Johannes Scherr Die Tochter der Luft Erstes Buch. Ort, Zeit und Personen der Handlung. Servus Ostiarius : Guten Morgen Herr! Wünsche, wohl geruht zu haben, Herr! Und da draußen, Herr, steht ein Schock Personen, Herren und aufwarten möchten. Dominus Publicus : Nur herein mit ihnen! Vielleicht sind Leute darunter, die das Zeug dazu haben, mir für ein Stündchen die Langeweile zu vertreiben. Verschollenes Stück. 1. »O, wie ist es schön und lieblich, wenn Brüder einträchtiglich mitsammen wohnen!« »Gottlob! es gibt auf deutscher Erde noch Berghalden, welche nicht von dem eintönigen Gerassel der Lokomotive widerhallen. Es gibt noch Talgelände, in welchen geldgierige Spekulation der Natur nicht auf Schritt und Tritt Gewalt antut. Es gibt noch heimliche Waldgründe, wo die alten Eichen rauschen und die Rehmutter ihr Junges äsen lehrt. Herrgott, wie schnürt es die Brust zusammen, wenn einem da drunten im Flachland bei jeder Ecke, um die man biegt, eine Dampfmaschine in die Ohren keucht. Mechanik und nichts als Mechanik! Die menschliche Gesellschaft auf dem Weg, ein kolossaler Automat zu werden, ein Automat, der sich von den in Wachsfigurenkabinetten gezeigten nur dadurch unterscheidet, daß er ißt und verdaut. Und dieser Pöbel von Fabriksklaven, die Signatur des Hungers, der Knechtschaft und der sittlichen Versunkenheit auf der Stirne; diese Haufen skrophulöser Kinder, welchen man ansieht, daß ihre Eltern von Jugend auf keine andere Luft als die verpestete der Baumwollspinnereien eingeatmet. O, wie bin ich sie satt, eure gerühmte moderne Zivilisation, eure heuchlerische Barbarei, eure uniformierte Langeweile! Da oben spürt man doch einmal wieder, daß man ein mit Gefühl, Vernunft und Willen begabtes Wesen ist und nicht bloß ein mehr oder weniger miserables Stiftchen oder Rädchen in der großen dummen Maschine, welche sie die Gesellschaft nennen. Tu auf deine Hallen, grüner Wald, damit ich in dir gesunde Luft atme und unter Buchenschatten all den Jammer der Zeit vergesse. Empfangt mich freundlich, wie in den Tagen der Jugend, all ihr Berge und Täler mit euren malerisch geschwungenen Linien, euren Felsgruppen, euren klaren Erlenbächen, worin es hoffentlich noch immer so köstliche Forellen gibt wie früher. O sieh, wie prächtig die Morgensonne über dunkeln Waldkuppen heraufkommt und dort unten im Tal den Fluß aufblitzen macht! Wie ist das alles so schön, so keusch, so morgenfrisch und waldeinsamlich! Sei mir gegrüßt, mein geliebter Schwarzwald, viel tausendmal gegrüßt, und Gruß auch dir, Romantik! Ja, dir, Verstoßne durch Verblendung – Wie bist du reich trotz Zeit und Zorn! Du leerst in göttlicher Verschwendung Tagtäglich noch dein Wunderhorn. Ich grüße dich mit frommem Sinne, Wie ist dein Reich so grün und weit, Du Fürstin vielgetreuer Minne, Sei tausendmal gebenedeit!« Der so sprach, ritt auf einem guten Rosse dem Morgenwind eines Frühjahrstages von 1854 entgegen und war selbstverständlich ein noch junger Mann, denn wie hätte er sonst so romantisch sich äußern können? Allein so ganz jung war er doch wohl nicht mehr, denn die kritische Reflexion schlug ihm sogleich in den Nacken. Auf den Enthusiasmus folgte die Abkühlung der Selbstpersiflage. »Bei allen Göttern,« rief der Reiter laut auflachend aus, »ich bilde mir ein, noch der Fuchs zu sein, welcher mit einem Band von des Knaben Wunderhorn in der Tasche und der schwarzrotgoldenen Schleife an der Uhr durch diese Berge und Wälder strich. Tut mir's der alte Schwarzwald an oder war ich wirklich im Grunde meines Herzens immer ein Romantiker? Fast möcht' ich's glauben, denn wenn mir die alten romantischen Weisen durch den Kopf summen, wandeln mich stets die alten Schnurren von Tieckscher Waldeinsamkeit und Kernerschem Heimweh und all dergleichen Zeug an, welches ein anständiger Mensch meines Alters doch langst verwunden haben sollte. 's ist auch eitel Phantasie und Einbildung! Die bewußte Romantik ist lächerlich, unendlich lächerlich, und zur naiven, ach, zur naiven gehört die blanke, blöde Jugendeselei, welche, ausgerüstet mit einer himmelblaubebänderten Gitarre, dem nächsten besten Backfisch ein schüchternes Ständchen bringt, einem Backfisch, welcher inzwischen mit Abfassung eines Liebesbriefes an den nächsten besten Leutnant beschäftigt ist. Schäme dich, Ottmar Horst, Dr. j. u. und ziemlich beschäftigter Rechtskonsulent, schäme dich gründlich! Du hast zwar nicht die gehörige Anlage zu dem, was ein leidlicher Mensch heutzutage von Rechts und Staats wegen sein soll, zu einem Philister nämlich, aber die romantischen Hörner könntest du dir meines Erachtens füglich allgemach abgelaufen haben. Dein Stubennachbar auf der Festung, der gute Wate im Bart, pflegte zwar zu sagen, er kalkuliere, du würdest ein Narr bleiben dein Leben lang, allein es ist weltbekannt, daß der alte Wate ein Mensch ohne psychologischen Blick und ein pessimistischer Brummbär war, ist und sein wird. Bei alledem jedoch ist etwas an den alten romantischen Schnurren. Könnt' ich nur herauskriegen, was! Wate meinte zwar, die Romantik sei nichts als verhockte und verstockte Säfte, aber er hatte gar kein Organ für Poesie. Im übrigen möcht' ich wissen, wo der gute Junge hingekommen. Vielleicht ist er irgendwo hier herum untergekrochen: er ist ja auch ein Schwarzwälder Kind, freilich keins aus Auerbachs Dorfgeschichten. Es war meiner Treu ein erhabener Moment, als er am Tage vor unserer Entlassung aus der verhenkerten Festung mit Pathos unter uns trat, sprechend: ›Hört, liebe Jungen und Festungskollegen, ich will euch zum Abschied eine große Wahrheit sagen und die lautet so: Der Dümmste von euch allen war ich, denn ihr andern ranntet in hellem Unverstand in euer Unglück, ich aber wußte mit mathematischer Gewißheit, daß die ganze Komödie so jämmerlich enden würde, und dennoch hab' ich sie mitgemacht, woraus ihr die Moral ziehen könnt, daß eine Gesellschaft von Narren auch einen Klugen zum Toren macht.‹ Doch fort mit all den Erinnerungen an jenen nichtswürdigen Ort, wo zahllose Freischaren von Wanzen dem Prinzip der Ruhe und Ordnung Hohn sprachen! Fort damit, die Welt ist so schön, und den Frühling kann doch niemand verbieten oder konfiszieren!« Der junge Mann – sofern das Wort jung in unserer Zeit noch auf eine Person paßt, die dem dreißigsten Jahr nahe stand oder gar dasselbe schon hinter sich hatte – der junge Mann, dessen Selbstgespräch wir belauschten, war mit Tagesanbruch von Trausig, wo er übernachtet hatte, weggeritten und hatte, statt der ins Forgtal hinüberführenden Straße zu folgen, den über die Höhen des Pfaffenwaldes ziehenden Fußweg eingeschlagen, auf welchem, wie er aus früherer Zeit her wußte, auch ein Reiter ziemlich leidlich fortkommen konnte. Der stattliche Braune, auf dem er leicht und sicher saß, hatte tüchtig ausgegriffen und trug jetzt seinen Reiter rasch über das Plateau hin, welches, gegen Norden und Westen von Hochwaldkuppen überbaut, von Osten gegen Süden zu in einen scharfen Winkel ausläuft. Dieser fällt mit jähem Absturz in die Tiefe, und da, wo sein granitener Fuß die Talsohle berührt, mündet der Trausigbach in die stolzrauschende Forg, welche sodann, einen gewaltigen Bogen beschreibend, südwestwärts in ein krausverschlungenes Talgewinde hineintritt, um von dort ihren Lauf hinauszurichten in das Flachland, dem alten Rhein zu. Steht man auf der Höhe des Absturzes unter den drei uralten kolossalen Rüstern, welche dieselbe krönen, so genießt man nach drei Seiten hin einer prächtigen Aussicht. Geradeaus schweift der Blick über die mählich in die Niederung sich verlierenden Hügelketten weg, welche die südwestliche Vormauer des Waldgebirges bilden, und verliert sich in der in weiter Ferne blauenden Ebene des Elsasses, aus welcher die Nadel des Straßburger Münsterturms hervorragt. Rechter Hand in der Tiefe drunten stürzt der Trausigbach mit allem Ungestüm eines Hochwaldwassers aus einem engen Tal hervor, und unweit der Stelle, wo er in der stillen und breiter dahergleitenden Forg verschwindet, liegen an seinem rechten Ufer die weithin zerstreuten Häusergruppen des großen Dorfes Moosbrunn, mit seiner altertümlichen Kirche und dem stattlichen Pfarrhaus. Linker Hand weitet sich das Forgtal ostwärts hinauf, durchschritten von dem Fluß, dessen Lauf die menschliche Betriebsamkeit um der Holzflößung willen einigermaßen geregelt hat. Weiter aufwärts sind seine Wasser auch den Hochöfen und Hüttenwerken dienstbar, deren schwarze Schlote da und dort sich erheben. Etwa eine Wegstunde von Moosbrunn entfernt liegt am linken Ufer der Forg das Dorf Forgau, von dessen Gassen eine bedachte Holzbrücke nach der andern Seite des Flusses hinüberführt. Von der Straße, welche dort am Wasser hinausläuft, biegt ein Fahrweg in die Einfahrt eines stattlichen Gehöftes aus, welches, von einem Obstbaumwald im Rücken und auf den Seiten eingefaßt, wohlig auf die Berghalde hingebettet ist. Der Ort heißt »Im Buhl« und das Haus ist das Wirtshaus »Zur Goldforelle«, im ganzen Gebirge wohlbekannt und wohlberufen. Verfolgt von da das Auge die Straße flußaufwärts, so wird es durch eine lange Allee von Pappeln zu einem mächtigen, betürmten Bauwerk geleitet, dessen ganze Erscheinung noch jetzt es berechtigt, eine Burg zu heißen, die sich hinter einem von der Forg gespeisten Graben mittelalterlich finster und drohend genug erhebt. Es ist Bernwartshall, der Sitz des alten Geschlechts der Grafen von Bernwart. Einen starken Kontrast mit diesem düsteren Feudalhaus bildet ein im kokettesten Zopfstil erbautes Schloß, welches auf der andern Seite der Forg, Bernwartshall fast in gerader Linie gegenüber und nur einen Kanonenschuß davon entfernt, inmitten eines weiten Parkes steht, Eigentum des freiherrlichen Geschlechtes derer von Moosbrunn. Lenkt man den Blick endlich von diesem Herrenhaus ab und den Bergen zu, welche hinter dem Park schroff ansteigen, so bemerkt man auf einer der vorspringenden Felsklippen des Bärenkopfs in schwindelnder Höhe das sogenannte Bärenschlößchen, das mehr als zur Hälfte in Trümmern liegt, aber noch vor kurzem von einem Förster der Grafen von Bernwart bewohnt war. Im ganzen und großen trägt die Gegend einen alpenhaften Charakter. Zwar das eigentliche Hochgebirge, die Schnee- und Eiskolosse, die ungeheuren Basaltpyramiden und Gletscher der Schweiz und Tirols fehlen ihr, aber zu etwelchem Ersatz für diese Größe und Majestät hat sie etwas außerordentlich Malerisches, Anmutiges, Deutschheimeliges. Die weit auseinander liegenden Häusergruppen der Dörfer und die Bauart der überall an den Berghängen zerstreuten Höfe und Hütten erinnern stark an die Idyllik der schweizerischen Bergkantone. Ottmar Horst hatte sein Pferd der Franzosenschanze zugelenkt. So hieß die Stelle unter den drei Rüstern, denn es hatten hier in den Revolutionskriegen die Franzosen eine Schanze aufgeworfen, deren Umrisse noch jetzt deutlich zu sehen sind. Der junge Mann stieg ab, band sein Pferd fest und schaute lange und unverwandt hinaus und hinab auf Berg und Tal. Es war gar schön da draußen und da drunten. Die Frühlingssonne lag golden auf den Bergkuppen, im jungen Grün der Wälder spielend, die Wasser rauschten klingend von den Hohen und die Täler entlang spannten Tausende von Obstbäumen eine ungeheure Blütengirlande. Hingerissen von dem Zauber der Stunde, brach Ottmar in die Worte aus, womit der arme Hölderlin dereinst seine Rückkehr in die Heimat gefeiert hatte: »Ihr milden Lüfte, Boten Italiens, Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom! Ihr wogenden Gebirg', o all ihr Sonnigen Gipfel, so seid ihr's wieder.« Das Heimatgefühl überkam ihn, ein aus Freude und Wehmut seltsam gemischtes Gefühl. Er hatte den Ort lange nicht mehr gesehen, der seine Heimat war und doch auch wieder nicht war, weil außer den Banden der Erinnerung keine andern mehr ihn mit demselben verknüpften. Er hatte hier nichts mehr zu suchen, es führte ihn auch nicht etwa ein sentimentaler Zug her, sondern er kam auf dem Geschäftsweg und in recht prosaisch advokatischen Absichten. Und doch pochte ihm jetzt laut das Herz beim Anblick der Fluren, wo er als Knabe gespielt und als Jüngling geschwärmt. Er wähnte einen Augenblick um mindestens zehn Jahre jünger geworden zu sein und vergessen zu können, daß er als Fremdling die Heimat wiedersah. Die Phantasie, des Menschen beste Freundin, wird nie müde, ihn mit Selbsttäuschungen zu umweben, allein die Wirklichkeit ist rasch genug bei der Hand, das bunte Gewebe wieder zu zerreißen. Ottmar hatte sich auf einen Steinbock niedergelassen, welcher am Fuße der verfallenen Schanze lag. Er heftete seine Blicke auf den Moosbrunner Friedhof, dessen schwarze Kreuze im Morgensonnenschein deutlich wahrnehmbar waren. Eine Wolke der Trauer überflog die männliche, scharfmarkierte und intelligente Physiognomie des jungen Mannes. Dort unter den niedrigen Grabhügeln waren auch die seiner Eltern. Dort in der Kirche hatte sein Vater gepredigt, der milde, liebreiche Pfarrherr von Moosbrunn, welcher den Verlust der trefflichen Gattin nicht lange zu überleben vermocht. »Es war eine schwere Stunde, als wir sie begruben,« sagte Ottmar leise vor sich hin. »Ich hab', es dem Vater wohl angesehen, daß er diesen Schlag nicht verwinden würde. O, wie war sie gut und klug und vollkommen! Gewiß, es ist nur kindliche Pietät, wenn ich glaube, daß es eine zweite Frau und Mutter, wie sie war, nicht mehr gibt. Der Vater mußte ihr nachsterben, denn er hatte sie geliebt, wie sie es verdiente. Meinte doch auch ich verzweifeln zu müssen, als die Gute nun so starr und stumm vor mir dalag. Und doch war es gut, daß sie starb, bevor ich ihr so großen Kummer verursachte. Was hätte die fromme Frau leiden müssen, wenn sie erfahren, daß ihr Ottmar mit Steckbriefen verfolgt und verwundet von einem unglückseligen Schlachtfeld weg in den Kerker gebracht wurde, um als ein Verbrecher verurteilt und eingetürmt zu werden, weil er – doch gleichviel. Ihr hätte es das Herz gebrochen, und das blieb ihr erspart, wie mir der qualvolle Vorwurf, sie bis zum Tode betrübt zu haben. Ja, es ist gut so, wie es ist. Seltsam nur, daß mir beim Anblick der altbekannten Stätten zumute wird, als müßte ich dieselben nie mehr verlassen, als müßte ich in der Heimat, die mir schon halb und halb eine verschollene war, eine neue Heimat suchen und finden, um da zu leben und zu sterben. Wie doch der Frühling die Menschen wunderlich stimmt und aufregt! Wahre dich vor Phantasmen, mein guter Ottmar Horst. Es wird, meine ich, rätlich sein, daß du das Geschäft, welches dich herführt, möglichst rasch abtuest, maßen du sonst leicht Gefahr laufen könntest, in Ahnungen, Sentimentalitäten und anderen dergleichen romantischen Schnickschnack zurückzufallen, aus welchem dich herauszuarbeiten du dir erklecklichste Mühe gegeben hast.« So weit war Ottmar in seinem Monolog gekommen, als seine Aufmerksamkeit durch eine Erscheinung im Tale drunten in Anspruch genommen wurde. Aus der erwähnten Pappelallee hervor kam ein Reiterzug, an dessen Spitze eine Dame ritt, und sprengte am Ufer der Forg herab, unten am Bühl vorbei, auf die Forgauer Brücke zu. Über diese reitend, verschwand er für einige Augenblicke hinter den Holzhäusern von Forgau, brach dann wieder aus den Gassen des Dorfes hervor, kreuzte das Blachfeld auf dem rechten Ufer des Flusses und bog in eine der Schluchten ein, in welche das Plateau des Pfaffenwaldes talwärts ausläuft. Die Sonne schien so hell durch die klare Luft, daß der junge Mann von der Franzosenschanze aus die Bewegungen des Reiterzuges deutlich wahrnehmen konnte. Indem er aber den Bewegungen desselben mit dem Interesse der Neugierde folgte und zu diesem Zwecke mehr an den Rand des Absturzes vortrat, fielen seine Blicke seitwärts auf einen schwarzgekleideten Mann, welcher langsam auf die Schanze zukam, oft stehen blieb und mit einem vor die Augen gehaltenen Fernglas angelegentlich in das Tal hinunterspähte. Er verfolgte augenscheinlich gleichfalls die Richtung der Kavalkade, denn als diese in der Schlucht am Fuße des Plateaus verschwunden war, schob er sein Fernglas zusammen, steckte es in die Tasche und ging auf den Platz unter den drei Rüstern zu, in tiefen Gedanken, wie es schien, denn er bemerkte die Anwesenheit Ottmars erst, als das Pferd desselben bei Annäherung des Fremden eine rasche Bewegung machte. Jetzt stand er still, warf den Kopf zurück und zeigte Ottmar das wohlgenährte, blühende Gesicht eines Mannes, welcher etwa zehn Jahre älter sein mochte als er selber. Es war eine Physiognomie, welcher man das Prädikat priesterlicher Klugheit, um nicht zu sagen, priesterlicher Schlauheit zu geben versucht war. Dieses Gesicht mit seinen hinter einer Brille versteckten wasserblauen Augen, dem sinnlichen Mund und der etwas zurückspringenden Stirne deutete, zusammengehalten mit einem gewissen theologischen Habitus der ganzen Gestalt, auf einen Charakter, der sich, je nach den Umständen, in Welt und Menschen zu schicken wußte oder aber beide seinen Leidenschaften dienstbar zu machen willens war. Ein halbunterdrückter Ausruf kam über die Lippen Ottmars, und er machte eine Bewegung, als wollte er sich rasch in den Sattel werfen, um der Begegnung mit dem Schwarzgekleideten zu entgehen. Allein er führte diese Absicht, wenn er sie hegte, nicht aus, sondern blieb stehen und erwartete den Herankommenden mit einer Miene, als wollte er sagen, derselbe sei ihm zwar eine bekannte, aber auch gleichgültige Person. Der Schwarzgekleidete seinerseits litt offenbar an Kurzsichtigkeit, denn er langte, als er des Reisenden gewahr wurde, mit indifferenter Höflichkeit an den Hut und sagte in zeremoniösem Tone: »Guten Morgen, mein Herr.« »Danke, danke, lieber Jeremias,« lautete die Antwort Ottmars, ebenfalls mit kühlster, fast spöttischer Betonung gegeben. Der Ankömmling schob die Brille fester vor die Augen, fixierte den jungen Mann und prallte einen halben Schritt zurück, als vor etwas ganz Unerwartetem. Augenblicklich jedoch kehrte seine Fassung wieder und er machte eine Gebärde, als wollte er Ottmar die Hand bieten. Dies wirkte auf den letzteren sympathisch, und auch er streckte halb und halb die Hand zum Gruß aus. Allein diese Hände, bereit, sich zu drücken, fanden sich nicht. Der Schwarzgekleidete schob die seinige in seinen auf der Brust zugeknöpften Rock, und Ottmar legte die Arme auf den Rücken, indem er sich bemühte, noch gleichgültiger auszusehen, als er wirklich war. »Das ist ein unerwartetes Zusammentreffen, Herr Bruder,« sagte er. »In der Tat ein unerwartetes,« gab der andere zurück und setzte nach einer kleinen Pause mit einem forschenden Blick hinzu: »Ich glaubte dich im fernen Westen von Amerika, beschäftigt, mit dem Gelde des Onkels demokratisch-sozialistische Träume zu verwirklichen.« »Ah, die Erbschaft vom Onkel! Wie spricht der Herr? ›Sorget euch nicht um Schätze, welche der Rost und die Motten fressen!‹ Der gute Onkel kannte deinen geistlichen und meinen weltlichen Sinn; daher fand er es passend, mir sein Geld und dir seine theologische Bibliothek zu vermachen. Er war, wie im Leben, so auch im Tode noch ein gerechter Mann. Außerdem motivierte er, wie du weißt, in seinem Testamente seinen Entschluß damit, daß er sagte: ›Mein Neffe Jeremias ist durch seine Frömmigkeit der paradiesischen und durch das Vermögen seiner Frau der irdischen Freuden ohnehin gewiß: in Anbetracht dessen vermache ich meinem Neffen Ottmar mein sämtliches Besitztum, mit Ausnahme meiner theologischen Bücher, welche der fromme Jeremias hinnehmen mag, um sich mittels derselben immer mehr der Schlacken des Weltlebens zu entäußern.‹« »Der alte, gottesleugnerische Spötter! Er hat zugunsten von einem testiert, der ihm nachzuspotten weiß.« »Spotten? Fällt mir nicht ein. ›Heil dem Manne, der da nicht sitzet, wo Spötter sitzen.‹ Psalm 1, Vers 1. Du siehst, ich erinnere mich noch der Zeit, wo ich hebräisch lernen mußte.« »Ich sehe, du bist der alte Ottmar geblieben.« »Der alte gutmütige, leichtsinnige, uneigennützige Knabe, willst du sagen? Aber da irrst du gewaltig, mein bester Jeremias. Wäre ich noch so ganz der Alte, so wäre ich, als man mir, nach Erstehung meiner Festungsstrafe, die Erbschaft des Onkels einhändigte, sentimental genug gewesen, mit dir zu teilen. Ich tat es nicht.« »Nein, du gingst lieber nach Amerika, um dich mit Weitling und Komp. zu assoziieren.« »Fehlgeschossen. Erstens habe ich den kommunistischen Schwindel überhaupt nie mitgemacht, zweitens bin ich nicht nach Amerika gegangen, weil mir auf der Fahrt dahin in England Bekannte, die aus Amerika zurückgekehrt waren, sagten, die Yankees seien zehnfach potenzierte Engländer. Schon diese aber flößten mir den gehörigen Horror ein und mochte ich es also mit jenen gar nicht probieren.« »Und jetzt reitest du wohl als Emissär des Londoner Revolutionskomitee durchs Land, damit das Geld des Onkels grundsätzliche Verwendung finde?« »Es scheint, die Frömmigkeit habe deinem Scharfsinn im Kombinieren bedeutenden Eintrag getan. Sehe ich aus wie ein Emissär der Propaganda? Hätte der beständige Blick nach dem Himmel nicht deine Augen geschwächt, so müßtest du in mir einen Advokaten aus der Residenz erkennen, welchen bloß der juristische Geschäftsweg in die Provinz herausgeführt hat.« »Du hast dich wieder als Rechtskonsulent in die Residenz gesetzt?« »So ist es, und ich glaube jetzt die Anlage in mir zu verspüren, ein so trefflicher Philister zu werden wie alle die andern. Noch mehr, zuweilen wandelt mich das Gefühl an, als sei ich zu einem jener Edlen bestimmt, welche man in den Familien als Onkel Sparhäfen adoriert.« »Ein Geschäft, sagst du, führe dich in den Schwarzwald herauf?« »Freilich. Der Graf Bernwart hat mich zu seinem Anwalt gewählt in einer sehr verwickelten Rechtssache. Es handelt sich darum, das Familienarchiv zu durchstöbern und streitige Lokalitäten an Ort und Stelle zu studieren.« »Das geht wahrscheinlich den Prozeß an, welchen der Graf mit seinem Halbbruder, dem Freiherrn von Moosbrunn, führt?« »Allerdings. Es gibt viel brüderliche Liebe in der Welt.« »Und wirst du dich herablassen, während deines Aufenthaltes im Forgtal das Pfarrhaus von Moosbrunn zu deiner Herberge zu machen?« »Das Pfarrhaus von – Moosbrunn?« »Nun ja, es ist seit etwa einem halben Jahre mein Pfarrhaus.« Dein Pfarrhaus? Du predigst jetzt auf der Kanzel, von welcher herab unser trefflicher Vater Aufklärung und Humanität verkündete? Deine Kinder bevölkern jetzt die Räume, wo wir als Knaben gelärmt und uns gezankt?« »Hast du denn meine durch besondere Gnade des Monarchen mir gewährte Versetzung hierher nicht in der Zeitung gelesen?« »Nein. Ich blicke seit längerer Zeit in die Zeitungen nur noch, wenn ich gerade muß.« »Wirklich? Also ist die politische Mode abgetan und du bist vom morbus democraticus kuriert? Die Kasematten und die Festungshaft haben ihre Heilkraft bewährt, scheint es.« »Recht brüderlich gesprochen und ganz christlich obendrein,« versetzte Ottmar und fügte, mehr für sich als zu dem Bruder gewendet, die Worte Shakespeares hinzu: »Es ist das Unglück Prüfstein der Gemüter – Gemeine Not trägt ein gemeiner Mensch. Es fährt auf stiller See mit gleicher Kunst Ein jedes Boot; doch tiefe Herzenswunden, Die Glück in guter Sache schlägt, verlangen Den höchsten Sinn.« »Du bist, wie ich sehe, noch immer stark in Zitaten,« sagte der Pfarrer, ein klein wenig verlegen, aber auch nur ein klein wenig.« »Ich kann das Kompliment zurückgeben, lieber Jeremias, obgleich du von deiner unter den Stillen im Lande berühmten Fertigkeit, Bibelsprüche zu zitieren, heute noch keinen Gebrauch gemacht. Wenn nicht in die Erbschaft des Onkels, haben wir uns doch in die Literatur brüderlich geteilt. Du liebst es, biblische, ich liebe es, profane Verse zu zitieren. Mit ersteren kommt man entschieden weiter im Himmel und – auf Erden. Du kannst dich also über die Teilung nicht beklagen.« »Lassen wir das. Wenn zwei Brüder nach langer Zeit sich wiedersehen, sollten sie etwas anderes als Bitterkeit auf den Lippen haben.« »Gewiß, aber besser so, als wenn es hieße: Mel in ore, fraus in corde .« Der Pfarrer tat, als beachte er diese Worte gar nicht, und sagte: »Ich wiederhole meine Frage: Willst du im Hause unserer Eltern mein Gast sein?« »Ah, sieh da, du kriegst Respekt vor dem angehenden Onkel Sparhafen?« »Hältst du mich für einen Elenden?« »Ich halte dich für den, der du bist. – Wart einmal – Laß dir erzählen einen guten Schwank, Da 's jetzt die Zeit ist, Schwänke zu erzählen. Es waren mal zwei Brüder. Der ältere war sehr fromm, der andere sehr ›jugendlich töricht schwärmerisch‹, wie die klugen Leute sagten. Seine Schwärmerei für Deutschlands Einheit und Größe und andere dergleichen obsolete Dinge brachte ihn in arge Schwulitäten. Er lag verwundet und krank im Gefängnis, von allen Mitteln entblößt, denn sein reicher Onkel, der ihn sonst liebte, hatte sich damals besagter Schwärmerei halber mit ihm entzweit. In dieser Not schrieb er an seinen Bruder, nicht um Hilfe, sondern nur um Teilnahme. Der Mensch hat nun einmal in solchen Lagen das Bedürfnis, zu erfahren, ob sich denn auch in weiter Welt noch jemand um ihn bekümmere. Der fromme Bruder gab gar keine Antwort. Des Bruders Frau aber, dessen ältestes Mädchen der Gefangene über die Taufe gehalten, hielt es in ihrer Herzensmilde für Pflicht, dem Schwager, der ihr und ihren Kindern immer ein freundlicher und treuer Verwandter gewesen, in dieser Not beizuspringen. Sie wollte mit ihrem ältesten Töchterlein, welches dem lustigen Onkel lebhaft zugetan war, nach der Stadt hinunterreisen, wo der Kranke damals gefangen lag, wollte ihn besuchen, ihn pflegen, so es nötig wäre. Aber ihr Mann, der fromme Pfarrer, der Prediger der christlichen Liebe, verbot es ihr ausdrücklich, verwehrte es der Guten in Ausdrücken, wie solche bei solcher Gelegenheit eben nur ein Frommer gebrauchen kann. ›Der sündhafte ungläubige Rebell mag seine Frevel büßen!‹ sagte der fromme Bruder. ›Wenn der Herr die Rute seines Zornes erhoben hat, will es sich nicht ziemen, ihm in den Arm fallen zu wollen.‹ Die Nutzanwendung von dieser Geschichte, mein bester Jeremias, magst du selber suchen.« »Die Nutzanwendung?« entgegnete der Pfarrer, ohne einen Augenblick zu stocken. »Da hast du sie: Jeder folgt seiner Überzeugung. Du, der Prinzipienmensch, wirst dagegen nichts einwenden wollen.« »Überzeugung?« versetzte Ottmar mit unverhohlener Verachtung. »Bah! Du hattest dein Leben lang von etwas, was einer Überzeugung nur entfernt ähnlich sah, nie die geringste Ahnung, außer vielleicht von der Überzeugung deiner – doch ich will mich bescheiden, statt deiner die Nutzanwendung meines kläglichen Schwankes zu ziehen. Verflucht sei mein Fuß, wenn ich ihn je auf die Schwelle eines Menschen setze, der an seinem Bruder in solcher Lage so handeln konnte. Selbst wenn ich an dir gefrevelt, hättest du zu jener Stunde dich erinnern müssen, daß einer Mutter Leib uns getragen. Ich wenigstens, beim Himmel, ich hätte an deiner Stelle dessen mich erinnert! Nein, ich kann und mag dein Gast nicht sein! Den Gräbern der Eltern meine Ehrfurcht zu bezeugen, werde ich wohl Gelegenheit finden; aber nimmer gemeinsam mit einem, der in schnöder Herzlosigkeit die Bande der Natur zerriß. Mache nur keine Versuche, dieselben wieder aneinander zu knüpfen. Ich sage dir, Jeremias, ich bin nicht mehr so ganz der gutmütige Junge, welchen du vordem an dem Gängelband deiner Heuchelei führtest. Wir sind getrennt für immer, und es ist wohl am besten so,« »Quel bruit pour une omelette!« sagte der Pfarrer mit vollendeter Selbstbeherrschung. »Du scheinst, lieber Ottmar, die Zeit noch nicht ganz verwunden zu haben, wo du in Klubs und bei Volksversammlungen schwarzrotgoldig oder wohl auch etwas dunkelrötlich donnertest. Vielleicht auch beherrscht dich gerade jetzt wieder deine Zitatensucht, denn mir ist, als schmeckten deine Tiraden von vorhin sehr stark nach des verschollenen Klinger Zwillingen. Dergleichen kraftgeniale Tollheiten sollten aber, denke ich, billig in der Mumiensammlung der Literarhistorie ruhen bleiben, um so mehr, da du im Forgtal schwerlich einen zur Etablierung eines Liebhabertheaters geeigneten Platz und die geeigneten Personen finden dürftest.« Ein scharfer Zornblick fuhr aus dem Auge des jungen Mannes auf die Züge des Bruders, um dessen Mundwinkel ein frostiger Hohn spielte. Gerade diese höhnische Ruhe des Pfarrers gab auch Ottmar seine Fassung und sogar seinen Humor wieder. Er lachte laut auf und sagte: »Beim Zeus, du hast recht. Es dürfte nicht sehr vergnüglich sein, wenn wir mitsammen ein Leisewitz-Klingersches Schauspiel, betitelt: Die feindlichen Brüder, aufführten. Es ist auch gar nicht nötig, daß wir uns lächerlich machen und den Leuten etwas zu klatschen geben. Bemühen wir uns daher, eine leidliche Vereinbarung zustande zu bringen. 's ist ja jetzt ohnehin Mode, das Widerhaarigste zu vereinbaren, weil es der Welt an Mut gebricht, die Gegensätze walten zu lassen.« »Gut, vereinbaren wir uns.« »Meiner Treu, du weißt dich in die Umstände zu schicken, und wenn ich mir nochmals einen Eingriff in dein literarisches Gebiet erlauben wollte, würde ich das bekannte Wort von der Schlangenklugheit zitieren; doch zur Sache. Dein Gast werde ich nicht sein, aber wenn wir uns während meines Aufenthaltes im Forgtal begegnen sollten, so wollen wir uns gegenseitig als Gentlemen benehmen. Ich bilde mir ein, es müßte unserer Mutter im Grabe wehtun, wenn die Leute über die Uneinigkeit ihrer Söhne Glossen machten.« »Wohl, es sei, wie du willst. Ich zweifle auch gar nicht, daß die zwischen uns obwaltenden Differenzen in Bälde sich werden schlichten lassen; ich zweifle um so weniger daran, als ich sehe, daß du dir die heroischen Hörner abgelaufen hast und von einem in dir schlummernden diplomatischen Talent Gebrauch zu machen anfängst.« »Ei, wohl gar! Ich sage dir ganz unverblümt, daß es bei einer äußerlichen Vereinbarung sein Bewenden haben wird und muß.« »Lassen wir das jetzt! Wird dein Aufenthalt in diesen Bergen lange währen? »Je nachdem. Es ist eine verwickelte Geschichte, zu deren Schlichtung ich beitragen soll, ein Prozeß, der sich schon durch mehrere Generationen hindurchgeschleppt hat.« »Wahrscheinlich handelt es sich um den Streit, welchen Graf Bernwart mit seinem Halbbruder um den Forgforst führt?« »Ja. Ich erinnere mich ans meinen Knabenjahren, daß der Prozeß schon damals und schon lange zuvor zwischen dem gräflichen und dem freiherrlichen Hause im Gange war. Ich meine aber auch einmal gehört zu haben, die Streitsache sei bei Gelegenheit der zweiten Heirat der Gräfin Bernwart mit dem Freiherrn vertragen worden.« »Es war nur ein Waffenstillstand. Aber sag mir, da du nun einmal so eigensinnig bist, meine Einladung zu verschmähen, wo wirst du denn dein Quartier aufschlagen?« »Hm, das weiß ich selbst noch nicht. Eigentlich konnte und sollte ich in Bernwartshall Herberge nehmen, da ich hierzu von meinem Klienten, dem Grafen, in verbindlichster Weise eingeladen worden bin. Aber ich mag weder geniert sein, noch genieren, und deshalb gedenke ich meinen Braunen und mich selbst im ersten besten Wirtshaus unterzubringen, wo es mir hinlänglich gefällt.« Der Pfarrer schwieg eine Weile und fragte dann leichthin: »Du kennst die Gräfin?« »Nein. Der Graf ist also verheiratet?« »Ja.« »Seit wann?« Seit etwa zwei Jahren. Die Heirat erfolgte bald nach der Rückkehr des Grafen von seinen, wie man sagt, abenteuerlichen Reisen.« »So?« versetzte Ottmar gleichmütig. »Ich bin doch recht fremd in meiner Heimat geworden, seit mich nach dem Tode des Vaters der Onkel zu sich ins Unterland nahm. – Woher ist denn die Frau meines gräflichen Klienten?« »Aus nächster Nähe. Erinnerst du dich nicht mehr des alten Sonderlings von Förster, welcher da drüben auf dem Bärenschlößchen hauste?« »Doch. Der Alte war ein finsterer Griesgram. Er hätte mich fast einmal über die Felsen hineingeworfen, auf welchen das schon damals halbzerfallene Nest liegt. Er wollte demselben niemand nahe kommen lassen, weshalb man sich die wunderlichsten Dinge von dem Bärenschlößchen erzählte. Ich aber war, als er mich damals so schnell hinausspedierte, in ganz guter Absicht gekommen, indem ich nur die verirrte Enkeltochter des Alten heimgeleitet hatte, als ich das kleine, nur ein paar Spannen hohe Ding im wildesten Walde gefunden. Ich erinnere mich, daß es mich mit seinen merkwürdig großen schwarzen Augen seltsam anguckte und dann wie ein scheues Reh vor mir davonlaufen wollte, bis ihm mein freundliches Zureden Vertrauen einflößte.« »Eine romantische Erinnerung! Das kleine Ding ist jetzt Gräfin Bernwart,« »Was?« »Gräfin Bernwart, sagte ich.« »Nun, beim Zeus, da sieht man, daß der alte Schwarzwald noch immer seine romantischen Mucken hat.« »Ja, diese Heiratsgeschichte war ziemlich romantisch, um so mehr, da sich beim Tode des alten Försters herausgestellt haben soll, derselbe sei eigentlich ein Edelmann von hoher Abstammung gewesen, ein spanischer Grande, durch tragische Geschicke aus seiner Heimat vertrieben. Dort hätte er in früherer Zeit den alten Grafen kennen gelernt, und dieser habe ihm dann das Bärenschlößchen als Asyl angewiesen.« »Das ist ja ein ganzer Roman.« »Es sieht so aus. – Doch die Sonne ist höher gestiegen und mahnt mich zur Heimkehr, da ich vor Tische noch eine Kopulation und andere pfarramtliche Geschäfte vornehmen muß. – Du willst mich also nicht begleiten?« »Nein, mein Bester. Vergiß mir aber nicht, meine Schwägerin und die Kinder herzlichst zu grüßen. Im übrigen sage ich mit Schiller: »Geh du rechtswärts, laß mich linkswärts gehn.« »Du bist unverbesserlich, Ottmar. Aber ich tröste mich mit der Hoffnung, daß auch die divergierendsten Wege die Menschen dennoch am Ende oft zusammenführen. Auf Wiedersehen also und vergiß unserer Vereinbarung nicht!« Mit diesen Worten entfernte sich der ältere Bruder und ging in pfarrherrlich gravitätischer Weise ein halbhundert Schritte weit auf dem Fußpfad fort, welcher von der Franzosenschanze rechtshin am Rand es Absturzes mählich bergab führt. Ottmar wandte sich zu seinem Pferde und hatte schon den Fuß im Bügel, als er den Bruder umkehren und ihm zuwinken sah. Er wartete des Herankommenden, und dieser sagte: »Höre, Ottmar. Meine Worte sind dir zwar Wind, aber dennoch fühle ich mich verpflichtet, dir auf der Schwelle unserer Heimat eine Warnung zukommen zu lassen, für welche du mir möglicherweise später dankbar sein könntest.« »Eine Warnung! Wovor?« »Vor der Gräfin Eva von Bernwart.« »Vor der Gräfin? Das ist spaßhaft.« »Kinder finden es auch spaßhaft, mit dem Feuer zu spielen, bis sie sich tüchtig damit verbrannt und das Haus in Brand gesteckt haben.« »Ich bin kein Kind.« »Aber ein heißblütiger Romantiker bist du.« »Bah!« »Ein Romantiker, ja, deinem Unglauben und deinem Demokratismus zum Trotz.« »Und wenn?« »Die Gräfin ist eine Vollblut-Romantikerin und gleich und gleich –« »Gesellt sich gern, meinst du? Aber sei ganz ruhig, lieber Jeremias. Wenn auch deine Warnung imstande wäre, meine Eitelkeit zu kitzeln, so kann ich dir zum Troste oder zum Possen sagen, daß ich weder für schreibende noch für nichtschreibende Romantikerinnen die geringste Passion habe.« »Und trotzdem wiederhole ich: Nimm dich vor der Gräfin in acht!« sagte der Pfarrer fast mit Heftigkeit. »Ei, beim Jeus,« entgegnete Ottmar, indem er sich lachend in den Sattel schwang, »das muß ja ein furchtbares Weib sein, welches die brüderliche Besorgnis meines frommen Bruders so sehr aufregt. Aber beruhige dich, lieber Jeremias. Ist die Gräfin wirklich ein so gefährliches Feuer, wie du andeuten zu wollen scheinst, so sag' ich dir, daß ich schon mehr als einem Feuer gegenüber bewiesen, ich sei nicht von Stroh. Und damit Gott befohlen!« 2. Mit wehendem Schleier. Nachdem die »vereinbarten Brüder« bei der Franzosenschanze sich getrennt hatten, lenkte der jüngere sein Pferd wieder einen Büchsenschuß weit rückwärts auf das Plateau und wandte sich dann zur rechten Hand, einen scharfen Trab anschlagend. Während ihn der Braune leicht über das junge Heidekraut hintrug, verarbeitete Ottmar in sich die Eindrücke, welche ihm das Zusammentreffen mit seinem Bruder hinterlassen. »Daß mir gerade der Jeremias auf der Schwelle der Heimat begegnen mußte!« brummte er mißmutig vor sich hin. »Soll ich es für ein böses Omen nehmen? Oder kann ich es für ein anderes nehmen? Er war immer ein Schleicher – und jedenfalls wäre es besser gewesen, wenn ich dieses Gesicht mit seiner stereotypen Gottseligkeit nie mehr gesehen hätte. Was könnten wir noch miteinander gemein haben? Ein paar Jugenderinnerungen vielleicht. Aber die sind durch neuere Erfahrungen so vergällt und vergiftet, daß ich sie lieber allesamt über Bord werfe. – Was doch alles die Poeten über den Zauber der Bande des Blutes faseln! Die natürliche Sympathie tritt weit zurück vor der Antipathie des Bewußtseins. Um wieviel kostbarer ist ein Bruder im Geiste als ein Bruder im Fleische! Aber freilich, die Brüder im Geiste sind Raritäten. Wo sind denn meine Pyladesse und Pythiasse aus der Universitätszeit? So ziemlich alle, glaub' ich, unter das sitzende, kniende und stehende Heer gegangen, Philister geworden jeder Zoll. 's ist ein Graus, wie schnell die Leute heutzutage alt werden! Auch das geht mit Dampf, wie alles andere. Wie alles? Bah, ich denke, man hat sich in Deutschland, in Europa überhaupt in bezug auf viele Dinge eben nicht sehr über Dampfgeschwindigkeit zu beklagen, und mir will scheinen, daß in eben dem Maße, in welchem die Maschinen vorwärts stürzen, die Menschen zurückgehen. – Was aber nur in aller Welt meinen wohlehrwürdigen Bruder bewog, mich vor der Gräfin zu warnen? Daß Jeremias schon als Knabe nie etwas ohne bestimmte Absicht, ohne Berechnung tat, ist ein historisches Faktum. Welcher Kalkul also mag seiner merkwürdig eifrigen Brüderlichkeit in diesem Falle zugrunde liegen? Die Gräfin interessiert ihn, soviel ist sicher. Steht er in geistlichen Relationen zu ihr und besorgt er vielleicht, ich möchte seine circulos theologicos stören? Oder, oder, hm, beim Zeus, in jedem dieser Pietisten steckt ein gut Stück Mucker – das ist eine alte Geschichte. Es wäre doch, bei Baal und Astarte, es wäre sublim, wenn der alte Duckmäuser einen verliebten Rappel hätte. Arme Margaret, arme Schwägerin, das könntest du noch brauchen. Ich weiß, du hast an der Seite des frommen Wohlehrwürdigen ohnehin keine sehr rosenfarbigen Tage verlebt. – Ja, ja, am Ende ist's so: die Eifersucht, die dümmste, grundloseste, verrückteste Eifersucht sprach aus dem edlen Jeremias. Wäre die Margaret nicht, so müßte mich diese lächerliche Idee höchlich gaudieren. – Und aber, die Worte meines cher frère gestatten die Vermutung, daß die Gräfin Bernwart eine nicht gewöhnliche Person sein müsse. Wer hätte das gedacht, daß ich die Enkeltochter des fremden bärbeißigen Alten droben im Bärenschlößchen dereinst in solcher Situation wiederfinden sollte? Ich erinnere mich des kleinen Dinges noch recht gut; es hatte abenteuerlich schöne große schwarze Augen. Und jetzt Frau Gräfin, vor welcher man kratzfüßeln und katzenbuckeln soll? Ei, das Leben ist doch 'ne Komödie, trotz alledem, und es fehlt ihm nicht an buntem Wechsel und hübschen Überraschungen.« Der junge Mann sollte auf der Stelle eine Bestätigung dieser Ansicht vom Leben erhalten. Eine Überraschung wurde ihm zuteil, welche jedenfalls eine hübsche genannt werden durfte. Er hatte die Hochebene des Pfaffenwaldes hinter sich und war im Begriffe, den Braunen einem Hohlweg zuzulenken, welcher, wie er von alten Zeiten her wußte, den waldigen Abhang hinab ins Forgtal führte. Da zog er plötzlich überrascht die Zügel an, denn aus dem Dunkel des Hohlweges heraus tönte fröhliches Sprechen und Lachen, eine glockenhelle und glockentonrunde Frauenstimme rief: »Ah, da sind wir endlich oben!« und im selben Moment tauchte die Sprecherin, auf einem prächtigen Schimmel reitend, aus dem Hohlweg auf, versetzte, den Oberkörper vorbeugend, ihrem Pferde einen Schlag mit der Reitgerte, daß es mit einem plötzlichen Ruck und kühnen Satz das Plateau gewann und dann, da ihm seine Reiterin die Zügel schießen ließ, in gestrecktem Galopp über die Fläche hinsauste. Die Dame saß mit vollendeter Sicherheit und Anmut im Sattel. Ihre schlanke Gestalt, deren tadellos schöne Formen der enganliegende grausamtene Spenzer des Reitkleides hervortreten ließ, folgte zwanglos den Bewegungen des Pferdes. Der Morgenwind hatte ihre feingeschnittenen Züge rosig angehaucht, ihre großen schwarzen Augen blickten unter kühngeschwungenen dunklen Brauen voll Feuer und Leben in die Welt hinein, und wie sie so dahinflog mit wehendem Schleier und ihr die unter dem Reithut üppig hervorquellenden schwarzen Locken im Nacken tanzten und schaukelten, und sie, voll erregten Lebensbewußtseins, einen hellen Ruf der Freude von den Lippen springen ließ, da gewährte sie einen wahrhaft phantastisch-romantischen Anblick, welcher an den Aufzug der Romanze in Tiecks Kaiser Oktavianus erinnern könnte. Diese Erinnerung regte sich auch in Ottmar. Sein Bruder hatte doch wohl nicht so ganz unrecht gehabt, wenn er ihn einen Romantiker nannte. Die stille, grüne, waldumschlossene Heide und darauf die feenhaft schöne Erscheinung der kühnen Reiterin, es war eine in Wirklichkeit übersetzte Reminiszenz aus Tagen, wo Ottmar, während des Gesenius berühmtes hebräisches Lesebuch auf der Schulbank lag, unter derselben in Fouqués »Zauberring« und »Sängerliebe« schwelgte. Er hatte auch keine Zeit, diese Reminiszenz von einem Schatten moderner Skepsis überstiegen zu lassen. In dem Augenblick, wo der Schimmel mit seiner schönen Last an dem jungen Mann vorüberschießen wollte, erblickte ihn die Reiterin, und sogleich zügelte sie mit außerordentlicher Gewandtheit ihr Pferd. »Guten Morgen, Herr Doktor Horst, und willkommen im Schwarzwald!« sagte die Dame mit schalkhaftem Lächeln. Ottmar glaubte zu träumen. Er meinte dieses Antlitz mit der gebietenden Stirne und den wunderbaren Augen schon einmal gesehen zu haben; es hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht – und doch, wo war es nur, daß er es gesehen? Er wußte sich diese Frage nicht zu beantworten: das machte ihn verlegen, und er kam sich recht tölpelhaft vor. »Mein Fräulein –« stotterte er endlich. »Fräulein?« versetzte die Dame mit sonderbarer Betonung, während eine Wolke ihre strahlenden Züge überflog. Aber nur für einen Moment, denn im nächsten hatten sie ihren, wie es schien, gewöhnlichen Ausdruck sorglos heiterer Entschiedenheit, um nicht zu sagen Kühnheit, wieder angenommen. Lachend sagte sie: »Was doch die Männer für ein kurzes Gedächtnis haben! Vor einigen Monaten unterhielt mich in der Fremdenloge des Theaters der Residenz in den Zwischenakten vom Nathan ein gewisser junger Rechtskonsulent recht artig über Lessing, über die Idee des Humanismus und andere hübsche Sachen –« »Ach ja, meine Gnädige,« rief Ottmar eifrig aus. »Aber schreiben Sie mir nicht ein zu kurzes Gedächtnis zu. Nur das romantisch Plötzliche, die überwältigende Macht Ihrer Erscheinung auf dieser Heide –« »Hat Sie so geblendet, mein Herr Doktor, daß Sie Ihr Gedächtnis einbüßten?« Es klang herber Spott aus diesen Worten der Dame, und ihr tiefes Auge ruhte mit strengem Forschen auf Ottmars Zügen, als sie hinzufügte: »Haben auch Sie die Fibel der Phraseologie auswendig gelernt? Damals im Theater glaubte ich fast, Sie bildeten eine Ausnahme von der Männerrasse, welche die fixe Idee hat, einer Frau gegenüber stets und unter allen Umständen adulatorische Abgeschmacktheiten auskramen zu müssen.« Ottmar blickte der Sprecherin fest in die Augen, aus denen ihm jetzt plötzlich eine Erinnerung aufstieg, welche viel weiter zurückging als zu dem Theaterabend in der Residenz, wo die blendende Erscheinung der fremden Dame einen gewaltigen, wenn auch vorübergehenden Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er hatte jetzt seine gute Laune völlig wiedergewonnen und sagte nun seinerseits lachend: »Sie sind, gnädige Frau – entschuldigen Sie – die erste Person, von welcher Ottmar Horst der Schmeichelei sich bezichtigen hörte, und wenn ich vielleicht an dem berühmten Phrasengeschäft, welches vor etlichen Jahren in Deutschland so schwunghaft betrieben wurde, etwelchen bescheidenen Anteil hatte, so habe ich auch die Ehre, zu denen zu gehören, welchen man auf ziemlich rücksichtslose Weise die fernere Beteiligung an besagtem Geschäft verleidete. Im übrigen –« »Im übrigen?« fragte die Reiterin mit einem aufmunternden Blick. »Im übrigen möchte ich mir erlauben, Ihnen zu beweisen, daß meine Gedächtnisschwäche keineswegs so groß ist, als Sie annehmen zu müssen glauben.« »Wie wollen Sie mir das Gegenteil beweisen?« »Es war einmal ein kleines Mädchen mit großen schwarzen Augen. Das hatte sich im wilden Walde verirrt und –« »Da kam ein schon ziemlich großer Junge daher –« »Vor dem das kleine Mädchen zuerst wie ein scheues Reh davonlief –« »Genug, Herr Doktor. Ich lasse Ihren Beweis gelten. Aber warum haben Sie mich im Theater nicht wiedererkannt? Doch davon ein andermal. Jetzt eine Frage: Wußten Sie, bevor Sie hierher kamen, daß das kleine Mädchen von damals jetzt Gräfin Bernwart ist?« »Nein, gnädige Frau, das erfuhr ich erst vor einer halben Stunde dort drüben bei der Franzosenschanze.« »Von wem?« »Von einem frommen Mann, welcher Pastor in Moosbrunn und nebenbei der Bruder Ihres gehorsamen Dieners ist.« »Ah, so? Ihr Bruder ist ein Heiliger, wie ich glaube,« versetzte die Gräfin, und ein spöttisches Lächeln kräuselte ihre etwas vorspringende Oberlippe, auf welcher der Schatten eines Anhauchs von dunklem Flaum lag, ein reizendes Merkmal ihrer südlichen Abkunft. Dann sagte sie noch, mit der Gerte rückwärts nach dem Hohlweg weisend: »Da kommt mein Gefolge. Ich darf mich von meinen Rittern nicht einholen lassen, es gilt eine Wette. Lassen Sie sich bald in Bernwartswall sehen. Ihre Zimmer sind in Bereitschaft. Der Graf erwartet Wunder von Ihrem Scharfsinn, und Wunder, deucht mich, müßten in der Tat geschehen, wenn dieser leidige Prozeß einmal von der Stelle rücken sollte. Adios! Adios!« Sie winkte anmutig mit der Hand, beugte sich, leicht mit der Zunge schnalzend, auf den Hals ihres ungeduldig stampfenden Renners vor, und windschnell stob das edle Tier mit ihr davon. Ottmar blickte ihr mit einem lebhaften Gefühl der Bewunderung nach. Es kümmerte ihn wenig, daß das »Gefolge« der Dame, vier aus dem Hohlwege hervorbrechende Reiter, scharf austrabend auf ihn zukam. Die Herren hatten aber das Zusammensein der Dame mit einem Fremden bemerkt, und Neugierde ließ, wie es schien, den vordersten der Reiter den raschen Gang seines Pferdes hemmen. Er war ein hochgewachsener, ungewöhnlich schöner junger Mann von unverkennbar soldatischer Turnüre. Der volle, seidenweiche braune Schnurrbart stand seinem Gesicht sehr gut, und dieses würde durchaus einnehmend gewesen sein, wenn es nicht durch einen Ausdruck von Hochmut und Selbstgefälligkeit beeinträchtigt worden wäre. Der eine seiner Begleiter war ein mild aussehendes Herrchen, nicht mehr in der ersten Jugend stehend, sinnige Schwärmerei im Blick, mit modischem Bärtchen und einer gewissen nachlässigen Eleganz oder eleganter Nachlässigkeit herausgeputzt. Der dritte Reiter fiel durch seinen Anzug sehr in die Augen. Er war ein junger Mann, dessen blondes Haar in wohlgepflegten Locken auf den breiten Hemdkragen herabfiel, welcher über den schmalen Kragen seines altdeutschen Rockes zurückgeschlagen war. Im Knopfloche trug er eine Passionsblume und auf dem Lockenhaupt ein schwarzes Sammetbarett, an dessen Vorderseite ein massiv goldenes Kreuz angeheftet war. Ottmar schenkte indessen den drei andeutend geschilderten Reitern nur eine ganz oberflächliche Beachtung, denn der vierte nahm sein Interesse vollständig in Anspruch. Dieser vierte, welcher zuletzt aus dem Hohlwege hervorgekommen, war ein riesengliedriger, vierschrötiger Mann, dessen ganze Erscheinung in keiner Weise zu der seiner Begleiter paßte. Unser Freund hatte ihn kaum erblickt, als er mit freudiger Überraschung ausrief: »Der grimme Wate, beim Zeus!« Der Gemeinte, welcher damit beschäftigt gewesen, seinen Steigbügelriemen kürzer zu schnallen, schaute auf und kehrte Ottmar ein Gesicht zu – Mit bohrenden Augen, mit ellenbreitem Bart – wie es im Gudrunlied von dem gewaltigen Kämpen heißt, welcher mit Horand und Frute nach Irland und mit den Hegelingen nach der Normandie fuhr. In der Tat war der Cerevisname Wate, welchen der Mann von der Universität her führte, ein gerechtfertigter. So ungefähr mußte jener Held ausgesehen haben, jener »Grimme«, der im Grunde ein ganz gutmütiger Bursche war. Man sah von dem unter einem grauen Filzhut mit mächtig breiter Krempe hervorlugenden Gesicht nur die scharfen grauen Augen, die weit vorspringende Adlernase, ein Stück gebräunter Stirne und zwei schmale Streifen gebräunter Wangen, alles übrige verschwand hinter einem braunroten Bartwald, welcher bis über die Mitte der Brust herabfiel und der Enaksgestalt recht wohl anstand. Die dargebotene Hand Ottmars schüttelnd, tat der grimmige Wate den Mund auf und sagte phlegmatisch: »Ah, bist du endlich da, lieber Junge? Freut mich und so weiter.« »Die Herren scheinen sich zu kennen,« bemerkte der Reiter mit soldatischer Haltung. »Und wie!« erwiderte Wate, um dessen Mund, wenn bei längerem Sprechen der Bartvorhang sich zurückschob, ein sarkastischer Zug sichtbar wurde. »Ich will beweisen, daß ich ein Mann von Lebensart bin, indem ich die Herren einander förmlich vorstelle, respektive vorreite. Der Fremdling hier, welcher sich unserer wilden Jagd in den Weg gestellt, ist Herr Ottmar Horst, seines Handwerks ein Dr. juris utriusque und Rechtskonsulent – im übrigen ein anständiger und ziemlich leidlicher Mensch und Gentleman, falls ihm nicht gerade eine seiner romantischen Schnurren durch den Kopf fährt. Was dich angeht, mein lieber Junge, so siehst du hier vor dir Nr. 1 den hochgeborenen Freiherrn Adalbert von Moosbrunn; Nr. 2 den Herrn oder vielmehr Don Rodrigo, weltberühmten urwalddeutschen Lyriker; Nr. 3 den Herrn Walter von dem Schmelz, weltberühmtesten Lyrisch-Epiker unserer Zeit. Maßen dir nun als deutschem Mann der pflichtschuldige Respekt vor dem Adel innewohnen muß, maßen du ferner als ein Stück poetischen Gemütes die gehörige Ehrfurcht vor den Lieblingen der Musen hast, so lebe ich der Hoffnung, du werdest mir, deinem Vorsteller, bei diesen Herren alle Ehre machen.« Ottmar verbeugte sich und blickte mit einiger Neugier auf den Freiherrn, gegen welchen er einen verwickelten Prozeß zu führen berufen war, mit noch größerer jedoch auf die zwei poetischen Berühmtheiten, welche indessen von der Vorstellungsmanier Wates wenig erbaut zu sein schienen. Don Rodrigo versuchte zu lächeln, und zwar zu lächeln mit der Miene eines erhabenen Geistes. Herr Walter zupfte mit männlicher Würde an einer seiner Schmachtlocken. Der Freiherr zog zuerst die Stirne kraus, ließ sich aber dann zu einigen der banalen Redensarten herbei, welche Leuten, die in der großen Welt gelebt haben, bei solchen Gelegenheiten geläufig sind, dann setzte er, augenscheinlich ungeduldig, vom Flecke zu kommen, hinzu: »Wenn, wie ich hoffe, Herr Doktor Horst einige Zeit in unseren Bergen zubringen wird, soll er mir in meinem Hause willkommen sein, und werden meine Freunde und ich uns freuen, seine nähere Bekanntschaft zu machen. Jetzt aber, meine Herren, müssen wir die Sporen einsetzen. Die Frau Gräfin hat, wie Sie sehen, einen bedeutenden Vorsprung, und längeres Zögern müßte uns die Wette unfehlbar verlieren machen. Allons donc!« Mit diesem Wort sprengte er ohne weiteres davon, und die beiden poetischen Berühmtheiten beeilten sich, ihm zu folgen. Wate blieb bei seinem Freunde zurück. »Da reiten sie hin,« sagte er, »einem – Irrwisch nach.« »Einem Irrwisch?« entgegnete Ottmar lebhaft. »Diese Frau ist bezaubernd schön!« »Dies Bildnis ist bezaubernd schön!« sang Wate parodierend und seinen tiefen Baß zu einem schnakischen Triller zwingend. Hierauf lachte er herzlich und sagte: »Sollte mich nicht im geringsten wundern, wenn die Hexe es dem guten Jungen während dieses Rendezvous von ein paar Sekunden angetan hätte.« »Wie sprichst du nun wieder, alter Wate?« »Wie ich denke, liebes Jüngelchen, ganz, wie ich denke.« »Bah!« »Hat sich was zu bahen! Übrigens brauchst du gar nicht so vornehm oder vielmehr so zierpuppig zu tun. Es geht dir nur, wie's andern auch gegangen, darauf kannst du Gift nehmen. Sie hat uns alle verrückt gemacht, den einen mehr, den andern weniger.« »Was für alle?« »Je nun, den Baron, die beiden Versedrechsler, die allerdings schon vorher passabel verrückt waren; fernerhin deinen gottseligen Bruder –« »Was, zum Teufel, den frommen Jeremias?« »Eben den.« »Das ist kolossal!« »Endlich mich, deinen treuergebenen Sozius Wate, genannt der Alte oder der Grimme, ci-devant Mediziner, jetzt Ex-Demagog, Glashüttebesitzer und so weiter.« »Pyramidalisch!« »Meinetwegen pyramidalisch oder obeliskisch, wie du willst: aber's ist so, beim Barte des Propheten!« »Kerl, du willst mich blau anlaufen lassen.« »Ich? O, sei ganz ruhig, was das Anlaufenlassen betrifft, so wird das eine andere Person besorgen. Sie wird dich in allen Farben des Regenbogens anlaufen lassen, wenn es ihr Spaß macht. Du hast ganz das Zeug dazu, Gott straf' mich! Und das ist der Humor davon, wie Shakespeares Bardolph zu sagen pflegt.« »Sei unbesorgt, ich bin kein achtzehnjähriges Küchlein mehr.« »Einerlei. Sie betört die Alten und die Jungen. Sieh doch einmal mich an. Seh' ich aus wie ein flaumbärtiger Springinsfeld?« »Keineswegs, aber ich kann auch nicht glauben, daß du wirklich verliebt bist. Das ginge ja über die Hutschnur, wäre gegen allen Komment.« »Ja freilich,« entgegnete Wate mit einem komischen Seufzer, »'s ist gegen allen Komment. Aber wie heißt doch der Dings da, der pfiffige Autor, welcher die Liebe definierte als die größte aller Narrheiten, maßen sie den Menschen mehr an eine andere als an seine eigene Person denken mache? Siehst du, akkurat in diesem Kasus befinde ich mich; ich bin verliebt bis zum Blödsinn, verschossen, geentert, fertig – que diable m'emporte! – Jedennoch wirst du, vermut' ich, nicht hier auf des Pfaffenwaldes romantischer Höhe stehen bleiben wollen, sondern talwärts streben. Wollen also hinab, müssen aber absteigen, Liebster. Der verdammte Hohlweg macht einem schon beim Heraufreiten genug zu schaffen – müssen die Pferde führen. Gib acht auf deinen Gaul, daß er auf den Füßen bleibt. – Hast da einen stolzen Braunen, Gott straf' mich! Weißt, scheint es, das Geld des seligen Onkels unter die Leute zu bringen. Eine edle Sorte von Menschen, derartige selige Onkels. Vivant, sie sollen leben und die seligen Basen daneben!« »Vasen?« erwiderte Ottmar, dem vorangehenden Freunde, welchen das Zusammentreffen mit ihm sehr gesprächig gemacht hatte, in den Hohlweg folgend. »Nun ja, Basen,« versetzte der Grimme. »Wie sollte denn ich, nachdem mich die Festungsmisere den letzten Kreuzer meiner Habe gekostet, müßig im Schwarzwalde herumlungern können, gäbe es nicht alte Basen in der Welt, welche zur gelegensten Zeit gen Himmel fahren? Du verstehst die edle Kunst zu erben nicht allein.« »Aha. daher kommt es, daß du dich vorhin Glashüttebesitzer betiteln konntest?« »Erraten. Als ich nach unserer Trennung am Fuße des unliebsamen Hügels arm wie Diogenes in den alten Schwarzwald heraufkam, um in nomine diaboli wieder das Medizinern anzufangen, hatte der Himmel das Einsehen gehabt, meine Basen in Gnaden aus diesem Jammertal abzurufen. Der alte Drache – denn du mußt wissen, daß in meiner seligen Base das mythische Geschlecht der berühmten Schwarzwalddrachen fortlebte – hatte zum Glück nicht mehr Zeit gehabt, ein Testament zu machen. Sonst wär' ich sicherlich leer ausgegangen. So aber bin ich jetzt im Besitz der notablen Glashütte drüben im Trausigtal.« »Ich erinnere mich des Ortes. Dort also wohnst du?« »O nein, mein Lieber. Ich habe zwar, wie männiglich bekannt, von jeher ein großes Geschick gehabt, mit Gläsern umzugehen, aber nur als Trinker, und merkte bald, daß das Glasmachen nicht meine Sache sei. So überließ ich die Besorgung des ganzen Trödels dem alten Werkführer, der, wie ich ausrechnete, mich jährlich just nur um so viel beschummelt, daß das Geschäft noch immer genug abwirft, um sowohl ihn als mich anständig leben zu lassen. Nachdem die Sache der Art zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit eingerichtet war, gürtete ich meine Lenden und machte mich auf, zu ziehen herüber ins Forgtal, allwo die Anstalten, die da genannt werden Wirtshäuser, besser sind als drüben. Und siehe, ich hielt an meines Rosses Zügel an einem gesegneten Orte, der da heißt Im Bühl, und ich klopfte an die Türe an, und es ward mir aufgetan, und ich nahm Herberge in der Goldforelle, allwo Küche und Keller so beschaffen, wie ein Junggesell von Geist und Gemüt es wünschen muß. Sela.« »In der Goldforelle also hausest du?« »Du hast es gesagt. Es ist ein heimeliger Ort, weißt du? Natürlich wirst du auch dort logieren.« »Ich bin ins Schloß eingeladen, und die Frau Gräfin hat vorhin die Einladung wiederholt.« »Laß dich nicht vom Satan blenden, Junge.« »Es steht dir wohl an, zu moralisieren, beim Zeus?« »Allerdings, denn mir bemoostem, abgewettertem Haupte können die Satanasse aller Mythologien zusammen im Grunde doch verteufelt wenig anhaben. Folg meinem Rat, du weißt, ich hatte immer ein Faible für dich und meine es gut. Du würdest dich in Bernwartshall ohnehin nicht heimisch fühlen; der Graf ist ein unheimlicher Kerl und so weiter.« »Aber es wäre eine Ungeschliffenheit von mir –« »Ei, daß dich! Ich übernehme alle Verantwortung. Zudem habe ich, als ich vorgestern zufällig deinen Koffer im Forgauer Posthaus antraf, denselben nach der Goldforelle spediert und ein Zimmer für dich bestellt. Es geht auf die Galerie hinaus, weißt du? Dort läßt sich an schönen Nachmittagen allerliebst sitzen, um den Rauch der Zigarre zu blauen Ringen zu drehen und über die Eitelkeit des Irdischen zu philosophieren.« »Du hast dich also mit Passion dem Nichtstun ergeben?« »Warum sollt' ich nicht? Die Ideale sind zerronnen, sagt Schiller. Ach, lieber Junge, wie haben wir uns vor zeiten über den Gourmand Friedrich Schlegel skandalisiert, welcher die göttliche Faulheit in luzindeischen Dithyramben pries. Der Mann war gescheiter als wir. Übrigens bin ich nicht so ganz müßig, wie du glauben magst. Ich spintisiere über einem literarischen Opus, das ohne Zweifel Epoche machen wird.« »Du ein Autor? Das fehlte noch!« »Nur nicht so geringschätzig, wenn ich bitten darf. Der Idealismus hat vollständig Bankrott gemacht, und unsere Zeit ist der inkarnierte Materialismus – das ist eine brutale Tatsache. Wie nun, wenn ich es unternähme, das Evangelium des Materialismus zu verkündigen?« »Ein sehr überflüssiges Unternehmen, denke ich. Besagtes Evangelium wird ja längst von allen Dächern gepredigt.« »Ja, aber wie? Das ist die Frage. Ich gehe von dem Prinzip aus: Eine wirkliche Reform der Gesellschaft hat die Reform der Küche zur Voraussetzung.« »Du bist also ein Küchenphilosoph oder ein Küchensozialist?« »Spotte immerhin, später wirst du mir wohl Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich habe über mein Thema die tiefsinnigsten Spekulationen angestellt und bin zu Findungen gelangt, von welchen sich weder Hegel noch Hengstenberg, weder Feuerbach noch Stahl, weder Radowitz noch der Schneider Weitling etwas träumen ließen. Sage mir, was und wie du issest, und ich will dir sagen, wer du bist – das ist mein Fundamentalsatz, auf welchem ich ein Lehrgebäude aufführen werde aere perennius und so weiter. Ich sage dir, die berühmte Gastrosophie des Baron Vaerst wird wahrer Schund sein gegenüber meinem Werk, wenn ich mal damit hervortrete. Willst du mein Mitarbeiter an dem großen reformatorischen Unternehmen werden?« »Danke. Ich bin in die gastrosophischen Mysterien nicht sehr eingeweiht und will mich einstweilen aufs Prozesseführen beschränken.« »Prozesseführen? Ein schändliches Geschäft! Und du hast's ja nicht einmal nötig, um gentlemantike leben zu können.« »Möglich, aber man muß in meinen Jahren doch etwas tun, sonst kriegt man den Spleen. – Doch, um auf die Gräfin zurückzukommen –« »So läßt dir die schon keine Ruhe? Sie ist, die grüßte Kokette, soweit der Himmel blaut oder graut.« »Und wer ist denn der Begünstigte?« »Der Begünstigte? Seht mir mal! Sprecht nicht so frivol, Herr Advokat, von der Dame meines Herzens. – Der Begünstigte? Ja, wer das wüßte! Ich weiß nur, daß ich es nicht bin. Sie treibt ihren Jux mit mir, so viel ist sicher. Sie treibt ihn auch mit deinem frommen Bruder Jeremias, ferner mit den beiden poetischen Zeitblasen, welche du da oben gesehen und die bei dem Baron zu Gaste sind.« »Und Mit dem Baron?