Josef Ruederer Die Morgenröte Eine Komödie aus dem Jahre 1848 Personen: Lola Montez, ehemalige Tänzerin, jetzige Gräfin Landsfeld von Berks, Staatsminister Baur von Breitenfeld, Hauptmann Fritz Peißner, Senior des Korps Alemannia Alois Singlspieler, der Sporerbräu, Landtagsabgeordneter Xaver, sein Sohn, Senior des Korps Cheruskia Crescentia Lunglmayer, die Marderbräuin Genoveva, ihre Tochter Adolf Mayerhöfer, Konditor Karl Hernersbacher, Glasermeister Peter Wammerl, Partikulier und Soldat der Bürgerwehr Ignatius Abel, Kurat von St. Michael Thomas Eisenkopf von Hirschberg und Zeuler, Alemannen Wackernagel und Grell, Cherusker Maurice, Haushofmeister der Gräfin Die Kammerfrau der Gräfin Zäpf, Polizeikommissar Ein Gendarm Ein Ministrant Alemannen, Cherusker, Gäste, Soldaten, Volk.   Die Komödie spielt in München zur Regierungszeit König Ludwigs I. Sie beginnt am 9. Februar nachmittags und endet am 10. Februar abends.   Rechts und links vom Zuschauer aus. Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt Erster Akt Die große Gaststube beim Marderbräu. Niedriger, gewölbter Raum, dessen Wände von Ofen- und Tabakqualm dunkel gefärbt sind. Tische und Stühle mit guter Ordnung verteilt. Rechts eine Türe auf den Flur. Daneben ein Weihwasserkessel aus Porzellan. Links baut sich der große Schenktisch mit Kupferplatte, Bierkrügen und einem Bierbanzen aus einem Gewölbe heraus. Darüber an der Wand ein Bildnis König Ludwigs I. in einfachem Holzrahmen. Neben dem Schenktisch in der hinteren Ecke eine Türe, die zu den Wohnräumen und zu einem Seitenausgang führt, neben ihm vorn ein Kneiptisch. Die rückwärtige Wand birgt in der dem Schenktisch zugeneigten Hälfte eine weitere Türe, den Eingang zur Kneipe der Cherusker. Über ihr das Wappen der Cherusker in den Farben Hellgrün, Weiß, Gelb, mit dem gut sichtbaren Wahlspruch: In virtute honos. Die weitere größere Hälfte der Wand wird ausgefüllt durch einen sehr großen Erker, dessen mittleres Fenster den Blick auf den Hof freiläßt. Heller Nachmittag. Hinter dem Schenktisch sitzt Genoveva Lunglmayer in der Tracht der Münchner Bürgermädchen, mit goldener Riegelhaube und buntem Schaltuch. Sie hat ihr Gesicht dem Zuschauer zugewendet, beide Arme übereinandergelegt und ist eingenickt. Im Erker sitzt hinter einem Maßkrug Glaser Hemersbacher, vorn rechts Partikulier Wammerl, der mit aller Gemütsruhe Geselchtes zerschneidet. Nach einer kleinen Pause erscheint Lola Montez am Erkerfenster. Sie trägt gewöhnliche Kleidung und ein Umschlagtuch. Als sie Genoveva gewahrt, lächelt sie und geht um den Erker herum. Gleich darauf tritt sie ein durch die rechte Türe. Lola Bon soir, Mademoiselle Veverl! Genoveva fährt jäh auf: Mar . . . und Joseph! Lola Nun, warum so erschrecken? Genoveva reibt sich die Augen: Mein Gott, i hab' so fest g'schlafn. Lola lachend: C'est ce que j'ai vu. Genoveva Was? Lola Nichts. Genoveva Wer bist denn du, oder wer san denn Sie? Lola schaut sich fortwährend um: Geduld, chère enfant, Geduld. Genoveva Wollen S' a Bier hab'n, oder was wollen S' sonst? Lola Was ich will? Ich will den Senior der Cherusker, ich will deinen Bräutigam, den Xaver Singlspieler, den will ich. Genoveva aufspringend: Was hab'n Sie mit'm Xaverl z'tun? Lola C'est mon affaire, geht dich gar nichts an. Genoveva Oho, da müßt i scho' bitt'n! Lola auf das Wappen deutend: Eh voilà son emblème und da . . . seine Zimmer, n'est-ce pas? Genoveva Na, da drin schlaft der Herr Eisenkopf. Lola E-isenkopf? Genoveva Der älteste Student von de Cherusker! Siebenunddreißig Semester hat er aufm Buckel. Lola Und er schläft? Genoveva Ja, weil er heut erst zurück'kommen is von Amerika. Lola indem sie öffnen will: Tant mieux, da wird auch der Xaverl . . . Genoveva Händ' weg! I bin a rechtschaffens Bürgermadl und der Xaver a rechtschaffener Bürgerssohn, der nix z'tun hat mit herg'laufene Frauenzimmer. Übrigens is er gar net da. Lola So? Wo ist er? Genoveva Auf d' Polizei is er vorg'lad'n, weil er saudumme G'schicht'n ang'fangt hat. Lola setzt sich: Fi donc! Erzählen Sie! Genoveva Hab'n Sie in Ihrem Leben scho' amal was g'hört von derer Person da, von der Lola Montez? Lola lachend: Niemals. Genoveva Hab'n S' s' auch no' nie g'sehgn, wie s' 'rumkutschiert 'n ganz'n Tag auf der Straß'n, in Samt und Seid'n? Lola Hast du sie schon einmal gesehen? Genoveva Tat mi bedanken dafür. Lola lacht laut. Genoveva Ja, Sie, des is eine! De hat unsern armen König verzaubert. Jetz' regiert s' scho' zwei Jahr im Land. Am liebsten möcht s' uns unsern heiligen Glaub'n a no' nehm'n, und weil des do' net geht, hat s' mit de Studenten anbandelt. Da is s' aber falsch an'kommen; de hab'n s' 'nausg'schmiss'n. Was tut die Person? Sie ruft aus lauter Rachsucht a eigene Verbindung ins Leben: die Alemannia. Lola Est-ce possible? Eine Dame? Eine Verbindung mit Couleurs und mit Schläger? Genoveva Und denken S' Eahna, da is sogar einer von de Cherusker dazu 'gangen, der Peißner. Lola Qu'est ce que vous dites? Genoveva Des hat eb'n 'n Xaverl so rabiat g'macht. Und wie er gestern den Peißner trifft auf der Ludwigstraß'n . . . was tut er? Er haut eahm eine 'runter. Lola Dein Xaverl ist un heros, ein Held. Genoveva Kann scho' sein, aber unser Liab geht z'grund bei dem Handel. Lola Wie das? Genoveva weist zum Erker hinaus: Da schau'n S' 'nüber: des großmächtige Anwesen, was S' da seh'n, des g'hört sei'm Vater, 'm Sporerbräu. Der tut grad so viel einsied'n wie mir, eher no' was mehr. Nun is der Xaverl 's einzige Kind aufm Haus, wie i's selber bin aufm unsern. Also, warum greift er denn net zu? Lola C'est ça! Er soll werden brasseur, Bierbra-uer? Hemersbacher Des glaub i. De Alten könna nur no' net eini' wer'n! Wammerl Zwoazwanz'gtausend Gulden hat der Singlspieler scho' boten fürs Veverl, aber d' Lunglmayerin verlangt fünfazwanz'g. Hemersbacher Und a sonst streit'n de Alt'n mitanand. Wammerl Weg'n 'm Bier! Hemersbacher Freili! A abg'feimter Gauner is er, der Singlspieler. Wammerl mit erhobenem Zeigefinger: Sechsahalb Kreuzer möcht er für d' Maß; jetz' in derer gottverlass'nen Zeit, aber d' Marderbräuin is rechtschaffen, sie bleibt bei de sechs. Hemersbacher hämisch: Hat s' g'sagt, de Marderbräuin, ha ha! Wart'n ma's amal ab. Lola zu Genoveva: Eh bien, grüß deinen Xaverl, sag' ihm, er soll sechseinhalb Kre-uzer für den Maß verlangen oder gleich sieben oder zehn, sag' ihm, er soll fünfundzwanzigtausend Gulden für dich lassen bieten, tout ce qu'il veut. Sie will rechts ab. Genoveva Sie, halten S'n Augenblick. Von wem soll ich eahm des ausricht'n? Lola Von mir. Ich hab' es auf ihn, er gefällt mir, ja, er gefällt sogar sehr gut mir. Genoveva Schämen S' Eahna net, mir so was in's G'sicht z' sagn, mir, der, wo er zug'hört? Lola Zu-ge-hört? Sie lacht unbändig. Ça n'existe pas. Wenn ich befehle – er liegt morgen zu meine Füße, er schwört mir ewige Liebe, als Sklave wie die ganze Welt. Genoveva Jetz' geben S' a Antwort und sagen S', wer S' san! Lola Wer ich bin? Eh bien. Ich bin die, von der du gesprochen hast, ich habe verzaubert den König, habe vertrieben die Pfaffen, ich bin Komtesse Landsfeld, bin der Schrecken der Bourgeois, das Entsetzen des Landes, en somme, ich bin Lola Montez. Sie stürzt rechts ab. Genoveva bekreuzigt sich, indem sie laut aufschreit: Jessas Maria! Zu Hemersbacher, der laut aufmeckert: Herr Hemersbacher! Zu Wammerl, der ruhig weiterkaut: Herr Wammerl! Zu Eisenkopf, der aus der Tür zum Kneipzimmer tritt: Herr Eisenkopf! Eisenkopf Was ist denn los? Genoveva Was los is? Der leibhaftige Gottseibeiuns! De Lola is da in der Stub'n g'wesn. Eisenkopf Hier im Haus der Cherusker? Genoveva zieht ihn beim Arm an das Fenster: Da schaun S' naus! Grad sehgn S' s' no . . . jetz', jetz' . . . is s' scho' um d' Ecken. Eisenkopf laut brüllend: Tod und Verdammnis! Genoveva noch immer ganz perplex, auf einen Stuhl fallend: Na, so was, na, so was! Hemersbacher meckert laut weiter. Wammerl wie oben: Ja, es san schauderhafte Zuständ' bei uns im Land, schauderhafte Zuständ'. Eisenkopf Hätt' ich die Dirne erwischt, oh . . . oh . . . Er zeigt den Bizeps. Genoveva wie oben: De Lola, bei uns! Eisenkopf Zum ersten- und letztenmal! Das Maß ist voll, ihr Bürger, ich bin bereit. Deswegen kam ich über das große Wasser herüber, und jetzt werd' ich den Krieg erklären, ihr und dem alten König, in dessen Namen sie regiert. Genoveva Pst, net so laut! Eisenkopf Ist's schon so weit, daß man nirgends mehr sicher ist? Aber der Thomas Eisenkopf läßt sich das Maul nicht verbinden; er war fünf Jahre in Amerika, im Lande der ungemessenen Freiheit, drum redet er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Wammerl Weg'n meiner können S' scho' red'n, Herr Nachbar. Hemersbacher Weg'n meiner erst recht. I reiß 's Maul selber großmächti' weit auf, i könnt Eahna was verzähl'n von G'schicht'n und Sach'n, i könnt Eahna sag'n, was des Weibsbild scho' Geld verbraucht hat. Wammerl Dabei . . . 's Bier . . . 's Bier . . . sechs Kreuzer kost't d'Maß, und der Singlspieler möcht s' jetz' gar no' auf sechsahalb aufitreib'n. Hemersbacher Der Knallprotz! Aber des bal er tuat, Herr Nachbar, i sag' Eahna bloß so viel, des bal er tuat, nacher kann er no' was derleb'n. Wammerl Ja, es san schauderhafte Zuständ' bei uns im Land, schauderhafte Zuständ'! Er trinkt fest. Eisenkopf Ganz richtig, ihr wackren Bürger. Aber daß einer von euch auf den Tisch haut, das gibt's nicht. Wammerl Mei', was hilft's? Hemersbacher Herr Nachbar, i bin a Glaser und sag' Eahna bloß so viel . . . Eisenkopf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, das hab' ich drüben gelernt, das sei auch hier die Devise, das sei . . . Genoveva winkt hastig ab: I hör' d' Mutter kommen. Frau Lunglmayer in Hauskleid und Schürze, einen großen Schlüsselbund am ledernen Gürtel, von links rückwärts: Gut'n Abend. Wammerl Gut'n Abend. Eisenkopf Guten Abend, Mutter Lunglmayer, geben Sie mir die Hand. Es ist ein alter Bekannter, besinnen Sie sich nur. Ja, ja, Sie haben meinen Namen oft auf die schwarze Tafel geschrieben, buchstabierend: Tho-mas Ei-sen-kopf. Frau Lunglmayer nicht gerade sonderlich erfreut, aber auch nicht unfreundlich: So? So? Der Herr Eisenkopf? Richtig, jetz' kenn' i Eahna erst wieder. Allerdings, den Namen hab' ich oft auf die Tafel g'schrieben, steht no' dran, wollen S' wissen, wie hoch? Eisenkopf Danke, hab' kein Verlangen. Frau Lunglmayer Brauchen kei' Angst net hab'n, i sag's net. Was dahin is, is dahin, und d' Lunglmayerin war jederzeit no' a Herbergsmutter, die sich net hat lump'n lass'n. Eisenkopf Das weiß der liebe Himmel. Frau Lunglmayer Aber Sie sitzen ja trocken. Veverl, warum bringst d' ihm denn kei' Bier? Eisenkopf Nein, danke, keinen Tropfen mehr. Frau Lunglmayer Was? Der Eisenkopf? Der größte Lump von der ganzen Universität, vor dem koa Mädel, koa Fenster und koa Faßl net sicher war – der trinkt koa Bier mehr? Hemersbacher Wie halten S' denn des aus? Eisenkopf Ja, Mutter Lunglmayer, ich bin überhaupt ein anderer Mensch geworden. Ich habe Lebensschule durchgemacht. Die alten Vorurteile unseres verstaubten Kontinents hab' ich über Bord geworfen, kurz und gut: gelernt hab' ich etwas. Frau Lunglmayer No', Sie werd'n was G'scheits gelernt haben. Eisenkopf Hab' ich auch drüben! Vom Straßenarbeiter hab' ich mich 'raufgerackert, Tierbändiger war ich, Zirkusreiter, Schlangenmensch und Redakteur. Jetzt aber will ich die Früchte dieser Schule genießen. Ich werde arbeiten, ich werde handeln. Frau Lunglmayer Mit was denn, wenn ma' fragen darf? Eisenkopf Mit dem Kopf, dem Herzen und, wenn's not tut, mit der Faust. Frau Lunglmayer Und für wen wollen S' denn arbeiten? Eisenkopf Für euch alle, wie ihr da seid, für das ganze Land, für die Welt. Ja, ihr guten Leute, ich will euch herausreißen aus dem Sumpf, in dem ihr steckt. Ich will den Finger in die offene Wunde legen, aber ich will euch auch das Öl geben, mit dem ihr sie heilen könnt. Frau Lunglmayer I woaß net, i versteh koa Wort von dem Zeugs. Eisenkopf Dann will ich deutlicher werden, Mutter Lunglmayer: die große Babylonische hat Einzug in München gehalten. Seit zwei Jahren springt sie euch auf den Köpfen herum, diese ehemalige Tänzerin, die jetzige Gräfin, die Lola Montez. Frau Lunglmayer Pfeift der Wind aus dem Loch? No', da werd'n S' schlechte G'schäft'n machen, wenigstens bei mir. Hemersbacher höhnisch: Bei der Lunglmayerin ist nämlich jede Ruhestörung polizeilich verboten. Frau Lunglmayer Aus dem einfachen Grund, weil die ganz' G'schicht koan Zweck hat. Hemersbacher So? Und wenn 's Geld no' lang so zum Fenster 'nausfliegt? Frau Lunglmayer Des geht uns nix an. Wammerl Erlauben S', wer derf's denn zahl'n? Hemersbacher 's Volk, 's notleidende Volk derf's zahl'n. Wammerl Mir, mir derfa's zahl'n. Hemersbacher Haben S' vielleicht net g'hört, was da draußen für a Pracht is, in dem Palais von dera Gräfin? I woaß, i kann's Eahna sagen, denn a G'schwisterkind von meiner Frau ihrer Basen is Bedienter g'wes'n bei der Frau Gräfin. Der kann reden. Sehr wichtig: Alles von Gold, Spiegel bis auf d' Deck'n, und Bett'n, daß ma' si' ausstreck'n kann mit die Füß so lang, als ma' will. Wammerl Ja, es san schauderhafte Zuständ' bei uns im Land, schauderhafte Zuständ'! Hemersbacher Hi, hi, so kimmt's, wenn die alt'n Bäum' no' amal ausschlagen. Frau Lunglmayer Herr Hemersbacher, Eahna geht's glei' gar nix an. Hemersbacher Was? I zahl' mei' Steuer grad so guat, als wie Sie, i laß mir von Eahna net 's Maul biet'n, i geh'. Wammerl Mir is 's zwar wurscht, weil's eh nix hilft, wenn ma' si' auflehnt. Aber schlecht anschaug'n laß i mi a net von der Lunglmayerin. Eisenkopf Nur ruhig, meine Bürger, ich sage euch: Er wird sich durchringen, der Geist der Wahrheit, der Unabhängigkeit und der Freiheit. Frau Lunglmayer A was, die Welt bleibt alleweil am selben Fleck steh'n. Eisenkopf mit großer Gebärde: Und sie bewegt sich doch, Mutter Lunglmayer! Jawohl, geben Sie's zu oder nicht: die Studenten sind unerhört provoziert worden. Genoveva Frau Mutter, des is scho' wahr, die Lola hat ang'fangt. Frau Lunglmayer Sei du stad, du verstehst von so was no' gar nix. Eisenkopf heftig einfallend: Mit anderen Worten: die Lola darf ungeniert hier aus und ein gehen. Frau Lunglmayer Die Lola? Wieso? Eisenkopf Stand hier auf dem Fleck, wo Sie jetzt stehen. Frau Lunglmayer N . . . naa? Genoveva Ka Viertelstund' is 's her. Frau Lunglmayer haut laut lachend auf den Schenkel: Ah, des is guat, des hat si' g'wasch'n. Wammerl Warum lachen S' denn so? Hemersbacher Schama S' Eahna gar net a bißl? Eisenkopf da Frau Lunglmayer ununterbrochen weiterlacht: Wer zuletzt lacht, lacht am besten, drum auf, meine Bürger, auf zum Tyrannensturz, auf . . . Polizeikommissär Zäpf der während der letzten Reden von rechts geräuschlos eingetreten ist: Zu was noch? Hemersbacher Jessas, der Polizeispitzel, der Schandi! Zäpf Guten Abend. Kurat Abel der zu gleicher Zeit wie Zäpf aber durchs Haus, durch dieselbe Türe wie Frau Lunglmayer, kam: Gelobt sei Jesus Christus. Genoveva und Wammerl In Ewigkeit, Amen. Eisenkopf Spitzel und Pfaff – ich danke für so was. Zäpf Allerdings Zeit, daß Sie sich empfehlen. Zu Hemersbacher und Wammerl: Ihr könnt gleich mitgehn. Wammerl No . . . no . . .! Er bleibt ruhig sitzen. Hemersbacher Halb so g'schwoll'n! Er steht langsam auf. Eisenkopf Ruhig, ruhig, ihr wackren Bürger. Ich will für euch handeln, jawohl, ich werde meine Mütze aufs Haupt setzen, werde den Schläger wieder zur Hand nehmen und dann – mit verächtlichem Blick auf Zäpf — wehe jedem besoldeten Knecht! Ab ins Kneipzimmer mit Hemersbacher, der sich an seine Seite drängt. Frau Lunglmayer Ah, fahr' ab! Sie dreht sich zu den Neuangekommenen, die, ohne voneinander Notiz zu nehmen, der eine rechts, der andere links sich niederlassen. Grüß Gott, Herr Kurat, grüß Gott, Herr Polizeikommissär. Abel Grüß Gott, Frau Lunglmayer. Sie sind ja ganz echauffiert. Frau Lunglmayer Hab' mi wieder amal g'ärgert. Abel So? Worüber denn? Frau Lunglmayer Über den Menschen, der da grad naus is. Haben S' 'n nimmer kennt? Des war der Eisenkopf Thomas. Abel setzt sich: Der Eisenkopf? Der Tagdieb? Der Strizzi, der nie was geglaubt hat im Leben, der nie in eine Kirch' gegangen ist? Was will denn der wieder in München? Zäpf Was der will? Revolution will er machen. Abel wie verändert, sehr freundlich: Was Sie nicht sagen? Frau Lunglmayer Ah, des kunnt mir passen, Herr Kurat, wo wir so schon soviel Skandal haben, die letzten zwei Jahr', wo's alle Tag a Hauerei gibt, und wo koa Mensch mehr sicher is, daß er in Ruh über d' Straßen geh'n kann. Abel Allerdings, nur bedenken Sie auch, was wir erlebt haben in den zwei Jahren. Unsere Priester sind vertrieben worden, unsere heilige Kirche ist mit Füßen getreten worden. Ordnung, Gesetze, alles hat aufgehört, die Minister, die wechselt das Weibsbild noch öfter als wie ihre Hemden . . . Frau Lunglmayer No', no', so schlimm is's ja do' net. Abel So? Wissen Sie vielleicht nicht, was wir zu dulden haben? Zäpf lacht: Sie haben zehn Jahre das Regiment gehabt in Bayern. Jetzt sind andre drangekommen. Abel Sehr richtig! Unsere Minister haben sich geweigert, das . . . Frauenzimmer anzuerkennen, sie haben ihr den Grafentitel versagt, deshalb sind die andern gekommen, die – willfähriger waren. Zäpf Nein, deshalb nicht, sondern weil ihr gehaust habt wie die Wilden. Jetzt aber herrscht ein freies Regiment, wir haben die Aufklärung, wir haben die Bildung . . . Wammerl hält seinen Krug hin: Veverl, bring ma no' a Maß. Zäpf etwas auseinandergebracht: Jawohl, die . . . Bildung. Abel Die Sie verdienen. Pause. Zäpf mißt Abel mit wütenden Blicken. Frau Lunglmayer Und wer is schuld an alle dene Zuständ'? Abel hastig: Die Lola! Frau Lunglmayer Na! Unsere Mannsbilder. Jawohl, Herr Kurat! Wenn s' so dumm san und lassen si' alle d' Köpf verdrehn vom König herunter bis zum letzten Laternanzünder, dann g'schieht's eahna ganz recht. Abel Da ist nix zu machen. Sie sind halt alle verzaubert. Frau Lunglmayer Ah, verzaubert! Den Zauber kenn' i, Herr Kurat, besser als wie Sie. Abel Nein, Sie kennen ihn nicht, denn ich kann Sie versichern, er kommt auf direktem Weg vom leibhaftigen Gottseibeiuns. Zäpf weist nach der Stirne: Heutzutage so was zu sagen! Frau Lunglmayer Vielleicht hat er recht, denn 'n Teufel hat die Person im Leib. Abel Mit solchen Dingen soll man keinen Spaß treiben, Frau Lunglmayer. Was hab' ich Ihnen gesagt, als der Peißner zu der Lola gegangen ist? Lassen Sie Ihr Haus ausweihen, damit die Sünde hinausgeht. Frau Lunglmayer Herr Kurat, Sie kennen mi jetzt so a fünfazwanzig Jahr'. Hab' i meine Pflichten als Katholikin am End' vernachlässigt? Geh' i net jeden Tag in mei' Meß? Beicht' i net alle sechs Wochen? Abel Ja, ja, da kann ich gar nichts beanstanden. Frau Lunglmayer Gut. Dann werden S' mir's a net weiter in Übel nehmen, wenn i Eahna sag': von der Ausräucherei, da halt' i nix. Gar nix. Bei dem Zauber, da zieht so was net, des dürfen S' mir glauben. Abel So? So? Und