Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke Zweiundzwanzig Kriminalgeschichten   Dorothée Herz gewidmet     Deutscher Taschenbuch Verlag 1982     Inhalt         Das Zéro Der Beau Die dilettierende Pension Das ominöse Schild Eine kuriose Karriere Der Vicomte Auf schwindelnder Höhe Lampenfieber Das steile P Daisy Faule Zeiten Der Sturm auf die Villa Bukarest – Budapest Die Bande Kaff Das Geheimnis der Concetta Cappi Der berühmte Zedde Eros vanné Die Frezzaria Der Freund aus Costa Rica Die schwarze Serie Sprotte schmust Un débrouillard     Das Zéro Mit Semmelhug wollte es, seit er in Stuttgart war, nicht vorwärts gehen. Schon nach acht Tagen hatte er das Hotel Marquardt mit dem Hotel Wörner vertauschen müssen und wenige Tage darauf dieses mit einem kleinen Zimmer in der Rosenbergstraße. Da er einsah, daß es mit ihm bald so weit sein würde wie vor fünf Jahren, als er, zu sehr seinem Glück vertrauend, plötzlich gepäcklos auf der Straße stand, überzählte er zähneknirschend den Rest seiner Barschaft: ›Fünfunddreißig Mark! Entsetzlich!‹ Wohl wissend jedoch, daß ein Zustand solch negativer Art am wenigsten dazu geeignet ist, eine miserable Situation durch einen schmucken Einfall zu sanieren, stieg Semmelhug resigniert auf die Straße hinunter, gleichsam um sich selbst aus dem Weg zu gehen. Verdrießlich vor sich hin pfeifend gelangte er zu der schmalen Stiege, welche von der Rosenbergstraße zum Hoppenlau-Friedhof hinabführt. Dessen Bäume und die mit Recht gemutmaßte Stille zogen ihn an wie jeden, der mit sich nichts Wichtigeres anzufangen weiß. Semmelhug erging sich sohin auf den engen sauberen Pfaden dieses einsamen Ortes, von Zeit zu Zeit gedankenlos vor einem Grab stehen bleibend. Nach einer Viertelstunde fiel ihm auf, daß er die Inschriften las, und gleichzeitig, daß er soeben eine sehr merkwürdige gelesen hatte. Er kehrte um, trat neuerdings vor den Grabstein und las laut vor sich hin: »Heinrich von Inten, geb. am 3. März 1850, gest. am 10. März 1911 aus Gram über seinen verlorenen Sohn.« Kopfschüttelnd, aber grinsend ging Semmelhug weiter: sein Vater hatte sich in dieser Hinsicht bei weitem mehr beherrscht. Bald darauf verließ er, keineswegs heiterer als vordem, den Friedhof und gelangte langsamen Schrittes allmählich auf die Königsstraße. Nachdem er sie etliche Male passiert hatte, ermüdete er. Nie ist man mehr geneigt, Impulsen statt Überlegungen sich hinzugeben, als wenn das Lebenstempo sehr reduziert ist. Und so widerfuhr es auch Semmelhug, daß er in einem spontanen Anfall von galgenhumoresker Gleichgültigkeit sich kurzerhand entschloß, koste es, was es wolle, im Wilhelmsbau zu essen. Als dies nach einer Stunde in opulenter Weise geschehen war, befiel Semmelhug, der nun doch der wiederkehrenden Klarheit sich nicht länger zu entziehen vermochte, eine wahre Katastrophen-Stimmung. Es war 10 ihm, als müsse er unter allen Umständen Bewegung in seine Lage bringen, um eine erfreuliche Änderung herbeizuführen. Und da ihm, der Teufel weiß warum, just jene merkwürdige Inschrift auf dem Hoppenlau-Friedhof durch den Kopf ging, rief er den Kellner in der Absicht heran, irgend etwas zu provozieren. »Kennen Sie eine Familie namens von Inten?« fragte er mit schwerlich zu überbietender Arroganz den Kellner, der vorsichtig neben ihm stand. »Von Inten? Aber gewiß. Eine sehr vornehme Familie. Ein von Inten war fünfzehn Jahre lang Bürgermeister. Ich glaube, er dürfte erst vor wenigen Jahren gestorben sein.« »Richtig«, meinte Semmelhug gnädig. »Er ist auf dem Hoppenlau-Friedhof begraben. Er hatte einen mißratenen Sohn. Der Schmerz darüber hat ihn ins Grab gebracht.« »Der Herr sind Stuttgarter?« Der Kellner nahm bereits eine zutraulichere Haltung ein. »Nein.« Semmelhug entaschte seine Zigarre überaus liebevoll, um eine distanzierende Pause hinausdehnen zu können. »Aber ich kannte seinen Sohn. Ich kannte den jungen von Inten sehr gut . . . Ich . . .« Er wußte nun doch nicht, wie er eigentlich weiterlügen wollte. Der Kellner trat geschmeichelt von einem Bein aufs andere. »Der Herr wollen wohl Näheres über den alten von Inten in Erfahrung bringen, wenn ich mich nicht im Irrtum befinde . . .« »Sie befinden sich nicht«, versicherte Semmelhug herablassend. Der Kellner, eine romantische Natur wie viele seiner Berufsgenossen, schien plötzlich mit einer bestimmten Vermutung zu kämpfen. »Wenn der Herr vielleicht . . . ich meine . . . sich mir anvertrauen wollten . . . Ich glaube, daß eine gewisse Ähnlichkeit . . .« Semmelhug stutzte. Und überlegte. Kam aber schnell zu dem Schluß, daß er, selbst wenn der Kellner nicht bloß probiert hatte und wirklich eine Ähnlichkeit vorhanden wäre, nicht darauf bauen dürfe. »Ich bin kein von Inten. Aber sein bester Freund gewesen.« Der letzte Satz war ihm entfahren, er wußte selbst nicht wie. »Gewesen?« Das Gesicht des Kellners zerfiel, als hätte er persönlich einen schweren Verlust erlitten. Das beruhigte Semmelhug und gab ihm seinen Plan ein. »Ja, gewesen. Er starb in Sevilla in der Calle San Forge. An der Malaria. Gerade gegenüber der bekannten keramischen Fabrik von Viuda e Comez. Und hat mich vor seinem Tod gebeten, eine gewisse Affaire privater Natur hier für ihn zu regeln. Wissen Sie, ob noch jemand von seiner Familie lebt?« 11 Der Kellner, von Semmelhugs Distinguiertheit durchdrungen, wußte, es unendlich bedauernd, nichts Bestimmtes mehr zu sagen, äußerte sich aber, immer wieder nach kleinen Störungen an Semmelhugs Tisch zurückkehrend, noch eine halbe Stunde über die Wechselfälle des Lebens und die Geschicke der Menschen und versprach, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, bis morgen Näheres in Erfahrung bringen zu wollen. Semmelhug fand am nächsten Mittag den Kellner sehr verändert vor; als hätte eine unerwartete Rangerhöhung stattgefunden: von derart schrankenlosem Stolz und selbstbewußter Dienstbeflissenheit troff seine ganze Haltung. Kurzum, nach wenigen Minuten war Semmelhug drei alten Herren vorgestellt, die alle den alten von Inten und seinen verlorenen Sohn gekannt hatten und sich außerordentlich freuten, die Bekanntschaft des Mannes zu machen, welcher der beste Freund des unglücklichen Hans von Inten war und nun dessen Testament zu vollstrecken hatte. Semmelhug wurde an den Tisch geladen und erfuhr im Verlaufe einer sehr animierten Kneiperei, daß Frau von Inten mit ihrer einzigen Tochter Stella eine elegante Acht-Zimmer-Wohnung in der Cannstatter Straße innehabe; daß das von ihrem Gatten hinterlassene, zweifellos nennenswerte Vermögen sicherlich noch intakt sei; und daß nun die Tochter dereinst alles erben werde. Den zwischendurch immer wieder an ihn gerichteten Fragen über des jungen von Inten Leben und Treiben wich Semmelhug geschickt aus, sichtlich bemüht, dessen Geheimnis zu wahren und sein Andenken in Ehren zu halten. So kam es, daß gegen drei Uhr nachmittags, als man bei der achten Flasche Mosel angelangt war, die ganze Tischrunde nicht nur des Lobes voll war über Semmelhugs Freundestreue und männliches Verhalten, sondern beim endlichen Auseinandergehen in Einladungen sich geradezu überbot. Diesen kam Semmelhug in den folgenden Tagen mit dem Vorsatz nach, den diversen Ehegattinnen Details über die Familie von Inten zu entlocken. Dies gelang ihm mit auffälliger Leichtigkeit und solchem Erfolg, daß er, als er endlich eines Nachmittags die Wohnung Frau von Intens verließ, bereits zu einer Tasse Tee für den Abend eingeladen worden war. Dessen Verlauf gestaltete sich für Semmelhug zu einem Sieg von unerhoffter Vollständigkeit: Frau von Inten, von den Berichten über ihren immer noch geliebten Sohn stets wieder bis zu Tränen gerührt, kompensierte diese mit endlosen Liebenswürdigkeiten für den Gast, und ihre Tochter, deren Herz nach einer an Desillusionen allzu reichen Verlobungszeit mit einem 12 verlotterten Rittmeister einer edleren Mannesgestalt um so heißer entgegenpochte, befliß sich unter schärfster Einsetzung ihrer immerhin ansehnlichen Reize, Semmelhugs persönliche Zuneigung zu gewinnen. Da dieser, äußerst vorsichtig wie stets, durchaus nicht vom Tode seines Freundes gesprochen hatte, lediglich von einer bereits überstandenen schweren Krankheit, sich aber, angeblich Hansens striktem Auftrag zufolge, weigerte, Genaueres über dessen Aufenthaltsort mitzuteilen, glaubten beide Damen, Semmelhug durch ein Übermaß an Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit doch noch zum Sprechen bewegen zu können. Infolgedessen verlebte Semmelhug, der von sich selber in tiefer Bescheidenheit teils schwieg, teils im Vergleich mit seinem kühnen Freund als Zéro sprach, bei Frau von Inten eine lange Reihe sehr angenehmer Abende, indem er sich stets von neuem überreden ließ, noch einige Tage zu bleiben. Einmal aber, als er wieder zum Abendessen erschien, empfingen ihn die beiden Damen völlig verstört; es gelang ihnen nur mühsam, nicht sofort in Tränen auszubrechen. Fast eine halbe Stunde dauerte es, bis das in den seltsamsten Wendungen sich ergehende und stets wieder abbrechende Gespräch sich zu verdeutlichen begann. »Wie ist das nur möglich«, jammerte Frau von Inten hinter ihrem Spitzentaschentuch. »Sie haben uns doch gesagt, daß Sie in der Rosenbergstraße wohnen und daß Sie nicht adelig sind.« Fräulein Stella schlug heftig die Fingerspitzen aufeinander. »Man muß ihn verleumdet haben. Wenn man nur wüßte, wer.« In Semmelhug stellte sich miteins eine trübe Ahnung ein. Sein Magen zog sich leise zusammen. » Wer war denn eigentlich bei Ihnen, gnädige Frau?« »Zwei Herren.« »Von der Polizei?« Frau von Inten nickte. Semmelhug, dem dieser Zwischenfall gleichwohl überraschend kam, hielt es für das Schlaueste, sich nicht verwundert zu zeigen. »Die Herren haben Ihnen sicherlich mitgeteilt«, begann er mit nachlässiger Ironie, »ich wäre ein Hochstapler, hieße mich von Semmelhug, dieweil ich nur ein ganz simpler Semmelhug, hätte mich als Testamentvollstrecker Ihres Sohnes ausgegeben, der gar nicht tot sei, um Betrügereien zu versuchen, und mich bei Ihnen lediglich in dieser Absicht einzuführen verstanden. Ists nicht so, gnädige Frau?« Frau von Inten blickte, unter Tränen lächelnd, auf. »Sie wissen sehr wohl, lieber Herr Semmelhug, daß Stella und ich Ihnen vollauf 13 vertrauen und daß wir Sie durchaus nicht für ein Zéro halten. Was die Herren von der Polizei uns über Sie sagten, bewies ja nur, daß Sie uns nie angelogen haben. Das sagten wir den Herren auch, die darüber zwar erstaunt waren, uns aber versicherten, das wäre ein Schachzug von Ihnen, denn Sie wären bereits seit drei Wochen in Stuttgart gewesen, als Sie uns zum ersten Mal besuchten, und . . .« »Das Hotel Marquardt . . .« Semmelhug lachte mokant, » . . . das Hotel Wörner . . . die Rosenbergstraße . . . nun, das sei eine auffällige Peripetie, der nur zu sehr der Wunsch entspräche, vermittels einer ungewöhnlich problematischen Freundschaft mit einem fälschlich Totgesagten sich zu rangieren. Ists nicht so, gnädige Frau?« Frau von Inten nickte wiederum, diesmal bereits beinahe heiter. »Daß Sie das alles aber wissen?« Fräulein Stellas Veilchenaugen irrten schmerzlich über Semmelhugs Züge. »Wie ist das nur möglich?« Sie schluckte mit Erfolg etliche Tränen. »Phantasie macht einsam, gnädiges Fräulein.« Semmelhugs Pupillen erglühten sanft. »Und Einsamkeit schult die Phantasie.« Fräulein Stellas Schultern hoben sich beseligt. »Und denken Sie nur . . . daß das diesen Herren nicht die Augen öffnet, begreife ich einfach nicht! Die Herren sagten uns, daß Sie erzählt hätten, mein Bruder sei in Sevilla an der Malaria gestorben, dann wieder in Syrakus am Stich einer Kobra, dann wieder in Batum am gelben Fieber usw. Das beweist doch nicht, daß Sie ein Schwindler sind. Das beweist vielmehr, daß man Sie verleumdet. Denn in Spanien gibt es keine Malaria, in Sizilien keine Kobra und in Batum kein gelbes Fieber. Nicht wahr, Mama?« Frau von Inten nickte schnell. »Und uns haben Sie ja gar nicht einmal gesagt, wo Hans sich eigentlich befindet.« Semmelhug senkte, von so viel Vertrauen niedergedrückt, schweigend den Kopf. Nach einer Weile harmonischer Trauer rückte Fräulein Stella mit dem Stuhl. »Und daß die Polizei nicht weiß, was Herr Semmelhug in den letzten neun Jahren eigentlich getrieben hat . . . ich meine, wovon er gelebt hat, das beweist nur, daß die Polizei nicht tüchtig ist. Und daß Herr Semmelhug herumreist und auch schon anderswo die Polizei auf ihn aufmerksam geworden ist, das beweist nur, daß er eben infolge seines interessanten Äußern, seiner besonderen Lebensgewohnheiten und seiner überlegenen Art den Idioten auffällt, die sich in ihrem Haß und Neid mit ihm beschäftigen und ihn verleumden und denunzieren.« Sie erhob sich in jäh aufwallendem Zorn. »Dieses Gesindel!« 14 »Stella!« mahnte Frau von Inten, das Spitzentaschentuch wieder vor den Lippen. Semmelhug wußte nun, warum es mit ihm in Stuttgart nicht vorwärts gegangen war; wer die fragwürdige Rangerhöhung des Kellners vom Wilhelmsbau herbeigeführt; und weshalb die Tischrunde und die diversen Gattinnen in Höflichkeiten sich geradezu überboten hatten: die Hand der Polizei! Semmelhugs Situation war nicht angenehm. Sie war aber, was er geistesgegenwärtig sofort erkannte, keineswegs so hoffnungslos, wie sie schien. Semmelhug stand langsam auf und sagte mit leise bewegter Stimme: »Ich danke Ihnen, meine sehr verehrten Damen, für Ihr mich ehrendes Vertrauen und für die so selten gastfreundliche Aufnahme in Ihrem entzückenden Heim. Ich bin glücklich, Hans das Beste von seiner gütigen Mutter und seiner reizenden Schwester berichten zu können. Und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, ihn ins Elternhaus zurückzubringen. Ich bedauere nur, daß es mir privater Gründe halber nicht möglich ist, direkt zu ihm zu reisen. Aber ich kann Ihnen versprechen, hochverehrte gnädige Frau, daß Sie von mir und ihm in etwa vier Monaten Nachricht haben werden.« Semmelhug verließ am Abend darauf Stuttgart, dreitausend Mark in der Tasche, da Frau von Inten ihn nach langen Bitten zu bewegen vermocht hatte, direkt zu ihrem Sohn zu reisen. Im Netz über Semmelhugs Kopf lag ein geschmackvolles Veilchen-Arrangement, dessen Boden eine deliziöse Bonbonniere barg, in welcher ein kleines lila Briefchen ruhte. Als Semmelhug es gelesen hatte, bedauerte er nur zu sehr, daß er den Bruder der Schreiberin nicht persönlich kannte und daß er hier doch nur ein Zéro war. Aber er hatte keine Zeit, solch wehmütigen Meditationen sich hinzugeben. Er mußte sein Gehirn dem Augenblick zuwenden, der ihn vor die nicht allzu leichte Aufgabe stellte, die Schwierigkeiten, welche die Polizei ihm allenthalben weiterhin bereiten würde, in ingeniöser Weise zu besiegen. 15   Der Beau »Hat man eine bessere Psychose an der Hand, kann man sich jede Dame holen. Hat man keine, kann es einem passieren, daß man sich sogar für einen größeren Betrag langweilt.« Der also sprach, wurde allgemein Nénesse genannt und ließ seine ganze Haltung überdeutlich ausdrücken, daß er kein Wort von dem glaube, was er sage. Friquette fand ihn ebendeshalb sehr geistreich, überlegen und überhaupt bewundernswert. »O, Nénesse, du bist der einzige, von dem ich mich plündern lassen möchte.« Nénesse lächelte unterfüttert. Friquette bemalte sich die Fingernägel. »Nénesse, sag mir, was soll dieser brutal gespielte Zweifel? Du weißt doch nur zu gut . . .« »So wäre also mein Spielen meine erfolgreiche Psychose?« Friquette bemalte sich die Ohrläppchen. »Ich bin jetzt fast sicher, daß du mich schon nicht mehr magst.« »Wieso?« fragte Nénesse leise. Es war im Grunde so unverschämt, daß es nurmehr komisch klang. Friquette verließ brüsk ihr Gesicht im Toilettenspiegel, erregt hadernd: »Habe ich dir nicht alles angeboten? War es nicht, als wir uns vorgestern zum ersten und vielleicht letzten Mal . . . Es war toll. Oder nicht? Nun also. Aber du . . . du spielst weiter . . . anstatt . . .« » . . . anstatt dir meinen Preis zu nennen.« Nénesse umschlang vag ihre Schultern. Friquette küßte ihn, der einfach still hielt. »Ja, Nénesse, sag mir klar, wie viel . . .« Sie umfaßte mit fliegendem Atem seinen Kopf und wartete darauf, daß das Bewußtsein ihr verginge . . . »Darf man eintreten?« rief von draußen ein wohlklingender Sopran. » Faites! « Friquette sprang auf, beinahe froh darüber, in jenem bewußten Warten gestört worden zu sein, und preßte die Eintretende heftig an sich. »Ah, der schöne Nénesse ist da.« Angèle korrigierte mit schnellen kleinen Griffen in Friquettes Coiffure. »Angèle, du mußt mich trösten. Er ist entweder verrückt. Oder ein gemeiner Sadist.« Angèle streichelte ihr mit einer Hand die spitzigen Brüste; die andere ließ einen Griff kokett kentern, so daß Friquette sich ihr 16 piepsend entwand. »Dazu siehst du zu wohlerhalten aus, süße Frique.« »Er ist doch erst seit einer Viertelstunde da, das Scheusal.« Friquette riß ihr Gesicht, das sich bereit gemacht hatte, zu zürnen, noch rechtzeitig still. Dann lächelte sie. »Aber auch wenn er die ganze Nacht dagewesen wäre, hätte er sicherlich nichts anderes getan, als mich immer wieder zu zwingen, mich ihm anzubieten.« »Er ist vielleicht ein ganz spezieller Maniak«, meinte Angèle mit einer gewissen Hinterhältigkeit im Ton, die Nénesse deutlich heraushörte. »Nein. Er ist doch verrückt.« Friquette ließ den Frisiermantel fallen und rüttelte an ihrem rosigen Korsett. »Oder neurotisch oder homosexuell oder ein Micmac oder überhaupt etwas ganz anderes . . .« Angèle sah Nénesse mit einem überraschend offenen Lächeln mitten ins Gesicht. »Sie machen mich neugierig, meine liebe Angèle.« Nénesse stand langsam auf. »Da das bisher noch niemandem gelungen ist, bin ich zutiefst erschüttert«, rief Angèle, vielleicht ein wenig zu spitz. Hierauf setzte sie sich aufs Bett neben Friquette, die mit penibelster Vorsicht sich neue Seidenstrümpfe anzog. Die Tür flog auf. » O mazette, mazette, mazette . . . « sang Ouilouis, ein kleines blondes Persönchen, das aussah wie ein zehnjähriges Mädchen. »Also das war einfach . . . Das ist einfach monströs.« Sie warf sich in ein Fauteuil und strampelte mit den dünnen Beinen. »Salut, Nénesse, du verfluchter Hund! Salut auch euch, ihr holden Damen!« »Ouilouis, bitte benimm dich!« Friquette drohte mit den Lippen, aber doch sehr wohlgefällig. »Also, Angèle, das ist einfach monströs!« Ouilouis fuhr lachend hoch. »Nein, das könnt ihr euch nicht vorstellen, selbst wenn ihr eine Collage mit Romain Rolland hättet, wovor die heilige Agnes euch bewahren möge.« »So sags doch endlich«, jammerte Friquette graziös. »Hat Rémy wieder etwas ausgefressen?« » C'est pour rire! « Ouilouis warf sich stolz in die mangelnde Brust. »Eingesperrt ist er!« »Eingesperrt?« wiederholten alle drei, fast gleichzeitig. »Nénesse«, flötete Ouilouis vorwurfsvoll, »Sie sind nachgehinkt. Angèle und Frique haben sich schneller und im Takt gewundert.« 17 Nénesse sagte außerordentlich gemessen: »Bitte jetzt keine Späße mehr! Sagen Sie uns kurz, was denn eigentlich los ist.« »Stecken Sie erst diese Visage wieder ins Knopfloch!« Ouilouis wippte sich großartig auf die Fauteuillehne. »Und ihr, ihr Allerholdesten, beeinträchtigt nicht den Wurf meiner Diktion durch allzu ungewählte Störungen.« Angèle zuckte nachdenklich die Achseln und riet Friquette, die Hände gleich ihr pathetisch in den Schoß zu betten und auf Nénesse zu achten, der mit äußerster Bedachtsamkeit seine beigefarbene Samtkrawatte einer neuen Stilisierung unterzog. Ouilouis hob ihr schottisches Röckchen mit vier Fingern, aber mit beiden Händen hoch und ließ es tiefer fallen. »Damit dieser schöne Mann nicht in verfrühte Versuchung gerät . . . Eh bien , ich hör schon auf. Das heißt, ich fange sofort an. Also es ist, wie gesagt, einfach monströs . . . Wohlan, so hört! Rémy lebt vom Handel mit Bigornette, dem sanft dahingegangenen Coco. Wer weiß das nicht?« »So?« machte Nénesse. »Tun Sie bloß nicht so.« Ouilouis trillerte frech. »Er kann das Keusche nicht lassen.« »Weiter!« rief Angèle. »Wie Sie befehlen, unendlich geschmackvolle Provençalin!« »Laßt sie in Ruh«, bat Friquette ärgerlich. »Es dauert sonst bis morgen und wir erfahren trotzdem nichts.« »Dir zu Ehren, stets entbrannte Frique, werde ich es kurz machen. Allerkürzest.« Ouilouis simulierte, unter Benützung einer besonderen leidenschaftlichen Körperdrehung, letzte Verzückung. » Eh bien , Rémy kommt gestern, vielmehr heute nacht um zwei zu mir und teilt, glorreich wie er schon geboren ist, meinem Einschlaf mit, daß die Rue Lépic neuerdings zur Polizeistraße avanciert sei. An der Ecke der Rue des Abbesses befinde sich ein fliegender Graphik-Händler, halb unter der Terrasse eines kleinen Cafés. An dieser Ecke Graphik? Wer stellt sich dorthin? Wer kauft dort? Also vollkommen klar. Ich gebe Rémy recht, vor allem, damit er mich endlich schlafen läßt. Dennoch muß ich mir noch sagen lassen, ich sei teilnahmslos. Ich – teilnahmslos. Ich bin stolz, daß Rémy sitzt. Er hat zwar wunderbar auffallende Gewohnheiten, aber er war mir doch noch nicht interessant genug.« »Liebste Ouilouis«, hauchte Angèle höflich, »das ist vielleicht richtig und sicherlich sehr ergötzlich, aber man kennt sich leider nicht recht aus.« »Ich bin erstaunt, charmanteste Angèle.« Ouilouis legte einen 18 Fuß aufs Knie, streifte den Halbschuh ab und entleerte einige Sandkörner auf den zerrissenen Läufer. »Die Sache liegt doch auf der Hand.« »Ich verstehe auch nicht ganz . . .« sekundierte Friquette behutsam. »Bei dir wundert es mich nicht.« Ouilouis zupfte das Schleifchen auf ihrem Schuh zurecht. »Ouilouis, lassen Sie solche Anwürfe!« »Sie haben sich wichtig zu machen, Nénesse! Sie bilden sich wohl immer noch ein, daß Sie mir gefallen? Pas pour deux sous! « Ouilouis setzte den Nagel ihres rechten Daumens an die Vorderzähne und riß ihn knackend nach vorn. »Nun denn, meine andächtige Gemeinde, Rémy ist an der Ecke der Rue des Abbesses in dem Augenblick verhaftet worden, als er Ginette die Hand gab, in der sich ein Gramm Bigornette befand. Man versteht jetzt wohl endlich.« »Jetzt verstehe ich noch weniger.« Friquette wandte ihre Hände wieder ihren Strümpfen zu. »Ich nicht viel mehr.« Angèle schüttelte resigniert den Kopf. Nénesse schwieg. Ouilouis lachte. »Ihr seid einfach monströs. Monströs! Entweder seid ihr wirklich so dumm, wie ihr euch stellt, oder noch viel dümmer. Aber ich glaube, da habe ich selbst etwas Dummes gesagt.« Sie lachte so herzlich, daß sie die Balance verlor und von der Fauteuillehne zu Boden purzelte. Bei diesem Sturz flog der Halbschuh aus ihrer Hand. Auf Nénesse' Ohr. Der tat einen unerwartet böswilligen Ausruf: »Eine gräßliche Person!« »Ich bin ganz und gar nicht gräßlich. Aber Sie sind einfach widerlich schön.« Ouilouis hatte nach einigen vergeblichen Versuchen, aufzustehen, sich entschlossen, liegen zu bleiben. Den Kopf in den Händen, die Ellbogen auf dem Teppich, sprach sie zum Plafond empor: »Ich wette, daß Rémy das absichtlich gemacht hat. Damit er endlich eingesperrt wird. Und damit ich ihn mehr liebe.« »Unsinn!« sagte Angèle ernst. »Warum?« Ouilouis spitzte verletzt die Lippen. »Er hat mir doch zuvor gesagt, was es mit dieser Ecke Rue des Abbesses für eine Bewandtnis hat. Und ein paar Stunden später wird er gerade dort erwischt.« Es klopfte an die Tür. Ohne die Erlaubnis abzuwarten, trat ein kleiner fleischloser Herr ein. Er blieb mit dem Ausdruck eines Verprügelten an der 19 Tür stehen, schnupperte mit seiner Gassenjungennase ins Zimmer hinein und krächzte leise: »Ich kann nicht atmen.« »Geld gibts nicht mehr.« Angèle erhob sich. Auch Friquette verließ das Bett. »Du weißt sehr wohl, daß es hier nichts zu holen gibt.« »Komm her, Samiel! Hilf mir auf!« Ouilouis patschte in die Hände. »Dann kannst du wieder atmen.« Samiel war hocherfreut, einen Grund gefunden zu haben, im Zimmer bleiben zu können. Er rasselte schleimig: »Arme Ouilouis! Aber warum war er auch so unvorsichtig.« Dabei zog er sie an den Schultern hoch. »Rémy war nicht unvorsichtig.« Ouilouis stemmte die Fäuste auf die Hüften und grinste Samiel auf die Nase. Der war schlankweg beglückt darüber, daß man sich mit ihm in ein Gespräch einließ. »Er war unvorsichtig. Ist es vielleicht nicht unvorsichtig, so etwas zu glauben?« »Was zu glauben!« schrie Ouilouis, weil sie nichts begriff. Samiel drehte den dürren Hals stolz aus dem schmutzigen Kragen. »Zu glauben, daß es wahr ist.« »Was soll wahr sein!« Ouilouis' Stimme überschlug sich pfeifend. »Daß der Graphik-Händler an der Ecke . . .« »Aber es ist doch wahr!« flüsterte Ouilouis, ihr selbst unhörbar. »Ja natürlich ist es wahr. Aber es ist nicht wahr, daß er nur dort ist, um die Rapporte semmelwarm zu erhalten und danach die Flics zu dirigieren.« Samiel holte sich, innig lächelnd, mit der Hand sein Gesicht nach vorn. Ouilouis ließ ihre Fäuste bis zu den Knien sinken. Ihre Finger fielen schlaff herunter. Ihr purpurrot gewordenes Mündchen formte eine kleine Weile Buchstaben, bevor sie die Stimme wiederfand. »Also wozu ist er denn noch da?« Samiel bewegte wichtig die eckigen Schultern und räusperte sich vorerst umständlich. »Rémy erzählte mir gestern, daß er aus erster Quelle erfahren habe, der Graphik-Händler sei zwar ein Flic, aber nur für die Kommunikation, nicht für die Straße. Und daß es deshalb ganz besonders sicher wäre, dort Schnee zu wechseln.« »Vermutlich ist der Graphik-Händler also tatsächlich nur ein simpler Graphik-Händler.« Angèle, die haarscharf aufgepaßt hatte, trat neben Samiel. »Die ganze Geschichte wird immer lustiger.« Friquette knöpfte unsicher an ihrem Kleid. »Im Gegenteil.« Angèle wurde plötzlich so ernst, daß sie zu erbleichen schien. »Rémy ist zweifellos verpfiffen worden.« 20 »Unmöglich! Ganz unmöglich!« zeterte Ouilouis. »Samiel, wissen Sie, wer Rémy diesen Rat gab?« Angèle stand, aufgeregt mit den Fransen ihres Kostüms spielend, dicht vor ihm. »Nein. Rémy wollte es mir nicht sagen.« »Heute abend noch werden wir es wissen.« Angèle hörte, starr auf die Wand blickend, Nénesse' Bewegungen zu. »Ich werde mit Rémy sprechen. Ich werde es erreichen.« Nénesse, der, mit seinem Stöckchen sachte auf einen Stuhl tippend, an einem Paravent lehnte, löste jetzt langsam seinen Rücken, setzte seine Mütze fester in die Stirn und ging, sich leicht in den Knien wiegend, zur Tür, von wo er, den Kopf kaum zurückwendend, Friquette zurief: »Ich bin um fünf bei ›Cyrano‹. Du kommst doch nach.« »Ja«, antwortete Friquette, aber ein wenig zaghaft. »Ich werde mitkommen«, sagte Angèle sehr laut. »Soll mich freuen.« Nénesse schloß sie Tür. Und sofort flüsterte Angèle mit atemloser Stimme: » Er war es.« »Was?« Friquette lief hastig herzu. Ouilouis drängte sich an Angèles Körper. »Du glaubst also wirklich, daß er . . . Mir hat er übrigens nie gefallen.« »Ich bin überzeugt davon, daß er es war. Aber, Ouilouis, du hast doch auch mit ihm geschlafen.« »Ich auch? « Angèle lächelte trübe. »Ja, ich auch. Aber nur einmal. Wie wir alle.« »Angèle, du hast . . .« Friquette versuchte weinerlich, aus all dem klug zu werden. »Wie wir alle, liebe Frique. Deshalb läßt er sich doch mit keiner Frau näher ein. Das gehört dazu. Niemand darf wissen, was er macht. Und Frauen sind so schwatzhaft. Nun, Ouilouis, ist dir dein Rémy jetzt interessant genug?« »Aber das ist ja einfach monströs!« Ouilouis hinkte durchs Zimmer, nach ihrem fehlenden Halbschuh suchend. »Monströs!« »So sagt mir doch endlich, was . . .« Friquette wurde durch einen Schlag auf den Mund unterbrochen. Angèle, die gleichzeitig mit der andern Hand den übrigen ein Zeichen machte, zu schweigen, wisperte: »Minute!« und ging auf den Fußspitzen zur Tür, die sie plötzlich mit einem Ruck aufriß. »Ah, also immer noch da, mein Herr?« »Mein Schuhband war gerissen«, hörte man die Stimme Nénesse'. » O là là. « Angèle warf knallend die Tür ins Schloß und kam 21 rasch ins Zimmer zurück. » Voilà. Nun ist überhaupt kein Zweifel mehr möglich.« »Woran kein Zweifel mehr?« Friquette blickte völlig verstört drein. »Wer dein Nénesse ist.« Angèle zog sich wütend die Handschuhe an. Samiel schmiegte, höhnisch hüstelnd, sein Kinn an Friquettes Arm: »So wahr ich nicht atmen kann – c'est un beau de la préfecture, ton Nénesse. « Angèle lachte aus vollem Hals. »Da hast du hundert Sous.« 22   Die dilettierende Pension Pasztor, ein schwarzäugiger Ungar, hatte in einem Pariser Restaurant einen so wuchtigen Faustschlag auf den Mund bekommen, daß er zwei Vorderzähne ausspie. Zu allem Pech aber hatte er seinen weitaus einflußreicheren Gegner daraufhin dermaßen aufs Ohr gehauen, daß dieser ohnmächtig wurde. Deshalb zog Pasztor in weiser Erkenntnis es vor, unverzüglich abzureisen. Da er jedoch lediglich ein Billett dritter bis Basel zu kaufen imstande war, einer Stadt, welche er mit Recht für ungeeignet hielt, verfiel er unterwegs auf einen sehr praktikablen Ausweg: er ersuchte, nachdem er dem Hoteldiener des ›Basler Hof‹ langsam und deutlich seinen Gepäckschein eingehändigt hatte, den Portier, ihm vierzig Franken zu leihen, was dieser mit sauersüßer Liebenswürdigkeit schließlich tat. Pasztor verließ daraufhin in einem gut gewählten Augenblick das Hotel, fuhr mit der Tram zum Bahnhof, nahm dem Hoteldiener vor der Gepäckausgabe-Stelle mit einem kleinen Trinkgeld seinen Gepäckschein wieder ab und gab seinen Koffer bis Buchs auf, wo er mit demselben Zug, den er vor einer halben Stunde verlassen hatte, ankam und mit einem in österreichischen Kronen beträchtlichen Betrag. Spät am Abend dieses Tages war er in Wien, schlief im Hotel Wimberger schlecht und wenig und war deshalb am folgenden Morgen so durchaus nicht auf der Höhe, daß er seiner Depression erlag und, statt im Hotel Imperial abzusteigen, in der kleinen, nicht sonderlich sauberen Pension Vienna in der Frankgasse ein Zimmer mietete. Die Folge davon war, daß Pasztor, dem das seit dem Weltkrieg durch zwanzig dividierte Wien schon nach dem ersten Ausgang Lebensüberdruß verursachte, in einen gräulichen Zustand von Apathie verfiel, der ihn nicht nur verhinderte, über die Behebung der Leere in seinem Portefeuille nachzusinnen, sondern überdies zu gänzlich zwecklosen Grübeleien über die Vergänglichkeit alles Glanzes verleitete. Glücklicherweise war Pasztor eine selten labile Natur, so daß er bereits nach wenigen Tagen an das schmutzige, farbenarme und unelegant gewordene Wien sich gewöhnt hatte, ja sogar, was beiweitem deutlicher seine wiederkehrende Kraft verriet, auch an die unsägliche Pension, die ihn beherbergte, und an deren noch unsäglichere Gäste, die, auch wenn sie deutsch sprachen, ein gebrochenes Kroatisch zu mauscheln schienen, und 23 überhaupt weniger den Eindruck einstiger Österreicher machten als vielmehr den von heruntergekommenen Parvenues. Die von grotesken Verblödungserscheinungen durchsetzten Konversationen, mit denen sämtliche Mahlzeiten arrosiert wurden, begannen Pasztor allgemach derart zu amüsieren, daß er sich entschloß, sein bisheriges Schweigen zu brechen und das um vieles größere Vergnügen sich zu machen, Sprengversuche an diesen soliden Existenzen vorzunehmen. Dazu benützte er, allerdings auch in der Hoffnung, einige Dupes sich zu holen, eine Äußerung, welche eine junge hübsche Kölnerin über einen jüngst von ihr bewunderten Abenteuer-Film machte. Pasztor versicherte, auch ihm habe dieser Film sehr gefallen, und fügte, konsekutiv reflektierend, hinzu, der Hochstapler sei vollauf mit Recht der Held von heute, der Heros aller zugkräftigen Romane, Theaterstücke und Filme: er verkörpere die Sehnsucht der nach wie vor verbürgerlichten Menschheit nach einem lockeren luftigen Leben, frei von geographischen und anderen Grenzen; weshalb es aber umso unfaßlicher sei, daß gerade diese Menschheit, die den Hochstapler in der Projektion vergöttert, ihn mit der schändlichsten Nichtachtung behandelt, wenn sie ihm im Leben begegnet, ja mit Verachtung und Hohn; welches Verhalten weder von der Furcht vor einer Vermögenseinbuße gerechtfertigt werden könne noch von dem Neid, der hier vollendet sieht, was er selber vielleicht vergeblich erstrebt hatte. Nach dieser wohl hingelegten Suada überließ sich Pasztor, zart schmunzelnd, seinem Braten und die überaus peinlich berührten Umsitzenden einem gehässigen Schweigen. Nur die junge Kölnerin hielt es nicht. Der quälende Wunsch, zu dokumentieren, daß sie derselben Meinung sei, zitterte nicht weniger aus ihren Augen als ein gewisser Wissensdurst. Ihre Stimme wurde voll und schwer: »Wenn es aber weder Furcht ist noch Neid . . . ich meine . . . schändlich ist es ja auf jeden Fall, aber . . . aber es ist vielleicht die Angst vor der Polizei.« Pasztor freute sich über diese unerwartet herausfordernde Bemerkung so sehr, daß er sogar ein wenig zu genau replizierte: »Sollte die Angst davor, mitgefangen zu werden, jene von mir gerügte Einstellung verschulden, so würde das denn doch ein ungewöhnlich großes Maß von Feigheit bedeuten. Denn dafür, daß man mit einem notorischen Hochstapler sich unterhält, ohne das Bedürfnis zu haben, ihn anzuzeigen, wird man noch nicht eingesperrt, ja wenn man in einer bürgerlich einwandfreien Situation sich befindet, schwerlich auch nur molestiert. Zudem werden Sie, 24 wenn Sie bedenken, daß der Hochstapler ohne die Polizei gar nicht möglich wäre, leicht einsehen, daß ein mäßiges Wohlwollen für diese Institution unerläßlich ist.« Die junge Kölnerin riß erregt an den schwarzen Verschnürungen ihres prall anliegenden Samtkleides. »Sie sagen das alles sehr treffend . . . wirklich sehr treffend . . . Aber wenn es nicht die Angst vor der Polizei ist, was ist es dann?« Pasztor verspürte ein Jucken unter der Nase: das für ihn untrügliche Zeichen, daß Beute nahe. Das machte ihn fast schon verwegen. »Es ist derselbe Widerspruch, der enragierte Verehrer der Antike zu Skat-Fanatikern macht, begeisterte Buddha-Jünger zu Shimmy-Fexen und hartnäckige Theosophinnen zu Gelegenheits-Kokotten.« »O!« rülpste in diesem Augenblick die am Tischende breit und klebrig thronende Pensionsinhaberin Scheutich und wischte sich mit einem Schürzenzipfel etwas Schweinefett aus den Mundwinkeln. Die junge Kölnerin bemühte sich, die Hände zitternd an den Ohren, durch ihre heißen Blicke Pasztor zum Weitersprechen zu bewegen. Dessen hätte es zwar nicht bedurft, aber es bewirkte immerhin, daß Pasztor sich endgültig hinreißen ließ: »Es ist derselbe Widerspruch, der leider eine deutsche Spezialität ist. Während man anderswo, besonders in südlicheren Ländern, jene Leute, von denen man nicht genau weiß, wovon sie leben, mit Wohlgefallen betrachtet, behandelt man sie nördlicher wie übelstes Pack. Die Menschheit hat zwar nirgends den vollen Mut zu sich selbst, aber nur hier hat man sich diesen vollendeten Knacks seiner Person geleistet, vor dem andere gleichsam mit offenem Mund dastehen.« Sämtliche Pensionäre ließen empört die Bestecke auf die Teller sinken und die Köpfe drohend nach hinten. Frau Scheutich thronte schlechthin majestätisch. Die junge Kölnerin aber schien wie auf dem Sprung, jemandem an den Hals zu fahren. Ihre dunklen Augen zuckten feucht. Ihre weichen Finger griffen ins Leere. Pasztor, der sie schon in seinen Haaren fühlte, widerstand begreiflicher Weise nun umso weniger dem Schauspiel, das von Sekunde zu Sekunde bedrohlicher um ihn sich entfaltete, und warf sich mit aufschmetternder Stimme und erhobener Faust nach vorn: »Man müßte diesen unerträglich banalen Gaunern und diesem ganzen billigen Bürgergebock die Kopfsteuern und Unterleibsgebühren erhöhen, verdreifachen, verhundertfachen. Und zwar in dem 25 Maße, als diese Bande sich von ihrer schiefen Romantik retiriert, wenn sie sie einmal vor sich gerade auf den Beinen sieht.« Das war zu viel. Frau Scheutich hob ihr gewaltiges Posterieur um Zentimeter und krähte: »Herr Pasztor, ich muß Sie nun doch energisch darum ersuchen . . .« Sie quappte zurück, außerstande, Weiteres zu formulieren. Gleichzeitig flogen allenthalben Servietten auf den Tisch. Stühle polterten zurück. Fassungslose Interjektionen erstarben. Nur die junge Kölnerin hing verzückt an Pasztors schwarzen Augen, die sie jetzt schlankweg mit Innigstem überschwemmten, und ergriff über den Tisch hin feurig seine Hand, dieweil ihre Füßchen sich nach seinen Waden schnellten . . . Selbstverständlich verbrachte Pasztor die folgenden Nächte in den weißen Armen der jungen Kölnerin, für welche er längst zu einer grandiosen Kreuzung von Übermensch und Lebenskünstler avanziert war; die Tage eng an ihrer Seite mit Spaziergängen oder Autofahrten. Die Mahlzeiten nahmen sie gleichwohl in der Pension, um des Vergnügens der Konversationen, die immer bissiger und versteckter geführte Raufereien waren, nicht entraten zu müssen. Und da die junge Kölnerin, wohl glaubend, daß Pasztor vorübergehend geniert sei, alle Ausgaben bestritt, wäre dessen Glück sonnenfleckenlos gewesen, wenn nicht . . . . . . wenn er nicht eines Morgens auf der Treppe die Wahrnehmung hätte machen müssen, daß nun schon zum dritten Mal eine alte Frau neben dem Eingang zur Pension an der Mauer lehnte. Und kaum war sein Mißtrauen wach geworden, als auch schon die Symptome sich mehrten: Frau Scheutich wich ihm ängstlich aus; die Tischgespräche versiegten stets unwahrscheinlich schnell; die Dienstmädchen sagten nicht mehr ›Küß' d'Hand‹, sondern sehr laut und hochdeutsch ›Guten Tag‹ und richteten, wenn sie es unbemerkt tun zu können glaubten, mit brennender Neugier, aber doch nicht ganz ohne einen gewissen kalten Schauer die Augen rund auf ihn; und eines Sonntags saßen zur Mittagstafel zwei undefinierbare ältere Frauen ihm gegenüber und Frau Scheutich zur Linken ein auffällig steifer Herr unklaren Kalibers, in welchen Gelegenheitspersonen Pasztor augenblicks die amtierende Kriminalpolizei agnoszierte. Er war lediglich im Zweifel, ob er diese unerwünschte Aufmerksamkeit der hinterlistigen Beflissenheit eines rachelustigen Pensionsinsassen verdankte oder der Basler Polizei. Nicht im Zweifel aber war er darüber, daß nun ein sehr vergnüglicher Kleinkrieg ausgefochten werden würde. Seine Erwartungen wurden noch übertroffen: die ganze Pension, 26 mit Ausnahme der jungen Kölnerin, die taktischer Weise in ihrer Ahnungslosigkeit belassen wurde, hatte mit der Polizei paktiert und wetteiferte, ihn zu überführen. Sein Tischnachbar, ein Lederhändler en gros namens Feijfkeikow, begann allerlei verfängliche Fragen zu stellen, die nicht erst dermaßen naiv hätten stilisiert sein müssen, um Verdacht zu erregen; ja, er sprach Pasztor sogar einmal in einem Kaffeehaus an, in der unabweisbaren Absicht, sein Vertrauen zu gewinnen und ihn auszuhorchen. Auch das Stubenmädchen pirschte sich eines Abends an Pasztor heran, legte ihm die Finger mit zartem Druck auf den Unterarm, sprach von seinen weißen Zähnen und plötzlich von den Ringen und der Brillantbrosche der Frau Pokorny. Und deren Gatte, ein Gemischtwarenhändler a. D., zog Pasztor wiederholt in eine Ecke des Speisezimmers und daselbst in langwährende Gespräche, um seine Ansicht über etwaige Geschäftsverbindungen mit Temesvar zu hören. Kurz, die ganze Pension dilettierte hinter ihm her. Dieser Zustand, so vergnüglich er auch war und reich an Gelegenheiten, all dieser Kleinbürgerkrapül feiste Niederträchtigkeiten zu versetzen, wurde Pasztor auf die Dauer doch zu prekär. Sonderlich in Hinsicht auf die junge Kölnerin, die irgendwie aufmerksam geworden zu sein schien. Und als sie eines Nachts eine Nervosität bekundete, die zu deutlich harmlose Motive ausschloß, fragte Pasztor sie kurz entschlossen, was sie beunruhige. »Ach, ich fürchte, dich bald zu verlieren.