Italo Svevo Ein gelungener Scherz und andere Novellen Aus dem Italienischen übertragen von Karl Hellwig Müller \& I. Kiepenheuer GmbH. Verlag Potsdam Alle Rechte vorbehalten 1932 Druck der Offizin Haag-Drugulin AG. Leipzig Vorwort Italo Svevo oder Ettore Schmitz, wie er im bürgerlichen Leben hieß, wurde am 19. Dezember 1861 in Triest geboren. Seine Vorfahren waren Deutsche, doch hatte sein Vater, wie auch sein Großvater, der als österreichischer Beamter in Treviso lebte, eine Italienerin geheiratet. Als Ettore zwölf Jahre alt war, wurde er mit seinen Brüdern auf eine Schule in der Nähe Würzburgs geschickt, wo er fünf Jahre blieb. Bald beherrschte er die deutsche Sprache so vollkommen, daß er die Klassiker ohne Mühe zu lesen vermochte. Seine Lieblingsschriftsteller waren Jean Paul und Schopenhauer. Die Eindrücke dieser Jugendjahre waren so nachhaltig, daß Svevo noch kurz vor seinem Tode Deutschland das Land nannte, dem stets seine ganze Liebe gegolten habe. Wie sehr der Dichter, der wohl der Sprache und politischen Überzeugung nach Italiener, seiner geistigen Struktur nach aber Deutscher war, sich deutschem Geiste verpflichtet fühlte, bewies er, als er sein ursprüngliches Pseudonym Ettore Samigli aufgab und sich bedeutungsvoll Italo Svevo, den »italienischen Schwaben« nannte. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland besuchte Ettore zwei Jahre lang die Handelshochschule in Triest und übernahm dann, durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage seines Vaters gezwungen, die bescheidene Stellung eines kleinen Bankangestellten. In seinem ersten Roman »Una Vita«, der 1893 erschien, hat der Dichter mit autobiographischer Treue sein damaliges Leben geschildert. Er hatte gehofft, sich durch literarische Erfolge von einer Tätigkeit freizumachen, die ihm als Beruf aufgedrängt worden war, zu der er sich aber in keiner Weise berufen fühlte. Seine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Als auch sein zweiter Roman »Senilità«, der sechs Jahre später erschien, das eisige Schweigen, mit dem man das erste Werk empfangen hatte, nicht zu brechen vermochte, zog der Dichter sich von dem literarischen Markt zurück, auf dem niemand seiner begehrte. Er war so erbittert, daß er keinen weiteren Versuch unternahm, eine Anerkennung zu erzwingen, die ihm, wie er wohl wußte, zu Unrecht versagt blieb. Er beschränkte sich daher in den folgenden Jahren fast ganz auf seine geschäftliche Tätigkeit, von der er seit seiner Heirat mit Livia Veneziani, durch die er Teilhaber und bald der eigentliche Leiter eines angesehenen Handelshauses wurde, völlig in Anspruch genommen war. Und fast war er froh darüber, daß ihm nun kaum noch eine freie Stunde blieb, in der er literarischen Neigungen hätte nachgehen können, denn, wenn er auch nur einen einzigen Satz schrieb, wurde er, wie er später gern erzählte, sofort zerstreut und weniger geschickt zu geschäftlicher Tätigkeit. »Da ich aber wohl fühlte,« sagte er einmal, »daß ich mich irgendwie künstlerisch betätigen mußte, widmete ich die wenigen freien Stunden, die mir blieben, dem Studium der Violine, um nur ja nicht ein drittes Mal der Literatur zu verfallen. Daß die Kur nicht glückte, weiß man ja, und manchmal sinne ich darüber nach, was mich wohl trieb, in einem Alter von zweiundsechzig Jahren noch einmal nach einem Verleger auf die Suche zugehen.« Es wird Ettore nicht anders ergangen sein als Mario Samigli, dem Helden seiner Novelle » Ein gelungener Scherz «. Denn auch er hatte wohl, »obgleich doch wirklich nicht mehr jung an Jahren, den Glauben noch immer nicht verloren, daß er vom Schicksal zum Ruhme ausersehen wäre«. Immerhin vergingen vierundzwanzig lange Jahre in stiller Reifung, aber ohne jede Produktivität. Und vielleicht hätte er nie den Weg zur Literatur zurückgefunden, wären nicht zwei Momente von entscheidender Bedeutung zusammengetroffen. Das erste war die Bekanntschaft mit den Werken Sigmund Freuds, die er zunächst nur las, um sich selber ein Urteil darüber zu bilden, ob die psychoanalytische Methode geeignet sein könnte, einem Freunde die erhoffte Heilung zu bringen. Wie es ihm dabei erging, erzählt der Dichter in seinen Aufzeichnungen zu einem Vortrage, den er zu halten gedachte, aber nie gehalten hat (» Parole non dette «, abgedruckt in der Zeitschrift »Il Convegno« vom 25. April 1931): »Ich lernte die Psychoanalyse im Jahre 1910 kennen. Einer meiner Freunde, der nervös erkrankt war, fuhr nach Wien, um sich psychoanalytisch behandeln zu lassen. Daß dadurch meine Aufmerksamkeit auf die Psychoanalyse gelenkt wurde, war das einzige erfreuliche Ergebnis dieser Kur. Mein Freund ließ sich zwei Jahre lang psychoanalytisch behandeln und kehrte schließlich nahezu völlig gebrochen zurück. War er schon vorher willenlos gewesen, so war er es nun erst recht. Da er nämlich die Gewißheit erlangt zu haben glaubte, daß es keine Rettung für ihn gäbe, wurde sein Leiden nur um so hartnäckiger ... Als Behandlungsmethode war die Psychoanalyse für mich ohne jedes Interesse. Ich war gesund, oder wenn ich krank war, liebte ich meine Krankheit vielleicht so sehr, daß ich gewillt war, sie für mich zu behalten und mit allen Kräften gegen jedermann zu verteidigen. Jedenfalls gab ein Freudianer, dem ich mich anvertraute, meiner Antipathie gegen den Stil seines Meisters diese Deutung. Das primitive Tier, das auch in mir stecke, meinte er, bisse wütend um sich, um seine Krankheit vor jedem Eingriff zu schützen. Aber die Psychoanalyse ließ mich fortan nicht mehr los. Es wurde ihr freilich nicht schwer, mich festzuhalten, da mein Geist von nichts anderem gefesselt war.« Bald war Svevos Geist von der neuen Welt, die sich ihm auftat, und die er in seinem Roman » Senilità « schon zu einer Zeit vorausgeahnt hatte, da noch niemand etwas von Freud wußte, so gefesselt, daß er nicht eher Ruhe fand, als bis er sich mit der Psychoanalyse dichterisch auseinandergesetzt hatte. Das zweite Moment, das Svevo zur Literatur zurückführte, war ganz anderer Art. Als Ettore Schmitz sich im Jahre 1906 aus geschäftlichen Rücksichten entschloß, englischen Unterricht zu nehmen, führte ihn der Zufall zu James Joyce, der, von niemand gekannt, als Sprachlehrer in Triest lebte. Der englische Dichter, der schon damals seinen Weg klar vor Augen sah, spürte in dem Roman » Senilità « einen verwandten Geist und riet dem Verfasser, sein resigniertes Schweigen zu brechen. Es vergingen aber noch weitere zwölf Jahre, ehe Ettore Schmitz, durch den Weltkrieg zu geschäftlicher Untätigkeit gezwungen, Zeit und Muße fand, sich ein Buch von der Seele zu schreiben, das ihn die langen Jahre des Schweigens bewegt und zur Gestaltung gedrängt hatte. Endlich, im Jahre 1923, erschien der dritte Roman: » La Coscienza di Zeno .« Aber auch dieses Werk brachte dem Dichter zunächst nur neue Enttäuschungen. In den bereits erwähnten Aufzeichnungen sagt Svevo: »Nun muß ich gestehen, daß ich, wie alle, die publizieren, auf einen Erfolg gehofft hatte. Als mein Buch aber erschien, fand ich statt des erhofften Widerhalls eine tiefe Kirchhofsstille. Wenn ich heute davon spreche, kann ich lachen, und ich hätte vielleicht auch damals gelacht, wenn ich jünger gewesen wäre. Da das aber leider nicht der Fall war, litt ich dermaßen unter meinem Mißerfolg, daß ich den Satz prägte: Alten Leuten ist die Beschäftigung mit der Schriftstellerei nicht zuträglich. Ich war es gewiß schon gewohnt, keine Beachtung zu finden, aber diesen neuen Mißerfolg ertrug ich nicht, weil er mir den Appetit und den Schlaf raubte.« Diesmal aber war Svevo nicht gewillt, die unverdiente Nichtbeachtung mit Stillschweigen hinzunehmen. Da er keine Zeit mehr hatte, auf den Ruhm zu warten, beschloß er, aus der bisher geübten Zurückhaltung herauszutreten und seinen Roman an James Joyce zu schicken, der inzwischen, zu internationaler Berühmtheit gelangt, nach Paris übergesiedelt war. Und Joyce enttäuschte das in ihn gesetzte Vertrauen nicht. Mit dem Erscheinen des von ihm inspirierten Aufsatzes von Valéry Larbaud im Februarheft 1926 des »Navire d'Argent«, das gleichzeitig Proben aus den beiden Hauptromanen Svevos brachte, erwachte das Interesse der gebildeten Welt, und nun erwachte endlich auch das Nationalbewußtsein der Italiener, die einen ihrer größten Dichter so völlig verkannt hatten. Spät war der Ruhm gekommen, und der Dichter wußte ihn heiter lächelnd und ohne Überhebung zu tragen. Er versuchte nun nachzuholen, was er in der langen Periode der Unproduktivität versäumt hatte. Aber nur zwei Jahre des Schaffens waren ihm noch vergönnt. Am 13. September 1928 erlag er den Folgen eines Automobilunfalls. Außer den drei großen Romanen, von denen bisher nur » Zeno Cosini « deutsch vorliegt (in der Übertragung von Piero Rismondo, 2. Auflage 1930), hat Italo Svevo ein Schauspiel » Un Marito «, einige kleinere Schriften und eine Reihe von Novellen hinterlassen. Die Novelle » Ein gelungener Scherz « (Una Burla Riuscita) erschien ebenso wie » Feuriger Wein « (Vino Generoso) im Jahre 1926, die Fabel » Die Mutter « (La Madre) 1910. Die Skizze » Kleine Geheimnisse « (Piccoli Segreti) wurde aus dem unveröffentlichten italienischen Manuskript übertragen. Man hat Italo Svevo mit Joyce und Proust verglichen, man hat Flaubert, Balzac und Dostojewski seine Paten genannt, wir können getrost Jean Paul, Schopenhauer und Sigmund Freud hinzugesellen – sein Ruhm wird dadurch nicht geschmälert. Bewundernswert bleibt der Mut, mit dem Svevo in seinen Werken, die doch so ganz autobiographischen Charakters sind, die Sonde bis in die letzten Tiefen des Bewußtseins führt, die Gedanken, Träume, Zweifel, guten Vorsätze, Hemmungen, Krankheiten und Feigheiten seiner Helden analysiert und die geheimsten Falten der menschlichen Seele bloßlegt. Italo Svevos Bücher sind wie die Früchte vom Baume der Erkenntnis, und wer davon ißt, dessen Augen werden auf getan. Er sieht, daß er nackend ist, und beginnt sich seiner Nacktheit zu schämen. Karl Hellwig Ein gelungener Scherz I Der Schriftsteller Mario Samigli war fast sechzig Jahre alt. Vor vierzig Jahren hatte er einen Roman veröffentlicht, den man wohl mit Recht hätte tot nennen dürfen, wenn sterben könnte, was nie gelebt hat. Mario indessen erfreute sich trotz seiner weißen Haare noch immer eines beschaulichen Daseins, soweit ihm sein Beruf die Zeit dazu ließ. In seiner bescheidenen Stellung hatte er freilich keinen Anlaß, über zuviel Arbeit zu klagen, und sein Einkommen war zwar nicht bedeutend aber doch sicher. Ein solches Leben ist gesund, und es wird noch gesünder, wenn es von einem so schönen Traum begleitet und gewürzt wird wie das Marios. Er hatte nämlich, obgleich doch wirklich nicht mehr jung an Jahren, den Glauben noch immer nicht verloren, daß er vom Schicksal zum Ruhme ausersehen wäre. Nicht etwa, weil er meinte, etwas Besonderes geleistet zu haben, auch nicht, weil er hoffte, noch etwas Besonderes leisten zu können, sondern nur deshalb, weil ein gewisser Mangel an Entschlossenheit ihm jede Auflehnung gegen sein Geschick verwehrte und ihn hinderte, eine Überzeugung mühsam wieder zu zerstören, die er sich vor so vielen Jahren gebildet hatte. Und so erwies es sich, daß auch die Macht des Schicksals ihre Grenzen hat. Das Leben hatte Mario wohl diesen oder jenen Knochen brechen können, die wichtigsten Organe aber waren unversehrt geblieben: die Achtung vor sich selbst und auch ein wenig Achtung vor den Mitmenschen, von denen der Ruhm doch letzten Endes abhängig ist. Und so begleitete ihn auf seinem Lebenswege stets ein Gefühl innerer Zufriedenheit. Wenige Menschen nur ahnten etwas von Marios Einbildung, denn er wußte sie mit jener fast unbewußten Schlauheit des Träumers zu verheimlichen, die ihm hilft, seinen Traum vor dem Zusammenprall mit der harten Alltäglichkeit zu bewahren. Manchmal freilich ließ er doch etwas von seinen Träumen durchsickern, und dann bestärkte ihn, wer ihm wohlgesinnt war, in dieser unschuldigen Anmaßung, während die andern wohl lachten, wenn sie Mario über tote oder lebende Autoren mit entschiedenen Worten urteilen oder gar sich selber den Wegbereiter einer neuen Zeit nennen hörten, ihre Heiterkeit aber zügelten, sobald sie ihn erröten sahen. Denn auch ein Sechzigjähriger kann wohl noch erröten, wenn er ein Schriftsteller ist, und wenn es ihm wie dem armen Mario ergeht. Aber auch das Lachen ist gesund und keine schlechte Sache. So waren denn alle ganz zufrieden: Mario, seine Freunde und selbst seine Feinde. Mario schrieb nur äußerst wenig, ja, lange Zeit hatte er mit dem Schriftsteller nichts weiter gemein als die Feder und das immer weißbleibende Papier, das aufnahmebereit auf seinem Schreibtisch lag. Diese Jahre waren die glücklichsten seines Lebens. Sie waren reich an schönen Träumen und frei von jeder beschwerlichen Mühewaltung. Sie waren wie eine zweite fröhliche Kindheit und köstlicher selbst als die Reifezeit des glücklicheren Schriftstellers, der, von dem Worte mehr gefördert als gehemmt, alles zu Papier zu bringen weiß und dann einer leeren Schale gleicht, während er noch immer glaubt, eine schmackhafte Frucht zu sein. Dieser glückliche Zustand konnte nur so lange Bestand haben, wie es bei dem bloßen Bemühen blieb, ihn aufzugeben, und Mario bemühte sich ständig, wenngleich er keine allzu gewaltsamen Anstrengungen machte. Zu seinem Glück gelang es ihm aber nie, einen Weg zu finden, der ihn in das Ungewisse geführt hätte. Noch einmal etwa einen Roman zu schreiben wie in seinen jungen Jahren, als er noch das Leben jener Leute bewunderte, die an Besitz und Rang so hoch über ihm standen, daß er nur mit Hilfe eines Fernrohrs zu ihnen emporzublicken vermochte, wäre ein unmögliches Unterfangen gewesen. Zwar liebte er seinen Roman noch immer, denn dazu bedurfte es ja keiner besonderen Anstrengung, und er schien ihm ebenso lebensfähig wie alles auf dieser Welt, das vorgibt, einen Anfang und ein Ende zu haben. Wenn er sich aber aufs neue daranmachen wollte, jenen Schattengestalten durch die Macht des Wortes ein papiernes Leben einzuhauchen, empfand er einen heilsamen Schauder. Die volle, wenngleich unbewußte Reife seiner sechzig Jahre verbot ihm ein derartiges Werk. Das Leben gewöhnlicher Sterblicher aber zu beschreiben, etwa das eigene, das vorbildlich tugendhaft und in seiner schlichten und stillen Selbstbescheidung nicht ohne Größe war – das kam ihm nicht in den Sinn. Denn dazu fehlte ihm die technische Sicherheit und die Liebe zum Gegenstande. Gewiß war dieser Mangel richtiger Selbsteinschätzung bedauerlich, aber man weiß ja, daß er sich bei denen häufig findet, die niemals auf den Höhen des Lebens wandeln durften. Schließlich interessierten ihn die Menschen – mochten sie auf den Höhen oder in den Niederungen des Lebens wandeln – überhaupt nicht mehr. Jedenfalls glaubte er, sein Interesse hätte sich von ihnen abgewandt, um sich nun ganz den Tieren zuzuwenden. Er begann also Fabeln zu schreiben, und so entstanden in seinen Mußestunden kleine, leblose Geschöpfe seiner Phantasie, die freilich eher einbalsamierten Mumien als mit Verwesungsgeruch behafteten Leichen glichen. Kindlich wie er war – nicht etwa wegen seines Alters, denn er war es immer gewesen –, hatte er an diesen Fabeln seine Freude, und er erblickte in ihnen einen neuen Anfang, eine gute Übung, eine Vervollkommnung und fühlte sich jünger und glücklicher denn je. Anfangs wiederholte er den Fehler seiner Jugendarbeit. Denn er schrieb von Tieren, die er wenig kannte, und seine Fabeln erdröhnten von dem Gebrüll des Löwen und dem Trompetengeschmetter des Elefanten. Dann wurde er menschlicher, wenn man so sagen darf, und nun schrieb er von Tieren, die er zu kennen glaubte. So lieferte ihm die Fliege eine stattliche Anzahl von Fabeln und zeigte sich auf diese Weise nützlicher, als man glauben sollte. In einer seiner Fabeln bewunderte er die Schnelligkeit dieses Zweiflüglers, die wahrhaft vergeudet ist, da sie weder dazu dient, die Beute zu erjagen noch sich selber vor Schaden zu bewahren. Die Moral dieser Geschichte legte er einer Schildkröte in den Mund. In einer anderen Fabel lobte er die Fliege, weil sie die schmutzigen Dinge vernichtet, die sie so liebt. In einer dritten wunderte er sich darüber, daß die Fliege, das augenreichste aller Tiere, so unvollkommen sieht. In einer vierten endlich ließ er einen Mann, der eine lästige Fliege zerquetscht hatte, zu der Ermordeten sagen: »Ich habe dir eine Wohltat erwiesen, denn siehe, nun bist du keine Fliege mehr.« – Auf diese Weise war es nicht schwer, täglich bis zum Morgenkaffee eine neue Fabel fertig zu haben. Der Krieg mußte kommen, um ihn zu lehren, daß die Fabel ein Ausdruck seiner eigenen Seele werden konnte. Da erwachte die Mumie aus ihrer Starre und wurde ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens. Beim Ausbruch des italienischen Krieges fürchtete Mario, daß die kaiserliche und königliche Polizei in Triest nichts Eiligeres zu tun haben könnte, als ihm, einem der wenigen italienischen Schriftsteller, die in der Stadt geblieben waren, den Prozeß zu machen, der vielleicht damit enden würde, ihn an den Galgen zu bringen. Dieser Gedanke war voller Schrecken, barg aber zugleich eine süße Hoffnung, so daß er bald frohlockte, bald vor Angst erblich. Er stellte sich vor, daß seine Richter – ein ganzes Kriegsgericht, das sich aus Vertretern aller militärischen Rangstufen vom General abwärts zusammensetzte – verpflichtet wären, seinen Roman zu lesen, und, wenn sie über ihn ein Urteil fällen wollten, aufmerksam zu studieren. Dann würde zweifellos ein etwas schmerzlicher Augenblick kommen. Aber wenn das Kriegsgericht nicht aus lauter Barbaren bestand, war wohl zu hoffen, daß man ihm, zum Dank für die genußreichen Stunden der Lektüre, das Leben schenken würde. Deshalb schrieb er fleißig, solange der Krieg dauerte, und er schwebte immer zwischen Furcht und Hoffnung wie ein Schriftsteller, der weiß, daß er ein Publikum hat, das auf sein Wort wartet, um darüber zu Gericht zu sitzen. Aber er war vorsichtig genug, nur Fabeln zu schreiben, deren Sinn nicht eindeutig war, und zwischen Furcht und Hoffnung erwachten seine kleinen Mumien aus ihrer Todesstarre zu wirklichem Leben. Sicher hätte das Kriegsgericht ihn nicht leicht verurteilen können, weil er etwa die Fabel von dem starken Riesen schrieb, der auf sumpfigem Boden gegen Tiere kämpfte, die leichter waren als er, bis er, immer siegend, in dem Boden versank, der ihn nicht tragen konnte. Wer hätte wohl beweisen wollen, daß Deutschland gemeint war? Und weshalb mußte unbedingt Deutschland mit dem Löwen gemeint sein, der immer siegte, weil er sich nicht zu weit von seiner großen, schönen Höhle entfernte, bis man eines Tages entdeckte, daß die große, schöne Höhle sich ganz vortrefflich dazu eignete, ihn auszuräuchern? So gewöhnte sich Mario daran, alles, was er erlebte und fühlte, in das Gewand der Fabel zu kleiden. Diese Entwicklung seiner literarischen Fähigkeiten verdankte er der Polizei, die indessen von den einheimischen Schriftstellern nicht die geringste Notiz nahm. Solange der Krieg dauerte, blieb Mario daher unbehelligt, was ihn zwar beruhigte, zugleich aber auch ein wenig enttäuschte. Einen weiteren Fortschritt machte Mario insofern, als er sich nun geeignetere Helden für seine Fabeln aussuchte: nicht mehr Elefanten, die in fernen, unbekannten Ländern lebten, nicht mehr Fliegen, die mit ausdruckslosen Augen in die Welt blickten, sondern die kleinen Sperlinge, die er in seinem Hofe mit Brotkrumen fütterte – was zu jener Zeit in Triest eine unerhörte Verschwendung war. Täglich pflegte er eine Weile ihrem Treiben zuzuschauen, und dieser Teil des Tages war der schönste, weil er so ganz von Poesie erfüllt war – wie vielleicht nicht einmal die Fabeln, die ihm doch ihre Entstehung verdankten. Er war in seine kleinen Freunde so verliebt, daß er sie am liebsten abgeküßt hätte. Wenn er sie des Abends auf den Dächern der Nachbarhäuser und auf dem verkümmerten Bäumchen des Hofes zwitschern hörte, dachte er, daß sie sich nun, bevor sie das Köpfchen zum Schlafe auf den Rücken legten, erzählten, was sie am Tage erlebt hatten. Des Morgens dasselbe lebhafte und melodische Geplauder. Dann erzählten sie sich wohl, was sie in der langen Nacht geträumt hatten. Wie er selber, kannten auch sie ein doppeltes Erleben: das des wirklichen Lebens und das der Träume. Sie waren doch schließlich Tiere, in deren Köpfchen Gedanken wohnen konnten. Dazu waren sie hübsch gezeichnet und sehr drollig in ihren Bewegungen. Sie waren so schwach, daß sie einem leid tun konnten, dafür aber hatten sie Flügel, um die man sie beneiden mußte. Es waren ungemein lebendige Tiere. Die Fabel freilich blieb noch immer eine kleine Mumie, die in Axiomen und Theorien erstarrte. Aber man konnte sie nun doch wenigstens mit einem Lächeln schreiben. Marios Leben war reich an solchem Lächeln. Eines Tages schrieb er: »Mein Hof ist klein, aber wenn man Übung hat, könnte man dort zehn Kilogramm Brot täglich verfüttern.« Solche Träume kann nur ein Dichter träumen. Wie hätte man in jener Zeit wohl zehn Kilogramm Brot für die Vöglein beschaffen sollen, da sie doch keine Brotkarten bekamen? An einem andern Tage schrieb er: »Jeden Abend bricht auf dem kleinen Kastanienbaum in meinem Hofe der Krieg aus, wenn die Sperlinge den besten Platz für die Nacht suchen. Ich wünschte, ich könnte einmal Frieden stiften. Das wäre von guter Vorbedeutung für die Zukunft der Menschheit.« Mario schenkte den armen Sperlingen so viele Gedanken, daß er ihre Schwäche darüber vergaß. Sein Bruder Giulio aber, der mit ihm zusammen wohnte, und der behauptete, seine literarischen Arbeiten zu lieben, liebte sie doch nicht genügend, um auch die Vögel in seine Liebe mit einzuschließen. Er meinte, es fehle ihnen an Ausdruck. Aber Mario erklärte, sie wären selber ein Ausdruck der Natur, eine Ergänzung dessen, das unbewegt liege oder sich auf dem Boden fortbewege, eine Ergänzung, die darüber schwebe, wie der Akzent über dem Worte, wie das Ausdruckszeichen über der Notenschrift. Sie sind der heiterste Ausdruck der Natur: denn selbst die Furcht erscheint bei den Vögeln nicht so verächtlich wie bei den Menschen. Nicht etwa, weil sie sich hinter ihrem Federkleide verbürge, nein, sie tritt ganz offen zutage, aber sie ändert nichts an dem anmutigen Zusammenspiel ihrer Organe. Ihr kleines Gehirn scheint dabei gänzlich unbeteiligt. Das Auge oder Ohr fängt das Alarmzeichen auf und gibt es unmittelbar an die Flügel weiter. Ist das nicht etwas Wunderbares? Ein Gehirn ohne Furcht in einem Organismus auf der Flucht! Eins der Tierchen meldet Alarm, und alle fliehen, jedoch als sprächen sie: »Ein guter Anlaß, Furcht zu haben!« Sie kennen kein Zögern. Es ist ja so einfach zu fliehen, wenn man Flügel hat. Und ihr Flug ist so unerhört sicher. Erst im letzten Augenblick weichen sie Hindernissen aus und schlüpfen durch das engmaschigste Gewirr von Baumzweigen, ohne sich aufzuhalten oder sich zu verletzen. Zu denken beginnen sie erst, wenn sie schon weit sind, und dann erst schauen sie sich um und suchen zu ergründen, weshalb sie eigentlich geflohen sind. Anmutig neigen sie das Köpfchen nach rechts und nach links und warten geduldig, bis sie ruhig nach dem Orte zurückkehren können, von dem sie geflohen sind! Wenn sie bei jeder Flucht Angst hätten, lebten sie schon längst nicht mehr. Und Mario hatte sie im Verdacht, daß sie sich absichtlich so viel Aufregung machten. Sie könnten doch in aller Ruhe das Brot verzehren, das man ihnen schenkt, und statt dessen schließen sie die verschmitzten Äuglein und sind überzeugt, daß jeder Bissen erstohlen ist. Das erst macht ihnen das trockene Brot richtig schmackhaft. Als echte Diebe essen sie das Brot niemals dort, wo es ihnen hingeworfen wird, und dort zanken sie sich auch nie, denn das wäre gefährlich. Der Streit um die Krümchen bricht erst aus, wenn sie sich nach der Flucht an einer andern Stelle wieder zusammenfinden. Aus all diesen Beobachtungen entstand fast von selber eine Fabel: Ein freigebiger Mann hatte viele Jahre lang den Vöglein jeden Tag Brot geschenkt, und er war überzeugt, daß ihr Herz für ihn voller Dankbarkeit schlüge. Er hatte keine Augen im Kopfe, denn sonst hätte er bemerkt, daß die Vöglein ihn für einen Dummkopf hielten, weil sie ihm so viele Jahre lang das Brot hatten stehlen können, ohne daß es ihm gelungen wäre, auch nur eines von ihnen zu fangen. Es scheint unmöglich, daß ein Mann wie Mario, der immer heiter war, eine solche Fabel schreiben konnte. So war er also nur nach außen hin heiter? Wie hätte er sonst dem heitersten Ausdruck der Natur so viel Bösartigkeit und Ungerechtigkeit anhängen können? Das hieß ja, ihn völlig zerstören! Mir scheint auch, daß Mario die Menschen schwer beleidigte, als er den Gefiederten eine solche Undankbarkeit andichtete, denn wenn schon die Vöglein, die doch nicht sprechen können, dergleichen Reden führen, wie würden sich dann wohl erst die Menschen ausdrücken, die mit einer langen Zunge begnadet sind? Und alle seine kleinen Fabeln waren im Grunde tief traurig. Während des Krieges kamen nur sehr wenige Pferde durch Triest, und diese wenigen wurden ausschließlich mit Heu gefüttert. Daher fehlten auf der Straße jene schmackhaften Körner, die bei der Verdauung unversehrt bleiben. Und Mario fragte in einer Fabel seine kleinen Freunde: »Seid ihr verzweifelt?« – »Nein,« antworteten die Vöglein, »aber weniger zahlreich.