das wissen Sie ganz bestimmt? Frau Lunglmayer Aber natürli'! Die Lola is a Pulverfaßl, wer z'nah hingeht, den z'rreißt's. Abel Jetzt lassen Sie mich einmal reden . . . Frau Lunglmayer sehr resolut: Na, na, da können S' net mitred'n. Von an Frauenzimmer verstehen S' nix. A geistlicher Herr – da dürfen S' ja gar nix verstehn. Abel steht auf: Frau Lunglmayer, Ihre – merkwürdigen Ansichten über die Gräfin Landsfeld sind mir zwar leider nicht mehr ganz fremd, aber so unverblümt haben Sie s' bis jetzt doch noch nicht ausgesprochen. Deshalb richt' ich Ihnen auch nicht aus, was ich auszurichten gehabt hätte, sondern empfehle mich. Frau Lunglmayer Geh, Herr Kurat, des hab' i net wollen, . . . des tut mir leid. Sagen S' mir, was S' mir auszurichten haben, oder na, sagen Sie's lieber net. I woaß ja scho', 's is wieder vom Singlspieler. Genoveva die inzwischen am Schenktisch beschäftigt war mit Ordnen und Gläserputzen: Vom Vater Singlspieler? Frau Lunglmayer Natürli', die kann's ja scho' wieder nimmer derwarten. Die meint, sie muß 'n Xaverl heut no' haben. Abel Und ich helf ihr. Sein Sie vernünftig, Frau Lunglmayer, geben Sie nach. Der Singlspieler gibt auch nach. Er läßt dreiundzwanzigtausend Gulden bieten. Frau Lunglmayer sehr schnell: So? Gibt er nach? Aber 's is mir ja net ums Geld allein. Die Heirat mit dem narreten Studenten paßt mir net. Zäpf Sehr vernünftig, Frau Lunglmayer! Abel Wissen Sie was? Reden Sie mit ihm selber. Er hat sich umgesehen und Singlspieler, der während der letzten Worte von links hereinkam, verstohlen zugewunken. Frau Lunglmayer Soll i vielleicht 'nübergehn? Soll i eahm nachlaufn? Soll i schön bitt'n, daß sei Bua endli' mei' Tochter nimmt? Abel Brauchen Sie gar nicht. Da ist er ja selber schon. Frau Lunglmayer dreht sich um: Was? Ah, des is a Überfall, des is hinterlisti, Herr Kurat. Abel zieht sich mit Genoveva in den Erker zurück. Singlspieler Muaßt's net so tragisch nehma, Lunglmayerin, es geht net um Tod und Leb'n. Frau Lunglmayer Woaß scho'. Um mein Geldbeutel geht's. Singlspieler Brauchst di net gar a so aufspiel'n, schließli' bin i a net auf der Brennsupp'n daherg'schwomma. Frau Lunglmayer Hab' i a net g'sagt. Singlspieler Tat a net passen. I bin a ang'sehner Bürger, i hock im Landtag, und wenn i no' amal kommen bin, trotzdem d' mi scho' amal hast abfahr'n lass'n, nacher tu i's bloß weg'n dem Mädel dahinten, weil i's nimmer sehgn ko', wie s' si' abhärmt. Frau Lunglmayer lachend: Singlspieler, du bist a Gemütsmensch, samt dein dreiazwanz'gtausend Gulden. Singlspieler I sag' dir d' Wahrheit. Frau Lunglmayer Setz di amal nieder auf deine vier Buchstab'n und paß auf: also ja, 's is wahr, i hab' mi g'wehrt bis jetzt gegen die Heirat. Warum hab' i mi g'wehrt? Weil dei Bua a überspannt's Mannsbild is, a Gischpel, der mit'm Kopf durch d' Wand möcht'. Des paßt si' aber net für an Bürgerssohn. Singlspieler Ja, ja, da kannst scho' recht hab'n. Frau Lunglmayer sehr entschieden: I hab' überhaupts alleweil recht. Will dir's a glei' beweisen. Was braucht dei Bua Skandal z'machen? Ha? Was braucht er dem Peißner eine 'runter z'haun, ha? Singlspieler Mei', des san halt so G'schichten. Jetz' is die ganze Zeit verruckt, alles steht aufm Kopf. Frau Lunglmayer Außerdem, woher woaßt denn du, daß er ja sagt ohne weiteres? Genoveva die vom Erker aus das ganze Gespräch mit Angst verfolgte, kommt nach vorn: Er sagt »ja«, Frau Mutter, wenn Sie's erlauben, er is doch a guter Mensch, er hat mi gern . . . Frau Lunglmayer Jetzt kommt natürli' die a no' daher. Abel Und ich auch noch, erlauben Sie's. Frau Lunglmayer Alle auf amal? Na, i b'halt trotzdem 'n Kopf oben und sag' euch jetzt soviel: der Xaverl soll mir recht sein als Schwiegersohn, wenn er a Probezeit b'steht. Zu Singlspieler speziell: Es is nämli' der Hallodri, der Eisenkopf, wiederkemma. Der Mensch g'fallt mer nimmer, er red't so damisch daher . . ., er trinkt koa Bier mehr, kurz und gut, i fürcht', er hetzt 'n Xaverl auf. Singlspieler eifrig: Er hetzt 'n nimmer auf! Mei Bua werd a Bierbrauer, er sticht 'n Banz'n an, und . . . Wammerl Setzt 'n Bierpreis in d' Höh, gel'? Zäpf Was? Den Bierpreis? Frau Lunglmayer lachend: Ja, ja, sag' 's nur, was d' denkst, Singlspieler. Singlspieler No mei', wenn er's tat, was war' weiters dabei? Zäpf Es wäre der unpassendste Moment für solch eine Aktion. Wammerl weist auf Zäpf: Des is mei' Mann. Singlspieler zu Zäpf: Hab'n Sie mir ebba was z'sag'n? Zäpf Ich nicht, aber die Regierung, die das jetzt niemals erlauben würde. Singlspieler sehr grob: Pfeif Eahna auf d' Regierung. I tua, was i mag. Abel Allerdings. Der Herr Singlspieler ist Privatmann, er ist Abgeordneter, und wenn's ihm halt mal paßt, den Bierpreis anders zu machen . . . Genoveva Psst . . . psst . . . der Xaverl kommt von der Polizei! Frau Lunglmayer Was? Er kommt scho'? Singlspieler Gott sei Dank, daß des a so aus'gangen is. Genoveva springt zur Türe: Xaverl, Xaverl! Sie prallt vor dem Eintretenden zurück. Xaver erscheint blaß und erregt, geleitet von Wackernagel, Grell und zwei andern Cheruskern. Genoveva Jessas na, was is denn? Wackernagel winkt, man möge Xaver nicht zu sehr belästigen. Abel Muß er am End' doch sitzen? Wackernagel Das nicht. Frau Lunglmayer Was gibt's denn nacher? I will's wissen. Grell Abbitte muß er leisten, drin im Palais der Gräfin Landsfeld. Wackernagel Dem Peißner vor sämtlichen Alemannen! Grell Und wenn er's nicht tut, dann wird er relegiert. Singlspieler Mei', wenn's weiter nix is! Xaver der auf einen Stuhl gefallen ist: Wenn's weiter nix is, Vater – oh nein, weiter is's nix, höchstens, daß wir alle miteinander verschimpfiert sind, das ganze Korps, was da herinsitzt beim Marderbräu, seit die Universität von Landshut nach München verlegt worden ist. Frau Lunglmayer nach einer kleinen Pause: No ja. Warum mußt a alleweil 'n Spektakel anfangen? Xaver Mutter Lunglmayer, das Liedl hör' ich schon lang. Man wirft Professoren hinaus, die's gut mit uns meinen. Man setzt uns eine Lumpenbande als gleichberechtigtes Korps vor d' Nas'n, man schikaniert uns aufs Blut, und wenn wir nicht geduldig zu allem Ja und Amen sagen, dann heißt's: Warum müßt ihr Spektakel anfangen? Abel der sehr gespannt zugehört hat: Da hat er recht. Xaver Ha, ha! Soll man's für möglich halten? Ein Schuft wie der Peißner, der unsere Farben verraten hat, der sich von der Lola frisieren, putzen und bezahlen läßt, ja bezahlen, daß ihr's nur wißt, ein solcher Schuft, zu dem soll ich hingehn, ich soll die Hände falten und sagen: Ach, lieber Herr Peißner, ich hab' unrecht getan, daß ich Ihnen eine heruntergehaut hab'; Sie sind ja ein Ehrenmann vom reinsten Wasser, sehen sie, hier auf meinen Knien bitt' ich Sie um – nein, nein, Mutter Lunglmayer, diesmal laß ich mir das Liedl von der Pfründnergemütlichkeit nicht pfeifen. Frau Lunglmayer Es geht natürli' scho' wieder los. Xaver Es geht wieder los! So wahr ich der Senior von den Cheruskern bin, so wahr ich meine Farben in Ehren getragen hab' volle siebzehn Semester: Das letzte darf man mir nicht bieten, nein – relegieren laß ich mich nicht. Abel Und was wollen Sie denn nachher machen? Zäpf Ja, was wollen Sie machen? Xaver Ich weiß nicht, ich such' nach 'm Stützpunkt, nach 'm Menschen, der mir die Hand gibt, der mich 'rausreißt aus all dem Schlamassel, der mir zeigt, wo ein Ausweg liegt. Singlspieler zu Genoveva: Sag's eahm do' endli'. Genoveva I sag's eahm. Sie tritt zu ihm. Xaverl, paß auf, mußt nimmer verzweifelt sein. Der Mensch, den du suchst, der is g'funden. Da schau her, i bin's selber. Ja, ja, glaub's nur. Wenn's d' vernünfti' bist, gibt uns d' Mutter z'samm, aber koa Revalation derfst d' mehr machen. Singlspieler Steh auf, bedank di'. D' Lunglmayerin will's wirkli' erlaub'n unter dera Bedingung. Xaver erhebt sich schwerfällig: Sie will's erlauben, wenn ich keine – er lacht – na, ja, das ist so eine Bedingung, die man jemand stellt, der direkt vom Galgen daherkommt. Genoveva Xaverl, i bitt' dich! Xaver Veverl, du weißt, ich hab' mir nix anderes gewünscht, ich hab's ja gewollt, die ganzen Jahr', wo's deine Mutter extra nicht g'wollt hat, und ich will's auch jetzt, freilich will ich's, aber vorerst bin ich noch ein freier Student. Frau Lunglmayer Der scho' zweimal durchg'fall'n is. Xaver Ihr habt mir das schon oft vorgehalten, Mutter Lunglmayer . . . habt ja auch recht . . . ich bin durchg'fall'n . . . kann's nicht leugnen . . . Nur eins möcht' ich Ihnen erwidern: wenn ich auch zum drittenmal durchfall', ich bleib' immer ein Student. Ich bin noch jung, vor mir liegt die ganze Welt. Greif ich jetzt nicht zu, hab' ich's verpaßt, und jeder Mensch kann mich über d' Achsel anschauen. Frau Lunglmayer Da habt's es, da habt's es! Xaver bitter: Sie müssen weiter nicht bös sein, Mutter Lunglmayer, ich veracht' nicht, was Sie mir so gnädig offerieren, im Gegenteil, ich weiß die hohe Ehre gebührend zu schätzen, aber so, wie ich jetzt bin, könnt' ich nicht ins Haus zu Ihnen. Frau Lunglmayer Warum? Xaver wild: Z'erst muß der Dreck von mir 'runtergewaschen sein. Singlspieler Ah was, Blödsinn! Du pfeifst auf de ganz' Studiererei. Du hängst dei' Hauben an 'n Nagel, du benimmst di', wie si' a vernünftiger Mensch halt benimmt, und . . . Wammerl Setzt 'n Bierpreis in d' Höh! Xaver Vater, sagen Sie, was Sie wollen, ich laß mich nicht relegieren. Wackernagel und Grell Ganz richtig! Genoveva faltet die Hände: Xaverl, mir z'lieb. Frau Lunglmayer No, Singlspieler, wo hast denn dei' väterliche Autorität? Ha? Derf dei' Bua mach'n, was er nur mag? Singlspieler I will's eahm glei' zeig'n. Zu Xaver, sehr grob: Da wer'n jetzt gar nimmer viel G'schicht'n g'macht, hast mi verstanden? Des Beleidigtsein, des hört si' auf. De Lola Montez kann di relegier'n, so viel als wie s' mag. Du wirst a Bierbrauer, und ins Palais zu dera Abbitterei, da gehst einfach net hin. Eisenkopf das Band der Cherusker um die Brust, eine alte Mütze auf dem Kopf, den Schläger in der Hand, tritt aus der Türe der Kneipstube und spricht mit Donnerstimme: Doch, er wird hingehen! Xaver Wer sagt das? Eisenkopf Ich sag' dir das, Xaver Singlspieler, ich, der Thomas Eisenkopf. Die Cherusker mit Ausnahme Xavers, durcheinander: Was, Eisenkopf? Das ist der Eisenkopf, der berühmte Eisenkopf? Xaver der ganz im Vordergrund geblieben ist: Thomerl, Leibbursch, Mensch, Viech, wo kommst du auf einmal her? Eisenkopf immer noch an der Kneiptür: Ich bring' dir den Gruß aus der Neuen Welt, voll Hoffnungsfreude, voll Sonne, und zugleich ruf ich dir ins Gedächtnis, was dir die Alte Welt alles getan hat. Xaver Du weißt, was geschehen ist? Du weißt, was wir erlebt haben, die zwei schrecklichen Jahr'? Du weißt, was man mir jetzt zumutet? Eisenkopf Alles weiß ich, alles hab' ich gehört. Xaver Und du sagst, ich soll hingehen in das Palais? Eisenkopf Ja. Xaver Mit meinen Farben? Eisenkopf Ja. Xaver Zu dem Peißner? Eisenkopf Nein. Xaver Wohin denn? Eisenkopf Zur Lola selber. Xaver Was? Eisenkopf Zur Lola selber! Aber nicht in Sack und Asche: mit der Peitsche in der Hand! Die Cherusker Bravo, bravo! Zäpf Unverschämtes Gehetz! Singlspieler Dumm's Zeug! Frau Lunglmayer Wird ja alleweil besser. Abel Jedenfalls recht interessant. Genoveva Laß di doch net verleiten! Er meint's schlecht mit dir. Eisenkopf Nein, er meint's gut! Und er geht auch, der Xaverl, gleich werdet ihr sehen. Ein Donnerwort genügt: Die Lola war da! Alle Cherusker Die Lola? Hier bei uns? In der Kneip'? Singlspieler , Zäpf , Abel durcheinander: Sie war da? Xaver faßt Eisenkopf bei der Brust: Was hast du da g'sagt? Das Frauenzimmer hat das riskiert? Das Weibsbild, die Gräfin, die Tänzerin, das Mensch hat in unser anständiges Lokal den schmutzigen Fuß g'setzt? Genoveva mit den Tränen kämpfend: Ja, de Schand! Und nach dir hat s' g'fragt? Xaver Und nach mir, ausgerechnet nach mir hat sie g'fragt? Ha, ha, ha, Eisenkopf, jetzt wird's mir auf einmal ganz leicht. Jetzt fällt's mir 'runter von Kopf und von Schultern. Was ich durchgemacht hab', liegt hinter mir. Vor mir liegt der Weg, der gerade, offene Weg; den geh' ich jetzt, jawohl, der Madam Lola, der mach' ich Gegenbesuch. Zäpf Sie werden sich hüten! Frau Lunglmayer Ich hab's g'wußt, was da 'rauskommt. Genoveva Eine letzte Bitt', Xaver! Eisenkopf Kein Weibergekreisch, keine Furcht, die alte Hülle fällt ab, Cheruskia sei's Panier! Alle Cherusker Cheruskia sei's Panier! Singlspieler wütend zu Eisenkopf: San S' so gut und hetzen S' 'n net no' mehr auf! Eisenkopf unbeirrt: Und wenn sich auch alle sträuben, es zu glauben, die Philister, die Pedanten, Leibfuchs, ich sag' dir: es regt sich unter der Erde, es knistert, es prasselt, die alten Götzen stürzen zu Boden, aus ist's mit der Tyrannen Macht, ein neues Geschlecht zieht herauf. Die Macht entweicht, im Osten dämmert die Morgenröte. Xaver in heller Begeisterung: Die Nacht entweicht, im Osten dämmert die Morgenröte! Er reißt seine Mütze an sich und stürzt eilends ab. Die Cherusker folgen ihm. Frau Lunglmayer No, Singlspieler, wer hat jetzt recht g'habt? Singlspieler Du oder i – der Bierpreis muaß do' in d' Höh'! Abel händereibend: Wie Sie meinen, Herr Abgeordneter, ganz, wie Sie meinen. Vorhang Zweiter Akt Im Palais der Lola Montez. Reicher Empfangssalon mit rotseidener Tapete und schweren Gobelins. Die beiden Seitenwände gehen von der Rampe weg zuerst gerade gegen den Hintergrund, dann biegen sie ein in zwei kleinere Nebenwände gegen die Mitte. Dort ist keine Türe, sondern zwei Lapislazulisäulen mit goldenen Kapitälen und Postamenten flankieren den Ausblick auf einen nicht minder kostbar eingerichteten, kleinen Vorsaal. Von da führt eine dem Zuschauer unsichtbare Türe nach rechts in das Foyer des Hauses, eine nach links in den Bankettsaal. In den beiden Nebenwänden je eine Türe, die linke zum Toilettenzimmer der Lola Montez, die rechte zum Speisesaal. In der rechten Hauptwand ein Fenster gegen die Straße. Davor ein Tischchen mit einem Stuhl derselben Art, wie sie auch sonst an den Wänden verteilt sind. Ihm gegenüber auf der linken Seite zwei Glasetageren, worauf Sèvresvasen mit prachtvollen Blumenbuketts stehen. Dazwischen in goldenem Käfig ein Kakadu. Ein mit Seide bezogenes Sofa steht parallel mit der Richtung der linken Nebenwand, von der Decke hängt ein venezianischer Prachtlüster. Es ist am Vormittag, kurz vor der Audienzstunde. An der rechten Hauptwand steht der Glasermeister Hemersbacher in Hemdärmeln und grüner Schürze. Er stützt den einen der herausgenommenen Fensterrahmen auf den Boden und putzt mit einem Lappen die frischeingesetzten Scheiben blank. Gleichzeitig erscheint Maurice in schwarzseidenen Eskarpins und Frack durch den Vorsaal. Maurice Sind Sie fertig oder nicht? Hemersbacher Die letzte Scheib'n is drin, jetz' brauch' i de G'schicht nur mehr einz'macha. Er putzt noch ein bißchen und hebt dann den Rahmen gemächlich hoch. Maurice Schlimm genug, daß es so lang gedauert hat! In einer Viertelstunde beginnen die Audienzen. Hemersbacher Wer'n scho' z' Gnad'n halt'n, Herr Kammerdiener, aber vierzehn z'sammg'schmiss'ne Fenster – da derfa S' scho' suacha in unsera Stadt, daß Eahna oaner von gestern auf d' Nacht bis heut um elfe Mittag so ebbas wieda loamt. Maurice Machen Sie weiter! Hemersbacher Übrigens, a schöne Gaudi is 's g'wes'n. Herrgott, hab'n de Student'n g'schrien. Maurice In der Tat, eine allerliebste Katzenmusik. Für die Mitwirkenden freilich kann es ein übles Nachspiel geben. Hemersbacher Is 's wahr, daß s' 'n jungen Singlspieler verhaft't ha'm? Maurice nickt: Er sitzt hinter Schloß und Riegel, hier im Hause, in der Waschküche. Hemersbacher Is net mögli'? Maurice Ausdrücklicher Befehl der Frau Gräfin. Hemersbacher Schad't eahm nix; hat allaweil scho' zu viel aufbegehrt, und sei' Alter, wissen S', Herr Kammerdiener, der nützt d' Leut aus, der treibt 's Bier in d' Höh. Maurice Mein lieber Herr Hemersbacher, Sie sind ein wackrer Bürger, jetzt aber, sehen Sie wirklich, daß Sie das Fenster einhaken – jeden Augenblick kann seine Exzellenz der Herr Minister kommen, ja man muß unter Umständen sogar den Besuch einer Persönlichkeit riskieren, die noch höher ist als der Minister. Hemersbacher reißt Nase und Maul auf: Da . . . da Kini . . .? Maurice Ich habe gar nichts gesagt. Hemersbacher Jessas, bal' si' unsaoans so was denkt: da Minister, da Kini und de Pracht da herinn', de Pracht! Ja, i sag's alleweil, wer's lang hat, der läßt's lang hänga. Er hat eingehängt und das Fenster geschlossen. Maurice Wir wollen uns doch lieber praktischen Dingen zuwenden. Haben Sie noch etwas zu erledigen? Hemersbacher I bin fix und fertig, Gnad'n Herr Kammerdiener. Maurice Dann gehen Sie, Sie werden unten bezahlt. Hemersbacher Sag' Vergelt's Gott im voraus, es war mir a b'sond're Ehr', daß S' a amal an mi denkt hab'n. Wenn S' wieder was braucha in dera Bransch, nacher halt i mi bestens empfohl'n . . . Man hört hinter der Türe des Toilettenzimmers Lolas entrüstete Stimme, gleichzeitig fallen Peitschenhiebe, ein weibliches Wesen stößt gellende Schreie aus. Hemersbacher Was is denn dees? Maurice Machen Sie, daß Sie fortkommen. Während Hemersbacher nach seinem Glaserkasten greift, wird die Türe des Toilettenzimmers jäh aufgerissen. Lola erscheint in reichstem, spitzenbesetztem Unterzeug, über das sie einen großen rotseidenen Schal nur sehr locker geworfen hat. Die Frisur ist bereits vollendet bis auf eine noch nicht befestigte Locke. In der rechten Hand schwingt sie die Peitsche, damit haut sie noch wütend in die Richtung des Zimmers, dann taumelt sie nach vorn: Ah! Ça c'est inoui! Un affront, un vrai affront! Maurice Gnädigste Gräfin . . . Lola Maurice, gut, daß Sie kommen. Werfen Sie das Mensch aus meinem Zimmer. Maurice Wen? Lola Das Weib, das die Karten legt. Maurice Aber warum denn? Lola Warum? Sie hat prophezeit mit Cœurbub und Piqueas, daß ich habe heute eine sehr schlechte Tag. Maurice ohne eine Miene zu verziehen: Soll man's für möglich halten? Lola fährt auf Hemersbacher los, der mit offenem Maule dasteht: Und der? Was will der vaurien? Was gafft er? Was glotzt er mich an? Va-t'en d'ici! Va-t'en! Sie haut mit der Peitsche nach Hemersbacher, der in weiten Sätzen entflieht. Maurice als wollte er sich echauffieren: Canaille, Bürgerhund! Willst du wohl endlich . . . Lola fällt auf das Sofa: Non, non, laissez ça, er hat schon Angst vor die cravache. Maurice Die Justiz, von der Frau Gräfin in eigener Person vollzogen, ist jedenfalls die gründlichste und — die gerechteste. Lola indem sie die Peitsche auf das Sofa fallen läßt: Ah, Maurice, je suis lasse, si lasse de corps et d'esprit, müde von die vielen Justiz, müde von die viele Regieren. Maurice Eine schwere Aufgabe auch, die die Frau Gräfin in diesem Lande übernommen haben. Lola Aber eine grandiose! Ein Volk emporzuführen über Staatsraison und Gesetze hinweg, ihm zu geben die Freiheit! Maurice Das allerdings . . . Lola Und dabei zu besitzen die Liebe des größten Königs! Maurice Ja, ja, Seine Majestät sind