hund zurück. Da hatte Simroth endlich freie Bahn. Er hatte den Zustand satt. Er oder der Hund. Er entschied sich für sich und gegen Bello. Der Pudel müßte aus der Welt, aber so, als sei es auf natürliche Weise geschehen, ganz leicht, ganz selbstverständlich, von einem Höheren abgerufen, schade, daß Tiere nicht gescheit genug sind, Selbstmord zu begehen, oder zu gescheit. Simroth rennt zu einem Tierarzt. Dieser ist nicht nur Tierarzt, sondern auch Menschenfreund, natürlich, sonst wäre er ja Menschenarzt geworden, er ist zu allem bereit, wenn es nichts kostet und etwas abwirft, lebt er doch vom Lebenlassen und Sterbenlassen. Der Tierarzt kennt seinen edlen Beruf, er versteht Simroth nach kurzen Andeutungen. Simroth bekommt ein Mittel für natürlichen Hundetod ausgefolgt. Bello bekommt es eingefolgt und wird natürlich hin, natürlich unnatürlich, aber man muß es nicht merken oder glauben, denn er liegt unschuldig da mit scheinheilig verklärten Zügen. Simroth streckt ihm die Pfoten noch schöner aus nach allen Seiten, niemand hätte in dem sauberen Pudel einen Ehestörer geahnt. So erwarten die beiden die Frau. Simroth kommt ihr mit allen Zeichen der Trauer, der Rührung entgegen. Da ist Bello. Vielmehr da ist er nicht mehr. Er ist ausgestreckt, er hat ausgerungen, Simroth erzählt, wie lieb er noch – Bello – gebellt, sein Futter gefressen habe, an seinem Herrn emporgesprungen sei, nach einer Weile unter kleinem Zucken, unter ganz kleinem natürlich, sich auf diese sanfte Art und Weise hingelegt habe. Ein Schlaganfall. Es kann nicht anders sein. Sie hört und sieht, schaut den Entseelten und den Überlebenden an, weint. Nie hätte sie um Simroth geweint. Simroth will sie trösten. Sie wirft ihm einen Blick zu, dem Hund einen andern, einen ganz andern. Es ist mitten in der Nacht. Man muß den Hund begraben. »Ja, das wollen wir,« sagt sie fassungslos. Im Wald, unter den Bäumen, die er so geliebt hat. Bello war ein Naturfreund. Niemand wußte es, erst nach seinem Tod erkannte man es. Alle Tiere sind Naturfreunde, bessere als Menschen. Simroth ließ sich an Fürsorglichkeit nicht übertreffen. Er nahm einen Spaten und einen Handkoffer und fuhr mit dem teuren Verblichenen und mit seiner untröstlichen Frau per Tramway in den Vorortwald. Dort suchten beide eine schöne Föhre aus. Simroth grub an ihrem Fuß eine Grube. Bello wurde hineingelegt. Die Frau warf ihm die erste Scholle nach. Vielleicht betete sie auch, jedenfalls weinte sie. Sie fuhren nach Hause mit der letzten Elektrischen. Die Frau ist todmüde von der Anstrengung, Aufregung, vom Kummer. Sie will schlafen gehen. Simroth ist infolge des Schicksalschlages erleichtert, weniger müde und bereit, ja begierig, sie zu trösten. Sie liegt schon. Jetzt aber, da kein Bello mehr bellt, erwacht Bellos Stimme in ihr. Eine majestätische Herrlichkeit richtet sich auf, blank und glatt, eine Schulter leuchtet, von schwarzem Haar umfaßt. Man glaubt, ihre Augen glänzen zu sehen, sie funkeln. »Du hast ihn umgebracht,« ruft sie in fürchterlicher Ahnung, in entsetzlicher Gewißheit. »Du hast ihn umgebracht, du Miserabler!« Simroth bekennt seine Unschuld. Bello habe einen Schlaganfall, einen Herzkrampf gehabt, eine bei Hunden häufige natürliche Todesart. Das hilft ihm, dem Simroth, gar nichts. »Du hast ihn umgebracht. Wer ein Tier umbringt, der macht es auch mit den Menschen. Was hast du mit deinen beiden Frauen getan, Mörder?« – »Hinweg,« ruft sie oder so ähnlich, wenn es auch, schriftlich niedergelegt, nach Theater klingt. Mündlich klang es echt. Simroth bettelt, fleht Gott zum Zeugen an, »Mörder,« wiederholt sie, wiederholt es am nächsten Tag und sieht so aus, als ob sie es alle Tage wiederholen würde. Simroth rennt wieder zum Tierarzt. Hätte er das vorausgesehen, nie hätte er geheiratet. Welcher Ehemann hätte das nicht schon gesagt. Der Tierarzt beruhigt ihn. »Schlagen Sie ihr vor, den Bello wieder auszugraben. Ich gebe Ihnen einen Brief an den Primarius des Tierspitals mit, meine Empfehlung genügt, er wird Ihnen ein Attest ausstellen, daß der Hund einen Herzkrampf gehabt hat, und alles wird in Ordnung sein. Dann haben Sie es schwarz auf weiß. Wer wird einem Ehemann Scherereien machen.« Der Tierarzt, der Menschenfreund, stellt den Brief aus. Simroth erlegt eine hohe Gebühr, eilt mit dem Brief ins Spital. Der Primarius ist nicht zugegen, man wird ihm den Brief aushändigen, sobald er kommt. Simroth eilt beruhigt nach Hause. Ihn begrüßt der gewohnte Blick: »Mörder.« Simroth lächelt begütigend. Er macht den Vorschlag, Bello auszugraben und das Fakultätsgutachten über den Tod des Armen einzuholen. Ja, das ist der Frau endlich recht. Simroth wartet den Abend ab, dann reist er wieder mit Spaten und Handkoffer in den Wald. An der Föhre gräbt er den Leichnam aus und tut ihn in den Handkoffer. Morgens trägt er ihn in Begleitung der Frau ins Tierspital, die ihren Bello agnosziert hat, damit keine Verwechslung vorfalle. Der Hund wird feierlich für den Primarius übernommen, am Abend kann man den Obduktionsbefund abholen. Die Wissenschaft ist rasch, zuverlässig, erschöpfend und kostspielig. Simroth ist nichts zu teuer, um seine Unschuld an den Abend zu bringen. Wieder ein Abend! Simroth holt selbst den Obduktionsbefund. Er hütet sich, ihn zu eröffnen, nach den Versicherungen des Menschenfreundes, des Tierarztes, ist er beruhigt. Er schmunzelt sogar, als er der Frau den Befund überreicht. Die Szene spielt sich wie die vorige im Schlafzimmer ab. Die Frau trägt ein Nachtgewand und leuchtet schön, unnahbar und streng. Sie nimmt den verschlossenen Brief entgegen. Sie entzündet die elektrische Lampe an ihrem Nachttischchen, eröffnet den Befund. Simroth steht gefaßt dabei: Jetzt wird sie die erwiesene Wahrheit haben. Sie tut einen Blick hinein, dann reicht sie mit einem vernichtenden Blick das Papier dem Mann, indes sie ermattet niedersinkt. Man bedenke, sie hat drei Nächte nicht geschlafen. Das war zuviel. Sie hat nicht einmal mehr die Kraft, ihr »Mörder« zu wiederholen. Es ist auch überflüssig, denn da steht es ja, schwarz auf weiß bezeugt. Simroth liest als Obduktionsbefund das eine Wort: Vergiftung. So sieht die Wissenschaft und ihre Treue aus. Wie die Hundetreue! Wem ist ein Hund treu? Dem Menschen? Weit gefehlt! Sich selber! So auch die Wissenschaft. Sie ist unbestechlich, fast wie ein Hund, trotzdem sie wie er auch gute Sachen annimmt. Sie bellt und fährt einem trotzdem an die Waden. Sie kennt keine Sentimentalitäten gegen Menschen. Sie ist nur für sich gefühlvoll. Simroth dreht beschämt, verzweifelt das Licht ab. Die Frau liegt da, als schliefe sie. Simroth schweigt. Was sollte er auch jetzt noch sagen. Sie klagt nicht, sie ruft nicht einmal mehr »Mörder«, Simroth tritt näher heran. Da liegt eine schwarze Haarflut auf weißem Kissen und herrlich undeutlich ein lichter Hals und Nacken. Das Gesicht ist abgewandt, vergraben. Simroth trinkt einen Hauch von Wärme, von Atem, von Schlummer. Er flüstert. Er beugt sich über sie. Er muß sie zum Sprechen bringen, zum Verzeihen! Das wäre doch das Dümmste – wegen eines Hundes! Simroth kniet vor dem Bette nieder, er faßt leise ihre Schultern, er spürt eine kühle Haut, er schiebt seinen Arm leicht unter ihr Haupt, er fühlt ihren Atem, er sucht den Mund. Sie bewegt sich nicht. Sie scheint zu schlummern. Er flüstert, was ihm einfällt. Er bekommt keine Antwort. Es ist auch nicht weiter notwendig. Dann erwacht sie, schluchzt auf, wehrt sich, ringt mit ihm und ist doch zu müde. Kein Bello bellt. Nach einer Weile lacht etwas ganz leicht aus ihr und erlöst: »Es ist doch gut.« »Was denn?« flüstert Simroth glücklich, der Mörder. »Daß der Bello nicht da ist.« Hunderache In einem deutschen Landstädtchen hausten zwei alte Eheleute, Severin und Schosinchen. Da sie weder eine Familie waren, noch eine hatten, besaßen sie keinen Familiennamen. »Schosinchen« war durch Abkürzung und Verlängerung von Georgine entstanden. Die Hexe nannte sich selber, so wie sie vor undenklichen Zeiten etwa als undenkliches Kind war gerufen worden, und die Leute riefen sie auch mit diesem Kosenamen, freilich ohne Grund und Absicht zur Zärtlichkeit. Das ekelhafte, schmutzige, in Lumpen starrende Weib betrieb in den Straßen oder auf freiem Felde, wo immer sie eine Gabe erwartete, ihren Bettel, indem sie, einen alten Sack auf dem Rücken, dahinstreunte und sobald sie eines Menschen ansichtig ward, je nach dessen Art klagend, drohend, verheißungsvoll, angstschlotternd, zärtlich, flehend oder fordernd »Schosinchen« zu singen anfing, um danach in eine Litanei überzugehen, deren Sinn und Wortlaut man nur erraten mußte, es sei denn, daß kleine Kinder die schrecklichen Geschichten genauer verstanden, womit sie ihnen ein Stück Brot, Wurst oder Süßes herauslockte. Vielleicht verstanden auch die Bäuerinnen die Litanei, die Schosinchen ihnen vorsang und beeilten sich, das endlose Geplapper und Geplärr durch ein Stück Speck oder einen dargereichten Teller Suppe abzukürzen, weil sie irgendeine Behexung, eine kleine Brandlegung oder Stallbezauberung, eine gesprochene Hühnerseuche oder gedrohte Schweinepest fürchteten, wenn Schosinchens Rede unerhört zu Ende geredet worden wäre. Besondere Künste oder Tätigkeiten brauchte Schosinchen nicht auszuüben, denn ihr bloßes Erscheinen und Plappern genügte, daß sie ihren Bettelsack mit dem Nötigsten anfüllen konnte, womit sie sich und auch ihren Gefährten auf dem Laufenden erhielt. Severin tat wirklich nichts als Landlaufen. Er trug einen mannigfaltig zusammengeflickten Rock, Fetzen um die Füße, knotzte auf Steinhaufen, Meilenzeigern, stand stumm an Ecken oder wankte auf den Wegen und begrüßte die Vorübergehenden durch ein mehr oder minder höfliches, nach Rang und Stand bemessenes Kappenlüften samt zugehörigem Tageszeitwunsch. Er bettelte nicht, sondern nahm nur, was ihm freiwillig gereicht wurde. Zum Betteln war er zu stolz oder zu vorsichtig, denn in diesem Falle hätte man vielleicht die Notwendigkeit seiner Armenunterstützung nachgeprüft und ihn am Ende gar zum Steinklopfen, Straßenkehren, Schneeschaufeln oder sonst einer gemeinnützigen Scheintätigkeit verhalten. Das wollte er unbedingt vermeiden. Noch im Kriege ging es dem Landstädtchen leidlich und auf die paar Armenpfennige mehr oder weniger kam es nicht an. Ein Quartier, wodurch er der Gemeinde und der wachsamen Armenkonkurrenz anderer Unnützer lästig geworden wäre, beanspruchte Severin ja nicht, sondern fand mit seinem Schosinchen einen Gelegenheitsunterschlupf unter einer Brücke, in einem verlassenen Heustadel, auf einem Dachboden, im Sommer in einem Laubhaufen im Walde, in einem Winkel der alten Stadtmauer, was weiß ich, wo sonst. Die Sache änderte sich erst bei Anbruch des Friedens, als die Steuern und die Not wie ein Hochwasser anstiegen und allen sicheren Bestand wegschwemmten. Man wollte nun die Gemeindelasten »abbauen«, um wenigstens manches Leidige über den reißenden Strom hinabzuschicken und so das Bessere womöglich über Wasser zu halten. Jeder, der zahlen mußte, hielt auf eigene und auf allgemeine Rechnung fürchterliche Musterung ab unter denen, die bisher nichts gezahlt, jeder Tätige unter den Untätigen, und sogar aus denen, die man mehr notgedrungen, als barmherzig fütterte, sollte irgendeine Gegenleistung herausgepreßt werden. An Schosinchens Lebens- und Bettelkunst scheiterte freilich jeder solche Versuch. Erstens weil man ihre Strafgesänge scheute, zweitens weil sie nach Bedarf auf beiden Ohren taub, an beiden Augen blind, am ganzen Leibe, außer am Munde, mit Schwächen geschlagen sein konnte und auch im Kopfe unrichtig, wenn sie etwas Mißliches verstehen sollte, drittens, weil man im allgemeinen in diesem Landwinkel ohne größere Betriebe wenig auf weibliche Tätigkeiten hielt. Mochte sie denn weiterhin die freiwillig unwilligen Zuwendungen einstreichen und jeder Naturalbesteuerte aus eigenem ihr Deputat kürzen. Schosinchens Erhaltung blieb also Privatsache. Aber auf Severin, als auf einen noch immer vergleichsweise Rüstigen, fiel das Auge der Obrigkeit ohne Zwinkern, war doch jeder männliche Einwohner, der keinen maßlosen Leibschaden aufwies, als eine organisierte Ansammlung von Knochen, Muskeln, Blut, Nerven und so weiter eine volkswirtschaftliche Tatsächlichkeit, die nicht ungenützt auf der menschlichen Arbeitserde existieren sollte. Das gemeine Wesen sah sich nämlich von anders gestimmten organisierten Ansammlungen von Knochen, Muskeln, Blut, Nerven usw. bedroht, die sich in Gestalt von ehemaligen Soldaten, Arbeitslosen, Freiwilligen, Begeisterten, Verzweifelten zu Haufen zusammenschlossen, um ihre Kräfte mittels Handgranaten, Maschinengewehren, Flinten zur Erreichung öffentlicher, aber auch dringendster privater entgegengesetzter Ideale auszunützen. Wer nun auf edlen Lebenszwecken, wie einem Haus und Garten und Gut, einer eingerichteten Wohnung, einem vollen Kleiderschrank, einem sicheren Einkommen, einem guten Nahrungsvorrat saß, spürte es darunter immer heißer werden und fürchtete, es endlich nicht mehr auszuhalten, zumindest gab es unendliche Störungen und Bedrohungen. Einerlei, ob der Putsch oder die Revolution, oder wie man die Gesinnungsmuskeltätigkeit nannte, von rechts nach links, oder umgekehrt zog, auf dem Wege lag immer sehr viel, was abhanden kommen konnte, wenn man es nicht behütete, insbesondere bei Nacht. Nun hatte man beobachtet, daß vor Severin und Schosinchen alle Hunde, vom Straßenköter bis zum edelsten Rassenschnauzer, zu heulen anfingen, sowie sie ihrer anrüchig wurden, und den beiden noch nachbellten, wenn sie längst verschwunden waren. Das ganze Tal hallte von den Zorn- und Klagerufen wider und der Lärm legte sich erst nach Stunden. Namentlich bei Nacht störte er den Schlaf der Welt. Aber in diesen tollen Zeiten war gerade diese Eigenschaft eines Hundeerweckers erwünscht, denn solange die Tiere wegen Severin heulten, waren sie gewiß auch für andere unerwünschte Gäste wach, die sich sonst sogar mit den sogenannten Treuen auf guten Fuß zu stellen wissen. Das wäre ein unbegabter Einbrecher, der Hunde sich nicht wohlgesinnt zu machen verstünde. So bestellte man Severin zum Nachtwächter und besetzte einen Posten wieder, der längst abgeschafft worden war, weil man in den früheren aufgeklärten Zeiten das nächtliche ausrufende Umherziehen mit Spieß und Laterne für nutzlos altertümlich gehalten hatte. Jetzt kam die Sitte wieder zu Ehren. Severin konnte sich dem würdevollen Beruf nicht entziehen, den ihm der Gendarm namens der Obrigkeit übermittelte, als der Hundeschreck mit Schosinchen gerade in einem verlassenen Kellerloch vor einem rauchigen Feuer saß, woran das Weib ein brenzlig und fett riechendes Stück Fleisch briet, während der Mann bereits ein ganzes Trumm in der Hand hielt und davon abbiß. Rundherum heulten die Hunde. Severin bekam alsbald den historischen Nachtwächterspieß, die Laterne, sogar einen ausgedienten Schafpelz und als Entlohnung ein ständiges Quartier im verfallenen Stadtturm, der eine einzige Stube hatte, ungemörtelt, ungefugt und ungemalt. Durch die bröckeligen Steine pfiff die Luft, um das Fenster heulte der Sturm, der sich auch in der verfaulten, abgetretenen Holztreppe verfing, über die man in diese Behausung gelangte, aber es war doch immerhin eine Wohnung und für das Paar eine Standeserhöhung, deren sie sich erfreuten. Sie bereiteten sich aus Lumpen ihr Lager, sie machten sich einen Herd zurecht, sie kochten und brieten, wenn Schosinchen von ihren Wegen heimkam, auch Severin brachte unter seinem weiten Schafpelz manchmal etwas Erwünschtes zum Vorschein und sie genossen das Gegebene unter der langgewohnten Hundemusik rundherum. Eines Tages aber geschah das Erwartete. Die »Räte« kamen. Ein Automobil fuhr unter lautem Clacon-Geheul auf dem Platz des Städtchens vor. Acht oder zehn bewaffnete Männer stiegen aus, deren Gehaben zu den schlimmsten Erwartungen berechtigte. Sie trugen Flinten über die Schulter, ein Maschinengewehr sollte sich wohl im Kraftwagen befinden, Kanonen nachkommen. In der Tat hörte man von Zeit zu Zeit eine viertelstundenlange Schießerei durch das Tal bellen, vom Widerhall der Berge verstärkt, ärger als jedes Hundegeheul, das man unter diesen Umständen überhaupt nicht mehr beachtete. Die Herrschaften ließen das Automobil auf dem Hauptplatze stehen und stiegen aus, um ihre Macht im Ort und in der Umgebung anzutreten. Sie trugen ähnlich zerlumpte Beinkleider wie Severin, die mit einem Strick über die Schulter und dem Hemde festgehalten waren. Zu diesen Hosen und den fragwürdigen Hemden hatten sie weder Westen noch Röcke, sondern elegante, neue, helle Modeüberzieher von bester Fasson, vermutlich die ersten Beutestücke auf dem Weg ihrer Welteroberung. Die Kopfbedeckung schien nicht streng vorgeschrieben. Der eine hatte eine Soldatentellermütze, der andere eine Radfahrerkappe, ein dritter den Lederhut eines Chauffeurs, ein vierter eine zerbeulte Pickelhaube, ein fünfter einen schwarzen Demokratenhut à la 1848, ein sechster war barhaupt und schüttelte seine glatte Mähne im Winde, ein siebenter erfreute sich eines glänzenden Strohhutes mit schwarzem Seidenband. Ihre Ankunft, wie durch Witterung vorausverkündet, jagte alle Einwohner in die Flucht oder wenigstens in den Schutz der Häuser und Gehöfte. Die Leute flohen rudelweise von den Feldern und die stärksten Knechte mit Sensen und Heugabeln als ihren natürlichen Waffen dachten nicht entfernt an ihre eigene Wehrbarkeit, sondern nur an das allgemeine Entsetzen dieses offenbaren Weltgerichtes. Sie raunten, die Eroberer würfen Handgranaten und überall knallte es, wo sie sich zeigten. Daß dieses Knallen von sogenannten Fröschen herkam, mit denen die »Räte« versehen waren und die sie furchtlos brauchten, wußte niemand. Auch nachher, als die sogenannte Bewegung bereits historisch im Sande verlaufen und die »Räte« verduftet waren, leugneten die einheimischen Heiden standhaft: wären sie denn vor Fröschen so gerannt? Obschon bisher niemand ein Haar gekrümmt worden war, hielt es jeder für sicherer, sich zu verbergen und nicht blicken zu lassen, ja, auch selbst womöglich nicht zu blicken. Die »Räte« spazierten denn auf dem Marktplatz herum, stellten Wachen auf und schienen selbst die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten. Der Apotheker des Ortes, der einzige, der sich vermöge seines hilfreichen Berufes von vornherein, wenn auch bänglich neutral fühlte und seine Offizin pflichtgemäß offen hielt, wanderte – die Neugierde war stärker als die Furcht – von der rechten Pflasterseite auf die linke, bog in die erste Nebengasse ein und kehrte durch die zweite zurück, rekognoszierte das Städtchen, das sich ja recht bald in einzeln stehende Häuser, Villen mit Gärten, Bauerngehöfte auflöste und unter dem Schrecken stumm und platt auf dem Rücken lag wie die gewissen Käfer, die sich, gefangen, tot stellen und den Augenblick der Erlösung abwarten, um dann hoch aufzuspringen und davon. Der Apotheker begegnete auf seinem Spaziergang einem Maler, der in der Nähe ein kleines Anwesen besaß, wo er unbezahlte und unbestellte Studien nach der Natur und nach seinen Launen anfertigte, im übrigen aber vom Ertrag seiner Wirtschaft bescheiden und vergnügt dahinlebte. Der Maler schlenderte, seine Pfeife im Munde, seine gestrickte Wollmütze auf dem Kopf, unbekümmert durch den Ort, wo er eine Kleinigkeit hatte einkaufen wollen. Aber alle Läden waren geschlossen und er mußte darauf verzichten. Das machte ihn verdrießlich. Er schaute recht grimmig drein. Der Apotheker, klein und scheu, hielt sich zur Linken des hochgewachsenen Malers und redete besorgt in ihn hinein. Der andere hörte ihm mit halbem Ohr zu, denn er wollte sogleich die fürchterlichen Eroberer aus der Nähe besehen. Da hatte sich aber wiederum etwas Neues ereignet, und zwar just vor der Apotheke auf dem Hauptplatze. In der »Offizin« waren die »Räte«, vor ihr spazierten zwei als Patrouille, das Gewehr über dem hellen Überzieher geschultert, die Hosen mit dem Strick unter der Eleganz hochgehalten. Der Apotheker flüsterte entsetzt, ob es wohl bereits Tote oder Verwundete gebe, gewiß holten sie Verbandzeug! Der Maler grinste und warf einen grimmig verächtlichen Blick auf die Wachen, während der Apotheker die Gelegenheit benützte, um von dem gefährlichen tolldreisten Freunde abzurücken und in sein Geschäft zu stürzen. Die beiden »Räte« gaben des Malers Blick scheu zurück, wußten sie doch nicht, ob in ihrem Rücken, in der Großstadt, auch alles noch in Ordnung war. So eine neue Herrschaft bleibt lange bedenklich. Vielleicht hatte der Riesenkerl mit der Pfeife, den doppelsohligen Röhrenstiefeln, den breiten Schultern und den festen Blicken neuere Nachrichten als sie. Man konnte nie wissen! Vielleicht wurden ihre Rätekollegen daheim bereits füsiliert. In der Apotheke saßen die »Räte« auf den sauberen Strohstühlen und tranken des Apothekers stadtbekannte gute Schnäpse, die sie vom Gehilfen gefordert und erhalten hatten. Der Apotheker grüßte verlegen, seine schöne Sammlung dieser bunten Begleiter der Sorgen war dahin, immerhin schien wenigstens die blanke Zählkasse unversehrt, wie er durch einen Austausch von Blicken mit dem Gehilfen feststellte. Die »Räte« begrüßten ihn mit rauher Höflichkeit durch ein Scharren der Füße auf dem Mosaikfußboden, die Likörgläschen ließen sie nicht aus den Händen. So beschäftigt, blieb der Apotheker lieber in seinem Laden und ließ das Rekognoszieren. Der Maler, der sich diese Revolution nicht anders gedacht hatte, ging heim. Eine Weile danach traten die »Räte« gestärkt und erleuchtet ins Freie und berieten das weitere. Was sie abmachten, läßt sich heute nicht genau angeben. Nur eins steht fest: sie trafen Severin, der, den Spieß in der Hand, im Schafspelz, mit der Laterne, die Füße in Fetzen wie immer, herbeitorkelte, auf dem Platze den neuen Herren gegenüberstand und nach seiner vollendet höflichen Art mit weitem Kappenschwung grüßte, indem er guten Tag wünschte. Daraus ergab sich ein zwangloses Gespräch, die »Räte« zogen ihn in ihren Kreis, sie verstanden sich gut mit ihm und marschierten alsbald, das Automobil unter sicherer Bedeckung zweier Posten zurücklassend, unter seiner Führung ins Amtshaus. Sie fanden es leer. Severin setzte sich mit ihnen an den langen Beratungstisch. In diesen Stunden war er ohne Zweifel auf der Höhe seines Erdenlebens. Man ließ aus dem Gemeindewirtshaus im Wege des Staatskredits Speise und Trank, viel Trank, holen und berichtete beim Essen und feuchtete die Redegurgeln an. Erst spät am Nachmittag zog sich Severin in seinen Turm zurück. Die Hunde heulten. Die »Räte« waren wieder auf dem Marktplatz vor dem angekurbelten Automobil, berieten wieder, schossen wieder einmal zehn bis zwölf Schüsse ab. In die Luft. Das konnte nicht schaden. Die Straßen blieben unbeleuchtet. Die alte Obrigkeit hatte das Elektrizitätswerk außer Betrieb gesetzt. Einige »Räte« hatten einen Rekognoszierungszug gemacht und waren, da sie alle Häuser und Gehöfte geschlossen fanden, wenigstens über Gitter und Zäune geklettert zur näheren Besichtigung. Die Hunde hatten ordentlich gemeldet, aber die Bewohner waren, aufs Schlimmste gefaßt, stumm in den dunklen Stuben sitzen geblieben. Die »Räte« fanden vorerst nichts Neues zu unternehmen. Nur einer glaubte, etwas wenigstens ausführen zu sollen. Er kettete die Hunde los, wo er einen in einer Hundehütte fand. Er machte sich alle durch Fütterung mit den reichlichen Fleischresten der Mahlzeit geneigt. Er hatte ein Herz für die Hunde und schien seinen Plan, sie zu befreien, schon längst gefaßt zu haben, denn er hatte diese Brocken sorgfältig gesammelt und in einen großen Sack gesteckt. So begrüßten ihn die Hunde und keiner tat ihm etwas Übles. Die Haus- und