« »Das ist eine kitzliche Frage, Gott straf' mich! Zuweilen darf man glauben, der Baron habe in diesem Spiele die Matadore in der Hand, dann wieder umgekehrt, oder auch, es sei da mehr als Spiel im Spiele, nämlich eine veritable Leidenschaft. Aber wer kann sich über diese Eva aller Even, über diese Evissima ein festes Urteil bilden? Der nächste Tag stößt es immer wieder um. O, sie ist beweglich, veränderlich und launisch, wie das Element, nach welchem sie ihren Charakternamen führt. Immer anders und doch immer dieselbe. Mit Fug und Recht heißt sie die Tochter der Luft.« »Die Tochter der Luft?« »Ja. Nicht wahr, das klingt romantisch?« »Sehr.« »Es war einer der letzten Mohikaner der Schlegel-Tieckschen Schule, welcher vor einiger Zeit nach alten Liedern und Sagen im Schwarzwald herumschnoberte und bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft der Gräfin machte. Das schöne Spanisch, welches sie spricht, entzückte den alten Knaben. Er las mit ihr im Calderon und hatte dabei den Einfall, die Gräfin sei das leibhaftige Konterfei der Heldin des berühmten Dramas: Die Tochter der Luft. Daher trägt sie den Namen Hija del ayre , und sie hört ihn, deucht mich, gar nicht ungern. Was mich betrifft; so gestehe ich, daß mich, ungeachtet ich verliebt bin wie ein Maikäfer, die Gräfin zuweilen an das gebackene Eis der Chinesen erinnert, welches einem den Mund verbrennt und den Magen verkältet.« »Ein gastrosophisches Bild!« sagte Ottmar lachend. »Ja, was willst du, daß ein Gastrosoph für andere Bilder gebrauche? Zudem paßt es auf seinen Gegenstand. Dieses Weib ist, Gott straf' mich, aus Glut und Eis zusammengesetzt.« »So etwas sagt, wenn mir recht ist, auch Calderon von seiner Heldin.« »O, du echter Deutscher, du! Kann man denn keinen Gedanken äußern, ohne daß einem so ein Literaturkerl sagt: Da und da steht er gedruckt? – Übrigens, da wir gerade von Literatur sprechen, du hast natürlich seinerzeit den ›Salon‹ von Heine gelesen? Gut. Erinnerst du dich der hübschen Sachen, welche er über die Willis beigebracht hat?« »Ich glaube.« »Wohl, siehst du, so eine Willi, so ein heimlich-unheimliches Wesen ist Eva Bernwart – so ein bezauberndes Ding, ... das Stein erweichen, Menschen rasend machen kann. Ich sage dir, Ottmar Horst, hab' acht auf den kuriosen Muskel, welchen man Herz nennt, oder ich werde es binnen acht Tagen erleben, daß du ein Narr wirst wie alle wir anderen. Doch da sind wir endlich auf der Talebene. Wir wollen aufsitzen und machen, daß wir zur Goldforelle kommen, bevor es Mittag läutet.« 3. Goldforellenwirts Goldforelle. In der Tat, das Gehöft Im Bühl war, wie der gute Wate gesagt, ein heimeliger Ort. Auf einer natürlichen Terrasse lag die Goldforelle in behaglicher Breite unter ihre alten Obstbäume hingebettet. Wie alle rechten Schwarzwaldhäuser war auch dieses aus Holz erbaut, aber solid, stramm, mit einer wahren Verschwendung von Eichen- und Nußbaumholz und nicht ohne architektonische Zierlichkeit. Der breite Giebel schaute gegen die Straße hinab und wies drei Reihen von Fenstern übereinander, deren helle Scheiben in den beiden oberen Gestocken hinter einem üppigen Flor von Nelken, Levkojen und anderen ländlichen Zierpflanzen fast verschwanden. Zu der in die Mitte der Hausfronte eingelassenen Haupttüre führte und führt noch jetzt eine breite steinerne Treppe mit eisernem Geländer empor, von deren oberster Stufe man zunächst in eine Vorlaube tritt, auf welche die Vorderfenster des eigentlichen Wirts- und Schenkzimmers heraussehen. Diese Vorlaube verlängert sich links und rechts von der Haustüre in eine Galerie, welche um das ganze Haus herläuft. Solche Galerien, deren Brustwehren zierliches Schnitzwerk bildet, haben auch die beiden oberen Stockwerke. Die unterste ist an beiden Seiten des Hauses durch ein Spalier von Reben und Jerichorosen mit der mittleren verbunden. Die Zimmer und Kammern der beiden oberen Stockwerke öffnen sich auf die Galerien, welche ihrerseits durch Treppen miteinander verbunden und allesamt durch das weit vorspringende Dach vor dem Unwetter geschützt sind. Zu der großen Treppe gelangt man von der Straße her über einen breiten Kiesplatz, von welchem aus links und rechts ein Weg an den Seitenfronten des Hauses hin zu den Hintergebäuden führt, zu den Ställen und »Gaden«, wo der Goldforellenwirt seine Ochsen mästet und seinen reichen Korn- und Futtervorrat verwahrt. Noch sind aber drei besondere Zierden dieses schönen Schwarzwaldheimwesens zu erwähnen. Da ist erstens ein klarer Bach, der rechter Hand von dem Haus in jähen Sprüngen von den Bergen herab durch das grüne Mattengelände dem Fluß im Tale drunten zueilt, in seinem tiefen, tannenbekränzten Granitbett brausend und hier und da eine hübsche Kaskade bildend. Da ist zweitens an der linken Hausecke ein Brunnen, der aus drei Röhren eine Fülle frischesten Bergquellwassers ergießt. Da ist endlich drittens diesseits des erwähnten Kiesplatzes, wo die Terrasse gegen die Straße zu abfällt, ein Rasenfleck, in welchem der gewaltige Stamm einer uralten Linde wurzelt, deren Geäst den ganzen Raum vor dem Hause beschattet. Unter der Linde ist ein Tisch aufgeschlagen, und der war jetzt gedeckt. Daran saßen die beiden Freunde, welche soeben ihr Mittagessen beendigt hatten. Wate saß behaglich mit übereinandergelegten Beinen in seinen Stuhl zurückgelehnt, schlürfte seinen Wein und blies den Rauch seiner Zigarre in das grüne Gezweig empor, durch welches die Mittagssonne goldene Lichter streute. Auch Ottmar war seiner Aufregung von heute morgen wieder völlig Meister geworden und teilte das Behagen des Freundes, teilte es um so mehr, da er sich von der ganzen Umgebung angeheimelt fühlte. Er war als Knabe und noch als Jüngling viel im Bühl gewesen; zwischen seiner Mutter und der verstorbenen Goldforellenwirtin hatte eine vertraute Freundschaft gewaltet. Er nahm daher auch gegenüber der schmucken Tochter des Hauses, welche ab und zu ging und kam, das Recht alter Bekanntschaft in Anspruch. Freilich, des Goldforellenwirts einzig Kind, das Aivli, Alemannisches Verkleinerungswort für Eva. war seither aus einem kleinen Mädchen zu einem recht stattlichen »Meidli« herangewachsen, und so wollte sich zwischen ihr und dem Pfarrerssohn anfangs der trauliche Ton von ehemals nicht recht wiederfinden. Aber das Aivli hatte »des Pfarrers selig von Moosbrunn seinen Ottmar« doch fast auf den ersten Blick wiedererkannt, obgleich das Mädchen noch sehr tief in den Kinderschuhen gesteckt zur Zeit, wo der junge Mann als angehender Student zum letztenmal in ihrem väterlichen Haus gewesen war. Das hatte dem Ottmar mächtig wohlgetan. Seine Blicke folgten mit unverkennbarer Teilnahme dem schönen Kinde, wenn es, die Gäste bedienend, zwischen dem Haus und der Linde hin und her ging, so frank und frei, mit jener zwanglosen Anmut, wie sie, die Idyllendichter mögen sagen, was sie wollen, die Natur nur selten ländliche Schönen lehrt. Es war etwas Zierliches in allen Bewegungen des Aivli, dabei etwas Frisches, Flinkes, Anstelliges, was sich auch jetzt nicht verleugnete, als sie droben in der Vorlaube das Kaffeegeschirr zurüstete. Ottmar schaute dem Mädchen mit Vergnügen zu und summte endlich halbsingend vor sich hin: »Gott grüß' dich, Schenkentöchterlein! Auf deinen holden Wangen Sind in dem hellsten Purpurschein Die Rosen aufgegangen. Wie Lerchenlied aus hoher Luft Klingt's lieblich aus deinem Munde, Die Locken hauchen süßen Duft, Wie Veilchen im Waldesgrunde. Und aus den schönen Augen sprühn So helle, heiße Funken, Als wär' die Sonn' im Mittagsglühn In sie hinabgesunken.« »Sagst du was, lieber Junge?« fragte Wate, aus jenem Zustande auffahrend, welchen er unter dem Namen Verdauungsdämmerung in einem eigenen Kapitel seiner »Philosophie des Magens« abhandeln wollte, – »Ah so,« fuhr er fort, mit den Augen der Richtung von Ottmars Blicken folgend. »Du erlustierst dich, scheint es, immer noch gern mit Zitaten, und, Gott straf mich, dein Thema kann einen schon dazu bringen, Verse zu rezitieren. Wart mal, wo Hab' ich nur die da her? Wie von Wellen getragen geht sie, einem Schwan gleich, Und ihr Blick ist so süß wie ein Taubenblick, Ihre Stimme so rein wie Nachtigallsang; Es glühen ihre Wangen, rot angehaucht, Wie die Morgenröte am Gotteshimmel; In goldenen Flechten wallt das lange Haar, Mit hellen Bändern schmuck zusammengeknüpft, Um den Nacken schlängelt's, um die Schultern her, Küßt die weiße Brust, die hochschwellende –« »Seht mal, der grimme Wate wird poetisch!« sagte Ottmar mit Lachen. »Warum sollt' ich nicht? Ist die Poesie etwa ein Monopol für euch Gelbschnäbel? Ich sag' dir, ich war von jeher ein Stück Poet, wenngleich nur ein geheimer, sozusagen, ein Privatlicher. Im übrigen wirst du zugeben, daß die von mir mit Geist und Gefühl zitierten Verse auf ihren Gegenstand passen. Passen sie nicht?« »O ja, vollkommen. Ich beneide dich ordentlich um das Zitat, beim Zeus! Aber sag mir, wie konnte dein gefühlvolles Herz so lange mit diesem schönen Kind unter einem Dache weilen, ohne gerührt zu werden? Du bist, wie du mir sagtest, durch des letzten Schwarzwalddrachens Hingang Glashüttebesitzer geworden, id est ein Mann von unabhängiger Stellung, und in deinen Jahren sollte man, vermut' ich, allmählich ans Heiraten denken.« »Heiraten?« versetzte Wate, mit komischem Entsetzen die Zigarre auf den Tisch legend und mit beiden Händen in seinen Bart greifend. »Ans Heiraten denken! Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort – Ich und heiraten? Du bist, Gott straf mich, nicht recht gescheit oder willst mich uzen. Foppen. Habe ich nicht dem Banner der Junggesellenschaft mich zugeschworen auf ewig? Darf und kann ein Gesellschaftsreformator in spe , ein künftiger Heiland der Küche ans Heiraten denken? Besinne dich, Mann. Um mich auf mein ungeheures Werk vorzubereiten, muß ich gut essen. Wer ißt am besten, Ehemänner oder Junggesellen? Letztere ohne Zweifel. Warum? Weil sie erstens den Kosttisch nach Belieben wechseln können, und weil zweitens alle Köchinnen der Welt sich weit mehr Mühe geben, wenn sie wissen, daß sie für einen ledigen Mann kochen. Ich werde diesen Erfahrungssatz seinerzeit und seines Ortes spekulierend begründen. Alles zusammengefaßt, muß ich meiner erhabenen Mission zuliebe Junggesell bleiben – quod erat desmonstrandum .« »Vor solcher Logik streich' ich eiligst die Segel.« »Das ist das Klügste, was du tun kannst. Im übrigen muß ich sagen, das Aivli ist ein herzig Kind. – Sieh nur,« fuhr der Grimme fort, zur Vorlaube hinaufblinzelnd, »was das Mädchen für 'ne prächtige Stirne hat! Und es ist was drunter, sag' ich dir, viel Mutterwitz, viel schalkhafter Humor. Und die dunkelblauen Augen unter und die weichen braunen Haare über dieser Stirne sind auch nicht von Stroh, sollt' ich meinen. Und wie weiß das Aivli unsere gute alte Landestracht zu tragen! Sieh mal, wie die kurze, gefältelte schwarze Jüppe und der rote Brustlatz und das schneeweiße Goller und die roten Zwickelstrümpfe und das neckische Schäppli, unter welchem hervor das gloriose Zöpfepaar fast bis zur Erde hinabfällt, der schlanken und leichten und dabei doch runden Gestalt so prächtig stehen! Summa Summarum: 's Aivli ist ein gescheites, emsiges, seelengutes Aivli, ein dundersnettes Meidli, wie der selige Hebel sagen würde, und der Goldforellenwirt hat, Gott straf' mich! recht, wenn er das Kind seine Goldforelle nennt.« In Wahrheit, der Lobgesang des Grimmen auf das Aivli war ein gerechtfertigter. Ottmar mußte sich das gestehen, als jetzt das Mädchen mit dem Kaffeebrett die Treppe herab und auf den Tisch unter den Linden zukam. Es drang sich ihm auch unwillkürlich eine Vergleichung des Mädchens mit der Frau auf, deren Erscheinung auf dem Pfaffenwald ihn so sehr überrascht hatte. Da war freilich nicht das Pikante, bewußt Graziöse, fast dämonisch Fesselnde, welches der kühnen Reiterin eigen; aber dafür war über das Schwarzwaldmädchen die reizendste Taufrische ausgegossen. Dem jungen Mann kam es wunderlich vor, daß er sich der Wirtstochter gegenüber viel befangener fühlte, als er es gegenüber der Gräfin gewesen, und diese seine Befangenheit schien sich auch dem Mädchen mitgeteilt zu haben, welches die Tassen stillschweigend auf dem Tisch ordnete und den braunen Trank einschenkte. Als sie Ottmar die Tasse darreichte, hielt er ihre Hand fest und sagte: »Sie erinnern sich also meiner noch von alten Zeiten her, Jungfer Baldung?« »O, freilich, Herr, aber ich weiß nicht recht, mit was für einem Titel ich Sie anreden muß.« »Mit dem eines alten Bekannten, eines Freundes, wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen. Nennen Sie mich kurzweg Ottmar.« »Gut, also Herr Ottmar,« sagte sie beistimmend, einen Moment lang dem jungen Mann mit ihren guten Augen voll und freundlich ins Gesicht sehend. »Aber dann,« setzte sie hinzu, ihm ihre Hand entziehend, um auch den Bartmann mit Kaffee zu versorgen, »dann müssen Sie mich kurzweg Aivli heißen, wie mich jedermann heißt.« »Stellt euch doch nicht so hölzern an, Mordsapperment!« mischte sich Wate ein, »Ihr seid alte Bekannte, und jetzt geht ihr umeinander herum wie die Katze um den heißen Brei. 's Aivli hat mir schon hundertmal die Ohren vollgeschwatzt, wie des Moosbrunner Pfarrers sein Ottmar früher mit ihr im Bühl herumgesprungen. Macht doch keine so städtischen Grimassen, und maßen ihr, vermut' ich, schier zu groß geworden, euch zu duzen, so laßt wenigstens das Sie aus dem Spiel und sagt Ihr zueinander, wie alle rechten Schwarzwälder tun. Was meint Ihr, Aivli?« »Ich mein', mit Verlaub, Ihr habt recht, Herr Doktor.« »Ja, freilich hat er recht, Aivli,« sagte Ottmar. »Kommt, setzt Euch ein bißle zu uns. Wir wollen von alten Zeiten schwatzen.« »Hm, lieber Junge,« bemerkte Wate, »ich glaube fast, eine Erinnerung von neuerem Datum dürfte dir wohlgefälliger sein. Darf ich unserm Freund da mitteilen, liebes Aivli, wie Ihr weintet, als ich Euch mal erzählte, wie ein gewisser armer Teufel von Reichsverfassungskämpfer krank und elend in den Kasematten lag?« Ottmars Auge suchte das des Mädchens, aber Aivli hielt die ihrigen zu Boden gesenkt, und Purpurröte überzog ihre Wangen. »Ich dank' Euch, Aivli,« sagte der junge Mann tiefbewegt. »Ich dank' Euch von Herzen. Also hatte ich unrecht, damals zu glauben, ich sei von aller Welt vergessen und verlassen?« »O, Herr Ottmar,« versetzte das Mädchen, treuherzig aufblickend, »das hättet Ihr nicht glauben sollen. Alle rechten Leute im Forgtal haben Euch aufrichtig beklagt, als man hörte, daß Ihr bei Waghäusel verwundet und in die Kasematten geschleppt worden wäret. Der Vater hat da gleich gesagt: Aivli, ich muß nach dem Ottmar lugen. Sein Vater und seine Mutter selig waren die bravsten Leut' im Schwarzwald und er selbst –« »Er selbst?« fragte Ottmar, als das Mädchen stockte. Sie blickte zur Seite und fuhr fort: »Er selbst, sagte der Vater, hat sich – mit Verlaub, der Vater sagte so – hat sich wie ein rechter Kerl benommen. Aber der Vater konnte nicht nach Euch lugen, wie er doch wollte, Herr Ottmar, denn er wurde noch am selbigen Tag ebenfalls eingezogen und hatte eine lange Untersuchung auszustehen. Ja, zur selben Zeit war es hier recht traurig im Bühl und –« »Aivli!« rief eine Männerstimme im Hause. »Ach, da ist der Vater,« sagte das Mädchen, dem Hause zueilend. Gleich darauf hörte man sie droben in der Hausflur sagen: »Vater, des Pfarrers selig von Moosbrunn sein Ottmar ist wieder da. Er ist draußen unter der Linde.« »Was, der?« erwiderte die Männerstimme von vorhin. »Das freut mich, Meidli, bi Gott!« So sprechend, trat der Forellenwirt unter die Haustüre und kam die Treppe herab, seinen neuen Gast zu begrüßen. Er war eine stramme Schwarzwälder »Mannengestalt«, der Goldforellenwirt Im Bühl. Obgleich nicht mehr jung, denn er hatte spät geheiratet, zeugte sein ganzes Auftreten von Rüstigkeit und Behäbigkeit. Er trug auf den grauen Haaren einen schwarzen Strohhut, dessen Krempe sein gesund rötliches Wirtsgesicht beschattete. Mit über die linke Schulter geworfenem Wams ging er in Hemdärmeln und offener Manchesterweste, welche den breitbändrigen, landesüblichen Hosenträger sehen ließ. An die schwarzmanchesterne Kniehose schlossen sich weiße Strümpfe an, welche eine respektable Wadenrundung zeigten und in derben Schuhen mit silbernen Schnallen endigten. In den Zügen des Mannes lag viel Bonhommie, aber auch etwas Dezidiertes, etwas, was sagte, er lasse nicht mit sich spaßen. Vielleicht konnte einer, der viel mit Bauern verkehrt hatte, beim Anblick dieser Physiognomie noch mehr sagen, nämlich das: dem Teig, woraus der Goldforellenwirt geknetet war, sei eine gute Portion Bauernstolz beigemischt, und es wäre diese Aussage keineswegs eine grundlose gewesen, vorausgesetzt, daß man das Wort Bauernstolz nicht, wie gewöhnlich geschieht, im schlechten, sondern im besten Sinne genommen hätte. Ja, der Goldforellenwirt hielt was auf sich, und das durfte er, denn er war als ein Mann von hellem Verstand und großer Willenskraft im ganzen Gebirge bekannt und geachtet, dessen Interessen er geschickt und uneigennützig in früherer Zeit zweimal auf dem Landtage vertreten hatte. Zu jener Zeit hatte eine damals große und einflußreiche Partei den schlichten Schwarzwälder mit Stolz zu den Ihrigen gezählt. Er aber war auch später, in ernsteren Prüfungen, der guten alten Sache treu geblieben, während die meisten seiner Kollegen auf den Oppositionsbänken diese Prüfungen schlecht genug bestanden hatten. Auf dieses Kapitel durfte man ihn nicht bringen, sonst wurde er wild. Übrigens war der Goldforellenwirt Baldung weder ein Politiker von Fach, noch ein politischer Kannegießer, sondern ein Landmann und Landwirt. Beides recht zu sein, darein setzte er seine Ehre. Einen tüchtigen Heustock im Gaden, gute Milchkühe und fette Ochsen im Stalle, reine Pfannen in der Küche, reine Weine im Keller und ordentliches Gesinde im Haus, das hält einen Mann oben, pflegte er zu sagen. »Gesegnete Mahlzeit, ihr Herren,« sagte er, zu den Freunden herantretend, »und grüß' Gott, Herr Ottmar! Freut mich, daß Ihr den Weg zum Bühl noch nicht vergessen habt, und freut mich doppelt, daß Ihr nicht nacher Amerika gangen seid, wie der Doktor da und wir alle gemeint haben. 's ist, bi Gott, ein Unglück fürs Ländle, daß die bravsten Leut' jetzt drauf versessen sind, über den großen Bach 'nüberz'gehen. Wird wohl, denk' mir, auch wieder mal 'ne Zeit kommen, wo man sie daheim brauchen könnt'.« Ottmar war aufgestanden, um die herzliche Begrüßung des Forellenwirts zu erwidern. »Wie hätte ich,« sagte er, »den Weg zu einem Hause vergessen sollen, in dessen Räumen ich so viele glückliche Stunden meiner Knaben- und Jünglingsjahre verlebte? Es hat mir auch herzlich wohlgetan, Herr Waldung, daß Eure Tochter mich gleich wiedererkannte, obgleich es lange her ist, daß ich nicht mehr hier gewesen und sie bei meinem Scheiden noch recht klein war.« »Aber sie hat sich gestreckt, nicht wahr?« versetzte der glückliche Vater. »Und ein recht's Meidli ist's, das darf ich wohl sagen, 's hat Grütz im Kopf, Herr Ottmar, bi Gott! He, Äivli,« rief er ins Haus hinein, »bring mir mein Imbißessen da heraus! Die Herren werden's, denk' mir, wohl leiden, daß ich mich ein bißle zu ihnen setze. Bin mächtig hungrig und durstig, 's macht heut sölli Sehr, ungewöhnlich. heiß, und ich war weit droben im Tal in meiner Sage Sägemühle. beim Wolfsloch.« »'s ist ein seltsamer Mann, der Goldforellenwirt, lieber Junge,« sagte Wate zu Ottmar. »Schafft und rackert sich noch immer ab, als hätt' er's nötig und wär' er nicht der, der er ist. Du kannst nicht glauben, wie große Mühe ich mir schon gegeben, ihm das Erhabene der Philosophie des süßen Nichtstuns begreiflich zu machen, aber alles umsonst.« »Ei, so schlag!« entgegnete der Wirt. »Bleibt mir mit Eurem Schnickschnack vom Leibe, Doktor. 's wär', nichts für ungut, auch besser, Ihr säßet drüben auf Eurer Glaserei im Trausigtal, statt da im Forgtal herumzuduseln, bis Euch vor lauter Faulheit der Bart so lang wächst, daß Ihr am End' drüber stolpert und den Hals brecht.« Ottmar lachte, und der Grimme stimmte herzlich mit ein. »Ja, siehst du,« sagte er zu seinem Freunde, »wir leben in beständiger Fehde, my landlord und ich. Dessenungeachtet sind wir dicke Freunde, namentlich seit ich ihm unwiderlegbar bewiesen, daß es zwei Hauptarten von menschlichen Organismen gebe, wovon die eine Art zum Arbeiten, die andere zum Genießen organisiert und folglich auch prädenestiert sei.« »Bewiesen, Doktor? Ihr habt mir, bi Gott! nichts bewiesen als das, daß Ihr eines Tages doch wieder zum Pulsgreifen und Rezepteschreiben werdet langen müssen, wenn Ihr Eurem pfiffigen Werkführer nicht besser auf d' Finger lueget.« Aivli machte dem freundschaftlichen Streite zwischen Wirt und Gast, wie er sich in der Goldforelle oft erneuerte, dadurch ein Ende, daß sie dem Vater das Mittagessen auftrug. Der Goldforellenwirt richtete mehrere Fragen über wirtschaftliche Vorkommnisse und Arbeiten an die Tochter und machte sich dann, durch ihre runden und klaren Antworten befriedigt, an sein Essen. »Ja, daß ich's nicht vergess', Vater,« sagte das Mädchen. »Der Herr Graf hat auch wieder hergeschickt, diesen Morgen, Ihr wart kaum fort. Ihr möchtet, ließ er sagen, doch so gut sein –« »Was?« fragte Herr Baldung ziemlich unwirsch. »Und ihn heut' noch oder morgen mit einem Besuche beehren.« »Lirumlarum. Was hast du zur Antwort gegeben?« »Nichts. Was konnt' ich sagen?« »Was du sagen konntest? Ei, so schlag! Du weißt ja wohl, daß ich mit dem Schloß nichts mehr zu tun haben will, gar nichts. Die Wirtschaft wird nimmer lang' währen. 's muß bald einen tüchtigen Klapf absetzen. Aber ich will mich über das Zeug nicht ärgern. – Geh, Aivli, und hol im hinteren Keller ein paar Flaschen von den gelbgesiegelten. Ich möcht' mit dem Herrn Ottmar Prosit trinken. – Aber wer kommt denn da?« »'s ist ein Stadtherr, der heut' vormittag sein G'fährt da einstellte.« »So, so. Mach, daß der Wein kommt. – Der ist sölli dick,« fuhr er fort, auf den Mann blickend, welcher von der Straße zur Goldforelle heraufkam. »Ja, dick und schwer,« sagte Wate, »und er schnauft wie ein' Lokomotiv.« 4. Herr Gleichsam. Das rotglühende Vollmondgesicht mit einem rotseidenen Taschentuch abwechselnd anwehend und abtrocknend, die dicken Backen aufblasend, schnaufend und pustend trat der neue Ankömmling, ein kleiner kugelrunder Mann, angetan mit einem sehr langschößigen Rock, einer dicken weißen Halsbinde und einem übermäßig hohen Hutzylinder, an die Gesellschaft unter der Linde heran. »Schönen, guten Tag, ihr Herren,« sagte er. »Exkiese – puh, puh! Scheniere doch nicht – puh – will nicht hoffen! Sehr heiß heut', übertrieben für einen Maitag gleichsam.« »Nehmt Platz, Herr,« sagte der Wirt, und das mit dem geforderten Wein zurückgekehrte Aivli schob dem Erhitzten einen Stuhl an den Tisch. Der kleine Dicke ließ sich auf den Stuhl fallen, augenscheinlich fast aufgelöst von Hitze, Aufregung und Erschöpfung. Er keuchte ordentlich, und der Schweiß perlte ihm auf den Wangen. »Ei, so schlag, Herr,« sagte der Goldforellenwirt, seine gastronomische Beschäftigung einen Augenblick unterbrechend. »Ihr müßt, bi Gott, einen weiten und schweren Weg gemacht haben, um däweg So, also. aus dem Häusli z'kommen.« »Aus dem Häusli?« versetzte der Dicke mit einem stöhnenden Seufzer und noch immer sich Luft zufächelnd! »Nein, ich komm' mitnichten aus dem Häusli, sondern vielmehr aus des Teufels Rachen, direktement gleichsam – puh!« Der Mann sagte das so drollig ernsthaft, daß Ottmar lächelte, Wate aber, welcher dem Dicken gegenüber saß, diesem unverhohlen ins Gesicht lachte. »Ja, ihr Herren, ihr habt gut lachen – Exkiese! Mir aber ist's nicht ums Lachen zu tun, Wohl aber ums Weinen gleichsam. – O, lieb's Jüngferli, sei'n Sie doch von der Gütigkeit, mir 'ne Portion Essen zu b'sorgen, 'ne recht tüchtige Portion gleichsam. – Hätt' ich doch was zu mir genommen, ehe ich in das verwunschene Schloß ging. Ein nüchterner Mann hat kein Glück. – Geschah mir recht gleichsam.« »Entschuldigen Sie, Herr Gleichsam,« sagte Wate, dessen Humor durch das Gebaren des Dicken gereizt wurde. »Exkiese,« unterbrach ihn der Angeredete mit einem unbehaglichen Blick auf den furchtbaren Bart Wates, »Exkiese, Herr–r–rr. Ich heiße Tauberich, Valentin Tauberich, einer löblichen Kaufmannsgilde der guten Stadt ****burg Mitglied, Detail- und Großhändler gleichsam, auch Stadtrat und Kirchenältester obendrein. Und Sie, um Vergebung – darf ich gehorsamst fragen – steht der Herr wohl mit dem schrecklichen Schloß da droben am Fluß oder im Fluß gleichsam in Beziehung, Verbindung oder sonst welchem Verhältnis gleichsam?« »Habet nicht Gemeinschaft mit den Gottlosen, spricht der Herr!« entgegnete Wate näselnd und die Augen möglichst verdrehend. »Herr Valentin Tauberich, Detail- und Großhändler gleichsam, auch Stadtrat und Kirchenältester, ich bin nur ein unwürdiges Mitglied des Bundes der Heiligen, welche da genennet werden Mormonen, und welche da hausen weit hinten am großen Salzsee, und ich bin getrieben vom Geist und ausgesandt, zu bekehren die Völker im allgemeinen und die Detail- und Großhändler, Stadträte und Kirchenältesten der guten Stadt ****burg im Speziellen gleichsam.« Der Herr Tauberich fuhr zurück und sah dem Bartmann eine Weile mit hellem Schrecken ins Gesicht. Dann näherte er sein Gesicht dem des Wirtes und flüsterte ihm ins Ohr: »Läßt man denn solche Kerle frei herumlaufen? Das ist ja wieder ein Stück Revolution und gegen alle Kleiderordnung gleichsam.« Ottmar sagte inzwischen leise zu Wate: »Ich bitte dich, mach's nicht zu arg. Wir müssen doch erfahren, was dem Philister im Schlosse passierte.« Wate nickte und sagte: »Sie brauchen sich, lieber Bruder Tauberich, vor mir keineswegs zu entsetzen. Ich bin ein Mann des Friedens, Gott straf mich! und wenn mich der Geist demnächst nach der Stadt führt, werden wir, hoff' ich, die besten Freunde von der Welt werden.« Das Mißtrauen des dicken Mannes war jedoch augenscheinlich nicht so leicht zu beschwichtigen, allein Ottmar ließ ihm nicht Zeit zu einer weiteren Äußerung desselben. »Sie würden mir einen Gefallen tun, Herr Tauberich,« sagte er, »wenn Sie mir etwas Näheres über das gräfliche Schloß mitteilen wollten. Ich bin mit den Verhältnissen desselben ganz unbekannt, und doch habe ich ein nicht unwichtiges Geschäft dort abzumachen. Aber Sie sprachen zuerst von einem Teufelsrachen. Darf ich fragen, wie der mit dem Schlosse zusammenhängt?« Der Gefragte fixierte einen Augenblick den Frager, und da ihm das Gesicht desselben Vertrauen einflößte, so platzte er alsbald mit der Antwort heraus: »Das Schloß, ja, das ist eben der Teufelsrachen gleichsam, welchem entronnen zu sein ich froh bin. Doch Herr – Exkiese, darf ich so frei sein, um Ihren werten Namen zu bitten? Man weiß doch gleichsam gern, mit wem man die Ehre hat. Nichts für ungut.« »Ich heiße Horst und bin Rechtskonsulent in der Residenz.« »Ah so! Freut mich gleichsam, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, Herr Horst.« »Sehr verbunden, Herr Tauberich. Sie sind ein Geschäftsmann, ich bin es auch, und Geschäftsleute sollten sich unterstützen, wie Sie wissen.« »Da haben Sie recht gleichsam; aber, Exkiese, mit Respekt zu melden, beschlägt Ihr Geschäft in dem höllischen Schloß auch eine Geldforderung? Nicht daß ich wunderfitzig wäre, behüte, allein: Schlägst du meinen Juden, schlag' ich deinen Juden, heißt's im Sprichwort gleichsam, und so –« »Möchten Sie wissen, was ich im Schlosse will?« »Ja, gleichsam.« »Wir wollen, lieber Bruder Gleichsam,« näselte wieder Wate salbungsvoll, »ja, mein gottseliger Freund da und ich, wir wollen den Teufel austreiben, welchen Sie, wie es scheint, in Bernwartshall gesehen haben. Ego te obsecro, diabole! Vade retro, satanas!« Ottmar trat seinem Freund auf den Fuß, denn Herr Tauberich wurde augenscheinlich wieder stutzig und murmelte etwas in seine weitvorstehende Halsbinde, was etwa heißen mochte: »In welche verhenkerte Gesellschaft bin ich denn da geraten?« »Was wird's weiter sein?« bemerkte der Goldforellenwirt, welcher inzwischen mit seiner Mahlzeit zustande gekommen war und jetzt die gelbgesiegelten Flaschen entkorkte. »Der Herr da hat, schätz' ich, Geld an den Grafen zu fordern –« Herr Tauberich nickte. »Und ging ins Schloß,« fuhr der Wirt fort, »um sein Geld zu heischen –« Herr Tauberich nickte abermals. »Und da haben sie ihn auf eine artliche Art hinausspediert.« Tauberich nickte nicht, sondern schrie, den Mund halb voll von der Suppe, welche ihm das Aivli aufgestellt, und heftig mit den Armen wedelnd: »Artlich? Auf eine artliche Art? Gott steh' mir bei! Auf eine höllische, heidnische, kommunistische Art ist man mit mir umgegangen gleichsam. Und sagen tu' ich, soweit und solange es Stadträte und Kirchenälteste gibt, ist nie einem so mitgespielt worden. Es ist Revoluzerei und Kirchenschändung gleichsam. Aber es gibt noch Obrigkeiten im Lande und Gerichte –« »Gleichsam,« sagte Wate mit Gravität. »Gleichsam hin, gleichsam her, Herr. Wir wollen doch sehen, ob so ein Lumpazi gleichsam von Graf einen ehrsamen Bürger –« »Und Stadtrat,« fiel der unverbesserliche Wate ein, »Aber werden Sie nicht anzüglich, Herr Tauberich. Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht.« Herr Tauberich warf dem Bartmann einen wütenden Blick zu und schob einen großen Brocken gebackenen Fisches in den Mund. »Nehmen Sie sich in acht, lieber Herr,« sagte Wate teilnahmevoll, »die Fische haben Gräten gleichsam.« »Herr–r–rr,« fuhr Tauberich auf. »Ei, so schlag!« legte sich der Wirt ins Mittel. »Wer wird auch so hitzig sein? Erzählt uns doch Eure absonderliche Geschichte, und kommt, vorher wollen wir ein Glas von dem Noten da trinken. Der spült die Gräten und den Ärger hinunter.« Man stieß an, und der Dicke ließ es hingehen, daß Wate dabei sagte: »Auf Ihr Wohl gleichsam, Herr Tauberich.« Wate ergötzte sich offenbar unbändig. Der Bart wackelte ihm vor innerlichem Lachen, und er sagte verstohlen zu seinem Freunde: »'s ist ein Prachtkerl, der Herr Tauberich.« Ottmar ließ den »Geschäftsmann« seinen Appetit stillen, was er mit Vehemenz tat, und sagte dann: »Aber Ihre Geschichte, Herr Stadtrat? Sie werden mir meine Neugier zugute halten: so etwas interessiert uns Advokaten.« »Glaub's wohl, Herr Horst, 's wird auch eine Geschichte für Advokaten geben, oder ich heiße nicht Valentin Tauberich.« »Nun, so fackelt nicht so lange, Mann,« sagte der Wirt. »Heraus damit! Wie war's denn?« »Ja, wie war's? Schändlich war's!« versetzte der Dicke, welcher froh war, seine Geschichte endlich an den Mann bringen zu können. »Schändlich war's und meuchelmörderisch gleichsam, und das sag' ich!« »Das ist, was man in der Rhetorik eine Präambel nennt,« bemerkte Wate. »Brambel, Herr? Geht mit Euren Brambeln! Ich bin heute schon genug gebrambelt worden gleichsam.« Der Grimme barst in ein helles Gelächter aus. »Mein Freund wollte sagen,« bemerkte Ottmar begütigend, »daß Sie Ihre Erzählung mit einer Einleitung begonnen hätten.« »Ja so, das ist was anderes. Exkiese! Aber man soll gutes Deutsch reden, wenn man einen vernünftigen Sukkursch führen will.« »Da habt Ihr recht gleichsam, edler Bürger und Stadtrat,« sagte Wate ernsthaft. »Wir wollen also jetzt einen vernünftigen Diskurs führen oder, wie Ihr Euch poetisch auszudrücken geruht, einen Sukkursch. Also erzählt frisch darauf los, werter Gönner und Freund.« Der deutsche Philister ist bekanntlich neben dem Schaf und dem Kaninchen das geduldigste aller Geschöpfe. Wir erinnern an dieses historische Faktum, weil sonst dem Leser das Benehmen des guten Herrn Tauberich unnatürlich oder unmotiviert erscheinen könnte. Der gute Mann war keineswegs einfältig genug, um nicht zu merken, daß Wate mit ihm »das Michele spiele«; allein seine Entrüstung darüber verhielt sich zu seiner deutschen Schafsgeduld wie eins zu hundert. Herr Tauberich begnügte sich daher, dem Bartungeheuer, wie er Wate innerlichst nannte, einen Blick souveräner Verachtung zu gönnen, und hob seine Geschichte folgendermaßen an: »Die Herren sind ohne Zweifel in der guten Stadt *****burg hekannt, will sagen, Sie haben Konnessantze von der Stadt gleichsam. Nun wohl, verstehen Sie? Wenn Sie über den Marktplatz gehen, von unten herauf und dann links um die Ecke, dann wieder rechter Hand an dem großen Brunnen vorbei gleichsam, was sehen Sie dann links schräg über der Straße? Ein grün angemaltes dreistöckiges Haus, das ich ein recht anständiges Haus nennen muß, obgleich es nur meiner Wenigkeit gehört.« »Bescheidenheit das schönste Kleid, sagt Christoph Schmid,« bemerkte Wate. »Also das Haus gehört mir,« fuhr Tauberich fort, ohne sich an die Einschaltung des »Bartungeheuers« zu kehren, »und im untern Stockwerk rechts von der Haustüre befindet sich mein Geschäftslokal, perspektive ein –« » Une boutique , respektive ein Laden gleichsam.« »Behalten Sie Ihre verdammte Butike für sich, Herr–r–rr Soundso! Ich habe nichts mit Butiken zu schaffen und verbitt' es mir gleichsam, daß Sie mich bebutiken. Exkiese! Ich bin ein ruhiger Bürger –-« »Und Stadtrat, sowie Kirchenältester gleichsam –« »Butik! Ei, jawohl! Selbst Butike meinetwegen.« »Tun Sie doch nicht so rabiat, liebwertester Herr Tauberich, oder ich lasse Sie auf meine Pfeife malen, und zwar in Lebensgröße.« Herr Tauberich wandte sich mit unbeschreiblicher Verachtung von seinem Peiniger ab und adressierte die Fortsetzung seiner Erzählung ausschließlich an Ottmar, welcher eine löbliche Ernsthaftigkeit zu behaupten wußte. »Ja, sehen Sie, Herr Horst, da stehe ich, wie gleichsam schon gesagt, es mag jetzt zirka ein halbes Jahr her sein oder was drüber, eines schönen Tages, das heißt im Oktober vorigen Jahres, in meinem Kombdor und schreibe meine Briefe, da raten Sie mal, was geschah? Draußen vor dem Geschäftslokal – ich nenne es ein Geschäftslokal, denn es ist keine Butike – fährt eine prächtige Eckibasche an, und aus der steigt ein Herr von recht fürnehmem Aussehen gleichsam. Was tu' ich nun? Ich gehe an die Türe, den Herrn zu empfangen. Höflichkeit steht einem Geschäftsmanne wohl an, wissen Sie? Wohl und gut, der Herr grüßt mich und, sagt er: ›Herr Tauberich, man hat mich berichtet, Sie seien der Mann, welcher das bestassertierte Lager von Tabaken in der ganzen Stadt habe.‹ – ›Da hat man Sie mit Wahrheit berichtet, Herr,‹ sagt' ich, ›ohne mir zu schmeicheln gleichsam. Womit kann ich dienen, Herr?‹ – ›Haben Sie einen erklecklichen Vorrat von Louisiana und Varinas Nr. so und so?‹ fragt er. – ›Freilich, freilich,‹ sag' ich, ›gerade von diesen Sorten hab' ich einen Vorrat bester Gwalität gleichsam.‹ – ›Wollen Sie mich davon Einsicht nehmen lassen?‹ fragt er. Ich, per se, sage ja und führe den Herrn ins Magazin und an die Fässer, damit er die Ware prüfen kann, an der Quelle gleichsam. Er, nicht faul, prüft sie, und wie er den Tabak durch die Finger laufen läßt und dran riecht und auch mit der Zunge probiert, denk' ich bei mir, der tut den Tabak verstehen. – ›Hören Sie,‹ sagt der Herr, ›ich brauche von dem Varinas da hundert Pfund und von dem Louisiana ebenfalls hundert Pfund.‹ – ›Sehr verbunden,‹ sag' ich. – ›Wohl,‹ sagt er, ›packen Sie mir die Ware sorgfältig und schicken Sie dieselbe mit der nächsten Fuhre ins Forgtal hinauf. Die Rechnung legen Sie bei. Ich bin der Graf Hippolyt von Bernwart zu Bernwartshall‹ – ›Eine Ehre für mich, Herr Graf‹ sag' ich, ›werde Ihrem gütigen Auftrag pflichtschuldigst nachkommen.‹ Ein Geschäftsmann, Herr Horst, wissen Sie? muß immer höflich sein gleichsam. Wohl, wie gesagt, ich packe den Tabak, das heißt, ich lasse ihn packen – denn, wissen Sie, ich habe, Gott sei Dank, nicht nötig, selber den Packknecht zu machen gleichsam – und expediere die Ware mit beigelegter Rechnung nach Awihs.« »Und das war die ganze Geschichte?« fragte Ottmar. »Ach nein,« versetzte Tauberich wehmütig, »nicht die ganze leider gleichsam.« »Ihr kriegtet das Geld für Euren Tabak nicht, nicht wahr?« sagte der Goldforellenwirt, dem grimmen Wate zublickend. »Bis dato hab' ich keinen Kreuzer davon gesehen,« erwiderte der Dicke seufzend, »Aber das ist noch nicht das Ärgste.« »Bitte, fahren Sie fort, Herr Tauberich,« sagte Wate. »Das ist, Gott straf mich! die interessanteste Tabaksgeschichte gleichsam, die mir je vorgekommen. Wie ging's denn weiter, liebster Freund?« »Ja, wie ging's?« entgegnete der Geschäftsmann, sogleich bereit, seinen Groll gegen den Frager zu vergessen, wenn ihn derselbe nur in Ruhe ließ, »Niederträchtig ging's, und das sag' ich!« Der entrüstete Tabakshändler nahm einen großen Schluck Wein zu sich und fuhr dann zu erzählen fort: »Sehen Sie, meine Herrschaften, wie gleichsam schon gesagt, ich kriegte kein Geld. Nun hat aber Handel und Wandel, wie mein in Gott ruhender Vater zu sagen pflegte, zwei Seiten: Ausgeben und Einnehmen oder, geschäftsmäßig gesprochen, Soll und Haben. Gut, aus alledem folgt sogleich, daß ich das Geld für den gelieferten Tabak erwartete, aber nicht empfing.« »Sie sind ein Logiker erster Größe, Herr Tauberich, Spaß beiseite gleichsam. Aber weiter.« »Nun wohl, es vergingen einer, es vergingen zwei, drei, sechs Monate, ohne daß die Bezahlung mehrbesagter Rechnung einging. Da wurde mir die Sache doch schier zu bunt gleichsam und wurde ich ganz brummig darüber. Meine Eheliebste, die meine Art und Weise kennt gleichsam, sagte zu mir: ›Vale,‹ sagte sie, ›dir geht was im Kopf rum.‹ – ›Ja,‹ sagt' ich, ›der Herr Graf von Bernwart mitsamt dem Varinas und dem Louisiana, weißt du? gehen mir im Kopf rum. 's ist zwar, weißt du? Pflicht und Schuldigkeit eines ehrsamen Bürgers gleichsam, eines hohen Adels Kundschaft zu sonderbarer Ehre sich anzurechnen, jedennoch Handel und Wandel –« »Haben zwei Seiten, Herr Tauberich, das wissen wir bereits gleichsam.« »Also, wie schon gesagt, meine Eheliebste, die, wie ich wohl sagen darf, ein sonderbarlich gescheites Frauenzimmer ist gleichsam, tat sagen: ›Vale, wie wär's, wenn du den Schimmel einspannen ließest und mal ins Forgtal naufkutschiertest?‹ – ›Potz Blitz,‹ sagt' ich, ›Ammreili, du hast recht gleichsam; gleich morgen will ich ins Forgtal und sehen, was aus meinen zweihundert Pfunden Tabak geworden ist.‹ Wohl, ließ also den Schimmel anspannen und war schon bei guter Zeit im Tal oben. Stellte mein G'fährt hier in der Goldforelle ein und ließ mir von dem hübschen Jüngferle sagen, daß der Weg ins Schloß geradaus durch die Pappelalle ginge. So macht' ich mich denn guten Muts auf, um mein Geschäft abzutun gleichsam. Gefiel mir freilich das Ding nicht so ganz recht, als ich bei dem Schlosse ankam. Sieht grauselig aus gleichsam, das Schloß, wie so 'ne alte Räuberburg, allwo es nicht geheuer. Wäre ums Haar wieder umgekehrt, denn wissen Sie, meine Herrschaften, ich bin ein friedlicher Bürger gleichsam. Faßte mir aber doch ein Herz – hätt' ich's nur ungefaßt gelassen! Nachdem ich mir aber das finstere Bauwesen gründlich angeguckt, marschiert' ich drauf los und kam zunächst unter ein kurioses Dings da, das wie der Eingang zu 'ner Kirche aussieht, so etwas, was die Arschigdegden gleichsam eine Halle oder einen Triumphbogen oder so was nennen. Wie schon gesagt, es sieht wie ein Tor aus, und alldieweilen Tore zum Durchgang da sind, ging ich so in meinen Gedanken gleichsam durch das Ding; aber Mordsapperment! da wär' ich schier schön angekommen! Besagtes Tor ist eigentlich nur ein Vexiertor, maßen gleich dahinter ein Wassergraben liegt, in welchen ehrliche Menschen ohne Awihs hinunterplumpen gleichsam. Plumpte auch fast gar hinab, was schändlich ist, und das sag' ich!« »War denn die Zugbrücke aufgezogen, Mann?« fragte Wate. »Ja freilich war sie aufgezogen gleichsam. Und ich frage, gehören derartige Institutionen in unserer Zeit an ein ehrliches Haus? Was? Was? Als ich noch ein dummer Junge war, da las ich mal in einer Rittergeschicht' von Zugbrücken und Fallgattern und Verliesen und anderen solchen schauerlichen Institutionen, aber mein Vater selig schlug mir das Buch um den Grind, sagend, das seien lauter verfluchte Phantastigkeiten, die keinen Kreuzer einbrächten. Jedennoch sagte mein Vater selig auch jezuweilen: ›Vale, schick' dich in die Umstände, wenn du was vor dich bringen willst.‹ – Gut, was tu' ich also in dieser meiner Alterizion? Ich schicke mich in die Umstände gleichsam. Da war unter dem Bogen des Vexiertores ein Klingelgriff angebracht. Daran zog ich, anfangs hübsch sachte und düsemang gleichsam, wie's 'nem Menschen von Lebensart ansteht, dann ein bißle stärker, bis es drüben läutete, und nun, was geschah? In dem Türmchen neben der Zugbrücke – eigentlich sind zwei solche Türmchen da, rechts eins und links eins – geht ein Fensterchen auf, und ein beliebiger Kerl steckt den Kopf heraus gleichsam und schreit: ›Was wollt Ihr?‹ Sah der Kerl schier so unhöflich aus, wie er redete, aber ich mußte mich wohl oder übel in die Umstände schicken. ›Hinüber will ich gleichsam,‹ sagt' ich, ›maßen ich ein Geschäft mit Seiner Gnaden dem Herrn Grafen abzumachen habe.‹ – ›Ein Geschäft?‹ schreit der Kerl wieder. ›Was für ein Geschäft?‹ – ›Ein Tabaksgeschäft gleichsam,‹ schrei' ich hinüber. ›So, so!‹ brummt der Kerl und ging vom Fenster weg und nach 'ner Weile fiel die Zugbrücke rutsch ratsch nieder, und da konnt' ich endlich in das verwunschene Schloß hinein oder auch nicht, denn ich kam eigentlich nur in den Hof vorerst, wo mich 'ne ganze Rotte höllischer, infamer Bestien von Hunden von allen Ecken und Enden her anknurrte und anboll, daß mir Hören und Sehen verging gleichsam. Insonderheit sah 'ne Bestie, groß wie ein Kalb und mit polizeiwidrig langen Zähnen versehen, ganz lebensgefährlich aus. Zum Glück lag das Untier an der Kette, sonst wär' ich jetzt in hunderttausend Fetzen verrissen. Du meine Güte, dacht' ich, wenn ich nur schon wieder über dem verhexten Graben drüben wäre, 's war auch in dem Hofe ganz unheimelig, ganz duster und sahen die hohen schwarzen Wände gar nicht einladend aus gleichsam. Wie ich nun so simulierte, ob ich vorwärts oder rückwärts sollte, kam der Kerl, welcher mich über den Graben hinüber angeschrien hatte, auf mich zu, sagend, der gnädige Herr arbeite in seinem Labertorio, und er wolle mich hinführen. Ein Graf arbeitet in einem Labertorio – das klang schon verdächtig, meine Herrschaften, klang es nicht? Was, was? – Jedennoch, wie schon gesagt gleichsam, ich folge dem Kerl, welcher seiner ganzen Fisiknummerie nach ein Jäger oder so was zu sein schien, und so kam ich vom Hof aus durch einen langen dunkeln Gang in ein Gemach, will sagen in ein Dings da, was halb und halb wie 'ne Apothek', andererseits aber mehr als halb wie 'ne Schmiede- oder Schlosserwerkstatt aussah. Eigentlich sah ich da drinnen zuerst gar nichts als ein dunkles dickbäuchiges Ding und an diesem Ding zwei runde, feuerrote Dinger, Augen gleichsam, und das Ding oder Tier, was es war, machte eine Gepuste und Geschnaube, höchst gruselig. Auch war eine Athemmoosfähre da drinnen, dick zum Schneiden und von einem Geruch, von einem Geruch – na, zehn Käsladen zusammen riechen dagegen balsamisch gleichsam. ›Gnädiger Herr!‹ schrie der Kerl in die Finsternis hinein, ›da ist jemand, der ein Geschäft mit Ihnen hat.‹ Auf dies hin kam 'ne Figur hinter dem dicken, schnaubenden, feueraugigen Ding hervor, und zugleich schlug ein abscheulich grünblaues Licht auf, und ich sah einen Mann mit berußtem Gesicht und berußten Händen in einem Schurzfell und einer Lederjacke, deren Kapuze er über den Kopf gezogen hatte, vor mir stehen. ›Was wünschen Sie, mein Herr?‹ sagte das Gespenst zu mir. ›Ach Herr Jeses,‹ sagt' ich, ,›um Vergebung, ich wollte dem Herrn Grafen meine Aufwartung machen gleichsam.‹ – ›Der Graf bin ich,‹ sagt' er; ›was wollen Sie?‹ – ›Bitte tausendmal um Entschuldigung, Euer Gnaden,‹ sagt' ich nun, ›ich wollte nur gehorsamst nachsehen, wie Euer Gnaden mein Louisiana und Varinas geschmeckt haben, zugleich allbereits zu neuen Aufträgen untertänigst mich empfehlen und nebenbei meinen kleineu Saldo einkassieren gleichsam.' Drauf sagt der Herr in der Lederjacke: ›Ich verstehe Sie nicht recht. Wer sind Sie denn eigentlich?‹ – ›Eigentlich,‹ sag' ich, ›bin ich der Kaufmann Valentin Tauberich aus ****burg.‹ – ›Tauberich, Tauberich?‹ sagt er. ›Habe nicht die Ehre.‹ – ›Um Vergebung, Euer Gnaden,‹ sagt' ich, ›die Tabakslieferung, welche Ihnen zu machen ich die Ehre hatte gleichsam.‹ – ›Mein lieber Herr Tauberich,‹ sagt er, ›mit solchen trivialen Geschäftssachen geb' ich mich persönlich nicht ab. Sie werden das begreifen.‹ – ›Gnädiger Herr,‹ sag' ich, ›ich begreife gleichsam, aber –‹ – ›Aber,‹ sagt er, ›da wir von Tabaken reden, Sie sind ohne Zweifel ein Kenner?‹ – ›Ich unterstehe mich, zu sagen, daß ich was von Tabaken verstehe.‹ – ›Gut, kommen Sie mal hierher, Herr Tauberich. Ich bin dermalen mit einem wichtigen Tabaksexperiment beschäftigt. Können Sie wohl des genauesten die Qualitäten von dem Tabakextrakt angeben, welcher da kocht?‹ So sprechend führte er mich zu einem Kessel oder so 'nem Dings da und lupfte mit 'ner Zange den Deckel, und da kam ein Qualm raus, der mich schier umschlug. Er aber, der Graf gleichsam, fuhr mit 'nem Löffel in das brodelnde Zeug hinein und hielt mir 'ne Brühe unter die Nase, die roch und dampfte wie die Hölle gleichsam. Und das und die ganze Geschichte und das pustende Ding mit den roten Augen und die phantastigkeitischen Instrumenter und die Kessel und Flaschen ringsum und die Schwärze und die Hitze und der Dunst und alles machte mich perplex und letz im Kopf und wirbelig gleichsam, und ich sprang zurück und schrie, als ob ich am Spieße stäke. Da schrie der Graf auch. ›Herr Tauberich,‹ schrie er, ›nicht dorthin, Mordelement, nicht dorthin! Sie treten meinem gezähmten Menschenfresser auf die Füße, und der versteht keinen Spaß.‹ Da hört' ich einen Schrei hinter mir, einen Schrei, der mir den Angstschweiß austrieb, und wie ich mich umsah, was kriegt' ich da zu sehen? Ach, Herr Jemine, hat ein Christenmensch so was erlebt? Der lebendige Teufel stand hinter mir, feuerrot, mit weit aufgerissenem Rachen. Daß ich da nicht in Ohnmacht fiel, ist ein blitzblaues Wunder, meine Herrschaften. Aber ich glaubte, mein letztes Stündlein sei gekommen. Denn obgleich der Graf in einer heidnischen Sprache an das rote Ungetüm hinwelschte, so fuhr dieses doch zu brüllen fort und wollte nach mir schnappen. Ich war schon tot gleichsam –« Erschöpft hielt der Erzähler einen Augenblick inne, und Wate flüsterte seinem Freunde ins Ohr: »Der Schafskopf hat den Indianer, welchen der Graf aus Amerika mitbrachte, für den Teufel angesehen.« Zu Tauberich gewendet, fragte er: »Aber wie sind Sie denn diesem unerhörten Abenteuer entronnen, edler Freund und Gönner?« »Wie ich der Mordhöhle entronnen bin? Ja, wer das wüßte! Ich weiß nur noch so viel gleichsam, daß mir der Graf zuschrie, ich sollte machen, daß ich fortkäme, sonst könnte er für nichts stehen. Da dreht' ich mich um und raffte alle meine Kräfte zusammen, und da zum Glück die Türe der Hölle offen stand, fuhr ich hinaus wie 'ne Kugel aus dem Rohr, und das rote Ungeheuer brüllte hinter mir drein, und draußen krakeelten mich die Hunde an, und der infame Kerl, der mich dem Menschenfresser in den Rachen geführt, stand da mit noch ein paar anderen Kerlen, und sie lachten, als ich an ihnen vorbeiraste – Gott verdamme sie! – und hetzten die Köter, daß ich auf und davon flog, als hätt' ich Flügel an den Füßen gleichsam. All mein Lebtag bin ich nicht so gelaufen, und ich hörte nicht auf, bis ich die Pappelallee und alles hinter mir hatte.« Wate stand gähnend auf und sagte: »Der langen Geschichte kurzer Sinn ist also der, Herr Tauberich, daß Sie das Schloß als Brummer betraten und dasselbe als Heuler verließen? Aber wissen Sie was? Sie sollten von dem Grafen Satisfaktion heischen und ihn auf Lokomotive fordern. Das ist die neueste Manier, wie sich Gentlemen pauken. Im übrigen empfangen Sie unseren gerührtesten Dank für Ihre wundersame Erzählung. – Komm, Ottmar, ich will dir auspacken und deine Stube in Ordnung bringen helfen.« Als die Freunde ins Haus gegangen, schien sich dem guten Stadtrat ein leises Gefühl aufzudrängen, daß er eine lächerliche Rolle gespielt habe. Allein der Schrecken lag ihm doch noch zu tief in den Gliedern, als daß er zu irgend klarer Einsicht in die wahre Natur seines Abenteuers hätte gelangen können. »Hören Sie, Herr Goldforellenwirt,« sagte er, »wer sind denn die beiden Herren eigentlich?« Baldung, der nicht ohne eine humoristische Ader war, erwiderte: »Es sind Gehilfen des Grafen, der ein großer Chemiker ist und wahrscheinlich bald das Goldmachen erfinden wird. Vorderhand hat er ein Mittel entdeckt, wie man Mohren weißwaschen kann, und dazu, schätz' ich, braucht er so grüsli viel Tabaksbrühe.« Tauberich rutschte unbehaglich auf seinem Stuhle hin und her. »Hm,« sagte er, »da oben im Schwarzwald ist's doch eine sonderbarliche Gegend gleichsam. Hören Sie, Herr Wirt, sei'n Sie doch von der Gütigkeit, mein G'fährt einspannen zu lassen. 's ist die höchste Zeit gleichsam, daß ich mich auf den Heimweg mache.« 5. Eine milde Kritikerin und ein scharfer Kritiker. Die Sonne war eben erst über die östlichen Bergkuppen heraufgekommen, als Ottmar, gewohnt, früh aufzustehen, aus seinem Zimmer im zweiten Stockwerke der Goldforelle auf den Söller hinaustrat. An der Hinterseite des Gehöftes war es schon laut und rührig. Dort stand auf dem Hofe der Hausherr, die kurze Maserpfeife im Munde, und erteilte den Knechten seinen Tagesbefehl. Blankgehaltenes Vieh wurde zur Tränke geführt, Pferde wurden angeschirrt zu mannigfacher Feldarbeit, ein Wagen mit Frischfutter kam schon von den Kleeäckern im Tale herauf, ein anderer fuhr ab, um den bei der Sägmühle am Wolfsloch aufgehäuften Brettervorrat zu der »Floßlände« unterhalb Forgau herabzuschaffen. Baldung kommandierte seine Leute ohne Geschrei, ohne Hast, wie ein Mann, der seiner Autorität sicher ist, und die ganze Szene zeigte unserem Freunde, daß die Haus- und Feldwirtschaft im Bühl nach bestem Stil eingerichtet war, das heißt, so ziemlich nach altväterisch solidem. Ottmar freute sich auch, daß er unter den ab- und zugehenden Knechten und Mägden mehrere Gesichter fand, deren er sich von früher her erinnerte, und gar der alte Brosi Ambros. dort, der Großknecht, mit seinen schneeweißen Haaren und roten Backen und nicht allzu roter Nase, war ein Inventarstück, welches seit undenklicher Zeit zur Goldforelle gehörte und sich augenscheinlich bedeutender Privilegien erfreute, denn er bat jetzt eben seinen »Meister« ganz ungeniert, ihm aus besagtem Maserkopf Feuer in seine Pfeife zu schütten, was sich keiner der übrigen Knechte hätte erlauben dürfen. Es wäre auch keinem, außer dem alten Brosi, zu raten gewesen, auf dem Hof und in der Nähe der Stallungen eine Pfeife sehen zu lassen. Der alte Brosi aber rauchte, was das Zeug hielt, und es war weltbekannt, daß ihm 's Aivli seinen Tabaksbeutel regelmäßig aus dem Tabakshafen des Vaters füllte. Die Leute im Tale sagten auch, der Brosi sei eigentlich schon lange weder ein großer noch ein kleiner Knecht mehr, maßen er genug damit zu tun hätte, um die Mundspitze seiner Pfeife alle Tage jenen großen Knäuel Garn zu wickeln, welcher die Bestimmung hatte, besagter Spitze in dem zahnlosen Mund des Alten einen Anhaltspunkt zu verschaffen. Wie dem auch sein mag, soviel ist gewiß, daß der alte Brosi noch immer Luchsaugen hatte für die Hafertruhe und für Vieh und Futter und alles zusammen, was den Vorteil seines Herrn anging, und daß er »fuchsteufelswild« geworden wäre, wenn der Forellenwirt in Haus und Hof irgend etwas von Wichtigkeit vorgenommen hätte, ohne ihn vorher um seinen Rat zu fragen. Das kam aber nie vor, der Forellenwirt wußte, was er an seinem Brosi hatte. Ottmar fühlte sich durch den Einblick in diese ländliche Tätigkeit einer wohlgeordneten und – wie die »alten bekannten Gesichter« zeigten – zufriedenen Hausgenossenschaft ganz eigen angemutet. »Es liegt doch eine unzerstörbare Gesundheit in den Werken des Landbaus,« dachte er. »Es ist, als ob die Muttererde denen, welche ihr nahe stehen und bleiben, liebender gesinnt sei als solchen, welche der Allnährerin selbst dann kaum noch flüchtig gedenken, wenn die besten Gaben derselben ihre stumpfe Erinnerung wachrufen. Was ist all der Scharlatanismus aller vier Fakultäten gegen diese »ohne Rast, aber ohne Hast« im Gange erhaltene wirtliche und bäuerliche Tätigkeit? Eben nichts als Scharlatanismus. Am Ende waren unsere alten Idylliker doch nicht so ganz ohne Grund so enthusiastisch für das Landleben gestimmt, und wenn ich den behaglichen Frieden dieses Gehöftes ansehe, wenn ich den würzigen Morgenduft atme, der aus den Hochwäldern kommt, begreife ich, was der gute Hölty meinte, als er ausrief: Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh! Unser Freund rechtfertigte die aristotelische Definition vom Menschen: er war ein geselliges Wesen. Daher wollte er mit Wate über seine idyllische Anwandlung sprechen und begab sich zu diesem Zweck an das entgegengesetzte Ende des Söllers, wo die Stube des »Grimmen« lag. Er hatte aber die Türe derselben noch nicht erreicht, als er seinen Vorsatz änderte und schnell die Treppe hinabging. Das machte, er hatte drüben am Bach, wo der Obstgarten lag, das Aivli erblickt, welches in der Morgenfrühe mit Zurüstung einiger Beete beschäftigt war. »Wie morgenfrisch das Kind aussieht, und wie anmutig, es den Rechen handhabt!« sagte er zu sich, indem er die Einfriedigung betrat. »Guten Morgen, Aivli!« rief er dem emsigen Mädchen zu. Sie kehrte sich um und sagte freundlich: »Schön Dank, Herr Ottmar. Was, Ihr seid schon auf?« »Warum nicht? Meint Ihr, Ihr hättet allein das Recht, früh auf zu sein?« »O, das nicht. Aber wir sind das besser gewohnt als die Stadtleute, und der Vater sagt: Je früher am Tag man anfängt, desto früher kann man aufhören. Aber habt Ihr gut geschlafen, Herr Ottmar?« »Vortrefflich und wohl noch länger, wenn mich nicht ein schnurriger Traum geweckt hätte.« »Ein Traum? Aber wißt Ihr auch, daß das wahr wird, was man träumt, wenn man 's erstemal in einem Hause schläft?« »Das wäre! Aber denkt Euch nur, Aivli, Ihr habt in meinem Traum eine wichtige Rolle gespielt.« »Ich?« versetzte sie, indem sie sich halb abwandte und sich hastig mit ihrem Rechen zu schaffen machte, um ihr Erröten und ihre Verlegenheit zu verbergen. Ottmar bemerkte beides, deutete es aber falsch. Und er tat dem Aivli Unrecht, wenn er ihre Bewegung für eine Art ländlicher Koketterie nahm. Aivli wußte nichts von Koketterie, weder von angeborener – und es gibt eine angeborene, liebe Leserin – noch von angelernter. Die Wahrheit war, auch Aivli hatte ihrerseits diese Nacht wunderlich geträumt, und in ihrem Traum hatte ein junger Mann namens Ottmar eine ebenfalls wichtige Rolle gespielt. Wie das zuging, daß diese beiden jungen Leute in einer und derselben Nacht voneinander träumten, weiß der Erzähler dieser wahrhaftigen Geschichte nicht zu erklären und muß er daher Wißbegierige auf Schubert und andere Symboliker des Traums verweisen. Das aber weiß er, daß Aivli auch ihren Teil von der Neugierde besaß, welche man ihrem Geschlechte zuzuschreiben pflegt. Wir vermuten auch, daß das Mädchen gleichfalls etwas von der Klugheit ihres Geschlechtes besaß, denn sie steuerte nicht ungeschickt darauf los etwas Näheres von dem Traume Ottmars zu erfahren. »Als ich bei der Base in der Stadt mich aufhielt,« sagte sie, emsig ihren Rechen handhabend, um die Schollen des Beetes zu glätten, »las ich mal in einem Buch, welches von Träumen handelte –« »Ihr habt Euch mal in der Stadt aufgehalten, Aivli?« unterbrach Ottmar die Sprecherin. »Ach ja, Herr Ottmar, aber ich konnt's nicht sölli lang aushalten. Nach dem Tode meiner Mutter selig – Gott tröste sie! – meinte die Bas', der Vater sollte mich zu ihr in die Stadt geben, von wegen dessen, damit ich den rechten Schick kriegte, wie die Bas' sagte. Der Vater gab der Bas' nach, und so nahm sie mich mit in die Stadt, und da sollt' ich Klavierspielen und Französisch und was weiß ich sonst noch alles lernen, aber es ging halt nicht. Ich mußt' immer an unsre Berg' denken und wie's da oben so frisch und frei, und der Stadtgeruch machte mich krank, und ich kriegte schweres Heimweh. Ich hätt's gern dem Vater g'schrieben, aber das mocht' ich doch nicht, weil er's nun mal haben wollt', daß ich noch was lernte. Da kam eines Tags der alt' Brosi in die Stadt nnd sprach bei der Bas' vor und bracht' mir Schwarzwälder Huzzelbrot. Und wie ich das anschneiden tu', fang ich an zu flannen, Weinen. und da merkt' der Brosi, wie d' Sach' steht, und ›Meidli,‹ sagt' er, ›du siehst ja aus, daß man dich nimmer kennen tut, und ich leid's nicht, daß du da unter den Stadtleuten verhockest und versochest.‹ Versiechen. Und weiter sagt er zu der Bas': ›'s Aivli geht mit mir heim ins Forgtal; 's ist numme kein' Luft da unten für so 'ne Meidli.‹ Und d' Bas konnt' nichts machen, denn sie kannte den Brosi wohl und wußt', daß er recht wild werden kann, wenn ihm was schief geht. Und der Brosi nahm mich also gleich mit heim, und ich war ganz närrig vor Freud', als ich d' Forg und unsre Berg' und den Bühl wiedersah. Der Vater machte z'erst große Augen, als er mich so mir nichts dir nichts daherkommen sah, aber der Brosi sagte: ›Der Donner schieß'! Meister, was würd' d' Meisterin selig sagen, wenn sie sehen könnt', wie mager 's Aivli worden?‹ Und da war's gut.« Ottmar hörte dem herzigen Geplauder des Mädchens mit Vergnügen zu, und wie sie so plauderte, bat er ihr heimlich ab, daß er ihr vorhin einen Augenblick in seinem Herzen Unrecht getan. »Ihr seid ein rechtes Schwarzwälder Kind, Aivli,« sagte er, »und laßt Euch sagen, seit ich gestern das Forgtal wiedergesehen, ist mir's, da müßt' auch meine Heimat sein und sonst nirgends.« »O, nicht wahr,« versetzte sie, helle Freude im Blick, »'s ist schön bei uns, und d' Leut' sind gut und brav?« »Wenn sie alle wären wie du, dann freilich –« wollte Ottmar sagen, aber er dachte es nur, denn er scheute sich innerlichst, dieser lauteren Natur gegenüber etwas zu äußern, was einem konventionellen Kompliment ähnlich sah. So sagte er denn: »Ihr habt mich ja noch gar nicht nach meinem Traum gefragt, Aivli? Seid Ihr denn nicht neugierig?« »O doch, Herr Ottmar,« entgegnete sie, und ihre Augen erbaten eine Mitteilung, die er gerne machte. »Ja seht, Aivli, es war ein recht kurioser Traum. Wißt Ihr, droben beim Wolfsloch, nicht weit von Eures Vaters Sägmühle, bildet die Forg ein weites Becken –« »Ja, und wißt Ihr noch, Herr Ottmar? Da habt Ihr mal vorzeiten Eure Mutter selig und die meinige und mich in des Vaters Kahn herumgerudert.« »Was Ihr für ein Gedächtnis habt, Aivli! Ja, im Traum von heut' nacht war ich auch wieder dort auf dem Fluß in einem Kahn und ruderte eifrig einem andern nach, und in dem befand sich die Gräfin Bernwart.« »Die Gräfin? Kennt Ihr sie?« »Ich kann kaum sagen, daß ich sie kenne, denn ich habe sie nur zweimal flüchtig gesehen: das eine Mal vor kurzem in der Residenz, das andere Mal gestern morgen auf der Höhe des Pfaffenwaldes. Also ich ruderte der Gräfin nach aus Leibeskräften, während sie mich mit allerlei neckischen Schwenkungen ihres Bootes im Kreise herumlockte. Endlich konnte sie, wie ich glaubte, mir nicht mehr ausweichen, und ich ließ mein Fahrzeug mit verdoppelter Ruderkraft auf das ihrige losschießen. Aber wutsch! hatte die Gräfin den Schnabel ihres Kahns wieder zur Seite gedreht, und im nächsten Augenblick flog das leichte Boot an mir vorüber und geradeaus auf den Strudel zu, in welchem die Forg unterhalb des Beckens ihre Wasser an den wilden Felsenriffen, die dort ihr Bett einengen, zu Schaum schlägt. Ich sah zwar wohl die Gefahr, sah, daß es auf Leib und Leben ging, aber dennoch trieb ich mein Fahrzeug dem Absturz entgegen. Der Kahn der Gräfin schoß hinab und verschwand in dem Wogenschwall und Gebrause, und schon war auch ich dem Absturz auf Armeslänge nahe, als sich plötzlich von dem Felsblock, welcher dort in der Mitte des Flusses liegt, eine Hand ausstreckte, mich kräftig am Arm faßte und mich auf die rettende Felsplatte zog. Ratet mal, Aivli, wessen die Hand war, die mich rettete?« »Wie könnt' ich das erraten, Herr Ottmar?« »Nun, wenn Ihr es nicht erraten könnt, will ich es sagen. Ihr, Aivli, waret meine Retterin.« »Ich? – Ja, das ist ein recht artlicher Traum, Herr Ottmar.« »Nicht wahr? Aber sagt, seid Ihr mit der Gräfin bekannt?« »Wie käm' ich dazu? Unsereins hat keine so fürnehmen Leute zu Bekannten.« »Ei, Aivli, ich meine, es sollte niemand zu fürnehm sein, Eure Bekanntschaft zu suchen.« »Ach, geht mir doch! Jetzt spaßt Ihr, Herr Ottmar.« »Keineswegs. Aber laßt Euch sagen: Ihr kennt doch die Gräfin?« »So vom Sehen.« »Und was haltet Ihr von ihr?« »Was ich von ihr halte?