« Vielleicht wollte Mario sich daran gewöhnen, auch seinen eigenen Mißerfolg im Leben als eine Folge von Umständen anzusehen, die nicht von ihm abhängig waren? Vielleicht gelang es ihm so besser, sich schmerzlos darein zu fügen? Die Fabel ist nur so lange heiter, wie heiter ist, wer sie liest! Der Leser lacht über jenes dumme Vöglein, das die Verzweiflung, die es an manchem Tage aus unmittelbarer Nähe kennenlernte, vergessen hat, weil es selber noch nicht von ihr ergriffen wurde. Aber nachdem man darüber gelacht hat, muß man daran denken, wie gleichgültig die Natur ist, wenn sie ihre Experimente macht, und man erschaudert. Oft behandelten Marios Fabeln die Enttäuschung, die jedes menschliche Werk begleitet. Vielleicht wollte er sich darüber trösten, daß er selber dem Leben fernblieb, indem er sich sagte: Daß ich nichts versuche, ist gut, denn so bleibt mir der Mißerfolg erspart. Ein reicher Herr liebte die Vöglein so sehr, daß er ihnen ein großes Landgut schenkte, das ihm gehörte, und verbot, ihnen Fallen zu stellen oder sie auch nur zu erschrecken. Er baute ihnen gute, warme Zufluchtsstätten für den langen Winter und versah sie reichlich mit Futter. Es dauerte aber nicht lange, so nisteten sich auf dem großen Gute eine Menge Raubvögel, Katzen und sogar große Nagetiere ein, die den Vöglein nachstellten. Der reiche Herr weinte, aber von seiner Güte wurde er nicht geheilt, denn die Gutherzigkeit ist eine unheilbare Krankheit, und da er den Vöglein Nahrung geben wollte, konnte er sie den Falken und den andern Tieren nicht versagen. Auch diese kaltherzige Verhöhnung der menschlichen Güte erdachte jener Mario mit dem rosigen, stets lächelnden Angesicht. Er bemerkte, die menschliche Güte könne wohl das Leben an einem bestimmten Orte vermehren, erreiche damit aber nur, daß das Blut dann dort erst recht in Strömen fließe. Und er schien das ganz in der Ordnung zu finden. Marios Tage waren also stets heiter. Vielleicht entlud sich seine ganze Traurigkeit in seinen bitteren Fabeln und vermochte ihm daher nicht mehr das Antlitz zu verdüstern. Aber es scheint, daß diese Zufriedenheit ihn nicht in seine Nächte und in seine Träume begleitete. Sein Bruder Giulio schlief in einem Zimmer, das neben seinem lag. Für gewöhnlich schnarchte er selig während der Verdauung, die bei einem Gichtigen wohl krankhaft sein kann, aber doch recht gründlich ist. Wenn er indessen nicht schlief, drangen seltsame Töne aus Marios Zimmer zu ihm hinüber: tiefe Seufzer, die von Kummer zeugten und manchmal auch laute Schreie der Empörung. Man konnte kaum glauben, daß diese Töne, die klagend durch die nächtlichen Räume hallten, von demselben Manne herrührten, der im hellen Lichte des Tages so heiter und so sanft aussah. Mario hatte keine Erinnerung an seine Träume, und, von seinem tiefen Schlafe befriedigt, glaubte er, daß er in seinem Bette wenigstens ebenso heiter gewesen wäre wie unter den Mühsalen und Beschwerden des Tages. Als Giulio ihm besorgt seine sonderbare Art zu schlafen schilderte, glaubte er, es handele sich um nichts anderes als um eine neue Technik des Schnarchens. Da das Phänomen sich aber beständig zeigte, ist gewiß, daß diese Töne und Schreie der unverfälschte Ausdruck seines gemarterten Gemütes im Schlaf waren. Man könnte meinen, daß es sich um eine Erscheinung handelte, die die moderne, klug erdachte Traumtheorie widerlegte, nach der man im Schlafe ein befriedigtes Verlangen in Gestalt eines beglückenden Traumes genießt. Könnte man aber nicht auch meinen, daß der wahre Traum des Dichters der ist, den er wachend erlebt, und daß Mario deshalb wohl Grund hatte, am Tage zu lachen und in der Nacht zu weinen? Es gibt aber auch noch eine andere Erklärungsmöglichkeit, die sich aus jener Traumtheorie herleiten läßt. In Marios Falle konnte es sich um ein Verlangen handeln, das in der ungehinderten Äußerung seines Schmerzes Befriedigung fand. Konnte er doch im nächtlichen Schlummer die schwere Maske abwerfen, hinter der er am Tage seine Selbstüberhebung verbergen mußte, und mit seinen Seufzern und Schreien verkünden: Ich verdiene mehr, ich verdiene etwas ganz anderes! Ein solcher Herzenserguß kann wohl auch der Ruhe förderlich sein. Als am Morgen die Sonne aufging, erfuhr Giulio zu seiner Verwunderung, daß Mario glaubte, die ganze Nacht, die so reich an Seufzern gewesen war, in Gesellschaft einer neuen Fabel verbracht zu haben. Er arbeitete schon seit mehreren Tagen an ihr, und im Grunde war sie recht harmlos. Der Krieg hatte dem Sperlingshof etwas ganz Neues gebracht – den Mangel, und der arme Mario hatte sich eine Methode erdacht, mit der er erreichen wollte, daß das knappe Brot länger vorhielte. Von Zeit zu Zeit erschien er im Hofe, um die Sperlinge wieder mißtrauisch zu machen. Es sind langsame Tiere, wenn sie nicht fliegen, und es dauert lange, bis sie ein Mißtrauen überwinden. Ihre Seele gleicht einer kleinen Wage: auf der einen Schale liegt das Mißtrauen, auf der andern der Appetit. Dieser wird immer größer, aber wenn auch das Mißtrauen sich stets erneuert, beißen sie nicht an. Wollte man Marios Methode streng durchführen, so könnte man sie dahin bringen, daß sie neben dem Brote verhungern. Wahrlich, ein trauriges Experiment, wenn man es zu Ende führt! Aber Mario setzte es nur so lange fort, wie er über die Sperlinge lachen konnte. Sie zu quälen, lag nicht in seiner Absicht. Die Fabel (ein Vöglein sagte zum Menschen: »Dein Brot wäre wohl schmackhaft, wärest nur du nicht da!«) blieb heiter – auch deshalb, weil die Sperlinge während des Krieges nicht abmagerten. Auf den Straßen von Triest fand sich immer noch genügend Abfall und Unrat, in dem sie Nahrung finden konnten.   II Marios Einbildung schadete niemand, und es wäre unrecht gewesen, sie ihm zu nehmen. Giulio aber ging so zart mit ihr um, daß Mario vor ihm nicht einmal mehr errötete, wenn er merkte, daß er sie eingestanden hatte. Giulio hatte sie so tief begriffen und sich zu eigen gemacht, daß er sie sogar klarer erkannte als Mario selbst. Zwar hütete auch er sich, vor Dritten seinen Glauben an das Genie des Bruders zu bekennen, aber es kostete ihn keine Überwindung, denn er tat es nur, weil er sah, daß Mario es ebenso machte. Und Mario lächelte über die Bewunderung seines Bruders, ohne zu ahnen, daß er selber sie ihn gelehrt hatte. Aber er genoß sie, und das Zimmer, in dem der Kranke zwischen dem Bett und dem Sofa verbrachte, war für ihn eine Stätte des Glücks, wie sie auf dieser Erde selten ist. Denn hier fand Mario, was er Stille und Sammlung nannte, was in Wahrheit aber von anderen, die vom Glück mehr begünstigt sind, an ganz besonders geräuschvollen Orten gefunden zu werden pflegt. Vom Ruhm erfüllt war dieses Zimmer, aber sonst hatte es nur wenig aufzuweisen. Der leichte Tisch, der in der Mitte stand, wenn die Brüder ihr Frühstück nahmen, wurde in eine Ecke neben das Bett gerückt, wenn sie zu Mittag speisten. Seit kurzem hatten sie nämlich Giulios Bett in das Speisezimmer stellen lassen. Der Brennstoff war während des Krieges teuer geworden, und überdies war jenes Zimmer das wärmste des ganzen Hauses. Deshalb verließ der Kranke es den Winter über nie. An den langen Abenden tröstete dort der Dichter den Gichtkranken, und der Gichtkranke sprach dem Dichter Mut zu. Der Vergleich mit dem Blinden und dem Lahmen der Fabel drängt sich von selber auf. Ein sonderbarer Zufall fügte es, daß die beiden Alten, die stets arm gewesen waren, während des Krieges, der für alle Bewohner Triests so hart war, keine großen Entbehrungen zu erdulden hatten. Ein slavischer Bauer nämlich fühlte für Mario eine lebhafte Sympathie, die sich in nahrhaften Geschenken wie Obst, Eiern und Federvieh äußerte. An diesem Erfolge des italienischen Schriftstellers, der niemals andere gehabt hatte, zeigt sich, daß die Literatur im Auslande eher Anerkennung findet als in des Dichters eigenem Lande. Leider wußte Mario diesen Erfolg nicht richtig zu würdigen, sonst hätte er ihm sicher wohlgetan. Zwar nahm er die Geschenke gern an und verzehrte sie auch mit gutem Appetit, aber er meinte doch, die Freigebigkeit des Landmanns verdanke er nur seiner Unwissenheit, und ein Erfolg auf Grund mangelnden Wissens werde oft Betrug genannt. Daher lastete diese Sache auf seinem Gewissen, und, um sich seine gute Laune und seinen Appetit zu erhalten, nahm er seine Zuflucht zu einer Fabel: Einem Vöglein wurden Brotstücke hingeworfen, die für seinen kleinen Schnabel zu groß waren. Mit geringem Erfolge bemühte sich das Vöglein hartnäckig mehrere Tage lang um seine Beute. Es wurde noch schlimmer, als das Brot hart geworden war, denn da mußte das Vöglein ganz und gar auf die Labung verzichten, die man ihm zugedacht hatte. Es flog davon und dachte: Die Unwissenheit des Schenkenden ist das Unglück des Beschenkten. Nur die Moral dieser Fabel paßte genau auf den Fall des Bauern. Das Übrige war von der Inspiration so völlig verändert worden, daß der Bauer sich darin sicher nicht wiedererkannt hätte. Und das war der Hauptzweck der Fabel. Mario hatte sich eine Last von der Seele schaffen, nicht aber den Bauern verletzen wollen, der es auch wirklich nicht verdiente. So kann man aus der Fabel, wenn man will, eine gewisse, wenngleich nicht eben starke Kundgebung der Dankbarkeit wohl herauslesen. Die beiden Brüder führten ein streng geregeltes Leben. Selbst der Krieg, der die ganze Welt durcheinanderrüttelte, vermochte an ihren Gewohnheiten nichts zu ändern. Giulio kämpfte seit Jahren mit gutem Erfolge gegen die Gicht, die sein Herz bedrohte. Er ging frühzeitig zu Bett, und die Bissen, die er sich gestattete, pflegte er zu zählen. Dabei verlor er nicht seinen Humor, und gelegentlich bemerkte er wohl: »Ich möchte wissen, ob ich das Leben oder den Tod betrüge, wenn ich noch immer lebe.« Er war zwar kein Schriftsteller, aber man sieht, daß er aus seinem Leben, das sich tagaus, tagein in derselben Weise abspielte, allen Geist herauszupressen wußte, der darin zu finden war. Daher kann man dem gewöhnlichen Sterblichen nicht dringend genug anraten, ein geregeltes Leben zu führen. Giulio ging im Winter zu Bett, sobald die Sonne unterging, im Sommer aber viel früher. Im warmen Bett fühlte er seine Schmerzen nicht so sehr, und er verließ es nur deshalb täglich auf einige Stunden, weil der Arzt es verlangte. Das Abendessen wurde neben dem Bett aufgetragen, und die beiden Brüder nahmen es gemeinsam ein. Es wurde von gegenseitiger Liebe gewürzt, einer Liebe, die aus ihren Kinderjahren stammte. Mario war für Giulio immer noch sehr jung, und Giulio für Mario der Alte, bei dem er sich in jeder Lebenslage Rat holen konnte. Giulio merkte nicht, wie Mario ihm an Vorsicht und Langsamkeit der Bewegungen von Tag zu Tag immer ähnlicher wurde, daß es fast aussah, als litte er auch an der Gicht, und Mario sah nicht, daß der ältere Bruder ihm keinen andern Rat mehr geben und ihm nichts mehr sagen konnte, als was er ihm von den Augen abgelesen hatte. Und das war auch ganz in der Ordnung: Es handelte sich ja nicht darum, einen Rat zu geben oder eine Mahnung zu erteilen, sondern darum, zu stützen und zu ermutigen. Und das wurde dem Gichtkranken leichter, als man hätte glauben sollen. Wenn Mario die Darlegung einer Idee, einer Hoffnung oder einer Absicht mit den Worten schloß: »Bist du nicht auch der Meinung?« – war Giulio ganz unbedingt der Meinung, und voller Überzeugung stimmte er ihm zu. Deshalb war die Literatur für alle beide eine vortreffliche Sache, und das kärgliche Mahl schmeckte besser, weil es von einer gleichmäßigen, sicheren Liebe gewürzt wurde, die jeden Zwist ausschloß. Eine kleine Meinungsverschiedenheit zeigte sich aber doch einmal, und daran waren die verwünschten Vöglein schuld, die einen Teil ihres Brotes von dannen schleppten. »Mit dem Brot könntest du einem Christen das Leben retten«, bemerkte Giulio. Und Mario erwiderte: »Dafür mache ich aber fünfzig Vöglein mit dem Brot glücklich.« – Giulio ließ seinen Einspruch sogleich fahren und machte ihn nie wieder geltend. Wenn das Abendessen beendet war, bedeckte sich Giulio das Haar, die Ohren und die Wangen mit seiner Nachthaube, und Mario las ihm eine halbe Stunde lang aus einem Roman vor. Beim Klange der sanften Stimme des Bruders wurde Giulio ruhig, sein angestrengtes Herz schlug regelmäßiger, und seine Lunge weitete sich. Dann war der Schlaf nicht mehr fern, und wirklich wurde sein Atem bald geräuschvoller. Mario dämpfte ganz allmählich seine Stimme, bis er, immer leiser und leiser werdend, beim Schweigen anlangte. Dann löschte er das Licht und entfernte sich auf Zehenspitzen. Die Literatur war daher auch für Giulio eine gute Sache, aber in einer ihrer Formen, als Kritik, war sie ihm schädlich und bedrohte seine Gesundheit. Gar zu oft unterbrach Mario das Vorlesen und fing an, heftig den Wert des Romans, aus dem er vorlas, in Zweifel zu ziehen. Seine Kritik war die unbarmherzige Kritik des erfolglosen Autors. In ihr erfüllten sich seine glänzendsten Träume, und in ihr fand er seine Ruhe – denn die Aufregung war erkünstelt. Sie hatte aber den Nachteil, daß sie dem Bruder den Schlaf verdarb. Heftige Ausbrüche, Töne der Verachtung, Diskussionen mit gar nicht vorhandenen Unterrednern, alles das vereinte sich zu einem Konzert verschiedener Musikinstrumente, die einander ablösten und den Schlaf verscheuchten. Und zudem mußte Giulio aus Höflichkeit achtgeben, daß er nicht einschlief, weil er alle Augenblicke gefragt wurde, wie er darüber dächte. Er mußte dann sagen: »Ich bin ganz deiner Meinung.« – Diese Worte waren ihm so geläufig, daß er, um sie zu bilden, nichts weiter zu tun brauchte, als den Atem durch die Lippen entweichen zu lassen. Wenn man aber schnarcht, ist man nicht einmal dazu mehr imstande. Eines Abends hatte der verschlagene Kranke, der in seiner großen Haube so unschuldig aussah, einen klugen Einfall. Mit unsicherer Stimme (vielleicht weil er fürchtete, der Bruder könne ihn durchschauen) bat er Mario, er möchte ihm doch seinen eigenen Roman vorlesen. Mario fühlte, wie ihm das Blut heiß nach dem Herzen strömte. »Aber du kennst ihn doch schon«, wandte er ein, während er sich sogleich anschickte, das Buch zu öffnen, das er stets bei sich trug. Sein Bruder antwortete, er habe den Roman seit vielen Jahren nicht gelesen, und er spüre gerade jetzt ein Verlangen, ihn noch einmal zu hören. Mit sanfter, wohltönender Stimme begann Mario, seinen Roman »Eine Jugend« vorzulesen, und Giulio, der sich nun wohlig dem Schlaf überließ, murmelte begeistert: »Schön! Großartig! Vortrefflich!« Und die Stimme des Vorlesers wurde immer wärmer und bewegter. Mario war überrascht. Er hatte noch niemals eine eigene Arbeit laut gelesen. Wieviel eindrucksvoller wirkte doch der Roman, als er durch den Klang, den Rhythmus, durch wohlbedacht eingefügte Pausen und durch kluges Vorwärtstreiben zu neuem Leben erwachte! Die Komponisten haben es gut. Sie lassen ihre Werke von Künstlern spielen, die mit allem Fleiße studieren, wie man durch die Kunst des Vortrags alle ihre Schönheiten zur vollen Wirkung bringt. Der eilige Leser aber nimmt sich nicht einmal die Mühe, die Worte des Dichters zu murmeln, er hastet von einem Satzzeichen zum nächsten, wie ein verspäteter Wanderer auf ebener Straße. »Wie gut habe ich das doch ausgedrückt!« dachte Mario voller Bewunderung. Die Prosa der anderen hatte er ganz anders gelesen, um so heller glänzte nun seine eigene. Als Mario einige Seiten vorgelesen hatte, wurde Giulios Atem röchelnd. Das war ein Zeichen, daß die Tätigkeit seiner Lunge nicht mehr unter der Herrschaft des Bewußtseins stand. Mario zog sich in sein eigenes Zimmer zurück, von seinem Roman aber konnte er sich noch lange nicht trennen. Einen guten Teil der Nacht verbrachte er damit, ihn mit lauter Stimme zu lesen. Es war, als wenn sein Werk zum zweiten Male geboren wäre. Es hatte die Luft mit seinem Klang erfüllt und war durch das Ohr, unser empfindlichstes Organ, zu seinem Gehirn und zu dem des Bruders gedrungen. Und Mario fühlte, wie seine Gedanken erneut und verschönt zu ihm zurückkehrten, und wie sie auf Wegen, die sie sich selber geschaffen hatten, zu seinem Herzen drangen. Welch neue Aussichten eröffneten sich! Am nächsten Tage schrieb Mario die Fabel »Der überraschende Erfolg«: Es machte einem reichen Herrn Vergnügen, sein Brot, das er im Überfluß besaß, den Vöglein hinzustreuen. Aber nur etwa zehn oder wenig mehr Sperlinge labten sich an seiner Gabe, und ein guter Teil des Brotes verschimmelte. Darüber betrübte sich der arme Herr, denn nichts verdrießt so sehr, als wenn man sehen muß, wie ein Geschenk gering geachtet wird. Aber da geschah es, daß er krank wurde, und die Vöglein, die das Brot vermißten, an das sie gewöhnt waren, erfüllten den ganzen Garten mit ihrem Geschrei: »Das Brot ist nicht mehr da, das immer hier gelegen hat. Das ist Unrecht, das ist Betrug!« Da kamen eine Menge Sperlinge herbeigeflogen, um die Vorsehung zu bewundern, die sich nicht mehr offenbaren wollte, und als der Wohltäter wieder gesundete, hatte er nicht Brot genug, um alle seine Gäste satt zu machen. Es ist nicht leicht, den Ursprung einer Fabel zu erkennen. Nur der Titel läßt vermuten, daß diese Fabel in dem Zimmer des Kranken entstanden sein muß, weil Mario dort seinen Erfolg gefunden hatte. Wer die Wege kennt, auf denen die Inspiration sich bewegt, wird sich nicht darüber wundern, daß er von dem leichten Erfolge, den er bei seinem Bruder davongetragen hatte, zu dem Erfolge jenes armen Teufels in seiner Fabel gelangte, der erst hatte krank werden müssen, um ihn zu erlangen. Er wird aber nicht verstehen können, woher er jene verschlagenen Vöglein nahm, die ihren Verlust der ganzen Welt verkündeten, aus Eigennutz aber schwiegen, solange es ihnen gut ging. Sollte man etwa annehmen – wenn es einem auch nicht ganz leicht fällt –, daß der Dichter hellsehend ist, wenn er dichtet, und daß Mario bei seinem eigenen Erfolge die Verschlagenheit des Bruders wohl durchschaute? Leichter freilich wird man sich zu der Annahme entschließen, daß ein Mensch in Marios Lage, der versucht, den Begriff »Erfolg« zu analysieren, jedem, auch den Vöglein, Schlechtes zutraut. Am folgenden Abend ließ Mario sich erst ein wenig bitten, bevor er bereit war, die Lektüre wieder aufzunehmen. »Du bist zu schnell eingeschlafen,« sagte er zu seinem Bruder, »und ich möchte dich nicht langweilen«. Aber Giulio wollte nicht gern auf die einzige Lektüre verzichten, die sich so unbedingt jeglicher Kritik entzog. Er versicherte, daß er nicht aus Langeweile in Schlaf verfiele, denn Langeweile pflege den Schlaf ja gerade zu verscheuchen, sondern deshalb, weil er sich so unbeschreiblich wohlfühle, wenn er gewisse Töne und Gedanken höre. Da somit alles in bester Ordnung war, änderte sich daran nichts, solange der Krieg dauerte. Und der Krieg dauerte so lange, daß der Roman sich – trotz der gegenteiligen Versicherung des einzigen Kritikers, der sich mit ihm befaßt hatte – als zu kurz erwies. Doch darin erblickte weder Giulio noch Mario eine besondere Schwierigkeit. Giulio erklärte: »Ich habe mich an deine Prosa so gewöhnt, daß es mir schwerfallen würde, eine andere zu ertragen, die doch immer so aufgeregt und wichtigtuerisch einherschreitet.« Mario war selig und begann die Lektüre von vorne. Er würde sich dabei nicht langweilen, das wußte er. Die eigene Prosa trägt sich immer am besten vor. Und das kann man verstehen: das eine Organ spricht aus, was das andere ersonnen hat. So kam es, daß Mario, der von Erfolg zu Erfolg schritt, nahezu wehrlos war, als man ein Komplott anzettelte, das ihn von seiner Höhe herabstürzen sollte.   III Mario hatte zwei alte Freunde, von denen der eine, wie sich bald zeigte, sein erbitterter Feind war. Der andere, der bis zu seinem Tode sein Freund blieb, war sein Bürovorsteher, ein gewisser Herr Brauer. Er war wenige Jahre älter als Mario und mit ihm in Freundschaft verbunden, denn nie trat er als sein Vorgesetzter auf, sondern er behandelte ihn stets als seinen Kollegen. Diese auf Gleichheit begründeten Beziehungen hatten nicht in einer gefühlsmäßigen Freundschaft ihren Ursprung, sie entsprangen auch nicht aus demokratischen Überzeugungen, sondern sie entwickelten sich aus einer jahrelangen gemeinsamen Arbeit, bei der bald der eine, bald der andere der Überlegene war. Man weiß, daß selbst der unbedeutendste Schriftsteller es immer noch besser versteht, einen Brief aufzusetzen, als ein Mann, der sich nie mit Literatur befaßt hat. So war Brauer denn der Vorgesetzte, wenn es sich darum handelte, ein Geschäft richtig anzufassen, kam es aber darauf an, Offerten und Polemiken zu Papier zu bringen, trat Mario an seine Stelle. Sie hatten sich so aufeinander eingespielt, daß sie wie zwei Räder derselben Maschine arbeiteten. Mario hatte sich daran gewöhnt, zu erraten, was Herr Brauer wünschte, wenn er ihn bat, einen Brief so zu schreiben, daß man sich verständlich machte, ohne die Sache, auf die es ankam, auszusprechen, oder daß man sie zwar aussprach, sich dadurch aber zu nichts verpflichtete. Herr Brauer war immer beinahe, aber nie völlig zufrieden, und oft schrieb er den ganzen Brief noch einmal, wobei er die Worte und Redewendungen Marios mit blindem Respekt übernahm, sie aber hier und da an eine andere Stelle rückte. Wenn Herr Brauer etwas verbesserte, war er liebenswürdiger denn je, und er entschuldigte sich: »Ihr Schriftsteller habt eine zu persönliche Art, euch auszudrücken. Das ist nichts für Geschäftsleute, die nur gewöhnliche Sterbliche sind.« Und Mario fühlte sich durch eine solche Kritik so wenig beleidigt, daß er sich vielmehr alle Mühe gab, sie zu verdienen. Daher schmückte er seine Geschäftsbriefe reicher mit Kostbarkeiten als seine Fabeln. Und dann erkannte er bereitwillig an, daß der von Brauer noch einmal geschriebene Brief viel kaufmännischer war als sein eigener, denn so brauchte er von einer Sache, die ihn langweilte, wenigstens nichts mehr zu hören. Da die beiden so viele Meisterwerke in gemeinsamer Arbeit geschaffen hatten, hatte sich zwischen ihnen eine herzliche Freundschaft entwickelt. Jeder erkannte die Verdienste des anderen an. Aber mehr: keiner mißgönnte dem andern seine Überlegenheit. Denn Brauer hielt es für ein großes Unglück, zum Schriftsteller geboren zu sein, und wer ohne seine Schuld von einem solchen Unglück betroffen war, konnte wohl erwarten, daß seine glücklicheren Kollegen ihm jeglichen Schutz gewährten. Mario aber hatte gerade für die Geschäftstüchtigkeit so wenig Verständnis, daß es ihm nie in den Sinn gekommen war, sie zum Ziel seines Ehrgeizes zu machen. Eins aber konnte er nicht recht einsehen: weshalb verdiente Brauer ein soviel größeres Gehalt als er selber? Da er seinen Neid in das Gewand der Fabel hüllte, mußte sich nun auch der arme Brauer die Verwandlung in einen Sperling gefallen lassen. Doch mochte es ihn immerhin trösten, daß Mario selber an dieser Verwandlung teilnahm. Natürlich wurden den beiden Sperlingen Brotkrumen gestreut. Denn ihr Dasein scheint ja nur den einen Zweck zu haben, daß die Gutherzigkeit der Menschen sich an ihnen ohne große Unkosten betätigen kann. Brauer wählte den kürzesten Weg zum Futter, und darum flog er sehr niedrig. Mario flog hoch und darum kam er zu spät. Aber er fastete gern, denn er tröstete sich mit der schönen Aussicht, die er von seiner Höhe hatte genießen können. Mario war übrigens ein sehr tüchtiger Angestellter, den man nie anzutreiben brauchte, damit er seine Pflicht tat. Außer den Briefen, die er gemeinsam mit Brauer entwarf, lagen ihm auch zahlreiche Eintragungen und andere Arbeiten von untergeordneter Bedeutung ob, die man im Geschäftsleben mit Recht den Literaten zuweist, weil sie zu nichts anderem zu gebrauchen sind. Auch für diese Arbeiten, die Mario mit großer Gewissenhaftigkeit erledigte, war Brauer ihm dankbar, weil er dadurch mehr Zeit gewann, die Geschäfte zu leiten, wie es sein Wunsch und seine Pflicht war. So wurde er immer geschäftstüchtiger, und der Augenblick mußte kommen, da sein kaufmännisches Wissen Mario mehr nützen konnte, als dessen literarische Talente ihm jemals hatten nützen können. Der andere Freund Marios, der sich bald als sein Feind enthüllen sollte, war ein gewisser Enrico Gaia, Geschäftsreisender von Beruf. In seiner Jugend hatte er eine kurze Zeit versucht, Gedichte zu machen, und damals hatte er sich an Mario angeschlossen, später aber hatte der Geschäftsreisende in ihm den Dichter erdrosselt, während Mario die Mußezeit, die seine Berufstätigkeit ihm ließ, dazu benutzte, sein literarisches Leben in Gestalt von Träumen und Fabeln weiterzuleben. Die Tätigkeit eines Geschäftsreisenden läßt keine Zeit zu dilettantischen Übungen. Erstens deshalb, weil er sein Leben fern von dem Schreibtische, der einzigen Stelle, an der man Verse und Prosa schreiben kann, verbringt. Dann aber auch deshalb, weil er laufen, reisen und reden, vor allem bis zur Erschöpfung reden muß. Vielleicht war es nicht sehr schwer gewesen, Gaias literarische Ader zu unterbinden. So hatte er wohl eine idealistische Periode durchgemacht – was indessen auch bei Sklavenhändlern bisweilen vorgekommen sein soll –, aber von dieser Periode war nicht mehr an ihm hängen geblieben, als von der Larve am geflügelten Insekt. Hätte man ihn zu Pulver zerstampft und dann analysiert, so hätte man in seinem Organismus auch nicht eine einzige Zelle gefunden, deren Bau andere Zwecke verraten hätte, als den, gute Geschäfte zu machen. Mario, ein wenig ungerecht, verzieh ihm eine so radikale Wandlung nicht und dachte: Ein Sperling im Käfig erregt wohl Mitleid aber auch Zorn. Wenn er sich hat fangen lassen, so bedeutet es, daß ihm der Käfig beinahe schon gebührte, und wenn er ihn ertragen konnte, so ist das ein sicherer Beweis, daß er kein anderes Schicksal verdiente. Nun war Gaia aber als Geschäftsreisender sehr geschätzt, und es lag deshalb kein Grund vor, ihn zu verachten. Denn ein guter Geschäftsreisender nützt seiner Familie, der Firma, für die er tätig ist, und sogar dem Lande, in dem er geboren wurde. Seit vielen Jahren hatte er die kleinen Städte Istriens und Dalmatiens bearbeitet, und er konnte sich rühmen, daß das einförmige Provinzleben wenigstens eines gewissen Teils der Bevölkerung (seiner Kunden nämlich) sogleich einen neuen Antrieb erhielt, sobald er sich nur in einer dieser Städte zeigte. Seine treuen Reisebegleiter waren: eine unermüdliche Schwatzlust, ein guter Appetit und ein solider Durst – also die drei wesentlichsten Eigenschaften der Geselligkeit. Für Neckereien schwärmte er wie die alten Toskaner, doch behauptete er, daß seine Späße harmloser wären. Er verließ keinen noch so kleinen Ort, ohne vorher die Person bezeichnet zu haben, über die man sich lustig machen konnte. So blieb er bei seinen Kunden noch lange im Gedächtnis, wenn er fortgereist war, denn sie belustigten sich weiter auf den Spuren, die er hinterließ. Vielleicht war diese Liebe zu derben Scherzen ein Überbleibsel seiner künstlerischen Bestrebungen. Denn der Erfinder solcher Scherze ist wirklich ein Künstler, eine Art Karikaturist, dessen Arbeit deshalb nicht etwa leichter ist, weil er nicht eigentlich arbeitet, sondern so geschickt erfinden und lügen muß, daß der Gefoppte sich selber karikiert. Wohlbedachte Vorbereitungen sind nötig, und auch die Durchführung des Scherzes erfordert peinlichste Sorgfalt. Daher darf man sich nicht wundern, wenn besonders gut gelungene Scherze Unsterblichkeit erlangt haben. Gewiß macht es viel aus, wenn ein Mann wie Shakespeare einen Scherz erzählt, aber man sagt, daß auch schon vor ihm über Jagos kleinen Scherz viel gesprochen wurde. Es mag wohl sein, daß die anderen Scherze Gaias wirklich harmloser waren, als der, von dem hier die Rede ist. In Istrien und Dalmatien sollten seine Scherze dazu dienen, die Geschäfte zu fördern. Der Scherz aber, dem Mario zum Opfer fiel, war von aufrichtigem Haß gefärbt. Ja: Er haßte seinen großen Freund von ganzer Seele. Vielleicht war er sich dessen selber gar nicht einmal bewußt. Vielleicht war er sogar überzeugt, für Mario nichts anderes als aufrichtiges Mitleid zu fühlen. Denn dieser Unglückliche war nicht nur eingebildet, sondern noch dazu ganz ohne Grund, da er doch gar keine Aussicht hatte, es in seiner erbärmlichen Stellung je zu etwas zu bringen. Wenn er von Mario sprach, wußte er seinem Gesicht einen Ausdruck des Bedauerns zu geben, aber seine Lippen verzogen sich dabei in einer Weise, die sich auch wohl als eine Drohung deuten ließ. Er beneidete ihn. Mario lebte im Reiche der Fabeln. Gaia war fleischlichen Gelüsten ergeben. Mario lächelte stets. Auch Gaia lachte viel, aber doch nicht immer. Die Fabel begleitet den Dichter wie ein leuchtender Schatten neben dem dunklen, den der Körper wirft. Die Schwelgerei aber ist etwas Furchtbares, wenn sie dem Menschen wie sein Schatten folgt. Denn sie ist ein Verbrechen gegen den eigenen Organismus, und sie ist – besonders im höheren Alter – von Gewissensqualen begleitet, gegen die das grauenhafte Schicksal des Orestes, der seine Mutter erschlug, noch leicht zu nennen war. Auf die Selbstvorwürfe folgt stets das Bemühen, sie zu entkräften, das Vergehen zu erklären und zu entschuldigen. Man meint dann wohl, daß kein Mensch dem gleichen Schicksal entgehe. Aber wie hätte Gaia wohl gutgläubig behaupten können, daß jeder, der dazu in der Lage ist, sich der Schwelgerei ergibt? Hatte er nicht Mario als lebendes Gegenbeispiel immer vor Augen? Dazu kam die verwünschte Literatur, von der Gaia sich doch völlig frei gemacht zu haben schien, die aber dennoch seine Seele noch immer verdüsterte. Niemand träumt den Traum des Ruhmes ungestraft, und wenn er auch noch so kurz war. Immer wird er ihm nachweinen, und immer wird er den beneiden, der den Traum nicht aufgeben will, ob er gleich niemals zum Ruhme führt. Und daß Mario, der so leicht erröten konnte, seinen Traum nicht fahren ließ, las man leicht in seinen Augen. Er beanspruchte den Platz im Reiche der Literatur, der ihm vorenthalten wurde, und er hatte ihn auch wirklich inne – heimlich zwar, doch darum nicht weniger mit Recht und ohne Einschränkung. Er sagte freilich, er habe seit Jahren nichts mehr geschrieben (was eine Übertreibung war, da er der Geschichten von den Vöglein nicht Erwähnung tat), aber niemand glaubte es ihm, und das genügte, um ihn in aller Augen über seine Umgebung hinaus zu erhöhen. Daher verdiente er Haß und Mißgunst. Und Enrico Gaia verschonte ihn wirklich nicht mit beißendem Spott. Manchmal überrumpelte er ihn auch mit Gesprächen über Geschäfte und die wirtschaftliche Lage. Aber das genügte seiner Rachgier nicht, weil Mario es liebte, selber über seinen Mangel an Geschäftstüchtigkeit zu lachen. Gaia wollte den glücklichen Traum zerstören, der ihm aus den Augen leuchtete, und wenn er ihn dazu blind machen mußte. Sah er Mario mit der Miene des Schriftstellers, der die Dinge und die Menschen mit ewig heiterer und lebendiger Neugier betrachtet, in das Kaffeehaus treten, dann bemerkte er finster: »Da kommt der große Schriftsteller.