Herman Bang Wechselnde Themen Reportagen– Eine Auswahl – 1883 [Herman Bang. Vekslende Themaer I–IV. Udgivet af Sten Rasmussen. Det Danske Sprog- og Litteraturselskab. C.A. Reitzels Forlag, København 2006. ISBN 978-87-7876-465-2.] © 2009. Aus dem Dänischen übersetzt von Dieter Faßnacht 7.1.1883 Was man so liest Die Geschichte unserer Zeit wird jeden Tag abends geschrieben und nachts von der Rotationspresse gedruckt. Auf der Nachrichtenseite wird sie von Reportern und Nachrichtenjägern geschrieben, auf der ersten und der letzten Seite von den Anzeigenauftragsgebern. Unsere Leitartikel stiften Nutzen wie der antike Chor, der begleitet und manchmal – die Ereignisse voraussagt. Am lehrreichsten ist aber vielleicht doch »Die kleine Chronik«. Sie behandelt »das intime Leben« und läßt uns mit dürren Worten bald den Zipfel einer Tragödie, bald den Fetzen eines Dramas erahnen – sie ist im Grunde genommen das Skelett für die ganze »Sittenkomödie«. »Sittenkomödie«: Der Ausdruck weist auf Honoré de Balzac (1799–1850)hin, der, nachdem er ungefähr um 1834 den Einfall hatte, die Fülle seiner Romane unter dem Sammeltitel »La comédie humaine« (Die menschliche Komödie) zu ordnen und sie in drei Kategorien unterteilte: a) Études de mœurs (Schilderungen der Sitten), b) Études philosophiques und c) Études analytiques, wovon insbesondere die erste Sammlung viele Bände umfaßt, z. B. den berühmten Roman »Le père Goriot« (1834). Diese Geschichtchen, oft so dürr berichtet, sind wie die Gedankensplitter der gesellschaftlichen Verhältnisse, zugleich wenig und viel. Wir wollen heute – von dem, was wir in den letzten Tagen in Blättern drinnen und draußen gelesen haben –, ein paar dieser »Brosamen vom Tisch der Verhältnisse« auflesen.   Kürzlich war Graf Paar, Graf Paar: Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Ludwig Graf Paar, der im Dezember 1873 zum Gesandten am Vatikan ernannt worden war; er hatte diesen Posten bis 1888 inne. Zuvor war er von 1866–1869 und 1872–1873 österreichischer Gesandter in Kopenhagen. Er war ein Bruder des österreichischen Generaladjutanten und Generals der Kavallerie Eduard Graf Paar. Das Geschlecht derer von Paar (1769 Erhebung zu Fürsten) hatte von 1624 an das Amt des österreichisch-ungarischen General-Erblandpostmeisters inne, nach dessen Abschaffung durch Karl VI. (1711–1740) die Direktion des Postwesens. der österreichische Gesandte in Rom, Ziel eines Attentates, während er durch den Corso fuhr. Eine Person schlug mit zwei großen Steinen an seinem Wagen die Scheiben ein. Der Täter wurde auf der Stelle gefaßt. Der Attentäter war Schneider und hieß Valeriano. Er war von kleiner Gestalt und leicht mißgestaltet. Als er dem Richter vorgeführt wurde, gestand er sofort; zu viele waren Zeugen des Anschlags, als daß er hätte leugnen können. Als der Richter aber damit begann, mit ihm über politische Verschwörungen zu sprechen, antwortete Valeriano, daß er nichts von Politik verstünde. Er war auf dem Corso unterwegs und niedergedrückt, weil er hungrig war und nichts zu essen hatte. Dann war der Wagen des Grafen vorbeigefahren; er hatte diesen prachtvollen Wagen gesehen, die Diener des Gesandten trugen mit Gold und Pelzwerk geschmückte Hüte, und er hatte kaum etwas zum Anziehen. »Da verglich ich die Pracht dieses Mannes mit meinem Elend, und erzürnt ergriff ich die Steine.« »Und sonst kennen Sie den Mann nicht?« »Nein, ich habe ihn zuvor noch nie gesehen.« Gut, daß nicht alle Lazzaroni so hitzig sind wie der Schreiner Valeriano – sonst bestünde das Pflaster nur noch aus wenigen Steinen, und kein Wagen hätte noch Scheiben.   Im Hause Lithnerstraße 177 Lithnerstraße: Nicht identifiziert. in Berlin hatte sich die ganze Familie im 5. Stock, 2. Aufgang, einige Tage lang merkwürdig ruhig verhalten. Die Nachbarinnen begannen zu tuscheln, und der Hausmeister klingelte bei der Familie. Kein Lebenszeichen kam aus der abgeschlossenen Wohnung. Man begann, sich zu beraten. Niemand kannte die Leute gut. Sie waren wie so viele andere aus der Provinz nach Berlin gekommen, in der Hoffnung, auf den Straßen der Hauptstadt Gold zu finden. Sie hatten aber kaum Brot gefunden. Man klopfte und klopfte, endlich brach man die Tür auf. Die Familie hatte ein Zimmer, in dem drei Betten standen. Andere Möbel gab es so gut wie nicht. In den zwei kleineren Betten lagen die vier Kinder, tot, mit auf der Brust gefalteten Händen. In dem großen Bett lag das Ehepaar, das sich an der Hand hielt, und im linken Arm, an sich gedrückt, hatte die Frau einen Säugling. Auf den Holztisch unter der Öllampe hatte der Vater mit Kreide in ungelenken Buchstaben die Wörter gekritzelt: »Wir sterben, weil wir nicht mehr leben wollen.« Sie hatten Holzkohle aufs Feuer gelegt. Holzkohle raucht nicht. Man behauptet, ihr Qualm lasse uns sanft in den Tod gleiten.   Gambetta Gambetta: Léon Gambetta (1838–1882) war ein französischer Staatsmann, heftiger Gegner des Zweiten Kaiserreichs, 1870/1871 Kriegsminister, nach der Niederlage herausragender Vertreter der Revanche. glaubte nur an eine einzige Sache: an Hellseher. Während der Schwangerschaft war seiner Mutter prophezeit worden, daß der Sohn, den sie unter ihrem Herzen trug, der mächtigste Mann des Landes würde. Wie alle Frauen ihres Landes war sie abergläubisch, und in sicherem Glauben an die Wahrheit der Prophezeiung tat sie alles, Leon für den Platz, der ihn erwartete, würdig zu erziehen. Von da an vergaß ihr Sohn, genau wie sie, diese Prophezeiung nicht. Er glaubte daran, und er suchte andere Hellseher auf, um noch mehr über die Zukunft zu erfahren. Einer dieser »Hellseher«, die er aufsuchte, prophezeite ihm, er würde die Macht zweimal erlangen und dann von der Hand einer Frau sterben. Aber vor seinem Tode würde er die Warnung erhalten, daß das Ende bald nahe sei. Im letzten Jahr, als Gambetta bei einer großen Einweihungsfeier sprechen sollte, stürzte die Tribüne, auf der er stand um zu sprechen, plötzlich zusammen, und er stürzte hinab. Als er wieder hochgekommen war, wandte er sich zu einem Freund, der jene Prophezeiung kannte, und sagte ziemlich bleich: »Soll dies die Warnung vor dem Ende sein?« … Gambetta will ohne religiöse Zeremonien begraben werden. Er hatte aufgehört, Christ und Katholik zu sein. Es sieht so aus, als sei er weiterhin – Italiener.   Zur gleichen Zeit, als Mlle Dinelli Mlle Dinelli: Französische Schauspielerin am Theater Bouffes Parisiens (1855 vom Komponisten Jacques Offenbach gegründet). geisteskrank Eitelkeit überlebt den Verstand. Als man der jungen unglücklichen Schauspielerin die Zwangsjacke anziehen wollte, sagte sie: »Nein, nein, die will ich nicht anhaben. Sie steht mir nicht.