Rudolf Presber Die Hexe von Endor 1932 Professor Th. Oppermann in Freundschaft zugeeignet Erstens war die Feder so schlecht, wie sie auf kleinen Postämtern zu sein pflegt, wo jeder seine Wut darüber, daß er telegraphieren muß, an dem Schreibmaterial ausläßt. Zweitens hatte er kalte Finger, die noch niemals mit einer verdorbenen Feder besonderes geleistet haben. Drittens beherrschte ihn das deutliche Gefühl, daß die junge Dame, die da neben ihm, nur durch die halbhohe matte Glaswand von ihm getrennt, ohne von ihrer Umgebung irgendwelche Notiz zu nehmen, sich schreibend auf das Papier beugte, sehr hübsch sei. Drei Gründe dafür, daß er die Hand auf dem Telegraphenformular ruhen ließ, auf dem bis jetzt nur in kritzligen Buchstaben zu lesen stand: »Wenn Wetter gut, morgen Wannsee-Bahnhof ...« Das Weitere, auch die Adresse, die er aus gewissem Argwohn gegen etwa über die Schulter schauende Vorübergehende immer zuletzt schrieb, sollte folgen. Aber da hatte ein ganz feiner sympathischer Duft – er schätzte: Veilchen plus junger Frauenkörper – ihn gestreift; und er warf die schlechte Feder auf das Telegrammformular und beschloß zu warten. Zu warten, bis die Schreiberin neben ihm sich von ihrer, wie es schien, mühevollen Arbeit endlich aufrichten würde. Ihr einfacher mit Pelz besetzter dunkelblauer Wintermantel verriet eine hübsche Figur. Das Haar war tief schwarz, kein Bubikopf, ein Knoten. Es muß schwer für sie sein, dachte Veit, bei ihrem reichen Haar und der unmodernen Frisur den passenden Hut zu finden. Das Gesicht konnte er nicht sehen. Aber seine Ahnung sagte ihm: es paßte zu der Erscheinung, soweit sie für den diskreten Nachbar nachprüfbar war; paßte zu der schlichten, aber guten Aufmachung, paßte zu dem ganz feinen aus Frau und Veilchen gemischten Duft, der ihn beunruhigte. Jetzt hörte Veit nebenan die Hand, die er nicht sehen konnte, ein Stück Papier zerknüllen und weglegen. Ein leiser Seufzer begleitete diese Bewegung. Der Brief oder was es ist, scheint stilistisch ihren Anforderungen nicht genügt zu haben, dachte Veit. Er dachte es ohne Ungeduld, die ihn sonst wohl auf Postämtern beherrschte, wenn ein anderer den einzig brauchbaren Federhalter nicht losließ oder in der Telephonzelle die angenagelte Mahnung, sich kurz zu fassen, schnöde mißachtete. Veit sah sich in dem wenig großstädtischen Postamt um. An jedem Schalter warteten etliche vom Novemberregen befeuchtete Menschen. Es roch nach Leim, Schweiß, billiger Pomade und nassen Kleidern. Am Schalter für postlagernde Briefe standen ein paar wenig reizvolle Damen, deren Korrespondenz gewiß mit gutem Recht anonym geführt wurde. Dazwischen ein stumpf brütender alter Mann, der vermutlich bessere Tage gesehen hatte und sich – wie sich das Veit aus einer jüngst gelesenen Annonce erinnerte – »an einem ähnlichen Unternehmen wieder zu beteiligen« wünschte. Ganz am Ende der betreffenden Schlange wartete ein eleganter Herr im Gehpelz. Mitte der Dreißiger vielleicht, ein bißchen blaß und abgelebt. Das randlose Monokel schien von der spitzen, schmalen, etwas schiefsitzenden Nase an das rechte Auge gepreßt zu werden. Der Herr trug die zu dem Bisampelzkragen passende Mütze als Kopfbedeckung und schien der einzige der Wartenden zu sein, der sich nicht schmählich ärgerte über die nicht zu erschütternde Ruhe des amtierenden kahlköpfigen Postbeamten, der die gerade neu eingelaufenen postlagernden Briefe hinter der geschlossenen Glasscheibe ohne Eile sortierte und dabei, als müsse er es unbedingt memorieren, vor sich hinmurmelte: »Fräulein Hulda+S.+A.« ... »Herrn Wolfgang Krispin aus Danzig« ... »Figaro+100« ... »Amor+7« ... Der Herr mit dem Monokel schien Zeit zu haben. Zeit und Interesse. Er sah – der Spiegel des Einglases verriet die Richtung – unverwandt zu dem kleinen Abteil des für das Publikum um die Säule herumgebauten Schreibtisches, an dem eben mit einem neuen Seufzer der Ungeduld oder Enttäuschung die junge Dame mit dem schwarzen Haarknoten ein zweites Papierchen zerknüllte. Draußen vor der von den Spritzern des Herbstregens betupften Scheibe sah Veit in gewissen Abständen immer denselben schmalen Schatten schildwachartig vorüberwandeln. Addo, der treue Freund, wartete da auf ihn und machte sich gewiß schon Gedanken über die Länge und Ausführlichkeit der Depesche, die nach seiner Erkenntnis den nicht ungewöhnlichen Zweck hatte, die kleine quecksilbrige, sommersprossige Annemarie, erste Plätterin im »Herrschaftlichen Wäsche- und Plättgeschäft« der Frau Emmerich in Nowawes zu gemeinsamer Sonntagsunternehmung an den Wannseebahnhof zu bestellen. Schade, Addo hat keinen Schirm, dachte Veit, während er auf das Rascheln des Papiers dicht neben sich lauschte, und sein neuer Hut – das hat er mir gerade vorhin erzählt – hat auf der Potsdamer Straße sechzehn Mark fünfzig gekostet. In diesem Augenblick richtete sich die junge Dame neben ihm – entweder fertig mit ihrer Schreibarbeit oder daran verzweifelnd – aus ihrer gebückten Stellung auf. Veit sah für einen Augenblick in ein etwas blasses aber bildhübsches Gesicht. Edelgeschnitten, ein wenig an Feuerbachs Römerinnen erinnernd, aber, wie ihm vorkam, hellblaue Augen, die groß und ein bißchen traurig an ihm vorbeisahen. Die junge Dame, die eben noch so viel Zeit gehabt, schien es jetzt sehr eilig zu haben. Sie raffte eine Zeitung, ein Taschenbuch und ein Täschchen zusammen und verließ rasch, sich durch das Publikum drängend, das Postamt. Ohne den Blick von der Enteilenden zu wenden, war Veit an das freigewordene benachbarte Abteil herangetreten, von dem er den besseren Federhalter erhoffte. Als er ihn ergriff, war er noch warm von ihrer Hand. Dieses Gefühl der Wärme gab seinen Gedanken eine Richtung, die nicht nach Nowawes führte und nichts zu tun hatte mit dem Plättgeschäft der Frau Emmerich und ihrer ersten Plätterin. Die Fortsetzung seines Telegramms lag ihm plötzlich nicht mehr allzusehr am Herzen; und er bemerkte gar nicht, daß er mit der tatsächlich besseren Feder sinnlose Schnörkel durch die schon geleistete Arbeit: »Wenn Wetter gut, morgen Wannsee-Bahnhof« zu ziehen bemüht war. Da fiel sein Auge auf die beiden zerknüllten Zettelchen an dem Tintenfaß. Rasch griff er das eine glättete es und las in einer feinen, zierlichen Handschrift: »Welcher Edeldenkende wäre geneigt, einer jungen, strebsamen Künstlerin aus guter Familie – schauspielerisch bereits geprüft – – –«, die folgenden Worte, deren Fassung offenbar Schwierigkeiten verursacht, waren durchgestrichen bis zur Unkenntlichkeit. Dreimal überflog Veit die wenigen Worte, verblüfft und eigenartig aufgewühlt, als ob er den Aufschluß zu einem bedauerlichen Geheimnis erfahren hätte. Dann raffte er plötzlich das Papier auf, ließ die für den Draht bestimmte Mitteilung an die kleine Annemarie, erste Plätterin im »Herrschaftlichen Wäsche- und Plättgeschäft« der Frau Emmerich in Nowawes, auf der Tischplatte liegen und eilte hinaus auf die Straße zu Addo, dessen schmaler Schatten gerade eben wieder am trüben Fenster vorbeigeglitten war. »Endlich! Du hast wohl an die Kleine in Versen telegraphiert?« »Unsinn! ... Ich habe überhaupt noch nicht telegraphiert ... ich ... das heißt, du – ich meine, hast du hier eine junge Dame herauskommen sehen?« »Du, hör' mal, Veit – in der Viertelstunde, in der du mich hier im Regen patrouillieren ließest, sind natürlich eine ganze Anzahl junger Damen – auch ältere, die sogar in der Mehrzahl – hier herausgekommen und die Marburger Straße entlang ...« »Ganz kürzlich erst – vor einer Minute oder zwei – im dunkelblauen Mantel mit schmalem Pelzbesatz – schlank, gute Figur – ausgezeichnete Figur!« »Ja, wart' mal – schwarzes Haar, kein Bubikopf?« »Richtig, richtig, die !« Veit triumphierte, als ob sein Freund ein besonders schwieriges Rätsel der Prinzessin Turandot soeben für ihn geraten hätte. »Wo ging sie lang? Hier nach der Augsburger zu – oder dort nach der Tauentzienstraße?« »Willst du ihr nach –?« »Mein Gott, das ist doch egal – zunächst mal, wohin ist sie ...?« »Entschuldige mal, das ist gar nicht egal«, sagte, von dem Ton Veits leicht verletzt, der in der Pedanterie, die einem Bankbeamten eigen sein muß, zu Weitläufigkeiten geneigte Addo – »es ist gar nicht egal, insofern, als die junge Dame, wie ich beobachtete, von einem andern ...« »Wie denn – wo denn –? Ein anderer ist ihr nachgestiegen?« Veit war ehrlich entrüstet. »Wer denn? Bitte, wer war es?« »Ja, vorgestellt hat er sich mir nicht«, lachte Addo. »Ein peinlich eleganter Herr. Mittelalter, Gehpelz –« »Mit Monokel –? Dann weiß ich schon! Daß ich den Fatzke nicht im Auge behielt!« »Ein Fatzke war es eigentlich nicht – er sah bloß gut aus.« »Es war ein Fatzke! – Lehr' mich die Menschen kennen, die da auf Postämtern – – und nachher gleich hinter einer hübschen Frau, die sie nicht kennen –« »Ja, Veit, ich weiß nicht recht ... Mir scheint, du bist kein Fatzke – – und du wolltest doch, scheint mir, eigentlich auch ...« »Das ist etwas ganz anderes. Hier, bitte, hier!« Und wie zu seiner Rechtfertigung hielt Veit dem Freunde, während er selbst noch einmal nach links und rechts aufs schärfste die Straße nach der Verschwundenen absuchte, das Blatt hin. Addo nahm umständlich seine Lesebrille aus der Brusttasche, setzte sie auf, neigte den Kopf seitlich und las. Wahrend der Novemberregen mehr und mehr die hübschen Buchstaben betupfte und verwischte, sprach er, als ob er sie memorieren wolle, die Worte vor sich hin: »Welcher Edeldenkende wäre geneigt, einer jungen, strebsamen Künstlerin aus guter Familie ...« Er sah verdutzt auf. »Was denn – das talentvolle Mädchen aus guter Familie ...?« Veit runzelte die Stirn. Ein ehrlicher Groll untermalte seine Worte, als er ergänzte: »– hast du mir eben durch die Latten gehen lassen!« »Wieso ich ? Ich hatte doch keine Ahnung –« »Ach, was! Wenn man wirklich gut Freund ist, so wie wir zwei – wir kennen uns doch seit dem ersten Spielen auf dem Sandhaufen in der Kaiser-Allee ... da hat eben einer schon eine Ahnung, wenn es sich um die Interessen des anderen handelt!« »Entschuldige schon«, Addo war wirklich leicht gekränkt. Außerdem hatte er keinen Schirm, und es regnete immer stärker. »Entschuldige schon – aber ich bin auch jetzt noch nicht restlos im Bilde –, was hast du denn für Beziehungen zu dieser jungen Dame mit dem angeblichen Talent und dem schwarzen Haarknoten?« »Aber du hast's doch gelesen!« sagte Veit, indem er ärgerlich dem Freunde das mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit verwischte Blättchen aus der Hand nahm. »Ich – ich bin doch der von ihr Gemeinte, der Gesuchte.« »Du bist –?« »Ja, der Edeldenkende, der bin ich. Ich muß sie nur erst haben.« * Ilia sah von dem Marmortischchen, auf dem sie mit den geschickten Fingern die Kartenspiele aufbaute, über den kleinen goldenen Buddha hinüber nach Klara. Noch die Nässe des häßlichen Novemberregens im reichen schwarzen Haar, die schlanken Hände von der Kälte ein wenig gerötet, erhitzt vom raschen Gang, stand das schöne Mädchen vor dem ein wenig blinden Spiegel, den die pausbäckigen vergoldeten Putten in neckischem Spiel mehr zu streicheln als zu halten schienen, und steckte die kleine Brosche mit dem Türkisen am Ausschnitt fest. »Du hast ein Abenteuer gehabt«, sagte Ilia. Sie konstatierte, sie fragte nicht. »Ein Abenteuer, mehr belustigend als unangenehm.« »Geht eine nicht gerade verwachsene und blatternarbige Frau vor ihrem siebzigsten Geburtstag jemals durch dies gräßliche Berlin, ohne ein Abenteuer zu erleben? Oder doch ohne die Gelegenheit eines Abenteuers zu haben?« klang es vom Spiegel zurück. »Das mag selten vorkommen. Es sei denn – eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit. Aber das war nur bei dem Schillerschen Mädchen so, von dem er selber zugeben muß: ›Sie war nicht in dem Tal geboren – man wußte nicht, woher sie kam.‹« Klara lächelte. Diese Ilia, die nicht oft lachte, hatte Humor. Freilich bei ihrer Lebenserfahrung und ihrem ungewöhnlichen Beruf durfte sie von dieser Gottesgabe nur selten etwas merken lassen. Denn ihre das Nichtalltägliche erwartende und honorisierende Kundschaft verlangte den feierlichen Ernst. Verlangte, wo er nicht echt war, die verhüllende Maske. Diesem Verlangen trug die Halbmaske Rechnung, die dort, aus mattem Silberblech hübsch geformt, mit einem geschliffenen Topas mitten auf der Stirn, wie das Auge des Buddha, bei den alten in Schweinsleder gebundenen Folianten und den Spielkarten auf der dunkelroten Plüschdecke lag. » Mein Abenteuer hätte auch das Mädchen in der Fremde haben können. Ich kam von der Post in der Marburger Straße und wollte in die Augsburger einbiegen –« Sie stockte und fühlte, wie sie rot wurde. Warum hatte sie ihren Weg genannt? Ilias dunkles Auge ruhte auf ihr, fremd, forschend und doch mit einer peinlichen Sicherheit. So, wie sie ihre Klienten ansah, ehe sie die Karten mischte oder Unverständliches murmelnd den mystischen Kristall mit dem Lederchen rieb. Dies seltsame unbewegliche Auge fragte, was hat das Mädel auf der Post in der Marburger Straße zu tun gehabt? Rasch, ein wenig überstürzt, fuhr Klara fort und fühlte selbst das Unechte der Munterkeit, die sie ihrer Erzählung zu geben versuchte: »Ich hätte ein wunderschönes Spitzentaschentuch plus machen können bei diesem – na ›Abenteuer‹ ist eigentlich ein zu kühner Ausdruck – sagen wir also: bei dieser Begegnung.« »Mit einem Herrn –?« »Ja, natürlich. Damen sprechen einen selten an – sie hätten denn einem etwas Unangenehmes zu sagen. Etwa, daß der Unterrock vorguckt, daß man ein Loch im Strumpf hat oder was ähnlich Schönes. Ein hocheleganter Herr im Gehpelz – Kavalier durchaus – ist plötzlich neben mir und sagt grüßend – sagt höflich mit einer sehr angenehmen Stimme, ein bißchen singend: ›Verzeihung, meine Gnädige, Sie haben gerade dies Tüchlein verloren, darf ich's Ihnen zurückgeben?‹ ... Ich sehe hin – denke schon, es ist eines, das ich von der Mutter geerbt habe ...« »Wie hübsch und schlicht du das ›geerbt‹ aussprichst – und dabei hat dir doch die andere, die üble Person, nichts gelassen als die paar armseligen Leinensachen. Und dein armer, geduckter Papa muß –« »Laß das, bitte, Ilia«, Klaras Stimme bebte ein wenig. Die Röte wich aus ihrem Gesicht. »Vor allem laß den Vater aus dem Spiel. Wenn dich mein Geschichtchen nicht interessiert, hättest du nicht fragen sollen.« »Doch, doch, es interessiert mich. Der singende Kavalier hielt dir also ein Tüchlein hin –« »Ja, mit wunderschönem breiten Spitzenrand – ein Tuch, das sauber, hübsch und kostbar war, bloß leider nicht mir gehörte. Ich sage ihm das; er scheint betroffen, ungläubig. ›Ich ging zufällig hinter Ihnen‹, er sprach die Worte langsam abwägend, als ob er sich den Vorgang gewissenhaft ins Gedächtnis zurückriefe. ›Ich glaubte doch gesehen zu haben, wie etwas fiel – wie ein kleiner weißer Vogel – dann lag jedenfalls das Tüchlein in Ihrer Fußspur. Ich hob es auf und... Sie müssen schon entschuldigen, meine Gnädige, ich konnte nur annehmen‹ ... Und ein wenig komisch verzweifelt balanciert er es auf den Fingerspitzen. ›Was mach' ich jetzt damit?‹ – Das weiß ich nicht, sagte ich. Jedenfalls ich darf's nicht annehmen. Geben Sie's einfach auf dem Fundbüro ab. – ›Oh‹, wehrte er lachend ab, ›Sie sagen einfach – bei Behörden, bei unseren deutschen Behörden ist nichts einfach. Da hat man bei den simpelsten Dingen schreckliche Schwierigkeiten mit Fragen und Recherchen und eidlichen Versicherungen und beglaubigten Unterschriften. Etwas finden – das ist schlimmer, als wenn man's gestohlen hat in Deutschland‹ – Wir lächeln uns unwillkürlich an. Da steckt er das Tüchlein resigniert in die Seitentasche seines Gehpelzes, greift militärisch an die Pelzmütze: ›Gestatten‹ – und stellt sich, korrekt, ein bißchen wie ein Militär alter Schule, mir vor.« »Bravo! Wie hieß er?« »Ich habe leider nur den Vornamen verstanden. Viktor – und dann allerdings noch das ›von‹ –« »Ein Adeliger.« Ilia nickte befriedigt. »Vielleicht früherer Offizier.« »Kein Eisernes Kreuz-Bändchen?« »Im Gehpelz –?« »Hast du ihm auch deinen Namen gesagt?« »Nein. Ich habe gesagt, ich bin nur auf der Durchreise in Berlin. Ich bin, glaub' ich, rot geworden bei der Lüge und da –« Klara zögerte, als ob sie ärgerlich über sich selbst sei, daß sie die Erzählung überhaupt begonnen habe. »Und da –?« fragte Ilia liebenswürdig. »Da – sagte er etwas Seltsames. Er sei abergläubisch, lächelte er. Er sei gewissermaßen auch bloß auf der Durchreise, sei des Trubels von Berlin bereits recht müde. Und gerade als er das Tüchlein fallen oder liegen sah, habe er bei sich überlegt: fort von hier – aber wohin? Und er habe beschlossen, sich – wie er das gern und oft mit Glück mache – vom Zufall die Richtung seiner nächsten Fahrt in die Welt geben zu lassen.« »Hm. Der Mann muß Geld und Zeit haben.« »So sieht er allerdings aus.« »Ein Globetrotter?« »Vielleicht – mir kam vor, ein leiser Anklang ans Wienerische.« »Und dann – dann hat er dir wohl vorgeschlagen, ihm zu erzählen, wo du als Durchreisende nach absolviertem Berlin dich hinzubegeben gedenkst?« »Also, Ilia« – Klara sah sich betroffen um, »manchmal könnt' man glauben, du bist wirklich hellseherisch.« »Du weißt, Kind, daß es Stunden gibt –« ein seltsamer Ernst lag über den Zügen der in ihrem Alter unbestimmbaren Frau, als sie dieses ruhig und langsam hinsprach – »daß es Stunden gibt, in denen ich selbst sogar fest davon überzeugt bin. Wie übrigens – beiläufig bemerkt – bei allen Medien, selbst bei denen, die später mehr oder minder überzeugend entlarvt werden, eine sie über das Dutzend ihrer nüchternen Gegner erhebende mediumistische Begabung vorhanden ist. Eine Gabe, der sie, nur von eigener Geldgier getrieben oder vom sogenannten ›Impresario‹ ausgenützt und vom blinden Vertrauen der Gläubigen gefördert, Gewalt antun. Gewalt bis zur Täuschung – bis zur Kollision mit dem Betrugsparagraphen und dem Triumph der Wissenschaftler. In deinem Fall aber, liebes Kind, gehört keine Sehergabe, nur ein bißchen gesunder Menschenverstand dazu, über den ich – nach meiner viel besser begründeten Überzeugung – zu allen Stunden verfüge. Du bist hübsch, der Kavalier im Pelz – übrigens für einen Gehpelz eigentlich noch ein bißchen früh – aber die alte Geschichte: für die Besitzer schöner Pelze fängt der Winter halt früh an. Wie für die Mädchen mit hübschen Armen der Sommer zeitig einsetzt... Ich wollte sagen: er hat dich vermutlich auf der Post schon beobachtet.« »Das glaube ich eigentlich nicht – ich hätte ihn doch gesehen.« »Ach – wenn sie gerade wichtig beschäftigt ist, passiert's sogar einer hübschen Frau mal, daß sie eine schmeichelhafte Huldigung übersieht.« Klara spürte den Angelhaken einer Frage in dieser scheinbar beiläufig hingeworfenen Weisheit. Sie wollte los von dem Thema und sagte: »Es ist windig geworden. Vielleicht klärt sich's doch noch auf.« Ilia ließ sich nicht beirren. »Er hat den richtigen Instinkt des Weltmanns und Frauenfreundes gehabt, daß du lose in der Welt hängst. Er hat das Abenteuer, das er mit dem zufällig gefundenen Taschentuch anknüpfte, auf seine Weise weiterzuspinnen gedacht. Wirst du ihn wiedersehen?« »Aber nein, was denkst du!« »Was ich denke, will ich dir sagen, Klara.« Sie zündete sich eine Zigarette an und hielt ihr anbietend das silberne Zigarettendöschen hin. Klara dankte. »Ach so, du rauchst ungern. Selten bei Frauen mit hübschen Händen. – Also was ich denke? Ich denke eigentlich nichts, sondern ich weiß –« »Als Hellseherin?« »Nein, als vernünftige Frau, die das Leben kennt und die Welt und die Menschen und die jungen Mädchen und – na ja, unser Blut. Denn vergiß nicht, unsere Mütter, so verschieden sie im Alter waren, sind Schwestern, unsere Väter sind Vettern gewesen. Das ist viel, da kennt eines oft – ohne viel Worte – die Gedanken des anderen, weil er den Rhythmus des Pulses mit ihm teilt – oder im selben Alter einmal geteilt hat. Du bist unglücklich. Ich wär's an deiner Stelle und in deinen Jahren auch. Du zeigst es mir nicht oder wenig, weil du, wie die Endlers alle, stolz bist – und immer stolzer wirst, je mehr du dir das Wasser der Not – die du dir vielleicht nur einbildest, aber das ist im Effekt dasselbe – je mehr du dir das Wasser der Not an die Kehle steigen fühlst. Du weißt dich hier bei mir, die ich deine wesentlich ältere Base bin, gut geborgen. Du magst mich vielleicht sogar –« »Ilia, ich bin dir so dankbar!« »Dankbarkeit in dem Ton ist schon eine Einschränkung der Liebe. Ist ein Anstand des Herzens, dem der Affekt fehlt. Das ist gleichgültig. Denn ich weiß: hätte ich einen Modesalon und redete den Damen vom Kurfürstendamm verrückte Hüte auf, die sie noch scheußlicher machen, oder hätte ich eine Wiener Feinbäckerei und mogelte ein bißchen beim Wiegen der Mohntörtchen und des Teegebäcks, so würdest du dich – trotz kleiner menschlicher Bedenken – mit mir und meiner Art schließlich abfinden. Der Pulsschlag ist mehr – und dann, du fühlst, daß ich's gut mit dir meine – daß ich vielleicht augenblicklich eine von den wenigen bin, die dir so etwas wie einen Halt geben können, denn –« »Ich weiß das alles, Ilia, und du mußt nicht glauben –« Ilia ließ sich nicht unterbrechen. Sie stieß, als ob sie damit Wichtiges vollbringe, den polierten spitzen Nagel ihres Zeigefingers in das kreisrunde Wölkchen, das sie geblasen hatte und fuhr fort: »– denn man darf das nicht mißverstehen mit dem Gutmeinen. Gewiß, der Kavalier mit dem Spitzentüchlein wäre bereit, dich heute abend schon in Länder mitzunehmen, wo er in der südlichen Sonne seinen schönen Gehpelz und vielleicht noch manches andere abzulegen geneigt wäre. Aber eines Morgens bei den Ruinen von Syrakus oder vor den Pyramiden von Giseh sähe er eine andere – diesmal vielleicht eine blonde junge Dame, der er das Taschentüchlein aufhöbe – und drei Tage später säßest du – mit oder ohne Geld – verheult und verzweifelt allein im Hotel... Zu mir kannst du jederzeit kommen – und es hat mich gefreut und – ich bin offen – hat mir ein wenig geschmeichelt, daß du vor Wochen, als der Krach kam, der kommen mußte, und die tüchtige Melusine, die große Komödiantin, die dich glücklich so weit hatte –« »Du ahnst ja gar nicht, wie das alles war, Ilia –« es war, als ob Klara in dem warmen Zimmer fröstelte. Sie zog den niedrigen Stuhl ganz dicht an die in ein unechtes Kamin eingebaute Zentralheizung und stierte auf das dunkelrote Muster des stark abgenutzten Kassak. »Es ist vielleicht ein bißchen unfreundlich –« ein kleines Lächeln umspielte die ein wenig angetuschten Lippen Ilias und ließ viel Gold in gut gereihten Vorderzähnen sehen – »ist vielleicht ein bißchen unfreundlich, gerade einer der in den besten Kreisen bekanntesten Hellseherin von Berlin zu sagen, daß sie von etwas keine Ahnung habe – – – Aber ich verzeihe dir's, denn ich habe natürlich wirklich keine Ahnung. Etwas steckt noch hinter deinen Erzählungen von deiner Flucht aus deines Vaters Haus – die ich dir sonst aufs Wort glaube. Man lügt schließlich nicht, wenn man nicht alles erzählt. Aber vieles kann ich mir genauer und deutlicher denken, da ich deinen Vater kenne. Immer war er ein guter Kerl. Nur hat ihm meistens der Mut zur eigenen Courage gefehlt. Kommt noch hinzu, daß er vielleicht...« »Was meinst du, Ilia?« Klara sah fragend zu der plötzlich Stockenden auf. »Du hast neulich schon mal ganz plötzlich so deine Rede unterbrochen wie jetzt, als du von meinem Vater sprachst... Nein, ich möchte das hören, was du da zu wissen glaubst oder was du dir ausdenkst!« Ilia löschte umständlich das Stümpfchen ihrer Zigarette im Aschbecher. Ganz ruhig und langsam, als ob sie es jemand diktiere, sagte sie: »Ich habe die Überzeugung – daß deine zweite Mutter – verzeihe den unpassenden Ausdruck – also, daß deines Vaters zweite Frau, die üble und talentarme Komödiantin, auf die der Ärmste, weiß der Himmel wieso, so lange nach dem Tode deiner prächtigen Mutter hereingefallen ist, irgend etwas von ihm weiß. Ein Verbrechen natürlich, das begeht er nicht, dein guter alter Herr. Aber irgendetwas hat sie als erlebtes oder erlauschtes oder erpreßtes Geheimnis mit ihm gemeinsam. Irgendeine peinliche Sache, deren Bekanntwerden ihm schädlich oder vielleicht nur in seiner Einbildung gefährlich wäre. An eine geschlechtliche Hörigkeit deines Vaters der fetten, unschönen Person gegenüber glaube ich nicht. Dazu ist er zu unsinnlich, zu gradlinig, zu bedürfnislos in seinem Gefühlsleben. Ich weiß nicht, sei mir nicht bös, aber deinen Vater und den ›Eros‹ zusammen zu nennen, scheint mir schon ein bißchen ein Unding. Das Mächtige dieser Person liegt nicht auf erotischem Gebiet. Wenn ich sie einmal sehen oder sprechen könnte –« »Wie soll das geschehen? Sie hat ja keine Ahnung, daß du... wo du... Und deshalb bin ich ja gerade hier auch so sicher bei dir. Einmal hat sie deinen Namen im Telephonbuch gesucht –« »Da stehe ich seit Jahren nicht mehr drin. Ich habe eine Geheimnummer.« »Ich weiß doch. Aber damals vor zwei Jahren, denk' ich, kurz, nachdem sie Papa geheiratet, hatte sie durchgesetzt, daß Papa ein Telephon anschaffte. Es gehört dazu, hat sie gemeint.« »Vermutlich hat sie geglaubt, die Agenten werden den ganzen Tag immer nur an der Strippe hängen, werden Schlange stehen vor der Telephonzelle im ›Adlon‹ und ›Bristol‹, um der Frau Melusine Möller, ja nunmehr: Kern-Möller, Anträge zu machen für Gastspiele am Wiener Burgtheater und am Deutschen Theater in Milwaukee ... Großer Gott, es könnte deinem Vater, glaube ich, nichts Lieberes geschehen. Den kleinen rachitischen Jungen, den sie ihm gleich fertig mitgebracht hat in die Ehe, würde sie ihm natürlich auf dem Hals lassen.« »Sag' nichts gegen das Hugochen –« Klara sprach den Namen des Kindes mit zitternder Zärtlichkeit aus, und in ihren Augen glänzte ein feuchter Schimmer, den sie, den Kopf drehend, zu verbergen suchte. »Ich begreife dich nicht, Klara. Was kann unter dem Herzen dieser Frau, die ich für eine hundeschnäuzige kalte Egoistin halte –« »Das mag sie sein.« »Nun also – was kann sich unter solchem Herzen entwickelt haben?!« »Vielleicht«, zögernd kam das heraus, »vielleicht war Hugos Vater –« »– ein ungarischer Graf, ein römischer Kardinal – ein indischer Rajah – ein Wohltäter der Menschheit – so viel ich gehört habe, hütet sie sich wohlweislich, von diesem Vater zu sprechen.« »Ich glaube ja allerdings, Papa weiß es selbst nicht, wer der Vater von Hugo gewesen ist.« »Der Mack, der Börsianer, mit dem sie zuletzt liiert war, ist es jedenfalls nicht. Der ist schwarz und feist und haarig wie ein Affe. Und das Hugochen soll blond und zart sein.« »Ganz blond und ganz zart. Wie ein kleiner Engel, sag' ich dir. Manchmal, wenn ich abends ihm sein Nachtmahl gebe – wenn Melusine im Grabbe-Theater spielt – und dann mit ihm bete – du glaubst nicht, was es für ein kluges Kind ist. Und was er mich da alles gefragt hat über den Himmel und die Sterne und den lieben Gott, und er hatte dabei einen ganz überirdischen Glanz in den Augen. Aber sobald sie kommt – die Mutter – wird er still und verstockt. Ich kann mir denken, daß es Leute gibt, die ihn dann boshaft und heimtückisch nennen. Aber sie hat auch zu närrische Erziehungsmethoden, die seltsame Frau. Wenn sie gerade nichts zu spielen hat, keine Proben und keine Rollen zu lernen, o Gott, eine schreckliche Zeit für die zu Hause – es ist dann nicht auszuhalten mit ihren hysterischen Anfällen. Dann liest sie Erziehungsbücher, alte und hypermoderne, durcheinander. Pestalozzi und Ellen Key, Rousseau und Psychoanalytiker. Und dann schwört sie bald auf Prügel, bald auf Rohkost. Bald phantasiert sie von dem Segen der individuellen Privaterziehung, bald schwärmt sie für die Waldschule und macht rote Ausrufezeichen an den Rand der Prospekte. Heute spricht sie kaum mit dem Kind und sucht es, wie sie sagt, ›bloß durch Blicke zu lenken‹. Morgen fragte sie dem Bürschlein, das von nichts weiß, die Seele aus dem Leib nach seinen Träumen und seinen Heimlichkeiten und ›Erinnerungen an schlechte Dinge‹ ... Davon ist es scheu geworden, das arme Kerlchen, Und dann hat sie – die Mutter – mit einem schrecklich unechten Ton in der Stimme, immer wieder die Hand erhebend, wie um auszudrücken, daß sie mit dem Himmel hadere, ausgerufen: ›Der Junge kann nicht lieben – der Junge hat ein totes Herz in der Brust!‹ – Ach, und Ilia glaube mir, diese Klagen, die sie mit einem Wolter-Schrei einleitet, sind nicht wahr. Das Bübchen hat in seinem schwachen, kranken Körperchen – dem bald bloß mit Milch, bald bloß mit Obst und dann wieder mit Fleisch, Fleisch und wieder Fleisch geholfen werden soll, – hat das Bübchen – wie ein kleines Tier, denk' ich oft – eine Sehnsucht nach Liebe. Nach einem Sichanschmiegen an einen warmen Körper, der ihm Schutz bietet, an ein Herz, das es schlagen hört.« »Du vermißt den Kleinen wohl sehr?« »Ja, weil ich weiß, daß er mich vermißt. Daß er mich braucht, nicht mich gerade persönlich, mißverstehe mich nicht – aber irgend jemanden wie mich. Papa ist ja auch gut zu ihm; aber sobald sie das sieht, die Melusine, faucht sie den armen Mann an: ›Das könnte dir so passen, du Heimlicher, mir die Zuneigung und das Vertrauen meines ahnungslosen Kindes zu stehlen!‹ Oder: ›Das sieht dir ähnlich, dich so einzuweinberln‹– sie liebt solche wienerischen Ausdrücke, obschon sie, glaub' ich, aus Preußisch-Stargardt stammt.« »Bühne, Kind, Bühne!« »Ja, ja, einzuweinberln, sagt sie, ›bei dem Kind mit deinen armseligen Groschenpräsenten aus den verdreckten Automaten!‹ ... Du lieber Gott, sie führt doch selbst die Kasse ... Sie läßt für Vater kaum das Geld für die Elektrische, wenn es regnet, um zum Theater in den Dienst zu fahren.« »Er –« Ilia sah forschend hinüber – »er steht doch noch gut mit seinem Direktor, dem pfiffigen, kleinen Böck?« Klara, die all das von dem Kind frei und offen und mit einer heißen Hast erzählt hatte, schwieg jetzt einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »Ich glaube nicht mehr ganz so gut wie früher.« »Denkst du, daß da auch Melusine die Schuld trägt?« »Ich weiß nicht«, kam es zögernd heraus, »aber das glaub' ich eigentlich nicht.« In diesem Augenblick hatte Ilia, die scharf zu ihr hinsah, das Gefühl: hier sitzt der Schlüssel zu einem großen Leid. Aber Klara sprach, ohne sie anzusehen, als ob sie sich selbst Rechenschaft gäbe, vor sich hin: »Ich habe den Eindruck, der Direktor Böck mag sie nicht, die Melusine. Schätzt sie weder als Mensch noch als Darstellerin. Aber – du erwähntest vorhin den Mack, den Sensal, den Börsianer. Der machte öfter Geschäfte für den Direktor Böck, hat ihn in schwieriger Lage – als im Vorjahr die drei ersten Premieren völlig versagten und sein Star, die Therese Kaden, ganz plötzlich heiratete – den Bankier... wie heißt er doch gleich?« »Mücke«, half Jim aus. »Ich bin im Bilde, sie, die Therese Mücke, ist meine beste Freundin, wenn's auch ihr Mann nicht gern sieht, daß sie mich besucht.« »Damals hat der Mack dem Böck, der schon immer drohte: ›I wer' zusperr'n‹ – er wienert auch, wenn er gereizt wird – hat ihm wohl Geld besorgt – vielleicht auch selbst etwas hineingesteckt, das er bestimmt noch nicht wiederhat, wenn er's überhaupt je –« »Und du glaubst, daß Mack und – deines Vaters Frau heute noch...?« »Nein, nein!« Klara wehrte rasch ab. Es war klar, daß sie schützend nicht vor die Frau, die ihr nur Böses getan, aber vor den Vater trat, indem sie leidenschaftlich sagte: »So schlecht ist sie nun nicht, da sie hinter Vaters Rücken noch mit – oder vielleicht war sie ihn überhaupt müde, den Mack. Der soll ja jetzt – – – aber das ist gleichgültig. Jedenfalls macht er seinen Einfluß– vielleicht noch aus Dankbarkeit – für sie geltend. Daß sie zum Beispiel in der französischen Komödie im letzten Herbst – wie hieß sie doch – die Rolle der Kupplerin spielen durfte –« »War ein Erfolg für sie, wie ich las. Die Rolle lag ihr.« Klara überhörte das und vollendete ihren Satz. »Das war – bei Tisch sagte es der arme Papa mal so beiläufig ohne böse Absichten, und schon fauchte sie ihn wie eine Katze an – das war damals bloß der Fürsprache zu danken. Das wußte das ganze Theater.« In diesem Augenblick kam, ohne anzuklopfen, lautlos die Tür öffnend und auf dicksohligen Filzpantoffeln mehr herangleitend als gehend, Berta Babusch ins Zimmer. Auf einem silbernen Teller reichte sie Ilia eine Depesche hin: »Eben gekommen!