« Und wirklich hatte Mario das Aussehen und genoß das Glück eines großen Schriftstellers. In den Fabeln spielte Gaia keine Rolle. Eines Tages aber machte Mario die Beobachtung, daß die kleinen Vögel sehr gefräßig sind. An einem Tage verschlingen sie so viele Krümel, daß alle, auf eine Wage gelegt, das Gewicht ihres ganzen Körpers ausmachen würden. Deshalb war es so schwer gewesen, unter den Sperlingen einen zu finden, der Gaia glich. Aber wenigstens waren sie ihm alle in diesem einen Punkte ähnlich. Und Mario entdeckte plötzlich in dieser Ähnlichkeit den Widerspruch, aus dem später wohl einmal eine Fabel werden konnte: »Er ißt wie ein Sperling, aber er fliegt nicht.« Und weiter: »Er fliegt nicht, und er ist sich seiner Furcht bewußt.« Daß er damit Gaia meinte, unterliegt keinem Zweifel. Denn dieser hatte eines Abends, als er einen Freund durch eine Verleumdung beleidigt hatte, mit gewaltigen Sätzen aus dem Kaffeehause fliehen müssen.   IV Der 3. November 1918 war für Triest ein Tag von geschichtlicher Bedeutung und daher für einen Scherz nicht eigentlich gut gewählt. Es war gegen acht Uhr abends. Auf Wunsch Giulios, der von der Landung der Italiener gehört hatte und deshalb in seinem Bett nach weiteren Neuigkeiten hungerte, begab Mario sich nach seinem Kaffeehause, wo er jenes mit Sacharin gesüßte Gepansch zu trinken pflegte, das man als Kaffee anzusehen sich gewöhnt hatte. Von seinen Bekannten fand er dort nur Gaia, der sich auf einem Sofa ausruhte, nachdem er ein paar Stunden auf den Beinen gewesen war. Es läßt sich leider nicht leugnen, daß Gaia wirklich wie der Geist des Bösen aussah. Dabei war er aber keineswegs häßlich. Die weißen Haare des erst Fünfundfünfzigjährigen hatten einen metallischen Glanz, in dem sich das Licht spiegelte, während der Bart, der die schmalen Lippen bedeckte, vollkommen braun war. Gaia war mager und ziemlich klein. Man hätte ihn daher wohl für flink und beweglich halten können, wenn seine Haltung nicht gar so schlecht gewesen wäre, und wenn sein kleiner, schwächlicher Körper nicht die Last eines Bäuchleins hätte tragen müssen, eines Bäuchleins, das in gar keinem Verhältnis zu dem Körper stand und mehr nach unten hing, als es bei Leuten, die ihre Körperfülle der Untätigkeit oder dem Appetit verdanken, der Fall zu sein pflegt. Kurz, es war einer jener Bäuche, die man in Deutschland, wo man es doch wissen muß, der Wirkung des Biers zuschreibt. Seine kleinen schwarzen Augen funkelten von fröhlicher Bosheit und Selbstzufriedenheit. Er hatte die Stimme eines Säufers, und da er den Grundsatz hatte, immer etwas lauter zu sprechen als sein Unterredner, klang sie bisweilen wie ein heiseres Bellen. Er hinkte wie Mephistopheles, aber, im Gegensatz zu diesem, nicht immer auf demselben Bein, da ihn sein Rheuma bald auf der rechten Seite packte, bald auf der linken. Mario war zwar älter als Gaia, aber trotz seines vollkommen weißen Haares machte er mit seinem rosigen, heiteren, frischen Gesicht einen sehr jugendlichen Eindruck, wie es zumeist bei Leuten der Fall ist, die stets ein geordnetes Leben geführt haben. Gaia erzählte aufgeregt von den Erlebnissen des Vormittags. Er sprach mit rednerischer Begeisterung, denn nun war der Augenblick gekommen, wo er seinen Patriotismus, der vor der Ankunft der Italiener nicht sehr groß gewesen war, ein wenig aufblasen mußte. Darauf aber verstand er sich vortrefflich, denn er mußte ja immer bereit sein, sich für jeden beliebigen Gegenstand zu begeistern, sobald es denen, die seine Kunden waren oder werden konnten, so gefiel. Wenn man die Worte, die Mario damals sagte, so viele Jahre später vernimmt, könnte man meinen, daß auch sie nicht frei von Rhetorik waren. Man darf aber nicht vergessen, daß an jenem Tage selbst die Worte – besonders im Munde aller, deren Schicksal es gewesen war, untätig zu bleiben – die Pflicht hatten, kräftig und heroisch einherzuschreiten. Mario versuchte daher, sich der Situation gewachsen zu zeigen, und da fiel ihm begreiflicherweise ein, daß er ein Schriftsteller war. Seine besten Kräfte wurden wach, als er sich der geschichtlichen Bedeutung der Stunde bewußt wurde. Er sagte wörtlich: »Ich wünschte, ich könnte beschreiben, was ich heute fühle.« Und nach kurzem Zögern: »Man müßte die Worte mit einer goldenen Feder auf illuminiertem Pergament aufzeichnen.« Dieser Wunsch ging ins Leere, denn, wie vieles andere, fehlten goldene Federn und illuminierte Pergamente damals in Triest durchaus. Aber Gaia faßte die Sache ganz anders auf, und er geriet in eine richtige Säuferwut. Es schien ihm ungeheuerlich, daß Samigli es wagte, angesichts eines Ereignisses von geschichtlicher Bedeutung seiner eigenen Feder auch nur Erwähnung zu tun. Er preßte die Lippen aufeinander, als wollte er im Munde eine grobe Beleidigung verbergen, die sich dort ganz von selber formte. Dann öffnete er die Faust, die sich ohne sein Wissen geschlossen hatte, während er die rosige Nase des Literaten betrachtete. Aber wirksamer als Worte und wirksamer als die Faust war ein Gedanke, der schon lange in ihm geschlummert und dem nur noch die Reife gefehlt hatte, zu der es sorgsamer Erwägung bedarf, und wie ein Explosivstoff, den ein Zufall in die Nähe des Feuers brachte, entlud sich nun das Unheil über dem Haupte des armen Mario. So machte Gaia die Erfahrung, daß auch ein Scherz improvisiert werden kann wie jedes andere Kunstwerk. Er glaubte freilich nicht an einen Erfolg, und deshalb schickte er sich bereits an, sich selber zu entlarven, nachdem er dem eingebildeten Literaten auf diese Weise seine Verachtung bewiesen hatte. Mario aber hatte so gut angebissen, daß es viele Mühe gekostet hätte, ihn von der Angel wieder zu befreien. Gaia ließ also den Scherz am Leben, da er bedachte, wie wenig Unterhaltung man in Triest doch eigentlich hatte. Man mußte sehen, daß man sich für die gar zu lange Zeit ernster Lebensführung etwas schadlos hielt. Er eröffnete den Angriff mit Ungestüm: »Ich habe ganz vergessen, dir etwas zu sagen. Aber an einem solchen Tage vergißt man ja alles. Weißt du, wen ich in der begeisterten Zuschauermenge gesehen habe? Den Vertreter des Verlages Westermann in Wien. Ich näherte mich ihm, um ihn zu necken. Er, der nicht ein Wort Italienisch spricht, tat nämlich ganz begeistert. Aber statt sich getroffen zu fühlen, sprach er plötzlich von dir. Er fragte mich, wie weit du an den Verleger deines Romans ›Eine Jugend‹ vertraglich gebunden wärest. Wenn ich nicht irre, hast du ihm dein Buch verkauft?« »Keineswegs!« ereiferte sich Mario. »Es gehört mir, mir ganz allein! Ich habe die Druckkosten bis auf den letzten Centesimo bezahlt, und von dem Verleger habe ich nie etwas erhalten.« Der Geschäftsreisende schien dem, was er da hörte, große Bedeutung beizumessen. Er wußte wohl, was für ein Gesicht man machen muß, wenn sich einem plötzlich, ohne daß man etwas ahnte, die Möglichkeit eröffnet, ein gutes Geschäft zu machen. Er machte nämlich mindestens einmal täglich dieses Gesicht. Er krümmte sich zusammen wie ein Bogen, als ob er im nächsten Augenblick los springen wollte. »Dann besteht also die Möglichkeit, den Roman zu verkaufen?« rief er. »Wie schade, daß ich das nicht gewußt habe! Wenn man nun den Deutschen heute noch ausweist? Dann ist es Essig mit dem Geschäft. Denke dir, bloß um mit dir zu verhandeln, ist er nach Triest gekommen!« Mario war empört. Und man muß mit einiger Überraschung feststellen, daß die Empörung sein erstes Gefühl war, als er von seinem unerwarteten Erfolge hörte, während er in den langen Jahren vergeblichen Wartens die Empörung nie kennengelernt hatte. Wie hatte Gaia nur glauben können, daß der Roman ihm nicht mehr gehörte? Wer hatte in all den Jahren jemals gefragt, ob er ihn erwerben könne? Er fühlte einen furchtbaren Zorn, der um so unerträglicher war, weil ihm plötzlich klar wurde, daß er ihn nicht zeigen durfte. Er war nun ganz in Gaias Händen, und er sah ein, daß er ihn nicht beleidigen durfte. Aber der Gedanke schmerzte ihn, daß er sich in den Händen eines Menschen befand, der ihn mit seinem Leichtsinn zugrunde zu richten drohte. Man bedenke, wie die Welt in jenen Tagen völlig aus den Fugen geraten war. Wenn der Vertreter des Verlages in der Menge verschwunden war und nicht von selber wieder auftauchte – was unwahrscheinlich war, da er doch des Glaubens sein mußte, daß ein anderer schon das Geschäft gemacht hatte, das er selber hatte machen wollen –, würde man unmöglich seine Spur wiederfinden können. Niemals hatte die Welt eine solche Menschenmenge in Bewegung gesehen, wie sie sich damals zwischen Triest und Wien an die wenigen Eisenbahnzüge anhängte oder wie ein unendlicher Strom auf den Landstraßen dahinwälzte. Zu dem fliehenden Heere gesellten sich Bürger, die auswanderten oder in ihr Vaterland zurückkehrten, und alle waren unbekannt und namenlos wie Scharen wilder Tiere, die vor dem Feuer oder der Hungersnot fliehen. Nicht einen einzigen Augenblick zweifelte Mario daran, daß Gaias Mitteilung völlig auf Wahrheit beruhte. Da sein Roman jeden Abend im Zimmer seines Bruders Triumphe feierte, mußte er um so eher zur Leichtgläubigkeit geneigt sein. Und als er, viel später, von dem Komplott erfuhr, das zu seinem Schaden angezettelt worden war, entwarf er, um seine Gutgläubigkeit vor sich selber zu entschuldigen, jene Fabel, in der erzählt wird, daß viele Vögel umkamen, weil zwei Menschen sich an demselben Orte niederließen, von denen der eine gut und mildtätig, der andere aber schlecht war. Zuerst streute der gute Mensch den Vögeln eine lange Zeit Brot, dann aber kam der schlechte Mensch mit seinem Vogelleim – genau so, wie es in einem kleinen Buch beschrieben wird, das mit wissenschaftlicher Gründlichkeit lehrt, den Gefiederten Fallen zu stellen. Natürlich werden wir es hier nicht nennen. Gaia verstand es meisterhaft, sich Marios Seelenzustand, der sich vor ihm hüllenlos zeigte, zunutze zu machen. Wenn er sich aber für sehr schlau hielt, so irrte er sich. Er war nicht schlauer als ein ganz gewöhnlicher Jäger, der die Gewohnheiten des zu jagenden Wildes kennt. Vielleicht übertrieb er sogar in dem Bestreben, recht schlau zu Werke zu gehen. Bevor er sich auf die Suche nach jener so überaus wichtigen Persönlichkeit machte, die vielleicht schon im Begriff war, Triest zu verlassen, verlangte er von Mario eine schriftliche Erklärung, in der ihm eine Provision von fünf Prozent zugesichert wurde. Mario fand die Forderung angemessen, aber da man warten mußte, bis der langsame Kellner die Feder und das Papier herbeigeschafft hatte, schlug er, um nur ja keine Zeit zu verlieren, Gaia vor, sofort aufzubrechen. Er würde inzwischen die Erklärung aufsetzen und sie ihm am nächsten Tage aushändigen. Aber Gaia war damit nicht einverstanden. Um sicher zu gehen, müßte man Geschäfte ordnungsgemäß abschließen. So wurde die Erklärung denn mit aller erdenklichen Sorgfalt aufgesetzt. Mario verpflichtete sich und seine Rechtsnachfolger, Gaia die Provision für jeden Betrag zu zahlen, der ihm für jetzt oder in Zukunft von dem Verlage Westermann zukommen würde. Aus freien Stücken fügte Mario noch einen Ausdruck seiner Dankbarkeit hinzu, der aber eine Lüge war, da nur der Wunsch, seinen Groll zu verbergen, ihn dazu veranlaßte. Denn erstens und vor allem zürnte er Gaia wegen der Leichtfertigkeit, mit der er seine Interessen gefährdet hatte, und zweitens grollte er ihm – wenn auch bei weitem nicht in gleichem Maße – wegen des Mißtrauens, das er gezeigt hatte, als er auf einer sofortigen Aushändigung der Erklärung bestand. Nun hatte es plötzlich auch Gaia sehr eilig, und er rannte fort, da er das dringende Verlangen spürte, sich endlich einmal ordentlich auszulachen. Mario hätte ihm gern beim Suchen geholfen, um die qualvolle Zeit des Wartens abzukürzen, aber Gaia wünschte es nicht. Zuerst mußte er im Geschäft vorsprechen, dann wollte er zu einem Kunden laufen, um von ihm vielleicht die Adresse des Deutschen zu erfahren, und schließlich wollte er einen gewissen Ort aufsuchen, an den ihn der keusche Mario zweifellos nicht würde begleiten wollen, wo er aber den Deutschen sicher finden würde, wenn er Triest noch nicht verlassen hätte. Bevor er sich von Mario trennte, suchte er ihn wieder heiter zu stimmen, indem er ihm bewies, daß der Fehler, den er gemacht hätte, nicht von Belang wäre. Es fiele ihm eben ein, erklärte er, daß der Vertreter Westermanns zwar deutsche Eltern habe, daß er selber aber in Istrien geboren sei. Er sei also auf Grund seiner Geburt italienischer Staatsangehöriger geworden und könne daher nicht ausgewiesen werden. Dies war das einzigemal im Verlaufe der ganzen Angelegenheit, daß Gaia zeigte, wie gerissen er war. Er hatte nämlich wohl gemerkt, daß Mario sehr böse war, und dieser Augenblick schien ihm wenig geeignet, ihn nutzlos zu reizen. Als Mario daher das Kaffeehaus verließ und in die dunkle Nacht hinaustrat, zweifelte er nicht mehr an seinem sicheren Erfolge. Das wäre nicht der Fall gewesen, wenn er noch Grund gehabt hätte zu fürchten, daß der Deutsche vielleicht gezwungen worden wäre, Triest zu verlassen. Er atmete die kühle Nachtluft in vollen Zügen ein, und noch nie hatte sie ihn so köstlich gedünkt. Er versuchte die große Aufregung, die ihm den Atem benahm, etwas herabzumindern und bemühte sich, das ganze Abenteuer als etwas gar nicht so Ungewöhnliches zu betrachten. Er verdiente einfach den Erfolg, und daß er ihm nun zufiel, war doch die natürlichste Sache auf der Welt. Sonderbar war nur, daß er ihm nicht schon früher zugefallen war. Die ganze Literaturgeschichte war ja voll von berühmten Männern, die doch nicht etwa schon von Geburt an berühmt gewesen waren. Eines Tages war der wirklich bedeutende Kritiker (weißer Bart, hohe Stirn, durchdringender Blick) gekommen, oder auch ein gerissener Geschäftsmann, ein Gaia etwa, der doch schließlich etwas bedeutender war als ein Brauer – da dieser durch die jahrelange Tätigkeit in abhängiger Stellung zu schwerfällig geworden war, um schöpferisch wirken zu können –, und plötzlich waren sie berühmt. Denn es genügt nicht, daß ein Schriftsteller den Ruhm verdient. Wenn er berühmt werden will, ist er auf die Mithilfe eines oder mehrerer anderer angewiesen, die ihren Einfluß auf die stumpfe Masse geltend machen. Diese liest dann, was die andern ihr ausgewählt und empfohlen haben. Das ist zwar etwas lächerlich, läßt sich aber nicht ändern. Es kommt auch vor, daß der Kritiker von dem Handwerk anderer Leute nichts versteht und der Verleger (der Geschäftsmann) nichts von seinem eigenen. Das Ergebnis ist das gleiche. Wenn aber beide sich verbünden, ist das Glück des Autors, auch wenn er es nicht verdient, für längere oder kürzere Zeit gemacht. Mario war einsichtig genug, die Dinge so zu sehen, weniger Einsicht aber bewies er, als er ruhig hinzufügte: »Es ist nur gut, daß die Dinge in meinem Falle denn doch ein wenig anders liegen.« Weshalb war zu ihm der Geschäftsmann und nicht der Kritiker gekommen? Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß sicher ein Kritiker Westermann zu diesem Geschäft geraten hatte. Und solange der Scherz dauerte, träumte er von diesem Kritiker. Er versuchte, sich sein Äußeres und seinen Charakter vorzustellen. Er überhäufte ihn dergestalt mit guten und schlechten Eigenschaften, daß er über das Maß gewöhnlicher Sterblicher weit hinauswuchs. Sicher war er keiner von jenen Kritikern, die in die eigene Person verliebt sind, und die, wie man es häufig findet, beim Lesen den Schatten der eigenen mißgestalteten Nase auf jede Seite fallen lassen. Er schwatzte nicht. Er handelte. Und das war doch sicher bemerkenswert bei einem Manne, dessen ganze Tätigkeit darin bestand, daß er über das, was andere gesagt hatten, seine Meinung kundtat. Er konnte sein Urteil mit einer größeren Sicherheit abgeben als die gewöhnlichen Kritiker, denn ihm konnte nur ein einziger (allerdings schwerer) Fehler unterlaufen, während sich mit den Irrtümern der andern mehrere Spalten einer Zeitung anfüllen ließen. Er war eine Macht! Er war das ästhetische Gewissen des Verlegers, sein immer offenes Auge, das ihn davor behüten sollte, etwa unechte Steine als echte zu kaufen, wie es wohl – nach Ansicht Marios, der davon nichts verstand – den Juwelieren ergehen mochte. Und dabei war er ohne Leidenschaft, wie eine Maschine, die nur eine einzige Bewegung kennt. In seiner Hand erlangte das Werk einen Kaufwert und weiter nichts. Es wurde zu einer toten Ware, die durch die Hände eines Zwischenhändlers geht und dabei nur eine Summe Geldes hinterläßt. Es löste keine Empfindungen aus. Es wurde ergriffen, gemessen und gewogen, in andere Hände weitergegeben und vergessen, damit es nicht etwa die Arbeit der Maschine störte, die sich sofort wieder in Bewegung setzte. Nachdem der Kritiker Samiglis Roman gelesen hatte, war er zu Westermann gegangen und hatte zu ihm gesagt: »Hier ist etwas für Sie. Ich empfehle Ihnen, sofort an Ihren Vertreter in Triest zu telegraphieren, daß er das Buch zu jedem Preis erwirbt.« Damit war seine Arbeit getan. Und doch hätte es ihn so wenig Mühe gekostet, Samigli eine Postkarte zu schicken und ihm die klugen Worte zu sagen, die er allein zu sagen wußte! So, genau so war der beste Kritiker der Welt beschaffen. Ob es wohl überhaupt der Mühe lohnte, Bücher zu schreiben, nur damit ein solches Ungeheuer auf der Welt existieren konnte? Man kann deshalb wohl sagen, daß Gaias Scherz eine große Bedeutung zu erlangen drohte, da er gleich von Anfang an das Aussehen der Welt verfälschte. Und als Mario seinen Irrtum einsehen mußte, ließ er in einer Fabel seinen ganzen Zorn an dem Kritiker aus, den seine Phantasie geschaffen, dem einzigen Kritiker, den er hätte lieben können. Es traf sich, daß ein hungriger Sperling eines Tages viele Brotkrumen fand. Er glaubte, sie der Freigebigkeit des größten Tieres zu verdanken, das er je gesehen hatte. Es war ein mächtiger Ochse, der auf einer Wiese in seiner Nähe weidete. Der Ochse wurde geschlachtet, das Brot blieb fort, und der Sperling beweinte seinen Wohltäter. Aus dieser Fabel kann man lernen, wohin der Haß führt. Aus sich selber machte er einen dummen und blinden Sperling, nur um aus dem Kritiker ein großes, plumpes Tier machen zu können! Mario war von seinem Erfolge so überzeugt, daß er einen Entschluß faßte, der letzten Endes dazu diente, die Wirkung des Scherzes abzuschwächen. Vorläufig wollte er niemand etwas von dem Glück, das ihm widerfahren war, verraten. Das Erscheinen seines Buches in deutscher Sprache würde, meinte er, in der Stadt und im ganzen Lande nur um so größere Verwunderung erregen, wenn es unerwartet käme. Und ihm, der so viele Jahre auf den Erfolg gewartet hatte, konnte es sicher nicht schwer fallen, noch einige Zeit länger zu warten. Giulio äußerte anfangs einigen Zweifel an der Wahrheit der Mitteilung Gaias. Da er aber unwillkürlich bei jeder überraschenden Neuigkeit einen Zweifel zu äußern pflegte, legte er ihm selber keine Bedeutung bei, und als er sah, daß er der Freude seines Bruders damit Abbruch tat, beeilte er sich, ihn selbst aus seinen Gedanken zu verbannen. Er kannte ja Gaia nicht, und deshalb war sein Zweifel natürlich völlig unbegründet. Seine lebhaften Augen lugten unter der Nachthaube hervor und erlabten sich an Marios Glück. Neuigkeiten pflegten ihn sonst aufzuregen, und er glaubte nicht, daß sie seiner Gesundheit zuträglich wären, aber er mußte doch die Freude des Bruders teilen. Als Mario indessen von ihrem künftigen Reichtum sprach, vermochte er die Bedeutung dieses Wechsels nicht recht einzusehen. Wärmer als jetzt würde sein Bett auch nicht sein, und wenn sie sich erlesenere Speisen leisten könnten, würde die Versuchung, mehr zu essen, als seiner Gesundheit dienlich war, nur um so größer sein. Für ihn war schon der erste Abend sehr viel weniger angenehm als die früheren. Jetzt, wo der Roman wieder zum Leben erwacht war, rief er Marios beunruhigende Kritik hervor. Jeden Augenblick unterbrach sich der Vorleser, um zu fragen: »Könnte man das nicht besser anders ausdrücken?« Und er schlug neue Worte vor und verlangte, daß der arme Giulio ihm bei der Entscheidung helfen sollte. Es kam zu keinen gewaltsamen Ausbrüchen, aber es genügte doch, um der Lektüre den Charakter des Schlummerliedes zu nehmen. Um auf Marios Fragen zu antworten, riß Giulio zwei oder dreimal die Augen groß und erschrocken auf, als wollte er beweisen, daß er die Worte wohl hörte, die an ihn gerichtet waren. Dann hatte er einen Einfall, der ihm für diesen Abend den Schlaf sicherte. »Mir scheint,« murmelte er, »daß man niemals an einer Sache etwas ändern sollte, die so, wie sie ist, Erfolg hat. Wenn du an deinem Roman etwas änderst, wird Westermann ihn vielleicht nicht mehr haben wollen.« Dieser Einfall war ebenso gut, wie es jener andere gewesen war, der so viele Jahre seinen Schlaf geschützt hatte. An diesem Abend jedenfalls war die Wirkung vollkommen. Mario verließ das Zimmer, aber er war weniger aufmerksam als sonst, und er schlug die Tür so heftig zu, daß der arme Kranke in seinem Bett in die Höhe fuhr. Mario meinte, Giulio stünde ihm nicht so zur Seite, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Ließ er ihn denn nicht allein mit seinem Erfolge, der, beunruhigender als eine Drohung, fast in greifbarer Nähe lag? Er ging zu Bett, aber der Dämmerzustand, der dem Schlummer vorausgeht, war an diesem Abend fürchterlich. Er mußte es mit ansehen, wie sein Erfolg, in Gestalt des Vertreters Westermanns, weit, weit nach Norden geschleppt und dann von einer bestialischen Menge ermordet wurde. Welch fürchterliches Schauspiel! Mario mußte das Licht wieder anzünden, und da fiel ihm glücklicherweise ein, daß wohl der Vertreter Westermanns sterben konnte, nicht aber Westermann selbst, denn der war ja eine Aktiengesellschaft, über die der physische Tod keine Macht hatte. Als das Licht wieder brannte, suchte Mario seine Empfindungen in einer Fabel zum Ausdruck zu bringen. Indem er bedachte, wie töricht er doch eigentlich war, daß er sich nicht still seines Glückes freuen konnte, sagte er zu den Sperlingen: »Da ihr nicht für die Zukunft sorgt, wißt ihr offenbar auch nichts von dieser Zukunft. Wie könnt ihr aber fröhlich sein, wenn ihr doch nichts erwartet?« Er selber glaubte vor übergroßer Freude nicht schlafen zu können. Aber die Vöglein waren besser unterrichtet: »Wir leben für die Gegenwart«, sagten sie. »Bist du, der du für die Zukunft lebst, vielleicht fröhlicher?« Mario gab zu, die Frage falsch gestellt zu haben, und er nahm sich vor, zu passenderer Zeit eine neue Fabel zu schreiben, in der er seine Überlegenheit über die Vöglein schon beweisen würde. Mit einer Fabel kann man alles ausdrücken, was man will, wenn man nur zu wollen weiß. Als Mario am nächsten Tage Brauer sein Abenteuer erzählte, zeigte dieser sich überrascht, da er aber wußte, daß es Waren gibt, die plötzlich, von einem Tag zum andern im Werte steigen, nachdem man sie nicht nur vierzig Jahre sondern ganze Jahrhunderte gering geachtet hatte, fand er sich schnell damit ab. Von der Literatur verstand er zwar nicht viel, aber er wußte wohl, daß sie sich mitunter – wenngleich sehr selten – bezahlt macht. Ein Gedanke aber machte ihn besorgt: »Wenn du nun in der Literatur dein Glück machst, wirst du wohl deine Stellung hier aufgeben?« Mario bemerkte bescheiden, er glaube nicht, daß sein Roman ihm ein gesichertes Leben verschaffen könne. »Allerdings«, fügte er, nicht frei von Hoffart hinzu, »werde ich verlangen, daß man mir eine Stellung gibt, die meinem Werte besser entspricht.« In Wahrheit dachte er gar nicht daran, eine Stellung aufzugeben, die so wenig beschwerlich war, aber die Herren Literaten lieben es, gewisse Worte zu sagen. Das gilt ihnen als eine Art Ersatz für die Unterbewertung ihrer Leistung. In diesem Augenblick wurde Mario ein Brief von Gaia gebracht, in dem dieser ihn einlud, sich Punkt elf Uhr im Café Tommaso einzustellen. Der Vertreter Westermanns war gefunden. Mario machte sich sofort auf den Weg, doch vergaß er trotz seiner Eile nicht, Brauer zu bitten, er möchte die Neuigkeit noch nicht weiterverbreiten.   V Gaia, Mario und der Vertreter Westermanns waren so pünktlich, daß sie gleichzeitig vor dem Kaffeehaus eintrafen. Sie hielten sich aber ziemlich lange an der Tür auf, weil die Sprachverwirrung vom Turmbau zu Babel sich hier im kleinen wiederholte. Mario konnte nur zwei oder drei Worte deutsch sprechen, und die benutzte er dazu, seine Freude zum Ausdruck zu bringen, daß er die Bekanntschaft des Vertreters einer so bedeutenden Firma machen dürfe. Der andere sagte mehr, viel mehr, aber wenn er gleich deutsch sprach, ging doch nur ein Teil seiner Worte verloren, da Gaia emsig übersetzte: »Die Ehre, kennenzulernen ... der Vorzug, verhandeln zu dürfen ... das hervorragende Werk, das sein Chef um jeden Preis erwerben wolle ...« Auch Gaia sprach, ziemlich plump und geradezu, einige Worte, die er sogleich übersetzte: Er hätte erklärt, Westermann könne den Roman haben, sobald er ihn bezahlt hätte. Es handele sich um ein Geschäft und nicht um Literatur. Als er das Wort »Literatur« aussprach, machte er eine verächtliche Grimasse. Das war sehr unklug. Denn weshalb redete er von der Literatur verächtlich, wenn es der Wahrheit entsprach, daß sie sich hier in ein gutes Geschäft verwandelte? Aber Gaia behandelte die Literatur verächtlich, um dem Literaten eins versetzen zu können, wobei er ganz vergessen zu haben schien, daß er ihm um des Scherzes willen alle Ehre hätte erweisen sollen. Und im Laufe des Gesprächs vergaß er sich einmal so weit, daß er zu Mario sagte: »Schweig du nur still, du verstehst ja doch nichts davon.