« entgegnete das Mädchen zurückhaltend und wieder eifrig rechend. Dann sagte sie: »Ich hab' mein Lebtag kein schöneres Weibsbild gesehen, als die Frau Gräfin ist, und seelengut ist sie auch.« »Aber wie ist ihr Ruf? Was sagen die Leute von ihr? Mein Freund, der Wate im Bart, hat gestern wunderliches Zeug über sie an mich hingeschwatzt.« »O, der Doktor! Ja, der hängt gern jedermann einen Schlötterlig Makel, üble Nachrede. an, wenn's ihm gerade Spaß macht. Aber er meint's nicht so bös. 's kommt nur drauf an, was er grad' für 'nen Tag hat.« »Ei, Aivli, versteht mich nicht falsch. Der Wate hat mir nicht gerade etwas Nachteiliges, das heißt, sozusagen, etwas Schlechtes von der Gräfin gesagt. Es wäre sonst auch nicht zu begreifen, wie er –« Hier unterbrach sich Ottmar, denn er hielt sich nicht für befugt, die Herzensgeheimnisse seines Freundes auszuplaudern. Aivli drehte den Kopf halb über die Schulter, schaute dem jungen Mann schelmisch ins Gesicht und sagte lächelnd: »Ich versteh' Euch wohl, Herr Ottmar.« »Und ich Euch, Aivli.« Nun lachten beide, und Ottmar sagte: »Der gute Wate hat Euch also seinen Schmerz auch anvertraut?« »Seinen Schmerz? O, mit dem ist's nicht weit her. Er bild't sich halt d' Sach' nur ein vor Langweile.« »Woraus schließt Ihr das?« »Als er mir kaum gesagt, er sei in die Frau Gräfin verliebt bis in die äußersten Spitzen seines Bartes, welches ein sölli garstiger Bart ist, da fing er gleich drauf ein groß Lamento drüber an – es war beim Mittagessen – daß unsre Köchin wieder mal das Ochsenfleisch viel zu weich gesotten und zu viel Mehl ins Sauerkraut getan hätte.« »Beim Zeus!« sagte Ottmar lachend. »Das stand allerdings einem Verliebten schlecht an.« »O,« meinte das Aivli, in die Fröhlichkeit des jungen Mannes einstimmend, »ich glaub' wohl, daß der Herr Doktor auch recht verliebt sein kann.« »Wirklich? In wen denn?« »In Rehschlägel, wenn sie gut gebraten, in Forellen, wenn sie gut gebacken sind, nicht minder auch in meines Vaters rotgesiegelten Markgräfler und gelbgesiegelten Affentaler.« »Aivli, Ihr seid ein Schalk. Aber um noch einmal auf die Gräfin zurückzukommen, was spricht man denn in der Gegend von ihr?« »Die Leut' schwätzen viel, wenn der Tag lang ist. Aber ich glaub's halt nicht. Die Frau Gräfin läßt die Leut' schwätzen und bekümmert sich gar nicht drum. Das macht die Klatschblasen nur noch giftiger, obgleich die Frau Gräfin niemand nichts zuleide tut. 'ne aparte Dam' ist sie, jawohl, und tut, was sie mag. Aber dessentwegen sollt' man ihr, schätz' ich, nicht Übles nachsagen.« »Allein das Verhältnis, in welchenm sie zu ihrem Nachbar, dem Freiherrn von Moosbrunn, stehen soll?« »Zu dem? Wie könnt' das sein? Er ist ja ihr Schwager, ihres Mannes leiblicher Bruder! O geht, das ist recht boshaftig, wer so was sagt!« Diese Äußerung sittlicher Entrüstung zeigte unserem Freunde, daß das Aivli lange nicht genug »soziale Routine« besitze, das heißt, daß sie viel zu unverdorben war, als daß von ihr Aufschlüsse über die Liaisons einer vornehmen Dame erwartet werden dürften. Aivli ihrerseits fand das Gespräch zu verfänglich und brach es daher mit der Bemerkung ab, ihre Arbeit im Garten sei getan, und Herr Ottmar werde wohl finden, daß es Zeit zum Frühstücken wäre. In der Tat hatte Ottmar nichts dagegen, sich vom Aivli seinen Kaffee und seine Butterschnitten aufstellen zu lassen. Er lud das Mädchen ein, sein Frühstück zu teilen, aber Aivli hatte schon längst gefrühstückt. Nun meinte er, es ziemte sich, daß er auf Wate wartete, allein der inzwischen in die Stube getretene Forellenwirt sagte lachend, da könnte Ottmar lange warten, denn wenn nicht gerade was Apartes den Doktor aus den Federn jage, verlasse er dieselben erst gegen Mittag zu. »Ihr müßt den Doktor ein bißle aufrappeln, Herr Ottmar,« sagte Baldung, als das Aivli weggegangen war, seinen Hausgeschäften nach. »Er wird sonst mistfaul und setzt sich aus Langeweile allerlei Schnurrigkeiten in den Kopf.« »Wie zum Beispiel eine ungeheure Verliebtheit, deren Gegenstand die Frau Gräfin Bernwart ist,« versetzte Ottmar. »Ja, das ist so eine von seinen Schnurren, wovon er dem Aivli vorschwätzt, wenn's Regenwetter ist und er nicht hinauskann. Jezuweilen scheint's fast, es sei ihm ernst mit der Sach', wenn man den dicken Bartmann wie verrückt dem tollen Weibsbild über Stock und Stein nachjagen sieht, daß sein braver Gaul zu Schaden geht und er selbst am Ende noch den Hals bricht.« »Ihr wißt, Herr Baldung, daß mich ein wichtiges Geschäft ins Schloß führt, und so werdet Ihr begreifen, daß mir daran liegt, den Boden ein wenig kennen zu lernen, auf welchen ich treten soll. Was ich bisher von der Wirtschaft in Bernwartshall gehört, hat mich stutzig gemacht, das mehr lächerliche als furchtbare Abenteuer des Herrn Tauberich gar nicht in Anschlag gebracht.« »Die Ohren des besagten Tauberich sind bedeutend viel länger als sein Verstand, das ist sicher. Indessen ist an der Wahrheit seiner Geschichte nicht zu zweifeln. Der Graf hat die absonderlichsten Manieren, seine Gläubiger von sich abzuwehren. Er bracht' es auch glücklich dahin, daß sie ihn fürchten. Sonst hätten ihn wohl sein Wassergraben, seine Zugbrücke und seine übrigen Vorrichtungen längst nicht mehr davor geschützt, aus dem Schlosse seiner Vorfahren ausgetrieben zu werden.« »Er steckt also in Schulden?« »Bis über die Ohren, ja womöglich noch tiefer.« »Also soweit ist das stolze Grafenhaus herabgekommen?« »Freilich, und wie könnt' es auch anders sein? Die Bernwarte waren wunderliche Kerle jederzeit, Verschwender von uralters her, und jeder von ihnen hatte irgend eine kostspielige Liebhaberei. So schmolz das reiche Besitztum von Geschlecht zu Geschlecht mehr zusammen, und ein schönes Gut nach dem andern ging aus den Händen der Grafen in die ihrer Nachbarn, der Freiherren von Moosbrunn, über, deren Betriebsamkeit stets die nötigen Summen vorrätig hatte, um den ewigen Verlegenheiten der verschwenderischen und sorglosen Nachbarn abzuhelfen, für einen Augenblick wieder. So wurde die Freiherrschaft Moosbrunn in eben dem Maße größer und immer größer, in welchem die Grafschaft Bernwart kleiner und immer kleiner wurde. Den Verfall des alten Geschlechtes zu vermehren, kam dann noch die unglückliche Geschichte mit der Mutter des jetzigen Grafen hinzu. Doch die kennt Ihr ja.« »Ich erinnere mich derselben nur in ganz dämmernden Umrissen. Wenn mir recht ist, ließ sich die Gräfin wenige Jahre nach der Geburt ihres Sohnes Hippolyt von ihrem Manne scheiden, um kurz darauf den Freiherrn von Moosbrunn zu heiraten, durch welchen sie Mutter des jetzigen Trägers dieses Namens wurde.« »So ist's, und man konnte der Frau ihren Schritt kaum verübeln, in Betracht, daß der alte Graf der wunderlichste aller Bernwarte war, was bei Gott! viel sagen will. Er hatte geradezu Anfälle von Verrücktheit, und dann war seine Frau ihres Lebens nicht sicher. Ihr wißt, daß der Graf nach der Trennung von seiner Frau mit seinem kleinen Sohn auf und davon ging.« »Ja, aber weiter weiß ich von dieser trübseligen Familiengeschichte nichts mehr.« »Man erfuhr auch viele Jahre lang nichts mehr von dem Grafen, und inzwischen starben Freiherr und Freifrau von Moosbrunn, mit Hinterlassung ihres einzigen Kindes Adalbert. Aber ich hatte unrecht, zu sagen, man hätte von dem Grafen seit seinem Verschwinden gar kein Lebenszeichen mehr erhalten, denn der alte Kastellan im Schlosse blieb fortwährend in einiger Verbindung mit seinem Herrn und bekam unter anderen Aufträgen eines Tages auch den, einem Fremden, der im Schloß anlangte, das halbverfallene Bärenschlößchen zur Wohnung einzuräumen. Dort sollte derselbe den Dienst eines Försters versehen und den Unterhalt eines solchen erhalten. Das war aber nur eine Form sozusagen. Der Fremde tat in Wirklichkeit keinen Dienst, hauste aber bis zu seinem Tode in der Ruine droben. Das war auch eine aparte Geschichte. Der Fremde war schon ein alter Mann, als er ankam, und trat mit keiner Seele in Berührung, litt auch nicht, daß jemand ihm oder seiner Einsiedelei zu nahe kam. Man munkelte allerlei. Der Fremde sei ein vornehmer Spanier gewesen, durch Blutschuld aus seinem Vaterlande getrieben, sagt man unter anderem. Gewiß ist, daß er deutsch verstand und sprechen konnte, wenn er wollte. Er hatte ein kleines Mädchen mitgebracht, fast noch ein Wickelkind.« »Welches jetzt Gräfin Bernwart ist?« »Ja, und auch das ist absonderlich genug, schätz' ich.« »Wie machte sich denn diese Heirat?« »Ganz einfach, mein' ich. Es mag jetzt etwa fünf Jahre her sein, da erschien plötzlich der Graf Hippolyt im Schloß und legitimierte sich als solchen. Er kam aus den Urwaldnissen Amerikas, wo sein Vater, wie es heißt, einen blutigen Ausgang genommen im Kampfe mit einer Indianerhorde. Graf Hippolyt, der in Eurem Alter steht, Herr Ottmar, machte tägliche Besuche im Bärenschlößchen, während er sonst mit niemand Umgang suchte, und das Ende vom Liede war, daß er die Eva, die inzwischen herangewachsene Enkelin des Fremden, als seine Frau heimführte, sozusagen, vom Sterbelager ihres Großvaters weg, wenigstens fand die Heirat wenige Tage nach dem statt, an welchem die Leiche des Einsiedlers seinem letzten, dem Grafen eröffneten Willen gemäß unweit des Bärenschlößchens im Waldesdickicht bestattet worden war.« »Und Graf Hippolyt, Herr Baldung, ist er auch ein Bernwart?« »Ein Vollblut-Bernwart und durchaus nicht aus der Art geschlagen.« »Auch ein Sonderling also?« »Gewiß, vielleicht noch Schlimmeres.« »Was denn?« »Ein Halbwilder.« »Ihr spaßt, Herr Baldung.« »Ei, so schlag'! Warum sollt' ich spaßen? Der Graf ist als Knab' und Jüngling mit seinem halbtollen Vater unter den Wilden der amerikanischen Wälder umhergezogen, und da ist er selber halbwild geworden.« »Ist er denn von rohem, ungebildetem Betragen?« »Das nicht gerade. Er kann im Gegenteil sehr fein sein, wenn er will, sehr fein, ja, bi Gott! Ich weiß was davon zu erzählen, ich, denn er hat mich nicht schlecht drangekriegt.« »Drangekriegt?« »Das will ich meinen. Seht Ihr, der alte Kastellan, – er ist jetzt tot, die treue Haut – hatte die gräfliche Sach' während der Abwesenheit des Grafen wieder passabel in Ordnung gebracht, das heißt, soweit sich ein zerrüttetes Vermögen überhaupt noch in Ordnung bringen läßt. Bei verständiger Wirtschaft hätte auch der Graf nach seiner Heimkehr auf ganz anständigem Fuße leben, was vor sich bringen und an allmähliche Abtragung der Schulden denken können, welche auf dem ihm noch gebliebenen Grundbesitz hafteten. In der ersten Zeit nach seiner Heirat ließ sich auch die Sach' ganz ordentlich an. Das junge Ehepaar lebte still und eingezogen, und der Graf benutzte die mit heimgebrachten Kenntnisse – wo er sie aufgeschnappt, weiß der Himmel – um mit Eifer an eine rationelle Verbesserung seiner Güter zu gehen. Aber mit einmal änderte sich alles. Eine innere Zerrüttung des Haushaltes gab demselben auch äußerlich die verderblichste Richtung. Der Teufel weiß, was eigentlich dran schuld war. Die Klatschbasen, welche der Schloßdienerschaft nachschnattern, wollen wissen, die Gräfin sei dahinter gekommen, daß ihr Mann es mit dem kupferbraunen Meidli halte, mit der Tochter des indianischen Wilden, welchen er übers Meer mit heimgebracht. Geht mich nichts an. Ich weiß nur, daß jetzt 'ne tolle Wirtschaft im Schloß losging. Der Graf tat, was er mochte, die Gräfin, was sie wollte, und beide wetteiferten in verrückter Verschwendung. Das Schloß füllte sich mit Lakaien, Pferden und Hunden; es war da ein beständiges Ab- und Zuströmen von Gästen, Jagden und allerlei sonstige kostspielige Zeitvertreibe wurden veranstaltet. Es ging halt recht in Saus und Braus. Natürlich mußten zur Bestreitung eines solchen Lebens neue Schulden gemacht werden, Schulden über Schulden, Schulden von jeder Sorte, bis auf Tabaksschulden herab, wie Ihr gestern selber erfahren konntet.« »Aha, und da mußtet auch Ihr dran glauben, Herr Baldung?« »Freilich, freilich, und Ihr mögt mich auslachen; es geschieht mir nur nach dem Recht. Wir Schwarzwälder, wißt Ihr, sind keine Kapitalisten. Bringt einer was vor sich, so steckt er es in Ländereien oder in den Holzhandel, die Flößerei, die Uhrmacherei oder Glaserei. Nun wohl, ich hatt' 'ne hübsche Summe von meiner Seligen ihrer Schwester geerbt, die vor ein paar Jahren kinderlos in der Stadt gestorben, das heißt, eigentlich gehörte die Erbschaft dem Aivli. Weiß der Henker, wie der Graf erlickert hatte, daß ich das Geld im Kasten liegen hatt', ohne im Augenblick zu wissen, was damit anfangen. Genug, er packt mich in einer schwachen Stund' und kriegt mich rum, daß ich ihm das Geld leihen tu' auf 'ne Sicherheit hin, die soviel wie keine ist. Ich merkt's bald genug, aber doch viel zu spät.« »Und fließen die Mittel, will sagen die Resultate des Schuldenmachens noch immer reichlich genug, um dem gräflichen Paare die Fortsetzung der lustigen Wirtschaft, wie Ihr sie angedeutet, möglich zu machen?« »Nein, es lauft jetzt kuonig, wie wir Wirte zu sagen pflegen, wenn ein Faß ganz auf der Neige ist. Drum ist es jetzt seit einiger Zeit wieder stiller geworden im Schloß, und wenn noch Festivitäten veranstaltet werden, so gibt der Freiherr Adalbert die Lokalität dazu her und trägt die Kosten. Er wird wohl wissen, warum.« »Ihr meint –« »Ich meine, die Frau Gräfin habe ihrem Herrn Gemahl nichts mehr vorzuwerfen; das ist alles.« »Die Umstände des Grafen sind also allem nach verzweifelte gleichsam, wie Herr Tauberich zu sagen pflegt.« »Exkiese, wie derselbe Herr Tauberich zu sagen pflegt, nicht nur gleichsam verzweifelte. Er hat gewirtschaftet wie ein Narr und wird wie ein Lump endigen, wenn nicht als was Schlimmeres noch. Jetzt hat er sich, hör' ich, auf die Chemie geworfen und schafft Tag und Nacht in dem Laboratorium, welches von seinem Großvater eingerichtet worden. Der wollte Gold machen, sein Enkel wird das aber so wenig zustand' bringen wie er. Die einzige reelle Hoffnung, die, schätz' ich, der Graf noch hegen kann, wäre die, daß er den verzwickten Prozeß von wegen des Forgforstes gewänne, welchen der Freiherr Adalbert anspricht und welchen die Gläubiger des Grafen einstweilen unter Sequester gelegt haben. Auch ich bin bei dieser Streitsache interessiert, maßen ich nur dann Aussicht habe, wieder zu meinem Gelde zu kommen, wenn der Forgforst dem Grafen zugesprochen wird. – Aber sagt, Herr Ottmar, was haltet Ihr von dieser Streitsache?« »Da bin ich überfragt. Ich habe noch nichts von den Akten gesehen und weiß nur, daß die Sache eine verwickelte ist.« »Ei, so schlag'! Aber wie seid Ihr denn zu dem Prozeß gekommen?« »Er kam zu mir, sozusagen, das heißt, ein Schreiben des Grafen lud mich nach Bernwartshall ein, um die Führung eines wichtigen Prozesses für ihn zu übernehmen.« »Eines wichtigen – ja wohl. 's ist ein prächtiger Wald und ein mächtiger, bi Gott! So seine vier- bis fünfmalhunderttausend Gulden unter Brüdern wert, bei den jetzigen Holzpreisen, und übervoll von schlagbaren Stämmen, weil während der ganzen ewigen Dauer des Prozesses die Eifersucht der beiden Familien das Holzschlagen verhinderte. – Aber sagt, wie ist denn der Graf gerade an Euch geraten?« »Das weiß ich selber nicht. Der Antrag kam mir ganz unerwartet.« »Das gräfliche Paar war vor kurzem in der Residenz. Wurdet Ihr vielleicht bei dieser Gelegenheit mit den Leuten bekannt?« »Keineswegs. Den Grafen sah ich gar nicht, wohl aber die Gräfin im Theater. Ich wußte aber nicht, wer die Dame war, und erst gestern Morgen, als ich derselben wieder auf dem Pfaffenwald begegnete, erfuhr ich, daß meine flüchtige Bekanntschaft vom Schauspielhause den Namen einer Gräfin Bernwart trage und eine und dieselbe Person mit dem Enkelkinde des Einsiedlers vom Bärenschlößchen sei, welches ich vorzeiten einmal im Waldesdickicht getroffen, seither aber total vergessen hatte.« Der Goldforellenwirt schwieg auf diese Auskunft hin eine Weile und ging mit auf den Rücken gelegten Händen nachdenklich in der Stube auf und ab. Dann kam er wieder zu dem jungen Mann heran und äußerte: »Die Sach' kommt mir fölli kurios vor, bi Gott! Sagt mir, habt Ihr die Einladung hierher erhalten, bevor Ihr mit der Gräfin im Theater zusammengetroffen?« »Nachher, ganz kurz darauf.« Das Gesicht Baldungs wurde sehr ernst. Er sah dem jungen Mann mit einer Art wohlwollender Strenge ins Gesicht, ergriff seine Hand und sagte nachdrücklich: »Herr Ottmar, ich bin Euch gut, schon um Eurer braven Eltern willen, und dann, weil Ihr Euch in der traurigen Geschicht' von Anno damals, wißt Ihr? wie ein Mann gehalten. Nun wohl, Ihr werdet dem Grafen seinen Prozeß führen und zwar tüchtig führen, schätz' ich, aber – aber – hört, was ich Euch wohlmeinend sage: Führt Euch in der ganzen Sach', die, schätz ich, nicht nur jurist'sche, sondern auch noch andere Häkchen und Haken hat, so auf, wie es Eures Vaters Sohn soll.« »Das glaub ich Euch versprechen zu dürfen!« entgegnete Ottmar bewegt und schlug seine Rechte in die des wackeren Wirtes. Zweites Buch. Eva. Mein ganzes Leben war eine Kette trauriger und unglückseliger Widersprüche gegen mein Herz und meinen Verstand. Lermontoff. 1. Im verwunschenen Schloß. »Beim Zeus! der Tauberich hat nicht so ganz unrecht gehabt, wenn er Bernwartshall ein verwunschenes Schloß nannte. Jedenfalls sieht es nicht sehr heimelig aus.« Dieser halblaute Ausruf entschlüpfte dem jungen Rechtsanwalt, als er, ein paar Stunden nach der Unterredung mit dem Goldforellenwirt, aus der Pappelallee auf den freien Platz trat, an dessen Ende das Schloß seine schwärzlichen Zinnen und altersgrauen Türme in die Luft erhebt. Bernwartshall ist in seinem Kern ein uraltes Bauwerk. Die Sage will, daß die Grundmauer des mittelalterlichen Wartturms, welcher jenen Kern bildet, von den Römern herrühre, was gar nicht unwahrscheinlich ist. Ein aufmerksamer Beobachter kann an den einzelnen Teilen des Schlosses noch jetzt deutlich die Merkmale des Vorschrittes mittelalterlicher Architektur wahrnehmen. Das Ganze bildet eine architektonische Chronologie in Stein etwa vom zwölften bis weit ins siebzehnte Jahrhundert herab. Zugleich kann Bernwartshall eines der besterhaltenen Beispiele jener Art von mittelalterlichen Burgen abgeben, welche man Wasserburgen nannte, im Gegensatz zu den Bergburgen. Wie bei diesen Fels und Hügel die Hauptmittel der Befestigung und Sicherheit darboten, so bei jenen See und Fluß. Der breite Graben, welcher, von der Forg gespeist, Bernwartshall zu einer Wasserburg machte, existiert noch heute, und können überhaupt Romantiker an dem ganzen Bauwerk, soweit es jetzt noch vorhanden, ihre antiquarische Neugierde befriedigen. Platz haben sie genug dazu, ihr Steckenpferd zu tummeln, denn das Schloß ist groß und bedeckt mit seinen Ringmauern und Höfen einen weiten Raum. Auch wird sie, die romantischen Antiquare nämlich, niemand in ihren Untersuchungen stören, es wäre denn, daß – doch das gehört noch nicht hierher. Ottmar hatte nicht nötig, die unter der Torhalle diesseits des Grabens angebrachte Klingel zu ziehen, denn die Zugbrücke war heute nicht aufgezogen. Er betrat sie und kam drüben durch ein düsteres Torgewölbe, welches auf einen kleinen Hof mündete, der ringsher von hohen Mauern eingeschlossen war. Indem er sich umsah, ungewiß, welche Richtung er einschlagen sollte, kam aus einer Art Portierloge am Ausgange des Torgewölbes der »beliebige Kerl«, welcher gestern den Groß- und Detailhändler, Stadtrat und Kirchenältesten empfangen hatte und kein anderer war als der Torwart. Der Mann sah gar nicht räubermäßig aus und trug, wie die übrige männliche Dienerschaft des Schlosses, eine schmucke hellgrüne Livree mit Silberborten. »Ich bin der Rechtskonsulent Horst,« sprach Ottmar den Hellgrünen an, »und wünsche dem Herrn Grafen meine Aufwartung zu machen.« »Der gnädige Herr wird Sie auf der Stelle empfangen, Herr Doktor,« entgegnete der Diener. »Meine Herrschaft erwartete Sie schon gestern. Haben Sie nur die Güte, mir zu folgen.« Unser Freund ging seinem Führer nach, welcher ihn aus dem engen Vorhof durch ein zweites, noch längeres und düstereres Torgewölbe in den eigentlichen Burghof, den sogenannten Ehrenhof, geleitete. Hier sah es freundlicher aus. Ein alter Ahorn stand mitten auf dem Platz und beschattete einen großen Röhrbrunnen. Zur Rechten sah man ein langes Gebäude, welches zu Remisen und Stallungen eingerichtet war und vor welchem ein Jockey den gesattelten und dampfenden Schimmel der Gräfin auf und ab führte, der seine Herrin soeben von einem raschen Ritt zurückgebracht zu haben schien. Zur Linken, gegen den Fluß zu, streckte sich die lange Fronte des eigentlichen Herrenhauses hin, augenscheinlich das jüngste Bauwesen von Bernwartshall, wohnlich aussehend und sogar nicht ohne Ansprüche auf jene architektonische Schönheit, welche den Stil der Renaissance auch da noch kennzeichnet, wo er schon in den Perückenstil des achtzehnten Jahrhunderts überzugehen anfängt. Ottmar folgte dem Diener den breiten Perron hinauf und droben durch eine Vorhalle mit zierlicher Wölbung. In dieses Vestibulum, wenn man es so nennen darf, mündeten von links und rechts her Korridore, deren ersterer, wie der Hellgrüne unserem Freunde bedeutete, in die Gemächer des Hausherrn, der zweite in die der Gräfin führte. Jenen hinabgehend, stießen Ottmar und sein Führer auf einen Mann, dessen kupferbraunes Gesicht unsern Freund einen halben Schritt zurücktreten machte, obgleich er durch Wate darauf vorbereitet war, einen Indianer in Bernwartshall zu finden. »Milimach,« sagte der Hellgrüne zu dem Rothäutigen, »melde dem Sachem, daß der Herr angekommen sei, welchen er gestern erwartete.« Der Indianer ließ sein dunkles Auge mit der gleichgültigen Kälte seiner Rasse einen Moment auf den Zügen des Fremden ruhen und verschwand dann, ohne einen Laut von sich zu geben. »Milimach! Sachem!« sagte Ottmar zu sich, als er in dem Kabinett, in welches ihn sein Führer gebracht hatte, allein war, »das sind Namen, so abenteuerlich wie die Gegenstände, welche sie bezeichnen. Ich muß, glaub' ich, die Erinnerungen Cooperscher Romane, aus meinem Gedächtnis heraufholen, um mich auf diesem Terrain zurechtzufinden.« Er sah sich in dem Gemach um, welches, mehr tief als breit, nur ein Fenster hatte, das auf einen kleinen Grasfleck mit einer verwilderten Baumgruppe hinausging. Weiter reichte der Blick nicht, denn hochaufgeschossenes Gebüsch schnitt die Aussicht auf den Fluß ab, und man konnte auf den Einfall kommen, der Bewohner des Gemaches habe dasselbe absichtlich gewählt, weil er hier vor jeder Störung von außen, vor jeder Beeinträchtigung seines Nachdenkens durch äußere Dinge gesichert war. Die Bücherrepositorien an den Wänden und der große, mit physikalischen Instrumenten bedeckte Tisch in der Mitte des Zimmers widersprachen dieser Annahme nicht. Mehrere Bücher lagen da und dort aufgeschlagen umher, und als Ottmar, gelangweilt durch das lange Ausbleiben des Grafen, eines derselben zur Hand nahm, sah er, daß es Orfilas Toxikologie war. Er begann gleichgültig da zu lesen, wo das Buch des berühmten Chemikers aufgeschlagen war, und las einige Seiten herunter, welche eine Analyse des Nikotins enthielten, ganz nur mechanisch und ohne seiner Lektüre irgendwelche tiefere Aufmerksamkeit zu schenken. Endlich hörte er Tritte auf dem Korridor und legte das Buch weg. Der Graf trat ein. »Willkommen, sehr willkommen in Bernwartshall, mein werter Herr Doktor,« sagte er, »und entschuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ. Ich war gerade in meinem Laboratorium beschäftigt – ich treibe nämlich, um die Zeit totzuschlagen, Chemie – als Sie kamen, und wollte mich Ihnen doch nicht in dem manchmal etwas schauerlichen Kostüm eines Laboranten vorstellen.« »Wie dem armen Tauberich,« dachte Ottmar, ließ es aber bei einer Verbeugung sein Bewenden haben. Soweit er den Schloßherrn während der folgenden Unterredung beobachten konnte, stellte sich das Resultat seiner Beobachtung etwa so. Graf Hippolyt war hochgebaut, mager, sehnig. Er trug über der hohen, schmalen Stirne das rötlichblonde Haar kurz geschoren, während ein nachlässig behandelter Bart Lippen und Kinn umwucherte. Seine Züge hätte man gewöhnlich nennen können, wenn ihnen nicht die tiefe dunkle Furche zwischen den Brauen, welche bis zur Wurzel der dünnen Habichtsnase herablief, einen gewissen Ausdruck von Energie verliehen hätte. Soweit hätte man sich mit dieser Physiognomie schon befreunden können. Aber die Augen des Mannes ließen das nicht zu. Es waren blaßblaue Augen, die, ohne gerade zu schielen, einen ganz eigentümlich falschen Blick hatten, einen gewissen matten Bleiglanz, der ankältend wirkte. Es machte einem unbehaglich, in diese Augen zu sehen. »Wir haben Sie schon gestern erwartet, Herr Doktor,« sagte der Graf, »und wir hoffen, daß es Ihnen in Bernwartshall gefallen möge. Das Haus ist freilich nicht mehr der frohe Ort von ehemals; indessen wollen wir unser Möglichstes tun, Ihren Aufenthalt so angenehm zu machen, wie die Umstände es erlauben. Ihre Zimmer sind in Bereitschaft –« »Verzeihen Sie mir, Herr Graf, wenn ich unhöflich erscheine, indem ich Ihre Gastfreundschaft nicht in ihrem ganzen Umfang annehme. Gewiß, ich weiß Ihre Güte zu schätzen, allein zufällige Umstände bestimmten mich, mein Quartier in der Goldforelle im Bühl aufzuschlagen.« »In der Goldforelle?« versetzte der Graf mit einer Betonung, die es zweifelhaft ließ, ob er mit dieser Ablehnung seiner Einladung nicht so ganz unzufrieden war, oder ob er seine Unzufriedenheit mit weltmännischem Takt zu verbergen wußte. »Ja, in der Goldforelle,« sagte Ottmar. »Das Haus ist mir von meinen Knabenjahren her ein bekanntes, und dann haust gegenwärtig auch mein Freund Wate dort, mit welchem ich während meines Aufenthaltes im Forgtal möglichst viel zusammensein möchte.« »Das ist freilich ein triftiger Grund, welcher aber, wie ich hoffe, nicht verhindert, daß Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden. – Sie kennen also Herrn Baldung?« fügte er leichthin bei, doch entging unserem Freunde der forschende Ton dieser Frage nicht. »Ja, Herr Graf, und zwar als einen Ehrenmann durch und durch.« »Gewiß, das ist er,« erwiderte der Graf rasch und eifrig. »Herr Baldung ist ein wackerer Mann, in der Tat. Er hat zwar gewisse Eigenheiten, sagt man, aber –« »Wer hat die nicht?« beendigte Ottmar den angefangenen Satz des Hausherrn. »Freilich, freilich, ich bin ganz mit Ihnen einverstanden. – Aber jetzt wollen wir, wenn Sie nichts dagegen haben, von unserem Geschäfte reden.« »Deshalb kam ich, Herr Graf. Wenn Sie es mir jedoch zugute halten wollen, möchte ich eine Frage vorausschicken.« »Ich bin zu ihren Diensten, Herr Doktor.« »Ihr für mich schmeichelhafter Antrag kam mir ganz unerwartet, so unerwartet, daß Sie meine Neugierde begreifen, zu erfahren, wie es kam, daß Sie gerade auf mich verfielen, während es doch unter meinen Kollegen in der Hauptstadt viele gibt, mit denen ich an Ruf mich durchaus nicht messen kann.« »O, das ging sehr einfach zu. Als ich vor kurzem mit meiner Frau in der Residenz war, wurde die Gräfin durch eine Dame ihrer Bekanntschaft auf Sie aufmerksam gemacht. Sie teilte mir das mit, und auf meine Erkundigungen erfuhr ich, daß ich Ihnen mit vollstem Zutrauen die Führung dieses nichtswürdigen Prozesses überlassen könnte, von dessen Ausgang, wie ich Ihnen nicht verschweigen will, die Zukunft meines Hauses abhängt. Im übrigen muß ich noch sagen, daß mich bei Ihrer Wahl neben Ihrer mir von kompetenter Seite verbürgten Tüchtigkeit auch noch der Umstand leitete, daß Sie ein Forgtaler Kind. Ich dachte mir, Herr Doktor, ein geborener Forgtaler würde an dieser Sache einen lebhafteren Anteil nehmen, als ein Fremder, der die ganze Angelegenheit über den banalen Geschäftsleisten schlüge.« »Ich hin Ihnen dankbar für dieses Vertrauen, Herr Graf, und Sie sollen sich insofern nicht in mir geirrt haben, als ich mein möglichstes tun werde. Aber ich spreche wie der Blinde von der Farbe, denn ich weiß nur ganz obenhin, daß der Forgforst der Gegenstand Ihrer Streitsache ist.« »Ja, dieser unglückselige Forst, welchen meinetwegen der Teufel holen könnte, wenn er nicht einen so großen Wert besäße.« Hier zog sich die Brauenfurche des Sprechers schwärzer zusammen, und der Bleiglanz seiner Augen wurde unheimlicher, indem er fortfuhr: »Ich nannte den Prozeß einen nichtswürdigen, weil es ein wahrer Skandal, daß mein Halbbruder sich nicht herbeilassen will, eine durch nichtswürdige Rabulisterei verschleppte Streitsache in billiger oder vielmehr gerechter Weise beizulegen. Der Freiherr weiß recht gut, daß das Recht auf meiner Seite ist.« Ottmar hielt sich nicht für befugt, auf diese persönliche Seite der Sache näher einzutreten, und bemerkte daher: »Aber die Gegenpartei muß doch Anhaltspunkte für ihre Ansprüche haben, sonst hätte sich die Sache unmöglich so lange verschleppen lassen. Doch um was dreht sich denn eigentlich der Streit?« »Die Sache ist an und für sich sehr einfach, und soweit sie einfach ist, will ich sie Ihnen sofort mitteilen. Was jedoch die Verworrenheit betrifft, welche die Gerichte und Ihre Herren Kollegen – entschuldigen Sie, Herr Doktor – daraus gemacht, darüber muß ich Sie, an meine Frau weisen, die im vergangenen Winter aus Langweile, glaub' ich, diesen verhenkerten Prozeß zu ihrem Studium gemacht. Ich selber mochte nie etwas damit zu tun haben; schon der Anblick dieser abscheulichen Aktenstöße machte mich krank. – Also, wie gesagt, meine Frau wird Sie über, den Gang des Prozesses besser belehren können als ich. Ich beschränke mich daher auf den einfachen Sachverhalt. – Mein Großvater war ein Mann wie wir Bernwarte alle, das heißt, er brauchte viel Geld und machte sich der Zukunft wegen keine Sorgen. In einer seiner gewöhnlichen Verlegenheiten oder, wenn Sie wollen, in einer ungewöhnlichen wandte er sich, wie das schon oft geschehen, an seinen Nachbar, den Freiherrn von Moosbrunn. Nun müssen Sie wissen, daß die Moosbrunn oder wie sie, wie ich behaupte, eigentlich ursprünglich hießen, die Moosbrunner – denn ihr Ahnherr war so sicher und gewiß, als ich ein Bernwart bin, nicht mehr und nicht weniger als ein Jude – die Moosbrunner also besaßen von jeher ein ebenso eminentes Talent zum Schachern und Erwerben als die Bernwarte zum Verschwenden. Der Großvater meines Halbbruders war daher gleich bereit, meinem Großvater die Summe vorzustrecken, welche derselbe gerade bedurfte, und mein Großvater stand nicht an, ihm als Pfand dafür den Forgauer Forst, einen unserer letzten und schönsten Wälder, zu verschreiben. Das Pfand wurde natürlich zu der als Termin bestimmten Zeit nicht eingelöst. Aber bemerken Sie wohl, ich spreche vom Forgauer Forst.« »Zum Unterschied vom Forgforst, nicht wahr?« »Allerdings; aber wie, auch Sie kennen diesen Unterschied?« »Wenigstens glaube ich mich aus meinen Knabenjahren dunkel zu erinnern, daß diese Unterscheidung im Forgtal gang und gäbe war. Wenn mir recht ist, so betrachtete man früher den Bach, welcher beim Bärenschlößchen von den Bergen herabstürzt, oder vielmehr den tiefen und breiten Einschnitt, durch welchen dieser Bärenbach aus dem weiten, hinter dem Schlößchen liegenden Waldgebiet hervorkommt, als die Grenzmark zwischen dem Forgforst und dem Forgauer Forst. Dieser dehnte sich an dem linken, jener an dem rechten Ufer des Baches weithin über Hügel, Bergkuppen und Schluchten.« »Ganz richtig, so ist es noch heutzutage. Sie haben ein bewunderungswürdiges Gedächtnis, Herr Doktor, und ich stehe nicht an zu sagen, daß ich diese Treue Ihrer Erinnerung für ein gutes Omen ansehe. Aber hören Sie weiter. Der Moosbrunner Schurke wollte die Gelegenheit benutzen, nicht nur den Forgauer Forst, sondern zugleich auch den Forgforst einzusacken, und die Sorglosigkeit meines Großvaters, welche er allzugut kannte, erleichterte ihm seine Spekulation ungemein. Er wußte es zu machen, daß in der Pfandurkunde der Name des fraglichen Waldes so undeutlich geschrieben ward, daß kein Experte der Schreibekunst – hole sie der Henker allesamt! – bis auf den heutigen Tag hat daraus klug werden können, ob das Wort Forg- oder Forgauer Forst heiße. Zur Vermehrung der Gaunerei hatte jener Hund von Enkel eines Judenbuben in das Dokument auch noch den Ausdruck, »das ganze Waldterritorium« des unleserlichen Forstes einzuschmuggeln gewußt. Auf das noble Dokument gestützt, nahm dann der Schuft den Forst hüben und drüben vom Bärenbach in Anspruch, und so begann noch bei Lebzeiten meines Großvaters dieser verdammte Prozeß, welcher früher von unserer Seite leider so nachlässig betrieben wurde, daß die Gegenpartei einen bedeutenden Vorsprung gewann.« »Erlauben Sie mir zu fragen, Herr Graf: Existiert außer dem besagten Dokument über die fragliche Verpfändung kein weiteres?« »Doch. Mein Großvater scheint seinem Nachbar doch nicht so ganz getraut zu haben. Die Pfandverschreibung wurde in Duplo ausgefertigt und in unserem Exemplar ist das Pfandobjekt ganz deutlich »Forgauer Forst« geschrieben. Noch mehr, in unserem Exemplar heißt es weiter: ›Und soll besagtes Pfand, der Forgauer Forst, begreifen das ganze Waldgebiet bis zu den drei Anno 1744 gesetzten Marksteinen längs des Baches.‹« »Das ist ja vortrefflich!« »Wohl, hatte die Sache nur nicht einen Haken, an welchem sie die Gegenpartei geschickt fassen konnte.« »Wie denn?« »Sie bemerkten, daß es in der Urkunde leider nur heißt: ›längs des Baches‹, nicht aber: ›längs des Bärenbaches‹. Demzufolge behauptete und behauptet die Gegenpartei, unter dem Bach sei nicht im entferntesten der Bärenbach, sondern vielmehr der Trausigbach zu verstehen, welcher diesseits des Plateaus des Pfaffenwaldes allerdings die Grenze des ganzen prächtigen Hochwaldgebietes bildet, das einst unserem Hause gehörte und von welchem jetzt nur noch der bestrittene Forgforst uns geblieben ist. Diese Behauptung der Moosbrunner wurde durch zwei höchst unglückliche Umstände unterstützt. Erstens vermochten sie urkundlich nachzuweisen, daß auch jene noch jetzt stehenden Grenzsteine am Trausigbach drüben im Jahre 1744 gesetzt wurden, und zweitens waren, als mein Vater einen Anlauf zu energischerer Betreibung des Prozesses nahm, die Marksteine längs des Bärenbaches nicht mehr aufzufinden.« »Das ist in der Tat schlimm.« »Allerdings, und die Sache wird noch dadurch verschlimmert, daß in den alten Lehnsurkunden die Territorien des Forgforstes und des Forgauer Forstes nicht streng auseinander gehalten sind, sondern daß darin bald dieser, bald jener Name für das ganze Waldgebiet vorkommt. Eine dieser Urkunden jedoch, die jüngste von allen, führt die beiden Forste als voneinander getrennte Teile des ganzen Waldgebietes auf und bezeichnet ausdrücklich den Bärenbach als die Grenze zwischen den beiden Parzellen.« »Das ist nun wieder meines Erachtens ein sehr glücklicher Umstand, Herr Graf. Der glücklichste freilich wäre der, daß sich die drei Marksteine längs des Baches, nämlich des Bärenbaches, wieder auffinden ließen. – Ich sehe Ihnen an, daß Sie sagen wollen, das einzusehen, bedürfe man keines Juristen.« »So etwas, Herr Doktor,« versetzte der Graf und versuchte zu lächeln. »Sie haben recht,« sagte Ottmar. »Im übrigen muß ich mir vorbehalten, Ihnen meine Ansicht über den Stand dieser wichtigen Angelegenheit im allgemeinen und speziellen erst dann darzulegen, wenn ich mich mit dem aktenmäßigen Gang des Prozesses von Anfang an bis heute vertraut gemacht haben werde. Ich will schon heute, spätestens morgen an mein Geschäft gehen.« »Sprechen Sie vor allen Dingen mit meiner Frau. Sie kennt diese verdammte Geschichte viel genauer als ich und weiß vortrefflich Bescheid in unserem Familienarchiv. Ich selber – wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen – will nichts oder wenigstens möglichst wenig mit der Sache zu tun haben. Sie ist mir im höchsten Grade zuwider. – Die Bekanntschaft der Gräfin haben Sie ja, wie sie mir sagte, schon gestern gemacht, auf dem Pfaffenwald droben.« »Ja, ich hatte das Vergnügen. Allein bevor ich der Frau Gräfin aufwarte, möchte ich an Sie, Herr Graf, noch zwei Fragen richten.« »Sprechen Sie. Ich höre.« »Haben Sie schon alles Nötige versucht, um die Grenzsteine längs des Bärenbaches aufzufinden?« »Alles. Ich selber habe mich zu wiederholten Malen und einmal eine ganze Woche lang mit Aufsuchung der verwünschten Steine beschäftigt, und noch dazu half mir die Rothaut, der Milimach, welchen ich aus Sonora mit heimgebracht. Diese Indianer haben, wie Sie wissen, Augen, denen nichts entgeht; allein obgleich Milimach auf der ganzen fraglichen Stelle sozusagen jede Zollbreite des Bodens untersuchte, fand sich doch nicht die Spur von einem Markstein vor. Die drei Steine sind wie weggeblasen, und da sie es schon zu meines Vaters Zeiten waren, so will ich jeden Eid darauf schwören, daß der Moosbrunner, jener nämlich, welchem der Forgauer Forst verpfändet wurde, bei Nacht und Nebel die Grenzsteine beseitigt hat.« »Das ist eine schwere Beschuldigung, Herr Graf.« »O, lange nicht zu schwer für jenen infamen Schubiak, den maldito gojo , welcher hoffentlich in der untersten der siebzehn Höllen bratet, an welche die Mexikaner glauben.« Ottmar fand es nicht nach seinem Geschmacke, die augenscheinlich nur mühsam verhaltenen Zornausbrüche seines Klienten mit anzuhören, und sagte daher: »Entschuldigen Sie, Herr Graf, wenn ich zu meiner zweiten Frage übergehe. Haben Sie einen Versuch gemacht, Ihren Halbbruder zu einer gütlichen Austragung der Sache zu veranlassen?« »Ich tat es, und leider, daß ich es tat!« »Wieso?« »Der Moosbrunner Laffe, der –« Hier gebrauchte der Graf einen so gemeinen Ausdruck, daß ihn die Feder nicht wiedergeben kann. Ottmar schämte sich für seinen Klienten, und dieser fühlte doch selbst das Unpassende seiner Sprache. Er machte, um sich zu fassen, einen Gang durch das Zimmer und sagte dann: »Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich in meiner gerechten Erbitterung ungehörige Worte gebrauchte. Hörte ich doch einmal einen gescheiten Mann sagen, seinem Rechtsanwalt gegenüber dürfe man sich so wenig verstellen, als man es seinem Arzt gegenüber darf. – Die Sache ist, daß Adalbert mit der ganzen Süffisance eines Kavallerieleutnants, was er ist, meine Vergleichsvorschläge zurückgewiesen hat. Davon, sagte er, ließe sich etwa sprechen, wenn er den Prozeß gewonnen habe.« »Recht brüderlich das!« »Nicht wahr? Aber,« fuhr Graf Hippolyt fort, indem er Ottmar starr und fast sarkastisch ansah, »derartige Brüderlichkeit scheint in unseren Tagen Mode zu sein, denn ich glaube gehört zu haben, daß die Brüder Horst –« Ein gezwungenes Lachen ergänzte den Satz. Unser Freund merkte die Absicht des Grafen, die Blöße, welche derselbe vorhin sich gegeben hatte, durch eine Parallele zu decken. Das verstimmte ihn, und er bemerkte daher kurz: »Die Brüder Horst, Herr Graf, haben sich vereinbart, der Welt wenigstens keine Gelegenheit zum Ärger oder zum Lachen zu bringen.« »O, was das betrifft, Herr Doktor, Adalbert und ich spielen auch nicht Edmund und Edgar mitsammen. Sie haben Ihren Shakespeare ohne Zweifel besser inne als ich und werden mich verstehen.« »So ziemlich, obgleich ich, offen gestanden, nicht recht begreife, wie man mit einem solchen Prozeß zwischen sich leidlich miteinander sich vertragen kann.« »Ja, was wollen Sie? Adalbert sagte, als er im letzten Herbst hier war, in seiner impertinenten Weise zu mir: ›Ich denke, Hippolyt, von unserem Prozeß sprechen wir gar nicht; das ist die Sache unserer Advokaten und geht uns persönlich nichts an.‹ – Ich, als Gentleman, konnte doch wohl nicht anders, als in diesen Ton eingehen? Nachher trafen wir uns in der Residenz, und seit er für diesen ganzen Sommer Urlaub genommen hat und mit seinen zwei poetischen Raritäten ins Forgtal heraufgekommen ist, verging kaum ein Tag, ohne daß er in Bernwartshall war. Die Konvenienz, wissen Sie, Herr Doktor, ist allmächtig. Außerdem dient der Umgang mit Adalbert und seinen Gästen zum Amüsement meiner Frau, und ich mag ihr das wohl gönnen, um so mehr, als meine physikalischen Studien mir keine Zeit übrig lassen, ihr die ihrige vertreiben zu helfen.« Der Graf brächte das alles ganz unbefangen und leichthin vor, und doch wollte es unseren Freund bedünken, diese Unbefangenheit sei nur eine gemachte. Er hielt sich jedoch um so weniger berufen, den verfänglichen Gesprächsgegenstand festzuhalten, als er dem Grafen den Wunsch anzumerken glaubte, die Unterredung überhaupt zu beendigen. Er wollte sich daher eben empfehlen, als sein Klient sagte: »Sie würden mich verbinden, wenn Sie jetzt meine Frau aussuchen wollten. – Ich habe vor Tische noch einige dringende Briefe zu schreiben. – Sie bleiben natürlich zum Diner; es sind einige Gäste geladen, die von jenseits des Flusses, und Ihr Freund Wate, glaub' ich.« So sprechend, klatschte er dreimal mit den Händen und tat einen eigentümlich gellenden Pfiff. Fast unmittelbar darauf öffnete sich im Hintergrund des Kabinetts eine Türe, und ein phantastisch aufgeputztes weibliches Wesen hüpfte herein. »Erschrecken Sie nicht, Herr Doktor,« sagte der Graf, als Ottmar die seltsame Erscheinung befremdet musterte. »Es ist nur mein Page, die Tochter Millimachs. Estrella,« fügte er, zu der jungen Indianerin gewendet, hinzu, »führe den Herrn zu meiner Frau.« Das braune Mädchen schoß aus ihren tiefschwarzen Augen einen Blick der Neugier auf den Fremden. Ottmar bemerkte, daß sie für sehr hübsch gelten konnte, aber ihre feuersprühenden Augen blickten nicht sehr weiblich. Von mittelgroßer Gestalt, war ihr Gliederbau üppig und doch zugleich ebenmäßig. Das turbanartig um die schwarzen Haare gewundene rote Tuch, die hellgrüne Tunika und die scharlachenen Beinkleider, an welche sich an den Knöcheln gelblederne Stiefelchen schlossen, bildeten eine Tracht, welche, wenn man sich erst an die Fremdartigkeit derselben gewöhnt hatte, nicht übel zu der ganzen Erscheinung paßte. »Kommen Sie, Sennor,« sagte das Mädchen in den tiefen Gutturaltönen ihrer Rasse, jedoch mit einer Deutlichkeit, welche zeigte, daß sie der deutschen Sprache mächtig war. Während Ottmar seiner Führerin durch die Korridore des Schlosses folgte, wandten sich, da ihm Estrella schweigsam voranging, seine Gedanken zu dem Grafen zurück. »Der Mensch gefällt mir nicht,« sagte er sich. »Es ist etwas Verstecktes in ihm, ja, und etwas Halbwildes, wie Baldung richtig sagte. Die gemeinen Schimpfworte, welcher er sich in der Aufwallung bediente, verraten, daß hinter seiner ruhigen Außenseite eine Roheit schlummert, die unter Umständen sicherlich wild genug aufschlagen kann. Wer war es doch gleich, der die Bemerkung machte, daß Shakespeares Shylock dann, wann er seiner Wolfsnatur die Zügel schießen lasse, immer zynisch werde? Das ließe sich, vermute ich fast, mutatis mutandis auch auf den Herrn Grafen anwenden. Und diese braune Nymphe da, welche hübsch ist wie die Sünde und Augen hat wie ein Teufelchen! Hm, beim Zeus! Am Ende hat Herr Tauberich doch recht, von diesem Schloß als von einem verwunschenen zu sprechen.« 2. Typen und Kontraste unserer Tage. Unser Freund gehörte nicht zu den Männern, welche in einem Frauengemach eine gewisse geniale Unordnung lieben und geneigt sind, diese Genialität als ein Merkmal eines nicht gewöhnlichen Frauencharakters anzuerkennen. Er war im Gegenteil der Ansicht, ohne Ordnung im größten wie im kleinsten sei jene Schönheit nicht denkbar, welche in der Harmonie besteht, und harmonisch mußte nach seiner Meinung die Erscheinung einer Frau sein, den Charakter der Harmonie mußte sie ihrer ganzen Umgebung aufdrücken. Demzufolge ward er nicht eben angenehm berührt, als er beim Betreten des Zimmers, an dessen Schwelle die Indianerin ihn verlassen, sich unwillkürlich sagen mußte: »Da sieht's chaotisch aus.« In der Tat, das ganze Gemach war nur ein Wirrwarr von unzusammmgehörigen Dingen, ein buntes Allerlei von sorglos durcheinander gestreuten Gegenständen: Bücher und Kleidungsstücke, Albums und Blumenvasen, Gitarren und Reitgerten, ein namenloses Potpourri auf Tischen, Diwans, Sesseln; an der einen Wand die Kopie einer Tizianschen Venus, an der andern eine von Kranachs Christus unter den Kindern, auf dem Kamingesims die Marmorbüste Goethes und hart daneben die Gipsfigur irgend eines obskuren Gustav-Adolfvereinlers, unter dem Trumeau die Bilder von Byron und Georges Sand in Stahlstich und darüber herhängend ein gutkatholischer Rosenkranz. Um Ideenassoziationen ist es bekanntlich eine eigene Sache. Sie machen sich oft so sonderbar und willkürlich, daß die Psychologie vergeblich sich müht, ihrem Zusammenhang untereinander auf den Sprung zu kommen. So war es denn auch recht eigen, daß Ottmar beim Anblick des Boudoirs der Gräfin daran denken mußte, wie ihm vorhin, bevor er die Goldforelle verlassen, der Zufall gestattet hatte, einen Blick in das bescheidene Kämmerchen des Aivli zu werfen. Wie war da alles sauber und blank und jungfräulich keusch gewesen! Ihm war dabei das Wort eingefallen, welches der Anblick von Gretchens Kammer dem Mephisto abnötigt: Nicht jedes Mädchen hält so rein – Aber wenn ihm der Tempel einen widerwärtigen Eindruck machte, so verschwand derselbe vor dem überwältigenden Zauber, welchen die Schönheit der Göttin übte. Die Gräfin trat durch die offenstehende Glastüre herein, welche auf eine Terrasse am Fluß draußen führte. Mit einer gewissen Hoheit und doch zugleich mit unbefangener, zwangloser Heiterkeit begrüßte sie ihren Gast. Er stand geblendet vor ihr, und wenn er sich später dieses Augenblickes erinnerte, wähnte er empfunden zu haben, daß Waldau dieses Weib gemeint haben mußte, als er die Züge seiner Rahab entwarf: Nie zogen die Brauen noch zarter geschwungene Bogen, Nie trugen sie kühner ein stolzeres Stirnengewölbe, Und würdig so herrlicher Brücke bewies sich der Strom auch, Der mächtig und klar wie Kristall durch die Bogen geschossen. Nicht milde bezaubert sie zwar, nicht fesselt sie lieblich Mit dem Frühlingsschmelz und dem Flaum jungfräulicher Anmut; Doch, seit ihr die ersten, die zartesten Blüten verwelkten, Erschlossen noch reichere Pracht glühfunkelnde Kelche. Hinreißend und sinneverwirrend, ein leuchtend Gebilde Schwungkräftigster Schönheit, wonnigster Weibesentfaltung, Entzündet das selige Bild heißlodernd Begehren. Eva bemerkte unschwer die mächtige Wirkung, welche ihre Erscheinung auf den jungen Mann machte, und sie hätte müssen kein Weib sein, wenn das Wohlgefallen, welches sie darob empfand, ihr Lächeln nicht noch strahlender gemacht. Gerade dieses Lächeln aber ließ bei unserem Freund, der doch sonst kein Mensch aus Marzipan war, nicht so rasch, wie er gewünscht hätte, die rechte Fassung aufkommen, und er verwünschte später seine Albernheit, daß ihm kein anderes Wort eingefallen, als nach gemachter Verbeugung zu sagen: »Gnädige Frau, Sie haben einen wunderlichen Pagen.« »Einen Pagen! Wen meinen Sie?« »Nun, das Indianermädchen, welches mich herführte.« »Estrella?« »So heißt sie, wenn ich recht gehört habe.« »Erlauben Sie, Herr Doktor, einen kleinen Irrtum zu berichtigen. Estrella ist nicht mein Page, sie ist die Maitresse meines Mannes.« Das wurde so kühl, so dezidiert, so unbefangen gesagt, daß Ottmar unmöglich sich überreden konnte, er habe falsch gehört, und doch hätte er das gerne getan. Die Franzosen haben in ihrer Sprache ein Wort, stupéfait , für welches unsere deutsche keinen ganz entsprechenden Ausdruck aufweisen kann. Dies Wort ließ sich jetzt auf Ottmar anwenden. Recht eigentlich stupéfait , schaute er drein. Daß eine Frau so etwas und mit solcher Gleichmütigkeit sagen könnte, das hätte er sich nicht träumen lassen. Er wußte in Wahrheit nicht, was er dazu sagen sollte, denn, um einen trivialen Ausdruck zu gebrauchen, der Verstand stand ihm still. Die Gräfin ergötzte sich eine Weile an seiner naiven Verwunderung. Dann winkte sie ihm nach der Glastüre und sagte: »Kommen Sie, wir wollen auf die Terrasse hinausgehen. Da draußen ist Luft und Sonnenschein. Ich bleibe nur in den Zimmern, wenn ich gerade muß.« Er folgte ihr mechanisch, war aber der Ortsveränderung froh, denn der frische, vom Fluß heraufkommende Luftzug wehte ihm die Beklemmung von der Brust weg. Es war da draußen ein heimeliges, lauschiges Plätzchen, welches durch rechts und links an seinen Enden vorspringende Mauerpfeiler zu einem zum Fürsichsein geeigneten Ort abgeschlossen wurde. Zwei Kastanienbäume zu beiden Seiten boten Schatten, ohne Licht und Luft abzuhalten. Von der Flußböschung nach vorn führten ein Dutzend Stufen zu dem Wasser hinab, und unten an der Treppe war ein Pfahl eingerammt, an welchem ein kleiner, zierlich bemalter Kahn angebunden war. Unter den Bäumen standen gußeiserne Gartensofas und Stühle; auch ein rundes Tischchen von demselben Material war da, und darauf lagen mehrere jener zierlichen Goldschnittbändchen, in welchen die Lyrik der Gegenwart ihre Gefühlchen und Gedänkelchen den Frauen in die Hände schmeichelt. Weiter stand ein schöner Tubus auf dem Tische, nach den Bergen hinübergerichtet. Endlich bemerkte Ottmar noch einen Gegenstand, aus welchem er nicht recht klug werden konnte. Es war eine Art Signalstange, auf die Böschung des Wassers gepflanzt und oben mit einer Rolle versehen, durch welche ein Seil lief. Die Aussicht von der Terrasse war anziehend. Man konnte den Lauf der Forg eine gute Strecke flußaufwärts verfolgen, gerade gegenüber öffnete sich die breite Avenue, welche von dem Schlosse der Moosbrunn zu dem Wasser herablief. Von dem Schlosse selbst war nur der Mittelflügel sichtbar über dessen breiter Freitreppe ein großer Balkon vorsprang. »Sie haben mich vorhin merkwürdig erstaunt angesehen, Herr Doktor,« nahm die Gräfin das Wort, nachdem sie unserem Freund einen Platz an ihrer Seite auf einer der Bänke unter den Bäumen angewiesen hatte. »Lassen Sie sich sagen, daß ich Ihr Erstaunen nicht recht begreife. Es handelte sich dabei nur um eine einfache Berichtigung Ihrer Meinung betreffs der Stellung Estrellas.« »Gnädige Frau,« erwiderte Ottmar, seine Verwirrung bemeisternd, »ich bedaure, Sie durch meine einfältige Äußerung zu einer Berichtigung veranlaßt zu haben, die Ihnen schmerzlich sein mußte.« »Schmerzlich? Wieso denn? Wenn einem die Tatsache gleichgültig ist, wie sollte dann das Aussprechen derselben einem schwer fallen? Ich nenne es im Gegenteil einen günstigen Zufall, daß Sie sozusagen an der Schwelle von Bernwartshall einen klaren Einblick in meine Stellung zu Hippolyt erhielten. Das erspart mir viele weitläufige Auseinandersetzungen.« Unser Freund wußte wieder nicht, was er sagen sollte. Wenn er einen Blick auf das schöne Wesen an seiner Seite warf und den seelenvollen Klang dieser sonoren Stimme vernahm, konnte er doch wohl nicht annehmen, daß in diesem Prachtstück der Natur keine Seele wohne. Und doch, durfte eine Frau so sprechen? Konnte sie gegenüber einem Manne, welcher ihr eigentlich doch wildfremd war, in dieser Art von zartesten Dingen reden, ohne aller Weiblichkeit Hohn zu sprechen? War das eine bei der Blasiertheit angekommene Verderbtheit oder aber ungeschminkte Natur, welche den Mangel an Zartgefühl durch Wahrhaftigkeit ersetzte? Er wußte sich in der Geschwindigkeit diese Fragen nicht zu beantworten, um so weniger, da ihm Eva allen Skrupeln zum Trotz das lebhafteste Interesse einflößte. Um sich der Klemme zu entziehen, versuchte er ein Mittel, welches eben nicht sehr geschickt gewählt war. Er öffnete nämlich eins der vor ihm auf dem Tisch liegenden Büchelchen und sagte aufs Geratewohl: »Sie scheinen, gnädige Frau, die Entwickelung unserer Modepoesie mit Aufmerksamkeit zu verfolgen.« »Ich? Ach, gehen Sie! Die beiden Minnesänger, die bei meinem Schwager da drüben zu Gaste sind, haben mir diese Eingebungen ihrer Musen beschert. Es sind schale Dinger.« »Wer? Die Gedichte oder die Dichter?« »Wie Sie wollen.« »Ist das nicht undankbar gesprochen von so ergebenen Anbetern?« »Anbeter? Das ist ein dummes Wort, entschuldigen Sie. Aber was wissen Sie denn von meinen Anbetern?« »Ich bitte sehr um Verzeihung. Aber Sie selbst, gnädige Frau, bezeichneten mir Don Rodrigo und Herrn Walter von dem Schmelz als Ihre Ritter. Ich hätte also Ritter sagen sollen statt Anbeter.« »Das kommt auf das gleiche heraus. Aber ich vermute, der gute dicke Wate, der mir die Ehre antut, Liebesblicke nach mir zu schießen, so massiv, wie er selber ist, hat Ihnen allerlei Schnurren von mir erzählt. Ist's nicht so? Lügen Sie nicht! Es kleidet Ihr Gesicht nicht gut. – Aber sagen Sie, wollen Sie etwa auch in die Brigade meiner Anbeter treten? Sie treffen da eine ziemlich gemischte Gesellschaft. Aber eifersüchtig dürfen Sie nicht sein; sonst könnte es tragische Geschichten absetzen, denn Sie finden in der besagten Brigade auch Ihren leiblichen Bruder.« »Den frommen Jeremias? Das hat mir Wate erzählt. Es ist schnakisch.« »Warum? Trauen Sie mir denn nicht die Fähigkeit zu, auch einem frommen Mann den Kopf zu verdrehen?« »Die Fähigkeit, der ganzen Welt Kopf und Herz zu entzünden, gnädige Frau. Aber ich gebrauchte den Ausdruck schnakisch deshalb, weil es mir ungeheuer wunderlich vorkommt, erfahren zu müssen, daß Jeremias eine andere Person lieben könne als seine eigene.« »Sie sind boshaft.« »Bitte recht sehr, nur wahr.« »Wahr! Das ist viel gesagt. Kann ein Mann das sein?« »Warum nicht? Unter Umständen –« »Gut, daß Sie einen Vorbehalt machen. Aber setzen wir den Fall, ich bedürfe eines Freundes, eines wahren Freundes – könnten Sie mir ein solcher sein?« Ottmar hatte sich, wie der vorstehende Dialog zeigt, zu seiner eigenen Verwunderung ziemlich rasch in den leichten, fast kordialen Ton hineingefunden, den die Gräfin angeschlagen. Bei Stellung ihrer letzten Frage jedoch hatte sie ihn geändert, plötzlich und doch mit einem so sicheren Übergang, daß dieser nicht im geringsten affektiert erschien. Ottmar fühlte die Seele des wunderbaren Weibes in der Frage nach einem Freunde, einem wahren Freunde. Sie lag auch in den unbeschreiblich tiefen Augen Evas, welche jetzt voll und fragend auf dem jungen Manne ruhten. »Wollen Sie mein Freund sein?« wiederholte sie mit innigstem Herzenston und hielt ihm die geöffnete Hand hin. Er legte die seinge darein und fühlte mit Entzücken den Gegendruck dieser kleinen, weichen, vom regsten Lebensfeuer durchpulsten Hand. »Ich will Ihr Freund sein, Gräfin,« sagte er bewegt. »So ist es recht,« versetzte sie. »Ich wußte, als ich Sie damals im Theater zuerst sah, daß Sie der Freund einer Frau sein können. Glauben Sie mir, das ist eine sehr seltene Gabe.« »Ja, eine sehr seltene!« bekräftigte Ottmar, und er seufzte heimlich, der arme Junge. »Sie sollen,« fuhr Eva fort, »seinerzeit erfahren, warum ich eines Freundes bedarf. Für jetzt mögen Sie wissen, daß ich mit Hippolyt nur noch durch die Bande der Konvenienz und, wenn Sie wollen, des gegenseitigen Vorteils zusammengehalten werde. Hätte ich das Glück gehabt, Mutter zu werden, so wäre vielleicht das und vieles andere anders gekommen. Aber genug davon. Nehmen wir das Leben leicht, es ist an sich schwer genug. Hier in Bernwartshall handhaben wir die Last, so gut es gehen will. Warum ist sie nicht ein Federball, den man einander scherzend und lachend zuwirft? Sie ist es nicht, aber darum braucht man wenigstens nicht zeremoniell mit ihr umzuspringen. In Bernwartshall gibt es keine Etikette, keinen Zwang, und wir alle singen, jeder nach der ihm gerade passenden Tonart, mit Mozarts Helden: Hier gilt kein Stand, kein Name – Es lebe die Freiheit hoch!« Sie sang das wirklich allerliebst und hing daran einen jener grotesken Jodler, wie sie der Schwarzwälder Volksgesang liebt. »Macht denn diese Frau alles zur Posse?« fragte sich Ottmar. »Ist sie eine Heldin oder eine Komödiantin? Ein Engel oder ein Dämon?« Er fühlte sich durch Evas Gegenwart seltsam bewegt, abgestoßen und doch wieder gefesselt wie von unwiderstehlicher Magie. Wates humoristische Prophezeiung fiel ihm ein, auch Baldungs ernst warnendes Wort. »Allein was sollte da zu befürchten sein, bei einer so außerordentlichen Offenheit? Das ist keine Koketterie,« dachte unser Freund, »das ist ein Phänomen, eine originale Natur statt der verdammten Abklatsche aus den Modejournalen, wie sie in unseren Städten herumlaufen. Ich denke, man kann sich sorglos daran erfreuen, wie man sich an der Farbenpracht und dem exotischen Duft einer Tropenblume erfreut.« »Ich sehe,« unterbrach Eva sein Schweigen, »Sie philosophieren wie ein echter Deutscher und Sie philosophieren über mich. Nun, was denken Sie von mir?« »Daß Sie das wundersamste Wesen seien, welches mir je begegnet ist.« Sie sah ihn durchdringend an und entgegnete in jenem kühlen Ton, der ihr gewöhnlicher war: »Wundersam ist, soweit ich Ihre Muttersprache kenne, nahe verwandt mit wunderlich und dieses mit absonderlich. Es liegt also keine Schmeichelei darin und so kann ich's gelten lassen. Schmeicheln Sie mir nie, hören Sie; ich dulde das nur von meinen Anbetern, nicht von einem Freunde. – Verstehen Sie spanisch?« fragte sie aufstehend. »Nein.« »O, das ist schade! Sie können nicht ermessen, welcher Zauber für mich in den Glockenklängen der Sprache meines Heimatlandes liegt. Hör' ich diese Klänge, meine ich fortgetragen zu werden aus diesem Lande des Nebels und Frostes in das ›sonnige Land des Weins und der Gesänge‹. Ich liebe Goethe, liebe ihn sehr. Nicht wegen der tiefsinnigen Sachen, die er gedichtet, die ihr bewundert und die ich nicht verstehe, sondern darum, weil er seiner Mignon jenes Lied vom schönen Süden auf die Lippen gelegt hat, jenen süßesten Sehnsuchtslaut, den ich je vernommen. O, ich will nicht sterben, nein, ohne jene glücklichen Lande gesehen zu haben, ›wo die Myrte still und hoch der Lorbeer steht‹. – Doch sehen Sie, da kommen unsere Gäste.« So sprechend deutete sie auf den Fluß, von dessen jenseitigem Ufer ein Nachen abstieß, der mit wenigen Ruderschlägen so nahe kam, daß Ottmar den Freiherrn Adalbert und die beiden berühmten Dichter erkennen konnte. »Wie kommt denn Ihr Herr Schwager zu diesen beiden Berühmtheiten, Frau Gräfin?« fragte Ottmar. »Er hat sie in der Residenz aufgegabelt, wo sie gerade poetische Gastrollen gaben. Sie wissen, Sänger und Lieder vom Kreuz sind dermalen bei unserer vornehmen Welt sehr in Mode und Gunst, und da mein Schwager sich einbildet, ein Schöngeist zu sein, so fühlte er sich sehr geschmeichelt, als die beiden großen Männer seiner Einladung entsprachen. Übrigens sind es zwei gute Tierchen, nur muß man sich hüten, ihrer eminenten Eitelkeit wehzutun, wenn man sie bei guter Laune erhalten will.« Das Boot landete an der Böschungstreppe, und zugleich kam ein Diener mit der Meldung aus dem Schlosse, daß serviert sei. Die Gräfin gab unserem Freunde den Arm und forderte die Herren auf, ihr zu folgen. Wie Ottmar mit seiner Dame über die Terrasse schritt, richtete der hinter ihnen gehende Freiherr in einem, wie es Ottmar vorkam, etwas gereizten Ton einige Worte in einer fremden Sprache, welche dem Klange nach die spanische war, an die Gräfin. Sie wandte den Kopf zurück, und ihr Führer glaubte ein zorniges Aufleuchten in ihrem Auge wahrzunehmen, als sie ihrem Schwager in derselben Sprache eine kurze Antwort gab. »Sollte der Mann eine Anwandlung von Eifersucht verspüren?« dachte der Jurist. »Das könnte wohl sein, denn er musterte mich vorhin mit nicht sehr freundlichen Blicken.« Im Speisesaal trafen die Ankömmlinge Wate und den Pfarrer von Moosbrunn, und als kurz darauf auch der Graf eingetreten war und seine Gäste flüchtig begrüßt hatte, ging man zu Tische, an welchem die Gräfin mit zwangloser Anmut den Vorsitz führte. Ottmar, welcher neben Wate zu sitzen gekommen, verwunderte sich über die luxuriöse Ausstattung der Tafel und des ganzen Gemaches. Es war da nirgends etwas von jener Klemme zu bemerken, in welcher Baldungs Äußerungen zufolge der Besitzer von Bernwartshall stecken sollte. Die aufwartende Dienerschaft, das Geschirr, die Mannigfaltigkeit der Speisen, die Feinheit der Weine, das alles entsprach vollständig dem Stil und Brauch eines alten und reichen Hauses. Das Gespräch drehte sich zuerst um die Wette, welche die Gräfin gestern richtig gewonnen hatte, und wandte sich dann auf die unvermeidliche Frage des Tages, auf die orientalische, welche damals gerade durch das Einfahren der westmächtlichen Flotten in die Dardanellen in eine neue Phase getreten war. »Wir werden also,« sagte Herr Walter von. dem Schmelz, »zu den vielen Ungeheuerlichkeiten unserer Zeit noch eine neue hinzukommen sehen. Die Banner Englands und Frankreichs, welche einst glorreich auf den Zinnen von Jerusalem wehten, werden zur Seite des Halbmondes gegen das Kreuz ins Feld getragen werden.« »O, mein Bester,« versetzte der Freiherr, »machen Sie sich darüber keine Sorgen. Rußland ist stark genug, den Türken mitsamt ihren Alliierten die Spitze zu bieten. Wir werden es, sage ich Ihnen, erleben, daß den Krämern Von der Themse und den Sansculotten von der Seine zum Trotz das russische Kreuz auf der Sophienkirche aufgepflanzt wird.