allerdings ein ungewöhnlich aufgeklärter . . . Lola heftig: Was? Maurice Ein ganz herrlicher Mann. Lola träumerisch: Un idéaliste! Je l'adore. Maurice Schade, daß sein Volk nicht in gleichem Maße geweckt ist. Lola N'importe! Das Volk, Maurice, hat seine eigene Psyche; man muß gerecht sein: auch das bayrische wird durch mich zum Licht geführt werden. Maurice Dürfte noch einige Zeit dauern. Herr Singlspieler . . . Lola Ah, ça m'amuse! Gib acht, wie ich dem zurechtsetze den Kopf. Wie ich alles blase auseinander, die ganze Revolution von gestern, – sie pfeift  –: so . . . so! In die Hände klatschend: Oh, das gibt eine lustige audience, aujourd'hui, trotz die Prophetin da! Maurice Karten lügen gar oft. Lola Diesmal gewiß. Da, komm her zu mir, Maurice, daher auf die Sofa. Maurice Frau Gräfin . . . Lola Doch! Wir wollen rekapitulieren, wir wollen unsere mémoires austauschen. In Erinnerung wollen wir schwelgen. Maurice Das geht doch auch so. Lola schielt nach der Peitsche: Soll ich dir etwa . . . Da Maurice eilig an ihre Seite springt, laut lachend: Gelt, da kommst du? Ja, ja, ich glaube, wir beide haben schon durchgemacht Schlimmeres als die kleine chose von gestern abend. Comment? Maurice Es kommt mir auch so vor. Lola Weißt du noch? Die aventure in Gre-iz-Lobenste-in bei dem siebenundsiebzigsten oder siebenundachtzigsten Heinrich? Ha, ha, ha! Maurice Ob ich's weiß! Das ganze Fürstentum stand Kopf. Lola Oder in Petersburg beim Grafen Strobetzky? Maurice Der Ihnen zuliebe die eigene Frau verknobelt hat. Lola Oder die drei Amerikaner von der Spielbank in Monte Carlo, die aus mir eine société machen wollten? Maurice Bei einem Haar wären Sie die rechtmäßige Gattin von allen dreien geworden. Lola Fi donc! Meine Rolle war damals noch nicht ausgespielt, meine Mission noch nicht erfüllt. Maurice Nun, heute können Frau Gräfin zufrieden sein. Lola Du tout! Mir hat eine Zigeunerin prophezeit, daß ich das Höchste erreiche. Königin, Kaiserin wie Catherine, mit oder ohne Gatten, noch besser ohne, ah voilà encore une affaire pour moi. Maurice Hm, ich denke, vorerst bleiben wir aber besser noch hier. Lola Es gefällt dir hier? Maurice Doch! Es lebt sich in dieser Stadt wirklich ganz angenehm. Die Lage ist hübsch, und wenn auch das Klima ein bißchen rauh ist, man hat seine Beziehungen, man . . . Lola Man trinkt Champagner, man sieht schöne Frauen, nicht wahr, mon grand saligaud? Sie hat ihn beim Ohrläppchen gefaßt. Maurice umschlingt sie plötzlich wütend: Oh, du prachtvolles Biest, keine ist so wie du. Lola entwindet sich ihm und haut ihm eine klatschende Ohrfeige herunter: Maurice! Maurice steht auf: Gnädigste Gräfin – Lola Vraiment, das bin ich. Et toi, du bist domestique, hörst du? Sie lächelt. Hörst du, lieber Maurice? Nur ein ganz kleiner domestique, der hübsch artig hat zu parieren. Sie tätschelt ihm die Wange, auf die sie ihn geschlagen hat. So . . . so . . . so ist es brav. Maurice fährt plötzlich auf, da er im Vorsaal den Konditor Mayerhöfer und den Hauptmann Baur von Breitenfeld gewahrt: Pardon, da sind schon die ersten zur Audienz. Lola Konditor Mayerhöfer und der Herr Hauptmann. Maurice sucht die Eintretenden abzuhalten: Meine Herren, das geht nicht. Lola Doch, doch, sie sollen näher kommen, sie sollen mir gratulieren. Mayerhöfer ein mit lächerlicher Eleganz gekleideter Vierziger. Er trägt Frack, großes Jabot, Zylinder, weiße Handschuhe und ein Monstrum von Bonbonnière, die mit gelber Seide und Goldfäden überspannen ist. Seine Redeweise ist geziert: Frau Gräfin erraten es, wir wollen unserer Entrüstung Ausdruck verleihen über den schamlosen Exzeß von gestern abend. Baur Und zugleich wollen wir die Hoffnung aussprechen, daß die nichtsnutzigen Attentäter die gerechte Strafe finden mögen. Lola Très enchantée, messieurs, très enchantée! Mayerhöfer Oh, dieses Volk ist ja so dumm, so blöd, es begreift nicht, was es heißt, daß uns die Frau Gräfin die geistige Freiheit gegeben hat. Lola Die Pfaffen, mon cher Mayerhöfer, die Pfaffen! Baur Aber wir haben's ihnen besorgt, den zwanzig Rowdies, die die Straße heraufzogen. Gerade zur rechten Zeit kam ich noch an mit zwei Kompanien. Wissen Sie's noch, Herr Haushofmeister? Maurice Ja, der Herr Hauptmann, wenn der nicht gewesen wäre! Baur Vom rechten und linken Flügel zugleich ließ ich attackieren, dann drauf mit Kolben und Bajonetten, und die ganze Gesellschaft stob auseinander. Mayerhöfer Das war eine Tat! Baur Oh, das nächste Mal treiben wir's noch anders, da muß das Bürgerpack, das verdammte, Kartätschen statt Knödel zu fressen bekommen. Lola Je l'espère. Sie greift nach der Bonbonnière. Was haben Sie da wieder Schönes? Mayerhöfer Eine kleine Aufmerksamkeit. Lola hebt den Deckel etwas auf: Ah, c'est ravissant, diese Pralinés, diese confitures, und hier? Sie zieht die Papierrolle heraus. Haben Sie wieder einmal gemacht Verse? Mayerhöfer Ich kann's halt nicht lassen. Lola Pourquoi pas? Seine Majestät haben erst wieder gesagt gestern: der Konditor Mayerhöfer ist ein vielversprechendes, schönes Talent. Mayerhöfer Wirklich? Ach, gnädigste Gräfin, wenn ich hoffen dürfte . . . ich möchte nämlich Hoflieferant werden. Lola Für die Verse? Mayerhöfer Nein, für die Bonbons. Baur Und ich, darf ich es aussprechen? Lola Ihr Patent zum Major ist bereits gegangen an den Kriegsminister. Naturellement, ce n'est qu'une formalité; der Kriegsminister hat ja gar nichts zu sagen. Baur Selbstverständlich, ich weiß, nur die Frau Gräfin. Peißner ist während der letzten Szene durch den Vorsaal gekommen. Er trägt eine Studentenmütze in den Farben der Alemannen, karmoisinrot-gold, einen stutzerhaften, braunen Salonrock mit schwarzem Sammetkragen, weiße Hosen mit Strupfen und Lackschuhe. Im Knopfloch eine weiße Rose. Jetzt kommt er mit hochrotem Gesichte nach vorne: Und ich, vergessen Sie mich nicht, lieber Herr Hauptmann. Lola Toi? Was hast du zu sagen? Peißner Zunächst die Herren zu bitten, daß sie zurücktreten. Mayerhöfer und Baur wollen sich in den Vorsaal zurückziehen. Lola Oh! Sie richtet sich auf: Wer befiehlt hier? Peißner Eine Frage, eine dringende Frage: Ist es wahr oder nicht: der Singlspieler soll in der Audienz vorgeführt werden? Lola Oui, c'est mon ordre. Peißner der fortwährend zwischen geziertem Hochdeutsch und gewöhnlichstem Münchnerisch wechselt: Du bist wohl verrückt? Lola Herr Senior des Korps Alemannia – Maurice Wir bewegen uns in einem Empfangssaal. Peißner Egal. Der Mensch hat gegen Euer Gnaden die schrecklichsten Drohungen ausgestoßen, drum duld' ich nicht, nein, ich duld' es nicht, daß . . . Lola auf dem Sofa, wo sie nachlässig mit der Peitsche spielt: Maurice, fertigen Sie Herrn Peißner ab, er weiß nicht, was sich schickt. Maurice indem er Peißner in den Vorsaal zu drängen sucht: Herr von Peißner, Sie wissen selbst, um elf Uhr ist die Audienzstunde. Peißner Nein, nein. Ich habe eine Angelegenheit von der größten Wichtigkeit zu erledigen. Maurice Was denn, wenn ich fragen darf? Peißner Das geht Sie nichts an, das ist Staatsgeheimnis. Maurice zieht ein Portefeuille aus der Brusttasche: Brauchen Sie fünfzig . . . siebzig Gulden, oder . . .? Peißner fährt auf: Maurice! . . . Plötzlich laut lachend: No, mein'tweg'n, Sie kenna ma hundert geb'n. Maurice gibt ihm eine Note: Das Staatsgeheimnis war also nicht so schwer zu erraten. Peißner Kommt mir selber so vor. Übrigens Scherz beiseite. Die Alemannia will heute abend hier im Hause einen Festkommers veranstalten. Maurice Einen Kommers? Peißner Zu Ehren der glücklichen Niederwerfung der gestrigen Rebellion. Das ist das erste Trutzzeichen nach außen. Ich hab' aber noch ein viel stärkeres. Lola die inzwischen Baur und Mayerhöfer zu sich gewunken hat: Was – was hast du? Peißner Einen Hauptschlag: wir schließen die Universität. Lola lachend: Damit du ganz gewiß nicht mehr brauchst zu hören ein Kolleg! Peißner Nein, zur ewigen Niederwerfung der Rebellen. Fort mit den Studenten, fort mit den Professoren! Mayerhöfer eifrig: Ja, Frau Gräfin, das ist's, fort mit der Wissenschaft! Baur Fort mit den Federfuchsern! Maurice Wenn ich mir eine Ansicht zu äußern erlauben darf, dann muß ich sagen: der Herr Studiosus rät nicht so übel. Von Berks ein glattrasierter, eleganter Fünfziger, in Zylinder, schwarzem Frack, schwarzer Hose, einen großen Stern an der Brust, ist eilends durch den Vorsaal eingetreten: Er rät gut. Maurice , Mayerhöfer , Baur mit tiefen Verbeugungen: Ah, Seine Exzellenz! Lola Bon jour, Berks, mon petit ministre, comment ça va? Von Berks Den Umständen und der Sorge um Euer Gnaden entsprechend. Lola Je me fiche de ce scandale-là. Von Berks Vor diesem Mute die größte Bewunderung, gnädigste Gräfin. Doch wir andern können unmöglich die Hände in den Schoß legen. Peißner mit einem Blick auf die anderen: Was haben wir gesagt? Maurice, der Konditor und der Hauptmann sind dafür, daß geschlossen wird. Von Berks Gestatten mir Euer Gnaden, daß ich den Äußerungen von so sachkundiger Seite noch eine eigene beifüge? Eine, die direkt das hochpolitische Gebiet streift! Was ist der Staat? Macht in den Händen einer Korporation oder eines Einzelnen. L'état c'est moi, sagte Ludwig der Vierzehnte. Und er war ein gewaltiger Monarch, der nie eine Schwäche zeigte. L'état c'est vous, so kann man zu Euer Gnaden sagen, denn Sie sind eine noch größere Herrscherin und werden noch weniger Schwäche zeigen als der große Franzosenkönig. Baur und Mayerhöfer Bravo! Maurice In der Tat glänzend. Baur Cicero und Themistokles in einer Person. Peißner bissig: Nur etwas spät kommt die Weisheit. Von Berks Wieso? Wenn ich fragen darf. Peißner Besinnen Sie sich noch? Ich hab's Ihnen immer gesagt: Wenn Sie wirklich die Freiheit wollen, dann müssen Sie die Universität zumachen. Von Berks Das schon – Peißner fährt ihn an: Nun ja, warum haben Sie's denn dann nicht getan? Von Berks Herr Studiosus, wenn Sie so fortfahren, dann muß ich mich über Sie bei der Frau Gräfin beschweren. Peißner Tun Sie's doch! Da sitzt sie ja. Lola lacht. Von Berks Ich bin perplex, ich bin sprachlos. Peißner Exzellenz, ich bitte Sie ehrerbietigst, finden Sie die Sprache wieder und dann ohne Verzug: schließen Sie die Universität, aber wirklich – Von Berks Fürchten Sie nichts, es wird gelingen. Maurice mit salbungsvoller Ruhe: Gott mit uns! Lola Eh bien, meinetwegen. Man schließe die Wissenschaft. Mayerhöfer Triumph! Baur In hoc signo vinceremus! Die Türe zum Toilettenzimmer hat sich geöffnet, dort steht die Kammerfrau und schaut auf Lola mit vielsagendem Blick. Lola Was ist? Die Kammerfrau Schaut noch vielsagender drein. Lola Sa Majesté? . . . Zu Maurice: Maurice, begleite die Herren hinaus. Zu von Berks: Excellence, vous m'accompagnerez! Zu Peißner: Et toi, du kannst Herrn Singlspieler so lange unterhalten, bis ich wiederkomme. Sie schielt in den Vorsaal. Da, da ist er ja schon. Indem sie immer zurückschaut, geht sie mit von Berks und der Kammerfrau in das Toilettenzimmer. Mayerhöfer, Baur und Maurice ziehen sich in den Vorsaal und von dort in das Nebenzimmer zurück. Peißner indem er sich zu Xaver umdreht, der, von einem Gendarmen eskortiert, hocherhobenen Hauptes hereinkommt: Ah so, der Herr Singlspieler! Den hätt' ich ja bald vergessen, vor lauter Politik und Staatsgeschäften. Er mißt ihn verächtlich. Na, es sind eigene Verhältnisse, unter denen wir uns wiedersehen. Xaver Gewiß. Du warst einmal ein ehrlicher Cherusker, der brav seine Farben verteidigt hat, jetzt bist du ein schuftiger Lolamanne. Peißner Ich muß Sie bitten, keine neue Unverschämtheit. Vor allem warne ich Sie: erlauben Sie sich nicht die mindeste Impertinenz gegen die Frau Gräfin. Xaver Ich bin doch da, um Abbitte zu leisten. Peißner Was? Sie wollen – Xaver Dazu oder zur Relegierung bin ich verurteilt. Peißner Singlspieler, ich trau' Ihnen nicht. Warum haben Sie das gestern nicht getan? Warum mußten Sie Rebellion machen? Xaver Man ist halt manchmal so unüberlegt. Peißner Borniert sollen Sie sagen! Jawohl, mein vieledler Cherusker, was verstehen Sie von der großen Bewegung der Geister? Was verstehen Sie von der Freiheit? Xaver Freiheit? Davon willst du mir reden? Du? Peißner Weil ich mich durchgerungen habe zu ihr, weil ich nicht mehr im Dunkeln tappe, weil ich nicht mehr nachbete, was ihr gesagt habt, ihr Jammerkerle, ihr Pfennigfuchser! Xaver hält noch an sich: Peißner, nicht so daherreden. Ich hab' die besten Absichten, aber . . . Peißner verfällt von jetzt an wieder ins Münchnerische: Aber? Aber? Was willst d' machen? Wehr' dich doch, wenn's geht. Und wenn du zehnmal um Verzeihung bittest, du bist draußen, ganz draußen. Ja, mein lieber Xaverl, es ist so weit. Du mußt Bierbrauer werden. Du mußt das Veverl heiraten. Xaver Was geht das dich an? Peißner Weiß, weiß, daß du andre Rosinen im Kopf hattest. Damit ist es vorbei . . . für immer vorbei! Mit Betonung: Die Universität wird geschlossen! Xaver mit jähem Aufschrei: Nein! Peißner Soll ich dir den Minister holen als Zeugen? Xaver Also wahr, wirklich wahr? Wir sollen Mörtel tragen, wir sollen Stiefel putzen, Lumpen sammeln soll ich wohl gehen? Peißner in frechem Ton singend: Xaver, der Cheruskerfürscht, handelt jetzt mit Leberwürscht. Xaver unbeirrt fortfahrend: Aber das hat nur sie gemacht, das elende Weib, das infame. Peißner Wie? Das nennst du um Verzeihung bitten? Xaver immer gesteigerter: Nur sie, die uns alle an den Rand des Verderbens bringt, diese Gottesgeißel, diese Dirne! Peißner Was erfrechst du dich? Maurice, Baur, Mayerhöfer zeigten sich während des Wortwechsels im Vorsaal. Jetzt stürzen sie nach vorn, von Hirschberg, Zeuler und drei andere Herren im Frack folgen. Maurice Was ist denn das für eine Conduite? Peißner Der Bursche hat die Frau Gräfin aufs infamste beleidigt. Xaver Ich hab' sie genannt, was sie ist, eine Dirne! Baur zum Gendarmen: Nehmen Sie ihn doch fest! Hirschberg Fesseln Sie ihn gleich! Zeuler Fort damit auf die Polizei! Xaver während er gebunden wird: Packt mich nur, bindet mich. Heute noch werd' ich gerächt sein. Alle schreien wild durcheinander: Fort, fort damit! Maurice plötzlich den ganzen Tumult überschreiend: Höchste Gnaden, die Frau Gräfin Landsfeld! An der Schwelle des Toilettenzimmers ist Lola Montez erschienen, in reicher Empfangstoilette, mit Fächer und kostbarem Schmuck. Sie steht mit stolzer Haltung und sieht ruhig auf das Gewirr. Hinter ihr von Berks. Mayerhöfer der sich etwas abseits gehalten, legt hastig die Bonbonnière unter den linken Arm, entfaltet die Rolle der Länge nach und liest: Nach dem goldbeglänzten Abend Sich zur Ruh' begeben habend, Steigt die Sonne jetzo wieder Zu uns Glücklichen hernieder, Nach der Nacht naht sich der Morgen, Der verscheuchet alle Sorgen, Scheucht der schwarzen Vögel Krächzen, Die nach Nacht und Nebel lechzen. Heil dir, Lola, Lola Montez, Wer so gut wie du gekonnt es, Den will ich mit goldnen Leiern Und mit meinem Herzblut feiern. Heil!             Alle mit Ausnahme von Xaver, der vom Gendarmen gefesselt im Hintergrund zurückgehalten wird, rufen begeistert: Heil! Lola tritt näher: Merci, merci, messieurs! Ich bedaure, daß ich nicht so gut regiere die deutsche Sprache wie unser poète, um zu erwidern die Gefühle, die Sie mir heute morgen wieder haben erwiesen. Allgemeine freudige Bewegung, sie geht die Audienzgruppe der Reihe nach ab und reicht jedem die Hand zum Kusse. Monsieur . . . Monsieur . . . Monsieur . . . Maurice bringt auf einem silbernen Teller eine Menge Briefe und Aktenstücke: Euer Gnaden, die Bittgesuche! Mayerhöfer präsentiert die Bonbonnière: Euer Gnaden, ein kleines Geschenk: der süßesten Muse. Baur Euer Gnaden, die Huldigung der ganzen Armee. Peißner überreicht ein großes Kuvert: Euer Gnaden, die devoteste Einladung zum heutigen Kommers der Alemannia. Lola lächelnd nach allen Seiten: Grâce, grâce, messieurs, mille grâces. Nicht mir soll es gelten, das viele Schöne und Liebe, dem großen Gedanken, den wir alle repräsentieren, dem wir leben bis zum letzten Atemzuge: der Freiheit! Alle mit Ausnahme von Xaver, begeistert: Der Freiheit! Lola So müssen wir siegen! Sie sieht sich um. Maurice, was war das für ein Lärm? Verlegene, kurze Pause. Maurice Gnädigste Gräfin . . . Baur Ein Unverschämter hat es gewagt . . . Peißner Der Cherusker, der Singlspieler. Baur leise zum Gendarmen: Machen Sie jetzt, daß Sie fortkommen mit dem Burschen! Lola Ah, ça non, par exemple! Lassen Sie ihn hier. Sie lorgnettiert ihn aus der Entfernung. Das ist also Herr Singlspieler, der große Revolutionär. Aber wie? Er hat ja die Hände . . .? Peißner Weil er unverschämt war. Lola Eh bien, das ist vorüber, binden Sie ihn los. Baur Wie? Lola Sofort! Und dann, messieurs, dann lassen sie mich mit ihm allein. Maurice Gnädigste Gräfin, das ist unmöglich. Baur Der Mensch ist zu allem fähig. Lola Assez, assez! Wenn Sie haben Angst, Sie können warten im Vorzimmer, aber jetzt adieu, messieurs, adieu, adieu! Alle mit tiefen Komplimenten nach dem Vorsaal ab, bis auf Xaver. Lola So, jetzt sind wir allein. Jetzt können Sie reden. Xaver hat der ganzen Szene vom Eintritt der Lola an mit verbissener Wut in seiner Ecke zugehört. Jetzt antwortet er trotzig: Nein. Lola Nicht? Sie wollten doch? Sie konnten es doch vorhin so kräftig und deutlich, oh, ich habe sehr gut gehört, was Sie haben gerufen. »Dirne« haben Sie gerufen. Oui ou non? Das haben Sie getan? Xaver fest: Ja? Lola klatscht mit dem Fächer auf die Hand: Das hab' ich wollen hören. Xaver Warum? Sie haben ja genügend Zeugen dafür. Lola Ah, ich wollte, daß Sie mir das sagen in das Gesicht – sie tritt ihm langsam näher – face à face . . . ganz nahe . . . So, jetzt sagen Sie 's noch einmal. Sie steht ganz dicht bei ihm und wartet einen Augenblick. Sie sagen 's ja nicht? Xaver Ich . . . Er sucht nach Worten. Lola tritt von ihm weg, indem sie den Fächer aufschlägt: Warum verfolgen Sie mich eigentlich? Xaver Lassen Sie mich abführen. Lola Nein, Sie sollen mir Antwort geben. Xaver Wenn mich der Richter ins Verhör nimmt, werd' ich sagen, was ich zu sagen habe, hier nicht. Lola Richter? Ah, bah! Ich bin Richter, ich mache Gesetze im Lande! Xaver Ja eben, Sie machen Gesetze, Frau Gräfin, neue Gesetze, und die alten, die haben Sie umgeworfen, die respektieren Sie nicht mehr, da treten Sie mit Füßen draufherum. Lola Mit meine Füße? Voyez vous? Sie rafft das Kleid und hebt mit feiner Koketterie einen Fuß. Sind sie wirklich groß genug, um so etwas zusammenzutreten wie so ein altes, breites, dickes Gesetz? Xaver Ach, Sie sollten keine Witze machen, Sie sollten nicht lachen, Frau Gräfin. Plötzlich: Schämen sollten Sie sich, ja schämen, jetzt hab' ich's heraus. Lola beginnt zu tänzeln und dabei den Fächer zu schwingen. Xaver geht ihr nach: Ich red' nämlich nicht nur für mich, nein, ich red' für die ganze Studentenschaft, für die anständige wenigstens, ja noch mehr, ich red' für das ganze Land. Wissen Sie, was Sie dem zugefügt haben? Ist Ihnen das schon einmal grob und ehrlich gesagt worden? Lola singt halblaut und