« Die korrekte Art dieser kleinen Zeremonie stand in einem wunderlichen Gegensatz zu der ungewöhnlichen Erscheinung der Bedienerin. Indem Klara zu ihr hinsah, hatte das schöne Mädchen wieder, wie immer, wenn Berta plötzlich geräuschlos auftauchte, das Gefühl des Bedrückenden. Die groteske Häßlichkeit dieser vielleicht Dreißigjährigen wurde noch verstärkt durch ihre Vorliebe, sich zwar billig, aber auffällig zu kleiden. Auch jetzt trug Berta Babusch wieder eine grellrote seidene Bluse zu einem grünlichen Rock. Das Rot der Bluse betont den hohen Rücken, über dem ein viel zu kurzer Hals saß; und der grüne Rock war so knapp, daß er mehr, als es modern oder nötig war, die krumme Linie der viel zu dicken, in prallen Seidenstrümpfen steckenden Beine betonte. Klein von Figur, wulstig in den Hüften, ohne Busen, mit einem knochigen Kopf, der chronische Gelbsucht zu verraten schien und aus dem ein paar geschlitzte schwarze Chinesenaugen die Nasenspitze beschielten, hätte sie vielleicht zu anderer Zeit mit kleinen Nachhilfen bei Barnum als Abnormität sich sehen lassen können. Jedesmal, wenn Klara durch eine plötzliche Begegnung mit diesem meist grinsenden, die schlechten Vorderzähne zeigenden weiblichen Gnom erschreckt wurde, kam ihr, die in der Theateratmosphäre groß geworden war und selbst glühend gern zum Theater gegangen wäre, der zwingende Gedanke, dieser im Geschmack und Gehaben die Mißgestalt seiner Figur betonende garstige Gnom könne nur eine Tochter des Kaliban in Shakespeares »Sturm« sein. Vor drei Monaten, als Klara im plötzlichen Entschluß fluchtartig die Wohnung des Vaters in der Uhlandstraße verlassen hatte und nach einem gräßlichen dreitägigen Aufenthalt in einer Pension des Südwestens, die sich als glattes Absteigequartier erwies, sich zu der ihr nur aus Kindheitserinnerungen bekannten Kusine in der Ansbacher Straße geflüchtet hatte, war es die groteske Erscheinung dieses dienstbaren Geistes, die sie – in Verbindung mit dem leisen Abscheu vor dem wunderlichen Beruf Ilias – beinahe wieder hätte heimlich ins Ungewisse entweichen lassen, Und je mehr sie in den ersten Tagen des Zusammenlebens mit der sie freundlich und taktvoll aufnehmenden Ilia ihre Vorurteile gegen die von reichen und vornehmen Kunden viel besuchte Kartenlegerin und Zukunftsdeuterin zurücksteckte, um so seltsamer, ja rätselhafter schien's ihr, wie eine im Grunde sein empfindende, hochgebildete und ästhetisch begabte Frau wie Ilia sich so eine unglaubliche Vogelscheuche von schier übernatürlicher Häßlichkeit zur täglichen Bedienung hatte auswählen können. Und diese Berta Babusch war nun schon sechs oder sieben Jahre – neben einer auch durchaus anmutlosen taubstummen Aufwartefrau, die am frühen Morgen kam und, unartikulierte Töne ausstoßend, das Gröbste des Haushalts besorgte – die hier allein schaltende und waltende Hilfe. Dabei mußte man's ihr lassen, daß diese menschliche Mißbildung mit dem hölzernen Gang nicht unflink war. Und noch eins: peinlich sauber war sie, sowohl an ihrem Körper als bei jeglicher häuslicher Verrichtung. Sobald die Arbeit in Küche, Diele und Zimmer getan war, wechselte sie, als gelte es, sich gesellschaftsfähig zu machen, umständlich die Wäsche, nahm Fußbäder mit Kiefernadelzusatz und wusch sich den stumpf-schwarzen Bubikopf, dessen Negerhaare sich sofort in unwahrscheinlicher Scheußlichkeit kräuselten. Dann manikürte sie sich, über einen Schmöker aus der Leihbibliothek gebeugt, stundenlang die breiten aber blitzsauberen Nägel. Erst eine Aussprache mit Ilia, die diese selbst nach lächelnder Beobachtung des geheimen Abscheus Klaras vor dieser Kaliban-Tochter herbeiführte, klärte Klara ein wenig über die seltsame Vorliebe Ilias für diese Haushaltsstütze auf. Ilia hatte damals, als sie vom Theater in Hamburg abgehen mußte, zunächst allzu sorglos das für den schmerzhaften Fall über ein Versatzstück auf verdunkelter Bühne im Rechtsstreit erstrittene Schmerzensgeld aufgezehrt. Dann, als sie den letzten Hundertmarkschein wechselte, hatte sie nicht recht gewußt, wie sie, alleinstehend in der Welt und bis jetzt nur für die Bühne vorgebildet, ihr Leben fristen sollte. Der steifgebliebene linke Fuß hinderte sie wohl nicht auffällig am Gehen, aber er machte sie doch auf der Bühne unmöglich. Ein Talent, zu verzagen und sich unterkriegen zu lassen, hatte Ilia nicht. In Hamburg, wo sie künstlerisch gewirkt und von einem Aufstieg des Ruhms und der Gage geträumt, wollte sie keinen neuen Brotberuf ergreifen. So verkaufte sie ein paar Schmuckstücke. Ein indischer Verehrer, ein Fürst, der über eine Million Seelen in braunen nackten Körpern hinter dem Ganges herrschte, hatte auf der Fahrt nach London zum »Kaiser von Indien«, in Hamburg Rast machend, nicht üble Lust gezeigt, die damals wirklich hübsche Schauspielerin zu seiner Lieblingsfrau zu erheben. Als er mit seinem in schlechtem Englisch gestammelten ehrenvollen Antrag kein Glück hatte, war er großzügig genug, der Angebeteten zur Erinnerung an ein paar kleine Soupers im »Atlantic« und einen Ausflug nach Helgoland ein paar herrliche Steine – protzig gefaßt – zu hinterlassen, eh' er sich nach England einschiffte. In Berlin hatte Ilia zunächst in einer kleinen Familienpension in der Kurfürstenstraße gewohnt, in der im wesentlichen Damen abgestiegen waren. Damen, die gerade geschieden waren oder diese Auseinandersetzung vor Gericht noch vorhatten, untermischt mit jungen Fräuleins, die sich malten, Zigaretten rauchten, Konfekt naschten und sich von den Heldinnen der gesprengten Ehefesseln freihalten ließen. Die etwas schwüle Atmosphäre dieser von zärtlichen Blicken und scheuen Händedrücken gewürzten, sonst aber für teures Geld nicht allzu üppigen Mahlzeiten schien Ilia, die noch die mit englischen Vokabeln verbrämten indischen Schwüre des Rajah im Ohr hatte, nicht das für sie Geeignete. Auch die Berufe, denen einige der in dieser Pension wohnenden Damen nachgingen, entsprachen nicht ihren Neigungen und Anlagen. Die eine war oder nannte sich »Meisterin der Schönheitspflege, diplomierte Schülerin von Madame d'Outre-le-pont in Paris« und suchte die Opfer ihrer Behandlungsmethode in den großen Hotels. Eine zweite hatte eine Vertretung holländischer Liköre, die sie hauptsächlich an ältere Damen absetzte. Eine dritte, die angeblich von den Kanarischen Inseln kam und selber aussah wie ein Kanarienvogel in der Mauser, gab spanischen Unterricht. Aber in der Pension war man der Ansicht, daß sie eigentlich mit Rauschgift handle. Ilia hatte die Erzählungen aller dieser Berufstätigen mitangehört, einiges davon auch geglaubt. Sie war aber in keiner Weise begeistert worden, irgendeiner dieser geschminkten und verlebten Puppen Konkurrenz zu machen. Sie las eifrig den Annoncenteil der großen Berliner Blätter, besonders die Sonntagsnummern, die sie sich auf ihrem Morgenspaziergang zum Zoo kaufte. So hatte sie sich bald eine Übersicht verschafft über das, was die mit der Not der Zeit kämpfenden Frauen, auch besserer Kreise, an Wissen, Talent und gutem Willen hier anzubieten hatten. Mit Stenographie und Schreibmaschineschreiben konnte sie nicht aufwarten. An der Vorführung klassischer Tänze in Familien und Privatzirkeln hinderte sie ihr steifer Fuß. Deutschen Sprachunterricht an russische Emigranten vermochte sie nicht zu erteilen, da sie zwar gut Deutsch aber kein Russisch sprach. Zur Säuglingsschwester oder »Hortnerin« mangelte ihr die Vorbildung, zur Erteilung von Bridgeunterricht an Damen und Herren die nötige Geduld, und zur Ausübung »strenger Massage« fehlte der sadistische Einschlag in ihrem Liebesleben. In einigen Blättern aber war ihrer Aufmerksamkeit eine besondere Rubrik nicht entgangen, die zu denken gab. Da priesen Damen – manchmal war betont: »Damen der Gesellschaft« – teils unter Chiffre, teils von wohlklingenden Namen gedeckt, die ihnen sicherlich nicht bereits in der Taufe verliehen waren – ihre Kunstfertigkeit an, aus der Hand und aus den Karten zu lesen. Andere wieder waren bereit, Interessenten das Horoskop zu stellen und auf Grund eines mystischen Systems, gestützt auf ausgezeichnete Zeugnisse, die von Interessenten eingesehen werden könnten, Ratschläge in schwierigen Lebensfragen zu erteilen ... Da kam es nun Ilia zum Bewußtsein, daß sie sich – eigentlich schon seit der Zeit ihrer Einsegnung, als sie, allem Außerirdischen zugekehrt, durch ein tragisches Schicksal Vater und Mutter kurz nacheinander verloren hatte – immer für mystische Dinge stark interessiert hatte. Von einer Kollegin an der Bühne, die aus einer durch ihr perlendes Lachen berühmten Naiven rasch eine derb-brummige komische Alte geworden war, hatte sie allerlei Arten von Patiencen und Kartenlegen erlernt. War auch eifrig zu Wahrsagerinnen gegangen, meist schmuddeligen alten Weibern, die in unsauberen Zimmern, nach Kohl, Käse und billigem Parfüm riechend, ihre geheimnisvolle Kunst übten. Dort hatte sie das Übliche erfahren: daß eine falsche Freundin ihr heimlich nicht wohlwolle; daß ein entflammter blonder Kavalier sich ihr nähern werde; daß ein Brief mit äußerst wichtigen Nachrichten demnächst zu erwarten sei, und was dergleichen aufregende Neuigkeiten mehr waren. Eine bemerkenswerte Erscheinung aber hatte sie doch bei diesen Besuchen kennengelernt. Eine Seherin, die nicht annoncierte, kein Geld für ihre Dienste forderte – man legte ihr nur außer einem Hühnerei, das verlangt wurde, einfach eine beliebige Summe auf den Tisch unter die immer sauberen Karten. Diese so ein bißchen auf eine Marquise des Rokoko zurechtgemachte, in ihrer Haltung untadelige alte Dame, die immer von ein paar wunderschönen weißen Katzen umschnurrt und umspielt war, stellte keinerlei Fragen. Statuenhaft aufgebaut, las sie aus Augen und Händen manches Vergangene und viel Zukünftiges. Sie hatte Ilia beim ersten Besuch gesagt, daß sie Waise und Künstlerin sei und daß sie im Beruf einen Unfall haben werde, der ihr Leben neu gestalte. Auch sah sie angeblich in der Pupille ihrer Besucherin einen Turban, den sie sich selbst nicht zu erklären wußte. Über den Turban hatte Ilia damals auf der Treppe noch gelacht. Zwei Monate später aber, als der Rajah sie mit heißen Augen beschwor, ihm als Lieblingsfrau nach dem Ganges zu folgen, zeigte er, der in Hamburg durchaus als Europäer gekleidet war, ein Bild von sich, das ihn in der Tracht seines Landes darstellte; und hier trug er auf dem fürstlichen Haupt einen mit steinbesetzter Agraffe geschmückten Turban. Genau, wie ihn die alte Dame in Ilias Pupille gesehen und, scheinbar unwillig, einem Zwange folgend, beschrieben hatte. Ohne durch dieses höchst seltsame Erlebnis überzeugt zu sein, war Ilia doch stark beeindruckt; und wenn sie alles das, was die offenbar kluge und gebildete Seherin aus den Linien der Hände und aus den Pupillen der Augen an Dagewesenem und Zukünftigem gelesen haben wollte, für gescheite Kombinationen hielt, hier waltete ein fast unglaublicher Zufall oder ... Das »Oder« konnte und wollte Ilia nicht formulieren. Auch nicht, als sie schon selbst hin und wieder, halb im Scherz, halb im Ernst, Proben ihrer Handlesekunst und prophetischen Gaben ablegte. Aber diese merkwürdige Mystikerin in der Hamburger Altstadt fiel ihr wieder – beispielsmäßig, vorbildlich – ein, als sie in Berlin zunächst schüchtern in sonst wenig von ihr geschätzten Skandalblättchen annoncierte, den ersten Kunden die Karten legte und aus den Linien gepflegter und verwilderter Hände allerlei Schlüsse auf künftige Gefahren, Glücksfälle und Erfolge zog. Damals hatte sie ihrer Freundin Therese, die mit ihr in Hamburg engagiert gewesen war und die später in Berlin am »Grabbe-Theater« spielte, was gut und teuer war, vorausgesagt, daß der Bankier, den sie in die Freundin verliebt wußte, sie trotz unklarer Verhältnisse in den Zeiten der Theaterschule und des Aufstiegs bestimmt heiraten werde, wenn sie sich ihm bis dahin versage. Diese Prophezeiung war nun weniger einem wirklichen Einblick in zukünftige Dinge entsprungen als vielmehr der Kenntnis der hier in Betracht kommenden Menschen und ihrer Charaktere. Durch ihre Prophezeiung, die sie mit einem geschliffenen Kristall in Verbindung brachte, hatte sie auf der einen Seite der zur Mystik geneigten Therese den Willen bis zur sieghaften Sündhaftigkeit gestärkt, auf der anderen Seite mit dem Naturell eines nach arbeitsreicher, frauenarmer Jugend blindverliebten Mannes, der in seiner Position nach niemandem zu fragen hatte, richtig gerechnet. Als nun das Vorhergesagte wirklich eintraf, hatte die dankbare Therese, die nun, dem Theater den Rücken kehrend, viel Geld zur Verfügung hatte, Kinder nicht wünschte und eine gutmütige Person war, der Wegweiserin ihres Glückes eine schöne Wohnungseinrichtung für vier Zimmer geschenkt. Ilia zog nun in die Ansbacher Straße und hatte bald aus den Kreisen, in denen Therese und ihr Mann verkehrten, viel Anlauf. Sie kaufte durch Vermittlung des Althändlers Friedländer aus dem Nachlaß eines verstorbenen Sammlers eine kleine Kollektion von Buddhas, Kwanons und angemalten Götzen aus Mexiko und Afrika, die gut zu dem mystischen Beruf einer Seherin paßten und stimmungsvoll ihren Nimbus erhöhten. Gerade als diese wunderliche Sammlung von ihr in Empfang genommen und über die sonst durchaus schönen und gediegenen Räume verteilt wurde, meldete sich, von einer Vermieterin geschickt, die Berta Babusch bei ihr als Stütze oder Mädchen für alles. Ilia fand, daß diese unerhört garstige und doch wieder durch einen gewissen Reiz der Häßlichkeit aparte Person famos zu den Götterfratzen aus der Inkazeit und zu den rohgeschnitzten Fetischen der afrikanischen Kaffern paßte. Und ihr, die sich anschickte, vom Aberglauben der anderen zu leben und ihn ein wenig auf sich selbst abfärben zu lassen, schien es wie ein Schicksalswink. Auch der Gedanke, daß eine so außergewöhnliche Karikatur auf menschliche Gottähnlichkeit bei Öffnen der Türe die schon mit klopfendem Herzen nahenden Kunden noch konfuser, noch empfänglicher für außergewöhnliche Mitteilungen mystischer Herkunft mache, sprach bei Ilias Erwägung mit. Sie engagierte nach kurzer Unterredung Berta Babusch, die, nachdem sie einen krebskranken Onkel und Vormund in einer Kellerwohnung des Nordens brav zu Tode gepflegt, seit Wochen im Berliner Westen umherlief und vergeblich ihre offenbar wenig geschätzten Dienste anbot. Sie hatte bis heute diese Wahl, von der ein Dutzend Hausfrauen des Westens im Anblick der Berta zurückgeschreckt waren, nicht zu bereuen gehabt. Berta Babusch fügte sich, ohne Verwunderung zu zeigen oder Fragen zu stellen, schlicht und als müsse das alles so sein, dem wunderlichen Betrieb in dieser Vierzimmerwohnung ein. Sie blieb unerschüttert von dem Schreck neuer Ankömmlinge, denen sie die Tür öffnete, und empfing alle Kunden mit einem rätselvoll diskreten Lächeln. Sie ordnete die Kartenspiele und Bücher, staubte die Götzen und Fratzen ab und putzte behutsam die silberne Maske, ohne durch Wort oder Miene zu verraten, was sie sich bei dieser Arbeit denke. Ohne die Unterwürfigkeit zu übertreiben, widersprach sie nie; fügte sich in alle Anordnungen Ilias und antwortete nur, wenn sie gefragt wurde. Dann aber zeigte sich's oft, daß sie über Menschen und Dinge, die hier eine Rolle spielten, besser orientiert war, als man vermuten konnte. Von den kleinen Douceurs, die sie manchmal von wohlberatenen, beglückt heimkehrenden Kunden an der Korridortür erhielt, kaufte sie sich Seidenhemden, durchbrochene Strümpfe, wohlriechende Mundwasser und Nagelcreme, als ob sie sich jeden Abend für die Liebesnacht mit einem Sultan herzurichten hätte. Auch jetzt wieder, als sie das Telegramm überbrachte, stand die Berta blitzsauber und geschmückt, nach Orchideen duftend, in all ihrer Häßlichkeit im Zimmer und wartete, ohne Neugier zu verraten, den stumpfen Blick der schiefgestellten Augen auf den kleinen Onyx im Nabel eines Buddha gerichtet, auf Ilias Befehle. »Es ist gut, Berta«, nickte Ilia nur. Da verschwand Berta Babusch mit ihrem silbernen Serviertellerchen lautlos wie eine Elfe. »Von der Durchlaucht«, Ilia reichte Klara mit einem leichten Lächeln des Triumphs die Depesche hin. Klara las: »Im Auftrag Seiner Durchlaucht des Herzogs Johann bitte ich um möglichst baldigen Besuch – zwei Tage wenn möglich – am Krankenlager Seiner Durchlaucht. Im Auftrag von Finkenkroog.« »Wer ist Finkenkroog?« »Der Hofmarschall –«, und da sie Klaras fragenden Blick sah, fuhr Ilia fort: »Mein vornehmster Klient, der Herzog, den die Revolution aus seinem Ländchen vertrieben, lebt seitdem auf seinen Gütern in Pommern. Dort hält er – wenn er nicht gerade als Graf von Aspern inkognito im ›Adlon‹ wohnt – genau so Hof wie vor dem Umsturz in seinem Ländchen. Ein paar Lakaien weniger und – kein Volk mehr. Aber innerhalb der Mauern seines allerliebst eingerichteten Jagdschlosses – Hofmarschall, Kammerherr, Haushofmeister, Bediente, alles wie einst im Mai. Abends große Toilette, die Damen ausgeschnitten, mit langen Handschuhen, die Herren im Frack mit Orden; der Kammerherr mit dem Stab voran: ›Seine Durchlaucht, der Herzog.‹ Tiefe Verbeugungen, Hofknickse. Man betet kurz, seht sich, die wappengeschmückten silbernen Leuchter vor sich, und ißt – ißt ausgezeichnet.« »Man ißt... Und du – Verzeihung, du ißt mit?« Ilia lächelte. »Aber gewiß. Ich bin doch von Adel. Wenn die Noblesse auch noch nicht sehr alt ist.« Jetzt lächelte auch Klara ein bißchen. Dieser Adel war nicht alt und nicht echt. War eigentlich vom Zufall erteilt. Emilia Endler hieß sie eigentlich. Und da in der Familie noch eine Emilia Endler, eine wenig reizvolle Tante, existiert hatte, so nannte sich Ilia zur Unterscheidung, ihren zweiten Vornamen zu Hilfe nehmend, Emilia Victoria Endler. Später, als die Tante hochbetagt gestorben war, abkürzend einfach: Emilia V. Endler. Just als sie von Hamburg nach Berlin übersiedelte, bekam sie ein paar Offerten von Geschäftsleuten, die das große »V« vor dem Familiennamen für das Adelsprädikat gehalten hatten und Frau Emilia v. Endler als Kundin wünschten. Von den freien Sitten der Republik lächelnd Nutzen ziehend für Beruf und Fortkommen, ließ es Ilia dabei und nannte sich Geschäftsleuten gegenüber, wie diese sie genannt: Emilia v. Endler. An ihrer Wohnungstür aber und auf ihren Visitenkarten für die Kunden stand freilich nur: »Madame Ilia« – dieses »Ilia« in der Kinderzeit ein Kosewort, jetzt Künstlername, war aus dem etwas zu vulgären und gänzlich unmystischen »Emilia« entstanden. Dahinter Wohnung und Telephon. Und da sie, mit der Vorliebe geboren und von der Bühne her gewöhnt, ein wenig Maske zu machen, ihre Kunden stets in einer ausgezeichnet gearbeiteten hohen weißen Perücke, vor die obere Hälfte des Gesichts aber die Maske von Silberblech gebunden, zu empfangen liebte, so hieß sie bald in den Kreisen, die sich für mystische Dinge interessierten, »Madame Ilia« oder »die Dame mit der silbernen Maske«. Diese silberne Maske, die dort auf den alten Folianten auf dem Tisch lag, ergriff Ilia jetzt in plötzlichem Einfall. Ohne etwas zu sagen oder zu erklären, legte sie die kühle Larve behutsam der erstaunt stillhaltenden Klara vor das Gesicht. »Was tust du, Ilia?« »Ich probiere etwas... Sie paßt dir ganz gut. Darunter das frische Gesichtchen, der hübsch geschnittene Mund mit den Lippen in beneidenswertem Naturrot und das Kinn mit dem Grübchen darin. Die weiße Lockenperücke muß dich noch besser kleiden.« »Mich – die Perücke – wozu?« Ilia nahm ihr die Maske wieder vom Gesicht und sah ihr ernst in die Augen. »Ich hab' eine große Bitte, Klara. Du mußt sie mir erfüllen!« »Wenn's irgend geht – gewiß!« Klara sah ahnungslos zu Ilia hinüber. »Ich fahre zu dem Herzog. Er will sich verheiraten – ich weiß – zur linken Hand. Trotz seines Alters und ungerührt von den Erfahrungen seiner ersten Ehe. Scheut nur noch das Urteil der Standesgenossen. Jetzt ist er krank und fürchtet – wie die paar Leute alle, denen's heute noch gut geht – den Tod. Was ihm fehlt, weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß ich ihm aus Hand und Karten lesen werde: er wird genesen, Und er wird . Denn er glaubt daran, wenn ich's ihm sage. Und er wird auch die Erzieherin seiner – übrigens etwas exaltierten – Tochter heiraten. Weil ich's ihm sage. Und dann wird er – überzeugter denn je – meinen Ruhm in seinen Kreisen verbreiten; und die schöne Berta wird Hoheiten und Prinzen hereinführen, die gehört haben, daß ich ihrem Vetter die Genesung und die Heirat – ebenso wie jetzt die Krankheit – prophezeit habe.« »Du hast ihm die Krankheit, an der er jetzt –?« »Ganz allgemein – eine Krankheit. Mein Gott, wenn man einem Ängstlichen fest ins treue Auge sieht und sagt: ›Im November werden Sie krank‹ – wohlgemerkt: im November – für den Juni wäre die Prophezeiung schon schwieriger –, so sorgt schon der November mit seinem wechselnden Wetter und sorgt der Grillenfänger selbst mit seiner ewigen Angst vor Erkältungen dafür, daß er sich rasch mal 'ne kleine Grippe holt.« »Eigentlich recht einfach.« »Nicht wahr? Man muß nur den Mut aufbringen, die einfachsten Dinge, ohne mit der Wimper zu zucken, für Hexerei auszugeben. Nun möcht' ich dich – gerade in diesen Tagen – das düstere Novemberwetter treibt unsereinem ja die neue Offenbarungen suchenden Hypochonder nur so zu – möcht' ich keine guten Kunden verlieren –« »Also fährst du doch nicht –« »Doch – ich fahre.« »Zum Herzog nach seinem Jagdschloß?« »Direkt. Für zwei Tage, Und da wollt' ich dich bitten, Klara –« »Mitzufahren –« »Aber nein. Im Gegenteil. Hierzubleiben – hier in Berlin, hier im Haus, hier in diesem Zimmer – und –« »Ja was denn?« »– möcht' ich dich bitten –« Fest und seltsam ernst sah Ilia, als wollte sie alle Bedenken und allen Widerstand in Klaras Seele niederwerfen, in die schönen dunklen Augen, die fragend zu ihr aufsahen – »Du mußt«, langsam, jedes Wort betonend, sagte sie das, halb wie einen Wunsch, halb wie einen Befehl, »du mußt für diese zwei Tage die Dame mit der silbernen Maske sein!« * »Kannst du dich nicht etwas geräuschloser waschen, Siegmund?« Melusine warf ihren schweren, massigen Körper, der etwas an einen zerlaufenden Pudding gemahnte, in dem krachenden Bett herum. »Aber ich habe doch nur den Schwamm ausgedrückt!« Siegmund Kern stand mit nacktem, wasserbeperltem Oberkörper vor dem kleinen Waschtisch. Gewohnt, die meiste Zeit seines Lebens hinter dem Pult zu sitzen, hatte er auf gute Körperhaltung nie sonderlich acht gegeben. Seine knochigen Schultern näherten sich einander in einem Bogen, während unter der reichlich behaarten Brust der schwabbelnde Ansatz eines Bäuchleins sich in den allzu straff sitzenden Bund des Unterbeinkleides verlor. Wie er eigentlich zu dieser seltsamen, weder schönen noch bequemen Fettablagerung gekommen, wußte er selbst nicht. Von der Reichlichkeit fetter Mahlzeiten, die ihm Melusine vorsetzte, kaum. Diese bestanden an Tagen, wo sie Proben hatte, oft nur aus aufgewärmten Kartoffeln mit etwas Schmalz oder aus ungaren Grießklößchen mit schlecht belesenen Kronsbeeren. Daher konnte dieses Schlemmerfett wirklich nicht kommen. Es war wohl eine ererbte Anlage. War schließlich eine ebensolche Vorspiegelung falscher Tatsachen, wie die von einem dünnen, melierten Haarkränzlein umgebene spiegelnde Glatze, die von Melusine als »Strafe für die Liederlichkeit seines Lebenswandels« – selbstverständlich ehe sie diesen persönlich überwachte – lieblos gedeutet wurde. »Das ist's ja eben!« zürnte Melusine vom Bett her. Dabei betrachtete sie die bescheidenen Reize dieser halbentkleideten Männlichkeit ohne jede Begeisterung durch die Lorgnette, die sie, kurzsichtig wie sie war, selbst in der Nacht an einem leider schmutzenden Silberkettchen um den faltenreichen, speckigen Hals trug, »Wenn ein gut erzogener Mann morgens einen Schwamm ausdrückt, so hört man das kaum. Wenigstens nicht so, daß dadurch seine arme Frau, deren Nerven der Schonung bedürfen, roh aus dem Schlaf gestört wird. Aber wenn du deinen Schwamm ausdrückst, das hört sich gleich an, als ob der Riese Goliath seine Badebütte über die Philister ausgösse.« Melusine war stolz auf solch unsinnigen Vergleich. Sie hätte – angenommen, daß der Riese Goliath überhaupt dem Reinlichkeitstrieb so weit nachgab, zu baden – nicht zu sagen vermocht, warum der Kerl das schmutzige Wasser gerade über die eigenen Landsleute ausschütten wolle. Aber sie freute sich ihres gefundenen Gleichnisses und glaubte durch seine Schlagfertigkeit jede Widerrede im voraus zerschmettert. Siegmund Kern aber schwieg in der Hoffnung, daß Melusine, nachdem sie's ihm so gegeben, vielleicht wieder friedlich einschlafen möchte. Diese Frau hatte ein erstaunliches Ruhebedürfnis und eine Freude am Schlaf, wie er es noch nie erlebt. Lieber Gott, seine Beobachtungen schlafender Frauen waren ja überhaupt recht gering. Und meistens nur gesammelt in überfüllten Elektrischen, die, besonders wenn man, die Hand ins Gepäcknetz gekrampft, auf einem Stehplatz herumgestoßen wird, keinerlei schlechte Gedanken aufkommen ließen. Melusine legte sich, wenn sie nicht im »Grabbe-Theater« ein Röllchen hatte, am liebsten mit den Hühnern oder, besser gesagt, mit dem Hugochen zu Bett. Und wenn sie am anderen Morgen nicht um halb elf Uhr zur Probe mußte, so schlief sie, das Kind der Aufwartefrau überlassend und nur aus dem Halbschlummer unwirsche Ordnungsrufe erteilend, bis gegen Mittag. Alle wahrhaft genialen Menschen hätten viel Schlaf gebraucht, behauptete sie. Woher sie , die sich sonst wenig um die Kunde vom Erdengang großer Toter kümmerte, das wußte und ob die Behauptung überhaupt stimmte, das hatte Siegmund, obschon er es gern erforscht hätte, nie in Erfahrung gebracht. Denn das vom Großvater ererbte Pierersche Konversationslexikon schwieg sich in den Artikeln »Goethe«, »Lessing«, »Schiller« über deren Schlafbedürfnis aus; und die ihm zugänglichen Biographien berühmter Männer beschäftigten sich alle seltsamerweise mit dem, was ihre Helden im Wachen geleistet und, unbehindert vom Schlummer, Wissenswertes geschaffen, wesentlich ausführlicher, als mit der Zeit, die sie verschliefen. Bei Melusine, deren von viel Schlaf sinnreich gesteigerte Genialität das Grabbe-Theater leider nicht genügend ausnützte, kam nun noch hinzu, – was den prominenten Männern nicht passieren kann – daß sie, wie sie wenigstens behauptete, bei Hugochens Geburt und bei einer nicht minder rätselhaften fausse couche , durch die das Kind der Liebe eines hochwertigen Vaters, dessen Name sie nicht preisgab, der Welt entzogen wurde, ungeheuerlich viel Blut verloren hatte. Dieses vor Jahren verlorene Blut zu ersetzen, diente am wirksamsten der Schlaf. Und es war eigentlich zu verwundern, daß Melusine noch immer keineswegs vollblütig war und der etwas käsigen Blässe ihrer Wangen, wenn sie endlich aufstand, mit viel Rouge künstlich aufhelfen mußte. Ein ärgerlicher Seufzer vom Bett her belehrte Siegmund, daß seine Hoffnung leider nicht in Erfüllung gegangen war. Melusine blieb wach. Und wie bei Kindern und jungen hübschen Frauen, wenn sie morgens nach dem Genuß wohltuenden Schlafes aufwachen, die liebenswürdigen Eigenschaften durch die Morgenfrische gesteigert zu sein pflegen, so war auch Melusinens hervorstechendste Eigenschaft in der Frühe des Tages stets am ausgeprägtesten und für den Gatten, der sie zu dieser Zeit allein genoß, eine beträchtliche Last: die mürrische, bissige Unfreundlichkeit. »Es ist vielleicht gut«, sagte Melusine und barg die Lorgnette in der Zäsur ihres geräumigen Busens, »vielleicht gut, daß du mich geweckt hast. Ich wollte dir noch sagen, du mußt den Kaffee für dich und Hugochen heute selbst zubereiten – die Schrippen hängen im Säckchen an der Küchentür.« »Ist Frau Winzer denn krank?« Die Teilnahme Siegmunds für Frau Winzer, die alte spindeldürre Aufwartefrau, die sonst täglich von acht bis zehn Uhr hier wirkte, war nicht besonders herzlich. Er mochte die knochige Alte nicht, die mehr klatschte als arbeitete, in einem schrecklichen Baß Berliner Dialekt sprach und einen unreinen Atem hatte. Aber ihr Fernbleiben beunruhigte ihn doch, da er, wenn sie nicht kam, seine häuslichen Pflichten mit dem Kaffeekochen noch lange nicht erschöpft sah. »Kümmere dich doch gefälligst nicht um Hausfrauensorgen, Siegmund!« »Erlaube, liebe Melusine, wenn ich Kaffee kochen und das Hugochen besorgen soll, so darf ich doch wohl auch –« »Du darfst mir auch etwas Kakao aufsetzen«, unterbrach sie ihn barsch. »In einer blauen Tüte findest du irgendwo einen Rest Kakao. Entweder im Küchenspind oder im Eßzimmerschrank oder vielleicht auch bei den Hyazinthenzwiebeln in der Diele. Solltest du's, talentlos, wie du für so etwas bist, gar nicht finden, so untersteh' dich nicht, mich wieder aufzuwecken! Nimm dann einfach vom Tischchen drin die Schokolade, die dem Hugochen gestern die alte Schumann geschenkt hat.« »Frau« Schumann war die Souffleuse des Grabbe-Theaters. Ein zerknittertes altes Fräulein, das sich kümmerlich durchschlug und den Fleiß so weit trieb, daß sie in den Pausen einer Komödie in ihrem heißen Kasten sitzen blieb und, die Hornbrille tief auf der Nase, feinere Handarbeiten erledigte. Für das Hugochen aber sparte sie sich zuweilen ein Stückchen billige Schokolade. Vielleicht gerade, weil sie seine Mutter in den Tod nicht ausstehen mochte und das Bübchen wenig um diese nahe Verwandtschaft beneidete. »Ich werde sehen«, sagte Siegmund, indes er sich das beträchtlich verschwitzte Hemd überstülpte, »daß ich den Kakao finde. Das Hugochen soll doch seine Schokolade behalten. Es kriegt sowieso nicht mehr viel extra, seit – seit –« Er merkte, daß ihn dieser unvorsichtig begonnene Satz aufs Glatteis lockte. So verschluckte er den Rest. Aber Melusine saß bereits im Bett auf. In Kampfstimmung, man sah es. »Erst weckst du mich rüde aus dem Schlaf, wo du doch weißt, daß meine Natur den erquickenden Schlaf so nötig braucht. Und daß ich damals – zweimal – soviel Blut verloren habe –« »Aber Melusine, erlaube mal –« Siegmund, der seine Strümpfe unter dem Bett suchte, redete bescheiden aus der Tiefe. »Ich erlaube gar nichts!« Melusine schnitt ihm scharf das Wort ab – »Aber was nützt mich das? Erst machst du nebenan in der Kammer einen Heidenradau, als ob ein Dorf brennt – es war noch nicht fünf Uhr –« »Das Hugochen rief immer von nebenan – ganz bescheiden: »Mutti, ich muß aufs Töpfchen!« »Das Kind muß sich gewöhnen, seine Zeiten einzuhalten. Glaubst du, daß die alten Spartaner jede Nacht aufgestanden sind, wenn so ein kleiner Leonidas oder Pausanias aufs Töpfchen wollte? Aber wenn du denn schon so unspartanisch und so inkonsequent bist und allemal aufstehst und ihm wirklich das Gefäß reichst, so brauchst du doch das nicht mit einem Aplomb zu tun, als ob du eine Hotelküche aufräumst! ... Dann wäscht du dich hier – übrigens wieder eine Stunde zu zeitig – umständlich und wie ein Eisbär, der erst das Polareis mit den Tatzen durchhauen muß, um seine Flöhe schwimmen zu lassen. Und jetzt kommst du mir immer wieder mit der niederträchtigen Anspielung, daß es das Hugochen besser gehabt hätte ›damals‹, als noch deine famose Tochter Klara – das herzige Klärchen, das, trotz seines seelenvollen Augenaufschlages, im Leben keinen Egmont findet und einen Brackenburg auch nicht – –« »Ich habe, liebe Melusine –« Siegmund, der zwar in seiner Schwäche nicht hatte verhindern können, daß Melusine die gekränkte Tochter aus dem Haus trieb, ließ nichts auf Klara kommen. Es war der einzige Fall, in dem ein Restchen von Energie in seiner zermürbten, geknechteten Seele revoltierend aufzuckte – »ich habe Klara nicht in die Debatte geworfen!« »Nein, das hast du allerdings nicht. Du weißt auch sehr gut, warum! Sie hat sich ungehörig benommen gegen mich – deine Frau und ihre zweite Mutter.« »Das Wort ›Mutter‹ mußt du wirklich in diesem Zusammenhang nicht anwenden, Melusine.« Etwas wie Erbitterung zitterte in Siegmunds Stimme, als er, die Socken in der Hand, auf dem verstaubten Papageienmuster des abgewetzten Bettvorlegers kniend, in einer bisher kaum erlaubten Kühnheit solche falsche Zärtlichkeit abwehrte. »Ich sage es, wie ich gewohnt bin, alles zu sagen, was wahr ist. Sie war meine Tochter geworden, als ich den sträflichen Wahnsinn beging, ihren Vater zu heiraten. Und weiter sage ich: wer sein Kind liebt, der züchtigt es. Das steht in der Bibel. Die Luther übersetzt hat, nicht du.« »Wieso – nicht ich?« »Du hättest sonst diese Stelle sicherlich unterdrückt. Die wohlgezielte Ohrfeige, die ich dem renitenten Klärchen aus dem Affekt heraus verabreichte – ich gebe es zu – aber wer , bitte, soll Affekt haben, wenn nicht wir Künstler? Wir, die wir tagtäglich, unsere übervolle Seele den Dichtern hingebend, alle menschlichen Leidenschaften im Angesicht des dichtbesetzten Parketts zu mimen und zu ertragen haben ... Apropos: dichtbesetztes Parkett! Es war gestern wieder hundeleer. Und für die drei schäbigen Sätze im letzten Akt meiner Elendsrolle muß ich bis halb elf Uhr dableiben und muß sehen, wie die letzten Mohikaner im Parkett gelangweilt nach der Uhr gucken und ... Da fällt mir ein, Siegmund, du mußt mir heute zwanzig Mark Vorschuß aus der Kasse geben.« Siegmund entfärbte sich, als er diesen Einfall zur Kenntnis nahm. Ein Frost kroch ihm über den Rücken, seine Knie zitterten. Die Forderung Melusinens klang so, als ob er persönlich das nur so aus seiner Tasche erledigen könnte oder an der Kasse des Grabbe-Theaters nur mit einem Federstrich anzuweisen brauchte. In Wirklichkeit aber stand es so damit: in seiner Tasche blieben nur die paar lumpigen Groschen, die ihm Melusine an jedem Ersten und Fünfzehnten für die Elektrische und ein paar billige Zigarren ließ. Sie führte – das hatte sie sich ausbedungen – die häusliche Kasse, da er sich – obschon er im Grabbe-Theater »Kassierer« war seit neun Jahren und elf Monaten – nach ihrer Ansicht nicht dazu eignete. Die »Führung der Kasse« bestand allerdings auch bei ihr nur darin, daß sie ab und zu ein paar Zahlen mit unleserlichen Erklärungen davor mit Bleistift in ein blaugedeckeltes Groschenheft schrieb, das sie einen Tag darauf verlegt hatte und nie mehr fand. »Wo soll ich denn die zwanzig Mark wieder hernehmen?« Siegmund formulierte die ängstliche Frage, obschon er die üble Antwort schon kannte und fürchtete. Sie kam auch prompt, genau wie er sie erwartet hatte. »Mach' dich doch nicht lächerlich, Siegmund! Du buchst wie immer ein paar Eintrittskarten à vier und fünf, zusammen für zwanzig bis fünfundzwanzig Mark – fünfundzwanzig sind mir noch lieber – als angeforderte Freiplätze für Zeitungen. Vielleicht wählst du die Karten dafür, die an den Portier ins ›Adlon‹ gehen. Der arbeitet gut und verkauft fast immer.« »Ich kann es nicht mehr!« seufzte Siegmund, sich mit beiden Händen an den erhitzten Kopf fassend. »Der Direktor hat erst neulich mißtrauisch gefragt: ›Wie kommt's eigentlich, Kern, daß diese miserablen Zeitungsschreiber immer wieder in ein Stück gehen, das sie doch selber in Grund und Boden gerissen haben?!‹« »Darüber laß du den Böck sich sein jüdisches Köpfchen zerbrechen! Der macht sich doch vor Angst in die Hosen, wenn er bloß ›Journalist‹ hört! Der wagt doch der Presse nichts abzuschlagen. Und wenn einer von den Schmöcken, um besser sehen zu können bei der Premiere, den Wunsch äußerte, auf einem Trapez unter dem Kronleuchter zu sitzen, so ließ der Böck eben für viel Geld ein richtiges Trapez dahin hängen.« »Aber, Melusine, ich leide schrecklich unter dieser – dieser –« »Na, was? ›Gaunerei‹ oder wie sonst, mein Lieber? Wir wissen es nun doch wirklich: beim Theater ist gar nichts wahr. Ist alles nicht wahr. Nicht die Bäume und die Häuser in den Kulissen, nicht die Steine in der ›hohlen Gasse‹, nicht der Thronsessel von Heinrich IV., nicht der Schmuck vom Gretchen, nicht dem Falstaff sein Bauch, nicht die Krone der Königin von Saba. Nicht das Heldentum, die Prominenz und das Talent. Warum soll zum Teufel die Buchführung allein ganz echt sein?!« »Ja, aber –« »Ja, aber – laß doch die Burschen kommen! Das kalkulieren doch die Herren Direktoren schon ein bißchen mit ein, glaub' mir's, lieber Siegmund. Weißt du, was der Direktor von der kleinen artistischen Luxusbude, dem ›Chrysopras-Theater‹, neulich zu seiner Kassiererin gesagt hat? Ich hab's von ihr selbst. Immer wenn die pfiffige Person einen großen Schmu gemacht hat, verbreitet sie das Gerücht, sie hat ›eine Kleinigkeit geerbt‹. Damit die neuen Kleider nicht auffallen. Da klopft ihr der Direktor eines Tages wohlwollend auf die Schulter und sagt: ›Frau Bergschütz, Sie sind eine fabelhafte Kassiererin! Aber wenn Sie noch einmal was erben – entlass' ich Sie ...« »Aber der Bock, wenn der dahinterkommt – der entlaßt mich nicht nur, weil ich ›geerbt‹ habe – daß ich nicht lache: ich und ›erben‹! – der zeigt mich auch noch an ... Ogott, ogott!« »Was wimmerst du so albern? So weit sind wir noch nicht!« »Ich wimmere bloß, weil mir wieder der durchgescheuerte Schnürsenkel vom Stiefel gerissen ist. Hast du vielleicht noch Schnürsenkel?« »Meinst du, ich liege mit Schnürsenkel für Herren im Bett?! Ziehe doch die Halbstiefel an!« »Es regnet gräßlich; und an den Halbschuhen – zu weit sind sie mir auch – da sind in beiden die Sohlen durch.« »Sohlen – ist auch ein Platz! Da sieht doch keiner hin. Aber auf deine verrückte Angst zurückzukommen. Du vergißt, daß du noch die große Karte in der Hinterhand hast im Spiel mit dem Ganeff Böck!« »Ich? Eine große Karte?« Siegmund, der überhaupt nicht Karten spielte, war über diesen angesagten ungewohnten Glücksfall so perplex, daß er, den Kummer über den Schnürsenkel vergessend, sich erstaunt aufrichtete. Wovon er allerdings auch nicht viel größer und bedeutender wurde. »Du weißt doch, der Bock hat sie geprüft und hat ihr gesagt, hat ihr sogar, als sie nicht wiederkam, in einem Briefchen geschrieben: sie hat Talent!