« wurde, hat tiefe Trauer ein anderes unserer jungen Sternchen getroffen. Mlle Montbazons Vater Herr Monbazon: wahrscheinlich Montbazon, in diesem Fall vielleicht der Vater der französischen Lust- und Schauspielerin im Thêatre de l'Ambigu-comique in Paris (gegründet 1769), Mlle Montbazon, von der keine näheren Informationen vorliegen. ist gestorben. Hr. Monbazon hatte in der Provinz große Triumphe gefeiert. Er hatte Helden- und Erste-Klasse-Rollen gespielt und war mit Lorbeerkränzen überhäuft worden. Sein Ruf führte ihn nach Paris, wo er im Ambigu debütierte und durchfiel. Paris verschmähte die Provinzgröße. Kurz danach fand er in Lille sein altes Glück, aber nichts tröstete ihn. Er begann, teilnahmslos zu werden und sein Gedächtnis zu verlieren. Er reiste wieder nach Paris, und er verbrachte ganze Tage vor dem Ambigu-Theater; er redete nur von dem Theater, das ihn verschmäht hatte; er dachte an nichts anderes. Zuletzt mußte man ihn in eine Irrenanstalt sperren. Er wurde völlig teilnahmslos, hatte an nichts mehr Interesse.   Es gab nur ein Wort, das er verstand, das Wort, das er dauernd selbst wiederholte: Ambigu. Eines Tages ergriff er die Gelegenheit zu entwischen, man suchte überall nach ihm. Erst gegen Abend fand man ihn auf der kleinen Steintreppe sitzen, die beim Ambigu-Theater zum Eingang der Schauspieler führte. Seit der Zeit wurde er sehr streng bewacht. Man erlaubte ihm jedoch, im Garten spazieren zu gehen. War er dort eine Minute unbewacht, kletterte er in die Bäume hinauf. Von den Wipfeln der Linden aus konnte er die Kuppel des Ambigu sehen … Der Wiener Komiker Matras Matras: Johan Matras (1832–1887): österreichischer Komiker, Schauspieler und Volkssänger, der 1882 mit einer unheilbaren seelischen Erkrankung in eine Anstalt eingewiesen wurde. ist kürzlich ebenfalls geisteskrank geworden. Er ist aber mit seiner Krankheit sicher glücklicher. Der große Komiker glaubt, er sei Devrient, Devrient: Ludwig Devrient (1784–1832) war der größte und originalste Schauspieler der deutschen Romantik. Spielt am Königlichen Schauspielhaus in Berlin. und er verwendet seine Bettdecke als König Lears Purpurmantel … Er leidet an Größenwahn und kann nicht geheilt werden.   Ein Prozeß in Niederösterreich hat die Menschen durch die Grausamkeit des Verbrechens, das abgeurteilt wird, erregt. Ein Sohn hat seine Mutter umgebracht. Sie war Witwe, lebte alleine mit ihrem Sohn zusammen und besaß ein kleines Haus. Er war Holzschnitzer, groß, stockdumm und – verfressen. Dies gab zu ständigem Streit Anlaß. Der Sohn beklagte sich, er bekäme nie genügend zu essen, die Mutter, daß er ihr die Haare vom Kopf fräße. Der dauernde Zank entzweite sie so, daß sie außer bei den Mahlzeiten nur wenige Worte miteinander wechselten, wenn der Streit wieder aufflammte. Dann konnten sie recht hitzig werden. Eines Tages aßen sie Pfannkuchen, das Leibgericht des Sohnes. Als er aufgegessen hatte, wollte er mehr, die Mutter wollte ihm nichts mehr geben und tat das letzte Stück weg. Der Sohn schrie und wollte ihr die Platte entreißen, aber sie stieß ihn von sich. Am Abend, als die Mutter sich zur Ruhe gelegt hatte, erstickte der Sohn sie mit dem Deckbett, ging selber zu Bett und schlief, bis es Tag wurde, neben der Leiche. Er wurde in einem Wald gefaßt und schlug ein paar seiner Verfolger mit großen Holzscheiten zu Boden …   Gestern fanden die Bewohner der …straße 79 ein junges Mädchen, das in der Dachkammer zur Miete wohnte, tot in ihrem Bett. Sie hatte sich mit Gift umgebracht. Wir haben versucht, Auskünfte über die Beweggründe der Tat zu erhalten, und es ist wahrscheinlich, daß Hunger und Elend die Unglückliche lebensmüde machten. Sie war in einem großen Kaufhaus angestellt, hatte dann aber ihren Arbeitsplatz wegen Krankheit verloren. Niemand wußte, wovon sie in der letzten Zeit gelebt hatte, und die Pförtnerin meint, sie sei halb zu Tode verhungert. An einem der letzten Tage, bevor sie starb, sagte sie zur Tochter der Pförtnerin: »Es wäre doch besser zu sterben als wie ›die Anderen‹ zu werden.« Das junge Mädchen soll früher mit seiner Mutter zusammen gewohnt haben, die aber schon vor etlichen Jahren gestorben war. Über den Vater weiß man nichts.   – Adelina Patti Adelina Patti (1843–1919): Italienische Sopranistin, die laut Verdi die bedeutendste Opernsängerin des 19. Jahrhunderts war; sie trat in allen führenden Opernhäusern Europas und der USA auf und sang 1862 im Weißen Haus vor einem tief bewegten Abraham Lincoln und seiner Frau bei einem Gedenkkonzert für den gerade verstorbenen Sohn des Präsidentenehepaares. wird auf ihrer derzeitigen Amerikatournee alle Yankee-Damen mit ihrer Garderobe überstrahlen. Allein von Frau Morin Frau Morin: Gehobenes Modegeschäft in Wien. in Wien hat die bewundernswerte »Diva« 70 Kleider zu einem Preis von 10 000 bis 20 000 Francs 1 Franken entsprach zwischen 1873 und 1913 4,5 g Feinsilber; der heutige Kaufkraftwert wäre dann zwischen 1 – 3 €. erhalten. Es verwundert deshalb nicht, daß sie sich weigerte, für ihr Gepäck Zoll zu bezahlen. Ihr schönstes Kleid ist ein Meisterwerk aus hellem blaßgelbem Atlas, mit seidengestickten Schmetterlingen beladen. Jeder Schmetterling ist nach dem Originalgemälde eines wirklichen Künstlers genäht und kostete etwa 150 Francs. Das ganze Kleid hat zwanzig Näherinnen drei Wochen lang Arbeit gegeben. Man kann jedoch sicher sein, daß Frau Patti sich mit dieser Verschwendung nicht ruiniert. Sie meint vielleicht, daß man für die 1½ Millionen, die sie in Amerika verdient, etwas mehr geben muß als die Perlen seiner Stimme.   – Es sind noch verschiedene Ausschnitte übrig, aber es soll genug sein. Das ist alles in fünf-sechs Zeilen aus der vielbändigen Geschichte der Zeit. Aber diese fünf-sechs Zeilen, aus Zeitungen herausgeschnitten und in der trockenen Prosa des Wörterbuchs der Reporter, könnten dem einen oder anderen mehr zu denken geben als hundert Gedichte. Man sagt allzu oft Schlechtes über das Zeitungslesen. Der aber, der die Zeitungen richtig liest, wird mehr über die Zeit, ihre Menschen und Zustände, lernen können, als ihm Dutzende von Liebesromanen erzählen könnten. Man redet auch von reaktionären Zeitungen. Das ist oberflächlich. Der Stoff der Zeitungen ist derselbe. Und aus diesem Stoff stecken dieselben Fragen überall ihr Haupt empor. Oder will man vielleicht nicht glauben, daß diese kleinen Notizen von Unwissenheit, sozialen Mißverständnissen und sozialem Elend der »Wiener Presse«, dem »Figaro« und »Gaulois« genau so wie »Le Voltaire« »Wiener Presse«: österreichische Zeitung von 1882–1892; »Le Figaro«: französisches Boulevardblatt, 1854 begründet; »Le Gaulois« (1867–1929) konservative monarchistische Tageszeitung; »Le Voltaire«: nicht näher identifizierte Pariser Zeitung. entnommen sind? 13.5.1883 Pfingsten Die Glocken, die zum Abendgottesdienst riefen, hörten auf zu läuten. Die letzten eiligen Schläge, die sich immer um das Heil der Herde ängstigen; die Sankt-Petri-Gemeinde Sankt-Petri-Gemeinde: Sankt Petri ist die Kirche der deutsch-lutherischen Gemeinde in Kopenhagen, Sankt Peders Stræde 2, in der Nähe von Nørreport. war zum Gottesdienst gerufen. Dann lagen die großen Schulhöfe tot da, zwischen grauen Bretterzäunen staubüberzogen, und die Bäume in Valkendorfs Garten Valkendorfs Garten: Der Garten des Valkendorf-Kollegiums. Christoffer Valkendorf (1525-1601) war Reichshofmeister Christian IV. Er stiftete 1588 das Kollegium als Studentenwohnheim (»Burse«), das 16 Studenten Unterkunft und Verpflegung gab. Eine Stiftung für die Studenten errichtete er aus eigenen Mitteln 1595. 