tanzt jetzt wirklich im kleinen Umkreis. Xaver Nein, es ist Ihnen noch nicht gesagt worden! D'rum will ich's besorgen, Frau Gräfin. Bleiben Sie stehen! . . . Bleiben Sie stehen! . . . Ja, natürlich, Sie wollen nicht hören, Sie lachen, Sie tanzen. Lola singt einen hohen Ton, dreht sich kurz herum, plötzlich haut sie ihm den Fächer ins Gesicht: Bête, bête! Xaver faßt sie wütend beim Arm: Was? Was? Lola Dummkopf! Xaver Sagen Sie 's noch einmal, und ich zerbrech' Ihnen den Arm. Lola Allons, allons! Xaver hebt die Faust: Oh, Sie . . . Lola sieht ihn durchbohrend an: Was? Xaver läßt den Arm vor ihrem Blick langsam sinken. Lola lächelnd: Wollen Sie Satisfaktion? Wollen Sie auf die Mensur? Ich auch bin Student wie Sie. Oh, ich schlage gut, so gut wie ich tanze. Sie glauben nicht? Kommen Sie zu uns heute abend! Sie haben gehört, wir haben Kommers, große fête. Immer langsamer und wärmer: Kommen Sie, kommen Sie. Xaver Sie muten mir zu, ich soll . . .? Lola rasch: Sie sollen, Sie müssen! Wollen Sie wissen, warum? Weil Sie mir gefallen, viel besser als Peißner. Das ist ein imbecile, ein Feigling, aber Sie haben Mut. Deshalb sollen Sie nicht zurück zu den Bourgeois. Sie sollen höher hinaus. Xaver Wie das? Lola nach einer Pause: Sie haben eine Braut. Xaver Das wissen Sie und wagen es trotzdem, mir vorzuschlagen –? Lola Ich wage noch mehr. Flüsternd: Warum war ich gestern beim Marderbräu? Pause. Sie können das gar nicht sich denken? Dann will ich Ihnen geben Antwort. Verlassen Sie alles, was Sie noch bindet, und Sie sollen sein, was Sie wollen. Xaver Was – was soll ich sein? Lola Grand-seigneur, Minister – König! Xaver Ich soll – ah, das ist ja Wahnsinn! Lola Eh non! Ich habe vollbracht in der Welt größere Dinge schon, und ich kenne die Welt gut, sehr gut. Xaver Das weiß man von Ihnen. Lola Bah, was so spricht Madame Tout le monde, die mich hält für eine Maitresse, für eine Konkubine! Sie stampft auf. Und das bin ich nicht. Non, non, non. Ich mache mir nichts aus allem, was kriecht zu meine Füße, was bettelt um meine Gunst, was mir schenkt Gold und Steine, nichts, gar nichts. Mit steigender Wärme: Aber, wenn ich liebe, wirklich liebe, und wenn's ein Bettler ist, ein gamin, ein Student . . . Xaver immer mehr befangen: Dann? Lola tritt ihm näher: Dann warte ich nicht, non, – dann weiß ich zu handeln! Sie reißt ihn mit einer jähen Bewegung auf das Sofa und bohrt ihren Mund in den seinen. Xaver halb erstickt: Nicht! Nicht! Lola hastig: Du kommst zu mir, du gehörst mir, du trägst meinen Ruhm in die Welt hinaus! Xaver sich entwindend: Nein! Lola Doch, doch! Du wirst Alemanne! Xaver Nein, nein! Er hat sich frei gemacht. Nach einer kleinen Pause sagt er ganz atemlos: Was unterstehen Sie sich? Ich bin kein hergelaufener Glücksritter, ich bin nicht Peißner, ich bin ein Cherusker! Lola Ah, so! Du bist ein Cherusker. Na, dann geh'! Geh' zu deinen Korpsbrüdern, erzähl' ihnen, daß du bist geblieben rein und keusch. Geh' hin, geh'! Xaver Hören Sie mich an . . . Lola Kein Wort mehr, geh'! Xaver Lassen Sie mich noch bleiben, lassen Sie mich reden. Ich hab' einen Vater, ich hab' eine Braut – Lola Und was noch für muntere Haustiere? Non, mon cher, ich hab' mich geirrt in dir. Ich hab' einen Augenblick geglaubt, daß du wärst fähig, mich zu begreifen, ich habe gedacht, daß du wolltest gehen mit mir durch dick und dünn bis ans Ende der Welt. Jetzt seh' ich anders. Du bist ein kleiner Geselle, du bist ein Bourgeois wie alle. Xaver Sagen Sie das nicht, Frau Gräfin, ich ertrag 's nicht. Lola Oh, wenn du wüßtest, was ich hatte vor mit dir, wenn du ahntest, was dir war bestimmt. Das Größte, das Höchste! Alles – alles wollt' ich tun für dich! Denn, wenn ich liebe, dann reiß' ich die Erde auf und werfe die Throne um. Xaver Lola! Lola Sie verstehen es noch nicht, die Menschen! Du aber hättest es sollen fassen, von dir hab' ich anders gedacht. Xaver Mit welchem Rechte? Lola Mit meinem eigenen. Ja, mein guter Xaver, ich wollte dich führen zu den Höhen der Menschheit, weg über alle Bourgeois wollt' ich dich emporziehen zu mir, zu die Freiheit! Denn ich, ich habe sie euch gebracht. Ich habe vertrieben die Pfaffen, Gleichheit hab' ich geschaffen für alle. Ich habe es aufgebaut, das große, neue Jahrhundert, und ihr bewerft mich mit die Steine! Xaver Ich komm' nicht zu Worte, ich weiß nicht, was ich sagen, was ich tun soll? Lola Schlagen sollst du mich! So haben sie dir's doch befohlen, die Philister. Zeichnen vor aller Welt sollst du die Dirne. Allons! Du hast ja schon erhoben den Arm. Was hindert dich jetzt? Schlag' zu! Dann geh' hinaus und schimpfe weiter auf Lola Montez. Xaver dumpf: Ich schlage Sie nicht. Lola Und du hast auch bedacht die Folgen? Draußen warten sie in der Welt, sie fragen, sie verschlingen dich mit ihre Blicke: Was hast du getan? Was hat sie gesagt? Eh bien, was wirst du zur Antwort geben? Willst du behaupten, daß du mich hast vernichtet, daß du mich gesehen im Staube vor dir? Xaver Ich – Langt mit beiden Händen nach dem Kopfe. Oh Gott im Himmel! Lola triumphierend: Merkst du jetzt? Fühlst du? N'est-ce-pas? Es gibt kein Zurück mehr. Xaver stößt nach einer Pause schweren Ringens hastig heraus: Sagen Sie mir selbst, was ich tun soll. Lola Ich? Nein! Das mußt du mit dir abmachen – Xaver will instinktiv nach ihr greifen. Lola Nicht so, nicht hier. Lächelnd: Wir werden ja sehen. Sie läutet. Zu dem eintretenden Maurice: Herr Xaver Singlspieler kann unbeanstandet das Palais verlassen. Sie geht zum Toilettenzimmer. Maurice nähert sich mit lächelnder Miene dem noch ganz geistesabwesenden Xaver. Vorhang Dritter Akt Die Gaststube des ersten Aktes. Es ist Nachmittag, wenige Stunden nach den Erlebnissen des zweiten Aktes. Im Hintergrund elf Soldaten der Bürgerwehr mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, Wammerl unter ihnen. Genoveva im Vordergrund links, stark verweint, verfolgt mit Angst das Gebaren des Polizeikommissärs Zäpf, der, diesmal in Uniform, vor den Soldaten steht. Rechts vorn sitzt Xaver. Er hat den Kopf auf den gestützten Arm gelehnt und starrt teilnahmslos vor sich hin. Zäpf Also, zwei Mann verteilen sich draußen im Hof, zwei Mann am Gang, zwei Mann vorm Haus da draußen – er zeigt nach rechts  –, zwei Mann vorm Haus da draußen – er zeigt nach links  –, drei Mann bleiben hier. Was ihr zu tun habt, wißt ihr: jeder Mensch, der Skandal macht, der Widerstand leistet, wird arretiert. Auseinander, marsch! Die Soldaten verteilen sich wie geheißen, Wammerl und zwei Mann verziehen sich in den Erker, Zäpf kommt nach vorn. Es tut mir leid, Jungfer Lunglmayer. Sie weiß, mit mir kann man sonst reden, aber jetzt bin ich im Dienst, im königlichen Dienst, und wenn ich im Dienst bin . . . Wammerl Da is er a Viech! Zäpf Ruhe dahinten! Genoveva Mein Gott, warum is denn des alles? Zäpf Sie wird wohl gehört haben, was die fortwährenden Skandale der Herren Studenten glücklich provoziert haben? Genoveva nickt: Ja, ja, d' Universität hat ma zug'macht. Zäpf Und die Kneipen der Studenten werden geschlossen; alles wird ihnen weggenommen, ihre Wappen, ihre Schläger, ihre Pfeifenköpfe – Wammerl Nur d' Schuld'n derfa s' b'halt'n. Zäpf Ruhe dahinten! Genoveva Es setzt wohl gar neue Krawall? Zäpf Schon möglich. Dumm genug ist die Bevölkerung, und bös genug ist sie auch. Der Universitätsschluß hat alle Gemüter aufgerüttelt, alle Leidenschaften entfesselt. Mit einem Blick auf Xaver: Sorg' Sie, Jungfer Lunglmayer, daß die Studenten wenigstens von jetzt an Ruhe bewahren. Säbelklirrend rechts ab. Wammerl Hanswurscht! Genoveva Is 's net wahr, was er sagt? Gibt 's am End' kein' Krawall? Wammerl Ah was, Krawaj, an überflüssige Zwirnerei is de ganze G'schicht. Universitätsschluß! Wer kümmert si' denn da in München d'rum? Koa Katz und koa Sau net. Genoveva Ja, geht 's denn net schreckli' zu auf da Straß'n? Wammerl Am Marienplatz macht a Schandi an Volksauflauf und vor der Residenz zwoa. Genoveva Zu was is denn nacher die ganz' G'schicht? Wammerl Für gar nix! Genoveva Ja, da ganga S' do' wieder heim. Wammerl Na, na, im Wirtshaus bleib'n ma allaweil gern, mir von der Militari, und wer woaß? Vielleicht is 's do' no' notwendi', weg'n 'm Sporerbräu drüb'n. Genoveva Weg'n 'm Singlspieler? Wammerl Vorerst hat er 'n Bierpreis no' net 'naufg'setzt, aber bal' er 's tuat . . . Die zwei Gardisten Bal' er 's tuat . . . Genoveva Ah was! A Schand' is 's mit dera Wach, – weinend – d' Mutter, wenn 's hört, de überlebt 's net. Wammerl Sie überlebt 's scho'! A paar schöne Soldat'n im Haus, des is gar net so z'wider für die weiblichen Inwohner. Genoveva Und was sonst noch passiert is seit gestern abend! Wammerl 's is net gar so g'fährli', Fräulein Veverl. D' Hauptsach' is: der Xaverl is wieder da. Genoveva Aber wie is er da? Schau'n S' 'n an. Wammerl Ja, mei', so einfach geht des net ab. Bal' ma eing'sperrt werd, hat ma nia koa b'sundere Freud' net. Genoveva Wie 's a is, i seh kei' Glück und kein Fried'n mehr. Wammerl Ah was! Es richt't sich all's wieder ei' auf dera Welt. Wissen S' was? Jetzt geben S' mir amal a Maß Bier und dene zwoa a. Er weist auf die Gardisten. Sie müssen uns nämli' alle mitananda verpflegen, solang mir da herin san. Genoveva während sie einschenkt: Wenn 's nur des war', Herr Wammerl – Wammerl So? Nacher könna S' a no' a paar Knackwürscht 'rausrucka. Genoveva Da haben S' de Maß, i hol glei d' Wurst. Wammerl An Senf könnten S' a no' geben, geht in oa'm hi'. Und wia g'sagt, koa Angst net. D' Münch'ner Bürgerwehr hat auf der Welt no' koam Mensch'n was z'leid tan. Er haut einem Gardisten auf die Schulter. Gel' na, Knödlseder, a so san mir net, mir san grüabi' und nehma Rücksicht auf andere Leut. Genoveva stellt den Senf hin, dann will sie durch die hintere, linke Türe abgehen, kehrt aber noch einmal um: Xaverl . . .Xaverl . . . Xaver ohne sich zu rühren: Was? Genoveva Was? Dasitzen tust, auf ein'm Fleck seit zwei Stunden, daß ma' si fürchten könnt. Xaver so stumpf wie oben: Soll ich fortgeh'n? Genoveva Reden sollst was, rühr'n sollst di! Seit daß d' z'ruck bist von deiner schauderhaften Exkursi, hast mir no' net amal a Hand geb'n. Xaver Ich hab 's halt vergessen. Genoveva So? Vielleicht vergißt 's a, daß wir zusamm' g'hör'n soll'n fürs Leben. Xaver lebhafter: Veverl, tu mir den einzigen Gefallen und red' jetzt davon nix. Genoveva Is dir 's so z'wider? Xaver Wenn du dir'n Begriff machen könntest, was mir im Kopf 'rumgeht, . . . Genoveva Oh, ich weiß ganz gut, was dir im Kopf 'rumgeht. Xaver springt auf: Was? Was? Genoveva Dei dumme Revalation geht dir im Kopf 'rum. Kaum haben s' di freilass'n, da denkst a' scho' wieder dran, wie du' s nur anfangen sollst, daß d' möglichst schnell wieder 'nauskommst in des verrufene Haus. Xaver Vielleicht magst du recht haben. Genoveva Aber des taugt nix. Der Mensch soll friedfertig sein. Und wenn dir die Lola zehnmal was an'tan hat, du mußt 's vergessen. Xaver Ob ich's jemals vergessen kann, Veverl, das kann ich nicht sagen. Genoveva Es bleibt dir wohl nix anderes übri'. Hast d' 's vielleicht net g'hört, wie d' Mutter vorhin g'schimpft hat? Hast dir nix g'merkt von ihre Wort? Z'rückziehn soll si' der Mensch, 'n Frieden soll er geben . . . Xaver fällt ein mit gellendem Lachen: Und hinterm Schenktisch soll er 'rumtappen, gelt? Recht schlecht einschenken soll er, damit was 'rausschaut bei dem G'schäft, gelt, Veverl? Das ist so euer Ideal. Genoveva Wenn d' a Bierbrauer werd'n willst, nacher weiß i net, was anders 'rausschau'n soll. Xaver Oh, es gibt vielleicht noch einen Ausweg. Genoveva Was denn? Da bin i begieri'. Xaver Ach nichts – davon verstehst du kein Wort. Genoveva hat erst nach den dreien im Erker gesehen, die ungestört weiteressen: Geh', Xaverl, schütt dei' Herz aus. Xaver Jetzt nicht, Veverl, jetzt nicht. Genoveva Schau, i' hab di' ja so gern, i' will ja nix anders, als – Xaver schiebt sie weg: Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann laß mich in Frieden. Ich brauch' Ruh', ich brauch' Sammlung. Mir brennt der Schädel wie Feuer. Genoveva Soll i dir a Wasser hol'n, a Bier? Xaver Nein, nein, laß. Da drinnen in der Kneip' steht ein altes Kanapee, da leg' ich mich schlafen eine Stund'. Genoveva Is recht, Xaverl, schlaf di aus, Xaverl, recht gut schlaf di aus. Xaver Dank' dir schön. Wenn die andern kommen, dann sag ihnen, sie sollen mich liegen lassen, verstehst du, liegen lassen – Er wankt in das Kneipzimmer. Abel hat während der letzten Reden die rechte Türe geöffnet und die beiden beobachtet. Jetzt tritt er zu Genoveva: Na, wie steht's? Genoveva Grad so, wie z'erst. Abel Schauderhaft. Jetzt erzähl' mir einmal, wie die G'schicht eigentlich zugegangen ist. Vorhin, da war ja ein Geschrei . . . deine Mutter, die Studenten, der Eisenkopf, der alte Singlspieler – sein eigenes Wort hat man nimmer verstanden. Genoveva 's is net viel zum Erzählen, Hochwürden. I sitz' da herin wie gewohnt, hinterm Schenktisch. Auf einmal fliegt die Tür auf. Der Xaverl kommt 'rein. Wie kommt er 'rein? Mei' Lebtag vergiß i den Anblick net. Aug'n hat er g'macht, so groß, so wild, der Schaum is ihm auf den Lippen g'standen und g'schnauft hat er wie a Lokomotiv. Trotzdem bin i drauf zugangen. Net? I hab' mi halt g'freut, daß i 'n wiederseh'. Er aber schmeißt mi' auf d' Seiten. »Die Universität is aufg'löst«, schreit er und fallt auf den Stuhl hin wie a Stück Holz. Abel Merkwürdig, merkwürdig. Man müßt' ihn doch einmal sprechen, damit man hört, wie das alles zugegangen ist. Genoveva Ach, Hochwürden, ich bitt' gar schön, lassen S' 'n jetzt. Abel Na, meinetwegen. Wo ist sein Vater, der Singlspieler? Genoveva Dem hat d' Mutter die Tür vor der Nas'n zug'haut, jetzt lauft er im Haus 'rum, ratlos und hilflos. Abel Und der Eisenkopf? Genoveva Der is in die Stadt mit de' Studenten. Abel Dann ist's schon gut. Genoveva Gut? Hochwürden, wenn er wieder Skandal macht? I mein' alleweil, es wär' besser, Sie täten 'n bitten, daß er 'n Xaverl net noch mehr aufhetzt, als er 's scho' 'tan hat. Abel Liebes Kind, das wird sich alles finden, zunächst müssen wir mal abwarten, was der Xaverl selber sagt. Genoveva Wieso? Abel Na, wir wissen doch nicht, ob er überhaupt alles so geduldig hinnimmt, ob er sich einsperren läßt wie ein Zuchthäusler, der einen Raubmord begangen hat. Genoveva Was will er denn machen? Abel Oh, es gibt schon noch Mittel und Wege. Wär' nicht übel. Genoveva Und was schaut für mi dabei 'raus? Wann komm' i endli' zur Ruh'? Wann kann i mi endli' verloben? Verheiraten? Abel Brauchst deswegen noch nicht zu verzweifeln. Jetzt laß mich einmal ein bissel allein, ich seh' den Hemersbacher kommen, den hab' ich herbestellt. Genoveva links hinten ab. Abel zu Hemersbacher, der von rechts gemächlich, die Hände in den Hosentaschen, auftritt: Nun, Herr Hemersbacher, was ist los? Hemersbacher Oh, es is scho' was los. Alle Studenten san auf de Füß. Abel So? Hat s' einmal eingeschlagen, die Sach'? Hemersbacher Ob s' eing'schlagen hat! I sag' Eahna, Hochwürden, de Kerl renna umananda wie d' Kitz, der s' d' Rehgoaß wegg'schoss'n hab'n. Abel Lang genug hat 's gedauert. Hemersbacher Dafür fleckt 's um so stärker. Ja, Hochwürden, wir gehen einer großen Zeit entgegen, 's Unterste kehrt sich z' oberst, die Welt lenkt in neue Bahnen. Luft machen will sich die Menschheit und d' Hauptsach': de Glaser verdeana was dabei. Abel Ich bin gewiß ein Freund der Ruhe und Ordnung . . . Hemersbacher Oho, jetzt gibt 's koa Ruh und koa Ordnung mehr. Ein neuer Geist zieht durch die Welt, der Geist der Unabhängigkeit, der Wahrheit und der Freiheit. Abel Haben Sie den Eisenkopf nicht zufällig gesehen? Hemersbacher 'n Eisenkopf? Des glaub' i, Hochwürden! Der lauft d' Straßen auf und nieder mit die Studenten, und wenn er 'n Fiaker sieht, na' laßt er 'n umkehr'n, na' steigt er aufs Dachl nauf und halt a Red'. Abel Jetzt müssen wir nur sehen, daß die Sache den richtigen Widerhall findet. Hemersbacher mit verständnisvollem Augenzwinkern: Droben, moanen S', ganz droben, wo die gar andern logieren? Ah, Hochwürden, da brauchen S' koa Sorg' net haben, die spannen 's schon, bal' d' Fensterscheiben einfliegen und bal' 's kracht an alle Ecken. Abel Keinen Gewaltakt, Herr Hemersbacher! So was widerspricht den göttlichen Geboten. Hemersbacher Hihi, mit de göttlichen Gebot, Herr Kurat, des is a so a überwund'ner Standpunkt. Abel Ich muß Sie sehr bitten, Herr Hemersbacher! Hemersbacher Der Herr Eisenkopf hat's gestern abend gesagt, daß wir jetzt die Göttin der Vernunft wieder frisch anstreicha lass'n. Abel etwas unwirsch: Was er auch gesagt hat, der Herr Eisenkopf, keinen Schritt außerhalb der erlaubten Grenzen. Hemersbacher Da bin i neugierig, wie S' des macha woll'n. Abel Mit euch, mit den Bürgern muß der Stein ins Rollen kommen. Hemersbacher lachend: Mit de Bürger? Da könna S' lang wart'n. Abel Was? Grad sagen Sie doch, es ist alles in heller Revolte. Hemersbacher Ja, de Studenten! Die Bürger hocken saukalt hinter 'm Maßkrug, – auf Wammerl weisend – wia der da! Wammerl Was sollen s' denn sonst treib'n? Abel Aber ohne die Bürger ist 's ja nicht möglich. Hemersbacher Kitzeln Sie s' raus aus 'm Stall, bal' 's geht. Abel Werd ich auch. Dreht sich um und gewahrt Singlspieler, der von links rückwärts kommt. Da kommt grad der Mann, der mir paßt! Na, Herr Singlspieler, wie geht's? Singlspieler Wie wird 's geh'n? I bin blamiert vor der ganzen Stadt, d' Lunglmayerin schaut mi nimmer an und aus der ganzen Verlobung wird im Leben nix. Abel Es wird was draus, ich steh' Ihnen gut dafür. Nur Geduld müssen Sie haben und vorerst an wichtigere Sachen denken. Singlspieler Wüßt net, was mir jetzt wichtiger wär'. Abel Dann muß ich's Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, Singlspieler! Die Universität haben sie aufgelöst, die Stätte der Bildung, der Wissenschaft. Singlspieler brummig: I woaß scho. Abel Na, und . . . Singlspieler Is ma sauwurscht. Abel Was? . . . Das geht Sie nichts an? Singlspieler Was kann i da tun? Abel Gar manches. Zieht ihn zu sich. Da außen geht's um auf der Straße, alles ist in Bewegung, alles beschwert sich. Singlspieler Ah was, koa Mensch beschwert si'! Abel Doch! Die Studenten haben noch so viel Charakter, aber sie sind nicht organisiert, sie haben keine Führung. Die Führung sollen Sie übernehmen! Singlspieler I? Abel Ja! Sie ziehen Ihren Frack an, setzen Ihren Zylinder auf. Nachher holen Sie drei angesehene Bürger zusammen und gehen mit denen hinein, direkt in die Residenz. Hemersbacher Sehr gut! Singlspieler Ah, könnt' ma scho' ei'fall'n! Abel Sie werden es tun, Sie werden dem König von der Stimmung im Lande erzählen. Hemersbacher Von der wahren Stimmung aber! Singlspieler Ja, Herr Kurat, jetzt weiß i net, machen S' Spaß, oder Ernst? I soll mei'm Kini mir nix dir nix mit der Tür ins Haus fall'n? I soll red'n, i soll protestier'n? Ja, wie stell' i mi denn da hin? Was sag' i denn da? Abel Sehr einfach: Eure Majestät sind durch eine Dirne verzaubert worden. Diese Dirne hat es