« »Also – Melusine!« Siegmund wollte auffahren. Melusine kniff hochmütig die Augen halb zu, und als ob sie einem kleinen Pinscher eine Unart verweise, zischte sie: »Pscht! ganz stille! Wir wissen doch Bescheid, und sie hat kein Talent! Das heißt: ich weiß. Das ist aber in dem Fall das Entscheidende. Denn ich verstehe was vom Theater – und du verkaufst bloß Karten. Aber egal – Talent oder nicht. Wenn du willst – und sie will, wenn du willst – stellt sie der Bock in irgendeinem auf Pointen gearbeiteten Schmonzesröllchen heraus, wo sie ein bißchen lachen und ihre hübschen Beine zeigen kann –« »Also, Melusine, das ist – das ist –« Auch wenn Melusine die Geduld gehabt hätte, längere Zeit zu warten auf das Ende dieses Satzes, sie hätte kaum erfahren, was das nach Siegmunds Ansicht eigentlich war. Er suchte nach einem passenden Ausdruck, der seine ganze Empörung und Verachtung ausdrücken und ihr doch nicht allzu weh tun sollte. Solche Ausdrücke aber sind in der deutschen Sprache selten, und auch gewandtere Beherrscher ihrer Schwierigkeiten hätten Melusine nicht leicht in dem gewünschten Sinne bedient. »Hab' dich nicht so, Siegmund! Ich habe die köstliche Klara doch nicht zum Theater bringen wollen. Das war doch ihr Wunsch, den sie ganz heimlich betrieben hat – aus meinen alten Rollenbüchern hat sie gelernt, wenn ich auf der Bühne war und gedacht habe, sie kümmert sich zu Hause um den Haushalt – und als sie dann damit herausrückte, hat's an deiner schwächlichen Erlaubnis natürlich nicht gefehlt. Und – wenn du mir immer mit der anderen – du weißt schon – zu kommen wagst – ich habe dir doch nicht gesagt, daß du zwei Logenkarten anschreiben solltest – Freikarten für ich weiß nicht was für ein Käseblatt – und zwei Orchesterfauteuils als Freikarten für einen Korrespondenten ›von auswärts‹ – das war doch die andere – die Heilige, die mir immer mit der Weihrauchpfanne unter der Nase herumgerückt wird. Die war's doch –« Siegmund erwürgte sich fast mit dem Selbstbinder vor dem Spiegel. Das war die einzige Art, wie seine zitternden Hände – die seinen Hals mit dem einer anderen zu verwechseln schienen – ihre Wut auslassen konnten. »Also Melusine«, keuchte er endlich los, während er die armselige unechte Perle in die Halbseide der schon etwas fettigen Krawatte stach – »also Melusine, ich habe dir tausendmal gesagt, sie hat doch gar nichts davon gewußt, die andere! Sie lag – die Beine hochgebunden – mit ihrer Trombose im dritten Monat im Bett. ›Gar nicht bewegen darf sie sich‹, sagte der Arzt. ›Ein Transport ins Krankenhaus ist gefährlich. Eine Schwester, die zart und sicher zufaßt, ist nötig‹ ... Schwester – ja woher? Das kostet Geld, Essen – und ich war blank, blank, blank. Hatte schon mit Bocks Zustimmung – und was hat das gekostet an Demütigung! – schon fünfundzwanzig Mark Vorschuß ... Da hab' ich in meiner Verzweiflung – damals zum erstenmal – – und ich habe mir gedacht, nie mehr! Drei Tage später war sie doch tot, die Ärmste. Und damit ich den Sarg und ein paar Blumen besorgen konnte – da hab' ich noch einmal ... ›für auswärtige Zeitungen‹ hab' ich angeschrieben. Ach, es ist ja auch ganz egal – und dann, ich hatte ja immer vor, das bald wieder gutzumachen, wieder hineinzulegen in die Kasse. Dann aber – erinnere dich! – du lagst mir immer in den Ohren. ›Ach, Herr Kassierer‹ sagtest du und lächeltest in das Schiebefenster.« »Herr Rendant!« korrigierte Melusine ohne Gemütsbewegung. »Ja, Herr ›Rendant‹ sagtest du, ich weiß. Und ich war's doch gar nicht. Bloß Kassierer. Aber das tat mir wohl; und das wußtest du, wenn du sagtest ›Rendant‹. Gerade damals, als man von dir sprach und als du einmal eine große Rolle spieltest – wie hieß sie doch – ›die Ehebrecherin‹ in der englischen Komödie – die einzige große Rolle, die dir der Mack verschafft hat –« »Laß' gefälligst den Mack aus dem Spiel, Siegmund! Alles was recht ist. Wie der Mann heißt, der mein Talent entdeckt und bei dem mir nicht wohlgesinnten Direktor durchgesetzt hat, das ist ganz gleichgültig. Steht auch hier gar nicht zur Diskussion. Was zur Diskussion steht und was du ja – hinter all den Winkelzügen und Fisimatenten auch zugibst, das ist, daß es deine erste Frau war, nicht ich ...« »Nein, nicht sie, nicht sie !« Siegmund hob die Arme und schüttelte beschwörend die gespreizten Hände, » ich hab's getan – für sie hab' ich's getan, das ist etwas ganz anderes!« »Na, schön; und heute tust du's eben für mich . Und was den Bock und seine Hintermänner anbetrifft –« »Den Mack und den –« »Ich habe dir eben erst die Albernheit verwiesen, Siegmund, Namen zu nennen. Und auch den Ton deiner Stimme verbitte ich mir! Und weiter sage ich dir, dieser Bock ist einer, der schon alle Eventualitäten selbst erwägt. Und wenn er erst mal die Sache merkt – er muß sich doch selber sagen: er hat auf der anderen Seite seine Vorteile. Er hat eine so verwendbare Kraft, wie mich, für billiges Geld. Ich steigere ihn nicht, ich verlange keine höhere Gage –« »Du würdest auch schön hinausfliegen, wenn du es tätest!« Dieses Wort war eines der kühnsten, das Siegmund in seiner Ehe mit Melusine jemals gebraucht. Er bereute es auch sofort, denn er wußte, daß nun Tage der Qual für ihn und wahrscheinlich auch für das Hugochen folgen würden. Er sah seine düstere Ahnung durchaus bestätigt in der Art, wie Melusine diese unvorsichtigen Worte, die ihrer künstlerischen Ehre zu nahe traten, quittierte. Ihre Stimme war ganz ruhig und kühl – und das war das schlimmste aller denkbaren Zeichen – als sie sagte: »Mein lieber Siegmund, unser großer Goethe hat mal – als ihn ein obskurer Kritiker, sagen wir: von unten ankläffte – in seiner olympischen Art geäußert: »Hätte er mich beurteilen können, wäre ich nicht, was ich bin!« Mit diesem Goethewort und dem Triumphgefühl, es dem geknickten Siegmund gehörig gegeben und ihm nach olympischem Vorbild schreckliche Dinge nachgesagt zu haben, legte sich Melusine, die vor Jahren viel Blut und heute ein wenig Schlaf verloren hatte, auf die Seite. Schweigend überließ sie dem in sein, in allen Nähten spiegelndes Jackett schlüpfenden Siegmund den Anblick ihrer plastisch bemerkenswerten Kehrseite, die von der roten Wolldecke eher betont als gemildert wurde. Und die Überzeugung, daß er in dieser unliebsamen Morgenunterredung durch eine voreilige Wendung mal wieder den Kürzeren gezogen hatte. Leise, auf den Zehenspitzen, betrübt über das Knarren seiner Stiefel, das ihm vielleicht wieder als beabsichtigte Böswilligkeit ausgelegt wurde, schlich Siegmund zunächst in das Kämmerchen nebenan. Das Hugochen, das da in dem billigen Gitterbettchen lag, hatte sonst nicht viel von seiner Mutter Eigenschaften, wohl aber ihren Schlaf geerbt. Aber die Reinheit seiner kindlichen Züge bewies, daß dem Bübchen alle unedlen Gedanken, zuzüglich des solche leicht erzeugenden künstlerischen Ehrgeizes, fern lagen. In seinem festgeschlossenen Händchen hielt er den lustigen kleinen Wollesel, der ein letztes Geschenk der scheidenden Klara gewesen war. Siegmund strich dem Bübchen über die hübschen, in der Morgensonne glänzenden goldenen Haare und zog ihm das etwas tief gerutschte Leinentuch wieder bis zur Schulter hinauf. Dann öffnete er für eine Minute das kleine Fenster, um etwas Morgenluft hereinzulassen, schüttete das in der Nacht benutzte Töpfchen über dem Eimer aus und stellte das gereinigte Gefäß leise für etwaige Bedürfnisse wieder an seinen Platz. Legte einen kleinen klebrigen Malzbonbon, den er noch in seiner Tasche gefunden und aus dem Stanniol gewickelt hatte, auf das Kopfkissen, dicht an das zu friedlichem Atem geöffnete Mäulchen; dann schlich er auf den Zehenspitzen zur Küche, den Kaffee für sich und das Hugochen und den Kakao, den er bei Äpfeln und Zwiebeln in der Siiefelkammer gefunden, für Melusine zu bereiten. Betrübt dachte er, während er die zwischen die Beine geklemmte Kaffeemühle bediente, das Gas ansteckte, die Milch aufsetzte und den Kakao anrührte, daß nun wieder diese unsympathische Unterredung mit seiner schrecklich erwachten Gattin ihm die Zeit geraubt halte, rasch noch auf dem Postamt nachzufragen. Dort lag sicher ein postlagernder Brief für ihn unter der Chiffre »S. K. 100«. Ein Brief von Klara, den er unter der Chiffre »K. K. 100« dann heimlich an das Postamt in der Marburger Straße beantwortete. Drei solcher Briefe hatte er schon geholt, gelesen, vernichtet und beantwortet. In allen dreien schrieb das Mädel lieb und zärtlich und besorgt. Von Melusine kein Wort, aber viel vom Hugochen. In keinem beantwortete sie aber seine Frage, wo sie denn eigentlich Unterkunft gefunden, was sie treibe oder beabsichtige. Jetzt nach dieser widerlichen Aussprache mit der bereits wieder im Schlaf röchelnden Melusine war es Siegmund fast lieb, daß er direkt ins Büro fahren mußte und ihm keine Zeit mehr blieb, den Umweg über das Postamt zu machen. Denn mit einem Brief Klaras in der Tasche hätte er vielleicht den Mut nicht gefunden, die Freikarten zu buchen. O Gott, wenn er doch nie auf den gräßlichen Gedanken gekommen wäre, der nun die Kette um seine gequälte Seele legte! Jene böse Kette, deren Schlüssel und Ende Melusine in ihren gepuderten dicken Händen hielt. Aber da war's ihm, als ob er, über die Tasse mit schwarzem ungezuckerten Malzkaffee hinwegschauend, in der Luft vor sich, in der goldenen Morgenfrühe draußen vor dem Fenster, ein ganz zartes Frauenköpfchen gewahrte, das freischwebend, zu ihm hereinschaute. Ein leidensblasses Frauenköpfchen, das er Wochen und Wochen nur noch reglos ruhend von Kissen umrahmt gesehen hatte, wenn er ängstlich und müde heimkehrte vom Dienst, Und in dieses Köpfchen kam jetzt Blut und Farbe, und es lächelte, als wollte es sagen: »Die Schwester Martha, die du mir so lieb besorgt hast, hatte so gute, so verständige, hilfreiche Hände. Ich bin so sanft gestorben mit Dank für sie und mit Liebe für dich und unser Mädel.« Da trank Siegmund seinen schwarzen Malzkaffee Schlückchen für Schlückchen aus und dachte: Und wenn ich tausendmal unrecht getan habe, ich kann nicht bereuen, ich kann nicht! Dann nahm er seinen Lodenmantel vom Haken und seinen alten Hut und sagte leise, zur Treppe sich wendend, vor sich hin: »Damals nicht, Siegmund – aber heute – aber heute ...? Und das alles – wofür!« * Der Kommissionsrat Brambach hatte in dem Klubsessel Platz genommen, den Direktor Bock nur seinen besonders zu ehrenden Besuchern anzubieten pflegte. »Zigarre gefällig –?« Der Direktor präsentierte zwei Kistchen. »Die mit Leibbinde mehr für Snobs – die ohne Binde mehr für Kenner.« »Ich bin keins von beiden, lieber Direktor.« Der kurzbeinige kleine Kommissionsrat steckte die Füße mit den maisgelben Gamaschen über den Lackstiefeln so weit von sich, als es die Natur erlaubte, und schlug mit den breiten Händen, die an Maulwurfsfüße erinnerten, auf der Lederlehne den Takt zu seinen Worten. »Ich rauche überhaupt nicht!« »Abscheu oder Arztverbot?« Der Direktor Böck war an den kleinen Likörschrank gegangen, der in der Bibliothek eingebaut war, und holte die vierkantige Flasche Danziger Goldwasser heraus, stellte zwei Gläschen auf den Tisch und goß ein. »Weder Abscheu noch Arztverbot. Wir alle –« der Kommissionsrat nahm das sauber ausrasierte Kinn tief in den weitausgeschnittenen Kragen zurück und sah von unten herauf zu dem den Schnaps eingießenden Direktor des »Grabbe-Theaters«. Diese Kopfhaltung und diesen Blick liebte er, wenn er Bedeutsames zu äußern wünschte. »Ich wollte nur sagen – ich habe klein angefangen. Erst angestellt, dann beteiligt an einem Wanderzirkus – lieber Gott, vier magere Pferde – besser dreieinhalb – denn das eine war ein Shetland-Pony, das dem Clown gehörte. Zwei Damen, drei Herren und zwei Halbwüchsige. Dann habe ich – nach dem Tod des in Whisky-Soda ertrunkenen Partners – ein bißchen die Witwe geheiratet – war mal eine feine Nummer am Trapez, bis sie Wasser ins linke Knie bekam – Ja, das liegt nun so alles in Deutschland herum verteilt, der Sozius am Bodensee begraben bei Lindau – also, später seine Frau, zwischen Danzig und Langfuhr, wo die unzähligen Marmorengel die Finger nach oben strecken – der Clown siebenundsechzigjährig in den Sielen gestorben – Schlaganfall in der Manege – wir haben das geschminkte Blau von der Nase und das Rot von den Backen gar nicht mehr wegbekommen; und so ist er in Dausenau an der Lahn mit der Schminke eingebuddelt worden – Na ja, man hat sich dann so sachteken heraufgearbeitet – ein bißchen Glück war auch dabei. Aber was ich sagen wollte, in einem Wanderzirkus – alles gespannte Leinwand, flatternde Lumpen, gehäufte Garderobe, nirgends recht Platz – da darf nicht geraucht werden. Polizeiliches Verbot – und eins, das man hält, denn es ist ja schließlich der eigene Kram, der einem verbrennt, wenn's losgeht ... Und jetzt, wo man arriviert ist – also, lieber Direktor, das wollte ich Ihnen sagen, vorgestern waren rund dreitausend Menschen im »Box-Palast« – übrigens trauriger Sport. Der Neger hat versagt, der Engländer ist nicht aus sich herausgegangen, den Spanier haben die Preisrichter disqualifiziert. Sie können sich denken, das Publikum schrecklich verärgert. Aber was wollen Sie, dreitausend Menschen, die sich ärgern, haben auch bezahlt.« Der Direktor Bock, der mit dem angeblichen Lustspiel eines jungen Wiener Autors, auf das sein bereits gekündigter Dramaturg große Hoffnungen gesetzt hatte, schon in der fünften Vorstellung nur dreißig bezahlte Plätze, keine dreitausend zahlenden Mißvergnügte versammelt hatte, hörte etwas nervös diese Neuigkeiten aus dem Wanderleben und Aufstieg des Kollegen vom »Box-Palast« mit an, der von einem süddeutschen Fürsten – allerdings durch vordatiertes Dekret – gerade noch zu Beginn der Revolution zum Kommissionsrat ernannt worden war. Bock warf einen heimlichen raschen Blick nach der Uhr an der Wand. Die Probe der neuen Komödie drüben auf der Bühne mußte bereits begonnen haben. Jeden anderen hätte Berthold Bock längst mehr oder minder unhöflich hinauskomplimentiert, um auf die Bühne zu eilen und dem verantwortlichen Regisseur alles umzuschmeißen, was er bisher sich ausgedacht und angeordnet hatte. Aber der Kommissionsrat Brambach – das war etwas anderes. Der war nicht nur ein übler und gerissener Konkurrent in seinem dem Grabbe-Theater benachbarten Box-Palast – nein, er war auch der Freund der Minka Mahuda, die – angeblich eine Kreolin – in fabelhaften Toiletten, noch lieber fast ohne solche, mit unerhörtem Schmuck durch ihre Kunst und ihr Talent, ein wenig auch durch das Renommee, daß sie Morphinistin und Kokainschnupferin sei, das Publikum des Berliner Westens anzog. Einer ihrer bedeutendsten Vorzüge in den Augen des Direktor Bock aber war, daß die Künstlerin für lächerlich geringe Gage spielte. Ein Umstand, der durch ihr Verhältnis mit dem Direktor des glänzend gehenden Box-Palastes und seinen Wunsch, sie in der Nähe zu behalten, erklärt wurde. Außerdem aber hatte der Kommissionsrat Brambach im vorigen Herbst fünfundsiebzig Mille zu bescheidenem Zinsfuß in das damals beträchtlich wankende Grabbe-Theater gesteckt und so gewissermaßen die Direktion Böck, auf deren Ende schon liebe Kollegen in Berlin und in der Provinz wie die Wölfe lauerten, noch einmal gerettet. Gründe genug, diesen mächtigen Mann jetzt nicht – was Böck sonst sehr gelockt hätte – an den fetten Armen aus dem Klubsessel zu zerren und mit einem Tritt vor die Tür, an der ein Schild angeheftet war: »Direktor. Kein Eintritt!« auf den immer schlecht erleuchteten Korridor zu werfen. »Sie wollten mir sicher etwas ganz Besonderes mitteilen, mein lieber Herr Rat«, sagte Böck scheinbar aufs höchste interessiert, als Brambach nach seiner Mitteilung über den erstaunlichen Besuch seines Box-Palastes schwieg und die Perlmuttknöpfe an seinen vorgestreckten maisgelben Gamaschen zu zählen schien. »Allerdings. Ich komme gewissermaßen im Auftrag von Fräulein Minka Mahuda.« Der Kommissionsrat stockte und schob und ordnete mit den dicken Fingern seiner Rechten an den Brillantringen herum, die den kleinen Finger seiner Linken in einen strahlenden Panzer zu legen schienen. »Ach, meine liebe Mahuda!« – Böcks Rede und Miene war ganz in Öl getaucht – »Tja, hätte der kleine Eigensinn nicht auf den Urlaub von vierzehn Tagen bestanden – so wären wir jetzt nicht ...« »Sie war erschöpft mit den Nerven, lieber Direktor. Sie mußte, die Ärzte haben's ihr dringend geraten, unbedingt einmal ausspannen!« »Aber natürlich, natürlich. Wurde ihr ja auch prompt und gern gewährt, nicht wahr? Wo war unsere liebe Mahuda eigentlich zu ihrer Erholung?« »Na, zunächst ein paar Tage in Paris – und dann ein bißchen in Monte Carlo.« »Hm. Vielleicht nicht ganz das Ratsamste für erschöpfte Nerven.« »Lieber Gott, Sie kennen die Kleine ja. Was andere beruhigt, das regt sie auf; und was andere aufregt, das beruhigt sie. Böck dachte bei sich im Anblick des vor ihm sitzenden Kommissionsrats, daß dieses Urteil vielleicht zutreffe. Denn angenommen, daß die Mahuda sich nicht nur von diesem wenig anziehenden Herrn aushalten ließ, sondern ihn auch liebte, so mußte sie sich allerdings aufregen lassen von dem, was andere beruhigte. »Sie ist hoffentlich recht fröhlich wiedergekommen, unsere Diva?« »Ja, so eigentlich fröhlich nicht. Sie hat so allerlei kuriose Einkäufe getätigt. Eine mit Brillanten besetzte Morphiumspritze in Nizza und so Sachen. Einen Koffer mit Toiletten hat sie übrigens auf der Hinreise verloren – angeblich war die Jungfer schuld – aber das bin ich ja schon gewöhnt. Wenn man so bald anderthalb Jahre mit ihr ... Gottlob waren nur Sachen drin, sagte sie, die doch nicht recht mehr modern waren.« »Das trifft sich gut!« Böck hatte eine hübsche Art, das ironische Lächeln des Mundes mit ernsthaften Augen Lügen zu strafen. »Wie man's nimmt ... Sagen Sie, Direktor, Sie waren gestern nicht in Ihrem Theater?« »Nein, ich hatte eine Sitzung im Bühnenverein.« »Aha – deshalb. Und heute haben Sie wohl noch niemanden von Ihren Leuten gesprochen?« »Nein, warum? ... Wir sind doch zusammengekommen.« »Richtig, ja ... Minka war gestern während der Vorstellung im Theater.« »Hat sie sich die Komödie angesehen? Leider ein böser Versager. Wir stopfen bereits mit Vereinen. Dabei hat die Sache in Wien gar nicht übel gefallen. Beim Theater ist eben auf nichts Verlaß. Am wenigsten auf Erfolge anderswo. In dem neuen Stück – die Probe läuft gerade – wir müssen es möglichst bald herausbringen – in dem neuen Stück spielt natürlich die Mahuda die Hauptrolle – eine rätselhafte indische Fürstin – wird ihr glänzend liegen – zwei Akte Pariser Modelle – einer: indisches Milieu – gutgebaute Sache. Wie in Sudermanns ›Heimat‹ – wir müssen so was ja heute offiziell als ›Edel-Kitsch‹ bezeichnen, aber wir vom Bau wissen: wie ist die Sache gemacht! – kommt die Heldin selbst erst, natürlich glänzend vorbereitet, im zweiten Akt. Den und den dritten Akt beherrscht sie dann ganz. Fingerspitzengefühl für Wirkung. Wir proben heute bloß den ersten Akt – morgen beginnen wir mit dem zweiten. Bis dahin wird sich unsere liebe Mahuda von den gewiß nicht unbedeutenden Strapazen der Erholungsreise erholt haben. Ich will –« Böck zog einen Block heraus und notierte mit einem riesigen Bismarckbleistift in Flatterschrift einiges Unleserliche. »Ich will gleich morgen eine geschickte Notiz in die Blätter lancieren, daß sie heimgekehrt ist – herrlich wie am ersten Tag.« »Hm – eine Notiz wird allerdings nötig sein.« »Nötig?« Böck legte den Bismarckbleistift zur Seite – »nötig nicht, aber nützlich. Jede Reklame muß Prominenten und Direktoren, wenn es keine Idioten sind, willkommen sein.« »Schon, schon.« Der Kommissionsrat trank sein Goldwasser aus und goß sich sichtlich zerstreut wieder ein. »Ich denke. Sie drehen die Notiz – ›herrlich wie am ersten Tag‹ ist übrigens gut gesagt.« »Nicht von mir – von Goethe«, lehnte Böck bescheiden ab. »Trotzdem. Ja, was wollte ich sagen, um so besser, ja. Goethe ist immer gut. Ich hatte mal – beim Wanderzirkus noch – einen Parforcereiter – er trat dann unter anderem auch mit zwei dressierten Seehunden auf – also der konnte Ihnen den halben Goethe auswendig – Braut von Korinth und so'ne Sachen ... Um auf die Notiz zurückzukommen. Das muß mit Vorsicht gedeichselt werden. Sie ist noch zu aufgeregt, die gute Minka – denn schließlich: keine Frau läßt sich gern in ihren Sachen herumkramen, Hab' ich recht? Und Sie wissen, mit Ihrer Erlaubnis hat sie sich doch in ihrer Garderobe so eine Art kleinen Tresor in die Wand einbauen lassen. Hinter dem Spiegel, wo sie ihren Schmuck, nicht wahr, vielleicht auch ein paar Briefe und so was ... Sie will nicht immer alles mit nach Hause nehmen. Das ist ja auch lästig – und spät abends, man ist müd – und in den Autos verkrümelt sich auch mal was – mein eigenes ist schon wieder in der Reparatur. Ich will mir jetzt übrigens eine deutsche Marke kaufen, und schließlich, die große Mode ist ja jetzt ›national‹. Politik ist nicht meine Sache, aber – die Fensterscheibe will man auch nicht eingeworfen haben. Ich hatte bis jetzt an meinem amerikanischen Wagen immer zur Vorsicht einen argentinischen Wimpel – meine Frau war Argentinierin. Aber ich überlege –« Bock wurde nervös. Nun fuhr dieser konfuse Kommissionsrat schon wieder im neuen deutschen Wagen mit nationaler Flagge, statt bei der Stange zu bleiben und – »Sie wollten irgendetwas erzählen«, platzte Bock in Ungeduld heraus, »was mit dem Besuch unserer Diva gestern in meinem Theater oder in ihrer Garderobe zusammenhing?!« »Richtig, ja – also Sie wissen, da war doch vor längerer Zeit die famose Versteigerung von allerlei östlicher Kunst und solchem Zeug, aus russischen Schlössern bei Leppke. Die Sowjetherrschaften entledigten sich dieser für ihren Proletarierstaat nicht recht verwendbaren »Erbschaften« des Kaiserreichs. Vermutlich hoffen sie, die Sächelchen beim Vordringen ihrer beglückenden Lehre in den Nachbarländern mal wieder zu ›erben‹, um sie nochmal versteigern zu können. Da war auch ein Halsschmuck darunter – angeblich ein Geburtstagsgeschenk – ja, von wem – vom Schah von Persien oder vom König von Spanien oder vom Papst, was weiß ich, an die Zarin. Ein wundervolles Kreuz von Smaragden an einer Perlenkette, die immer wieder von kleinen Smaragden unterbrochen war.« »Ich bin im Bilde, wir haben es an unserer Diva bewundert, als sie in der ›Dame von Milwaukee‹ die verrückte amerikanische Milliardärin spielte – übrigens glänzend spielte.« »Ja, besonders die Verrücktheit. Nun hat sie den Schmuck nicht viel herumschleppen wollen – hat wohl auch gedacht, es kommt bald wieder eine Rolle, wo sie ihn funkeln lassen kann. Auf Reisen, im Coupé und im Hotel trägt man solche Dinge schließlich nicht und –« der Kommissionsrat trank ohne Erregung, ein wenig schmatzend, sein drittes Goldwasser aus. »Danzig muß deutsch bleiben«, sagte er mit schöner Überzeugung, als er das Gläschen hinsetzte. »Das muß es«, bestätigte Bock. Aber seine Gedanken drängten. Schlimmes ahnend, zum Schluß der Erzählung, die der Kommissionsrat immer wieder durch den Genuß von Danziger Goldwasser unterbrach. »Und – was ist nun mit dem Schmuck?« »Nicht eben viel. Weg ist er!« Bock, der ehemals selbst als Schauspieler ganz brav kleine Chargen gespielt hatte, zeigte in diesem Augenblick, gänzlich unbeherrscht und ohne jede Maske, ein so blödes Gesicht, wie man es ihm, dem als gerissen verschrienen Direktor einer großen Berliner Bühne, der dem Reinhardt die Mahuda vor der Nase weggeschnappt und den Barnowsky im Rennen um einen neuen Shaw geschlagen hatte, nimmer zugetraut hätte. Nach einer ganzen Weile erst kehrte die Intelligenz in sein Antlitz und das Wort auf seine Zunge zurück. »Was denn, den herrlichen Schmuck der Zarin hat die Mahuda –?« »Jawohl – hat sie in dem Schränkchen – Kunstschloß, Garantie der Firma angeboten, natürlich Unterschrift verbummelt damals, also erledigt – hat sie in dem Schränkchen gelassen, als sie abreiste. Gestern will sie da was herausholen – ich glaube einen Brief, um ihn endlich zu beantworten – sie beantwortet Briefe, selbst die eiligsten, nie, ehe das Zeug veraltet ist und gen Himmel stinkt. Da sieht sie – – na ja, genau genommen, sieht sie nichts. Denn es war nichts, aber auch gar nichts mehr in dem Eisenkästchen – das übrigens spielend auf und zu ging. Wie geölt. Was es vielleicht auch war. Aber ja doch. Wie zum Hohn – ein bißchen Zigarettenasche, meint sie, lag darin. Der Kerl muß ganz gemütlich geraucht haben, während er ohne Eile ausgeräumt hat. Und einen Rest von guten Manieren scheint er auch zu haben. Er hat die Asche nicht auf den Teppich geworfen.« »Mein Gott, hat sie denn nicht sofort –« »Was denn ...? Es war doch schon gegen zehn Uhr. Sie waren nicht zu finden, und an wen soll sie sich wenden? Was soll sie den blöden Feuerwehrmann in der Kulisse verrückt machen oder den abgekämpften Laban, den Regisseur, oder den Kern, den Trottel von Kassierer, der übrigens längst nach Hause gegangen war – oder die alte Schumann, die Brillenschlange, in dem Schwitzkasten!« Böck richtete sich kerzengerade in seiner ganzen Figur, auf die er so stolz war wie auf seine Regie und seine Hosenbrüche, vor dem Kommissionsrat auf. Der saß immer noch unberührt und ruhig und nicht ohne Behagen in seinem Sessel. Die glatten Strähnen der amerikanischen Frisur mit streichelnder Hand verfolgend, sagte Böck: »Herr Kollege, ich bewundere Sie, so etwas von Ruhe im Angesicht solcher Verluste –« »Was heißt ›angesichts‹ – was heißt ›Verluste‹? Gesehen hab' ich's nicht. Sie und die Minka haben den Schreck allein gehabt. Und Verluste? Die Briefe, die weg sind, gehen mich nichts an. Sie sind auch nicht an mich; und was drinsteht, hätte mich vielleicht gar nicht gefreut. Und schließlich der Schmuck –« »Schließlich – ist gut!« »Der Schmuck – nun der war doch nicht echt!« Zum zweitenmal bot Böck das seltene Bild tiefster Verblüffung. »Was denn? Die Zarin von Rußland soll unechten Schmuck getragen haben?!« »I wo, wer spricht denn von der Zarin? Der Schmuck ist schon ganz echt. Aber der echte Schmuck liegt, wie er aus Rußland gekommen ist, in meinem Safe in der Deutschen Bank. Ich werde doch die Minka – schusselig wie sie ist – und Morphium und Kokain sind, weiß der liebe Gott, auch keine Stimulantien für Zuverlässigkeit in Geld- und Wertsachen – werd' ich sie doch nicht den echten Schmuck im Theater tragen lassen! Bis auf die Ringe, die sie nicht mehr vom Finger kriegt, ist alles Imitation. Ich habe von all ihren Schmucksachen – es ist schon ein hübscher Haufen – von meinem Juwelier Nachbildungen machen lassen. Von dem Zarenhalsband die Imitation ist sogar in Pforzheim gemacht. Ganz genau bis ins kleinste Detail haben diese Kerle das geschafft. Also ich wette. Sie unterscheiden das Echte und das Unechte nicht voneinander. Nämlich so ganz billig ist die Imitation auch nicht. Man könnte schon ein paar Waisenknaben ein echtes Konfirmationsgeschenk machen von dem Geld, was es mich gekostet hat. Die gute Minka ist ein teurer Spaß. Aber natürlich der echte Schmuck – da kann man das Sümmchen, was ich nach Pforzheim gezahlt habe, schon ein bißchen multiplizieren, bis der Preis herauskommt.« »Das ist aber äußerst unangenehm!« Böck ging mit kurzen raschen Schritten im Zimmer umher, von der Ecke, aus der die weiße Totenmaske von Josef Kainz aus welken Lorbeerkränzen grüßte, bis zu dem kleinen Tisch, auf dem ein Bild der Eleonore Düse mit Autogramm vor den abgegriffenen Kunstlexika und Bühnenalmanachen im Silberrahmen stand, und wieder zurück. »Ihnen braucht's schließlich nicht unangenehm zu sein. Sie haben doch keine Verantwortung, und die Versicherungsverpflichtung haben Sie auch nicht. Sie haben bloß die schöne Reklame: daß bei Ihnen eine Künstlerin spielt, der ein blödsinnig wertvolles Halsband der Zarin gestohlen werden kann.« »Das nicht echt ist!« »Brauchen wir doch nicht gleich zu sagen.« »Das Üble dabei ist, daß wir nicht wissen, wann es geschehen ist.« »Spielraum vierzehn Tage.« »Vierzehn Tage Vorsprung hat eventuell der Dieb.« »Nun, was wollen Sie – ihm nachlaufen?« »Und daß wir nicht ahnen, wer etwa ... Haben Sie keinen bestimmten Verdacht? Hat die Mahuda irgendeine Vermutung?« »Wie sollte ich! Und die gute Minka?! Das erste war: sie glaubt, ein Narr hat es bloß auf ein ›Andenken‹ an sie abgesehen. Irgendein Verliebter, meint sie. Alles bei der Frau ist erotisch.« »Eine gefühlvolle Lösung! Blöd – entschuldigen Sie!« »Bitte, ich weiß doch, was los ist. Und daß nicht alle Künstler – so schön sie spielen, wenn man es ihnen auf der Probe vormacht – den Verstand mit Löffeln gefressen haben.« »Aber gleich den ganzen Kasten auszuräumen samt dem Schmuck, den er natürlich für echt gehalten hat –« »– und den er in dieser charakteristischen Art nicht los wird.« »War die Garderobe abgeschlossen, als die Mahuda sie betrat?« »Vom Korridor aus, ja. Aber rechts ist doch die allabendlich benutzte Garderobe von der Michaeli, der Neumann und der Cibalka und links die Garderobe der Sabine Simon und der – wie heißt sie doch – und der ›schlotterichten Königin‹ sagt Minka immer von ihr.« »›Schlotterichte Königin‹ ist gut.« Böck lächelte aus seinem Ärger heraus unwillkürlich. Den »Hamlet«, dachte er, könnte man mal wieder – ganz modern – inszenieren. Dann könnte die Melusine Kern-Möller wirklich die ›schlotterichte Königin‹ spielen. Laut aber sagte er: »Kern-Möller – Melusine Kern-Möller.« »Richtig ja – der Mann ist ja wohl Rendant bei Ihnen?« »Sagen wir: Kassierer.« »Nächstens zehn Jahre im Dienst.« »Wissen Sie das auch schon? Er ist schließlich ein bescheidener, anständiger Kerl – aber sie erzählt es überall herum mit dem zehnjährigen Jubiläum. Natürlich um mich zu zwingen, Notiz davon zu nehmen.« »Ja, solche Notizen kosten Geld. Eine hübsche Tochter sollen sie übrigens haben, die Kern-Möllers, sagt die Minka, und wenn die mal was Weibliches gelten läßt...« Bock warf einen kurzen, forschenden Blick hinüber zu dem Freund seiner Diva. Die Harmlosigkeit selbst, saß der Kommissionsrat wie von einem Lederkranz eingefaßt, tief im Klubsessel. Für einen Augenblick stieg vor Bock das Bild des schönen Mädchens auf, das er – einen Monat mochte es her sein – hier auf ihr Talent geprüft hatte. »Die Bühne erschreckt Sie noch und das leere Parkett da unten. Kommen Sie mit mir in mein Privatzimmer!« Dann hatte er sie den Monolog des Gretchens sprechen lassen. »Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt', wer heut' der Herr gewesen ist...« Er hörte es noch in ihrer zitternden Stimme. Er wünschte schon damals, der Herr gewesen zu sein ... Dann die – aus der »Liebelei«, die Abschiedsszene aus dem zweiten Akt. Er gab ihr mit dem Buch in der Hand die Stichworte... Lieb, lieb, lieb! Und so was Sauberes im Ausdruck und in der Empfindung! Aber er hielt sein Urteil zurück. »Haben Sie sich mit der Wedekindschen ›Lulu‹ beschäftigt?« – »Nein.« – »Hat Ihnen Ihre Mutter nicht das Buch gegeben?« Eine kleine Pause. Dann: »Ja, die Frau meines Vaters –« er hörte noch den bescheidenen Ton leiser Korrektur in ihren Worten, »die Frau meines Vaters hat es mir gegeben und hat mir gesagt, Sie, Herr Direktor, wünschten's als dritte Rolle zur Probe.« Sie hatte ihn ruhig und treuherzig dabei angesehen, voll Respekt, aber es lag doch etwas wie eine Bitte in Augen und Rede. Da war er aufgestanden und legte – väterlich-onkelhaft – das war so ein Trick, wenn ein leises Begehren erwachte – den Arm um ihre runde Schulter und zwang sie, in langsamem Schritt mit ihm durch das Zimmer zu gehen. Von der Totenmaske Kainz' bis zur Duse und von der Duse wieder bis zu Kainz. »Mein liebes Kind«, hatte er gesagt, »entweder man ist heute eine Künstlerin – oder man ist's nicht . Entweder man kann alles oder man kann nichts. Die Seiten der Klara Ziegler sind vorbei, wo man nur als ›Jungfrau‹ und als ›Sappho‹ und in solchen guten Sachen gastieren konnte, weil angeblich Figur und Organ und Zuschnitt des Talents darauf hinwies. Heute spielt eine echte Künstlerin das ›Hannele‹ und morgen die ›Penthesilea‹. Wenigstens bei mir. Die Rollen bergen das Experiment, das die große Überraschung bringen soll. Also, liebes Kind, das nächstemal ›Lulu‹, nicht wahr?« – »Herr Direktor«, sie stand vor der Duse und wiegte ganz leicht ihr Köpfchen mit dem schweren schwarzen Haarknoten nach dem Bild hin, » die hat doch auch nicht alles gespielt.« – »Wenn Sie mal die da sind, können Sie sich's auch aussuchen. Bis dahin, wenn's zu einem Kontrakt fürs ›Grabbe-Theater‹ kommt, bestimme ich, was Sie spielen!« Sie hatte etwas beschämt geschwiegen. Nach einer Weile hatte er mit betonter Gleichgültigkeit so hingesprochen: »Gut gewachsen sind sie auch? Die Beine – bitte, den Rock etwas über das Knie!« Sie war rot geworden bis in die Haarwurzeln, als er einen Schritt zurücktretend ihre Waden und Knöchel mit dem Blick eines Pferdehändlers musterte. »Hübsch gewachsen sind Sie, das muß man Ihnen lassen – und alles noch Natur. Wenn ich sie gleich das erstemal richtig herausstelle – darauf allein kommt's schließlich an ...« Eine Zorneswelle stieg in Bock herauf. Er hatte damals die Dummheit begangen – lag's an der Schwüle des Spätsommermorgens oder hatte ihn wirklich die plötzlich, wie ein Raubtier, erwachte Leidenschaft jäh gepackt – er hatte die Dummheit begangen, ein paar sonst mit raffinierter Klugheit eingehaltene Stationen bei seiner Liebeswerbung zu überspringen, um sie mit einem raschen, begehrlichen Griff an sich zu ziehen. Da war sie ganz blaß geworden, hatte ihn mit zitternder Faust vor die Brust gestoßen und irgendein Wort gesagt, das er nicht verstanden hatte. Ein Wort, in dem Schreck, Angst, Enttäuschung und Abwehr lag. Wenn nicht gar Abscheu ... Da hörte er wie aus einer anderen Welt den Kommissionsrat sagen: »Eine Frage, natürlich diskret und unter uns.« »Bitte«, Böck fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und verscheuchte die letzte Spur dieser wunderlichen Erinnerung. »Auf Ihren Kassierer – Kern heißt er ja wohl – können Sie sich doch verlassen?« »Ich glaube wohl. Ich habe in den zehn Jahren –« »Gut, gut, ja. Sie sagten zehn Jahre, und die Frau – auch schon zehn Jahre?« »Nein, bei mir ist sie drei Jahre, glaub' ich. Er hat sie vor zwei Jahren erst geheiratet.« In Böcks Ohr klang die Stimme Klaras wie zur Abwehr: »Die Frau meines Vaters –« »Und sagen Sie, Direktor, wer ist der Herr im Gehpelz, der so ein bißchen wienerisch spricht – sehr elegant, offenbar gut situiert, der ein- oder zweimal in der Garderobe der Kern-Möller war?« »Wann?« »Nun – in der Zeit, als die Minka in Monte Carlo –« »Abends während der Vorstellung?« »Ja. Wenn die Kern-Möller spielte.« »Ich weiß nichts von solchem Herrn. Aber schließlich – obschon es verboten ist – durch Vermittlung der Logenschließer kommen manchmal doch – – wer hat Ihnen übrigens von dem Herrn gesprochen?« »Die Damen Michaeli, Neumann und Cibalka haben mir so beiläufig und unter anderem – Aber Kavaliere im Gehpelz kommen ja nicht in Frage.