« Dabei zog sie ihre dicken Haarflechten sich um den Hals, als wollte sie sich mit ihnen erdrosseln, und machte ein Gesicht, dessen Schmerz schon halb ins Jenseits zielte. Pasztor, der auf solches zwar gefaßt gewesen war, geriet angesichts der vollendeten Tatsache nun aber doch in Hitze: »Helene, aber Helene . . . Was fällt dir nur ein!« Er rannte, mit den Armen fuchtelnd, durchs Zimmer und fing an, so viel und so wirr zu reden, daß er sich schließlich verplapperte: »Ah, so leicht fängt man Pasztor nicht!« Aber noch bevor er seinen Lapsus hätte korrigieren können, begann Helene herzzerbrechend zu schluchzen. Pasztor, der alles auf dem Spiel sah, kroch rasch ins Bett und preßte seinen Leib an den ihren; begütigte, liebkoste, bettelte, schwieg. Plötzlich warf Helene Kopf und Hände ihm auf die Brust und heulte auf: »Ach, Lieber, alle laufen sie dir nach. Alle. Bis eben einmal eine kommen wird, die dir besser gefällt als ich. O, ich habe solche Angst, dich zu verlieren!« 27 Pasztor lächelte unbeschreiblich. Dann richtete er sich langsam auf. Es war, als geränne er zu seinem Monument. Endlich lispelte er, die Sachlage voll auszunutzen im Begriffe: »Mein Einziges, sei ruhig, ich bleibe bei dir . . . wenn du es ganz ernsthaft willst, wenn du bereit bist, mir . . .« »Aber hast du auch wirklich nichts mit der Frau Pokorny?« Helene hatte ihm gar nicht zugehört. »Um dich mir abspenstig zu machen, hat sie mir erzählt, du wärst ein gefährlicher Hochstapler und die Zähne hätte man dir auch schon eingeschlagen . . . Ich solle mich aus deinen Klauen retten, aber nicht sagen, daß sie es mir sagte . . . wegen der Polizei, die dich in flagranti erwischen will . . . Ich weiß gar nicht mehr, was sie noch alles sagte . . . Aber so etwas spricht doch Bände!« Sie schmiegte ihren vollen Bauch herausfordernd an ihn. Pasztor wußte, daß es nun galt. »Und wenn ich nun tatsächlich ein Hochstapler wäre.« »So würde ich dich noch unmenschlicher lieben.« »Aber die Polizei?« »Man kann mich doch nicht einsperren. Das hast du selbst gesagt.« »Würdest du mit mir fliehen?« »Ich habe keinen Knacks!« »Wir haben zu wenig Geld.« »Ich habe genug für uns beide. Ich werde dir sogar eine Brücke machen lassen. Außerdem heirate ich dich einfach. Dann ist alles in Ordnung. Denn wenn die Polizei wirklich etwas wüßte, wärst du doch schon verhaftet.« Die Richtigkeit dieses so einfachen Schlusses verblüffte Pasztor. Und da er sich nicht das erforderliche Ausmaß zusprach, um gegen eine Weltorganisation wie die der Polizei, nachdem er ihr verdächtig geworden war, sich mit Erfolg zu halten, hielt er es für das Klügste, Helenes Antrag anzunehmen. Es mußte ja trotz allem noch nicht das Ende sein. 28   Das ominöse Schild Als Somogyi (aus Agram) nach monatelanger Abwesenheit gegen acht Uhr morgens die steinerne Wendeltreppe eines schmalen Hauses in der Via Mazzini emporstieg, um bei seinem Gelegenheits-Kumpan Bazzo sich zu verbergen, blieb er im zweiten Stock vor einer Tür stehen, an der ein schmutziggrauer Karton hing mit der schwarz gedruckten Aufschrift: › Servizio latrina cent. 30 ‹. Somogyi, das bevorstehende schwierige Wiedersehen im Kopf, wollte schon weitergehen, als er fühlte, daß er die Gelegenheit benützen könnte; und während er bereits mit der Linken vorne an seiner Hose nestelte, öffnete er mit der Rechten die Tür. Er hatte noch kaum recht gesehen, als ihm auch schon ein durchdringender Schrei entgegenscholl: mitten im Zimmer stand in einem großen Blech-Lavabo eine nackte Frau, in der einen Hand einen nassen Schwamm, in der andern ein Stück Seife. Somogyi war so verdutzt, daß er völlig vergaß, wo seine Linke sich befand. » Porco cane! Maledetto porco! « schrie die Frau, die Knie schließend und die Seife auf ihre Scham pressend. Ihr Gesicht gebärdete sich, als griffen ein Skorpion und eine Maus sie gleichzeitig an. Somogyi, seine Linke immer noch an der gewissen Stelle, grinste jetzt langsam, aber außerordentlich sanftmütig. Infolgedessen übersah er, wie der rechte Arm der Frau ausholte und den Schwamm gegen ihn schleuderte. Der Schwamm ging fehl. Er platschte, hart neben Somogyis Kopf, an die Wand, von der er, nachdem er einen dunkelbraunen Fleck von der Form Südamerikas zurückgelassen hatte, mit einem saftigen Glucksen auf die Steinfliesen fiel. » Aiuto! « zeterte die Frau, nach diesem Mißerfolg noch wütender, und schüttelte drohend die Faust. » Aiuto! « Aber Somogyi hatte die Tür bereits hinter sich geschlossen. Nicht zuletzt, weil sein geschultes Ohr in der Ausführung des jüngsten Hilfeschreies eine gewisse Mattigkeit wahrgenommen zu haben glaubte. Er näherte sich zögernden Schrittes, mit seinen pfaublauen Augen unentwegt auf die gleißende Leibesfülle der Badenden glotzend. » La prego di scusarmi, signorina  . . . Aber das Schild an der Tür gab mir immerhin eine gewisse Berechtigung . . .« »Was für ein Schild, Madonna!« keifte die Frau mit 29 unwahrscheinlicher Weinerlichkeit. »Packen Sie sich jetzt endlich oder . . .« Sie holte mit der Seife aus. Die Situation war in höchstem Maße kritisch. Somogyi erkannte es. Er machte schnell kehrt, öffnete die Tür und knüpfte das Schild los. Diese Beschäftigung beanspruchte ihn jedoch mehrere Minuten, so daß die Badende Zeit fand, aus dem Lavabo zu steigen und sich in ein rosafarbenes Leintuch zu hüllen. Somogyi trat gravitätisch wieder ein, schloß unbemerkt die Tür ab und stelzte hierauf, das Schild steif vor sich hinhaltend, auf die überaus verwundert Dreinblickende zu. Diese las alsbald. Las immer wieder. Mit bebenden Lippen. Mit torkelnden Augen. Somogyi weidete sich mit bemerkenswerter Niederträchtigkeit an dem psychisch parterren Zustand seines Opfers, das erst nach Sekunden hervorzugurgeln vermochte: » Madonna . . . Madonna . . . Cos' è questo? Che . . . « »Dieses Schild hing an Ihrer Tür. Sie konnten sich soeben selbst davon überzeugen und werden deshalb endlich begreifen, weshalb ich hereinkam, ohne anzuklopfen. Aber nur dadurch ist meine Haltung zweideutig geworden.« Somogyi ließ das Schild sinken, es dezent umwendend. »Madonna . . .« entrang es sich, wenn auch um vieles schwächer, der Kehle der nunmehr bloß Verwirrten. »Aber wie kommt dieses Schild an meine Tür? Ich wohne doch schon zwei Jahre hier.« »Vielleicht ebendeshalb«, entfuhr es Somogyi in unverantwortlichem Übermut. Um es zu annullieren, stellte er sich vor: »Somogyi. Nikolaus Somogyi.« Es ist wohl eine der unerklärlichsten Erscheinungen, daß der unmöglichste Mensch, sobald er sich vorstellt, irgendwie an Boden gewinnt. Zudem hatte Somogyis freche Antwort, da sie unverstanden blieb, sogar imponierend gewirkt. Und so geschah es, daß Somogyi miteins den Namen »Eletta« gehaucht vernahm. Augenblicks ließ er das Schild fallen, riß Elettas noch feuchte Hand an seine Lippen und küßte sie voll Inbrunst. Diese Unternehmung hatte die einigermaßen vorherzusehende Folge, daß Somogyi erwog, wie er die Besitzerin dieser genußreichen Finger auch mit ihren restierenden Körperteilen seiner Lust dienstbar machen könnte. Er erwog nicht lange. Wußte er doch wie das Alphabet, daß auch die Prüdeste stets den Rüdesten erträumt. Dennoch hielt er es für ratsam, sonderlich in Anbetracht der jüngst gemachten Erfahrungen, speziell überraschend vorzugehen. 30 Deshalb stieß er im selben Moment, da er ihre Hand freiließ, seine Faust so heftig zwischen Elettas Brüste, daß sie mit einem gebrochenen Aufschrei in ein niedriges Fauteuil plumpste, von dem Somogyi sie jedoch, um die Wirkung voll zu verwerten, an den Füßen zu Boden zog. Und zwar auf einen ehemaligen Gebetteppich, bei welchem Transport das rosafarbene Leintuch bis unter die Brüste sich schob, so daß Eletta, als ihre Bewegung zum Stillstand kam, gebrauchsfertig hingestreckt war. Ihr halbes Schreien vernichtete Somogyi, nachdem er sich über sie gestürzt hatte, durch einen wohl angelegten Kuß . . . Als Somogyi bereits aufrecht im Zimmer stand und Eletta, leise und sehr wirkungslos vor sich hinjammernd, unweit hinter ihm über dem Blech-Lavabo ihrer Toilette oblag, rüttelte es an der Türklinke. Vier Hände hielten indigniert inne. Eletta empfand es trotz allem angenehm, daß sie sich berechtigt wissen durfte, über Somogyi zu verfügen. »Schau mal nach, wer es ist.« Somogyi schaute nach. Legte aber sogleich die Tür geräuschlos ins Schloß und blickte bleich auf Elettas schon wieder eifrige Hände, über deren säubernden Griffen es machtvoll hin und her wogte. »Was ist denn los? Wer ist es denn?« Elettas Finger machten angesichts der enormen Ratlosigkeit Somogyis abermals halt. »Er hat mich nicht gesehen. Glücklicherweise.« Somogyis schönes Hundegesicht lächelte unstet. »Wer denn!« belferte Eletta ungeduldig. »Still!« wisperte Somogyi, schob sachte den Riegel vor und tänzelte auf den Fußspitzen hinter Eletta. »Kennst du ihn denn?« »Wen.« Eletta richtete sich teilweise auf. »Bazzo.« »Bazzo?« »Ja.« »Aber natürlich. Laß ihn nur herein!« »Ausgeschlossen.« »Warum?« Somogyi, der urplötzlich eine Lösung seiner allzu schwankhaften Situation gefunden zu haben hoffte, antwortete sehr ernst: »Diesen venerischen Hengst?« »Er ist . . . ?« Eletta schnappte. »Aber ich habe . . . du hast . . . er hat . . .« » . . . und wir haben – keine Zeit zu verlieren.« Somogyi 31 drückte ihr seine Hand auf den Mund, warf sich hierauf zu Boden und rollte sich kurzerhand unter die Ottomane, die vor dem Fenster stand. An der Tür rüttelte es ungestüm. » Subito, subito! « heulte Eletta ängstlich. »Ich leg nur etwas um.« Bazzo eilte lauernd über die Schwelle. Seine Hengstmähne wehte. »Wo ist es hin?« stieß er nervös hervor. »Was soll hin sein . . .« »Hast du es weggenommen?« Bazzos Augen flackerten wild. »Was denn nur . . . Du bist gar nicht so wie sonst.« Bazzo scharrte erregt mit einem Fuß. »Ich bin weder so noch so. Sondern so, wie ich gerade will.« »Also ein Charakter. Das hab ich schon immer geahnt.« Bazzo überhörte es ungern. Sein Blick schoß durchs Zimmer. »Was? Sand auf dem Teppich? Das Lavabo auf dem Boden? Und die Lampe steht nicht schief?« »Banknoten sind darunter.« Eletta kicherte verächtlich und schlüpfte in ein rotes Seidenhemdchen. Bazzo sah trotzdem nach: unter der Lampe herrschte Öde. »Ich bitte mir jetzt endlich Ernst aus, Stück Tier du!« »Mit dir ist es schwer, ernst zu sein. Du siehst alles.« Da stürzte Bazzo mit einem Mal nach vorn und griff mit zitternden Händen nach dem schmutzigen Schild. »Da ist es ja! Da ist es ja! Hast du es weggenommen?« »Nein, Somogyi«, sagte Eletta gedankenlos und lachte, als sie es bemerkte. »Wer ist Somogyi? Vielleicht dieser venerische Hund?« »Und da fragst du, wer es ist?« »Verflucht, wirst du mir endlich antworten?« »Seit zehn Minuten tu ich nichts anderes. Und zwar auf die saublödesten Fragen.« Bazzo neigte plötzlich lauschend den Kopf. »Hast du nichts gehört?« »Madonna . . . nein.« Bazzo beruhigte sich gleichwohl nicht, umklammerte Elettas Oberarm und fauchte ihr speichelspritzend ins Gesicht: »Dieses Schild da habe ich vor einer halben Stunde an deine Tür gehängt.« »Du?« Eletta bohrte ihm beide Fäuste in den Bauch. »Weg von mir! Unverschämt!« »Maul halten!« Bazzo griff nach einem zerbeulten Kupferleuchter. 32 Eletta spie darauf. Bazzo, sofort entmutigt, schmiß ihn zu Boden, auf dem er weiterrollte. Just unter die Ottomane, hart vor Somogyis Nase. »Ich habe es doch nur an deine Tür gehängt«, jammerte Bazzo jetzt, beinahe schon kleinmütig, »um die Poliziotti irrezuführen.« »Die Poliziotti?« Elettas Züge spannten sich unsympathisch. Es war unverkennbar, daß sehr Seriöses bei ihr einsetzte. »Ach so. Aber ich verstehe noch nicht . . .« Bazzo setzte sich konsterniert auf die Ottomane, wobei ihm das Schild aus der Hand fiel und zwischen seine Füße. »Vor zwei Stunden habe ich erfahren, daß sie mich suchen. Da sie mich bei mir nicht finden werden, werden sie mich bei dir suchen, infolge des Schildes aber nicht einmal deine Tür entdecken. Ist das nicht eine großartige Idee?« » Servizio latrina – eine großartige Idee? Madonna mia . . .! « Trotz dem zweifellosen Ernst der Lage kochte in Eletta von neuem der Zorn hoch. »Vormittags kommt doch kein Klient zu dir. Und jetzt ist es erst neun.« »Ein Irrtum. Und außerdem steht › 30 centesimi ‹ darauf. Die Polizei ist ja im allgemeinen gräßlich dumm, aber so viel weiß sie doch, daß in einem Privathaus der Servizio latrina gratis ist.« Eletta trällerte höhnisch. Bazzo schwieg verblüfft und beschämt. Somogyi, unter ihm, grinste amüsiert. Dann aber packte ihn wiederum der Übermut: er zog einen blauen Bleistift aus der Tasche und strich auf dem zwischen Bazzos Füßen liegenden Schild behutsam die Taxe durch. Unmittelbar darauf fielen Bazzos verwaschene Blicke auf das Schild. Und schon schwang er es, aufspringend. »Bitte zu lesen! Bitte zu lesen!« Seine Augen wölbten sich jählings voll eitel Siegerjubel. Eletta machte ein ideal verdrossenes Gesicht. »Du hast eben einen blauen Bleistift. Denn bevor du es aufgehoben hast, war die Taxe noch nicht durchgestrichen.« »Es steht dir frei, mich zu visitieren.« »Fällt mir gar nicht ein! Übrigens kannst du ihn ja weggeworfen haben.« »Visitiere das Zimmer!« Eletta lächelte seltsam, sich hastig ankleidend. »Die Poliziotti können jeden Augenblick da sein.« »Ja so.« Bazzo eilte zur Tür und befestigte das Schild neuerdings. 33 Es dauerte mehrere Minuten. Währenddessen huschte Eletta vor die Ottomane. »Somogyi, hörst du?« »Ja.« »Was soll ich mit diesem buffo nur machen?« »Gar nichts.« »Wenn aber die Poliziotti . . .« »Laß sie nur kommen.« »Aber das Schild ist doch ein Unsinn!« »Ebendeshalb.« Die Tür ging auf. Bazzo trat wieder ein. »Jetzt können sie kommen.« Sie kamen auch. Nach einer Viertelstunde. Bazzo, der auf der Ottomane saß, ließ sich widerstandslos fesseln und, nach einem schuldbewußten Blick auf Eletta, mit hängender Mähne abführen. Sogleich kroch Somogyi hervor, den zerbeulten Kupferleuchter in der Hand. Eletta betrachtete günstig seine Gestalt. »Gib den Leuchter her!« »Dein Wunsch ist mir ein Kichern.« Somogyi gehorchte freundlich. »Was willst du jetzt noch, du Hund? Bist du wirklich venerisch?« »So wenig wie dein verflossener Hengst.« »Was willst du also?« »Bazzo würdiger ersetzen.« »Madonna!« »O nein.« Somogyi zeigte seine schönen Zähne. »Du mußt mich verbergen.« »Was?« Eletta ließ den Leuchter fallen. »Dich suchen sie auch?« »Leider. Aber mich werden sie nicht finden.« Somogyi lief zur Tür und riß das ominöse Schild herunter. Nur noch ein Stückchen blieb hängen. »Der blaue Strich ist von mir.« Eletta lachte. Es war wie eine Hoffnung. »Seit wann bist du in Verona?« »Seit drei Stunden.« »Das ging schnell.« Eletta lachte immer noch. Somogyi hauchte einen Kuß auf das Schild. »Dank dem Servizio latrina .« »Meinetwegen!« 34   Eine kuriose Karriere Mit zwanzig Jahren widerfuhr Döll das Glück, die Aufmerksamkeit der Münchner Polizei zu erregen. Das geschah folgendermaßen. Döll saß in sehr vorgerückter Nachtstunde an der Seite eines blonden Ladenmädchens im Café Müller, unweit des Sendlingertors, und vertiefte also die ihn noch gar außerordentlich dünkenden Wonnen der ersten Liebe von erfahrener Hand. Da er zudem im Besitze von fünfundzwanzig Mark sich befand, die er seinem ehrsamen Vater meuchlings aus der Brieftasche entwendet hatte, kannte sein Hochgefühl keine Grenzen. Es nahm, als die zweite Flasche Pfälzer geleert war und Gusti, das erfahrene Ladenmädchen, ihn mit kundigsten Handgriffen neuerlich bedrängte, derartige Dimensionen an, daß er, mit äußerst ironischer Haltung des gesamten Körpers, zu singen anhub: »Du hast ja die schönsten Blauaugen, hast alles, was Menschenbegehr, du hast mich . . .« »Du hast mich«, unterbrach ihn Gusti, sehr zur Unzeit, aber mit grandios vollführtem Augenaufschlag und einem patenten Griff durch die Manschette nach seinem nackten Unterarm. In Döll gor es toll. Immer toller. Bis seine nunmehr komplette Extase explodierte: er richtete sich hoch auf, stieß seine Arme weit von sich und sang mit einem Ausdruck, der zwischen tragischester Schicksalsergebenheit und inbrünstigem Zynismus divin die Mitte hielt: »du hast mich zugrunde gerichtet, du Fetzen, du Schlampen, du Hur.« Gusti schien dies nun doch zu weit gegangen. Sie schnellte sich empört zur Seite, sprang auf und eilte in die Toilette. Döll, plötzlich unsäglich vereinsamt, sann nach. Er wußte zwar nicht genau worüber, aber er machte für alle Fälle ein höchst grausames Gesicht. Dieses sah ein kleiner kraushaariger Herr, der am Nebentisch saß und von Dölls schmählichem Gesang insoferne mit ganz besonderem Interesse Notiz genommen hatte, als er davon lebte. Nun hielt er es für günstig, die Abwesenheit der Frauensperson zu einer Annäherung zu benützen. Er schwenkte sich mit der allen Spitzeln eigenen Grazie, die gleichsam unterwegs in die Brüche geht, heran, 35 winkte jovial mit seiner Taschenuhr und behauptete betrübt, daß sie nicht richtig gehe. Döll, dadurch wieder in wachsender Laune, grinste ihm mit dem Hohn eines Menschen, der allen Kleinkram des Lebens im Sturm hinter sich warf, zwischen die schiefen Äuglein und schnarrte hochmütig: »Erstens bin ich kein Ingenieur, sondern eine Lokomotive. Und zweitens dürften Sie ja doch nie wissen, wie viel es geschlagen hat.« Der kleine Herr konstatierte zwinkernden Blicks eine alles Erwartete depassierende Frechheit und setzte sich, weiterhin Aufschlußreiches erhoffend, ungeniert an den Tisch. Trotz seinem bereits stattlich der Undeutlichkeit sich nähernden Zustand empfand Döll diesen Vorgang als durchaus ungehörig. Weshalb er ohne Zögern, ja mit unverkennbarem Wohlgefallen daran, eine Gelegenheit zur Verwendung seiner vagierenden Kraftgefühle zu haben, also Stellung nahm: »Sie sind entweder ein verfehlt maskierter Luki. Dann sind Ihre Manieren von sehr bedauernswerter Dürftigkeit. Oder Sie sind ein miserabel angezogener Halbseidener. Dann haben Sie wenig Aussicht, sich erfolgreich zu nähern. Denn nur ein Kavalier, der mir meine Dame erneuert, hat Aussicht, sie zu besitzen.« Dölls Ausdrucksweise, welche jeden Feineren vorerst hätte vermuten lassen, daß es sich bloß um einen Sensationslüsternen handle, däuchte den kleinen Herrn sofort die Routine des geriebenen Anreißers zu sein; die Äußerungen selber ein eklatanter Beweis für seine scharfsinnigen Unterstellungen. Er lächelte deshalb devot, lehnte sich weit zur Seite, um, ohne aufstehen zu müssen, sein Glas vom Nebentisch sich holen zu können, und stieß mit ihm an das Dölls, der dies mit den Worten geschehen ließ: »So gestoßen, ist halb verloren.« Der kleine Herr, der diesmal nicht ganz verstand, hielt es für eine neuerliche Frechheit; dieweil Döll sich leise rötete, da er hinterher bemerkt hatte, daß es seinem Aphorismus sowohl an Schärfe als auch an Format gebrach. Er hatte deshalb, um so mehr als er mit der typischen Empfindlichkeit Jugendlicher des kleinen Herrn zweifelndes Gesicht für überlegenheitstrunken hielt, das ununterdrückbare Bedürfnis, mit Stärkerem noch und Blitzenderem aufzutrumpfen. Zu diesem Zweck riß er seine Visage à la Napoleon zusammen, schob die Lippen machtvoll aufeinander und preßte bedeutungsschwer hervor: »Ich liebe den Kavalier. Er ist meine spanische Fliege, die ich, nicht so stupid, sie etwa verächtlich zertreten zu wollen, sogar zu kultivieren pflege, indem ich mit ihr 36 konversiere . . .« Dölls Geist verlor sich für Sekunden, rang dann aber gleichwohl sich durch: »Der Kavalier versieht mir die Dame mit dem Kontrast seines schütteren Liebhabertums und mit moderneren Hüten. Sie sind zwar nicht einmal der Mann, nach dem zu triumphieren ein Triumph wäre, geschweige denn ein zählender Zahler; aber immerhin ein possierliches Subjekt, das sich versucht und, nachdem es zweifellos jahrelang im leeren Zimmer unter Visionen sich minorenn vergnügte, heute Nacht mit anerkennenswerter Tollkühnheit auf das Leben losgeht. Geben Sie acht, daß Sie nicht Ihr Deka Selbstbewußtsein einbüßen, um dafür die Gewißheit einzutauschen, Ihre eigene Wurzen zu sein.« Ganz unerwartet machte der kleine Herr jetzt eine schnelle Verbeugung über den Tisch hin. »Sie gestatten. Jukundus Nieder mein Name.« Döll übersah die dargebotene, ihm zu rote Hand. »Ich, Bruno Döll, gestatte. Aber auf die Dauer nur, wenn Sie sich ernsthaft bemühen wollen, besser dazusitzen, weniger zu zwinkern und überhaupt ein bißchen mehr Anziehungskraft zu entwickeln.« Herr Nieder hob abermals sein Glas, wobei es ihm zur Gänze mißriet, verlockend dreinzuschauen, und stöhnte eifrig: »Ich kenne meine Fehler, lieber Herr Döll. Wer hat keine Fehler? Auch Sie haben vielleicht Fehler. Was liegt schon daran? Wenn man nur genügend Moneten hat.« Er zog ein umfangreiches silbernes Zigaretten-Etui aus der Westentasche und legte es vor sich auf dem Tisch zur Betrachtung aus. Döll, dem Herr Nieder daraufhin noch unsympathischer wurde, hielt dessen Bemerkungen für alberne Platitüden, zwang sich aber, um sich selber nicht zu desavouieren, auf jene unzweideutige Geste noch unzweideutiger einzugehen. »Daß Sie doch Geld zu haben scheinen, ist ein sehr erfreulicher Zug von Ihnen. Ob er aber auch gegebenenfalls bei mir halten würde?« Herr Nieders Mund zerlief feixend. »Er wird halten, Herr Döll. Er wird halten, wenn Ihre Liebste einsteigt.« Döll war darüber, daß er zum ersten Mal eine halbwegs ebenbürtige Antwort erhalten hatte, sofort derart begeistert, daß ihm der Geist noch schneller und holder kam: »Sie wird einsteigen. Und den Aufenthalt dazu benutzen, Ihnen für den Rest Ihrer Lebensfahrt eine Erinnerung zu besorgen, die nicht mit Gold aufzuwiegen ist.« Herr Nieder bewegte, mehr gewohnheitsmäßig als geringschätzig, den Kopf. Weshalb Döll wie vorgepeitscht sich weit über den Tisch legte. 37 »Selbstverständlich hängt es davon ab, ob Sie eine große Station sind. Denn wenn Sie bloß zehn Minuten halten, werden Sie schwerlich dazu kommen, etwas mit Gold aufzuwiegen, was nicht die erforderliche Zeit hatte, sich dermaßen wertvoll zu entwickeln.« Herrn Nieders rötliche Stumpfnase blähte sich süßlich. Er war bereits überzeugt davon, einen schweren Jungen aufgespürt zu haben; dennoch wollte er sich den Fang nicht zu viel kosten lassen, weil sein Vorgesetzter hohe Spesenrechnungen als Mangel an Geschicklichkeit interpretierte. »Ich werde halten«, meinte er mit widerlicher Bereitwilligkeit, »aber wie lange ich halte, wird von Ihrer Dame abhängen. Und davon auch alles andere. Einverstanden?« Mittlerweile hatte Döll vor der ihm gegenüber befindlichen Toilette Gusti erblickt. Dadurch war er so nervös geworden, daß er Herrn Nieders Propositionen überhört hatte. »Ob sie einverstanden ist?« knurrte er in schnell steigender Unruhe. »Wenn ich es verlange, ist es so gut wie geschehen. Aber wenn Sie ihr zu sehr mißfallen sollten, was ja möglich wäre, so . . .« Gusti trat an den Tisch. Sie hatte ihre taktische Entfernung dazu benützt, Frisur und Gesicht zu restaurieren; aber auch zu einer gewichtigen Unterredung mit der alten Toiletten-Paula, die ihr zu ihrer jüngsten Wahl gratulierte und als gerissene ehemalige Kokotte dringend riet, ihren Bruno an sich zu schmieden, sei es durch ein Kind, sei es durch . . . An dieser Stelle des Gesprächs hatte die Toiletten-Paula eine unbeschreibbare Handbewegung gemacht, die etwas sehr Bestimmtes und durchaus Ungesetzliches ausdrücken sollte. Gusti hatte verständnistriefend geschmunzelt, ein fürstliches Trinkgeld gegeben und sich tatsächlich entschlossen, ihren Bruno auf ähnliche Art sich zu holen. Sie stand deshalb mit einer Miene am Tisch, die so völlig von Selbstsicherheit durchflutet war, daß Dölls Verlegenheit zu einem ungewissen Zorn sich auswuchs, der wiederum den Vorteil hatte, ihn das Richtige treffen zu lassen. »So setz dich schon!« Seine Stimme schwoll männlich an. »Wo warst du überhaupt so lang? Ich möchte sehr darum gebeten haben, mich über sämtliche deiner Rendezvous auf dem Laufenden zu erhalten.« Gusti glaubte ihn eifersüchtig und setzte sich, schelmisch pfeifend. Als sie aber Herrn Nieder erblickte, glaubte sie an eine Intrigue und lächelte mitleidig. Dies hatte zur Folge, daß Dölls geheime Besorgnis, Herr Nieder könnte Gefallen erregen und ihn dadurch in die peinlichste 38 Situation bringen, augenblicks der übermütigsten Laune wich. Er begann, die gefährlichsten Ansichten zu entwickeln, die funkelndsten Sätze zu zimmern, die seltensten Vokabeln zu firsten. So daß Gusti, teils voll Stolz ob der Rarität ihres künftigen Bräutigams, in die ohnedies wohl geborene Brust sich warf, teils innerlich tief beglückt darüber nachgrübelte, wie sie ihren Bruno am besten an sich schmieden könnte. Da fiel ihr Auge, das den scheinbar nur mit halbem Ohr zuhörenden Herrn Nieder wegen Mangels an Erquicklichkeit geflissentlich mied, auf dessen Zigaretten-Etui. Ohne noch recht zu wissen, was sie damit bezwecken wollte, ergriff sie es, nickte lobend und sagte schließlich, Döll in seinen kühnsten Ausführungen gnadlos unterbrechend: »Sehr geschmackvoll. Und sicherlich furchtbar teuer.« Herr Nieder bejahte, mit Nachdruck die Hand hebend. Döll schwieg verwirrt. »Darf ich es Ihrem Freund schenken? Sie würden es doch an ihm noch lieber bewundern, nicht wahr?« Herr Nieder brachte eine beinahe gentlemanlike Haltung zuwege. Diese beruhigte Gusti, der plötzlich unklare Bedenken gekommen waren. Sie lachte verliebt, um einen Rest von Unsicherheit hinwegzuspülen. »Gefällt es dir denn überhaupt, Bruno?« Döll zuckte, noch verwirrter als vordem, die Achsel und versuchte, sich einzureden, alles nehme einen günstigen Verlauf. Als Gusti ihm aber, nunmehr bereits mit einer bestimmten Absicht, das Etui in die Tasche steckte, wollte er doch einlenken. Zu spät. Herr Nieder hatte sich schon feierlich erhoben, schwang sein Glas und sprach: »Ich danke Ihnen, Herr Döll, für die mich ehrende Annahme dieses kleinen Geschenks. Und Ihnen, mein Fräulein, für Ihr Entgegenkommen, das nicht unbelohnt bleiben wird.« Hierauf setzte er sich wieder und sogleich seinen rechten Fuß auf Gustis linken. Diese, welche in der Gunst dieses Zufalls einen Wink des Schicksals zu sehen sich beeilte, gab Herrn Nieder heimlich ein Zeichen und verschwand . . . Als sie nach einer Stunde, ohne Herrn Nieder, an den Tisch zurückkehrte, fand sie Döll in einer grauenhaft lethargischen Stimmung vor, welche nicht so sehr der übermäßige Alkoholgenuß verursacht hatte als vielmehr die bohrende Pein, nicht zu wissen, ob Gusti ihn für das Etui plus Extra betrog oder ob es nur ein Vorwand für sie war, einer rasch aufgeflammten Leidenschaft sich hingeben zu können. Der schier unerträgliche Umstand, durch seine Aufschneidereien zur Ohnmacht verurteilt zu sein, hatte Döll 39 anfangs zwar zu wüsten Selbstanklagen hingerissen, war aber doch bald vor genannter Pein zurückgetreten. Gusti lehnte sich schmeichelnd an ihn. »Bruno, hörst du?« »Ja«, grunzte Döll. »Jukun . . . Herr Nieder hat mir dreißig Mark gegeben.« Döll erzitterte leicht. »Und du?« »Ich mußte . . .« Gustis Köpfchen sank tiefer. » . . . ihm meinen Leib überlassen.« Döll zitterte stärker. »Du – mußtest?« »Er sagte mir, du hättest es mit ihm vereinbart.« Gusti hielt pfiffig inne. Als keine Antwort kam, fügte sie traurig hinzu: »Und da ich dich mehr liebe als mein Leben . . .« Sie steckte ihm die dreißig Mark in die Tasche zu dem Etui. » . . . und du mich doch heiraten wirst . . .« Döll riß bei diesen Worten die Augen weit auf und sein Taschentuch entzwei. »Was? . . . Ich? . . . Habe ich denn . . . Wollte ich denn . . .« Gusti quetschte mehrere Tränen hervor. »Ich wußte doch, daß du deinem Vater die fünfundzwanzig . . . und du mußt sie doch zurückgeben. Deshalb bist du doch nur auf das mit dem Nieder eingegangen. Und deshalb habe ich es doch auch nur getan, Bruno . . .« Döll, der nicht vergeblich ganze Bibliotheken verschluckt hatte und lediglich in Sensationen lebte, erschauerte toll. Immer toller. Bis die unermeßliche Fülle dieses Erlebnisses in ihm sich ausgebreitet hatte und ihn außerstand setzte, etwa irgendetwas in Zweifel zu ziehen. Er heiratete nach Jahresfrist, nachdem er, selbstverständlich gegen den Willen seiner Eltern, das Jus-Studium mit einer kommunalen Anstellung vertauscht hatte, seine edle Gusti, die, eine zweite Monna Vanna, für ihn sich geopfert hatte, und trug das erinnerungsträchtige Zigaretten-Etui tagaus tagein, obwohl es sich als eine wohlfeile Imitation herausgestellt hatte. Gusti wurde ihm erstaunlicher Weise eine treue Gattin und beschenkte ihn alsbald mit einem gesunden Knaben. Dieses Glück dankte Döll der Münchner Polizei. Und da sie auf Grund von Herrn Nieders Bericht nicht gezögert hatte, Bruno Döll unter Aufsicht zu stellen, dankte dieser ihr auch seine Karriere. Denn der Kommunal-Beamte, in dessen Ressort die Bearbeitung von Dölls Anstellungs-Gesuch fiel, hatte ihn, als die Umfrage nach seinem Vorleben derart Überraschendes zutage förderte, ins Verhör genommen, seine Unkenntnis jenes Umstandes konstatiert 40 und seine gänzliche Harmlosigkeit und damit implizite die Albernheit der Polizei und war von seiner eigenen Klugheit und Weitsichtigkeit so entzückt, daß er Bruno Dölls Gesuch nicht nur sofort glänzend befürwortete, sondern ihm auch späterhin das Avancement erleichterte. 41   Der Vicomte war in der Absicht nach Marseille gekommen, mit Bec-Salé und Gugusse einen großen Coup zu machen. Er hatte eben ein kleines Café auf dem Boulevard Baille verlassen, als er vor der Auslage einer Buchhandlung stehen blieb: ein Kriminalroman, dessen blutrünstiges Titelbild weithin leuchtete, hatte es ihm angetan. Seine Jugendleidenschaft lebte in alter Macht wieder auf: er nahm ein Exemplar in die Hand, blätterte darin und entfernte sich lesend. Das war immer schon sein Truc gewesen. Unter einem Haustor las er stehend weiter. Das Buch war langweilig und dumm. Schon wollte er es wegwerfen, als ein Einfall seinen schmalen feinen Mund kräuselte. Er riß noch einige Seiten mit den Fingern auf, verknitterte das Titelblatt ein wenig und löste den kleinen Zettel der Firma des Buchhändlers ab. Hierauf ging er langsam zurück, trat in die Buchhandlung und bot dem Inhaber dessen eigenes Buch zum Kauf an. Er empfing zwei Francs. Diese in der hohlen Hand schwenkend, schlenderte er vor sich hin, als er, plötzlich aufsehend, vor Wut aufzischte: er hatte den Geheimagenten Rebbis erkannt, der sich ihm wie zufällig näherte. Da eine Begegnung unvermeidlich geworden war, zog er es vor, Rebbis freundlich zu winken. Der war dermaßen durchsonnt von diesem glücklichen Zusammentreffen, daß es ihm nur schlecht gelang, so zu tun, als suche er in seiner Erinnerung. Als er sich hinreichend gequält zu haben glaubte, zog er den Hut: »Ah, monsieur le vicomte! Was für ein überraschendes Wiedersehen!« »Überraschend?« Der Vicomte blinzelte listig. Rebbis frottierte sich betreten die Hand. »Sie glauben also neuerdings . . .« »Nein.« Der Vicomte schmunzelte zart. »Sondern daß Sie immer noch . . .« »Ich werde Sie überzeugen.« Rebbis nahm mit jener einzigartigen Innigkeit, mit der man nur sein Opfer liebt, den Arm des Vicomte. »Aber stecken Sie doch schon das Geld ein!« Der Vicomte, der bloß davon überzeugt war, daß Rebbis ihn schon längere Zeit beobachtet hatte und die Herkunft des Geldes kannte, lächelte frech. »Ich wollte Ihnen gerade eine Mominette anbieten. Henri da drüben kennt mich. Ich bestelle Anisette und er bringt . . .« 42 »Immer noch der Alte«, sagte Rebbis lachend. »Gehen wir also hinüber. Die Luft hier ist übrigens fehlerlos.« »Das sagten Sie auch in Paris vor der Brasserie Lavenue, als Sie mir vorschlugen, Madame Briffant in der Avenue Loewendall auf den Plafond zu klopfen.« »Die Sache hätte Sie groß gemacht.« »Oder – krumm.« Der Vicomte legte die zwei Francs vor sich auf das Marmortischchen und schneuzte sich geräuschvoll, um seine Heiterkeit zu maskieren. »Ich versichere Ihnen . . .« Rebbis spielte, während er ein verblüfftes Gesicht aufsetzte, an dem großen runden Stein seiner Krawattennadel. »Kosten Sie den Absinth!« Der Vicomte änderte ganz unerwartet den Ton. »Was tun Sie jetzt?« »Es ist ja doch nur Anisette.« Rebbis kordialisierte flott mit. »Ich amüsiere mir den Kopfschmuck weg und schiebe Auskünfte.« Der Vicomte wunderte sich, als glaube er es. »Aber«, machte Rebbis gedehnt und warnte sich mit dem Zeigefinger. »Citroën ist eine Canaille.« »Sie lügen ja beleidigend.« Der Vicomte trank und sah in sein Glas. »Hören Sie, Vicomte . . .« Und während Rebbis weitschweifig begründete, daß er der berühmten Automobilfabrik die schwierigsten Privatinformationen besorge, dachte der Vicomte unausgesetzt darüber nach, wie er ihn sich vom Halse schaffen könnte. Schließlich kam er zu dem Schluß, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als seinen gewagtesten Truc loszulassen. »Hé, Rebbis, wie gefällt Ihnen das?« Er hatte mit einem Mal seinen Browning in der Faust und richtete den Lauf auf die Bar. Rebbis schwieg sofort und blickte, die Hand bereits in der Tasche an seiner Waffe, scharf auf den Browning des Vicomte. »Henri!« rief der Vicomte durchdringend. »Stell einen Stöpsel mit einem Streichholz auf die Etagère dort oben!« Henri, ein flinker schlanker Bursche, tat es scheu, aber schnell. Die Gäste an den umstehenden Tischen staunten mit gläsernen Augen umher. Der Vicomte stand auf, zielte auf das Streichholz und schoß. Im selben Augenblick aber sauste seine Linke, die einen Schlagring umklammert hielt, über seine Waffe hinweg auf Rebbis' Schläfe, der sofort blutüberströmt zusammenbrach. Der Vicomte feuerte noch zwei Schüsse in die Luft, bevor er mit 43 einem wilden Satz über die Bar sprang, durch die dahinter befindliche Tür und durch das Fenster, das vom Nebenraum aus auf den Hof führte. Als Rebbis unter den Händen des rasch herbeigerufenen Arztes zu sich kam, blickte er zuerst auf den Schrank: das Streichholz war weg. Er ließ sich den Stöpsel herunterreichen. »Da ist die Kugelspur . . . Wo ist der Kellner Henri?« Henri war gleich dem Vicomte unauffindbar . . . Die auf dieses Ereignis folgenden Tage benützte Rebbis ausschließlich dazu, die Buchhandlung auf dem Boulevard Baille und das gegenüberliegende kleine Café scharf überwachen zu lassen. Mit dem Resultat, daß auch nach zwei Wochen nicht die kleinste brauchbare Beobachtung registriert werden konnte. Erst in der dritten Woche fiel es einem Flic auf, daß zwei jugendliche Kokotten, Joop und Miette geheißen, beim Verlassen des kleinen Cafés sich wiederholt nach allen Seiten umblickten. Er folgte ihnen und konnte feststellen, daß sie in einem alten baufälligen Haus der Rue St. Bruno verschwanden. Anderntags wartete Rebbis persönlich auf dem Boulevard Baille. Joop und Miette kamen denn auch gegen fünf Uhr nachmittags, hielten sich etwa eine Stunde in dem kleinen Café auf und verließen es ebenso vorsichtig wie tagszuvor. Als sie das Haus in der Rue St. Bruno betreten hatten, eilte Rebbis zur Tür, postierte seinen Begleiter in den Hausflur und stieg mit Hilfe seiner elektrischen Taschenlampe eine bereits angemorschte Holztreppe empor. Er hatte kaum die erste Etage erreicht, als ihm von hinten ein dickes Wolltuch über das Gesicht gerissen wurde . . . Als er wieder sah, saß er auf einem Holzstuhl in einem anscheinend leeren Zimmer. Aus einer Ecke hinter ihm kam ein schwacher Lichtschein. Er wandte sich nach ihm um und erhielt gleichzeitig eine fürchterliche Ohrfeige. Bec-Salé, den er ebenfalls von Paris her kannte, stand breitspurig vor ihm und lachte, sich die zerbeulte Glatze reibend. » Hein, sale dresseur des mouches? Läufst kleinen Mädchen nach?« Rebbis biß die Zähne auf einander. In seinem Kopf hackte es so schmerzhaft, daß ihm Tränen in die Augen kamen. » Pleure pas pour ça! « Bec-Salé versetzte ihm eine zweite Ohrfeige. Rebbis sah rot. Rasend vor Wut stürzte er vor, lag aber sofort auf dem Boden, von dem er sich erst nach Minuten aufzurichten vermochte. Halb besinnungslos taumelnd, schleppte er sich zu dem Stuhl. 44 Da trat Henri ein, die Hände tief in den weiten braunen Samthosen. » Y a pas d'erreur. C'est Rebbis! « Er betrachtete ihn mit dem feuchtmatten Blick des Homosexuellen. Dann trat er näher, spie ihm ins Gesicht und riß ihm einige Haare an der Schläfe aus. Als Rebbis schwach die Hand hob, stieß er den Stuhl unter ihm fort. Rebbis krachte zu Boden. Schließlich kam der Vicomte. Er sah Rebbis' schmerzhaften Versuchen, sich zu erheben, bewegungslos zu. Erst als es Rebbis gelungen war, an der Wand sich hochzuschieben, sagte er scharf: »Sie wollten mich hier bei fehlerloser Luft, die nur Sie selber verpesten, mit einer Sache à la Madame Briffant exen. Ich hielt es daher für weise, Ihnen zwei kleine Mädchen zu schicken.« Rebbis war trotz den fast unerträglichen Schmerzen imstande, sich zu ärgern. »Ich räume gern ein . . . daß Sie nur . . . nur diesem Umstand es zu verdanken haben, mich hier zu sehen.« Des Vicomte stechend aufleuchtende Augen verrieten ihm, daß er keine Sekunde zu verlieren hatte. »Ihr Truc mit dem Buchhändler war wunderbar«, stieß Rebbis schnell hervor. »Das ist sogar wahr.