Herman Bang Novellen und Skizzen. Gesamtwerk Band 9 Quelle: Herman Bang. Romaner og noveller 1–10 [Herausgeber]: Sten Rasmussen Band 9: Noveller og skitser. Avis- og tidsskriftstryk 1878–1886 © Det danske Sprog- og Litteraturselskab 2010 People's Press København 2010 ISBN 978-87-7055-396-4 ©2010 Aus dem Dänischen übersetzt von Dieter Faßnacht © 2010 an der deutschen Fassung: Dieter Faßnacht Vorwort Zu den Bänden 9 und 10 der Gesamtausgabe Die beiden letzten Bände dieser Ausgabe enthalten Novellen und Skizzen, die Herman Bang in seine Bücher nicht aufgenommen hatte, die er aber sein ganzes Schriftstellerleben lang für verschiedene Wochenmagazine und Almanache sowie eine Reihe von Zeitungen, für die er schrieb, verfaßte. Viele dieser Texte verdanken ihre Veröffentlichung in dieser Ausgabe der großen Herman-Bang-Bibliografie, an der Bibliothekar René Herring mehrere Jahre lang für die Danske Sprog-og-Litteraturselskab gearbeitet hat. Aber trotz dem unermüdlichen Einsatz, der in diesem Werk seinen Niederschlag gefunden hat und noch findet, kann man leider nicht ausschließen, daß sich an unerwarteten Stellen hier in Dänemark oder im Ausland noch einzelne Beiträge verbergen können, bei denen man gerne die Möglichkeit gehabt hätte, sie in Verbindung mit der Redaktion dieses Bandes zu sichten. Novelle und Skizze in Herman Bangs Werk sind keine eindeutigen Größen in literaturkritischer Hinsicht. Oft kann man sie voneinander nur schwierig unterscheiden, und sie gleiten auch leicht in verwandte Textgattungen wie den Essay oder die Reportage über. Dies gilt nicht so sehr für seine Beiträge in Zeitschriften und Almanachen, die recht einfach zu bestimmen sind, aber in Bezug auf die Zeitungstexte kann es hie und da schwer fallen, klar zwischen Literatur und Journalistik zu unterscheiden; und deswegen konnten bei der Sichtung persönliche Einschätzungen nicht ganz außer Acht gelassen werden. Vieles deutet doch darauf hin, daß trotz den genannten Verhältnissen und Vorbehalten es im wesentlichen geglückt ist, am übergeordneten Ziel dieser Bände festzuhalten, das darin bestanden hat, die Kurzprosa durchzugehen, die außerhalb der Hauptwerke Herman Bangs veröffentlicht ist mit dem Ziel, die Teile auszuwählen, die sich ausgeprägt als literarische Kunst erweisen. Hiermit sind besonders die Texte in Herman Bangs Kurzprosa gemeint, die sich nicht mit den Tagesgeschehnissen beschäftigen, sondern den Blick des Lesers zu allgemeinem und dauernd Gültigem richten. Novelle oder moderne Kurzprosa? In einigen Buchbesprechungen des Sommers 1883 klagte Georg Brandes (1842–1927) »gewisse Dichter« an, es fehle ihnen der Sinn, ihren epischen Stoff im Zaume zu halten: »Sie opfern selten oder nie um der Einheit des Buches willen irgend einen Teil, der ihnen aus dem einen oder anderen Grund auszuführen Freude bereiten könnte. Dadurch entsteht nicht selten ein Ungleichgewicht im Aufbau der Erzählungen.« (Morgenbladet, 22. 7. 1883). Er erinnerte deswegen an den klassischen Unterschied zwischen Roman und Novelle und schrieb, daß »der Roman seiner Idee nach ein gedrängtes Bild des gesamten Zustands der Welt gibt, wie ihn der Dichter sich vorstellt«, während »die Novelle Ihrer Idee nach einen interessanten Einzelfall darstellt, ein fesselndes Unicum. Goethe sagt in seinen Gesprächen mit Eckermann mit der Kürze des Meisters: ›Was ist die Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit.‹« Der konkrete Anlaß für diese Kritik war, daß Brandes in seinen Buchbesprechungen (Morgenbladet, 21.6. und 22.7.1883) in Karl Gjellerups (1857-1919) Erzählung Romulus und Alexander Kiellands (1849-1906) Roman Gift , beide 1883, einige sachliche Fehler gefunden hatte. Aber zu den jungen Autoren, die der Kritiker mit seiner Anklage sorgloser Unwissenheit rügte, gehörte zweifelsohne auch Herman Bang. Allzu große Breite in der Darstellung war genau das, was ihm alle damals vorwarfen, sowohl bei den Haabløse Slægter als auch in Bezug auf die Novellen. Am deutlichsten von allen hatte Edvard Brandes (1847–1931) schon ein paar Jahre früher gesagt:« (…) seine Geschwätzigkeit kennt keine Grenzen.« (Morgenbladet, 9.1.1881). Bang fühlte sich auch von Georg Brandes' Äußerungen getroffen und ergriff mit einem umfangreichen Feuilleton in der Nationaltidende, 29. 7. 1883 eine Gegendarstellung. (Herman Bang: Vekslende Themaer, Bd. 3, 2006. S.1174 ff.) Die Wahrheit gebietet jedoch festzustellen, daß es keine abstrakten literaturtheoretischen Überlegungen waren, die das Bewußtsein des jungen Verfassers ausfüllten. Er wollte, wie er es einige Jahre vorher während seines Prozesses gegen sein Werk Haabløse Slægter 1880 ausgedrückt hatte, Zunder verwenden, wo sich Wunden« im Zustand der Gesellschaft befinden, und mit seinem desillusionierten Erlebnis einer äußerst komplizierten und fragmentierten modernen Wirklichkeit, fand er es ganz unmöglich, seine anspruchsvolle Fiktionsprosa in die schlichten und überschaubaren Kategorien Georg Brandes' einzuordnen: Denn er teilt seinen Stoff in diese beiden Arten: Roman und Novelle und behauptet: Dieser Stoff muß recht ausgeformt, sich zu einer Novelle formen, er muß richtig geformt, sich zu einem Roman formen. Wir [das heißt die jungen Autoren der 1880er Generation]begreifen diese Worte nicht, sondern beschränken uns darauf, entweder die Geschichte eines Gefühls zu beschreiben oder Bruchstücke aus dem Leben einer Gesellschaftsklasse aufzuzeichnen. Ob wir uns nun der einen oder anderen dieser beiden Aufgaben widmen, sehen wir ein, daß die Aufgabe unendlich schwierig ist, verwickelt und beschwerlich. Wir sehen ein, daß selbst das einzige Gefühl in seinem Ursprung so verzweigt ist, in seiner Entwicklung so reich, in seinen Äußerungen so mannigfach, daß Begrenzung zur allerersten Notwendigkeit wird. Wir sehen ein, daß wir alles vermeiden müssen, was dieses eine Gefühl oder dieses eine Phänomen des gesellschaftlichen Lebens nicht betrifft, Und auf diese Art und Weisekomponiert unser Stoff unsere Werke, indem er alles nicht Dazugehörende ausschließt, all das, was das beschriebene Gefühl und das behandelte Phänomen nicht erklärt. Darin besteht »die Komposition« unserer Schilderungen. (Nationaltidende 29.7.1883) Der Begriff der Novelle, an dem Georg Brandes festhielt und den Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seinerzeit in einem seiner Gespräche (Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 1.S3. Teil, 1836–1848; Gespräch vom 29.1.1827) mit J.P. Eckermann (1792–1854) so markant formuliert hat, beherrschte das literarische Deutschland des 19. Jahrhunderts von Heinrich von Kleist (1777–1811) bis Thomas Mann (1875–1955). Man kann es vereinfacht so ausdrücken, daß in der Novelle Menschen von unvorhergesehenen Schicksalen heimgesucht werden, die in ihr Dasein einbrechen und Verderben in ihr Leben bringen. Wo der Erzähler solche Ereignisse gewahrt, sei es eine Katastrophe, eine wundersame Begebenheit oder ein tiefes Verliebtsein, die entscheidende Macht über das Schicksal von Menschen, gelingt es uns als Lesern recht schnell, den Text als einen beispielhaften Ausdruck seiner Auslegung der Grundbedingungen des menschlichen Lebens insgesamt zu verstehen (s. Søren Baggesen: Den Blicherske novelle, 1965, S. 11–13). In dieser vorliegenden Sammlung kann man ohne weiteres Texte finden, die entweder in oberflächlicher oder tiefer gehender Hinsicht dieses Modell verwirklichen, vom völlig harmlosen Gruselstück »En ubegribelig Historie« (9, 260) (»Eine unbegreifliche Geschichte«), 1884, bis zu den drei tragischen Künstlerinnenerzählungen »De to Søstre«, 1883, (9, 231) (»Die beiden Schwestern«, »The Angelo-Troupe«, 1886 (9, 318) (»The Angelo-Troupe«) und »Slagen«, 1905 (10, 284) (»Der Schlag«). Auch »Til Ære for Præfekten, 1886 (9, 288) (»Zur Ehre des Präfekten«) hat seinen Dreh- und Angelpunkt in einem markanten Geschehen: das Treffen der vornehmen Gesellschaft mit dem sozialen Alptraum im gräflichen Park, auch wenn diese bissige Novelle einen Grenzfall darstellt, im Verhältnis zur Definition um die Begebenheit, die zum Schicksal wird; insofern die Personen, die in ihr vorkommen, vollständig unberührt von ihr bleiben und deswegen ohne weiteres in ihre Salons zurückkehren können, ohne an ihrer herablassenden Menscheneinstellung den geringsten Schaden genommen zu haben. Trotzdem verrät bereits ein erstes Durchlesen der Bände 9 und 10 eine wesentliche Entfremdung von dem klassischen deutschen Novellenbegriff, wie er oben skizziert wurde. Insbesondere, weil die große Mehrzahl der Bangschen Zeitungs- und Magazinerzählungen so auffällig arm an Ereignissen sind, oft merkwürdig verharrend, gedämpfte Schilderungen von Menschen, die in einem leeren Schattendasein leben, weil ihr Leben etwas ist, das vorbei ist, und weil alles, was noch geschehen könnte, schon vor vielen Jahren geschehen ist. Ein Ereignis wurde vielleicht damals zu ihrem Schicksal, aber nun ist die Erinnerung daran verblichen oder schon längst unter leeren Routinen des Werktages zu Staub zermahlen, zum Beispiel »Den Fremmede«, 1882 (10,183) (»Der Fremde«), »En Erindring«,1884 (9, 268) (»Eine Erinnerung«), »Steindl \& Søn«,1886 (9, 325) (»Steindl \& Sohn«), »Mylady«,1889 (10, 109) (»Mylady«) und »Avissælgeren«, 1908 (10, 322) (»Der Zeitungsverkäufer«). Oder das Schicksal der Personen bestand darin, daß überhaupt nichts geschah, obwohl Zeit gewesen wäre wie in den Jungfernerzählungen »Thora«,1882 (9,172) (»Thora«), »De sad over S«, 1884, (9,244) (»Sie blieben übrig-«), und »Stillesiddende Liv«, 1886 (9, 338 ). Einige Texte streifen das trostlose Thema, das am ergreifendsten im Roman »Stuk«, 1887, entfaltet ist: die stille, bedrückte Hoffnungslosigkeit des unerfahrenen jungen Mädchens, das gefühlsmäßig seinen melancholischen Kavalier haben möchte, aber weder den unnennbaren Grund seiner erotischen Passivität erkennt, noch seine seelische Verwirrung ihr gegenüber: »En Sommerdrøm, 1881 (9, 161) (»Ein Sommertraum«), »Alene«,1884 (9, 258) (»Einsam«) und »Größe«,1892 (10, 191). Gelegentlich dreht sich der Bericht in lauter persönlichen Reflexionen wie in »Retourbilletten«,1912 (10, 371), wo der Lebensmüde in einer der Wochen, kurz bevor er sich auf die letzte große Reise begibt, erzählt, wie er traurig dasitzt und eine rätselhafte Zeitungsnotiz über einen Selbstmörder hin- und herwendet, der sich bei Kristiania erhängte, ohne daß jemand wüßte, warum – mit einer Rückfahrkarte in seinen Heimatort in der Tasche. Herman Bang war dabei, »Fædra« zu schreiben, als er mit Georg Brandes zu diskutieren begann und ihn wissen ließ, daß er die Begriffe »Roman« und »Novelle« nicht »verstehe«. Das Buch wurde sein letztes großes naturalistisches Werk und bereitete ihm schwere Qualen, wie das obige Zitat auch andeutet. Wiederum versuchte er, wie er es bereits ein paar Jahre zuvor mit »Haabløse Slægter« gemacht hatte, die Psyche und das Schicksal seiner Hauptperson mit ausführlichen Beschreibungen ihrer Verwandtschaftsverhältnisse und Umgebung zu erklären. Aber vielleicht weil es sich zeigte, daß auch das neue Buch von der Kritik schlecht behandelt wurde, begann es ihm zu dämmern, daß er neue Wege bahnen müsse, um in seiner Erzählkunst Leben zu erschaffen. Von Natur aus war er weder philosophisch noch wissenschaftlich veranlagt, und es fiel ihm deswegen nicht schwer, die sozialen und psychologischen Analysen des Naturalismus aufzugeben, zu denen er im übrigen auch während der Arbeit mit »Fædra« ein steigendes Mißtrauen aufgebaut hatte (mehr darüber im Nachwort zu »Fædra« 2, 485 ff.).Statt dessen wählte er, die Beobachtung seiner Personen zur tragenden Grundlage der Erzählung zu machen. Dieser Schriftstellerrolle entsprach etwas, was ihm aus seinem Privatleben schmerzlich vertraut war: Abgeschnitten vom Leben in gewöhnlichen Lebensgemeinschaften, war er sowohl sozial als auch menschlich von vorneherein auf die Rolle des Beobachters oder Zuschauers beschränkt. Und immer wieder, besonders wenn der Text sich auf dem Gebiet des Liebeslebens bewegt, trifft man ihn auch als den beobachtenden und lauschenden Erzähler von Dingen, die andere erlebt haben, wie zum Beispiel in »Anna Vasena« 1890 (10,134), »Storhed«, 1892 (10,191) (»Größe«), »Prisen S«,1905 10,272) (»Der Preis« und »Kvindebillede«,1908 (10,24) (»Frauenbild«). Besonders von etwa 1885 an kann man davon sprechen, daß er seine Gestalten auf einer Bühne vorstellt, wo er als Zuschauer schildert, was jeder an sich sehen oder hören konnte, jedoch mit einem einzigartigen Gespür, sie in Situationen zu ertappen, wo eine genau festgehaltene Bewegung, ein Blick oder bloß eine Betonung in einer Antwort ihre Träume und tieferen Gefühle verrät und in einem Aufleuchten den Schleier des nur halb angedeuteten oder ganz verschwiegenen inneren Dramas lüftet, das zwischen ihnen vorgeht, vergleiche zum Beispiel »The Angelo-Troupe«und die beiden Marienlysterzählungen: »Kronen 33,00«, 1903 (10, 246) und »Madame Quironat«, 1904 (10,255). Diese Gewichtsverschiebung im künstlerischen Bereich seiner Verfasserschaft von der Analyse zur Betrachtung geschah nicht plötzlich, sondern sie bekam große Bedeutung für die Ausformung seiner literarischen Zeitungs- und Magazinprosa. Immer häufiger sieht man ihn um Situationen kreisen und um kurze nicht abgeschlossene Verläufe eher als um schicksalsschwangere einzelne Begebenheiten, die das Schicksal der Menschen bestimmt. »Wir sehen nichts, was nicht alle sehen könnten (…); wir fangen nur einen Schimmer auf – aber manchmal kann es ein Schimmer sein, der ein Dunkel erhellt«, schrieb er in seinem Vorwort zur Feuilletonsammlung Herhjemme og derude, schon so früh wie im Dezember 1881, wo er paradoxerweise genug noch den Ursachen erklärenden Naturalismus von Émil Zola (1840-1902) als sein wichtigstes künstlerisches Vorbild hatte. Aber wenn auch der Hauptteil seiner literarischen Zeitungs- und Magazinprosa so weit entfernt von der klassischen deutschen Tradition ist, muß man zum Ausgleich sagen, stark mit der modernen Novellenform verbunden zu sein, die in der englisch- amerikanischen Literaturforschung heute unter dem Namen »Short story« bezeichnet wird, und die sich stark im ganzen 20. Jahrhundert verbreitete, wo sie in der Novellistik Ernest Hemingways (1899–1961) einen ihrer Höhepunkte erreichte. Im Verhältnis zu »Det moderne Gennembrud« kam dieser Novellentyp, den man auf deutsch Kurzgeschichte nennt, für den man im Dänischen jedoch keine genau festgelegte Bezeichnung hat, dennoch nicht nach Dänemark oder in den übrigen Norden aufgrund angelsächsischer Einflüsse; daran waren in den ersten Jahren so gut wie ausschließlich Einwirkungen französischer und russischer Erzähler wie Guy de Maupassant (1850–93), Alphons Daudet (1840– 97), Nicolaj Gogol (1809–52), Anton Tschechow (1860–1904) und Ivan Turgenjew (1818–-83), die sich der Autorität des Schriftstellers und des allwissenden Erzählers skeptisch gegenüber verhielten und deshalb eine Kurzprosa schufen, die Menschen in realistischen Lebenssituationen schilderte, die sie weder analysierten noch auslegten, sondern dem Leser nur zur Verfügung stellten. Man kann in beiden vorliegenden Bänden zahlreiche Beispiele finden, daß auch Herman Bang in allerhöchstem Maße diese moderne Form von Lebensbildern beherrschte. Hier soll bloß auf eines verwiesen werden, nämlich den zweiten der beiden kleinen Texte ohne Überschrift, die unter »Dagbogsblade«,1884 (9, 255) eingereiht sind, wo ein unbekümmerter und offenbar leicht angeheiterter Erzähler an einem Winterabend nach einem opulenten Abendessen auf dem Weg nach Hause ist. Auf dem Gehweg wäre er fast über eine arme Frau gestolpert, die flach auf dem Boden liegt, um durch ein Fenster einer Kellerwirtschaft nach ihrem Mann zu schauen. An ihrer Seite sitzt die Tochter mit erloschenem Blick und wartet. Die Handlung des ganzen Textes kann in einer einzigen Zeile ausgedrückt werden: Die Frau schlägt ihren Schal um sich, stößt einen Fluch aus und ergreift das Geländer der Treppe. Um die Treppe hinabzugehen und sich mit ihrem Mann über die Reste seines Wochenlohns zu streiten? Oder nur, um den Körper ein Weilchen abzustützen, bevor sie aufgibt und mit ihrer Tochter nach Hause geht? Darüber sagt uns der Text nichts. Aber warum endet der Bericht genau an diesem Punkt? Zielt dieser minimalistische Verlauf ausschließlich auf ein entsetzliches Aufblitzen, um uns die verheerenden Wirkungen des Alkoholismus im Proletariat aufzuzeigen? Oder hat er eine Hauptperson? Die aufgebrachte Frau, die versteinerte Tochter, oder vielleicht den auffallend passiven Beobachter, der nicht eingreift, um zu trösten und zu helfen zu versuchen, sondern sich damit begnügt, seine Kamera zu führen (und nach seinem plötzlichen Verstummen dafür sorgt, den Schwanz einzuziehen und zu verschwinden, bevor überhaupt etwas zu geschehen beginnt?). Die Beantwortung solcher Fragen bleibt ganz dem Leser überlassen, und so gesehen erinnert ein Text wie dieser ganz stark an die kleinen offenen Verläufe, die man 25–30 Jahre später überall in Franz Kafkas (1883-1924) Tagebüchern und in den kleineren und kleinsten Stücken seiner Novellistik antrifft. Etwas anderes, was in Bezug auf das Genre bemerkenswert ist, ist die Tatsache, daß man Herman Bang nur selten altbekannte Bezeichnungen wie »Erzählung« (Fortælling«) oder »Geschichte« (»Historie«) auf die Zeitungs- und Magazintexte anwenden sieht, die in diesen beiden Bänden 9 und 10 enthalten sind, und geschieht es gelegentlich, daß das Wort »Novelle« vorkommt, geht es in der Regel nicht auf ihn zurück, sondern auf die Redaktion oder den Namen der Zeitschrift, in der er sie abdrucken läßt, zum Beispiel »Hjemmets-Noveller«. Unter seinen eigenen Bezeichnungen florieren dagegen vagere und losere Bezeichnungen wie »Studie«, »Skitse«, »Novellette«, »Klein-Bilder«, »Bleistiftskizze«, »Tagebuchblätter«, »Bunte Blätter«, »Mosaik«, »Skizzierte Zeichnung« oder Ähnliches, wovon mehrere ihre deutliche Sprache sprechen, daß die Autorität des Erzählers herabgestuft wird, wenn sie nicht überhaupt ganz hinter dem Bild des Textes verschwunden ist. Einige dieser Bezeichnungen enthüllen auch, wann und in welchem Maß von Erdichtetem die Rede ist. So enthalten mehrere der Erinnerungstexte offensichtlich authentische oder rekonstruierbare Beschreibungen von Personen und Begebenheiten aus Herman Bangs Kindheit auf Als und in Horsens, zum Beispiel »Naar Storken kommer«, 1883 (9, 214) (»Wenn der Storch kommt«), »Paaske«,1884 (9, 251) (»Ostern«) und »Da Hans Højærværdighed dansede«,1905 (10,262) (»Als Seine Hochwürden tanzte«; daß sie zugleich aber auch dichterisch bearbeitet sind, zeigt sich deutlich darin, daß der erstgenannte Bericht die Mutter im Kindbett sterben läßt, während sowohl die Namen als auch die übrigen Verhältnisse in den beiden übrigen im Verhältnis zur Wirklichkeit geändert sind, ganz genau wie in den selbstbiografischen Romanen »Haabløse Slægter«, 1880/1884, (»Hoffnungslose Geschlechter«) und »Det hvide Hus«, 1898 (»Das weiße Haus«). Das Verhältnis zur Journalistik Weitaus der größte Teil der Journalistik Herman Bangs sind entweder allgemeine Pressekommentare für den Tag und unterwegs, wie sie alle Journalisten schreiben, oder Literatur- und Theaterkritik in Form kürzerer Kritiken und längerer darlegender und beschreibender Essays. Trotzdem kann John Chr. Jørgensen in seinem Buch »Jeg, der kender Pressens Melodier …«, 2003, zu Recht geltend machen, daß Herman Bang die Literatur zur Journalistik und die Journalistik zur Literatur« (Seite 129) machte. Dies liegt nicht nur daran, daß ein quantitativ kleinerer, aber ausgesprochen wichtiger Teil, ganz eindeutige Romanliteratur in traditionellem Verständnis ist, aber sich trotzdem eine bedeutende Anzahl seiner Texte in auffallender Art und Weise in einer Grauzone zwischen Literatur und Journalistik einreiht. Man kann sagen, daß es insbesondere Letzteres war, das ihn zu dem Einzelgänger machte, der er in der dänischen Pressegeschichte war (und insoweit immer noch ist): Die ganzen Jahre hindurch vollbrachte er eine lange Reihe journalistischer Arbeiten, die mit literarischen Kniffen gefüllt sind, wovon man sich wahllos aussuchen kann: in-medias-res-Anfänge, raffinierte Kompositionen, häufiger Gebrauch »gehörter« Repliken, eine Reihe eigentümlicher und stark persönlicher Züge in der Interpunktion, Syntax und bildlichen Sprache, musikalische Wiederholungen, tiefsinnige Perspektiven und effektvolle gesetzte Schlüsse. Außerdem können gelegentlich, selbst in offensichtlich sachlich geprägten Zusammenhängen wie zum Beispiel Kritiken oder Reportagen, fiktive Personen auftreten, zum Beispiel als Adressaten für einen Artikel in Briefform oder direkt als agierende und kommentierende Figuren im Text. Siehe zum Beispiel das Feuilleton »Fra Charlottenborg«, 1881) (9,143) »Von Charlottenborg«. Es sind Tatsachen wie diese, die dazu führen, daß man heutzutage gelegentlich Herman Bangs Journalistik mit dem amerikanischen New Journalism vergleicht, der in Dänemark in den 1970ern auftauchte. Dessen Begründer und Theoretiker, Tom Wolfe (geb. 1931), wünschte, einen Reportagestil zu fördern (»faction«), der unter der wohl bekannten Devise: »Show, don't tell« einerseits stark auf literarische Stilmittel setzte (Szenen, Dialoge, persönliche Ausdrucksweise, subjektive Gesichtspunkte) und auf der anderen Seite streng die Fakten respektierte, die an das behandelte Ereignis geknüpft waren. Wolfe meinte, hiermit einen brauchbaren und leserfreundlichen Kompromiß zwischen moderner Belletristik geschaffen zu haben, die – wie er fand – das tägliche Leben vernachlässigte, in dem sie sich statt dessen in weltfremde formale Experimente verloren haben und einer Journalistik, die jegliches Leben in der Reportage unter einer Decke dürrer Fakten begrub. Am nächsten zu diesem journalistischen Paradigma kommt man in dieser Sammlung bei dem in der Bangliteratur an verschiedenen Stellen besprochenen und hoch bewunderten Text, der »Under Illuminationen« heißt, 1878 (9,17) »Festbeleuchtung – Skizzierte Zeichnung«. Der Text weist ausdrücklich die Auffassung, ein Referat zu sein, zurück und wird zu Recht von seinem Verfasser »Skizzierte Zeichnung« genannt. Insoweit kann er ohne weiteres an eine Reportage erinnern, aber hier ist er aufgrund seiner in die Augen fallenden literarischen Qualitäten aufgenommen: die subjektive Verwinkelung, die raffinierte Komposition, das impressionistische Stilfeuerwerk, und des Umstandes halber, daß er an einen fiktiven Briefempfänger gerichtet ist. Schließlich kommt auch eine tiefere psychologische Perspektive zum Vorschein, wo der Berichterstatter mitten in seiner Begeisterung für das königliche Fest, das die Veranlassung seines Textes ist, von einer plötzlich entstandenen Angst vor den irrationalen und unkontrollierbaren Kräften ergriffen wird, die dicht unter der Oberfläche lauern, wo große zusammengeströmte Volksmassen sich um die Reichen und Mächtigen scharen, um ihnen ihre Ehrerbietung zu erweisen. Auch das kleine und unauffällige »Mosaik«, 1881 (9,150) »Mosaik (Die Versteigerung im Bernstorff-Palais)« wird zu etwas anderem und zu mehr als einem allgemeinen Stück tagesaktueller Journalistik, indem es die Schilderung einer anderen Begebenheit des Königshauses, nämlich die Auktion der verstorbenen Erbprinzessin Caroline im Bredgade-Palais wiedergibt, in einen größeren Zusammenhang stellt. Die Perspektive ist hier eher die der dänischen Geschichte als der Psychologie, wenn stilistisch virtuos erzählt wird, wie geschäftige Trödler und andere plündernde Gutmenschen pietätlos die letzten verblichenen Erinnerungen an das mehr als 400 Jahre alte Oldenburgische Königshaus in alle Welt zerstreuen, während indessen die Hammerschläge des Auktionslokales sich mit denen vermischen, die aus der Nachbarschaft erschallen, wo die Handwerker dabei sind, C.F. Tietgens Marmorkirche zu vollenden. Inspirationen und Voraussetzungen Es gibt kaum einen entscheidenden Unterschied zwischen den künstlerischen Beiträgen, die Herman Bang in seinen Zeitungen plazierte, und denen, die er zum Abdruck in Wochenmagazinen, Almanachen und Zeitschriften sandte. Deswegen kann man ohne weiteres behaupten, daß die beiden zentralen Vorbilder des literarischen Teils seiner gesammelten Zeitungsarbeit das französische Feuilleton und die Kleinjournalistik waren. Das Feuilleton - oder modern ausgedrückt: der Kulturteil - entstand in Paris zwischen 1800 und 1870 und war eine Folge dessen, daß die Unterdrückung der beiden napoleonischen Kaiserreiche in Bezug auf die Pressefreiheit den politischen Inhalt der Zeitungen immer voraussehbarer und uninteressanter machte. Beide Kaiser besaßen ein wohlentwickeltes Verständnis für das Bedürfnis des absoluten Herrschers nach einer stark zensierten Presse, aber sie erkannten zugleich, daß die Effektivität ihrer Propaganda natürlicherweise damit stand und fiel, daß die Zeitungen überhaupt gekauft und gelesen wurden. Sie wiesen deswegen die Zensurbehörden an, die Feuilletonisten in Ruhe zu lassen, was reiche Möglichkeiten für eine große Anzahl bedeutender Essayisten wie zum Beispiel C. A. Sainte-Beuve (1804–1869), Francisque Sarcey (1827–1899), Albert Wolff (1835–1891), Jules Janin (1804–1874) und Alphonse Daudet eröffnete; sie erhielten freie Hand, ein buntes Allerlei von ästhetischer Kritik bis zu umfassender Erlebnisjournalistik über Reisen und größere öffentliche Ereignisse zu entfalten, literarische Kleinskizzen über Kindheitserinnerungen und Wanderungen in der Natur oder der Großstadt zu verfassen und Porträts berühmter oder merkwürdiger Personen zu schreiben. Als einzigen Grundsatz hatte diese Gattung, daß die Artikel nicht langweilig sein durften, und ihr wichtigstes Kennzeichen wurde deshalb ein unpolitischer und allgemeinbildender Inhalt in leicht zugänglicher und raffinierter persönlicher Form. In Dänemark wurde die Feuilletonjournalistik in den 1860ern und den frühen 1870ern von dem Schriftsteller Erik Bøgh (1822–1899) mit der Rubrik »Dit og Dat« in Folkets Avis und von dem Reisebuchjournalisten Robert Watt (1837–1894) eingeführt (vgl. Ulrik Lehrmann in »Dansk Mediehistorie«, Bd. 1, 1996, Seite 212 f.). Eine andere wichtige, aber vielleicht seltener zur Kenntnis genommene Voraussetzung für Herman Bangs künstlerische Journalistik war die weite Ausbreitung der Kleinjournalistik, die alle Massenblätter des Kontinents und Wochenmagazine in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts prägte. Als eine Art Pionierorgan dieser besonderen Zeitungsgattung bezeichnet man gerne das französische Massenblatt »Le Figaro« (Tageszeitung seit 1865 mit pikanter und sensationeller Aufmachung), dessen leitender Redakteur Hippolyte de Villemessant (1810–1879), der für seine berühmte zynische Äußerung unvergessen ist, daß »ein Hund, der das Bein in Paris bricht, interessanter ist als eine Welt, die in der Ferne in Schutt und Asche zusammenstürzt«. In Dänemark verstand niemand besser als Herman Bang die magische Fähigkeit dieses so genannten Human-Interest-Stoffs, um in die altmodische, maskuline Meinungspresse hinein zu leuchten, die noch in voller Blüte stand, als er Ende der 1870er in den Zeitungen zu schreiben begann. Man weiß, daß er wie die Schriftstellervorbilder Honoré de Balzac (1799 - 1850) und Alphonse Daudet voluminöse Bücher mit Ausschnitten anlegte, in denen er nach Anregungen suchte, wenn er Stoff brauchte. In der Nationaltidende schuf er feste Rubriken wie Mosaik und Charivari, in denen eher wohl überlegt leichte Mischungen von Neuem aus der Gesellschaft, neuer Mode, Salongeflüster, Kriminalnotizen und allerhand anekdotische Merkwürdigkeiten aus dem heimischen Krähwinkel und den Pariser oder Wiener Massenblättern zusammentrug. Auch in den »Wechselnden Themen«, die Bang von 1879 bis 1884 in der »Nationaltidende« schrieb, kann man sehen, wie er solche aktuellen Kleinigkeiten aus nah und fern ausschnitt und sie zu einem kaleidoskopischen Feuilleton zusammenstellte, aber hier nicht ohne gleichzeitig ihren Hintergrund aufzuzeigen: »Diese kleinen Geschichten, oft nur so knapp gemeldet, sind wie dahin verstreute Gedanken der gesellschaftlichen Verhältnisse, zugleich wenig und viel (…) Derjenige, der die Zeitung richtig liest, könnte darin mehr über die Zeit, ihre Menschen und ihr Befinden lernen als Dutzende von Liebesnovellen ihnen beibringen könnten« (»Hvad man læser«, Nationaltidende, 7.1.1883; [9,194]). Wenn man alles zusammenzählt, war die Kleinjournalistik in den Augen Herman Bangs nämlich etwas anderes und weit mehr als eine unterhaltsame Ausbreitung der vielen Kuriosa und Absurditäten des modernen oberflächlichen Lebens. Er war Dichter und durchschaute klar, wie viele dieser fragmentarischen Miniaturbilder des populären Zeitungsstils bei tieferer Betrachtung Sinnlosigkeit, Armut, Grausamkeit, Leiden, Begierde und Angst verbargen, und die Bände 9 und 10 zeigen auch, wie der sorglose Small Talk, der öfters sowohl seine »Mosaik«- und »Charivari«-Rubriken als auch seine »Tagebuchblätter« prägt, plötzlich verstummt und von Lebensbildern mit großem Ernst und Tiefe abgebrochen wird. Sten Rasmussen Holbæk, Frühjahr 2010 Herman Bang Novellen und Skizzen Festbeleuchtung Skizzierte Zeichnung Die folgende Schilderung der Festbeleuchtung Kopenhagens hat Herman Bang in Form eines Briefes an eine Freundin geschrieben. Trotz vieler Mutmaßungen, es habe sich zum Beispiel um eine junge Adlige auf R.-Holm gehandelt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer fiktiven Person auszugehen. Der Grund der Festbeleuchtung war die Hochzeit der Tochter Christians IX., Thyra (1853-1933), die Herzog Ernst August von Cumberland (1845-1923) heiratete und sich von da an Herzogin von Cumberland nannte. Der Tag der Hochzeit war der 21.12.1878. Sie bitten mich, gnädige Frau, Gnädige Frau: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine fiktive Person. Ihnen zu erzählen, wie die Festbeleuchtung war – wunderschön. Sie sind aber leider vorsichtig genug hinzuzufügen, daß Sie sich nicht einmal mit dem ansprechendsten Adjektiv zufriedenstellen lassen – und daß Sie auch nicht irgendeinen Bericht haben wollen. Was Sie zu haben wünschen, ist eine einfache Zeichnung, eine gemalte Skizze, meinen Eindruck vom Fest, in Worte geformt. Ich möchte, so schreiben Sie, nichts anderes als dies. Gar nichts anderes! Aber gerade das ist unglücklicherweise das Schwierigste von allem. Trotzdem, gnädige Frau, versuche ich Ihrem Wunsche nachzukommen, und ich tue das, weil es Ihr Wunsch ist, und weil ich hoffe, daß Sie mir mit einem glücklichen Lächeln für meinen guten Willen danken werden. Also: Wir haben uns einen Wagen genommen, mein Freund H. Freund H.: auch hier handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine fiktive Person. und ich. Sie kennen H. ja vom letzten Sommer in Marielyst, Marielyst: auch Marienlyst. Badehotel bei Helsingör in einem Schloß, dessen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht; seitdem mehrere Umbauten. Christian VII. schenkte das Schloß der Königinwitwe Juliane Marie, die es nach sich benannte. 1857 ging es in den Besitz der Stadt Helsingör über, die es zu einem Badehotel umbaute. Ein neues Hotel, dem alten benachbart, wurde1860-1861 am Strand gebaut und 1882 stark erweitert. Hier verbrachte Bang oft seine Sommerferien. Marielyst ist nicht identisch mit dem Ort Marielyst auf Falster, der zur Zeit Bangs keinerlei Rolle spielte. ihn, den großen blonden Juristen, den Sie den »Kriminalbeamten« nannten, weil er so neugierig war. Tatsächlich ist er ziemlich neugierig, er will unbedingt alles sehen, hören und erfahren; geht es aber um ein Fest, eine Menschenansammlung auf der Straße oder eine Militärparade, ist er der beste Begleiter, den ich kenne: sein einziger Fehler wird hier zur Tugend, und er nimmt alles auf sich, um Prinzessin Thyras Hut zu sehen oder um die Lichter in Schottländers Schottlænder: die Firma Goldschmidt \& Schottländer, Amagertorv 10, verkaufte Herrenfertigkleidung (Konfektionsware), was zur der Zeit etwas ganz Neues war. Schaufenster zu zählen. Wir hatten uns also einen Wagen genommen, eine alte Droschke, deren Kutscher die Vermählung als eine Wohltat für die Droschkenkutscher ansah, und der deswegen das Doppelte verlangte; sonst ein umgänglicher Mann, der genauso würdevoll war wie sein Pferd. Wir brachen am Amagertorv auf. Es war ungefähr halb sieben, und in der Östergade zündete man die Lampen an. Es sind schon viele Menschen unterwegs, und wir müssen Schritt fahren, langsam, Schritt für Schritt; die Scharen, die sich noch nicht zu einer kompakten Masse vereinigt haben, halten sich in der Straßenmitte, um nach beiden Seiten blicken zu können. Ein lautes Gelächter, ein Witz, ein kleiner Schrei, sonst gebührende Ruhe und Ordnung überall. Mir fielen die Feste im Tivoli ein, wo das Publikum seine Ehre darein setzt, sich anständig zu benehmen. Und inzwischen zündete man überall, wie schon gesagt, die Lichter an – unbestreitbar eine glänzende Festbeleuchtung, aber meiner Meinung nach ziemlich aufdringlich. Man hatte Schwierigkeiten zu vergessen, daß es die Woche vor Weihnachten war, die Zeit der Werbeanzeigen par excellence. Das Gedränge wurde dichter, man ruft jetzt lauter, diese halb ironischen Rufe, die Sie ja von den festlichen Feuerwerken her kennen: »Oh!«, »Ah!«, »Nein!«. Man klammert sich im Wagen fest, aber auch der steht: Wir sitzen fest. Die Schaufensterauslage von Brönderslev \& Lohse Brönderslev \& Lohse: bekannter Herrenausstatter, Amagertorv 21. zieht aller Augen auf sich; in ihrem großen Schaufenster haben sie ein Stück Leinwand ausgespannt, auf der ein schier unwirkliches Bild von der Prinzessin und dem Herzog zu sehen war, sehr einfallsreich und überaus hübsch. Überhaupt, wieviel Einfallsreichtum hatte man letzten Samstag nicht entwickelt! Ich habe ein Transparent gesehen, von dem man behauptete, es sei aus der Festnummer der »Dags-Avisen« »Dags-Avisen«: kleine, gesellschaftskritische, radikale Zeitung, im November 1878 von V. Secher gegründet und 1886 mit der oppositionellen Zeitung »Morgenbladet« verschmolzen; das Blatt wurde in bürgerlichen Kreisen unter der verhöhnenden Bezeichnung »Das-Avisen« (»Klo-Zeitung«) belegt. ausgeschnitten worden; in der Köbmagergade prangte eine Gruppe tropischer Pflanzen, die eine Niobe-Büste Niobe-Büste: Gestalt der griechischen Mythologie, Tochter des Tantalus, Ehefrau des Königs von Theben, dem sie zwölf Kinder gebar. Ihr Übermut über dieses Mutterglück weckte Apollons und Artemis' Zorn. Sie töteten zur Strafe alle Kinder mit vergifteten Pfeilen. Auf Niobes Bitte hin verwandelte Zeus sie danach in einen Stein. umgaben, und die Britische Bibelgesellschaftilluminierte in der Frederiksberggade eine Riesenbibel! »Die Bibel?«, fragen Sie. Ganz sicher die Bibel zwischen einer Tanne und einer Fastnachtsrute. Einige meinten, das sei ein Symbol, andere wiederum, es sei Werbung. Wir sind ja aber noch immer in der Östergade, gnädige Frau, und wir fahren Schritt für Schritt. Überall strahlend helles Licht, nicht der Lichtschein, der die Nacht zum Tage macht – übrigens eine dumme Redensart, dies, die Nacht zum Tage zu machen! – Nein, ein blendendes Meer wogender Lichter, deren Strahlen sich brechen, während sie alles liebkosend verschönern: die Umrisse der Häuser, die sie uneinheitlich, unruhig und im wechselnden Schein verändern, die Gesichter der Menschen, auf die sie die kurze, betörende Schönheit des Lichtes legen. Um uns der Lärm der trampelnden Füße auf der Steinbrücke, lautes Gespräch, Ausrufe des Verwunderns, »Guten Abend!« und »Auf Wiedersehen!« … Kopenhagen muß eine große Stadt sein, daß sie in ihren Mauern so viele Menschen beherbergen kann, diese vielen tausend wogender Köpfe; ich versuche, die Hüte zu zählen, gebe aber schnell auf – es hieße, in ganz Kopenhagen eine Volkszählung durchzuführen. Wir erreichen Kongens Nytorv. Wie soll ich Ihnen beschreiben, wie der schneebedeckte Platz sich ausnahm, von unendlich vielen Fackeln, Feuern und Lichtern überstrahlt! Schließe ich die Augen und lehne mich im Stuhl zurück, erblicke ich noch die erhellten Reihen der Häuser, die russische Gesandtschaft, in deren Säle die mächtigen Lüster angezündet waren, das Hotel d'Angleterre, dessen schlichte Regelmäßigkeit so wohl tat. Inmitten dieses Lichtermeers ließ Etatsraad Meldahl Etatsraad Meldahl: der Architekt Fr. Meldahl (1827-1908) war von 1873-1890 und 1899-1902 Direktor der Kunstakademie. Der Titel »Etatsraad« wurde bis 1909 vergeben; in der Rangfolge war er der 3. Klasse, Rang 3 zugeteilt, in der u.a. die Leiter der königlichen Oberbehördeneingereiht sind (z. B. heute noch: Rektor der königlichen Akademie der schönen Künste, Universitätsrektoren, Reichsarchivar, Reichsbibliothekar, Direktor des Königlichen Theaters, Oberste). die Kunstakademie unbeleuchtet, dunkel wie ein melancholisches und häßliches Mausoleum, und Kammerherre Fallesen Kammerherre Fallesen: der ehemalige Offizier M.E. Fallesen (1817-1894) war von 1876-1894 Direktor des Königlichen Theaters. Der Titel »Kammerherre« wird auch heute noch vergeben; in der Rangfolge ist er der 2. Klasse, Rang 5 zugeteilt, in der u.a. die Richter des Höchsten Gerichtshofs(Højesteret), Staatssekretäre, Generalstaatsanwalt, Oberbürgermeister in Kopenhagen, die Bischöfe, Generalmajore und Konteradmiräle eingereiht sind. begnügte sich damit, auf dem Dach des Nationaltheaters für Hymenaios Hymenaios: in der griechischen Mythologie Gott der Ehe. ein Opferfeuer zu entzünden; er hat das herrliche Gebäude gerade so viel beleuchtet, daß man seinen Schemen erkennen kann. In diesem Augenblick fährt der König zum Schloß. Eine Abteilung Reiter schafft Platz, dann kommt die Majestät in einem geschlossenen Wagen, von berittener Polizei geleitet. Die Menschen entblößen ihre Häupter und grüßen mit lauten Zurufen, während der König heftig bewegt mit der Hand grüßt. Die Menge folgt der königlichen Equipage. H. und ich verzichteten darauf weiterzufahren und gingen zu Fuß nach Amalienborg. Im Palast des Königs war es dunkel, aber »das Pferd« Das Pferd«: die Reiterstatue Christians V. auf Kongens Nytorv, von A.C. L'Amoureux, 1687. war mit Gas erleuchtet, und am Ende der Frederiksgade lag die Jütlandsfähre »Brage«, mit Flaggen geschmückt. Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie wissen, daß ich für das Theater schwärme, und so wie das Dampfschiff dalag, von Gasfackeln beleuchtet, zur Parade, hinter einem Eisengitter, erinnerte es mich unwiderstehlich an die Bühnendekoration von »Die Welt in achtzig Tagen«. »Reise um die Erde in achtzig Tagen« (»Jorden rundt i 80 Dage«): Dramatisiertes Reisemärchen mit Gesang und Chor, bearbeitet von Erik Bøgh, nach der französischen Dramatisierung von Jules Vernes berühmten Roman (1873). Dieses große Ausstattungsstück wurde von 1876-1898 ganze316mal im Casino aufgeführt! Die Handlung folgt dem exzentrischen englischen Gentleman Phileas Fogg, der, von seinem französischen Diener Passepartout begleitet, in einem spannenden Kampf die Wette gewinnt, die er mit den Freunden seines Klubs eingegangen ist, um die Weltreise in achtzig Tagen durchzuführen. Das Ganze war so theatralisch, daß es mich fast abstieß; aber ich wandte mich ab und sah zu den Fenstern des Königs hoch. Es war Prinzessin Thyras Kammer, dort im Zwischengeschoß. Wie viel könnten diese Mauern doch von ihrem Leben erzählen, für die der Salut nun vom Schloßplatz her erdröhnt, ein glückliches, sonniges Leben, voll Liebe. Oft werden die Gedanken der Herzogin von Cumberland in dieser Umgebung, die den Hintergrund in der Welt ihrer Jugend und ihrer Jugendträume bildete, verweilen. Es ist so merkwürdig, daß man oft mitten in einem Fest so wehmütig wird. Auf dem Gammeltorv war das Gedränge unbeschreiblich; ein Gewimmel von Menschen aller Schichten, Kinder, die schreien und kreischen, was man verstehen kann, da man auf sie tritt; Damen, die von ihren Brüdern und Ehemännern getrennt werden; Männer, die sich schlagen, um weiter zu kommen, und die deswegen weder vor- noch zurückkommen; junge Laufburschen, die sich mit Absicht an die Damen drücken und sich dann entschuldigen; Damen mit Herren und Damen ohne Herren, Dienstmädchen, die nur mal kurz hinunter gingen, mit Schlappen, die sie verlieren, an den Füßen, und Schals um den Kopf; Labane, die schlimme Witze erzählen; ältere Bürger mit ihren Ehefrauen; füllige Damen mit vielen Blumen auf ihren Hüten; Studenten mit jungen Mädchen am Arm. – »Gott, Mikkelsen, mein Hut!« … »Meine Überschuhe bleiben hängen!« … »Oh, die Pferde!« … »Ich sterbe!« … »Laß uns weitergehen!« … »Es lebe die Pressefreiheit!« Welches Durcheinanderreden, welches Gedränge; man wird gedrückt, gepufft, gestoßen, geschlagen, bedrängt, zur Seite geschoben. In solchen Augenblicken verliert die Masse ihr Bewußtsein, ihren Willen und zugleich ihre Handlungsfähigkeit. Ich mußte an einen Pferch denken, den man mit zu vielen Schafen bestückt hat: die Tiere stehen willenlos da und blöken, während sie sich ohne Plan stoßen. – Der Springbrunnen Der Springbrunnen: Gemeint ist der Caritas-Brunnen auf Gammeltorv, eine der schönsten Kopenhagener Erinnerungen an die Renaissance. Christian IV. ließ ihn 1608 errichten, um den Bürgern den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen und zu erleichtern. war unbedingt der Glanzpunkt der ganzen Veranstaltung; seine Strahlen krümmten sich im Fall dicht aneinander, und das Wasser fiel in einem schmucken Bogen wie ein wallender Schleier, den der Wind erfaßt und aufbläht. Und trotzdem mußte ich an die Zauberfontäne Professor Mellinis Professor Mellini: eigentlich Herman Mehl (1843-1923) war ein seinerzeit bekannter deutscher Zauberer, der seine sogenannten Wunderfontänen unter anderem in Skandinavien zeigte. in Tivolis Zirkustheater denken. Sie lachen, gnädige Frau? Wie gesagt, es ist nun einmal mein unglückliches Schicksal, in der Natur das Theater zu sehen und nur das Theatralische in einer festlichen Veranstaltung. Man erzählt von Laube, Laube: Heinrich Laube (1806-1884): Ab 1829 Studium der Literaturgeschichte in Breslau. Seit 1830 Hauslehrer, sympathisiert mit den Ideen der französischen Julirevolution. 1832 Redakteur in Leipzig(»Zeitung für die elegante Welt«). Wegen seiner politischen Ansichten 1834-1835 im Gefängnis.1837 verurteilt das Berliner Kammergericht Laube zu 7-jähriger Festungshaft, von denen er 18 Monate in Bad Muskau verbringt. Seit 1840 wieder in Leipzig, beginnt Laube, Theaterstücke zuschreiben, u.a. »Struensee«. 1849 wird Laube zum künstlerischen Direktor des Burgtheaters in Wienberufen; dieses Amt kündigt er 1867 wegen Differenzen mit dem Intendanten Friedrich Halm. daß er, als er das erste Mal von Capri aus die Küste Neapels sah, in die Worte ausbrach: »Welch schöne Dekoration!« Ohne vergleichen zu wollen, ergeht es mir übrigens fast wie Laube. Die Masse wird mit Gewalt auf die Seite geschoben: Es muß für eine Droschke Platz geschaffen werden. Die Leute schimpfen auf den Polizeidirektor, der zuläßt, daß gefahren wird. Eine Dame von einem der Theater macht eine Fahrt. Die Dame hat es sich im Wagen an der Seite eines Herrn gemütlich gemacht und betrachtet herausfordernd die Menge, über deren Häupter ein vibrierendes, unartikuliertes Summen wogt, eine ungemütliche Mischung von Rufen und Wörtern aus der Menge und Pfui-Rufen. Bemerkungen gehen durcheinander, Wörter treffen sich, faule Witze fallen in Massen. Drüben vom Rathaus hört man einzelne Tonfetzen des Hochzeitsmarsches »Die Hochzeit auf dem Wolfsberg«; Die Hochzeit auf dem Wolfsberg«: »Bröloppet på Ulfsåsa«, romantisches Schauspiel, 1865, des schwedischen Dramatikers Frans Hedberg (1828-1908). Musik von August Södermann (1832-1876). es klingt fast wie einschwaches Echo, das nur die Hälfte der Töne zurückzuwerfen vermag. Eine Dame fällt in Ohnmacht, aber glücklicherweise hat sie nicht genügend Platz um hinzufallen. Man drängt jedoch nach vorne, um sie fortzutragen, und ich werde von dem zusammenlaufenden Haufen hochgehoben. Den Ruf »Feuer« hört man vom Marktplatz; der Ruf schwillt an und wird wie der Schlachtruf der Vorposten weitergetragen, und tatsächlich fährt in schneller Fahrt eine Feuerspritze mitten durch die Menge, die in einem Gefühl, unbestimmt wie alle Gefühle der Massen, die nur Instinkte sein können, daß man hier Platz schaffen muß, zur Seite weichen. Die Feuerspritze streift die Droschke, in der die Schauspielerin mit beleidigtem Blick sitzt, einem Blick, der deutlich verrät, daß sie es als persönliche Beleidigung betrachtet, wenn es in der Stadt brennt und sie deswegen der Feuerspritze ausweichen muß. Ich drehe mich um, um nach H. zu sehen, aber er ist verschwunden; er wollte in der Nähe Balduin Dahl Balduin Dahl (1834-1891): dänischer Dirigent, 1872 Nachfolger von H.C. Lumbye im Tivoli. hören, und, wie er mir später berichtete, gelang ihm dies auch. Unterwegs verlor er doch tatsächlich seinen Hut, und ein wohlwollender Mitbürger stahl seinen Geldbeutel; er aber kümmerte sich nicht darum; er war zur Rathaustreppe Rathaustreppe: Das Rathaus befand sich bis 1902 im Domhuset (heutiges Byret) auf dem Nytorv. Erst 1902 wurde es an der heutigen Stelle bezogen. gelangt, und das war es, was er wollte. Wenn wir, gnädige Frau, für die großen Aufgaben, die wir oft für die kleinen auf uns nehmen, auch so viel Kraft verwendeten, könnten wir alles erreichen; aber wir modernen Menschen setzen für unsere kleinen Liebhabereien so viel aufs Spiel, daß nichts Großes mehr übrig bleibt, um es dem zu opfern, was wirklich ein Opfer wert ist. Ich rettete mich ins Café Peter à Porta Café à Porta: Bekanntes Kopenhagener Café Ecke Nygade/Gammeltorv, 1862 von dem Schweizer Peter à Porta begründet; nicht mit dem gleichnamigen Café am Kongens Nytorv (Hotel d'Angleterre)zu verwechseln, das von Stephan à Porta, einem Schweizer Konditor, der 1857 nach Kopenhagen einwanderte, gegründet wurde. – es war so voll, daß die Gäste so eng wie Heringe im Faß nebeneinander saßen und die Kellner sich kaum durch das Durcheinander von Tischen, Stühlen und Hockern, die im Wirrwarr umgestürzt waren, drängen konnten. Und alle diese Leute reden von ein- und demselben: dem unbeleuchteten Nationaltheater und der Kunstakademie, den tausend Lichtern des Magasin du Nord »Magasin du Nord«: ursprünglich Weißwarengeschäft an Kongens Nytorv, 1871 von den Großhändlern Wessel und Vett in dem Gebäude des alten Hotels »Hôtel du Grand Nord« eingerichtet. Das Geschäft trug den Namen der Gründer Wessel und Vett. 1878 (im Jahr dieser Skizze) fügten die Besitzer nach Pariser Vorbild den Namen »Magasin du Nord« hinzu, an das sich die Kopenhagener nur sehr schwer gewöhnen konnten. und von der Bibel. In einer Ecke saßen zwei Folketingsabgeordnete und tuschelten über die letzte Ledreborg-Wahlveranstaltung; Ledreborg: Lehnsgraf Johan Ludvig Holstein-Ledreborg (1839-1912), dänischer Politiker, der kurze Zeit im Jahre 1909 Konseilspräsident (»Ministerpräsident«) war. einpaar Schauspieler erzählten von einem neuen Skandal, aber alle anderen hatten es nur von der Festbeleuchtung. Und mit welchem Ernst diskutierte man nicht diese Bagatellen? Alles in der Welt, gnädige Frau, ist wirklich relativ, und es gibt nichts Großes oder absolut Kleines, dies habe ich am letzten Samstag im Peter-à-Porta-Café gelernt. Es war an der Zeit aufzubrechen, um wieder nach Hause zu kommen. Wir gingen die Vestergade entlang zum Halmtorvet. Halmtorvet: bis ca. 1900 Name des heutigen Rathausplatzes. Der Platz war voll von Menschen, deren Gesichter vor Kälte blau waren; man stand da und stampfte auf den Boden, um die Wärme zu halten; hin und wieder begann eine kleinere Gruppe »Den tapre Landsoldat« »Den tapre Landsoldat«: Lied (1848) von Peter Faber aus dem dreijährigen Krieg 1848-1850. zu singen; manchmal macht die Langeweile die Leute patriotisch. Dahinter lag »Boulevarden«, wo man gegen ein Eintrittsgeld von 50 Öre einen Platz erhielt, von dem aus man nichts sehen konnte, aber trotzdem hatten einige Tausend Menschen von dem guten Angebot Gebrauch gemacht. Vor uns prangte Tivolis prachtvoller Prunk – leichte, luftige Lichtbögen, wie das Schloß einer Fata Morgana, das in Wolken schwebt. Der Himmel, der grau und schwer über der Stadt lag, erhielt von diesen Tausenden von Lichtern und Flammen einen Widerschein wie von einem riesigen Scheiterhaufen, einer unermeßlichen Feuersbrunst; oder man wurde eher an den glühenden Himmel einer Julinacht erinnert, wenn man nicht weiß, ob es die Morgenröte ist, die heraufzieht oder die Abenddämmerung, die gerade schwindet; es sieht aber aus, als zöge am Horizont der Hauch der Morgenröte auf. Jetzt aber waren es die Fackeln des Brautzuges der Königstochter, die den Himmel erröten ließen. Ein Regen von Raketen steigt aus Tivoli auf. – »Sie kommen, sie kommen!« Weiter drüben auf dem »Halmtorvet« wurden die Rufe lauter und lauter – die Luft erbebte, von den unaufhörlichen Rufen bewegt und in sich kreuzende Ströme versetzt, eher jedoch ein brausendes Murmeln, ein lauter, gesammelter Schrei als eigentliche Rufe. Man drängte sich vor und zurück, man wurde gestoßen, man kämpfte. Außerhalb des Industrieausstellungsgebäudes konnte man letzten Samstag ein Stückchen Daseinskampf beobachten, auf dem Servierbrett präsentiert. »Hier kommen sie!«. Der Polizeidirektor im ersten Wagen; darauf die Herren des Gefolges; König und Königin im geschlossenen Wagen, von berittener Polizei und Soldaten umringt – es sieht so finster aus, der König ist so bleich, aber es ist auch die letzte Tochter, die die königlichen Eltern aus einem glücklichen Heim fortschicken. »Jetzt kommen sie!« In der goldenen Kutsche sitzen Braut und Bräutigam, die Prinzessin mit weißem Hut und weißem ledernem Umhang über dem Brautkleid, der Herzog in einer schmucken Uniform mit einer glänzenden Reihe Orden auf seiner Brust. Um den Wagen herum erschallt die Luft von lautem Jubel. Ich drängte weiter Richtung Eisenbahn. Über das Durcheinander, das hier herrscht, machen Sie sich keinen Begriff, gnädige Frau. Man zerquetschte einander, planlos stolperte man vor und zurück, man wurde herumgewirbelt, man wurde hochgezogen und fiel wieder hin. Und so geht es zu– während aus Tausenden Kehlen derselbe Jubelruf zur Ehre eines fürstlichen Brautpaares zu hören ist, begriff ich zum ersten Mal, wie leicht Revolutionen entstehen können. Ein Funke in solch einer Volksmenge, wo nur Instinkte regieren – ein Funke, mehr bedarf es nicht. Selbst wenn sie jubelt, hat die Masse etwas Grauenhaftes an sich. Sie lächeln und meinen, Sie würden mich in dieser Äußerung wiedererkennen? Sehr gut möglich, aber ich fühlte gerade, was ich hier schreibe, und es sind ja meine Eindrücke, um deren Schilderung Sie mich gebeten haben … Im nächsten Augenblick fragte ich mich selbst, ob wir keinen Maler haben, der dieses Bild malen könnte. Wie könnten Worte diese Szene zeichnen, die Makarts Makart: Hans Makart (1840-1884), populärer österreichischer Maler von Porträts, lebensfrohen Genrebildern und historischen Motiven. Pinsel malen müßte: rundum Gesicht an Gesicht; dicke Proletariergesichter mit breiten Lippen und schweren Kinnen, das Haar strähnig in der Stirn – und dann die Hüte, ausgebeult, verfilzt, alt; Frauengesichter, jung, lächelnd, mit kleinen blinkenden Augen; alte Männer mit schlaffen Mündern und hängenden Kinnen; Damen, geschminkt, mit Seidenhüten, schmeichelnden Schleiern, Spitzenbesatz und Tüll; weiter entfernt die Husaren, das Licht der Gaslampen spielt auf den Säbeln, auf den Knöpfen, auf den Tressen der Uniformen, auf dem Zaumzeug der Pferde … Verwirrung, Lärm, ziellose Bewegung überall. Die Lokomotive pfeift; ein blendender Raketenschwarm erhellt den Himmel. – Dann wird das Gas im Bahnhofsdach abgedreht. Es ist vorbei. – Drei Stunden später ging ich durch die Straßen, es war Nacht geworden; die Häuser lagen dunkel, schweigsam, in ruhigen Massen ohne Leben da. Und nach so viel Lärm, gnädige Frau, klang nun die Stille in meinem Ohr wie liebliche Musik. – Nun, leben Sie wohl, liebe Freundin, und fröhliche Weihnachten! Wenn ich kann, schaue ich bei Ihnen nach Neujahr vorbei.   [Under Illuminationen. Morgentelegrafen 25.12.1878]   Salonleben Brief an eine Dame Ein gutes neues Jahr, liebe Freundin, und tausend Dank für Ihren letzten Brief, der so liebenswürdig war, wie Ihre Briefe zu sein pflegen, oder richtiger, genau so liebenswürdig wie Sie selbst. Aber, gnädige Frau, wenn Sie wünschen – und Ihr Wunsch ist mir mehr als ein Befehl – daß ich diesen Brief so bald wie möglich beantworten solle, wissen Sie ganz bestimmt nicht, was Sie verlangen; die ersten vierzehn Tage eines neuen Jahres bin ich nämlich immer sehr schlecht gelaunt, gereizt, verdrossen, empfindlich. Und wenn man schlecht gelaunt ist, schreibt man immer unliebenswürdige Briefe, unangenehme, bittere Episteln, wie man sie an einen griesgrämigen Pessimisten richtet, die an eine junge Dame – ja, gnädige Frau, ich sage jung, denn man ist jung, wenn man 30 Jahre alt ist! – und hübsch wie nur wenige – zu schreiben, eine Unverschämtheit wäre. »Aber warum sind Sie um Neujahr so schlecht gelaunt?«, werden Sie fragen. Dies ist ganz einfach. Nichts hasse ich mehr als Bücher aufzuschneiden, und wozu nutzen wir die ersten Tage des neuen Jahres anders als ein Buch aufzuschneiden, ein Buch, das wir nicht kennen, von dem wir aber wissen, daß wir es lesen müssen? Somit ein Buch, mit dessen Erscheinen wir leben müssen, und dessen Personen wir selbst treffen müssen. Deswegen habe ich schlechte Laune. Sie schreiben, Sie hätten Weihnachten sehr behaglich verbracht. Am ersten Weihnachtsfeiertag seien Sie in der Kirche gewesen und hätten den Probst gehört – aber übrigens, was den Probst betrifft, gnädige Frau, warum sollte ich nicht glauben, daß er schön predigte? Ich bin überzeugt, daß Hochwürdens Predigt ausgezeichnet war, doch wohl kaum so trefflich wie das Mahl der Pröbstin; ich aber schulde es auch der Wahrheit zuzugestehen, daß die Tafel des Probstes die beste ist, die ich kenne – gleich nach der Ihrigen natürlich. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hätten Sie selbst Gäste gehabt – »ein bescheidenes Mahl«. Ja, ich kenne Ihre »bescheidenen Mähler«,wo Gutsverwalter Siversenden Tisch vor dem Champagner verlassen muß, und wo Doktor Linnemann beim Nachtisch mit den Damen so spricht, wie ein Arzt spricht, wenn er gut zu Mittag gespeist hat. Und die Damen werden rot und röter – vom Wein. Ja, ich kenne Ihre »bescheidenen Mähler«. Ich war auch zum Essen eingeladen – bei Frau S. Wir waren zu sechzehnt, – eigentlich haben in ihrem Eßzimmer nur vierzehn Platz, aber da die gnädige Frau sehr gastfreundlich ist, lädt sie immer sechzehn ein, weil »es ja in der Regel ein Paar gibt, das absagt.« Dieses Mal jedoch hatten alle Eingeladenen Ja gesagt, so daß wir zwei zuviel waren … sechzehn Personen, gnädige Frau, in einem Kopenhagener Eßzimmer, von dem die Gastgeberin selbst sagt, daß nur vierzehn Platz haben, was nicht sehr bequem ist. Und dann saß ich noch neben einer Dame am Tisch, die sich beleidigt fühlte, als ich sie versehentlich mit meinem kleinen Finger berührte, und die mich dann fragte, ob ich wisse, neben wem ich eigentlich säße … Aber ich will Sie nicht mit der Beschreibung eines uninteressanten Mahls bei Frau S. ermüden. Sie ist eine Frau um die fünfzig, mager, spitz und immer schwarz gekleidet; eine Witwe, wie es sich gehört, die Martensen Hans Lassen Martensen (1808-1884): führender dänischer Theologe des 19. Jahrhunderts; 1838 Lektor für Theologie an der Universität Kopenhagen, 1840 außerordentlicher Professor, 1845 Hofprediger, 1850 ordentlicher Professor. 1849 erschien seine – international beachtete– Dogmatik(Glaubenslehre) »Den kristelige Dogmatik (deutsch 1856); 1854 wurde Martensen als Nachfolger Mynsters Bischof von Seeland. Martensen hatte in seiner Predigt in der Schloßkirche am Sonntag nach Mynsters Tod (dem 5.2.1854) diesen als Zeugen der Wahrheit bezeichnet, was heftige Angriffe durch Sören Kierkegaard zur Folge hatte, der das »offizielle Christentum«, das ihm hier beispielhaft aufzutreten schien, bekämpfte. – »Den kristelige Ethik«, deren erster Band (Allgemeiner Teil) 1871 erschien, war seine letzte große Veröffentlichung. Da das Werk überaus große Anerkennung (auch bei gebildeten Laien, siehe diesen Text) fand, veröffentlichte er in den Bänden zwei und drei den »Speziellen Teil« 1878 (deutsch 1878). hört und seine Ethik liest – auf jeden Fall liegt diese auf dem Tisch, der mitten in ihrem Wohnzimmer steht – sie hat ein Samstagsabonnement, Samstagsabonnement: ein Abonnement für die Samstagsvorstellungen des Königlichen Theaters. hat auch das »Dagbladet« »Dagbladet«: zum Zeitpunkt dieser Skizze noch die führende konservative Zeitung, von Autor und Herausgeber Vilhelm Topsøe (1840-1881) verantwortet. und »Nær og Fjern« »Nær og Fjern«: angesehenes ästhetisches Wochenblatt, 1872-1880 von dem Literaten Prof. Otto Borchsenius (1844-1925) herausgegeben. abonniert, spendet genauso viel für die Armen, daß es ihr selbst an nichts gebricht, und hat Berührung mit dem Hof; mindestens kennt sie ein paar Hofdamen … Bei dieser Dame war die Gesellschaft genauso, wie es sich gehört, wie sie selbst auch – wie es sich gehört und genauso fade. Am nächsten Abend war ich auf einem Ball. Ich hatte natürlich eine gedruckte Einladung erhalten; wenn man so reich ist wie Großhändler N., schreibt und macht man selbst so wenig wie möglich. Sie kennen Frau N., glaube ich, eine kleine, korpulente Dame, nicht unbegabt oder auf jeden Fall im Besitz der Frischheit, die bei Damen mehr als glänzenden Geistesreichtum ersetzt. Ihr Mann ist nicht so ansprechend wie sie, und die Kinder, nun die Kinder sind keine Kinder und sind es nie gewesen, obwohl die Tochter erst vierzehn Jahre alt ist. Was soll man sagen? Die heutige junge Generation hat vor allem die Eigentümlichkeit, daß sie freiwillig auf das Glücklichste von Allem verzichtet, nämlich auf ihre Kindheit. Soll sie selber aus Schaden klug werden! Wir waren auf 8 Uhr eingeladen, und ich verließ mein Zuhause deshalb kurz vor 9. Als ich ankam, boten die Diener Tee an. Die Herren standen, wie gewöhnlich, in dem einen Raum, sprachen oder flüsterten miteinander über gleichgültige Dinge, aneinander geklebt, mit blasierten Mienen mit ihren Uhrketten spielend und verstohlen in die Spiegel blickend, die ihre schlaffen Gestalten und Gesichter wiedergaben, wo die Lippen, die halb offen standen, von nervösen Zuckungen bewegt wurden. Im Salon hatten sich die Damen versammelt, oder richtiger, wurden die Damen versammelt. Sie saßen längs der Wände wie die Figuren eines Wachsfigurenkabinetts, mit mehr oder weniger roten Köpfen, mehr oder weniger fiebrig. Denn Balldamen haben mit den Schauspielern gemeinsam, daß sie, selbst wenn sie alte Hasen sind, nicht damit aufhören, vor einem Ball oder vor der Vorstellung Lampenfieber zu haben. Aber man läßt sich das natürlich nicht anmerken: Man lacht, ein kurzes trockenes Lachen ohne Klang, man lächelt, man spricht laut, … dann und wann greifen die Finger nervös um den Fächer, während die Hände in den Handschuhen klamm sind … Alle zwei Minuten wird die Tür zu dem vorderen Zimmer geöffnet, und eine junge Dame kommt herein: der eine oder andere Neuling, der sich fürchtete, zu früh zu kommen, mit gesenkten Augenlidern und allzu zerknülltem Taschentuch mit groß eingesticktem Namen. »Wenn man solche Taschentücher hat, liegt die Konfirmation nie lange zurück«, flüstert ein kleiner Leutnant zur See. Seine Schulterstücke glänzen überaus … wenn man solche Schulterstücke trägt, ist es noch nicht lange her, daß man zum Leutnant befördert wurde. Dann kommt Fräulein T. auf Kinderart gekleidet: mit kurzem Kleid und Gürtel um die Taille. Sie »will für diese Art von Mode die Bahn brechen«. Es ist scheußlich, mit Schleppe zu tanzen, und außerdem hat die junge Dame einen sehr hübschen, festgeformten kleinen Fuß und einen wunderlich verdrehten Knöchel … es ist immer angenehm, eine gute Tat zu vollbringen, gnädige Frau, besonders wenn sie die eigenen Vorzüge ins beste Licht setzt. Die Söhne des Hauses verziehen sich indessen mit einigen Herren, die vorgestellt werden sollen. Man beginnt, Geschäfte abzusprechen, man intrigiert, man bedauert, man laviert. Und währenddessen drängen sich die Diener mit den Tabletts durch. Die Damen sehen verführerisch aus, – Damen sehen immer verführerisch aus, bis ihre Ballkarten voll sind; die Herren verbeugen sich, grüßen, plaudern. Alle strömen im innersten Zimmer zusammen, das so voll ist wie das Foyer bei der Premiere. Die Damen setzen sich. Das Licht der Lüster gibt ihren entblößten Büsten seinen eigenen Schein – weiß, elfenbeingleich. Die Männer, die über ihnen gebeugt stehen, lassen ihre Augen der Rundung des Halses und der Brust folgen, Juwelen und Ketten schaukeln an den Hälsen und betonen die weißen Schultern. Der Schein des Lichtes verschönert alles, die errötenden Züge, die aufgerissenen Augen, deren Umgebung so ungewöhnlich dunkel ist, die runden Arme, die halb von langen Handschuhen bedeckt sind; es glitzert im Glanz all dieser Seidenkleider in allen Farben, all dieses Gold, all dieser Schmuck und all diese verschiedenfarbigen Bänder. Die Fächer sind in dauernder Bewegung. – Dann wird zum Tanz geklatscht. Der erste Tanz, gnädige Frau, oder besser die ersten Tänze gleichen Trauerzügen. Die Alten, die zusehen wollen, drängen sich musternd in die Türen, und das Ganze sieht aus wie ein Spießrutenlaufen, eine Generalvisitation. An und für sich ist es eine ziemlich gemischte Gesellschaft. Einzelne junge Adlige, blond, groß, mit gebeugtem Rücken; sie stemmen ihre Klapphüte an die Hüfte und lehnen sich mit dem anderen Arm an die Wand, als hätten sie Angst zu fallen; dann und wann verbergen sie ein Gähnen hinter der Hand, während ihre Blicke aufdringlich umherschweifen und ihre Konversation so unverschämt wie möglich ist. Die Damen sind im Großen und Ganzen recht überheblich, gnädige Frau – sie entschuldigen allzu leicht Beleidigungen, wenn sie nicht allzu offensichtlich sind, und sie bedenken nicht, was sie verlieren, wenn sie diese dulden. Eine leichte Berührung, ein einziger Blick kann zu solch einer Beleidigung werden – aber vielleicht bemerken die Frauen dies nicht … Außerdem waren etliche Studenten da, kleine Menschen mit aufgebürstetem Haar, abgebissenen Fingernägeln und Schillerkrägen; ein paarjunge Künstler mit tief ausgeschnittenen Hemden und kleidsamen Seidentüchern, in Knoten gebunden; einige Freunde des Hauses, Söhne reicher Leute aus der Finanzwelt, nervöse Personen mit bleichem Teint und dünnem Haar, im Nacken geteilt, strammen Hosen und glatten Hemden mit einem Einsatz aus feinstem Leder. Die Damen sind genauso unterschiedlich … Sehr junge Mädchen in Kleidern aus feinem weißen Baumwollstoff, die schlecht sitzen; eine einzelne fordernde Schönheit, die, wenn sie tanzt, was sie nur selten tut, da sie sich nur »zur Konversation einladen« läßt, wirft die Schleppe über ihren Arm; ältere Damen – mit 22 Jahren! – in bunten Seidenkleidern und mit Mundwinkeln, die herabhängen, als hätten sie es satt zu lächeln; größtenteils 20jährige Mädchen in Tarlatan, Tarlatan: sehr leichter, glatter Baumwollstoff, locker gewoben, meist einfarbig. Nicht waschbar, preiswert. Wurde meist für Ballkleider benutzt. der wie Wellen um ihre Figur fällt und der alles hervorhebt und viel verbirgt … Die Luft wird stickiger und heißer. Die Melodien des Klaviers, das von einem dicken, leutseligen Mann mit jüdischer Physiognomie gespielt wird, dessen kleine fette Finger über die Tasten hüpfen, sind süßlich, schläfrig, einlullend. Mitten auf dem Tanzboden tanzt ein einzelnes Paar, und beim Betrachten ihrer Bewegungen kommt einem der Gedanke an Schafe, die an Drehschwindel leiden. Es ist gegen 11 Uhr. In den Nebenzimmern spielt man Karten. Ein alter General, den man gebeten hat, das Ganze »zu schmücken«, spielt in einer Ecke des Wohnzimmers Écarté Écarté (franz.): Kartenspiel für zwei Personen. Jeder hat fünf Karten, die elfte Karte ist Trumpf, der Rest zum Kaufen. mit einigen Etatsräten, Etatsraad (»Staatsrat«): Der Titel »Etatsraad« wurde bis 1909 vergeben; in der Rangfolge war er der 3. Klasse, Rang 3 zugeteilt, in der heute u.a. die Leiter der königlichen Oberbehörden eingereiht sind (z. B: Rektor der königlichen Akademie der schönen Künste, Universitätsrektoren, Reichsarchivar, Reichsbibliothekar, Direktor des Königlichen Theaters, Oberste). Börsenleuten mit roten Nasen und dickem Bauch. Gute Abendessen, gnädige Frau, sind die Triebfedern unseres schlappen Geschäftslebens, und außerdem ist es ungemein modern, im privaten Umfeld zu trinken – aber es stimmt, in dieser Hinsicht ist man in R.-Holm R.-Holm: vermutlich fiktiv. auf dem Laufenden … Die älteren Damen sitzen zusammen und haben göttlichen Spaß daran, über die jungen herzuziehen. Vom Ballsaal hört man undeutliches Summen, das durch die schwere Luft wogt, sich mit den Tönen des Klaviers vermischt, wo man die »Tarantel« »Tarantel«: richtiger: Tarantella, ein neapolitanischer, aber wahrscheinlich ursprünglich tarentinischer Tanz, wenn man nicht annehmen will, daß er seinen Namen von der Tarantel erhielt. Die T. hat eine äußerst geschwinde Bewegung (presto) und steht im 3/8- oder 6/8-Takt. Wie alle andern Tänze ist auch die T. von der Kunstmusik aufgegriffen und eine Lieblingsform brillanter Solostücke (für Klavier, Violine, Cello etc.) geworden. [Tarantella. Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905)]. spielt. Man wird bald zu Abend speisen. Sind Sie schon einmal im Zoologischen Garten gewesen, gnädige Frau, gegen 5 Uhr, wenn die Tiere gefüttert werden müssen? Natürlich sind Sie dort gewesen. Im Ganzen gesehen gibt es nur wenige Orte, wo man eindringlichere Studien menschlichen Lebens als in einem zoologischen Garten machen kann, weswegen ich auch über ein Abonnement für den unsrigen verfüge. Sie lachen? Kennen Sie nicht die Geschichte von Kapitän P.? Er ist ein sehr geistreicher Mann, ungewöhnlich begabt, kann ich Ihnen versichern. Er war letztes Jahr in Paris und hielt sich dort drei Wochen lang auf … Als er zurückkam, ging ich zum Bahnhof, um ihn abzuholen. Ich brannte darauf, seine Meinung über Paris zu hören, wie er sich vergnügt hatte und welchen Eindruck die Stadt an der Seine auf ihn gemacht hatte. »Ja«, sagte er, »die Boulevards kann man nicht beschreiben, und der ›Jardin des plantes‹ »Jardin des plantes«: Botanischer Garten in Paris; im 5. Arrondissement gelegen. Er wurde 1626 als Königlicher Heilkräutergarten angelegt und 1635 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er umfaßt heute 23,5 ha. ist einmalig.« – »Jardin des plantes?« »Ja.« »Und sonst?« »Sonst?« Tatsache war, daß er von Paris nichts anderes gesehen hatte: Die Tage hatte er im »Jardin des plantes« zugebracht und die Nächte auf dem Boulevard. Trotzdem behauptete er, er habe Paris gesehen. Sie meinen, der Mann habe sich töricht verhalten? Vielleicht – ich weiß es nicht. – Aber nun wollte ich etwas zu dem Ball bei N. sagen – was war es doch? – ja, gewiß, jetzt fällt es mir wieder ein. Man würde bald das Abendessen einnehmen: man merkte es von selbst – außerdem beginnen die Diener geschäftig umherzuwuseln, und in den anderen Zimmern klirren schon Gläser und Teller. Dieser Augenblick auf einem Ball erinnert mich immer an die 5-Uhr-Zeit im Zoo. Die Tiere werden unruhig, sie schnauben, sie wandern im Käfig auf und ab – es ist nicht diese leidige Unruhe, die sie vor einem Unwetter ergreift, sie verkriechen sich nicht, und sie heulen nicht – nein, sie schnüffeln nur und brummen – vor allem brummen. Und über die Gäste, die seit zwei Stunden auf das Abendessen gewartet haben, kommt gegen 12 Uhr dieselbe Unruhe, eine frohe, erwartungsvolle Bewegung. Man trippelt unwillkürlich von einem Fuß auf den anderen, man kann nicht ruhig bleiben, die jungen Adligen hören auf zu gähnen … es herrscht ein so wunderliches Murmeln im Saal … In allen Zimmern ißt man an kleinen Tischen, drei, vier Paare an jedem Tisch. Alle sind guter Dinge, fröhlich, erwartungsvoll. Nun erkennt man eigentlich die Gesellschaft am besten; sie hat sich in Schichten geordnet – in unserem gesellschaftlichen Leben gibt es immer noch die Kastenordnung, gnädige Frau, aber nirgendwo zeigt es sich stärker, als wenn man an kleinen Tischen auf einem Ball ißt. – In jener Ecke befinden sich die Studenten: Sie essen viel und probieren alles, vielleicht ist da einer, der noch nicht zu Abend gegessen hat, vielleicht, ungeachtet dessen, daß das Haus sehr reich ist. Aber Studenten können »so mitlaufen«, selbst wenn sie in einer Mansarde oder einem Wohnheim wohnen. Je heißer man vom Wein wird – und die Diener füllen ununterbrochen die Gläser mit Chablis und Madeira nach – desto undisziplinierter wird die Stimmung an diesem Tisch; Minervas Söhne versuchen, eine Art Samstagssause mit Damen zu veranstalten, und was die Damen betrifft, sind sie jung, genauso jung wie ihre Kavaliere. Die Studenten trinken auf ihre Gesundheit, jeder auf die Gesundheit »seiner Dame«, auf die »alte und doch ewig junge« Union, »Die alte und doch ewige Union«: Die Begeisterung der Akademiker der 1840er Jahre für einvereintes Skandinavien war zur Zeit Bangs noch immer lebendig, besonders bei den konservativen Gruppierungen innerhalb der Studenterforeningen. auf die Jugend – kurz gesagt, gnädige Frau, man trinkt ex, während die Damen einander zulächeln und sich dann und wann mit dem Fächer bewaffnen, mit ihrem Glas für alle Dummheiten, für die man selbst in unserer Zeit sein Glas leert, wenn man ungefähr zwanzig Jahre alt ist und viel Chablis getrunken hat. Oder sind das vielleicht keine Dummheiten? … Drinnen im Kabinett geschieht mehr als sich gehört. Dort hat sich die Noblesse um einen Diwantisch geschart. Die Damen speisen in Handschuhen, beschränken sich im übrigen aber hauptsächlich darauf, die Speisen anzuschauen und von einer kulinarischen Neuheit, einer Art Pudding aus gekochtem Reis, geräucherter Ochsenzunge und Trüffeln zu kosten – einem sehr feinen Gericht, gnädige Frau, das Doktor Linnemann gewiß beglücken würde. Wissen Sie übrigens, wie überaus gemütlich es ist, an kleinen Tischen zu essen? Man sitzt in der Regel auf allen möglichen Stühlen – Lehnstühlen, Diwanstühlen, Liegestühlen. Das ist sehr gemütlich, versichere ich Ihnen, es macht den Umgang freier: Der Herr kann sich so schön an den Arm auf dem Stuhl der Dame lehnen, und sie kann zurückgebeugt sitzen, fast liegen – wie Sarah Bernhardt Sarah Bernhardt (1844–1923): Französische Schauspielerin, deren Debüt 1862 war. War weltberühmt in ihren Rollen in »Hamlet« und »Die Kameliendame«. Sie bevorzugte Männerrollen. auf dem Gemälde Clairins. Clairin: Jules Victor Georges (1843-1919), franz. Genre- und Porträtmaler, geb. 1843 zu Paris, Schüler von Picot und Pils, besuchte die École des Beaux-Arts, wo er sich besonders an Regnault und Théophile Blanchard anschloß, an deren Arbeiten er sich beteiligte. Zu seinen Hauptwerken gehören: eine Szene aus der Konskription von 1813 (1866), eine aus der spanischen Revolution von 1868, die Abencerragen in Granada, ein arabischer Märchenerzähler in Tanger und ein meisterhaftes Porträt der Schauspielerin Sarah Bernhardt. Dieses Porträt von 1876 stellt die Diva in vollem weißem Staat, auf einem weichen rotbraunen Sofa zurückgelehnt, dar. Und wie doch dieser Teil von Frau N.s Gesellschaft – Frau N.s sage ich, denn in Wirklichkeit ist sie es, die die Gesellschaft gibt, ihr Mann trinkt mit Etatsraad B. Sherry – es versteht, sich alle Vorteile zunutze zu machen. Baron L. legt seinen Arm auf den Rücken von Fräulein T.s Stuhl, leicht, geradezu zufällig; dann beugt sie sich zurück, leicht, natürlich zufällig: Die weiße Hand des Barons mit ihren langen Fingern berührt einige Sekunden lang mit sanftem Druck ihren blendenden Hals; sie sieht auf – ein kurzes feuriges Aufleuchten – und unterdessen plaudert man über gleichgültige Dinge und tut dies, ohne rot zu werden … gnädigste Frau, ich glaube fast, die Kyrenaiker Kyrenaiker: die Anhänger des Aristippos von Kyrene (435-355 v.Chr.) bildeten eine philosophische Schule, die ein Vorläufer der Hedonisten war. Ihr Grundsatz war, Genuß zu suchen und Schmerzen zu vermeiden. Dies bedeutet jedoch keine hemmungslose Jagd nach Vergnügen und Luxus. Im Gegenteil weist Epikur (341-270 v.Chr.) auf ein nachdenkliches und ruhiges Leben als den besten Weg, das höchste Gut zu erreichen, hin: ein Dasein ohne Schmerz. hatten Recht! Aber es stimmt, Sie haben ja nicht Philosophie studiert und kennen weder Aristippos noch seine Schule, Philosophen, die lehrten, Genuß sei das Ziel des Lebens, und die die Tage zu einer Folge lusterfüllter Minuten machten. Direkt gegenüber Baron L. sitzt ein fremder Legationssekretär, Legationssekretär: Zur Zeit Bangs jüngerer Mitarbeiter der Gesandtschaft eines kleineren Landes auf Leitungsebene. roten Kopfs, mit diesem merkwürdigen gestreiften Teint, den man bei wettergegerbten Fischern und bei alten Junggesellen sieht, die ihre gealterten Körper die Leichtsinnigkeiten der Jugend tragen lassen … Herr de Z. versuchte, mit Puder dafür zu büßen, aber um so viele Falten zu überdecken, reicht Puder nicht. Die großen Tränensäcke unter den Augen sehen aus, als wären sie mit Wasser gefüllt, und die Augen sind selbst im Weiß rot – es soll für die Augen sehr ungesund sein, über den grünen Tisch gebeugt zu sitzen, Nacht für Nacht. Die Figur ist tadellos, mit breiten Schultern, das weiße Hemd betont die gebogene Brust. Und doch wird die Gestalt dieses alten Junggesellen von einem Anflug des Alters und der Zerstörung des Alters überschattet. Man darf keine Philosophie predigen, die nur für die Jugend gilt: Aristippos hatte trotzdem Unrecht! Man kommt zum Champagner. Die Korken knallen – die flachen Champagnerschalen werden gefüllt. Es ist eine eigentümliche dichte Hitze in den Räumen. Die Luft ist warm, fast schwül – die Hitze brütet, und die Fächer der Damen, die sich vor- und zurückbewegen, bringen nur die aufgeheizte Luft in wogende Bewegung, der Luftstrom kühlt nicht die glühenden Wangen … Man klatscht zum Tanz. Der kleine leutselige Pianist hat auch Champagner getrunken. Man merkt es an seinem Spiel: lauter Melodien von der Straße, Melodien, deren Wörter in dieser Gesellschaft nur geflüstert, leise gesummt werden können. Aber die Herren kennen sie und sie fühlen sich angefeuert, und die Damen fühlen, wie sie von den Armen der Männer umschlossen werden … Die Luft ist schwer, gesättigt vom Duft der Parfums und Essenzen, der gesamte Pinaud-Katalog Pinaud-Katalog: Katalog der alten französischen Parfumfirma Pinaud. hat diesen Saal mit seinem berauschenden oder erstickenden Dunst erfüllt, und die Lichter und der Schweiß und der Weingeruch, der durch die Türen von den anderen Zimmern her eindringt … Jetzt tanzt man. Es sind viele Paare auf der Tanzfläche. Die Damen schwingen sich hin und her, während sie in wiegendem Tempo tanzen, sich leicht an die Schultern der Herren lehnen, die Augen gesenkt, manchmal legt brennende Röte einen kurzen glühenden Schein auf die blendenden Hälse, wo Edelsteine unruhig in ihrer goldenen Fassung zittern … Welches Licht, welche Farben in diesem wunderlichen Gemälde! Man lächelt, man erbebt, die Damen gleiten gleichsam in die Arme der Herren; man zittert, man drückt leicht eine fieberheiße Hand, die Herren führen wie im Laufschritt, die Figuren neigen sich zueinander … All dies begleitet vom Lärm der Schritte der Tänzer, von den Tönen einer verwirrenden Melodie – zwischendurch hört man einen einzelnen lauten Ausruf, ein Lachen, einen einzelnen laut gesagten Satz … Aber leider, gnädige Frau, kann Ihnen meine Feder nicht alles wiedergeben! – Der junge Mann dort, mit dem kleinen schwarzen Schnauzer, ist immer als letzter auf der Tanzfläche. Das ist nicht verwunderlich: es ist seine letzte Nacht. Ich kenne ihn. Vor zwei Jahren kam er von Jütland hierher – geckig, wie man in Jütland sein kann, mit weißen Manschetten und einer eng sitzenden Jacke, die im Rücken nicht gut saß. Sein Vater besitzt ein Gut und ist wohlhabend. Nun, es war die alte Geschichte. Er kam zu einem Handelshaus. In heutigen Zeiten wird in unseren Handelshäusern mehr geredet als geschrieben und gearbeitet. Und worüber sprechen junge Leute, wenn sie dasitzen und am Federhalter kauen, ohne etwas zu tun zu haben? Zuletzt wollte Vilhelm K. etwas von all dem, wovon er soviel gehört hatte, sehen. Anfangs war es Neugierde, dann wurde es Gewohnheit. Dieses Leben, das so eintönig ist, kann trotzdem tausendfachvariiert werden, und nach und nach wird man Virtuose in diesen Variationen. Außerdem war Vilhelm von leidenschaftlichem Temperament, er liebte das Zwielicht, in dem ein solches Leben geführt wird, das Geheimnisvolle, das Verborgene. Ihm gefiel es, ein Lächeln entgegenzunehmen, das ihm im Schutze eines Fächers zugeworfen wurde, und das außer ihm niemand sehen konnte … Aber nun mußte er die Stadt verlassen, morgen, sagte man … Und er war immer der letzte auf dem Tanzboden. Es gibt nicht mehr zu erzählen, liebe Freundin. Kotillon Kotillon: ursprünglich französischer Gesellschaftstanz mit verschiedenen Touren, Anordnungen und kleinen Geschenken. zu tanzen ist nicht mehr modern, und die Gäste brechen deswegen eine Stunde nach dem Abendessen wieder auf. Als ich nach Hause ging, dachte ich an den letzten Sommer. Erinnern Sie sich, wie wir auf dem Waldball zusammen waren, und wie wir uns stritten, als wir nach Hause gingen? Sie sagten, ich sähe so finster auf die Dinge und beurteilte das unschuldige Vergnügen falsch. Sie werden dasselbe sagen, wenn Sie diesen Brief lesen werden. Denn was mich betrifft, glaube ich, daß die Umgebungen und die äußeren Umstände wechseln – die Menschen jedoch immer Menschen bleiben, etwas übrigens, gnädige Frau, das zum einen sehr traurig und doch zu einem gewissen Grad beruhigend ist. Leben Sie wohl, dieser Brief ist schon so lang geworden, daß ich Sie nicht länger behelligen möchte. Herzlichen Gruß von Ihrem Herman Bang   [»Selskabsliv«. Nutiden i Billeder og Text. 19. og 26.1.1879]   Gescheitertes Leben Studie Es ist still geworden. Die Frostnacht ist sternenklar und ruhig. Drüben beim Palais höre ich die einförmigen Schritte der Schildwachen. Sonst keinen Laut. Und diese Stille tut mir gut. Vielleicht ist sie ein Abbild des Todes, vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn wir kennen den Tod nicht … Ich habe das Glas auf meinen Nachttisch gestellt. Wenn der Morgen graut, werde ich es leeren und sterben. Das Gift wirkt schnell, und man hat keine Schmerzen. Die Wissenschaft, die uns so viele Wohltaten erwiesen hat, hat es uns auch leichter gemacht zu sterben. In diesen letzten Stunden will ich mit Dir, Villiam, reden, und ich möchte im Tode Dich suchen, von dem ich im Leben getrennt wurde. Unsere Wege haben sich getrennt, das mußte so sein. Warum? Ja, warum fegt der Herbststurm die welken Blätter weg? Meine Gedanken suchen Dich schon wieder. Ich sehe Deine junge Frau, Deinen pummeligen Sohn, den Du auf Deinem Knie reiten ließest. Lehre ihn alles Gute. Lehre ihn, ein Mann zu werden und das Werk eines Mannes zu tun, lehre ihn, wenn es möglich ist, vor allem, an das eine oder andere zu glauben: den Fortschritt, die Zukunft der Menschheit oder – Gott. Und wenn er zum Zweifler wird, mögen zumindest seine Zweifel zur Überzeugung werden. Denn Eure Kinder sind es, von denen die neue Zeit erschaffen wird, wenn eine neue Zeit überhaupt möglich ist. Unsere Wege haben sich getrennt. Erinnerst Du Dich noch daran, wie wir in der Schulbank nebeneinander saßen? Wir waren Freunde, Freunde wie nur wenige, und wir waren es die ganze Schulzeit hindurch. Erinnerst Du Dich an die letzte Klasse? Wie wir alle großen Probleme zwischen Himmel und Erde disputierten und diskutierten? Erinnerst Du Dich noch an das astronomische Fest, das wir abhielten, wo Du Dich so für die Wissenschaft einsetztest? Ich sehe Dich noch vor mir: Mit vor Begeisterung und Wein heißem Kopf standest Du da und schleudertest das dreiste Paradox hinaus, daß die Wissenschaft dafür dasei, die Menschen glücklich zu machen? Und wir jubelten Dir zu. Sich etwas vorzustellen, daran glaubten wir einmal. Aber wir glaubten ja so viel, besonders an das Glück. Das war zu jener Zeit … Dann wurden wir Studenten. Erinnerst Du Dich noch an den Abend? Lieder, Gespräche, die Bootsfahrt über den See, Jubel, den Spaziergang im Wald? Und dann, als wir in die Stadt zurückkamen, zogen wir herum und läuteten an allen Türen und versetzten das Schild der Hebamme. Einige Tage später reiste ich ab. Du und ein paar andere Kameraden standen auf dem Bahnsteig und winkten auf Wiedersehen, und ich schwang meine weiße Mütze – erinnerst Du Dich, daß meine Mütze weiß war? –, nickte und rief. Es war, als zöge ich aller Lebensseligkeit entgegen; an jenem Tag war ich der Prinz im Märchen, der Jüngling, der auszog, das Glück zu suchen. Du weißt, die Bahn führt durch den Wald; auf beiden Seiten stehen Bäume; bevor man aber zum Waldrand gelangt, führt eine Lichtung zum See hinab. Auf der anderen Seite sieht man die Stadt und das hübsche Gebäude Das hübsche Gebäude der Schule: Sorø Akademi, wo Bang von 1875-1877 Schüler der Oberstufe war. der Schule. Der See ruhte still im Glanz der Sonne, und die Buchen am Ufer waren hell wie im Frühjahr. Es war das Heim meiner Kindheit, das ich verließ … ich habe es seither nicht mehr sehen wollen. Als ich nach Kopenhagen kam, merkte ich, daß Du Recht gehabt hast, als Du mich in der Schule halb spöttisch »den reichen Blom« genannt hast. Ich merkte es an allem. Außerdem sagte mir das auch mein Vormund. Ich hatte viel mehr Zinsen zur Verfügung, als ich verbrauchen konnte, und die Zinsen »wollte er mir nicht vorenthalten«. Meine Eltern, an die ich mich kaum erinnere, hatten mir ein bedeutendes Vermögen hinterlassen; vielleicht glaubten sie, damit all ihre Pflichten mir gegenüber zu erfüllen. Oder eher, es war das einzige, was sie für mich tun konnten. Meinem Vater war es wie mir ergangen: Kind eines reichen Mannes. Er lebte jedoch lange genug, um zu heiraten und einen Sohn zu zeugen, dem er alle seine Schwächen vererbte. Meine Mutter – wie sie doch wehmütig auf mich sieht – starb kurz nach meinem Vater an Tuberkulose … Die Schuld der Eltern vererbt sich auf die Kinder, hat man gesagt, um die Menschen zu warnen; aber wir wollen uns nicht warnen lassen, so daß ich zum neuen Beweis der Wahrheit einer Warnung geworden bin. – Wenn der Morgen graut, bringe ich mich als Sühneopfer für die Schuld dar. Nach den Sommerferien trafen wir uns wieder. Die sechs Wochen hatten uns älter werden lassen, wir merkten, daß wir wichtig waren. Nachdem wir sechs philosophische Vorlesungen gehört hatten, warfen wir mit philosophischen Fachwörtern nur so um uns und diskutierten über die Existenz der Seele. Dieses bißchen Philosophie, das man uns beibrachte, erhitzte unsere Phantasie, ohne unsere Gedanken zu schärfen; wir wurden Anhänger des Professors, Professor: wahrscheinlich Professor Sophus Heegaard (1835-1884). ohne ihn zu verstehen. Aber die Lehre, die er uns predigte, machte für uns den Glauben zu einer Verstandessache, und daß dies schicksalsschwanger ist, bekam wohl mancher seither zu fühlen. Im übrigen war die Studentenvereinigung Studentenvereinigung (Studenterforeningen): Die Studentenvereinigung wurde 1820 von den Dichtern Christian Winther und Christian Wilster u.a. »zu Nutz und Frommen der Wissenschaftlichkeit und der Brüderlichkeit« gegründet. Als Bang Ende der 1870er Mitglied wurde, war die Vereinigung von harmlosen Studenten dominiert, die unangefochten von dem traumatischen Schleswigschen Krieg 1864 vom rationalen Optimismus der Biedermeierzeit und skandinavischer Schwärmerei geprägt waren. Die Vereinigung spaltete sich 1882, als radikale Anhänger der Ideen von Georg Brandes die »Studentersamfundet« (»Studentengesellschaft«) gründeten, während die konservativen Gruppierungen fortan die »Studenterforeningen« weiterführten. unser Zuhause, und wir besuchten das Theater. Erinnerst Du Dich daran, als Du das erste Mal ins Königliche Theater gingst? Als Du zu Kongens Nytorv Kongens Nytorv: Zentraler Platz in Kopenhagen mit Königlichem Theater und Magasin du Nord. Die Fußgängerzone (»Strøget«) endet dort mit ihrem nordöstlichen Teil. kamst, hattest Du Deine Handschuhe vergessen. Ohne Handschuhe hineinzugehen trautest Du Dich nicht; deshalb kauftest Du ein Paar in der Östergade. Sie kosteten zwei Kronen, Krone: 1 dänische Krone (1880) entspricht kaufkraftmäßig 2008 etwa € 7–8. Du hattest fünf – wir schrieben den dritten – dann saßest Du mit Deinen französischen Handschuhen in der fünften Reihe im Parkett! Ob jemand sie überhaupt bemerkte? Und mit welchen Gefühlen kamen wir nicht in die Studentenvereinigung! Wir stellten uns vor, ich weiß nicht wie, und als wir hineingingen, ergriffen wir gleich eine Mappe, in der wir – ohne zu lesen – blätterten. Und das erste Samstagsgelage – und das Studentenfest. Der Vorsitzende sprach zu uns. »Die Jugend«, sagte er, »trägt die Zukunft auf ihren Schultern. Ihnen, meine Herren, gehört die Zukunft; hell und glänzend liegt sie im Sonnenschein der Illusionen. Vielleicht wird der Glanz erlöschen und viele Illusionen zerbrechen, aber die Streiter, die für die große Sache der Zukunft kämpfen, gleichen jener Legion unsterblicher Perser: die Reihen der Legion können im Kampf ausdünnen, aber ohne Unterlaß schart sie sich wieder zusammen und kämpft weiter. Dieser Legion gehören Sie nun an.« Dann rief man, wir sollten auf die Stühle stehen um uns zu zeigen. In diesem Augenblick, Villiam, fühlte ich einen starken Willen in mir, den Willen, in dieser Legion mitzukämpfen, von der man gerade gesprochen hatte. Dies ist neun Jahre her – erst neun Jahre, und doch schon so lang. Nun lebst Du als Abteilungsleiter in A., und ich – wie merkwürdig das Leben doch spielt. Ich war wie dazu geschaffen, mein Glück in der Welt der Studenten zu finden, dieser schönen, lebendigen und reichen Welt. Und ich war voller Ehrgeiz, vielleicht sogar herrschsüchtig – man ist wohl immer ehrgeizig, solange man glaubt, das eine oder andere ausrichten zu können. Man wurde auf mich aufmerksam – ich tat selbst alles, was ich dafür tun konnte – und ich wurde bald ein führender Geist in einem Kreis, wo etwas geringere Unwissenheit herrschte als in den meisten anderen. Ich hatte Turgenjew Turgenjew (1818-1883): Der russische Realist Turgenjew wurde in den 1870ern in Dänemark durch die Übersetzungen Vilhelm Møllers sehr bekannt. Der Roman Väter und Söhne (1862) beinhaltet eine Analyse des Nihilismus und wird als eines der bedeutendsten Werke des 19. Jahrhunderts angesehen. gelesen, und ich kannte Schopenhauer; Schopenhauer (1788-1860): Arthur Schopenhauer vertrat eine pessimistische Weltsicht: Er betrachtete den Lebenswillen als absurde Triebentfaltung, die sich blind und unbezähmbar fortpflanzen will. das war damals bei nur wenigen der Fall. Die Jahre vergingen, und ich war und blieb »ein Führer« in der Studentenvereinigung. Manchmal aber kamen mir Gedanken, daß mein Leben doch etwas eintönig sei. Immer dieselben Gespräche, dieselben Leute, dieselben Redensarten. Außerdem hatte ich mich verliebt … diese Geschichte habe ich Dir nie erzählt. Wir kannten einander vom ersten Winter an; auf einem Ball, wo wir uns trafen, hatte ich mich in sie verliebt. Ich verschaffte mir zu ihrem Zuhause Zutritt, und ich machte ihr unzweideutigen Hof. Sie war angetan. Sie war anmutig, Du, ein richtiges Gretchen mit strahlenden Augen und wunderschönem Haar. Selbst jetzt noch schwüre ich dann und wann, daß sie die Unschuld selbst war … aber sie war es nicht. Und doch vergäbe ich ihr in dieser Stunde, wenn sie meinte, ich hätte etwas zu vergeben. Was soll ich sagen? Wie soll ich das Verhältnis, das zwischen uns bestand, erklären? Ich glaubte, sie gehöre mir. Tausend Blicke, lange Händedrücke und aufreizende Berührungen überzeugten mich. Ich glaubte, es wäre unmöglich, so weit zu gehen … was wäre dann noch übriggeblieben? Ich wußte ja nicht, ich konnte es mir nicht vorstellen, daß eine Frau einem Mann, der ihr völlig gleichgültig ist, fast alles und mindestens so viel geben wollte. Wie ich sie liebte! Dann war eines Tages eine Einladung bei ihrer Tante, eine Teestunde mit Tanz. Sie hatte mit mir vor dem Teetrinken getanzt, und sie hatte sich während des Tanzes fest an mich geschmiegt und meine Hand mit Fingern, wo ich hundert Pulsschläge fühlte, gedrückt. Jetzt saßen wir bei Tisch. Ich legte meinen Arm um ihren Leib – sie hatte mir das erlaubt. Ohne rot zu werden und ohne verwirrt zu sein, saß sie lange und plauderte mit ihrem Nebenmann, der von den Donnerstagsabonnenten , denen man Unrecht getan hatte, erzählte. Dann, ohne daß ich es geahnt hätte, wendet sie sich plötzlich zu mir und sagt so laut, daß die halbe Gesellschaft es hören konnte: »Herr Blom, nehmen Sie Ihren Arm weg!« – Selbst jetzt noch zittere ich vor Zorn, wenn ich an die Art und Weise denke, wie sie diese Worte sagte. Ich wandte mich um und bat sie höflich um Entschuldigung … Vielleicht hat sie nie gewußt, daß das, was für sie Spiel war, für mich die Hoffnung meines Lebens war – über sein Leben Rechenschaft abzulegen ist eine wunderliche Sache: Man wird dadurch nicht milde gestimmt. Eigentlich müßte man mit geschlossenen Augen sterben. – Nicht viel später war ich auf einem Fest der Studentenvereinigung; ich erinnere mich nicht mehr, welches – alle Feste gleichen einander: es war ein Opfer an die alten Götter, natürlich, die traditionellen Götter, bedient von den traditionellen Priestern. Ich saß in einer Ecke des großen Saals. Die Worte flogen mir um die Ohren, bekannte Worte, alte Phrasen, bekannte Töne, die in mir keinen einzigen Gedanken weckten; ich sang die Lieder mit – aus dem alten Gesangbuch – mechanisch, ohne die Melodie aufzunehmen. Die Luft war schwer, von Essensdünsten, Tabakrauch und Gasgeruch erfüllt – stickig, Übelkeit erregend, wie von dichten Wolken erfüllt, legte sie sich um die Flammen der Gasleuchter, die in schläfrigem Scheine matt brannten. Ich war müde und wollte gehen. Als ich die Tür erreichte, ergriff einer der Veteranen Veteranen: Es handelt sich um die nationalliberale Führungsgestalt, den Dichter Carl Ploug (1813-1894), der Redakteur der Zeitung »Fædrelandet« war. 1842 hatte er das bekannte Gedicht »Norden« verfaßt: »Lange waren die herrlichen Stämme des Nordens in drei hinsiechende Schößlinge gespalten …« das Wort, einer von denen, die nicht jeden Tag eine Rede halten. Zurück konnte ich nicht, so daß ich auf die Galerie hinaufging. Der Redner stand mitten im Saal, groß, graumeliert, ernst. Er sprach für den Norden. Aber es gab keine Ruhe um ihn herum. Nur wenige – die Stammgäste des mittleren Tisches – saßen ruhig, reife Männer mit vom Kampf des Lebens geprägten Gesichtern, Männer, für die derselbe Mann dieselben Gedanken ausgelegt hatte, als sie jung waren, als der Gedanke noch neu, strahlend, hoffnungserfüllt war. Und diese Gesichter, die ihm entgegen starrten, schienen nach und nach, wie er sprach, von Wehmutgeprägt zu werden, die Augen wurden feucht, es legte sich ein eigentümlicher Zug um die Mundwinkel, sie sanken herab – sie dachten vielleicht an die Erinnerungen der Jugend, ihre Hoffnungen, ihre Träume – Träume, Träume! – Sonst war es unruhig, man redete, man prostete einander zu, man lachte; dann hörte man einen Augenblick hin um zu sehen, wie weit er schon war, »der Alte«, man äffte leise seinen pathetischen Tonfall nach, man gähnte, summte. Drüben am Tisch war der Platz der Opposition, nervös-fiebrigen Menschen, die aus ewiger Furcht vergessen zu werden, laut sprachen, unverschämt wie jede Opposition, die sich in lächerlicher Minderheit befindet, rücksichtslos und lärmend, wie alle »bahnbrechenden« Leute, Menschen, die, weil sie selbst keine Überzeugung haben, nicht an die anderer glauben wollen, tiefrote Radikale, die für Ideen kämpfen, die sie nicht verstehen, und die nie müde werden, darwinistische Phrasen Darwinistische Phrasen: 1872 hatte der Naturwissenschaftler und Dichter J. P. Jacobsen (1847-1885) seine Übersetzung von Darwins Hauptwerk The Origin of Species by Means of Natural Section (1859) veröffentlicht; es bedeutete den Durchbruch einer wissenschaftlichen Beschreibung biologischer Gesetzmäßigkeiten für die Entwicklung des Menschen und bildete damit indirekt die Grundlage für die Auseinandersetzung mit der biblischen Schöpfungsgeschichte. zu wiederholen, die sie von Haeckel Haeckel: Haeckel, Ernst, Zoologe und Philosoph (1834-1919), 1862 Prof. der Zoologie in Jena, besonders um die Entwicklungsgeschichte, die Naturgeschichte der niederen Seetiere und den Ausbau der Darwinschen Theorie verdient, stellte das biogenetische Grundgesetz auf. haben. In ihrer Ecke ist der Lärm am stärksten; man erzählt sich Witze, man fläzt sich, man erzählt sich Anekdoten über diesen oder jenen Offiziellen. – Unmittelbar gegenüber hat die vornehme Fraktion Platz genommen. Hinterkopfscheitel, weiße Hände, hellrote gebogene Nägel, blasierte Mienen. Man trinkt Champagner, ein einzelner Sauterne. Einer scheint dem anderen zu gleichen; Haltung, Bewegungen, die schlaffe Haltlosigkeit in allen Gliedern – dort sitzt der Typ, den sich die anderen zum Vorbild genommen haben, sehr blond, hübsch, mit einem kleinen Kopf; es sitzt zurückgelehnt und glättet seinen beginnenden Schnauzer mit einer kleinen, geschnitzten Elfenbeinbürste; wenn er spricht, öffnet er kaum seine Lippen und läßt seine Worte unregelmäßig fallen, ohne Verbindung, unzusammenhängend. Er sagt nie einen ganzen Satz – und die ganze Seilschaft macht es ihm nach. – Dort bei der Tür sitzen die Erstsemester, sie lachen, rufen Bravo und zischen, stampfen auf den Boden, klatschen. Aber sie wissen kaum, über was gesprochen wird. Dies ist ihnen auch völlig gleichgültig; sie wissen, wer spricht, und »die alten Geschichten« kennen sie ja.