« »Die Frau meines Vaters« – immer wieder hörte es Bock mit Klaras Stimme. Mit zitternder Stimme, die ihn gepackt, gerührt, ergriffen hatte, als sie ganz schlicht und mädchenhaft und doch schon wie in einer Ahnung kommender Leiden gesprochen hatte: »Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt' – wer heut' der Herr gewesen ist.« »Nun«, sagte Böck »gleich nach der Probe diktiere ich die Notiz für die Presse: das Halsband der Zarin –« »Machen Sie es geschickt, lieber Direktor«, der Kommissionsrat war aufgestanden und legte ihm kordial seinen Arm um die Schulter. »Wir wissen doch, ohne Reklame ist nischt mit unserem Geschäft. Und was dem einen sin Uhl ist, das ist dem anderen sin Nachtigall. In dem Fall –« er lachte breit und ein bißchen gewöhnlich – »in dem Fall bin ich die Uhl und Sie sind die Nachtigall.« »Empfehlen Sie mich der Diva«, nickte Böck zerstreut. »Gern – wenn sie zuhört. Sie hat schon wieder gespritzt heute morgen!« * »Ich glaube«, sagte Veit, indem er sich ohne Eile hinter seinem Diplomatenpult erhob und bedächtig die Schublade verschloß, »ich glaube, ich kann heute, ohne meinen alten Herrn geschäftlich zu schädigen, mal die Bude hier ein Stündchen früher zumachen.« »Ist Fräulein Butte heute gar nicht dagewesen?« Addo, der, Hut und Stock über den Knien, im Paletot auf dem Sofa hinter dem mit bunten Prospekten und Broschüren belegten Tisch saß, sah zu der mit Wachstuch überzogenen Schreibmaschine hinüber, hinter der ein Stuhl mit buntgesticktem Kissen stand. »Fräulein Antonie Butte ist eine der vielen Töchter – hoffentlich nicht die jüngste und hübscheste – der kopfreichen Familie Butte. Mehrere ihrer Schwestern sind vermählt, von diesen haben einige schon Kinder; andere sind, soviel ich weiß, noch Jungfrauen. Alle aber, die jungfräulichen Schwestern, die verheirateten, die Männer dieser Damen und die Kinder haben ihre Geburtstage, wie ich konstatiere, in den Monaten September, Oktober, November. Das scheint Tradition und Vorschrift in der Familie Butte. Und jeden zweiten Tag fragt mich das liebe, aber etwas späte Mädchen – ich hab' sie engagiert, weil sie schon mal in einem Reisebüro, allerdings für das Mittelmeer, tätig war – ob sie nicht ›etwas früher‹ heute Schluß machen könne, weil ihre Schwester Agathe oder Hulda oder ihr Schwager Max oder Heinrich oder ihre Nichte Annemarie oder Rosemarie Geburtstag habe. Am selben Tag erscheint sie – das bereitet mich immer schon diskret auf diesen Wunsch vor – schon vormittags besonders geschmückt, mit bloßen Armen und einem diskreten Ausschnitt, an dem sich an einem vergoldeten Kettchen der Kopf eines römischen Imperators im Steinschnitt über dem Flachland ihres Busens langweilt, und ihr ganzes Wesen strömt bereits Festlichkeit aus. Heute aber ist, wie sie mir erregt mitgeteilt hat, ein besonders hoher Feiertag. Die Großmutter hat Geburtstag. Und da diese alte Dame gewohnheitsmäßig – um vielleicht ihr neunzigstes Jahr zu erreichen, sie wird heute neunundachtzig – nicht spät zu Bett geht, findet die Familienfeier entsprechend früh am Nachmittag statt.« »Sie arbeitet sich hier wohl überhaupt nicht tot, das Fräulein Butte?« »Nein, Addo, das kann man eigentlich nicht sagen. Ich auch nicht. Aus Verzweiflung spielen wir manchmal Halma zusammen – dort hinter dem Wandschrank. Es könnte ja schließlich doch mal jemand ... Und es ist die fixe Idee meines alten Herrn, wenn wir im Winter hier die Reklamebude für die Ostseebäder schließen, dann leidet das Sommergeschäft darunter. Nun bitt' ich dich, wer kümmert sich im November um die herrlichsten Prospekte der Seebäder, unter denen er sich im nächsten Jahr vielleicht eins aussuchen wird! Und wer gibt seiner Frau einen Strandkorb oder einen Bon für acht Tage Buckenhagener ›Strandhotel‹ zu Weihnachten!« »Buckenhagen? Das ist der neue Badeort, den dein Vater – gewissermaßen gegründet hat?« »Na – der Strand und die Dünen und die See, das war ja schon alles da. Die wunderschönen Wälder – gemischt Kiefern, Buchen, Eichen, Birken – fast so schön wie hinter Graal und in der Rostocker Heide – die sind ja auch nicht von ihm gepflanzt. Aber sonst – sonst kann man wohl sagen, das Bad Buckenhagen ist meines alten Herrn Werk, Schöpfung, Liebling und Marotte. Schließlich die großen Hotels in Frankfurt, Köln, Hamburg und Bremen – die beiden letzteren hat er jetzt zu Aktiengesellschaften gemacht – könnten ihm, seinem Tätigkeitstrieb und seiner Fürsorge für seine beiden Kinder ja genügen. Gehen auch trotz der schlechten Zeiten, über die er natürlich als braver Geschäftsmann weidlich mitschimpft, eigentlich glänzend. Daneben das Weingeschäft. Aber – wie das oft ist, eines Tages im Sommer fährt mein alter Herr zu seiner Erholung – du mußt wissen, wenn mein Vater sich nämlich ›erholt‹, dann kommt immer eine neue Arbeit dabei heraus für ihn und die anderen – fährt er also da oben, von Heringsdorf, los, die Küste entlang. Und nichts zu suchen, das war sein Sinn – wie es, glaub' ich, bei Goethe heißt. Immer so möglichst nah am Wasser her fährt er. Da hat er – ausgerechnet bei Buckenhagen, dessen Namen er zum erstenmal auf seiner Autokarte liest – eine üble Panne. Muß da in einem Elendsgasthöfchen übernachten. Sieht abends einen wundervollen Sonnenuntergang, erlebt einen stillen goldenen Morgen, nimmt aus Langerweile ohne Badeanzug ein Bad, das ihm glänzend bekommt. Und – am Abend des zweiten Tages hat er von Fischern und Bauern Terrain zusammengekauft, um ein neues Haus und ein halbes Dutzend Villen und was weiß ich daraufzustellen. Das war vor drei Jahren. Voriges Jahr waren schon einmal eine Woche lang in der Hochsaison die fünfundsiebzig Zimmer des Hotels – die meisten zweibettig – alle besetzt bis unters Dach und die Villen auch ... Das war ein Triumph. Und das muß nun so werden und bleiben, das ist seine fixe Idee von Anfang Juni bis Mitte September. Die Welt muß sprechen von Buckenhagen und dem Strandhotel, wie sie von Trouville, Norderney und Scheveningen spricht – oder mindestens von Warnemünde, Kolberg und Zinnowitz ... Und von wo aus wird sowas gemacht? Natürlich von Berlin aus. Und wie wird's gemacht? Man setzt seinen leiblichen einzigen Sohn – der kaufmännisch vorgebildet ist, erst Rostocker Bank, dann in Hamburg Hotelfach – den setzt man im Berliner Westen in ein schick ausgestattetes appetitliches Lokälchen – zum Beispiel hier in ein Eckhaus an der Kaiserallee ... Na, Mensch, das ist so ungefähr wie der Frankfurter, der seinem Bub den Weg nach Amerika beschreibt: ›Also, da gehste zunächst bis Offebach, und nachher streckt sich's.‹« »Na ja, aber du vertrittst doch schließlich hier nicht allein das noch wenig bekannte Buckenhagen?« »Wenig bekannt? Also du, lieber Addo, laß das meinen alten Herrn nicht hören, wenn du – wie ich das durch deine Anhänglichkeit an mich fast vermute – meine hübsche Schwester heiraten willst. Buckenhagen – der alte Herr annonciert doch schon zwei Sommer lang in allen großen Blättern – Also, ich sage immer, die Anna Zcillag seligen Angedenkens – heißt sie nicht so? – und die Eule auf der Döhringseife und die Schweizer Pillen des tüchtigen Apothekers Brandt, das waren unmündige Kinder gegen die Reklame.« »Schön – aber ich meine, du – oder Ihr – wie sagt man da eigentlich?« »Na ja, wenn du mich meinst, dann sagst du besser ›du‹. Aber wenn du Fräulein Butte und mich meinst, dann mußt du schon ein ›ihr‹ spendieren. Und ich weiß auch, was du sagen willst: wir beide arbeiten in fieberhafter Tätigkeit im Berliner November für ein halbes Dutzend Ostseebäder, unter denen Buckenhagen allerdings – ganz unter uns – noch das kleinste ist. Aber die Instruktion meines Vaters – ›streng geheim‹ wie alle Instruktionen, die irgendeinen Wert haben – lautet: jeder, der hier hereinkommt, gleichviel, wohin er eigentlich möchte, muß sanft und sachte – je nachdem es seine Natur vertragen kann, auch nachdrücklich und andauernd bis zum Irrsinn – darauf hingewiesen werden, daß gerade für ihn und seine Frau und seine Schwiegermutter und seine liebe Familie und sein Personal, das er vielleicht mitnimmt, und seine Freunde, die ihn vielleicht besuchen wollen, kein Seebad dieses Planeten sich durch seine Luft, seinen Strand, seine Wälder, seine Geselligkeit, seine Witterungsverhältnisse und überhaupt durch die Gnade Gottes und der Menschen so herrlich eignet wie das unerhört aufblühende, gesegnete Buckenhagen.« Während der Freund so redete und dabei erst einen Haufen Berliner Zeitungen, mit deren Lektüre er anscheinend seine Mußestunden ausgefüllt, beiseite legte, dann die Rolläden an den Erkerfenstern nach beiden Fronten herunterließ, sah sich Addo in dem nicht großen, aber behaglich eingerichteten Geschäftsraum um. Karten für Wanderer, Pfadfinder, Autos und Räder an den Wänden wechselten mit flotten Aquarellen und außerordentlich farbigen ölskizzen, die den Ostseestrand im Sonnenschein und im hohen Wellengang zeigten. Dazwischen Bilder hübscher Frauen in prallsitzenden Badeanzügen und fröhlicher nackter Jugend, die als Vertreter gutgewachsener, sportlich trainierter deutscher Menschheit den weit sich dehnenden Strand bevölkerte. Dazwischen hier und da gutmütige Karikaturen, die auch dem humorvollen Betrachter Spaß und Unterhaltung am Strand der deutschen See versprachen. Die größten und besten Bilder aber, die auch von besonderer Liebe ins vorteilhafteste Licht gehängt waren, stellten das Strandhotel in Buckenhagen dar. Vor diesem wahrhaft eleganten Neubau gab sich – wenn die Begeisterung des Malers nicht übertrieb – unter bunten Schirmen und wehenden Wimpeln an kleinen Tischen eine sorglose Menschheit, der das Seebad den Appetit gekräftigt hatte, den Freuden der Abendmahlzeit hin, während ein Mond, um den Venedig im Mai und Taormina im Herbst das freundliche Buckenhagen beneiden könnten, aus heiterstem Sternenhimmel eine goldene Brücke auf die leicht bewegten Wellen legte. Hinüber nach – – ja, nach Dänemark oder nach Schweden? Das wußte Addo nicht, der persönlich die Reize Buckenhagens weder bei Tag noch bei Nacht je geschaut hatte. Gerade wollte er seine geographischen Kenntnisse in dieser Richtung vervollkommnen, als sein Freund Veit, der schon in Hut und Mantel bereitstand, ihm auf die Schulter schlug: »Reiß' dich los, geliebter Sohn, von den Herrlichkeiten des Ostseestrandes, der dir in dieser Jahreszeit nicht die reine Freude spenden würde, die du hier abgemalt siehst. Und der auch nicht ganz so viel Unterhaltlichkeit jetzt bietet, wie der viel beschimpfte Berliner Westen. Aber sag's meinem Vater nicht weiter, denn er sucht schon – in Chiffreannoncen und ohne zunächst ganz deutlich zu werden – ein oder zwei junge unternehmungslustige Ärzte, Fanatiker der Luftkuren und der staubfreien, salzhaltigen Luft, um ein großes ›Sanatorium für Winterkuren‹ dem Buckenhagener Sommer sinnreich anzugliedern ... Aber komm, lassen wir Buckenhagen sowie meine und Fräulein Buttes fieberhafte Werbetätigkeit für das Seebad der Zukunft einmal auf sich beruhen! Machen wir lieber für diesen Abend oder eigentlich für diesen späten Nachmittag ein vernünftiges, unser würdiges Dessin.« »Wenn dir's recht ist – ich habe meinen Zwicker gestern zerbrochen und bei einem kleinen Optiker in der Uhlandstraße zur Reparatur gegeben – könnten wir diesen Helfer meiner Sehkraft zunächst abholen.« »Schön, lieber Addo – ich spreche diesen Vornamen zu gern, weil er so blöd ist – schön, da wir nichts Lieberes haben zum ›Abholen‹ – holen wir zunächst deinen Zwicker in der Uhlandstraße ab! Ich habe übrigens solche Abende gern, die wenigstens mit einem ›Zweck‹ anfangen. Nachher – wenn wir den Zwicker haben – könnte man vielleicht mal so im Vorbeigehen ...« »Ich weiß schon«, Addo blieb stehen und schüttelte bedenklich den Kopf. »Du bist eigentlich ein unglaublicher Kerl, Veit. Du bildest dir ein, weil die hübsche Kleine –« »Klein – war sie gar nicht.« »Na also, weil die hübsche Unbekannte einmal in der Post der Marburger Straße ein Zettelchen schrieb, müsse sie da nun an jedem Abend –« »Zunächst, du hast recht, ich ginge ganz gern mal nach der Marburger Straße, so beiläufig einen Blick in die Schalterräume zu tun. Aber dann – Logik schwach! Das Zettelchen – das ich übrigens noch immer in meinem Portefeuille verwahre – das schrieb sie doch sicherlich nicht an dem Pult in der Marburger Straße, weil sie am Wedding oder in Erkner wohnt. Ihre Wohnung, nehme ich an, ist vielmehr dort in der Nähe. Vielleicht wohnt sie auch – trotz ihrer schwarzen Haare – im Christlichen Hospiz. Und in das Postamt wird sie sich auch – wenn die Annonce mittlerweile erschienen ist – so nehm' ich an, wieder begeben, um –« »Ach, – jetzt erkenne ich den Zweck der dort gehäuften Zeitungen, Voß, Lokalanzeiger, Tageblatt, Morgenpost – auf deinem Pult! Du suchst –« Veit nickte zustimmend. »Du hast lichte Momente, Addo. Ich dachte mir, irgendwo muß ich nun doch bald die verteufelte Annonce finden, die ähnlich abgefaßt ist, wie der zunächst von der schönen Schreiberin gemißbilligte und zerknüllte Text, den ich – sauber geglättet – in der Brusttasche trage. Bis jetzt habe ich zwar auf der Jagd nach dieser kleinen Anzeige eine Fülle der wunderlichsten Bitten und Angebote gefunden, die einem ›edlen Menschen‹ – besonders, wenn er den Verstand verloren hat – zu tun geben könnten. Aber keine dieser Anzeigen weist in der Fassung auf meine schöne Unbekannte und die Marburger Straße hin.« »Armer Veit! Und die kleine Annemarie – erste Plätterin im herrschaftlichen Wasch- und Plättgeschäft der Frau Emmerich in Nowawes?« Veit blieb in sinnender Bewunderung vor einem Blumenladen stehen. »Ist das nicht reizend?« »Was? Das Grabkreuz aus Veilchen?« »Nein – ich meine nicht gerade das Grabkreuz, aber diese farbige Fülle der Blumen überhaupt. Und das Feinste, Sublimste daran, das vielleicht heimlich aber stark in unserer Bewunderung mitklingt: daß all sowas morgen schon, spätestens übermorgen verwelkt und für immer dahin ist. Sieh mal, so geht das auch mit dem Blühen in unserer Brust. Die kleine Annemarie, vor ein paar Tagen noch für mich eine Augenlust und Sinnenfreude, ist – ja also, Addo, ich kann nicht anders sagen – ist wie weggewischt aus meiner Erinnerung. Das heißt, soviel Anstand hatte ich natürlich immer noch, ihr nett zu schreiben, daß ich plötzlich verreisen muß – nach Buckenhagen.« »Ausgerechnet jetzt nach Buckenhagen, das du mir vorhin selbst zu dieser Jahreszeit nicht empfehlen konntest.« »Na Gott – ich empfehl's ihr ja auch nicht. Aber Buckenhagen lag nahe – für diesen Rückzug. Sie weiß doch Bescheid, daß ich – durch meinen alten Herrn – heftig mit diesem Fleckchen Erde zusammenhänge. Das schien also das Geeignetste und Wahrscheinlichste. Ich richte da eine ›Winterkur‹ ein, habe ich ihr geschrieben, und kann nicht genau sagen, wie lange ich damit zu tun habe.« »Der Winter beginnt ja erst.« »Nicht wahr? Das habe ich mir auch gedacht. Na, und nach ein paar Wochen, wie so Mädels schon sind, nicht wahr, wenn sie mich nicht mehr sieht – hübsch ist sie auch – und das werden ihr andere Männer auch gelegentlich durch Blicke, Worte und Konfitüren mitteilen –« »Vor vierzehn Tagen hast du noch auf ihre Treue geschworen und du bist mir beinahe grob geworden, als ich von der Möglichkeit sprach –« »Na ja, erlaube mal, aber damals war das auch eine Frivolität von dir, sowas anzudeuten – solange ich sie noch einen über den anderen Tag sah und – – Ich habe ihr noch einen kleinen Schmuck mitgeschickt, den sie sich lange gewünscht hat, und ein Kästchen Pralinen, das heute, wie ich sie kenne, schon erledigt sein wird.« »Also wirklich aus?« »Aus, außer, am außesten!« »Und nur, weil du – zufällig – auf der Post eine dir gänzlich Unbekannte... von der du nicht einmal ahnst, wo und wie... Also, weißt du –« »Du willst mir doch nicht mit dem Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach kommen?!« »Nein, ich hatte überhaupt an keinerlei Vergleiche aus dem Tierreich gedacht. Aber weißt du – an wen du mich, wenn ich dich jetzt so ansehe und deine leichtfertige Rede höre – an wen du mich da erinnerst?« »An Karl den Großen?« »Unsinn! An Romeo! An den Shakespeareschen Romeo!« »Na, wenn der gut gespielt wird, auch nicht der Schlimmste! Wenn meine liebe alte Mutter von ›Romeo und Julia‹ spricht, setzt sie immer die Brille ab, um sich die Tränen aus den Augen wischen zu können. Und dann sagt sie ›Kinder‹, sagt sie, ›daß ihr den Kainz nicht als Romeo gesehen habt –‹ Weiter kommt sie nicht, denn da unterbreche ich immer, kühn aber logisch: ›Mama, das war doch bloß deine Schuld, weil du uns offenbar zu spät geboren hast‹... Aber sage mal, Addo, warum erinnere ich dich eigentlich an den Edlen aus Verona? Gerade jetzt, wo ich dir sage, daß die kleine Annemarie für mich erledigt ist... Ich denke, Romeo ist das Sinnbild des treuen, bis über die Ohren verliebten Schwärmers?« »Da sieht man eben, ein wie schlechter Shakespearekenner du bist... Du solltest, statt mit Fräulein Butte egal Halma zu spielen hinter der spanischen Wand, solltest du mal deinen Shakespeare wieder vornehmen!« »Mach' ich – aber bitte, warum bin ich Romeo?« »Romeo – erinnere dich – kommt aus den Armen der Rosalinde und schwört: ›Ein schöneres Weib, als sie? Seit Welten stehen, – hat die allsehende Sonn' es nicht gesehen!‹ Und nun sieht er sie beim Fest der Capulets mitschmausen – das heißt: er sieht sie nicht mehr, die Rosalinde – er sieht nur noch Julia – die ihm bis dahin Unbekannte.« »Also wenn ich davon absehe, daß meine unbekannte Julia ganz bestimmt nicht in dem ›Herrschaftlichen Wäsche- und Plättgeschäft‹ der Frau Emmerich in Nowawes mitschmaust – mag der Vergleich angehen.« »Danke. Es fehlt nur, daß du die Tochter Capulets findest. Fehlt, daß sie in der Nähe hält, was sie aus der Ferne versprach. Daß sie nicht lispelt oder stottert beim Sprechen, und daß sie dich nicht enttäuscht im Sinne des Goetheschen Wortspiels: ›Ehe ich sie ansprach, sprach sie mich an. Als ich sie aber angesprochen hatte, sprach sie mich nicht mehr an.‹ Und das Drama, das mit einem Blick begann, kann seine wortreichere Szenenfolge entrollen.« »Findest du es sehr nobel, dich auf Kosten eines Unglücklichen, der verliebt ist, lustig zu machen? Wie oft hat übrigens Faust das Gretchen, hat Dante die Beatrice, hat Petrarca die Laura gesehen, ehe der zündende Funke sprang!« »Du bist wahrhaftig nicht schüchtern in deinen Vergleichen. Hier wohnt übrigens der Optiker, der mein Augenglas verarztet. Warte, bitte, einen Augenblick.« Als Addo, den reparierten Kneifer auf der Nase, wieder aus dem Lädchen herauskam, hatte Veit seinen Ärger und seine Anklage zu wohlgesetzter Rede zusammengelegt. »Du bist mir ein schöner Freund! Dein famoser Vater hat die Großzügigkeit, dich nach bestandenem Referendar und Doktor und ehe du deine juristischen Kenntnisse auf seine Fabrik in Paderborn loslässest, für drei Monate hierher zu schicken. Bloß um Großstadtluft zu atmen und Berlin kennen zu lernen. Du hast das Glück, hier einen vortrefflichen Jugendfreund, als wie mich, zu treffen, der – zum Unterschied von dir – an die Kette eines, ich will nicht sagen aufreibenden, aber immerhin zeitraubenden Berufes gelegt ist. Diesen Freund findest du in tiefer Seelennot. In sehnsüchtigem Verlangen nach einer Frau, deren Spuren zu folgen ihm, dem Pflichtgetreuen, beruflich Gebundenen die Zeit fehlt. Anstatt nun zu sagen: ›Ich werde für dich Recherchen in die Hand nehmen‹, – was, bitte, tust du? Du zitierst ›Romeo und Julia‹ in einem Vergleich, der hinkt wie Richard III., und machst dich heimlich über mich lustig.« »Erstens mach' ich mich nicht lustig. Zweitens: was sollt' ich denn, wenn ich wirklich meine Besuche in der Nationalgalerie, im Zeughaus, im Kaiser-Friedrich-Museum und im Zoo dein Dienst an deiner wunderlichen Sache opfere, was sollt' ich denn eigentlich unternehmen. Soll ich vielleicht jeden Verkehrsschutzmann im Umkreis von drei Meilen vom Postamt Marburger Straße ankrakeelen: ›Mein teurer Sir, haben Sie nicht zufällig eine junge Dame gesehen, von der ich nicht weiß wie sie heißt, und nicht weiß, woher sie stammt, und nicht weiß, was sie hier treibt!‹« »Was sie treibt? Sie sucht einen Edeldenkenden!« »Auch ein Erkennungszeichen im Berliner Westen! Oder soll ich vielleicht zu einer weisen Frau, einer Wahrsagerin, gehen und mir aus Kaffeesatz und Hühnermist –?« Veit blieb plötzlich mitten auf dem Damm, den sie gerade überquerten, stehen. So plötzlich, daß der in dickem Pelz wie eine holde Zerbrechlichkeit verpackte Chauffeur eines eleganten Privatautos nur gerade noch unter wilden Fluchen, die weder zu dem Pelz, noch zu dem Wagen zu passen schienen, bremsen konnte. Aber Veit beachtete die unfreundlichen Zurufe durchaus nicht, als er sich, fest in des Freundes Arm hängend, in ganz verändertem Tone sagte: »Addo – also du äußerst da etwas, was du selbst nicht ernst nimmst. Am Ende gar irrtümlich für einen Witz hältst. Es ist keiner!« Und nach einer Weile des Zögerns, als ob er innere Hemmungen überwinden müsse: »In meiner Familie gab es Hellseher. Die Schwester meines Großvaters hat – das ist erwiesen und belegt – einmal geträumt, das Testament eines verstorbenen Onkels läge in seiner Bibliothek im zweiten Band einer alten Kleist-Ausgabe beim ›Käthchen von Heilbronn‹. Und was soll ich dir sagen? Das wichtige Blatt fand sich – allerdings im dritten Band beim ›Prinzen von Homburg‹, aber es war tatsächlich das Original, – in das Buch, so als eine Art Lesezeichen, eingelegt. Aber später wurde es vom Gericht anerkannt und hat ihren und ihres Bruders, meines Vaters, Wohlstand begründet ... Und hältst du etwa Swedenborg, der den Brand von Stockholm aus ungeheurer Entfernung, von Gothenburg aus, gesehen hat, und hältst du Jung-Stilling für einen Narren? Und Justinus Kerner, der jahrelang erfolgreich mit der Seherin von Prevorst experimentierte, für einen Scharlatan oder Betrüger? Wie blinde Hühner manchmal Körner finden, so hast du mich da eben auf eine gute Sache gebracht. Ich gehe – verlass' dich drauf –, sobald ich eine neue Wohnung habe, zu einer Wahrsagerin.« »Du willst wirklich umziehen?« »Sobald als möglich. In meiner Familienpension wohnen lauter ›Familien‹, die diesen gemütvollen Namen, weiß Gott, nicht verdienen. Links von mir wohnt ein dänisches Paar. Sie haben, hört' ich, in einem Vergnügungslokal eine Tanznummer. Den ganzen Tag zanken sie sich, überlaut und dänisch, so daß man nicht mal verstehen kann, über was man sich eigentlich ärgert. Und rechts von meinem Schlafzimmer – Grundgütiger! da kampiert ein Schlagerkomponist, dem um die Welt nichts einfällt, der aber den ganzen Tag auf einem gemieteten Klavier aus Einfällen anderer die eigene Anregung sucht. Nachts kommt dann plötzlich die Muse über ihn, und er sitzt – ich denke im Nachthemd – vor diesem Marterkasten und phantasiert Unsinniges ... Halt, da hab' ich's! Du behauptest: du tust nichts für mich, bloß weil du keine Möglichkeit siehst. Gut, laß' meine Unbekannte auf sich beruhen! Aber da dir dein Vater Berlin kennenzulernen als Aufgabe gestellt hat, so suche du mir ein bißchen, – während ich im Büro die Ostsee populär mache – suche du mir eine Wohnung hier in der Gegend. Zwei Zimmer, nicht zu laut. Unten keine Kneipe und keinen Käseladen. Hübsch möbliert, keine Schreckenskammer alter Jugendstile, aber auch keine moderne ›Sachlichkeit‹ mit der Leere eines Löwenkäfigs. Das Wohnzimmer geräumig, vielleicht ein Erker, Telephon versteht sich, Bad wäre angenehm. Das Schlafzimmer, bitte, nicht zu klein. Das Fenster nicht in einen lichtlosen, stinkigen Hof hinaus. Möglichst nicht bei einer alleinstehenden Dame. Die wollen oft noch geheiratet sein oder sie führen Prozesse und riechen nach Kamillentee oder Opodeldok. Kein Klavier neben mir, keine Kinder über mir –« »Noch was?« »Nein, einfach eine Wohnung, die auch dir gefiele. Wenn du drei oder vier solcher Domizile gefunden hast, dann trete ich zur engeren Wahl in entscheidende Aktion. Und sobald ich den dänischen Invektiven und den internationalen Schlagern endgültig entflohen bin –« »Gehst du zur Wahrsagerin und läßt dein verliebtes Herz beraten.« »Ja, wie ein Mann mit schwerem Rheumatismus, der in zehn Bädern, bei zwölf Ärzten, Magnetiseuren, Kapazitäten, Nervenmasseuren in Berlin, München und Wien seine Leiden nicht los wurde, schließlich – Aufklärung her, Wissenschaft hin – mit aufgeschlagenem Rockkragen zum alten Schäfer nach Niedergrotzenburg fährt und – manchmal geheilt wird.« Hier bog das Gespräch der beiden Freunde von dem interessanten Thema der Liebe und Wahrsagerei ab zur Medizin. Sie waren, wie sich's erwies, darin mit Mephisto einig, daß der Geist der Medizin schwer zu fassen sei. Während aber Addo die gemischte Kost und die Allopathie für das einzig Wahre hielt, verteidigte und empfahl Veit aufs wärmste die Homöopathie und aszetische Enthaltung von jeglichem Fleischgenuß. Ja, er zeigte in begeisterter Rede als fernes erstrebenswertes Ziel der Menschheit – gewissermaßen auch in ewiger Wiederkehr des gleichen – die Rohkost, wie sie zweifellos im Paradies, das keinen Tiermord, kein Feuer, keine Wurst und keine Wiener Köchinnen kannte, die einzige Nahrung der noch sündlosen Menschheit war. Die geistige Beschäftigung mit den verschiedenartigen Möglichkeiten der Ernährung hatte den jungen Leuten beträchtlichen Appetit gemacht. So begaben sie sich, ihre Schritte beschleunigend, zu einem Restaurant am Zoo, das in Anbetracht der frühen Abendstunde schon recht gut besucht war. Hier bestellte Addo, nachdem er die ganze Speisekarte nach seiner Gewohnheit zweimal von oben nach unten und von unten nach oben aufmerksam gelesen und geprüft hatte, das nicht aufregende Gericht Rührei und Schinken. Veit aber, noch eben der Apostel der vegetarischen Lebensweise, ließ sich ein englisches Beefsteak mit Zwiebeln geben und ordnete an – das hatte er in einem Restaurant in Budapest gelernt – daß eine nicht zu kleine Scheibe Gänseleber darauf placiert werde. Als die beiden ihre Mahlzeit mit einer erfreulichen Flasche Mosel begossen hatten, wie das gesättigten Menschen gut ansteht, nahm das Gespräch eine neue Wendung. Diesmal war es Addo, dem es keine Ruhe ließ, daß ihm Veit vorhin als einen mystischen Dingen gegenüber durchaus skeptischen, ja von billiger Frivolität nicht freien Menschen hingestellt hatte. »Du bist vorhin von einer ganz irrigen Voraussetzung ausgegangen«, sagte Addo, der bedächtig aus der zweiten Flasche Mosel in die Gläser goß, »du wirfst mich nur so mit leichter Hand aus den üblen Haufen der aufgeklärten Nüchterlinge. Da gehöre ich keineswegs hin! Ich bin durch meine selige Mutter – mein lebender Vater glaubt nicht viel, aber er rechnet um so besser – bin ich ziemlich religiös erzogen. Und es ist merkwürdig, meine Mutter war eine kleine, zierliche, gebrechliche Frau – aber vielleicht gerade deshalb und daher – wie auch körperlich geschwächte und vom Leiden geschlagene Dichter und Philosophen sich oft den blutrünstigsten Phantasien hingeben – hatte sie eine ausgesprochene Vorliebe für das Alte Testament. Für die erste Hälfte des Buches der Bücher mit seinem stets auf Rache und Strafe bedachten Priestertum. Mit seinen wunderlichen Dienern Gottes, die nie lauter frohlocken, als wenn der Herr und Stammesgott wieder einmal tausend und aber tausend Feinde – Ammoniter, Moabiter, Edomiter oder Philister – in die Hände der Auserwählten gegeben, daß sie an den Besiegten den Bann vollstrecken. Was – wie man in und zwischen den Zeilen lesen kann – mit einem mitleidlosen, gräßlichen Hinschlachten in engster Verbindung mit Zerstörung und Plünderung identisch war. Die Propheten, die eigentlich meistens Dinge prophezeiten, die nachher durchaus nicht eintrafen – Babylon ist nicht, wie Jeremias in schrecklichen Gesichten geweissagt hat, in einem Blutbad untergegangen, sondern von den Juden an die Perser verraten und fast ohne Schwertstreich von Cyrus besetzt worden; Tyrus ist nicht, wie Hesekiels Zorn ›voraussah‹ von Nebukadnezar zerstört worden, und Jericho, dessen Mauern zwar dem Ansturm der jüdischen Nomaden aber nicht den sieben Widderhörnern der Priester standhielten, ist zwar in Grund und Boden verflucht worden, hat aber tatsächlich unter der Verwirklichung all dieser Prophezeiungen niemals gelitten.« Veit staunte mit offenem Munde den Freund an. »Nanu, ich denke, du bist Doctor ›juris‹ und seit ein paar Tagen Referendar – und so beschlagen in der Geschichte des Orients!« »Ich sagte dir schon, lieber Veit, meine Mutter hatte eine seltsame Schwäche für das Alte Testament. Ich habe – als Erinnerung an die Kinderstube und ihre Erzählungen – das Interesse dafür geerbt. Konnte mich aber später nicht mehr an den gehässigen Rasereien der Prophetenschulen erwärmen und der Logik der ganz andersartigen Tatsachen nicht mehr entziehen. Meiner Mutter aber – ich sagte schon, sie war klein, schwächlich und viel krank – haben's alle diese scheußlichen Prophezeiungen eines fanatischen Hasses – die dümmste, gänzlich unerfüllte stammte vom Propheten Elisa – nun mal angetan. Und dann hatte sie – vielleicht ganz logisch, wenn man sich den pfiffigen kleinen David mit der Schleuder vor dem blöden Riesen Goliath vorstellt – eine besondere Schwäche für alles, was mit dem großen König der Juden, seiner Jugend, seinem Saitenspiel, seinem Heldentum und vielleicht auch mit seinen allzu menschlichen Eigenschaften zusammenhing. So hat sie mir auch zuerst erzählt – und ganz anders, viel packender und eindringlicher, als später der trockene Religionslehrer – von jener Hexe von Endor.« »Hexe von Endor – wart' mal« ... Veit sah nachdenklich in sein Moselglas, als ob ihm aus dessen lieblicher Blume die düstere Weisheit des Alten Testaments aufgehen müßte. »War das nicht das Weib, das irgendwas mit dem Saul zu tun hatte?« »Irgendwas? Das ist milde ausgedrückt. Sie hat dem Sohn des Kis – und das ist die wundervolle Erzählung der Bibel – sie hat ihm, dem schon an seiner Macht und seinem Glück Zweifelnden, den nahen Untergang geweissagt. Und die verachtete Hexe hat damit schärfer und richtiger die Zukunft gesehen als später gefeierte Propheten wie Hosea und Elisa ... Aber das ist bezeichnend, du weißt mit Swedenborg Bescheid und redest so nebenher von der ›Seherin von Prevorst‹ – und das Urbild aller Seher und Zeichendeuter haftet nur ganz oberflächlich in deiner Erinnerung.« »Schön, belehre mich, Sohn deiner Mutter, im Stil des alten Buches!« Und nun geschah das Merkwürdige. Während rings herum an den gedeckten Tischen Studenten und junge Kaufleute laut mit ihren Freundinnen lachten, tuschelten und fuselten, während wohlbeleibte alte Herren aus der Provinz über gefüllte Rotspongläser hinweg mit ummalten Augen und künstlich vergrößerten Pupillen unter geschwärzten Wimpern verständnisvolle Blicke wechselten, während die schmissige Kapelle unter dem Taktstock eines amerikanisch zurechtgemachten östlichen Jünglings den zwingenden Rhythmus des ersten Jazz in den Saal klingen ließ, berichtete der junge zum Syndikus ausersehene Sohn eines angesehenen Vaters, gekleidet nach der letzten Mode und einen neunzehnhundertundeinundzwanziger Berncastler Doktor vor sich, von jenem König von Israel, der vor dreitausend Jahren mit seinem Heer zu Gilboa lag, den Streitkräften der Philister gegenüber. Unwillkürlich kam etwas von der dunklen Wucht jenes Berichts im Buch Samuelis in Addos Rede, als er, ohne den werbenden Jazz, den Lärm der Eßgeschirre und das Liebesgeflüster um sich herum zu beachten, die mystische Begebenheit im Stamme Isaschar also erzählte. »Das Herz König Sauls war finster und verstockt. Er hatte nach Samuels, des Propheten, Tode keine Träume und keine Seher mehr. Wahrsager und Zeichendeuter hatte er selbst in seinem Zorn verbannt und mit dem Tode bedroht ... Nun liegt er seinen tapfersten Feinden gegenüber im verschanzten Lager und weiß, die Entscheidungsschlacht naht. Da quält den schlafenden König Angst und Unruhe. Er gewinnt's über sich und sagt befehlend zu seinen Knechten: ›Sucht mir ein Weib, das einen Wahrsagegeist hat! ...‹ Die Knechte zögern und staunen. Sie kennen doch seinen Zorn und sein strenges Verbot. Er aber wiederholt sein Geheiß. Da spricht einer: ›Zu Endor, Herr, wohnt, das weiß ich, ein Weib, das hat einen Wahrsagegeist ...‹ Rasch wirft Saul seinen Königsmantel ab und wechselt seine Kleider. Mit zwei vertrauten Männern geht er tief in der Nacht gen Endor und findet das Weib mit dem Wahrsagegeist in seiner Höhle. Aber die Hexe will nicht reden. Sie weigert sich. Der König hat, das weiß sie, die Todesstrafe gesetzt auf Zeichendeuten und Wahrsagen. Saul schwört: es soll dir nichts geschehen, und begehrt Samuel zu sehen, den Propheten, dem er die Königswürde verdankt, den er geliebt, gefürchtet und gehaßt hat. Und hinter dem Feuer, das das Weib entzündet hat, steigt plötzlich der Geist Samuels empor. Da erkennt das entsetzte Weib ihren Besucher und schreit auf: ›Du bist Saul!‹ ... Und Saul – das starre Auge gerichtet auf Samuels Geist –: ›Fürchte dich nicht, Weib, heiße ihn reden!‹ – Und Samuel, weißhaarig, im Priestermantel, richtet sich auf und ruft dem König zu: ›Der Herr wird dich geben in der Philister Hand! Morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir sein!‹ – Da erschrak Saul bis ins innerste Herz und brach ohnmächtig zusammen. Als er aus langer Ohnmacht erwachte, saß er schweigend da, ohne Brot und Wein zu nehmen. Einen Tag und eine Nacht saß er so. Am dritten Abend brach er auf mit seinen Getreuen und schritt unerkannt zurück durch die Nacht dem Lager von Gilboa entgegen. Am anderen Tag aber verlor der König Saul kämpfend Schlacht und Leben. Wie der von der Hexe von Endor gerufene Samuel ihm kundgetan.« ... Donnernder Applaus. Der Jazz mußte wiederholt werden. »Es liegt etwas seltsam Zwingendes in der Geschichte«, sagte Veit, »das könnte wahr sein!« »Was wir glauben, ist immer wahr.