« »Ich habe mich auch überzeugt, daß Sie das Streichholz tatsächlich heruntergeschossen haben. Fabelhaft!« »Auch das ist wahr.« »Und Ihre Flucht . . . und wie Sie mich hierher lockten . . . spät, aber sicher . . . Alles erstklassige Sachen. Mein Kompliment.« »Nehme ich und werfe es Ihnen wieder an den Kopf.« »Vicomte, Sie sind ein Gigant!« »Esel! Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?« Rebbis löste sich mühsam von der Wand und wankte ins Zimmer vor. In der Mitte blieb er vor Schwäche stehen. »Wir zahlen sehr viel«, lispelte er. »Immerhin sind vor drei Monaten Ihre Flics sogar auf die Straße gestiegen.« »Der Präfekt ist im Grunde vernarrt in Sie. Ich würde Sie ihm nicht einmal einzureden brauchen.« »Was für ein Sonntagsherz Sie haben!« Rebbis machte einen Schritt nach vorn. »Mein Wort darauf, daß . . .« Der Vicomte wich ausspuckend zur Seite. »Ich übernehme Ihre Leute.« »Albern!« 45 »Ich werde alles tun, was Sie wollen. Ich werde . . .« Der Vicomte sah ihm wie müde auf die Brust. »Sie haben eine schöne Krawattennadel. Ich wundere mich, daß Gugusse sie übersehen hat.« »Ein schwarzer Onyx. Nichts Besonderes.« Rebbis strich sich das verknitterte Plastron zurecht und spielte mit dem Stein. »Sie wollen also nicht?« »Nein, zum Teufel!« »Warum nicht? Es ist doch das bessere Geschäft. Und absolut sicher für Sie.« Der Vicomte blies ihm auf den Mund. Rebbis überwand sich schluckend. »Ich begreife Sie nicht. Sie sind doch wie alle hochbegabten Kriminellen nur von den Umständen ins Verbrechen hineingetrieben worden. Wie die sozialen Verhältnisse heute liegen, gibt es von da keinen Aufstieg mehr. Nur ein elendes Proletarierleben, wenn Sie einmal zurück wollen. Sie wissen aber auch, daß Sie, wenn Sie dieses Leben fortsetzen, ja doch über kurz oder lang unter der Guillotine liegen. Und nun biete ich Ihnen die Rehabilitierung und wahrhaftig kein Proletarierleben. Die Sicherheit erhalten Sie dadurch, daß Ihre Ernennung zum Kommissär im Regierungsblatt erscheint, bevor Sie sich melden. Und da sagen Sie nein? Warum?« Der Vicomte näherte sein Gesicht und schrie: »Weil ich Vicomte bin und kein Flic!« »Ich bin nicht so naiv, Ihnen derlei zu glauben. Sie mißtrauen mir.« »Wie kamen Sie mir hier auf die Spur?« Rebbis besann sich lange. Dann entschied er sich, da sein Gehirn versagte, für die Wahrheit. »Ich erkannte Sie auf dem Boulevard Baille wieder. Trotz Ihrer guten Maske. Das ist meine Spezialität. Ich merke mir eine Augenpartie, eine Stirnpartie, ein Ohr.« Der Vicomte schwieg nachdenklich. Dann sagte er hastig: »Jemand muß mich verraten haben. Wer?« Rebbis lächelte geschmeichelt. »Sie irren. Ich sah Sie aus dem Buchladen kommen, mit dem Geld in der Hand. Irgendwie kamen Sie mir verdächtig vor. Mein Blick ist geschult. Ich ging um Sie herum, um Ihnen zu begegnen und Ihr Gesicht zu sehen. Ich erkannte Sie sofort. An Ihrem Mund.« »Und nachher gingen Sie zu dem Buchhändler sondieren.« »Nein. Ich ließ den Buchladen überwachen.« Der Vicomte stampfte auflachend mit dem Fuß. »Woher kennen Sie dann meinen Truc? . . . Ah, Ihr erstes Wort hier war also schon eine Falle.« 46 »Den Buchladen hielt ich für eine Verständigungs-Etappe.« Rebbis begann am ganzen Körper zu zittern. »Sagen Sie mir, Vicomte, was haben Sie mit mir vor! Ich kann Ihnen vielleicht von größtem Nutzen sein . . .« »Geschmeiß!« Der Vicomte wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. » Bon . Ich lasse Sie frei, wenn Sie vier Dossiers für mich stehlen und mich über den Inhalt einiger anderer informieren.« Rebbis griff sich an den Kopf; er verwünschte sich, weil ihm kein Ausweg einfallen wollte. Plötzlich aber huschte ein kleines Lächeln über seine Nase hinweg. Der Vicomte sah es und wußte, daß er ihn hintergehen wollte. »Nun?« »Ich bin bereit.« » Merci .« Der Vicomte wandte ihm verächtlich den Rücken. »Bec-Salé!« Da hob Rebbis die rechte Hand an die schwere Silberfassung des Steins in seiner Krawatte. Seine Finger zuckten ein bißchen. Und mit einem Ruck riß er den Onyx heraus, an dem im Schein der Petroleumlampe eine lange schmale Dolchnadel aufblinkte. Als aber seine Faust sich gegen den Rücken des Vicomte schnellen wollte, fiel durch die Türspalte ein Schuß. Rebbis taumelte röchelnd zurück. Bec-Salé stürzte herein, versetzte Rebbis einen Fußtritt in den Hintern, so daß er in die Knie brach, und hierauf einen Faustschlag ins Genick, der ihn zu Boden streckte. Der Vicomte, der auf dem Kinn des Daliegenden einen dünnen Faden Blutes erblickte, neigte sich über ihn. Und erst jetzt sah er die Dolchnadel. »Bec-Salé, hast du deshalb . . .?« Bec-Salé nickte. Der Vicomte reichte ihm die Hand. Gugusse und Henri erschienen in der Tür. »Das Auto ist in einer halben Stunde auf der Place Castellani«, meldete Henri. Gugusse stieß mit dem Fuß verächtlich gegen den Leichnam. » Crotte!  . . . Der unten ist für acht Tage verstaut.« »Und was machen wir«, fragte Bec-Salé, »wenn alles glatt geht, mit unseren achthunderttausend?« »Schluß!« Der Vicomte zog seine Mütze aus der Tasche. »Wir tauchen unter, frisieren uns und werden in Reims ein Bar-Restaurant. Joop und Miette können wir gut brauchen.« 47   Auf schwindelnder Höhe Parado, ein internationaler Scheckfälscher, hatte sich in Rußland dadurch verdächtig gemacht, daß er, in einem Anfall nervöser Ängstlichkeit, zwei englische Schecks nicht einlöste; und in London, weil er sechs amerikanische auf einmal vorgewiesen hatte. In Moskau neigte man mehr dazu, in ihm das zu sehen, was er war; in England hielt man ihn für einen bolschewistischen Agenten. Parado, der die Gepflogenheit hatte, gefährlich gewordene Situationen sofort aufzugeben, hatte Moskau unverzüglich verlassen; in London aber beschloß er, da er den tieferen Grund der gewaltigen Anstrengungen der Polizei zu kennen glaubte, aus seiner prekären Lage nicht nur Vorteil zu ziehen, sondern sie ein für allemal zu regulieren. Dieserhalb begab er sich an einem regnerischen Nachmittag in das Café Westminster, wo er einen gewissen Brisskij, der seine Überwachung leitete, anzutreffen hoffte. Brisskij, ein kleiner dicker blonder Jude, lächelte wie selbstverloren, als er Parado, servil grüßend, auf sich zueilen sah. »Setzen Sie sich, lieber Parado!« Brisskijs runde blaue Augen rollten ein freundliches Willkommen. Das rechte hatte eine Salvarsan-Drehung nach außen erlitten und schielte rührend. »Weshalb so aufgeregt?« Er schob ein Elzevir-Bändchen von sich. »Haben Sie Ärger?« »Schlimmer!« Parado blickte starr zur Seite. Brisskij rieb, gleichsam besorgt, seine kurzen wulstigen Finger. »Eine Weibergeschichte?« »Ja.« Parado wandte ihm schnell das Gesicht zu, an dem es wie leiser Ingrimm riß. »Aber eine sehr eigenartige. Ich hatte das Frauenzimmer angesprochen, weil es so aufopfernd mit mir kokettierte. Sie behauptete, Deutsche zu sein, obwohl sie fließend englisch sprach und sehr schlecht deutsch. Sie zwang mich, sie zum Diner einzuladen, bezahlte aber heimlich auch für mich. Sie gab vor, in der Bond Street zu wohnen und trat auch dort in ein Haus. Zehn Minuten später aber sah ich sie einige Häuser weiter in einer kleinen Bar wieder. Außerdem hatte sie Hände wie eine Gemüsefrau und ein zweifellos ausgeliehenes Kostüm. Nun, wie finden Sie das?« »Absurd.« Brisskij wiegte, gewissermaßen vergrämt, das Haupt. 48 »Sie haben da sicherlich etwas übersehen. Vielleicht war sie von der Heilsarmee.« Parado stieg plötzlich das Blut zu Kopf: das war ja fast offener Hohn. Er mußte Fäuste machen, um ruhig sagen zu können: »Warum nicht gar – Esperantistin?« »Also bitte . . .« wehrte Brisskij beleidigt ab. »Bemühen Sie sich nicht.« Parado blickte finster auf seine Finger. Dann lümmelte er sich drohend über das Tischchen. »Es war eine Polizei-Agentin.« »Blödsinn«, brummte Brisskij achselzuckend. Parado lehnte sich enttäuscht zurück. »Warum?« »Vor vierzehn Tagen war es genau so. Als Sie demselben Gesicht dreimal begegneten, wurden Sie nervös. Jetzt genügen Ihnen bereits ein paar dumme Lügen.« »Und ich wiederhole Ihnen, daß man mich überwacht.« Brisskij stülpte die überhängende Oberlippe in seinen Whisky und winkte erledigend mit dem Stock. »Sie haben Maikäfer im Kopf.« »Schwerlich. Aber sehr gute Augen, die gesehen haben, daß Sie mit mir in den engen City-Straßen spazieren gingen, um mich den am Wege aufgestellten Spitzeln zu zeigen. Dabei ließen Sie mich eigens rechts gehen, indem Sie behaupteten, auf dem linken Ohr schlecht zu hören. Unterwegs traten Sie in drei üble Butiken, um gewisse Avis zu geben, denen zufolge man mich vor jenem kleinen Lokal, als wir Wein tranken, sehr geschickt photographierte.« Parado, der kalt lächelnd seine Trümpfe hinhieb, ließ nun eine spitze Entschlossenheit in seinen Blick und seine Fäuste auf den Hüften sich drehen. Brisskij stellte das Glas nieder, leider ohne aufzublicken. »Kann man solche Beobachtungen machen, ohne pathologisch zu sein?« »Kann man. Und man kann sogar wissen, daß ein Harmloser nach derartigen Mitteilungen die Möglichkeit einer Überwachung zugeben sollte, auf jeden Fall aber erstaunt und neugierig sein wird. Nur ein Spitzel dürfte versuchen, einem alles auszureden.« Brisskij hob die Augen, die vor Parados neu einsetzenden scharfen Blicken einander zu jagen schienen. Es war so komisch, daß Parado Mühe hatte, seinen Ausdruck zu halten. Bald aber ging um Brisskijs Lider eine deutliche Sammlung vor sich, die allmählich zu einem solch frechen Blick sich verdichtete, daß Parado es für unausweichlich erachtete, ihm Knallenderes hinzuwerfen: »Lieber Mister Brisskij, ein Polizeigehirn sieht eben überall Intriguen und vermag sich schlechterdings nicht 49 vorzustellen, daß ein sehr gut russisch sprechender Argentinier, der in London mit amerikanischen Schecks zahlt, bloß Geschäfte mit Rußland macht. Hinzukommt meine über allen Zweifel erhabene äußerst lockere Lebensführung, die ja bekanntlich das ausschließliche Vorrecht von Verbrechern ist. Ich weiß also, daß die sprichwörtliche Zähigkeit von Scotland Yard jahrelang an mir sich erproben wird. Das kostet viel Geld und wird Ihnen weder Ruhm einbringen noch die erwartete – Prämie. Denn wenn ich wirklich russischer Agent wäre, hätte ich mich doch längst mimosisch isoliert. Die augenblickliche Sachlage bringt Ihnen also keine Vorteile und mir bloß kleine Nachteile, die Ihnen auch nichts nützen.« Parado spritzte sich gleichmütig Siphon in seinen Cassis und vermied es diesmal auch sonst, Triumphähnliches zu produzieren, hoffend, durch Abwechslung zu wirken. Brisskij aber schwieg hartnäckig und verlegte sich darauf, ein gepeinigtes Gesicht zu machen. Sein Salvarsan-Auge turnte mit Macht. Parado mußte sekundenlang über diese obstinate Haltung nachdenken, bevor er darauf kam, daß Brisskij ihn durch sie bewegen wollte, alles zu sagen, was er wüßte. Da Parado seine eigene Absicht dadurch nur unterstützen konnte, wollte er sich schon dazu herbeilassen, als ihm einfiel, daß es wirkungsvoller wäre, Brisskij zu zwingen, ihn zu besuchen. Er blickte rasch auf seine Uhr, warf einen Schilling auf den Tisch und entfernte sich, ohne auch nur ein Wort noch zu sagen . . . Schon am nächsten Vormittag läutete Brisskij an der Tür des Appartements, das Parado, gemeinsam mit Cissy, in der Liverpool Street bewohnte. Parado öffnete ihm und ließ ihn, als hätte er ihn längst erwartet, in den Salon eintreten. Brisskij lehnte, deutlich ärgerlich, den Cognak ab, den Parado ihm sofort anbot, und setzte sich. »Ich komme, um mich zu erkundigen, wie es Ihnen geht. Hoffentlich haben Sie sich einen ruhigen Kopf angeschlafen.« Parado zuckte verächtlich mit der Nase. Dann begann er ohne alle Umschweife. »Was soll ich von Londoner Kokotten denken, lieber Mister Brisskij, die, statt mir die üblichen eindeutigen Avancen zu machen, sentimental mit mir kokettieren? Die sofort mit mir schlafen, ohne die englische Währung auch nur zu erwähnen? Die sich in der gemeinsten Weise behandeln lassen, ohne daß ihr Bedürfnis nach den Details meiner Lebensführung auch nur die geringste Einbuße erlitte? Die gerade dann zu telefonieren haben, 50 wenn ich sie so nachdrücklich verwirrt habe, daß sie es für ratsam halten, sich Instruktionen zu holen? Die den russischen Akzent ebenso durchsichtig affektieren wie die unwahrscheinlichsten Nationalitäten? Ich bin weit herumgekommen, lieber Mister Brisskij, und wüßte mit geschlossenen Augen eine Schweizer Nurse von einer polnischen Kunstgewerblerin zu unterscheiden.« Brisskij schien noch immer nicht zufrieden zu sein. Er neigte den Kopf schief wie ein Hündchen, das denselben holden Klang noch einmal zu vernehmen hofft. Parado willfahrte ihm gerne. »Ja, ich bin so weit herumgekommen, daß ich weiß, wie die junge Korsin, die Sie mir vor einiger Zeit als dumm und treu anpriesen, sich hätte benehmen müssen, wenn ich ihre Verschlagenheit nicht hätte bemerken sollen. Und daß ich weiß, wie Sie ungefähr aussehen müßten, um wirklich Lamartine zu lieben. Auf Ihre Visage fallen vielleicht Leute hinein, die Phrenologie für eine Irrlehre halten.« Brisskij belebte sich jetzt endlich. Sein schlaffes Wangenfleisch bebte. Ein kraftloses Grinsen schob sich über sein Gesicht. Da er es für aussichtslos hielt, Parados Vertrauen sich zu erlügen, den Kampf um die Prämie aber noch nicht aufzugeben willens war, zog er es vor, kurzerhand fortzugehen. Er machte sich sogar das Vergnügen, es Parado gleichzutun: er stand wortlos auf und ging zur Tür. Parado wußte, daß er nun fortginge, was immer ihm auch vorgeschlagen würde. Aber Brisskij mußte bleiben, er mußte . . . Brisskijs Hand näherte sich bereits der Türklinke, und immer noch wußte Parado nicht, was er tun sollte, um ihn zur Umkehr zu veranlassen. Da, im letzten Moment, Brisskij hatte schon die Klinke hinuntergedrückt, kam Parado ein Einfall: das einzige Mittel, Brisskij zum Bleiben zu zwingen, war, ihn hinauszuwerfen. »Hinaus mit Ihnen!« brüllte Parado, fürchtete aber sogleich, es zu spät getan zu haben. Doch Brisskij hatte die Klinke tatsächlich wieder losgelassen und wandte sich langsam um. Parado erhob sich schnell und unmißverständlich. Brisskij trat, scheußlich schielend, näher. »Nicht so stolz, junger Freund!« »Entfernen Sie sich augenblicklich!« Brisskij setzte sich. »Das wird ja immer netter.« Er war plötzlich überzeugt davon, daß der Verdacht gegen Parado unbegründet sei; dessen unerhörte Offenheit, der kindische Zorn, mit dem er ihn im Café hatte sitzen lassen, die Frechheit, ihn einfach hinauswerfen zu 51 wollen, bewiesen es ihm unwiderleglich. Er zupfte aufgeregt an seinen Bügelfalten. Parado beobachtete ihn erstaunt und begriff, daß er die Prämie sich entwischen sah. Schadenfreude und Neugier durchzitterten ihn. Mit einem Mal überflog Brisskij mit einem schnellen Blick das Zimmer. »Was würden Sie für ein Berufsgeheimnis zahlen«, flüsterte er, den Kopf schief vorneigend, »das gerade für Sie von allergrößter Wichtigkeit ist?« Parado stutzte, innerlich sich beglückwünschend, traute dem aber noch nicht. »Bemühen Sie sich nicht.« Brisskij bewegte lauernd das Kinn. »Es betrifft Ihre Freundin Cissy.« Das hatte Parado nicht erwartet. Er bekam einen violetten Hals. Da er Cissy in keiner Hinsicht mißtraut hatte, fürchtete er, in ganz ungeahnter Weise von ihr hintergangen worden zu sein. Er faßte sich nur schwer. »Ich leugne nicht, daß alles mich interessiert, was Cissy betrifft, bedaure ebendeshalb aber sehr, nicht über Barmittel zu verfügen.« Brisskij seufzte hinterhältig. »Sie haben doch vor fünf Wochen sechs Schecks eingelöst.« »Das Geld ist längst investiert«, log Parado. »Ich habe mich sogar so engagiert, daß ich seit Wochen auf Pump lebe.« »Könnte ja sein. Aber tausend Pfund werden Sie sich immer noch machen können.« »Leider nicht. Ich bin weder Agent noch Scheckfälscher.« Parado entschloß sich jetzt, mit Hilfe dessen, was er Brisskij ohnedies hatte vorschlagen wollen, gratis zu dessen Geheimnis zu kommen. »Sie sehen aber, daß ich sehr gerne wissen möchte, was Sie über Cissy wissen . . . Ich wäre deshalb bereit, mich bei gewissen Dingen erwischen zu lassen, die mich nicht nachweislich hineinlegen, jedoch hinreichen, Ihnen die Prämie zu verschaffen.« Brisskij staunte so ungeheuerlich, daß er vergaß, sich zu verstellen. »Daß Sie kein Vertrauen zu mir haben, ist begreiflich.« Parados Finger spielten mit seinen Lippen. »Wenn ich Sie bezahle, lügen Sie mir etwas vor. Unter hohen Kennern, wie wir es sind, muß erst eine schwindelnde Höhe erreicht sein, damit sich wieder sichere Vertrauenssachen einstellen können.« Brisskij schrumpfte gelinde in sich zusammen. »Sie wollen mich mit Ihrem Arrangement in die Hand bekommen. Wer aber sagt Ihnen, daß ich Sie mit meinem Geheimnis in der Hand habe?« Parado zeigte ihm die Zungenspitze. 52 »Da das mit Recht fraglich ist, müssen Sie es eben aufdecken.« Brisskij meinte weich, fast väterlich. »Wer sagt mir, daß Ihr Arrangement überhaupt brauchbar ist?« »Ich!« Parado hob übellaunig die Schultern. »Ein zweideutiger Brief . . . ein zweideutiges Gespräch, das belauscht wird . . . Es gibt hundert Möglichkeiten, die aber nur welche sind, wenn ich mich aktiv daran beteilige.« Brisskij wandte ärgerlich den Kopf ab. »Das ist richtig, aber . . .« Parado hatte den unbestimmten Eindruck, daß die Sache ihm entgleite, wenn er nicht scharf zupacke. »Es steht Ihnen doch frei, in Scotland Yard zu sagen, daß man sich bezüglich meiner Person geirrt hat. Das wird Ihnen vielleicht hoch angerechnet, wenn auch wohl nicht in Pfunden.« Brisskij machte ein wütendes Gesicht. Als es sich geglättet hatte, stand er langsam auf. »Ich persönlich halte Sie allerdings nur für einen geriebenen Burschen. Andere Leute aber nicht. Das wissen wir positiv. Deshalb vor allem wurden Sie verdächtig. Die russische Regierung läßt Sie überwachen. Cissy steht in russischem Dienst.« »Das also ist Ihr Geheimnis!« spottete Parado müde. Brisskijs geschickte Lüge imponierte ihm. Aber es schien ihm jetzt unbegreiflich, daß er Cissy so sehr hatte mißtrauen können. Brisskij stand mit halboffenem Mund und leise sich bewegenden Nasenflügeln vor ihm. »Scotland Yard hält Sie für einen Agenten, den die eigene Regierung überwachen läßt. Die russische Regierung hält Sie für einen englischen Agenten und ist jetzt, nach Ihrem wochenlangen Umgang mit uns, auch davon überzeugt. Sie haben also allen Grund, sich vor Cissy in acht zu nehmen.« Parado schwieg. Die Gleichgültigkeit, mit der Cissy ihm andere Frauen gestattete, hätte zwar ebenso wie ihre Lust, ihn durch immer tollere Räusche stets wieder zu ihr zurückzuzwingen, eine raffinierte Täuschung sein können; eine Unzahl von Details aber, die jede Täuschungsabsicht ausschlossen, widersprach dieser Möglichkeit. Parado, der diese Erwägungen schon öfter angestellt hatte, wandte sich daher umso schneller Brisskij zu, bei dessen Anblick ihn nurmehr der Wunsch beherrschte, ihn so rasch wie möglich wieder loszuwerden. Daß ihm dies in seiner Wohnung nicht glücken würde, war ihm sofort klar. »Ich danke Ihnen, lieber Mister Brisskij, und werde Ihnen die Prämie verschaffen. Begleiten Sie mich bitte. Unterwegs werde ich Ihnen auseinandersetzen, was ich vorhabe. Es eilt nämlich. Es ist eine Gelegenheit. Kommen Sie . . .« 53 Brisskij folgte ihm in den Korridor. Parado zog seinen Paletot an, setzte sich den Zylinder auf, nahm seinen Spazierstock und ging zur Wohnungstür, die er vor Brisskij öffnete, ihm höflich den Vortritt lassend. Als Brisskij im Hausflur stand, zögerte Parado kurz, ihm zu folgen. Da sah er aber auch schon, daß Brisskij es gesehen hatte. Abermals zögerte er. Nun aber hatte er überhaupt keine Wahl mehr. Und unsicher auflachend warf er die Tür vor sich ins Schloß. Erst eine halbe Stunde später, nachdem er die Sachlage nach allen Richtungen hin scharf durchdacht hatte, beruhigte er sich: er hatte, ohne zu wissen, daß er es tat, das Beste getan, das er hatte tun können. Auch wenn er Brisskij durch die Erlistung der Prämie in die Hand bekommen hätte, wäre dieser sicherlich nicht um ein Mittel verlegen gewesen, der Mithilfe an den Scheckfälschungen sich zu entziehen und auch der Verpflichtung, ihm die Polizei vom Hals zu schaffen. Nun aber blieb Brisskij, wenn er überhaupt einen Vorteil aus der ganzen Affaire ziehen wollte, nichts weiter übrig, als ihn in Scotland Yard als harmlos zu erklären. 54   Lampenfieber Wutschka war von Posen nach Berlin gedengelt, um daselbst in den Schanklokalen der Brunnen- und Invalidenstraße, angeblich als Damen-Imitator, sein Brot zu verdienen. Er war nun zwar homosexuell, aber dennoch weit entfernt davon, diese Fähigkeit in den Dienst seiner Einkünfte zu stellen; vielmehr lediglich darauf aus, sich einwandfrei zu vergewissern, ob in den zwei Jahren seiner Abwesenheit von Berlin die Aufmerksamkeit der Polizei in Bezug auf seine Person so weit nachgelassen hätte, daß an ein ungestörtes Arbeiten zu denken wäre. Dieser Vergewisserung lag Wutschka gerade an der Ecke der Usedom- und Wiesenstraße ob, als Japoll, der ihn vorzeiten oft geankert hatte, vorbeischob und, da er in der neben dem Haustor lehnenden Gestalt den Spinat-Emil wiederzuerkennen glaubte, in einiger Entfernung beobachtend stehen blieb. Wutschka, der seinen ehemaligen Komoschke nicht wiedererkannte, faßte ihn alsbald scharf ins Auge und hielt ihn nach drei Minuten für weidlich verdächtig: die Art, wie er mit dem Rücken gegen die Häuserfront hart am Straßenrand stand, schien ihm den Spitzel zu verraten. Wutschka pendelte sich langsam heran, bog von hinten her noch langsamer nach vorn und blickte im Vorbeigehen mit sozusagen frechem Freimut dem Unbekannten ins Gesicht: war es ein Spitzel, so würde er seinem Blick ausweichen und den Platz wechseln; war es keiner, so würde er neugierig werden oder herausfordernd. Japoll wurde weder das eine noch das andere: er hatte beim Anblick von Wutschkas samtnem Auge sofort jeden Zweifel verloren. »Mensch, Spinat-Emil, wo kommste herjetürmt?« Dabei hieb er ihm beide Hände auf die Schultern. Wutschka zuckte unwillkürlich zusammen: bloß die Stimme war ihm bekannt vorgekommen. »Irren Se sich nich?« schnappte er heiser. »Mach man keene Kinkerlitzchen!« Japoll schüttelte ihn, daß ihm der Hut aufs Ohr rutschte. »Kiek mia mal vasuchsweese in die Fresse und wenn de dann noch son dumm Jesichte uffziehst, denn wer ik dennem mies jewordnen Jedächtnis mit unvaöffentlichte Memoiren uff die Beene helfen, Junge.« Wutschka lächelte jetzt. ›Unveröffentlichte Memoiren?‹ Das konnte nur einer sein: »Nonnen-Japoll, natierlich! Wenn de dia 55 sämtliche Jesichtshaare abjemacht hast, wie soll ik dia dann . . .« Er nahm sich die störenden Hände von den Schultern und drückte sie warm. »Eisern!« murrte Japoll. »Eisern!« sang Wutschka. Beide lachten und schüttelten einander immer fester die Hände, bis Wutschka ächzte: »Laß mia los, ik jloobs dia ja!« Japoll nahm ihn in den Arm und zog ihn weiter. »Und jetzt jehn wa bei die Acker-Käthe, enorme Reste, und sajen juten Tach.« »Mies is se.« Wutschka kannte seinen Japoll. »Un der Kamm liecht uff der Butta.« »Kennste det elfte Jebot nich? De sollst nich triezen. Also, Emil, trieze nich!« Japoll preßte Wutschkas Arm fest an sich. Der aber riß sich mit einer geschmeidigen Bewegung ganz unerwartet los. »Nee, meen Jutester, die alten Zicken hab ik dicke. Ik bin hia, um zu tingeln, um mia meen Brot honett . . .« Japoll gab ihm einen Schlag ins Genick, daß er nach vorn taumelte. »Den alten Senf mit det Damen-Imitatieren, den kannste een andern iebers Haupt schmieren. De willst woll ne längere Sache ziehn und mechste nich bei jesehn sin. Ooch von dein Freinden nich. Det is een scheena Zuch von dia.« Er spuckte ihm vor die Füße. Wutschka wollte ihn nicht zum Feind haben. »Kannst ja jlooben wat de willst. Aba weeßte denn nich mehr, det se mia det letzte Mal schon heftich belaichtet ham, Nonnen-Japoll?« »Zwee Jahre uff Vajniejungsreise jewesen«, gackerte Japoll geringschätzig, »und imma noch sone Sorjen?« Plötzlich blieb er, sich verdüsternd, stehen. »Spinat-Emil, du bist erkannt! Wat haste denn vorhin unterm Haustor jestanden? Ik werde et dia sajen: denne eijene Schmiere haste jestanden! Und wat haste da um mia herum jetreten? Denne Sorjen haste jetreten! Mensch, Spinat-Emil, nu sache mia nur noch, dette nich tingeln kannst, weil de Lampenfieber hast.« Wutschka ging rascher. Er schämte sich. Japoll ahnte es und erwischte ihn am Ärmel. »Een scheenet Stick Jelde is zu vadien. Kannste dia die Sache ja mal vorlejen lassen.« Wutschkas Achseln zuckten schwach. Und nach zehn Minuten stand er vor der Acker-Käthe, die ihn mit einem Jubelschrei auf ihre oberschenkelähnlichen Arme nahm, brüllend im Kreise schwang und schließlich atemlos sich auf den Schoß setzte. 56 Japoll sah gerührt zu. »Kitz-kitz-kitz-kitz-kitz-kitz!« Die Acker-Käthe quetschte Wutschkas Kopf in ihren immensen Busen hinein, so daß er fast den Atem verlor, und küßte ihn mit ihren wulstigen Lippen schmatzend auf die kleine runde Glatze. Wutschka, dessen Kräfte die der Acker-Käthe keineswegs überstiegen, stieß und stemmte vergeblich, zwischendurch krächzend: »Käthe, jib Frieden! Laß mia Luft! Ik kann nich mehr!« »Noch scheener! Er kann nich mehr!« Die Acker-Käthe johlte nur so. Ihr Mieder krachte. »Fier mia biste nich schwul. Nich wat schwarz untern Fingernajel jeht. Nee, biste nich. De willst dia nur dennen Vaflichtungen jejenieber dennen Freindinnen hintaziehn, nischt weiter . . . Er kann nich mehr! Jleich sachste det Jejenteil!« Sie leckte mit der ganzen Zunge ihm breit über die Glatze. »Sachste et eben«, begütigte Japoll vergnügt, »und machste det Jejenteil!« Wutschka rang nach Luft. Es hörte sich so besorgniserregend an, daß Japoll es für rätlich hielt, einzuschreiten. Er eilte herzu und versetzte der Acker-Käthe ein wohlgezieltes Kopfstück, so daß ihr Glasauge heraussprang, auf die Diele polterte und schmollend unter den Schrank rollte. Im Nu lag Wutschka auf dem Boden. Japoll verschanzte sich hinter dem Tisch vor den zu gewärtigenden Racheakten der Acker-Käthe, die jedoch, durchaus nur an ihre Verunstaltung denkend, auf den Knien vor den Schrank rutschte und mit ihren nackten Armen vergeblich nach dem verlorenen Körperteil fischte. Als sie ihn, nach mühseligen Unternehmungen, endlich zutage gefördert hatte, war sie so glücklich, daß sie sofort Frieden schloß. »Nu is aba Schluß!« Sie säuberte das Glasauge an ihrem Unterrock, speichelte es sorgsam ein und setzte es mit einem geübten Griff in seine Höhle zurück. »Und nu wolln wa vaninftich sin. Da, setzts aich uff det Kanapee! Ik jeh Kaffee machen.« Als sie nach einer Viertelstunde mit der Kaffeekanne erschien, waren Wutschka und Japoll wieder gute Freunde geworden und bereits übereingekommen, geschlossen gegen die Acker-Käthe zusammenzustehen. »So. Da wärn wa.« Die Acker-Käthe, selbstbewußt ihren überreifen Hintern schwingend, stampfte an den Tisch heran. »Det erinnat mia imma an meene Kindazeit«, meinte Japoll schwermütig. 57 »Wat is los?« Die Acker-Käthe schenkte hoch im Bogen ein, so daß es mächtig in den Tassen pritschelte. Japoll sabberte: »Eenmal, weil de wie ne Amme daherwackelst. Zweemal, weil de so juchendliche Jeraische machst.« Wutschka lachte geniert. »Sehr jut. Is sehr jut.« Die Acker-Käthe, ihrer Beschäftigung hingegeben, hatte glücklicher Weise nicht sonderlich aufgepaßt. Jetzt setzte sie sich, wohlig schnaufend. »Und nu jieß mal, Emil! Und dann zeichste, wat de hast.« Wutschka trank und schwieg. Japoll sekundierte ihm im voraus. »Nischt zu zeigen. Spinat-Emil is hia, um sich mit dia jesund zu machen.« »Ausjefallne Ideen, was er hat!« Die Acker-Käthe knurrte mit der Stirn und tunkte sich eine Schrippe ein. »Saje ik ooch.« Japoll kratzte sich den furunkelbesäten Nacken. »Aba krank mechte er sich mit dia ooch nich machen.« »Wat?« Die Acker-Käthe, die derartige Späße nun schon gar nicht schätzte, biß drohend ihre tropfende Schrippe zu Ende. »Wat orjelste da, du fauler Stubben?« »Keene Uffrechung nich«, beschwichtigte Wutschka ängstlich und zog, mit einem matten Blick auf den schadenfroh grinsenden Japoll, ein langes Frauenhaar aus seinem Kaffee. »Die Acker-Käthe und ich, wia ham alle zwee beede dieselben Kindakrankheeten hinta uns. Nischt mehr zu machen.« »Stimmt uffs Haar.« Japoll lenkte hierauf, wichtig das Kinn hebend, in nützlichere Bahnen. »Käthe, haste nich vorvorjestern von ner dollen Sache jetönt?« »Hab ik.« In pfeifenden Schlucken schlürfte die Acker-Käthe ihre Tasse leer. »Hat sich aba ausjetönt! Een leerer Sack steht nich.« »Eenmal sitzte, Käthe. Und zweemal biste weißjott nich leer.« Japoll hustete ironisch. »Haste noch Kaffee?« fragte Wutschka, um ihr zu schmeicheln, aber im verfehltesten Moment. »Waren meene letzten Bohn.« Mit ihrem noch funktionierenden Auge schielte die Acker-Käthe trübselig nach dem stabilen Glasauge. »Ik bin pleite. Und ihr? Jloobt ihr denn, ik jloobe, det Spinat-Emil nischt hat? Zwee Jahre hat man 'n nich jesehn. Und is er nich unta uns een Schottenfeller, wies keen zweiten nich jibt? . . . Halt die Fresse! Bei mia nich!« Sie machte, die gesteifte rechte Hand vor ihre linke Busenwarze haltend, allem Anschein nach Ernst. 58 »Damen-Imitator is er jetzt«, versuchte Japoll die Situation zu jovialisieren. Der Acker-Käthe riß die Geduld. »Entweder Spinat-Emil jibt mich wat«, trompetete sie, »oder entweder ik such mia andere Laite.« »Oder entweder«, wiederholte Wutschka heiter, sank aber angesichts der aufflammenden Wangen der Acker-Käthe ernüchtert ins Kanapee zurück. Dann stotterte er: »Weeßte denn nich mehr, det se mia hia schon belaichtet ham? In Posen habe ik mia man bloß bei die Frida ausjeruht. Jeh du mal nach hin und zieh nen Finken bei die leeren Läden. Vollkomm ausjeschlossen. Un denn hat Posen den Fehler, det ik dort jeboren bin. Iebrigens mechte ik jar nich. Ik muß erst wissen, ob ik Lampen habe. Sonst is nischt zu wollen mit mia. Nu weeßte et.« Acker-Käthes Züge wurden miteins höchst gewissenhaft. »Fier Lampenfieber warste imma schon bekannt. Aba wenn de wirklich Lampen hast, denn is et schon besser . . .« »Wat is besser?« eiferte Japoll wütend. »Nischt is besser! Kennste denn Spinat-Emil nich? Der Nebbich hat doch Lampenfieber, wenn in die janze Straße keen Pflasterstein een andern erkennt. Een Scheißjeher is er. Nischt weiter.« Die Acker-Käthe hob verzichtend eine Schulter und zog die Lippen krumm. »Nu scheen. Denn eben nich.« Sie erhob sich schwerfällig, räumte den Tisch ab und trug das Geschirr hinaus. Japoll saß sekundenlang zornig abgewandt da. Schließlich begann er brummend: »Mit die Käthe kennte man wat janz wat Wildes ziehn, wenn de nich imma wieda mit denne saubleeden Lampen . . .« Die Acker-Käthe stieß die Tür auf. »Nu heert mer schon endlich uff mit die janze Belaichtung! Sonst sitzen wia noch wirklich eenes scheenen Taches im Finstern.« Sie knöpfte sich die Bluse auf. »Wat is los, Käthe?« Japolls kleine rot unterlaufene Äuglein zitterten, gewissen Befürchtungen anheimgefallen. »Jehste wech?« »Natierlich. Achte is. Mia schenkt ooch keener wat, wenn ik die Promenade versaime.« Die Acker-Käthe stand mit einem Mal nackt im Zimmer. Ihr Bauch, den die schlaffen Brüste berührten, war aufgedunsen und dunkelbraun. Ihre roten Seidenstrümpfe mit den knallgelben Strumpfbändern, hinter denen das Schenkelfleisch hervorquoll, leuchteten obszön. »Um achte?« Japoll schlug mit der Hand auf das wachstuchüberzogene Kanapee, daß es knallte. »Det wirste mia erzähln! Nich mal een Jeneraldirektor is da uff die Straße. Du jehst zu Arthur, saje ik dia.« 59 »Det merke ik, dette et mia sachst.« Die Acker-Käthe unterzog sich langwierigen Waschungen. Japoll hielt es für hoch an der Zeit, ins Reine zu kommen. Er sprang entschlossen auf. »De willst die Sache mit deim Arthur ziehn. Aba jibts nich. Mit uns wird jezochn. Du un ik, wia ham det Ding ausjeknofelt und wia wern et ooch in Stall bring. Und wat Spinat-Emil is, so wird er! Sach, Emil, dette wirst!« Er hob beschwörend beide Hände. Wutschka, der sich gegenüber dieser Tatenlust sehr waschlappig vorkam, rieb seine bläulichen Bartstoppeln, setzte aber trotzdem ein außerordentlich bereites Gesicht auf. »Jut is. Ik werde. Lampen hin, Lampen her. Und ik muß ja schließlich ooch bei meene janze Finanzlaje.« »Eisern!« murrte Japoll. »Eisern!« sang Wutschka. »Blech!« machte die Acker-Käthe stoisch. »Ihr seids mia keene Freinde nich. Jefällt mia nich mehr.« Während sie mit einem Arm in ein hellgrünes Spitzenhemd fuhr, streckte sich ihr Körper, eine einzige herrliche Häßlichkeit. Wutschka stand spontan auf, ging hin zu ihr und drückte ihr einen langen festen Kuß auf die Hüfte. Die Acker-Käthe hielt verwundert inne, lächelte dann schmierig und quirlte Wutschkas Kopf, die Finger in seinen Ohren. Japoll riß die Augen auf und schlich aus dem Zimmer . . . Nachdem er etwa eine Viertelstunde an der Tür gehorcht hatte, kam er zurück, da er sicher war, nicht mehr zu stören. Die Acker-Käthe zog sich eilig an. »Machts aich fertich!« Japoll suchte vergnügt nach seiner Mütze und vermied es geflissentlich, Wutschkas linkes Handgelenk zu sehen, allwo sich plötzlich ein schmales Armband aus Glaskorallen befand. Als die drei kurz darauf die steile Treppe hinabstiegen, begegneten sie zwei Männern und, als sie den Hausflur passierten, einer alten Frau. »Käthe, ik jloobe, wia ham Lampen im Haus«, raunte Wutschka auf der Straße ängstlich. Die Acker-Käthe packte ihn im Genick und zischte: »Noch een Wort und ik vahau dia janz iebel, meen kleenet Hindchen. Det hat sich jetzt ausjefiebert mit die Lampen.« 60   Das steile P Der von sämtlichen Polizei-Direktionen Europas geplagte Gentleman-Einbrecher Léjal befand sich nach Mitternacht plötzlich auf der Straße, ohne zu wissen, wie er dahin geraten war. Als es ihm voll zum Bewußtsein kam, fiel ihm sofort ein, daß er von der Wohnungstür an bis zum Gartengitter unausgesetzt darüber nachgedacht hatte, warum Polly beim Verlassen des Cafés ihm jene eigentümliche Antwort gegeben haben mochte. Während er noch sinnend dastand, hörte er aus der gegenüber liegenden Seitengasse auffallend laute Schritte sich nähern. Das machte ihn nicht weniger stutzig als der Mangel jeden Übergangs. ›Sollte er sich bemerkbar machen wollen, damit ich mich unbewacht glaube? Oder damit ich weiß, daß ich überwacht werde?‹ Als er aber den Mann an der Ecke halt machen und ihm beim Weitergehen folgen sah, kam Léjal auf seine zweite Erklärung zurück: ›Wenn sie nun aber wollen, daß ich mich überwacht weiß, dann können sie nur wollen, daß Polly mir unverdächtig bleibt.‹ Léjal blieb lächelnd stehen: er wußte nun, weshalb Polly, als er sie beim Verlassen des Cafés gefragt hatte, mit wem sie soeben gesprochen habe, so übertrieben lustig zur Antwort gab: ›Das war ein Ausländer, der sich ärgerte, daß du ihm zuvorkamst. Er sagte bloß: »das war vorzüglich, daß Sie ihn angelacht haben.«‹ Léjal ging vergnügt weiter. Sein Verdacht war also durchaus begründet; denn diese Äußerung paßte weniger in den Mund eines zu kurz gekommenen Ausländers als in den eines Anerkennung zollenden Vorgesetzten und war, von Polly wiederholt, der beliebte Kniff, mit der Wahrheit zu bluffen. Hinter dem Tor des Hauses in der Kanalstraße, in dem er wohnte, blieb Léjal stehen. Nach wenigen Minuten erschien der Mann, der ihm gefolgt war, spähte sekundenlang umher und ging dann sehr langsam weiter. Léjal trat grinsend auf die Treppe. Im Bett grinste er immer noch. ›Wahrhaftig vorzüglich gemacht! Ich habe ihr dieses Lachen, mit dem sie mich anlockte, lange geglaubt. Und ich hätte es vielleicht gar nicht bezweifelt, wenn man nicht zuviel des Vorsichtigen getan hätte.‹ Am folgenden Abend kam Léjal, der mittlerweile einen sehr aparten Plan gefaßt hatte, pünktlich zum Rendezvous. Polly wartete bereits, freute sich ein wenig zu genau, bedauerte unendlich, ganz wider Erwarten in einer halben Stunde nach Teplitz fahren zu 61 müssen, und bat ihn, sie übermorgen zum Tee zu besuchen. Léjal war überzeugt, daß sie diese Reise vorschützte, um ihn ganz sicher zu machen, unterließ es aber, ihr zu folgen, da er mit Recht annahm, daß man ihn auch weiterhin überwache. Als er aber eine Stunde später den Wenzelsplatz überquerte, sah er Polly von Ferne an der Seite eines unscheinbaren Herrn ein Kino betreten. Andern Morgens gegen zehn Uhr läutete Léjal in der Slenzska-Straße an der Wohnungstür, die er in der vorvergangenen Nacht so nachdenklich verlassen hatte. Eine schmutzige aufgeschwemmte Vettel öffnete ihm und ließ ihn ohne weiteres in das Zimmer ihrer Pensionärin eintreten, die sich verschlafen die Augen rieb und, als sie Léjal erkannte, nach Sekunden währender ärgerlicher Ratlosigkeit darüber empört war, aus dem Schlaf gerissen worden zu sein. Léjal äußerte lax, er habe sich nicht eingebildet, der Einzige zu sein, riet ihr, ihm gegenüber nur auf die dringendsten Lügen sich zu beschränken, und streichelte ihr sehnsüchtig den Bauch. Worauf Pollys Ärger stracks dem rührendsten Eifer wich; ja sie bemühte sich sogar, die von Léjal während der ersten Nacht gerügte Liebesunkenntnis der Prager Weiblichkeit dadurch wett zu machen, daß sie allerlei Nennenswertes improvisierte. Da das Tageslicht Léjal eine Unzahl mehr oder weniger verharschter Wunden bemerken ließ, zweifellos verursacht von spezifischen Lüsten, erlitt sein Vergnügen eine weitere Steigerung. So daß er, als er Polly gegen Mittag verließ, in jeder Hinsicht zufriedengestellt war. Eines erprobten Rezeptes sich erinnernd, schickte er tagsdarauf Polly Aretinos Meisterwerk, versehen mit einer überaus schlüpfrigen Widmung ›an das steile P‹, mit welcher Abbreviatur er sowohl gewissen angestrebten intimen Fähigkeiten schmeicheln, als auch der ganzen Dame einen unbestimmten Stich ins Bedeutsame geben wollte. Der Erfolg stellte sich rasch im weitesten Maße ein: Polly erwies sich nächtlicherweile von ihrer jüngsten Lektüre außerordentlich angeregt, was eine ganze Reihe neuer Ergötzlichkeiten schuf, zugleich aber auch von tiefster Genugtuung darüber erfüllt, Léjal so fest in ihrer Schlinge zu halten. Der zögerte nicht, getreu seinem Plan, diese noch fester zuzuziehen: er begann eines Abends, als Polly ihn nach scheinbar langem Hin und Her in das einigermaßen obskure Café Spalena geführt hatte, von seinen niederträchtigen Schandtaten zu berichten, da er rasch erkannt hatte, daß die beiden Pärchen, die sich an den Tisch gesetzt hatten, zum Zuhören erschienen waren; hielt sich jedoch sonderlich bei seinen gemeinen Beziehungen zu der Gattin des schwerreichen Bankiers Fuchs auf, von der er, seitdem sie ihm 62 sexuell verfallen sei, mit der Drohung, ihren Gatten zu verständigen, große Beträge erpresse; und schloß endlich seine verbrecherischen Emanationen mit der überlegen selbstgefälligen Mitteilung, daß er gar bald etwas noch nie Gewagtes vom Stapel gleiten lassen werde. Polly wurde sogar derart erregt, daß sie, die wohlgedrillte, sich vergaß und, vielleicht aber auch ein wenig im Hinblick auf die sanft buchenden Augen der Kollegen, die entsetzte Bemerkung sich entfahren ließ, ob er denn gar keine Moral hätte. Léjal sagte mit hinreißender Verve: »Fällt mir gar nicht ein!