so weit getrieben, daß sie eine Schande geworden ist für das ganze Land. Sie hat meinen eigenen Sohn eingesperrt, sie hat die Universität zugemacht, jetzt muß sie fort, fort, so schnell als möglich. Singlspieler Und dabei soll i 'n anschaug'n mit meine Augen? Abel Fest und sicher. Singlspieler Bal' er mi aber 'nausschmeißt, bal' er mi festnehma laßt wie 'n Xaverl? Abel Er läßt Sie nicht festnehmen! Singlspieler Na, na, Herr Kurat. All's, was S' wollen – des tu i net. Abel So? Für was haben wir Sie denn nachher gewählt in den Landtag? Singlspieler Ja, des möcht' i selber wissen! Abel Daß Sie uns eine Stütze sind, daß Sie handeln – Hemersbacher sehr laut: Daß Sie 's Maul aufmacha! Singlspieler Mach' du 's Maul zu, Glaserg'sell, damischer! Hemersbacher Sie, gelt, menagieren S' Eahna a bißl, Sie Knallprotz, Sie g'schwollner! Singlspieler Ja, was soll denn des heißen, Herr Kurat? Abel Recht hat er, ganz recht. Warten Sie nur, ob unser Herrgott Sie nicht straft für Ihre Gleichgültigkeit. Singlspieler Ah, da müßt' i bitten! Abel Jawohl, da drin liegt Ihr Sohn. Wissen Sie vielleicht, ob er nicht schon Schaden genommen hat bei seinem Ausflug zu der Lola? Singlspieler Machen S' mir net Angst, Herr Kurat. Abel So ein Weibsbild hat Zaubermittel genug. Hemersbacher Sie macht 'n einfach zum Trottel. Singlspieler Ja . . . ja . . . Wenn des a no' war', daß der Xaverl am End' – Herr Kurat, nacher wüßt' i allerdings net, was i tat . . . Abel zieht ihn nach vorne: Ich weiß es für Sie. Sie gehen zum König, und wenn das nicht hilft, – noch leiser und eindringlicher – dann setzen Sie den Bierpreis in die Höh'. Singlspieler hastig: Sie moana, i soll . . . i derf des riskier'n? Abel Jetzt ist der Zeitpunkt. Wammerl der vom Hintergrund aus die letzte Szene aufmerksam verfolgte: Passen S' auf, Singlspieler, mir merka fei' all's! Singlspieler grob: Geht's enk was an? Wammerl Jawohl. Abel Also los! Hemersbacher Hau'n S' zua! Eisenkopf von rechts in Eile: Krakeel auf der Straße, Krakeel drinnen. Was gibt's denn, ihr guten Leute? Hemersbacher Der Singlspieler soll a Revoluzzer wer'n und mag net. Eisenkopf Wenn der Alte nicht will, der Junge wird's um so lieber tun. Was treibt er? Wo ist er? Abel Er ruht sich ein bißl aus da drin in dem Zimmer. Eisenkopf Der arme Kerl! Aber jetzt muß er bald genug geschlafen haben, denn jetzt heißt es: alle Mann an Bord, jetzt heißt es: voll und ganz, jetzt heißt es: die Schwerter heraus! Neu ausholend: Ich komme von der Universität. Abel Von der Universität? Das ist ja sehr interessant. Eisenkopf sehr von oben: Seit wann ist die Geistlichkeit befreundet mit dem Studententum? Abel Nun, ich steh' schließlich mit dem Haus Lunglmayer doch schon so lang in Verbindung, daß ich aus persönlichen Gründen frage. Eisenkopf Ah so, der Mann, der die Beichte abnimmt, die Paare zusammengibt und die Kinder tauft? Abel lächelnd: Von diesem veralteten Gesichtspunkt aus müssen Sie 's betrachten. Eisenkopf Na gut, mein Herr, dann will ich Ihnen zur Antwort geben: Ich werde meinem unglücklichen Korpsbruder Genugtuung verschaffen. Hemersbacher Was hab' i g'sagt, Hochwürden? Abel Erzählen Sie mal, verehrter Herr, erzählen Sie. Eisenkopf Oh, der Plan ist ausgeheckt in den schweren Stunden, als wir alle dort unten standen vor der festverschlossenen Universität. Da stand es vor uns, leibhaftig und riesengroß, wie es sein mußte, das Werk, und so wird 's durchgeführt werden, gleich auf der Stelle. Abel Und wie denken Sie sich das? Eisenkopf Kann Sie das wirklich interessieren? Abel Vielleicht mehr, als Sie glauben. Eisenkopf Dann will ich 's Ihnen verraten. Hinter mir ziehen die Korpsbrüder her. Sie holen die Mützen, die Schläger, die ihnen verboten sind. Und dahinter wieder zieht das Volk das tiefbeleidigte Volk. Hemersbacher mit höchstem Pathos: Das tiefbeleidigte Volk! Wammerl Wo ziahgt's, 's Volk? Wo ziahgt's? Des müass'n ma sehgn. Eisenkopf Es wird ziehen, mein wackerer Bürger. Arbeiter mit schwieligen Fäusten, Bürger mit glühenden Herzen, Mädchen und Frauen, wer will. Abel Hören Sie 's, Singlspieler? Eisenkopf Dieser ungeheuere Zug wird sich entfalten, er wird zur Lawine schwellen und wird sich wälzen hierher zum Hause der Cherusker. Abel Was? Ich hab' gemeint, zur Residenz wollen Sie? Eisenkopf Nur Geduld, mein superkluger Herr; erst wird unser Korpsbruder geholt, an unsere Spitze gestellt und dann . . . dann geht's zur Zwingburg! Hemersbacher Bravo! Abel Jetzt versteh' ich schon besser. Eisenkopf Dort aber werden wir hinaufrufen, daß es durch ganz Europa hallt, von Paris bis nach Moskau: Wir fordern unsere unveräußerlichen Rechte . . . Hemersbacher Bravo! Eisenkopf Wir fordern unsere Ideale zurück . . . Abel Bravo! Eisenkopf Wir verlangen Aufklärung und Bildung . . . Hemersbacher Aufklärung und Bildung! Eisenkopf Und verlangen . . . Abel sehr heftig: Daß die Lola zum Teufel geht! Eisenkopf Nicht so ganz einfach, mein Herr! Die große Babylonische hat uns zu lang den Fuß auf den Nacken gesetzt. So glatt soll sie nicht abreisen auf seidenen Kissen und Polstern. Nein, wir, das Volk, wir fordern für all den Schweiß, den sie dem Volk aus den Rippen gepreßt hat, für all diesen edlen Schweiß verlangen wir, daß sie uns gehört. Hemersbacher mit wildem Jubel: Uns g'hört s', Herr Kurat, haben Sie 's g'hört? Eisenkopf Euch allen, was sich zum Volk zählt. Hemersbacher Na, warten S', Herr Nachbar, i hau' ihr d' Nasen so breit . . . so breit! Eisenkopf Tut mit ihr, was ihr wollt, ein Volksgericht soll es sein. Frau Lunglmayer von links rückwärts, sehr erregt: Was! Was soll 's sei', Herr Eisenkopf? A Volksgericht? Koa Mensch in München kümmert si um des G'schwatz, und jetzt möchten Sie die Ramassuri richti' wieder von vorn anfangen? Ham S' no' net g'nua mit Ihrer Blamasch? Eisenkopf Mutter Lunglmayer, es sind auch noch andere da, die sich blamieren wollen. Frau Lunglmayer Der Herr Kurat, wie i seh'. Er hat si also ausg'söhnt mit Ihrer Gottlosigkeit und macht selber a Revalation mit. Abel Ich muß bemerken, daß ich von einer Revolution mit keiner Silbe gesprochen habe. Eisenkopf lacht: Seien Sie nur ruhig, mein wackerer Herr Pfarrer, ich reite Sie nicht in die Tinte. Abel Sich beschweren und Unzufriedenheit äußern, das ist ein großer Unterschied. Frau Lunglmayer sehr fest: Wer sich beschwert, wer sich unz'fried'n fühlt, des is jedesmal a Revalationär. Hemersbacher Hi, hi, des macha S' scho' guat, Lunglmayerin. Frau Lunglmayer Natürli', der Glaser is a von der Partie, sonst war's ja net ganz. Und damit die Dummheit net z'kurz kommt, blast a der Vater Singlspieler in dem Verschwörungsquartett mit. Eisenkopf spöttisch: Der Vater Singlspieler ist rein, das schwör' ich Euch, Mutter Lunglmayer. Hemersbacher Der traut si scho' net, wegen Eahna. Frau Lunglmayer 's wird a besser sein, er laßt seine Hand' von der Butt'n. Hat sei' Bua scho', der Xaverl, Schimpf und Schand' g'nug über uns 'bracht. Eisenkopf Oho, oho! Singlspieler Marderbräuin, des brauchst a grad net z'sagen. Frau Lunglmayer Schimpf und Schand'! Grad no' amal! Ei'kastelt haben s' 'n, mei'n zukünftigen Herrn Schwiegersohn, d' Universität haben s' zug'macht seinetwegen, und jetzt haben s' mir gar no' Soldaten als Wachtposten in mei' unbescholten's Haus g'schickt. Wammerl und die zwei Gardisten heben die Krüge: Prost, Muatta Lunglmayer! Abel Stimmt, stimmt! Und das soll man sich alles so ruhig gefallen lassen? Hemersbacher Bis s' oam d' Haut über d' Ohr'n ziehg'n. Frau Lunglmayer Bal i mer's g'fall'n lass', braucht's Enk aber net z' kümmern. Singlspieler Aber a Gemeinheit is 's do', wie s' oan b'handeln. Frau Lunglmayer Ja, Singlspieler, willst du am End' a Viecherei anfangen wie der Eisenkopf, der 'n Xaverl verhetzt hat? G'scheiter, du hätt'st dein Bub'n, dein' mißratnen, a bissel besser erzog'n. Singlspieler Jetzt muß i di aber scho' bitt'n, daß d' mit deine Wort net so leichtsinni' umspringst. Frau Lunglmayer Drah du di auf mit deine lumpeten dreiazwanz'gtausend Gulden. Singlspieler San s' dir ebba net guat gnua? I kann s' ja z'rucknehma. Frau Lunglmayer Z'rucknehma? Ja bild'st du dir ein, du tust mir 'n G'fallen mit dera damischen Verlobung? I tu' dir 'n G'fallen, und wenn's d' no viel Sparifankerln machst, du und dein narreter Bua, nacher verlang' i einfach fünfazwanz'gtausend, wie is 's alleweil g'sagt hab', oder na, i sag' glei: lass'n ma's gut sei, denka ma' gar nimmer dran. Singlspieler Is mir ganz recht. Denka ma' nimmer dran. I geh' auf und davon. Abel begütigend: Na, na, na, na! Frau Lunglmayer Herr Kurat, wissen S' was? Begleiten S' 'n Singlspieler, nacher können S' mitanander Revalation machen. Singlspieler Und bal' i Revalation mach', geht's di was an? Bal' i 'neingeh' in d' Residenz, bal' i a Audienz verlang' von mei'm Kini, hast du mir was dreinz'reden? Nix hast mir dreinz'reden, gar nix, gar nix. Hemersbacher Jetzt kriagt der Singlspieler auf oamal a Schneid. Singlspieler immer erregter: Bal' i a Revalation mach', is 's mei Sach', und jetzt mach' i a Revalation, grad extra. Hemersbacher Bravo! Eisenkopf Vater Singlspieler, Er geht mit mir in die Residenz! Singlspieler Jawohl, i geh' mit! Abel Sie reden! Singlspieler I red'! Eisenkopf Und werfen dem König den Handschuh hin. Singlspieler I zieh' nur erst no' mein' Frack an. Eisenkopf Auch wir ziehen einen anderen Menschen an. Jawohl, Mutter Lunglmayer, wir verlassen dieses Lokal, die Cherusker wandern aus: sie gehen zum Sporerbräu! Frau Lunglmayer ringt nach Worten: Was? Ihr wollt's mei' Lokal verlass'n? Ihr wollt's des Haus aufgeb'n, wo's zweiazwanz'g Jahr' g'haust habt's und von mir g'halten worden seid's wie die eigenen Kinder? In heller Wut: Oh, es Windbeutel, es miserablige! I könnt' enk ja alle mitananda versteigern lass'n samt die letzt'n, dreckat'n Hemater und Sock'n, de 's am Leib tragt's; aber meintweg'n, geht's weiter, und der Singlspieler, der Esel, dazua. Singlspieler ganz fanatisch: Der Mensch soll a Bildung haben! Frau Lunglmayer haut auf den Tisch: 'n Verstand soll er haben, des is die Hauptsach', du aber hast kein' Verstand, net für zehn Kreuzer. Eisenkopf Lassen Sie sich nicht irremachen, Vater Singlspieler. Sie tun was Großes. Ja, ihr guten Leute, jetzt ist der Augenblick da, der mich herübergeführt hat über das große Wasser! Die Vergeltung geht ihren Weg. Jetzt hat er genug geschlafen, der unglückliche Mann da drinnen, jetzt will ich ihn wecken. Er reißt die Türe zum Kneipzimmer auf. Xaver Singlspieler, Senior des Korps Cheruskia, wach' auf! Wach' auf! Wach' auf! Frau Lunglmayer Jetzt geht die Dummheit erst richti' los. Xaver erscheint an der Tür wie einer, den das Licht blendet: Was . . . was gibt's? Eisenkopf Hier stehen Männer, bereit dich zu führen. Sie wollen dich an ihre Spitze stellen. Verstehst du nicht? Ah, mein guter Junge, reib' dir den Schlaf aus den Augen, nimm den Schläger zur Hand. Der Kampf ist entbrannt auf der ganzen Linie, es geht zur Residenz. Xaver wie oben: Zur . . . Residenz? Eisenkopf Auf direktem Wege. Was hab' ich dir gestern gesagt? Es knistert unter der Erde, die Nacht entweicht . . . Xaver fällt plötzlich ein: Im Osten dämmert die Morgenröte! Lacht spöttisch. Allgemeine Bewegung. Eisenkopf Xaver Singlspieler, ich biete dir die Hand . . . Ich biete dir Genugtuung, du hörst nicht . . . Du bist im Traum. Auf! Auf! Es ist Zeit. Xaver Ich bin wach, ich bin munter. Kannst mir's glauben. Das sind meine Arme, das ist mein Kopf, das ist meine Nase. Eisenkopf Nun gut, so schlag' ein und geh' mit mir und den andern. Xaver Ich – ich – kann nicht und ich – will nicht. Abel Ganz unbegreiflich. Frau Lunglmayer Sollt' er am End' gar vernünfti' word'n sein, der Xaverl? Xaver löst sich aus dem ersten Bannkreis, kommt nach vorn, etwas leichter: Schau, schau, die Mutter Lunglmayer ist auch da. Frau Lunglmayer Kann's net leugnen; i sag' dir a', was i denk': Schad't dir nix, daß s' di einkastelt haben, gar nix schad't 's dir. I wollt', sie hätten di glei' a Woch'n, a Monat lang b'halten, dann warst amal dahinter kommen, was des heißt, so leb'n in der Schand, in der Einsamkeit, ohne 'n Tropfen Bier. Xaver Hab's jetzt schon gemerkt. Aufs Bier ist's mir zwar weniger angekommen, aber sonst . . . na, jedenfalls, Mutter Lunglmayer, geben Sie mir Ihre Hand. Sie sind die einzig vernünftige Frau. Frau Lunglmayer Du bist auf amal a ganz andrer Mensch word'n, du red'st ja daher, wie man 's nur grad verlanga kann. Is des dei Ernst? Xaver Soll ich Ihnen darauf mein Ehrenwort geben? Frau Lunglmayer Nacher will ich dir was sagen, dir und dei'm Vater: Was war, soll vergessen sein, wir san alle bloß Menschen. Da habt's mei' Hand. Ihr gebt's euer Politisiererei auf und i mein' Widerstand. Abel Worauf will denn das hinaus? Frau Lunglmayer Sehr einfach, Hochwürden, der Xaverl derf heiraten. Singlspieler Is' 's wahr, du erlaubst 's? Frau Lunglmayer Wirst's glei' sehn. Geht zur linken, rückwärtigen Türe und ruft: Veverl! Veverl! Zieht Genoveva von links heraus. So, da geh her. Der Xaverl is jetzt ganz brav, er hat auf amal 'n Verstand kriegt, er hat mir's versprochen, daß 's ihm ernst is, drum gib ihm a Bussel, jetzt sollst 'n haben. Genoveva Frau Mutter, is 's wahr? Aber, . . . was sagt denn er selber dazu? Xaver wendet sich kurz ab: Ach, laß mich in Frieden. Allgemeine Bewegung. Genoveva entsetzt: Xaverl! Abel Aha! Frau Lunglmayer Du, junger Mensch, i bring dir mei Tochter, und du stoßt s' zurück? Xaver patzig: Ich stoß' sie nicht zurück, ich will sie auch heiraten, meinetwegen, auf eine mehr kommt 's mir nicht an. Frau Lunglmayer Was? Was? Hab' i di recht verstanden? Xaver sehr fest: Zuerst muß ich andre Dinge erledigen. Eisenkopf Sehr richtig! Abel begütigend zu Frau Lunglmayer: Wenn er wieder zurück ist von der Residenz, kommt alles in Ordnung. Frau Lunglmayer Und darauf soll i warten? Bis 's 'm gnädigen Herrn paßt? Nix da, i frag'n direkt: Willst du mir'n Schimpf antun? Willst du mich absichtlich beleidigen? Xaver Nein, ich – ich – Mit jähem Ausbruch: Menschen, Menschen, ihr wißt ja nicht, was ich durchgemacht hab' die letzten zwölf Stunden, ihr wißt ja nicht, was ich gesehen hab' im Palais der Lola. Hemersbacher Gel'? De is großarti' eing'richt't, des Luader? Eisenkopf Ruhe! Zu Xaver: Na, was ist's denn? Xaver immer erregter: Da drob'n hängt unser alt's Wappen, die Farben hab' ich getragen siebzehn Semester lang, in Ehren hab' ich sie getragen. Eisenkopf Xaver Singlspieler, und wenn du zehnmal im Hause der Lola warst, du hast deine Ehre gewahrt. Frau Lunglmayer Ah was, Ehre! Zu Xaver: Willst du a Korpsstudent bleib'n oder willst du a Bierbrauer wer'n? Du mußt schon a Bierbrauer wer'n. Du hast nix g'lernt, du bist zweimal durchs Examen g'fall'n. Xaver Sie könnten Augen machen. Heutzutag' plagt man sich nicht mehr mit langem Studieren, heutzutag' hüpft man weg über die Köpf von Philistern und alten Weibern. Frau Lunglmayer Ah, da hört si 's doch auf! Abel Lassen Sie mich einmal reden! Singlspieler Nix da. Jetzt will i amal was sagen, i, dei Vater, i! Du hörst auf mit dein'm G'schwatz, was kei Mensch net versteht, du gehst her und gibst 'm Veverl 'n Kuß. Xaver Noch einmal zurückkehren? Nein, nein! Ich brauch's nicht. Ich kann werden, was ich will, grandseigneur, Minister, und wenn's drauf ankommt, vielleicht gar noch bayrischer König. Hemersbacher Sonst nix mehr? Singlspieler Er is überg'schnappt. Eisenkopf Leibfuchs, was soll das heißen? Xaver Wenn ich's auch sag', ihr seid ja zu dumm, zu blöd! Singlspieler Was samma? Ha? Eisenkopf Singlspieler, du stehst mir Rede. Xaver Geht doch selber hinaus, in das Palais, schaut sie euch an, wie sie denkt, wie sie spricht, und dann urteilt, wie's einem zumute ist, wenn man wieder 'reinkommt nach all der Pracht und der Herrlichkeit – sehr laut – in das Saubeisel, das stinkige! Allgemeine Bewegung. Frau Lunglmayer Oho! Hemersbacher Hi, hi, hi! Singlspieler Teufel no amal! Abel Lassen Sie mich doch reden. Genoveva Xaverl, um Gottes willen! Xaver Ihr Pfennigmuckl, ihr Jammerkerle! Revolution wollt ihr machen gegen das Weib, was nichts fürchtet auf der Welt, gegen das Weib, was mit dem Teufel im Bund steht – Abel Mit dem Teufel im Bund steht! Haben Sie 's gehört? Xaver Jawohl, mit dem Teufel! Herrgott, ich bin auch nur ein Mensch, ich bin auch nur aus Fleisch und aus Blut, aber wie ich den Duft gespürt hab', den Atem, wie sie mich her'zogen hat an ihre Brust, an diese Brust – Frau Lunglmayer Wa–s? Hemersbacher Hi, hi, hi! Singlspieler Is 's denn zum Glauben? Frau Lunglmayer lachend: Jetzt versteh' i die G'schicht. Abel Wer – wer hat Sie her'zogen? Die Lola vielleicht? Frau Lunglmayer immer weiter lachend: Also, so steht's? Genoveva Vater im Himmel, Xaverl, schau mi an, i bin's. Eisenkopf furchtbar ausbrechend: Verrat, Verrat an allem, was ich geglaubt! Hemersbacher zu Singlspieler: Spanna S' jetzt was, Herr Nachbar? Singlspieler Xaverl, i verlier 'n Verstand. Xaverl, red' a deutlich's Wort! Abel Er kann nicht, er weiß nicht mehr, was er tut. Merken Sie 's jetzt, Lunglmayerin, und alle, die ihr da seid: Die Lola hat ihn verzaubert! Genoveva , Singlspieler schreien furchtbar auf und prallen vor Xaver zurück. Frau Lunglmayer die sich kaum mehr halten kann: Verzaubert! Ha, ha, Herr Kurat, verzaubert! Singlspieler in sinnloser Wut: Du lach' net! Lach' net! Sag' i dir. Xaver Lacht, brüllt oder heult, wie ihr's halt könnt. Mich bringt ihr nie mehr zurück. Er wendet sich zur rechten Türe. Singlspieler tritt ihm in den Weg: Xaverl, hör' auf mi, auf dein' Vater! Alois Singlspieler hoaß i, Bierbrauer bin i und Landtagsabgeordneter bin i a. Vor allem aber bin i a rechtschaffner, alter Mann. Meiner Lebtag hab' i no koa Revalation ang'fangt, meiner Lebtag hab' i mi stad g'halten. Jetzt aber, wenn du des tuast: zum Kini hab' i scho g'sagt, daß i geh, jetzt riskier' i es letzte. Der Herrgott im Himmel soll mir beisteh'n und die Obrigkeit auf Erden soll's a: i setz 'n Bierpreis 'nauf! Abel Bravo! Wammerl und die Gardisten die bis jetzt ununterbrochen gegessen und getrunken haben: Wa . . . was? Singlspieler fanatisch: Sechsahalb Kreuzer kost't d' Maß! Wammerl und die Gardisten Bluat von da Katz! Jetzt werd's uns z'dumm. Sie stürzen, die Maßkrüge in den Händen, eilends auf die Straße hinaus. Eisenkopf Die heiligsten Güter der Menschheit sind in Gefahr. Alle Mann auf Deck! Alle Mann zur Residenz! Singlspieler stößt seinen Sohn brutal an: Hast d' es g'hört oder net? Xaver in höchster Ekstase: Und wenn sie sich alle wehren, die Philister, die Federfuchser, glaubt mir, es regt sich unter der Erde, es prasselt und knistert, die alten Götzen krachen zusammen, die Nacht entweicht, im Osten dämmert die Morgenröte! Wie wahnsinnig rechts ab, vorbei an den hereinstürmenden Cheruskern und anderen Leuten. Wackernagel Ja, was ist denn mit dem Xaverl? Grell Wir wollen ihn holen, und er läuft weg? Frau Lunglmayer ganz gemütlich: Der Xaverl geht zu der Lola. Allgemeine Bewegung. Eisenkopf der mit seinem