« »Das dürfte doch wohl nicht so rasch gehen, Herr Baron,« meinte Wate. »Sie vergessen, daß Friedrich der Große gesagt hat, wenn die Russen erst in Konstantinopel, so würden sie binnen kurzem auch in Königsberg sein. Ich verlasse mich in dieser wie in allen Fragen der höheren Politik auf die tiefe Weisheit des Berliner Kabinetts. Nicht wahr, Don Rodrigo, das ist das Gescheiteste, was man tun kann?« »Ich würde Ihnen von Herzen beipflichten,« erwiderte der berühmte Dichter, »wenn ich nicht wüßte, daß Ihre Worte mephistophelisch gemeint sind. Ich meines Teils vertraue allerdings unbedingt auf Preußen und seine erhabene Bestimmung. Es wird, wenn die rechte Zeit gekommen, sein Heldenschwert ziehen, und dieses wird auch in dieser Frage ein Schwert der Gerechtigkeit sein.« »Ohne Zweifel, ganz ohne Zweifel, edler Freund;« sagte Wate; »ich bin vollständig Ihrer Meinung.« »Nein, erlauben Sie,« entgegnete der gereizte Poet, »das sind Sie nicht.« »Was denn, wenn ich bitten darf?« »Sie sind der Geist, der stets verneint, der Pessimist par excellence.« »Sehr verbunden,« lachte Wate im Bart. »So wäre ich also glücklich unter die Schablone gebracht. Aber da es sich hier, mit dem russischen Kabinett zu sprechen, um eine rein religiöse Frage handelt, so dürfte es zweckmäßig sein, auch die Ansicht unseres theologischen Freundes zu hören. Was sagen denn Sie, Herr Pfarrer, zu der russisch-türkischen Geschichte?« Wate war boshaft in diesem Augenblick, denn er bemerkte, daß Jeremias mit seinen Augen und Gedanken ganz wo anders, das heißt, völlig in das Anschauen der Gräfin versunken war. Als daher die Frage an sein Ohr schlug, entgegnete er ziemlich verwirrt: »Ich halte es nicht für meines Amtes, mich mit weltlichen Dingen zu befassen.« Ottmar, welcher die Richtung der Blicke seines Bruders bemerkt hatte, errötete für ihn. »Es fehlt unserer Zeit,« fuhr Jeremias fort, »wie überhaupt, so auch in dieser Sache die rechte Einkehr in sich selbst.« »Im Gegenteil, Herr Pfarrer,« warf Wate ein. »Die rechte Auskehr, eine tüchtige Auskehr fehlt ihr.« »Sie meinen wohl eine radikale?« erwiderte der Pfarrer geringschätzig. »Über diese Tollheit sind wir, Gott sei Dank, längst hinweg. Wenn Ihnen aber das Wort Einkehr nicht gefällt, so will ich das Wort Umkehr substituieren. Nur die Umkehr zu dem schlichten, innigen Glauben unserer Väter kann uns, kann Europa vor einer entsetzlichen Zukunft bewahren.« Der Pfarrer sagte das nicht ohne Würde, und sein salbungsvoller Ton wirkte sympathisch auf den frommen Walter von dem Schmelz. »Sie haben ein treffend Wort gesprochen, Herr Pfarrer,« sagte der junge Mann begeistert. »Die Umkehr, das ist's, was uns nottut. Die edelsten Geister deutscher Nation arbeiten dermalen an diesem großen Werk, und es ist mein höchster Stolz, sagen zu können, daß der Herr auch meine geringen Bemühungen in dieser Richtung schon vielfältigst gesegnet hat. Aber ihr Protestanten verschließt eure Augen leider noch allzusehr der Wahrheit, daß nur das Panier Petri uns voranwehen kann auf unserem Kreuzzug für die Umkehr zum gelobten Lande. Ich meine das figürlich und auch geographisch sozusagen. Erlauben Sie mir, meine Freunde, mich darüber näher zu erklären. Im figürlichen Sinne verstehe ich die Umkehr so. Wir müssen, nachdem es durch die rettenden Taten unserer Tage bereits faktisch geschehen, auch theoretisch oder intellektuell mit den unglückseligen Ideen der Revolution brechen. Wir müssen umkehren nach dem Montsalvatsch mittelalterlichen Glaubens und mittelalterlicher Treue, um dort auf dem geweihten Berge in vollen Zügen zu trinken aus dem heiligen Gral vorzeitlicher Gottinnigkeit, damit unser ganzes Wesen wiederum durchglüht und durchleuchtet werde von echter Gottesminne, echter Frauenminne, echter Ritterlichkeit und Poesie. Dann wird auch die orientalische Frage – und hier komme ich auf die geographische Seite meiner Ansicht – im rechten Sinne gelöst werden. Zum Unheil der Menschheit hat die Weltgeschichte eine westliche Richtung genommen. Wir müssen sie nach Osten zurücklenken. Ostwärts liegt unser Heil. O, daß wir alle das begriffen! Daß wir schon jetzt das Mysterium faßten, in welches mir ein prophetischer Blick vergönnt ist! Ich sehe, und zwar in nicht zu ferner Zeit, alle Völker der Christenheit, Deutsche, Briten, Franzosen, Spanier, Italiener, Dänen und Schweden, vereint mit Rußlands frommen Söhnen unter der Oriflamme des Kreuzes sich scharen, sehe sie hinabwallen an den Bosporus, die ungläubigen Türkenhunde ins Meer werfen, sehe sie hinüberziehen nach Kleinasien, wie es in den Tagen Barbarossas und des löwenherzigen Richard geschah, sehe sie den Boden des gelobten Landes reinigen von den entweihenden Fußstapfen der Heiden und dann anbetend niederknien auf Golgatha im heiligen Siegesjubel.« Die Stimme Herrn Walters schien zu zerschmelzen in Rührung, aber er raffte sie noch zusammen und deklamierte mit Inbrunst: »Zum Kampf, ihr Christen, Gottes Scharen Ziehn mit in das gelobte Land; Bald wird der Heiden Grimm erfahren Des Christengottes Schreckenshand, Wir waschen bald im frohen Mute Das heil'ge Grab mit Heidenblute.« Der Freiherr blickte ziemlich gelangweilt, Don Rodrigo aber drückte seinem Bruder in Apollo gerührt die Hand. »Herrgott, das ist 'ne Brühe!« sagte Wate, indem er auf seinem Teller die Crême umrührte, als meine er diese. Die Gräfin lachte unverhohlen. »Ich vermag dem kühnen Flug Ihrer Phantasie nicht zu folgen, Herr Walter,« bemerkte der Pfarrer nicht ohne Spott. »Indessen haben wir meines Erachtens noch genug zu tun, das heidnische Unkraut im eigenen Lande auszureuten, und daher möchte ich wünschen, daß namentlich die Herren von der Literatur dem großen Unternehmen der inneren Mission eine ernstere Aufmerksamkeit widmeten, als bisher geschehen. Bevor die Umkehr des Protestantismus bis zu einem gewissen Ziel gediehen ist, kann von einem gedeihlichen Kompromiß zwischen den Konfessionen wohl keine Rede sein.« »Ich weiß die Arbeit der inneren Mission wohl zu schätzen, Herr Pfarrer,« entgegnete Herr Walter. »Aber ich tadle es an den Leitern des Unternehmens, daß sie nicht freisam mit der Sprache herausgehen. Warum überhaupt nicht das Bekenntnis ablegen, daß aller Protestantismus vom Übel? Es führt nur ein Weg zum Heil.« »Sie vergessen, mein lieber Herr,« sagte Wate im Ton eines gravitätischen Dozenten, »daß diverse, ja, alle Wege nach Rom führen.« »Bitte, ihr Herren,« nahm die Gräfin das Wort, »um's Himmels willen keine theologische Kontroverse! Das ist herzlich langweilig,« »Da haben Sie sehr recht, Frau Schwester,« pflichtete der Freiherr bei, ein Gähnen verbergend. »Wir sind ganz von unserem Gesprächsgegenstand abgekommen,« fuhr Eva fort. »Und doch hätte es mich interessiert, zu erfahren, welchen Standpunkt gegenüber der Tagesfrage unser neuer Freund Horst einnimmt.« »Ich, gnädige Frau? Die Wahrheit zu gestehen, gebe ich mir seit einiger Zeit Mühe, mir die Politik vom Leibe zu halten. Wenn Sie mir aber in dieser Sache einen Standpunkt zumuten, so sage ich, daß ich nicht einsehe, wie ein Deutscher einen anderen haben kann als den deutschen.« »Bravo!« rief Don Rodrigo, der im Grunde ein guter deutscher Junge war, soweit sein Deutschtum ihm nichts kostete, sondern im Gegenteil allerhöchste Pensionen einbrachte. »Welche Stellung wird Deutschland in dieser Angelegenheit nehmen? Das muß für uns die Hauptfrage sein.« »Bah, Deutschland!« sagte der Freiherr nachlässig. »Geht mir doch mit diesem geographischen Begriff!« »Entschuldigen Sie, verehrter Freund und Gönner,« entgegnete Don Rodrigo, dem der genossene Wein, da er sonst nur Zuckerwasser und Tee zu trinken gewohnt war, warm zu machen begann. »Entschuldigen Sie, diese orientalische Frage scheint mir nur die Einleitung zur Lösung der deutschen. Die muß gelöst werden, wenn Europa zur Ruhe und zu neuem Gedeihen kommen soll. Nein, ich lasse mir mein Vaterland nicht schelten. Kennen Sie den Spruch: Fleiß ziert Deutschland, Wenn es nährt, Treu ist Deutschland, Wo es wehrt, Groß ist Deutschland, Wenn es lehrt – Pflug und Schwert und Buch es ehrt.« »Ein recht hübscher Spruch, ohne Zweifel,« versetzte der Freiherr. »Aber alle hübschen Sprüche, die je gesprochen wurden, wiegen kein Lot in der Wagschale der Politik. Die deutsche Frage wird allerdings gelöst werden, das heißt, Rußland wird sie lösen, in seiner Weise. Dort allein ist Entschluß zu kräftiger Tat.« »Wie,« warf Don Rodrigo ein, »Sie könnten im Ernste glauben, daß deutsche Bildung der Barbarei unterliegen müßte?« »Ich leugne,« erwiderte der Freiherr, »daß Rußland barbarisch sei. Das ist nur liberalistischer Schnickschnack. Aber gesetzt auch, unsere liberalen Schwätzer hätten recht, so wäre daran zu erinnern, daß auch das hochgebildete Griechenland und das überbildete Rom Barbaren erlagen.« »Diese Erinnerung scheint mir nicht ohne Berechtigung zu sein,« bemerkte Ottmar. »Unser zerrissenes Vaterland hat nur allzu große Ähnlichkeit mit Hellas am Vorabend seines Falls.« »Nein und abermals nein!« sagte Don Rodrigo eifrig. »Unsere germanisch-christliche Bildung erhebt sich turmhoch über die griechische, die ich wie irgendeiner von Ihnen zu kennen mir schmeicheln darf. Wir sind, wie es auch mit uns stehen mag, wahre Riesen, verglichen mit den Hellenen. Nein, Deutschland kann nie und nimmer untergehen!« »Etwas von Deutschland,« versetzte Ottmar, ebenfalls warm werdend, »kann allerdings nie untergehen und wird leben, solange der Erdball zusammenhält: der deutsche Geist. Ihr meint,« fuhr er fort – »nun, wie heißen doch gleich die schönen Verse, die ich neulich wo gelesen, und welche das, was ich über die Zukunft Deutschlands denke, unendlich viel besser ausdrücken, als ich mit eigenen Worten es könnte? Ja, richtig: Ihr meint, wir Deutschen seien starke Riesen Und jene Griechenstämme waren Zwerge – Kein Zwerg war Rom und hat sich schwach erwiesen, Als ihm die Stürme neuer Weltgestaltung Den Schicksalsspruch ins fahle Antlitz bliesen! Wir aber gleichen mehr an Artentfaltung Homers so viel zerstückeltem Geschlechte Und teilen seine Bürgschaft für Erhaltung: Nur was wir schufen, gibt uns Lebensrechte. Wir sind kein Volk an unsern eignen Herden, Wir sind der Kitt im ganzen Weltgeflechte! Es scheint, als sollten nimmermehr auf Erden Die Rassen, die für alle andern denken, Zu körperlich begrenzten Massen werden. Noch zehrt die Welt an Hellas' Gastgeschenken, Und wir – o, was der deutsche Geist geschaffen, Wird nach Jahrtausenden noch Völker lenken – Wate streifte den Freund mit einem spöttischen Blick, welcher sagte: »Mußtest du dein Faible für Zitate wieder einmal aller Welt zeigen?« Dann bemerkte der Grimme: »Die Verse gehen an, denn sie enthalten doch wenigstens auch einen Gedanken, nicht bloß Reime wie unsere heutige Bimbambum-Lyrik.« Don Rodrigo und Herr Walter schossen einen gemeinschaftlichen Basiliskenblick auf Wate, welcher aber tat, als bemerkte er denselben nicht, und fortfuhr: »Trotz alledem aber, lieber Freund, gibt dein Zitat nur einen leidigen Trost. Mir wenigstens, der ich es auch in der Politik wie in allem mit dem Reellen und Kompakten halte, ist es nicht sehr tröstlich, zu wissen, daß Deutschland nicht leibhaft, sondern nur geistweis, wie wir Schwarzwälder zu sagen pflegen, durch die Geschichte der Zukunft gehen soll. – Im übrigen, ist es nicht spaßhaft, gnädige Frau, zu sehen, was hier für sonderbare Kategorien von Menschen an Ihrem gastlichen Tische zusammensitzen? Da ist ein Verehrer des Zarismus, der edle Freiherr, da ein frommer protestantischer Christ und innerer Missiönler, der wohlehrwürdige Herr Pfarrer, da ein preußisch-christlicher Germane, Don Rodrigo, da ein mittelalterlicher Vollblut-Minnesänger und Kreuzfahrer in spe , Herr Walter von dem Schmelz, da ein resignierter Patriot, Herr Ottmar Horst, endlich ich, ein Pessimist, das heißt ein Mann, welcher glaubt, die ungeheure dumme Majorität werde in alle Ewigkeit von der klugen Minorität ausgebeutet werden. Es fehlt uns jetzt nur noch eine Kategorie, die der Europamüden, und diese wird, vermute ich, repräsentiert von unserem verehrten Wirt, der heute merkwürdig wortkarg ist.« In der Tat war der Graf die ganze Zeit über sehr zerstreut gewesen und hatte an dem Gespräche keinen Anteil genommen. Jetzt sagte er: »Ich bin allerdings europamüde in dem Sinne, als mich die europäische Politik, der Zank um des Kaisers Bart, herzlich ennuyiert. In Amerika liegt meines Erachtens der Schwerpunkt der Zukunft, falls die Amerikaner sich enthalten können, der alten Welt ihre Dummheiten abzulernen. Was die orientalische Geschichte angeht, so glaube ich, daß der ganze Lärm von seiten Englands eine kommerzielle, von seiten Frankreichs eine dynastische Spekulation ist. Voilà tout !« »Sie vergessen eins, Herr Graf,« entgegnete Wate, »Sie vergessen Österreich. Diese Macht ist ohne Zweifel Herr der Situation, in viel höherem Grade als Frankreich und England. Wie Österreich die türkisch-russische Frage faßt und durchführt, davon hängt, glaube ich, ein gut Stück deutscher Zukunft ab, ja vielleicht die ganze.« »Nun wohl, so lassen wir sie einstweilen hängen, die halbe oder die ganze,« bemerkte die Gräfin, ihren Stuhl zurückschiebend. »Diese Diskussion fängt an mir Kopfweh zu machen, und hoffentlich kommen die Herren auf anziehendere Gegenstände, wenn sie drunten auf der Terrasse den Kaffee nehmen.« 3. »Ich weiß, wo einsam einer ruht.« »Kennen Sie diesen Platz?« fragte die Gräfin, mitten im grünsten Dickicht des Forgforstes stillstehend und sich zu ihrem Begleiter zurückwendend, welcher kein anderer war als unser Freund Ottmar. Es waren einige Wochen vergangen, seit jenes Diner in Bernwartshall stattgefunden, für den jungen Mann Wochen voll Sorge, Aufregung, schwankender Stimmung. Täglich sah er die Gräfin, ja er verbrachte den größeren Teil des Tages in ihrer Gesellschaft und meistens noch dazu unter vier Augen. Der Graf mochte wirklich, wie er gesagt, mit der Prozeßangelegenheit nichts zu tun haben und hatte seinen Sachwalter ein- für allemal an seine Gemahlin verwiesen. Eva kannte allerdings alle die Schlangenwindungen, welche diese Rechtssache schon durchgemacht hatte, aufs genaueste, und Ottmar verwunderte sich über die Kühlheit der Auffassung, über die logische Schärfe und die sprachliche Gewandtheit, womit die schöne Frau ihm die juristische Verwickelung bis ins Speziellste hinein auseinanderlegte. Sie hatte so ziemlich sämtliche Akten, deren Stöße, nebenbei gesagt, ein halbes Zimmer füllten, chronologisch geordnet, und so hatte Ottmar mit den Vorarbeiten zu seinem Geschäfte nicht viel zu tun. Daß ihm seine Beschäftigung in solcher Gesellschaft angenehm war, versteht sich wohl von selbst. War der junge Mann doch ein Bekenner der Religion der Schönheit. Manchmal freilich verhehlte er sich die Gefahr dieses Umgangs nicht, denn es kam oft genug vor, daß er nur mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft sein pochendes Herz beschwichtigen, seine trunkenen Sinne beruhigen konnte. Eva ihrerseits schien diese Kämpfe nicht zu bemerken. Ihr Benehmen dem jungen Manne gegenüber blieb sich stets gleich. Es war voll freundlichen Vertrauens, aber durchaus nicht kokett. Ottmar war nicht eitel genug, sich zu überreden, daß in Evas Betragen gegen ihn irgend eine Lockung läge. Die Gräfin war stets offen in ihrer Sprache, manchmal kühn und originell, zuweilen bizarr. Im Sichhinwegsetzen über konventionelle Schranken war sie großartig, ohne doch je jene Grenzlinie zu überspringen, diesseits welcher das Reich der Gemeinheit beginnt. Oft wollte es unserem Freunde scheinen, diese mit den seltensten Vorzügen des Geistes und Körpers ausgestattete Frau verachte, wie die Menschen, so auch das Leben; dann wieder, es pulsiere in ihr ein vulkanisch heißes Lechzen nach den Berauschungen, welche das Leben bietet. Er gestand sich, daß es ihm noch keineswegs gelungen, auf den Grund dieser Frauenseele zu blicken. Er ahnte nur, daß dort verschleiert etwas ruhe, eine Fülle von Liebe oder von – Haß. Mit der Gewissenhaftigkeit eines Deutschen hatte sich Ottmar schon wiederholt die Frage gestellt: Könnte ich diese Frau lieben lernen, oder liebe ich sie etwa bereits? Aber er konnte bei aufrichtigster Selbsterforschung nicht mit sich ins klare kommen. Zuweilen schlug eine Flamme der Leidenschaft in ihm auf, deren Glut und Macht ihn erschreckte, aber dann ward ihm auch wieder das Herz so kühl in der Brust, daß er seiner Besorgnis spottete. Dies Beunruhigende und Quälende rasch wechselnder Empfindungen suchte er loszuwerden durch Arbeitseifer, welcher ja stets eine beruhigende Wirkung übt, und da er kein Mensch von jähheftigen Leidenschaften war, so hätte das Mittel wohl angeschlagen, hätten ihn nur nicht gerade seine Arbeiten in sozusagen unausgesetzter Beziehung zu der Gräfin erhalten. Sein Verhältnis zu dem Grafen blieb ein loses, einsilbiges. Hippolyt schien sich in einer strikten Unumgänglichkeit zu gefallen, nahm an den Gesellschaften, welche die Gräfin um sich versammelte, keinen Teil und kam fast den ganzen Tag nicht aus seinem Laboratorium heraus, wo er unablässig Experimenten oblag, bei welchen der Indianer und seine Tochter gewöhnlich die Assistenten machten. Dieses Sichabsondern des Hausherrn verlieh dem Aufenthalt in Bernwartshall etwas Unerquickliches, wenigstens für Ottmar, dessen bürgerliche Begriffe in dieses aristokratische Gebaren sich nicht recht zu finden vermochten. Die übrigen Gäste des Schlosses schienen freilich durch das Sichfernhalten des Hausherrn eher erleichtert als unangenehm berührt. Der Freiherr, die beiden Dichter, auch Wate und der Pfarrer von Moosbrunn fanden sich beinahe täglich ein, und in seinen »kühlen« Stunden bereitete es Ottmar großes Ergötzen, die verschiedene Art und Weise zu beobachten, wie diese Männer ihrer Göttin den Hof machten. Ergötzlich war es auch zu hören, wie der grimme Wate von der Anstrengung des Hofmachens sich nachher immer dadurch erholte, daß er sich selbst ironisierte und persiflierte. »Ich komme mir,« sagte er einmal bei einer solchen Gelegenheit zu Ottmar, »ich komme mir, Gott straf' mich, akkurat wie ein Elefant vor, der sich's in den Kopf gesetzt hat, in eine Gazelle verliebt zu sein, und nun recht elefantenhaft um den Gegenstand seiner Narrheit herumtrampelt. 's ist ein Elend!« In Stunden leidenschaftlicher Erregung strengte unser Freund mit eifersüchtiger Wachsamkeit sein Beobachtungstalent an, um herauszukriegen, in welchem Verhältnis eigentlich Eva zu ihren Anbetern stände. Daß sie mit den Bimbambummlern, wie der Grimme die beiden poetischen Berühmtheiten respektwidrig nannte, nur ihren oft bis zum höchsten Mutwillen sich steigernden Scherz trieb, war dem Beobachter bald klar geworden. Ebenso, daß sie den guten Wate ganz in der Manier behandelte, wie die Tochter der Komödie ihrem gutmütigen Polterer von Vater um den Bart geht. Die Huldigungen des frommen Jeremias schienen ihr geradezu widerwärtig zu sein, aber manchmal verriet sie eine koboldartige Freude, den gravitätischen Theologen mit scharfen Neckereien behelligen zu können, welche er mit einer Duldermiene aufnahm, die unsern Freund höchlich belustigt haben würde, hätte er dabei nicht jedesmal mit Bedauern seiner Schwägerin gedenken müssen. Aber die Stellung Evas zu dem Halbbruder ihres Mannes blieb ihm unklar. Manchmal schien es, als stehe der ziemlich unbedeutende Freiherr auf der nämlichen Stufe der Gunst, welche seine beiden poetischen Gäste einnahmen; dann aber kam es wieder vor, daß die Gräfin ihren Schwager mit achtungsvoller Rücksicht behandelte und in fast zärtlichem Tone zu ihm sprach. Offenkundige Zeichen eines vertraulicheren Verhältnisses zwischen den beiden nahm Ottmar allerdings nicht wahr, wohl aber glaubte er da und dort ein Symptom einer engeren Beziehung zu bemerken. Er glaubte gesehen zu haben, daß die Augen der Gräfin in einem unbewachten Moment mit unverkennbarem Interesse auf der schönen Gestalt des Freiherrn ruhten; er glaubte ein andermal beobachtet zu haben, daß zwischen der Dame und ihrem Schwager ein Blick gewechselt wurde, dessen Bedeutung über die verwandtschaftlicher Freundlichkeit hinausging, und daß endlich eines Tages Adalbert in der Zerstreuung oder was es sonst war, seine Schwägerin einfach mit ihrem Namen Eva angeredet, das hatte er deutlich gehört. Man ersieht aus diesen Beobachtungen, daß Ottmar, wenn er nicht verliebt war, doch auf gutem Wege, es zu werden, sich befand. Denn, um mit den Rokokopoeten des vorigen Jahrhunderts zu sprechen, sehr oft bildet ja das Labyrinth der Eifersucht den Vorhof von Kupidos Tempel. Im übrigen hatte sich sein eigenes Verhältnis zu den Besuchern von Bernwartshall ganz leidlich gestaltet. Der Freiherr, welcher bald gemerkt, daß unser Freund nicht der Mann war, welchem man durch hochfahrendes Wesen imponieren konnte, hatte mildere Saiten aufgezogen und die Einladung in sein Haus zuvorkommend gegen Ottmar erneuert. So hatte denn dieser schon mehrere heitere Abende in der munteren Junggesellenwirtschaft des freiherrlichen Schlosses verlebt und war auch von den beiden Poeten gern dort gesehen. Sie hielten ihn zwar seiner politischen und religiösen Ketzerei wegen für ein Ungeheuer, aber sie ließen sich trotzdem gerne den Schutz gefallen, welchen ihnen seine gutmütige Urbanität gegen die beißenden Sarkasmen des grimmen Wate bot, welche sie nur desto mehr fürchteten, je mehr sie sich die Miene gaben, dieselben zu verachten. Ungeachtet dieser freundlichen Beziehungen zu der vornehmen Welt des Forgtals fühlte sich doch Ottmar viel mehr als sonst überall im Bühl heimisch. Es war ihm immer ein Genuß, abends mit seinem wackeren Wirt seine Pfeife zu rauchen und den vielerfahrenen Mann über landwirtschaftliche und andere Verhältnisse reden zu machen. Da war er stets sicher, auf einen gesunden Verstand, ein unbeugsames Rechtsgefühl und auf eine feste sittliche Grundlage in allem und jedem zu stoßen. Baldung bezeigte ihm ein Wohlwollen, welches sich nicht in vielen Worten kundgab, aber deshalb ein nur um so redlicheres war. Zu dem Aivli stand er auf dem Fuß eines Bruders. Es war ihm, er wußte nicht wie, zum Bedürfnis geworden, mit dem »dundersnetten Meidli« zu schäkern und zu lachen. Schade nur, daß es Leute im Hause gab, welche meinten, 's Aivli lache und singe in neuester Zeit nicht mehr so unbefangen und so häufig wie früher. Zu den Leuten, welche dieses meinten, gehörten vorab der alte Brosi und Wate im Bart. Der Grimme machte auch dem Freunde gegenüber kein Hehl aus dieser seiner Meinung. »Hör' mal, lieber Junge,« hatte er erst gestern bei guter Gelegenheit gesagt, »ich bin kein Rigorist und Splitterrichter, das ist weltbekannt. Habe auch, Gott straf' mich! gar nichts dagegen, wenn du Gefallen daran finden solltest, den Lovelace zu spielen. Ist das Geschmackssache, und du weißt, de gustibus und so weiter. Aber tu mir den Gefallen, deine Romane, wenn du solche aufzuführen willens bist, außerhalb des Bühls spielen zu lassen. Mache dem Aivli keine Flausen vor.« »Flausen? Dem Aivli? Ich?« hatte Ottmar heftig erwidert. »Was zum Teufel! ficht dich an?« »Mich? Bah, möchte, Gott straf mich! das Ding sehen, welches mich noch ernstlich anföchte. Aber, siehst du, das Aivli könnt's anfechten, und das soll's nicht. 's kommt mir vor, das Kind sei seit einigen Tagen nicht mehr so burrlemunter wie früher, und maßen du ein Kerl bist, welcher, wie deine Erfolge im Schlosse zeigen, alle Weibsbilder am Bändel hat –« »Bist du eifersüchtig, Alterle?« unterbrach Ottmar den Freund lachend, und damit hatte das Gespräch ein Ende. Je vertrauter der junge Sachwalter mit der Streitsache geworden, deren Führung er übernommen hatte, um so klarer mußte es ihm werden, daß der Punkt, um welchen sich die Entscheidung drehe, das Auffinden oder Nichtauffinden der so rätselhaft verschwundenen Marksteine am Bärenbach sein müßte. Er hatte schon allein, er hatte im Verein mit dem Grafen und Milimach die beiden Ufer des kräftigen Baches nach den abhanden gekommenen Steinen auf und ab gesucht, aber ohne irgend einen Erfolg. Heute hatte die Gräfin erklärt, sie selber wolle noch einen Versuch machen, wenn Ottmar sie begleiten würde, und so waren die beiden bei guter Zeit nach Tische vom Schlosse weg und in den Bergwald hinaufgegangen. Ihr mehrstündiges Suchen war aber ebenfalls völlig resultatlos geblieben, und ermüdet und enttäuscht hatten sie endlich von ihrem Bemühen abgelassen. »Die Steine sind fort,« hatte Eva gesagt; »die Hoffnung, Herr Doktor, welche Sie darauf gesetzt, müssen Sie fahren lassen. – Aber wie es hier in der Schlucht dumpf und schwül ist! Kommen Sie, mein Freund, wir wollen uns einen schattigeren Heimweg suchen, als der Herweg gewesen.« Es war still, tiefstill in den Gründen des weiten Waldgebietes, welches sich gegen Norden zu in Kuppen über Kuppen auftürmte. Kein Rehruf, kein Amselschlag wurde laut in der grünen Wildnis, kaum daß da und dort fernab in der Öde der Schnabel eines Spechtes an die Stämme klopfte oder das Eichhorn einen kurzen Pfiff ausstieß, wenn es sich von einem der regungslosen Wipfel zum andern schwang. Am Westhimmel braute in schwarzdrohenden Wolkenmassen ein Gewitter und schob eine unheimliche Schwüle vor sich her, welche träg und schwer auf Berg und Wald und Tal lastete. Eva schritt ihrem Begleiter voran einen schmalen Fußpfad hinan, welcher an der rechten Wand des Bärenbachtälchens dem Forgforst zuführte. Sie schien mit den Wegen des Waldes genau vertraut zu sein, denn obgleich der Pfad bald unter üppigem Brombeergeranke verschwand, ging sie doch elastischen Trittes vorwärts, ohne sich weiter über die einzuschlagende Richtung zu besinnen. Der Wald verschlang sich immer öder, wilder und romantischer um die beiden her, sie waren offenbar in eine Gegend desselben gekommen, welche nur selten von Menschen betreten wurde. Endlich stand die Gräfin in einer kleinen muldenartigen Einsenkung still, wandte sich gegen Ottmar um und fragte: »Kennen Sie diesen Platz?« Es war ein recht einsamer Ort, wie weit, weit fernab von der Welt gelegen. Granitblöcke waren umhergewürfelt, über und über umsponnen von Rankengewächsen. Das braungrüne Moos schwoll hoch unter dem Tritt des Menschen, und die Stämme ungeheurer Tannen drängten sich auf allen Seiten dicht aneinander, als wollten sie den Zugang wehren. Ottmar sah sich die Stelle neugierig an, und eine vage Erinnerung dämmerte in ihm auf. »Ich glaube nie hier gewesen zu sein,« sagte er, »und doch ist mir fast, als müßte ich vor langen Jahren diesen Ort schon einmal gesehen haben.« »Wirklich?« versetzte Eva. »Da sieht man wieder, daß wir Frauen ein so viel treueres Gedächtnis haben als ihr Männer. Ich erinnere mich noch so deutlich, als ob es erst gestern geschehen, wie Sie dort durchs Gebüsch brachen, als mich an dieser Stelle eine kindische Todesbangigkeit des Verirrtseins befallen hatte.« »Ach ja,« rief Ottmar lebhaft aus. »Jetzt ist mir wieder alles klar. Ich sehe Sie noch vor mir in Ihrer rührenden Hilflosigkeit und Verschüchterung. Wer hätte gedacht, daß ich eines Tages an diesem Orte wieder an Ihrer Seite stehen würde, nach so viel Kämpfen, Enttäuschungen und Leiden!« »Haben auch Sie gelitten, mein Freund? Doch ich vergesse, daß Sie die Kämpfe der Zeit mitgemacht und schwer für Ihren Enthusiasmus gebüßt haben. Aber Sie waren glücklich trotz alledem: Sie konnten kämpfen und leiden für eine große Idee. Wir Frauen sind dazu verdammt, für nichts und wieder nichts zu leiden, und alle unsere Schmerzen sind am Ende bloß lächerlich. Ich fühle es, wäre ich ein Mann gewesen, ich hätte getan wie Sie und würde mein Leben lang stolz darauf sein.« Sie hatte ihm ihre Hand gereicht, die er an seine Lippen führte. Ihm war, als müßte er das schöne Wesen, welches so eben mit so schöner Teilnahme zu ihm gesprochen, in seine Arme schließen; aber er wagte es nicht, denn ihr Blick war keineswegs auffordernd, sondern so ruhig freundlich wie immer. Vielleicht ahnte sie, was in dem jungen Manne vorging, denn sie entzog ihm ihre Hand, welche er noch immer festhielt, und sagte: »Wir stehen hier auf heiligem Grund. Hat sich mein armer Großvater nicht eine schöne Grabstätte auserwählt? Fern den Menschen und dem betäubenden Wirbel des Lebens, welcher unter tausenderlei neuen Formen ewig den alten Jammer der Menschheit wiederkehren läßt, wollte er einsam ruhen. Sehen Sie, da haben wir ihn eingesenkt.« So sprechend bog sie das saftig wuchernde Strauchwerk auseinander, welches den schmalen Raum zwischen zwei gewaltigen Felsblöcken ausfüllte, und zwischen dem Gezweige wurde ein niedriges, halbübermoostes Steinkreuz sichtbar. Sie stützte sich mit beiden Händen auf das Kreuz und verharrte lange in Schweigen. Ob sie betete? Ottmar glaubte, es müßte so sein. Wurde ihm doch selber andächtig zu Sinne. Es war ein tieftrauriger Moment. Der Himmel hatte sich umdüstert, und die schwarzen Wolken droben vermehrten die Düsternis des stillen Ortes. Der Herold des Gewitters, jener unheimlich pfeifende Luftzug, griff erst sachte, dann stärker in die Wipfel der Tannen und brachte ein Geräusch hervor, als stöhnte der ganze ungeheure Forst in der Angst vor etwas Bedrohlichem leise auf. Aus der Ferne herüber grollte von Zeit zu Zeit ein dumpfer Donnerton – präludierende Paukenschläge einer Prachtsymphonie der Natur. Während Ottmar noch mit sich zu Rate ging, ob er die Dame in ihrem Sinnen stören und auf die drohenden Wetterzeichen aufmerksam machen dürfte, kehrte sie sich zu ihm und sagte ruhig: »Wir werden ein Gewitter haben. Zum Glück ist es nicht weit bis zum Bärenschlößchen, wo wir unterstehen können, wie die Bauersleute zu sagen pflegen.« Sie bog das Gesträuch wieder sorgfältig über dem Steinkreuz zusammen und fuhr fort: »Ich will versuchen, mein Freund, Ihnen während des Gewitters die Zeit zu vertreiben, indem ich Ihnen die Geschichte meiner Jugend erzähle. Aber wir müssen eilen. Kommen Sie!« Sie beschleunigten, sobald sie aus dem Dickicht heraus waren, ihre Schritte, und bei der genauen Ortskenntnis Evas gelangten sie, als eben die ersten schweren Tropfen fielen, an den Absturz des Plateaus, welches den Forgforst trägt, und sahen in der fahlen Gewitterbeleuchtung die Ruine des Bärenschlößchens auf einem aus der Bergwand vorspringenden Felsen vor sich liegen, zu welchem ein halbvermorschter Holzsteg hinüberführte. Eva ging unserem Freunde rasch voran über den Steg, der nur noch auf einer Seite ein fragmentarisches Geländer hatte. Drüben kamen sie über einen schmalen Vorplatz, der mit Mauertrümmern übersäet war. »Folgen Sie mir,« sagte sie, »aber geben Sie acht, daß Sie sich nicht die Schienbeine zerstoßen. Es sieht hier wüst aus, und Wind und Wetter werden ihr Werk bald vollends getan haben. Die uralte kleine Kapelle, an welche sich die übrigen Baulichkeiten des Schlößchens nach und nach anleimten, trotzt dem Zahn der Zerstörung am längsten. Sie war auch Großvaters und meine eigentliche Wohnung. Jetzt ist freilich, wie Sie sehen, das Dach größtenteils eingestürzt; doch kann ich Ihnen immer noch ein Obdach gegen das Unwetter versprechen. – Cielo , wie das blitzt und donnert!« Sie standen vor dem türlosen Eingange des alten Bauwerks und betraten das Innere, als eben das Gewitter mit voller Macht losbrach und der Sturm um die Felsenklippe heulte, als wollte er das Trümmernest in die Tiefe hinabfegen. »Beim Zeus,« sagte Ottmar, indem er in der Streiflichterbeleuchtung der Blitze in der Ruine sich umsah, »da sieht's weniger gemütlich als romantisch aus.« »Viel Komfort werden Sie da allerdings nicht finden, mein Freund, immerhin aber ein trockenes Plätzchen,« versetzte die Gräfin. Sie durchschritten den dachlosen ovalen Raum der ehemaligen Kapelle, und Eva holte aus einer Mauerspalte einen großen altertümlichen Schlüssel hervor, womit sie eine in die Hintermauer eingelassene niedrige Bogentüre aufschloß, die sich lautkreischend in den rostigen Angeln bewegte und ein kleines gewölbtes Gemach sichtbar werden ließ, vorzeiten die Sakristei des schon längst seinem kirchlichen Zweck entfremdeten Gebäudes. »Das war unsere Winterstube,« sagte Eva, auf die ärmlich einfache Ausrüstung des düsteren Gelasses deutend. »Sehen Sie, an diesem Tische hier hielt der Großvater mit mir Schule, und in dem Ofenwinkel dort verträumte ich die endlos langen Winterabende.« Unser Freund fühlte sich heute mehr als je zu Eva hingezogen. Es lag so etwas Stillsinniges in ihrem ganzen Gebaren, es war in ihrer unbedeutendsten Äußerung ein Ton wie verhaltene Klage. »Das war wohl eine recht traurige Jugend, meine teure Freundin,« sagte er. »Ich bemitleide Sie von Herzen.« »O, ich weiß nicht,« entgegnete sie, »ob da Ihr Mitleid wohl angebracht ist, denn oft, sehr oft will mir scheinen, jene einsamen Jahre seien meine glücklichste Zeit gewesen.« »Und Sie wollen mir davon erzählen?« »Ja, wenn Sie hören wollen.« »Wie können Sie fragen?« »Gut. Machen Sie sich's so bequem, als Sie können. Ich fühle mich Ihnen gegenüber, zu dieser Stunde und an diesem Ort so recht mitteilsam gestimmt.« Er nahm an ihrer Seite auf einem der schwerfälligen alten Stühle Platz, und Eva hob inmitten des Gewittertosens ihre Erzählung an. 4. Eva erzählt. »Sie wissen, mein Freund, ich bin ein Kind des Südens, aber Sie würden mich vergeblich nach meiner Herkunft fragen, ich wüßte Ihnen darauf keine Antwort zu geben. Ich bin recht eigentlich ein auf den Ozean des Lebens hinausgeschleudertes Brett, vielleicht der letzte Splitter eines Fahrzeugs, das einst stolzbewimpelt über die Wogen dahinglitt. Ohne Bild: mein Großvater, der mich vor dem Erwachen meines Bewußtseins fernher in diese Berge brachte, war ein Spanier, das ist gewiß. Halte ich ferner alle die seltenen und dunkeln Äußerungen zusammen, welche ihm während unseres Beisammenseins über seine Vergangenheit entschlüpften, so muß ich annehmen, daß er zu den Vornehmsten und Reichsten seines Landes gehört habe. Welches Verhängnis meinen Großvater aus seinem Vaterlande vertrieb, weiß ich nicht. Daß es eine schreckliche Katastrophe gewesen sein muß, ahne ich. Zuweilen entfielen ihm Worte, wie nur furchtbare Erinnerungen sie den Menschen auf die Lippen jagen. Je mehr ich heranwuchs, desto seltener verlautbarte er solche Worte, allein die wenigen Fragmente von Selbstgesprächen, welche ich früher von ihm gehört, hatten sich mit brennender Schärfe mir in die Seele geätzt. So kenne ich denn weder den wahren Namen meines Großvaters noch den seiner Familie, ich weiß weder von Vater noch von Mutter; aber ich bin überzeugt, daß meine Mutter das einzige Kind meines Großvaters war und daß ich ein Kind der Liebe oder, wie die Welt das nennt, der Sünde bin. Die Geschichte meiner Eltern muß eine traurige gewesen sein und gewiß, ich kann dieses Gedankens mich nicht entschlagen, sie ruhen beide in einem blutigen Grabe. Vielleicht hat meines Großvaters Hand das, was er seine Schande nannte, furchtbar gerächt. Er war ein Mann, dem man die wildesten Affekte wohl zutrauen durfte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die, daß ich eines Abends, hier an dieser Stelle, zwischen den Knien des finsteren Greises stand, und er sich von mir seinen verworrenen Bart zerzausen ließ. Plötzlich funkelten mich seine tief in ihren Höhlen liegenden Augen mit unbeschreiblicher Wut an. Aufspringend schrie er: ›Du hast die Züge deiner Mutter und blickst mit den Augen deines Vaters. Weg! weg! Warum Hab' ich nicht die ganze Brut –‹ Ich hörte nicht weiter, denn im Aufspringen hatte er mich so rauh zurückgestoßen, daß ich auf den Boden hinschlug, mich bedeutend am Hinterkopf verletzte und vor Schieck und Schmerz besinnungslos wurde. Als ich wieder zu mir kam, sah ich den Großvater über mein Lager gebeugt, und da ich mich in nachwirkendem Entsetzen von ihm kehrte, faßte er mich sanft in seine Arme und beschwichtigte mich mit den zärtlichsten Worten und Liebkosungen. Solche Stürme und Begütigungen wiederholten sich oft. Überhaupt war in dem Benehmen des Großvaters gegen mich ein schroffer Wechsel. Hatte er seine finsteren Zeiten, so kümmerte er sich tagelang, ja wochenlang nicht im entferntesten um mich, verbrachte seine ganze Zeit einsam im Walde und gönnte mir beim Heimkehren kaum eine Silbe. Dann aber wieder kamen Tage und Wochen, wo er mir die liebevollste Aufmerksamkeit widmete, zärtlich für meine Bedürfnisse sorgte und mich sorgfältig unterrichtete, wozu seine ausgebreiteten Kenntnisse ihn befähigten. Ich gewöhnte mich nach und nach an seine Eigentümlichkeiten, merkte es mir frühzeitig, daß Fragen, welche sich nicht auf Gegenstände des Unterrichts bezogen, seinen heftigsten Zorn erregen konnten, und unterließ sie daher. Übrigens hing ich mit grenzenloser Zuneigung an ihm, und wie hätte das auch anders sein können? Hatte ich doch auf der weiten Welt außer ihm niemand, niemand! Er war mir Vater und Mutter, Wärterin, Beschützer und Lehrer, und da er augenscheinlich grenzenlos unglücklich war, da seine eiserne Natur unter den Folterschlägen schrecklicher Erinnerungen sich krümmte, mußte ihn meine junge Seele nur um so mehr lieben. Wir lebten hier oben ganz abgeschieden von den Menschen. Der Großvater duldete es nicht, daß ich ins Tal hinabging, und die Furcht, welche sein finsteres, drohendes Wesen den Talbewohnern einflößte, sicherte unsere Einsamkeit vor allen Beeinträchtigungen. So konnte es nicht fehlen, daß ich scheu war wie ein Reh, wenigstens den Menschen gegenüber, und als Sie, mein Freund, damals das verirrte Kind im Walde fanden, war meine Schüchternheit gewiß keine verstellte. Jenes Abenteuer prägte sich mir übrigens fest ins Gedächtnis. Ihre Freundlichkeit hatte mich so ganz eigen angemutet, und wenn mir später der Großvater in seinem grimmigen Menschenhaß das ganze Menschengeschlecht als einen Knäuel von Dummheit, Bosheit und Niederträchtigkeit schilderte, machte ich immer zu Ihren Gunsten eine heimliche Ausnahme. Wir lebten ärmlich und kärglich, nicht selten sogar in bitterer Not. Letzteres dann, wann der Großvater, in seine wilde Melancholie versunken, gar keine Bedürfnisse zu empfinden schien und es, wie er sonst tat, unterließ, in dunkler Nacht nach Bernwartshall hinabzusteigen, um sich von dem alten Kastellan unseren Wochenvorrat an Lebensmitteln verabreichen zu lassen. Einmal, aber auch nur einmal schien sich sein Stolz dagegen zu empören, denn er sagte mir: ›Du brauchst nicht zu glauben, daß du von Bettelbrot lebest, Eva. Ich habe diesem deutschen Grafen – er meinte den Vater Hippolyts – vordem in meiner Heimat Verpflichtungen auferlegt, die nicht zum hundertsten Teile dadurch abgetragen werden, daß er uns füttern läßt.‹ Was kümmerte mich das? Ich war mit einem Leichtsinn ausgerüstet, welcher in meiner Lage ein glücklicher genannt werden durfte. War nur das Wetter schön, gleichviel ob Sommer, ob Winter, dann war alles recht. Ich kannte nur die Einsamkeit, die Felsen, die Bäume und Bäche, den Wald und seine Bewohner und o, wie liebte ich sie! Wie waren sie mir alle vertraut! In einer reizenden Novelle von Georges Sand habe ich später von einem jungen Mädchen gelesen, welchem ein eigentümlicher Zauber innewohnte, sich die Vogelwelt befreundet und dienstbar zu machen. Was das für köstliche Erinnerungen in mir wachrief! Auch mir waren ja die Sänger des Waldes und nicht nur sie, sondern auch das Eichhorn und das Reh freundliche Gespielen gewesen, die meinen Tritt, meine Stimme kannten, meinem Rufe folgten, mich durch die Waldeshallen begleiteten, meine Worte verstanden, meine kindlichen Scherze teilten. Ich wollte nur, ich könnte Ihnen das alles so recht anschaulich schildern – es war eine glückliche Zeit. Bis in mein zwölftes Jahr lebte ich so hin. Der Großvater hatte bis dahin beim Unterricht und sonst nur deutsch mit mir gesprochen und war jeder Erinnerung an Spanien möglichst aus dem Wege gegangen. Da fand ich einmal unter den Büchern, welche er ebenfalls nächtlicher Weile vom Schloß heraufholte, eine alte Reisebeschreibung über das Land meiner Geburt. Wahrscheinlich hatte sich das Buch nur durch Zufall unter die anderen verloren, ich aber las es mit um so größerer Neugier, als Spanien für mich ein noch unentdecktes Land war. Der Tourist hatte namentlich Andalusien und dort wieder Granada mit der Alhambra und dem Generaliph mit großem Aufwand von Phantasie und Begeisterung beschrieben. O, wie schön muß das alles sein! rief ich enthusiastisch aus an einem Winterabend, wo die Stürme um unsere ruinenhafte Behausung her wüteten und demnach das, was ich von den paradiesischen Gärten der granadinischen Vega, von den silbernen Gipfeln der Sierra Nevada, von den herrlichen Marmorhallen der maurischen Königsburg und dem klaren dunkelblauen Himmel darüber gelesen hatte, mit der Wirklichkeit in einem nur um so wirksameren Gegensatz stand. Der Großvater, welcher in düsterem Brüten durch, das schmale Bogenfenster dort in die Nacht hinausstarrte, kehrte sich zu mir und fragte mich gleichgültig: ›Was muß schön sein, Eva?‹ – ›Dieses Spanien mit seinen andalusischen Tälern und Bergen, mit seinem blauen Himmel und seinen feenhaften Schlössern.‹ – Der Großvater sah mich finster an, und seine Augen schössen einen jener Blitze, die ein Gewitter ankündigten. Aber diesmal kam es nicht zum Ausbruch. Der alte Mann verließ die Stube und schritt lange in der dunkeln Kapelle draußen auf und ab. Zurückkommend nahm er mir das Buch aus den Händen, blätterte eine Weile darin und sagte dann ernst, aber nicht unfreundlich: ›Du möchtest also von Spanien, dem Lande deiner Geburt, erfahren, Eva?‹ – ›O gern, Großvater,‹ versetzte ich. – ›Wohl, ich will dir davon erzählen. Ich will dich einführen in die Sprache, Geschichte und Sitte unseres schönen Heimatlandes, welches vormals dem Erdkreis gebot und jetzt zum Spott der Volker geworden ist.‹ Von da an unterwies mich der Großvater im Spanischen, und war es angeborene Fähigkeit, war es mein brennender Eifer, was dieses Studium mir erleichterte, in kürzerer Zeit, als mein Lehrer erwarten mochte, bemächtigte ich mich dieser Sprache voll metallenen Klanges. Wir sprachen jetzt meist nur noch das Idiom unseres Landes, und da die gräfliche Bibliothek ziemlich reich war an Werken der spanischen Literatur, so wurde ich eingeführt in die Herrlichkeit der kastilischen Dichtung. Welche Zaubermacht wehte mir entgegen aus den Werken Lopes und Calderons! Wie versenkte sich meine Seele in die von brennender Farbenpracht leuchtenden Gemälde altspanischer Liebe, Ehre, Rache und Abenteuerlichkeit! Der Großvater hielt freilich darauf, daß ich mehr historische als poetische Werke läse, aber wenn ich, gehorsam seinen Winken, das Geschichtbuch des Solis von dem Eroberungszug der Spanier nach Mexiko zur Hand nahm, was war das anderes als eine historische Romanze voll anmutiger und furchtbarer Episoden? Meine Phantasie begann unter diesen dichterischen Eindrücken, die mit der Wirklichkeit meiner Lage so sehr kontrastierten, ihre Schwingen zu rühren, mein Herz schwoll hochauf und eine Atmosphäre voll Phantastik bildete sich um mich her. In Wahrheit, wenn ich von den Büchern aufsprang, um mir den glühenden Kopf draußen im Waldesschatten zu kühlen, und dann meine gefiederten Gespielen zwitschernd mich begrüßten, um mir wie ein Ehrengeleite durch den Forst zu folgen, da hielt ich mich oft allen Ernstes für eine verzauberte Prinzessin und erwartete jeden Augenblick, daß der Ritter mit dem Silberschild und dem Goldhelm aus dem Dickicht treten würde, um den Zauber zu losen und mich heimzuführen auf seine von Festjubel durchtönte Burg, die all ihren Glanz vor mir auftat. Sie mögen wohl lächeln, mein Freund, über diese kindischen Phantasien, aber lassen Sie sich sagen, daß dieselben nicht mehr so recht eigentlich kindisch waten. Wir Südländerinnen reifen schneller als die kalten Töchter eines kalten Himmels. Ich war an der Schwelle zwischen Kind und Jungfrau angelangt, hatte sie auch wohl schon überschritten, ohne es zu wissen. Warum doch hat noch kein großer Dichter den wunderbaren Zustand eines weiblichen Wesens, unter dessen knospendem Busen ein glühendes Herz sich zu regen beginnt, genau analysiert? Mir deucht, wenn ich imstande wäre, die Regungen, welche damals mich durchstürmten, zu einem Gedichte zu verkörpern, es müßte dies wirklich ein Gedicht sein. Doch ich Vergesse, daß ihr Deutschen eine Art von solchem Gedicht wirklich besitzt: Mignon in Goethes Meister. Eine seltsame Unruhe kam in mein Blut und trieb mich tagelang rastlos durch die Wälder. Ich begann zu ahnen, daß das Weib nicht geschaffen sei, einsam zu bleiben. Ich sehnte mich gleichsam aus mir hinaus, wollte mich mir selbst gegenständlich machen, um mit einem zweiten Ich verbunden zu werden. Darum beugte ich mich über den Spiegel der Quellen, um mich selber zu erblicken. Ich fand nicht, daß ich schön wäre, aber ein scheuer und doch zugleich wilder Instinkt sagte mir, daß ich geliebt werden wollte. Unsere Einsamkeit hier oben wurde mir furchtbar zur Last. Ich sehnte mich zu Tale, unter Menschen, und doch wagte ich den Bann des Großvaters nicht zu brechen, um so weniger, als er mich jetzt stets so liebevoll behandelte wie früher nur in seltenen Momenten. Aber stundenlang saß ich draußen auf dem Felsen, den ziehenden Wolken nachblickend, von fern die Wege der Talbewohner erspähend, mich hinaussehnend in die Welt, von der ich nur jene unklare Vorstellung hatte, wie Bücher sie uns verschaffen – nach Süden, nach Norden, nur fort, weit, weit! – und meine nach der Kenntnis von Welt und Leben und ihrem Genuß dürstende Seele mit bunten Phantasien schweigend und schwichtigend. Der Großvater war nicht blind für meine Aufregung. Er verwies mich, sie zu bändigen, auf ernste Geistesarbeiten und entfernte die Werke der Dichter aus dem Bärenschlößchen. Ich versuchte es auf seinen Rat mit dem Studium der Geschichte. Aber das hieß mich nur aus einer Unruhe in die andere werfen. Die Gedanken und Taten der großen Menschen flügelten mich empor zu den Ätherhöhen der Begeisterung für das Große, Edle, Schöne, und es zu denken und zu tun fühlte ich damals den brennenden Wunsch in mir aufsteigen, ein Mann zu sein. In meiner exaltierten Stimmung wähnte ich die Strophen eines Unbekannten und Ungenannten, die ich um jene Zeit zu Gesicht bekommen, ich weiß nicht mehr wo, direkt auf mich beziehen zu dürfen: Ich hätte wohl gewußt, mit reinen Händen Der Themis unverfälschtes Lot zu heben, Zu üben Recht und Unrecht abzuwenden Und, die dem Volke die Gesetze geben, Zu zünden mit der Rede Feuerbränden. Gewußt hätt' ich, dem Vaterland zu leben Und ihm zu sterben, wenn es sein gemußt, Wie Hektor starb – ich hätt' es wohl gewußt. Und eine Krone mocht' ich mir verdienen, Idol des Volks, wie eine nur gewesen. O, schön ist's, in geliebter Menschen Mienen, Den Beifall seiner Taten sich zu lesen, Den Unsinn durch der Wahrheit Opfer sühnen Und des Gewissens hochbeleidigt Wesen Durch Sympathie, wonach wir alle ringen, In süßen Einklang mit sich selbst zu bringen. Wenn der Becher zu voll ist, schäumt er über. Es konnte daher nicht fehlen, daß der in mir tätige Sturm und Drang irgend eine Ableitung nach außen suchte. Die mich verzehrende Unruhe schuf sich eine entsprechende Äußerung, die keine andere war als der Tanz. In besonders friedlichen und verhältnismäßig heiteren Stunden hatte mich der Großvater spanische Volkslieder gelehrt. Eines Frühlingstages, als ich gerade die Kapelle draußen zu unserem Sommeraufenthalt gelüftet und in Ordnung gebracht hatte, stimmte ich eins jener Lieder an, und unwillkürlich begannen meine Beine den Takt der Melodie zu treten. Von jener Stunde an sang ich tanzend. Es mochte sein, daß ein ungewöhnliches tänzerisches Talent bis dahin in mir geschlummert, es mochte auch sein, daß meine Füße die Erinnerung an mein Heimatland treuer bewahrt hatten als meine unmündige Seele – genug, indem ich die Bewegungen meines Körpers den Melodien meiner Silvas und Redondilias anpaßte, lernte ich die nationalen Tänze des Landes, aus welchem jene Lieder stammten. Es war purer Instinkt; ich tanzte Fandango, Bolero, Cachucha, El Ole, la Madrilena, ohne von diesen Tänzen mehr als die Namen zu kennen. Als der Großvater mich einmal bei diesen von mir mit Leidenschaft betriebenen Übungen überraschte, sah er mir mit stummer Verwunderung zu. Er sagte auch später nichts dazu, allein ein paar Tage darauf gab er mir Kastagnetten, die er aus Buchs für mich geschnitzt, und deren Gebrauch er mir zeigte. Das war prächtig; nun hatte ich doch ein Instrument, meine Stimme zu unterstützen. Jetzt erst tanzte ich mit wahrer Begeisterung, und oft, wenn mich in lauer Sommernacht die Unrast meiner Seele vom Lager trieb, schlich ich hinaus in den Wald und zog im Schweigen der Mitternacht auf dem schwellenden Moosteppich meiner Tänze bacchantische Kreise. Ich empfand dabei die süße Genugtuung des Künstlers, und es dämmerte in mir das Bewußtsein auf, daß ich eine Künstlernatur sei. O, warum war mir nicht vergönnt, der inneren Stimme zu folgen? Warum trieb mich mein Schicksal nicht auch mit äußerlicher Gewalt auf die Bahn der Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin? Gewiß, ich fühle es noch jetzt, wo doch meine beste Kraft schon gebrochen ist, ich hätte, wenn ich jene Bahn wirklich betreten, anderen Freude und mir selbst Befriedigung verschafft, statt daß ich jetzt mit innerlichem Überdruß auf eine Existenz blicke, welche nur eine verfehlte ist. Ja, mein Freund, ich hätte Künstlerin werden sollen. Aber es sollte anders kommen, ganz anders, und ich bin jetzt bei einem Abschnitt meiner Geschichte angelangt, den ich als einen unerquicklichen möglichst kurz abmachen will. Eines Abends traf ich, aus dem Walde heimkehrend, bei meinem Großvater einen Fremden, einen jungen Mann, den ersten Gast, welchen der Großvater über unsere Schwelle gelassen. Es war Hippolyt, der nach dem in den Wildnissen von Sonora erfolgten Tode seines Vaters in die Heimat zurückgekehrte letzte Bernwart. Sein Aussehen erschien mir interessant. Man sah ihm an, daß er fern von der Uniformierung, welche unsere moderne Zivilisation allem und jedem aufzwingt, unter kühnen Wagnissen eine abenteuerliche Jugend verlebt hatte. Auch er war sozusagen in der Einsamkeit aufgewachsen wie ich, und das gab schon ein Bindemittel zwischen uns ab. Ein zweites war der Umstand, daß ihn sein Aufenthalt in den Provinzen Mexikos mit der spanischen Sprache vertraut gemacht hatte. Endlich verfehlte das Benehmen des Großvaters gegen den jungen Mann nicht seines Eindruckes auf mich. Er behandelte Hippolyt mit einer Zuvorkommenheit, deren ich ihn gar nicht für fähig gehalten hätte. Hippolyt kam öfter, bald täglich. Gewöhnlich wortkarg und verschlossen wie ein Indianer, entwickelte er eine gewisse wilde Beredsamkeit, wenn ich ihn vermochte, seine Erlebnisse in den Wäldern und Steppen der Neuen Welt zu schildern. Die Abenteuerlichkeiten, welche ich da zu hören bekam, stimmten oft wunderbar mit der phantastischen Welt überein, welche ich in der Brust trug. Das Seltsame und Wilde dieser Erzählungen verliehen dem Erzähler einen eigentümlich romantischen Reiz. Nicht mein Herz, aber meine Phantasie wurde bestochen, und mein Verstand war nicht ausgebildet genug, um die Einbildungskraft zu kontrollieren. Wie auch hätte er es sein sollen? Ich müßte kein Weib gewesen sein, wenn ich nicht bald gemerkt hätte, daß ich auf Hippolyt Eindruck gemacht. Er zeigte mir durch sein ganzes Benehmen, daß ich ihm gefiele. Dann sagte er es mir auch. Was mich betrifft, mein Herz blieb stumm, aber meine Phantasie gab Antwort. Nicht minder meine Eitelkeit und– meine Sinnlichkeit. Ja – erstaunen Sie nicht über dieses Bekenntnis, mein Freund – ich war ein heißes Mädchen, und keine Mutter hatte mich gelehrt, die Wallungen meines Blutes mittels jenes moralischen Schnürleibs zurückzupressen, welchen man Anstand nennt und der doch meistens nur eine schlecht durchgeführte Koketterie ist. Aber vielleicht tue ich den Mädchen dieses Landes unrecht, und das sollte mir leid tun, denn ich bin weit entfernt, um mich zu beschönigen, anderen das Feuer zuschreiben zu wollen, welches in meinen Adern rollte. Die Eingebungen meiner Phantasie, meiner Eitelkeit und meiner Sinne, dann der Überdruß an meinem einsamen Leben machten mich zu Hippolyts Frau. Es kam aber auch noch ein weiteres Motiv zu jenen hinzu. Die Gesundheit des Großvaters war schon lange gebrochen. Er verfiel zusehends und fühlte mit kältester Gleichgültigkeit, daß es rasch mit ihm zu Ende ginge. ›Eva,‹ sagte er eines Abends zu mir, ›wenn ich tot bin, und ich werde es sehr bald sein, so bist du eine heimatlose Bettlerin. Du hast zu wählen, ob du dieses oder aber Gräfin Bernwart sein willst. Der Graf hat bei mir um deine Hand angehalten. Ich will dich zu dieser Verbindung weder zwingen, noch kann ich es. Aber ich rate dir, heirate ihn!‹ Was sollte ich, die wie eine Wilde außerhalb der Gesellschaft stand, dagegen sagen? Ich gab Hippolyt mein Jawort, die Wilde dem Halbwilden. Ich konnte glauben, daß Hippolyt mich wirklich liebte, ich glaubte es wirklich; denn wenn nicht eine wahre und große Leidenschaft, was denn sonst sollte ihn bewogen haben, die Heimatlose, die Bettlerin zu seiner Frau zu machen? Allerdings verspürte ich in meiner Seele nicht jenes Geloder einer ätherischen Flamme, welches die Liebe ist und sein soll, wenn anders die Dichter recht haben; allein ich war meinem Bräutigam auch nicht gerade abhold. War er doch der erste Mann, welcher sich huldigend um mich bemühte, und welches Weib in meiner Lage wäre für diese Huldigungen unempfänglich geblieben? Auch verpflichtete er mich so sehr zu Dank. Wie kindisch freute ich mich, als er eine mächtige Kiste voll prächtiger Brautgeschenke ins Bärenschlößchen herausschaffen ließ, als ich, die bisher in schlichtester Mägdekleidung gegangen, in Seide und Sammet und Spitzen einherrauschen konnte! Wie staunte ich, wie war ich glücklich, als er mich, die ich bisher in einer armseligen Ruine gewohnt hatte, in die schönen, hohen, mit luxuriösem Mobiliar und kostbaren Kunstsachen ausgestatteten Gemächer seines Schlosses führte und mich der glückwünschenden Dienerschaft als ihre Herrin vorstellte. Das alles war für mich ganz feenhaft; meine Kinderträume waren in Erfüllung gegangen, und diese Erfüllung berauschte mich so, daß ich in dem Leichtsinn des Glückes den wenige Tage nach meiner Hochzeit erfolgten Tod des Großvaters leicht verschmerzte. Wir gingen auf Reisen, lebten in der Hauptstadt, gaben in Bernwartshall rauschende Feste. Hippolyt genoß den Reiz des Ungewohnten in so durstigen Zügen wie ich selber. Er schien sich des Ungestüms zu freuen, womit ich mich in den Strudel der Gesellschaft warf und dem Vergnügen nachjagte; es schien ihn stolz zu machen, daß man meine Schönheit Pries, meine Originalität bewunderte, meine Liebhabereien nachahmte. Er besaß so wenig als ich das, was ihr Deutschen sittlichen Halt nennt. Aber der Rausch konnte unmöglich lange dauern, und als, durch die ökonomische Misere des Grafen beschleunigt, die Ernüchterung eintrat, war auch die bunte Illusion meines Glückes zerstoben. Es bedurfte nicht erst der Entdeckung, daß unter der gewöhnlich kalten Außenseite Hippolyts eine unheimliche Glut vulkanischer Wildheit brenne, die zuweilen wütend hervorbrach, um mich zu vergewissern, daß meine Heirat nur ein Irrtum der Phantasie gewesen, welchen jetzt das Herz schwer zu büßen hatte. Es bedurfte dazu auch nicht der Entdeckung, daß die Tochter Milimachs meine glückliche Nebenbuhlerin war. Das Band, welches Hippolyt und mich verband, war ein Band von Sand gewesen. Daß es auseinanderfiel, er und ich tragen gleicherweise die Schuld. Wir machten auch keinen Versuch, es wieder zu knüpfen, und lebten seither nicht miteinander, sondern nebeneinander so hin, so gut es gehen mochte. Wären uns Kinder verliehen worden, sie hätten vielleicht ein neues Band gewoben. Ja, ich fühle, ich weiß es, Mutterglück und Muttersorgen hätten mir das wilde Herz gesänftigt und mich still tragen gemacht, was zu tragen war. So aber wurde mein Leben nur eine Kette von Torheiten, Betäubungsversuchen und Täuschungen, ein ebenso tolles als eitles Haschen nach einer Befriedigung, deren Quelle in meinem Inneren längst versumpft war.« 5. La Madrilena. Die Erzählerin brach plötzlich ab und stand geräuschlos auf. Das Gewitter war vorübergezogen, und in der Ferne verhallten dumpfrollend seine letzten Schläge. Aber auch da, als es über dem Bärenschlößchen gestanden, hatte es nicht vermocht, Ottmars Aufmerksamkeit von der Geschichte Evas abzulenken. Das war einmal ein Stück Romantik! Mit einem sehr modernen Anhängsel allerdings, aber man wird es begreiflich finden, daß unser Freund darüber wegzusehen geneigt war. Man stelle sich einen jungen Mann vor, in einem nur zuweilen durch Blitze erhellten Halbdunkel einer Frau von unvergleichlicher Schönheit zur Seite sitzend, einer Frau, deren süßer Atem den engen Raum mit einem berauschenden Fluidum erfüllte, einer Frau, die mit beispielloser Offenheit vor ihrem Zuhörer eine Vergangenheit aufrollte, die wie ein Märchen in der Prosa unserer Zeit dastand; man rechne hierzu die undefinierbare und doch so gewaltige Magie, die für einen, der zu lieben beginnt, schon in dem Rauschen des Kleides der Geliebten, in jeder ihrer leisesten Bewegungen liegt, und man wird sich nicht eben darüber verwundern, daß Ottmar die Beute einer heftigen Aufregung war. Er hatte freilich die Geschichte Evas mit wechselnden Empfindungen angehört. Manches darin war wie ein Dämpfer – ob vielleicht gar ein absichtlicher? – für seine aufflackernde Leidenschaft. Aber im ganzen überwogen die günstigen Eindrücke doch weit. Heftiges Begehren, verwegene Wünsche durchzuckten seine Brust, und mit tausend Armen umstrickte ihn die Vorstellung, der Besitz dieser Frau müßte ein märchenhaftes Glück sein. »Was bin ich für ein blöder Tor!« schalt er sich heimlich und streckte den Arm aus, das reizende Weib zu umfassen. Aber er griff in die leere Luft; Eva war ihm von der Seite geschlüpft. In diesem Augenblick wurde draußen in der Kapelle ein seltsam klapperndes Geräusch laut. Ottmar trat unter die Türe der Sakristei, und vor seinen Augen entwickelte sich die reizendste Szene. Durch die leeren Fensterhöhlen strömte die balsamische Luft der durch das Gewitter gekühlten Sommernacht, und über dem offenen Dachraum stand am tiefblauen Himmelsgewölbe, im Geleite der ewigen Sterne, voll und klar der Mond, die ganze Fülle seines süßen Lichtes durch die von Dünsten geklärte Atmosphäre niedersendend. Mitten in dem magischen Lichtkreis, welchen die Seitenwände der Ruine scharf abschnitten, stand Eva. Sie hatte ihr weißes Kleid hochaufgeschürzt und hielt die Kastagnetten in den Händen, von welchen das klappernde Geräusch ausgegangen, das den jungen Mann aus der Sakristei gelockt hatte. »Ich sprach von meinem Dasein als von einer Kette und einem Sumpf, nicht wahr?« rief sie scherzend dem Freunde zu. »Wohlan, werfen wir die Last der Kette von den Schultern und tanzen wir leichten Fußes über den Sumpf dahin.« So sprechend stimmte sie mit einer kühnen Wendung der Summe eins jener mutwilligen Lieder an, wie sie die heiße Sonne Andalusiens zeitigt: »Während der April noch blühet, Freu' dich, Mädchen, deiner Schöne! Frühlingsnachtigallentöne Schweigen, wenn der Sommer glühet. Bind der Liebe nicht die Flügel Und verkaufe nicht dein Lächeln; Wenn dich Liebesseufzer fächeln, Dem Geliebten laß die Zügel! Gib das Glück mit vollen Händen! Und du wirst in Fülle leben. Wenn erlosch der Flamme Leben, Wird das Graun der Nacht dich blenden. Freue dich des Frühlings Blühen Und genieße seiner Wonne, Eh' in heißer Sommersonne Duft und Farbenschmelz verblühen. Die reizende Melodie summte fort, der Taktschlag der Kastagnetten knackte darein, und die leichte Gestalt setzte sich in anmutigste Bewegung. Sie tanzte die Madrilena, erst in gleitendem Schreiten den kleinen Raum umwandelnd, dann mählich in graziösester Stufenfolge zum wildesten Wirbel südlicher Tanzaffekte übergehend und in dämonisch kühnen, aber immer schönen Bewegungen und Wendungen, im Kommen und Gehen, in Schritt und Schwung, in dem reizendsten Zusammenspiel des ganzen herrlichen Gliederbaues mänadenhaften Mutwillen, bacchantisches Locken, verführerisches Fliehen entfaltend – ein blühendes Wunder der Schönheit, die Verkörperung eines üppigen Dichtertraums. Ottmars Leben konzentrierte sich in seinen Augen, als er diesem wollustvollen Tanze zusah. Seine Pulse flogen, er war berauscht, geblendet, entzückt, außer sich, als er dieses wunderbare Schreiten und Schweben, Schwingen und Wirbeln der vor seinen Blicken gaukelnden Flamme sah. »Ja, dieses Weib ist die Tochter der Luft!