1865/6 wurde das Kollegium an derselben Stelle neu erbaut und bot nun 21 Studenten Unterkunft. Bekannte Kollegiumsstudenten waren Ewald, Grundtvig, Blicher, Ingemann und Herman Bang (von 1877-1879). bewegten kein einziges Blatt ihres hellen Laubes. Wie in Wellen fiel die Sonne über Streifen pastellfarbener, gepflegter Rasen mit leuchtend grünem Gras. Die Fliedersträucher reckten ihre reich blühenden Zweige zum Licht; nur einige Weiden hielten sich im feuchten Schatten des Hauses, bei der steinernen Treppe … Keine Bewegung, kein Laut. Nur hin und wieder ging von der Sonne getauft ein leichtes Zittern durch die Blüten des Obstbaums, sah empfindsam auf den Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes. Und aus den Kronen der Linden sausten auf einmal zwei tschilpende Spatzen herab, um sich im Staub des Gangs zu tummeln … Dadurch wachte der Student auf, streckte sich im Gartenstuhl und legte »Junker Herold« »Junker Herold«. Byrons autobiografisches Gedicht »Childe Harold's Pilgrimage« (1812-1818) wurde 1880 von Adolf Hansen ins Dänische übersetzt (»Junker Harolds Pilgrimfart«. Et romantisk kvad). in seinen Schoß. Er sah sich um: dasselbe Bild, dieselbe Ruhe. Warum war er nur zu Hause geblieben? Er hätte sich wohl genau so gut wie alle anderen die paar Schillinge Schilling: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichs-banktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. verschaffen können … Aber er legte keinen Wert darauf, Pfingsten mit Bier und Kognak aus Feldflaschen zu feiern, die umher gereicht wurden … Er wollte gerade hier allein sein … Die Kameraden konnte er an »Feiertagen« noch weniger leiden. Warum benahmen sie sich auch so anders als sonst? Werktags gingen sie so ordentlich gekleidet, während sie feiertags ihre abgelegten Kleider hervorholten – dieses ganze alte Hostrupsche Wesen? Das Hostrupsche Wesen: Jens Christian Hostrup (1818-1892) wirkte 1854-1880 als Gemeindepfarrer in Silkeborg und Hillerød. Er war ein damals in Dänemark bekannter Schriftsteller und Dramatiker. In Komödien und Singspielen schildert er naive, gemütvolle und muntere Studenten aus dem Kopenhagen der 1840'er und 1850'er Jahre. Sie sahen lächerlich aus, als sie mit ihren Botanisiertrommeln und Knotenstöcken fortgingen – nun ja – Guten Appetit im Fortune! Fortunen: Ausflugsgaststätte (ursprünglich Forsthaus mit Ausschank) in Jægersborg Dyrehave. Dyrehave (nördlich von Klampenborg) war seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts das beliebteste Ausflugsziel des Kopenhagener Bürgertums, seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Kopenhagener Arbeiter. Im Dyrehave befindet sich auch der älteste Vergnügungspark »Bakken«. Pförtners waren mit allen Kindern in den umgenähten Lesekitteln Umgenähte Lesekittel des Kollegiums: Die Studenten trugen im Studium eine Art Lesekittel. Die Frau des Pförtners hat von den Studenten die abgelegten, verschlissenen Kittel bekommen und sie zu Kleidungsstücken für ihre Kinder umgenäht. des Kollegiums ins Grüne gezogen. Unser Vater trug schwarze Handschuhe; er verdiente täglich ein Zubrot als Leichenträger … Dann war alles ruhig geworden, und der einsame Feiertag hatte begonnen. Der Student erhob sich und begann, im Gang auf und ab zu gehen. Es war doch zu lächerlich, daß Pan Pan: In der griechischen Mythologie Gott der Hirten und des Waldes. auch in einem Garten regieren sollte. Aber trotzdem begann die Ruhe ihn … aufzuregen … Er hatte plötzlich Lust, drinnen die Kinder in die Pause stürmen zu hören, die Klingel läuten zu hören. Er setzte sich wieder, griff wieder nach dem »Junker Herold«; aber das Buch sank wieder nieder, und er las nicht mehr.   Zu Hause, zu Hause! Der Wald war gerade grün geworden; und wie sich die Wiesen sanft krümmten! Sie erstreckten sich so frisch und so geschmeidig gerade bis zum Waldrand, wo die Fahnenstange zum Fest errichtet wurde. Gestern war die Akrobatenfamilie in ihrem großen Wagen hinunter gefahren, und zehn Leierkastenmänner hatten heute im Pfarrhof gespielt. Sie nahmen das Paar Schillinge mit – vor dem Fest. Die Pfarrerskinder tanzten zur Musik. Das Fräulein ließ ihr Bügelbrett stehen, überdrüssig der vielen Hemden; die jüngeren benutzten Topfdeckel als Schellentrommel – – bis das Fräulein es leid war, die Haushälterin zu spielen und rief: »Psst! Vater schreibt die Predigt.« – – und plötzlich war der Hof wie leer gefegt, und sie sprangen wieder auf den Balken der halbleeren Scheune umher … So verging der Tag, aber dieser Samstagabend war den Verstorbenen gewidmet. Gegen Abend öffnete die Kirchendienerin das große Tor und begann, in den Gängen längs der Buchsbaumhecken Sand zu streuen. Die Pfarrerskinder pflückten Goldregen und Flieder, die sie in den Korb legten. Dann tranken sie Tee im Wintergarten, während die Glocken den Sonnenuntergang einläuteten. Der Vater saß bleich da, still und ergriffen von dem kommenden Feiertag. Nachdem sie gegessen hatten, holten sie die Körbe mit den Blumen und setzten sich auf die Bank hinter die Hecke, wo der Holunder eine Gartenlaube bildete. Frauen und Mädchen kamen von den Feldwegen auf die Landstraße, die zur Stadt führte. Man konnte ihnen, ihre weißen Tücher um den Kopf, von der Mühle aus folgen. Sie kamen mit einem Rechen und einem Rosenstock oder einem Goldlack, den sie im Winter zu Hause aufgezogen hatten. Wenn sie an der Bank bei der Hecke des Pfarrhofes vorbeigingen, neigten sie ihr Haupt und grüßten leise: »Gottes Friede.« Dies war der Gruß am Abend der Toten. »Gottes Friede.