Hofhunde, seit Hundegedenken des Abends in ihren Hundehütten gefesselt, waren nun frei und bekamen statt ihrer Treue zum erstenmal ein anderes Gefühl und eine Ahnung ihrer Rechte, verbunden mit einer gewissen Vergeßlichkeit gegen ihre Pflichten. Dorfköter, Pinscher, Rattler, deutsche Schnauzer, weißhaarige, boshafte Spitze, stämmige Doggen, russische Windspiele, ja sogar die besonnenen Dackel lärmten und schwärmten durcheinander, liefen den »Räten« durch die Füße, jagten einander, es ging heiß, rasch und hurtig durch die Straßen ins Freie. Sie verloren sich in die Felder, sie hinterließen an den Ecksteinen ihre Nachrichten für die befreite Hundeheit, sie gaben sich mit Freudengeheul Meldung vom Anbruch der neuen Zeit und meinten, wenigstens für die nächsten Stunden nicht zu ihren angestammten Herren zurückzukehren, die ja auch augenblicklich kaum an ihre Hunde dachten. In den Wäldern liefen Hunde, balgten sich auf den Stoppeln der Felder, feierten Begegnungen auf den leeren Straßen, große turnten mit kleinen und es gab einen gewissen Platz im Freien, wo sich viele, so verschiedene durcheinanderhetzten, bellten, sprachen, antworteten, beherzt und niederträchtig waren, daß es wahrlich einer Revolutionsversammlung gleichsah. Severin ruhte indessen in seinem Turmzimmer von den Anstrengungen des Tages aus und wartete auf die Zeit, wo er sich auf seinen nächtlichen Berufszweig schwingen mußte. Gerade an diesem Abend brachte Schosinchen, die sich um Politik nicht kümmerte, vielmehr wie die meisten Frauen von ihr nichts wissen wollte, weil sie das Geschäft stört, in ihrem Bettelsacke nur einen, allerdings sehr fetten Schoßhund mit, den sie mittels einer Drahtschlinge als einzige Tagesbeute gefangen hatte, denn alle Häuser und Höfe waren verschlossen und nirgends konnte ihre Schosinchen-Litanei angebracht werden. Auch dieses dumme Tier hatte sich irgendwie befreit und an der allgemeinen Erhebung teilnehmen wollen. Es war ortsunkundig und schwerfällig aus dem Bereich der Häuser ins Freie geraten. Von den beweglichen und begeisterten Hunden verachtet, nach kurzem zweifelhaften Beriechen als Kapitalistenbestie festgestellt und nicht ins Vertrauen gezogen, zu näheren Beziehungen durchaus ungeeignet, lief es hoffnungslos hinter den anderen her, solange es konnte, und vernahm immer das jauchzende Geheul, das sich aber hinter den Bäumen, in den Bergen verlor, wo die Hasen aus Angst vor den vielen Hunden rannten und Purzelbäume schlugen. Immer langsamer und müder bewegte sich das schwerfällige Tier weiter. Gewissenhaft untersuchte es jeden Eckstein und schnüffelte an jeder Spur. Was nützten ihm alle die Nachrichten an den Mauern! Endlich blieb es schnaufend und sterbensmüde auf dem Wege liegen in seiner Verfettung. Alles war ihm gleichgültig: Freiheit, Futter, Hunde und Herren, Stadt und Ort und Zeit. Es bewegte sich nicht einmal mehr zur Flucht, als es Schosinchen, die gefürchtete, gehaßte Feindin des Hundegeschlechtes, einherkommen roch. Schosinchen hatte gar keine Mühe, das dicke Tier zu fassen, würgte es mit der Drahtschlinge rasch ab und steckte es in den Bettelsack, der ganz leer war, gab es doch heute keinen Bissen Brot, kein Stückchen Speck oder Gemüsereste, kein Töpfchen Buttermilch oder Suppe oder Hundefutter, das sie sonst auch gelegentlich mitnahm. Schlimme Zeit! Schlimme Zeit! Ärgerlich, ihre Schosinchen-Litaneien für sich allein murmelnd, war die Alte den ganzen Tag mit knurrendem Magen und Herzen gewandert. Ein wahres Glück, daß sie zu guter Letzt diesen guten Bissen gefunden! Darum machte sie sich mit Severins Hilfe ungeduldig an die Zubereitung. Auch er bekam wieder Appetit, daran fehlte es ihm nie und das Mittagessen war längst verdaut. Rasch wurde das Tier abgehäutet, zerlegt, die Hälfte für morgen aufgehoben, die andere Hälfte über dem Feuer gebraten. Holz hatte sie immer aus den Vorräten des Waldes. Das Fett troff nur so von dem gerösteten weiland Schoßhund und er schmorte darin unter Bruzzeln und Bratengeruch. Wacholder duftete darein. Schosinchen verstand sich auf die Hundefleischküche. Draußen heulten die freigelassenen Hunde mit den freien Winden um die Wette, die kalte Luft pfiff durch die bröckeligen Mauern, aber Schosinchen und Severin hörten und sahen nichts im Vorgeschmack der guten Mahlzeit. Dann aßen sie und murmelten einander die Tagesnachrichten zu. Schosinchen war auf die neuen Dinge nicht gut zu sprechen und wahrsagte ihnen keinen Bestand. Hingegen erwartete Severin wenigstens für die Nacht noch einen richtigen Trunk von Bier, Wein und Schnaps im Gemeindegasthaus, denn das gehörte zur kürzesten Freiheitserrungenschaft. Was hatten übrigens er und Schosinchen zu fürchten? Hatte sie wer gesehen oder, wie man so sagt, betreten, hatten sie gestohlen, Bomben geworfen oder auch nur Frösche? Hatten sie Eigentum bedroht? Das Eigentum war doch in den Häusern eingesperrt geblieben und saß gerade jetzt angstvoll im Dunkeln. Die kümmerliche Nachtwächterlaterne war vielleicht das einzige Licht in der ganzen Gegend und etwa noch die Lampe im Gemeindewirtshaus über dem Tische der »Räte«. An die konnte man sich halten, wenigstens für heute. Severin erhob sich, band seine Fetzen zurecht, nahm den Spieß und die Laterne, schloß seinen Schafpelz und trat seinen rufenden Abendweg an, auf dem er im Gemeindewirtshaus zwischen den Stunden zu rasten gedachte. Er war ja mit den »Räten« in bestem Einvernehmen, er rechnete auf einiges getrostes Mittrinken. Auf Reden kam es ihm weiter nicht an. Die Unterhaltung mit Schosinchen hatte sich in der kurzen Sprechweise der alten Landstreicher abgespielt mit Andeutungen, Winken, praktischen Nachrichten über allerhand mögliche Enteignungsaussichten halb politischer, halb privater Art. Schließlich schürzte auch Schosinchen ihre Lumpen, löschte das Feuer, barg die Reste der Mahlzeit in einer Höhle der Mauer, und die beiden stiegen über die knarrende Holzstiege vorsichtig zum alten Stadtgraben hinab. Schosinchen sang nach ihrer Gewohnheit bereits auf dem Wege ihren Namen als Zauberweise, wunderlich gezogen und weinerlich, wie vor ewigem Selbstmitleide. Kaum aber waren sie im Freien auf dem feuchten Boden, so begann das Hundegebell rundum. Eine Stimme in der Nähe fing an und meldete sie, die beiden Hundsmörder, eine zweite, weitere empfing die Nachricht des Frevels und gab sie heulend, klagend fort. Dritte, vierte, zehnte, hunderte Stimmen fragten, antworteten, zürnten, stöhnten, rasselten, röchelten in allen Lauten der dumpfen, fremden Hundesprache. Ein verachteter gemästeter Schoßhund war umgebracht worden, wie vor ihm schon mancher verlassene Köter, den Severin oder Schosinchen mit der Drahtschlinge kaltgemacht und daheim gebraten hatten, denn sie liebten das Fleisch gerade von Hunden. Aber es waren doch immer Hunde gewesen, Brüder, Schwestern, Anverwandte der Tiere in der ganzen Gegend. Immer hatten die Beleidigten nach jeder solchen Untat und Mahlzeit geschrieen, witterten sie doch den Mord, rochen das Fleisch ihrer Nächsten im Fleisch der satten Hundefresser, dieser beiden Elenden. Von Severin und Schosinchen nahmen die Hunde keinen Bissen, vor denen gaben sie keine Ruhe, von ihnen ließen sie sich nicht besänftigen und darum bellten sie unaufhörlich, wenn Severin nachts an ihren Hütten vorüberkam. Sie zerrten wütend an ihren Ketten, als müßten sie sie endlich zerreißen. Heute waren sie frei, heute hatte sie ein Edler losgebunden, heute hatten sie ihren Tag, ihre Nacht! Sie waren in den Feldern umhergerannt, in den Wäldern hatten sie sich getummelt und ihr Fest gefeiert, sie hatten einander besprungen mit Biß und Liebe, sie hatten einander berochen, beschnuppert, gebissen, angebellt, gejauchzt und geschwatzt, sie waren weggelaufen und wiedergekommen, unbekümmert um das Futter. Wer dachte da an Futter! An diesem Tag und Abend waren sie wieder wild wie in den Urzeiten ihres Geschlechtes, das von den Wölfen abstammt und nahe von den Schakalen oder Hyänen. Heute hatten sie den Menschen verlernt und den Menschengeruch, dem sie treu waren, wußten sie, warum? Und gerade an diesem Tag und Abend mußten sich zwei Menschen gerade an ihnen so versündigen! Ein Tier sprang aus dem Gebüsch hervor, ein Wolfshund aus einer Villa reicher Leute, nur durch eine schmale Stufe vom Urwolf geschieden, auch an der Kette immer ein gefährlicher Kerl, der jeden andern als den Hausgenossen anfiel, wenn er ihn fassen konnte. Einer, vor dem die Tafel mit Recht warnte: Achtung! Scharfer Hund! Einer, für dessen Angriffe die Eigentümer schon manche Entschädigung wegen zerrissener Kleider und dergleichen hatten zahlen müssen. Einer, der nicht einmal auf den Ruf der Herrschaften abließ, wenn er eine Wade gefaßt hatte. Der hatte heute Freiheit wie Blut getrunken, der war zuerst zur Stelle und sprang Schosinchen und Severin an. Beide flüchteten, fest waren sie ja nicht auf den Beinen und dazu noch angegessen von der Mahlzeit. Der Wolfshund warf sich auf Schosinchen und warf sie um, er biß sie ins Bein, dann ließ er sie und eilte Severin nach, den er zugleich mit einem zweiten, dem Hunde des Schlächters, dem riesigen Hektor, erreichte. Beide bissen sich in Severins Schafpelz fest, rissen ihn ihm vom Leibe, andere Hunde stürzten herbei: blutgierige Spitze, wütend bellende stichelhaarige Schnauzer mit den verwilderten, ganz und gar unfrisierten, dummen, rohen Köpfen. Sie zerrten an Schosinchen, an Severin, der sich mit seinem Spieß nicht wehren konnte, sondern über ihn stolperte und hinfiel, wobei die Laterne auf dem Boden zerklirrte und erlosch. Die Angstrufe der beiden verhallten neben dem Lärm. Die Hunde bellten, klagten an, schrieen, heulten, sprangen um ihre Beute, keine Menschenstimme konnte dieses Gericht durchdringen. Zweimal, dreimal versuchten Severin und Schosinchen sich aufzurichten, gleich waren sie wieder niedergeworfen, auf der Schulter, auf dem Rücken stand ein Hund. Mit ihren Fetzen spielten Hunde, sprangen darin umher, traten sie, jauchzten, noch war was zu holen, ein Lappen vom Fuß, ein Fleck vom Rock, ein weißes Stück Hemd. Die Schnauzer, die Spitze, die Doggen, die Bulls bissen in Menschenfleisch, der Wolfshund schlug seine Zähne in Severins Bauch. Zwei Dackel, von Natur besonnen, standen dabei, beobachteten ruhig und begnügten sich, still zu warnen. Sie wurden nicht berücksichtigt. Am Morgen fand man Severin und Schosinchen nackt aus unzähligen Bißwunden blutend, aus Schrecken, aus Schwäche gestorben an der Stadtmauer. Die »Räte« hatten sich in der Nacht, noch bevor dies geschah, auf ihrem Automobil entfernt, und die alte Ordnung mußte als erste Amtshandlung nach ihrem Wiederantritt den Wächter und Schosinchen begraben. Kein Mensch weinte ihnen etwas nach, geschweige denn, daß einer ihren Tod gerächt hätte, wie die Hunde den Mord des Mopses. Vielmehr fühlten sich Obrigkeit und Allgemeinheit durch den sozusagen natürlichen »Abbau«, der hier stattgefunden hatte, einigermaßen erleichtert. Die Vogelfarm Man sprach von den verkannten Größen der Menschheit. Da erzählte ein vielgereister Mann: »Bei meinem Aufenthalt in Brasilien lebte ich eine Zeitlang in einer schönen Hazienda, inmitten eines großen Waldes, bei gastfreundlichen Leuten. Morgens sattelte ich mein Pferd und ritt einen ausgetretenen Pfad in den Wald hinein. Als ich am ersten Tage ostwärts geritten war – das Sträßlein schien ebenso gut und weit in die entgegengesetzte Richtung zu führen –, kam ich nach etwa einer Stunde zu einem ganz verlassenen schwarzen Blockhause, das eigentümlich traurig erschien. Aber es lag in einem wunderbaren Zauber. War nämlich der Wald ringsum auch ziemlich laut, aber mißtönig belebt durch allerhand Gekreisch großer und kleiner Tiere, wobei die zarteren Vogelstimmen von den gröberen verdeckt wurden, so übertönte hier allein die lieblichste, einzigste Vielstimmigkeit allen Laut der Umgebung. Es war, als sängen Hunderte edler Vögel in einem Wetteifer anmutigen Gesanges. Dabei brach je und je eine besonders herrliche Stimme mächtig hervor wie ein unsagbarer Jubel oder wie Gebet, Klage, Werbung oder einsame Freude. Dann schwieg dieser Laut wieder oder wurde von unzählbaren andern verschlungen, die nach einer Weile abermals von einer neuen einzelnen Stimme überwältigt wurden, die sich in unbeschreiblicher Herrlichkeit erhob, gleich der Sonne aus einer gewaltigen Morgenröte. Tausende Vögel schienen ein wogendes Meer von Gesang um eine Stimme auszubreiten, die darin schwebte und selig hinzog. Ich konnte stundenlang lauschen, ohne daß dieses Wunder aussetzte. Aber ich trug eine gewisse Scheu, seiner Ursache nachzuforschen, als könnte ich es dadurch zerstören. Hatte ich mich lange genug erfreut, so ritt ich heim, um bei Anbruch der großen Tageshitze ruhig auf der Veranda liegen zu können. Eines Abends fragten mich meine Gastfreunde, warum ich denn immer nur nach dieser einen Richtung ausreite, gegen Westen käme ich an eine ganz herrliche Stelle mit freier Aussicht auf hohe Berge und mit mächtigen, alleinstehenden Baumriesen, die mich besonders entzücken würden. Ich antwortete, mich zöge das einsame Blockhaus immer wieder an um seines unvergeßlichen Tönens willen, denn ich hätte noch nie und nirgends einen so unerklärlich holdseligen Klang vernommen, der mir jede Lust erspare, andres zu sehen und Neues zu suchen. Vielmehr wünschte ich nichts, als ihn immer wieder aufzusuchen und recht aus Herzensgrund zu genießen. Darauf entstand ein merkwürdiges, verlegenes Schweigen unter der Gesellschaft, das nachgerade peinlich wurde. Die Damen senkten die Köpfe, und ich konnte mir nicht erklären, inwiefern ich etwa durch mein Geständnis irgendein Gefühl verletzt haben möchte. Nach einer Weile sagte mein Gastfreund leise: ›So wissen Sie denn nichts von der Vogelfarm? In diesem Blockhause sind die Wände ganz mit kleinen Käfigen besetzt. Dorthin sperrt man die gefangenen Kolibris und andere Singvögel mit herrlichem Gefieder ein. Aber man füttert sie nicht, damit sie ihre Eingeweide ganz entleeren, und läßt sie allmählich verhungern, bis sie tot von den Stangen fallen. Einmal wöchentlich kommt dann der Vogelmeister hin, um die Leichen auszunehmen, die leicht herzurichten sind und nach Europa geschickt werden zum Hutschmuck. Was Sie, lieber Freund, so herrlich singen gehört und für Jubel, Werbung, Glück oder selige Klage gehalten haben, war nichts andres als der Jammer eines sterbenden Tieres, das um Nahrung bettelt, um ein Körnchen Futter.‹ – Seitdem konnte ich nicht mehr zu dieser verfluchten Stelle reiten.« Der Tod des Firdusi Bekannt sind die Lebensschicksale des Abul Kasim Mansur, den sein fürstlicher Gönner, der Sultan Mahmud, in einem Augenblicke höchster Begeisterung so nannte, wie ihn die Nachwelt nennt: den Paradiesischen – Firdusi. Er war der Sohn eines verarmten adligen Grundbesitzers in Chorasan. Sein Gut, nahe der Stadt Tus, war infolge des beständigen Mangels an Mitteln und der Not der Zeit in Verfall geraten. Es lag an einem Kanal, der vormals war angelegt worden, um die Wiesen und Äcker zu bewässern, aber auch zu beschützen. Der Wasserlauf konnte nicht mehr ordentlich instandgehalten werden und trat bei Überschwemmungen aus, indem er seine Ufer in Sümpfe verwandelte. Bei Dürre brachte er nicht mehr genug Wasser herein, was den sauren Boden überrasch austrocknete und verbrannte. So war der alte Hof mit seinem Umkreise verfallen und hielt sich nur durch die Stärke seiner aus großen Steinen zusammengefügten Mauern, wie die Gegenwart des verödeten Persiens selbst in den Jahrhunderten der arabischen Eroberung. Die alten Götter, die alten Sagen, die Gestalten der Heiden und deren große Sprache selbst waren verschollen wie das ferne Gebirge unter den Nebeln, aber wenn gelegentlich ein Blick der Sonne die Schleier zerriß, leuchteten seine blauen Umrisse mit dem helleren Himmel vermählt so fern, so göttlich auf, daß sie allein Wahrheit schienen, die müde Gegenwart aber nur der Alpdruck eines vorübergehenden Traumes. Die beglänzten, dem Himmel vermählten Bilder der Heimat, die verklungenen Lieder, die Helden hafteten für den Knaben, den Jüngling, den Mann an der ärmlichen Landschaft, an dem öden Elternhause, von dessen Turm mit dem Kuppeldach er oft in die Weite hinaussah, als müßten der Glanz seiner Augen, die Innigkeit seiner Liebe und Sehnsucht die einstige Größe erneuern und für die Zukunft sichern können. Hat der Mensch denn eine stärkere Macht als seinen Wunsch und haben Wünsche denn nicht eh und je alles Große geschaffen oder wiedergebracht? In Abul Mansurs Gedanken war die Erneuerung seines Vaterlandes durch sein liebendes Herz und durch die schaffende Gewalt seines Wortes wunderlich verwachsen mit diesem alten traurigen Gehöft. Er hätte nicht zu sagen gewußt, warum und wie er seine Sendung gerade mit diesen paar alten Mauern verband, aus deren Fugen die Fetthenne und Moos und Hauswurz quollen, warum und wie ihm die Herrlichkeit der Helden, der edlen Sprache von einst mit den verkrümmten, in sich gebeugten Bäumen und den wilden Rosensträuchern eins waren, die das Gebäude noch verfallener erscheinen ließen. Es war ein ungesundes Wohnen hier, Mücken und Fieber hingen um den stehenden Kanal, dessen Untiefe von gelbgrünen dicken Algen starrte. Raben krächzten über die mageren Felder, und nicht einmal die Schafe, die geschickten Ziegen gediehen auf den Weiden oder den steinigen Halden. Stundenlang mußte Abul Mansur landeinwärts wandern, bis er zu frischgrünenden Wiesen oder Feldern kam, wo Wachteln schlugen und Lerchen aufstiegen, oder zu einer reinen kalten Quelle neben Felsen im Wald, wo er in Sternennächten Nachtigallen vernehmen konnte. Über seinem elterlichen Hofe aber gingen Wolken um und brausten, es war ein Haus der Winde, der Wetterschauer und der unheimlichen Stille, wo dieser Sohn unter fiebergelbem, schweigsamem Gesinde neben einer jüngeren Schwester heranwuchs und seinen Wunsch nach der Erneuerung der einstigen Größe mit dem nach der Aufrichtung seines eigenen Hauses verknüpfte, als sei dies beides nur eines, wie er selbst eines war: ein Seher und Bauer eines alten Gutes. So viel er unter den Menschen der Gegend herumkam, aus deren Munde er in der verschollenen, doch unverloren im Verborgenen weiterlebenden Sprache die Sagen vernahm, woran die einstige Herrlichkeit haftete wie Pfirsiche an den Kernen, und so viel er von dieser Kunde sammelte, um an ihrem süßen Wohlgeschmack seinen bitteren Durst zu löschen, immer dachte er dabei an dieses unverwüstliche Haus. Man müßte dem Kanal vom Hauptflusse aus hinreichendes Gefäll verschaffen, ihn von Grund aus reinigen und ummauern, mit Schleusen an den richtigen Stellen versehen, damit er wieder wie einst die Weiden begrüne und die Acker fruchtbar mache und zur Heimat gesunder glücklicher Menschen. Dann war es ein Geringes, das Haus selbst instandzusetzen, aus den finsteren Wohnhöhlen lichte Gemächer zu erstellen, Teppiche an die Wände zu hängen, Rosen zu veredeln, und es konnte nicht fehlen, daß dann das Angesicht der ganzen Gegend vorteilhaft verändert wurde. Als seine Eltern starben und ihnen bald auch das alte Hausgesinde folgte, blieb er mit seiner einzigen Schwester zurück. Er vermählte sich mit einer Frau des Landes und zeugte in diesem kümmerlichen Hause mit ihr einen Sohn und eine Tochter. Das Gehöft ernährte die Familie dürftig, deren Herr den alten Sagen, dem alten Wunsche nachging wie ein Hirt den verirrten Schafen. Sein Auge vertiefte sich mit den Jahren, sein Gehirn schien unter der kahleren Stirn zu wachsen, indem ihm immer neue, immer gewaltigere Dinge und Zusammenhänge beikamen. Abul Mansur liebte seinen Knaben, seine Tochter, wohl auch sein Weib, aber er liebte mehr noch seinen Traum, sein Gedicht, das mit den Jahren erschien wie das blaue Gebirge hinter den Dünsten. Die Kunde seiner Mühe, über welcher er Haus und Hof, Heide und Acker versäumte, drang über diese engere Heimat hinaus. Es ist bekannt, daß ihn der Sultan Mahmud, welcher die Herrschaft der Araber über Persien durch eine weise Belebung des alten angestammten Geistes befestigen wollte, endlich an seinen Hof berief, damit das Heldenlied, vollendet, des Kalifen Stirne kröne. Abul Mansur folgte dieser Verlockung. Glaubte er seinem Wunsche die Sorglosigkeit des Schaffens zu schulden oder seinem Hofe so am besten zur Erneuerung zu verhelfen, wollte er, der Weithinschauende, am Ende doch den gerechten Ruhm seines Werkes? Er folgte. Er ließ seine alternde Schwester, sein Weib, seinen geliebten Sohn, seine junge Tochter, die eben erst zu ihm Vater sagen konnte, zurück und ging mit achtundfünfzig Jahren von Tus nach Gasni, in die Pfalz des Sultans Mahmud. Dort stand er bald in höchster Gunst, bald war er von Neidern und Krämern, von rechtgläubigen Mohammedanern als Götzendiener verschrieen und zur Seite gedrängt, aber stet und streng mit der Selbstsicherheit des Alternden vollendete er dort sein Heldenlied. Es ist bekannt, daß ihm der Sultan für jedes vollendete Tausend Verse ebensoviele Goldtomans verhieß, daß Firdusi sich aber die ganze Summe für das fertige Ganze ausbat, denn mit diesem Lohn seiner Lebensarbeit wollte er ja sein altes Gut instandsetzen, den Kanal wiederherstellen und der Sprache der Ahnen, den Taten der Helden eine blühende Heimat wiedergeben. Als das große Lied vollendet war, ließ sich der Sultan von seinem Schatzmeister bereden, dem Dichter statt des Goldes Silber auszuzahlen. Es ist bekannt, daß Firdusi, über diese Knauserei empört, den schlechten Lohn dem Wirt des Bades schenkte, wo er sich gerade aufhielt, als man ihm das Geld brachte. Er verteilte es unter die Badediener und Mägde. Firdusi rächte die ihm angetane Schmach durch ein Spottgedicht, das diesen Sultan für alle menschliche Ewigkeit lächerlich und erbärmlich machen sollte. Er übergab das Gedicht einem Mittelsmann, der es nach zwanzig Tagen dem Sultan einhändigen sollte, während Firdusi längst auf und davon war. Seither trieb sich der alte Mann als Derwisch in der Welt herum, immer in Furcht vor der Rache des einstigen Gönners. Nirgends fand er dauerndes Obdach, denn die Fürsten, die er nacheinander schutzflehend aufsuchte, standen selbst unter dem mächtigen Mahmud. Endlich verrauchte wohl dessen Zorn oder er bedachte das übermenschliche Werk des Greises oder fürchtete das Gericht der Nachwelt, Firdusi durfte unangefochten in seinen alten Hof nach Tus zurückkehren, woher er ausgegangen war. Er fand ihn düster und einsam wie damals. Sein Weib war gestorben, auch sein geliebter Sohn. Er hatte den Tod des jungen Mannes erfahren, als er längst noch im Schatten der fürstlichen Huld zu Gasni sein Heldenlied förderte. Damals hatte er über den Tod seines Sohnes ein Lied gedichtet, worin mehr Trauer war, als er dem Lebenden an Liebe erwiesen hatte, wußte er doch nicht mehr von dem Knaben, als daß er ihn besessen und verloren, nicht, wie der Erwachsene ausgesehen, und ob der Jüngling ihn geliebt oder gehaßt hatte oder vergessen, denn der Sohn hatte an Firdusi keinen Vater gehabt. Vielleicht wäre der Junge nicht so früh gestorben, wenn Firdusi bei ihm geblieben wäre. Vielleicht hätte Abul Mansur mit den Seinen auswandern sollen. Müßig, darüber zu sinnen, jeder bleibt, wie er muß. Seine alte Schwester lebte noch, eine Greisin wie er, und seine einzige Tochter, unvermählt, ein bereits alterndes Mädchen, dessen Gesicht gelb, abgezehrt, mit brennenden Augen verschwieg, ob es jemals jung und schön gewesen. Die beiden Frauen wirtschafteten sehr kärglich, sie bestellten nur eben so viel Landes, als sie brauchten, um ihre paar Schafe, Ziegen und Hühner und damit sich selbst zu ernähren. Sie hausten in dem einen großen, verrauchten Wohnsaal. Die übrigen Zimmer des Hofes