– Zu all diesen Gedankenlosen, Mutwilligen, Abergläubischen und Gleichgültigen sprach der alte Führer und sprach, bewegt, vielleicht sogar wehmütig. Ich bekam Tränen in die Augen. Dann hielt er inne. Ein jubelnder Lärm, mehr Schreien als Rufen. – Ich beugte mich über die Balustrade und ballte die Faust, ballte die Faust wegen dieses Haufens, der schrie, weil er schreien wollte, jubelte, weil er im Jubel mit den Stühlen hämmern konnte, heulen und mit den Gläsern klirren konnte. Und dann … Konnte ich selbst alles das glauben? Glaubte ich es selbst? Und doch hatte ich hundertmal, wie diese jetzt, gejubelt, in leichtsinniger Gedankenlosigkeit, ohne zu merken, daß es eine Schändung, ein Betrug war. Der Redner erhob sich, man drängte sich um ihn, um ihm die Hände zu drücken, ihm zu danken, ihn zu beglückwünschen … Ich riß mich los und ging. Unten auf der Straße hörte ich noch die Jubelrufe dieses trostlosen Leichenschmauses. Von dem Abend an mied ich meine üblichen Kameraden. In mir war etwas zerbrochen oder eher, ein großer Selbstbetrug war gescheitert. Ich hatte einen einzigen Augenblick lang – einen fürchterlichen Augenblick – die Welt, in der ich verwurzelt war, ungeschminkt, in ihrer wahren ideenlosen Nacktheit erlebt: ich konnte nicht mehr zu ihr zurück. Kennst Du diese schrecklichen Augenblicke – wenn das Alte uns entgleitet, mehr und mehr entgleitet und wir nach jedem Strohhalm greifen, an den wir uns klammern, immer stärker klammern – während wir glauben, daß wir alles verloren haben? So vieles in diesem Kreis hatte ich geliebt, an so vieles geglaubt – nun mußte ich erkennen, daß mein Glaube Gewohnheit gewesen war, eine Tradition, trotzdem aber war es mir gut gegangen; es war eine so angenehme Gewohnheit. Man hatte Gesellschaft, Kameradschaft, dieselbe Überzeugung wie der Klub. Nun ekelte ich mich vor der Kameradschaft und sah, daß der Klub eigentlich überhaupt keine Überzeugung hatte. Dann kam die Zeit des Herumirrens. Ich gab auf, überhaupt an Überzeugungen zu glauben. Unsere Zeit will so gerne den Glauben aufgeben, denn den Glauben aufzugeben heißt die Arbeit aufzugeben – und ich ließ mich mit dem Strom treiben und suchte mir einen neuen Klub, der wenigstens nicht verlogen war. Allein bleiben wollte ich nicht. Außerdem – wir wissen ja, daß wir alleine sterben müssen; alleine leben, jeder mit seiner Krankheit, jeder mit seinen Zweifeln, läßt man am besten, wenn man kann. Es geht besser in einer Bruderschaft: Dort kann man wenigstens Lärm machen und die Gläser umwerfen, während man zu Tische sitzt. Die Gesellschaft, in die ich hineinrutschte, war halbwegs adelig, halbwegs gehörte sie zur Geldaristokratie. Ich will nicht behaupten, daß ich irgend etwas in meinem neuen Kreis suchte. Ich wußte im voraus, daß ich nichts fände, daß ich nichts lernen könnte außer der Kunst zu leben. Was ich wollte, war, in alle die Feinheiten des Lebens eingeweiht zu werden, die vom Leben alle nur denkbare Ausbeute bringen. Ohne Überzeugungsballast wünschte ich »zu leben«. Ich trat einer Vereinigung bei, die aus Kyrenaikern Kyrenaiker: die Anhänger des Aristippos von Kyrene(435-355 v.Chr.) bildeten eine philosophische Schule, die ein Vorläufer der Hedonisten war. Ihr Grundsatz war, Genuß zu suchen und Schmerzen zu vermeiden. Dies bedeutet jedoch keine hemmungslose Jagd nach Vergnügen und Luxus. Im Gegenteil weist Epikur (341-270 v.Chr.) auf ein nachdenkliches und ruhiges Leben als den besten Weg hin, das höchste Gut zu erreichen: ein Dasein ohne Schmerz. zu bestehen schien – erst später merkte ich, daß es nur Zyniker Zyniker: Die philosophische Schule der Kyniker stützt sich auf Antisthenes (444-365 v.Chr.); sie predigte ursprünglich eine asketische und praktische Moral, die Diogenes zu extremen Konsequenzen führte. In der Moderne meint die Bezeichnung Menschen mit einem desillusionierten Verhältnis zum Dasein, die dies auf eine Weise ausdrückt, die entweder eher als eine verfeinerte oder als grobe Form seelischer Abgestumpftheit vorkommt. waren. Sicher findest Du, lieber Villiam, diese Beichte langweilig und uninteressant. Mein Leben ist kein Roman gewesen. Aber es gab eine Zeit, in der wir Freunde waren, und deshalb wirst Du diese Linien mit Geduld lesen. – Außerdem … die Zeit vergeht, und ich muß mich kurz fassen. – Bisher hatte ich ein Leben geführt, das man »würdevoll« nennt. Jetzt aber gehörte ich der »Jeunesse dorée« Jeunesse dorée: franz. Die goldene Jugend. Gängige Bezeichnung für die Jugend der Oberklasse; der Ausdruck kommt wahrscheinlich aus dem Schauspiel Lady Delmar (ca. 1540) des englischen Dramatikers Thomas Terrel. an. Am Anfang kostete es mich fast Überwindung, an all diesen Ausschweifungen teilzunehmen. Meine Sinne schliefen, und da ich keine Liebe fühlte, fühlte ich auch keinen Drang zu lieben. Ich hatte überhaupt nicht begriffen, daß unsere Nerven nichts mit unserem Herzen zu tun haben. Als ich aber aus dem Dösen aufwachte, verschwendete ich das Zehnfache, die Begierde zu stillen, die – in einem Jahr angesammelt – zehnmal so stark geworden war. Ich gab mich nicht mehr mit Denken ab. Was ich tat, war nur zu begehren und meine Begierde zu stillen. Viele Tage verbrachte ich im Bett, im Halbschlaf, von Opium betäubt, das mir ein freundlicher Arzt, den ich dazu überredete, gab. Wenn der Abend nahte, stand ich auf und zog mich an. Oder ich stand vormittags auf und legte mich auf mein Sofa mit einem französischen Roman von Belot Adolphe Belot (1829-1890): französischer Schriftsteller, der für eine Reihe erotisch gefärbter Lustspiele und Romane bekannt war. oder Houssaye, Arsène Housset (genannt »Houssaie«) (1815-1896): französischer Schriftsteller, der süßliche, frivole und seinerzeit sehr geschätzte Romane schrieb. Bücher, die, während ich halb dahin döste, mich die Genüsse der vergangenen Nacht wiedererleben ließen. Manchmal las ich auch v. Hartmann, Edouard von Hartmann (1843-1906): Deutscher Philosoph, dessen erstes Hauptwerk Philosophie des Unbewußten (1869) stark von Schopenhauers desillusioniertem Lebensgefühl beeinflußt war. und ich freute mich über all die Trostlosigkeit, all die hoffnungslose Leere, die er predigte; ich freute mich darüber, ohne zu untersuchen, ohne zu prüfen, auch eigentlich ohne daran zu glauben. Ich gab mich, wie gesagt, nicht mit Denken ab. Den Abend verbrachte ich in Theatern, die Nächte, wenn es sich einrichten ließ, oft bei einer jungen Schauspielerin, die in der Frederiksberg-Allee wohnte, und wo man jede Nacht Hasard Hasard: Hasardspiele, Glücksspiele, alle Spiele mit Karten, Würfeln oder Nummern, deren Ausgang allein oder wesentlich vom Zufall abhängt. spielte. Wein und Frauen können Männer töten, Spielen vernichtet sie. So Nacht für Nacht in einem Zimmer zu sitzen, das von Weindunst, Schweiß und Tabakrauch geschwängert ist, dauernd angespannt, dauernd auf einen bestimmten Fleck starrend, nach Münzen tastend, die wir festhalten wollen und die doch aus unseren Fingern gleiten. Seinen Blick zu erheben und die aufgeblasenen Backen der anderen zu sehen, ihre schläfrigen Augen mit den Tränensäcken, die zitternden Hände, die zusammengekniffenen Lippen, die unbewußt blutig gebissen sind – und dann das eigene Bild im Spiegel. Man flucht, man schüttet den Champagner in sich hinein, um die Kehle, die trocken, immer trocken ist, anzufeuchten; man preßt die Hand um das Glas, man lacht, man kratzt die Geldstücke zusammen. Immer wieder einen verstohlenen Blick auf das Geldbündel des Nebenmannes, ein nervöses Zucken, ein Seufzer. Ach, diese Nächte! Selbst jetzt bereue ich sie nicht – das ist Leben. Gegen Morgen wurde das Spiel beendet, und wir speisten; eine luxuriöse Mahlzeit, die einige Stunden dauerte. Eines Abends wurde in unserem Kreis eine neue Dame eingeführt, eine fremde Chansonettesängerin. Während des Spiels saßen wir nebeneinander, und dann führte ich sie zu Tisch. Sie war nicht hübsch, aber sie war witzig, keck und pikant. Sie wurde die meinige, und keine Frau konnte mich so beherrschen wie sie; dauernd erhitzte sie mich aufs neue. Dann eines Abends – nein, ich will Dir nicht erzählen, was geschah. Nur, daß sie eine so große Summe Geld forderte, daß ich ihr diese nicht geben konnte; sie tat dies auf empörende Weise. Ich bekam kurz darauf einen Schlaganfall, oder, richtiger gesagt, ich war auf einer Seite völlig gelähmt, wie Du weißt. So schnell es ohne Gefahr für mein Leben möglich war, wurde ich in den Süden gebracht. In Südfrankreich kam ich scheinbar wieder zu Kräften, und nach einem Jahr kehrte ich nach Dänemark zurück. So lange ich im Ausland war, konnte ich das Leben ertragen. Zuhause spürte ich jedoch wieder seine entsetzliche Leere. Bedenke, in welcher Lage ich war! Ich wußte, denn dies kann man vor sich selbst nicht verhehlen, daß die Krankheit, an der ich litt, unheilbar war, und daß der Tod, den sie schenkt, eine unendliche Kette von Qualen ist. Und dann manchmal der alte Durst, das alte Fieber nach dem Leben; aber wenn ich ihm nachgab, sah ich, daß meine Sehnsucht die Träume eines kranken Gehirns waren, denen der Leib nicht länger Wirklichkeit verleihen konnte – ach, Du weißt ja nicht, was solch ein Zustand bedeutet! – Dann kam Preben Funch in die Stadt und riß mich aus der Trägheit, in die ich verfallen war. – Siehst Du, mein Aufenthalt bei Funchs war das letzte Aufflackern des Lebens, dieses Aufflackern, wo der letzte Tag des Lebens uns eitel auf das Leben hoffen läßt. Sie lebten so schön und patriarchalisch und verwandten ihren Reichtum so vernünftig. Die Tage gingen dahin und wurden zu Wochen, die Wochen schwanden und wurden zu Monaten. Aber dieses stille Glück konnte nicht dauern. Erinnerst Du Dich an den Vers von Alfred de Musset, dessen beide letzten Zeilen so lauten: »Après avoir souffert, il faut souffrir encore – il faut aimer sans cesse après avoir aimée!« Après avoir souffert, il faut souffrir encore;/il faut aimer sans cesse, après avoir aimé: »Nach dem Leiden muß man aufs neue leiden;/man muß lieben, ohne aufzuhören, nachdem man geliebt hat.« »Le Poète« in Poésies nouvelles, 1836-1852, von Alfred de Musset (1810-1857). Setze diese Zeilen als Grabinschrift über mein Leben. Solche Erfahrungen bezahlt man mit seinem Leben. Funchs Schwester war einundzwanzig Jahre alt, groß, braunhaarig, mit einer niederen, griechischen Stirn, einer Stirn so rein wie die der antiken Statuen. Wir wurden Freunde – nun erkenne ich wie. Ich war krank, als ich herkam, sehr krank. Ein junger Mann, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, wird immer schnell zum Freund einer Frau, doppelt so schnell, wenn er hübsch ist und eine Vergangenheit hinter sich hat. – Wir wurden also Freunde. Sie sah in mir den kranken Menschen, der Mann gewesen war; ich selbst fühlte, als wir abends miteinander auf der großen Terrasse saßen und fast flüsternd miteinander redeten, vertraulich, allzu sehr, daß ich es immer noch war. Und langsam genas ich. Dann streiften wir zusammen durch den Wald, fischten auf dem See, ritten zusammen. Wie schön sie war – eine nordische »Julie« mußte wie sie einundzwanzig Jahre alt sein. Sie wurde immer vertrauter, herzlicher und offener, ich jeden Tag verliebter. – Wir waren weit gegangen und waren beide müde. Sie hatte Farne gesammelt und trug einen großen Strauß davon in der Hand, ich war auch mit Pflanzen beladen. Wir hatten den ganzen Weg gelacht und gescherzt, aber zuletzt hatte das Gespräch gestockt. Die Schatten im Wald wurden größer, der betäubende Duft des Farns erfüllte die Luft um uns. Wir kamen hinunter zum Bach. Sie fragte, ob wir uns nicht ins Boot setzen sollten und ein wenig ausruhen. Das Boot lag im Halbdunkel, im Schatten der Bäume, die sich über das Wasser beugten; von einem Windstoß, der dann und wann die Kronen der Bäume erfaßte, gekräuselt, schimmerte es wie eine dunkle Schlange. Die Farne lagen auf der Koppel. Weiter vorne der See mit seinem schimmerndem Spiegeln, leuchtend im Glanz des Sommerabends. – Wir saßen beide ruhig da – in einem Augenblick wie diesem gibt es nur eines, worüber ein junger Mann und eine junge Frau reden können. Ich aber schwieg. Dann begann sie: Sie wolle mir ihr ganzes Vertrauen schenken, sagte sie; und unter dem Baum erzählte sie mir, sie sei heimlich mit dem Verwalter verlobt. Sie war beredt; die Wörter schluckten einander, während sie seine Schönheit, seine Liebenswürdigkeit, seine Liebe pries– aber geheim mußte es bleiben, er war arm. »Können Sie sich vorstellen«, sagte sie schließlich, »Thorvald ist auf Sie eifersüchtig gewesen und war über unsere harmlosen Spaziergänge ziemlich böse – dieser Narr!« Dann gingen wir nach Hause. Ich reiste ab. Ich war in Paris, Florenz, Wien – aber das Leben ist überall dasselbe, und nun bin ich müde. Der Verwalter ist kräftig, hat breite Schultern und ist rechtschaffen. Wenn ich jetzt sterbe, wird er von meinem Vermögen einen Hof kaufen, sie werden heiraten, und sie wird acht Kinder bekommen. Das ist das einzige Glück, und ich hätte ihr es nicht geben können. – Ich möchte nicht haben, daß sie ihren ersten Sohn nach mir nennen. An Leute wie ich, die faulen Söhne der Hoffnungslosigkeit, soll man sich nicht erinnern, es ist am besten, sogar unsere Namen zu vergessen. – Ich sehe hinter dem Vorhang den ersten Schein des Morgens: Meine Geschichte ist zu Ende. Lebt wohl! Meine Gedanken in diesen letzten Augenblicken gehören mir selbst – man sagt, alle seien vor dem Tode feige, auch die, die sterben wollen. –   [»Brudt Liv«. Nutiden i Billeder og Text, 24., 31.8. og 7.9.1879]   [Wechselnde Themen: Drangsal] Gedränge – Ein netter Gedanke – »Eine Kleinigkeit zum Übernachten, guter Herr!« – »Wandergesellen« – Schweinebraten – Das Heim »der Obdachlosen« – Tiefpunkte eines Lebens – »Der Kandidat« – »Das ist Humbug« – Die Geschichte der Champagnerflaschen – Naßschnee – Die Lichter sind heruntergebrannt – Ein Blick durch das Fenster Die Lichter unseres Weihnachtsbaumes waren erloschen. Wie hatten sich die Kinder doch gefreut! Hänschen stand ganz ruhig, alle fünf Finger in den Mund gesteckt, unentwegt auf den Baum starrend; seine hellblauen Augen waren doppelt so groß wie sonst, doppelt so groß und strahlend. Wir waren um den Baum getanzt und hatten die alten Lieder gesungen, die uns wieder zu fröhlichen Kindern machten. Wir waren glücklich zu geben, und froh zu empfangen; wir hatten Päckchen geöffnet und den Baum geplündert; wir hatten gelacht und gelächelt, bewundert und gedankt. Wie Viggo doch gejubelt hatte, als er seine Trompete bekam, und Jenny begann sofort »Den standhaften Zinnsoldaten« »Der standhafte Zinnsoldat«: Märchen von H.C. Andersen, 1838 erschienen (»Den standhaftige Tinsoldat«). und »Das Weib« »Das Weib«: Es handelt sich wahrscheinlich um den Kinderreim »Katten og kællingen, sloges om vællingen« (Die Katze und das Weib schlugen sich um den Brei). zu lesen. Der Baum leuchtete. Wie goldene Früchte hingen die Apfelsinen an seinen Zweigen, die großen Zuckerengel mit den gelben Flügeln schwebten auf den hohen Zweigen, mit roten Bändern festgebunden; die dunkeln Zuckerkränze, mit leckerem Likör, der im Kerzenschein schimmerte, gefüllt, glühten in Licht und Glanz. Und ganz oben an der Spitze war ein großer Stern. Rundherum Kinderlachen und Singen. Nun waren die Lichter erloschen. Wir gingen die Straße hinab, sie war wie ausgestorben. Noch vor einigen Stunden war sie voller Menschen gewesen: Männer mit Paketen und Männer mit Körben, Jungen mit Christbäumen und arme Frauen mit Zweigen, Boten, die aneinander stießen und in der Eile ärgerlich fluchten, Herren, die aus dem Büro kamen, und Damen, die in die Kirche wollten. Die Läden waren gedrängt voll, man wurde vor der Ladentheke weggeschoben und hatte kaum Zeit, das Wechselgeld in Empfang zu nehmen, man vergaß sogar das Feilschen, und selbst ältere Damen entschlossen sich schnell. Man stieß aneinander und rief dann »Frohe Weihnachten« anstelle von »Entschuldigung«; man lachte, man drängelte, man rief. Der arme Handlungsgehilfe war schon ganz durcheinander, so daß er demjenigen einen Fächer einpackte, der um ein Zigarrenfutteral gebeten hatte. Dann wieder auf die Straße hinaus. Ein schnelles »Frohes Fest!« zu einem Freund, der gerade vorbeigeht, ein fröhliches vergnügtes Summen; man tastet seine Taschen ab, ob man jetzt nichts vergessen hat, ertappt sich dabei, wie man in das Pfeifen eines Straßenjungen einfällt, eilt schnell davon. Ja, und wie man sich beeilt! Und trotzdem regt es einen kaum auf, wenn ein eiliger Nebenmann einen unsanft in den Rinnstein stößt. Man nimmt es, wie es kommt: es ist so etwas merkwürdig Versöhnliches an Weihnachten, man ist nie dazu fähig zurückzuschlagen … Aber nun waren die Straßen leer. Die erhellten Fenster in ihren langen Reihen sahen in der Dunkelheit wie die glänzend strahlenden Augen des glücklichen Zuhauses aus. Genau: Zuhause, denn dies ist das allerschönste Geschenk des Heiligen Abends, daß es eine kurze Zeit lang in jeder Familie ein Zuhause zu schaffen vermag. Für einige ist der Weihnachtsgesang auf dem Felde Bethlehems zum hübschen Mythos geworden, dem sie nur den Wert eines alten Mythos zumessen können, aber das Evangelium vom Heiland lebt doch bei ihnen allen halbwegs. Es dämmert wie der Widerschein des Lichtes ihrer Kindheit, erklingt in ihrer Seele wie das tönende Echo eines lieblichen Gesangs, den sie fast vergessen hatten … Aber was gibt es wohl über dieses Weihnachtsfest zu berichten? Sie sind ja selbst Mutter, die den Weihnachtsbaum geschmückt hat, während Sie im voraus den Jubel und die Freude der Kinder genossen; selbst Vater, der vielleicht am Vormittag gebrummt hat, der ganze Sinn der Sache sei der, Geld auszugeben, jetzt aber abends, während der Baum im Lichterglanz erstrahlt, so unglaublich leichtsinnig ist, daß Sie gerne mehr als das Doppelte ausgegeben hätten, um all diese Freude zu sehen; selbst ein Kind oder ein Verwandter einer dieser glücklichen Familien, die Weihnachten, das Fest der Familien, doppelt so hell und fröhlich machen. Was könnte ich Ihnen Neues von all dem, was Sie so gut kennen, erzählen? Ich wußte, ich könnte es nicht, und gerade deshalb gingen wir durch die leeren Straßen, wo wir in Schneematsch und Schlamm herumwateten, und wo das Wasser in unsere Stiefel schwappte, hinaus, um das Weihnachtsfest nicht der Glücklichen, sondern der Obdachlosen zu suchen. Vor etlichen Jahren gingen einige junge Leute an Heiligabend hinaus auf die Straßen und Gassen und sammelten alle armen Kinder, auf die sie trafen. Sie brachten sie in einen warmen Saal, wo lange Tische bereit standen und wo man ihnen zu essen und zu trinken gab. Und es stand auch ein Christbaum da, ein wunderschöner großer Baum, wie wohl die wenigsten von ihnen jemals gesehen hatten. Er war edel gestaltet und schön geschmückt; aber es gibt mehr Obdachlose als die, die man auf der Straße trifft, und selbst mit dem besten Willen kann man keine Weihnachtslichter für sie alle anzünden. Und es sind Obdachlose verschiedenster Art. Da gibt es alte, einsame Leute ohne Verwandtschaft und Freunde, man nennt sie Heimatlose, weil man weiß, daß selbst an Heiligabend ihr einsames Kämmerlein zu keiner Heimat werden kann. Man trifft auf einen einzelnen älteren Mann, der schläfrig und mürrisch im Winkel eines Cafés oder eines Austernkellers Austernkeller: Kellerwirtschaft, in der Austern angeboten wurden; der Begriff ist leicht herabsetzend. sitzt, dies ist ein solcher Heimatloser. Dann gibt es andere, die in buchstäblichem Sinn Obdachlose sind, Leute, die beim Aufstehen nicht wissen, wo sie sich abends hinlegen sollen, Leute, die nichts besitzen und die keine eigene bleibende Statt haben; deren Leben ein beständiger Kampf ist, Leute, die sozusagen die wandernden Handwerksgesellen des Lebens sind, oft aber nicht einmal Tornister oder Bündel haben. Ihr Weihnachten suchte ich. Sie begegnen Ihnen bettelnd auf Kongens Nytorv, Kongens Nytorv: Zentraler Platz in Kopenhagen mit Königlichem Theater und Magasin du Nord. Die Fußgängerzone (»Strøget«) endet dort mit ihrem nordöstlichen Teil. Die Bettler, die sogenannten »Banditen« hielten sich auf den Bänken rund um »Hesten« (»Das Pferd«) auf. wenn Sie abends vom Theater nach Hause zurückkehren. Sie haben ja so oft die übliche Bitte »Guter Herr, eine kleine Gabe für das Übernachten« … »Guter Herr, eine kleine Unterstützung für die Nacht« gehört. In Neapel geboren wären diese Menschen »Lazzaroni« Lazzaroni (pl.), lazzarone (sg.) (it.): Nichtsnutz, Lump, Faulenzer. geworden. Sie hatten fast kein Einkommen, und ihre Wünsche reichen nicht weiter, als für heute das Notwendigste zu erwerben und für die Nacht ein Bett zu bekommen; sie helfen auf dem Markt und bieten ihre Dienste beim Zollamt an, manche bekommen Arbeit bei den Packhäusern, aber alles nur tageweise, und derjenige, der gestern etwas hatte, hat heute so gut wie nichts mehr. Deshalb muß er, wenn der Abend naht, hinaus, um für die 25 Öre zu kämpfen, die es kostet, im Obdachlosenheim, in das er möchte, zu übernachten. Denn der Wirt schreibt nicht an. Waren Sie schon einmal in einem solchen Obdachlosenheim? Oder glauben Sie noch an die alten Londoner Märchen vom nächtlichen Stehen, wo man mit den Armen schlafend über ein gespanntes Seil hängt? Die Räume unserer Obdachlosenheime werden von unserer Gesundheitspolizei genau überwacht, und man stößt hier auf keine furchtbaren Dinge – wie man genau so wenig natürlich auf besonderen Komfort trifft. Einige große Räume, deren Raumgröße genau bemessen ist, einige Betten längs der Wände, deren Anzahl die Polizei gemäß der Raumgröße bestimmt. An der Tür hängt ein Holzbrett mit der Hausordnung, die unter anderem bestimmt, daß die Bettwäsche im Monat mindestens einmal zu wechseln ist. Es ist ja fast das Übliche – aber man muß bedenken, daß ein Monat dreißig Nächte hat und daß jedes Bett in diesen dreißig Nächten meist dreißig verschiedene Besitzer hat. Übrigens gibt es in den Betten sowohl Bettdecke als auch Leintuch und zwei Kopfkissen, auf die aufzupassen recht schwer ist, wie der Heimleiter berichtet. »Diese Kopfkissen«, sagte er, »sind ewig auf Wanderschaft. Mehrmals in der Woche muß ich aufs Polizeirevier, um sie wieder zu holen.« Um für eine Nacht ein solches Lager zu ergattern, muß »der Kämpfer« 35, 25 oder 15 Öre bezahlen, je nach dem, was es für ein Bett ist; denn es gibt verschiedene Arten von Betten und deshalb auch verschiedene Preise. Diese 25 Öre muß man sich abends oder nachts auf Kongens Nytorv verschaffen, wo es dann geschehen kann – denn es sind viele Landstreicher darunter –, daß die Polizei Nacht für Nacht einen guten Fang unter den wechselnden Bewohnern der Obdachlosenheime macht. Obdachlosigkeit führt zu Leichtsinn – dies ist eine alte Wahrheit … Am Vormittag, als ich meine Ankunft anmeldete – es ist immer klug, dies vorher zu tun – wurde ich vom Heimleiter freundlich empfangen. »Ich hätte mir gerne einmal den ›Heiligabend der wirklich Armen‹ angesehen«, sagte ich zu ihm, »den Heiligabend der Obdachlosen.« »Bitte sehr, aber hier gibt es keine Obdachlosen: Sie haben hier ja ein Obdach.« Dann erzählte er, daß er von 7 Uhr bis 10 Uhr seine Stammgäste mit Schweinebraten, Bier und Schnaps bewirte. Er erwartete etwa zweihundertfünfzig, Alte wie Junge. Dies war ein vielversprechendes Programm. Dann gingen wir um 9 Uhr hin. Im Speisesaal sei gedeckt, sagt die Frau des Heimleiters, die in der Küche steht und riesige Kartoffelberge auf verschiedenen Schüsseln anrichtet. Im Speisesaal herrscht ein schrecklicher Mief. Eine Luft, die schwanger vom Tabakrauch ist – solchem Tabak, den solche Leute rauchen, – schwanger von Branntweindunst, dem Geruch der großen Schweinebraten, dem Gestank von Kautabak, Ausdünstungen und Schweiß dieser siebzig Menschen, die in qualvoller Enge an den hufeisenförmigen Tischen sitzen. Die Luft schlägt mir stickig entgegen. Anfangs versuche ich vergebens, etwas zu erkennen … Dunst legt sich wie ein dichter, alles bedeckender Qualm, wie ein Schleier über Menschen und Gegenstände. Der kleine Weihnachtsbaum mit dem großen Zwerg schimmert schläfrig durch den übelriechenden Nebel. Es wird nicht viel gesprochen, man ißt, denn nicht an jedem Tag bekommt man Schweinebraten und in Butter gebräunte Kartoffeln. Nach und nach gewöhnt man sich an die Luft. Man gewöhnt sich so schnell daran, bei jeder Art von Luft zu atmen, und auch die Augen beginnen zu sehen. Wie gierig sie essen, sie schneiden das Fleisch in große, breite Streifen, tauchen es in Senf und schieben es in den offenen Mund, wo sich die Zähne darüber schließen. Durch die einzelnen Rufe, durch die einzelnen Flüche hört man ein unaufhörlich murmelndes Schmatzen. So langsam erkennt man im Dunst die Gesichter. Bärtige Physiognomien, junge und alte, weiche und zerfurchte Züge; die meisten breitschultrig, muskulös, einige mit nackten Armen. Der dort mit der Bäckermütze und dem blonden Schnurrbart hat die Hemdsärmel hochgekrempelt – er hat ein Hemd an – um es bequemer zu haben. Die Muskeln längs des Armes bilden zähe, kräftige Bündel, die Hände sind groß, fleischig und drahtig. Er esse bereits die dritte Portion, sagt der Wirt. Jetzt nimmt er die Mütze ab: Er hat kräftiges, mittelblondes, leicht gelocktes Haar mit einem Mittelscheitel. »Ich habe den Beruf des Metzgers erlernt«, sagt er dann zu einem meiner Begleiter. Dies konnte man an seinen Armen und dem Scheitel sehen. Neben ihm sitzt ein pausbäckiger Kerl mit großen, aufgeblasenen Backen und ganz hellblauen Augen ohne Farbe oder Glanz. Er hat bereits genug; Leute, die so viel trinken, sind selten hungrig. Nun sitzt er an der Wand und gähnt. Kurz darauf fällt er in Schlaf, fällt mit dem Oberkörper auf den Tisch, nach rechts zum Metzger, nach links zu Petersen, erhält einen Stoß, fällt zurück an die Wand und schnarcht. Petersen ist ein gedrungener Mann, leicht gebeugt von Alter und Jahren, seine Augen sind wäßrig, gelbrot im Weißen, der Mund eingefallen, die Nase scharf … Ich werde ihn im Auge behalten … Dann stimmt einer dröhnend ein Lied an. »Der er et yndigt land« »Der er et yndigt Land« (»Es ist ein liebliches Land«): Das Lied des Vaterlands (damals noch nicht Nationalhymne) wurde 1819 von Oehlenschläger gedichtet. … für gemischten Chor. Gebrüll, Gekreische, Geheul, Geheul nach Melodie. Jeder singt in seiner Tonart, fast jeder hat seine eigene Melodie. Der Kleine mit dem schwarzen Bart am Tischende wirft sich in die Arme des neben ihm Sitzenden, und einander eng in die Arme schließend liegen sie beide da und schreien einander ins Gesicht. Man trampelt den Takt, den es nicht gibt, wer nicht singen kann, pfeift, oder er schlägt mit dem Messerstiel Trommel auf dem umgedrehten Teller. Unten am anderen Tischende sitzt man einander auf dem Schoß und schlägt den Takt, indem man einander auf die Schenkel klatscht. Dann schreit man auf, macht Lärm, bleibt mitten im Vers stecken, fängt plötzlich mit »De sønderjyske piger« an, stoppt nach der dritten Strophe. Der Metzger fängt mit »Den tapre landsoldat« »Den tapre Landsoldat«: Lied (1848) von Peter Faber aus dem dreijährigen Krieg 1848–1850. an, stößt seinem schlafenden Nebenmann in den Magen, so daß der besagte Schlafende erwacht, sich erhebt und mit einem langgezogenen Heuler hinfällt, der vom Gebrüll des Metzgers – dumpf wie der Ruf eines Nebelhorns – begleitet wird. Man erhebt sich von den Tischen und hilft beim Aufräumen. Jetzt kann man sie richtig beobachten. Der Speisesaal gleicht einer der abgerissenen Buden in der Helliggejststræde, wo die Kleider lebendig geworden sind und als zerbrechliche Decke um einige merkwürdige Gestalten wandeln. Man prügelt sich überall, und wir bestellen noch eine Runde. Der Heimleiter stellt das Bier auf den Tisch, die Gläser zu uns. Der Lärm steigt. Draußen vor der Schenke tanzen drei, vier Kerle trampelnd einen Volkstanz mit sechs Touren; ein anderer sucht sich eine Ecke um zu schlafen; andere scharen sich um uns und betrachten uns neugierig, vielleicht ein wenig ängstlich. Gut gekleidete Herren kommen ihnen etwas feindlich vor, etwas, das zu sehr an die Leute mit dem Schild Die Leute mit dem Schild: Schutzmänner, Polizei. erinnert … Aber das Bier beruhigt sie, und nachdem sie erst sicher sind, wen sie vor sich haben, drängen sie sich alle vor, um ihre Geschichte oder, vielleicht besser, eine Geschichte zu erzählen. Sie sind darin überaus geübt, und sie sind gute Schauspieler. Sie sprechen halblaut, jammern, erzählen von unverdientem Unglück und Leid, das sie getroffen hat, ohne daß sie schuld daran gewesen wären … Aber es liegt so viel Unglaubwürdigkeit über ihren Erzählungen … Petersen hat sich neben mich gesetzt. Er zieht einige Empfehlungsschreiben hervor. Das erste Datum ist 1849. Da war er Soldat bei den Leibjägern, oder Krämer von Beruf. Dann wird er Unteroffizier, kehrt vom Krieg zurück, wird wieder Krämer. Einige Jahre vergehen. Das nächste Datum ist 1859. Ich frage ihn, wie diese Jahre verlaufen sind. Er schaut mich von der Seite an und sagt treuherzig: »Ich erinnere mich nicht daran.« In jedem Leben gibt es Jahre, die man am liebsten vergäße, Zeiten, an die man sich nicht erinnert, weil man es nicht will, und weil man sich eigentlich zu gut daran erinnert. Nach dieser Zeit treffen wir ihn wieder als Bevollmächtigten des Bornholmer Landrats. Er bekommt gute Empfehlungsschreiben für Fleiß und Tüchtigkeit, auch die juristischen Angelegenheiten führt er gut durch, beginnt jedoch schnell wieder etwas Neues und wird Gehilfe bei einem Buchhändler, Angestellter bei der Ausstellung, Assistent im Alhambra, Alhambra: Volkspark, der im Jahre 1856 von Tivoligründer Georg Carstensen in der Frederiksberg Allé angelegt wurde. Die Anlage bestand aus einem großen Gebäude mit Konzertsaal und Theater, in dem leichtere Schauspiele, Ballette und akrobatische Darbietungen aufgeführt wurden. 1870 abgerissen erinnert nur noch der Alhambravej daran. Wächter auf dem Turm der Nikolaikirche Turm der Nikolaikirche: Der Turm der Nikolaikirche (unweit von Kongens Nytorv) wurde bis 1892 als Brandwache genutzt. und wieder Krämer. Wiederum ein toter Punkt, wo die sonst so beredte Kopie schweigt, wo der Mann aber beginnt, wortreich und überzeugend zu reden. Hätte er nicht diesen auf die Seite schielenden Blick, käme man in Versuchung, ihm zu glauben – so aber fragt man ihn, was er jetzt macht. »Er wohnt hier.« Man sieht auf seinen ausgeblichenen Mantel, der sorgfältig gebürstet ist, auf seine Hände, die klein und so sauber sind, wie man sie ohne Seife bekommen kann; auf seine scharfen Gesichtszüge, die hübsch wären, wären sie nicht von seinem Blick verunziert, der nach unten gerichtet ist, weg, nie genau auf den, mit dem er spricht. »Möchten Sie eine Krone?«, 1 dän. Krone hat eine Kaufkraft von etwa 7–8 €; sie ist in 100 Öre unterteilt. frage ich. Er blickt schnell mit einer Art Schimmer im schielenden Auge. Dann umfaßt er hart und krampfhaft mein Knie und flüstert leise: »Danke, aber sagen Sie es nicht den anderen. Sie verstehen, es ist für einen Mann wie mich schlimm …« Ich lasse eine Krone in seine Hand gleiten. Wenn die anderen dies sähen, hätte er mit dem Geld keine große Freude. Dann müßte er ja »eine Runde schmeißen«, das weiß er. Draußen auf dem Fußboden prügelt man sich in aller Freundschaft – – Ein kleiner untersetzter Bursche stößt mich an und sagt, er wolle gerne unter vier Augen mit mir reden. Er zieht mich zum Ausgang. »Was soll das heißen?«, frage ich, »was wollen Sie von mir?« – »Ich will den Herrn nur vor den anderen warnen. Es ist Humbug – Herr, reinster Humbug von ihnen.« – »Ja, das weiß ich«, antworte ich. »Möchten Sie 50 Öre haben?«, füge ich schnell hinzu, als ich ihn seine Hand mit einer eindeutigen Geste ausstrecken sah. »Ja, danke, Herr, es fehlt ja noch für die Nacht. Aber die anderen – es ist nur Humbug.« Wir gehen wieder hinein. Der gute Mann trinkt ein Bier für das Geld und ruft dann einen meiner Freunde zum Ausgang, um ihm dieselbe Wahrheit – über die anderen zu erzählen. Ich komme mit dem »Kandidaten« ins Gespräch. Er spricht Latein, spricht von Ploug Ploug (…) Attellanen: Ende der 1830er und Anfang der 1840er schrieb Carl Ploug unter dem Pseudonym Poul Rytter eine Reihe übermütiger satirischer, dramatischer Skizzen, die sogenannten Atellanen, die in der Studentenburse »Regensen« aufgeführt wurden und als Vorläufer der Studentenkomödien C. Hostrups gelten. als Dichter gewisser Atellanen, über die Dreißigjährigen als Jungen. Er spricht auch über Philosophie. »Ja, Nielsen Rasmus Nielsen (1809-1884): Bekannter Philosophieprofessor, weit bekannt für seine ausgezeichnete und einflußreiche Schriftsteller- und Vortragstätigkeit, weniger für seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit an der Universität. ist ein tüchtiger Repetitor«, sagt er. Ich sage ihm nicht, daß Rasmus Nielsen ein alter Professor ist. Für ihn ist er noch der tüchtige Repetitor. Es hat mit diesem Niedergang der Dreißiger etwas Entsetzliches auf sich. Und doch ist er in diesem Kreis eine Autorität, und wenn er spricht, schweigen die übrigen. Man hört sich andächtig seine hebräischen Brocken an, ruft »Er lebe hoch!«, wenn er seine alten Witze erzählt, spendiert ihm einen »Schwarzen«, »Ein Schwarzer«: Kaffee mit Branntwein. wenn man etwas zu spendieren hat. Er erzählt mir von damals, als er sich und seine Frau in Öl malen ließ. Es ist schon lange her, aber es verschafft doch Ansehen, besonders wenn man ein Studierter ist, der zu den »Vornehmen« gehört hat. – – Welch merkwürdiger Begriff: »Die Vornehmen« für diese Menschen. Die Vornehmen sind alle, die auf der Oberfläche sind, alles, was sich oben hält ohne zu sinken. Hier ist auch ein alter Mechaniker; er hat in Korups Have Korups Have: Gartenlokal in Frederiksberg. Geige gespielt, studiert und danach geforscht, um das Perpetuum mobile zu erfinden, geforscht und den Bau einer Flugmaschine ersonnen, die einen Menschen tragen konnte. Nun sitzt er da und reibt an seiner alten Fiedel, die er in besseren Tagen in Korups Have gespielt hatte, die jetzt aber nur noch zwei Saiten hat, aus herausgefummelten Bindfäden gefertigt. – – Draußen auf dem Tanzboden tanzt man immer noch Volkstänze in sechs Touren. Ein Hüne in blauer Jacke, die offensteht, erzählt uns, daß er mindestens eine Bedingung erfüllt, um glücklich zu sein: Er hat kein Hemd, tanzt mit einem blonden Burschen von achtzehn, neunzehn Jahren, der trällert und pfeift und trampelt, und jeden Augenblick einen langen Zug aus der Champagnerflasche, die auf dem Tresen steht, nimmt. Hier drinnen sah ich nur Champagnerflaschen. »Sie sind das Einzige, was sie bei uns hält«, sagte der Heimleiter. So landen Witwe Clicquots Witwe Clicquot: Der Clicquot-Champagner wird von der Firma Veuve (Witwe) Clicquot in Reims hergestellt. leere Flaschen hier. Welche Geschichten könnten uns die Flaschen nicht erzählen! Erzählungen von frohen und jubelnden Stunden in den Häusern der Reichen, muntere Gastmähler, Ehrenfeste. Man schenkte aus ihnen in schlanke, geschliffene Schalen ein, wo der Wein wie spielende Perlen funkelte; lachende Frauenlippen tranken ihren feurigen Wein, Begeisterung riefen sie empor, und flüchtige Liebe, deren einzige Frucht eine sekundenlange Berührung war, ein einziger verweilender Blick, ein schweigendes, suchendes Behagen. Sehnsüchte hat ihre Traube geweckt und Begierde und errötende Freude. Man hat ihn bei lärmenden Fanfaren getrunken, man hat ihn zu den weichen Tönen des Walzers geleert, auf Bällen, auf Maskenfesten, während des Taumels wacher Nächte; der Wein dämpfte Trauer, verstärkte Freude … Und nun stehen sie hier, mit dünnem Bier abgefüllt. Ein Dichter, der sie erblickte, hätte darüber ein Gedicht schreiben können, ein Gedicht, das abwechselnd und bunt wie die Zufälligkeiten des Lebens selbst wäre. Oder gibt es vielleicht keine Zufälle im Leben? Ich frage nur, ich blicke auf diese Champagnerflaschen, deren Silberpapier halb abgekratzt ist, ich frage. Aber Sie dürfen weder »ja« noch »nein« antworten. Hier gilt ein »alles« oder ein »nichts«. Wie stickig doch der Mief ist. Der »Pausbäckige« schnarcht ganz fürchterlich. Der Metzger beginnt wieder loszubrüllen. Dort am anderen Ende des Saales beginnt man Lieder zu singen; sie bringen das eine mit dem anderen durcheinander, bleiben mitten in der Strophe stecken, erzählen Witze, beginnen wieder zu singen, werden schließlich von »Dummer Peter« »Dummer Peter«: Nach einem Kinderreim der 1870er Jahre. übertönt … Petersen ist in melancholische Betrachtungen versunken, er ist fertig mit seiner Geschichte, er hat sie uns allen vieren erzählt. Dauernd kommen Neue hinzu, die uns ihre Geschichten erzählen wollen und betteln. Der Heimleiter lädt uns zu einem Glas Punsch ein, wir dürfen Weihnachten nicht hinaustragen. »Weihnachten hinaustragen«: Alter dänischer Ausdruck, der auf dem Glauben beruht, daß derjenige, der an Weihnachten das Haus verläßt, ohne etwas zu sich zu nehmen, Unglück über das Haus bringt. Ich erinnere mich daran, daß wirklich Weihnachten ist. Ich hatte sowohl Weihnachten als auch den Schweinebraten vergessen … Ja, es könnte nützlich sein, in reinere Luft hinauszukommen, außerdem ist es wirklich spät geworden, fast Mitternacht. Wir müssen nach Hause. Dort in der Ecke beim Ofen sitzt der Kandidat und doziert, der alte Mechaniker traktiert die Fiedel mit den Bindfadensaiten. Der Metzger singt zum siebten Mal die vier ersten Zeilen von »De sønderjyske Piger« »De sønderjyske Piger« (»Die Mädchen im Süden Jütlands«): Gedicht aus Holger Drachmanns Reisetagebuch »Derovre fra Grænsen« 1877. Vielleicht ist auch das Gedicht von Vilhelm Bergsøe gemeint, das 1879 als Untertext einer landesweit bekannten Fotografie zweier südjütländischer Mädchen in Nationaltracht veröffentlicht wurde. … Wie Mief und Dunst sich doch in dem niedrigen Raum stauen … Sie singen entsetzlich falsch. Lieder klingen nicht gut, wenn sie falsch gesungen werden … Wir stehen wieder auf der Straße. Sie ist öde, leer und halbdunkel. Naßschnee peitscht uns ins Gesicht, legt sich wie nasse Kleckse auf die Wangen, verschließt unsere Augen wie mit einer Haut. Wir machen uns auf den Weg, drinnen aus dem Saal des Heimes brüllt der Baß des Metzgers. Ich sehe ein Gesicht an der Scheibe – es ist Petersen. Ich erkenne die scharf geschwungene Nase. Er nickt uns zu. Dann ertönt ein lautes Krachen. »Gut, daß wir schon draußen sind«, sagt einer aus der Gesellschaft. »Jetzt werfen sie die Tische um.« Zu Hause herrscht in allen Zimmern Durcheinander. Den Weihnachtsbaum hat man in eine Ecke geschoben; die Kerzen sind herabgebrannt und haben alle Zweige vertropft. Hier und dort hängt ein kleiner Fetzen hellrotes Seidenpapier; dort ist ein Kuchen, den zu pflücken man vergessen hat. Ich trete ans Fenster. Unmittelbar gegenüber steht die Kirche, von zitterndem Licht beleuchtet, hoch, majestätisch und ruhig. Die lärmenden Wogen menschlichen Elends können sich noch lange an dieser unberührten Steinmasse brechen. Und ganz oben auf dem schlanken Turm schimmert das Kreuz. –   ([Vekslende Themaer: Trængsel], Nationaltidende, morgen, 28.12.1879)   »Die Gesellschaft kann dies nicht hinnehmen« »Und das?« fragte sie und schob die Mappe zu mir über den Tisch. Wir hatten uns gerade vom Mittagstisch erhoben, einem der gewöhnlichen »kleinen Mittagstische« Berners mit drei Gerichten und dem vorzüglichen Bordeaux, von dem man behauptet, er habe mehr als alles andere bewirkt, daß er Mitglied der Bürgerrepräsentation Bürgerrepräsentation (dän. Borgerrepræsentation): Stadtrat von Kopenhagen mit 55 Mitgliedern, die für vier Jahre gewählt werden und die legislative Funktion innehaben. Seit 1938 von einem Oberbürgermeister geleitet. geworden war. Die anderen standen in der Ecke und sprachen über Politik, über die Attentate in Rußland, Attentate in Rußland: Rußland war in jenen Jahren von starken sozialen Unruhen geprägt, u.a. durch die blutigen Aktivitäten der Nihilisten und Anarchisten. Im Februar 1880 wurde das Stockwerk unter dem Speisesaal des zaristischen Residenzschlosses in St. Petersburg durch eine Bombenexplosion zerstört, die 30 Wachsoldaten tötete; im Jahr darauf wurde Alexander II. selbst bei einem ähnlichen Attentat getötet. In Dänemark folgte man mit besonderer Aufmerksamkeit und Trauer diesen Ereignissen, weil die zweitälteste Tochter Christian IX., Dagmar, unter dem Namen Marie Feoderovna 1866 mit dem russischen Kronprinzen verheiratet worden war; dieser bestieg als Alexander III. nach dem Mord an seinem Vater im März 1881 den russischen Thron. über Gambetta Gambetta: Léon Gambetta (1838-1882) war französischer Politiker, der eine radikale (aber nichtsozialistische) Richtung vertrat. Als Vorsitzender der Deputiertenkammer und kurze Zeit als Premierminister kämpfte er eifrig für den Ausbau der Republik. und die Aufrüstung Österreichs. Die Aufrüstung Österreichs: In Verbindung mit der Rivalität der Großmächte auf dem Balkan schlossen Deutschland und Österreich 1879 gegen Rußland ein Verteidigungsbündnis, dem 1882 auch Italien beitrat, wodurch eine Dreierallianz entstand. Die Dame des Hauses und ich saßen beim Schein der Lampe am Tisch und betrachteten Bilder. Ich hatte gewettet – man wettet um so Vieles und so Törichtes, wenn man Berners Bordeaux getrunken hat –, daß ich ihr über jedes Blatt des großen Kupferstichalbums eine Geschichte erzählen könnte. Und nun hatte sie damit begonnen, die Strafe zu vollstrecken. »Aber ich gebe auf«, sagte ich, »ich gebe auf. Das ist ja der reine Wahnsinn.« … »Überhaupt nicht, mir macht das Spaß.« Und sie schaut schelmisch auf mich und zeigt auf das Bild. »Es ging um dieses Bild.« … Ich sah mir das Bild an, erhob meinen Blick und schaute die Dame an. Sie saß da und studierte unschuldig das Würfelmuster des Tischläufers. »Meinen Sie wirklich, daß ich Ihnen über dieses Bild eine Geschichte erzählen soll?« fragte ich. »Natürlich, Sie haben doch gewettet«, sagte sie und zog die Mundwinkel leicht zusammen. »Aber das ist doch ein Motiv wie …« »Eine Tochter, die wie der verlorene Sohn Der verlorene Sohn: Anspielung auf Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn, Lukas 15, 11-32. nach Hause zurückkehrt – das ist doch ein ganz unschuldiges Motiv.« »Das ist unmöglich, völlig unmöglich«, erschallt es drüben von der politisierenden Gruppe. »Die Gesellschaft kann dies nicht hinnehmen.« »Außerdem spielt sich das ja in Frankreich ab«, sagte sie kurz danach und sah mit großen lachenden Augen auf. »So etwas geschieht immer in Frankreich.« »Natürlich – das Bild ist aus Frankreich. Solche Geschichten sind immer französisch – da haben Sie Recht.« »Aber dann können Sie dies wirklich ohne weiteres erzählen.« »Es war natürlich in einem Schloß, in der Bretagne, ein Schloß nahe am Meer, mit alten Türmen und hohen altmodischen Zimmern, die die junge Marquise mit ihren weichen Stühlen und ihren Gestellen mit Pariser Nippesvollgestellt hatte. Ein altes romantisches Schloß, wie Sie darüber bei Oktave Feuillet Octave Feuillet (1821-1880): französischer Schriftsteller, dessen Schauspiele und Romane in den feineren Salons des Zweiten Kaiserreichs beliebt und geschätzt waren. Seine späteren Werke sind von einem ziemlich starken Naturalismus geprägt (z.B. der Roman Monsieur de Camors, [1867, dänisch 1880], der zu einer wichtigen Quelle der Inspiration für Bangs Haabløse Slægter (1880) wurde. lesen können. Dann wurde das junge Mädchen Kammerzofe beider hübschen Marquise in Feuillets Schloß. Louison ist jung, frisch und schön, sie ist dazu erschaffen, Kammerzofe in einem Roman zu sein.« … »Aber Sie machen sich ja über Ihre eigene Geschichte lustig!« »Nicht im geringsten! Louison trägt immer weiße Schürzen, und ihre Wangen sind rot wie ein schmucker Apfel. Darüber haben Sie doch bei George Sand George Sand: Pseudonym der französischen Schriftstellerin Aurore Dudevant (1804–1876). gelesen. Dann kommt der Bruder der Marquise ins Schloß. Etwas Landluft täte dem jungen Mann doch ganz gut, er hat sich auf dem Pariser Pflaster die Finger etwas verbrannt; nun genießt er das Leben auf dem Land, geht auf die Jagd und fischt. Nachdem er drei Wochen auf dem Schloß verbracht hat, beginnt er sich zu langweilen, und er bemerkt plötzlich, daß die Kammerzofe seiner Schwester eine Frau ist. Das ist die ganze Geschichte!« »Die ganze Geschichte? Aber Sie haben mir ja noch nicht einmal das Geringste erzählt.« »Wie es weitergeht? Ganz natürlich, gnädige Frau! Eine unschuldige Kammerzofe liebt immer den Bruder ihrer Herrin, der seine Schwester zur Jagdzeit besucht. Dann geht sie nach Paris, wird dort so berühmt, daß der »Figaro« »Le Figaro«: französisches Boulevardblatt, 1854 gegründet. Machte sich einen Namen auf Grund seiner hervorragenden Feuilletons und seiner raffinierten Kleinjournalistik mit ihren Stoffen aus der Welt des Theaters und dem Pariser Gesellschaftsleben. von ihr spricht, und kehrt endlich zurück – wieder verlorene Sohn. Das liest man ja in allen Leihbüchereien.« »Aber ich habe Sie wirklich nicht darum gebeten, mir eine Leihbüchereigeschichte zu erzählen.« Die gnädige Frau sieht sehr böse aus. »Sie haben doch selbst gesagt, daß sich diese Dinge immer in Frankreich ereignen. Aber das tun sie übrigens nicht. Wir erleben auch zuhause diese Art von Geschichten … Das junge Mädchen war jung und unschuldig, wie man es ist, wenn man achtzehn Jahre alt ist und noch nie geliebt hat. Sicherlich hatte sie auf Festen Hans, den Sohn des Bürgermeisters geküßt, aber das geschah nur, weil sie nicht wußte, daß daran etwas Schlechtes sein könnte. Dann begann sie ihre Lehre in der Molkerei des Landguts. Sie war jung und frisch wie die Kammerzofe in ihrer weißen Schürze, und der junge Sohn des Gutsherrn kam immer in die Molkerei, um ein Glas frisch gemolkener Milch zu trinken. Er war nicht hübsch, nicht einmal schön, und er lispelte leicht, wenn er sprach; wenn aber ein junges Mädchen neunzehn geworden ist, ist der Altar in ihrem Herzen geschmückt, sie erwartet ›den Gott‹, und für den Sohn eines Gutsherren ist es immer leicht, zum Gott eines Milchmädchens zu werden. Es ist gar nicht der Mensch, den sie lieben, es ist all das, was er anhat: seine Kleider, der Duft seines Taschentuchs, das Parfum seines Haars, der Glanz der Welt, zu der er gehört. So kam er eines Abends in ihre Kammer – sie hatte vergessen, den Riegel vorzuschieben. Und während die Stille der Sommernacht von der Liebe der Rosen und Nachtigallen flüsterte, gab sie ihm alles, was sie hatte. Sie weinte nicht, bat nicht, sie glaubte, es sei ihre Pflicht, sich hinzugeben. Er wollte es ja haben … So ist es im Leben, das Leben ist kein Roman, gnädiges Fräulein!« »Und was war dann? Sie haben über das Bild überhaupt noch nichts erzählt?« »Dann liebte sie ihn, und eine Frau, die liebt, begeht immer Dummheiten. Diese Merkwürdigkeit trägt sie schon seit Erschaffung der Welt in sich, von dem Augenblick an, als der Mann ihr Gott wurde. Der Sohn des Gutsherren war zufälligerweise ihrer nicht satt geworden, als die Ferien vorbei waren, und er wünschte, sie reiste mit nach Kopenhagen. Dann sagte er eines Abends ›Auf Wiedersehen!‹ und reiste ab. Es ist alles ganz einfach, und es ist überhaupt nicht sentimental. Aber das Verliebtsein eines Gutsherrensohnes dauert nicht ewig. Sie bleibt allein zurück, geschändet, mit Angst vor den Folgen mehrmonatlichen Zusammenseins … Sie vergaß zu arbeiten, sie wagt nicht daran zu denken, von der Landstraße den sumpfigen Weg hinab zu dem kleinen Haus abzubiegen, wo ihr ›Ehemaliger‹ wohnt. Sie hat Angst. Dann wird sie – Fröhliche Nächte folgen munteren Tagen. Liebschaften, die an einem Tag aufblühen und verwelken, Hingabe und Genuß. Die Zeit vergeht. Aber eines schönen Tages geschieht das eine oder andere – sie muß vielleicht bestraft werden. Sie wissen ja sicher … Sie weint, ekelt sich vor sich selbst … Dann geht sie eines Abends von der Landstraße über den Sumpf, klopft ängstlich an die Türe und wirft sich vor den Eltern, deren Haar sie vor der Zeit hat ergrauen lassen, auf die Knie …« »Das ist eine dumme Geschichte«, sagt die Dame des Hauses und schlägt die Mappe zu. »Ja, und sie ist leider noch nicht einmal wahr, Frau Berner. Die Armen widert es an, aber sie kommen nicht zurück.« Sie schaut mich an. »Es ist mit dem Leben«, sage ich und erhebe mich, »wie mit der Höhle des Löwens: Alle Spuren weisen nach innen.« »Alle Spuren weisen nach innen«: Sich in die Höhle des Löwen wagen: mutig dem Stärkeren entgegentreten. Die Redensart bezieht sich auf die 246. Fabel (Mot. 644, I) des Aesop (um 550 v. Chr.). Der Fuchs antwortet dem in der Höhle krank liegenden Löwen auf dessen Frage, warum er nicht nähertrete: »Ich träte schon ein, wenn ich nicht sähe, daß so viele Spuren hinein-, aber keine herausführen.« Horaz überträgt die Antwort ins Lateinische: »Quia me vestigia terrent omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum«, woraus sich das geflügelte Wort »Vestigia terrent« (»die Spuren schrecken«) entwickelt hat. (L. Röhrich. Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, »Löwe«, Bd. 3, S. 976). »Nein, wie ich meine«, lautet es wieder aus den politisierenden Gruppen, »die Gesellschaft kann dies nicht hinnehmen.« Sie sprachen von den Einfuhrzöllen.   [»Samfundet kan ikke taale det«: Nutiden i Billeder og Text, 22.2.1880]   Von einer einsamen Insel Man hat die Glocke auf die Lampe gesetzt. Man legt das eine Bein über das andere und meditiert ein bißchen, schlägt dann das Buch auf und stützt den Kopf mit der Hand. Der Sturm fegt wie mit ungleichen, heulenden Flügelschlägen die Fenster entlang und packt mit Gewalt das Thermometer, das klappernd hin und her rasselt, und jagt dann stöhnend in Böen weiter. Man merkt, daß es im Zimmer ziemlich kalt wird, und steht auf, Kohlen nachzulegen, setzt sich in den Lehnstuhl vor dem Kachelofen und schaut dem Feuer zu. Die Funken stieben wie spielende Irrwische um die dunkle Masse der Kohlen; sie weichen zurück, springen nach vorne und plötzlich wieder zurück, knistern in allen Winkeln, bohren sich wie hundert Glühwürmchen in das Dunkel, erlöschen, leuchten wieder auf und erlöschen. Dann bricht das Ganze zusammen, und aus dem schwarzen Rost stiebt ein glühender Strom züngelnder, wabernder Wellen, deren Hitze einem entgegenschlägt. Und während wir auf das Spiel des Feuers blicken, verwandeln sich unsere Gedanken nach und nach in Träume. Es ist, als ob in Fieberwahn oder in Erschöpfung unsere Gedanken fortglitten, und fast so, als nähme das Gehirn Urlaub. Was in unserem Bewußtsein wogt, ist wie der Dunst über dem Meer, wo alles grau und undeutlich ist. Und wenn ein flüchtiges Erinnern oder eine liebe Erinnerung plötzlich aufsteigen, von einer Macht geboren, mit der uns niemand vertraut machen kann, und hierher gelockt, zeigt sie sich unserer Seele in den Umrissen eines losgerissenen Bildes auf dem Hintergrund undurchdringlichen Dunkels. Das Bild selbst jedoch steht klar in reichen Farben … Die Phantasie bemächtigt sich unserer Erinnerung, und während wir träumen, zieht ein Zug von Bildern abwechselnd durch unseren Sinn wie eine lange Galerie aufeinanderfolgender Nebelbilder, wo der Vorführer, den niemand sieht, ohne Nachdenken und ohne Ordnung Bild auf Bild folgen läßt. So gleiten viele Bilder ohne Verbindung mit unserem hindämmernden Gehirn hin. Tausende wechselnde Erinnerungen. Fetzen von Liedern, die unsere Mutter sang, als wir klein waren, vergessene Weisen, die wir einst gesummt haben, wehmütige Töne, die wir in unserer Erinnerung tot glaubten. Aber genau wie alles, was auf die Nerven des Ohrs trifft, sich als Ton äußert, und alles, was die Nerven des Auges trifft, sich als Farben zeigt, lebt selbst die Erinnerung an die Töne für uns nur in einem Bild: unsere Mutter über das alte Klavier gebeugt, vom Fenster der Widerschein des Gases auf den weißen Tasten flackernd; ich selbst auf einen Schemel hinter den Vorhang in der Ecke gekrochen – – über den Boden gesaust, sie ruht fest in meinem Arm; und während die Töne wiegend um uns gleiten, sehe ich ihren Blick fragend den meinen suchen. – Ich mußte am nächsten Tag abreisen, und keiner von uns wußte, wann mein Weg mich wieder an dem weißen Haus mit dem sich hochrankenden Efeu vorbeiführte. Ich hatte den Weg, wo es heiß und stechend war, verlassen, um einen Trunk zu erbitten und meinen Durst zu löschen. Dann bat mich ihre Mutter doch Platz zu nehmen und brachte eine Mahlzeit. Ich müsse doch von meiner Wanderung müde sein … Während ich aß, erzählte ich von diesem und jenem; während ich erzählte, hörte sie zu. So blieb ich lange in dem kleinen Haus, und wenn ich abends auf der Höhe im Garten stand und auf den graugelben Weg, der sich über die Hügel erstreckte, sah, legte sie ihre warme duftende Hand schützend über meine Augen. Jetzt war aber der Herbst gekommen, und morgen würde ich zum letzten Mal das grüne Gartentor öffnen und alleine weggehen. Ich hatte meinen Kopf in ihren Schoß gelegt, und während mein Herz von einer tränenlosen, unsagbaren Bitterkeit erfüllt war, sang sie, wie man für ein Kind singt, das man in den Schlaf wiegt. Dann nahm sie meinen Kopf in ihre Hände, und halb singend flüsterte sie: »Ich warte, bis du wiederkommst.« – So schieben sich tausend Erinnerungen dauernd wie Bilder aus der dunstigen Dämmerung vor. Aber manchmal machen wir Halt, und der schlummernde Gedanke erwacht. Dann kreist, zunächst unsicher und schwach, dann immer deutlicher, der erwachte Gedanke um ein einzelnes Bild, das kam, der Himmel weiß woher. Und mit dem lebendig gewordenen Gedanken verbunden werden uns losgerissene Träume zu einem zusammenhängenden Wiedersehen. Die Sonne war über dem Meer aufgegangen, eine reich strahlende Sommersonne, die von den steigenden Wellen gebrochen wurde und mit deren Schaum, der auf die dunkelblaue Fläche wie eine lange Reihe funkelnder Perlen gefallen war, spielte; sie schienen auf einen samtenen Teppich ausgestreut zu sein. Und weit draußen, am Horizont, so weit das Auge reichte, traf er denselben wogenden, weichen Teppich mit seinen Perlenströmen. Über uns der Himmel hell, leuchtend und ruhig. Es ist eine herrliche Fahrt. Unter Singen und Lachen im Boot, über die Reling gebeugt haben die jungen Mädchen mit bloßen Armen im schwappenden Wasser geplanscht und gespritzt, haben es durch ihre gespreizten Finger gleiten lassen, mit ihrem Arm dagegengestemmt wie mit einem Ruder, dann es plötzlich mit einem Schrei auf uns andere geschüttet. Dann wurde es ruhiger. Ein paar Herren lagen ausgestreckt auf dem Boden des großen Bootes, die anderen tuschelten auf den Ruderbänken. In der Stille hörte man das Wasser schlürfend gegen die Planken des Fahrzeugs schlagen. Das Meer bringt uns dazu zu lauschen. Seine Musik ist immer eine Begleitung, die die Stimmung unserer eigenen Seele ergreift. Dann beginnt der Bootsführer zu erzählen. Er ist ein alter, wettergegerbter vollbärtiger Kerl. Er hat lange dagesessen, geschmunzelt, den Kautabak im Munde hin- und hergerollt, und leicht am Sitz gerüttelt, wo er sonst so fest sitzt. Aber das Wetter ist ja ruhig. Dann bricht es plötzlich aus ihm hervor: wir sollten doch nicht meinen, daß jeder Tag so lustig sei. Im Herbst, wenn »der Junge jede Minute sein Vaterunser betet« – sei es gar nicht gemütlich. »Aber dann werden die Fahrten sicher eingestellt?« »Kann sein, aber gegen Weihnachten bringt man es nicht so einfach über sein Herz. Dann erwarten sie drüben ja ›Maagen‹ bei jedem Wetter, ob Schneesturm oder Schneegestöber. Dann kann auch Eisregen auf das Boot prasseln, und es ist hundekalt, so daß einem die Finger abfrieren. Dann können wir nicht von dem einen Ende des Bootes zu dem anderen sehen, und der Schiffsjunge muß festgebunden werden. Und alles geht ineinander über, Himmel und Meer, und das Ganze – Wasser wie Luft – wird zu einer dichten Mauer, die sich ringsum auftürmt. Wir hören nichts Anderes als den Sturm, der losbrüllt, und die Segel, die klappern und sich fast losreißen. Und manchmal schreie ich nach dem Jungen, um zu hören, ob er noch da ist – .« Ich sah unwillkürlich zum »Jungen« hin. Doch, da stand er, sonnengebräunt, mit breiten Schultern, frisch und munter. Er lacht zu uns herüber. Dann frage ich ihn, ob er nicht lieber auf »große Fahrt« gehen will, um etwas vom Leben zu sehen. Es müsse doch langweilig sein, immer in diesem Boot zu sitzen und ewig dieselben vier Meilen Meile: 1 dänische Landmeile entspricht 7 532 m, eine Seemeile 1 851 m. hin- und zurückzusegeln. Das meine er nicht, man könne auch hier viel sehen. Und während der Alte weiter erzählte, gab ich dem Jungen recht. Man konnte in diesem Boot hier, das beständig dieselbe Strecke segelt, gewiß viel Pflichtgefühl, unerschütterlichen Glauben und große Zuversicht antreffen. Vielleicht sind diese Menschen näher an dem, was sie Gott nennen. In der Gefahr ist er ihnen nahe, und die Gefahr lauert überall. Deswegen haben diese Menschen sozusagen immer Gottes Rockschoß in ihren Händen, den sie auf ihre eigene Weise verehren. Unumwunden, ohne Worte, verehren sie den Gott des Sturms, und wenn er sie nach einem Schneesturm durch den fauchenden Hagel hindurch nach Hause auf das Festland bringt, danken sie ihm als dem Vater der Liebe. Doch, er hat recht, man konnte auf diesem Boot viel lernen. Man blickt über das Meer. Unentwegt lächelnd rollt die Ostsee ihre samtenen Wellen zu uns, steigt und fällt, fällt und steigt mit leise schmatzendem Seufzer. Und dennoch ist es dasselbe Meer, von dem der Alte erzählt. Grau, mit grauem Schaum bedeckt kann es sich gegen das Boot mit geöffnetem Rachen wälzen, während der Sturm über seinem gähnendem Abgrund heult. Und Schneetreiben kann es wie ein finsteres Unwetter peitschen, und es ist, als ob der Himmel seine Wolken herabgesenkt hätte, so daß die Wogen ihre Massen durchnäßten. Während der Bootsführer erzählte, glitten wir schnell Richtung »Dänemarks Malta«, zur aufgegebenen Festung »Christiansö«. Christiansø: Christiansø ist die größte der Ertholm-Inseln (Ertholmene), die aus drei Felseninseln 20 km nordöstlich von Bornholm bestehen: Christiansø (22,3 ha), Frederiksø (4 ha) und Græsholmen (unbewohnt, 9 ha). In den 1880ern waren nur die beiden ersten von ungefähr 300 Menschen bewohnt (heute knapp 100). Christiansø hat man früher oft »Das Malta der Ostsee« genannt, obwohl die Ähnlichkeit mit Malta nicht sehr ausgeprägt ist. Die strategische Bedeutung der Insel war immer äußerst gering. Die 1684 von Christian V. errichtete Festung wurde 1855 aufgegeben. Die Festung bestand aus zwei Türmen, dem großen Turm auf Christiansø, dem kleinen Turm auf Frederiksø, einigen Bastionen und Ringmauern sowie militärischen Anlagen am Hafen; die Festung steht unter Denkmalschutz. Die beiden Hauptinseln sind miteinander durch eine 30 m lange Fußgängerbrücke verbunden. Auf dem Turm hißte man die Flagge, als man sah, daß an Bord Gäste waren; jetzt sind Gäste selten, von Meer und Sturm umtost liegen die einsamen Klippen vergessen und verlassen da … Und wenn sie von Gästen besucht werden, handelt es sich immer um einen Künstler, der gekommen ist, das Meer aufzusuchen. Möchten Sie, daß ich Ihnen von Dr. Dampe J. J. Dampe (1790-1867) Arzt und Politiker. Er wollte den dänischen Absolutismus durch eine konstitutionelle Regierung ersetzen, weshalb er 1820 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde. Dieses Urteil wurde dann zu lebenslanger Haft umgewandelt, von der er fast 20 Jahre in der Festung von Christiansø verbrachte. Nach seiner Begnadigung erhielt er als erster Märtyrer des politischen Liberalismus und der konstitutionellen Monarchie eine jährliche Staatsunterstützung. erzähle? Über ihn kann man in jedem der Konversationslexika, die die Bibel der Bildung unserer Zeit sind, lesen. Was ich geben kann, ist ein Eindruck, mein Eindruck von diesen Klippen, nichts anderes. Wir standen auf dem Turm der großen Insel. Unter uns sahen wir die zahllosen Klippen. Die Insel besteht aus Granit. Ein einsamer Fels ragt aus der Ostsee, nackt und kalt. Dann machte das Gebot des Königs Das Gebot des Königs: 1684 ff. ließ Christian V. die Inseln befestigen. Die Festungsanlage wurde jedoch nie benutzt und 1855 aufgegeben. diese Klippe zur Festung. Von Bornholm und Seeland brachte man Erde, so daß man diesen Felsen mit einem Zoll Zoll: 1 dän. Zoll entspricht 2,62 cm. Erdreich bedecken konnte. Die Kanonen donnerten von den aufgeschütteten Wällen, die Damen der Garnison hielten Feste im Garten des Königs, man ergötzte sich in ausgelassenen Maskenfesten in dem kleinen Turm. Das war die gute Zeit. Drüben auf der kleinen Insel lag das Staatsgefängnis. Die dem Land und Reich Gefährlichen wurden hierhergebracht. Hier konnten sie über die Macht der Könige von Gottes Gnaden nachdenken. Wir schauten uns im Turm um. Viele Namen waren in die weißen Mauern eingeritzt, Jahreszahlen, Daten tief in den Stein eingekratzt. Welche Geduld fordernde Mühe hat es nicht gekostet, diese Schriftzeichen in den Granit einzukerben! Aber diejenigen, die sie eingeritzt haben, haben die Zeit dazu gehabt, und vielleicht haben sie geseufzt, wenn die Arbeit zu Ende war. Jahr um Jahr haben sie hier gesessen und dem Gesang des Meeres gelauscht, der für sie so traurig wie das Leben selbst war. Aber immer wieder wurden sie von einem munteren Klang geweckt. Mit Lampen leuchtend sind die Honoratioren auf die muntere Insel gekommen, um im Turm ein Maskenfest abzuhalten. So wirbelt der Tanz munter in dem runden Saal, und man stellt lebende Bilder Lebende Bilder: sogenannte Tableaus. Es handelt sich um »eingefrorene« szenische Darstellungen, die z.B. historische oder mythische Situationen, aber auch berühmte Gemälde, darstellten und im 19. Jahrhundert als Gesellschaftsspiel sehr beliebt waren. auf der errichteten Bühne. Gesang und Gelächter erschallen aus den geöffneten Turmfenstern über das Meer, das seine grauen Wellen gegen die klingende Klippe schlägt. Jetzt ist der Turm verlassen: vom alten Leiden sind nur ein paar Schriftzeichen übrig, die keiner von uns deuten kann. Aber wir sagen, wenn wir die verschnörkelten Jahreszahlen und die breiten Buchstaben lesen, uns selbst, daß die Geschichte des Leidens immer dieselbe ist. Von den Maskenfesten ist auch nichts mehr übrig. Öffnen wir die Tür, schlägt uns stickiger Gestank entgegen: Staub, Krankenhausgeruch. Als die Cholera ausbrach, legte man hier die Leichen ab. Es ist schwierig, hier im Fels Gräber auszuheben; deshalb mußten die Leichen warten, und sie warteten hier im alten Ballsaal der Garnison. Die letzten Töne des fröhlichen Kehraus erbebten noch in den Spinnweben der Ecken. Das Leben traf sich mit dem Tod … Wir aber stehen noch auf dem großen Turm und blicken über die Insel. Dann änderten sich die Zeiten. Die Könige waren keine richtigen Könige mehr, das Volk brauchte keine meerumschlungenen Gefängnisse, um seine Verbrecher einzuschließen. Eines schönen Tages erging an die Insel der Auflassungsbefehl: Die Festung solle aufgegeben werden und die Bevölkerung umgesiedelt werden. Die goldenen Tage waren vorbei, und die Festungskanonen sandten zum letzten Mal ihre Rauchwolken über das Meer als Abschiedsgruß für die, welche die Insel, die sie geboren hatte, verließen. Ein trauriger Gruß. Nur wenige blieben zurück, und diese wenigen gingen nun machtlos umher und betrachteten das Werk der Zerstörung, die das Meer und der Sturm vollbrachten und das sie nicht aufhalten konnten. Die Bäume im Garten des Königs standen ohne Pflege, jene Bäume, die die Insel so sehr liebte, um die man sich so sehr gekümmert hatte, während die Jahre mit Sommer und Winter dahingingen; die Weinranken verkrüppelten und trugen keine Frucht; der Wind schlug gegen die Pavillonfenster Nacht für Nacht, so daß sie unter dem Druck des Sturms zerbrachen. Die Zeit machte alles gleich, zerstörte alles. Die Gänge verschwanden. Die Blumen, die man gepflanzt hatte, verwilderten, krochen über den Boden, fanden zuviel Erde, um sterben zu können, zu wenig Pflege, um leben zu können. Der königliche Garten wurde ein trauriger Grasplatz. So zeigt sich die Insel jetzt, wie wir sie vom Turm aus sehen. Die Granitfelsen ragen auf wie zerbrochene Säulen, als mächtige, halb umgestürzte Zyklopenmauern, als heruntergestürzte Kapitelle. Zwischen den eingestürzten Palästen wächst das Gras üppig, ein einzelner Baum, dessen Krone vom Sturm gepeitscht ist, beugt sich mit gebücktem Rücken vor dem Wind. Es sieht wie eine mächtige Stadt in Ruinen aus. Oder man könnte sich auf einem Friedhof wähnen. Alle diese Granitsäulen gleichen umgestürzten Denkmälern, deren Kreuze vom Sturm zersplittert wurden. Winter- und Herbststürme jagten sich über den verlassenen Gräbern, wo ein Geschlecht, das tot ist, weilt, eine Zeit, die vorbei ist und die nie wiederkehren wird. Wenn wir über die vom Unwetter gebrochenen Bäume, die ohne Pflege hinsiechen, hinwegschauen, erscheinen sie uns als verkrüppelte Trauerweiden mitten in der Häßlichkeit all dieser Zerstörung. Rund um die Klippen das Meer. Soweit wir sehen können, dieselbe wogende Fläche, und die Einförmigkeit selbst drückt uns mit einer bedrückenden Trostlosigkeit. Wir gehen auf die kleinere Insel hinüber. Hier tritt der Granit stärker hervor, hier ist das Zuhause der Armen, und die Armen brauchen nicht so viel Land, nicht einmal für ihre Gräber. Der dunkle Stein erhebt sich wie zusammengestürzte Wände; bald als Spitzen, bald als runde Blöcke, bald als mächtige Grundmauern. Und wo sich in Spalten und Rissen ein wenig Erde und etwas Sand gesammelt hat, blüht die Distel in großer Zahl – die Blume der Armen, die man ihnen läßt, weil sie keine Frucht bringt. Hier wachsen die Nesseln üppiger: sie bilden einen grünen Teppich, der den Fels bedeckt. Man durchquert sie, und der Fuß stößt unter dem Teppich auf ein Holzkreuz: wir stehen auf dem Cholerafriedhof. Sehen Sie, hier wurden die unglücklichen Toten jener Schreckenszeit begraben, wo es Glück war, zuerst zu sterben und leicht zu sterben, aber entsetzlich, auf den Tod zu warten. Kein Ausweg zum Heil. Im Inneren die Seuche, die wütete und in Stunden Menschen zu Aas machte, draußen um sie herum das Meer; und niemand durfte weg, niemand. Wo sie auch hinsahen, der Tod, und alle Wege versperrt. Das Meer um sie herum war zu einer höhnischen Mauer geworden, die sie nicht überwinden konnten. – Sie tanzen auf dem Achterdeck. Draußen in der Sommernacht ertönen die Melodien des Orchesters – Erinnerungen an die städtischen Opernbälle – über die Wellen des Ozeans hin. Der Ozean ist ruhig, die dumpfen Wasser gehen ruhig, steigen zu runden Höhen und senken sich zu breiten Tälern, aus der Tiefe erklingt der Lärm des Mahlstroms wie das Schnarchen eines riesigen Tieres. An den Seiten des Schiffes leuchten und glitzern die aufgehängten Lampen auf den gleitenden Wassern. Rings um das Schiff liegt die Nacht wie ein Teppich. Man feiert im Trubel. Aber zischend – wie eine unglücksbringende Natter – kommen – niemand weiß woher – dunkle Gerüchte auf und schleichen sich zwischen die Lichter des Festes, von Mann zu Mann geflüstert: es sei an Bord die Cholera ausgebrochen. Und der Schrecken läßt die fröhlichen Gesichter gefrieren, so daß zwar die Lippen noch lächeln, die Augen aber schreckerstarrt sind. Das Grauen ergreift sie. Der eine flieht vor dem anderen, der ja die Ansteckung mit sich tragen könnte. Es ist, als wäre das Schiff unter diesem Grauen ausgestorben, dem Grauen, das nicht weint und dessen Klagen nur tiefe Seufzer sind. Man geht sich aus dem Wege, sucht in allen Winkeln des Schiffes die Einsamkeit, späht über das Meer, gefangen, angstgeschlagen. Dann folgt die Zeit des Wartens mit ihren langen Tagen. Jeden Abend hören die Schreckgeschlagenen ein entsetzliches Plumpsen, dumpf, ungemütlich und schwer, ein Schwappen an der Seite des Schiffes, wie ein Seufzer aus dem Wasser, das sich über einem Opfer öffnet und schließt. Man zählt voller Angst: eins, zwei … Es sind die Toten des Tages, die man vom Schiff wirft … Die Lebenden aber warten. Ein kribbelndes Sintflutentsetzen liegt über diesen Lebenden. Jeden Abend hören sie dasselbe Plumpsen, und der Blick verrät scheu, wer es war, aber man stellt keine Fragen. Hätte man Gold bekommen, so hätte man doch nicht gefragt … Das Choleraschiff mit dem Tod an Bord fährt weiter. So litten sie, die Unglücklichen, die unter diesen Disteln begraben liegen, hier auf diesem Felsen, der so traurig nackt ist. Die Hütten ringsum sind alt und baufällig. Sie sind der Zeit anheimgefallen. Was die Menschen verließen, ist der Zerstörung unterworfen. Wir gehen der Festungsmauer entlang. Die Wellen klatschen dagegen, Strandhafer und Gras wogen längs des Abbruchs. Die Mauern verfallen. Hier und dort in den Guckfenstern liegt eine alte Kanone: man hat sie nicht mitgenommen, sie war dessen nicht wert. Selbst die verrostete Kanone, die hier liegt und still verwittert, ist wie bitterer Hohn. Trostlos, entsetzlich. Ihre Stimmen waren zu der Zeit erschollen, als Dänemark um die Vorherrschaft in der Ostsee kämpfte, damals, als unsere Flotten das Meer füllten, da sprachen unsere Kanonen mit gebieterischer Stimme. Aber jetzt sind die letzten Feuerstimmen, die sprachen, diejenigen, die bei Düppel Düppel: (dän. Dybbøl): Hinweis auf die Schlacht an den Düppeler Schanzen am 18.4.1864, wo Dänemark endgültig den zweiten deutsch-dänischen Krieg verlor. traurig über den Leichen der Dänen erschollen. Die Kanonen hier, die vor sich hinrosten, weil sie nicht wert waren, mitgenommen zu werden, werden fast zum Sinnbild. Wir verlassen die kleinere Insel, gehen den Pfad entlang um den Felsen zur Kirche. Ein heller und freundlicher Raum. Es liegt über allem hier etwas Vertrautes, aber diese Menschen müssen hier ja auch ein Zuhause gehabt haben, hier drinnen wurden sie ja alle zusammengerufen, um denen, die wegzogen, Auf Wiedersehen zu sagen, Herzlich willkommen denen, die neu ankommen. Hier versammelt man sich als große Familie, in der alle miteinander verwandt sind, und hier trifft man sich. Außerdem ist man an solch einsamen Stätten Gott immer näher, oder eher Gott ist uns näher. Die Einsamen werden immer noch einen Gott haben, wenn wir, die wir im Lärm und in der Masse leben, ihn längst verloren haben. Er lebt in der Natur, Er ist es, der die Stürme über die Wasser schickt, Er spricht in der Einsamkeit. Und die Trostlosigkeit in allem und über allem beugt der Menschen Knie. – Der Blickwinkel dieser Menschen ist so eng wie ihre Insel, und es gibt keinen Platz für Zweifel. Das Pfarrhaus liegt hinter dem Abhang am Salomonsbrunnen versteckt. Es mutet merkwürdig an, in dieser Ödnis auf einen Hauch der großen Welt zu stoßen. Thorvaldsens Reliefs an der Wand, Mozart und Schubert über dem Klavier. Und überall Krimskrams und Bücher, Tischchen, Glasschränkchen und Blumen. Die Pfarrersleute sind jung verheiratet, und es sieht aus, als ob die Liebe hier am Salomonsbrunnen im weißen Pfarrhaus gut gedeihe. »Man glaubt, es sei hier so einsam«, sagt die junge Frau. »Ich meine, hier ist es wunderschön.« »Ist es hier nicht doch sehr eintönig?« »Eintönig? Nein.« »Doch, in der Natur.« »Ach, die Natur ist ja doch nichts anderes als das, wozu man sie macht.« Und dann sagt man noch, die Menschen seien nur das, wozu die Natur sie macht. Wir aber gehen weiter. Längs der Mauer zu der heiligen Quelle. Der Fels bricht steil ab, steil wie ein gebohnerter Fußboden; auf beiden Seiten erheben sich Wände wie Mauern. Wenn der Sturm von Osten heranrast, ist die heilige Quelle vom Meer überflutet, von den schäumenden Wogen bedeckt. Heute aber kann man sich die steile, rutschige Böschung hinabwagen, und wenn man sich weit nach vorne beugt, aus der frischen Quelle trinken, die am Fuß der Klippe ins Meer rieselt. Die Wellen schlagen schwer gegen den Steilhang. Ganz unten, unter unserem Blick, ist das Wasser blauschwarz. Weiter draußen blinkt es metallisch veilchenblau. Man erzählt sich auf der Insel die Sage von einer unglücklichen Frau, die sich bei der heiligen Quelle hinabstürzte. Sie sank tief, denn dieses dunkle Wasser ist viele Faden Faden: 1 dänischer Faden als nautische Maßeinheit beträgt 1,884 m. tief. Ihr Vater war auf der kleinen Insel Gefängniswärter. Er war als Gefangener dahingekommen, die Liebe aber fragt nicht nach Stand noch nach Sprache. Sie spricht beständig ihre eigene, merkwürdige Sprache. So ging diese Frau eines Nachts die Klippe zur heiligen Quelle hinab, und die tiefen Wasser verschlangen zwei Leben. Erzählt hier die Stille von dieser Frau? Von ihr oder einen anderen? Hier, wo alles ohne Hoffnung dem Sturm ausgesetzt ist und für menschliche Hoffnungen trostlos ist, ist das eine wie das andere genauso gut möglich … Während es immer dunkler wurde, fuhren wir nach Bornholm zurück. Das Lachen war verstummt. Der alte Fischer erzählte mit gedämpfter Stimme – wie vom Schweigen der Nacht gedrückt – eine Sage von dem stolzen Hammershus. Die Sage war traurig und trübsinnig wie die Menschen selbst, die sie überliefert haben. Denn die schwermütigen Felsen der Insel haben ihre Bewohner finster und streng gemacht, so wie sie auch selbst ist. Die Sonne lächelt diese Granitmassen, die dem Meer zu drohen scheinen, vergeblich an. Und während wir der Sage von dem großen Geschlecht der Skjalm Hvide lauschten, saßen wir ruhig da, beeindruckt von all dem, was wir auf der trostlosen Insel des Invalidenfonds Invalidenfonds: Die kleinen Inseln bildeten keine eigenständige politische Gemeinde. Sie wurden vom Marineministerium verwaltet. Hier gehörten sie zum Invalidenfonds, der sich zum Ziel gesetzt hatte, für die Hinterbliebenen Gefallener und die Angehörigen Kriegsbeschädigter zu sorgen. gesehen haben. Vor uns erblickten wir die gegen den dunklen Himmel aufragenden großen Ruinen der mächtige Hvide-Burg: Hammershus. Auch sie ist ein Denkmal, das über einem Geschlecht, das schon längst ausgestorben ist, zerfällt. Das Geschlecht der Hvide: Eines der berühmtesten dänischen Adelsgeschlechter. Bang war zeit seines Lebens der Ansicht, er stamme von diesem Geschlecht ab, was aber nicht zutrifft. Die Hvide kommen im 11. Jahrhundert aus Jütland. Hervorragende Gestalten waren im Mittelalter Asser Rig, Erzbischof Absalon und Esbern Snare. Um 1300 Zerfall in verschiedene Zweige. Und selbst die fromme Erinnerung hat es vergessen. Das Meer brauste schwer an den Seiten des Bootes. Alles glitt in derselben Dämmerung zusammen. Aber wir, die wir durch die Nacht zogen, wurden von der Stimme des Windes in merkwürdig verzauberte Träume gelullt.   [Nationaltidende, morgen, 4.4.1880]   Endlose Tage Studie von Herman Bang Dies ist eine einfache Geschichte, wahr und traurig. Eine Erzählung von einem vertanen Leben; ein schicksalsschwerer Betrug, der ein Herz zerstörte, der die Glut des Lebens entkleidet, kahl wie eine nackte Ebene, unfruchtbar. Ich erzähle dies alles, wie es geschah, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Aber die im Leben Hartgewordenen, deren Herzen von altem Kummer schwer sind, könnten vielleicht eine befreiende Träne über den fremden Schmerz vergießen. Denn oft können wir über andere weinen, wenn wir aufgehört haben, über uns selbst weinen zu können. Draußen über der Niederung längs des Flusses liegt die Heide still wie ein grauer Dunst, ein spinnwebenartiger Schleier, der vor der brennenden Sonne schützt. Manchmal kommt ein einzelner Windstoß zwischen den Hügeln und dem Wald hervor, fährt wogend über die Wiese, biegt das Schilf des Flußlaufs vor und zurück, streicht über die Hecke, über den verdorrten Rasen und erreicht als erfrischender Hauch die Palmen längs der Terrasse. In weißlichem Grau flimmernd und menschenleer liegen die Terrassen Gyldenstens da, von der Hitze des Julitages geröstet. Langweilig flimmernd. Alles ruht in einschläfernder Trägheit, in verwirrendem Glanz. Schwere, sonnendurchglühte Trägheit. Nur die Palmen an den Geländern recken saugendbegehrlich ihre breiten Blätter in die Sonne. Sonst ist alles Leben erstorben; und die hohen, geweißelten Wände, die vielen schlaffen Markisen über den breiten Fenstern und das ausgespannte Sonnensegel über der hohen Treppe – alles leuchtet weiß. Es ist totenstill. Manchmal verfängt sich ein etwas stärkerer Windstoß im Sonnensegel über der Treppe. Dann klappert das Segel träge, gestört in seiner sonnenträgen Ruhe, klatscht dann unlustig weiter in der weißscheinenden Langeweile der Terrasse. So lag die Terrasse Stunde um Stunde an diesem endlosen Julinachmittag da, aufreizend menschenleer. Kein Leben draußen, und schläfrige Stille drinnen. Die Hitze des Julitages hat überall das Leben ausgedörrt. Aber gegen Abend öffnet ein alter Diener langsam und ohne Lärm die hohen Türen zur Treppe, nimmt die erste Stufe und stellt sich wartend auf den ersten Absatz. Baronesse Millada bleibt einen Augenblick lang in der Tür stehen, gleitet dann lautlos an dem schweigenden, sich verbeugenden Diener vorbei, bleibt eine Minute auf dem untersten Absatz stehen, atmet zum letzten Male die kühle Luft unter dem Segel ein und schwebt dann ruhig auf die sonnenbeschienene Terrasse hinaus. Es war, als glitte eine Schlafwandlerin schlaftrunken den hohen Balustraden entlang. Wenn sie den Sonnenschirm hebt, sieht man hinter dem Schleier, den sie phantasievoll um den Kopf gelegt hat, ein bleiches, sehr schmales Gesicht. Die Lippen sind dünn, nervös zusammengezogen, verschlossen, die Falte bei der Nase tief gefurcht, wie gemeißelt, die Augen graublau, als wären sie mit einer schleierähnlichen Haut überzogen, unsicher schwermütig, flackernd ohne zu sehen, der Umriß der Stirn ist scharf, die feine Haut der Schläfen zittert immerwiedernervös. Sonst sieht es aus, als wäre eine Maske sorgenvoller Gefühllosigkeit über alle Züge gelegt. Sie geht langsam, sozusagen in ihren Schritten zögernd, vor und zurück. Wenn sie stehen bleibt, zieht sie den Atem tief ein und blickt über den Garten. Aber selbst dann ist ihr Blick leer, leblos. Es ist, als wäre eine Wolke von Tränen am Leuchten dieses Blickes vorbeigeglitten. Während der wartende Diener halb gedankenlos der umhergehenden Frau mit seinen Augen folgt, verrinnt während ihres einförmigen Gangs Viertelstunde um Viertelstunde. Die Dämmerung folgt dem Tage. Der Dunst der Sonnenhitze hebt sich draußen über die Wiese, und während die Sonne im Westen hinter dem Wald untergeht, hüllen sich Land und Fluß in eine traumreiche Klarheit. Es ist als ob dämmrige Schatten wie umhüllende Schleier sich vom Wald aus über die Niederung der Felder ausbreitete, langsam sich senkend, lautlos voran gleitend. Und die dichten Schleier gleichen ätherfeinen Wolken; wie ein Teppich, der zärtlich die lockenden Geheimnisse der Sommernacht einhüllt. Es war, als sänke die Kühle über die vor Hitze stöhnende Erde. Sie geht beständig auf demselben Stück hin und her. Aufrecht, gleitend. Man könnte glauben, sie wäre ein wanderndes Denkmal, dem einer der kindlichen Götter des Altertums kein Leben eingehaucht hätte, sondern nur die Fähigkeit zu atmen und zu gehen. Plötzlich aber bleibt sie stehen. Die bläulichen Schatten der Dämmerung haben sich über die großen Rasen gelegt; die Blutbuche unten am Hang steht wie ein verschleierter Riese, schrecklich groß, dunkel gegen den rötlichen Himmel. Unten im Park flüstern die Blätter leise, vom bebenden Geistatem der Dämmerung schwach zitternd bewegt. Solche gedämpften Stöße, die man in stillen Nächten hört, die ruhigen Atemzüge der Nacht. Sie blickt hinaus, und mitten in der kühlen Stille, wo der Frieden eine Stimme zu bekommen scheint, lächelt sie ein wenig in die kommende Nacht hinaus. Die Lippen öffnen und verziehen sich, aber das Lächeln, das gegen die Müdigkeit der Lippen ankämpft, mündet in einem gedämpften Seufzer. Dann geht sie langsam die Stufen der Treppe hoch, an dem sich verneigenden Diener vorbei. Der Diener blickt über den Garten, schließt die Türen, langsam und ohne Lärm. Die Terrassen liegen wieder menschenleer da. Der Baron geht wartend im großen Speisesaal auf und ab. Ein großer, graumelierter Mann mit vielen Falten auf der Stirn und um die Augen. Er hält sich gerade, aber manchmal, wenn er sich unbemerkt glaubt, fällt er plötzlich wie unter einem drückenden Gewicht zusammen; dann streicht er sich schnell über die Stirn und sieht sich schnell, etwas scheu, um. Die Augenlider sind sonst schlaff, mit roten Säumen, der Blick hinter ihnen erloschen. Während er spricht, hält er oft die Augen ganz geschlossen, und wenn er sie dann plötzlich öffnet, spürt man einen kalten, glasigen Ausdruck. Dann schaut er wieder von einem weg, und die Augenlider erschlaffen. Er dreht sich um, als die Tür geöffnet wird, und tritt aufrecht seiner Gattin entgegen. Als sie hereinkam, hat er sich zurecht gemacht und sie mit einem blitzschnellen Blick gemessen. Sie sieht nicht auf; sie geht mechanisch und langsam zu ihm hin, steif wie eine Gipsfigur; es liegt auf ihrem graubleichen Gesicht eine Art Gipsschicht, die das Leben erstickt. Er beugt sich hinab und küßt flüchtig ihre Hand, sie flüstert einige Worte, wobei sich die scharf gezeichneten Lippen kaum halb öffnen; sie nimmt seinen angebotenen Arm. Aufrecht wie bei Hofe führt Baron Gyldenstjerne sein Gemahlin zu Tisch. Sie speisen schweigend. Die gedämpften Schritte des Dieners und das klirrende Klingen, wenn die Teller getauscht werden, sind der einzige Laut, der die Stille des Mahles unterbricht. Man könnte glauben, die Speisenden fürchteten, in diesem Saal schlummernde Geister zu wecken. Der alte Diener trägt still die wechselnden Gerichte auf und stellt sich dann wieder an die große Eichenholzanrichte, steif und aufrecht, mit Falten wie der Baron. Manchmal blickt er traurig auf das Gesicht seines Herrn, aber der Baron bemerkt dies nicht; er speist unbeeindruckt ruhig, über seinen Teller gebeugt. Die Baronesse rührt das Essen kaum an, und wenn der Diener einladend auf ein besonders leckeres Stück zeigt, schüttelt sie abwehrend den Kopf. So geht das Mahl in drückendem Schweigen dahin. Man hat den Mund ausgespült, und mit einem französischen »Wohl bekomm's!«bietet der Baron seiner Frau höflich seinen Arm. Sie gehen beide mit vornehmer Ruhe langsam durch den Saal, die matt scheinende Schleppe der Baronin fällt wie ein dahingleitender Strom über das Eichenparkett. Die Tür wird geöffnet und wieder geschlossen – das tägliche Zusammensein dieses Ehepaares ist beendet, wenn diese Tür geschlossen ist. Der alte Diener schaut mit traurigem Blick zur geschlossenen Tür und beginnt, etwas fieberhaft, mit dem Geschirr zu klirren. Er weiß, daß der Baron seine Frau schweigend durch den großen Saal in das gelbe Kabinett geleiten wird. Dort wird er sich verbeugen und sein höfliches »Gute Nacht!« mit einem leeren, verbindlichen Lächeln sagen. Und während seine Lippen ihre Hand leicht berühren, wird sie ein paar dankende Worte flüstern. Dann wird sie, während die Stunden der Nacht verrinnen, verlassen in ihrer steingewordenen Einsamkeit, in vage Träumereien versinken; Träume, die kein Schlaf sind und doch nur der Schatten eines wachen Lebens. Und so haben diese Menschen sechzehn Jahre lang nicht endenwollende schleppende Tage erlebt. Genau sechzehn Jahre – so lange liegt jene entsetzliche Nacht zurück, als das Lachen in diesem Haus erstarb, das Lachen und das Singen und das Leben – denn das kann man nicht Leben nennen … Der alte Diener schüttelt bekümmert sein altes Haupt, und während er langsam und mit zitternden Händen die schweren Löffel mit dem Familienwappen auf den Stielen zählt, hört man ein unterdrücktes Schluchzen. Jene Nacht. Jede ihrer kleinsten Begebenheiten ist mit ewig brennender Schrift in diese drei Herzen eingebrannt. Nach für Nacht sind ihre sorgenvollen Gedanken, todmüde wie flügellahme Vögel, um diese entsetzliche Erinnerung gekreist. Während ihr Leben unter dem langsamen Seelenverbluten des grau werdenden Entsetzens verwelkte, ist die Erinnerung selbst in ihrem Denken unbestimmbar grau geworden, ihr ganzes Wesen ist langsam der grauen und trostlosen Schwermut gewichen, einer Dämmerung, die der Vorbote der Nacht ist. Es war eine eigentümliche Verbindung. Und sie war so unerwartet gekommen, so Hals über Kopf, so beleidigend Hals über Kopf. Die Nachbarschaft hatte von dem Ganzen ja eigentlich keine Nachricht bekommen; man hatte es auf Umwegen erfahren, von Handwerkern, die Gyldensten für die Neuvermählten in Stand setzen sollten. Aber es war unanständig, unpassend, ja beleidigend vom Baron, daß er seine nächste Umgebung die Eheschließung auf diese Weise erfahren ließ … sehr merkwürdig, fand man. Im übrigen war das Ganze sicher eine ziemlich mysteriöse Geschichte … man kannte ja den Baron, und außerdem war es ja die einfachste Sache der Welt zu sagen, man stamme aus Böhmen – wer konnte das schon nachprüfen? Und selbst wenn sie aus Böhmen war – sie könnten auch von der Straße kommen – und schlimmeren Stätten. Im Ganzen gesehen neigte man dazu, als die Eheschließung in der Gegend ruchbar wurde, diese Baronesse Millada als eine persönliche Beleidigung zu betrachten. Daß sie Millada hieß, wußte man vom Gutsverwalter, der telegrafisch angefragt hatte, welchen Namen er über die Ehrenpforte setzen lassen sollte; das war im Grund auch das einzige, was man wußte. Aber dieses Bißchen reichte aus. Denn selbst wenn Frau Millada – wozu es ja nach allen Weihnachtsmarken Weihnachtsmarken: Die Weihnachtsmarken waren in früherer Zeit gezeichnete oder geschnitzte Marken, die man auf dem Land zwölf Weihnachtstage lang am Deckenbalken anbrachte; sie sollten anzeigen, wie das Wetter in den kommenden zwölf Monaten würde. Die Redewendung »nach allen Weihnachtsmarken zu urteilen« bedeutet jedoch nur »so weit ich beurteilen kann«. zu urteilen leider keinen Anlaß gab – wirklich anders wäre als sie sein müßte, war sie auf jeden Fall eine Fremde, und es gab ja wirklich genügend Partien, gut passende Partien, hier zu Lande: Der Amtmann hatte drei Töchter, und Baron Krabbe bekam nun die vierte konfirmiert. Da brauchte man wirklich nicht seine Frau, Gott weiß wo in Böhmen, aufzulesen. Nein, diese Partie genoß bei weitem nicht die Billigung der Nachbarschaft. Dann kamen die Frischvermählten in einer Juninacht auf Gyldensten an. Die Bauern begleiteten den Brautwagen mit Fackeln, die drei Töchter des Gutsverwalters – es gab ungewöhnlich viel Töchter in dieser Gegend – streuten Blumen, und »Millada« erstrahlte in kunstvollem Gebinde über der großen Ehrenpforte. Das Ganze war wohlgeglückt. Die »salonfähigen« Damen waren im Gartensaal versammelt. Dies war ein Einfall der Gattin des Amtmannes: Man wollte der jungen Baronesse einen Strauß überreichen, um sie sofort nach der Ankunft in Augenschein nehmen zu können. Der Strauß aus französischen Veilchen Französische Veilchen: In Vergessenheit geratener Name des Hornveilchens (viola cornuta). [Auskunft von Jette Dahl Møller, Botanischer Garten und Dänisches Naturhistorisches Museum, vom 12.02.2009]. und Rosen war nur ein duftender Deckmantel für die nagende Neugier der Damen. Die Damen hatten sich wie bei einer Kür in zwei Reihen aufgestellt, und sie hatten alle heiße Köpfe und waren von einer nicht mehr zu ertragenden aufgeregten Neugier erregt. Ein stoßweise steigendes, unruhiges Murmeln erfüllte den ganzen Saal. Die Gattin des Amtmannes stand mitten im Raum, beeindruckend wie eine gekränkte Diana, Diana: Römische Göttin der Jagd. den Strauß wie einen Schild vor ihren Bauch haltend. Niemand konnte sagen, wie sie hereingekommen waren: Plötzlich waren sie da. Die atemlose Neugierde umfaßte beide mit einem Blick. Millada war groß und sehr schlank; während sie den Saal durchschritt und sich ängstlich dicht an seinen Arm hängte, sah es aus, als ob sie voller Angst zu ihm geflüchtet wäre und im nächsten Augenblick ihren schlanken Leib in unbeherrschter Furcht an ihn schmiegte. Sie sah nicht auf. Es sah fast so aus, als trüge der Baron sie – und wäre glücklich damit. Die Gattin des Amtmanns sagte in schlechtem Französisch einige Phrasen, die von ihrem Gemahl berichtigt wurden, und überreichte der Baronesse mit würdiger Verbeugung die Veilchen. Dann erhob Millada einen Augenblick lang ihren Blick und sah sie scheu, aber abschätzend an. Die Blicke der beiden Damen begegneten sich einen kurzen Augenblick. Dann schlug die junge Baronesse wieder schnell die zitternden Lider nieder. Aber die Amtmännin hatte bemerkt, daß sie blaue, dunkle Augen hatte, die wie verglimmender Sternenschein über dunklem Wasser aufblitzten. Der Baron dankte den Damen, Millada hängte sich schwerer an seinen Arm. Sie machte einen scheuen, erschrockenen Eindruck. »Mein Gott«, sagte die Frau des Gutsverwalters zu ihrem Mann, während sie ihre gestreifte Nachthaube fest über die Lockenwickler band, »sie sah aus wie ein gestutzter Vogel.« … »Fremdes Gut«, brummte der Verwalter. Bald waren sie beide eingeschlafen, aber der Gutsverwalter stöhnte im Schlaf. Er träumte, das große Herz über der Ehrenpforte wäre gerissen … Die Sache mit dem Strauß war ein glücklicher Einfall der Frau des Amtmanns, denn ohne ihn wäre die Neugier der Damen wahrscheinlich nicht befriedigt worden. Die Barons gingen nicht aus: Millada wollte nicht, und der Baron wollte sie nicht dazu zwingen, dazu war er zu glücklich. Tag auf Tag verging, sonnenhelle, spielerische Tage. Es war eine glückliche Zeit. Er hatte Millada wie ein Kind zu sich genommen, von ihrer Unschuld betört, eingenommen von der merkwürdig schwebenden, wehmütigen Schwermut, die das Besondere an ihrem Wesen ausmachte. Er hatte sie in einer Kleinstadt in Böhmen getroffen; er hatte sich bei einem Sturz eine Beinverletzung zugezogen und mußte sich deshalb in der Stadt längere Zeit aufhalten. Der Aufenthalt in dem kleinen Flecken war für den erfahrenen Mann eine Idylle; er hatte in dieser wehmütigen Stille – Wehmut ist das Markenzeichen Böhmens – ein aufreizendes Wohlbehagen genossen, das ihn gerade durch die Macht des Gegensatzes berauscht hatte. Millada war die Tochter seiner Wirtin. Abends, nach Sonnenuntergang, wenn er mit dem Bild der heiligen Anna Die heilige Anna: Mutter der Jungfrau Maria. Schutzheilige der Mütter, der Armen und der Berg- und Kaufleute. Ihr Gedenktag ist der 26. Juli (Annentag). alleine unter der Eiche saß, kam Millada mit ihrer Gitarre und sang ihm böhmische Volkslieder vor. Alle diese slawischen Weisen, deren Töne sachte dahingleiten wie das schwermütige singende Murmeln eines plätschernden Flusses; gedämpfte, seufzende Kehrreime, wehmütig gleitende Töne, die sich in unterdrückten Klagen verbergen; es ist, als ob ein alter Schmerz, gesättigt mit den Tränen eines Jahrhunderts, mit großen tränenerfüllten Augen uns aus diesen Volksliedern voller Kummer entgegen starrte. Aber manchmal taucht in den dunklen, feuchten Augen ein Blitzen auf; es ist, als ergösse sich Feuer durch die Weisen der Lieder. So sieht man vor seinem inneren Auge den bewegten, feurigen Czardas Czardas: Ungarischer, von Zigeunermusik begleiteter, schneller Nationaltanz. … Die Lieder ertönen mild wie geflüsterte Wiegenlieder, die Witwen bei Kindern singen, deren Vater noch vor ihrer Geburt gestorben ist. Böhmens slawische Kinder erwachen zum Leben, umwogt von den mild-schwermütigen Klagen ihrer Mütter. Es ergriff ihn. Aus Milladas melodischem Gesang entstand ein Märchen. Diese ewige Wehmut war wie kühlende Kräuter, die eine liebevolle Pflegerin auf die offene Wunde seiner Leidenschaft legte. Denn er war hierher matt vom Fieber gekommen. Sie, das Leben hier und die Menschen, alles war ihm ein Märchen. Dann riß er ein Stück aus dem Märchen heraus und nahm es mit sich, aus seinem Zusammenhang. Millada wurde seine Frau. Und das Märchen lebte weiter in dem ihr fremden Land. Millada war dieselbe wie vorher. Ihr Lächeln war immer voller Schwermut gewesen, und sie war ja erst ein Kind. Aber gerade deswegen wollte er sie haben. Stundenlang konnte er bei ihr auf der Terrasse sitzen und reden und erzählen und belehren. Ihre Augen folgten ihm, und statt zu reden, lächelte sie nur und statt zu lachen, liebkoste sie ihn. Sie sah zu ihm auf, und sie glaubte, daß sie ihm all dies niemals zurückzahlen könnte. Sie tat alles um seinetwillen, nur ausgehen wollte sie nicht. Wenn er sie darum bat, schüttelte sie immer sachte ihren Kopf; sie war vor diesen Damen mit ihren Veilchen scheu geworden. Die Monate vergingen … Wenn es Abend wurde, saß Millada mit ihrer Gitarre unter der Blutbuche, sie sang nicht mehr, sie flüsterte ihre Lieder nur noch. Dann entglitt die Gitarre ihren runden Armen mit den schönen Handgelenken, und sie konnte lange schweigend dasitzen, leise lächelnd. »Millada«, flüsterte er, »bist du glücklich?