letzten Worte am Tische zusammengebrochen ist und den Kopf auf beide Arme gestützt hat, hat sich jetzt erhoben und ruft mit Donnerstimme: Und trotzdem, wir ziehen alle zur Residenz, jetzt erst recht. Vorwärts! Vorwärts! Er stürmt hinaus. Hemersbacher ihm nach: Zur Residenz! Zur Residenz! Die anderen, mit Ausnahme von Frau Lunglmayer und Genoveva rufen mit. Vorhang Vierter Akt Der gleiche Saal wie im zweiten Akt. Es ist am Abend desselben Tages. Der Kristallüster ist angezündet. Auf den Etageren stehen statt der Vasen schwere, goldene Leuchter mit brennenden Kerzen. Auf dem Tischchen rechts die Bonbonnière Mayerhöfers, eine funkelnagelneue Alemannenmütze und ein Schläger. Auf dem Stuhle daneben Lolas breiter, grauer Studentenhut mit karmoisinroter, weitgeschwungener Feder, an den Stuhl gelehnt, ihr zierlicher Schläger. Auf dem Sofa links Xaver. Er trägt volle Korpswichs der Alemannia: Kneipjacke, weiße Lederhose, Kanonenstiefel, Cereviskäppchen, um die Brust die Schärpe. Auf seinem Schoß sitzt Lola in phantastischem Studentenkostüm: enganliegende Pekesche in Karmoisinrot mit goldenen Fangschnüren, grauseidenem Rock, der, an der rechten Seite gerafft, das in Seidenstrümpfe gehüllte Bein nebst Lackschuhen frei läßt. Neben dem Sofa ein niederes Tischchen, worauf eine Champagnerflasche mit zwei Gläsern steht. Aus dem Bankettsaal tönt fein gedämpft eine Melodie herüber, die ein kleines Streichorchester zum Fest aufspielt. Das Paar hält sich im Kuß einige Zeit fest umschlungen, endlich macht sich Lola los. Lola seufzt echauffiert auf, indem sie sich über die Stirn streicht: Ah . . . ah! Xaver Ich könnt' so liegen, wer weiß, wie lang. Lola küßt ihn wieder: Chéri! Xaver Himmlisches, göttliches Weib! Wann . . .? Wann . . .? Lola Die Nacht, diese Nacht! Xaver Erst? Lola Que c'est drôle! Jetzt mitten in Kommers und fête? Sie lacht laut. Xaver Nun gut, die Nacht! Er hebt das Glas. Darauf! Lola ebenso: Darauf! Sie sieht ihn an. Wie du gut aussiehst! So stattlich, so representable! Ah voilà andere Couleurs als die von die alte, stupide Cherusker. Xaver Red' doch nicht davon. Lola Also, sie nahmen es krumm? Sie wollten nichts wissen von Freiheit und Größe? Sie schlugen los, als du 's ihnen sagtest? Xaver Soll ich 's denn noch einmal erzählen? Lola unbeirrt: Sie haben sich gewundert, sie sind an die Decke gesprungen. Oh, ich sehe vor mir sie alle, diese épiciers! Xaver Mach' keine Witz' mehr! Schließlich, ich hab' selber dazu gehört, und außerdem, du weißt doch, was im Gange ist. Lola nickt: Parfaitement, eine Revolution! Xaver Na also! Darüber lacht man doch nicht. Lola Pourquoi pas? So was macht Vergnügen, das bringt Leben und Abwechslung. Und nun gar, wenn der Vater des neuen Seniors der Alemannia in eigener Person losschlägt – ha, ha, ha! Xaver Du nimmst es so leicht? Du fürchtest nichts? Lola Nichts auf der Welt! Xaver umfaßt sie glühend: Lola! Lola Chéri, was bist du für ein aufgeregter Mann! Solche Dinge hab' ich Hunderte erlebt und noch keines hat mir imponiert. Xaver Weißt du, daß du schöner bist als je? Lola, ich bete dich an . . . ich . . . Lola Was? Xaver Sag' mir, was du mir heute morgen gesagt hast, hier an der Stelle. Lola Heute morgen? Xaver O du weißt, was ich meine. Sag', – schneller– sag' mir's, daß du mich liebst. Lola mit entzückendem Ausdruck, aber durchaus spielerisch: Eh bien, je t'aime, je t'aime! Xaver In unserer Sprache sollst du 's sagen. Lola Warum denn? Xaver Wenn ich dich bitte. Lola ungeduldig: Gut denn, ich liebe dich! Xaver Das klingt nicht schön, nicht weich, nicht innig. Lola entwindet sich seiner Berührung: Mon cher, nicht gar zu poetisch. Wir müssen an unsern Kommers denken. Xaver Muß denn das sein? Lola Si . . . si! Wir wollen machen ein bißchen Demonstration, wir wollen zeigen den messieurs, daß wir uns nicht fürchten. Xaver Und ich soll präsidieren? Lola Wer sonst? Du bist jetzt Senior. Xaver Neben Peißner! Lola Was sprichst du von ihm? Er ist abgetan. Xaver Du schwörst mir 's? Lola Schwören? Wenn du mir nicht glaubst so, was soll dann ein Schwur? Der ist doch nur da, um gebrochen zu werden. Xaver Das kann nicht dein Ernst sein? Lola Jetzt ohne Phrasen, mein Bester. Reich' mir den Schläger. Sie sieht ihn kokett an. Willst du mir ihn legen um? Xaver legt ihr den Gurt von rückwärts um, plötzlich faßt er sie um die Taille: Lola . . . Lola Nicht so fest – so, so ist es recht. Oh, du bist sehr galant, sehr geschickt. Jetzt gib mir den Hut. Xaver holt den Hut und setzt ihn ihr auf: Du hast mit Peißner gebrochen, ich glaub' dir 's ohne Schwur, wie du willst. Aber jetzt, Lola, nicht wahr, jetzt gehörst du mir, mir ganz allein? Lola während sie die Handschuhe anzieht: Oui, mon cher, ich gehöre dir, ganz allein. Xaver Du sagst es so gleichgültig. Ach, Lola, wenn du wüßtest, wie mir ums Herz ist. Lola Je sais . . . je sais, ich kenne die Kämpfe, die du durchgerungen, gut, sehr gut. Und jetzt, wo du ein freier Mann bist, wo alles liegt hinter dir, was Monsieur Mayerhöfer in seine poésie so schön nennt, schwarze Vögel, Nacht und Nebel, jetzt laß uns gemeinsam den Weg der Freiheit gehen. Komm', komm'! Xaver Einen Augenblick laß uns noch bleiben. Lola Eh, pourquoi? Ich muß dich doch präsentieren. Ah, quelle surprise pour eux! Was werden sie machen Augen! Xaver Was liegt uns noch an der Gesellschaft? Wilder: Bleib' hier, hier bei mir, alles andre mag draußen vergehen, sie sollen die Residenz stürmen, sie sollen dem König die Krone herunterreißen. Was kümmert's uns, wenn wir beisammen sind, wenn wir . . . Lola faßt ihn bei der Hand: En avant! Xaver Noch einen Augenblick! Lola stampft auf: Quel idiot! Xaver Mein Gott, es wird mir so schwer, ich stell' noch nichts vor, ich bin nichts. Soll ich offen sein, fast genier' ich mich vor den anderen. Lola mit schneidendem Hohn: Vor diesem Gesindel? Xaver Was? Lola schlägt ihm mit der Hand leicht auf die Stirne: Grande innocence! Student und Bierbrasseur in eine Person! Xaver Lola! Lola Laß . . . laß . . ., ich geh' allein, ich warte auf dich. Da sie Maurice im Vorsaal gewahrt: Voilà, Maurice! Sag' ihm, was du willst werden, und der sagt es dem Berks. Sie geht durch den Vorsaal hastig nach dem Bankettsaal hinüber. Von dort hört man deutlich, wie sie mit Tusch und Hurra empfangen wird. Maurice nähert sich Xaver lächelnd: Mein sehr verehrter Herr Singlspieler, es sind nur wenige Stunden, daß wir uns hier gegenüberstanden. Und doch – in solch kurzer Zeit, welch' wunderbare Wendung durch Gottes Fügung. Xaver sehr verlegen: Ja, ja! Maurice Sie staunen wie ich, aber die Frau Gräfin kann alles. Zu dieser glücklichen Überzeugung sind Sie doch wohl jetzt selbst gekommen? Xaver Es ist mir im höchsten Grad peinlich, daß sie mich gerade jetzt so allein gelassen hat. Maurice Weshalb? Ist Ihnen diese Pracht ungewohnt? Finden Sie sich in ihr noch nicht zurecht? Mein Bester, das gibt sich. Warten Sie ein paar Wochen, und Sie disponieren so frei, so ungeniert wie Seine Majestät. Xaver Vielleicht sind Sie so freundlich . . . Maurice Einige Anleitungen? Von Herzen gern. Überhaupt, den guten Rat kann ich Ihnen erteilen, halten Sie sich in allen Punkten an mich. Xaver Bin ja selber froh, hier wenigstens noch einen Menschen zu haben . . . Maurice Zur Sache! Er zieht ein Notizbuch. Sie wollten etwas werden? Xaver Mein Gott, ich hab' nur so gemeint – Maurice Bitte, ganz ungeniert! Freilich, was Ihnen die Frau Gräfin heute morgen versprochen hat – Mit feinem Lächeln: Die Stellen regierender Könige liegen schließlich nicht auf der Straße. Xaver Ja, Mensch, woher wissen Sie denn? Maurice mit großer Einfachheit: Ich habe gehorcht. Xaver Ah, da hört doch alles auf! Maurice Auch daran werden Sie sich zu gewöhnen haben. Bleiben wir übrigens bei der Sache. Blättert im Notizbuch. Also, wie gesagt, wenn auch ein Thron momentan nicht vakant ist, Minister können Sie zur Not schon noch werden. Xaver Wollen Sie mich denn zum besten haben? Maurice Fragt sich nur, welches Portefeuille? Das vom Krieg sitzt sehr fest. Inneres – Herr von Berks, Busenfreund der Frau Gräfin, also nichts zu wollen. Justiz ziemlich fest. Äußeres? . . . Hm, da wäre vielleicht was zu erreichen. Wie stellen Sie sich zur Politik? Xaver Bis jetzt hab' ich mir wenig Gedanken drüber gemacht. Maurice Dann bleibt für Sie nur noch das Ministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten. Xaver Blödsinn! Ja, ich gesteh's ein, einen Augenblick hab' ich so was für möglich gehalten, aber, wie soll ich's denn machen? Ich hab' noch gar nichts gelernt im Leben. Maurice Um so besser werden Sie so einen Posten ausfüllen. Xaver läuft aufgeregt herum: Nein, nein! Maurice Verehrter Freund! Nur nicht prüde in diesem Hause. Und wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, den letzten für heute: nicht zu glühende Worte der Frau Gräfin gegenüber, sie verträgt das nicht. Xaver Wieso? Maurice lächelnd: Sie haben zuviel – Gefühl. Das ist sehr nett, sehr edel, aber auf diesem heißen Boden wird Politik getrieben, und dafür eignet sich mehr die Handgreiflichkeit. Sie verstehen? Xaver der sich ganz nach dem Hintergrund auf einen Stuhl vor dem Toilettenzimmer retiriert hat: Nicht ganz. Maurice beiseite: Rindvieh! Laut: Sie müssen doch Kultusminister werden. Xaver Ja, wenn Sie meinen . . . Maurice Morgen werden Sie das Portefeuille erhalten. Peißner ebenfalls in voller Wichs hastig durch den Vorsaal. Er bemerkt Xaver nicht: Mich schickt die Gräfin daher. Es soll eine Überraschung – Maurice nickt: Eine große. Peißner Aber jetzt gerade? Ich will eben eine Rede halten. Maurice Das ist ja sehr interessant. Peißner Eine Trutzrede! Ich will sagen, was wir in unserer hohen Gönnerin verehren . . ., ich will erwähnen, daß sie das große Weib ist, das dem königstreuen Volke der Bayern die heißersehnte Freiheit gegeben hat . . ., ich will sie feiern als die geniale Schöpferin unserer blühenden Alemannia . . ., ich will sie auf den Schild heben als die große Politikerin, die unserem erhabenen Monarchen bei der Lenkung des Staatsschiffes in schweren Stunden behilflich ist. Am Schlusse aber will ich auch des Halunken, des Singlspieler, gedenken und der Kühnheit, die sie ihm gegenüber bewiesen hat. Maurice Da haben der Herr Studiosus alle Ursache dazu. Die Art und Weise, wie die Frau Gräfin diesen Fall anpackte, verdient in der Tat die höchste Bewunderung. Er weist nach rückwärts. Peißner prallt entsetzt zurück: Was? Was? . . . Ei, da will ich doch . . . Maurice ohne eine Miene zu verziehen: Nur über meine Leiche! Peißner Also das war der Zweck der geheimen Unterredung? Deshalb wollte sie mit ihm allein sein? Oh, das Frauenzimmer, das miserable! Maurice Herr von Peißner, etwas mehr Hofton, wenn ich bitten darf. Peißner Ach, Hofton! Ich pfeif drauf! Auf den ganzen Schwindel pfeif ich, und Gott weiß, auf was noch. Jawohl, mir posiert sie was vor von ihrem Mut, und in Wirklichkeit fängt sie wieder eine ganz gewöhnliche Dummheit an. Maurice Na, na, na, na! Xaver der sich eingeschenkt hat und allmählich wärmer wird: Peißner, mußt nicht beleidigt sein, mußt alles ausstreichen. Unter uns gesagt, ich war ein Esel! Peißner Es freut mich, wenn Sie das selbst einseh'n. Xaver Müßt ja vernagelt sein, tät ich es nicht. Herrgott, Mensch – ich hab dich verflucht nach allen Dimensionen. Und jetzt – ? Ja, was hättest du denn anfangen sollen? Du hast ja gemußt. Peißner Nur mit dem einen Unterschied, daß ich mich vorher nicht so albern gesträubt habe wie Sie. Xaver bissig: Es tut mir ja leid um dich! Peißner Leid? Das wagst du mir zu sagen? Xaver immer herausfordernder: Du – warst der Senior, jetzt wirst du das Präsidium abgeben, beim Korps und – bei der Gräfin. Peißner Freiwillig niemals! Xaver Pfui! Wer wird sich seinen Kummer so merken lassen? Peißner Du tust so sicher, Singlspieler, als ob du den Raub schon in der Tasche hättest. Nimm dich in acht, daß du dich nicht verrechnest. Xaver Wieso? Peißner geifernd: Du meinst, weil dich die Gräfin mit schönen Worten gelockt hat, weil du einmal gut mit ihr gegessen hast, deswegen seist du ein Teufelskerl. Warte nur ein paar Tage, dann wirst du's selber merken: zum Spielball hast du ihr gedient, und dann, wenn sie dich an ihren Triumphwagen gespannt hat, wirft sie dich weg wie eine ausgepreßte Zitrone. Xaver heftig: Nein, nein! Er lacht plötzlich. Doch halt, ich vergess' ja, – er greift zum Glas – da, geh her, alter Spezi, trink mit! Peißner Mit dir? Er zuckt die Achseln. Ich lebe etwas länger in diesem Hause als du – Xaver Und wirst auch noch länger hier leben, wirst dich an alles gewöhnen, auch daran, daß wir zur Abwechslung wieder einmal Korpsbrüder sind. Peißner Ich danke für die Kameradschaft. Xaver immer übermütiger: Mitgefangen, mitgehangen! Ich bin der Senior, du bist der Fuchs. Maurice Nicht wahr? Jetzt finden Sie sich allmählich zurecht? Xaver Immer besser, Her Maurice, immer besser! Maurice Na, da schaffen Sie nur nach Herzenslust an. Xaver Will ich auch! Er stürzt gegen den Vorsaal. Her mit den anderen! Zum Donnerwetter, wo bleibt ihr denn? Daher, wenn ich sag', daher zu mir! Durch den Vorsaal nahen von rechts Zeuler, Hirschberg, Mayerhöfer, Baur und von Berks, alle mit gefüllten Sektgläsern. Hirschberg Ja, was ist denn da los? Xaver schwingt sein Glas: Alemannia sei's Panier. Jetzt fangt der Kommers erst richtig an. Mayerhöfer , Baur , Von Berks durcheinander: Wer . . . Wer ist denn das? Xaver reibt das Glas auf dem Tischchen: Nehmt die Gläser und jetzt: Ad exercitium salamandri, eins, zwei, drei! Eins, zwei, drei! Er haut das Glas fest auf den Tisch, daß es zerspringt. Pfui Teufel, so ein Gelump, das hält ja nicht mal einen Salamander aus! Von Berks zu Peißner: So erklären Sie uns doch . . . Xaver Bier her, Bier . . . und einen Stein, dann kann man präsidieren, so nicht. Baur Herrgott, das ist doch der Cherusker . . . Mayerhöfer Das rabiate Subjekt . . . Peißner Herr Mayerhöfer, legen Sie Ihre Worte besser auf die Waagschale. Das rabiate Subjekt ist von heute ab der Senior der Alemannia. Alle Was? Xaver Bin ich auch! Schaut mich nur an. Baur Aber das ist doch derselbe, der gestern abend . . . Mayerhöfer Heute morgen noch hat er die Frau Gräfin bedroht. Maurice händereibend in der Mitte der Gruppe: Um so höher müssen wir auch in diesem Fall wieder die Intelligenz unserer gnädigen Herrin bewundern. Baur Ah, da hört doch alles auf! Mayerhöfer 's ist zum Kopfstehen, Herr Hauptmann. Peißner Ja, ja, solche Metamorphosen erlebt man in diesem reizenden Hause. Mayerhöfer zu Peißner: Und Sie haben uns erst auf den Leim kriechen lassen! Von Berks Ja, Sie haben sich außerdem erlaubt, heute morgen gegen mich aufzutreten. Mayerhöfer Das ist eine Frechheit! Baur Eine Unverschämtheit! Von Berks Deshalb werden Sie mir Rede stehen. Baur Mir ebenfalls. Mayerhöfer Mir ebenfalls. Maurice Meine Herren! . . . Er verneigt sich vor Xaver. Xaver bewegt sich mit schwergemachter Grandezza in die Mitte. Die ganze Versammlung gruppiert sich um ihn. Baur tritt ihm mit einer Verbeugung näher: Verehrter Herr Singlspieler . . . Mayerhöfer ebenso, Baur verbessernd: Herr – von Singlspieler . . . Baur Wir hatten keine Ahnung, daß Sie hier . . . Mayerhöfer Nicht die leiseste Ahnung. Xaver tritt weiter vor: Schon gut, schon gut. Ich glaube Sie ja alle wiederzuerkennen, nicht wahr? Wir haben uns doch schon in diesem Saale getroffen. Freilich. Das ist der Herr Hauptmann. Baur verneigt sich: Jawohl. Xaver Das ist der Konditor . . . Mayerhöfer verneigt sich: Zu dienen. Xaver zu Berks: Auch dieses Herrn da besinne ich mich. Von Berks sich vorstellend: von Berks, Staatsminister. Xaver Freut mich! Von Berks Ich bin jedenfalls glücklich, daß ich an den fatalen Ereignissen der Audienzstunde in keiner Weise beteiligt bin. Wenn ich Ihnen jetzt meine Dienste zur Verfügung stellen darf . . . Xaver Ihre Dienste? Famos! Machen Sie mal den Herrn da – auf Baur weisend– sofort zum Major. Baur verneigt sich: Oh, Herr von Singlspieler – Von Berks lächelnd: So kann es natürlich nicht gemeint sein. Xaver Heute noch sag' ich! Und der da – auf Mayerhöfer weisend – wird Hoflieferant. Mayerhöfer Komplimente machend: Euer Gnaden . . . ich bin ja so selig . . . Von Berks Na, na! Nur nicht gar zu hastig. Xaver Was wollen Sie denn eigentlich? Ich bin jetzt Ihr Kollege, ich bin ein Minister wie Sie. Peißner lacht gellend. Von Berks Pardon . . . Xaver Fragen Sie nur den Haushofmeister, der hat mich dazu gemacht. Maurice verneigt sich: Im höchsten Auftrage der Frau Gräfin. Xaver Also für was bin ich denn da? Meint ihr am End – ich wollte auch so das Maul halten wie ihr andern, ich wollte auch so eine konstitutionelle Bedientenseele abgeben? Nichts da, ich red', ich regier'! Von Berks Jetzt aber, Herr Singlspieler . . . Xaver Bier her, das ist mein erster Erlaß! und 'naus mit dem Zeug da. Er wirft den Sektkübel um. Hirschberg Das fängt ja reizend an. Xaver Bier her, das gibt Kraft, das haut, das sticht, das rüttelt die Geister auf! Er hält einen Augenblick ein und horcht. Da . . . da .. Habt ihr nichts gehört? Alle Was denn? Von Berks Ich denke, Sie beruhigen sich erst ein bißchen, dann sagen Sie uns, was Sie eigentlich wünschen. Xaver Was ich . . . Er hat sich etwas zur Ruhe gesammelt . . . Ja, ja, es muß vieles anders werden hier, es muß Disziplin herrschen . . . alles so nach und nach . . . Starrt auf einmal vor sich hin und langt mit der Hand an die Stirne. Nur eines muß ich sofort wissen. Von Berks Was, wenn ich bitten darf? Xaver wirft einen Blick über die ganze Gesellschaft: Sie stehen alle so gemütlich da . . . Sie halten Maulaffen feil, als ob nichts geschehen wäre. Wissen Sie nichts? Gar nichts? Von Berks Ich verstehe nicht recht – Xaver Wirklich? Ihr habt nichts gehört, wie ihr da seid, alle miteinander? Na, da nehmen Sie nur gleich Ihren Wagen, Exzellenz, fahren Sie in die Residenz, so schnell als möglich, und wenn er's noch nicht weiß, dann sagen Sie's dem König: die Revolution sitzt ihm auf dem Buckel! Alle fahren zusammen. Pause. Maurice Was ist das? Baur Eine Revolution? Mayerhöfer War' nicht übel! Von Berks Sie wollen das sicher wissen? Xaver Wenn mein eigener Vater dabei ist? Baur Ihr Vater? Mayerhöfer Sein Vater? Peißner Ihr Vater macht Revolution, und Sie sind hier im Palais der Gräfin? Mayerhöfer Aber, da muß doch etwas geschehen. Baur Man muß die Kasernen alarmieren. Maurice Bitte – bitte! Wer wird denn gleich das Schlimmste vermuten? Xaver Je schlimmer ihr's anseht, um so besser werdet ihr tun. Ja, ja, meine Herren, es gibt einen Sturm, einen regelrechten Sturm. Der alte Singlspieler erlaubt's nicht so ohne weiteres, daß sein Sohn Alemanne wird, und die andern verlangen, daß man die Universität wieder aufmacht. Peißner Ist ja eine nette Bescherung! Hirschberg Und das verdanken wir Ihnen. Von Berks in strengem Ton gegen Peißner und Hirschberg: Pardon, ich denke, wir werden ruhiger verhandeln. Eine kleine Empörung . . . Xaver Was, kleine Empörung? Ein