« Sie zogen in Gruppen durch das große Tor, und sie verteilten sich auf die Gräber. Dann begannen die Glocken, das Fest einzuläuten. Die Pfarrerskinder ergriffen ihre Körbe und öffneten die kleine Tür unter dem Goldregen. Sie gingen an den Gräbern vorbei, wo die Frauen mit Rechen und Spaten zu Gange waren. Drüben an den Mauern, die zur Wand führten, lagen die Gräber der Armen. Diese schmückten die Pfarrerskinder mit ihren Blumen. Die Glocken läuteten weiter, während der Himmel über dem Wald sich rötete. Nach und nach begann man, sich von Grab zu Grab zu unterhalten – zuerst über die Verstorbenen und die vielen Krankheiten, die zu den Gräbern geführt hatten. Und man schneuzte sich häufig die Nase mit dem Handrücken und erzählte mit sanfter Rührung. Dann schlich sich der Dorftratsch ein, und man hörte damit auf, zu rechen und herzurichten; man stand flüsternd, jeder auf seiner Seite der Buchsbaumhecken … Und zu guter Letzt ging der Tratsch von Grab zu Grab, lustig und mit unterdrücktem Gelächter – – Unten vom Platz vor der Schule hörte man die Kinder, die zum »letzten Schlag« Der letzte Schlag: Ein Fangen-Spiel für Kinder. versammelt waren. Beim Gasthaus auf der anderen Seite der Straße standen die Knechte und warteten. Dort ertönten lauter Unsinn und großes Gelächter. In dem Maße wie die Mädchen fertig wurden, näherten sie sich der Mauer an der Straße; und sie schauten hinüber, und Bemerkungen und halblautes Gekicher begannen über die Friedhofshecke zu wechseln. Die Frauen gingen prüfenden Blicks durch die Gänge, die Hände über dem Bauch gefaltet, und es waren Grüße und Getratsche und Mißbilligung des einen oder anderen zu hören. Die Pfarrerskinder hatten ihre Körbe geleert; sie kehrten zum Garten zurück. Die jungen Knechte hatten fleißig mit einem Lied begonnen. Das Schreien der Kinder scholl weit über die Wiesen. Dann hörte die Glocke auf zu läuten, und während ihrer Schläge zum Gebet wurde es ganz ruhig, das Singen hörte mit einem Mal auf, man hörte nur noch das Lachen der Kinder … Man trennte sich in gleichmäßigem Gespräch und ging seiner Wege. Nur eine einzige Frau blieb zurück; als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde, beeilte sie sich flugs … Denn der Friedhof war bald verlassen. – – Der Abend des Pfingstmontags: ein Fest mit politischen Reden. Wie schmuck die Damen doch waren, und wie sie fürchteten, ihre Kleider zu beschmutzen, wenn sie aus den Wagen ausstiegen. Der Landtagsabgeordnete des Kreises redete unendlich lange, und das Karussell durfte nicht fahren, solange gesprochen wurde … Aber Vögel zu schießen und nach dem Seehund Seehund: Hier ist wahrscheinlich die Figur auf dem Karussell gemeint. schauen, dazu konnte man sich doch wegschleichen und sich die Zeit verkürzen … Schließlich wurde es Abend; die Lampen an den Girlanden wurden angezündet, die Spielleute begannen zu schwitzen und in ihre Trompeten zu spucken … ach, die alten Weisen – welche Bögen mußte man schlagen, um ihnen zu folgen, und das war auf all den unebenen Bodenbrettern doppelt so schwer. Das war ein Lärm, ein Gelächter, Musik. Die Akrobaten riefen unter einem Leuchter mit schwankenden Kerzen aus. Und drinnen, weiter drinnen war der Wald so ruhig und frisch, und im zeitigen Frühjahr gab es im Dickicht noch unbetretene Pfade … Zu Hause – zu Hause!   – – Wie doch die Schatten im Garten des Kollegiums wuchsen. War es bereits so spät? Der Student erhob sich. Ja – die Familie im Hinterhaus war nach Hause gekommen. Vater hatte sich in Hemdsärmeln auf die Fensterbank gestützt, hinter einer anderen Scheibe stand Buchenlaub in einem Flaschenhals … Der Student ging zum Tor und sah auf die Straße hinaus. Alles war noch sehr ruhig, friedlich wie eine Kreisstadt am Sonntagnachmittag. In den reinlichen Straßen bei der Universität geht es immer so ähnlich wie in der Provinz zu. Auch jetzt: Schuhmachers waren nach Hause gekommen; die Kinder belagerten die Kellertreppe, ihr Roggenbrot kauend, der Vater rauchte am Geländer seine Pfeife. Nach und nach kehrten die Kleinbürger des Stadtviertels nach Hause zurück, im Gefolge ihre Kinder, ziemlich müde, von der langen Tour durch den Dyrehaven schmutzig und schläfrig von der frischen Luft, an die sie nicht gewöhnt waren. Sie schieben die Kinderwagen, mit Buchenlaub gefüllt, durch die Straße, zerren die größeren Kinder, die vor sich hindösen, an ihren Händen, ohne ihnen jedoch Beine machen zu können. Nach und nach kommt Leben in die Häuser … Fenster werden aufgerissen. Buchenzweige werden in weiße Vasen gestellt, und manche Unterhaltung beginnt vor den Türen und auf den Treppen – – Der Student ging zurück. Im Garten begann es, dunkel zu werden. Von der Straße vernahm man gedämpften Lärm: Das Viertel begab sich zur Ruhe. In der Nacht wurde der Student durch Gesang geweckt. Das Kollegium war nach Hause gekommen. Er ging zum Fenster. Dort unter dem großen Baum hatten sie einen »Bierstand« mit zwei Lampen auf dem Tisch eingerichtet … Einer redete mit vielen Gesten – – »Denn das ist die Jugend , sehen Sie, meine Herren, die Jugend, die Glaube und Ideale hat – die Jugend, deren Hoffnungen das Samenkorn der Zukunft sind!« – – Der Student ging wieder zurück. Aber sein Schlaf blieb unruhig, begleitet von Liedern Hostrups. 10.6.1883 Im Belvedere-Garten »Zirkus Variété« Der Belvedere-Garten Belvedere-Garten: Hier stand ursprünglich das alte Pesthaus am Kalvebodstrand, bei der jetzigen Matthæusgade. ist weit weg. Dies sind vielleicht auch diejenigen in Kopenhagen, die noch nie von der Vesterbrogade durch den Enghavevej über die Felder abgebogen sind. Denn Belvedere ist nur im »Viertel« bekannt. Ein Stück Schattenseite des äußersten Vesterbros, wo die großen nackten Kasernen der Stadt sich auf dem offenen Feld ausbreiten; sie erstrecken sich weit bis zu den Ausläufern des ersten Dorfes. Ein eigentümlicher und unordentlicher Gürtel rund um die Stadt – weder Stadt noch Land. Aber die Armut und die scheuen Gestalten, die hier verweilen, nehmen sich alle Freiheiten des Landlebens. Die Kinder tummeln sich halbnackt in den Gräben, und einer nach dem anderen kommen die Arbeiter nach Hause, leicht taumelnd mit dem übriggebliebenen Samstagslohn in der Ledertasche. Lautes Geschrei dringt dort aus jener Riesenbaracke. Die Kaserne ist noch im Bau. Die Treppe hängt kahl und baufällig am mittleren Fenster, und alle Wände sind unverputzt. Aber zum Wohnzimmer hinauf hat man eine schwankende Brücke aus Brettern gelegt, und hinter den Scheiben kann man auf den Rolläden »Café« lesen. Drinnen, unter einem Paar Petroleumlampen, die durch den Ruß hindurch leuchten, lärmt ein Gewimmel sich bewegender Köpfe; die Kneipe ist voll. Man fährt weiter einen Weg, von Kastanien gesäumt, hinab, und auf einem blauen Schild mit weißen Buchstaben liest man: Belvedere. Eine Schar von Jugendlichen stürmt zum Wagen und bettelt um Schillinge. Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8 €. Der eine schlägt Purzelbäume und macht einen Handstand. Der Kutscher erkundigt sich, ob hier der Zirkus sei. – »Ja, hier im Zelt. Um acht Uhr.« Es ist acht Uhr, und wir steigen aus. »Man wartet auf Zuschauer.