« Zwei geschminkte Weiberchen, galante Abenteuer in den flackernden Augen, schoben sich, die kurzen Röcke herausfordernd werfend, dicht am Tisch der beiden vorbei. Aber die jungen Leute sahen sie gar nicht an. Sie drehten die Moselgläser spielend in den Händen und starrten nachdenklich in den Wein. Ringsherum Lachen, Flirten und die Geräusche der Mahlzeiten. Kellner, die die versilberten Platten auf der in Achselhöhe gehobenen Hand halten, eilen schwitzend vorbei. Ein alter, plattfüßiger Zeitungshändler zwängt sich durch die Tanzenden und Tafelnden und bietet devot, mit heiserer Stimme die Journale des Abends, der Nacht und des nächsten Morgens an. Am Nebentisch streiten ein paar blasse Jünglinge hitzig über die Chancen des Sechstagerennens. Hinter ihnen zeigt ein alter Herr – lüstern lächelnd und leise tuschelnd – graubärtigen Freunden transparente Spielkarten, die er gestern in einem Kaffee der Passage von einem Zündholzhändler gekauft. Die beiden Freunde aber saßen sich unbewegt gegenüber und schwiegen. Ihre Träume waren weit von diesem heißen, dunstigen, grellbeleuchteten Saal. Ihre scheuen Gedanken tasteten durch das nächtliche dunkle Land des Stammes Isaschar und suchten die Hexe von Endor. * Das Grabbe-Theater glich an diesem Vormittag einem Ameisenhaufen, in den ein Wanderer leichtsinnig mit dem Spazierstock hineingestochert hat. In den Morgenblättern war die Notiz erschienen vom gestohlenen Halsband der Zarin. Alle Blätter hatten sie gleichlautend und die meisten ungekürzt gebracht, wie Direktor Bock sie persönlich, nicht ohne den Schwung der Entrüstung, in die Maschine diktiert. Ein besonders findiges Journal hatte bereits den Chef eines Privatdetektivinstituts über den Fall interviewen lassen; und dieser hatte in vorsichtigen Wendungen die Aufmerksamkeit der staatlichen Kriminalpolizei, der er bei dieser Gelegenheit ein kleines Trittchen versetzte, auf die russischen Flüchtlinge hingewiesen und auf die Tatsache, daß mal wieder eine den Mördern entgangene Großfürstin aufgetaucht sei, die – ob echt oder unecht, gleichviel – begreifliches Interesse an dem aus den russischen Kronjuwelen stammenden Schmuck haben könnte. Die nicht fachmännischen Vermutungen und Gerüchte, die das sonst der Kunst dienende Haus wie Bienensummen durchschwärmten, waren kaum minder irrsinnig. Der Regisseur Prockus, der in seinen Mußestunden bei verdunkelter Lampe und zu Harmoniumbegleitung sonst solide Tische tanzen ließ, erklärte, geträumt zu haben, daß ein leichenblasser, spindeldürrer junger Mann sich im schwarzen Trikot nach der Vorstellung vom Schnürboden an einem Seil heruntergelassen habe und, mit einem in seinem Wappenring versteckten Blitzlicht leuchtend, in riesigen Filzschuhen, wie man sie bei ehrfurchtsvoller Besichtigung unbewohnter Schlösser benutzte, den Weg zu den Garderoben der Damen genommen habe. Fräulein Neumann, die an chronischem Schnupfen litt und auf ihre Kollegin, Fräulein Michaeli, in derselben Garderobe wütend war, weil diese, angeblich von Asthma geplagt, bei jeder Gelegenheit rücksichtslos das Fenster aufriß, behauptete, an einem Abend, als sie heiß von der Bühne in die Garderobe kam, die Fensterflügel wieder weit geöffnet vorgefunden zu haben und an dem Fenster, das sie – schon niesend – rasch schloß, etwas Seltsames gesehen zu haben, das sie jetzt in ihrer Erinnerung als das Ende einer Strickleiter deuten müsse. Köppcke, der Inspizient, aber hatte spät abends nach der Vorstellung in der Toilette einen rätselhaften Herrn begegnet, der als Nichtangestellter zur Benutzung dieses stillen Ortes nach den Theatersatzungen nicht berechtigt war. Köppcke sprach daher die Vermutung aus, daß dieser Mann, den er leider in der schlechten Beleuchtung des bescheidenen Raumes nicht richtig erkennen konnte, vielleicht der Dieb gewesen sei, der sich nach getaner Arbeit – wie das eine der Zunft der Diebe und Einbrecher von Kennern nachgesagte Gewohnheit sei – diese Erleichterung gönnte. Melusine Kern-Möller hatte gleich bei Empfang der ersten Nachricht durch die Souffleuse eine Nervenkrise durchgemacht, die sie wunschgemäß für einige Minuten in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses rückte. Der Gedanke, daß in der Garderobe, unmittelbar an der eigenen, ein unehrlicher, man konnte schon sagen verbrecherischer Mensch unerlaubterweise Wertgegenstände, die nicht ihm gehörten, heimlich entfernte, verwirrte und empörte sie. Außerdem schmerzte sie diese fabelhafte Reklame für die Minka Mahuda, die ihrer Ansicht nach wahrhaftig schon genug überschätzt wurde. Als aber die Kollegin Neumann, deren Phantasie sich zuweilen heimlich in höchst verwickelten Detektivgeschichten austobte, die leider niemand druckte, die Fülle der Möglichkeiten dahin erweiterte, daß der nach ihrem Dafürhalten durch das von der Kollegin Michaeli geöffnete Fenster eingestiegene Räuber der Kern-Möller hätte begegnen, sie bedrohen, ja niederschlagen können, da floh die schwerbedrängte Seele Melusinens in eine wohltuende längere Ohnmacht. Aus dieser wurde sie erst durch die gute Schumann ins wachende Leben wieder zurückberufen. Und zwar weniger durch deren sonstige Fürsorge, als durch den Umstand, daß die Hilfreiche sich in dem Schränkchen »Erste Hilfe«, das im Konservationszimmer auf Wunsch des Theaterarztes von der Direktion neben dem Minimaxapparat angebracht war, vergriffen hatte und die ohnmächtig Hingestreckte heftig mit Terpentinöl, anstatt, wie gedacht, mit Kölnisch Wasser besprengte. Aber auch im glücklich wiedererworbenen wachen Zustand wurde Melusine den Schreck nicht los. Denn die gute Neumann erzählte – ihre Theorie zu stützen – mehrere erschütternde Fälle, wo überraschte Einbrecher roh und gefühllos mit ihren seltsamen Berufswerkzeugen dem sie Störenden ohne weiteres die Schädeldecke zertrümmert hatten. Wodurch in einem Fall das Leben des Geschädigten sofort verloren ging; in einem anderen Fall nach mühseliger Heilung der Verlust des Gedächtnisses zu beklagen war, ohne welches doch Melusine, wie Fräulein Neumann richtig feststellte, auf der Bühne höchstens noch beim Ballett, für das sie nicht mehr jung und nicht mehr schlank genug war, hätte wirken können. Zu Siegmund in sein Büro wurden all diese verwirrenden Nachrichten und Gerüchte teils durch das kleine, zum Kartenverkauf bestimmte Schiebefenster getragen, an dem sich Interessenten über das seltsame Geschehnis aussprechen und informieren wollten. Teils kamen auch aufgeregte, weniger prominente Mitglieder in sein schrecklich überheiztes Stübchen, um die mutmaßlichen Vorgänge bei dem Raub, die Chancen der Entdeckung und die Methoden der Untersuchung zu besprechen. Dabei wirkten zwei Umstände besonders aufregend auf den ohnehin von Schlaflosigkeit geschwächten Mann. Einmal die, wenn auch selbstverständlich in aller Harmlosigkeit immer wiederkehrende Erwähnung der nächsten Nachbarschaft von Melusinens Garderobe mit dem Ort der Tat. Und dann die Äußerung des Direktors Böck, die dieser vor versammeltem Personal getan haben sollte: er wisse, daß außer diesem niederträchtigen Verbrechen, das ihm die Kriminalpolizei in sein bislang so sauber gehaltenes, vornehmes Kunstinstitut bringe, auch noch sonst einige üble Dinge sich in letzter Zeit ereignet hätten, die nichts weniger als in Ordnung wären. Er, der Direktor, behalte sich vor, da nun doch einmal leider das Grabbe-Theater in einer unkünstlerischen Angelegenheit in aller Mund und durch die Polizeibeamten entweiht sei, persönlich und, wie er sich ausdrückte, »ganz plötzlich und unnachsichtlich« einzugreifen und die dringend notwendige große Reinigung vorzunehmen. Diese nicht ohne Pathos vorgetragenen, etwas mystischen Andeutungen hatte der Direktor, so erzählten die Schauspieler, mit drohenden Blicken begleitet, die aber keinen Bestimmten unter den Anwesenden durchbohrten, sondern mehr ins Leere und Allgemeine gingen. Die tiefere Bedeutung dieser geheimnisvoll drohenden Reden wurde aufs lebhafteste in dem überheizten Zimmerchen des Kassierers Kern ventiliert. Siegmund selber lauschte zwar aufmerksam, schwieg aber dazu. Sein nie ruhendes böses Gewissen quälte ihn immer heftiger. Daß ein so gerissener Herr, wie der Direktor Böck, gerade denen, die es anging, seine plötzliche und unerbittliche Unternehmung warnend voraussagen wollte, schien dem Kassierer, der seinen Brotherrn kannte, töricht und höchst unwahrscheinlich. Die von dem Intriganten zuerst ausgesprochenen, von dem Heldenvater und der jugendlichen Liebhaberin – wenn man die verstaubten Bezeichnungen von früher gelten lassen will – bestätigten Beobachtungen aber, daß die drohenden Blicke des Direktors bei seinen Andeutungen keinen der Anwesenden trafen, sondern ins Leere und Allgemeine gingen, schienen dem geängstigten Kern drauf zu deuten, daß der Argwohn, oder am Ende bereits die Überzeugung des Gewaltigen in diesem Hause die Verfehlungen eines nicht Anwesenden, den er mit solcher Andeutung auch nicht warnen könnte, im Auge hatte, und dieser nicht Anwesende ... ogott, ogott! In diesem Augenblick schien die Temperatur seines auch noch durch die tierische Wärmeausstrahlung so vieler erregter Besucher mitgeheizten Zimmerchens eine so zentralafrikanische Glut zu erreichen, daß der schwitzende Siegmund mit einem sonst kaum geübten heftigen Griff das einzige Fensterchen nach dem Hof zu aufriß. Er tat das unbekümmert um die ihm bekannte Tatsache, daß die rüde Rücksichtslosigkeit des von ihm niemals geschmierten und deshalb nicht wohlgesinnten Pförtnerehepaares Stöppcke die nicht von den Gefeierten mitgenommenen, ihrer Schleifen beraubten Ruhmeskränze nach Premieren und Jubiläen hier auf einen Haufen zu werfen beliebte, den wiederum sämtliche Katzen der Nachbarschaft, die Ruhmessymbole des Menschentums verkennend und mißachtend, in unschöner, die Luft des Hofes nicht verbessernder Weise benutzten. Während aber in dem armseligen, überheizten Bürochen des Kassierers Kern, der nächstens sein zehnjähriges Jubiläum begehen konnte und dieses bescheidene Fest, seine Person und seinen guten Namen durch die geheimnisvollen Andeutungen Böcks bedroht sah, die blödesten und drohendsten Gerüchte umgingen, saß in dem durch gepolsterte Doppeltüren vor Indiskretionen geschützten Privatraum des Direktors der Kommissionsrat Brambach in den Ledersessel eingekachelt, als hocke er hier noch vom letztenmal. In ziemlich wahllos zusammengerafften Sätzen, durch die aber der Ärger zitterte, schilderte er dem nervös zuhörenden Böck den höchst traurigen Zustand der Diva, die leider wieder Kokain geschnupft hatte. Zur selben Zeit waren zwei Kriminalbeamte, die aussahen wie die friedlichsten und harmlosesten Bürger, damit beschäftigt, am Ort der Tat und in dessen Nähe ihre Beobachtungen, Messungen und Verhöre vorzunehmen. Langsam und jede unkluge Übereilung vermeidend, konstatierten sie zunächst, daß der Schmuck der Zarin, der nach der Bekundung einwandfreier Zeugen in dem hinter dem Spiegel befindlichen kleinen Tresor gelegen hatte, nicht mehr da war. Ebenso die Briefe, über deren Stil, Art und Inhalt die bestohlene Künstlerin unter dem Druck des Rauschgiftes allerdings ziemlich konfuse Mitteilungen gemacht hatte. Stellten ferner fest, daß der kleine Eisenkasten, in dem Schmuck und Korrespondenz gelegen, sichtbar die Spuren gewaltsamer Öffnung aufwies. Von Verdächtigem fanden sie zunächst nur kleine Häufchen Zigarettenasche, die sie sorgsam in eine rasch gerollte kleine Tüte schütteten, sowie die Reste zweier flacher, roter Zündhölzer, die vielleicht zur raschen Ableuchtung des Innern des Tresors gedient hatten. Obschon eigentlich anzunehmen war, daß ein offenbar so gut und modern ausgestatteter Schrankknacker auch eine kleine elektrische Lampe unter seinen gutsortierten Berufsgeräten mit sich führte. Nach telephonischem Gespräch mit irgendeiner amtlichen Stelle kam dann ein Photograph, der das kleine Eisenkästchen und die nächste Umgebung der Wand photographierte. Dies geschah – wie die Schumann, die schon einmal in einer früheren Tätigkeit als Stenotypistin einer Bank einen ähnlichen Fall erlebt hatte, zu erklären wußte – zwecks Feststellung der Fingerabdrücke zu Vergleichen mit den im Verbrecheralbum verewigten Händen und für den wünschenswerten Fall, daß man bald einen dringend Verdächtigen verhaften und abführen konnte. Nachdem die Kriminalbeamten, denen sich der Photograph zugesellte, die Garderobe der Mahuda gründlichst auf Spuren des Verbrechers untersucht hatten, widmeten sie einiges Interesse auch den Nachbargarderoben, von denen Verbindungstüren nach diesem Raum führten. Sie sahen sich erst in dem Zimmer um, in dem die Damen Michaeli und Neumann in stetem Kampf um das widerliche Fenster sich schminkten und kostümierten. Den mit der Strickleiter verknüpften kühnen Vermutungen des Fräulein Neumann über den Weg, den der Räuber genommen haben sollte, schenkten sie wenig Beachtung, nachdem sie die Höhe und Glätte der Wand, die zu überwinden war und die außerdem von einer Anzahl Fenster der gegenüberliegenden Herrengarderoben kontrolliert werden konnte, geprüft hatten. Die Andeutungen des Fräulein Michaeli, daß der elternlose dreizehnjährige »Neffe« der Neumann – das Wort »Neffe« betonte sie leicht ironisch – sich auch in den Nebenräumen mehrfach neugierig umgeschaut, werteten die Beamten mehr als eine kleine Revanche für Fräulein Neumanns Fensterlegende und wandten sich dem anderen Raume zu, in dem Sabine Simon und Melusine Kern-Möller sich je nach den Erfordernissen der ihnen zugewiesenen Rollen allabendlich herzurichten pflegten. Hier tat der eine der Beamten, der besonders harmlos aussah und den jovialen Ton in seiner Rede durchhielt, die leicht hingeworfene Frage, ob eine der Damen vielleicht auch einen »Neffen« habe, der manchmal hier helfend oder bloß neugierig herkäme. Fräulein Simon wies solche Vermutung – da sie hellhörig den Zusammenhang mit dem »Neffen« der Neumann ahnte – etwas beleidigt zurück. Melusine aber beeilte sich, das gütigste Lächeln der alten Familienkomödie nicht ohne Glück markierend, das denn doch für die Situation vielleicht allzu unverdorben erschien, treuherzig zu versichern, daß sie zwar keinen Neffen, wohl aber einen, nach der Ansicht der anderen – sie wollte sich ja kein Urteil erlauben – einen prächtigen Jungen ihr eigen nenne. Dieser herzige Bursch stehe aber erst im zarten Alter von vier Jahren und komme für kunstverständige Behandlung fremder Tresors und einer Einschätzung russischer Wertgegenstände wirklich nicht in Betracht. Während sie noch so sprach, hatte sich der eine Kriminalbeamte gebückt und hob von dem überhaupt nicht besonders sauberen Teppich das kleine Restchen eines roten, abgebrannten Zündholzes auf. »Wer von den Damen raucht?« fragte er mit einer so ritterlichen Freundlichkeit, daß ein Harmloser annehmen konnte, er werde sofort aus einem Döschen eine Ägypterin anbieten. »Meine Kollegin, Fräulein Simon!« beeilte sich Melusine die gewünschte Antwort zu geben. Sie hatte übrigens das Hölzchen in den Fingerspitzen des Beamten gesehen. »Darf ich mal Ihre Zündhölzer sehen?« wandte sich der Kriminalbeamte liebenswürdig an Fräulein Simon. »Ich habe nie welche!« »Ich dachte. Sie rauchen?« Er sah den Kollegen flüchtig an, als wollte er sagen: da stimmt was nicht. »Ja, das mach' ich – das regt mich an«, gab die Simon mit trotzigem Kopfnicken zu. »Ihre Gemütszustände, werte Dame, interessieren uns weniger, als die Art, in der Sie Ihre Zigaretten anzustecken pflegen?« »Sehr einfach – so!« Fräulein Simon hatte von ihrem Toilettentisch neben dem großen Spiegel, auf dem Schminktöpfchen, Scheren, Manikürmesserchen, kleine Glückselefanten, Hasenpfoten, Haarnadeln, winzige Buddhas, Pfefferminzplätzchen und Puderquasten und andere Dinge herumlagen, ein kleines Taschenfeuerzeug gegriffen, knipste es an und hielt dem Beamten das flackernde Flämmchen entgegen. »Hm – danke«, sagte der Beamte. Dann näherte er sich dem mit Seltsamkeiten reich beladenen Toilettentischchen. »Sie erlauben« – und er griff einen kleinen Aschenbecher, in dem ein paar elende Stümpfchen in grauer Asche lagen – »sind das die Reste der Zigaretten, die Sie zu rauchen pflegen?!« »Ja, natürlich!« Der andere Kriminalbeamte hatte, einen Verständigungsblick des Kollegen richtig deutend, in seine Westentasche gegriffen und die kleine Lupe herausgeholt, die er dem anderen hinreichte. Dieser besah sich aufmerksam durch das Glas die Stümpfchen und Aschenreste. Dann schüttete er aus dem in der Tasche verpackten Tütchen ein wenig von der, bei der Kassette gefundenen Asche auf ein Glastellerchen und setzte hier die Untersuchung fort. »Das war nicht Ihre Marke«, sagte er dann und gab die Lupe zurück. »Der schwere Junge raucht wesentlich teurer als Sie.« »Ich stehle ja auch keine russischen Kronjuwelen«, gab die gekränkte Künstlerin schnippisch zurück und drehte den Beamten kurz den Rücken. »Verkehren hier in der Garderobe irgendwelche Herren, die rauchen?« Der Ton freundlichster Konversation blieb durchaus gewahrt. Während der eine Beamte, der blonde, hagere, diese Frage stellte, sah der andere rundliche mit der kleinen Glatze, die wie eine Tonsur aussah, und mit dem rötlichen Speckansatz über dem Kragen, scheinbar uninteressiert aus dem Fenster. Dazu trommelte er mit den kurzen dicken Fingern einen Marsch an die Scheiben. »Mein Gott, manchmal kommen Kollegen mal rasch herum und pumpen sich etwas Schminke oder einen Kohlenstift –« »Das geschah auch vorgestern abend?« »Ich denke, ja, der Kollege Kilian, der –« »Hm – trägt der Kilian einen Pelz, wenn er so mal herüberkommt?« »Im Gegenteil«, sagte die Simon, die sich des leichten Kostüms erinnerte, in dem der Kollege Kilian, eine harte Bürste leihweise erbittend, kurz nach dem Glockenzeichen zum dritten Akt hier hereingeflitzt war. »Ich weiß zwar nicht, was das ›Gegenteil‹ von einem Pelz ist« – der Beamte lächelte freundlich – »immerhin« – er öffnete ein zweites Papierchen sehr vorsichtig, als ob etwas daraus fliehen oder wegfliegen könnte, dann hielt er es auf der flachen Hand den beiden Damen hin – »für was halten Sie das?« »Das sind –« Melusine stockte. »Haare!« ergänzte die Simon, und da der Beamte nur nickte, fügte sie interessiert hinzu: »Sollen das etwa Haare von dem Verbrecher sein?« »Nicht gerade von ihm , aber Haare von einem Bären!« »Nanu, wir haben hier doch keine Menagerie, sondern ein Theater!« »Gewiß. Und diese Haare – die kleine Außentür des Tresors hat sie beim raschen gewaltsamen Öffnen wohl ausgerissen – diese Haare stammen aus dem vielleicht ziemlich wertvollen Pelz eines Bären, der wahrscheinlich sein Bestes für den Revers eines Mantels hergegeben hat, den der – nun sagen wir – der widerrechtliche Öffner des Tresors der Frau Mahuda trug, als er sich an die Arbeit machte.« »Die offenbar rasch erledigt werden mußte«, ergänzte der Trommler vom Fenster her. In diesem Augenblick – aber wirklich erst in diesem – fiel es Melusine ein, daß ihr scharmanter neuer Freund, dessen Bekanntschaft sie einem Zufall verdankte, einen der letzten Abende – es war wohl am Freitag, an dem die Mahuda nicht spielte, nach oben gekommen war, sie hier in der Garderobe zu besuchen, und ihr Pralinen und einen Veilchenstrauß mitgebracht hatte. Während ihrer kurzen Szene in diesem Akt hatte er gebeten, hier im Raum bleiben zu dürfen. Als sie – im leichten Sommerkleid, das der Akt vorschrieb – auf die Bühne eilte, saß der Ritter von Visatzky, der liebenswürdige Österreicher, der zu Wiener Bühnen so ausgezeichnete Beziehungen hatte, im geöffneten Pelz im Korbstuhl dort vor dem Schrank mit den Kostümen und blätterte im Bühnenalmanach. Als Melusine nach zehn Minuten, fertig mit ihrer Rolle und durch einen kleinen Applaus beglückt, wieder zurückkam, saß der Baron noch immer im Korbstuhl. Das Buch in der Hand, rief er der Eintretenden erfreut zu: »Also schau, ein interessanteres Buch gibt's ja gar nit! Was soll ich dir sagen – ich hab' zwei alte Lieben – sei g'scheit, is ja lang her – zwei alte Lieben hab' ich gefunden in dem Büchel. Eine ist in Brünn engagiert und eine andere – alsdann das ratst du nicht – in Kottbus, ausgerechnet in Kottbus! Und ich sag' dir, das war einmal eine Beauté du diable und eine Hoffnung in Wien an der Burg!« ... »Ja, alsdann –« die Simon sah mit runden Augen zu Melusine hinüber. »Ich glaube, über einen Kavalier im Pelzmantel kann die Kern-Möller eine bessere Auskunft geben.« Der genannten Kern-Möller zitterten die Knie; ein heißer Kloß stieg ihr plötzlich vom Magen her in die Kehle. Sie fühlte, wie ihr fettgepolstertes Herz wahnsinnige Arbeit verrichtete. Aber sie war im Leben eigentlich eine bessere Komödiantin als auf der Bühne. Auflachend warf sie sich in den unter ihrem Gewicht krachenden Korbsessel, in dem an jenem Abend der Baron mit dem Bühnenalmanach gesessen hatte, schlug sich, das Zittern ihrer Finger zu verbergen, mit ihren dicken Händen in einer etwas übertriebenen Munterkeit auf die Schenkel, warf den Kopf zurück und schien geradezu hingenommen von der Komik einer durch die Andeutung der Kollegin nahegelegten spaßhaften Vermutung. »Nein – also das ist großartig! ... Also wenn ich ihm das erzähle – der Baron Visatzky soll, weil er einen schönen Pelz hat und – – Nein, also da möchte ich dabei sein, wenn ihm das einer erzählt, in was für einen Verdacht ...« »Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit« – der zweite Kriminalbeamte, der bisher aus dem Fenster gesehen und an die Scheiben getrommelt hatte, drehte sich um – »uns die werte Adresse des Herrn Baron Visatzky – hieß er nicht so? – anzugeben?« »Ja, aber gern. Also, bitte, Baron Visatzky, gebürtig aus Graz, lebt in Wien – im Krieg Rittmeister, ich denke, bei den Trani-Ulanen, aber da kann ich mich irren.« »Gewiß, Sie waren ja nicht mit .« »Mehrfach dekoriert – und –« »– und wohnt jetzt?« »Vorübergehend hier in Berlin im Hotel ›Adlon‹.« »Wie sich das gehört!« nickte der Beamte. Und keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, als er in sein Notizbuch eintrug: »Baron Visatzky – geboren in Graz – wohnhaft in Wien – im Krieg Rittmeister bei den Trani-Ulanen – wohnhaft im ›Adlon‹.« ... Zwei Stunden später erwies es sich, daß ein Baron Visatzky niemals im »Adlon« gewohnt hatte. Auch in den anderen vornehmen Hotels, bei denen man Erkundigungen eingezogen hatte, kannte man ihn nicht. Diese telephonische Mitteilung empfing, statt seiner Gattin, für die sie bestimmt war, der gerade zum Mittagtisch nervös und abgespannt nach Hause kommende Siegmund. »Was soll ich mit einem Baron Visatzky?« fragte er erstaunt zurück. »Ich habe keine so noblen Bekanntschaften. Sie sind wohl falsch verbunden ...« Aber von der anderen Seite antwortete niemand mehr. Als Melusine von der Probe kam, echauffiert, schweißbeperlt und noch um eine Nuance unliebenswürdiger als sonst, fragte Siegmund bescheiden: »Weißt du vielleicht, wer das ist? Ein Baron Visatzky aus Wien?« Melusine war schon damit beschäftigt, die dünne Wassersuppe mit dem alten Weißbrot darin in die Teller zu schenken. »Wer hat dir von ihm –?« Sie funkelte ihn mißtrauisch an. »Vorhin am Telephon –« »So, selbst?« »Wieso – er selbst? Nein, jemand, der nach ihm fragte.« »Ich kenne ihn nicht!« schnitt Melusine unwirsch ab. »Und wenn ich ihn schon kennen würde, was geht's dich an?! Hugochen, sitz' grad, sonst gibt's Katzenköpfe!« Siegmund schwieg und löffelte die Wassersuppe. Hugochen gab sich, ängstlich nach der ungnädigen Mutter schauend, einen Ruck und saß nun steif und kerzengerade wie ein kleiner Laternenpfahl. Ganz heimlich aber tastete das Bübchen rasch mit der freien Hand nach der mageren, stark behaarten Hand des Mannes, der nicht sein Vater und ihm doch viel lieber war und viel näher stand als seine Mutter. * Ilia war von ihrer Reise zurückgekommen. Im ganzen war sie knapp zwei Tage weggewesen. Sie hatte den Herzog, blaß im Lehnstuhl sitzend, in dem reich mit Geweihen und ausgestopften Raubvögeln geschmückten Jagdzimmer seines Schlößchens vorgefunden, den düsteren Blick gerichtet auf den gewaltigen Kopfschmuck eines Achtzehnenders, den im Vorjahre sein Förster und nicht er geschossen. Die Hoheit hatte gerade am Morgen dieses Tages den durch anderthalb Jahrzehnte gewohnten Arzt hinausgeworfen, weil er ironische Zweifel geäußert hatte an der Kunst der Berliner »Seherin«, deren mit Unruhe erwartete nahe Ankunft ihm durch Indiskretionen eines Lakaien bekannt geworden. Nach dieser anstrengenden Lebensäußerung war der hohe Herr in dumpfes Brüten verfallen. Ilia hatte auf der Hinfahrt mit einem gewissen Glück, das ihre Unternehmungen meist begünstigte, scheinbar interessevoll einen Roman lesend, das Wesentlichste eines von zwei Herren geführten Gesprächs belauscht. Die Unterhaltung drehte sich, wie sie bald erkannte, um den Herzog, der als solcher nicht genannt wurde, und um seine unstandesgemäße Liebe. Aus Rede und Gegenrede ging hervor, daß irgendein naher Verwandter, Vater, Onkel oder Vormund der Erzieherin der Prinzessin in dem Städtchen gewesen war und die schöne Beatrice, ohne den kranken Herzog zu sprechen, einfach, und zwar in einem Verkehrsflugzeug, mit heimgenommen hatte. Den einen der beiden Fahrtgenossen, die von einer Weinprobe kamen und entsprechend laut und unbekümmert redeten, stellte Ilia unschwer als den Besitzer des Gasthofes fest, in dem der Verwandte, Vater, Onkel oder Vormund während seines Aufenthaltes wohl gewohnt hatte. Als Ilia nicht ohne Stolz dem Wagen entstieg, den ihr der fürsorgliche Herzog an die Bahn geschickt hatte, wurde sie sofort – das war wohl eine listige Vorsichtsmaßregel des hohen Herrn, damit sie keinesfalls irgendwie »informiert« wurde – noch im Reisekleid zu dem Patienten gebeten. So hatte sie Gelegenheit, gleich unmittelbar nach der ersten Begrüßung eine neue, ganz erstaunliche Probe ihrer geheimnisvollen Kunst zu geben. Sie äußerte, während der Herzog vorgebeugt in seinem Krankenstuhl mit großen Augen an ihren Lippen hing, sie vermöge gerade heute – bei den üblen Witterungsverhältnissen und nach den Anstrengungen der Fahrt, die sie ganz allein im Kupee zurückgelegt habe – leider nur etwa eine knappe Meile weit mit geschlossenen Augen zu sehen. Aber in diesem Umkreis, das müsse sie leider bekennen, vermöge sie nicht unter den vielen Frauen, die ihre Augen in respektvoller Neugier oder in heimlicher Zärtlichkeit nach dem Jagdschloß Seiner Hoheit gerichtet hätten – hier erhellte ein geschmeicheltes Lächeln flüchtig das Antlitz des leidenden Fürsten – das Gesicht der ihr persönlich unbekannten Frau zu erspähen, nach der das Herz des Herzogs, wie sie wohl fühle, in heißer Neigung sich sehne. Wohl aber höre sie jetzt Schritte leichter und jugendlicher Füße von elastischem Sohlenschlag, die über eine mit schweren Persern belegte Treppe zu eilen schienen. Sie habe den Eindruck, daß eine froh oder reuig Heimkehrende – nein doch, so könne sie nicht sagen, denn die Dame sei hier nicht eigentlich zu Hause – also daß eine Zurückkehrende in naher Zukunft den Herzog suchen werde. Dann hatte sie mit leisem, sicherm Griff die Hand des Herzogs, die locker auf seinem spitzen Knie lag, aufgenommen. Diese Extremität war wohltemperiert, wie die Hand eines gesunden Menschen das sein soll. Nur wies sie, wie Ilias tastender Finger das unschwer spürte, einen etwas beschleunigten Puls auf. Ilia konstatierte mit leichtem Erstaunen eine kleine überraschende Veränderung der Linien in diesem höchst verwirrten Handinnern, das sie von früheren Besuchen und Lesekünsten genau kannte. Die Deutung für diese Erscheinung wäre nach den Regeln der indischen Geheimlehre, wie sie sagte, durchaus nicht schwer. Der Herzog habe – dem tief in ihm lebenden Willen zum Glück fast mit Widerstreben folgend – beinahe schon einen Entschluß gefaßt, der ihm mit der Gesundheit des zu langem Leben berechtigten Körpers die heitere Ruhe der Seele wiedergeben würde, wenn er ihn ausführte. Dieser Entschluß nun sei ihm in den letzten beiden Tagen mit derselben Geschwindigkeit näher gerückt, mit der irgendein Verkehrsmittel, das sie nicht genau zu sehen vermöge, Wagen oder D-Zug oder Flugzeug – das letzte schiene ihr fast bei der Heftigkeit des Pulses das Wahrscheinlichste – die geliebte Frau von ihm entfernt habe. Diese sei übrigens bei ihrer fluchtartigen Abreise, wie sie jetzt sehe, nicht allein gewesen. Soweit sich das in der bereits etwas in die Nebel zurückfliehende Vergangenheit noch feststellen ließ – befand sie sich in Begleitung eines anscheinend älteren, mit einer gewissen Energie auftretenden Herrn. Eines Kavaliers, mit dem die sich entfernende Frau keinerlei erotische Beziehungen, wohl aber eine gewisse Zugehörigkeit des Blutes oder doch der Gewohnheit verbinde. Diesen Mann habe der Herzog – sie vermöge nicht zu sagen: brüskiert, immerhin, vielleicht ohne ihn selbst überhaupt zu sehen oder zu sprechen, nicht mit der sonst seiner Herablassung eignenden herzgewinnenden Freundlichkeit behandelt. Aber der Entschluß, mit dem der hohe Herr jetzt kämpfe oder besser, der jetzt schon alle Bedenken in seinem zunächst widerstrebenden Herzen besiegt habe, werde sich in einer Nachricht an die Adresse der auch bereits von der jungen Prinzessin schwer vermißten Dame auswirken. Eine Nachricht, durch die jene bekannte, dem Herzog eignende mutige Klugheit sofort die ganze Krise zu lösen wisse. Als Ilia ihre immer noch sehr hübschen Augen, sich scheinbar schwer in der Trophäenumgebung orientierend, wieder aufschlug, hatte der Herzog bereits dem diensttuenden Kammerherrn, der mit einer der ganzen Familie dieses Uradligen eignenden tiefhängenden Unterlippe verblüfft und respektvoll dabeistand, ein Zeichen gegeben. Mit einer Verbeugung kam der Aufgeforderte diensteifrig näher. Das erste, was Ilia jetzt, aus der außerirdischen Sphäre der Prophetie in die reale Welt der Liebe und der Jagderlebnisse zurückkehrend, wieder vernahm, war ein energisch hervorgestoßenes Wort des Herzogs. »Mein lieber Herr von Klütz, telegraphieren Sie, bitte, sofort – ich betone: so-fort – an den Vater – ehem – Sie sind ja wohl im Bilde – ich lasse bitten, mit Fräulein Tochter umgehend zurückzukommen! Deuten Sie – diskret, aber verständlich – an, ich sei entschlossen, Fräulein Beatrice – unter Verleihung des meiner morganatischen Gattin zustehenden Titels einer Gräfin Robertsburg zu heiraten. Unsere liebe Frau Endler speist heute abend mit uns. Ich lasse meine Tochter, die Prinzessin Erna, bitten, ebenfalls zur Abendtafel zu erscheinen. Kleiner Abendanzug. Einhalb acht Uhr, wenn ich bitten darf. Danke, mein lieber Herr von Klütz.« Diese rasche und bis jetzt so glückliche Abwicklung der Angelegenheit hatte Ilia einen hübschen Abend und ein sehr anständiges Honorar eingebracht. Bei der Tafel hatte der befriedigte Herzog, sein Kelchglas erhebend, mit Dank auf die Gesundheit der hellsehenden Frau von Endler getrunken und hatte dann in Aussicht gestellt, daß in allernächster Zeit eine Kusine mütterlicherseits von ihm, eine wenig glücklich verheiratete Reichsgräfin – auf seine Veranlassung – Ilia persönlich in Berlin aufsuchen und in delikater, persönlicher Ungelegenheit befragen werde. Ilia hatte dann, nach Aufhebung der Tafel, als sie mit der hübschen, frischen, aber just nicht durch besonders sprühende Geistesgaben ausgezeichneten Prinzessintochter durch die merkwürdige, bilderreiche Gemäldegalerie ging, durch geschickte Fragen über Art, Geistesrichtung, Vergangenheit und Zukunftspläne der angesagten Reichsgräfin so viel herausgefragt, daß sie mit großer Ruhe dem Besuch dieser nach der lieblosen Schilderung der Prinzessin Erna nicht übermäßig sympathischen Dame, die sich eine poetische Ader und ein Leberleiden einbildete, entgegensah. ... Dies alles hatte Ilia gleich nach der Heimkehr, beim Tee, von hübschen Lichtbildern des Jagdschlößchens und seines herzoglichen Herrn in Jagduniform und im Tennisanzug unterstützt, ihrer schönen Base erzählt. Hatte ihr auch eine aparte Brosche mit einem geschliffenen Aquamarin – gewissermaßen als Dank und als eine Art Tapferkeitsorden für die Vertretung hier am Kartentische – mitgebracht. Nun erwartete sie, mit der brennenden Zigarette im Mundwinkel, sich behaglich in den kissenreichen Sessel zurücklehnend, Klaras Bericht über ihre beruflichen Erlebnisse und Erfolge. Davon, daß die zum Empfang ihrer Herrin wie ein Christkindchen geschmückte Berta Babusch vorhin, als sie ihr beim Auspacken des Köfferchens half und in Dankbarkeit die mitgebrachten Seidenstrümpfe in Empfang nahm, in gedrängter Kürze über einiges Nichtige bereits berichtet, sagte Ilia allerdings kein Wort. Denn eine gewisse diplomatische Verschwiegenheit erschien ihr als eine der nicht unverständlichen Grundbedingungen aller Erfolge in ihrem Metier. Besonders in solchen an sich nicht schwierigen Fällen wie dieser. Und Klara berichtete. Sie erzählte wahrheitsgemäß, wie ihr zunächst sehr wenig wohl gewesen sei bei dieser ganzen Geschichte; und wie es immer wieder der Erinnerung, für wen sie es tue, bedurft habe, sie tapfer bei der Stange zu halten. In diesem Sinne habe sie denn auch Berta Babusch, die sich übrigens vortrefflich bewährt habe, gebeten, etwaige ihr, der Babusch, bekannte Besucher gefälligst an der Tür schon dahin zu informieren, daß »Madame Ilia« leider unpäßlich sei und höflich bitten lasse, in fünf oder sechs Tagen wiederzukommen. Solche Besuche seien – fünf an der Zahl, drei Damen und zwei Herren – dagewesen und, entsprechend belehrt, betrübt wieder abgezogen. Aber alle mit dem glaubwürdigen Versprechen, in fünf bis sechs Tagen wieder zur Stelle zu sein. Berta Babusch habe über diese, von ihr, Klara, nicht gesehenen Besucher übrigens eine gewissenhafte Liste geführt, die sie sicherlich ihrer Herrin vorlegen werde. Von neuen Klienten aber seien an diesen zwei Nachmittagen nur drei dagewesen. Eine alte Dame, die sich über das Benehmen ihrer Kinder und Enkel sehr beunruhigt gezeigt, denen, wie sie andeutete, ihr kaum allzu fernes Ableben offenbar noch nicht zeitig genug erfolge. In Erinnerung an die Grundlinien der ihr von Ilia gewordenen Belehrungen habe sie, Klara, dieser sehr aufgeregten alten Dame aus der mumienhaften Hand geweissagt, daß sie »sehr alt« werde. Hier unterbrach Ilia den Bericht, indem sie, ein originell geformtes Wölkchen aus dem Munde entlassend, bemerkte: »Recht so, Kind – eine derartige Prophezeiung hat stets die besten Chancen. Wenn sie nicht erfüllt wird, kann sie von der Klientin selbst nicht mehr nachgeprüft und übelgenommen werden. Und – wie dieser spezielle Fall erweisen wird – die lachenden Erben nehmen selten Veranlassung, solche – gewissermaßen zu ihren Gunsten nicht eingetroffene – Prophezeiung, wenn sie überhaupt davon wissen, anders als mit einer stillen oder lauten Genugtuung über die Unzuverlässigkeit unserer Kunst zu beurteilen. Weiter, bitte!« Klara fuhr fort zu berichten. Eine junge Frau – angeblich glücklich aber kinderlos verheiratet – war erschienen, um sich Rat zu holen in einer heiklen Frage. Ihr habe der Arzt gesagt, sie sei durchaus gesund und auch fähig, Kinder zu bekommen, die sich ihr Mann – sie sagte rührenderweise immer: »mein lieber Mann–« dringend wünsche. Ihr Gatte aber – der durch zwei uneheliche Kinder leider schon bewiesen habe, daß es an ihm nicht liegt – glaube an die Richtigkeit dieses ärztlichen Attestes nicht. Und da er den Vorwurf, daß er auch heute noch der schuldige Teil sei, von sich abwälzen wolle, so habe sie ihn im Verdacht, daß er das auf eine dritte Probe außerhalb des Hauses und ihrer Ehe ankommen lasse. Nicht aus Zügellosigkeit, sondern bloß, um sich selbst und ihr den Beweis zu liefern, daß seine vorgerückten Jahre seine Fähigkeit, eine legitime Familie zu gründen, durchaus nicht beeinträchtigt hätten. Nun sei ihr aber plötzlich, wie eine Erleuchtung, der Verdacht gekommen, daß schon jene beiden ersten Fälle auf einer die Gutmütigkeit ihres sehr liebenswerten, aber – sie gab es errötend zu – geistig nicht überragenden Mannes ausnützenden unverantwortlichen Täuschung beruhten. Und daß er zu Unrecht die recht lästigen Alimente für einen anderen zahle, der jetzt – angeblich in großzügiger Wallung – die Frau mit den beiden ledigen Kindern geheiratet habe. Sie wünschte nun, daß die Dame mit der silbernen Maske einmal für sie in die Zukunft sehe. »Nun bin ich aber neugierig!