« Worauf die vier lauschenden Köpfe um einiges tiefer gingen. Der Pollys jedoch sieghaft höher. Léjal schwieg nun, wie von sich selber erschüttert, und ließ die schauerliche Stimmung sich auswirken. Und an den folgenden Abenden, da er nun stets das düstere schwüle Café Spalena bevorzugte, nachwirken, indem er, wenn auch nicht mehr also Schändliches, so doch immerhin reichlich Verlottertes von sich gab. Polly hielt es deshalb für geboten, ihn entscheidend aus sich herauszulocken. Zu diesem Zweck behauptete einmal um Mitternacht ein an den Nebentisch plazierter Kollege Pollys, sein Paletot sei ihm soeben gestohlen worden. Polly bedauerte dies lebhaft, um Léjal durch solch lächerliche Sentimentalität zu einer höhnischen Haltung zu animieren und in der Folge zu einer positiven Äußerung. Léjal hielt es jedoch für weiser, das Stümperhafte in dem Verhalten des Bestohlenen hervorzuheben und Betrachtungen über die Möglichkeiten des Verhinderns derartiger Verluste anzustellen. Er ließ sich dabei so sehr in Fachmännisches geraten, daß Polly bereits auf dem Punkt war, endlich die Vertrauensfrage zu stellen. Es erschien ihr im letzten Augenblick doch noch als verfrüht, weshalb sie den bereits begonnenen Satz zu der Versicherung umgestaltete, sie hätte seine Pelzjacke beständig im Auge behalten. Léjal dankte ihr mit einem festen Händedruck. Und im Laufe der nächsten Woche mit immer hitzigeren Nächten dafür, daß sie seine angeblich von Tag zu Tag schlechter sich gestaltende Finanzlage durch generös vorgestreckte, nicht unbedeutende Beträge zu bessern sich herbeiließ. Vorsichtiger Weise aber inserierte Léjal den Verkauf seiner Pelzjacke und mehrerer Pretiosen, welcher, womit er sogar leichthin gerechnet hatte, verhindert wurde; jammerte über die Schlamperei der Post, wodurch er konstant schwere Verluste erleide, um so den Eindruck zu erwecken, er halte seine Korrespondenz für unkontrolliert; und stieß schließlich zähneknirschend hervor, daß er unter diesen Umständen seinen großen Coup eben werde früher machen 63 müssen. Polly hing bei diesen Worten jauchzenden Auges an Léjals Lippen, über welche die so ersehnten Sätze, Näheres erschließend, jedoch immer noch nicht wollten. Deshalb teilte sie ihm andern Tags mit, daß es mit ihren Ersparnissen zu Ende sei, sie ihm aber dennoch zu helfen wissen werde, denn sie gedenke ihre unfehlbare Wirkung auf die Männerwelt in Beträge umzumünzen. Léjal warf sie vor Freude brutal auf das Sofa, von dem alsbald der bebende Ruf aufstieg: »Für dich, Francis, geh ich sogar auf die Straße!« Léjal war es wohl zufrieden und verwendete die dadurch gewonnene Zeit dazu, seine geheimen Verbindungen ausgiebiger zu pflegen und seine Maßnahmen zu treffen. Dies war ihm auch insoferne sehr erleichtert, als die Polizei, fest davon überzeugt, daß er das ihm beigegebene Lockspitzel-As keineswegs beargwöhne, es nunmehr für ganz besonders raffiniert hielt, ihn bis zum Abfang unbewacht zu lassen. Polly brachte allnächtlich stattliche Sümmchen, die freilich nicht von Kavalieren stammten, sondern aus dem geheimen Fonds, und träumte sich bereits als renumeriert und wohldotierte Directrice einer Korrektionsanstalt für Ausgeglittene. So verrann denn die letzte Woche zur allgemeinen Zufriedenheit. In der Nacht vor dem Tag, an dem er zu handeln sich entschlossen hatte, statuierte Léjal mit einer bis dahin noch nie von ihm erreichten Serie Polly einen Rekord, so daß sie ihm mehrmals, gleichsam toll vor Glück, ins Auge stierte und gegen vier Uhr morgens mit schlechtweg meisterhaft gespielter Innigkeit hauchte: »Francis, ich hab dich rasend lieb.« »Du wirst es mir beweisen dürfen«, sagte Léjal mit harter Männlichkeit, »wenn ich anfangen werde, zu kommandieren.« »Ach, tus doch!« zischte Polly heiß. »Tus doch!« »Übermorgen.« »Übermorgen?« Polly schlug gewissermaßen mit den Lidern ein Rad. »Aber erklär mir doch, erklär mir doch . . .« »Morgen mache ich noch einen letzten Besuch bei der alten Fuchs und mit dieser Summe fahren wir nach Pilsen. Dort . . . wird . . . es . . . sein . . .« Hierauf stürzte Léjal sich in neuem Anlauf über sie, die röchelnd das Haupt hintüber fallen ließ, damit ihr unhemmbares Triumphieren sie nicht verrate . . . Zu dem für den folgenden Nachmittag verabredeten Rendezvous erschien Léjal nicht, sondern fuhr, nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieses sein hinterlistiges Verhalten sofort die neuerliche Überwachung nach sich gezogen hatte, eine sehr bauchige Ledermappe unterm Arm, fröhlich nach Aussig. Denn er durfte nun sicher sein, daß sein Plan gelingen würde. Und er gelang prächtig. 64 Léjal saß kaum fünf Minuten, als ein Herr im Pelzmantel, aber mit den Allüren eines Fleischermeisters und dem Kopf eines Pavian, sich ihm gegenübersetzte und seine Ledermappe nicht aus den Augen ließ. Nach weiteren fünf Minuten setzte sich eine kommisähnliche Gestalt zeitungslesend neben Léjal und kurz darauf neben den Herrn im Pelzmantel ein Kutschergesicht mit einer langen Pelerine, die auf sehr merkwürdige Weise geschlossen blieb, so daß Léjal nicht zweifelte, daß Handschellen darunter für ihn bereit gehalten wurden. Léjal schloß selig die Augen und mimte den Schlafenden. Und während er unter dreifacher Bewachung ein Pyjama, eine große Schachtel Konfekt und einige Toilettegegenstände nach Aussig entführte, nicht aber Einbrecherwerkzeuge, Patronen und Gift, saß Polly, umgeben von mehreren Kollegen, im Café Central und wartete mit zuckenden Fingern auf den telefonischen Anruf, der ihr die Verhaftung Léjals auf frischer Tat melden sollte. Aber es wurde Abend, ohne daß das Telefon für sie erklungen wäre. Und es wurde zehn Uhr. Endlich gegen ein Uhr nachts wurde sie an den Apparat gerufen, wo ihr eine vor Ärger schleimige Stimme kurz mitteilte, Léjal verbringe die Nacht in einer Villa der Baumgartenstraße mit einer Gouvernante und auch sonst habe sich nichts Bemerkenswertes entdecken lassen; allenfalls, daß er einen größeren Betrag per Postanweisung an sie abgeschickt habe. Wieder am Tisch, betrachtete Polly verstört ihre Handflächen, blickte endlich nassen Auges auf und flüsterte: »Das verstehe ich nicht . . .« Die Kollegen machten äußerst verdutzte Gesichter, als Polly, auf ihr ungeduldiges Fragen hin, schließlich berichtet hatte. Einer begann allmählich, sie mit leiser Ironie ins Auge zu fassen: »Daß Léjal dir das Geld zurückschickte, beweist, daß er Lunte roch.« »Ich wette, daß er die Fuchs gar nicht kennt«, miauzte ein anderer. »Mit Pilsen hat er dich ganz einfach gefrozzelt.« »Und mit allerhand anderm auch.« Polly zitterte überall. »Wenn einer von euch behaupten kann, daß ihm diese ganze Geschichte klar ist, will ich das dümmste Luder sein.« »Dann bist du's schon.« Der leise Ironiker kniff die Augen klein. »Francis Léjal hat sich aus uns allen einen guten Tag gemacht.« Daß es sich tatsächlich so verhielt, mußte Polly andern Tags erkennen, als Léjal im Café Central sich plötzlich neben sie setzte und freundlich fragte, ob sie sich wohlauf befinde. Polly brachte es nur zu einem bemitleidenswert heiteren 65 Gesicht. »Danke. Und wie wars bei der alten Judenschickse, die du mir vorgezogen hast?« Sie wollte es nicht wahr haben, dupiert worden zu sein. Léjal drohte ihr schelmisch mit dem Kaffeelöffel. »Wie unüberlegt! Willst du damit etwa behaupten, daß du meine Postanweisung aus Aussig nicht erhalten hast?« Polly war so vollends unterkellert, daß sie schmatzend zur Seite sah, anstatt um einen Einfall sich zu bemühen. Léjal stippte den Mittelfinger auf ihren nackten Unterarm. »Das Lob fraglicher Ausländer sollte selbst die tüchtigste Polizeihure besser verschweigen.« »Saulouis!« keuchte Polly erbleichend. »Steiles P!« Léjal erhob sich schnell. Während er sich entfernte, rief er zurück: »Feiles P!« Vier Stunden später fuhr er unbehelligt nach Zürich, wo er nach drei Tagen via Wien die Nachricht empfing, daß alles geklappt hätte und einundzwanzigtausend Dollars und elftausend Schweizer Francs in Sicherheit seien. Die Prager Polizei aber hätte nie auch nur gemutmaßt, daß der waghalsige Einbruch in die Villa des Bankiers Katz, welcher in derselben Nacht erfolgte, die Léjal in Aussig verbrachte, von diesem bis ins kleinste Detail vorbereitet und nach seinen Direktiven ausgeführt worden war. 66   Daisy Stunden schon vor Ankunft der großen englischen und südamerikanischen Schnelldampfer ist der Hafen in Barceloneta von einer kunterbunten Menschenmenge umlagert, in welcher dem aufmerksamen Beobachter sehr bald die große Zahl einer ganz bestimmten Gattung von Frauen auffällt, deren Anwesenheit bei diesen Gelegenheiten unerklärlich anmutet. Es sind Frauen aus den unteren und mittleren bürgerlichen Ständen, sehr einfach und sauber gekleidet, wenn auch meist in südlicher Farbigkeit, und begleitet von ihren jugendlichen Töchtern, deren Schönheit und Rasse ebenso sehr Bewunderung erregt wie ihre Lebhaftigkeit und Gesundheit. Daß sie Verwandte oder Bekannte bei ihrer Ausschiffung begrüßen wollen, ist schwerlich anzunehmen, denn es müßten ihrer zu viele sein; auch nicht, daß sie lediglich aus Schaulust sich hier einfinden, denn das Einlaufen großer Schiffe findet zu häufig statt, als daß es nicht längst jeden Reiz verloren hätte. Was es eigentlich ist, das ganze Familien an den Hafen zu den Schiffen führt, erfährt man nicht so ohne weiteres. Cossenlink, der erst wenige Tage in Barcelona sich aufhielt, hatte bereits mehrere Matrosen, Hafenarbeiter und Lastträger danach gefragt. Ein Achselzucken oder ein Grinsen war die Antwort. Deshalb wandte er sich endlich, obwohl er es für sehr gewagt hielt, respektvoll grüßend an die ihm zunächst stehende Señora, die ihre etwa fünfzehnjährige Tochter neben sich hatte. »Sie haben wohl einen Verwandten auf der Mauretania?« Die Señora zupfte graziös an ihrem schwarzen Schleier. Ohne den Kopf zu bewegen, musterte sie den Fremden. Ihre großen Pupillen standen steil in den Augenwinkeln. »Jedenfalls aber doch einen guten Bekannten«, fügte Cossenlink hastig hinzu, von dem Verhalten der Señora bereits irritiert. Unterdessen schien Cossenlinks Musterung zu seinem Vorteil ausgefallen sein: die Señora drehte ihm langsam das Gesicht zu, lächelte charmant und legte den Arm um die Schultern ihrer plötzlich errötenden Tochter. »Die Kleine ist Ihre Tochter, Señora?« Cossenlink fragte nur, um ein Gespräch zu erreichen. Die Señora sah an ihrer Tochter hinab, dann Cossenlink verwundert in die Augen. »Finden Sie, daß sie zu klein ist?« Cossenlink fürchtete, ihren Mutterstolz verletzt zu haben. 67 »O nein«, versicherte er übereilig, »das wollte ich nicht sagen. Durchaus nicht. Aber bei uns sagt man zu jungen Mädchen so.« »Ai!« Die Señora wiegte leise ihren kleinen schwarzen Spitzenfächer. Ihre weiten Augen verkleinerten sich. »Wo ist das?« »In Norwegen.« »Ai! Das ist sehr weit im Norden. Noch weiter als Rußland, nicht wahr?« »Ja, es ist sehr weit. Und es gibt dort nicht so schöne Frauen wie hier.« »Die Frauen hier gefallen Ihnen also? Liebt man denn in Ihrem Land die Mädchen nicht?« »Aber gewiß. Man liebt auch die Mädchen.« Die Señora hob und senkte mehrmals freudig die Lider, deren lange Wimpern zarte Schatten unter die Augen stachen. Sie nahm ihre Tochter bei der Hand und zog sie ein wenig nach vorne. »Rosita ist noch ein Mädchen.« Cossenlink verneigte sich leichthin. Dann aber vermochte er angesichts des bestrickenden Liebreizes der Kleinen, die die Augen flatternd niederschlug, sich nicht zu beherrschen: »O, was für eine entzückende Tochter Sie haben, Señora!« »Nicht wahr?« Die Señora fächerte sich geräuschvoll. »Rosita ist ein sehr schönes Mädchen.« Sie fuhr ihr liebkosend über die welligen blauschwarzen Haare, an deren linker Seite, reizvoll arrangiert, eine gelbe Rose hing. »Sie ist noch viel schöner, wenn man sie gesehen hat.« »Ich bin überzeugt davon . . .« Cossenlink, dessen Neugierde bloß verdrängt worden war, wurde jetzt aufmerksam. Ohne jedoch noch recht zu begreifen, mehr dazu geneigt, den landesüblichen Freimut anzunehmen, fragte er vorsichtig: »Aber Sie erwarten wohl jemanden?« Die Señora glaubte, eine gewisse Verlegenheit wahrgenommen zu haben, über deren Ursache sie nicht im Zweifel war. »Nein, wir erwarten niemanden. Wir gehen oft zu den Schiffen. Es ist eine Abwechslung. Aber wenn Sie wollen, gehen wir ein Stückchen zusammen.« Cossenlink stimmte liebenswürdig zu. Minutenlang gingen sie schweigend hinter einander durch die lachende und schreiende Menge. Nur von Zeit zu Zeit wandte die Señora sich um und sandte Cossenlink einen freundlichen, gleichsam aufmunternden Blick über die Schulter. Erst als sie aus dem Gewühl in die kleinen Gassen von Barceloneta kamen, traten sie wieder neben einander. Nach einigen gleichgültigen Fragen und 68 Antworten begann die Señora von ihrem Gatten zu erzählen, der in Hostafranchs eine Baumwollfabrik habe, welche leider in den letzten Jahren sehr zurückgegangen sei, weil er infolge eines Kniescheibenbruchs nicht mehr so nach dem Rechten sehen könne. Ihre älteste Tochter vertrete ihn zwar oft, aber man liebe es in Spanien nicht, in Geschäften mit Frauen zu tun zu haben. Da sie keinen Sohn besitze, werde die Lage immer ungünstiger. Gerade vor zwei Tagen habe die Aduana die Monats-Verrechnung geschickt, achtzehnhundert Pesetas, die noch nicht bezahlt seien. Das Personal stehle, sei schwer kontrollierbar, paktiere mit den Kunden, die deshalb unpünktlich oder nur teilweise bezahlten . . . Ihre einzige Freude sei ihre Rosita und ihre einzige Hoffnung und glücklich der Mann, der ihre Tugend werde pflücken dürfen, obwohl sie nur schweren Herzens sich entschließen würde . . . Cossenlink hatte zwar bereits eine bestimmte Vermutung sich aufgedrängt, dennoch aber war er, sobald er Mutter und Tochter neuerdings betrachtete, vor dieser Frische und Schlichtheit immer wieder wankend geworden. Nun, als die Señora zuwartend schwieg, entschied er sich, sich Klarheit zu verschaffen. »Ich zweifle nicht daran, daß Sie Ihre Tochter gut verheiraten werden.« Die Señora bewegte schnippisch ihren Fächer, schlug ihn miteins knallend auf, drückte ihn auf das Gesicht, so daß nur die Augen frei blieben, und neigte sich so Cossenlinks Ohr zu: »Ai! Zum Heiraten ist sie noch zu jung und zu arm.« »Wie alt ist sie?« fragte Cossenlink leise. »Sie werden den Taufschein sehen. Zwölf Jahre war sie vor einer Woche. Sie haben also nichts zu fürchten.« Die Señora hob den Kopf und entfernte den Fächer vom Gesicht. Cossenlink schwieg perplexiert, so unerwartet war ihm die Gewißheit dessen geworden, was er im Grunde schon gewußt hatte. Die Señora nahm sein Schweigen als Zustimmung und hielt den Augenblick für gekommen. »Rosita, mein Engel, geh ein paar Schritte voraus!« Rosita gehorchte schnell und freudig. Und während Cossenlink, entzückt von der gazellenhaften Leichtigkeit ihres Gangs und der herrlichen Schmiegsamkeit ihres Körpers, halb benommen halb begehrlich ihr nachblickte, ergriff die Señora seinen Arm. »Sie sind ein vornehmer Herr. Und Sie gefallen mir und Sie gefallen auch meiner Tochter. Geben Sie vierzehnhundert und Sie sollen sie bis morgen haben. Die vierhundert, die noch fehlen, wird unsere Franchita machen. Es ist nicht viel, Señor.« 69 ›Es ist sehr viel‹, sagte sich Cossenlink, der, einmal im Klaren, seine volle Sicherheit wiedergefunden hatte, ›aber es wäre nicht viel, wenn Rosita wirklich . . .‹ Er zweifelte jedoch durchaus und war überzeugt davon, eine Kupplerin vor sich zu haben und ein abgekartetes Spiel. »Ist Rosita tatsächlich Ihre Tochter?« Die Señora blieb ruhig stehen und sah mit unaffektierter Würde an ihm hinunter. »Sie sind ein vornehmer Herr. Deshalb will ich es nicht gehört haben. Wir wohnen in Hostafranchs. Wir werden einen Wagen nehmen und Sie werden sich von allem überzeugen.« Sie warf den Kopf leicht zurück und schritt schweigend voran. Cossenlink folgte, ebenso entschlossen wie neugierig, und winkte einem Ponny-Wagen, der, nachdem Rosita zurückgerufen war, alle drei in kaum einer halben Stunde vor das Haus der Señora brachte. Diese Fahrt, die Rosita mit allerliebstem Geplauder ausgefüllt hatte, hatte Cossenlink vorübergehend an seiner Auffassung irre gemacht. Der kleine baufällige Torrès aber, neben dessen zerschlagener Holztür ein niedriger schmutziger Laden sich befand, schien jeden Zweifel auszuschließen. Pablo Florès, ein fetter Alter, der laut atmete und übel roch, saß bei ihrem Eintritt in das weite unebene Wohnzimmer mit seiner Tochter Franchita an einem großen runden Holztisch und aß. Er erhob sich schwerfällig, blieb aber wegen seines kranken Beins am Tisch stehen und verneigte sich linkisch. Nachdem die beiden Mädchen aus dem Zimmer geschickt worden waren, setzte sich die Señora an den Tisch, lud Cossenlink mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen, und trug hierauf ihrem Gatten den Handel unumwunden vor. Der nickte mehrmals, seinen Stiernacken reibend, und riet, dem vornehmen Fremden zu vertrauen: wenn er auf den Preis einginge, stünde es ihm frei, erst am Morgen zu bezahlen. Cossenlink war zutiefst darüber erstaunt gewesen, mit welch sicherem Takt die beiden sich darauf beschränkt hatten, ihn ihr Gespräch bloß mitanhören zu lassen. Nun mußte er, beinahe verwirrt, erkennen, daß die Señora nicht gelogen hatte. Nach kurzem Überlegen zog er sein Portefeuille und legte vierzehnhundert Pesetas auf den Tisch vor Pablo Florès, der sie, ohne nachzuzählen, in sein Flaus steckte und Cossenlink über den Tisch hin seine schwielige rote Hand reichte . . . Bald darauf betrat Cossenlink das winzige Dachzimmer, in dem Rosita ihn erwartete. Sie saß, nur mit einem kurzen weißen Hemdchen bekleidet, auf dem Bettrand. Auf ihren braunroten flaumigen Wangen lag jetzt 70 ein feiner gelblicher Puder. Ihr dichtes Haar war aufgelöst und ringelte sich in zierlichem Gelock um den Hals. Sie machte, kindlich lächelnd, eine wollüstig einladende Gebärde. Cossenlink ergriff ihre kleine dunkle Hand, um sie zu küssen. Doch noch bevor er es hatte tun können, fiel Rosita ihm um den Hals; hielt aber vor seinem Mund inne. Ihr Atem roch nach frischen Mandeln. Beide sahen einander in plötzlicher Leidenschaft wild und lange in die Augen. Endlich preßte Rosita ihre jungen glühenden Lippen auf die seinen und gab ihm langsam ihre spitze süße Zunge . . . Cossenlink verbrachte in dem winzigen Dachzimmer seine seltenste Liebesnacht. Rosita war nicht nur unberührt gewesen, sie war auch in allen Künsten der Liebe unterrichtet worden, selbst den feinsten und letzten. So daß die volle erste Glut ihrer südlichen zwölf Jahre in absonderlichem Kontrast zusammentraf mit der Furcht, ungeschickt zu sein, und ihrem Stolz, wenn sie sicher war, es nicht gewesen zu sein. Erst gegen Mitternacht schien die Nimmermüde ein wenig zu ermüden. Cossenlink verließ das Bett und holte den Wein und die Früchte, welche auf einem Stuhl neben der Tür lagen. »Das macht Durst.« Rositas dünne silberne Vogelstimme klang jetzt weicher und tiefer. Sie wischte ihre Lippen, naß von Küssen, mit dem Leintuch trocken. »Ja, das macht Durst.« Cossenlink, der bisher fast nicht gesprochen, lediglich die Flut ihrer Liebesworte und Schreie genossen hatte, wußte nichts zu sagen. Plötzlich bat sie ihn, ihr einen Namen aus seinem Land zu geben. Als Cossenlink verwundert nach dem Grund fragte, antwortete sie lächelnd, das sei so der Brauch; sie würde diesen Namen dem ihren hinzufügen und immer zur Erinnerung an diese Nacht führen. Cossenlink schrieb den Namen, der ihm stets am besten gefallen hatte, auf das kleine gelbe Kärtchen, das sie ihm reichte, und zwar auf ihr ausdrückliches Verlangen in die Mitte: Daisy. Worauf sie mit unbeholfener Schrift ›Rosita‹ davor und ›Florès‹ dahinter schrieb. Beide tranken und aßen und tranken mehr, als sie wollten, so wohl fühlten sie sich und außerstande, darüber zu reden. Aber der Wein wirkte schließlich doch. Rosita begann wieder zu plaudern. Zwar nicht mehr so harmlos und lustig wie auf der Fahrt im Ponny-Wagen, aber nicht weniger viel und bunt. Sie erzählte von ihrer Schwester Franchita, die beinahe schon die ganze Mitgift 71 beisammen habe und auch nur mit sehr feinen Herren gegangen wäre, aber nur mit Schiffsoffizieren und mit manchen sogar vierzehn Tage. Sie selbst hätte auch geglaubt, ihr Erster würde ein Schiffsoffizier sein, und deshalb wäre sie auch zur Landung der Mauretania gekommen, aber zufrieden sei sie deshalb doch sehr und er solle bitte noch einige Tage bei ihr bleiben . . . Cossenlink küßte sie und versprach, so lange mit ihr zu schlafen, als er noch in Spanien bliebe. Und er hielt Wort. Während der vier Wochen, die er in Barcelona verbrachte, schlief er keine Nacht im Hotel. Aber auch tagsüber war er stets mit Daisy zusammen. Hand in Hand schlenderten sie durch die Straßen oder auf der langen Promenade, die von der Rambla bis Gracia reicht, oder sie ruderten auf dem Llobregat. Und sooft sie an La Seu vorbeikamen, der großen Kathedrale, trat Daisy unter das Portal und verrichtete ein kurzes Gebet. Und immer, wenn sie einer ihrer Jugendgespielinnen begegnete, bat sie Cossenlink, ein kleines Geldstück zu geben, und manchmal gingen sie zu dritt, ja auch zu viert ein Stück Weges oder traten in eine Trattoria. Kurz vor seiner Einschiffung nach Tunis hatte Cossenlink große Unannehmlichkeiten mit der Polizei, die ihn, da er so häufig mit jungen Mädchen gesehen worden war, für einen Mädchenhändler hielt. Erst als er mit Hilfe des Ehepaares Florès nachgewiesen hatte, daß es sich nur um die allgemein tolerierte Familien-Prostitution gehandelt habe, ließ man ihn frei. Da sein Schiff den Hafen aber bereits verlassen hatte, verlebte er noch eine Woche glücklicher Tage an der Seite Daisys. 72   Faule Zeiten Stenglewski, der vor Jahren einmal die Arbeit der Polizei an sich hatte ergehen lassen müssen, erinnerte sich dieser Zeit der holdesten Beobachtungen und aufregenden Gegenzüge nicht ohne leise Wehmut. Da ihm zum wirklichen Verbrecher zwar nicht der Geist, leider aber das erforderliche Quantum Nervenkraft fehlte, er andererseits jedoch auch nicht zu einer geregelten Tätigkeit hinneigte, stand er somit seit langem vor der unerquicklichen Alternative, entweder seine kleinen Betrügereien fortzusetzen und sich dabei zu langweilen, oder zu Großem überzugehen und so, vielleicht sein Leben wagend, jene Sensation sich zu verschaffen, deren Vorgeschmack er dereinst im Geplänkel mit der Polizei genossen hatte. Dennoch war diese Alternative eigentlich niemals so recht in den Vordergrund seines Bewußtseins getreten. Stenglewski langweilte sich und ging jeden zweiten Monat von einem kleinen Schwindel zum andern über. Da geschah es, als er eines Abends vor einem opalenen Apéro auf der Terrasse des Café de l'Epoque saß, daß Titin, den er lange Zeit nicht mehr gesehen hatte, sich zu ihm setzte und seine verwitterten Wangen rieb: »Faule Zeiten, Stenglewski. Kein Geschäft und kein Féz.« Stenglewski schnaufte zustimmend durch die Nase, pendelte müde das Haupt, spie schließlich, der wegen seines Halsleidens nicht rauchen konnte, eine Gewürznelke auf den Asphalt und setzte sich hierauf achselzuckend eine neue an das Zahnfleisch. Titin sah ihm interessiert zu. »Geschmack ist eine Bedürfnisfrage. Davon war ich schon immer überzeugt.« Stenglewski sog genießerisch an seiner Nelke. »Man ändert sich nicht. Ich lutsche immer noch Vögelchen und du machst deine faden Witze. Aber die Zeiten sind oberfaul, das ist richtig.« »Was willst du.« Titin, dem ein Windstoß das Ende seines Halstuchs auf Nase und Mund drückte, entfernte es mit der Hand. »Das Leben ist ein einziger Cafard, manchmal unterbrochen von angenehmen Empfindungen, welche zu verhindern die Polizei da ist.« »Sag das nicht. Wie wunderbar wars, als sie mich für den Juwelenräuber in der Rue Tronchet hielten. Bloß weil ich einen großen Hammer mein eigen nannte.« Stenglewski schlug sich mit der flachen Hand auf den rechten Biceps und ließ dabei die Finger vielversprechend in der Luft zucken. 73 Titin lächelte ein Fragezeichen. »Nicht so blumig! Ich habe mir sagen lassen, daß die Flics Sporteln schätzen und deshalb die Felder ihrer Tätigkeit, wenn sie mangeln, sich einfach fabrizieren. Wunderbar kann ich das nicht gerade finden.« Stenglewski wischte sich mit dem Mittelfinger neugierig die Lippen. »Du glaubst also, daß sie auch an miesen Fährten arbeiten, nur um . . .« »Ohne Zweifel!« Titin beschmierte das Mundstück einer kurzen dicken Zigarre mit Vaseline, das er in einer schmalen Büchse in der Westentasche trug. »Wenn sie pfeifen, kommt noch lange niemand. Aber wenn wir pfeifen, – wettgerannt kommen sie.« »Vaseline?« »Was denn.« »Warum?« »Nina.« »Also immer noch.« »Kein Vergnügen mehr.« »Pfeifen wir doch.« Stenglewskis Augen erglühten miteins in seltsamem Enthusiasmus. Titin vollführte auf seiner Stirn mit dem Zeigefinger einen kleinen Kreis. »Für den Féz danke ich.« »Sag das nicht, Titin.« Stenglewski bohrte aufgeregt in der Nase. »Es ist ein Féz. Und sogar ein Geschäft, wenn mans versteht.« Titin roch mit geschlossenen Augen an seiner Zigarre. »Triffst du Vorkehrungen für meine Heuerung zu einem Coup?« »Vielleicht.« Stenglewski säuberte seinen Zeigefinger an der Hose. »Wenn man sich richtig gefährlich macht, lassen sie was springen.« Titin lehnte mit der Zigarre ab. »Das ist eventuell für einen Separatgenießer wie dich ein Féz. Ein Geschäft ist es auf keinen Fall. Da würde ich schon lieber gleich zur Polizei gehen.« Stenglewski wog grübelnd allerlei in sich ab. Und plötzlich strichen seine dürren Hände langsam die Hüften hinab. »Titin, das wäre . . . unter Umständen . . . vielleicht sogar . . . Das könnte . . . Man müßte . . .« Titin senkte seine Zigarre. Seine Lippen spitzten sich. Stenglewski preßte beide Hände auf seinen Arm und begann, mit wilder Mimik, zu detaillieren . . . Schon am nächsten Vormittag begab Stenglewski sich zum Polizei-Kommissariat des XVII. Arrondissements auf der Place Chatillion und berichtete mit dampfenden Lungen und völlig zerschlagener Stimme, daß bei ihm eingebrochen worden sei. Worauf drei 74 Beamte unverzüglich ihre Taschen sattelten und, mit Stenglewski an der Spitze, an den Tatort eilten. Daselbst, einem länglichen düsteren Hofzimmer in der Rue des Fleurs, bot sich ihnen ein ziemlich primitiver Anblick: auf dem zerwühlten Bett lag eine kleine Eisenkassette, wie Geschäftsleute sie im Ladentisch zu halten pflegen, mit offenem Deckel und leer. Daß das Schloß forciert worden war, unterlag keinem Zweifel. Mehr schon, ob der Betrag von fünfzehntausend Francs, dessen Stenglewski beraubt worden sein wollte, auch tatsächlich sich darin befunden habe. Als die Beamten, auf das ärmliche Logis hinweisend, diesbezügliche Äußerungen fallen ließen, stieß Stenglewski verzweifelt die Fäuste gen Himmel, jammerte von zehn Jahren schwerster Arbeit, mühsamster Existenzgründung, von unsäglichen Entbehrungen und schwierigen Ersparnissen, warf überhaupt mit trist illustrierenden Vokabeln nur so um sich und erreichte nach einer Viertelstunde, daß man wenigstens willig wurde, ihm zu glauben. Dies umsomehr, als er, infolge dieser Erfahrung mit der Passivität der Polizei scheinbar konsterniert, daran ging, sich selbständig zu machen: er drehte das Licht an, untersuchte die Fensterrahmen, die Wände, die Tür, den Fußboden; und wies schließlich, zum nicht geringen Ärger der erstaunt assistierenden Beamten, auf Wachsspuren im Türschloß hin und auf ein Stückchen hellroter Leinwand, das er unter dem Bett aufgelesen hatte. Während die Wachsspuren für sich selber sprachen, blieb das Stückchen Leinwand stumm. Umso beredter jedoch wurde Stenglewski. Er behauptete, die Anwesenheit dieses Stoffrestes in seinem Zimmer, in dem kein wie immer gearteter Gegenstand dieser Stoffsorte sich befunden habe, dürfte sehr wahrscheinlicher Weise von größtem Nutzen für die Auffindung einer Spur sein, dankte den Beamten für ihre Bemühungen mit bitterer Miene und der Versicherung, daß er nun selbst der Sache nachgehen wolle, und ersuchte lediglich darum, ihn erforderlichen Falls zu unterstützen. Die Beamten, beinahe verlegen, sagten dies selbstverständlich zu, nahmen ein Protokoll auf und stiegen hierauf mit Stenglewski hinab, der vor der Portierloge halt machte, um die Concierge zu inquirieren. Kaum war diese aus der Tür getreten, als Stenglewski mit einem halb unterdrückten Aufschrei vorstürzte, das Stückchen hellroter Leinwand aus seiner Tasche riß und auf ein kleines Loch drückte, das sich in dem Leinwandkittel befand, den die Concierge trug. Die Beamten wunderten sich indigniert, stellten Fragen und erfuhren, daß der Leinwandkittel, zum großen Ärger seiner Besitzerin, einen ganzen Tag lang verschwunden gewesen wäre. Stenglewski, sichtlich der 75 Situation gewachsener, verabschiedete die Concierge dankend und trat mit seinen Begleitern auf die Straße, wo er ihnen, mit bereits deutlich einsetzender Arroganz, mitteilte, er halte die Concierge nicht für schuldig, das habe er, lediglich psychologisch, an der Art ihres Reagierens erkannt, sondern neige dazu, an einen Zufall oder eine seltene Komplikation zu glauben, deren Aufhellung ihm schon noch gelingen werde. Und an der Ecke der Avenue de Clichy verließ er, auf einen Pauschal-Gruß sich beschränkend, die drei Beamten, welche, vor ihren Vorgesetzten zurückgekehrt, so Erstaunliches berichteten, daß dieser nicht umhin konnte, Stenglewskis Umsicht zu rühmen und ihn per Rohrpostkarte für den folgenden Nachmittag zu sich zu bestellen. Stenglewski erschien bereits drei Stunden früher. Und zwar mit der Mitteilung, daß er dem Täter hart auf der Spur sei; er bitte um Sukkurs. Dieser wurde ihm sofort zugesagt, aber erst dann gewährt, als er berichtet hatte, daß er nach seiner Rückkehr die Concierge abermals verhört und herausbekommen habe, ein dicker junger Mann mit einer braunen Mütze wäre am Tage vor dem Einbruch von ihr gesehen worden, wie er, nicht unverdächtig, vor dem Hause und einmal sogar vor der Loge sich zu schaffen gemacht habe; daß er, Stenglewski, den Zusammenhang daraufhin bereits vag konzipierend, sich den Leinwandkittel ausgebeten und, wie wenn er verloren worden wäre, in die Ecke neben der Haustür geworfen habe, jedoch so, daß jeder Vorübergehende ihn sehen konnte; auf diese Weise habe er, Stenglewski, nachdem er hinter einer Laterne sich auf die Lauer gelegt hatte, nach stundenlangem Warten beobachten können, wie ein junger Mann, auf den die Beschreibung der Concierge genau paßte, vor der Haustür stehen geblieben wäre und mit einem schnellen scheuen Griff den Leinwandkittel unter seinem Mantel versteckt hätte, schneller als er gekommen war mit ihm davoneilend; er sei ihm vorsichtig gefolgt und habe ihn in der Impasse Bilcoq im letzten Haus rechts verschwinden sehen. Der Kommissär lobte Stenglewskis Geschicklichkeit und Voraussicht und gab ihm zwei seiner besten Beamten mit. Als diese nach zwei Stunden zurückkehrten, konnten sie berichten, daß der Leinwandkittel in einem versteckten Winkel des Schnürbodens sich vorgefunden habe, der Täter selber leider nirgends zu entdecken gewesen und auch von niemandem gesehen worden sei; Stenglewski aber habe sie auf dem Rückweg in der Rue Ordener plötzlich wortlos verlassen und sei auf eine in der Richtung La Chapelle vorbeifahrende Tram gesprungen. 76 Von nun an erschien Stenglewski fast täglich im Kommissariat, meldete die neuesten Ergebnisse seiner Spürarbeit, holte sich Rat und löste immer neue Rätsel. Nachdem er herausbekommen hatte, daß der Täter den Leinwandkittel der Concierge weggenommen hatte, um sie verdächtig zu machen, es aber für vorsichtiger gehalten hatte, ihn gänzlich aus dem Weg zu räumen, nachdem er seine Schuldigkeit getan hatte, stellte Stenglewski fest, daß der Mann, den er in der vorbeifahrenden Tram erkannt hatte, der Bruder des Täters war und in der Rue Doudeauville wohnte. Er wußte die Bekanntschaft dieses Bruders zu machen, durch ihn die Geliebte des Täters kennen zu lernen und durch sie dessen Gewohnheiten und schließlich ihn selber, den er geschickt umgarnte, indem er ihn veranlaßte, einen neuen Einbruch zu unternehmen. Während jedoch Stenglewski bei all diesen Recherchen und Lockspitzeleien die Mithilfe der Polizei mit der Begründung ablehnte, es ginge allein auch und mache ihm so weit mehr Vergnügen, bat er sich, als er zum letzten Schlag ausholen wollte, drei Beamte aus. Der Schlag ging fehl. Angeblich sollte der Täter dadurch, daß einer der Beamten zu früh vor der Schenke sich gezeigt hatte, mißtrauisch geworden und plötzlich spurlos verschwunden sein und mit ihm sein Bruder und seine Geliebte. Stenglewski war über das Mißlingen seiner zeitraubenden Anstrengungen so niedergeschlagen, daß er den Kampf aufgab. Und da auch die Polizei nicht sonderlich darauf hielt, die Angelegenheit weiterzuverfolgen, inzwischen aber konstatiert hatte, daß Stenglewski bereits einmal ungerechtfertigter Weise unter Aufsicht gestellt worden war, gedachte sie dieses in zwiefachem Betrachte bedauernswerte Opfer dadurch schadlos zu halten, daß sie ihm vorschlug, in ihre Reihen zu treten. Stenglewski tat es nach einer viertägigen Bedenkzeit. Nicht ohne zuvor Titin zu konsultieren, der über die einzelnen Stadien des gesamten Vorgehens Stenglewskis selbstverständlich bis ins Kleinste orientiert worden war. War er es doch, der in vielerlei Verkleidungen den Flics, wenn es sich nicht hatte umgehen lassen, vorgeführt worden war und durch seinen Rat nicht wenig dazu beigetragen hatte, Stenglewski bis zu diesem Ziel zu bringen. »Nun wären wir also so weit.« Stenglewski ergriff die eigene Hand und schüttelte sie. Titin steckte das Ende seines Halstuchs sich in den Mund und biß es sorgenvoll. »Ob es aber auch wirklich ein Geschäft werden wird?« »Sag das nicht.« Stenglewski knallte überzeugt mit zwei Fingern. 77 »Es wird ein Geschäft werden. Wir ziehen, nach Schema Rue des Fleurs, mehrere schwere Sachen auf und treiben wochenlang eine Streife nach der andern dahinter her.« Titin lehnte mit einem Bleistift ab. »Die Sporteln und Spesen sind, wie du ja bereits bemerkt hast, doch viel unbedeutender, als wir annahmen.« Stenglewski sog mißmutig an seiner Nelke. »Wir müssen eben ganz schwere Sachen aufziehen.« »Auch die Arbeit ist größer, als ich dachte.« Titin zog mit dem Bleistift einen beschwörenden Kreis auf das Tischchen. »Wir müssen den ganzen Truc umbauen.« Stenglewski vergaß seine Nelke, so dékonzertiert war er. Titin lächelte plötzlich überwältigend. »Wir führen die Sachen eben aus. Und sollte schon die erste uns edel machen, ziehen wir uns zurück.« Stenglewski packte Titins obersten Rockknopf und sprühte los: »Das wäre . . . das wäre . . . Roulant wäre das! Wir brechen eine fette Kiste auf. Du gehst mit dem Gummi auf Sommerfrische und ich bearbeite unsern Verduft. Sollst sehen, wie miserabel ich hinter uns her bin! Wie großartig wir entkommen werden! Denn ich werde wieder heftige Beweise meines Scharfsinns und meiner Geschicklichkeit liefern und . . .« » . . . und eventuell einen falschen ans Messer.« »Wozu?« »Zeitgewinn! Und man fixt es so, daß sie ihn später doch wieder laufen lassen müssen.« »Das wird ein Féz!« Stenglewskis Augen faszinierten sich selber. Titin zog, eine sanft wuchtende Selbstzufriedenheit in den Zügen, die schmale Büchse mit Vaseline aus der Westentasche und hierauf eine kurze dicke Zigarre aus dem Rock. Stenglewski ließ ein wallendes Grinsen über sein Gesicht hereinbrechen. »Wird sich bald ausgeschmiert haben.« »Was denn.« »Nina.« »Warum?« »Vaseline!« »Was willst du . . . Es ist zwar kein Vergnügen mehr, aber sie hat sich so an mich gewöhnt, daß ich . . .« »Das könnte . . . Man müßte . . .« »Stenglewski, das werden faule Zeiten.« »Für Ninas Portemonnaie, ohne Zweifel.« »Auch. Aber hauptsächlich für die Polizei.