« Das kann man verstehen, denn das große amerikanische Zelt ist noch ganz dunkel, und die sieben Musikanten, die, wie Hühner auf der Stange ihres Brettergestells, aneinander gepreßt saßen, heulen ab und zu falsch und trübsinnig in ihrer hilflosen Einsamkeit – und wir können uns den Garten anschauen. Er ist halb gemäht, um Platz für die Bewirtungstische zu schaffen, aber rund um die Caféeinrichtung erstrecken sich grüner Rasen und dichte Johannisbeersträucher wie ein frühlingsgrüner Gürtel. Ein einzelner Obstbaum wirft den Schnee seiner Blüten über den verwilderten wuchernden Strauch, und zur Straße hin schützen Weidenhecken. Mitten auf dem Rasen hinter dem Haus ist ein Zelt, das seine Herrlichkeiten für das Sonntagspublikum bewahrt, errichtet. Ein Kettenhund hält drinnen Wacht und fährt hoch und schlägt an, während wir uns die Gemälde betrachten, die als Schild dienen: Kleopatra, die von der Schlange gebissen wird, Kleopatra, die von der Schlange gebissen wird: Die schöne intrigante Königin der Ägypter, die sowohl Cäsar als auch den Triumvirn Antonius betörte, nahm sich das Leben, als sie zusammen mit Antonius den Kampf gegen Octavian verloren hatte. Der Selbstmord (30 v. Chr.) soll der Überlieferung nach dadurch erfolgt sein, daß sie sich von einer Giftschlange beißen ließ. und Samson im Schoß Dalilas. Samson in Dalilas Schoß: (Richter 13-15). Samson ist einer der Helden aus dem Stamme Dan, der sich im Krieg mit den Philistern befand; er wurde von der bestochenen Geliebten Dalila verraten und an seine Feinde ausgeliefert. Wir kehren zum amerikanischen Zelt zurück, lösen von einem mageren Arm, der durch eine Öffnung im Kassenhäuschen fährt, die Karten und gehen hinein. Das Zelt ist immer noch leer. Ein paar Näherinnen reiben sich geniert an den Bänken entlang, erschrocken, so allein zu sein, und »die Manege« liegt wie alles übrige leer da und wartet in sandbestreuter Feierlichkeit. Aus dem Raum der Künstler schauen jeden Augenblick Gesichter heraus und verschwinden wieder, während die Musik mit derselben Weise von vorne beginnt. Der eine oder andere Arbeiter hebt den Vorhang am Eingang an und sieht hinein, erschrickt über den leeren Raum und bleibt draußen stehen, wo sich ein kleines Grüppchen Wartender um den Direktor schart, der seine Blicke von den Wolken hinab zum Gartentor schweifen läßt und vom Gartentor wieder zu den Wolken hinauf. Ein paar frierende Künstler mit einem Trikot unter den langen Wintermänteln betreten den Platz, und nach und nach beginnt eine gleichmäßige jammernde Unterhaltung zwischen den Künstlern und dem Dutzend Zuschauern. Im Zelt werden Lampen angezündet, und ein Stallknecht kümmert sich um die Manege. Ein kleiner Junge mit schiefem Kopf beginnt, mit einem Tablett voller Apfelsinen herum zu sausen, die er einschmeichelnd zu den leeren Bänken reicht. Und jedes Mal, wenn er bei den beiden Näherinnen vorbei kommt, scheucht er sie noch weiter in ihrem Winkel. Er verkauft auch Programme. Genaue Nachbildungen der richtigen Kunstreiterprogramme. Hier finden sich alle bekannten Nummern: Sprung über ein Band, das Apportierpferd Apportierpferd: ein Pferd, das dazu abgerichtet ist, Gegenstände zu holen oder einzusammeln. Victoria und der schiffbrüchige Matrose. Dann, nachdem sich dreiundzwanzig Leute eingefunden haben – ein Dutzend Arbeiter, einige kleine Mädchen aus dem Viertel, fünf oder sechs Neugierige und wir – beginnt die Vorstellung. Der Stallmeister kommt herein, knallt mit der Peitsche und ruft: »Fräulein Christine mit graziösen Figuren!« Und die Vorstellung läuft vor diesen wenigen Menschen mit einem traurigen Ernst ab, der die Sinne bedrückt. Die obligaten Handküsse und das Lächeln werden zu den tapetenbezogenen Bänken mit automatischer Stetigkeit, die die Nerven irritiert, geworfen. Die Pudel und die kleinen Pferde, der Jongleur und der Matrose folgen einander. Und wenn die Clowns, die in die Leere hineinrufen, über ihre Beine stolpern, brechen einige kleine Kinder in schallendes Gelächter aus. Das ist der Beifall des Publikums. Nach und nach nickt man von den unendlichen Kreisen des Schimmels ermüdet ein, und man vernimmt die Witze des Clowns nur noch undeutlich, während er dem Schulpferd Napoleon, das mit Schlafmütze und Serviette auf der Brust geschmückt frißt, Futter bringt. Die eine oder andere Erinnerung an Schauplätze wie diesen kommt hoch, Schauplätze in freier Luft auf dem Schulhügel, hinter der Bürgerschule, mit großen Plakaten angekündigt, mit reichlich geschmücktem Umzug durch die Straßen der Kreisstadt, wo die Künstler an den Sommerabenden ritten, wie Gespenster geschminkt, in ihrem zerschlissenen Samt mit Goldstickerei aufgetakelt, die alt geworden war und die der Regen und die Zeitläufte rosten ließen. Wie die Trompeten schmetterten! Alle Straßenjungen der Stadt folgten der Truppe, und überall stürmten Mädchen und Burschen zur Haustür, um die Gaukler vom Schulhügel zu sehen … An Tagen mit Regen oder Schneeregen krochen sie auf ihren Pferden zusammen, tropfende Regenmäntel über ihrem Trikot, und die weißen Federn auf ihren Baretten schlotterten wie nasse und zerzauste Hühner. Aber die Clowns riefen trotzdem und stießen in ihre Hörner, während sich die weiße Pierrotschminke auflöste und in Strömen über ihre Wangen floß … * Ich sehe ihn noch an den kalten Regentagen, in Sturm und Schneeregen – den kleinen Angelo, wie er auf seinem Pony in sich kroch und wie seine Beine in dem gestreiften Trikot, das vor Nässe troff, vor Kälte zitterten, und wie die Hände, die die bunten Zügel hielten, blau und geschwollen waren. Er konnte sich kaum auf dem Pferd halten, aber der Direktor wandte sich um und rief ihn, und er warf ihm eine Kußhand zu und versuchte zu lächeln. Wenn er lachen wollte, verzog sich sein Mund wie zum Weinen, und das Lächeln gelangte nie bis zu den Augen. Sie lagen so schwer wie erloschene Kugeln unter ihren Lidern, traurig wie die Augen Mignons. Mignon: eine Prinzessin, die von Zigeunern geraubt wurde und die in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795) die Reisegefährtin des schwermütigen Harfenspielers ist. Ihr berühmtes Lied »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn« gibt ihre Sehnsucht nach der verlorenen Heimat wider. Ambroise Thomas' Oper »Mignon«, die in Kopenhagens Königlichem Theater 1880 aufgeführt wurde, beruht auf Motiven des Goetheromans. Angelo war der Liebling des Publikums. Der Junge ritt unter Aufbietung aller Kräfte über die Hindernisse. Er raste unter Schellenklang umher, bald oben, bald unten. Während des Reitens kam Farbe in sein Gesicht, und Fieberglanz stieg in seinem Blick auf. Wenn es dann vorbei war und er immer wieder herausgerufen wurde, wich die Röte wieder, und er warf Kußhände zu und sammelte die Apfelsinen auf, aber selbst während des Jubels blieben die Mignon-Augen traurig … Armer Angelo! Eines Tages, als die anderen Künstler zur Probe erschienen, fanden sie ihn im Trapez erhängt. Er hatte einen Strick um seinen Hals geschlungen, und die Zunge fiel rot und geschwollen aus seinem Mund, die Augen starrten steif. Angelo hatte nicht mehr leben wollen. Warum? Der Junge war müde vom Hungern, müde, Prügel zu bekommen, müde davon zu frieren und müde davon, Sehnsucht zu haben. Seine Geschichte