« Dann bot sie ihm ihren Mund zum Kuß. Er aber meinte zu spüren, daß ihre warmen Lippen kalt geworden waren. Der Winter kam. Man mußte drinnen bleiben. Millada fühlte sich heimatlos in den hohen Räumen, fand sich nicht zurecht. Er ließ ihr ein Nest bauen. Es bestand aus gelben Seidenpolstern an den Wänden: So saß die junge Frau alleine in ihrem seidenen Käfig, den sie »Milladas Nest« nannte. Sie waren weniger zusammen als vorher, er konnte nicht jegliches gesellschaftliches Leben meiden, außerdem war er Jäger, und man mußte sich auch des Gutes annehmen. Wenn er nach Hause kam und den gelben Vorhang zu »Milladas Nest« hob, sah er sie mit der Hand unter dem Kinn sitzen, gebeugt, wie von einer Bürde beschwert. Für ihn aber hatte sie immer ein Lächeln. Und trotzdem fragte er, wenn er auf seine junge Frau sah, oft sich selbst, ob er das Märchen nicht zerstört habe. Er stellte sich die Frage, aber wagte nicht, sie sich selbst zu beantworten. Die Wirklichkeit aber war, daß Millada Tag für Tag dahinwelkte. Die Jahre vergingen. Sie wurde immer bleicher, sie suchte Arbeit und Zerstreuung. Mit dem Singen hatte sie aufgehört, Tag für Tag saß sie in ihrem gepolsterten Nest, sich langsam in ihrem weichen Stuhl wiegend. Sie arbeitete nicht, sprach nicht, las nicht; sie welkte dahin. Dies war Milladas Geschichte in diesen Jahren. Dann aber kam der Krieg, Krieg: Gemeint ist der zweite schleswigsche Krieg 1864. und Jütland wurde besetzt. Millada stand auf der Treppe und sah, wie die fremden Truppen in den Hof einrückten. Sie glaubte, ihr Weinen zu unterdrücken, würde ihren Herzschlag anhalten. Sie wurde ohnmächtig, als sie ihre Muttersprache von den Lippen ihrer Landsleute hörte. Ihr Vaterland war zu ihr gekommen. Es war, als wäre Millada nach Hause zurückgekehrt. Abends, wenn die Soldaten Feuer im Hof entzündeten und einer von ihnen vorsang, während die anderen mit dem wogenden Kehrreim einfielen; wenn die Söhne ihres Vaterlandes in schnellen, atemlosen Takten mit hastigen Griffen auf der Gitarre den alle Sinne umfassenden Czardas jubelten; wenn ihre Gesänge wie schwermütig gedämpftes Summen erklangen, in dem ihre eigene brennende Sehnsucht ergreifenden Ausdruck erhielt – da lebte Millada wieder auf. In dieser Zeit weinte sie viel. Der junge Hauptmann wohnte im Hauptgebäude. Er war ein schlanker, geschmeidiger Ungar. Und seine Augen brannten so heiß wie die Sonne seines Landes. Der Baron schätzte ihn sehr. Der Hauptmann munterte Millada auf, und er wollte seine Gemahlin gerne fröhlich sehen. Er freute sich am Tisch, wenn die Stimme seiner Gattin einschmeichelnd weich ihre melodische Muttersprache sprach. Es hörte sich wie Musik an, wenn die beiden miteinander redeten. Er verstand nur wenig, was sie sprachen, aber sie lachten und scherzten wie zwei munter spielende Kinder. Und gerade dies wollte er. Und wenn sie am Abend sangen, den Wechselgesang von der Schlacht auf dem Weißen Berge, Die Schlacht auf dem Weißen Berge: Im Dreißigjährigen Krieg besiegte Tilly 1620 in der Schlacht auf dem Weißen Berge bei Prag Friedrich von der Pfalz und unterwarf sich damit die aufständischen protestantischen Böhmen. war es, als ob ihre weichen Töne sich schützend über Böhmens hoffnungslose Trauerlegten. Manchmal sangen sie auch Liebeslieder, Strophen voller Glut, feurig, zügellos; dann erlosch das Feuer wieder, und der Gesang wurde wieder wehmütig wie die Wiegenlieder der Witwe … so schnell wechselt die Stimmung in der Brust dieses Volkes. Selbst ihre Liebe ist Wehmut, denn sie wissen, daß ihre Kinder unfrei bleiben werden wie sie selbst. Der Hauptmann spielte. Bilder erhoben sich mit den Tönen. Runde Arme, tanzende Beine, Feuer in den Blicken, Sporenrasseln, dröhnendes Trampeln, Paar auf Paar im sausenden Czardas. Millada tanzte dazu. Sie war wieder die Millada geworden, die ihr Gatte liebte. Aber es war die Liebe zu einem anderen, der sie dazu gemacht hatte. So geschah es eines Tages – nein, lassen Sie es mich kurz machen, denn es ist so leicht zu verstehen, was geschah. Er fand eines Abends den jungen Hauptmann in Milladas Nest auf Knien vor seiner jungen Gemahlin. Und sie küßte seine geschlossenen Augenlider. Der Baron schrie, als er dies sah, sie drehten sich um; der Baron stand gelbbleich, steif da und zeigte auf die Tür. Der Hauptmann ging. Millada blieb versteinert sitzen und rührte sich nicht. Als der Baron auf seine Gattin herabblickte, traf er auf einen Blick, verängstigt wie der Blick einer sterbenden Hinde. Es schien ihm, sie säße so aufrecht. Am nächsten Morgen fand man den Hauptmann erschossen … niemand erfuhr, wie er gestorben war, man sagte, er habe sich selbst erschossen, und das war ja auch nicht abwegig. Was aber die Nacht verbarg, weiß nur sie, ihr Gemahl und der alte Diener, der die Leiche von der Terrasse weggeschleppt hatte. Und auf sein Schweigen kann man vertrauen … Die Jahre vergingen, die Jahre kamen in diesem entsetzlichen Schattenleben, dessen furchtbares Geheimnis die drei hüteten. Tag um Tag verging immer auf die gleiche Weise, und mit jedem Tag wurden die Schatten finsterer. Glückselig die Stunde, zu der die Schatten in die Nacht gleiten!   [Lange Dage. Nationaltidende, morgen, 9.5.1880]   Eine Mutter Die meisten Badegäste waren eigentlich überhaupt nicht lustig. Man müßte sich eigentlich darüber wundern, daß sie wirklich interessant genug sein könnten, doch ihre Rolle im Getratsche des Badeortes inne zu haben. Aber in Seebädern schießen Geschichten genau so hurtig wie Freundschaften ins Kraut, und beide schießen so emsig wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. Man wohnt so nah beieinander, man kann sich von Altan zu Altan unterhalten, und man kann nicht vermeiden, das zu hören, was in der Wohnung nebenan gesagt wird: Die Wände solcher Sommerhotels sind immer dünn, und die Türen schließen nur schlecht. Außerdem phantasiert man vieles, wenn man einen ganzen Vormittag damit zubringt, unter dem Altansegel über einem englischen Roman zu gähnen oder sich müßig in einer Hängematte zu wiegen. Die Phantasie bleibt lebhaft und braucht nur wenig: Wenn dann, wie gesagt, die Wände dünn sind und die Türen nur schlecht schließen, hat man nachmittags beim Kaffee einiges zu erzählen. Die Geschichten nützen der Verdauung und heben die Stimmung – schaden keiner Mutterseele. Es sind die unschuldigsten Geschichten der Welt, man malt nicht schwarz, man macht nur einen kleinen Fleck, oder höchstens ein paar kleine Flecke. Selbst die üble Nachrede wird im Sommer gutmütig: Dies kommt von der Wärme und der zehrenden Luft. Es ist ja wirklich nichts Schlechtes daran, wenn man erzählt, daß Frau H. hierher gekommen ist, um ein paar Töchter unter die Haube zu bekommen; wenn man fünf Töchter im Alter von 16-20 Jahren hat, ist das Bestreben von Frau H. sogar außerordentlich löblich; oder daß Baronesse J. kürzlich ihrer Kammerzofe eine Ohrfeige gab, während besagtes dienendes Wesen ihr Vorderhaar kräuselte; man läßt sich doch wirklich nicht sein Vorderhaar kräuseln, um bei dieser Gelegenheit vom glühenden Brenneisen mit einer Narbe an der Stirn verziert zu werden; oder daß Fräulein S. mit allen und jedem ein bißchen kokettiert; oder daß Herr B. sehr gut Billard spielt und dabei immer gewinnt, was aber ganz natürlich ist, wenn man nichts anderes tut als Billard spielen, was an und für sich jedoch auch nicht brotloser ist als so mancher andere Zeitvertreib, der weit weniger unschuldig ist; oder daß Kammerherrin N. Kammerherrin: Zu jener Zeit wurde die Frau mit dem Titel ihres Mannes angesprochen, und zwar in der männlichen Form. »Frau Hofrat«, »Frau Staatsrat« u.s.w. Der Titel »Kammerherre« wird auch heute noch vergeben; in der Rangfolge des königlichen Hofes ist er der 2. Klasse, Rang 5 zugeteilt, in der u.a. die Richter des Höchsten Gerichtshofs (Højesteret), Staatssekretäre, Generalstaatsanwalt, Oberbürgermeister in Kopenhagen, die Bischöfe, Generalmajore und Konteradmiräle eingereiht sind. sich schminkt; oder daß Herr v. C. nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf die Jagd geht, die den Hahn in seinem Wappen neu vergolden kann; oder daß Frau M. – nun viele Dinge, denn mit Frau M. ist man beschäftigt. Frau M. ist Witwe und zwar eine vernünftige Witwe, die eingesehen hat, daß der Witwenstand entweder der beklagenswerteste oder der behaglichste Stand in der Gesellschaft ist. Beklagenswert, wenn man es so will, oder behaglich, wenn man es so will. Da die Frau in ihrem ganzen Leben vernünftig genug war, das Behagliche vorzuziehen, tanzt sie auf Abendgesellschaften, nimmt Einladungen zu Ausfahrten an, glänzt mit Pariser Mode und geht mit Fußkettchen. All dies ist höchst erlaubt, und daß der junge W. sie eines abends hinter einem Vorhang in einer Fensterlaibung küßte, setzt nicht unbedingt das geringste Unstatthafte voraus. Und weiteres weiß man nicht sicher; denn der Geschichte mit dem Duell und dem schwedischen Freiherrn hat man eigentlich nie so ganz getraut; sie ist auch zu abenteuerlich. Man sieht, es sind alles nur unschuldige Geschichten, die niemandem schaden können, und die doch die gemeinsame Hotelmahlzeit im grünen Saal würzen können. Lustig sind die Geschichten ja eigentlich nicht, und ich gebe gerne zu, daß ich sie in den ersten Tagen etwas kindisch fand, aber nach einer Woche wurde ich Teil des Ganzen, und die Chronik des Seebades war zu unserer Chronik geworden. Außerdem verhält es sich mit Seebädern wie mit Festungen und Atlantikdampfern: Man lebt außerhalb der Welt, hier aus Notwendigkeit, dort aus Laune. Hält man sich im Seebad auf, ist man im Seebad in der Sommerfrische und will nicht von der übrigen Welt gestört werden. Die Welt besteht aus unserem Hotel, unseren Badehäusern und unserem Wasser. So lebten wir Seebadwerktagsmenschen ein angenehmes Werktagsleben. Ich war etwas spät zum Abendessen gekommen, und man hatte bereits begonnen. Ich grüßte die mir vertrauten Gäste flüchtig, die im ersten Eifer tief über die Suppenteller gebeugt saßen und ließ meinen Blick gedankenverloren über die gegenüberliegende Reihe gleiten. Ich begegnete einem strahlenden Lächeln von Frau M., erwiderte den Gruß des jungen W., als mein Blick plötzlich auf eine Fremde fiel … Sie sah auf, und ich grüßte leicht verwirrt. »Kennen Sie Mrs. Bradstown?« fragte Frau J., die mein Grüßen bemerkt hatte. Ich gab keine Antwort, sondern blickte weiter auf den neuen Gast. Ich hatte gleich auf den ersten Blick den Eindruck von etwas Schlankem und Kräftigem bekommen; etwas ganz Sicherem, Beherrschtem. Ein kräftiger Busen und ein Paar starke Schultern. Das Gesicht lag ganz im Schatten, aber selbst bei Licht mußte der Teint sehr dunkel sein; die Augen waren dunkel; wenn sie sie aufschlug, wunderte man sich über einen gewissen verschleierten Glanz in ihrem Blick. Ich blickte weiter hinüber und wünschte mir, sie stünde auf und ginge, damit ich ihre Gestalt sehen könne. »Sie ist sehr hübsch«, sagte Frau J. Ich nickte, ich wußte nicht, warum, aber ich brachte es nicht fertig zu sagen, daß ich Mrs. Bradstown zum ersten Male sah. »Sie ist sicher gekommen, um nach dem Grab ihres Kindes zu sehen«, sagte die Frau. Ich beantwortete diese Vermutung mit einem Nicken, und Frau J. verließ das Thema Mrs. Bradstown. Hätte mich jemand gefragt, was wir an jenem Tag im Badehotel zu Mittag bekamen, hätte ich die Frage nicht beantworten können. Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, mich zu fragen, was für ein Kind es wohl sein könne, dessen Grab die Fremde hier besuchte … Meine Phantasien wurden zu einem ganzen Roman … Man trifft manchmal – leider aber nur selten – unter den Hunderten, die entweder die Phantasie oder das Herz beschäftigen, eine einzelne, die wir umgehend zur Heldin eines Romans machen, um den unserer Gedanken kreisen, ohne daß wir uns darüber Rechenschaft ablegen können, warum, deren Bild uns manchmal tagelang, ja wochenlang beherrscht und verfolgt. Bevor wir uns vom Tisch erhoben, war Mrs. Bradstowns schwarzgekleidete Gestalt in meinen Gedanken in einen kunstvollen Roman verwoben. Ich stand noch da und sah ihr nach. Sie hatte sich langsam erhoben, es war etwas Zögerliches über allen ihren Bewegungen; etwas Müdes, als würde sie dauernd halb von einer Bürde gelähmt, die sie tragen wollte und dies unbemerkt. Dann hatte sie sich ins Licht gewandt. Das Profil war scharf, die Nase eben, die Mundwinkel nach unten gezogen, das Kinn rund; der Schatten auf der Wange war tief, die Wangenknochen standen etwas vor. Manchmal zitterten die Lippen nervös, dann drückte sie sie stärker zusammen; die Oberlippe war stark gekräuselt. Das glänzende, rabenschwarze Haar lag wie eine Trauerkrone über ihren Zügen. Sie ging aufrecht. Man wunderte sich über die Kraft ihrer Erscheinung, insbesondere die kräftigen Schultern. Ich glaube, es sah aus, als ob die stille symbolisierte Trauer in ihrem aufrechten Körper dahin schritte. Sie grüßte Frau M. mit einem freundlichen Lächeln und durchquerte den Saal. Man konnte nicht behaupten, sie hätte sich zum Lächeln gezwungen; aber die etwas steifen Züge weigerten sich lange, einem Lächeln zu weichen, und das Lächeln erstarb in den Mundwinkeln. Die Tür öffnete sich, ihre lange, perlenbesetzte Schleppe fiel wie ein voller, mattschwarzer Strom über die Türschwelle – dann schloß sich die Tür hinter ihr. Ich setzte mich neben Frau M. Sie sah sehr betrübt aus – die hübsche Witwe. »Arme Mrs. Bradstown«, sagte sie. »Jetzt ist es bald ein Jahr her, daß ihr Kind starb.« »Welches?«, fragte ich. »Ihr letztes Kind.« Die Stimme von Frau M. klang ganz traurig. »Sie hat viel durchgemacht«, sagte sie. Dann schlug sie ein wenig laut ihren Fächer auf, und als sie ihn wieder zusammenfaltete, lächelte sie aufs neue. – Ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, aber bei meinem Abendspaziergang stand ich plötzlich vor dem Friedhof. Ein fast Übelkeit erregender Geruch schlug über die weiße Mauer, ich öffnete die Tür und ging hinein. H.s Friedhof ist ein eigentümlicher Platz, dicht bewachsen wie ein zugewachsener Hain. Die Wege winden sich kaum noch sichtbar durch das dichte Gebüsch, man geht gleichsam unter einem Dach von laubreichen Lindenkronen, von Birken, deren zartes Laub immer leise flüstert, von Trauerweiden. Längs der Wege Flieder und Jasmin, so dicht wie Mauern. In diesen Gängen herrscht immer Halbdunkel. Aber drinnen hinter den Gebüschmauern liegen die Gräber still. Man lichtet den dichten Jasmin, bildet ein Hüttengewölbe aus dem Flieder, und unter dem Dach der Blätter hebt man dann seine Gräber aus. Tagsüber ist es hier kühl und ruhig – Regen kommt nicht hindurch, und die Sonne scheint hier nie. Das zunehmende Schlagen des Sturms klingt wie gedämpftes Sausen, das in den Kronen der Linden erklingt. Und dann diese kühlende Dämmerung unter dem schützenden Laub. Wenn dann der Abend naht, wird die Dämmerung zur Nacht. Die kühle Luft erfüllt sich mit Duft, so daß man kaum noch Atem schöpfen kann, der drückende Dunst der Gräber, der unter den Blättern gehalten wird, der süßliche Duft der Linden, der betörende Wohlgeruch des Jasmins, der Duft der Rosen – jede Grabstätte wird zu einem dufterfüllten Opfertempel. Wie ein Tempel steht das schweigende Gebüsch und verbirgt die Gräber. Nachtschwarze Tempel, die über dem Geheimnis des Todes brüten. Ich ging den großen Weg hinab. Es war ganz ruhig. Hie und da flüsterte man leise hinter den Jasminbüschen: es waren Leute, die sich leise mit ihren Toten beschäftigten. Drüben bei der Kapelle gingen ein paar junge Mädchen. Sie sprachen laut und lachten, während das Lachen tonlos klang und dann innehielt, erschreckt von der Stille des Friedhofs. Ich fand das Grab. Es lag unter dem Flieder versteckt, ganz im Dunkeln. Auf dem Kreuz stand nur: »Tom Bradstown, zehn Jahre alt, gestorben am 16. August 1878. Letztes Kind einer fremden Witwe.« Ich setzte mich auf die Bank und betrachtete das Kreuz: Dieser Marmor schien mir eine lange Geschichte zu erzählen. Ich wurde durch sich nähernde Schritte aus meiner Nachdenklichkeit gerissen; ich erhob mich schnell: Mrs. Bradstown schob den Flieder zur Seite und trat an das Grab. Ich sah ihre Gestalt scharf gegen das Halbdunkel des Eingangs, der sich über ihrer stolzen Figur wölbte. Sie zitterte, als ich grüßend vorbeiging. »Verzeihung«, sagte ich. Sie beugte ihr Haupt, und ich ging. Ich ging einige Schritte den nächsten Gang hinab und setzte mich auf eine Bank, wo ich beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Ich wartete lange. Endlich raschelten die Fliederblätter, und Mrs. Bradstown trat heraus. Sie ging gebeugten Hauptes, die Hände krampfhaft an ihre Brust gedrückt, langsam und lautlos. Wie eine Statue, ein Schatten dunkler als die Nacht. Dann verschwand sie unten am Ausgang. – Seither besuchte ich den Friedhof oft. Mrs. Bradstown sah ich nicht. Oben im Kursaal hatten wir manchmal einige Worte miteinander gewechselt; sie sprach sonst mit niemandem, und man belästigte sie weder mit Anteilnahme noch mit Fragen. Man achtete ihre fremde Trauer, die sich unter uns niedergelassen hatte. Nur ein einziges Mal sah ich Mrs. Bradstown ihre Gefühle äußern. Es war an einem Regentag abends. Ein Teil der Badegäste hatte sich im Kursaal versammelt, der Tag war lang und langweilig gewesen. Wir baten Fräulein H. zu singen. Sie hatte eine hübsche Stimme und sang gut. Sie trug zuerst einige Opernstücke vor, die Herr v. C. begleitete – Stücke aus Traviata La Traviata: Die Oper »La Traviata« (1853) von Giuseppe Verdi (1813-1901). und Lucia. La Lucia: Lucia di Lammermoor (1835), Oper von Gaëtano Donizetti (1797-1848). »Nein, das ist doch langweilig«, sagte sie. »Löschen Sie lieber das Licht, dann werde ich für Sie im Dunkeln singen.« Wir löschten die Gasbeleuchtung und öffneten die Balkontüren. Aus dem Garten wogte der Duft der Linden in den Saal hinein. Draußen zwischen den Bäumen, die wie furchteinflößende Riesen im zärtlichen Zwielicht der Sommernacht standen; schimmerte silbern der Sund. Im Saal war es stockdunkel. Verhalten spielte Fräulein H. ein langes Präludium – seine Töne verwehten geheimnisvoll in der Sommernacht. Dann begann sie zu singen. Es war ein polnisches Lied mit einem wehmütig klingenden Kehrreim, mehr Rezitativ als richtiger Gesang. Die Melodie war schlicht. Es war, als hörte man das Murmeln eines Flusses durch jede Strophe. Sie schwieg. Es war ganz ruhig im Saal, man hörte nur Frau M.s Fächer hin- und herschwingen, einige einzelne schleichende Schritte unter im Garten. Dann begann sie wieder zu singen. Eine schottische Ballade von einer Mutter, Schottische Ballade von einer Mutter: nicht identifizierte Ballade, vielleicht eine Auswahl oder Nachdichtung des monumentalen Gedichts des ältesten schottischen Nationaldichters John Barbour (ca. 1316-1395). Sein monumentales Gedicht »The Brus« (ca. 1375) besteht aus 14 000 paarweise gereimten achtsilbigen Versen, die die Geschichte des Königs Robert Bruce in schottischer Sprache dichtet. die Robert Bruce Robert Bruce (1306-1329): Robert I., schottischer König, der sein Vaterland von englischer Herrschaft befreite. und dem Vaterland alle ihre hoffnungsvollen Söhne opfert. Tränen und leise Trauer lagen in jedem Ton des Liedes, ja, fast Schreie in der klagenden Melodie … die Worte hielten inne, die Begleitung verlor sich gedämpft in wenigen dahinsterbenden Tönen, schwoll wieder an, fest, entschlossen. Sie sprach deutlich mit scharfer, etwas singender Betonung die letzten Worte des Liedes: »Aber ihre seligen Seelen sind beim Herrn, ihrem Gott.« Es herrschte atemlose Stille im Saal. Dann schritt eine hohe Gestalt eilig über den Boden, beugte sich über Fräulein H., umarmte sie und brach in einen Strom von Dankesworten aus. Es war Mrs. Bradstown. Sie riß schnell ein Armband von ihrem Arm. »Nehmen Sie«, sagte sie. Wir bemerkten, daß ihre Gestalt vor Schluchzen zitterte. Ihr Schluchzen klang wie ein halb unterdrücktes Stöhnen. Sie drückte die Arme fest an ihre Brust wie an jenem Abend auf dem Friedhof, erhob sich mit einem Ruck und ging. Als die Beleuchtung wieder angezündet wurde, waren nicht mehr viele im Saal. – Am fünfzehnten – es war im August – spät abends legte ich einen Kranz Rosen auf Tom Bradstowns Grab. Am nächsten Tag, seinem Todestag, ging ich wieder hin. Es war gegen 8 Uhr, die Dämmerung lag schon dicht über dem Friedhof. Ich glaube, ich war dort allein, die Menschen fliehen vor den Toten im Dunkel. Ich saß auf der Bank unter dem Flieder und dachte an den Abend, als Mrs. Bradstown im Kursaal geweint hatte. Seither hatte sie sich nicht mehr sehen lassen und alle Mahlzeiten in ihrem Zimmer eingenommen; bei den Badegästen hieß es, sie sei unpäßlich. Ich aber hatte sie jeden Morgen zum Grab hinausgehen sehen. Als ich den Weg hinabging, traf ich Mrs. Bradstown einige Schritte vor dem Grab. Ich grüßte stumm und wollte vorbeigehen, sie aber schlug ihren Schleier zur Seite und reichte mir ihre behandschuhte Hand. »Sie sind es, der die schönen Rosen aufs Grab gelegt hat«, sagte sie. Ich fühlte, wie ich rot wurde. – Sie nahm mein Schweigen als Einverständnis und sagte: »Ich wußte es. Danke!« … Wir standen einen Augenblick da. »Kommen Sie mit?«, fragte sie. Wir gingen schweigend zum Grab und setzten uns auf die Bank unter dem Flieder. »Sie hatten bemerkt, daß es sein Todestag war?« »Ja.« Wir saßen wieder einige Zeit schweigend da. Ich hatte das Gefühl, daß Mrs. Bradstown sprechen wollte, aber ich wußte nicht, wie ich das Schweigen brechen sollte. »Er war mein jüngstes Kind«, sagte sie dann – ihr Ton war etwas hart, gezwungen. »Jetzt sind sie alle tot.« Es hörte sich an wie eine unterdrückte Klage, fast singend in der lautlosen Stille. »Sie sang wunderschön«, unterbrach sie sich selbst mit einem neuen Gedankengang und fuhr dann schnell, gleichsam fieberhaft, fort: »Ich hatte so lange nicht geweint, sehr lange; nicht seitdem Tom gestorben war.« – Diese Worte wurden schnell, stoßweise gesprochen … »Ich hatte fünf Kinder, hübsche Kinder, ein Erbe zu schützen, dann wurde der Älteste krank – anfangs merkten wir das nicht –.« Die Worte kamen stoßweise, dumpf wie ein tiefes Flüstern. Sie saß nach vorne gebeugt und blickte auf die Erde. Es war, als spräche sie zu sich selbst. – Manchmal schüttelte sie leicht ihren Kopf und rang ihre Hände. »Er war damals zehn Jahre alt – groß und gesund. Es war der Rachen, die Ärzte wußten keinen Rat, so starb er – der Älteste.« Sie hielt inne und holte tief Luft. »Aber ich hatte ja noch die vier anderen, meine geliebten Kinder, und Gott – mein Gott, ich wußte nicht, was mich noch erwartete. – Als der Nächste in dasselbe Alter kam, wurde er genauso krank wie John – dieselbe Krankheit, der Rachen –. Meine Angst entsetzte die berühmtesten Ärzte Londons, sie gaben vor, auf die Sonne Ägyptens zu vertrauen und schickten mich mit dem Kind weg. – Ich begrub es unter Palmen in Kairo. – Verstehen Sie, was ich leiden mußte? Es war Wahnsinn, Irrsinn, Verzweiflung, ich blieb Tag und Nacht wach, sah den Tod ihre Stirn zeichnen –.« Sie versuchte, trotz zusammengeschnürter Kehle Worte zu finden. »Es waren die furchtbarsten Jahre. Sie waren gesund und kräftig und klug, und ich hoffte, man muß hoffen – aber wenn sie das zehnte Lebensjahr erreichten, waren ihre Tage gezählt. Es war ein qualvoller Kampf mit dem Tod lange Zeit hindurch. –« »Ich zog von Land zu Land und fragte um Rat und Hilfe, aber Rat war nicht zu bekommen und Hilfe nicht zu finden; in Nizza starb der dritte; ich litt, und ich hoffte – aber kein Arzt wußte Rat für ihr Übel – Wie es mir ging? Wie dem Vater, der von Wölfen verfolgt seine schreienden Kinder eines nach dem anderen den hungrigen Tieren vorwirft – so fühlte ich … Ach, wie viel ich gelitten habe!« – Sie ergriff meinen Arm heftig. »Verstehen Sie denn?« fragte sie heftig, »verstehen Sie, daß ich weinte? Ich hatte nur noch ihn, den Jüngsten, übrig, den letzten, und der Tod hatte ihn schon gezeichnet, ich wußte es genau, ach mein Gott, er war der hübscheste von allen – meinen fünf geliebten Kindern. Dann gab man mir den Rat, hierher zu reisen. – Und hier wurde er begraben. – »Mein letztes Kind.« Es war wie ein Platzregen von Tränen. Sie faßte sich und wurde wieder ruhiger. »Seither habe ich nicht mehr geweint. Ihr Gesang brachte mich zum Weinen – sagen Sie es ihnen, dann wird man mir verzeihen. Ich schämte mich für meine Schwäche in diesem Augenblick.« Ich erhob Einwände. »Die Trauer muß keusch bleiben«, sagte sie. Wir erhoben uns von der Bank und gingen den Weg hinab. »Jetzt reise ich beständig von Grab zu Grab, um mich mit meinen Kindern zu beschäftigen. Morgen fahre ich nach Nizza –.« Wir waren am Ausgang angelangt. »Auf Wiedersehen«, sagte sie, »und sagen Sie viele Grüße!« Ich beugte mich nieder und küßte ihre Hand. »Danke für Ihre Rosen«, sagte sie. Sie ging die Allee hinab, aufrecht, langsam. Ihr langer Schleier umwehte sie. Und während sie im Dunkel der Allee verschwand, klangen ihre gedämpften Worte wie schmelzende Töne in meinem Ohr: »Die Trauer muß keusch sein.«   [En Moder. Nationaltidende, morgen, 20.6.1880]   Die Geschichte des Organisten Jedes Kind in der Stadt kennt ihn. Die Älteren haben ihn gesehen, solange sie zurückdenken können, in demselben grünen Mantel mit den großen Taschen an den Seiten, wie man sie zur Zeit des Kaiserreichs Kaiserreich: Die Regierungszeit Napoleons des III. von Frankreich, 1852-1870. hatte, die leuchtenden Hosen mit den ausgebeulten Knien und den alten Künstlerhut, dessen Krempe im Laufe der Zeit durch das dauernde Hutabnehmen vollständig weiß geworden war. Aber selbst der beste Hut hätte in all den Jahren eine weiße Krempe bekommen, denn die ganze Stadt grüßt Herrn Linow, und wenn er mit den langen Beinen, die Knie stark gebeugt, die Arme schwingend, herangeschlendert kam, nimmt er den Hut ab, selbst vor dem kleinsten Kind. »Guten Tag, mein Junge«, sagt er, oder »Guten Tag, mein Mädchen.« Und er lächelt mild, während er dies sagt. Für Linow ist die ganze Stadt »mein Junge« und »mein Mädchen«. Das ist ganz natürlich: Er hat ja erlebt, wie sie geboren wurden, er hat bei ihrer Taufe die Orgel gespielt, und er hat sie mit der Orgel begleitet, wenn sie vor dem Altar knieten … Er gehört zu ihrem Leben wie der alte Brunnen auf dem Marktplatz und die großen Linden vor dem Rathaus. Deswegen glauben auch die meisten, daß er schon immer diesen dunkelgrünen Mantel mit den Kaiserreich-Taschen trug, mit den leuchtenden Hosen und dem Künstlerhut, und daß er schon immer ein alter Organist war, der auf dem rechten Ohr etwas taub ist, und dessen Kragen voll von Schnupftabak ist. Man kennt ihn nicht anders, und man mag ihn so wie er ist. Alter Linow! Aber die Alten der Stadt – die Großmütter und die alten Tanten – wissen anderes zu berichten. Linow war wie sie einmal jung, und in ihrer Jugend war er in die Stadt gekommen. Ihre alten Augen leuchten noch, wenn sie erzählen, wie hübsch er war, groß, rank und schlank. Nur so eigentümlich traurig … Eines schönen Tages kam er urplötzlich in die Stadt, woher, wußte man nicht; er wollte Musik, Klavier und Gitarre unterrichten. Damals spielte man noch Gitarre und sang provenzalische Lieder, die man von den französischen Emigranten lernte; und fortan gab es mehr als ein Mädchen in der Stadt, das nun Lust bekam, Musik zu spielen. Die meisten wollten am liebsten Gitarre spielen, um ihre Lieder begleiten zu können. Herr Linow war Tenor, einen so weichen und schönen Tenor hatte man in der Stadt noch nie gehört, er bezauberte mehr als nur ein Herz. Aber ihren Augenaufschlag und ihre Seufzer hätten sich die Mädchen sparen können, denn der Musiker sah weder ihre Blicke noch ihre Sehnsucht … »Er hat Herzenskummer«, sagte seine Vermieterin im »Lappen«, wo er wohnte. »Der Arme ist flügellahm.« Die Frau war eine gute, einfühlsame Seele, die sich um Linow wie um ihr eigenes Kind sorgte; sie stopfte seine Strümpfe und nähte an seinen Hemden die Knöpfe wieder an, obwohl die Miete nicht gerade hoch war. Und oft, wenn Linow an den Sommerabenden seine »traurigen« Melodien auf dem alten Klavier spielte, saß die gute Seele draußen im Garten und vergoß stille Tränen. »Es trifft immer die Unschuldigen«, sagte sie. Die Leute redeten viel über den neuen Musiklehrer, und man erzählte – wie so üblich – das eine oder andere. Was aber eigentlich dem großen, hübschen Mann zugestoßen war, bevor er mit seinem kleinen Koffer, seinen Bildern und seinem Klavier hierher in die Stadt kam, das wußte man nicht – daß aber irgend etwas geschehen war, dessen war man gewiß. Etwas war auch geschehen, aber dieses etwas war sehr wenig. Linow hatte keinen Roman, war nie Held gewesen; er hatte nur seine kleine Geschichte – wie sie jeder von uns hat. Und die kann man mit zwei Worten erzählen, so einfach wie sie war, nichts für uns, alles für ihn. Er war immer arm gewesen. Seine erste Geige machte er sich selbst, seine erste Saite bestand aus aufgetröseltem Segelgarn. Dann spielte er zu Hochzeiten und Geburten zum Tanz auf. Bei dieser Gelegenheit warf ein Gutsbesitzer aus der Gegend ein Auge auf ihn. Dann ging er nach Kopenhagen, um zu studieren; er sollte berühmt werden – »Erhard muß weg und ein Genie werden«, sagte seine Mutter, als er abreiste … Und wie er an sich selbst glaubte! Die Welt war nicht groß genug, um seine Träume zu fassen, nicht groß genug, den Ruhm zu bergen, den er auf seinem Weg im Leben gewinnen wollte. Er wollte Leben in die Toten spielen, den Lebenden Träume schenken, sein Name sollte neben den Größten, von denen er gehört hatte, leuchten. Aber Linow war ein Naturgenie: Er legte alles, was in ihm wohnte, in seine Musik, er wußte selbst nicht wie. Nun sollte er Künstler werden und lernen. Vor sich sah er den weiten Weg liegen, die tausend Hindernisse – und er verlor den Mut. Sein Talent schwand dahin, welkte durch die Trockenheit seines Mißmuts. »Er wird nie Künstler«, sagte sein Lehrer. Der Gutsbesitzer ließ ihn fallen, und er gab sich selbst auf. Er glitt hinaus ins Dunkel, hinaus in die tiefe Dunkelheit, wo die zuhause sind, die die Kunst gerufen hat, aber nicht auserwählt. Er wurde Musiklehrer, Handwerker in der Kunst, wo er meinte, Herr werden zu können. Er mühte sich Tag um Tag ab, Jahr um Jahr. Dann traf er sie – die Frau seines Lebens. Solch eine Frau hatte er nie zuvor getroffen: Siegesbewußt und stolz und überlegen war sie … und so schön. Manchmal während des Spiels bat sie ihn, ihre Finger richtig auf die Saiten der Gitarre zu legen. Er war so schüchtern, daß er kaum ihre weißen Hände zu berühren wagte – sie aber lachte … Manchmal sangen sie zusammen. Sie wählte immer aus, was sie sangen, und es handelte sich immer um Liebe, von der sie sangen. Er liebte sie, und sie – sie spielte mit ihm und liebte ihn, wie man liebt, wenn das, was man fühlt, eine augenblickliche Stimmung ist, und man außer den ziellosen Gedanken seiner freien Stunden nichts gibt. Sie gab sich eine Zeitlang dieser Stimmung, die sie ihre Liebe nannte, hin; sie beherrschte ihn, führte ihn. Er gab sich ihr hin … Abends saß er mit dem Kopf in ihrem Schoß, und tausend warme Liebesworte, die sein Herz erzittern ließen, wurden geflüstert; sie summte für ihn Weisen wie für ein Kind, lachte über seine Scheu, spielte mit diesem Mann, der ein Junge in ihrer Gewalt war … Dann erzählte er von seinen alten Träumen, von allem, was er erhofft hatte, von der Berufung zum Künstler, die beständig in ihm brannte; seine Augen leuchteten, Glut war in seiner flüsternden Stimme, ihre Lippen brannten noch von seinen feurigen Küssen … Sie bat ihn, für sie zu spielen. Seine Hände zitterten, als er die Geige hervorholte – es war so lange her, daß er gespielt hatte. Er hatte sie an jenem Tag weggelegt, als man ihm sagte: »Sie werden nie ein Künstler«, als er nie wieder spielen wollte. Aber jetzt bat sie ihn darum. Er wiegte gleichsam die Geige in seiner Hand … Sie saß mit geschlossenen Augen da und wartete darauf, was die Töne ihr brächten. Als er aber anfangen wollte, rutschte sein Bogen kraftlos über die Saiten, er zitterte wie ein Kind. – Sie sah auf … mit einem kalten, abschätzigen Blick. Schweiß trat auf seine Stirn, er umfaßte kraftvoll den Bogen – er wollte spielen, spielen wie in alten Tagen, als seine Mutter weinte, während er neben ihr saß und in der Dämmerung spielte. Und die Töne erklangen. In den Tönen lagen alle seine Gedanken, seine Sehnsucht, seine Liebe und seine Trauer, alles, was er einmal erhofft hatte, alles, was er erkämpft hatte, alles, was er erlitten hatte. Die Töne strömten in einem schmelzenden, zwitschernden Schwall zitternder, beflügelter Töne hervor, die wie warme Ströme zu ihr flossen, ihr, die er liebte, spielten um ihre Sinne wie sterbende Sehnsuchtsseufzer … Seine Liebe wurde in diesen Tönen lebendig. Er spielte lange – er hatte Angst aufzuhören. Da hörte er von der Ecke, wo sie sich versteckt hatte, ein leises, unterdrücktes Schluchzen … Der Bogen zitterte in seiner Hand, er glaubte, sein Herz würde von der anschwellenden Wonne, die er fühlte, gesprengt. Er spielte sachte ein einfaches Wiegenlied, die Töne erstarben – voller Schmelz, zärtlich. Sie vertraute ihm, und sie beugte sich, ihr Sklave war Herr geworden. Nun konnte sie nur wachsen, wenn er groß würde. Es ist die alte Sage von jeder Frau, die liebt. Und er selbst gewann das Vertrauen zurück; sie hatte bei seiner Musik geweint, sie glaubte an die lodernde Berufung, die immer in seiner Seele brannte; daß er Leben in die Toten spielen konnte und den Lebenden Träume bescheren! Aber weg mußte er, weg in bessere Verhältnisse, reicheren Ruhm; hier war kein Platz für ihre Hoffnungen. Zuerst aber hier siegen, sie mit einem überwältigenden Sieg verhöhnen, sie, die ihn verkannt hatten –, und dann weg. Sie war es, die diesen Triumph haben wollte, sie wollte ihn in ihr Angesicht schleudern, die ihn, den sie liebte, verhöhnt hatten. Der Tag des Konzertes kam, der große Abend, an dem der Sieg gewonnen werden sollte. Sie saß in der ersten Reihe in der nächsten Loge, strahlend, furchtlos, fast siegesfroh war sie. Das helle Seidenkleid war fast weiß, man dachte an eine Braut, die hier saß. Ein Sträußchen prangte an ihrer Brust – Rosen: Diese wollte sie ihm zuwerfen, und mitten im Jubel des Beifalls würden sich ihre Augen treffen, und sie würde den Sieg mit ihm teilen … Dann trat er ein, und das Unbegreifliche geschah … Er war bleich, seine Züge eisern, die Augen starr. Er war in der Kulisse gestanden, die Violine in seiner geballten Hand krampfhaft haltend, Fieberhitze brannte auf seiner Stirn, aber er wollte siegen … Er blickte über das wogende Meer unruhig nickender Häupter, ihm wurde es kalt ums Herz. Dann suchte er sie, er wollte in ihrem Blick verweilen, nur für sie spielen, sie alleine sehen … Aber es lag wie ein Nebel vor seinen Augen, er sah außer einer wogenden Menge mit merkwürdig verzerrten Gesichtern nichts, er hörte das brausende Murmeln. Ja – ein Gesicht erblickte er, das des Lehrers. Er saß auf der ersten Bank, mitten auf der Bank – und er lächelte, lachte, sah spöttisch zu ihm. Dies war das einzige, was er sah, und ihm schien das Gesicht zu wachsen, ungeheuer groß zu werden, den ganzen Raum auszufüllen … Er saß schweißtriefend, gelähmt vor diesem Kopf, dem Gesicht der Medusa. Medusa: In der griechischen Mythologie eine der Gorgonen. Ihren Haaren entquollen Schlangen; ihr Blick konnte alles zu Stein verwandeln. Er rührte sich nicht, seine Finger waren kalt, seine Arme kraftlos, sein ganzer Körper starr von dumpfer Gefühllosigkeit. Er konnte sein Unvermögen in diesem entsetzlichen Gesicht geschrieben sehen. Und sie – er konnte sie nicht sehen – sie mußte ihn jetzt retten … aber alles wurde dunkel um ihn. Er wurde von tosendem Lärm wach – ihm schien ein Sturm über dieses Meer von Köpfen zu fegen, Pfiffe, Ausbuhen, Zischen, Gelächter, Trampeln … Dann erblickte er sie. Sie saß mit einem ruhigen Lächeln da und zerpflückte den Rosenstrauß. Dann kam er eines schönen Tages hier in die Stadt und mietete sich im »Lappen« ein. Die Jahre kamen und gingen und gingen und kamen in grauer, langer Unendlichkeit … Jetzt ist er taub, und wenn man ihn nicht so gemocht hätte, wäre er sicher brotlos: Seine Melodie ist ja so alt wie er selbst, und manchmal fällt er am Klavier in einen sanften Schlaf, die Schnupftabaksdose in der Hand. Aber man bringt es nicht übers Herz, ihn im Stich zu lassen; die Jugend der Stadt wird nicht mehr ganz so musikalischwerden, aber Linow lebt. Und wenn er sich sonntags in seinem schwarzen Organistenrock an die Orgel setzt, spielt er immer noch schön. Am schönsten spielt er jedoch zu Hochzeiten – solche herrlichen, herzergreifenden Präludien, die er spielen kann! Die Orgel jubelt und klagt unter seinen schwach gewordenen Händen. Tagsüber gibt er seine Stunden. Man sieht ihn langsam und gebeugt von Haus zu Haus gehen. Dann besucht er auch seine Freunde – und sie sind ja alle seine Freunde –, gibt hier einen Rat und hilft dort. Er ist der Freund des Hauses, und die jungen Mädchen geben ihm einen Kuß, trotz des Schnupftabaks. – Abends ist er zu Hause. Zuerst liest er ein bißchen, und wenn er dann seinen Tee getrunken hat, öffnet er das alte Klavier und beginnt zu spielen: Die Töne sind schwach, die Saiten alt, man hat den Eindruck, er gehe vorsichtig damit um. Man wird nicht ganz klug daraus, was er spielt. Es sind einige merkwürdige, altmodische, klagende Melodien mit vielen schleppenden Akkorden und weinerlichen, traurigen Themen. Vielleicht sind es Phantasien … Er spielt lange, und wenn er das Klavier wieder geschlossen hat, lehnt er sich mit gefalteten Händen im Stuhl zurück … Hin und wieder weint er ein wenig, ganz leise. Dann begibt er sich zur Ruhe. Sehen Sie, so lebt der alte Linow, und so hat er gelebt, solange man in der Stadt zurückdenken kann. – Es wird ein großes Trauergefolge sein, wenn er einmal stirbt.   [Organistens Historie. Nutiden i Billeder og Text, 27.6.1880]   Zigeunerleben Die Reportage betrifft den »Dyrehaven« und »Bakken«. Frederik III. legte 1669 ein Park- und Waldgebiet nördlich von Kopenhagen (Klampenborg) als königlichen Jagdbann an. Sein Sohn Christian V. ließ das Gebiet auf die heutige Größe von ca. 1000 ha erweitern. Ursprünglich hatte nur der königliche Hof Zugang. Erst 1756 wurde Dyrehaven für die Öffentlichkeit geöffnet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde er mit dem Dyrehavsbakken und dem königlichen Jagdschloß »Eremitagen« zum volkstümlichsten Ausflugsziel der Kopenhagener. Im Sommer gab es ein Freilufttheater und Pferderennen. Der Unterhaltungspark Dyrehavsbakken (kurz nur »Bakken« genannt) hat seine Wurzeln in ferner, unbekannter Vergangenheit; er ist deutlich über 400 Jahre alt. Der Ursprung scheint bei der Kirsten-Pil-Quelle zu liegen; es ist eine heilige Quelle, die schon seit dem Mittelalter von vielen Wallfahrern besucht wurde, um Genesung zu erlangen. Hier war ein Markt entstanden, der die Gläubigen mit Nahrungsmitteln, Getränken und Unterhaltung versah. Dieser entwickelte sich im 18. Jahrhundert zu einem Jahrmarkt mit Zelten und Buden. Bald kamen Wandertheater, Gaukler und andere Volkskünstler hinzu, die sommers die Schaulustigen unterhielten. Die Kopenhagener Bürger machten jährlich ihre Waldausflüge – besonders ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute ist der Bakken ein im Sommerhalbjahr belebter Vergnügungsort mit Restaurants, Fahrgeschäften u.a. Er ist volkstümlicher als Tivoli. Mit Gesetz vom 15.5.1875 wurde es noch einmal verboten, daß sich »ausländische Zigeuner, die einem Wandergewerbe nachgehen« in Dänemark aufhalten, eine Bestimmung, die 1879 und 1895 noch verschärft wurde. Wie früher auch ließ sich das Verbot kaum durchführen. Man fand sich stillschweigend damit ab, daß einzelne Zigeuner sich mehr oder weniger dauernd im Land aufhielten und ihrem Gewerbe als umherziehende Scherenschleifer, Zirkusleute, Gaukler oder Spielleute nachgingen (sogenannte »Reisende«). Es ist ganz ruhig. Zwischen den säulenartigen Stämmen liegt eine bläuliche Dämmerung, ein veilchenfarbenes Zwielicht, kühl, verlockend. Wie ein lichtüberfluteter, säulenreicher Tempel lockt der tiefe Wald, dessen Dämmerung die Vorstellungskraft beflügelt. Eine Lichtung erahnt man dort. In der Sonne liegt die Wiese, in hellem Licht; und der helle Strahl bricht mit breiten Strahlen durch die Reihen der Stämme, die im Scheine weißlich leuchten. So weit weg, tief drinnen, wo die Säulen sich zu Mauern verdichten, verliert sich der weglose Strahl in schummrigem Dunkel. Selbst die Alleen liegen menschenleer da. Hier und da auf einer einzelnen Bank kann man einer Dame in ihrer Morgentoilette begegnen, die liest oder näht, während sie mit ihren Augen ein paar spielenden Kindern folgt, die sich draußen im Gras tummeln. Sie hält das Buch auf ihrem Knie, ihren Kopf nach vorne gebeugt, so daß der breite Hut die Seiten des Buches beschattet. Ein Junge geht singend den Weg hinter dem Weißdorn hinab; unten am Kirchplatz haben sich einige Kindermädchen schnatternd versammelt. Die Kleinen liegen heulend auf dem Rasen rings um die Bänke, wo die Mädchen einander die gestrigen Geschehnisse durcheinander gewürfelt erzählen. Dann und wann wird der Chor von einem einzelnen schrillen Sopran beherrscht, dann fallen die anderen ein wie Spatzen, die mit aufgeregtem Tschilpen aufstieben. Aber sonst liegt der Dyrehaven ruhig da. Während der Vormittag vergeht, liegt er abwartend, kühl und in seiner majestätischen Ruhe beschaulich da. Gegen Abend, wenn die Sonnenstrahlen zwischen Reih und Glied der Stämme rötlicher mit ihrem Flammenschein funkeln, und wenn die Dunkelheit drinnen zunimmt, erwacht im Wald das Leben. Die Wege füllen sich, man hört lautes Gelächter längs der breiten Alleen, der Lärm der vielen Stimmen schreckt die gejagten Tiere auf, die in fliehendem Rudel über die Wiesen hetzen. Der Mond geht auf. Sein weißliches Licht spielt mit der Dämmerung der Sommernacht, so daß die Schatten dunkler werden, erschreckend dunkel. Die Sträucher auf der Wiese, die dichten Büsche des Weißdorns, die einzelnen gebeugten Birken, alles wird lebender Spuk, jetzt, da die Dryaden Dryaden: In der griechischen Mythologie Wald- oder Baumgöttinen niederen Ranges. erwachen. Aber der Sommernacht Schleier wird wie ein schützender Behang um den Tanz der Nymphen Nymphen: In der griechischen Mythologie weibliche Naturgottheiten niederen Ranges, die im Meer (Nereiden), in Quellen und Bächen (Najaden), auf Bergen (Oreaden) und Wiesen, in Tälern, Wäldern und Bäumen (Dryaden, Hamadryaden) wohnen. gezogen … Man sitzt alleine da. Lachen, Reden und Singen erklingen bald ferner, bald näher in der Nacht. Das Echo ergreift sie, der Lärm erstirbt in den Wipfeln, steigt wieder an und erstirbt mit einem halb geflüsterten Seufzer. Plötzlich wird die Stille von einem schwächer werdenden Rufen durchbrochen, einem roh klingenden Gesang; es sind die Faunen, Faunen: In der griechischen Mythologie Naturgottheiten niederen Rangs. die sich auf der Wiese streiten … Die Nacht schreitet voran. Gesang und Stimmen verstummen, das Dunkel des Waldes erhält seine Stille wieder, mit einem Schleier bedeckt ruht die Lichtung; ein einzelner Windstoß geht durch die hohen Stämme, flüstert zu den Büschen der Wiese, beugt das hohe Gras, liebkost murmelnd die Blumen. Es ist der Geist des Waldes während ihres ruhigen Schlummers. So kann man dies betrachten. Aber die Faunen sind angeheiterte Kopenhagener, und die Nymphen sind Phantasie, die Musik kommt aus Drehorgeln vom »Bakken«. Man merkt es, wenn man näher kommt. Rufe, Lärm, Schreie, die man Gesang, Trompetenstöße, Rufe von Jahrmarktschreiern und Trommeln nennt. Ja, das ist der »Bakken«, das sind die Faunen des Bakken und die Nymphen des Bakken. Man geht durch die Reihen der Zelte. Bewirtung auf Bewirtung. Die Lampe über der Tür brennt düster und schläfrig; aus dem Zelt drinnen schlägt uns ein stickiger Bierdunst entgegen. Der Wirt schläft in einem alten Lehnsessel in einer Ecke hinter dem Tresen. Der Kopf ist auf die hohe Schulter gefallen, der Mund steht offen, er keucht schwer beim Einatmen; die dicken Backen plustern sich durch das Atemholen auf, so daß all ihre behaarten Warzen von der Anstrengung schwitzen. Drüben in der entgegengesetzten Ecke macht ein Matrose einer stumpfnasigen Bedienung den Hof, indem er handfest der Schönen den Rücken hinauf und hinunter klatscht. Sie schreit, der Wirt erwacht, sieht sich erschrocken um und trocknet sich seine Purpurröte mit einem schmutzigen Lappen ab, mit dem er sonst Gläser trocknet. Mitten auf dem Boden, direkt unter der Lampe ist ein älterer Herr in Schlaf gefallen, Oberkörper und Arme über den Tisch gestreckt. Das Bier aus dem umgestürzten Glas rinnt in einem schmutzigen Strom über Tisch und Boden. – Draußen auf der Straße hört man den Mann vom Karussell aufmunternd die letzte Fahrt ausrufen. Die Lichter vor den Spiegeln gehen nacheinander aus, der Leierkastenmann dreht im Halbschlaf nickend die Arie der »La Traviata«. »La Traviata«: Oper in vier Akten (1853) von Giuseppe Verdi, die auf dem Roman »La dame aux Camélias« von A. Dumas d.J. fußt. Drüben auf der anderen Seite schließt der Gaukler seine Bude. Im hinteren Raum hinter der Bude schlägt seine Frau ein Bett aus Eisen auf, die schlaftrunkenen Kinder schlagen sich vor der Tür um eine Flasche schalen Biers. Dann zieht der Gaukler sein kariertes Taschentuch vor, und auf dem Bett sitzend zählt er die Kupferschillinge auf der Bettdecke. Das Licht fällt auf die sich kreuzenden Falten in seinem Gesicht, seine Augen sind unterlaufen; langsam, als wollte er jede Münze festhalten, läßt er das Kupfer durch seine Finger gleiten. Die Augen der Frau wandern scheu von seinem Gesicht zu seinen tastenden Händen. – Sie holt das Abendessen vor, Schnaps, Bier, ein Stück fettig glänzenden Specks auf einem Knaus Knaus, Knaust: Brotanschnitt, Ende des Brotes. trockenen Roggenbrots. Sie sprechen nicht; sie bringt die schläfrigen Kinder auf einem paar zerlumpter Matratzen ins Bett, blickt hin und wieder verstohlen zu ihrem Mann. Er schmatzt und trinkt. Das Geld hat er im Taschentuch verknotet. Er reicht ihr grunzend die Flasche und wirft sich angezogen auf das Bett; schnell schläft er tief, Mund und Nase in der Luft. Sie wacht über seinen Schlaf, die Arme wie das Taschentuch mit dem Geld unter dem Kopf gekreuzt, hin und wieder kramt sie im Schlaf danach. Drüben von der »Harmonien« Harmonien: Bekanntes Festzelt auf dem Bakken, wo junge Sängerinnen auftraten. erschallt der Gesang schnarrend laut, er fährt halb hoch und krümmt sich auf der einen Seite des Betts zusammen. Sie nimmt die Lampe und betrachtet sein Gesicht. Der Schnapsgeruch, der ihr entgegenschlägt, ist stetig und ruhig. Dann tritt sie zum Bett. Ihre Augen verweilen ununterbrochen fast ängstlich auf dem Gesicht des Schläfers, ihre mageren Arme, wo die Adern gebündelt liegen tasten zitternd das Kopfkissen ab. Mit einem Ruck ergreift sie das Tuch, und ständig die Züge ihres Mannes beobachtend stiehlt sie zitternd etwas von seinen klebrigen Kupfermünzen. Das kleinste Kind seufzt im Schlaf, der Mann streckt sich im Bett – sie löscht das Licht, sie hat für morgen Brot gestohlen. Oben am Rondell geht es noch lebhaft zu. Eine lärmende Gruppe strömt johlend aus der »Alhambra«, wo einige Kellnerinnen einen unendlichen, schwingenden Trippeltanz mit einigen Metzgergesellen tanzen, die ihre Damen mit beiden Händen um den Leib drücken und sie gleichsam nach vorne schieben, indem sie sie sachte mit den Knien stoßen. Die drei Musikanten sitzen sich hin- und herwiegend mit geschlossenen Augen da. Manchmal scheint die Musik hinzusterben. Die Geige zieht ihre Töne langsam klagend hinaus, und die große Trompete stößt ein zittriges Heulen aus. Aber dann kommt man wieder in Gang, und die Metzgergesellen schieben ihre Damen in schnellerem Schwung herum. – Die »Harmonie« ist von Rauchwolken verhüllt. Unmittelbar in der Tür sitzt der Hüter der Ordnung und trinkt mit dem Wirt des Hauses. Drüben am Tisch zur Linken streitet sich der Ringerkönig mit seinem Agenten. Er ist ein großer riesiger Kerl. Sein Ausschnitt geht über die ganze Brust, seine Muskeln liegen in Bündeln längs des Halses. Sie machten wegen seiner Künste Ärger. Er hatte fünfzigmal die 500 Pfund mit seinen langen Fingern gehoben, dann konnte er schließlich nicht mehr, und so gab es Ärger. Es war ihnen gleichgültig, daß seine Finger bluteten, wenn sie ihre zehn Öre bezahlt hatten. So war auch Samson Samson oder Simson: Anspielung auf Richter 16 und wahrscheinlich darauf, daß man die Kleinbürger früher als Philister bezeichnete. böse geworden und hatte über den Philistern das Zelt niedergerissen. Darüber streiten sie sich jetzt. Der Ringer schnaubt wie ein Stier. Hin und wieder trocknet er sich heftig mit einem roten Tuch, das genauso naß ist wie sein Gesicht, und er schlägt auf den Tisch, daß der Ordnungshüter in seiner Ecke zusammenfährt. Oben auf dem Podium wird »Suzanne« vorgetragen. Die Dame ist grobgliedrig mit einem Berg von Busen. Sie steht aufrecht und keucht in ihrem stark gespannten Mieder, während sie bei jeder zweiten Zeile den kleinen Finger zum Daumen führt und so ihre Hand einen koketten Bogen von dem üppigen Busen zum Ringer schlagen läßt, der mit seinem Blick immer wieder billigend über den Leib der »Göttin« schweifen läßt und mitten im Streit verliebt die Augenbrauen hebt. Und wenn »Suzanne« zum Kehrreim von Englands Küste Kehrreim von Englands Küste: »Oh Susanne! / Du bist mein Leben, meine Lust. / Es gib keinen Mann so froh wie ich / an Englands ganzer Küste!« Populärer Gassenhauer, der in hoher Auflage von Jul Strandbergs Liederverlag vertrieben wurde. kommt, legt sie schmachtend das geschminkte Gesicht auf die Seite und läßt ihren sanftflehenden Blick vom Teller auf dem Klavier über das Publikum im Saal gleiten. Die anderen Damen stimmen mit ein, sie kichern hinter ihren Fächern, schnattern plötzlich laut dazwischen, schweigen dann, von einem strengen Blick der Direktorin unterbrochen, einer älteren ausgezehrten Dame in Schwarz mit knochigen Zügen und einer nicht endenwollenden Fülle von Schraubenzieherlocken und einer leuchtenden Reihe künstlicher Zähne, die sie beim Singen ständig schluckt und wieder nach vorne schiebt. Die Romanzensängerin erhebt sich langsam. Sie ist ganz in Weiß und trägt Handschuhe. Sie watschelt mit ständig knacksenden Knien auf ihren hohen Absätzen. Sie verneigt sich, indem sie den Kopf hängen läßt, auf den Boden hopst und sich wieder mit einem neuen knacksenden Hopser erhebt. Jetzt singt sie »Foglan«. Foglan: Volkslied »Foglans Viso« des finnischen Lyrikers Zacharia Topelius (1818-1898) auf Schwedisch. Sie schleift die Töne wie der Dorfküster, wenn er zu Beerdigungen singt, und läßt sie am Ende jeder Zeile in unbestimmten Erbeben dahinsterben, einer Unbestimmtheit, die bedenklich an ein klägliches Miau erinnert. Die Schöne selbst nennt dies ein Tirili. Samsons Streit übertönt ihr tremulierendes Seufzen, und mit einem beleidigten Blick zum »König« stößt sie plötzlich einen laut gellenden Ton aus, der die Gläser auf den Tischen erzittern läßt. Ein Schwärmer mit Stanleyhut und langen Stiefeln klatscht lärmend und wird mit einem Lächeln belohnt. »Suzanne« geht kokettierend mit einem Teller umher. – – Unten bei Kirsten Pil brechen die letzten Gäste auf. Sie machen »den Damen« Platz auf ihrem Kremser, Kremser: Pferdewagen (meist Vierspänner), der zur Beförderung von Personen diente. Nach seinem Erfinder, dem Wiener Kremser benannt. und unter grölendem Gesang rumpeln sie Richtung Jægersborg … Man hört in der Ferne Gesang und Rufe dahinsterben. Unten bei Kildeø fahren die Hunde bellend auf. Im Kilden setzt man die Klappläden vor die Türen. Es ist Nacht. In Buden und Zelten schläft die Bevölkerung des »Bakken« den Schlaf der Gerechten. Die Sonne geht auf, das graue unbarmherzige Licht des frühen Morgens fällt auf die bunten Schilder, auf die zerlumpten Zelte, durch Scheiben und Spalten auf das schlummernde Elend. Im Hinterzimmer liegen sie bunt durcheinander, Männer, Frauen, Kinder. Von Laster befleckte Jugend und entstelltes Alter in einem Raum. Die Damen aus der »Harmonie« liegen zusammen in einer Bude, Bett an Bett. Sie haben um ihren Kopf Taschentücher festgebunden, um die Frisur zu schützen. Sie schlafen geschminkt, und bei dem hellen Licht wird die Farbe auf den bemalten Backen graubleich. Die Direktorin hat ihre Perücke auf den Eisenpfosten gehängt. Ihr Kinn fällt auf die Brust, so daß man das schwarze zahnlose Zahnfleisch in ihrem Mund sieht. Suzanne stöhnt im Schlaf, der Schweiß löst in ihrem Gesicht die Schminke auf, so daß die Narben wie Wunden aussehen, die Romanzesängerin schläft im Morgenmantel, besetzt mit hellroten Schleifen. Drinnen im Zirkus Wulff Zirkus Wulff: Kleinere Zirkusgesellschaft, die 1880/81 in Kopenhagen und auf Seeland gastierte. Sie wurde von Direktor Lorentz Wulff geleitet. schläft der einzige Artist des Zirkusses auf dem Sand der Manege mit dem Kopf gegen das Geländer. Zum Trocknen hat er sein Trikot auf eine Schnur gehängt. Manchmal öffnet er die Lippen und seufzt. Vielleicht träumt er. Träumt von seinem Vaterland, dem großen Land der Steppen, dem Reich des Zaren. Er ist in Moskau, der heiligen Stadt Rußlands, geboren. Als er noch klein war, ging er in der Prozession mit den heiligen Kerzen zu den hell erleuchteten Tempeln des Kreml. Wie er sich daran erinnern konnte: berauschender Weihrauchduft aus rasselnden Goldfässern, prachtvolle Schalen, in denen die Priester der Kirche die jährliche Grütze als ein Opfer für Rußlands mächtigen Gott brachten. Glänzendes Gold und Purpur und samtene Talare. Geschwungene Weihrauchfässer und wogender Gesang. Jubel aus tausend Mündern unter dem himmelhohen Gewölbe der Kirchen. Gebete, brausende Orgelmusik, Knien auf eisigen Marmorplatten. Er träumte dies, er träumte dies! Aber eines schönen Tages wurde er an den Zirkus verkauft. Seine Mutter brachte ihn dorthin, sie sagte, er bekomme schöne Kleider, schöner als die der Ministranten am Tage des heiligen Nikolaus. Und seine Brüder müßten nicht mehr hungern. Er war acht Jahre alt. Es war fast zu spät um anzufangen, aber es ging, der Körper wurde durch Schläge geschmeidig, seine Künste lernte er durch Hunger. Es dauerte nicht lange, bis er als Kunstspringer auftrat. Wie sein Herz bebte. Er wurde durch die Lichter, durch die brausende Musik, durch die tausend Gesichter, durch den Lärm, durch den Peitschenknall verwirrt. Er lächelte im Traum, er hatte Lust zu schreien, er glaubte, er müsse in all diesem Licht und diesem Glanz sterben. Dann schloß er seine Augen. Die Peitsche pfiff um ihn. Hoch ging es über Hindernisse und Leitern, hoch. Er wußte nicht wie, er wirbelte umher, klammerte sich fest, ließ nach; der Lärm um ihn herum nahm zu, der Junge fühlte sich weit weg … Aber mit geschlossenen Augen immer weiter. So ging es Abend für Abend, Jahr um Jahr. Aber der Zirkus Wulff verarmte. Der Direktor begann zu trinken, er mußte alles verkaufen, Pferde, Requisiten. Nun war nur noch dieser arme russische Junge übrig, den er gekauft hatte, und der sich selbst verkauft hatte, um seine Geschwister vom Hunger zu befreien … Der Russenjunge schläft mit dem Kopf auf seinem Arm … Sie schlafen alle, diese heimatlosen Zigeuner. Vom Sturm sind sie zusammengefegt, zusammengefegt aus allen Enden der Welt. Die Mausefallenjungen aus Böhmen; sie konnten sich zu Hause ihren Lebensunterhalt nicht verschaffen, die Berge waren unfruchtbar, es gab kein Brot. So verdingten sie sich bei einem Führer, fern ihrer Berge, weg von ihren Eltern zu fremden Menschen, die andere Sprachen sprechen und andere Sitten haben. Not mußten sie ertragen und den Winter erleiden, Schneegestöber und Sturm und Kälte. Aber sie trugen ein Amulett auf ihrer nackten Brust; es schützte sie: die heilige Anna Die heilige Anna: Legendäre Mutter der Jungfrau Maria, Patronin der Mütter, Berg- und Kaufleute und Britanniens, hl. gesprochen (Fest: 26. Juli, orth. 25. Juli). ist mächtig. Die Savoyarden. Savoyarden: Einwohner Savoyens (Südost-Frankreich). Hier sind jedoch Jungen aus Savoyen gemeint, die früher in fremden Ländern umherzogen und auf der Straße spielten oder dressierte Tiere vorführten. Es sind nur drei übrig. Angelo und Gioachimo sind tot. Sie wurden an einem Wintertag in einer fremden Stadt ohne Chorgesang und ohne Pfarrer begraben. Die drei, die zurückgeblieben waren, spielten am Grab, bis es Abend wurde. Dann zogen sie auf ihrer langen Wanderung weiter. Drehorgelspieler, Seiltänzer, Sängerinnen, Mädchen, Verkäufer, Kunstreiter … Der Sturm hat sie zusammengescheucht, Laster und Unschuld, Verbrecher und Schläger, Alte und Junge. Viele von ihnen kennen Recht nur dem Namen nach, und die Welt nennt sie lasterhaft, der Himmel gab ihnen keine Priester; das Gewissen ist ihr einziger Priester, aber das Gewissen ist durch die Sünde verdunkelt; für sie sind Laster Tugenden, Tugenden Laster, das Leben besteht aus dem Aufenthalt in Wirtshäusern, wo ihre hohläugigen Leidenschaften die Stühle umwerfen und die dünnen Wände erzittern lassen. Aber sie sterben für einen Kameraden, sie geben ihr Leben für ihre Kinder, sie teilen ihr letztes Brot mit denen, die noch ärmer als sie sind. Eine Welt, die ihre eigenen Gesetze schrieb und die Gesetze einer anderen Welt nicht kennt. So sind sie, diese heimatlosen Zigeuner, die hier den ruhigen Schlaf der Gerechten schlafen! Es ist heller Tag, wenn sie aufwachen. Suzanne werkelt schon, legt sich die Locken mit Teewasser; die Direktorin bringt ihr künstliches Gebiß in Ordnung. Überall lüftet man die Schankräume. Man scheuert die Böden, wäscht. Draußen hinter den Zelten krabbeln und lärmen die Kinder mit nackten Beinen halb angezogen mit bunten, zusammengenähten Lumpen. Sie wühlen im Gras, während die Mutter die Röcke wäscht, streiten sich um das Butterbrot, kreischen. Hühner, Küken, Schweine und Kinder laufen brüderlich in schöner Unendlichkeit durcheinander. Auf dem großen Stein draußen im Freien zündet man Feuer an. Die alten Frauen gehen hochgeschürzt mit roten Beinen in Holzschuhen. Sie krempeln die Hemdsärmel bis zu den Ellbogen hoch, man braucht freie Hände. Dann schmoren und kochen sie bis abends. Überall sind Leinen mit Wäsche zum Trocknen, die Dienstmädchen stehen mit roten Augen über ihren Waschzubern gebeugt, sie summen, sie schwatzen, rufen von Zelt zu Zelt. Vor den Zelten genießen die Künstler ihr Mittagessen. Der Zirkus Wulff läßt »das Pferd« unten bei Kildeøen grasen. Drinnen beim Trommelkönig probt man. »Wenn man keine Fortschritte macht, macht man Rückschritte«, sagt der König, und deswegen trommelt er den ganzen Tag. Man bereitet sich auf den abendlichen Feldzug vor. Und wenn dann der Abend kommt, spielt man auf, zeigt Kunststücke, ruft aus, trommelt, verkauft sich selbst, feilscht und macht Lärm. Man lärmt in einer Wüste, man macht Kunststücke füreinander. Denn Trop ist tot: Trop ist tot: Trop ist »ein ewiger Jurastudent von 60 Jahren« in J. L. Heibergs Vaudeville Recensenten og Dyret (1826), dessen Handlung sich an der Kirsten-Pil-Quelle abspielt. Der alternde Akademiker wird dafür bezahlt, kleine nette Kunstkritiken über die Attraktionen des »Bakken« zu schreiben. die Zeit des »Bakken« ist vorbei, vorüber. Der Strom der Menschen nimmt andere Wege, es gibt kein Gewimmel mehr, kein Gedränge, kein Getümmel. Viele meiden diesen Markt der Lumpen und des Elends. Wenn man sieht, wie Menschen sich zur Kirstenquelle hinab beugen, stimmt man die Geige; die leeren Karusselle drehen sich im Kreis, die Hochräder sausen, Jakel Jakel: Verkleinerungsform von Jakob (vgl. deutsch »Jokel«), Schimpfwort für »Bauer«, »Dummrian«. Von den 1780ern an wurde auf dem Dyrehavsbakken nach deutschen Vorbildern eine Puppenkomödie gespielt, Meister Jakels Komödie genannt, die zu den Lieblingsstücken des Volks gehörte. beginnt seine alte Komödie. »Die braunäugige Tochter« ordnet ihre roten Ballone. Arme Braunäugige! Wie lange ist es her, daß Du mit runden Wangen und strahlenden Augen jung warst! Lange her – ach, hier auf dem »Bakken« wird man schnell hohläugig. Nun sitzt »Ferdinands« Tochter da und verkauft Ballone und näht Flaggen. Die Wenigsten kennen sie. Der Russenjunge zieht sein Trikot stramm, die Romanzensängerin knöpft ihre Handschuhe zu, der Trommelkönig schlägt seinen besten Wirbel … Es ist wie in der Sächsischen Schweiz, wo man für jeden Reisenden die Wasserfälle anstellt … Die Wasserfälle anstellen: Bang bezieht sich ganz sicher auf den Lichtenhainer Wasserfall, der bis heute eine Touristenattraktion ist. Der Wasserfall wird angestaut und bei passender Gelegenheit in Gang gesetzt. Einen ähnlichen – auf die Römer zurückgehenden – Wasserfall gibt es in Terni (Umbrien/Mittelitalien). Auch er wird zu bestimmten Zeiten als Touristenattraktion angestellt. Sonst dient sein Wasser der Elektrizitätserzeugung. Und so verdient man genug, um selbst leben zu können und seine Kinder zu dem Elend der Väter im selben Leben aufziehen zu können. Dem Leben hinter den Zelten.   [Zigeunerliv. Nationaltidende, morgen, 18.7.1880]   Leben auf dem Lande Der Schnee stob längs der windgepeitschten Hecken, legte sich in Haufen um die blattlosen Büsche, in Verwehungen vor das Gitter der Veranda. Der wilde Wein wirft sich mit seinen verwitterten Zweigen wie verschlungene Krakenarme im Sturm vor und zurück. Die Häuser sehen hilflos aus, in ihrem Inneren starrt uns die Kahlheit der leeren Wände kalt und ungemütlich entgegen; die Türen sind krumm und schief, der Schnee kann hineinfegen, so daß er sich fast wie ein deckender Teppich auf den Boden des Wohnzimmers legt, der Sturm reißt die Türen auf, rüttelt an den Schlössern, schlägt sie wieder zu, pfeift aus Löchern heraus und durch Spalten hindurch; es sieht fast so aus, als könnte es ihm ohne weiteres einfallen, die ganze Villensiedlung mit sich zu nehmen. Aber dann kommt der Frühling, und der wilde Wein treibt Blätter, der Flieder blüht, und alle Sträucher werden grün. Die Häuser verschwinden unter all dem schwellenden Grün, Löcher und Risse weichen dem zudeckenden Teppich. Hinter den schützenden Bäumen lugen die kleinen Häuser wie kleine Nester hervor. Und die Sonne lächelt alle und alles an. Die Sommerhäuser der Kopenhagener erwarten ihre Gäste. In der Stadt wird es heiß. Man hält sich auf der Straße im Schatten, man knöpft sich den Sommermantel auf und bestellt Eis zu seinem Sprudel. Man unternimmt einen Waldspaziergang, um den Waldboden nachzusehen, der seit langem nicht mehr blüht, und die Dame des Hauses reicht beharrlich acht Tage hintereinander Kaltschale. »Lieber Henrik, Du willst doch wohl keine Fleischsuppe, wenn es sechzehn Grad im Schatten hat …« »Es gab heute nacht Frost …« »Sechzehn Grad im Schatten, Henrik. Ich habe es selbst mit Karoline auf dem Domplatz gesehen …« Die Frau sitzt da und bläst auf die Kaltschale, so daß ihr Kopf vor Anstrengung hochrot wird. Der Herr kämpft vergeblich mit der unbarmherzigen Härte des Roggenzwiebacks. Man hört seine Kiefer knirschend arbeiten. »Gradmans sind auch aufs Land gekommen«, wirft Karoline ein und läßt den Löffel sinken. Mutter und Tochter wechseln einen schnellen Blick über die Terrine. »Ja«, prustet die Frau, so daß die halbe Kaltschale vom Löffel spritzt. »Gradmans sind verreist.« Die Kiefer des Herrn arbeiten sehr stark. »Und Kolds haben gemietet«, fügt Fräulein Karoline hinzu. Der Hausherr sitzt über seine Kaltschale gebeugt und schüttelt den Kopf wie ein Schaf, das von Fliegen geplagt wird. »Kriegen wir nie Dickmilch?« sagt er. »Dickmilch? Nein, Holm, du mußt mich entschuldigen. In der schwülen Speisekammer wird es zu nichts anderem als Molke.« Wiederum Pause. Der Hausherr wackelt dauernd mit seinem Kopf hin und her und beugt sich immer tiefer über den Teller. Er führt den Löffel mit gebeugtem Arm. Es sieht aus, als wolle er sich gegen die eine oder andere unsichtbare Bedrohung wehren, so sitzt er da. »Wer nimmt die Loge heute abend?«, sagt er, ohne seinen Kopf zu erheben. Das Schweigen erdrückt ihn wie die Ruhe vor dem Sturm. »Der Platz muß leer bleiben«, erklärt Karoline und legt sich mit ausgestreckten Beinen lässig im Stuhl zurück. Pappa sieht auf: »Leer?« Seine Frau richtet sich im Stuhl auf. »Ja, Henrik«. Sie macht eine kurze Pause, dann sagt sie laut über die Terrine hinweg: »Wir müssen mindestens so tun, als wären wir auf dem Lande.« Henriks Löffel fällt klirrend auf den Teller. Er nimmt sein Taschentuch und wischt sich den Schweiß mit einer langsamen kläglichen Bewegung ab. Karoline stemmt die Ellbogen auf den Tisch, bleibt sitzen und betrachtet ihre gespreizten Finger. Die Frau hält sich sehr aufrecht auf dem Stuhl und sieht kalt zu ihrer besseren Hälfte hinüber, die wieder den Kopf senkt und versucht, die letzten Reste der Kaltschale vom geleerten Teller zu schlürfen. »Möchtest Du mehr, Holm?«, fragt seine Frau irritiert, unnötig laut. Nein, Henrik will nicht noch mehr haben. Drei Tage später mieteten sich die Holms in Ny Taarbæk Ny Taarbæk (heute: Tårbæk): Alle in dieser Reportage genannten Orte liegen im Norden Kopenhagens an der Öresundsküste zwischen Klampenborg und Helsingör; ursprünglich arme Fischerdörfer wurden sie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr von der Kopenhagener Ober- und Mittelschicht als Sommersitze erobert. Seit August 1897 sind die meisten dieser Ortschaften durch die Kystbanen (Küstenbahn entlang des Öresunds: Kopenhagen – Helsingör) verkehrsmäßig erschlossen. Zu Zeiten dieser Reportage (1880) führte die Bahn von Helsingör über Snekkersten und Hillerød (also über das Binnenland) zum Kopenhagener Ostbahnhof (Østerport). ein. Henrik hatte das Spielaufgegeben: sein Widerstand war in den Kaltschaleströmen seiner Frau ertrunken. Sie und Karoline fuhren in einem Landauer Landauer: Vierrädriger Luxuswagen mit Langbaum. Das Verdeck kann auf- und niedergeschlagen werden. von Haus zu Haus und mieteten zuletzt drei Zimmer mit Zugang zum Garten und einer Veranda, wo man eine rote Lampe an die Decke hängte, einen Pan in die Ecke stellte und einen Strauß Farne auf die theatralischen Blumentischchen aus Eisen mit einer Venus obenauf; das Ganze sah vom Weg aus fast dramatisch aus. Ny Taarbæk war für die Holms genau das Richtige. In Gammel Taarbæk findet man schreiende Extreme. Dort gibt es alte Landsitze mit viel Platz, drei, vier Obstbäumen im hinteren Garten, Kartoffeln, Petersilie und so viele Erdbeerbeete, daß die Frau mit betörendem Lächeln ihren Herrn darum bitten kann, die Erdbeeren vom »Garten« zu versuchen, wenn der Diener die Hagebutten aus Hellerup anbietet, die in einer eisgekühlten Terrine serviert werden. Salon und Eßzimmer befinden sich im Wohnzimmer, ein kleines, einfenstriges Zimmer führt auf die Terrasse; alles in diesem hellen Sommerstil in Blau und Weiß gehalten, wie man es in Romanen liest; weiß lackierte Stühle mit Chintz Chintz: glänzender Baumwollstoff (wachsartig appretierte Oberfläche). bezogen, weiße Tische mit imitierten Marmorplatten und ein Kamin, den man an den kühlen Septemberabenden anfeuert, wenn die Dame des Hauses, nachdem sie ihr Abendessen verdaut hat, die Sterne von der Anstalt Badeanstalt: Das öffentliche Bad in Klampenborg, das auch über einen Konzertsaal verfügte. an der Langelinie aus zu bewundern weiß, Briefe liest oder schreibt, die Füße am Kaminrost wie die Baronessen in den Proverbes dramatiques. Proverbes dramatiques: der französische Dichter Carmontelle (1717-1806) ist der Schöpfer dieser schnell hingeworfenen Skizzen in lebhafter und witziger Sprache, die sich oft auf eine Sentenz oder ein Sprichwort beziehen. In den Sommerhäusern hält man es bis Mitte Oktober aus; dann muß man das Getreide geerntet haben. Außerdem bleibt man so lange wie möglich im Landhaus. Dies weist auf etwas Solides hin, zeigt an, daß man einen Kachelofen hier draußen hat. Und das bedeutet eine weitere Stufe im gesellschaftlichen Rang. Diese Villen sind alt, man hat sie geerbt, sie gehörten der Familie; sie sind ein Teil des Vermögens ihrer Bewohner. Seite an Seite von ihnen liegen Miethäuser, Fischerhütten, Lehmkaten mit Veranden, die an stinkende Gassen stoßen, Siedlungen, die würdige, ländliche Gegenstücke zu Peder-Madsens-Gang bilden, Peter-Madsens-Gang: Berüchtigte Rotlicht-Straße zwischen Østergade (Strøg) und Grønnegade, etwa an der Stelle der heutigen Ny Østergade, unweit von Kongens Nytorv. 1875 abgerissen und saniert. Löcher, wo man Menschen aus Speichern und in Hinterhäusern zusammenpackt, ein Euphemismus, mit dem man wohlklingend das gichtbringende Elend des undichten Schuppens beschönigt; wo man in demselben Raum ißt, lebt und schläft, wo ein Wandschirm die zerbrechliche Mauer gegen die Wiedergeburt vollständig paradiesischer Zustände bildet; wo man als Speisekammer einen Fliegenschrank benützt, der in dem einzigen Baum hängt, der sich auf der Quadratelle 1 Quadratelle entspricht 0,39 m². Boden befindet, den die Hausfrau als Garten bezeichnet; wo man unmittelbar vor seinem Fenster einen derart stinkenden Rinnstein hat, daß der Rosenaa Rosenaa (heute: Rosenå): »Rosenbach« ist der ironische Name eines heute überdolten Bachs im Stadtteil Vesterbro. Vor der Verdolung eine stinkende Kloake. im Vergleich mit dieser Kloake ein Segen ist; wo man bei Sonnenschein vor Hitze schmachtet, und aufgrund des undichten Daches auf dem Speicher unter einem Schirm sitzen muß, wenn es regnet … wo man wohnt, aber sich nie aufhält, einfach, weil es unmöglich wäre, sich dort aufzuhalten. Aber das macht auch nichts: Vater ist im Laden, Mutter besucht eine Freundin »droben am Hang in Ry«, und die Töchter ziehen mit ihrer Musikmappe und Aufsatzheften jeden Vormittag in die Stadt, um den Freundinnen zu erzählen, wie schön es draußen ist. – Das sind die Mietshäuser. Und so liegen sie aneinander gekleistert versteckt hinter staubigen Bretterzäunen, von der Sonne gebacken, zugestaubt vom Staub der Landstraße, aufgeheizt, eng zusammengebaut, übermäßig beglotzt. In diesen Siedlungen hat man keine Geheimnisse voreinander; alle wohnen in Glashäusern – aber leider, wirft man trotzdem tüchtig mit Steinen. Aber eine solche Fröhlichkeit war nichts für die Holms. »Ny Taarbæk« ist das richtige Milieu. Kleine Häuser, buchstäblich auf Sand gebaut, winzige Veranden mit wildem Wein, ein grüner Rasen zwischen vier Hecken, ein kleiner Hof, wo man einige Kugeln umherkullert und glaubt, man spiele Krocket, wenn man dies tut, ein kleines Wohnzimmer mit einem Sofa und zwei Lehnstühlen, einem Eßzimmer, wo man knapp zu sechst essen kann, eine Küche so groß wie die Kombüse des Kochs auf einem Schoner und zwei kleine Schlafzimmer, wo man der Frischluft wegen bei offenem Fenster schläft. Oben im Giebel ein Loch, wo die Mädchen auf einer Pritsche schlafen und die abenteuerlichen Ängste der Bleikammern Bleikammer: Anspielung auf die Gefangenenverliese unter dem Bleidach des Dogenpalastes in Venedig. aufs neue erleben. Das Ganze sieht aus, als sei es in Eile gebaut worden und solle genau so schnell abgerissen werden. Fachwerk, Bretter, Flechtwerk und Halbsteinmauer. Moderne Baukunst in verkleinerter Ausgabe. Aber man hat es für sich selbst, versteht sich, und Ny Taarbæk hat so viele Vorzüge. Man hat bequemen Zutritt zum Dyrehaven, Dyrehaven: Erholungsgebiet und Jahrmarkt (»Bakken«) nördlich von Klampenborg. wo die Damen des Hauses vormittags mit einem kleinen Klappstuhl und einem englischen Roman, mit dem man nie weiterkommt, hingehen. Dann und wann auch mit einer koketten Staffelei und einem Stück Leinwand, auf dem der Lehrer vorgezeichnet hat, und wo man glaubt, daß man mit dem Hinklecksen von etwas Spinatgrün und etwas Glasblau auf die Leinwand all diese hinreißende Schönheit bannt, die Christian Winther Christian Winther (1796-1876): Dänischer Schriftsteller. Mit seinen Gedichten und Erzählungen ist er ein Repräsentant des poetischen Realismus. Hauptwerk: Hjortens flugt (1855). Seelands sommergrünen Wäldern abgeschaut hat. Man kann auch mittwochs in die Anstalt zu den Sinfoniekonzerten gehen, wo »ganz Kopenhagen« sich trifft, um wie in der Musikforeningen Musikforeningen: »Musikforeningen i Kjøbenhavn«, 1836 gegründet, nahm bald nach ihrer Gründung die vorherrschende Stellung im dänischen Musikleben ein. Ihr Einfluß war unter der Leistung von Niels W. Gade in den Jahren 1850-1890 besonders prägend. über Haydn zu gähnen und um in all diesen Tausenden Feinheiten des Tuches zu glänzen, um deren Vorzeigen sich Damen und Herren zanken. Und dann um sich »die Fremden« anzuschauen: einige Herren in Prunellstiefeln Prunellstiefel: Prunell ist ein dicht verwobener genoppter Stoff, schlehenschwarz; das Wort kommt vom Französischen »la prune«, die Pflaume. und farbigen Hemden mit hellen Krawatten und Goldnadel; Damen in kurzen Kleidern und blauem Schleier und halbnackten Kindern, daß man unwillkürlich dächte, sie wären im Badeanzug und müßten ins Wasser. Es summt im Konzertsaal. Man trifft sich, man grüßt sich, man macht sich den Hof; von oben betrachtet scheint es ein wogender Ball zu sein, alle diese sich schüttelnden Häupter mit ihren weißen Hüten, weißen Schleiern und weißen Federn. Die Bedienungen sprechen deutsch, die Fremden etwas von allem, wir selbst »schlagen mit Sprachkenntnissen um uns, die die Gäste erstaunen lassen.« Die Hitze drückt, die Fächer und die parfümierten Taschentücher wedeln vor und zurück. Die Luft ist durchdrängt von Puder, Rosenduft und Essensgeruch. Das Orchester schwitzt während der a-Moll-Sonate heftig. Der Schweiß tropft langsam von der Nasenspitze des Waldhornisten auf die gestickte Hemdbrust. Gammel Taarbæk trifft sich mit Ny Taarbæk, und man macht einander beim Treffen den Hof. »Die Alten« heißen die neuen Emporkömmlinge, und sie rivalisieren dauernd; man kämpft um Richardts Wagen, um Geermanns Butter und um die Gemüsefrauen; jeder Tag gießt aufs neue Öl ins Feuer der Mißgunst. Dann geht man nach Hause. Der »Strandvej« liegt ruhig da. Drinnen in den Häusern verliert sich das Licht aus dem Wohnzimmer im Laub der Bäume, gleitet durch die Zweige der Sträucher, legt sich wie ein leuchtender Streif über das Resedabeet des Rasens. Das Licht im Gang macht den Schatten der Büsche doppelt geheimnisvoll. Unten am Gartentor hört man gedämpftes Flüstern – man spricht miteinander über die Hecke … Dumpf murmelnd rollt der Sund seine Wellen gegen den Strand. Die Sommernacht ist überall schön. Aber Taarbæk hat keine Zeit, die Schönheit der Sommernächte zu bewundern: Vater muß den ersten Zug nehmen, und Joakim und Ludvig fahren jeden Morgen um 8 Uhr los; man muß früh ins Bett, wenn man um 6 Uhr aufstehen muß. So rast der Herr morgens davon, schlaftrunken, ohne etwas Flüssiges oder Trockenes bekommen zu haben, macht er Tag für Tag einen Wettlauf mit der Geduld Leutnant Lissners, Leutnant Lissner: vermutlich fiktive Figur. der beim ersten Zug das alte Wort von Eisenbahnen, die nicht warten, widerlegt. Keuchend, verschwitzt und aufgelöst erreicht er um 8 Uhr sein Büro ganz draußen in Christianshavn, von wo er um 7 Uhr heimkehrt. Dann bekommt er das Essen, das man aufgehoben hat und das vom Warten im Ofen trocken geworden ist, läßt sich in den Sessel fallen und schläft ein. Aber er läßt sich in einen Lehnstuhl auf dem Lande fallen, er schläft im Schoß seiner Familie im Ferienhaus ein. Die Familie macht Ferien auf dem Lande. »Die Familie« – das ist doch eine Frage. Die Kinder werden um 6 Uhr aufgescheucht, um in aller Eile zu baden, um die Bücher zu richten, kurz drüber zu lesen und atemlos zur Eisenbahn zu stürzen. Von der Eisenbahn hinaus in die Bredgade Bredgade: eine der Kopenhagener Hauptstraßen; sie führt von Kongens Nytorv in nördlicher Richtung bis fast zur Langelinie. oder nach Christianshavn. Die Kinder kommen dort müde, erschöpft und schläfrig an. Dann werden sie Stunde um Stunde in den warmen, aufgeheizten Klassenzimmern eingesperrt, wo man sie mit Gelehrsamkeit voll stopft wie Straßburger Gänse, die nicht verdauen dürfen. Sie schlafen schon in der ersten Stunde ein, die Müdigkeit nach dem Bad, das Rennen zur Bahn, durch die Straßen, jetzt die eintönige Stimme des Lehrers, das Murmeln eines Schülers, wenn er aufgerufen wird – sie fallen in Schlaf. »Adolf!« Adolf fährt mit einem Ruck hoch und packt seinen Cäsar mit beiden Händen. »Drittes Kapitel«, sagt der Lehrer. Man hört ein nuschelndes Murmeln, das wellenartig ansteigt und abfällt, während Adolf im Takt Oberkörper und Kopf bewegt. Der Lehrer sitzt nickend auf dem Pult, mit geschlossenen Augen, die Arme gekreuzt. Auf den Bänken sitzen die Jungen, ihre Köpfe auf die verschränkten Arme gelegt. »Es reicht!« Ein Ruck fährt durch die ruhenden Gestalten. Der Kopf erhebt sich etwas, der Lehrer nickt immer noch … Schleppend vergeht an diesem heißen Sommertag Stunde um Stunde. Um 3 Uhr fahren die Kinder nach Hause. Zu Hause schlingt man das Essen hinab und geht dann in die Mansarde hinaus, um einnickend über den Wissenschaften, die man in Hemdsärmeln und mit der Pfeife, der verbotenen Frucht, beackert, ganz in Schlaf zu fallen. Der Ruf: »Tee, Jungen!« weckt sie. Und nach dem Tee wieder ins Bett. Ja, die Familie macht Urlaub auf dem Land. Man kann dies als komisch ansehen, aber man muß trotzdem zugestehen, daß diese Art von Landleben auch ernst genommen werden kann. Gibt es jemanden, der glaubt, daß ein solches Rennen vom Landhaus zur Eisenbahn und von der Eisenbahn, Straße auf und Straße ab, in eine aufgeheizte Schule für Kinder nützlich ist, die Tag für Tag bald in sengender Hitze, bald im Schneeregen denselben Weg laufen? Immer in Unruhe, immer auf dem Sprung, nie zu Hause, auf Straße und Landstraße zehn Stunden am Tag. Gedränge in der Eisenbahn mit vielen verschiedenen Kindern aus ganz verschiedenen Elternhäusern. Man stürzt sich in den Abteilen über die Hausaufgaben, man schwatzt, schnattert, plaudert und lästert. Die jungen Damen rauchen Zigaretten, die jungen Herren Zigarren, man turtelt, bändelt an, schwärmt, schäkert und benimmt sich affig. Die Stunden in der Bahn bedeuten Erholung von diesem Leben auf dem Lande. Aber – im Ernst gefragt – wo bleibt hier Platz für die Erziehung dieser Kinder? Es gibt genügend Grund zu dieser Frage, denn selbst in der Stadt hat manches Zuhause nur wenig Zeit, seine Kinder zu erziehen. Es ist die alte herkömmliche Art, der man bei der Erziehung folgt. Die Kinder tauchen auf, so schnell, eh' der Deubel die Schuh' anhat, auf jeden Fall, bevor ihre Mutter daran gedacht hat aufzustehen. Sie bekommen eine Tasse Tee in der Küche, das Dienstmädchen steht da und richtet ihre Haare, während sie ihnen die Frühstücksbrote schmiert. Während des Teetrinkens überfliegen sie noch einmal ihre Hausaufgaben, schleichen an der Tür zum Schlafzimmer vorbei, um Mama nicht zu wecken und gehen dann zur Schule. Die Eltern sehen sie erst mittags. Der Vater bittet sie, richtig auf ihren Stühlen zu sitzen und läßt während des Kaffees die zweitälteste Tochter um den Tisch herumgehen mit einem Lineal zwischen den Armen auf dem Rücken. Die Mutter schimpft, weil sie mit dem Messer essen. Der Kleinste bekommt eine Ohrfeige, weil er in der Nase bohrt. Nach Tisch werden Hausaufgaben gemacht. Abends machen die Eltern ihre Besuche. Mama hat in einer Glasschale auf dem Buffet einige Apfelsinen hingestellt. Wenn man sie gegessen hat, klaut man einen verbotenen Roman aus dem Bücherschrank – unselige Gewohnheit, den Schlüssel in Bücherschränken stecken zu lassen – oder man legt sich auf den Eßzimmertisch um zu schlafen … Das nennt sich Erziehung. Und jeder, der zu sich selbst sagt, dies sei nur ein Teil der Wahrheit, darf diese Schilderung als bittere Anklage betrachten. Ja, eine Anklage; denn das ist es, nicht zu erziehen, und das Geschlecht, das seine Kinder nicht erzieht, verurteilt sich selbst zum Tod. Die Eltern überlassen alles der Schule, man bezahlt ja schließlich genügend Schuldgeld, und das Zeugnis ist ja auch gut. Vilhelm wird wohl die besten Noten zum Examen in der Schule bekommen! Die Schule, wo man, obwohl man die Jungen von fünfzehn Jahren zu Spezialisten ausbildet, den Stoff nicht bezwingen kann, ohne die Schüler bis zum Hals vollzustopfen, wo man einpaukt, eintrichtert, flüchtig übergeht, wo man fünf-sechs Sprachen in den Köpfen Sechzehnjähriger tanzen läßt, wo das Zeugnis alles bedeutet, und der Charakter nichts – ja, man kann ruhig alles der Schule überlassen. Aber wann findet man die Zeit zu erziehen? Gewiß, die Versuchungen sind den Kindern näher auf den Leib gerückt, die Ansteckung ist höher, die Nerven reizbarer, Zeitungen, Illustrierte, Diskussionen und Gespräche, die man in Anwesenheit der Kinder führt, lassen sie an tausend Dingen teilnehmen, die Kinder nie hätten erfahren dürfen; gewiß, Kopenhagen ist eine große Stadt, Schulen und Elternhäuser liegen oft mit den moralischen Kloaken der Großstadt Seite an Seite – auf jeden Fall gibt es in Kopenhagen eine Schule, die eine – gelinde gesagt – eigentümliche Lage hat, – was soll's, die Zeiten sind gefährlich – aber sie sind auch streng, und Vater hat es schwer genug, für das tägliche Brot zu sorgen. – Vielleicht, aber in einem solchen Fall muß man sich an die Mütter wenden, um ihnen klar zu machen, daß nicht die Schule ihre Kinder erzieht, daß sie es nicht kann und nicht tut; daß die Schule, die vollauf damit beschäftigt ist, sie zu unterrichten, kaum Auge auf ihr Leben haben kann, geschweige denn auf ihre Träume. Doch gerade über die Phantasie der Kinder muß man wachen, ihren Träumen muß man eine Richtung verleihen. – Unsere Kindheitsträume bestimmen unser Leben … Dieses Thema aber ist für meine flüchtige Feder zu hoch – und wir befinden uns außerdem in Taarbæk. Manchmal stehe ich in der Versuchung zu meinen, der Feuilletonist sei eigentlich der glücklichste Mensch auf Erden – er kann alle Themen streifen und muß ihnen nicht auf den Grund gehen; das ist angenehm, denn auf dem Grund gibt es immer Schlamm … Wie gesagt, »Alte« und »Neue« streiten miteinander. Nur in einem sind sie sich vollständig eins: »Verachtung für die aus Charlottenlund.« Charlottenlund: Erholungsgebiet und Ort nördlich von Hellerup, bekannt durch sein Schloß mit Park und Danmarks Akvarium. Sie kennen Charlottenlund? Sie fahren dort nie hinaus? Das kann ich gut verstehen. Einige von der Sonne ausgedörrte Vogelkäfige, die auf einem Acker aufgestellt wurden, wo Schatten nur ein Wort ist; Sandwüsten, denen man den Namen Gärten gibt, hier und da ein verkrüppelter Strauch, der dafür um Verzeihung zu bitten scheint, daß es ihn gibt. Schließlich bei jeder Villa einen Hühnerhof. Hühnerhöfe sind die Spezialität von Charlottenlund, man exportiert Hähnchen. Dann die Nachbarschaft zum Wald, ein zweiter Dyrehavsbakke ohne Madame Lundager Madame Lundager: ihr Stand befand sich in Jægersborg Dyrehave. und ihre Waffeln. Ohne zu übertreiben: zweifellos ein richtiger Dyrehavsbakke. Da ist das Grøndalshus, Grøndalshus: beliebtes Wirtshaus mit Tanzboden. eine ländliche Tanzstätte, wo alles ländlich ist, und wo möglicherweise nur hier die ländliche Unschuld erlebt werden kann; da ist Gyldenlund Gyldenlund: Wirtshaus im Wald von Charlottenlund, das viele Jahre hindurch mit jungen Sängerinnen warb. mit seinen fremden Artisten, der Alexanderpavillon, Alexanderpavillon: Sängerinnenpavillon am westlichen Waldrand, der Ende der 1880er zusammen mit Gyldenlund wegen Beschwerden der Nachbarschaft geschlossen wurde. Egely, Stalden Stalden: »Over Stalden«, Wirtshaus in Charlottenlund. und noch ein Pavillon, dessen Name ich vergessen habe. Birket Birket: wahrscheinlich der Name des zuständigen örtlichen Polizeimeisters, der noch nicht gegen das Unwesen der singenden Mädchen eingeschritten ist. hat diesen Teil des Waldes tatsächlich mehr als reichlich mit Nachtigallen Nachtigallen: Bezeichnung für leichte Sängerinnen. bevölkert. Warum läßt man diese Kneipen zwischen Stadt und Bakken ihre lohnenden Geschäfte machen? Fragen Sie mich nicht danach, denn auch ich finde dies merkwürdig. Es sei denn, man tut es, um die unglücklichen, alten und verwelkten Frauen, die hier – ihre letzten Verse – singen, bevor sie in dem dunklen Strom verschwinden, der ihr Elend schluckt, zudeckt und verschwinden läßt, ihr Leben noch eine Weile fristen zu lassen. In solch einem Fall denkt man aber möglicherweise zu menschenfreundlich. Möglich ist auch, daß diese Einrichtungen nicht schaden. Wohl ist der Ton frei, die Gesänge lebhaft; Komikerinnen spielen Damen, Komiker sind als Herren äußerst glaubwürdig, die Lieder würden wohl kaum von der Kopenhagener Polizei zugelassen werden, aber das Ganze ist so abscheulich ärmlich, abschreckend knochig, aufgedonnert und alt, daß es niemanden in Versuchung führen kann. Nur glaube ich, die Miete in Charlottenlund stiege nicht wenig, wenn man die Zelte schlösse. Taarbæk und Charlottenlund sind die Hauptquartiere der Sommerfrischler – vorläufig. In zwanzig Jahren wird die vornehme Gesellschaft Ny Taarbæk verlassen haben und weiter gen Norden gezogen sein. Nun ist Rungsted für sie, die morgens und abends fahren müssen, die Grenze. Skotterup Skotterup: Badehotel zwischen Espergærde und Snekkersten. gehört den Schauspielern, Snekkersten den Feriengästen, Hellebæk gehört allen. Aber der Strom zieht nach Norden: das Wasser ist besser, die Luft frischer, die Baugrundstücke sind billiger. Nur eines bedaure ich; die armen Kinder in der Zukunft, die von Hellebæk aus nach Kopenhagen in die Schule müssen. Aber laß Zukunft Zukunft sein. Vorläufig ist Vedbæk ein Ort von Ferienhäusern und nicht irgendein Ort, Rungsted ländlich, Hellebæk das Land. Dort kann man ein kleines Haus am Hang des Strandes finden, in dem die Decke niedrig ist und wo man sich in der Türe bücken muß, um hineinzukommen; wo man sein Fleckchen Garten bestellen kann, ohne dauernd begafft zu werden, und wo man, ohne Anstoß zu erregen, in Hemdsärmeln in der Hängematte unter den Kirschbäumen faulenzen kann. – Oder man zieht weiter aufs Land in einen richtigen Bauernhof mit großen Räumen und einem Obstgarten mit dichten Hecken um die Rosenbeete herum. Hier weilt man richtig auf dem Land. Hier gibt es Feldwege und einsame Pfade in den Wald und Zaunübergänge und eine schlichte Bank unten beim Bach hinter der Mühle. Die junge Frau trinkt morgens süße Milch, direkt von der Kuh. Und die Kinder fahren auf dem Heu mit, wenn der Bauer einfährt. – Das ist ländliches Leben, aber jedem das Seine, und hier gibt es weder Konzertsaal noch Tombola mit Roulette. Deshalb ist es gut, daß jeder nach seinem Gutdünken auswählen kann und das entlang der Küste bekommen kann, was er möchte. Aber – zeige mir Deine Sommerwohnung, und ich werde Dir sagen, wer Du bist.   [Landliv. Nationaltidende, morgen, 18.7.1880]   Rue de Venise, numéro vingt-six Lassen Sie uns die Straße »Rue de Venise« nennen! Eine ruhige Straße, unweit des Boulevards. Straßenbahn. Straßenbahn: Hier handelt es sich um eine Pferdestraßenbahn; die erste elektrische Straßenbahn weltweit fuhr im Linienbetrieb erst ab 1883 in Berlin-Lichterfelde (Probebetrieb ab 1881). Nun – Madame hat Recht, die Rue de Venise liegt weiter vom Nordpol, aber es sind geradewegs zwanzig Minuten zu Fuß zur Rue des Capucins; und Madame hat zweimal Recht, eine Straßenbahn gibt es auch, die Gesellschaft fand es der Mühe nicht wert, die Schienen herauszureißen, als sie vor drei Jahren in Konkurs ging. Sonst nur eine graue Straße. Alles in der Rue de Venise ist grau. Die Häuser, die Türen, die Gesimse, die Vorhänge vor den Fenstern, schmutziggrau, muffig. Die ganze Straße ist wie von Schimmel bedeckt. Als man das letzte Mal einen Farbtopf in der Rue de Venise sah, diente dieser dazu, ein rotes Schild für Herrn Raideurs Internat zu malen. Ein prächtiges Schild, auf dem die Buchstaben von lächelnden Kindergesichtern, rund wie Kugeln, gebildet wurden, zufrieden wie Posaunenengel, und das »T« ist ein Engel mit einer Trompete. Aber das Internat des Herrn Raideur stört den Frieden in der Venediger Straße nicht. Es ist völlig ruhig hinter den mit Kreide zugemalten Fenstern, im »Heim«, dem grauschwarzen Haus mit den tiefen Fenstern und den dicken Mauern. Mitten an der hohen Tür ein Türklopfer, groß, ein Löwenhaupt mit offenem Rachen, wie ein Siegel für das Internat Herrn Raideurs, wo Madame la directrice Madame la directrice: Frau Direktorin. den dankbaren Lehrlingen des Monsieurs liebevolle und mütterliche Pflege schenkt. Manchmal hält eine Droschke vor der Tür mit dem roten Schild, und es ertönt ein heftiger Schlag mit dem aufgerissenen Löwenkopf. Dann weiß die Straße, daß das Institut mit den lächelnden Gesichtern wieder einen Schüler mehr bekommen hat. Ein Vormund, der sein Mündel in dieses stille Haus gebracht hat, wo man ohne Extrabezahlung die Ferien verbringen kann. Sonst ist das Haus mit den lachenden Engeln ruhig. Die Schüler des Herrn Raideur spielen nicht. In ihrer Freizeit sitzen sie in die vier Ecken verkrochen und leise flüsternd ruhig da, wo die abgestorbenen, jämmerlichen Akazien, die der Prospekt Garten nennt, stehen – ein Kiesflecken mit einigen Grasbüscheln und dann diese staubbedeckten, schmachtenden Bäume mit abgeschabter Rinde und gelbgeränderten Blättern. Ringsum Mauern, feuchte, schwarze Mauern, die nie die Sonne gesehen haben. Nur freitags öffnet sich die graue Tür. Herr Raideur geht mit seinem Institut spazieren. Und wenn sich in der Venediger Straße der eine oder andere Mitleidige findet, schaut er lange dem merkwürdigen Zug nach. Zuerst Herr Raideur. Ein langer, zerschlissener Mantel, der um eine knochige pergamenttrockene Gestalt schlottert, Quäkerhut, Brille auf einer spitzen Nase, die ein Paar rotumrandete Augen bedeckt, deren Farbe hellgrau ist. Herrn Raideur folgen die Schüler ohne zu sprechen. Sie gehen ängstlich, als wolle sich der eine auf den anderen stützen; gelbbleich, mit großen Augen, vornüber gebeugt, mit Hemden, die zu klein sind, Hosen, auf deren Beine sie ständig treten, gestopften Strümpfen in Schuhen, die niemals passen. Hoch aufgeschossene Jungen, die zu schnell gewachsen sind, kleine Gnome mit großen Köpfen, im Wachstum stehen geblieben … Herr Raideur schreitet würdevoll durch die Straße. Wenn er zu Nummer 26 kommt, grüßt er ehrerbietig. Madame öffnet das Fenster, und der Direktor zeigt mit seinen Mephistophelesfingern auf seine blühenden Lehrlinge. Madames Doppelkinn lächelt, und Herr Raideur schreitet mit seinen wandernden Kümmerlingen weiter … Findet sich aber in der Venediger Straße die eine oder andere mitleidige Seele, der dieser Anblick, der zum Leben dieser grauen Straße gehört, nicht vertraut ist, wird er dem Zug mit seinen Augen folgen, bis er an der Ecke zur Rue de Paris abbiegt … Bei Nummer 26 gibt es kein Schild. Madame würde es nicht passend finden. »Man findet mich auch ohne Werbung«, fügt Madame hinzu, während sie gleichsam breiter wird, in ihrem schwarzen Atlaskleid mit den leuchtenden Säumen. Man findet sie. Eine Droschke mit einem Lederkoffer und einigen alten Hutschachteln hält unter dem Altan vor der Tür, Jeanette öffnet. Und der Fremde geht durch Madames gastfreundliche Tür auf den Marmorfliesen des Eingangs hinein. Jeanette bittet den Fremden, im »Salon« zu warten. Ein großes Zimmer im Erdgeschoß. Wenn Jeanette die Tür öffnet, schlägt einem modrige Luft entgegen, ein gemischter, vergessener Mief wie aus den Kleidern armer Leute oder einem alten Kleiderschrank. Madame klopft nie ihre Möbel aus; sie haben immer wie jetzt gestanden, Jahr und Tag unberührt, so lange wie Madame ihr schwarzes Atlaskleid gehabt hat und beim Essen den Vorsitz geführt hat – und das ist schon sehr lange. Aber sie sind auch zu empfindlich um weggeschoben zu werden, bleiche, dünnbeinige Möbel, die nichts aushalten. Mitten auf dem Boden steht ein runder Tisch mit dünnen Beinen, mit Papier unterlegt, zwei Lehnstühle mit wackligem Rücken, bedeckt mit grauweißen Tüchern. An der rechten Wand ein Klavier. Mrs. Lee versucht, auf diesem Klavier zu spielen, Madame händigte den Schlüssel mit einem Lächeln aus und erklärte, die Saiten könnten vielleicht etwas verstimmt sein … Nach fünf Minuten gab ihr Mrs. Lee den Schlüssel zurück, Madame nahm ihn mit dem gleichen Lächeln entgegen – und seither hat niemand mehr auf dem Pianoforte der Pension gespielt. Längs der Wände Stühle, mit schiefen Beinen, mit rotem Bezug, der im Dämmerlicht des Salons ausgebleicht ist, gepolstert, hellrot, angeschimmelt in der stehenden Luft hinter den dünnen Vorhängen, deren Stoff grauweiß zur Straße weist. Gleich vor der Tür der Kamin. Eine Marmorplatte, grau von Staub und Ruß. Der Rahmen des Spiegels ist vergoldet, die Verzierung angelaufen, die Spiegelfläche gleichsam von Nebel bedeckt. Jahrelanger Staub und Schmutz haben sich wie Rinde über das Glas gelegt. Vor dem Spiegel ein paar Vasen, jeweils neben der schwarzen Marmoruhr mit der Bronzefigur. Madame behauptet, diese Figur sei ein Kunstwerk – eine Göttin mit einem Füllhorn. Der rumänische Prinz versichert, dies sei ein Symbol. Wahrheit ist jedoch, daß Madame die Figur bei einem Trödler in der Rue aux Herbes Potagères für drei Franken 3. Franken: 1865 gründeten Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz die Lateinische Münzunion, die dann praktisch in den meisten europäischen Staaten bis zum 1. Weltkrieg galt. 1 franz. Franc entsprach 4,5 g Feinsilber = 1 Franc Belgien, 1 Franken Schweiz, 1 Lira Italien. Zwei silberne 5-Franc-Stücke (= 45 Gramm Feinsilber) entsprachen einem goldenen 10-Franc-Stück (= 2,9032 Gramm Feingold), also 15,5: 1 (heute liegt das Verhältnis von Gold zu Silber zwischen 50:1 und 60:1). Danach wird sich in dieser Skizze, die in Brüssel spielt, 1 belgischer Franken kaufkraftmäßig auf etwa ca. € 50 (Goldstandard) oder ca. € 22 (Silberstandard) belaufen. gekauft hat. Vor dem Kamin thronen die Prachtmöbel des Hauses, einsam, in schreiendem Gegensatz zu den anderen Möbeln, die ganze feingliedrige Dünnbeinigkeit und gebleichte Trödler-Unbequemlichkeit zerstörend. Ein Paar bestickte Thronsessel mit hohen Lehnen und festen Beinen. Alles ist unbewohnt, leer. Die Stühle in Reihen, das geschlossene Klavier, die Vorhänge in heruntergekommener Dürftigkeit, die Ausgebleichtheit des Unbewohnten und die schwere Luft. Mitten auf dem Boden die Silberhochzeitsstühle in Reihe. Madame bekam diese Stühle von einem Verwandten zum 25jährigen Hochzeitstag geschenkt. Ein wahrer Festtag, diese Silberhochzeit. Die Geschwister Day konnten sich noch gut daran erinnern und sprachen oft davon: Monsieur wurde aus dem Keller geholt – tagsüber hielt sich Herr Dubaisse in diesem Raum auf, übrigens eine ganz gewöhnliche Erscheinung, Herr Dubaisse mit stumpfsinnigen Augen, einem etwas struppigen, zerzausten Bart, abgebissenen Fingernägeln und einer leuchtenden Seidenweste über dem sich wölbenden Bauch. Herr Dubaisse zählt die Wäsche ab und schreibt die Rechnungen des Pensionats, Madame nennt dies, die Bücher des Hauses zu führen; er ißt bei Tisch nicht mit – und man speiste im Salon. Die Geschwister Day erinnern sich überaus deutlich daran. Man speiste Truthahn und als Zwischengericht Filet mit Trüffeln. Herr Dubaisse trank, bis er wieder in seinen Keller gebracht wurde, und Madame weinte. Was die Stühle betrifft, pflegte man sich nicht auf sie zu setzen. Abends räumt man sie in eine Ecke, und die Geschwister Day, denen auf Grund ihres Alters dieser Platz zukam, setzten sich auf die Dünnbeinigen vor den Kamin. Nur ce pauvre prince Ce pauvre prince: Dieser arme Prinz. setzt sich manchesmal rittlings auf Frau Dubaisses Heiligtum. Er tut, als wäre nichts geschehen, schlägt seinen Klappzylinder auf die gestickte Lehne und lächelt. Manchmal knackt er jedoch Nüsse und wirft die Schalen auf den Teppich. Und Madame duldet das. Sie duldet beim Prinzen Unglaubliches. »Sie verstehen« … sagt sie, während sie die Goldkette durch ihre fetten weißen Finger gleiten läßt und ihre angemalten Augen zur Decke hebt – Madame schminkt ihre Augen, ist im ganzen gesehen eine gut erhaltene Dame, Madame, trotz ihrer fünfzig Jahre, mit Locken um die Schläfen an der Stirn und einem großen, tief ausgeschnittenen Kragen, das Kleid leicht geöffnet in einem eigentümlichen Dreieck, wo eine Wolke aus Tüll diskret den Berg der Wonnen bedeckt, ce pauvre prince treibt mit diesem Tüll oft seinen Schabernack. Einmal beim Nachtisch kitzelte er sogar Madame … aber abends bekam er seine Rechnung, eine sehr hohe Rechnung, von Herrn Dubaisses flotter Bürohand geschrieben. Sonst pflegt Madame dem Prinzen keine Rechnung zu stellen. »Sie verstehen« … und die Augen von Frau Dubaisse suchen wieder die Decke … Der Fremde hat im Salon gewartet. Jetzt geht die Türe auf. Madame entschuldigt sich für ihre Kleidung … Gerade heraus gesagt, Frau Dubaisse hat kein Korsett an, und das lose Leinenkleid ist nicht ganz sauber. Eine Ninonhaube Ninon: Haube aus weichem Seidenstoff. verbirgt nur unvollständig die kokettierenden Lockenwickler. Madame möchte Monsieur das Haus zeigen. Ein Zimmer im zweiten Stock – magnifique. Magnifique: wunderbar, großartig. Frau Dubaisse geht als erste die Treppe hinauf. Latschen aus graubraunem Filz an den massigen Füßen werden sichtbar. Auf der Treppe riecht es nach Schimmel. Madame zeigt auf den ersten Stock. »Monsieur Bennett«, sagt sie und deutet auf die Tür. Monsieur Bennett hat den Salon mit dem Altan Altan: Größerer Balkon, der vom Erdboden aus gestützt ist. und bezahlt acht Franken am Tag pro Person. Frau Dubaisse hat großen Respekt vor Monsieur Bennett. Und Madame Bennett – oh, monsieur, elle chante, chante divinement. Oh, monsieur, elle chante, chante divinement: Oh, mein Herr, sie singt, sie singt göttlich. Ein Seufzer, der Madame noch mehr anschwellen läßt, illustriert die Göttlichkeit des Gesangs der Dame. Übrigens ist Monsieur Bennett ein englischer jüngerer Sohn, der bei einem Café-Konzert in Lille über Madame Bennett gestolpert ist, wo die Dame kostümiert Leonoras Arie des Troubadours Die Arie des Troubadours: Giuseppe Verdis Oper Il trovatore (1853, dänisch Trubaduren, 1865), nach dem Text des spanischen Dichters Garcia Gutiérrez aus dem Drama El Trovador (1836). sang … »Mr. Enox«, sagt Madame und weist auf die andere Tür. Geht dann weiter, ohne Frau Enox ein weiteres Wort zu widmen. Frau Dubaisse stöhnt. »Der Garten«, sagt sie und zeigt durch das Gangfenster. »Wie ich diesen Fleck liebe!« Ein Rasen ohne Gras mit einem Birnbaum, dessen Früchte den ganzen August hindurch den Nachtisch liefern, zur Mauer hin einige Farne, die den Himmel um Vergebung zu bitten scheinen, weil sie noch nicht eingegangen sind. »Das Treibhaus«, sagt Madame und zeigt hin. Man sieht ein Glasdach mit einer grünen Bank darunter. Madame beehrt dieses Glasdach mit dem Namen »Treibhaus«. Man kommt zu dem Zimmer im zweiten Stock. Der Raum ist zwei Ellen Elle: 1 dänische Elle beträgt 62,77 cm, 1½ Ellen sind 94,1 cm, 2 Ellen 1,26 m. breit und 1½ Ellen lang, zwei Stühle, gespenstisch schlank, ein Tisch, rote Vorhänge. Es riecht nach altem Staub, den Jeanette gewissenhaft in die Ecken fegt. Frau Dubaisse hält sieben Franken für ein angemessenes Entgelt. Dann bittet sie Monsieur, zum Mittagessen hinunterzugehen. »Madames Day«, sagt sie und zeigt auf die gegenüberliegende Tür. Au troisième le prince. Au troisième le prince: Im dritten (Stockwerk) der Prinz. Es ist wie nach einem schnellen Strich, nach dem man einen Punkt gesetzt hat. Man betritt La salle à manger. Salle à manger: Speisesaal, (größeres) Eßzimmer. Der faulige Geruch des Hauses mit einem Zusatz von verbranntem Fleisch, angebrannten Zwiebeln und angesengten Kartoffeln. Von Madames Küche bekommt man eine Ahnung, die einen erstarren läßt, wenn man diesem Geruch begegnet. Jeanette trägt auf. Man kann sich kaum jemand Ausdauernderen vorstellen als Jeanette. Sie steht um 5 Uhr auf, serviert mit ihrem leicht buckligen Körper Tee, fegt den Schmutz in die Ecken, reibt die Bronzefigur ab, rennt treppauf, treppab zum Prinzen au troisième, der jede Minute läutet. Sie richtet das Mittagessen an, kleidet Mrs. Enox an – Frau Bennett hat eine Kammerzofe, stumpfnäsig, mit tiefem Ausschnitt und Stöckelabsätzen – hilft Madame im Keller, serviert Kaffee, bedient beim Abendessen, wäscht das Geschirr ab, kocht Tee, macht Besorgungen und dient als Pförtner. Und immer ist ihr Gesicht mit dem glatt gekämmten Haar gleich fröhlich. Sie kommt erst spät in der Nacht ins Bett und muß um 4, 5 Uhr dem Prinzen aufschließen. Sie nährt unbedingte Ehrfurcht vor Madame. Jetzt beim Mittagessen reicht sie dem fremden Gast die Schüssel mit den Koteletts mit einem verhaltenen »S'il vous plaît«, S'il vous plaît: Bitte sehr! zeigt auf die Herrlichkeiten auf dem wackelnden Tisch und entschwindet. Lange am gleichen Ort kann Jeanette nicht sein. Einige Knochen, umhüllt von einer trockenen, lederartigen Ingredienz, die in einer fettigen Brühe mit schwarzem Bodensatz schwimmen. Man hat sich nach und nach angewöhnt, dies ein Kotelett numéro vingt-six zu nennen. In einer Glasschüssel schwimmen ein paar Pflaumenschalen in Zuckerwasser. Frau Dubaisse hat kundgetan, daß sie Mittagessen mit Nachtisch serviert. Aber das Abendessen ist der Höhepunkt des Tages. Man ißt um 7 Uhr. Mr. Dubaisse läutet mit einer großen Glocke am Eingang, und fünf Minuten später richtet Madame an. Der Speisesaal ist erleuchtet, Madame präsidiert in ihrem Atlaskleid am Tischende direkt an der Tür. Frau Dubaisse weiß zu lächeln, sie variiert ihr Lächeln bei jedem Gast und läßt endlich, wenn Mr. Bennett hereinkommt, ihr schwellendes Kinn im diskreten Tüll fast verschwinden. Mr. Bennett kommt immer zuletzt. Er nimmt gegenüber Madame Platz und läßt seine gepflegten diamantbesetzten Finger mit seiner Gabel spielen. Mr. Bennett hat sein eigenes Service. Die Schwestern Day kommen zuerst. Schnatternd, einander ins Wort fallend, einander wie zwei Tropfen Wasser gleichend, gleich gekleidet. Sie gehen immer im Gänsemarsch, die eine trippelt in gleichem Takt hinter der anderen her. Sie haben eine sehr feuchte Aussprache, und wenn die Ältere die Jüngere unterbricht, setzt letztere mit einem langen unartikulierten aa-aa fort, die als nickende Begleitung den Worten der anderen folgt. Unendlich einschläfernd. Und wenn sie sprechen, wiegen sie dauernd ihren Kopf sachte von rechts nach links. – »Go-ott«, so die Jüngere, »wie es heute nacht doch gestürmt hat. Das Da-ach.« Sie dehnt das »a« in langem spuckendem Schnattern, das schnell von der Älteren aufgegriffen wird. »Wackelte richtig«. – Und die Ältere fährt fort, während die Jüngere sie mit »aa-aa« begleitet – wie um den Jammer des Sturmes zu illustrieren. Der Prinz macht sich über die Schwestern immer lustig. Er fragt sie nach dem einen oder anderen, regt sie auf, und wenn sie sowohl mit dem Erzählen als auch den »aa« in Fahrt gekommen sind, bremst er sie jede Minute aus. Außerdem will Mrs. Day, daß er in die Kirche geht. Jeden Sonntag ziehen die Schwestern davon, in schwarzem Seidenkleid, Spitzenschal und mit Gesangbuch, die eine hinter der anderen hertrippelnd, während die Blumenfeder auf den Kapotthüten schwankt, und sie schreiten federnd in Brunellstiefeln, Brunellstiefel: Schwerer, geköperter Stoff aus Wolle, der für Schuhwerk, Stiefelschäfte u.ä. verwendet wurde. flach, plattfüßig, ohne Absätze. Sie erinnern an Enten. Der Prinz hat sie erbost. Er hat eine Geschichte vom »Café Royal« erzählt, von einer Schlägerei mit Champagnerflaschen. Er hat bestimmte Einzelheiten berichtet. Die Schwestern sitzen, mit dem Kopf wackelnd, schweigsam über ihren Suppentellern. Madame nennt dieses Nudelfluidum Suppe. Die Geschichte interessiert Mrs. Enox. Sie beugt sich zum Prinzen vor, während er seine gepuderten Wangen mit einem Fächer aus rotem Schirting Schirting (Skirting): Hemdenkattun aus Baumwollgarn, mäßig dicht gewoben. verdeckt. Und der Prinz flüstert noch leiser mit der Witwe. Am oberen Tischende lacht man laut. Die Dame aus Lille, deren Augen von schwarzen Schatten umrahmt sind, kokettiert mit dem jungen Enox hinter einer Weinflasche. Der junge Enox hat eine Jacke an, deren Ärmel er ständig hinab zieht, um seine breiten, stark geröteten Handgelenke zu verbergen; man spricht ihn mit »Georges« an. Ein aufdringlicher Bursche mit stechenden Augen und wulstigen Lippen, der überall seine Nase hineinsteckt, liest die Briefe seiner Mutter und küßt Frau Bennetts Kammerzofe auf der Treppe. Nun lacht er mit dem unangenehmen, rostigen Lachen des Übergangsalters kratzig auf. »Georges«, weist ihn Mrs. Enox zurecht. Der Prinz aber läßt nicht ab. Er spricht zu Madame über den Tisch hinweg, über den australischen Arzt mit Familie hinweg. Die Australier trinken Bier und löffeln ihre Suppe. Madame bereut, sie in Vollpension genommen zu haben: Die Kinder essen so unglaublich viel. Die Familie besteht aus sechs Personen und hat zwei Zimmer hinter der Salle à manger. Mr. Bennett hat diese Familie noch gar nicht bemerkt. Madame schöpft mit leicht zitternder Hand die dritte Portion für einen der Australier. Der Prinz grüßt Miss Lee. Miss Lee ist sehr zugeknöpft, steif, mit einem Leinenstreifen am Hals, das Haar hochgesteckt, mit einer weißen Stirn. Sie hat ein Zimmer au troisième. Sonntags trägt sie ein rotes Seidenkleid, genauso zugeknöpft, genauso unbeweglich. Sie sitzt am runden Tisch und liest in der Bibel, geht dreimal in die Kirche. Sie ist achtundzwanzig Jahre alt. Damals, als sie um den Schlüssel für das Klavier bat, war dies um Long, long ago, long ago! Long ago, long ago! Lang, lang [ist es] her; Motto von Bangs »Det hvide hus« (1899) und »Det graa Hus« (1901): »Tell me the tales, / that to me were so dear, / long long ago / long long ago.« Der Vers stammt aus einem Volkslied der englischen Romanautorin Ada Ellen Bayly, besser unter dem Pseudonym Edna Lyall bekannt. zu spielen. Sie beantwortet den Gruß des Prinzen mit einer steifen Bewegung des Halses. Sitzt mit einem Stock im Rücken, wie ein lebende Demonstration gegen seine Unterhaltung. Jeanette stellt die Kartoffeln auf den Tisch. Zwei große Schüsseln. Frau Dubaisses Küche gründet auf diesen Bergen. Begierig werfen sich die Australier auf die Schüsseln, Jeanette reicht einen Teller umher. Madame erklärt dem Prinzen, es handele sich um Curry. Er nimmt mit einer Grimasse davon, Mr. Bennett übergießt seinen Teller mit englischer Soße. Englische Soße: Wahrscheinlich ist hier die Worcestershire-Soße gemeint, die seit den 1830er Jahren in England hergestellt wurde und in Europa weit verbreitet war. Sie besteht ursprünglich aus Essig, Melasse, Zucker, Salz, Sardellen, Tamarinden-Extrakt, Zwiebeln, Knoblauch, verschiedenen Gewürzen sowie natürlichen Aromen und reift mehrere Jahre lang in geschlossenen Behältern (Fermentation). Eine verkochte Brühe aus wiederverwendetem Kalbfleisch mit Wasser und einem Zusatz von Salz. Der Prinz beginnt wieder zu erzählen. Unten am anderen Tischende fangen die Schwestern ein Gespräch mit der Frau aus Australien an. In aller Vertraulichkeit. Der Umgangston hier im Haus sei verdorben – absolut, wirft die Jüngere ein – absolut verdorben, schnattert leise die Ältere, durch diesen Prinz. – Ein Prinz aus Rumänien, die nie seine Rechnungen bezahlt. – Und das mit den Rechnungen ist merkwürdig. Eines schönen Tages kam der Prinz vor Numéro vingt-six mit zwei großen Koffern mit gekrönten Namensinitialen und drei Hutschachteln mit Pariser Aufschrift vorgefahren. Er mietete das Altanzimmer, stand erst zum Mittagessen auf, kam manchesmal im Schlafrock und manches Mal im Frack. Er lächelte, schlug seine langen Beine übereinander, zwirbelte seinen wunderlichen Knebelbart. Seine Augen waren sehr dunkel, mit blauen Pupillen. Er erzählte Geschichten vom Hof in Wien und zeigte Mrs. Enox sein Album mit Bildern von Aristokraten aus der ganzen Welt. Nur in England war er nicht gewesen. Er machte Madame den Hof, drückte ihre Hand sehr lange und beschäftigte sich, wie gesagt, neckisch mit ihrem diskreten Tüll. Nach einem halben Jahr betrug seine Rechnung 2000 Franken, Madame bat ihn, au troisième Au troisième: In den dritten Stock. zu ziehen. Dort wohnte er immer noch … Madame konnte mit »dem armen Prinzen« doch nicht streng sein! Nur wenn der Prinz beim Nachtisch Mrs. Enox zu nahe rückte, konnte sie hinter der großen Kuchenschale dem Rumänen einen scharfen Blick zuwerfen. Einmal, als sie die Witwe in einer ziemlich verfänglichen Situation mit dem Prinzen im Salon getroffen hatte, schlug sie hinter sich sogar die Tür laut zu und sprach draußen im Treibhaus in spießiger Entrüstung zur Schwester von Damen, die Witwen von Männern waren, die niemand je gesehen hatte. Sonst aber redete Madame nie schlecht über ihre Gäste. Miss Lee demonstriert immer noch. Jeanette bringt Schnittbohnen zu den Hühnern hinab. Frau Dubaisse schneidet auf. Ihr Gesicht ist sehr ernst. Die Schwestern verschlingen die Hühner mit ihren Augen. – Der Prinz gibt mit einem Pfeifen zu erkennen, daß er das Abendessen verlassen wird. »Wohin will er?« – Frau Dubaisse klingt sehr warm. »Es wäre eine Beleidigung, dies Madame zu erzählen.« Der junge Enox sieht ihm lange nach. Seine Mutter lacht. »Le gommeux!«, Le gommeux: Sicherlich Verballhornung von »Le gourmet«, Feinschmecker, Genießer. sagt sie. Jeanette bietet Birnen an. Nach dem Abendessen begibt man sich in den Salon. »Die Schwestern« setzen sich auf die Dünnbeinigen vor dem Kamin, Miss Lee sitzt still in einer Ecke. Mrs. Enox geht ins Theater; Mrs. Enox geht oft ins Theater, in großem Abendkleid, mit strahlenden Augen und viel falschem Haar. Mrs. Enox kann noch sehr schmuck aussehen, wenn sie ausgeht. – Währenddessen hilft Madame selbst der Frau mit ihrer Kleidung, dann nennt sie sie ihr Kind und küßt sie auf die Stirn. Wenn Mrs. Enox ins Theater geht, kommt sie niemals vor Mitternacht nach Hause. Die australischen Kinder schlafen rundum auf den Stühlen, Bennetts ziehen sich zurück. Dann hört man oben aus dem Altanzimmer Mrs. Bennett zu ihrem eigenen Klavierspiel singen. »Divinement«, versichert Madame der australischen Familie, während sie die Schultern hebt und von ihrer Patience am mittleren Tisch aufsieht. Die Australier hören einige scharfe, langgezogene gellende Schreie und heftige Begleitung. Die Schwestern nicken vor dem Kaminfeuer, Miss Lee näht in zugeknöpftem Schweigen … Madame knöpft ruhig an ihrem Kleid zwei Knöpfe auf. – Um ½ 11 Uhr wird im Salon das Licht gelöscht. Jeanette sitzt vor dem Kaminfeuer im Dunkeln und wartet. Wenn es läutet, schließt sie auf, immer schweigend, immer lächelnd. Jeanette würde niemals jemandem die Geheimnisse von numéro vingt-six verraten. Wenn der Prinz heimkommt, wirft er manchmal einige Bonbons auf den Tisch im Gang, Reste eines reichlichen Nachtisches. Jeanette nimmt sie mit einem dankbaren Lächeln entgegen. Im Keller schlummert Madame an der Seite ihrer besseren Hälfte, stöhnend und pustend in einem engen Raum neben der Küche. Wenn es aber sehr warm ist, läßt man die Tür zur la cuisine La cuisine: Die Küche. offen – wegen der Luft. So vergeht der Tag im Familienhotel von Frau Dubaisse in der Venediger Straße numéro vingt-six.   [Rue de Venise, numéro vingt-six. Nationaltidende, morgen, 22.8.1880]   Eine Seelenmesse Die Marquise fror. Angekleidet mit einem roten Abendkleid mit goldenen Blumensträußen wärmte sie ihre Füße am Kamin. Die Marquise hatte ihren schwarzen Pelz bis zu den Ohren geschlagen. »Wenn ich nur wüßte, warum Du die Tür offen stehen läßt«, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Der Marquis lachte. – »Weil niemand da ist, der mich gebeten hätte hereinzukommen«, sagte er, während er seinen Kragen herunterzog und den Vorhang fallen ließ. Einen schweren gelben Vorhang. Der Marquis zuckte mit den Schultern. – »Ich wußte nicht, daß Du soviel Ehrfurcht vor den Türen einer Ankleide hast«, sagte sie. Sie erhob sich und begann, ihre Perlenkette abzulegen; ihre Schleppe störte sie, und sie hob die schwere Seide an und schlug sie über das Plaudersofa Plaudersofa: fr. Causeuse. In der Empirezeit beliebtes kleines Sofa (meist in S-Form), dessen zwei Plätze mit dem Rücken zueinander lagen, um vertraulich miteinander plaudern zu können. hinter sich. Die goldgestickten Spitzen der Seidenrobe streiften die Knie des Marquis. »Entschuldige«, sagte sie und löste den Diamantverschluß der Perlenkette, »diese Festkleider sind unerträglich.« Der Marquis rückte seinen Stuhl auf dem Boden etwas weiter und ließ seine langen Finger mit seinem Schnurrbart spielen. Er würde gerne dieser seidenumhüllten Frau ein Kompliment machen, er hatte wirklich noch nie jemanden Schöneren gesehen, und er verfluchte sich selbst, aber er konnte nicht begreifen, daß er in diesem Ankleidezimmer immer stumm blieb und der Marquise kein Kompliment machen konnte. »Man hat mir erzählt, daß Du beim Frühstück sehr von dem russischen Gesandten angetan warst«, sagte er. Die Marquise ließ einen Augenblick lang ihren weißen Arm auf dem Kaminvorsprung ruhen und sah über ihre Schulter lächelnd auf ihren Mann. »Du bist doch nicht – eifersüchtig?« fragte sie. Der Marquis sah auf seine Stiefel und ließ ein leises Zischen vernehmen, das einem Pfeifen nahekam. »Ich mache mich niemals lächerlich«, sagte er. Madame hob leicht ihre Augenbrauen und ließ das Perlenarmband etwas hart in das offene Schmuckkästchen fallen. »Ich wußte nicht, daß Du Dich damit abgibst, Bonmots zu machen. Übrigens ist«, die Marquise hob die Arme und löste das Perlenband, das das blonde Haar zusammenhielt, »der russische Gesandte der reinste Mephistopheles«, erwiderte sie. Der Marquis lachte. »Viele Frauen widerstehen einem Don Juan und unterwerfen sich einem Mephistopheles.« Er lehnte sich im Stuhl leicht zurück, streckte die Beine etwas vor und sah zu seiner Frau hoch. Madame stand immer noch mit dem Rücken zum Spiegel und entkleidete sich mit aufreizender Ruhe. »Wenn Du hier noch viel länger bleibst, lieber Victor, wirst Du mich noch im Morgenrock sehen.« »Ist das ein Ersuchen zu gehen?« Victor machte Anstalten, sich zu erheben. »Auf keinen Fall, bester Freund, – nur die Bitte, mir meinen Morgenrock zu reichen.« Die Marquise wandte sich um und wies auf einen Haufen Spitzen, die sich auf einem Sofa beim Tisch ausbreiteten. Er erhob sich, nahm den Morgenrock und legte ihn um die Schulter der Marquise. Er nahm die hellen Locken vorsichtig aus dem Nacken, sog ihren Duft mit einem Seufzer ein und ließ sie dann in Wellen auf die gelbweißen Spitzen des Morgenmantels herabfallen. »Clementine«, sagte er, »soll das ewig dauern?« »Ewig.« Sie drehte sich ganz herum, und einen Augenblick später, nachdem sie ihre grauen Augen auf dem Gesicht ihres Mannes hatte verweilen lassen, begann sie, laut zu lachen. Dann nahm sie die Schleppe weg und setzte sich, in die Spitzen des Morgenrocks eingehüllt, im Plaudersofa ganz zurück. »Du lachst?« »Bester Victor, vergib mir, aber es ist lächerlich. Du stellst mir ja regelmäßig dieselbe Frage, jedes Mal, wenn wir weg waren und ich in Abendkleidung war – ». Clementine konnte mit dem Lachen nicht aufhören. Der Marquis saß im Sessel am Kamin mit gebeugtem Haupt und spielte mit seinem Klappzylinder, den er zwischen seinen gespreizten Knien hielt. »Wohin gehst Du heute abend?« fragte er. Madame betrachtete einen Augenblick lang die weißen Spitzen auf ihrer Brust, entfaltete dann den Perlmuttfächer, der am Rand des Plaudersofas lag, vor ihrem Gesicht, als wollte sie ihre Wangen vor der Hitze des Kaminfeuers beschützen. »Ich gehe in die Kirche«, sagte sie dann. Victor ließ seinen Kopf mit komischer Ehrerbietung nach vorne fallen. »Ach, hat einer dieser Heiligen seinen Feiertag?« Clementine bewegte den Fächer langsam. »Ich gehe am 24. November immer in die Messe.« »Ach, jetzt erinnere ich mich – um den Heiligen für deine Genesung zu danken – das ist nun fünf Jahre her – nicht wahr? Damals, als – –.« »Du schwärmtest für Melanie am Théâtre de Saint-Hubert und fuhrst mit dieser Dame um den See im Bois de Chambre …« Die Marquise sprach etwas schnell, hart, in kurzen Sätzen von dieser Melanie. Der Marquis überhörte diese Bemerkung … »Ich habe drei Nächte lang nicht geschlafen«, sagte er. »Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, daß ich vom Klub heimkam und Dir eine Geschichte erzählen wollte – der Himmel weiß, welche … Du hattest die Tür zu Deinem Schlafzimmer geschlossen. Als ich endlich hineinkam und meine Geschichte erzählen konnte, fielst Du in Ohnmacht. – Du glaubst es vielleicht nicht, aber es ist auf mein Ehrenwort wahr, liebe Clementine – ich schlief drei Nächte lang nicht, während Du eine Gehirnentzündung hattest.« Die Marquise hatte sich ganz zurückgelehnt. Das Kaminfeuer mußte sie sehr stören, sie hielt den Fächer dicht vor sich und schob mit dem Fuß das Plaudersofa leicht weg … »Du hast mir das wenigstens oft genug erzählt, lieber Freund«, sagte sie. »Vielleicht oft, Clementine«, der Marquis lachte, während er sich erhob, »oft genug wohl kaum, da du das immer noch nicht glaubst. Aber«, er nahm seinen Pelzmantel über den Arm und trat etwas vor, »man darf die Heiligen nicht warten lassen. Au revoir, mon amie!« Der Marquis verbeugte sich und ergriff mit der rechten Hand den Arm seiner Frau, der von den Spitzen des Morgenrockes halb verdeckt auf der Rückenlehne des Plaudersofas lag. Und während er einen Kuß auf das hellrote Handgelenk drückte, seufzte er leise. »Du wirst einmal als Minnesänger enden«, sagte die Marquise. – Der Vorhang fiel, und die Tür wurde geschlossen. Die Marquise erhob sich und atmete mit vorgeschobener Brust tief ein, als werfe sie eine Last von sich, legte sich in die Kissen des Plaudersofas zurück, den Kopf nach vorne gebeugt, und begrub ihre Hände in dem aufgelösten Haar. Das Kaminfeuer fiel flackernd über ihr Gesicht, über die schief vorgezogenen Lippen, über die Wangen, die eingefallen schienen, über die scharfe Kante der Schläfen. So saß Marquise de Jonghe lang, unbeweglich wie eine Statue, mit geschlossenen Augen. Es war, als ob diese Träume sie altern ließen, und als sie sich vom Plaudersofa erhob, um die Silberglocke vor dem Spiegel zu ergreifen, blieb sie erschrocken stehen, während sie sich in dem venezianischen Glas betrachtete – sie war grau geworden, und ein kaum sichtbares Netz feiner Falten hatte sich über die klare Stirn gelegt. Sie schob ihre Schultern zusammen, schauderte und ließ ihre diamantenbesetzte Hand reibend über ihre Stirn fahren. Dann läutete sie. Schweigend ließ sich die Marquise für die Messe ankleiden. Sie band den schwarzen Schleier fest um ihren Kopf und raffte den samtenen Mantel dicht um ihre Brust. Die Kammerzofe hielt ein langes Halstuch aus Tüll in ihrer Hand. Sie wand es um die Schultern der Marquise und wollte die langen Enden mit einem Strauß Stiefmütterchen festmachen. Die Marquise schob die Blumen weg. »Eine Nadel«, sagte sie. »Madame sieht ja wie eine Witwe aus«, sagte Annette … In der Brüsseler Kathedrale war es dunkel. Im Zwielicht, tief und still wie die Nacht, liegt das große Schiff mit seinen dreigeteilten Säulen. Durch das untere Fenster fällt der Lichtschein flackernd, unbestimmt und ungewiß auf die marmorgetäfelten Fliesen, zeigt das Stück einer Säule, verharrt auf dem Marmor einer Apostelstatue. Einsam und unbestimmbar im Dunkel steht der heilige Matthäus in der schlummernden Nacht der Halle. Aus den Kapellen scheinen schwach die heiligen Lichte der Heiligen, deren Licht vom Gold der Atlasmäntel auf den Bildern gefangen wird. Die einsamen Kerzen am Altar lassen wie leuchtende Funken den Schein der heiligen Gefäße, der vielfältigen Vasen, der hundert silbernen Kreuze sich im Dunkel des Zwielichtes verirren. Und in der leeren Kapelle zu Ehren der Dame von Lourdes stehen die hohen Kirchenbänke in langen Reihen leer. Nur die heilige Grotte erstrahlt in bläulichem Licht, wo die hohe Dame von Lourdes, in schimmernde Seide gekleidet, wie im Glanz gebadet steht. Aber der Schein aus der Grotte der Jungfrau ergießt sich gleißend in das mächtige Gewölbe der Kapelle und verliert sich in der Nacht unter den dreigeteilten Säulen. Sie war lange ohne jede Bewegung mit gebeugtem Haupt auf der weißen Stufe gelegen. Und während sich die Lippen leise bewegten, ließ sie die Perlen ihres Rosenkranzes durch ihre gekrümmten Finger gleiten. Wenn sie den Blick erhob, sah sie die betenden Priester, die auf den Kissen der Altarstufe knieten, fast unhörbar murmeln. Das Licht der Altarkerzen fiel auf die gebeugten Häupter, die sich langsam während des Gebets bewegten. Wie tiefe Atemzüge erklangen die leisen Gebete. Oben die heilige Grotte mit dem bläulichen Licht. Die knienden Jungen rasselten mit den Weihrauchgefäßen, sie ließ den Rosenkranz schnell durch die Finger gleiten, während sie ihr Haupt fast auf die Stufe, auf der sie lag, beugte. Und die murmelnden Worte der Priester hüllen wieder ihre Gebete ein. Dann und wann wendet einer der heiligen Väter schnell sein Haupt vom Altar und sieht auf die ruhende Frau mit dem bleichen Gesicht und dem Körper, der unter der schwarzen Kleidung gebeugt zu sein scheint. Und beständig gleiten die Perlen des Rosenkranzes durch die rastlosen Finger … Aber wenn der Schein aus der heiligen Grotte auf das gebeugte Haupt fällt, erblickt man ein sorgengraues Antlitz unter weißem Haar. Unten an der Türe im tiefen Dunkel der Kirche hört man leise Schritte, das Rascheln einer Schleppe auf den Marmorfliesen des Bodens. Dann wird es wieder still … Nur die gemurmelten Gebete. Die Frau auf der untersten Altarstufe hingestreckt und gebeugt, für ihren einzigen Sohn betend. Man rührt sich wieder unten, man verschiebt vorsichtig eine Bank … Irgend jemand muß in der Kapelle sein. Und aus dem Dunkel gleitet mit gebeugtem Haupt, als wollte sie sich gegen unsichtbare Schläge wehren, langsam eine Frau. Sie sinkt auf die Auflage der Bank, betet, erhebt sich, tritt etwas nach vorne. Wie eine kreuztragende Pilgerschar zur Dame von Lourdes … Die Dame von Lourdes: In einer Grotte bei der südostfranzösischen Stadt Lourdes soll sich 1858 der damals 14jährigen Bernadette Soubirons die Jungfrau Maria gezeigt haben. In der Grotte befindet sich eine Quelle, die danach als wundertätig und heilend angesehen wurde. Um die Quelle herum entwickelte sich ein Wallfahrtsort. Als sie die Mitte der Kapelle erreicht, schlägt sie den langen Schleier von ihrem graubleichen Gesicht zurück und sinkt mit hochgestreckten Armen vor der heiligen Jungfrau nieder … Die Priester murmeln tiefer, in sich steigerndem Takt, wie das Brausen der heiligen Eiche. Sie, die Mutter hat ihre heiße Stirn auf die kalte Stufe gepreßt. Dann erhebt sich die Marquise schnell, und wie ein Tier, das ängstlich flieht, eilt sie zum heiligen Altar. Schwer wie Blei sinkt sie auf den Fliesen hinter der gebeugten Mutter zusammen. Die Alte wird vom Lärm geweckt, und während sie sich auf ihre Hände stützt, erhebt sie sich langsam. Groß und mager ist sie. Sie sieht einen Augenblick lang mit unbeschreiblichem Schmerz auf die Gestalt zu ihren Füßen, beugt sich dann zu ihr, und während sie die Marquise hochzieht und das Weinen, das in ihr aufsteigt, ihre Stimme verschleiert, sagt sie milde wie eine traurige Liebkosung: »Kommen Sie, Madame! Lassen Sie uns für ihn beten.« Wie eine Flehende schleppt sich die Marquise nach vorn, und während sie die zitternden Hände mit Küssen bedeckt, fällt sie vor den betenden Priestern auf der Stufe nieder. »Danke«, flüsterte sie. Und Seite an Seite beten beide, sie und die Mutter für den Toten. Schwach, wie ein geatmetes Flüstern erstirbt das Murmeln der Priester, die weißgekleideten Jungen schwingen die duftenden Fässer. Die Messe für den Toten ist vorbei. Leise, nebeneinander, gehen die Frauen in Trauerkleidung hinunter durch die Kapelle der Dame von Lourdes. Die Marquise ist klein neben der ungebeugten Trauer dieser Mutter. Am Eingang der Kapelle bleiben sie stehen. »Sie sind mir willkommen«, sagt die Marquise leise, demütig zögernd. Aber die Alte läßt abwehrend ihre Hand fallen: »Ich gehe heute abend nach Hause«, sagt sie dann. Das ist alles, und nachdem sie sich furchtsam gebückt und die kalte Hand geküßt hatte, verschwindet die Marquise schnell im Dunkel der Kirche. Zu dieser Messe begibt sich die Marquise von Jonghe jedes Jahr am 24. November von dem Tag an, als der Marquis – damals als er vom Klub nach Hause kam – das Gemach geschlossen fand, und als seine Frau mitten im Höhepunkt seiner Erzählung mit einem Schrei vor der offenen Balkontür ohnmächtig wurde … Jedes Jahr würden sich die beiden Frauen an diesem Tag treffen, und käme dereinst ein Tag, an dem die Marquise alleine betete, wüßte sie, daß sie nun mit ihrem Geheimnis alleine wäre.   [En Sjælemesse. Nationaltidende, morgen, 29.8.1880]   Warum der Christbaum nicht geschmückt wurde Es ist nicht gut auszumachen, ob es auf dem Holmgaard in den Sommerferien oder an Weihnachten am besten war. Denn es war auch im Sommer schön. Man hatte seine Freiheit: Man konnte mit dem Boot auf dem kleinen See rudern, wo es nicht so schlimm war, wenn man kenterte, denn man konnte von überall an das Ufer waten, und es traf sowohl Damen als auch Herren, daß sie dies tun mußten; man nahm sein Buch und verzog sich in den Wald, wo die Hitze zur Kühle wurde und der Sommertag duftete, man machte es sich in einer Hängematte zwischen den Obstbäumen gemütlich, es ging einem richtig gut. Einige gingen auch zum Meer. Lange Sommertage lag es ruhig da, schwer in der warmen, diesigen Luft. Man sah weit draußen, wie die Sonne hindurchbrach wie Stahl. Und murmelnd wie das Echo brausender Stürme erscholl dumpf das dahingleitende Meer die Sommertage hindurch. Und doch sagten einige, am Meer sei es am ruhigsten. Schön war es tagsüber auf dem Holmgaard, schön auch abends. Man saß auf der Treppe zum Garten hinaus, aufgeräumt nach dem Abendessen, die Damen spielten lächelnd, nahmen die wedelnden Fächer als Vorwand und als Waffen, nippten an den Kaffeetassen, die man auf die Palmenkübel zurückstellte, die Herren lehnten am Geländer, stützten sich rücklings an die weißen Blumenkübel und pusteten den Zigarrenrauch in Ringen. Der eine oder andere gestikulierte auch mit Armen und Händen, die er gegen seine Brust drückte, so daß Frau Kaas ihn von der Maschine aus warnte, aus Furcht, er könnte hinfallen. Frau Kaas war die Herrin des Holmgaards, und sie schenkte selbst hinter einer großen silbernen Maschine den Kaffee ein. Dann entstand plötzliche Verwirrung, Gelächter verbreitete sich in Wellen auf der großen Treppe, erstarb und schwoll wieder an. Man lachte so gerne auf dieser Treppe. Es begann vielleicht als silberheller Ausbruch einer Dame, die den Schaukelstuhl in flottere Fahrt versetzte, während sie sich mit dem Palmwedel schützte, vielleicht als halblauter Ruf eines Herrn, der von etwas überzeugen wollte – aber immer wieder begann das Gelächter, und es begleitete gleichsam Bemerkungen, Antworten und Gesprächsfetzen, die wie Bälle auf der hohen Treppe umeinander flogen … Über den Bäumen des Wäldchens färbte sich der Himmel rot. Es sah aus wie eine rosenrote Wolke, die hinter dem Wald geboren wurde und über den dunklen Bäumen zu dunkelrotem Gold wurde. Über dem Rasen im Garten schlich sich die Dämmerung heran und ließ die Umrisse verblassen, schuf Märchenformen von Hainbuchen und Eiben. Und mit dem Dunkel kamen die Wogen der Düfte, schwer, die Nacht sättigend. Die Rosen dufteten, auch Reseden, Jasmin und Thujas, die die Süße des Rosendufts überdeckten. Der Garten des Holmgaards hüllte sich in Dunkel und Sommernachtsduft. Auf der Treppe wurde es ruhig. Man sprach nicht mehr, das Gelächter war verstummt; schweigend starrte man in den Garten. Oh! Es war, als ob er lockte. Man glitt die Treppenstufen hinunter zu den Buchsbaumterrassen: man ging Arm in Arm und flüsterte ganz leise, als fürchtete man ängstlich, den Frieden der Sommernacht im Garten zu stören. Bei einer Biegung erschraken einige Damen vor den Steinfiguren auf der Terrasse – dann klammerten sie sich fester an den Arm des Herren. Andere gingen über den Rasen, vom Dunkel des Gebüschs angelockt – aber die Nacht verbarg ihre Geheimnisse gut, die sich zwischen den Eibenstämmen verflüchtigten. Frau Kaas hatte Angst vor dem Tau, aber sie mußte lange rufen, bevor sie sie zum Melonendessert versammeln konnte … So ging es sommers auf dem Holmgaard zu. Aber es gab auch diejenigen, die meinten, Weihnachten sei bei Frau Kaas noch schöner. Denn es lag eine frohe Feierlichkeit über dem Weihnachtsfest, als Hintergrund für die Freude. Wagen fuhren zu jedem zweiten Zug zum Bahnhof, und blaugefroren streckten die Gäste ihre Köpfe aus den hochgeschlagenen Krägen und Pelzen heraus; und sämtliche Fußsäcke, die auf dem Holmgaard vorhanden waren, versammelten sich auf den Wagenböden, zur Not verwandte man auch Pferdedecken. Die großen Messingknöpfe auf der Treppe des Hofes schienen mit den Fensterscheiben um die Wette, und der Türklopfer war so blank wie noch nie. Drinnen im Flur streute Frau Kaas immer Christusdorn auf den Boden. Dann sah man sofort beim Hereinkommen, daß es Weihnachten war. Man merkte es auch am Geruch in der Luft, die nach Tanne und Lebkuchen und Gewürzen von Pfeffernüssen roch. Der große Plätzchenschrank stand mitten im Flur, und er wurde viele Male am Tag geöffnet, dann wurde in der Gesindestube um Nüsse gespielt, und dann wollte die Herrschaft Kaffee trinken, dann kamen Pfarrers, um Weihnachtsgrüße zu überbringen, oder es mußten Tüten für das Armenhaus gerichtet werden. Deswegen roch es in der Diele immer nach Kuchen. Am Heiligabend hatte man die Lichter des Baums angezündet; alle Knechte und Mägde waren da, sie umrundeten auf weißen Strümpfen den Baum, und sie wagten kaum, ihn sich anzusehen. Die meisten stellten ihre Pantoffeln und Holzschuhe auf die Treppe, aber der Stallmeister und der kleine Junge, der meinte, den Stallmeister nachahmen zu müssen, hielten sie feierlich in der Hand. Am Weihnachtstag mußte man in die Kirche – alle miteinander, das wollte Frau Kaas so haben. Sie versammelten sich im Gartenzimmer, und alle Damen gaben Frau Kaas einen Kuß, auch die Herren durften, und man wünschte sich schöne Weihnachten und stritt um die Fußsäcke, denn in der Kirche war es kalt. Man fuhr den Feldweg hinab. Der Schnee gleißte über den weißen Feldern und erhob sich auf den Auneberghügeln zu Bergen. Man glaubte, weit ins Land sehen zu können, so klar war die Winterluft. Die Gesichter der Damen röteten sich hinter den Schleiern. Die Kirche war gestopft voll, und alle Bankreihen entlang war ein ewiges Nicken, besonders auf der Seite der Frauen, die nach allen Seiten »Fröhliche Weihnachten!« wünschten. Die Männer saßen steif da und wechselten den Kautabak im Mund hinter dem Gesangbuch. Alle sangen sie die Weihnachtslieder mit: es ist merkwürdig mit den Weihnachtsliedern, sie locken und sind so bekannt, und man muß sie mitsingen. Man meint, hinter jeder Strophe ein Kindergesicht zu erblicken, und man wird fröhlich, wenn man singt … Dann hielt der alte Pfarrer die Predigt. Am ersten Weihnachtsfeiertag blieb man zu Hause auf dem Holmgaard: das war so Brauch. Die Herren durften Whist Whist: Kartenspiel mit französischer Karte (52 Blätter) unter 4 Personen, wobei die einander Gegenübersitzenden Partner sind. spielen, der eine oder andere verschwand mit seiner Tasse Kaffee wohl auch in das Billardzimmer oben, die Damen saßen um den runden Tisch bei der Lampe und arbeiteten. Frau Kaas legte Wert darauf, daß über dem ersten Weihnachtsfeiertag so etwas wie Feiertagsfrieden lag. Das war nun eine altmodische Idee einer älteren Generation. An den nächsten Tagen ging es los mit Festen, in den Nachbarhöfen, zu den Bällen der Kreisstadt. Herrschte Schneetreiben, fuhr man mit Schlitten, und »gab es weder Weg noch Pfad«. – Kutscher Jens war das Faktotum für das Wetter, und viele Zigarren wurden als Bestechung ausgegeben und in der Gesindestube an Weihnachten gehütet – und dann tanzte man in der Wohnstube. Schlittschuhlauf konnte es auch geben, und Schneeballschlachten lieferte man sich im Hof. Die Herren bauten Schneeburgen, und man sparte nicht an bunten Lampen. So begann man das neue Jahr. Es war am Abend des 23. Dezembers. Alle Gäste waren erschienen. Manche hatten sich seit dem Sommer nicht mehr gesehen, und nun war überall ein Fragen, ein Grüßen und ein Sicherkundigen. Die Schaukelstühle schaukelten rund um den großen Kachelofen, wo die Holzscheite knisterten. Es war Brauch auf dem Holmgaard, lange im Dunkeln zu sitzen. Denn Frau Kaas schätzte dies. Man redete durcheinander, jeder erzählte, es war schwer, jemanden zum Zuhören zu bringen. Jeder meinte auf einmal, ihm sei so viel zugestoßen, was er unbedingt erzählen müsse. Manchmal, wenn sie so in der Dämmerung saßen, begannen sie auch, Geschichten zu erzählen, fürchterliche Gespenstergeschichten, die feierlich anfingen und von nächtlichen Schrecken erzählten, die einem die Haare grau werden ließen, so daß die jungen Mädchen sich in die Stühle kauerten; aber schließlich endeten die Schrecken in Gelächter … An anderen Tagen konnten sie jedoch auch schweigen. Es war ein Engel in der Stube, »Engel in der Stube«: alte dänische Redensart ungewisser Herkunft. »Wenn alle zugleich am Tisch verstummen, fliegt ein Engel durch die Stube; er bleibt bei dem, der zuerst das Schweigen bricht.« (J.M. Thiele, Danske folkesagn [1860]). und sie starrten ohne zu sprechen und ohne zu merken, daß sie schwiegen, auf die großen Holzscheite, die so kräftig im Kachelofen von Frau Kaas brannten. An solchen Tagen war das Halbdunkel fast gemütlich. Aber heute abend war – wie schon gesagt – Unruhe um den Kachelofen herum. Ab und zu erhoben sich einige Damen, um in einer Ecke zu flüstern – zu keiner Zeit flüstert man soviel wie an Weihnachten –, dann nahmen einige Herren Platz auf den verlassenen Stühlen. Das war ein Fragen nach den Leuten der Gegend, nach den Pfarrers, wie es der Müllersfrau ging, und wie es allen auf dem Hof ging, sowohl Vieh als auch Menschen. Aber nach und nach wurde das Gespräch leiser, man rückte näher zusammen, man sprach unter vier Augen. Der eine oder andere schob den Stuhl weiter ins Dunkel, aus dem Lichtschein weg, und in der Düsternis der Stube sprach man ganz vertraulich. Kandidat Kandidat: Bezeichnung für jemanden, der sein Studium nach 4–7 Jahren an der Universität oder einer anderen Hochschule abgeschlossen hat. Lind saß mit Sofie Kaas zusammen. Sofie Kaas war die zweitjüngste Tochter der Gutsherrin. Das Haar war das Schönste an Sofie, es spielte mit ihrem Nacken wie goldene Ströme mit einem Flußbett. Sonst war sie nicht hübsch, aber ordentlich. Sie war auch die einzige ruhige der übermütigen Töchter von Frau Kaas und die einzige blonde unter ihnen. Sie vermochte auch, schön zu singen, Mezzosopran, und sie war sehr musikalisch. Sie sang aber nie aus Opern. Nun waren sie und Emma von den sechs Töchtern alleine im Haus zurückgeblieben: die vier älteren waren verheiratet. Damals, als Frau Kaas mit sechs Töchtern Witwe wurde, bemitleidete man sie: es war so schwierig, die Töchter zu versorgen. Nun hatte wohl die eine oder andere Nachbarsfrau ihr immer das eine oder andere vorzuwerfen, weil es gut war zu wissen, warum man auf dem Holmgaard mit so vielen jungen Menschen – Gott weiß woher – einen so großen Haushalt führte. Und sie blieben hängen … Aber Frau Kaas, die nur noch die beiden hatte, lächelte über die Vorwürfe, wie sie auch die Beschwerden leicht genommen hatte. Sofie war die Seele des Hauses, Emma, die jüngste, war verwöhnt, hatte struppiges, dunkles Haar und große schwarze Augen. Die Haushälterin höchstpersönlich mußte morgens Fräulein Emma den Tee ans Bett bringen, während Sofie ihr das Haar richtete; aber Sofie war im Großen und Ganzen hilfsbereit, wo sie nur konnte. Nun saß sie leicht schaukelnd in dem amerikanischen Stuhl an der Seite des Kandidaten Lind. Ganz langsam, nach und nach, und ohne es selbst zu bemerken, waren ihre Stühle auf dem Boden ins Dunkle gerutscht. Und das war nicht geschehen, weil sie miteinander flüstern wollten –, sie redeten gewöhnlich nicht so viel miteinander. Auf langen Spaziergängen, wenn sie alleine durch den Wald gingen, oder morgens, wenn sie sich am Meer trafen – und sie trafen sich jetzt oft und überall –, hatten sie viel miteinander zu reden. Oder wenn Sofie vielleicht gesungen hatte, dann konnten sie auch viel miteinander reden. Sonst waren sie sehr still. Lind war so sonderbar, er schaute sie dauernd an, und stets war er dort, wo sie auch war, und immer kreiste er um sie, so daß die anderen lachten und ihre Späße machten. Aber mehr wurde nicht daraus. So waren die Sommerferien vergangen, und nun begann die Weihnachtszeit auf dieselbe Weise. Die anderen lachten wie gesagt, aber die beiden gingen in stiller Behaglichkeit, als genössen sie ein uneingestandenes Glück. Denn sie wußten ja beide, daß sie sich liebten. Oder wußte war vielleicht ein zu starkes und unfeines Wort. Sie wußten nichts, aber verstohlen schlichen ihre Seelen sich in helle, milde Gefilde, wo sie sich voller Hoffnung trafen. Der schüchterne Morgen der Liebe, wo die nächtlichen Träume schamhafte Ahnungen sind und die Sprache des Tages Schweigen ist, weil Worte das Märchengewebe der Verzauberung über das stumme Verstehen sprengen könnten. Wo Blicken dafür gedankt wird, was Blicke gaben, wo Begierde nur Sehnsucht ist und Sehnsucht schlummernde Hingabe. Wie Wesen eines verzauberten Schlosses schlummern Liebe und Zuneigung im Morgengrauen des Verliebtseins. Sie saßen schweigend nebeneinander, ihre Schaukelstühle wippten im Takt. So waren sie lange gesessen, bis die Lampen hereingetragen wurden. An Weihnachten war es auf dem Holmgaard Brauch, daß immer zwei der Gäste den großen Weihnachtsbaum schmücken mußten, es war ein Brauch, über den die Nachbarinnen oft sprachen, aber Frau Kaas hielt an ihm fest, und man loste am Vorabend des Heiligabends die aus, die den Baum schmücken sollten. Vetter Adolf führte immer die Verlosung durch, und nun sollte sie durchgeführt werden, als die Lampen hereingetragen waren. Alle versammelten sich um den Tisch. Sofie und Lind erhoben sich langsam aus ihren Stühlen. Um die Lampe mit dem grünen Schirm herum war Gesicht an Gesicht. Vetter Adolf sah geheimnisvoll aus. Es war eigentlich merkwürdig, diese Verlosung, dieses einige Lebkuchen mit einem Kreidestrich, der die Personen anzeigte, auf dem Rücken zu halten. Wie es geschah, kann man nicht genau sagen, aber zuerst traf es Sofie und zuletzt Lind. Alle lachten, und Frau Kaas zupfte Vetter Adolf an den Haaren, während Lind sich in seine Knöchel biß, was er oft tat, obwohl es nicht die schönste Angewohnheit war. Sofie war hinausgegangen, um Tee zu holen. – Lind kam am nächsten Tag nicht zum Mittagessen. »Vetter« hatte ihn morgens über die Felder gehen sehen. Es träfe sich gut, wenn er jetzt zu spät käme, und sie den Baum gleich nach dem Essen schmücken müßten. Als sie aber beim Kaffeetrinken saßen, riefen ein paar Damen, Lind komme gerade über den Hof. Adolf fragte flüsternd, ob er einen roten Kopf habe? Denn er behauptete, er habe es seit gestern abend. Aber jetzt könne das ja von der Kälte kommen, jetzt wo er von draußen reinkomme und bis zu den Ohren rot war. Es wurde gerätselt, wo er wohl gewesen war, und man beeilte sich, um zum Baum zu kommen. Nur Sofie war ganz schweigsam wie gewöhnlich. Sie lächelte und nahm ihm das Sahnekännchen ab: sie machte aus dem Kaffee einen café au lait. Aber kurz darauf hatte sie sich in die Küche begeben, um nach dem Rechten zu sehen, und als sie hineinging, war Lind hochgegangen, um die Stiefel zu wechseln. So kam Sofie allein in den Saal, wo der Baum stand. Sie ging zum Fenster, wo sich ein großer Korb mit Papierblumen und Lebkuchen mit Bändern befand. Kurz darauf hörte sie die Tür gehen; es war Lind, der hereingekommen war. Er ging durch den Saal, blieb aber beim Tisch stehen. Sofie wandte sich um: »Ja, dann schmücken wir mal«, sagte sie. »Ja«, sagte Lind und schnell: »Soll ich die Leiter hinstellen?«, sagte er. »Ja, wir könnten ja mit der Spitze beginnen«, antwortete Sofie. »Gerne.« Der Baum war sehr groß, und man brauchte eine Leiter für die Spitze. So wurde die Leiter angelegt. »Oder sollen wir ihn nicht zuerst von unten her schmücken?«, sagte Sofie. »Sonst geht uns noch der Schmuck aus.« Sie ging wieder zum Fenster. »Ja, sonst geht uns noch der Schmuck aus«, wiederholte Lind, der halb versteckt hinter der Leiter stand. Sie gingen beide zum Tisch und begannen, in den Rosen, Mandeln und Tüten zu wühlen. Er band die Bänder, und sie schmückte. Wenn er ihr das Papier reichte, zitterten seine Hände, und er antwortete nur: »Ja« und »Nein« auf alle ihre Fragen. Denn Sofie stellte viele Fragen und sprach unentwegt. Aber sein »Ja« und »Nein« fielen wie Blei auf ihre Beredtheit. Sie war vom Sprechen fast außer Atem. Aber es war viel schlimmer, ruhig zu sein. Und dennoch kam das Schweigen: sie standen beide und füllten und füllten, und sie konnte nichts sagen, und er sah auf den Boden, und sie hatte einen roten Kopf. Sie meinte wirklich, dies sei entsetzlich. Aber Lind – er blickte verstohlen zu ihr hin und füllte weiter. Wegzugehen wäre noch schlimmer. Aber auf einmal begannen beide zu lachen. Sie waren in Gedanken gewesen und hatten lauter Rosinen in die Tüten gefüllt. Und sie lachten weiter, als ob sie froh darüber wären. Dann begann Sofie wieder zu sprechen, ein ganzer Wortschwall, bis sie wieder außer Atem geriet und zum Baum ging. »Nun müssen die Sterne hinauf«, sagte sie. Ja, so mußte er ja auch auf die Leiter. Lind ging leicht benommen hinter ihr zum Baum. Er stieg hinauf, die Leiter wackelte etwas unter ihm, und er mußte die zweitoberste Stufe nehmen. Dort stand er dann, den großen Stern in der einen Hand, und versuchte mit den Armen das Gleichgewicht zu halten – er hatte Angst hinunterzufallen. »Ihnen ist schwindlig, Lind«, sagte Sofie und begann, wieder zu lachen. Es lag ein etwas harter Ton im Lachen, aber vielleicht deshalb, weil es erzwungen war. Er lachte auch, aber auf einmal hörten sie beide auf. Und sie merkten, daß die Stille genauso erzwungen war wie das Lachen. Aber Lind konnte den Stern nicht festbekommen, und es endete damit, daß er den Baum umstieß, so heftig focht er mit den Armen. »Nein – Lind, Lind, sie stoßen den Baum um«, rief Sofie und hielt die Leiter. Lind antwortete nicht, sondern bog die Spitze mit Gewalt nach unten. »Sie brechen sie ab, Lind – sie brechen sie ab!« rief Sofie wieder und faßte ihn in ihrer Angst am Bein. »Lind, Lind«, sagte sie und lockerte den Griff an seiner Hose. »Ja, ich schaff's nicht«, sagte Lind und kam herab. Er war völlig verschwitzt und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Sie sah in an und begann zu lächeln – es war ihr so warm. »Ja – dann muß ich«, sagte sie und ging zwei Stufen hoch. »Aber … aber wird es Ihnen nicht schwindlig?« fragte er. Sie lächelte weiter: »Nein«, sagte sie und sah hinunter, während sie weiter hochstieg. Er sah hinauf, und ihre Blicke trafen sich einen Augenblick lang. Sofie hielt ihren Rock zusammengerafft. »Aber wird es Ihnen nicht schwindlig?« fragte Lind wieder, und er wurde plötzlich mutig und griff in die Leiter. »Ja, wenn Sie an der Leiter rütteln«, sagte sie. Er ließ die Leiter los. »Wenn Sie mir den Stern gäben.« – »Was? Was denn?« – »Den Stern«, sagte sie. »Ja«. Er nahm ihn, reichte ihn hoch, und während sie sich herabbeugte, reichten sie einander die Hände. Er sprach nicht, sah sie nur an, der Weihnachtsstern fiel auf den Boden. »Der Stern ist hinuntergefallen«, flüsterte sie, ging ein paar Stufen hinab, ohne jedoch seine Hand loszulassen. »Ja«, sagte er wieder. – Aber kurz darauf saßen sie beide auf der untersten Stufe der Leiter, und plötzlich faßte Kandidat Lind den Mut, zu Sofie Kaas zu sprechen. Als die Glocke zum Mittagessen läutete, fand Vetter Adolf sie auf dem großen Kübel sitzen, in dem der Baum stand. Aber der Weihnachtsbaum auf dem Holmgaard war nicht geschmückt.   [Hvorfor Juletræet ikke blev pyntet. Nationaltidende, morgen, 25.12.1880]   Charlottenborg Charlottenborg liegt an Kongens Nytorv/Nyhavn. Der Gebäudekomplex wurde 1672-1683 von U.F. Gyldenløve, Statthalter von Norwegen, als Stadtpalais erbaut und beherbergt seit 1832 die Königliche Kunstakademie mit ihren großen Frühjahrs- und Herbstausstellungen. 1838 kehrte der Bildhauer Bertil Thorvaldsen von Rom nach Kopenhagen zurück und bezog als Direktor der Kunstakademie Charlottenborg. In den nach außen gelegenen Sälen geht es lebhaft zu, mit frischer Luft und Frühjahrskälte in den Kleidern. Aber in den nach innen gelegenen Räumen wird alles staubiger, wärmer und enger. Und in der staubigen Wärme bewegt sich die Menge dicht und schläfrig von Saal zu Saal wie Leute, die lustlos zur Arbeit gehen. An den Wänden Farben und Farbenspiel über den Rahmen. – Im Antikensaal schläft man reihenweise ein. Es liegt Mittagsstimmung über der Ausstellung. Das Publikum ist gemischt; die frühlingsmonatliche Invasion Frühlingsmonatliche Invasion: Damals eröffneten die Frühjahrsausstellungen in Charlottenburg am 1. Mai. aus der Provinz, die vierzehn Tage lang alle Vergnügungen Kopenhagens und des schwindenden Winters schluckt, um mit schwachen Gehirnen und in Unordnung gebrachter Verdauung in ihre Dörfer zurückzukehren; die Welt der Straße, die halb verschlafen an den Gemälden vorbeispaziert, um mit sich selbst und den Betrachtern zu kokettieren, und sich bald durch einen Kunstsinn interessant zu machen, der durch die geschlossene Hand sieht und sich schwer tut, »das beste Licht« zu finden, bald durch eine Blasiertheit, die gleichgültig mit nachlässigem Blick über die Bilder schweift und ihre Einschätzung durch ein Gähnen zu erkennen gibt: Leute des Mittelstandes, die jedes Jahr einmal hierher kommen, um von den »Begebenheiten« des Jahres reden zu können; sie halten sich hier lange auf, und die Damen erhoffen sich eine »Idee« für ihre Frühjahrskleidung, sie studieren den Katalog sorgfältiger als die Gemälde, und sie wollen sich vor allem an die Namen erinnern. Gelangt man aber in die inneren Säle, fallen die Älteren samt und sonders auf die Stühle – junge Künstler gehen umher, beugen sich über »die Fremden« und sprechen sehr laut vor den Gemälden, wo sie mit merkwürdigen Handbewegungen Bilder aufzeichnen und ihre Sätze mit technischen Fachausdrücken verzieren. Sie lieben es, vor den älteren Akademieprofessoren zu lachen; Es sind Studenten mit ihren Freundinnen und Schwestern, unverheiratete Damen, die die Schule Grundtvigs Grundtvig: Grundtvig, Nikolai Frederik Severin, dänischer Dichter, Geschichtschreiber und Theologe, geb. 8. Sept. 1783 zu Udby auf Seeland, seit 1839 Pastor in Kopenhagen, gest. das. 2. Sept. 1872. Begründer des Grundtvigianismus, der besonders eine freie nationale Volkskirche anstrebt. Als Dichter war G. Romantiker; er schrieb eine nord. Mythologie, ein Handbuch der Weltgeschichte, ein Kirchengesangbuch (neben Kingo ist der bedeutendste Dichter des heutigen dänischen Kirchengesangbuches), und andere Werke. besuchen und mit Tränen in den Augen auf den Trauerflor um Rumps Gotfred Rump (1816-1880): Landschaftsmaler. Die Ausstellung zeigte von ihm zwei (unvollendete) Bilder mit Trauerflor: »Regenschauer im Lenz« und »Ein Wintertag in klarem Sonnenschein und Neuschnee«. Der Trauerflor war wahrscheinlich wegen des Todes der Erbprinzessin Caroline (31.3.1881) angebracht. Bilder starren, alte Herren mit schwarzem Rand für die Erbprinzessin, junge Burschen –. Das Publikum ist gemischt. In allen Sälen hört man durch Staub und Hitze ein Rauschen wie das eines trägen Flusses. Dies ist die öffentliche Meinung. Im Antikensaal entsteht ein Gedränge. Mitten in der Menge hat Kandidat Kandidat: Bezeichnung für jemanden, der sein Studium nach 4-7 Jahren an der Universität oder einer anderen Hochschule abgeschlossen hat. Hellesen Hjort gefunden: »Sind Sie zu dieser Zeit hier?« »Um die Leute zu sehen. Und Sie?« »Ebenfalls. Haben Sie Frau Borch gesehen? Sie ist mit Kamilla hier.« »Sah sie vor ›Christus‹. »Christus«: »Die Verspottung Jesu« des Malers Carl Bloch (1834-1890). Dieser Blutstropfen ist brillant. Was? Und der Speichel!« … Hjort ergreift den Kandidaten am Arm, es ist kaum Platz. »Das Bild war ja für den König bestimmt«, er spricht dauernd noch von »Christus«, während er unverwandt auf das Porträt von Tuxen starrt. Tuxens Porträt: Der Maler Laurits Tuxen (1853-1927) stellte unter anderem »Porträt einer Dame. Ganze Figur« aus. »Aber der Hof fand den Soldaten zu realistisch.« … Hjort nahm seine Lorgnette in die Hand, und nachdem er das Fräulein schweigend betrachtet hatte, sagt er schleppend: »›Susanna im Bad‹ »Susanna im Bade«: Die Geschichte von Susanna und Daniel findet sich in einer apokryphen Schilderung, die an das biblische Buch »Daniel« angefügt und nicht kanonisch ist. Sie handelt von einigen Ältesten, die die schöne Susanna belauerten, während sie in ihrem Garten ein Bad nahm. Dieses Motiv wurde von vielen Künstlern im Lauf der Jahrhunderte verwendet. wäre mir lieber gewesen.« Hellesen macht »Pst!« und schiebt sich etwas vor Nik. Hansen. Nik. Hansen (1853-1923) war auf der Ausstellung mit einem einzigen Bild »Nach dem Frühstück« vertreten. Platz zu bekommen ist fast unmöglich. Die Diskussion ist lebhaft: Ein blonder Student, der seine Verlobte ängstlich im Gedränge verteidigt, findet das Bild »flott«; die Schwiegermutter, eine Dame mit Kapotthut und Katalog, sagt ziemlich laut, daß das doch wirklich zu brutal sei, und daß es doch unverständlich sei, so etwas zu malen. Ein paar Eingeweihte zeigen auf Porträts, sowohl dieses als auch jenes, aber ein junger Künstler mit schwarzem Haar versichert, daß die rotgewandete Dame nur aus Knochen und Watteeinlagen bestehe. Die Schwiegermutter will gehen, aber die kleine Verlobte ist vom gelben Kleid der Dame und seinem breiten Saum gefesselt. »Sie haben sicher gut gespeist«, sagt Hellesen und schlendert zusammen mit Hjort weiter, der noch hinzufügt: »und getrunken«, während er vor Baches Parforcejagd »Baches Parforcejagd«: »Parforcejagd aus dem letzten Jahrhundert. Nach dem Frühstück in der Eremitage soll die Jagd weitergehen« des Malers Otto Bache (1839-1927). in Staunen verfällt. »Da ist ja ein Rahmen um einen Rasen«, sagt er und zeigt auf den Hund, das Pferd und das Schloß. »Die Mittelpartie ist ein reines ›Auftragen à la jardinière‹«, »Servering à la jardinière«: Mahl im Garten. meint der kleine Künstler mit dem schwarzen Haar … »Gras«, sagt er. Er selbst ist mit einem »Sonnenuntergang« auf der Ausstellung vertreten – einem gelben Himmel in einem schwarzen Rahmen. »Hast Du seine Frau gesehen?«, fragt Hjort, »Frau Bache«. »Drüben, am Klavier.« Drüben am Klavier: Porträt der Frau eines Künstlers von Otto Bache. Hellesen sieht einen Augenblick lang auf den kleinen Fischerjungen mit dem großen Dorsch – »Ja-a.« Und Frau Ancher Frau Ancher (1859-1935): Die Malerin Anna Ancher stellte auf der Frühjahrsausstellung nicht aus. – schade, daß diese Frau sich nicht selbst gemalt hat. Und dann hat er sie noch mit Pantoffeln gemalt.« – »Symbolisch, natürlich. Im übrigen hat dieser Mann einen schlechten Geschmack.« Was meinst Du?« – »Seine Frau im Baumwollkleid zu malen!« – Sie bleiben vor Lochers »Nach dem Sturm« Lochers »Nach dem Sturm«: Das Bild des Marinemalers Carl Locher (1851-1915) zeigt ein Motiv von Skagen. stehen. »Das ist aus Hornbæk«, sagt Hellesen, ohne es anzuschauen. »Nein – es ist aus Skagen.« Hjort hat einen Katalog und setzt Markierungen mit einem Bleistift. Er kommt viel herum, und die Nachsaison ist auf Grund des Stillstands aus Anlaß der Hoftrauer lebhaft. Er denkt ökonomisch und sammelt Konversationsstoff. »Nun, ist es aus Skagen? Ja, Sturm ist Sturm, er wohnt aber in Hornbæk.« Hornbæk: Bedeutender Badeort, 12 km nordwestlich von Helsingör an der Öresundsküste gelegen. Etwa 3 500 Einwohner, 35 000 Feriengäste jährlich. Ehemaliges Fischerdorf; wurde seit 1870 von vielen Künstlern entdeckt, z.B. Holger Drachmann, Kristian Zahrtmann, P.S. Krøyer, Carl Locher und Viggo Johansen. Ein langer, dünner Künstler mit zerzaustem Bart und einem großen weichen Hut gerät vor Godfred Christensens »Himmelbjerget von der Bucht von Lavenausgesehen« »Himmelbjerget von der Bucht von Laven aus gesehen«: Gemälde des Landschaftsmalers Godfred Christensen (1845-1928). in Wallung. Er spricht laut, und die Leute drängen sich, um zuzuhören, während sie mit offenem Mund auf das Bild starren und die Hände als Operngläser benutzen. Die eifrigen Hände des Malers, die über dem Bild vor- und zurückfahren, scheinen das Ganze aufzumalen und besonders den Adler Adler: Auf dem Bild fliegt ein Fischadlerpaar über den Laven-See. mit einigen runden liebkosenden Bewegungen seiner rechten Hand zu streicheln. – »Das macht Geschichte«, sagt er, »das macht Geschichte.« Und er fährt unter einer Flut von Superlativen fort, den Adler, das Wasser und die grüne Spiegelung zu streicheln. »Er ist Mitglied der Akademie geworden«, sagt ein Herr, der die Augen zusammenkneift, um seinen Kunstverstand zu betonen. Er setzt in seinem Katalog ein Kreuz. »Mir ist die ›Camera obscura‹ Camera obscura auf der Langelinie: Unter einer Camera obscura versteht man einen lichtdichten Kasten, in dem durch eine Linse einfallende Lichtstrahlen ein verkleinertes Bild gebildet wird; sozusagen ein Vorläufer des Fotoapparats. Ein Gemälde dieses Namens ist im Ausstellungskatalog nicht zu finden. auf der Langelinie‹ lieber«, meint Hellesen, der Landschaften nicht leiden kann. Und während sie sich weiter treiben lassen, um Henningsen Henningsen: Der Maler Erik Henningsen (1855-1930) oder sein Bruder Frants Henningsen (1850-1908) stellten beide 1881 in Charlottenborg aus. zu finden, führt er lang und breit aus, daß er überhaupt nicht verstehen kann, warum die guten Leute all das malen wollten, was alle genauso gut sehen könnten. »Ja – im Sommer«, erwidert Hjort. »Was heißt das?«, Hjort zupft den Kandidaten, »Gesperrt« 1 »Gesperrt«: Titel eines Bildes des Malers Christen Dalsgaard (1824-1907). »Das ist von Dalsgaard.« »Ja – aber was bedeutet das?« »Mein Lieber«, Hellesen zieht weiter, »niemand fragt jemals danach, was Dalsgaards Gemälde bedeuten – das ist eine Dame, die an einem Weg liegt –.« »Mein Lieber – sie steht.« »Tatsächlich? Vielleicht«. Sie haben das Bild »Im Hof des Anschriftenvermittlers« »Im Hofe des Adressenvermittlers«: »Morgen i Adressekontorets Gaard«, Gemälde von Erik Henningsen. gefunden. Mitten im Gedränge vor dem Bild treffen sie Hoff, Hoff, Kunstkritiker und Flaneur: Wahrscheinlich die aus dem Roman Bangs »Hoffnungslose Geschlechter« (1880; deutsch 1900) bekannte Romanfigur Bernhard Hoff, die Bang mit seinen eigenen Initialen in umgekehrter Reihenfolge versah und die er auf ironische und beunruhigende Art und Weise mit einer Reiheselbstbiografischer Züge ausstattete. Ein Teil Beiträge aus der Jugendzeit Bangs wurde außerdem halbwegs anonymisiert unter dem Pseudonym »Bernhard Hoff« herausgegeben. Kunstkritiker und Flaneur. »Ein Stück Sozialismus«, sagt er und greift zum Hut, »von einem Genremaler gemalt. Schade – das Elend ist kein Genrebild.« Der kleine Künstler mit seinem grellen Sonnenuntergang in schwarzem Rahmen findet den Arm des Bäckerjungen hölzern und zieht Tornøes Wirtshausbild »Tornøes Wirtshausbild«: »Fra et københavnsk værtshus« des Genremalers Wenzel Tornøe (1844-1907). vor. – »Na, das mit dem Kinderkopf auf dem Bündel«, sagt Hoff und lacht. »Ja, Tornøe macht sich bemerkbar. Die Leute sind mit Alexander Kjelland Alexander Kjelland (1849-1906): moderne Schreibweise Alexander Kielland. Gilt als einer der großen vier nordischen Schriftsteller des 19. Jhdt. (Lie, Ibsen, Björnson, Kielland), die die Begründer des »modernen Durchbruchs« waren. Bang warf ihm vor, sich in seinen »Noveletter« (1879) ästhetisch-oberflächlich gegenüber dem sozialen Elend seiner Zeit zu verhalten. verwandt, sie hängen das soziale Elend geschmackvoll an die Wand wie Kabinettstücke.« … »Tornøes Köpfe sind im Vergleich zu den Körpern zu intelligent«, sagt der Sonnenuntergang. »Und seine Damen ›Am Nachmittag‹ »Am Nachmittag«: »Efter Middagen«, Gemälde von Wenzel Tornøe (1844-1907). sind schlecht gekleidet«, so Hjort, »und im Jahre des Herrn 1880 eine Frau mit nacktem Hals zu malen … Das ist jetzt auch ein Einfall, wo man doch nur einen Ausschnitt trägt.« Hoff hat sich Sonnes »Angriff der Kavallerie« Sonnes »Angriff der Kavallerie«: »Kavaleri-Angreb i Stolk ved to Escadroner af 4de Dragonregiment i Isted Slaget. General Schleppegrell falder«, Gemälde von J.V. Sonne. zugewandt. »Viele Uniformen«, sagt Hellesen. »Und viele Köpfe«, fügt Hoff lachend hinzu. »Es bedarf großen Patriotismus, um dieses Bild zu malen.« »Und viel davon, es zu kaufen« … »Mehr.« Hoff dreht sich um. »Übrigens ist das moderne »Porträt einer Dame« von Henningsen wie auch das von Frantz Frantz: Keine nähere Information verfügbar. brillant. Und sie fangen ja im Ganzen gesehen damit an, hier oben ›am Leben zu rütteln‹ Die Gebrüder Henningsen malten sozialrealistische Bilder, die Anlaß zur Diskussion sozialer Probleme gaben. . – Hellesen und Hjort werden dem Sonnenuntergang vorgestellt, und dann gehen alle vier weiter. Hjort bleibt etwas zurück, um sich ein Bild von Raadsig Peter Raadsig (1806-1882) hatte vier Bilder, die das Alltagsleben schilderten, auf der Ausstellung. anzusehen. »Was müssen Sie zu ›Die Ecke‹, Hjort?«, sagt Hoff. »Es gibt auch andernorts Akademiker.« Der Sonnenuntergang summt »Fern überm Meer erklingt Gesang von Meerjungfrauen«, »Fern überm Meer erklingt Gesang von Meerjungfrauen«: »Havets Morgenhilsen, Motto: Fjernt over Havet lyder Havfruesang« von dem Maler F.L. Storch (1805-1883). Das Zitat stammt aus J.L. Heibergs Schauspiel »Elverhøj« (1828), 3. Akt, 1. Szene, wo es jedoch lautet: »Fjernt over Bølgen lyder Havfruesang.« und Hoff lacht. Hellesen bleibt vor einem weißen Vogel, der auf irgendeinem blauen Wasser schwimmt, stehen. »Das ist von Rasmussen«, Carl Rasmussen (1841-1893): Bedeutender Marinemaler, der mit das Gemälde »Paa Havet i Blæst og Slud« (»Auf dem Meer bei Sturm und Schneeregen«) ausstellte. Von einem »Schwan in blauem Wasser« findet sich keine Spur. sagt Hoff. »Was ist das für ein Vogel? Er hat einen unnatürlich langen Hals.« »Der bringt an Länge, was »Christus« im vorletzten Jahr fehlte«, lacht der Künstler, »das ist ein Schwan.« … »Sterbend und symbolisch«, sekundiert Hoff, »er steht unter Tierschutz. Haben Sie seine Zigarrenkiste gesehen? Sie ist ein reiner Seelenverkäufer.« Hellesen streift eine junge Dame, die vor Thomsens »Strickendes Mädchen« Carl Thomsen (1847-1912) war mit dem Bild »En ung Pige, som strikker« vertreten. in Gedanken verfallen ist. »Wenn dieser Mann nur malen könnte«, so Hoff, »er erzählt so vortrefflich.« … »Aber seine Dänisierung von Le printemps ist gräßlich«, sagt Hellesen. »Ja, du lieber Gott, das Frühjahr in ein himmelblaues Kleid zu stecken« … »Dem Himmel sei Dank«, erwidert der Sonnenuntergang, dessen bürgerlicher Name übrigens Knudsen ist, auf Bildern Eduard K., »daß sie angezogen ist – seine nackte Figur wäre sicher fürchterlich.« Hoff versteht nicht, was das für ein Nebelhorn ist, mit dem Schiøtts Ägypterin Schiøtts Ägypterin: Der Porträtmaler August Schiøtt (1823-1895) stellte das Bild »En ægyptisk Danserinde« aus. hantiert. Die Hitze ist fast unerträglich, mit jedem Atemzug schluckt man Staub, und Hoff redet davon, Zitronensaft und Sprudel im À Porta Café à Porta: Es gab zwei Cafés à Porta, das eine lag Ecke Nygade/Gammeltorv und war 1862 von dem schweizerischen Hotelier Peter à Porta begründet worden, das andere lag an Kongens Nytorv, von Stephan à Porta eingerichtet. zu trinken, während der Künstler noch etwas bleiben will, um Zahrtmanns »Julie mit der Amme« »Julie mit der Amme«: Der Maler Kr. Zahrtmann stellte »Blumenverkäuferin aus Florenz« (En Blomstersælgerske fra Florenz) und »Parti fra Dyrehaven« aus. zu sehen. Es hängt unbemerkt in einer Ecke. »Das ist ja ›Aspasia‹«, »Aspasia«: Griechische Hetäre des 5. vorchr. Jhdt., die durch ihren Geist und ihre Schönheit viele der damaligen Athener anzog, darunter Sokrates und Perikles. Sie ist die Hauptperson in dem Roman »Aspasia« (1879) des Deutschen Robert Hamerling. sagt Hjort und schaut auf den Fleischberg mit den schwarzen Perlen. »Ja, letztes Jahr. Aber jetzt ist sie Amme – was auch am besten zu ihr paßt.« »Und Obstverkäuferin«, sagt der Künstler, »haben Sie denn die ›Blumen aus Florenz‹ gesehen?« »Ja – diese Frau bevölkert alle Zeiten und alle Zonen.« »Das ist eine merkwürdige Leidenschaft für altes Fleisch«, sagt Hellesen. Das war aber gewiß eine dumme Bemerkung, denn Hoff und der Sonnenuntergang lachten. »Trotzdem – solche farbenreichen Kamelien und die weiße Blume im Korb« – sie betrachten die »Blumenverkäuferin« – »schade, daß sie so grotesk ist, Knudsen.« »Hören Sie, Hoff, wissen Sie, Middelboe Middelboe, Bernhard (1850–1931): Der Maler und spätere Klischeefabrikant Middelboe stellte drei Bilder aus. Er hatte während seines Parisaufenthalts 1877–1878 Léon Bonnats bekannte Malerschule besucht. hat bei Bonnat studiert. Dort hat er gelernt, Porträts zu malen.« »Nein, mein Lieber, leider, er ist nur Porträtmaler geworden.« Hjort blättert heftig im Katalog. Er will Frau Jerichau Jerichau-Baumann, Elisabeth (1819-1881) war auf der Ausstellung nicht vertreten. Sie starb am 11.7.1881. finden. »Ist es ihr ›Dolce far niente‹ Dolce farniente: Der süße Müßiggang. In Jerichaus Werken befand sich eine umfassende und bedeutende Reihe von Studien aus dem Süden. fragt Knudsen. »Kennen Sie die Geschichte?« »Welche Geschichte?« »Von dem kleinen Mädchen – auf Ausschau?« »Nein.« – »Doch, sage ich Ihnen – es war unmoralisch, solange es auf Ausschau war – und so wurde es zu Dolce far niente!« »Ja«, – Hoff hebt seinen Hut wegen der Hitze, »was tut man nicht um der Moral willen? Storch zieht sogar die Sirenen an.« »Storch zieht sogar die Sirenen an.«: Hinweis auf das oben genannte Gemälde »Morgengruß des Meeres« von F.L. Storch (1805-1883). Die Sirenen waren in der griechischen Mythologie verführerische Wesen mit Frauenhäuptern und Vogelkörpern, die die Seefahrer mit ihrem Gesang zu sich lockten, um sie dann zu töten. – »Nein – das tut er, um ihre Spärlichkeit zu verbergen.« »Hören Sie, Groth Vilhelm Groth (1842-1899): Landschaftsmaler, der sich besonders auf Wälder, Küsten oder Aussichten über größere Landstriche mit Mooren oder Flußläufen spezialisiert hatte. Nur eines seiner vier ausgestellten Bilder war ein Motiv von Hindsgavl. hat seinen festen Wohnsitz in Hindsgavl Hindsgavl: Landgut auf der Insel Fünen, westlich von Middelfart; das Hauptgebäude stammt aus dem Jahre 1784. Im Nordwesten Ruinenreste einer von 1295 bekannten königlichen Burg. genommen und sich auf den Kleinen Belt spezialisiert. Deswegen erahnt man auf seinen Bildern nun Fredericia – und außer Fredericia existiert nichts.« Hellesen hat einen Freund getroffen, der vom Sonnenlicht der Gemälde Raadsigs müde Augen bekommen hat – den Gemälden, von denen Hoff behauptet, die Luft sehe wie von einer Tranfunzel aufgehellter Zigarrenrauch aus – der Freund findet Monies »Tageszeitung« Monies »Tageszeitung«: David Monies (1812-1894): Porträt- und Genremaler, dessen Bild »Dagsavisen« auf der Ausstellung ausgestellt war. lustig. Hoff und Knudsen entfernen sich mit einem Nicken … »Daß man für solche Leute malen muß«, sagt der Sonnenuntergang und sieht dem Raadsig-Jünger nach. »Mal für uns, lieber Knudsen, und verkauf an sie.« »Es ist schwer, zwei Dinge zu tun.« »Aber dies ist eine Sache: sie teilen zuletzt immer unsere Meinung. Diese Studenten sind verteufelt tüchtig – es ist doch ein junger Mann?« »Sehr jung.« »Ein begabter Erzähler. Niemand von den Dichtern in der neuen Schule hat die Generation so aufs Korn genommen. Schau Dir den Russen an und »Der Vornehme« – seine Schuhe sind fast das Beste, und dann den in Schützenuniform. Schützenuniform: Nach dem Krieg 1864 bildeten sich viele Schützenvereine, unter anderem die »Akademisk skytteforening«, die sich zum Ziel gesetzt hatte, den vaterländischen Verteidigungswillen zu stärken, um frühere und zukünftige Soldaten im Gebrauch der Waffe zu üben. Ich persönlich mag am meisten die Studenten und dann ›Das Frühstück‹« »Das Frühstück«): Es handelt sich um oben genanntes leicht pikantes Bild von H.N. Hansen »Efter en frokost«, das eine anziehende junge Dame zwischen zwei rivalisierenden, reifen, in Reitertracht gekleideten Herren zeigt. … »Und in der Zeitung?« »In der Zeitung? Ja, Sie, das weiß ich noch nicht – vielleicht am meisten Krøyers »Arbeiter« Krøyers »Arbeiter«: Der Maler P.S. Krøyer (1851-1909) stellte das Gemälde »Italienische Feldarbeiter« (»Italienske Markarbejdere«) aus. – da findet sich viel Talent.« – »Ausgezeichnete Beine.« … »Ganz gewiß. Sollen wir den Sprudel mit Zitronensaft nehmen?« »Ach nein. Wann wird Ihr Blatt die Kritik abdrucken?« »Ach, mein Lieber, die Ausstellungen sind recht schwierig. Ich denke einmal, wenn die öffentliche Meinung sich gelegt hat.« »Das wäre ja bald.« »Bester Freund, die öffentliche Meinung ist immer mein kritisches Gewissen.« Als Hjort nach Hause kam, hatte er seinen Katalog voller Kreuze. Dies war seine Ausbeute.   [Fra Charlottenborg. Nationaltidende, morgen, 1.5.1881]   Mosaik (Die Versteigerung im Bernstorff-Palais) Herman Bang führte im Mai 1881 neben den »Wechselnden Themen« eine weitere Rubrik in der Nationaltidende ein, die er »Mosaik« nannte. Nach dem Pariser Vorbild sollten hier verschiedene Formen der Kleinjournalistik und andere kleine Abhandlungen in unregelmäßiger Folge abgedruckt werden, Stücke, die nicht in die traditionellen Genres und Rubriken der Zeitung fielen. Im Palais in der Bredgade ging es heute lebhaft zu. Die Tore stehen sperrangelweit auf, die Wachen stehen nicht mehr an den Eingängen, der schwarzgekleidete Schweizer Schweizer: Schweizer Soldaten wurden damals als Söldner bei etlichen europäischen Fürstenhäusern als Leibwache angestellt, wie dies auch heute noch im Vatikan der Fall ist. hält niemanden zurück, die Türen öffnen sich zu den hohen Treppen, den Vestibülen, den Sälen –. Hier ist es zu lange still gewesen. Zu lange hat eine Zeit, die vorbei ist, hier im Schutz goldener Königskronen über hohen Portalen geschlummert, nun werden die Türen geöffnet. Und hinein wälzen sich mit dem Staub der Straße an den Schuhen Kauflustige und Neugierige. Es ist merkwürdig, alle diese bunten Scharen in all dieser halb verblichenen Pracht schnüffeln und stöbern zu sehen, dem Erbe und den Erinnerungen einer verschwundenen Zeit; zu sehen, wie sie nach dem königlichen Schmuck und fürstlichen Gaben, die sie nur nach Gewicht und Größe einschätzen, gieren; die geplünderten Säle mit ihren goldenen Lüstern, den vergoldeten Gittern, den Wappen und ausgehauenen Kronen als Tummelplatz einer habsüchtigen Neugierde zu sehen, abgeschätzt mit gierigen Augen. Man trampelt auf den Marmorstufen, man lacht in den Sälen, man befühlt alles, man feilscht. Solche Trödler sind kluge Leute, aber Pietät ist nicht ihre Haupttugend –. Ein königliches Heim wird geplündert; Auktionen sind eigentlich wie ein nochmaliger Tod, der Tod des Heimes. Wenn die Frau des Hauses stirbt, geht die Seele des Heims dahin, aber sein Körper bleibt zurück: Seine Auflösung nennt man Auktion. Dies ist der Rahmen um ein Leben, das zerschlagen wird. Deswegen war es heute im Palais in der Bredgade am ersten Tag der Auktion so lebhaft. Draußen im Toreingang saß der Schweizer auf der Bank. Er wies ununterbrochen die Leute die Treppe hinauf, und es wäre eine Sünde gewesen zu behaupten, man hätte sich geniert. Dieses Publikum ist an dieses Schauspielgewöhnt. Es waren alte Frauen da mit eigentümlichen großen Überwürfen, unter denen man notfallsein paar Bettdecken verstecken konnte, mit alten Hüten mit bleichen Bändern und merkwürdigen Rosenbuketten, deren Blätter zugespitzt sind; Juden mit graumeliertem Bart und grauen Augen, scharf wie eine Lupe; schwergewichtige Trödler mit leutseligen Gesichtern und großen Taschentüchern für den Schweiß; merkwürdige, schwarzgekleidete Witwen mit etwas Lichtscheuem und Furchtsamem über ihrer mageren Gestalt; neugierige Herren mit wippenden Spazierstöcken und Witzen auf der Zunge; alte Damen aus »Papas Zeit« mit grauen Hängelocken und spitzen Nasen und aufrechter Haltung – sie weinen, wenn ein prachtvolles Stück zum Spottpreis weggeht; Kommissionäre, die lauter als alle anderen rufen und sich hart auf den Stuhl setzen, um die »alten Federn nachzuprüfen«; Diener von Herrschaften, die selbst in der Zerstörung noch sorgsam und untertänig über das getäfelte Parkett gehen; ältere würdevolle Herren, die am Hofe und in königlicher Luft sind, schreiten mit steifen Beinen einher und flüstern –. Eine Horde ist gerade von der Straße mit dem Staub der Straße und ihrem Lärm hereingekommen. Im vordersten Raum redet man. Er sieht wie eine Polterkammer aus; hier stehen ein paar Ofenschirme, gelb mit schwarzem Namen, die Vergoldung der Umrahmungen abgeblättert, dort einige Stühle, rot bezogen, das Holz grinst aus der Lackierung hervor; Tische auf drei Beinen, alte Armleuchter, ein Sofa – alles auf dem Weg zu den Trödlerläden. Drinnen versammelt man sich zur Auktion. Es ist ein großer Saal, rot bezogen, die Seidenvorhänge hängen noch, staubig wie sie sind, und flattern; sie gleichen alten Bannern, die über Sarkophagen wehen. Man hat sich am Tisch bereits Platz verschafft, einem grün bezogenen Tisch, wo sie dicht zusammengedrängt sitzen, Gesicht an Gesicht. Hier drinnen sind die meisten Trödler. Man flüstert eifrig, man sieht zur Tür hin, wartet auf den Auktionator. Um sie herum bilden die anderen einen Kreis, eingemischtes Durcheinander von Männern und Frauen, das die Luft im Saal schwer macht. Zwei Schutzmänner warten an der Tür, und in der Ecke drängt man sich an das goldene Gitter vor dem Kachelofen. Der Kreis um den Tisch wird ungeduldig, man beginnt wie in den Wirtshäusern oder im Zirkus zu trampeln. Durch die Fenster hört man den Lärm von Hammerschlägen und Rufen: Es sind die Arbeiter der Marmorkirche, Marmorkirche: Die alte Frederikskirke lag als Bauruine dahin; erst aufgrund einer Stiftung des Industriellen C.F. Tietgen wurden 1874-1875 die Bauarbeiten neu begonnen und auf den Fundamenten der Frederikskirke die Marmorkirche erbaut. die neue Zeit, die die Ruinen der Vergangenheit vollendet. Dann kommt der Auktionator. Er kann sich kaum an den Tischen vorbei drängen, und er hält das Kästchen fest unter dem Arm. Endlich ist er durchgekommen. Und er konnte sich noch nicht auf dem Sitz hinter dem Pult niederlassen und sich Gehör verschaffen, als es plötzlich ruhig wird. Die Gespräche versterben in einem Summen. »Nr. 60, ein goldenes Armband.« Das Armband geht von Hand zu Hand, es wird begierig danach gegriffen, beurteilt, weitergereicht. Gegenüber, auf der anderen Seite, hat man mit dem Bieten begonnen. Der Auktionator bleibt bei »40 Kronen« – »40 Kronen – 40 Kronen.« 1 dän. Krone hat eine Kaufkraft von etwa 7-8 €; sie ist in 100 Öre unterteilt. Seine Worte fallen hart wie Hammerschläge, aufreizend wie eine Fanfare. »40 Kronen!« Nach und nach wird geboten. Die Gebote kommen bald furchtsam, als wolle man sich von der genannten Zahl wegschleichen, bald wie ein Ruf, bald mit der Geschäftsruhe des Händlers, bald ängstlich und ausweichend. – Die Gegenstände könnten so leicht kleben und am Gebot hängen bleiben. Oben am äußersten Ende des Tisches haben »die Großen« Platz genommen. Mit einer Handbewegung wird gehandelt, mit einem Wimpernzucken geboten. Der Auktionator liebkost gleichsam die reichen Schmuckstücke, die man hier oben kauft, wo es leise zugeht und auf Kredit ersteigert wird. Unten muß man bar bezahlen, und Schmuckstücke, die begutachtet werden sollen, und Bargeld, das in die Kasse fließt, und Wechselgeld rutschen über den Tisch und gleiten von Hand zu Hand. »Eine Brosche – 80 Kronen – 90 Kronen.« – Und mit der Zeit liegt eine Art Spielbankstimmung überdem Saal mit seinen einförmigen Rufen, dem Klang des Goldes, dem Handeln. Die Gesichter beugen sich über den Tisch, die Hände ergreifen den Schmuck, der umhergeht, die Augen beobachten den Hammer, die Ohren wollen das Gebot einfangen. Und wird ein Prachtstück versteigert, kommen die Preise Schlag auf Schlag, nervös wie das Ticken einer Uhr. – Die Stimme des Auktionators erschallt ohne Unterbrechung. Er weckt den Lärm wie mannigfaltiges Echo in Schluchten. Draußen im Kreis sinkt das Fieber. Dort lacht man, sieht zu, erzählt man Witze – diese faulen Kopenhagener Witze, die über jedem Geschehen und jeder Begebenheit wie emsige Fliegen surren. »Ein Armband 15 Kronen – 15 Kronen – 17 sind geboten!« … Man wird müde. Man schaut noch einmal über die Menge, auf die wehenden Vorhänge, auf die Königskronen. – Unten an der Treppe steht eine alte Dame, auf einen Stock gestützt, sie kommt nicht weiter hinauf, und das Mädchen brachte sie nicht weiter als bis zum ersten Absatz. Sie erzählt, sie sei früher oft hier gewesen, als »die da nicht hereinkommen durften«. Sie weist auf eine dicke Frau und einen dünnen Schlacksigen. Dann wackelt »Papas Zeit« mit zitternden Knien weiter. Im Tor sitzt der Schweizer: Er weist immer noch den Leuten den Weg nach oben, gerade die Treppe hinauf. Hinter den Scheiben in den Gemächern der Erbprinzessin Erbprinzessin: Erbprinzessin Karoline (1793-1881), die älteste Tochter von Frederik VI., wurde 1829 mit Erbprinz Ferdinand verheiratet; nach seinem Tod (1863) lebte sie im Palais in der Bredgade 38, dem Bernstorffs-Palæ. Sie war der letzte Nachkomme der 13 oldenburgischen Könige. Die Erbprinzessin war für ihr aufrechtes und etwas militärisches Wesen bekannt, aber wegen ihrer großen Freigiebigkeit sehr beliebt; im Cholera-Jahr 1853 weigerte sie sich, Kopenhagen zu verlassen, obwohl von den 130 000 Einwohnern der Stadt fast 5000 den Tod fanden. In ihren alten Tagen nannte sie oft »Papas Zeit« (d.h. den Absolutismus) die glücklichste Zeit ihres Lebens. sieht man einige Gesichter – merkwürdig eingeschüchtert sehen sie aus. Es sind die letzten Bediensteten des Hauses: Für sie bedeutet jedes verkaufte Stück eine Erinnerung, die dahingeht, jedes Ding, das weggetragen wird, ein Andenken. Und wenn hier die Tore wieder geschlossen werden, ist eine Zeit tot, eine Epoche vergessen.   [(Mosiak). Nationaltidende, aften, 21.6.1881]   In einer Festung Der Verleger der »Nationaltidende«, Ferslew, schickte Bang im Frühjahr 1881 nach Bad Schandau. Bang war nervlich durch den Prozeß gegen sein Werk »Haabløse Slægter« am Ende und bedurfte dringend der Erholung. Ferslew wollte, daß er während des Prozesses nicht in Kopenhagen weilte. Als Bangs Werk am 24. Juli 1881 verurteilt wurde, wohnte Bang im Hotel »Villa Quisisana«, das im Stil eines italienischen Sommerhauses ein Jahr zuvor erbaut worden war, in Bad Schandau. Von hier aus besuchte er die Festung Königstein. Die wohl um 1200 angelegte böhmische Königsburg kam 1459 zur Mark Meißen. 1589 begann durch Kurfürst Christian I. der Ausbau der Festung, der sich bis um 1900 fortsetzte. Die Festung konnte nie erobert werden. Friedrich Böttger, der Erfinder des europäischen Porzellans war 1706–1707 dort gefangen, durfte jedoch wegen der Explosionsgefahr der Munitionslager nicht experimentieren. Der erwähnte Brunnen wurde 1563–1569 abgeteuft; er ist 152,5 m tief. Der Weinkeller kann noch besichtigt werden. Dort war bis 1818/9 eines der größten Weinfässer Europas zu bestaunen (Inhalt 238 000 l). Hauptsächlich diente der Königstein dem Dresdner Hof als Zuflucht in unsicheren Zeiten. Hier wurden dann auch die Kunstsammlungen und Schätze des Königshofes verwahrt. Zugleich war er Staatsgefängnis: Bakunin (1849–1850), August Bebel (1874), Frank Wedekind (1899) und Thomas Theodor Heine (1899) waren dort inhaftiert. Auf beiden Seiten erblickte man die blauenden, wogenden Höhen, die man hier in Sachsen Berge nennt, zwischen denen sich die Elbe schlängelt. Die Sonne steht bereits tief, und während das grünliche Wasser von Dunst und Abenddämmerung bedeckt wird, entflammt die Spitze des Liliensteins Lilienstein: Der Lilienstein ist der markanteste Tafelberg der Sächsischen Schweiz mit einer großartigen Rundsicht. Seine Höhe beträgt 415 m.ü.d.M. Ein Berggasthof und ein Aussichtsturm befinden sich auf dem Berg. Von den Resten der einstigen kleinen böhmischen Königsburg ist kaum noch etwas zu sehen. in glühendem Gegenlicht. Längs der bauchigen Berge sieht man helle Birken zwischen Nadelbäumen. Wir wollten zum Königstein. Es war spät geworden. Die Madonna der Dresdner Galerie und ihre Schwester von Murillo Murillo: Bartolomé Estéban Murillo (1618–1682). Berühmter spanischer Maler, der hauptsächlich in Sevilla lebte und wirkte. Das Gemälde »Tod der heiligen Klara« in Dresden stammt genauso von ihm wie »Maria mit Kind« (um 1670, Gemäldegalerie Dresden). hatten uns festgehalten, bis das Museum geschlossen wurde, und jetzt war es fast Abend. Aber wir wollten den Königstein doch noch sehen, bevor wir nach Schandau Schandau: Schon zu Bangs Zeiten bedeutendster Kur- und Ferienort der Sächsischen Schweiz. Schon seit 1730 Badebetrieb, 1799 entstand das erste Badehaus. Seit 1920 offiziell Bad Schandau. zurückkehrten. Er trug ja zwei Sterne im Baedeker, und nun waren wir auf dem Weg. Die Stadt Königstein ist eine verworrene Ansammlung von Häusern, Höfen und Gäßchen. Der Weg zur Festung führt bald durch Gassen und bald durch Gärten. Svaneke Svaneke: Kleinstadt mit etwa 1200 Einwohnern auf Bornholm. Fischerei, Heringsräuchereien. Gut erhaltene Altstadt mit Fachwerkhäusern. 1967 wurde die ganze Altstadt unter Denkmalsschutz gestellt. ist in ähnlichem Zickzack auf Klippen gebaut. Kommt man aber etwas höher, werden die Häuser seltener, ein einziges Landhaus mit Garten, eine eklig stinkende Wirtschaft – diese traurigen Flecken überall in dieser herrlichen Natur – und der Pfad führt weiter durch Felder und hinein in den Wald. Wie doch die Tannen duften! Und unter den duftenden Bäumen klettern Thujas, Fichten und Birken den Weg hinauf, winden sich um den Gipfel des Königsteins. Erreicht man im Wald eine Lichtung, sieht man den Lilienstein-Felsen wie eine an den Felsen geklebte Riesenburg, die den Fluß machtvoll beherrscht. Der Schein der Sonne erstirbt über der Höhe, flammt dort draußen auf, wo der Schneeberg die Grenze zu Böhmen bildet und erlischt drinnen im Lande, wo die Höhen, die zum Abend hin blauen, wie Wellen in einem Meer liegen, als hätte sie ein Zauberer mit seinem Kraftwort versteinert. Dann erreichen wir den Gipfel des Königsteins. Es geht steil hinauf zur Festung, deren Mauern mit dem Granit zusammenwachsen. Unterhalb der Höhe hat man Wälle zu Bastionen aufgetürmt. Eine Schildwache steht unter der Fahne, die träge gegen den Masten schlägt und sich wie im Schlaf zusammenrollt, Posten. Ja, wir könnten uns die Festung noch anschauen. Wir betreten den ersten Durchlaß, einen kühlen Raum, steil wie der Fahrweg im »Rundetårn«. »Rundetårn«: Turm in der Altstadt Kopenhagens, mit der Trinitatiskirche zusammengebaut. 1637–1642 von Christian IV. als Sternwarte gebaut. Der Turm hat im Inneren keine Treppe, sondern einen spiralförmigen Fahrweg, den der König mit seinem Gespann befahren konnte. Die Höhe des Turmes beträgt 34,6 m. Innen liegt die Wachstube. Zwei, drei Soldaten schlafen unter einem Vordach, in der Wachstube hat man bereits die Lichter angezündet. Ein Soldat schreibt direkt am Fenster im Schein der Lampe Briefe, in der Stube liegen Burschen auf Bänken, drei spielen Karten im Schatten einiger aufgestellter Pickelhauben. Wir lösen Eintrittskarten, und wir nehmen einen Führer mit. Leider ist es fast ganz dunkel geworden, und wir würden den Turm auf dem Winterberg Winterberg: Der Große Winterberg im Elbsandsteingebirge, 551 m hoch. Etwa 5 km (Luftlinie) von Bad Schandau entfernt. nicht sehen können. »Aber es gibt wohl noch anderes zu sehen als den Turm auf dem Winterberg.« … – Gott bewahre! – Der Führer, ein Unteroffizier, verliert sich, während wir die Mauer entlanggehen, in historischen Betrachtungen. Die Festung ist sehr alt, sie beherrscht die ganze Elbe, sie ist die wichtigste in Sachsen, viel bedeutender als Pirna, Pirna: Kreisstadt mit heute 42 000 Einwohnern, an der Elbe gelegen. Wird als Tor zur Sächsischen Schweiz bezeichnet. 1880 ca. 15 000 Einwohner. Damals wichtige Sandsteinbrüche. viel bedeutender. – – – Der gute Mann spricht fast zu schön, und die Geschichte Sachsens ist so wenig interessant, wenn man – wie hier – vor seinen Augen Sachsens Karte hat. Dieser dunkle, glühende Fluß, der sich wie ein flimmerndes Band zwischen den verschiedenen Höhen dahin schlängelt, dieser nächtliche Duft der Bäume am Abhang, die durch ihren kühlen Wohlgeruch berauschen, diese Landschaft, die unter dem Schleier des Tales flirrt – Er weist auf die Höhen, er gibt den Bergen Namen. Aber alles läuft darauf hinaus: Wir sind zu spät gekommen. Es ist so dunkel, daß wir weder den Papstein Papstein: Bang meint vermutlich den Papststein. Erhebung im Elbsandsteingebirge (Sächsische Schweiz) mit herrlicher Rundumsicht (451 m hoch). Der Papststein gehört zur Gemeinde Gohrisch. Er befindet sich etwa 3 km südlich von Bad Schandau. noch den Schneeberg sehen können. Als ob man sich hier um Namen kümmerte! Höhen, Berge und Finsternis verschmelzen zu einer unbestimmten Linie, die den Horizont um uns schließt. Alles ist wogende Unbestimmtheit, Dämmerung und Dunst des Flusses ein unklar schwebendes Reich, dessen Weichheit man keinen Namen gibt. Unten gleitet der Fluß dahin; hebt man den Blick, sieht man den Koloß Lilienstein. Der Führer ist wieder bei der merkwürdigen Geschichte Sachsens. Dann bleibt er stehen und zeigt hinaus über die Brüstung. Unten am Abhang sieht man im Halbdunkel einen Garten. Es ist der Friedhof. Er ist nicht klein – es leben 1000 Menschen in Königstein, und die Sterblichkeit ist groß, sagt man. Dieses weiße Haus ist die Grabstätte der Kommandanten. Jenes Monument ist das Grab der Franzosen. Das Grab der Franzosen: Gräber der verstorbenen kriegsgefangenen Franzosen (deutsch-französischer Krieg 1870–1871). »Der Franzosen?« – »Ja, der Gefangenen.« … »Im letzten Krieg.« – »Ja, es starben viele. Es lagen auch 700 hier in der Festung, und dann brach Typhus aus.« »Na, und dann brach Typhus aus.« »Sie verstehen? – Es war hier ziemlich überfüllt.« Der Mann lächelt. Ich starre auf den jungen Franzosen in unserer Gruppe. Sein Handschuh ist vom Reiben der Hand an dem Geländer durchgescheuert. »Zuerst standen schwarze Kreuze auf den Gräbern – dann errichtete Frankreich das Denkmal.« Wir gehen weiter der Mauer entlang. Eine Mauer wie die des Schlosses Kronborg Schloß Kronborg: Schloß und Festung bei Helsingör. War zur Bewachung und Kontrolle der Öresundsschiffahrt (bis 1857 Zollstätte) erbaut. Kronborg ist eines der größten und schönsten Renaissanceschlösser Skandinvaviens. Shakespeare läßt dort seinen »Hamlet« spielen. Seit 2000 Weltkulturerbe. und aller Festungen, vor Jahrhunderten mit gotischen Türmen und runder Brustwehr gebaut. Innerhalb der Festung liegt Haus an Haus, große Kasernen, wo sich die Soldaten halbnackt in den offenen Fenstern räkeln. Hier und da ein offener Platz mit Rasen, über einer Kasematte. Überall stehen Eichen in prachtvollen Gruppen. Hier ist die Wohnung des Kommandanten. Ein hohes, eigentümliches Kastell mit Zugbrücke, eine Festung in der Festung. Unter der Zugbrücke starrt man in eine bläuliche Schlucht. Hamlets Vater Hamlets Vater: In der Tragödie »Hamlet« (1600/01) von Shakespeare erscheint dessen Vater in einer nächtlichen Szene Hamlet und fordert den Prinzen auf, seinen Tod zu rächen. könnte auf dieser Brücke als Gespenst erscheinen. Über den Bergen geht der Mond auf. Wie eine glühende Lampe hängt er hinter dem Gipfel des Schneeberges. Es wird jetzt kühl auf Königstein. Der Führer hält an. »Hier war es, wo sich im letzten Jahr der junge Engländer Hierzu teilt die Verwaltung der Feste Königstein folgendes mit: »Wir kennen eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1853, nach der am Morgen des 23. Septembers zwei Engländer den Königstein besuchten. Nachdem sie sich eine Weile umgesehen hatten, stürzte der 23jährige Londoner Staunton, angeblich vom Schwindel erfaßt, aus welchen Gründen auch immer, an einer der gefährlichsten Stellen (wo unbekannt) von der Brustwehr in die Tiefe und verstarb. Der Begriff ›Königshaupt‹ für eine entsprechende Felsformation ist jedoch nicht belegt.