« Mario erhob keinen Einspruch, denn Gaia wollte offenbar nur seine Unwissenheit in geschäftlichen Dingen bemängeln. Gaia hatte es bald satt, vor der Tür stehenzubleiben. Die Luft war feucht und nebelig, bevor sie von dem Borasturm gereinigt wurde, der die hochgespannte Stimmung jener geschichtlichen Tage stark beeinträchtigen sollte. Er stieß die Tür auf, und unter lautem Gelächter trat er, hinkend, ohne sich weiter mit Förmlichkeiten aufzuhalten, als erster ein. Die beiden andern machten noch einige Komplimente, bevor sie sich entschlossen, die Schwelle zu überschreiten, und so hatte Mario Zeit, diese wichtige Persönlichkeit zu studieren, die er zum ersten Male sah. Er sollte sie nie wieder sehen, aber sie prägte sich für immer seinem Gedächtnis ein. In der ersten Zeit erinnerte er sich des Deutschen als einer außerordentlich komischen Persönlichkeit, die in Anbetracht des bedeutenden Auftrages, den man ihr erteilt hatte, nur um so komischer wirkte. Später änderte sich das Bild seiner Erinnerung nicht wesentlich. Die Persönlichkeit des Unterhändlers blieb lächerlich, aber seine Minderwertigkeit wurde ihm selber zu einem schmerzlichen Vorwurf, weil er sich von einem solchen Menschen hatte mit Füßen treten und mißhandeln lassen. Der Gedanke, daß eine solche Hand ihn geschlagen hatte, träufelte Gift in seine Wunden. Mario war sicher kein schlechter Beobachter, aber leider pflegte er die Menschen mit den Augen des Schriftstellers zu betrachten, und da er wohl genau beobachten konnte, die Beobachtungen aber sogleich mit Begriffen verknüpfte und so von Grund aus veränderte, machte es keine große Mühe, ihn zu täuschen. Einem Manne, der das Leben ein wenig kennt, fehlt es nie an Begriffen, weil sich dieselben Formen und Farben bei den verschiedensten Dingen finden, die nur der Literat vollzählig in seinem Gedächtnis bewahrt. Der Vertreter Westermanns war ein kleines, wohlbeleibtes Männchen. Statt aber wenigstens jene gemessene Würde zur Schau zu tragen, die eine wohlproportionierte Fülle von Fleisch und Fett verleiht, machte er einen durchaus plumpen Eindruck, da er mit einem Unterleib behaftet war, dessen übermäßige Entwicklung sich sogar in seinem Pelz verriet. In dieser Hinsicht hatte er mit Gaia Ähnlichkeit. Sein Pelz, den ein wertvoller Kragen aus Seehundfell krönte, war das Bemerkenswerteste an dem ganzen Individuum und jedenfalls sehr viel eindrucksvoller als die Jacke und die blanknähtigen Hosen, die manchmal sichtbar wurden. Er legte seinen Pelz nie ab, und wenn er ihn einmal öffnen mußte, um an eine Tasche zu gelangen, die sich auf der Innenseite befand, trug er stets Sorge, ihn sogleich wieder zuzuknöpfen. Der hohe Halskragen rahmte sein schmales Gesicht ein, das einen kurzen Backenbart und einen spärlichen rotblonden Schnurrbart trug, während der Schädel vollkommen kahl war. Noch etwas anderes fiel Mario auf: der Deutsche hatte, in seinen Pelz vergraben, eine so steife Haltung, daß jede Bewegung, die er machte, eckig erschien. Er war häßlicher als Gaia, aber Mario wunderte sich nicht darüber, daß er ihm ähnlich sah. Warum sollte auch ein Mann, der mit Büchern handelte, nicht einem Weinreisenden ähnlich sein? Auch der Handel mit Wein setzt ja etwas Kostbares voraus, ohne das er nicht bestehen könnte: den Weinberg und die Sonne. Was aber die Gravität betraf, mit der dieser Pelz spazierengeführt wurde, so konnte man leicht erraten, weshalb ein Mann vom Schlage Gaias sie anzunehmen für nötig befand. Mario kam nicht auf den Gedanken, daß die angenommene Starrheit nur dazu dienen sollte, einen gebieterischen Lachreiz zu unterdrücken, vielmehr erinnerte er sich, daß die steife Würde jener Menschengattung, den Geschäftsreisenden, eigentümlich ist, da sie etwas scheinen wollen, was sie nicht sind, und da sie ihr wahres Ich verraten würden, wenn sie sich nicht sorgfältig überwachten. Alle diese Gedanken kamen Mario nicht ohne eine gewisse Anstrengung. Es schien, als wollte er helfen, das Gelingen des Scherzes zu erleichtern. Er dachte auch darüber nach, weshalb wohl nicht nur der Kritiker des Verlages Westermann, sondern auch der große Geschäftsmann selber zu Hause geblieben war. Aber er sagte sich, daß das Reisen damals sehr beschwerlich war, und daß schließlich ein solcher Kerl, ein Freund Gaias, genügte, um ein derartiges Geschäft zu Ende zu führen. Als sie in dem Kaffeehause, das zu dieser Stunde wenig besucht war, an einem Tischchen Platz genommen hatten, erwies sich die babylonische Sprachverwirrung als recht hinderlich. Der Vertreter Westermanns versuchte etwas auf italienisch zu erklären, aber es gelang ihm nicht. Gaia vermittelte: »Er wünscht eine ausdrückliche Bestätigung, daß ich die Befugnis habe, statt deiner zu verhandeln. Ich könnte mich durch sein Mißtrauen beleidigt fühlen, aber Geschäft ist schließlich Geschäft. Übrigens bist du ja auch zugegen, aber er sagt, er versteht dich nicht.« Mario versicherte auf italienisch, daß er sich durch das, was Gaia ausmache, gebunden fühle. Er sagte es langsam und Silbe für Silbe, und der Deutsche erklärte, ihn verstanden zu haben und zufrieden zu sein. Gaia schenkte den Kaffee ein, während der Vertreter Westermanns aus seiner Brieftasche mehrere Foliobogen zog. Es war der Vertrag, der schon in zweifacher Ausfertigung aufgesetzt war. Er breitete ihn auf dem Tisch aus und beugte sich mit dem ganzen Oberkörper darüber. Mario dachte: »Leidet der Ärmste denn auch noch am Hexenschuß?« Gaia hatte es eilig. Er riß dem andern die Papiere aus der Hand und begann, Mario den Vertrag zu übersetzen. Er überschlug viele Klauseln, die, wie er sagte, bei allen Verträgen der großen Verlagsfirma üblich wären, und betonte dafür alle Vorteile, die er Mario durch diesen Vertrag verschafft hätte. Er gebrauchte dieselben Worte, die er gebraucht haben würde, wenn es sich nicht um ein Scheingeschäft gehandelt hätte: »Du wirst einsehen, daß ich mir meine Provision ehrlich verdient habe. Die ganze Nacht habe ich mit diesem Herrn verhandelt.« Und er versagte es sich nicht, noch schnell ein wenig von dem Gift zu verspritzen, mit dem er durchsättigt war. »Wenn ich dir nicht geholfen hätte, hättest du nichts zuwege gebracht.« Auf Grund dieses Vertrages sollte Westermann Mario zweihunderttausend Kronen bezahlen und damit das Recht erwerben, in der ganzen Welt Übersetzungen des Romanes zu veröffentlichen. »Für Italien behältst du alle Rechte. Ich habe es für gut befunden, dir diese Rechte vorzubehalten, denn man kann nicht wissen, welchen Wert der Roman in Italien erlangt, wenn man erfährt, daß er in alle Sprachen übertragen wurde.« Um keinen Zweifel zu lassen, wiederholte er: »Italien bleibt dir vorbehalten – ausschließlich.« Und dabei verzog er keine Miene. Sein Gesicht schien geradezu erstarrt, wie das Gesicht eines Mannes, der gespannt auf Zustimmung und Beifall wartet. Mario dankte ihm aus überströmendem Herzen. Er glaubte zu träumen. Am liebsten hätte er Gaia umarmt – nicht weil er ihm Italien geschenkt hatte, sondern weil er voraussah, daß der Roman bald auch in Italien seinen Platz an der Sonne erobern würde. Er machte sich Vorwürfe wegen der instinktiven Abneigung, die er immer für ihn gefühlt hatte, und versuchte sich klarzumachen, daß er ihn nun lieben müßte: »Er ist mehr als gut, er ist gefällig. Natürlich verdient auch er bei der Geschichte, aber ich verdiene doch unvergleichlich viel mehr, und es ist hübsch von ihm, zu zeigen, daß er mir das gönnt.« Doch da fiel ihm ein, welche Angst er in der Nacht ausgestanden hatte. Er legte Gaia freundschaftlich die Hand auf den Arm und schlug vor, in den Vertrag eine Klausel einzufügen, die Westermann verpflichtete, den Roman wenigstens in deutscher Sprache noch im Laufe des Jahres 1919 zu veröffentlichen. Der arme Mario hatte es eilig, und er wäre gern bereit gewesen, einen Teil der zweihunderttausend Kronen zu opfern, wenn er damit seinen großen Erfolg hätte beschleunigen können. »Ich bin nicht mehr so jung«, sagte er, um sich zu entschuldigen, »und ich möchte gern meinen Roman übersetzt sehen, ehe ich sterbe.« Gaia war empört. In gleichem Maße, wie Marios Zuneigung zu ihm wuchs, wurde seine Verachtung für ihn immer größer. Wie eingebildet mußte dieser Mensch doch sein, wenn er über das Anerbieten, das man ihm für seinen lumpigen und völlig wertlosen Roman machte, noch lange verhandeln wollte! Aber wie es ihm gelungen war, sein Lachen zu verbergen, so unterdrückte er nun auch – obwohl es ihm nicht minder schwer wurde – jede Andeutung seiner Verachtung, und er wäre auch, um später desto besser lachen zu können, gern bereit gewesen, die gewünschte Klausel in den Vertrag einzufügen, leider aber war auf jenen Blättern – die in Wirklichkeit einen Vertrag über den Transport von Wein in Eisenbahntankwagen enthielten – gar kein freier Platz zu finden, und dann schien es ihm auch ganz unmöglich, vor Marios Augen zu arbeiten oder so zu tun, als ob er arbeite, während er bei der Anstrengung, sein Lachen zu unterdrücken, beinahe erstickte. Gaia zögerte einen Augenblick und kratzte sich erst an der Nase, dann an der Stirn und schließlich am Kinn, um sein Gesicht hinter der Hand zu verbergen (vielleicht beherrschte er die Kunst, immer nur mit einem Teile seines Gesichts zu lachen). Dann räusperte er sich und begann, von Bosheit geladen, Marios Verlangen ernsthaft zu erörtern. Zuerst meinte er, Westermann würde vielleicht über eine solche Forderung verdrießlich werden. Als Mario aber sein Gesicht schmerzlich verzog, weil man ihm eine Bitte abschlug, deren Erfüllung doch Westermann in keiner Weise benachteiligen konnte, während sie für ihn eine so große Beruhigung bedeutete, kam ihm ein glänzender Gedanke: »Glaubst du denn nicht, daß ein Mann, der zweihunderttausend Kronen bezahlt, allen Grund hat, das Buch möglichst bald herauszubringen, damit sein Geld Zinsen trägt?« Mario sah wohl ein, daß dieses Argument nicht schlecht war, aber sein Verlangen war so heftig, daß kein Argument auf der ganzen Welt imstande gewesen wäre, ihn zufriedenzustellen. Er sollte immer noch warten? Und was sollte er die ganze Zeit anfangen? Fabeln schreibt man nur an Tagen, die reich an Überraschungen sind. Das Warten aber ist nur ein einziges Erlebnis – vielmehr Unglück – und kann daher auch nur eine einzige Fabel erzeugen. Und die hatte er schon geschrieben. Es war die Geschichte von dem Sperling, der vor Hunger starb, weil er immer an derselben Stelle auf Brot wartete, wo er zufällig einmal welches gefunden hatte: Ein Beispiel von Freßgier in Verbindung mit Trägheit, wie es sich öfter in den Fabeln findet. Mario überlegte. Er suchte vergeblich nach einem – nicht zu starken – Ausdruck, der energisch genug die Dringlichkeit seines Wunsches kundtun konnte. So wurden die Verhandlungen denn für einen Augenblick unterbrochen. Gaia nippte an seinem Kaffee und wartete auf Marios Einwilligung, die offenbar nicht ausbleiben konnte. Mario aber betrachtete die kahle Platte des Deutschen, der seine lange, schmale Nase, auf der die Brille zitterte, in den Vertrag bohrte und ihn aufmerksam zu studieren schien. Weshalb zitterte wohl seine Brille? Vielleicht weil seine Nase von Wort zu Wort hüpfte, um zu prüfen, ob Marios Wunsch nicht etwa im Vertrage schon befriedigt war. Die Glatze, die ihm wie ein stummes, blindes und nasenloses Gesicht zugewandt war, sah so ernsthaft aus, weil ihr die Organe zum Lachen fehlten. Ja, sie zeigte mit ihrer rötlichen Haut, die hier und da ein hellblondes Härchen aufwies, einen geradezu trübsinnigen Ausdruck. »Schließlich«, dachte Mario, »wird es das beste sein, ich gedulde mich. Sobald ich das Geld erhalten habe, kann ich ja meinen Erfolg bekanntmachen. Das ist so gut, als wäre das Buch schon übersetzt.« In sein Schicksal ergeben, schickte er sich an, den Vertrag mit dem Füllfederhalter zu unterzeichnen, den Gaia ihm reichte. Gaia aber erhob abwehrend seine Hand: »Erst das Geld, dann die Unterschrift!« Er redete eifrig auf den Deutschen ein, der sogleich die Hand in seine geräumige Brusttasche versenkte, die Brieftasche herauszog, die Nase hineinsteckte und schließlich ein Papier zum Vorschein brachte, das wie eine Bankanweisung aussah. Als er das Papier Gaia hinreichte, machte er den Fehler, ihm dabei in das Gesicht zu blicken. Zwei Leute, die beide in Gefahr sind, in Heiterkeit auszubrechen, dürfen sich nicht ansehen, denn sonst summiert sich ihre Schwäche und das Gelächter entlädt sich mit explosiver Gewalt. Die steife Haltung des Deutschen war keine üble Politik gewesen, Gaia aber, den die Selbstbeherrschung, die er bisher bewiesen, übermütig gemacht hatte, glaubte noch zu einer weiteren Verstellung fähig zu sein, indem er, dem Anschein nach sehr aufgeregt, von dem Deutschen sofortige Bezahlung verlangte. Nun ist der Mensch wohl zu einer jeden Heuchelei fähig, aber er kann nicht mehrere Affekte auf einmal heucheln. Dieses Bemühen überstieg denn auch Gaias Kräfte, und das zurückgedrängte Lachen entlud sich nun so gewaltsam, daß es ihn fast von seinem Stuhle geworfen hätte. Der Vertreter Westermanns wurde sofort angesteckt und drohte in seinem Pelze zu ersticken. Sie schüttelten sich beide vor Lachen und warfen sich gleichzeitig kräftige deutsche Schimpfwörter an den Kopf. Mario blickte sie ratlos an und bemühte sich vergeblich zu lächeln, um sich ihnen anzupassen. Doch schließlich fühlte er sich gekränkt, weil eine solche Angelegenheit in dieser albernen Weise behandelt wurde. Nicht nur das edle Werk, das er geschaffen, selbst der edle Wein, den diese Krämerseelen tranken, war entweiht. Endlich gelang es Gaia, seine Fassung wiederzugewinnen, und er bemühte sich nun, den Fehler wiedergutzumachen. Er entnahm der Brieftasche des Deutschen ein anderes Papier, das der Bankanweisung sehr ähnlich sah. Oft von einem Lachen unterbrochen, das sich jetzt als nützlich erwies, weil es ihm die Zeit verschaffte, die er brauchte, um eine Ausrede zu ersinnen, stammelte er, der Deutsche hätte ihm beinahe statt der Bankanweisung ein Zettelchen gegeben, das er von jenem gewissen Orte mitgebracht hätte, den dieses Ferkel, wie Mario ja schon wüßte, jeden Tag zu besuchen pflegte. Die Ausrede war recht ungeschickt, aber Gaia war in der Eile nichts Besseres eingefallen, und zu seiner großen Überraschung schien Mario mit dieser Erklärung zufrieden. »So rächt sich die Keuschheit«, dachte Gaia. Mario aber war nur deshalb zufrieden, weil er wünschte, man möchte wieder ernsthaft werden und auch, weil er den ärgerlichen Zwischenfall möglichst schnell vergessen wollte. Der Schriftsteller ist es gewohnt, Redewendungen, die ihm nicht mehr gefallen, einfach auszustreichen, und daher ist er auch geneigt, Ausstreichungen anzunehmen, die andere für nötig erachten. Wohl schildert er die Wirklichkeit, aber alles, was zu seinem Bilde von der Wirklichkeit nicht passen will, löscht er kurz entschlossen aus. Und das tat Mario auch in diesem Fall. Aus Höflichkeit gab er sich zwar den Anschein, als betrachte er das Papier, das Gaia immer noch in der Hand hielt, doch nicht aufmerksamer, als man einen Unbekannten betrachtet, der einem zufällig auf dem Bürgersteig begegnet und einen für einen kurzen Augenblick hindert weiterzugehen. Mario unterzeichnete also die beiden Ausfertigungen des Vertrages. Die eine sollte er in einigen Tagen, mit der Unterschrift des Verlegers versehen, zurückerhalten. Inzwischen aber erhielt er die Bankanweisung, die, wie Gaia erklärte, Geldeswert besaß. Es war ein von der Firma Westermann auf Ordre Marios ausgestellter Wechsel auf Sicht auf eine Wiener Bank. Als sie das Kaffeehaus verließen, wollte Mario sich gern mit einigen Dankesworten von dem Deutschen verabschieden, und er versuchte nachzusprechen, was Gaia ihm auf deutsch vorsagte. Doch Gaia selber unterbrach ihn: »Du kannst beruhigt sein, dieser Herr geht auch nicht leer bei der Geschichte aus.« Er wollte mit Mario allein sein und verabschiedete sich von dem andern, der es ebenfalls sehr eilig zu haben schien. »Jetzt«, schlug Gaia vor, »wollen wir zusammen auf die Bank gehen und den Scheck zur Einkassierung präsentieren.« Mario hatte nichts dagegen einzuwenden, aber in diesem Augenblick schlug die Turmuhr zwölf. Gaia stellte mit Bedauern fest, daß es nun zu spät wäre, und daß er deshalb nicht sofort mit Mario zur Bank gehen könnte, die um die Mittagszeit geschlossen war. »Willst du,« fragte er zögernd, »daß wir uns auf drei Uhr verabreden?« Am Nachmittag hatte er eine andere Verabredung, die er ungern versäumt hätte. Es wäre doch ärgerlich gewesen, wenn er dem Scherz sein eigenes Interesse hätte opfern müssen. Dann wäre ja er der Hineingefallene gewesen. Mario versicherte, er könne allein zur Bank gehen. War denn nicht auch er – zu seinem Unglück – schon seit vielen Jahren geschäftlich tätig? Da er glaubte, Gaia wäre um seine Provision besorgt, beruhigte er ihn: »Sobald ich das Geld erhalten habe, bringe ich dir deine zehntausend Kronen.« »Darum handelt es sich nicht«, sagte Gaia, immer noch zögernd. Dann bemerkte er entschlossen: »Du darfst aber den Scheck nicht sofort verkaufen. Der Vertreter Westermanns hat mich ausdrücklich darum gebeten. Er hat ihn selber unterzeichnet, und bei den heutigen Postverbindungen ist es keineswegs sicher, daß seine Benachrichtigung zur rechten Zeit eintrifft.« Als er sah, daß Marios Gesicht sich verdüsterte, fuhr er fort: »Aber du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du dir den Scheck ansiehst, wirst du bemerken, daß der Bevollmächtigte Westermanns ihn unterzeichnet hat. Du mußt ihn der Bank übergeben, sie aber anweisen, daß sie nicht protestieren soll, wenn die Annahme verweigert wird.« Gaia schien seine Worte zu bereuen: »Ich sage dir das alles nur, um dir Scherereien zu ersparen. Auch wenn du es verlangtest, würde die Bank dir in den jetzigen unsicheren Zeiten das Geld nicht auszahlen, obwohl der Scheck von einer so bedeutenden Firma unterzeichnet ist. Es ist das beste, du übergibst ihn der Bank, damit sie den Betrag einzieht. Mit meiner Provision hat es keine Eile. Sie ist mir so sicher, als wenn ich sie schon in der Tasche hätte.« Mario versprach, sich genau nach Gaias Anweisungen zu richten. Übrigens hatte er selber auch schon gedacht, es so zu machen. Der Scheck in der Tasche hatte ihn offenbar geschäftstüchtig gemacht. Und Gaia konnte beruhigt sein, daß der Scherz weder ihn noch Mario mit den Gesetzen in Konflikt bringen würde. Aber auch aus einem andern, besseren Grunde glaubte er, unbesorgt sein zu können: sicher würde man in keinem zivilisierten Lande der Erde ihm das Recht zu einem Scherz bestreiten wollen. Und Mario blieb weiter blind. Gaias Unruhe hatte sich deutlich genug gezeigt, aber er hatte sie nicht bemerkt, weil er sich in diesem Augenblick mit Selbstvorwürfen plagte. Selbstvorwürfe sind eine Eigentümlichkeit der Literaten. Es quälte ihn der Gedanke, daß er Gaia immer verachtet hatte und ihn trotzdem jetzt so ausnutzte. Bisher hatte er seine Freundschaft nur mit Rücksicht auf die Jugenderinnerungen ertragen, die einen Mann seiner Art gefühlsmäßig stark binden. Mußte er ihm nun nicht zu erkennen geben, daß ihre Beziehungen fortan ganz anderer Natur sein würden? Übrigens glaubte er, es nicht sofort zeigen zu dürfen, denn das hätte doch so ausgesehen, als wollte er ihn für seine Dienste außer mit einer Provision auch noch mit seiner Freundschaft bezahlen. Doch Gaia, von jeder Sorge befreit, eilte davon, ohne zu warten, bis Mario, der stets alles sorgfältig zu erwägen pflegte, zu einem endgültigen Entschluß gekommen war. Und Mario dachte, um jede Wolke zu verscheuchen, die auf die Heiterkeit seiner Seele einen Schatten werfen konnte: »Wenn ich ihm die Provision aushändige, werde ich einen herzhaften Kuß beigeben. Es wird zwar einige Überwindung kosten, aber ich muß gerecht sein.« Doch nicht alles hatte Gaia vorausgesehen. Da Mario im Geschäft bleiben mußte, ging Brauer auf seine Bitte zur Bank. Und er hielt sich gewissenhaft an die empfangenen Instruktionen: er übergab den Scheck zur Einkassierung und wies die Bank an, ihn ohne Protest zurückzugeben, wenn die Annahme verweigert würde. Aber der Bankbeamte, der mit Brauer befreundet war, riet ihm, sich den Tageskurs zu sichern, und Brauer, der wußte, welch überraschende Sprünge die Wechselkurse in jenen Tagen machten, sah ein, daß der Rat gut war, und befolgte ihn, ohne es für nötig zu halten, Mario um sein Einverständnis zu ersuchen. Dieser erhielt daher gleichzeitig mit der Quittung für den Scheck ein Schreiben der Bank, in dem sie erklärte, von ihm zweihunderttausend Kronen zum Kurse von fünfundsiebenzig Lire für hundert Kronen gekauft zu haben. Die Kronen sollten im Laufe des Dezembers eingezahlt werden. Mario faltete die beiden Dokumente zusammen und bewahrte sie sorgfältig in seiner Kassette auf. Weder Mario noch Brauer kam es in den Sinn, daß sie etwas verkauft hatten, was möglicherweise gar nicht existierte. Brauer bedauerte nur, daß Westermann sich nicht schon vierzehn Tage früher entschlossen hatte, denn dann hätte Mario, nach dem damaligen Kurse, noch fünfzigtausend Lire mehr bekommen. Mario aber zuckte lächelnd die Achseln: das Honorar mochte gern verkürzt werden, wenn nur der Erfolg dadurch nicht geschmälert wurde. Und noch etwas anderes hatte Gaia nicht vorausgesehen. Einige Tage später erfuhr Brauer von gewissen Geldschwierigkeiten der beiden Brüder, und er beredete Mario, ein Darlehen von dreitausend Kronen anzunehmen, denn es schien ihm unrecht, daß er Entbehrungen erleiden sollte, wo doch so viel Geld an ihn schon unterwegs war. Dieses Geld kam Mario sehr gelegen. Er kaufte eine Welt von Dingen, und jedes war ein sichtbares Zeichen seines Erfolges. Mehrere Abende verzichteten die Brüder auf das Vorlesen, um die neuerworbenen Möbel zu bewundern, die von den alten Möbeln mit den verblichenen Stoffbezügen, die schon ihre Geburt miterlebt hatten, sehr vorteilhaft abstachen. Auch stellten sie eine Liste von Dingen auf, die sie noch kaufen wollten, wenn das Geld, das der Verleger Mario schuldete, eingetroffen wäre. Alles war damals sehr teuer, aber Mario glaubte, mit seinem Gelde sehr billig eingekauft zu haben. Sicher hatte mit der Zeit nicht nur sein Erfolg, sondern auch das Geld für ihn eine große Bedeutung erlangt.   VI Es begreift sich, daß die Zeit der Erwartung den Fabeln nicht günstig war, aber wenn sich auch in den langen Tagen, die nun folgten, nichts von Bedeutung ereignete, waren sie doch in keiner Weise eintönig, denn nicht ein Tag glich dem vorangegangenen oder dem folgenden. Brauer ging verschiedene Male nach der Bank. Als die erwartete Mitteilung noch immer nicht eintreffen wollte, riet er Mario, an den Verlag zu telegraphieren, um sich auf dem kürzesten Wege Gewißheit zu verschaffen. Aber Mario befand es nicht für gut, den Rat des Geschäftsmannes zu befolgen, da er der Meinung war, daß man im literarischen Geschäftsverkehr nicht so verfahren dürfe. Er wußte aus schmerzlicher Erfahrung, wie gefährlich es ist, die Herren Verleger mit Mahnungen zu belästigen. Daher ließ er sich wohl von Zeit zu Zeit überreden, sich auf den Weg zur Bank zu machen, um das Telegramm abzusenden, aber stets trat ihm, ehe er seinen Entschluß ausführen konnte, das Schreckensbild des erzürnten Westermann entgegen, der sich vielleicht entschließen konnte, auf seinen Roman zu verzichten. Denn ein Roman läßt sich ja schließlich nicht mit anderen Handelsartikeln vergleichen, und Mario fürchtete, wenn er diesen Käufer verlöre, würde er wieder vierzig Jahre warten müssen, ehe sich ein neuer fände. Wenn er sich übrigens auch entschlossen hätte, das unhöfliche Telegramm abzusenden (telegraphierte Höflichkeit ist zu kostspielig), hätte er doch erst Gaias Einverständnis einholen müssen. Aber Gaia war unauffindbar. Da man sich jetzt wieder frei bewegen konnte, hatte er seine Besuche bei der Kundschaft in dem benachbarten Istrien wieder aufgenommen. Mario hörte wohl von diesem oder jenem, er hätte Gaia in Triest gesehen, aber weder in seinem Hause noch im Geschäft traf er ihn jemals an. Es war eine harte Zeit für Mario. Wien schickte kein Geld, und weder Westermann noch sein angebeteter und verhaßter Kritiker ließ etwas von sich hören. Gewiß: der Vertrag und die Bankanweisung waren unterschrieben, aber wer bürgte dafür, daß der häßliche Mann in dem großen Pelz Westermanns Willen richtig ausgelegt hatte? Im Grunde war dies Individuum, das kein Wort Italienisch verstand, nur eine Übersetzung Gaias ins Deutsche. Er konnte sich also sehr wohl geirrt haben. Mario hatte sich eine gewisse Erfahrung in geschäftlichen Dingen angeeignet, und es läßt sich nicht leugnen, daß er auch eine gewisse literarische Erfahrung besaß. Was ihm aber völlig fehlte, war die Kenntnis, wie man literarische Erzeugnisse geschäftlich verwertet. Nur deshalb kam er nicht auf den Gedanken, daß Gaia ihn zum Narren gehabt hatte. Hätte es sich nicht gerade um einen Roman gehandelt, würde er niemals geglaubt haben, daß ein so erfahrener Geschäftsmann, wie es Westermann zweifellos war, eine so große Summe hätte bieten sollen, wo er die Sache doch viel billiger – etwa für die kleine von Brauer vorgestreckte Summe – hätte haben können. Diese Summe schuldete Mario jedenfalls, und deshalb wollte er sich nicht eingestehen, daß er den Roman auch ganz umsonst hergegeben hätte. Aber die Verleger mochten wohl aus anderem Stoffe sein als die Leute, die mit anderen Waren handelten. Vielleicht waren sie weniger Geschäftsmänner als vielmehr großherzige Mäzene. Und Giulio half von seinem unschuldigen Bette aus, Marios Zweifel zu zerstreuen. Er sagte, wie er sich Westermann vorstelle, müsse er ein Mann sein, dem es auf zweihunderttausend Kronen mehr oder weniger nicht ankommen könne. Aber was hatte es für einen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob der Verleger sich vielleicht geirrt hatte? Wenn der verschlagene Gaia ihn übers Ohr gehauen hatte, dann um so besser. Giulios kluge Darlegungen genügten, um Mario für einige Stunden Erleichterung zu verschaffen, aber bald verfiel er wieder in den erregenden Zustand des Wartens, der an die Zeit nach der Veröffentlichung seines Romans erinnerte. Auch damals hatte das Warten auf den Erfolg – der ihm anfangs ebenso sicher erschienen war wie jetzt der Vertrag mit Westermann – sein Leben zu einer Qual gemacht, die noch in der bloßen Erinnerung unerträglich war. Doch damals war er jung und stark gewesen, und daher hatte die Erwartung ihm wenigstens nicht den Schlaf und den Appetit rauben können. Heute lag die Sache anders. Wenn der arme Mario auch fest an seinen Erfolg glaubte, mußte er doch die Erfahrung machen, daß es der Gesundheit eines Sechzigjährigen nicht zuträglich ist, sich noch mit Literatur zu befassen. Daß man nur einen Scherz mit ihm getrieben haben könnte, kam ihm nie ernstlich in den Sinn, aber irgendwo in seinem Gehirn regte sich wohl doch ein leiser Zweifel, denn für einen Schaffenden sind die Dinge dieser Welt nur dazu da, daß man über sie lacht oder weint. So mag man denn die folgende Fabel in gewissem Sinne als eine Prophezeiung nehmen: In einer Vorstadtstraße lebten viele Sperlinge, die sich fröhlich von dem Pferdemist nährten, den sie dort reichlich fanden. Eines Tages aber ließ sich ein wohlhabender Mann in jener Straße nieder, dem es Vergnügen machte, ihnen Brotkrumen zu streuen, soviele sie nur wollten. Der Pferdemist aber blieb unbeachtet auf der Straße liegen. Einige Monate später – es war mitten im Winter – starb der reiche Herr, und seine reichen Erben gönnten den Sperlingen auch nicht ein Krümchen mehr. Da die verlassenen Vöglein nun nicht mehr in ihre alten Gewohnheiten zurückfinden konnten, gingen sie fast alle elendiglich zugrunde, und über ihren verstorbenen Wohltäter hörte man in der Vorstadt manch tadelndes Wort. Eine Zeitlang war es Giulio gelungen, sich seinen Schlummer durch schlaue Einfälle zu sichern. Eines Abends aber unterbrach Mario plötzlich die Lektüre und holte geschwind ein Wörterbuch herbei, um sich über den Gebrauch eines Wortes zu vergewissern. Giulio, der sich schon auf der sanft geneigten Ebene befand, auf der man fast unmerklich in den Schlaf hinübergleitet, wurde dadurch so völlig ermuntert, daß er sich entschließen mußte, seinen Schlummer mit der gewohnten Verschlagenheit zu verteidigen. Er murmelte: »Für die Übersetzung ins Deutsche ist das ohne Belang.« Aber Mario, in dessen Geist der Erfolg von Tag zu Tag immer gewaltiger wurde, glaubte sich schon auf die zweite italienische Ausgabe seines Romans vorbereiten zu müssen und legte daher das Wörterbuch nicht so schnell wieder aus der Hand. Da er nun einmal seine Nase hineingesteckt hatte, las er mit der Ehrerbietung, die jeder brave Schriftsteller für dieses Buch empfindet, gleich eine ganze Seite durch. Nun ergeht es einem bei der Lektüre eines Wörterbuchs nicht viel anders als bei einer Autofahrt über einen Sturzacker, und, um das Unglück vollzumachen, fand Mario auf dieser Seite einen Hinweis, dem er entnahm, daß er sich an einer andern Stelle seines Romans im Gebrauch eines Hilfsverbs geirrt hatte. Entsetzlich! Ein Irrtum, der der Nachwelt überliefert werden sollte! Mario suchte aufgeregt nach der fraglichen Stelle, konnte sie aber nicht finden und rief Giulio zu Hilfe. Giulio erkannte sofort, daß die Zeit vorüber war, in der er sich mit klugen Einfällen vor der nachgerade unerträglich gewordenen Literatur hatte schützen können, aber er glaubte aus langer Erfahrung zu wissen, daß Mario für seine Gesundheit alles zu tun bereit war, was man von ihm verlangte, deshalb sagte er – rührend aufrichtig, aber mit der etwas mürrischen Stimme eines Menschen, der plötzlich aus der Welt des Traumes in die Welt des Schmerzes und der Langeweile zurückgerufen wird –, es wäre nun Zeit für ihn, an das Schlafen zu denken. Am Morgen erwarte ihn seine Medizin, nach deren Einnehmen er noch zwei Stunden still im Bett liegen müsse, bevor er frühstücken dürfe. Wenn er nicht bald einschliefe, würde der folgende Tag durch eine Verschiebung sämtlicher Mahlzeiten ein völlig verändertes Aussehen bekommen. Mario, der noch vor einer Woche ein ihm mißfallendes Wort Giulios aus Gutmütigkeit ohne Widerspruch hingenommen hätte, war empört, aber er hielt es für seine Pflicht, Gleichgültigkeit zu heucheln und nicht merken zu lassen, wie verletzt er war. Er nahm seinen Roman und das Wörterbuch unter den Arm und verließ das Zimmer, ohne daran zu denken, die Tür zu schließen. Erkünstelte Gleichgültigkeit pflegt den Groll nur noch zu steigern. Während er hinausging, dachte er: »Das ist auch so einer, der erst meinen Erfolg sehen muß, um zu wissen, wer ich bin.