war so einfach, und wahrlich so einfach kann sie auch in Kürze erzählt werden. Er stammte aus den spanischen Grenzgebirgen. Dort auf einem kahlen Berg war er geboren, und weil er hübsch und geschmeidig war, wurde er verkauft: Seine Eltern nahmen dies nicht so genau, sie verkauften das Kind für zwei Goldstücke. Und eines Tages nahm ihn die Truppe, die nach Frankreich zog, mit. Über Tausende von Landstraßen ging es gen Norden … Angelo fror und er hatte Sehnsucht: Er bat inständig darum, gehen zu dürfen. Auf bloßen Beinen wollte der Junge zurückkehren; er wollte an jedem Weg und bei jedem Fels fragen, bis er den Weg nach Hause gefunden hätte. Dies erzählte er einer der gütigen Frauen im Ort. Sie gab ihm Brot und heißen Kaffee, und während er gierig aß, mit dem aufgerissenem Blick derer, die hungern, erzählte er von Spanien und der Sonne. Er hatte sich eine eigentümliche Sprache beigebracht, konnte alle Sprachen, gab seine merkwürdigen Wörter dazu, und es klang wie eine unterdrückte Klage, die über seine kindlichen Lippen kam. Aber am häufigsten kam dieses eine Wort vor, dieses eine Wort: Sonne. Und wenn er vor seiner Tasse Kaffee saß, konnte er plötzlich ein heimisches Wort in seiner eigenen Sprache sagen, und das Kind brach in Tränen aus; sein Haupt sank auf den Tisch, und der Junge schluchzte laut. Angelo hatte zu flüchten versucht. Er war nachts aufgestanden und war mit seinem Bündel aus der Stadt gen Süden gewandert. Aber man fand ihn, und der Direktor bekam ihn zurück. Nun hatte er sich den Strick um den Hals gelegt, und niemand mehr konnte ihn aufhalten – auf dem Weg nach Hause. Denn in den Bergen seiner Heimat lebt eine merkwürdige Sage, daß derjenige, der in einem fremden Land stirbt, zurückkehrt und wieder in seinem Haus in seinen Bergen wohnt. Angelo hatte den Mut gehabt, diesen Weg in sein Vaterland zu wählen. Hier hinterließ er nur wenig. In einem roten Tuch waren sieben Taler verborgen, und auf einen Zettel hatte er gekritzelt – wer hatte ihm nur das Schreiben beigebracht? – »An meine Mutter«. Es war die Mutter, die ihn verkauft hatte.   Die Vorstellung geht ihren Gang. Die Clowns machen ihre Witze, das Pferd – der Schimmel, der »den Schotten« »Den Schotten«: die Bedeutung dieses Ausdrucks ist unsicher; Woel und Lehrmann nehmen einen Druckfehler an und lesen »bærer skatten« (tragen »den Schatz«). mit seinen großartigen Verwandlungen genau so geduldig trägt wie Miss Charlotte bei ihrem ernsten Tanz, wo sie doch nicht die leichteste ist. Miss Charlotte – wird unermüdlich heraus- und hereingeführt. Die Kinder klatschen, und der Apfelsinenjunge fällt dauernd mit seinen Apfelsinen, die er den leeren Bänken anbietet, auf den Boden … Uns befällt nach und nach eine stumpfe Traurigkeit. Das Halbdunkel, die Leere bringen sie hervor; wir gehen in den Garten hinaus, wo es inzwischen fast Nacht geworden ist. Ein schwerer Duft von Kastanien und Flieder löst sich; er entfaltet sich in der Kühle. Von der Stadt her legen sich die Dünste des Abends schwer über Gärten und Felder. Und die Schaubudenmusik aus dem Zelt und die Rufe an die Pferde vermengen sich mit dem fernen Trubel auf den Straßen, der sich wie ein benebeltes und verwirrtes Summen anhört, eine unanständige und undeutliche Begleitung. Dann verlassen wir den »Belvedere-Garten«. 4.11.1883 Vergnügen und Vergnügungsstätten Arma Senkrah Arma Senkrah (1864-1900): amerikanische Violinistin, die als 18jährige im Herbst 1883 in Kopenhagen auftrat. Ihr Künstlername ist eine Spiegelung ihres Geburtsnamens Harknes. Mit ihrem virtuosen und einfühlsamen Spiel und ihrer zarten Ausstrahlung beeindruckte sie Bang tief. Er lernte sie auch näher kennen. Nach ihrem Freitod schrieb er den Nekrolog (Politiken 7.9.1900). hat in der letzten Woche das »Etablissement National« Etablissement National: von Architekt Hans Hansen (»Hellig-Hansen«) 1880–1882 an der Stelle des heutigen Scala (Vesterbrogade/Axeltorv) erbaut; das hier bestehende ältere Haus Concert du Boulevard wurde in das neue Gebäude integriert. Bei der Eröffnung am 15. Januar 1882 konnte man zum ersten Mal in Kopenhagen elektrisches Licht erleben. National verfügte über einen großen Konzertsaal, der das beste skandinavische Varieté beherbergte. Das Gebäude wurde 1931 stark umgebaut, der Name in National Scala geändert; eine weitere Modernisierung 1937 brachte nicht den gewünschten Publikumserfolg, so daß es 1953 schließen mußte. Das Gebäude wurde verkauft und abgerissen. geadelt. Ein echtes »Musikvereinspublikum« Musikverein: »Musikforeningen for Kjøbenhavn« wurde 1836 gestiftet und hatte unter ihrem Komponisten und Dirigenten N.W. Gade 1850–1890 eine führende Stellung innerhalb des dänischen Musiklebens inne. hat Abend für Abend in Stuhlreihen Platz genommen, wo sonst Tische und Stühle einen ziemlich chaotischen Eindruck hinterlassen. Man hat sicher allgemein diesen prachtvollen Saal bewundert, der in allen seinen Proportionen geglückter zu sein schien als all das, was Direktor Hansen Direktor Hansen (1849–1923): Schreinermeister und Architekt Hans Hansen ( »Hellig-Hansen«) errichtete mit Stuck geschmückte Prachtbauten in Kopenhagen; Höhepunkt waren der Dagmar- und Nationalkomplex 1880-1883. Hans Hansen inspirierte Bang zu der Figur des Baumeister Martens in »Stuk« (1887). in den letzten drei Jahren gebaut hat für die fünf Millionen, die er in so viele vergoldete Friese, phantasievolle Decken und dekorierte Wände umgesetzt und verwandelt hat. Vorher war in den prachtvollen Räumen nicht immer genug Luft. Schöne, aber zu schwere Decken hingen drückend über unseren Häuptern. Das Dagmartheater, Dagmartheater: Schauspielhaus unweit des Rathausplatzes (damals Halmtorvet ), in der Jernbanegade. Wurde am 7.3.1883 eröffnet. Erbauer Hans Hansen und M.V. Brun. 1937 abgerissen. In Herman Bangs Roman »Stuk« (1887) steht es als »Victoriatheater« im Mittelpunkt. – Im Neubau löste ein Filmtheater das alte Theater ab; hier und im Shellhaus war ab 1943 das deutsche Hauptquartier. das wie eine Schachtel ausgepolstert ist, dessen vergoldeter Salon farbig wie eine Bonbonniere erstrahlt, ist prickelnd, jede Einzelheit künstlerisch durchdacht – aber drinnen hat man manchesmal das Bedürfnis, tief Luft zu holen. Das alte National war üppig, und der rücksichtslose Reichtum nahm einen in Beschlag, aber die Säle waren zu klein, und die Wände schienen uns einzukreisen Der neue Konzertsaal ist vor allem hell und weit. Die hohe Decke scheint auf ihren reich vergoldeten Pfeilern zu schweben, die Bögen sind groß und weit. Überall gibt es reichlich Platz. Auf den Gängen, auf den Treppen. Man hat das behagliche Gefühl, einander nicht zu stören. Die große »Maschinerie« draußen ist bereits gut eingeübt. Mit »Maschinen« meine ich alles Unterirdische an solch einer Vergnügungsstätte, alles das, was wir nicht sehen; aber