«, Ilia ließ vor Spannung ihre Zigarette ausgehen – »wie da – deine Prophezeiung kann man's ja eigentlich nicht nennen – wie da dein salomonisches Urteil gelautet hat.« »Ich habe ihr gesagt, in ihren Handlinien stehe – die Karten, die sie befragt wünschte, bestätigten es – stehe die Anwartschaft auf ein nicht gewöhnliches Glück in der Ehe. Wie die Zeiten aber nun einmal geartet seien – und bei den nicht gerade üppigen Verhältnissen, in denen die Besucherin und ihr Gatte, wie sie zugab, lebten, sei dieses Glück – besonders da ihr Mann ja schon außereheliche Verpflichtungen habe – durch Kinder und die Sorgen für solche ernstlich gefährdet. Deshalb – so deutete ich die betreffenden Glückslinien sowohl wie die günstige Lage der Karten – deshalb werde ihr Glück in diesen wirtschaftlich so schweren Zeiten just durch die Kinderlosigkeit solider und dauernder sein. Aber wenn wieder die besseren Jahre kämen, so nähme ich nach Art und Lage der Linien und Karten an, daß sie noch späte Mutterfreuden erleben werde. Worauf sie mich nach einer kleinen Pause errötend fragte: ›Durch meinen Mann?‹ – Was ich ohne Gewissensskrupel nach einem nachprüfenden Blick in Hand und Karten bejahte.« »Darin hast du durchaus recht getan«, lobte Ilia. »Denn in einer schwachen Stunde sagt sie ihm doch, daß sie bei mir – pardon, bei dir war. Überhaupt – du hast dich einfach großartig aus der Affäre gezogen! Meine Hochachtung! Und der dritte Fall?« »War minder großartig. Da kam ein Student – er sagte es zwar nicht gleich, aber er hatte zwei noch nicht ganz verheilte Schmisse. Er behauptete, eine Dame der hohen Aristokratie habe ihn geschickt. Die ›Dame‹ hab' ich geglaubt, die ›hohe Aristokratie‹ weniger. Denn seine Manieren verrieten keineswegs den täglichen Umgang mit Leuten, die sich vielleicht kein Vermögen und keine Vorrechte mehr, wohl aber die sicheren Formen des Umgangs aus dem Umsturz gerettet haben.« »Gut gesagt – gut gesagt! Und wie hast du den wackeren Scholaren mephistophelisch bedient?« »Er wollte angeblich wissen, ob er das Examen, das medizinische Staatsexamen, wie er sagte, bestehen werde. Ich erinnerte mich deiner sehr nützlichen Winke und drückte zweimal heimlich mit dem Knie, während ich die Hände mit den Karten spielen ließ, auf den Schellenknopf unter dem Tisch. Worauf mich die tüchtige Berta Babusch prompt ›für einen Augenblick‹ in dringender Angelegenheit an die Türe rief. Der wißbegierige Jüngling hatte – nach den gedruckten Vorschriften, die du im Korridor hast annageln lassen – seinen Mantel, Hut und Stock draußen abgelegt. Berta Babusch hatte rasch und gewissenhaft, während ich ihn empfing, die Taschen des Paletots durchsucht und in der Brusttasche in einem Portefeuille neben gleichgültigen Papieren und einigen unanständigen Postkarten zwei Briefe gefunden. Beides adressiert: ›Herrn cand jur –‹ den Namen hab' ich vergessen; aber er klang polnisch aus und war nicht adlig. Die Adressen zeigte mir die Berta mit affenartiger Geschwindigkeit, wies dann auf die polnische Marke des einen Briefes und dann – alles wortlos – mit dem Finger auf den Schlußpassus dieses Briefes, der – in einer schon etwas krakeligen Frauenhand – etwa lautete: ›– so kann ich dir diesmal unmöglich die erbetenen hundert Mark schicken und lege nur fünfzig Mark ein. Warne aber dringend, weder zu spielen oder zu wetten. Du weißt, daß dein armer Vater ...‹ Das Folgende war in der Eile nicht zu lesen. Darunter stand: ›Unser Häuschen und Garten läßt grüßen. Deine besorgte, dich liebende Mama‹. Diese wertvolle Information hatte höchstens eine halbe Minute gedauert. Ich hatte die Tür hinter mir ein ganz klein wenig offen gelassen und – auch dessen war ich eingedenk! – die Fingerspitzen meiner einen Hand blieben dem Besucher sichtbar. Beim Wiedereintreten sagte ich halblaut, aber doch so, daß er's verstehen mußte, zurücksprechend zu Berta, wiederum deinen wertvollen Winken folgend: ›Sagen Sie, bitte, Seiner Exzellenz, daß ich morgen um fünf Uhr zur Verfügung stehe‹ ... Das ironische Gesicht, das ich erwartet hatte, feixte meine silberne Maske an, als ich wieder dem Jüngling gegenüber Platz nahm. Ich sagte ruhig: ›Ich bitte um Entschuldigung. Ein für mich wichtiges Telephongespräch.‹ – ›Ich habe gehört‹, lächelte der Jüngling maliziös. ›Sie haben wohl außer mir – lauter Exzellenzen zu Kunden?‹ – ›Nein‹, antwortete ich ruhig, ›die meisten sind gut bürgerlich, wie Sie – auch ziemlich viel Polenabkömmlinge darunter –, was Sie vielleicht interessiert ... Aber reden wir von Ihren Angelegenheiten!‹« »Also famos! Das hätt' ich, weiß Gott, nicht besser machen können. Und was hast du ihm prophezeit?« »Ich habe den Kristall herangezogen, den größeren. Habe längere Zeit mit starren Augen hineingeschaut und dann ein bißchen zögernd gesagt: ›Ich sehe ein Zimmer – es kann in einer Universität sein – viele würdige ältere Herren darin – Gelehrtenköpfe – scheinbar Professoren.‹ – ›Sie meinen eine Klinik?‹ fragte er und sah mich dabei gespannt an. ›Die medizinischen Prüfungen – ich bin Mediziner – finden doch in den Kliniken statt.‹ – Ich wartete ein Weilchen, immer mit dem Kristall beschäftigt, den ich langsam drehte. Dann sagte ich ruhig, aber ohne besondere Betonung: ›Nein, es ist keine Klinik – sondern – nach ihren Gesprächen, die ich undeutlich höre, sind die alten Herren alle Juristen.‹ – Wie ich erwartet hatte, sah ich jetzt in ein sehr verblüfftes Gesicht. – ›Juristen‹, stotterte der Jüngling. ›Ja, aber was sehen Sie noch ?‹ – ›Jetzt – treten Sie ein. Sie haben eine weiße Binde um den Hals ... Der eine alte Herr sieht recht finster nach Ihnen hin. Er erwidert kaum Ihren Gruß‹ – – ›Verdammt noch mal!‹ das kam ganz unbewacht heraus. ›Wie sieht er aus, der alte Ekel?‹ – Innerliche Erregung zitterte aus seiner dringenden Frage. – ›Sie müssen nicht so viel unterbrechen‹, sagte ich, ›jetzt ist er weg.‹« »Ausgezeichnet – aus–ge–zeich–net! Weiter!« »›Was können Sie jetzt wahrnehmen?‹ fragte er, schon wesentlich respektvoller, ›ist der alte Herr vielleicht wieder da?‹ – ›Nein‹, sagte ich, ›er kommt auch nicht wieder. Die Herren sind jetzt alle weg. Alle, Sie auch.‹ Nach einer Pause: ›Ich sehe jetzt – eine Dame.‹ – ›Eine junge Dame?‹ fragte er. – ›Nein, eine ältere Dame. Sie sieht Ihnen ein wenig ähnlich, scheint mir‹ – ›Mir – ähnlich?‹ – ›Ja. So um die Augen und ... sie scheint in einem Häuschen zu wohnen, das in einem Garten liegt, aber – sie denkt an Sie. Und jetzt – jetzt nimmt sie etwas vom Tisch ... Spielkarten.‹ – ›Spielkarten?‹ – ›Ja.‹ – ›Und was tut sie mit den Spielkarten?‹ – ›Sie betrachtet sie bloß traurig und mir scheint mißbilligend – jetzt, jetzt zerreißt sie die Spielkarten.‹ – – ›Warum denn?‹ – ›Das weiß ich doch nicht. Aber ich fühle das, sie denkt ein wenig, nein, sie denkt nur , während sie das tut, an Sie .‹« »Also fabelhaft! Fa–bel–haft! Und nun war er erschlagen, was?« »So erschlagen, daß er vergaß, das Honorar neben die Karten zu legen.« »Macht nichts, macht nichts!« Ilia rieb sich die Hände. »Der Spaß ist wahrhaftig einen kleinen Verlust wert. Und deinen Triumph beeinträchtigt das durchaus nicht. Du warst doch gewiß sehr stolz, als –« »Stolz? Nun, eine kleine versteckte Eitelkeit regte sich schon und – jetzt muß ich dir noch ein kleines Geständnis machen.« »Ein Geständnis? Da bin ich neugierig!« »Als der Student – er war mir etwas sympathischer geworden, als die posierte, ironische Überlegenheit unter der Wucht meiner Prophezeiung von ihm abfiel – als er schon an der Türe war und sich noch einmal umwandte, nestelte ich, als ob mir da was unbequem sei, hinten an meinem Haarknoten und richtete es so ein – scheinbar zufällig – daß die silberne Maske vom Gesicht herabrutschte. Ein kleiner Schrei des Erstaunens. Er schien sprachlos und...« »›Sieh her und bleibe deiner Sinne Meister!‹ heißt es in der ›Turandot‹.« »Na, so schlimm war's nicht gleich. Aber er stand wie angewurzelt. Ich glaube, die weiße Perücke saß ganz gut – und meine schwarzen Augenbrauen und die Farben, die ja noch ganz frisch sind – er sah jedenfalls, daß ich nicht so alt und vielleicht auch nicht so häßlich war, wie er befürchtete.« »Also, du hast einfach bezaubernd in der Perücke ausgesehen, Klara, schon bei unserer Probe neulich! Und es hat mir direkt leid getan, daß die törichte Maske – – Jetzt hat er wohl die Konsultation ausdehnen wollen der edle, wissensdurstige Pole?« »Er machte allerdings Miene, sich mir wieder zu nähern. Aber ich hatte schon im selben Moment, als ich die Maske rutschen ließ, wieder auf den verborgenen Knopf gedrückt – diesmal dreimal – und Berta Babusch stand schon in der offenen Tür mit dem Mantel des Besuchers bereit. Und die gute Berta hat eine so resolute Art, die Leute hinauszukomplimentieren.« »Ja, also darin ist die Berta wirklich fabelhaft. Die faßt schon zu, Sie hat da so eine Art höflichen Polizeigriff – und eine Kraft in den Händen, die man der unansehnlichen Person gar nicht zutrauen sollte. Kommt hinzu ihre unerhörte Häßlichkeit, die auf Unbekannte so eine ähnliche Wirkung hat, wie das schlangenumzingelte Haupt der Gorgone Medusa.« »Jedenfalls – mein letzter Klient war draußen.« Mit einem Lächeln hatte Klara ihren Bericht beendet. Forschend sah Ilia zu ihr hinüber. »Dein Letzter – Hat dir – sei einmal ganz ehrlich – hat dir die anfangs gefürchtete ›Vertretung‹ nicht ein wenig Spaß gemacht? Mindestens als jeu d'esprit , als Probe auf deine Geistesgegenwart und Kombinationsgabe?« »Ja, Ilia, wenn ich ehrlich sein soll, du hast nicht ganz unrecht. Es gab besonders im Fall des polnischen Studenten ein paar Momente, wo mir die Überlegenheit über diesen zynischen und arroganten Jüngling, der zusehends immer kleiner und verwirrter wurde, so etwas wie Vergnügen gemacht hat. Aber ich habe auch seltenes Glück gehabt. Daß die – übrigens wie ein Jagdhund dressierte – Berta Babusch gleich ein so ausgezeichnete Winke enthaltendes Schriftstück in dem Paletot finden würde, war ja wirklich nicht vorauszusehen.« »O doch ... Etwas, was uns auf den Weg führt, findet die tüchtige Berta immer. Und ein wenig Psychologie tut das übrige. Sieh mal, der Besucher ist gezwungen, fragend und hörend immer auf das glatte Metall meiner blanken Maske zu sehen, oder in das zurechtgemachte, unechte Gelock einer Perücke. Ihm sitzt die Undurchdringlichkeit, sitzt das Rätsel selbst gegenüber. Das war schon, denk' ich, vor vier-, fünftausend Jahren der ganze Erfolg der Sphinx. Du aber siehst sein durch jedes deiner Worte bewegtes Gesicht, das durch Zucken, Farbenwechsel, durch geistige Mitarbeit oder gestrafften Widerstand deinem unbeirrbar lauernden Auge schon verrät, ob du mit deinen behutsam tropfenden Prophezeiungen das Wesentliche streifst, oder ob du auf dem Holzwege bist... Wenn du mich mal öfter vertreten willst – natürlich gegen Beteiligung – so wirst du selbst...« »Danke, liebe Ilia«, unterbrach Klara schnell, »einmal war das wirklich ganz interessant. Man muß schließlich alles kennen lernen, wozu man Gelegenheit hat. Und in diesem – ja, wie soll ich sagen, in diesem Kampf mit dem Rätselhaften, in diesem Ringkampf mit einem Unbekannten, dem man doch eigentlich erst entreißen will, was man ihm nachher als ›prophezeit‹ wiedergibt, habe ich schließlich auch ein bißchen vergessen –« »Was?« Ilia fragte das ruhig. Aber ihre Augen wurden klein, und ihre Züge verloren die Heiterkeit. »Es laßt sich nicht so recht ausdrücken«, wich Klara aus und stand auf. Ilia nickte nur. Sie wußte, was Klara meinte. Die Unehrlichkeit dieses seltsamen Berufs, die, im mystischen Mäntelchen, im wesentlichen nur einer disziplinierten Intelligenz über die Leichtgläubigkeit und die Wundersucht seelisch Aufgewühlter oder Verwundeter zu Sieg und Gewinn verhalf, hatte sie abgestoßen. Das Unausgesprochene lag für den Rest dieses Abends zwischen den beiden Frauen. Sie saßen beim Abendessen, dem Berta Babusch, die alles Festliche liebte, im Tischschmuck und Menü den Charakter eines bescheidenen »Festmahls« verliehen hatte. Die zwar billigen, aber reich über den Tisch verteilten Blumen, die sonst nicht übliche Nachspeise, der auf eigene Verantwortung von der tüchtigen Berta besorgte Rheinwein, das alles schien mehr die glückliche Heimkehr von einer Polarexpedition zu feiern, als eine nach zwei Tagen geschäftlicher Abwesenheit Heimkehrende zu begrüßen. Berta Babusch selbst aber genoß abends nur gewärmten Kaffee vom Nachmittag, da sie einmal gelesen hatte, daß der Orient daran glaube, die Sultane der Osmanen hätten durch große Portionen dieses Trankes, vor dem Schlaf der Nacht genossen, das sie auszeichnende schöne und vornehme Äußere gewonnen. Auf die Erfüllung dieses hoffentlich nicht nur für Sultane gültigen Naturwunders wartete Berta Babusch nun, obschon sie auch ohnedies ihre monströse Häßlichkeit durchaus übersah und der Ansicht huldigte, daß es nur an ihr und an der Festigkeit ihrer Prinzipien liege, wenn sie noch nicht die Gattin eines soliden Bürgers oder gar die verwöhnte, heimliche Geliebte eines klugen und vornehmen Herrn sei. Einen Augenblick, als die heimkehrende Ilia mit echter Herzlichkeit in sie gedrungen war, zu erzählen, was alles in ihrer Abwesenheit passiert, war Klara nahe daran gewesen, alles unter der Maske und Perücke Erlebte beiseite zu schieben und das zu erzählen, was ihr selbst wirklich als Erlebtes die Gedanken erfüllt und das Herz hatte höher schlagen lassen. Der Drang eines jungen erwachten Weibes, sich irgendeiner befreundeten Seele mitzuteilen, ein Wort des Staunens, der Mitfreude zu hören, etwas Glückwunschähnliches, und sei's nur einen Händedruck, zu empfangen, war so mächtig in ihr gewesen. Aber in diesem Augenblick war ihr Auge auf die silberne Maske und die weiße Lockenperücke gefallen, die dort unter dickbäuchig prangenden goldenen Buddhas bei den gehäufelten Karten lagen. Und mit einmal kam ihr die ganze theatralische Unechtheit dieses Raumes und des mystischen Geschäfts, dem er diente, so zwingend und ernüchternd zum Bewußtsein, daß all das Neue, Junge, Heiße, Beglückende in ihr wieder scheu und ängstlich in den Winkel des seit ein paar Tagen so unruhigen Herzens zurückfloh. * ... Jetzt, da sie – von Ilia noch bis an die Tür begleitet und auf die Stirn geküßt – in ihrem kleinen Zimmerchen allein war, setzte sie sich auf die von Berta Babuschs knochigen Händen für die Nacht schon zum Bett umgewandelte Chaiselongue und ließ die Blicke in dem Zimmerchen umherwandern. Es war eigentlich das Badezimmer – für diese Zwecke ganz geräumig, aber als Wohnzimmer eben nur so ausreichend – das Ilia ihr eingeräumt und liebevoll und mit Geschmack ein bißchen wohnlich hergerichtet hatte. Die Badewanne selbst war von einer Holzplatte überdeckt, über die ein Brussatuch in bunter Vergnügtheit gebreitet war. So war ein brauchbarer Toilettentisch hergestellt, für den Jim in ihrer Umsicht allerlei Döschen und Schächtelchen mit Puder, Salben und Schönheitsmittelchen neben Flakons und Schälchen für Haarnadeln und Schmuck in üppigster Weise gestiftet hatte. Ein breiter, alter Biedermeiersessel verstellte den Weg zu diesem primitiven Waschtisch und einem mit Büchern vollgepackten Schreibtischchen. An der einen Wand hing ein etwas fleckiger Stich, der Napoleon in theatralischer Pose auf dem Schimmel von Marengo zeigte. An der anderen Wand prangte ein überaus buntes Blumenstück, Rosen, Maiglöckchen, Schwertlilien und Dahlien – Blumen, die eigentlich bei uns zur selben Zeit gar nicht blühen – das farbenfrohe Werk und Geschenk einer nicht übertrieben talentierten adligen Künstlerin, die viel ausstellte und wenig verkaufte und die Ilia für eine restlos erfüllte Voraussage dankbar war. Auf einem kleinen Gesims aber standen ein paar armselige Sächelchen, die Klara sich bei ihrer raschen Flucht von Hause mitgenommen. Zwei wenig wertvolle japanische Väschen, die – sie erinnerte sich's noch aus früher Kinderzeit – meist mit ein paar billigen Blumen auf dem Schreibtisch der Mutter und später auch auf dem Nachttischchen bei der still gewordenen Frau gestanden hatten. Ein schlicht gerahmtes Bild ihres Vaters ohne Kragen und in Hemdsärmeln, aus der glücklichen Zeit stammend, da er noch die Unkosten der Mitgliedschaft bei einem Kegelklub bestreiten konnte. Die kleine Nürnberger Madonna, aus Buchsbaumholz geschnitzt, die ihr der Vater von seiner kurzen, einzigen Reise, deren sie sich entsann, zum Begräbnis seiner Schwester in Fürth, mitgebracht. Und dann – ja, das hatte sie sich nun eigentlich heimlich und widerrechtlich angeeignet und mitgenommen, als sie ging. Es war der kleine Dackel aus braunem Tuch, den das Hugochen »Purzel« getauft und, ach, so sehr geliebt hatte. Er stammte aus einem Dreimarkbasar, war wohl das erste und vielleicht auch das wertvollste Geschenk, das ihr Vater dem Hugochen – noch in der Brautzeit mit dessen Mutter – gemacht hatte. Später, wie so Kinder sind, hatte das Bübchen über ein viel häßlicheres, allerdings mit dem Kopf wackelndes Wollschaf auf grasgrünem Brett, das ihm die gute Schumann geschenkt und das, wie sie selbst, wunderlich altmodisch, nach Lavendel roch, den »Purzel« völlig vergessen. Als Klara fliehend ihren Regenmantel aus dem gemeinsamen Schrank nahm, lag der Purzel, die steifen Beine nach oben streckend, zwischen Kinderstiefeln und Kragenkartons auf dem Boden des Spinds. Da hatte sie, im heißen Drang, irgendetwas mitzunehmen und zu besitzen, was sie an das Kind erinnerte, den »Purzel« rasch entschlossen bei einem Vorderbein gefaßt und den Wehrlosen in den Regenmantel geschlagen. So eingepackt, war er erst mit ihr in die schreckliche Pension in der Kurfürstenstraße, dann bei Ilia eingezogen. Jetzt stand Klara auf und nahm das wenig schöne Exemplar seiner Rasse vom Gesims, sah ihm, als habe er Leben, in die als Äugen eingenähten, in der Farbe verschiedenen Glasknöpfe und sagte halblaut, als erwarte sie eine Antwort: »Purzel, Purzel, was werden wir zwei noch miteinander erleben!« Aber der Purzel blieb stumm. Nicht einmal in diesem Milieu war ihm die Freude des Wahrsagens zuteil geworden. So setzte sich Klara in den breiten Biedermeiersessel, dessen Muster in der, wie ein Kutschbock, breiten Lehne sie mit großen Blumen umgab, als läge sie gebettet in lauter blau-gelbe Stiefmütterchen und rote Nelken. Mit den beiden Händen streichelte sie dem häßlichen Tier die hängenden Ohren und den breiten Rücken, aus dem an zwei Stellen schon etwas von der angeschmutzten grauen Watte, die sein Inneres restlos füllte, aus den gesprengten Nähten guckte. Und während sie das Gefühl hatte, daß sie etwas Liebes, ihr Zugetanes streichele, und während ihre wehmütigen Gedanken über Hugochens Himmelbettchen und des Vaters Sitz bei der grünen Lampe, wo er jetzt die Abendblätter las, sich allmählich mehr und mehr aus diesem Zimmer und seinem Milieu entfernten, kam es ihr wehmütig zum Bewußtsein, daß sie in diesen vielleicht für ihr ganzes Leben entscheidenden Tagen niemanden habe, niemanden, mit dem sie sich aussprechen konnte. Niemanden, als einen kleinen stummen, häßlichen Hund aus Wolle und Tuch, mit dem einmal die zärtlichen Kinderhändchen gespielt hatten, nach deren Liebkosung sie sich, wie oft, bangte und sehnte ... Überhaupt nach Zärtlichkeit. Ein paar Tage, ehe Ilia zu dem Herzog reiste, war es gewesen. Da hatte Klara wieder einmal die Berliner Zeitungen, die hier gehalten wurden, durchgeblättert. Angeblich interessierte sie die Politik – in Wahrheit war es der Annoncenteil, der sie anzog. Denn sie hoffte immer noch, eine offene Stelle als Hausdame, Repräsentantin oder in der Krankenpflege zu finden, wenn nicht gar einen Mäzen, der ihr doch noch den Traumweg zur Kunst verwirklichte. Sie hatte auch auf ein paar Anzeigen dort an dem kleinen Schreibtisch ein schüchternes Angebot verfaßt. Hatte ein nicht sehr vorteilhaftes Bildchen von sich eingelegt, von dem sie zwei Dutzend als Postkarten für billiges Geld hatte machen lassen, und hatte die Briefe morgens ganz früh, wenn Ilia noch schlief, selbst in den Kasten getragen. Postlagernde Antworten, die sie erwartete, kamen nur zwei. Ein angeblicher »Kapellmeister« war bereit, sie »auf der Geige auszubilden« und möglichst bald – der weitere Unterricht könnte dann auf dem Schiff erteilt werden – nach Argentinien mitzunehmen. Wo sie, wie er rühmend schrieb, der Star einer durch erlesene Schönheit der Mitglieder ausgezeichneten Damenkapelle werden sollte. Die andere Zuschrift erwies eine Annonce, »Stütze in frauenlosen Haushalt eines Gelehrten mit zwei reizenden Kindern« betreffend, als listige Lockspeise einer Heiratsvermittlerin, die gegen eine zu zahlende Gebühr von zwanzig Mark, wie sie gemütvoll, aber nicht sehr orthographisch schrieb, von Herzen bemüht sein wollte, eine den Wünschen der Auftraggebern entsprechende »Glückspartie« zu finden ... Da waren an jenem Nachmittag, als Ilia ihr notwendiges Mittagsschläfchen machte, die Augen der die Zeitung überfliegenden Klara zwischen lauter bescheidenen Kurzzeilenannoncen, die mit den Worten, ja, mit Buchstaben sparten, auf dieser günstig gestellten, größer gedruckten und etwas auffällig arrangierten Annonce haften geblieben: »Die junge Dame, die von der Post in der Marburger Straße kam und der das Taschentuch nicht gehörte, wird angelegentlich um ein Lebenszeichen gebeten unter V. V. V. aus Wien, postlagernd Marburger Straße.« Das konnte nur er sein – und nur sie war gemeint! Und indem sie das las und nochmals las und, ärgerlich über ihre zitternden Hände, das Blatt abriß und in ihrem Täschchen verwahrte, gestand sie sich, daß sie mehrfach in diesen Tagen an den eleganten Kavalier mit dem gemütlichen Wiener Tonfall in der Stimme gedacht hatte. An den liebenswürdigen Fremden, der ihr so galant das Taschentuch nachgetragen hatte und der so treuherzig enttäuscht war, als es ihr gar nicht gehörte. Es bedurfte keines Bedenkens und keines Entschlusses – sie schrieb an ihn. »Sehr geehrter Herr aus Wien« – so lautete das vierte Briefchen; die drei anderen hatte sie in kleinste Schnitzel zerrissen – »ich bin nicht gewohnt, durch die Zeitung zu korrespondieren. Aber ich leugne nicht, daß ich mich gefreut habe, als ich – ganz zufällig – in der Zeitung den Beleg fand, daß Sie sich der flüchtigen Begegnung auf der Straße noch erinnern. Da ich in meiner augenblicklichen Lebenslage dankbar bin für Menschen, die noch Zeit haben, meiner zu gedenken, und da ich bei unserem kurzen Zusammensein den Eindruck hatte, daß ich es mit einem Kavalier zu tun habe, so will ich Ihren Wunsch erfüllen. In der Voraussehung, daß Sie dieses Briefchen rechtzeitig erhalten – bin ich morgen nachmittag um fünf Uhr in der Konditorei von Telschow am Zoo.« Nichts weiter und keine Unterschrift. Kaum war das Briefchen im Kasten gewesen, hatte Klara heftige – nicht gerade Gewissensbisse, aber immerhin – Bedenken gehabt. Der Wortlaut ihres Briefchens, als Antwort auf eine gedruckte Anzeige in der Zeitung, schien ihr um eine Nuance zu freundlich, zu zutraulich. Freilich – wenn sie überhaupt auf ein Wiedersehen eingehen wollte, konnte sie nicht gut schreiben: »Was fällt Ihnen eigentlich ein! Aber ich komme doch !« ... Vielleicht war auch eine so besuchte Konditorei nicht gerade der passendste Ort! Aber eine Normaluhr vorzuschlagen oder einen Platz im Tiergarten, das wäre doch zu albern gewesen. Ein Theater – freilich, das wäre vielleicht das richtigste gewesen. Aber ein Platz in einem anständigen Theater kostet leider das Zwanzigfache von einem Nußtörtchen bei Telschow, das schließlich – auch wenn er nicht kam oder das Wiedersehen eine alles weitere abschließende Enttäuschung war – als Ausgabe selbst bei ihren bescheidensten Verhältnissen nicht groß ins Gewicht fiel. Als sie dann klopfenden Herzens am nächsten Nachmittag bei Telschow die Tür öffnete – es war die Zeit, in der Ilia ihre Sprechstunden abhielt und nimmermehr auf den Einfall kommen konnte, die ein wenig frische Luft Schöpfende zu begleiten – erwies sich eine neue Ungunst des gewählten Schauplatzes. Die Konditorei wurde gerade umgebaut. Das hintere Sälchen war deshalb geschlossen. Und die ziemlich zahlreichen Getreuen des Cafés, vermehrt um nasse und mürrische Zufallsgäste, die der kalte Novemberregen draußen in eine gastliche Stube trieb, füllten das Lokal in einer beängstigenden Weise. Das Peinliche dieser Tatsachen kam ihr sofort voll zum Bewußtsein, als sie beim Eintreten – zehn Minuten nach der verabredeten Zeit, – »ihn« bereits an einem der kleinen Marmortischchen, ein Wiener Journal vor sich, über das er hinwegsah, wartend vorfand. Er saß, das Gesicht dem Eingang zugekehrt, nicht weit vom Büfett, hinter sich am Haken den Pelz, dessen nobles Futter seiner männlich mondänen Erscheinung ein gutes Relief gab. Er trug einen diskret gestreiften, dunkelbraunen, ganz leicht auf Taille gearbeiteten Sakkoanzug. In einer dunkelroten Foulardkrawatte steckte, von einem kleinen Brillanten blitzend untertupft, eine sicherlich wertvolle matte Perle. Als er sie sah – und er erkannte sie auf den ersten Blick, obschon sie nicht den blauen Mantel von damals anhatte, sondern das bessere Trotteurkleid, das freilich ein wenig leicht war für die Jahreszeit – erhob er sich sofort. Er ließ das randlose Monokel in die linke Hand fallen und zog mit der Rechten ihre Hand zu flüchtigem Kuß an seine Lippen. Sie empfand es sehr dankbar, daß er mit großer Sicherheit – ohne Kordialität zu heucheln – den Ton der Begrüßung so wählte, daß die reichlich neugierigen Umsitzenden – besonders zwei alte Damen in unechten Persianermänteln reckten sich die unschönen, an gerupfte Gänse erinnernden Hälse aus – an eine lange Bekanntschaft glauben mochten. »Sehr gütig, meine Gnädige, daß Sie es möglich gemacht haben«, sagte er. »Doppelt dankenswert, da ich in einigen Tagen wieder nach Wien muß – eigentlich nach Budapest, aber selbstverständlich über mein liebes Wien. Sonst hätten wir uns gar nicht mehr gesehen. Was macht die Kunst, wenn ich fragen darf?« Und ohne weiter eine Antwort zu erwarten auf die Frage, die Klara tief verblüffte: »Was, bitte, darf ich bestellen?« Man trank Tee und aß einiges Gebäck. Aber es erwies sich, daß auch der Wiener, sowenig er das an der Konversation merken ließ, von der Fülle des Lokals und der Nachbarschaft verschiedener einzelner Herren und Damen, die nach dem Genuß von Kaffee und Schlagsahne nichts mehr zu tun hatten als hinzuhören, was die anderen sagten, nicht sehr erbaut war. Besonders machte ihm – sie sah das – ein schlicht bürgerlicher Herr dort am Pfeiler Unbehagen, der scheinbar nur mit seiner Zigarre beschäftigt war. Der Wiener beugte sich näher zu Klara hin und sagte mit einer ganz leicht orientiernden Kopfbewegung: »Das ist ein Theateragent, der dort sitzt. Kein Mann von Einfluß, aber ein etwas aufdringlicher Herr. Er kennt mich und meine guten Beziehungen zu Wiener Bühnen – nicht mißzuverstehen, bitte! ›Beziehungen‹ nur als Kunstfreund und, wenn Sie wollen, als Mäzen ... Ich fürchte, der Mann redet mich an; und dann muß ich ihn vorstellen – was leider einige Schwierigkeiten machen könnte, da mir sein unbedeutender Name entfallen ist – und wir würden ihn nicht los. Wenn's Ihnen also recht ist, gehen wir lieber.« Es war ihr recht. Draußen hatte der Regen aufgehört; und sie gingen durch die milder gewordene, windstille, regenfeuchte Herbstluft langsam die ziemlich stille Hardenbergstraße entlang. Und während er von Wien erzählte, das sie nicht kannte, – und wie still es geworden sei an der schönen blauen Donau gegen früher; und während er von Budapest berichtete, das sich erhole und im Aufschwung begriffen sei – dachte sie mit klopfendem Herzen: ein Mäzen – und ein nobler, sympathischer Mensch – ein offenbar vermögender Kavalier, der gute Beziehungen zu den Wiener Bühnen hat ... Ist das Schicksal nicht manchmal gnädig, ja liebevoll, wie eine gute Fee im Märchen? ... Und jetzt, da sie, den häßlichen Purzel zwischen den Knien und sein Tuchfell streichelnd wie eine Kostbarkeit, in dem alten Biedermeiersessel saß, dessen reichliches Blumenmuster sie farbenfroh umgab, dankte sie immer noch der guten Fee, die heimlich über ihr waltete, und die gewiß jetzt über ihn, den Freund, – heute gerade mußte er ja in Budapest, seiner Lieblingsstadt, sein – in Gnaden die schützenden Hände hielt. ... Ob sie – ohne das Urteil über die ritterliche Erscheinung des Wiener Aristokraten zu ändern – von der gütigen Schicksalsfee noch genau so gedacht hätte, wenn sie gewußt, daß Viktor von Visatzky damals, als er sich von ihr in der Tauentzienstraße verabschiedet hatte, noch einmal nach dem Postamt in der Marburger Straße zurückgekehrt war? Wenn sie geahnt hätte, daß er, wie unter dem Druck einer Eingebung an dem gerade leeren Pultabteil, in dem sie die verschiedenen Fassungen ihrer Annonce geschrieben und wieder verworfen, den zerknitterten ersten Entwurf gefunden, gelesen und eingesteckt hatte. Den flüchtig durchgestrichenen, reichlich verwischten, aber doch noch lesbaren Entwurf, der – nicht ganz gleichlautend mit dem, der Veits Gedanken von der Ostsee abgelenkt hatte – also lautete: »Junge Künstlerin – Bühne – die ihr Studium unterbrechen mußte, sucht edeldenkenden Mäzen, der ...« Hier brach der Text ab. Aber der zweite edeldenkende Mäzen war gefunden! * Die Notwendigkeit, umzuziehen, hatte sich für Veit noch rascher ergeben, als er geahnt und befürchtet hatte. Der alltägliche Streit des dänischen Ehepaares war eines Abends bös ausgeartet. Die beiden hatten in dem »Vergnügungslokal für die elegante Welt«, das sich etwas ruhmredig »Paradiso« nannte und durch den Höllenspektakel seiner Veranstaltungen im ganzen Westen bekannt war, ihre Nummer »Turteltauben« absolviert. Dann waren sie gegen ein Uhr, schon schrecklich zankend und die Türen werfend, in ihr Zimmer links von Veit heimgekehrt. Auf der anderen Seite ließ sich der hoffnungsvolle Schlagerkomponist noch allerlei Reminiszenzen an jüngst in Paris Gehörtes einfallen. Wenn Veit der dänischen Sprache mächtig gewesen wäre und die Worte verstanden hätte, die sich die beiden Künstler laut genug an die erhitzten Köpfe warfen, so wäre er vielleicht besser vorbereitet gewesen auf das, was sich nun begeben sollte. So aber erschrak er ganz außerordentlich, als er – gerade damit beschäftigt, sich seufzend eine besonders starke Packung Oropax in den Gehörgang zu stopfen – schaudernd vernahm, wie ein, zwei, drei Schüsse im Nebenzimmer fielen. Fluchen des rabiaten Mannes. Schrille Schreie der bedrohten Frau. Das Klirren von Fensterscheiben. Veit sprang mit gleichen Füßen aus dem Bett und riß sich die noch warme Hose über die Beine. Tat dies so eilig, daß sich das gewölbte Gesäßteil vorn befand und die fieberhaft suchenden Hände umsonst hinter dem Rücken die Hosenträger zu erhaschen trachteten, die er beim Ausziehen stets an den hinteren Knöpfen des Bundes befestigt ließ. Der Anordnung der Garderobe nicht weiter achtend, stürzte er in höchster Eile auf den Korridor, um – Angst war nicht seine Sache – ritterlich der vom eifersüchtigen oder verrückt gewordenen Gatten bedrohten Dänin beizustehen. Auf dem halbdunklen Flur traf er zunächst den wie irrsinnig sich gebärdenden Schlagerkomponisten, einen feisten kleinen Herrn mit wie immer, auch jetzt in seiner tödlichen Angst, ritzeroten Backen. Der tastete sich in einem wattierten gesteppten Schlafrock aus roter chinesischer Seide, auf dem schwarz gelockten Kopf den Fes, ohne den ihm, der an Kopfgrippe litt, nichts einfiel, mit zitternden Händen an der Wand entlang, immerzu stöhnend: »Hier wird geschossen!« Einen Augenblick zuckte der Gedanke durch Veits Kopf, das sei eine passende Gelegenheit, diesen elenden Kerl, der ihm mit seinen Reminiszenzen so manche Nachtruhe geraubt hatte, einmal »irrtümlich« zu verprügeln. Eine unerwartete, eigentlich ganz erstaunliche Gelegenheit: denn wer hieß den Künstler, wenn er sich vor den Schüssen fürchtete, auf den Korridor laufen? Dann aber siegte in Veits rascher Erwägung die Ritterlichkeit. Er ließ den Tondichter nach der Toilette entweichen, wo er sich hastig einriegelte, und drängte, ohne anzuklopfen, durch die nicht verschlossene Tür in das Zimmer der Dänen. Hier war es jetzt plötzlich still geworden. Die kleine, ganz hübsche Frau lag in dem sehr unordentlichen Raum halb angekleidet auf dem Diwan. Unverwundet, wie Veit dicht herantretend mit raschem Blick konstatierte. Der Gatte aber, der eine Fensterscheibe, einen Rasierspiegel und eine Biedermeierstanduhr durch seine sinnlosen Schüsse erledigt hatte, war damit beschäftigt, seinen stark blutenden Daumen der linken Hand, in den er sich beim letzten Schuß getroffen hatte, in der Waschkanne zu kühlen. Auch die anderen Pensionäre waren erschienen. Ein Referendar, der morgen ins Assessorexamen steigen wollte und die Dänen schon heute nacht für seinen nunmehr unvermeidlichen Durchfall verantwortlich machte; und ein altes Fräulein aus Riga, das russischen Sprachunterricht gab und jetzt durch ihre russischen Brocken das Sprachendurcheinander noch vermehrte. Zuletzt die durch bereits genossenen Schlaf keineswegs verschönte Frau Zirbel selbst, der diese »ruhige und solide Pension für In- und Ausländer« gehörte. Alles redete wüst durcheinander. Irgendwer hatte einen Sipo aus dem zerschossenen Fenster herausgewinkt, der mit wichtiger Miene allerlei Überflüssiges in sein dickes Notizbuch schrieb und nebenher konstatierte, daß eigentlich gar nichts passiert war. Frau Zirbel, aufgelöst auf einem Stuhl neben dem zweischläfrigen Bett der Dänen sitzend, nahm von sämtlichen Mietern schweigend die Kündigung in Empfang. Nur der Schlagerkomponist blieb in seinem verriegelten sicheren Gewahrsam, wo ihm, wie er am nächsten Tag nicht ohne Stolz erzählte, endlich das lang gesuchte Finale zum zweiten Akt seiner Operette eingefallen war, das er an Ort und Stelle gleich auf etwas unwürdiges Papier skizziert hatte. Das Unglück für Veit, der unbedingt so rasch wie möglich die gräßliche Unterkunft verlassen wollte, hatte es gefügt, daß Fräulein Butte gerade am nächsten Morgen einen Urlaub von drei Tagen antrat. Das brave Mädchen fuhr nach Köln, um dort die Hochzeit einer Cousine mitzufeiern, die nach fünfjähriger, etwas stürmischer Brautschaft einen um sieben Jahre jüngeren Oberpostsekretär heiratete. Veit hatte mit seinem Freund Addo telephoniert. Hatte dem Teilnehmenden die Greuel dieser Nacht wahrheitsgetreu geschildert und seinen festen Entschluß mitgeteilt, so rasch wie möglich eine neue Wohnung zu beziehen. Hatte freilich auch seine Unfähigkeit, jetzt selbst eine zu suchen, zugeben müssen, da ihn Fräulein Butte für drei Tage treulos verlassen und er die »Ostseebadestube«, wie er sein Büro nannte, nicht schließen könne. Dieses im Hinblick auf die plötzlich aufgetauchte Möglichkeit, daß sein alter Herr, der im letzten Brief freundliche Andeutungen in dieser Richtung gemacht, ihn just in diesen Tagen besuchen könne. So übernahm es Addo, der eigentlich an diesem Morgen das Reichspostmuseum und den Funkturm hatte besichtigen wollen, sich für den Freund nach einer besseren Wohnung umzutun. Schon am späten Nachmittag war Addo persönlich bei Veit erschienen, der gerade hinter der spanischen Wand in der »Ostseebadestube« saß und sich aus verzweifelter Langeweile mit Fräulein Buttes neuem Wildlederchen die Nägel polierte. Mit ehrlicher Genugtuung hatte Addo dem Freunde mitgeteilt, er habe zu seiner Freude eine wirklich schöne kleine Wohnung für ihn gefunden. Und zwar in dem oberen Teil der Uhlandstraße. Im zweiten Stock. Bei offenbar sehr anständigen Leuten. Als Alleinmieter. Ein kleines Schlafzimmer mit erfreulichem Bett, ein größeres Wohnzimmerchen – alles fast genau so, wie es Veit angegeben und gewünscht. Unten keine Kneipe und kein Käseladen, sondern ein »Orientalischer Teppichbasar«, der ungefähr so vom Publikum überlaufen schien, wie das Ostseebadebüro im Winter. Die Zimmer durchaus nicht modern sachlich möbliert, eher etwas altväterlich gemütlich. Ganz nette Bilder. Etwas viel aufregende Historien und entbehrliche Familie. Das könne man ja aber weghängen und ersetzen. Erker, Telephon im Wohnzimmer, Bad nicht direkt am Schlafraum, aber vorhanden und zur Verfügung. Die Fenster nicht nach einem lichtlosen, stinkigen Hof, sondern auf die saubere, mit Bäumen bepflanzte Uhlandstraße. Kein Klavier, kein Opodeldokgeruch. Auch keine alleinstehende Dame. Eine Dame allerdings. Etwas korpulent, etwas von sich eingenommen, anscheinend von der Kunst, wohlgesetzte Worte äußernd und vielfach ihren abwesenden Mann zitierend, der Kassenbeamter in einem ersten Theater sei und sehr auf Ordnung und gute Sitten im Hause zu halten scheine. Kinder? Nein. Wenigstens nicht im Pluralis. Ein ruhiger, etwa fünfjähriger Junge, der ihm gleich als »das Hugochen, ein stilles, gutes Kind«, vorgestellt worden sei, und der dann bei den Verhandlungen über Heizung, Morgenkaffee, Ruhe, Schlüssel und Preis nicht weiter gestört habe. Veit war dem Freund, der die Aussicht vom Funkturm seinem Wohl geopfert hatte, herzlich dankbar. Als er gerade dabei war, ihm dies mit herzlichen Worten zu versichern, kam ein Telegramm seines Vaters. Obschon es verstümmelt schien, war ihm zu entnehmen, daß der alte Herr den Sohn heute abend »nach Geschäftsschluß« an dem Zug, der aus Süddeutschland komme, auf dem Perron des Anhalter Bahnhofs erwarte. »Ein Pech, was?