« Giulio aber verbrachte eine schlechte Nacht. Da die Tür offen geblieben war, hörte er nicht nur, wie der Sturm an den Fensterläden rüttelte, sondern auch das Quietschen der Korridortüren in ihren Angeln. Der Kranke glaubte, die Nacht in einem Wörterbuch verbracht zu haben, dessen nach dem gleichen Anfangsbuchstaben geordnete Wörter zu tönen begannen und dann plötzlich einen seltsamen, unerwarteten Schrei ausstießen. Am nächsten Abend blieb Mario nach dem Essen noch einige Minuten bei seinem Bruder, dann räumte er den Tisch ab und entfernte sich, ohne mit einem einzigen Worte seines Grolles Erwähnung getan zu haben. Da er dem Kranken dienstbeflissen die Speisen zugereicht hatte, glaubte er, hinreichend seine Pflicht getan zu haben. Hatte er dem Bruder nicht gegeben, was er beanspruchen konnte? Aber darüber hinaus wollte er auf keinen Fall noch etwas tun. Giulio paßte das Wörterbuch nicht, das er so dringend brauchte? Gut, dann mußte Giulio sich eben selber etwas vorlesen, wenn er nach Lektüre Verlangen trug. Ohne Reue hatte er vernommen, daß er dem Kranken durch seine Unachtsamkeit die Nachtruhe verdorben hatte. Was hatte das zu sagen? Schlief er selber vielleicht besser in Gesellschaft der Spukgestalten, die Westermann und seine Vertreter vorstellten? Aber Giulio spürte ein dringendes Verlangen, den Frieden wiederherzustellen. Da Mario sehr schweigsam geworden war, mußte er nun sogar auf die Tagesneuigkeiten verzichten, die in das einförmige, reizlose Leben des Kranken etwas Abwechslung und Spannung gebracht hatten. Er war der ältere, Mario aber der Beleidigte. Daher beschloß er, im Bewußtsein seiner Schwäche, die ersten Schritte zu tun. In seiner Einsamkeit dachte er einen ganzen Tag darüber nach, und vielleicht griff er so daneben, weil er zuviel überlegt hatte. Wenn man gar zu lange nachdenkt, sieht man schließlich sein eigenes Recht und die einem widerfahrene Kränkung in einem helleren Lichte, und das trägt natürlich nicht gerade dazu bei, einen nachgiebiger zu stimmen. Er sprach mit Mario als Bruder und vertraute ihm an, was er zum Leben, das heißt zur Erhaltung seiner Gesundheit, brauchte. Unter anderem brauchte er eine ruhig dahinfließende Lektüre, die friedliche Vorstellungen erweckte und auf seinen leidenden Organismus wie eine sanfte Liebkosung wirkte. Weshalb sollten sie also nicht zu ihren alten Autoren – De Amicis und Fogazzaro – zurückkehren? Eine unbegreifliche Naivität bei einem schwachen Kranken, der doch ganz auf seine Schlauheit angewiesen war! Hatte er denn wirklich ganz vergessen, welche Begeisterung vor Jahren sein Vorschlag erweckt hatte, De Amicis und Fogazzaro für immer liegenzulassen und durch das Werk seiner Bruders zu ersetzen? Es ist schon so: der Mensch nimmt, im Gegensatz zum Sperling, unbekümmert jegliche Gefahr auf sich, wenn er sich verschaffen will, was er sehnlich begehrt. Mario mußte sich sehr zusammennehmen, daß er nicht von seinem Stuhl in die Höhe sprang, als er hörte, daß die beiden erfolgreichen Autoren ihn nun auch noch aus diesem bescheidenen kleinen Winkel verdrängten, in dem er bisher der Alleinherrscher gewesen war. In dem Augenblick, da die ganze Welt sich anschickte, ihm endlich den verdienten Erfolg zu bereiten, versetzten sie, die ihn stets beiseitegeschoben hatten, ihm noch schnell einen letzten Fußtritt. Und dazu benutzten sie den gichtgeschwollenen Fuß seines schwachsinnigen Bruders, den sie so zu ihrem Bundesgenossen und zu seinem Feinde machten. Es wurde ihm schwer, Gleichgültigkeit zu heucheln, und seine Stimme bebte vor innerer Entrüstung, als er seinem Bruder erklärte, das Vorlesen strenge ihn seit einiger Zeit zu sehr an. Er müsse es daher mit Rücksicht auf seine Kehle einstellen. Giulio erschrak. Er durchschaute seinen Bruder sofort und erkannte, welchen Fehler er gemacht hatte. Da eröffneten sich ja schöne Aussichten! Seine qualvolle Einsamkeit sollte sich nun auch noch auf die Abendstunden erstrecken, in denen er mehr noch der Liebe seines Bruders als des Vorlesens bedurfte, um einschlafen zu können. Er mußte seinen Fehler auf der Stelle wiedergutmachen. »Wenn du es willst, wollen wir deinen Roman weiterlesen. Ich bin ganz damit einverstanden. Ich wollte mir nur die anstrengende Lektüre des Wörterbuchs ersparen.« Der arme Giulio wußte nicht, daß es nur ein Mittel gibt, eine ungewollte Beleidigung abzuschwächen: indem man so tut, als hätte man sie gar nicht bemerkt und als glaube man, der andere habe sie ebensowenig verstanden. Jeder Versuch, die Beleidigung zu erklären, dient nur dazu, sie zu erneuern und zu bekräftigen. Aufs tiefste verletzt rief Mario: »Habe ich denn nicht gesagt, daß es sich um meinen Hals handelt? Für den Hals macht es keinen Unterschied, wer das Buch geschrieben hat, ob De Amicis, Fogazzaro oder ich.« Das war natürlich eine Lüge, aber Giulio hätte klug getan, sie gelten zu lassen. Statt dessen sagte er beschwichtigend: »Du weißt, daß ich deine Prosa jeder anderen vorziehe. Höre ich sie mir denn nicht schon so viele Jahre Abend für Abend an, obwohl ich sie doch längst auswendig weiß? Nur die Verbesserungen verdrießen mich. Wir gewöhnlichen Sterblichen sehen gern, daß etwas endgültig ist. Wenn man in unserm Beisein ein Wort herausnimmt und durch ein anderes ersetzt, kommt uns die ganze Seite unwahr vor.« Der Kranke hatte bewiesen, daß er ein gewisses kritisches Talent besaß, aber gleichzeitig auch grenzenlos naiv war. Er hatte Mario also einen Roman vorlesen lassen, den er schon auswendig kannte? War das nicht ein ganz ungeheuerlicher Vorwurf? Kein Wunder, daß Marios Zorn sich gewaltsam Luft machte. Als er aber erst einmal angefangen hatte, redete er sich in eine immer größere Wut hinein, wie es Schriftstellern oft geschieht, da das Wort ihnen nicht Erleichterung, sondern Anregung verschafft. Er rief mit einer vor Empörung zitternden Stimme: »Du schluckst also die Lektüre mit derselben Grimasse hinunter, mit der du deine Salizylsäure verschluckst? Das ist einfach beleidigend! Man hat wohl ein Recht, seine Gesundheit zu pflegen, aber alles hat seine Grenzen. So wichtig darf man sein Leben denn doch nicht nehmen, daß man, um es ein wenig zu verlängern, alles, was es Großes und Schönes auf der Erde gibt, in ein Klistier verwandelt.« Die Literatur fühlte sich angegriffen und rächte sich, indem sie die Krankheit beleidigte. Giulio fühlte sich so schwer getroffen, daß er noch nach Atem rang, um ein Wort der Erwiderung zu sagen, als Mario das Zimmer schon verlassen hatte. Diesmal vergaß er nicht, die Tür hinter sich zu schließen, aber der Kranke fand dennoch keinen Schlaf. Zuerst suchte er sich zu beweisen, daß man ihm aus seiner Krankheit keinen Vorwurf machen könnte, und das war nicht ganz einfach, da der Arzt wiederholt versichert hatte, seine Krankheit sei auf eine falsche Lebensweise und auf Fehler in der Diät zurückzuführen. Dann suchte er sich in einen Zorn auf seinen Bruder hineinzureden, der durch seine Verhöhnung der Maßnahmen, zu denen die Krankheit ihn zwang, doch nur bewiesen hatte, daß er seinen Tod herbeiwünschte. Aber Giulio verbrachte nicht die ganze Nacht damit, sich mit seinem Bruder auseinanderzusetzen. Denn noch nie zuvor hatte er die Nutzlosigkeit seines Lebens so klar erkannt. Jetzt endlich begriff er, daß er nicht den Tod, sondern das Leben betrog, das von einem Wrack ohne Nutzen und Wert nichts wissen wollte. Und diese Erkenntnis betrübte ihn tief in der Seele. Noch ehe Mario mit seiner Strafrede zu Ende gekommen war, hatte er schon eine gewisse Unsicherheit und wohl auch ein wenig Reue gefühlt. Aber er führte sie trotzdem zu Ende und rundete sie sogar noch mit dem verächtlichen Ausfall gegen die Krankenpflege ab, indem er das Klistier zu ihrem Symbol erhob. Und er führte sie zu Ende, obwohl es ihm keineswegs entging, wie flehend Giulio ihn in seiner Ohnmacht anblickte, als er sich im letzten, verborgensten Winkel seiner Seele so schonungslos angegriffen sah. Aber Mario war nun einmal in dichterischen Schwung geraten. Das anschauliche Bild von dem Klistier gewährte ihm die gleiche Befriedigung wie eine gut gelungene Fabel. Als er dann aber einsam in seinem Zimmer saß, kühlte seine Begeisterung sich merklich ab. Alle Bilder bekommt man einmal über, und der Vergleich mit dem Klistier erschien ihm doch gar zu armselig. Aber er zürnte weiter wie ein beleidigter Napoleon. Auch die Literatur hat ihre Napoleone. Wäre es nicht Giulios Pflicht gewesen, ihm bei seiner Arbeit zu helfen? Schließlich fing Mario sogar an, sich selber zu bedauern. Ihm blieb wirklich nichts erspart. Zu allem übrigen kam nun noch Giulios Dummheit, und obendrein mußte er sich noch Vorwürfe machen, daß er ihn gekränkt hatte. Aber da er sich dem Kranken weit überlegen fühlte, wäre er trotz seines großen Zornes und trotz des Bewußtseins, Unrecht erlitten zu haben, gern zu Giulio gegangen, um sich zu entschuldigen. Aber er wußte wohl, daß er mit bloßen Worten nicht wiedergutmachen konnte, was er angerichtet hatte, zumal er doch seinem Bruder einen gewissen Vorwurf nicht ersparen konnte, wenn er die eigene Würde wahren wollte. Mit Worten kann man Wunden wohl schlagen, aber nicht heilen. Es ließ sich ja nicht bestreiten, daß Giulios Leben nicht wert war, gelebt zu werden, aber nachdem diese Wahrheit einmal ausgesprochen war, ließ sie sich nie wieder wegreden oder vergessen machen. Das Unausgesprochene scheint irgendwie weniger lebendig, hat das Wort es aber einmal zum Leben erweckt, dann kann kein anderes Wort ihm dieses Leben wieder nehmen. Mario beruhigte sich daher mit dem Vorsatz, die alten, liebevollen Beziehungen zu seinem Bruder wiederherzustellen, sobald sein großer Erfolg der Allgemeinheit bekannt geworden wäre. Dann würde sein Wort sicher genügend Wirkung haben, um alles durchzusetzen, was er wollte. An diesem Vorsatz hielt Mario streng fest, und er merkte nicht, daß es für den Frieden des Kranken besser gewesen wäre, wenn er nicht erst das Eingreifen des gar zu langsamen Westermann abgewartet hätte. Denn Giulio litt wirklich. Auch als Mario wieder leutselig und gesprächig wurde, konnte er die Beleidigungen nicht vergessen, die er ihm zugefügt hatte. Das gewohnte abendliche Vorlesen hatte aufgehört, das schlimmste aber war, daß keine jener Aussprachen stattgefunden hatte, von denen sich die Schwachen (die stets Freunde von Worten sind) eine Beilegung jeglicher Meinungsverschiedenheit versprechen. Und doch fürchtete er eine Aussprache, weil er sich bei den früheren so schwach gezeigt hatte. Um die Situation aber zu klären, kam er auf den Gedanken, die Worte durch eine eindrucksvolle Handlung zu ersetzen. Er begann ganz offensichtlich die Vorschriften des Arztes außer acht zu lassen, da er hoffte, Mario würde es merken und sich darüber betrüben. Aber Mario merkte nichts. Vielleicht, weil die Kundgebung nicht lange genug dauerte. Da der Kranke sich schon nach dem ersten Versuche sehr viel schlechter fühlte, hatte er erschrocken nach seinen Medikamenten gegriffen. Aber leider zeigte es sich, daß sie nicht mehr so recht wirken wollten. Schließlich kann man aber auch von einer Medizin nicht verlangen, daß sie helfen soll, wenn sie verachtet wird. Giulio, der einsah, daß er zum Handeln unfähig war, kehrte also notgedrungen zum Gebrauch des Wortes zurück. Er benutzte es indessen nur, um auf jene versuchte, aber nicht zu Ende geführte Handlung zu sprechen zu kommen. Als er eines Abends das Essen unterbrach, um gewisse Pulverchen einzunehmen, sagte er, schwach lächelnd, ohne seinem Bruder ins Gesicht zu blicken: »Wie du siehst, nehme ich noch immer meine Medizin ein, obwohl es doch eigentlich jeder Vernunft Hohn spricht.« Mario, der, wie es sich für einen großen Mann – denn dafür hielt er sich – gebührte, ihrem Streit weniger Gewicht beilegte, da er doch außer der Annehmlichkeit, abends nicht mehr vorlesen zu brauchen, keine Spur hinterlassen hatte, wunderte sich und erklärte mit erhobener Stimme, es wäre Giulios Pflicht, die Medizin zu nehmen, damit er wieder gesund würde. Er schien also ganz vergessen zu haben, daß er vor wenigen Tagen erst genau das Gegenteil gesagt hatte. Das war denn auch zu wenig, um Giulio zu versöhnen. Aber Mario merkte es nicht. Mit einem inneren Vergnügen beobachtete er seinen Bruder, der das Pulverchen in Wasser auflöste und es dann mit der Miene eines eigensinnigen Kindes hinunterschluckte, als wollte er sagen: »Jawohl, ich nehme meine Medizin. Das ist mein Recht und meine Pflicht.« Wenn der Dichter eine Gestalt schafft, geht er oft von einem bestimmten Ausdruck aus, dem er erst nachträglich die erforderlichen Glieder und Gelenke gibt. Er erfindet seine Gestalt, aber er glaubt nicht, daß sie existiert. Ganz besonders liebt er sie, wenn sie sich in der realen Welt zu bewegen vermag, obwohl sie doch eine Gestalt seiner Phantasie ist. Existiert sie aber wirklich, dann erkennt er sie nicht, da sie in keiner Beziehung zu seiner Gedankenwelt steht. Mario, der von dem Ausdruck des Eigensinns ausging, schuf daraus eine Phantasiegestalt, die seinem Bruder Giulio wohl glich, auch ebenso krank, aber viel energischer war und laut in die Welt hinausschrie, sie habe ein Recht darauf, im warmen Bett zu liegen und die Hilfe der Medizin in Anspruch zu nehmen, ja, auch die Literatur müsse ihr dienstbar sein, wenn sie es verlange. Und Mario liebte das Zerrbild seines Bruders, das seine Phantasie geschaffen hatte. Mit seiner Schwäche, seinem Eigensinn und seiner Resignation war es ihm ein Abbild des armen, leidenden Lebens, das noch stark genug ist, um seine Armut und sein Leiden zu verteidigen. Ein merkwürdiges Bemühen, sich seine eigene Welt zu erfinden, statt sich in der realen Welt umzusehen! Aber immerhin klärten sich auf diese Weise seine Beziehungen zu seinem Bruder. Denn kaum hatte Mario jene Gestalt geschaffen, die ihm den wahren Giulio ersetzte – und, wie er glaubte, erst ins rechte Licht rückte –, so sah er sich, wie es die Dichter zu tun pflegen, nach weiteren Gestalten um, unter denen sie leben und von denen sie sich abheben konnte. Natürlich dachte er dabei zuerst an sich selbst. Wenn es sich aber um einen selber handelt, greift man nicht so leicht daneben, denn man schneidet dabei sofort ins lebendige Fleisch. Da kam ihm die Erkenntnis seiner Schuld. Wie gut war es doch, daß Giulio ihn nicht durchschauen konnte! Denn er, der große Mario, hatte wahrlich allen Grund sich zu schämen. Wie ein ganz gemeiner Mensch hatte er sich benommen. Den armen Kranken, den das Schicksal seiner Obhut anvertraut hatte, hatte er gekränkt und beleidigt, weil er es nur ein einzigesmal gewagt hatte, sein Werk abzulehnen. So also sah seine Größe aus! Sein Ehrgeiz hatte sich in eine lächerliche Eitelkeit verwandelt, und in seinem Hochmut hatte er geglaubt, die Gesetze der Gerechtigkeit und Menschlichkeit hätten wohl für gewöhnliche Menschen, aber nicht für ihn mehr Gültigkeit. Er dachte an die noch gar nicht weit zurückliegenden Zeiten, da er still und bescheiden und ohne Ehrgeiz oder Gewinnsucht in einer reinen Gedankenwelt gelebt hatte, und er fühlte Neid und Reue. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber dieser Gedanke ließ ihn nun nicht mehr los. Es kommt ja auch gar nicht darauf an, wieviel Zeit man dazu gebraucht hat, einen bedeutsamen Gedanken zu fassen: hat man ihn einmal gefaßt, dann bleibt er und läßt sich nicht wieder vergessen. Da Mario diesen Gedanken, der nur flüchtig aufgetaucht war, nicht sofort in dem Verlangen nach dem Glück, das der Erfolg verleiht, zurückgewiesen und verleugnet hatte, gewann er immer mehr an Stärke und konnte ihn später mit Stolz erfüllen und trösten. Eines Tages machte Mario die schmerzliche Entdeckung, daß er über dem Erfolge die Liebe zu seinen Fabeln verloren hatte. Seit vielen Tagen hatte er keine mehr geschrieben, ja, er war überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, eine zu schreiben. Sein Erfolg ließ ihm für nichts anderes mehr Zeit. Immer wieder mußte er seinen Roman studieren, um ihn zu verbessern, zu ergänzen, mit neuen Farben, neuen Worten zu schmücken. Der Erfolg glich einem goldenen Käfig. Westermann hatte ihm kundgetan, welches Werk er von ihm wollte, und Mario mußte an dem Werke arbeiten, das man haben wollte. Für ein anderes blieb keine Zeit. Als er später erfuhr, daß alles nur ein Scherz gewesen war, leitete er die Rückkehr zu seinem früheren Leben mit der Fabel von jenem Kanarienvogel ein, der sich in seinem Käfig rühmte, die Natur zu besingen, und der doch von nichts anderem etwas zu sagen wußte als von dem Wassernäpfchen und dem Hirsenäpfchen, zwischen denen sein Leben sich abspielte. Und es tröstete ihn nicht wenig, daß es ihm nicht schwer wurde, die lächerliche Einbildung, er verdiene Beifall und Bewunderung, fahren zu lassen und sich mit seinem Schicksal abzufinden, das ja doch allgemein menschlich und keineswegs verächtlich war. Vorläufig aber dachte er selbst in den wenigen hellsichtigen Augenblicken nicht daran, daß er es jemals fertigbekommen würde, den Erfolg, der sich ihm bot, zurückzuweisen. Vergebens mahnte ihn Epikur: »Lebe still und verborgen!« Seine Stimme klang wohl zu schwach aus der fernen Vorzeit herüber. Mario sehnte sich nach dem Ruhm wie alle, die glauben, ihn erringen zu können, und das lange, vergebliche Warten machte ihn ganz krank.   VII Gaia wunderte und ärgerte sich. Er hatte gehofft, Mario würde selber den Scherz, den er sich mit ihm gemacht hatte, unter die Leute bringen. Er hatte sogar erwartet, irgendein Freund Marios würde die Sache in ein Lokalblatt bringen. Er selber tat nichts, weil er sich nicht noch mehr bloßstellen wollte und es auch für überflüssig hielt. Ein merkwürdiger Autor, dieser Mario! Unbegreiflich, daß er nicht in der ganzen Stadt umherlief und den Leuten von seinem Erfolge erzählte. Gern hätte Gaia ihn einmal aufgesucht, um sich über sein Geschwätz zu amüsieren. Aber leider fand er keine Zeit dazu. So blieb denn der Scherz, dessen Früchte so langsam reiften, noch immer eine Verheißung wohlverdienter Freuden. Als Gaia eines Abends nach einer mehrstündigen Fahrt auf der langsamen istrischen Eisenbahn nach Triest zurückkehrte, ging er in ein Restaurant, um sich in der Gesellschaft einiger Freunde von den Anstrengungen der Reise zu erholen. Bei einer Flasche Wein hatte er bald die unbehagliche Fahrt in dem kleinen, unerträglich heißen Abteil vergessen, und um nun auch noch die Erinnerung an die langweiligen Geschäfte loszuwerden, erzählte er seinen Freunden den Streich, den er Mario gespielt hatte. Dann machte er den Vorschlag, einer der Anwesenden, der die Brüder kannte, sollte zu Mario gehen und ihm im Auftrage eines andern deutschen Verlegers ein zweites Angebot auf seinen Roman machen. Er sollte ein höheres Honorar bieten, als Westermann geboten hatte, und sich verpflichten, das Buch sofort zu veröffentlichen. Gaia selber war von seinem Einfall ganz begeistert und wollte sich vor Lachen ausschütten, als er sich ausmalte, wie Mario jammern würde, weil er schon mit Westermann abgeschlossen hatte, seine Freunde aber fanden den Scherz geschmacklos und weigerten sich, ihm dabei zu helfen. Gaia verzichtete also auf ihre Mitwirkung, ließ sie aber versprechen, den beiden Brüdern von dem, was sie gehört hatten, nichts zu verraten. Der Verzicht auf eine Weiterführung des Scherzes wurde Gaia nicht sonderlich schwer. Die Sache hatte ihm schon viel Spaß gemacht, und er würde sicher noch genügend lachen können, zum mindesten, wenn Mario seiner bitteren Enttäuschung Luft machen würde. Vielleicht würde er auch das ergötzliche Schauspiel genießen können, wie der eingebildete Narr von seiner Anmaßung geheilt würde. Ihn selber, meinte er, könne kein Vorwurf treffen. Der Vertreter Westermanns war nämlich niemand anders gewesen als ein Geschäftsreisender, den der Zusammenbruch Österreichs in Triest überrascht hatte, und der zur Mitwirkung bei Gaias Scherz gern bereit gewesen war, weil er in die Langeweile des erzwungenen Müßiggangs etwas Abwechslung zu bringen versprach. Er war jetzt längst über alle Berge, und Gaia konnte daher dreist behaupten, er wäre selber hineingefallen. Vielleicht würde Mario sogar Humor genug besitzen, um über den Scherz zu lachen. Das war allerdings wenig wahrscheinlich, denn Leute, die den Ruhm lieben, können im allgemeinen nicht lachen. Sollte Mario sich aber doch zu dieser vernünftigen Auffassung aufschwingen können, dann wollte er das gern anerkennen und ihn in aller Freundschaft zu einer Flasche Wein einladen. Er hatte indessen eine große Unvorsichtigkeit begangen. Einer seiner Freunde, die er eingeweiht hatte, erzählte die Geschichte in seiner Familie, und sein kleiner Sohn, den er von Zeit zu Zeit zu den Samiglis schickte, um sich nach Giulios Befinden zu erkundigen, erzählte die Geschichte dem Kranken so, wie er sie verstanden hatte. Er sagte, Gaia hätte Mario aufgebunden, ein Theaterdirektor Giostermann wolle sein Schauspiel zur Aufführung bringen. Der ganze Bericht war so verworren, daß Giulio anfangs glaubte, es handele sich um eine Sache, die Mario gar nichts anginge. Auch Mario lachte im ersten Augenblick, als er diese Geschichte hörte. Die beiden Brüder speisten gerade zu Abend. Mario blieb zunächst vollkommen ahnungslos und speiste ruhig weiter. Plötzlich aber hatte er ein Gefühl, als setze sein Herz aus. Blitzartig hatte er die volle Wahrheit erkannt. Er war von seiner Entdeckung ganz überwältigt, gleichzeitig aber wunderte er sich, daß es erst eines andeutenden Wortes bedurft hatte, um ihm die Augen zu öffnen. Hatte er sie denn die ganze Zeit gewaltsam geschlossen gehalten, um nichts zu sehen und nichts zu begreifen? Gleich von Anfang an hatte er die wahre Natur der beiden Burschen erkannt, und er hätte sie auf der Stelle entlarven können, als sie sich in seiner Gegenwart ohne jede Scham vor Lachen schüttelten. Wo hatte er nur seine Gedanken, wo hatte er seine Augen gehabt? Er erinnerte sich noch genau, wie die Brille auf der schmalen Nase des Deutschen gezittert hatte, weil es ihn große Mühe kostete, sein Lachen zu unterdrücken (wie ein Auto zittert, wenn der Motor angeworfen wird). Marios Verstand war jetzt so wach und scharf, daß ihm eine Beobachtung auffiel, die seine Augen damals gemacht hatten, ohne sie gleich an das Gehirn weiterzuleiten: das Blatt Papier, das der Deutsche aus seiner Brieftasche genommen hatte, und das das Lachen der beiden Verschworenen hatte erklären sollen, war mit gotischen Lettern bedruckt gewesen. Er war seiner Sache so sicher, als sähe er die gerade, eckige Druckschrift noch immer vor Augen. Der Zettel konnte also unmöglich aus einem Triestiner Bordell stammen! Diese infamen Lügner! Sie hatten es nicht einmal für nötig befunden, schlau zu Werke zu gehen! So tief hatten sie ihn also verachtet! Wenn man ihn ausgelacht hatte, verdiente er jede Strafe. Er wäre auch bereit gewesen, sich selber auf der Stelle zu bestrafen und die Zähne tief in die Lippen zu schlagen. Aber so klar er die Dinge auch sah, ein leiser Zweifel blieb doch. War er denn wirklich so verblendet? Der arme Mario! Wenn eine so schmerzliche Wahrheit sich schonungslos enthüllt, genügt einem auch der vollständigste Beweis noch nicht. Jeder wehrt sich, so gut er kann, gegen sein Geschick. Mario sagte sich, wenn es sich um einen Scherz handelte, müßte man doch irgendeinen Zweck damit verfolgen. Solange er kein Motiv entdecken könne, brauche er also auch nicht anzunehmen, daß man ihm einen Streich gespielt habe. Nur um über ihn lachen zu können? Das ist ein Vergnügen, für das der Gefoppte niemals Verständnis hat. Mario versuchte also den Zweifel loszuwerden, der, wenn er ihm auch wohl begründet schien, doch nur dazu beitrug, ihn aufzuregen und seinen Schmerz zu vertiefen. Er wollte daher wenigstens Gewißheit haben, ehe die lange Nacht begann. Es gab aber nur ein Mittel, sich diese Gewißheit zu verschaffen: intensives Nachdenken. Denn abgesehen davon, daß draußen ein wahres Unwetter tobte, war es ziemlich aussichtslos, Gaia zu suchen, da er, besonders am Abend, immer unterwegs war. Zunächst kam es also darauf an, genau zu erfahren, was ihr kleiner Freund eigentlich gesagt hatte. So wurde der arme Giulio denn einem scharfen Verhör unterzogen. Leider stellte es sich aber bald heraus, daß der Kranke sich der Worte nicht mehr genau entsann, da er ihnen zu geringe Bedeutung beigemessen hatte. Er konnte Marios finsteres Gesicht nicht ertragen. Litt er schon unter dem Gedanken, was jetzt in seinem Bruder wohl vorgehen mochte, so litt er noch mehr unter der Furcht, sein Bruder könnte ihm zum zweiten Male seine Schwäche und die Nutzlosigkeit seines Lebens zum Vorwurf machen. Schließlich liefen ihm die Tränen über die eingefallenen Wangen. Der Anblick seines weinenden Bruders regte Mario nur noch mehr auf. Über den Scherz zu weinen, hieß ja, ihm zuviel Bedeutung beilegen. Darum herrschte er den Kranken an: »Weshalb weinst du? Siehst du denn nicht, daß ich gar nicht daran denke zu weinen, obwohl die Sache mich doch eigentlich viel näher angeht? Du wirst mich niemals weinen sehen, aber ich hoffe, ich werde noch Gaia weinen sehen, wenn er es wirklich gewagt hat, sich mit mir einen Scherz zu machen.