verzweifeltes Mittel ist angewandt worden, das haut wie der Funke ins Pulverfaß: Mein Alter hat den Bierpreis in die Höh' g'setzt! Die geängstigten Gesichter Peißners, Hirschbergs, Mayerhöfers, Baurs und einiger anderer Herren erheitern sich nach einer Pause bodenloser Verblüffung. Plötzlich allgemeines, schallendes Gelächter, in das nur Berks nicht einstimmt. Alle durcheinander: Den Bierpreis! Ha, ha, das ist famos! Trefflicher Witz! Von Berks Nicht doch! Die andern lachen noch lauter. Xaver haut ein Glas auf dem Tisch auseinander: Was grinst ihr, ihr Esel? Ihr wißt ja nicht, was das heißt! Ihr freßt nur Schokolade von dem Konditor da und sauft französischen Champagner. Aber 'n Banzen, n richtigen Banzen hat noch keiner von euch Haderlump'n ang'steckt. Von Berks Das stimmt! Xaver Ha, ha! Hört nur mal zu, wenn's da kracht, wenn der Hammer 'runterfallt auf den Spund, und wenn recht saumiserabel eing'schenkt wird – Peißner Braubursch! Von Berks Ruhe! Ich will sofort zur Residenz! Lola ist, eine Zigarette rauchend, durch den Vorsaal gemächlich nach vorne gekommen. In der ruhigsten Weise hält sie von Berks zurück: Non, mon cher, Sie bleiben! Von Berks Frau Gräfin, wenn Sie wüßten – Lola Alles. Mayerhöfer Ja, gibt's am End doch eine Revolution? Lola Maurice, débarrassez-moi de ces animaux-là. Alles geht, alles, nur son excellence, der Minister, bleiben, und – auf Xaver weisend – meinetwegen auch der da. Maurice indem er die ganze Gruppe hinausdrängt: Vorwärts, meine Herren, die ganze Sache ist nicht so bedenklich. Musik! Musik! Er hat mehrere Herren durch den Vorsaal links hinauskomplimentiert, jetzt treibt er auch die noch widerstrebenden Peißner, Mayerhöfer, Baur, Hirschberg und Zeuler hinaus. Die Musik setzt für kurze Zeit mit einer neuen Melodie ein. Lola wirft sich mit der Zigarette auf das Sofa und singt die Melodie erst noch eine Weile mit. Von Berks Euer Gnaden, es ist meine Pflicht als Staatsmann und, wenn ich so sagen darf, als Freund . . . Xaver Auch ich bitt' ums Wort . . .! Lola Quoi donc, mes amis? Bitte, einer hübsch nach dem anderen. Von Berks Wenn es sich noch um die Universität handeln würde – Sie wissen, ich selbst habe den Rat gegeben, sie zu schließen, und ich vertrete ihn heute noch. Aber unter diesen Umständen . . . Lola Allons, allons! Von Berks  . . . unter diesen Umständen handelt es sich um das Bier. Lola De la bière, de la bonne bière de Munich! Sie schlägt die Beine übereinander. Von Berks In der Tat um das Bier, und das ist, wenn ich mir in dieser schweren Stunde eine Variante des Goetheschen Wortes erlauben darf, ein gar besonderer Saft. Lola Ça se peut. Ich habe nie noch getrunken davon. Von Berks Das eben ist es, und deshalb . . . möchte ich Euer Gnaden in diesem Falle große Vorsicht empfehlen. Ich jedenfalls muß mich hier völlig außer Kompetenz erklären, . . . ich muß Verhaltungsmaßregeln erbitten, . . . ich muß hören, was Seine Majestät . . . Lola wirft die Zigarette weg. Sie wiederholt höhnisch: Se-ine Majesté! Berks, vieil imbécile, vieux crétin, seit wann kommst du mir plötzlich mit so was? Von Berks Frau Gräfin . . . Lola Eh, va-t-en! Du kennst mich doch fast so lange wie Maurice? Du . . . Xaver unterbricht sie: Hören Sie auch auf mich. Lola über ihn weg zu von Berks: L'état c'est vous, so hast du noch diesen Morgen zu mir gesagt. Was ist geschehen seitdem? Einige bourgeois haben gemacht excès, und der Pöbel rückt bald wieder vor mein Palais. Soll ich mich kuschen vor ihm, soll ich mich flüchten in den Keller? Xaver Lola! Er will sie fassen. Lola in ganzer Größe: Pardon, ich bin für Sie die Gräfin Landsfeld! Von Berks kniet nieder: Dann bitt' ich auf diese Art! Lola Non, non, ich bleibe! Den Platz' hab ich erobert, ich halte ihn mit beiden Händen, und erst muß man mir herunterhauen eine nach die andere, ehe ich gehe zurück nur einen Schritt! Von Berks steht auf: Davon ist ja keine Rede! Lola De quoi donc? Feig und elend wollt ihr mich sehn? Jamais, jamais de la vie! Und wenn der König will ausreißen vor diesen Brüllern – ich nehme statt seiner die Krone, ich werde Königin des Landes! Xaver Großartiges Weib! Von Berks Lassen Sie doch! Xaver Minister bin ich ja schon – da langt's auch zum König! Lola, wirf alles um, ich steig' mit dir auf den Thron. Von Berks Was fällt Ihnen ein? Lola ohne auf sie zu achten: Bier . . . Bier ist eine besondere Saft! Bon! Gebt mir von ihm! Maurice, Maurice! Ein Maß, ein volle Maß! Ich will selbst davon kosten, ich will das Gift trinken. Xaver Bravo! Ich hab' dasselbe verlangt! Von Berks Hüten Sie sich! Lola zu Maurice, der auf ihren Ruf im Vorsaal erschienen ist: Ein Maß, ein volle Maß! Da Maurice verlegen die Achseln zuckt: Nicht zu haben? Gut, dann will ich es trinken an der Quelle bei dem revolutionäre selber, bei dem Vater des Singlspieler. Xaver schreit auf: Du . . . Du . . . willst . . . Von Berks Unmöglich! Er geht unruhig in den Vorsaal und sucht nach den anderen. Lola Doch! Ich habe keine Furcht, aber ich will es auch zeigen! Xaver Beim – Sporerbräu? Lola Hinaus! Wir müssen hinaus. Wir trotzen allem, was kommt, wir ziehen durch die ganze Stadt, durch den besoffenen Pöbel mitten durch, dorthin, wo unser Feind sitzt, zu die Cherusker. Xaver Nein! Lola Dort wollen wir Kommers halten. Xaver Bist du vom Teufel besessen? Lola faßt ihn an: Das mag wohl sein. Vorwärts! Nimm deinen Schläger, nimm deine Mütze! Bras dessus, bras dessous! Wir gehen zusammen! Xaver Hör' mich an, laß dir ein einziges, ruhiges Wort sagen. Du kommst nicht durch, 's ist alles zu spät, die andern haben die Übermacht. Lola Egal, ich haue mich durch. Xaver Nein, du tust es nicht. Als Freund sag' ich dir's, und du sollst mich als Freund kennen lernen. Heute morgen hast du verlangt, daß ich mit dir gehen soll bis ans Ende der Erde. Jetzt ist der Augenblick da. Lola! Himmel und Hölle mag mich verfluchen: Ich geh' mit dir, wohin du willst. Lola Eh bien, zu deinem Vater! Xaver Nein, hinaus in die Welt laß uns gehen, wohin, ist gleichgültig. Lola lachend: Was? Darauf hast du es abgesehen? Xaver Gehörst du mir oder nicht? Lola Dir oder nicht? Eh, sacré nom de Dieu, wenn du aller Tage gedenkst von Erschaffung der Erde bis zum Jüngsten Gericht, dann magst du so fragen. Wir aber leben im Kriegszustand, wir leben von der Hand in die Mund, wie die Zigeuner. Xaver Komm' mit mir! Lola Geh mir mit deine idyllische Pläne oder scher' dich zum Teufel. Xaver Was soll das heißen? Lola Xaver Singlspieler, du fängst an, mir lächerlich zu werden. Xaver Lola! Lola Weißt du was? Ich mache dir eine andere Vorschlag: Du heiratest mich. Da hast du volle Sicherheit, da sitze ich hinter dem Ofen, ich, Lola Montez, ich stricke Strümpfe, ich bringe alle neun Monate ein Kind zur Welt, genau so, wie es dein Veverl getan hätte. Man hört einen dumpfen Lärm auf der Straße. Xaver Nenn' diesen Namen nicht! Lola Laß' die Gefühlskomödie! Xaver faßt sie beim Arm: Lola, an dieser Stelle hat mir der Peißner vorhin ein Wort gesagt, ein furchtbares Wort. Es ist mir durch alle Glieder gefahren. Wenn's wahr ist, das Wort, wenn der Bursche ein einziges Mal in seinem Leben nicht gelogen hat, wenn . . . Lola die ihm nur halb zugehört hat, platzt jetzt, wo der Lärm stärker wird, los: Sie kommen, sie kommen! Xaver ganz herausgerissen: Wer . . . wer kommt? Lola Die Rächer! Hörst du sie nicht? Xaver Lola, weich' mir nicht aus! Lola Wie sie brüllen, wie sie toben! Das ist Musik für mein Ohr. Xaver Auf mich sollst du hören, mir sollst du Rede stehen! Lola eilt umher: Da, da kommt es die Straße herauf . . . dort auch . . . aus allen Ecken kriecht es herbei. Ah, mes amis, seid willkommen! Ihr sollt euer Teil haben, ihr sollt reichlich beschenkt sein. Voilà, voilà, voilà! Sie hat das Fenster aufgerissen und wirft aus der Bonbonnière Hände voll Pralinés auf die Straße hinunter und schließt es hastig wieder. Ein viehisches Geheul hat geantwortet. Xaver reißt sie vom Fenster zurück: Hierher gehst du, zu mir! Und jetzt auf der Stelle gibst du mir Antwort auf meine Frage. Lola sucht sich von ihm loszumachen: Hinaus, hinaus auf die Straße! Xaver Bin ich dir nichts anderes gewesen, hab' ich dir wirklich als Spielball gedient? Lola reißt sich von ihm los: Und wenn es so wäre? Xaver Dann – dann – ganz losgelassen – bring' ich dich um. Er will sich auf sie stürzen. Plötzlich prallt er zurück, denn die Fensterscheibe ist in tausend Splitter zerkracht. Im selben Augenblick sitzt Hemersbacher mit einem Bein auf dem Gesims. Gleichzeitig stürzt von Berks durch den Vorsaal herein. Von Berks Sie kommen, sie kommen! Lola wild lachend, indem sie auf Hemersbacher weist, der zunächst verdutzt auf dem Gesims sitzen bleibt: Non, non, sie sind ja schon da! Sie wirft eilends Schläger und Hut ab. Von Berks Zum Donnerwetter, jetzt wird mir's zu dumm! Lola Petit Berks, gib acht, jetzt erst sollst du mich lernen kennen. Der Volksansturm hat sich einen Augenblick gelegt. Im Bankettsaal setzt ein rasender Walzer ein. La danse, vive la danse! Von Berks Her zu mir, und durch die Hintertüre hinaus! Lola Tänzerin bin ich gewesen und Tänzerin will ich bleiben. Sie wirft das Bein hoch in die Luft. Diesen Fuß auf das Königreich. Sie beginnt, sich in graziösen Windungen zu drehen. Hemersbacher springt vom Gesims in den Saal: Na so was, hast so was scho' g'sehg'n? Jetzt stürmen Peißner, Mayerhöfer, Baur, Hirschberg, Zeuler und Maurice herein. Baur Das Gesindel ist da! Maurice Im Hinterhaus fliegen die Fenster ein. Peißner Und sie tanzt! Alle mit Ausnahme von von Berks und Xaver: Sie tanzt! Hemersbacher Sie tanzt! Des Luader! Soll mer's für mögli' halten? Lola immer wilder tanzend und nach der Melodie singend: La, la, la, la, la, la, ich tanze, ja, und ihr tanzt mit mir. Maurice Wenn draußen die Revolution tobt? Mayerhöfer in Todesangst: Vielleicht ist's noch die Rettung. Er setzt seine Beine in Bewegung und beginnt zu tanzen. Hemersbacher haut auf den Schenkel und beginnt zu schuhplatteln: So a Gaudi, so a Gaudi! Baur setzt sich ebenfalls in tanzende Bewegung: Geht's nicht anders, in Gottes Namen, nur sagt mir, wohin? Lola wie oben: Munter, munter hinaus auf die Straße! Peißner dreht Hirschberg und Zeuler im Tanz herum: Wenn doch schon alles kaputt ist – Lola tanzt gegen den Ausgang zu. Xaver mit einem furchtbaren Blick auf sie und mit geballter Faust: Ich geh dir voran. Ab durch den Vorsaal. Lola wieder tanzend: Au voir, mon ami, au voir! Peißner der wie die andern sich fortwährend dreht: Was will der Bursche? Er droht? Lola Jetzt keine Frage mehr. Sie reißt im Vorbeigehen den Schläger aus der Scheide und tanzt, indem sie ihn schwingt, dem Hintergrund zu. Durch! Durch! Die andern torkeln ihr nach, von Berks, der ganz verzweifelt hin- und hergerannt ist, folgt in furchtbarer Aufregung. Hemersbacher der allein im Saale bleibt und unsinnig lacht: Aber Luader, i sag 's ja, a Luader! Er nimmt das Glas, das Mayerhöfer stehenließ, und trinkt es aus. Das Gebrüll von der Straße setzt wieder ein. Vorhang Fünfter Akt Die Gaststube beim Sporerbräu. Ähnlich gewölbt wie die des Marderbräu, nur münden hier die Deckenbogen in eine breite Säule in der Mitte. Zwei Fenster im Hintergrund. In der linken Wand zwei Türen, von denen die hintere den Zugang zur Straße darstellt, über der vorderen, die gegen die Gaststube aufgeht, das Wappen der Cherusker. Rechts ebenfalls zwei Türen, dazwischen die kleine Schenke. Kneiptische im Hintergrunde sowie rechts und links. Es ist Nacht. Auf dem Schenktisch und links Öllichter. Im Hintergrund sitzt Wammerl. Er hat den Säbel zwischen die Beine geklemmt und schnarcht laut. Vor ihm sein Helm. Genoveva auf einem Stuhl an der Säule, ganz verloren und aufgelöst. Nach einer Pause erscheint Abel von links mit einem Buben, dem Ministranten, der ein Paket trägt. Er nimmt erst Weihwasser aus dem Kessel neben der Eingangstüre, dann geht er nach vorn; plötzlich stolpert er über Genoveva. Abel Um Gottes willen, wer ist denn das nur? Genoveva tonlos: Guten Abend, Herr Kurat. Abel Ah, du bist's Veverl. Da herüben beim Sporerbräu? Beim Feind deiner Mutter? Ja, wie kommt denn das? Genoveva Ich hab's daheim nimmer ausg'halt'n. Abel So, so. Dann sag' einmal: Ist der alte Singlspieler nicht zu Haus? Genoveva Koa Mensch is mehr in dem Haus. Abel Hast du auch nichts g'hört von ihm? Ich meine, wie 's ihm gegangen ist, drinnen in der Residenz? Genoveva Kei' Wort, Hochwürden. Abel Und wo ist denn deine Mutter? Genoveva D' Mutter hat drüb'n all's abg'sperrt, nacher is s' fortgangen in d' Stadt . . . sie hat g'sagt, sie muß si' die Gaudi in der Näh' anschaun. Abel Deine Mutter ist manchmal eine sehr merkwürdige Frau. Genoveva Ja mei', i kann s' auch net anders macha. Sie seufzt schwer auf. Abel Bleib' doch nicht hier sitzen auf dem Fleck. Genoveva Was soll ich denn anfangen? Abel Rumgehen sollst, arbeiten sollst, dann kommst du schon auf andere Gedanken. Genoveva Wenn i nur könnt'! Abel Der Mensch kann alles, was er will. Und was er nicht kann, da muß er Gott bitten, daß er ihm die Kraft dazu verleiht. Genoveva Da darf mir unser Herrgott schon viel Kraft verleihen, Hochwürden. Was i durchg'macht hab' die vierundzwanzig Stunden! Abel Nur nicht verzweifeln. Es wird ein Trost kommen vom Himmel. Und den ersten, den bring' ich dir selber. Er weist auf das Paket. Da schau her! Genoveva Was ist denn des? Abel Als der Peißner euch untreu geworden ist, habe ich deiner Mutter sofort gesagt, sie soll das Haus ausweihen lassen, damit der Geist der Sünde von dannen geht. Sie hat's nicht getan. Die Konsequenzen hat sie erlebt. Jetzt ist 's höchste Zeit, daß wir da herüben wenigstens den Anfang machen. Genoveva Sehr freundli', Hochwürden, es werd a ganz gut sein, aber, was mir des für a Trost sein soll, des seh i net ein. Abel Mit der Zeit wirst du's schon merken. Was da herinnen Gutes geschieht, das erstreckt sich weiter, zu euch hinüber, durch die ganze Stadt, bis in das verrufene Haus, zum Xaverl. Genoveva Mir soll's recht sein, Herr Kurat. Abel Beten, beten und noch einmal beten, was anderes hilft jetzt nicht mehr. Wo kann ich mich ankleiden? Genoveva reibt sich die Augen und schaut erst nach links: Warten S' amal. Da drin san jetzt de Cherusker. Nun weist sie auf die vordere Türe rechts. Da drüben glaub' i, da geht's. Abel Dank' schön. Er winkt dem Ministranten, hineinzugehen. Wammerl ist aufgewacht und gähnt laut: U–a–ah! Abel Was ist denn da los? Wammerl Herrgott, so a Wach is der fad! Abel Na, besonders haben Sie sich gerade nicht angestrengt bei der Wache, Herr Wammerl. Wammerl Sie haben guat red'n, Hochwürden. Braucha net sitzen bleiben da herin ins Ungewisse, vielleicht a paar Tag. Abel Es muß ja doch bald zu End' sein. Haben Sie auch nichts gehört? Wammerl I bin froh, bal' i nix hör' – Abel Wenn man nur grad wüßt', wie's in der Stadt verlaufen ist? Ich meine, was die Bürger ausgerichtet haben oder sonst was. Wammerl 's Bier muaß beim alten Preis bleib'n. Abel Es redet ja kein Mensch vom Bier. Wammerl Von was denn sonst? Abel Von der Lola. Wammerl Ah, was! D' Lola Montez schmeißt ma naus, a anders Weibsbild laßt ma rein. Alleweil dieselbe Mehlsupp'n. Abel Diesmal glaub' ich's nicht recht, Herr Wammerl. Wammerl Hören S' m'r auf. Unser Staatswesen is morsch, – unbeirrt fortfahrend – morsch bis in die Knochen. Aber jetzt bin a amal a Revoluzzer, jetzt hab'n wir uns alle erhob'n wia oa Mann, wia oa Mann, sag' i, jetzt schmeiß i der ganz'n Sippschaft mein' Säbel hi' und sag': Wißt's was: ös könnt's mi alle mitananda – gern hab'n, ös könnt's m'r 'n Buckel rauf und runter rutsch'n, i mag koa Wach nimmer halt'n: 'm Singlspieler soll's dreckat gehn. Hemersbacher eilig von links. Er ist angetrunken: 's geht eahm dreckat, Herr Nachbar! De ganz' Supp'n muaß er ausfress'n, grad so, wia's d' Lola hat ausfress'n müass'n. Ah, Sie, Herr Kurat, der hab' i 's zoagt . . . der hab' i 's zoagt! Abel Was? Wieso denn? Hemersbacher Da schaug'n S' Eahna de Hand an, de Hand! Damit hab' i a Spiegelscheib'n z'sammg'haut, so groß wia a Haustür – z'sammag'haut hab' i s' mit dera Hand da, sehg'n S', mit dera Hand, und nacher . . . nacher . . . Abel Nun, was denn? Hemersbacher lacht: Nacher hab i tanzt mit lauter Kavalier und mit der Lola selber, an Draher, an g'salz'na Draher. Sehg'n S' a so, Herr Kurat. Er haut auf den Schenkel und dreht sich. Abel immer wilder: Getanzt haben Sie? Hemersbacher Jawohl, daß da Bod'n kracht hat! Abel Und nacher? Hemersbacher Nacher san de andern auf d' Straßen naus, de Lola voran, und i, ha, ha, i' hab 'n ganzen Schampani ausg'suffa, glas'lweis, grad wia s'n ham stehnlass'n. Wammerl lacht laut: Ha, ha, ha, der Protz da, der Glaser! Hemersbacher Ja, Herr Nachbar, jetzt komma mir ob'n aufi! – Schampani fürs Volk, 's Bier für de Obern. Wammerl Na, na, i bleib' beim Bier. Hemersbacher Kriegst's a, Bürgerwehrmann, und nimmer sechsahalb Kreuzer brauchst zahl'n – gar nix brauchst zahl'n, überhaupt's umasunst, alles umasunst auf der Welt! Er lacht laut auf, bricht aber plötzlich jäh ab, da er Singlspieler gewahrt. Singlspieler in altväterischem Frack, hohem Zylinder und schwerem Mantel, ist durch die Straßentüre links eingetreten. Grob: Was, umasunst? Abel Na endlich! Hemersbacher etwas ernüchtert: D'Fensterscheib'n net, Bierbrauersprotz. Singlspieler Fahr' ab! Hemersbacher in weitem Bogen nach rechts torkelnd, wo er durch die hintere Türe verschwindet: Ja., paß nur auf, paß nur auf! Singlspieler trocknet sich den Schweiß von der Stirne: Aber hundsmiserablige Zeit! Abel Ich hab' Sie schon mit Schmerzen erwartet. Singlspieler Ich hätt' schon lang' komma könna, aber i hab' mir denkt, ob so, ob so, die G'schicht hat ja do' koan Zweck. Abel Wieso? Reden Sie mal. Wie war's denn? Wie ist's denn? Singlspieler Was? Abel Was? Was? Sie fragen mich noch? Sie haben doch was erlebt, Sie waren doch beim König. Wie ist die Audienz verlaufen? Singlspieler Des kann i selber net sagen. Abel Ja, Mensch, haben Sie denn den Verstand verloren, wie Ihr Sohn? Sie müssen doch noch was wissen. Singlspieler I woaß was, und i woaß nix mehr. Abel Ja, haben Sie denn nicht gesagt, was ich Ihnen gesagt hab', daß S' sagen sollen? Singlspieler Des hab' i g'sagt. Abel Wort für Wort? Singlspieler Ob's grad Wort für Wort a so war, des woaß i a nimmer. Aber jedenfalls, g'sagt hab' i was. Abel Na, und er, was hat er gesagt? Singlspieler Wer? Abel Nun, der König! Singlspieler Nix hat er g'sagt, gar nix! Kei' Sterbenswörtl net, bloß ang'schaut hat er uns alle, aber scho' so fuchsteufelswild, daß i froh war, wie i wieder draußen war. Abel Nun, und nachher? Singlspieler Nacher? Ja, nacher is einer kommen im Vorzimmer draußen. Viel Orden hat er ang'habt und an goldg'stickten Krag'n. Der hat g'sagt zu uns: »So, jetzt geht 's nur wieder heim, alle miteinander. Wenn 's enk recht ruhig verhält's, nacher wird die Universität möglicherweis wieder aufg'macht«, hat er g'sagt. Abel Und die Lola? Singlspieler ganz erstaunt: Von