unser Wohlbefinden in einer Stelle wie dieser hängt doch davon ab; und die »Maschinerie« ist nicht so leicht zu steuern. Im »National« sind nur 160 Leute angestellt, die täglich hier arbeiten, darunter 60 Kellner. Die übrigen sind Kontrolleure, Dienstmädchen, Köche, Bäcker u.s.w. u.s.w. Sechzehn Kaltmamsellen bereiten die belegten Brote zu. Und um eine der ganz kleinen Beschäftigungen zu nennen, zwei Mann sind angestellt, um Messer zu schleifen und zu reinigen. Es wird aus drei Küchen aufgetragen, und auf den Stockwerken aus einem Anrichteraum. Welcher Kontrollaufwand hier nötig ist, kann sich jeder selbst vorstellen. Die abendliche Vorbereitung währt an den »großen« Abenden nicht weniger als anderthalb Stunden. Hier werden große Summen umgesetzt, und die Keller beherbergen reiche Vorräte. Vielleicht ist der Kellerkomplex in dem ganzen Gebäude am interessantesten. Hier ist der Bierkeller, wo das bayerische Bier gekühlt wird und direkt von den Fässern in die verschiedenen Stockwerke geleitet wird, wo Thermometer an den Hähnen der Armatur die Temperatur anzeigen. Hier gibt es große Flächen für die Ventilatoren mit ihren großen fächerförmigen Rotorblättern, dort ist der Raum für die Warmluft mit all seinen dampfdurchströmten Rohren. Und überall ein Wirrwarr von eisernen Türen und Luken. Mitten im Keller befindet sich die Küche, wie ein Kern, von Vorratskellern umgeben, wie von einer Schale. Welches Drunter und Drüber in der Küche und vor dem Buffet! Nach dem Senkrah-Konzert, wenn alle hungrig und durstig sind, kann man sein eigenes Wort nicht verstehen. Dreihundert belegte Brote verschwinden von den Platten, wo sie aufgestapelt liegen, in weniger als einer Viertelstunde. Wir erwähnten, daß es ungefähr 160 Angestellte waren, aber dabei haben wir das Orchester nicht mitgerechnet, das nun zu spielen beginnt. Normalerweise besteht es aus vierzig Personen. Wenn nun Herr Rainer Herr Rainer: Leiter einer Tirolergruppe«. Gemeint ist vielleicht eine Gruppe Tiroler Künstler, vielleicht auch Gaukler, Jodelkünstlern oder Jodelchor oder Volkstanzgruppe. mit seinen zwanzig Künstlern kommt, beträgt die Anzahl der Spieler an gewöhnlichen Abenden etwa sechzig … Ja, Kopenhagen hat nun sein Wintertivoli. Wintertivoli: 1843 konnte Georg Carstensen auf den alten Festungsanlagen beim heutigen Rathausplatz seinen Vergnügungspark eröffnen. Da die meisten Veranstaltungen und Lustbarkeiten unter freiem Himmel stattfanden, war ein Betrieb nur im Sommer möglich. Carstensen wollte deshalb unbedingt ein überdachtes Vergnügungszentrum bauen. Dies tat er auch mit der Errichtung des Casinos (eröffnet 1847), das bereits Ende 1848 in ein Theater- und Kulturzentrum umgewandelt wurde. Aus dem «Winter-Tivoli« war nichts geworden. Was solch eine Vergnügungsstätte in weiteren Kreisen anzustoßen vermag, ist nicht zu überschätzen. Eines jedoch scheint mir wichtiger als alles andere zu sein: Eine solche Stätte wie diese adelt die Form des Genießens. Roheit gedeiht nicht, wo es so hell ist, so schön wie hier. Leider wird sie sich dann doch andere schmutzige Löcher schaffen. * Gestern auf der Straße, an der Ecke, schlug mich plötzlich eine Fülle bunter Plakate in ihren Bann. Ich hatte noch nie so viele Plakate gesehen und machte mich daran, sie zu studieren. Es waren Programme von Vergnügungsstätten, und beim Lesen bemerkte ich mit Verwunderung, daß die einfacheren Vergnügungen in der Stadt im Laufe der letzten Jahre ihren Charakter grundlegend geändert hatten. Die Gesangslokale, die einst Schauplätze der ersten Ausschweifungen des vergangenen Jahrzehnts gewesen waren – wie unschuldig, diese Ausschweifungen, wenn wir daran denken, unschuldig, weil es so langweilig war, daß man sich nie lange in jenen Tempeln der Gesangskunst aufhielt und daß selbst die Hartnäckigsten flohen, wenn »Fräulein« Emilie, Romanzensängerin, mit ausgestrecktem kleinen Finger das Stelldichein der beiden Drosseln auf ihrem Buchenzweig Drosseln auf dem Buchenzweig: »Zwei Drosseln saßen auf einem Buchenzweig«, Lied (1843) von Christian Winther, vertont von Sofie Dedekam. besang – diese Singlokale sind nach und nach ganz verschwunden. Sie sind ganz leise dahingegangen, und möchte man sich jetzt die Erinnerung an die Heldentaten seiner frühesten Jugend ins Gedächtnis zurückrufen, muß man weit aus der Stadt hinaus, fast bis Valby, wo die »Gesangskunst der Sängerinnen« wohl noch ein Jahrzehnt lang ihr lustiges Dasein fristen wird. Aber den Gesangslokalen folgten die »Varieté-Theater«, die die Stadt fast zu überschwemmen drohen. Sie sind eine raffinierte Abwandlung, und auf ihrer »Bühne« treten die »Spezialistinnen« auf – ein neuer Name für »Chansonetten«, Chansonetten: ursprünglich ein kleines Lied, dann volkstümliche Sängerin. die Kankan Kankan: konzertantartiger, anzüglicher Tanz, stammt ursprünglich aus Frankreich. auf französisch tanzen und uns in Berliner Kneipengesängen die Unsittlichkeit auf deutsch servieren. Vielleicht meint man, diese sei in fremder Sprache ungefährlicher. Leider aber ist die Kenntnis des Deutschen weit verbreitet, und die Obszönität hat ihr eigenes Vermögen, sich verständlich zu machen. »Die Spezialisten«, unter ihnen Komiker mit ihren abscheulichen Judenkomikern in der ersten Reihe, ist eine Gruppe, die eine Hamburger Sankt-Pauli-Moral einführt, die kaum besser ist als die, die uns dargeboten wurde, als »Oh Susanne« Oh, Susanne: Kehrreim von Englands Küste: »Oh Susanne! / Du bist mein Leben, meine Lust. / Es gib keinen Mann so froh wie ich / an Englands ganzer Küste!« Populärer Gassenhauer, der in hoher Auflage von Jul Strandbergs Liederverlag vertrieben wurde. im Chor von den Frauenstimmen auf den Tribünen erscholl. Die Tribünen sind verschwunden. Bühnen wurden statt ihrer errichtet. Wir wollen einmal aufzählen. Tivolis Musikcafé hat seine »Bühne« bekommen, hat jedoch im übrigen nur wenig von seinem klassischen Charakter verloren. Das »Valhalla« Valhalla: volkstümliche Kopenhagener Vergnügungsstätte. ist nach einem kurzen Zwischenspiel als Konzertsaal zum »Varieté-Theater« geworden, wo Professor Max Alexander an der Spitze eines Künstlertrupps auftritt. Das »Thalia-Theater«, Thalia-Theater: Unterhaltungstheater Ecke Østergade/Kristen Bernikows Gade. wo man in alten Tagen schlecht, aber unschuldig Komödien spielte, zeigt nun gemischte Vorstellungen, wo »fremde Künstler« mehr und mehr die alten dänischen »Kräfte« verdrängen. Der »Belle-Alliance«-Keller, Belle-Alliance-Keller: volkstümliches Kopenhagener Vergnügungslokal. der seinerzeit mit einem Riesenharmonium, das verbrannt ist, eröffnete, ist langsam zu einem modernen »Varieté« geworden. Schlangenmenschen und Komiker traten an die Stelle des Harmoniums. Schließlich noch das »Vesterbro-Theater«, Vesterbro-Theater: befand sich bei der Freiheitssäule, wurde 1875 geschlossen. das