« (E-Mail vom 26.05.08, Frau Gutsche – Festung Königstein). hinabstürzte.« Ob wir sehen wollten, wie tief … Sich hinabstürzte! Ja, hier, an der steilsten Stelle. Der Fels ist glatt wie eine Mauer. Die Kluft hier soll fast fünfzig Faden betragen. Sein Kopf wurde hier auf dem Felsblock zerschmettert – hier, gerade unter uns – – – – Ob wir ihn sehen? Man nennt ihn unten »das Haupt des Königs«, weil er einem Gesicht gleicht. – Ja, wir beugen uns alle vor und sehen es. – – »Ja, das Gesicht kann man jetzt nicht sehen, es ist zu dunkel – aber den Felsen sieht man.« »Gewiß, und genau dort … wurde sein Kopf zerschmettert.« … »Ja, ich habe es selbst gesehen, ich hörte ihn. Er setzte in einem Sprung über das Geländer und prallte mit dem Kopf auf. Dann überführte man seinen Leichnam nach London.« Einen Augenblick lang wurde es still. Ich erhob meinen Blick, ich wollte »das Haupt des Königs« nicht mehr sehen, man wurde so leicht schwindlig davon. So fielen meine Blicke auf die Gesichter der anderen. Sie starrten merkwürdig steif vor sich in das Mondlicht – – »Weiß man, warum?« – – »Nein … aber er hatte in der Wirtschaft tüchtig getrunken.« Der Führer war schon ein Stück weiter unten. Dieses Gebäude war der Eingang zu den Kasematten, wo der Schatz aufbewahrt wird. »Der Schatz – welcher Schatz?« – »Die Schätze des Grünen Gewölbes in Kriegszeiten. In Kriegszeiten werden sie hierher gebracht.« »Ach so – zu Kriegszeiten.« – – Man ruft nach einigen, die sich noch beim »Haupt des Königs« aufhalten. Die Zeit ist knapp, es wird jede Minute dunkler. – – Einer von uns fängt damit an, Fragen bezüglich der Festung zu stellen. Ob sie noch von Bedeutung ist, ob sie nicht aufgegeben werden soll. Im Gegenteil, man baut fleißig. Diese Erdwälle sind neu – vom letzten Krieg … Der Franzose geht voraus. Aber nun dreht er sich um. »All diese Erde haben die Franzosen heraufgebracht – einige trugen und andere zogen … dies und jenes unten am Fluß.« … »Unten am Fluß und trugen es hinauf.« … »Sie mußten arbeiten« … Das Licht des Mondes fiel auf sein Gesicht. Es ist weder hart noch höhnisch – nur gleichgültig. Und dann lächelt er ein klein wenig, während er wiederholt: »Sie mußten tüchtig arbeiten.« … Der junge Franzose drehte sich um. Er maß schnell dieses dicke Soldatengesicht mit den wulstigen Lippen und den grauen Augen. Sein Begleiter ergriff ihn hart am Arm. »Taisez-vous«, »Taisez-vous«: franz. Schweigen Sie! flüsterte er. »Taisez-vous«. Dann blieben sie etwas zurück. Ein Funkeln huschte über das Gesicht des Führers: »Aber die Mauern hätten eine Elle Elle: 1 dänische Elle entspricht 62,77 cm. höher sein sollen«, sagt er. Wir, die folgten, starrten uns einen Augenblick an. Dann sagte einer – ein Norweger: »Vielleicht werden sie das nächste Mal höher sein.« Der Soldat lachte. Und ohne die Ironie oder den Zorn, der in den Worten hoch kochte, zu spüren, sagte er unverdrossen ruhig: »Das werden sie auch.« Wie kalt es hier oben geworden war! Der Wind strich über die Höhen und ließ die Birken erzittern. Die Wolken sammelten sich um den Mond. Wir beeilten uns, uns zuzuknöpfen und die Mäntel anzuziehen. Der Führer ging in den »Lustgarten« vor, einem offenen Fleck mit Rosenbeeten und Blumenrabatten. Unter den Bäumen ist es schon vollständig Nacht. Man sieht nur einige weiße Statuen im Dunkeln. »Das sind Prinzen, die verunglückt sind …« Nein, wir haben keine Lust mehr, die Prinzen anzuschauen. Der Mond hat uns bereits einen gezeigt. Der Schein war durch die Bäume gefallen, genau auf ein weißes Antlitz. Wir gehen wieder der Mauer entlang. Der Führer erzählt von der 48er Revolution. 48er Revolution: Im Kielwasser der französischen Februarrevolution mit ihren Forderungen nach einer Verfassung mit allgemeinem Wahlrecht, Pressefreiheit u.a. entstanden auch in Deutschland schwere soziale Unruhen mit Straßenkämpfen in Berlin; aber diese demokratischen Bestrebungen erlitten in den folgenden Jahren einen herben Rückschlag. Der König von Sachsen war hierher nach Königstein geflohen und zwei Monate lang geblieben. Er hatte Angst vor seinem treuen Dresden. »Dieses Gebäude hier, das graue mit den kleinen Fenstern, ist das Staatsgefängnis …« »Sachsens Staatsgefängnis?« »Ja – hier sitzen vier Studenten ein, politische Verbrecher.« Es kommt etwas germanisch Schwungvolles in die Stimme des Führers, während er das mit den Verbrechern ausspricht. »Sozialisten«, fügt er erklärend hinzu. Hinter ihm beginnt der Franzose zu lachen. Wir reden über den Abstieg. Es ist jetzt wirklich zu dunkel. Der Mond steht hinter treibenden Wolken hoch über den Bergen, unten im Tale glitzert und flimmert der Fluß wie eine Natter aus Eisen, die sich unlustig und träge windet. Wir würden nicht vor Mitternacht zu Hause sein. Aber der Führer versichert uns, es sei noch viel zu sehen … Zuerst dieser Platz, der Platz des Kriegsgerichtes. Ein großer Rasen, leer und nackt mit einigen weißen Pfählen. Der Schein des Mondes leuchtet hell. Man kann die Inschrift auf den weißen Pfählen lesen. – »Baron Klettenberg, 1720.« Baron Klettenberg: Jean-Hector de Klettenberg (1684–1720). Deutscher Alchemist, der nach einer Verurteilung wegen Betrugs in Königstein geköpft wurde. Er hinterließ sein Werk Alchymia denudada (1713). – »Baron Klettenberg – was heißt das?« – »Er wurde hier geköpft … 1720. Er war Alchemist und konnte kein Gold herstellen, so daß er geköpft wurde.« – – »Die anderen Pfähle – sind auch für Geköpfte – – oder Erschossene, denn jetzt werden sie erschossen.« Die Namen sind sehr leicht zu lesen. Und einen nach dem anderen studieren wir die weißen Steine mit grausam prickelnder Neugier. Unter den Eichen ist es stockdunkel. »Dort drüben liegen sie begraben«, er zeigt in das Dunkel. Wir begnügen uns jedoch damit, die Steine zu studieren. Dann gelangen wir wieder an den Rand des Felsens. Man hört nur seine eigenen Schritte. Es ist ruhig – oben wie unten, wo sich das Tal wie ein tiefer Schlund öffnet. Dann und wann ergreift ein Windstoß die Birken am Abhang – so daß ein Brausen aufsteigt wie von einem Meer, das eingeschlafen ist und schnarcht. – »Von diesem Felsen stürzte sich ein französischer Sergeant Sergeant: entspricht etwa dem Rang eines Feldwebels. hinab. Es war ein Fluchtversuch.« Es war, als ob dies niemand hörte, als wären die Worte still in der Nacht verweht. Dann fragte der Norweger merkwürdig abwesend und tonlos: »Kam er zu Tode?« »Nein, er lag zuerst zweiundzwanzig Wochen lang schwerverletzt im Lazarett. Dann starb er lange nach Friedensschluß.« – – Niemand sprach. Uns alle hatte ein eigenes dumpfes, träges Schweigen erfaßt, das mit der Stätte und dem Dunkel übereinstimmte; wir gingen hintereinander her, hielten unbewußt Gleichtakt. »Es war Heimweh«, sagte der Führer. Heimweh! Und die Erde, die er auf die Festungen des Erbfeindes schleppen mußte, und Typhus, der die Baracken der Besiegten verheerte, und das Elend, das sie entwürdigte, und der Stolz, auf dem herumgetrampelt wurde – – Das war Heimweh! Hier hatte er sich hinabgestürzt. Daß nicht noch mehr dasselbe getan haben! Es wird ungemütlich auf dem Königstein, ungemütlich, ruhig und kalt. Es ist, als ob die Felsen dem Tale drohten und die Finsternis des Tales über angstbesetzten Geheimnissen brütete. – – Dann erblicken wir den Brunnen. Sechshundert Fuß Fuß: 1 dänischer Fuß entspricht 31,38 cm; 600 Fuß sind 188,3 m. ist er tief. Man leert eine Schüssel Wasser hinab, und man wartet siebzehn Sekunden, bevor es auf den Wasserspiegel platscht … Der Brunnen ist der Stolz Königsteins. Dieser und das große Weinfaß. Weinfaß: Hier scheint Herman Bang etwas durcheinander zu bringen: Es ist nur ein Weinfaß bekannt, über das die Verwaltung der Feste Königstein folgendes mitteilt: »Auf Initiative des sächsischen Kurfürsten Augusts des Starken baute der Oberlandbaumeister M. D. Pöppelmann von 1722 bis 1725 in den Kellern der Magdalenenburg ein sogenanntes Riesenweinfaß mit 238 000 Litern Fassungsvermögen. Dieser Bau geht auf einen (nicht direkt zu belegenden) Wettstreit mit dem Kurfürsten von der Pfalz zurück, wer, aus Prestigegründen, das größte Weinfaß bauen könne. Insgesamt wurden sechs Weinfässer gebaut, drei in Heidelberg und drei auf dem Königstein. Das 1725 auf dem Königstein fertiggestellte war 4000 Liter größer als das Heidelberger und damit das größte Faß dieses ›Wettstreits‹. Mit dem Umbau der Magdalenenburg zum Proviantmagazin Anfang des 19. Jh. wurde es abgerissen; Teile (Ziervasen, Figuren) waren noch bis zum Beginn des 20. Jh. zu sehen. Heute ist nur noch eine hölzerne Ziervase mit Weintrauben erhalten. Eine gute Vorstellung vom Aussehen des Weinfasses erhält der Besucher durch den Stich Pöppelmanns (als Vergrößerung) über dem Kellerzugang in der Magdalenenburg.« (Quelle: E-Mail vom 26. 05. 08/Frau Gutsche – Festung Königstein). Aber das Weinfaß ist zerstört. Man braucht keine Weinfässer mehr, die 4000 Pot Pot: dänisches Raummaß, entspricht 0,97 l. 4000 Pot sind knapp 4000 l. Welches Faß hier gemeint ist, bleibt im Dunkeln. Das berühmte – nicht mehr vorhandene – Weinfaß auf Königstein hatte einen Inhalt von 238 000 l und wurde 1819 entfernt. umfassen. Keiner von uns sagte ein Wort, als wir den Berg hinabstiegen. Wir stiegen am »Haupt des Königs« vorbei, am Felsen des Sergeanten, am Friedhof vorbei. Der Schein des Mondes strahlte hell über Frankreichs Denkmal. Dann erreichten wir den Fluß.   [Paa en Fæstning. Nationaltidende, morgen, 17.7.1881]   Ein Sommertraum Skizze Ja, sie starb, unsere Bekanntschaft. Frag nicht, warum sie sterben mußte. Sie wurde am Tage mit einem Lächeln geboren, und wir wußten nur, daß wir uns jetzt begegnet waren; sie starb am Abend ohne ein Wort, und wir sahen nur, daß alles vorbei war. Sie sog Farbe aus dem Licht, das an das Sonnenlicht des Junitages drängte: Ihre Sehnsucht war unbestimmt und weich, sie hüllte sich in den Dunst der Sommernächte. Ein Traum, der in einem kurzen Schlummer geträumt wird, wo das Auge doch nicht schläft, ein Leben, von den leichten Nebeln eines Rausches von edlem Wein verschleiert – dies war unsere Liebe. Ein zitterndes Spinnengewebe aus Sehnsucht; von Blicken, die Fröhliche verstanden; von Lächeln, das strahlende Hoffnung weckte; von Seufzern, wo wir tief durchatmeten; von Tränen, die schnell getrocknet wurden. Aber mit Worten kann man nichts erzählen. – Denn hier verüben Worte Gewalt. Hier wird das Wort zum Barbar, der die Sprache der Götter mit fremdem Akzent spricht und beim Sprechen ihre Seele tötet. Und die Erinnerungen selbst fließen wie die Töne einer alten Melodie, in einer unbekannten Wachheit, wo nichts außer dem Bitteren bestimmt erklingt: Warum ist es vorbei? Erinnern Sie sich? Es war der letzte Abend. Wir saßen im Wintergarten der »Villa Ida« – Emma spielte. Dann erhoben Sie sich und gingen. Ich folgte dem Zeichen, schlich die Treppe hinab, an dem Jasminbusch vorbei, wo wir uns zu treffen pflegten. Sie standen schon dort: »Da kommst Du ja«, sagten Sie und traten einige Schritte vor; ich ergriff Ihren Arm, und wir gingen den Gang hinab. Wir hatten nicht gesprochen, aber plötzlich sahen Sie auf: »Warum küßt Du mich nicht?«, fragten Sie. Dann begannen wir beide zu reden, und während wir zum Wasser hinabgingen, drückte ich mit meinen brennenden Händen Ihren Kopf gegen meine Schulter. Wir lachten über das Spiel des spiegelnden Wassers mit den Pfählen des Badehauses – die Schatten glichen Vogelscheuchen, die im Sund schwammen – wir lachten über den Lärm unserer eigenen Schritte auf der Brücke, über die Fahne, die am Bootsmast schlaff herabhing … es war alles so lächerlich geworden. Und während Sie den Kopf zurückwarfen und lange auf den Sund hinaussahen, der im Licht der Julinacht schimmerte, sagten Sie: »Hier ist es eigentlich nicht schön, wenn der Mond nicht scheint.« Wir setzten uns ins Boot. Ich saß mit dem Gesicht zu Ihnen; vielleicht war mein Ausdruck traurig, denn Sie sahen verstohlen hoch; beugten sich über das Boot von mir weg und spielten mit den Händen im Wasser … Oben in der Villa spielte Emma immer noch, der Sommerwind führte einige sinnlose Fetzen ihres Walzers über das Wasser … Schatten glitten in der erhellten Veranda vorbei. Plötzlich ertappte ich mich dabei, die Melodie zu pfeifen … Und Sie spielten weiter mit dem Wasser … Worüber wir sprachen? Ich erinnere mich nicht. Aber unsere Worte flogen auf, ängstlich, um dieses Unsagbare kreisend, als wollten sie fliegen; sie jagten einander in kurzatmiger Hast und fielen tot in die Sommernacht; denn keiner von uns hörte zu. Sie schöpften Wasser in Ihre Hände und ließen es plätschernd durch die ausgestreckten Finger rinnen – nahmen dann wieder Wasser in die hohle Hand. Und unsere Worte wurden unruhiger. Wie jene Vögel, die die Schlangen unter ihrem Blick versteinern ließen, schlugen diese hastigen Sätze um Dies und Das hilflos mit ihren Flügeln, während sie ängstlich darauf starrten, was kommen mußte. Mitten in dieser Hast erhoben Sie plötzlich den Kopf, und während sie die Arme hoben, so daß das Wasser wie ein Strom schimmernder Perlen von Ihren Händen fiel, sagten Sie unbeschreiblich müde: »Ach, wie das Leben doch trist ist!« Und wir wußten beide, daß dies der Grabgesang unserer Liebe war. Als wir die Brücke verlassen hatten und ein Stück in den Garten hinausgegangen waren, drehten Sie sich zu mir, reichten mir die Hand und versuchten zu lächeln: »Gute Nacht!« sagten Sie. – Ich ergriff nur Ihre schlaffe Hand und hielt sie in meinen Händen fest. Ihre Hand zitterte leicht. Dann gingen Sie schnell weg. Ich sah Ihre helle Gestalt den Gang hinuntergleiten, wie einen Fliehenden … und ohne es zu merken, begann ich laut zu lachen. Ich glaube, Sie drehten sich beim Laut dieses merkwürdigen Lachens um. Ich reiste ab. Ich floh vor der Leere, die auf mich lauerte, folgte einem unruhigen Drang aufzubrechen, abzubrechen, dem einen Schlußstrich zu setzen, das vorbei war. Und vor allem … ich mußte weg. Und ich reiste ab. Überall aber bewegte ich mich wie ein Schlafwandler. Nicht wie die Verliebten; ich starrte nicht auf Ihr Bild wie auf ein Medium, das in einen Dämmerzustand verfällt, während es unverwandt auf die Perle starrt. Aber alles, was ich erblickte, blieb mir dauernd weit weg, und was ich hörte, war so summend undeutlich … Aphrodite von Melos Aphrodite von Melos: auch Venus von Milo. Eine der berühmtesten antiken Skulpturen, wahrscheinlich von Alexandros von Antiochien zwischen 130 und 100 v. Chr. erschaffen. Sie wurde 1820 auf der Insel Melos gefunden und befindet sich im Louvre in Paris. tagsüber, der Lärm der Boulevards bei Anbruch des Abends, der Strom der Töne in den heiligen Messen, das gedämpfte Seufzen der Flüsse in ihrem gleitenden Fluß. Ich sah und sah nicht – vernahm und hatte nichts vernommen. Denn eine alte Weise verfolgte und peinigte mein Ohr. Dann kam ich wieder nach Hause; es war hier Herbst geworden. Es war ein Morgen wie an einem Junitag, mit diesiger Luft über den großen Rasenflächen des Platzes. An den Bäumen des Örstedparks hing das Laub feucht und schwer, glänzend wie im frühen Frühjahr … als ob die Natur mit den gelben Blättern einen alten Traum träumte. Dann mußte ich weg. Eine Art Fieber von Sehnsucht und unstillbarem Begehren erfüllte mein Blut … Ich mußte die »Villa Ida« nur noch einmal sehen. Ich reiste ab, sobald ich konnte. Der Tag war schon angebrochen, aber der Dunst des Morgens lag noch wie eine Wolke, die die Klarheit des Herbsts verschleierte, über dem Wald, der gelb flammte, und Hügel, Höhen und Landstreifen erstreckten sich am hellen Horizont in einschmeichelnder Zartheit. Die Luft war feucht und mild. Sie kennen die nordseeländischen Seen … dunkel, blau und tief, glitzernd wie tränenerfüllte Augen, lagen sie im Herbstlicht, während wir schnell an ihnen vorbeifuhren. Wir hielten am Bahnhof bei L. Hier waren wir im Sommer oft spazieren gegangen. Wir kamen am Abend herab, gingen durch den Wald zu Brücke mit dem weißen Boot. Wie doch der Weißdorn duftete! Dieser duftgeschwängerte Wohlgeruch legte sich unter die niedrigen Bäume, fast zu würzig und schwer. Und während ich den Weißdorn, der Ihre Wangen streifte, zur Seite hielt, atmeten Sie lange durch die geöffneten Lippen und flüsterten: »Hier wird man vor Glück krank.« Wenn wir aber zur Brücke kamen, setzten Sie sich auf die kleine Bank am See, der wie ein dunkler Spiegel unter den Erlen schimmerte. Draußen aber glänzte das Wasser rötlich. Wir hörten beide auf das schwache Plätschern, und wenn wir sprachen, flüsterten wir, um die Stille des Sommerabends nicht zu stören. Dann erhoben wir uns, und während wir dem See entlang nach Hause gingen, erzählten wir einander tausend Dinge. – Jetzt sieht man dort unten die Brücke. Der See schaukelt einige verwelkte Blätter um das weiße Boot … Wir sausen am See bei L. nach S. vorbei. – Es war gegen Mittag, als ich den gewohnten Weg zur »Villa Ida« vom Bahnhof aus der Hecke entlang zum Sund hinunter ging. Ich gelangte zum Gattertor … das Tor, wo – Sie erinnern sich. – Wir waren in der Sonnenhitze weit über das Feld gegangen, und Sie hatten es heiß … Sie hatten die Handschuhe ausgezogen und hielten die Hände in die Luft, um die Durchblutung zu verringern. Wir sprachen kein Wort, wir rackerten uns mit dem Sand auf dem Weg ab und fühlten die Mittagshitze schwer. Dann begannen Sie plötzlich zu laufen. »Wer schafft es zuerst – wer schafft es zuerst zum Gattertor?« … Ich rief, um Sie zum Halten zu bringen – aber Sie liefen weiter … Dann rannte ich hinterher. Aber Sie hatten zu großen Vorsprung. Immer wieder drehten Sie sich um, und ich sah ihr Gesicht rot werden, während Sie liefen … Sie stießen einen Freudenschrei aus, als Sie das Türchen erreichten, öffneten es, stürzten in den Schatten. Als ich das Gatter erreichte, lagen Sie keuchend auf dem Moos unter der Buche; flach, erhitzt; ich bekam Angst vor dem Glanz in Ihren Augen. Ich beugte mich zu Ihnen hinunter, wollte etwas sagen. Sie aber, Sie erhoben auf einmal Ihren Blick, lächelten und legten beide Arme um meine Schulter … Dies war das erste Mal … Nun biege ich von dem Gattertor in den Garten. Wie öde es hier ist! Kein Fußtritt, nichts … Die großen Weinlaubszweige in dem grünen Lusthaus liegen verwelkt, auf den Steintisch geworfen. Fährt ein einzelner Windzug durch den Garten, lösen sich still und leise ein paar gelbe Blätter, die schwer und lautlos auf die Erde schweben. Gamle Martha öffnete mir. Sie sah mich erstaunt an, als ich bat, in die Stube gehen zu dürfen. Wie doch meine Schritte auf den vertrauten Fliesen laut hallten! Die Luft war stickig und voller Staub. Alles war geschlossen, zugemacht. Und mir schien, alle diese weißen Tücher über den Stühlen glichen Leichentüchern, die mir Angst einjagten. Dies war die Leichenkammer des Sommers. Die Möbel waren in einer Ecke aufeinander gestellt. Die Bilder waren abgehängt und an die Wand gelehnt … Ich öffnete den Flügel: Die Feuchtigkeit hatte ihn in Beschlag genommen, die Töne waren dünn, verstimmt … Ich schlug einige Akkorde an, einen Satz aus Ihrem Walzer, aber die Töne erklangen unter meinen tastenden Händen unklar und körperlos, während sie im Filz verklangen. Dann fielen die Hände schlaff herunter, und der Kopf sank gebeugt auf die Tasten. Die Dämmerung hatte sich im Raum breitgemacht: Ich ging hinüber zur Tür und öffnete sie. Das Wetter war unfreundlich geworden. Die Kälte des Oktoberabends war bereits angekommen. Die Sonne ging draußen hinter einem Meer von dunklen, grauen Wolken unter. Vor mir lag der Strand mit seinem Sand; der Sund wogte träge und schwer … An jenem Abend – hinter uns im Wohnzimmer spielte Ihre Schwester Ihren Walzer mit weichen, wiegenden Tönen; wir standen Hand in Hand unter dem Laubdach, die Sommernacht war ruhig und kühl … »Hörst Du«, sagten Sie, »hörst Du, sie spielt von der Liebe«. – »Ja, von der Liebe«. Dann schlug Ihre Schwester plötzlich den Flügel zu. »Der ist langweilig«, sagte sie, »dieser Walzer«. Sie aber sahen zu mir auf und lächelten. Ich gehe die Treppe hinab, biege zum Gang hin ab. – Das Spätjahr rüttelt an der großen Hainbuche. – Ich wende mich nicht um.   [En Sommerdrøm. Nutiden i Billeder og Text, 18.12.1881]   Fest der Erinnerungen Weihnachten ist das Fest der Erinnerungen. Erinnerungen aus unserer Kindheit knüpfen sich an den Namen. Erinnerungen an damals, als wir nach Weihnachten fragten, sobald die Abende länger zu werden begannen und Mutter sagte, es dauere noch lange, sehr lange. Aber das erste Zeichen, daß es nun bald so weit war, erhielten wir, wenn die großen Steingutkrüge aus der Speisekammer geholt wurden und Mutter Berge von Butter und Mehl abwog und sie in dem großen Trog zu »braunen Kuchen« knetete. Denn wenn der Teig geknetet war, kam er in die Krüge, die dann in der Speisekammer mit Deckel drauf standen, aber es war noch lange hin bis Weihnachten. Denn der Teig mußte zuerst gehen. Gelang es einem jedoch, in die Speisekammer, wo die Krüge standen, zu schlüpfen, lupfte man den Deckel ein bißchen um zu sehen, ob der Teig ging … dann wußte man: Nun war es bald so weit, daß gebacken wurde. Sonst würden die Kuchen weich, sagte die Köchin. Aber man merkte es auch sonst überall: Es gab immer etwas eilig im Nähkorb zu verstecken, und es kamen so viele Päckchen, daß Mutters Nähzimmer abgeschlossen wurde: Die Weihnachtssachen lagen dort auf dem Sofa. Zuletzt wurde sogar etwas in das Schlüsselloch gestopft, so daß man nicht hindurchschauen konnte, und dann wußte man, der Weihnachtsbaum war da. Man begann, abends früh zu Bett zu gehen, um die Zeit herumzubringen. Eine ganze Woche lang hatten sie die Herzen und die langen Streifen aus Seidenpapier ausgeschnitten, die mit der Papierschere ausgeschnitten werden müssen, und die Tüten aus Glanzpapier. Aber die Herzen zu flechten, ist das Schwierigste, das kann nur die Mutter. Minna sitzt mit der kleinen Stickschere und weint, weil sie sich in die Finger sticht. Fritz sagt, sie mache nur das Papier kaputt. Hatte man aber noch Geld im Sparschwein, mußte man los »um einzukaufen«. Es ist so voll beim Krämer und so hell, Licht ist in allen Ballons unter der Decke angezündet, und Weihnachtsbäumchen stehen auf den Tischen und Lampen hinter allen Puppentheatern. Es gibt beim Krämer so viel zu sehen. Wenn wir dran kommen, fragt der Geselle, wieviel wir haben und zählt das Geld. Wir hätten gerne die drei Mark und sieben Schillinge aufgerundet. Drei Mark und sieben Schillinge: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8 €. Dann fragen wir nach den teuersten Sachen, gehen aber schließlich mit einer Spule aus Horn für die Köchin Marie und einem kleinen Apfel, um Fäden für Hanne zu wachsen Faden wachsen: Fäden rieb man mit etwas Wachs ein, damit sie leichter durch den Stoff glitten. … Am nächsten Tag ist Backtag. Wir haben Mutter nie so früh aufstehen sehen. Es ist so dunkel, daß sie Licht angezündet hat, während sie Tee trinkt und vor dem Spiegel steht, um ihre weiße Schürze zu binden, eine große Schürze. Dann konnten wir das Klappern und Poltern aus der Küche hören, sowohl Mutter als auch Hanne und Marie sind draußen, sie lachen und singen und haben viel zu tun. Aber wir sollen den Tee im Bett trinken; denn dann hat man so lange vor uns Ruhe. Dann bekommen wir Teig in das Eßzimmer und formen »S« und Herzen und Frauen mit Rosinen als Augen und einer braunen Mandel als Nase. Minna heult, weil Fritz ihren »Mann« einen ekelhaften Juden nennt. Abends kommen alle Kuchen auf weiße Platten, und Mutter sondert die angebrannten aus und legt die anderen in die Blechdose. »Weihnachten ist lang«, sagt sie. Dann wiegt sie für die Armen Reis ab und Zucker in Tüten aus Zeitungspapier und legt zwölf braune Kuchen auf jedes Päckchen und ein Paar Strümpfe und einen Rock. Dies ist für die Alten, aber wenn die Pakete zum Heim weg sollen, bittet sie uns um Spielzeug und sagt, kein Ding sei zu gut. Jeder geht seine Spielsachen holen und wetteifert, das beste herzugeben, so daß Mutter schließlich sagt: »Jetzt ist es aber genug!« »Ach, nur noch das!«, sagen die Kinder. Und wenn wir dann zu Bett gehen, ist morgen Weihnachten. Den ganzen Tag hat sich Mutter in ihrem Nähzimmer eingeschlossen, und die Kinder sitzen jedes in seiner Ecke, verpacken die Geschenke in Konzeptpapier und sprechen nicht mit den anderen. Zehn Geheimnisse verstecken sich hinter jedem Mund. Nachdem man alles eingepackt hat, es wieder aus- und dann wieder eingepackt hat, springt man im Eßzimmer herum und spielt alles Mögliche, das man schnell wieder satt hat. Und man kann nicht verstehen, daß es nicht einmal eine kleine Ritze in der Tür zum Nähzimmer gibt, und dann alle diese Baumwolle im Schlüsselloch. Manchmal kommt Mutter heraus, aber sie ruft zuerst von drinnen, bevor sie die Tür öffnet: »Geht von der Tür, Jungen!« Und sie schließt sie sofort wieder: Was sie im Sekretär holt, verbirgt sie in der Schürze. Hanne kommt hereingestürzt, und Mutter hat es eilig, im Buch des Postboten zu unterschreiben, um die Kiste aus Kopenhagen zu bekommen, die Kiste von den Großeltern, und man kann hören, wie Mutter im Nähzimmer mit Papier raschelt, während sie sie auspackt. Es ist immer das Allerbeste, was die Großeltern schicken. Wenn alles fertig ist, zieht Mutter sich an. Die Glocken drüben in der Kirche haben zu läuten begonnen. Wenn man das Gesicht gegen die Scheibe drückt, kann man die Leute draußen auf dem Marktplatz sehen; sie haben es eilig, der eine mit einem Baum, der andere mit einem Paket. Die meisten wollen zur Kirche – die großen Kirchenfenster leuchten über den ganzen Markt hinweg auf den Schnee. Dann gehen wir an Mutters Hand in die Kirche. Wir haben die Lieder schon im Dunkeln gesungen, so daß wir sie gut können. Aber hier drinnen braust der Gesang auf wie eine Woge, man bekommt fast Angst, obwohl es so schön ist. Und dann die Lichter und Tannenzweige auf allen Sitzen und Menschen, die alle singen! »Mutter«, sagt Minna, »Mutter – Mathiesen singt auch.« »Ja.« Aber Minna kann nicht verstehen, daß Mathiesen singen kann, der dicke Bierbrauer mit dem roten Gesicht, und sie schaut dauernd sein Mondgesicht und seinen riesigen Mund an, der den Gesang wie ein dumpfes Grollen hinausdonnert. Und sie fragt wieder: »Mutter – aber warum singt denn Mathiesen?« »Weil das Christkind geboren ist, Minna«, sagt Mutter. »Deswegen freut er sich.« Wenn aber das Singen zu Ende ist, trocknet sich Mathiesen mit einem roten Taschentuchwegen der Hitze. »Mutter«, fragt Minna ganz leise, »wird er jetzt predigen?« »Ja – da oben steht er ja schon …« Viele große, runde Augen richten sich auf den Pfarrer. Und sie sitzen still, die ganze Zeit unbeweglich, ohne sich zu rühren, denn gestern abend, als sie alle in der Ecke hinter dem Klavier saßen und Mutter ihnen vom Jesuskind erzählte, sagte sie: »Wenn man nicht still sitzt, wenn der Pfarrer predigt, wird Gott böse.« Still wie ein Mäuschen sitzt man da, bis man wieder zu singen beginnt, und noch lange danach. Schließlich aber schielt Minna zu Mathiesen hin, ein klein bißchen. »Mutter«, flüstert sie, »jetzt singt Mathiesen nicht.« Und kurz darauf flüstert sie wieder: »Mutter – Mutter …« »Minna, pst, sitz still! …« »Ja aber, Mutter, Mathiesen schläft.« Dann stimmt der Pfarrer ganz oben in der Kirche den Gesang an, die Orgel braust, und wie schmuck er aussieht, der Pfarrer, dort oben bei den vielen Lichtern. Minna aber drückt sich an Mutter: »Kommen jetzt die Engel?« fragt sie. Zuhause kann man nichts essen, weder von der Grütze noch von der Gans oder von sonst etwas. Aber Vater sagt, es gäbe kein Weihnachten, wenn man nicht aufäße. So versteckt man die Reste unter seiner Gabel … Mutter soll die Lichter anzünden. Vater erzählt drinnen in der dunklen Stube Geschichten, aber aller Augen richten sich auf die Tür des Nähzimmers, und man muß hin- und hergehen und auf den Beinen vor- und zurückhüpfen. Endlich kommen Hanne und Marie in ihren schwarzen Kleidern herein und bleiben bei der Tür zum Eßzimmer stehen – und dann sagt Mutter von der Tür her: »Jetzt, Kinder!« Wie sie zu ihren Tischen stürmen! Und der Baum – ach, wie behängt er ist! Ach, und der Wichtel auf der Spitze, der mit dem Kopf nicken kann. Der kommt von Großvater. »Mutter! Ich habe doch einen Säbel bekommen!« … »Mutter … Mutter … Die Puppe kann ›Mama‹ sagen!« Am Weihnachtsmorgen werden wir wach und stürzen uns auf das Spielzeug und die Süßigkeiten; wir sind, lange bevor es hell geworden ist, wach. Hanne bringt die Sachen ans Bett, und wir bekommen Tee mit Weihnachtsgebäck, und wenn Leute kommen um »Frohe Weihnachten« zu wünschen, bekommen wir Schokolade. Vater hat Angst wegen Bauchweh, aber Mutter sagt, es sei nur einmal Weihnachten im Jahr … Und dann kommt Neujahr! Wie man doch auf dem Marktplatz schießt, und wir bekommen so viele Töpfe an die Tür Töpfe an der Tür: Es handelt sich um Tontöpfe (meist beschädigt), die Jugendliche am Neujahrsabend an die Haustüren warfen, um Lärm und Radau zu machen; das ist ein alter Neujahrsbrauch in Dänemark gewesen. und einen an die Küchentür, so daß Hanne fast ohnmächtig wird. Es ist Maries Verlobter, der ihn geworfen hat. Um 12 Uhr gibt es Punch, und dann sagt Vater, es sei jetzt eigentlich vorbei. Es dauert aber noch mindestens acht Tage, bis wir zur Schule müssen, und wir müssen auch noch zum Klubball … »Du verdirbst die Kinder«, sagt Vater. »Ach was! – an Weihnachten, Karl«, und Mutter küßt seine Sorge weg. »Denk daran, als wir selbst Kinder waren.« So ranken sich um den Weihnachtstag glückliche Erinnerungen, die selbst den Sinn des Kranken erquicken; sie machen den Reichen wohltätig, den Armen dankbar. Deswegen vermehren sich die guten Taten zur Weihnachtszeit, und alle erhalten ihren Teil am Fest. Man stellt Weihnachtsbäume in den Sälen der Krankenhäuser auf, und die Kranken, die nicht gehen können, trägt man hinein, damit sie die strahlenden Lichter sehen können. Für viele von ihnen ist es der letzte Christbaum. Man holt arme Kinder, die überall in den Gassen und Straßen herumstreunen, und gibt ihnen Essen und Kleidung. Und draußen, wo man Tag für Tag hungert, richtig elendig hungert, ohne ein Stück Brot zu besitzen, da bekommt man heute etwas zu essen und muß nicht hungern – auf jeden Fall an diesem einzigen Tag. Dem Unglück, das man kennt, will man so gerne abhelfen. Und gibt es still Trauernde, deren Schmerz man nicht kennt, und denen man auch nicht helfen kann, selbst wenn man sie kennte – so schenkt man doch ihnen und ihrer Trauer einen milden, mitfühlenden Gedanken. Denn die Erinnerungen stimmen den Sinn milde.   [Mindernes Fest. Nationaltidende, morgen, 25.12.1881]   Thora Eine Pfarrhofgeschichte von Herman Bang Die Zeit war im Pfarrhof immer still dahingeglitten. Der Winter kam und wirbelte in dem kleinen Garten die Schneewehen zusammen, so daß man nicht zur Friedhofsmauer und dem Tor kommen konnte, und die Krähen schrieen auf den roten Turmzinnen vor Hunger; der Winter ging dahin und glitt ins Frühjahr über, mit den Veilchen unter der Haupttreppe und sprießendem Grün auf den runden Rasenflächen und lärmenden Starenpaaren in allen Vogelkästen an der Scheune. Und dann erblühten der Weißdorn und der Flieder, der über den Zaun beim Spargelbeet hing, und der Goldregen vor dem Teehäuschen und alle Kirschbäume drüben im Obstgarten. Dann war es für die Rosen an der Zeit, und sie dufteten mit den Reseden um die Wette, so daß man weder drinnen noch draußen atmen konnte, und drüben vom Friedhof stiegen Buchsbaumduft und der Duft blühenden Goldlacks und schwarzen Holunders auf. Stachelbeeren und rote Johannisbeeren reiften, und in den Erdbeerplantagen längs der Gartenwege wurden die großen Früchte rot. Dann war der Sommer vorbei, und die Dahlien mitten im Rasen kämpften gegen Wind und Wetter, die Astern erfroren, während die gelben Blätter der Bäume unruhig wurden und längs der Mauern in Sturm, Regen und Nebel zu tanzen begannen. Dann versammelten sich die Vögel auf den Kirchtürmen und zogen in großen Scharen fort, so war es wieder die Zeit der Krähen und der Schneewehen, die sich längs der Friedhofsmauer vor die kleine Pforte legten. Der Dorfteich fror zu, und der Schnee legte sich über die weiten Felder und längs der hohen Hecken, wo die Vögel sich ob der Teuerung berieten. Das Jahr war um. Und das neue glich dem alten und das alte dem neuen. So war auch hier im Pfarrhof für Thora die Zeit hingegangen. Einsam war es geworden, seit die Mutter gestorben war und sie mit dem Vater allein blieb, der schwächlich war und immer im Studierzimmer hinter dem Eßzimmer saß, wo er in alten Büchern aus der Stiftsbibliothek kramte und nur zu den Mahlzeiten erschien, oft mürrisch und wegen seines schlimmen Kopfwehs mit nassen Tüchern auf der Stirn. Aber Thora fühlte die Einsamkeit nicht so sehr. Sie hatte immer eine eigene Fähigkeit gehabt, sich zu beschäftigen, im Haus war sie fleißig. Und dann liebte sie die Natur um sich herum mit einer praktischen Liebe; sie verstand es, aus allem Nutzen zu ziehen und sich über alles zu freuen, was es gab. Im Winter, wenn der Nachtfrost kam, ging ihr erster Gang zum Dorfweiher, um zu sehen, ob das Eis dick genug und tragfähig war; wenn es so weit war, lief sie den halben Wintertag Schlittschuh. Die Kälte verlieh ihren Wangen Farbe und ihren Augen Glanz. War der Winter jedoch vorbei, schaute sie jeden Tag unter der Gartentreppe nach dem ersten Veilchen, und im Mai freute sie sich dann über jeden Spargel, der seinen weißen Kopf aus dem großen Beet unter dem Flieder steckte. Der erste Tag, an dem die Gartentür offen bleiben konnte, war für Thora ein Fest. Die erste Rose, die sie an ihr Kleid stecken konnte, war ihr ein Ereignis. Jeden Tag sah sie nach, wie es ihren Lieblingsblumen ging und ob die Kirschen röter geworden waren. Immer gab es etwas nachzusehen und sich darüber zu freuen. Selbst über den Herbst, wenn die Doppelfenster im Wintergarten eingesetzt wurden und die dicken Vorhänge den grauen Tag fast zur Nacht werden ließen, kam sie hinweg. Sie ließ das Obst pflücken und verwahrte es. Sie verteilte Äpfel und schickte welche weg. Dann kam die Zeit des Schlachtens mit ihrem ganzen Umtrieb und Weihnachten mit seinem Trubel. Außerdem hatte sie immer noch ihre Hecken. Eigentlich war es eine flache, unschöne Gegend; große, weite Felder mit unendlichem Horizont; weit zum Wald und keine Hügel. Aber dort auf den langweiligen Feldern erstreckten sich die Hecken mit ihren Büschen wie lange Erdwälle weithin. Sie liebte die Hecken. Diese Liebe hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Die Frau des Pfarrers war dort so lange, wie sie hier in der Gegend lebte, spazieren gegangen; und oft erschraken die Bauern, wenn sie an Winterabenden im Mondschein den langen wandernden Schatten erblickten, der über die weiten Felder strich. Als Thora etwas älter wurde, ging sie mit, und diese Stunden an den Hecken wurden für Mutter und Tochter die schönste Zeit des Tages. Bei mildem Wetter, wenn sie ruhig nebeneinander gehen konnten, erzählte die Mutter Geschichten. Es waren stolze Märchen von den goldenen Wolken im Westen, die mächtige Schlösser erbauten; von dem schwimmenden Meer des Himmels; von den Sternen der Milchstraße, die in den wunderschönen Gürteln der Feen zu funkelnden Steinen wurden; von Riesen, die mit den grauen Wolkenmassen wie mit Bällen kämpfen. Aber das Märchen ging selten glücklich aus. Drinnen im mächtigen Schloß saß die Prinzessin gefangen und wartete, aber der Königssohn, der mit Fackeln und Tausenden Lichtern über dem dunkelblauen See kommen sollte, um die Tore zu öffnen und die Prinzessin ins Boot zu heben, – er ließ die Prinzessin warten. »Warum kommt er nicht?« fragte dann Thora. »Er hält Hochzeit mit einer anderen, Kind.« »Warum?« »Weil – ja, ich weiß es nicht. Jetzt ist die Geschichte ja vorbei.« »Ja, Mutter, denn sie stirbt vor Gram, die Prinzessin Abendwolke, kannst du glauben.« »Vielleicht.« Die Frau des Pfarrers war zart und schmächtig. Man könnte annehmen, sie sei aus einem anderen Land gekommen, so dunkel und anders war sie, und so schlecht vertrug sie das Klima. Sie war kränklich, und bald konnte sie Thora nicht mehr zu den Hecken folgen. Aber dann mußte Thora, wenn sie heimkam, ihr von den Wolken, dem Abendrot und den wechselnden Schatten der Bäume erzählen, und drinnen in der Wohnstube erzählten sie das Märchen von der Prinzessin erneut. Auch nachdem die Mutter gestorben war, ging Thora weiter den Hecken entlang der Felder, sowohl sommers wie winters, im Sonnenschein als auch bei allem möglichen Wetter. Gerade das war es, was die ewige Veränderung ergab. Es war immer etwas Neues. Etwas Neues bei Sturm, wenn sie sich mit einem Tuch um den Kopf dem Sturm entgegen stemmte, einem Tuch, weil der Wind einen Hut weggerissen hätte. Dann trieben die Wolken in hoher Fahrt über den Himmel und glichen Riesen, die dahinflogen, und Bergen, die zusammenstürzten. Und Thora sah, wie alle verheerenden Züge der Berserker Berserker: (d.h. in Bärengestalt auftretend), in der nordischen Mythologie halbmythische Gestalten in Norwegen und auf Island, Leute, die die Kraft von zwölf Männern hatten, wenn die Raserei über sie kam. Daher Bezeichnung für ungeschlachte, wütende Menschen. und Asgaardsgeister Asgaardsreien: (auch Oskoreien), eine Schar von Geistern, die nach weit verbreitetem südnorwegischem Volksglauben nachts lärmend durch die Luft über die Gegend jagen, besonders Donnerstag nachts und am Weihnachtsabend, wo sie das Fest zerstören und Menschen mit sich reißen. Eine Verbildlichung der heftigen Winterstürme, die oft durch die engen Schluchten Telemarkens rasen. über den Himmel stürmten. Sie ging zur Hecke, wenn der Schnee in dichten Flocken schwer auf die Erde fiel, und sie glich einem Schneemann, wenn sie zum Pfarrer, der sie ausschimpfte, heimkam; sie ging hin, wenn der Regen ihr Gesicht peitschte, so daß es auf ihrer zarten Haut brannte. Aber sie spürte es nicht, denn sie hielt mit ihren Träumen Zwiesprache, die sie den langen Tag hindurch bis zu diesen Stunden aufsparte, wo sie alleine auf den verlassenen Feldern war. Der Vater und sie sprachen ja nicht viel miteinander, und andere Gesellschaft suchte sie nicht. Hier waren ihre Träume. Lange waren es die Erzählungen der Mutter, die wiederkamen. Die Geschichte von der Prinzessin draußen im Westen, in dem goldenen Schloß, dessen Zinnen im Schein der untergehenden Sonne leuchteten. Aber Thora veränderte das Märchen. Sie meinte, der Schluß sei zu traurig. Sie könnte sie genauso gut glücklich machen. So hielten sie Hochzeit in dem schönen Schloß, alle Scheiben glänzten, und Tanz fand im Rittersaal statt; wenn die Lichter in der Burg erloschen waren und Thora nach Hause ging, fuhr der schöne Sohn des Königs mit seiner jungen Braut im blumengeschmückten Boot durch das Himmelsmeer im Glück des Morgenrots. Aber zu anderen Zeiten wieder meinte sie auch, dieses Glück sei nur langweilig. Es müsse großartiger sein. Dann ließ sie den Königssohn im Kampf gegen die wilder Berserker fallen. Sieg verschaffte sie ihrem Bräutigam, der aber teuer erkauft war, denn es war sein Leichnam, den sie über den dunkelblauen Himmel brachten, in das erleuchtete Schloß, wo sie ihn in ihrem Brautkleid erwartete. So änderte sich das Märchen. Aber im Lauf der Jahre entglitt ihr das Märchen. Ihre Träume hatten keine solchen Bilder mehr. Sie wurden nur zum Meer, in dem sie zitternd ertrank. Und wenn sie die Tränen ihre Wangen herabfließen spürte, wußte sie nicht, warum sie geweint hatte, und manchmal, wenn sie zu singen begann, fragte sie sich selbst, woher der Gesang wohl käme, denn sie glaubte, die Melodie nicht einmal zu kennen. Sie träumte nichts Bestimmtes mehr. Aber manchmal konnte die Schwere des Sommerabends mit ihrem Duft süßen Klees, der über die Felder wogte, und mit ihrer Luft, die von dem Staub der weißen Landwege gesättigt war, plötzlich auf sie hereinstürzen, so daß sie eigentümlich müde und unruhigschwer wurde. Dann setzte sie sich an die Hecke, und Stunde um Stunde saß sie dann dort, ihre großen Augen gen Himmel gerichtet, und sie führte träumerisch das Gespräch mit den gleitenden Wolken und mit den Blumen des Feldes und den sich wiegenden Weiden der Hecken. Sie gaben ihr Antworten, und tausend Dinge hatten sie zu flüstern und tausend Dinge anzuvertrauen. Wenn sie aber aus ihrem Traum erwachte, wußte Thora nicht mehr, was sie erzählt hatten. Sie sah nur, daß die Sonne längst untergegangen und Tau gefallen war. Die brennenden Wolken waren erloschen. Dann ging sie still nach Hause. Oft aber hatte sie Lust, den Vater über das eine oder andere zu befragen. Doch die Frage entglitt ihr und blieb weg, sie wußte ja nicht einmal, was sie wissen wollte. Aber sie fühlte sich unruhig, und ihre Brust war voll. Sie begann, viele Gedichte zu lesen. Aber alle ihre Stimmungen trieben nur wie gekenterte Boote in dem Meer, das von ihren Sehnsüchten erfüllt war. Als Thora achtzehn Jahre alt geworden war, geschah es hin und wieder, daß ihren Lieblingsblumen Wasser fehlte, und daß sie den langen Sommernachmittag mit den Händen im Schoß unter dem Jasmin bei der Mauer verbrachte. War sie dort lange genug gesessen, fuhr sie auf und drängte nach Luft. Es wurde in dem kleinen Garten an der Friedhofsmauer allzu drückend. Sie ging dann oft unruhig in den Gängen umher; hatte sie an einem Tag ihre Pflichten vergessen, warf sie sich heftig und mit Vorwürfen auf ihre Arbeit – um am übernächsten Tag wieder unruhig, beklommen mit untätigen Händen unter den duftenden Jasminen zu verweilen. Und Thora war ja fast immer alleine. Es gab nicht viele Familien in der Gegend, und der Vater war zu schwächlich, um sich mit jemandem abzugeben … Es war an einem Abend im Juni. Der Tag war heiß gewesen, nun hatten Dunst und Nebel die große Ebene in einen schwimmenden See, dessen Wellen sich hoben und senkten, verwandelt. Über dem Dunst hing der Himmel verschleiert. Es war, als atmete die Nacht feucht über der Erde. Aber aus dem tausendfachen Schleier des Dunstmeeres erhoben sich die Weiden der Hecke wie Gespenster im Zwielicht. Thora hatte sich unter einige Büsche gesetzt. Den Kopf in der Hand saß sie da, still hinausstarrend, öffnete aber immer wieder ihre Lippen und sog die Feuchtigkeit der Luft ein, oder sie legte ein abgerissenes Blatt auf den Mund und ließ es mit seiner kalten Fläche sachte über ihn gleiten. Es war spät geworden, als sie sich erhob um zu gehen. Sie beeilte sich deswegen, aber als sie an eine Biegung der Hecke kam und einen Busch zur Seite drückte, um vorbei zu kommen, fuhr sie durch ein »Guten Abend« zusammen, und unter dem Busch erhob sich ein junger Mann. »Wer ist da?«, fragte sie atemlos. Der Fremde lächelte. »Das Fräulein ist erschrocken«, sagte er. »es ist auch ziemlich dunkel geworden.« Thora atmete tief durch, begann selbst zu lachen und sagte: »Ja, es ist sehr dunkel geworden.« Sie wollte mit einem Gruß vorbeigehen, aber der junge Mann versperrte ihr den Weg und sagte: »Das Fräulein sollte meinen Namen erfahren. Theodor Ström, mit Verlaub. Und Sie sollten heute abend nicht mehr erschreckt werden. Ich will lieber zum Pfarrhof mit Ihnen gehen.« Thora antwortete nicht. Er aber begleitete sie nach Hause. Er erzählte auch, daß er auf seiner Wanderschaft hierher gekommen sei und in der guten Stube des Gemeindevogts Unterkunft gefunden habe; er sprach von der Schönheit der Gegend und der Sommernacht, die sich über die schwimmenden Felder gelegt habe. Er habe nicht geglaubt, daß diese Gegend so schön sei. Thora gab keine Antwort. Sie lauschte dem Klang seiner Stimme, manchmal legte sie die Hände flüchtig vor ihre Augen und blieb stehen. Das sei noch der Schrecken, sagte sie sich. Dann kamen sie nach Hause, und sie trennten sich. Am nächsten Tag erfuhr Thora, daß der Fremde Kandidat Kandidat: Bezeichnung einer Person mit abgeschlossener Hochschulausbildung. sei und beim Gemeindevogt wohne. An diesem Abend aber ging sie nicht zur Hecke. Das war seit langer Zeit das erste Mal. Der Pfarrer begegnete ihr im Garten. Sie saß auf der Bank am Wege. »Du bist nicht bei den Hecken«, sagte er. »Nein, ich habe viel zu tun«, sagte sie. Sie aber blieb dort unter dem Flieder sitzen, noch lange, als es schon dunkel geworden war. Der Weg lag direkt vor der Steinmauer. Ein einziger Dorfbewohner kam vorbei, erblickte den Schatten unter dem Flieder, zog die Mütze mit einem: »Guten Abend!«. Thora antwortete mit einem Kopfnicken. Nach und nach wurde es ganz still. Aus dem Dorf hörte man das Schlagen von Türen. Drüben beim Gasthof rollte der letzte Wagen aus dem Stall. Aus dem Kirchturm flog kreisend eine Eule über den Weg, durch ihre lautlose Flucht Schrecken einflößend. Oben, hinter dem Garten, schloß der Vater die Fenster und setzte die Läden davor. Thora saß immer noch unter dem Flieder. Aber plötzlich fuhr sie hoch, und während sie sich hinter dem Strauch versteckte, schaute sie zum Weg hin. Theodor Ström kam vorbei. Er hatte seinen Hut abgenommen und war baren Hauptes. Aber außerhalb des Gartens blieb er stehen, blickte lange zwischen den dunklen Bäumen hindurch und ging dann weiter. Thora hatte sich an den Busch gelehnt. Sie wünschte sich, er hätte sie gesehen, und sie hätte sich nicht versteckt. Aber da war Ström schon lange weg; sie meinte, er sei so schnell vorbeigegangen. Der Vater war ungehalten, weil sie so spät nach Hause gekommen war, aber trotzdem öffnete er das Fenster seines Zimmers und lag, bis es Morgen wurde, auf der offenen Fensterbank. Von da an ging sie viele Abende mit Ström zu den Hecken. An den ersten Tagen hatte sie kaum gesprochen. Er aber hatte geredet, und alles, was er sagte, schien ihr selbst gedacht, sie hatte es nur nicht in Worte fassen können; sie glaubte, er erriete ihre Gedanken und verstünde alles, was sie selbst nicht richtig zu verstehen vermochte. Sie wußte, dies war es, was sie geträumt hatte. Er hatte den Schlüssel zu diesem Land der Träume, und sie glaubte, alle Zweifel würden nun gelöst, und alle Sehnsüchte kämen zur Ruhe. Es käme Sonne und Licht über alles Sehnen. Sie wünschte nichts. Sie fand darin ihre Ruhe. In der Stille der Sommernacht seinen eigenen Gedanken im Mund eines anderen lauschend. Er nahm ihren Arm. An ihn geschmiegt legte sie hin und wieder ihren Kopf auf seine Schulter und strich langsam mit ihrem weichen Haar gegen seine Wange. Sie drängte danach, ihm so nahe zu sein. Schmiegte sie sich aber an ihn, konnte plötzlich ein Zittern durch sie gehen. Dann strich er über ihre Haare. »Es wird kühl«, sagte er, »und ich ermüde Sie.« Aber sie antwortete nicht, denn ihre Augen waren voller Tränen, und ihre Antwort wäre nur Weinen gewesen. Einige Wochen vergingen. Ström blieb beim Gemeindevogt. Er hatte seinen Besuch im Pfarrhof gemacht. Der Pfarrer empfing ihn freundlich, aber überließ ihn sonst sich selbst. Er wußte nicht, was man mit einem jungen Mann anfangen sollte, von dem das Gerücht ging, er sei ein Millionär und der doch in der Wohnstube des Gemeindevogtes wohnen blieb. Der Amtsarzt erkannte bald, daß er aus lauter Langeweile melancholisch war, und daß seine Krankheit – denn er war sehr blaß und fast völlig erschöpft – die bei seinem Geschlecht übliche Blutarmut war. Und damit waren die Alten mit Ström fertig und ließen ihm bei den Hecken freien Lauf. Hier blieb er also. In dieser Gegend mit ihrem weiten Horizont und so fern der Stadt war es so friedlich. Und er brauchte diesen Frieden; denn er war einem Schiffbruch entkommen, und sein Herz war bitter: Eine, die er geliebt hatte, hatte eine klaffende Wunde in sein ganzes Leben geschlagen. Deshalb war er innerlich zerrissen und gepeinigt auf Reisen gegangen, hatte ätzende Säfte und milde Öle abwechselnd auf die schmerzende Wunde gegossen – bei diesem Herumziehen war er nun hierher gekommen. Zum ersten Mal glaubte er, das brennende Feuer in seiner Seele sei gekühlt worden – als fiele er nach dem Fieber in einen tiefen Schlummer. Alles wirkte zusammen. Die Ruhe der Umgebung, die stillen Abende, an denen Thora in seinen Arm eingehakt ging, die Gespräche mit ihr – alles. Sie hörte ihm zu, den Arm fest in dem seinigen, den Blick zu ihm aufgerichtet, sog auf, was er erzählte, und er hüllte die Trauer seines Herzens weich in Umschreibungen und in beschwichtigende Worte, aber er redete seinen Sinn in Ruhe. Es war an einem Abend im August. Die Luft war schwer, gesättigt vom Duft des reifenden Korns, der Himmel verdunkelte sich mit Wolken. Weit draußen auf der Wiese brüllte das Vieh lang, stoßweise, unruhig und dumpf. Einzelne Windstöße fegten wie Seufzer heran, schüttelten das Getreide auf dem Feld, rüttelten an den Weiden der Hecken, so daß die Blätter jäh zusammenstießen. Thora saß wartend am Gartentor. Sie hatte den Hut abgenommen: Die Hitze setzte ihr zu, aber bei jedem Windstoß schauderte sie und zog den dünnen Schal fester um sich. Ström war erregt, als er kam. Er sprach kein Wort, ergriff nur ihren Arm, wie er zu tun pflegte, und ging zur Hecke hinauf. Aber sie bemerkte durch das Halbdunkel, daß er sehr bleich war. »Fehlt Ihnen etwas?« fragte sie. »Wie immer.« Er beschleunigte seine Schritte. »Ich bin immer ein kranker Mann gewesen, seit Sie mich gekannt haben.« Etwas in seinem Ton machte ihr Angst. Thora blieb stehen: »Ein kranker Mann?«, sagte sie. »Ach, was nützt es, darüber zu reden! Kommen Sie, lassen Sie uns schneller gehen, uns beeilen.« »Aber – Ström« … Er hatte sich von ihrem Arm fast losgerissen, nun drückte er ihn heftig: »Vergeben Sie mir, Fräulein Thora, Sie sind ja immer so gut zu mir gewesen – und –«, seine Stimme bebte stark, als kämpfte er gegen das Weinen, »Ihnen schulde ich doch, daß ich zu vergessen begann.« Thora starrte ihn an. Sie wollte sprechen, fragen, aber eine unbestimmte Angst schnürte ihre Kehle zu. Dann seufzte sie tief, und es wurde still. Das Vieh auf der Weide brüllte lang und unruhig. »Warum sind Sie traurig?«, fragte sie. »Ach«, es war als er sprach, als spräche er zu sich selbst. »Sie wissen ja noch nicht, um was es geht – aber ich liebte sie, liebte sie. Jeder Gedanke galt ihr, jede Handlung zielte auf sie. Sehen Sie, Thora, das ist das Wesen der Liebe, es durchdringt unser Leben wie die feinsten Nerven unseren Körper. Es wird zu allen unseren Nerven. Wenn es leidet, ist es dieses Wesen der Liebe, das leidet, wenn wir genießen, ist es aus seiner Kraft. Es ist unser Odem, unsere Nahrung, der Inhalt unserer Gebete und Bitten, es ist der Anfang und das Ende. Niemand hat je sein Glück benannt, die Worte töten dessen Leben, aber niemand hat wirklich gelebt, der es nicht gekannt hat …« Er sprach hastig, nervös, und die kräftige, eigentümliche Betonung, die er auf einzelne Wörter wie fiebrige Hammerschläge fallen ließ, färbten seine Worte mit einem eigenen Fieber. Thora hörte nicht zu; ihr Kopf schien plötzlich zu einem leeren Raum geworden zu sein, wo sie ihren eigenen Gedanken nachjagte. »Ich hatte sie geliebt, denn sie war sehr jung. Ich hatte sie sozusagen aufgezogen. Es gab eine Zeit, in der wir alles miteinander teilten, wir waren eins. Unsere Gedanken waren im selben Takt, wir errieten, wir verstanden alles voneinander. Sehen Sie, Thora, dieses Verstehen und Verstandenwerden, dieses darin Verweilen, daß man erraten wird, daß man verstanden wird, selbst in den heimlichsten Gedanken, daß ein anderer unsere Seele betritt und sie wie sein eigenes Zuhause erkennt – das ist es … dann aber legt sich Rauhreif auf die Saiten. Man geht miteinander, wie wir beide, so nahe, aber sie hört die Worte nicht länger, und man kann gepeinigt sein und leiden, und man kann gegen die Mauer von Spinnweben, die uns voneinander trennt, anstürmen – aber die Mauer ist da … man weiß es, aber man spricht weiter, man verzweifelt, und man kämpft wieder gegen das Unüberwindbare – das, was man verloren hat, was man liebte …« Thora hatte seinen Arm losgelassen. Nichts war in ihrem Gesicht lebendig außer den Augen, die starrten. Sie waren groß, erloschen, als wollten sie aus ihren Höhlen treten. »Wann man es sieht? Eines Tages wird man nicht verstanden – man kehrt es unter den Teppich. Es geschieht wieder … man klammert sich in Todesangst an das Mißverständnis – man beschäftigt sich nur noch damit, man klaubt es zusammen; man spricht darüber, man tröselt es auf. Und es besteht nicht der geringste Zweifel, und nur Gelächter über unsere Angst und dann erkennt man – es ist vorbei.« Er schwieg. Die Windstöße kamen schwerer von den Feldern. »Lassen Sie uns nach Hause gehen«, sagte er. Sie drehte sich um. Sie gingen weiter nebeneinander, schnell. Plötzlich leuchtete ein Blitz auf. Thora fuhr mit einem gedämpften Schrei zusammen: All ihr Leiden entlud sich in diesem Schrei. »Fräulein Thora« – er sah zu ihr hin, »wie bleich sind Sie doch! Haben Sie Angst vor dem Gewitter? Und ich gehe hier und erzähle Ihnen alles.« Sein Ton war mild, er legte den Schal dichter um sie. »Und jetzt werden Sie vielleicht auch noch naß … Aber ich war vom gestrigen Abend noch so aufgeregt. Heute hat sie sich mit einem anderen verheiratet.« Thoras Gesicht blieb unbewegt, und sie antwortete nicht. Sie ging nur weiter. Es blitzte wieder. »Geben Sie mir Ihren Arm«, sagte Ström. Thora schüttelte den Kopf. »Wir gehen so schneller«, sagte sie. »Und wir sind gleich zu Hause.« Es wurde nicht mehr gesprochen. Als sie zum Eingang des Pfarrhofs kamen, fiel der Regen in großen Tropfen. »Beeilen Sie sich nach Hause«, sagte Thora, »es gibt ein Unwetter.« Sie sagte ruhig »Gute Nacht!« und eilte durch die Einfahrt. Als sie aber durch den Hof ging, riß sie den Hut von ihrem Kopf, so daß der schwere Regen ihr Haar und ihre Stirn näßte. Und mit einer plötzlichen Gebärde erhob sie einen Augenblick lang die Arme und rang in stillem Jammer ihre Hände. Dann fielen ihre Arme schlaff herunter, und Thora ging schnell ins Haus. Das Gewitter kam mit der Nacht, am Morgen klarte es wieder auf. Als aber morgens Gärtner Hans in den Garten kam, um zu rechen, saß Fräulein Thora an ihrem Fenster auf demselben Fleck, wo sie gesessen war, als er abends die Läden vor die Tür setzte. Als er grüßte, sah sie mit ihren großen, schlaflosen Augen träge auf ihn. Da bekam Hans Angst vor dem Fräulein und ließ Rechen Rechen sein. – Am Vormittag reiste Ström ab.   [Thora. Nationaltidende, morgen, 22.1.1882]   Der Fremde Er war fremd, und niemand in der Stadt wußte genau, woher er gekommen war. Er mietete sofort zwei Zimmer am Weg zur Plantage, und es sah aus, als wolle er sich zur Ruhe setzen. Natürlich redete man viel über ihn. In solch kleinen Städten fehlt es den Leuten an Stoff, und jeder erhoffte sich etwas von dem Fremden für sich, jetzt, wo der Herbst mit seinen langen Regentagen und seiner grauen schweren Luft gekommen war. Der Vogt und der Amtsarzt meinten, möglicherweise könne man ein L'Hombre L'hombre: Von den Spaniern erfundenes Kartenspiel, von drei Personen mit französischen Karten ohne die 8, 9 und 10 (also mit 40 Blättern) gespielt. spielen, ohne zu dem Kontrolleur Zufluchtnehmen zu müssen, der am Spieltisch immer einschlief; die Frau des »Fabrikanten« erhoffte sich einen Komiker für die Klubkomödie, und so hatte jeder seine eigenen Vorstellungen. Selbst die junge Frau des Ingenieurs schob die kleinen Scheibengardinen an ihrem Nähzimmer etwas zurück und sah hinaus, als der Fremde vorbeiging. Sie starb fast vor Heimweh nach Kopenhagen in ihrem Nest, wo die Palmen von ihrer Hochzeit im Mai noch frisch waren; alles war neu und gepolstert, und die vergoldeten Visitenkartenschalen prangten ganz neu und ganz leer … Jetzt war es hart. Solange der Sommer dauerte und sie Vilhelm auf seinen Fahrten begleiten konnte und sie ihre Schwestern zu Besuch hatte; aber jetzt zur »Saison« waren sie abgereist, und der Zeitung entnahm sie, daß drüben alles begonnen hatte, Gesellschaften und Bälle und die ersten Vorstellungen … Wenn Vilhelm und sie abends zusammensaßen, nah beim Kachelofen – welch eine Kälte herrschte doch in dieser Wüste – legte sie die Stickerei in ihren Schoß und sagte: »Was spielen sie heute abend?« »Der Fremde.« »Dann sind sie gerade beim zweiten Akt. Erinnerst du dich, wie sie Gerard trifft …« Und die junge Frau spricht genauso klagend wie die arme Catherine de Septmonts und beginnt wieder zu sticken, mit einem tiefen Seufzer … »Bereust du es, Ragna?« Die junge Frau lächelt: »Ja, würde ich dich weniger lieben – ach, Vilhelm, hier ist es schrecklich.« Und sie küßten sich. Aber jetzt brachte er vielleicht einen Hauch des geliebten Kopenhagens, er, der Fremde. Es war nicht leicht zu erkennen, ob er jung oder alt war. Sein Gesicht war nicht alt, besonders nicht die Augen. Wenn er dann und wann auf der Straße stehen blieb und dem Fangen-Spiel der Kinder zusah und wenn ein eigentümlich mildes Lächeln um seinen Mund spielte, der sonst so fest geschlossen war – konnten seine Augen, die blau und groß waren, mit einem Mal so jung und mild leuchten. Die Kinder sahen dies, und eines Tages ging des Schneiders kleine Else fort vom »Unhold« und ergriff ihn an der Hand, ohne etwas zu sagen. Sie stand nur da und lachte und lächelte zu ihm auf, bis er sie hochhob und küßte. Das Gesicht konnte noch jung sein, und sein dichtes Haar war verwilderte Üppigkeit. Aber der Gang des Fremden war der eines alten Mannes. Er ging mit gekrümmtem Rücken und gebeugten Knien, als trüge er eine schwere Bürde oder kämpfte gegen den Sturm. So ging er. Und traf der Kontrolleur ihn auf seinen Wanderungen draußen am Dünenweg, »sah der Fremde ›so fahl und dunkel wie ein Gespenst‹ aus«, sagte er … »Dieser Dr. Faust«, Dr. Faust: Literarische Figur, die Ende des 16. Jahrhunderts zuerst in der lateinisch geschriebenen Unterhaltungsliteratur auftaucht und zwischen 1570 und 1575 von Christoph Roßhirt in seiner »Historia von D. Johann Fausten« ausgeschmückt wurde. Das Buch beschreibt vor dem Hintergrund der orthodox-lutherischen Theologie Leben und Taten des historischen Johann Faust, der zum mahnenden Beispiel gottlosen Lebens wird. Der Alchimist, Astrologe und Magier, um 1480 in Knittlingen (Württemberg) geboren und um 1540 in Staufen bei Freiburg i. Br. gestorben, galt mit seinen Individualitätsstreben und seinem Erkenntnisdrang und Genußstreben als das Sinnbild des Renaissancemenschen. sagte der Vogt bei der ›Partie‹, »weiß der Himmel, wer er ist.« Denn man war inzwischen in seinen Hoffnungen enttäuscht und ungehalten. Der Fremde trat dem Klub nicht bei und kam nie ins »Hotel«, er streifte nur auf dem Weg durch die Dünen umher. Aber in solchen kleinen Städten muß man Klubmitglied sein und am Sonntag nachmittag in der Schenke einen Grog trinken. Unterhielt man sich jedoch, hörte der Fremde nichts davon, und es war auch ziemlich schwer, Themen zu finden. Er lebte allein, sprach nie mit jemandem. Die Frau, die bei ihm putzte, nannte ihn einen »schwer« netten Herrn, der genügsam war. Das meiste, was er hatte, waren Bücher, die seine Gesellschaft bildeten. Und dann gab es vielleicht Gedanken, mit denen der Fremde Gesellschaft hielt. Manchmal, wenn der Arzt zu einem späten Besuch wegmußte und an dem kleinen Haus am Plantagenweg vorbeiging, sah er durch die unverdeckten Scheiben Licht. Dann saß der Fremde oft, das Gesicht in die Hände gestützt, an der Fensterbank und starrte in den Herbstabend hinaus, der dunkel und traurig war. Und wenn der Arzt zurückkehrte, sah er ihn immer noch unbeweglich an demselben Fleck. Schließlich hört man auf, über den neuen Menschen zu reden. Man nahm ihn so, wie er war. Er war ein einziges Mal bei dem Ingenieurehepaar gewesen. Der Ingenieur hatte ihn auf seinen Fahrten getroffen. »Er läuft auf den Feldern herum; du«, sagte er zu Ragna, »gleichgültig, ob es frisch gepflügtes Land ist oder nicht – völlig rastlos, und Gott weiß, was los ist.« – Und eines Tages brachte er ihn mit nach Hause. Ragna fand ihn interessant. Sie aßen zu Mittag, und als sie vordem Kachelofen Kaffee tranken, begann die junge Frau, den Fremden auszufragen. Aber viel erfuhr sie nicht, und als der Fremde sich erhob und sich zum Abschied verbeugte, sagte er mit einem Lächeln: »Nein, gnädige Frau, ich habe keinen Roman zu erzählen.« Die Frau wurde böse und bat ihren Mann, ihn nicht mehr nach Hause mitzubringen. Aber in den nächsten Tagen dachte sie oft daran, wie hübsch er sich verbeugt hatte. Der Herbst verging, der Winter kam. Am Meer lagen die Dünen schneebedeckt, und der Sturm heulte. Der Strandvogt sah Tag für Tag von seinen Fenstern aus, wie der Fremde aus der Stadt sich gegen den Weststurm vorkämpfte und sich die Dünen hinauf und hinab abmühte. Er ging den Strand entlang, Tag für Tag, gebückt und mit gebeugtem Rücken, als sänke er unter einer schweren Bürde in die Knie. Auch der Winter verging, und es begann, Frühling zu werden; mit dem schweren Geruch in der Luft und dem Leben, das überall sproßt. Die Bäume auf der Plantage knospten, große feuchte Knospen, bereit zum Ausspringen, und überall war Erneuerung und Empfängnis. In der Stadt blieb alles beim Gleichen. Bei dem Ingenieursehepaar erwartete man Verwandte als Paten, und die »Partie« des Vogts war für dieses Jahr zu Ende … Die kleine Else des Schneiders war an Masern gestorben. Der Fremde hatte gehört, sie sei krank, und er war gekommen, um sie zu besuchen. Von da an kam er jeden Tag, und er schnitt Bilder aus seinen großen Büchern aus und saß Stunde um Stunde bei ihr unermüdlich am Bett, und er erzählte ihr Märchen, bis zu sie aufhörte zu weinen. Aber trotzdem ging er nicht zu ihrer Beerdigung. Sonst lebte er wie üblich. Er ging nur nicht mehr zum Meer, jetzt durchstreifte er die Plantage, wo die Anemonen blühten. Er wanderte dort, das Frühjahr um sich, gebeugt und müde, als hätte er beim Heben seiner Beine Schmerzen. Er hatte vielleicht etwas mehr Falten um seinen Mund und etwas mattere Augen – sonst war alles wie früher. Dann kam eines Morgens die Frau, die in dem kleinen Haus bei der Plantage putzte, bleich und atemlos in den Polizeiposten gestürzt und begann, plötzlich loszuheulen, wobei sie vergaß, die Tür zu schließen. Der Beamte legte die Pfeife zur Seite und fragte sie, ob sie noch ganz bei Trost sei. Solch einen Aufruhr war man hier auf dem Revier nicht gewöhnt. Aber die Frau schrie weiter und sagte, er sei tot. Es war der Fremde – er war so still am Tisch gesessen –, als sie gerade gekommen war um zu putzen – und da war er tot. Der Vogt fuhr aufgrund des lauten Heulens aus seinem Büro hervor, und mit einem Mal, mitten in der Erklärung der Frau, begann er nach seiner Uniform zu schreien und stob mit dem Beamten auf den Fersen zum Amtsarzt hinab und rief: »Dr. Faust hat sich das Leben genommen!« Den beiden Beamten zitterten die Knie vor Neugier, während die Frau erklärte und erklärte, bis sie das Haus erreichten. »Ja, er sitzt noch genauso da«, sagte sie und öffnete die Tür zum Zimmer. Er saß ruhig da, als schliefe er; im Stuhl zurückgelehnt. Der Mund stand leicht offen. Im Zimmer herrschte Ordnung, auf dem Tisch neben dem Leichnam stand ein Glas. »Ja, er ist tot«, sagte der Amtsarzt, der ihn abtastete und dann das Glas erblickte. Die beiden Beamten rochen an der Flüssigkeit und begannen zu flüstern. Dann fragte der Vogt nach Schlüsseln. »Die Schlüssel, die vorhanden sind, staken …« Er hatte keine großen Verstecke gehabt. Die beiden Herren ließen den Leichnam sitzen und begannen, mit Schlüsseln und Schubladen zu hantieren. Sie taten dies ausdauernd, denn es mußte doch eine Stelle geben, wo man etwas fände. Aber sie fanden nichts. Die Möbel waren gemietet, und es gab keine Geheimnisse. In einer Brieftasche fanden sie einen Taufschein und 130 Kronen. Krone: heutige Kaufkraft 1 dkk = ca. 7–8 € (2008), 130 Kronen entspricht ca. € 1000,–. Schließlich beendeten sie die Suche und gingen nach Hause. Der Leichnam saß immer noch auf dem Stuhl und war völlig vergessen worden. Der Fremde war tot, und der Pfarrer, der ein schreckliches lateinisches Wort auf dem Totenschein las, beschränkte sich darauf, am Grabein Vaterunser zu beten. Seine Hochwürden konnte mit gutem Gewissen sagen: Ich kannte ihn nicht. Es war jemand, der in der Verbannung gestorben war. Warum war er vor dem Leben geflüchtet – wer mag das wissen? Vielleicht hatte ihn ein bitterer Schmerz getroffen und er war von schlimmen Wunden geschlagen, die ihn hier verbluten ließen. Die Tage können wie Wellen erstickenden Sandes über einen Menschen kommen, und das Leben kann wie die Wüste zu einem erstarrten Meer werden … Vielleicht geschah es mit diesem Fremden so. Durch den Winter mit seinen langen Tagen war er gekommen, aber jetzt, wo der Frühling mit seiner Fruchtbarkeit und seinem Leben gekommen war, wünschte der Fremde zu sterben.   [Den Fremmede. Nationaltidende, morgen, 5.11.1882]   Das Kinderheim – Eine Kindheitserinnerung Werden die Erinnerungen mit der verstrichenen Zeit wirklich klarer? Oder ist es nur unsere Liebe zu denen, die wachsen und die Konturen schärfen – immer mehr? Ich glaube es fast. Weil die dahinschwindenden Jahre uns bald des Glaubens an einen Freund, bald der Hoffnung auf eine Sache, bald ihrer Zartheit, die wir lieben, bald des Ehrgeizes oder eines Traumes berauben – bindet sich unsere Seele an alle friedliebenden Erinnerungen. Dort wo nichts verletzt, nicht unsere eigene Sünde, nicht das Unrecht der anderen, dort, wo sie gedämpft klingen, die geliebten Lieder einer Mutter. Und jedesmal, wenn wir sie rufen, kommen sie, die Erinnerungen zuhauf, und sie schlagen einen Kreis um die vielen Tage des Jahres, und jeder hat seine, und wir lieben sie alle … Wir waren oft im Kinderheim, Kinderheim: dän. Asyl. Privat initiierte Wohltätigkeitseinrichtung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Kleinkinder, deren Eltern außerhalb des Hauses arbeiteten, und Waisen zu beaufsichtigen und zu pflegen. Das erste Asyl Dänemarks wurde 1828 in Kopenhagen gegründet. Von hier aus verbreitete sich der Gedanke des Asyls in die Vororte und weiter in die Provinz; vielerorts waren sie mit einer Heimschule verknüpft. Die Heime nahmen Kinder zwischen 2 und 7 Jahren auf und wurden von einer Asylmutter geleitet. In diesem Text handelt es sich um das Asyl in Horsens, wo Bangs Vater 1863-1872 Gemeindepfarrer war. wir sahen dort die Kleinen sitzen und aufdröseln, mit ihren kleinen Fingerchen fleißig Knoten aufdröseln, die immer wieder versponnen wurden und zu roten Strümpfen gestrickt wurden. Alle diese kleinen flachsgelben Mähnen, die über ihren Schiefertafeln schlenkerten, all ihre Hände, die die klirrenden Stifte führten, alle diese Münder, die unter der niedrigen Decke durch das schwere Alphabet summten … Die Mutter des Kinderheims führte an. Sie dirigierte und fuhr mit dem großen Zeigestock streng von Buchstabe zu Buchstabe – mit Kreide waren »A« und »F« und »H« an die schwarze Tafel geschrieben … Und Augen im Hinterkopf mußte Mutter haben. Denn gleich, wenn Schreiners kleine Ane, die in ihrer Freizeit gegen die Türe rannte und so schläfrig war, das arme Ding – einnickte und nur ganz leicht nickte, rief Mutter an der Tafel: »– Ane – Ane schläft! Und Ane fuhr hoch und summte mit den Anderen … Wir waren dort, als Mutter unterrichtete. Wir durften auf die Stufe des Katheders sitzen und zuhören. Religion unterrichtete Mutter im Heim. Manchmal leierten sie nur biblische Geschichte herunter, so daß wir in Schlaf fielen, und Mutter uns mit dem Stock wecken mußte. Es war so einschläfernd. Immer dieselben Liedstrophen und immer gleich eintönig aufgesagt. Aber oft war es auch anders. Dann erzählte Mutter. Von dem kleinen Moses, der auf dem dunklen Wasser des Nils ausgesetzt wurde, 2. Mose (Exodus) 2. den Gott jedoch rettete, und von der Königstochter, die seine Mutter wurde. Von den Plagen Ägyptens, als der große Todesengel durch das Land des Pharaos ging und in einer einzigen Nacht den Tod brachte. Von David, dem Gott die Kraft gab, den mächtigen Riesen zu töten. 2. Mose (Exodus) 7-11. Dann zeigte sie auch Bilder. Wie Abraham seinen Sohn Isaak das Brennholz zum Scheiterhaufen schleppen ließ 1. Samuel 17. und von Jakob, der träumt, der Himmel wäre offen und alle Engel des Herrn stünden auf der großen Himmelsleiter.. 1. Mose (Genesis) 22. Und von dem Jesuskind erzählte sie, das in Bethlehem in einer Krippe geboren wurde ,arm und gering, am ärmsten von allen auf der Erde. Von Gottes Sohn, den die Engel besangen, und davon, wie die Könige kamen, um dem Kind zu huldigen 1. Mose (Genesis) 28, 10-22. … und wie das Christuskind groß wurde, zu einer Erlösung von allen unseren Sünden, und wie er die kleinen Kinder zu sich kommen ließ und sie segnete … Lukas 2. Und Mutter sang, und alle summten »Fröhliche Weihnacht« und »Ein Kind ist uns in Bethlehem geboren« Matthäus 2, 1-12. … Dann wußten die Kinder, daß Weihnachten vor der Türe stand, und alle roten Strümpfe lagen auch fertig in ihren Körben. – – – Die Heimdamen hatten auch viel zu tun. Sie trafen sich bei Mutter, und jedes Mal, wenn sie kommen sollten, kam die Glocke vom Mittagstisch in den Besprechungsraum, die Stühle wurden in zwei Reihen angeordnet, und Mutter hielt Reden – das konnte man durch das Schlüsselloch gut hören. Die Damen richteten alle Päckchen – eines für jeden. Pulswärmer, Bluse und ein Stück Leinen in jedes Paket. Zum Schluß mußten wir all unser altes Spielzeug holen, und wir durften alles für die armen Kinder spenden; jede der Damen gab auch etwas dazu, so daß es für jedes Kind etwas gab. Darunter waren ein Hampelmann und dann eine Puppe und ein Pferd mit einem Wagen. Es wurde mit den anderen Dingen zusammen eingepackt, und das ganze Besprechungszimmer war voll mit Paketen, und Mutter sprach unentwegt und kaufte Dinge bis zum letzten Tag. Denn ihr schien immer ein Kind benachteiligt zu sein …Und sie drängten so entsetzlich … Aber abends, wenn die Kuchen gebacken waren, kam das Beste. Dann zählten wir Pfeffernüsse in die Tüten ab. In all die Tüten aus gelbem und blauem Konzeptpapier mit einem großen Goldstern – da war einiges abzufüllen. Dreißig Pfeffernüsse in jede und fünf Lebkuchen … darauf Rosinen und ein paar Hustenbonbons … Und siehe da – dann waren die Päckchen fertig, und dann war auch schon der Abend vor Heiligabend Der Abend vor Heilig Abend: dän. Lille juleaften. Den Abend des 23. Dezembers, der keinen offiziellen Feiertagsstatus hat, feiert man in vielen Familien wegen des Erwartungsdrucks der Kinder mit gutem Essen und dem Schenken eines einzelnen Weihnachtsgeschenkes für jedes Kind. Heute (nicht zu Bangs Zeiten) werden gerade in geschiedenen Familien zwei Weihnachtsfeste gefeiert, das eine am 23. Dezember beim Vater, das andere an Heiligabend bei der Mutter oder umgekehrt. da. Vormittags wurden die Päckchen weggebracht. Die Dienstmädchen nehmen sie in Kleiderkörben mit, die sie kaum schleppen können, so schwer sind sie. Mutter schmückt den ganzen Tag den Weihnachtsbaum. Aber abends kommt sie zurück und holt uns, und wir kommen mit den Gesangbüchern um zu singen. Draußen auf der Straße waren die Mütter auf die Kellerhälse gestiegen, die Gesichter an den Scheiben. Sie können sehen, wie drinnen die Damen Kerzen in den Leuchtern anzünden und Zimt auf die Riesenberge von Reisbrei streuen. Und dort verharren sie während des ganzen Festes, die Gesichter flach ans Glas gedrückt. Aber die ganze Zeit klappern die kleinen Holzschuhe die steinerne Treppe hinauf, und die Kinder ziehen die großen Tücher im Gang aus und stehen und trippeln vor der Tür, die Holzschuhe in ihrer Hand … Dann endlich stehen die Schüsseln mit dem Brei in Reih und Glied auf allen Tischen, und die Tür wird aufgeschlossen. Die Kleinen essen ganz ruhig, ohne ein Wort zu reden. Manchmal verfallen sie in Gedanken, den Löffel in der Hand, und starren mit großen Augen auf die Kerzen und die versilberten Leuchter. Wenn sie mit ihrem Brei fertig sind, falten sie die Hände und warten auf das Tischgebet. Mutter spricht das Gebet. Alle Münder flüstern es nach. Nur ein einziger kleiner Nimmersatt hält sich noch an seinen Brei, wird aber von den anderen angestoßen, so daß der Kleine den Löffel losläßt – – Aber als Mutter das Gebet beendet hat, die anderen von den Bänken herabsteigen und ringsum ein Murren ertönt, beginnt das Kleine mit seinen roten Bäckchen, seinen Brei tapfer weiter zu essen und denkt nur daran, sich zu beeilen … Die Damen beginnen, drinnen die Lichter des Baumes anzuzünden, der im Wohnzimmer der Mutter steht. Sie schreien nicht, als die Tür aufgeht, drängeln auch nicht. Die Wagemutigsten stehen nur da und versperren die Türe für die anderen, die sich verstecken, geniert, die ganze Hand im Mund … Die Damen rufen die Kinder und beginnen mit den Weihnachtsliedern; sie bilden eine Kette, so daß sich alle Kinder an den Händen halten. Auf diese Art und Weise kommen sie aus den Winkeln heraus zu den vielen Lichtern. Mutter und die anderen Damen singen vor. Es ist das Weihnachtslied, das die Kinder willenlos mitsingen, so wie sie sich auch in den Kreis ziehen lassen. Denn sie schauen nur. Sie verschlucken die Lichter mit aufgesperrten Augen, ziellos, und hören die Damen einen Augenblick auf, lassen sie die Hände los, und sie stehen verloren da, in stillem Erstaunen die Finger im Mund … Aber auf einmal kann der eine oder andere anfangen zu lachen, oder er springt auf seinen Strümpfen umher und schlägt mit Geheul seine Hände zusammen. Wie sie die Päckchen vorsichtig nehmen, als ob sie sie nicht zu berühren wagten. Und jeder nimmt das seine in seinen Winkel, wo sie werkeln und werkeln, während die Kerzen herabbrennen und die Damen dort auf den Fensterbänken sitzen und sie beobachten, während sie Kaffee trinken. Wir Kinder müssen ihnen zeigen, wie man das Spielzeug benützt. Aber sie sind so vorsichtig, als hätten sie Angst, es zu zerstören, wenn sie es in die Hand nehmen. Und wir schieben die Wagen auf dem Boden herum, und die alte Eisenbahn saust ihre Steige hinauf und hinunter, so gut wie sie mit ihren dreieinhalb Rädern vermag. Nach und nach bekommen sie selbst Lust zu spielen. Sie probieren alles aus, tummeln sich mit lautem Geschrei auf dem Boden und laufen von dem einen zum anderen. Aber die Kleinen suchen ihre Ecken auf, schützen sich oder sie verstecken sich hinter den Kleidern der Damen, damit ja niemand ihre Hampelmänner anfasse. Mutter ist nicht müde. Sie spielt mit allen, sammelt sie um sich und erzählt. Und dann setzt sie sich mit einem kleinen Jungen auf dem Schoß hin; der Kleine muß Krücken tragen. Er hat nichts anderes getan als den Baum angeschaut. Das Spielzeug fällt aus seinen Händen, die bleich und ganz, ganz dünn sind, und er sitzt da, seine schwarzen Augen strahlend auf den Glanz geheftet … Dann erlöschen die Lichter langsam. Die Damen schreien auf, wenn Zweige Feuer fangen, und die Kinder beginnen damit, ihre Päckchen zu ihren Müttern hinauszubringen, die in der Tür erscheinen und hineinschauen, ihre großen Holzschuhe in der Hand.     Die Kerzen des Weihnachtsbaumes waren erloschen. Mutter sammelt in dem halbdunklen Raum die Kleinen in Gruppen. Den Jungen mit den Krücken hat sie auf ihrem Schoß. Und unter dem erloschenen, dunklen Baum beginnt sie, das Bethlehemslied zu summen. Dann öffnen sich langsam die kleinen Münder, und sie singen lauter und lauter, während sie mit den Köpfen wackeln und den Takt mit ihren Füßen begleiten. Wenn aber das Lied vorbei ist, spricht Mutter halblaut mit ihrer weichen Stimme. Und alle hören zu. »Heute wurde es geboren, das Christuskind. Heute vor vielen Jahren rissen über der Krippe in Bethlehem die Wolken auf, damit Frieden und Freude über der ganzen Welt seien …« Sie hören alle zu; und ihre Mütter drängen in den Raum, und die Damen nehmen die Kleinen auf ihren Schoß. »Und zu den Hirten auf dem Felde erscholl es von allen Engelscharen: ›Denn Euch ist heute der Heiland geboren‹. »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« (Lukas 2,14). Deswegen leuchtet der Weihnachtsbaum, weil Freude auf Erden sein soll. Denn Gott, der in der himmlischen Seligkeit uns allen ein Vater ist, liebte uns so sehr, daß er uns seinen eigenen Sohn in der Krippe in Bethlehem schenkte. Und Jesus war arm, so arm, daß sie ihn nahmen und in Lumpen hüllten, ihn, den Königssohn des Himmels … – Er aber kam, um uns eine weihnachtliche Freude zu bereiten und alle unsere Sorgen auf sich zu nehmen und all unseren Kummer zu tragen. Aber am meisten liebte er die Kinder, liebte er euch.« Mutter beugt sich über den kleinen Behinderten auf ihrem Schoß und schweigt. Im Zimmer ist es ganz ruhig. Rund um sie sitzen die Kleinen. Aber hier und da in den Ecken ist der eine oder andere neben seinem Spielzeug müde in Schlaf gefallen … Dann bricht Mutter auf. Die Mütter kommen herein, bedanken sich und küssen ihre Hand. Die Kinder verneigen und verbeugen sich. Man wickelt sie in ihre vielen Tücher ein, und durch den Schnee der Borgergade schlurfen die vielen kleinen Holzschuhe.     Weihnachten im Kinderheim ist vorbei. Jahre sind dahingegangen – aber mit diesen Erinnerungen sind die Jahre verbunden. Sie tauchen wie der Klang der toten Weihnachtslieder auf, und während wir uns in Erinnerungen ergehen, könnte man meinen, die Welt wäre eine andere, die Luft wäre von dem Klang ferner Glocken erfüllt, und es wäre »Frieden und Freude auf der ganzen Erde«   [Asylet. Nationaltidende, morgen, 24.12.1882]   Was man so liest Die Geschichte unserer Zeit wird jeden Tag abends geschrieben und nachts von der Rotationspresse gedruckt. Auf der Nachrichtenseite wird sie von Reportern und Nachrichtenjägern geschrieben, auf der ersten und der letzten Seite von den Anzeigenauftragsgebern. Unsere Leitartikel stiften Nutzen wie der antike Chor, der begleitet und manchmal – die Ereignisse voraussagt. Am lehrreichsten ist aber vielleicht doch »Die kleine Chronik«. Sie behandelt »das intime Leben« und läßt uns mit dürren Worten bald den Zipfel einer Tragödie, bald den Fetzen eines Dramas erahnen – sie ist im Grunde genommen das Skelett für die ganze »Sittenkomödie« »Sittenkomödie«: Der Ausdruck weist auf Honoré de Balzac (1799–1850) hin, der, nachdem er ungefähr um 1834 den Einfall hatte, die Fülle seiner Romane unter dem Sammeltitel »La comédie humaine« (Die menschliche Komödie) zu ordnen und sie in drei Kategorien unterteilte: a) Étudesde mœurs (Schilderungen der Sitten), b) Études philosophiques und c) Études analytiques, wovon insbesondere die erste Sammlung viele Bände umfaßt, z. B. den berühmten Roman »Le père Goriot« (1834). Diese Geschichtchen, oft so dürr berichtet, sind wie die Gedankensplitter der gesellschaftlichen Verhältnisse, zugleich wenig und viel. Wir wollen heute – von dem, was wir in den letzten Tagen in Blättern drinnen und draußen gelesen haben –, ein paar dieser »Brosamen vom Tisch der Verhältnisse« auflesen. Kürzlich war Graf Paar, Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Ludwig Graf Paar (1817–1893), der im Dezember 1873 zum Gesandten am Vatikan ernannt worden war; er hatte diesen Posten bis 1888 inne. Zuvor war er von 1866–1869 und 1872–1873 österreichischer Gesandter in Kopenhagen. Er war ein Bruder des österreichischen Generaladjutanten und Generals der Kavallerie Eduard Graf Paar. Das Geschlecht derer von Paar (1769 Erhebung zu Fürsten) hatte von 1624 an das Amt des österreichisch-ungarischen General-Erblandpostmeisters inne, nach dessen Abschaffung durch Karl VI. (1711–1740) die Direktion des Postwesens. der österreichische Gesandte in Rom, Ziel eines Attentates, während er durch den Corso fuhr. Eine Person schlug mit zwei großen Steinen an seinem Wagen die Scheiben ein. Der Täter wurde auf der Stelle gefaßt. Der Attentäter war Schneider und hieß Valeriano. Er war von kleiner Gestalt und leicht mißgestaltet. Als er dem Richter vorgeführt wurde, gestand er sofort; zu viele waren Zeugen des Anschlags, als daß er hätte leugnen können. Als der Richter aber damit begann, mit ihm über politische Verschwörungen zu sprechen, antwortete Valeriano, daß er nichts von Politik verstünde. Er war auf dem Corso unterwegs und niedergedrückt, weil er hungrig war und nichts zu essen hatte. Dann war der Wagen des Grafen vorbeigefahren; er hatte diesen prachtvollen Wagen gesehen, die Diener des Gesandten trugen mit Gold und Pelzwerk geschmückte Hüte, und er hatte kaum etwas zum Anziehen. »Da verglich ich die Pracht dieses Mannes mit meinem Elend, und erzürnt ergriff ich die Steine.« »Und sonst kennen Sie den Mann nicht?« »Nein, ich habe ihn zuvor noch nie gesehen.« Gut, daß nicht alle Lazzaroni so hitzig sind wie der Schreiner Valeriano – sonst bestünde das Pflaster nur noch aus wenigen Steinen, und kein Wagen hätte noch Scheiben. Im Hause Lithnerstraße 177 Lithnerstraße: Das Landesarchiv Berlin teilt hierzu folgendes mit: »In Beantwortung Ihrer Anfrage muß ich Ihnen leider mitteilen, dass eine »Lithnerstraße 177« weder 1883 noch später existierte. Nach einer Recherche in den Berliner Adressbüchern konnte ich für das Jahr 1883 folgende Berliner Straßennamen mit Li ermitteln: Lichtenbergerstraße, Lichtenstein Allee, Lichtenfelderstraße, Liebenwalderstraße, Liebigstraße, Liegnitzerstraße, Liesenstraße, Lietzmannstraße, Lindengasse, Lindenstraße, Unter den Linden, Lindowerstraße, Linienstraße und Linkstraße. In den Beständen des Landesarchivs Berlin fand sich kein Hinweis auf den Vorfall.« (Mitteilung vom 23. 3. 09 von Annette Thomas, Landesarchiv Berlin). in Berlin hatte sich die ganze Familie im 5. Stock, 2. Aufgang, einige Tage lang merkwürdig ruhig verhalten. Die Nachbarinnen begannen zu tuscheln, und der Hausmeister klingelte bei der Familie. Kein Lebenszeichen kam aus der abgeschlossenen Wohnung. Man begann, sich zu beraten. Niemand kannte die Leute gut. Sie waren wie so viele andere aus der Provinz nach Berlin gekommen, in der Hoffnung, auf den Straßen der Hauptstadt Gold zu finden. Sie hatten aber kaum Brot gefunden. Man klopfte und klopfte, endlich brach man die Tür auf. Die Familie hatte ein Zimmer, in dem drei Betten standen. Andere Möbel gab es so gut wie nicht. In den zwei kleineren Betten lagen die vier Kinder, tot, mit auf der Brust gefalteten Händen. In dem großen Bett lag das Ehepaar, das sich an der Hand hielt, und im linken Arm, an sich gedrückt, hatte die Frau einen Säugling. Auf den Holztisch unter der Öllampe hatte der Vater mit Kreide in ungelenken Buchstaben die Wörter gekritzelt: »Wir sterben, weil wir nicht mehr leben wollen.« Sie hatten Holzkohle aufs Feuer gelegt. Holzkohle raucht nicht. Man behauptet, ihr Qualm lasse uns sanft in den Tod gleiten. Gambetta Gambetta: Léon Gambetta (1838–1882) war ein französischer Staatsmann, heftiger Gegner des Zweiten Kaiserreichs, 1870/1871 Kriegsminister, nach der Niederlage herausragender Vertreter der Revanche. glaubte nur an eine einzige Sache: an Hellseher. Während der Schwangerschaft war seiner Mutter prophezeit worden, daß der Sohn, den sie unter ihrem Herzen trug, der mächtigste Mann des Landes würde. Wie alle Frauen ihres Landes war sie abergläubisch, und in sicherem Glauben an die Wahrheit der Prophezeiung tat sie alles, Leon für den Platz, der ihn erwartete, würdig zu erziehen. Von da an vergaß ihr Sohn, genau wie sie, diese Prophezeiung nicht. Er glaubte daran, und er suchte andere Hellseher auf, um noch mehr über die Zukunft zu erfahren. Einer dieser »Hellseher«, die er aufsuchte, prophezeite ihm, er würde die Macht zweimal erlangen und dann von der Hand einer Frau sterben. Aber vor seinem Tode würde er die Warnung erhalten, daß das Ende bald nahe sei. Im letzten Jahr, als Gambetta bei einer großen Einweihungsfeier sprechen sollte, stürzte die Tribüne, auf der er stand um zu sprechen, plötzlich zusammen, und er stürzte hinab. Als er wieder hochgekommen war, wandte er sich zu einem Freund, der jene Prophezeiung kannte, und sagte ziemlich bleich: »Soll dies die Warnung vor dem Ende sein?« … Gambetta will ohne religiöse Zeremonien begraben werden. Er hatte aufgehört, Christ und Katholik zu sein. Es sieht so aus, als sei er weiterhin – Italiener. Zur gleichen Zeit, als Mlle Dinelli Mlle Dinelli: Französische Schauspielerin am Theater Bouffes Parisiens (1855 vom Komponisten Jacques Offenbach gegründet). geisteskrank Eitelkeit überlebt den Verstand. Als man der jungen unglücklichen Schauspielerin die Zwangsjacke anziehen wollte, sagte sie: »Nein, nein, die will ich nicht anhaben. Sie steht mir nicht.« (Anm. Bang) wurde, hat tiefe Trauer ein anderes unserer jungen Sternchen getroffen. Mlle Montbazons Vater ist gestorben. Hr. Monbazon Herr Monbazon: wahrscheinlich Montbazon, in diesem Fall vielleicht der Vater der französischen Lust- und Schauspielerin im Thêatre de l'Ambigu-comique in Paris (gegründet 1769), Mlle Montbazon, von der keine näheren Informationen vorliegen. hatte in der Provinz große Triumphe gefeiert. Er hatte Helden- und Erste-Klasse-Rollen gespielt und war mit Lorbeerkränzen überhäuft worden. Sein Ruf führte ihn nach Paris, wo er im Ambigu debütierte und durchfiel. Paris verschmähte die Provinzgröße. Kurz danach fand er in Lille sein altes Glück, aber nichts tröstete ihn. Er begann, teilnahmslos zu werden und sein Gedächtnis zu verlieren. Er reiste wieder nach Paris, und er verbrachte ganze Tage vor dem Ambigu-Theater; er redete nur von dem Theater, das ihn verschmäht hatte; er dachte an nichts anderes. Zuletzt mußte man ihn in eine Irrenanstalt sperren. Er wurde völlig teilnahmslos, hatte an nichts mehr Interesse. Es gab nur ein Wort, das er verstand, das Wort, das er dauernd selbst wiederholte: Ambigu. Eines Tages ergriff er die Gelegenheit zu entwischen, man suchte überall nach ihm. Erst gegen Abend fand man ihn auf der kleinen Steintreppe sitzen, die beim Ambigu-Theater zum Eingang der Schauspieler führte. Seit der Zeit wurde er sehr streng bewacht. Man erlaubte ihm jedoch, im Garten spazieren zu gehen. War er dort eine Minute unbewacht, kletterte er in die Bäume hinauf. Von den Wipfeln der Linden aus konnte er die Kuppel des Ambigu sehen … Der Wiener Komiker Matras Matras: Johan Matras (1832–1887): österreichischer Komiker, Schauspieler und Volkssänger, der 1882 mit einer unheilbaren seelischen Erkrankung in eine Anstalt eingewiesen wurde. ist kürzlich ebenfalls geisteskrank geworden. Er ist aber mit seiner Krankheit sicher glücklicher. Der große Komiker glaubt, er sei Devrient, Devrient: Ludwig Devrient (1784–1832) war der größte und originalste Schauspieler der deutschen Romantik. Spielt am Königlichen Schauspielhaus in Berlin. und er verwendet seine Bettdecke als König Lears Purpurmantel … Er leidet an Größenwahn und kann nicht geheilt werden. Ein Prozeß in Niederösterreich hat die Menschen durch die Grausamkeit des Verbrechens, das abgeurteilt wird, erregt. Ein Sohn hat seine Mutter umgebracht. Sie war Witwe, lebte alleine mit ihrem Sohn zusammen und besaß ein kleines Haus. Er war Holzschnitzer, groß, stockdumm und – verfressen. Dies gab zu ständigem Streit Anlaß. Der Sohn beklagte sich, er bekäme nie genügend zu essen, die Mutter, daß er ihr die Haare vom Kopf fräße. Der dauernde Zank entzweite sie so, daß sie außer bei den Mahlzeiten nur wenige Worte miteinander wechselten, wenn der Streit wieder aufflammte. Dann konnten sie recht hitzig werden. Eines Tages aßen sie Pfannkuchen, das Leibgericht des Sohnes. Als er aufgegessen hatte, wollte er mehr, die Mutter wollte ihm nichts mehr geben und tat das letzte Stück weg. Der Sohn schrie und wollte ihr die Platte entreißen, aber sie stieß ihn von sich. Am Abend, als die Mutter sich zur Ruhe gelegt hatte, erstickte der Sohn sie mit dem Deckbett, ging selber zu Bett und schlief, bis es Tag wurde, neben der Leiche. Er wurde in einem Wald gefaßt und schlug ein paar seiner Verfolger mit großen Holzscheiten zu Boden … Gestern fanden die Bewohner der …straße 79 ein junges Mädchen, das in der Dachkammer zur Miete wohnte, tot in ihrem Bett. Sie hatte sich mit Gift umgebracht. Wir haben versucht, Auskünfte über die Beweggründe der Tat zu erhalten, und es ist wahrscheinlich, daß Hunger und Elend die Unglückliche lebensmüde machten. Sie war in einem großen Kaufhaus angestellt, hatte dann aber ihren Arbeitsplatz wegen Krankheit verloren. Niemand wußte, wovon sie in der letzten Zeit gelebt hatte, und die Pförtnerin meint, sie sei halb zu Tode verhungert. An einem der letzten Tage, bevor sie starb, sagte sie zur Tochter der Pförtnerin: »Es wäre doch besser zu sterben als wie ›die Anderen‹ zu werden.« Das junge Mädchen soll früher mit seiner Mutter zusammen gewohnt haben, die aber schon vor etlichen Jahren gestorben war. Über den Vater weiß man nichts. – Adelina Patti Adelina Patti (1843–1919): Italienische Sopranistin, die laut Verdi die bedeutendste Opernsängerin des 19. Jahrhunderts war; sie trat in allen führenden Opernhäusern Europas und der USA auf und sang 1862 im Weißen Haus vor einem tief bewegten Abraham Lincoln und seiner Frau bei einem Gedenkkonzert für den gerade verstorbenen Sohn des Präsidentenehepaares. wird auf ihrer derzeitigen Amerikatournee alle Yankee-Damen mit ihrer Garderobe überstrahlen. Allein von Frau Morin Frau Morin: Gehobenes Modegeschäft in Wien. in Wien hat die bewundernswerte »Diva« 70 Kleider zu einem Preis von 10 000 bis 20 000 Franc 1 Franken entsprach zwischen 1873 und 1913 4,5 g Feinsilber; der heutige Kaufkraftwert wäre dann zwischen 1 – 3 €. erhalten. Es verwundert deshalb nicht, daß sie sich weigerte, für ihr Gepäck Zoll zu bezahlen. Ihr schönstes Kleid ist ein Meisterwerk aus hellem blaßgelbem Atlas, mit seidengestickten Schmetterlingen beladen. Jeder Schmetterling ist nach dem Originalgemälde eines wirklichen Künstlers genäht und kostete etwa 150 Francs. Das ganze Kleid hat zwanzig Näherinnen drei Wochen lang Arbeit gegeben. Man kann jedoch sicher sein, daß Frau Patti sich mit dieser Verschwendung nicht ruiniert. Sie meint vielleicht, daß man für die 1 ½ Millionen, die sie in Amerika verdient, etwas mehr geben muß als die Perlen seiner Stimme. – Es sind noch verschiedene Ausschnitte übrig, aber es soll genug sein. Das ist alles in fünf–sechs Zeilen aus der vielbändigen Geschichte der Zeit. Aber diese fünf-sechs Zeilen, aus Zeitungen herausgeschnitten und in der trockenen Prosa des Wörterbuchs der Reporter, könnten dem einen oder anderen mehr zu denken geben als hundert Gedichte. Man sagt allzu oft Schlechtes über das Zeitungslesen. Der aber, der die Zeitungen richtig liest, wird mehr über die Zeit, ihre Menschen und Zustände, lernen können, als ihm Dutzende von Liebesromanen erzählen könnten. Man redet auch von reaktionären Zeitungen. Das ist oberflächlich. Der Stoff der Zeitungen ist derselbe. Und aus diesem Stoff stecken dieselben Fragen überall ihr Haupt empor. Oder will man vielleicht nicht glauben, daß diese kleinen Notizen von Unwissenheit, sozialen Mißverständnissen und sozialem Elend der »Wiener Presse«, dem »Figaro« und »Gaulois« genau so wie »Le Voltaire« »Wiener Presse«: österreichische Zeitung von 1882–1892; »Le Figaro«: französisches Boulevardblatt, 1854 begründet; »Le Gaulois« (1867–1929) konservative monarchistische Tageszeitung; »Le Voltaire«: nicht näher identifizierte Pariser Zeitung. entnommen sind?   [Hvad man læser. Nationaltidende, morgen, 7.1.1883]   Enttäuscht Der Wind blies stark und beißend vom Sund über die Langelinie, Langelinie: Die Langelinie besteht seit 1894 aus dem Langelinie-Park und dem Langelinie-Kai, an dem heute die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen. 1883, zur Zeit dieser Skizze, bestand sie nur aus einer Strandpromenade zwischen dem Kastell und dem Öresund. Der Freihafen existierte damals noch nicht. warf die Wellen gegen den Steindamm und fuhr über den Weg – hinauf in die blattlosen Zweige, wo die Krähen hockten und froren. Jenseits des Sundes lag die schwedische Küste und schien im letzten Sonnenlicht, das den Anschein von Frühlingswärme zu erwecken versuchte. Nur wenige Spaziergänger waren auf der Langelinie zu sehen. Einige ältere Rentner beeilten sich, ihren Dauerlauf zu Ende zu bringen; – sonst aber keine Spur von dem Leben, das auf der Langelinie herrscht, wenn der Frühling die Spaziergänger hervorlockt. Nur ein junger Mann war zu sehen. Er ging langsam – mit einem nachlässigen, schlendernden Gang. Ab und zu blieb er stehen, sah auf den Sund hinaus, ging dann wieder ein Stück, blieb wieder stehen, sah vielleicht über den Graben – zum Kastell, von wo hin und wieder Fetzen von Hornsignalen erschollen, und ging dann weiter. Aus der Stadt kam ein herrschaftlicher Wagen gefahren – weich und leicht, mit einem Paar eleganten Pferden und einem Kutscher, der in seinem Pelzkragen ertrank. Im Wagen saßen zwei Damen, eine ältere und eine jüngere. Die jüngere hatte sich aus dem Wagen gebeugt und sah zum Weg, wo der junge Mann ging, hinauf. Zufällig trafen sich ihre Augen, als er hinab sah. Die Dame wandte sich plötzlich zurück und schaute auf die andere Seite, als wollte sie seinem Blick ausweichen – und der Wagen rollte vorbei, so leicht und elegant, wie er gekommen war. Aber über das Gesicht des jungen Mannes legte sich ein harter und bitterer Ausdruck, und ein spöttisches Lächeln spielte um sein Lippen, während er stehen blieb und dem Wagen nachsah, der in der Kurve der Straße verschwand. Dann seufzte er tief, drehte sich um und ging zurück. Unwillkürlich blieb er bei einer Bank stehen und setzte sich, gleichgültig gegenüber dem Sturm, der kalt und eisig vom Wasser her blies. Er saß da und starrte mit einem verlorenen, traurigen Blick vor sich hin, einem Blick, der zeigte, daß ihn Gedanken quälten und erdrückten – Gedanken, die er am liebsten abgeschüttelt und in die Flucht geschlagen hätte. Es war ein großer und prachtvoller Ball. Ein eleganter Wagen nach dem anderen kam durch die Straße gefahren und bog in das große Portal mit leichtem, weichem Rollen. Ab und zu auch eine unansehnliche Droschke, die hart über das Pflaster rumpelte; aber sie verschwand schnell wieder in dem Gewirr der herrschaftlichen Wagen. Der Kutscher hält mit einem Ruck vor der Treppe. Die Tür wird aufgerissen – ein seidenbekleideter Damenfuß zeigt sich, eine duftende Fülle von Locken, eine blendende Wolke von Seide und Flor – das Rascheln der Schleppe auf der Treppe –, und der Wagen verschwindet wieder, um dem nächsten in der Reihe Platz zu verschaffen. In den Empfangssälen strahlt es von angezündeten Lüstern, livreegekleideten Dienern, glänzenden Damentoiletten und frisierten Ballkavalieren. Wohin man auch schaut, erblickt man gestikulierende Klappzylinder, engagierte Herren, die sich verbeugen, konversieren, Ballkarten schreiben und Witze erzählen – Damen, die lächeln, lachen, Komplimente entgegennehmen und mit ihren Augen kokettieren, Lächeln, Toiletten, Schmuck – alles, was zu ihrer Verfügung steht. Unbeachtet in einer Ecke stand ein junger Mann, der demjenigen auffallend ähnlich sah, den wir vor kurzem auf der Langelinie trafen. In seinem Wesen lag etwas Bescheidenes und Zurückhaltendes, das bewirkte, daß man sich unwillkürlich fragte, ob er denn überhaupt zu diesem Gewimmel von Eleganz gehöre. Er sah ziemlich jung aus, war recht hübsch; auf seinem Gesicht lag ein weicher, fast kindlicher Ausdruck. Eine Dame mit einer langen, raschelnden Schleppe eilte an ihm vorbei. Zerstreut trat er versehentlich darauf. Mit einem erschrockenen leisen »Ah!« drehte sich die Dame um: »Guten Abend! Sie sind hier? Das ist ja schön, Sie zu treffen. Welchen Tanz sollen wir heute abend zusammen tanzen? Tischtanz – , nein der ist schon vergeben – aber, lassen Sie mich sehen – zweiter Walzer, das paßt vielleicht? Abgesprochen – Au revoir!« Und die Dame eilte weiter. Einen Augenblick später kokettierte sie eifrig mit einem älteren Kavalier weiter drüben im Saal. Er aber, den sie kürzlich verlassen hatte, stand verwirrt da und starrte ihr nach. Betreten hatte er ein verlegenes Dankeschön gestammelt – und dann war sie schon weg. Er hatte sie schon früher auf einem Ball getroffen, mit ihr getanzt und geredet, sicher nicht so viel, aber mehr als genug, so daß er von ihr gänzlich betört war. Ihre elegantes Wesen hatte sofort sein Herz gewonnen, das noch so jung und unerfahren war, daß solche Schönheiten für seinen Frieden am schlimmsten waren. Erfahrenere waren ja der Meinung, daß ihre beste Zeit schon vorbei war – mit ihrem Kokettieren ziemlich einladend; aber wie hätte er das erkennen können! Sie war wirklich eine Schönheit – noch; aber manchmal, wenn sie nicht sprach, konnte ein merkwürdig leerer und kalter Ausdruck in ihren Augen erscheinen. – Er sehnte sich danach, mit ihr zu tanzen – nach seinem Glück, danach, mit ihr zu sprechen, sich an ihrem Lächeln zu berauschen und in die einnehmenden Augen zu schauen. Einige Male hatte er mit ihr schon getanzt. Hätte seine Dame nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit beansprucht, hätte er gesehen, wie der Herr, mit dem sie sich vorher unterhalten hatte, sie sehr aufmerksam beobachtet hatte, und wie sie dann, als sie dies bemerkte, doppelt so einnehmend gelächelt hatte und ihm doppelt so frei ins Gesicht gesehen hatte. Aber das sah er nicht. »Ach, hier im Saal ist es so heiß. Sollen wir einen Augenblick hier reingehen?« Es war ein kleiner, dunkelroter Raum, wo schwere Vorhänge ihre Falten über den Boden schoben, und wo eine rote Hängelampe einen matten, gedämpften Lichtschein verbreitete, so daß alles im Halbdunkel blieb; ein schwerer Duft von Sonnenwenden Sonnenwende: Zierpflanze mit weißen oder blauen Blüten, die sich in vielen Abarten findet. Botanisch Heliotropium, Gattung der Caryophylláceae.) schlug einem entgegen, wenn man durch den Vorhang eintrat. Sie warf sich in einen Sessel; er setzte sich etwas weg und starrte sie an. Sie aber war es, die zu sprechen begann; unwillkürlich war ihre Stimme gedämpft – und für ihn klang sie wie weiche, schwellende Musik – ach, er bewunderte, liebte diese schöne Frau von ganzer Seele, ganzem Wesen. »Endlich habe ich Sie gefunden, Fräulein; darf ich mir das Vergnügen erlauben? –« Es war der ältere Herr von vorhin. Die Dame erhob sich lebhaft. »Sie entschuldigen«, und sie nahm den Arm des Herrn. Aber dann wandte sie sich um und warf mit ihrem betörendsten Blick ihr duftendes geklöppeltes Taschentuch und eine Sonnenwende, die sie gepflückt hatte, in den Schoß ihres jungen Kavaliers. – »Würden Sie es bitte für mich aufbewahren?« Er ergriff es und küßte es. Es geschah etwas später. Er hatte keine Lust mehr zu tanzen und hatte sich in den kleinen Raum gesetzt – in eine Ecke hinter einer großen Palme. Er wollte von seiner jungen Liebe träumen – von zwei Augen, die so unwiderstehlich betörend strahlten, von einem Lächeln, das auf ihren Lippen lag und so unendlich hinreißend erheiterte; und er grübelte und grübelte und träumte seinen Traum weiter. Der Vorhang raschelte; er bemerkte es nicht. Zwei Damen traten ein und setzten sich, ohne ihn auf der anderen Seite der Palme zu bemerken. »So, meine Liebste!« Er fuhr hoch; es war ihre Stimme, »nun glaube ich doch, daß ich mit meinem kleinen Studenten den Sekretär genügend zur Verzweiflung gebracht habe. Sollen wir wetten? Bevor ich heimfahre, wird er sich noch erklären.« Und die Freundinnen plauderten und lachten und gingen dann wieder in den Saal. Aber dort in der Ecke hinter der großen Palme saß zusammengesunken ein junger Mensch und starrte leichenblaß vor sich hin. Er hatte zum ersten Mal der Welt ins Angesicht geblickt … und war zum ersten Mal enttäuscht worden – nicht zum letzten Mal, nicht zum letzten Mal! Draußen auf der Langelinie war es fast dunkel geworden. Drüben auf der Bank saß der junge Mann immer noch und blickte vor sich hin. Der Wind blies hart und beißend vom Sund her, jagte die Wellen gegen den Steindamm und fegte über den Weg.   [En Erindring, fortalt en Sommernat. Vor Tid, (11.2.1883)]   Eine Erinnerung in einer Sommernacht erzählt Im 2. Deutsch-Dänischen Krieg beschloß der Deutsche Bund den Krieg gegen Dänemark und ließ am 23.12.1863 Holstein besetzen. Dänemark hatte unter Christian IX. am 18.11.1863 die völkerrechtswidrige Annektion Schleswigs beschlossen. Am 1.2.1864 überschritten die preußisch-österreichischen Truppen unter General Wrangel die Grenze nach Schleswig. Die Dänen, die sehr schlecht vorbereitet waren, mußten sich in die Düppeler Schanzen (heute Ortsteil von Sonderburg/Sønderborg) und auf die Insel Als (Geburtsort Herman Bangs) zurückziehen. Am 18.4.1864 erstürmten die Preußen die Düppeler Schanzen (wovon die folgende Skizze berichtet); die Österreicher besetzten Jütland bis zum Limfjord. Am 30.10.1864 mußte Dänemark im Frieden zu Wien die Herzogtümer Schleswig und Holstein sowie Lauenburg an Preußen und Österreich abtreten. Wir waren in Ny-Taarbæk Ny-Taarbæk: Heute »Taarbæk« (neue Schreibweise: Tårbæk): An der »Goldküste« (»Guldkysten«) gelegener Ort, der im Norden Kopenhagens an der Öresundsküste zwischen Klampenborg und Helsingör liegt; ursprünglich armes Fischerdorf wurde er in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr von der Kopenhagener Ober- und Mittelschicht als Sommersitz erobert. Seit August 1897 sind die meisten dieser Ortschaften durch die Kystbanen (Küstenbahn entlang des Öresunds: Kopenhagen – Helsingör) verkehrsmäßig erschlossen. Zu Zeiten dieser Skizze (1883) führte die Bahn von Helsingör über Snekkersten und Hillerød (also über das Binnenland) zum Kopenhagener Ostbahnhof (Østerport). vor der Winterveranda gesessen und hatten uns unterhalten und etwas getrunken; so war der Sommerabend vergangen. Durch die Bäume des Abhangs glitzerte der Sund, und wenn das Gespräch aufhörte, hörten wir das Wasser um die kleine Brücke schwappen und das Boot leise auf den Wellen klatschen. Als wir aufbrachen, war der letzte Zug längst abgefahren. Die meisten Gäste wohnten in der Nähe, nur Hr. B. Herr B.: Herman Bangs Freund, der Redaktionssekretär bei der Nationaltidende, Emil Bjerring (1837–1896), der an den Kämpfen 1864 teilgenommen hatte und auch als Sundt im Roman Stuk (1887) porträtiert ist. und ich mußten in die Stadt. Wir begannen darüber nachzudenken, ob wir nicht hierbleiben, ein Zimmer im Hotel nehmen und uns weiter hier im Garten unterhalten könnten, bis die Sonne aufging. Aber B. mußte nach Hause. Seine Mutter würde ihn vermissen und sich sorgen. Deshalb brachen wir beide auf. Wir gingen den duftenden Hecken Ny-Taarbæks entlang. Die Nacht war sehr mild. Aus den Gärten schlug der Duft des Flieders über den Weg, alle Villen träumten, still und verschlossen in der Juninacht. »Sind Sie daran gewöhnt, so lange zu gehen?«, fragte B. »Überhaupt nicht. Aber vielleicht steht noch eine Droschke am Bellevue.« Bellevue: Strand bei Klampenborg, nördlich von Kopenhagen. Es war aber kein Wagen zu sehen. Und wir gingen die »Goldküste« Guldkysten: Die Straße entlang des Öresunds nördlich von Kopenhagen. hinab, vorbei an den Villenpalästen, die mit ihren Terrassen, die im Dunkeln leuchteten, protzten. Wir redeten über dies und das, gingen jedoch meistens schweigend nebeneinander. B. bemerkte, ich sei sicher schon müde. »Dann sollten Sie an unseren Marsch denken«, sagte er, »vom Dannevirke Dannevirke: Wallanlage, die in Jütland gegenüber Schleswig die alte Südgrenze bildet. Führte von der Schleiförde im Osten zu den Flüssen Rheide und Treene im Westen. Der Dannevirke ist Nordeuropas größtes vorgeschichtliches Verteidigungswerk aus dem 7. bis 12. Jahrhundert. Es stehen kaum schriftliche Quellen zur Verfügung, und das, was man weiß, geht auf noch nicht vollendete Ausgrabungen zurück. Der Dannevirke wurde während der beiden Deutsch-Dänischen Kriege wieder befestigt, aber dann 1864 aufgegeben. nach Hause.« »Waren Sie dort dabei?« »Ja, es war furchtbar. Wir krochen am Boden entlang. Keiner von uns sah wie ein Mensch aus, zerlumpt, blau vor Kälte, elend und verdreckt … Das sollte ein Heer sein! Die Wege waren so rutschig, daß das Gehen lebensgefährlich war. Auf diesem spiegelglatten Boden mußten wir weiter … Das war vielleicht eine Tour!« Wir gingen unter den Linden weiter. Wenn B. kurz zu sprechen aufhörte – er sprach langsam und suchte nach Worten, als ob die Erinnerungen ihn quälten – hörte ich die Wellen des Sunds den Strand hochlaufen, mit den Steinen plaudernd. Sonst war es völlig ruhig, und der Duft der Linden erfüllte die Luft. »Dann mußten wir nach vorne kriechen. Aber da lagen Marodeure, Marodeure: Versprengte Soldaten, die meist plünderten. Hier eher: Deserteure, die den schnellen Tod dem Kampf vorziehen. die zusammengesunken waren, die auf den Wegen lagen und alles aufgegeben hatten, die der Kälte, die sie töten wollte, keinen Widerstand mehr entgegensetzten. Die Vorgesetzten rissen sie hoch: ›Hoch mit dir, du stirbst‹, sagten sie, ›du stirbst.‹ Der Soldat aber öffnete seine blauen, geschwollenen Augenlider nur ein wenig: ›Ja, laß mich sterben‹, sagte er. Aber plötzlich fuhr ein Wagen vorbei … Es war General de Meza, General de Meza (1792–1865): Chr. Julius de Meza war seit Dezember 1863 Generalstabschef der dänischen Truppen. Als er im Januar 1864 in der Dannevirke-Stellung eintraf, sah er sofort, daß die Stellung nicht zu halten war und befahl am 5.2.1864 den traumatischen Rückzug, den Herman Bang hier und in Kapitel 2 seines Romans Tine beschrieben hat. De Mezas Entscheidung wurde seinerzeit verkannt; in Kopenhagen verlangte man auf Grund Wunschdenkens und Unwissenheit bezüglich der militärischen Gegebenheiten die Verteidigung. Er wurde seines Oberkommandos entsetzt und starb ein Jahr später verkannt und in Unehre. Historiker späterer Zeiten rehabilitierten ihn jedoch und verteidigten seine Handlungsweise als die unter jenen Umständen einzig mögliche. der nach Flensburg fuhr. Ich glaube, diese Fahrt war ein mutiges Heldenstück. Glauben Sie mir, viele nahmen ihr Gewehr und tasteten nach dem Hahn, als sie das Fahrzeug und den General im Pelz erblickten …« Ich fühlte keine Müdigkeit mehr. Und B., der bemerkte, daß ich aufmerksam zuhörte, während die Zeit verging, erzählte weiter aus jener Zeit; wir waren gleich am Skovshoved angelangt. Dann war er bei der Schlacht von Düppel. Man hat schon so viel von den Schrecken gelesen, aber hier in der Sommernacht am Sund schuf alles seinen eigenen Eindruck. Es erhielt die eigentümliche Anziehungskraft des Gegensatzes. Und dann diese ruhige, beherrschte Weise, wie es erzählt wurde. Ohne Farben, nur berichtend. Aber das Gedächtnis, das dies bewahrt hatte, hatte die Fähigkeit besessen, das Gleichgültige auszusondern und das Wesentliche eines jeden Ereignisses zu bewahren. Er verstand, die Höhepunkte der Begebenheiten auf seine ruhige Art wiederzugeben, wie ein Mann, der das Erzählte miterlebt hat und mitten in den Gefahren gestanden hat. Und das scheint eine eigentümlich beruhigende Wirkung auf die Nerven zu haben. »Barner aber vergesse ich nie«, sagte er. »Er wurde bei Düppel erschossen – niedergeschossen ist das richtige Wort. Das ist schlimmer als abgeschlachtet, sehen Sie. Abgeschlachtet ist etwas Theatralisches und Falsches. Man denkt dabei an ein Morden, ein Handgemenge, wo man sich mit Kolbenschlägen aufeinander stürzt. Dies war es bei weitem nicht. Nein … verstehen Sie … nachdem nun nach und nach alle Außenwerke zusammengeschossen waren, dem Erdboden gleichgemacht waren, war außerhalb der Schanzen ein nackter Gürtel – er sah so unschuldig wie ein Stück des Fælled Fælled: Heute ein Park im Stadtteil Österbro von Kopenhagen, etwa 58 ha groß. Flächen für Sport und Spiel, Musiktribüne, künstlicher See. Seit 1913 hielt die Arbeiterbewegung am 1. Mai ihre Treffen im Fælledparken ab. Zur Zeit Bangs militärischer Übungsplatz. aus – völlig flach und nackt wie ein Tisch … man hätte sich gut vorstellen können, dort Zinnsoldaten aufzustellen, um damit zu spielen und dann – mit Erbsen zu schießen … dorthin wurde man geschickt, um zu zeigen, daß wir noch am Leben waren, und dort fiel man dann auf dem Feld der Ehre. Derjenige, der ins Feld mußte, wußte, er käme nicht zurück. Dort gab es keinen Schutz, keine Zuflucht … dort lauerte nur der Tod … Sie klagten heftig über den Armeegeneral, daß er so viele hinausschickte – das war nicht recht. Er sparte, so gut er konnte. Schickte wirklich nur drei-, vierhundert auf einmal hinaus …« »Was aber konnten denn dreihundert ausrichten?« »Ausrichten? Sie mußten sterben. Sie sollten zeigen, daß wir noch genügend Leute hatten, um sie erschießen zu lassen … Eines Tages saß ich in der Schanze … Diese verdammten Schanzen, wo einem die Granaten um die Ohren pfiffen, und wo man sich alle zehn Minuten auf den Bauch werfen mußte. Ließen einen die Kugeln in Ruhe, wurde man von Kälte, Ungeziefer und Hunger gepeinigt, so daß man vielleicht mehr als einmal sich selbst sagte: ›War es denn so schlimm, auf das »Fælled« zu ziehen?‹ Aber man überlegte es sich, wenn der Befehl kam – das sah ich an Barner. Er kam in die Schanze, und ich sah sofort, daß etwas geschehen war. Sein Gesicht war kreideweiß. ›Was ist los, Kreide?‹, fragte ich; wir hatten ihn auf der Offiziersschule immer ›Kreide‹ genannt – was ist los?‹ ›Wie Du ahnst‹, sagte er leise, ›ich muß ausrücken.‹ ›Ausrücken?‹ Mehr sagte ich nicht und studierte eifrig einige Fußspuren auf dem Boden … Was gibt es noch weiteres zu sagen, frage ich Sie, wenn man hört, daß der beste Freund zum Tode verurteilt ist; und kriechen will man wegen der Uniform nicht, und Trost gibt es keinen … ›In drei Stunden‹, sagte er. ›das schöne Leben.‹ Seither dachte ich oft, es war das Leben in diesen Schanzen, dieses elendige Dasein. Barner klammerte sich an mich, und er wiederholte diese drei Worte: ›Das schöne Leben …‹ Dann bat er mich, seine Mutter und seine Schwestern zu grüßen. Er gab mir seine Uhr und seine Kette und dankte mir für unsere Freundschaft. Dann gingen wir, um etwas zu essen zu holen. Man brauchte etwas, um sich zu stärken. Wir saßen einander gegenüber, das Essen blieb uns im Hals stecken, bleich und ohne zu reden, und schließlich legte Kreide seinen armen gelockten Kopf auf den Tisch und weinte wieder. Ich merkte, wie es in meinen Augen zu brennen begann, und ich saß da und machte sehr merkwürdige Bewegungen mit den Armen zum Himmel. Aber schließlich – denn ich wußte ja nicht, was ich sonst hätte tun sollen – trat ich zu ihm und streichelte seinen Kopf … und sagte etwas Dummes, allzu Dummes in einem solchen Augenblick: ›Es ist ja für das Vaterland‹, sagte ich. Er aber schüttelte den Kopf … ›Aber es geht doch um mein Leben‹, sagte er … ›es geht doch um mein Leben.‹ Ich stand bei der Schanze, als er davonmarschierte. Er schwang seinen Säbel, und der Schein der Sonne glitt über die Klinge auf seinen Kopf wie ein Blitz …« »Und dann?« »Und dann? Natürlich – er wurde erschossen.«   [En Erindring, fortalt en Sommernat. Vor Tid (11.2. 1883)]   Aus Venedig Novelle »Kennen Sie ihn?«, fragte mich Herr de Thirmont. »Wer ist er eigentlich?« Wir saßen im großen Wintergarten des Grand Hotel und pusteten Zigarrenwolken zwischen den großen Palmen hindurch, während wir eine üppige Mahlzeit verdauten und auf einen Bekannten warteten, der mit uns zusammen in die opéra comique Opéra comique: Opéra-Comique (Salle Favart) ist ein Pariser Theater, das seine Ursprünge auf den Pariser Jahrmärkten des 18. Jahrhunderts hat. Das Theater ist um 1714 gegründet worden. Sein Spielplan bestand keineswegs nur aus burlesken oder komischen Aufführungen, sondern umfaßte auch Werke von Daniel Auber, Georges Bizet oder wie hier W.A. Mozart. Hier ist jedoch die Operngattung gemeint, die dem deutschen Singspiel bzw. der Spieloper oder komischen Oper gleicht. Ihre Stoffe bestanden aus historischen oder zeitgenössischen Themen, umfaßte jedoch keine mythologischen Themen wie die Tragédie lyrique. gehen wollte, um Vanzandt Vanzandt: Marie Van Zandt (1858–1919) war eine berühmte amerikanische Sopranistin. 1880 wurde sie an die Opéra-Comique in Paris engagiert, an der sie bis 1885 als erste Koloratursopranistin blieb. Nach vielen Auftritten in ganz Europa beendete sie 1898 nach ihrer Heirat ihre Karriere. als Susanne in »Figaros Hochzeit« zu hören. »Wer ist er eigentlich? Ich habe ihn im letzten Jahr in Nizza getroffen und wurde auf ihn aufmerksam. Das ist unvermeidlich, denn er ist ein sehr gebildeter Mensch. Aber ich habe in seinem Gesicht nie ein Lächeln gesehen, und ich habe ihn nie etwas sagen hören, mit Ausnahme zu den Kellnern.« »Kennen und Nichtkennen, mein Lieber – sicherlich habe ich ihn schon früher getroffen – aber ich bin überzeugt, der Herzog hat mich längst vergessen …« »Ist er ein Herzog?« »Ja – wirklich. Ich traf ihn kurz vor seiner Hochzeit in Venedig … vor drei Jahren.« »Dann ist er verheiratet?« »Nein – die Hochzeit fand nicht statt.« Herr de Thirmont rückte näher heran. »Mein Lieber, Sie sprechen so geheimnisvoll, daß man ganz neugierig wird. Dann hat er also seine Geschichte? Ja – ich dachte mir schon, daß sie sich auch noch in Venedig abspielt. Aber das müssen Sie mir wirklich erzählen …« Der Franzose nahm seine Lorgnette hoch und blickte zum Herzog hinüber, der im Säulengang saß, alleine an einem Tisch, seinen Kopf auf beide Hände gestützt. Weder sah noch hörte er etwas. »Sehen Sie, so kann er stundenlang sitzen. Er, der so ganz anders seine Tage nutzen könnte …« Herr de Thirmont nahm die Lorgnette herab, streckte seine Füße aus und sagte: »Nun, mein Lieber, dann war dies die Geschichte des Herzogs.« »Wer hat gesagt, daß ich sie kenne? Und selbst wenn ich sie kennte, daß ich sie Ihnen erzählen würde? Dazu kann ich mich nur schwer bequemen … Der reine Zufall gab mir die Fäden dieser traurigen Geschichte in die Hand, und er dort ahnt nicht, daß ich etwas weiß.« »Wie das denn?« »Es war, wie ich Ihnen erzählte, in Venedig – vor drei Jahren. Ich weilte dort mit meiner Mutter und meinen Schwestern. Die Saison war sehr lebhaft, und wir nahmen hin und wieder am gesellschaftlichen Leben teil. Gräfin S. hatte uns aus Paris viele Empfehlungsschreiben mitgegeben, und es freute mich für meine Schwestern, daß wir so viel ausgingen … Es liegt ein eigener Zauber über dem gesellschaftlichen Leben in Venedig … Die alten Paläste haben im Schein der Lichter etwas Abenteuerliches … Die nächtliche Stille der Kanäle steht in starkem Gegensatz zu dem festlichen Lärm… Aber genug davon. Im gesellschaftlichen Leben Venedigs spielte in jenem Jahr eine vornehme englische Familie eine wichtige Rolle. Der Vater war sehr reich, die einzige Tochter sehr hübsch. Sie war strohblond, und die begeisterten Venezianer verglichen ihre Augen mit der Adria. Sicher ist, sie waren wunderbar blau … Man sagte, die junge Lady Mary sei genau so stolz wie hübsch … Einige meinten sogar, sie sei kalt und apathisch. – Man irrt sich oft, wenn man eine Frau nach ihrem Äußeren beurteilt. Mit ihr war der Herzog verlobt … Sie wohnten in demselben Hotel wie wir, und wir sahen sie oft. Ich erinnere mich, wie Mutter oft sagte: ›Sie liebt diesen Herzog bis zum Wahnsinn.‹ Und auch ich sah oft, wenn er mit ihr redete oder sie mit ihm, ein Blitzen in ihren blauen Augen, das an das Leuchten des Phosphors in der schönen Adria erinnerte … Auch der Herzog schien sie zu lieben. Er war ihr gegenüber sehr zärtlich und ehrerbietig und war immer mit ihr zusammen … Die Hochzeit sollte hier in Venedig in vierzehn Tagen stattfinden … Außer Frau und Tochter begleitete noch eine dritte Person den Lord: ein junger Verwandter, eine dieser armen Vornehmheiten, die man bei den bedeutenden englischen Familien fast immer in einer Ecke findet … Aber Miss Emmy versteckte sich nicht in irgendeiner Ecke. Dazu war sie auch zu hübsch, und ich habe selten zwei so schöne Frauen wie diese beiden Kusinengesehen– so anziehend und so verschieden … Miss Emmy hatte blondes Haar, aber sie hatte ein Paar Augen wie eine Italienerin und einen Mund, der so wollüstig gekräuselt war, daß die Glut ganz Spaniens auf ihren Lippen brennen müßte … Lady Mary liebte ihre Kusine leidenschaftlich, alle vergötterten sie. Im gesellschaftlichen Leben hatte sie fast noch größeres Glück als Lady Mary … Man konnte nicht anders als sie zu bewundern. Wenn sie abends in den hohen venezianischen Sälen einen ihrer schwermütigen irischen Gesänge sang und während ihres Gesangs die Tränen wie ein glänzender Schleier ihre wunderbaren Augen bedeckten – gab es wohl keinen Mann im Saal, der nicht unter der Macht der Zauberin erzittert wäre … Man sagte auch, Miss Emmy habe genügend Anbeter … Freier dagegen keine, obwohl sie schon 26 Jahre alt war … Sie mußte sich jedoch kaum fürchten. Schließlich würde der eine oder andere ›Fürst‹ sich als reich genug erweisen, um sich mit dieser Armut zu vermählen … Wie gesagt: Es gab Anbeter und Bewerber mehr als genug. Nur der junge Herzog schien ihr gegenüber ganz kalt zu sein. … Eines Abends war ich vom Markusplatz etwas spät zurückgekommen. Ich hatte noch keine Lust, ins Bett zu gehen und setzte mich in die große Halle des Hotels. Dies ist eine mächtige Halle, mit Sofas, Statuen und Palmen versehen – ich saß abends dort sehr gerne, wenn das Licht gelöscht war und nur spärliches Licht vom Säulengang hereinfiel … Ich saß da und wußte nicht recht, wie spät es schon war, als ich plötzlich von Stimmen aufgeschreckt wurde … Ich war erstaunt und wollte mich gerade erheben – aber dann erkannte ich die Stimmen wieder und – blieb. Ja – es geschah nicht, um zu lauschen – ich wäre ja gegangen … Aber ich hatte schon zu viel gehört. Vielleicht war ich auch vor Erstaunen versteinert … aber ich hörte das Gespräch. »Welches Gespräch, und zwischen wem?«, fragte Herr de Thirmont. »Es waren der Herzog und – Miss Emmy. Sie kamen durch den Säulengang, und ich vernahm und erkannte ihre Stimmen und wollte doch meinen eigenen Ohren nicht trauen und erhob mich hinter der Palme, wo ich saß. Doch – es war Miss Emmy …« »Nein, geben Sie es nur zu, Sie lieben mich nicht … warum das nicht zugeben?«, flüsterte sie. »Emmy«, es war der Herzog, der sprach, »ob ich Sie liebe? Das wissen Sie doch … Aber ich muß Mary heiraten …« »Weil sie reich ist …« »Und ich möchte sie nicht auf diese Art und Weise betrügen. Sich nie frei von Schuld zu wissen, sich nie sicher zu wissen. Emmy, ich liebe Sie wahnsinnig – aber das bringt mich noch um …« »Sie haben ein sehr empfindliches Gewissen … Es war weniger wach, Ihr Gewissen, Herzog, als wir zuhause waren und Sie mich in Brighton verführten … Ja, mich verführten …« »Leise, Emmy, leise! Sprich doch nicht so laut!« Sofort begann Emmy zu flüstern, ich hörte sie schluchzen. »Ach, aber warum willst Du diesen Bruch? Warum – wo Du doch sagst, daß Du mich liebst? Ich will sterben – hörst Du, Paul, ich will sterben. – Was leidet schon Mary? Sie weiß ja von nichts – sie ist glücklich. Was glaubst Du wohl, was sie fühlt – sie, die so kalt ist? Sie wird Deine Gemahlin. – Und ich, Paul, bekomme nur ein bißchen von Deiner Liebe, Deiner Seele, Deiner Zuneigung …« »Emmy, Emmy!« »Hast Du Angst vor mir? Warum? Nein – nein; Du liebst mich nicht mehr.« Dann hörte ich nichts mehr außer einigen wahnsinnigen Liebkosungen … Ich erhob mich leise um zu gehen, aber im selben Augenblick sah ich zum Säulengang und – blieb … Lady Mary stand dort im Mondlicht. Einen Augenblick später erscholl zwischen den Säulen ein Schrei. Der Herzog sprang auf, und Miss Emmy flüchtete. – Am Tag darauf war Venedigs ganze vornehme Welt von traurigem Entsetzen geschlagen. Lady Mary war beim Baden auf dem Lido umgekommen. Ihre Eltern waren Zeugen ihres Todes. Sie erwarteten sie am Strand zusammen mit Miss Emmy und dem Herzog … Miss Emmy wollte an diesem Tag kein Bad nehmen. Die Strömung war sehr stark. Aber Lady Mary wollte unbedingt … Und so geschah das Unglück. Sie war die Treppe hinabgegangen. Die Badewärterin hatte gesagt, sie könne für ihr Leben nicht einstehen – wenn sie auf der Treppe nicht stehen bliebe … Aber auf der dritten Stufe rutschte sie aus, fiel ins Wasser und wurde von der Strömung weggerissen. Miss Emmy fiel auf dem Strand in Ohnmacht, und der Herzog lief davon wie einer, der völlig verstört war. – Am nächsten Tag ging ich alleine zur Badestelle. Ich hatte Lust, mich mit der Badewärterin zu unterhalten. Anfangs wich sie meinen Fragen aus, aber schließlich sagte sie: »Ja – der Herr weiß doch mehr, als er sagen will: Diese junge Lady wollte sterben … Sie ließ selbst den Griff an der Treppe los … Aber meine Augen haben sich daran gewöhnt, nichts zu sehen. Es geschieht so viel hier in den Bädern von Venedig, und man weiß nie, ob man nicht in Verlegenheit kommt …« – Ich beendete meinen Bericht und zündete eine neue Zigarette an. Herr de Thirmont saß eine Weile ruhig; dann sagte er: »Es stimmt wirklich, ich habe oft festgestellt, daß diese Blondinen überempfindlich sind …« Der Herzog saß, ohne sich zu rühren, immer noch drüben im Säulengang. Er wollte sich nicht bewegen, dieser Mann. »Ja«, sagte dann Herr de Thirmont. »Das ist nun sein Schicksal. Aber Miss Emmys?« »Sie ist verheiratet.« »Ach so. Sie hat es also überwunden …« »Glücklicherweise … Sie erbte von den Alten, die beide im darauf folgenden Jahr starben, ihren Anteil, und ein kleiner Prinz heiratete sie.« »Zur linken Hand?« Heirat zur linken Hand: Bis ins 19. Jahrhundert beim Adel übliche Heiratsform, bei der neben der rechtmäßigen Gemahlin noch eine zweite Frau, die jedoch keine Rechte hatte, geheiratet wurde (morganatische Ehe). »Vielleicht. Das weiß ich nicht genau … aber verheiratet ist sie.« – Unser Bekannter kam, und wir fuhren los, um Vanzandt zu hören.   [Fra Venedig. Vor Tid (18.2.1883)]   Wenn der Storch kommt Es ist, als wäre es gestern geschehen, obwohl es doch schon so viele Jahre her ist. Die Kindheit hat ein treues Gedächtnis und erinnert sich an mehr, als sie selbst weiß. Wir gingen von der Schule nach Hause – Oluf und ich – die Bücher mit dem Riemen gebunden und Tinte an allen Fingern. So trafen wir das »alte Fräulein« Das »alte Fräulein«: Vorbild war vermutlich eine der mütterlichen Freundinnen Herman Bangs aus den Kindheits- und Jugendjahren in Horsens, die Pfarrerstochter und Rentnerin Cecilie Brøchner. vor dem Krämer. Sie trug ihre Tasche, ihr Mops lief hinterher. Sie blieb stehen – und sofort begann Oluf dem Mops hinter ihrem Rücken einen Tritt zu geben, so daß dieser aufjaulte und schrie – sie jedoch sagte, wir sollten mit ihr mitkommen und etwas zu essen bekommen; dann sollten wir zusammen spazieren gehen. Wir kamen häufig in das kleine Haus des Fräuleins und bekamen Butterbrot mit Zucker und Johannisbeerruhm mit viel Wasser und dann einen der gebratenen Äpfel, die auf dem Kachelofen schnurrten. Und wir betrachteten alte Bilderbücher mit großen Seeschlangen und verschnörkelten Buchstaben und vergilbten Bildern mit den eigentümlichsten Zeichnungen. Eigentlich lehrte uns das Fräulein das ABC, und jeden Vormittag kamen wir zu ihr mit unserem Buch und unserer Tafel und buchstabierten und schrieben Zahlen. Das alte Fräulein saß auf dem Podest und wir auf Schemeln mit der Tafel auf dem Schoß. Wenn wir dann die krummen Striche auf die Tafel kratzten und alles ganz still war, fiel das Fräulein in Schlaf, und Oluf stieß mich und begann, den Mops zu ärgern, so daß er aufheulte und das Fräulein » jäh erwachte und sagte: »Schreibt ihr, Kinder?« Aber manchmal an Frühlingstagen, wenn die warme Sonne in das Zimmer schien, konnte es auch geschehen, daß wir alle drei selig schliefen, das Fräulein in seinem Stuhl und wir auf den Hockern. Und den Mops sollte keiner wecken, denn er lag mitten im Lehnstuhl und schnarchte, von der Sonne gebraten. Aber jetzt war es mit dem Unterricht beim Fräulein vorbei, und wir kamen dort nur noch zu Besuch, um Butterbrot mit Zucker drauf zu bekommen – so wie heute. Das Fräulein gab uns die Bilderbücher, während wir aßen, aber dann sagte sie: »Laßt uns ein wenig spazieren gehen. Heute ist es Frühling geworden.« Wir wußten, was das hieß. Das Fräulein hatte nur ein Ziel: den Friedhof. Sie ging jeden zweiten Tag dort hin, und immer hatte sie Blumen mit, die sie auf das Grab ihrer Mutter legte. So zogen wir uns an, und das Fräulein band einige Efeublätter um eine Hyazinthe, und wir trabten los. »Aber zuhause werden sie böse«, sagte Oluf, »denn sie wissen ja nicht, wo wir sind … und dann ist Mutter ganz krank.« »Nein, deine Mutter weiß, ihr seid bei mir.« Wir gingen die Allee zum Friedhof hinauf, und das Fräulein legte die Blume auf das Grab ihrer Mutter. Oluf las die Inschrift. Dies tat er immer, buchstabierte die Wörter und las sie laut. Zuunterst stand der Spruch: »Selig sind die Toten.« »Selig sind die Toten.« Offb. 19,13. Ich stand da und kaute an meinen Fingern. Dann nahm ich das Fräulein an der Hand: »Warum sind sie selig?«, fragte ich. »Weil sie als Engel bei Gott sind«, sagte das Fräulein. Wir gingen zu unserer eigenen Grabstätte hinüber, wo der »kleine Bruder« lag. Über der Hecke konnte man die Förde sehen, und es war so schön, jetzt, wo die Vögel sangen. Wir setzten uns alle drei auf die Bank, und das Fräulein erzählte von dem kleinen toten Bruder. Wir erinnerten uns an ihn nur in einem kleinen Sarg mit weißen Blumen, das kleine Antlitz ganz weiß. »Er ist ja auch bei Gott«, sagte Oluf und schlug seine Stiefelschäfte zusammen. »Ja – er ist bei den Engeln bei Gott. Aber hättet ihr ihn nicht gerne zurück – so einen kleinen Bruder?« Oluf saß nachdenklich da. Aber dann sagte er sehr bestimmt: »Nein – laß ihn nur dort bleiben. Er hat es gut.« »Aber ihr habt ihn nicht – zum Spielen und lieb zu ihm zu sein«, sagte das Fräulein. »Ja aber, Fräulein –«, und ich riß meine Augen auf, »schickt Gott seine Engel zurück?« Das Fräulein schwieg einen Augenblick, wies aber plötzlich zum Himmel und sagte: »Seht ihr den Storch, Kinder, seht, wie er fliegt!« Wir reckten unsere Hälse, aber wir sahen keinen Storch. »Der Storch ist noch nicht zurückgekommen«, sagt Lars. Lars war der Kutscher. »Doch – der Storch flog gerade über uns«, beharrte das Fräulein, und wir starrten in die blaue Luft hinauf, die frühlingsklar und wolkenlos war. »Was würdet ihr sagen, wenn der Storch euch etwas mitgebracht hätte?«, fragte sie dann. »Das hat er nicht«, meinte Oluf. »Mutter hat gesagt, der Storch könne uns nicht finden.« »Das glaube ich nicht«. Das Fräulein erhob sich. »Ich glaube ganz sicher, daß ich den Storch habe zu euch fliegen sehen.« Wir machten uns auf den Heimweg. Wir wurden nicht fertig, über den Storch, den kleinen Moses und den Nil zu reden. »Den kleinen Moses und den Nil«: vgl. 2. Moses 2. Wir kamen durch die Straße zu unserem Haus. Das Fräulein wollte mit hoch. Ich lief zuerst die Treppe hinauf. Vater stand oben. Als Oluf und das Fräulein oben angekommen waren, brach er in Tränen aus, und er nahm uns Kinder in seinen Arm und schluchzte. Und wir weinten auch, denn wir hatten Vater vorher nie weinen sehen. »Wie steht es?«, flüsterte das Fräulein, ich hörte es gut. »Sie ist tot …« Was begriffen wir vom Tod? Als wir am Abend aber an Mutters Bett traten und ihr Gesicht auf dem weißen Kissen sahen, unbeweglich, sagte Oluf: »Vater, weißt du was? Das Fräulein sah den Storch, der kam, um Mutter zu Gott zu holen.« An Mutters Seite lag im Sarg ein kleines Kind. Sie waren beide fort in den Himmel gegangen.   [Naar Storken kommer. Vor Tid (4.3.1883)]   Pfingsten Die Glocken, die zum Abendgottesdienst riefen, hörten auf zu läuten. Die letzten eiligen Schläge, die sich immer um das Heil der Herde ängstigen; die Sankt-Petri-Gemeinde Sankt-Petri-Gemeinde: Sankt Petri ist die Kirche der deutsch-lutherischen Gemeinde in Kopenhagen, Sankt Peders Stræde 2, in der Nähe von Nørreport. war zum Gottesdienst gerufen. Dann lagen die großen Schulhöfe tot da, zwischen grauen Bretterzäunen staubüberzogen, und die Bäume in Valkendorfs Garten Valkendorfs Garten: Der Garten des Valkendorf-Kollegiums. Christoffer Valkendorf (1525-1601) war Reichshofmeister Christian IV. Er stiftete 1588 das Kollegium als Studentenwohnheim (»Burse«), das 16 Studenten Unterkunft und Verpflegung gab. Eine Stiftung für die Studenten errichtete er aus eigenen Mitteln 1595. 1865/6 wurde das Kollegium an derselben Stelle neu erbaut und bot nun 21 Studenten Unterkunft. Bekannte Kollegiumsstudenten waren Ewald, Grundtvig, Blicher, Ingemann und Herman Bang (von 1877-1879). bewegten kein einziges Blatt ihres hellen Laubes. Wie in Wellen fiel die Sonne über Streifen pastellfarbener, gepflegter Rasen mit leuchtend grünem Gras. Die Fliedersträucher reckten ihre reich blühenden Zweige zum Licht; nur einige Weiden hielten sich im feuchten Schatten des Hauses, bei der steinernen Treppe … Keine Bewegung, kein Laut. Nur hin und wieder ging von der Sonne getauft ein leichtes Zittern durch die Blüten des Obstbaums, sah empfindsam auf den Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes. Und aus den Kronen der Linden sausten auf einmal zwei tschilpende Spatzen herab, um sich im Staub des Gangs zu tummeln … Dadurch wachte der Student auf, streckte sich im Gartenstuhl und legte »Junker Herold« »Junker Herold«. Byrons autobiografisches Gedicht »Childe Harold's Pilgrimage« (1812-1818) wurde 1880 von Adolf Hansen ins Dänische übersetzt (»Junker Harolds Pilgrimfart«. Et romantisk kvad). in seinen Schoß. Er sah sich um: dasselbe Bild, dieselbe Ruhe. Warum war er nur zu Hause geblieben? Er hätte sich wohl genau so gut wie alle anderen die paar Schillinge Schilling: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. verschaffen können … Aber er legte keinen Wert darauf, Pfingsten mit Bier und Kognak aus Feldflaschen zu feiern, die umher gereicht wurden … Er wollte gerade hier allein sein … Die Kameraden konnte er an »Feiertagen« noch weniger leiden. Warum benahmen sie sich auch so anders als sonst? Werktags gingen sie so ordentlich gekleidet, während sie feiertags ihre abgelegten Kleider hervorholten – dieses ganze alte Hostrupsche Wesen? Das Hostrupsche Wesen: Jens Christian Hostrup (1818-1892) wirkte 1854-1880 als Gemeindepfarrer in Silkeborg und Hillerød. Er war ein damals in Dänemark bekannter Schriftsteller und Dramatiker. In Komödien und Singspielen schildert er naive, gemütvolle und muntere Studenten aus dem Kopenhagen der 1840'er und 1850'er Jahre. Sie sahen lächerlich aus, als sie mit ihren Botanisiertrommeln und Knotenstöcken fortgingen – nun ja – Guten Appetit im Fortune! Fortunen: Ausflugsgaststätte (ursprünglich Forsthaus mit Ausschank) in Jægersborg Dyrehave. Dyrehave (nördlich von Klampenborg) war seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts das beliebteste Ausflugsziel des Kopenhagener Bürgertums, seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Kopenhagener Arbeiter. Im Dyrehave befindet sich auch der älteste Vergnügungspark »Bakken«. Pförtners waren mit allen Kindern in den umgenähten Lesekitteln Umgenähte Lesekittel des Kollegiums: Die Studenten trugen im Studium eine Art Lesekittel. Die Frau des Pförtners hat von den Studenten die abgelegten, verschlissenen Kittel bekommen und sie zu Kleidungsstücken für ihre Kinder umgenäht. des Kollegiums ins Grüne gezogen. Unser Vater trug schwarze Handschuhe; er verdiente täglich ein Zubrot als Leichenträger … Dann war alles ruhig geworden, und der einsame Feiertag hatte begonnen. Der Student erhob sich und begann, im Gang auf und ab zu gehen. Es war doch zu lächerlich, daß Pan Pan: In der griechischen Mythologie Gott der Hirten und des Waldes. auch in einem Garten regieren sollte. Aber trotzdem begann die Ruhe ihn … aufzuregen … Er hatte plötzlich Lust, drinnen die Kinder in die Pause stürmen zu hören, die Klingel läuten zu hören. Er setzte sich wieder, griff wieder nach dem »Junker Herold« ; aber das Buch sank wieder nieder, und er las nicht mehr. Zu Hause, zu Hause! Der Wald war gerade grün geworden; und wie sich die Wiesen sanft krümmten! Sie erstreckten sich so frisch und so geschmeidig gerade bis zum Waldrand, wo die Fahnenstange zum Fest errichtet wurde. Gestern war die Akrobatenfamilie in ihrem großen Wagen hinunter gefahren, und zehn Leierkastenmänner hatten heute im Pfarrhof gespielt. Sie nahmen das Paar Schillinge mit – vor dem Fest. Die Pfarrerskinder tanzten zur Musik. Das Fräulein ließ ihr Bügelbrett stehen, überdrüssig der vielen Hemden; die jüngeren benutzten Topfdeckel als Schellentrommel – – bis das Fräulein es leid war, die Haushälterin zu spielen und rief: »Psst! Vater schreibt die Predigt.« – – und plötzlich war der Hof wie leer gefegt, und sie sprangen wieder auf den Balken der halbleeren Scheune umher … So verging der Tag, aber dieser Samstagabend war den Verstorbenen gewidmet. Gegen Abend öffnete die Kirchendienerin das große Tor und begann, in den Gängen längs der Buchsbaumhecken Sand zu streuen. Die Pfarrerskinder pflückten Goldregen und Flieder, die sie in den Korb legten. Dann tranken sie Tee im Wintergarten, während die Glocken den Sonnenuntergang einläuteten. Der Vater saß bleich da, still und ergriffen von dem kommenden Feiertag. Nachdem sie gegessen hatten, holten sie die Körbe mit den Blumen und setzten sich auf die Bank hinter die Hecke, wo der Holunder eine Gartenlaube bildete. Frauen und Mädchen kamen von den Feldwegen auf die Landstraße, die zur Stadt führte. Man konnte ihnen, ihre weißen Tücher um den Kopf, von der Mühle aus folgen. Sie kamen mit einem Rechen und einem Rosenstock oder einem Goldlack, den sie im Winter zu Hause aufgezogen hatten. Wenn sie an der Bank bei der Hecke des Pfarrhofes vorbeigingen, neigten sie ihr Haupt und grüßten leise: »Gottes Friede.« Dies war der Gruß am Abend der Toten. »Gottes Friede.« Sie zogen in Gruppen durch das große Tor, und sie verteilten sich auf die Gräber. Dann begannen die Glocken, das Fest einzuläuten. Die Pfarrerskinder ergriffen ihre Körbe und öffneten die kleine Tür unter dem Goldregen. Sie gingen an den Gräbern vorbei, wo die Frauen mit Rechen und Spaten zu Gange waren. Drüben an den Mauern, die zur Wand führten, lagen die Gräber der Armen. Diese schmückten die Pfarrerskinder mit ihren Blumen. Die Glocken läuteten weiter, während der Himmel über dem Wald sich rötete. Nach und nach begann man, sich von Grab zu Grab zu unterhalten – zuerst über die Verstorbenen und die vielen Krankheiten, die zu den Gräbern geführt hatten. Und man schneuzte sich häufig die Nase mit dem Handrücken und erzählte mit sanfter Rührung. Dann schlich sich der Dorftratsch ein, und man hörte damit auf, zu rechen und herzurichten; man stand flüsternd, jeder auf seiner Seite der Buchsbaumhecken … Und zu guter Letzt ging der Tratsch von Grab zu Grab, lustig und mit unterdrücktem Gelächter – – Unten vom Platz vor der Schule hörte man die Kinder, die zum »letzten Schlag« Der letzte Schlag: Ein Fangen-Spiel für Kinder. versammelt waren. Beim Gasthaus auf der anderen Seite der Straße standen die Knechte und warteten. Dort ertönten lauter Unsinn und großes Gelächter. In dem Maße wie die Mädchen fertig wurden, näherten sie sich der Mauer an der Straße; und sie schauten hinüber, und Bemerkungen und halblautes Gekicher begannen über die Friedhofshecke zu wechseln. Die Frauen gingen prüfenden Blicks durch die Gänge, die Hände über dem Bauch gefaltet, und es waren Grüße und Getratsche und Mißbilligung des einen oder anderen zu hören. Die Pfarrerskinder hatten ihre Körbe geleert; sie kehrten zum Garten zurück. Die jungen Knechte hatten fleißig mit einem Lied begonnen. Das Schreien der Kinder scholl weit über die Wiesen. Dann hörte die Glocke auf zu läuten, und während ihrer Schläge zum Gebet wurde es ganz ruhig, das Singen hörte mit einem Mal auf, man hörte nur noch das Lachen der Kinder … Man trennte sich in gleichmäßigem Gespräch und ging seiner Wege. Nur eine einzige Frau blieb zurück; als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde, beeilte sie sich flugs … Denn der Friedhof war bald verlassen. – – Der Abend des Pfingstmontags: ein Fest mit politischen Reden. Wie schmuck die Damen doch waren, und wie sie fürchteten, ihre Kleider zu beschmutzen, wenn sie aus den Wagen ausstiegen. Der Landtagsabgeordnete des Kreises redete unendlich lange, und das Karussell durfte nicht fahren, solange gesprochen wurde … Aber Vögel zu schießen und nach dem Seehund Seehund: Hier ist wahrscheinlich die Figur auf dem Karussell gemeint. schauen, dazu konnte man sich doch wegschleichen und sich die Zeit verkürzen … Schließlich wurde es Abend; die Lampen an den Girlanden wurden angezündet, die Spielleute begannen zu schwitzen und in ihre Trompeten zu spucken … ach, die alten Weisen – welche Bögen mußte man schlagen, um ihnen zu folgen, und das war auf all den unebenen Bodenbrettern doppelt so schwer. Das war ein Lärm, ein Gelächter, Musik. Die Akrobaten riefen unter einem Leuchter mit schwankenden Kerzen aus. Und drinnen, weiter drinnen war der Wald so ruhig und frisch, und im zeitigen Frühjahr gab es im Dickicht noch unbetretene Pfade … Zu Hause – zu Hause! – – Wie doch die Schatten im Garten des Kollegiums wuchsen. War es bereits so spät? Der Student erhob sich. Ja – die Familie im Hinterhaus war nach Hause gekommen. Vater hatte sich in Hemdsärmeln auf die Fensterbank gestützt, hinter einer anderen Scheibe stand Buchenlaub in einem Flaschenhals … Der Student ging zum Tor und sah auf die Straße hinaus. Alles war noch sehr ruhig, friedlich wie eine Kreisstadt am Sonntagnachmittag. In den reinlichen Straßen bei der Universität geht es immer so ähnlich wie in der Provinz zu. Auch jetzt: Schuhmachers waren nach Hause gekommen; die Kinder belagerten die Kellertreppe, ihr Roggenbrot kauend, der Vater rauchte am Geländer seine Pfeife. Nach und nach kehrten die Kleinbürger des Stadtviertels nach Hause zurück, im Gefolge ihre Kinder, ziemlich müde, von der langen Tour durch den Dyrehaven schmutzig und schläfrig von der frischen Luft, an die sie nicht gewöhnt waren. Sie schieben die Kinderwagen, mit Buchenlaub gefüllt, durch die Straße, zerren die größeren Kinder, die vor sich hindösen, an ihren Händen, ohne ihnen jedoch Beine machen zu können. Nach und nach kommt Leben in die Häuser … Fenster werden aufgerissen. Buchenzweige werden in weiße Vasen gestellt, und manche Unterhaltung beginnt vor den Türen und auf den Treppen – – Der Student ging zurück. Im Garten begann es, dunkel zu werden. Von der Straße vernahm man gedämpften Lärm: Das Viertel begab sich zur Ruhe. In der Nacht wurde der Student durch Gesang geweckt. Das Kollegium war nach Hause gekommen. Er ging zum Fenster. Dort unter dem großen Baum hatten sie einen »Bierstand« mit zwei Lampen auf dem Tisch eingerichtet … Einer redete mit vielen Gesten – – »Denn das ist die Jugend, sehen Sie, meine Herren, die Jugend, die Glaube und Ideale hat – die Jugend, deren Hoffnungen das Samenkorn der Zukunft sind!« – – Der Student ging wieder zurück. Aber sein Schlaf blieb unruhig, begleitet von Liedern Hostrups.   [Pinse. Nationaltidende, morgen, 13.5.1883]   Im Walde Eine Bleistiftnotiz Nach dem Mittagessen saßen wir im Herrenzimmer, der Herr des Hauses, etwas matt, mit Doppelkinn, langsam in seinen Bewegungen, zwei-drei Herren, die Dame des Hauses und ich. Das Gespräch drehte sich um Politik und Neues und Kunst. Der Zigarrenrauch lag schwer im Raum, und es war heiß, so daß die Dame den Fächer benutzte. Die Tür zum Garten wurde etwas geöffnet, und die Dame bewegte sich zur »frischen Luft« hin. Die Unterhaltung glitt dahin. Kurz darauf war die Dame des Hauses verschwunden. Man hörte, wie eine Handvoll Kies an die Scheiben geworfen wurde, und vernahm ein lautes, schrilles Gelächter von draußen: »Es ist nur meine Frau«, sagt der Hausherr, ohne sich im Lehnstuhl herumzudrehen. »Sie hat immer Kindereien im Kopf …« Die Frau wirft weiter Kieselsteine an die Scheiben; nun trommelt sie »Patins et Fourrures« »Patins et fourrures« (franz.): »Schlittschuhe und Pelze« war in den 1880er Jahren ein populärer Tanz. mit ihren Knöcheln … Ich kann ihren dunklen Schatten auf dem Rasen herumhuschen sehen … »Man kommt völlig außer Atem«, sage ich, »ich habe versucht, sie in der großen Allee zu fangen. »Aber man kriegt sie nicht.« Sie ist so außer Atem, daß sie sich auf meinen Arm stützen muß. »Ach, ich liebe es, so im Dunkeln herumzuspringen, die frische Luft in meinem Gesicht zu spüren … Sollen wir ins Wäldchen hinabgehen? Dort ist es so schön.« Wir machen uns auf den Weg. Der Septemberabend ist sehr dunkel. Wir gehen dicht nebeneinander, und wir halten uns aneinander, wenn wir über Baumstümpfe stolpern. »Laufen Sie nicht gegen die Stämme … Sehen Sie noch den Pfad?« Die Luft ist wirklich kalt. Aber jedes Mal, wenn sie spricht, spürt man ihren Atem an seinen Wangen und fühlt die Wärme … Sie sprechen über ihn, über seine Werther-Sorgen. Werther-Sorgen: J.W. von Goethes tragischer Liebesroman »Die Leiden des jungen Werther«, 1774, dänisch »Den junge Werthers Lidelser« handelt von einem jungen Mann, der rettungslos in ein verlobtes Mädchen verliebt ist und sich dann erschießt, da er nicht mehr länger den Schmerz ertragen kann, in einer bornierten und gefühlskalten Gesellschaft, die ihn nicht versteht, seine unglückliche und unerfüllte Liebe weiter auszuhalten. »Das Ganze kommt davon, daß Sie zu jung sind … Sie fassen das, was nur Eines ist, als das Einzige auf – die Liebe ist vielleicht nicht einmal das Wichtigste.« »Was gibt es denn mehr?« »Die Arbeit, die Pflicht.« »Und die Ehe? – « Ein kleiner Seufzer: »Ja, Sie haben recht – fast die Ehe.« »Nein, wir gehen gerade zur Namensbuche – und hier kann man stürzen … Die Wurzeln …« »– Gott sei Dank, wir sind wieder auf den Weg zurückgekommen; Zweige haben sich in meinen Haaren verfangen – ich sehe sicher hübsch aus … Nein, sehen Sie, Emil – die Leidenschaft dient dazu, daß wir sie bekämpfen können. Das ist meine feste Überzeugung. Was würde sonst mein Leben bedeuten? Was würde sie für das Leben von Tausenden bedeuten, wenn dies nicht stimmte?« Die Sterne schienen durch eine Lichtung zwischen den Stämmen hindurch. Der Pfad verläuft eben. Sie überzeugt mich mit ihrer Rede durch kleine Händedrücke. »Sich zu bekämpfen, erzeugt Willen. Willen zu haben, bedeutet das große Glück des Lebens – glauben Sie mir doch, glauben Sie mir …« Warum schmilzt ihre Stimme bei »Glauben Sie mir?« Warum schmiegt sie sich so fest in meinen Arm, wo doch der Weg hier so breit ist? »Man verzichtet Tag für Tag – dann kommt wohl ein Tag, wo es nicht mehr so schwierig ist.« Sie drückt fast ihre Wange auf seine Schulter … ihre Worte wurden zum Flüstern. Sie stolpern über einen großen Baumstumpf, er muß ihr aufhelfen, indem er sie um ihren Körper faßt. »Was sie zuhause wohl glauben, wo wir sind?« »Sicher im Garten …« »Und wir gehen hier im Wald spazieren und reden – über die Leidenschaft.« »Ja – reden davon.« Sie wirft einen Blick von der Seite her … Es war Stille. Von den Zweigen fielen einzelne Blätter leise herab. »Wir müssen nach Hause«, sagte sie dann. – Inzwischen war es noch dunkler geworden, der Weg war kaum noch zu finden. Man mußte Arm in Arm gehen. Als wir wieder zur Stiege kamen, hatten die Zweige das Haar der Frau aufgelöst. »Ja, ich glaube, Sie haben Recht, Frau Aubert, Leidenschaft schafft Wille.« »Ja, mein Freund, wenn man sie bekämpft.« Die Dame stieg über den Zaunübergang, und wir betraten den Garten. Wir warfen beide Kieselsteine an die Scheiben: Man saß noch beim Kaffee, hatte erst einige Gläser Kognak geleert. »Wo in aller Welt seid ihr gewesen?«, fragte der Hausherr. »Wir haben Fangen um den Rasen gespielt … Nein, du lieber Gott, wie mein Haar auseinander gefallen ist!« Die Dame des Hauses ordnet ihr zerzaustes Haar, und still hinter dem Fächer lächelnd hört sie wieder dem Geplaudere zu, das sich um Politik und Kunst dreht.   [I Skoven. Vor Tid, (27.5.1883)   Im Belvedere-Garten Der »Zirkus Variété« Der Belvedere-Garten Belvedere-Garten: Hier stand ursprünglich das alte Pesthaus am Kalvebodstrand, bei der jetzigen Matthæusgade. ist weit weg. Dies sind vielleicht auch diejenigen in Kopenhagen, die noch nie von der Vesterbrogade durch den Enghavevej über die Felder abgebogen sind. Denn Belvedere ist nur im »Viertel« bekannt. Ein Stück Schattenseite des äußersten Vesterbros, wo die großen nackten Kasernen der Stadt sich auf dem offenen Feld ausbreiten; sie erstrecken sich weit bis zu den Ausläufern des ersten Dorfes. Ein eigentümlicher und unordentlicher Gürtel rund um die Stadt – weder Stadt noch Land. Aber die Armut und die scheuen Gestalten, die hier verweilen, nehmen sich alle Freiheiten des Landlebens. Die Kinder tummeln sich halbnackt in den Gräben, und einer nach dem anderen kommen die Arbeiter nach Hause, leicht taumelnd mit dem übriggebliebenen Samstagslohn in der Ledertasche. Lautes Geschrei dringt dort aus jener Riesenbaracke. Die Kaserne ist noch im Bau. Die Treppe hängt kahl und baufällig am mittleren Fenster, und alle Wände sind unverputzt. Aber zum Wohnzimmer hinauf hat man eine schwankende Brücke aus Brettern gelegt, und hinter den Scheiben kann man auf den Rolläden »Café« lesen. Drinnen, unter einem Paar Petroleumlampen, die durch den Ruß hindurch leuchten, lärmt ein Gewimmel sich bewegender Köpfe; die Kneipe ist voll. Man fährt weiter einen Weg, von Kastanien gesäumt, hinab, und auf einem blauen Schild mit weißen Buchstaben liest man: Belvedere. Eine Schar von Jugendlichen stürmt zum Wagen und bettelt um Schillinge. Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8 €. Der eine schlägt Purzelbäume und macht einen Handstand. Der Kutscher erkundigt sich, ob hier der Zirkus sei. – »Ja, hier im Zelt. Um acht Uhr.« Es ist acht Uhr, und wir steigen aus. »Man wartet auf Zuschauer.« Das kann man verstehen, denn das große amerikanische Zelt ist noch ganz dunkel, und die sieben Musikanten, die, wie Hühner auf der Stange ihres Brettergestells, aneinander gepreßt saßen, heulen ab und zu falsch und trübsinnig in ihrer hilflosen Einsamkeit – und wir können uns den Garten anschauen. Er ist halb gemäht, um Platz für die Bewirtungstische zu schaffen, aber rund um die Caféeinrichtung erstrecken sich grüner Rasen und dichte Johannisbeersträucher wie ein frühlingsgrüner Gürtel. Ein einzelner Obstbaum wirft den Schnee seiner Blüten über den verwilderten wuchernden Strauch, und zur Straße hin schützen Weidenhecken. Mitten auf dem Rasen hinter dem Haus ist ein Zelt, das seine Herrlichkeiten für das Sonntagspublikum bewahrt, errichtet. Ein Kettenhund hält drinnen Wacht und fährt hoch und schlägt an, während wir uns die Gemälde betrachten, die als Schild dienen: Kleopatra, die von der Schlange gebissen wird, Kleopatra, die von der Schlange gebissen wird: Die schöne intrigante Königin der Ägypter, die sowohl Cäsar als auch den Triumvirn Antonius betörte, nahm sich das Leben, als sie zusammen mit Antonius den Kampf gegen Octavian verloren hatte. Der Selbstmord (30 v. Chr.) soll der Überlieferung nach dadurch erfolgt sein, daß sie sich von einer Giftschlange beißen ließ. und Samson im Schoß Dalilas. Samson in Dalilas Schoß: (Richter 13-15). Samson ist einer der Helden aus dem Stamme Dan, der sich im Krieg mit den Philistern befand; er wurde von der bestochenen Geliebten Dalila verraten und an seine Feinde ausgeliefert. Wir kehren zum amerikanischen Zelt zurück, lösen von einem mageren Arm, der durch eine Öffnung im Kassenhäuschen fährt, die Karten und gehen hinein. Das Zelt ist immer noch leer. Ein paar Näherinnen reiben sich geniert an den Bänken entlang, erschrocken, so allein zu sein, und »die Manege« liegt wie alles übrige leer da und wartet in sandbestreuter Feierlichkeit. Aus dem Raum der Künstler schauen jeden Augenblick Gesichter heraus und verschwinden wieder, während die Musik mit derselben Weise von vorne beginnt. Der eine oder andere Arbeiter hebt den Vorhang am Eingang an und sieht hinein, erschrickt über den leeren Raum und bleibt draußen stehen, wo sich ein kleines Grüppchen Wartender um den Direktor schart, der seine Blicke von den Wolken hinab zum Gartentor schweifen läßt und vom Gartentor wieder zu den Wolken hinauf. Ein paar frierende Künstler mit einem Trikot unter den langen Wintermänteln betreten den Platz, und nach und nach beginnt eine gleichmäßige jammernde Unterhaltung zwischen den Künstlern und dem Dutzend Zuschauern. Im Zelt werden Lampen angezündet, und ein Stallknecht kümmert sich um die Manege. Ein kleiner Junge mit schiefem Kopf beginnt, mit einem Tablett voller Apfelsinen herum zu sausen, die er einschmeichelnd zu den leeren Bänken reicht. Und jedes Mal, wenn er bei den beiden Näherinnen vorbei kommt, scheucht er sie noch weiter in ihrem Winkel. Er verkauft auch Programme. Genaue Nachbildungen der richtigen Kunstreiterprogramme. Hier finden sich alle bekannten Nummern: Sprung über ein Band, das Apportierpferd Apportierpferd: ein Pferd, das dazu abgerichtet ist, Gegenstände zu holen oder einzusammeln. Victoria und der schiffbrüchige Matrose. Dann, nachdem sich dreiundzwanzig Leute eingefunden haben – ein Dutzend Arbeiter, einige kleine Mädchen aus dem Viertel, fünf oder sechs Neugierige und wir – beginnt die Vorstellung. Der Stallmeister kommt herein, knallt mit der Peitsche und ruft: »Fräulein Christine mit graziösen Figuren!« Und die Vorstellung läuft vor diesen wenigen Menschen mit einem traurigen Ernst ab, der die Sinne bedrückt. Die obligaten Handküsse und das Lächeln werden zu den tapetenbezogenen Bänken mit automatischer Stetigkeit, die die Nerven irritiert, geworfen. Die Pudel und die kleinen Pferde, der Jongleur und der Matrose folgen einander. Und wenn die Clowns, die in die Leere hineinrufen, über ihre Beine stolpern, brechen einige kleine Kinder in schallendes Gelächter aus. Das ist der Beifall des Publikums. Nach und nach nickt man von den unendlichen Kreisen des Schimmels ermüdet ein, und man vernimmt die Witze des Clowns nur noch undeutlich, während er dem Schulpferd Napoleon, das mit Schlafmütze und Serviette auf der Brust geschmückt frißt, Futter bringt. Die eine oder andere Erinnerung an Schauplätze wie diesen kommt hoch, Schauplätze in freier Luft auf dem Schulhügel, hinter der Bürgerschule, mit großen Plakaten angekündigt, mit reichlich geschmücktem Umzug durch die Straßen der Kreisstadt, wo die Künstler an den Sommerabenden ritten, wie Gespenster geschminkt, in ihrem zerschlissenen Samt mit Goldstickerei aufgetakelt, die alt geworden war und die der Regen und die Zeitläufte rosten ließen. Wie die Trompeten schmetterten! Alle Straßenjungen der Stadt folgten der Truppe, und überall stürmten Mädchen und Burschen zur Haustür, um die Gaukler vom Schulhügel zu sehen … An Tagen mit Regen oder Schneeregen krochen sie auf ihren Pferden zusammen, tropfende Regenmäntel über ihrem Trikot, und die weißen Federn auf ihren Baretten schlotterten wie nasse und zerzauste Hühner. Aber die Clowns riefen trotzdem und stießen in ihre Hörner, während sich die weiße Pierrotschminke auflöste und in Strömen über ihre Wangen floß …     Ich sehe ihn noch an den kalten Regentagen, in Sturm und Schneeregen – den kleinen Angelo, wie er auf seinem Pony in sich kroch und wie seine Beine in dem gestreiften Trikot, das vor Nässe troff, vor Kälte zitterten, und wie die Hände, die die bunten Zügel hielten, blau und geschwollen waren. Er konnte sich kaum auf dem Pferd halten, aber der Direktor wandte sich um und rief ihn, und er warf ihm eine Kußhand zu und versuchte zu lächeln. Wenn er lachen wollte, verzog sich sein Mund wie zum Weinen, und das Lächeln gelangte nie bis zu den Augen. Sie lagen so schwer wie erloschene Kugeln unter ihren Lidern, traurig wie die Augen Mignons. Mignon: eine Prinzessin, die von Zigeunern geraubt wurde und die in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795) die Reisegefährtin des schwermütigen Harfenspielers ist. Ihr berühmtes Lied »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn« gibt ihre Sehnsucht nach der verlorenen Heimat wider. Ambroise Thomas' Oper »Mignon«, die in Kopenhagens Königlichem Theater 1880 aufgeführt wurde, beruht auf Motiven des Goetheromans. Angelo war der Liebling des Publikums. Der Junge ritt unter Aufbietung aller Kräfte über die Hindernisse. Er raste unter Schellenklang umher, bald oben, bald unten. Während des Reitens kam Farbe in sein Gesicht, und Fieberglanz stieg in seinem Blick auf. Wenn es dann vorbei war und er immer wieder herausgerufen wurde, wich die Röte wieder, und er warf Kußhände zu und sammelte die Apfelsinen auf, aber selbst während des Jubels blieben die Mignon-Augen traurig … Armer Angelo! Eines Tages, als die anderen Künstler zur Probe erschienen, fanden sie ihn im Trapez erhängt. Er hatte einen Strick um seinen Hals geschlungen, und die Zunge fiel rot und geschwollen aus seinem Mund, die Augen starrten steif. Angelo hatte nicht mehr leben wollen. Warum? Der Junge war müde vom Hungern, müde, Prügel zu bekommen, müde davon zu frieren und müde davon, Sehnsucht zu haben. Seine Geschichte war so einfach, und wahrlich so einfach kann sie auch in Kürze erzählt werden. Er stammte aus den spanischen Grenzgebirgen. Dort auf einem kahlen Berg war er geboren, und weil er hübsch und geschmeidig war, wurde er verkauft: Seine Eltern nahmen dies nicht so genau, sie verkauften das Kind für zwei Goldstücke. Und eines Tages nahm ihn die Truppe, die nach Frankreich zog, mit. Über Tausende von Landstraßen ging es gen Norden … Angelo fror und er hatte Sehnsucht: Er bat inständig darum, gehen zu dürfen. Auf bloßen Beinen wollte der Junge zurückkehren; er wollte an jedem Weg und bei jedem Fels fragen, bis er den Weg nach Hause gefunden hätte. Dies erzählte er einer der gütigen Frauen im Ort. Sie gab ihm Brot und heißen Kaffee, und während er gierig aß, mit dem aufgerissenem Blick derer, die hungern, erzählte er von Spanien und der Sonne. Er hatte sich eine eigentümliche Sprache beigebracht, konnte alle Sprachen, gab seine merkwürdigen Wörter dazu, und es klang wie eine unterdrückte Klage, die über seine kindlichen Lippen kam. Aber am häufigsten kam dieses eine Wort vor, dieses eine Wort: Sonne. Und wenn er vor seiner Tasse Kaffee saß, konnte er plötzlich ein heimisches Wort in seiner eigenen Sprache sagen, und das Kind brach in Tränen aus; sein Haupt sank auf den Tisch, und der Junge schluchzte laut. Angelo hatte zu flüchten versucht. Er war nachts aufgestanden und war mit seinem Bündel aus der Stadt gen Süden gewandert. Aber man fand ihn, und der Direktor bekam ihn zurück. Nun hatte er sich den Strick um den Hals gelegt, und niemand mehr konnte ihn aufhalten – auf dem Weg nach Hause. Denn in den Bergen seiner Heimat lebt eine merkwürdige Sage, daß derjenige, der in einem fremden Land stirbt, zurückkehrt und wieder in seinem Haus in seinen Bergen wohnt. Angelo hatte den Mut gehabt, diesen Weg in sein Vaterland zu wählen. Hier hinterließ er nur wenig. In einem roten Tuch waren sieben Taler verborgen, und auf einen Zettel hatte er gekritzelt – wer hatte ihm nur das Schreiben beigebracht? – »An meine Mutter«. Es war die Mutter, die ihn verkauft hatte.     Die Vorstellung geht ihren Gang. Die Clowns machen ihre Witze, das Pferd – der Schimmel, der »den Schotten« »Den Schotten«: die Bedeutung dieses Ausdrucks ist unsicher; Woel und Lehrmann nehmen einen Druckfehler an und lesen »bærer skatten« (tragen »den Schatz« ). mit seinen großartigen Verwandlungen genau so geduldig trägt wie Miss Charlotte bei ihrem ernsten Tanz, wo sie doch nicht die leichteste ist. Miss Charlotte – wird unermüdlich heraus- und hereingeführt. Die Kinder klatschen, und der Apfelsinenjunge fällt dauernd mit seinen Apfelsinen, die er den leeren Bänken anbietet, auf den Boden … Uns befällt nach und nach eine stumpfe Traurigkeit. Das Halbdunkel, die Leere bringen sie hervor; wir gehen in den Garten hinaus, wo es inzwischen fast Nacht geworden ist. Ein schwerer Duft von Kastanien und Flieder löst sich; er entfaltet sich in der Kühle. Von der Stadt her legen sich die Dünste des Abends schwer über Gärten und Felder. Und die Schaubudenmusik aus dem Zelt und die Rufe an die Pferde vermengen sich mit dem fernen Trubel auf den Straßen, der sich wie ein benebeltes und verwirrtes Summen anhört, eine unanständige und undeutliche Begleitung. Dann verlassen wir den »Belvedere-Garten«.   [Belvederes Have. Nationaltidende, morgen, 10.6.1883]   Die beiden Schwestern Sie hatten immer zusammen getanzt. Mit ihrem Vater waren sie in ganz Europa herumgereist, und sie waren auf den Bühnen aller Hauptstädte aufgetreten. Ihrer Tüchtigkeit eilte großer Ruf voraus: An gewagten Ballettschritten hatte Emmeline nicht ihresgleichen, und Marie war leicht und anmutig wie ein Schmetterling. Deshalb waren sie auch so weit gekommen, als Gäste zum Tanzen in die große Oper von Paris eingeladen zu werden. Sie reisten dorthin mit ihrem Vater und begannen mit der Probe. Eines Tages aber kam Emmeline weinend nach Hause: Sie wollten nicht mehr zur Probe in die Oper gehen. Sie baten, nach Hause zu ihrem alten Engagement zurückkehren zu dürfen. Sie konnten dort die Luft nicht mehr aushalten: Sie wollten die Gruppentänzerin vor dem Tanz nicht im Seidenkleid sehen und jede Chorsängerin mit Diamanten bedeckt, und sie wollten all diese Geschöpfe nicht hinter ihrem Rücken über den alten grauen Überwurf, den sie um sich schlugen, wenn sie aus ihrer Umkleide kamen, lachen hören. Sie wollten nach Hause. Zu Hause ging der Vater mit zur Probe und wartete auf sie im Café, um mit ihnen zurückzukehren: Zu Hause waren sie geehrt – hier wollten sie nicht bleiben … So kehrten sie zurück. Kurze Zeit später starb ihr Vater. Sie fühlten sich hilflos wie zwei Kinder, und sie zogen in eine andere Stadt, die sie weniger an das, was sie verloren hatten, erinnerte. Sie waren immer trübselig, sie lebten allein, gingen abends dort zu den Proben, kehrten wieder nach Hause zurück und aßen ihr Abendessen schweigend. Dann sprachen sie ein wenig über den Vater, dessen Bild auf dem Tisch stand, mit einer Schleife eines alten Lorbeerkranzes geschmückt, und gingen dann zu Bett und schliefen nach einem Tag, der dem geglichen hatte, der ihm vorausgegangen war wie auch dem, der nachfolgen würde. Aber nach und nach sprachen sie weniger über den Vater. Ein anderer bildete den Gegenstand ihres Gesprächs: Der junge Ballettmeister begleitete sie jeden Abend nach dem Tanzen nach Hause. Sie gingen alle drei schweigend – denn diese Menschen sprechen sehr wenig – die beiden Schwestern beieinander eingehängt. Waren sie an der Tür angekommen, drückte der Tänzer ihre Hand: »Gute Nacht, Miss Emmeline«, sagte er. »Gute Nacht, Miss Marie!« Und sie trennten sich, und die beiden Schwestern gingen nach oben. Oben aber begannen sie über alles zu reden, was sie beim Tanzen gedacht hatten, und immer war bei allem alten etwas neues geschehen. So verging die Saison. Am letzten Abend sagte der junge Tänzer zu Emmeline, während Marie ihren Solotanz tanzte: »Wissen Sie, daß ich wegreise?« Emmeline erbleichte. Sie stützte sich auf die Kulisse, um nicht hinzufallen, und sie hörte nicht die Musik zu den Ballettschritten Maries. »Ich habe meinen Vertrag nicht verlängert«, sagte er, »ich gehe nach Mailand.« »Das haben wir nicht gewußt«, sagte Emmeline nur. Es gab eine Pause. Marie hatte eine seltene Figur gemacht, und der Beifall brauste im Saal auf. »Wollen Sie mit mir kommen?«, fragte er dann. Emmeline sah ihn an und wußte nicht, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Aber er ergriff ihre Hand, und während sie zum Ensemble hinausgingen, küßte er ihre Hand. Emmeline antwortete nicht. Sie tanzte alle ihre Figuren mit Tränen in den Augen. Als sie sich aber abends an ihrer Tür trennten, beugte sie sich zu ihm und flüsterte: »Morgen.« Sie hätte gerne mit Marie gesprochen, aber sie wußte nicht, warum sie schwieg. Sie saß da, glücklich lächelnd, ihr Geheimnis verbergend, das sie an diesem Abend nicht verraten konnte. Aber als sie zur Ruhe gingen, küßte sie Marie und sagte: »Marie, wir wollen uns nie trennen.« Sie schlief schnell ein, erwachte aber bald. Mit geschlossenen Augen lag sie da und genoß ihr Glück und begann ganz leise eine Melodie zu summen. Aber dann schlug sie wegen eines Geräuschs ihre Augen auf. Marie war aus dem Bett aufgestanden. Sie ging über den Boden zur Kommode und öffnete die Schublade. Emmeline sah dies mit halboffenen Augen, und sie sah, wie sie sein Bild aus der Schublade nahm und es vielmals küßte. Sie glaubte, sie müßte von dem Schmerz sterben, die ihre Brust durchfuhr, und ihre Glieder waren so schwer, daß sie sich kaum rühren konnte. Sie sah nur, wie Marie das Bild wieder hineinlegte, die Schublade schloß und in ihr Bett zurückging. Am nächsten Morgen jedoch schrieb Emmeline nur zwei Zeilen an den jungen Tänzer: »Ich wünsche Ihnen viel Glück – aber ich liebe Sie nicht. Vergessen Sie jedoch nicht Emmeline. »Weißt Du«, sagte sie zu Marie, als sie beim Frühstück saßen, »daß der Ballettmeister abreist?« »Reist er ab?« »Ja, er muß nach Mailand.« Sie waren beide bleich. Und nachdem sie sich vom Tisch erhoben hatten, ging Marie in das Schlafzimmer und schluchzte. Emmeline nahm das Bild des Vaters mit der alten Schleife und küßte das Glas viele Male.   [De to Søstre. Nationaltidende, morgen, 8.8.1883]   Gespenstergeschichten. I. Die drei Schläge Die Novelle beruht auf einer Kindheitserinnerung aus der Zeit in Horsens, als Herman Bangs Bruder Oluf am 23.10.1871, erst zwanzigjährig, verstarb. Er hatte nachts drei Schläge an der Fensterscheibe gehört und wußte, daß die am 8.2.1871 verstorbene Mutter ihn rief. Das Motiv ging auch in die Novelle »Men du skal mindes mig« in »Sælsomme Fortællinger« (1907) ein. Sie öffneten die Tür zum Zimmer des Toten, und sie spürten schauernd die abgestandene Luft wie aus einem Keller, mit dem durchdringenden Geruch von Karbol. Karbol: heutiger Name Phenol. Bestandteil des Steinkohlenteers, das 1867 erstmalig von dem britischen Chirurgen Lister als Desinfektionsmittel zum Sterilisieren von Wunden, Verbänden und Operationsinstrumenten benutzt wurde. Heute nicht mehr üblich. Ohne es zu merken, nahmen sie einander an der Hand und hoben das Laken, das vor der Türe hing. So wie es hing, konnten sie nicht richtig darunter durchkommen. Ihr Herzschlag stockte, als sie diesen ewigen Frieden sahen. Die Leiche lag mit den Armen auf der Seite, das Taschentuch auf dem Gesicht war über den Zügen zusammengefallen, die Nase stand spitz nach oben. Die beiden Geschwister traten an das Bett. Sie blieben kurz stehen, der Bruder sah die Leiche an. »Sollte man die Hände nicht falten?«, flüsterte er dann. »Doch …«. Nina berührte die bläuliche Hand der Leiche und erschrak ob ihrer Kälte. »Die Haut ist ganz weich«, sagte sie dann. Otto berührte die Hand. »Ja.« Sie spreizten die Finger auseinander und falteten die Hände auf der Brust. »Wie weich sie sind«, sagte Otto wieder. »Das bedeutet, daß Mutter jemanden bei sich haben will …« Nina ließ die Hände los: »Aber Otto …«, sie hatte dasselbe gedacht und erschrak ob dieser Worte um so mehr. Bleich sahen sie einander an. »Und die Augenstehen am dritten Tag immer noch offen.« Sie verharrten; der eine wartete darauf, daß der andere das Tuch von ihrem Gesicht nehme. »Sollen wir uns das Gesicht anschauen?« Otto fror, so daß er kaum sprechen konnte. Nina nickte, und Otto ergriff das Taschentuch an dem einen Zipfel und hob es hoch. »Schau«, sagte er, »sie stehen offen.« Er zog das Taschentuch ganz weg. »Nein, ich möchte sie nicht mehr sehen.« Nina schauderte und wandte sich ab. »Komm!« Sie ging zur Tür und wartete, aber als Otto noch am Bett blieb, drehte sie ihren Kopf: Otto stand gebeugt über dem Leichnam … »Otto, was machst Du denn? …« »Man muß sie schließen«, sagte er und legte die Daumen in die Augenhöhlen. »Sie müssen geschlossen werden …« Die Beerdigung war vorbei. Otto war am stärksten ergriffen gewesen. Dies war natürlich. Recht mäßigen Verstandes wie er war, hatte er immer im Schatten der drei Jüngeren gestanden; er fühlte oft seine Unterlegenheit und wurde von Schwermut geplagt. Mutter war der Schwermut ihres Erstgeborenen immer mit Milde begegnet und hatte ihm gut zugeredet. Jetzt fühlte er den Verlust tief, mit einem merkwürdig trägen wortkargen Schmerz. Die Stimmung des Todes lag noch über dem Haus. Die Kinder hatten noch nicht begonnen, laut zu sprechen, sie schlossen die Türen leise aus Angst, Lärm zu machen. Den Vater sahen sie nur bei den Mahlzeiten, den Kopf in nasse Tücher gehüllt. Man hörte keinen anderen Laut als das Klirren der Gabeln auf den Tellern. Manchmal wurde der Vater aus seinen Träumen gerissen. Er erblickte die Kinder, die stumm dasaßen. »Eßt«, sagte er, »eßt – man muß Widerstandskräfte haben.« Das Essen klebte an ihren Gaumen fest. Abends schlichen sich die Kinder gemeinsam in die Wohnstube um die Lampe. Die anderen lasen. Otto kam von der Fabrik nach Hause, setzte sich in eine Ecke und stützte den Kopf in seine Hände. Der Jüngste kam ins Bett. Nina arbeitete bei der Lampe, hob den Kopf und blickte zu Otto, der unbeweglich in seiner Ecke saß. Bernhard kauerte auf dem Stuhl und las. Dann erhob sich Otto und ging zum Tisch. Er saß lange da und zeichnete mit den Fingern auf der Tischplatte. Zuletzt sagte er halblaut und sah auf ein Bild direkt gegenüber an der Wand: »Heute abend ruft Mutter …« Bernhard blickte vom Buch hoch: »Sag doch nicht so etwas!« Otto hörte es nicht: »Ja«, sagte er, »es ist der dritte Abend.« Sie gingen zu Bett. Die Tür zwischen Ottos und Bernhards Zimmer stand offen. Jeder wälzte sich in seinem Bett und konnte nicht schlafen. »Schläfst Du?«, fragte Otto. »Nein – wie spät ist es?« Ein Streichholz wurde angezündet und auf die Uhr gesehen. »Elf.« Sie legten sich wieder hin und sprachen nicht mehr. Bernhard hatte sich in die Decke gehüllt und zählte die Zahlen bis hundert auf, um einzuschlafen. Die ganze Zeit aber wurde er aus dem Zählen herausgerissen und hob seinen Kopf aus der Decke, um die Augen aufzureißen und in die Dunkelheit zu schauen. Er hörte, wie sich Otto drinnen herumwarf. Aber schließlich war er gerade dabei einzudösen, als er mit einem Mal hochfuhr. Er hatte einen heftigen Schlag gehört. »Bist Du da, Otto, was ist los?« Im selben Augenblick hörte er noch einen Schlag. Seine Zähne begannen zu klappern, und er setzte sich auf. Dann noch ein Schlag. Niemals zuvor hatte er solch einen Laut gehört – es war, als ob eine flache Hand heftig gegen die Scheiben geschlagen hätte. In diesem Augenblick zündete Otto das Licht an. Er stand mit dem Licht in der Tür, totenbleich. »Hast Du das gehört? – Mutter hat gerufen.« Bernhards Haare sträubten sich vor Entsetzen. Er sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. »Das war der Fensterhaken«, sagte er, »es muß stürmen.« Er hob den Vorhang. Die Nacht war sternenklar und ganz ruhig. Sein Blut sott. Er öffnete das Fenster und untersuchte mit gespielter Gleichgültigkeit alles. Otto hielt noch immer das Licht, unbeweglich. »Untersuchst Du die Sprossen«, sagte er, »da sind keine Fensterhaken …« Bernhard ging wieder zu Bett. Er zitterte wie im Fieber. Aus Ottos Zimmer, deuchte ihm, hörte er Schluchzen. Spät in der Nacht fiel er in Schlaf. Am Morgen wurde er von Otto geweckt, der vor seinem Bett stand. Er hatte seine Arbeitskleidung an und mußte in die Fabrik. »Bernhard«, sagte er, »Du darfst den anderen nichts von den Schlägen heute Nacht erzählen. Sie bekommen sonst nur einen Schrecken …« Das Frühjahr verging, und es wurde Sommer. Nina führte den Haushalt, und den Verlust der Mutter fühlte man nicht mehr so stark. Außerdem hatte ja jeder seine Arbeit, und so vergeht die Zeit. Nur Otto änderte sich nicht. Er plagte jedoch niemanden mit seiner Schwermut. Er stand vor den anderen auf und ging in die Fabrik. Er kam nach Hause um zu essen und bekam sein Essen für sich. Meist versuchte er nur wenig davon, schob den Teller von sich und begrub die Hände in seinem dichten, blonden Haar. So saß er da, bis er wieder gehen mußte. »Du bist nicht gesund, Otto!«, sagte Nina. »Geh zum Arzt!« »Mir geht es gut, mir fehlt nichts.« Und Otto ging zum Arzt. Sein Gang war schwer geworden, als ob er etwas nach sich schleppte. »Leidest Du an Schlaflosigkeit?«, fragte der alte Hausarzt eines Tages und betrachtete seine geschwollenen Augenlider. »Ich glaube nicht, daß es Dir gut tut herumzusitzen und jeden Abend an dem Grab Deiner Mutter herumzuhängen, wie man sagt, daß Du tust … Mach einen Spaziergang – Du brauchst das.« Von der Fabrik aus ging Otto immer zum Friedhof. Er setzte sich auf die kleine Bank am Grab und rührte sich stundenlang nicht. Manchmal begann er sogar plötzlich zu weinen, so daß sein ganzer Körper zitterte. Abends schloß er die Tür zu Bernhards Zimmer. Eine Nacht wachte Bernhard daran auf, daß bei Otto laut gesprochen wurde. »Otto!«, rief er. Otto öffnete die Tür. Bernhard bekam Angst, so bleich wie er aussah. »Mit wem sprichst Du denn?« »Ich bete«, sagte er. Er hatte fiebrige Augen und gerötete Wangen. Und in einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung warf er sich auf Bernhards Bett. Er schlug die Arme um seinen Hals und schlug den Kopf gegen seine Brust: »Bernhard«, sagte er dann, »glaubst Du, es ist so entsetzlich … wenn man noch so jung ist … wenn man noch so jung ist …« »Was ist denn, Otto – was ist denn so entsetzlich?« »Zu sterben – ach – zu sterben!« Kurz darauf wurde er ruhiger: »Es ist nichts«, sagte er. »Ich glaube, ich bin überarbeitet … in der Fabrik – es geht vorbei.« Es war Ende August. Nina hatte einige junge Leute zu Ottos Geburtstag eingeladen. Der Abend war drückend heiß, und die Luft im Zimmer, wo man den Ring hatte gehen lassen, Den Ring gehen lassen: Singspiel, bei dem ein an einer Schnur angebrachter Ring von einem Teilnehmer zum anderen geschoben wird. war schwer. »Mach ein paar Fenster auf!«, sagte Bernhard. »Nein – Du weißt doch …« »Oh nein – bei Nachbars haben sie doch alle Fleckfieber.« Fleckfieber: Rickettsieninfektion, die durch Läuse, Milben, Zecken oder Flöhe übertragen wird. Inkubationszeit 10–14 Tage. An der Einstichstelle kommt es zu starkem Juckreiz und einer Blauschwarz-Färbung. Bräunlich-rote Ausschläge am Oberkörper, hohes Fieber, aufgedunsenes rotes Gesicht, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost und Delirium folgen. In Napoleons und Hitlers Armeen wütete das Fleckfieber auf den Rußlandfeldzügen und raffte unzählige Soldaten dahin. Noch in den Jahren 1858 und 1859 erkrankten in Wien 10 000 Menschen an Fleckfieber; mit dem Verschwinden der Kleiderläuse aufgrund hygienischer Fortschritte erlosch Ende des 19. Jahrhunderts im zivilen Bereich auch das Fleckfieber. In Deutschland ereignete sich 1885 die letzte große Fleckfieberepidemie mit 120 000 Toten. Man begann über die Krankheit zu reden. Der Mann war gerade verstorben, und die Frau lag im Sterben. Alle blickten durch die Fenster zu den Nachbarn hinüber. Dort standen alle Fenster offen, die weißen Rollos bewegten sich träge. »Wo liegt sie denn?«, fragte jemand. »Hinter den beiden letzten Fenstern …« Sie redeten alle über die Krankheit, über die scheußlichen Wunden, die Pocken glichen. »Nina«, sagte Otto, »man erstickt ja hier drinnen. Wir müssen frische Luft haben.« Er riß das Fenster gewaltsam auf und setzte sich auf die Fensterbank. »Glaubt ihr, man wird dadurch eher angesteckt?« Kühle Luft schlug durch das Fenster. Dies führte die anderen in Versuchung. Bald setzten sie sich auf alle drei Fensterbänke, schoben die Scheiben ganz zur Seite und unterhielten sich. Sie lachten und schwatzten. Otto begann zu jodeln. Eine Gestalt zeigte sich im Fenster unmittelbar gegenüber und sah heraus. Der weiße Vorhang im Krankenzimmer wurde nach oben geschoben. Ein vereinzelter Fußgänger auf der Straße blickte nach oben auf die fröhliche Gesellschaft, man warf Taschentücher von Fenster zu Fenster. Man begann mit der Mahlzeit. Die Stimmung war bestens. Als man zum Nachtisch kam, las man die Zettelchen Zettelchen: Es handelt sich um kleine Zettel mit Sprüchen, die als Schmuck auf dem Kuchen dienen. vom Baumkuchen vor. Plötzlich aber, es herrschte großer Lärm und lautes Gelächter, erhob sich Otto und schlug an sein Glas. »Das Geburtstagskind«, rief man, »das Geburtstagskind will eine Rede halten!« Otto blieb einen Augenblick stehen, schlug an sein Glas, bis es ruhig wurde. Dann sagte er: »Meine Damen und Herren – ich trinke auf den Dreizehnten. Wir sind dreizehn am Tisch.« Dreizehn am Tisch: Aberglaube, es bringe Tod und Unglück, wenn dreizehn Personen zu Tische sitzen. Stammt vielleicht vom letzten Abendmahl Jesu, nach dem der Verräter Judas sich das Leben nahm (Matthäus 27,5). Alle ließen ihre Blicke schweifen und zählten. Ja – sie waren zu dreizehnt. Die Stimmung war umgeschlagen, und die Tafel wurde aufgehoben. Zwei Tage später kam Otto unzeitig von der Fabrik. Er war krank und wurde mitten im Eßzimmer ohnmächtig. Er wurde zu Bett gebracht, und der Arzt wurde geholt. Alle im Haus waren erschrocken, die Mädchen schlichen auf Strümpfen von Tür zu Tür. Es war, als wäre schon ein Leichnam im Hause. Bernhard machte im Eßzimmer seine Hausaufgaben. Im anderen Zimmer waren die Nachtschwester und die alte Köchin mit den Breiumschlägen zugange. Man vernahm Ottos Stöhnen durch die Zimmer hindurch und die Stimme des Arztes, der seine Anweisungen laut und ungeduldig erteilte. Die Nachtschwester hatte die Breiumschläge genommen und stand an der Tür zum Eßzimmer. Das Mädchen sagte flüsternd zu ihr: »Ach, Herr Jesus – hätte ich doch nur nicht in der dritten Nacht nach dem Begräbnis die drei Schläge gegen die Fensterscheiben wie mit einer flachen Hand gehört … Ach nein, ach nein, ihn hat die selige Frau gerufen …« Otto starb sechs Wochen später.   [De tre Slag. Nationaltidende, morgen, 13.1.1884]   Tagebuchblätter In der letzten Zeit trat Ostende Ostende (belgisch: Oostende): Internationales Seebad in der belgischen Provinz Westflandern, an der Nordsee gelegen, Überfahrt nach Dover (England), damals ca. 16 000 Einwohner (heute ca. 60 000). Herman Bang besuchte 1880 als Korrespondent der Nationaltidende Ostende. wieder vor meinen inneren Blick. Vor meinem inneren Ohrerschienen wieder der verworrene Laut Strauss'scher Walzer und der Gesang des Ozeans, das Rascheln der Fächer und das Rasseln von Gold, das ist die Melodie Ostendes. Wieder habe ich den Lärm hinter mir gelassen und bin vor dem Meer mit seinen reichen Farben stehengeblieben. Wie ein Löwe, der die Zunge herausstreckt, Feuer ausspeit. Und noch einmal habe ich in die bunte Pracht des Rathauses geblickt, wo man einen festlichen Ball abhielt. Hundert weiße Schultern, halb von Atlas verdeckt; überall im Haar, an den Armen, das Spiel von Diamanten; seidenverhüllte Taillen, im Walzer sich neigend. Oh, aus dem Garten der Huris Huris: Im islamischen Glauben die schönen, verführerischen Jungfrauen, die nach dem Tode im Paradiesesgarten auf den rechtgläubigen Muslim warten. treten einzelne Gesichter hervor – wie Silhouetten. Ich sehe wieder die russische Fürstin mit ihren beiden Windspielen vor mir, wie sie den Strand entlang geht. Ich sah nur einmal das Aufleuchten in ihren Augen. Es war an einem Nachmittag – Ostende schlief nach dem Baden. Ich hatte mich am Deich auf eine Bank gesetzt. Das Meer war von der Mittagssonne so herrlich beleuchtet. Ein Stück von mir weg, an ein Geländer gelehnt, stand ein Bettlerjunge, ein sechzehnjähriger Bursche. Er rauchte aus einer kleinen Pfeife Tabak. Da kam sie, die Fürstin, langsam mit ihren beiden Windspielen. Sie bildete eine schlanke Silhouette gegen den Himmel und das Meer. Ihr Profil trat unter einem dunkelroten Hut hervor – vornehm wie eine Diana-Gemme. Sie bemerkte uns nicht, bei dem Bettlerjungen näherte sie sich dem Geländer zum Meer. Dort war eine Treppe. Der Bursche wich zur Seite: Die Pfeife verbarg er in seiner Hand, und mit aufgerissenen Augen betrachtete er die Dame, halb schüchtern. Die Fürstin zog ein Stöckchen aus ihrem Gürtel und rief die Windspiele. Die schlanken Tiere fuhren bellend an das Geländer. Mit einem Mal sah ich, wie der Bettlerjunge, von den Hunden verfolgt, die Treppen hinabstürzte … Ich stand auf, und im selben Augenblick warf die Fürstin das Stöckchen über das Wasser: »Apportez – Apportez!« Der Bursche warf seine Jacke ab, und im gleichen Augenblick balgte er sich in den Wellen mit den Hunden. Sie schaute ohne zu lächeln zu. Nur einmal sagte sie: »Néron – Néron – dépechie-toi!« »Dépechie-toi!« Verballhornung von »dépêche-toi« d.h. beeil dich! Nero hatte das Stöckchen bereits im Maul, aber der Bursche riß es heraus, und mit dem bellenden Hund erreichte er die Treppe. Er lief heraus und triefend naß, das schwarze Haar an die Stirn geklebt, legte er das Stöckchen auf den Deich, zu ihren Füßen. Da traf ein Aufblitzen, das plötzlich in den Augen der Fürstin erschien, das nach oben gewandte Gesicht des Burschen, und er wurde tiefrot. Aber als sich die Lider wieder über die Augen gesenkt hatten, die – wie ich bemerkt hatte, graublau und groß waren, zog die Fürstin ihren seidenen Geldbeutel heraus, und mit einer Bewegung, als jagte sie eine Fliege fort, ließ sie ein Goldstück auf den Boden fallen – und ging weiter. Der Bettlerjunge sah ihr nach. Dann nahm er das Goldstück und ging den entgegengesetzten Weg. Es war Mittag. Überall im Salon, der durch Palmen abgeteilt war, dösten Damen und Herren, begleitet von einem Saint-Saëns, von Frau Marino gespielt. Sie saß unter einem riesengroßen Gummibaum, und ihre Büste mit dem gelben Rosenstrauß zeichnete sich gegen den japanischen Wandschirm scharf ab … Schließlich verstummte die Melodie – Frau Marino war müde wie wir anderen auch. Alle ruhten wir … Entspannt lagen die Damen in ihren Stühlen und ließen sogar die Fächer fallen. Ein paar Herrenstimmen hörte man vom Altan. Dann verstummten auch diese. Seidenschleppen und Möbel und an den Wänden die modernen Gemälde lagen im selben Halbdunkel. Nur im kleinsten Raum ganz innen fiel Licht von einer Glühlampehellauf eine Kopie eines Rubens, eingefaßt von fliederfarbenen Falten. Sonst laue Schatten, Palmen als Versteck … Aber die Luft im Salon wurde zu schwül. Ich ging leise auf den Altan. Ich konnte den ganzen Salon sehen – ganz drinnen Rubens. Miss Harrings streckte ihre nackten Arme aus einer Palmengruppe vor. Man sah nur diese und den Kopf und einen Schwall blonden Haares über der Sofakante. Ich mußte an eine Sirene Sirene: Fabelwesen der griechischen Mythologie, dessen Vorderseite als Frau und dessen Rückseite als Vogel dargestellt wird, das die Seefahrer mit ihrem Gesang anlockte, um sie dann zu töten. denken. Da vernahm ich hinter mir ein Geräusch und sah mich um. Ich fuhr ein wenig zusammen, als ich direkt über dem Gitter ein Gesicht sah. Es war ein kleines, mageres Gesicht mit zerzaustem Haar ringsum. Die Augen starrten aufgerissen. Sie hing am Gitter, sie war vom Deich draußen herauf gekrochen. Im gleichen Augenblick fuhr der junge Jean, der Sohn des Hauses, hinter einem Vorhang vor. Er war mit einer Gerte bewaffnet. »Bist du schon wieder da?« rief er, und bevor sie entrinnen konnte, traf er sie im Nacken … »Göre!« Ich habe noch nie einen so haßvollen Blick gesehen, wie den, als das Mädchen mit einem Aufschrei zurückfiel. »Dieses Pack!« sagte Jean, »jeden Abend ist es hier – sie kriechen herauf und schauen herein … Sie war klein, ganz zart. Im Grunde glich sie einem Sperling. Ihr ganzes Gesicht bestand aus ein paar Taubenaugen, die immer feucht waren. Mit ihren Augen sah sie den Männern in die Seele. Ihr Mann war General. Er hatte in den Tuilerien Tuilerien: Bezeichnung sowohl des Palastes als auch des dazugehörigen Parks. Hier ist der Palast gemeint. Er war ursprünglich das Stadtschloß der französischen Könige. Im Mai 1871 wurden beim Aufstand der Pariser Kommune die Tuilerien in Brand gesteckt und die Ruinen 1880 abgerissen. getanzt und bei Orléans Orléans: Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 spielte Orléans eine wichtige Rolle. Es diente als Ausgangspunkt der französischen Truppen zur Entsetzung der Stadt Paris. Nach schweren wechselvollen Kämpfen wurde Orléans am 5.12.1870 von den deutschen Truppen bis Anfang März 1871 besetzt. gekämpft. Erwar zum zweiten Mal verheiratet; er hatte einen Neffen bei sich, der Leutnant bei den Husaren war. Ich lernte den jungen Mann kennen. Er war liebenswürdig, aber schwermütig. Am meisten freute er sich, wenn ich von meinem Zuhause erzählte. Er liebte Reisen, er war zwei Jahre lang in Afrika gewesen. »Das ist die heutige Jugend«, sagte der General, wenn er den jungen Mann abends auf der Terrasse sitzen fand, von wo er über das Meer starrte. Eines Abends gingen wir nach Hause, er und ich. Da begann er plötzlich, mir eine ganze Menge von sich zu erzählen. Und mitten in allen seinen Worten, die weit umherschweiften, sagte er: »Ich bin wahnsinnig verliebt – in die Frau meines Onkels.« Er erzählte von ihr, lange, während wir auf und ab gingen. »Weiß sie es?«, fragte ich. Er lächelte eigentümlich. Und er sagte aufs Neue einen Satz, der sich oft wiederholte: »Sagen Sie mir, haben Sie ihre Augen gesehen?« Seine Hände brannten, als ich ihm »Auf Wiedersehen!« sagte. Drei Tage später bekam ich morgens einen Brief. Er stammte von dem jungen Franzosen. Ich erwartete eine Einladung zu einer Segeltour. Aber in dem Brief stand, er sei verstorben. Das Leben war ihm zu schwer geworden. »Wenn das Leben zu gräßlich ist«, »Wenn das Leben zu gräßlich ist …«: Der in Desdemona unglücklich verliebte Adlige Roderigo zu Jago im 1. Akt, 3. Szene von Shakespeares Tragödie Othello (1602). »Denn es ist töricht zu leben, wenn das Leben aus Leiden besteht; dann können wir ein Rezept für den Tod bekommen, wenn wir den Tod als Arzt nehmen.« schrieb er auf englisch – ich kannte das Zitat, denn er liebte Othello – »nimmt man den Tod als Rezept.« Darunter stand: »Ich erschieße mich in den Dünen. Geben Sie ihr Bescheid.« Noch nie habe ich einen so unangenehmen Auftrag erhalten, und doch erregte er mich. Noch nie bin ich so von Trauer, Verzweiflung und Neugierde zugleich erfüllt gewesen. Während ich mich fertigmachte, spielte ich mindestens zehn Varianten meiner Rede an »Madame« durch, denn ich wollte mit ihr sprechen … und als ich endlich in ihrem Salon stand, in den sie eintrat, im Bademantel, höchst erstaunt darüber, mich zu dem Zeitpunkt zu sehen, hatte ich alles vergessen, was ich sagen wollte. Ich stammelte etwas von großer Trauer … Sie schaute mich mit großen Augen an. Dann sprach ich es mit einem Mal gerade heraus: daß er sich erschossen habe. Sie schwankte einen Augenblick. Dann sagte sie und sah mich fest an: »Wie traurig für meinen Mann.« Und kopfschüttelnd, mit einem unschuldigen Taubenblick in ihren Augen, sagte sie: »Armer junger Mann!«   [Dagbogsblade. Nationaltidende, morgen, 27.1.1884]   »Sitzengeblieben –« Sie hatten dort schon viele Jahre lang gewohnt. Die Witwe hatte »glückliche Tage« als Kind in einem großen Stadt- und Kontorhaus erlebt. Aber dann mußte sie als zwanzigjähriges junges Mädchen einen jungen Angestellten vom Büro ihres Vaters, des Kammerherrn, Kammerherr: In der Rangordnung des königlich dänischen Hofes, die übrigens – mehrfach abgewandelt und vereinfacht – bis heute gilt, steht der Rang des Kammerherren in der 2. Klasse auf Platz 5. Im selben Rang stehen zum Beispiel die Richter des Obersten Gerichtshofes, der Generalstaatsanwalt, Generalmajore, Konteradmiral und die Bischöfe der dänischen Volkskirche. heiraten, und nach dieser Heirat wollte ihre Familie nichts mehr von ihr wissen. Das Ehepaar lebte in engen Verhältnissen drei, vier Jahre lang, dann starb er, und von allem, was sie sich vom Leben erhofft hatte, blieben der jungen Witwe nur die zwei kleinen Mädchen übrig. Einige Zeit kämpfte sie sich in Kopenhagen durch, wie eben solche Existenzen kämpfen – bald mit einer Pension für Studenten, bald mit einem Mittagstisch für einen geschlossenen Kreis von Herren. Bis eines Tages ein ferner Verwandter ihrer Familie eine Freiwohnung im Thorsgaard zu vergeben hatte und sich an sie erinnerte. Ein kleines Erbe kam hinzu, vierteljährlich bekam sie ein wenig Geld von einer Stiftung; so zogen sie auf den Thorsgaard. Wie doch die vielen Jahre vergangen sind! Ein Jahr glich dem anderen. Wenn die Märzensonne zu scheinen begann, liefen Anna und Elise jeden Tag in den kleinen Garten hinab, um das erste Schneeglöckchen zu finden, das sie in einen Brief an Lehrers Holger und Pfarrers Mariane steckten. Dazu wurden auf feinem Papier Verse geschrieben, und die Briefe wurden mit dem Briefträger abgeschickt. So konnte unmöglich erraten werden, wo man sie aufgegeben hatte. Dann, wenn das Frühjahr kam, brachte jeder Tag Neues. Krokusse steckten ihre blauen Köpfe hervor, dann die Veilchen, und die wilden Johannisbeeren erblühten mit kräftigem Duft. Anna und Elise waren eifrig damit beschäftigt, mit den Kindern des Küsters in ihrem kleinen Stückchen Garten umzugraben. Dann kam der Sonntag der Konfirmation. Aus den Feldwegen trafen die Konfirmandinnen in ihren schwarzen Kleidern barhäuptig mit ihrer Mutter an der Seite ein, und alle übrigen Verwandten folgten. Anna und Elise sahen dies vom Fenster aus: Thorsgaard lag hoch oben, und man hatte einen weiten Überblick. Die Kirche lag direkt unten am Hügel zwischen Pfarrhaus und Schule. »Schau die Fahne«, sagte Elise. Sie flaggen für die Konfirmanden. Die Zeit verging. Es wurde Sommer, und die Sommerferien kamen; die Jungen kehrten ins Pfarrhaus zurück. Dies war der Auftakt zum Vergnügen. Sie machten Fahrten auf dem Boden des Heuwagens und spielten »Fang mich« im Hof und »Der Witwer« auf der Wiese beim Fluß. Es konnten gut zehn, vierzehn Jungen bei Pfarrers sein. Oft war die Witwe nachts noch auf und wusch die weißen Kleider, damit sie bis zum Morgen wieder getrocknet wären und am nächsten Tag angezogen werden könnten. Denn jede hatte nur eines. Und fein sollten sie sein. Sie waren in den Ferien ja die Primadonnen. Pfarrers Mariane schimpfte dauernd mit den Jungen. Aber Anna und Elise waren ruhig veranlagt. Sie wählten sich »Kavaliere«, verschenkten Schleifchen und erhielten romantische Liebesbriefe. So gingen die Sommerferien dahin, und es wurde Herbst. Für die Witwe war dies die traurige Zeit. Der Sturm fegte um die Mauern von Thorsgaard, so daß die ganze Familie sich in einem kleinen Raum hinter der Küche verstecken mußte – die anderen Zimmer konnten nur warm werden, wenn man viel Freiholz, das der Wohnung zustand, opfern würde. Aber dann ging es auf Weihnachten zu, jeder hatte mit seinen Geschenken zu tun, und jeder bekam sein Zimmer, um die Geschenke vor den anderen zu verstecken. Weihnachten kam und ging, der Winter war oft so hart, daß der Schnee auf den Feldern ¼ Ellen Elle: 1 dänische Elle ist 0,6277 m, eine ¼ Elle also 0,157 m. hoch lag; im Hof des Thorsgaards türmte er sich zu hohen Schneewehen. Die Witwe und ihre Töchter konnten nicht durch die Türe hinauskommen. Sie konnten gerade noch zu Fräulein Hansen hinüberkommen, die in dem anderen Flügel Unterricht abhielt, und ihr einziges Vergnügen bestand darin, über die Kinder zu lachen, die kaum durch die Verwehungen springen und zu Fräulein Hansen kommen konnten. Die Witwe öffnete ihre Türe einen kleinen Spalt, um den Schnee etwas von der Stufe zu fegen. Fräulein empfing die Schulkinder bei sich. »Was für ein Wetter!