« sagte Veit und betrachtete das Telegramm, als ob durch längeres ernstes Anschauen sich angenehme Veränderungen in seinem Text vollziehen könnten. »Warum? Paßt ja ganz gut.« Addo hatte es gern, wenn sich die Ereignisse, besonders wenn sie einen anderen betrafen und durcheinander wirbelten, ein bißchen jagten. »So kannst du jetzt deinem Herrn Vater gleich deine neue Wohnung zeigen.« »Die ich selbst noch nicht betreten habe? ... Nein, das geht nicht. Du kennst meinen alten Herrn nicht. Er ist wirklich ein ganz famoser Kerl. Auch persönlich durchaus kein eigensinniger Kleber am Alten und Überkommenen. Aber merkwürdig, was seine Kinder und sein Personal anbetrifft, ausgesprochener Pedant. Will immer oberste Instanz bleiben, letzte Direktiven geben und vor allen Dingen um Rat gefragt sein.« »Mein Gott, wenn in dieser Pension ein verrückter Däne plötzlich einen Revolver zieht und auf seine Frau schießt – in den Zeitungen steht übrigens, sie sei gar nicht seine Frau und sie habe zuerst geschossen –, also dann kannst du doch kein Telegramm mit Rückantwort an deinen Vater schicken oder nachts um zwei Uhr ein dringendes Ferngespräch anmelden für die Frage: »Soll ich umziehen – und wohin?« »Natürlich nicht. Aber glaub' mir, es macht ihm – so ist er nun einmal – einen schlechten Eindruck, wenn ich gerade an dem Tag umziehe, an dem er kommt.« »Aber du hast doch nicht geschossen! Und du hast doch seine Ankunft nicht bestimmt.« »Alles nein – und alles richtig. Aber er empfindet das peinlich. Nu stell dich auf den Kopf! Und peinlich empfinden ist schon halb übelnehmen. Aber weißt du, er hat mir ja immer hierher ins Büro geschrieben – nie in die Privatwohnung. Auch so eine Marotte von ihm. So kann ich sagen, ich wohne schon längere Zeit da.« »Natürlich – und machst heute hier zeitig Schluß, ziehst rasch noch mit deinen zwei, drei Koffern um nach der Uhlandstraße und hast morgen, wenn der hohe Vorgesetzte deine Wohnung besichtigen will, das herrlichste Nest.« »Schön, schön. Bloß – heute zeitiger hier Schluß machen? Das geht auch nicht. Da kennst du meinen alten Herrn wieder schlecht. Der ist imstande und kommt einen Zug früher, überrascht mich hier oder telephoniert aus dem Hotel, ob ich auch noch bis zur letzten Minute im Dienste bin und –« »Na, dann ist eben dein Fräulein Butte da.« »So, die ist da? Siehst du sie? Ich nicht.« »Ja, ist sie krank?« »Im Gegenteil. Sie ›feiert‹. Auswärts. Das heißt eigentlich nicht sie . Sie hat wieder eines ihrer üblen Familienfeste. Also was dieses späte Mädchen für eine ereignisreiche Familie hat – du machst dir keinen Begriff! Nein – wie die Dinge liegen – muß ich schon aushalten, bis – aber weißt du – ein Einfall: Du – du hast doch Zeit. Du ziehst mich einfach heute nachmittag um. Die alte Zirbel kennt dich ja. Außerdem bezahlst du ihr den halben Monat noch. Schmeißt einfach meine Sachen in die zwei großen Koffer – die rechts von der Heizung –« »Na, zwei große Koffer würde ich ja schon finden ... Aber ich wollte eigentlich heute nachmittag auf den Funkturm, da ich noch kein –« »Was machst du denn immerzu auf dem Funkturm?« »Ich war doch noch gar nicht drauf.« »Na, also! Der läuft dir doch nicht fort, der Funkturm. Und die Aussicht von dort oben – nachmittags soll's übrigens sehr windig sein – die ist ja morgens viel schöner. Überhaupt Berlin in der Morgenbeleuchtung, direkt berühmt! Abgemacht, du ziehst mich um und bist so lieb und fragst die neue Schloßherrin – wie heißt sie denn –?« »Frau Rendant Kern-Möller – Melusine Kern-Möller. Auf den Vornamen scheint sie sehr stolz zu sein.« »Kann sie auch. Melusine – wie die berühmte gute Tante – die Idealistin. Weißt du, die da mit Nietzsche und dem Doktor Rée in Sorrent war ... So sag's doch schon! Herrje, die Freundin von Wagner –« »Die Meysenbug?« »Natürlich, wie dies Fräulein von Meysenbug.« »Die hieß allerdings Malwida, nicht Melusine.« »So? Na also, dann ist die Frau Kern-Möller noch origineller, als ich gedacht habe. Und die Schlüssel – die Schlüssel, die bist du so gut und –« »Die Schlüssel hab' ich dir schon mitgebracht.« Addo zog zur größten Verwunderung Veits die Schlüssel an einem Ring aus der Tasche. »Die Dame Melusine meinte, du kommst vielleicht zu einer Zeit, wo sie zufällig mal nicht da ist – sie spielt Theater, glaub' ich – spielt auch ein bißchen, wenn sie nicht spielt, scheint mir.« »Ich verstehe. Ich komme mir ganz geborgen vor und bin nun außerordentlich neugierig auf meinen neuen Wigwam, den ich deiner Güte verdanke. Also, Addo, wenn du dir später mal ein Schloß kaufen willst, bin ich gern bereit – nur gegen Erstattung der Reisekosten – ein paar Monate für dich am Rhein, an der Riviera, in Oberitalien, wenn du willst auch in Dalmatien – aber das würde ich dir nicht raten; das ist dort ein bißchen aus der Welt – herumzureisen und dir eines auszusuchen. Eines, in dem ich dann gern mal ein paar Monate zu Besuch absteige. So nobel revanchiere ich mich! ... Und nun – mach' dich auf, mein Sohn! Hier sind meine Schlüssel – zur Wohnung der Zirbel. Tröste die Gute ein wenig – sie befürchtet immer, daß sie Mittelohrentzündung bekommt – eine Zahnwurzelhautentzündung hat sie schon. Es zog heute nacht so eklig durch die zerschossene Scheibe, und sie hatte leider so wenig an unter dem Pelz ihres Seeligen, den sie immer trägt, wenn sie über den hundekalten Korridor geht.« * ... Am späten Abend dieses denkwürdigen Tages, man kann schon sagen in der Nacht, denn es war kurz nach ein Uhr, nahm Veit im »Bristol« bewegten Abschied von seinem alten Herrn. Alles war so ungefähr gekommen, wie Veit seinem Freunde Addo vorausgesagt hatte. Um ein halb sieben Uhr hatte das Telephon im Büro geklingelt; und der alte Herr machte die Probe, ob sein Sohn noch im Dienst war. Er wäre selbst mit einer Taxe nach dem Büro herausgekommen, sagte er, aber ihm sei bei der Einfahrt in den Anhalter ein Kohlenstäubchen ins Auge geflogen. Er habe zunächst zu einem Arzt fahren müssen, der es ihm, den Augendeckel umdrehend, rasch und beinahe schmerzlos für zwanzig Mark entfernt habe. Immerhin, er müsse jetzt das Auge durchaus schonen und sitze nun im Hotel und warte, bis Veit punkt sieben sein Büro schließe und ihn im Hotel aufsuche. Im »Bristol« war dann noch Herr Polzig, ein Geschäftsfreund des Vaters, anwesend gewesen bei dem kleinen Souper. Veit hatte den Eindruck, daß dieser vielredende Süddeutsche den alten Herrn mit einem Gasthof in Schweinfurt, der angeblich spottbillig zu kaufen war, hineinlegen wollte. Aber die Sache endete damit, daß Herr Uhlig senior, nachdem drei Flaschen »Liebfrauenmilch« und drei Flaschen »Mumm« getrunken waren, mit behaglichem Schmunzeln eine beträchtliche Bestellung seines Geschäftsfreundes in sein Notizbüchlein einschrieb, sich aber über Schweinfurt die Entscheidung vorbehielt, die – das sah Veit seinem Vater an – noch nicht ohne weiteres in zustimmendem Sinne erledigt war. In dem Ostseebadebüro wollte der alte Herr gleich noch morgen früh erscheinen. Zu einem Besuch bei seinem Sohn in der Wohnung würde die Zeit leider nicht mehr reichen, da er schon um zehn Uhr nach Bremen weiterfahren müsse, um mit dem Direktor des »Lloyd« über Belieferung des großen im Bau begriffenen Amerika-Dampfers zu verhandeln. Als die beiden Herren aufbrachen, der Geschäftsfreund, Herr Polzig, aus Schweinfurt, und Veit, erwies es sich, daß der Erstgenannte seine Garderobemarke während der Unterhaltung zerrissen und in einen Sektkübel geworfen hatte. Die Auswahl unter den noch vorhandenen Kleidungsstücken machte leider viele Schwierigkeiten, da Herr Polzig durchaus darauf bestand, einen Otterpelz mitgebracht zu haben und den weniger vornehmen Tuchmantel, der ihm, wie der Inhalt der Taschen eigentlich einwandfrei auswies, wirklich gehörte, durchaus ablehnen zu müssen glaubte. Schließlich erkannte er aber doch – vielleicht überzeugt durch die Tatsache, daß überhaupt kein Ottermantel da war – an der abgerissenen Kragenschlinge und einem Korkenzieher in der Seitentasche sein Eigentum. Er gab der Hoffnung Ausdruck, seinen Ottermantel zu Hause vorzufinden und sagte den Garderobefrauen – statt des vielleicht erwarteten Trinkgeldes – einige derbe Liebenswürdigkeiten. Dann ließ er sich ziemlich widerstandslos von Veit, der keine Lust hatte, mit einem Schwerbezechten die Linden entlang zu ziehen, in eine Droschke verstauen, der er merkwürdigerweise »Kempinski« als Ziel seiner sichtlich verworrenen Wünsche angab. Auch in Veit gingen in der frischen Luft die frohen Geister des Weins ein wenig um. Daher kam es wohl, daß er plötzlich vor seiner alten Wohnung stand. Erst durch Größe und Art der fremden Schlüssel, die er in der Hand hatte, kam ihm zum Bewußtsein, daß er gar nicht mehr hier, sondern in der Uhlandstraße wohne. Aber er war nicht in der Lage, sich oder dem Schicksal etwas übelzunehmen. Die Nacht war schön und sternenklar. Die Uhlandstraße lag schließlich auch nicht auf dem Sirius. Und eine gewisse Spannung, Freude auf eine Überraschung beflügelte seine Schritte. Endlich! ... Es ging zwar nicht gleich bis zum Sirius; aber etwas weiter, als er gedacht hatte, war's doch gewesen. Veit transpirierte ein bißchen, als er die Haustür aufschloß. Die kleine Taschenlampe, die er stets im Mantel hatte, erleuchtete ein geräumiges, nach Berliner Manier etwas protziges Treppenhaus. Ein vom Straßenlicht noch beschienener gepanzerter Ritter in stolzer Pose hielt eine schlecht vergoldete Beleuchtung, deren Kontakt Veits suchende Hand leider nicht fand. So tastete er die Treppe nach oben. Sie wurde dunkler. Auf dem zweiten Absatz hatte er den Eindruck, als ob ihn hier im schwachen Licht eines Glasfensters eine Madonna grüße. Bleigefaßte Fruchtkörbe schienen darunter die Last ihrer unwahrscheinlichen Früchte anzubieten. Einen Läufer spürte er auch mit Genugtuung unter den Füßen. Allerdings jetzt blieb sein Fuß in einem Loch des beschädigten Gewebes hängen; und er wäre beinahe wider die Tür gefallen, die zu seiner neuen Wohnung führen mußte. Richtig, der Schlüssel schloß. Nicht leicht, aber er tat's. Wieder fand Veit den Kontakt zur elektrischen Beleuchtung des Vorplatzes nicht. Wenn's jetzt eine falsche Etage wäre, dachte er. Und wenn plötzlich ein erwachender Einwohner mir mit einem Beil über den Kopf ... Er mußte lachen. Woher sollte übrigens der Einwohner so rasch ein Beil herhaben? Oder es schliefen ... Sollte es nicht die erste Tür rechts sein, die ...? Ja, da war die Klinke! Darunter das Schlüsselloch. Der zweite Schlüssel paßte ganz gut – oder, dachte er, hier schliefe nun eine reizvolle junge Dame, das ovale Köpfchen auf dem nackten runden Arm, unbekleidet wie die berühmte schlafende Venus von Tizian ... Es war eigentlich hübsch, daß die Griechen ihre Götter auch schlafen ließen. Unser christlicher Gott wacht immer. Und ob er lachen kann, lachen, wie die homerischen Götter getan und heute nur noch die Götter der Japaner, das weiß man aus den Evangelien nicht; und im Alten Testament lacht er ganz bestimmt nicht! ... Sieh mal an, wie freundlich, da kam jetzt etwas Mondlicht irgendwo herein. Er stand in seinem Zimmer. Dort thronten auch seine Koffer, bunt beklebt mit den Hotelschildchen von Luzern, Lugano, Florenz, Rom, Palermo, Taormina, von der letzten Reise her. Aber das sah man jetzt nicht – überhaupt nichts Buntes. Nur wenig Licht, sanftes, blasses Licht. Ein bißchen flüssiges Gold dort vor dem Spiegel. Was mochte das wohl sein? Richtig, eine kleine kupferne Schale, in der ein paar Blumen zum Willkomm standen. Addo hatte hier gewaltet. Und Schatten, schwarze, schwere Schatten, ein Schrank, ein Sessel, grotesk in der Form der breiten Armlehne. Das Glas von Bildern glitzerte an den Wänden. Das würde er ändern. Zu den Bildern an den Wanden muß man ein persönliches Verhältnis haben, wenn man wohnen will. Eine Chaiselongue, wieder ein Stuhl – das kündete wenigstens sein Schienbein –, ein Tisch, der ihn derb vor den Bauch stieß. Gut, alles spricht von Behagen, Vertraulichkeit. Das kann man brauchen und wünschen. Aber Bilder, Wandschmuck, da muß schon eine Gegend der Heimat zu einem reden im Silberrähmchen. Oder ein sympathischer Verwandter; eine liebe Frau in einer Stellung, die man an ihr kennt, ein Maler, den man liebt. Anselm Feuerbachs Römerin, die überall schön blieb, oder eine Schwarzwaldhöhe von Hans Thoma oder – All' sowas jagte sich in seinem Hirn, wirbelte, vom Alkohol gepeitscht, etwas rascher und bunter durcheinander als vielleicht sonst. Aber es ließ die Logik nicht ganz vermissen; entbehrte nicht des Zusammenhangs der Beziehungen zu dem ihm nun dienenden Raum und seiner Bestimmung. Dort – der bunt gemusterte Vorhang – das Auge hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, und er sah etwas wie ein unruhiges Muster des Gewebes – der markierte den Eintritt zum Allerheiligsten. Zu dem gastfreundlichen Raum, in dem er jetzt schlafen sollte, gut schlafen, lang schlafen – aha, und hier war auch der Kontakt! Das Licht blitzte an der Decke auf in einer schlichten, grünlich getönten Glasscheibe, die einen beträchtlichen Sprung hatte. Veit betrat mit einem angenehmen Gefühl den kleinen Schlafraum. Vorsichtig zog er prüfend die Luft durch die Nase. Nun, Addo hatte recht, es roch nicht nach Opodeldok, überhaupt nach nichts Ausgesprochenem. Veit hatte immer eine Furcht beim Betreten oder gar Mieten fremder Räume, daß irgendein Mischgeruch von Menschen, die hier hausten oder vor ihm hierhergehört, darin geblieben sein könnte. Irgendein unausrottbarer Duft von Dörrobst oder ungarischer Bartwichse, nach Katzen oder Risotto, nach »Eau de mille fleurs« oder Bratwürsten. Hier aber, nein – etwas Sauberes, frisch Gepflegtes lag über dem Raum, und doch wieder etwas, das – nicht unsympathisch – ein Benutztwerden, ein Bewohntsein verriet. Wie liebenswürdig und vorsorglich der gute Addo – anstatt auf den Funkturm zu fahren – hier gewirkt haben mußte! Dort auf dem eben nicht großen Waschtisch gewahrte Veit schon seine Seife im Schälchen, sein Mundwasser, seine Nagelfeile, seine Zahnbürste. Und es wunderte ihn selbst, daß der Anblick einer nicht mehr ganz neuen Zahnbürste in so später Stunde einen Menschen rühren, ihm das wohlige Gefühl des Heimischen geben konnte. Mitten in der Nacht in einer fremden Umgebung. Auch sein Wecker, wahrhaftig, stand schon auf dem Deckchen des Nachttisches. Ein bißchen viel Deckchen waren überhaupt im Raum verteilt und verrieten die Freude kleiner Leute an billigem Zimmerschmuck. Und viele Bilder, einfach in Eiche gerahmt, der Alte Fritz und seine Generale am Lagerfeuer – es war wohl die Situation, wo der alte Zieten nicht geweckt werden sollte. Der hatte es gut, der alte Zieten, der schlief schon! Der Tod Gustav Adolfs bei Lützen, ein alter Stich, Julius Cäsars Ermordung auf dem Forum ... Großer Gott, ein bißchen viel Krieg und Mord und Sterben für ein kleines Schlafzimmer! Was war das aber – das komische Kreisrunde zwischen den Bildern? War das in der Tapete ein Muster oder aufgehängte Dekoration? Er faßte es an. Es raschelte. Welkes Laub – Lorbeer! Ach so, Lorbeerkränze – hm. Huldigungen für Julius Cäsar oder Gustav Adolf? ... Vielleicht hatte sich der Todestag gejährt. Aber nein – die Iden des März lagen sechs Monate zurück und – ja, wann war die Schlacht bei Lützen? Veit hatte begonnen, eingeladen von dem aufgedeckten sauberen Bett, sich auszuziehen, angeregt von dieser sichtlich auf ihn wartenden Lagerstatt, die vor kurzem noch einem anderen – ja, wem wohl? hoffentlich einem gesunden, braven, sauberen Menschen – zur wohlverdienten Ruhe verholfen hatte. Veit war gern der Nachfolger gesunder, vergnügter, sauberer Menschen in Hotels und so. Auch sein Vorgänger hier – das hoffte er – war von jener Gilde, von der dort an der Wand der ermordete Cäsar sagte: »Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein, mit kahlen Köpfen, die des Nachts gut schlafen.« ... Cäsar – wie kam er jetzt auf den ? »Gallia est divisa partes tres ...« Nein, das war's nicht! Dort an der Wand wurde er ermordet. »Verruchter Casca, was beginnst du?! ...« Shakespeare –! Immer entweder Goethe oder Shakespeare fiel einem gebildeten Manne ein – sogar tief in der Nacht – beim Zubettgehen. Jetzt war er mit dem Arm durch die Ärmel und mit dem Kopf durch den Kragen des Nachthemdes gefahren und stand im letzten Akt der nächtlichen Toilette vor dem Bett. Da sah zufällig sein Auge zu einem Bilde hin, das gerade über den weißen Decken hing. Von magischer Gewalt angezogen, kamen seine Augen nah und näher. Und dann plötzlich – dann taumelte er mit einem Schrei, einem richtigen kurzen Schrei zurück und saß, eh' er's ändern oder hindern konnte, auf dem einzigen Lehnstuhl in diesem Raum. Saß im Hemd, regungslos. Die Arme schlaff herunterhängend, die Lippen geöffnet, die Augen starr gerichtet auf das Bild, das blaß gewordene Gesicht ohne jene zu Fröhlichkeit und Ironie geneigte Intelligenz, die sonst seine hübschen Züge belebte. Bin ich jetzt wahnsinnig – oder total betrunken – oder ist das dort ein Spuk, eine Hexerei – oder ein Witz von Addo, der ja aber gar nicht weiß, wer das dort ist ...?! Oder – oder –? Vielleicht dient es zur Entschuldigung für das dämliche Benehmen eines total verblüfften, unbeherrschten, nur mit einem Hemd bekleidet im Stuhle Sitzenden, wenn wahrheitsgetreu berichtet wird, daß dieses im heute erst gemieteten Zimmer über Veits noch nicht benutztem Bett hängende Bild eine Photographie war, die – als Kniestück – wohlgetroffen und in einem freundlichen Moment aufgenommen, eine hübsche junge Dame darstellte. Und zwar unverkennbar jene junge Dame, die damals in der Marburger Straße auf der Post die kleine Anzeige geschrieben, mißbilligt und zerknüllt hatte, deren Wortlaut den »Edeldenkenden« betraf. Und dieser »Edeldenkende« saß jetzt, ein Bild menschlicher Unvollkommenheit, im Nachthemd vor seinem aufgedeckten Bett, in das er zu steigen vergaß, und starrte wie verhext an die Wand. Dabei fror er gräßlich an den nackten Beinen. * Es war noch nicht spät am Abend, zu einer Stunde, da das wenig betretene Lokal des Vaters Blumenhals, im Keller ganz unten in der Zimmerstraße, selten seine Stammgäste sah. Deren Beruf oder Beschäftigung brachte es nun einmal mit sich, daß sie meist erst in später Nacht oder gegen morgen ankamen und sich hier an den ungedeckten aber verdreckten Holztischchen das Weißbier mit Kümmel und ein Wechselgespräch leisten konnten. Blumenhals, ehemaliger Matrose auf einem Frachtschiff, dann Ringkämpfer in einem Wanderzirkus, war schließlich Kneipwirt in Sankt Pauli in Hamburg geworden. Nach einer dunklen Affäre – er sollte Hauptbelastungszeuge in einem Mädchenhandelprozeß sein und hatte plötzlich angeblich durch einen Sturz über die Kellertreppe sein Gedächtnis verloren – war er nach Berlin gekommen. Hatte hier vor sieben Jahren mit den Trümmern seines, wenn man seinen Schwüren glauben wollte, einst beträchtlichen Vermögens diese Kellerwirtschaft gepachtet. Hatte sie – warum wußte keiner, vielleicht er selbst nicht einmal – »Zur Essigrose« getauft und öffnete die gastlichen Pforten dieses, wie er in Ansprachen gern betonte, nur »heiterer Geselligkeit gewidmeten« Ausschanks erst abends nach neun Uhr. Vor dieser Stunde hatte die Welt überhaupt keine Reize für Blumenhals und lockte ihn kein Verdienst. Von der Sonne sah er bestenfalls im Hochsommer die letzten Strahlen, wenn er in grünen Pantinen, einen breiten Ledergurt um die zerbeulten Hosen, die Ärmel an den reich tätowierten Athletenarmen aufgekrempelt, einen Augenblick die stets glitschige Steintreppe hinaus auf die Straße stieg und den Katzen der Nachbarschaft pfiff, die, als seine ersten Gaste, in ein paar schmierigen Blumenscherben den Abfall der gestern bei ihm eingenommenen Nachtmahlzeiten beim Ofen zu fressen bekamen. Auch des Morgens ganz früh im Hochsommer, wenn er hinter den letzten der nach der Friedrichstraße taumelnden Gäste seinen Laden schloß, sah er wohl noch mal mißbilligend – denn sie brachte ihm nichts ein und andere Beziehungen hatte er nicht zu ihr – die Sonne. Aber unter ihrem grellen Licht in Sommertagen, unter ihrer Glut im Juli hat Blumenhals nie gelitten. »Kathrin«, sagte der Blumenhals jetzt, indem er sich den blauen Anker auf dem rechten Bizeps heftig kratzte, »das ist mit die verdammten Flöhe nicht mehr auszuhalten bei Nacht.« »Bei Tag wolltest du sagen, Blumenhals!« feixte die Kathrin benannte Weibsperson, die aber auf jede Anmut und Lieblichkeit ihres Geschlechts verzichtete. Sie hatte wenig aber schiefstehende Zähne in einem schlecht geschnittenen Mund, dünne fettige Haare, zum Bubikopf beschnitten, auf einem eckig gebauten Schädel und Hände wie rotlackierte, alte Ofengabeln. Irgendwelche Rundung wies ihr Körper, der nun schon einige vierzig Jahre als wenig schöne Hülle ihrer nicht viel wertvolleren Seele diente, nicht auf. Und man konnte sich beim Tanzen oder bei einer etwa im Trunk versuchten Zärtlichkeit an ihr stoßen und blaue Mäler holen, wie an einem Melkstuhl. Trotzdem versah die Kathrin, deren Nachname, wenn sie je einen besessen, ein tiefes Geheimnis blieb, in der »Essigrose« nicht nur die Pflichten der einzigen Aufwärterin. Sie war auch die Vertraute ihres Brotgebers und ihm, dem Joseph Blumenhals, so schien es, in einer schier fanatischen Weise ergeben und Untertan. Was nicht hinderte, daß sie ihn zuweilen, besonders wenn sie zu viele spendierte Schnäpse getrunken hatte, übel beschimpfte. Dann aber ließ sie sich die krustig verabreichten Prügel wie etwas Unabänderliches, ja wie etwas ihr Anstehendes gefallen und kroch eine Viertelstunde später, ohne an Stellungswechsel oder Flucht zu denken, in das mehr einer Gefängniszelle als einer Stube gleichende einzige Gelaß, das als Wohnung dem Schankraum angegliedert war und durch dessen hocheingebautes halbrundes Fensterchen man nur die dreckigen Stiefel der in den frühen Morgen Hinauswandernden sehen konnte. Dies Gemach aber, das möbliert war wie die Warteräume einer unrentablen Bimmelbahn im Osten, nannte der Joseph Blumenhals zuweilen in einer zärtlichen Aufwallung seine »Liebeslaube«. Dieses mit deutlicher Beziehung auf die Kathrin. In Angelegenheit der Liebe war Joseph Blumenhals eben viel genügsamer als in den geschäftlichen Vermittlungen bei Unternehmungen seiner nächtlichen Kunden, denen er in dringenden Fällen gegen hohe Prozente aushalf und den Verkehr mit den notwendigen Hehlern vermittelte. »Laß dir von dem Russen mal wieder Insektenpulver schenken«; maulte Herr Blumenhals. »Der Kerl hat immer welches bei sich. Für die Hunde, mit denen er die Leute betrügt. Aber zahlen will ich nichts dafür. Er muß es dir so geben.« »Kommt er denn heut?« Die Kathrin hielt die schmutzig auf dem Abwaschtisch stehenden Gläser von gestern mal einen Augenblick unter das müd fließende Wasser. Dann stülpte sie die so gereinigten geräuschvoll auf das nasse Blech. »Bestimmt. Mit dem ›Süßholz‹ kommt er und mit dem ›Walzerkönig‹. Die beiden haben heut Wichtiges zu besprechen. Ich möcht da irgendwie beteiligt sein, daß du's weißt und gut aufpaßt, Kathrin, und acht gibst, daß nicht so ein Zugelaufener in der Nähe oder gar ein Spitzel vom Alex ... Der Taxi, der jetzt schon dreimal so zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht da war – der ist mir verdächtig. Er hat so anständige, geschonte Hände und –« »Ach was, – es ist ein verflossener Student, dem wohl 's Geld ausgegangen ist« – Die Wiege der Kathrin mußte irgendwo in Süddeutschland gestanden haben, und manchmal klang das durch ihren Dialekt der berlinerisch sein sollte und es nicht war. »Jetzt fährt er die Karre für die Witwe von dem Pankower Unternehmer, den der Schlag gerührt hat – weißt, wo ihm der ›Dompfaff‹ in der Hasenheide plötzlich den Revolver unter die Nase gehalten hat!« »Pscht! ... Also siehst du – der Kerl hat doch was mit uns zu tun!« »Aber was denn –?! Er hat keine Ahnung, der junge schwindsüchtige Bursch. Und der andere liegt doch noch da und hat die Sprache verloren – und der ›Dompfaff‹ kommt ja überhaupt nicht mehr, weil er mit der ›polnischen Kuh‹ in der Schützenstraße scharmusiert.« Es braucht nicht gesagt zu werden, daß der »Dompfaff« kein Dompfaff und die »polnische Kuh« keine Kuh war. Auf der ersten Stufe der glitschigen Steintreppe, die hinunter in das duftarme Reich der »Essigrose« führte, verlor jeder, der noch einen hatte, seinen richtigen Familiennamen. Der »Dompfaff« hieß eigentlich Erich Schuß und war wegen Raub und Gewalttätigkeit schon mehrfach vorbestraft. Die »polnische Kuh« war eine nicht übel anzusehende Schlesierin, die Anna Kloß hieß und in einer Weißbierwirtschaft der Zimmerstraße, ohne mit ihrer Huld zu geizen, ein ziemlich übles Publikum bediente. Der »Russe« aber hieß Iwan Kassow. Er hatte irgendwo einmal in dienender Stellung mit der Sowjetbotschaft etwas zu tun gehabt. Ernährte sich angeblich von Holzschnitzereien und vom Hundehandel! Von der Polizei beargwöhnt, hatte er gleiche Angst vor den Sowjetrussen wie vor den Emigranten, die er vermutlich beide schon kräftig hineingelegt hatte. Der mit dem Namen »Süßholz« bezeichnete Handelsmann hieß eigentlich Pullawer, war aus einem unaussprechlichen Ort im Osten zugewandert. Er beteiligte sich nie an einem Gewaltakt oder seiner Vorbereitung und wollte von Raub und solchen Dingen nichts wissen. Er hielt die jüdischen Feiertage streng ein, machte kein Geschäft und kein Feuer am Sabbat und kaufte prinzipiell nur Gegenstände, die ihm auf Ehrenwort als »geerbt« oder »gefunden« – beim Finden fand er nichts – bezeichnet worden waren. Hierbei erwies er sich allerdings ziemlich leichtgläubig und wäre beinahe einmal, als ihm hier in der »Essigrose« der Veilchen-Emil eine angeblich »geerbte« Lutherbibel verkauft hatte, die in einem Antiquariat in der Potsdamer Straße die Nacht vorher gestohlen war, tüchtig hereingefallen. Die Sache ging noch einmal glimpflich ab, weil die Inschrift Luthers eine gar zu plumpe Fälschung und die Bibel als solche nicht von Hans Lufft in Wittenberg im Jahre 1525 gedruckt und überhaupt nichts wert war. Jetzt, nicht lange, nachdem Blumenhals und seine Kathrin das Gespräch über die Flöhe und die Stammgäste der »Essigrose« miteinander geführt, erschienen Iwan Kassow, der »Russe«, und Pullawer, genannt »Süßholz« gemeinsam in dem von ihnen bevorzugten Ausschank. Die Kathrin erkannte sie – wie die meisten Gäste – schon an ihren Füßen, die man vom Schanktisch aus zuerst auf der Treppe sah. Das war in diesem Fall kein besonderes Kunststück, denn der Russe trug immer ehemals lackierte spitzzulaufende Knöpfstiefel, an denen allerdings die meisten Knöpfe fehlten. Und Süßholz betonte seine gewaltigen Plattfüße durch pelzverbrämte Überschuhe von unwahrscheinlicher Dimension. »N'abend, Blumenhals«, grüßte der Russe. Er hielt aber die Hände in den tiefhängenden Hosentaschen. »Kathrin, 'nen Sorjenbrecher!« Diese freundliche Bezeichnung hatte hier ein Doppelkümmel, der in einem Süßweinglas gebracht wurde. »Der Walzerkönig noch nicht da?« fragte der Süße, indem er sich in die kalten roten Hände hauchte. »Nee.« Blumenhals sagte das unwirsch. Er mochte diesen Schleicher nicht, der viel aber leise redete, wenig und nur Billigstes konsumierte und, immer nüchtern bleibend, die Zeche gut nachrechnete. Und dann war ihm solche Fragerei unleidlich. Wenn das Lokal auch nicht eben blendend erleuchtet war, die acht Tische mit den acht Stühlen da herum waren doch wirklich, selbst für die stets geröteten und entzündeten Augen des Süßholz, leicht zu übersehen. »Kathrin«, sagte der Russe, der seinen Seelentröster bereits in einem Wurf erledigt und sich den Mund mit dem Ärmel abgewischt hatte, »Kathrin, noch einen von dem! Auf zwei Beinen muß der Mensch stehen, was? Und dann – nun werd' ich den Süßen ärgern – ein Butterbrot mit Schinken.« Der Süße zuckte die Achseln. »Warum sollt' ich mich ärgern, wenn Sie Trichinen fressen?« Kathrin, die groß war in Übergängen der Gedanken und der Rede, blieb bei dem Russen stehen. »Apropos: Trichinen haben wir nicht – aber unsere Katzen haben Flöhe.« »Katzen haben nie keine Flöh', Hunde haben allemal Flöh'«, belehrte sie der Russe. »Aber die Hundeflöhe gehen nicht an die Menschen. Aber die Menschenflöhe gehen an die Hunde. Also kannst du von der Katz keine Flöhe haben, weil sie keine hat; und vom Hund kannst du keine Flöhe haben, weil der seine eigenen behält. Wenn du Flöhe hast, hast du sie von dir oder von Blumenhals.« »Was wollen Sie wissen von Blumenhals seine Katzen und Flöh'?« Der Süße war nicht gut aufgelegt. »Ich mag solche Gespräche nicht, wo man sich egal kratzen muß.« »Wurscht, wer sie hat und woher sie kommen!« schnitt die Kathrin den Disput ab. »Also du kannst mir eine Handvoll Insektenpulver geben. Du hast doch noch?« »Russisches«, sagte der Russe kurz, »das deutsche taugt nichts.« »Jedes Land hat am besten das, was es am meisten braucht«, griente der Süße. »Kathrin, geben Sie einen Tee – aber einen richtigen Tee, nicht so ein Abführmittel wie der neulich.« Kathrin nickte und ging, das Bestellte zu holen. Unterwegs stopfte sie ein kleines Tütchen in den Halsausschnitt nach der Stelle, wo bei ihren Geschlechtsgenossinnen der Busen oder seine Andeutung zu sitzen pflegt. Süßholz hatte eine Art, ohne die Hände vorzuhalten, unangenehme Laute aus der Kehle zu stoßen, die den Russen verdroß. »Wenn du bloß hierher kommst, um zu rülpsen –?« »Nu, was? Tun Sie nicht, als ob Sie bloß in der Creme von der Republik am Kurfürstendamm verkehren! Übrigens, ich weiß nicht, weswegen ich hier sitzen soll. Habt Ihr was Neues geerbt oder gefunden?« »Nein, nichts. Aber –« » Das Geschäft mag ich nicht«, wehrte der Süße heftig ab, ohne den anderen aussprechen zu lassen, »das hab' ich euch doch schon gesagt. Und wenn der Walzerkönig nischt andres will, als mir e Loch in den Bauch reden – wieder mit derselben Sach' –, so ist mir lieber, ich trink meinen Tee und geh meiner Weg'.« In diesem Augenblick kamen zwei Füße von oben die Treppe herunter. Schmale manierliche Männerfüße in Schnürschuhen, die noch anständig gewichst waren. Der dunkle Sakkoanzug des Kömmlings war alt und faltig; war aber, das sah man noch, mal von einem anständigen Schneider gebaut. Wollhemd und Gummikragen veredelten das Bild dieser Erscheinung nicht. Das glatt in die Stirn gekämmte blonde Haar, auf dem die graukarierte Schiebermühe saß, war reichlich mit Pomade gefettet. Daß die kleine Bartprobe, die als Mücke unter den Nasenlöchern saß, künstlich angeklebt war, konnte kaum ein Fachmann erkennen, und auch der mußte schon dichter herangekommen sein, als der »Walzerkönig« für gewöhnlich fremde Leute sich nähern ließ. Wenn einer diesen »Walzerkönig« – hier unter der Erde so genannt, weil er angeblich aus Wien, in Wahrheit aus Znaim stammte und die Angewohnheit hatte, besonders wenn er ärgerlich war, die »Donauwellen« oder einen anderen Wiener Walzer vor sich hinzupfeifen – wenn einer diesen ganz auf den Wiener Strietzi zurechtgemachten, den Vergnügten spielenden Burschen, in dem immer etwas Quecksilbriges war, hätte neben jenen Herrn Viktor von Visatzky stellen können, den vornehmen Wiener im Gehpelz mit hellen Gamaschen und den weißen wildledernen Handschuhen, der hätte geschworen, so verschieden die zwei an Herkunft und Klasse sein mögen, das sind Verwandte. Ein reicher Vetter aus der Wiener Gesellschaft, der noch ein hübsches Vermögen aus dem Schlamassel gerettet hat; und ein armer Vetter aus der Wiener Vorstadt, der in Not gekommen ist, vielleicht sogar einmal ein bißchen wo »gesessen« hat. In Wahrheit war die Verwandtschaft noch näher, viel näher. Der elegante Herr von Visatzky, der gern in ersten Pensionen des Westens abstieg und oft nach Wien und Budapest erster Klasse reiste, und der heruntergekommene ehemalige Ingenieur, den sie in der »Essigrose« den »Walzerkönig« nannten und der in der Ackerstraße ein Zimmerchen hatte, drei bis vier Tage in der Woche nach Spandau fuhr »zur Arbeit« und dort, wie er sagte, häufig bei einem Freunde übernachtete, waren eben keine Vettern und keine Brüder. Sie waren ein und dieselbe Person. »Kinder, seid schon einig!« war das Begrüßungswort, mit dem der Walzerkönig seine zerbeulte Mütze auf den Tisch warf und sich schwer auf den freien Stuhl pflanzte. Dabei strich er sich die pomadisierten Haare nach vorn, die in der Erinnerung an die gebrannten Locken, die Herr von Visatzky zu tragen pflegte, immer noch ein bißchen widerspenstig revoltierten. »Was heißt einig?« Der Süße lachte kurz auf. »Er frißt Trichinen, um mich zu ärgern. Und ich trinke, was der Blumenhals einen ›Tee‹ heißt, und dann geh ich nach Haus.« Der Walzerkönig sah den Russen an. Der zuckte bloß mit den Achseln. »Väterchen, er will nit.