wurden verschlossen dem völligen Verfall preisgegeben. Dort waren die Geräte, die wenigen von einst, zusammengepfercht, mit Staub bedeckt. In dem Saale standen an der Wand niedere Pritschen, mit dürftigen Kotzen belegt, da schliefen sie neben dem Rauch des Herdfeuers. Die beiden Frauen traten dem uralten Manne entgegen, der unversehens an ihrer offenen Türe stand, wo seit Jahren und Jahren kein Unbekannter erschienen war. Im wollenen schmutzigen Mantel des Derwischs, ohne jegliche Habe, verwahrlost, mit wirrem Bart und Haar, mit Runzeln im kleinen verwitterten Gesicht, das unter der kahlen übermächtigen Stirne winzig erschien wie das greinende Antlitz eines Säuglings, zeigte sich der Mensch da. Zahnlos murmelte er etwas, das sie nicht verstanden, und er erkannte die Seinigen so wenig wie sie ihn, nur daß er sie erriet, während sie ihn nicht ahnten. »Ich bin Firdusi,« sagte er. Sie schüttelten den Kopf. Seine Tochter, seine Schwester hatten den großen Namen wohl gehört, aber welcher Erbärmliche maßte sich ihn an. Da entblößte der alte Mann seinen rechten Arm bis zur Schulter, wo er ein rotes Mal hatte von der Gestalt eines kleinen Herzens. Dabei lächelte er. Die Tochter errötete, denn sie hatte an der gleichen Stelle das gleiche Zeichen. »Da hat uns Iblis geküßt,« sagte Firdusi und verzog seine Lippen, während ihm Tränen in die Augen kamen. Die beiden Frauen weinten nun auch, indem sie ihn erkannten, führten ihn in den Wohnsaal, bereiteten ihm ein Bad, wuschen und pflegten ihn, und er begann bei ihnen ein ruhiges, stummes Leben. Hier erholte er sich auch und kam wieder zu Kräften, so daß er ausgehen konnte. Er kaufte in der nahen Stadt, was man etwa im Hofe bedurfte, und brachte es in einem Sacke heim. Viel war es ja nicht, hatten sie doch auch nicht viel, um viel zu kaufen. Mit den Menschen sprach er nicht und mied sie. Von seinem eigenen einstigen Leben schien Firdusi nichts mehr zu wissen, als sei es wie ein Wasser durch das Sieb seines Gedächtnisses verlaufen. Er glaubte selbst nicht mehr, er selbst zu sein, indem er ganz in seinem einfachen Tag aufging. Einmal schickten ihn die Frauen wieder nach Tus zum Einkauf. Sie banden ihm ein Geldstück in den Gürtel, hingen ihm den Sack über die Schulter und schärften ihm ein, was sie brauchten, und wo er es holen sollte, denn als alte Frauen waren sie eigensinnig und meinten, sie könnten das bißchen Körnerfrucht oder was sie sonst benötigten, nur bei einem einzigen Kaufmann in der richtigen Güte, zu ehrlichem Preise und Gewichte bekommen. Gutmütig nickte und lächelte Firdusi: »Ja, ja, hab's verstanden,« wanderte nach Tus, kaufte das Gehörige am rechten Ort und ging vor dem Heimwege über den Basar, wo es manches zu sehen gab, das ihn noch immer freute, wenn er es auch längst nicht mehr begehrte: bunte Teppiche, feingeschliffene Waffen, hohe Metallgefäße aus mattem Silber oder getriebenem Kupfer, kostbare Seidentücher, schleierdünn mit eingewebten märchenhaften Blumen. Unscheinbar, gebückt, klein durch das Alter und durch den eigenen Wunsch, möglichst gering und unbeachtet zu bleiben, schlich Firdusi durch die wimmelnden Zeltgassen, stand hier und dort ein Weilchen und betrachtete dies und jenes. Dann ging er wieder weiter, zwischen den dünnen Lippen etwas murmelnd, denn das alles hatte er einst bei Hofe zur Hand gehabt. Plötzlich hielt ihn eine Balgerei von Buben auf, die den Weg versperrten, miteinander rangen und einander dabei schmähten. Ein junger, keck aussehender mit schwarzem Kraushaar und glühenden Augen war von etlichen älteren überwältigt und durchgebläut worden, ohne sich richtig wehren zu können gegen die Übermacht. Die erlittene Schmach kränkte ihn sehr, denn einer gegen einen hätte er wohl bestanden. So raffte er sich aus dem Staube auf, schüttelte und streckte sich, so hoch er konnte, und schrie den andern, die ihn, abziehend, noch höhnten, einige Worte zu. Firdusi verstand sie, die Buben beachteten sie nicht weiter, sondern trollten sich lachend. Dies aber waren die Worte: »Du, der nicht Glauben hat, noch Tugend ehrt, Selbst einen Tropfen Bier bist du nicht wert.« Es war ein Vers aus seinem Schmähgedicht auf Sultan Mahmud, den der Knirps auf die Verfolger anwendete; höchst lächerlich und wunderbar, daß ein Knabe die Worte kannte wie eine Sure und an dieser Stelle, in dieser Lage brauchte. Die Worte trafen ein anderes Ziel, als dem sie galten: das Herz des uralten Derwischs, der durch sie aus seinem wachen Schlaf der letzten Zeit geweckt wurde wie durch einen jähen Blitz, sein vergebliches Leben und Gedicht, seinen Lohn, seine Schuld sah, alles, wie man im Augenblick des Sturzes in den Abgrund das ganze Leben bis in die letzte Falte überschaut und kennenlernt, bevor es hin wird. Firdusi schwand das Bewußtsein. Er sank ohnmächtig nieder. Die Leute umringten ihn und versuchten, ihn zu laben und zu sich zu bringen. Zufällig war ein Nachbar da, der ihn erkannte und verriet, wer der Alte war. Sie hatten den greisen Derwisch ja manchesmal gesehen, aber niemand hatte gewußt, wer er sei. Den Firdusi freilich kannte jeglicher wie die Gestalten der Pelehwanen, die er lebendig gemacht hatte. Sie holten einen Wagen herbei, lagerten den Ohnmächtigen sorgfältig darauf, und der Nachbar führte ihn in den Hof zurück, in die Pflege der Schwester und Tochter. Für diese erwachte der Bruder, der Vater nicht mehr aus seinem Halbschlummer. Unruhig, bald lächelnd, bald mit traurig oder grimmig verzerrten Zügen lag der Alte auf seiner Pritsche, Unvernehmliches flüsternd, seufzend oder leise stöhnend. Für die beiden krank und verstört, war er für sich selbst wach und bei höchster Klarheit, als hätte sich das ungeheure, winzige Geheimnis seines Daseins erst jetzt, über den Anruf eines Kindes, gelöst, und stürze, ein Fels, durch einen Tritt von seinem Berge getrennt, in die Tiefe. »Das war es,« schien es Firdusi. »Das war ich.« Jetzt lächelte er; hätte er es früher so gewußt, er hätte weinen und schweigen müssen. So war er berühmt, so war sein Wort im Mund eines Kindes. Aber darüber hatte er gar keine besondere Freude. Vielmehr quälte ihn wie ein böser Durst eine Scham, die er jetzt erst empfand, denn, hätte er sie früher besessen, so hätte er sein ganzes Schicksal erspart. »Ich habe nach Geld getrachtet, ich habe Silber statt Goldes bekommen, ich habe vor Wut gezittert und habe den König geschmäht, wie der kleine Junge den größeren. Das also war mein Leben. Deshalb habe ich den Kampf der Lichten mit den Finsteren gesehen und die Kräfte der Zeiten über die Seelen der Menschen hinbrausen lassen gleich einem Gotte, der ich war, um mein Herz an einen Berg von Münzen zu hängen gleich einem Affen, der stiehlt und das Gestohlene aus dem Baum wegschmeißt, da er es nicht essen kann. Das war mein Kampf mit meiner Finsternis. Hier hat mich Iblis geküßt und Schlangen wuchsen aus meinen Schultern. Sie haben mich gejagt und ruhelos gemacht und haben mir keine Heimat vergönnt, keinen Sohn, keine Tochter, keine Stätte, keine Gnade, nicht mich selbst. Ich habe mein Haus bauen wollen und ist doch gut genug für diese paar Knochen, ich habe meine Erde erneuern wollen und ist doch breit genug für mein Grab, ich habe die Wirklichkeit wollen und ist doch mein Traum mehr. Ich habe glücklich sein wollen und hatte doch mehr Glück, als Glück mir bieten konnte. Ich bin in meinem Paradies verschmachtet. Ich habe mein Gedicht erlitten, und ein Knabe kann mit meinem Worte einen Knaben spotten. Darum lebt Firdusi. Warum und wofür aber leben die andern? Jeden küßt Iblis auf die Schulter, ins Herz, auf die Lippen, und Schlangen wachsen in den Menschen, Fiebertäler werden aus Paradiesen und Bettler kehren heim. Sie sind dort, von wo sie ausgingen und haben gelebt. Jeglicher wird nur, was er ist, findet nur, was er hat, sehnt sich nach dem Seinigen und stirbt an seinem Leben.« Diese Gedanken gingen sacht in einen merkwürdigen Traum über, wie Firdusi zu allen Zeiten oft zu träumen pflegte, nämlich nicht mitbeteiligt, als geschehe etwas mit ihm und tue und leide er selbst, sondern frei als Zuschauer und Beurteiler fremder Erlebnisse. Er sah ein Heer über ein wüstes, hungerndes Land ziehen, in Waffen, schwerbeladen, aber ohne irgend welchen Eßvorrat, hungernd, dürstend, in bitterer Not, ohne Ordnung, zerstreute Haufen, hoffnungslos nach einer Quelle, nach jagdbarem Getier, nach Früchten suchend. Da fanden sie plötzlich den Boden mit einer stacheligen Pflanze bedeckt, und als einer sie ausgrub, folgten ihm alle andern und fingen die Wurzel zu essen an, die sich kauen und verzehren ließ ohne sonderlichen Geschmack. »Ihr dürft sie nicht essen,« sagte eine Stimme, »es ist eine giftige Wurzel und ihr werdet davon krank wie Schafe vom Drehwurm.« Aber sie achteten der Warnung nicht, sondern schlangen die Wurzeln in sich hinein. Darauf bekamen sie in der Tat eine merkwürdige Krankheit, einen Zustand, über den Firdusi im Traum lächeln mußte, wie traurig es auch war. Sie fingen nämlich in der Erde zu wühlen an und gruben mit den Fingern nach Steinen, bis sie sie mit Mühe und unter Schweiß und allen Zeichen der Angst herausgedreht hatten. Dann mußten sie die Steine um- und umwenden und wiederum mit gleicher Mühe in den Boden hinein- und zurückdrehen. Hatten sie das mit einem Steine getan, so fingen sie gleich mit einem zweiten an, und so lagen sie über dem wüsten Boden hingestreckt, wühlten, gruben aus, drehten wieder zurück; bis einer um den andern in dieser Qual verzuckend endete. »Daß ich dies denken kann in dieser Stunde, bedeutet, daß ich sterben muß und es ist gut,« dachte Firdusi. Damit verschwand ihm Traum und Bewußtsein, ein kurzes Zittern lief über seinen Körper und er erlosch. Die Kunde, daß Firdusi im Lande und in seinem Hofe gestorben sei, verbreitete sich rasch. Die Stadt Tus wollte ihn mit größten Ehren bestatten. Der oberste Scheich weigerte sich, die muhammedanischen Gebete an seinem Grabe zu sprechen, denn Firdusi sei ein Feueranbeter gewesen, und die Anbeter des Feuers habe er gepriesen und verherrlicht. Die Bitten der Bürger fruchteten nichts. Der Scheich blieb bei seiner Weigerung. Da träumte er in der nächsten Nacht, er sehe den herrlichen Mann im Paradiese, in grünem Ehrenkleid, eine Krone von Smaragden auf dem jungen blühenden Haupt. »Warum hast Du einen Ungläubigen so erhöht?« fragte der Scheich den Paradieswächter. Der antwortete: »Weil er Gott also gelobt hat: Das Höchste in der Welt, so wie das Tiefste bist Du. Ich weiß nicht, was Du bist, doch was Du bist, das bist Du.« Da eilte der Scheich zum Grabe und betete die Gebete für den Heimgegangenen. Als der Leichenzug das Tor von Tus verließ, begegnete ihm ein Zug von herrlich gewandeten Männern auf prächtigen Rossen. Boten des Sultans Mahmud überbrachten Firdusi ein grünes Ehrenkleid und die geschuldete Summe Goldes auf den Säumern. Firdusis Tochter wies die Gabe zurück, sie brauche sie nicht. Die Schwester aber sagte, man sollte doch den Wunsch des Verstorbenen erfüllen, den Kanal wieder herstellen und das öde Land fruchtbar machen. Dies soll auch geschehen sein. Heute aber ist die Gegend still und schwermütig wie je und vom Hause steht nur noch der Turm mit einer Kuppel, der heißt: Firdusis Grab. Baracke sechsundzwanzig Ich fühle mich ganz wohl hier im Barackenlager, das während des Krieges Rekruten, dann Invaliden, dann Rückkehrende beherbergt hat und nach dem Umsturz bei der Wohnungsnot dazu benützt worden ist, Leute aufzunehmen, die sonst kein Dach über ihrem Kopfe hätten. Die Bevölkerung unseres Lagers, das sehr hübsch auf einem leicht abgedachten Plateau, am Fuß der Wienerwaldberge liegt, hat seit seinem Bestande immer gewechselt, und es werden heute nicht mehr viele von denen noch hier wohnen, welche bei der ersten »Zivil«besetzung dieser Quartiere eingeführt wurden: Kinderreiche Familien von vertriebenen Beamten aus den nunmehr abgetrennten Nationalstaaten des gewesenen Alt-Österreich oder Leute, die in der Ukraine, in Galizien, in Italien irgendwie lästig oder überflüssig waren, Flüchtlinge! Hier waren sie übrigens auch lästig und überflüssig, aber sie gingen niemand mehr etwas an in der großen Stadt. Mochten sie am Rand herumkriechen! Zum Schluß setzten sich Studenten fest, ebenfalls aus aller Herren Ländern und von allen Fakultäten. Es war eine Art »Wohlfahrtsaktion«. Die »Sachdemobilisierung« stellte aus ihren Vorräten, die sonst ohnehin nur als Reste gewaltigerer gestohlener, verkaufter, verschleppter, verdorbener Massen verwertet wurden, großmütig in jeden Raum ein eisernes Bett, einen Strohsack, eine Decke; den Ofen und was man sonst etwa noch an »Mobiliar« wünschte oder brauchte, verschaffte sich jeder selbst um Geld oder um gute Worte oder anderswie. Jeder tünchte sich auch seine Bude selbst, und in unserer Baracke sechsundzwanzig hausen wir »Akademiker« nun schon seit ein paar Jahren, welche gehen ab, andere kommen, immer ist alles voll. Wenn man eine Weile wo anwächst, wird es von selber gemütlich. Die langgestreckte Baracke ist auf einem rechteckigen Zementsockel mit dünnen Ziegelwänden gemauert, mit zwei gleichen Fensterreihen auf beiden Seiten, in der Mitte läuft ein breiter Gang, der durch einfache Oberlichte erhellt wird. Das Dach ist aus geteerter Pappe, der Fußboden aus glatten Klinkern. Die Geschichte hat nicht viel gekostet und hält nun schon zehn, zwölf Jahre zusammen. Die Grundeigentümer sind seinerzeit vom Staate genötigt worden, den Boden, den sie nicht benützten, zur Verfügung zu stellen, und wenn sie ihn heute zu besseren Anlagen zurückverlangen, gibt es umständliche Prozesse, viel Scherereien und Kosten. Das Sprengen und Gleichmachen des Zementsockels und der Abbruch der Wände, der Dächer, das Forträumen des Materials machen so viel Plage, das alles dauert so lange und fordert so viel Geld, daß die Grundeigentümer lieber warten, bis die Hütten sowieso zusammenfallen, bis sich die Inwohner endlich allesamt verziehen, oder bis die soziale Frage gelöst ist, oder was weiß ich. Immerhin muß man jederzeit einen Prozeß fürchten, aber man fürchtet ihn nicht dringender als den Tod. So sind wir vorderhand hier die Herren und wir verwalten uns selbst. Jede dieser dreißig oder vierzig Baracken hat übrigens ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Mietverhältnisse und Bewohner mit ihren besonderen Zuständen und Beziehungen. Einige Hütten sind im Lauf der Zeit bereits weggekommen, da frißt sich dann auf einmal ein anderer, ein bürgerlicher Betrieb ein, ein Zimmerplatz oder gar eine Villa, oder es steht nur mehr der feste Zementsockel da, wenn Geduld und Geld beim Niederreißen ausgingen. Manchmal liegt das miserable Zeug: Schutt, Holz, Ziegel, Dachpappe, monatelang herum. Selbst das Wegführen lohnt sich nicht. Disteln und Gras wachsen an. Unsere Baracke sechsundzwanzig aber gehört uns, wir haben sie sogar aus zusammengesteuerten eigenen Geldern gekauft, sie gehört uns, solange sie eben dasteht, und wenn ein Raum frei wird, vergeben wir ihn an einen bedürftigen »Akademiker«. Ist ausnahmsweise kein solcher Bewerber vorhanden, so setzt uns die Lagerverwaltung im Einvernehmen mit dem Mietamt jemand hinein. Das sind dann die nichtakademischen Ausnahmen. Wir verwalten uns selbst, wir bezahlen Gas, Wasser, elektrisches Licht, wir teilen die Steuern unter uns auf, wir besorgen unsere Aufsicht, dabei halten wir uns recht frei und machen eine eigene Welt für uns aus, die beginnt bei der Gittertür und der Zufahrtstraße und hört draußen beim Tramwaygeleise auf. Draußen befindet sich die Stadt, ein Meer rund um uns mit ihrem Verkehr, ihren Geschäften, ihren Sorgen, ihren Vergnügungen und Lastern, hier innen unser Lager ist eine Insel mit eigenen Bedingungen, eigener Bevölkerung, eigenem Recht, eigenen Sitten und Zuständen. Man könnte ein Buch über diese Gesellschaft schreiben, wenn man nichts Dringenderes zu tun hätte. Es käme dabei so eine Art Urkommunismus mit allerhand bürgerlichen Rückständen heraus. Wer lebt, der kann nicht schreiben. Ich teile unsere Bude mit einem Freund, einem Keramiker, aber er ist entweder auf Erwerb in der Stadt oder wie eben jetzt für längere Zeit fortgereist, so daß mir der Raum: drei Meter breit, vier Meter lang mit einem großen Fenster ganz allein gehört. Die Scheiben werden von draußen oft eingeschlagen, bis man neue einsetzen kann, muß man sie mit Papier verkleben. Es zieht unangenehm herein. Die Fenster schließen auch schlecht. Das Licht genügt gerade. Da die Baracken ebenerdig sind und draußen Bäume stehen, wird es selten ganz richtig sonnenhell. Mit sechs Leintüchern von meiner Mutter ausgestattet, bin ich hergekommen. Da ich aber nicht immer – eigentlich nie – genug Geld besaß, um mir für meine Bilder teure Leinwand zu kaufen, habe ich diese Leintücher allmählich zerschnitten, grundiert, zum Malen verwendet und ein oder mehrmals mit großen Kreuzigungen oder mit Vater Noah und seinen Töchtern oder mit dem heiligen Hiob oder mit Rittern und nackten Frauen bemalt. Und das Bett? Es ist viel einfacher, seit ich entdeckt habe, wie überflüssig eigentlich Leintücher sind, man liegt warm auf Kotzen und mit Kotzen zugedeckt, und man braucht nicht soviel waschen zu lassen, Lüften und Klopfen genügt. Ich habe einen schmalen Kasten. Nur wenig ist darin. Viel mehr als ich am Leibe habe, besitze ich ja nicht an Kleidern. Immerhin gibt es im Kasten Unordnung genug, Kraut und Rüben durcheinander. Meine Wäsche wäscht, flickt und hält mir in Ordnung eine nette Frau, die gegenüber auf der anderen Seite des Ganges wohnt, die Frau eines Wachmanns, auch eines Vertreters der anderen Stände. Oh, unsere Welt ist ganz vergnügt: diese Welt von kleinen Maden unter sich, die sich auch für den Mittelpunkt eines Reiches halten, indem sie durcheinanderkriechen, lieben, spielen, streiten, sich versöhnen, betteln, Nahrung suchen, Kraft und Gesundheit verschwenden, Angst haben, eben leben wie überall, nur viel deutlicher. Solche primitive Zustände wie unsere wirken wie ein Mikroskop; man sieht alles ganz deutlich, uns Infusorien im Wassertropfen. So betrachtet wirken wir auch wie »höhere« Wesen! Im Sommer gibt's hier den schönsten Landaufenthalt. Zwischen den Baracken liegen Wiesen, einzelne Äcker, wo Gemüse oder Blumen gebaut werden, eine Lindenallee läuft durch, auch sonst gibt's Schattenbäume da und dort, namentlich vor den Häusern, Hühner laufen herum und haben ihre Not mit den Hunden und Katzen, Kanarienvögel singen in Bauern, einzelne Fenster haben sogar schöne weiße Vorhänge, dort wo Frauen wohnen. Auch hohe gelbe Sonnenblumen und Balsaminen sind vor Fenstern gepflanzt, und auf Wiesen oder Sandplätzen, die mit Hecken von Hollunder, Jasmin, Weißdorn eingefaßt sind, liegen die Leute schön nackt und braun und nehmen Sonnenbäder. Kleine Kinder wälzen sich herum, raufen sich und klagen etwas Schreckliches oder lachen. Immer neue kleine Kinder kommen. Das Geschrei geht nicht aus. Natürlich, auch hier pflanzt sich die Bevölkerung fort, denn es gibt ja sogenannte oder wirkliche Ehepaare genug hier. Manche Akademiker oder Angestellte warten nur, bis sie ein paar Schilling übrig haben für das Nötigste, um mit ihrer Dame zusammenzuziehen, manchmal in das eine Eisenbett ihres Zimmers oder auf ein zweites, das sie sich dazu anschaffen. Viel Glück! Pfui Teufel! Im übrigen sind wir wegen unserer »Sitten« nicht gerade berühmt, und es braucht schon eine lange Bekanntschaft und großes Vertrauen oder Neigung oder Lust zu einem Abenteuer, damit ein Mädchen von der Stadt ihren Fuß in unser Lager setzt und gar in eines unserer Zimmer. Ist sie aber einmal dagewesen, so kommt sie schon wieder oder geht gar nicht mehr fort. Unsere Freiheit hat etwas Überzeugendes oder Ansteckendes. Auf den sonnigen Plätzen hinter den Hecken lebt es sich wie auf den Marquesas. Wir haben unser eigenes Haiti. So lange man sich nicht gerade die Stadt oder den Luxus einbildet, kann man hier schon eine Art Heimat haben. Nicht einmal die Polizei kümmert sich um uns. Die unvermeidlichen Schlägereien werden unter uns ausgetragen. Abends geht es hoch her; es wird gekocht. Mittags sind die meisten in ihren Geschäften unterwegs und essen oder hungern in der Stadt. Den Abend aber verbringt man »zu Hause«. Man versammelt sich in einzelnen Buden, wo gewisse gesellschaftliche Talente gerade beliebt sind, jeder nimmt seine Teetasse und Blechlöffel, Gläser und Teller mit für die Erfordernisse des Abends. Einer spielt auf der »Klampfen« und man singt dazu. Auch »Roulette« oder »Schnapsen« wird betrieben und das Geld, das gerade auf der Baracke vorhanden ist, rollt hinüber und herüber und wechselt wohltätig seine Besitzer. Es hält sich nicht gern und nicht lang in einer Tasche. Da kommt unfehlbar, heimlich, mit würdigem, überlegenem Ausdruck, leise, auf den Zehenspitzen in seiner mehr als unscheinbaren, man kann schon sagen, zerlumpten Kleidung, in zerfransten Hosen, einen gestrickten Wollspenser ohne Hemd darunter, Adam Kolodrubski, der Philosoph, und sucht einen Winkel für sich unter den vielen Leuten. Er trägt diesen Winkel eigentlich immer schon mit sich selbst herum in seiner demütigen, zugleich hündischen und überlegenen Art und fremden Aussprache. Er nennt sich Philosoph und behauptet auch, so etwas an der Universität zu studieren. Mag sein! Wir kontrollieren einander nicht. Soll jeder treiben, was er will! Jeder hat recht. Übrigens umgibt er sich auch mit einem gewissen Air. Davon lebt er. Vor sich und auch vor den anderen lebt er mit diesem besonderen Air. Kein Heiligenschein gerade, aber doch eine Art von Nimbus! Er ist Ukrainer, es gibt deren noch ein paar in den Baracken – Wien ist gerade bei den Ukrainern sehr beliebt – sie verhalten sich zu ihm nicht anders, als wir alle, nämlich ein bißchen spröd und deutlich ablehnend, aber wenn er in irgendeinen Streit verwickelt wird, nehmen sie sich seiner doch an, so wie wir Deutschen in der Fremde uns um einen angegriffenen Landsmann annehmen würden, wenn wir ihn auch nicht gut leiden könnten. Er haust in dem Zimmer eines gewissen Michalski, eines anderen Ukrainers, als Untermieter, wie er sagt. Der andere ist aber schon seit Monaten nicht mehr hier gewesen, angeblich auf Besuch in die Heimat gereist, doch wird er wiederkommen, sagt Kolodrubski, man darf also seine Bude nicht weiter vergeben. Dort sitzt der Philosoph und verteidigt sich heftig. Als wir die Baracke mit unserm Geld gekauft haben, traten wir auch an ihn um einen entsprechenden Beitrag heran. »Iich?« sagte er mit seiner gedehnten, polnisch-ukrainischen Aussprache. »Iich, iich biinn nur Untermieter – Michalski!« Kurz, aus ihm war kein Groschen zu ziehen. Wir ließen ihn also als Untermieter da ohne Miete. In der Ukraine, während des Umsturzes, behauptet er, Volkskommissär für Ernährung gewesen zu sein, hier arbeitet er kümmerlich aber eifrig bloß für die seinige und läßt es unentschieden, ob man ihn als Kommunisten fürchten, als großen Herrn achten oder als Philosophen zweifelnd ansehen soll. Jedenfalls beansprucht er für alle seine besonderen Eigenschaften irgendwie dringliche Geltung, und still, lauernd, gelegentlich großartig setzt er sich durch, obschon man ihm oft geradheraus ins Gesicht lacht. Komisch ist er immer, aber man hat zugleich Angst davor, man ist wehrlos gegen ihn. Er wendet sich bei beleidigenden oder verletzenden Zwischenfällen mit einem verächtlichen Achselzucken ab, bückt sich und macht den Winkel noch kleiner, den er mit sich bringt und in den er sich zurückzieht. Er hat mir auch oft seine sogenannte Philosophie entwickelt. Wenn er ins Reden kommt, wird er sehr lebhaft und hört lange nicht auf. Diese Philosophie lief auf eine seltsame Beweisführung seiner selbst als einer gegebenen Notwendigkeit und Tatsache Gottes und der Welt hinaus. »Da ich nun einmal geschaffen und hier bin, wie ich bin, mit bestimmter, deutlicher Absicht der Schöpfung, denn das muß ich wohl annehmen,« so lautet etwa die Beweisführung, »ist es nur gerecht, daß ich mich erhalte, wie ich bin, und behaupte auf meinem Fleck, der liebe Gott muß für mich sorgen und was ich dazu tue, geschieht für den lieben Gott und in Gottes Namen. Es ist übrigens ja auch kein gewaltiges Vergnügen!