ich vor acht Jahren seine Pforten mit einem Lustspiel von Hedberg Hedberg: gemeint ist vielleicht der schwedische Dramatiker Frans Hedberg (1828-1908). Es könnte sich aber auch um einen Druckfehler handeln, so daß J.L. Heiberg gemeint wäre. öffnen sah, und das seither die unglaublichsten Wandlungen erlitten hat – wenn ich mich nicht täusche, gab es eine Zeitlang sogar Hundevorstellungen, und ebenfalls eine Zeitlang wollte man in aller Hast den Saal zum Zirkus umbauen – jetzt ist es zu einem unserer ersten »Spezialitäten«-Plätze geworden und hat sowohl Genre als auch Namen vom nunmehr verschwundenen »Concert du Boulevard« »Concert du Boulevard«: siehe Anmerkung 2. übernommen, das genauso als Operetten-Theater begann, um jetzt zum Schlachtfeld für Ringer und zum Präsentiertisch importierter Kurzröckigkeit herabzusinken. All diese Veränderungen sind leicht zu beweisen. Die Polizeibehörden begannen, den Vorortsbühnen zu verbieten, Komödien zu spielen. Man behauptete, dies geschehe aus künstlerischen Gründen. Es zeigte sich jedoch zwischenzeitlich, daß das Publikum, welches man seiner Theater beraubte, zukünftig seine Zerstreuung in den Musikkneipen suchen würde. Daraufhin schloß man auch diese. Aber, ohne daß man genau wußte, warum, folgten dann die Varieté-Bühnen. Sie haben wir anstelle der Vorortbühnen mit ihren naiven Komödien und den Gesangskneipen bekommen; ihr Genuß führte wahrhaftig nicht mit pikanten Zugaben in Versuchung. Vielleicht beging die hohe Obrigkeit einen Fehler, als sie die Theater für das »Kopenhagen, das sich vergnügt« umgestaltete. * Das Dachgeschoß des »National« sollte einem ganz besonderen Zweck dienen. Das » Panoptikum « hätte sich dort einrichten sollen. Aber man wurde sich, meines Wissens, über die Bedingungen nicht einig. Jetzt baut das Panoptikum sein eigenes Haus und mietet keine Räume an. Direktor Bernhard Olsen, Bernhard Olsen (1836–1922): Museumsdirektor, 1868–1885 künstlerischer Direktor des Tivoli sowie Gewandmeister des Königlichen Theaters und des Casinos. 1885 eröffnete er das Panoptikon in Kopenhagen und das Freilandmuseum in Kongens Lyngby. der zuständig ist, ist von seiner Auslandsreise zurückgekehrt; die Vorarbeiten sind überall in den Ateliers der jungen Künstler, die die Köpfe fertigen sollen, in vollem Gang. Direktor Olsen konnte sich in der ausländischen Panoptikumsbranche gründlich umsehen. Die großen Städte haben überall in Europa Millionen für diese alten Wachskabinette, die plötzlich zu einer neuen Liebhaberei wurden, geopfert. Wie weit sind nicht die großen prächtigen Säle mit ihren Gruppen von den kleinen, kläglichen Zelten entfernt, wo man das »größte Wachskabinett der Welt« auf dem Marktplatz der Kreisstadt anschaute, mit »dem großen Napoleon auf seinem Todeslager«. Der arme Napoleon war tief gesunken; er lag auf dem Lit de parade Lit de parade: Aufbahrung, Zurschaustellung. mit abgeschabter Nase neben einer türkischen Haremsdame, die man stark verschleiert hatte, sehr stark, denn sie hatte nur einen Haubenkopf als Gesicht. Dies waren die Überreste einer überholten Mode. Aber Moden leben wieder auf, und ein neuer Name bläst Leben in alte Ideen. »Panoptikum« klingt so schön, und man muß den Leuten, die so die Wachskabinette umgestaltet haben, zugestehen, daß sie zugleich der alten Institution neue Aufmerksamkeit verschafft haben. Man nutzt alle Mittel des Bizarren. Ich erinnere mich daran, eines Tages einmal ein Panoptikum besucht zu haben, wo man plötzlich in einige mehr als halbdunkle und leere Gänge gelangte. Das Ganze war durch den Übergang von Licht zu Dunkel und durch die eigentümlichen geheimen Winkel, in denen man wandelte, nicht so gemütlich. Auf einmal stand man vor einem Samtvorhang, der halb zugezogen war. Drinnen im Saal, ganz schwarz bezogen, bedeckt mit Sternen und Kaiserkronen in Gold, lag die kürzlich verstorbene Kaiserin von Rußland auf dem Lit de parade , von Hellebardisten bewacht. Der Eindruck war genau berechnet und außerordentlich tief. Es sind jedoch sicher nicht diese Effekte, die Direktor Bernhard Olsen zu erreichen versucht. Unser Panoptikum wird heller, fröhlicher in seinem Charakter. Vielleicht werden der Lieblingssaal des Publikums die Räume des »À Porta«, Café à Porta: Bekanntes Kopenhagener Café Ecke Nygade/Gammeltorv, 1862 von dem Schweizer Peter à Porta begründet; es könnte sich auch um das gleichnamige Café am Kongens Nytorv (Hotel d'Angleterre) handeln, das von Stephan à Porta gegründet wurde. wo man rings an den kleinen Tischen»ganz Kopenhagen« trifft. Alle Berühmtheiten der Bühne und der Literatur, der Presse und der Straße trifft man in den Räumen, wo »Paul« die Gäste liebenswürdig willkommen heißt. Die Idee ist ausgezeichnet. »Der Königssaal« dürfte wohl nicht weniger erfreuen. Das Wachskabinett wird nicht vergeblich zum Panoptikum geworden sein. * Im November beginnt die »Saison« aufzuleben. Sie hat bereits ihre Vorhut ausgesandt. Die Vorhut ist die Erfindung des letzten Jahres: Abendunterhaltung mit Tanz. In Kopenhagen wurde noch nie so viel getanzt wie von dem Tag an, als man sich einer Pianistin, eines Konferenciers und eines Solosängers bediente, als Vorwand, um sich versammeln zu können und gegen ein Eintrittsgeld von zwei Kronen Zwei Kronen: eine Krone entspricht 2008 etwa der Kaufkraft von 7-8 €. zu tanzen, als milde Gabe für einen wohltätigen Zweck. Hier kann man sich ungezwungen treffen. Und neben den zwei, drei großen Bällen im Kasino, Casino: siehe Anmerkung 7. wo ein paar Lehnsgräfinnen Limonade verkaufen, ist eine ganze Serie von Wohltätigkeits-Abendunterhaltungen erblüht, die dabei sind, einen ganz neuen und eigentümlichen Faktor im Kopenhagener Leben zu bilden. Ich glaube, diese Bälle werden in nächster Zukunft einen Teil der privaten Gesellschaftsveranstaltungen ersetzen. Sie sind freier und weniger beschwerlich. Im Grunde auch besonders billig. Ihr Charakter ist etwas schillernd. Es ist immer gefährlich, sich den Eintritt in die gute Gesellschaft bezahlen zu lassen. Es gibt immer Leute, die sich einkaufen wollen, auch wenn es teuer ist. Aber für zwei Kronen kann jeder eine Eintrittskarte lösen, und »die Gesellschaft« kann ein wenig gemischt sein – was sicher gerade den Reiz dieser Fêten ausmacht. Man kommt etwas aus seinem eigenen engen Kreis heraus. Man sieht neue Menschen. Man gibt für einen einzigen Abend – man verschwindet ja im Getümmel – wenig, nur ganz wenig des steifen Tons auf, und man hat vielleicht Spaß mit Leuten, die man am nächsten Tag nicht mehr kennen muß. Diese Bälle sind der Tanz der »Gesellschaft« auf offener Bühne. Und das Ganze geschieht für einen wohltätigen Zweck. Und man kann seinem drängenden Nachbarn schlimmere Opfer bringen, als mit einer Unbekannten Polka zu tanzen … Die Wohltätigkeitsbälle sind sind die neueste Lieblingsidee der Kopenhagener.