« 78   Der Sturm auf die Villa Schicketan war mit der immer noch banalen, aber zweifellos oft vernünftigen Absicht in Berlin geblieben, sich reich zu verheiraten. Er hatte sich allerdings nicht freiwillig dazu entschlossen, sondern teils einem wohlgemeinten Rat seines Freundes Fidikuk folgend, teils unter dem Einfluß einer gewissen Müdigkeit, die wiederum verursachte, daß er nicht mit der ihm eigenen Energie Ausschau hielt, vielmehr tagelang in Berlin umherbummelte, als würde die reiche Braut ihm von selber vor die Füße stolpern. Da begab es sich, daß Schicketan eines Nachmittags, als er den Kurfürstendamm überquerte, einer eleganten hübschen Dame begegnete, deren Bekanntschaft er vor Jahren gemacht hatte. Er eilte auf sie zu, kam aber zu spät. Denn plötzlich war ein junger Mann neben sie getreten, der allem Anschein nach sie hier erwartet hatte. Schicketan ging schnell an dem Paar vorbei, da er die Situation für unbrauchbar hielt, legte aber Wert darauf, gesehen zu werden. Er erstaunte darüber, in dem jungen Mann einen äußerlich höchst unscheinbaren Spengler-Epigonen namens Hungel zu agnoszieren, den er persönlich kannte, und gleichwohl nicht gegrüßt zu werden. Der Zufall wollte es, daß Schicketan drei Tage später Hungel im Café Schilling an das Schienbein stieß. Man begrüßte einander lachend, tauschte kleine Erinnerungen aus und kam, nicht ohne Schicketans geschicktes Dirigieren, auch auf Frau Klipprich zu sprechen. Als Schicketan sich von Hungel verabschiedete, war er über die gegenwärtigen Lebensumstände Frau Klipprichs im allgemeinen orientiert: sie war inzwischen von ihrem Gatten schuldfrei geschieden worden und in Zehlendorf-West Besitzerin einer schloßähnlichen Renaissance-Villa, die sie allein und infolge ihrer trüben Eheerfahrungen sehr zurückgezogen bewohnte. Da Schicketan sich erinnerte, daß Frau Klipprichs Vater ein sehr reicher Gummi-Fabrikant sein sollte, war sein Interesse so sehr gestiegen, daß er den taktischen Fehler beging, den Wunsch auszusprechen, Frau Klipprich wiederzusehen. Zu seinem Erstaunen war Hungel verlegen geworden und hatte, als hätte er es vergessen, rasch hingeworfen, Frau Klipprich habe ihn sogar gebeten, wenn er Schicketan begegnen sollte, ihm zu sagen, daß sie ihn gerne einmal bei sich sehen würde; und zum Überfluß hierauf dem Gespräch so 79 unvermittelt eine andere Wendung gegeben, daß Schicketan nicht im Zweifel darüber war, was ihn dazu bestimmt hatte. Dies umsomehr, als Schicketan weder die Adresse Frau Klipprichs kannte noch die Zeit, zu der sie Besuche zu empfangen pflegte, weder die Fahrtverbindung noch die Telefon-Nummer, welche er auch nach wiederholtem Suchen nicht zu finden vermochte. Schicketans Müdigkeit war wie fortgelächelt. Seine alte Energie kehrte wieder, wie stets, wenn lukrativen Zielen der Ehrgeiz sich verband, einen Gegner matt zu setzen. In wenigen Minuten wußte er die Wohnung Hungels und anderntags durch wohlüberlegte telefonische Anfragen mit mehrfach verstellter Stimme es zu erreichen, Hungels Wege für den folgenden Tag zu erfahren. Er lief ihm in der Tauentzienstraße in die Hände, zeigte sich über die Maßen erfreut über dieses schnelle Wiedersehen und war abermals sehr erstaunt, von Hungel zu hören, daß Frau Klipprich ihm aufgetragen habe, Schicketan für Sonntag zum Tee einzuladen und ihn zu diesem Zweck im Café Schilling zu suchen. Schicketan dankte, versprach zu kommen und lächelte nicht einmal darüber, daß Hungel auch jetzt noch sich darauf beschränkte, ihm mitzuteilen, die Fahrtverbindung und der Weg zur Villa seien überaus kompliziert, er werde jedoch halb vor fünf im Café Schilling auf ihn warten und ihn persönlich hinausbegleiten. Schicketan, davon überzeugt, daß Hungel zu diesem Rendezvous nicht erscheinen würde, machte sich Sonntag bereits um drei Uhr nachmittags auf den Weg zum Vorort-Bahnhof, der linker Hand hinter dem Potsdamer liegt. Da die Abgangszeit der Züge seit einer Woche mit dem Fahrplan divergierte, verlor Schicketan drei Viertelstunden, so daß es bereits ein Viertel nach vier war, als er Zehlendorf-West erreichte. Daselbst begab er sich unverzüglich zum Gemeinde-Amt, wo er nach langem Warten Frau Klipprichs Adresse erfuhr und auch den Weg gewiesen erhielt. Dieser stellte sich alsbald als wirklich kompliziert heraus. Und als, nach fortwährendem Fragen, es Schicketan endlich gelungen war, die Villa zu finden, zeigte seine Uhr fünf Uhr fünfzehn. Die alte Frau, die ihm öffnete, teilte ihm verwundert mit, Frau Klipprich befinde sich in Berlin, und wackelte noch schneller mit dem Kopf, als sie hörte, daß es sich um eine persönliche Einladung handle. Sie ließ Schicketan nur ungern eintreten und konnte sich nicht entbrechen, grinsend zu äußern, es werde wohl sehr lange dauern. Es dauerte auch wirklich lange. Und zwar bis sechs ein halb. Um welche Zeit Hungel erschien, der sich ausführlich darüber ärgerte, 80 solch Pech gehabt zu haben: er habe während der letzten Tage Frau Klipprich wegen Zeitmangels nicht gesehen und ihr die Mitteilung von der Bestellung ihrer Einladung erst vor zwei Stunden telefonisch machen können, und zwar leider nur ihren Eltern, zu denen aber, wie er bestimmt wisse, Frau Klipprich heute sich begeben werde, so daß sie unter allen Umständen von seiner, Schicketans, Anwesenheit in ihrer Villa noch erführe, obwohl freilich doch nicht abzusehen sei, wann sie und ob überhaupt . . . Schicketan weidete sich an Hungels Eifer und Ungeschick und versicherte geruhsamster Miene, er habe Zeit und werde warten, möge es auch bis zehn Uhr nachts dauern; schließlich werde Frau Klipprich ja doch einmal heimkehren. Hungel kämpfte, wenn auch nicht mit vollem Erfolg, seine Wut nieder und mußte es sich gefallen lassen, daß Schicketan ihn zu einem Gespräch zwang, das jener, um nicht zu zeigen, daß er ihn durchschaue, so heiter zu gestalten wußte, daß Hungel trotz seinem tristen Zustand einige Male lachen mußte. Frau Klipprich kam halb vor zehn nach Hause. Hungel war ihr, sobald er den Wagen hatte vorfahren hören, auf die Treppe entgegengeeilt, von wo aus Schicketan aufgeregte und unwillige Stimmen vernahm. Nachdem er eine halbe Stunde allein geblieben war, kam Hungel mit der Nachricht, Frau Klipprich bitte um Entschuldigung, sie mache Toilette. Endlich, nach einer weiteren Stunde, die unter feixenden Konversationsversuchen verronnen war, erschien Frau Klipprich in einer allerliebsten Abendrobe. Es war nicht zu verkennen, daß sie ihrer Toilette höchste Gewissenhaftigkeit hatte angedeihen lassen. Sie erschöpfte sich in Entschuldigungen; es müsse wie verhext gewesen sein, daß Hungel . . . und sie könne es einfach nicht begreifen . . . Schicketan begriff umso besser. Und ließ, während man selbdritt vorzüglichen Tee trank und unzählige Sandwichs verschlang, keine Gelegenheit vorüber, seine liebenswürdigsten Seiten vorzuweisen und Hungel vorsichtig zu ironisieren. Dies bewirkte, daß Frau Klipprich bereits um elf Uhr ihrem Hungel allerlei Schmollendes verabreichte, ja sogar zu kleinen Verweisen sich verstieg. Was Hungel, ziemlich deutlich desequilibriert, damit quittierte, daß er schon nach einer Stunde zum Aufbruch drängte. Frau Klipprich wehrte sich heldenhaft. Hungel aber ließ nicht locker, und da Schicketan seinen ersten Besuch nicht zu einem nächtlichen Tête-à-tête mißbrauchen, andererseits Frau Klipprich ihn auch nicht dazu auffordern durfte, blieb Hungel Sieger. 81 Nicht lange. Denn am übernächsten Tag rief Schicketan, der inzwischen mit den Geheimnissen der Gesellschafts-Anschlüsse sich vertraut gemacht hatte, telefonisch an und wurde für den folgenden Tag zum Tee gebeten. Als er nurmehr wenige Schritte von der Gartentür der Villa entfernt war, tauchte miteins Hungel vor ihm auf, der ohne Zweifel irgendwo auf der Lauer gelegen war, um die Ankunft seines Gegners abzupassen. Obwohl Schicketan dieses Vorgehen nur damit sich zu erklären vermochte, daß Hungel ihn mit Frau Klipprich nicht allein lassen wollte, glaubte er an einem gewissen Plus von Heiterkeit zu erkennen, daß Hungel etwas plane. Glücklicherweise. Denn andernfalls hätte Schicketan vielleicht doch geglaubt, was Hungel ihm, als sie gemeinsam Frau Klipprichs Erscheinen erwarteten, wie nebenbei mitteilte: daß Frau Klipprich sich so lange nicht blicken lasse, weil sie indisponiert sei, unwohl . . . ein Zustand, der bei ihr stets langwierig und sehr schmerzhaft sich äußere, so daß sie in jeder Hinsicht dringend der Schonung bedürfe. Schicketan, der Hungels Manöver, ihn zu veranlassen, seinen Besuch abzukürzen und etwaige Angriffspläne vorderhand zu begraben, sofort durchschaute, tat, als Frau Klipprich, wiederum in einer entzückenden Robe, eintrat, als wäre er zerstreut, und beschränkte sich darauf, die banalste Konversation zu machen. Hungel war überzeugt, ihn unschädlich gemacht zu haben. Er zögerte deshalb nicht länger, seine Scharte vom letzten Mal dadurch auszuwetzen, daß er sich plötzlich mit der Behauptung erhob, eine wichtige Verabredung zu haben und sehr zu bedauern, die beiden allein lassen zu müssen. Als dies geschehen war, arrangierte Schicketan sich weitläufig in ein Fauteuil und holte, mit Hilfe einer Zigarette, eines seidenen Taschentuchs und eines kleinen Flacons, auch szenisch weit aus. Frau Klipprich saß ihm gegenüber auf dem Sofa, die schönen Hände lieblich in den Schoß gebettet, und harrte mit harmonischer Wohlerzogenheit und geschmackvollen kleinen Koketterien dessen, was so außergewöhnliche Vorbereitungen mit Recht versprachen. »Man muß den zurückgebliebenen Dampf eines Weggegangenen sich verziehen lassen.« Schicketan sah erst jetzt auf. »Wenn man nicht in getrübter Atmosphäre sich beeinträchtigt wissen will.« Frau Klipprich drückte ihre schmalen rosigen Fingernägel noch schmaler, während sie mit hell läutender Stimme sich verwahrte: »Ich schätze Hungel sehr. Er ist ein absolut zuverlässiger Mensch.« 82 »Das ist vor allem bequem.« Schicketan steckte den Hals des Flacons sich in die Nase und schnupfte geräuschvoll an ihm. »Alle Eigenschaften, die man an anderen schätzt, müssen diesen Vorzug haben, wenn sie nicht entwertet werden wollen.« Frau Klipprich, welche die Richtigkeit dieser Behauptung dumpf bezweifelte, widersprach unsicher: »Es gibt auch unbequeme Vorzüge.« »Sie irren.« Schicketan trocknete sich mit dem Taschentuch die trockenen Mundwinkel. »Ein Vorzug, der anfängt, unbequem zu werden, ist nurmehr eine Eigenschaft, die man bestenfalls nachsichtig duldet.« Frau Klipprich hielt es für einfacher, direkt zu antworten: »Sie mögen Hungel nicht.« »Wie alle Leute, die überaus philosophisch parlieren, privatim aber, wenn ihre Interessen in Gefahr sind, nicht weniger schieben als alle anderen.« »Und ich wiederhole Ihnen, Herr Schicketan, daß Sie Hungel eben nicht mögen. Ich habe wohl auch bemerkt, daß er . . . Das ist verzeihlich.« Das Zimmermädchen trat ein, um den Tisch abzuräumen. Nachher war es schwierig, geschickt auf das vorhergegangene Gespräch zurückzukommen. Schicketan überlegte nicht lange, sondern zog es vor, es kurzerhand wiederaufzunehmen. »Was macht Hungel eigentlich? Wenn er bloß wie Spengler dichten würde, das ginge noch an. Aber ich fürchte, er hat eine – Lebensaufgabe.« Frau Klipprich steifte sich ein wenig. »Gewiß.« »Ach«, stöhnte Schicketan spöttisch und ließ seine Zigarette wie gelangweilt fallen. »Lebensaufgaben sind die primitivste Form der Hysterie.« Frau Klipprich ärgerte sich, als hätte es ihr selber gegolten. »Hungel ist nicht hysterisch.« »Da ich beobachtet habe, daß er nicht Ihr Geliebter ist, ja Sie nicht einmal nachhaltig beeinflußt hat, dürfte meine Auffassung die richtigere sein.« Frau Klipprich erboste sich beinahe, weil sie dieses versteckte Lob sich bereits als Manko deutete. »Ist man hysterisch, wenn man ein bißchen eifersüchtig ist?« »Das wohl nicht. Aber wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat, dort den Wächter zu spielen, wo man nie Besitzrechte hatte.« In dieser Art, bald amüsant bald médisant, sprach Schicketan noch lange Zeit, bis Frau Klipprich, immer mehr in Laune 83 gebracht, ihn zum Abendessen zu bleiben bat. Beim Dessert spiralte das Gespräch nurmehr um sehr lockere Dinge, Frau Klipprichs Finger erregt um das Obstbesteck und Schicketans Gehirn sich vor den Sprung. Er erhob sich plötzlich, nahm Frau Klipprich an der Hand, wies, als sie neugierig aufgestanden war, mit ausgestrecktem Arm auf den gestirnten Nachthimmel und führte sie so zu der auf dem Wege zum Fenster befindlichen Chaiselongue, auf die er sie blitzschnell niederwarf und sich auf sie . . . Der Sturm war unternommen. (Unblutig.) Und bereits nach zehn Minuten verziehen. Denn Frau Klipprich hauchte hold: »Karl, wirst du . . . werden Sie . . .« – »Ja.« »Hier bei mir?« »Hier bei dir.« »Immer?« »Immer.« »Aber Hungel?« Sie errötete lustig. »Der hat doch seine Lebensaufgabe.« »Und du . . .« Ihre Augen sprühten lachend auf. »Du hast – Druckknöpfe.« »Bereit sein ist alles, süße Lissy.« Nach etwa einer Stunde, die heißeste Lust und verrücktes Geplauder zugleich erfüllt hatten, vernahm Schicketans feines Ohr von der Straße her einen ihm nur zu bekannten Pfiff. Weshalb Schicketan, nachdem er sich, mühselig genug, frei gemacht hatte, eine halbe Stunde später aus dem Garten trat, wo Fidikuk, bereits ungeduldig wartend, ihm überstürzt mitteilte, die Polizei habe nun doch Wind bekommen und die Heirat würde also an der unvermeidlich schlechten Auskunft scheitern. Schicketan tobte. »Und deshalb mußtest du mich jetzt stören? Ausgerechnet jetzt?« Fidikuk grinste gemein. »Nee, deswejen nich jerade. Aba ik rate dia, vaschwinde noch vor der Morjen jraut. Wat biste ooch janze Tache lang rumjeschweddert for nischt und wieda nischt? Mit so vill Marjarine uffm Koppe jeht nur een Varrickter in de Sonne.« »Warum also?« Schicketan pfitschte wütend mit dem Stock. »Warum?« »Et is wejen . . .« Fidikuk zögerte teilnahmsvoll. »Die Sache mit Amanda am Ende gar?« Fidikuk nickte still. »Verflucht und angespien! Und ich bin so müde!« Der Sturm auf die Villa war wie gewonnen so zerronnen. 84   Bukarest – Budapest Der Wiener D-Zug hatte seit etwa zwanzig Minuten Bukarest hinter sich, als Schingut den Toilettenraum verließ und seinen mit einer Reisemütze belegten, in einem Abteil zweiter Klasse befindlichen Mittelplatz einnahm. Hierauf zog er eine Zeitung aus der Tasche und tat, als lese er, um unbeobachtet die Mitreisenden mustern zu können. Links von ihm saß eine weißhaarige Dame, die unausgesetzt an einem gelben Stift roch; rechts von ihm ein halbwüchsiger Gymnasiast, der Kants ›Praktische Vernunft‹ mit persönlichen Randbemerkungen versah. Deshalb hielt Schinguts erfahrenes Auge nur den ihm gegenüber sitzenden Herrn seiner Aufmerksamkeit für würdig. Dessen hellgrünen Waterproof, der glatt zusammengerollt im Netz lag, erkannte Schingut als echte Londoner Marke, Wäsche und Krawatte von allererster Qualität, desgleichen den dunkelgrauen Sakko, der schwerlich älter war als acht Tage. Nur das feiste Gesicht war für Schingut ein Rebus: es war kugelrund, ockerrot, glattrasiert und im höchsten Grade nichtssagend, welchen Effekt sonderlich die kleinen lichtlosen Augen bewirkten und die kurze Stupsnase. Selbst nach wieder und wieder unternommenen Musterungen mußte Schingut sich eingestehen, daß er weder die Nationalität noch den Beruf seines Gegenübers zu fixieren imstande war. Das war ihm seit Jahren nicht mehr widerfahren. Und da er allen Grund hatte, seine Reise mit größter Vorsicht auszuführen, nahm er sich augenblicks vor, sein beunruhigendes Vis-à-vis zu untersuchen. Als dessen Blick das nächste Mal dem seinen begegnete, sagte Schingut deshalb laut, wenn auch durchaus wie absichtslos: »Eine sehr gute Strecke! Wie ruhig der Wagen geht!« »Ja. Sie haben recht.« Schingut schwieg, die Zeitung neben sich legend, und blickte zum Fenster hinaus. Er rechnete auf den suggestiven Zwang, der von einem hingeworfenen Satz, dem nichts weiter folgt, ausgeht. Und er hatte richtig gerechnet. Der Herr wartete bloß auf Schinguts Blick, dem er, als er eintraf, zulächelte. »Sie fahren auch bis Budapest?« Schingut, der einen leichten slawischen Akzent konstatiert hatte, nickte, obwohl sein Reiseziel Brünn war. »Gefällt es Ihnen?« »O, sehr. Ein kleines Paris. Sie sind wohl von dort?« »Nein. Ich war noch nie in Budapest.« 85 Der Herr wiegte erstaunt den Kopf. »Ich hätte gewettet, daß Sie in Budapest geboren sind.« Schingut war, obwohl er es völlig zu verbergen wußte, fast verblüfft: er war tatsächlich aus Budapest gebürtig. »Weshalb?« fragte er leise. »Ihr Deutsch hat jenen breiten und singenden Tonfall. Sehr schwach. Aber es ist doch zu merken.« Schingut schmunzelte höflich. »Sie beobachten sehr scharf.« Innerlich aber grinste er: er war drei Monate alt gewesen, als seine Eltern ihn nach Mailand verkauft hatten, und hatte seither Ungarn nie wieder gesehen. »Keine besondere Leistung. Man muß eben darauf achten. Und da ich selbst Budapester bin . . . Barany ist mein Name.« »Schingut.« »Angenehm.« Barany verneigte sich abermals. Schingut desgleichen. Da er aber bereits überzeugt war, daß sein Gegenüber ebenfalls log und auch in der Absicht, sich zu orientieren, legte er sich gewissermaßen auf die Lauer. »Also Sie sind trotzdem nicht aus Budapest.« Barany lächelte wie einer, der sich herbeiläßt, mit einem Lügner noch weiter zu reden. Schingut hißte eine gewisse verlegene Bedachtlosigkeit. »Habe ich denn behauptet, daß ich aus Budapest bin?« »Aber gewiß nicht.« Barany blickte fröhlich auf die Deckenlampe. »Habe ich denn das behauptet?« »Aber keineswegs.« Schingut zog eine kleine Feile aus der Westentasche. »Schließlich könnte man ja auch einen bestimmten Akzent haben, ohne ihn am Ursprungsort erworben zu haben.« Er feilte an seinen Nägeln. »Ja natürlich.« Es war offensichtlich, daß Barany an diese Gelegenheit sich klammerte. »Man könnte ihn zum Beispiel in jahrelangem Umgang mit einer Person sich angeeignet haben.« »Zweifellos.« Schingut nickte geradezu begeistert, feilte dabei aber so heftig, daß er sich blutig riß. »Teufel auch! . . . Oder indem man wochenlang eine Rolle spielte.« »Eine Rolle?« fragte Barany verwundert, als begriffe er nicht das Geringste. »Nun ja.« Schingut speichelte seinen verletzten Finger ein und umwickelte ihn äußerst behutsam mit seinem Taschentuch. »Zum . . . Beispiel . . . in einem Stück.« »Ach so.« Barany war leicht enttäuscht, glitt aber schnell darüber hinweg. »Sie sind vielleicht Schauspieler?« 86 Schingut ärgerte sich nun fast schon. »Nicht mehr, als man so fürs Haus braucht.« Barany, dem diese halbe Herausforderung nicht entging, lachte deshalb schallend auf. »Sehr gut! Wirklich sehr gut! . . . Aber, ich bitte Sie. Das Leben ist eine Rauferei. Wer immer aufrichtig wäre, läge bald auf der Nase.« »Wem sagen Sie das«, seufzte Schingut kordial und feilte wiederum an seinen Nägeln. Beide sahen freundlich zum Fenster hinaus. Es war eine gewisse Harmonie hergestellt. Der Gymnasiast, der selbstverständlich so getan hatte, als hörte er nicht zu, begab sich, empört über die Banalität des Vernommenen, fluchtartig in den Speisewagen. Der alten Dame war es gelungen, einzuschlafen. Als Schingut es bemerkte, wurde er plötzlich heiter: es hatte ihm ein gut Teil seines Elans geraubt, von Dritten gehört zu werden. Nun schickte er sich an, schärfer ins Zeug zu gehen. Er überfiel geradezu Barany mit seiner Stimme: »Sie sind Reisender, nicht wahr?« Barany machte ein impertinentes Gesicht. Es konnte allerdings auch lediglich verstimmt sein. Schingut hielt es für impertinent und deshalb Barany für sehr verdächtig. Er steckte die Feile ein und erklärte, liebenswürdig lächelnd: »Ihre Art, den Mantel zu rollen, ist nämlich typisch für die englischen Reisenden.« Barany schmatzte ironisch. Aber es war trotzdem schwer, zu behaupten, daß es nicht nervös war. »Ich war nie in England und bin auch nur insoweit Reisender, als ich eben reise.« Schingut verdroß es, daß sein Kniff mißlungen war: er hatte nicht daran gezweifelt, daß Barany ihm antworten würde: ›Nein, ich bin kein Reisender, sondern . . .‹ Deshalb sagte er vorwurfsvoll: »Ich hätte gewettet, daß Sie Reisender sind. Aber Sie sind wohl bloß vorsichtig.« »Oho!« Barany schien ernstlich beleidigt zu sein. »Nun, ich meine«, lenkte Schingut händereibend ein, »Sie sagten doch selbst, wer immer aufrichtig wäre . . .« Sein Taschentuch fiel zu Boden. » Das schon. Aber damit habe ich doch nicht gesagt, daß man lügen müsse.« Barany ärgerte sich darüber, gleichsam hinterrücks des Widerspruchs geziehen zu werden. Schingut hob sein Taschentuch auf. »Aber ich bitte Sie. Das habe ich doch gar nicht gesagt.« Er dachte, das Taschentuch auf dem 87 Knie glättend, krampfhaft darüber nach, wie er das Gespräch umstellen könnte. »Übrigens kann man es vermeiden, die Wahrheit zu sagen, ohne zu lügen.« »Allerdings.« Barany nahm sich eine Zigarre. Es machte den Eindruck, als hielte er das Gespräch für beendigt. »Sehen Sie«, begann Schingut nach einigen ihm sehr peinlichen Sekunden, » ich bin sehr vorsichtig. Ich habe Ihnen zum Beispiel nur aus Vorsicht keine Zigarre angeboten.« Er wunderte sich hinterher, daß ihm nichts Besseres eingefallen war. Barany wandte langsam den Kopf. »Ach so. Sie hätte ja auch vergiftet sein können.« »Erraten!« Schingut gehabte sich entzückt, um sich selber zu verbergen, daß er eine Dummheit gemacht hatte. »Es war also sehr vorsichtig von mir, mich keinem Refus auszusetzen. Denn es kränkt ja doch stets ein wenig.« »Das ist richtig.« Barany leckte liebevoll das Ende seiner langen Importe. Schingut saß neuerdings auf dem Trockenen. Er ärgerte sich maßlos über sich selber, steckte hastig das Taschentuch ein und biß erregt an seinem Schnurrbart. Er schien Barany nun zu erbarmen. Denn mit einem Male schwenkte dieser jovial seine Zigarre. »Sehen Sie, Sie könnten Detektiv sein.« »Ich?« Schingut wußte nicht, sollte er sich freuen oder verschanzen: war es ein Vorstoß oder vielleicht wirklich nur so hingesagt? Schließlich fragte er für alle Fälle harmlos: »Wieso?« Barany zog mit großem Genuß an seiner Zigarre und die Brauen sich auf die Stirn. »Erinnern Sie sich daran, daß Sie es waren, der zuerst zu sprechen begann? Sie machten eine Bemerkung über das gute Fahren des Wagons und schwiegen dann. Wie aber, wenn Sie nur geschwiegen hätten, damit ich ein Gespräch beginne? Das ist doch ein alter beliebter Detektiv-Kniff.« Er wartete, verschmitzt mit den Lidern flatternd, auf die Wirkung. Diese kam sehr langsam. Eigentlich gar nicht. Denn Schingut senkte die Augen, als langweile er sich, ja als würde er müde. Barany spielte mit seiner Zigarre, ohne Schingut weiter zu beachten. »Und als Sie mich plötzlich fragten, ob ich Reisender sei, dachte ich mir, Sie könnten vielleicht fragen, damit ich Ihnen meinen Beruf nenne. Darin bestärkte mich auch Ihre spätere Bemerkung, daß die Art, wie ich meinen Mantel rolle, typisch für die englischen Reisenden sei. Ganz abgesehen davon, daß ich nicht 88 glaube, Engländer sein zu müssen, um meinen Mantel geschickt zusammenzurollen.« »Sehr scharfsinnig!« Schingut hielt es nun doch für schlauer, sein Verhalten zu ändern. »Aber ist es nicht wirklich lustig, daß ich genau dasselbe vermutete wie Sie? Als Sie nämlich behaupteten, ich spräche mit Budapester Akzent, war ich überzeugt, daß Sie auf diese Weise erfahren wollten, wo ich geboren bin. Denn ich weiß ja doch, daß ich den Budapester Akzent nicht habe. Und als Sie . . .« »Ganz interessant.« Barany lächelte bissig. »Und als Sie kurz darauf sagten, daß man einen Akzent ja auch in jahrelangem Umgang mit einer Person sich aneignen könnte, zweifelte ich nicht daran, daß Sie auf diese Weise mich in die Enge treiben und zu einer Auskunft zwingen wollten. Und als ich dann meinte, man könne ja auch durch eine Rolle . . . und als Sie fragten, ob ich Schauspieler wäre . . .« Schinguts sich zusammenschiebende Stirn frohlockte allzu deutlich. Barany rückte sich bequem auf seinem Platz zurecht. »Ganz interessant. Nur besteht ein auffälliger Unterschied zwischen unseren Auffassungen. Ich habe nämlich bloß scherzhaft geäußert, daß Sie Detektiv sein könnten, während Sie davon überzeugt sind, daß ich Detektiv bin.« »Aber, aber . . .« Schingut war nun absolut sicher, einen Detektiv vor sich zu haben, und beschloß, das Gespräch schnell und liebenswürdig zu beenden. »Und selbst wenn Sie es de facto wären. Was wäre schon dabei? Ich wäre trotzdem nicht weniger erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« »Angenehm.« Barany verneigte sich. »Aber ich bin wirklich kein Detektiv.« »Ich ebenfalls nicht.« Barany verneigte sich abermals. Schinguts Gesicht strahlte ein Glück aus, als hätte er den Schah von Persien kennen gelernt. »Ich bitte Sie. Man unterhält sich. Eine Eisenbahnfahrt ist lang. Und es ist doch im Grunde so gleichgültig, woher man stammt und wer man ist. Die Hauptsache ist, daß man sich die Zeit vertreibt. Womit, das ist auch sehr egal. Hab ich nicht recht?« »Aber gewiß.« Barany klopfte mit sichtlicher Genugtuung die Asche von seiner Zigarre. Beide sahen freundlich zum Fenster hinaus. Es war neuerlich eine gewisse Harmonie hergestellt. Wenn auch diesmal ganz anderer Art . . . Bald darauf verließ Schingut das Abteil, blieb aber, für Barany 89 sichtbar, etwa eine Viertelstunde vor einem Gangfenster stehen, bevor er verschwand. Als der Zug in Szegedin hielt, eilte er auf den Perron, kaufte einige Zeitungen und bestieg den Speisewagen. Sobald der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, erschien der Gymnasiast im Gang vor dem Abteil; und zwar mit dem überlegen verglasten Blick desjenigen, der gerade etwas unerhört Wichtiges und Überragendes gelesen hat. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Schinguts Abwesenheit seinem Gehirn die Sicherheit vor Zumutungen verbürgte, warf er sich in seinen Eckplatz. Die alte Dame schlief selig weiter . . . Erst als der Zug sich Budapest näherte, verließ Schingut den Speisewagen und betrat die Toilette. Hier wartete er, bis der Zug hielt. Doch auch dann wartete er noch fünf Minuten, um sicher zu sein, bei seiner Rückkehr ins Abteil Barany nicht mehr vorzufinden. Das Abteil war leer. Schingut lugte vorsichtig auf den Perron hinaus. Und plötzlich wurde er kreidebleich: die weißhaarige Dame aus dem Abteil kam schnellen Schrittes zwischen zwei Männern auf den Wagon zu, in der einen Hand ein Taschentuch, das Schingut an den Blutflecken und dem dreifachen schwarzen Rand als das seine erkannte. (Es trug die Initialen L. F., seines jüngsten Opfers, und stellte eine schwere Indizie dar.) Und fast gleichzeitig erblickte Schingut, gerade gegenüber dem Fenster, an dem er stand, Barany, den zwei Kriminalbeamte gefesselt an den Handgelenken hielten. Wenige Sekunden später war auch Schingut verhaftet. 90   Die Bande Kaff Gegen sechs Uhr morgens stand die Sonne stets in einem langen Streifen an der rechten Wand jenes Zimmers, das Kaff fünf Minuten, nachdem es frei geworden war, vom Portier mit der Begründung sich erbat, er habe es bereits dreimal bewohnt und schätze es wegen seiner ruhigen Lage. Er schätzte es nicht deswegen, sondern wegen des langen Streifens Sonne, dessen Verwertung ein sterbender Kumpan aus Dankbarkeit ihm vermacht hatte. Am folgenden Morgen, als gegen sechs Uhr seine Taschen-Weckuhr schnurrte, sprang Kaff aus dem Bett, ergriff den großen länglichen Handspiegel, den er am Abend vorher in Spiegelschrift mit Buchstaben bemalt hatte, hielt ihn in den Sonnenstreifen und dirigierte den Widerschein vorsichtig durch das offene Fenster auf die Decke des gegenüber, eine Etage höher, befindlichen Zimmers, woselbst Anny, die gleichfalls sich hatte wecken lassen, in nur wenig verschwommenen Buchstaben den Satz las: ›Delaro arbeitet schon, sei um elf Café Dauphin.‹ Anny sah verabredetermaßen nach dem Wetter und hüpfte hierauf ins Bett zurück, neugierig nach der Decke blickend, auf der nach wenigen Minuten die Worte erschienen: »Sei pünktlich!« Anny war es. Und da sie Delaro schon von der Straße aus hatte sitzen sehen, betrat sie so das Café, daß sie ihm den Rücken zuwandte und ihn erst dann zu erblicken schien, als sie ihm bereits am Nebentisch gegenübersaß. Delaro rauchte vergnügt, während das eine Auge für alle Fälle über den Rand der Zeitung hinausging. Anny, dies unter dem breiten Hutrand hervor beobachtend, hielt es daraufhin für vorteilhaft, Delaros Aufmerksamkeit dadurch zu erregen, daß sie ein leeres Cachet aus ihrem Handtäschchen nahm und mit übertriebenen Vorkehrungen, dabei nicht gesehen zu werden, schluckte. Delaro sah es. Da der Fall, dessentwegen er von Southampton nach London gekommen war (die Aufspürung des Falschmünzers Kaff und seiner Bande), ihm für den Augenblick nichts zu tun gab, zögerte er nicht, die Dame näher zu besichtigen. Nachdem er, vorbedachter Weise allerlei Zeitungen suchend, mehrmals an Annys Tisch vorübergewechselt war, ließ er wie versehentlich ein Journal neben ihr zu Boden fallen und entschuldigte sich unaufhörlich. 91 Anny, sehr ergötzt, daß es ihr gelungen war, summte die ersten Takte des newyorker Chanson › I can't love  . . .‹ und lächelte dämonisch. Delaro setzte sich deshalb, als geschähe es vor Verwirrung, ihr gegenüber an den Tisch. »Sie kommen aus New-York?« Anny sah traurig über ihn hinweg. »Geben Sie mir zwei Zigaretten!« »Zwei . . .?« Anny blickte, noch trauriger, auf den Tisch. Delaro hielt ihr sein Etui hin. Nachdem Anny sich bedient hatte, erläuterte sie: »Eine für die Schnauze, die andere für meinen Kerl.« Delaro behielt seine seriöse Miene bei. »Sie nehmen Morphium?« »Wer zuerst schweigt, schweigt am besten.« »Sie scheinen nicht viel zu tun zu haben.« »Tätigkeit ist aller Laster Anfang.« Delaro, kaum lächelnd, entzündete sich eine Zigarette. Anny hüstelte. »Ich bin sicher, daß Sie mich für so verausgabt halten, ich könnte glauben, Sie wären mit der Anlage geboren, die Zigarette so zwischen den Lippen zu drehen, wie Sie es tun.« Delaro ärgerte sich nun doch und vergriff sich deshalb: »Ich gehe nur mit Weibern, die mir gut stehen.« »Also ein Einsamer.« Delaro mußte lachen. »Heben wir doch unsere Raketen für den Ernstfall auf. Unter uns wäre es angezeigter, offener zu sein.« »Unter uns?« Anny holte abermals ein Cachet hervor. »Lügen wir also deutlicher.« »Unverbesserlich!« »Beeilen Sie sich! Die Situation geht zu Ende.« Delaro, schnell auf seine Armbanduhr blickend, schlug ihr vor, mit ihm in den Regents Park zu fahren und dann bei ›Frascati‹ in der Oxford Street zu lunchen. »Ist das das Lokal mit der roten Ziegelfassade?« Delaro nickte und erhob sich . . . Als sie die Drehtür des Cafés passierten, streifte Anny die Wade des knapp vor ihr eintretenden Kaff, der die Mütze schief in die Stirn gedrückt trug und um den linken Arm einen falschen Verband. Sobald sie mit Delaro in einem weich dahinrollenden Cab saß, äußerte sie deshalb, es vorzuziehen, in ›Oddeninos Imperial‹ zu lunchen; das sei zudem näher dem Regents Park. 92 Nach zwei Stunden, während welcher Delaro endgültig sich davon überzeugt hatte, eine geistreichelnde, aber harmlose Amerikanerin vor sich zu haben, die aus unglücklicher Liebe ein Opfer jener schrecklichen Drogue geworden war, saßen sie in ›Oddeninos Imperial‹ einander gegenüber. Zwei Tische hinter ihnen saß Kaff, mit falschem Schnurrbart, einem Toupet und in einem eleganten Cutaway. Eine Viertelstunde nach dem Dessert verabschiedete sich Delaro, dem Kaff unauffällig auf die Straße folgte, wo er sah, wie Delaro dicht neben einer Gruppe von zwei Männern und drei Frauen, die durchwegs schwarz gekleidet waren, stehen blieb, als müsse er sich orientieren, in Wirklichkeit aber, um aus dem Gespräch der fünf Geheimagenten den erwarteten Bericht entgegenzunehmen. Kaff kehrte in das Lokal zurück, um seinen angeblich vergessenen Spazierstock zu suchen: das Zeichen für Anny, daß er in sein Hotel sich begebe. Dort erschien nach einer halben Stunde ein Kommissionär, der ihm einen Brief übergab, in welchem ein Stück Zeitungspapier sich befand: das Zeichen für Kaff, daß es noch nicht so weit sei . . . Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr hielt Kaff den großen Handspiegel in den Sonnenstreifen. Anny in ihrem Zimmer las: ›Delaro arbeitet Hochdruck, Eile tut not.‹ Sofort lief sie zum Fenster und sah nach dem Wetter; diesmal aber mit der Variation, die rechte Hand über die Augen zu halten: das Zeichen für Kaff, daß sie es für diesen Abend versuchen werde. Eine Stunde später telefonierte sie dem Portier des Hotel Atlantic, er möge sie mit Mister Delaro verbinden. »Ah, Sie . . . Anny?« Delaros Stimme war nicht nur morgendlich frisch, sondern auch die eines Mannes, der soeben ein vorzügliches Geschäft gemacht hat. »So früh schon auf? Nun, wie gehts?« »Haben Sie wirklich erst übermorgen Zeit für mich?« zwitscherte Anny gekränkt in den Apparat. »Liebe, ich sagte Ihnen doch, daß ich . . .« »Sie essen zu wenig. Deshalb haben Sie keine Gefühle.« »Vielleicht haben Sie recht. Aber ich habe eine ganze Reihe sehr wichtiger Sachen zu erledigen, die kei . . .« »Gestern sagten Sie, es wäre nur eine.« Delaro, der es nicht gesagt hatte, ließ sich, unsicher geworden, Lügen strafen. »Sie passen ja gefährlich auf.« »Habe ich eine Schmutzkonkurrentin?« »Für einen so billigen Herrn halten Sie mich?« »Nein. Aber die Londoner Damen nicht für sehr teuer.« 93 »Sie haben eine wunderbare Schnauze.« »Und, ich schwöre es Ihnen, keinen Kerl.« »Daran habe ich niemals geglaubt.« »Ich wußte es. Halten Sie die Bewegung der Erde um die Sonne für inkorrekt?« »– ? –« »Nun?« »Ich warte auf die Pointe.« »Sie irren. Ich wollte damit nur sagen, daß Sie diese Bewegung, zu der Sie im Großen und Ganzen gezwungen sind, auch im Kleinen und Halben mitmachen sollten, sofern Sie nicht . . .« »Dieser Verdacht, Sie seltenes Nachtgestirn, kann mich nicht treffen, denn . . . Eine Sekunde, bitte . . .« Anny nahm augenblicks den zweiten Hörer, setzte sich geräuschlos, hörte auf zu atmen und lauschte angestrengt. Nach einigen Sekunden näherten sich undeutliche Stimmen Delaros Apparat. Aber erst nach etwa drei Minuten vermochte Anny folgende Satzfetzen aufzufangen: › . . . war es nicht im Chronickle, Pitts . . . Man muß, wenn es klappen soll, in der Fenchurch Street . . . Im Osten. Dann aber hat es keinen Zweck, die Leute, die doch . . . von South Kensington bis . . .‹ Neuerliches Stimmengewirr. Dann: › . . . vielleicht auch zwecklos, Pitts . . . Ich bin dafür, es doch so zu machen, daß wir sofort . . .‹ Die Stimmen entfernten sich. »Anny?« rief Delaro endlich ungeduldig. »Anny, halloh!« Anny machte ein Geräusch, als ergriffe sie erst jetzt wieder den Hörer. »Halloh, Delaro? Halloh! Ah, Sie vermuten wohl, daß ich so wenig Zeit habe wie Sie?« »Wieso.« »Nur Leute, die keine Zeit haben, warten lange.« »Ebenso wahr wie rar. Doch ich kann Sie entschädigen. Ich habe heute Zeit für Sie.« »Meinen Glückwunsch!« »Unverschämt!« » Such is life! « »Aber entzückend.« »Also heute abend. Um acht.« »Bei Frascati, wie vereinbart.« » Good bye .« Anny hängte den Hörer ein . . . Kaff befand sich noch in seinem Zimmer, als er ans Telefon gerufen wurde, wo ihm der Kassier eines Cinema-Theaters mitteilte, Mrs. Plinghton sei leider immer noch krank und lasse 94 ihn herzlich grüßen. Kaff wußte nun, daß Anny es erreicht hatte. Nur für diesen Fall hatten sie eine direkte Verbindung vorgesehen, die an Vorsicht und Durchtriebenheit nichts zu wünschen übrig ließ: Kaff rief vom Wartezimmer eines Zahnarztes in der Parlament Street aus um drei Uhr nachmittags, auf die Sekunde genau, die Wohnung eines Zahnarztes auf dem Haymarket an und bat darum, Miß Flower, die im Wartezimmer sei, an den Apparat zu rufen. »Miß Flower selbst?« »Ja. Mister Pringgs?« »Ja, selbst. Was hat man Ihnen mitgeteilt?« »Daß der Laden in der Fenchurch Street schon vermietet ist. Man muß sofort einen anderen suchen.« »So. Das ist unangenehm. Auf jeden Fall aber ist es besser, wenn Sie heute Abend zwei Stunden warten, damit ich mich melden kann.« » Allright .« Kaff verließ das Wartezimmer unter dem Vorwand, einen wichtigen Gang erledigen zu müssen. Anny tat desgleichen . . . Als sie abends in großer Toilette bei ›Frascati‹ erschien, erwartete Delaro sie bereits im Vestibül, war aufgeräumter noch als am Morgen und hatte diesmal so vorzüglichen Appetit, daß es Anny nicht schwer fiel, das Diner bis gegen zehn Uhr hinauszuziehen. Zu dieser Zeit wurde Delaro ans Telefon gerufen, wo man ihn mit verstellter Stimme bestürmte, sofort nach Fenchurch Street zu fahren; Kaff sei, als Arbeiter verkleidet, dort aufgetaucht, in der Wohnung sei Licht, man höre Tumult etc. Delaro hatte die unbekannte Stimme zwar Verdacht erregt, der Umstand aber, daß sie ihn ›Pitts‹ genannt hatte, ließ ihn annehmen, daß die Aufregung Powells Stimme (denn nur diese konnte es sein) verändert haben mochte. Delaro bat um Entschuldigung, Annys Hand ergreifend; er würde in einer halben Stunde zurück sein. Anny aber bestand darauf, mitfahren zu dürfen. Unterwegs wurde Delaro, eben als er mit beiden Händen Annys Kopf nahm, um sie zu küssen, blitzschnell von ihr gefesselt. Ihn zu knebeln unterließ sie, um ihn, freilich mit vorgehaltenem Browning, ausfragen zu können: »In welcher Angelegenheit sind Sie in London?« Delaro, der seine Lage nicht unterschätzte, hielt es für das 95 Vorsichtigste, falsch die Wahrheit zu sagen: »Um Casallo zu finden.« »Kaffs Komplizen?« Anny kicherte höhnisch. »Warum nicht lieber ihn selber?« Delaros Brauen zuckten zornig. »Wer hat mit mir telefoniert?« Anny wackelte mit der Browning, ihn kurz gegen den Chauffeur richtend. »Der!« »Wer?« »Der am Volant – Kaff.« »Ah!« Delaro machte sichtlich eine furchtbare Anstrengung, um seine Ruhe zu bewahren. »Ich weiß, daß ich Ihnen ausgeliefert bin. Geist wie dem Ihren bin ich unter Verbrechern noch nie begegnet. Das entschuldigt meinen Hereinfall ein wenig. Ich verspreche Ihnen, die ganze Falschmünzer-Affaire durch ein Machtwort niederzuschlagen, wenn Ihre Bande Europa verläßt.« »Er stellt Bedingungen!« Anny stieß mitleidig den Atem aus. »Er verspricht! Sie scheinen vor Angst zu vertrotteln.« Sie hielt die Waffe näher an seine Stirn, da sie den unklaren Eindruck gehabt hatte, als hätte er versucht, sich zu bewegen. »In meinem Portefeuille in der linken Brusttasche befinden sich siebenhundert Pfund.« Delaro dachte so rasend nach, daß er erbleichte. »Außerdem unterschreibe ich für das Zehnfache.« »Er deliriert«, sagte Anny trocken. »Halten Sie mich wirklich für so dumm? Dann würde ich mich allerdings nicht mehr darüber wundern, daß Sie mich nicht überwachen ließen.« »Selbst wenn es geschehen wäre, hätte es wohl nichts verhindert. Wenn Menschen Ihres Kopfs Verbrecher werden, entwickeln sie eine tolle Phantasie und arbeiten viele Jahre hindurch gänzlich ungestört. Bis einmal ein Zufall, der immer kommt, ein wichtiges Detail lüftet und dadurch bald auch das ganze System.« Delaro hoffte, halb bereits sich aufgebend, ihr doch noch zu schmeicheln. Anny jubilierte innerlich, diesen Gegner vor dem Schuß zu haben. »Schlucken Sie das!« Sie hielt ihm ein Cachet hin, das eine Dosis Morphium enthielt, die genügt hätte, ein Pferd zu töten. Im selben Augenblick hob Delaro die Fäuste, um ihr die Stahlfassung der Handschellen auf den Kopf zu schlagen. Anny schoß. Und sah sofort, daß es nur ein harter Streifschuß war, der den Schläfenknochen weggerissen hatte. Das Hirn lag in einer Breite eines Fingers bloß. Der Schmerz mußte ungeheuerlich sein. »Schlucken Sie das!