« Er wußte für alle seine unverschämten Forderungen und Mißbräuche, die er geradezu virtuos betrieb, nur daß sie leider für so Geringes aufgewandt wurden, immer triftige Gründe vorzubringen und legte sich überhaupt für alles, was geschah, notwendige, durchaus auf ihn bezügliche, auf ihn als Mittelpunkt zusammenstrahlende Ursachen zurecht. Ein Bedürfnis nach einer sogenannten sittlichen Weltordnung bestand wohl sogar und gerade in diesem durch die elenden Verhältnisse verwirrten Menschen, und daß er in seiner ewigen Notwehr die sittliche Weltordnung einfach mit seinem Bestande gleichsetzte und aus ihm erklären und ableiten wollte, darf man ihm – auf unserer Insel – vielleicht nicht einmal gar so verübeln. Eigentlich besaß er wohl nie Geld, wenn er ein und das andere Mal über ein paar Groschen verfügte, waren sie ausgepumpt, erschlichen, vielleicht sogar gestohlen, oder durch Betrug irgendwie beiseite geschafft, aber er verstand offenbar auch ohne irgendwelche Barmittel sich in seinem Winkel fortzufristen. Er war da, also lebte er auch wohl von etwas. Meistens von Reis. Davon schien er in glücklicheren Tagen immer sorglich einen gewissen Vorrat anzuhäufen, den er in Zeiten des Mangels verkochte. Feuerungsmaterial sammelte er entweder durch höflich freundliches Betteln um ein »Stückchen« Kohle, wovon er sich von Zimmer zu Zimmer eines und noch eines und noch eines zusammentrug, bis er Michalskis Ofen als Untermieter für eine Stunde heizen und darauf seinen Topf Reis sieden konnte. Oder er sammelte Spiritus auf ähnliche Art tropfenweise. Gegen die Kälte schützte er sich durch Besuche und Gespräche in irgendeiner warmen Bude. Wenn irgendwo eine Mahlzeit gerichtet, Fleisch geklopft, geschabt, Speck geschnitten wurde, fand er sich gleich – er hörte oder witterte es – in seiner demütigen Frechheit ein, mit einem Teller, um die Abfälle zu bekommen, oder etwas Öl, wenn ein anderer Salat anmachte, eine halbe Zwiebel erlangte er auch, so war für sein Essen mitgesorgt. Eingeladen wurde er nirgends. Sein Getränk war Tee. Auch den sammelte er sich fingerspitzenweise von Zimmer zu Zimmer: »Aach haaben Sie nur ein biißchen Tee, nur einen Gedaanken Tee.« Gab man ihm nur einen »Gedanken«, so drängte er wohl: »Zu wenjig, geehrter Cherr, noch ein biißchen.« Schließlich hatte er auch davon genug, Zucker wurde ihm desgleichen »gedankenweis« abgegeben und so weiter. Wenn es nach des Tages Arbeit in einer Bude zu rumoren begann, erschien er auf den Zehenspitzen, zwängte sich leise wie ein Geist durch die nur leicht geöffnete Tür, freundlich unnahbar lächelnd, nichts durfte geschehen, ohne daß er dabei war und alles mitansah. Brach einmal die Roulette-Seuche aus, was meist anfangs des Monats geschieht, solange die Leute noch Geld haben, dann versammelte man sich schon am Nachmittag und spielte bis zum frühen Morgen, wobei die Verlierer wieder Neuangekommenen, die mit Geld versehen waren, Platz machten. In einem solchen Zimmer drängten sich stets an die zwanzig Leute zusammen, saßen, standen, hockten auf dem Fußboden, rauchten, tranken Tee und setzten vor allem und beobachteten den Gang der Sache. An solchen Tagen erschien Adam gleich zu Anfang und blieb bis ganz zuletzt. Er betrieb das Spiel auf seine Weise, nämlich philosophisch, indem er auf einem Blatt Papier mit einem winzigen Bleistiftstummel Notizen machte, Ziffern aufschrieb, alle Kombinationen verfolgte, um zum Schluß nach seinem System mit einem Satz einzuspringen, der unfehlbar die Bank sprengen sollte. Erst nach stundenlanger Beobachtung, wenn er seine Zeit gekommen glaubte, lieh er sich von mir oder einem anderen Gutmütigen, den seine Gier belustigte, dreißig Groschen aus oder mehr, wenn er es bekommen konnte, und setzte auf »seine« Zahl. Die kam natürlich erst recht nicht heraus, er fluchte, schüttelte den Kopf und wartete, unter weiteren Notizen mit dem Bleistiftstummel, bis endlich die Nummer dann erschien, wenn er sie nicht mehr besetzen konnte. Das System war vielleicht gut, nur vermochte er es eben nicht soweit zu verfolgen, wie es nötig gewesen wäre. Wenn er dann so hoffnungslos ausgebrannt dasaß, eine verrauchte Zigarette im Mund, mit einem Blick wie ein hungriger Wolf, war er schon nicht ganz gewöhnlich anzuschauen. Beim Schnapsen zu zweien beteiligte er sich so: gewann er, so sollte er dreißig Groschen für die Partie bekommen, verlor er, so galt für die Partie ein Botengang, den er leisten wollte, zugunsten des Gewinners. Adam Kolodrubski verlor auf diese Weise manchmal dreißig Botengänge an einem Spieltage. Die lieferten dann aber Stoff für unendliche Zänkereien. Er geriet nämlich immer an denselben Spielgesellen, der ebenso hartherzig und eigennützig, wie er hartnäckig und spielleidenschaftlich war, und der andere wollte den Gewinn an Botengängen auch möglichst schlau und unnachsichtig ausbeuten. Dagegen wehrte sich aber Kolodrubskis zweckloser Arbeit und Bewegung durchaus abgeneigte Philosophie. Mußte er schon die Laus auf dem Pelz sein, so wollte er sich doch von keinem Finger knicken lassen. Der Gewinner besuchte also den »Untermieter« am anderen Morgen etwa mit einem ganz genau ausgerechneten und aufgeschriebenen Besuchsplan, sechs Flaschen, etliche Bücher, Pakete, Leihkarten, Legitimationen usw. in beiden Händen. Kolodrubski sollte auf dem Wege Wein kaufen, beim Drogisten etwas besorgen, Flaschen abliefern, Konsumartikel einhandeln, Bücher zurückbringen, andere dafür holen, kurz zwei Dutzend Geschäfte auf einem Gang erledigen. Nein, so war der »Gang« nicht gemeint gewesen beim »Schnapsen«! Jede verlorene Partie ein Botengang, aber auch nur einer, nicht zwei Dutzend in einem. »Pardon! Entschuldigen!« wiederholte er aufgeregt und versuchte, sich dem übelwollenden Gewinner verständlich zu machen. Eine Flasche Wein holen: ein Gang, ein Kilo Seife beim Drogisten wieder ein Gang, Bücher austauschen, neue holen, meinetwegen ein dritter, aber doch nicht alles miteinander ein einziger! Wo käme er da hin! »Zeit ist doch Geld,« sagte er, »Zeit ist Geld, ist Schuhe, ist Kraaft, Gesundheit. Wo denken Sie!« »Wo ich denke?« schrie der andere. »Sie sind ein Schwindler, ein Fallot sind Sie! Das denke ich.« »Mein Cherr,« wehrte Adam höflich ab: »Ich bjin ein Gentleman, iich kaann nur mit Gentlemen verkehren. Wer in meinem Haus ist, ist cheilig, bjitte, wer nicht Gentleman ist, gechört niicht in mein Haus. Also ich biitte sehr, ich biitte chöflichst.« Damit drängte er den Gegner höchst gewandt unter schmähenden Komplimenten zur Tür und wußte ihn auch meist ohne schwierigere Zwischenfälle hinauszubringen. Dann gab es natürlich für eine Zeit erbitterte Feindschaft, was aber beide nicht hinderte, beim nächsten »Schnapsen« wieder dieselben unmöglichen Bedingungen einzugehen, nur daß man jetzt schon beim Anfang selbst darüber rechtete, ohne indessen eine Einigung abzuwarten. Die Karten wurden gemischt, verteilt, jeder hoffte zu gewinnen. Dann würde er schon das weitere einrichten. Übrigens kam es ja auch ausnahmsweise vor, daß Kolodrubski gewann. Seine dreißig Groschen erhielt er darum auch nicht so pünktlich. Er mußte sich Ratenzahlungen gefallen lassen und so weiter. Es gab unerschöpfliche Gelegenheiten zu Zank, Philosophie, Beweisen, Gründen und Gegengründen und zu ritterlichen Streitigkeiten, als ob alles aufs Benehmen ankäme. Ich lerne übrigens hier auf der »Insel«, daß es gerade der Mangel ist, der unaufhörlich neue Symbole und Bräuche an Stelle des Wirklichen hervorbringt und beim Reichtum entlehnt oder stiehlt. Manchmal hängt dann der Mangel an solchen Äußerlichkeiten so fest, als wäre eine gewisse Manier oder eine schöne Redensart besser als ein neuer Hut oder ein warmer Rock. Bei uns, bei Adam Kolodrubski war mir nur immer spaßig und rätselhaft, wo das »Benehmen« anfing und aufhörte. Es riß nämlich irgendwo und irgendwann plötzlich ab. Dann steht man als splitternackter Ur-Insulaner da ohne Zylinderhut. Einmal hatte Kolodrubski gehört, daß einer der Studenten eine Arbeitsgelegenheit gefunden hätte mit ganz ordentlichem Lohn: bei der Donauregulierung. Kolodrubski, der gerade seinen letzten Reis gekocht haben mochte, erkundigte sich genau, ob auch er dort ankommen konnte. Gewiß konnte er das, im Augenblick wurden viele gebraucht. So meldete er sich und wurde angenommen mit regulärem Dienstbuch in aller Form. Die Burschen hatten Steine zu führen, und zwar von gewissen großen Haufen nach angewiesenen neuen Plätzen, die vermutlich aufgefüllt werden sollten. Jeder belud seinen Schiebkarren und schleppte ihn ehrlich und redlich das Stück Weges bis zur Stelle. Kolodrubski betrachtete die Sache genau nach allen Seiten und mit Philosophie und fand eine andere leichtere Lösung. Er suchte sich nämlich einen einzigen, mittleren Stein aus, weder zu groß, noch zu klein und auf keinen Fall zu schwer. Diesen Stein trug er mit beiden Händen vorsichtig vom Haufen zu dem vorgeschriebenen Platze, nach einer Pause holte er einen zweiten, einen dritten und so weiter und wußte sich dabei – rätselhaft genug – so zu halten, daß man seine eigentlich strohdumme List nicht bemerkte. Nur sein Kollege, der Akademiker, der ihm die Arbeit aufgewiesen hatte und den alten Adam doch kannte, beobachtete ihn dabei und lehrte ihn, übrigens ohne es zu wollen, noch einen neuen Vorteil bei der Sache. Wenn Kolodrubski den Aufseher in der Nähe oder überhaupt Gefahr besorgte, lud auch er einen Schiebkarren langsam voll und zog ihn wohl auch. Aber es kam ihm hart an, war er ja doch sehr schlecht genährt, und er richtete es sich schon ein, daß es nur höchst selten und ausnahmsweise sein mußte. Der Vorteil ergab sich daraus, daß der Akademiker bald danach einen Anfall von Gelenk- und Hüftschmerzen bekam, sich krank meldete, ärztlich untersucht wurde, zu Hause bleiben durfte und sogar eine Krankenunterstützung erhielt. Kolodrubski sah das und benutzte es sogleich zur getreuen Nachahmung. Nach zwei Tagen zog er den Kopf zwischen die Schulter, das linke Bein beim Gehen nach und zwinkerte schrecklich bei jeder Bewegung, meldete sich beim Arzt, gab seinen Rheumatismus bekannt und erzielte ebenfalls Urlaub und Krankenunterstützung. Leider gestatteten die Verhältnisse, die sich gerade damals für ihn zuspitzten, keine erwünschte Ausdehnung dieses Zustandes, den er vor uns allen möglichst sorgfältig und pathetisch spielte. Nur in gewissen Augenblicken gab er das Hinken auf und streckte den Kopf wieder aus den Schultern: sobald sich die Frau Megner zeigte. Da ging er plötzlich gerade, wiegte sich in den Hüften und streckte den Kopf nach allen Seiten. Er machte sich wohlgefällig, er lächelte. Die Frau Megner war die Gattin des Wachmanns, die mir gegenüber auf der anderen Gangseite wohnte, eine vielleicht nicht mehr ganz junge, aber sehr nette, heitere, brave Frau in den Dreißigern. Sie betrieb für auswärtige Kundschaften Näherei. Sie arbeitete fleißig in der Baracke, man hörte vom Gang aus die Maschine in ihrem Zimmer surren, geschwind wie Regenwetter. Wenn sie ihr Stück fertig hatte: Wäsche oder Kleider, ging sie liefern, immer höchst zierlich angetan, nicht auffallend, aber hübsch mit kurzem Rock, feinen Strümpfen, eleganten Schuhen, einem geschickt aufgebogenen weichen Filzhut auf dem runden Kopf mit dem glatten schwarzen Bubenhaar. Sie hatte muntere, geläufig dreinschauende braune, zutrauliche Augen. Zu klein war sie, ein bißchen zu voll und rundlich, wie gesagt, nicht mehr in der allerersten Jugend, aber eine sehr wohlgefällige Person, eine brave, angenehme Frau. Bei dem sicheren Einkommen ihres Mannes und ihrem eigenen Verdienst mußte sie wohl auch über soviel Geld verfügen, daß sie mehr hatte und monatlich ausgeben konnte, als wir Akademiker in einem Vierteljahr oder noch länger. Das Ehepaar gehörte denn auch nicht eigentlich zur Insel, es lebte nur da mangels einer anderen Wohnung. Der Wachmann wollte schon wegen seines Standes gar nichts von uns wissen und hütete sich vor jeder näheren Bekanntschaft, sie aber, durch Arbeit und Hauswirtschaft für den längeren Teil des Tages zurückgehalten, kannte alle Leute und Verhältnisse in der Baracke genauer, hatte dafür auch Interesse. Sie war neugierig und zutraulich und beliebt, auch bei den anderen Frauenzimmern in unserer und in den Nachbarbaracken. Sie kam auch zuhören, wenn wo Musik gemacht wurde. Man tanzte gelegentlich, sie tanzte mit und unterhielt sich in aller Freundlichkeit und Unbefangenheit. Gut und fröhlichen Herzens, wie sie war, hatte sie auch mich kennen gelernt. Ich wohnte ihr ja gerade gegenüber. Mich mußte sie doch jeden Morgen sehen, und wie oft öffneten wir unsere Türen zu gleicher Zeit! Wir konnten nicht verfehlen, einander an jedem Tage oft zu begegnen und recht bald gut miteinander bekannt zu werden. So kannte sie denn meine bescheidenen Verhältnisse ganz genau, meine Bilder, meine Wäsche, meine Kleider, und gutherzig erbarmte sie sich meiner Wirtschaft. Sie trug mir an, mein bißchen Wäsche zu waschen und jedes Stück zu flicken, das einen Schaden hatte. So tat sie denn auch, immer gleich lieb, freundlich, lachend, eine brave Frau! Ich hatte nichts mit ihr gehabt, mein Ehrenwort! Sie war viel älter als ich, nicht mein Typus! Zudem war ich anderweitig mehrfach vergeben. Sie wußte es und neckte mich oft damit. Wir lachten beide recht vergnügt, wenn sie mir solche Geschichten abfragte und sich aus ihren Beobachtungen zusammenreimte. Meinerseits kam also gar nichts in Betracht als eine angenehme, treue Nachbarschaft. Ich habe die Frau Megner auch nicht ausgenützt, nur ihre gern angebotene Gefälligkeit habe ich dankbar angenommen und ihr dafür einmal ein Blumenstück gemalt und dazu selbst den Rahmen geschnitzt. Ob sie für Malerei irgendeinen Sinn besaß und sich aus dem Bild etwas machte, weiß ich nicht. Aber sie zeigte sich jedenfalls erfreut und dankbar. Sie hat sich bei allem kaum anderes gewünscht oder im Stillen eingebildet, jedenfalls weiß ich nichts davon. In solchen Dingen ist oft schon ein Wort zu viel. Und hier wäre es schade gewesen, denn das bißchen Freundschaft von einer Tür zur anderen hinüber, von einem »guten Morgen« zum anderen war in dieser Unausgesprochenheit das allerhübscheste. So sollte man es hüten und ungestört lassen wie einen dünnen silbernen Spinnenfaden, über den die Morgensonne läuft. Aber Adam Kolodrubski saß wie eine Spinne in seinem Winkel und benützte gerade diesen Faden; er wollte darüber kriechen, als hätte er ihn gesponnen. Alles auf der Welt war ja für ihn da, nachdem er auf der Welt war. Er lauerte auf Frau Megner, er liebte sie. Kein Zweifel! Er schmachtete nach ihr, er beobachtete sie, er witterte sie. Betrat sie von draußen her die Schwelle der Baracke, so erschien er im selben Augenblick unfehlbar drinnen auf dem Gang und gab, wie gesagt, gleich sein Hinken, Kopfeinziehen und Augenzwinkern auf, auch wenn wir anderen Zeugen seiner Krankheit dies plötzliche Gesundwerden grinsend mit ansahen und ihm darüber derbe Bemerkungen zuriefen. Er warf sich in die Brust, er richtete sich auf, er verbeugte sich vor ihr, er lächelte sie an, er winkte ihr mit Arm und Hand einen besonderen Gruß zu, einen ritterlich-ukrainisch-volkskommissarisch-kommunistisch-persönlichen Gruß, nicht weit von einer Kußhand, er spitzte die Lippen lächelnd, als schlürfe er einen Blütenhonigatem: ihre Gegenwart. Er blieb vor ihr stehen, so daß sie seiner Anrede nicht einmal ausweichen konnte, und begann ein Gespräch über das Wetter, über den Himmel, über ihre Schönheit und Morgenfrische, über ihren Fleiß. Nur der Umstand, daß wir andern das auch hörten, gleich aus unseren Türen hervorbrachen, um die Komödie nicht zu versäumen, und ringsum kicherten und lachten und ihm ironische Aufmunterungen zuriefen, befreite die Arme von diesem unwillkommenen Aufenthalt. Sie lachte uns etwas zu und nickte ihm freundlich. Sie schenkte auch ihm von ihrem Herzensüberfluß einen Blick, ein Lächeln, das die beiden frischen weißen Zahnreihen sehen ließ, und gurrte so etwas wie: »Ja, ja, guten Morgen, ich muß zum Kochen schauen« oder »spät ist's schon, adieu« und verschwand hinter ihrer Tür. Dann sah er ihr nach wie im Traum, als sehe und höre er sie noch und belade sich mit einem Erinnerungsvorrat für die leere Zeit ohne sie, lächelte, zog dann, wenn er uns bemerkte, verdrießlich wieder die Schulter hinauf, den Kopf ein, den Fuß nach und hinkte in seine Untermieterzelle. Zu mir aber hatte er das Vertrauen, er fühlte sich von mir vielleicht ernster genommen und verstanden als von den bösen übrigen Spießgesellen, die ihn nur reizten und verspotteten. So kam er zu mir und fing von dieser Frau und von seiner Leidenschaft für sie zu reden an. Dabei kämpften aber Zutrauen und Eifersucht in ihm. Man kann zu einem Nebenbuhler offenbar häufig Vertrauen, ja Sympathie für ihn hegen, oft mehr als einem gleichgültigen Fremden gegenüber. Man wird gerade zu diesem Nebenbuhler hingezogen und sucht gerade ihn auf, den man fürchtet. Man hat die Angebetete mit ihm gemeinsam. Er ist mitverantwortlich, mitbeteiligt. Er ist der einzige, mit welchem man über sie reden kann, und da er glücklicher scheint, erfährt man vielleicht von ihm auch etwas Neues über sie. Er hielt mich für seinen Rivalen. Der Philosoph hatte mit seiner beständigen Spionage herausgebracht, daß sich zwischen meiner und ihrer Tür ein regelmäßiger, freundlicher Verkehr entwickelt hatte, daß ich zu ihr hinüberging und das und jenes Paket brachte oder holte, ebenso, daß sie bei mir manchmal anklopfte und ein Weilchen blieb. Wir schwätzten dann ein bißchen. Sie lachte. Er aber stand gewiß draußen und lauschte am Schlüsselloch und wurde wie am Rost gebraten von Neid, Zweifel, Liebe, Gier und qualvollem Verdruß. Denn das konnte er sich nicht vorstellen, daß eine solche »Beziehung« so unschuldig gleich blieb, wie sie wirklich war. Ich war jung, ich gefiel ihr, ich war lustig, warum also nicht? Er aber fieberte nach ihr. Er war da, er war allein, seit Jahren immer allein, immer auf der Lauer nach dem bißchen, das er brauchte, er, von Gott so geschaffen, also notwendig und gerecht in seinem Anspruch. Ich kann mir auch denken, daß ihn in seiner Leidenschaft eine gewisse Berechnung bestärkte. War Frau Megner nicht wohlhabend, besaß sie nicht mit ihrer Maschine und an ihren Näharbeiten eine ergiebige Einnahmsquelle? War sie nicht also auch in dieser Beziehung für ihn begehrenswert, von ihrer hübschen Person ganz abgesehen? War sie nicht eigens für ihn gewachsen, eines »besseren« Menschen wert als dieses dummen Wachmanns? Er kannte ihren Gatten zwar nicht, aber er verachtete ihn. Dagegen kannte und fürchtete er mich. Er suchte mir die Frau auf jede Weise auszureden: was konnte ich mit ihr anfangen? Wir hielten uns höchstens beide zum besten: sie konnte doch keinen Maler brauchen und ich keine Näherin. Fragte ich ihn belustigt: warum? so zuckte er die Achseln: das müsse wohl jeder sehen. Ich hätte doch auch genug andere. So viel ich nur brauchte und wollte. Wäre es nicht schade um die arme Kleine? Er aber, er stand allein, er hatte niemand, er wollte keine andere, er war für sie geschaffen. Er wußte ihren Wert ganz zu schätzen. Ihn hatte der liebe Gott arm genug gemacht, um mit ihr so reich zu werden, wie es notwendig war. Ich lachte ihn aus, ich versicherte ihn, daß ich gar nichts mit der Frau Megner hätte, nichts als gute Freundschaft und ehrbare Sympathie. Aber er käme ohnehin zu spät, sie sei doch verheiratet. Darüber zuckte wieder er die Achseln und schnitt ein höhnisches Gesicht: mit einem Wachmann! War das überhaupt ein Mensch? Eine Uniform! Nun, gerade das gefalle den Frauen, der Megner imponiere ein solcher bewaffneter Gemahl gewiß. Vielleicht hatte sie ihn hauptsächlich wegen der Uniform genommen! Er wurde wütend. Er schwur, er werde sie schon von diesem Polizisten wegbringen, das sei seine Sache, nur mir wollte er sie in Güte abwendig machen. Wir als »Gebildete« sollten uns einigen. Ich sollte sie ihm in aller Form abtreten. Dieses Geschäft mit einer Frau, die davon gar nichts wußte, schien ihm ganz natürlich und schicklich, beinahe wie ein Spiel mit einem Einsatz, den keiner besaß. Ich mochte ihm hundertmal sagen, ich hätte nichts abzutreten, da mir nichts gehörte, er glaubte es nicht und bettelte und sah mich unterwürfig flehend an, Tränen in den Augen, als verfügte ich über sein Lebensglück. Um ihn loszuwerden, erklärte ich ihm, ich würde mich in seine Bewerbungen nicht einmengen, er solle nur versuchen, was er könne und wolle. Ich möchte bloß aus dem Spiele bleiben. Die Unterredung wiederholte sich jeden Tag nach seinen Unternehmungen, die natürlich zu nichts führten. Er folgte der Frau Megner, wenn sie ausging. Sie duldete nicht, daß er neben ihr blieb. Er mußte ihr in fünf Schritt Entfernung folgen wie ein Hund, und wenn sie ihr Paket abgeliefert hatte, konnte er ihr nicht einmal mehr nachschleichen, denn sie verabschiedete ihn, indem sie in eine Tramway einstieg. Sie nickte ihm lachend zu. Aus war's! Er hatte ja kein Fahrgeld. Er strich dann bekümmert zum Lager zurück und schlich rundherum, bis er ihrer, oft nach vielen Stunden erst, ansichtig wurde. Dann versteckte er sich irgendwie, um plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, unmittelbar vor sie hinzutreten, mit seinem Gruß, seiner Bitte, seinen Erklärungen. Er erschreckte sie jedesmal so, daß sie zornig wurde und ihn aufstampfend, mit der Rechten fortzeigend, verjagte. Auch das gab eine Komödie, die wir alle verfolgten. Er konnte also nur sehr wenig von seiner Bewerbung und Begründung vorbringen, und der Eindruck, den er machte, war der schlechteste. Wie konnte er dieser sauberen, elegant gekleideten, frischen, gesunden Person gefallen mit seinen mühselig zusammengehaltenen, verflickten Kleidern, seiner alten Sportmütze, seinen ausgefransten Hosen, seiner bleichen Gesichtsfarbe! Seine brennenden Augen waren auch nur dazu da, Angst zu machen. Seine Züge konnten mich schon reizen als Maler: scharf, wild, grau und gelb, in ihrer bittenden, verzweifelten, demütigen Freundlichkeit sogar rührend. Aber nur für mich, für diese Frau gewiß nicht. Wo käme sie denn hin, wenn sie sich von jedem Verzweifelten rühren ließe. Man kann sich nicht bettelarm betteln lassen. Was sollte die Frau Megner mit ihm anfangen? Nur so weit freilich wirkte seine unablässige Bewerbung, diese hündische Anhänglichkeit, daß sie ihn eben immer wieder duldete und doch ein und das andere Mal mit ihm ein paar Worte sprach, aber jedesmal unfehlbar wieder durch irgendeine Bemerkung gereizt und erzürnt wurde, so daß sie ihn verwies und fortscheuchte oder rasch in ihr Zimmer flüchtete und die Tür vor seiner Nase zuschlug, wenn er sie draußen auf dem Gang getroffen und belästigt hatte. Namentlich in der letzten Woche vor dem schmählichen plötzlichen Verschwinden Kolodrubskis waren ihr seine Bewerbungen vollends unerträglich geworden. Er hatte nämlich herausgebracht, daß ihr Mann weg war. Der Polizist hatte auswärts zu tun, entweder auf Urlaub oder dienstlich, kurz Frau Megner schlief allein. Da konnte sich der Philosoph nicht mehr halten und beruhigen. Er strich den ganzen Tag auf dem Gange herum. Den ganzen Tag, wenn er sie zu Hause wußte, und jede Nacht hörte man ihn in seinen groben Schuhen auf- und ab- und auf- und abgehen, wie ein wildes Tier. Er belagerte die Frau Megner. Sie wagte es gar nicht mehr, zu öffnen und ihr Zimmer zu verlassen aus Angst, er möchte eindringen. Nur zu mir herüber kam sie in ihrer Furcht und bat mich, sie zu schützen und ein wenig aufzupassen. Wir verabredeten sogar gewisse Notsignale. An diesem Besuche bei mir wagte er nicht sie zu hindern, er blieb nur zwischen beiden Türen, in der Mitte des Ganges stehen und lauerte. Als sie zaghaft lächelnd herauskam, schaute er sie flehend, mich forschend, unerbittlich an. Er machte ihr eine große Verbeugung, mir nickte er zu. Das sah wie eine schlecht verhehlte Drohung aus. Sie schwebte möglichst rasch und zierlich hinüber, ihr kurzer Rock flitzte nur so, und schon war sie hinter ihrer schützenden Tür verschwunden. Sie drehte den Schlüssel um. Sie gedachte bis zum nächsten Morgen nicht mehr herauszukommen. Er setzte die Belagerung fort. Nichts brachte ihn davon ab, nicht der Hunger, nicht die verlockenden Kochgeräusche des Abends. Er vergaß das Essen. Er schien auch das Spiel der »Klampfen« gar nicht zu hören, das in einem der Zimmer begann und den Gesang rauschend begleitete. Wir wollten auch einmal wieder ein Spielchen machen, sagten wir ihm im Vorübergehen. Er tat nur eine verächtliche Handbewegung. Es rührte ihn nicht. Soviel wir uns auch an ihn heranmachten und ihn abzulenken suchten, er blieb auf seiner Wache und schnitt eine überlegene Miene. Endlich zogen wir uns alle zurück. Ich wachte in meinem Zimmer, um der Frau Megner im Notfall beistehen zu können. Er ging in seinen schweren Schuhen auf und ab und auf und ab wie ein Wachposten. Nur zuweilen machte er vor ihrer Tür halt. Das hörte man. Er lauschte. Wartete er auf ein Zeichen? Er seufzte wohl auch hörbar. Er räusperte sich. Da sich drinnen aber kein Gegenlaut rührte, nahm er nach einer Weile wieder seine Schritte auf über den ganzen langen stockfinstern Gang. Wenn einer spät nachts heimkam und die Haupttüre aufschloß, mußten ihn Adams Augen anglühen wie die eines Wolfes, der da lauerte und herumstrich. Er störte dabei auch den Schlaf der anderen. Etlichemal kamen Leute vor ihre Türen und riefen ihm Drohungen zu, um ihn abzubringen und wegzuscheuchen. Aber wie feig er sonst auch war, wie unterwürfig und geduldig er auch jedem unangenehmen Wortwechsel auswich, hier hielt er stand. Er antwortete nichts oder brummte nur, der Gang sei jedem frei. Es machten sonst andere Lärm genug. Er meinte die Betrunkenen, die oft da draußen randalierten. Kurz er blieb und ging und ging die ganze Nacht wie ein unheimliches Uhrwerk. Erst am Morgen, als alles aufzustehen begann, als man Wasser holte, manche sogar schon auf ihren Berufswegen die Baracke verließen, zog er sich zurück. Endlich kam der Wachmann zurück und nun hätte man glauben sollen, wäre endlich wieder Ruhe gewesen. Im Gegenteil! Jetzt empörte ihn die Anwesenheit des Gatten der kleinen Frau erst recht. Die eigene fühlbare Überflüssigkeit stachelte seine Leidenschaft aufs äußerste an. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. Er folgte der Frau Megner, die wieder ihren Geschäften nachging. Er trat an sie heran, er schwätzte ihr mit flüsternder Stimme zu, er bettelte sie an, er drohte ihr, er machte ihr den Gatten zuwider, er schilderte ihr ihn, wie er sich einen Wachmann nur vorstellen konnte, als rohen Kerl, als Sklavenhalter, der die Armen belauerte und bedrohte, wo sie sich nur rührten, als Schinder, dem es auf einen Faustschlag oder Fußtritt oder Revolverschuß nicht weiter ankam. Schlug er sie nicht vielleicht auch, wenn er schlechter Laune war? »He?« »Nein,« sagte Frau Megner, »er ist ein guter Kerl.« Dann verstellte er sich nur so, dieser Wachmann! und einmal, sie werde noch an Adam Kolodrubski denken, werde er schon anfangen mit dem Prügeln. Die Männer sind schon solche Tiere. Ein Wachmann! Vielleicht sei er selbst so, vielleicht seien die Leute in der Ukraine so, aber hier nicht, gab sie zurück. Sie wehrte sich ganz scharf. Sie ließ nichts auf ihren Mann kommen. Er solle ihren Mann nur aus dem Spiele lassen. Nein, das werde er nicht. Was wollte eine so schöne, eine so großartige Frau mit einem Wachmann! Sei sie dazu von Gott geschaffen? So schön und einzig! Er machte ihr ganz schamlose Beschreibungen ihrer Person, dieser verfluchte Adam, dann winselte er, er bettle um sie, er brauche sie, sie sei für ihn da. Endlich wurde es der Frau zuviel, sie wandte sich ihm zornig zu und verjagte ihn, er solle sie in Ruhe lassen, nichts mehr wolle sie von ihm hören, er solle machen, daß er fortkomme. Sie kehrte ihm den Rücken und lief ihres Weges dahin. Da schlich er denn fünf Schritte hinter ihr drein, gebückt, demütig, erbärmlich anzuschauen, und wenn sie im Gedränge der Leute zurückblieb, so daß er wieder an ihre Seite kam, versuchte er sie versöhnlich zu stimmen, bettelte um Verzeihung, dann ließ sie ihn neben sich gehen, aber da er gleich wieder unverbesserlich von seinen unanständigen Wünschen zu reden und den Gatten zu beschimpfen anfing, vertrieb sie ihn wieder, sogar mit aufgehobener Hand und mit der Drohung, einen beliebigen Schutzmann an der nächsten Straßenkreuzung anzurufen, damit er sie von dem lästigen Verfolger befreie. In dieser Nacht kam der Gatte der Frau Megner zeitig heim. Sie aßen zu Hause, die Frau kochte, dann schloß sie die Wohnung ab, und die beiden gingen schlafen. Adam aber nahm wieder seinen Wachegang auf, mit regelmäßigen schweren Schritten. Der Ehegatte, der offenbar nichts von der Bewerbung des Ukrainers um seine Frau wußte, sie hatte ihm die unangenehme Geschichte wohl verschwiegen, um ihn nicht zu reizen, hörte natürlich den Rummel draußen. Aber irgendeinen Lärm gab es ja meist auf dem Gang. Er fragte die Frau vielleicht, wer denn da draußen patrouilliere. Sie wird ihm gesagt haben: der ukrainische Narr. Damit wird er sich zufrieden gegeben haben. Jedenfalls zeigte sich der Wachmann nicht vor der Tür. Er wollte sich mit den Ureinwohnern der Baracke in gar nichts einlassen als Fremder, als Nichthierhergehöriger, gar als Sicherheitswachmann. Er war auf Zurückhaltung eingeschult. Um so nachhaltiger verfolgte Adam seine Nachtwache auf und ab und auf und ab. Gegen Mitternacht hörten die schweren Schritte plötzlich auf. Da ich wach geblieben war, öffnete ich ganz leise meine Tür, um zu sehen, wo er denn blieb, was er tat. Er stand gebückt in einer Ecke und zog seine schweren Schuhe aus. Dann schlich er auf den Socken vor die Megnersche Tür, legte sein Aug' ans Schlüsselloch, als wollte er so die Eheleute beobachten. Er blieb eine gute Weile in dieser Haltung. Er konnte natürlich nichts sehen, glaub' ich. In seinem Eifer merkte er gar nicht, daß ich ihn beobachtete. Plötzlich kehrte er um, holte wieder seine Schuhe von der Ecke, schlich bis zur Haupttür, schloß sie auf und schoß wie eine Katze ins Dunkel hinaus. Was zum Teufel machte er auf den Socken draußen? Ich öffnete ebenfalls die Haupttür und sah ihn längs der Baracke ans Fenster der Megnerschen Wohnung schleichen. Auch dort hielt er sich auf, als wollte er hineinschauen. Der Vorhang ließ ihn wohl nichts sehen. Mit einem Sprung erreichte er einen Baum, der nahe dem Fenster der Megners stand und – wirklich und wahrhaftig – er kletterte mit seinen Socken, das Paar Schuhe ließ er unten stehen, wie ein Kater auf den Baum. Für sein Alter und seine sonstigen Eigenschaften kletterte er ganz unheimlich schnell und geschickt, wie ein Schuljunge oder eben wie ein Kater. In der ersten Gabelung der Äste setzte er sich zurecht und oben blieb er in der Winterkälte – es war Februar – hocken und spähte nach dem Fenster herunter. Ich weiß nicht, ob die Megners damals noch Licht brannten. Vielleicht konnte er ihre Schatten am Vorhang beobachten. Er ließ sich weder durch die Winterkälte, noch durch seine recht unzulängliche Kleidung stören, er hockte oben, so wie sich ein Kater vor einem Hund auf den nächsten Baum flüchtet und wartet, bis der Feind die Geduld verliert und sich davonmacht. Ich wollte ihn nicht weiter belauern, den spaßigen Teufel, ich zog mich in mein Zimmer zurück. Er muß bis zum Morgen draußen geblieben sein, denn man hörte keinen Schritt mehr auf dem Gange. Am nächsten Tag gegen elf Uhr, als sie vom Einkaufen nach Hause kam und zu kochen anfangen sollte, klopfte Frau Megner bei mir an mit ganz aufgeregtem Gesicht, sie war zornig, sie zitterte am Leibe, ihre Augen funkelten. »Das geht so nicht weiter. Das kann man ja nicht aushalten. Das ist ein böser Narr, ein gefährlicher Teufel.« »Aha, der Adam.« »Ja, der Adam.« »Er ist auf den Baum gekraxelt.« »Das wissen Sie auch?« »Ich hab' ihn beobachtet.« »Ja, und wissen Sie, was er wollen hat?« Ich lächelte bloß. »Heute hat er mir auf dem Markt aufgelauert und zu erzählen angefangen, was er alles gesehen hat. Dieser gemeine Mensch, dieser Lügner! Nichts hat er gesehen. Er kann nichts gesehen haben. Geht's ihn was an? Er macht mir Vorwürfe, wie ich mich mit meinem Mann benehme, hören Sie, er macht mir Schilderungen, was er alles gesehen hat, ich lache zuerst, dann werde ich wild: Sie Lügner, schreie ich, nichts haben Sie gesehen. Sie können ja nichts sehen! Das Rouleau, der Vorhang! Nichts können Sie sehen! Ich sehe aalles, sagt er mit seiner süßen Stimme, ich sehe durch die Waand, durch zehn Vorhänge und Rouleaus, und ich weiß, wie Sie sich mit einem Waachmann benehmen. So sind Sie. Mir kein Wort, mir niichts, niicht eine Ahnung, mir eine Lukretia, dem Waachmann aber – Pfui. Schämen Sie sich. Waas maachen Sie aus mir? Sehen Sie denn keinen Unterschied zwischen einem Waachmann und einem Philosoffen. Die größten Männer möchten sich eine Ehre daraus maachen, mit Adam Kolodrubski zu philosophieren, und ein kleines Weibchen, ein soo kleines, ein liebes Tierchen darf ihm den Buckel zukehren. Hat Ihnen Gott keinen Verstand gegeben, Frau, worauf schauen Sie? Auf die Uniform! Sind Sie eine Assentierungskommission, biitte, oder ein Wesen mit einem Cherzen?« In aller Aufregung hatte die Frau Megner doch Spaß daran, Kolodrubskis Art zu reden möglichst getreu nachzuahmen. Es war gar zu nett, wie sie dabei ihren Mund verzog und die Augen verkniff. Von seiner Huldigung und Verzweiflung schien sie freilich gar nicht gerührt. Er sagte ihr noch viel solche Dinge und mit den gröbsten Ausdrücken, die sie jetzt nicht mehr wiederholen wollte. Sie hatte ihn davongejagt, er war wiedergekommen und hatte von neuem angefangen mit seinen zornigen, verächtlichen, höhnischen Schilderungen ihres Verhaltens, das er eben nur durch verschlossene Türen und Vorhänge in seiner aufgeregten Einbildungskraft zu sehen geglaubt haben konnte. Nicht Tatsachen, deren sie sich etwa zu schämen gehabt hätte, waren es also, vor denen Frau Megner sich so entsetzte, sondern daß sie in der Phantasie Adams so dastand, so wehrlos, so preisgegeben. Er konnte von ihr erdichten und erzählen, was er wollte. Dieser schamlose, elende, zudringliche, niederträchtige Mensch, dieser Lügner, dieser ganz Verdorbene, dieser ekelhafte Kater. »Jetzt ist es aber genug!« sagte sie mit plötzlichem Entschluß, richtete sich auf, streckte ihre niedliche kleine Figur aus, die Hände an die Hüften, und blitzte mich mit ihren Augen an. Die schwarzen Bubenhaare wehten um sie, ihre Zähne blitzten. Sie war sehr hübsch in diesem Zorn, und wenn man von Adams verrückten Ahnungen aufgehetzt war, konnte man sich schon vorstellen, wie sie aussah und sich benehmen mochte, wenn sie mit einem Mann zärtlich war. Der arme Teufel hatte in seiner Entsagungsphantasie mehr Wahrheit und beschwor mehr davon herauf, als sonst je herausgekommen wäre ohne sein unglückseliges Zutun. Unwillkürlich streichelte ich ihre Wangen, um sie zu beruhigen, und sagte behutsam: »aber, aber!« Sie lächelte noch im vollen Zorn, sie schüttelte das Haar, sie schüttelte den ganzen Körper wie in einem Sturm von Empörung. Ich ergriff ihre beiden Arme, um sie zu beruhigen. Sie schwieg und schüttelte weiter den Kopf, daß die schwarzen Locken flogen, und zeigte ihre Zähne. »Lassen Sie doch den armen Teufel,« sagte ich. »Er soll mich lassen,« zürnte sie, zuckte in meinen Händen, als wollte sie entschlüpfen und gleich gegen ihn losgehen. Ich weiß gar nicht, wie es so geschwind gekommen ist, auf einmal hielt ich ihren Kopf und wir küßten uns. Genau so, wie es dieser Kolodrubski geschildert hatte: schon ihr Eifer machte sie ganz wild. Ich hatte beim wahrhaftigen Gott niemals, auch vor fünf Minuten nicht, solche Absichten gehabt, ich interessierte mich nicht anders für sie, als für eine brave Nachbarin. Und jetzt! Was so ein Narr anstellt! Eine brennende Einbildung legt Feuer im Gehirn der Nächsten. So ein Zunder sind unsere Nerven! Und auf seine Philosophenphantasie wollte sich dieser schmutzige Adam noch etwas einbilden und gar beanspruchen, daß man einen Mann wegen seines Gehirns lieben sollte! – Am anderen Tage erschien Kolodrubski bei mir. Auch er äußerst aufgeregt und entrüstet. Eine schöne Geschichte hatte ihm dieses Vögelchen, diese Krähe, angerichtet. Ja, eine Krähe! Sie hackte gerade nach seinen Augen wie nach einem Aas. Ein unglückseliges Aas war er. Er zitterte und Tränen klangen in seiner Stimme. Also was war denn geschehen? Man hatte ihn zur Polizei vorgeladen, ihn, Adam, und ein Jurist hatte ihn verhört. Er sollte hier politische Umtriebe versuchen als ukrainischer Kommunist. »Iich?« habe er gefragt und sich voll Entrüstung gegen solchen Verdacht gewehrt. »Wie können Sie so etwas aannehmen, Cherr Doktor?« Der Polizeikommissär blieb sehr höflich, aber entschieden. Was er Adam an Verdachtsgründen vorgehalten oder abgefragt haben mochte, erzählte mir natürlich der Philosoph nicht, sondern wiederholte nur Unschuldsbeteuerungen und empörte Bemerkungen über das »elende Weib«. Sie hatte ihn verraten! Sicher! Sie hatte ihren »Wachmann« gegen ihn bewaffnet. Alle Listen und Tücken ihres Geschlechts hatte die Elende gegen ihn, gegen einen Wehrlosen, gegen einen Flüchtigen, Gehetzten, Armen, Verlassenen spielen lassen. Oh, darauf verstand sie sich, diese keusche Donna. Mit jedem konnte sie gehen, jeder konnte sie haben, wenn sie Lust auf ihn hatte, aber einen ehrlichen, einen guten Mann verriet sie und machte ihn zur Schande. Sie war eine Lockspeise. Ja, als Schlinge ließ sie sich gebrauchen, um ihn zu verderben. Das sah ihr schon ähnlich, dieser Hündin, ihre Schönheit und seine Liebe so auszunutzen. Er war zu gut für diese Welt. Nein, man müßte ein Wachmann sein, dann war man für diese Weiber geschaffen. Ein Hund für Hündinnen, kein Geist, ein bewaffneter Esel, kein wehrloser Herr! So sah er die Sache an und ließ sich nichts ausreden. Ich mußte ja auch vorsichtig sein, um die arme bedrängte Frau in nichts zu verraten. Seine Eifersucht war in Haß umgeschlagen und Kolodrubskis Zorn konnte ihr noch gefährlicher werden, als seine Liebe. Daß er sie mit seinen Nachstellungen bedrängt und so vielleicht zum äußersten getrieben hatte – ich wußte ja gar nicht, ob sie ihm die Polizeigeschichte eingebrockt hatte –, ließ er gar nicht gelten, Liebe und Politik! Was ging sie seine Politik an. Was konnte so ein armer Hund wie er übrigens für Politik machen? Trug er vielleicht Bomben bei sich? Er schleuderte Liebeserklärungen. Waren es vielleicht hochpolitische Liebessachen mit dieser Frau Megner? Er lachte verächtlich. Ein Mann wird doch einer Frau noch von seinem Herzen reden können! Eine Frau wird doch so etwas noch ertragen und selbst ausmachen können. Aber Weiber sind eben unritterlich, Hündinnen, nicht Menschen, Tiere, nicht Seelen. Das hatte man von ihnen! Nichts weiter als Tücke und den Schnabel in die Augäpfel. Das Beste am Mann fressen die Krähen am liebsten. Er ging zornig, kopfschüttelnd davon und wurde unsichtbar. An seiner Stelle erschien plötzlich ein fremder, junger Mann in der Baracke, er habe Herrn Kolodrubskis Wohnung gekauft, er wolle einziehen. Was? Adam, der Untermieter, hatte Michalskis Zimmer, eine Wohnung, die ihm gar nicht gehörte, verkauft? Unmöglich! Doch! Der Fremde nannte sogar eine ganz hübsche Summe, die Adam verlangt und erhalten haben sollte. Ein netter Rechtsfall! Sollte man einen hergelaufenen unbekannten Menschen in eine Wohnung hineinlassen, die einem gewissen Michalski rechtens zustand? Man ging übrigens in das sonst scheu gemiedene Zimmer des »Untermieters«, als könnte man dort vielleicht irgendeinen Anhaltspunkt zur Lösung der Schwierigkeiten dieses dunkeln Handels finden. Nichts fand man, als einen wüsten Haufen von Unrat, schmutzigem Papier, alten Fetzen. Das Bett samt Decken und Strohsack war auch weg. Er hatte sogar die Einrichtung, die fremde, die Sachdemobilisierungsmitgift, verkauft und sich mit dem Erlös aus diesen Geschäften davongemacht. Wer weiß, wo er jetzt philosophisch herumschleicht und das Leben unsicher macht? Wer weiß, ob er nicht eines Tages trotz allem wieder auftaucht. Ihm ist alles zuzutrauen. Ein Philosoph! Wer alles denken kann, tut vielleicht auch alles. Mich sollte es nicht wundern, wenn wir ihn in Baracke sechsundzwanzig wieder zu Gesicht bekämen, als sei nichts gewesen. Ich bin nur neugierig, was ich mit dem Teil der Erbschaft anfangen werde, der mir nach ihm zugefallen ist, mit dem Einsatz dieses Spiels, den wir beide nicht hatten und den ich doch gewonnen habe, ohne es zu wollen. Wenn er es irgendwo in der weiten Welt erfährt oder errät, oder von irgendeinem Baum mit seiner Einbildungskraft durch alle Vorhänge des Lebens hindurch sieht, ist er imstande und kommt zurück, bloß damit wir keine Ruhe und er seine Rache, aber auch seine Qual hat nach der Gerechtigkeit Gottes, die alles so gemacht hat, weil er auf der Welt und weil die Welt für ihn da ist. Armer Adam! Geli Tassai Bruchstück aus einem Alltagsleben »Romantik der Banalität« – »Das ist mein Unglück, daß ich von Wien nicht fortkann, sonst hätte ich es gut in der Welt draußen,« sagte die junge Näherin, indem sie mit ihren langen, schmalen, braunen, gepflegten Fingern ein Stück Stoff unter die Maschine schob. Dann entzündete sie eine Zigarette, im Rauchen begann sie zu treten, und unter dem gleichmäßigen Surren der Räder, zwischen einem Zug und Dampf und dem nächsten, oder beim Abhaspeln oder Einfädeln, oder beim Einklappen des Füßchens erzählte sie weiter, ohne dabei die Arbeit zu lassen. Wenn sie aufblickte und einen voll ansah, erkannte man, wie hübsch sie eigentlich war. Sie hatte den schweren Augenaufschlag der Langbewimperten mit einem gutmütig heiteren, gelassenen dunkeln Blick. Ihr bleiches, bräunliches, wohlgebildetes, ein wenig gepudertes Gesicht, ein richtiges Stadtgesicht, schien mehr zu wissen, als sie selbst wußte mit ihren drei- oder vierundzwanzig Jahren. War sie über ihre Näherei gebückt, so nahm man von ihrem Kopfe nichts als einen zusammengehaltenen schwarzen Haarknoten wahr, der unter einem Sammetbande an die Schläfen je eine glatte schmale Welle hinabließ, hinter der das flüchtige Profil, die ein kleines bißchen eingesattelte, vorne zu breit ausladende Nase und die stets zu einem Lächeln entschlossenen vollen Lippen mit ihren gekräuselten Winkeln wie aus einem Versteck hervorlugten. Beim Lachen zeigte sie die unregelmäßigen, früh angegriffenen Zähne mit den prahlerischen Goldplomben, zeigte aber auch eine unverkümmerte frische Jugend, die bei den Arbeitsgeschöpfen immer wieder überrascht. Übrigens war sie hochgewachsen, schlank, eine schöne Figur und beweglich und gelenkig. »Vor dem Krieg bin ich viel herumgekommen, wohin ich wollte, und wo ich etwas verdienen konnte, denn arbeiten hab' ich immer müssen, als Kind den ganzen Tag lernen und dazwischen der Mutter helfen in der Küche, beim Geschirrwaschen, Wege machen, einkaufen, besorgen und später erst recht nichts als arbeiten. Und der Mutter muß ich auch jetzt helfen. Bevor ich nähen gehe, hab' ich schon zwei Stunden in der Früh mit ihr beim Zahnarzt aufgeräumt, den sie bedient, Zimmer gebürstet, Teppich geklopft, Staub abgewischt, und wenn ich abends nach Hause komme, muß ich meine zwei Hunde, zwei echte schottische Schäferhunde, spazieren führen, beim Nachtmahl helfen, meine eigenen Sachen flicken und putzen. Es wird immer zwölf, eins, bis ich ins Bett komme. Die Hunde schlafen längst oder sind wieder wach und raufen schon. Um meine Papiere hat sich vor dem Krieg kein Mensch gekümmert. Geht's denn jemand an, gibt mir doch keiner was! Jetzt nimmt einem aber noch jeder was! Das ist das Wahre! Im vorigen Herbst hätte ich einen schönen Vertrag gehabt für die Schweiz als Tänzerin. Tanzen ist feiner als Maschinnähen. Ich habe einen Tanz mit einer Kollegin einstudiert gehabt: sie als Pierrette, ich als Pierrot. Für die männlichen Rollen braucht man große Personen wie mich. Man geht zu einem Tanzprofessor, der erfindet einem schon immer etwas Passendes und Neues, und die Bewegungen studiert man dann zur Musik. Ich tanze sehr gern, aber nicht so besessen wie meine Freundin. Sie ist eigentlich Sprachlehrerin und gar nicht besonders hübsch, aber eine wunderbare Figur und herrliche Beine hat sie. Sie kennt keine andere Freude als Tanzen. Dabei ist sie eine kalte Person und will von den Männern nichts wissen. Das schadet aber einer Tänzerin in den Kaffeehäusern oder Bars. Ich bitte Sie, in den Pausen schicken einem die Leute doch Karten oder winken einen an den Tisch. Da muß man hingehen, nicht wahr? Sich ein bißchen zu ihnen setzen, ein Glas Wein trinken, eine Zigarette rauchen, plaudern oder so. Was weiß ich! Das gehört sich, man braucht sich darum mit den Männern nicht viel abzugeben, aber man darf sie auch nicht vor den Kopf stoßen. Ich bin mit den Gästen immer recht gut ausgekommen. Nach einer Weile steht man auf und empfiehlt sich. Aber meine Kollegin will von der Gesellschaft gar nichts hören, sie will bloß tanzen. Sie kümmert sich auch nicht weiter um ihr Äußeres, was sie trägt, ist ihr gleich, sie hat kein Geld, sich schöne Kleider anzuschaffen, solange sie von ihren Sprachstunden leben muß. Der Bar-Wirt wollte sie überhaupt nicht aufnehmen, weil sie so schäbig war. Er sieht doch die Tänzerinnen vor allem auf ihr Gesicht an, natürlich auch auf ihr Auftreten. Sie aber geht erst auf, wenn sie tanzt; in ihrem Kostüm erst geht sie auf. Dann brennt sie ordentlich! »Lassen Sie sie doch, wenn sie nicht will! Lassen Sie sie nach dem Tanz weg, ich bleibe dafür länger und unterhalte mich mit den Leuten,« hab' ich ihm angetragen. Er hat's aber nicht erlaubt, daß sie nach ihrem Tanz verschwindet, und ich habe ihr in Gottes Namen eine Toilette nähen geholfen. Was soll man tun? Sie haßt die Männer und reizt sie doch irgendwie – mein Gott, dazu ist ja der Tanz – und wenn einer unter dem Tisch ihr Bein berührt, ist sie imstande und gibt ihm eine Ohrfeige. Welcher Wirt duldet solche Auftritte in einem ordentlichen Lokal! Aus ist's mit dem Engagement und sie kann wieder ihre Lektionen suchen. Sie hält's aber ohne Tanzen nicht lang aus, sie versucht's von neuem, sie wird in dem Punkt freilich nie gescheiter und darum wird sie auch nie beim Tanzen bleiben können, trotzdem sie eine wirkliche, richtige Fußspitzentänzerin ist, technisch vollkommen ausgebildet, fast schon von Natur und dann mit aller Übung. Ich kann lange nicht so viel, woher denn auch! Der Fußspitzentanz ist grausam. Man bekommt vorn in den Schuh ein Stück Gips, damit das Gewicht den Zehenstand stützt. Das tut anfangs bei jeder Bewegung furchtbar weh – können Sie sich denken – bis sich die Zehen endlich verhärten. Man gewöhnt es schwer, aber dann sieht es aus, als wenn man fliegen möchte. Richtig, unser Tanz: Der Pierrot wirbt um die Pierrette. Sie will erst gar nichts von ihm wissen, sie schwebt allein, er im Kreis um sie herum, er bittet, er schmeichelt, das muß man alles richtig ausdrücken, und sie wird allmählich geneigt. Sie tanzen zusammen, endlich hebt er sie hoch auf und wirbelt mit ihr davon. Das macht sich sehr schön. Diese Szene und noch einige andere hätten wir in der Schweiz aufführen sollen, meine Freundin auch noch Solotänze. Aber was nützt das alles: ich habe keinen Paß bekommen. Ich bin nämlich nach Jugoslawien zuständig, das heißt nach Ungarn, oder eigentlich jetzt nach Kroatien, nach dem abgetretenen Gebiet, nach Agram, aber in Wirklichkeit gehöre ich seit dem Krieg nirgends hin. Ich bin nämlich ein uneheliches Kind. Mein Vater war aus Agram und auch meine Mutter kommt von dorther. Ich habe mich beworben, daß sie mich in Agram einschreiben. Sie finden aber nichts in den Matrikeln, haben sie geantwortet. Heute ist meine Mutter nach ihrem Manne zuständig, den sie nach dem Tod meines Vaters geheiratet hat, na, sie lebt halt mit ihm, aber das hilft mir gar nichts, denn ich gehöre ja meinem Vater zu. Eine schöne Wirtschaft, muß man sagen! Überhaupt mein Vater! Hat sich gut aufgeführt! Wie er siebzehn war, ist er mit meiner Mutter zusammengezogen und außer mir sind noch zwei Kinder gekommen, aber Gott sei Dank ist keins am Leben geblieben. Er war lungenkrank und dabei ein Mordslump. Mit meiner Mutter war er jede Weile verzankt wegen seiner Untreue. Bei der Versöhnung, zweimal, hat er ihr wieder ein Kind angehängt. Aber zum Schluß hat er sich weder versöhnt, noch überhaupt um uns gekümmert. Er hat damals eine neue Geliebte gehabt, und wie er im Spital gelegen ist, hat mich meine Mutter hingebracht, damit er mich doch sehen soll, und auch die andere war dort. Er hat uns, aber auch die andere verleugnet. Es war ihm wohl vor den Spitalschwestern nicht angenehm. Er kennt uns gar nicht. Meine Mutter ist nicht seine Frau, sagt er. Er dreht sich zur Wand um. Aber meine Mama läßt sich nichts gefallen. Oho! schupft sie den Kopf und hält mich in meinen Deckerl in die Höh': »Ich bin nicht die richtige Frau? Möglich! Aber das ist schon das richtige Kind!