« Er konnte Giulios Schwäche nicht mitansehen. Daher ließ er sein Essen im Stich, grüßte seinen Bruder kurz – denn er grollte ihm wirklich, weil er sich der Worte des Knaben nicht mehr genau erinnerte – und zog sich in sein eigenes Zimmer zurück. Als er allein war, sah er völlig klar. Es war auch nicht der leiseste Zweifel möglich. Der Scherz, dem er zum Opfer gefallen war, hatte keinen andern Zweck als alle jene Scherze, die Gaia in Istrien und Dalmatien berühmt gemacht hatten, und über die Mario selber oft herzlich gelacht hatte. Denn über einen Scherz lachte man. Wenn man über ihn gelacht hatte, war sein Zweck erfüllt. Darum hatte auch Mario über Gaias Scherze gelacht, wie alle darüber lachten, die keinen Grund hatten, zu weinen. Als Mario daran dachte, begannen seine Tränen zu fließen, wie es das Gesetz des Scherzes verlangte. Ohne sich auszukleiden, warf er sich auf sein Bett. In seinen Ohren klang noch immer das Gelächter der beiden Verschworenen, und es vermischte sich, gewaltig anschwellend, mit dem Toben der Elemente da draußen. Alle Träume, die sein Leben bereichert und verschönt hatten, wurden von diesem Gelächter erschlagen. Wenn das Gaias Ziel gewesen war, hatte er es wahrlich erreicht. Denn Mario schämte sich seiner Träume. Er war selber schuld daran, daß der im Grunde doch recht plumpe Scherz geglückt war. Bei seiner Ausführung war keine große Schlauheit mehr nötig gewesen, da Gaia ihn klug vorbereitet hatte. Er hatte seine Gedanken ausspioniert und ihm dann einen Vertrag vorgelegt, der keine Erfindung, sondern eine getreue Niederschrift seiner eigenen Gedanken war. Hatte er denn nicht seit einem halben Jahrhundert auf etwas dergleichen gewartet? Daher war er weder überrascht gewesen, als ihm der Vertrag vorgelegt wurde, noch hatte er mißtrauisch sein können. Er hatte den Leuten, die ihn vorgelegt hatten, nicht einmal ins Gesicht gesehen. Der Erfolg gebührte ihm, und auf welchem Wege er kam, war ohne Bedeutung. Daher hatte man zu Recht über ihn gelacht, wie man in früheren Zeiten zu Recht über die Gehörnten und die Schwachköpfe gelacht hatte. Diese Erkenntnis quälte ihn und nicht etwa der Verlust des Geldes, das man ihm versprochen hatte. Auch nicht einen Augenblick machte er sich wegen der Schulden Gedanken, die er bei Brauer gemacht hatte. Zunächst waren ja die Sachen, die er sich von dem Gelde gekauft hatte, noch alle unversehrt in seinem Hause, und im übrigen kann man vielen Verpflichtungen nachkommen, wenn man sich redlich Mühe gibt. Das Geld spielte also keine Rolle. Aber die Überzeugung, daß sein Dasein nun unwiderruflich jeden Sinn und Zweck verloren hatte, quälte ihn über die Maßen. Nie wieder würde er zu jenem heiteren, anspruchslosen Leben zurückfinden können, da ein stolzer Traum sein bescheidenes Mahl gewürzt und ein stets zufriedenes Lächeln um seine Lippen gezaubert hatte. Ein Scherz hat nur dann vollen Erfolg, wenn das Opfer in einer Stadt wohnt, die nicht groß genug ist, um zu gestatten, daß man sicher, das heißt von niemand gekannt, sich auf den Straßen zeigen kann. Wohin der Unglückliche auch gehen mag, überallhin folgt ihm sein Unglück wie sein Schatten. Wer derselben Gesellschaftsklasse angehört, kennt ihn und zerrt mit den Nägeln an seiner Wunde. Jeder hat sein Schicksal zu tragen, wenn es aber allen bekannt ist, verschlimmert es sich bei jeder Begegnung, bei jedem Blick der fremden Augen. Nie würde das Brandmal vergehen, das dieser Scherz hinterlassen hatte. Ebensowenig wie die Frau, die ihn einst zum Narren gehalten und abgewiesen hatte, ihm jemals begegnen konnte, ohne boshaft zu lächeln, so alt sie auch inzwischen geworden war. Mario war gerecht genug einzusehen, daß auch er für andere ein lebendiger Vorwurf war. Denn in der Stadt gab es einen Mann, der bei seinem bloßen Anblick schon ganz verwirrt wurde. In seiner Gutmütigkeit hatte er versucht, ihre Beziehungen zu verbessern, aber es war ihm nicht geglückt. Denn eine peinliche Sache wird durch Erklärungen nur noch peinlicher. Gewiß hatte er sich nie mit jemand einen Scherz erlaubt, aber das Leben erfindet bisweilen noch viel grausamere Scherze, als ein Gaia sie je ersinnen kann, und schon, daß man etwas davon weiß, genügt, um den Opfern als Feind zu erscheinen. Die Nacht wäre ganz unerträglich gewesen, wenn sich nicht die Fabeln des armen Mario erbarmt und ihm etwas Erleichterung verschafft hätten. Sie traten ganz unschuldig auf, wie wenn das Abenteuer mit Westermann sie gar nichts anginge, und Mario gewährte ihnen bereitwilligst Zutritt zu seinem Zimmer. Sie verdienten aber auch einen freundlichen Empfang. Denn sie waren rein geblieben. Gaias Scherz hatte sie nicht beschmutzen können. Und sie waren rein, weil Mario selber sie nie für mehr gehalten hatte als für eine natürliche Lebensäußerung wie etwa das Lächeln oder das Atmen. Gaia hatte das nicht voraussehen können. Vielleicht war Mario von einer bestimmten Form der Literatur zu heilen, aber sicher nie von der Literatur schlechthin. Es waren drei Fabeln, die einander die Hand reichten, aber einzeln vor Mario traten, um ihn zu trösten und zu sich selbst zurückzuführen. Die erste Fabel entstand folgendermaßen: Mario hegte einigen Zweifel, ob er auch Manns genug sein würde, Gaia zu bestrafen. Nicht etwa, daß er Angst vor ihm gehabt hätte, aber er fürchtete den Hohn, mit dem er ihn verdientermaßen überschütten würde, wenn er ihm gegenübertrat. Da flüsterte ein Vöglein ihm zu: »Auch in der Schwäche liegt ein Trost.« Und so entstand diese Fabel: Ein Vöglein wurde von einem Sperber gewürgt. Es hatte nur gerade noch Zeit, der Welt seinen Protest mit einem einzigen, lauten Schrei kundzutun. Das Vöglein aber glaubte, seine Pflicht getan zu haben, und seine Seele flog stolz zur Sonne empor, um sich im unendlichen Blau zu verlieren. – Und Mario betrachtete, getröstet und bewundernd, das tiefe Blau, dem die Seele des Vögleins zugehört, wie die unsere dem Paradiese. Die zweite Fabel befaßte sich mit dem laut verkündeten Vorsatz Marios, sich nie mehr mit Literatur zu befassen, und suchte ihn lächelnd einer Korrektur zu unterziehen. Dieser Vorsatz kam nämlich ein wenig spät. Und da ein kleines Vöglein, wie die folgende Fabel lehrte, in denselben Irrtum verfallen war, mußte Mario über seinen eigenen lächeln: Ein Vöglein wurde von einer Kugel getroffen. Es hatte gerade noch soviel Kraft, zu fliehen und sich im Waldesdunkel zu verbergen. Dort hauchte es mit dem Seufzer: »Ich bin gerettet!« sein Seelchen aus. Die dritte Fabel macht den Sinn der zweiten erst richtig deutlich. Die Beschäftigung mit der Literatur zu verbergen, ist nämlich leicht. Man braucht sich nur vor den Schmeichlern und den Verlegern zu hüten. Aber auf sie verzichten? Lohnt es denn dann noch zu leben? Die traurige Erfahrung, die das Vöglein in der dritten Fabel machte, ließ es Mario nicht ratsam erscheinen, zu tun, was Gaia gewollt hatte: Ein Vöglein, das der Hunger blind gemacht hatte, ging auf die Leimrute. Es wurde gefangen und in einen Käfig gesteckt, der so klein war, daß es nicht einmal seine Flügel ausbreiten konnte. Es litt unsagbar. Eines Tages aber blieb die Tür des Käfigs offen, und das Vöglein gewann seine Freiheit zurück. Die Freude des Vögleins war indessen von kurzer Dauer. Seine schmerzliche Erfahrung hatte es so mißtrauisch gemacht, daß es floh, sobald es Futter erblickte, da es überall eine Leimrute vermutete. So geschah es, daß es nach kurzer Zeit vor Hunger starb. Die Vöglein, die alle drei so elendiglich zugrunde gingen, hatten Mario getröstet. Vielleicht hätte er jetzt schlafen können, wenn er nicht plötzlich etwas vermißt hätte, woran er gewöhnt war. Er hörte seinen Bruder nicht schnarchen. Ob Giulio etwa noch wach war? Zu dieser späten Stunde? Das wäre ein bedenkliches Zeichen gewesen. Mario schlich auf Zehenspitzen nach der Tür und blickte in das Zimmer seines Bruders. Die Lampe brannte nicht mehr, aber Giulio war wach. Da er seinen Bruder hörte, bat er ihn hereinzukommen. Als Mario Licht gemacht hatte, blickte Giulio ihn ängstlich an. Da er fürchtete, er müßte noch einmal Vorwürfe über sich ergehen lassen, sagte er niedergeschlagen: »Ich kann mich nicht darüber trösten, daß ich dir Kummer bereitet habe, aber ich kann mich wirklich nicht der genauen Worte entsinnen, die der Knabe gebraucht hat.« »Und deshalb kannst du nicht einschlafen?« rief Mario tief betroffen. »Ich bitte dich, versuche doch, ob du nicht einschlafen kannst! Jetzt verstehe ich auch, warum ich selber nicht einschlafen konnte. Ich bin nicht eher ruhig, als bis ich höre, daß du schläfst. Mach dir doch keine Gedanken weiter über die Sache, Giulio. Wir sprechen morgen darüber...« Und er schickte sich an, das Licht auszuschalten. Giulio traute seinen Ohren kaum, als er diese freundlichen Worte hörte, die Balsam in sein wundes Herz träufelten. Um seines Glückes ganz gewiß zu sein, hinderte er seinen Bruder, das Licht auszuschalten, und sagte: »Du bist jetzt ruhiger, Mario. Könntest du mir nicht etwas vorlesen? Ist dein Hals wieder besser? Ich schlafe nicht mehr gut, seitdem du mir abends nicht mehr vorliest.« Und Mario, der ganz vergessen zu haben schien, in welcher Gemütsverfassung er gewesen war, als der Erfolg nahe und sicher schien, erwiderte: »Das wußte ich nicht, denn sonst hätte ich dir jeden Abend so viel oder mehr vorgelesen, wie du brauchst, um einschlafen zu können. Die Geschichte mit dem Hals war nicht so schlimm. Das ist jetzt wieder ganz in Ordnung. Wenn du willst, lese ich dir aus De Amicis oder Fogazzaro vor. Dann wirst du sicher sehr bald einschlafen.« Diese letzte Bemerkung könnte den Anschein erwecken, als wäre der Scherz spurlos an Mario vorübergegangen. Jedenfalls hätte Gaia, wenn er sie hätte hören können, sicher gedacht, daß bei einem so eingebildeten Menschen jede Mühe verschwendet war. In Wahrheit aber dachte Mario in diesem Augenblick überhaupt nicht an seinen eigenen Roman. Für ihn existierte nur der kranke Bruder, dem man zur Beruhigung so viel Literatur einflößen mußte, wie er brauchte, und es machte für ihn dabei keinen Unterschied, ob sein eigenes Werk oder das eines andern zum Klistier erniedrigt wurde. Aber an diesem Abend wollte er nicht mehr vorlesen. Es war schon spät, und er hatte etwas Schlaf sehr nötig. Wenn er Gaia gegenübertrat, mußte er einen heiteren und ausgeruhten Eindruck machen. Statt seinem Bruder also eine beruhigende Dosis Literatur zu verabfolgen, behandelte er ihn mit eindringlichen Vorhaltungen und liebevollen Versprechungen. Er sagte, Giulio müsse jetzt schlafen, aber am nächsten Abend würden sie zu ihrer alten, lieben Gewohnheit des Vorlesens wieder zurückkehren. Er würde dazu die Werke anderer Autoren benutzen, ihm aber auch etwas vorlesen, was er selber geschrieben, bisher aber nie erwähnt hätte. Er vertraute Giulio also an, er hätte in aller Stille eine stattliche Anzahl Fabeln gesammelt, bedeutete ihm aber, daß niemand außer ihm je etwas davon erfahren dürfe. Denn es handele sich hier um eine Literatur für den Hausgebrauch. Eigentlich sei es also gar keine Literatur, denn die Literatur sei ja dazu bestimmt, verkauft und gekauft zu werden. Die Fabeln aber wären nur für sie beide und für niemand sonst bestimmt. »Du wirst schon sehen. Sie sind kurz, und deshalb eignen sie sich gut zum Schlummerlied. Aber wenn ich sie dir vorlese, werde ich dir erzählen, wie sie entstanden sind, denn jede Fabel erinnert an einen meiner Tage. Sie sind aber nicht eine bloße Erinnerung, sondern gleichsam eine Verbesserung dessen, was ich am Tage getan habe. Ich mag viele Dummheiten gemacht haben, aber du wirst sehen daß meine Gedanken klüger waren als meine Taten.« Es dauerte nicht lange, so war Giulio eingeschlafen. Glücklich über seinen Erfolg, legte sich nun auch Mario zu Bett. Und bald vermischten sich mit dem Heulen des Borasturmes die rhythmischen Brummbaßtöne Giulios und von Zeit zu Zeit ein lauter Schrei Marios, denn im Traume war er noch immer überzeugt, zu etwas anderem, Besserem berufen zu sein. Gaias Scherz hatte seinem Schlaf nichts anhaben können.   VIII Als Mario aber am nächsten Morgen frühzeitig aufwachte, hatten sein Schmerz und sein Zorn im Schlafe neue Kräfte gesammelt. Draußen tobte noch immer der Sturm. Der Himmel war dicht mit Wolken verhangen, und die Welt, in der es keinen Westermann gab, erschien ihm düster und leer. Giulio schlief noch. Mario trat an seine Tür und lauschte. Nach der mehrstündigen Ruhe ging der Atem des Kranken viel ruhiger und geräuschloser. Mario lächelte zufrieden und sagte leise: »Bald kehre ich ganz zu dir zurück. Denn du hast mich lieb.« Mühsam gegen den Sturm ankämpfend, begab er sich geradenwegs nach Gaias Wohnung, die in einer der zu dieser Stunde noch verlassen daliegenden Straßen in der Nähe des Kanals lag. Er schickte sich schon an, die Treppe hinaufzusteigen, als er sich eines andern besann und kehrtmachte. Eine solche Auseinandersetzung durfte keine Zeugen haben. Er mußte verhüten, daß der Scherz – wenn es sich denn wirklich um einen Scherz handelte – allgemein bekannt wurde. Daher beschloß er, vorläufig auf der Straße zu warten, um Gaia, wenn es nötig sein sollte, zu veranlassen, ihm an einen abgelegenen Ort zu folgen, wo er die Strafe vollziehen konnte, ohne sich zu blamieren. Wie die Orte wohl aussehen mochten, an denen man bestrafen konnte, ohne sich zu blamieren? Mario wußte es nicht. Aber als geborener Theoretiker glaubte er, es würde sich schon alles ordnen, wie es sich gebührte. Es kam nur darauf an, Gaia zu finden. Er hatte Glück. Als er schon anfing unter der starken Kälte zu leiden, sah er den Geschäftsreisenden aus dem Hause treten. Er schien es sehr eilig zu haben. Da er wie gewöhnlich später heimgekehrt war, hatte er bis zur letzten Minute im Bett gelegen und mußte nun laufen, um nicht zu spät ins Geschäft zu kommen. Mario, dem die Zähne klapperten (er wußte nicht, ob vor Kälte oder vor Aufregung), ging ihm entgegen, während er sich schnell noch einmal die sehr gemäßigten Worte durch den Kopf gehen ließ, mit denen er um eine Aufklärung bitten wollte. Aber da Gaia es unglücklicherweise so eilig hatte, fragte er Mario kurz, ohne ihn zu grüßen und ohne abzuwarten, was er von ihm wollte: »Hast du von Westermann etwas gehört?« Die Worte, die Mario sich so genau überlegt hatte, waren plötzlich verschwunden, und er konnte keine andern finden. Er war wie ein Bogen, der in den langen Stunden des Wartens bis an die Grenze der Widerstandskraft gespannt worden war. Nun sprang die Sehne los. Mario versetzte Gaia eine so gewaltige Ohrfeige, daß er sich selber wunderte, wo sein Arm, der seit so vielen Jahren keine heftige Anstrengung mehr gemacht hatte, die Kraft dazu hernahm. Die Hand tat ihm weh, und er hätte fast das Gleichgewicht verloren. Gaia war der Hut vom Kopfe geflogen. Der Wind bemächtigte sich seiner und trug ihn hoch durch die Luft davon. Nun ist der Besitz eines Hutes – besonders, wenn ein so kalter Wind weht – gewiß nicht zu unterschätzen. So kam es, daß Gaia, der ihn mit den Blicken verfolgte und überlegte, ob er ihm nicht nachlaufen sollte, den letzten Rest von Entschlußfähigkeit, der ihm geblieben war, verlor und es versäumte, sich zur Wehr zu setzen. Dieser scheinbare Gleichmut brachte Mario ganz aus der Fassung. Vielleicht hatte er sich doch geirrt? Vielleicht existierte Westermann tatsächlich? Wie hätte er dann dagestanden! Er schwankte zwischen Furcht und Hoffnung. Sein Auge blitzte noch drohend, und doch überlegte er schon, ob er sich nicht im nächsten Augenblick Gaia zu Füßen werfen müßte. Der Geschäftsreisende blickte noch immer seinem Hut nach. Erst hatte der Wind ihn in die Höhe gerissen, dann war er plötzlich auf den Boden gefallen. Nun rollte er auf dem Bürgersteig noch ein Stück weiter und verschwand dann um die nächste Ecke. Gaia wußte, daß er auf den Kanal zurollte und daher für ihn unwiederbringlich verloren war. Er trat auf Mario zu, vor dem er nach der Ohrfeige zurückgewichen war, und Mario erblaßte, als er sah, daß Gaia reden wollte statt zu handeln. Bei allen intelligenten Tieren pflegt ein starker physischer Schmerz das Schuldbewußtsein zu wecken. Um gegen die Ohrfeige protestieren zu können, mußte Gaia ein Geständnis ablegen. »Was fällt dir ein?« sagte er. »Es war doch nur ein harmloser Scherz.« Nun wußte Mario, daß Westermann nicht existierte. Er war entrüstet, aber zugleich ein wenig erleichtert. Jedenfalls bestätigte er zunächst einmal seine erste Ohrfeige durch eine zweite. Sicher hätte er sich damit begnügt, wenn seine angeborene Gutmütigkeit Zeit gehabt hätte, sich ins Mittel zu legen. Hat aber jemand, dem es an Übung mangelt, einmal angefangen, aus Leibeskräften zu schlagen, dann kann er schwer wieder aufhören. So geschah es, daß der arme Geschäftsreisende noch zwei weitere, nicht minder kräftige Ohrfeigen einstecken mußte, die ihm Mario diesmal mit der linken Hand versetzte, da die rechte zu sehr schmerzte. Jetzt endlich begriff Gaia, daß er sich zur Wehr setzen mußte, da man sonst nicht wissen konnte, wie lange Mario ihn noch weiter ohrfeigen würde. Er trat drohend auf Mario zu, doch war er so schwach, daß ein neuer Schlag ihn mitten ins Gesicht traf, obwohl er abwehrend den Arm erhoben hatte. Ein heiserer Schrei, den Mario dabei ausgestoßen hatte, und der von einer unbeschreiblichen Wut zu zeugen schien, nahm ihm vollends allen Mut. Er konnte ja nicht wissen, daß Mario aufgeschrien hatte, weil er sich wieder der verstauchten rechten Hand zum Schlagen bedient hatte. Gaias Nase blutete. Unter dem Vorwande, mit dem Taschentuch das Blut zu stillen, wich der arme verprügelte Spaßmacher ein paar Schritte zurück. Nun hatte Mario sich nicht gerade einen sehr geeigneten Ort für die Vollstreckung der Strafe ausgesucht. Aber er merkte nichts davon. Eine tief vermummte, rundliche kleine Frau mit einem Henkelkorb am Arm blieb stehen und sah sich das Schauspiel an. Mario hatte inzwischen endlich den Gebrauch der Sprache wiedergefunden und überhäufte den Geschäftsreisenden mit Beleidigungen wie: »Trunkenbold! Schamloser Lügner!« Gaia schämte sich. Er suchte nach einem mannhaften Wort, das seinen Rückzug decken konnte. Denn er fühlte sich sehr schlecht und beunruhigt. Er wußte wohl, daß Mario ihn ins Gesicht geschlagen hatte, aber weshalb hatte er Stiche in der Seite? Wenn ihm nur der Kopf weh getan hätte, wäre er weniger besorgt gewesen. Mit schwacher Stimme sagte er: »Wir wollen uns doch nicht wie Packträger benehmen. Ich stehe dir jederzeit zur Verfügung.« »Was redest du da von Ehre?« höhnte Mario. »Fühlst du denn gar nicht die Schande, daß du dich von mir hast ohrfeigen lassen?« Und nun endlich kamen ihm die Worte in den Sinn, mit denen er die Auseinandersetzung hatte eröffnen wollen: »Laß dir eins gesagt sein: wenn du den Scherz, den du dir mit mir erlaubt hast, weitererzählst, werde ich dafür sorgen, daß die ganze Stadt erfährt, was hier soeben geschehen ist, und ich werde dich dann noch einmal verprügeln, aber nicht mit den Fäusten allein, sondern auch mit den Füßen.« Da ihm bei diesen Worten einfiel, daß man ja auch Fußtritte austeilen kann, beeilte er sich, dem armen Gaia auf der Stelle eine Kostprobe zu geben. Gaia sagte noch einmal, er stünde Mario jederzeit zur Verfügung. Dann zog er sich, das Gesicht in seinem Taschentuch vergraben, mit drohenden Blicken, aber völlig kampfunfähig, nach seinem Hause zurück. Mario verfolgte ihn nicht, sondern wandte ihm angeekelt den Rücken. Er fühlte sich jetzt bedeutend besser. Siege mit geistigen Waffen sind ja eine ganz schöne Sache, aber ein mit den Muskeln errungener Sieg ist doch sehr gesund. Das Herz gewinnt neues Vertrauen zu dem Körper, in dem es schlägt, und sein Schlag wird regelmäßiger und kräftiger. Mario ging in sein Geschäft. Der Wind war so heftig, daß er auf der Brücke, die über den Kanal führte, einen Augenblick stehenbleiben mußte, um frische Kräfte zu sammeln, bevor er weiter gegen den Sturm ankämpfte. Da genoß er ein Schauspiel, das ihn herzhaft erfreute. Gaias Hut segelte in ziemlich schneller Fahrt dem Meere entgegen. Ein Stück der Krempe ragte aus dem Wasser heraus und bildete ein Segel, in das der Wind sich mit voller Kraft hineinlegte. Nun fühlte er sich Manns genug, vor Brauer zu treten und ihm zu gestehen, daß er einem Scherz zum Opfer gefallen war. Der Augenblick war weniger peinlich, als er gefürchtet hatte. Brauer hörte ihm zu, ohne mit der Wimper zu zucken. Er war keineswegs überrascht, denn er erinnerte sich noch sehr wohl, wie überrascht er gewesen war, als er hörte, man hätte für einen Roman eine derartige Summe geboten. Als Mario ihm von der ersten Ohrfeige erzählte, die er Gaia verabfolgt hatte, bekundete er laut seinen Beifall. Bei der zweiten schloß er Mario in seine Arme. Dann geschah etwas Unerwartetes. Brauer machte eine Entdeckung. Auch dem nüchternsten und erfahrensten Geschäftsmann, der die Entwicklung eines Ereignisses aus nächster Nähe verfolgt und genau studiert, mag es wohl geschehen, daß er plötzlich, starr vor Staunen, ein Resultat dieser Entwicklung vor Augen sieht, das er hätte vorausberechnen können, wenn er nur einige Ziffern auf ein Blatt Papier geschrieben hätte. Gewisse Tatsachen verschwinden eben im Dunkel der Nacht, weil andere neben ihnen in einem zu hellen Lichte stehen. Bisher hatte sich alles Licht auf den Roman konzentriert, der jetzt in das Nichts versank, und erst in diesem Augenblick kam es Brauer in den Sinn, daß er ja für Marios Rechnung zweihunderttausend Kronen zum Kurse von fünfundsiebenzig gekauft hatte. Die österreichische Valuta war aber in den letzten Tagen so stark gefallen, daß Mario, wie sich herausstellte, durch diesen Verkauf siebzigtausend Lire gewonnen hatte. Das war genau die Hälfte von dem, was er erhalten hätte, wenn der Vertrag mit Westermann kein Scheinvertrag gewesen wäre. Als Mario das hörte, rief er: »Ich will das schmutzige Geld nicht haben!« Aber Brauer war erstaunt und entrüstet. Ein Literat mochte wohl imstande sein, einen Geschäftsbrief aufzusetzen, über die Zulässigkeit einer geschäftlichen Transaktion aber zu urteilen, das kam ihm nicht zu. Wenn Mario das Geld zurückwies, zeigte er damit nur, daß man mit ihm unmöglich noch länger geschäftlich zusammenarbeiten konnte. Als Mario den großen Gewinn einkassiert hatte, war er über die Maßen verwundert. Wie seltsam und geheimnisvoll war doch das Leben! Mit dem Geschäft, das Mario ohne sein Wissen und Wollen gemacht hatte, begannen die großen Überraschungen der Nachkriegszeit. Die Valuten fielen und stiegen ohne Gesetz und Regel. Noch manch anderer, der ebenso ahnungslos war wie Mario, wurde für seine Ahnungslosigkeit belohnt, oder, wenn das Schicksal es wollte, grausam bestraft. Das war wohl auch schon früher vorgekommen, aber jetzt kam es so häufig vor, daß die Ausnahme Regel geworden zu sein schien. Mario, dem das Geld auf diese unbegreifliche Weise in die Tasche geflossen war, wurde auf das Phänomen aufmerksam und begann es zu studieren. Ganz verwirrt sagte er schließlich: »Es ist doch leichter, das Leben der Sperlinge zu verstehen als das der Menschen. Vielleicht finden die Sperlinge unser Leben so einfach, daß sie glauben, es in Fabeln verwandeln zu können.« Brauer sagte: »Dieser Gaia ist ein Esel. Wenn er sich schon einmal einen Scherz mit dir erlauben wollte, hätte er dir ebensogut gleich fünfhunderttausend Kronen oder mehr für deinen Roman bieten können. Dann hättest du jetzt so viel Geld in der Tasche, daß du bis an dein Lebensende versorgt gewesen wärest.« Mario protestierte: »Dann wäre ich gar nicht auf den Scherz hineingefallen, denn ich hätte nie geglaubt, daß man mir für meinen Roman eine solche Summe bezahlen könnte.« Brauer erwiderte nichts darauf. »Wenn das Glück, das ich mit dem Gelde gehabt habe, nur nicht dazu dient, Gaias Scherz bekannt zu machen«, meinte Mario besorgt. Brauer beruhigte ihn. Niemand würde etwas davon erfahren, da man ja auf der Bank keine Ahnung hatte, wie das Geschäft zustande gekommen war. Nicht einmal Gaia hatte etwas davon erfahren, denn sonst hätte er seine fünf Prozent Provision verlangt. Das Geld kam den beiden Brüdern sehr zustatten. Da sie keine großen Ansprüche machten, konnten sie sich viele Jahre lang, vielleicht bis an ihr Lebensende, bedeutende Erleichterungen damit verschaffen. Und wenn Mario eine Grimasse geschnitten hatte, als er das Geld einkassierte, so schnitt er jedenfalls keine, als er es ausgab. Manchmal bildete er sich sogar ein, er verdanke das Geld seiner literarischen Tätigkeit, und ein solcher Lohn war schließlich auch nicht zu verachten. Indessen ließ sein Verstand, der es gewohnt war, sich klar und genau auszudrücken, sich doch nicht in dem Maße täuschen, wie es für sein Glück wünschenswert gewesen wäre. Das beweist folgende Fabel, in der Mario seinem Gelde einen gewissen Glanz zu verleihen suchte: Die Schwalbe sagte zum Sperling: »Ich muß dich verachten, weil du dich von dem Unrat nährst, der auf der Erde liegt.« Der Sperling erwiderte: »Der Unrat, der meinem Fluge die Kraft gibt, steigt mit mir in die Höhe.« Um aber den Sperling, mit dem Mario sich verglich, noch wirksamer zu verteidigen, legte Mario ihm diese andere Antwort in den Mund: »Es ist ein Vorzug, sich auch von Dingen, die auf der Erde liegen, ernähren zu können. Du, der du es nicht kannst, bist zu einer ewigen Flucht verurteilt.« Mario konnte offenbar keine endgültige Formulierung der Antwort des Sperlings finden, denn in einem Nachtrag, den er, der Tinte nach zu urteilen, sehr viel später niederschrieb, ließ er ihn sagen: »Du nimmst deine Nahrung im Fluge ein, weil du nicht gehen kannst.« Mario rechnete sich selber bescheiden zu den Tieren, die auf der Erde wandeln. Es sind nützliche Tiere, die ein Recht haben, Tiere zu verachten, die immer fliegen. Denn das Vergnügen am Fliegen hat ihnen jedes Verlangen nach einer andern Art der Fortbewegung genommen. Aber die Fabel nahm kein Ende mehr. Jedesmal, wenn es Mario so recht zum Bewußtsein kam, wie angenehm es doch war, über so viel Geld verfügen zu können, mußte er an sie denken. Eines Tages stellte er die Schwalbe, die doch nur ein einziges Mal den Schnabel geöffnet hatte, zornig zur Rede: »Du willst dich vermessen, ein Tier zu tadeln, weil es anders beschaffen ist als du?« So sprach der Sperling mit seinem kleinen Gehirn. Wenn aber jedes Tier sich nur um seine Angelegenheiten kümmern dürfte, statt seine eigenen Neigungen und sogar seine Organe den andern aufzudrängen, würde es auf der Welt keine Fabeln mehr geben. Daß Mario aber gerade das gewollt hätte, wird man gewiß nicht annehmen dürfen. Feuriger Wein Eine Nichte meiner Frau verheiratete sich in einem Alter, in dem die Mädchen aufhören, junge Mädchen zu sein, und anfangen, sich in alte Jungfern zu verwandeln. Die Ärmste hatte sich schon völlig mit dem Gedanken vertraut gemacht, dem weltlichen Leben zu entsagen, und erst kürzlich hatte sie sich auf das Drängen der ganzen Familie bereit gefunden, ihm noch einmal ihr Interesse zuzuwenden und einem jungen Manne, den die Familie als eine gute Partie für sie auserlesen hatte, Gehör zu schenken. Kaum war das geschehen, so war es auch schon mit ihrer frommen Sehnsucht nach einem tugendhaften Leben in der Einsamkeit des Klosters vorbei, und die Hochzeit wurde sogar früher angesetzt, als die Verwandten selber es gewünscht hatten. Und nun feierten wir also ihre Vermählung. Ich, der ich die Welt kannte, mußte lachen. Wie hatte der Jüngling es wohl angestellt, ihren Sinn so schnell zu wandeln? Wahrscheinlich hatte er sie in seine Arme geschlossen, um ihr das Leben wieder begehrenswert erscheinen zu lassen, und so hatte er sie wohl eher verführt als überzeugt. Deshalb mußte man dem jungen Paare auch sehr viel Glück wünschen. Jeder, der heiratet, kann Glückwünsche wohl gebrauchen, aber dieses junge Mädchen bedurfte ihrer mehr als jeder andere. Wie unglücklich würde sie sein, wenn sie eines Tages bereuen müßte, daß sie sich auf diesen Weg hatte locken lassen, vor dem ihr Instinkt sie gewarnt hatte. Und so sann denn auch ich, während ich mein Glas leerte, über einen Glückwunsch nach, der sich diesem Sonderfall anpaßte: Seid ein oder zwei Jahre glücklich! Dann werdet ihr die langen Jahre, die nachher kommen, leichter ertragen. Denn ihr müßt dafür dankbar sein, daß ihr genießen durftet. Von dem Glück bleibt nur das Bedauern, daß es vergänglich war, und ist es gleich schmerzhaft, so ist es doch ein Schmerz, der den tiefen, wahren Schmerz des Lebens überdeckt. Die Braut aber machte nicht den Eindruck, als legte sie auf Glückwünsche einen besonderen Wert. Mich deuchte vielmehr, daß ihr Antlitz von einer vertrauensvollen Hingabe geradezu verklärt war. Es zeigte genau den gleichen Ausdruck wie damals, als sie ihren Willen verkündete, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Auch dieses Mal tat sie ein Gelübde: das Gelübde, ihr ganzes Leben der Freude zu weihen. Es gibt Menschen, die immer Gelübde tun. Würde sie dieses Gelübde wohl besser halten als das vorige? Alle andern Gäste waren in heiterer Stimmung, und aus gutem Grunde – denn die Zuschauer sind immer vergnügt. Auch ich war heiter, aber meine Heiterkeit hatte etwas Gezwungenes. Es war nämlich auch für mich ein denkwürdiger Abend. Meine Frau hatte von Doktor Paoli das Zugeständnis erlangt, daß es mir an diesem Abend erlaubt sein sollte, ebenso nach Herzenslust zu essen und zu trinken wie alle andern. Diese Freiheit war um so kostbarer, als die Mahnung daran geknüpft war, schon am nächsten Tage wieder auf sie zu verzichten. Und ich benahm mich genau so wie die jungen Leute, denen man zum ersten Male den Hausschlüssel anvertraut hat. Ich aß und trank nicht aus Hunger oder Durst, sondern um meine Freiheit auszukosten. Mit jedem Bissen, mit jedem Schluck wollte ich meine Unabhängigkeit betonen. Ich öffnete den Mund häufiger, als es nötig gewesen wäre, um die einzelnen Bissen zu nehmen, und der Wein floß aus der Flasche in mein Glas, bis es überlief. Ich sorgte dafür, daß es schon im nächsten Augenblick wieder leer war. Ich spürte einen Drang, mich zu bewegen, und, an den Stuhl gefesselt, hatte ich das Gefühl, als liefe und spränge ich frei herum wie ein Hund, dem man die Kette abgenommen hat. Meine Frau machte die Sache noch schlimmer, da sie ihrer Nachbarin die Lebensweise schilderte, der ich für gewöhnlich unterworfen war, und meine Tochter Emma, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, hörte zu und machte sich wichtig, indem sie die Ausführungen ihrer Mutter noch hier und da ergänzte. Wollten sie mich denn selbst in diesem Augenblick noch an die Kette erinnern, die mir doch eben erst abgenommen war? Sie beschrieben alle meine Qualen: wie sie das wenige Fleisch, das mir zum Mittagessen erlaubt wäre, auf die Wage legten, wie sie es völlig geschmacklos machten, und wie sie am Abend nichts abzuwiegen brauchten, da das Nachtmahl nur aus einer »Semmel« mit etwas Schinken und aus einem Glase warmer, ungezuckerter Milch bestünde, gegen die ich einen Widerwillen hätte. Während sie so sprachen, machte ich mir über die Wissenschaft des Doktors und ihre Liebe meine eigenen Gedanken. Wenn mein Organismus wirklich so zerrüttet war, wie konnte man dann annehmen, daß er nur deshalb, weil es uns so schön geglückt war, ein Mädchen zu verheiraten, das aus eigenem Antrieb niemals daran gedacht hätte, nun so plötzlich all diese unverdaulichen und schädlichen Dinge würde vertragen können? So faßte ich denn, während ich meinen Wein trank, den Entschluß, mich vom nächsten Tage an gegen diese Bevormundung aufzulehnen. Die würden schöne Augen machen! Die andern gingen zum Champagner über, ich aber trank nur einige Gläser davon, um bei den verschiedenen Trinksprüchen Bescheid zu tun, und kehrte dann zu dem gewöhnlichen Landwein zurück. Es war ein trockener, unverfälschter istrischer Wein, den ein Freund des Hauses zu diesem Anlaß gestiftet hatte. Ich liebte diesen Wein, wie man die Erinnerung liebt, und hatte zu ihm volles Vertrauen. Auch war ich keineswegs überrascht, als ich merkte, daß er, statt Heiterkeit und Vergessen zu schenken, vielmehr den Zorn, der in mir kochte, nur noch steigerte. Wie hätte ich auch nicht zornig sein sollen? Man hatte mir eine wahre Leidenszeit auferlegt. Die Angst und die Not hatten alle edlen Triebe in mir erstickt und durch Pastillen, Tropfen und Pulver ersetzt. Mit meinen sozialen Interessen war es ein für allemal vorbei. Was ging es mich an, wenn die Erde, trotz aller doch so überzeugenden Ergebnisse der Wissenschaft, noch immer die Beute des Privatbesitzes war? Wenn deshalb so vielen Menschen das tägliche Brot und das Maß persönlicher Freiheit, auf das das Leben jedes einzelnen Menschen Anspruch erheben konnte, versagt blieb? Hatte ich denn mein tägliches Brot? Hatte ich etwa die Freiheit, die ich beanspruchen konnte?   