« rief es in ihm. »Eine Willi ist sie, eine Fee aus dem schönsten Märchen der Welt!« Noch ein wirbelnder Kastagnettenschlag, noch ein Sylphidenschwung – und die Tänzerin stand in der Mitte des Kreises still und verbeugte sich mit ihrem reizendsten Lächeln vor ihrem Zuschauer, wie seines Beifalls gewärtig. Ottmar fand kein Wort, um seinem Entzücken Luft zu machen, aber er eilte auf die Zauberin zu und schlug seine Arme um die Hochaufatmende. Sie ließ es geschehen, daß er sie mit leidenschaftlicher Gewalt an sich zog, sie schmiegte sich einen Augenblick an seine Brust. Aber wenn sie auch die brennenden Küsse, womit er ihr Augen und Lippen bedeckte, duldete, sie erwiderte dieselben nicht. Der letzte Rest von Besinnung, welcher ihm noch geblieben, machte ihn fühlen, daß Eva seinen Rausch nicht teilte. Sie wand sich aus seinen Armen und sagte in einem Ton, hinter dessen Ruhe ein leichter Spott lauerte: »Küßt ein Freund so heiß?« »O, Eva, ich liebe dich!« entgegnete er leidenschaftlich und streckte verlangend die Arme nach ihr aus. Sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte freundlich, aber bestimmt: »Nicht so, nicht so, mein Freund. Dem Augenblick ist sein Recht widerfahren, damit genug. Mich zu lieben, ist es zu spät, viel zu spät!« Und als er eine protestierende Geberde machte, setzte sie hinzu: »Es ist nur eine Täuschung der Stunde, lieber Freund, was Sie befangen hält, eine artistische Ekstase über meine artistische Leistung. Das wird vorübergehen, bevor die Nacht um ist. Sie können mich nicht lieben, Sie dürfen nicht, um Ihrer selbst, um Ihrer Zukunft willen. – Still, betrügen Sie sich nicht selbst. Das Erwachen aus diesem Traume müßte bitter sein. Habe ich Ihnen denn nicht deutlich genug gesagt, daß mein Leben ein verlorenes, daß ich eine Verlorene? Und sagte ich Ihnen nicht auch, daß ich nicht eines Liebhabers – den habe ich – Wohl aber eines Freundes bedürfe? Wenn die Zuneigung, die Sie mir beweisen, etwas anderes und Besseres ist als eine Aufwallung Ihrer Sinne, so gedenken Sie dieser Stunde dann, wann ich einmal zu Ihnen sagen sollte: Mir ist ein Freund vonnöten.« Sie reichte ihm die Hand, raffte ihren Schal vom Boden auf, verhüllte sich die Schultern damit und sagte fest: »Kommen Sie. Die Nachtluft wird unangenehm kühl, und wir haben noch einen weiten Heimweg vor uns.« So sprechend schritt sie dem Ausgang der Ruine zu, und er folgte ihr mechanisch. Es ließ Ottmar nicht schlafen, als er, nachdem er die Gräfin nach Hause geleitet, in seiner Stube in der Goldforelle angekommen war. Eine fieberhafte Unruhe trieb ihn auf den Söller hinaus. Aber der Nachthauch vermochte ihm die heiße Brust nicht zu kühlen. Wie ein Dolchstich schnitt ihm das Wort der Gräfin: »Ich bedarf nicht eines Liebhabers, den habe ich!« immer wieder durch die Seele. Und doch konnte er die Blicke nicht losreißen von dem Bärenschlößchen drüben, auf welches der untergehende Mond seinen letzten fahlen Schimmer warf. Welche wundersame Szene hatte er dort erlebt! Er sah sie immer noch schweben und locken und fliehen, die Willi, die Tochter der Luft. Er sah ihre strahlenwerfenden Augen das magische Helldunkel durchblitzen, die weißen Schultern leuchten, den blendenden Busen schwellen. Selbst die Erinnerung noch war berauschend, unwiderstehlich. Unbewußt sprachen seine Lippen Worte des Entzückens, fragmentarische Ausrufungen, in welchen ein Dichter seinen Liebesrausch geoffenbart. »Welch ein Weib,« rief er aus: »Welch ein Weib! Vor seinen Reizen muß ein Heiliger erliegen, Fühlt er diese Formen schmelzend sanft an seine Brust sich schmiegen, Fühlt er Feu'r des Lebens schlagen durch die prächtige Gestalt, Schaut dies Aug', erglüh'nd und schmachtend – Herr und Gott, er bleibt nicht kalt!« Ein derber Schlag auf seine Schulter schreckte ihn aus seiner glühenden Träumerei. Umschauend sah er in das lachende Gesicht des grimmen Wate. »Hat's dich, lieber Junge?« lachte der im Bart. »Schätz' wohl, 's hat dich. Du bist abgemacht, eingetan, fertig, breitgeschlagen, eingesalzen, Petschiert, weg, ganz weg.« »Zum Henker mit deinen schlechten Späßen!« entgegnete Ottmar unwillig. »Späße?« versetzte der Grimme. »Ich und spaßen in dieser schauerlichen Mitternachtsstunde? Gott straf' mich, du bist verdammt schief gewickelt, amigo mio , wenn du glaubst, ich scherze. Mir ist's barer, blutiger Ernst, ja, das ist's mir, wenn ich sage, dich hat's! Und wie hat's dich! Kapital, kolossal, pyramidal, obeliskal! Dixi et salvavi animam meam . Und damit gute Nacht, respektive guten Morgen!« Drittes Buch. Die Liebessignale. Das heißt wie ein tüchtiger Kerl gesprochen! Shakespeare. 1. Der alte Brosi wird »fuchsteufelswild«. Der Mai hat längst sein dichterisches Privilegium, für die schönste Zeit des Jahres zu gelten, eingebüßt, ohne daß unseres Wissens bis jetzt offiziell festgestellt worden wäre, welche Jahreszeit denn eigentlich fortan als die schönste betrachtet werden müsse. Und doch wäre im Interesse des Prinzips der Ruhe und Ordnung im allgemeinen sowohl, als auch in dem der Ästhetik im besonderen dringend zu wünschen, daß diesem Zustande der Ungewißheit ein Ende gemacht würde. Die Poeten wissen ja gar nicht mehr, woran sie sind, wenn sie eines hochzuverehrenden Publikums Naturgefühlen die rechten Wege weisen sollen, und das hochzuverehrende Publikum seinerseits weiß sich, wenn es einmal seiner Naturfreude den entsprechenden poetischen Ausdruck geben möchte, schlechterdings nicht die Frage zu beantworten, ob es Kleists Frühling oder Geibels Juniuslieder oder Rückerts Herbstlieder oder am Ende gar Schulers Winter zur Hand nehmen soll. Es ist aber sattsam bekannt, welches Unheil aller Art für die Staaten Europas aus derartigen anarchischen Zuständen zu entspringen pflegt. Neueste Forschungen der berühmten Gelehrtentrias Gerlach, Stahl und Leo haben unzweifelhaft dargetan, daß alle Schrecken der drei Revolutionen Frankreichs zum letzten Grund keinen anderen hatten als das durch einige Schwindelköpfe empfohlene Aufgeben der heiligen Regeln und Formen, welche der große Boileau für die französische Poetik für ewige Zeiten festgestellt hatte. Das Unglück ist aber leider einmal geschehen und hat sich, wie aus oben Gesagtem deutlich erhellt, auch rheinüber verbreitet. Daher ist eine Restauration der guten alten Ordnung vor allen anderen auf diesem Gebiet dringendes Bedürfnis. Sind wir recht berichtet, so enthält das Staatsgrundgesetz Chinas einen nachmals von dem berühmten Philosophen Tschu-Fu-Kiang nach allen Dimensionen gründlichst kommentierten Paragraphen, welchem zufolge die Blütezeit der Teestaude ein für allemal als offizieller Wonne- und Dichtermond im ganzen Umfange des Reiches der Mitte festgestellt und proklamiert ist, so zwar, daß Zuwiderhandelnden, respektive Zuwiderfühlenden je nach Maßgabe der Umstände von fünfundzwanzig bis zu hundert Bambusstockschläge gehörigen Ortes appliziert werden. Diese Einrichtung wäre zur Nachahmung sicher höchlich zu empfehlen, und indem wir Staatsrechtslehrer und Staatsmänner darauf aufmerksam machen, glauben wir einen nicht ganz unwichtigen Beitrag zur Gesellschaftsrettung geliefert zu haben, was uns, hoffen wir, mit dem Hochgefühl edler Pflichterfüllung zu bemerken erlaubt sein wird. In Anbetracht jedoch, daß wir erstens im Augenblick nicht ganz genau wissen, in welchen unserer Monate der chinesische Wonne- und Dichtermonat fällt, daß wir zweitens nicht unbescheiden genug sind, von uns aus in dieser bedeutsamen Sache einen bestimmt formulierten Vorschlag zu machen, und daß uns drittens endlich die gehörige Fülle schwäbischer Pietät innewohnt, zitieren wir, um vorläufig auf einen unmaßgeblichen Anhaltspunkt hinzuweisen, den Vers unseres verewigten Landsmanns Gustav Schwab: Heuernte, schönste Zeit im Fahr! Jedenfalls war's ein wunderschöner wolkenloser Sommertag, an welchem die »Leute« des Goldforellenwirtes droben an der Berghalde auf der Lauchwiese »heueten«. Gestern war unter den »Sägesen« Sensen. der Knechte der üppige Graswuchs gefallen, heute hatte die Sonne die »verspreit'ten« Schwaden hinlänglich getrocknet und gedörrt, so daß das Heu »eingeführt« werden konnte. Baldung hatte in seinem Tagesbefehl erklärt, daß die Lauchwiese heute »agrumt« Abgeräumt. werden müsse, weil morgen die große Schüpfmatte »dransollte«. Darankommen sollte. Demzufolge rührten sich die Arme tüchtig, aber die Arbeit ging in aller Fröhlichkeit vor sich, und in das Klappern der Rechen und Heugabeln, in das Rauschen des trockenen Grummets hinein tönte das Juchzen und Jodeln der Knechte und das »G'sang« der Mägde, daß der Wald widerhallte, welcher die Matte von zwei Seiten her einschloß. Als nach dem Imbißessen das Aivli seinen breitrandigen Strohhut aufgesetzt und den Rechen geachselt hatte, um an der Spitze der Mägde zur Lauchwiese hinaufzugehen, hatte Ottmar seinen Rock ausgetan, eine Heugabel zur Hand genommen und erklärt, daß er auch wieder mit in den »Heuet« gehen würde. Es war nicht das erstemal, denn er hatte bis dahin das ganze Geschäft der Heuernte redlich und rüstig mitgemacht. Seine ersten landwirtschaftlichen Versuche waren freilich nicht vorübergegangen, ohne daß Knechte und Mägde jene feixenden Gesichter dazu gemacht hätten, womit der Landmann von Geburt und Beruf die bäuerlichen Anwandlungen städtischer Dilettanten zu betrachten pflegt. Aber unser Freund hatte sich in Respekt zu setzen gewußt, denn auf dem Lande geboren und bis zum Jünglingsalter häufig mit bäuerlichen Dingen verkehrend, hatte er noch nicht vergessen, wie man Sense, Pflug und Flegel handhabt, und vorgestern hatte er trotz einem die Forgwiese drunten im Tal ihrer ganzen Breite nach mit abmähen geholfen, und gestern abend hatte er ein »rechtschaffenes« ländliches Meisterstück abgelegt, indem er vom Tale herauf ein vierspänniges Fuder Heu nach dem Bühl und in die Scheuer gefahren, vom Sattelgaul aus mit merkwürdiger Präzision das Gespann regierend und dabei eine bewundernswerte Fertigkeit in der edlen Kunst des »Knöllens« Des Knallens mit der Peitsche. entfaltend. »Brav gemacht, bi Gott!« hatte der Goldforellenwirt ausgerufen, als der rechtsgelehrte Fuhrmann den »Rank« um das Haus herum und zum Scheunentor hinein mit allem Anstand, der zu diesem wichtigen Unternehmen erforderlich war, getroffen. Das Aivli war auch dabei gestanden und hatte sich sölli verwundert, aber nichts gesagt. Heute früh jedoch hatte Ottmar, als er seinen Hut, welcher die Nacht über auf dem Söller gehangen, aufsetzte, an demselben den prächtigsten Strauß von Rosen, Levkojen und Reseda befestigt gefunden und sich wunderlicherweise eingebildet, diese Blumen kämen aus dem Blumengärtchen des Aivli. Noch wunderlicherer Weise aber hatte der alte Brosi unseren Freund offenbar um den schönen Strauß beneidet, denn er hatte, seinen zahnlosen Mund zu einem höhnischen Grinsen verziehend, zu Ottmar gesagt: »Der Donner schieß'! Herrle, Ihr seid ja g'sträußet wie ein Pfingstkönig.« Es war überhaupt eigen mit dem alten Brosi, daß er nämlich von allen Insassen des Bühls die einzige Person war, welche unseren Freund nicht gut leiden konnte und diese Abneigung schon bei verschiedenen Gelegenheiten in allerlei brummigen Redensarten verlautbart hatte. Also Ottmar ging »in Heuet«. Der grimme Wate war freilich durch den Anblick seines hemdärmeligen und heugabelbewaffneten Freundes nicht sehr erbaut gewesen. »Soll ich heute abermals um meine mittägliche Dämmerungsstunde und Siesta kommen?« fragte er grämlich. »Das ist ja 'ne verfluchte Wirtschaft!« »Du kannst ja allein dämmern, lieber Junge,« sagte Ottmar. »Das ist bald gesagt,« versetzte der im Bart. »Ich habe mich nun schon wieder so daran gewöhnt, mit dir den Kaffee zu trinken, daß er mir ohne deine Gesellschaft nicht recht schmeckt. Es ist, Gott straf' mich, eine neue ungeheuerliche Schrulle von dir, daß du tust, als wolltest du mit aller Gewalt ein Bauer werden. Du bleibst halt dein Lebtag ein Romantiker.« »Nun meinethalb, aber komm mit. Die Mittagssonne wird an deinem überflüssigen Fett einen sehr wohltätigen Schmelzprozeß vornehmen.« »Ja, kommt mit, Herr Doktor,« sagte Aivli. »Ihr könnt Euch ja droben in den Schatten legen, 's hat weiches Moos dort.« »Das ist ein gescheiter Gedanke, Aivli, Gott straf' mich!« versetzte der Grimme. »Ihr trefft den Nagel stets auf den Kopf. Ich will daher in Gottesnamen mitgehen, Euch zu Gefallen.« »Und dem Moos und dem Schatten, nicht wahr?« lachte das schöne Mädchen und ging flink, den übrigen voran, die Halde hinan. Droben auf der Lauchwiese hatte der schnaubende und schwitzende Wate anfangs den Rat des Aivli befolgt und sich der Länge nach in den Schatten gestreckt, während die andern ihrer Arbeit nachgingen. Aber die muntere Tätigkeit, welche sich vor seinen Augen entwickelte, übte auch auf das Phlegma des Bärtigen einen solchen Einfluß, daß er sich erhob, herbeikam, zuerst spielend, dann in allem Ernst eine Heugabel ergriff und bald mit den andern in die Wette schaffte. »Siehst du,« sagte Ottmar zu ihm, »man muß es nur erst probieren, dann findet man rasch Gefallen daran.« »Ich tu's nur der Motion wegen, mein Bester,« entgegnete der im Bart. »Mein Bauch verrät seit einiger Zeit die bedenkliche Neigung, polizeiwidrig groß zu werden, und da will ich ihm ein bissel zu Leibe gehen.« Das Heu ward zum letzten Male umgewendet, dann nach allen Regeln der Kunst des Heuens in große »Schochen« zusammengerecht, und hierauf fing man beim ersten Schochen wieder an, und die Knechte spreiteten mit ihren Gabeln das Heu auseinander, und die Mägde, geführt vom Aivli, ordneten es mit ihren Rechen in lange schmale Streifen, so daß es zum Aufladen bereit lag. Als dieses geschehen war, hörte man Peitschenknall und Rädergerassel in dem Hohlweg, welcher vom Bühl sich heraufwand, und bald darauf kam der mächtige, mit des Goldforellenwirtes vier berühmten Rappen bespannte Leiterwagen aus dem Waldweg auf die Wiese heraus, geführt von dem rüstigen Baldung in eigener Person. Der Wagen wurde gewendet, und nun ging es ans Aufladen. Der Goldforellenwirt nahm seinen Stand auf dem Wagen und umfaßte mit starken Armen die großen Bürden duftenden Grummets, welche ihm die Mannen an ihren langzinkigen Gabeln hinaufboten. Und da war es hübsch anzusehen, wie alle sich in fröhlicher Arbeit mühten, und wie der grimme Wate pustend seine bärenmäßige Stärke aufbot, es dem Freunde gleichzutun, und wie Ottmar, wenn er eine tüchtige Last an seine Gabel gespießt, seine schlanke Gestalt aufrichtete und mit einem kühnen Schwung seine Bürde auf den hoch sich türmenden Wagen hinaufschwang. Und auch das war hübsch anzusehen, wie das Aivli sein unter dem Strohhut glühendes Gesicht dem wackeren Freiwilligen beifällig zukehrte und wie es ihm lächelnd nachsah, wenn er mit einer neuen Last wieder dem Wagen zueilte, und wie das »dundersnette Meidli« mit seinem Rechen immer rein zufällig gerade da beschäftigt war, wo besagter Freiwilliger seine Gabel füllte, und wie es ihm die Schwaden bequem zurechtlegte und zierlich hinter ihm drein rechte. »So, jetzt rauf mit dem Wellbaum!« rief der Goldforellenwirt, als der Wagen seine Ladung hatte. Die Wiese war geleert, die Mägde brachten in ihren Schürzen die letzten Heureste herbei, und der Wellbaum wurde hinaufgehoben und der Länge nach über das mächtige Heufuder gelegt und die Stricke um seine beiden Enden geschlungen und drunten mittels der Wellhölzer angespannt, und dann glätteten die Mägde mit ihren Rechen die Seiten des wohlgelungenen Baues, und die Arbeit war getan. Der Goldforellenwirt faßte das hintere Ende des Wellbaums mit beiden Händen, ließ sich an dem Fuder niedergleiten und sagte, nachdem er mit einem Sprung den Boden erreicht hatte: »So, das wäre g'schafft, ihr Leut', und jetzt wollen wir, schätz' ich, rechtschaffen vespern.« 's Aivli hatte den großen Korb ausgepackt, in welchem der Vater das Vesperbrot mitgebracht, Brot und Käse und Rauchfleisch, Apfelwein und Kirschwasser, und das Mädchen wußte alle die schönen Sachen recht appetitlich auf der Höhe des schattigen Rains zu ordnen, der sich am Waldsaume hinzog. Man lagerte sich, und jeder griff wacker zu. Natürlich war es auch wieder der reinste Zufall, daß Ottmar neben das Aivli zu sitzen kam. Nur der Brosi schloß sich von der Gesellschaft aus, denn nachdem der alte Knabe den Pferden Futter vorgeworfen hatte, nahm er einen Schluck aus der Kirschwasserflasche, setzte sich mit saurem Gesicht seitwärts, zog einen Knäuel ungebleichten Garns hervor und wickelte einen guten Teil desselben um die Mundspitze seiner schwarzgerauchten Maserpfeife. Dies vollbracht, schlug er mit diversen Flüchen auf den »hundsföttischen« Schwamm, der nicht fangen wollte, Feuer und hüllte sich in eine Rauchwolke, als wollte er eine Schirmwand zwischen sich und der munteren Gesellschaft aufführen. Denn munter ging es bei diesem Vespern her. Baldung neckte den Grimmen und meinte, selbiger könne mit Gottes Hilfe noch einen ganz passabeln Bauernknecht abgeben, worauf der Grimme etwas von »miserablem« Most murmelte, zugleich aber den Krug mit dem geschmähten Getränk an die Lippen führte und die gründlichste aller Mostproben anstellte. Man plauderte, scherzte und lachte bunt durcheinander, und allen bekam die Ruhestunde baß. Der kräftige Heuduft erfüllte die ganze Lichtung mit Wohlgeruch, die sinkende Sonne warf rötliche Lichter durch die Baumwipfel, und drinnen im Walde wurde das Abendkonzert der Vögel laut. »Horch, wie da drüben die Drossel schlägt,« sagte einer der jungen Burschen, indem er sich auf den Rücken zurückfallen ließ und seinem inneren Wohlbehagen dadurch Luft machte, daß er einen lauten Juchzer in den blauen Himmel emporwarf. Ottmar fühlte sich dadurch unwiderstehlich animiert, zu versuchen, ob auch er die edle, in seiner Jugend vielgeübte Kunst des Juchzens noch nicht ganz verlernt hätte, und siehe da, der Versuch fiel gar nicht übel aus. »Du qualifizierst dich, lieber Junge,« sagte Wate. »Du qualifizierst dich, Gott straf mich! Wenn's mal mit der Juristerei hapern sollte, so brauchst du bloß Lederhosen anzuziehen und einen Dreispitz aufzusetzen, und ich mache mich anheischig, dich auf dem nächsten besten Gehöft als Mähder, Rosselenker und Juchzer von Auszeichnung unterzubringen.« »Warum nicht?« versetzte Ottmar wohlgelaunt. »Es könnte wohl sein, daß ich dich einmal beim Wort nähme, Alterle. Übrigens, warum sollt' ich's nicht zeigen, wenn's mir wohl zumute ist und mir die Welt schön vorkommt?« »Nun ja,« meinte Wate, talwärts auf die prächtige Landschaft blickend. »Im allgemeinen ist sie schön, wie jener Engländer sagte, der bei Nebel und Regen auf den Rigi stieg, bei Nebel und Regen sechs Tage dort auf die Aussicht wartete und endlich wieder herabstieg, ohne etwas anderes als Nebel und Regen gesehen zu haben. Im besonderen aber –« »Im besonderen,« unterbrach Baldung lachend den Sprechenden, »im besonderen haben wir jetzt kostbar's Heuwetter und haben prächtig's Heu gemacht. Drum schätz' ich, ihr Leut' im allgemeinen und ihr Meidli im besonderen, wir wollen noch eins singen und dann das Fuder abführen.« »Ja, ja, Meister,« riefen die Mädchen. »D' Meisterstochter soll anstimmen. – Aivli, stimmt eins ein, stimmt an!« »Was denn für eins?« fragte Aivli. »'s ist einerlei – 's geraten Euch alle gut. – ›Willkommen, o seliger Abend‹. – Nein. – ›Auf dieser Welt hab' ich kein' Freud‹. – Warum nicht gar! – ›Wer wollte sich mit Grillen plagen?‹ – Das Lied vom strahlaugigen Mädichen und dem Jäger. – Ja, ja, das kiht Klingt. rechtschaffen gut. 's ist recht, das ist's recht!« Nachdem sich der »vernünftige« Volkswille diesermaßen ausgesprochen, stimmte 's Aivli mit ihrer hellen runden Stimme das verlangte Lied vom Jägersmann und dem strahlaugigen Mädichen an. Heinrich Pröhle. welcher dieses schöne Volkslied in seine Sammlung: »Weltliche und geistliche Volkslieder und Volksschauspiele« (1855) aufgenommen, meint, dasselbe sei norddeutschen Ursprungs und nur in Norddeutschland daheim. Ich kann ihm aber die Versicherung geben, daß ich es in meiner Heimat, in den Talgebieten des Hohenstaufen, als Knabe hundertmal singen hörte und mitgesungen habe. Später, in meinen Studentenjahren, hörte ich es auch zu wiederholten Malen in verschiedenen Dörfern des Schwarzwaldes. Allerdings, die Pröhlesche Lesart »Mägdelein« kam nie darin vor. Auch nicht die süddeutschen Ausdrücke dafür: Mädele. Mädle. Maidle, Meidli, sondern stets: Mädichen. Die Mädchen fielen ein, die Burschen folgten, Ottmar sang aus Herzenslust mit, der ehrliche Wirt nicht minder, und der im Bart ließ einen Baß los, wie ihn die dickste Orgelpfeife nicht intensiver produzieren kann. Wie frisch und gut das klang, als ein »G'sätz« nach dem andern in den Wald hinein und die Berglehne hinan und ins Tal hinab scholl und die Echos an den Halden und Schluchten weckte! Es war 'ne wahre Freude. So sang das Aivli, und so sangen sie alle: »Der Jäger in dem grünen Wald, Da sucht er seinen Aufenthalt. Er ging im Wald wohl hin und her, Er ging im Wald wohl hin und her, Ob auch nichts, ob auch nichts, Ob auch nichts anzutreffen wär'. Mein Hündlein, das ist stets bei mir In diesem grünen Laubgestrauß. Mein Hündlein wacht, mein Herz das lacht, Mein Hündlein wacht, mein Herz das lacht, Meine Augen, meine Augen, Meine Augen leuchten hin und her. Da ruft mir eine Stimme zu, Ich weiß nicht, wo es ist, ja ist. Wie kommst du in den Wald herein, Wie kommst du in den Wald herein, Du strahlaugig Mädichen, Wie kommst du in das Laubgestrauß? Um deiner aufzuspüren, Kam ich in diesen grünen Wald. Ich ging im Wald wohl hin und her, Meine Augen leuchten hin und her, Ob auch nicht, ob auch nicht Ein Jäger anzutreffen wär'. Nun hab' ich dich getroffen an In diesem grünen Wald, ja Wald. Drum, Jäger, tu nach unserm Wohl Und lad die Büchse nicht zu voll; Dann kannst du, dann kannst du, Dann kannst du schießen, daß es knallt. Du sollst mir nicht mehr wandeln In diesem grünen Laubgestrauß. Bleib du bei mir als Jägerin, Bleib du bei mir als Jägerin, Du strahlaugig Mädichen, Bleib du bei mir als Jägerin.« Die schöne Melodie verklang, und der Goldforellenwirt gab aufstehend das Zeichen, daß die Feierstunde vorüber. Aber einer der Burschen glaubte noch ein übriges tun zu müssen, indem er auf das lustige Vespern singend den Trumpf setzte: »Und aus ist das Liedli Und aus ist der Tanz. Adies, herztausiger Schatz, Und vergiß mi nit ganz.« Dann noch ein allgemeines Jodeln und Juheien und die Pferde wurden eingespannt, Baldung bestieg den Sattelgaul, die Mannen nahmen ihre Gabeln und reihten sich dem Wagen zur Seite, um die schwankende Last zu stützen, und langsam verließ der ganze Zug die heimelige Waldwiese. Ottmar war etwas hinter den anderen zurückgeblieben, weil eine obstinate Zigarre, die er anbrennen und die ihrerseits nicht »ziehen« wollte, ihn aufhielt. Als es ihm endlich gelungen, den Widerstand des Glimmstengels zu brechen, und er im Begriffe war, rascher auszuschreiten, um die Leute einzuholen, vernahm er Tritte hinter sich in dem Hohlweg und hörte eine grämelnde Stimme die Worte sagen: »Und ich sag', 's ist nicht recht; nein, 's ist numme nicht recht, und das sag' ich.« »Beim Zeus, das ist der alte Brosi,« dachte Ottmar. »Will doch einmal sehen, was der alte Kamerad hat. Er macht mir immer ein Gesicht, wie etwa Sailers heilige drei Könige geschnitten haben mögen, als sie Herodes mit Schlippermilch und Kressensalat bewirtete.« Er blieb stehen und ließ den Alten herankommen, welcher tat, als beachte er die Gegenwart unseres Freundes nicht. »Nun, Brosi,« fragte Ottmar, um das Gespräch einzuleiten, »warum habt Ihr Euch denn nicht mit uns anderen allen lustig gemacht? Ihr wart doch früher kein solcher Griesgrämler. Wollt Ihr Euch nicht eine Zigarre anstecken?« Und er bot dem Alten das Etui hin, aber der Brosi machte eine ablehnende Handbewegung. »Behaltet das Zeug für Euch, Herrle,« sagte er. »Mag nichts davon wissen, 's ist lauer Firlefanz, wie all das städtische Wesen – nichts für ungut. Mein alter Maserkopf da wird mich, schätz' wohl, schon noch aushalten.« »Nun, wie Ihr wollt. Aber Ihr habt mir auf meine Frage noch keine Antwort gegeben. Seid Ihr wohlauf, Brosi, oder ist Euch was im Leib nicht recht?« »Warum nicht gar! Ich trag' meine achtzig Jährle und noch etliche dazu mit Gottes Hilf' so leicht wie nur irgendeiner. Etwas im Leib nicht recht? Jawohl! Der Donner schieß'!« »Nun, was fehlt Euch denn?« »Was mir fehlt? Nichts, schätz' wohl. Aber 's ist mir halt etwas nicht recht, sölli nicht recht – sell Selbiges. ist wahr.« »Was denn?« »Da Ihr doch mal selber von der Sach' angefangen, Herrle, so will ich auch kein Blatt nicht vors Maul nehmen – nichts für ungut, 's geht schon lang' allweil mit mir rum und plagt mich bei Tag und Nacht – der Donner schieß'!« »Was, zum Teufel, habt Ihr für 'ne Ratte im Kopf, Alter? Versteh' ich Euch recht, so habt Ihr mir was zu sagen, nicht wahr?« »Allweg hab' ich Euch was zu sagen, Herrle.« »Nun denn, heraus mit der Sprache!« »Ja, also gleich, Herrle. Ich sag', Ihr tut Euch um das Aivli um, wie es nicht recht ist.« »Was?« »Ich sag', Ihr setzt dem Meidli Flausen in den Kopf mit Euren Flattusen und Redensarten. Das ist nicht recht – der Donner schieß'!« »Was tu' ich, Aller?« »Ihr werdet mich, schätz' ich, wohl verstanden haben, 's ist so 'ne Herrenmode, weiß wohl, zwei oder drei Weibsbilder zugleich am Bändel z'haben. 's mag fürnehm sein das, aber ehrlich ist's nicht. Wenn Ihr's aber außerhalb dem Bühl so treiben wollt, Herr, so geht es mich kein Stäubli nicht an, und der alt' Brosi schwätzt nicht gern in anderer Leut' Sach' hinein. Aber herrentgegen, dazu schweig' ich nicht, wenn meines Meisters Tochter, meiner Meisterin selig ihr Aivli in dem Ding sein soll. 's ist nicht recht, daß Ihr ums Aivli rumstreicht, während Ihr doch in die Dundershexe, in die Gräfin, verschossen seid. Wollt Ihr denn mit dem Aivli Euren Jux treiben, Herrle? Solltet doch einsehen, schätz' ich, daß 's Aivli viel z'gut dazu ist.« »Ich mit dem Aivli meinen Jux treiben? Was fällt Euch ein, Brosi?« »Was mir einfällt? Der Donner schieß'! Das fällt mir ein, daß ich meines Meisters einzig Kind nicht verunehrt und verschimpfiert und unglücklich sehen will.« »Ihr seid aus dem Häusli, Brosi, sonst würdet Ihr nicht solche Narreteien schwatzen.« »Narreteien schwätz' ich? Warum nicht gar! Jawohl, ja! Ich sag', 's ist mir Purer Ernst mit dem, was ich gesagt. Ja, das ist es, Herrle. Und wenn Ihr ein ehrlicher Kerl seid, so macht Ihr, daß Ihr bald, sölli bald aus dem Bühl und dem Forgtal fortkommt. Ja, so tut Ihr, wenn Ihr – nichts für ungut – ein ehrlicher Kerl und kein Hundsfötter nicht seid – der Donner schieß'!« Unserem Freunde stieg bei dieser peremptorischen Aufforderung des alten Knaben das Blut ins Gesicht, und der aufkochende Zorn gab ihm die Antwort ein: »Ihr seid unverschämt, Brosi, und verrückt dazu. Nehmt Euch nicht wieder heraus, mir solche Unverschämtheiten ins Gesicht zu werfen. Ich würde sie nicht immer so geduldig hinnehmen wie heute. Beim Zeus, ich habe weder einen Moralprediger noch einen Aufseher nötig, und weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Das fehlte noch, daß ein aberwitziger Kerl von altem Knecht mich hofmeisterte.« Aber die Zähigkeit des Brosi war nicht so leicht zu überwinden. »Nur stät, Langsam, sachte. Herrle, nur stät!« sagte er. »Daß ich aberwitzig sei, hat außer Euch noch kein Mensch gesagt – der Donner schieß'! Ein Knecht bin ich, sell ist wahr, und bin mein Lebtag einer gewesen, aber ein redlicher, wohlverstanden. Möchte den sehen, der anders reden könnte, und Ihr, Herrle, dankt Gott, daß Ihr's von Kindesbeinen auf so gut gehabt, kein Knecht werden zu müssen. Und herrentgegen, ja, was das Alter anlangen tut, so mein' ich, daß man's keinem sollt' vorwerfen, wenn er in Ehren alt worden; ja, so mein' ich, Herrle, und als Ihr noch ein kleiner Bub' gewesen seid und der alt' Brosi Euch dutzendmal Bolzen und Bogen und Spritzen und Holderbüchsen schnitzen mußt', da habt Ihr auch wohl nicht dran gedacht, daß Ihr mal selbigem Brosi vorrupfen würdet, daß er übel achtzig Jahr' alt worden sei.« Ottmars Zorn war augenblicklich verflogen. Er blieb stehen und bot dem Alten die Hand hin. »Brosi,« sagte er, »ich tat unrecht, ich schmatzte töricht, und ich bitt' Euch, mir zu verzeihen. Gewiß, ich hätte mehr Respekt vor Euren weißen Haaren haben und mich erinnern sollen, wie gut Ihr mit mir in meiner Fugend gewesen. Noch einmal, verzeiht mir!« Der alte Knecht nahm zögernd die dargebotene Hand und versetzte: »Ja, das war' nun schon recht. Jugend hat heißes Blut und das kommt leicht zum Aufsprudeln. Aber, Herrle –« »Aber, Brosi, jetzt wollen wir vernünftig reden. Kommt, setzt Euch zu mir auf den Stein da und sagt mir alles, was Ihr auf dem Herzen habt.« Der Alte nahm neben dem jungen Mann auf einem am Wege liegenden Felsstücke Platz und machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen. Der ruhige und gütige Ton, womit Ottmar zuletzt zu ihm gesprochen, hatte ihm offenbar das Konzept verrückt, so daß er nicht gleich wußte, wie er die verfängliche Unterredung weiter führen sollte. Ottmar kam ihm zu Hilfe, indem er sagte: »Ihr erwähntet, ich sei in die Gräfin Bernwart verschossen, Brosi?« »Ja, so sagen halt die Leut',« entgegnete der Alte. »Und warum sollten sie's nicht? Schätz' wohl, die Gräfin hat Euch auch am Bändel wie alle Mannsleut', die ihr nah' kommen. Das Weibsbild tut's nun halt allen an – der Donner schieß'! – und Ihr lauft und reitet so gut hinter ihr drein wie alle andern Narren – nichts für ungut, Herrle. 's geht mich auch gar nichts an, obwohl mich's von wegen Eures Vaters selig und von wegen Eurer Mutter selig kränken tut, daß auch Ihr wie Euer Bruder, der Scheinheilig – nehmt's nicht übel auf, Herrle – dem ungäben Ausgelassen, mutwillig, unbändig. Weibsbild nachlauft.« »Wie, Brosi, es ist also ein öffentliches Geheimnis, daß mein frommer Bruder Jeremias in die Gräfin vernarrt ist?« »Gott's Blitz, wer sollt' das nicht merken? Der Duckmäuser paßt ja der Gräfin auf allen Wegen und Stegen auf. Er ist verschossen wie ein Relling Kater. im Hornung – der Donner schieß'! Und wißt Ihr denn nicht, welch ein artlicher Jux dem Pfarrer verwichenen Sonntag passiert ist?« »Nein.« Nicht? Schätz' wohl, 's ist schon der Rede wert. Der Pfarrer muß manchmal richtig aus dem Häusli kommen, Verrückt werden. sonst tät' er keine so Faxen machen.« »Was machte er denn?« »Nun, seht, er steht verwichenen Sonntag auf der Kanzel und predigt, was hast und was gibst. Und predigen kann er, sell muß man ihm lassen. Wie er nun so predigt, reitet die Gräfin an der Kirche vorbei und muß sie der Pfarrer durchs Fenster gesehen haben, denn, sagen die Moosbrunner, er sei halt gleich völli verwirrt worden. Nun, was geschah? Nach der Predigt hat er, wie's der Brauch, die Leut' abezulesen, die im verwichenen Monat in der Gemeind' gestorben. Da fangt er nun richtig an z' lesen: ›Selig sind im Herrn entschlafen der Hans Jörg Bagger und die Kresenz Hirbler‹; maßen er aber verliebt ist wie ein Maikäfer, denkt er nicht ans Sterben, sondern ans Heiraten und ans Kopulieren, und so liest er fix: ›Selig sind im Herrn entschlafen der Hans Jörg Bagger und die Kresenz Hirbler; wer etwas dagegen einzuwenden hat, soll es gehörigen Ortes anbringen.‹« »Beim Zeus!« rief Ottmar lachend aus, »das ist in der Tat ein artlicher Jux, und es scheint mir nicht ohne, wenn Ihr meint, der Jeremias komme zuweilen aus dem Häusli. Hoffentlich weiß man von mir keine ähnlichen Beweise von Verschossensein aufzuzeigen.« »Das nicht gerade, Herrle. Aber neulich hat halt der Forgauer Waldschütz in der Wirtsstube erzählt, daß Ihr 'nen ganzen Nachmittag mit der Gräfin im Forgforst 'rumgestrichen und dann bis tief in d' Nacht 'nein mit ihr im Bärenschlößli gewesen.« »Der Teufel gebe dem Kerl eins auf sein Klatschmaul!« »Ja, so hab' ich auch g'sagt, und wißt Ihr, warum? Darum, wei's Aivli in der Stub' war.« »Ich versteh' Euch nicht recht.« »Nicht? Habt doch sonst einen guten Merker, Herrle. Wohl, 's Aivli war in der Stub', als der Waldschütz seine G'späß machte –« »Ich schlage dem Kerl den Schädel ein!« »Warum nicht gar! Er hat nur g'sagt, was er g'sehen, schätz' ich. Aber ich hab' halt wohl g'merkt, daß es dem Aivli grün und blau vor den Augen wurde, obwohl es sich anstrengte, gleichgültig dreinzugucken, und da hab' ich erlickert, wie's dem Meidli ums Herz ist, und da bin ich halt fuchsteufelswild über Euch worden – nichts für ungut.« »Ihr meint –« »Ich mein', ich mein', jedes Meidli, auch das rechtschaffenst' und brävst' und g'scheitest' – und so eins ist's Aivli – der Donner schieß'! – hat 'ne Zeit, wo's ist wie Schießpulver, und kommt dann's aparte recht' Feuer dran, so geht der Schuß los, was hast, was gibst.« »Aber, Brosi, ich kann Euch bei dem, was mir am heiligsten ist, beim Andenken meiner Mutter, versichern, daß ich mir dem Aivli gegenüber keines Unrechts bewußt bin. Wir kennen uns, wenn ich auch zehn Jahre älter bin als das Mädchen, noch von den Kinderjahren her, und kein Bruder könnte mehr auf die liebste Schwester halten, als ich auf das liebliche Kind halte.« »Ja, das ist nun schon recht, und ich glaub' auch, daß Ihr's so meint. Aber 's Aivli hat Eure Freundlichkeit anders genommen, und ist das, schätz' ich, ganz natürlich, 's ist eine mächtige Veränderung mit dem Meidli vorgangen, seit Ihr da seid. 's ist gar nicht mehr so frohmütig wie sonst, und in seiner Unschuld merkt's selber nicht, daß es nur für Euch Augen hat. Ich sag' Euch, 's Aivli hat Euch lieb, tausendmal lieber, als 'ne Schwester ihren Bruder hat, und ich frag' Euch, ja, ich, der alte Brosi, dem das Kind am Herzen liegt, als wär's sein eigen, frag' Euch: Was soll aus der Sach' werden? Unrechte Absichten könnt' Ihr doch wohl nicht auf das Meidli haben, Herr Ottmar, 's tät den Meister umbringen, so was, und Ihr müßtet ja der schlechtest' Kerle sein, den der Erdboden trägt.« »Jawohl, Brosi. Ich schlechte Absichten auf das Kind haben? Ich würde mich lieber gleich in den Forgstrudel stürzen, das dürft Ihr mir glauben. Wer könnte auch diesem Mädchen gegenüber auf Schlechtes sinnen? Eva Baldung würde einen König, das heißt, ich will sagen, den besten und angesehensten Mann ehren, wenn sie ihn mit ihrer Hand beglückte.« »Wohl, das sind, schätz' ich, so Redensarten, wie die Herrenleut' sie im Munde führen. Aber – der Donner schieß'! – man lockt damit kein' Hund vom Ofen. Gucket, Herr, 's Aivli ist keine Prinzeß, 's Aivli ist ein Schwarzwälder Landkind, und Ihr, Herrle, Ihr seid ein Stadtherr. Wie paßt das z'sammen? G'setzt, Ihr habt redliche Absichten auf das Meidli, was könnt's helfen? 's Aivli tut nicht in die Stadt unter die Herrenleut' passen; 's Aivli muß Schwarzwälder Bergluft in der Lunge haben, wenn's g'sund sein soll. Weiß noch wohl, wie elendiglich es dem Kind z'mut war, als es selbigsmal bei der Bas' selig in der Stadt gewesen ist. 's tät kein' gut mit dem Aivli in der Stadt, und was Euch angeht, Herr, so schätz' ich, Ihr werdet kein' Lust haben, Euer Herrenhandwerk aufzugeben und ein Schwarzwälder Bauerng'werb anz'fangen. Drum schätz' ich, 's ist 'ne leide Sach' – der Donner schieß'!« Ottmar war nachdenklich geworden. Er fühlte, daß mit oberflächlichen Einwürfen gegen die einfache Logik des Alten nicht aufzukommen sei, und zudem erschien ihm sein Verhältnis zu der schönen Tochter des Goldforellenwirts plötzlich in einem ganz neuen Licht, in einem Licht, welches seiner Eitelkeit hätte schmeicheln können, wenn es nicht mehr noch seine Redlichkeit beunruhigt hätte. Er warf einen raschen Rückblick auf sein ganzes Betragen gegenüber dem Mädchen, seit er den Bühl betreten hatte, und wenn er sich auch jetzt noch einreden wollte, sein Gebaren hätte sich stets in den Schranken brüderlichen Wohlwollens gehalten, so war er doch auch wieder ehrlich genug, sich zu gestehen, daß gerade in den letzten Tagen seine Gefühle wohl eine wärmere Färbung angenommen hätten. War es ihm doch vorhin, als er neben der Tochter Baldungs auf dem Raine saß, fast vorgekommen, als schäme er sich der Erinnerung an den Taumel, in welchen ihn die Tochter der Luft in jener Mondscheinstunde in der Ruine des Bärenschlößchens versetzt hatte. Der Alte störte das Nachdenken des jungen Mannes nicht. Große Rauchwolken aus seinem Munde stoßend, begnügte er sich, von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf Ottmar zu werfen. Endlich äußerte dieser: »Brosi, ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Ist es, wie Ihr sagt, so wollt' ich, ich hätte den alten Schwarzwald nie wiedergesehen. Denn wie könnt' ich's verantworten, daß ich dem Aivli, und wenn auch unfreiwillig, ein Leid angetan? Laßt mich glauben, daß es mit der Sache nicht so viel auf sich habe, aber – aber sagt mir doch mal, wenn Ihr's wißt, hat das Aivli dem Kerl, dem Waldschütz, geglaubt? Glaubt 's Aivli, daß ich – daß ich – wie soll ich sagen? – mit der Gräfin in einem Liebesverhältnis stehe?« »Nein, Herrle, das glaubt 's Aivli nicht. Warum? Darum, schätz' ich, weil es dazu viel zu gut und zu unschuldig ist, Herr. Freilich, als der Waldschütz palaverte, da wurd' es dem Aivli schwach und schwindlig, Herr, und da merkt' ich, was die Uhr für 'ne Stunde geschlagen. Und hernacher, als der Schütz fortgangen und ich mit dem Aivli allein in der Stub' war, trippelte das Meidli um mich 'rum wie, schätz' ich, 'ne Henne, die ein Ei legen will und nicht weiß, wo damit aus und an. Ich sagt' aber nichts. Herr, denn ich war selber konfus im Kopf. Endlich konnt's das Meidli doch nicht mehr prästieren; das machte, Herr, 's war mehr, als Fleisch und Blut von 'nem Weibsbild aushalten kann. ›Brosi,‹ sagte sie, ›'s ist recht dumm von dem Waldschütz, so Zeug z' plappern. Der Herr Ottmar ist nicht schlecht, nein, er ist nicht schlecht.‹ Und dabei wurde sie Euch so eifrig, das arme Ding, als gält' es ihre Seligkeit z' verfechten. ›Nein,‹ sagte sie zum dritten Male, ›der Herr Ottmar ist nicht schlecht, und ich glaub's partout nicht, und wenn er die gnädig' Frau gern ansieht, so ist das nichts Arg's, weil sie gar so schön ist, und wenn er gern mit ihr redet, so ist das auch nichts Arg's, weil sie gar so gescheit ist und so viel weiß und kann, und es ist recht boshaftig von den Leuten, daß sie gleich Schlechtes denken.‹« »Das liebe Kind!« sagte Ottmar bewegt. »Ja freilich, Herr, 's Aivli ist ein lieb's Kind – der Donner schieß'! Jedennoch muß ich sagen, daß ihr's bei alledem doch nicht ganz leicht ums Herz war. Grad' konträre, schätz' ich, denn nach 'ner Weile sagte sie zu mir: ›Brosi, Ihr glaubt doch auch nicht, was der Waldschütz g'sagt? Ihr glaubt nicht, daß es der Herr Ottmar mit – mit der gnädigen Frau haben tät', nicht wahr?‹ Und dabei wurde Euch das arme Ding so feuerzündelrot, als hätt' es selber was Übles getan. Jetzt gucket, Herr, z'erst meint' ich, 's wär' vielleicht am besten, um dem Aivli den Kopf z'rechtzusetzen, wenn ich sagte, der Wildschütz hab' recht –« »Was zum Teufel, Brosi! Ihr werdet doch nicht? Ich sag' Euch, Ihr hättet, wenn auch vielleicht nicht mir, so doch der Gräfin schweres Unrecht getan.« »Hm, auf die wär' mir's grad' nicht sölli angekommen. Jedennoch, seht Ihr, einesteils mocht' ich Euch allerdings nicht unrecht tun und anderteils dauerte mich 's Aivli. Ja – der Donner schieß'! – 's Aivli dauerte mich, als es mich so anguckte, als ob ihr Leben von meiner Antwort abhängen täte. So sagt' ich denn: ›Ich glaub's nicht, Aivli‹ – und ich mein', das Wettersmeidli wär' mir drob schier um den Hals g'fallen.« »Ihr konntet nein sagen, Brosi, mit dem besten Gewissen von der Welt.« »Wohl, ich will's glauben, Herr. Aber das ändert doch an der ganzen Sach' blutwenig. Konträre, 's wär', schätz' ich, fürs Aivli besser, wenn es glauben müßte, Ihr wärt in die gnädig' Frau verschameriert und sie in Euch. Ja, 's wär' besser fürs Aivli – der Donner schieß'!« Ottmar schwieg wieder eine Weile nachdenklich und sagte dann: »Hört, Brosi, es gehen mir allerlei Gedanken im Kopf herum, aber ich muß sie mir erst zurechtlegen, bevor ich darüber sprechen kann. Einstweilen wird Euch die Versicherung genügen, daß mir das Glück des Aivli warm am Herzen liegt und daß ich jede meiner Geberden, jedes meiner Worte sorgfältig bewachen werde.« »Ei, so schlag', wie der Meister zu sagen pflegt, hättet Ihr das nur all die Tag' her, insonderheit aber heut' getan. Habt Ihr denn nicht gesehen, daß 's Aivli ganz närrisch vor Glück war, weil Ihr Euch so rechtschaffen anstelltet beim Heuen? Jedennoch, wisset Ihr, was? Wenn Ihr's wirklich so gut meint mit dem Aivli, wie Ihr sagt, so machet, daß Ihr recht bald aus dem Forgtal fortkommet – nichts für ungut. Das wär' das G'scheitest', schätz' ich. 's Aivli ist noch jung, sehr jung, sie wird sich das Zeug wieder aus dem Sinn schlagen, wenn sie Euch nicht mehr vor Augen hat, schätz' ich. Die jungen Leut' können das, und unsre Schwarzwälder Meidli tun nicht an der Liebeskrankheit sterben, wie Eure Stadtjungfern. Ich glaub's auch von diesen nicht sölli. – Was meint Ihr, Herrle, zu dem Fortgehen?« »Es wird am Ende das Klügste sein, Brosi. Wäre nur dieser verhenkerte Prozeß nicht. Ich muß ihn durchführen; meine Reputation hängt sozusagen daran.« »Der Prozeß des Grafen mit seinem Bruder, dem Baron?« »Ja.« »Von wegen dem Forgforst?« »Ja.« »Jetzt gucket, da könnt' ich Euch vielleicht helfen, Herrle.« »Ihr, Brosi? Ihr seid doch nicht rappelköpfig, alter Knabe?« »O, Ihr braucht gar nicht so zu lachen und so fürnehm zu tun, Herrle. Hört nur. 's Aivli, das sich leider um alles sorgen tut, was Euch angeht, sagte verwichen, Unlängst, neulich. es sei ein schweres Unglück, daß Ihr die alten Grenzsteine im Bärenbachtobel nicht finden könnt. Um die drehe sich sozusagen die ganze Prozeßgeschichte.« »Ja, so ist es. Ich habe im Beisein des Aivli Herrn Baldung davon erzählt.« »Wohl, seht Ihr, da eben könnt' ich Euch helfen. Ich weiß, wo die alten Steine sind.« »Ihr, Brosi? Ach geht! Und wenn Ihr's wußtet, warum habt Ihr nicht schon lange gesprochen? Es war Euch doch bekannt, daß die ganze Existenz des gräflichen Hauses von diesem Prozeß abhängt.« »Was geht mich in's Dreiteufelsnamen das gräfliche Haus an? Keinen Pfifferling, Herrle. Ja, und 's wär', schätz' ich, fürs ganze Forgtal ein groß Glück, wenn mal die liederlich' Wirtschaft mit Ach und Krach ein End' nähm' und die ganz' gräflich' Bagasche, mit Respekt zu sagen, zum Teufel fahren tät'. Ich würd' keinen Finger rühren, um sie aus der Schlamasse zu ziehen, nein, ich nicht; erstens, weil ich sie nicht leiden mag, und zweitens, weil ich von g'scheiten Leuten viel und oft hab' sagen hören, daß unsereiner immer schlecht fahre, wenn er sich in großer Herren Sachen mische. Wer sich unter die Kleie mischt, den fressen die Säue, wißt Ihr.« »Ich kann nicht finden, daß dieses Sprichwort auf den vorliegenden Fall passe, Brosi.« »Das tut nichts, Herrle. Ich will absolute nichts von der gräflichen Schmiere.« »Aber laßt Euch sagen, Brosi, wenn Ihr das, was Ihr wißt, Eurem Meister gesagt, so hättet Ihr diesem einen guten Dienst geleistet.« »Dem Meister? Wieso?« »Vom Auffinden der Grenzsteine hängt der Ausgang des Prozesses ab. Gewinnt aber der Graf den Prozeß, so hat Euer Meister Aussicht, wieder zu seinem Gelde zu kommen.« »Zu seinem Geld? Der Meister? Was wollt Ihr damit sagen, Herr Ottmar?« »Ei nun, das ist ganz einfach. Herr Baldung hat ja dem Grafen eine beträchtliche Summe Geldes geliehen –« Unser Freund hielt inne, denn er bemerkte, daß dieser Umstand, welcher für Brosi augenscheinlich eine Neuigkeit war, auf den Alten einen ganz merkwürdigen Eindruck machte. Brosi stemmte die Hände auf die Knie und starrte unserem Freunde mit weitvortretenden Augen ins Gesicht. Er sah drein, als hätte er etwas Unerhörtes, ja geradezu Unglaubliches vernommen. »Wa – wa – was?« Dies war alles, was er hervorbringen konnte, und bei dieser Gelegenheit entfiel der Maserkopf seinem Munde, des um die Pfeifenspitze gewickelten Garnknäuels ungeachtet. Er vergaß auch, sich nach dem ihm sonst so unentbehrlichen Möbel zu bücken; er war ganz weg. »Es scheint, Ihr wußtet von diesem Umstand nichts, alter Freund,« bemerkte Ottmar. »Was? Was?« brach der Alte los, und seine Stimme schnappte vor Zorn in die Fistel über, während sein Gesicht vor Ingrimm braunrot wurde. »Dem Lumpengrafen Geld leihen? 's ist ja zum Verfluchen! Dem Geld leihen? Hätt' er's doch lieber gleich in Dreck g'schmissen. Ist der Meister letzköpfig Närrisch. worden? 's muß so sein – der Donner schieß'! Hat man je 'nen g'wissenloseren Mann g'sehen? Seinem eigenen Fleisch und Blut entzieht er's Geld und gibt's der fürnehmen Lumpenbagasche! Na, das geht noch übers Bohnenlied. Hat's ihm die Wetterhex', das Malefizweib, die Gräfin, etwa auch angetan? Schätz' wohl, 's muß so was um d' Weg' sein – der Donner schieß'! Und die ganz' G'schicht' hinter mei'm Rücken, ja, ja, recht gaunermäßig, als wär' der alt' Brosi nur gar nicht mehr da, als wär' er schon verlochet und vergraben. Gott's Blitz, so was hab' ich, schätz' wohl, um den Meister nicht verdient. – Den Schloßleuten Geld leihen, viel Geld, sagt Ihr? – Jetzt möcht' ich aber nur grad' fuchsteufelswild werden! Der Donner schieß'!« Ottmar hatte anfangs Mühe, das Lachen zu verbeißen, als er den Alten so wütend gebaren sah. Aber die Aufregung, der Zorn, der Schmerz Brosis waren zu wahr und groß, um in die Länge komisch zu wirken. Unser Freund erkannte in dieser Bewegung die eines Dienstboten von altem Schrot und Korn, welcher sich mit der Familie, der er diente, völlig eins fühlte und wie für seine Pflichten, so auch für seine Rechte ein sehr lebhaftes Gefühl besaß. »Nun, Brosi,« sagte der junge Mann, »faßt Euch doch. Geschehene Dinge kann man nicht ändern, im vorliegenden Falle aber lassen sich vielleicht die schlimmen Folgen beseitigen.« »Ja, Herrle, Ihr habt gut schwätzen. Ist Euch je so was passiert? Fünfundfünfzig Jahre hab' ich jetzt im Bühl gedient, in Treu' und Ehren, und jetzt geht der Meister her und schmeißt sein Geld, des Aivlis Geld zum Fenster naus, ohne mir was davon z' sagen, mir, der ich allzeit drauf aus war wie der Teufel auf 'ne Seel', daß der Meister der stolzest' Bau'r und Wirt könnt' sein, müßt' sein, soweit man kocht, und der best' Mann im ganzen Schwarzwald. Und jetzt –« Die Stimme des Alten brach im Weinen. »Ihr müßt Euch das nicht so zu Herzen nehmen, Freund Brosi,« sagte Ottmar. »Der Meister hat die Sache wohl nur vergessen. Wahrscheinlich wurde er um das Darlehen angegangen, als Ihr gerade nicht daheim wart. Jetzt aber müssen wir sorgen, daß der Meister wieder zu seiner Sache kommt, und da Ihr, wie Ihr sagt, die verteufelten alten Grenzsteine zwischen dem Forgauer Forst und dem Forgforst –« »Die von Anne 1744, Herrle?« »Ja, eben die. Sobald wir die Steine haben, ist der Prozeß so gut wie gewonnen. Ihr braucht also bloß zu sprechen –« »Ja, da könnt Ihr und der Meister und die ganze hundsföttische Welt lang' warten!« schrie der Alte wieder im höchsten Zorn. »War's dem Meister nicht drum zu tun, sein Maul aufzumachen, als er sein Geld wegschmiß, so ist's jetzt dem Brosi auch nicht drum zu tun, sein Maul aufzumachen, um dem Rabenvater, der so an seinem Kind handeln kann, wieder zu seinem Geld zu verhelfen. Wurst wider Wurst – der Donner schieß'!« »Aber 's Aivli, Brosi, 's Aivli! Wenn mir recht ist, hat der Meister mir gesagt, das unglückselige Darlehen sei gemacht worden aus dem Geld, welches die Bas' in der Stadt dem Aivli vermacht hatte.« »Da sieht man den Lotter von Goldforellenwirt! Was, was? Dem Aivli sein Geld ausleihen? Ohne recht's Unterpfand natürlich? Ich will's ihm schon sagen, wie's ihm sein Lebtag noch nie ist g'sagt worden – ja, das will ich, der Donner schieß'!« »Aber, Brosi, das Aivli darf doch nicht durch Euren, wie ich zugebe, nicht unbegründeten Zorn benachteiligt werden.« »Ja, da habt Ihr recht, Herrle. 's Aivli muß wieder zu seiner Sach' kommen, wenn's möglich z' machen ist. 's Meidli kann ja nichts dafür, daß es so 'nen leichtsinnigen Vetter von Vater hat – der Donner schieß'! Und Ihr meint also,« setzte der Alte hinzu, indem er aufstand, »der Dundersprozeß hänge von den alten Steinen ab?« »Das ist meine feste Überzeugung.« »Wohl, Herrle, Ihr sollt die Steine z' G'sicht kriegen. Morgen in aller Früh' klopf ich an Eure Türe und dann wollen wir mit Tagesanbruch ins Bärenbachtobel 'nauf.« »Ach, du lieber Gott, Brosi, dort ist schon alles abgesucht worden, sozusagen jedes Gräschen umgewandt, links und rechts am Bach auf und ab.« »Das kann, schätz' ich, wohl sein, Herrle. Und gefunden hat man nichts?« »Keine Spur.« »Glaub's wohl,« versetzte der Alte, den neben ihm hergehenden Juristen mit einem echt bäuerisch pfiffigen Lächeln von der Seite anblinzelnd; »man hat, schätz' ich, nur am Bach, nicht im Bach gesucht.« »Was zum Teufel, Brosi! Wie meint Ihr das?« »Wie's ist, Herr, akkurat so, wie's ist. Meine Mutter selig, Gott tröste sie! die ist als ein klein's Meidli dabeig'standen, als man die Steine setzte, und sie hat mir oft verzählt, daß sie bei dem Anlaß, wie's der Brauch, 'ne tüchtige Ohrfeig' hab' g'fangen. Viele Jahr' drauf, als ich ein kleiner Bub' war, gab's 'ne grus'lige Wassersnot im Schwarzwald und wurden auch unsere Täler schwer heimg'sucht. Bei dem Anlaß trat auch der Bärenbach aus und war so ungäb, daß er sich ein ganz neues Bett suchte, und in dem fließt er jetzunder noch, und das alte ist verwachsen und wissen die Leut' nichts mehr davon, 's muß einer so ein alter Kerle sein wie ich, um selbiger Zeit noch sich z' erinnern. Wohl, ein paar Wochen nach der Überschwemmung war ich mit der Mutter, die ein arm Weib gewesen, in den Forgforst ins Reisig gangen, und da schwätzten wir von dem und diesem und von der Wassersnot und wie sich der Bärenbach ein ander Bett g'machet. Und da verzählte sie mir auch wieder von dem Steinsetzen von Anno 1744 und von der Ohrfeig', die sie dabei g'kriegt, und da bin ich halt aus Wunderfitz, Neugier wie's so d' Kinder haben, gucken gangen und bin im Bach 'naufg'watet und fand richtig alle drei Stein', und ich weiß das noch, als wär's erst gestern gewesen, und ich wett', daß ich die drei Plätz' auf der Stell' find', und wenn der Teufel seither nicht hat die Stein' g'holt, so müssen sie noch unter dem Wasser des Baches stecken, denn sie waren Euch mächtig tief und fest in den Boden g'setzt – der Donner schieß'!« 2. Von Mägen, Dichtern und Weibern. »Ja, meine Herren, das ganze Elend unserer Zeit rührt zweifelsohne daher, daß sie zu schnell ißt, überhaupt die erhabene Funktion des Essens und Verdauens nicht mit gehöriger Bedachtsamkeit, Gewissenhaftigkeit und Würde verrichtet. Man sollte sozusagen mit Andacht essen; ja, das ist das rechte Wort. Die Wissenschaft wird, wenn sie erst zur Erkenntnis der ungeheuren Wichtigkeit des Gegenstandes gelangt ist, auf diesem Felde eine Tätigkeit zu entwickeln haben, deren Resultate, mit Goethe zu sprechen, jetzt noch geradezu inkommensurabel genannt werden müssen. Man wird in Zukunft nicht mehr sagen: ein wissenschaftlich gebildeter Mann, sondern: ein wissenschaftlich gebildeter Magen; denn, meine Herren, die Zukunft wird endlich so frei und wahr sein, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, und sie wird so gerecht sein, den Inbegriff, Ermöglicher, Erhalter alles Lebens, den Magen, welcher faktisch das Zentrum alles menschlichen Daseins ist, auch de jure als solches zu proklamieren. Unsere Großväter haben das Zeitalter der Aufklärung und Klassik durchgemacht, unsere Väter hatten das der Romantik und Restauration zu ertragen, wir unsererseits, wir armen Teufel, wir haben den Hexenkessel einer Periode brodeln sehen, in welchem blaudunstiger Konstitutionalismus, bombastische Demokratie und gesellschaftsrettungsfreudige Despotie durcheinanderquirlen, so zwar, daß das Schmer des Absolutismus stets wieder siegreich obenauf schwimmt. Heil unseren Enkeln, das heißt unseren Enkeln im tausendsten Gliede, welche all dieses Jammers enthoben sein und die Gloria des Zeitalters des Magens sehen werden. Da wird man endlich so gescheit sein, die natürliche Basis alles Dichtens und Trachtens der Menschen, den Magen, auch zur politischen und sozialen zu machen. Vom Magen wird alles ausgehen, auf ihn alles zurückgeführt werden. Er wird in Wahrheit der Liberator, Pazifikator und Regulator der Gesellschaft sein. Wer gut gespeist hat, meine Herren, ist stets bereit, mit Schiller zu singen: ›Seid umschlungen, Millionen!‹ woraus folgt, daß die Philosophie des Magens die einzige wirklich erlösende und humanisierende ist. Aber ich spreche mit jenem berühmten Berliner Russen: ›Die Wissenschaft ist die Umkehr.‹ Auch die Gastrosophie muß sich dieses große Wort gesagt sein lassen. Ich überlasse es zwar meinen drei verehrten, hier anwesenden Freunden und Gönnern, dem hochwohlehrwürdigen Seelenhirten von Moosbrunn, wie den zwei lyrischen Zierden der Zeit, Don Rodrigo und Herrn Walter von dem Schmelz, diesen überlasse ich es, des breiteren darzutun, daß mit jener Umkehr die Umkehr zum Köhlerglauben gemeint sei; meinesteils aber und auf meinem gastrosophischen Standpunkt verstehe ich die Sache so: die Wissenschaft muß bei der Natur, beim Volke in die Schule gehen. Wer versteht zu essen, die sogenannten Gebildeten oder die Bauern? Offenbar diese, während jene eigentlich gar nicht essen, sondern nur schlingen, die schnödeste Barbarei, die man sich denken kann. Gibt es doch metaphysische Querköpfe genug, welche wähnen, das Essen als eine lästige Notwendigkeit möglichst geschwind abmachen zu müssen. Und solche Barbaren bilden sich ein, die Zivilisation gegen den Zarismus verteidigen zu müssen. Die Unglücklichen? Da seht euch dagegen mal einen essenden Bauer an. Wie breit, wie gemächlich, wie gesammelt, wie andächtig sitzt er da, um des Lebens wichtigstes Geschäft zu vollziehen! Sein linker Arm liegt bequem auf dem Tisch, und in der Fläche der linken Hand ruht das rechte Armgelenk, damit die Hand, welche die Speisen zum Munde bringt, eine solide Basis habe. Langsam fährt er mit dem Löffel in die gemeinsame Schüssel, methodisch langsam, aber stetig, und unter religiösem Schweigen läßt er einen Bissen dem anderen folgen. Er mutet seinem Magen Ungeheures zu, aber er darf es, denn er behandelt denselben zugleich auch mit all den Rücksichten, welche die Natur lehrt. So ißt der Naturmensch, und es ist herzerhebend, ihm dabei zuzusehen. Bei alledem ist so ein Bauernmagen zu sehr im Naturdasein befangen, um weiter in Betracht kommen zu können. Wie ganz anders stellt sich ein mit wissenschaftlichem Bewußtsein arbeitender Magen zum Leben, zur Geschichte, zur Kunst!« Hier machte der, welcher diesen gastrosophischen Sermon hielt und natürlich kein anderer war als der grimme Wate, eine Pause, um mit einem nachdrücklichen Schluck Wein seinen Gaumen anzufeuchten. Ort und Stunde zu seiner Predigt waren nicht übel gewählt. Der Freiherr Adalbert hatte gestern in Bernwartshall die ganze Gesellschaft zu einem Fischzug eingeladen, welcher denn auch im Beisein der Gräfin diesen Morgen weiter oben im Tal, wo der Freiherr einen von der Forg gespeisten Teich besaß, unter allseitiger Heiterkeit vor sich gegangen war. Nachher hatte der lebenslustige junge Mann die Männer zu einem Junggesellenessen mit nach Hause genommen, und alle hatten es sich nach den munteren Strapazen des Vormittags gehörig schmecken lassen. Sie saßen in dem großen Balkonzimmer über der Freitreppe des Schlosses. Der Nachtisch war aufgestellt, die Diener hatten sich entfernt, und die Flasche begann zu kreisen. Hatten auch nicht alle mit der Wissenschaftlichkeit und Andacht Wates, so hatten doch alle gut gespeist, die Weine waren vortrefflich, die zugleich mit den Süßigkeiten erschienenen Zigarren sublim, und so befand sich männiglich, selbst den frommen Pfarrherrn nicht ausgenommen, in jenem Zustand des Behagens, wo man sich auch eine Predigt gefallen läßt, eine solche sogar, die man nicht selber hält. Wate ließ daher seine Augen an der Tafelrunde umherlaufen, und da er bemerkte, daß kein Einspruch gegen die Fortführung seines Sermons erhoben werden wollte: fuhr er fort: »Ich habe lauter literarisch gebildete Leute vor mir, und wenn sich auch unser wohlgeneigter Seelenhirt von Moosbrunn weniger mit der profanen Literatur abgibt, so wird doch auch er mich verstehen, wenn ich ihn, wie alle die Herren, bitte, einen vollen Becher darzubringen dem Andenken eines Mannes, der meiner unmaßgeblichen Ansicht nach tausendmal edler war als sämtliche Mitglieder der jetzund auch selig im Herrn verflossenen Edlenmännerfirma Gagern und Kompanie. Meine Herren, es lebe der große Eulenbök!« »Was ist denn das wieder für eine Schnurre, Herr Doktor?« fragte der Pfarrer, der wirklich nicht ganz sicher war, wen oder was Wate meine. »Ach, der Herr Doktor zielt auf den Maler Eulenbök in Tiecks Novelle ›Die Gemälde‹,« bemerkte Don Rodrigo. »Richtig, mein Teuerster«, versetzte der Gastrosoph. »Diese berühmte Person, die beste Figur, welche Meister Ludwig geschaffen, entwickelt in besagter Novelle eine Philosophie des Weintrinkens, gegen welche alles Orakeln der Kant-, Fichte-, Schelling-, Hegel-, Herbart-, Schopenhauerschen Philosopheme pures Wasser ist. O, ein Dichter, welcher eine ebenbürtige Philosophie des Essens aufstellte, der täte unserer Zeit not. Ein Königreich für einen solchen Poeten! Doch was greife ich sehnsüchtigen Wunsches in die Weite nach dem, was ich in nächster Nähe vor mir habe? Wie wahr sagt doch Goethe: ›Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da!‹ Wir haben an diesem gesegneten Tische einen Mann, dessen Lyrik das Entzücken unserer gebildeten protestantischen Jugend ist – (Don Rodrigo errötete geschmeichelt) – wir haben ferner unter uns einen Mann, dessen Lyrik-Epik das A und O unserer katholischen Söhne und Töchter gebildeter Stände ausmacht – (Herr Walter von dem Schmelz errötete mädchenhaft selig) – wie wäre es nun, wenn diese unsere berühmten Freunde an die Lösung der großen Aufgabe gemeinschaftlich sich machten? Ich verstehe unter dieser Aufgabe ein grandioses lyrisch-episches Lehrgedicht, eine Iias oder vielmehr Odyssee, nein, eine Faustiade des Magens, etwa betitelt: Der Magensaft der Weltgeschichte oder: Die göttliche Komödie der Verdauung. Würde dieses erhabene Thema so ausgeführt, wie ich dem Genie unserer Freunde es zutraue, so müßte ein wahrhaft Welt- und Menschengeschick bestimmendes Werk daraus werden.« Der Pfarrer krümmte höhnisch seine Mundwinkel und warf einen Blick boshafter Freude auf die beiden Poeten. Ottmar und der Freiherr lachten, und Don Rodrigo war gutmütig genug, mitzulachen. Nur Herr Walter blickte, gehüllt in die Würde seines Ruhmes, wie ein Jupiter tonans drein. Dann räusperte er sich und sagte vornehm: »Wir sind es an dem Herrn Ex-Mediziner schon gewohnt, daß er alles Beste und Schönste in den Kot seines zynischen Materialismus herabzieht. Über Wesen und Würde der Poesie, über die Erhabenheit ihrer Aufgaben mit einem Manne zu streiten, der gar kein Organ dafür hat, wäre die unerquicklichste Sache von der Welt. Solange wir, mein verehrter Bruder in Apollo hier und ich, die Zustimmung der trefflichsten Männer und Jünglinge, der zartesten und frommsten Frauen Deutschlands für uns haben, können wir uns über die gottlosen und faden Späße der Nihilisten füglich hinwegsetzen.« »Bah, bah, liebster Freund und Gönner, nur nicht so patzig!« entgegnete der Grimme. »Was wissen Sie von meinen Organen? Die sind, Gott straf' mich, in ganz leidlicher Verfassung. Wenn Sie aber meinen, ich sei ein Nihilist, so muß ich Sie belehren, daß Sie gewaltig auf dem Holzwege sind. Würde ich mir meine gastrosophischen Studien so angelegen sein lassen, wenn ich mich nicht um die Welt und das Heil der Menschheit kümmerte? Ich sage Ihnen, mir ist's ganz behaglich, ganz positiv, ganz realistisch zumute, keineswegs pessimistisch, negativ, nihilistisch, und ich schwimme in dem Sumpf, genannt Welt, so wohlig umher wie nur irgendeiner von Ihnen.« »Wir sind keine Sumpfbewohner, Herr Doktor,« sagte Herr Walter empfindlich. »Sie haben eine eigene Manier, Ihre Sumpfgewohnheiten anderen zu vindizieren.« »O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, mein Teuerster. Ich weiß ja recht gut, daß Sie ein Adler sind, der auf den Toilettentischen horstet.« »Was ich bin, darüber steht Ihnen keine Entscheidung zu.« »In der Tat, Herr Doktor,« bemerkte Don Rodrigo, seinem Freunde zu Hilfe kommend. »Ihre Laune nimmt heute wieder eine wunderliche Richtung. Wer wird die schöne Welt einen Sumpf nennen? Geschwind, nehmen Sie das garstige Wort zurück!