« »Man würde nicht einmal einen Hund hinausjagen.« »Wann wird das denn zu Ende sein? Guten Morgen.« Die Türen wurden wieder geschlossen, und die Witwe sprach an diesem Tag mit keinem Fremden. Endlich gewann die Sonne wieder Kraft, und das Frühjahr kam. Die Osterbriefe Osterbrief mit Schneeglöckchen: »Gækkebreve«. Alter dänischer Brauch. Kunstvoll ausgeschnittener Papierbogen, der im zeitigen Frühjahr zusammen mit einem Schneeglöckchen versandt wird. Auf dem Bogen stehen mehrere Verse, die nur mit Punkten unterschrieben sind, deren Anzahl den Buchstaben des zu erratenden Absenders entspricht. Kann der Empfänger nicht herausfinden, wer der Absender ist, muß der Angeschriebene dem Absender ein Ostergeschenk geben. mit Schneeglöckchen waren das erste Zeichen. So verging Jahr um Jahr. Anna wurde konfirmiert, Elise wurde auch konfirmiert, schöne Mädchen, frisch und mit klaren Augen. Sie ließen sich im Nußbaumgang nicht mehr küssen, und sie schrieben keine Briefe mehr, die sie unter einem Stein in der Hecke versteckten, daß ihr Kavalier es fände. Sie waren vernünftige und hübsche Mädchen. Die Leute bemitleideten sie oft. Wie einsam es doch sei! Sie fanden das gar nicht. Ging die Zeit nicht schnell vorüber? Vielleicht war es noch etwas leer, wenn die Ferien vorbei waren und die langen Abende begannen, wo man in den Herbsttagen in kühlen Zimmern um die Lampe saß. Aber dann erfrischte man sich an den Erinnerungen. Davon gab es viele. Der Ausflug, wo sie auf der »Koppel« getanzt hatten, und Elise an »seiner« Seite gesessen hatte; und der Ausflug zum »Schildwäldchen«, wo Anna sich mit dem Studenten Sass verirrt hatte – – Sie neckten einander, und sie bekamen rote Köpfe; sie schwiegen und blickten in die Lampe und Elisa begann, einen Tanz zu summen … Dann sprach die Mutter davon, wie es wäre, wenn sie einmal verheiratet wären. Sie würde zu Anna ziehen. »Elise wird einmal eine schlechte Hausfrau – viel zu unruhig – und außerdem kann ich einen Arzthaushalt nicht leiden – da hat man nie seine Ruhe.« Dieses Jahr war es ein Medizinstudent. »Aber natürlich statte ich jedes Jahr meinen ›Besuch‹ ab.« Und sie bauten stundenlang unschuldige Luftschlösser, wie es wäre, wenn sie einmal verheiratet wären … Die Weihnachtszeit brachte Arbeit mit sich, die Finger regten sich fleißig unter der Lampe. Als sie darüber sprachen, wie man Weihnachten feiern sollte, geschah es, daß eine der Töchter sagte: »So möchte ich es nicht haben, wenn ich einmal verheiratet bin …« oder: »Nein, das soll anders sein, wenn ich verheiratet bin.« Wenn Weihnachten vorbei war, dachte man schon wieder an den Sommer. Man nähte und nähte. Es war ja auch nicht wenig Arbeit: zuerst das Alte auseinandertrennen und es dann zu Neuem umnähen. Aber mit ein wenig Einfallsreichtum und vielem Aneinandernähen ging es. Bis zur Festzeit kamen die Studenten ins Pfarrhaus. Spiele auf der Wiese, Ausflüge und verborgene Händedrücke und leise geflüsterte Wörter jenseits des Wintergartens, während die anderen drinnen mit den Tellern voll Roter Grütze klapperten. Dann waren die Ferien vorbei, und der Kreislauf begann von neuem. Aus den Studenten wurden Kandidaten. Anna und Elise näherten sich dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Sie aber nahmen die Zeit nicht wahr, spürten nicht die Jahre, die dahin flogen. Die Luft auf dem Lande war frisch, und ihre Wangen gleich gerundet. Sie sagten ab und zu, wenn sie Fräulein Hansen im Garten zu Gange sahen: »Wie alt Fräulein Hansen doch geworden ist! Sie hat schon fast einen Buckel …« »Oh, sie ist eine richtig alte Jungfer.« Für sie stand die Zeit jedoch still, es gab keinerlei Veränderung, alles glitt unmerklich dahin. An einem Ferientag im Sommer verlobte sich Mariane. Am Vormittag erschien sie mit Kandidat Sass und stellte sich als seine Zukünftige vor. Anna und Elise umarmten und küßten sie. Zum ersten Mal sah die Witwe scheu auf ihre Töchter. Aber es wurde jetzt noch etwas einsamer um sie. Pfarrers Mariane war meistens bei der Familie ihres Verlobten in Kopenhagen. Bisher war sie ihr nächster Umgang gewesen. Aber auch daran gewöhnte man sich, und mit der Zeit merkte man das weniger. Man mußte sich ständig mit der Kleidung beschäftigen. Die Finger wurden vielleicht etwas fiebriger, vor dem Spiegel wurde mehr anprobiert … Anna begann wirklich, alt zu werden. War es Herzeleid? Die Witwe wußte es nicht … Aber nach und nach hieß es in ihren Gesprächen immer nur: »Ja, wenn nun Elise einmal heiratet …« Anna gewöhnte sich daran, dies zu hören. Langsam wurde es Brauch, daß Elise alles Neue, was angeschafft werden konnte, bekam, während Anna mit dem Alten zufrieden sein mußte. Sie sah wirklich sehr zusammengeschustert aus … Zur Hochzeit Marianes waren jedoch beide in Weiß. Neue Kleider aus diesem Anlaß. Am Abend war Tanz im Pfarrhaus, um 12 Uhr fuhr das Brautpaar weg, die Bauern begleiteten sie mit Fackeln bis zur Gemeindegrenze. Anna und Elise gingen den Hügel hinauf zum Thorsgaard. Elise sang einen der Walzer. Anna hielt am Zaun an und schaute den Weg hinab: der Zug war hinter der Kurve verschwunden; aber in der Nacht sah man noch den hellen Widerschein der Fackeln. »Nein, ich will keinen Kaschmir Kaschmir: Weiches Gewebe aus tibetanischer Ziegenwolle. zu meiner Hochzeit«, sagt Elise plötzlich. »Was meinst du?« Sie drehte sich um und sah, daß die Schwester stehen geblieben war. »Nein – sieh, wie es leuchtet«, sagte sie und ging zu Anna … »Nein, du, denn die Schleppe aus Kaschmir fällt nicht gut.« Anna antwortete nicht. Als Elise aufsah, sah sie, daß die Schwester weinte. Jäh legte sie den Arm um ihren Kopf. – »Ach, Anna … ich verstehe …« und sie küßte sie. Anna riß sich vorsichtig los und sagte leise: »Wenn Mariane ihn liebt …« Und sie gingen beide still nach Hause. Anna begann davon zu reden, »auszuziehen«. Das würde alles erleichtern. Alles wurde doch teurer, und ihre Einkünfte stiegen nicht. Aber die anderen wollten nichts davon hören. »Und wie sollte dies gehen, wenn Elise heiratet? Soll ich dann vielleicht alleine herumsitzen?« »Soll Mutter hier alleine sitzen, wenn ich einmal Hochzeit habe?« Und Anna schwieg und blieb. Es wurde immer einsamer. Im Pfarrhaus war kein Leben mehr, und nur drinnen auf »Lykkensgave« war es noch lebendig. Eine neue Familie war hergezogen – die junge Frau hatte umgehend die »Witwe« besucht und ihr große Freundlichkeit gezollt. Dorthin kam Elise oft. Ein junger Verwalter war auf dem Hof, ein blonder, rotbärtiger Mann mit einem Paar ehrlichen Augen. Er besuchte jeden zweiten Abend die Witwe. Zu der Zeit lief die Rechnung für die Bewirtung hoch auf, denn ein bißchen hübsch sollte das Abendessen doch sein. Anna und die Witwe waren in der Küche zugange. Elise und der junge Mann waren allein. Sie sang ein bißchen, er redete, freute sich über die helle Stube und die Gemütlichkeit. Wenn er abends gegangen war, saßen Anna und Elise noch lange im Wohnzimmer. Sie plauderten munter miteinander, aber sein Name wurde nie genannt. Nur die Mutter redete immer von großen Pachthöfen und vielen Gästezimmern. Dann zog der Verwalter fort. Er war zwei Jahre lang dagewesen, und ihn drängte es, etwas Neues zu sehen. Aber er war sehr traurig, den Thorsgaard verlassen zu müssen. »Ich habe mich hier wie ein Sohn gefühlt«, sagte er am letzten Tag und war tief gerührt. »Wie werde ich doch alle unsere Abende vermissen …« Dann und wann schrieb er ihnen. Mit der Zeit schlief dies jedoch ein. Es kam auch ein neuer Pfarrer in die Gemeinde. Am ersten Weihnachtsfeiertag sollte Ball sein. Die kleinen Mädchen hatten es Fräulein Hansen, bei der sie das ABC lernten, erzählt. Und Fräulein Hansen hatte es weiter erzählt. Es gab jetzt auf Weihnachten hin zusätzliche Arbeit: Elise brauchte ein Kleid. Sie kauften Tarlatan Tarlatan: sehr leichter, glatter Baumwollstoff, locker gewoben, meist einfarbig. Nicht waschbar, preiswert. Wurde meist für Ballkleider benutzt. für einen neuen Überrock, und sie säumten jede Verzierung mit Bändern aus blauem Lasting. Lasting: Schwarze oder dunkelfarbene Kammgarngewebe; wurde für Damenkleidung, aber auch für Möbel, Schuhe und Westen benutzt. Das Kleid wurde hübsch. Elise probierte es vor dem Spiegel an, blau hatte ihr schon immer gut gestanden. Es war wirklich schon lange her, daß sie auf einem Ball war. Dann kam die Pfarrersfrau zu Besuch. Sie redete über alles Mögliche. Die drei saßen wortkarg da und warteten auf die Einladung. Endlich sagte die Pfarrfrau: »Und dann – wirklich – sehen wir Sie am zweiten Weihnachtsfeiertag. Es soll auch ein wenig getanzt werden …« Elise bedankte sich mit hochroten Wangen. »Ja, du lieber Gott, Sie kommen wohl alle … es macht Ihnen sicher Spaß, dies mitzuerleben – ich habe es gerade Fräulein Hansen gesagt …« Die drei wurden bleich. Niemand vermochte was zu sagen … »Ja, Fräulein Elise«, sagte die Pfarrfrau und erhob sich, »wir können uns vielleicht auch noch einen Tanz gönnen – trotz etlicher junger Leute im Tarlatan …« Die Witwe und Anna gingen mit hinaus. Als sie wieder zurückkamen, war Elise verschwunden. Keine von ihnen redete. Sie setzten sich still hin. Elise lag auf dem Bett im Schlafzimmer, ihren Kopf in die Tarlatanhemden gesteckt, und weinte.   [»De sad over–«. Nationaltidende, morgen, 16.3.1884]   Ostern Wie doch jedes Fest seine eigenen Erinnerungen hat! An Weihnachten – sehen Sie das Bild schneebedeckter Felder, wo überhängende reifbedeckte Weiden dem Kirchgänger den Weg weisen, bevor die Sonne aufgeht. Und die Glocken läuten in der schweren Luft unter den grauen Wolken, die des Tages Schein verbergen … Oder denken Sie an Pfingsten mit seinem Sommerball im Wald, der frisch ergrünt ist, und an die neuen Kleider, die wir im »Lunden« »Lunden«: Volkstümlicher Name des Caroline-Amalie-Parks in Horsens; er wurde 1841 auf dem »Papageienfeld« angelegt, das zum Vogelschießen benutzt worden war. zeigten, wenn die Kapelle am Pfingstmontag spielte. Aber Ostern – da wurde es ernst. Es war voller Mystik. Mutter war in Schwarz, und es war, als wäre es im ganzen Haus ruhiger. Am Abend des Gründonnerstags holte Mutter uns in ihr Zimmer, und sie erzählte mit ihrer milden Stimme vom Heiland, der gekreuzigt wurde: Die Leidens- und Kreuzigungsgeschichte Jesu findet sich in Matthäus 27 und 28, Markus 15 und 16 u.a. Genauheute abend war es; er litt – er wurde in Gethsemane gepeinigt. Und das Kreuz wurde errichtet, und die Priester ergriffen ihn, und Pilatus überantwortete ihn zur Kreuzigung … Dann sahen wir ihn, Christus, auf dem Weg nach Golgatha, gebeugt unter seinem Kreuz … Wie bleich er war! … Und selbst als das Blut – das fließende Blut – von seinen Schultern rann, betete er: »Vergib ihnen!« Und wir folgten ihm, dem bleichen Christus, durch die Qual des Kreuzes, bis er bat: »Gebt mir zu trinken!« Und wir erschauderten, als die Erde riß und die Wächter entsetzt flohen … Da bekamen alle Bilder, die wir in der alten Bibel »Die alte Bibel«: Vielleicht handelt es sich um die Bibel von C.H. Kalkar, die 1845–1847 mit Stahlstichillustrationen erschienen war. gesehen hatten, Leben, und Gott Vater erhob sich erzürnt und ließ die Erde erbeben … Wie man sich doch daran erinnert! Als ob sie noch erklänge, diese weiche, zarte, musikalische Stimme, die ob des Leidens des Heilandes erzitterte … Wenn Mutter aber schwieg, saßen wir alle voller Angst da. Vor unseren Augen sahen wir das Blut tropfen und mitten in der angstvollen Nacht ein Kreuz. Und die jüngste Schwester fragte ängstlich noch einmal: »War das heute, Mutter?« »Ja, es war heute.« Am nächsten Tag kamen wir Älteren mit in die Kirche. Wie feierlich es war! Der Altar war dunkel und mit Trauerflor, der sowohl Kerzen als auch Leuchter bedeckte, behängt. Und auf der geschlossenen Orgel lag eine schwarze Decke. Der Gesang erscholl so traurig und streng. Wieder hörten wir die Leidensgeschichte, von Petrus, der den Herrn verleugnete, von den Soldaten, die mit ihm ihren Spott trieben, von den Kriegsknechten, die über sein Gewand das Los warfen. Ihr Hohenpriester, wie wir euch haßten, und wie oft wir nicht in hitzigem Jungenglauben den Eid schwuren: »Wir werden dich nie verleugnen …« Was ist das für eine Predigt, an die ich mich aus meinen Kindertagen erinnern kann? Sie taucht wieder auf und war doch so lange vergessen? »Habt ihr ihn nicht gekreuzigt – habt nicht auch ihr Christus gekreuzigt? Jede sündige Freude bohrt Nägel in seine Hände, jede Begierde gegen seine Gebote kreuzigt ihn aufs Neue …« Da konnte die andächtige Schar unter den donnernden Worten des Pfarrers auf die Knie sinken und in den Ecken erschrockene Kinder verstecken … Das Dunkel des Karfreitags überschattete den Samstag. Man war schweren Sinnes. Dann kam der Sonntag. Es war an jenen Tagen, als ob etwas Neues erwacht wäre, als ob eine Gefahr vorbei sei und wir befreit wären. Als ob wir selbst den Stein von der Grabestür gewälzt hätten – und der Heiland herausgekommen wäre … Dann war Ostern. Und dann wurde es lichter. Am Ostermontag war die Zeit der Ostereier, wenn wir sie färbten und sie im Sand vom Brett rollten und sie dann mit Salz aßen. Nachmittags gingen wir in den »Lunden«. Mutter hatte einen Korb mit roten und blauen Eiern und einer Überraschung mit. Wenn wir unter den noch blattlosen Bäumen, wo die Anemonen zwischen den trockenen Blättern des Vorjahres hervordrängten, anlangten, versteckte Mutter die Eier. Dann mußten wir sie suchen. Wie wir herumliefen, und wie schwer es war, sie zu finden! Mutter hatte sie so gut versteckt. Unter Baumstümpfen, im verdorrten Laub und in Höhlen der Stämme. Klein Stella weint, weil William ein Ei wegnimmt, das sie gefunden hat … Welch ein Schrei, als Erik das Überraschungsei findet: Es ist rot mit einem goldenen Stern. »Nein – jetzt können keine mehr übrig sein!« »Doch – eines ist noch da …« Und wir suchen weiter, während Mutter lacht. Aber schließlich muß sie es sagen, denn wir können das Ei nicht finden … Und dann zeigt sie auf ein Krähennest, hoch oben. »Dort«, sagt sie, »und wer holt es runter?« Sie lacht und lacht – aber Harald und Erik balgen sich und klettern hoch, klettern hoch und balgen sich, während sie in den Zweigen hängen, bis das Ei aus dem Nest fällt, so daß der Baum erzittert … Und dann ist Ostern vorbei.   [Paaske. Nationaltidende, morgen, 13.4.1884]   Tagebuchblätter Ich hatte geschlafen: Jetzt, da der Zug hielt, schob ich träge den Vorhang zurück und rückte halb im Sitz hoch … Ach – es war ein kleiner Bahnhof auf dem Land, mit roten Backsteinen, drei Fenstern, den Läutewerken, ein paar schwerfälligen Bauern, die herauskamen, und ein paar schwerfälligen Bauern, die hineingingen … Und ich wollte mich hinter meinem Vorhang gerade wieder zurücksinken lassen. Da erblicke ich einige seltene Blumen in dem großen Fenster. Ein paar prächtige blühende Kakteen und eine große Palme. Die Sonne fällt auf ihre gespreizten Blätter – und zwischen diesen Blumen – da stand auch eine Blume, die einer Lilie ähnelte, und deren Kelch mir entgegenstrahlte – sah ich ein Gesicht, das ganz bleich war. Dessen Traurigkeit vermag ich nicht zu beschreiben. Sie saß in der Sonne mit den Augen eines Rehs, tief innenliegend; ihre Hände, die sie gefaltet aufs Fensterbrett gelegt hatte, waren in ihrer Weißheit fast durchsichtig … Ich konnte mich mit meinen Augen von ihrem Blick nicht lösen. Und als hätte sie meinen Blick gespürt, suchten auch ihre Augen die meinigen. Sie bewegte sich nicht, und die Hände mit den langen und dünnen Fingern verweilten auf der Brüstung. Aber ihr Blick hielt dem meinigen stand, unentwegt. Es machte unglaublich viel Angst, ich mußte an einen Hund denken, den ich einmal habe sterben sehen. Er lag neben meinem Bett in einem Korb. Am Morgen, als ich erwachte, lag er bewegungslos da, die Augen auf mein Gesicht geheftet … unter dem Blick eines Menschen hatte ich noch nie so gelitten. So sah sie zwischen ihren Blumen hindurch auf mich … Wir lösten die Blicke nicht voneinander. Dann begann der Zug anzufahren, und während sie, ohne sich zu rühren, unbeweglich dasaß, rollten wir langsam weiter. Diese junge Frau saß da und wartete hinter diesem Fenster auf den Tod, zwischen ihren Blumen in der Sonne … Und die Züge kamen und gingen. Dieses erste der beiden nicht benannten Bilder ist deswegen sehr berühmt, weil es den Ursprung und Kern des Hauptwerkes »Am Wege« (»Ved Vejen«, 1886) bildet.     Nach dem Abendessen ging ich nach Hause. Den Kragen über den Ohren. Ich ging vorsichtig, denn es war glatt. Ich summte eine Weise, die zu Tisch gesungen worden war, und sah mich einen Augenblick lang nicht vor. Ich wäre fast über eine Frau gefallen, die in einer eigentümlichen Haltung auf dem Gehweg lag. Sie lag fast ganz auf dem Bauch und spähte durch den Spalt eines Kellerfensters. Es stand der Name eines Wirtshauses auf dem blauen Rollo. Neben ihr saß ein junges Mädchen im Schneidersitz. Ich habe noch nie ein so graues Gesicht oder so graue Gesichtszüge zu Gesicht bekommen; so wie sie dasaß, den Kopf zurückgebeugt und die Hände schlaff auf dem Pflaster. Dann erhob sich die Ältere. Sie stieß eine Art Fluch aus. Aber die Jüngere sah nicht auf, schüttelte nur den Kopf und blieb sitzen. Die Ältere wickelte den dünnen Schal um sich und ergriff das Treppengeländer. Die Jüngere erhob sich und folgte müde wie jemand ohne Hoffnung.   [Dagbogsblade. Nationaltidende, morgen, 30.4.1884]   En miniature I-II I »Freifrau Gyldenstjern mit Familie« »Hallo, Portier – sind da Neuankömmlinge?« Eine riesige Anzahl von Koffern wurde angefahren. Man freute sich dort im Badehotel immer, wenn Gäste in Sicht waren: Das Hotel, der Park und der »Brunnen« lagen traurig verlassen. »Ja«, sagte der Portier und ließ die Worte träge aus dem Mundwinkel fallen, »eine Baronin für die Villen.« Die »Villen« konnte man für die »Saison« mieten, aber dies war nicht das Publikum des Portiers. Deswegen die Zurückhaltung. »Viel Gepäck«, wagte ich jedoch zu bemerken … »Äh«, keine Buchstaben können den verächtlichen Ton in diesem »Äh, viele Koffer«, wie er sagte, wiedergeben. Dann bezog Freifrau Gyldenstjern mit ihrer Familie die Villa X. Das Badeleben gewann durch diesen Zuzug nicht viel. Die Familie der Freifrau blieb unter sich. Manchmal konnte man sie morgens auf der Promenade sehen, weit weg von der heilenden Quelle. Die schlanke Freifrau mit langem Witwenschleier und drei schlaksigen Jungen, bleich und knochig. Sie liefen immer, vorne und hinten, dicht bei der Mutter, als ob sie sich an sie drücken wollten. Sie hatten blaue Augen, merkwürdig scheue und wilde Augen, die hierhin und dorthin blickten und nie Ruhe fanden. Eines Morgens sagte der Badearzt: »Was für einen Armeleuteblick die Jungen doch haben!« Sie speisten nicht mit den anderen. Sie führten den Haushalt selbst. Während die anderen Gäste beim gemeinsamen Essen saßen, lasen die jungen Barone Zeitungen. Sie saßen im Lesezimmer und versteckten sich hinter den Zeitungen; wenn jemand kam, sprangen sie sofort auf und verschwanden. Einige Male sah ich den jüngsten Baron auf der Veranda vor den Fenstern des Speisesaals. Er stand mit dem Gesicht zur Fensterscheibe und starrte auf den gedeckten Tisch – begierig, wie arme Kinder in das Schaufenster des Bäckers schauen. Eines Morgens ging ich beim Parkeingang spazieren. Dort befand sich ein Stand, wo die Bauern altes Kopenhagener Gebäck, ranzige Butter und trockenes, gesalzenes Fleisch kauften. Ich erging mich dort unten, als ich plötzlich die Freifrau mit ihren beiden Buben sehr schnell in den Park kommen und zum Stand gehen sah. Ich ging ein Stück bis zu einem Gebüsch zurück. Die Freifrau kaufte im Stand ein. Die Jungen lehnten sich auf den Ladentisch und schauten zu. »Haben Sie heute kein altes Brot?« fragte die Frau. Man kramte es aus einer alten Kiste: »Frisches ist so ungesund – danke!« »Dann 2 Lot Lot: Altes dänisches Gewichtsmaß, das 15,63 g entspricht, abweichend davon das Lot Silber mit 14,7 g. Tee, etwas Zucker und für zehn Öre altes gesalzenes Fleisch.« Die Jungen zählten die sechs dünnen Scheiben Lammfleisch. »Wieviel kostet es?« fragte die Frau. »Dreißig Öre.« Krone/Öre: 1 dän. Krone hat eine Kaufkraft von etwa 7–8 €; sie ist in 100 Öre unterteilt. 10 Öre entsprächen dann etwa 70–80 ¢, 30 Öre € 2,10–2,40. Sie wurden bezahlt; die verschiedenen Päckchen wanderten in einen Korb, und die Freifrau ging. Die Jungen blieben am Ladentisch zurück. »Otto, Gustaf …« Und schnell, mit ihren scheuen Sankt-Veits-Tanz-Bewegungen sausten die Barone zu ihrer Mutter. »Wer war das?« schrie es aus dem hinteren Teil des Standes zur Bedienung. »Gyldenstjerns mit ihren ›Dreißig‹ – das ist alles, wovon sie leben, das feine Pack – das ›Mädchen aus der Villa‹ sagt, sie tauchen das alte Brot in Teewasser.« »Madame« kam in den Stand vor. »Guten Morgen, gnädiger Herr! Guten Morgen … Ja, was für eine Familie … wir nennen sie nur noch ›die mit den Feldsteinen‹«. »Die mit den Feldsteinen?« »Ja – denn sie sind mit einer riesigen Menge Kisten gekommen – mit Wappen und Namen darauf, versteht sich – aber sie waren nur mit Ziegelsteinbrocken gefüllt – der Kellner in X. hat genau gesehen, als sie sie aussschütteten – abends natürlich, als es dunkel geworden war.« Madame und die Bedienung lachten, aber dann sagte Madame und rieb sich die Nase mit ihrem Handrücken: »Ich würde sogar einen Gulden geben – wenn ich den Buben eine einzige gute Mahlzeit verschaffen könnte.« II Einsam Es wird dunkel. Der Sommerabend webt seine Schleier zwischen den Bäumen des Parkes, über den Sund senkt sich bläulicher Dunst. Ein einzelnes Schiff gleitet langsam, ganz langsam vorbei. Durch die veilchenfarbenen Sommerwolken bricht der Mond in der lauen Luft. Die letzten Türen werden geschlossen, die letzten Stimmen verstummen, alles im Park ist ruhig. Leise hebe ich die frische Weinranke hoch, die meine Veranda bedeckt und schaue in den Garten. Sieh die Büsche – wie dunkel sie dräuen! Der Rasen ist vom Mondenschein übergossen. Wie der Jasmin duftet! Wärest Du hier, gingen wir die Treppe hinab, Arm in Arm, den Gang entlang, zum Gebüsch. Und wir würden tausend Worte flüstern, während Du an meinem Arm hingest. Und wir stünden dort, unter dem prächtigen Rotdorn, und Du liefest vor mir zu den Jasminbüschen, die leuchten; und über sie gebeugt wären wir vom Duft der taufeuchten Blütendolden berauscht. Ich aber ziehe Dich weg; Du aber lehnst Dich voller Begehr, ein letztes Mal, gegen die weißen Blüten; und plötzlich – warum weinst Du? – schlingst Du Deine Arme um meinen Hals. »Vilhelm, man kann daran sterben …« Und hastig, während Deine Wangen erröten und der Tau der weißen Blütendolden sich mit Deinen Tränen mischt, beugst Du Dich wieder und weinst. Ich aber ziehe Dich weg, und wir gehen unter die Linden … Wenn Du hier wärest – gingen wir zum Strand hinab, Arm in Arm, während der Mond stille leuchtet … Jetzt lasse ich die Weinranke aus meiner Hand fallen und sitze allein, stumm, im Dunkel der Veranda.   [En miniature I–II. Nationaltidende, morgen, 7.9.1884]   Eine unbegreifliche Geschichte Wir hatten unsere Zigaretten draußen auf der Terrasse angezündet, und während es nach und nach im Garten dunkler wurde und nur das Licht aus den offenen Saaltüren golden über die nächsten Baumkronen auf dem Rasen fiel, lauschten wir schweigend einer Melodie von Schumann, die die Herrin des Hauses drinnen auf dem Klavier spielte. Die Melodie war zu Ende, und die Hausherrin erhob sich. Sie ging zur Tür, lehnte sich an sie, während sie sagte: »Ich gehe hinein, um den Kindern gute Nacht zu sagen, Vilhelm.« Ihr Mann nickte. Wir saßen alle da, ohne zu sprechen, jeder in seinen Gedanken, während das Dunkel ringsum dichter wurde. Wir sahen bald nicht mehr voneinander als die Glut der Zigarren gleich einem Kranz von Sternen um den großen Gartentisch. »Ja«, sagte mit einem Mal Gyldenfalk – der Leutnant, der als der beste Reiter der Armee galt, ein umgänglicher Bursche, der, wenn er nicht zu Pferde ist, einem großen unbeholfenen Welpen gleicht – »das ist doch wirklich etwas Merkwürdiges, dieses ›Unbegreifliche‹«. Drinnen beim Nachtisch hatten wir Gespenstergeschichten erzählt; man hatte die von einem Schlafwandler aus Florenz und die von der »weißen Dame« in »Burg« »Die weiße Dame in Burg«: Eine Sage von Perchta von Rosenberg, die im 15. Jahrhundert von ihrem Vater mit einem mährischen Adeligen zwangsverheiratet wurde. Nach ihrem Tod geht sie als Gespenst unter anderem auf der Burg Rosenberg in der Stadt Krumau (tschechisch: Èeský Krumlov) in Südostböhmen um. erzählt. Unser Gastgeber blickte in die Richtung, wo Gyldenfalk saß – bisher hatte er während der ganzen Gesellschaft nicht ein Wortgesagt, während sein Sinn auch seine Zeit brauchte, um eine Frage zu verdauen, bevor er sich damit befaßte. »Was meinst Du?«, fragte der Gastgeber. »Ja«, und wir hörten Gyldenfalk seine Beine sich weit in den Kies strecken, »ich werde mich hüten, darauf zu schwören, daß dieses Teufelspack nicht existiert …« »Was soll das alles bedeuten, Oscar? Glaubst Du an Gespenster?« »Ich gebe mich nicht damit ab, irgend etwas zu glauben, weißt Du, aber ein Ding weiß ich, nämlich daß ich eines Nachts Christian IV. Christian IV. (1577–1648): Regierte als dänisch-norwegischer König von 1588–1648. 1625 griff er in den Dreißigjährigen Krieg ein, was mißglückte: Dänemark mußte Halland und Gotland an Schweden abtreten (Frieden von Brömsebro, 1645). Der Aufbau der Industrie im Geiste des Merkantilismus mißglückte ebenfalls. Berühmt wurde er durch seine Bauten (oft vom Stil der niederländischen Renaissance beeinflußt): Rundetårn, Børsen, Rosenborg Slot und die Gründung neuer Städte (Christiania, seit 1925 in Oslo umbenannt; Kristianstad, Christianshavn und Glückstadt [Elbe]). quicklebendig über meinem Bett habe stehen sehen.« »Ach, Du hast geträumt!« »So?« – Es war eine leichte Verunsicherung in der Stimme des Kavallerieleutnants, denn wenn Gyldenfalk eines der seltenen Male redete, wünschte er, daß man ihm glaubte. »Ja, ich verlange ja nicht, daß ihr das glaubt«, sagte er, »aber gesehen habe ich ihn.« »Hatte er nur ein Auge?« »Hatte er nur ein Auge?«: Christian IV. verlor während der Schlacht auf der Kolberger Heide 1644 sein rechtes Auge. Mit Kolberger Heide wird ein Abschnitt des Fahrwassers zwischen Fehmarn und Kieler Förde bezeichnet. Am 1.7.1644 leitete Christian IV. auf seinem Flaggschiff »Trefoldigheden« die Schlacht zwischen der dänischen und schwedischen Flotte (Admiral Claes Fleming). Christian IV. wurde getroffen, erhob sich jedoch sofort und ließ die Schlacht weiterführen. Er hatte jedoch sein rechtes Auge verloren. fragte jemand. Gyldenfalk antwortete nicht sofort. Er griff im Dunkeln nach seinem Kognakglas und nahm einen Schluck: »Sie kennen doch den Nörgaard-Hof? Mein Schwager besaß damals, als Elise und er heirateten, das Anwesen. Ein stattlicher alter Kasten übrigens, aber feucht und ungemütlich wieder Teufel. Wenn der Schwager weg war, wagte Elise nicht, im Hauptgebäude zu schlafen, sondern übernachtete bei der Verwalterfamilie … Ich habe sie wegen ihrer Furcht manchesmal ausgelacht – bis zu jener Nacht …« »Als Du König Christian sahst …« »Soll ich es erzählen oder nicht? Ich bin nicht erpicht darauf – nun ja, wenn ihr die Geschichte hören wollt, sitzt ruhig und macht nicht dauernd Witze wie die Affen … Sonst halte ich sofort meinen Mund … Nun, ich war eines Herbsts wegen des Arabers drüben. Ihr wißt, Mohammed, den der Schwager von Carolhausen in Hannover kaufte … Elise sollte ihn zureiten, und das Tier brauchte zuerst die Peitsche. Deshalb baten sie mich, hinüber zu kommen. Es war im November, und richtig gemütlich waren die Abende nicht auf dem Hof. Das heißt, der Wind konnte richtig rütteln und ziemlich gefährlich durch die Bäume rasen; und dann hatten die Türen die verdammte Angewohnheit, immer aufzuspringen, zu schlagen und durch das ganze Haus zu donnern … Aber es versteht sich von selbst – solch ein bißchen Ungemach vergessen vernünftige Menschen schnell, wenn sie sich erst einmal zu einem L'hombre L'hombre: Von den Spaniern erfundenes Kartenspiel; von drei Personen mit französischen Karten ohne die 8, 9 und 10 (also mit 40 Blättern) gespielt. an den Tisch gesetzt haben. Dann blieb der Pfarrer eines Abends zu Hause – er war der »dritte Mann«, ein verdammt guter Spieler, der nicht daran zu hindern war, den Casque Casque: den sogenannten Casque (fr. Helm, Pickelhaube) zu wählen, nennt sich die Ansage (in den älteren Formen des Spiels), nach der der letzte der drei Spieler acht bis neun seiner Karten ablegt und genau so viele von den 13 auf dem Tisch übriggebliebenen Karten nimmt, worauf er das Spiel fortführt und versucht, mehr Stiche als die Mitspieler zu gewinnen. zu wählen – und da saßen wir beiden anderen Mannsleute, der Schwager und ich allein, und dösten vor dem Kachelofen … während Elise ein paar Stücke auf dem Klavier spielte, und dann kamen wir allmählich – der Sturm heulte stark und die Türen im Rittersaal drunten waren nicht geschlossen zu halten, sondern knallten und krachten die ganze Zeit hindurch – auf den Spuk zu sprechen. Ich lachte wie immer, und Elise war verärgert und ganz verdrossen, weil ich überhaupt nicht so ›spukverrückt‹ wie sie selbst war. Dann sagt der Schwager: ›Du solltest ihn ein paar Nächte lang oben im gelben Zimmer übernachten lassen, Elise – dann würde er es schon glauben.‹ Der Schwager lachte, denn er war genau so ungläubig wie ich. Ich aber erwiderte: ›Das gelbe Zimmer, ist das das ›Königszimmer‹?« ›Ja.‹ ›Denn das »gelbe Zimmer«, wissen Sie, war der berüchtigste Raum des Hauses; und »Königszimmer« nannte man es, weil man sagte, Christian IV. würde um 12 Uhr nachts dort drinnen herumpoltern und würde umtriebig das Bett richten – ein Trödel von einem Himmelbett, das aussah, als hätte es dort seit Kirstine Munks Kirstine Munk: (1598–1658), auch Kirsten Munk: dänische Gräfin, Geliebte Christians des IV., Tochter des norwegischen Statthalters L. Marsvin. Ob Christian IV. mit ihr 1615 heimlich eine Ehe zur linken Hand schloß, ist nicht bewiesen. Gebar zehn Kinder, darunter Leonora Christina. Kirstine Munk wurde 1630 der Untreue bezichtigt und des Hofes verwiesen. Zeit – wenn nicht noch länger – gestanden und jeglichen Staub gefangen …‹ Wir unterhielten uns nun kurze Zeit über das Königszimmer, und ich sage dann zu Elise: ›Laß doch das Bett beziehen, Elise. Ich habe richtig Lust, Gast Ihrer Majestät zu sein …‹ Elise murrte und war nahe daran, wie ein Schloßhund zu heulen, während das ›Königsbett‹ bezogen wurde; ich aber stieg hinauf, um mich im gelben Zimmer zur Ruhe zu begeben. Das Zimmer befindet sich in einem der beiden Türme; es hat nur eine Tür. Ich drehte den Schlüssel zweimal im Schloß um. Ich wollte es der Majestät ja nicht zu leicht machen, und dann blickte ich unter das Bett und in den Schrank – man kann ja nie wissen, was für Schabernack der Schwager versteckt hatte, um mich an der Nase herumzuführen – dann ging ich zu Bett und schlug einen Band »Abendlesung« »Aftenlæsning«: »Abendlesung«, schöngeistige Monatszeitschrift in Kopenhagen, 1872–1877. auf und zündete mir eine Zigarre an … Die Uhr stand direkt auf einer Unterlage vor mir auf dem Nachttisch. Es war kurz nach 11. Ich lag im Bett und las ganz ruhig von einer Tigerjagd und hatte sowohl König als auch Kristine Munk völlig vergessen, und als ich wieder auf die Uhr sah, war eine Stunde vergangen – es war ¼ vor 1. Ich nahm ein paar Züge einer neuen Zigarre und schmunzelte über Elise. Dann dachte ich, es sei an der Zeit, sich schlafen zu legen, und ich erhob mich im Bett und streckte meine Hand aus, um mir ein Glas Wasser einzuschenken, wie ich es zu tun pflege, bevor ich einschlafe … Ich war ganz ruhig in diesem Augenblick. Ich ergreife das Glas und drehe mich im selben Augenblick um – ein merkwürdiger Laut. Ich sagte mir selbst, jemand habe an die Tür gestoßen. Es war wohl mein Schwager. Kurz darauf rüttelte es am Schloß: ›Was willst Du, Erik?‹, sagte ich. Ich glaubte, es sei mein Schwager, der herein wollte. ›Willst Du was von mir?‹ Und dann sah ich – ja, ihr braucht gar nicht zu lachen, denn meine Augen haben es tatsächlich gesehen – wie im gleichen Augenblick die Türe aufging … Ich klammerte mich mit den Händen an die Bettkante und erstarrte am ganzen Körper: Eine hohe Gestalt trat durch die Türe, die geöffnet blieb, in das Zimmer herein – aufrecht, obwohl sie leicht gebeugt war … Ich unterdrückte einen Fluch, und das Blut gerann mir in den Adern … Ich habe noch nie ein so bleiches Antlitz gesehen; die Augen waren geschlossen, als ob der Mann im Schlafe ginge … er war ganz in Rot gekleidet. Mir war, als rasselte etwas hinter ihm, und ich blickte auf den Boden … Er schleifte eine Kette nach sich, die am das rechten Bein befestigt war … Und dann – seht nur, das Ganze dauerte weniger als eine Minute, aber diese Minute will ich nicht noch einmal erleben, auch wenn ihr sowohl mich als auch »Naemi« Naemi: Frauenname hebräischen Ursprungs mit der Bedeutung »Holdselige«, »Freundliche«. Siehe Buch Ruth. Hier wahrscheinlich der Vorname der Ehefrau Gyldenfalks. mit Gold aufwöget; er kam zum Bett und beugte sich über mich und schlug die Augen auf – es waren wie zwei in den Höhlen zusammengedrückte Augen – und dann lachte er … Man erzählte sich auf dem Hof, die Frau des vorherigen Besitzers sei wahnsinnig geworden, weil sie dieses Gelächter gehört hatte und – das kann schon stimmen – wenn man eine Frau ist …« Gyldenfalk schwieg. »Was hast Du denn an jenem Abend getrunken?«, fragte einer der Gäste aus dem Dunkel. »Ich war nüchtern«, sagte Gyldenfalk. Er sprach merkwürdig gelassen, fast flüsternd … »Dann wandte sich die Gestalt um und ging durchs Zimmer … und ich sah die Kette hinter ihm über den Boden schleifen, genau so, wie ich jetzt das Muster des Teppichs vor der Tür zum Garten sehe.« Gyldenfalk war mit seiner Geschichte fertig. »Das sind doch Halluzinationen!«, sagte jemand. »Ja«, Gyldenfalk erhob sich vom Stuhl – »die Gelehrten haben solche Fremdwörter, um einem Sand in die Augen zu streuen … Aber seht Ihr – am nächsten Tag schwor ich, mir Klarheit in dieser Angelegenheit zu verschaffen, auch wenn der ganze Nörgaard dem Erdboden gleich gemacht würde.« So grub und grub man im Keller des Turmes, und in einer Ecke fanden die Knechte – ein Skelett und eine Eisenkette und einen Schlüsselbund. »Und das soll beweisen …« »Nichts«, Gyldenfalk wirkte etwas gereizt, »aber es war dieselbe Kette, die ich nachts in dem gelben Zimmer über den Boden habe schleifen sehen.« Gyldenfalk ging auf die Terrasse. Wir anderen saßen schweigend da und rauchten. Eine Eule glitt auf ihrer lautlosen Flucht nahe an uns vorbei   [En ubegribelig Historie. Nationaltidende, morgen, 28.9.1884]   Weihnachten auf dem Lande »So kommen Sie also nicht selbst – aber einen Weihnachtsbrief erwarte ich doch sicher. Einen heiteren, munteren Brief, der für fünf Minuten den Gram des Alltags vergessen läßt.« Einen heiteren und munteren Brief an Sie zu Weihnachten. – Was für milde und gelassene frohe Worte sollte ich finden, um meinen tristen und sentimentalen Sätzen etwas von dem stillleuchtenden Glanz zu geben, der an Weihnachten bei Ihnen weilt? Ich, der in diesen Tagen, wenn ich mich durch das weihnachtliche Gewimmel hindurch gedrängt habe, nur daran gedacht habe, wie viele sich bei diesem glücklichen Fest verstellen. Ja – sich verstellen. Sie singen Lieder von einem Gott, an den sie nicht glauben; sie gehen zur Kirche, um einem Gotteskind zu huldigen, von dessen Haupt sie schon längst den Heiligenschein abgerissen haben; sie vertuschen alten Streit, dessen Wunden um so heftiger in ihren Herzen brennen. Sie vertuschen nicht – würden Sie sagen – sie vergessen. Ja, als ob man so leicht vergessen könnte. Nein, Weihnachten ist das Fest der Verstellung. Sie verstellen sich um der Kinder willen, sie heucheln um des Scheines willen, diese beiden Feinde treffen sich am Baum, um sich beide darüber zu freuen, welch große Komödianten sie sind. Das Fest der Verstellung. In wie viele zerstrittene Familien kommt Weihnachten nicht als Lüge – Familien, wo gemeinsame Blutsbande zu blindem Haß wurden; wo Mann und Frau mit Leichen im Keller leben; wo Söhne den Vater verletzt haben; die Tochter ihre Mutter, das ganze Leben lang unvergessen, weil es die Hand ist, die verletzt, die der Wunde die Tiefe gibt. Meinen Sie, eine einzige dieser Familien versöhnte sich? Am nächsten Morgen erwacht der alte Groll, und er hat durch den netten kleinen Schlummer nur noch an Stärke gewonnen. An all das habe ich gedacht, und es ist weder heiter noch munter – noch die ganze Wahrheit. Deshalb kann ich Ihnen keinen »Weihnachtsbrief« schreiben. Aber am Heiligabend werde ich Ihrer und der Ihrigen gedenken, und ich werde im Gedenken an Ihr glückliches Weihnachtsfest feiern. Und es ist nicht die Erinnerung an den großen Wintergarten, wo der Baum erstrahlt, an der ich am stärksten festhalten werde; oder an den langen Gänsemarsch, wo die Leute mit Lars, dem Großknecht, an der Spitze und Klein-Jens am Ende, in ihren weißen Wollsocken an der Herrschaft vorbei traben, um dem Herrn und der Herrin zu danken; und es ist nicht einmal die Erinnerung an das Weihnachten der Kinder mit all ihrem Jubel … Und doch – erinnern Sie sich an das letzte Mal? Wir saßen zusammen und unterhielten uns, wir Erwachsenen, gemütlich, nachdem die Kinder in ihren Zimmern ins Bett gegangen waren; da sagten Sie: »Hört, sollen wir ganz leise ins Kinderzimmer gehen und die Kinder schlafen sehen – sie haben natürlich ihre Sachen mit ins Bett genommen …« Und wir schlichen alle nach unten, wo die Nachtlampe friedlich brannte und das Kindermädchen Ane vor ihrem Teller mit den Lebkuchen eingeschlafen war … Sie ergriffen das Licht und gingen von Bett zu Bett … Ja, sie schliefen mit ihren Sachen im Schoß, warm und mollig, ein glückseliger Schlaf. Die kleine Agnes zu sehen, wie sie so weich und rund dalag, mit ihrer hübschen kindlichen Gesichtsfarbe, die Arme um den Hals ihres langen Hampelmanns geschlungen. Und doch ist es nicht das, woran ich am meisten denken möchte. Nein, wissen Sie, was an Ihrem Weihnachtsfest das Beste ist – es sind die Tage davor, wenn wir mit dem Wagen voller Reis Reis: In Dänemark pflegte man an Weihnachten als Nachtisch Milchreisbrei (in armen Familien auch als Hauptmahlzeit) zu essen. Deswegen wird auf dem Wagen Reis mitgeführt. Die spezielle Sorte »Milchreis« war damals noch unbekannt; man mußte normalen Reis aufwendig als Brei zubereiten. und großen Speckseiten und Bergen von Lebkuchen und Paketen mit Kleidern und Tüten, gefüllt mit Kaffeebohnen, und Stapeln von Spielzeug fuhren. Wie mir die Alten im Armenhaus in den Sinn kommen. Ich sehe sie jeden vor seinem Bett sitzen, neben ihrer »Truhe« – sie saßen dort auf ihrem Holzstuhl den ganzen Tag lang und zitterten und wackelten mit ihren weißen, schwachen Häuptern und drängten mir die Hinfälligkeit jeglichen Lebens auf. Da saßen sie, ich glaube, wirklich das ganze Jahr lang – mit Ausnahme des Tages vor dem Lille juleaften. Lille juleaften: Der Abend des 23. Dezembers wird in Dänemark als Lille juleaften bezeichnet. Da man in der Familie – ähnlich wie in Deutschland – am Heiligabend (24. Dezember) das Weihnachtsfest feiert, bedurfte es eines Vorbereitungsabends. Dabei handelt es sich um einen rein dänischen Brauch. Man schmückt den Weihnachtsbaum und trifft die letzten Vorbereitungen für den Heiligabend. Danach wird das Wohnzimmer für die Kinder abgeschlossen, bis am Heiligabend die Kerzen des Christbaums angezündet werden. Erst dann werden die Türen geöffnet. – Oft briet man schon die Ente für den Heiligabend und bereitete als Nachtisch den Milchreis zu, von dem man auch schon zu Abend aß. Dazu trank man dunkles Malzbier (»Hvidtøl«) oder Saft. Da am Heiligabend der Milchreis, in dem eine Mandel (»Risalamande«) versteckt war, fertig sein mußte, wurde der Milchreis schon am Lille juleaften zubereitet. Wer die Mandel fand, bekam ein Geschenk. Heute sind diese Gebräuche – zumindest in den größeren Städten – weitgehend ausgestorben. Es gilt oft folgendes: In vielen Familien feiert man wegen des Erwartungsdrucks der Kinder mit gutem Essen und schenkt jedem Kind schon ein einzelnes Weihnachtsgeschenk. In geschiedenen Familien werden meist zwei Weihnachtsfeste gefeiert, das eine am 23. Dezember beim Vater, das andere an Heiligabend bei der Mutter oder umgekehrt. Kam nämlich der Wagen vom Landgut, erhoben sie sich mühsam, und sogar die närrische Ane versuchte, ihre Gebrechlichkeit zu erheben. Wie sie dankten, wie sie strahlten, wie sie bewunderten! Erinnern Sie sich an die alte Mette? Ihr größter Wunsch war es gewesen, eine schwarze Seidenschürze zu erhalten. Sie hatten eine für sie dabei gehabt – nun, während alle anderen schwatzten und sich bedankten und umher rutschten, saß sie nur ruhig da und strich ihre Seidenschürze mit der Hand, in stiller Bewunderung. Dieser Fahrten von Tür zu Tür, längs Feldern und Wegen, von weißem Schnee bedeckt – werde ich gedenken. Und dessen am meisten von allem: Wenn wir heimfuhren, begann es zu dunkeln, und das Grau des Himmels legte sich dichter über die bläulichen Felder. Wir saßen schweigend im Wagen, unsere Seelen von stiller Freude gesättigt: Glückliches Lächeln, Sonnenschein auf alten Gesichtern, kurzes Glück in den Augen, die sonst gewohnt waren zu weinen – begleiteten uns. So fuhren wir nach Hause, während die Abendglocken läuteten … All dessen werde ich gedenken. Und vielleicht wird die Erinnerung an Ihr Weihnachtsfest kommen und Ihr »großes Kind« zum Schweigen bringen, so daß es zu sich selbst sagt, es sei doch gut, daß das Leben so friedvolle Augenblicke bietet. Leben Sie wohl! Frohes Fest!   [Jul paa Landet. Nationaltidende, morgen, 25.12.1885]   Eine Erinnerung Was vermag diese Erinnerungen hervorzurufen, von denen man nicht einmal ahnte, daß die Seele sie vergessen hatte? Warum wurden die alles tilgenden Jahre zu einer schützenden Kapsel für gerade dieses Bild? Ist es eine zwillingsgleiche Sorge, kann ein anverwandter Kummer uns an seine Hand nehmen – denn wir kennen weder Weg noch Steg – so weit weg, so plötzlich? Oder warum geschah es jetzt, gerade jetzt? Ein Bild einer silhouettenbehängten Wand – in der Mitte ein Spiegel mit verschlissenem Goldrahmen – dann dieser schmächtige Mann vor einem grünbemalten Tisch, ein Antlitz so schmal und so spitz, nach links gewandt, auf seine weiße Hand gestützt – und dieser Boden, der mit seinem zierlichen Sand so unbenutzt aussieht. Ja – er ist es, mein allererster Lehrer – tatsächlich er und sein Zuhause. Er hatte eine milde Stimme, die ich jetzt gerade wieder höre; er nahm uns auf sein Knie, legte unseren Kopf an seine Schulter und betrachtete unsere Gesichter mit seinen traurigen Augen. Und dann sagte er immer, während er uns streichelte: »Ja – der Himmel bewahre euch!« Er breitete sein Taschentuch auf dem Pult aus, stützte die Ellbogen auf und das Kinn in seine Hände. Dann machte die Süßholzstange ihre Runde, denn er vermochte dies »weder zu hören oder zu sehen« ; und kam einer von uns mit seiner Tafel, erwachte er, erstaunt, und konnte uns dann lange in die Augen schauen, so merkwürdig, und uns an sich drücken, als wollte uns jemand wegnehmen … Dann schob er uns wieder weg und sagte – ganz, ganz weit weg: »Ja, ja, wo waren wir gerade?« Er liebte die Vögel. Winters, wenn der Schnee auf dem alten Friedhof vor den Klassenfenstern lag, zerbröselte er sein Frühstücksbrot, das er in weißem Konzeptpapier eingepackt hatte, öffnete das Schiebefenster und warf das Brot den Spatzen hinaus; und sommers, wenn die Schwalben unter dem Dach ihre Nester bauten, saß er, das Kinn auf das Fensterbrett gelehnt, stundenlang da und sah den Vögeln zu, wie sie lärmten. Er unterhielt sich nicht mit den anderen Lehrern. Er kam und ging, lautlos und schweigend – die Jungen nannten ihn »Die Nachteule«. Mit dem gebeugten Rücken, dem leicht schwankenden Haupt, dem spitzen, sorgenvollen Gesicht. Und er hatte immer seinen schwarzen Mantel, die leuchtende Hemdenbrust und eine große weiße Halsbinde an. Man erzählte sich, Herr Sörensen sei reich. »Ist Herr Sörensen reich?«, fragte ich Mutter einmal, während wir unsere Hausaufgaben machten. »Ja, das glaube ich.« »Warum ist dann Herr Sörensen immer so traurig?«, fragte ich weiter. »Ist er das?« »Ja–a … ich habe ihn einmal weinen sehen … In der Freistunde, als ich mein Pausenbrot holen wollte …« Es stimmte. Eines Tages, als ich in das leere Klassenzimmer stürmte, saß Herr Sörensen, den Kopf auf der obersten Bank, und weinte, nicht laut, ganz leise und hielt das Taschentuch vor das Gesicht – so daß ich mich betreten zwischen den aufgehängten Mänteln versteckte und wieder, ohne mein Pausenbrot, davonschlich. Ich erzählte dies. »Herr Sörensen ist vielleicht traurig, weil er so einsam ist«, sagte schließlich Mutter. Und wie ein Kind frägt, fragte ich: »Hat er denn keine Schwestern?« »Nein, er hat keine Schwestern …« Ich glaube, es war gerade in diesem Winter an Weihnachten, daß Mutter mich mit selbstgebackenen Plätzchen zu Herrn Sörensen schickte. Wie ich mich daran erinnere! Das Dienstmädchen war mit dabei. Es war ein großes Paket, mit hellroten Bändern gebunden, die immer Mutters Weihnachtspakete zierten. Herr Sörensens Treppe war blitzblank; es roch nach Soda und Sauberkeit. Als wir anklopften, öffnete er selbst. Ich traute mich kaum, auf dem weißen Boden zu gehen, so sauber war er; so blieb ich auf einem Teppichrest an der Tür stehen. Das Dienstmädchen richtete von der Herrin Grüße aus. Ich sah mich um. Der alte Spiegel sah lächerlich aus, er hatte rund um auf der Wand, in kleinen Umrahmungen, alte, schwarze Gesichter, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. An den anderen Wänden waren Regale, wo die Bücher ausgerichtet und langweilig standen – eine Masse Bücher. Und die Stühle und das alte Roßhaarsofa zwischen den Fenstern – alles stand so gerade und verlassen. Herr Sörensen zog mich zu sich, und er fragte mich nach Weihnachten. »Wo werden Sie Weihnachten feiern, Herr Sörensen?« »Ich bleibe zu Hause«, sagte er. Etwas muß mich bei diesem Gedanken an Weihnachten »zu Hause« getroffen haben – in diesem Wohnzimmer mit den schwarzen Bildern einiger verstorbener Menschen und den Stühlen längs der Wände und dem alten Sofa, auf das sich nie jemand setzte – ich muß all diese Trostlosigkeit, diese Verlassenheit, diese Einsamkeit in diesem Zimmer gefühlt haben, denn ich ließ meinen Kopf fallen und weinte. Herr Sörensen nahm mich auf seinen Schoß und neigte sein Gesicht zu dem meinigen. Er sagte – und konnte kaum flüstern: »Du bist ein guter – ein guter kleiner Junge.« Und an ihn gedrückt weinte ich weiter. Als wir nach Hause kamen, erzählte das Mädchen Mutter, ich hätte »gebrüllt«. Und ich sagte: »Ja, weißt Du, da kommt bestimmt nie jemand zu Herrn Sörensen …« Ich habe nichts mehr von diesem Mann gehört. Nicht, was er gelitten hat, nicht, was er verloren hat. Das Leben bringt soviel Trauer und so viel Kummer mit sich. Aber an jenem Tag, als ich – den Kopf an seine Schulter gelehnt – weinte, fühlte ich wohl zum ersten Mal, ohne es zu verstehen, daß es Menschen gibt, die traurig und einsam sind.   En Erindring. Nationaltidende, morgen, 15.12.1884][   Von meinem Fenster aus »Heute abend haben fünfzehn die Erlaubnis erhalten, spazieren zu gehen.« – Die junge Arbeiterin löste trotzig ihr Kopftuch und streifte das Haar, das vom Regen naß war, aus der Stirn. »Spazieren gehen?« »Ja – ihnen wurde gekündigt. Das Lager sei zu groß … Wir, die wir übrig sind, dürfen nur 200 Stück täglich rollen – das ist auch ein Hungerlohn …« Die junge Zigarrenrollerin blickte einen Augenblick lang in die Lampe und sagte: »So schön das auch ist – vierzehn Tage vor Weihnachten … so schön …« Und während sie mit dem Finger auf der Tischplatte schnippt, um eine Fliege totzuschlagen, sagt sie: »Daß man sie nicht doch bis Neujahr rollen ließ … pfui …« Eines der kleinen Kinder des Vermieters, das versteht, daß etwas Trauriges geschehen ist, sagt plötzlich: »Hast Du geweint, Nelly?« Nelly lacht kurz auf, und während sie weiter schnippt, als wolle sie diese unsichtbaren Fliegen töten, sagt sie: »Ja-a … denn Heulen nützt was.« Es war einen Augenblick ruhig, dann sagte meine Vermieterin: »Ach ja … der arme Hansen da drüben«, und wies mit der Hand nach dem Hinterhaus …, »Hansen mußte vorgestern spazieren gehen …« »Hansen?« »Ja, er ist Brauer … dort mußten zwanzig gehen … Und Hansen hat vier kleine Kinder.« »Wie lange kann das noch dauern?« »Ach, dauern …« Die Frau des Vermieters fährt mit dem Stopfen fort … »bis März vermutlich, wenn Hansen irgendeine Arbeit bekommt …« Sie schwiegen wieder, und mitten in der Stille, während sie in das Lampenlicht blickt, sagt Nelly hart: »Scheußlich!« Und sie schlug auf den Tisch, als ob sie einen Nagel einschlagen wollte. Ich ging in mein Arbeitszimmer hinab und stellte mich ans Fenster, das zum Hof geht. Das Zimmer von Brauer Hansen liegt direkt gegenüber. Vor die Fenster waren keine Vorhänge gezogen, so daß ich in das ganze Zimmer hineinsah, das durch die niedrige Lampe auf dem Tisch schwach erhellt war. Unter der Lampe saß Madame Hansen gebeugten Hauptes und nähte. Einige Kinder kramten auf dem Boden drüben bei der Wand. Hansen saß auf dem Sofa. Er war in Hemdsärmeln, sein Kopf hing schwer vornüber, und die Hände lagen in seinem Schoß. Ich blieb stehen und schaute lange in das Zimmer des Nachbarn. Madame Hansen nähte, und die Kinder kramten weiter. Hansen rührte sich nicht. Er saß schwerfällig da, ohne sich zu bewegen, vollständig gebrochen, mit seinem herabhängenden Kopf im Schein der Lampe. Bis ich mir zuletzt wünschte, wie man irritiert, fast aufgeregt sich solches wünschen kann: daß er sich doch bald rühren möge, sich bewegte, bloß den Mund öffnete. Aber immer noch sah ich dieses stumpfe, leidende Antlitz unbewegt im Lampenschein. Und ich stellte mir vor, daß dieser Mann so Stunde um Stunde in unschlüssiger Müßigkeit da säße, während sein armes Gehirn, das nicht gewöhnt war zu denken, von einem einzigen Gedanken beherrscht wurde, der wie ein Keulenschlag betäubte: Brot – Und selbst dies erweist sich ihm als träger Blick in etwas Unabwendbares und Graues. So wird es Tag für Tag gehen, während er unter dem bitteren und unerträglichen Druck der Untätigkeit zusammenbricht. Nicht zu wissen, womit man sich beschäftigen soll, sich nicht rühren zu wollen, immer nur über ein- und demselben, wie im Winterschlaf eines schweren Gedankens, zu brüten. Und während ich Hansens Gesicht betrachtete, mußte ich an eine Zeit in meinem eigenen Leben denken, als ich mißvergnügt und verärgert mit allem gebrochen hatte, in dumpfem Mißmut alles meinen Händen entgleiten ließ, mit jeglicher Arbeit aufhörte und meine Anstellung aufgab. Ich erinnerte mich daran, wie ich nach einem Monat die Tage in einer Art willenlosen Halbschlafs zubrachte und wie in den Nächten die Gedanken mitten in der Leere überschäumten, so daß ich glaubte, ich würde wahnsinnig. Dann sagte ich eines Tages laut, in meiner Einsamkeit, in mein Zimmer hinein – während ich schlaff auf dem Sofa lag, das ich fast nicht mehr verließ: »Wie viel Mut doch solche Streikenden haben müssen!« Der arme Hansen – er streikte nicht – er war nur arbeitslos. Und während ich weiter in dieses fremde Zimmer starrte, das Zimmer meines Nachbarn, ließ ich meinen Blick zu Madame Hansen schweifen. Was für eine Erinnerung weckte dieses Gesicht in mir? Nach und nach tauchte sie auf. Vor Jahr und Tag hatte ich das »Assistenshuset« »Assistenshuset«: Das Assistenshus war seit 1688 zunächst ein privates Pfandleihhaus, von Nikolai Wesseling gegründet. 1751 war die Pfandleihe bankrott. 1752 wurde das Haus jedoch als »Det Kongelige Privilegerede Assistence-Hus« wieder eröffnet und befand sich ab 1757 unter der Verwaltung des Marinekrankenhauses (»Søkvæsthuset«) in Christianshavn. Seit 1904 war das Finanzministerium federführend. 1962 wurde der Betrieb des Leihhauses eingestellt. Nach einem Umbau von 1962-1964 zog das Kulturministerium ein. Das Haus befindet sich am Gammel Strand (gegenüber von Christiansborg, unweit der heutigen Schiffsrundfahrtenablegestelle) und hat die Postanschrift Nybrogade 2. Darüber hinaus gab es zur Zeit Bangs in Kopenhagen etwa 120 privat geführte Pfandleihen. Bang besuchte im April 1880 die Pfandleihe und verfaßte eines seiner »Wechselnden Themen« über sie (Nationaltidende, 11.4.1880). besucht, um darüber zu berichten. Ich saß einige Stunden lang hinter dem großen Schalter, hinter dem Gitter, und sah die Menge kommen und gehen. Und mitten in der Menge sah ich damals eine Frau – wie deutlich sie nun vor mein inneres Auge tritt: Wie sie furchtsam den Mantel vor dem Blick des Angestellten ausbreitete und sein Angebot anhörte, und wie sie ihn fast zärtlich an sich hielt, bevor sie ihn losließ; sie behielt ihn etwas zu lange, ohne ihn loslassen zu können – bis der Angestellte sie aus ihrer Versunkenheit riß und sagte: »Nun – wollen Sie ihn verpfänden oder nicht?« Diese Menschen haben eine so innige Liebe zu ihrem Eigentum, betrachten jedes Stück als etwas, was erobert wurde … Und dann … es verpfänden …« Schließlich riß ich mich los. Ich zog den Mantel an und ging auf die Straße. Dort war es hell, voll von Jubel, Weihnachtstrubel und Glückseligkeit. Ich ging in die Seitenstraßen, um dem Lärm zu entkommen. Ich weiß nicht, warum ich vor einem Kellerfenster an der Ecke in einer kleinen Straße stehen geblieben bin, um gedankenverloren in die Auslage eines armen Textilhändlers zu starren. Ich weiß nur, ich stand dort. Ein junges Paar kam vorbei und blieb neben mir stehen. Er hatte eine Jacke an und um den Hals ein großes Tuch. Sie fror in ihrem dünnen Schal. Sie sahen jung aus, wie ein Paar Kinder. Dann zeigte sie mit einem langen Blick auf ein Baumwollkleid, ein unsagbar schlichtes hellblaues Kleid und sagte: »Das könnte ich mir vorstellen zu haben …« Und ganz zärtlich, als ob er sie beschwichtigen wolle, zog sie der junge Mann weg.   [Fra mit Vindue. Nordstjernen, nr. 4, (25.1.) 1885]   Kinderjahre Dieses Stück ist eine Erinnerung an Horsens, wo Herman Bang von 1864–1872 einen Teil seiner Kindheit verbrachte. 1866 wurde er dort in die Lateinschule eingeschult. Horsens liegt in Mitteljütland, am Horsensfjord. Zur Zeit Bangs gab es dort eine lebhafte Textilindustrie, bedeutenden Handel; Horsens hatte 1901 22 243 Einwohner. 1903 liefen 1 506 Schiffe mit einer Ladung von 73 821 Tonnen ein und aus. Horsens war wegen seines großen Zuchthauses, das heute noch als Gefängnis existiert, bekannt. Bangs Vater war in Horsens von 1864–1872 Gemeindepfarrer. Wie beim sonntäglichen Geläute der Glocken erfüllen bei deinem Namen die Kindheitserinnerungen den Raum. Tausendmal, während man in der Ferne schweift, gehen die Gedanken zu der roten Kirche und der kleinen, gelben, engen Schule und den wohlbekannten Straßen mit ihren alten Namen. Tausendmal. Heg und pfleg das Bild, das in deinen Gedanken auftaucht, und störe es nicht. Denn kämst Du eines Tages – an einem Sommertag wie heute – mit demselben Namen in die Stadt, wärest Du wie ein Fremder im eigenen Zuhause. Neue Namen hätten die alten ausgelöscht, und die Erinnerung selbst, die erschrocken sucht, flüchtet vor den neuen Menschen, die neue Häuser gebaut haben. Und das, was noch steht – ist es dasselbe? Ist das die Kirche, das der Marktplatz? War es dieser Raum, dessen Sterne verblaßt waren, den unsere kindliche Andacht zu einer Kathedrale werden ließ – war es wirklich dieser dürftige Raum mit seinen zwanzig Bankreihen? Und der Marktplatz? Wenn er an den Markttagen eine ganze Welt beherbergte – mit dem starken Mann, der unter der scheinbaren Bürde von 1000 Pfund Gewichten, mit Watte ausgestopft, schwitzte, und dem Admiral, Herrn Piccolomini Piccolomini: Adelige; italienisches Geschlecht aus Siena, seit Beginn des 13. Jahrhunderts durch Päpste, bedeutende Heerführer und berühmte Gelehrte bekannt. mit Gattin, »einer wirklich bedeutenden Dame«, und der Kunstreitertruppe mit den drei Pferden und der dicken Dame mit strammem Zügel. Und all dem Glockenschellen und den Narren, die laut riefen. Und alle Moritatensängerinnen, die von Tofte Tofte: Peter Ludvig Tofte war ein Raubmörder, der im Zuchthaus von Horsens 1865 hingerichtet wurde. sangen und seine scheußlichen Missetaten für vier Schilling Schilling: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8 €. verkauften. Und die Bauernmädchen, die Hand in Hand in langen Reihen gingen; die Damen, die feilschten, und die Bauernburschen, wie sie – die Pfeife schlaff im Mundwinkel – den Zauberer mit der roten Nase anglotzten, ihn, den Professor, von dem die Sage ging, er habe in Aarhus einen echten Spezie-Reichstaler Speziestaler (dän. speciedaler): Unter Speziestalern verstand man ganze (ausgemünzte) Geldstücke, also Taler, deren Silber- oder Goldgehalt mit ihrem Wert identisch war. Dies war aber nur bis etwa 1570 üblich. Danach, wie auch vorher, im täglichen Leben bezahlte man kurant, also mit Münzen, deren Silbergewicht geringer als ihr tatsächlicher Wert war; Handelsverträge dagegen wurden häufig in Speciestalern geschlossen. Erfolgte dann eine Bezahlung kurant, mußte ein Aufgeld bezahlt werden. Der Sprachgebrauch ist nicht einheitlich; gelegentlich wurden alle kursierenden Münzen, also auch Scheidemünzen, als Kurantmünzen im Gegensatz zum Papiergeld bezeichnet. unter den Eiern einer Bäuerin gefunden. Wie wurde nicht gefeilscht, wie wurde nicht gelacht; hören Sie, wie man kreischt und lärmt und mit den 8-Schilling-Hörnern tutet … Und dort im Waffelzelt, im Gedränge, war es, wo sich die Jungen hineinschlichen, die Gymnasiasten, und sie steckten Stecknadeln in die Schals der Mädchen, und die Mädchen kreischten, wenn sie merkten, daß sie aneinander hingen. – War es hier, hier, wo Platz für alles war? Ja, das muß hier gewesen sein. Und hier liegt es noch, das alte Kellerbrett, das auf die Straße führt. Das Kindermädchen sagte, hier spucke es … es wohne eine Hexe im Keller, und dort in der Borgergade erstreckt sich noch die weiße Mauer, Die weiße Mauer: die 2 m hohe Friedhofsmauer in der Borgergade; die Mauer wurde 1896 abgerissen. wo wir aus Angst vor der Dunkelheit vorbeirannten, bange vor den Nischen, wo das Licht der Lampe flackerte, wenn wir an den Winterabenden aus der Schule heim mußten. Die alte Schule Die alte Schule (…), die »große Schule«: Bang besuchte ursprünglich die Schmidtske Forberedelsesskole, wechselte aber 1866 in die unterste Klasse der Lateinschule in Horsens. mit ihrer einen Klasse, voll des Lindendufts vom Friedhof … »Der Kandidat« »Der Kandidat«: Bezeichnung einer Person mit abgeschlossener Hochschulausbildung (Referendar). Hier jedoch wahrscheinlich ein Studienrat namens Schmidt. herrschte dort drinnen, er war sicher traurig, der Alte, und einsam. Oft fiel ihm, wenn er so dasaß, der Zeigestock aus der Hand, und er hatte seine großen Augen in den leeren Raum geheftet und seufzte dann und wann … Und dann folgte die »große Schule«. Wie ich mich an Dich, den großen, traurigen Mann erinnere, der aus einem wärmeren Land gekommen war, und dessen Sehnsucht in Einsamkeit und Kummer erstarrte. Ich erinnere mich so gut an Deine Stimme, weich wie die einer Frau, und an Deine weißen, nervösen Hände, die zärtlich über unser Haar strichen. Und ich erinnere mich an Dich, den alten Weißhaarigen, dessen Augen sich an den weißen Kreidezahlen auf den schwarzen Tafeln blind gesehen hatten, und an ihn, den langen, trägen Mann, der uns gutmütig und dösig die Verse der Äneis Aeneis: Lateinisches Epos des römischen Dichters Vergil (70-19 v.Chr.), während der Jahre 29 und 19 v.Chr. entstanden. summen ließ … All diese alten Gesichter sitzen wieder, während ich die Straße entlang von der Schule weg gehe, hinter den alten Scheiben, und ich nicke wie früher denselben Menschen zu … Bis ich aus den Träumen erwache. Denn diese Gesichter – nein, ich erkenne sie nicht mehr wieder; in dieser Stadt verbrachte ich nicht meine Kindheit; es war nicht in dieser Kirche, wo wir ergriffen der schönen Stimme meines Vaters lauschten – jener Stadt hat die Zeit den Garaus gemacht. Ein Bild erkannte ich wieder: Ich sah hinter einer niedrigen, offenen Tür einen Mann, der verschwitzt in der Sommerhitze Wäsche mangelte. Ich sah das Schild an, dann den Mann und die Tür – doch – hier war es – er war es. Wie oft brachten wir mit dem Kindermädchen die Wäsche zum Mangeln hierher, früher, alle Bettdecken und Laken. »Ja, denken Sie daran«, sagte das Mädchen, »bis Donnerstag.« »Nein«, sagte der Mann, »Sie wissen doch, die Dame erhält immer ihre Wäsche …« Ja – er war es wirklich. Und diese fünfzehn Jahre Diese fünfzehn Jahre: Rückblick auf das Jahr 1870; im Januar1872 (ein Jahr nach dem Tod seiner Frau im Februar 1871) verließ Pastor Frederik Ludvig Bang seine Pfarrstelle in Horsens und nahm die Stelle in Tersløse (bei Sorø) an, wo er bis zu seinem Tode 1875 Gemeindepfarrer war. war er an derselben Stelle geblieben, hatte dasselbe Rad gedreht, hinter derselben Tür, im selben Leben … – Lebe wohl, Du Stadt, die Du den Namen meiner Kindheit trägst – in meinem Sinn habe ich eine andere, die schöner ist. Wo die Kirche hoch ist, wie ein Dom, wo kein Vergessen weilt, und wo alte Freunde immer ihre guten, alten Gesichter behalten. Um sie schweift die Erinnerung meiner Seele.   [Barndomshjemmet. Horsens Avis, 7.7.1885]   Heimatlose – Kleine Bilder 1 »Wünscht die gnädige Frau zu Abend zu speisen?« Die gnädige Frau antwortete nicht. Sie nahm hastig das Licht aus der Hand des Dienstmädchens und ging durch die geöffnete Tür. Sie stellte das Licht auf den Flügel im Salon und ließ die Blumen, die sie in beiden Armen trug, los. Die Sträuße fielen herab, und die Rosen verstreuten ihre Blätter auf dem Teppich. Der Seidenmantel rutschte von ihren Schultern auf den Boden. Sie begann, hin- und herzugehen. Ihre Füße zertraten die Blumen. Das Diamantarmband streifte sie an ihrem Arm auf und ab, als schmerzte es. Müde seufzte sie und setzte sich vor den Kamin, auf einen Schemel, im Schein der Flammen. Die Glut des Feuers übergoß das bleiche Gesicht, das zwei Erdteile kannte, mit Röte. Langsam rannen die Tränen, während sie dasaß, über ihre Wangen. Sie begann zu weinen und warf sich verzweifelt auf den Teppich, laut schluchzend. Dann bezwang sie sich – sie hörte drinnen das Dienstmädchen – und erhob sich, mechanisch und matt. Sie warf einen langen Blick in den Salon. Über die roten Hotelsofasund den Gaslüster aus Kristallimitat und die welkenden Sträuße in abstehendem Papier auf den Tischchen. »Wünscht die gnädige Frau nicht zu Abend zu speisen?«, fragte das Dienstmädchen, das hereingekommen war. »Nein, danke. Ich habe keinen Hunger. Lassen Sie mich zur Ruhe kommen.« Sie nahm vor dem großen Spiegel Platz. Sie saß unbeweglich, während das Dienstmädchen den Schmuck, der in ihren Händen blinkte, von ihren Armen, ihrem Hals und ihren Ohren nahm. Sie löste ihr blondes Haar, das lang über die Schultern fiel, und begann, es zu zwei Zöpfen zu flechten, deren Glanz die Bewunderung zweier Welten weckte und die die Hände eines Kaisers zu ordnen geliebt hatten. Wie sehr hatte er doch dieses Haar geliebt – ihr kaiserlicher Freund – und er hatte durch ihren wunderbaren Duft Sinn und Verstand verloren, und es gab keine einzige Stelle an ihrem Körper, den er nicht mit seinen Küssen bedeckt hätte. Das Dienstmädchen schnürte den Atlasunterrock auf, und die gnädige Frau erhob sich steif. Ihre Robe umhüllte sie, auf den Teppich fallend. Sie setzte sich wieder und blickte weiter in das Licht vor dem Spiegel, mit unbewegtem Gesicht. Das Dienstmädchen legte den roten Nachtrock um die Schultern der gnädigen Frau, die so viele Männer mit begierigen Augen betrachtet hatten, und wartete schweigend. Ohne sich umzudrehen, mit tonloser Stimme, sagte die gnädige Frau: »Sie können gehen, Louison.« Das Dienstmädchen wartete noch einen Augenblick, glättete die Besätze der Robe und hängte sie auf das Stativ. Von der Tür aus betrachtete sie noch einmal ihre Herrin, die so merkwürdig starr in das Licht sah. Die gnädige Frau blieb sitzen. Sie vernahm dauernd dieselben Worte und sah die beiden Gesichter – einander anlächelnd, dicht beieinander. Es war am Abend nach ihrem Konzert. Sie kam von der Bühne herab durch den Gang. Der Sekretär trug ihr die Blumen nach. »Es regnet«, sagte er. »Lassen Sie mich nach dem Wagen sehen.« Und er gab ihr die Blumen. Die Menschen waren gegangen. Der Lampenmeister machte mit seiner langen Stange im Vestibül die Runde. Da hörte sie jemanden hinter sich und wandte sich um. Es waren ein paar junge Leute, die die Treppe zum Rang herabkamen. Sie gingen an ihr vorbei, plaudernd, untergehakt. »Es regnet«, sagte er. Und sie öffneten den Schirm. Und während sie an ihr vorbeigingen, in den Regen hinaus, beugten sie sich dicht zueinander, und lächelnd, mit glücklichen Gesichtern, sagten sie beide zugleich: »Ach, Du, wie schön es ist, nach Hause zu kommen!« Die gnädige Frau blieb einen Augenblick stehen und ging dann durch das Portal. Sie dachte nicht an ihre Seidenschleppe und den Regen. »Aber, gnädige Frau, jetzt kommt der Wagen.« Die Kutsche fuhr vor, und bleich, ohne ein Wort zu sagen, stieg die Diva in ihren Wagen … Die gnädige Frau erschauerte vor Kälte und erhob sich. Aber selbst im Bett unter den Decken fuhren noch lange Zeit Schauer durch ihren Körper, der nicht warm werden wollte. »Die gnädige Frau hat sich gestern abend erkältet«, sagte das Dienstmädchen am nächsten Morgen. »Die gnädige Frau hat gerötete Augen.« Die gnädige Frau hatte in der Nacht so schlecht geschlafen. Nein – da war es doch besser, alleine zu sein. Er hielt es nicht mehr aus dazusitzen und in das dumme aufgedunsene Gesicht des Sekretärs zu blicken – dort, genau gegenüber –, wie er saß und nickte und die Zigarette halb aus dem Mundwinkel gerutscht war. So hatte er ihn nach oben geschickt. »Zum Teufel, was für eine Kälte! … Daß die Schlingel von Kellnern auch nicht die Kachelöfen versorgen konnten. … Zuerst feuerten sie so stark, daß man fast starb – und dann ließen sie sie so herunterbrennen, daß man Angst bekam, es fielen einem die Knochen vom Leib … Klingeln würde wohl helfen … Es wäre ihnen zuzutrauen zu kommen – das war das einzige, worauf sie scharf waren, die Treppen hochzuspringen – während sie im großen 2 Waschraum den Weihnachtsbaum schmückten … Der große Virtuose geht auf und ab, um sich warm zu halten. Nun – draußen ist Stille eingekehrt. Nicht ein einziger Mensch auf dem ganzen Platz … nicht ein einziger Mensch. Nur die stillen Lichter strahlen durch den fallenden Schnee. Und vorhin – welch eine laute Menge dort unten! Sie eilten nach Hause, alle mit Paketen – die Straßen entlang, und sie prallten in der Eile zusammen, sie lachten, und sie liefen weiter – während der Schnee auf sie fiel und sie alle weiß wurden … Aber nun war es still. Ja – jetzt standen die Weihnachtsbäume drinnen hinter den hellen Fenstern, und viele waren versammelt, festlich war es, und Kinder, die sangen … Die falsch sangen. Ja – er hörte auf, darauf zu hören – sie ein Dutzend Melodien lallen zu hören … Nun brüllten sie wieder überall in den Heimen – alle die Jungen – überall um den Weihnachtsbaum … Er spendete, das Jahr hindurch, auf seinen Reisen ein paar Scheine an die Vereine – für einen Weihnachtsbaum für die Jungen … Er wußte ja, was es bedeutete, arm zu sein, er – Und nun sprach man wohl über den edlen Spender, und die Jungen, die rings um den Baum Hurra schrieen, während sie dastanden und in die Lichter starrten … Arme Jugend! … Er wußte, was es bedeutete, er. Wenn er zuhause in Reval Reval: Deutscher Name für Tallinn, der Hauptstadt Estlands, 1219 von Dänen gegründet (Lindanise). Estland war bis 1918 russisches Generalgouvernement, Reval dessen Hauptstadt. Zur Zeit Bangs bedeutender Handels- und Kriegshafen. 1900 hatte Reval 66 000 Einwohner, heute ca. 400 000. aus dem Pförtnerraum in den ersten Stock kam – zu Kammerherrens Der Titel »Kammerherre« wird auch heute noch vergeben; in der Rangfolge des königlichen Hofes ist er der 2. Klasse, Rang 5 zugeteilt, in der u.a. die Richter des Obersten Gerichtshofs (Højesteret), die Staatssekretäre, der Generalstaatsanwalt, der Oberbürgermeister von Kopenhagen, die Bischöfe, Generalmajore und Konteradmiräle eingereiht sind. – und sie standen hinter der Türe auf Strümpfen und schauten den Baum an – dies war das Schönste, was sie kannten – und all das Spielzeug bekamen, das die Kinder des Kammerherrn verschmähten … Sie sangen alle miteinander – der Kammerherr stimmte an – er sang mit seiner Fistelstimme … Zum Teufel noch mal – im Kachelofen aufzulegen hätte die Dienerschaft am Weihnachtsabend wirklich tun können. Es ist so kalt, daß man die Violine nicht halten kann … Der große Virtuose versuchte es jedoch, und er spielte das Lied des Kammerherrn und summte dazu. Und dies – dies war Vaters Trippelwalzer. Trippelwalzer: Spielmannspolka in ¾ Takt. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert sehr beliebter Tanz. Ihn brummte er, mit seinem Baß, wenn sie tanzten, die Jungen, unten in der Einfahrt …Hm … welche Stimme er hatte – und wie sie tanzten! Vater hatte ihn ihnen beigebracht. Er war Unteroffizier und hatte den Feldzug mitgemacht – auf der Krim Feldzug auf der Krim: Krimkrieg 1853–1855, Krieg zwischen Rußland und einer Koalition, die aus Frankreich, Großbritannien, Sardinien-Piemont und dem Osmanischen Reich bestand. Die Kämpfe ereigneten sich hauptsächlich auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer und in der Westtürkei. – aber nun hatte er Holzbeine. »Gut – gut – sehr gut«, brummte er in seiner Trippelwalzermelodie, während sie tanzten. »Gut! – wirklich gut!« Aber das – das war Mutters Gesang … Ja – so war er – so weich wie alle ukrainischen Melodien. Ja – Mutter kannte viele Melodien. So klein wie sie war und so vornehm anzusehen …! Sie hatte ihn geliebt – sie. Am letzten Morgen, als er abreisen mußte – von Reval nach St. Petersburg – hatte sie ihn in den Raum unter der Treppe mitgenommen – das dunkle Loch, wo sich die Besen befanden, und sie hatte ihm ein winziges Päckchen in Papier gewickelt, mit viel Segelgarn verschnürt, gegeben und gesagt, so gut sie es vor Weinen konnte: »Das gehört Dir«, hatte sie gesagt, »Vassili – das sollst Du mitnehmen … Ich habe es mit Waschen nachts verdient, so daß es nicht von den anderen gestohlen ist – denn ich habe es meinem Schlaf abgerungen … Jetzt aber sollst Du es haben, kleiner Vassili – mein Kleiner – und groß und berühmt werden, wie sie es nennen, und nicht – Deine Mutter vergessen.« Sie hielt inne und konnte vor Weinen nicht mehr sprechen, und sie hatte ihn nur an sich gedrückt – ganz stark … Es waren dreißig Rubel Rubel: Ein russischer Rubel entsprach zur Zeit Bangs etwa 24,5 g Silber und damit knapp einem Reichstaler. Dies entspräche einem Silberwert von € 8–10 (im Jahre 2008). im Päckchen. Arme Mutter – sie hat ihn nicht mehr gesehen – er kam zu spät – der Ruhm. Das Wort »Ruhm« sagt der Virtuose laut, zweimal, und hört auf zu spielen. Langsam – das Wort ausdehnend – »der Ruhm« … Vor der Tür saß der Sekretär. Er war nicht weitergekommen. Er war in einen Stuhl gesunken, auf dem kalten Gang. Er fror, aber er wollte nicht aufstehen. Er saß da und ließ den Kopf hängen. Drinnen begann der Virtuose zu spielen. Es waren besondere Melodien – und so begann er, leise zu weinen, auch er, draußen auf dem Gang.   [Hjemløse – Smaa Billeder. Nutiden i Billeder og Text, 27.12.1885]   Eine Sommernacht »Sie, Frau Baronesse?«, unterbrach Bernhard Hoff Bernhard Hoff: Eines der von Herman Bang am häufigsten angewandten Pseudonyme, wird von ihm zum ersten Mal in dem selbstbiografischen Roman »Hoffnungslose Geschlechter« (1880, dt. 1900) verwendet. jäh seinen Gang auf dem Deck. »Ja, ich« – die schlanke Gestalt am Schiffsgeländer drehte sich halb um. »Es ist in der Kajüte so stickig, und die Nacht ist so schön.« »Ja, die Nacht ist schön.« Kein Wind kräuselte die Fläche des Meeres. Spiegelblank lag sie im Glanz der Sommernacht. Sternenübersät wölbte sich der Himmel. Schweigend standen sie nebeneinander und lauschten lange dem Wellenschlag. Sie hob den Arm und zeigte hinaus: »Ist das die Küste von Seeland?« fragte sie, »…immer noch?« »Ja … dort sehen wir noch den Leuchtturm von Kronborg«, zeigte Herr Hoff mit der Hand. »Es gibt keine Gegend, die ich so liebe wie Nordseeland«, sagte sie. »Ja? Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen.« »Nicht einmal in Helsingör? Aber warum … wie ist das möglich?« »Man soll nie die Ruinen seiner Träume aufsuchen.« »Und deswegen – sind Sie … so viele Jahre nicht in Helsingör gewesen?« »Ja …« »Aber, bester Freund – warum stehen wir, lassen Sie es uns doch wenigstens bequem machen … dort ist eine Bank …« »Ja.« Sie gingen dorthin hinter die Kajüte, und sie setzte sich zuerst. »Aber mein Lieber – setzen Sie sich – hier ist gut Platz für zwei. Es ist ja so schön hier – und ganz im Windschatten.« »Darf ich meine Reisedecke der Baronesse überlegen – es ist doch etwas kühl.« »Nein, danke, ich friere nicht … danke …« Die Baronesse lehnte sich an die Lehne der Bank zurück. »Sie sprachen von Ruinen«, sagte sie. »Ach – das wird Sie sicher nicht interessieren …« »Woher wissen Sie das?« »Weil ›dies‹ nur ein törichter und sentimentaler Traum war – und Sie, Frau Baronesse, sind nicht sentimental.« »Hm. Alle Menschen sind in einer Nacht wie dieser sentimental.« Und leiser, während sie auf den Boden blickte, sagte sie: »Sie kann auch bei anderen als Ihnen Erinnerungen hervorrufen …« Bernhard Hoff hörte die geflüsterten Worte und blickte schnell der Baronesse ins Gesicht. »Das habe ich nicht geleugnet«, sagte er. »Aber was ist denn die Erzählung von einem armen Liebestraum anderes als leere Worte – mit Ausnahme für denjenigen, der den Traum erlebt hat?« »Erzählen Sie ihn mir doch«, sagte sie leise. »Erzählt man, wie zwei junge Herzen lieben? Sagt man jemals, wie groß ihre Sehnsucht war, wenn sie sich nicht sahen, und wenn sie sich trafen? Sie legten ihre ganze Seele in einen Blick, und die ganze Welt war für ihn nur sie – und er glaubte, sein Traum würde das ganze Leben währen. Ihre Eltern »die Generals« wohnten hier – direkt nördlich von Helsingör, damals. – Wie ich mich daran erinnere! – Es war auch so eine Nacht wie diese – in der Villa ihrer Eltern war eine große Gesellschaft. Sie und ich schlichen uns durch den Garten zum Bootsanlegesteg. Schweigend und satt von dem milden Glanz ruhte die Nacht wie jetzt … Wir hörten das leise Wispern der Bäume im Garten – die Töne eines Walzers, der im Haus gespielt wurde, verklangen über dem Wasser. »Komm«, sagte ich, »laß uns hinausrudern.« Und wir lösten das Boot, und wir ruderten in die Sommernacht hinaus, ängstlich wie zwei Kinder, die auf der Flucht sind. Bald aber holten wir die Ruder ein und ließen uns treiben. Die Nacht war so schön. Kein Wind – kein Laut. Um uns die Fläche des Sundes wie ein dunkler Spiegel, drüben an der Küste die hohen Bäume, in den Schatten der Sommernacht gehüllt … Wir sprachen nur wenig – auf den eingezogenen Rudern saßen wir, Hand in Hand. Dann tauchte hinter der Landspitze Kronborg auf. Stolz ragten die Türme in der Nacht auf. Sie blickte zum Schloß, drückte meine Hand und flüsterte: »Hier traf Hamlet den Geist seines Vaters.« »Und hier liebte er die Tochter des Polonius.« Hamlet (…), die Tochter des Polonius: In Shakespeares Tragödie Hamlet (1600–1601) ist Polonius der Vertraute von König Claudius und zugleich Vater von Laertes und der Geliebten des Prinzen, Ofelia. Da er auf Veranlassung von König Claudius, der Hamlets Vater ermordet und die Macht an sich gerissen hat, den Prinzen ausspioniert, wird er von diesem getötet. Dies läßt Ofelia den Verstand verlieren und löst den weiteren tragischen Verlauf des Stückes aus, unter anderem mit dem Duell zwischen Laertes und Hamlet; dies ist die Höhepunkt des Dramas. – »Und, Frau Baronesse – diese beiden naiven und sentimentalen Kinder – sie flüsterten miteinander, dort, in der Sommernacht, die Liebesworte Ofelias und Hamlets – während ihre Herzen bebten …« Bernhard Hoff hielt inne, als wartete er. Aber die Baronesse saß schweigend und blickte vor sich hin. »Ja – Frau Baronesse – sie waren Kinder … Eines Tages waren Gäste bei ihren Eltern. Wir hatten uns alle aufgemacht, Kronborg zu besichtigen. Wir gingen durch die Säle – durch die Gänge. Dann kamen wir in Caroline Mathildes Zimmer. Caroline Mathilde: Die sehr junge Gemahlin des geisteskranken Christian des VII., die englische Prinzessin Caroline Mathilde (1751–1775) verliebte sich in den Leibarzt des Königs, Graf Johann Friedrich Struensee (1737–1772), der kraft seines Einflusses auf den König eine kurze Zeit das Land fast absolutistisch regierte. Im Januar 1772 wurde er durch einen Staatsstreich auf Schloß Christiansborg gestürzt und im April desselben Jahres barbarisch hingerichtet. Die Königin erhielt vorübergehend Hausarrest auf Schloß Kronborg, wurde dann aber zwangsweise nach Celle im Kurfürstentum Braunschweig–Lüneburg, das damals in Personalunion mit England stand, verbannt. Dort, wo die schöne Königin ihr Urteil erwartete, weil sie Graf Struensee in verbrecherischer Liebe verehrt hatte. Und der Führer näselte in banalen Worten den Jammer der armen Königin vor sich hin. Aber wir beide – sie und ich – ergriffen uns an den Händen, und unsere Augen füllten sich mit Tränen – ja – Frau Baronesse – wir waren Kinder …« Bernhard Hoff schwieg wieder. Aber die Baronesse blieb unbewegt. Ihr Gesicht war unter dem grauen Schleier bleich. »Dann war der Sommer vorbei. Am letzten Abend, bevor der General in die Stadt zurückmußte, war ich dort, in der Villa … Nach dem Essen gingen wir hinaus auf die Veranda – sie und ich. Der Mond ergoß sein Licht über die Wipfel der Bäume. Still lagen lange Schatten über den hellen Rasen. Noch nie, glaube ich, habe ich eine solche Nacht erlebt. Wir standen dort lange, sie hielt die Ranke einer wilden Rebe in ihrer Hand. Dann rief man uns, von drinnen. Und plötzlich begann sie, an seine Schulter gelehnt, zu weinen … »Helene, warum weinst Du? Helene!« Sie weinte leise weiter: »Ich weiß es nicht, ach, ich weiß es nicht …« Bernhard Hoff sagte nichts mehr. Er beugte sein Haupt, um seine Bewegung zu verbergen. Nach langem Schweigen sagte die Baronesse: »Und dann?« Bernhard Hoff fuhr zusammen: »Dann, Frau Baronesse« – seine Stimme wurde scharf – dann war es vorbei. Es vergingen ja fast vier Monate, bevor sich beide wieder trafen … Und als ich dann endlich auf diesem Ball ihr wieder nahe kam, als ich, zitternd, während die Musik anhub – ach, wie ich mich an diese Musik erinnere! – ihr tausend Dinge von meiner Sehnsucht und dem Glück des Sommers zuflüsterte, dem Glück, das zurückkehren mußte, sah sie mich mit einem kalten Blick an, der mich nicht verstand, und sagte: ›Ja, damals waren wir Kinder …‹« Es hörte sich an, als ließe sie ein leeres Bonbonpapier aus ihrer Hand auf den Boden fallen … Es wurde wieder still. Sie vernahmen beide, während sie dasaßen, die Schritte des Steuermanns auf der Kommandobrücke und das Stöhnen der Maschine. Die Stimme der Baronesse zitterte leicht, als sie fragte: »Und dann – haben sich diese beiden Menschen nie wieder getroffen?« »Nein, Frau Baronesse.« »Aber nicht wahr«, und sie wandte sich jäh zu ihm, »wenn sie sich träfen, spräche er mit ihr in höhnischen Vorwürfen, und er erzählte ihr von einem betrogenen Leben und einer Frau ohne Herz …« »Frau Baronesse!« »Er sollte ihr diese Geschichte, die Sie mir eben erzählt haben, erzählen …« Sie hielt inne. Der Ton war schmerzlich müde, als sie aufs neue begann, langsam und leise: »Wissen Sie denn nicht, Hoff, daß eine Liebe sterben kann? Können wir etwas dafür, wenn sie geboren wird – im Glück? Kein Wille kann sie wieder erwecken, wenn sie erst einmal gestorben ist.« »Wir wissen nicht, was es ist, das sie tötet. Wir wissen nur – wie jene junge Frau in jener Ballnacht: Sie ist tot …« »Und uns bleibt der Schmerz.« Die Stimme der Baronesse war fast nicht zu hören. Sie blieb noch einen Augenblick sitzen. Dann beherrschte sie sich und erhob sich. »Aber – es wird kalt – und spät«, sagte sie. »Gute Nacht, mein Freund.« Die Baronesse blieb einen Augenblick stehen, bevor sie ihre Hand reichte: »Leben Sie wohl – mein Freund«, sagte sie. Schnell beugte sich Hoff über die behandschuhte Hand und küßte sie: »Leb wohl – Helene – leb wohl!« Dann trennten sie sich.   [En Sommernat. Bergens Tidende (A), 30.12.1885]   Zur Ehre des Präfekten Zur Ehre des neuen Präfekten findet bei Graf des Solles ein Festmahl statt. Man trinkt Kaffee in der Orangerie, die taghell erleuchtet ist. Damen und Herren sitzen durcheinander. Grüppchen haben sich in die Ecken verzogen. Lautes Gelächter und Unterhaltung und Staub. Der Rauch der vielen Zigaretten wabert wie blaue Wolken unter den Palmen. Der neue Präfekt hatte einen ausgezeichneten Appetit am besten Tisch seines Departements gehabt, und er ist vortrefflich gelaunt. Eine schmuckere Orangerie hat er wirklich noch nie gesehen – außerordentlich – wirklich außerordentlich … und diese Karyatiden Karyatiden: (in der antiken Architektur) weibliche Statue in langem Gewand, die anstelle einer Säule das Dach eines Bauwerks trägt. – sie sind besonders bemerkenswert … »Sie sind aus Italien?« »Ja, Graf des Solles hat sie in Florenz machen lassen …« Der Präfekt konnte sich dies gut vorstellen: Sie sind Künstler, diese Italiener, sie verfügen über das Geschick … Der Präfekt beginnt, über Michelangelo zu reden … »Aber Herr Präfekt, ein Glas Likör … Ich wage, ihn eine Seltenheit zu nennen. Er ist aus Martinique.« Martinique: eine der franz. Kleinen Antillen, 988 qkm, (1901) 207 011 E. (meist Neger und Mulatten, 8000 Weiße), gebirgig und vulkanreich (Mont-Pelé 1350 m); Hauptprodukte Zuckerrohr, Maniok, Kartoffeln, Bananen, Hölzer; Eisenbahnen (1903) 224 km; Hauptort Fort de France. – M.,1502 entdeckt, 1635 von Franzosen kolonisiert, 1864 von der franz. Regierung erworben.[Artikel: Martinique. Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, 5. Aufl. Leipzig 1911].Seit 1946 französisches Überseedepartement. 433 000 Einwohner, Haupteinnahmequelle ist heute der Fremdenverkehr. »Aus Martinique?« »Frau des Solles ist dort geboren.« »Das habe ich nicht gewußt … Aber Ehrenwort … er ist unvergleichlich … wie Rosen … er schmeckt wie Rosen …« »Nicht, Herr Präfekt«, Frau des Solles taucht auf, »mein Likör ist pikant …« »Unvergleichlich.« Der Likör aus Martinique geht rund. Alle müssen ihn versuchen. Er ist superb. »Aber sicherlich fürchterlich berauschend.« »Drüben in Martinique nennt man ihn ›Liebestrank‹«, erzählt Frau des Solles. Ein unbeschreiblicher Lärm kommt aus der Ecke von Frau des Vigneronnes. Alle lachen und reden durcheinander. »Es ist Louise – unglaublich.« Frau des Vigneronnes war der Meinung, Martinique sei eine Insel in Australien. »Nein, das ist zu dumm!« Louise weiß zu wenig. »Hat man so etwas schon einmal gehört: in Australien …« Frau des Vigneronnes ruft: »Ja, wißt ihr, wir haben so wenig Erdkunde in der Klosterschule gelernt …« »Als ob Sie Geschichte besser gelernt hätten … Erinnert sich jemand an das vorletzte Jahr im Théâtre français, Théâtre Français: auch »La Comédie française« ist die französische Nationalbühne in Paris, die1680 gegründet wurde. als Louise glaubte, die Gracchen Gracchen: das römische Geschlecht der Gracchen, insbesondere Tiberius (168–133 v.Chr.) und Gaius Gracchus (159–121 v.Chr.). Beide waren römische Volkstribunen. seien aus Athen?« Alle platzen wieder los … »Louise, wo liegt Athen?« »Ja, wie man in den Klosterschulen lernt … –« Louise des Vigneronnes lacht so laut, daß sie fast stirbt: Sie hat sich nie gewünscht, ein Blaustrumpf zu werden, das will sie ihnen erzählen. Sie hat wirklich keinen Grund zu wissen, wer die Gracchen sind … Es schickt sich für Damen nicht, sich mit Mythologie zu beschäftigen … Der Präfekt spricht von der niedergehenden Seidenindustrie. Frau des Solles fragt, ob er irgendetwas über den Selbstmord des Prinzen Jugorew Prinz Jugorew: wahrscheinlich fiktive Person. wisse … »Ja … der arme Jugorew – er hatte ein so zartes Gemüt. Er hat mich auch besucht – das ist erst zwei Jahre her – Aber deshalb starb er nicht. Es war wohl eine Ballettänzerin …« »Nicht einmal«, bricht es aus dem Präfekten heraus. »Es ist schrecklich«, sagt Frau des Solles. »Ja«, und der Präfekt trinkt noch ein Glas Likör: »Ja, gnädige Frau, die Jugend hat keine Moral.« »Ja, eine Zeit der Verweichlichung«, lispelt General Campvallon mit seinem gelähmten Mund, der seit seinem Schlaganfall verzogen ist. Graf des Solles stimmt zu: »Der General hat leider Recht. Die Jugend ist degeneriert – vollständig.« »Mein Neffe, Herr Henri dort, ist gerade zwanzig Jahre alt geworden, und er ist so faul, daß er nicht einmal Lust zu Dummheiten hat …« Der junge Herr de Lamy hält sich seinen Klapphut vor den Mund. Und der Präfekt, dessen Wangen vom Martinique-Likör rot werden, sagt wieder: »Die Jugend ist ohne Moral.« Graf des Solles klatscht in die Hände und bittet die Gesellschaft, in die Fabrik hinunterzugehen. Zur Ehre des Präfekten wird dort heute abend gearbeitet. Der Präfekt ist begeistert, die Webereien besichtigen zu können – ziemlich die größten Industrieanlagen im ganzen Departement. Das ist von Graf des Solles überaus zuvorkommend. Alle brechen auf, die Damen am Arm der Herren, und gehen in den Garten, wo der Weg mit Pechfackeln erhellt ist. Sie lachen und plaudern. Die Damen halten ihre Schleppen hoch, denn auf den Wegen ist es schmutzig. »Lamy«, sagt Frau des Vigneronnes … Ich habe es nicht gern, wenn Sie hinter mir gehen. Kommen Sie! Ich weiß, ich habe Füße wie ein Pfau …« »Schrecklich, hier mit Seidenschuhen zu gehen.« »Und wo sollen wir hin?« »Pst! Meine Damen, um Himmels willen! Zur Ehre des Präfekten. –« Sie hatten die Fabrik erreicht und konnten wegen des Lärms der klappernden Webstühle und des Stöhnens der Dampfmaschinen ihr eigenes Wort nicht verstehen. Der Inspektor empfängt sie und führt den Präfekten hinein. Alle folgen in die große Halle mit den Webstühlen. Alle Damen beginnen zu husten. Es ist die Luft der Webstühle – der Inspektor verbeugt sich –, die ziemlich trocken ist, wenn man sie nicht gewöhnt ist. Aber Graf des Solles hat eine Flasche Kölnisch Wasser dabei, um die Taschentücher zu netzen … Dann werden sie es nicht merken, wenn sie die Tücher vor den Mund halten. – Aber, was für ein Gastgeber ist doch Graf des Solles! – er denkt an alles. Sie gehen alle die Treppe hinunter in die Halle – den Webstühlen entlang. Es ist ein schreckliches Klappern. Und eine Hitze – da. Unverzeihlich … Das elektrische Licht stört nach dem Mahl auch empfindlich … Man geht durch den Gang zwischen den Webstühlen. Die Arbeiterinnen sitzen unter den elektrischen Lampen, bleich und krumm vor den Webstühlen, schauen nicht auf. Sie atmen den fremden Duft der Parfüme der Damen ein, und wenn die Gesellschaft vorüber ist, werfen sie lange ihren Blick auf die Schleppen, die über den Boden rauschen … Gräfin des Solles findet es unangenehm, daß alle diese Frauenzimmer husten. »Das ist die Luft«, sagt der Inspektor, »hier schluckt man ja einigen Staub.« »Es ist aber trotzdem unangenehm.« Frau des Vigneronnes hielte es nicht aus, hier eine Stunde zu bleiben … nicht eine Stunde. Sie schlägt eine Spende vor, es gibt wohl eine Betriebskrankenkasse? … Frau des Vigneronnes ist immer der Meinung, es gebe an solchen Orten Krankenkassen … die Armen sehen ja wirklich entsetzlich bleich aus. Sie gehen weiter durch die Halle. Frau des Vigneronnes schickt Herrn de Lamy herum, um für die Spende einzusammeln. Er sammelt mit seinem Klapphut Goldmünzen und kehrt zu Frau des Vigneronnes zurück: »Und nun Sie, gnädige Frau«, sagt er. »Ich, ja, mein Gott, Sie haben Recht … In Gesellschaft habe ich nie Geld bei mir …« Die kleine Frau des Vigneronnes lieh zwanzig Francs Französische Francs: Der Wert des Francs betrug zu dieser Zeit (1885) 4,5 g Feinsilber. Die Gräfin hätte also 90 g Feinsilber gespendet; der heutige (2009) Silberwert (nicht Kaufkraft!) wäre ca. € 30. von der Gräfin des Solles und gibt alles Geld dem Inspektor. Der Inspektor wird es nach bestem Wissen und Gewissen verteilen. Er versichert dem Herrn Präfekten, daß es noch viel mehr zu sehen gebe, aber der Präfekt ist der Meinung, die Damen hätten genug gesehen. Die arme Frau des Vigneronnes ist ja schon ganz nervös von all dem Staub … Der Präfekt wendet sich mit ein paar freundlichen Worten an die nächsten Arbeiterinnen, die sich erheben und verneigen; dann bietet er Frau des Solles seinen Arm, um zu gehen. »Gnädige Frau«, sagt er würdigen Tones, einwenignäselnd, in dem Tonfall, dem er in der Deputiertenkammer und seiner Präfektur sein Glück verdankte, »ein Anblick wie dieser stärkt den Glauben an die Wiedergeburt des Vaterlandes …« Und er bleibt einen Augenblick lang mit Frau des Solles am Arm stehen und wirft einen letzten Blick über die unendliche Halle und die Webstühle und die gebeugten Rücken der Arbeiterinnen davor. Gräfin des Solles antwortet nicht. Ihr wird leicht schwindlig, wenn sie hier von der Treppe aus über die große Halle schaut. Sie kamen wieder hinaus in den Garten. Die Pechfackeln begannen herunterzubrennen. Herr de Lamy ging mit einem Freund am Ende. »Nein«, sagte er, »ein Harem ist dies nicht gerade … Lieber Gott, die Frauenzimmer verlieren ja all ihre Fasson.«   [Til Ære for Præfekten. Politiken, 2.1.1886]   »Junge Mädchen« – Drei Briefe – I Montag Mariane. Er ist hier. Ja – kannst Du Dir vorstellen: Er ist hier, seit vierzehn Tagen ist er hier. Und ich, der dieses unselige Kaff bei Onkel Emil – drei Meilen Meile: 1 dänische Meile entspricht 7 532 m, 3 Meilen sind 22,6 km. von der Eisenbahn entfernt – aufgesucht habe, nur um im Sommer meine Ruhe zu haben …Vetter Hugo hatte ja gesagt, daß »sein« Bruder einen Hof hier in der Nähe habe – aber daß dieser Herr Bruder der unmittelbare Nachbar ist, ja mit Onkels Familie so gut wie Tür an Tür wohnt – das war mir natürlich nicht in den Sinn gekommen. Das erfuhr ich erst, als ich herkam, und da war es zu spät … Wieder abzureisen – dann hätte er die Freude gehabt, mich vertrieben zu haben – nein, danke, Herr Walter, dann doch lieber … Ja, Mariane, die Sache ist die: Du weißt eigentlich nicht alles. Es war auf dem Ball des Konsuls Blom – Du erinnerst Dich – der letzte der Saison. Wie üblich kompromittierte er mich natürlich, indem er zwanzig Tänze mit mir tanzte – dies ihm aber abzuschlagen, war zwecklos … Du weißt ja, wie er ist … Dann – während einem all dieser Walzer – das heißt, es war der letzte – ruhen wir uns einen Augenblick in Ottilies Ankleidezimmer aus – und während wir dasitzen, redet er dummes Zeug, nämlich, ich sei die Hinreißendste, die er kenne, und – küßt mich auf die Schulter. Ja – das Papier mag sogar erröten, Mariane – aber es war auf die Schulter. Ich brauche Dir wohl nicht zu erzählen, daß ich rasend wurde … Ich sprach kein Wort – außerdem hatte ich zu weinen begonnen – aber ich ging. Und ich sagte meiner Mutter, daß ich sofort nach Hause wolle, obwohl es vor dem Kotillon Kotillon: Ein Kontratanz mit verschiedenen Touren und wechselnden Partnern. Schließt mit der Ausgabe kleiner Geschenke ab. war. Aber Du wirst es nicht glauben, als wir in die Vorhalle hinaustraten, steht er dort kerzengerade, lächelt und will mir in den Mantel helfen. Da verlor ich aber wirklich die Geduld. »Danke, das kann ich selbst«, sagte ich, »Adieu, Herr Walter.