An diesem gesegneten Abend versuchte ich, wieder der Mensch zu werden, der ich gewesen war. Als mein Neffe Giovanni, ein Riese, der gut seine zwei Zentner wog, mit seiner Stentorstimme gewisse kleine Geschichten zu erzählen begann, die seine eigene Gerissenheit in geschäftlichen Dingen und die Gutmütigkeit der andern ins Licht rücken sollten, regte sich in meinem Herzen wieder die Uneigennützigkeit vergangener Tage. »Und was wirst du tun,« rief ich, »wenn der Kampf der Menschen nicht mehr ein Kampf ums Geld sein wird?« Giovanni schwieg einen Augenblick verdutzt, als er meine Frage hörte, da sie seine ganze Welt von Grund aus umzugestalten drohte. Er stierte durch die Brille, die seine Augen größer erscheinen ließ, nach mir hin. Er suchte in meinen Zügen zu lesen, um vielleicht darin etwas zu entdecken, das ihm einen Fingerzeig geben konnte. Alle blickten ihn erwartungsvoll an. Sie hofften, über eine jener überraschenden Antworten lachen zu können, um die unwissende, aber schlaue Tölpel mit naivem, aber boshaftem Geiste selten verlegen sind, und die man zwar schon vor Sancho Pansa kannte, aber doch immer wieder mit Vergnügen hört. Er besann sich noch und sagte, um Zeit zu gewinnen: der Wein pflege allen Menschen den Blick für die Gegenwart zu trüben, mir aber scheine er die Zukunft zu verwirren. Das war schon immerhin keine schlechte Antwort, aber er glaubte, noch etwas Besseres gefunden zu haben und rief: »Wenn niemand mehr um das Geld kämpfen wird, werde ich alles, alles ohne Kampf bekommen.« Man lachte viel, besonders, als er seine gewaltigen Arme zu wiederholten Malen mit weit geöffneten Händen zur Seite warf und sie dann langsam einander näherte, wobei er die Hände zu Fäusten ballte, so daß es den Anschein erweckte, als habe er bereits von dem Gelde, das ihm von allen Seiten zuströmen würde, Besitz ergriffen. Die Debatte nahm ihren Fortgang, und niemand bemerkte, daß ich trank, wenn ich nicht sprach. Ich trank aber viel und sprach wenig, da ich meine ganze Aufmerksamkeit meinem Innern zuwandte, in dem sich, wie ich hoffte, bald wieder Menschenliebe und Selbstlosigkeit regen würden. Ich spürte aber nur ein leichtes Brennen. Doch dieses Brennen mußte gewiß bald in eine laue Wärme übergehen, da der Wein ja die Gabe besitzt, einen wieder jung werden zu lassen, wenn auch, leider, nur für kurze Zeit. In Erwartung dieses angenehmen Zustandes rief ich zu Giovanni hinüber: »Wenn du das Geld zusammenraffst, das die andern nicht haben wollen, werden sie dich ins Loch stecken.« Aber Giovanni rief sofort zurück: »Dann werde ich die Wächter bestechen und die einsperren lassen, die kein Geld haben, um sie zu bestechen.« »Aber mit Geld wird man dann niemand mehr bestechen können.« »Dann haben sie keinen Grund, es mir wegzunehmen.« Ich geriet in einen maßlosen Zorn. »Man wird dich hängen«, schrie ich. »Du verdienst es nicht besser. Den Strick um den Hals und Gewichte an die Beine!« Überrascht schwieg ich still. Mir schien, daß ich meinen Gedanken nicht richtig zum Ausdruck gebracht hatte. War ich denn wirklich so? Nein, gewiß nicht. Ich überlegte: Wie konnte ich zu der Liebe zurückfinden, die alle Menschen, also auch Giovanni, umfaßte? Ich lächelte freundlich und bemühte mich aus aller Kraft, mich zu bessern, ihm zu verzeihen und ihn zu lieben. Aber er ließ es nicht zu; denn, ohne auf mein freundliches Lächeln zu achten, sagte er resigniert, als wäre es zwecklos, noch weiter darüber zu reden, nachdem man etwas so Ungeheuerliches hätte hören müssen: »Man weiß es ja. Alle Sozialisten enden schließlich als Henker.« Er hatte mich besiegt, aber ich haßte ihn. Er beschmutzte mein ganzes Innenleben, auch jenes, das ich geführt hatte, bevor der Doktor sich einmischte, und um das ich trauerte, weil es licht gewesen war. Er hatte mich besiegt, weil er einen Verdacht geäußert hatte, der mir schon vor seinen Worten gekommen war. Und schon im nächsten Augenblick erlitt ich eine neue Demütigung. »Wie wohl er aussieht«, sagte meine Schwester, indem sie mich mit aufrichtiger Freude betrachtete. Das war eine unglückliche Bemerkung, denn kaum hatte meine Frau sie gehört, als sie auch schon die Möglichkeit witterte, dieses Wohlbefinden, von dem meine geröteten Wangen zeugten, könnte sich in ein um so größeres Übelbefinden verwandeln. Sie erschrak, wie wenn sie in diesem Augenblick von einer drohenden Gefahr Kunde erhalten hätte, und fiel mit heftigen Worten über mich her: »Du hast genug! Du hast genug! Weg mit dem Glas!« Sie rief meinen Nachbarn zu Hilfe, einen gewissen Alberi, der an Körpergröße die meisten Bewohner unserer Stadt überragte, dabei dürr, mager und gesund aussah, aber, wie Giovanni, eine Brille trug. »Seien Sie doch so gut und nehmen Sie ihm das Glas aus der Hand!« Als sie sah, daß Alberi zögerte, rief sie noch einmal ganz aufgeregt und atemlos: »Herr Alberi, seien Sie doch so gut und nehmen Sie ihm das Glas weg!« Ich wollte lachen, denn ich sagte mir, daß ein gebildeter Mann in einem solchen Falle lachen mußte, aber es wollte mir nicht gelingen. Ich hatte mich erst am nächsten Tage auflehnen wollen, und wenn ich jetzt so plötzlich schon zu einer Entscheidung gedrängt wurde, so war das gewiß nicht meine Schuld. Diese Zurechtweisung vor allen Leuten war doch wirklich beleidigend. Alberi, der nach mir, meiner Frau und den Gastgebern, an deren Speisen und Getränken er sich labte, den Teufel fragte, verschlimmerte die Sache noch, indem er mich lächerlich machte. Er schielte über die Brille hinweg nach dem Glase, das ich fest umschloß, näherte ihm seine Hände, wie wenn er sich anschickte, es mir zu entreißen, und zog sie dann schnell wieder zurück, als habe er Angst vor mir, der ich ihm ruhig ins Auge sah. Alle lachten auf meine Kosten, und Giovanni machte ein solches Getöse, daß er fast den Atem verlor. Mein Töchterchen Emma glaubte, sie müsse der Mutter zu Hilfe kommen, und sagte flehend – mir schien es maßlos übertrieben: – »Lieber Papa, nicht mehr trinken!« Diese Unschuldige lud nun meinen ganzen Zorn auf sich. Ich fuhr sie hart und drohend an, weil ich mich sowohl als Vater wie auch wegen meines Alters, dem sie Ehrfurcht schuldete, doppelt gekränkt fühlte. Sofort schossen ihr die Tränen in die Augen, und ihre Mutter hatte genug damit zu tun, sie in ihrem Schmerz zu trösten, so daß sie mich darüber ganz vergaß. Nun fügte es sich, daß mein Sohn Ottavio, der damals dreizehn Jahre alt war, gerade in diesem Augenblick zu seiner Mutter lief. Er hatte von dem Vorgefallenen nichts bemerkt und wußte weder, daß seine Schwester betrübt war, noch warum . Er bat, mit einigen Freunden, die ihn soeben dazu aufgefordert hätten, am nächsten Abend ins Kino gehen zu dürfen. Aber meine Frau hörte gar nicht auf ihn, weil sie ganz davon in Anspruch genommen war, Emma zu trösten. Ich wollte mich durch einen Akt der Autorität wieder zur Geltung bringen und erteilte ihm mit lauter Stimme die Erlaubnis. »Ja, gewiß, du darfst ins Kino gehen. Ich erlaube es dir, und damit gut.« Ottavio sagte: »Danke, Papa!« und kehrte zu seinen Kameraden zurück, ohne etwas gemerkt zu haben. Schade, daß er gleich wieder fortlief. Wäre er bei uns geblieben, hätte mir der Anblick seiner Freude, die er meinem Machtwort verdankte, einigen Trost gewährt. Die heitere Stimmung an unserm Tische war fürs erste getrübt. Ich hatte das Gefühl, daß ich mich auch der Braut gegenüber vergangen hatte, denn die ungetrübte Stimmung sollte doch für sie von guter Vorbedeutung sein. Und dabei war sie die einzige, die meinen Kummer verstand, jedenfalls schien es mir so. Sie blickte mich mütterlich an, als wollte sie mich entschuldigen und ein freundliches Wort sagen. Man hatte bei diesem Mädchen immer den Eindruck, daß sie ihres Urteils vollkommen sicher war. Wie damals, als sie beschlossen hatte, dem weltlichen Leben zu entsagen, fühlte sie sich auch jetzt, da sie ihre Absicht aufgegeben hatte, allen andern überlegen. Sie glaubte meine Frau und meine Tochter zu durchschauen. Sie bedauerte uns, und ihre schönen grauen Augen betrachteten uns unbefangen, als wollte sie unsere Schuld ergründen. Denn wo Schmerz war, mußte wohl auch eine Schuld zu finden sein. Darum zürnte ich meiner Frau, deren Benehmen uns diese Demütigung zugezogen hatte. Selbst der letzte der Hochzeitsgäste konnte sich uns nun überlegen fühlen. Sogar die Kinder meiner Schwägerin am untern Ende der Tafel hatten aufgehört miteinander zu schwatzen. Sie steckten die Köpfe zusammen und tauschten Bemerkungen über das Vorgefallene aus. Ich packte mein Glas und überlegte, ob ich es leeren oder an die Wand oder gar durch das Fenster werfen sollte. Schließlich entschied ich mich dafür, es in einem Zuge zu leeren. Diese Handlung war am eindrucksvollsten, weil sie meine Unabhängigkeit kundtat. Den ganzen Abend hatte der Wein mir nicht so vortrefflich geschmeckt. Ich tat ein Übriges, indem ich das Glas noch einmal füllte und ein wenig daran nippte. Aber die freudige Stimmung wollte sich nicht einstellen, und die gesteigerte Intensität, die mich belebte, war nichts anderes als Groll. Ich verfiel auf einen seltsamen Gedanken. Meine Auflehnung genügte nicht, um alles zu klären. Konnte ich nicht die Braut dazu gewinnen, sich mit mir zu verbünden? Zufälligerweise blickte sie gerade in diesem Augenblick den Bräutigam an, der sich voller Hingebung über sie neigte. Ich dachte: »Auch sie weiß es noch nicht, und doch glaubt sie es zu wissen.« Ich entsinne mich noch, daß Giovanni sagte: »Aber laßt ihn doch trinken. Der Wein ist die Milch der alten Leute.« Ich blickte ihn an und verzog mein Gesicht zu einem Lächeln, aber ich konnte ihn nicht lieben. Ich wußte, daß ihm nichts anderes am Herzen lag, als die Wiederherstellung der heiteren Stimmung, und daß er mich beruhigen wollte, wie man ein eigensinniges Kind beruhigt, das die Unterhaltung der Erwachsenen stört. Ich trank nur noch wenig und immer nur dann, wenn sie nach mir hinsahen, und sagte kein Wort mehr. Die andern waren alle sehr vergnügt, und ihr lautes Gerede war mir äußerst lästig. Ich wollte nicht zuhören, aber es war sehr schwer, die Ohren zu verschließen. Alberi und Giovanni waren sich in die Haare geraten, und es machte allen viel Spaß, den Fettwanst mit seinem spindeldürren Gegner streiten zu hören. Um was es ging, weiß ich nicht mehr, aber ich hörte von beiden sehr ausfallende Bemerkungen. Giovanni lag mit seinen zweiundeinemhalben Zentner bequem in einem Liegestuhl, den man ihm, um ihn zu necken, hingeschoben hatte, als das Mahl zu Ende ging, und er spähte, wie ein guter Fechter, aufmerksam nach einer Blöße des Gegners, der sich weit über den Tisch beugte und ihn mit seinen Brillengläsern anfunkelte. Auch Alberi machte keine schlechte Figur, denn, wenn er auch sehr mager war, so strotzte er doch von Gesundheit, war behende und von munterem Geiste. Ich entsinne mich auch noch der vielen Glückwünsche und des endlosen Abschiednehmens, als die Gäste aufbrachen. Die Braut küßte mich mit einem Lächeln voll mütterlicher Güte. Ich nahm ihren Kuß zerstreut entgegen und fragte mich im stillen, wann ich wohl einmal Gelegenheit finden würde, mit ihr über die Rätsel des Lebens zu sprechen.   Plötzlich fiel ein Name. Es war der Name einer Freundin meiner Frau, die früher auch meine Freundin gewesen war: Anna. Ich weiß nicht, wer diesen Namen nannte, noch auch, aus welchem Anlaß, aber ich weiß, daß es der letzte Name war, den ich hörte, bevor die Gäste endlich gingen. Seit Jahren pflegte ich sie oft bei meiner Frau zu sehen, und ich begrüßte sie dann so freundschaftlich gleichgültig, wie es bei Leuten üblich ist, die keinen Grund haben, sich dagegen zu verwahren, daß sie etwa zu der gleichen Zeit und in derselben Stadt geboren wurden. Doch nun fiel mir plötzlich ein, daß sie vor vielen Jahren das Opfer der einzigen Untreue meines Lebens gewesen war. Ich hatte ihr fast bis zu dem Tage, an dem ich meine Frau heiratete, den Hof gemacht. Dann hatte ich sie rücksichtslos verlassen und gar nicht einmal den Versuch gemacht, meinen Verrat auch nur mit einem einzigen Worte zu beschönigen, und wir hatten auch später nie davon gesprochen, weil sie sich bald darauf ebenfalls verheiratet hatte und sehr glücklich geworden war. Sie hatte unsere Einladung zu der Hochzeit nicht angenommen, weil sie wegen einer leichten Influenza das Bett hüten mußte. Das war von keiner Bedeutung. Sonderbar aber und sehr bedenklich war es, daß mir nun plötzlich das Unglück, das ich ihr zugefügt hatte, auf die Seele fiel und mein Gewissen, das schon genügend beunruhigt war, noch mehr belastete. Ich hatte das Gefühl, daß ich nun die Strafe für das erleiden sollte, was ich damals gefehlt hatte. Ich hörte, wie mein Opfer, das doch aller Wahrscheinlichkeit nach der Genesung entgegenschlief, mir von seinem Bett aus in die Ohren schrie: »Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, darfst du nicht glücklich sein.« Tief bedrückt ging ich in mein Schlafgemach. Meine Gedanken lagen miteinander im Widerstreit, denn es schien mir doch eigentlich nicht ganz gerecht, wenn gerade meine Frau dazu ausersehen war, die zu rächen, die sie doch selber verdrängt hatte. Emma kam, mir gute Nacht zu sagen. Sie sah frisch und rosig aus und lächelte. Ihren Kummer hatte sie schon ganz vergessen und strahlte von Lebenslust, wie es für ein junges und gesundes Mädchen ja auch nur natürlich war. Seit einiger Zeit hatte ich gelernt in den Seelen zu lesen, und mein Töchterchen war so durchsichtig wie klares Wasser. Mein Wutausbruch hatte ihr vor allen Leuten eine Bedeutung verliehen, die sie in voller Naivität genoß. Ich gab ihr einen Kuß und dachte bei mir, daß ich froh sein konnte, sie so heiter und zufrieden zu sehen. Gewiß hätte ich, im Interesse ihrer Erziehung, die Pflicht gehabt, ihr vorzuhalten, daß sie es mir gegenüber an dem nötigen Respekt hatte fehlen lassen. Aber ich fand nicht die richtigen Worte und schwieg. So ging sie denn fort, und mein Versuch, etwas Passendes zu finden, hatte keine anderen Folgen, als daß ich die Gedanken, die nun einmal in Bewegung gesetzt waren, aber trotz aller Bemühungen keine klare Entscheidung brachten, nicht wieder loswerden konnte. Um mich zu beruhigen, dachte ich: »Ich werde morgen mit ihr sprechen und ihr meine Gründe auseinandersetzen.« Aber es nützte nichts. Ich hatte sie gekränkt, und sie hatte mich gekränkt. Aber sie fügte zu der alten eine neue Kränkung, weil sie alles schon vergessen hatte, während ich noch immer daran dachte. Auch Ottavio kam, sich von mir zu verabschieden. Ein seltsamer Junge. Fast schien es, als sähe er mich und seine Mutter gar nicht, als er uns eine gute Nacht wünschte. Er hatte das Zimmer schon verlassen, als ich hinter ihm herrief: »Freust du dich aufs Kino?« Er blieb stehen und dachte einen Augenblick über meine Frage nach. Dann sagte er trocken: »Ja!« und ging eilig davon. Er war sehr müde und schläfrig. Meine Frau reichte mir die Pillenschachtel. »Sind es die richtigen?« fragte ich, während mir kalter Schweiß auf die Stirn trat. »Ja, gewiß«, sagte sie freundlich. Sie blickte mich forschend an, und, da sie den Sinn meiner Frage nicht erriet, fügte sie zögernd hinzu: »Fühlst du dich auch wohl?« »Sehr wohl«, antwortete ich mit fester Stimme und zog meine Stiefel aus. In diesem Augenblick spürte ich ein entsetzliches Brennen in meinem Magen. »Das hat sie nur gewollt«, dachte ich mit einer Logik, die mir erst heute etwas zweifelhaft erscheint. Ich spülte die Pille mit einem Schluck Wasser hinunter und verspürte eine kleine Erleichterung. Ich küßte meine Frau mechanisch auf die Wange. Die Pille bot mir einen passenden Anlaß dazu, und ich konnte mir den Kuß nicht ersparen, wenn ich Diskussionen und Erklärungen vermeiden wollte. Ich konnte mich aber nicht zur Ruhe legen, ohne vorher deutlich zu erkennen gegeben zu haben, wie ich mich in dem Kampf, der für mich noch keineswegs zu Ende war, zu stellen gedachte. So sagte ich denn, während ich mich niederlegte: »Ich glaube, die Pillen haben eine bessere Wirkung, wenn sie nicht mit Wasser, sondern mit Wein genommen werden.« Dann löschte ich das Licht, und bald verkündete mir ihr regelmäßiger Atem, daß sie ein ruhiges Gewissen hatte, das heißt also (war mein nächster Gedanke), daß ihr alles, was mich betraf, vollkommen gleichgültig war. Ich hatte sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet, denn nun durfte ich doch endlich so geräuschvoll atmen, wie es mein körperlicher Zustand zu erfordern schien. Ich durfte sogar schluchzen und meinem Kummer freien Lauf lassen. Aber er wurde dadurch nur um so größer. Und außerdem stand mir doch gar nicht frei zu tun, was mir beliebte. Denn wie sollte ich dem Zorn Luft machen, der mich ganz erfüllte? Ich konnte nichts weiter tun, als darüber nachbrüten, was ich am nächsten Tage zu meiner Frau und Tochter sagen würde: »Seid ihr nur dann um meine Gesundheit besorgt, wenn es sich darum handelt, mich vor allen Leuten bloßzustellen?« Hatte ich denn nicht vollkommen recht? Da lag ich nun, von Schmerzen geplagt, und sie schliefen seelenruhig. In meinem ganzen Innern spürte ich ein heftiges Reißen und Ziehen, und meine Kehle brannte wie Feuer. Auf dem Tischchen neben meinem Bett mußte die Wasserflasche stehen. Ich streckte die Hand aus, um sie erreichen zu können. Aber ich stieß an das leere Glas, und dieses leichte Klingen genügte, um meine Frau zu wecken. Sie pflegte mit einem offenen Auge zu schlafen. »Fühlst du dich nicht gut?« fragte eine leise Stimme. Sie wußte nicht recht, ob sie sich nicht vielleicht getäuscht hätte, und wollte mich nicht wecken. Das war leicht zu erraten, aber ich hörte seltsamerweise noch etwas anderes aus ihrer Frage heraus, nämlich die freudige Erwartung, ich möchte eingestehen, daß sie recht gehabt hätte. Deshalb verzichtete ich auf das Wasser und legte mich ganz sachte wieder hin. Sogleich verfiel sie wieder in ihren leichten Schlummer, der ihr gestattete, mich zu überwachen. Wenn ich in dem Kampf mit meiner Frau nicht unterliegen wollte, mußte ich also versuchen zu schlafen. Ich schloß die Augen, legte mich auf die eine Seite und krümmte mich zusammen. Ich mußte diese Stellung aber gleich wieder aufgeben. Doch zwang ich mich, die Augen geschlossen zu halten. Aber ich mochte mich legen, wie ich wollte, immer hatte ein Teil meines Körpers darunter zu leiden. Ich dachte: »Mit einem solchen Körper kann man nicht schlafen.« Ich war vollkommen wach und in Bewegung. Wer aber in Bewegung ist, kann nicht schlafen. Ich hatte das Gefühl; als ob ich liefe. Daher kam auch meine Atemnot und daher das Getrampel meiner Schritte, das Stampfen schwerer Schuhe, das mir im Ohr dröhnte. Ich dachte, vielleicht bewege ich mich im Bett zu vorsichtig, als daß ich sofort und mit allen Gliedern die richtige Stellung finden könnte. Man durfte sie nicht suchen. Man durfte nichts dagegen tun, daß alles den Platz fand, der seiner Form entsprach. So warf ich mich denn heftig herum. Doch sogleich hörte ich meine Frau flüstern: »Fühlst du dich schlecht?« Hätte sie andere Worte gebraucht, würde ich ihr geantwortet und sie um Hilfe gebeten haben. Aber auf diese Worte, die mich kränkten, weil sie auf unseren Streit anspielten, wollte ich keine Antwort geben. Es konnte doch nicht so schwer sein, ruhig im Bett zu liegen. Warum sollte das wohl schwierig sein? Ich dachte an alle die schwierigen Dinge, die uns zu schaffen machen, und sagte mir, mit ihnen verglichen, müßte es doch die leichteste Sache von der Welt sein, im Bett zu liegen, ohne etwas zu tun. Jeder Tote kann doch ruhig liegen. Ich war also fest entschlossen, mich nicht mehr zu bewegen und erfand eine komplizierte, aber unglaublich zweckmäßige Stellung. Ich schlug die Zähne in das obere Ende des Kopfkissens und krümmte mich derart zusammen, daß auch die Brust auf dem Kissen ruhte, während das rechte Bein über dem Bettrand hing und fast den Boden berührte, das linke aber sich fest im Laken verankerte und mich trug. Ja: ich hatte ein neues System entdeckt. Nicht ich hielt mich am Bett, sondern das Bett hielt mich. Diese Überzeugung von meiner eigenen Untätigkeit bewirkte, daß ich meine Stellung nicht veränderte, als die Beklemmung immer unerträglicher wurde. Als ich aber schließlich nachgeben mußte, tröstete mich der Gedanke, daß doch nun wenigstens ein Teil dieser furchtbaren Nacht überstanden war. Auch wurde ich für meine befreiende Tat, die mich von dem Bett unabhängig gemacht hatte, dadurch belohnt, daß ich mich erleichtert fühlte, wie ein Kämpfer, der sich aus der Umklammerung des Gegners gelöst hat.   Ich weiß nicht, wie lange ich ruhig liegen blieb. Ich war müde. Mit Verwunderung bemerkte ich hinter meinen geschlossenen Augenlidern den seltsamen Widerschein von lodernden Flammen, die wohl von dem Brande herrühren mußten, der in meinem Innern wütete. Es waren aber keine wirklichen Flammen, sondern nur scheinbare. Sie fingen an, durcheinander zu gleiten und sich zu rundlichen Körpern oder vielmehr Tropfen einer zähen, dicken Flüssigkeit zusammenzuschließen. Sie waren von einem sanften Blau, aber leuchtend rot umrandet, und sie hingen irgendwo hoch oben, zogen sich in die Länge, lösten sich los und stürzten in die Tiefe, wo sie verschwanden. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, daß diese Tropfen mich sehen konnten. Aber, um mich besser sehen zu können, verwandelten sie sich in lauter kleine Augen. Noch während sie sich, kurz vor dem Sturz in die Tiefe, in die Länge zogen, glitt der blaue Schleier zur Seite und legte ein wirkliches Auge voller Bosheit und Tücke frei. Unaufhörlich tropften die Augen hernieder, und ich merkte wohl, daß sie es auf mich abgesehen hatten. Voller Angst warf ich mich in meinem Bett herum und stöhnte: »Oh, mein Gott!« »Ist dir schlecht?« fragte meine Frau. Ich konnte nicht gleich antworten, denn ich bemerkte, daß ich nicht mehr in meinem Bette lag, sondern mich auf einer steilen Anhöhe zu halten suchte, während ich doch langsam abwärts glitt. Ich rief: »Ja, mir ist schlecht, mir ist sehr schlecht!« Meine Frau hatte eine Kerze angezündet und stand in ihrem rosafarbenen Nachthemd neben mir. Das Licht beruhigte mich, und ich hatte ganz deutlich das Gefühl, geschlafen zu haben und gerade in diesem Augenblick aufgewacht zu sein. Das Bett stand wieder horizontal gerichtet, und es machte mir keine Mühe, darin zu liegen. Ich betrachtete meine Frau verwundert, denn da ich nun wußte, daß ich geschlafen hatte, schien es mir durchaus nicht mehr sicher, daß ich überhaupt um Hilfe gerufen hatte. »Was willst du?« fragte ich. Sie sah mich schlaftrunken mit müden Augen an. Mein Ruf hatte wohl genügt, sie aus dem Bett zu jagen, aber nicht, ihr das Verlangen nach Ruhe zu nehmen. Und deshalb legte sie im Augenblick auch keinen Wert darauf, recht zu haben. Um nur schnell wieder ins Bett zu kommen, fragte sie: »Willst du von den Tropfen, die der Doktor dir für den Schlaf verordnet hat?« Ich zögerte mit der Antwort, wenngleich mich sehr danach verlangte, mir eine Erleichterung zu verschaffen. »Wenn du willst«, sagte ich, bemüht, den Eindruck zu erwecken, als wäre mir alles gleich. Tropfen zu nehmen bedeutete ja noch nicht, daß man zugab, sich elend zu fühlen. Einige wenige Augenblicke genoß ich einen tiefen Frieden. Das dauerte so lange, wie meine Frau in ihrem rosafarbenen Hemde neben mir stand und bei dem schwachen Licht der Kerze meine Tropfen abzählte. Das Bett war ein richtiges, horizontales Bett, und wenn ich die Augenlider schloß, war jedes Licht ausgelöscht. Ich öffnete sie aber von Zeit zu Zeit, und das gedämpfte Rosa des Hemdes in dem sanften Licht der Kerze wirkte nicht minder beruhigend als die vollkommene Dunkelheit. Meine Frau hatte aber keine Neigung, mir ihren Beistand länger zu gewähren, als unbedingt notwendig war. So fand ich mich denn bald wieder der Nacht überantwortet und mußte allein meinen Kampf kämpfen, um Frieden zu erlangen. Ich erinnerte mich, daß ich, als ich noch jung war, oft den Schlaf dadurch erzwungen hatte, daß ich mir eine recht häßliche alte Frau vorstellte, damit sie die schönen Gaukelbilder verjagte, die meinen Schlummer störten. Jetzt dagegen durfte ich gefahrlos die Schönheit beschwören, und sie würde mir sicher helfen. Das war der Vorteil – der einzige – des Alters. So rief ich denn verschiedene schöne Frauen, die ich in meiner Jugend begehrt hatte. Damals war an schönen Frauen kein Mangel gewesen. Aber sie kamen nicht. Sie gewährten sich mir auch jetzt noch nicht. Ich ließ nicht ab, sie aus der Vergangenheit heraufzubeschwören, bis endlich eine einzige schöne Gestalt der Nacht entstieg: Anna. Es war Anna, wie sie vor vielen Jahren ausgesehen hatte, aber ihr schönes, von Gesundheit leuchtendes Gesicht hatte einen traurigen Ausdruck und blickte mich vorwurfsvoll an. Sie wollte mir nicht den Frieden bringen, sondern die Qualen des schlechten Gewissens. Ich konnte sie nicht mißverstehen, und da sie nun einmal da war, begann ich mit ihr zu rechten. Gewiß, ich hatte sie verlassen, aber sie hatte sofort einen andern geheiratet. Das war ihr gutes Recht. Aber dann hatte sie ein Mädchen zur Welt gebracht, das jetzt fünfzehn Jahre alt war, und das wohl ihre zarte Haut und ihr goldenes Haar bekommen hatte, aber sonst dem Vater glich, den sie ihr ausgesucht hatte. Aus den sanften Wellen ihres Haares waren krause Locken geworden, die Wangen waren übermäßig groß, der Mund zu breit und die Lippen aufgeworfen. Die Züge der Mutter, mit denen des Vaters vermischt, waren wie ein schamloser Kuß vor aller Welt. Was wollte sie also noch von mir, da nun doch offenkundig war, wie oft sie ihren Gatten umschlungen hatte? Nun glaubte ich, – zum erstenmal an diesem Abend – gesiegt zu haben. Anna blickte mich nicht mehr so vorwurfsvoll an, als sähe sie ein, mir Unrecht getan zu haben. Nun war sie mir auch nicht länger unwillkommen. Sie mochte gern bleiben. Ich glaubte sie überzeugt und konnte nun wieder ihre Güte und Schönheit bewundern. Bald schlief ich ein.   