« »Liebster Freund,« versetzte Wate, »wie gerne täte ich nach Ihrem Willen, aber meine Achtung vor der Poesie läßt es nicht zu.« »Ihre Achtung vor der Poesie?« »Ja, und vor poetischen Autoritäten. Ich bin glücklicherweise imstande, eine solche ersten Ranges für mich anzuführen, den Russen Puschkin. Hören Sie nur gefälligst: In dieser Welt voll Toren, Laffen, Verkäuflicher Gerechtigkeit, In Uniform gesteckter Affen, Auswürfe jeder Schlechtigkeit, Spione, frömmelnder Koketten Und Sklaven, stolz auf ihre Ketten, In dieser Welt der Heuchelei, Des Lugs, des Trugs, der Kriecherei, Verschmitztheit, Roheit, Alltagsleere, Klatschsucht, Verleumdung, Unnatur, In diesem Tugendgrab, wo nur Das Laster kommt zu Ruhm und Ehre – In diesem Sumpf, in welchem wir Uns, Freunde, alle baden hier –« »Puschkin!« sagte Don Rodrigo mit wegwerfendem Achselzucken. »Ein glaubensloser, verschrobener Nachbeter von Byron, welcher seinerseits selber nur bei solchen für einen Dichter gelten kann, die keine Ahnung davon haben, daß Poesie die Versöhnung der Gegensätze durch den und in dem Glauben ist.« »Danke für die gütige Belehrung,« entgegnete Wate mit einer tiefen Verbeugung. »Ich gestehe,« nahm Ottmar das Wort, »daß ich, bei aller Achtung vor unseres Freundes Don Rodrigo ästhetischer Autorität, seine über Byron geäußerte Ansicht nicht zu teilen vermag.« »Bewundern Sie diesen Dichter der Dissonanz?« fragte Don Rodrigo. »Es gab eine Zeit, wo ich ihn sehr liebte, bewundern tu' ich ihn noch jetzt. Gegen einen Childe Harold, Kain, Sardanapal, Don Juan gehalten, ist doch alles, was seither von Poesie höheren Stils erschien – entschuldigen Sie, ich meine in Epik und Drama – wahres Kinderspielzeug.« Don Rodrigo ließ sich diese Meinung so ziemlich gefallen, da er ja die zugunsten der modernen Lyrik gemachte Ausnahme auf sich beziehen konnte. Herr Walter von dem Schmelz dagegen, der große lyrische Epiker, sah unseren Freund mit einem verachtungsvollen Seitenblick an, und auf seiner Stirne inthronisierte sich eine Hoheit des Bewußtseins, welche eines Dante nicht unwürdig gewesen wäre. In dem Stirnrunzeln des großes Mannes stand zu lesen: »Ich habe Chamoisina gedichtet und das Märchen vom Fichtenzapfen, ich! und dieser Erbärmliche wagt hier, an meiner Seite, von einem Lump von Byron zu reden.« Der unglückselige Ottmar ahnte wahrscheinlich nichts von dem zermalmenden Verdammungsurteil, welches unter der Schädeldecke seines Nachbars für ihn kochte, denn er fuhr fort: »Was man auch sagen mag und wie sehr die Frömmelei heutzutage in der ästhetischen Kritik wie in allem das große Wort führt, so ist und bleibt es doch ein närrisch Ding, Poesie und Poeten mit dem Maßstab des Glaubens und Unglaubens messen zu wollen. Ich weiß wohl, es gehört jetzt zum guten Ton, von der Kunst in einseitigster Weise als von einer Sache des Glaubens und der Versöhnung zu reden. Die lieben Leute, wohin kommen sie damit? Alle wahrhaft großen Dichter haben aber ihre Größe gerade dadurch erwiesen, daß sie die furchtbaren Widersprüche und Gegensätze des Menschenlebens aufzeigten, statt den Mantel der Lüge darüber zu werfen. So Goethe, so Schiller, Firdusi, Äschylos, Dante, Cervantes und Shakespeare. Nur die Voreingenommenheit eines Kommentators kann, wie ich glaube, in den Shakespeare Glauben und Versöhnung hineintifteln. Shakespeares Werke sind, bei Licht betrachtet, nur eine grandiose Variation von dem Thema des Predigers: Alles ist eitel! Seine Analyse der menschlichen Leidenschaften und ihrer Konflikte ist eine wahrhaft furchtbare Mikrokopie. Er kennt keine Illusion, und wo sich ihm eine in den Weg wirft, zertritt er sie erbarmungslos. Die Helden und Heldinnen seiner Tragödien gehen unter an der Welt, an sich selber, und soll etwa das Versöhnung sein, daß das Schöne, Edle und Große vor dem Häßlichen, Schlechten und Gemeinen nur das traurige Privilegium eines doppelt schrecklichen Verderbens voraus hat? Was aber Shakespeare in Form des Dramas auf dem Standpunkte seiner Zeit lautwerden ließ, den dämonischen Jubel über die Nichtigkeit der Welt, das verlautbarte auf dem Standpunkte der unserigen Byron als Lyriker. Ich bestreite nicht, daß die Poesie der Zukunft nicht möglicherweise eine Versöhnung finden könne, nur muß ich glauben, daß einer versöhnten Poesie zuerst eine Versöhnung der Gegensätze des Lebens vorhergehen müsse. Ist das wahrscheinlich? Ich weiß es nicht. Inzwischen wird man behaupten dürfen, daß Byrons Verschwinden jedenfalls einen leeren Raum gelassen hat, der noch nicht wieder ausgefüllt wurde. Der arme Grabbe hätte vielleicht das Zeug dazu gehabt, den großen Lord zu ersetzen, aber seine titanische Anlage verlief sich vom Anfang an so tief ins Fratzenhafte, daß er, statt ein Koloß zu werden, nur die Fratze eines Kolosses geworden ist.« »Sie sprechen wie ein Buch, wie ein gutes nämlich, ohne Kompliment,« sagte der Freiherr, welcher, ein Liebhaber feuriger Weine, sich in eine kordiale Laune hineingetrunken und sein gewöhnlich steifes und hochfahrendes Wesen abgelegt hatte. »Aber,« fuhr er fort, »mir scheint, in Ihren Ansichten liege doch halbversteckt eine große Ungerechtigkeit gegen die poetische Literatur der Gegenwart. Sie hat ohne Frage manches hervorgebracht, was sich mit Älterem wohl messen kann. Ich will, um der liebenswürdigen Bescheidenheit meiner verehrten Dichtergäste nicht zu nahe zu treten, von den Werken derselben nicht einmal reden. Die gute Gesellschaft – und nur dieser kommt ja in solchen Dingen ein Urteil zu, nicht der Canaille – hat sich einstimmig für sie erklärt. Ich will nur, wie es meines Standes ist, an einen kriegerischen Dichter unserer Tage erinnern, wie ihn die deutsche, ja, ich möchte sagen, die europäische Literatur bis dahin noch nicht besessen. Sie erraten, daß ich den Dichter von ,Waterloo' meine. Zeigen Sie mir doch in einer dichterischen Schlachtschilderung eine Stelle, die sich an Sturmgewalt mit dieser vergleichen ließe: Und überm Bergkamm und heran die Halde, Den Säbel über'm Kopf, des Rosses Bauch Fast auf der Erde, auf, herüber, vor, Entgegen durch die eisernen Gassen schnaubend, Zusammenschlägt die sausende Reiterschlacht, Ein wirbelnder, rasender Föhn; Antreten zwanzig Mal tausend ihren schwirren Schwertertanz, Verschlingend paarend sich zum furchtbaren Reigen; Trompeten schmettern, Nüstern schnaufen den Chorus, Die stählernen Lüfte sprühn, der Boden funkt; Vom trappelnden Tritt der Tanzplatz schwankt, und wenn Die wirbelnden Paare sich fassen, lassen nicht los Sie wieder, halten sie fest, bis rot der eine, Der andre blaß, herunter von Leib und Leben: Als tanzte Tod und Teufel auf Mont St. Jean Den Bergtanz wieder mit hunderttausend Füßen. Zertreten werden Bataillone, kalt Zusammengehauen ganze Regimenter; Vorwärts, zurück, Flut, Ebbe, Flut, schiebt hin Und her sich die metallene See.« Der Baron besaß ein schönes Organ, und da sich sein hübsches Gesicht beim Vortrage dieses Stückes Bataillenpoesie belebte, so war der Effekt des Zitats ein recht günstiger. »Da ist in der Tat kriegerische Stimmung darin,« sagte Ottmar, »und eine sprachliche Energie, welche aller Anerkennung wert. Aber es scheint, daß die Erzeugnisse modernster Poesie dazu verdammt seien, nirgends reine Befriedigung zu gewähren. Am Ende hat jener Kritiker doch recht, welcher in allen diesen Sachen ein Haar gefunden haben wollte. Sehen Sie sich die Prachtpassage, welche Sie, Herr Baron, so gut vorgetragen, nur einmal näher an. Sie werden mitten im Aufschwung das Plumpste Herabfallen bemerken. ›Zusammengehauen ganze Regimenter‹ – wie das lahmt! Ist das nicht der allerordinärste Wachtstubenknaster? Daran erkennt man die Dilettantenarbeit. Doch ich bin, wie ich fürchte, pedantisch geworden.« »Ach ja, lieber Junge,« bemerkte der Grimme, »ich fürchte es auch. Was aber mir an unserer gegenwärtigen Literatur am fatalsten, das ist ihre flagrante Impotenz, Gestalten aus Fleisch und Blut und Knochen zu schaffen. 's ist lauter Marzipangemäche, und stellt mal mitunter ein Poet einen wirklichen lebensfähigen Charakter auf die Beine, so fallen alle die Marzipänler wütend über ihn her, denn, sagen sie, die Charakterwahrheit beleidige das Zartgefühl. Ganz auffallend ist der Mangel an schönen, naturwahren weiblichen Charakteren. Seit der blonden Lisbeth Immermanns ist kein Frauenzimmer mehr gedichtet worden, in welches sich zu verlieben es sich für einen ordentlichen Kerl der Mühe lohnte, Gott straf' mich!« »Lieber Herr,« warf der Pfarrer ein, welcher neuestens den beiden Poeten die offenkundigste Abneigung bewies, aus Neid und Eifersucht, wie Wate behauptete, »lieber Herr, Sie vergessen unseres berühmten Freundes von dem Schmelz unsterbliche Chamoisina.« »In Wahrheit, die vergaß ich, bitte tausendmal um Entschuldigung, mein teuerster Herr Walter. Ihre Heldin ist so über alles Lob erhaben, so ätherisch zart, übermenschlich schön und superlativest heilig, daß ich in Demut vor ihr das Knie beuge. Aber was einem doch für wunderliche Ideenassoziationen kommen! Da fällt mir jetzt ein, daß der Grabbe mal eine tollschöne Komödie geschrieben, in welcher ein durstiger Schulmeister, glaub' ich, die Kamilla aus Houwalds Bild für ein Glas Sirup ansieht und sie austrinkt. Selbiger Grabbe, der meiner Meinung nach keine Fratze, sondern ein Prachtkerl war, hat auch mal von 'nem süßen Frauenzimmer gesagt, dasselbe wäre so süß, daß es ordentlich vor Süßigkeit stänke! Ich sage, zum Teufel mit den Traganthfiguren! Verschluckt man eine aus Versehen, so grimmt sie einem höllisch im Bauche, das ist der Humor davon. Im übrigen, meine Herren, laßt die Flasche herumgehen! So wahr ein Reicher durch ein Nadelöhr und ein Kamel ins Himmelreich eingeht, schwöre ich, jeden zu Müll, zu Atomen zu zerreiben, welcher sich weigert, mir Bescheid zu tun auf den Trinkspruch: Es leben die Frauen im allgemeinen!« Der Toast wurde getrunken. »Die Frauen im besonderen!« rief der Freiherr. »Sie leben hoch!« »Im besondersten!« rief Don Rodrigo. »Hoch! hoch!« »Die Dame über dem Wasser!« rief Herr Walter, seinem Dichterantlitz den Ausdruck einer unbeschreiblich feinen Beziehung gebend. Alle stimmten ein und tranken, nur der Pfarrer nicht. »Was soll das heißen, Herr?« fragte ihn der ins Feuer geratene Herr Walter. »Bitte um Entschuldigung,« versetzte der Seelenhirt. »Ich wollte durchaus nicht beleidigen, aber ich muß vor allen Dingen wissen, wem der Toast eigentlich gelten soll.« »Welche Frage! Wer kann daran zweifeln?« »Ich, verzeihen Sie. Es sind zwei Damen jenseits des Flusses.« »Was zum Teufel fällt Ihnen ein, Ehrwürdiger?« schrie Wate. »Bitte, beruhigen Sie sich, Herr Doktor,« entgegnete der fromme Jeremias kalt. »Ich habe es gar nicht mit Ihnen, sondern mit unserem verehrten Herrn Walter zu tun.« »Allerdings,« sagte der Poet unwillig. »Ich will mich Ihnen sogleich erklären,« fuhr der Pfarrer fort. »Haben Sie mir nicht vor einigen Tagen gesagt, die im Schlosse drüben weilende junge Indianerin, die Tochter Milimachs, sei ein bezauberndes Wesen? Und weiter, Sie seien entschlossen, das braune Ding zur Heldin einer großen Dichtung zu machen? Haben Sie nicht beigefügt, Estrella solle Ihrer Chamoisina würdig zur Seite stehen?« »Es ist wahr, ich sagte so etwas,« erwiderte Herr Walter ziemlich verlegen. »Mein teurer und berühmter Freund Don Rodrigo hatte mir anvertraut, daß er das reizende Kind, welches auch ihn, gleich mir, interessiert, wie uns die Farbenpracht einer exotischen Blume ergötzt, zum Gegenstand eines Kranzes von Kanzonen und Sonetten auserkoren, welcher ohne Zweifel Deutschland entzücken wird. Dies reizte meinen dichterischen Wetteifer.« »Bravo!« rief Wate, über diese Episode seelenvergnügt. »O, wie freue ich mich auf Chamoisina Nr. 2, betitelt Estrella. Und auch auf den in Aussicht stehenden Kanzonen- und Sonettenkranz freue ich mich unbändig. Dichten Sie zu, meine edlen Freunde, dichten Sie zu, was das Zeug hält! Welcher Gewinn für die gebildeten Stände deutscher Nation, wenn zwei christlich-germanische Dichterfackeln erster Größe die braune Heidin, die ehr- und tugendsame Jungfrau aus Atlantis, die exotische Blume aus Sonora einem verehrten Publiko in romantischer Beleuchtung vorführen. In Aussicht darauf laßt die Flasche herumgehen und laßt uns eins singen! Wollen Sie uns mit einem Liede erfreuen, Ehrwürdiger? wie der lustige Reporter von der Galerie des englischen Parlaments herab zu dem Sprecher sagte.« »Ich, Herr? Sind Sie toll oder wenigstens in dem Zustande jenes Reporters?« »Sie wollen nicht? Wohlan, so will ich Ihr Amt vertreten und den ›Vater Noah‹ anstimmen. Paßt auf und singt den Rundreim kräftig mit!« 3. Und hast du in der Liebe Glück, So rat' ich: schweig fein still! Ein verworrenes Geräusch von Stimmen drang unserem Freunde Ottmar durch die Türe des Saales entgegen, als er nach Verlauf einer Stunde wieder die Treppe heraufkam. Er hatte sich fortgestohlen, um einen Gang durch den Park zu machen, weil er, studentischem Zechen schon seit Jahren entwöhnt, das Bedürfnis gefühlt, sich in der freien Luft den Kopf zu kühlen. Er blieb einen Augenblick vor der Türe stehen. Da drinnen ging es lebhaft, laut, fast hitzig zu. »Seltsam,« dachte er, »was hat denn der Jeremias? Sollte der Rheinwein dem frommen Mann einen Spuk spielen?« Wirklich war es die Stimme des Pfarrers, welche jetzt drinnen gehobenen Tones sagte: »Nein, Herr Baron, ich glaube es nicht.« Darauf hörte man den Freiherrn heftig ausrufen: »Wie, Sie unterstehen sich, an meinem Wort, an dem Wort eines Kavaliers zu zweifeln? Auf meine Ehre, Ihr schwarzer Rock soll Sie nicht vor den Folgen einer solchen Unverschämtheit schützen!« »Da scheint Unrat um den Weg zu sein,« sagte sich Ottmar, indem er die Türe öffnete und eintrat. Er fand die Gesellschaft vom Tische aufgestanden und offenbar in sehr erregter Stimmung. Wenigstens das Gesicht des Freiherrn glühte von Wein und Zorn, und seine beiden poetischen Gäste schienen sich in jenem Stadium bacchischer Aufregung zu befinden, wo diese bereits in eine unbeholfene Abspannung überzugehen im Begriff ist. Offenbar hatte man des Guten zu viel getan. Der fromme Jeremias schien indessen völlig ruhig und gefaßt und stand fest und sogar nicht ohne Würde dem Freiherrn gegenüber, welcher, beide Hände auf eine Stuhllehne gestützt, den Pfarrer mit drohenden Blicken maß. Wate lehnte an dem Kamingesims, die Szene mit einer Art mephistophelischen Behagens betrachtend. Er war übrigens entschieden nüchtern, das heißt, sein »wissenschaftlich gebildeter« Magen vertrug den genossenen Wein ohne irgendwelche Benachteiligung seines Kopfes. »Was gibt's denn da?« fragte Ottmar den Freund. »Eine spaßhafte Geschichte,« erwiderte Wate leise, »oder, wenn du willst, eine dumme, eine herzlich dumme. Du kennst ja die Szene in Auerbachs Keller. Die Bestialität, mit Goethe zu sprechen, die Bestialität hat sich herrlich geoffenbart. Der Freiherr kann seinen Wein nicht führen, das ist die Sache.« »Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor Horst,« sagte der Freiherr. »Sie sind ja auch ein Anbeter meiner schönen Schwägerin und gehören demnach zum Ensemble des Stückes.« »Ich bitte Sie, Herr Baron,« versetzte Ottmar, durch diese Unzartheit höchlich verletzt, »ich bitte Sie, was soll das heißen?« »Was das heißen soll?« entgegnete der Freiherr. »Das will ich Ihnen sogleich sagen. Die Rede kam während Ihrer Abwesenheit auf meine Frau Schwägerin, und da warf Ihr Freund Wate die Äußerung hin, es sei doch recht wunderlich, daß wir, so wie wir da seien, durch die Bank Anbeter der schönen Frau, so kordial mitsammen kneipten. Das sei, meinte darauf Ihr Herr Bruder, gar nicht sehr wunderlich, denn keiner sei der Begünstigte, darum vertrügen wir uns so gut. Nun bin ich aber, müssen Sie wissen, ein Mann von Offenheit, und deshalb konnt' ich das nicht so hingehen lassen. Ich bin kein Geck – ein Schuft, wer sagen wollte, ich sei ein solcher! – und ja, nun, ich sagte Ihrem Herrn Bruder, daß er sich irre, denn die fragliche Dame hätte allerdings einen begünstigten Anbeter, und der sei kein anderer als ich.« Der Freiherr brachte dieses mit einem Lächeln vor, welches hochmütig gewesen wäre, wenn es nicht so albern war. In Ottmars Fäusten zuckte der Gedanke, den Menschen zu Boden zu schlagen. Nur die Überraschung, womit die namenlose Gemeinheit ihn erfüllte, hinderte vielleicht diesen Gedanken, sofort zur Tat zu werden. »Ihr Herr Bruder,« fuhr der Freiherr fort, »fand sich veranlaßt – durch aberwitzige Eifersucht, denke ich – mir zu widersprechen, und behauptete, daß er mir nicht glaube, ja, mir nicht glaube – mort de ma vie!« »Ich weiß nicht, mein Herr,« sagte Ottmar, »welche Motive meinen Bruder zu seinem Unglauben bewogen; das aber weiß ich, daß auch ich Ihnen nicht glaube.« »Wie, auch Sie? Das ist ja zum Totlachen!« Und der Freiherr schlug ein hysterisches Gelächter auf. »Nein,« wiederholte Ottmar voll Unwillen, »nein, ich glaube Ihnen nicht.« »Darüber,« versetzte der Freiherr, augenscheinlich bemüht, sich ein stolzes Air zu geben, »darüber wollen wir nachher rechten. Zuvörderst ist etwas anderes zu tun. Ich bin angesichts dieser Herren von zwei Seiten der Prahlerei und Lüge bezichtigt worden. Ich muß beweisen, was ich sagte, und ich werde es.« »Verschonen Sie uns mit Ihren Beweisen, Herr Baron,« sagte Ottmar. »Wollen Sie denn den Skandal zu einem unerhörten machen?« »Ich will, was ich für gut finde – basta! Haben Sie mir etwa zu befehlen, Sie?« »Laß doch,« flüsterte Wate dem Freunde zu, welcher sich zu einer heftigen Entgegnung anschickte. »Weißt du denn nicht, daß es Torheit ist, einen halb oder ganz Berauschten, welcher noch Herr seiner Gliedmaßen ist, von seinem Vorhaben abbringen zu wollen? Der Skandal kann doch nicht größer werden, als er schon ist, und jedenfalls dürfte es für dich, der du neulich vom Söller der Goldforelle so ekstatisch in die Nacht hineindeklamiertest, nur heilsam sein, über unsere Tochter der Luft einmal ins klare zu kommen.« »Aber, Wate, es geht mir ganz gegen den Mann, eine solche Profanation –« »Bah, bah, lieber Junge. Die Welt ist ein großes Narrenhaus. Glaubst du dadurch, daß du den Tugendhelden spielst, die Narren verhindern zu können, daß sie närrisch tun? Laß den Baron machen, sag' ich. Bin verdammt neugierig, wie er sich herausbeißen wird.« Neugierig war nun aber Ottmar doch auch ein wenig, und so sah er kaum weniger gespannt als die andern dem Beginnen des Freiherrn zu. Dieser holte aus einem Wandschrank einen in Leder gebundenen Quartband, eine eiserne Stange, an deren Ende eine Rolle angebracht war, über welche ein dünnes Tau lief, und endlich einen kleinen Tubus. Das Buch legt er auf einen Pfeilertisch nahe bei der auf den Balkon führenden Fenstertüre. Auch der Tubus wurde auf diesen Tisch gesetzt. Mit der eisernen Stange trat er durch die offenstehende Türe auf den Balkon hinaus und befestigte die Stange vermittelst einer dort angebrachten Vorrichtung an das Geländer, so daß sie aufrecht stand. Zurückkehrend nahm er aus dem Schranke noch ein kleines Kistchen, stellte es auf den Tisch, schloß es auf und nahm ein Dutzend und mehr flaggenartig zugeschnittener Stücke Tuch von verschiedenen Farben heraus. Er tat das alles mit der angespannten, hartnäckigen Gravität, wie sie Leuten seines Zustandes eigen zu sein pflegt. »Sie sehen hier, meine Herren,« sagte er, »den Apparat, womit ich alle Zweifel an meiner Wahrhaftigkeit zu Boden schlagen werde. Um es aber zu können, muß ich mich vor allen Dingen versichern, ob die Dame über dem Wasser zu Hause ist.« Er nahm eine rote Flagge vom Tisch, trat auf den Balkon, befestigte das Tuch an dem Tau, zog es ans Ende der eisernen Stange hinauf, und sogleich flatterte es lustig im Winde. Nach Verfluß von einigen Minuten kam er wieder herein und sagte: »Wir müssen uns ein klein wenig gedulden. Wollen Sie nicht Ihre Gläser neu füllen, meine Herren? Ich darf sagen, dieser Cliquot ist süperb.« Es hatte niemand Lust, seiner Aufforderung zu folgen, was ihn selber jedoch nicht abhielt, ein großes Glas von dem anempfohlenen Wein hinunterzustürzen. Eine drückende Stille herrschte im Saal. »Das wird unheimlich,« sagte Don Rodrigo leise zu Herrn Walter. »Was sagen Sie dazu?« »Ich – ich,« entgegnete der von dem Schmelz, »ich weiß in Wahrheit nichts zu – zu sagen.« Nach einer peinlichen Pause trat der Freiherr zu dem Tubus und richtete ihn so, daß man damit durch die Türe die Avenue zu dem Fluß hinab und hinüber nach Bernwartshall sehen konnte. Er ging dabei mit so abgemessenen Bewegungen zu Werke, daß sie hätten Heiterkeit erregen müssen, wenn die ganze Situation dem nicht widerstrebt hätte. Nur in Wate war der Humorist stark genug, daß es ihn Mühe kostete, über die Anstrengungen des Barons, einen nüchternen Ernst zu manifestieren, das Lachen zu verbeißen. Nachdem der Freiherr durch den Tubus gesehen, nickte er befriedigt und sagte: »Ungläubiger Herr Pfarrer, erweisen Sie mir den Gefallen, durch das Instrument hier zu schauen. Was sehen Sie?«, »Die Terrasse von Bernwartshall,« erwiderte Jeremias. »Sonst nichts?« »Doch. Dort auf der Signalstange auf der Flußböschung flattert eine rote Flagge.« »Gut. Die Dame ist zu Hause.« »Jetzt, meine Herren,« fuhr der Baron fort, »einen Augenblick Aufmerksamkeit. Wenn Sie den Quartband da aufschlagen, so sehen Sie kleine Tuchstückchen auf den Blättern angeklebt, wie in einem Musterbuch. Es ist auch sozusagen ein Musterbuch, man kann sich allerliebste Sachen daraus wählen, versichere Ihnen auf Ehre. Ich habe dieses Buch ausgearbeitet, gemeinschaftlich mit der Dame meines Herzens, welche ein zweites Exemplar besitzt. Es enthält gar keine üble Poesie, dieses Buch, und noch obendrein tatsächliche. Jede dieser bunten Farben hat eine hübsche Bedeutung, welche Sie unter jedem der Tuchläppchen in deutlicher Schrift geschrieben finden. Es wäre Ihnen jedoch zu viel zugemutet, das ganze Buch durchzustudieren. Ich werde Sie auf die entscheidenden Stellen aufmerksam machen. – So, jetzt will ich meine Operationen beginnen, aber ich muß Sie alle bitten, sich durchaus so zu halten, daß keiner von Ihnen allfällig durch die offene Türe wahrgenommen werden kann, nicht der Schatten von einem von Ihnen. Diese Bitte wird Ihnen einleuchten, wenn ich beifüge, daß da drüben auch ein Tubus sofort in Tätigkeit sein wird.« So sprechend nahm er aus dem Schranke noch ein Taschenperspektiv, leerte das Flaggenkistchen, faßte die bunten Tücher in ein Bündel zusammen und kehrte damit auf den Balkon zurück. Der Pfarrer hatte sein Auge fortwährend fest an dem Teleskop. »Was sehen Sie?« fragte ihn Wate. »Auf der Terrasse bewegt sich eine weibliche Gestalt hin und her. Jetzt steht sie neben dem Flaggenstock.« »Die Gräfin?« »Ich kann ihre Gesichtszüge nicht deutlich unterscheiden. Warten Sie! Jetzt – ich glaube, sie ist es.« Inzwischen hantierte draußen der Freiherr mit seinen Signalflaggen. Bald ließ er diese, bald jene, bald zwei oder drei zugleich an der eisernen Stange vermittelst der Zugschnur emporsteigen, worauf er mit seinem Perspektiv nach Bernwartshall hinübersah und die Signale wieder wechselte. Ottmar hatte den Quartband, welcher den Schlüssel zu dieser Telegraphie enthielt, mechanisch zur Hand genommen, dachte aber nicht daran, von den Erklärungen Notiz zu nehmen. »Was sehen Sie jetzt?« fragte Wate den Pfarrer. »Die Dame auf der Terrasse beantwortet die Signale unseres Wirtes.« »Meine Herren,« sprach der Freiherr von draußen herein, »jetzt passen Sie auf. Ich ziehe hier zwei Flaggen auf, eine grüne und eine blaue; die letztere steht über der ersteren. Suchen Sie im Buch, Seite sechs, wenn ich nicht irre, und Sie finden dort die Bedeutung des Signals.« Wate nahm seinem Freunde das Buch aus der Hand, suchte nach und rief aus: »Richtig, da haben wir das Signal: Hellblau über Hellgrün, und darunter steht: ›Ich muß dich heute noch sehen.‹« »Gut. Schauen Sie durch den Tubus,« sagte der Freiherr. »Das Signal ist drüben offenbar verstanden,« bemerkte der Pfarrer. »Eine gelbe und darunter eine weiße Flagge steigt am jenseitigen Flaggenstock empor.« »Die Erklärung dazu muß sich auf der nämlichen Seite vorfinden,« sagte der Freiherr. »Ja, es ist so,« versetzte Wate. »Gelb über Weiß, und darunter steht: ›Ich erwarte dich.‹« »Weiter, meine Herren,« fuhr der Freiherr fort, indem er die Signale wechselte, eine schwarze, gelbe und rote Flagge über dem Balkon flattern ließ und zur Türe hereinsprach: »Suchen Sie auf Pagina zwölf.« »Da haben wir's,« sagte Wate. »Oben Schwarz, in der Mitte Gelb, unten Rot: ›Um Mitternacht, wann alles träumt.‹« In fast fieberhafter Aufregung fragte Ottmar den Bruder: »Nun, was siehst du drüben?« »Nur sachte, lieber Ottmar. Die Dame hat erst das vorhergehende Signal zu beseitigen. – Jetzt zieht sie andere Flaggen auf – sie entfalten sich – Blau, Rot, Grün.« »Das Signalbuch ist prächtig eingerichtet,« sagte Wate. »Da ist's: Oben Blau, mitten Rot, unten Grün: ›Da harrt die Lieb' der Liebe.‹ Die Antwort klappt famos, Gott straf' mich!« Ottmar riß dem Freunde das Buch aus der Hand, warf einen Blick auf die Stelle, welche Wate gelesen, und machte eine Bewegung, als wollte er den unseligen Quartband durch die offenstehende Türe dem rücksichtslosen Profanierer draußen an den Kopf schleudern. Aber er hielt noch an sich. Ihm wurde so öde, so kalt ums Herz und dann wieder so heiß, so grimmig. Es klang ihm in die Ohren wie das Gekicher eines schadenfrohen Dämons: »Einen Liebhaber hab' ich!« Hatte das nicht Eva in jener Taumelstunde zu ihm gesagt? Er hätte mögen in diesem Augenblick die Welt anspeien. Längst zwar war jener Rausch, in welchen der Willitanz der Tochter der Luft im Mondlichtstrahl ihn versetzt hatte, verflogen. Er hatte seither Zeit gehabt, sein Herz streng zu prüfen, und es hatte ihm die Antwort gegeben, daß eine tiefe und edle Neigung eine reinere Quelle haben müsse als den Strudel sinnlicher Aufwallung. Er wußte, daß Eva in seiner Seele nicht jene heilige Flamme angefacht, die kräftig und nachhaltig genug ist, ein ganzes langes Menschenleben zu erleuchten und zu erwärmen. Aber ein Götterbild voll unendlichen Zaubers der Schönheit von zynisch gemeiner Hand in den Kot zerren zu sehen, das regte in ihm alle Gewalt sittlicher Entrüstung auf, das durfte er nicht ungestraft geschehen lassen, wenn er nicht der Achtung vor sich selbst verlustig gehen wollte. Und seinem Zorn mischte sich auch ein Gefühl von Stolz bei. Ja, er fühlte, einer Gemeinheit, wie er sie soeben vor seinen Augen sich hatte entwickeln sehen, würde er, der Plebejer, niemals fähig gewesen sein, nun und nimmer! Der Pfarrer richtete sich von dem Teleskop auf und blickte mit einem seltsamen Lächeln im Kreise umher. Vielleicht wollte er den anderen damit sagen: »Ich bin nicht der allein Gefoppte.« Seine Gebärde fand indessen keine Beachtung: die Herren waren zu sehr verblüfft. Den beiden Poeten wollte die Poesie dieser Liebessignalsprache augenscheinlich nicht recht einleuchten: es ließ sich aus einer derartigen Telegraphie doch wohl kaum die Inspiration zu einem Minnelied oder zu einer Romanze schöpfen. Selbst Wate fand sich außerstande, die Sache humoristisch zu nehmen: sie war doch gar zu gemein. Der Freiherr kam jetzt herein, warf den Apparat, dessen er sich zu seiner Beweisführung bedient hatte, auf den Tisch und sagte triumphierend: »Nun, meine Herren, was sagen Sie jetzt? Bin ich ein Aufschneider, ein Lügner?« Wate sah in den Augen seines Freundes etwas Bedrohliches aufblitzen und näherte sich ihm daher, um irgend einem Ausbruch zuvorzukommen. Allein Ottmar schob den Freund unsanft beiseite, trat auf den Freiherrn zu, gab ihm einen Schlag auf die Schulter und sagte laut und nachdrücklich: »Kein Lügner, aber ein Niederträchtiger sind Sie!« Der Freiherr stand wie vom Donner gerührt. Die Sprache hat Worte, welche je nach Beschaffenheit der Umstände Öl für die Flamme oder aber kaltes Wasser für das glühende Eisen sind. Ottmar hatte so ein Wort gesprochen. Es wirkte wie ein Duschebad auf das erhitzte Gehirn des Freiherrn. Er trat einen Schritt zurück und wurde leichenblaß. Dann stieg ihm das Blut wieder so plötzlich ins Gesicht, als wollte es seine Gefäße sprengen. Er schüttelte sich, und mit einer gewaltsamen Anstrengung gelang es ihm, Herr über sich zu werden. Der Rausch des Leichtsinns, des Übermutes, des Weines war verflogen. Er gestand sich nicht, daß er schnöden Verrat geübt, eine ungeheuere Gemeinheit begangen hätte, wohl aber fühlte er, daß er eine tödliche Beleidigung empfangen, daß ihm ein Schimpf zugefügt worden, den nur Blut wegwaschen könnte. Wate sagte seinem Freunde später, er hätte einen Augenblick geglaubt, der Freiherr würde wie ein wütendes Raubtier auf Ottmar einspringen, so furchtbar hätten seine Züge sich verzerrt. Aber es geschah nichts derartiges. Nicht der Mensch, aber der Kavalier war in Adalbert erwacht. »Sie haben mich einen Niederträchtigen genannt, in meinem eigenen Hause, Herr Horst,« sagte er. »Es bedarf darüber keiner weiteren Erklärungen, Herr Baron,« fiel ihm Ottmar ins Wort. »Ich bedauere, daß ich, was ich tat, unter Ihrem eigenen Dache tun mußte; aber, wo es auch sei, ich wiederhole es: Sie sind ein Niederträchtiger!« »Gut,« versetzte der Freiherr. Und er ging zur Türe, nahm den Schlüssel herein, schloß von innen und steckte den Schlüssel in die Tasche, Dann schloß er auch die Balkontüre und sagte: »Sie werden mir Satisfaktion geben, Herr Horst, und zwar auf der Stelle!« »Auf der Stelle, Herr Baron.« »Lieber Bruder –« »Ottmar –« »Meine Herren –« Der Pfarrer, Wate und Don Rodrigo wollten so zu gleicher Zeit das Wort nehmen. »Meine Herren,« sagte der Baron kalt, »sparen Sie Ihre Worte. Keiner von Ihnen, die Sie alle die mir widerfahrene blutige Beschimpfung mitangehört, verläßt diesen Saal, bis mir Genugtuung geworden. Wer sich aber zwischen meinen Gegner und mich stellen will, hat es mit mir zu tun. Ich bitte nur, haben Sie einen Augenblick Geduld.« Er verschwand in ein Nebenzimmer und kehrte nach kurzer Weile aus demselben zurück, in jeder Hand ein zierlich aus Holz gefertigtes Kästchen tragend, deren eines lang und schmal, deren anderes kürzer und von länglicht viereckiger Form war. Beide setzte er auf den Tisch, wo noch die halbgeleerten Flaschen und Gläser des Gelages standen, das ein so unerwartetes Ende genommen. Während der kurzen Abwesenheit des Freiherrn führte Wate seinen Freund in eine Fensternische und sagte leise zu ihm: »Die Sache wird ernst, lieber Junge. Ist dieser Baron auch ein Geck in Folio, so hat er doch, kentuckisch zu sprechen, mutiges Blut genug in den Adern, um ein Pferd schwimmen zu machen. Was für 'ne verdammte Ratte biß dich doch, daß du mit deiner romantisch ritterlichen Entrüstung herausplatzen mußtest! – Aber hör mal, du bist wohl an zehn Jährchen jünger als ich und ganz der Bursch, der noch etwas von der Narrenkomödie des Lebens zu erwarten berechtigt ist. Daher, weißt du was? Laß mich diesen Strauß für dich ausfechten. Ich habe ein famoses Mittel parat, die Kampflust dieses närrischen Liebestelegraphisten zuerst auf mich zu lenken.« »Willst du mich beleidigen, Wate?« entgegnete Ottmar voll Unwillen. »Ja, wenn du diese Narretei so hochtragisch nimmst, lieber Junge, dann ist Hopfen und Malz an dir verloren, Gott straf' mich! Tu mir aber wenigstens den Gefallen, dich bei dem bevorstehenden Tanz zu erinnern, daß du auf der Universität ein pompöser Schütze und Fechter gewesen bist. Spiele auch nicht etwa den Großmütigen! Der Baron hat es auf dein Leben abgesehen, Gott straf' mich!« Der Freiherr hatte inzwischen die beiden Kästchen geöffnet und die Deckel zurückgeschlagen. Das eine enthielt ein Paar Pistolen von vorzüglicher Arbeit samt den dazu gehörigen Munitionskapseln, das andere zwei Stoßdegen mit damaszierten Klingen und prächtig ziselierten Stichblättern. »Wählen Sie, mein Herr!« sagte Adalbert kurz, indem er auf die Stoß- und Schußwaffen deutete. »Ich überlasse Ihnen die Wahl, mein Herr,« versetzte Ottmar ebenso kurz angebunden. »Nein, nein! Verlieren wir keine Zeit damit.« »Mit Verlaub, Ihr Herren,« nahm Wate das Wort. »Das Pistol ist ein Ding, welches die Eigenschaft hat, unnötigen Lärm zu machen. Zudem sind hier zwei so prächtige Degen, daß einem ordentlich die Hand danach juckt, sie in Aktion zu setzen.« »Also die Degen?« sagte der Freiherr mit einem fragenden Blick auf seinen Gegner. »Mir einerlei.« »Wohl, so nehmen wir die Degen.« »Verehrter Freund, Herr Baron, und du, Ottmar,« sagte der Pfarrer mit würdigem Ernst, »ich darf diesen Frevel nicht sich vollenden lassen. Ich beschwöre Euch, wenn Ihr Christen, wenn Ihr Männer von Verstand und –« »Bitte, Herr Pfarrer,« warf Adalbert mit verachtungsvollem Lächeln ein, »sparen Sie die Kraft Ihrer frommen Lunge. Sie könnten derselben benötigt sein, um einem von uns Gegnern die Leichenpredigt zu halten. Dann mögen Sie so viel Salbung entwickeln, als Ihnen beliebt. Vorerst aber brauchen wir weder Salbe noch Salbung.« »Still, Jeremias!« sagte seinerseits Ottmar, als sich der fromme Herr noch speziell an ihn wenden wollte. »Nun denn, wenn es doch sein muß,« bemerkte Wate, »mit was, um's Himmels willen, soll ich sekundieren? Und wer, Herr Baron, wird Ihr Sekundant sein, Don Rodrigo, Herr Walter oder der Wohlehrwürdige?« »Bah,« erwiderte der Freiherr, »wir bedürfen all des Krimskrams nicht. Es ist das keine Studentenpaukerei. – Doch, warten Sie einen Augenblick,« setzte er hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt. »Ich habe noch ein Geschäft abzumachen. – Wie gut sich das trifft, daß ein Jurist anwesend ist. Don Rodrigo, fragen Sie doch Herrn Horst, ob er die Güte haben wollte, mir für einige Minuten seine juristische Feder zu leihen.« »Es bedarf der Umstände nicht,« sagte Ottmar; »ich bin bereit.« »Gut. Nehmen Sie gefälligst Platz dort am Schreibtisch. Schreibmaterialien sind da, auch eine Kerze des Siegelns wegen, glaub' ich. – Ja, richtig. – Ich will mein Testament diktieren. – Die vier andern Herren werden mir die Ehre erweisen, Zeugen zu sein. – Wollen Sie gefälligst die Testamentsformel entwerfen, mein Herr? Sie soll dahin lauten, daß ich auf den Fall meines Todes alle meine liegende und fahrende Habe einem Universalerben hinterlasse. Für den Namen desselben bitte ich einen Raum offen zu lassen.« Ottmar schrieb und sagte dann: »Ich bin fertig. Welchen Namen soll ich hinsetzen?« »Eva Gräfin von Bernwartshall.« Als er diesen Namen geschrieben, fühlte Ottmar das Bedürfnis, seinem Gegner ins Gesicht zu blicken, ob dort etwa ein Zug von Reue über das vorhergegangene schmähliche Benehmen des Barons zu lesen wäre. Aber er unterließ es. Der Freiherr setzte Unterschrift und Siegel unter das improvisierte Dokument, auf dessen Außenseite die vier Zeugen ihre Namen zeichneten, worauf es der Freiherr in den Schreibtisch verschloß. »So, das wäre abgemacht, und jetzt –« »Entschuldigen Sie, Herr Baron,« fiel der Pfarrer ein. – »Lieber Ottmar, du siehst, der Herr Baron hat seinen Pflichten genügt; wäre es nicht ratsam, wenn auch du? – Es ist um Lebens und Sterbens willen – ich meine –« »Ah, lieber Jeremias,« sagte Ottmar, »du meinst, die Erbschaft könnte dir entgehen? Sei ganz unbesorgt. Deine Kinder haben mich schon öfters im Bühl besucht, und es sind gute Kinder. Eines Testaments bedarf es nicht. Falls mir etwas Menschliches begegnet, so fällt dir und den Deinigen ohnehin zu, was ich habe. Mein Pferd aber und meine Bücher soll Wate haben, hörst du? Und den Trauring der seligen Mutter, den ich am Finger trage, die Tochter meines Wirtes Baldung. So – ich bin bereit.« Wate, der seinen Freund sowohl als auch den Freiherrn kannte und demnach wußte, daß jeder Vermittlungsversuch übel angebracht sein würde, überreichte mit dem Anstand eines in solchen Verrichtungen Wohlbewanderten den beiden Gegnern die Degen, nachdem er mit kundiger Hand die Spitzen der Waffen befühlt, ihre Elastizität geprüft und ihre Länge verglichen hatte. Die Kämpfer nahmen in der Mitte des Saales ihren Stand, die Waffen kreuzten sich, und mit welchen verschiedenen Gefühlen auch die Zeugen des Kampfes diesen betrachten mochten, bald nahmen die Wechselfälle desselben ihr Interesse ausschließlich in Anspruch. Ottmar und Adalbert, beide waren gewandte Fechter, und beiden begegnete es nicht zum ersten Male, daß sie zu einem Kampf auf Leib und Leben antraten. Vielleicht hatte sich in beiden auf der einen Seite die Entrüstung und auf der andern die Rachewut, welche diesen Gang veranlaßt hatten, schon etwas abgekühlt, aber das Zusammenklirren der Waffen weckte wie ein elektrischer Funke in beiden wieder das Feuer der Leidenschaft. Sie fochten mit steigender Erbitterung, und die Klingen zuckten hin und her wie Schlangen, die an ihrem Feind eine Blöße erspähen, wo der tödliche Biß haften könnte. Sie wechselten die Stellungen, drängten sich von der Mitte des Saales bis zur Balkontüre und wieder zurück, auf und ab, hinüber und herüber: es war ein grimmiges Ringen. Plötzlich zog sich der Freiherr zurück und tat dann blitzschnell einen wütenden Ausfall. Aber Ottmar war auf seiner Hut, lenkte mit seiner Parade den heftigen Stoß beiseite, daß ihm nur der linke Oberarm gestreift wurde, und stieß energisch nach. Die Parade seines Gegners kam zu spät, er hatte seine Klinge noch nicht wieder völlig in seiner Gewalt – die Degenspitze Ottmars saß tief in der Brust Adalberts. »Halt!« schrie Wate, dazwischenspringend. Ottmar zog seine Waffe zurück, das Blut quoll nach, und der Freiherr brach, die Linke an die Brust führend, in der Rechten noch den Degen haltend, mit einem dumpfen Schrei zusammen. Wates unerschütterliche Besonnenheit beherrschte den jetzt ausbrechenden Tumult. Er faßte den Verwundeten in seine Arme, nahm ihm den Schlüssel zur Saaltüre aus der Tasche und warf denselben dem Pfarrer zu. Don Rodrigo riß wie wahnsinnig an dem Glockenzug. Die Diener stürzten herein und brachen beim Anblick ihres blutenden Herrn in wirre Ausrufungen der Überraschung und des Schreckens aus. »Still, ihr Leute,« herrschte sie Wate an, »kein Geschnatter! Das Unglück ist nur die Folge eines dummen Zufalls, die Herren fochten zum Spaß. Still! Reite einer, was das Pferd laufen mag, in den Bühl hinüber und lasse sich von des Goldforellenwirts Aivli mein chirurgisches Besteck geben. Sie weiß, wo es liegt. Fort! Und nun faßt an – sachte, sachte! Wir müssen den Verwundeten auf sein Bett bringen. – Schafft frisches Wasser in das Schlafzimmer und Linnenzeug. – So, jetzt vorwärts, aber behutsam!« Im Saal allein zurückgeblieben, verbrachte Ottmar eine peinliche Stunde. Die Aufregung des Duells wirkte noch genugsam nach, um ein Bedenken über das Unheil, welches er angerichtet, in dem jungen Manne nicht aufkommen zu lassen. Außerdem war der Stoff, aus welchem er gebildet war, nicht weich genug, als daß er seiner gerechten Entrüstung Reue über die Folgen derselben hätte folgen lassen. Im Gegenteil, er fühlte sich auch jetzt noch in seinem Recht. Dennoch, es galt ein Menschenleben, ein junges Menschenleben mit allen seinen Hoffnungen, mit allen seinen Ansprüchen auf eine lange und glückliche Zukunft, vielleicht hingeopfert, um eine in halber Unzurechnungsfähigkeit begangene Torheit zu sühnen. Diese Vorstellung machte unserem Freunde denn doch unbehaglich genug. Er wollte fortgehen, er hatte schon zweimal die Türklinke gefaßt, und doch ließ es ihn nicht weg, bevor er über den Zustand seines Gegners etwas Bestimmtes erfahren. Endlich kam Wate, welcher fühlen mochte, daß er dem Freunde eine Nachricht zugehen lassen müsse. »Ja, lieber Junge,« sagte der Grimme, Ottmar derb die Hand drückend, »der Spaß hat verdammt dumm geendigt. Ich fürchte, du hast's ihm zu tüchtig gegeben. Der Stoß sitzt zwar, soweit ich bis jetzt im klaren bin, nicht in der Lunge, aber jedenfalls hart daneben. Aber was konntest du machen? Er hat dir höllisch zugesetzt, Gott straf' mich! Er wurde ohnmächtig, ist aber jetzt wieder bei Sinnen. Solange das Atmen geht wie jetzt, hoffe ich auf Rettung. Ich habe den ersten Verband schon angelegt. Bis morgen früh, vielleicht schon früher, muß die Entscheidung da sein. Aber du mußt dich einstweilen drücken, Alterle, verstanden? Ich mußte einen Reitenden nach ***stadt hinaufschicken, um einen zweiten Arzt und diverse Arzneien zu holen. Der Bote wird plaudern, wer weiß was alles! Die Geschichte wird in der Stadt 'rumgehen wie ein Lauffeuer und der Oberamtmann und der Oberamtsrichter und alle die Ober-Ober und Unter-Unter werden ihre Nasen dreinstecken. Wer steht dafür, daß nicht sogleich so ein Schutzengel von Ruhe und Ordnung sich spornstreichs hierher auf den Weg macht? Du kennst die Gesetze, und auch die Festungsatmosphäre ist dir bekannt. Spielen wir also den Klugen, das heißt, gehe ein bißchen beiseite. Vorerst nur für die kommende Nacht, und da fällt mir was ein. Mach dich die Hintertreppe hinab, geh durch den Park und begib dich hinauf ins Bärenschlößli. Dort sucht dich niemand, Gott straf mich! Etwelche Langeweile mußt du dir schon gefallen lassen. Sobald ich abkommen kann, such' ich dich auf, um dir Weiteres mitzuteilen. Oder auch, ich sende dir Botschaft durch eine verläßliche Person, und falls es morgen hier so aussieht, daß ein Verschwinden vom Schauplatze deiner Tapferkeit für dich ratsam ist, so lotsen wir dich über die Grenze hinüber, über den Rhein.« So seine Rede schließend, drängte Wate den Freund ohne weiteres zur Türe hinaus. 4. Nacht und Morgen. Es gibt Stunden im Leben, in welchen der Mensch Jahre durchlebt, Stunden bitterer, weil rücksichtsloser Selbstprüfung, Stunden der Selbsterkenntnis, der Läuterung. Solche Stunden, wie wir sie meinen, schließen zuweilen ein Leben ab, indem sie es der unfruchtbaren Reue, der Gleichgültigkeit, dem Überdruß und Menschenhaß überliefern, zuweilen aber auch geben sie einer menschlichen Existenz einen neuen Schwung, einen wahrhaften Aufschwung. Wer, an Wendepunkten seines Daseins angelangt, den redlichen Willen und die ausreichende Kraft hat, sich auf sich selbst zu besinnen und die in seiner Brust durcheinandergewirrten Gefühle, Neigungen, Leidenschaften auf ihre Quellen zurückzuführen, mit anderen Worten, wer ehrlich und stark genug ist, die Falten seiner Seele auszuschütteln und auszulüften, die Welt seines Inneren sich gegenständlich, ihre allseitigen Beziehungen zur Außenwelt sich klarzumachen, nichts zu verschweigen und abzuleugnen, begangenen Fehlern kein Mäntelchen umzuhängen, getaner Arbeit, wackerer Leistungen selbstbewußt sich zu freuen, der hat das Zeug in sich zu einem neuen, zu einem glücklichen Leben, der darf, wie er der Vergangenheit mutig ins bleiche Antlitz sah, auch der Zukunft getrost entgegenblicken. Die Entscheidung über das alles, dumpfe Resignation oder neues frisches Wagen, Verzweiflung oder zukunftsfrohes Anfassen der Handhaben des Lebens, drängen sich in solche Stunden einsamer Betrachtung zusammen. Wer sie beachtet, wer sie auf sich wirken läßt, für den werden sie auch sicher entscheidend. Für Ottmar Horst wurde die Nacht, die er einsam in der Ruine des Bärenschlößchens zubrachte, so ein Wendepunkt seines Daseins. Es waren die entscheidendsten Stunden seines Lebens, diese Stunden einer lauen Sommernacht. Er hatte die Türe der Sakristei geöffnet gefunden, wahrscheinlich noch von jener Mondscheinstunde her, wo der Willitanz so sinnbetörend auf ihn gewirkt. Er saß wieder auf dem morschen Stuhl, welchem der zur Seite stand, der damals die leichte Last Evas getragen. Er glaubte den tiefen Wohlklang der Stimme des wunderbaren Weibes noch an der Wölbung der Decke haften zu hören. Er ließ die seltsame Geschichte, die sie ihm erzählt, wieder an seiner Seele vorübergehen; es war etwas darin wie Poesie, ein Hauch von Calderonscher Romantik. Und doch, wie verschieden war der jetzige Eindruck von dem damaligen! Die Geschichte erregte noch jetzt seine Teilnahme, aber die Erzählerin? Zwischen ihr und ihm, fühlte er, hatte sich ein Abgrund aufgetan, auf dessen Boden ein trüber Strom floß, gemischt aus Torheit, Unglück, Leichtsinn und – Blut. Durfte er um dieses Weibes willen den Stahl auf die Brust eines Mannes zücken, welcher ihm kein Leid angetan? Am Ende hatte es sich doch nicht der Mühe gelohnt, um der weinlaunigen Tollheit eines Gecken willen so viel sittliche Entrüstung aufzubieten. Ottmar half sich nicht mit Sophismen über diesen Skrupel hinweg, nein, er fühlte tief und ganz seine Berechtigung, den Bruch des Sittengesetzes, und wäre dieser Bruch in dem gegebenen Falle auch nur in der Form eines Bruches der Konvenienz aufgetreten, entschlossen gerächt zu haben. Die Hingabe einer Frau zum Gegenstand trunkenen Scherzes zu machen, ihre Schwäche und damit zugleich auch ihre Ehre wie einen lumpigen Gegenstand der Neugier bei einem Trinkgelage von Hand zu Hand gehen zu lassen, eine derartige Nichtswürdigkeit mußte ihre Strafe erhalten. Ottmar dachte groß von den Frauen; stets hatte sich das edle Bild einer unvergeßlichen Mutter zwischen ihren Sohn und jene leichtfertigen Vorstellungen vom Weibe gestellt, wie sie in der jungen Männerwelt unserer Tage leider nur allzu gäng und gäbe sind. Aber Ottmar fühlte auch, daß das Vertrauen, welches ihm die Gräfin bezeigt, mit dem Degenstoß, welchen er auf ihren Beschimpfer geführt, vollauf bezahlt sei. Fortan konnte ihm mit dieser Frau nichts mehr gemeinsam sein. Sein Herz und sein Verstand hatten seine Phantasie überwunden; seine Seele war frei von dem Zauber, womit die Tochter der Luft ihn bestrickt. So schnell und entschieden diesen Zauber zu brechen, hatte es allerdings einer traurigen Katastrophe bedurft, vorbereitet jedoch war die Lösung schon seit vielen Tagen gewesen. Ottmar war eine in ihrem innersten Wesen solide Natur, und die jugendlich törichte Schwärmerei, welche das Verhältnis des Mannes zum Weibe nur als einen Rausch der Leidenschaft und des Entzückens aufzufassen vermag, lag weit hinter ihm. Nicht weniger die Werthersche Sentimentalität, welche träumt, der Inhalt eines ganzen Menschenlebens solle und müsse in romantischer Liebesdüftelei aufgehen. Aber bei alledem war sein Herz frisch und jung und rein genug geblieben, um zu fühlen, daß es ein unermeßlicher Segen wäre, das Dasein in Gemeinschaft mit einer trefflichen Frau zu verbringen, sie beglückend durch sie beglückt zu werden. Diese Überzeugung war in letzter Zeit still und mächtig gewachsen in dem Verkehr mit der Tochter seines Wirtes. Das Bild dieser Eva stieg jetzt um so deutlicher, reiner, schöner in seiner Seele auf, je blasser das der anderen in den Hintergrund schwand. Wie war das Mädchen lieb und gut, wie brav in allem! Wie wußte sie alles, was sie angriff, in ihrer rastlosen und doch stillen, von allem Geräusch, aller Prätension weit entfernten Sorglichkeit mit der unbewußten und anspruchslosen Anmut eines in sich wahren und sicheren Wesens zu tun! Wenn Ottmar jetzt in der nächtlichen Stille und Einsamkeit daran dachte, wie er das schöne Kind in Haus und Feld hatte walten sehen, mußte er der Verse eines Dichters denken, dessen Werke voll der innigsten Huldigungen sind, welche je ein Dichter dem Weibe dargebracht, der Verse Schefers: Des Lebens Müh' ist ihr ein froh Geschäft; Mehr als die reichste Königstochter ist sie Am seligsten begabt mit Fleiß und Arbeit, Am reichsten ausgestattet mit der Sorge! Nicht eine auferlegte Pflicht, kein Dienst Ist ihr des Lebens schweres Tagewerk – Des Weibes mutig-unermüdet Wirken Ist ganz ihr eignes, freies, göttlich Wesen, Wenn irgend etwas göttlich ist im All. Aber hatte er dem Aivli wirklich Neigung eingeflößt? Ottmar quälte sich mit der Erörterung dieser Frage redlich ab. Er gedachte der Anspielungen Wates, der Äußerungen des alten Brosi, der züchtigen und doch unverkennbaren Symptome, welche in dem Benehmen des Mädchens selbst lagen. Er gedachte alles dessen, und doch meinte er, es wäre Eitelkeit und Übermut von seiner Seite, daraus einen bestimmten Schluß ziehen zu wollen. Aber das stand fest in ihm, daß er sich Mühe geben wolle, die Achtung, die Zuneigung der Tochter Baldungs zu erwerben. Ihm war, als erkenne er jetzt erst den Wert dieser in den heimatlichen Bergen aufgeblühten Bergwaldblume, die keusche Frische ihrer Farben, den süßen Duft ihrer Seele. Sein Herz sehnte sich zu ihr. Aber wie sollte es dann werden? Angenommen, die Liebe des Mädchens wäre ihm gewiß, wie sollte sich sein und ihr Leben gestalten, um ein ersprießliches zu sein? Aivli war dazu geboren und erzogen, auf dem Lande zu leben. Ihr ganzes Wesen war mit dem Landleben aufs innigste verwachsen, konnte sich nur auf heimatlichem Boden zur Fülle seiner Schönheit entfalten, mußte im Schatten der Stadtmauern verkümmern. Das verhehlte sich Ottmar nicht. Wenn jedoch ein guter Mensch redlich etwas Rechtes will, so sprudeln ihm aus der Tiefe seines Willens auch die rechten Hilfsquellen. Sobald unser Freund zu der Überzeugung gekommen, daß ihm an der Seite des Aivli ein neues Leben aufgehen würde, war er auch bereit, resolut in dasselbe hineinzuschreiten. Der Ausgang der politischen Bewegung, an welcher er sich beteiligt, die ganze Gestalt, welche darauf die Dinge in Europa angenommen, hatten ihn zu der Einsicht geführt, daß die Zeit, in welcher von gewaltsamen Umwälzungen Heil für die Gesellschaft zu erwarten war, vorüber sei. Frankreich, nach seiner dritten Revolution, lieferte zur revolutionären Doktrin die abschreckenden Beispiele. Ottmar hatte, wie viele seiner Gesinnungs- und Schicksalsgenossen, erkannt, daß nur jene unermeßliche, rastlose, unmerkliche und unaufhaltsame Umgestaltung, welche im Gebiete der Ideen und der Wissenschaft wie der Industrie, des Verkehrs und der Staatswirtschaft vor sich gehe, die wahre Revolution in sich enthalte, eine Revolution, deren endlicher Sieg keinem Zweifel unterliegt. Er hatte einsehen gelernt, daß die Geschichte sich keine Sprünge diktieren lasse, und daß sie, zu Vorsprüngen gezwungen, sich für diesen Zwang durch Rücksprünge entschädige. Das mußte ihn um so mehr lehren, sich zu bescheiden, als er von der Großmannssucht unserer Tage unberührt war. Der Sturm und Drang seines Herzens hatte sich gesänftigt. Nicht etwa daß ihm, wie so vielen seiner Zeit- und Altersgenossen, die Begeisterung für das Ideal, für Freiheit und Recht, für das Vaterland, für alles Schöne und Große abhanden gekommen wäre, keineswegs, wohl aber gestand er sich, daß die Weltgeschichte ihre Vorschritte nicht nach Menschenaltern, sondern nach Jahrhunderten und Jahrtausenden bemesse. Er hatte in der Hauptstadt seine Advokatur wieder aufgenommen, aber aus dieser Beschäftigung keine Befriedigung geschöpft. Das alles hing doch gar zu genau mit den Zuständen zusammen, um deren Bekämpfung willen er so viel gelitten hatte, und überdies war er keine advokatische Natur. So hatte er denn auch nicht ohne einiges Widerstreben dem Ruf des Grafen, dessen Prozeß zu führen, entsprochen. Aber der Schauplatz der lange hingeschleppten Streitsache war anlockend genug gewesen, ihn zu bestimmen. Er hatte eifrigst in der Sache gearbeitet, allein das Beste war doch nur durch einen glücklichen Zufall, durch jenes Gespräch mit dem alten Brosi getan worden. Der Brosi hatte auch wirklich nicht zu viel gesagt und versprochen. Unter seiner Anleitung und mit seiner Beihilfe war es Ottmar geglückt, die verlorenen Grenzsteine unter dem Wasser des Bärenbaches aufzufinden. Er hatte der Laune nachgegeben, die ganze Angelegenheit im geheimen zu betreiben, und nicht nur der alte Brosi, sondern auch die Gerichtsbeamten aus *****stadt, deren er zur Aufnahme eines rechtsgültigen Protokolls an Ort und Stelle bedurfte, hatte seinem Wunsche entsprochen, die wichtige Findung einstweilen zu verschweigen. Er war so verfahren, weil er, wenn der Prozeß, wie zu erwarten er jetzt berechtigt war, gewonnen würde, der Gräfin eine Überraschung hatte bereiten wollen. Erst gestern war er mit dem Ordnen sämtlicher Akten zustande gekommen, und er hatte beabsichtigt, nächster Tage nach der Hauptstadt zu gehen, um die Sache persönlich beim Obertribunal zu betreiben. Es mußte ihm höchst verdrießlich sein, wenn die unglückliche Duellgeschichte sein Vorhaben zunichte machen sollte, denn er hatte seine Ehre darein gesetzt, diese Angelegenheit zu einem glücklichen Ende zu führen. Und dann? Ja, dann wollte er der Juristerei Valet sagen und mit ihr überhaupt einem Leben voll unerquicklichen Treibens, einem Leben in geschraubten, naturlosen Verhältnissen, welche nur zu sehr geeignet sind, einen Mann von starkem Gefühl und nicht alltäglichen Ansichten und Überzeugungen zu faustischem Weltekel hinzutreiben und Ruinen in seiner Brust aufzuhäufen, um die sich notwendig die seelentötende Schmarotzerpflanze der Blasiertheit winden muß. Er wollte ein Landmann werden. Dieser Entschluß war eine Frucht des Nachdenkens, welchem Ottmar in dieser Nacht sich hingab, und er war der Mann dazu, denselben auszuführen. Der Übergang, welchen er im Sinne trug, war auch kein solcher Saltomortale, wie es den Anschein haben könnte. Ottmar war ein Landkind. Das Paradies der Kindheit, auf welches jeder Mensch, der nicht schon von Geburt an ganz unglücklich gewesen, sehnsüchtige Rückblicke wirft, war für ihn ein ländliches Pfarrhaus gewesen. In Genügsamkeit und ländlich einfacher Sitte war er erzogen worden. Er kannte das Volk und liebte es. Der Schiffbruch seiner politischen Hoffnungen hatte ihn nicht auf der Sandbank der Volksverachtung sitzen lassen. Er wußte, daß der Saft, welcher im Volke zirkuliert, doch immer neue Sprossen treibt, neue Blüten ansetzt, neue Früchte zeitigt trotz alledem und alledem. Er hatte sich in Jugendjahren zu seiner Lust in ländlichen Geschäften geübt. Zu diesen, zu der Gesundheit des Landlebens zurückkehren, hieß für ihn zur Unmittelbarkeit eines naturgemäßen Daseins zurückkehren. Es war für ihn kein Sprung ins Blaue, ins Ungewisse, ins Unbekannte hinein; es war nur eine Rückkehr, die Rückkehr in ein Idyll, welches Raum genug zur Betätigung seiner Kräfte, zu verständigem Wollen, ersprießlichem Schaffen bot. Wie leicht, wie froh, wie gesund hatte er sich gefühlt, während er an der Seite des Aivli den Heuet mitmachte! Freilich, das Aivli, ja, das gehörte zum Idyll seiner Zukunft, fest, untrennbar. Die verfallene Kapelle durchschreitend, hatte er unter solchen Gedanken die Mitternacht herangewacht. Er fühlte sich zuletzt so wunderbar beruhigt und befriedigt, die Spannung seiner Seele war so ganz gelöst, daß er, auf den alten Tisch in der Sakristei sich hinstreckend, den Schlaf nicht zu suchen brauchte. Er kam ihm von selbst entgegen. Der kühle Morgenhauch weckte ihn. Er öffnete die Augen, meinte aber nur in einen schönen Traum hineinzublicken, nicht in die Wirklichkeit. Die Türe der Sakristei stand offen, und so sah er das Innere der dachlosen Kapelle vom Morgenrot angeglüht, das draußen im Osten über den Wälderkuppen stand. In den roten Lichtkreis aber schritt eine weibliche Gestalt herein, so frisch und rosig wie das Morgenrot selber, und die Gestalt glich wunderbar des Goldforellenwirts Töchterlein, oder vielmehr gar nicht wunderbar, in Betracht, daß die Kommende keine andere war als das Aivli in eigener Person. Voll freudigsten Erstaunens überzeugte sich Ottmar von seinem Wachen und sprang von seinem harten Lager auf. Aivli war in der Kapelle stehen geblieben, atmete hoch auf und sah sich schüchtern um. Wie war das Mädchen schön in der kleidsamen Volkstracht, um das prächtige Haar ein rotes Tuch gewunden, welches der landesübliche Morgenkopfputz der Schwarzwälderinnen jener Gegend ist. Das Geräusch, welches Ottmars Aufspringen verursachte, lenkte die Blicke des Mädchens nach der Sakristei, und dunklerer Purpur ergoß sich über ihre Züge, als ihr der junge Mann aus der Türe entgegentrat. Ottmar erriet mit dem Instinkt der Sympathie das Motiv ihres Kommens. In der Fülle der Bewegung seines Herzens streckte er ihr beide Hände entgegen, ergriff die ihrigen und sagte: »Aivli, liebes Kind, Ihr bringt mir eine gute Nachricht, nicht wahr?« »Ja, Herr Ottmar;« versetzte sie, vor dem Funkeln seines Blickes die Augen mit neuem Erröten niederschlagend. Und sogleich das Wichtigste treffend, das, was Ottmar doch wohl am meisten interessieren mußte, setzte sie freudig laut hinzu: »Der Baron lebt und wird nicht sterben!« »Wie dank' ich Euch, Aivli! Und wie dank' ich meinem Geschick, daß Ihr es seid, welche mir diese gute Nachricht bringt. Wie ist das freundlich und gut von Euch!« »O, saget nichts von dem, Herr Ottmar. Als Euer Freund Wate vor zwei Stunden heimkam, verzählte er mir die Sach' und sagte: ›Aivli,‹ sagt er, ›ich bin müd' zum Umfallen und will ins Bett. Aber man muß dem Ottmar Botschaft senden, daß alles gut gehe und er nicht mehr in dem alten Eulenneste droben zu hocken brauche. Wo ist der alt' Brosi?‹ fragt' er. ›Ich möchte sonst keinem vom Gesind' die Botschaft auftragen, die Leut' schwatzen gleich so dummes Zeug, wißt Ihr?‹ So sagt' er und –« »Ihr waret also schon auf, Aivli? Es mußte ja lange vor Tagesanbruch sein.« »Ja – ich –« stammelte das Mädchen, die Stirne senkend. »Seht, als der Reitknecht des Barons die Instrumenter des Doktors holte und man bald darauf vernahm, es habe im Schloß ein Unglück gegeben, und dann Ihr nicht heimkamt und der Doktor auch nicht heimkam, da wurde mir halt sölli bang und – und ich konnt' nicht schlafen und ich dacht' – ich weiß selber nicht mehr, was ich all's für Gedanken gehabt –« »Ihr sorgtet Euch um mich, Aivli?« »Warum sollt' ich nicht? Und – ja, nun, ich sagte zum Doktor: ›Wißt Ihr was? Der Brosi ist seit etlichen Tagen nicht so recht wohlauf; man darf ihn nicht schon 'rausjagen und ich denk', ich will selbst g'schwind ins Bärenschlößli hinauf.‹« »Womit kann ich Euch diese Güte vergelten, Aivli?« »O, redet doch nicht so, Herr Ottmar. Ich konnte mir halt wohl denken, wie's Euch wohlen Wohlwerden. müßt', wenn Ihr erfahren tätet, daß kein Totschlag Euch auf der Seele liege. Ich mein', ich wär' hundert Stund' weit gangen, um's Euch zu sagen.« Mit Entzücken vernahm Ottmar dieses Geständnis. »Aivli,« sagte er, und er mußte sich große Gewalt antun, um einigermaßen ruhig zu sprechen. »Aivli, hat Euch Wate die Ursache meines Streites mit dem Baron mitgeteilt?« »Er hat nur so von einem dummen Spaß geredet, der den schrecklichen Handel veranlaßt hätte.« »Wohl, so höre, mein Kind. Ich focht mit dem Freiherrn auf Tod und Leben, weil er der Gräfin Bernwart einen tödlichen Schimpf zugefügt hatte.« Aivli wurde sehr blaß, und ihre Hände zitterten in denen des jungen Mannes. Aber sie sagte nichts. »Aivli,« fuhr er fort, »könntet Ihr glauben, daß meiner Handlungsweise ein unlauteres Motiv zugrunde gelegen? Daß mein Tun aus einer anderen Quelle entsprungen als aus der Entrüstung über eine Büberei? Daß ich zu der Gräfin in einem Verhältnis stände, welches mich etwa aus Eifersucht hätte gegen den Baron auftreten lassen? Könntet Ihr das glauben?« »Nein,« erwiderte sie leise, »nein, ich glaube es nicht. Ihr seid ja allzeit brav und rechtschaffen gewesen. Nein, ich glaub' es nicht.« »Segen über Euch, Aivli, um dieses Wortes willen. O, wie dank' ich Euch!« Er legte die Arme um ihre Schultern und zog die Bebende sanft an seine Brust. »Aivli,« flüsterte er tief und schön bewegt, »Aivli, ich bin dir herzlich gut!« Sie hob erzitternd ihr glühend Antlitz zu ihm auf und sah ihn an, und ein Meer von Liebe strömte ihm aus diesen großen, keuschen, tiefblauen Augen entgegen. »O, du!« Weiter sagte sie nichts, aber große Tränen stürzten aus ihren Augen, und ihr Haupt an seiner Brust bergend schluchzte sie vor Glück und Seligkeit. Er aber stieß einen hellen Freudenlaut aus, die Welt, das neue Leben, die aufgehende Sonne begrüßend, deren erster Strahl den ersten Kuß des glücklichen Paares sah. Hand in Hand traten die beiden aus der Ruine und schauten trunkenen Auges in die schöne, morgenfrische Welt hinab und hinaus. Wald und Berg und Tal und Fluß – wie war ihnen das alles jetzt doppelt schön, doppelt vertraut, doppelt heimatlich! »Ich bleibe bei dir, Aivli, jetzt und immer!« sagte Ottmar. »Ich will ein rechter Schwarzwälder werden.« Sie lehnte sich an ihn; sie wußte, daß er wahr sprach, daß er bei ihr bleiben würde. »Aber,« fuhr er fort, »noch heute muß ich dich verlassen für eine kleine Weile, um in der Hauptstadt mich loszumachen von allen Banden und Verpflichtungen meines bisherigen Lebens. O, wie werd' ich Heimweh nach dem Forgtal haben und nach dir!« »Und wenn du gehen mußt, Ottmar,« sagte sie, »so hab' ich dich doch, da in meinem Herzen. O, da wohnst du schon lange und wohlbehütet, und da sollst du bleiben all mein Leben lang.« »Ich weiß es, Aivli, ich weiß es. Wir haben und halten einander. Jetzt hab' ich wieder eine Heimat!