« Beim Leichenbegängnis hat sich seine Mutter, auch so eine Wilde, vor Verzweiflung nicht halten können. Sie reißt mich meiner Mama weg und hebt mich – in Windeln und Steckpolster – hinauf, als möchte sie mich ihm gleich in die Erde nachwerfen: »Die da soll auch nicht leben.« Meine Mama hat mich ihr weggerissen, können Sie sich denken, und so haben sie fast gerauft und dann geweint, wie es halt so gekommen ist, was weiß ich! Also, kurz und gut, ich habe keine Papiere, und ohne Urkunde nehmen sie mich nirgends auf. Auch hier in Wien nicht, wo wir schon zwanzig Jahre leben. Meine Mutter hat jetzt einen Eisendreher, der hat sie schon geliebt, bevor sie meinen Vater hatte, und nachher hat er sie in Gottes Namen mitsamt dem Kind genommen. Er ist auch sehr gut zu mir, überhaupt ist er ein anständiger Mensch, nur ein bisserl wunderlich, er will bloß Ruhe haben, niemand darf zu ihm sprechen, meine Mutter darf ihn nicht berühren, nicht einmal zufällig, er lebt mit uns, aber ganz allein. Weiß ich, warum er eigentlich mit der Mama lebt? Es gibt solche Männer. Meine Mutter ist mit mir viel strenger als er. Oft muß er mich vor ihr schützen. Sie ist sehr jähzornig, ein Wort bringt sie oft in Wut. Sie kann sich nicht daran gewöhnen, daß ich doch schon erwachsen bin, und wenn sie über irgend etwas böse wird, schlägt sie mich, wie man ein kleines Kind wichst. Noch heute setzt's Ohrfeigen genug! Sie meint's nicht so arg, aber sie sagt immer: man muß streng sein, sonst arten die Kinder aus, und meinem Verehrer sagt sie vor mir, ich bitte Sie – er soll mich nur schlagen, wenn ich ihm nicht folge. Das könnte mir noch gerade fehlen. Da schlage schon eher ich! Aber sie ist doch eine gute Person und hat mich sehr lieb. Sie hat viele Opfer für mich gebracht und mich immer ordentlich erhalten und erzogen. In Wien verlangt man für die Zuständigkeit diese elenden Papiere, so wird's ewig nichts damit. Heiraten geht eher, darum will ich, daß mich mein Verehrer heiratet, der ist ein Wiener, dann bin ich frei, bin nach Wien zuständig, kann jederzeit einen Paß bekommen und fort, wohin ich will. Aber dem paßt's wieder ganz gut, daß ich hier eingesperrt bin, denn er möchte lieber so mit mir leben. Das ist einfacher, bequemer, natürlich! bevor man sich bindet, muß man eine Frau erst kennen lernen, sagt er, und das kann man nur, wenn man mit ihr lebt. Ausprobieren wie ein Kleid! Und dazu ist er noch so eifersüchtig, als wenn er mich gekauft hätte. Kommt er mir auf was, sagt er, so schüttet er mich mit Vitriol an, daß mir der Spaß vergeht. Untreue! Untreue! Ich gebe nichts auf die Männer, aber zwingen laß ich mich schon gar nicht. Er soll mich erst ordentlich halten wie eine Frau! Aber er zieht die Sache herum, bis mir einmal die Geduld ausgeht, oder bis ich was Besseres finde. Ich steh' nicht auf ihn an. Er eifert mir zu viel. Warum auch gerade er? Den Sommer probier' ich's noch mit ihm. Er ist Photograph. Kein gelernter, wissen Sie! Er hat reiche Eltern gehabt, die haben ihn verwöhnt. So hat er nichts Ordentliches gelernt, der Strick, aber solange die Eltern gelebt haben, immer gut gegessen und getrunken und alles gekauft und getrieben, was ihm Spaß macht. Nun, da war er auch Amateur. Im Krieg hat er sich damit gut durchgeschwindelt. Alle Offiziere hat er aufgenommen und ihre Weiber und hat sich wirklich, wie man sagt, bei allen ein »Bildel« eingelegt. Er hat sich ganz durch den Krieg durchgeschwindelt. Und jetzt nützt ihm der Apparat. Er braucht nichts anderes. Er stellt sich auf, wo viele Leute hinkommen oder vorübergehen, zum Beispiel im Prater vor dem dritten Caféhaus, oder in der Freudenau vor dem Rennen oder in Maria Taferl vor der Wallfahrtskirche oder so, und er schickt auch ein paar Agenten herum, mit denen er sich teilt. Die sprechen die Leute an. Kommt ein Automobil, so kann man die Herrschaften aufnehmen. Oder einen eleganten Hund, den man hineinsetzt. Das gibt ein sehr spaßiges Bild. Oder eine Hochzeitsgesellschaft oder einen Heurigentisch, was es halt für Gelegenheiten gibt. Er verlangt eine Angabe und dann macht er das Bild. Er ist sehr anständig. Nur wenn die Aufnahme gefällt, verlangt er den ganzen Rest, sonst behält er nur die Angabe. Wenn die Leute ordentlich verdienen und Geld haben, geht das Geschäft recht gut. Er selber muß freilich auch aufhauen und bei den Wirten Zechen machen, damit sie ihm helfen. Darum trinkt er überhaupt so viel. Was weiß ich. Im Sommer grast er einen Kurort ab oder mehrere. Ich werde ihm beim Entwickeln helfen. Ist er dann nett mit mir, na, meinetwegen, in Gottes Namen, aber wenn nicht, dann viel lieber nicht. Er ist der letzte, auf den ich fliege, trotzdem er nicht übel aussieht: groß, weiße Haut, gutmütig, solange es nach seinem Sinn geht. Überhaupt die Männer, sie können mir gestohlen werden, man findet immer wieder einen, das wäre das wenigste! Ich möchte tanzen! Mit dem Maniküren und Violinunterrichten geht es ja nicht auf die Dauer. Das Nähen ist auch nicht das Schönste. So gebückt dasitzen den ganzen Tag! Ich habe genug gelernt und angefangen. Immer war die Mama dahinter. Schon als Kind habe ich mich plagen müssen, jeden Tag mit etwas anderem. Einmal hat sie in der Operette einen Chor gehört, der ihr gefallen hat. Gleich hat sie mich in eine Chorschule gesteckt, damit ich singen lerne. Nach der Volksschule habe ich geigen angefangen, leider nicht fertig, es war doch zu teuer, aber bis zur fünften Lage bin ich gekommen und jetzt gebe ich Stunden. Ich habe auch meinen Stiefvater soweit unterrichtet. Wenn er einmal ohne Arbeit ist, trete ich ihm meine Lektionen ab. Er ist sehr musikalisch und hat überhaupt sehr geschickte Finger. Aber jetzt sind die Zeiten zu schlecht, nur für das Flicken und aus alten Sachen neue machen, haben die Leute Geld – so muß ich in den Häusern arbeiten. Vielleicht, wenn ich als Näherin einen regelmäßigen Erwerb nachweisen kann, macht mich die Gemeinde doch zuständig, und dann plagt er mich weniger mit seiner Eifersucht. Als wenn das Hausnähen ein Hindernis wäre! Zufällig hat mich gestern wieder einer angesprochen, wie ich auf die Tramway gewartet hab', ihm hat's zu lang gedauert, er winkt ein Auto und ladet mich ein und bringt mich hierher. Am Abend erwartet mich mein Verehrer mit Vorwürfen, er schläft die Nächte nicht mehr vor Aufregung, bei Tag kann er nicht mehr arbeiten, weil ich so bin. Ich bin gar nicht – das heißt er: so sein. Jeder will mich abhalten, mich mit Gewalt beschützen, lauter Vorsichten und Ängste! Was hilft's, wenn ein Mädel doch Geld verdienen muß! Arme Leute dürfen sich vor nichts grausen. Der Bauer muß auch den Mist anrühren. Meine Mutter wird das nie einsehen und glaubt, sie kann mich noch heute behüten und erziehen. Was ich alles erfahren muß, das ist ihr einerlei. Da macht sie die Augen zu und glaubt, es ist nicht auf der Welt. Aber was sie sich unnütz einbildet, das wirft sie mir in den Weg. Sie tut mit mir wie mit einer Prinzessin. Aber die Prinzessin darf Schweine hüten. Komisch sind die Menschen, was? Wie ich dreizehn alt war, hat ihre Angst angefangen. Mit keinem Manne gehn! Keine Berührung dulden! Nicht einmal reden! Um Gottes willen! Nur keinen Kuß! Das ist das Ärgste. Davon bekommt man ein Kind. Der Bauch wird einem aufgeschnitten, fürchterliche Schmerzen muß man ausstehen und so weiter. Ich Afferl hab ihr natürlich alles aufs Wort geglaubt mit meinen dreizehn Jahren und hab mich in acht genommen wie vor dem Teufel. Nett war ich immer angezogen, hübsch für mein Alter, auch ganz gut gebaut, fast schon so groß wie heute. Nachmittags, im Frühjahr, bin ich spazieren gegangen, mit Freundinnen, aber auch allein, selbstverständlich, die Mama hat mich nicht von ihrer Arbeit weg begleiten und ausführen können. Man muß doch ins Freie kommen. So hat sie mich mächtig gewarnt und angepredigt und dann hab' ich in Gottes Namen gehen dürfen. Am liebsten in den Stadtpark wegen der vielen schönen Toiletten. Dabei unterhält man sich und lernt auch selber was. Einmal hab' ich mich auf einer Bank beim »Donauweibchen« ausgeruht. Neben mir sitzt ein Offizier ganz prächtig, macht mir freundliche Augen. Ich schaue zurück und lach'. Was ist dabei? Nun, es ergibt sich ein Gespräch. Man muß doch antworten. Ich bin ohnehin bald aufgestanden. Er fragt, ob er mich begleiten darf. Er geht mit mir. Davon bekommt man gewiß noch kein Kind. So viel hab' ich schon verstanden. An einem anderen Abend sitzen wir wieder auf der Bank. Er rückt ein bißchen näher zu mir, ich weiche aus bis an die Seitenlehne. Wie ich nicht mehr weiterrücken kann, umarmt er mich auf einmal und will mich küssen. Da hat er schon eine Ohrfeige mitten ins Gesicht. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er zieht sich zurück. Er lacht, als ob es nur ein Witz gewesen wäre, zuerst bittersüß, dann immer süßer, er war nicht einmal bös'. Er hat mich später noch manchesmal gesehen und immer freundlich gegrüßt und angelacht, aber gesprochen haben wir nicht mehr miteinander. Ich habe mich damals sehr geschämt, und er hat vielleicht Respekt vor mir gehabt, wenn er mich auch gewiß eine dumme Gans geheißen hat. Um diese Zeit habe ich meinem Onkel in seinem Friseurgeschäft geholfen. Er hat es ohne Gehilfen versorgt, und weil ihm die Arbeit doch zu viel war, hat er mich zum Einseifen angelernt. Dafür hat er mir auch das Frisieren und Maniküren beigebracht. Meine weichen Patscherln haben sich die Herren ganz gern auf den Wangen gefallen gelassen. Ich habe gute Trinkgelder bekommen. Da war immer auch ein junger Bursch unter den Stammkunden, der mir schon längst nachgestiegen war und liebe Augen gemacht hat, der ist jeden Tag zum Rasieren erschienen. Er hat's wirklich noch nicht gebraucht mit seinem Milchgesicht. Aber ich hab' den eingeseift wie jeden andern. Abends wenn wir geschlossen hatten, war er auch pünktlich da, hat mich an der Ecke erwartet und wir sind miteinander spazieren gegangen. Er war Lehrling bei einem Feinmechaniker und hatte sogar schon einen ganz hübschen Verdienst. Er war lieb zu mir. So zärtlich hat er mich angeschaut! Ich habe mich gern mit ihm unterhalten, man hat bei ihm gar nichts Schlechtes denken können, er war unschuldig wie ich, vielleicht, o ja, noch unschuldiger. Aber um so erfahrener hat er sich aufgespielt. Er hat mir viel gute Lehren gegeben. Ich soll nur ja mit niemand in ein fremdes Haus gehen, auch nicht mit Damen, die mich freundlich einladen. Ich soll mich auf keine Bekanntschaften einlassen – die seinige natürlich ausgenommen – alle Gefahren hat er mir beschrieben, von denen er gewußt hat, und vielleicht habe ich schon mehr davon gewußt als er. Zu Hause soll ich ja nichts naschen und den Eltern kein Geld aus der Lade stehlen, damit ich nicht in die Besserungsanstalt komme. Daran hätte ich wieder nicht gedacht. So haben wir uns recht gut vertragen. Einmal in einer dunkeln, stillen Gasse bittet er mich recht innig und anständig um einen Kuß. »Nein, lieber Fritz, nur das nicht! Was nützt es! Wenn ich mich von Ihnen küssen lasse, so merkt's doch die Mama gleich zu Haus, und ich habe den ärgsten Verdruß, weil ich ihr was verheimlichen will. Spazierengehen, meinetwegen, das sieht sie mir nicht an. Aber nur keine Heimlichkeiten.« »Gut, wenn Sie mir keinen Kuß geben dürfen, Fräulein Geli, so müssen wir was anderes unternehmen.« Ich habe nicht verstanden, was er damit meint, er ist mit mir nach Hause gegangen, hat sich nicht abhalten lassen, ich habe gezittert und geweint, ihn hat das gar nicht gerührt, er hat mich nur stolz angelacht. Er tritt mit mir ein. Die Mama schaut ihn groß an, er macht ein Buckerl, er bittet um die Hand des Fräulein Tochter. Wir sollen uns mit Erlaubnis verloben. Jetzt stellen Sie sich meine Mama vor. Sie kommt in die größte Wut, ganz rot im Gesicht: sie dankt für die Ehre. Was fällt ihm denn ein? Ob er sie verhöhnen will, ob er sich einen Spaß mit uns erlaubt? Was er sich von mir denkt? Der arme Fritz ist leichenblaß. Solche Kinder wollen Mann und Frau spielen! Die Geli mit fünfzehn und der Herr mit den ernsten Absichten mit sechzehn Jahren? Was sollte daraus werden! Verloben? Sonst hat er keine Schmerzen? Er möchte nur brav weiterlernen und ordentlich arbeiten, empfehle mich sehr, habe die Ehre! Damit steht sie auf und winkt ihm einen Abschied. Dem armen Teufel hat es die Rede verschlagen, er bringt kein Wort mehr heraus, langsam geht er rückwärts und schaut mich dabei an, bis er zur Tür draußen ist. Ich habe wohl auch ein dummes Gesicht gemacht, und dann hat sie gegen mich losgelegt. So schaut meine Erziehung und mein Gehorsam aus! Auf solche Dinge hätte ich meine Gedanken, statt auf meine Arbeit! Noch einmal sollte sie so was hören! Dabei macht sie eine Bewegung, so von rechts nach links, mit ihrer rechten Hand. Nicht einmal zu weinen hab' ich mich getraut, solange sie im Zimmer war. Eine Woche hat sie mich nicht angeschaut, kein Wort zu mir geredet. Am ganzen Leib hab' ich gezittert, wenn sie so stumm umeinandergegangen ist. Zum Friseur hab' ich natürlich nicht mehr dürfen. Den Fritz hab' ich dann auch nur mehr sehr selten gesehen, bloß ganz von weitem und dann hab' ich mich kaum hinzuschauen getraut. Wie der Krieg ausgebrochen ist, hat er einrücken müssen. Das hat er mich noch wissen lassen. Damit war die Geschichte zu Ende, ohne Abschied, ohne alles. Daß es aber mit der Liebe und mit den Männern anders aussieht, und daß man sich schon darum kümmern muß als junges Mädel, das hab' ich schließlich ohne meine Mama selbst gelernt. Man interessiert sich immerhin dafür. Den Fritz aber hab' ich gestern wiedergesehen. Denken Sie sich. Nichts ist ihm im Krieg geschehen. Groß und stark ist er geworden. Ich war mit meinem Verehrer im Gasthaus Nachtmahl essen. Mein Herr Fritz sitzt uns gegenüber mit einem Frauenzimmer. Nun, sie war nichts Besonderes, aber er sieht sehr erwachsen und männlich aus, elegant. Schöne Goldzähne hat er, englischen Schnurrbart, er hat mich immerfort fixiert, ich hab' ihm gut gefallen, vielleicht ebenso gut wie damals. Aber er erkennt mich nicht. Bald nach dieser Geschichte habe ich wieder einen Erwerb gesucht. Ich habe mit einer Freundin den »Kleinen Anzeiger« in der Zeitung studiert. Da war eine Annonce: Kopfmodell gesucht. Das hat mich interessiert. Die Freundin war bucklig. Sie hat zwar ein ganz hübsches Gesichterl gehabt, aber daß sie als Modell nicht zu brauchen war, konnte ich mir gleich denken. Aber es war ganz gut, daß sie mich hinbegleitet, damit ich nicht allein zu dem Maler ins Atelier muß. Meine Mama war auch einverstanden; ein Kopfmodell, das geht schon! Geld haben wir auch gebraucht. Also muß man nehmen, was es gerade gibt. Wir zwei kommen hin. Es war in einer großen Villa in Grinzing: schöne Teppiche, Waffen, Bilder. Eine ältere Dame mit grauen Haaren empfängt uns und schaut uns an und ist freundlich mit uns. Dann führt sie uns in das Atelier. Der Maler ist auch schon ein älterer Mann, sein Schnurrbart war schwarz gefärbt. Er schickt meine Freundin höflich fort, aber mich kann er brauchen. Ich bin dann jeden Tag hingegangen, er hat mich gut bezahlt und anständig behandelt. Er hat kein unrechtes Wort zu mir gesagt und auch die Frau war lieb zu mir. Nur hat die Geschichte wieder nicht lange gedauert. Eines Tages sagt er, er will ans Meer, nach Dalmatien reisen, jedenfalls nach dem Süden und möchte mich mitnehmen. Es sollte mir an nichts fehlen. Er und seine Frau werden mich wie ihre Tochter behandeln, aber er braucht mich als Aktmodell. Ich wäre gern mitgegangen. Ich hätte mich nicht gefürchtet. Ich hätte ein Stück Welt gesehen, ich wäre gut verpflegt und aufgehoben gewesen, bezahlt auch noch, es waren anständige Leute, nichts wäre mir geschehen und vielleicht wollten sie dem Krieg aus dem Wege gehen, denn sie waren gewiß sehr reich. Aber das hat meine Mama nicht mehr erlaubt. Aktmodell! Ich bitte Sie! Als ob er mir hätte etwas wegschauen können! So bin ich eben leider noch in Wien geblieben. Da ist es nun von Tag zu Tag schlechter gegangen. Das können Sie sich denken. Nichts als Hunger. Kein Geld! Keine Arbeit, keine Verwandten oder Bekannten, die uns hätten helfen können. Alle haben selbst gehungert. Endlich kommt meine Mama auf die Idee, ich soll in die Heimat, nach Agram, fahren. Dort lebt noch die Großmutter, die Mutter meines Vaters, bei der könnte ich gewiß wohnen, in Ungarn gibt's Lebensmittel genug, dort braucht niemand zu hungern, und wo es Brot gibt, da gibt's auch Arbeit. So bin ich gleich hingefahren. Meine Großmutter hat mich richtig aufgenommen. Erst hab' ich im Theaterchor gesungen, dann war ich Näherin in Häusern, zusammen mit einer Kusine, die auch bei der Großmutter gewohnt hat. Eine Vermittlerin hat uns Arbeit verschafft. Einmal gibt sie uns eine Adresse in eine Villa, eine Stunde weit weg von der Stadt. Dort sollen Ballkleider und ganze Ausstattungen für Damen gemacht werden. Arbeit für ein paar Wochen, Kost und Quartier und recht anständigen Lohn. Wir haben uns also auf den Weg gemacht. Eine sichere Arbeit für lange Zeit war damals schon eine recht gute Sache. Da wir die Gegend nicht kannten, mußten wir uns oft nach dem Wege erkundigen. Ein Herr, an den wir uns wandten, fragte erstaunt: Was haben die Damen denn dort zu tun? Wir sollen dort arbeiten. Er zuckt die Achseln und beschreibt uns den Weg. Endlich kommen wir in eine ganz einsame Gegend: Felder, kleines Gehölz, an der staubigen Landstraße nur mehr einzelne Häuser. Eine Herrschaftsvilla mitten in einem großen Garten. Ein Portier läßt uns ein. Im Garten ging es recht munter zu. Auf einer Bank sitzt eine Dame in einem ganz leichten roten Gewand, wie ein Hemd, und kämmt ungeniert ihr schönes, langes, blondes Haar und lacht uns dabei an. Andere Damen sind paarweis untergefaßt gegangen mit Lachen und Singen. Vom Fenster haben welche heruntergeschaut und gewunken und denen im Garten unten zugerufen, andere haben sich vor dem Spiegel geschminkt und das Haar gebrannt und gewickelt und die alten Papilloten hinuntergeworfen. Im Haus ist uns gleich die Dame entgegengekommen und hat uns begrüßt. Aus den Türen – im Vorzimmer waren lauter Türen – gucken zerzauste Köpfe, lachen, tuscheln, fragen, die Dame schreit sie auf ungarisch an, da schlagen die Türen zu. Krach! Uns führt man in ein lichtes geräumiges Arbeitszimmer, gibt uns schöne Stoffe, zwei vorzügliche Nähmaschinen stehen da. Kleider für viele Personen in allen Größen waren zu machen. Dann sind die Damen zum Probieren gekommen, und es hat sich herausgestellt, was für ein Haus es war. Es ist in seiner Art dort ganz ordentlich und anständig hergegangen. Uns hat niemand belästigt. Die Mädchen haben sich über uns gefreut, daß endlich jemand Unbekannter, Neuer da war, mit dem man sprechen konnte. Sie haben uns allerhand erzählt. Manche waren lustig, manche waren traurig, manchen war alles eins. Sie haben zum Verdienen schauen müssen und von ihrem Geld dem Hausherrn für Kost und Wohnung, für Kleider, Wäsche und Bedienung recht viel abliefern. Das übrige hat ihnen gehört, und jede hätte sich schon was ersparen und eines Tages weggehen können, wenn es ihr gar nicht mehr gepaßt hätte. Keine war gefangen, keine ist gezwungen hingekommen, im Gegenteil, man hat sie hingebracht oder sie haben sich angeboten und sind nur nach einer Prüfung aufgenommen worden. Auch zum Trinken hat man sie nicht gezwungen, sie mußten bloß am Abend, bei Nacht im Salon sein, mit den Gästen plaudern, tanzen. Viele haben dort auch ihre Liebhaber empfangen. Den Hausherrn habe ich oft mit einer zanken hören, daß sie zu wenig verdient. Welche werden immer von demselben Herrn besucht und manche heiratet ihn, wenn er sie lange und gut genug kennt. Eine war recht traurig, eine junge Adlige aus einer sehr bekannten Familie. Der Verführer, ein Offizier, hatte sie selbst hier untergebracht. Sie hat mir alles erzählt. Ich habe sie gefragt, warum sie nicht von hier fortgeht. Sie antwortet: gelernt hat sie nichts, womit soll sie sich ihr Brot verdienen, harte Arbeit kann sie nicht leisten, wenn sie geht, bleibt ihr auch wo anders nichts anderes übrig. Wir haben in Wien eine Bekannte, schon vierzig Jahre alt, noch heute eine schöne Person, die ist als ganz junges Mädchen aus Passion in ein solches Haus gegangen, wegen der Männer. Von dort hat sie einer weggeheiratet. Sie hat's aber weiter getrieben. Er hat sich müssen von ihr scheiden lassen. Ein zweiter heiratet sie, der selbst ein solches Haus führt. Sie hätte sollen als anständige Frau das Geschäft beaufsichtigen. Statt dessen hat sie es ärger getrieben, als ihre Mädel. Eines Tages aber war es aus. »Nie mehr,« sagt sie, geht davon, kommt nach Wien – sie war in Ungarn zu Hause gewesen – sie macht einen Gemüsestand auf und will von keinem Mann mehr etwas wissen. Lieber einen Strick um den Hals. »Nur keine Männer, Gela,« sagt sie mir immer. – Vier Jahre war ich in Agram, bis zu Ende des Krieges. Ich habe bei meiner Großmutter gewohnt. Die war ein merkwürdiger Teufel. Sie hat mich gern gehabt und bewundert. Bei Nacht hat sie mir im Schlaf die Haare aufgelöst und ausgebreitet und Blumen dareingesteckt. Dabei war sie aber streng und oft wild mit mir, und wie ich von der Näherei in dem gewissen Hause zurückgekommen bin, hat sie mich eine dumme Gans geheißen, weil ich nicht dort geblieben und selbst zu diesem Geschäft gegangen bin. Ich hätte das beste Leben gehabt, viel Geld, keine Sorgen, Verwöhnung und so weiter. Sie war wohl sehr arm und deshalb mag ihr dieser Erwerb ohne Plage schon recht gut vorgekommen sein. Auch eine Kusine hat noch bei uns in dem Zimmer gewohnt mit ihrem kleinen