Ein gräßlicher Traum. Ich befand mich in einem komplizierten Bau, den ich aber sofort verstand, wie wenn ich selber ein Teil von ihm gewesen wäre. Es war eine sehr weite Grotte mit rohen Wänden und ohne jene phantastischen Gebilde, die die Natur in ihrer Laune zu schaffen liebt, und daher war sie sicher ein Werk von Menschenhand. Es war sehr dunkel in der Grotte. Ich saß auf einem hölzernen Dreifuß neben einem Gehäuse aus Glas, das ein schwaches Licht ausstrahlte. Denn einen andern Ursprung des Lichtes, das von ihm ausging, vermochte ich nicht zu entdecken, und so mußte es wohl selber eine Eigenschaft des Gehäuses sein. Es war aber das einzige Licht in der weiten Grotte, und es beleuchtete nur mich selber und eine Wand aus großen, unbehauenen Steinen auf zementiertem Untergrunde. Wie ausdrucksvoll sind doch die Bauwerke des Traumes! Man wird sagen: sie sind so ausdrucksvoll, weil man natürlich leicht verstehen kann, was man selber geschaffen hat. Das ist wohl richtig. Aber das Merkwürdige ist, daß der Baumeister gar nichts davon weiß, daß er sie geschaffen hat, und daß er nicht einmal, wenn er wieder wach ist, sich darauf besinnt. Daher wundert er sich wohl darüber, daß man in jener Welt, in der er eben noch weilte, und in der die Bauwerke so leicht aus dem Nichts emporsteigen, alles ohne Mühe und ohne erklärende Worte versteht. So war mir denn ohne weiteres klar, daß die Menschen diese Grotte gebaut hatten, um sie für Heilzwecke zu verwenden. Ich wunderte mich auch keineswegs darüber, daß die Kulthandlung, zu der sie sich versammelt hatten (es mußten ihrer sehr viele sein), ein Opfer erforderte, und daß dieses Opfer den Tod erleiden mußte, damit die andern geheilt werden konnten. Ich erriet auch ohne Mühe, daß sie mich neben das gläserne Gehäuse gesetzt hatten, in dem das Opfer den Erstickungstod erleiden sollte, weil ich dazu ausersehen war, für die andern zu sterben. Schon spürte ich die Schmerzen des furchtbaren Todes, der mich erwartete. Ich litt an Atemnot. Der Kopf tat mir weh, und er war so schwer, daß ich die Ellbogen auf die Knie stützen mußte, um ihn mit den Händen halten zu können. Da hörte ich plötzlich, wie die Leute, die in der dunklen Grotte versammelt waren, zu sprechen begannen. Und nun bestätigten sie mir, was ich schon wußte. Meine Frau sprach zuerst. »Beeile dich«, sagte sie. »Du weißt doch, daß der Doktor gesagt hat, du sollst in das Gehäuse gehen.« Das schien mir zwar schmerzlich, aber durchaus begreiflich. Darum widersprach ich auch nicht, aber ich tat so, als hätte ich nichts gehört. Und ich dachte bei mir: »Die Liebe meiner Frau ist mir schon immer verdächtig gewesen.« Da erhoben sich viele andere Stimmen und riefen zornig: »Wird es nun bald? Werden Sie endlich gehorchen?« Ich erkannte deutlich die Stimme des Doktors Paoli. Darauf ließ sich nichts entgegnen, aber ich dachte: »Er tut es, weil er dafür bezahlt wird.« Ich erhob das Gesicht, um noch einmal das gläserne Gehäuse zu betrachten, das mich erwartete. Da sah ich, daß die Braut auf dem Deckel saß. Auch an diesem Ort war ihre Miene ruhig und selbstbewußt. Ich hielt sie für sehr einfältig, aber ich merkte sofort, daß sie für mich von größter Wichtigkeit war. Das war nicht schwer zu erraten, da sie ja auf dem Werkzeug saß, das dazu dienen sollte, mich zu töten. Ich sah sie demütig an und hätte am liebsten wie ein Hündchen, das um sein Leben bittet, mit dem Schweif gewedelt. Welche Verirrung! Aber die Braut begann zu sprechen. Ohne jede Erregung, als wäre es die natürlichste Sache von der Welt, sagte sie: »Onkel, dies Gehäuse ist für dich bestimmt.« So mußte ich denn also allein um mein Leben kämpfen. Auch das erriet ich. Ich hatte das Gefühl, daß ich eine gewaltige Kraft ausstrahlen konnte, ohne daß jemand es merkte. Wie ich vorher die Fähigkeit in mir gespürt hatte, den Richter für mich günstig zu stimmen, so fühlte ich jetzt, ohne recht zu begreifen, wie, die Fähigkeit zu kämpfen, ohne mich von der Stelle zu bewegen, und so meine Gegner zu überfallen, ohne daß sie vorher gewarnt waren. Die Wirkung ließ nicht auf sich warten. Unversehens saß Giovanni, der große Giovanni, in dem leuchtenden Glasgehäuse, und zwar auf einem Dreifuß, der meinem ähnlich war, und in derselben Stellung wie ich. Da das Gehäuse zu niedrig war, mußte er sich vornüber neigen. Seine Brille hielt er in der Hand, damit sie ihm nicht von der Nase fiele. Es sah aber so aus, als habe er sie nur abgenommen, um den Blick nach innen zu kehren und ungestört darüber nachdenken zu können, wie er ein Geschäft, das er im Sinne hatte, am besten einfädeln sollte. Und wirklich konnte man in seinen Augen einen boshaften Schimmer bemerken, der verriet, daß er, obwohl schweißbedeckt und schon ziemlich atemlos, weniger an den nahen Tod dachte, als vielmehr daran, sich vermöge derselben Kraft, die ich mir vor kurzem dienstbar gemacht hatte, aus dem Gehäuse zu befreien. Deshalb bedauerte ich ihn auch keineswegs, sondern fürchtete ihn. Auch Giovanni glückte sein Bemühen. Bald saß Alberi, der lange magere, zähe Riese, an seinem Platz und in derselben Stellung, die aber für ihn wegen seiner ungewöhnlichen Körpermaße noch viel unbequemer war. Er war richtig zusammengepreßt, und er hätte mir auch leid getan, wenn er, bei all seiner Atemnot, nicht so boshaft ausgesehen hätte. Er schielte nach mir mit einem tückischen Lächeln, denn er wußte wohl, daß es nur von ihm abhing, dem Tode zu entgehen. Da begann die Braut, die auf dem Gehäuse saß, wieder zu sprechen: »Jetzt, Onkel,« sagte sie, »ist doch sicher die Reihe an dir.« Sie formte ihre Worte mit pedantischer Sorgfalt. Und ein anderer Ton gesellte sich dazu, der von fernher, aus der Höhe, ihre Worte begleitete. Aus diesem Ton, der, langgezogen, offenbar von jemand herrührte, der sich eilig entfernte, konnte ich entnehmen, daß sich am Ende der Grotte ein steiler Gang befinden mußte, der an die Oberfläche der Erde führte. Es war aber eigentlich mehr ein Zischen, das die Worte der Braut beifällig begleitete. Es kam von Anna, die mir auf diese Weise noch einmal ihren Haß bezeugen wollte. Sie hatte nicht den Mut, ihn in Worte zu kleiden, weil ich sie wirklich überzeugt hatte, daß sie gegen mich mehr gefehlt hatte, als ich gegen sie. Aber die Überzeugung hilft zu gar nichts, wenn man haßt. Alle waren gegen mich. In Erwartung meines Opfertodes ging meine Frau mit dem Doktor in irgendeinem entlegenen Teile der Grotte auf und ab. Ohne sie sehen zu können, wußte ich, daß sie sehr zornig war. Sie bewegte aufgeregt ihre Hände und zählte alle meine Missetaten auf, den Wein, die Speisen, meine Grobheit gegen sie und meine kleine Tochter. Ich fühlte, wie Alberis Blick, den er triumphierend auf mich gerichtet hielt, mich unwiderstehlich nach dem Gehäuse zog. Ich näherte mich ihm langsam mit meinem Sitze, und nur wenige Millimeter auf einmal, aber ich wußte, wenn ich nur noch einen Meter entfernt war (so wollte es das Gesetz), dann würde ich mit einem Sprunge drinnen sein und nach Luft schnappen. Aber es gab noch eine Hoffnung auf Rettung. Giovanni, der sich von den Anstrengungen seines schweren Kampfes vollkommen erholt hatte, war neben dem Gehäuse erschienen. Er brauchte es nämlich nicht mehr zu fürchten, weil er schon drinnen gewesen war (auch dies war Gesetz). Er stand aufrecht im vollen Lichte und sah bald nach Alberi, der nach Luft schnappte und mich drohend anblickte, bald nach mir, der ich mich langsam dem Gehäuse näherte. Ich schrie: »Giovanni! Hilf mir, ihn drinnen zu halten. Ich werde dir dafür viel Geld geben.« Die ganze Grotte hallte von meinem Geschrei wider, und es klang wie Hohngelächter. Da begriff ich, daß es keinen Zweck hatte zu bitten. Nicht wer zuerst in das Gehäuse gelangte, mußte sterben, auch nicht der Zweite, sondern der Dritte. Auch dies war ein Gesetz der Grotte, und, wie alle andern, kehrte es sich gegen mich. Es wurde mir schwer, einzusehen, daß es nicht erst in diesem Augenblick gemacht worden war, um mich zu vernichten. Giovanni antwortete nicht einmal. Er zuckte nur mit den Achseln, als wollte er sagen, es täte ihm leid, daß er nicht helfen und mir die Rettung verkaufen könnte. Da schrie ich noch einmal: »Wenn es nicht anders sein kann, dann nehmt meine Tochter. Sie schläft nebenan. Es wird nicht schwer sein.« Auch diese Worte erweckten ein gewaltiges Echo. Das war sehr störend, aber ich schrie um so lauter, damit meine Tochter mich hörte: »Emma! Emma! Emma!« Und wirklich ertönte aus der Tiefe der Grotte Antwort. Ich hörte Emmas noch so kindliche Stimme: »Hier bin ich, Papa. Hier bin ich.« Ich glaube, es dauerte einige Zeit, bis ich antwortete. Denn plötzlich erfolgte eine völlige Veränderung, woraus ich schloß, daß ich in das Gehäuse gesprungen war. Ich dachte noch: »Daß dieses Mädchen doch niemals auf der Stelle gehorchen kann!« – Diesmal wurde ihr Säumen zu meinem Verhängnis, und ich zürnte ihr sehr.   Ich wachte auf. Das war die große Veränderung gewesen: der Sprung aus der einen Welt in die andere. Mein Kopf und Oberkörper hingen über den Bettrand hinaus, und ich wäre gefallen, wenn meine Frau nicht herbeigeeilt wäre, um mich zu halten. Sie fragte: »Hast du geträumt?« Und dann setzte sie gerührt hinzu: »Du hast deine Tochter gerufen. Siehst du wohl, wie lieb du sie hast?« Ich war wie geblendet, als ich in die Wirklichkeit zurückkehrte, in der mir alles entstellt und gefälscht erschien. Ich sagte zu meiner Frau, damit auch sie die Wahrheit erkennen sollte: »Wie werden unsere Kinder es uns je verzeihen können, daß sie uns dieses Leben verdanken?« Doch sie entgegnete in ihrer Einfalt: »Unsere Kinder sind glücklich, daß sie leben dürfen.« Ich aber fühlte mich noch immer von dem Leben, das ich für das eigentlich wahre hielt – ich meine das Leben des Traumes –, befangen, und ich wollte die Wahrheit bekennen: »Weil sie noch nichts wissen.« Dann schwieg ich und hing meinen Gedanken nach. Das Fenster neben meinem Bett wurde hell, und da begriff ich, daß ich mich meines Traumes schämen mußte, und daß er nicht das Licht des Tages vertrug. Ich durfte ihn nicht erzählen. Als die Sonne aber mit ihrem sanften und doch klaren Licht das Zimmer erfüllte, erkannte ich, daß ich mich nicht zu schämen brauchte. Denn das Leben des Traumes war nicht mein wahres Leben. Ich war nicht jener Schwächling, der sich aus Angst wie ein Hund entwürdigte, und der, um sich selber zu retten, bereit war, die eigene Tochter zu opfern. Deshalb durfte ich aber auch niemals in jene furchtbare Grotte zurückkehren, und deshalb wurde ich folgsam und fügte mich bereitwillig den Vorschriften des Arztes. Sollte ich aber doch noch einmal, zwar ohne meine Schuld, also nicht infolge übermäßig genossenen Weines, sondern in den Fieberschauern der letzten Stunde, in jene Grotte zurückkehren müssen, dann würde ich, ohne zu zögern, in das gläserne Gehäuse springen und mich nicht wieder demütigen und an mir selber Verrat üben. Kleine Geheimnisse Ob der Sperling oder die Schwalbe uns Menschen irgendwie nähersteht, scheint eine müßige Frage. Beide, wird man sagen, sind geflügelte Wesen, vermutlich gleichen Gewichts, und beide sprechen eine zwar schönere, uns aber gleich unverständliche Sprache. Wer wollte also behaupten, das eine Tierchen stünde uns näher als das andere! Ich hatte in meinem Leben oft Gelegenheit, mich mit Sperlingen und Schwalben zu beschäftigen, aber während die Schwalbe mir ewig fremd und unbegreiflich blieb, habe ich der Seele des Sperlings manches ihrer kleinen Geheimnisse ablauschen können, und damit der Leser nicht länger in Ungewißheit bleibt, bin ich gewillt, gleich hier auf der Stelle zu sagen, was ich darüber in Erfahrung brachte. Die Schwalbe nimmt ihre Nahrung zu sich, während sie fliegt. Dadurch unterscheidet sie sich so grundlegend von dem Menschen, daß ich in der ganzen Natur nichts aufzuweisen wüßte, was uns wesensfremder wäre: nicht einmal die Kiemenatmung der Fische, geschweige denn die Gewohnheit des Hais, sich zur Nahrungsaufnahme auf den Rücken zu legen – denn das könnten wir mit einiger Übung allenfalls wohl auch noch fertig bekommen. Da wir also außerstande sind, den Schwalben Nahrung anzubieten, können wir niemals mit ihnen Kontakt gewinnen. Den Sperlingen aber konnte ich Futter streuen, und auf diesem Wege gelang es mir, ein wenig in ihrer Seele zu lesen und diese oder jene Ähnlichkeit oder gar Gleichheit mit der unsern zu entdecken. Die rudimentäre Seele nämlich ist, wie mir scheint, so einfach wie eine gerade Linie. Sobald sie kompliziert wird, ist sie nicht mehr die Seele. Finde ich aber, daß auf dieser geraden Linie mehr als ein Punkt zusammenfällt, dann kann ihre Länge wohl verschieden, die Richtung aber wird identisch sein. Wenn Schnee die Erde bedeckt, wird der Sperling mutig. Nicht ein Krümchen Brot kann man in seiner Nähe zu Boden fallen lassen, ohne daß er sich sofort darauf stürzt und es von dannen trägt. Sobald der Schnee aber zu schmelzen beginnt, und der Sperling hoffen kann, wo anders Nahrung zu finden, genügt die geringste Gefahr, ihn zu verscheuchen, und er läßt jede Speise unberührt, wenn sie in der Nähe eines gefahrdrohenden Hauses niedergelegt wird. In einem schneereichen Winter hatten meine Sperlinge sich daran gewöhnt, mir fast aus der toddrohenden Hand zu fressen. Ich beglückwünschte mich zu diesem Erfolge und hielt unsere Freundschaft von nun an für endgültig und fest begründet. Kaum aber begann der Schnee zu schmelzen, so war es mit der Anhänglichkeit meiner Sperlinge vorbei, obwohl der Winter keineswegs zu Ende und Nahrung noch immer nicht leicht zu finden war. Der Hungrige ist eben immer sehr anhänglich und zum Vertrauen geneigt! Wie verderbt und unsympathisch aber die kleine Sperlingsseele im Grunde ist, lehrte mich eine zweite Erfahrung. Ich war mit meiner Familie in ein geräumiges, einsam gelegenes Haus übergesiedelt, und da wir Überfluß an Brot hatten, öffnete ich jeden Tag ein Fenster, das nach der Gartenseite des Hauses lag, und streute den Vögeln Brotkrumen. Vier oder fünf Sperlinge bemerkten es, aber es waren ihrer zu wenige, und mein Brot verschimmelte auf dem Erdboden. Ich wußte nicht, wie ich es anstellen sollte, andere Vögel herbeizulocken. Immer kamen dieselben fünf Sperlinge, die augenscheinlich sehr ausgehungert waren, und taten sich an dem Überfluß gütlich. Ein Zufall kam mir endlich zu Hilfe. Ich zog mir eine Influenza zu, die mich auf eine Woche ans Bett fesselte. Als ich wieder aufstehen konnte und mein Brot zu streuen begann, begrüßte mich ein vielstimmiges Freudengeschrei. Hunderte von Sperlingen hatten sich vor meinem Fenster versammelt. Anfangs erschien mir die Sache rätselhaft, als ich aber darüber nachdachte und mich der Erfahrungen meines Lebens erinnerte, fing ich an zu begreifen. Solange die fünf Sperlinge jeden Tag ihr Brot bekamen, hatten sie das Geheimnis gehütet und die reichliche Beute unter sich geteilt. Als es aber ausblieb, hatten sie sich mit großem Geschrei darüber beklagt, und so hatten alle anderen Sperlinge erfahren, daß es hier immer Brot gegeben hatte, und daß nun keins mehr da war. Mein Fenster hatte bei ihnen Berühmtheit erlangt, und als ich es wieder öffnete, um Brot zu streuen, hatten alle sich eingefunden. Die Mutter In einem Tal, das, rings von waldreichen Hügeln umsäumt, in allen Farben des Frühlings leuchtete, standen Seite an Seite zwei große, schmucklose, kalkgeweißte Steinhäuser. Sie schienen von der gleichen Hand erbaut, und selbst die Gärten, die eingefriedet vor den Häusern lagen, hatten die gleiche Größe und Gestalt. Denen aber, die dort wohnten, war keineswegs ein gleiches Schicksal zuteil geworden. In einem abgelegenen Winkel des einen Gartens führten einige Küchlein eine angeregte Unterhaltung, während der Hofhund an seiner Kette schlief, und der Bauer sich an den Obstbäumen zu schaffen machte. Es waren sehr junge Küchlein, die dort ihre Erfahrungen austauschten, und ihr Körper verriet noch die Form des Eies, aus dem sie vor wenigen Tagen erst ausgekrochen waren. Darum hätten sie wohl auf die älteren Küchlein hören sollen, an denen es im Garten durchaus nicht etwa mangelte. Aber sie zogen es vor, ihre Erfahrungen selbst zu machen und selber das Leben zu ergründen, in das sie eben erst hineingeplumpst waren. Später gewöhnt man sich ja daran, und dann achtet man nicht mehr so sehr darauf. Da man aber in wenigen Tagen mehr erleben kann, als man glauben möchte, wenn man viele Jahre hinter sich hat, so hatten sie schon manche Freude und auch manches Leid erfahren. Und dabei wußten sie auch allerlei, denn sie hatten ja schon im Ei dies und jenes von der Lebensklugheit ihrer Voreltern mit der Nahrung aufgenommen. Kaum waren sie daher ans Tageslicht geschlüpft, so wußten sie schon, daß man die Dinge zuerst mit dem einen, dann mit dem andern Auge prüfend betrachten muß, bevor man weiß, ob man sie essen kann, oder ob man sich vor ihnen zu hüten hat. Sie unterhielten sich von der Welt und ihrer Größe, von den Bäumen und dem Zaun, der sie umschloß, und auch von dem großen Hause, das bis in die Wolken ragte: alles Dinge, die man gesehen hatte, die man aber besser sah, wenn man davon sprach. Ein gelbflaumiges Küchlein indessen, das gesättigt war und deshalb nichts mehr zu tun hatte, fand es langweilig, immer nur von Dingen zu sprechen, die man sah, denn die laue Frühlingsluft macht nachdenklich und weckt Erinnerungen. »Es ist schon richtig,« bemerkte es, »daß wir es gut haben, wenn die Sonne scheint, aber ich habe gehört, daß es einem auf dieser Welt noch viel, viel besser gehen kann. Und das gefällt mir nicht, und ich denke, es wird euch auch nicht gefallen. Ich habe nämlich die Bäuerin sagen hören, daß wir arme Küchlein wären, weil wir keine Mutter hätten. Und sie sagte das so traurig und so mitleidig, daß ich weinen mußte.« Ein anderes Küchlein, das viel hellflaumiger war als das erste und auch um einige Stunden jünger, und das daher noch dankbar der köstlichen Luft gedachte, in der es geboren war, meinte vorwurfsvoll: »Aber wir haben doch eine Mutter gehabt: den großen Schrank, der immer warm ist, wenn es draußen auch noch so sehr friert, und aus dem die kleinen Küchlein fix und fertig herausspazieren.« Das gelbe Küchlein aber, das die Worte der Bäuerin schon seit mehreren Tagen in seinem Herzen bewegte und daher Zeit gehabt hatte, immer wieder von der Mutter zu träumen, bis es sich darunter etwas vorstellte, was so groß war wie der Garten und so gut wie das Futter, verachtete die Schwätzerin mitsamt ihrer Mutter: »Wenn die Mutter etwas Totes wäre,« entgegnete es, »dann hätte ja jeder eine Mutter. Sie ist aber lebendig und läuft viel schneller als wir. Vielleicht hat sie Räder wie der Wagen des Bauern. Und deshalb kommt sie zu dir, ohne daß du sie erst rufen mußt, und sie wärmt dich, wenn du vor Kälte zu Boden sinkst. Wie schön muß es doch sein, wenn man in der Nacht eine solche Mutter bei sich hat!« Nun mischte sich ein drittes Küchlein ein. Es war ein Bruder der beiden anderen, weil es aus demselben Brutapparat stammte, es hatte aber etwas andere Formen bekommen: sein Schnabel war größer, seine Beinchen aber kürzer. Man nannte es ein schlecht erzogenes Küchlein, weil es beim Essen so viel Geräusch machte, in Wirklichkeit aber war es ein kleines Entlein, das man unter seinesgleichen sicher nicht schlecht erzogen genannt hätte. Auch das Entlein hatte die Bäuerin von der Mutter sprechen hören. Das war damals gewesen, als ein Küchlein vor Kälte ganz erschöpft ins Gras gesunken war. Die anderen Küchlein hatten zugesehen, wie es starb, aber sie hatten nicht daran gedacht, ihm zu helfen, denn die Kälte, die andere fühlen, spürt man ja nicht. Und das Entlein, das so einfältig aussah, weil der große Schnabel sein Gesicht entstellte, behauptete keck, wenn die Küchlein eine Mutter hätten, könnten sie nicht sterben. Bald war der ganze Hühnerhof von der Sehnsucht nach der Mutter angesteckt, und besonders die älteren Küchlein litten sehr darunter. Wenn eine Kinderkrankheit Erwachsene befällt, ist sie doppelt gefährlich, und mit den Ideen ist es oft nicht anders. Das Bild der Mutter, das die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne in den kleinen Köpfen hatten lebendig werden lassen, wuchs ins Unendliche: alles Gute, das köstliche Futter und das schöne Wetter hieß ihnen Mutter, und wenn die Küchlein und die Entlein und die kleinen Truthähne unter der Kälte litten, fühlten sie sich alle in der gleichen Sehnsucht nach der Mutter brüderlich geeint. Einer der Älteren, ein kleiner Hahn, erklärte eines Tages, er wolle nun nicht länger ohne Mutter bleiben, und er würde sie schon zu finden wissen. Er war der einzige in dem ganzen Hühnervolk, der einen Namen hatte. Er hieß Kluckkluck, weil er stets als erster herbeigelaufen kam, wenn die Bäuerin mit dem Futter in der Schürze erschien und »Kluck! Kluck!« rief. Er hatte für sein Alter ganz hübsche Kräfte, und in seinem feurigen Geiste regte sich schon die Kampfeslust. Er war schlank und lang wie eine Klinge, und wenn er sich nach einer Mutter sehnte, so war es vor allem, damit sie ihn bewundern sollte. Denn wenn es in ihrer Macht stand, alles zu gewähren, was einem angenehm war, würde sie wohl auch seinen Ehrgeiz und seine Eitelkeit befriedigen können. So sprang denn Kluckkluck eines Tages kühn entschlossen über den Zaun, der den Garten umhegte. Die Luft der so unversehens erlangten Freiheit aber betäubte ihn, und er wagte es zunächst nicht, sich weiter zu entfernen. Unendlich schien das Tal, über dem sich grenzenlos der blaue Himmel spannte. Wie sollte er da wohl seine Mutter finden? Er war so klein, daß er sich ganz in der unermeßlichen Weite verlor. Deshalb blieb er in der Nähe des heimischen Gartens, der Welt, die er kannte, und nachdenklich umschritt er ihre Grenzen. So führte ihn der Zufall vor den Zaun des anderen Gartens. »Wenn die Mutter hier drinnen wäre,« dachte er, »würde ich sie gleich finden.« Und da ihn nun die Unendlichkeit des Raumes nicht länger schreckte, sprang er, ohne zu zaudern, über das Gehege und fand sich in einem Garten, der dem anderen, von dem er kam, ganz ähnlich war. Auch hier tummelte sich eine Schar von jungen Küchlein in dem dichten Grase. Aber hier fand sich noch ein anderes Tier, das in seinem Garten fehlte: Ein riesiges Küchlein, vielleicht zehnmal so groß wie er selber, thronte inmitten der kleinen, flaumigen Tierchen, und sie alle schienen – man sah es sofort – das große, starke Tier als ihren Führer und Beschützer anzusehen. Und das große Tier gab auf alle acht. Wenn ein Küchlein sich zu weit fort gewagt hatte, rief es mahnend mit Tönen, die denen glichen, mit denen die Bäuerin ihre Küchlein zu locken pflegte. Dieses Tier aber tat noch mehr. Alle Augenblicke beugte es sich über die Schwächeren, gewiß, um sie mit dem eigenen Leibe zu wärmen. »Das ist die Mutter!« dachte Kluckkluck erfreut. »Ich habe sie gefunden, und nun will ich sie nicht mehr lassen. Wie wird sie mich lieben! Ich bin stärker und schöner als alle andern. Und weil ich sie liebe, wird es mir nicht schwer fallen, ihr zu gehorchen. Wie schön sie ist und wie majestätisch! Ich werde ihr helfen müssen, die kleinen Toren da zu beschützen.« Die Mutter schien ihn nicht zu beachten, aber plötzlich lockte sie. Kluckkluck glaubte, sie habe ihn gerufen, und er eilte zu ihr hin. Doch da sah er, wie sie sich ganz merkwürdig anstellte. Mit den schnellen Schlägen ihrer scharfen Krallen lockerte sie die Erde auf, und er blieb neugierig stehen, da er dergleichen noch nie gesehen hatte. Als sie aufhörte zu scharren, wand sich vor ihr auf dem vom Grase entblößten Boden ein kleines Würmchen. Jetzt begann sie zu glucksen, ihre Jungen aber blickten sie nur verzückt an und verstanden nicht, was sie wollte. »Die Dummköpfe!« dachte Kluckkluck. »Sie begreifen nicht, daß sie das Würmchen essen sollen.« Und immer von dem feurigen Wunsche getrieben, der Mutter zu gehorchen, stürzte er sich auf die Beute und verschlang sie. Der arme Kluckkluck! Wie rasend fiel die Mutter über ihn her. Er begriff sie nicht sogleich. Vielleicht wollte sie ihm, der sie doch eben erst gefunden hatte, mit heftigen Liebkosungen ihre Freude bezeugen. Er war gern bereit, alle Zärtlichkeiten hinzunehmen, wenn er sie auch nicht verstand und deshalb meinte, sie könnten wohl auch wehtun. Aber die Schläge des harten Schnabels, die auf ihn niederregneten, waren doch sicher keine Küsse, und da schwand ihm schließlich jeder Zweifel. Er wollte fliehen, aber der große Vogel warf ihn zu Boden, sprang auf seinen Leib und stieß ihm die Krallen in den Bauch. Mit einer ungeheuren Anstrengung gelang es ihm endlich, wieder auf die Beine zu kommen, und er rannte voller Angst nach dem Zaun. Auf seiner wahnsinnigen Flucht warf er ein paar Küchlein um, die die Beinchen in die Luft streckten und verzweifelt piepten. Das war seine Rettung, denn seine Feindin hielt sich bei den Gestürzten einen Augenblick auf. Als Kluckkluck an den Zaun gekommen war, schnellte er seinen kleinen, behenden Körper trotz der vielen Zweige und des Gestrüpps hinüber und gelangte so glücklich ins Freie. Die Mutter aber wurde durch das dichte Laub zurückgehalten. Majestätisch blieb sie stehen und blickte durch eine Öffnung des Laubes wie durch ein Fenster. Mit den schrecklichen runden, zorngeröteten Augen betrachtete sie den Eindringling, der, am Ende seiner Kräfte, nicht mehr weiter konnte. »Wer bist du, der du es gewagt hast, dir die Speise anzueignen, die ich mit so viel Mühe aus dem Boden grub?« fragte sie. »Ich bin Kluckkluck«, erwiderte demütig das Küchlein. »Aber wer bist du, und warum hast du mir so wehgetan?« Auf beide Fragen gab sie nur eine Antwort: »Ich bin die Mutter.« Und zornig wandte sie ihm den Rücken. Einige Zeit darauf befand sich Kluckkluck, der inzwischen zu einem prächtigen Rassehahn herangewachsen war, in einem anderen Hühnerhof. Und eines Tages hörte er, wie seine neuen Gefährten alle mit Liebe und Sehnsucht von ihrer Mutter sprachen. Da gedachte er seines eigenen bitteren Schicksals und sagte voller Traurigkeit: »Meine Mutter war ein ganz fürchterliches Tier, und ich wünschte, ich hätte sie nie kennengelernt.« Drei Fabeln Ein Professor der Zoologie erklärte seinen Schülern die Abstammung der Purzlertaube von der Felsentaube. Er sagte, eine Laune der Züchter hätte Jahrhunderte hindurch solche Tiere bei der Zuchtwahl bevorzugt, die die sonderbare Neigung zeigten, von Zeit zu Zeit einen Purzelbaum zu schlagen. So wäre denn endlich jenes merkwürdige Tier entstanden, das es sich zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheine, sich in der Luft zu überschlagen. »Wie abgeschmackt!« rief einer der Schüler. »Abgeschmackt ist das nicht«, erwiderte der Professor. »Das Leben ist nun einmal so. Auch bei den Menschen beobachten wir heute eine ähnliche Entwicklung. Nicht die besseren überleben die minderwertigen, vielmehr jene, die es am besten verstehen, Kapriolen zu machen. Wer weiß, – wenn es so weiter geht – was für ein merkwürdiges Geschöpf eines Tages das Ergebnis sein wird?« * Unser Herrgott wurde Kommunist. Er schaffte die Hölle und das Fegefeuer ab und wies allen Menschen einen gleichen Platz im Paradiese an. Alle waren zufrieden und erfreuten sich der ewigen Glückseligkeit. Da geschah es, daß ein reicher Mann starb und ins Paradies gelangte. Er war anfangs darüber sehr erstaunt, gewöhnte sich aber so schnell an diesen neuen Zustand, daß er schon bald etwas daran auszusetzen fand. »Worüber beklagst du dich denn?« fragte zornig der Herr. »Ich bitte dich,« erwiderte der Reiche, »schicke mich auf die Erde zurück! Dein Paradies ist kein Paradies. Man sieht hier niemand leiden.« * Ein Bösewicht, den seine verderbte Natur getrieben hatte, einen Wehrlosen zu töten, ward sich der Größe seiner Schuld bewußt, ging in sich und trat in eine Kirche, um zu beten. Während er noch, tief zerknirscht, auf den Knien lag und inbrünstig betete, hörte er den Priester auf der Kanzel sagen: »Freuet euch, daß es Schwache und Arme unter euch gibt, denn sie geben euch Gelegenheit, mildtätig zu sein, und öffnen euch die Tore zur Seligkeit.« »Er lügt!« dachte der Sünder bei sich. »Die Schwachen sind ja gerade unser Unglück. Wäre mein Opfer nicht schwach gewesen, hätte es sich wehren können, und ich hätte nicht den Frieden meiner Seele verloren.«