« fügte er fast jauchzend hinzu. Sie konnten noch nicht von der Stelle, die Glücklichen. Es war so schön, so morgenheilig, in ihnen, außer ihnen, nah' und fern. Ein stilles Säuseln ging durch die Wipfel der Wälder, die Vögel spielten auf, die Taunebel hoben sich drüben an den Bergen in phantastischen Bildungen empor, dort lag der Bühl so heimelig unter seinen Obstbäumen, und drunten rauschte und schimmerte der Fluß im Morgensonnenstrahl, der auch den Friedhofhügel drüben in Moosbrunn, wo Ottmars Eltern schliefen, freundlich beschien. »O, Ottmar, was ist die Welt schön, und wie bin ich glücklich!« Er küßte still ihre jungfräuliche Stirne und blickte dankbar hinauf zum blauen Himmel und hinab zur grünen Erde und hinüber zu den Gräbern der Eltern. Er sog die Fülle des Glückes eines neuen Lebens, welches sich vor ihm aufgetan, in seine Brust ein, zugleich mit der Morgenschöne seines Heimatlandes. Liebste Erinnerungen der Vergangenheit wurden in ihm wach, und die Zukunft umspielte ihm die Stirne wie ein glücklicher Traum. Er fühlte sich wieder jung, daheim, befähigt, das Leben zu lieben und zu tragen mit all seiner Lust und all seinem Leid. Und wie entzückte ihn des eigenen Glückes Widerschein, welcher ihm von dem Antlitz des schönen und guten Wesens an seiner Seite entgegenleuchtete. Ihm war fromm und gut zumute. 5. O, wecke die Dämonen nicht Auf Frauenherzens Grund! Morgenrot – Abendkot. Ob wohl der fromme Jeremias an dieses Sprichwort dachte, als er, früh aufgestanden, in sein Studierzimmer trat, um die letzte Hand an ein höchst wirksames Werk zu legen, welches die Zentralverwaltung der inneren Mission bei ihm bestellt hatte? Wir glauben es kaum. Längst schon stand der Treffliche mit dem genannten Heilsgeschäft in genauester Verbindung, und seine Feder war sehr fruchtbar im Herrn. Praktischen Blickes, war er auf den Einfall gekommen, den Leitern der inneren Mission zu bedenken zu geben, ob es nicht ratsam wäre, die Kinder der Welt mit ihren eigenen Waffen zu bekriegen, das heißt, ob das »Rauhe Haus« nicht guttäte, zur Förderung seiner erhabenen Zwecke nicht allein in Traktätchen, sondern versuchsweise auch einmal in Romanen zu »machen«. Nebenbei hatte er angedeutet, daß er selber das Zeug dazu hätte, einen Innerenmissiönlerroman echtesten Stils sofort zu verfertigen. Die Idee war mit großer Befriedigung seitens der Oberen vernommen und gutgeheißen worden. Jeremias hatte die gewünschte Bestellung erhalten, und es waren sogleich alle rauhen und linden Brüder- und Schwesternhäuser in deutschen Landen vorsorglich in Kenntnis gesetzt worden, daß sie sich bereit halten möchten, eine volle Salve frommen Beifalls zu geben, wann der Roman erschiene. Das bestaunenswerte Buch, viel zu gut für unsere Zeit, sollte den beziehungsreichen Titel führen: »Eritis sicut Deus» , und heute schrieb der gottselige Verfasser das letzte Kapitel, während ihm das Morgenrot, welches unserem Freund Ottmar sein Glück gebracht hatte, auf den Schreibtisch fiel. Wie bekannt, ist seither dieses Meisterstück von Roman erschienen und hat Tausende von Herzen wunderbarlich erquickt und dem Heile zugewendet. Im Vorgenuß dieser Wirkung seines Werkes fühlte sich Jeremias sehr gehoben und beseligt. Er war daher auch den ganzen Vormittag ungewöhnlich mild und freundlich, hatte kein rauhes Wort für die arme stille Margaret, ließ es hingehen, daß sein ältestes Töchterlein den 101. Psalm, welchen er ihr gestern zum Auswendiglernen aufgegeben, nur sehr mangelhaft hersagen konnte, übersah es, daß die kleine Cölestina beim Mittagessen einen Teller zerbrach, und begnügte sich, als unmittelbar darauf der Theophil, der wilde Junge, mit seinem Ball eine Fensterscheibe einschmiß, ruhig zu dem Sünder zu sagen: »Die bezahlst du aus deinem Sparhafen.« Den Kindern kam das alles ganz spanisch vor und der Pfarrerin sozusagen noch viel spanischer. Inzwischen erfüllte das Morgenrot seine Voraussage. Es gab ein Gewitter, dessen Vorüberziehen Jeremias mit nicht geringer Ungeduld erwartete. Der Regen hatte auch kaum zu strömen aufgehört, als der würdige Herr Hut und Stock ergriff, um, wie er sagte, auf einem Spaziergange seine Predigt für übermorgen im Geiste sich zurechtzulegen. Sein Thema schien ihm wirklich viel zu schaffen zu machen, denn er ging, den Fußpfad am Flusse nach Forgau hinaufwandelnd, ganz in sich versunken einher und hatte für die Dinge der Außenwelt so wenig Sinn, daß er die Grüße der ihm begegnenden Landleute kaum beachtete, geschweige mit der ihm sonst gewöhnlichen Leutseligkeit erwiderte. Übrigens mußte es mit der Zurechtlegung der Predigt ziemlich rasch gegangen sein, denn als er die Forgauer Brücke überschritt und in die nach Bernwartshall führende Allee einbog, beschäftigten sich seine Gedanken mit ziemlich weltlichen Dingen. »Seid klug wie die Schlangen!« sprach er bei sich. »Was das für ein trefflicher Spruch ist! Mit der gehörigen Klugheit erreicht man am Ende alles, und wenn auch die Schlange in Windungen gehen oder kriechen muß, sie kommt doch an ihr Ziel. Wie ist es wohltuend, von der Warte der Klugheit auf die törichten Menschen herabsehen zu können, tief herab. – Da ist nun mein Bruder, der Ottmar. Ein keineswegs so platterdings auf den Kopf gefallener Mensch, und doch ging er gestern wie ein rabiater Büffel gegen den Tropf von Baron an. Ich sah es kommen, ja, ich sah es kommen, sowie ich das Gespräch einmal glücklich auf die Gräfin gelenkt hatte. Der Ausgang des Duells war zwar nicht ganz so, wie ich erwartet hatte. Ich hielt, scheint es, den Baron für einen geschickteren Fechter, als er wirklich ist. Aber die Sache macht sich doch. Ich müßte Eva schlecht kennen, wenn jetzt von dem baronlichen Gecken noch bei ihr die Rede sein könnte. Dieses Liebesband hat mein Brief sicherlich zerrissen. Aber auch Ottmars bin ich ledig. Vielleicht verschwindet er auf die gestrige Geschichte hin für immer von hier, und jedenfalls wird er, närrisch, wie er ist, keine Lust mehr haben, seine Bewerbung um Eva fortzusetzen. Er wäre ein gefährlicher Nebenbuhler geworden, ich habe es wohl gemerkt. Von dem bärtigen Lümmel, dem Wate, ist nicht viel zu besorgen, und was die beiden Grasaffen von Versemachern betrifft, bah! Das Terrain ist also rein, darum vorwärts mit festem Tritt! Dieses Weib muß mein werden, ja, es muß! Und wäre es nur für einen Tag, nur für eine Stunde, aber mein muß es werden. Sein Besitz soll mich rächen für all die Unrast, die Wut, die Pein, die es in mein Blut geschleudert. Ich will diese Eva besitzen und demütigen!« Während so der fromme Mann der Stimme seiner innersten Mission Raum zur Äußerung gab, saß die Gräfin in ihrem Kabinett, welches wir dem Leser früher beschrieben haben. Die schöne Frau war ungewöhnlich bleich, und der wundersame Schmelz ihrer dunkeln Augen war einem fast stechenden Feuer gewichen. Sie schien soeben einen heftigen Seelensturm durchgemacht zu haben und die Schwingen ihres Wesens waren wie geknickt. In sich zusammengesunken auf der Ottomane sitzend, hatte sie links und rechts einen geöffneten Brief zur Seite liegen. Abwechselnd nahm sie diese Papiere auf, um sich in den Inhalt derselben zu vertiefen. Das eine enthielt nur wenige Zeilen, das andere war eine sehr ausführliche Epistel. Die Briefe kamen von der Hand zweier Brüder: in dem einen benachrichtigte Ottmar die Gräfin kurz, daß ihn die Fortführung des Forgforstprozesses schleunig in die Hauptstadt riefe, in dem andern gab ihr Jeremias in seiner Manier eine detaillierte Schilderung der gestrigen Ereignisse im freiherrlichen Schloß drüben. Eva hatte lange über diesen Briefen gebrütet. Sie waren auch beide, der eine in seiner Kürze, der andere in seiner Länge, inhaltsreich genug. Es kam der Tochter der Luft aus diesen Papieren ein Wolkendruck des Schicksals entgegen, wie sie nie einen empfunden hatte. Sie saß regungslos, starr vor sich hinsehend. Zuweilen aber schweifte ihr Blick durch das Fenster nach dem freiherrlichen Wohnsitz hinüber, und dann machte sie eine Geberde unbeschreiblichen Ekels oder auch, brach dann aus ihren Augen ein unheimlich düsteres Leuchten, wie Wetterleuchten aus mitternächtlichem Gewölke. Es war nicht nordisch sentimentaler Frauenschmerz, was auf ihr lag, nicht nordisch resigniertes Weh; es war die mühsam verhaltene Wut und Glut südlicher Leidenschaft, bereit, verzehrend hervorzubrechen, wie der Blitz aus der Wolke. Endlich fand, was sie bewegte, eine Bahn zu ihren Lippen. »So ist er also gegangen, ohne Abschied zu nehmen?« murmelte sie. »Und doch hatte er sein Leben eingesetzt, um das Unerhörte, was mir widerfahren, zu rächen. Erst nachdem er alles gewagt, um meinen Namen nicht ungestraft in den Schmutz eines Trinkgelages treten zu lassen, hat er sich verachtungsvoll von mir gewendet. – O, dieser Ottmar – warum mußte dieser Mann mir nicht früher wieder begegnen? Warum erst dann, als es zu spät war? Viel zu spät, für ihn und für mich! Wie wäre alles anders geworden, anders und gut! Und jetzt ist alles vorbei, verschwunden, versunken, alles!« Die Pein dieses Gedankens jagte die unglückliche Frau vom Sofa auf und trieb sie im Zimmer umher. Sie fühlte das Bedürfnis, freie Luft zu atmen, aber im Begriff, die Terrassentüre zu öffnen, fiel ihr Blick auf die Flaggenstange, und mit Abscheu trat sie zurück. »Ich muß mir ein anderes Zimmer einrichten,« sagte sie; »hier halt' ich es nicht mehr aus.« Bei dem großen Spiegel vorbeigehend, erblickte sie in demselben ihre Gestalt und blieb stehen, sie zu betrachten. Sie beschaute sich mit dem Blick eines Kenners, welcher ein Kunstwerk mustert und eine Weile schwankt zwischen der Begierde, einen Fehler zu entdecken, und der Befriedigung, welche aus dem Anblick des Vollkommenen entspringt. »O,« sagte sie dann, »wie bin ich noch so jung, wie bin ich noch so schön! Und so elend, so grenzenlos elend!« In Qual sich verzehrend, rang sie stumm die Hände, bis ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf fuhr. Sie raffte ein Paar Bücher, wie sie gerade dalagen – armer Don Rodrigo, armer Herr Walter, zufällig waren eure neuesten Goldschnittsdichtungen darunter! – vom Tische auf und machte damit Feuer an im Kamin. Dann schloß sie ihren Sekretär auf, nahm aus verschiedenen Behältern zierlich kuvertierte Briefe, verwelkte Blumen, Schleifen, eine Haarlocke, hunderterlei kleine Erinnerungen an heiße Stunden, endlich auch ein Bündel jener unglückseligen Signalflaggen und warf alles zusammen in die lustig emporprasselnde Flamme. »Da brennt der Tand!« sagte sie, klatschte in die Hände und schlug eine helle Lache auf. »Ei,« fragte sie sich, »wie heißt doch gleich der Poet, welcher so hübsch gesagt, daß uns noch das schöne gelle Lachen bleibe, wenn des Glückes Siebensachen uns von tölpischer Schicksalshand zerbrochen vor die Füße geworfen werden, wenn uns das Herz im Leibe zerrissen und zerstochen wurde? Ja, das schöne gelle Lachen, das bleibt mir und die –« »Gnädige Frau,« meldete die eintretende Kammerjungfer, »der Herr Pfarrer von Moosbrunn ist da und wünscht Ihnen aufzuwarten.« »Der Pfarrer von Moosbrunn?« entgegnete Eva, abermals laut auflachend. »Er ist willkommen. – Doch warte noch. Rufe mir zuvor geschwind den Milimach, Ich habe ihm etwas zu sagen, es wird schnell abgemacht sein. Führe den Pfarrer einstweilen in den Salon.« Sie lachte wieder, und als sich die Türe hinter dem verwunderten Mädchen geschlossen, zeigten ihre Züge den Ausdruck ausgelassensten Mutwillens. Eine koboldartige Lustigkeit schien sich ihrer bemächtigt zu haben. »Der garstige Schleicher!« sagte sie. »Der kommt mir gerade recht. Ich bin seiner mit Weihrauch geräucherten Huldigungen längst bis zum Übelwerden überdrüssig, und ich will seine fromme Flamme kühlen, daß er das Wiederkommen vergessen soll.« Der gute Jeremias schien in der Tat von der Unterredung, welche er eine Viertelstunde nachher mit der Gräfin hatte, nicht im geringsten erbaut. Das Gespräch währte ziemlich lange, und das Kammermädchen, welches einem unbezweifelhaften Privilegium seines Standes zufolge an der Türe gelauscht, hörte gegen den Schluß der Unterredung hin den würdigen Mann, welcher sonst stets so gehalten und maßvoll war, leidenschaftlich laut sprechen und die Gräfin laut in seine Worte hineinlachen. Als der Pfarrer endlich heraustrat, sah er aufgeregt aus wie ein Kämpfer, aber wie ein geschlagener. Seine Stirne war rot, aber augenscheinlich nicht von der Röte des Triumphes, und seine Augen blickten nichts weniger als befriedigt und siegesfreudig. Er beeilte sich auch, mit rascheren Schritten, als seiner Würde eben zuträglich war, aus dem »verwunschenen Schloß« fortzukommen, und hatte schon den äußeren Hof erreicht, als ihm die Kammerjungfer der Gräfin nachgerannt kam. »Herr Pfarrer,« sagte das Mädchen mit pietätslosem Gekicher, »die gnädige Frau läßt Ihnen sagen, Sie möchten doch nicht vergessen, Ihre schwarzen Beinkleider um die Knie herum abzuwischen; der Fußteppich vor dem Sofa sei etwas staubig gewesen.« Jeremias schoß einen höchst unchristlichen Blick auf die feixende Jungfer und schielte dann auf die bezeichneten Stellen seiner Beinkleider hinunter, wo allerdings zwei verdächtige Flecken sichtbar waren. Aber er hielt es weder der Mühe wert, den Schaden zu reparieren, noch wollte er das unverschämte Ding von Zofe einer Antwort würdigen, sondern er warf stolz den Kopf in den Nacken zurück und schritt zum Tore hinaus, mit zum Himmel gerichtetem Blick, als suchte er dort Trost für die Unbill, die er soeben auf der sündigen Erde erfahren. Es ist jedoch nicht jederzeit ratsam, den Blick vom Erdboden ab und den Sternen zuzulenken. Diese große Wahrheit sollte eine der Hauptsäulen der inneren Mission sogleich als eine unwiderlegliche erfahren, und zwar zu ihrem Schaden. Denn als der würdige Mann mit hochgetragenem Haupt über die Zugbrücke schritt, wich plötzlich eine der Bohlen unter seinen Füßen, und bevor er wußte, wie ihm geschah, war sein unsanftes Hinabplumpsen in den Graben eine vollendete Tatsache geworden. Nun war zwar der Fall bis zum Wasserspiegel ein nicht sehr hoher und das Wasser brach die Gewalt des Sturzes, allein der Graben war tief, und da der Schlamm auf seinem Boden keinen festen, sondern im Gegenteil nur einen zurückweichenden Stützpunkt für die Füße Jeremiä abgab, so ging dem würdigen Manne das Wasser nicht nur über die Brust, sondern mitunter auch noch über den Kopf. Ein nicht sehr frommer Ausruf, was man so gewöhnlich einen Fluch nennt, entfuhr dem Fallenden, als er auf dem Wasser aufschlug und in dasselbe hinunterfuhr. Als er dann sich wieder aufwärts geschnellt und das halbfaule, stinkende Wasser aus dem Munde blies, antwortete von der Torzinne aus ein schallendes und vielstimmiges Gelächter seinem Gepuste und Geschnaube. Er hatte keine Lust, hinzusehen; er konnte sich's leicht vorstellen, daß dort die ganze Schloßdienerschaft versammelt sei, um ihr herzliches Gaudium über seinen Unfall zu haben. Daß dieser kein zufälliger, sondern ein absichtlich präparierter sein mußte, war auch unschwer zu erraten. Jeremiä Situation war eine um so unbehaglichere, als er sich das Lächerliche derselben nicht verbarg. Er wollte um Hilfe rufen, aber sein Stolz empörte sich dagegen. So ruderte und schob er sich denn durch Wasser und Schlamm, dessen Nachgiebigkeit ihm noch mehrmals das abscheuliche Naß über dem Kopf zusammenschlagen machte, dem Ufer zu. Zwischenhinein schoß ihm auch der Gedanke durch den Kopf: »Hatte es diese Teufelin am Ende auf dein Leben abgesehen?« Zuletzt erreichte er die Grabenböschung, kletterte daran hinauf und trug, droben angelangt und von Schmutz und Wasser triefend, kein Verlangen, das ihm von drüben nachschallende Gelächter länger mitanzuhören, sondern verschwand mit Entrüstung. Indessen war die furchtbare Prüfung noch nicht zu Ende, maßen seine barhäuptige, abenteuerliche Erscheinung in der Goldforelle, wo er unterkroch, weil er doch nicht in diesem Aufzuge Forgau passieren konnte, keine geringe Sensation erregte. Wate, dem die plötzliche Abreise seines Freundes Unbehagen eingeflößt, erheiterte sich an der wundersamen Erscheinung des unglücklichen Mannes und lachte mit dem ganzen Gesicht. »Wie sehen Sie aus, mein Teuerster!« sagte er, indem er dem Pfarrer aus seiner Garderobe Kleider zum Wechseln hinbot. »Hat Sie Ihr Eifer denn verleitet, die innere Mission auch unter den Fischen und Kröten auszubreiten?« Jeremias schluckte seine Gefühle, die, vermuten wir, nicht so ganz die eines frommen und versöhnlichen Kreuzträgers waren, in sich, brummte etwelches Undeutliche von schändlichen Nachstellungen und mörderischen Attentaten vor sich hin und machte sich in den Kleidern des »bärtigen Lümmels« sofort auf den Heimweg. Morgenrot – Abendkot! Wate aber hatte keine Ruhe, bevor er das Abenteuer des Trefflichen bis ins Speziellste erfahren. Dann setzte er sich hin und verfertigte aus diesem tragischen Stoff ein großes Moritatlied, welches nach der Melodie »Es hat a mol a Baurama« geht und jetzt im Schwarzwald häufig gesungen wird. Die Gräfin suchte an diesem Abend, seit langer Zeit das erstemal wieder, den Grafen auf seinem Zimmer auf und hatte mit ihm bei verschlossener Türe eine Unterredung, welche bis tief in die Nacht hinein währte. Nachdem sie ihn verlassen, ging Hippolyt noch lange mit verschränkten Armen tief nachdenklich in dem Gemach auf und ab. Zuletzt stand er still, richtete seinen auf die Brust gebeugten Kopf in die Höhe und sagte, während der Bleiglanz seiner Augen matt aufleuchtete: »Endlich! Wie gut ist es, daß ich meine Arbeit so beharrlich förderte! Ich ahnte, ich wußte, daß es eines Tages so kommen müßte. Und sie ist zu mir zurückgekehrt, sie! – Ich glaube, ich liebe dieses Weib noch immer und mehr als je vordem. Nun schmiede ich einen Ring, der sie aufs neue an mich kettet, für ewig. Endlich also!« Viertes Buch. Die Katastrophe. Wenn das Stück mit Mord und Totschlag endigt, so ist's ein Trauerspiel; wenn dagegen die Liebesleute schließlich einander kriegen, so ist's ein Lustspiel. In welche Kategorie nun das vorliegende Stück gehöre, darüber, meine Herren, sind die Gelehrten noch nicht einig. Professor Duselmann. 1. Unerhört romantisches Abenteuer, welches nachtschlafender Weile zwei berühmten Dichtern im Schwarzwalde zugestoßen. Die Herbstnebel hatten schon angefangen die Blätter der Linde im Bühl stark zu vergilben, als eines Septembertages die Freunde Ottmar und Wate wieder darunter saßen. Jener war unerwartet vor einigen Stunden von ––stadt her im Forgtal angelangt, und da sowohl der Goldforellenwirt als auch seine Tochter von Hause abwesend waren, hatte sich Wate höchstselbst in die Küche begeben, um mit der alten Köchin ein leidliches Mittagessen für seinen Freund zu vereinbaren, wie er sagte. Dieses vereinbarte Werk war so wohlgelungen, daß der Gastrosoph den Entschluß faßte, dasselbe mit Ottmar zu teilen, obgleich er sein Imbißessen schon früher zu sich genommen hatte. Er bemerkte jedoch mit Mißvergnügen, daß Ottmar nur einen geringen Appetit entwickelte, ja, daß derselbe ganz zerstreut und mit beleidigender Gleichgültigkeit von einer pastetenartigen Speise aß, welche ihm der Philosoph des Magens mit einer gewissen Feierlichkeit vorgelegt hatte. »Nun, lieber Junge,« fragte der Grimme blinzelnd, »Wie schmeckt das?« »O, ganz gut, denk' ich,« versetzte Ottmar. »Aber sag mir doch –« »Da hör' mal einer! Er denkt, es schmecke gut, als ob es sich um die gleichgültigste Sache von der Welt handelte. Wo hast du denn deinen Gaumen? Unglücklicher, weißt du denn nicht, daß du ein Produkt tiefsinnigster Künstlertätigkeit vor dir auf dem Teller hast?« »Ah so, bitte um Entschuldigung, lieber Alter. Gewiß eine neue kulinarische Erfindung von dir, nicht wahr? Nun, es wird schon gut sein, aber sag doch –« »Was zum Teufel ist das für 'ne Manier, von einem Gegenstand von solcher Bedeutung so zu reden? Hör nur. Als du fort warst, wurde es mir langweilig, denn die Arbeit und die Freude an dem gloriosen Lied, womit ich, wie ich dir bereits erzählte, Jeremiä Sturz ins Tote Meer verherrlichte, konnte nicht ewig währen. Zum Glück führten mich meine gastrosophischen Forschungen auf einen Gegenstand, der mir das gewaltigste Interesse einflößte und alle Kräfte meiner Seele zur Tätigkeit aufregte. Du weißt vielleicht oder weißt auch vielleicht nicht, daß Friedrich der Große neben anderen Tugenden auch die besaß, ein ausgezeichneter Feinschmecker zu sein und einen Koch zu besitzen, welcher würdig war, dem Magen eines großen Mannes zu dienen. Dieser Treffliche überraschte den König eines Tages, mit einem neuen Gericht von eigener Erfindung, genannt la bombe à la Sardanapal , und der Erfolg dieses Meisterstückes entsprach vollkommen der ungeheuren Mühe, welche der geniale Künstler darauf verwendet hatte; der alte Fritz war entzückt, und wenn's auch ein Anachronismus ist, so behaupt' ich trotzdem, daß er zur Stunde, wo er von der Bombe à la Sardanapal gespeist, die Idee zu seinem Edikt gefaßt: ›In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden.‹ Gut, aber diese entzückende Bombe machte mir höllisches Kopfzerbrechen, Gott straf' mich! Ich schrieb an Professor Preuß, den berühmten Biographen des großen Königs, ob er mir vielleicht auf die Spur zu dem Rezept zu mehrbesagter Bombe helfen könnte; aber wie sich unsere deutschen Gelehrten stets um alle möglichen Nebendinge und nie um die Hauptsache zu kümmern pflegen, so wußte mir auch Preuß keine Auskunft zu geben, die mir bei meinem Vorsatz, die sardanapalische Bombe aufs neue zu konstruieren, irgendwie förderlich gewesen wäre. Ich mußte mich also bei Wiederschaffung des großen Werkes ganz auf meinen eigenen Genius verlassen, und er hat mich nicht verlassen. Gestern endlich gelang mir die Konstruktion der Bombe, allerdings, wie ich sagen muß, mit Hilfe des Aivli –« »Aber wo ist denn das Aivli?« unterbrach Ottmar den behaglich schwatzenden Freund ungeduldig. »Das Mädchen ist nach Moosbrunn hinunter, um deine erkrankte Schwägerin zu besuchen.« »Warum hast du mir davon nichts gesagt?« »Bah, was zum Teufel sollte ich dir von solchen Weibergeschichten schwatzen? Die Krankheit der Frau Pfarrerin ist nicht von Bedeutung.« »Desto besser, Margaret ist eine brave Frau.« »Wohl, wohl, was aber die Bombe angeht –« »Zum Henker mit deiner Bombe! Sie kommt mir viel zu fett vor.« »Zu fett? Du bist, glaub' ich, nicht recht bei Trost. Zu fett? So kann nur ein ganz oberflächlicher Naturalist sprechen.« »Nimm es nicht krumm! Ich bin wahrscheinlich heute nur nicht in der rechten Disposition, deiner gastrosophischen Praxis die verdiente Anerkennung zu zollen. Aber – 's Aivli ist doch wohlauf?« »Was soll nun das wieder? Was sollte dem Mädchen fehlen? 's ist ja die Gesundheit selbst. Bevor du fortgingst, glaubte ich manchmal, es sei in dem Organismus des Kindes irgend 'ne Schraube losgeworden, denn es war gar nicht mehr so heiter wie in früherer Zeit, Du erinnerst dich, daß mir mal ein närrischer Verdacht durchs Hirn geschossen war, so etwas von Liebe, und daß sich das Kind in einen gewissen ritterlichen Juristen vergafft hätte. Aber damit ist's nichts. Das Aivli ist wieder so munter wie früher, und doch ist etwas an und in dem Kind, woraus ich nicht recht klug werden kann. Dem Goldforellenwirt ist's auch so gegangen. ›Doktor,‹ sagt' er neulich zu mir, ›seht doch mal das Meidli an. Ist's nicht, als wär's seit kurzem noch größer und schöner worden? 's dunkt mich manchmal sölli, das Kind gehe nur so in der Luft, und doch besorgt es die ganze Wirtschaft noch besser und handlicher als vorher.‹ Der Alte hatte recht, Gott straf' mich! 's ist 'ne wahre Freude dem Mädchen bei seinem Schaffen und Werchen Arbeiten. zuzusehen. Es hat so 'ne verdammt nette Art, alles anzugreifen und – item, 's Aivli ist ein herzig Kind, wie weltbekannt.« Ottmar lächelte still vor sich hin. »Beim Zeus,« sagte er dann, »ich erleb' es doch noch, alter Junge, daß du als Freier der Goldforelle des Goldforellenwirts auftrittst.« »Hm,« schmunzelte der Grimme, »ich sag' dir, 's ist noch nicht aller Tage Abend. Wär' ich nur noch so ein Springinsfeld wie du. Ich wollte dir als Äquivalent gern die Weisheit schenken, welche aus meinem Schwabenalter entspringt.« »Aber deine gastrosophische Mission? Bedenke doch, welterlösender Philosoph des Magens, deine erhabene Sendung!« »O, lieber Junge, das ließe sich machen. Seit ich namentlich bei der Konstruktion der sardanapalischen Bombe wahrgenommen, mit welchem tiefen Verständnis, mit welcher Leichtigkeit und Grazie das Aivli die schwierigsten Ideen des Kulinarismus auszuführen versteht, habe ich angefangen mir nach der Richtung hin, wo mein Zölibat liegt, eigene Gedanken zu bilden.« »Nun, so bilde denn daran weiter. Jetzt aber wollen wir, wenn dir's beliebt, von anderem sprechen. Sag mal, wie hat denn Jeremias der Fromme sein Malheur genommen?« »Wie ein gescheiter Mensch so was nimmt, schweigend. Was wollte er auch machen? Übrigens habe ich ihn seither nur noch von ferne gesehen. Das schmutzige Bad in dem Schloßgraben scheint ihn menschenscheu gemacht zu haben. Er hat sich im Schlosse nicht wieder sehen lassen, hält aber, wie ich höre, alle Sonntage eine so furchtbare Straf-, Buß- und Drohpredigt, daß die Moosbrunner Bauern vor Angst demnächst an den Kirchenwänden hinauflaufen werden. Im übrigen soll er melancholisch sein und mitunter geradezu rappelig werden. Die Forgauer Burschen sind neulich mal nachts hinabgegangen und haben dem frommen Herrn mein berühmtes Moritatlied als Serenade vor den Fenstern gesungen; da hat er, Gott straf' mich! aus seiner Studierstube eine Flinte auf die Sänger losgebrannt. Zum Glück wurde niemand getroffen.« »Da wird die arme Margaret wieder was auszustehen haben. – Aber sag, der Freiherr ist also vollständig wiederhergestellt?« »Schon lange. Ich hab' dir's ja geschrieben. – Beiläufig gesagt, könntest du bei dieser Gelegenheit etwelchen Respekt vor dem alten Wate entwickeln. Der Junker hatte doch einen recht anständigen Lungenfuchser abbekommen, aber ich hab' ihm das Ding ganz leidlich zurechtgeflickt, Gott straf' mich! Er ist auch dankbar, der Junge, das muß ich sagen, und überhaupt ist ihm die Lektion in der Diskretion, welche du ihm gegeben, ganz vortrefflich bekommen. Er ist seither ein gut Teil weniger junkerlich in allem und jedem und kann, schätz' ich, ein recht passabler Mensch werden, wenn's so fortgeht.« »Und er geht also, wie du mir geschrieben, wieder in Bernwartshall aus und ein?« »Ja freilich, als wäre gar nichts Außergewöhnliches vorgefallen. Ich kann aus der Sache nicht klug werden, und kommt sie mir ganz spanisch vor.« »Bah, das ist leicht zu erklären. Die Frau Gräfin wird von dem Verrat des Barons keine Ahnung haben. Wer hätte auch ihr die garstige Geschichte mitteilen sollen?« »Hm, ich weiß nicht, ich weiß nicht. Aus einzelnen Symptomen glaube ich schließen zu müssen, daß die Tochter der Luft von allem, was an jenem dummen Nachmittag in dem freiherrlichen Schloß vorgefallen, des genauesten unterrichtet sei, und doch ist ihr Benehmen gegen den Baron so, daß es wieder alle meine Schlüsse über den Haufen wirft. Ich will verdammt sein, wenn ich glaube, daß ein Weib einen Schimpf wie jenen je zu verzeihen vermöchte. Nein, die Gräfin muß nichts davon wissen. Es kann nicht anders sein.« »Da spielen auch wohl die Liebessignale wieder?« »Nein, das nicht. Ich war auch neugierig, zu erfahren, ob die Flaggenkorrespondenz wieder in Gang gekommen sei. Man wird auf dem Lande so verdammt wunderfitzig. Aber ich konnte nie mehr, weder hüben noch drüben, eins der bunten Dinger zu Gesichte kriegen. Das Telegraphieren scheint entschieden aufgegeben zu sein, was mich namentlich von seiten des Freiherrn wundert, denn er laboriert bedeutend an der Langeweile, besonders seit die Bimbambummler fort sind.« »Wie, die beiden Berühmtheiten sind fort?« »Über alle Berge, ausgerissen gleichsam, wie Herr Tauberich sagen würde, verschwunden, verdunstet, verduftet, ach, und wie!« Und der Grimme barst in ein schmetterndes Gelächter aus. »Haben etwa die berühmten Gäste des Freiherrn zuletzt ebenfalls mit ihrem Wirt Händel bekommen?« fragte Ottmar. »O bewahre,« versetzte Wate, »wo denkst du hin! Die Bimbambummler sind infolge des merkwürdigsten Abenteuers ausgerissen, welches je einem Poeten in dem alten Schwarzwalde zustieß. Ich schrieb dir nichts davon und sagte dir auch heute nichts darüber, weil ich dir die Freude gönnen wollte, die prächtige Schnurre von der Gräfin erzählen zu hören.« »Je nun, eine gute Geschichte kann man auch zweimal hören. Überdies habe ich nicht im Sinne, noch viel mit der Gräfin zu Verkehren.« »Aha, deine tugendhafte Entrüstung ist nach der Seite hin noch nicht abgekühlt? Du bist doch ein verteufelter Rigorist, du, Gott straf' mich!« »Bah, laß das und erzähle mir lieber deine Geschichte. Ich sehe ja wohl, deinem Bart zum Trotz, daß sie dir schon bis an den Kehlkopf heraufgestiegen ist und dich ersticken würde, wenn sie nicht herausdürfte.« »Jetzt sollt' ich aber halt nur, dir zum Possen, die Geschichte gar nicht erzählen.« »Warum nicht gar! Ich bin ebenso begierig, sie zu vernehmen, wie du, sie an den Mann zu bringen.« »Nun Wohl. – Reiche mir die Flasche herüber und das Feuerzeug – die Zigarren, die du mitgebracht Haft, sind nicht bitter. Du wirst mir die Adresse mitteilen. – So, jetzt merk' auf, mein Junge.« Er hatte sich behaglichst zurechtgesetzt, den Rücken an den Lindenstamm gelehnt, die Beine auf einen Stuhl gelegt, die Requisiten des Trinkens und Rauchens auf dem Tische bequem zur Hand, und so hob er an: »Unsere Forg ist, wie du weißt, ein Wasser, das in seinem ungestümen Lauf schon manchen obstinaten Felsen, der sich ihr breit in den Weg gelagert, im Laufe der Zeit unterhöhlt und weggespült hat. Ist das, schätz' ich, das Privatvergnügen unserer Forg, und muß jedermann sein Privatvergnügen haben. Gibt es aber doch noch eigensinnige Steinklumpen genug, an denen die Forg, bis dato ihre Zähne sozusagen ganz umsonst versucht hat, und so ist denn auch das Vorhandensein von zwei kleinen, kahlen Felseninseln mitten im Flusse, da, wo er zwischen dem freiheitlichen Park und Bernwartshall ziemlich glatt und ruhig strömt, eine Tatsache, an der sich nicht wohl zweifeln läßt. Ist es nicht?« »Freilich. Aber was soll denn das? Ich glaube, du willst so weitschweifig werden wie ein Poet, der einen achtbändigen Roman unter der Feder hat.« »Gemach, gemach, werter Kritiker. Daß ich das Vorhandensein jener zwei Felseninseln konstatierte, war unumgänglich notwendig, denn ich bin ein methodischer Erzähler, ich. Also die Felsen sind hergestellt, und das Verhängnis, welches alles von Uranfang vorherbestimmte, hat in seinem Humor gewollt, daß diese Inselchen vom Volke den Namen des Hundes und der Katze erhielten. Hast du dir die Dinger einmal genauer angesehen, so wirst du zugeben, daß diese Namen nicht unpassend gewählt sind. Das eine Inselchen sieht wirklich so ungefähr wie ein auf dem Bauche liegender Hund aus, der mit emporgerecktem Kopf und vor sich hingestreckten Tatzen sich zum Sprunge bereit macht; das andere aber wie eine Katze, die mit heldenhaft in die Höhe gebogenem Buckel den Angriff des Hundes erwartet. – So, jetzt wäre der Schauplatz hergerichtet und ich könnte die Handelnden sofort auftreten lassen, müßte ich nicht vorher das Schauspiel, welches mit Fug und Recht ein Trauerschauerspiel, ein Nachtstück comme il faut genannt werden kann, mit einer Exposition, mit einem Prologus sozusagen, einleiten. Du erinnerst dich vielleicht, daß dein scharfäugiger Bruder an jenem Tage, wo du den Ritter ohne Furcht und Tadel zu spielen dich bemüßigt fandest, den großen Walter von dem Schmelz damit hänselte, daß er zur Sprache brachte, welchen poetischen Eindruck die Donna Estrella, die exotische Blume aus Atlantis, auf denselbigen Herrn Walter sowie auf dessen Kollegen in Apollo gemacht hätte. Es scheint nun, die besagte Blume sei dieses Eindrucks wohl bewußt gewesen. Es scheint ferner, die Gräfin habe auch davon gewußt und habe die Blume angeleitet, ihre Farbenpracht und ihren Duft den Bimbambummlern noch auffälliger in die Augen und Geruchsnerven stechen zu machen. Es scheint weiterhin, die Gräfin sei der süßen Huldigungen der zwei berühmten Männer herzlich überdrüssig gewesen und habe sich dieselben mit guter Manier vom Halse schaffen wollen. Es scheint endlich, die beiden Bimbambummler seien in ihren exotischen Gefühlen doch nicht so ganz spiritualistisch und christlich germanisch gewesen, wie ihre Bimbambummeleien lauten, denn ich muß mit Bedauern sagen, daß ich bemerkte, wie die beiden der exotischen Blume um die Wette nachstrichen, natürlich nur in der Absicht, Anregungen und Motive zu den grandiosen Dichtungen zu erhalten, womit sie die Tochter Milimachs verewigen wollten. Da sich nun, vermut' ich, derartige Anregungen aus einem Tete-a-tete besser und gründlicher ergeben als sonst, so hatten die Bimbambummler die Donna Estrella schon lange um ein Stelldichein angegangen. Natürlich jeder privatim, denn es scheint eine Eigentümlichkeit der Poeten, daß sie, und wären auch zwei die dicksten Freunde, einander nicht gern in die Spezialitäten ihrer dichterischen Pläne einweihen. Unklar ist mir dabei freilich, wie es kam, daß unsere zwei berühmten Freunde, welche doch ihre Schöpfungen durchweg auf Backfische und halbreife Jungen berechnen, so darauf versessen waren, von der braunen Sennora, die doch keineswegs mehr ein Backfisch ist, sich anregen zu lassen. Aber so ein Dichtergemüt ist ein wunderlich Ding. Genug, dem heißen Sehnen der Bimbambummler winkte endlich die Erfüllung. Die exotische Blume gewährte jedem von ihnen ein Stelldichein und noch dazu ein nächtliches. Aber exotische Blumen haben bizarre Launen. Das erbetene und gewährte Rendezvous sollte in der Nacht – das konnte man sich schon gefallen lassen – und mitten im Fluß auf den beschriebenen Inselchen stattfinden; das war allerdings etwas unbequem, aber die Romantik des Abenteuers half den glücklichen Poeten über jede Bedenklichkeit hinweg. Don Rodrigo ward auf den Hund, Herr Walter auf die Katze bestellt. An Kähnen war kein Mangel, und die beiden Herren hatten während ihres Aufenthaltes im Forgtal einen Nachen erträglich führen gelernt. Daß Estrella ihrerseits dieser Kunst mächtig war, davon hatten ihre Anbeter sattsame Proben gesehen. So war denn alles vorbereitet, und die beiden großen Männer trugen, jeder für sich, versteht sich, das Vorgefühl exotischen Glückes schweigend in hochschwellender Brust mit sich herum. Endlich kam die ersehnte Nacht, eine dunkle Nacht, denn eine solche hatte das zarte Schamgefühl der Donna sich ausgebeten. Die Bimbambummler zogen sich unter plausiblen Vorwänden früher als gewöhnlich von dem Abendtisch auf ihre Zimmer zurück und schlichen sich dann einer nach dem andern aus dem Schlosse. Drüben in Bernwartshall brannte am Fenster des westlichen Turmes richtig das Licht, welches Estrella anzustecken verheißen hatte, als Zeichen, daß sie kommen würde. Die Poeten hatten sich die Lage der beglückenden Felsen genau gemerkt, und so verursachte es ihnen keine großen Schwierigkeiten, glücklich auf den Hund und die Katze zu kommen. Leider ist es aber nicht mit historischer Sicherheit zu ermitteln gewesen, welcher von ihnen zuerst seinen Kahn an dem ihm bezeichneten Felsen befestigte. Die Schilderung dessen, was bis zum Tagesanbruch auf dem Hund und der Katze vorging, beruht nur auf einer Kombination, wie eben die Umstände sie an die Hand geben. Der Poet auf dem Hund oder aber der Poet auf der Katze hörte, kurz nachdem er sich auf seinem Felsen installiert hatte, ein Geräusch wie von Ruderschlägen, und natürlich vermutete er, die exotische Blume schwimme in ihrem Boote heran. Es war aber nur der Nebenbuhler, welcher keine Ahnung davon hatte, daß sein Kollege in Apollo ein paar Klafterlängen von ihm entfernt dem nämlichen Glück entgegenharrte, dessen er selbst gewärtig war. Auch der zuletzt Gelandete konnte sich nach einer Weile einer süßen Täuschung hingeben, denn es verlautete wieder so was wie Ruderschläge und an der Katze sowohl als an dem Hund rieb sich so was wie ein an- oder abtreibender Kahn. Keiner der beiden konnte es jedoch wagen, diesem Geräusche näher nachzuforschen, denn die Felsen sind schmal und gewähren nicht eben viel Raum zu Bewegungen. Die Nacht war, wie gesagt, von Anfang an dunkel gewesen und wurde jetzt noch dunkler, schwarz wie das Heidentum, würde Herr Walter sagen. Der Himmel sah aus, als hätte er nie etwas von Sternen gewußt, der Fluß rauschte eintönig, und es erhob sich ein schwüler Wind. Aber noch immer leuchtete das Licht im Turme drüben verheißungsvoll, ein Pharus der Poesie und Liebe. Die beiden warteten geduldig, was hätten sie Besseres tun können? Aber ich vermute, daß stundenlanges Warten zuletzt auch einem Bimbambummler langweilig werden muß, und ohne Zweifel wurde es ihnen wirklich langweilig. Indessen hielten beide noch immer die Blicke hoffnungsvoll auf das mehrbesagte Licht gerichtet, bis dieses den abscheulichen Einfall hatte, plötzlich zu verlöschen. Das brachte auch die Hoffnungen der Bimbambummler so ziemlich dem Verlöschen nahe und der zu einem Sturm anschwellende Wind war keineswegs geeignet, das Feuer in ihrer Brust wieder anzublasen. Sie begannen zu ahnen, daß die exotische Blume sie schmählich gefoppt habe, und krabbelten sich zu ihren Booten hin, um den Rückzug anzutreten. Aber, o Spiegelfechterei der Hölle! die unglückseligen Boote waren fort, verschwunden, ein für allemal unsichtbar oder vielmehr ungreifbar geworden. Was nun tun? Ins Wasser gehen und versuchen, an ein beliebiges Ufer zu waten oder zu schwimmen? Aber die verzweifelte Forg ist gerade dort herum sehr tief, das wußten der auf dem Hund und der auf der Katze, und schwimmen konnte weder dieser noch jener. Da hieß es denn: ›Geduld, Geduld, du seligste der Tugenden‹ wie der Phanteist Schefer sagt, welchen gewiß keins der beiden poetischen Kirchenlichter zitieren mochte. Aber das Warten auf den Felsen hatte auch seine Unzukömmlichkeiten. Nämlich der Himmel war boshaft genug, einen Platzregen herabzugießen, und der Sturm heulte dazu mit solcher Macht, daß die Bimbambummler sicherlich sich auf die Felsen niederkauern und mit den Händen am Gestein festhalten mußten, um nicht ins Wasser geschleudert zu werden. Es war eine niederträchtige Situation, Gott straf' mich! Das Peinlichste war aber doch wohl für sie das endliche Heraufdämmern des Tages und doch auch wieder etwas Tröstliches, denn als der auf der Katze den auf dem Hund und der auf dem Hund den auf der Katze erblickte – was die bei dieser Gelegenheit für Gesichter geschnitten haben mögen! – so hatte nach überwundenem gegenseitigem Erstaunen wenigstens jeder die Befriedigung, zu sehen, daß er nicht allein der Geäffte war, nicht allein auf der Schwelle eines tüchtigen rheumatischen Fiebers stand. Das mußte aber für beide ein horribler Augenblick sein, als jetzt die Gräfin auf den Balkon ihres Schlafzimmers heraustrat und den Bimbambummlern einen lachenden Morgengruß herüberwarf. In diesem Moment ging, vermut' ich, der ganze Vorrat ihrer Dichtergemüter an romantischen Gefühlen bachab. Nachdem sich jedoch die Gräfin die modernen Säulenheiligen genugsam betrachtet – die exotische Blume streckte zu gleicher Zeit den Kopf aus dem Turmfenster und lachte wie eine Teufelin – war sie barmherzig genug, den Milimach mit einem Boote zu senden, welcher die Unglücklichen erlöste und heimführte. Sie legten sich sogleich zu Bett, ich kurierte sie von ihrem Fieber, und als sie es überstanden hatten, sagten sie dem Schwarzwald schleunigst Valet. Ich bin, Gott straf' mich! höllisch begierig, zu erfahren, welche poetische Motive sie aus der Romantik dieser Nacht sich abstrahiert haben. Was übrigens den Spuk mit den Booten betrifft, so erklärt sich der – aber was hast du denn?« Ottmar war aufgestanden und rannte der Haustreppe zu. Was er hatte? Er hatte das Aivli den Fußpfad heraufkommen sehen, welcher durch den Baumgarten nach der Hintertüre der Goldforelle führt. Eben war er oben an der Treppe angekommen, als das Mädchen in die Vorhalle heraustrat. Ein zwiefacher Schrei der Freude – und beide verschwanden hinter dem Rebenspalier. Wate schaute hoch auf, erhob sich, stieg leise die Treppe hinan und warf einen spähenden Blick hinter das Spalier. Dort wand sich das Aivli hocherrötend aus den Armen des Geliebten. Ungeheuer verblüfft, verblüfft wie noch nie in seinem Leben, prallte der Grimme zurück und wäre fast die Treppe hinabgefallen. Dann brach er in ein unbändiges Gelächter aus, schlug sich vor die Stirne und schrie: »O, ich Koloß, ich Pyramide von Kamel!« 2. Ein Stück Bauernadel. »Aivli, morgen red' ich mit dem Vater,« hatte Ottmar der Geliebten zugeflüstert, als er ihr gute Nacht geboten. Dann war er in die Stube Wates gegangen, denn er fühlte die Verpflichtung, dem wackeren Freund die nötigen Erklärungen zu geben. Der Gastrosoph hatte seine Küche, wie er sein Zimmer nannte, so komfortabel eingerichtet, als müßte sie für immer seine Wohnung bleiben. Da waren Bücher und physikalische und chemische Instrumente genug, um sich die Langeweile vom Halse zu halten, und in einer Ecke hatte sich der Grimme eine Art Herd von eigener Konstruktion erbauen lassen, auf welchem er seine kulinarischen Experimente machte. Jetzt saß er in hemdärmeliger Bequemlichkeit in einem altvaterischen Großvaterstuhl mit Lederpolsterung, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Folianten, welcher neben ihm auf dem Tisch aufgeschlagen lag, und schlürfte zwischenhinein einen Zug Rauch aus der Bernsteinspitze seiner Türkenpfeife. »Ich komme, lieber Alter, dich um Verzeihung zu bitten,« sagte Ottmar. »Um Verzeihung?« versetzte der im Bart. »Setz dich doch und stecke dir eine Pfeife an. Pfeifen sind abends der Gesundheit zuträglicher als Zigarren, mußt du wissen. – Es ist aber, Gott straf' mich! kulant von dir, daß du als ein Fuchs, der du bist, mir, dem sehr bemoosten Haupt, Abbitte zu tun kommst. Wahrscheinlich bist du hinterher zu der Erkenntnis gekommen, daß meine sardanapalische Bombe keineswegs zu fett sei.« »Beim Zeus,« entgegnete Ottmar lachend, »ich glaube, diese verteufelte Bombe hat dich gegen alles andere bombenfest gemacht.« »Die Sache liegt mir am Herzen, ja. Jeder hat so sein Steckenpferd, das meinige ist nun dermalen diese gloriose Bombe, auf welcher ich in eine dankbare Nachwelt hineinreiten will. Ich habe da im Athenäus geblättert, und wenn mich nicht alles täuscht, müssen schon die Griechen eine Ahnung von jenem Kochkunstwerk gehabt haben. Warum auch sollten sie nicht? Waren sie doch von allen den Milliarden von Menschen, die schon mit dumpfer Seele oder hungrigem Magen am sausenden Webstuhl der Zeit geschafft haben, die einzigen, die einigermaßen zu leben verstanden.« »Wohl, wohl, aber ich möchte jetzt von etwas anderem als von Gastrosophie sprechen. Weißt du, es hat sich ja außer deiner Bombe heute noch etwas ereignet.« »Ah so, du meinst vielleicht das lebende Bild: Faust und Gretchen, welches ich hinter dem Rebenspalier zu Gesicht kriegte?« »Ja.« »Lieber Junge, die Liebe ist eine Privatsache, siehst du, und der alte Wate ist nicht gewohnt, sich in die Privatsachen anderer Leute einzudrängen.« »Sprich nicht so, Alterle. Wie sollte dich nicht berühren, was mich so tief bewegt?« »So, meinst du?« entgegnete der Gastrosoph brummig und jetzt wirtlich ein Stück grimmen Wates herauskehrend. »Hast du dich schnöderweise hinter meinem Rücken verliebt und zwar, ich traue dir's zu, allen Ernstes, so magst du auch zusehen, wie du mit der Geschichte fertig wirst. Ich will nichts damit zu tun haben, gar nichts – Gott straf' mich!« »Beim Zeus, du kommst mir vor wie der alte Brosi, auf und eben.« Und ohne dem Freunde zu weiterem Brummen Zeit zu lassen, erzählte Ottmar, wie sich der alte Knecht aufgeführt, als derselbe erfahren, sein Meister hätte dem Grafen Geld geliehen, ohne ihm etwas davon zu sagen. Dadurch wurde der im Bart wieder in bessere Laune versetzt, und nun teilte ihm Ottmar ausführlich mit, wie zwischen dem Aivli und ihm alles so gekommen. Der Freund hörte ihm mit steigender Teilnahme zu, kraute sich wohlgefällig im Bart und sagte am Schluß der Beichte: »Ich glaub', es wird am gescheitesten sein, ich absolviere dich. Jetzt weiß ich doch, warum das Aivli gleichsam in der Luft ging und nach deiner Abreise wieder so burrlemunter ward. Da sage doch noch einer, ein Weiberherz sei zu ergründen. Ja, Prosit die Mahlzeit! Das Dundersmeidli! Während sie im Herzen über ihr Verhältnis zu dir frohlockte, lebte ich des Glaubens, so ein Verhältnis sei gar nicht vorhanden, keine Spur. Ich war ein rechter Blechschädel, Gott straf mich! – Und du willst Schwarzwälder Landmann werden? Nun, lieber Junge, darüber denk ich so: Wärest du vor einigen Jahren, als wir noch mitsammen auf den hohen Wogen einer aufgeregten Zeit schwammen, auf diesen Gedanken gekommen, so hätt' ich denselben als eine rabiate Grille betrachtet und behandelt. Heute aber weiß ich mich mit der Sache abzufinden. Du weißt, wir haben den Stimmungen unserer Zeit redlich unseren Tribut entrichtet. Wir haben die blanke blöde Jugendeselei durchgemacht, deren verschiedene Auszweigungen in dem Begriff Romantik sich zusammenfassen; dann haben wir patriotisch und humanistisch geschwärmt und um dieser Schwärmerei willen auch etzliches gelitten. Laß mich aussprechen, ich weiß schon, was du sagen willst, nämlich, daß du auch jetzt noch Begeisterung für Vaterland und Menschheit keineswegs als Schwärmerei betrachtest. Gut und wohl, ich wäre, glaub' ich, töricht genug, mich über dich zu ärgern, wenn du ein blasierter, fischblütiger Halunke von Philister geworden wärest oder je werden konntest. Das wäre also zwischen uns abgemacht, und du brauchst dich nicht zu ereifern. Wer die Zeit hat sich so angetan, daß mit faustischem Sturm und Drang dermalen nichts erstrebt, nichts erreicht werden kann, und zu Byronschem Überdruß herabzusinken, dazu sind wir beide ein Paar viel zu gesunde, viel zu bürgerliche Kerle. Die Gegenwart arbeitet doch an einer Häutung für die Zukunft, trotz alledem. Aber das Getriebe der Entwickelung hat sich mehr von der Oberfläche zurückgezogen und arbeitet stiller. Da muß es denn jedem erlaubt sein, sich vom Markte des Lebens in eine stille Häuslichkeit zurückzuziehen uud da sich anzubauen, wo der Boden ihm Früchte seines Fleißes verspricht. ›Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten‹, sagt ein Mann, der nicht nur gute Verse, sondern auch gute Gedanken produzierte. Wo ein Mann an seinem Platze ist und tüchtig sein Geschäft schafft, da ist er auch mitten in der Welt und wirkt für sie. Ich meinesteils habe mir nun allerdings ein leichtes und angenehmes Geschäft gewählt, du willst das Schwerere über dich nehmen und du tust recht, denn du bist jünger, anstelliger, arbeitslustiger als ich und hast den schönsten Segen dazu bei der Hand, das Aivli. Wenn ich dran denke, wie du dich im Heuet zu schicken und zu rühren wußtest und wie fröhlich du dabei gewesen, bist, so kann ich deiner landmännischen Tendenz nur ein gutes Prognostikon stellen. Summa Summarum: ich gratuliere dir von Herzen, und wenn mir die Gastrosophie nicht so viel zu denken und zu tun gäbe, item, wenn ich nicht dein alter Wate wäre, würde ich dich um das dundersnette Kind alles Ernstes beneiden. So aber – gratulor tibi intimo ex animo , hoffe jedoch, du werdest ob deinem Aivli deinen Alten im Bart nicht ganz vergessen.« »Nie und nimmer, Wate!« »Wohl, so ist alles gut, denn ich hoffe, du hast dein Herz ernsthaft geprüft. Ich bin nur ein alter Knabe und werde als Hagestolz in die Grube fahren, aber von einer rechten Ehe hatte ich immer eine hohe Meinung. Wo hab' ich nur gleich ein treffend Wort darüber gelesen? Das Wort, die Ehe sei alles oder nichts, die Liebe und Vertraulichkeit lasse sich nicht teilen; habe sie einen Riß erhalten, wie klein er auch sein möge, so sei es damit, wie wenn man eine Nadel in ein Luftkissen bohrt: durch die kaum sichtbare Öffnung entweicht alles, nur die Bürde bleibt zurück und auf Nimmerwiederkehren hat man verloren, was dieselbe leicht und süß macht. Das merke dir! – Doch ich falle ja, Gott straf' mich! ganz aus meinem Charakter und werde salbungsvoll wie der Jeremias.« »Du fällst nie aus deinem Charakter, Wate,« fagte Ottmar, dem Freunde die Hand reichend, »denn, wie seltsam du dich manchmal auch stellen magst, immer bleibst du der gutmütigste Mensch und der beste Freund unter der Sonne.« Mit etwas weniger leichtem Herzen, als womit er dem Freunde sich eröffnet hatte, ging Ottmar folgenden Tages zu der Unterredung mit Meister Baldung, denn er wußte, der Goldforellenwirt war ein Charakter, tüchtig, brav, gesund wie eine Eiche, aber in vielen Dingen auch zäh und knorrig wie eine Eiche, ein Mann, welcher unbeschadet seiner Herzensgüte und unbeschadet der innigen Liebe zu seinem einzigen Kinde streng auf sein väterliches Ansehen hielt, welches er vielleicht dadurch, daß Ottmar ohne sein Vorwissen mit seiner Tochter sich verständigt hatte, beeinträchtigt glauben konnte. Unser Freund suchte den alten Herrn – denn einen solchen durfte man Baldung wohl nennen, obgleich er nur ein Bauer war – im Laufe des Vormittags in dem Hinterstübchen auf, wo der Goldforellenwirt seine Schreibereien, privatliche und amtliche – er war nämlich Bürgermeister der Gemeinde Forgau – abzumachen Pflegte. Unser Freund hatte seinen Wirt, welcher gestern spät von einem Ausflug in Sachen seines Holzhandels zurückgekommen, seit seiner Wiederkunft aus der Hauptstadt noch nicht gesehen und war daher nicht wenig befremdet ob des abgemessenen, um nicht zu sagen kühlen Empfangs, welcher ihm zuteil wurde. »Gut, daß Ihr kommt, Herr Ottmar,« sagte Baldung nach ausgetauschten Begrüßungen. »Ich hatte numme grad' im Sinn, Euch aufzusuchen.« »Ihr waret wohl begierig, Herr Baldung, zu erfahren, wie die gräfliche Prozeßsache abgelaufen ist?« »Das nicht gerade. Indessen – habt Ihr gute Verrichtung gehabt?« »Die allerbeste. Der Prozeß ist gewonnen, mit Glanz gewonnen und, was noch besser, unwiderruflich: das Obertribunal hat gesprochen. Wenn der Forgforst wirklich so viel wert ist, wie Ihr mir eines Tages sagtet, so ist der Graf heute wieder ein reicher Mann.« »Weiß er schon von dem glücklichen Ausgang der Sache?« »Nein. Ich reiste auf der Stelle aus der Stadt ab, nachdem ich die betreffenden Ausfertigungen in Händen hatte.« »Das ist ja recht schön. Ich wünsch' Euch Glück zu diesem Erfolg, Herr Doktor, mir selber aber auch, denn ich habe nun Aussicht, wieder zu meinem Gelde zu kommen, und will ohne Zeitverlust die nötigen Schritte tun. – Aber warum geht Ihr nicht ins Schloß?« »Ich bin auf dem Wege dorthin; allein ein für mich unendlich viel wichtigeres Anliegen ließ mich vorher noch an Eure Türe klopfen. – Herr Baldung, ich bitte Euch um geneigtes Gehör, und da ich Umschweife nicht gewohnt bin, so muß ich gerade mit der Sache herausplatzen: ich bin gekommen, bei Euch um die Hand Eurer Tochter anzuhalten.« Baldung war an dem massiven Tisch, an welchem er beim Eintritt des Freiwerbers geschrieben hatte, sitzen geblieben. Jetzt kehrte er sich aus seinem Stuhl um, fixierte unter seinen buschigen Brauen hervor mit einem scharfen Blick unsern Freund und fragte fast barsch: »Ihr wollt mein Aivli heiraten?« »Ja, Herr Baldung. Ich glaube sagen zu dürfen, daß an meiner Vergangenheit und an meinem Charakter nichts hafte, was einem Vater gerechte Bedenken und Besorgnisse einflößen könnte.« »Das ist wahr. Ihr wißt, ich hab'Euch stets für einen Ehrenmann gehalten, und ich hab' Euch drum, schätz' ich, ordentlich lieb gehabt.« »Meine Angelegenheiten sind geordnet, Herr Baldung, und was mein Vermögen betrifft, so ist dasselbe zwar nicht groß, aber doch anständig für einen Mann, der Kraft und Willen zum Arbeiten hat.« »Ich weiß es.« »Ich brauche Euch nicht erst zu versichern, daß ich Eure Tochter herzlich liebe, aber ich meine – nehmt es nicht für Unbescheidenheit – ich meine, Aivli sei auch mir zugetan.« »Das meine ich auch, Herr – ja, bi Gott, das meine ich auch.« Baldung stand auf, als er das gesagt, und ging mit finsterem Gesicht in dem kleinen Raum auf und ab. Sein Aussehen erschreckte Ottmar, und er sagte etwas beklommen: »Ich hoffe nicht, daß Ihr etwa zugunsten eines anderen schon über die Hand Evas verfügtet, denn –« »Denn,« unterbrach ihn der Goldforellenwirt mit bitterer Betonung, »dann würdet Ihr vielleicht in neumodischem Trotze die Tochter zum Ungehorsam gegen den Vater verleiten wollen, nicht so?« »Herr Baldung –« »Ich könnte Euch vielleicht mit Recht fragen, Herr, ob es ehrlich war, unter meinem Dache, hinter meinem Rücken meiner Tochter Hoffnungen und Erwartungen in den Kopf zu setzen, aus denen nichts werden kann.« »Nichts werden kann? Wie soll ich das verstehen?« »Wie es gemeint ist.« »Aber aus dem, was Ihr vorhin über Eurer Tochter und meine gegenseitige Neigung gesagt, daß Ihr nämlich davon wüßtet, muß ich fast glauben, Eva –« »Habe getan, was ihre Pflicht war, nicht? Wohl, das hat sie getan. Ich habe das Meidli nicht so erzogen, daß es seiner Pflichten uneingedenk ist. Gestern abend, als ich heimkam, hat mir's Aivli alles gesagt.« »Alles?« »Alles. Daß Ihr sie heiraten wolltet, versteht sich. Möchte auch den sehen, welcher sich des Goldforellenwirts im Bühl seiner Tochter in unredlicher Absicht nähern wollte. Ich bin nur ein Bauer, Herr, und möcht' ich um kein Geld was anderes sein, aber den möcht' ich sehen, der sich unterstünde, Unehre unter mein Dach bringen zu wollen.« »Aber, Herr Baldung –« »Ihr wollt sagen, das treffe Euch nicht, und das ist wahr. Aber es ist genug, daß Ihr Herzeleid unter mein Dach gebracht, denn allem nach fürcht' ich, das Kind habe Euch zu tief in die Augen geguckt, viel zu tief.« »Gewiß nicht tiefer als ich ihm,« versetzte Ottmar, dessen männlicher Stolz sich zu regen begann. »Aber ich begreife nicht –« »Werdet mich sogleich begreifen. Seht, Herr – wir wollen die Sache hübsch sachte abmachen, ohne Lärm, ohne uns zu erhitzen – ja, seht, ich lass' Euch die Gerechtigkeit widerfahren, mein Kind hat nur der Natur nachgegeben, als es Euch sagte, daß es Euch gut sei, nachdem Ihr zuvor von Eurer Seite ihm das nämliche gesagt. Ihr seid schon so ein Bursch, in den sich ein Meidli vergucken kann, und wär's auch ein Meidli wie mein Aivli. – Nichts für ungut, ich darf, schätz' ich, schon ein bißle stolz sein auf das arm' Närrli, das jetzt in tausend Ängsten sein wird. Aber die Sach' ist die: 's Aivli ist ein Landmeidli, ein Forgtaler Kind, und 's tät kein gut mit ihm in der Stadt. 's kann keinen Stadtherrn heiraten. – Unterbrecht mich nicht, ich bin bald fertig. – 's ist noch ein zweiter Umstand da, 's mag sein, der ist mir noch sölli wichtiger als der erste. Seht, wir gemeinen Leut', wir Bauern, wir haben halt auch unsern Stolz, und wer ein rechter Bauer ist, der hält auf seinen Stand trotz einem. Ich bin ein rechter Bauer, ich, und all meine Fürfahren, solang' es Baldunge gab, sind rechtschaffene Bauern gewesen. Da haben sie gehaust, Herr, da im Bühl, in Arbeit und Ehren, und sind von uralters her Bauern und Wirte gewesen, und so oft auch im Verlauf der Zeit die Goldforelle hat müssen umbaut werden, die Baldunge sind immer fest drauf gesessen und haben ihrem Namen Ehr' gemacht centum Ringsum. im Schwarzwald. So was geht ins Blut, Herr, und ist auch kein Larifari, bi Gott! Seht, Herr, weil wir Baldunge allzeit rechtschaffen g'werchet han Haben. und g'hauset und g'lebt, wie's der Brauch, weil wir dem Gesinde gaben, was dem Gesinde, und der Gemeinde, was der Gemeinde, und dem Staate, was dem Staate gehört, und weil wir nie Lumpe und Säufer und Spieler und Händelsucher unter unserm Dache geduldet, keine Stunde, und weil wir nach unserer Sach' gesehen und an anderen getan, wie's Menschen- und Christenpflicht ist – seht, drum haben wir auch was für uns gebracht und haben's erwirkt, daß jeder, der von der Goldforelle im Bühl redet, sagen muß: 's ist ein ehrsames Haus. Und das soll's bleiben und ein rechtes Bauernhaus, denn mit der Wirtschaft will ich, bei dem Anlaß g'sagt, bald abfahren. Mein Bauerng'werb hat allmählich 'ne sölli große Ausdehnung gewonnen, dazu kommt noch der Holzhandel, und so hab' ich keine Zeit mehr, den Wirt zu machen. Dem Aivli aber will ich auch nicht zu viel aufladen, es hat sonst schon mit dem Hausregiment alle Händ' voll zu tun. Schon mein Ähli Großvater. wollte den Schild einziehen, aber wir trieben's noch so fort, weil seine Söhnerin, Schwiegertochter. meine Mutter, Freud' dran hatte, 's Aivli hat numme kein' rechte Freud' dran, obgleich es sich's mir zu G'fallen nicht merken läßt. – Nun, aber was wollt' ich doch noch sagen? Ja, seht, mein Meidli soll nun und nimmer einen heiraten, der nicht das Bauerng'werb der Baldunge fortführen will und kann, rechtschaffen und in Ehren. Mein Vater selig war so ein braver Mann, als nur je einer in Schwarzwälder Schuhen stand. Als dem sein letztes Stündlein gekommen und er auf dem Totbett lag und kaum noch die Zunge rühren konnt', da sagt' er zu. mir: ›Gottfried,‹ sagt' er, ›du bist mir stets ein gehorsamer Sohn gewesen; mag dafür deine Tochter auch dir gehorsam sein. Aber eins mußt du mir noch tun, damit ich in Frieden hinfahre. Schwöre mir, solange noch ein Reis von unserm Stamm vorhanden, den Bühl nicht in fremde Hände fallen zu lassen. Schwöre mir, auf dem Boden deiner Väter zu bleiben all dein Leben lang und deine Tochter auf dem Heimwesen der Baldunge bleiben zu machen und deiner Tochter Kinder, als rechtschaffene Bauersleute, in Arbeit und Ehren!‹ – Wißt Ihr nun, Herr Ottmar, warum ich mein Aivli keinem Stadtherrn gebe? Ich hab' dem Vater selig in seine schon halb erstarrten Hände den verlangten Schwur geleistet. Soll mir wie einem Verbrecher zumute werden müssen, wenn ich an dem Grabe des Vaters vorübergehe? Soll ich meineidig werden, ich, der letzte einer Reihe von Bauern, die alle in Ehren gestorben? Nein, lieber sterben und verderben! Könnt Ihr mir das verübeln?« Der alte Mann hatte sich hoch aufgerichtet, als er so sprach, und sein Blick, seine energischen Geberden, seine aus tiefster Überzeugung quellende Sprache hatten etwas, was Ehrfurcht einflößte. »Nein, Herr Baldung,« sagte Ottmar mit Wärme, »Ihr sollt, Ihr dürft nicht meineidig werden.« »Das heißt gesprochen wie ein Mann. Aber seht Ihr, es ist eine leidige Sach'. Mein Aivli dauert mich und Ihr auch, Ottmar; glaubt nur nicht, daß ich nicht wüßt', wie's Euch und dem Kind zumute sein wird. Aber 's kann nicht sein, 's kann nicht sein, bi Gott! Ich hätte früher dazu sehen sollen, ja, das hätt' ich. Aber das Unglück ist nun mal geschehen, und so müßt Ihr denn fort, je eher, je besser.« »Nein, Herr Baldung,« versetzte Ottmar, die halb widerstrebende Hand des Mannes ergreifend, »nein, ich gehe nicht fort. Euer Kind hat Euch nicht alles gesagt.« »Nicht alles? Wieso?« »Es hat Euch nicht gesagt, daß ich ein Bauer werden will, ein Landmann in Rechtschaffenheit und Ehren, und was mir noch dazu fehlt, das soll Euer Beispiel mich lehren.« Ein heller Blitz der Freude brach aus dem umwölkten Vaterauge. »Wie, Ottmar, Ihr könntet, Ihr wolltet meinem Aivli zulieb' –« »Wer täte nicht alles dem Aivli zulieb'? Aber, die ganze Wahrheit zu sagen, ich tu's auch mir selber zulieb'. Ich bin es ganz und gar satt, immer nur mit den Schlechtigkeiten der Menschen zu tun zu haben. Ich hänge den Advokatenrock in den Kasten und ziehe das Schwarzwälder Bauernwams an, um das, was ich im Heuet zum Spaß und mit Freude getan, fürderhin im Ernst und mit Freude zu tun. Der alte Schwarzwald ist ja meine Heimat und ich –« Hier wurde Ottmar durch Wate unterbrochen, der, nachdem man zuvor schon ein lautes Hin- und Herrennen im Hause gehört hatte, in ungewöhnlicher Aufregung in das Hinterstübchen stürzte. 3. »Ich sag', das ging nicht mit rechten Dingen zu.« »Wißt ihr's schon?« fragte der Gastrosoph in geflügelter Eile. »Der Freiherr von Moosbrunn ist eben gestorben. An dem Frühstückstische seines Bruders hat ihn der Schlag gerührt.« Ottmar stieß einen Ausruf der Überraschung aus. Baldung schob sein schwarzsamtenes Hauskäppchen von einem Ohr zum andern und sagte bedächtig: »Ich hab' mir, bi Gott, schon lange gedacht, daß das Haus seines Bruders dem jungen Menschen noch verderblich werden würde.« »Wie meint Ihr das?« fragte Wate. »Weder so noch so, Doktor. 's ist nur so 'ne Redensart, die mir gerade in den Mund kam.« »Ja so. Aber ich muß auf der Stelle ins Schloß. Zwar hat man mich nicht rufen lassen, wahrscheinlich weil das Unglück überhaupt zu schnell kam, indessen –« »Indessen,« fiel Baldung ein, »möchtet Ihr doch gar zu gerne etwas Näheres darüber erfahren, wie eigentlich das Unglück gekommen.