« befahl sie herrisch, wütend darüber, daneben geschossen zu haben. Delaro, vor Schmerz fast ohnmächtig, aber doch noch so weit 96 bei Bewußtsein, um zu wissen, daß er verloren sei, öffnete die Lippen und verschluckte das Gift. Drei Sekunden später schoß Anny noch einmal. Die Kugel drang neben der Nase schief nach oben ins Gehirn. Delaro war sofort tot . . . Der Mord hatte sich im dichtesten Straßengewühl ereignet, so daß die Detonationen selbst von Kaff nicht gehört worden waren. Nachdem Anny durch das Hörrohr mit Kaff sich verständigt hatte, hielt das Auto bald darauf vor einem kleinen Restaurant, das Anny nur betrat, um es nach wenigen Minuten wieder zu verlassen. Kaff, der weitergefahren war, hielt vor einer kleinen Bar, stieg aus, trank einen Likör, trat auf die Straße, dann in einen Laden und ließ schließlich das Auto im Stich. Am nächsten Morgen erwachte er, durch die Weckuhr bereits daran gewöhnt, von selber gegen sechs Uhr. Aber der Sonnenstreifen fehlte. Der Himmel war bleigrau. Kaff sah aus dem Fenster. Gegenüber, eine Etage höher, lehnte Anny am Fenster und lachte, als sie ihn erblickte. » How do you do, Mister Pringgs? « » Thank you, very well, Miß Flower. « 97   Das Geheimnis der Concetta Cappi Neapel ist die einzige Stadt Italiens, die den Strich verboten hat. Dessen um das Ende des vorigen Jahrhunderts ganz unverhältnismäßiges Überhandnehmen bedingte diese gewiß sehr erstaunliche Maßnahme, die, einmal getroffen, beibehalten wurde, weil sie der großen Frömmigkeit der Bevölkerung entsprach, vor allem aber, weil man bemerkte, daß es auch so ging. Zwar etablierten sich in der Folge allenthalben neue Bordelle und die Kupplerinnen tauchten in ganzen Rudeln auf, aber der eigentliche Zweck war doch erreicht: die direkte Verlockung fehlte. Allerdings nur während einiger Jahre. Denn allgemach bildete sich ein gänzlich neuer Brauch heraus, der nicht sowohl das Verbot erfolgreich umging, als auch eine gewisse Gewähr dafür bot, daß er beschränkt bleiben würde. Die Sängerinnen der Kabaretts, die fast ausnahmslos ihre Gunst verkaufen, fuhren nämlich nach Schluß der Vorstellung, meist erst nach Mitternacht, in Mietdroschken nach Hause und wurden unterwegs von ihren zahlreichen Verehrern stets mehrmals angehalten, mit Blumen und Liebesworten überschüttet. Und manchmal kam es auch vor, daß einer das Glück hatte, im Wagen mitgenommen zu werden. Bald wurden die Droschken der Sängerinnen immer häufiger angehalten und immer häufiger wurden Glückliche mitgenommen. Und nach Verlauf einiger Monate konnten besonders aufmerksame Beobachter bereits feststellen, daß auch Damen, die allem menschlichen Ermessen nach keine Sängerinnen waren, gegen Mitternacht sehr langsam nach Hause fuhren, immer wieder die Via Roma passierten und erst verschwanden, wenn sie glücklich einen ergattert hatten. So kam es, daß Neapel den vornehmsten Strich der Welt bekam: den Droschken-Strich. Seine Exklusivität erwies sich allerdings erst nach einiger Zeit. Die Regiekosten waren nämlich sehr hoch und mußten auf den Kavalier abgewälzt werden, so daß einerseits dem hohen Preis eine schöne Dame entsprechen mußte, andererseits der schönen Dame ein zahlungsfähiger Kavalier. Deshalb bildete sich zunächst folgende Gepflogenheit heraus: die Droschke anhalten, um mit der Insassin zu reden und sie zu begutachten, war gratis; wer aber, ohne sich schon endgültig entschlossen zu haben, die Droschke bestieg, war, wenn er nachträglich gleichwohl sich zurückziehen wollte, verpflichtet, die mitgefahrene Strecke zu 98 bezahlen. Daß in solchen Fällen nicht nur die bis dahin von der Dame allein zurückgelegte Strecke angerechnet wurde, sondern oft das Vielfache, war ebenso verständlich wie die Folge davon: die Herren wurden überaus vorsichtig und stiegen überhaupt erst ein, wenn man sich über den Gesamtpreis geeinigt hatte. Da diese langwierigen Unterhandlungen vom Wagen aus zum Trottoir hinab weder nach dem Geschmack der Damen waren oder nach dem der Herren, vollzog sich die definitive Siebung: die Droschken wurden nurmehr von Herren angehalten, die jeden Preis zu zahlen willens waren, und nur jene Damen, die darauf verzichten konnten, täglich Erfolg zu haben, fuhren auf den Strich. Die Königin dieses allnächtlichen Wagen-Korsos war jahrelang die schöne Maria Cappi gewesen, deren geheimnisvoller Tod viel von sich reden machte. Sie wurde eines Nachts an der Ecke der Via Chiaia durch einen Flintenschuß in den Hals getötet. Der Mörder wurde nicht entdeckt; sei es, weil die Richtung, aus der der Schuß gekommen war, nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, sei es, weil der Kutscher nach dem Schuß, den er nicht gehört hatte, noch minutenlang weiterfuhr. Erst als der Körper der Ermordeten bei einer holprigen Stelle fast aus dem Wagen fiel, hielten Passanten den Kutscher auf. Dieses Ereignis gab umso mehr Grund zu den unglaublichsten Kommentaren, als die einzige Tochter der Ermordeten, die siebzehnjährige Concetta, die fast noch schöner war als ihre Mutter, nach deren Begräbnis ihre Verlobung mit dem jungen Principe Faradossi, der, um sie gegen den Willen seines Vaters heiraten zu können, Bankbeamter geworden war, brüsk löste und noch in derselben Nacht im Wagen ihrer Mutter auf den Strich fuhr. Als man es Faradossi hinterbrachte, rannte er wie ein Toller auf die Via Roma. Zufällig war der Wagen Concettas einer der ersten, die ihm begegneten. Faradossi blieb aufbrüllend stehen und schoß dreimal. Als der Wagen hielt und Concetta ihn wachsbleich, aber unverletzt verließ, feuerte Faradossi vor ihren Augen sich eine Kugel in den Mund. Und nun geschah das Allerunglaublichste. Concetta stieg wieder in den Wagen, ohne ihren toten Bräutigam auch nur berührt zu haben, und gab ihrem Kutscher barsch den Befehl weiterzufahren. Man erzählte sich, daß sie bis gegen fünf Uhr morgens die Via Roma auf und ab fuhr. Niemand wagte, den Wagen anzuhalten, weil alle sie kannten, alle wußten, was sich ereignet hatte, und alle die Jungfrau Concetta Cappi für wahnsinnig hielten. Als sie aber nachts darauf wieder auf der Via Roma erschien und die folgenden Nächte wieder, war der Bann gebrochen. Dennoch war der erste, der ihren Wagen anhielt, ein unbekannter Fremder gewesen. 99 Kersuni war kaum zwei Tage in Neapel, als ein Bekannter, mit dem er spät nach Mitternacht über die Via Roma heimging, beim Erscheinen des Wagens Concettas ihm deren Geschichte erzählte. Kersuni, für den sie weniger romantisch sich ausnahm als für den Erzähler, wurde immerhin so neugierig, daß er sich vornahm, obwohl ihm Concettas hoher Preis genannt worden war, diese Frau kennenzulernen und vielleicht, koste es, was es wolle, ihr Geheimnis. Schon in der nächsten Nacht wartete er vor einer kleinen Bar in der Nähe der Piazza Dante. Gegen Mitternacht trabte der elegante Dogcart Concettas vorbei. Kersuni, der nicht wußte, daß Concetta gewöhnt war, es ihren Liebhabern nicht leicht zu machen, erreichte deshalb zu spät den Fahrdamm. Er wartete nun hart am Rande des Trottoirs, bis der Wagen zurückkam, und gab schon von weitem dem Kutscher ein Zeichen mit dem Stock. Der Wagen hielt kurz vor ihm. Kersuni grüßte mit einem leichtem Kopfneigen und stieg wortlos ein. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. »Sie sind Ausländer?« fragte Concetta französisch und mit einer Stimme, die Kersuni durch ihren gebrochenen Klang aufhorchen machte. »Ja.« »Sie zahlen zweitausend Lire?« »Ja.« »Für jede weitere Stunde zahlen Sie ebenso viel?« »Ja.« »Geben Sir mir bitte Ihren Paß.« Kersuni, der stets auch einen falschen bei sich trug, gab ihr diesen. Nach einer Weile sagte sie: »Damit es keine Differenzen gibt.« Kersuni nickte höflich. Es fiel ihm auf, daß sie kein anderes Bijou trug als um den Hals ein kleines Kruzifix aus schwarzen Steinen. Von Zeit zu Zeit stellte sie noch allerlei Fragen, unterließ es aber bald, da Kersuni nur ausweichend oder gar nicht antwortete. Sobald die Via Roma passiert war, nahm der Kutscher scharfen Trab und hielt nach einer Viertelstunde vor einer versteckt liegenden kleinen Villa auf dem Vomero. Das Weitere vollzog sich in der üblichen Weise. Kersuni war lediglich darüber erstaunt, daß Concetta das schwarze Kruzifix nicht ablegte, obwohl sie sich völlig ausgekleidet hatte. Als er nach etwa einer Stunde das Bett verließ, fragte er nach dem Grund. 100 Concetta bewegte verächtlich ablehnend die Lippen. »Sie haben ja bisher überhaupt sehr hartnäckig geschwiegen. Wollen Sie doch bitte auch weiterhin dabei bleiben.« Sie dehnte ihren schlanken ebenmäßigen Körper und warf dann rasch einen rotseidenen Peignoir über. Kersuni hatte sich bereits zuvor im Zimmer, das aussah wie alle eleganten italienischen Boudoirs, umgesehen und soeben auf dem Toilette-Tisch einen dunklen, durch einen runden Bilderrahmen halb verdeckten Gegenstand bemerkt, der seine Aufmerksamkeit dadurch fesselte, daß er zu irisieren schien. Noch bevor Concetta es hätte verhindern können, hielt Kersuni eine längliche Bronze-Statuette in der Hand, darstellend einen geschwänzten bocksbeinigen Teufel, dem ein nacktes kleines Mädchen ehrerbietig den Hintern küßte. Doch da riß Concetta ihm auch schon die Statuette aus der Hand und schleuderte sie in eine offenstehende Wäsche-Schublade, die sie hastig zustieß und versperrte. »Was sind das plötzlich für Manieren?« rief sie empörter, als es dem Vorfall entsprach. Kersuni beobachtete sie unbeweglich. »Was sind das für Steine, die Sie um den Hals tragen?« »Schwarze Brillanten.« Concettas Lippen verschoben sich drohend. »Wünschen Sie noch . . .« »Sie legen dieses Kruzifix niemals ab?« »Niemals.« Concetta schrie es fast. »Hier haben Sie Ihren Paß.« Sie warf ihn in ein Fauteuil. »Wünschen Sie noch zu bleiben?« Kersuni steckte seinen Paß ein und setzte sich. »Ja.« »Sie erinnern sich an unsere Vereinbarung?« »Ja.« »Für jede weitere Stunde . . .« »Ja.« Concetta, die ihn während ihrer Fragen wild angeblitzt hatte, ließ sich achselzuckend in ein Fauteuil fallen, schlug ein Bein über und sah, das Kinn in der Hand, zum Plafond empor. Kersuni, Knie und Fäuste rechtwinklig an einander gepreßt, saß ihr gegenüber und starrte sie unausgesetzt an . . . Nach drei Viertelstunden bewegte Concetta sich zum ersten Mal. »Es dürfte die zweite Stunde um sein.« Kersuni blickte auf seine Armbanduhr. »Es fehlen noch fünfzehn Minuten. Aber wollen Sie sich nicht vergewissern?« »Danke.« Kersuni schwieg und starrte sie weiter an. Nach einer halben Stunde nahm Concetta ihren Kopf aus der 101 Hand, wandte Kersuni voll das Gesicht zu und fragte rauh: »Was wollen Sie eigentlich noch?« »Einige Fragen an Sie richten.« »Gehört das zu unserer Vereinbarung?« Ihre Stimme zitterte vor Wut. »Nein.« »Es freut mich, daß Sie wenigstens ein Gentleman sind.« »Danke.« Concetta senkte die Augen. Dann riß sie ihr Fauteuil mit einem heftigen Ruck beider Hände zur Seite, so daß Kersuni nicht einmal ihr Profil sah. Nach einer weiteren halben Stunde folgerte Kersuni, der Concetta nach wie vor, nur vielleicht noch verbissener, angestarrt hatte, aus nahezu unmerklichen Bewegungen, daß seine Suggestion zu wirken begann. Da er immerhin mit einer unvorhergesehenen Störung rechnen mußte, hielt er es für angezeigt, sofort zu sprechen. »Ich weiß«, sagte er laut, aber mit tunlichst gleichmäßiger Stimme, »daß Ihre Mutter erschossen wurde. Daß der Principe Faradossi . . . Ich weiß, was alle Welt weiß. Ich weiß aber auch, daß das Geheimnis, das noch heute jene Ereignisse umgibt, durchaus nicht so undurchdringlich ist und keineswegs auf das Konto einer Maffia zu setzen ist oder gar Gefühlvolles oder Leidenschaftliches verbirgt, sondern . . .« »Sondern?« kreischte Concetta halblaut und riß ihr Fauteuil mit einem mühsamen Ruck in die frühere Lage zurück. »Sondern es ist ein kleines schwarzes Kreuz und ein Teufel.« Kersuni hustete erregt. »Schweigen Sie!« Concetta war schwerfällig aufgestanden und taumelte nun zu Kersuni, dessen Arm sie erfaßte und zitternd umspannte. »Schweigen Sie zu jedermann!« Ihre Stimme hatte fast keinen Klang mehr. Ihre schwarzen unruhigen Augen waren trüb geworden und glotzten ins Leere. »Sie haben es erraten. Meine Mutter wurde erschossen, weil sie nach Spanien fliehen wollte. Ich hätte ihr Schicksal geteilt, wenn ich – jenem Mann nicht gehorcht hätte. Faradossi wollte mich töten, weil er mich liebte und nichts begriff. Es brachte ihn um den Verstand. Meine Mutter wollte, daß ich ihn heirate. Heute weiß ich, warum. Jetzt aber fällt mir das – andere schon so schwer wie meiner Mutter. Wenn das Maß voll sein wird, werde ich mich selbst töten. Nun wissen Sie es. Schweigen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.« Sie ließ sich erschöpft zu Boden gleiten. Kersuni hielt ihre Hand fest. »Die schwarze Messe.« 102 »Ja. Wir haben unsere eigene Synagoge. Eine grauenhafte Parodie der Peterskirche. Und mehr als vierhundert Satanisten und Satanistinnen.« Concetta hielt gepeinigt inne. Ihr Blick schien gänzlich zu erlöschen. »Anfangs war ich wie rasend . . . Hören Sie, wie es war. Faradossi war mein Erster. Es war mir zu wenig. Und da ereignete sich jener Mord. Es war um ein Uhr nachts. Ich erfuhr es eine Viertelstunde später von – jenem Mann, den ich für den Geliebten meiner Mutter hielt. Ich warf mich schluchzend auf den Divan und er sich über mich . . . und diesmal war es mir nicht zu wenig. So daß ich ihm blindlings gehorchte und zwei Tage später auf den Strich fuhr. Am nächsten Nachmittag brachte er mich in die Synagoge und las die Messe auf meinem Bauch. Ich mußte eine junge Katze in der Luft zerreißen. Ich mußte einem Hahn die Kehle durchbeißen. Ich mußte den Kelch mit Urin und Menstruationsblut leeren. Und ich tat es. Tat es mit Vergnügen. Glauben Sie mir, Grausamkeit und Ekel sind das größte Vergnügen . . .« Sie lächelte irr. »Weiter . . . weiter . . .« flüsterte Kersuni gierig. »Anfangs war ich wie rasend darüber, daß ich das alles tat und daß ich es mit Vergnügen tat. Doch diese Abscheulichkeiten retteten mich vor dem Abscheu vor mir selber. Aber man hält es nicht aus. Und wenn der Körper es nicht mehr hergibt, das ist das Ende. Man ist zum Brechen voll und soll weiter essen . . .« Concettas Kopf fiel, wie im Genick gebrochen, auf die Brust. Kersuni streichelte ihre Hand, ihre Haare. »Nur noch eins. Wer pißt auf den verhaßten Philipp?« »Jedesmal ein anderer.« »Ich meine . . . wer ist euer Katharer?« Concetta schloß schläfrig die Augen. »Derselbe.« Sie sank in sich zusammen. » Jener Mann.« Kersuni hob ihr Kinn. »Wer?« Er starrte ihr lange und fest in die Pupillen. Concettas Augen füllten sich plötzlich mit einem solch seltsam müden alten Haß, daß Kersuni erschauerte. Dann zischte sie einen in Neapel gefürchteten Namen. Kersuni schwieg lange. »Warum schickt er Sie auf den Strich?« »Wir müssen alle huren. Aber auch wegen der Irreführung.« »Müssen Sie ihm Geld geben?« »Der Synagoge. Aber er hat auch schon von mir . . .« »Warum haben Sie meinen Paß verlangt?« »Wir müssen alle spitzeln. Und dann für alle Fälle . . .« Concettas Lippen schlossen sich nicht mehr. Ihre Augäpfel verdrehten sich. 103 Kersuni rieb ihr die Schläfen, bis sie einschlief. Dann trug er sie ins Bett und deckte sie bis ans Kinn zu . . . Es gelang Kersuni, ungesehen das Haustor zu erreichen. Der Schlüssel steckte von innen. Auf der Straße blieb Kersuni stehen. Doch das Lächeln darüber, daß er nicht bezahlt hatte, erstarb vor der jähen Einsicht, so rasch wie möglich abreisen zu müssen. 104   Der berühmte Zedde Er hatte zu kurze Beine und einen zu langen Oberkörper und war klein, von gelblicher Gesichtsfarbe und überhaupt häßlich. Das Häßlichste an ihm jedoch war seine Freundin, die ihn um mehr als Haupteslänge überragte, eine behaarte Warze am Kinn trug und darüber eine hexenhaft ausladende Nase. Sie hieß Magdalena, hielt sich für schön und Zedde für ein Genie. Zu dieser Auffassung war sie langsam, aber zielbewußt von Zedde bewogen worden, der darin das angenehmste wie auch sicherste Mittel sah, sie zu veranlassen, ihren Monatslohn mit ihm zu teilen. Nachdem Zedde, was nicht schwierig gewesen war, Magdalena zu Fall gebracht hatte, begann er immer deutlicher unter dem Leben zu leiden und über mysteriöse körperliche Beschwerden zu klagen, um sowohl das schärfste geistige Symptom des werdenden großen Mannes aufzuweisen als auch das diesem stets anhaftende Pathologische, das überdies den Vorteil hatte, Mitleid zu erregen. Als Magdalenas Aufmerksamkeit in dieser Hinsicht genügend eingesponnen war, ging Zedde zu dumpfen Reden über, welche, da Magdalena allmählich von ihnen bewegt wurde, zu nächtelangen verbissenen und konfusen Debatten führten, die Zedde vorsichtiger Weise in jenem Augenblick, da Magdalena zu ermüden begann, mit einem sexuellen Überfall zu beenden pflegte. Bald schätzte Magdalena diese Debatten nurmehr um des sie unweigerlich abschließenden Überfalles willen, ja hielt sie halb unbewußt für überflüssige Hinausschiebungen jenes holden Endes. Zedde bemerkte diese Wendung und beeilte sich, zu handeln. Er zwang Magdalena, die es bisher aus Gründen der Wohlanständigkeit vermieden hatte, sein Zimmer zu betreten, es dennoch zu tun, indem er in der Nähe des Hauses, in dem er wohnte, einen Schwächeanfall simulierte. Magdalena schleppte ihn unter Tränen in sein Zimmer hinauf und hätte ihn beinahe fallen lassen, so sehr war sie von der grenzenlosen Unordnung, die daselbst herrschte, perplexiert. Alles lag kunterbunt durcheinander. Tisch, Stühle, Sofa, ja selbst der Fußboden waren dicht mit alten Büchern, Papieren, Briefen und Manuskripten bedeckt. Während Magdalena, den kranken Freund völlig vergessend, über die ausgestreuten Schätze sich hermachte, beobachtete Zedde sie zwischen halb geöffneten Lidern hervor, höchst zufrieden mit sich und seiner so wohl arrangierten genialen 105 Unordnung. Plötzlich stieß Magdalena einen kleinen Schrei aus: »Was, Otto, du dichtest?« Zedde, der nur auf dieses Stichwort gewartet hatte, fuhr stöhnend empor, ließ sich aber, als hätte er nicht die Kraft, ihr das Manuskript zu entreißen, verzweifelt wimmernd aufs Bett zurücksinken. Von dieser denkwürdigen Stunde an begann Magdalena ihren Freund nicht nur mit den Augen der Liebe zu betrachten, sondern bereits mit denen einer Frau, die den ihr gebührenden Anteil an seiner Biographie sich sichern will. Und als Zedde kurz darauf zum ersten Mal seine finanziellen Bedrängnisse gequält vor ihr entrollte, lächelte sie bloß ein stilles Frauenlächeln und legte ihm ihr Portemonnaie in die Hände. Nach vierzehn Tagen, die sehr redselig und begeistert verliefen, bat sie ihn schüchtern, doch die Hälfte ihres Monatslohns annehmen zu wollen. Zedde wehrte sich eine Stunde lang gewissenhaft. Dann wurde er schwach und gab unmutig nach. Nach zwei Monaten aber begann Magdalena, ohne es sich freilich einzugestehen, sich zu langweilen. Die dumpfen Reden Zeddes, seine seltsamen, regelmäßig wiederkehrenden Anfälle, seine expressionistischen Gedichte, die sie nicht verstand, und die malerische Unordnung, in der er lebte, hatten ihren Reiz eingebüßt. Auch war es immerhin verwunderlich, daß ein Genie wie Zedde nicht den geringsten äußeren Erfolg zu verzeichnen hatte. Und so kam es, daß Magdalena eines Abends, als Zedde gerade besonders dumpf daherredete, etwas Präziseres zu hören wünschte, Weltanschaulicheres. Und als Zedde daraufhin nur noch dumpfer orakelte, warf sie ihm einen Polster an den Kopf, so daß er seinen krummen Zwicker verlor, und rief ihm barsch zu, er sollte zu ihr ins Bett kommen. Als nun aber gar die am nächsten Tag fällige Zahlung des halben Monatslohns in ziemlich unfroher Weise erfolgte, war es Zedde klar, daß er Gegenmaßnahmen treffen mußte. Er traf sie in Gestalt eines jungen Russen, namens Pluchin, der gleichfalls über keinerlei Einkünfte verfügte, dafür jedoch über große Pfiffigkeit und eine ans Unwahrscheinliche grenzende Frechheit. Zedde, der ihn vor allem als pfiffig kannte, erzählte ihm im Café Odeon, verzweifelt wie er war, seinen schwierigen Fall, vorerst allerdings in der Einkleidung einer Novelle, die er zu schreiben gedenke, und bat, bezüglich eines packenden Schlusses, um sein literarisches Urteil. Pluchin, der Zeddes unklare Liebschaft kannte, ahnte, daß dieser Geschichte Lebendiges zugrundeliege, und bediente sich des nahezu nie versagenden Kniffs, es ihm auf den Kopf zuzusagen. Zedde gab es verärgert zu und bat um Rat. 106 Angesichts der Möglichkeit, Zeddes Notlage auszubeuten, ließ Pluchin sich herbei, für die Angelegenheit sich zu interessieren, und versprach, nachdem er zehn Franken gepumpt hatte, eine wiederherstellende Lösung zu finden. »Aber es ist unbedingt nötig«, säuselte Zedde unruhig, »daß Magda in ihrer Meinung über mich . . . ich meine, was das Genie betrifft, sehr gekräftigt wird.« Pluchin zog sich animiert die Hose zurecht. »Daß Sie ihr eine neue Weltanschauung servieren, ist ebenso unmöglich wie unnötig. Erstens ist alles schon dagewesen und zweitens kann man auch andersrum das sexuelle Interesse für Sie neu beleben.« Er glotzte auf ein Wasserglas und erst hierauf auf Zeddes glanzlose Äuglein. Zedde kratzte sich den verschwitzten Kopf. »Andersrum?« Pluchin glotzte auf einen Pfeiler. »Man müßte etwas Bewegtes bringen. Etwas Wucherndes.« Und mit einem Mal zuckte sein Kopf weit nach vorn. »Hollah, nichts einfacher als das! Ich werde Sie beobachten.« »Sie . . . beobachten . . . mich . . .?« Zeddes Oberkörper verschwand bis zu den Lippen hinter dem Tischrand. »Spielerei. Neunzehnhundertfünf war ich in Moskau. Bei der Bombengruppe. Daß man bei dieser Beschäftigung seine Erfahrungen sammelt, wird Ihnen einleuchten.« »Aber . . . das . . . wieso . . .« Zeddes Äuglein schienen durch den Zwicker hüpfen zu wollen. Pluchin lächelte unverschämt. »Spielerei. Unsereiner hat Übung in Masken. Ich werde Sie persönlich beobachten. Und vor allem Sie darin unterweisen, auf welche Auffälligkeiten in Ihrer Umgebung Sie Magda hinzuweisen haben.« Zedde begriff endlich. »Das ist originell.« Über seinem Näschen aber entstand gleichwohl eine düstere Grube, die von Sekunde zu Sekunde sich vertiefte. »Aber doch nicht das Gewünschte. Sie will Genie, Ruhm. Nicht bloß Gefährlichkeit. Das liegt ihr nicht.« »Spielerei,« behauptete Pluchin kaltstirnig. »So machen wir eben Ruhm. Was ist Ruhm? Aber nur ein Kalkül. Also, es bleibt dabei.« »Es bleibt dabei?« Zeddes Grube über dem Näschen zersprang. Pluchin hustete despektierlich. »Selbstverständlich. Ich mache trotzdem dieselben Sachen, als würden Sie wie ein gefährlicher Verbrecher beobachtet. Sie weisen Magda auf mich hin und auf die Auffälligkeiten. Das alles sieht auch glatt aus wie Ruhm. Ich garantiere für diesen Effekt.« »So erklären Sie es doch deutlicher!« Zedde errötete vor Besorgnis, es könnte ein Hereinfall sein. 107 Pluchin installierte sich introduktiv. »Wenn Sie mir schriftlich ein Viertel von Magdas Monatslohn für den Fall des Erfolges aussetzen.« »Ein Viertel ist viel«, stotterte Zedde erbleichend. »Zaudern Sie nicht!« Pluchin gröhlte frech. »Sie sind bei der Geburt Ihres jungen Ruhms dabei. Also schreiben Sie!« »Ein Viertel ist sehr viel.« Zedde sah sich jedoch bereits von den langen Armen seiner Magda neuerdings innig umschlungen. So siegte schnöder Ruhm über gutes Geld. »Topp. Ich bin dabei. Aber so erklären Sie es doch nur genauer!« Pluchin erklärte es. Sehr genau. So genau, daß Zedde schon an dem auf diese sonderbare Unterhaltung folgenden Abend seine Magda in das Kabarett Bonbonnière führte, woselbst er sie sogleich darauf aufmerksam machte, daß vor ihnen ein Herr säße, der allzu häufig in sein Handspiegelchen blicke. Magdalena mußte dies nach kurzer Zeit der Beobachtung zugeben und wunderte sich. Worauf Zedde betreten meinte, er müsse wohl annehmen, daß dies ihm gelte. Magdalena zuckte die Achseln und äußerte gänzlich nebenhin, das begreife sie nicht. Zedde erinnerte sie daran, mit welcher Dienstbeflissenheit der Boy in der Garderobe ihm beim Ablegen des Mantels behilflich gewesen wäre und mit welch ungewohntem Schwung der Saaldiener die Tür vor ihm aufgerissen hätte. Magdalena, welche diese Beobachtungen zwar ebenfalls gemacht zu haben sich einbildete, ohne jedoch etwas Außergewöhnliches in jenen Dienstleistungen zu erblicken, zuckte abermals, diesmal schon unwillig, die Achseln und fragte gleichgültig, was das alles denn heißen solle. Zedde hielt es für verfehlt, jetzt schon darauf zu antworten, und verwies ablenkend auf die eben beginnende Vorstellung und auf die Pause. Als diese kam, stieß er plötzlich ein verblüfftes »O!« aus. Magdalena fuhr herum. Ihre Augen fragten zornig. Zedde wies mit dem Kopf in eine bestimmte Richtung. Magdalena folgte ihr und sah an der Wand einen Herrn stehen, der mit einem Fernglas Zedde auffällig fixierte und, als er daran sich Genüge getan, einen neben ihm stehenden Herrn auf Zedde aufmerksam machte. Als auch dieser Herr sein Fernglas hob, hielt es Magdalena nicht länger. Sie ergriff Zeddes Ärmel und flüsterte erregt: »Was soll das alles?« Zedde drehte sich etliche Sekunden hin und her, um ihr schließlich gequält mitzuteilen, daß man ihn hier wohl allgemein zu kennen scheine. »Was? Man kennt dich?« Magdalena zerrte, während ihre Stimme zwischen Zweifel und Hoffnung bebte, aufgeregt an seinem Ärmel. 108 »Ja«, sagte Zedde ernst. Magdalena dachte zwei Minuten schweigend nach. Dann schien sie sich zu entsinnen. »Otto, bist du wirklich schon so berühmt?« Zedde senkte die Lider und vermied es feinfühlig, zu antworten. Magdalena verhielt sich während des folgenden Teils der Vorstellung äußerst reserviert. Zeddes vorsichtig kontrollierenden Blicken aber entging es nicht, daß sie mit einer Genugtuung rang, die immer wieder der Regung sich näherte, seine Hand zu ergreifen. Als nun aber gar beim Verlassen des Kabaretts eine vor dem Portal wartende Dame Zeddes wegen einen Herrn anstieß und wenige Sekunden später hinter Magdalena die Worte fielen: »Das ist er ja doch!«, da riß Magdalena Zeddes Arm an sich, schleifte ihn fast über das Trottoir und beförderte ihn in eine Droschke, in der sie, kaum daß der Kutscher losgefahren war, ihren berühmten Geliebten mit Liebesbeteuerungen überhäufte und schließlich sogar, ungeachtet der grellen Straßenbeleuchtung, leidenschaftlich abküßte. Diese Nacht wünschte Magdalena nichts Weltanschauliches zu hören, sondern begnügte sich mit den festlichen Hingerissenheiten ihres Zedde und ihrerseits mit ausgefallenen Innigkeiten. Und am folgenden Morgen erfolgte, in beinahe beschämend verlegener Weise, die Zahlung des seit vierzehn Tagen fälligen halben Monatslohnes. Die versprochene Hälfte dieser Hälfte seinem Helfer Pluchin zu geben, dazu vermochte Zedde, dem der Erfolg, wie stets, nicht so viel wert zu sein schien, leider sich nicht zu entschließen. Leider. Denn Pluchin, welcher, einmal in Bewegung, Geschmack an seinem neuen Metier gefunden hatte, war am Abend zuvor Zedde und seiner Magda, allerdings mehr neugierig als mißtrauisch, gefolgt, hatte an deren Tür in der Spiegelgasse etwa eine Stunde lang gehorcht und war darum, als Zedde im Café Odeon behauptete, die Sache mache sich zwar wieder, sei aber durchaus noch nicht in der gewünschten Ordnung, so wütend, daß er darauf verzichtete, Zedde eine herunterzuhauen, sondern beschloß, fürchterliche Rache zu nehmen. Er tat, als ginge er in die Telefonzelle. In Wirklichkeit aber trat er auf die Straße und resolut auf einen Polizisten zu, dem er in sich überstürzenden Worten mitteilte, im Café Odeon sitze der langgesuchte Anarchist und Schwerverbrecher Jusmalin. Der Polizist, ohnehin ein Exoten-Fresser, fiel auf Pluchins vorzügliches Theater hinein, stürzte ins Café und schleppte Zedde, 109 der, halb besinnungslos, kaum zu gehen vermochte, zum Kommissariat auf der Schipfe. Pluchin hatte zwar dem Polizisten versprochen, er werde sofort nachkommen, eilte aber schnurstracks in die Spiegelgasse. Er hatte die Chance, Magdalena in tiefstem Negligé und singend vorzufinden. Magdalena erzitterte beim Anblick Pluchins, den sie nicht kannte, und als er mit fast versagender Stimme hervorstammelte, daß ihr Freund . . . er habe sie öfter mit ihm gesehen . . . Zürich sei ja nicht so groß . . . und soeben im Café Odeon . . . wie man ihn . . . verhaftet . . . – da röchelte sie: »Verhaftet . . .« und sank, sich völlig abhanden gekommen, auf das Kanapee. Pluchin, der bei dieser Gelegenheit die Abwesenheit sämtlicher weiblicher Reize hatte konstatieren müssen, schluckte etwas nieder. Dann versicherte er wie außer sich: »Er ist sicherlich unschuldig. Beruhigen Sie sich. Man wird ihn wieder freilassen.« Er bemühte sich um sie, wobei er die unerfreulichsten Gegenden mied und nur dort massierte, wo es nicht allzu hoffnungslos war, Angenehmes zu empfinden. Magdalena fand sich erst wieder, als diese Betätigungen nachließen. »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Daß Sie es mir erspart haben, es unvorbereitet zu erfahren.« Sie entwand sich keusch seinen Händen. Pluchin, als hätte er ihre Ohnmacht keinen Augenblick bezweifelt, lächelte teilnahmsvoll; doch auch ein wenig ratlos: er wußte nicht, wie er nun seiner wahren Absicht zuschwenken könnte. Magdalena erhob sich geschmeichelt und lehnte sich an einen Stuhl, betörend an ihrer Warze zupfend. »Zedde ist ja ein bißchen pathologisch. Er schwatzt dann immer so konfuses Zeug. Es könnte wohl sein, daß er irgendein unüberlegtes Wort . . .« Pluchin, perfid grinsend über diese so rasch erschienene Gelegenheit, tat einen Schritt nach vorn. »Vermutlich. Denn man sagte mir, daß die Polizei ihn bereits seit Wochen beobachtet.« Magdalena reckte sich unnatürlich. »Ja, ich habe . . . ja, ich war . . . ja, ich hätte . . .« Bei jedem ›Ja‹ zog sie am Tischtuch und weinte mit den Lippen. Mit einem Mal aber stieß sie einen langgezogenen Ruf aus, der schauerlich durch die immer noch offen stehende Tür das dunkle Treppenhaus entlanglief. Dann brach sie auf den Stuhl nieder. »Also das war es! Das also! O, dieser gemeine Komödiant!« »Meinen Sie seine geniale Unordnung? An die habe ich nie geglaubt. Ebenso wenig wie an seine mysteriösen Anfälle.« 110 Magdalena tobte mit den Armen. »Auch das noch! Auch das noch! Aber das Gemeinste war das gestern in der Bonbonnière!« »Nun, wie wars?« fragte Pluchin lauernd. Magdalena faßte sich erstaunlich schnell. »Nicht sehr berühmt.« Pluchin, seiner Rache nunmehr gewiß, verließ unverzüglich Magdalena, welche an dieser zweideutigen Haltung erkannte, daß sie wohl daran getan hatte, ihre ärgste Schmach nicht preiszugeben. 111   Eros vanné Henriette war eine von jenen Frauen auf dem Montmartre, die gegen neun Uhr morgens sich auf den Heimweg machen, unterwegs aber in ein Bistro treten, um für die nachtsüber zu sehr übermüdeten Nerven in Gestalt eines Chauffeurs, eines Negers oder eines sonstwie vakanten Costaud das letzte Tonicum zu finden. Dabei liebte sie es zu erzählen, daß sie ihre Stute vor der Vorstellung mit Champagner wasche, deshalb aber diesen Wein als Drogue empfinde. Als Béschof, ein Raté undefinierbarster Art, das gehört hatte, bestellte er eine halbe Flasche Mumm brut und reichte Henriette, die am selben Tisch ein Beefsteak aß, ein volles Glas. Henriette griff hastig danach und goß den Inhalt in einem Zug hinunter. Béschof, der daraufhin auch den Zirkus ernstlich bezweifelte, fragte nun, von ihrem grünlich schillernden Unterarm dazu bewogen: »Salben Sie Ihren Leib?« »Nur vor der Vorstellung.« Henriette raubte seine Zigarillo. »Médrano?« Béschof las eine Paranuß vom Boden auf. Henriette, ohne auch nur eine Sekunde sich zu besinnen, nickte. »Ich bin dort Habitué.« »Jedenfalls in den Ställen«, meinte Henriette gelassen. »Wo waschen Sie denn Ihre Stute, wenn nicht . . .« Béschof steckte die Paranuß in den Mund und zerbiß sie vergnügt. Henriette untersuchte die Haltbarkeit ihres Gebisses. Béschof verlangte es erklärlicher Weise, in ihre schwärzlich unterwühlten Augen zu sehen. Aber es glückte ihm nicht. Deshalb äußerte er herausfordernd: »Wissen Sie, daß die Araber die Pferde höher schätzen als die Frauen?« »Das beweist noch gar nichts für Sie.« Henriette schlug ein Bein so schwungvoll über, daß dessen violette Kniescheibe oberhalb des heruntergerutschten Seidenstrumpfes sichtbar wurde, und schmiß das Ende der Zigarillo, das sich zu entblättern begann, einem Stummelsammler durchs offene Fenster an den Kopf. Béschof dauerte die Ouvertüre bereits zu lange. Er neigte sich schnell vor, packte routiniert Henriettes Kopf und küßte sie lange und detailliert. Als Henriette sich ihm endlich entwand, bekundete alles an ihr beträchtliches Wohlgefühl. »Hierher kommst du also auch immer erst nachher?« 112 »Nachher – das ist nicht das richtige Wort. Mein Minimum sind drei Damen. Dann erst bin ich auf der Höhe.« »Ah . . .« Henriettes Bein fiel unter den Tisch. Ob es bloß ausgeglitten war oder hinunterreflektiert, blieb zweifelhaft. »Du suchst dir also hier eine, die es noch brauchen kann.« » Pas la blague! « Béschof zwickte skeptisch sein Kinn. »Aber ich liebe Damen mit der äußersten Müdigkeit.« Henriettes halb entrougte Lippen schmatzten langsam. »Spuck doch endlich diese gräßliche Nuß aus!« »Du willst also?« Henriette preßte ihren Leib geil an das Tischbein. »Ja. Wenn du mir glaubst, daß ich es noch . . . gut . . . sehr gut . . . brauchen kann.« Béschof verteilte die inzwischen Purée gewordene Nuß auf der Zunge, so daß seine Worte breiig wurden. »Ich glaube es dir, wenn du es au pair machst.« Henriette ließ das Tischbein pikiert los, kam sich nun jedoch wie verwaist vor. »Ich esse aber stets noch ein Aloyau, zwei Millefeuilles und einen Brie.« Béschof blickte auf die Uhr über der Bar. »Bist du in einer halben Stunde damit fertig?« » Pour sûr .« Henriette trommelte mit ihrem enormen Tourmaline an das Glas und wies, nachdem sie schleunig zu Ende getafelt hatte, den Kellner mit einer stolzen Geste an Béschof . . . In der Rue Gabrielle zog Henriette Béschofs Hand sich auf die Brust, schob sie unters Kleid und flüsterte, dergestalt zu beseligen anhebend: » La poitrine urf, hein? « Béschof, keinswegs dieser Auffassung, ließ es dabei bewenden, weil es ihn, solchem hingegeben, eines Gesprächs enthob. Spleenig Straßen hassend, wünschte er, rasch anzukommen. An der Ecke der Place du Calvaire und der Rue Berthe entfernte sich Henriette mit einer schnellen Körperwendung Béschofs müde knetende Hand und schritt, seiner ganz sicher, voraus ins Haus. Béschof lächelte ob dieser Sicherheit: es hätte nur eines kleinen Entschlusses bedurft, um ihn sofort umkehren zu lassen. Wenige Sekunden lockte ihn sogar diese Möglichkeit als neues Plaisir. Als er aber erkannte, daß er es konzipierend schon genossen hatte, folgte er Henriette nur noch vergnügter. Im fünften Stock, gegenüber der Treppe, stand eine Tür offen, hinter der, als Béschof sich ihr näherte, Henriettes orientierende Stimme erscholl: » Passe par-là, mon coco. « Béschof betrat ein unaufgeräumtes Zimmer, auf dessen 113 verbogenen Dielen zerbrochene Näpfe, schmierige Tücher, Haarnadeln und Papierfetzen herumlagen. An der streckenweise in langen Streifen herunterhängenden Tapete klebten zerquetschte Wanzen. Auf dem unsauberen Bett schlief eine kleine gelbliche Katze. In der Mitte auf einem frisch gestrichenen Tisch gärten die Reste einer Mahlzeit. Über dem ganzen Ensemble hing eine säuerliche Schlafstuben-Atmosphäre. Béschof Sinne soffen selig diese Details. Mit gierig gehendem Atem schlich er zu einem Stuhl, ließ sich, vor Wonne zaghaft, nieder und betrachtete eben die schweinisch bemalte Tür, als Henriette sie mit einem Fußtritt schloß. » Me voilà. « Henriette, die ihre Abendrobe mit einem Schlafrock vertauscht hatte, darauf unterhalb des Nabels japanische Funktionäre auf den Steinschenkeln einer Pagode sich berieten, setzte sich auf eine niedrige Chaiselongue dicht neben der Tür und strampelte mit den Füßen. Béschof wiegte sich auf dem Stuhl. »Dieses Möbel schätze ich nicht. Leg dich ins Bett!« Henriette schlenkerte sich hoch, ließ den Schlafrock fallen, knöpfte das bis zu den Knien reichende fleckige Hemd an den Schultern auf und streifte es mit berechneten Zwischenakten ab. Als sie nackt dastand, postierte sie die Hände mit gespreizten Fingern auf die fetten Hüften und drehte sich odaliskenhaft im Kreise. » Hein , sagt dir das etwas?« »Du hast unterm Hals schmutzige Schatten.« Béschofs Augen umschossen kundig ihren Akt. »Neben den Brüsten auch. Und dort . . . eine wüste bläuliche Röte . . .« Henriette stellte ihre Drehungen mit einem schnellen Blick auf ihre ungewaschenen Füße ein. »Was sind das für versaute Beobachtungen?« »Im Gegenteil, profundeste Wahrnehmungen!« Béschof hatte Mühe, seine Hände zu beherrschen. »Das linke Knie ist arg zerschlagen. Heb das rechte Bein!« » Quelle pitié! « Henriette tat es aber doch. Béschof hustete, heiser vor Wollust. »Komm her!« Henriette trippelte auf ihn zu. Béschof schlang sie sich mit beiden Armen zwischen die Knie. Seine Nase wanderte; nacktselig schnüffelnd, über Henriettes wogendes Fleisch, während deren Rechte seinen Hals umspielte und ihre Linke den eigenen. »Da . . . da . . . da . . .« Béschofs Hände waren außer sich, tollten über Haut und Wülste. Es schien, als sammelten sie 114 habsüchtig etwas ein und hielten es immer wieder der Nase hin. »Wie eine Mischung von Heu, Safran und Moder.« »Warum nicht gar Teer und Schlamm, hein ?« Henriette gluckste unbestimmt. Vor Béschof dampfte alles. Er schwamm. »Dich müßte man mit Champagner waschen.« Henriette fing an, sich verhöhnt vorzukommen. Sie stieß Béschof zurück und hüpfte zur Chaiselongue. Béschof rächte sich sofort. »Von einer Salbe keine Spur.« »Prahler!« Henriette gelang es zu rülpsen. »Schade, daß deine eklatanten Fähigkeiten unter dem Mangel an Regie leiden.« »Du hast weder Fähigkeiten noch . . .« »Talg!« »Was . . .?« »Bade wieder einmal!« Henriette stürzte wie tobsüchtig auf ihn zu. Ihre Hand traf aber nur in die Luft, da Béschof rechtzeitig entwichen war. Von hinten her packte er ihre schwappigen Arme und schlug seine Zähne ihr zischend zwischen die Schultern. Henriette schleuderte sich geschickt zu Boden, derart sich befreiend. » Assez! « schrie sie aufspringend. Das rote Mal seiner Zähne leuchtete auf ihrem Nacken. Béschof fühlte, daß er, wollte er nicht zu kurz kommen, sofort einlenken mußte. »Weißt du übrigens schon . . .« »Ich will nichts wissen«, heulte Henriette und fuchtelte mit ihren Fäusten. » . . . daß Clemenceau sich heute früh um sechs erschossen hat?