Kind. Ihr Mann war im Feld, dann gefangen, sie wußte nicht, ob er noch lebte, und mußte sich und den Wurm erhalten. Solange der Krieg dauerte, haben wir uns durchgefrettet, damals ist noch die Großmutter gestorben und beim Umsturz waren wir zwei Frauen allein ohne Arbeit, ohne Geld. Was sollten wir jetzt anfangen? Ich hörte, daß Leute mit Schmuggeln Geld verdienen. Es sollte nicht gar zu schwer sein. Die Grenzen waren noch nicht sicher, jedenfalls – hieß es – nicht vollständig bewacht, man konnte schon durchkommen, wenn man nicht zu unvorsichtig war. In Ungarn sollte es nahe der Grenze zu mäßigen Preisen Leinwand geben, die in Kroatien sehr gebraucht und gut bezahlt wurde. Wir kaufen also drüben mit unserm letzten Geld ein Stück gute Hauswebe, wir teilen sie. Jede wickelt sich zwanzig Meter um den Leib, sehr eng unter dem Rock, damit man nichts bemerkt. Mager waren wir ohnehin. Es hat wie ein Panzer oder wie ein Mieder gedrückt. In der kleinen Stadt, wo wir die Leinwand loswerden wollten, sind wir schön angekommen. Alle Juden waren schon damit versehen. Leinen? fragen sie, wozu Leinen? Saccharin hätten sie brauchen können. Kann man mit Leinen den Kaffee zuckern? Verzweifelt schleppen wir uns herum. Wir haben nur noch Geld für diesen einen Tag. Meine Kusine trägt noch das Kind und wenn es trinken will, hat sie die größte Not, sich aufzuwickeln. Endlich hat uns ein Jud', der uns schon am Vormittag abgewiesen, aber auf die Leinwand spekuliert hat, am Abend um Gottes willen weniger dafür gegeben, als sie uns gekostet hat, und wir durften noch froh sein, daß wir sie überhaupt angebracht hatten. Fahrgeld, Übernachten, Essen abgerechnet, sind wir zum Schluß mit einem Viertel des Geldes nach Agram zurückgekommen, das wir vorher gehabt hatten. Feines Geschäft! Damals war ich mit Paul verlobt, das war noch mein Glück, sonst wäre ich verhungert oder zugrunde gegangen, er hat uns gern geliehen, so konnten wir etwas Neues suchen. Der Paul war ein hübscher Mann, jung, Bezirkskommissär oder so etwas bei der politischen Behörde, schlank, elegant, gut angezogen, aus einer angesehenen Familie. Er hatte mich kennen gelernt, er liebte mich leidenschaftlich, er könnte ohne mich nicht leben, sagte er. Er war eifersüchtig auf mich, er zitterte, jemand könnte mich ihm wegnehmen, dabei hat er nichts von mir gehabt, als höchstens ein paar Küsse und auch die nur nach einem verzweifelten Bitten und Neinsagen. Ich hab' mich gewehrt wie gegen das Messer. Vielleicht, weil ich ihn auch gern gehabt habe, weil ich wollte, daß er etwas von mir hält, weil ich so ganz allein dort war, weil ich mich an meine Mama erinnert habe oder bloß aus Dummheit, Gott, was weiß ich. Gerade, weil er mir gepaßt hätte. Also er hat mir Geld gegeben, ich habe es zwar nicht annehmen wollen, aber die Not war groß, meine Kusine hatte das Kind, wir wollten doch leben und hofften, wieder zu verdienen. Mit diesem Geld wollten wir bosnischen Tabak schmuggeln. Dafür haben wir uns eigene Hosen genäht, zwei übereinander. Dazwischen würde man die schmalen Schachteln einlassen. Natürlich mußte man so erst gehen lernen, sonst merkt man das Gewicht gerade bei den Knien. Der Schmuggel ist auch nicht besser geraten, als der mit der Leinwand. Die Zigaretten hat man nicht gemerkt, aber wegen einer Quarantäne mußten wir für ärztliche Untersuchung und Grenzaufenthalt allen Nutzen hergeben, den wir vom Verkauf der Ware erwarteten. Alles haben wir versucht. So habe ich mich in Agram durchgeschlagen, verlobt wie ein Fräulein, aber hundsmiserabel mit Arbeiten, Arbeitsuchen, mit Angst um den Verdienst und ewigen Schwierigkeiten. Tausend Verlegenheiten hab ich ja dem Paul verheimlicht, oder ihm einen blauen Dunst vorgelogen, damit er mich nicht verachtet, denn Armut ist eine Schande, man kann sagen, was man will. Eines Tages klopft es an meiner Tür. Wer tritt ein? Meine Mama. Vier Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Sie hat's ohne mich nicht mehr aushalten können. Wir haben uns umarmt und geweint, eine Stunde lang. Sie wäre schon längst gekommen, wenn sie Geld aufgebracht hätte. Seit Monaten hatte sie keine Nachricht von mir. Alle Briefe sind verloren gegangen. Sie dachte daran, ob man mich nicht per Schub nach Wien zurückbringen lassen könnte, zuständig war ich ja nicht in Agram, minderjährig auch noch. Wenn mich die Mutter verlangte, konnte man mich vielleicht hier ausweisen. Die Wiener Polizei gab die Auskunft, man könnte mich schon von Agram verlangen, aber dann käme ich von einer Schubstation zur andern und müßte immer solange warten, bis wieder genug Material für die Weiterbeförderung beisammen ist. Dieses Warten im Arrest müßte aber bezahlt werden, von den Flöhen und Läusen gar nicht zu reden. Das kam wiederum meiner Mutter zu hoch und sie hat darauf verzichtet. In der letzten Zeit, als die Briefe ausblieben, wurde es ihr ganz unheimlich um mich, überall Soldaten, Umsturz überall, Schießerei, Grenzstreitigkeiten, Durcheinander. Nicht einmal, ob ich noch am Leben war, hat sie gewußt. Endlich wollte sie mich selbst suchen. Sie sehnte sich nach mir. Monatelang hatte sie bei Nacht nicht mehr geschlafen aus Angst um mich. Was konnte mir alles passiert sein! Sie hatte eine Photographie im Kabinettformat von mir, wie ich vor vier Jahren ausgesehen hatte, eben erwachsen. Die ließ sie vergrößern und hing sie in einem schönen Rahmen über ihrem Bett auf, genau gegenüber dem Spiegel an der andern Wand. So konnte sie mich bei Tag entweder im Bilde oder im Spiegel sehen, wo immer sie im Zimmer war. Und bei Nacht machte sie Licht, so oft sie erwachte, und suchte mich über ihrem Bett oder drüben im Spiegel. Jetzt war sie endlich glücklich bei mir. Arm wie ich, hatte sie ihre Wirtschaft, ihren Erwerb, den Mann, das Haus verlassen müssen, um herzukommen. Lange hatte sie aufs Reisegeld gespart, auch mit dem Paß lauter Scherereien, bis alles so weit beisammen war. Der Paß lautete nur auf wenige Tage. Jetzt wollte sie mich abholen und gleich mitnehmen. Sie konnte doch ohne mich nicht länger leben. In Wien würde alles gleich besser gehen, wir würden beide verdienen. Es gab immer etwas, dort waren wir doch zu Hause. Ich müßte mit ihr zurück und gleich, denn zum Bleiben und Warten reiche der Paß und das Geld nicht. Wenn Sie meine Mama sehen möchten, würden Sie nicht glauben, daß sie eine Arbeiterfrau ist, eine Bedienerin oder Wäscherin. Sie sieht gut aus, wie meine ältere Schwester, keiner möchte sie für meine Mutter halten. Sie hat auch schöne Kleider, Ringe, Uhr und Kette, so kam sie daher wie eine Dame. Und dann drückt sie sich auch gut aus, ganz nach der Schrift. Sie schimpft mich immer aus, daß ich so nachlässig rede. Sie spricht genau wie ein Buch. In ihrem Koffer hatte sie mir allerhand mitgebracht, was mir hier vielleicht fehlte. Es war schon gut, sie wieder zu haben: das Weinen, das Lachen, das Erzählen, das Fragen, das Antworten! Ja, aber fortgehen von hier! Ich war verlegen. Ich wollte anfangs nicht mit der Sprache heraus. Aber wenn meine Mama fragt, kann ich ihr nichts verbergen, sie sieht es mir am Gesicht an. Also kommt gleich die Geschichte mit dem Paul heraus. Ich bin verlobt. Die Mama macht große Augen. Ich kann mir denken, was sie sich denkt. Nichts ist geschehen! Nichts! Nun, sie kann es meinem Gesicht glauben, also gibt's ja weiter keine Schwierigkeiten. Nach Wien mit uns! Aber was wird der Paul sagen? Ich traue mich gar nicht vorzubringen, daß ich ihn gern habe, in dem Augenblick war er mir ja auch wirklich weniger wichtig. Sie hatte mehr ausgestanden um mich. Zu ihr habe ich ja immer gehört, ich kann das nicht so sagen, aber mit der Mutter hängt man zusammen. Was weiß ich! An den Paul habe ich nur wegen der Auseinandersetzungen gedacht. Und vor denen habe ich mich gefürchtet. Heute kommt's mir selber merkwürdig vor, denn er war so lieb zu mir, so anständig, viel besser als ich, nie werde ich so sein, daß mich einer noch so gern haben kann, wie er damals. Gerade, weil wir nichts miteinander hatten. Aber die Mutter hat nur mich, sie kann für mich zugrunde gehen, verkommen, sie spart und hungert und bettelt und reist zu mir und ist schlau und eifersüchtig um mich. Ist das besser oder mehr, oder weniger, als wenn ein Mann ein Mädel haben will? Ist es nur anders? Aber mir kommt es irgendwie anständiger vor, irgendwie ist es doch das Höhere. Wegen einer Mutter kann man fromm sein, wegen eines Geliebten nur vielleicht schlecht. Was weiß ich! Nun, sie wollte selbst mit Paul reden. Sie können sich die Unterhaltung vorstellen. Er wollte mich heiraten. In dieser Zeit heiraten, wo alles Geld wertlos, jede Stellung unsicher ist? Und dann bin ich noch viel zu jung. Wie lange war ich schon viel zu jung! Für sie werde ich immer zu allem zu jung sein. Was er denkt! Wenigstens ein Jahr möchte er sich noch gedulden, bis überall eine gewisse Ordnung ist. Gut, wir sind verlobt; das könnten wir ja bleiben in Gottes Namen. Niemand hätte was dagegen, aber um so weniger dürfte ich allein in Agram leben, das müsse er doch einsehen. Ich gehöre zur Mutter, deswegen ist sie ja gekommen. Warum habe sie mich denn vier Jahre hier allein gelassen? Nun, weil sie gehofft hat, es geht mir hier besser, ich brauche nicht zu hungern. Aber jetzt ist es in Wien sicherer, und sie hält es ohne mich nicht mehr aus. Paul kam gegen ihren Willen nicht auf. Er hatte auch Respekt vor ihr. Meine Mama benimmt sich ja und spricht sehr gut, und so oft er mich angeschaut hat, wenn ich etwas sage, hat sie mich auch gleich angeschaut. Da habe ich kein Wort hervorbringen können und ich habe mich gar nicht getraut, den Paul anzusehen. Ich habe mich vor der Mama mehr geschämt als vor ihm. Ich habe geweint, als sie so über mich verhandelten, aber ich wollte es mir nicht merken lassen. Was blieb ihm endlich übrig, als schweigen, zustimmen, weil man ihn zwingt und weil ich nichts sage. Wir sollten verlobt bleiben, sollten uns schreiben und warten und jetzt sollte ich in Gottes Namen mit der Mama fortfahren. Er hat mir sogar noch heimlich Geld zugesteckt, damit ich nicht in Verlegenheit komme, ich hatte ja auch Schulden in Agram. Einiges mußten wir noch kaufen. Zum Schlusse stellte es sich heraus, daß wir die Uhr meiner Mutter samt Kette, einen Ring und ein paar Schmucksachen von mir versetzen mußten, um genug Geld für die Reise zu haben. Der Abschied von Paul war knapp – die Mama war ja dabei. Er hat sich nicht einmal getraut, mich zu umarmen. Da bin ich ihm doch wenigstens anstandshalber um den Hals gefallen und habe ihn schnell auf den Mund geküßt. Dann bin ich ihm und der Mutter davon in den Waggon gerannt. Im Zuge waren wir so weit ganz gut untergebracht. Der Revisor fragte zwar nach dem Passe, aber in unserer Aufregung beachteten wir das gar nicht weiter, sondern sagten bloß: ja, ja. Erst auf der Fahrt fiel es uns ein, daß ich überhaupt keinen Paß hatte, denn nur meine Mutter hatte in Wien einen genommen und dabei vergessen oder gar nicht gewußt, daß sie hätte vermerken lassen sollen, sie hole die Tochter von Agram ab. Dann wäre die Sache in Ordnung gewesen, weil ich minderjährig war und zur Mutter gehört hätte. Das alles stellte sich in Marburg bei der Grenzkontrolle heraus. Dort stand nämlich ein ekelhafter Kerl, der mich mit einem gemeinen Gesicht anstarrte und sich an meiner Verlegenheit freute, als ich auf seine Frage nach meinem Paß gestehen mußte, ich hätte keinen. Was nutzte es, daß ihm die Mama erklärte, sie holt mich ab, ich bin ihre Tochter und so weiter? Das könnte jeder sagen. Er glaube es, aber er müsse es nicht glauben, er dürfe es gar nicht glauben, von Amts wegen habe er auf dem Paß zu bestehen. Was sollten wir also tun? Er zuckte die Achseln: zurück! Ohne Paß keine Durchfahrt! Schöne Geschichte! Wir berieten uns. Wir standen ein wenig abseits. Ein Kondukteur sah uns mitleidig an. Wir getrauten uns gar nicht, ihn zu fragen. Da meinte er, er könnte uns einen Rat geben, aber er könnte es doch nicht, denn es sei ihm schon einmal übel ausgegangen. Er meinte vielleicht: Bestechung. Woher sollten wir das Geld dazu nehmen? Da fiel uns ein, wir kämen vielleicht zu Fuß über die Grenze und, erreichten wir nur den ersten österreichischen Ort, so war alles gewonnen. Also stiegen wir in den Gegenzug, nahmen Karten nur bis zur nächsten jugoslawischen Station, stiegen dort aus und sahen uns in der Gegend um. Ein Beamter war höflich mit uns. Wir gestanden ihm unsere Verlegenheit, er hörte uns mitleidig an. Ob wir denn nicht hier, nicht von ihm einen Paß, eine Durchreiseerlaubnis für mich bekommen könnten. Nein, so etwas dürfe er nicht ausstellen, aber vielleicht kämen wir anders durch. Er schien auf meine Absicht anzuspielen. Es war wohl nichts Ungewöhnliches, daß man hier schmuggelte, und wir konnten uns vielleicht selbst über die Grenze paschen. Nun, so schleppten wir uns mit unseren schweren Koffern zu Fuß fort. Den Weg kannten wir nicht, aber wenigstens die Richtung. Gar zu weit konnte es doch nicht sein. Es war ein Nachmittag, bedeckter Himmel. Wir hatten anständige Reisekleider, leichte Schuhe mit hohen Stöckeln, die schlechteste Ausrüstung für einen Fußmarsch. Wir stiegen über Wiesen, durch Gehölz, manchmal über Sumpfboden. Dann über Steine, denn es war nicht geheuer, auf der Straße zu bleiben. Darum konnte man auch keinen Wagen benützen, selbst wenn es einen gegeben hätte. Wir gingen immer mühseliger. Alle paar Minuten wechselten wir den Koffer von der rechten in die linke Hand und umgekehrt. Er wurde immer schwerer und stieß an die Knie, an die Waden. Es half nichts, wir mußten weiter. Es dunkelte schon, und auf einmal begann es noch zu regnen. Die Füße klatschen in den Schuhen. Wir weinten vor Müdigkeit und stolperten weiter. Wo sollten wir denn bleiben? Da war kein Ort zu sehen, kein Haus, nichts als Nacht. Nur gut, daß wir bei unserer Anstrengung keine Kälte spürten. Aber endlich waren wir mit unseren Kräften fertig. Die Mama stellt den Koffer nieder, setzt sich darauf, so, weiter kann sie nicht! Und wenn sie hier sterben muß! Wir machten einen kurzen Aufenthalt, aber als es immer stärker regnete, naß und durch bis auf die Haut, nahm sie doch ihr Gepäck auf und wir gingen weiter. Wir sahen nicht, wo wir waren, ob es der richtige Weg war. Wir konnten den Kopf nicht heben vor Müdigkeit, wir wären sicherlich umgefallen. Da stießen wir auf ein großes hohes dunkles Haus, es schien ganz aus Holz. Fast wären wir mit dem Kopf dagegen gerannt. Ein Glück! Wir setzten die Koffer nieder. Kein Licht brannte im Hause, aber als wir ganz still horchten, glaubten wir Stimmen drin zu hören und ich tastete mich nach der Türe. Sie stritten drin oder sprachen wenigstens laut, ich glaubte deutsch. Ich klopfte an der Tür. Als niemand antwortete, schlug ich mit den Absätzen ans Holz, bis endlich jemand über eine Treppe herunterpolterte und, ohne zu öffnen, fragte, wer da war. Beide zugleich antworteten wir; zwei Frauen, allein, bitten um Unterstand für die Nacht. Nachher haben wir, meine Mutter und ich, davon gesprochen, was wir in diesem Augenblick und noch später, bis zum Morgen, für Angst ausstanden. Was hätte man uns dort alles tun können! Ausrauben wäre das wenigste gewesen. Totschlagen, ins Gehölz schleppen nachher, was weiß ich! Alles eins, nur Rasten! Die Tür öffnete sich, ein riesiger Mensch stand da und sagte nichts. Er hatte auch kein Licht. Wir wiederholten unsere Bitten. Ob wir nicht übernachten könnten. Er schüttelte den Kopf, er weiß nicht. Wir bitten dringend. Er mußte an unserem Weinen hören, wie es mit uns ausschaute. Schließlich brummt er etwas, das man so verstehen kann, wir sollen ihm folgen. Wir schlüpften durch die Tür. Sie schlug zu, wie eine Falle. So, jetzt mußten wir uns in der Stockdunkelheit ihm nachtasten. Wir gingen behutsam, aber unsere Koffer polterten bei jedem Schritt an die Holztreppen und machten einen Höllenlärm in der Finsternis. Wir tappten einen Stock hoch, dann durch einen schmalen Gang, dann wieder Stufen hinab, dann abermals hinauf, wieder durch Gänge. Endlich öffnete er eine Tür. Wir riechen: aha! eine Küche. Er brummte wieder: Hier könnten wir warten. Bett ist keines da. Aber hier sind zwei Holzstühle. Er führt uns hin. Ich habe an den Menschenfresser denken müssen, der zwei Frauenzimmer zum Braten herrichtet. Er war so maulfaul und riesengroß. Ein Stuhl war vor dem Herd, der andere an einem Schrank. Jetzt spürten wir auch ordentlichen Hunger. Ein Stück Brot! »Nichts zu Haus!« Wir seufzen. »Gute Nacht!« brummt er, verschwindet, schlägt die Tür zu Wir sind allein. Wir schoben die Koffer an die Stühle und legten die Füße darauf. Den Oberleib lehnten wir an den Herd, an den Schrank, so kauerten wir, und begannen jetzt erst zu frieren, wo wir langsam abtrockneten. Draußen hörten wir wiederum Stimmen. Was die besprachen oder berieten! Ob es uns anging? Aber sie wisperten nur und verstummten allmählich ganz. Das war noch viel unheimlicher. Wenn nur eine Ratte genagt hätte! Es war still wie in einer Gruft. Wo waren wir? Bei was für Leuten? Wohnten sie hier? War's eine Scheune? Feuergefährlich, baufällig oder verdächtig mit dieser Küche ohne ein Stückel Brot? Räuber? Schmuggler? Bauern? Was wird mit uns geschehen? Mit allen unsern Sachen? Bald war uns wieder alles gleich. Wir haben uns fast schon ohne Angst von allem unterhalten, was hier mit uns möglich war. Nur ausruhen! So schliefen wir auf unsern Stühlen zusammengehuschelt ein und es war schon hellster Tag, als wir erwachten. Das Haus war leer. Wir riefen zuerst leise, dann immer lauter. Niemand antwortete. Wir hätten gar zu gern wenigstens eine Schale Milch gehabt. Wir hungerten ja schon einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Endlich schlich ich selbst auf den Zehen durch die Gänge über die Stiegen und fürchtete mich, so oft es knarrte. Ich klinkte jede Tür vorsichtig auf. Es war ein großes Holzhaus, aber ganz ohne Einrichtung, verlassen, es gab wirklich kein Bett, und vielleicht waren unsere beiden Stühle in der Küche die einzigen im ganzen Gebäu. Wahrscheinlich war das Haus nur ein Unterschlupf für schmuggelnde Bauern, und heute waren sie längst davon. Als ich von ganz oben bis ganz unten gegangen war und erst nur leise wie eine Katze, nachher immer freier gerufen hatte, aber ohne Antwort, fing ich vor Wut, aber auch erleichtert, laut zu lachen an, daß es nur so schallte und meine Mutter herauslockte. Dann haben wir freilich wieder geseufzt, als wir unsere Koffer anpacken mußten. Wir stolperten über die Stiegen ins Freie und machten uns von neuem auf den Weg. Nach vielen Stunden waren wir richtig über die Grenze in der ersten österreichischen Station. Wir bekamen etwas zum Essen. Wir stärkten uns. Wir stiegen in den österreichischen Zug. Wir glaubten uns schon gerettet und sicher. Ja, was nicht gar! Bei der zweiten österreichischen Station schau ich zum Fenster hinaus. Genau in die zwei Augen von dem Scheusal von Marburg mit dem Teufelsgesicht. Er schaut mich scharf an, erkennt mich sofort, geht zum Zugführer. Ich habe mich sogleich in meine Ecke geduckt und zu zittern angefangen. Der Zug hält. Alle Fahrgäste wundern sich, daß er nicht weiterfährt. Endlich erscheint der Teufel mit dem Revisor im Coupé. »Die Pässe, meine Herrschaften, wenn ich bitten darf.« Dieselbe Geschichte wie in Marburg! Der Revisor bedauert, er darf mich nicht weiterfahren lassen. Die Mutter kann nach Wien reisen. Ich muß zurückbleiben. Was soll ich denn tun? fragte ich verzweifelt. Der Teufel zuckt die Achseln: drüben in Jugoslavien einen Paß holen, anders geht es nicht. Wieder will die Mutter mit mir aussteigen und zurück. Der serbische Teufel besichtigt noch einmal ihren Paß. Das Visum gilt nur noch bis morgen. Morgen könnte also auch sie nicht mehr durch. Wir schauen uns an. Ich sage der Mutter, sie soll weiterfahren. Ich werde allein zurück, noch einmal mein Glück versuchen, was weiß ich. Es bleibt ja nichts anderes übrig. Ich steige also mit meinem Koffer aus, sie winkt mir verzweifelt aus dem Fenster. Ihr Zug fährt ab. Ich bin allein auf dem kleinen Bahnhof. Mein Geld war knapp. Ich wollte sparen und nicht noch einmal eine Karte nach dem verfluchten Marburg lösen. Ein Lastzug stand dort mit angeheizter Lokomotive: Richtung Marburg. Ich bat einen Kondukteur, er möchte mich so mit ihm zurückfahren lassen. Er nahm mich in Gottes Namen mit. Es war ein Zug mit vielen zerbrochenen, verdorbenen, beschmutzten Personenwagen, die nach Jugoslawien gebracht wurden. Er schob mich in einen, in ein verfallenes, verwahrlostes Coupé ohne Fenster mit Bänken ohne Überzug, aus den Kissen war sogar die Füllung herausgerissen. Schön sah es aus! Der Wind pfiff durch. Ich war da so elend, selber so ruiniert, daß ich auf einmal am liebsten nicht mehr leben wollte. Während der Fahrt wollte ich mich von einem Wagen zum andern nach dem Zugende schleichen und von dort – wir fuhren ja langsam – abspringen. Geschah mir nichts, so konnte ich in Österreich noch um eine Station weiter gehen und am Ende vielleicht doch durchkommen, starb ich aber oder brach mir die Glieder, so blieb ich liegen, und es war mir auch recht. Nur nicht wieder zurück! Ich schleppte mich also wirklich durch, ich komme wirklich zum letzten Wagen. Ich öffne die Tür aufs Trittbrett. Wer steht auf der Plattform und schaut mich an: der serbische Teufel! Ich wollte schnell an ihm vorbei und abspringen. Er hält mich fest. Wir rangen eine ganze Weile. Wir hätten beide herunterfallen können. Er war stärker. Er fesselte mich, indem er meine beiden Hände mit seinen zusammenhielt. Dabei schaute er mich höhnisch und böse an. »Sterben? Nichts da«, sagte er und hielt mich so lange, bis wir wieder in Marburg einfuhren, ich weiß nicht, wie lange es war, mir kam es wie viele Stunden vor. Ich knirschte mit den Zähnen, ich sah zu Boden, ich sprach kein Wort. Ich hätte es nicht über mich gebracht, ihn zu bitten. Nur gestorben wäre ich gern. Endlich kommen wir in Marburg an. Er läßt mich aussteigen und führt mich in die Paßkontrolle. »Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte ich. »Einen Paß, Fräulein, das wissen sie doch.« »Sie sehen ja, daß ich keinen habe und keinen bekommen kann.« Er schupft die Achseln. »Was soll ich also anfangen?« »Nach Agram fahren, einen besorgen.« »Ich habe dazu nicht genug Geld, ich will nicht nach Agram. Wie soll ich mir denn dort genug verschaffen, um zu leben und einen Paß zu bezahlen?« »Nun, es gibt ja gewisse Häuser. Sie brauchen es nur zu versuchen,« grinst er. »Den Rat geben Sie Ihrer Schwester,« sage ich. Da senkt er den Kopf und redet nichts mehr. Ich gehe fort. Wiederum landeinwärts bis zur nächsten serbischen Station. Dort treffe ich wiederum den anständigen, mitleidigen Beamten, der mich gleich erkennt und fragt. Ich heule statt jeder Antwort. Er soll mir um Gottes Willen ein Papier mit seiner Unterschrift geben, daß man mich durchlässt. Er hat gewiß die Macht. Wenn er mir das Papier gibt, wird man mich passieren lassen. Er lacht. So einfach ist die Geschichte nicht. Aber er lacht mitleidig. Ich werfe mich ihm zu Füßen. Wirklich. Ich knie vor ihm, er muß mir ein Papier ausstellen. Um mich zu beruhigen, schreibt er endlich etwas und setzt seinen Namen darunter. Ich stecke den Zettel ein wie eine Heiligkeit und mit meinem Koffer mache ich mich abermals davon, wieder über Feld und Wald, um wieder auf demselben Wege durchzubrechen. Diesmal kam ich ohne Übernachten über die Grenze und ging nun eine Station weiter nach Österreich hinein. Der Stationsbeamte fragte mich um den Paß, denn er sah mir an, daß ich von drüben kam. Ich sagte ihm gleich, ich hätte nichts, als dieses Papier. Er las es und lachte: »Wissen Sie, was darauf steht? – Bestätigung, daß Fräulein Angelica Tassai am soundso vielten in der Station . . . angehalten worden ist. Unterschrift.