« »Nun ja,« versetzte der im Bart, »man ist doch auch sozusagen ein Mensch, und wenn einem ein Nachbar, mit welchem man verschiedene Flaschen ausgestochen hat, so mir nichts dir nichts vom Tod vor der Nase weggepascht wird, so fühlt man ein menschliches Rühren und so weiter.« Er griff zur Klinke, als ihn Ottmar aufhielt mit den Worten: »Halt, ich gehe mit dir. Ich wollte ohnehin ins Schloß, um dem Grafen seinen prozessualischen Sieg anzukündigen. Es ist freilich eine unerquickliche Sache, einem Bruder an der Leiche seines plötzlich dahingerafften Bruders zu sagen, daß er einen Prozeß gegen den Toten gewonnen. Ich hätte doch wohl besser getan, noch von der Hauptstadt aus meinen Klienten schriftlich von dem Ausgang der Sache in Kenntnis zu setzen.« »Bah, bah,« versetzte Wate, »was sind das wieder für sentimentale Flausen? Ein gewonnener Prozeß ist, Gott straf mich! immer eine schöne Sache, sei der Gegner ein Lebender oder ein Toter. Komm' nur mit.« »Wartet, Ihr Herren,« sagte der Goldforellenwirt, welcher inzwischen Wams und Mütze mit Rock und Hut vertauscht hatte. »Wartet, ich gehe auch mit. Die beiden Schlösser der Brüder gehören in den Gemeindeverband von Torgau, und ich muß als Bürgermeister ein Protokoll über diesen plötzlichen Todesfall aufnehmen. – So, ich bin schon fertig; nur voran, wenn's gefällig ist.« Als die Männer die Haustreppe hinabstiegen, erspähte Ottmar, rückwärts blickend, auf dem Söller, hinter einem Pfeiler desselben halb verborgen, die Geliebte, welche ihnen gespannt und ängstlich nachsah. Er blieb einen Augenblick stehen, um mit Kopf und Hand eine bejahende Geberde zu machen, und 's Aivli schien ihn auch recht gut zu verstehen, denn heller Sonnenglanz lief über das schöne Gesicht des Mädchens. Auf dem Wege nach dem Schlosse begegnete ihnen der alte Brosi, welcher von der Sägmühle am Wolfsloch herabkam und demnach an Bernwartshall vorbeigekommen sein mußte. »Habt Ihr da droben nichts Näher's über das Unglück im Schlosse gehört, Brosi?« fragte ihn der Goldforellenwirt. Nun hatte zwar der alte Knabe auf seinem Wege schon allerlei über die große Neuigkeit des Tages aufgefangen, aber er war augenscheinlich nicht in der Stimmung, das Gehörte wiederzuerzählen. Wahrscheinlich stieß es ihn gewaltig, daß Ottmar wieder da war. Auf die an ihn gerichtete Frage antwortete er, die Pfeifenspitze mit dem ewigen Garnknäuel aus dem Munde nehmend, ganz unwirsch und grämlich: »Was geht mich die ganze fürnehme Bagasche an, Meister? Meinetwegen mag sie allesamt der Kukuk holen – der Donner schieß'!« Sprach's, schloß seinen zahnlosen Mund wieder über dem Garnknäuel und stapfte dem Bühl zu. »Möcht' nur wissen,« sagte Baldung im Weitergehen, »möcht' nur wissen, was der alt' Brosi hat. Diesen ganzen Sommer her konnt's einem, schätz' ich, oft fürkommen, es sei in seinem Oberstübli nicht mehr ganz richtig. Er grämelt und brummt manchmal, daß es fast gar nicht mehr zum Aushalten ist.« »Das Alter, Meister Baldung, das Alter,« bemerkte Wate. »Wenn so ein Hagestolz seine achtzig Jahre auf dem Buckel hat und den ganzen Tag so einen Garnknäuel im Maul mit sich rumschleppt, wird er zuletzt griesgrämig und haßt alle Menschen, welche noch Zähne haben, um die Pfeifenspitze damit festzuhalten.« »Ach nein, es ist nicht das,« sagte Ottmar. »Was denn? Wißt Ihr was?« »Freilich weiß ich was. Der alte Brosi ist dahinter gekommen, daß Ihr ohne sein Vorwissen dem Grafen Geld geliehen.« »So, das ist's?« versetzte Baldung mit einem leisen Pfiff durch die Zähne. »Da liegt der Has' im Pfeffer? Hätt' es, schätz' ich, wissen sollen, daß es so was sein müßt'. Da muß ich nur gleich mit dem Alten über die Sach' reden, wann ich heimkomme. Er könnt' sich's am Ende z' arg zu Herzen nehmen, und das soll nicht sein. Dienstboten, die fünfundfünfzig Jahr' in einem Haus gedient, rechtschaffen und in Ehren, die muß man höher schätzen als die kostbarste Rarität.« In Bernwartshall angekommen, konnten die drei Männer leicht wahrnehmen, daß das traurige Ereignis einen tiefen und schreckhaften Eindruck auf die Bewohnerschaft des Schlosses gemacht hatte. Wenigstens inbetreff der Dienerschaft, die unschlüssig hin und her rannte und auf an sie gerichtete Fragen nur verwirrte Antworten gab, konnte dies unzweifelhaft angenommen werden. Hätte Ottmar die tiefe Aufregung, welche von dem Gespräche mit dem Vater der Geliebten her noch in ihm nachbellte, schon völlig verwunden gehabt, würde es ihm vielleicht vorgekommen sein, als ob das ganze Innere des alten Gebäudes eine gewisse Physiognomie der Verstörung trüge. Dem grimmen Wate wenigstens, der unbefangener war, drang sich so ein Gefühl auf, als sie in dem öden Schloßhofe standen, über welchen die graue Wolkendecke eines regnerischen Herbsttages herabhing. Auf Befragen erfuhren sie, daß der Herr Graf in seinem Laboratorium und die Frau Gräfin in ihrem Kabinett sich befände. »Der würde, scheint es, fortfahren zu laborieren, und wenn ihm zehn Brüder stürben,« flüsterte Wate dem Freunde zu. Baldung verlangte in seiner amtlichen Eigenschaft zu dem Toten geführt zu werden und ordnete an, daß die ganze Schloßdienerschaft bei Aufnahme des nötigen Protokolls zugegen sein sollte. Ottmar seinerseits ließ sich zunächst zu dem Grafen führen und betrat also nach wenigen Sekunden das Gelaß, welches den guten Herrn Tauberich in so große Nöten gebracht hatte. Er traf den Grafen in emsigster Beschäftigung, und schien es, derselbe habe sich's heute gerade in den Kopf gesetzt, sein Laboratorium auszuräumen und zu reinigen, wobei ihm Milimach half. Die Fenster standen offen, auch eine Hintertüre, von deren Schwelle eine Treppe zum Schloßgraben hinabführte. Dort ging der Indianer mit allerlei Gefäßen aus und ein. Vielleicht leerte er den Inhalt derselben ins Wasser aus. In dem Ofen brannte ein mächtiges Feuer, und der Graf war bei Ottmars Eintreten gerade daran, durch die offenstehende Ofentüre ein noch halbvolles Tabaksfaß in die Flamme zu schütten und diesem Stoff das Fäßchen selber nachzuschieben. Es fiel freilich unserm Freunde einen Augenblick lang auf, daß man mit einem solchen Material heizte, aber da er von den Mysterien der Chemie nichts verstand, so beachtete er die Sache weiter nicht. Der Graf kam ihm gefaßt und ruhig entgegen. Er war blaß, vielleicht noch mehr als sonst, und diese Blässe ließ einen schwärzlichen Fleck auf seiner rechten Wange um so deutlicher hervortreten. Erst bei zufälliger näherer Besichtigung bemerkte Ottmar, daß dieser Fleck nicht, wie er zuerst geglaubt, ein Rußfleck sei, sondern tiefbraun und brandig aussah, wie in die Wange eingebrannt. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich störe, Herr Graf,« sagte Ottmar. »Aber bevor ich Ihnen über den plötzlichen Verlust Ihres Bruders, dessen Tod ich soeben erfahren, mein Beileid bezeugen wollte, hielt ich es für angemessen, mich einer geschäftlichen Pflicht zu entledigen.« »Einer geschäftlichen Pflicht?« entgegnete Hippolyt, das Wort seltsam betonend. »Ja, Herr Graf. Ich bin gestern abend aus der Hauptstadt zurückgekommen mit einer höchst glücklichen Neuigkeit für Sie: Ihr Prozeß ist gewonnen.« »Der Prozeß ist gewonnen?« rief Hippolyt aus, indem er einen Schritt zurücktrat und seine Stirne sich rötete. »Habe ich Sie recht verstanden, Herr Doktor?« »Freilich. Der Spruch des höchsten Gerichtshofes lautet vollständig zu Ihren Gunsten, und der schöne Forgforst ist jetzt wieder Ihr unanfechtbares Eigentum. Ich trage die Dokumente, die Sie von dem glücklichen Ausgang der Sache überzeugen werden, bei mir. Hier sind sie. – Gestatten Sie mir, für jetzt nur meinen herzlichen Glückwunsch beizufügen und alle Einzelnheiten auf eine gelegenere Zeit zu verschieben.« Der Graf nahm die gerichtlichen Ausfertigungen, welche ihm Ottmar darbot, mechanisch hin und sagte, ohne einen Blick darauf zu werfen: »Also der Prozeß ist gewonnen? Gerade jetzt gewonnen? Gerade an diesem Tage bringen Sie mir die glückliche Nachricht? Es ist seltsam. – Man könnte – eine Ironie des Schicksals –« Da er abbrach, bemerkte Ottmar: »Ich begreife, Herr Graf, daß am Tage eines solchen Familienunglücks meine Nachricht nur störend wirken kann. Sie können heute unmöglich zu geschäftlichen Verhandlungen aufgelegt sein und deßhalb –« »Es ist nicht allein das,« unterbrach ihn Hippolyt. »Nein, ich wollte sagen – aber ich fürchte, ich bin wirklich etwas konfus. Sie halten es mir wohl zugute. – Es kam so plötzlich, der Tod Adalberts nämlich. Der Unglückliche hatte mit uns gefrühstückt – er war doch sonst ganz gesund, ein wenig vollsaftig allerdings. Wenn mir recht ist, erlag auch sein Vater einem Schlaganfall – es mußte also wohl in der Familie der Moosbrunn liegen. – Und dann, Sie wissen ja, Adalbert sprach der Flasche oft mehr zu, als einem Manne von solcher Konstitution zuträglich sein konnte. – Was sollten wir tun? Wir waren vor Schreck ganz versteinert. – Es ging auch blitzschnell vorüber. – Ich wußte nicht, wo mir der Kopf stand, und da wollt' ich mich durch meine gewöhnlichen Arbeiten zerstreuen, sehen Sie.« Das alles sagte der Graf so bestimmt und kalt und doch wieder so ruck- und stoßweise, daß es fast scheinen konnte, seine Fassung maskierte nur eine heftige innere Unruhe. »Geben Sie acht, Herr Graf,« sagte Ottmar. »Sie besudeln die Papiere. Ihre Hand blutet. Sie müssen sich während Ihrer Arbeit verletzt haben.« Hippolyt kehrte sich zur Seite, murmelte etwas, was Ottmar nicht verstand, und betupfte die stark verletzte Stelle am Daumen seiner Linken, aus welcher Blut sickerte, mit einer starkriechenden Flüssigkeit aus einer Phiole, die auf einem Seitentische stand. Hierauf äußerte er: »Ich habe mich da ungeschickterweise tüchtig verletzt – mit einem Glassplitter, glaub' ich – ja. Auch ist mir aus einem kochenden Tiegel ein Tropfen glühenden Metalls auf die Wange gespritzt, sehen Sie da! Nun, es hat nichts zu sagen. Solche kleine Mißgeschick muß ein Chemiker schon hinnehmen.« Das Gespräch ging nicht weiter, denn ein Diener trat ein, welcher den Grafen von seiten des Bürgermeisters Baldung ersuchte, ins Speisezimmer hinaufzukommen, wo seine Anwesenheit nötig wäre. Auch Milimach sollte mitkommen. »Der Bürgermeister Baldung?« fragte der Graf zaudernd. »Ah, das ist der Goldforellenwirt, richtig. Was will denn der? Ich dächte, man sollte so rücksichtsvoll sein, mich zu dieser Stunde mit was weiß ich für Anliegen zu verschonen.« »Entschuldigen Sie, Herr Graf,« bemerkte Ottmar. »Herr Baldung ist mit mir gekommen und zwar in seiner amtlichen Eigenschaft als Bürgermeister.« »Was will er denn? Er hat doch, denk' ich, mit dem Forgforstprozeß nichts zu schaffen.« »Gewiß nicht, aber er hat die Obliegenheit, den Tatbestand der Umstände beim plötzlichen Tode Ihres Bruders protokollarisch festzustellen.« »Kann denn kein Mensch sterben, ohne daß hinterdrein verfluchte Schreibereien gemacht werden müssen?« fragte der Graf heftig. »Es ist nun einmal in solchen Fällen eine vom Gesetze vorgeschriebene Formalität.« »Der Teufel hole alle diese Gesetze und Formalitäten! Warum bin ich doch nicht in den Wildnissen jenseits des Meeres geblieben, wo Dutzende von Menschen sterben können, ohne daß ein Hahn danach kräht! – Ich will Ihnen mal zu gelegener Zeit erzählen, wie ungeniert man sich dort der Kerle entledigt, die einem quer in den Weg kommen. Als ich mit einer Bande Pahnis meinen ersten Kriegszug machte, war da ein Bursch – doch wie gesagt, davon ein andermal. – Aber sagen Sie, Herr Doktor, ist es nicht spaßhaft, daß ein Bernwart sich von einem Bauer gleichsam verhören lassen muß? Eine tolle Zeit! Und die Einfaltspinsel träumen von Wiederherstellung des Mittelalters! Apropos, hat Ihnen Ihr Freund Wate vielleicht schon den hübschen Spaß erzählt, welchen sich meine Frau mit Beihilfe Estrellas und Milimachs mit den zwei mittelaltersüchtigen Poeten machte, die Sie im Sommer bei uns gesehen? Hat er Ihnen davon erzählt? – So – nicht wahr, das heißt man artig genasführt werden? – Aber wie sich Eva über den gewonnenen Prozeß freuen wird! Nun können wir wieder mitsammen auf Reisen gehen. In die Länge wird der Aufenthalt in dem alten Steinnest hier doch gar zu trist und langweilig, besonders für eine junge Dame.« In diesem Durcheinander erging sich der Graf, während er an der Seite Ottmars den Hof überschritt und die Treppe zum Speisezimmer hinaufstieg. An der Türe desselben blieb er einen Augenblick stehen, wandte sich gegen Milimach um, der auf einen Wink seines Herrn den beiden gefolgt war, und sprach einige Worte in einer Sprache, deren barbarische Kehllaute unsern Freund in ihr ein indianisches Idiom vermuten ließen. Der Indianer erwiderte nichts darauf, sondern nickte nur leicht mit dem Kopfe. Bei ihrem Eintritt bemerkte Ottmar, daß nichts in dem Zimmer verriet, hier habe vor wenigen Stunden plötzlich der Tod ein junges, strotzendes Leben weggerafft. Die Überreste des Frühstücks waren natürlich längst abgeräumt, aber auch sonst befand sich alles in der gewohnten Ordnung. Auf dem gebohnten Fußboden leicht ausglitschend, machte Ottmar infolgedessen die Wahrnehmung, daß derselbe sehr feucht war und kaum zuvor gewaschen worden sein mußte. Baldung saß, mit Schreibmaterialien vor sich, an dem großen Speisetisch, welcher mitten im Zimmer stand. Jenseits des Tisches stand die gesamte Schloßdienerschaft im Halbkreise, und hinter ihr lehnte Wate am Pfosten einer offenstehenden Türe, welche in ein Nebengemach führte. Die Gräfin saß in ihrer gewohnten anmutigen Haltung dem Bürgermeister gegenüber, dessen Fragen sie soeben mit ruhiger Sicherheit und Klarheit beantwortet hatte. Ihr Blick streifte Ottmar, und sie erwiderte seinen Gruß mit Freundlichkeit. »Sie kommen in ein Haus des Todes,« sagte sie zu ihm, »aber Sie sind darum nicht weniger willkommen.« »Herr Horst ist doppelt willkommen, Madame,« fügte der Graf hinzu, »denn er kommt als Freudenbote. Der ewige Forgforstprozeß ist endlich entschieden und zwar vollständig zu unseren Gunsten.« »Der Prozeß ist gewonnen?« entgegnete Eva unbefangen. »Nun, dann ist ja alles gut. Wie sehr hat uns Ihr Eifer und Ihre Geschicklichkeit zu Dank verpflichtet, verehrter Freund!« Ottmar suchte nach einer passenden Antwort, als ihm dieselbe durch Baldung, welcher inzwischen geschrieben hatte, abgeschnitten wurde. »Herr Graf,« sagte der Bürgermeister, »ich bedaure, daß mich ein so trauriges Ereignis in Ihr Haus führen mußte. Aber ich will mein Geschäft kurz abmachen. Haben Sie nur die Güte, mir einige Fragen zu beantworten.« »Fragen Sie, da mir dieser peinliche Auftritt doch einmal nicht erspart werden konnte.« »Ich habe,« fuhr Baldung fort, »ein kurzes Protokoll über den Sachverhalt aufgenommen, und zwar fast durchaus nach Angaben Ihrer hier anwesenden Frau Gemahlin. Dasselbe besagt, daß Ihr Halbbruder, der Freiherr Adalbert von Moosbrunn, heute bei Ihnen zum Frühstück war und zwar zu ungewohnter Zeit, nämlich schon um sieben Uhr, weil er Ihre Frau Gemahlin auf einem kleinen Ausfluge begleiten sollte.« »So ist es.« »Weiter: als das Frühstück zu Ende ging, sank plötzlich der Freiherr, als er eben ein Glas mit Wein an den Mund führte, von seinem Stuhle herab, vom Schlag gerührt, machte noch einige leichte krampfhafte Bewegungen und war dann tot.« »Es ist so; unsern Schrecken können Sie sich leicht vorstellen.« »Freilich, freilich. – Als das Unglück sich zutrug, war niemand im Zimmer als der Verunglückte, Ihre Frau Gemahlin, Sie und Ihr indianischer Diener, genannt Milimach?« »Ja.« »Sie riefen nach Hilfe, nach Wasser, nach Essigäther und anderen Essenzen?« »Natürlich. Ich stürzte in das Vorzimmer, aber meine Frau kam mir, der ich vor Schrecken ganz perplex war, noch zuvor, und rief die Treppe hinab nach der Dienerschaft.« »Welche Personen derselben erschienen auf diesen Ruf zuerst?« »Wenn mir recht ist, denn es entstand ein entsetzlicher Tumult, ja, wenn mir recht ist, kam zuerst das Stubenmädchen Therese Sillig.« »Therese Sillig,« wandte sich Baldung an die Bezeichnete, »Ihr brachtet Wasser herauf?« »Ja, Herr, kaltes und heißes.« »Und was habt Ihr gesehen, als Ihr heraufkamt?« »Ach Herrje,« erwiderte die Gefragte, eine ältliche und resolute Person, »was hab' ich gesehen? Einen toten Mann hab' ich gesehen, den Herrn Baron. Und der Milimach hob ihn vom Boden auf und der gnädige Herr spritzte ihm Wasser ins Gesicht – es war halt erschrecklich!« »Ja,« fiel der Graf ein, »ich bespritzte ihn mit Wasser, und da hab' ich in meiner Konsternation statt des kalten auch heißes genommen, und dann kam auch der Essigäther. Aber es war alles umsonst, und weil jedermann sah, daß der Tod unzweifelhaft eingetreten, unterließ ich es auch, nach einem Arzt zu schicken.« Baldung warf dem Sprecher einen sonderbaren, bohrenden Blick zu, fuhr aber dann ruhig fort: »Der Tote wurde hierauf in das Nebenzimmer dort gebracht, der Frühstückstisch abgeräumt und der Boden gescheuert. Wer besorgte das letztere?« »Wer anders als ich, Herr?« entgegnete Therese Sillig. »Ich tat's, in Gemeinschaft mit der Madlen' Wimpf da.« »Wer gab Euch dazu den Befehl?« »Die gnädige Frau, Herr.« Die Gräfin nickte bestätigend. »Es ist nicht meines Amtes, weitere Fragen zu stellen,« sagte Baldung, »und ich habe jetzt nur noch den Toten zu besichtigen.« Er stand auf und ging in das Nebenzimmer, wo der Leichnam auf ein Sofa gelegt worden war. Er war noch in voller Kleidung, gestiefelt und gespornt, wie er in der Frühe von Hause weggeritten, dem Tode entgegen. Das sonst sorgfältig frisierte Haar des Toten war verwirrt, sein Gesicht furchtbar verzerrt, Hemd, Halsbinde, Weste und Rock waren mit Feuchtigkeit getränkt. Es kostete Ottmar, welcher mit Baldung und dem Grafen eingetreten, fast Mühe, seinen Blick auf dieses von einem plötzlichen und gewiß nicht sanften Tod gezeichnete Antlitz zu heften. Aber immer wieder kehrten seine Augen darauf zurück und hafteten an einem kleinen aufgeschürften und blutunterlaufenen Fleck rechts am Kinn des Toten und an einem zweiten links vom Munde gegen die Wange hinauf, der anders aussah als jener, nämlich nicht bläulich, sondern braunrot und brandig. Ein unbestimmtes Entsetzen faßte ihn an, als er unwillkürlich dieses Brandmal mit dem auf der Wange des Grafen sichtbaren verglich. Er wollte sich von einem gräßlichen Gedanken befreien, indem er einen fragenden Blick auf Wate warf, der zu Häupten des Totenlagers stand. Aber Wates Gesicht war ein siebenfach verschlossenes Buch. Kein Zug in demselben regte sich, und scheinbar gleichgültig ließ der Grimme sein Auge von einem der Anwesenden zum andern laufen. »Es ist ein recht trauriger Anblick, meine Herren, nicht wahr?« sagte der Graf, dem Toten die starr gewordenen Hände auf der Brust übereinanderlegend. »Da sehen Sie, der Unglückliche ist ganz entstellt, und die zwei Flecken hier in seinem Gesicht müssen von dem heißen Wasser herrühren oder auch ist er mit dem Gesicht beim Niedersinken an der Kante des Tisches aufgeschlagen.« Niemand schien Lust zu haben, über diesen Erklärungsversuch eine Bemerkung zu machen, aber unter Baldungs zusammengezogenen Brauen hervor schoß wieder auf den Grafen so ein Blick, wie er demselben schon vorhin einen zugeschleudert hatte. »Er war ein kräftiger Mann,« sagte plötzlich die tiefe, weiche Metallstimme der Gräfin im Rücken der Männer, »und er hätte wohl auf eine lange Lebensbahn hoffen können. Aber die Guten sterben ja jung, sagt der Dichter.« Es war kein Hohn, keine Aufregung in Klang und Betonung dieser Worte, und doch meinte Ottmar, es liege darin etwas furchtbar Schneidendes, etwas, das ihn im Innersten zusammenschaudern machte. Er sah sich um und der Sprecherin ins Auge. Aber sie hielt seinen Blick so ruhig aus, wie sie jetzt den vor ihr liegenden Toten betrachtete. Dieses große, tiefschwarze, im reinsten Schmelz schimmernde Frauenauge war ein Abgrund, ja, aber wer mochte sagen, was er in seiner Tiefe barg? »Mein Geschäft hier ist zu Ende,« sagte Baldung, das Wort »hier« leicht betonend; »ich wünsche den Herrschaften guten Tag.« Er schritt hinaus, nahm sein Protokoll zu sich und ging, ohne sich umzusehen. Auch Ottmar und Wate beurlaubten sich mit wenigen Worten und folgten dem Bürgermeister, welchen sie auf dem Hofe einholten. Jenseits der Zugbrücke stand der alte Mann einen Augenblick still, kehrte sich gegen das Schloß und sagte: »Viel Böses und Gräßliches mag schon innerhalb dieser alten Mauern vorgegangen sein, aber heute – doch wir wollen machen, daß wir heimkommen.« Es wurde zwischen den Männern kein Wort gewechselt, bevor sie den Bühl erreicht hatten, was bald geschehen war, da Baldung mit starken Schritten voranging. Zu Hause bat er die Freunde, für einen Augenblick mit ihm ins Hinterstübchen zu kommen. Dort öffnete er das Fenster und rief auf den Hof hinaus: »Brosi!« Der alte Knecht steckte den Kopf aus einer Wandluke der großen Scheune drüben. »Auf der Stell' die zwei besten Gäul' an das Bernerwägele!« befahl ihm der Meister. »Der Jörg soll mich fahren.« »Was wollt Ihr tun, Herr Baldung?« fragte Ottmar. »Was ich muß, schätz' ich. Was Gewissen und Amtspflicht mir vorschreiben.« Dann in die Mitte des kleinen Gemaches tretend, sah er die beiden Freunde fest an und sprach nachdrücklich: »Ich sag', das ging nicht mit rechten Dingen zu!« Und als die beiden schwiegen, wiederholte er: »Nein, es ging nicht mit rechten Dingen zu. Wie es zuging, ich weiß es nicht, aber rechtschaffen ging es nicht zu – ich würde, schätz' ich, gleich den schwersten Eid darauf ablegen. – Ihr Mannen, habt ihr bemerkt, wie der Graf mit Erklärungen bei der Hand war, die man gar nicht von ihm verlangte? Habt ihr die Verletzungen bemerkt, die der Tote im Gesicht trägt? Habt ihr auch den großen brandigen Fleck auf dem frischaufgewaschenen Fußboden bemerkt, hart neben dem Tisch?« »Den letzteren beachtete ich nicht,« erwiderte Ottmar. »Aber ich,« sagte Wate, der jetzt zum erstenmal das Schweigen brach, welches er den ganzen Auftritt im Schloß über und auch nachher beobachtet hatte. »Wem wird es,« fuhr Baldung fort, »unter solchen Umständen einfallen, sogleich ein Zimmer auswaschen zu lassen! wenn nicht – Doch ich will mich dabei nicht aufhalten. Aber habt ihr gesehen, daß der Tote auf seiner linken Wange ein Brandmal hat, das akkurat so aussieht wie das auf der rechten Wange des Grafen? Und habt ihr bemerkt, daß der Graf am linken Daumen verwundet ist? Ich hab's wohl gesehen, obgleich er die Papiere, die er in der Hand hielt, immer so drehte, daß man nichts sehen sollte.« Beide Freunde bejahten, den letzteren Umstand beachtet zu haben, allein Ottmar teilte zugleich die Erklärung mit, welche ihm der Graf über die Verwundung seiner Hand gegeben. »Hm,« sagte Baldung, »das scheint mir auf und eben zu dem übrigen Larifarizeug zu passen, was er vorbrachte. – Und so wende ich mich denn an Euch, Herr Wate, der Ihr ein Arzt gewesen und noch seid, wenn es Euch gerade drum ist, und ich frage Euch als einen Ehrenmann und frage Euch auf Euer Gewissen, glaubt Ihr, daß der Freiherr Adalbert von Moosbrunn eines natürlichen Todes gestorben?« »Nein,« erwiderte Wate tonlos. »Und wie, vermutet Ihr, wie starb er?« »An Gift.« »Wate,« rief Ottmar, »das ist eine furchtbare Beschuldigung!« »Ich weiß es, ich weiß es,« entgegnete der im Bart, dessen gebräuntes Gesicht bleich geworden war wie die Wand. »Ja, es ist eine furchtbare Beschuldigung, aber nicht furchtbarer als das, was heute morgen in jenem unseligen Zimmer in Bernwartshall vorgegangen sein muß.« »Muß? Bedenke dich wohl!« »Ich habe alles bedacht.« »Es ist genug,« sagte Baldung mit tiefem Ernst. »Ich werde tun, was ich muß, euch beide aber verpflichte ich bei Ehre und Gerechtigkeit, weder mündlich noch schriftlich, weder unmittelbar noch mittelbar mit dem Schlosse zu verkehren, bevor ich zurückkomme. Das Recht muß gehandhabt weiden, gegen den Grafen wie gegen den Bauer.« Er ging, sagte seiner Tochter im Vorbeigehen an der Küche ein flüchtig Wort und stieg rasch auf das Bernerwägele, welches an der Haustreppe vorgefahren war; aber erst drunten auf der Straße bog er sich zu dem Knecht, der ihn fuhr, vornüber und sagte leise zu ihm: »Nach ––stadt, und fahr zu, was d' Sträng' halten!« Gegen Abend erfuhren die erstaunten Bewohner des Dorfes, daß ein zahlreiches Gerichtspersonal aus der Stadt in dem gräflichen Schloß angelangt sei und Bernwartshall von Gendarmen bewacht werde. Aber am folgenden Morgen verbreitete sich weit das Forgtal hinauf und hinab mit Flugschnelle die unerhörte Kunde, daß der Graf und die Gräfin von Bernwart samt ihrem »Wilden« verhaftet und gefangen nach der Stadt abgeführt worden seien, alle drei beschuldigt des vollbrachten Giftmordes an Adalbert Freiherrn von Moosbrunn. 4. Schuldig oder Nichtschuldig? »Mir ist ein Freund vonnöten! – Wenn Sie sich noch der Stunde erinnern, in welcher ich dieses Wort zu Ihnen sprach, so werden Sie auch jetzt seinem Klang Ihr Ohr nicht verschließen. Es wäre grausam, und Sie dürfen, Sie können nicht grausam sein, jetzt, wo Sie einem Glück entgegengehen, von welchem die Kunde auch in diese Gefängnismauern gedrungen ist. Segen über Sie, mein Freund, und Segen über die, an deren Seite Sie ein neues Leben beginnen wollen. – Ein neues Leben? Wie das verheißungsvoll klingt und süß lockt! – Aber bin nicht auch ich noch jung und schön und fähig, das Leben zu lieben und zu genießen? Schlagen nicht auch meine Pulse sehnsüchtig dem blauen Himmel und der grünen Erde und der Sonne und allem Schönen entgegen, was sie bescheint? – Nein, ich kann, ich will nicht sterben! In meinem Herzen ist noch Raum für alle Lust und alles Leid des Lebens – ich will noch nicht sterben! Ich verlache den Tod, der mit plumper Faust nach mir greift, und ich biete den Menschen Trotz, die in der heuchlerischen Schadenfreude ihrer Gedanken schon das Schafott für mich aufschlagen. Es soll zwischen mir und ihnen ein Kampf sein auf Leben und Tod um Tod und Leben. Und ich werde nicht unterliegen, nein! – Aber mir ist ein Freund vonnöten, ein Beistand und Rater. Ich habe heute dem Instruktionsrichter erklärt, daß ich zu meinem Verteidiger Sie gewählt. Werden Sie diesem Ruf entsprechen? Ich hoffe es, hoffe es mit allen Fibern meiner Seele, denn ich fühle, daß an Ihrem Ja oder Nein mein Leben hängt. Eva .« Ottmar reichte diesen Brief schweigend dem Aivli hin. Das Mädchen las ihn und rief dann lebhaft aus: »Du mußt dem Rufe folgen, Ottmar, mußt die Verteidigung übernehmen! Wie dürfte man die unglückliche Frau in dieser Not verlassen? Am Ende ist sie doch unschuldig!« Das war gewiß hochherzig von dem Aivli gesprochen, denn Ottmar hatte seiner Braut gewissenhaft alles mitgeteilt, was zwischen der Gräfin und ihm vorgegangen, und wir vermuten, daß die Erinnerung an jene berauschende Mondscheinstunde im Bärenschlößchen – auch diese hatte unser Freund in seiner Beichte nicht überhüpft – in den Herzen von tausend Bräuten, die an Aivlis Stelle gewesen wären, einen Stachel der Eifersucht zurückgelassen hätte, welcher sich bei dieser Gelegenheit unsanft genug geregt haben würde. »Und was meint Ihr, Vater Baldung?« fragte Ottmar seinen künftigen Schwiegervater, welcher dabeistand. »Hm,« versetzte der Goldforellenwirt, »so geradezu für unschuldig, wie 's Aivli meint, kann ich die Frau nicht ansehen. Jedennoch kann sie, schätz' ich, immerhin mehr oder weniger schuldig sein. Daß sie bei Vollbringung des Verbrechens Hand mit angelegt habe, das glaub' ich nicht. Ein Weib müßte ja, bi Gott, sozusagen aufgehört haben, Weib zu sein, ehe es sich in solche Gewaltsamkeiten mischt, wie sie allem nach vorgefallen sein müssen, als der Graf und sein Wilder dem unglücklichen Baron das Gift einzwangen. Aber mit dabeigewesen ist sie doch, denn sie befand sich im Zimmer, als das Gräßliche geschah. Ich kann sie nicht freisprechen, möcht' sie aber auch nicht verurteilen, so, wie die Sachen bis jetzt liegen, und ist mir's daher sölli recht, daß ich diesmal nicht auf die Geschworenenbank bin berufen. Jedennoch, seht Ihr, lieber Ottmar, ich sag' wie 's Aivli: Ihr müßt die Verteidigung der unglücklichen Frau übernehmen. 's ist Menschen- und Christenpflicht. Das sei Euer letztes Advokatengeschäft, wenn es Euch so gefällt. Und dann wollen wir, mein Meidli und ich, Euch zu 'nem rechtschaffenen Landmann machen. Nicht wahr, Aivli?« »O, Vater,« versetzte das schöne Kind lächelnd, »ich will numme den Ottmar nicht anders machen. Er ist mir so grad' sölli recht.« »Wohl, so will ich tun, was ich kann,« sagte Ottmar; »denn, offen gestanden, ich fühle mich fast dazu verpflichtet, weil ich mich noch immer des Gedankens nicht entschlagen kann, das Gräßliche wäre vielleicht gar nicht geschehen, wenn ich den Grafen einen Tag zuvor von dem glücklichen Ausgange des Prozesses über den Forgforst unterrichtet hätte.« Er sagte das auch seinem Freunde Wate wieder, als er ihm mitteilte, daß er sich entschlossen hätte, die Verteidigung der Gräfin vor dem Schwurgericht zu übernehmen, vor welchem der furchtbare Kriminalfall, welcher ungeheueres Aufsehen im Lande machte, demnächst zur Verhandlung kommen sollte. Wate schüttelte seinen Bart und erwiderte: »Ich glaube, du kannst dich beruhigen. Meines Erachtens war der Graf – von dem Indianer gar nicht zu sprechen, denn der hätte uns allen die Kehlen abgeschnitten, wenn sein Sachem es ihm befohlen – ja, daß der Graf nur die Hand war, dessen sich ein anderer Wille zur Ausführung eines Anschlags bediente, welcher eine ganz andere Quelle hatte als die Sorge um den Forgforst und dessen Geldwert.« »Du meinst –« »Ich meine gar nichts, lieber Junge, als daß du dich jener Zögerung wegen nicht zu grämen brauchest. Im übrigen wirst du einen schweren Stand haben als Verteidiger. Du weißt, die Untersuchung hat die Tatsachen des Giftmordes bis zur Evidenz festgestellt. Die Sektion des Ermordeten hat eine Tötung durch Gift klar erwiesen, und die Analyse des Giftstoffes hat ergeben, daß es Nikotin war. Mit Herstellung dieses aus Tabak gewonnenen Giftes hat sich der Graf erwiesenermaßen lange und eifrigst beschäftigt –« »Ja, als der Name des Giftes zuerst genannt wurde, da hab' ich mich auch plötzlich wieder daran erinnert, daß ich bei meiner ersten Zusammenkunft mit dem Grafen auf dem Tische desselben die Orfilasche Toxikologie aufgeschlagen fand und zwar an der Stelle, wo vom Nikotin gehandelt wurde.« »Ja, er hat sich halb zu Tode studiert und laboriert, um sich endlich um den Kopf zu laborieren. Und das macht mich wieder einigermaßen wankend in meiner Ansicht, daß die intellektuelle Urheberschaft des Verbrechens in einer anderen als in seiner Brust gelegen. Der Brudermord war lange vorbereitet. Im übrigen wirst du wissen, daß man den ganzen Apparat, womit der Graf das Gift herstellte, endlich in dem Schlamm des Schloßgraben gefunden, nachdem man das Wasser abgelassen. Auch der Zeugschmied, bei welchem der Graf denselben kaufte, ist ermittelt. Und endlich hat man auch den Indianer mürbe gemacht, der so lange allen Fragen nur das hartnäckigste Stillschweigen entgegensetzte. Der Mann, welcher seinem Herrn anhängt, treuer als je ein Hund dem seinigen, will zwar alle Schuld auf sich allein nehmen, aber seine naturalistische Schlauheit hat gegen die inquisitorische Kunst des Untersuchungsrichters nicht in die Länge standzuhalten vermocht. Ich wollte jedoch, diese ganze häßliche Geschichte wäre einmal vorüber und zu Ende. Sie hat mir die ganze Zeit her allen meinen gastrosophischen Humor schmählich verdorben. 's ist ein Elend!« Ottmar nahm seinen Weg nach der Kreisstadt, wo die Assisen stattfinden sollten, über die Residenz, um seine dortige Junggesellenwirtschaft aufzuheben und seine Siebensachen ins Forgtal hinaufzuschicken. In der Kreisstadt angelangt, um die Geschäfte eines Verteidigers zu übernehmen, mußte er sein Herz gewaltsam zusammenfassen, als es die erste Zusammenkunft mit seiner Klientin galt und er durch das Schneegeriesel eines düsteren Novembertages dem Gefängnis zuschritt. Ein tiefer Schmerz ging durch seine Seele, als sich die Türe der trübseligen Zelle vor ihm auftat und Eva ihm entgegentrat. Er war auf eine leidenschaftliche Begegnung gefaßt gewesen, aber die ruhige Fassung der Gefangenen beschämte die seinige. Eva war noch immer, auch jetzt noch, die blendend schöne Tochter der Luft. Selbst der Gefängnisbrodem hatte der Schönheit dieser Gestalt, dieser Züge nichts anzuhaben vermocht. Aber es war zugleich in der Erscheinung der Gräfin etwas Stilles, Strenges, fast dämonisch Großes. Ottmar sagte später zu Wate, der erste Anblick der Gefangenen hätte ihn an die Schilderung der Parzen durch einen neueren Dichter gemahnt, welche ihm unlängst zuvor bei Verpackung seiner Bücher zufällig vor Augen geraten: Sie standen mit ungelocktem Haar, Eiserne Kränze über den Stirnen. Die Augen, ohne Lieb' und ohne Zürnen, Mit ruhig brennenden, wimperlosen Sternen, Sahn wie in unerschöpfte Fernen; Ihr Wuchs war zart, nicht übermenschlich groß. Graue Gewande flossen herab In wenig Falten, regungslos. Es war kein Zug, der Reiz und Wechsel gab, Doch eine Klarheit – Ja, eine Klarheit, der äußeren Erscheinung nicht nur, sondern auch des Geistes, eine Konzentration der Seele, die das Mitleid abwies, aber schmerzlichstes Bedauern hervorrufen mußte, daß es mit einem solchen Wesen dahin gekommen. Was bei dieser und bei weiteren Zusammenkünften Ottmar mit seiner Klientin verhandelt, was er erfuhr, was ihm gebeichtet wurde, er hat es nie jemand mitgeteilt, außer vielleicht einer, dem Aivli. Aber wenn – das Aivli ließ nie ein Wort davon verlauten. Möglich auch, daß unser Freund es für das Passendste hielt, die kristallene Reinheit der Seele seiner Braut auch nicht einmal für einen Augenblick durch Mitteilung einer Beichte zu trüben, welche ein dämonisches Bild, aus Eis und Flammen gewoben, ihr hätte vor Augen führen müssen. Der entscheidende Tag kam endlich. Richter und Geschworene nahmen ihre Plätze ein, die Angeklagten wurden vorgeführt, und ihnen nach strömte die Menge der Zuschauer in den Gerichtssaal, dessen weite Räume aber das von nah und fern herbeigekommene Volk nur zu einem kleinen Teile zu fassen vermochten. Kopf an Kopf staute es sich draußen vor den Türen, die ganze Straße hinab. Drinnen nahm das furchtbare Drama mit einer Eröffnungsrede des Präsidenten seinen Anfang. Aber wir widerstehen dem Reiz, dieses Drama von Szene zu Szene zu verfolgen, und heben nur einiges aus. Es war im Publikum bekannt geworden, daß der Graf in der Instruktion des Prozesses die intellektuelle Urheberschaft des Brudermordes von sich ab und auf seine Gemahlin wälzen wollte. Da war man nun doppelt gespannt auf den pikanten Kampf auf Tod und Leben, welcher sich zwischen dem gräflichen Paar entwickeln würde. Aber hierin täuschte man sich. Die Gräfin war zuerst eingeführt worden. Sie ließ, als sie auf der Anklagebank Platz genommen, ihr großes Auge ruhig über die Versammlung schweifen, um es dann ohne Verlegenheit wie ohne Bedenken zu senken und still in sich gefaßt dazusitzen, bis Hippolyt mit Milimach eingeführt ward und ihr gegenüber sich niedergelassen. Nun sah sie wieder auf und heftete ihren Blick auf den Grafen. Er wollte demselben ausweichen und wandte sich zur Seite, seinem treuen Indianer zu, der mit dem ganzen Stoizismus seiner Rasse dasaß und in seinen Zügen nicht einmal Neugier über das um ihn her sich vorbereitende Schauspiel, geschweige eine tiefere Erregung verriet. Aber wer Hippolyt genau beobachtete, konnte sehen, daß der unglückliche Mann die Magie von Evas Blick fühlte, daß seine Seele unter der Macht dieses Auges sich wand, bis er endlich seinen Blick in ihren tauchte, sich an demselben festsog und endlich, während die Farbe seines Gesichtes ging und kam, mit der Hand gegen Eva hin eine beschwichtigende und gewährende Geberde machte, worauf ein Strahl der Befriedigung über die stolze Stirne der Tochter der Luft hinflog. Wohl nur wenige der im Saale Anwesenden hatten diese kurze und stumme Episode bemerkt, und doch hing von derselben vielleicht das Leben Evas ab. Ottmar hatte darauf geachtet und erfuhr bald, daß seine Aufgabe als Verteidiger wesentlich dadurch erleichtert wurde. Als die abgesonderten Verhöre der Angeklagten begannen und Hippolyt zuerst an die Reihe kam, nahm der Staatsanwalt und mit ihm alle, welche die Untersuchungsakten kannten, mit Erstaunen wahr, daß der Graf das System seiner Verteidigung vollständig geändert. Er sagte jetzt aus, seine frühere Bemühung, seine Frau in sein Unglück zu verwickeln, müßte aus einer Art Geistesstörung entsprungen sein. Evas ganze Schuld bestände darin, daß sie eine unfreiwillige Zeugin des Streites zwischen ihm und seinem Bruder gewesen sei, welcher sich um des Forgforstprozesses willen beim Frühstück erhoben, allmählich zur Erbitterung sich gesteigert und so tragisch geendigt hätte – durch die Vorschnelligkeit seines indianischen Dieners. Als es nämlich zwischen ihm und Adalbert zuletzt zu Tätlichkeiten gekommen, welchen die Gräfin vergeblich hätte ein Ende machen wollen, habe er in seinem Jähzorn Adalbert einen Faustschlag an die rechte Schläfe versetzt, welcher den Getroffenen ohnmächtig zu Boden geworfen. Da hätte er dem Indianer zugerufen, Wein vom Büffett zu holen, um den Ohnmächtigen davon einzuflößen. Zum Unglück wäre aber auch eine Flasche mit Nikotin auf dem Büffett gestanden, denn er hätte dem Bruder versprochenermaßen am nämlichen Morgen an einem Hunde eine Probe seiner Chemie zeigen wollen. Diese Flasche habe Milimach erwischt, auch wohl ganz unschuldigerweise, und hätte von dem Inhalt in ein Glas gegossen, um dasselbe dem Ohnmächtigen an den Mund zu setzen, während er selbst den Kopf desselben in seinem Schoß gehalten. Adalbert wäre inzwischen wieder halb zu sich gekommen, hätte mit den Armen um sich geschlagen und zugleich ihn, den Grafen, in den Daumen der linken Hand gebissen. Daraufhin hatte der Indianer, vielleicht erbost über die Verwundung seines Herrn, den Inhalt des Glases mit Gewalt in Adalberts Mund gezwängt. Hierbei aber sei bei einem Stoß Adalberts an das Glas ein Tropfen von dem Inhalte desselben ihm, dem Grafen, auf die Wange gespritzt, und jetzt erst habe er mit tödlichem Schreck den Fehlgriff des Indianers bemerkt. Dies der wesentliche Inhalt einer Angabe, welche im ganzen Saale nur ein Achselzucken erregte. Die Verteidigung war doch auch gar zu schwach, fast albern und lächerlich. Jedermann fühlte, daß der Graf daran verzweifelte, sich aus dem Netze von Beweisen gegen ihn loszuwinden, zu welchem die sorgsame Instruktion des Prozesses Masche an Masche gereiht hatte. »Er gibt sich verloren«, dachte Ottmar. Das Verhör Milimachs ergab nichts Neues. Der störrische Wilde, welchem das ganze Verfahren offenbar ein Rätsel war, gab nur einige wenige Antworten und blieb in diesen dabei, er hätte dem Bruder des Sachems das »tödliche Feuerwasser« mit Gewalt eingegossen, weil derselbe dem Sachem jederzeit feind gewesen und zuletzt noch den Sachem in die Hand gebissen. Auf weiteres Andringen sagte er noch mürrisch, die weiße Squaw des Sachems, wie er die Gräfin nannte, sei bei der Sache nicht beteiligt gewesen. So wurden denn die Angaben Evas, die sie mit ruhiger Bestimmtheit, ohne alle Affektation, mit keinem Schwanken der Seele, keinem Beben der Stimme machte, schon mit einem günstigen Vorurteil angehört. Sie behauptete, umsonst sich bemüht zu haben, den Streit zwischen den beiden Brüdern zu schlichten. Während der eigentlichen Katastrophe sei sie im Nebenzimmer gewesen, einfach deshalb, weil sie das Widerwärtige, was sie nicht zu hindern vermochte, den Zank zwischen den Brüdern nämlich, nicht länger habe mitansehen können. Den Einwurf, warum sie denn nicht nötigenfalls Leute herbeigerufen, um den Streit zu schlichten, parierte sie gewandt, indem sie sagte, es hätte sich für die Frau ihres Mannes doch wohl kaum geziemt, die Dienerschaft einen solchen Auftritt mitansehen zu machen. Daß sie, nachdem das Unglück geschehen, befohlen habe, das Zimmer aufzuräumen und zu scheuern, das sei, wie sie jetzt einsehe, allerdings eine Unklugheit gewesen, eine Unklugheit jedoch, welche, wie sie glaube, wenn auch nicht die Männer, so doch die Frauen leicht begreiflich und verzeihlich finden würden. Der Hauptsache nach war diese Aussage dieselbe, welche Eva vom Anfang der Untersuchung an gemacht, und woran sie mit ruhiger Konsequenz festgehalten hatte. Die Zeugenverhöre währten bis tief in den folgenden Tag hinein, und wie die Trauerspiele Shakespeares, so hatte auch diese kriminalistische Tragödie ihre komischen Zwischenszenen. Man atmete ordentlich auf, wenn in dieses düstere Gewebe, inbetreff dessen Zettelung trotz alledem, trotz der halben und ganzen Geständnisse, trotz der festgefugten Kette der Schuldbeweise noch so vieles dunkel blieb, so dunkel, daß der eigentliche Nerv des Gräßlichen immer nicht zum Vorschein kommen wollte und auch, wie viele fühlten, wirklich überhaupt nicht zum Vorschein kam, weil der Prozeß um den Forgforst dieser Nerv doch wohl nicht sein konnte – wir fügen, man atmete ordentlich auf, wenn in dieses düstere Gewebe der Humor da und dort einen hellen Faden einschlug. So ein heller Faden war die Erzählung des guten Herrn Tauberich, der zum höchsten Ergötzen der Zuhörer seine mit unendlich vielen gleichsams durchspickte Tabaksgeschichte, die wir schon kennen, als Zeuge hier nochmals zum besten gab. Ferner gestaltete sich zu so einem hellen Faden zuletzt auch die Vernehmung des frommen Jeremias, welcher als Belastungszeuge gegen die Gräfin auftrat und dieselbe unter vielen heiligen Redensarten als eine »Teufelin« bezeichnete, welche des Ärgsten fähig sei. Zu seinem Unglück verleitete aber sein Tugendeifer den würdigen Mann dazu, ein Beispiel dessen anzuführen, wessen die Angeklagte wirklich fähig war. Er erzählte nämlich, wie er auf unzweifelhafte Veranstaltung der Gräfin tückischerweise in den Schloßgraben gestürzt worden sei; wobei er nur durch Gottes besonderen Beistand mit dem Leben davongekommen. Da hatte sich denn Ottmar wieder einmal für den Bruder zu schämen, und dachte bei sich, der Jeremias müsse bei der fraglichen Gelegenheit allerdings etwas Wichtiges, nämlich ein gut Teil von seinem Verstande verloren haben, daß er sich so blamieren möge. Über die Sache befragt, erklärte die Gräfin trocken, mit dem Sturze des Pfarrers in den Graben, welcher übrigens nicht lebensgefährlich tief sei, habe es seine Richtigkeit. Der Mann hätte sich nämlich erfrecht, unter leidenschaftlichem Gebaren ihr eine Liebeserklärung zu machen, und sie hätte dieser für seinen Stand höchst unpassenden Flamme eine kleine Abkühlung zuteil werden lassen wollen. Die Heiterkeit, welche hierauf allwärts im Saale losbrach, überzeugte Jeremiam, daß er besser getan hätte, seine Grabenfahrt für den Verlag des Rauhen Hauses zurechtzustutzen, als diese »erweckliche Geschichte« hier einem profanen Publikum preiszugeben, und wenn er früher im Sinne gehabt, auch über die Liebessignalgeschichte auszusagen, um die Angeklagte recht zu kompromittieren, so hielt er es jetzt für geraten, zu schweigen, um nicht noch länger in der etwas bedenklichen Beleuchtung eines verschmähten Liebhabers dazustehen. Erst am dritten Tage der Prozedur konnten die Parteivorträge beginnen. Der Staatsanwalt hielt zwar auch gegen Eva die Anklage fest, mußte aber selbst gestehen, daß die Motivierung derselben unter den Umständen, welche sich aus den Verhandlungen ergeben hätten, auf schwachen Stützen stände. Das Plaidoyer Ottmars beseitigte diese Stützen vollends, und so überraschte es nicht, daß, nachdem der Präsident sein Resümee gegeben und die Fragestellung besorgt hatte, die Geschworenen nach nicht sehr langer Beratung mit ihrem Schuldig! für Hippolyt und Milimach, ein Nichtschuldig! für Eva zurückbrachten. Sie nahm es hin, wie sie die ganze Prozedur hingenommen hatte, mit Ruhe. Über das Gesicht des Grafen lagerte sich für einen Augenblick fahle Blässe und er senkte das Haupt tief auf die Brust. Dann hob er es wieder in die Höhe, und der Blick, welchen er jetzt auf seine Frau warf, erwirkte ihm von vielen der Anwesenden Verzeihung. Es war der Blick eines Wilden, aber eines Wilden, dessen Wildheit in Liebe schmilzt. Der rothäutige Wilde an seiner Seite konnte das Todesurteil – zu vollziehen mittels des Fallbeils – welches der Präsident über die zwei Schuldigbefundenen aussprach, mit nicht größerem Stoizismus vernehmen, als sein Sachem es tat. Der Unglückliche begnügte sich, zu seinem Schicksalsgenossen gewendet in indianischer Sprache zu sagen: »Mein Bruder Milimach und ich sterben zusammen. Es ist alles gut: Eva ist gerettet!« Es erfolgte von seiten der Verurteilten keine Berufung an den Kassationshof. Das Urteil wurde daher am dritten Tage darauf in der Kreisstadt unter ungeheurem Zulauf vollzogen. Eva war bei ihrem Manne geblieben, bis er zu dem schrecklichen Gang abgeholt wurde. Er hatte sie zuletzt noch gebeten, ihm das Flortuch, welches sie um den Hals trug, um den Nacken zu schlingen. Dieses Tuch hielt er noch fest in der Hand, als das Fallbeil seinen Kopf vom Rumpfe schlug. Priesterlichen Trost hatte er mit ruhiger Bestimmtheit zurückgewiesen. Der Indianer, der unmittelbar nach seinem Herrn gerichtet wurde, hatte beim Besteigen des Schafotts die rauhen Töne des Todesgesanges seines Stammes angestimmt. Und den Bewohnern des Forgtals sollte der trübe Wintertag, an welchem der letzte Bernwart durch Henkershand starb, noch durch eine weitere Katastrophe ins Gedächtnis geprägt werden. In der Nacht, welche diesem Tage folgte, wurden die schlafenden Dörfler durch eine furchtbare Explosion aufgeschreckt. Das Tagesgrauen zeigte den Herbeigeeilten die teilweise Zerstörung von Berwartshall. Das Laboratorium des Grafen und mit demselben ein gut Teil der anliegenden Baulichkeiten war in die Luft geflogen. Unter den Trümmern fand man den gräßlich zerfetzten, fast nur noch an seiner Hautfarbe erkennbaren Leichnam der Tochter Milimachs. 5. In die weite Welt und in die Brautkammer. Aber auch schreckliche Ereignisse verlieren in dem rastlos sich umschwingenden Wirbel des Lebens die Grellheit ihrer Färbung, welche anfangs den Augen so wehtut, und dem Rückblick auf die Vergangenheit erscheint auch das Unerhörteste und Furchtbarste, was damals geschehen, so und nur so, als hätte es gerade geschehen müssen, wie es geschah. Ungewöhnlich frohe Tage der Gegenwart verflüchtigen vollends die Schatten, welche vorübergegangenes Unheil in den Gemütern zurückgelassen, und es ist gut, daß es so ist; der Mensch käme sonst aus dem Jammer gar nicht heraus. Als die ersten Lerchen aus den sich begrünenden Matten am Ufer der Forg tirilierend in die Höhe stiegen, da dachte im Forgtal wohl kein Mensch an das Trauerspiel von Bernwartshall. Das machte, jedermann hatte genug zu denken und zu reden von der prächtigen Hochzeit, die am heutigen Frühlingstage in der Goldforelle im Bühl gefeiert wurde. Das ganze Tal war sozusagen geladen, denn Meister Baldung wollte sich heute noch einmal als Wirt sehen lassen, wollte den Leuten noch einmal zeigen, was die alte Goldforelle in bezug auf Küche und Keller zu leisten imstande wäre. Dann, zugleich mit dem Ehrentage seiner Tochter, sollte auch das Wirtschaften ein Ende haben. Sowie die letzten Gäste fort wären, sollte das alte Goldforellenschild, welches unter dem vorspringenden Dach des Hauses so lang ein Ehren gehangen, herabgenommen werden. Es war dem alten Manne doch recht schwer geworden, diesen Entschluß unwiderruflich zu fassen, aber er brachte dieses Opfer seinem Schwiegersohn, ohne ihm auch nur den leisesten Wink zu geben, daß es ein Opfer sei. Gegen die zehnte Morgenstunde setzte sich der Hochzeitszug vom Bühl herab nach der kleinen Kirche von Forgau in Bewegung. Es ging hierbei, wie bei der ganzen Hochzeit, streng nach altem Brauch und ländlicher Sitte zu. Vorauf blies und geigte eine Bande von Bergknappen den Hochzeitsmarsch, mächtige Bandschleifen an ihren Geigen und Klarinetten und Waldhörnern. Dann eröffneten die ledigen Mädchen den Zug, und hinter ihnen schritt die Braut, die altgebräuchliche, aus Gold- und Silberflittern hochaufgebaute Brautkrone auf dem Haupte, zwischen den zwei Brautführern gehend, und diese waren der alte Brosi und Wate im Bart, ausgerüstet, wie sich's für ihr hohes Ehrenamt ziemte, nämlich so: An dem linken Rockärmel, mittels weißer Schnüre befestigt, prangte ihnen das aus Silberzindel gefertigte Junggesellenkränzchen, auf den Hüten trugen sie kolossale Sträuße von künstlichen Blumen, in der Rechten hielt jeder von ihnen einen entblößten Degen, von dessen Griff bunte Bandschleifen herabhingen, und in der linken eine Zitrone, in welche ein mächtiger Rosmarinstengel gesteckt war. Hinter der Braut und ihren Führern kamen die ledigen Burschen, die sich bedeutend mit Juchzen angriffen, und dann sah man den Bräutigam, ebenfalls mit dem Junggesellenkränzchen geschmückt und mit einem großen Strauß auf dem Hute, zwischen den beiden Brautjungfern gehen, die aber eigentlich den Titel »Hochzeitmägde« führten. Nun kamen die verheirateten Frauen, und nach ihnen schlossen die verheirateten Männer, an deren Spitze Baldung ging, den Zug. Das war doch noch ein Hochzeitszug, der, schwarzwäldlerisch gesprochen, 'ne rechte Gattig Gattung. Die Redensart bedeutet: ein rechtes Ansehen haben. machte und sich vor der Welt sehen lassen durfte. Als er nach vollzogener Trauung in den Bühl zurückgekehrt war, da spielten die Musikanten zunächst der Hochzeiterin zu ihren drei »Ehrentänzen« auf, deren ersten sie mit dem Hochzeiter, deren zweiten sie mit dem alten Brosi, deren dritten sie mit dem grimmen Wate tanzte, welcher aber heute gar nicht grimmig dreinsah. Der alte Brosi aber drehte sich trotz einem Jungen und beschloß seinerseits den Tanz mit einem merkwürdigen Luftsprung, welcher, behauptete er, vor sechzig Jahren im Forgtal bei solchen Anlässen bräuchlich gewesen. Inzwischen war das »Mahl« aufgetragen worden, jene reichliche Hauptmahlzeit, welche bei schwäbischen Bauernhochzeiten nie fehlen darf und herkömmlicherweise statt mit einer Suppe mit dem »Voressen« anhebt, einer Art säuerlichen Ragout, welches den Appetit reizt, was in betracht der ungeheuren Quantitäten von Fleischspeisen, Gemüsen (vorab Sauerkraut) und Backwerk, die auf die Tische kommen, nicht ganz überflüssig sein dürfte. Der Brauch wollte, daß bei diesem Mahl der ältere der beiden Brautführer einen Trinkspruch auf das Brautpaar ausbrachte, und der Brosi entledigte sich dieser Obliegenheit mit hinlänglicher Grazie. Da in diesem bäuerlichen Toast neben »mei'm Aivli«, wie Brosi in der Fülle seines Herzens die Braut nannte, und neben dem »jungen rechtschaffenen Meister«, wie Ottmar betitelt wurde, auch sehr herzlich von dem »braven alten Meister« die Rede war, so vermuten wir, daß der alte Knabe sich vollständig wieder mit seinem Herrn ausgesöhnt hatte. Die Gäste saßen noch beim Mahl, als Wate, welcher mit eigener Hand ein Dutzend sardanapalischer Bomben angefertigt hatte und mit unbeschreiblicher Befriedigung gesehen, daß in unglaublich kurzer Zeit besagte Bomben spurlos von den Tischen verschwunden waren – ja, die Gäste taten sich noch beim Mahle gütlich, als Wate, ohne Aufsehen zu erregen, das Brautpaar aus der großen Oberstube holte. »Die Gräfin hält unten in ihrem Reisewagen,« sagte er leise. »Sie möchte der Braut ihren Glückwunsch darbringen und dir, Ottmar, zugleich Lebewohl sagen. Kommt, wir wollen hinunter.« Sie fanden Eva neben ihrem Reisewagen stehend, welcher bei der Einfahrt zum Bühl auf der Straße hielt. Sie war in Trauerkleidung, aber ihre Schönheit leuchtete aus dem Düster derselben nur um so heller hervor. Sie trat auf Ottmar und ihre Namensschwester zu und begrüßte beide mit lebhafter und herzlicher Freude. »Das also ist die Braut?« sagte sie, das errötende Mädchen mit ungeheucheltem Wohlgefallen betrachtend. »Ottmar, mein edler und teurer Freund, Sie haben die beste Wahl getroffen – ich wünsche Ihnen aus tiefster Seele Glück! Und nicht minder Ihnen, Aivli; vertrauen Sie ihrem Manne allzeit, Sie dürfen es.« »Und ich gehe leer aus?« fragte Wate, bemüht, in die gespannte Stimmung einen leichteren Tun zu bringen. »Sie haben ja Ihren Freund und Ihren Humor,« versetzte Eva. »Lassen Sie andere klagen, welche zu spät einen Freund fanden und denen der Humor zu früh abhanden kam.« »Aber, Frau Gräfin,« sagte die Braut in ihrer Gutmütigkeit, »wollen Sie denn nicht in die alte Goldforelle treten, um –« »Nein, liebes Kind; ich würde nur eine Störung veranlassen, und nicht deshalb bin ich gekommen. Ich habe den Umweg durch das Forgtal nur gemacht, um meinem Freund und Verteidiger noch persönlich ein Wort des Dankes zu sagen und ihm und Ihnen, Aivli, meine Glückwünsche darzubringen.« Ottmar, welchem diese Episode seines Hochzeitstages wirklich eine störende war, fragte etwas hölzern: »Sie scheinen im Begriffe, gnädige Frau, eine Reise anzutreten. Haben sich Ihre Verhältnisse alle nach Wunsch geordnet?« »O ja, mein Freund. Die Herrschaft Moosbrunn ist verkauft und der Forgforst auch, wie Sie vielleicht schon gehört haben werden. Von letzterem behielt ich mir bloß das Bärenschlößchen vor und der Umkreis der Stelle, wo mein Großvater schläft. Bernwartshall wollte ein Spekulant erstehen, um es zu einer Fabrik umzuwandeln. Aber ich behielt das Schloß – es mag in Trümmer fallen. Die unglückselige Estrella hat ja schon für den Beginn des Verfalls gesorgt. – Ich bin jetzt,« setzte sie mit einem bitteren Lächeln hinzu, »reich, sehr reich. Auch Adalbert hatte mich ja, wie Sie wissen, zur Erbin eingesetzt.« Sie sprach die letzteren Worte kalt, mit einer fast schrecklichen Kälte, aber dabei entfunkelte ihren Augen ein fluchtiger Strahl dämonischen Feuers. Hätte das Aivli diesen Strahl wahrgenommen, sie würde den Abschiedskuß, welchen die Gräfin ihr jetzt bot, kaum so herzlich haben erwidern können, wie sie tat. Wate faßte die Gelegenheit beim Schopf und erbat und erhielt von der scheidenden Tochter der Luft ebenfalls einen Kuß. Eva schien zu erwarten, daß auch Ottmar von dem Rechte des Abschieds Gebrauch machte, aber er begnügte sich mit einem Händedruck. Als Eva schon auf dem Wagentritt stand, fragte er noch: »Und dürfen wir erwarten, Sie wiederzusehen?« »Nein,« erwiderte sie, indem sie sich auf den Polstern zurechtsetzte, »ich gehe für immer.« »Und so ganz allein?« »Ganz allein.« »Aber wohin?« Sie bog das schöne, jetzt von einer düsteren Wolke überflogene Antlitz aus dem Schlag und ließ das unergründliche Auge einen Moment fest auf Ottmar haften. Dann winkte sie mit der Hand und sagte leise, wie mit brechender Stimme: »In die weite Welt!« Die Postillione spornten ihre Pferde und der Wagen flog davon. Nachdenklich gingen die drei dem Hause zu, aus welchem ihnen eine muntere Walzermelodie und fröhliches Lachen entgegenschollen. »Und so hab' ich mir doch zuguter Letzt einen Kuß erobert!« sagte Wate mit behaglichem Schmunzeln. »Ich konnte dieses Weib nicht küssen,« bemerkte Ottmar. »Warum nicht, Ottmar?« versetzte das gute Aivli. »Ach, wie ist sie so schön und so unglücklich!« Endlich, endlich waren die Gäste fort und der Hochzeitsjubel verhallte das Tal entlang. Bei Fackelschein nahm der Goldforellenwirt mit eigener Hand das alte Schild herunter, und Wate hielt dazu eine Rede, die in ihren humoristischen Sprüngen von dem versammelten Gesinde zwar nicht so ganz verstanden, dessenungeachtet aber mit der Andacht angehört wurde, welche diesem feierlichen Akt geziemte. Unterdessen hatte Ottmar seine Braut in die stille Brautkammer geführt. Als er ihr dort die Brautkrone vom Haupte nahm, richtete sich die Jungfrau einen Augenblick in seinen Armen auf und flüsterte mit schalkhaftem Lächeln: »Ist's keine Eva, so ist's doch ein Aivli, gelt?« Er sagte nichts, sondern zog sie nur zärtlicher an sich, und als die Bebende, Verschämte ihm wieder ins Auge zu sehen wagte, las sie darin die beseligende Gewißheit, daß sie dem geliebten Manne teurer sei als alle Even der Welt. Schlußkapitelchen, worin die Moral des Stückes brieflich angedeutet wird und Autor einem werten Publico sich empfiehlt. Dieser Tage hat mir der grimme Wate unter anderem folgendes aus dem Forgtal geschrieben: »Deine Zweifel, lieber Junge, ob sich unser Freund Ottmar in seinem neuen Leben auf die Dauer befriedigt und glücklich fühlen würde, sind schmählich zuschanden geworden. Ottmar ist glücklich und das Aivli blüht vor Zufriedenheit wie eine Rose. Da aber, um mich bimbambummlerisch auszudrücken, die Rosen auf den Wangen des herzigen Weibchens zeitweilig mit Lilien wechseln, so vermute ich stark, daß ich neben meinen gastrosophischen Arbeiten, welche das Erscheinen meiner epochemachenden »Philosophie des Magens« in nahe Aussicht stellen, zu denjenigen Studien mich wenden muß, welche einen befähigen, die Rolle eines Gevattermanns mit Anstand und Würde zu spielen. – Natürlich wohne ich noch immer in der Goldforelle und sehe nicht ein, warum ich jemals anderswo wohnen sollte. Ich gehöre nun schon zur Familie und selbst der alte Brosi, von den anderen gar nicht zu sprechen, würde, Gott straf mich! gegen mein Wegziehen entschiedenen Protest einlegen, namentlich seit der Stunde, wo ich eine höchst sinnreiche Vorrichtung erfunden, welche dem alten Knaben den ewigen Garnknäuel erspart. Dazu aber hab' ich mich durch das Beispiel von Ottmars rüstiger Tätigkeit freilich verleiten lassen, daß ich in der Woche ein paarmal ins Trausigtal hinüberreite, um dem Werkführer in der Glashütte auf die Finger zu sehen, damit dieselben nicht gar zu polizeiwidrig lang werden. – Von der Tochter der Luft haben wir keinen Laut mehr vernommen. Wo sie wohl jetzt sein mag? Es war doch ein wunderbares Wesen! Wenn die Rede auf sie kommt, pflegt Meister Baldung mit einem echt schwarzwäldlerischen Kopfruck zu sagen: »Ich wünsch' der Frau alles Glück, aber – aber so ganz sauber war sie doch nicht, schätz' ich.« – Dem Ottmar ist eine tüchtige Sorge zugewachsen durch die Vormundschaft über die Kinder seines Bruders. Der Jeremias hat sich von der Blamage vor dem Schwurgericht nie mehr recht erholt. Er wurde tiefsinnig, versenkte sich, jetzt nicht mehr aus Spekulation, sondern in allem Ernst, in mystischen Kram und schnappte zuletzt völlig über. Er hat sich mit der seltsamen fixen Idee, in eine Schlange verwandelt zu sein, im Irrenhaus herumgequält, bis er vor einigen Wochen daselbst starb. Zum Glück hatte er aller Frommheit zum Trotz das Vermögen seiner Frau tüchtig umzutreiben gewußt. – Daß die beiden Bimbambummler, welche im Forgtal auf den Hund und auf die Katze gekommen, fortfahren, Deutschland mit ihren Dichtungen zu entzücken, wirst du besser wissen als ich. Ich fürchte jedoch, ihr Ruhm möchte nicht von Dauer sein. Die Zeit ist allgemach zu ernst geworden, um an süßlichen Mittelalterlichkeiten ernstlich Geschmack zu finden. Lasse man die alten und jungen Kinder der Salons immerhin noch eine Weile mit diesem literarischen Rokoko spielen. Umgekehrt lockt man aber auch mit dem Byronismus und der faustischen Himmelsstürmerei keinen Hund mehr vom Ofen. Ebenso gehen den Leuten über den merkantilistischen Schwindel, welcher die Gegenwart charakterisiert, allmählich die Augen auf, und immer kräftiger macht sich das Gefühl geltend, daß man überall zur Einfachheit, zur Solidität und Genügsamkeit wird zurückkehren müssen, wenn der gesellschaftliche Bau nicht aus den Fugen gehen soll. Mit dem aus den Fugen reißen desselben ist es aber eine eigene Sache: du weißt, die proletarische Herrlichkeit, welche kommunistische Schwindler uns belieben wollten, war nie nach meinem Geschmack. – Wir müssen lernen, uns zu bescheiden. Eine Umkehr ist für unsere Zeit allerdings vonnöten, freilich nicht zum Köhlerglauben, zur Sklaverei, zum Privilegium, sondern zur Natur und zu naturgemäßer Existenz. Darum lobe ich mir unsern Ottmar, daß er den Mut hatte, dem Schein der sogenannten guten Gesellschaft, welcher ihn in aller verlockendster Gestalt, in der Gestalt Evas von Bernwart umspinnen wollte, das Sein eines Lebens mit der Natur und dem Volke vorzuziehen. Es war dies keine idyllische Illusion, es war der Entschluß und die Tat eines Mannes, welcher ehrlich und energisch genug ist, die geforderte Reform der Gesellschaft bei sich selber anzuheben und für die Möglichkeit einer solchen Reform mit der eigenen Person einzustehen.« Soweit Wate im Bart. Und nun, lieber Leser, sage ich dir Lebewohl für heute. Du hast vielleicht, als du diese Erzählung zur Hand nahmst, besorgt, es würde wieder so eine traurige Geschichte sein, wie ich sie dir sonst zu erzählen gewohnt bin. Aber diesmal, siehst du, kam es anders und glaube ich dich, für das Traurige, was zu berühren unvermeidlich war, hinlänglich durch die Hochzeit schadlos gehalten zu haben, welche ich dir schließlich aufgetischt habe. Im übrigen empfehle ich dir meine Freunde im Forgtal und mich selbst zu geneigtem Andenken.