« Henriette blieb sekundenlang ohne Atem. Dann aber krümmte sie sich vor Lachen. Der ganze Bauch war eine Falte. Woraufhin Béschof mit rekordähnlicher Geschwindigkeit sich auszukleiden begann. Und während Henriette noch lachend sich hin und her bog, griff Béschof nach ihren Händen und zog die über seine stürmische Nacktheit erregt Kreischende bettwärts. Beide achteten nicht der kleinen Katze, die fauchend über sie hinwegsprang und auf einer Stuhllehne einen zornigen Buckel machte. Béschof proponierte sofort sehr diffizile Nuancen, so daß Henriette, von so viel Kenntnissen und Elan gleicherweise impressioniert, ihr Allerletztes hergab, die erlesensten Erschöpfungen genießend . . . 115 Beide waren eben im Begriffe einzuschlafen, als an der Tür gepocht wurde. Henriette fuhr hoch. »Wer ist da?« »So mach doch auf!« krächzte eine häßliche Männerstimme. »Ah, der von der Polizei.« Henriette ließ sich aus dem Bett gleiten. »Ich muß ihn hereinlassen. Steh auf und setz dich hierher! Es dauert nicht lang.« Sie warf einen Polster hinters Bett, schob, nachdem Béschof leise fluchend dahin gefolgt war, einen Stuhl davor und verhängte ihn mit Kleidungsstücken. Dann öffnete sie. »Warum läßt du mich so lange warten?« »Keine Litanei!« befahl Henriette gelassen. »Sei froh, daß ich dich nicht hinauspfeffere.« Da diese Behandlung zu den Bedürfnissen des Klienten gehörte, fügte sie hinzu: »Ich habe heute keine Minute zu verschenken, du Drecksau!« » La ferme! Ich lasse mich nicht mehr abspeisen. Jetzt mußt du das Ganze machen.« Henriette, die vor Schläfrigkeit taumelte, hätte sich am liebsten entrüstet. Doch dazu fehlten ihr die Argumente. Zur Zustimmung aber die Gewißheit der – Möglichkeit. Der Klient erriet, was in ihr vorging. Seine Hand verließ die Hosentasche und stellte ein Fläschchen, auf dem ›Purgativ Pink‹ zu lesen war, hämisch vor sie hin auf den Tisch. Béschof vernahm die Vorbereitungen, die ihn höchst merkwürdig däuchten. Und plötzlich hörte er die häßliche Männerstimme wieder: »Ah und gestern hab ich die Anezka Tritt gehabt. Weißt du, das ist die kleine Polin, die wir vor ein paar Tagen bei ›Peignen‹ beobachteten, Boulevard de Belleville . . . Noch, noch, Henriette . . . Jack hat sie aufgespürt, als er die alte Flouche abholte. Anezka wollte aus dem Klosettfenster springen. Das war ein guter Fang. Nihilistin und Hure und Kupplerin und weiß der Kuckuck was noch alles in einer Person. In der Präfektur schimpfte sie herrlich. Da kannst du mit deiner Gueulerie einpacken. Sogar Lépine staunte. Ich war direkt ergriffen. Aber dann sprang sie doch aus dem Fenster. Eine tolle Katze . . . Bitte hierher, Henriette, hierher . . . War sofort tot. Aber glücklicherweise habe ich meine Beziehungen zum Lariboisière. Gestern nacht war ich dort. Und so bekam ich mein Täubchen doch noch. Durch den Leichendiener. Und noch was ganz Besonderes . . . Ah, so ists recht, Riette, Riette . . . So konnte ich sie ausnehmen. Mit diesen Händen da. Mit diesen Fingern. Und haute den ganzen Salat in die Pfannen. Herrlich! Ah, es war . . . Aber nachher hatte ich entsetzliche 116 Angst wegen des Leichengifts, wie der Diener sagte. Ich nahm sofort ein Sublimatbad. Zwanzig Francs! Billiger tat ers nicht, der alte Falot. Schließlich, die Sache war es wert. Es war ganz herrlich!« »Du Dreckspitzel!« heulte Henriette, wirklich angewidert. Béschof, der atemlos gelauscht hatte, überwand sich erst jetzt, so sehr hatte seine eigene Phantasie ihn gefesselt: er hob den Kopf und sah . . . Dann sank er wie benommen zurück, unfähig, etwas zu denken oder zu tun. Es war ihm, als wäre bereits viel Zeit vergangen, als er miteins Henriettes Gesicht über sich erblickte. »Das Schwein ist schon fort. Kannst aufstehen.« Béschof kroch todmüde hervor. Alles roch in übelster Weise. Sein Kopf drehte sich. Er zog sich hastig und unbeholfen an und vergaß, als er aus der Tür eilte, zu grüßen. Henriette blickte ihm verächtlich nach. Dann machte sie das Fenster weit auf und nahm ihre schwierige Coiffure vorsichtig auseinander. 117   Die Frezzaria ist die offizielle Hurengasse von Venedig. Sie ist trotzdem nicht schmäler und dunkler als eine Calle und unterscheidet sich tagsüber durchaus nicht von dem herkömmlichen Straßenbild der Lagunenstadt. Nachts jedoch, wenn sowohl der fromme Venezianer sie geflissentlich meidet als auch der soignierte Fremde und nur das unbürgerliche Gelichter der ganzen Welt sich über sie hinschlängelt, wird sie tierisch bis zur Phantastik. Pinöff, ein Däne, den der rätselhafte Vorname Duri schmückte, reiste, als die Kopenhagener Polizei ihn zu bedrängen begann, kurzweg auf die Frezzaria, die ihn im Alter von siebzehn Jahren so gründlich berauscht hatte, daß er mit Soun, einer broncefarbenen Ägypterin, und Messer Ugo, dem seltsamsten Franzosen, die erste Fahrt ins Abenteuer angetreten hatte. Daß er der venezianischen Quaestura avisiert worden war, hielt Pinöff für sehr wahrscheinlich, obwohl er auf der ganzen Strecke, weder im Berliner D-Zug noch im Rom-Expreß, irgendetwas Verdächtiges wahrgenommen hatte. Lediglich ein Kellner des Münchner Speisewagens hatte einmal unmotiviert frech geantwortet und ein alter Herr hinter Verona ein wenig zu korrekt um Feuer gebeten. Pinöff, der die Nervosität, welche ihm die Aufmerksamkeit der Polizei verursachte, endgültig loszuwerden wünschte, traf darum für alle Fälle seine Vorkehrungen, als der Zug Mestre verließ und über die lange Mole Venedig sich näherte. Er holte seine beiden Handkoffer, die nichts enthielten als in Lumpen gewickelte Steine, fürsorglich aus dem Netz herunter, überzeugte sich umständlich, ob die Schlösser wohl schlossen, legte Schirm und Plaid bereit, zog seinen dunkelbraunen Macferlane an und wartete, das wachsame Auge auf sein Gepäck gerichtet, stehend die Einfahrt ab. Als der Zug hielt, schrie er, so laut wie nur möglich, nach einem Facchino und folgte ihm, als er mit seinen Koffern beladen vor ihm herwankte, auf den Fersen. Vor den Toiletten hieß er ihn stehen bleiben, zog seinen Mantel aus, warf ihm diesen über die Schulter und betrat vor seinen Augen den Waschraum. Nachdem er abgesperrt hatte, entkleidete er sich hastig, wendete Rock, Weste und Hose, die nun von grüner Farbe sich erwiesen und als ungefüttert, ersetzte den harten Kragen durch einen weichen, wechselte die rötliche Krawatte gegen eine weiße aus, setzte sich eine graue Sportmütze auf statt des weichen Hutes und veränderte sein 118 Gesicht durch eine diskrete Bemalung und eine kleine Grimasse, die es zur Gänze unkenntlich machte. Ohne irgendetwas zurückzulassen, zog er sich ganz hinten vor der Mauer an der Holzwand hoch, ließ sich, nachdem er gesehen hatte, daß er leer war, in den anschließenden Abort niedergleiten und erreichte von diesem aus auf dieselbe Weise den daneben befindlichen, dessen Tür er schnell öffnete und laut zuwarf. Und während er, gemächlich dahinschlendernd, eine Zigarette sich entzündete, verschwand er vor dem Bahnhof in der Menge, die sich gegen den Halteplatz des Vaporetto drängte. Trotz aller dieser Exaktheit bemerkte Pinöff schon vor der Haltestelle Rialto den alten Herrn aus dem Zug wieder, der ihn um Feuer gebeten hatte. Nichts war zwar näherliegend, als daß ein Ankömmling denselben Vaporetto benützte; was aber bot Pinöff die Gewähr dafür, daß es sich nicht anders verhielt? Augenblicks war er entschlossen, sich Gewißheit zu verschaffen und sein definitives Verschwinden, das er ohnedies der Frezzaria vorbehalten hatte, mit peinlichster Vorsicht zu organisieren. Freilich hing dies zum guten Teil davon ab, ob die alte Keile Chagise noch vor dem Caffè Orientale zu finden war. Als der Vaporetto der Haltestelle San Marco sich näherte, drängte Pinöff sich an die Bordseite vor, als wollte er aussteigen. Sobald er jedoch beobachtet hatte, daß auch der alte Herr sich beeilte, aufzubrechen, setzte er sich wieder hin und verkniff nur schwer ein Lächeln, als er den alten Herrn sich bemühen sah, so zu tun, als hätte er sich geirrt. Vor dem Dogenpalast stieg Pinöff aus und schwenkte sich, die Hände in den Hosentaschen, die Riva degli Schiavoni hinunter bis vor das Caffè Orientale und noch langsamer durch den Gang zwischen den Tischen: Keile Chagise war nirgends zu erblicken. Da das Caffè sich bereits zu leeren begann, durfte er, nach elf Uhr nachts, kaum hoffen, ihr hier noch zu begegnen. Zudem hatte er längst bemerkt, daß den alten Herrn ein kleiner dicker Mann ohne Hut abgelöst hatte. Deshalb ging Pinöff langsam weiter bis zum Hotel de Londres, rannte blitzschnell in eine schmale Seitengasse, dann im Zickzack durch ein halbes Dutzend Durchhäuser, wandte sich endlich nach dem Markusplatz und mischte sich in die noch längs den Kaffeehaustischen promenierende Menge, um in einem günstigen Augenblick gegen das Postamt zu oder über die Fruttarol nach der Frezzaria zu entkommen. »Duri!« summte es da mit einem Mal neben ihm. Pinöff hatte die Geistesgegenwart, weder stehen zu bleiben noch 119 auch nur den Kopf zu wenden. Bloß seine Augen hatte es dieser Stimme zugerissen: Keile Chagise, das pockennarbige wächserne Gesicht mit der unheimlichen Vogelnase auf einen schnarchenden Mops gebeugt, den sie auf den Armen hielt, humpelte neben ihm her. »Keile«, sagte er halblaut und ging noch langsamer, um, hinter sie geraten, besser gehört zu werden. »Mußt mich vermoosen.« Ihre Vogelnase sank noch tiefer auf den Mops, während sie wie im Gebetston leierte: »Geihst in del Fruttarol. Stellst dich an der Bar an der Ecke. Wirst fölgen dem Kind mit hälber Stick Melonen in die Händ und wirst passen auf, wenn du wirst zu haben sein auf der S. Moisè.« »Keile . . .« Doch schon war sie um einen Passanten herum nach vorne verschwunden . . . Bald darauf ließ auf der Salizzada S. Moisè ein Kind eine halbe Melone fallen, über die sogleich ein junger Bursche ausglitt, der, kaum daß er sich aufgerichtet hatte, das Kind beschimpfte und schlug. Von einer älteren Frau deshalb zur Rede gestellt, schimpfte er immer lauter und versetzte ihr schließlich einen Stoß gegen die Rippen. Es dauerte nicht lange, so rauften sie. Und nach wenigen Minuten gab es eine allgemeine Schlägerei, an der mehr als ein Dutzend sehr zweideutiger Männer und Frauen sich beteiligten. Pinöff, der Keile Chagises Plan sofort begriff, schlug alsbald mit in den Haufen ein und tauchte im Nu unter den Fäusten der Raufenden unter, die sich Schritt für Schritt gegen den Eingang zur Frezzaria wälzten, um, vor deren erstem Haus angelangt, innezuhalten und, von allen Seiten verstärkt, die Straße abzusperren. An zwei Röcke geklammert, hatte Pinöff alle Kraft und Geschicklichkeit aufbieten müssen, um nicht zu Boden gezerrt und niedergetrampelt zu werden. Jetzt fühlte er, als der Haufen zum Stehen kam, sich miteins vorne am Kragen gepackt und nach unten zu zwischen den stoßenden Beinen hervorgezogen. Sobald er befreit war, wurde er, wobei man ununterbrochen auf ihn einhieb, zwei Häuser weitergehetzt und plötzlich in ein Tor gestoßen, worauf an seiner Statt ein junger Bursche, der im Schatten des Torbogens gewartet hatte, die Frezzaria hinabgeprügelt wurde . . . Pinöff war, da die Hiebe, die er erhalten hatte, fast so echt waren wie die Fußtritte, völlig erschöpft zusammengebrochen, als er an die Mauer geflogen war. Er kam erst wieder zu sich, als es ihm kalt auf den Augen wurde. »Steihst auf, Duri, Jingl.« Keile Chagise steckte den nassen Schwamm ein, legte sich einen Arm Pinöffs um die Schultern und 120 schleppte ihn so durch den engen Gang in einen stockfinsteren Hof, wo sie ihn über einer Kellerfalltür an die Wand lehnte. »Wirst herunterkömmen, Jingl, und wirst sein weich und vermoost, Duri.« Sie klopfte mit der Faust zweimal auf die Falltür, die fast gleichzeitig langsam nach unten wich. Pinöff glitt, eine runde müde Masse, schnell hinab und tat einen kurzen Fall auf eine Matratze . . . Nach etwa fünf Minuten wurde er von vier Armen hochgezogen und fortgetragen. Zwei Türen gingen. Und alsbald befand er sich in einem niedrigen, von einer grünlichen schmutzigen Kristallampel schlecht beleuchteten Keller und wurde auf eine mit Decken und Fellen überladene Ottomane niedergelegt. Als er versuchte, seine Helfer zurückzuhalten, humpelte Keile Chagise herein, ihren Mops wieder auf den Armen. »Addio. Bringts was zu essen mit! Auch Mozarella, zwei Stick. Und den Vaterlaus und Peppo. Avanti! Avanti!« »Wer sind die?« Pinöff rieb sich die schmerzhaftesten Stellen und strich sich die Haare aus der Stirn. »Wer werden se schon sein. Unsrige.« Keile Chagise legte behutsam ihren Mops in ein altes zerschlissenes Lederfauteuil und setzte sich hierauf dicht neben Pinöff. »Duri, redst jetzt. Sagst der alten Chagise. Sagst ihr.« Sie reichte ihm von einem Sessel ein Glas Chianti. Pinöff ließ sich ihre welke knöcherne Hand auf der seinen gefallen. »Riecht ja nach Jasmin hier.« Er leerte gierig das Glas. Keile Chagise lächelte unterwürfig, wobei ihre Nasenspitze die Oberlippe berührte, so daß es aussah, als spalte sie sich in zwei Teile. »Die Signora Rus hät gegeben. Hät gehört, daß ein Guter von die Unsrigen is gekömmen.« Sie griff hinter die Ottomane und drückte Pinöff einen großen Strauß blühenden Jasmins auf den Bauch. »Geihst eben zwei bis drei Tage mit ihr, Duri. Sie verdients. Wie lang hät sie gehabt deine Soun? Unsere gebenschte Soun? Drei Jahre. Drei Jahre.« »Soun? Wo ist sie? Ist sie hier?« Pinöff ließ den Strauß fallen und packte ihre Arme. Seine Augen wurden klein und naß. »Joi, joi, joi, was für ein Gewure!« Keile Chagise stand, die Hände auf die Knie gestützt, mühsam auf und humpelte zu einem halboffenen Schrank, aus dem sie eine alte Priesterstola nahm. »Schaust her, Jingl. Mit dem traifen Fetzen da is se gekömmen, hät ihm verkehrt umgewickelt gehäbt und hät vor den lebendigen Augen der alten Chagise herausgezogen. Immer wieder herausgezogen. Was se herausgezogen hät? Was wird se schon 121 herausgezogen zu haben? Gelder. Schwere Gelder. Alles englisches Papier.« Sie legte ihm feierlich die Stola auf die Knie. Pinöff hörte und sah nichts. »So sag doch schon, was mit ihr los ist. Ist sie hier?« »Wie kann se hier sein, wenn se is in Kairo? Erster Klasse im Hotel Nil? Wärste gekömmen vor fünf Wochen, häste se gesehen gekennt bei der Signora Rus.« Keile Chagise schlug sich, mit einem Mal ohne jeden Übergang heiser lachend, auf die dürren Schenkel. »Häste se gehalten für die jingere Schwester von der Signora Rus. Drei Jahre is se hier herumspäziert und hät gebaut an einer Sache, joi, joi, joi.« »Und was macht sie jetzt in Kairo? Ist Messer Ugo mit?« Pinöff fieberte vor Ungeduld. Seine Stimme klang fast zornig. »Was wird se schon machen in Kairo? Guten Eindruck auf die Hotelgäste. Schad, daß es nix is geworden mit der großen Sache in der Pensione Hering. Du weißt doch, in der Calle dell Angelo.« Keile Chagise stieß plötzlich einen dunklen Pfiff aus. Es war wie ein Vogelruf. »Was ich vergeß! Vergeß ich die Hauptsach! Wart, Duri, Jingl, wirst haben Freud an deiner Soun und Freud an deiner alten Chagise.« Sie zerrte sich einen Tisch heran, zog sich an ihm hoch und humpelte in eine Ecke, wo sie in einem hohen Haufen Plunder und Fetzen herumwühlte. Pinöff streichelte geistesabwesend die Stola auf seinen Knien: Soun war weit weg. Das war alles, was ihn im Augenblick bewegte. »Da, du Schweden-Goj, da haste was von deiner Soun.« Keile Chagise riß, heranhumpelnd, einer mittelgroßen Gliederpuppe den Porzellankopf herunter. Während Pinöff mit zitternden Fingern durch den Hals in das Stroh des Puppenleibes griff, stand Keile Chagise, die mageren Arme faul hängen lassend, mit leise schaukelndem Körper vor ihm und schaute mit einem unsäglich erfahrenen Lächeln seinen Händen zu. »Fünfzehnhundert Pfund«, sagte Pinöff gepreßt. »Messer Ugo weiß nix davon. Auf dich is se scharf gewesen zu sein, Duri.« »Ich Esel, ich Esel, . . .« Pinöff lächelte häßlich. »Ist sie mit ihm?« »Messer Ugo macht sich in Smyrna. Is gut, daß se getrennt sind. Was wird schon sein mit dem Jingl? Mit dem Jettatore? Macht er sich mit die wilden Augen und mit dem gefährlichen Ponim? Nicht macht er sich.« Keile Chagise ließ sich zu Boden rutschen. »Ruhst dich aus hier, Duri, und dann fährst herunter zum Nil.« 122 »Nimm!« Pinöff hielt ihr einen Hundertpfund-Schein hin, den sie schweigend zusammenfaltete, bis er so groß war wie ein Spielwürfel. Da kamen Schritte an die Tür. Pinöff steckte die Scheine schnell in die innere Westentasche. Keile Chagise stopfte den ihren in eine halb ausgehöhlte Semmel, die sie wieder unter die Schürze schob. Vier junge Männer traten einer nach dem andern ein. Zuletzt die Signora Rus, eine noch hübsche Frau unbestimmten Alters. Zwei der jungen Männer legten Eßwaren auf den Tisch, drückten hierauf gleich den andern Pinöff fest die Hand und blieben schweigend stehen, wo sie gerade standen. »Das ist er also«, sagte die Signora Rus mit einem gezierten Lächeln. »Zucca, daher kommst!« rief Keile Chagise und streckte die langen Finger ihrem Mops entgegen, der sich widerwillig auf den Boden plumpsen ließ und schwerfällig heranwankte. »Der Große mit den Coteletten is der Vaterlaus. Der Kleine mit dem roten Schnauzer is Peppo. Raniero und Victor, das sind noch junge Porser . . . So setzts euch doch auf die Ärsche!« Pinöff, der gleichgültig sitzen geblieben war, hob rasch den Jasminstrauß auf und roch an ihm. »Und Sie sind die Signora . . .« »Si.« Die Signora Rus leckte sich einladend die vollen Lippen, so daß Pinöff ärgerlich den Jasminstrauß neben sich auf die Ottomane legte und die Stola darauf. »Hab ich das Jingl vermoost?« Keile Chagise wackelte mit den Fingern an einem ihrer letzten Vorderzähne. »Vermoost hab ich ihn.« Und während man allmählich ins Gespräch kam und ins Erzählen, drang von oben her, von der Frezzaria, dumpfes Brummen und Getrappel und zuweilen die schrillen Pfiffe der Spitzel. 123   Der Freund aus Costa Rica Es war in Innsbruck, in der Leihanstalt. Kaneder wartete gerade auf die Schätzung seiner goldenen Uhr, als ein leises, aber sehr lustiges Lachen ihn zwang, sich umzuwenden. Ein nettes blondes Fräulein stand hinter ihm. »Habens auch ka Geld?« »Danke.« Kaneder fühlte eine jähe Hitze. »Bloß Zahlungsschwierigkeiten.« »I eigentli auch. Mei Freund aus Costa Rica, der mir sonst immer pünktlich am ersten . . .« Sie schien flüchtig zu erröten. »Muß halt der Rubinring da von ihm herhalten.« »Also Leidensgefährten . . .« Nach einer halben Stunde saßen sie im Café Maria Theresia. »O, i hab Ihna no gar net gsagt, wia i heiß.« Kaneder blickte höflich zur Seite. »Ist doch gleichgültig.« Er las aber doch sofort die Adresse des Briefs, den sie aus ihrem Handtäschchen nahm: ›Ghilaine Lambert, Wien IX, Schulz-Straßnitzki-Gasse 8‹. »Ein seltener Vorname. Zugelegt?« Sie sah pikiert an ihm vorbei. »Meine Mutter war Französin.« »Und ihr Vater?« »Armenier. Ich bin auf einem Schiff zwischen Pera und Neapel geboren.« »Eine schwankende Geburt«, witzelte Kaneder mit Naturnotwendigkeit. Sie ging fein lächelnd darüber hinweg. »Was wollns.« »Darf ich den Brief lesen?« Kaneder zwinkerte pfiffig. »Aber bitt schön.« Es war eine Trostspendung ihres Beichtvaters, der sie ermahnte, brav zu bleiben und nicht zu unterliegen. Kaneder juckte sich die Hand. »Wohnen Sie noch in der Schulz-Straßnucki . . . Straßnicki . . .« »'s is zwar scho in der Näh vom Gürtel, aber a wunderhübsche klane Dreizimmer-Wohnung.« »Die der Freund aus Costa Rica bezahlt.« »Was denn!« Kaneder bemühte sich jetzt, das Datum des Briefes zu entziffern. Als ihm das gelungen war, lächelte er langsam. »Wie lange wohnen Sie schon dort?« »Wird bald a Jahr.« 124 »So alt ist dieser Brief auch. Dann ist ja alles in Ordnung.« »Wieso?« fragte sie frech, ein Débâcle ahnend. »Inzwischen sind Sie jedenfalls doch unterlegen.« »Herr Kaneder, ich muß Sie ernstlich ersuchen . . .« Sie mußte nun aber über sich selbst lachen. »Wissens, i bin nämlich, das hat mir mei Mutter aufm Sterbebett anvertraut, a natürlichs Kind vom Großfürsten Georg. Der Freund aus Costa Rica is sein Bevollmächtigter in der Alimentensachn. Sie begreifen. Daher kann von an Unterlegensein gar net die Red san.« »Ich begreife«, versicherte Kaneder, der nichts begriff, als daß es ihm zu bunt wurde. »Wirklich schade, daß ich schon in einer Stunde nach Wien zurück muß.« »Ja, 's is schad.« Sie neigte bedauernd, aber vielsagend das Köpfchen. »Net wahr, wir wern uns hoffentlich in Wean wiederschaun?« »Wenn es Ihnen recht ist, heute in acht Tagen im Café Lebman in der Kärthnerstraße.« Kaneder wünschte, rasch fortzukommen. »Ich geh nie ins Lebman.« Sie hob empört die Hand. »Also dann im Graben-Café. Um fünf. Abgemacht?« Sie nickte verheißungsvoll. »Hier habens auf jeden Fall mei Telefon-Nummer.« Sie schrieb sie auf eine Papierserviette, die Kaneder in die Rocktasche steckte . . . Zwei Wochen später saß Kaneder, der längst dieses kleine Intermezzo vergessen hatte, eines Nachmittags im Café Lebman, als er plötzlich Ghilaine, sorgfältig geschminkt und einen blendenden Weißfuchs um die Schultern, eintreten und einen Herrn lebhaft begrüßen sah. Kaneder versteckte sich schnell hinter einer Zeitung, zahlte und drückte sich grinsend. Am anderen Morgen erwachte er frühzeitiger als sonst und fand keinen Schlaf mehr. So fiel ihm Ghilaine wieder ein und schließlich bedauerte er, sich nicht den Scherz gemacht zu haben, sie zu begrüßen. Da erinnerte er sich, daß sie ihm ja in Innsbruck ihre Telefon-Nummer aufgeschrieben hatte. Sofort sprang er aus dem Bett zum Schrank und durchstöberte die Taschen des Rocks, den er damals getragen hatte. Überraschender Weise fand sich die Papierserviette noch vor. Kaneder holte sich den Telefon-Apparat und nahm ihn mit ins Bett. »13 453 . . . Halloh, Fräulein Lambert? . . . Halloh, wer ist dort . . . Halloh, halloh . . . Ja, ich spreche . . . Halloh, Fräulein Lambert? Ja, man hat uns unterbrochen . . . Wie bitte? . . . Halloh . . . Na endlich . . . Hat man Sie vom Apparat weggerufen? . . . Nicht? Umso besser. Wie geht es Ihnen, blonde Schöne? . . . Wer ich eigentlich bin? Aber Sie erinnern sich doch 125 sicherlich noch an meine Stimme . . . Nicht? Na, dann sage ich nur – gestern Nachmittag im Café Lebman . . . Na also . . . Was? Ich bin ein notiger Karpfen, ein zwiderer Kren? . . . Na, also bitte . . . Warum ich eigentlich gestern nicht mitkommen wollte? Sofort. Sagen Sie mir erst, warum Sie so außer sich sind. Sie sind ja atemlos. Sie sprechen ja, als hätten Sie gerade eine Semmering-Besteigung hinter sich . . . Was? Ich fasle? Durchaus nicht. Oder sollte es sich um eine andere Besteigung handeln? Von wo aus sprechen Sie überhaupt? . . . Von Ihrem Schreibtisch aus? Sie sitzen um sechs Uhr morgens an Ihrem Schreibtisch? Sie? Ja, haben Sie denn die Nacht durchgearbeitet? Jedenfalls, denn jetzt höre ich eine Männerstimme . . . Halloh, halloh . . . halloh . . . halloh . . .« Kaneder stellte den Apparat auf das Nachtkästchen. Dann brüllte er wiehernd auf, legte sich in die Seite und schlief noch einmal ein. Am Nachmittag dieses Tages betrat Kaneder gegen fünf Uhr das Café Lebman. Ghilaine saß bereits in einer Ecke und las das Kleine Witzblatt. Als Kaneder sie begrüßte, staunte sie ihn ratlos lächelnd an. »Innsbruck!« sagte Kaneder eindringlich. »D'Hauptstadt von Tirol«, äußerte Ghilaine vergnügt. Mit einem Mal aber schlichteten sich ihre Züge. Es war unzweifelhaft, daß sie sich mit irgendeinem Erinnerungsfetzen herumbalgte. Das machte Kaneder wagemutig. »Café München«, log er. »Gegen elf Uhr abends. Serenata von Toselli.« Ghilaines ganzes Gesicht hielt gleichsam im Anlauf inne. Aber es vermochte sichtlich nicht, das Dunkel zu durchdringen. Daraufhin tat sie, als wäre es ihr gelungen: »Aber natürli! Jetzt erkenn i di wieder! Grüß di Gott! Servus! Na, wie gehts allerweil? Was machn die Würscht?« Kaneder setzte sich, ein einziger Jubel. »Mattes Geschäft.« »Das sagst immer.« Ghilaine lächelte unbändig. »Aber gut, daß d' da bist. Jetzt kannst mir glei die fufzich Kraneln geben, die i noch zu kriegen hab.« Kaneder juckte sich die Stirn. Ghilaine hielt es für richtig, sich zu ereifern. »Was? Bist auch so a notiger Karpfen, so a zwiderer Kren? Wegen fufzich lumpige Kraneln? Schamen sollst di was . . .« Kaneder war, angesichts dieses dermaßen schütteren Erinnerungsvermögens, davon überzeugt, daß diese Nachforderung ein Kniff sei. »Gut, du sollst sie haben, obwohl ich mich nicht erinnere . . .« 126 »Was? Du erinnerst di net?« Ghilaines Hände flogen umher. »I sag nix als Hotel Kreid, Rudolfstraßn.« »Und ich sage dir, daß es im Hotel Greif war.« Kaneder war auf der Höhe. Ghilaine schien flüchtig zu erröten. »Du faselst ja. Außerdem liegt mir das stagelgrün auf. Gibst mir also die fufzich.« »Ja, aber erst in deiner Wohnung.« Ghilaine begehrte auf: »Frechheit! Übrigens habe ich jetzt gar keine Zeit.« »Wir nehmen ein Auto. Auf dem Alsergrund sind wir in zehn Minuten. In einer Stunde kannst du wieder hier sein.« »Wer sagt dir, daß i aufm Alsergrund wohn?« Ghilaine schlang sich ihren Weißfuchs fester um den Hals und schickte sich an, sich zu erheben. »I wohn in der Josefsstadt. Josefsgassen II. Da gehts no viel gschwinder.« »Hast du nicht einmal in der Schulz-Straßnucki . . . Straß . . .« Ghilaine blieb sekundenlang bewegungslos stehen. Die zugehörige Erlebnis-Sphäre hatte sie gestreift. Es kam aber nur zu einem Achselzucken. »Da hat a Freundin von mir gwohnt. I glaub sogar, sie wohnt no dort. Was, hast vielleicht mit der Lambert auch scho gschlafn? Mit der Zwiderwurzen? Heißt net amal so. I wer mi hüten und der Urschl no amal mei Zimmer borgn. Wenn i dann ihre lumpigen drei Löcher amal brauch, hats an Ausred . . . Komm, gemma!« Als sie im Auto saßen, packte Ghilaine von neuem der Neid. »Du kennst also die Lambert?« »Ja.« Kaneder benützte die Gelegenheit. »Sie hat sogar einen Beichtvater. Fromm sein kann man ja schließlich trotzdem.« Ghilaine schlug die Hände über dem Kopf zusammen, was ihr jedoch nur approximativ gelang. »Das . . . das glaubst, du Zeiserl du? Den Brief hat sie sich do selber gschriebn! Zum Vorzeign. Zum Imponiern. Da fallns gern drauf 'nein, die alten Hofrät. Mir hat sie 'n auch amal borgt.« Sie hielt inne. Die dazugehörige Erlebnis-Sphäre hatte sie gestreift. Es kam aber wiederum nur zu einem Achselzucken. »Übrigens, is das a Lügnerin! I glaub sogar, sie spitzelt. I hab amal bei ihr im Bett Polizeiakten gfundn. Hat sie dir auch von dem Freund aus Costa Rica vorgschwindelt, was?« »Sie hat mir sogar aufbinden wollen, daß sie auf einem Schiff zwischen Pera und . . .« »Was?« Ghilaine schüttelte wütend die Hände. »So eine Person! Das hat sie von mir amal ghört aus Hetz und jetzt sagt sie's glei nach. Am End hat sie dir auch gsagt, daß sie a natürlichs Kind . . .« 127 » . . . des Großfürsten Georg . . .« »Na, was sag i! . . . Und daß der Freund aus Costa Rica bloß . . .« » . . . der Bevollmächtigte . . . wegen der Alimente . . .« »I sags ja! . . . Alls macht sie mir nach. I erzähl nämlich gern Gschichtn und mach gern a Hetz und sie macht jetzt gleich alls nach. So a Bisgurn! Wann warst denn 's letzte Mal bei ihr?« »Vor einem Jahr.« »Und da hast dir das alls gmerkt?« Ghilaine stutzte, aber ohne Erfolg. »Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.« »Ganz wia i.« »Das habe ich schon bemerkt.« Während des Restes der Fahrt einigten sie sich über den Preis, den Ghilaine, bereits in scharfer Konkurrenz mit ihrer Rivalin sich fühlend, sehr niedrig ansetzte. An der Tür von Ghilaines Treppenzimmer las Kaneder: ›Fritzi Klimpfner, Artistin‹. Das Zimmer war hell und geräumig und eleganter, als Kaneder vermutet hatte. Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Telefon. Ein Schreibtisch freilich fehlte . . . Schon während des ersten Sturms klingelte das Telefon. Fritzi, Kaneder noch am Herzen, griff nach dem Hörer. »Halloh, hier Fritzi . . . Wer is . . .« Sie hielt die Muschel zu. »Was sagst, die Lambert is da.« Sie nahm den Hörer wieder ans Ohr. »Na, wie gehts denn allerweil . . . Na ja, aber ins Kolosseum geh i net . . . Scho gut, machs kurz, i hab jetzt ka Zeit . . . Kommst halt in aner Stund ins Lebman, dann wer i scho sehn . . . Auf Wiederschaun!« Kaneder empfand eine gewisse Befriedigung darüber, daß in seinem Fall nur eine Dame die Störung vollzog; aber auch darüber, daß Ghilaine Lambert also doch kein Phantom war. »Von wo aus hat sie telefoniert?« »Aus der Schulz-Straßni . . .« Fritzi gab sich mit Feuereifer ihren Pflichten hin . . . Als Kaneder zahlte, zog er es vor, auf die Fünfzig-Kronen-Nachforderung zu vergessen. Fritzi desgleichen, da sie sich immer noch in scharfer Konkurrenz fühlte. Nachdem Kaneder sie im Auto ins Café Lebman zurückgebracht hatte, fuhr er, einer spontanen Neugierde erliegend, in die Schulz-Straßnitzki-Gasse. 128 Neben der Klingelreihe an der Haustür war unter ›IV. Stock‹ tatsächlich zu lesen: ›Ghilaine Lambert, Private‹. Kaneder stieg die vier Treppen hoch und klingelte, hörte aber nichts. Hierauf klingelte er noch einige Male, ohne daß man ihm öffnete. Schließlich drückte er, weniger in der Hoffnung, die Tür offen zu finden, als vielmehr ärgerlich auf die Klinke, die, fast zu seinem Schreck, nachgab. Kaneder trat leise ein, lehnte die Tür an und lauschte. Vom Ende des Korridors her hörte er Stimmen. Er schlich herzu, stellte sich mit einem Mut, den er selber an sich bestaunte, neben die halboffene Küchentür und vernahm die Stimme eines Mannes. »So gehts net. Das beste Mittel, wenn man a Dummheit gemacht hat, is, man betracht sie wie an Schachzug. So mach ichs. Akkurat aso machts auch der Polizeirat. So hat er scho oft Glück ghabt, der alte Schloderer.« »No ja«, raunzte eine Frauenstimme, »is ja alls recht schön und gut aso, aber fad is, wenn d' amal gsagt hast, daß d' net an Gfühl glaubst, nur an Absichten. Das is mir aso rausgrutscht.« »Rausgrutscht! Wie oft hab i dir net gsagt, überleg erst, bevorst plauschst. Drehsts jetzt halt aso, als wärn bei dir die Gfühl was so Seltens, daß aner scho an ganz an ernste Absicht mit dir habn muß, bevorst ihm a Gfühl glaubst. Paß auf, das putzt'n. Und amal putzt, kannst ihm dann gschwind einreden, daß er sa Gfühl für di beweisen muß. Dann hast'n so weit.« »No ja, Maxl, aber . . .« »Hast die Akten ordentlich glesn? Sonst machst grad noch an Pallawatsch.« »Aber ja. Kannst sie glei mitnehmen. Ich hols.« Kaneder rannte auf den Fußspitzen zur Wohnungstür zurück. Im selben Augenblick, da er sie erreichte, hörte er einen erstaunten Ausruf. Er blieb stehen. Die Lambert kam hastig auf ihn zu. »Entschuldigen Sie, bitte«, sagte Kaneder rasch. »Die Klingel funktionierte nicht und die Tür war unversperrt.« »Was wollns denn überhaupt?« »Ihre Freundin Fritzi läßt Ihnen sagen, daß sie Sie nicht im Café Lebman erwartet, sondern . . .« »Aber i hab doch gar ka Rendezvous mit ihr.« »Haben Sie ihr nicht vor einer halben Stunde telefoniert?« »Aber gar ka Idee! Die soll mir erst amal mein Rubinring zruckgebn, sonst zeig ichs noch an.« Kaneder wurde sehr unangenehm zumut. »Da muß ein Fehler sein.« 129 »A Fehler? Mir scheint, Sie hats! Oder hams sich vielleicht in der Tür g'irrt?« Von dem Wortwechsel angelockt, trat Maxl auf den Korridor. »Du, hörst, Maxl, komm amal her! Der da kommt von der Fritzi und i hab gar ka Ahnung . . .« Maxl näherte sich spähend. Als er neben ihr stand, sagte sie, mit der Hand auf ihn weisend: »Mein Freund aus Costa Rica.« Kaneder verfärbte sich. Dann verbeugte er sich unbeholfen. Plötzlich aber machte er wie ein Verrückter kehrt, rannte die Treppe hinunter, sprang in der Porzellangasse in ein Auto und fuhr ins Café Lebman, um sich einen phantastischen Triumph zu holen. Fritzi war jedoch nicht da. Der Ober konnte ihm bloß mitteilen, daß sie zwar vor einer halben Stunde gekommen, aber sofort wieder mit einem Herrn, der sie erwartet hatte, fortgegangen sei. 130   Die schwarze Serie Eines Morgens war es Kencim beim Erwachen, als müsse er miserabel aussehen. Da er höchst seltsamer Weise abergläubisch war, sprang er mit einem Satz aus dem Bett und auf den kleinen Handspiegel zu, der auf dem Tisch lag. Kencim hatte sich nicht getäuscht: aus dem Spiegel grinste ihm ein eingefallenes grünliches Gesicht entgegen, in dem die Augen gleich schwarzfettigen Oliven hingen. Kencim schleuderte den Spiegel auf den Divan und machte sich, überzeugt, einen schlechten Tag vor sich zu haben, mißmutig an die Toilette, mitunter resigniert innehaltend, so sehr quälte ihn das Bewußtsein seines reduzierten Exterieurs, das er gerade an diesem Tage zu einer gewissen Unternehmung in seinem normalen Glanze dringend benötigt hätte. Und siehe da, bereits in der Portierloge fing es an: von den drei Zeitungen, die er abonniert hatte, fehlte der Figaro. Und als er das Hotel verließ, sprach ihn so unvermittelt, daß er fast erschrak, ein ziemlich schlecht gekleideter Mann an, der das Französische auf eine Weise radebrechte, die keiner fremden Sprache zu entsprechen schien. Erst nach wiederholtem Fragen und auch dann nur, weil er es erriet, vermochte Kencim ihm die Auskunft zu erteilen, die er wünschte. Nervös und verstimmt begab Kencim sich in das gegenüber befindliche Café Biard. Der Kaffee stand kaum vor ihm, als er auch schon wieder auf die Straße lief, um sich den Figaro zu kaufen. Seine Nervosität steigerte sich noch, als bei seiner Rückkehr von den beiden Zeitungen, die er auf dem Tisch hatte liegen lassen, die Humanité verschwunden war. Voll Ärger darüber, daß seine üble Voraussicht sich bestätigte, durchflog er die Zeitungen nur und wollte eben aufbrechen, als er an dem dunkelblauen Trotteur einer draußen vorübereilenden Dame Suzanne zu erkennen glaubte. Sofort rannte er zur Tür: es war Suzanne, die ihm doch so oft gesagt hatte, sie frühstücke ausnahmslos im Café Louis in der Avenue Kléber. Diese Lüge beschäftigte Kencim augenblicklich zwar weniger als Suzannes auffallendes Benehmen, das so gar nicht zu ihrer sonstigen Gemessenheit paßte; aber auch dieses war ihm nur insoferne wichtig, als es ihm wiederum bewies, daß er die schmerzliche Entdeckung, welche ihm über einen bis dahin geschätzten Menschen die Augen öffnete, just an diesem Tage machen mußte. 131 Mehr als übellaunig stieg er zur Metro hinunter. Während der Fahrt erinnerte er sich des ersten Zusammenseins mit Suzanne im Bois bei ›d'Armonville‹ und jener kleinen blauen Plüsch-Chaiselongue, wo er zum ersten Mal . . . und daß Suzanne nachher an der Porte Dauphine plötzlich behauptet hatte, die Métro nehmen zu müssen. Er hatte sich nach einigen Minuten umgewandt und gesehen, wie Suzanne die Treppe der Métro-Haltestelle wieder heraufkam. Er war ihr sogleich nachgeeilt, hatte sie aber nicht mehr erblicken können und war schließlich der Meinung gewesen, sich geirrt zu haben, als sie tagsdarauf bei ›Fauchon‹ auf seine diesbezügliche Frage neckisch geantwortet hatte: » O, il m'aime, ce n'est pas original! « Und nun . . . Nach mehreren geschäftlichen Visiten, die infolge seiner Nervosität oder der Abwesenheit der erforderlichen Herren ergebnislos gewesen waren, nahm Kencim, da er sich um mehr als eine halbe Stunde verspätet hatte, ein Taxi und fuhr zu ›Royal-Topsy‹ hinter der Madelaine. Adèle, mit der er sich zum Déjeuner verabredet hatte, war nicht da. In blindem Zorn nahm er an, sie würde überhaupt nicht mehr kommen, und eilte in das unweit gelegene billigere Restaurant ›Bernard‹. Zu seiner maßlosen Überraschung sah er Adèle an einem Tisch mit drei Herren, die nicht eben einen sehr soignierten Eindruck machten. Als sie ihn endlich erblickte, schien sie die Herren an ihrem Tisch plötzlich nicht mehr zu kennen und erhob sich langsam. Sobald er mit ihr allein an einem Ecktisch saß, erklärte sie ihm alles sehr plausibel, so daß er beinahe beschämt schwieg, war aber ebendeshalb derart kratzbürstig, daß er es vorzog, sie im Taxi nach Hause zu schicken, ohne sie zu begleiten. Da Kencim nach all dem nichts hätte bewegen können, seinen Tag in der gewohnten Weise zu beenden, zündete er sich, sehr zufrieden mit seinem Entschluß, bis zum Abend spazieren zu gehen, eine Zigarre an und schlenderte über die großen Boulevards. Vor der Olympia-Taverne grüßte ihn ein Herr, den er nicht kannte, und etwa zwanzig Schritte weiter ein zweiter. Kencim kam gar nicht dazu, darüber nachzudenken, welchem Umstand er dies verdanke, da ihn miteins Madame Mildred begrüßte, die Besitzerin eines mondänen Modesalons, in dem er letzthin, sonderlich für Suzanne, mancherlei gekauft hatte. Er hatte dieser stadtbekannten Modegröße stets außergewöhnlich hofiert, so daß er, als sie wie scherzhaft seinen Arm nahm, es sich nur zu gerne gefallen ließ. Madame Mildred war bei sprudelnder Laune und schnatterte gerade den neuesten Potin herunter, als sie von zwei jungen Herren unterbrochen wurde, welche sie sofort Kencim vorstellte. Sie 132 sprachen jedoch nur mit Madame Mildred und verabschiedeten sich rasch wieder. Mit einem Mal hemmte Madame Mildred ihren neuerlichen Redestrom brüsk, stieß Kencim den eigenen Arm gegen die Rippen, lief quer über das Trottoir und verschwand in einem Haustor. Kencim hatte kaum Zeit, sich darüber zu wundern, als ein Herr ihm in den Weg trat und steif grüßend äußerte, es sei ihm sehr angenehm, nun zu wissen, mit wem seine Nichte ihren Mann betrüge. Ohne zu antworten oder auch nur zu grüßen, ließ Kencim den Herrn stehen. Auf der Place de l'Opéra bestieg er, vor Wut fast außer sich, ein Taxi und befahl dem Chauffeur zu fahren, wohin er wolle. Aber bereits nach fünf Minuten hielt er es nicht länger aus und rief durch das Hörrohr die Adresse seines Hotels. Als der Wagen endlich in der Rue Mozart hielt, atmete er befreit auf: in seinem Zimmer würde er wohl geborgen sein. Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe empor und warf sich erschöpft auf den Divan. Er war jedoch kaum einige Sekunden gelegen, da klopfte es. » Je vous salue, mon cher Kencim. « Gizzé tänzelte über die Schwelle. » Ça va toujours? « Er lehnte sich, seinen Körper leise wiegend, an den Tisch, drehte sein Rohrstöckchen zwischen den zu sehr beringten Fingern und näselte: » Ça va, ça va, ça va. « » Ça va pas du tout. « Kencim stemmte sich ruckweise in den Sitz. »O, o, o, o.« Gizzé spitzte neugierig die leicht geschminkten Lippen. »Aber dein Aussehen ist ganz befriedigend.« Kencim riß es herum. »Was? Willst du damit sagen, daß ich gut aussehe?