« Der Stationsbeamte, der schließlich keine besondere Verantwortung für meinen Paß hatte, ließ mich einsteigen, aber er warnte mich, die serbische Grenzkontrolle könnte den Zug noch bis nach Graz revidieren und mich beanstanden, wenn sie mich erkenne. Das müsse ich riskieren. Ich riskierte ja längst alles und auf alles gefaßt duckte ich mich in den dunkelsten Coupéwinkel. Hätten sie mich noch einmal gefunden und zurückgestellt, dann wäre es aus gewesen. Dann hätte ich mich bestimmt unter die Räder geworfen oder sonstwie umgebracht und kein serbischer Teufel hätte mich mehr gehindert. Zum Glück fuhr der Zug unbehelligt weiter. In Graz war mir leichter, aber ganz erlöst war ich erst in Wien. Ich kam einen Tag nach der Mutter an. Sie hat mich begrüßt, wie wenn ich von den Toten gekommen wäre. Nun, in Wien war ich bald wieder zu Haus. Damals wollte ich durchaus tanzen und damit mein Glück machen, wenn ich in ein Land mit guter Währung komme. Ich nahm wieder Unterricht bei einem Professor und er studierte mit mir und mit einem jungen Mann eine Szene ein. Der junge Mann war der Maler, ich war die Nymphe. Er saß an seiner Staffelei und malte. Die Nymphe kommt und lockt ihn, tut verliebt und fliegt solange um ihn, bis er seine Kunst vergißt. Er tanzt mit ihr, er faßt sie an, er hebt sie hoch in die Luft und auf und davon. Damit wollten wir reisen und ein Engagement suchen. Aber der Kerl war gar zu dumm. So etwas Hölzernes können Sie sich nicht vorstellen! Er traut sich nicht, mich anzurühren. Der Professor redet ihm zu: So fassen Sie das Fräulein doch an, sie tut Ihnen doch nichts, sie brennt ja nicht! Aber so oft er mich ergreifen soll, hält es ihn zurück, er lacht blöd und kann nichts anfangen. Um diese Zeit, abends, wenn ich zu Haus am Fenster sitze und hinausschaue, glaube ich: auf der Straße geht einer herum und spioniert uns aus. Am ersten Tag lach' ich darüber: Einbildung! Am zweiten geht der Jemand wieder auf und ab, eine geschlagene Stunde lang. Er trägt einen weichen Hut, darunter eine schwarze Binde überm rechten Aug', etwa, damit man ihn nicht erkennt. Aber ich weiß es doch gleich am Gang: das ist der Paul. Ich will auf der Stelle sterben, wenn's nicht der Paul ist. Ich renne hinunter, er merkt, es kommt wer, und stelzt davon. So habe ich ihn zweimal versäumt und erst beim drittenmal gefaßt. Er war's! Heimlich ist er nach Wien gekommen. Er hat mich auskundschaften wollen, bevor er mich besucht, ob ich ihm wirklich treu bin. »Und was ist's mit dem Tänzer?« »Mit was für einem Tänzer?« An den Haubenstock habe ich wirklich gar nicht gedacht. »Was fragst Du!« sagt er ganz bös. »Ach den? Ich muß doch einen Partner haben, wenn ich auftreten will.« »Du darfst nicht tanzen. Meine Braut kann doch nicht in einer Bar tanzen, an die Tische gehen, was fällt dir ein?« Ich antwortete, ich sehe nichts weiter dabei, wenn ich nur anständig bleibe. Ich bin ihm ja treu, aber ich muß mich doch selbst erhalten. So geht es niemand an, was ich tue. Ich finde tanzen hübscher, als nähen. »Ja, weil du dabei so vielen Männern den Kopf verdrehen kannst.« »Deiner ist schon verdreht, aber ich kann nichts dafür.« Kurz und gut, wir haben uns auf der Stelle vollkommen verzankt. Ich habe mir seine Eifersucht, seine Befehle nicht gefallen lassen. Ich war doch wirklich kein kleines Kind mehr. Plötzlich läßt er mich stehen und rennt ohne Abschied auf und davon. Nichts mehr hab' ich von ihm erfahren. Ich weiß nicht, lebt er noch, oder hat er sich umgebracht. In seiner Verzweiflung war er schon fähig dazu. Ich habe nach Agram an seine Mutter geschrieben. Sie hat mir verzweifelt geantwortet, sie weiß auch nichts von ihm, sie hat mir Vorwürfe gemacht. Ich habe alle Schuld. Dann habe ich nichts mehr seinetwegen versucht. Vielleicht ist er doch wieder zur Vernunft gekommen und hat sich die Sache aus dem Kopf geschlagen. Besser für ihn! Der Tänzer aber, der Holzstock, war so blöde, so ungeschickt, daß er mich überhaupt im Stich gelassen hat und einfach von der Probe ausgeblieben ist. Der Professor hat geflucht, und ich stehe da ohne Tänzer und ohne Verlobten. Damals habe ich wegen eines Engagements in einem Artistencafé verkehrt. Da war ein Zauberer und Hypnotiseur, schon ein älterer Mann, aber sehr schön, er war glatt rasiert und hat prachtvolle große Augen gehabt, mit denen er auf alle Leute recht verächtlich von oben heruntergeschaut hat. Ich bin traurig dagesessen, weil mir ja alles und alles schiefgegangen war. Da hat er mich fixiert. Endlich kommt er auf mich zu, stellt sich vor: Diabelli heißt er, fragt mich, was mir fehlt, was ich wünsche, was ich suche, ob er mir vielleicht behilflich sein darf. Ich kann nicht anders, als ihm die Schererei mit dem Tänzer erzählen. Er meint: »Machen Sie sich nichts daraus. Sie können eine andere Nummer einstudieren. Es muß ja nicht gerade ein Tanz sein. Ich brauche bei meinen Arbeiten eine Gehilfin. Sie sind schön« – ich schaue ihn dabei verlegen an – »ich darf es schon sagen und mir dürfen Sie es schon glauben, denn ich brauche eine schöne Person, die das Publikum beschäftigt, während ich meine Triks vorbereite. Sie passen mir gut. Einverstanden?« Er hat mich dabei wiederum so tief angesehen wie zuerst und hat mir die Hand hingehalten, bis ich eingeschlagen habe. Ich war doch froh, daß ich wenigstens dieses Engagement hatte. Diabelli lehrte mich zwei Kunststücke, die ich selbst als eigene Nummern produzieren sollte. Einmal: ein großes Seidenpapier so künstlich zerreißen, daß es wie eine feine Spitze aussieht. Das andere: mich gefesselt in einen Sack stecken lassen und daraus befreien. Ich habe selbst aus schwarzem Serge einen Sack genäht und oben eine reiche weiße Halskrause. Er hat meine beiden Hände gefesselt, und so mußte ich in den Sack hinein. Die Krause wird zugezogen, und man steckt eigentlich doppelt gefangen. Es sieht nicht leicht aus, sich da drinnen zu befreien. Wenn man aber die Kunstgriffe kennt, gelingt es in ein paar Minuten. Man öffnet dann die Halskrause, man hebt die beiden Arme aus dem Sack. Voilà. Ein drittes Kunststück ist leider nicht zustandegekommen. Das wäre gewesen: sich mit den Zähnen an einer stockhoch frei schwebenden Stange festhalten, dabei ausziehen und zum Schluß in einem schönen fleischfarbenen Trikot beten. Ist das nicht ergreifend? Ich habe keine starken Zähne, aber das hätte nichts gemacht, denn man arbeitet mit einer magnetischen Trense, die an der magnetischen Stange von selbst festhält. Wir haben diese Nummer aufgegeben, weil wir sie in einem Varieté von einer anderen Artistin gesehen haben. Man will doch nichts nachmachen. Diabelli hatte sich meiner angenommen, er hat sich mit mir Mühe gegeben. Wie das Auftreten schon nähergekommen ist, hat er mich mit zwei Prachttoiletten überrascht. Eine war vorn tief ausgeschnitten: rote Seide, die andere war rückenfrei: gelber Atlas. Nach den Proben sind wir immer miteinander nach Hause gegangen, und er hat oft gesagt: ich sollte doch lieb mit ihm sein. Aber wenn einer weich und sentimental mit mir ist, dann mag ich ihn gar nicht, und ich muß ihn auslachen. Den Diabelli mußte ich freilich schonend behandeln, weil er mir ja gefällig war, aber lieb war ich nicht mit ihm. Wenn er mich begleitete, erzählte er mir von sich. Er war verheiratet gewesen, aber seine Frau hatte ihn betrogen. Er war von ihr geschieden. Seitdem verachtete er die Frauen. Die Verachtung ist komisch, wenn einer dabei immer die Frauen braucht. Ich gefiel ihm. Ob er mir gefallen hat – damals – das weiß ich jetzt nicht. Ich habe Respekt, vielleicht sogar heimlich Angst vor ihm gehabt, nicht weil er schon ein älterer Mann war, das macht mir gar nichts. Ich brauche ja keinen jungen. Ein älterer ist mir schon recht, der mich belehren kann, von dem ich etwas von der Welt erfahre, der mich beschützt. Aber er hat mich beherrscht. Ich habe seinen Willen wie eine Hand gespürt. Dagegen habe ich mich gewehrt. Wie er gesehen hat, daß er mit Seufzen, Schmeicheln, Bitten, mit Schmachten nichts erreicht, er hat es in ein paar Tagen gesehen, er war ja sehr gescheit, so hat er im Augenblick vollkommen den Ton gewechselt: er hat streng und hart zu mir gesprochen, er hat getan, als liegt ihm gar nichts an mir. Er hat mich nur als das Werkzeug für seine Versuche behandelt, schmissig. Jetzt hab' ich mich schon gar nicht mehr bei ihm ausgekannt, denn bös machen durfte ich ihn doch nicht. Er hat mich als Medium abgerichtet. Ich war dafür geeignet, ich führte seine Befehle gehorsam und genau aus, alles geriet gut. Ich verfehlte nichts. Als wir auftraten, machten wir mit unsern Séancen Aufsehen. Dabei hatte er natürlich Gewalt über mich, auch außerhalb der Arbeit. Wie es gekommen ist, weiß ich nicht: eines Tages war ich seine Geliebte. Ich bin zu ihm gezogen. Er wollte mich heiraten. Aber wir bekamen die Dispens nicht – er war ja katholisch verheiratet gewesen – und ich hatte keine Papiere. So war nicht daran zu denken, daß wir miteinander reisten. Das bloße Verhältnis aber war auch wieder nicht sehr angenehm. Meine Mama machte mir große Vorwürfe. Das Varieté war ihr schon recht, sie möchte ja am liebsten selbst etwas anfangen und reisen. Sie dressiert unsere beiden Hunde, der eine kann schon Pfeife rauchen, sie machen Fortschritte. Sie möchte mit mir auftreten und reisen. Aber sie fragt, warum sie mich denn so lange erhalten und beschützt hat, wenn ich dann bei einem alten Zauberer hängen bleibe. Das alles hätte nichts genützt, ich wäre dem Diabelli nicht ausgekommen, wenn ich nicht eifersüchtig auf ihn gewesen wäre. Sehen Sie, ich war anständig, keinen andern hab' ich angeschaut. Ich wollte den Diabelli nicht verraten und betrügen. Aber er war's, der immer auf Vergnügungen gegangen ist. Er hat mir zwar angetragen, ich soll mitkommen, aber nachdem ich den ganzen Tag gearbeitet hatte, abends noch aufgetreten war, hatte ich nie Lust dazu. Er aber hat dann seine galanten Abenteuer aufgesucht. Man erfährt alles. Diabelli hatte doch seine guten Freunde, die es mir brühwarm überbracht haben. Was spricht man denn anderes im Kaffeehaus, als solchen Tratsch? Ich hab' mir gedacht: wart nur, mein Lieber, es kommt schon meine Gelegenheit. Richtig: einmal gehe ich an seinem Arm im Korso spazieren. Ich sehe, wie eine hübsche junge Person zwei-, dreimal an uns vorbeistreift und mich dabei anschaut. Gleich will der Diabelli mit irgendeiner Ausrede nach Hause. Seine Verlegenheit hat mir gefallen. Ich habe ihn freundlich gehen lassen und nichts dergleichen getan, und wollte langsam über den Stadtpark in unsere Wohnung nachkommen. Auf einmal ruft mich wer an: das bewußte Fräulein. »Entschuldigen Sie sehr,« sagt sie, »daß ich Sie belästige, aber ich möchte Sie um Auskunft über Herrn Diabelli ersuchen, mit dem Sie eben auf dem Korso spaziert sind.« »Ich kann Ihnen dienen, Fräulein, ich bin mit Herrn Diabelli verlobt, wir wollten heiraten, aber wir leben einstweilen zusammen.« »Ich danke Ihnen vielmals,« sagt sie, blaß und rot und rot und blaß, »ich habe nichts anderes vermutet. Herr Diabelli hat nämlich auch mir einen Antrag gemacht.« Wir haben uns recht freundlich voreinander verbeugt. Am Abend habe ich ihm eine ordentliche Szene gemacht und bin gleich zurück zur Mama schlafen gegangen. So einfach war es aber nicht aus. Er hat mich nicht freigegeben, auch jetzt nach einem Jahr noch nicht. Er läßt mich nicht aus. Er ist in meine Wohnung betteln gekommen, drohen, meine Mutter hat ihn angeschnauzt, er hat es gar nicht gehört, wenigstens gar nicht geantwortet. Ich hab' ihn nicht angesehen. Er ist fort und plötzlich war er wieder einmal da. Ich habe mich gefürchtet, in der Wohnung allein zu bleiben. Damals hat meine Mutter einen Grünzeughandel angefangen, sie hat einen Stand bei der Radetzkybrücke gehabt. Um drei Uhr früh hat sie die Ware am Hof einkaufen und dann den Karren zur Radetzkybrücke führen müssen. Ich habe damals keine andere Arbeit als Nähen gehabt. Meine Varietéproduktionen waren ja aus, nachdem ich mich mit dem Diabelli verzankt hatte, so habe ich der Mama geholfen und bin um drei Uhr früh mit ihr losgezogen, Gemüse führen. Bei Nacht und Nebel schieben wir den Karren. Auf einmal steht einer neben mir und schiebt mit: der Diabelli. Er sagt nichts, ich sag' nichts, die Mutter, die vorne zieht, bemerkt ihn nicht. Später hat sie ihn wohl erkannt, aber auch nichts gesagt; wenn er so dumm ist und Karrenziehen hilft, kann's ihr schon recht sein. So hat er nun vielleicht eine Woche lang geholfen, ohne was zu sagen. Das Geschäft war der Mutter zu schwer, sie hat es aufgegeben, und damit war dem Diabelli diese Gelegenheit wieder genommen. Aber er hat seine Macht über mich gehabt, er hat mich festgehalten wie mit den Zähnen. Ich war in seiner Hand, und ich habe es gespürt und es kommt manchmal so stark über mich, daß ich glaube, ich kann nicht anders, ich muß zu ihm zurück. Ich habe damals zu Haus genäht. Ich halte dieses Gebücktsitzen den ganzen Tag nicht aus, ich brauche Bewegung. Einmal war seine Wirkung auf mich so stark, daß ich aufgesprungen und geradeaus zu ihm gerannt bin. Das war gar nicht gut, denn es hat ja nur wieder eine Auseinandersetzung gegeben. Er wollte mir schön tun, als sei nichts gewesen. Nur gut, daß zufällig sein Bruder, auch ein Hypnotiseur, dabei war. Sonst wäre ich für nichts eingestanden. So haben wir herumgeredet, der Diabelli hat mich schön angeschaut, ich bin ihm ausgewichen und habe mich mit aller Kraft zusammengenommen, um wegzugehen. Da sagt mir der Diabelli aber, wie ich bei der Tür bin: »Daß du mir nicht zu den Séancen vom N. N. gehst! Laß dich um keinen Preis von ihm hypnotisieren.« Mir braucht man so etwas zu sagen! Schon brenne ich. »Wer ist denn der N. N.?« Es war der Hauptkonkurrent vom Diabelli, ein Amateur, der damals großes Aufsehen gemacht hat mit Hypnose an Leuten aus dem Publikum. Das Verbot vom Diabelli war für mich wie eine Aufforderung, wie ein Befehl. Jetzt weiß ich genau, er hat es in dieser Absicht auch ausgesprochen, er wollte mich dort haben, er wollte, daß ich mich hypnotisieren lasse. Ich stand ja unter seiner Macht. Also: ich mußte den N. N. sehen. Der Teufel war los. Ich erzählte meiner Mutter von N. N. Ich überredete sie, mit mir zu gehen. Das war sehr leicht, denn sie interessierte sich ja für diese Sachen fast noch ärger, als ich. Sie macht die Geschichte schön: »damit ich auf andere Gedanken komme. Damit ich mich zerstreue.« Wir gehen also. Die Vorstellung war interessant. Nichts geht mir so nahe wie das Wunderbare: ich lese am liebsten Gespenstergeschichten, Verbrecherabenteuer, Geistererscheinungen und -beschwörungen. Wie es gekommen ist, weiß ich nicht: auf ja und nein standen meine Mutter und ich in der ersten Reihe, und wie der Hypnotiseur fragt, wer sich aus dem Publikum zu einem Versuche meldet, hab' ich auch schon die Hand in der Höhe. Er hypnotisiert mich. Ich schlafe ein und gleich so tief, daß er mich nicht aufwecken kann. Das Publikum war zuerst neugierig, dann hat es sich in Angst verlaufen. Er hat alles mögliche versucht, mich zum Leben zu bringen. Meine Mutter hat geweint, geschrieen, gebetet, hat ihn angeflucht, hat allerhand Ratschläge gegeben, hat mich gerieben, mir Riechsalz unter die Nase gehalten, mich an der Fußsohle gekitzelt und wieder geweint. Drei Stunden bin ich wie ein Stein gelegen. Endlich hat man die Rettungsgesellschaft geholt, man hat mich ins Spital gebracht. Dort bin ich zu mir gekommen. Ich war hin und zerschlagen wie nach einer Todeskrankheit. Das Malheur hatte für den Hypnotiseur üble Folgen. Er wurde wegen Kurpfuscherei angeklagt oder was weiß ich, wie das heißt. Er verteidigte sich: noch nie ist ihm so etwas geschehen. Er hat doch schon viele hundert Versuche gemacht. Alle waren gelungen. Der erste und einzige mit mir war verunglückt. Aber daran sei er ganz unschuldig. Er konnte es beschwören! Jemand hat mir vorher suggeriert, so sagte er, daß ich mich nicht aufwecken lassen darf. Bestimmt ist jemand dahinter, versicherte er. Heute glaube ich es selbst. Der Diabelli hat mir das angetan: er hat den Konkurrenten blamieren und mir seine Macht zeigen wollen. Seine Warnung war nur eine Spiegelfechterei. Dahinter hat er mir im Stillen befohlen, daß ich hingehe, und befohlen, daß ich mich nicht aufwecken lasse. Bei Gericht wollte ich darüber nichts aussagen. Was hätte es für einen Sinn gehabt, den Diabelli hineinzubringen? Die Gerichtsärzte wollten es nun selbst mit mir probieren, um herauszubekommen, ob der Hypnotiseur mit seinem Verdacht recht hatte. »Nein, meine Herren,« sagte ich, »danke vielmals. Noch einmal lasse ich mich nicht tot machen oder halbtot. Ich habe schon an dem einen Mal genug.« Da hat man also den Hypnotiseur verurteilt. Ich aber war körperlich so heruntergekommen, daß ich zur Erholung nach Sauerbrunn fahren mußte. Meine Mama, die sich selbst ein wenig Schuld gab an meinem Unglück, ist mit mir gefahren. Im Zuge saß mein jetziger Verehrer uns gegenüber und hat mich immer angeschaut. Die Mama bemerkt es gleich und flüstert mir zu: »Schon wieder einer. Schaut ganz nett aus. Gefällt er dir? Nicht? Er ist doch hübsch, nimm ihn dir!« Ich lachte bloß, denn auf den ersten Blick gefiel er mir nicht, wenn er auch ganz hübsch aussah: größer als ich, modern angezogen, schöne Zähne, kein einziges graues Haar, er ist ja bald fünfzig. Mit den Jungen hab' ich kein Glück. In Sauerbrunn hat er sich galant meiner angenommen, das Gepäck besorgt, ein Hotel empfohlen, man kennt ihn ja dort gut, er war freundlich. Man sieht sich jeden Tag. Ich konnte ihm bei der Arbeit helfen. Ich hatte doch nichts zu tun und war gewöhnt, immer etwas zu machen. Allein waren wir auch. Aus Schwäche, aus Mitleid habe ich mich mit ihm eingelassen. Die Mama war auch dafür. »Er wird dich heiraten,« sagte sie, »er fliegt auf dich, er ist zu alt für ein bloßes Gspusi, er braucht eine Frau, er behält ja keine, wenn er nicht heiratet. Das Herumziehen paßt ihm nicht, er ist verwöhnt, er möchte Ordnung haben. Nimm ihn dir. Er ist ein Wiener, dann wirst du nach Wien zuständig, und wenn du einmal deinen Heimatschein hast, dann kannst du immer weggehen, wenn dir etwas nicht paßt. Aber wenigstens hast du einen ordentlichen Ehenamen und gehörst wohin und kannst in die ganze Welt. Wo steht es denn geschrieben, daß du gebunden bist? du bist frei, nimm ihn dir.« – Aber er ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, für nichts interessiert er sich, als fürs Gasthaus, für Essen und Trinken und für das Geld dazu. Aber dabei ist er auch noch ungeschickt, weil er von der Familie her verwöhnt ist und nichts Ordentliches gelernt hat. Von seinem Bruder läßt er sich ausbeuten. Sie hatten von ihren Eltern eine schöne Wohnung geerbt. Der Bruder hat sie, ohne zu fragen, verkauft und nur ein kleines Kabinett behalten. Da müssen sie jetzt miteinander wohnen. Heiraten will er mich aber auch nicht, wozu wäre denn sonst alles? Genommen hab' ich ihn nur, wie meine Mutter immer gedrängt hat, und jetzt hab' ich ihn am Hals. Wohin mit uns? Er hat ja die schönste Ausrede: wir haben keine Wohnung, ich habe keine Dokumente, ich bin selber daran schuld, nach allem, was gewesen ist, muß er mich doch ausprobieren. Und so weiter. Dafür darf ich arbeiten gehen und mir selber mein Leben verdienen, ganz wie früher, wie immer. Ihm muß ich zur Verfügung stehen, wann er will, und treu bleiben soll ich ihm auch. Und ob! Er quält mich mit Eifersucht, er droht mir, er spioniert mich aus. Wenn er mich heiratet, gut, ich werde ihn schon nicht betrügen, vielleicht, es lohnt sich nicht: ist einer wie der andere. Aber er soll sich endlich darum kümmern! Diesen Sommer warte ich noch ab, dann wird es sich zeigen. Der Diabelli läßt mich aber nicht los. Es zieht mich zu ihm. Ich kann nicht sagen, wie es zugeht. Ich war richtig noch einmal bei ihm. Zum Glück war er nicht daheim. Die Hausbesorgerin hat mich gleich begrüßt: »O, Fräulein Geli, Sie waren aber schon lange nicht bei uns.« – Am nächsten Tag hat sie mir ein Brieferl gebracht: »Es gibt nur eine Geli auf der Welt.« Ich war gerade dabei, meine Sachen aufzuräumen. Auf meinem Tische steht eine große Photographie von meinem Verehrer. Ein gutes Bild, ich habe es selber entwickelt. Wie ich so Ordnung mache und dabei auf das Bild schaue, packt mich die größte Wut: immer dasselbe fade Gesicht! Geschwind räum' ich das Bild in die Lade. Dabei fällt mir wieder die Photographie des Diabelli in die Hand. In diesem Augenblick ist sein Brieferl angekommen: »Es gibt nur eine Geli auf der Welt.« Kaum hab' ich es gelesen und eingesteckt, ist mein Verehrer da. Er schaut sich mit Verdacht im Zimmer um. Ihm fehlt seine Photographie auf dem Tisch. Er ist ja sehr eitel. »Wo hast du das Bild?« »Ich muß es verräumt haben.« »So such's.« Ich muß in der Tischlade kramen und habe Angst, er findet das Bild des Diabelli. Aber so rabiat ist er ja auch wieder nicht, daß er sich nicht beruhigen läßt. Nachtmahlzeit war auch. Wir sind miteinander fortgegangen. – Nachts komme ich zurück. Das Haus ist noch wach. Das heißt, meine Mutter rumort im Zimmer. Die beiden Hunde um sie herum und bellen und balgen. Sie füttert sie und dazwischen müssen sie ihre Kunststücke machen, Pfeifenrauchen, und sich auf die Schultern des anderen stellen und so weiter. Der Vater liegt im Bett und schimpft, daß er keine Ruhe hat. Die Mutter schreit etwas auf ungarisch, da dreht er sich im Bett um, daß alles kracht. »Was ist's? Was gibt's? So spät seid ihr noch auf?« »Neuigkeiten,« sagt meine Mutter. »Was denn um Gottes Willen?« »Na, der Diabelli!« »Was hat's denn mit dem?« »Ich bin ihm begegnet, dem Teufel, er hat mich sehr fein gegrüßt, gefragt, ob er mich begleiten darf. Warum nicht: die Straße gehört allen, sag' ich. Wie es dir geht? Was du machst? Ob du noch bös' auf ihn bist? Ach, was Sie sich nicht alles einbilden, die Geli hat an was anderes zu denken. Da schmunzelt er und schaut mich an, so wie er schaut, der Zauberer, der Verfluchte. Dann erzählt er, seine Frau ist gestorben. Er ist jetzt ganz frei: Er denkt immer an dich, du brauchtest ihm nur zunicken, meint er. Meine Geli braucht keinem Mann zuzunicken, sag' ich. Er zuckt die Achseln. Dann erzählt er, daß er einen guten Auftrag für Rußland hat. Zu den Räubern? frag' ich und lach'. Alle Räuber haben Geld, sagt er. Wo Räuber sind, ist gut sein. Da hat er nicht unrecht. Er könnte wieder eine Gehilfin brauchen, eine Frau. Und nach meinen Hunden hat er sich erkundigt, er könne mir beim Dressieren helfen, ich soll sie ihm nur bringen, aber natürlich meint er dich allein. Du bist doch einmal in ihn verschossen, ich weiß es. Kommst du denn los von ihm? Hast du nicht sein Bild in deiner Lade? Glaubst du, ich weiß es nicht? Ist auch nicht schlechter, als der andere. Vielleicht ist er besser. Warum soll ich dir im Wege stehen? Mit ihm kämst du doch in die Welt. Er heiratet dich gleich. Er hat eine neue Toilette für dich, läßt er dir sagen, und einen Blaufuchspelz. Du kannst dir die Sache noch immer überlegen. Wenn du ihn willst, wenn er dir gefällt, nimm ihn dir.« Ich habe nichts gesagt. Ich war zu müde. Ich bin schlafen gegangen. Bei Nacht haben die Hunde zu balgen angefangen, die verfluchten. Sie waren vom Üben her und vom Fressen und von den Schlägen ganz rebellisch. Ich bin dazwischen gefahren, einer hat mich in die Hand gebissen vor Zorn. Sehen Sie diese Wunde hier! Es ist schwer auf der Welt. Keine Ruhe! Bin doch neugierig, was aus allem wird. Gewiß wieder nichts Gescheites. So oder so! Die Sache wird sich nicht halten. Was weiß ich –.