« Ich behaupte, ein Adieu in diesem Ton ist der Abschied fürs Leben. Ich denke so oft daran, ob Tante Bettina diesen Ton gehört hatte. Sie hat es immer so emsig mit ihrem »Halt Dich gerade – mein Mädchen – benimm Dich – Du wirst so nie eine Dame.« Man kann doch nicht so steif wie ein prachtvoll gebundenes Gebetbuch wandeln, wenn man achtzehn Jahre alt ist … Aber weißt Du, was er in seiner Unverschämtheit antwortete? »Gnädiges Fräulein, Auf Wiedersehen!« sagte er. Mit einem Lächeln! Ja – jetzt weißt Du alles. Und dann kannst Du wohl verstehen, wie ich ihn empfing. Eines schönen Tages – während wir gerade beim Mittagsmahl sitzen – steht er plötzlich in der Verandatür (nur zwei Tage nach meiner Ankunft) … Ich wurde so böse, daß ich Herzklopfen bekam. Aber dann am Nachmittag war er außerordentlich liebenswürdig. Es ärgert mich ungemein, daß man nie länger böse auf ihn sein kann. Wir gingen in der Lindenallee spazieren und sprachen über viele ernste Dinge, er und ich, er kann sehr ernst sein, dann sagte ich – es rutschte mir so heraus: »Herr Walter, ich verstehe nicht, wie Sie sonst jeden Tag so viele dumme Sachen sagen können.« »Ich kann auch sehr vernünftig sein – nicht wahr? Glauben Sie wirklich, ein Ball sei eine Stätte der Vernunft? Es ist nicht so einfach, Fräulein, seine Gedanken zwischen zwei Polkas zu sammeln …« Aber, weißt Du, Mariane, ich habe so oft daran gedacht, es ist auch ein großer Fehler, daß wir jungen Leute uns außer auf Bällen oder bei Essen oder wenn wir Schlittschuh laufen, nie treffen, wo man nichts anderes tut, als über die gegenseitigen Dummheiten zu lachen und kein vernünftiges Wort zu sprechen … daher rührt es auch, daß man so oft falsch über die anderen urteilt … Hast Du Walters Augen bemerkt? Sie sind so eigentümlich. Sie sind traurig, auch wenn er lacht – und so tief … An jenem Nachmittag war er im ganzen gesehen sehr sympathisch … Aber er kann sich ja nicht beherrschen – am nächsten Abend bereits obsiegte seine Natur über die Erziehung. Es waren einige junge Leute bei uns , und wir tanzten zur Klaviermusik (Tante Bettina kann drei Polkas, die sie im Menuettakt spielt), und er tanzte ununterbrochen mit mir und wollte niemand anderen … Was hätte ich tun sollen? Hätte ich nein gesagt, hätte er sich hier in einen Winkel gesetzt und wäre beleidigt gewesen, und dies hätte noch mehr Aufsicht erweckt … Dann kommt er gewiß zum dreißigsten Mal und bittet mich zur Polka, und ich sage – völlig verzweifelt: »Herr Walter –aber wir erregen Ärgernis.« Und weißt Du, was er mir antwortete? »Als ob es Ihnen keinen Spaß machte!« Und dann lachte er, so daß Tante Bettinas Augen vom Klavier her Blitze schossen. Aber göttlich tanzt er … Julie II. Freitag Süße Mariane! Hier ist es schön, hier draußen, Du. Ich hätte nie geglaubt, daß es so weit draußen auf dem Land so wunderschön sein könnte – und daß man sich nie langweilt. Man denkt nicht einmal daran, sich zu langweilen … Du kannst auch nicht verstehen, welch hinreißende Mondscheinnächte in der letzten Zeit gewesen sind … Ich habe überhaupt nicht schlafen können, sondern habe den Vorhang hochgezogen, so daß das ganze Mondlicht wie ein Glanz in mein Zimmer fiel – während ich ruhig dalag und nachgedacht und geträumt und wieder nachgedacht habe – weiß ich, woran. Und mit einem Mal mußt ich ganz laut lachen, wenn ich an Walters Dummheiten dachte … Er kommt jeden Tag. Wir wohnen ja Tür an Tür. Kürzlich hatte ich mir ein Buch genommen und war zum Teich hinuntergegangen – besonders um in Frieden und alleine gelassen zu werden. Es stört mich, immer mit den anderen zusammensein zu müssen. Du, es waren Heines Gedichte, die ich mithatte. Hier steht der Bücherschrank offen – oder so gut wie offen, denn der Schlüssel liegt in Tante Bettinas Schlüsselkorb auf dem Nähtisch – so daß man ihn holen und alle Bücher lesen kann. Ich saß da und las, als Walter kam. »Nun, wie Sie in das Buch vertieft sind«, sagte er. Ich fuhr hoch: »Ja, es ist Heine«, sagte ich. »Ach so. Es ist Heine. Verstehen Sie Heine, Fräulein?« Ich weiß nicht, was Du von dieser Frage hältst, Mariane! »Ob ich ihn verstehe? Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Walter.« Ich war natürlich beleidigt … Als wäre man ein Kind, das nicht das Geringste wüßte – gar nichts. »Ich weiß nicht, warum ich ihn nicht verstehen sollte …« »Warum, Fräulein. Ach, weil man geliebt haben muß – um Heine zu verstehen.« Und er lächelte. Ich bitte Dich, woher weiß er, ob ich geliebt habe oder nicht – vielleicht genauso viel wie er. »Aber ich glaube, ich verstehe Heine«, erwiderte ich. »Er ist mein Lieblingsdichter« (… es war ja nicht wahr, denn ich hatte vor diesem Tag niemals etwas von Herrn Heine gelesen … zuhause steht er ja in Vaters Bücherschrank, der aber immer abgeschlossen ist … ich wollte das jetzt sagen …) »Das Fräulein hat also geliebt (in einem Ton, Du)? Unglücklich?« Es wurde mir doch zu indiskret. Ich erhob mich. »Er ist tot, Herr Walter«, sagte ich. »Armer junger Mann!« 3 »Er ertrank, Herr Walter«, sagte ich, »er war Kadett.« Kadett: Soldat während der Grundausbildung auf einer Offiziersschule in Heer, Luftwaffe oder Marine. Und dann ging ich. Ich glaube sicher, in jedem Wort lag eine Zurechtweisung. Danach aber habe ich es gräßlich bereut, Mariane, daß ich gesagt hatte, er sei Kadett gewesen. Wir wissen ja, wie es sich so mit den Kadetten verhält … Dies wird ja immer als kindlich angesehen – alles mit Kadetten … wie ernst und wie traurig es auch sein mag. Julie III Dienstag Liebe Mariane Ich bin so verheult, daß ich die Buchstaben, die ich selbst schreibe, kaum sehen kann, und die Tränen rinnen auf das Papier … Nun sollst Du hören. Heute nachmittag sitzen wir jungen Mädchen im Lusthaus. Und dann beginnen sie über Walter zu reden – natürlich nur, um mich zu ärgern – das wußte ich genau … Aber dann erzählten sie, er sei in ein junges Mädchen hier in der Gegend verliebt und mache ihr unentwegt den Hof – sie sei ein kleines hellblondes Ding, Du, mit Stupsnase und Sommersprossen im ganzen Gesicht, und daß es bald so weit sei, daß beide ein Paar würden … Eigentlich ging es mich ja nichts an – und könnte mir völlig gleichgültig sein, ob sich die beiden verloben, wenn sie Lust haben (ich bedaure nur seinen Geschmack) … Aber wenn ich jetzt wüßte, es wäre nicht wahr – und sie ist ihm so gleichgültig – dessen bin ich mir sicher. Ich regte mich auf, und die anderen blieben bei ihrer Behauptung, bis zum Kaffeetisch gerufen wurde … dann liefen sie hinauf. Ich aber blieb noch einen Augenblick im Lusthaus sitzen und begann zu weinen – vor Ärger … Und dann, als ich mich gerade erheben wollte und das Taschentuch von meinen Augen nahm, steht Walter in der Tür … »Weinen Sie jetzt wieder wegen Ihres Kadetten?« sagte er und lächelte … »Aber – Herr Walter – was haben Sie mir für einen Schrecken eingejagt! Wo kommen Sie her?« »Ich bin in der Hängematte gelegen«, sagte er und lächelte weiter. Du kannst Dir vorstellen: Von der Hängematte aus kann man alles hören, was im Lusthaus gesprochen wird … Mir war, ja mir war, als versänke ich im Boden. »Julie«, sagte er, und ich glaubte, er wolle um meine Hand anhalten. Ich aber lief auf mein Zimmer – und schloß die Tür ab, und nun weine ich und weine ich – bis ich angefangen habe, Dir zu schreiben, Mariane, was soll ich ihm doch antworten, wenn er nun um meine Hand anhält? Deine Julie   [»Unge Piger« – Tre Breve. Bergens Tidende 6.2.1886]   »Lille-Mouche« Lille-Mouche: Dieser von Bang geschaffene Eigenname besteht aus dem dänischen Wort »lille«, das »klein« bedeutet und aus dem französischen Wort »mouche« (Fliege), wörtlich übersetzt also »Kleine Fliege«. I Der Zug hält mit einem Ruck, der durch alle Abteile geht, und Lille-Mouche hört in ihrem Fieberdösen den Lärm der Wagentüren und die Rufe des Schaffners. »Mama, ist es schon Paris?«, fragt sie mit ihrer müden Stimme aus ihren Kissen heraus. »Noch nicht, Lille-Mouche«, sagt die Mutter und beugt sich über sie, ängstlich in ihr Gesichtblickend – das schmale, magere Gesicht, das der Mutter von Stunde zu Stunde weniger und magerer zu werden schien. »Noch nicht, Lille-Mouche … aber wir sind bald dort.« »Du sagst immer ›bald‹«, sagt Lille-Mouche und schließt ihre armen Augen, die brennen. Und der Zug fährt wieder los, ruckelnd und stoßend, so daß Lille-Mouche in ihren Kissen seufzt. »Wieviele Stunden sind wir schon gereist?«, fragt sie. »Siebzig.« »Siebzig … nicht mehr? Das wird nie mehr.« Lille-Mouche zählt mit ihren dünnen Fingern … »Dann sind es sieben bis Paris.« »Ja, nur sieben bis Paris.« »Wie weit das weg ist … Bukarest – so weit!« Lille-Mouche beginnt zu rechnen und Stadt für Stadt aufzuzählen, wird dann aber von all den fremden Namen müde, so daß sie kaum noch reden kann, sie seufzt matt und liegt in den Kissen wieder ruhig. Die Mutter sitzt ihr gegenüber, bleich, die gefalteten Hände im Schoß und lauscht Lille-Mouches Atemzügen. »Mutter!« »Ja – Mouche!« »In diesem Jahr gehen wir doch zu den Wettrennen?« Wettrennen: Pferdewettrennen auf der mondänen Pariser Pferderennbahn Longchamp im Bois de Boulogne. »Ja, in diesem Jahr gehen wir wieder zu den Wettrennen.« »Erinnerst Du Dich an das Jahr, in dem wir meine Operette sangen, wir konnten den ganzen Sommer nicht schließen – da war ich mit dem kleinen Prinz in einem Wagen zu den Wettrennen, den Wagen voller Rosen – und wir tranken Champagner im Wagen – und der kleine Prinz stand auf den Sitz und hielt eine lange Rede – und mit einem Mal«, Lille-Mouche bricht in ein Lachen aus, das wie trockener Husten klingt, »fiel er mit den Beinen nach oben in alle Rosen. – Und Benning – erinnerst Du Dich? – der lange englische Kutscher mit dem roten Bart – er hatte vorher beim Herzog von Grammont gearbeitet – hatte einen Kranz von Rosen auf seinem Hut – er war so betrunken und saß da und fluchte und schimpfte auf seinem Bock, und wir saßen im Wagen und kreischten drinnen aus Angst, als wir nach Hause fuhren. Alle Lichter waren auf den Boulevards angezündet, als wir nach Hause fuhren.« Lille-Mouche schwieg und lächelte. »Ob jetzt der kleine Prinz in Paris ist?« fragt sie. »Vielleicht ist er in Dieppe.« Dieppe: Seebad in Nordwestfrankreich. Zur Zeit Bangs 23 000 Einwohner, Hafen, Schiffahrtsschule, Austernbänke, Kurbetrieb. »Dann schreiben wir ihm … Oh, ja«, Lille-Mouche gibt der Mutter die Hand, die brennt – es wird alles wieder gut, wenn wir heim nach Paris kommen.« »Ja – dann wird alles wieder gut.« »Ich war es, die nach Hause wollte, Mutter«, sagt Lille-Mouche. »Was gingen mich die Ärzte an?« Ja, es war Lille-Mouche, die nach Hause wollte, weg aus dem häßlichen Land, diesem Rumänien, wo sie krank geworden war, weil sie vor lauter Räubern singen mußte, heim nach Paris, wo Lille-Mouche in ihrer Operette gesungen hatte. Er hatte sie eines Abends gesehen, der berühmte Librettoverfasser, zuerst im Chor, wo sie stand und lächelte, ihr Zähne zeigte und alle die kleinen Lachergrimassen schnitt, mit denen sie immer die anderen bei Madame Laplanche in der Werkstatt zum Lachen brachte, wo sie Blumen herstellten. Und nachdem der Akt fertig war, ging er hinter die Kulissen zu Lille-Mouche, die dastand und in einer Ecke an Apfelsinen knabberte. »Wie heißen Sie, Fräulein?« fragte er. »Lille-Mouche«, sagte sie und sah von ihrer Apfelsine auf und lachte. »Lille-Mouche, ach so!« Er sah sie an, die kleine runde Figur und das kleine Eulenspiegelgesicht. »Können Sie singen?« fragte er. »Mm!«, sagte Lille-Mouche, den Mund voll mit der Apfelsine, »ich singe vor.« Am nächsten Vormittag wurde Lille-Mouche zum Direktor bestellt, und sie mußte ihm und zwei, drei anderen »Nußknackern« unten im Parkett zwei Lieder vorsingen. Sie klatschten und riefen »Bravo!« – und der Herr von gestern abend sagte, daß er für sie eine Rolle schreiben wolle. Und so sang Lille-Mouche in ihrer Operette – ein Jahr lang, dreihundert Mal – was für ein Jahr! »Wir sollten wieder in der Rochefoucauld-Straße wohnen«, sagt Lille-Mouche aus ihren Kissen. »Vielleicht bekommen wir wieder das alte Haus – es war so schön zuhause in Nr. 7.« Lille-Mouche denkt an das schöne Puppenhotel in der feinen, ruhigen Straße, mit seinem Speisesaal, wo sie Lärm gemacht und gelacht und getanzt hatten, so daß die ganze Straße davon wach wurde. Und den kleinen Salon, schwarz bezogen, wo sie so steif wie eine Herzogin in dem großen Stuhl in der Ecke saß und wo sie zu den Reportern und Herren der Wohltätigkeitsvereine sagte: »Cher monsieur!« »Wie sie uns die Türen einrannten«, sagt Lille-Mouche. »Kannst Du Dich an Herrn Fanfasin erinnern, der immer mit der Zunge aus dem Hals lief und immer eine Absage bekam, und an den Kirchengemeinderatsvorsitzenden?« Kirchengemeinderatsvorsitzender: Diese Übersetzung ist nicht zutreffend; das dänische Wort kirkeværge, das Bang hier benutzt, bezeichnet in der dänischen Volkskirche eine Person, die über den Zustand des Kirchengebäudes, die kirchlichen Besitzungen (darunter die Friedhöfe) und über den Haushaltsplan Aufsicht führt. Sie wird seit 1922 vom Kirchengemeinderat gewählt. und Lille-Mouche versucht, sich in den Kissen aufzurichten, so lebhaft wird sie, wenn sie an den Kirchengemeinderatsvorsitzenden denkt, »den kleinen kugelrunden Kurzbeinigen, der immer schwitzte, und der mich dazu brachte, für den neuen Gebetssaal der Nonnen zu singen.« Und Lille-Mouche lacht laut im Gedanken daran, daß sie für den Gebetssaal der Nonnen gesungen hat. Dann bekommt sie einen Hustenanfall, und sie preßt die Hände auf ihre Brust und sinkt in die Kissen. »Das war in der letzten Zeit, vor der ›zweiten Operette‹«, sagt sie und stöhnt vor Schmerz. »Ja, das war in der letzten Zeit«, sagt die Mutter und seufzt. »Die zweite Operette« – Lille-Mouche nannte sie nie anders, diese Operette, die nach der »ihrigen« kam und nur dreimal aufgeführt wurde – diese drei Mal … Und ohne weiter zu sprechen, denken beide, Mutter und Tochter, an die zweite Operette – an die drei Abende, als Lille-Mouche pfeifend und räuspernd sang, bis die Töne vor Angst und Schrecken in ihrem Halse erstickten, und sie fühlte sich wie ein Stein, während man zischte. Und der Vorhang ging hoch, und er ging nieder, und wie im Schlaf sah Lille-Mouche den Saal mit all den Köpfen und hörte den Lärm und sah ihre Mutter, die steif in den Kulissen mit ausgebreiteten Armen stand, als wollte sie sie auffangen, wenn sie fiele. Und es dauerte an – es dauerte an – dieses Gezische und die gellenden Pfiffe. Paris war seiner Lille-Mouche überdrüssig geworden. Lille-Mouche fühlt ein heißes Brennen in ihrer Brust. – »Heb mich hoch«, sagt sie, »heb mich ein wenig hoch, Mutter.« Die Mutter zieht sie hoch, und während sie sie in ihren Armen hält, küßt sie sie auf die Stirn. »Aber jetzt wird ja alles gut, Lille-Mouche, jetzt wird wieder alles gut.« »Ja – wenn wir nach Hause kommen.« Und Lille-Mouche legt ihren Kopf matt auf die Kissen. Wohin sie überall gereist waren – wo sie überall umhergeschweift sind – vier Jahre lang – in allen möglichen Ländern – im Norden wie im Süden – und in der Operette der Lille-Mouche gesungen haben. Ja, Lille-Mouche hat guten Grund, müde zu sein. Und dann die Schmerzen, die immer schlimmer wurden – und die Sehnsucht, die Sehnsucht in all den Ländern draußen. Und dieser Impresario, Impresario: Agent, der künstlerische Darbietungen, Vorstellungen und Theaterengagements vermittelt. der sie in alle Winkel der Welt schleifte. Die Stunden vergehen. Lille-Mouche liegt da und schlummert. Die Mutter kniet vor ihr und lauscht auf ihren Atem; er geht schwer und ist schwach, und ihrer Brust entweicht ein Pfeifen. Der Zug stöhnt und ruckelt. Draußen über der Landschaft wird es Nacht. Lille-Mouches Mutter kniet immer noch vor ihrem Kind. »Mutter!« »Ja, Lille-Mouche.« »Wo sind wir jetzt?« »Nun sind wir bald da, Lille-Mouche.« »Bald«, sagt Lille-Mouche und seufzt. Ihre Finger gleiten suchend über die Decke. Sie schlummert wieder ein, Kälte läßt sie immer wieder erzittern, und die Mutter befühlt ängstlich ihre Hände, die so kalt sind, und die Füße unter den Decken, die wie Eis sind. Der Zug hält wieder, und der Schaffner reißt die Abteiltüre auf, so daß Lille-Mouche aufwacht. Der ganze Lärm vom Bahnsteig brandet ihnen entgegen, gemischt mit den Rufen der Zeitungsverkäufer: »Gil Blas – mesdames – messieurs! – Le Figaro – mesdames!« Gil Blas: französisches Boulevardblatt, 1879 gegründet. Le Figaro: französisches Boulevardblatt, 1854 gegründet. – »Mutter … sind wir da?« »Ja, Lille-Mouche – es ist der letzte Bahnhof.« »Mutter!« Lille-Mouche will aufstehen. »Dann müssen wir uns anziehen – dann müssen wir uns fein machen – wir können so nicht nach Paris kommen!« Lille-Mouche stützt sich auf die Arme und setzt die Füße auf den Boden. »Aber nein, Lille-Mouche!« »Doch, Mutter … gib mir nur meine Stiefel … wo sind meine Stiefel?« Die Mutter kniet wieder nieder und zieht an den steifen und eiskalten Füßen von Lille-Mouche die Stiefel hoch; sie bekommt sie nicht zugeknöpft, weil die Knöpfe durch ihre zitternden Finger rutschen. »Danke, Mutter … und gib mir den Mantel!« Lille-Mouche fällt nach vorne; aber sie richtet sich wieder auf, legt den Mantel um sich und versucht zu lächeln. »Das ist gut«, sagt sie. »Unter dem Mantel sieht man nicht, wie mager ich geworden bin. – Mein Hut, Mama, und den roten Schleier!« … Sie hält das schwere Haupt aufrecht, und sie bekommt den Schleier gebunden; kramt einen kleinen Spiegel aus ihrer Reisetasche und hält ihn mit ihren kraftlosen Händen hoch. Sie sieht sich lange ihr Gesicht an, das steif und unkenntlich geworden ist. Die Mutter weint heimlich. »Weißt Du, Mutter«, sagt Lille-Mouche, »es wäre vielleicht gut, wenn wir in ein Seebad gingen.« Sie läßt den Spiegel fallen, sie kann ihn nicht mehr halten. Sie sitzt schwankend, die matten Hände im Schoß. »Sieht man schon Paris?« fragt sie. »Noch nicht.« Lille-Mouche friert und klammert sich mit den Händen an den Sitz. »Sieht man auch die Lichter noch nicht?« sagt sie. Die Mutter dreht sich um: »Noch nicht, Lille-Mouche, noch nicht.« Plötzlich erhebt sich Lille-Mouche, ergreift fest Mutters Schulter und hält sich aufrecht. »Öffne das Fenster«, sagt sie. Sie beugt sich ganz aus dem Abteilfenster hinaus. Die Mutter hält sie, und der rote Schleier flattert lang. – Und am Horizont sieht sie eine helle Wolke. »Mutter! Siehst Du die Lichter von Paris?« Sie fällt zurück, sie versucht zu sprechen, und ihre Arme, die sie krampfhaft um den Hals ihrer Mutter geschlungen hatte, lösen sich und fallen schlaff herab. »Le Figaro – mesdames – Gil Blas!« Es ist Paris. Still lag Lille-Mouches Mutter über der Leiche ihrer Tochter.   [»Lille Mouche«. Bergens Tidende, 27.5.1886]   Ein Berliner An Max Eisfeld Max Eisfeld (1863–1935): Schauspieler in Berlin, den Herman Bang in der Theaterstadt Meiningen getroffen hatte, mit dem er dann in Wien und in Prag 1885–1886 zusammenlebte. Eisfeld war die große Liebe Bangs. »Guten Abend – Du … Na … bei solchem Wetter ist »Bauer« Das bekannte Wiener-Café in Berlin eine reine Wohltat.« »Bist Du da?« Rudolf Stein legte das »Tageblatt« »Tageblatt«: Berliner Tageblatt, 1872 von Rudolf Mosse begründet, bestand bis 1939 und war zusammen mit der »Frankfurter Zeitung« vielleicht Deutschlands wichtigste liberale Tageszeitung, die später, insbesondere zur Zeit des Nationalsozialismus, ein wechselndes Schicksal hatte. Herman Bang lieferte 1886 und gelegentlich auch später für diese Zeitung Beiträge. weg. »Guten Abend. Wie gehts, Appel? Du warst gestern ja gar nicht hier?« »Nein …« »Du bist sehr ›unstet‹ in letzter Zeit?« »Nein – ich war gestern den ganzen Nachmittag zuhause … Kellner, hallo, einen Piccolo! Tasse Kaffee ohne Milch und Zucker … Ich hatte keine Lust auszugehen … mir ging es seelisch nicht gut …« »Ach so. Nun ja … dann war es ja richtig vernünftig, zuhause zu bleiben. Dies ist das einzig unfehlbare Mittel, es schlimmer zu machen …« »Ich war auf einer Beerdigung« – Max Appel setzte sich – »gestern vormittag.« »Und ich wurde traurig, als ich an die ›Vergänglichkeit des Fleisches‹ Vergänglichkeit des Fleisches: vgl.. Gal. 5, 16–25. erinnert wurde!« »Nein, Du, wenn ich an meine Jugend … denke, als Bruno Felsen beerdigt wurde.« »Das ist wahr, ja, ich hätte eigentlich zu seiner Beerdigung gehen müssen … wir hatten uns doch vorher gekannt – nicht nur oberflächlich … Weißt Du – es war ein Glück, daß er starb …« »Ja, das kann man wohl sagen.« »Er war zu weit unten …« »Ja, ihm ging es schlecht.« »Wie alt wurde er?« »So alt wie Du und ich … er war zweiunddreißig Jahre …« Rudolf Stein verharrte einen Augenblick: »Du, nein«, sagte er, »er war zu fertig in der letzten Zeit … wenn er dort drüben in seiner Ecke saß, den erloschenen Zigarrenstummel im Mundwinkel – und nur vor sich hinstarrte. Niemals rührte er eine Zeitung an! … Es machte mich auch betroffen – ja, das war gewiß das letzte Mal, als ich ihn sah – vor einigen Wochen auf dem Pariser Platz: Er kam natürlich mit dem Stock neben der Jackentasche dahergeschlendert, den hohen Hut in die Stirn gezogen, grüßte mit beiden Fingern an der Krempe, wie Du es kennst … Ich drehte mich tatsächlich um und blickte ihm nach. Es war sehr sonnig an jenem Tag, und es traf mich, wie heruntergekommen er war – mit seiner Kleidung, verstehst Du … Das einzig Neue an ihm waren die braunen Handschuhe … Die Kornblume Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers jedoch hatte er im Knopfloch.« »Ja – er war in der letzten Zeit mitgenommen.« »Hm – von was lebte er eigentlich?« »Von nichts – Du …« »Na – zum Teufel man muß doch von etwas leben … Man lebt doch nicht davon, dreimal am Tag bei Bauer Kaffee zu trinken …« »Es gab sicher Tage«, und Max Appel versuchte, über seinen Witz zu lachen, »an denen er groß nichts anderes bekam. Übrigens war er Musiklehrer … Aber ich glaube nicht, daß er irgendwelche Schüler hatte.« »Dann war die Musik ja einträglich … Ein merkwürdiger Patron war er – von was er so lebte; aber mit allen Mitteln, – wie er doch zu Geld kam …« »Nun, es kostet ja nicht so viel, sich in der Leipzigerstraße Eine der Berliner Hauptstraßen herumzutreiben – und einen Zigarrenstumpen zu rauchen, der nicht angezündet ist …« »Nein – da hast Du Recht; stundenlang trieb er sich umher, starrte in jedes Fenster und musterte jeden ›Rock‹ … Ich traf ihn auch einmal oben im Museum … ich sollte die Stadt einer Kusine aus Cottbus Kleinstadt in der Nähe von Berlin zeigen, Du kennst das ja – so ein ›Berlin-Panorama‹ in acht Tagen, wo man nichts anderes tut, als in Droschken ein- und aus Droschken wieder herauszusteigen, – und wo man drei-, viermal in der Stunde die Plakatsäulen von oben bis unten studiert, um zu erfahren, wo man abends sein Geld am langweiligsten ausgibt … Unten in der Pergamon-Abteilung Pergamon(-Abteilung): Monumentaler Altar von 180–159 v. Chr. Entweder Zeus oder Athene geweiht, auf dem Burghügel von Pergamon in Griechenland von dem deutschen Archäologen C. Humann ausgegraben und zwischen 1878–1886 in das Pergamonmuseum in Berlin übergeführt, gegen eine Bezahlung von 20 000 Mark. treffen wir dann – kannst Du Dir das vorstellen! – auf Felsen. Er stand da, starrte auf all die zerbrochenen Arme und Beine und war völlig verzückt. Ich dachte, frisch herausgesagt, er wäre etwas verrückt geworden … Ich hätte mir nie vorstellen können, daß er weder an Dr. Schliemann Schliemann: Heinrich Schliemann (1822–1890) war ein deutscher Kaufmann und Pionier der Feld-Archäologie; er grub Teile des antiken Trojas im türkischen Hisarlik aus, dem früheren Anatolien und brachte von dort gefundene Kunstgegenstände nach Berlin. noch an Pergamon Gefallen fände. Aber er war ganz verrückt vor lauter Begeisterung – völlig verrückt. ›Daß wir das‹, sagte er, ›daß wir das in Berlin haben‹, wiederholte er – ›nicht wahr, Fräulein, das ist doch großartig? Ja – es ist überaus großartig, Fräulein.‹ Meine arme Kusine aus Cottbus bekam richtig Angst vor ihm … Sie hatte sich wirklich nicht weiter mit dem Verständnis von beschädigten Götterschenkeln und Göttinnen ohne Nasen beschäftigt … Aber Felsen – er war völlig verrückt …« Rudolf Stein hielt inne und lachte bei dieser Erinnerung. »Ja«, sagte Max Appel, und seine Stimme hatte immer noch denselben müden und traurigen Klang – »Felsen war oft ›verrückt‹ … Er hatte in seinem Leben nur eine einzige Leidenschaft – und diese brachte ihm den Tod … Ja – Du verziehst Dein Gesicht – und doch stimmt es, was ich sage – und ist nicht im mindesten romantisch … Du kanntest Felsen nicht so gut wie ich … Ich hatte seinerzeit viel mit ihm zu tun … wir lebten in der Pension miteinander, als Jungen – und dann – in den ersten Semestern waren wir unzertrennlich … man hat ja einen engen Freund – wenn man achtzehn Jahre alt ist … Ja … Bruno hatte nur eine Leidenschaft …« »Welche denn?« »Er liebte Berlin – Du – und er starb daran … Ja, Du lachst, aber es stimmt … Du sagst ja selbst, er sei verrückt gewesen … Das war er, Du hast Recht. Er liebte Berlin über alles in der Welt. Nicht wie Du und ich, die aus alter Gewohnheit am liebsten das Pflaster von Unter den Linden vor den Pflastern in aller Welt abnutzen und keine Trüffelsoße finden, die so gut wäre wie die von Aimès, Aimès: Es handelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um das »Grand Restaurant Imperial« in Berlin W, Unter den Linden 16, Erdgeschoß. Sein Besitzer war Eduard Aimé. (Auskunft des Landesarchivs Berlin, Frau Thoma, vom 22.6.2009) und keinen Lehnstuhl auf Erden so weich wie die Marterbänke im ›Deutschen Theater‹. Vornehmstes Berliner Theater … Nein – mit Bruno war es etwas ganz anderes … Er liebte diese Stadt von Osten bis Westen – vom Halleschen Tor bis zum Brandenburger Tor – wie man eine Frau liebt – die Frau, die man anbetet … Er liebte jeden Fleck dieser Stadt, er mochte jedes neue Haus, und er war so dankbar für jede neue Schönheit, die er fand …« »Wie ich mich daran erinnere – die letzten paar Jahre, die wir in der Pension lebten … Es war gerade in der Zeit, in der Berlin wuchs und wuchs. Und man hatte einen weiten Blick hinaus auf lange Straßen und freie Luft, und die Häuser – man zog sie hoch, als ob sie mitsamt ihrem Zementputz und Altanen aus dem Boden gezaubert würden. Wie wir in den drei Freistunden umherstreiften, Bruno und ich, Straße rauf und Straße runter – Arm in Arm, – und wir kannten jedes Haus, das gebaut wurde – jedes neue Geschäft, das eröffnet wurde … In unserer ganzen Freizeit gingen wir in einer der großen Straßen auf und ab, wo tausende Hände die Häuser bauten, und wir hörten den Klang der Spaten der Maurergesellen wie Musik, Du, den Lärm, das Rasseln der Wagen und ›Hallo‹ auf den schwindelerregenden Leitern … Du« – und Bruno kniff mich so, daß mein Arm gelb und blau wurde: ›Du, ich könnte schreien!‹ sagte er. Aus lauter Freude … Ja – weißt Du, ich hätte schreien können, ich auch – einfach aus Freude, hier zu sein … hier zu gehen … mitten im Leben. Auf Ehrenwort – wenn wir nicht glaubten – es war doch nur für uns, daß man all dies baute. »Und als wir Studenten wurden – wie glücklich waren wir, hier bei Bauer in einer Ecke zu sitzen, wir waren nur glücklich, hier zu sitzen. Und wir nahmen uns eine Droschke und fuhren durch die Straßen, und wir genossen schweigend, wie sie so weich über den Asphalt wiegte – und – ja, Du, wir waren die ganze Zeit wie in einem einzigen Rausch … in reiner Verzückung. Ich erinnere mich … es war sicher im zweiten Studienjahr … eines Abends im Mai … Bruno und ich saßen hier draußen auf dem Balkon … Es war gerade Frühling geworden, und die Bäume hier unten hatten ausgeschlagen… es lag wirklich Frühjahr in der Luft … und unten wogte der schwarze Strom von Menschen … wie ich mich daran erinnere! … Das Klingeln der Straßenbahnen und die Droschken – und der Lichtstrom von den Geschäften dort drüben – über den Gehweg … Bruno hatte den Kopf in die Hände gestützt, sich gegen das Geländer gelehnt … Er war so hübsch damals – das graublonde Haar und seine großen Augen … Und dann sagte er und sah mich an: ›Max – Du – weißt Du – es ist zu schön …‹« Max Appel saß schweigend und stützte den Kopf in seine Hand. »Ja«, sagte er, »die fröhliche Zeit! Wir waren überall, und wir waren immer zusammen … In allen Theatern, in allen Kneipen, bei jedem Tingel-Tangel … Wir gingen hinein – wenn wir Geld dabei hatten – ein halbes Dutzend an einem Abend, gingen bloß durch, wollten nur dort gewesen sein, im Gaslicht und im Getümmel … Wie ich daran denke! Als wäre es gestern gewesen, dabei ist es schon über zehn Jahre her, an einem Abend, an dem ein großes ›Etablissement‹ – war es die Reichshalle? Reichshalle: Berliner Konzertsaal. Ach, nein – das war wohl später … Wir waren natürlich dort, und es war ein Gedränge, so daß man weder gehen noch sehen konnte … Und eingeklemmt wurden wir, gestoßen wurden wir, und wir schrien Bravo in der Zaubervorstellung, die wir weder hören noch sehen konnten, und trösteten uns, bis das ganze vorbei war, und wir riefen Hurra vor dem eisernen Vorhang – dieser war die einzige Pracht, die wir sahen …« Max Appel lachte. »Ja, der Pfandleiher hatte unsere Uhren und unsere Sommermäntel im Winter und die Wintermäntel im Sommer – aberden schwarzen Frackhaben wir behalten, und dreimal täglich saßen wir dort drüben an der Fensterecke und gaben ehrlich unsere zehn Pfennig Trinkgeld für einen ›Piccolo‹ – auch wenn wir kein Geld fürs Essen hatten … Dann lockerte sich meine Beziehung zu Felsen etwas … Das Studium nahm mich gefangen, und die Zeit verging … Wir trafen uns gelegentlich … auf der Straße oder hier – und wir schlenderten zusammen umher – wir sahen uns die Schaufenster an, und immer hatte Felsen hundert Dinge, die er mir zeigen mußte … Ein Kind war er – und weißt Du, ja, es klingt so lächerlich – aber glaubst Du nicht, ich würde darauf schwören, daß dieser Mensch, der nichts anderes tat als sich in diesem großen Babel herumzutreiben – unschuldig starb … Ich sprach mit ihm oft über das Examen: Er mußte doch daran zu denken beginnen. ›Ja‹, und dann lachte er, ›Du hast Recht. Meine kümmerlichen Schillinge sind bald aufgebraucht. Aber weißt Du, Max, das ist das Verfluchte, man hat so elend wenig Zeit hier in Berlin …‹ Dann redete er davon, auf eine andere Universität zu gehen – nach Leipzig oder nach Bonn. Es blieb aber beim Reden. Es vergingen wieder ein paar Jahre – und eines Tages fiel mir ein, daß ich Bruno schon seit langem nicht mehr gesehen hatte … Ich fragte hier nach – hier konnte man am besten Bescheid erhalten. – Hier meinte man, er sei verreist – denn er war nie mehr gekommen … Und so vergaß ich Bruno. Bis ich mich – das ist nun zwei, drei Jahre her – auf einer langweiligen Geschäftsreise befand und abends in der Gaststube des kleinen sächsischen Hotels in einer Ecke saß, in stickiger Luft, und auf die sechs, acht Stammgäste starrte, die Rußlands Streitkräfte kritisierten, als ich plötzlich einen Menschen hereinkommen sah und – mit leicht schleppendem Gang – durch die Stube gehen sah … Ich sah ihn nur von hinten – und Felsen hatte ja nie die Beine nach sich gezogen … Aber trotzdem – das mußte ja er sein … ›Felsen!‹ rief ich. Er war es! Er war ganz derselbe geblieben – dasselbe Jungengesicht mit den weichen Zügen, dieselben Kinderaugen … und doch war etwas über ihn gekommen, etwas Fremdes, die weichen Züge hingen merkwürdig herab, es war etwas gekommen, das mir sehr weh tat … Er redete die ganze Zeit nur von mir. Welchen Beruf ich hätte, ob ich zufrieden sei; und dann fragte er nach alten Bekannten, nach diesem Bekannten und nach jenem … Schließlich sagte ich: ›Aber Du, Bruno … wie geht es Dir eigentlich?‹ ›Ich sitze hier‹, sagte er, ›das siehst Du ja …‹ Etwas in seinem Ton berührte mich; unwillkürlich sah ich mich in der kleinen Gaststube um: mit den Holztischen, den nackten Wänden und dem skrofulösen Skrofulose: Heute seltene Kleinkinderkrankheit. Zur Zeit Bangs oft mit Tuberkulose verwechselt; die befallenen Kinder weisen chronische Entzündungen der Augenlider, Bindehaut, Nasenschleimhaut und Halslymphknoten auf. Kellnerjungen, der sich im Halbschlaf an den Türrahmen gelehnt hatte, und den Stammgästen mit ihren runden Gesichtern und dem Porträt des Landesvaters über dem ›Stammtisch‹ … ›Ja‹, sagte Bruno, – ›Nicht wahr – das ist ein gemütlicher Ort …‹ Ich weiß nicht warum, – aber ich ergriff Brunos Hand: ›Bruno‹, sagte ich. ›Übrigens arbeite ich bei meinem Onkel‹, sagte er. Er löste seine Hand von der meinigen und füllte die Gläser – er trank viel von dem sauren Mosel – und er begann wieder von den Bekannten aus der alten Zeit zu reden. Nach und nach erstarb das Gespräch. Ich fühlte mich bedrückt und wußte eigentlich nicht, weswegen. Bruno saß da, sah auf den Tisch und leerte Glas auf Glas. Dann sagte er plötzlich und blickte auf die Uhr am Tresen: ›Du – nun ist es voll bei Bauer.‹ ›Ja‹, sagte ich halb in Gedanken. – ›Nun gehen sie von der Oper nach Hause – jetzt ist Lohengrin vorbei …‹ ›Lohengrin?‹ fragte ich. ›Ja, heute Abend spielen sie Lohengrin‹ … ›Woher weißt Du das? …‹ Mir schien, Bruno wurde rot … ›Was soll man denn hier wohl machen?‹, sagte er. ›Hier hat man auch Zeit, die Anzeigen in der Post »Post«: wahrscheinlich eine lokale Zeitung. zu studieren.‹ Am nächsten Vormittag reiste ich ab. ›Soll ich jemanden grüßen?‹ fragte ich aus dem Abteilfenster. ›Ja‹, sagte Bruno – grüß Berlin.‹ Ich war traurig, Du – während der ganzen Reise niedergedrückt. Bruno ging mir nicht aus dem Sinn … ich sah ihn die ganze Zeit in dieser heruntergekommenen Gaststube mit dem skrofulösen Kellner, der am Türrahmen gelehnt schlief, sitzen … und Glas auf Glas des sauren, abscheulichen Mosels in sich hineinschütten. – Und als ich abends aus dem Anhalter Bahnhof trat, über den Potsdamer Platz mit seinem Wagengewimmel und seiner Menschenmenge unter elektrischem Licht fuhr – hörte ich in meinen Ohren unablässig: ›Jetzt ist es voll bei Bauer – nun ist Lohengrin vorbei …‹ Ich fuhr dorthin, zu Bauer – Du, – und ich setzte mich dorthin in die Fensterecke, wo Bruno und ich unseren Lieblingsplatz gehabt hatten … in alten Zeiten … und ich war überaus niedergeschlagen … Und ich dachte zum ersten Mal daran – daß wenn man dreißig Jahre alt ist, doch die Jugend vorbei ist – und welchen Sinn hat alles Andere? …« Max Appel schwieg. Er zündete sich eine Zigarette an und saß da und schaute dem blauen Rauch nach. »Aber wann kam er denn hierher zurück?« sagte Stein. »Zurück?« Appel war geistesabwesend. »Ach, das war wohl einige Monate später. Er kam eines Morgens zu mir hoch – ich lag noch im Bett – voller Freude. Er sah aus, als wäre er erst zwanzig Jahre alt … Er war am Abend vorher zurückgekommen … Und alles, was er bereits gesehen hatte, Du! Die halbe Stadt – er hatte bereits alle Straßen durchstreift … Und alles Neue, was es gab – Straßen und Gebäude – ich kannte nicht die Hälfte – und das elektrische Licht … besonders das elektrische Licht! Bruno war glücklich. Ich mußte mit ihm hierher – und wir tranken unseren Piccolo auf unserem gewohnten Platz auf dem Balkon, nahmen dann einen Wagen und fuhren im Mittagslärm durch die Friedrichstraße. Bruno saß schweigend und blickte sich nur um. ›Ja‹, sagte er plötzlich und atmete tief. – ›Du, hier lebt man …!‹ Wir aßen spät – drinnen bei Ai … – unten im Hinterzimmer, wo wir früher so oft gesessen waren. ›Du – alter Max!‹ sagte Bruno und legte die Arme weit über den Tisch und ergriff meine Hände – hier haben wir viel von unserem Studentensalär fürs Essen gelassen und – und haben uns dann auf Unter den Linden herumgedrückt …‹ ›Aber Bruno‹, sagte ich, während wir aßen, ›hast Du eigentlich irgendeine Arbeit?‹ ›Nein – noch nicht … Aber ich habe ja etwas Geld gespart … Dort unten konnte ich ja nicht leben … Ach, Du, da wird sich schon etwas ergeben. Wenn nicht – kann ich wohl als Musiklehrer vierzig Pfennig für die Stunde bekommen … Du weißt, ich habe ja immer auf dem Klavier herumgeklimpert … Ach, das wird schon … Prost, Du! Hier gibt es immer etwas.‹ Und er schwatzte und lachte, und er riß mich in seinem Glück mit – so daß wir nach dem Essen Arm in Arm durch Unter den Linden gingen und unterwegs vor jedem Schaufenster hielten; wir glaubten beide wirklich, wir wären wieder achtzehn Jahre alt … Ach ja – der arme Bruno – es gab nichts. Seine geringen Mittel waren wohl aufgebraucht … Er versuchte, Klavierschüler zu bekommen – bekam wohl auch einige – und hielt die Stunden nicht ein … Energie hatte er nie gehabt – und dort unten in dem sächsischen Wirtshausloch war es nicht besser geworden … An den langen Abenden hatte er sein Heimweh mit allzu reichlichem saurem Mosel ertränkt … So lebte er, wohl wie es kam, von Tag zu Tag … Von mir hat er nie Geld geliehen – aber ich habe gehört, daß er im übrigen hochstapelte – ringsum – armer Kerl! Im übrigen sprachen wir im letzten Halbjahr seltener miteinander – er war gleichsam scheu vor mir geworden … Dann bekam ich vor etwa zehn Tagen einen Brief. Er war von Bruno – aber ich hätte seine Schrift nicht wiedererkannt. ›Mir geht es schlecht, alter Junge‹, schrieb er, ›wenn Du Zeit hast, dann schau nach Deinem alten Kameraden Bruno.‹ Weit draußen im Norden – in einer Dachkammer – fand ich ihn. Er war genauso unkenntlich wie seine Schrift. Gelb und mager wie ein Gerippe, mit Bartstoppeln in seinem Gesicht … ›Ja – hier liege ich‹, sagte er, als ich kam. Die Hand, die er mit reichte, war brennend heiß. ›Aber – Bruno – warum hast Du mir nicht geschrieben …‹ ›Ich habe den Arzt dagehabt‹, antwortete er nur … Dann drehte er sich im Bett zu mir um: ›Aber dann in den letzten Tagen – stieg in mir ein Wunsch auf – und ich dachte, Du würdest ihn mir erfüllen, Max …‹ Ach, es war der alte Kinderton in seiner Stimme. ›Ja, Bruno, darauf kannst Du zählen …‹ ›Max‹, sagte er, fast ängstlich, ›ich würde so gerne hinausfahren …‹ ›Hinausfahren?‹ ›Ja, zu Unter den Linden – wenn die Straßenlaternen angezündet sind …?‹ ›Ja, Bruno – wenn Du kräftig genug bist – aber der Arzt …‹ ›Ach, der Arzt! Er ist doch gleichgültig …‹ Ich sah den armen Bruno an und dachte, daß es wohl das Gleiche sei, ob er ausführe oder nicht. ›Willst Du wirklich fahren – heute, Bruno?‹ fragte ich. ›Ja – am liebsten‹, sagte er, und es kam der Glanz der alten Tage in seine Augen … ›Aber‹, sagte er, ›siehst Du … ich würde gerne … aber es ist schwierig mit den Kleidern, Max …‹ ›Du kannst natürlich meinen Pelz nehmen …‹ ›Danke, Max, Du bist so gut … und dann würde ich mich gerne auch rasieren lassen, Du …‹ Er ergriff meine Hand. Wir bekamen ihn angezogen, die Zimmerwirtin und ich, – und ich holte einen Barbier – seinen früheren Scheitel zog er sich selbst – mit seinen zitternden Händen … Nie werde ich diese Fahrt vergessen … Wir fuhren durch Unter den Linden … ›Sag ihm, er soll langsam fahren‹, sagte er die ganze Zeit, ›richtig langsam …‹ Er redete lebhaft – zeigte auf die Häuser – und kannte fast von jedem einzelnen eine Geschichte – zeigte auf die Menschen – und nickte, wenn er ein Gesicht kannte. Er bekam einen langen Hustenanfall und sprach von da an nicht mehr viel … Aber manchmal drückte er meine Hand: ›Ja – hier ist es schön‹, sagte er … ›Max, wie groß unsere Stadt geworden ist!‹ Wir fuhren den Boulevard Unter den Linden hinauf und hinunter. Bruno hielt weiter Ausschau über die Menge auf den erhellten Bürgersteigen – aber mir schien, er fiel mehr und mehr in sich zusammen. ›Willst Du nach Hause fahren, Bruno?‹ fragte ich leise. ›Ja‹, sagte er – ›ja, das ist wohl das Beste …‹ Plötzlich tastete er nach meiner Schulter und stützte sich krampfhaft auf mich … Er wollte im Wagen aufstehen … Ich stützte ihn, und er sah weit auf den schönen Platz mit all seinen Lichtern hinaus: ›Große, mächtige Stadt!‹ sagte er. Er fiel in den Wagen zurück und sprach nicht mehr. Ich glaube, er weinte. Und ich – ja, ich drehte meinen Kopf auf die andere Seite … Ich pflegte ihn – so gut ich konnte – in seinen letzten Tagen … Der Arzt hatte mir gleich am nächsten Morgen gesagt, daß keine Hoffnung mehr bestehe. Seine Brust war wohl nie kräftig gewesen – und nun hatten Not und Elend das Ihrige getan … das Letzte … In seinen letzten Tagen sprach er ununterbrochen von alten Zeiten – und darüber, wenn es nun Frühjahr würde – und wir wieder zusammen ausgingen – daß wir die ersten Bäume im Tiergarten grünen sähen … Am letzten Morgen seines Lebens wollte er sein Bett anders gestellt haben … so daß er zum Fenster hinaussehen konnte … Man blickte auf ein paar Dächer und einen Kirchturm mit einem kleinen Streifen Himmel … Er starb gegen Abend. Ein leichter Glanz der untergehenden Wintersonne lag über dem Fetzen Himmel. Er starb ruhig. ›Hörst Du den Wagen?‹ sagte er. ›Wie hell es hier ist – wie hell!‹« Max Appel schwieg und fuhr flüchtig mit der Hand über die Augen … Sie saßen eine Weile schweigend da und erhoben sich dann, um zu gehen. Der Zahlkellner half Max Appel in den Mantel: »Ob ich im Vertrauen ein Wort mit dem Herrn reden könnte?« fragte der Zahlkellner. »Es ist bloß eine Kleinigkeit.« Rudolf Stein wartete unten im Vorraum. »Was wollte er?« fragte er, als Max herunterkam. »Ach«, und Max Appel zwang sich zu lächeln – »es war ein geringer Betrag, den Bruno schuldete – von sieben Mark – die der Kellner gerne haben wollte. Er hatte gehört, daß ›der Herr‹ verstorben war.« –   [En Berliner. Nutiden i Billeder og Text, 4. und 11.7.1886]   Aus dem Zirkus .I The Angelo-Troupe Sie waren Freunde, so wie solche Menschen Freunde werden. Von ihrer Jugendzeit an hatten sie jeden Abend ihr Brot zusammen im Trapez verdient, eine Haaresbreite vom sicheren Tod. In zwei Erdteilen hatten sie auf den »schwebenden Leitern« gearbeitet, von Zirkus zu Zirkus, und waren als Fremde zu Fremden gekommen. Sie hatten nur einander. Selbst mit den Kameraden sprachen sie nur selten. Es sah aus, als wären sie sich selbst genug. Angelo plauderte unentwegt und war voll Schabernacks. Antonio saß meist ruhig dabei und lächelte, wie ein Erwachsener ein Kind, das er lieb hat, anlächelt. Die einzigen, mit denen sie sonst sprachen, waren die »beiden Sylfiden«. Sylphiden: Im philosophischen System des Paracelsus werden die Geister der Luft »Sylphen« genannt; die weiblichen Luftgeister heißen »Sylphiden«. Die Schwestern Jennings teilten mit den Brüdern Brianti den Jubel der Abende. Wenn sie sich abends in der Manege auf zwei ungesattelten Pferden zeigten – das blonde Haar gelöst und wie ein Umhang von ihrem Nacken fallend – brach der Beifall wie ein Orkan über die Arena. Und wenn die Nummer vorbei war, und sie sich verbeugten – das goldene Haar berührte den Boden, wenn sie sich verneigten – , sich an den Händen gefaßt dankten und wieder dankten, erzitterten die Mauern. »Die beiden Sylfiden« waren verwirrt. Wie Schlafwandler, die erwachen, hörten sie draußen im großen Gang das Brausen des Beifalls. Der alte Onkel William legte Wolldecken über ihre Schultern. »Kommt, Kinder«, sagte er. »Ihr erkältet euch«. Und freundlich – wie alle alten Tänzer – bot er ihnen seinen Arm und geleitete sie hinauf zur Garderobe. »Wir gehen wohl zusammen nach Hause?« sagte er außerhalb der Tür. Er hatte dies seit zehn Jahren jeden Abend gesagt – zehn Jahre, seit der Vater der »beiden Sylfiden« gestorben war, als sie noch halbwüchsige Mädchen waren; und er hatte sein kleines Hoftheater aufgegeben, wo er an den Geburtstagen der »Hoheiten« Festveranstaltungen ausrichtete, von den Statisten der Tragödie gespielt, und den herzoglichen Kindern »Haltung, Tanz und Bewegung« beibrachte« – um auf seinen alten »gichtigen« Beinen in der Welt herumzustreifen und auf die »beiden Sylfiden« aufzupassen. »Ja, Onkel«, sagen die »Sylfiden« und gehen hinein, um sich umzukleiden. Und Onkel William geht, und unten an der Treppe bleibt er stehen, würdig und die Füße nach außen gewandt, mit seinem Goldknopfstock; und wartet. Die Artisten kommen und gehen durch den Gang. Der alte Mr. Jennings grüßt sie und schwenkt seinen Seidenhut in einem graziösen Bogen weit aus. »Guten Abend, Mr. Jennings«, sagt Signor Angelo, im Kostüm geht er an dem Alten vorbei. »Guten Abend, Signor Angelo – bonne chance.« Und er reicht Angelo und Antonio, der dazukommt, die Hand. Und wenn die beiden Brüder in der Manege erscheinen und er den Beifall hört, der dort losbricht, lächelt der Alte und stößt mit seinem Goldknopfstock auf die Treppe. Die »beiden Sylfiden« sind fertig und kommen herunter. »Wir sind fertig, Onkel«, sagen sie. »Gut, Kinder – wir wollen warten und den Herren Brianti Gute Nacht sagen«, sagt er, »sie haben noch ihren Auftritt.« Sie warten am Fuße der Treppe, bis die Gebrüder Brianti herauskommen, erhitzt und vor Anstrengung noch stöhnend. Die Akrobaten reichen den Schwestern die feuchten Hände. »Gute Nacht, Miss Emmy!« »Gute Nacht, Miss May!« »Gute Nacht, Mr. Antonio – Gute Nacht, Mr. Angelo!« Und Mr. Jennings grüßt mit angewinkeltem Ellbogen und sagt: »Ihr ehrerbietigster Diener« und bietet den »beiden Sylfiden« seinen Arm. »Gute Nacht, Mr. Jennings!« »Nun ja«, sagt Onkel William, nachdem er ein Stück weiter durch den Gang gegangen war, »es sind doch anständige Leute.« Und die Familie Jennings ging nach Hause. Onkel William nahm sich einen Grog, während Emmy und May ihre abendlichen Tanzübungen an den Bettpfosten machten. – In Petersburg starb Onkel William. An Asthma. Bei alten Tänzern ist es so schlimm. Er wurde mit Pomp begraben – alle Zirkusartisten gaben ihm das Geleit. Drei Medaillen lagen auf einem Seidenkissen auf dem Sarg. – Er hatte sie verdient.– Er hatte sie sich treulich im Schweiße seines Angesichtes ertanzt. Die »beiden Sylfiden« fühlten sich, als wären sie auf der Erde heimatlos geworden. Er war ihr Lehrer gewesen, ihr Haushalter, ihr Onkel, ihr einziger Freund. Und nun war es, als ob das ganze tägliche Leben nur eine hilflose Leere sei, das sie bei jedem Schritt erneut verspürten. Schweigsam und bleich saßen sie während der Proben in ihren langen Trauerschleiern und sprachen mit niemandem. Aber am Abend – am ersten Abend, an dem die »beiden Sylfiden« nach dem Tod des alten Tänzers wieder auftraten – stand Antonio Brianti im Gang und wartete mit den wollenen Decken. Er legte sie über sie. Sie nahmen seine Hand, drückten sie, zu sprechen vermochten sie nicht: das Weinen stak ihnen im Hals. »Wir beeilen uns«, auch er hatte Tränen in den Augen, »dann sind wir fast so schnell fertig wie ihr.« … Als die beiden Schwestern nach dem Umkleiden heraustraten, standen Antonio und Angelo unten an der Treppe, am alten Platz des Onkels. Die Brüder sagten nichts, beugten nur ihre Köpfe zu einem stummen Gruß. Die »beiden Sylfiden« begannen wieder zu weinen und schlugen die Schleier vor ihre Gesichter. Und ohne etwas zu sagen, gingen sie durch den Gang, aus dem Zirkus heraus und auf die Straße. Am nächsten Abend warteten die beiden Brüder wieder an der Treppe, und von da an begleiteten sie die Schwestern jeden Abend. Meistens sprachen sie über den verstorbenen Alten. Die beiden Schwestern erzählten von ihrem zehnjährigen zurückgezogenen Leben, mit leiser Stimme und immer dasselbe; und von den hunderten milden Erinnerungen, die sie an ihn hatten, an den Alten, der jetzt tot war. Die Akrobaten hörten zu. Selbst Angelo sprach nur wenig. Wenn sie dann zur Türe der Schwestern kamen, trennten sie sich mit einem Händedruck – so einen festen, treuherzigen Händedruck gaben sie einander, die vier. »Wie gut sie doch sind«, sagte eine der »beiden Sylfiden«. »Onkel hatte Recht …« »Ja, wie gut sie sind!« Sie zündeten die Lampe an und deckten den Tisch. Und während sie aßen, sagte May: »Wie gut Signor Angelo ist … Hast Du gesehen, er hatte Tränen in den Augen?« »Ja, er ist so gut.« Und die »beiden Sylfiden« machten ihre Tanzübungen an den Bettpfosten. An der Wand hingen Signor Antonio und Signor Angelo, jeder auf seiner Seite von Onkel William, in einem Kranz von Strohblumen. Die Monate vergingen. Die »beiden Sylfiden« und die Gebrüder Brianti ließen sich in einem neuen Zirkus engagieren. Wenn sie abends zusammen nach Hause gingen, machten sie lange Wege, rund durch die Straßen, um frische Luft zu atmen und zusammensein zu können: Angelo war so lustig. Wie er erzählte, und wie er lachte! Antonio ging schweigsam an seiner Seite – lächelte nur glücklich: Er war ja auf seinen Bruder so stolz. – Angelo spielte mit den »beiden Sylfiden« Fangen über den Marktplatz. Sie lachten und stürmten davon. Aber plötzlich blieb Miss Emmy, die älteste, stehen und sagte außer Atem: »Wie verrückt wir doch sind – wir alten Mädchen …« Und sie drehte sich um und ging zu Signor Antonio zurück. Miss May lief mit Signor Angelo weiter – und sie waren schon weit voraus. Als die beiden, Miss Emmy und Signor Antonio alleine waren, konnte Signor Antonio auf einmal gesprächig werden: Er erzählte von Angelo, immer von Angelo … Das hatte er gemacht, Angelo, und das hatte er gesagt, Bruder Angelo. Miss Emmy ging schweigend, die Augen auf den Boden gesenkt und hörte die Lobrede über Angelo. Als sie die Türe der »beiden Sylfiden« erreichten, sagten sie Gute Nacht und trennten sich. »Gute Nacht, Signor Angelo!« Und sie reichte ihm flüchtig ihre kalte Hand. Die beiden Schwestern gingen nach oben, deckten den Tisch, und sie aßen – überwiegend schweigend. In letzter Zeit sprachen sie weniger, die »Sylfiden«, wenn sie allein waren: saßen meist in Gedanken versunken, fuhren wieder plötzlich hoch, als hätte man sie erschreckt, und sagten einige flüchtige Worte und versanken wieder in ihren Gedanken. Sie machten ihre Tanzübungen vor den drei Bildern, dann gingen sie zu Bett. Aber unter den Bettdecken, versteckt, um ganz sicher alleine zu sein, lagen die »Sylfiden« und fanden keinen Schlaf. Eines Abends sagte Angelo – er ging einige Schritte hinter den anderen mit Miss Emmy: »Sind Sie böse auf mich, Emmy?« »Böse – warum, Signor Angelo – wie kommen Sie denn darauf?« »Mir schien es so«, Angelo blieb einen Augenblick stehen, »denn dies täte mir sehr weh … »Miss Emmy sah in an, und sie erwiderte – ihre Augen auf sein Gesicht geheftet: »Nein, Signor Angelo, ich bin nicht böse auf Sie.« Dies war – ja, war der letzte Abend vor dem Unglück. Als das Unglück geschah … Als Angelo das Gleichgewicht verlor – oder hat er einen der schwebenden Ringe verfehlt? – sie hörten nur einen Schrei, sahen einen Körper durch die Luft stürzen, und verletzt, tot, lag Angelo in der Manege … Man hörte durch den Aufschrei der Zuschauer hindurch ein Brüllen – ein Gebrüll wie von einem Tier, das umgebracht wird – und man sah – wie war er nur heruntergekommen? – den Akrobaten schluchzend über der Leiche des Bruders … – Miss Emmy saß an Mays Bett. Schweigsam wechselte sie die kalten Umschläge auf ihrer Stirn. May wimmerte leise im Halbschlaf. Plötzlich fuhr sie hoch, griff sich an ihren armen Kopf und erkannte die Schwester … »May – meine liebe May«, Miss Emmys Stimme war so weich … »May – meine liebe May.« »Ach, Emmy, ach, Emmy«, May klammerte sich an die Schwester – »Du weißt ja nicht, wie ich ihn geliebt habe … Du kannst das ja nicht verstehen …« Es schien, als wollte Emmy lächeln – aber es kam kein Lächeln. »Doch, May … ich verstehe Dich schon«, sagte sie. Und wie eine Flut flossen die Tränen aus ihren Augen … Niemand erkannte Antonio wieder, als er zehn Tage später kam, um seine Sachen in der Garderobe zusammenzupacken. Mager war er geworden, gebeugt ging er. Miss Emmy war jeden Tag im Zirkus gewesen, um auf ihn zu warten. Nun, da er gekommen war, ging sie zu ihm in die Garderobe hinein. Sie war in Trauer, wie damals, als sie Onkel William betrauerte. Signor Antonio packte gerade seine Trikots in einen Koffer. Er grüßte sie nicht mehr. Sie ging zu ihm hin und legte ihre Hand auf seine Schulter: »Antonio«, sagte sie, »wohin reisen Sie jetzt?« »Ich weiß es nicht.« Es dauerte einen Augenblick. »Antonio«, sagte sie, »ob wir zusammen gehen könnten?« Antonio sah zu ihr auf … »Ja«, es kam zögernd – »wir hatten gedacht … nun … nun, wo Sie keine Sondernummer mehr haben, Antonio … wir könnten ja zu dritt arbeiten – pas gracieux Pas gracieux: In der Reitschule Bezeichnung für die elegante Gangart. auf zwei Pferden…« Antonio ließ das Trikot, das er in seiner Hand hielt, sinken … »Es ist nicht schwer zu lernen …und« (Emmys Stimme wurde ganz leise) – »dann könnten wir zusammenbleiben – wir drei, die ihn liebten …« – – »The Angelo-Troupe« nennen sie sich, zum Gedenken an den Toten.   [Fra Cirkus. I. The Angelo-Troupe. Nordstjernen, Nr. 30 [4.7.] 1886   Steindl \& Sohn Der alte Steindl hatte hinter dem letzten Handlungsgehilfen die Türe geschlossen. Nun war er allein. Wie jeden Abend, wenn er der letzte war und seine Zeit im Laden verbracht hatte: Er öffnete die Tageskasse, beendete das Journal und legte das Wechselgeld in abgezählten Rollen für morgen zurecht –; wie jeden Abend, seit vierzig Jahren – bis jetzt. Der alte Steindl läßt sich auf den Gehilfenstuhl an der Tür fallen. Die schweren Füße wollten ihn nicht mehr tragen, und das weiße Haupt fällt auf seine Brust. Tapfer war er die ganze Zeit bis jetzt gewesen. Nun ist es vorbei. Er weint leise, auf dem Stuhl des Handelsgehilfen, die kargen, hilflosen Tränen alter Leute. Immer wieder trocknet er mit seinen Händen die wenigen Tränen und sieht dann auf. Die leeren Fächer an den Wänden starren ihn an. »Feste Preise« steht überall auf den Säulen. Der alte Steindl sitzt da und starrt auf den Rand der Fächer. Mathias Steindl \& Sohn. Gegründet 1808. En gros \& en detail. Und er senkt wieder seinen Kopf und schluchzt. Das alte Haus seines Vaters – sein und seines Vaters altes Haus. Mit diesen Räumen war er vertraut – sein ganzes Leben lang. Wenn er, als er noch Junge war, samstags ins Kontor kam – wo es so ruhig war, als würde nie laut gesprochen, man hörte nur das Kratzen der Federn auf den großen Handelbüchern – und er stand am Pult des Vaters und wartete mit seinem Zeugnisheft. »Nun, wollen wir mal sehen«, sagte der Vater; und er reichte es ihm, reckte sich und sah den Zeigefinger des Vaters, der langsam die Rubriken hinabglitt. »Man hätte wohl besser schreiben können«,sagte der Vater, und sein Zeigefinger ging weiter über Choralsingen und Geschichte. »Ein Kaufmann schreibt mit fester Hand.« Und dann schrieb er sein eigenes großes Mathias Steindl mit dem langen Bogen um den Namen ganz unten auf der Seite und zählte das Taschengeld auf das Handelsbuch in neuen Kupferschillingen, die wie Gold glänzten. Und drüben an der Türe hörte er den Vater mit seinem kurzen glucksenden Lachen sagen: »Hm – Teufelsjunge– siebzehn Wochen … oder was sagt mir mein Simes?« »Mein Simes« war der alte Buchhalter. »Es ist ›wie gedruckt‹«, sagte Simes. Der alte Simes sagte immer: »Es ist ›wie gedruckt‹« zu den Ansichten meines Vaters. Und Vater reichte dem Buchhalter die Schnupftabaksdose über das Pult. Von da an bekam er eigenes Geld, und er führte über Einnahmen und Ausgaben Buch. Einmal im Monat ging der Vater das Buch durch. »Ein Kaufmann hält Ordnung«, sagte sein Vater. »Oder was meint mein Simes?« Und er reichte das Buch dem Buchhalter. Es hatte so viele Doppelstriche und Rubriken, als ob es in italienischer Buchführung Italienische Buchführung: auch doppelte Buchführung. Buchführung, in der jede Veränderung zweimal im Hauptbuch aufgeführt wird, nämlich auf der Soll- und der Habenseite. geführt würde. Als er von seiner weiten Reise zurückgekommen war – von Schlesien und Belgien, wo man sich Kenntnisse in »Wäsche und Tuchen« erwerben sollte – erhielt er selbst Simes Platz am Pult und saß dem Vater gegenüber, der die Zahlen mit seiner ruhigen Stimme las und vortrug: 17,119 – 1,115. »Hast Du's?« fragte der Vater und hielt inne, während er die Gänsefeder eintauchte. »Ja«, sagte er, »1,115.« Und Vater fuhr fort mit der langen Zahlenreihe. Die bedeutenden Kunden kamen vom Laden herein, und die Madeiraflasche wurde mit den drei Gläsern auf einem Tablett aus dem Schrank geholt. »Mein Sohn Mathias, der in die Firma eingetreten ist«, sagte sein Vater. Und der Kunde trank auf »Mathias Steindl \& Sohn«, und man stieß an. Vater nippte nur. »Gute Geschäfte!« sagten sie und setzten die Gläser ab. Der Januar war der strengste Monat. Dann wurde der Jahresabschluß gemacht. Ende Januar war er fertig. Steindl senior schrieb den Abschluß mit großen, prächtigen Zahlen. »Ein gutes Jahr«, sagte er und faltete die Hände auf dem Pult. »Gott gebe seinen Segen für das nächste.« Und langsam schloß der Vater die Bücher, und der Kassenschrank mit seinen vielen Schlössern wurde abgeschlossen und das Licht ausgemacht, und mit der kleinen Wachskerze gingen sie die Treppe hinauf. Die Mutter saß da und wartete und strickte unter der Lampe. »Laß uns Gott für das vergangene Jahr danken«, sagte Vater und küßte sie. »Er hat uns ein gutes Jahr geschenkt!« »Gelobt sei er dafür«, sagte Mutter und faltete die Hände.     Der alte Steindl weint nicht mehr. Still hat er sein Haupt an die Wand gelehnt: Ja, hier drinnen hat er sein ganzes Leben verbracht. Vater und er saßen am Pult unmittelbar einander gegenüber. Es war Sommer, und die Fliegen summten. Er saß in Gedanken und schrieb das gelbe Löschpapier mit schnörkligen »K« voll. »Mathias«, sagte Vater. »Das Konto von Niclas!« »Ja, Vater, gleich.« Er hatte das Löschpapier weggeschoben und sah sich die Zahlen an, aber kurz darauf hatte er sie wieder vergessen, und seine Hand glitt auf dem Löschpapier aus, während er in den Hof hinausstarrte, auf die grünen Ranken an Nachbars Wand. Er dachte nur an sie, an nichts anderes als sie. Abends, wenn alle Lichter gelöscht waren und alle anderen gegangen waren – Vater stand mit dem Licht drüben an der Treppe – blieb er mit dem Wechselgeld in der Hand vor der Schublade stehen. »Mathias«, sagte Vater. »Ja« – und er fuhr zusammen, das Geld fiel in die Wechselfächer, so daß es klirrte … »Ich komme schon. Und er schloß die Schublade. »Aber morgen werde ich es sagen.« Und der nächste Tag kam, und er – sagte es nicht. Er bekam es nicht heraus; er hatte nicht den Mut, und das Herz schlug ihm bis in den Hals, wenn er sie nur sah – Kusine Karoline. Jeden Morgen sagte er: heute abend … und jeden Abend wurde es zu einem: Aber morgen – solange Kusine Karoline sie besuchte. Und so kam der letzte Abend … und sie war im Hof vor dem Fenster des Kontors gestanden, und sie hatten gelacht und geplaudert – und dann war Vater plötzlich gegangen – und sie waren alleine – und ihr Gespräch wurde dann hastig, stockte, wurde einsilbig und erstarb dann ganz … Und die Blätter ihrer Rose an ihrer Brust zupfte sie nach und nach ab, und er bohrte ein Loch in den Fensterrahmen mit seinem Federmesser und blies hinein, so daß das feine Holzmehl ihm in die Augen flog … Und dann … reiste Kusine Karoline ab. Aber am Abend des Tages, an dem sie abgereist war, schrieb er den Brief, dort an dem kleinen Pult, und zwei Tage später fand er ihre kurze Antwort in der Morgenpost – sein Herz stand still, als er ihre Schrift erkannte. Er öffnete den Umschlag und wagte nicht, den Brief zu lesen, und er ging hinaus in den Laden und plauderte und lachte mit den Gehilfen … Dann holte er plötzlich den Brief aus der Tasche, überflog ihn, ergriff Peter, den kleinen, dicken, schwang ihr herum, so daß er kreischte … Und schon war er draußen, die Treppe hinauf und bei seiner Mutter, drückte sie an sich und weinte und lachte gleichzeitig – den Kopf gegen ihre Wange … Ein Jahr verging, und sie wurde seine Frau. Ein Jahr später – ja, wie er sich an diesen Tag erinnerte, den Tag, an dem sein Sohn geboren wurde. Es war an einem Sommersonntag, und das Geschäft war geschlossen. Sie waren oben versammelt, der Doktor und alles, was dazugehört … In seiner Todesangst hielt er es nirgendwo aus. So war er ins Kontor hinuntergegangen und war hinter der geschlossenen Tür gesessen – voller Angst, ihre Schreie zu hören – und er faltete die Hände und betete und drückte die Stirn heftig auf das kalte Pult, betete wieder und wurde seiner Gebete selbst nicht gewahr … Stunde auf Stunde verging – und er betete, und er lauschte und wagte weder zu gehen noch zu bleiben … »Mathias!« Es war Mutters Stimme an der Tür. Er rührte sich nicht und umklammerte das Pult, so daß seine Arme schmerzten. »Mathias – bist Du da – Du hast einen Sohn bekommen …« Einen Sohn. Die beiden Alten waren gestorben – bevor sie ihn wieder verlieren konnten, ihren einzigen … Und dann starb auch sie, seine Gemahlin, und er war allein. Nun wußte er, warum Gott das so gewollt hatte. Er wollte ihnen das, was nun gekommen war, ersparen. Gott war gut. Denn es waren schwere, notvolle Jahre des unentwegten Niedergangs gewesen. Kunde auf Kunde blieb weg, und Verluste bei denen, die geblieben waren. Alte Beziehungen zerbrachen, und Konkurrenten machten das Geschäft, während es hier nur dahinwelkte, unscheinbar welkte. Und es dann den Leuten mitzuteilen – einem nach dem anderen … »Ja – es tut mir leid … aber Sie … ich brauche Ihre Dienste nicht mehr …« So kam es, wie es kommen mußte, und eines Tages wurden die gelben Plakate mit »Verkauf wegen Aufgabe des Gewerbebetriebes« auf die Fenster geklebt – und alles mögliche von Mathias Steindl \& Sohn wurde verkauft. Bis zum heutigen Tag, wo der Räumungsverkauf beendet war. Die Reste wurden zusammen mit dem Inventar versteigert. Es war spät. Das Licht auf dem Ladentisch brannte langsam nieder. Es seufzte und flackerte auf dem Leuchter. Der alte Steindl saß immer noch auf dem Botenstuhl an der Tür. Aber nun mußte er wohl gehen. Er nahm das Licht, das flackerte, und hielt es hoch, so daß sein Schein in den Laden fiel. Alles war leer. – Der alte Herr Steindl hatte bei einem alten Dienstmädchen, das gut verheiratet war, ein Zimmer gemietet. Es lag draußen in einem Vorort. Er wollte die alte Straße nicht mehr sehen.   [Steindl \& Søn. Bergens Tidende, morgen, 22.7.1886]   »Das kleine Bild« Von einer Ausstellung Mitten in den Ausstellungsräumen mit ihren Riesengemälden, wo große Meister mit reichen Farben Gegenwart und Vergangenheit, Krieg und Tod, das Elend der Armut und die Schönheit der Frauen malten – hatte der große Kritiker, den jeder Künstler fürchtete, dessen Worte Leben oder Tod bedeuteten, der mit zwei Federstrichen Ruhm schuf, Halt gemacht und war vor dem kleinen Bild stehen geblieben. Nur zwei Figuren: ein junger Mann, im Gras einer Wiese hingelümmelt, ein Buch in der Hand, aus dem er für dieses junge Mädchen während ihrer Arbeit vorgelesen hatte. Und kein grelles Licht über dem Gras und keine »Technik« in den Falten ihres Rockes und überhaupt keine Bravour in der Behandlung des nackten Armes. Und doch bleibt er stehen, dieser große kritische Mann, der mit zwei Federstrichen Ruhm schafft, vor diesem kleinen Bild. Plötzlich schien es ihm bekannt zu sein – ja, es war, als wäre sie es … ganz sie … Wie hieß sie noch? Wie hieß sie? Man hat seitdem so viele Frauennamen auf den Lippen gehabt. Elisa – ja, richtig: Elisa hieß sie. Wie lange das her war! In jenem Jahr hatte er sein Studium begonnen. Im Herbst sollte er nach Bonn. Er war zwanzig Jahre alt, und er vertraute Gott und den Menschen. Die Welt bestand aus Gold und Purpur, und das Leben hatte nicht genug Luft für seine jungen Lungen, und die Zukunft hatte nicht Raum genug für seine Hoffnungen – Damals – als er zwanzig Jahre alt war … Damals verbrachte er die Sommertage in der kleinen thüringischen Stadt, wo sich hinter schützenden Höhen die weißen Häuser in grünen Gärten versteckten … Wie lieblich war es am Fluß – dem kleinen Fluß, der sich so geschwätzig durch die Wiese schlängelte, wo Weide und Ulme sich in seinem Laufe spiegelten … Und so ruhig war es dort: Man hörte nur das Rieseln des Flusses und die Bienen auf der Wiese und die summenden Mücken. Hier war es, wo sie dicht an der kleinen Brücke saßen, während er ihr vorlas. Es waren seine »Gedichte« – dumme Verse über Mailuft und Liebe und Sterne; der Schmerz war bei Heine entlehnt, und Schillersche Bilder hinkten auf allzu vielen Füßen … Aber seine Stimme zitterte bewegt, während er las; und sie blickte mit Augen, die von Tränen feucht waren, zu ihm auf und sagte flüsternd mit ihrer kindlichen Stimme, die zitterte: »Wie ist das schön!« Seine armseligen Jamben Jamben: Als Jambus (altgriech. ιαμβοσ; Plural: Jamben) bezeichnet man einen Versfuß, in dem auf eine »leichte« eine »schwere« Silbe. In der akzentuierenden Metrik, die nach Silbenbetonung unterscheidet, heißt das, daß auf eine unbetonte Silbe eine betonte folgt (x 'x). Beispiele: Verstand, Ersatz, genau. folgt. In der quantitierenden Metrik, die auf die Antike zurückgeht, besagt der jambische Versfuß, daß auf eine kurze Silbe eine lange folgt (õ –). (Aus Wikipedia: Jambus). riefen den Himmel auf die Erde, während ihre Herzen schlugen… Da kam der Tag – die Blumen dufteten auf der Wiese, und es war, als wäre die heiße Luft aus Sonne und Licht gewoben – an dem er, über sie gebeugt, nahe ihren Ohren, die ersten Liebesworte seines Lebens flüsterte – gestammelte Worte, töricht wie seine Verse … Und still lehnte sie ihr Haupt an seine Schulter, und unter ihren geschlossenen Augen brachen die Tränen hervor, die er mit seinen ersten Küssen weggewischt hatte … Der Sommer ging – und das Laub wurde dünn und gelb in den Bergen. Am letzten Tag, an dem sie sich trafen, hatte sie ihm einen kleinen Ring gebracht – zwei kleine, dünne Goldreifen für einen Zopf von ihrem hellen Haar. Und er küßte den kleinen Ring und tat heiße Schwüre, und ihre Tränen fielen auf den Ring … Dann reiste er ab – und er trat in den »Chor« in Bonn ein – und das ganze Leben wurde Gesang und Fröhlichkeit … Eines Abends am »Chor-Stammtisch« machte ein Bruder Witze über den kleinen Ring – und die anderen lachten – und er tat ihn am Morgen in – eine Schublade … Ein Kunstkenner kommt im Ausstellungssaal vorbei und schlägt dem großen Kritiker auf die Schulter. »Was schauen Sie sich an, mein Lieber?« fragt der Kunstkenner. »Wohl doch nicht das kleine Bild?« Der große Kritiker fährt zusammen. »Es ist schlecht gemalt«, sagt der Kunstkenner. Er betrachtet das Bild durch seine Finger … »Und das Motiv!« … »Ja, gewiß«, sagt der große Kritiker und sieht ein letztes Mal auf das Bild … »Aber es ist doch eine gewisse ›Poesie‹ darin …« »Nicht die des Lebens«, sagt der Kunstkenner und lacht. Der große Kritiker geht mit seinem Freund weiter.   [»Det lille Billede«. Bergens Tidende, 24.8.1886]   Aus dem Zirkus II. Kollegen Ihre Gnaden, die Gräfin, ließ ihr Buch liegen: Das Werk des Monseigneurs, Monseigneur: Ist die Anrede für einen römisch-katholischen Priester, dem ein Päpstlicher Ehrentitel verliehen wurde. In Frankreich werden alle höheren Geistlichen unterhalb des Kardinals (Prälaten, Bischöfe, Erzbischöfe) mit Monseigneur/Monsignore angesprochen. des Erzbischofs, über den Benediktinerorden und ging zum Fenster. Sie zog die langen geklöppelten Vorhänge zur Seite und blickte in den Palaisgarten hinab … Es war ein eigenartiger, mitgenommener Kerl, der Harmonika spielte. Er streckte die Arme weit von sich und zog das Instrument weit aus, so daß jeder Ton wie ein sehnsüchtiges Heulen erklang. Und plötzlich riß er mit einer Grimasse zu ihr die Harmonika über den Kopf und spielte, während er das Instrument auf dem Rücken hielt. Jemand warf einen Schilling in den Hof hinab, und er hinkte hin, um ihn aufzulesen. Die Gräfin drehte sich um und klingelte. »Laß den Mann, der unten gespielt hat, heraufkommen«, sagte sie zu dem Diener, der steif in seiner dunklen Livree wartete. Der Diener blickte einen Augenblick auf Ihre Gnaden, die Gräfin. »Führen Sie den Mann, der unten gespielt hat, herauf«, sagte sie wieder im selben Ton. Der Diener verbeugte sich. Seine Schritte in dem hohen, stillen Raum hört man nicht. Die Gräfin öffnet und schließt gedankenverloren Monseigneurs Buch, während sie wartet. Der Diener kehrt zurück und bleibt in der Tür stehen. »Hier herein, Ihre Gnaden?« fragt er mit etwas Nachdruck auf den Wörtern. »Ja, Henri.« Der Kammerdiener hebt wieder den Vorhang an und schiebt die Person halbwegs durch die Tür. Dann geht er, nachdem er einen kurzen Blick von Ihrer Gnaden zum Landstreicher geworfen hatte und läßt den Vorhang fallen. Die Gräfin hat sich erhoben. Sie blickt auf den Spielmann, der sich verlegen krümmt und seine Hände in einem löchrigen Hut versteckt. Das rote und aufgedunsene Gesicht dreht er zum Licht. »Kennen Sie mich nicht, Fillis?« fragt sie. Der Spielmann starrt sie an. »Sie spielen doch nur meinen Walzer.« Eine Grimasse verzerrt die Gesichtszüge des Clowns, und er tritt einige Schritte nach vorn. »Nein«, sagt er, »ist es – ist es Miss Wanda?« »Ja, ich bin es.« Einen Augenblick lang standen sie schweigend in dem hohen, stillen Saal. Fillis umfaßte alles mit einem langen und hastigen Blick. Im Halbdunkel konnte man den Prunk der Intarsienmöbel und die Prachtrahmen der Gemälde an den hohen Wänden erkennen. »Ja, ich bin es«, sagte Ihre Gnaden wiederum. Es klang, als holte sie die Wörter von weit her. Fillis beginnt in klagenden und endlosen Worten, wie es Trinker an sich haben, eine lange Erzählung. Ja, ein Pferd habe ihn während der »Arbeit« verletzt – ein Zuchthengst – an der Hüfte … Und was macht ein alleinstehender Mann, der keine Kinder hat, die er lehren könnte, – der nicht mit seinem Trupp im »Troß« Troß: Beim Zirkus die Mannschaft, die den Transport, Auf- und Abbau des Zirkuszeltes übernimmt. gehen kann – was macht ein Mann, der hinkt –nein – das geht nicht … Sie hört nur mit halbem Ohr auf die Erzählung von diesem Elend. Wie er Clown wurde – Hanswurst – aber man nimmt keinen hinkenden Mann in den großen Zirkussen – und er mußte unter dem »Segel« Segel: Nach einem Großbrand im Ringtheater in Wien, Dezember 1881, war es in vielen Ländern Vorschrift, daß Zirkusvorstellungen nur in festen Gebäuden stattfinden durften. Kleinere artistische Darstellungen fanden jedoch trotzdem weiter in Zelten statt. arbeiten – dann ging es zuerst von Stadt zu Stadt und dann von Wirtshaus zu Wirtshaus … Aber mit dem Zirkus war es bald zu Ende. Denn der Direktor hatte gestohlen … er hatte ja seine liebe Not, der Arme, er sah die Tiere leiden, und zwar an Hunger und Kälte … Und so wurde in der Nacht gestohlen – das trockene Brot für die Tiere – und dann erwischten sie ihn, und was macht man mit einem Trupp – der Bürgermeister und das alles –? Solch einem reisenden Trupp? Sie vernimmt es kaum, diese Erzählung von Elend und Not, die der Clown hervor jammert, oder sie hört es, während sie in dem großen Saal vor sich hinschaut, wie eine ferne und eigentümliche Begleitung zu ihrem eigenen Leben, dessen Bild er hat erstehen lassen. Ihr Leben – es war so glücklich. Damals, als alles aus Freiheit und Anstrengung und wagemutigem Spiel mit Gliedern und Leben und Jubel bestand … Wenn Miss Wanda in der Manege durch die brennenden Bänder sprang – weit wehte ihr schönes Haar durch die Bänder – im Stahlnetz band sie sie nicht. – Und wie ein einziger Sturm brauste der fanatische Jubel in ihren Ohren – und sie schrien, Männer wie Frauen – und sie sah nur den schaukelnden Rücken ihres Pferdes unter sich – und schrie wie sie … Die Gräfin seufzt, und sie hört sich aufs neue Fillis' Erzählung an, der mit langatmigen Umschreibungen weiter jammert … »Und dann bildeten wir die ›Arena‹« – und was spenden sie vor dem Absperrseil – Ach, nein – es bedarf vieler Schillinge zu einem Taler … Schillinge und Taler: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8  €. Aber die Gräfin hört es nicht; sie hängt ihren eigenen Gedanken nach. Er war ihr gefolgt, ihr Mann, von Stadt zu Stadt … Er bat und beschwor und bettelte nicht wie die anderen – Aber er bot ihr an, seine Frau zu werden … Und als sie bei Ciniselli Ciniselli: Name eines bekannten Sankt-Petersburger Zirkus. in Petersburg arbeitete und der kleine französische Botschaftsangestellte, sein Landsmann, sich eines Abends unter dem Sitz in ihrem Wagen versteckt hatte – und hervorsprang, um sie zu beleidigen, tötete er den kleinen Botschaftsangestellten, tötete ihn bei einem Duell draußen auf den Inseln an dem Morgen, an den sie sich so gut erinnern konnte … Und dann – wurde sie seine Frau … War es wirklich schon zehn Jahre, die seither vergangen waren? Wenn die Zeit so vergeht, weiß man nicht, ob es ein Jahr oder eine Ewigkeit her ist. Sie waren fast im Geheimen in einer kleinen Kapelle getraut worden – mit zwei Zeugen. Der Pfarrer verlas den langen Namen ihres Gatten… und sie flüsterte ihre Jas und fror in ihrem mit Spitzen besetzten Brautkleid … Und sie aßen zusammen, nur mit diesen beiden alten Zeugen, die sie »Frau Gräfin« nannten – die auf ihr Glück anstießen – während sie mit den Tränen kämpfte … Und sie reisten nach Hause in sein Schloß – in das Tal zwischen dem Jura – das alte Schloß aus der Kreuzfahrerzeit, das sein ganzer Stolz war … Die Räume waren feierlich wie Kirchen, und der geringste Laut hallte in den unendlichen Gängen mit ihren Gewölben wider. Die alten Ahnen in ihren Rüstungen starrten sie mit ihren toten Augen an. Nachts konnte sie nicht schlafen, und die Tage vergingen zäh und sinnlos in dem fremden Haus … Sie reisten in die Schweiz – in eine helle Villa an einem blauen See … Ja – ihr Mann hatte sie wirklich geliebt: Stunde um Stunde saß er dort als ihr Lehrer, und er unterrichtete sie geduldig in allen diesen fremden Dingen, die sie wissen mußte … Und sie lernte willig und still … gelehrig, aber ohne Interesse – ein Echo seiner. Aber dann war er müde geworden, und er wich Lehrern, die die Gräfin ehrerbietig lange Stunden unterwiesen …Geschichte lernte sie – mit den klingenden Namen der Könige – und Geographie – die Hohe der Berge und den Verlauf der Flüsse – und mit großen, regelmäßigen Buchstaben kalte und richtige Wörter zu schreiben … Manchmal versank sie. Sie vergaß ihren Lehrer, und sie sah weit über den blauen See zu den schönen Bergen. Der Lehrer wartete ehrerbietig und störte sie nicht. Plötzlich aber seufzte sie und wandte wieder ihr hübsches Haupt zu dem Antlitz des alten Professors und sagte mit ihrer müden Stimme: »Es war Philipp II., Philipp II. (1527-1598): Spanischer König, regierte von 1556-1598. Monsieur, der mit Frankreich Frieden schloß.« … Ihr Mann war gut zu ihr – liebevoll – fast wie ein Vater … Und wenn er sich enttäuscht fühlte, verbarg er seine Enttäuschung … Sie fuhren nach Paris. Ihr Mann kämpfte darum, ihr eine Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen – um sie unter alle diese Menschen zu »schmuggeln«, die ihr so gleichgültig waren … und immer ohne Tadel, immer auf sich selbst achtend lebte sie ihr Leben … In den Wohltätigkeitsvereinen hatte man sie bereits willkommen geheißen, und in langen Sitzungen hörte sie alte Damen von dem reuevollen Seelenheil »gefallener Frauen« reden … Und Monseigneur Erzbischof hatte zweimal an ihrem Tisch gespeist. Die Gräfin seufzt noch einmal und drückt die Hand auf ihre Brust. Fillis hat schon längst aufgehört zu sprechen, und es ist ruhig im Zimmer. »Nein«, sagt er dann und spricht zum ersten Mal mit seiner Stimme aus der alten Zeit, »das waren andere Tage, als man zu Miss Wandas ›Brennenden Bändern‹ sein Entree machte.« »Ja«, erwidert die Gräfin und fährt beim Hören dieser Stimme leicht zusammen. »Ja – es waren andere Tage.« Sie dreht sich um und holt einige Scheine aus einem Kästchen auf dem Tisch: »Hier«, sagt sie. Und Fillis ergreift und küßt ihre Hand. Der Clown ist gegangen. Der Diener meldet mit seiner gedämpften, respektvollen Stimme: »Frau Vicomtesse Vicomtesse: unverheiratete Tochter eines Grafen. An sich ist der »Vicomte« ein französischer Adelstitel, der zwischen Graf und Baron rangiert. de Martel!« Die Gräfin neigt ihr Haupt: Die Vicomtesse ist willkommen. Und sie geht schnell zum Tisch und öffnet das Benediktinerorden-Buch des Monseigneurs, bevor sie sich umdreht und Vicomtesse de Martel empfängt, die eine Wohltätigkeitsspende bringt … Ihr Mann, der Graf, kommt herein. Er muß zu einer Sitzung. Er sagt »Auf Wiedersehen!« und küßt sie auf die Stirn. »Ja – Madame«, sagt die Gräfin und läßt ihre Hand über die aufgeschlagenen Seiten des Werkes über die Benediktiner gleiten … »Monseigneurs Darlegungen haben mich sehr interessiert …«   [Fra Cirkus. II. Kolleger. Nordstjernen, Nr. 38, 29.8.1886]   Eintöniges Leben Es war ruhig, und ein graues Haus in einer grauen Straße. Schwere beladene Wagen rasselten eintönig durch die beiden Häuserreihen. Der Staub vieler Jahre, Qualm und naßkalter Nebel hatten ihr Gelb und Hellgrau zum gleichen farblosen, einheitlichen Dunkelgrau gemacht – Haus für Haus. Hier wohnten sie. Und ich erblickte sie morgens, mittags und abends, so oft ich täglich durch ihre Straße ging. Sie wohnten im Erdgeschoß und hatten drei Fenster. Und immer mittags, morgens und gegen Abend, wenn man sich das letzte Licht von einem quälenden Tag stahl, sah ich sie auf demselben Platz, krumm über derselben Arbeit. Man sah die drei gebückten Profile – das der Mutter und das der Töchter glichen einander – jedes hinter seinem Fenster. Und stetig gingen die gelben, kantigen Hände über das unendliche Nähzeug … Westen nähten sie. Wie ich diese Gesichter vor mir sehe! Mit gelb gespannter Haut über den Backenknochen, die scharf hervortraten; die Augen tief innenliegend; das Haar fest von den allzu hohen Stirnen zurückgedrängt. Sie waren alterslos; die Furchen der Mutter waren etwas tiefer geworden … Sonst waren sie gleich, die drei unbewegten Gesichter über dem Nähzeug. So hatte ich sie gesehen, Jahr für Jahr. Abends ging ich auf dem gegenüberliegenden Gehweg. Am mittleren Fenster war der Vorhang nicht zu. Sie saßen um den Tisch, unter der Lampe, über dieselbe Arbeit gebeugt. Halbe Stunden lang konnte ich, in einem Eingang verborgen, diese drei Gesichter betrachten – sich gleichende müde, angespannte Gesichter – und die Hände, die im Takt auf und ab den Faden führten. Sie sprachen nicht. Nähten nur. Wie ich sie noch vor mir sehe, obwohl es schon ein Jahr zurückliegt – sie und das Zimmer mit dem kleinen Spiegel über dem Sofa, die drei Porträts, die den Spiegel umrahmten, und dann den kränklichen Gummibaum, der drüben in der Ecke seinen dünnen Hals in das Stützgestell reckte. Ich stand und wartete darauf, daß sie aufhören, daß einer von ihnen aufschauen würde, in die Lampe blicken würde: »in die Lampe schauen und seufzen«, wie in den Romanen. Aber sie schauten weder in die Lampe noch seufzten sie. Sie nähten einfach weiter. Und legten das Genähte in Stapel – die Westen. Sonntag morgens sah ich sie in die Kirche gehen, schmalschulterig und schlaksig ragten die beiden Schwestern neben ihrer Mutter auf. Die beiden Schwestern weinten ob der pathetischen Stimme des Pfarrers; die Mutter dagegen wurde schläfrig. Am Sonntag nachmittag saßen sie am gewohnten Fenster. Die Mutter strickte. Die beiden Schwestern lasen. Es waren vergilbte, gebundene Illustrierte – lange dauerte es, bis sie eine Seite umdrehten; die Münder gingen, als ob sie flüsterten, während sie lasen. Über all dies – über Liebe und Reichtum. So habe ich sie gesehen, Jahr für Jahr. Als ich an einem Septembertag zum ersten Mal nach meiner Sommerreise durch die Straße kam, schaute ich zu den drei Fenstern hinauf: Der Gummibaum stand dünn und krank in der Mitte. Rechts davon saßen die Mutter und eine Tochter, über derselben Arbeit gebeugt. Ich blieb stehen, mitten auf dem Gehweg, und ich schaute von den gebeugten, gelben Gesichtern auf den bleichen Baum in seinem Gerüst. Die Gesichter blieben unbewegt; dicht über dem Nähzeug sah ich die Profile und die knochigen Hände. Am nächsten Sonntag traf ich sie auf der Straße. Die Tochter trug einen Kranz aus Christusdorn und Moos. Hoch aufgeschossen und mager ging sie an der Seite ihrer Mutter. Die Tage kamen und gingen. Morgen und Mittag führten mich durch die graue Straße. Gebückt saßen sie über derselben Arbeit. Der Gummibaum trieb aus und bekam helle Blätter – er hatte in der Sonne gestanden. Sie nähten, führten die Nadel und legten das Genähte zu Bündeln. In langer Reihe rollten schwere Wagen durch die Straße. Hellgraue Fassaden wurden dunkelgrau, Haus an Haus. Ich sehe sie noch, Mutter und Tochter, und den Gummibaum im mittleren Fenster.   [Stillesiddende Liv. Nordstjernen, 3.10.1886]   Eine Nacht in den Bergen Der folgende Bericht bezieht sich auf Herman Bangs Besuch im Herbst 1885 bei der Pianistin Sophie Popper-Menter (1846–1918) auf deren Schloß Itter im Kitzbühler Land (Tirol)[siehe Bangs »Zehn Jahre – Erinnerungen und Begebenheiten«(1891) »Ferien« in: http://www.gutenberg.spiegel.de]. Das Schloß war 1812 vom Freistaat Bayern an die Gemeinde Itter zum Abbruch verkauft worden. 1878 ging das Schloß an einen reichen Münchner, der es in seiner heutigen Form wiederaufbaute. 1884 erwarb die berühmte Pianistin Sophie Popper-Menter das Schloß, wo sie glänzende Feste feierte und berühmte Gäste wie Peter Tschaikowsky, Franz Liszt, A. Rubinstein und auch Herman Bang zu Gast waren. Menter verkaufte die Gebäude 1902 an einen Berliner. Nach wechselvoller Geschichte sind sie heute im Besitz eines Privatiers, der dort wohnt. Es war voriges Jahr in Tirol. Wir hatten den Aufstieg gegen Abend begonnen, und die Obstbäume längs der im Zickzack verlaufenden Wege warfen bereits lange Schatten über den Berg. Die grünen Felder der Höhen und die weißen Giebel der Sennhütten glühten fast genauso wie die Sonne, die sank. Wir stiegen weiter; die Führer sangen, und die Maultiere schritten auf achtsamen Hufen schnell weiter. Unter uns lagen die Höhen, blau verhüllt, und es sah einen Augenblick lang aus, als ob die große Sonnenkugel auf dunkelblauen Wellen schwämme, bevor sie unterging … in Rot und Gold und Purpur, der ausbleichte und von den großen Kegeln des »Wilden Kaisers« Wilder Kaiser: Mit »Wildem Kaiser« bezeichnet man den südlichen Hauptkamm des Kaisergebirges, einer Gruppe der Nordtiroler Kalkalpen. Der höchste Berg ist die »Elmauer Haltspitze«, (2 344 m hoch). verschluckt wurden. Wir stiegen weiter und kamen durch Wald und wieder über Felder. Und während der alte Professor aus Petersburg auf seinem Maultier bereits zu jammern und zu klagen begann, kam der Mond hervor und zeichnete sowohl uns als auch die Tiere als langgestreckte Schatten auf die Bergwände. So erreichten wir den letzten Wald. Es war ein Hain aus Fichten und Birken. Die Stämme leuchteten; es war, als glitzerte jedes Blatt vom Silber des Mondes. Und Schatten kreuzten sich und flochten Gewebe über gekrümmten Pfaden … Wie ruhig es war, als jetzt die Führer mit dem Singen aufhörten! Ähnlich war Puks Puk (…) Oberon (…) und Titania: Personen in William Shakespeares Schauspiel A Midsummer Night's Dream (1594–1596). Sie sind drei der übernatürlichen Gestalten im Stück, der Faun Puk und die Königin und der König der Feen. Wald im Spiel von Licht und Schatten … dem Wald, wo Oberon Titania narrte. Wir stiegen höher. Der Weg wurde wilder. Unter uns lagen alle Täler wie dunkle, gähnende Rachen; kamen die Maultiere dem Abgrund zu nahe, sahen wir, wie sich das Licht des Mondes im Dunkel der Schlünde verlor. Schwindelnd maßen wir die Felswände, die sich aus dem Dunkel erhoben. Rundum in der Ferne erspähte man undeutlich die Spitzen und Zinnen der Berge. Nur die Felswand der »Hohen Salve« »Hohe Salve«: Berg in den Tiroler Kitzbühler Alpen, 1 824 m hoch. Prachtvolle Aussicht auf die Hohen Tauern. war hell, mit unseren und der Maultiere langen Schatten. Es war weit in der Nacht, als wir den Gipfel des Berges erreichten. Wir stiegen bei der Kirche ab und suchten den Gasthof auf. Er war voller Menschen, und es ging mit Zitterklang und Gesang und Lärm hoch her. Aber endlich war es zu Ende, sowohl das Spektakel als auch das Gejodele; und selbst die Wirtin schlief tief, drinnen auf ihrer Pritsche, an der Tür zur Gaststube. Im Hause war der letzte Laut erstorben, als ich die Tür zum Altan öffnete. Nie werde ich diese Nacht vergessen. In einer Luft, so weich, wie ich sie noch nie gespürt hatte, lagen die Berge in einer Dämmerung, die jede Linie milderte; und über allen Gipfeln trat der Mond hervor, still, als wäre die Luft warme Wässer, die sie vorsichtig trugen. Kein Laut; kein Wind. Frieden und Ruhe über dem großen Berg. Nur die Riesenhäupter der stolzen Felsen, von der schweigenden Nacht gesegnet. Gegen diese Größe kommt nichts an. Ich gebe den ganzen Sonnenaufgang – mit der Pracht der Gletscher – gegen das Rosenmeer des Himmels und alle Gipfel als goldene Inseln im Meer – Ich gebe alles für eine Stunde hier in dieser Nacht dahin: auf dem schweigenden Berg, unter dem Schein des Mondes. Denn für diesen Frieden hat die Seele keinen Namen und die Sprache kein Wort. Hier gab es das, was alles zum Halten brachte: den Ehrgeiz und die Ichbezogenheit unserer Hoffnungen und die Begierde, die eitel unsere Seele zerreißt – sie schwiegen: Sie schämten sich und schwiegen. Und selbst unsere Sehnsüchte, unsere liebsten Illusionen und selbst der Drang, zu lieben und den Schmerz der ewigen Einsamkeit zu teilen – hier hielten sie inne und beugten beschämt ihre Häupter. Denn hier, gegenüber dieser schweigenden Größe, war man den Gedanken der Ewigkeit nahe: Nicht diese Berge sind ewig, auch nicht diese Welten, der ruhige Mond und die ganze Erde. Sie werden vergehen. Aber Zehntausende von Welten vollführen weite Bahnen, wo Millionen von Menschen ein dunkles Leben führen. Geschieht dies, damit einmal in der ewigen Geschichte der Entwicklung eine Welt für das von allen erträumte Glück hervorgehen soll? So wie im Leben ein Mensch den Traum von Zehntausenden einfängt? Wer weiß dies? Aber diese Berge, die in Millionen Jahren ihre starken Stirnen gegen die Sonne am Tage und die Sterne der Nacht erheben, die, welche in öder Größe auf den Eifer Tausender Geschlechter schauten – sie werden zersplittern und zu Grunde gehen. Und diese Welten, der Mond und die ganze Erde und die Sterne mit ihrem Leben, an dessen Mannigfaltigkeit wir keinen Gedanken verschwenden, – sie werden vergehen wie die Berge. In wessen Hand? Des Allmächtigen. Ist es die Natur? Ist es Gott? Wer weiß das? Du aber – schweig und beklage dich nicht! Wenn du im Herbst aus deinem Garten eine Pflanze versetzen willst, nimmst du auch einen Klumpen Erde und zerdrückst ihn mitsamt seinen Würmern – ohne Barmherzigkeit. Der Allmächtige handelt wie du. – – Prag, Sept. 86.   [Nat mellem Bjerge. Nutiden i Billeder og Text, 10.10.1886]   Weihnachten Prag, 1.12.86 Es ist der 1. Dezember; als ich heute morgen die Jalousien hinaufließ, erblickte mein Auge den ersten Schnee. Unter den »Weinbergen« lagen die Dächer der Stadt weiß-strahlend in der Sonne des Wintertags, und jenseits des Flusses ragten die schneebedeckten Zinnen und Türme des »Hradschins« in eine bleich-blaue Luft auf. Und als ich dann in die Straßen hinunterkam, war alles in dieser einen Nacht zum Winter geworden. Herren und Damen hatten ihre Pelze angezogen, und die Droschkenkutscher hatten die Hände in großen Wollhandschuhen begraben, und selbst die arme Kastanienverkäuferin, die sich an der Ecke neben ihrem kleinen eisernen Topf auf dem Rost zusammenkauert, hatte sich mit einem alten, verknitterten Pelzkragen geschmückt, so daß sie einer Eule glich, die ihr Federkleid sträubt … Und in den Fenstern – ja, ich blieb plötzlich stehen, vor dem Schaufenster eines Konditors mit seinen gelben und grünen Zuckermännern und den Würsten und den kleinen Schinken und den Zwergen mit ihren roten Mützen und dem kleinen Baum im Arm – ja, in den Fenstern war es plötzlich Weihnachten geworden … Weihnachten. Ich blieb weiter vor diesem Fenster stehen, und ich starrte auf Zwerge und Bonbons und Herzen, als sähe ich sie alle zusammen das erste Mal. Nun war es wieder Weihnachten geworden. Alle Geschäfte zeigten sich in Farben und Überfluß für den großen Wettstreit, den die Menschen veranstalten, um einander Freude zu bereiten – dieses eine Mal im Jahr … Und in den Geschäften hatte man bereits mit dem Einkauf begonnen: Damen und kleine Mädchen gingen durch die Ladentüren mit Päckchen im Muff aus und ein – nach Hause, um mit den Weihnachtsvorbereitungen zu beginnen. Nach Hause mit diesen kleinen, fröhlichen, hastigen Schritten, mit denen schließlich alle zur Weihnachtszeit eilen, in frohem Getümmel, als müßten alle zu einem glücklichen Treffen … Und ich sah neugierig auf diese fremden Häuser – diese fremden Heime. Nun kam Weihnachten und nahm sie ganz langsam in Besitz. In jedem Nähkästchenboden wurde bereits ein kleines Geheimnis versteckt; und abends, wenn Vater bereits schläft, schleicht sich Mutter aus ihrem Bett und zündet die Lampe wieder an, um zu nähen. Es ist ja unmöglich, einen anderen Zeitpunkt zu finden, um mit »Vaters Sachen« fertig zu werden. Überall im ganzen Haus wird in den Ecken gearbeitet; es wird gerechnet und ausgeklügelt: Dies würde man so gerne kaufen – aber nur für das hat man genügend Geld … Es ist, als bekämen alle Gesichter ihren eigenen Glanz in dieser Zeit, wo alle denken – an die anderen. Dann beginnt das Kuchenbacken: Das ganze Haus ist mit weißen Schürzen und mit nackten Armen auf den Beinen: Der Pfefferkuchenteig muß geknetet und gebacken werden. Er wird zu Männchen ausgeschnitten, erwird wie Herzen geformt, und die Männchen bekommen geteilte Mandeln als Augen und Nase; und mitten auf die Herzen setzt »Mutter« ein Stückchen Bitterorange: »Das ist die ›Wunde‹«, sagt Mutter. Wie sie erzählt, die Mutter, während gebacken wird! Von Zuhause – bei ihrer Mutter – auf dem Land; draußen auf dem Gutshof: Drei Tage hintereinander buken sie, von morgens bis abends – in einem Brottrog lag der Pfefferkuchenteig, und die »Schmalzküchlein« wurden in dem großen Kessel ausgebacken … Ja – da wird einiges verbraucht, wenn jeder Kätner auf dem Hof seinen Teil bekommen sollte und merken sollte, daß es Weihnachten war … Das war ein Tag – der Tag des Päckchen Packens: wenn alles in Bündel gelegt wurde, was jeder Arme in der Stadt bekommen sollte – dieser einen Rock und jener Fausthandschuhe – ach, Mutter wußte so gut Bescheid, was jeder brauchte – und so wurden Pfeffernüsse und gebrannte Bohnen in großen Tüten verteilt, und auch einige süße Leckereien wurden in jede gelegt … Ja – das war was, der Tag des Packens – zu Hause … Dann erzählt Mutter, während die Schmalzküchlein sieden und die Kuchenplatten hinein- und herausgeschoben werden, und alle haben rote Köpfe von der Hitze, und das Mehl für den Kuchen stäubt in der großen Küche in Wolken um sie … Dann wird der »Baum« gebracht – Mutter hat ihn selbst auf dem Markt aus großen, duftenden Bündeln ausgesucht, so frisch riecht er, als hätte man den ganzen Wald in die Stadt geholt – und in den letzten Tagen bemerkt man aus dem Wohnzimmer, wo der Baum steht, einen herrlichen Fichtenduft durch das ganze Haus … Und was da noch eingekauft werden muß, und was es noch zu ordnen gilt – zehn Geheimnisse in jeder Ecke … Bis »Mutter« am Weihnachtsabend endlich die Türe aufschließt – wie er strahlt, »der Baum«! – Dort drinnen, in den fremden Häusern, wo sie nun anfangen, Weihnachten zu feiern … Ich gehe nach Hause, durch die Weinberge. Unter mir liegt im Winterkleid die ganze Stadt, in der Mittagssonne, der Dezember ist gekommen. Der Weihnachtsmonat mit seinem weißen Schnee, mit jenem klaren Himmel: Auch für den Einsamen schwebt der Klang der Glocken in der Luft. Der Glockenklang deiner Erinnerungen ruft uns zum Frieden – zur Kirche. Und selbst dem Einsamsten, dem am wenigsten Glücklichen vermittelst du eine große Lehre, einen großen Trost: das selbst der Minderglückliche sich glücklicher fühlen kann, wenn er bedenkt, daß es noch anderen Kummer als den seinigen gibt – und lindernd teilt. Weihnachtsmonat – der Dezember – ja, das ist Glockenklang in deiner Luft.   [Nat mellem Bjerge. Nutiden i Billeder og Text, 10.10.1886]