« » Mais oui . Du siehst aus wie ein konkurrenzloser Rosenstock.« »Niederträchtig!« Gizzé zuckte mit seinem Rohrstöckchen und wunderte sich weiter. »Was ist denn nur los mit dir.« Kencim flog empor und rannte im Zimmer auf und ab. »Was los ist?« rief er kieksend, »Pech, nichts als Pech! Ich kenne das ja. Aber so schlimm wie heute war es noch nie.« Und er begann, auf Gizzés interessiertes Fragen hin, die wechselvollen Schicksale des Tages zu berichten. Als er zu Ende war, ohne daß Gizzé sich zu äußern beliebte, schrie er ungeduldig: »Nun? Sprich doch! Was sagst du dazu?« Gizzé setzte sich sorgfältig und schnupperte hierauf nachdenklich an seinem Stockknauf. »Die schwarze Serie!« schrie Kencim bebend. »Meine schwarze Serie! Und vor Mitternacht wird schwerlich Schluß mit all diesen Widerwärtigkeiten sein.« 133 »Das glaube ich ja nun eigentlich auch«, meinte Gizzé eigenartig zurückhaltend. »Aber deine schwarze Serie hat meiner Auffassung nach mit deinem blödsinnigen Aberglauben nicht viel zu tun.« »So. Nun, zugegeben. Womit dann aber . . .?« Kencim stand da, als wäre er jeden Augenblick bereit, den Revolver zu ziehen. » Silence, mon cher Kencim! « beschwichtigte Gizzé graziös. »Die Sache ist vielleicht doch ernster, als sie scheint. Sag mir aufrichtig, René, hast du Grund dazu, ein schlechtes Gewissen zu haben?« Kencim lachte affektiert. »Dazu hat man immer Grund.« »Gewiß. Aber ich meine – speziellen Grund.« Kencim biß sich, weil es ihm dazu gehörig schien, auf die Unterlippe. »Man hat auch immer einen speziellen Grund. Jeder macht doch Geschäfte.« » Mon cher René , sag mir bitte ganz offen, ob du in letzter Zeit etwas getan hast . . . Ich will ja nicht wissen, was . . . etwas getan hast, das dich, wenn es bekannt würde, mit dem Gericht in Konflikt bringen könnte.« »Das ist aber doch stark!« Kencims Empörtheit brach jedoch vor Gizzés listig lauernden Augen schnell zusammen. »René! Unter uns ist das doch wirklich nicht nötig.« Kencims Schultern gaben bei. Und da seine Unruhe inzwischen sehr gestiegen war, lächelte er entgegenkommend. »Also gut. Nehmen wir an, es sei so.« Gizzé schlängelte sich an seinem Rohrstöckchen hoch. »Das genügt mir. Und nun antworte mir auf alle meine Fragen absolut aufrichtig! War es heute das erste Mal, daß dir auf unerklärliche Weise etwas abhanden kam? Eine Zeitung, ein Papier, eine Notiz?« Kencim dachte nach. »Es ist mir allerdings erst heute aufgefallen. Aber es könnte wohl auch sein . . .« »Das genügt mir. Wurdest du schon öfter in jüngster Zeit auf der Straße von zweifelhaft aussehenden und ebenso sprechenden Individuen um eine Auskunft ersucht?« »Ja. Gerade heute hat mich einer . . .« gab Kencim unwillig zu. »Aber . . .« »War die Veränderung, welche du heute morgen an Suzanne bemerktest, so – abrupt, daß die Vermutung naheliegend wäre, ihr früheres Verhalten könnte Verstellung gewesen sein?« »Ja«, mußte Kencim abermals zugeben. »Sie ging heute schleifender, aufmunternder, frecher und trug den Schirm in ordinärer Weise unterm Arm, während sie sonst . . .« 134 »Bist du sicher, sie erkannt zu haben, als sie die Métro an der Porte Dauphine wieder verließ?« »Ganz sicher.« »Hast du beobachtet, daß man dir folgte, wenn du einen Laden betratest?« »Nein.« »Hast du auf deinem Rock Kreidespuren, Kreidezeichen bemerkt? Oder vor deiner Tür Wachstropfen?« »Nein.« Kencim untersuchte seinen Rock. Gizzé öffnete schnell die Tür, sah nach und kam ebenso schnell wieder zurück. »Hast du die drei Herren, die mit Adèle bei ›Bernard‹ aßen, zuvor schon einmal gesehen?« »Nein. Keiner von ihnen kam mir bekannt vor.« »Waren sie tadellos gekleidet?« »Im Gegenteil.« »Wo hast du Adèle kennengelernt? Hast du sie angesprochen?« »Eigentlich sie mich. Es war bei ›Latinville‹. Du kennst doch diese reizende Confiserie in der Rue de la Boëtie.« »Das genügt. Haben dich schon öfter Leute gegrüßt, die du dich nicht erinnern konntest zu kennen?« »Vielleicht . . . Ja, doch . . .« »Genügt. Hat Suzanne dich gebeten, ihr bei Madame Mildred Hüte zu kaufen? Oder hast du diesen Modesalon aus anderen Gründen gewählt?« »Madame Mildred ist Suzannes Modistin. Sie kauft bei ihr bereits seit Jahren.« »Warst du oft mit ihr dort?« »Etwa fünf oder sechs Mal.« »Hast du dort Herren . . . Männer angetroffen?« »Ja. Sehr oft sogar. Aber es waren immerhin Herren.« »Genügt. War der Mann, dem Madame Mildred auf dem Boulevard de la Madelaine dich überließ, tadellos gekleidet?« »Mit übertriebener lächerlicher Eleganz.« »Ich wußte, daß ich mich nicht geirrt hatte.« Gizzé ließ sich langsam nieder, senkte die Augen, die bis dahin streng in die Kencims geblickt hatten, und überließ sein widerstrebendes Gesicht einer gewissen Feierlichkeit. »Die Polizei!« Kencim setzte sich, schlaff vor Erstaunen. Gizzé richtete seine unbarmherzig gewordenen Augen fest auf ihn. »Deine schwarze Serie ist nichts weiter als eine Serie von Polizei-Manövern, die dir erst heute aufgefallen sind, weil dein zufällig erwachter Aberglaube dich scharfsichtiger machte.« 135 »Aber du selber hast mich doch verhöhnt . . . ich sähe aus wie ein . . .« Kencim sprang plötzlich auf den Tisch zu und griff nach dem Handspiegel. »Tatsächlich! Ich sehe tatsächlich blühend aus . . . Ja, aber . . . Das ist ja ein ganz anderer Spiegel! Der von heute morgen war in braunes Holz gefaßt. Der hier ist schwarz. Das Stubenmädchen hat ihn jedenfalls vertauscht. Ja, dann ist aber doch . . .« Gizzé betrachtete ihn wie einen Verrückten. »René, ich bitte dich!« »Ja, aber dann habe ich mich ja doch geirrt! Der andere Spiegel hatte eben grünliches Glas!« Kencim hatte Kopf und Arme nicht mehr in seiner Gewalt. Gizzé begriff jetzt. »Richtig. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß . . .« Da krachte die Tür auf: Suzanne brauste ins Zimmer, ordinär mit ihrem Schirm fuchtelnd. »Du Lump du! Was hast du heute morgen für Gaunereien vorgehabt? Schweig, du hast mich ganz genau erkannt, als ich vor dem Café vorbeiging. Warum hast du so getan, als hättest du mich nicht erkannt? Ich habe genau gesehen, daß du mir ein Stück nachgingst. Leider hatte ich keine Zeit, um dir auf deine Schliche zu kommen. Was sind das für Gaunereien? Antwort, du Lump!« » Bon jour, Mademoiselle Suzanne. « Gizzé gelang es nicht, ihr die Hand zu küssen. »Bitte, gestatten Sie mir eine kleine Frage. Warum frühstückten Sie heute ausnahmsweise nicht im Café Louis?« »Was geht das Sie an, Sie Carrotier? Aber das ist ja unglaublich!« Suzanne schwang sich auf den Tisch und legte ihren Schirm schlagbereit über die Knie. »Du betrügst mich«, rief Kencim wütend, aber schon ein wenig unsicher geworden. »Ah . . . weil du mich damals bei ›d'Armonville‹ gesehen hast . . .« »Ja«, log Kencim, sofort wieder überzeugt. Suzanne schwenkte drohend ihren Schirm. »Telefoniere doch Madame Mildred. Sie wird dir sagen, warum ich damals wieder umkehrte. Um mein Handtäschchen zu holen, das ich vergessen hatte. Es lag auf dieser blauen Chaiselongue, die übrigens viel zu kurz war.« Kencim machte ein überaus verdutztes Gesicht, das sich freilich bald einem Lächeln näherte. Suzanne zog den Schirm ein. »Telefoniere aber nicht in ihre 136 Wohnung. Ihr Mann hat sie nämlich hinausgeworfen. Schließlich begreiflich. Ein Geliebter – wer sagt da etwas? Aber gleich ein Dutzend auf einmal? Und sogar ein Lappländer ist darunter, den kein Mensch verstehen kann.« Gizzé blickte hochnäsig auf die Straße hinunter. »Jedenfalls keine sehr glaubwürdige Zeugin.« »Trotzdem scheint es, mon cher carrotier «, höhnte Kencim ihm zu, »als ob alle diese Widerwärtigkeiten doch noch vor Mitternacht . . .« Suzanne, die einen ungeheueren Triumph ahnte, entschloß sich zu einem erbitterten Gesicht. Kencim packte sie an den Schultern. »Mit dem Resultat meiner Gaunereien werde ich dir jetzt die beiden Ringe kaufen, die du schon immer . . .« Suzanne schnellte sich mit einem Schrei auf seine Lippen. Gizzé benützte die Gelegenheit, um sich zu drücken. 137   Sprotte schmust »Wat meenste, wie ik dazujekomm bin.« Sprotte nahm die kurze Pfeife aus dem furchigen Gesicht und zwirbelte seinen struppigen Schnurrbart. »Eejentlich uff ne sehr romantische Weise. Denkst dia woll, denn is et sichalich ne Schwei – ei –« Er pumpte einige Male an seiner Pfeife. »– ei – nerei. Denn biste een bejabter Junge. Sis imma ne Schweinerei. Also ik wa in Italien in irjend so nem jräulichen Nest mit der jewöhnlichn dollen Kirche. Wie ik nach Italien jekomm bin, ausjerechnet? Mechste woll wissen. Na scheen, ik habe mia jefracht: wie kannste Jlick ham, Sprotte? Und ik habe mia jesacht: Mensch, jeh man feste los und paß uff uff die Jelejenheiten! Na, so wars ja nich jerade jekomm, Jlick is wat andres, aba . . . Na also, der Küsta hatte mia rausjeschmissn, weil ik Brot wollte und keen Stick Stein. Na, wat sehn meene Ojen, hungerkollrich wie se schon uff de Kirchentier jlotzen? Een Relief sehn se mit Noahn, wie er jrade die ältste Tochta bejattet, wobei die jingere schon an die Reihe jewesen dichte bei liejt. Und ik saje dia, elf Jahre wa ik, da hab ik schon in nem alten Schmöker Säulen jefunden mit schweinische Vazierung, jestrotzt ham se nur man so. Trotzdem hat det noch keen besondern Eindruck uff mir jemacht. Aba Noah . . . nee . . . Wart, Hundejast, ik zieh lieba 'n Laden zu un lech 'n Riejel vor. Besser is besser.« Hundegast hob mühsam den einbandagierten Kopf, aus dem nur ein Auge blickte, und reckte sich unter Stöhnen auf dem feuchten Stroh zurecht. Sprotte schlurfte zurück, einen mitleidigen Blick auf Hundegast lenkend und einen trübseligen auf seine ausgegangene Pfeife. Dann warf er sich auf das Stroh nieder neben Hundegast, legte die Pfeife weg und seine Hände zwischen die prallen Schenkel, um sie dieserart zu wärmen. »Wat soll ik dia sajen, Hundejast, meene Kaischheit bin ik natierlich schon vill frieher valustisch jegang. Det wa damals mit sechzehn bei meene Tante, die wo frieher mit ner Brille uff'n Strich jing, ne hohe Fuchzijerin un noch ne sehr üppje Dame, als ik ihr'n Schlafpulver jab von wejen meener jewaltjen Neujierde nach die Beschaffenheet von ihre kolossalen Beene. Bei diesa Jelejenheet habe ik iebrijens entdeckt, det ik zu Höherm jeborn bin. Et fehlte man bloß det klare Sehn, jewissermaßn der jroße Schwamm, wo nachher allens janz anders aussieht. Und nu Noah . . . Bejreifste? Ik weeß, dette bejreifst, Hundejast. Also ik jlotze uff besachtes 138 Relief. Natierlich bin ik zu potent und mit die Schamlosichkeet sozusajen von sonem Kunstwerk kann ik nich mit. Ik wa bloß schwea erjötzt von wejen ausjerechnet an die Kirche mit ran und von wejen Noahs Jründlichkeet und so ne Chuzpe von nem Familienvater und so . . . Ik schmuse. Total, der Mann hat mia imponiert. Ik bin eben 'n duftes Jehirne und sone Sachn machn aus mia keen Idioten, wat sich einredet, mit Noah is keen Staat zu machen. Nee, ik sehe da klar. Ik sah man janz klar. Und habe sofort heftich darunta jelittn, det ik meene Schwester Rieke ausjelassen habe, wo det Meechen doch, wenn se mia bloß ansichtich wurde, wahhaftich nich mit ihre Reize jeizte. Vorbei is vorbei. Jejenwärtich is Rieke in Saïgon schwanger, sachte ik mia, und Mutta von jlatt drei Bäljer, also schon nich mehr, wat se jewesen, und die enorme Entfernung nich zu vajessen. Nee, sachte ik mia, det is vorbei. Aba meen jewissermaßn empörtet Jemiet erblickte ne dolle Lücke, wat sache ik Lücke, det wa ne Erlebnis-Pleite, ne unvazeihliche Untalassungssinde . . . Ik schmuse. Total, ik wa familienweese uff det janze Kirchdorf schaf und sachte mia: Sprotte, de bist ne runde Numma!« Hundegast griff sich mit beiden Händen an den Kopf. Sein Unterleib wackelte. Sprotte neigte sich über ihn. »Wat, Hundejast, de meckerst schon? Na, denn wirste bald wieda ieba de Wiese renn! Junge, Junge!« Er schob sich hoch, da der heruntergebrannte Lichtstumpf, der auf einer Holzkiste klebte, zu verlöschen drohte, zog eine Stearinkerze aus der Weste und während er sie lautlos installierte, hörte man die Ratten unter den unterwühlten Dielen pfeifen und einen Köter sich flohen. Sprotte versetzte ihm einen freundschaftlichen Tritt, bevor er sich auf das Stroh zurückgleiten ließ. »Wo wa ik man stehn jebliebn. Jawoll, bei meene rundeNumma.« Er lachte heulend. »Siehste, Hundejast, de bist ooch ne runde Numma, nich bloß weil de jejenwärtich weißjott rund bist. Kannste mia denn ieberhaupt erkenn aus die weiße Kujel raus?« Hundegast nickte ein wenig. Sprotte lächelte zufrieden und setzte sich, die Knie mit den Händen gegen den Leib ziehend. »Na also, det wa damals in Italien sozusajn meene Wiedajeburt. Nu wa ik janz helle. Nu konnte man mia nich mehr. Nu jabs keen Halten. Det wa der jroße Schwamm jewesn mit Noah. Ik kam von da unten zurick mit sehr villem Jelde und mit nem System. Det is ja det Malhör von dich, dette keen System hast. Hättste een System jehabt, hätten se dia nich so hibsch jekonnt. Na, det wird ja nich wieda vorkomm. Nu biste ja woll fitt 139 jetanzt. Wat willste. Bist ja noch nich finfunzwanzich. Nua, wenn eener mit Dreißich noch nich is, wo er hinjehört, denn jehört er hin, wo er is. Wat willste. System is eben der Kitt vons Janze. N steifer Jewinn is nur systematisch zu azieln un ooch det wahre Vajniejen, wo ik jeradezu mit Unendlich multipliziere, wenn ick et jewinnbringend jestalte. System is imma Jewinn. System is Jlick. Die Stejreifklauer sind det personifizierte Prozeßfutta. Jelejenheet macht nich bloß Gannoven, se macht ooch Vorbestrafte, Hundejast. Na, de bist ja noch mits blaue Oje davonjekomm, det heißt, et is ja nich bloß een blauet Oje, aba ik saje dia, et is jut so. Nu biste fitt. Nu wirste . . .« Hundegast knurrte dumpf. »Sollst nich mit mia achseln!« Sprotte versetzte einer unweit von ihm auf dem Boden liegenden zerbrochenen Ziehharmonika einen unwilligen Schlag, so daß sie leise erbrummte. »Wenn ik saje System, so is et doch det Jejebene, det nich jeda Stift in die Straße weeß, von wat ik orjle, vaschteste. Ik meene, det is natierlich meen Jeheimnis. Aba so vill kann ik dia sajen, wat 'n Kenna is un keen fauler Kopp, der weeß, det man sich perfektionieren muß im Sinne von die vorhandnen Vorzüje. Und Hundejast, de hast Vorzüje. Is et nich ne seltne Sache, wie de mit eener eenzjen Hand . . .« Hundegast grunzte bescheiden. Sprotte erhob sich, um ein Bedürfnis zu verrichten. Da aber ein plötzlicher Regen auf das Asphaltdach der Scheune zu prasseln begann, schlurfte Sprotte in eine Ecke, vor der ein leeres reifenloses Faß stand, und ließ die Hose herunter. Worauf er, alsbald in voller Verrichtung, von neuem anhub: »Wat soll ik dia sajen, Hundejast, ik bin von da unten zurickjekomm als een jemachter Mann. Als stolzer Professionel, wie Juste imma sacht, die in Lyon Priejelmassöse wa. Und als een sicherer Systematiker, wie ik saje. Natierlich werd ik dia nich vormachn, wie ik arbeete. Det kannste nich verlang. Aba ik werde dia wat erzähln, wat sich vorzüjlich eijnet für denne ganze Laje und wat mia nach Noah dea wichtichste Moment von meene janze Laufbahn jewesen is. Et wa in Hamburg, ne vafluchte Stadt. Ik wa im ›Efeu‹ abjestiejen, jleich beim Bahnhof. Weeßte, ik liebe die Bahnheefe, die Schnellzüje un die kleenen Hotels bei 'n Bahnheefen . . . Ik hatte ne dufte Sache in die Finger. Da stellt mia der Wirt 'n Meechen vor. Na, eejentlich wa et mehr ne Zulle, fast mecht man sprechn ne Dame. Jarderobe, Manieren, Jesundheet, alles da. Acht Tage machte ik den janzen Wirbel mit. Sojar de Briste hat se schultern kenn. Da fliecht pletzlich der Oba raus. Der Naie wa Wise, een juter Bekannter von mia. Bißken 140 zimperlich. Wie ik 'n sehe, zwinkere ik so, det er mia vaschteht. Am andern Abend erwischt er mia im Flur un steckt mia im Vorbeijehn, det der Wirt een ehmaljer Zuchthaisler is und det 'n jetzt die Polente bezahlt. Ik saje danke und denke mia: Sprotte, de bist noch janz frisch, hast nich een Tach im Kittchen jehängt, bist 'n saubrer Solitär, nich in de Hand, meene Herrschaften . . . Tja, weit jefehlt! Wat soll ik dia sajen, et wurde een jroßer Jestank. Ik wollte jerade zu Kläre rieber und ihr adjee sajen, da türmt Wise rin, ne Vase mit drei Nelken ausjerechnet in die Hand, uff mich zu und japst: ›Teilach, Sprotte, denne Kläre is 'n Lockspitzel! Ik hab ihr im Korridor jesehn, wie se mitm Wirt jezischelt hat.‹ Wat soll ik dia sajen, in finf Minuten wa ik bei ihr un saje et ihr uff 'n Kopp zu. Det wa jroßartich, wie sich det Luda jehalten hat! Aba ik habe jewußt, det se sich bloß hält. Denn ik habe jesehn, wie ihr Popo jezittert hat. Na, ik habe jejrinst, det et nua son Vajniejen wa. Da will se mia niedaspottn und rickt det Strumpfband heher, damit ik jereizt bin un bei ihre Beene bleibe. Ik spucke ihr hin un will jehn. Da fliecht de Seitentier uff, zweie packen mia un een dritta schnappt meene Taschen un zieht hastenichjesehn een Brillantring un ne richtje Perlenbrosche, allens schwere Ziffern. Natierlich hatt ik von dem janzen Quietsch keene blasse Ahnung, aba die Kläre sacht, et jehört ihr un sie hätt et schon vorjestern vamißt. Wat soll ik dia sajen, in ner halben Stunde saß ik feste. Ik habe noch den Fehla jemacht, mia zu vateidijen. N jroßer Stuß gewesen! Uffrichtichkeet is det Vadächtichste fier sone Laite! Sechs Monate mußt ik abschwimm. Ik, bei dem et imma det erste wa, wenn ik 'n naies Jesichte sehe, det ik mia sofort saje, det kennte ne Polizeikreatur sind. Ik habe et mia ja ooch bei die Kläre jesacht, aba ik habe jejloobt, ik bin sicha, wo doch keen eenzjer Mensch . . . Na, siehste, et wa wejen Wise. Det ham de Hunde woll jesehn oda wa er selber 'n Hund jewesen schon frieher, wat weeß man. Die zerschnittne Neese hat er jehabt un jebrannte Locken ooch. Muß ja nich effektiv stimm, aba ik habe det erst späta erfahrn, det se die Spitzel, wenn se sie festklemm, mit 'n Messer de Nasenspitze karieren. Merk dia det, Hundejast, det is ne Richtschnua. Ooch wenn eener so zimperlich is . . . Schmus. Ik totalisiere: Erstens brauchste een System, Hundejast, und zweetens brauchste de passive Resistenz. De darfst nischt mitmachn. Aba schon jar nischt. Nich mit nem Anton un nich mit ner Seege. Und nich mit niemanden nich. Det is so vill wie Knast jeschoben. Det is jedalldorft. Jedalldorft, saje ik dia . . . jawoll . . .« Sprotte lachte dröhnend, dieweil er sich sehr primitiv beendete. 141 Hundegast hatte sich in die Seite gedreht und wandte dem heranschlurfenden Sprotte den schmerzenden Kopf zu. Das winzige freie Auge erglänzte im Licht der Kerze. Sprottes Schnurrbart zuckte, als er sich niederließ. »Jedalldorft, saje ik dia!« Er drohte fürchterlich mit dem ganzen Gesicht. Hundegasts Blick wedelte. »Nua nich weich wern!« Sprotte winkte mit beiden Händen ab. »Ik weeß det am besten. Is nich leicht, so ohne 'n Blick, der sacht, det haste jut jemacht. Nich leicht. Aba et muß sind. Ik habe een jekannt, dem se 'n Mitjeher wechjeschossen ham. Un weeßte warum? Der hat son Spitzel de Holzhand nachjeschmissn und der hat jejloobt, et is ne Handjranate. Armer Taifel! Der andere aba hat det nich ausjehalten so alleene. Der is aus Langeweile, nua um Jesichta zu sehn, direkt unvorsichtich jeworn, jeradezu in de Polente hineinjeloofen. Natierlich warn se ihm jleich hintaher. Aba wat macht det Roß Jottes? Statt sich hinzulejen und assyrisch zu kaffern, arbeetet er weiter, mit Fliejenbesetzung. Macht noch ihre Bekanntschaft, machts ihn noch leicht. Een janzes Jahr ham se 'n herumjehetzt un zujesetzt mit 'n janzen Dreck, den se ham. Kunststick! Wenn ik fier Jemeenheeten von staatswejen honoriert werde, leiste ik det ooch. Aba een, von dem man nich weeß, ob er wat dreht oda nich, zu dem machn, wat se brauchn fier feste Jemmchen zu vaknalln, damit son Kerl avangsiert un ne Dekoration kriecht, wie se 's mit mia jedaichselt ham, nee, det würd ik nich machn. Det is jeschmacklos. Mehr saje ik nich.« Hundegast versuchte ächzend, sich aufzusetzen. Es war deutlich, daß er etwas sagen wollte. Sprotte drängte ihn sanft auf das Stroh zurück und bettete seinen Kopf vorsichtig höher. »Is jut, Junge, is jut. Ik weeß et ja schon längst. Bei dia wa et noch nich det fehlende System, bei dia wa et schon die Polente. Scheen ham se dia zujerichtet, die Bande! Ham se dia valleicht ooch bestohln wie mia? Na, kannst et mia erzähln, wenn de wieda janz bist. Obwohl ik mia den janzen Dreck ja denken kann. Und wenn de et mia nich erzählst, is et noch besser. Fang lieba jleich bei mia an mit die passive Resistenz!« Er brüllte höhnisch auf. »Und warum ik dia det allens vorschmuse, wat? Ik Oberroß Jottes? Weeßte, Hundejast, et jibt Ojenblicke, wenn ik dia da so liejen sehe und wo ik eben so janz alleene bin, weeßte, da packts een un man kann nich anders und wird bleede. Und ik sache mia, wat, een Napoleon biste ooch nich un et kann dia ooch nochmal passiern, dette so wo liechst und det et janz hibsch wäre, wenn dia da eener wat vorschmust. Is ja vaflucht dreckich, mit nem 142 kaputten Kopp in een nassen Stall liechen un nich rauskönn und nischt zu fressen ham. Aba haste noch Jlick jehabt, dette Moritz erwischt hast. War er alleen, wie de jekomm bist?« Hundegast nickte. »Is jut«, lobte Sprotte und hob seine Pfeife auf. »Aba wenn de wieda draußen bist, schenkst ihm een Joldstick. Moritz is 'n patenter Watteonkel, aba ik hab 'n in Vadacht, det er 'n Rumblaser is, fast mecht man sprechen 'n Anjeber von janz hintenrum. Wenn de 'n aba jut schmierst, kommts ihm uff detselbe raus und wer weeß, ob de 'n nich nochmal brauchst.« Hundegast legte seine blutleeren mageren Finger auf Sprottes Hand, der sie nach einigen Sekunden langsam zurückzog und aufstand. Und ganz plötzlich ging ein heftiges Zucken über ihn hin. Er ballte die Faust, daß die Pfeife knarrend zerbrach, und stieß zwischen den Zähnen hervor: »Weeßte, ik scheiße uff de janze Welt, mia inklusive! Wenn ik den, der den janzen Dreck da jestimpert hat, mal vor die Faiste kriejen kennte, die Fresse wird ik ihm einschlajen . . . Na, is jut. Ik komm morjen wieda, wenns finster is, un mit nem schmalzjen Rumfutsch. Adjes. Ik schwanke ab.« Sprotte hatte sich bereits der Tür genähert, als ein Geräusch ihn veranlaßte, sich umzuwenden. Hundegast hatte sich aufgesetzt, gespenstisch beleuchtet von der flackernden Kerze, und winkte Sprotte zu sich zurück. Als dieser vor ihm stand, griff Hundegast sich unters Hemd und zog einen Lederbeutel hervor, den er Sprotte hinhielt. Der nahm ihn verwundert, zuckte die Achseln, ging dann aber doch zur Kerze und öffnete ihn. Er enthielt mehrere Dutzend Tausendmarkscheine. »Det also is denne Sore. Na scheen, ik jratuliere dia, Junge. Da kannste dia ne Existenz von uffmachn, wenn de nich bleede bist.« Hundegast nahm den Lederbeutel, den Sprotte ihm auf die Knie geworfen hatte, zupfte vier Tausendmarkscheine heraus und legte sie Sprotte vor die Füße. Sprotte zögerte. »Jetzt biste jeriehrt wie 'n altes Weib, ik weeß. Und wenn de wieda janz bist und ik den Kesch valleicht nich mehr herjebe, hab ik dia zum Feind.« Hundegast machte eine wilde Handbewegung. »Na, is jut.« Sprotte hob die Scheine auf und befühlte sie. »Wenn de jetzt schon Jefiehle haben mußt, denn jib mich denne Hand druff, dette von mia niemals nich een Wort daherquasselst, dette imma sajen wirst: ›Sprotte, Sprotte, kenn ik nich! Soll aba 'n juter Fisch sind, wenn man 'n richtich frißt . . .‹ Und nu is jut, 143 Junge, und lech dich wieda hin und vafiehr mia det Biest nich. Pscht, Bismarck, wech!« Er versetzte dem Köter einen freundschaftlichen Tritt. Dann gab er Hundegast schnell noch einmal die Hand und eilte zur Tür. Bevor er sie schloß, steckte er den Kopf durch die Spalte und rief: »Dobronoz!« 144   Un débrouillard Selbst für einen ungewöhnlich schönen jungen Mann ist es in Paris schwer, weibliche Gunst gelegenheitsweise und gratis zu erlangen. Denn auch jene Damen, die keine festen Preise haben, besitzen sehr lukrative Grundsätze, welche es ihnen schlankweg verbieten, der Liebe mit einem noch so imposanten Fremdling sich hinzugeben, wenn er nicht durch sichere Anhaltspunkte Gewähr dafür bietet, daß es zu nennenswerten Zahlungen kommt. Ulescu bot diese Gewähr in keiner Hinsicht. Schon daß sein Akzent ihn als Rumänen verriet, also dem klassischen Volk der Rastas angehörig, wirkte ungünstig; nicht weniger aber seine üppige Eleganz, seine allzu dégagierten Manieren und sein geflissentliches Meiden jedweder größerer Spesen. Dennoch war es ihm in den ersten Wochen seines Pariser Aufenthaltes, kraft seiner Neuheit als Erscheinung und nonchalant vorgewiesenen gefälschten Hundert-Dollarscheinen, ziemlich mühelos gelungen, zwischen Clichy und Barbès mehreren Bar-Heroinen den Eindruck eines Mannes zu machen, dem gegenüber restloses Vertrauen das klügste Verhalten wäre. Bald aber sprach es sich unter den Geblitzten herum, daß Ulescu nichts Seriöses sei, und eines Abends stieß er allenthalben auf jene beunruhigend leeren Blicke, die selbst den neuartigsten Versuch aussichtslos machen. Da Ulescu in übergroßer Vorsicht es verschmäht hatte, das Wohlgefallen, das er einigen kleinen Kokotten erregte, zu einer Einnahme auszubauen, andererseits aber plötzlich wahrnehmen mußte, daß die Polizei, der sein Metier als Pickpocket nicht verborgen geblieben war, bereits ein Auge auf ihn hatte, befand er sich angesichts der Unmöglichkeit, seinem Beruf nachzugehen, in einer umso schwierigeren Situation. Diese nachhaltig und einträglich zu klären, sann er Tag und Nacht. Der ohnehin sehr unbedeutende Barbetrag, den er noch sein eigen nannte, war bereits katastrophal dem Nichts entgegengeschmolzen, als er auf einen, seinem Balkan-Gehirn wahrlich Ehre machenden Ausweg verfiel: er denunzierte sich selbst der Präfektur in einem ausführlichen Brief als gefährlichen Anarchisten, der sich mit der Absicht trüge, den Ministerpräsidenten meuchlings über den Haufen zu knallen. Als gründlicher Kenner der Praktiken der Polizei zweifelte er keinen Augenblick an den Folgen dieses Schreibens und begab sich andern Abends, eine diabolische Genugtuung um die Augen, weichen Schrittes auf den Boulevard Rochechouart. 145 Er hatte ihn kaum zur Hälfte hinter sich, als eine weidlich angejahrte Dame mit lastermüder Miene, strohgelben abgeschnittenen Haaren und defekter Nase ihre geröteten Äuglein vor ihm entfaltete und, lüstern grinsend, ein sehr schadhaftes Gebiß entblößte. Obwohl es Ulescu empörte, wie gering man ihn auf der Präfektur einschätzte, vermochte er gleichwohl einer gewissen freudigen Regung, endlich wieder Beachtung zu finden, nicht zu wehren. Hinzukam, daß er dringend eines Weibes bedurfte, so daß die Überlegung, er könnte durch Auslassung der ersten Attacke die Zurückziehung des weiblichen Personals verursachen, ihm nicht schwer fiel; umso weniger, als seine Absicht, die jeweilige Dame nicht zu repetieren, überhaupt seinen Gepflogenheiten entsprach. Um nicht durch rasches Kehrtmachen aufzufallen, stellte Ulescu sich kurz vor ein Schaufenster, bevor er seiner Dupe folgte. Nach wenigen Schritten hinter sie gelangt, legte er mit bemerkenswerter Unverfrorenheit ihr die Hand auf den Nacken und schnob, während sein Blick sich wie in fesselloser Begehrlichkeit bog: »Von welchem Betrag aufwärts haben Sie Empfindungen für mich?« » Hein? « Sie blieb zusammenzuckend stehen und lächelte erschreckt. »Ich begreife nicht, was . . .« Es war außer Zweifel, daß sie fürchtete, sich irgendwie verraten zu haben. Ulescu lächelte maliziös. Dann ließ er seine Hand ihre Schulter entlang in die Achselhöhle gleiten und verlieh gleichzeitig seiner ganzen Haltung etwas Distinguiert-Verworfenes. »Ich meine . . . Sie sind sicherlich ebenso teuer wie schön.« Sie gewann, obwohl noch nicht ganz beruhigt, langsam ihre Haltung zurück. »Auch wenn ich schön wäre, würde ich niemals Geld verlangen.« »O!« Ulescu entfernte, während er mühselig ein Gelächter unterdrückte, respektvoll seine Hand. »Für solch eine Ausnahme habe ich Sie freilich nicht gehalten.« Der morbide Schatten unter ihrer Nasenwurzel verlängerte sich hochmütig. »Sie werden sich dazu herbeilassen müssen.« »Mit Vergnügen.« Ulescu würgte. »Schließlich erreichen Leute, die sich rar machen, nach einiger Zeit ohnedies, daß man sie dafür hält. Aber ich würde doch vorziehen, daß Sie es mir sofort beweisen.« Sie bewegte miteins, ohne jeden Übergang, wie unzurechnungsfähig die Arme, so sehr bedrängte sie die Schwierigkeit einer Replik. Deshalb hielt sie es für forscher, das Weib hervorzukehren. »Sie gefallen mir ja sehr . . . nur . . . es ist . . .« 146 »Ich weiß. Sie können sich bloß furchtbar schwer entschließen.« Sie nickte mit dem wallenden Federhut wie ein Leichenwagenpferd. Ulescu beroch galant ihre Hand, um sein Grinsen zu decken, und schnarrte energisch: »Aber das ist doch kein Grund, nicht mitzugehen.« »Allerdings . . .« Sie lachte schrill auf, ohne sich auch weiterhin noch sonderlich anzustrengen. Ulescu war überzeugt, daß sie sich ganz sicher fühlte. Deshalb führte er sie, ununterbrochen schwatzend, so daß sie immer wieder lächeln mußte, und jedem Lokal ausweichend, so daß sie ihn schließlich schnippisch maß, direkt in das kleine Hofzimmer, das er in einem Garno der Rue Belhomme bewohnte, warf sie ohne Umstände sogleich aufs Bett und wusch sich, nachdem er sich Genüge getan, überaus gewissenhaft, ohne auf ihr Gezeter zu achten. Als sie deshalb endlich erkannte, daß sie es an Taktik hatte fehlen lassen, setzte sie sich, heftige Gêne markierend, auf den Eimer, beanstandete mit tränenerstickter Stimme die Kleinheit des Raumes und lobte, wieder munterer werdend, ein geräumiges helles Appartement, das ihr seit kurzem winkte, in dem allein zu hausen jedoch zu trist sei. Ulescu wartete, hämisch die Lippen auf einander pressend, bis sie vor den Spiegel trat. Während sie ihren Federhut, der sich immer noch, nun freilich in sehr desolatem Zustand, auf ihrem Kopf befand, vergeblich zu renovieren trachtete, schlich Ulescu sich zur Tür, öffnete sie geräuschlos und postierte sich draußen platt an die Wand. Es dauerte nicht lange, da erschien die Erwartete erstaunt vor der Tür und trat, noch erstaunter, auf die Treppe; Ulescu aber in diesem günstigen Augenblick schnell ins Zimmer zurück. Er schloß die Tür und nahm aus dem Handtäschchen, das er kurz zuvor unter das Traversin geschoben hatte, einen Zehnfrancs-Schein, gerade als heftig an die Tür getrommelt wurde. Ulescu öffnete gefährlichen Blicks und warf das Handtäschchen vor die Füße der gänzlich verwirrt Stammelnden: »Aber . . . das ist . . . das ist ja . . .« » C'est jeune et ça ne sait pas «, sang Ulescu in höchstem Tremolo, nachdem er die Tür zugeschmettert und abgesperrt hatte . . . Am folgenden Nachmittag, als Ulescu vor dem Café Dupont saß und an einem Picon-Citron zwitscherte, setzte sich ein würdevoller alter Herr mit einem außergewöhnlich gepflegten weißen Bart und 147 bläulichen Brillengläsern an seinen Tisch, obwohl die Terrasse noch freie Tische aufwies, und bat nach einiger Zeit höflich um den Petit Parisien, der neben Ulescu lag. Dieser überhörte es. Der Herr bat noch einmal, sich krümmend vor Höflichkeit. Ulescu warf nachlässig hin, er vermute, daß es schon spät sei, und begann, innerlich gröhlend, mit der Lektüre des Petit Parisien, die er jedoch nach wenigen Minuten unterbrach, um in heftigen Ausdrücken des Unwillens darüber sich zu ergehen, daß die Regierung von unverständlicher Laxheit in der Erteilung von Aufenthalts-Bewilligungen an unsichere Ausländer sei. Der alte Herr schmunzelte fröhlich und meinte, Frankreich könne wegen einer Handvoll Balkan-Filous seinen Ruf der Gastfreundlichkeit nicht gefährden. Ulescu beruhigte sich darob, äußerte sich noch des Breiteren über die vorzüglichen Sicherheitsverhältnisse in Paris, bedauerte hierauf flüchtig, daß so viele junge Damen infolge der Geschlechtskrankheiten außerordentlich an Reiz verlören, und suchte plötzlich das Pissoir auf, von dem aus er, seinem Tischgenossen die Begleichung der Zeche überlassend, ungesehen durch den Seitenausgang den Boulevard Barbès erreichte. Die Folge dieser Konversation war, daß Ulescu, als er gegen elf Uhr nachts die Rue Victor Massé passierte, unmittelbar vor dem Eingang zum Tabarin eine wohlige Frauenstimme hinter sich locken hörte: »Offrier mir was, schöner Schwarzer, ja?« Ulescu wandte sich um und stellte mit einem schnellen Blick fest, daß seine Beschwerde berücksichtigt worden war: diesmal hatte man keine halbinvalide alte Kokotte auf ihn losgelassen, sondern einen mittleren Jahrgang, der nicht nur noch sehr wenig gelitten hatte, dessen hohe feine Beine sogar höchst eindringlich warben. »So. Offerieren.« Ulescus Stimme klang so mild, daß sie ihn selbst beglückte. »Sehe ich aus, als würdest du Geld von mir nehmen?« » Quel culot! « Sie ergriff seinen Oberarm und zog ihn in das Etablissement, immer wieder versichernd, sie wolle nur ein Bock und es verpflichte ihn zu nichts. Vor der Bar klagte Ulescu sofort über die unverschämten Preise der Nachtlokale, den infamen Egoismus der Frauen und die Schwierigkeit, in Paris billig und einigermaßen komfortabel zu wohnen. Sie meinte leise, daß es auch in Paris Frauen gäbe, die trotz ihrem diesbezüglichen Beruf unter der Vakanz ihres Herzens litten; verriet schelmisch, daß der Bar-Keeper stets ihr Konto zu belasten 148 pflege, wenn sie den Spazierstock ihres Kavaliers an sich nehme (was sie gleichzeitig tat); und erinnerte sich plötzlich, freudig in die Hände klatschend, daß sie gerade vorgestern die Adresse eines kleinen, aber ganz entzückenden Appartements, das sofort beziehbar sei, erfahren habe. Ulescu lächelte, als das Wort ›Appartement‹ fiel, ganz besonders maliziös, flüsterte dann aber schlicht, ob sie sich nicht vielleicht mit all dem über ihn lustig machen wolle. Als Antwort zerrte sie ihn von seinem Hocker und, obwohl er, lediglich zu seinem Vergnügen allerdings, lange und ernstlich sich sträubte, endlich auf die Straße, woselbst sie wie leidend auf ihre gelben Seidenhalbschuhe blickte, während sie ihn fragte, wo er wohne. Ulescu wies mit dem Daumen hinter seine Schulter, jedoch in die falsche Richtung. Gleichwohl ging sie mit ihm in der richtigen weiter und fragte erst an der Ecke der Rue Belhomme, wo denn eigentlich sein Hotel sei. Ulescu behielt sie die Nacht über bei sich, vereinbarte gegen Morgen ein Rendezvous um Mitternacht im Tabarin und steckte ein Fünffrancs-Stück, das sie, zweifellos absichtsvoll, auf dem Tisch vergessen hatte, ostentativ ein, so daß sie ihn darob mit überlauter Aufgeräumtheit verließ. Selbstverständlich begab Ulescu sich nicht ins Tabarin, sondern ins Café Dupont, wo gegen ein Uhr morgens ein eleganter junger Mann, der den leicht Angetrunkenen spielte, sich neben ihm auf die Bank fallen ließ und von seinem Pech mit Weibern daherstotterte; er habe schon zwei Vermögen mit ihnen durchgebracht und nur schwärzesten Undank geerntet. Ulescu antwortete ebenso heiter wie beiläufig, daß er hinwiederum das Vermögen zweier Damen durchgebracht habe und, was das Ernten betreffe, auf sofortige bare Dankesbekundung halte; leider aber entpuppten sich heutzutage die Weiber schon nach wenigen Stunden als geizig, wenn nicht gar als habgierig. Hierauf wollte er das Pissoir benützen, wurde aber unterwegs vom Kellner um Zahlung gebeten . . . Am nächsten Nachmittag sprach auf dem Boulevard des Batignolles eine pompöse Blondine Ulescu an und bemühte sich alsbald in der Rue Belhomme zwei Stunden ausgiebig um ihn. Obwohl sie einen Fünfzigfrancs-Schein zu Boden flattern ließ, wurde sie noch am selben Abend versetzt. Tagsdarauf war es eine schlichte Rothaarige, die sechzig Francs opferte. Ihr folgte eine vornehme Schlanke mit hundert Francs. Dieser eine burschikose Dicke, die 149 ein Manicure-Necessaire zurückließ und zwei Orangen. Auch fernerhin wechselte Quantitatives mit Qualitativem, Großes mit Kleinem, Raffiniertes mit Primitivem. Fast alle ließen ein Andenken zurück oder sich eines entwenden und alle hatten ein Appartement oder wenigstens in Aussicht. Sämtliche Bemühungen gestalteten sich intensivst, ja oft dermaßen hingebungsvoll, daß Ulescu manch Neues, manch Seltenes an sich erfuhr. Und allnächtlich gab es Minuten, wo er unsäglich maliziös lächelte. Mehr als gratis schwelgte. Unerhörtes genoß. Leider erfolgte allgemach der Wechsel mit größeren Unterbrechungen und die von Zeit zu Zeit im Café Dupont oder anderwärts auftauchenden, sehr verschiedenartig stilisierten männlichen Typen wurden zusehends zudringlicher. Und eines Tages mußte Ulescu konstatieren, daß er bereits seit einer Woche unbeschickt geblieben war; daß die zudringlichen Typen sich zwar nicht mehr zeigten, dafür aber eine äußerst scharfe Überwachung seiner Person eingesetzt hatte, die eine ganze Kette von Unannehmlichkeiten nach sich zog: der Patron seines Hotels grüßte nicht mehr und setzte ihm eine Phantasie-Steuer auf die Wochenrechnung; das Stubenmädchen brachte sein Zimmer nurmehr fiktiv in Ordnung; die Kellner in den Cafés und Restaurants beflissen sich wohl einer krampfhaften Höflichkeit, in der Bedienung jedoch nicht des geringsten Eifers; und überall überhielt man ihn in der frechsten Weise mit den Preisen, was umso erschrecklicher war, als Ulescu jegliche Einkünfte versiegt waren. Er sah knirschenden Mundes eine Katastrophe nahen und verfluchte sich und die schicksalsschwere Stunde, die ihn jenen unheilvollen Brief hatte schreiben lassen. Da rettete ihn ein Zufall. Ein Russe verübte ein Revolver-Attentat auf den Ministerpräsidenten, das fehlschlug. Da der Attentäter in Vaugirard wohnte und nicht die kleinste Spur von ihm zu den Kreisen führte, die Ulescu auf dem Montmartre gezogen hatte, konnte dieser bereits am Tage nach dem Attentat beobachten, daß sein Patron ein freundliches Gesicht machte, daß sein Zimmer in neuem Glanz erstrahlte, die Kellner ihn sofort bedienten und die hunderterlei Gestalten, die ihn gleich zähen Insekten überall umschwirrt hatten, verschwunden waren. Nach einer Woche war Ulescus Sicherheit derart gestiegen, daß er es wagte, vorsichtig zu seinem Metier zurückzukehren. Der Erfolg war ihm sogar ungewöhnlich hold. Überraschender Weise auch bei den Damen, deren Interesse an ihm durch den rapiden Wechsel auffallendster Erscheinungen machtvoll sich erhöht hatte. So daß Ulescu neuerdings gratis schwelgte und Unerhörtes genoß.