der Lola war weiters koa Red' net. Abel Keine Red' net? Ja . . . ja . . . Er ringt nach Worten. Ja für was waren Sie denn dann in der Residenz? Singlspieler Des woaß i selber net. Abel Nur böse Blicke? Mehr hat Ihnen der König nicht gegeben? Singlspieler Ja, moanen S' am End', er hat Bock und Bratwürscht auffahren lassen? Abel außer sich: Es ist doch unglaublich. Singlspieler Stellen Sie Eahna mal hin, steigen S' nauf die Treppen und die weiten Gäng', wo alles auf d' Zehen geht, warten S' nacher zwei volle Stund', bis mer Eahna endlich erlaubt, daß S' niederknien vor der Majestät, nacher woll'n mer amal abwart'n, ob S' no' so daherred'n. Abel läuft wütend umher: Also alles umsonst. Wammerl immer in seiner Ecke: Was i g'sagt hab'. Singlspieler Es tut m'r recht leid, daß S' net besser mit m'r z'fried'n sind, Herr Kurat. Aber des dürfen S' m'r glaub'n, den größern Kummer hab' scho' i z'tragen. Abel Möcht' wissen, wie? Singlspieler No, mit mei'm Bub'n! Wer stellt mir'n denn wieder z'samm, daß i mi seh'n lassen kann damit vor anständige Leut'? Abel Das wird sich finden, sobald wir Ihren Sohn einmal wiederhaben. Singlspieler Und die Hauptsach', da Bierpreis? Abel Auch das gibt sich. Singlspieler Wenn's aber schiaf geht? Abel Es geht gerade. Singlspieler Übanehma S' a de Verantwortung? Sie ham mi' aufg'hetzt, Sie ham ma g'raten, i soll in d' Höh' geh'n. Wammerl Ja, ja, i hab's selber g'hört. Frau Lunglmayer von links mit Hut und großem, langem, türkischem Schal, ist während der letzten Worte eingetreten: Da hat er eahm was G'scheit's g'raten, der Herr Kurat. Singlspieler Was? Du? Du kommst no' zu mir? Frau Lunglmayer Weil's d' m'r leid tuast. Singlspieler Leid? Frau Lunglmayer Paß nur auf: der Lola ham s' d' Fensterscheib'n scho' eing'schmiss'n, jetzt kemma s' zu dir. Wammerl Ja, ja! Singlspieler War ja net übel! Er nähert sich Abel, mit dem er heftig spricht. Genoveva zu Frau Lunglmayer: Oh, Frau Mutter! Sie bricht in lautes Schluchzen aus. Frau Lunglmayer legt den Arm um sie: No, no, sei nur gut. Genoveva Was der Xaverl mir an'tan hat, vergiß i meiner Lebtag net. Frau Lunglmayer Mei', Veverl, 's Leben is lang. Genoveva Um so schlimmer für mi'. Frau Lunglmayer Tu di nur tröst'n. Wenn d' Mannsbilder im Leben a amal neben'nausgeh'n, des macht net so viel. D' Hauptsach' is, daß s'jedesmal wiederkemma. Singlspieler Lunglmayerin, is des dei' Ernst? Genoveva Oh, mei, es hilft ja do' nix, der Xaverl kommt nimmer wieder. Frau Lunglmayer Wollen 's erst amal abwart'n. Genoveva Ja, und wenn, i bitt' Sie, Frau Mutter, ich will 'm Vater Singlspieler net z'nah treten, aber i kann mi do' nimmer mit eahm sehn lassen, i kann doch so'n Menschen nimmer heirat'n. Frau Lunglmayer Auf der Welt wird all's net so heiß g'gessen, wie's kocht wird. Des kannst dir merken. Singlspieler ganz bewegt: I dank' dir, Lunglmayerin, i dank' dir! Er trocknet sich wieder den Schweiß und schaut stier in eine Richtung, nur von dem Gedanken an das Kommende erfüllt. Genoveva Aber wer sich mit der Lola Montez eing'lassen hat . . . Frau Lunglmayer War' dir an andre lieber g'wesen? Da Genoveva schweigt: Na, also, nacher mußt den Namen auch net so breitspuri' aussprechen, wie der Patzi, der damische, der Revoluzzer da, no der . . . Eisenkopf von links: Bitte, sprechen Sie nur aus, Mutter Lunglmayer, ich habe gehört, daß Sie auf mich schimpfen. Frau Lunglmayer Bal' Sie's wissen wollen, nacher sag' ich's offen: Ja, auf Eahna hab' i g'schimpft. Eisenkopf Ist es meine Schuld, wenn Ihr Schwiegersohn zum Verräter geworden ist? Frau Lunglmayer Ja, Eahner Schuld. Eisenkopf lacht: Dann trag' ich wohl auch die Verantwortung dafür, daß Nero Rom in Brand gesteckt hat, oder daß Ludwig der Sechzehnte ein Dummkopf war? Frau Lunglmayer Reden S' net so g'schwollen daher! Denken S' dran, was der Xaver meiner Tochter an'tan hat. Singlspieler Was er mir an'tan hat. Eisenkopf Euch! Euch! Immer euch! Aber, was er dem Korps angetan hat, seiner alten Cheruskia, unserer Ehre! Frau Lunglmayer Hören S' m'r auf. Eisenkopf läßt sich auf einen Stuhl fallen und senkt den Kopf in beide Arme: Daß ich das noch erleben mußte, diese Schande, diese Schmach, daß ich deshalb herüberfahren mußte über den Ozean, um 's mit eigenen Augen zu sehen, wie mein Xaver, mein Leibfuchs – ah, ihr guten Leute, als ich das erfuhr in dem Augenblick, wo ich den höchsten Triumph meines Lebens begehen, wo ich mit wuchtiger Faust das wurmstichige Königtum zertrümmern wollte, da dacht' ich, ich müßte in den Boden sinken, zehn Klafter tief oder noch tiefer. Frau Lunglmayer Waren S' nur 'nunterg'sunka, alle miteinander, die den Spektakel g'macht hab'n. Der Herr Kurat kann sich's auch merken. Abel Frau Lunglmayer – Frau Lunglmayer San S' nur ganz stad! Eisenkopf richtet sich wieder auf: Aber jetzt ist's auch vorbei damit. Fort mit dem Schmerz, jetzt kommt die Nemesis. Frau Lunglmayer Was kimmt? Eisenkopf Der Xaver ist dimittiert cum infamia. Frau Lunglmayer Das wird er ertragen können. Eisenkopf Oho! Frau Lunglmayer Jawohl, oho! Was haben S' denn so Großartigs vollbracht? A saudumme Revalation haben S' ang'fangt. Und jetzt möchten S' hinterher no' aufdrahn und 'n Protzen spielen? In der Ferne hört man einen Lärm. Eisenkopf Einen Augenblick Geduld! Hört Sie den Lärm? Weiß Sie, was er bedeutet? Der Donner der Revolution ist es, und damit, Mutter Lunglmayer, kann ich's Ihnen endlich sagen: Mein Werk ist getan! Die Majestät des Königs hat der Majestät des Volkes weichen müssen! Abel Was Sie nicht sagen! Eisenkopf Jawohl, mein wackerer Herr Seelsorger. Merken Sie sich's, sagen Sie's Ihren Beichtkindern. Die Aufklärung hat gesiegt! Abel Aber, wie ist denn das gegangen? Eisenkopf Die Angst! Die Angst hat den Tyrannen zu Boden geworfen; er mußte nachgeben. Für immer ist die Gräfin Landsfeld aus dem Lande verbannt, und jetzt in diesem Augenblick befindet sie sich bereits auf der Flucht nach der Grenze! Xaver von links, ohne Kopfbedeckung, ganz außer sich: Ein Messer! Ein Messer her! Gebt's mir ein Messer! Die Anwesenden fliehen nach allen Seiten, mit Ausnahme von Wammerl, der sich erst in der nun folgenden Szene langsam erhebt. Singlspieler Ja, was is denn jetzt des? Abel So auf einmal ist er da? Genoveva Xaverl, Xaverl, wo kommst d' denn her? Xaver Veverl, du bist ja am Schenktisch, ich bitt' dich, gib mir ein Messer. Eisenkopf Mach', daß du nauskommst aus diesem Haus! Singlspieler I hab' da herinn' zu befehlen, der Xaverl bleibt da. Xaver Gebt's mir ein Messer, ich bitt' euch noch einmal drum. Singlspieler Ja, was willst d' denn mit dem Messer? Xaver Umbringen will ich sie! Frau Lunglmayer Wen denn? Xaver Die Lola Montez! Abel Die ist ja fort von München. Xaver Haha, fort! Was ihr meint! Die Lola geht überhaupt nie mehr fort, sie bleibt da bis in alle Ewigkeit. Und jetzt, jetzt kommt sie die Straßen herauf, dicht hinter mir, daher, da 'rein zu uns, zu euch! Ein Schrei geht durch die Anwesenden. Wammerl Ruhe! Ruhe! Abel Phantasieren Sie nicht? Ist denn das möglich? Xaver Beim Satan ist kein Ding unmöglich. Ich hab's erfahren, ich hab's gebüßt, und jetzt zahlt sie mir's heim mit Zins und Zinseszinsen. Er fällt auf einen Stuhl. Genoveva Vater im Himmel, was fangen wir an? Frau Lunglmayer Nur kalt, nur kalt! Abel zu Eisenkopf: Wenn's wahr ist, was er da sagt – gehen Sie 'naus, sammeln Sie die Leute, damit sie s' forttreiben. Wammerl I bin a no' da, wenn's grad not tut. Werd'n mer scho schaun. Mit Eisenkopf links ab. Frau Lunglmayer Xaverl, nimm deine fünf Sinn' z'samm', red' deutlicher. Sie will ihm die Hand auf die Schulter legen. Xaver Rühren Sie mich nicht an, Mutter Lunglmayer, ich bin ein unehrlicher Mensch. Genoveva Is ja net wahr. Xaver Veverl, geh weg. Ihr habt nichts mehr mit mir gemein, ihr dürft nichts mehr mit mir gemein haben, und 's ist auch ganz recht so. Singlspieler Wir woll'n dir all's verzeih'n, nur nimm 'n Verstand an. Xaver Keine Verzeihung, keine Rührung. Ich wollt' nichts mehr haben von euch, nur ein Messer, ihr habt mir 's nicht gegeben. Gut, jetzt geh ich . . . wohin geh ich denn gleich? Er erblickt das Korpswappen über der Türe. Richtig! Da is jetzt die Kneip', da müssen ja auch die Mensurpistolen sein. Er stürzt links vorn ab. Frau Lunglmayer Xaverl, mach' keine Dummheiten. Sie eilt ihm nach und postiert sich vor der Kneipstubentür. Der Lärm von außen, der seit Eisenkopfs Ansprache an Frau Lunglmayer immer stärker gewachsen ist, schwillt jetzt noch mehr an. Abel macht ein Kreuz: Steh uns bei, sie kommt wirklich. Er zieht sich gegen die vordere Türe rechts zurück und tritt dann hinein. Singlspieler irrt umher: Wann der Teufel selba daherkimmt, mag an anderer bleib'n. Genoveva Vater Singlspiela, i geh mit. Singlspieler öffnet eines der rückwärtigen Fenster ein wenig und schreit in höchster Angst: 'n Augenblick no', sagt's de Leut, i gib nach, sagt's eahna, i setz 'n Bierpreis wieder 'runter! Frau Lunglmayer lacht laut. Singlspieler schreit noch lauter: Sechs Kreuzer kost't d' Maß! Mit Genoveva durch die vordere, rechte Türe ab, Abel nach. Frau Lunglmayer allein vor der Kneipstubentür: Alle lauf'n s' davon, alle reiß'n s' aus, solang s' Füß' hab'n. I bleib' am Fleck! I hab' die Lola Montez meiner Lebtag net g'fürcht't, i furcht' s' a jetzt net, und wenn hinter ihr des ganze b'soffene München und des ganze Königreich Bayern mit Maßkrüg' und Radischwänz' dahermarschiert. Der Lärm ist inzwischen noch stärker geworden. Jetzt tönt vor dem Hofe ein lauter Schrei zahlloser Menschen. Gleich darauf stürzen der Reihe nach Peißner, Baur und Hirschberg von links herein. Sie sind bleich und abgehetzt, Peißner ohne Kopfbedeckung, die leere Scheide des Schlägers an der Seite, Baur ohne Säbel, den Helm schief auf dem Kopfe. Gleich nach ihnen erscheint Maurice im Reiseanzug, Zylinder, ein Köfferchen in der Hand; hinter ihm Lolas Kammerfrau, den goldenen Käfig mit dem Kakadu in der Hand. Peißner Die Kerle haben mich bald zerrissen. Hirschberg Mich auch! Baur deutet auf den Kopf: Da schauen Sie her! Da hat mich ein Stein getroffen! Peißner Eine wahnsinnige Idee von der Gräfin! Baur Der ganze Hexensabbat ist losgelassen. Hirschberg Wo ist denn der Mayerhöfer? Maurice Der ist auf und davon. Baur Der war der Gescheitere. Hirschberg Und der Singlspieler? Peißner Geht uns der Schuft etwas an? Baur Der ist schuld an der ganzen Geschichte. Peißner Er und die Gräfin. Aber lassen Sie sie nur kommen, alle beide, ich stelle sie zur Rede, ich werde ihnen . . . Zäpf von links: Platz! Platz für Seine Exzellenz! Er geleitet von Berks herein und entfernt sich dann wieder. Von Berks in höchster Erregung: Wo ist die Gräfin? Peißner Ja, wo ist die Gräfin? Das fragen wir selber. Erst hat sie uns alle hierher getrieben. Wo sie jetzt ist, weiß der Kuckuck. Maurice Die Frau Gräfin ist auf die Seite geworfen worden. Wie sie durchkommen will, bleibt mir rätselhaft. Von Berks Aber ich muß sie sprechen. Eine Sache von Wichtigkeit, eine allerhöchste Botschaft! Peißner Wenn's gar so wichtig ist, dann warten Sie hier, wir warten ebenfalls. Frau Lunglmayer immer vor der Kneipstubentüre, wo sie die Arme nach rückwärts vor die Türe gelegt hat, spricht ruhig und gemessen: Herr Peißner, warten S' net, machen S', da' S' fortkommen, i rat's Eahna im guten. Peißner Was haben Sie mir zu sagen? Frau Lunglmayer eindringlicher: Da herin ist der Xaverl. Der is g'fährli', i sag's Eahna no' amal, machen S', daß S' fortkommen. Baur Sie hat recht. Gehen wir! Hirschberg Freilich, was haben wir noch da zu tun? Baur indem er sich zum Ausgang wendet: Der Polizeikommisssär hält zu uns, er muß uns durchbringen. Der Lärm vor dem Hofe, der inzwischen nachgelassen hatte, schwillt wieder zu einem fürchterlichen Schrei an, noch viel stärker als beim Auftreten Peißners und der anderen, dann bricht er jäh ab. Lola tritt Baur und Hirschberg von rechts entgegen, den Schläger in der Hand, Ihr Kleid ist zerfetzt, die Fangschnüre hängen herunter, ihr Haar halb offen. Sie ist totenbleich, hält sich aber mit letzter Kraft noch aufrecht und stößt Baur zurück: Non, capitaine, Sie bleiben. Zu Hirschberg: Und Sie bleiben auch. Ihr alle bleibt, bis ich gehe selber. Von Berks tritt zu ihr: Dann muß ich Sie bitten, das gleich zu tun. Lola Wer kann mir befehlen? Von Berks Seine Majestät! Ja, Frau Gräfin, so leid es mir tut, Ihnen das melden zu müssen: die Revolutionäre haben etwas erreicht. Lola grimmig lachend: Vielleicht mein Todesurteil? Von Berks Keine Scherze jetzt, wenn ich bitten darf. Lola Nun, so sagen Sie mir's doch, was Sie sich nicht trauen zu sagen, 's ist wahr: der König hat nicht standgehalten dem Pöbel, er hat – Von Berks würgt es nach einem heroischen Ansatz heraus: Sie müssen auf der Stelle die Stadt verlassen. Lola schreit furchtbar auf und läßt den Schläger fallen. Peißner Ist's möglich? Von Berks zu Lola: Hören Sie mich an. Seine Majestät lassen Ihnen sagen, daß Sie Ihnen nach wie vor in höchsten Gnaden gewogen bleiben . . . Lola Aber daß Sie mich in höchsten Gnaden zur Türe hinauswerfen? Von Berks Es handelt sich nur um einige Zeit! So lange sollen Sie in ländlicher Stille leben. Lola Ah, so! Von Berks Dann wird sich alles beruhigen. Lola Parfaitement . . . Von Berks Man gibt den Bürgern wieder billiges Bier. Lola Weil sie so noch nicht genug trinken . . . Von Berks Und vor allem: man öffnet wieder die Universität. Lola Nein, nein, das nicht! Von Berks Das ist unumgänglich. Lola Non, non, non, ça non! Ihr habt sie geschlossen aus Angst für euch, gegen meinen Willen, jetzt aber, wo ihr davonlauft alle, alle, wie ihr da seid, soll sie in meinem Namen geschlossen bleiben. Von Berks Was? Sie wollen noch kommandieren? Baur Lächerlich! Sie sind verbannt. Hirschberg Uns haben Sie mit ins Verderben gezogen. Peißner sehr brutal, will sie anfassen: Mach', daß du 'nauskommst. Lola entwindet sich ihnen mit einer energischen Bewegung und umklammert nach rückwärts die Mittelsäule: Ich bleibe! Frau Lunglmayer die sich mit dem ganzen Körpergewicht gegen die Türe stemmt: Frau Gräfin, i bin an einfache Frau, net mehr und net weniger. I rat's Eahna im guten. Weist nach rechts. Da is die Hintertür, machen S', daß S' fortkommen! Lola Ich habe dem Xaver Singlspieler versprochen, zu kommen. Da bin ich. Wo ist er? Xaver pocht von innen an die Türe: Lola, Lola! Lola Ah, da kommt er! Frau Lunglmayer Gehen S' fort, es gibt a Malör! Maurice tritt zu Lola: Frau Gräfin, die Welt ist weit. Wir haben immer noch Glück gehabt, haben immer noch einen Unterschlupf gefunden. Kommen Sie, kommen Sie! Lola Und wenn ihr euch vor mir auf den Boden kniet, wenn ihr herunterholt den Himmel zur Erde, ich bleibe! Xaver von innen: Raus! Raus! Das Geschrei draußen tönt ganz nahe, man hört die Menge in den Hof stürmen. Baur Das Militär gibt nach! Weiter! Weiter! Eilt durch die hintere Türe rechts ab. Von Berks zu Lola: Tragen Sie die Folgen allein! Baur nach, ab. Hirschberg Adieu, Lolamannia! von Berks nach, ab. Peißner Hol' dich der Teufel samt deinem Xaver! Hirschberg nach, ab. Lola Ah, ihr Hunde, ihr Memmen! Fluch und Schande über euch alle! Frau Lunglmayer die die Türe kaum mehr halten kann: Frau Gräfin, i bin an einfache Frau, net mehr und net weniger . . . Lola Ha, ha! Frau Lunglmayer I rat's Eahna im guten . . . Xaver von innen: Lola, Lola! Er stemmt die Türe etwas weiter auf. Lola Da ist der letzte der ganzen Gesellschaft! Dann kann ich ihm noch den Abschiedsgruß entgegenschleudern: Ja, ihr seid alle gewesen meine Marionettes, meine Puppen; wo ich euch habe gestellt in diese Komödie, habt ihr müssen tanzen. Sie tritt etwas von der Säule weg und schreit gegen die Kneiptüre: Auch mit dir, mein guter Xaver, hab' ich getrieben mein Spiel; auch dich hab' ich gehabt zum besten. Und jetzt, wo's vorbei ist, spei' ich der ganzen Welt in die Fratze! Wahnsinniges Geheul im Hofe. Maurice faßt Lola entschlossen um den Leib und reißt sie zur hinteren rechten Türe hinaus. Die Kammerfrau mit dem Kakadu, die bis jetzt hilflos in einer Ecke gestanden, taumelt nach. Im selben Augenblick zerbrechen die Fensterscheiben. Steine fliegen in das Zimmer. Frau Lunglmayer, ihrer selbst nicht mehr mächtig, läßt los. Xaver plumpst heraus und schießt mit blinder Wut in die Luft. Hemersbacher erscheint gleichzeitig durch eines der rückwärtigen Fenster als erster: Wo is s'? Wo is s', des Luader? Hinter ihm stürzt alles mögliche Volk nach. Singlspieler von rechts in wilder Angst: Sechs Kreuzer kost't d' Maß! Wammerl von links: Wo is er? Wo is er, der Bierbrauer? Hinter ihm kommt Wackernagel mit den Cheruskern herein. Hemersbacher Haut's eahm alle Maßkrüag z'samm', haut's eahm 'n Schäd'l ei'! Das Volk stürzt gegen den Schenktisch und zerschlägt Krüge. Frau Lunglmayer mit Stentorstimme: Gebt's a Ruah, kümmert's enk um d' Lola. Die Menge prallt zurück und hört zu toben auf. Genoveva von rechts, wo sie kaum herauszukommen wagt: Ja, wo is s' denn, de Lola, wo is s' denn? Xaver in der Mitte der Bühne, mit starrem Ausdruck: Fort is s', fort! Er läßt die Pistole fallen und schlägt die Hände vor die Augen. Frau Lunglmayer Fort is s' und kommt nimmer wieder. Eisenkopf der den andern von links nachgefolgt ist, tritt in den Vordergrund: Mitbürger, Freunde, Münchner, hört mich an! Volk , Cherusker , Hemersbacher Hurra! Hurra! Hoch der Eisenkopf! Singlspieler der immer noch aufgeregt herumirrt: Sechs Kreuzer kost't d' Maß! Heller Jubel. Eisenkopf ist von links auf einen Stuhl gestiegen: Wir stehen am Ziel, wir haben erreicht, was wir gewollt haben. Hemersbacher nickt zustimmend: D' Fensterscheiben san eing'schmissen! Wackernagel Die Universität wird wieder aufgemacht! Hemersbacher De Lola is draußen! Wammerl Sechs Kreuzer kost't d' Maß! Singlspieler Und der Xaverl is wieder da! Genoveva tritt zu Xaver: Xaverl! Frau Lunglmayer ebenso: Xaverl! Wackernagel ebenso: Xaverl! Eisenkopf So laßt uns den Triumphgesang anstimmen. Der Feind ist vertrieben, der neue Geist zieht durch die Welt. Die Nacht entwich, im Osten dämmert die Morgenröte. Ihm gegenüber tritt aus der vorderen, rechten Türe im selben Augenblicke Abel mit dem Weihwasserwedel in der Hand. Er trägt weißen Chorrock und schwarzen Kragen mit Stola. Voran geht, ebenfalls im Chorrock und Kragen, der Ministrant mit dem qualmenden Weihrauchfaß. Frau Lunglmayer tritt zu Eisenkopf. Ganz ruhig, aber bestimmt: Herr Eisenkopf, steigen S' 'runter. Machen S', daß S' weiter kommen, ja, ja, gehen S' nur, 's ist das Beste, was S' tun können. Und du, Singlspieler – sie tritt ihm gemächlich näher – bal's d' wieder amal 'n Bierpreis in d' Höh setzen willst, nacher suchst dir a passendere Zeit aus. Sie stößt ihn lachend in die Seite. Woaßt was? Des G'schäft, des könna ma mitananda macha. Während sie sprach, ging Eisenkopf achselzuckend mit Zeichen der Entrüstung dem Hintergrund zu. Abel tritt ebenfalls zu Xaver und bespritzt ihn mit Weihwasser, während der Ministrant von der anderen Seite das Rauchfaß schwenkt. Vorhang