« Die Kathrin brachte unaufgefordert dem Walzerkönig den nicht besonders steifen Grog, den er hier immer mit sehr viel Zucker trank. Er kniff die Bedienerin geschäftsmäßig und ohne seelische Beteiligung in den Allerwertesten und schob sie von seinem Tisch weg. »Sind Sie wahnsinnig, Pullawer?« – Wenn die Sache ernst wurde, vergaß der Walzerkönig die Gildenamen – »So ein Geschäft wollen Sie sich entgehen lassen?!« »Was heißt: so ein Geschäft?« – Der Süße fischte mit den wenig sauberen Fingern ein klebriges Haar der Kathrin aus dem Teeglas. Dann wickelte er's kunstvoll und umständlich um den Zahnstocher, mit dem er den Senftopf bearbeitete. »Erstens: der Schmuck ist gestohlen! Ich kauf' nichts Gestohlenes. Zweitens: der Schmuck ist zweimal nicht echt!« »Was heißt ›zweimal‹ nicht echt?« Der Russe und der Walzerkönig sahen sich an. »Wenn ich sag zweimal, so mein' ich, die Steine sind nicht echt und die Herkunft ist auch nicht echt. Der echte Schmuck – wo der gar nit ist, den Ihr habt – der wo im Safe auf der Bank liegt – steht doch heute in der Zeitung – der ist auch nicht von der Zarin. Was soll ich machen mit einem Schmuck der Zarin, der gestohlen und nit echt und nit von der Zarin ist, bloß Dreck?« »Alsdann, Pullawer, wenn du mit dem Schmuck nach Amsterdam fährst –« »Also ich fahr' nit nach Amsterdam!« Der Süße zerbrach ärgerlich den Zahnstocher und warf ihn dem Russen am Ohr vorbei. »Und fahr' nit nach Chikago und fahr' nit bis Pankow wegen dem da! Ich trink' meinen Tee aus und geh nach Haus. Und ärgere mich schwarz, daß ich hergekommen bin. Oder habt Ihr was Anderes – was echtes Geerbtes oder Gefundenes?« »Nein. Aber –« Der Walzerkönig goß ärgerlich seinen Grog hinunter. Zwei junge Leute waren in den Keller hinuntergestiegen und hockten sich in eine Ecke. Der Russe hatte sie zufällig am Nachmittag bei der »Arbeit« vor den Auslagen von Wertheim beobachtet. Kleine Taschendiebe, Anfänger! Wohl Fürsorgezöglinge auf selbst erteiltem Urlaub. Der Walzerkönig und der Russe rückten dichter zum Süßen heran. Der aber bog absichtlich den Kopf weit nach hinten. Sie sollten's schwer haben, leise zu ihm zu sprechen. »Ich hab' was Großes vor – was, sage ich noch nicht.« Der Walzerkönig zog die Augenbrauen wichtig hoch. »Hab' ich dich gefragt?« Pullawer zuckte die Achseln, um sein ganzes Desinteressement zu unterstreichen. »Du kennst mich, Und wenn ich dir sage, es wird was –« »Kann man heut bei dir nicht mehr wissen!« »Nicht mehr – wieso?« »Wieso, wiederholte auch der Russe, dem dieser ziemlich unverblümt geäußerte Zweifel des Süßen an Glück und Gunst des Walzerkönigs neu war. »Ich werd' dir was sagen. Ich hab' zufällig mit einem Geschäftsfreund ein Theater besucht vorgestern. Man muß den Leuten was bieten, wenn sie einem was bringen. E saudummes Stück! Ihm hat's gefallen. Die Hauptsach' – und die Billette hab' ich geschenkt bekommen. Da gefällt's einem halt auch. Aber in dem Stück – hab' ich dich gesehen.« »Ja«, äußerte der Walzerkönig zögernd, »ich war vorgestern allerdings – – mit einer Dame.« »Na, du wirst ohne Dame sein!« »Du weißt, alles geht bei mir durch die – sagen wir durch schöne Hände. Die selbst nichts davon wissen.« »Mancher kann's machen eso – und mancher kann's machen eso –« Pullawer nickte ernst seinem Teeglas zu, als er diese tiefsinnige Weisheit äußerte. »Du machst das eso. Das letzte – das mit dem Schmuck der Zarin, daß ich nit lach' – hast du gemacht mit der rothaarigen dicken Dame vom – –« »Pscht!« »Nu, ich bin doch nit von gestern. Ich werd' schon keinen Namen nennen. Und ihre Finger haben auch nichts gewußt. Aber ich weiß. Je älter daß so eine Gans ist, desto blöder fällt sie auf dein Liebesgemauschel rein. Und noch rascher, wenn's goldene Wiener Herz dabei mitpuppert.« »Tja – wie ich sie wieder los werd', das ist nun das Schwierige.« Der Walzerkönig sagte das unerfreut, mehr zu sich selbst als zu den Gefährten. »Und der Brambach hat das an die große Glocke gehängt. Bombenreklame für die Mahuda. Die Morphiumspritze allein zieht nicht mehr. Und ich hab' da auch schon was gelesen von einem ›Baron aus Wien‹, einem eleganten Kavalier im Pelz. Ist das übrigens noch der Pelz von mir ?« »Ja doch.« »Viel zu billig hab' ich dir den gelassen! Was so e Pelz alles ausmacht! Das heißt, wenn ich ihn trag' – nischt macht er.« In betrübter Selbsterkenntnis rührte der Süße seine Tasse um, in der nichts mehr drin war. »Jedenfalls ich muß für einige Tage verreisen.« »Dringend!« Der Süße nickte. »Glaub' ich, glaub' ich. Wenn's nicht schon zu spät ist –« Der Walzerkönig wollte sich aus einer zerbeulten Zigarettenschachtel, die er neben sich gelegt hatte, eine Ägypterin anzünden. Der Russe sah scharf hin. Dann griff er ruhig nach der Zigarette, nahm sie dem anderen vom Mund und legte sie in das Kästchen zurück. »Soll das ein Witz sein?!« brauste der Walzerkönig auf. »Nein.« Der Russe rief nach dem Schanktisch: »Kathrin!« Als sie kam, gab er ihr die Schachtel mit den Zigaretten und das kleine, flache Lederbüchschen mit den roten Zündhölzern. »Wirf das mal gleich ins Feuer!« befahl er, »und bleib dabei stehen, bis sie alle verbrannt sind, die Zigaretten und die Zündhölzer.« Kathrin zauderte verblüfft. Der Süße ließ die Unterlippe hängen und sah mit tellerrunden Augen von einem zum anderen. Dann rückte er seinen Stuhl etwas vom Tisch zurück. Das konnte Saures geben. In des Walzerkönigs Augen aber wetterleuchtete es bös. »Was soll das?!« »In zwei Zeitungen habe ich gelesen – die Kriminalpolizei hat eine bestimmte Sorte von Zündhölzern und an der Asche eine bestimmte Marke Zigaretten erkannt.« »Geh, Kathrin!« sagte der Walzerkönig. »Tue, wie geheißen. Es ist auf alle Fälle besser. Und bring' mir eine lange von den Virginias mit, die ich euch selber im Frühjahr geschmuggelt habe.« Da ging die Kathrin folgsam nach hinten. Aber der Süße saß jetzt wieder, im leeren Glas rührend, als ob nichts passiert, nichts gesprochen wäre. »Drei Reihen bin ich hinter dir gesessen im Parkett. Eine hübsche Person, schöne schwarze Haare! ... Von unsere Leut'?« »Nein. Wundervolle blaue Augen. Hast du das nicht gesehen?« »Das sieht man von hinten schlecht. Aber da bist du wohl selber ein bißchen ins Eisen gegangen?« »Das geht dich einen Schmarren an!« »Du mußt eine sehr noblige Vorstellung haben von meinem Charakter.« »Wieso?« »Weil du mir grob wirst, eh' daß du mich anpumpen willst. Denn –« der Süße beugte sich über den Tisch und feixte den Walzerkönig mit offenem Mund an – »Drauf läuft's doch hinaus, nicht?« Der Walzerkönig lachte ein etwas gezwungenes Lachen. »Was heißt anpumpen? Ich will fünfhundert Mark von dir geliehen haben zu zehn Prozent.« »Monatlich? Das krieg' ich ja beinah' reell heutzutage.« »Wöchentlich!« »Wöchentlich? Ist gut. Pfand?« »Braucht's doch nicht zwischen uns.« »Was heißt in diesen Zeiten ›zwischen uns‹! Du brauchst kein Pfand, wenn ich dir Geld borge, aber ich!« »Schön. Ich bring' dir meinen Brillantring her.« »Ah, den hab' ich schon einmal hier gehabt und war froh, daß du das Ding wieder eingelöst hast. Da ist, wenn man genau hinsieht mit der Lupe, ein Fleck im Stein. Ein winziges Kohlenstäubchen sitzt drin, das, wo ich nicht gesehen hab' zuerst. Nein, ich dank für den Ring. Den Pelz bring' mir!« »Das geht nicht!« Und der Russe bestärkte heftig nickend: »Der Pelz ist doch sein Kriegsschmuck. Eher das Hemde.« »Das Hemde will ich nicht! Du hast doch noch zwei gute Wintermäntel – den einen auf Seide – der ist doch auch noch von mir. Den anderen, wo dich der Moser aus der Grenadierstraße mit hineingelegt hat, der gelbe Ulster mit dem Schieberriegel. Also wenn du mir heut um sieben Uhr auf den Abend den Pelz bringst, kannst du das Geld haben und fahren. Das heißt,« zögernd sah der Süße hinüber zu dem Walzerkönig, der nachdenklich das Punschglas hin und her schob, »das heißt, wenn du nun gar nicht, wie du sagst, nach Budapest fährst, und wenn du das Geld bloß nimmst und der schwarzen Rahel da mit den blauen Augen einen Pyjama oder seidene Hemden –« »Die Kleine glaubt, ich bin schon in Budapest. Hat mir auch sicher schon ins ›Hotel Hungaria‹ geschrieben.« »Also wenn du mir den Pelz bringst – Kathrin, hier liegt meine Schuld.« Der Süße erhob sich, nickte den beiden zu und stieg schwerfällig auf seinen platten Füßen die Stufen empor. Als die beiden die unbegreiflichen Riesenpedale des Süßen oben an dem Fensterchen vorbeischlendern sahen, beugte sich der Russe dichter zu dem Walzerkönig hin. »Es wird höchste Zeit, daß du verschwindest.« »Sie haben dich als Statisten genommen?« »Ja, ich hatte Glück. Es kommen ein paar russische Brocken in dem neuen Stück vor. Auch russische Namen. Russisch ist doch die große Mode. Da hat der Regisseur zu mir gesagt: ›In der Massenszene im dritten Akt führen Sie die Komparsen – nehmen Sie sich die einzelnen Leute vor und hämmern Sie jedem von den Idioten den russischen Namen des anderen ins Gehirn. Wenn einer in der Premiere falsch ausspricht – die Jungens im Parkett sind scharf auf so was – fliegen Sie!‹« »Gut – sieh zu, daß du nicht fliegst und halt' mich – postlagernd Budapest – auf dem laufenden.« »Das Laufende läuft schon übel – ich hab' so hingehört. Der ›Kavalier im Pelz‹ spielt eine große Rolle. Dabei macht's was aus, daß sie die Kern-Möller alle nicht leiden können.« »Ist auch eine verdammt widerliche Person. Was meinst du, was das mir für ein Pläsier gemacht hat, ausgerechnet mit der...!« »Er lacht sich tot«, hat sie erst heute wieder auf der Probe gesagt, »wenn er erfährt, daß er im Verdacht ist... Aber dabei sah sie quittengelb aus unter der Schminke... und ich glaub', innerlich – und erst recht der Mann – also einen Mann hat sie auch.« »Ich weiß. Ein armes Hascherl. Und einen Buben – aber nit von dem. Was die Person mit dem Buben angegeben hat! Also wenn der noch lebte, müßte's wahrscheinlich der Kaiser Joseph selbst gewesen sein, der wo ... Aber die andere – die andere! Also ich sag' dir – ob du's glaubst oder nit – vorgestern abend, wie ich vom letzten, was ich hatte, eine Schachtel ihr geschenkt hab' mit Schweizer Taschentücherl mit ihrem Monogramm – zu mehr hat's nicht gelangt – denn mit der Miete ist es grad' noch so knapp gegangen – also da hab' ich in Gedanken, daß sie sich da das feine Naserl mit abwischt, da hab' ich's weiß Gott mit der Sentimentalität gekriegt. Und hab' gedacht, wenn du jetzt – damals als Primaner, noch nicht trocken hinter den Ohren – die Geschichte mit den lumpigen zehn Gulden nit gemacht hättest – und du wärst damals nit geschaßt worden vom Gymnasium – und hättest nit – vom Vater in ein Geschäft gesteckt und danebengelaufen – als hübsches Kerlchen auf der Kärntner Straßen reiche Weiber so lange angeblinzelt, bis daß so eine dich schließlich ... und hättest dann nit Brieferl geschrieben um Geld und wieder um Geld – und wärst halt noch der Sohn von deinem anständigen Vater, der sich mit der Gardinenschnur aufgehängt hat – damals als sein Einziger wegen Erpressung – und wärst mit einem Wort nit so ein Schweinekerl, so als wie du –« »Sei so gut!« Der Russe, der bis dahin mit lächelnder Genugtuung die Beichte des Komplizen mitangehört hatte, schlug wütend mit der Faust auf den Tisch und fuhr auf: »Schmeiß' dich gefälligst selber mit Dreck – und nicht die anderen!« »Ha, was, wie du und ich. – Also das Maderl, weiß Gott, so wahr ich einmal ein anständiger Bub gewesen bin und sogar abends gebetet hab', daß ich's bleiben möcht', so wahr – sollt' mir das Mädel, wenn i könnt', erst in den Stephansdom, dann erst ins Bett ... Ah!« Mit einem wütenden Krächzen stand er, den Stuhl umstoßend, auf, warf ein Markstück hin und wendete sich zum Gehen. Aber die Kathrin stand schon neben ihm. »Ist's wahr, willst du wirklich abreisen, Walzerkönig?« »Ja. Ich hab' G'schäfte.« »Richtig – abreisen oder bloß so –?« Er nickte: »Richtig«, und nahm die Mütze auf. »Ach ›Walzerkönig‹ du hast mir doch versprochen –« Ihre verschwommenen Augen bettelten aus geröteten Rändern – »weißt nicht mehr?« »Doch – ich weiß. Was ich versprochen hab', halt' ich. Ein Lump ist ma doch schon, bloß nit in allem. Da geh – wirf einen Groschen hinein!« Er angelte einen Groschen aus der Westentasche und gab ihn der Kathrin. Da lief die Kathrin so eilig, daß sie einen Schlappen verlor, selig zum Grammophon und warf das Geldstück oben in die Spalte. Klirrend rasselte es in die Tiefe des Apparates. Erst ein paar Töne wie Messerschleifen und Tellerscharren, ein Quietschen, dann ging's los. Dreivierteltakt – der Donauwalzer. Der Walzerkönig stierte traurig auf den Boden, aber er pfiff unwillkürlich leise mit. Dann plötzlich, wie in einem Anfall von Wut und Galgenhumor, packte er die dicht bei ihm des Zugriffs harrende Kathrin um die Taille, daß die Erschreckte aufschrie. Aber schon schassierte er mit ihr durch die Stühle. Die beiden Taschendiebe in der Ecke feixten sich an und erhoben sich. Ihre blassen Gaunergesichter strahlten Genugtuung. Ohne ein Wort zu sagen, packte der hagere Große den kleinen Pummligen um die Hüfte. Die groben Stiefel hart auf die Diele schlagend, walzten die zwei, des Rhythmus kaum achtend, immer um die Säule, an der noch vom Sommer her die klebrigen Fliegenkränze baumelten. »Gehst du wirklich auf lange fort, Walzerkönig?« raunte die walzende Kathrin mit unreinem Atem zu ihrem Kavalier herauf. »Vielleicht – nit auf kurz.« »Du schreibst emal – ja?« »Wenn's geht – schreib' ich.« »Aber keine Karte – was in ein Kuvert, ja? Nur für mich – wo der Joseph nit dran kann.« »Ja.« Und nach einer Weile noch leiser: »Du hast's gut verwahrt, was ich dir gegeben hab'?« »In schmutziger Wäsch' – und die im Korb, – und der verschlossen im Schrank. Und den Schlüssel hab' ich hier.« Sie senkte tanzend das Kinn in den Ausschnitt, um auf einen schmutzigen Faden aufmerksam zu machen, der doppelt um den Hals geschlungen war. An dem hing wohl irgendwo in der Tiefe unsichtbar der Schlüssel zum Schrank. »Gut«, nickte der Walzerkönig. »Schenk mir was – zum Andenken, Viktor.« Zaghaft, fast verschämt kamen die ungewohnten Worte aus dem unschönen, zuckenden Mund. »Ich bin blank – muß selbst erst noch vom Süßen ...« »Ha – ich will doch kein Geld von dir! Was zum Andenken! Was, daß ich weiß, es ist von dir ... Ich kann dir das ja später, wenn du wieder da bist, kann ich dir's ja wiedergeben.« Viktor spürte – ohne daß er's wollte –, daß aus dieser schlampigen Dirne jetzt etwas zu ihm sprach, das nicht ganz heruntergezogen und verdreckt war von ihrem Luderleben hier im Keller. Etwas, das vielleicht dem Zwang verwandt war, unter dem er vorhin vom ersten Schuldigwerden seiner Schülerzeit, vom ersten Schritt auf dem Weg ins Ungewisse zu dem russischen Gauner dort gesprochen. Während er weitertanzend mit der Rechten die schwitzende Kathrin festhielt, fischte er mit der aus den dicken Fingern der Dirne gelösten Linken in der Tasche seines Sakkos. Nach einer Weile zog er mit ein paar alten Billetts von der Elektrischen, die streuend auf den Boden fielen, ein feines, spitzenbesetztes Tüchel hervor. Es war das Taschentuch, mit dessen Hilfe er auf der Straße seine Bekanntschaften machte. Das Tuch, das er auch – als eleganter Kavalier im Gehpelz – hinter Klara auf der Tauentzienstraße hergetragen hatte. Immer tanzend ließ er's wie eine kleine saubere Fahne in ausgestreckter Hand vor sich herwehen. »Nimm's, wenn du's magst! Ich brauch's jetzt nicht mehr.« Da griff die Kathrin, wild vor Freude – immer tanzend – nach dem Spitzentuch. Ihre Augen funkelten Dank. »Lieb von dir – lieb.« Und sie walzten noch wilder daher als zuvor. Walzten so hart gegen die beiden sich zierlich drehenden Taschendiebe, daß die angerempelten Jungens wie geschleuderte Holzstücke dem Russen auf den Schoß taumelten. Der warf sie fluchend mit einem beträchtlichen Stoß gegen den Tisch. Blumenhals am Schanktisch hatte die ganze Zeit mit finsterer Miene das Treiben mit angeschaut. Er hatte seit frühester Zeit die Zehen voller Hühneraugen und mochte keine Tanzmusik. Und den Walzerkönig mochte er auch nicht. Der hat doch wahrhaftig genug Frauenzimmer, dachte er, mit den schlechten Zähnen die trockenen Lippen nagend. Ziemlich an jedem seiner gepflegten Finger wird er eine haben. Was braucht der geile Hund auch noch die Kathrin?! Und mitten im Walzer spuckte Blumenhals über den nassen Schanktisch zornig in sein eigenes Lokal. Es hätte wenig gefehlt und er hätte des Walzerkönigs gut gewichsten Schnürschuh getroffen. Das Grammophon beendete mit einem Kiekser seine Musik. Da ließ der Walzerkönig seine Tänzerin los und stieg grußlos die glitschige Steintreppe hinauf auf die Straße. Die Kathrin aber lehnte, taumelig von Tanz und Glück und Weh, an der geschmückten Säule unter den klebrigen Fliegenkränzen und hielt in ihren beiden rissigen roten Händen das feine weiße Schweizer Spitzentaschentuch. Wie ein Vögelchen, das ihr nicht fortfliegen durfte, und dem sie doch nicht weh tun wollte, hielt sie es behutsam fest. * »Du stehst schon wieder mit den Hühnern auf, Siegmund!« zürnte Melusine von ihrem Bett her, indem sie sich plötzlich aufrichtete. »Ich wollte dich nicht wecken.« »Das willst du natürlich nie in deinem sprichwörtlichen Edelmut. Aber du weißt es doch so einzurichten, daß dir immer mit Donnergepolter etwas zu Boden fällt.« »Es war nur meine Zahnbürste, die mir in den Eimer entglitt.« »Die Zahnbürste – in den Eimer! Gleich eine appetitliche Angelegenheit am frühen Morgen.« Siegmund war froh, daß er die Wahrheit etwas gebogen hatte. Es war in Wirklichkeit Melusinens Zahnbürste gewesen, die ihm bei dem versuchten Neuarrangement auf dem für zwei Personen viel zu kleinen, auch eigentlich nur für eine Person berechneten Waschtisch in den Eimer entglitten war und die er nun durch behutsame Spülungen und umsichtiges Abtrocknen wieder gebrauchsfähig gemacht hatte. »Warum in Teufels Namen stehst du eigentlich so sinnlos früh auf! Ich habe doch heute erst um zehn Uhr Probe. Ist dir etwa eine industrielle Idee gekommen, wie wir aus dem schamlosen Dalles herauskommen? Ein rettender Gedanke, den du umgehend bei Siemens und Halske oder bei der ›AEG‹ anmelden willst?« Siegmund, dem in dieser Richtung leider noch nie im Leben Ideen gekommen waren, duckte sich leise seufzend unter ihrem mitleidlosen Hohn. »Ich habe wenig geschlafen die Nacht«, sagte er kleinlaut und konstatierte dabei im Spiegel, daß seine zittrigen Hände den Scheitel wieder schief gezogen hatten. »Ich habe so gut wie gar nicht geschlafen«, übertrumpfte ihn Melusine, die sich in der Statistik ihrer schlafend verbrachten Stunden von jeher merkwürdigen Täuschungen hingab. »Dann hast du wohl auch gehört, wie unser neuer Mieter nebenan einzog?« »Es war mir so«, sagte Melusine etwas verwirrt, denn sie hatte in Wahrheit nicht das geringste gehört. »Wieviel Uhr war es doch gleich?« »Ich schätze so nach ein Uhr. Ich habe kein Licht gemacht, um dich nicht zu wecken.« »Du hörst doch, daß ich nicht geschlafen habe!« fauchte Melusine grob. »Das fängt übrigens gut an! Nach ein Uhr! Mein Trost ist sein Freund, der einen vornehmen, einen, ich muß sagen, distinguierten Eindruck macht – ich ließ mir der Sicherheit halber die Hälfte der Miete, zugleich Kaffee und Bedienung, vorausbezahlen –« Daher der vornehme, distinguierte Eindruck, dachte Siegmund. Aber er hütete sich, das zu äußern. Fragte nur bescheiden: »Wie denkst du dir eigentlich die sogenannte ›Bedienung‹ bei uns, liebe Melusine? Wenn du auf der Probe bist und ich im Büro und das Hugochen oben bei der gelähmten Schwester von der guten Schumann mit seinem Baukästchen spielt –« »Wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren! Wenn niemand da ist, kann der Herr Mieter auch nicht ›bedient‹ werden ... Er kam ziemlich anständig heute nacht, was?« »Für einen, der sich in Treppe, Korridor und Türen noch nicht auskennt, fabelhaft anständig. Als er in seinem Schlafzimmer war – blieb es eine ganze Weile merkwürdig still. Er muß noch gelesen haben oder – dann auf einmal krachte das Bett – und dann – ja dann, aber das wirst du wohl gehört haben, schnarchte er ganz entsetzlich.« »Alle Männer schnarchen entsetzlich«, entschied Melusine. »Woher weißt du das?« Siegmund bereute diese vorlaute Frage sofort. Zu seinem nicht geringen Erstaunen kam die Antwort ungereizt. »Aus Büchern«, sagte Melusine. Beide schwiegen eine Weile und lauschten angestrengt nach nebenan. Man hörte jetzt, wie Wasser ausgegossen wurde. Bald darauf vernahm man das Gepuste eines gesunden jungen Menschen, der sich den warmen Körper mit kaltem Wasser übergießt. »Man kann die Reinlichkeit auch übertreiben«, meinte Melusine, die persönlich mehr mit Fett und Puder arbeitete. Siegmund antwortete nicht. Die Gedanken, die ihn die ganze Nacht wie schwarze Männer umtanzt hatten, bedrängten ihn wieder. »Melusine« – er nahm einen Anlauf – »darf ich mich mal – wir sind doch allein und der nebenan hört nichts – darf ich mal eine Frage an dich richten?« »Wenn's keine Unverschämtheit ist?« umzirkte Melusine vorsichtig die Erlaubnis. »Nein. Es ist wichtig für uns beide. Schließlich sind wir doch ...« »Ja, ja, wir sind«, wehrte Melusine mit einer Handbewegung. »Wir sind verheiratet, ich weiß. Mit Konstatierung dieser Tatsachen fangen bei dir alle Unannehmlichkeiten an.« Ob sie weiß, wie wahr sie spricht? dachte Siegmund. Einen Augenblick lächelte seine schmerzliche Sehnsucht durch die leere Luft der Frau zu, die so früh für immer von ihm gegangen war und die ihm das Mädelchen hinterlassen hatte, das ihr ähnlich zu werden versprach in ihrer Sanftmut und Güte und Geduld mit seinen Schwächen. Das Mädelchen – wo war das jetzt? Von Zeit zu Zeit holte er sich ein postlagerndes Briefchen von ihr voll Güte, Besorgnis und freundlichen Worten. Aber ihre Zuflucht verriet sie ihm nicht. »Das ist eine gräßliche Art von dir«, zürnte Melusine, »Sätze anzufangen – Erzählungen – Fragen – und dann plötzlich schweigend in die Luft zu stieren, als ob du aus einer anderen Welt Inspirationen erwartest.« »Aus einer anderen Welt? Nein, nein! Ich bin schon wieder da, Melusine, sobald ich deine Stimme höre, bin ich wieder auf dem Boden dieser Welt. Ja, was ich sagen wollte – die ganze Nacht habe ich mich mit der Frage gequält: willst du mir nicht sagen – das ganze Theater ist doch voll davon, bloß ich weiß nichts – und wenn ich komme, reden sie von etwas Anderem; und ich merke doch, daß sie von mir und von dir und ›ihm‹ geredet haben – willst du mir nicht sagen, wer der Herr im Pelz – es soll ein Kavalier sein, der wienerisch gesprochen hat – und woher du ihn eigentlich –?« »Noch was?« Schnippisch klang's vom Bett her. Aber Siegmund kannte die Nuancen dieser Stimme, von der er längst genug hatte. Da schwang etwas leise mit, das nichts mit der Keckheit des Wortlauts dieser Rückfrage zu tun hatte. Etwas Müdes, Ängstliches, Gequältes. Er sah zu ihr hinüber. Ihr von den Kissen zerwühltes Haar, das in diesen Tagen hätte nachgefärbt werden müssen, schimmerte im Anwuchs silbriggrau und das verwegene Rotblond, in dem es sich im weiteren Verlauf austobte, wirkte im Kontrast zu dem von Puder und Farbstift noch nicht verschönten schlaffen Gesicht der alten Komödiantin, zu diesen dicken Tränensäcken, der überkräftigen Nase und dem welken Mund wie der Scherz einer Fastnachtsperücke. Wie hatte er die Erinnerung an so Holdes, Liebes, Frauliches, Echtes tauschen können gegen sowas! »Vielleicht habe ich dich überraschen wollen mit –« »– mit dem Herrn im Pelz?« »Sagen wir mit einer guten Nachricht, die mit ihm zusammenhängt. Er ist ein Aristokrat durch und durch – hat fabelhafte Beziehungen.« »O je!« Unwillkürlich war dem armen Siegmund der hörbare Seufzer entschlüpft. Er war zu lange im Theaterbetrieb, hatte zu viel »fabelhafte Beziehungen« wie Seifenblasen platzen sehen, Und nun – ein Wiener Aristokrat – in einer Zeit, wo die Erzherzöge froh sind, wenn sie beim Film in Hollywood in den alten Uniformen unterkommen können. »Was sind da schon Beziehungen von einem Wiener Baron – angenommen, daß er's wirklich ist!« »Du glaubst doch nicht etwa –!?« Melusine brachte nicht ganz so viel Empörung auf, wie er, als er sein unbeherrschtes »O je« vernommen, erwartet hatte. »Ich hoffe nur«, sagte er, »daß diese Sache nicht mit der Mahuda zusammenhängt.« »Also, das ist einfach lächerlich! Sieh' dir den Kavalier an.« »Ich möcht's schon gern – aber er soll ja verreist sein!« »Er kommt wieder.« »Glaubst du? – Dein Wort in Gottes Ohr ... Wie hast du ihn eigentlich kennen gelernt?« »Ein richtiger Zufall. Als ich von der Probe kam, etwas eilig, promenierte er zufällig vor dem Theater. Ich ging, ohne ihn besonders zu beachten, an ihm vorbei. Plötzlich war er hinter mir, dicht neben mir und sagte –« Melusine stockte. Wenn jetzt nur nicht kommt: mein schönes Fräulein, darf ich's wagen ... dachte Siegmund. Aber es kam nicht. Melusine hatte nur nach nebenan gelauscht, wo der neue Mieter, wie ihr schien, Rhythmen, Verse vor sich hinsprach. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Mit einer vorbildlichen Höflichkeit – ihr Berliner werdet so was nie lernen – verbeugte er sich und sagte – übrigens mit einer scharmanten Stimme, der ich sofort den Landsmann angehört habe –« »Ach, jetzt bist du auch wieder aus Wien?« »Meine Wahlheimat war es immer! Also – ›Sie haben dieses Tüchlein verloren‹, sagte er, ›dieses reizende Gedicht aus Spitzen. Es muß Ihnen eben aus dem Täschchen gefallen sein.‹« »Na, war's dir denn gefallen?« »Hab' ich Spitzentücher – von dir etwa?« »Also so fing es an.« Siegmund überlegte. »Nicht ganz ungewöhnlich. Hoffentlich ist das Ende auch so sinnig.« »Das Ende? Ich werde dir was sagen: Siegmund, wenn alles gut geht, schlägt er mir vielleicht die Brücke zum Burgtheater.« »Die Wolter ist schon lange tot«, sagte Siegmund ganz leise vor sich hin. Und er dachte dabei: wenn er dich an die Burg bringt, werde ich Groß-Siegelverwahrer beim Schah von Persien. Melusine lauschte wieder nach nebenan. Weiß Gott, Verse spricht er, dachte sie. Er wird doch nicht auch von der Bühne sein? Aber nein, das war unmöglich! Sie hatte den Freund gesehen, der die Sachen brachte. Und sie hatte das Gepäck genau gemustert – alles die Solidität selbst. Und auf den Koffern die Reklameschildchen erster Hotels des Auslandes erzählten von großen Reisen. »Ich werde Kaffee kochen. Das Hugochen schläft noch.« Mit diesen beiden orientierenden Mitteilungen wollte sich Siegmund, der genug hatte von den Wiener Zukunftsaussichten, durch des Kindes Kämmerchen leise in die Küche begeben. Aber Melusine rief ihn, Wichtigkeit in der befehlenden Stimme, zurück. »Siegmund«, sagte sie, »so ein junger Mann aus den besten Kreisen – denn das ist er, der Freund hat es gesagt und durch sein Auftreten bewiesen – ich kenn' mich aus – so ein junger Mann wohnt gern in gesitteter Umgebung und verlangt ein wenig Rücksicht. Du mußt ein bißchen auf seine Gewohnheiten achten. Nicht, daß du zum Beispiel zur selben Zeit die Toilette benutzt wie er.« Ach, du lieber Gott! dachte Siegmund, nun werden mir noch die letzten Freiheiten beschnitten. Aber er schwieg und nickte nur, im Türrahmen stehend, seine Zustimmung zu dieser peinlichen Anordnung. »Dann«, Melusine hob belehrend den Zeigefinger, mit dem sie als Kind einmal, neugierig und unnütz war sie immer, in die Kartoffelschälmaschine geraten war und der deshalb die unveränderliche Form eines Wiener Kipfels angenommen hatte – »dann: so ein junger Aristokrat aus sicherlich streng religiöser Familie –« Er avanciert, dachte Siegmund, der seine Frau kannte; wenn ich noch lange hier stehe, wird er Reichsgraf und ist dem Papst sein Vetter. » – fühlt sich am wohlsten im Schoße eines geordneten, soliden Familienlebens.« Ich bin nur neugierig, wie sie diesen »Schoß« herstellt, dachte Siegmund. Aber in diesem Augenblick hörte er das Stimmchen des Hugochen, das, wie oft morgens, aufregend geträumt hatte und seinen Schrecken, erwachend, leise ausweinte. »Der Bengel heult schon wieder!« erboste sich Melusine. »Wenn du mich nicht mit deinem skandalösen Lärm geweckt hättest, so hätte er mich jetzt wieder mit seinem Gejammer geweckt. Das ist eine widerliche Gewohnheit, so unliebenswürdig aufzuwachen. Das –« »– hat er von mir, willst du sagen.« Siegmund tippte bei diesen Worten bescheiden auf seine Brust. Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird; Siegmund fühlte sich durchaus in der Wurmrolle. »Das ist bloß nicht gut möglich, da er ja nicht mir, sondern einem der Großen des Landes oder der Kunst – darüber gehen deine Andeutungen zuweilen auseinander – das junge Leben verdankt.« Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, im frohen Gefühl, ihr auch einmal einen kleinen seelischen Tritt versetzt zu haben, enteilte Siegmund zu dem leise weinenden Hugochen. Er mühte sich, den kleinen geliebten Kerl mit guten Worten über seinen schlechten Traum zu trösten und dem ahnungslosen Bübchen zu beweisen, daß das scharfe Wort, das der Mutter galt, im Anblick des Kindes, dem noch die Tränen über die rotgeschlafenen Apfelbäckchen rollten, jede Bedeutung verlor ... ... Während dieses anmutvollen Wechselgesprächs aber, das den Morgen des neuen Tages für das Ehepaar Kern-Möller in üblicher Weise einleitete, hatte sich Veit in seiner neuen Umgebung gewaschen und angezogen. Für die seltsamen Bilder, die an der Wand Cäsars und Gustav Adolfs letzte Stunde verherrlichten, hatte er keinen Sinn mehr. Auch für die liebevolle Art, mit der der gute Addo, auf den Rundblick vom Funkturm abermals verzichtend, bereits seinen Wäscheschrank eingeräumt hatte, fehlte ihm zu dieser Stunde die dankbare Begeisterung. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem Augenblick zurück, da er gestern abend das Bild seiner holdseligen Unbekannten plötzlich dort an der Wand erblickt hatte. Sie war's – sie war's! Und jetzt, von den schüchtern fingernden Strahlen der aufsteigenden Wintersonne berührt, schien sie ihm aus dem Rähmchen heraus noch anmutiger, noch liebenswürdiger zu lächeln als gestern abend zu seinem Empfang. Eine Viertelstunde und länger hatte er sicher – zu leicht bekleidet für die Jahreszeit und die Temperatur des Raumes – dort in dem Sessel gehockt, in den ihn seine erste Verblüffung geworfen hatte, und offenen Mundes an die Wand gestarrt. Dann – ja dann, er wußte es noch – vom ersten Niesen der redlich verdienten Erkältung wieder zu sich gebracht – war er fröstelnd und mit heißem Kopf ins Bett mehr gefallen als gestiegen. Und dann – ja dann mußten wohl die für eine Weile zurückgedrängten übertölpelten Geister des Alkohols wieder die Macht über ihn gewonnen haben. Er wußte nichts mehr von seinen Taten und Gedanken heute nacht, wußte nur das eine. Als er heute früh erwachte und sich mühsam in der fremden Umgebung orientierte, brannte das Licht an der Decke noch und er hielt das von der Wand genommene Bild seiner Angebeteten fest im Arm. Preßte es an sich, wie – wie ... Wo kamen die Verse her, die ihm mit einemmal durch den Kopf gingen, während er das Bild der unbekannten Geliebten wider die Wasserflasche lehnte und auf dem Nachttisch aufbaute und seinen von der Anstrengung der Nacht ganz steifen linken Arm mit der rechten Hand massierte – diese schönklingenden Verse: »Und er schlief mit klaffendem Kettenhemd,– längst aus war Stolz und Schmerz; – doch unter dem Schilde festgeklemmt, – lag König Roberts Herz.« Ach, jetzt wußte er's! Das war der Ausgang der prächtigen Ballade »Das Herz von Douglas« des früh verstorbenen Spätromantikers Moritz Graf Strachwitz. In der die Wände bis zur Decke füllenden Bibliothek des Vaters als Primaner schmökernd, hatte er das schmale, goldschnittige Bändchen Gedichte gefunden. Es stammte wohl noch aus der reichen Bücherei des Großvaters mütterlicherseits, der ein heimlicher Literat war und über den sein geschäftstüchtiger Schwiegersohn, Veits Vater, in aller Achtung im stillen ein bißchen gelächelt hatte. Einen großen Eindruck hatten dem in nüchterner Zeit ganz im geheimen auf des Großvaters Spuren Wandelnden die ritterlichen Verse gemacht, die Ballade von dem bis in den Tod getreuen schottischen Grafen. Von dem Vasallen, der den nicht gehaltenen Schwur seines Königs, nach dem Grab des Heilands zu pilgern, – »es hat, wer Schottland bänd'gen will – zum Pilgern wenig Zeit« – einlöst; der das in Samt gehüllte, in Gold verkapselte Herz des toten Königs ins Morgenland fuhrt und in der Sarazenenschlacht tapfer aus dem feindlichen Gewühl hinausträgt ... Er hatte – jetzt wußte er's wieder – die Nacht geträumt, er müsse, wie der Douglas des Königs Herz, das Bild seiner Geliebten unter dem Schilde tragen ... ja, wohin? Im Traume hatte er es bestimmt gewußt – und hatte in Treue sinngemäß gehandelt. Daher jetzt die widerlichen Schmerzen im linken Arm, den er kaum heben konnte. Denn – »er schlief mit klaffendem Kettenhemd – und unter dem Arme festgeklemmt lag ...« Oh, das war ein schönes Gedicht, jetzt erinnerte er sich's auch wieder, wie es anfing. »Graf Douglas preß' den Helm ins Haar, – gürt' um dein lichtblaues Schwert, – schnall an dein schärfstes Sporenpaar – und sattle dein schnellstes Pferd ...« Er sah sich wieder in der Bibliothek des Vaters stehen und die Blätter des goldschnittigen Bändchens wenden. Donnerwetter – der Vater! Der ist nun heute morgen weiter nach – – oder war er nochmal im Büro zu erwarten ...? Noch in Unterbeinkleidern stürzte Veit in sein Wohnzimmerchen – hübsch freundlich, das war sein Eindruck – und dort am etwas zu zierlichen Schreibtisch an den Apparat ... »Hallo!« Eine männliche Stimme in der Etage antwortete: »Ja, bitte – haben der Herr einen Wunsch?« Es war eine sympathische, etwas gedrückte, devote Stimme, so kam es Veit vor. »Guten Morgen, ja. Ich möchte mit der Stadt – mit dem Hotel ›Bristol‹ verbunden werden.« »Sehr gern – sofort!« Höfliche Leute, dachte Veit, und sein einmal gereiztes Gedächtnis arbeitete weiter: »Sie ritten vierzig Meilen fast – und sprachen Worte nicht vier, – und als sie kamen vor Königs Palast, – da bluteten Sporen und Tier, – – König Robert lag ...« Aber ehe sich Veit entsinnen konnte, wo König Robert sterbend lag, war die Verbindung hergestellt. Zwei Minuten später legte er – eigentlich erleichtert – den Hörer hin, um die Gewißheit bereichert, daß sein Vater heute morgen wohlbehalten mit dem Frühzug nach Schweinfurt gefahren sei – also doch! – und grüßen lasse. Also der alte Herr saß glücklich im D-Zug. Frühstückte jetzt im Speisewagen zwei Eier im Glas, Kaffee, einen Kognak. Fräulein Butte rüstete sich zu Kirchgang und Hochzeitsfeier in Köln ... Das Gestade der Ostsee würde keinen Besucher von Wert verlieren, wenn er, Veit, heute mal das Büro ein, zwei, drei Stunden später aufsuchte. Erst mußte er ... der Zufall, das Schicksal, der Himmel hatte ihn, den Ahnungslosen, ja auf den Weg, auf den sicheren Weg geführt. Wo dieses Bild hing, mußte man doch Bescheid wissen! Vielleicht – es war nicht auszudenken – wohnte sie hier, die Holde, Einzige. Am Ende hatte sie einmal in diesem Bett geschlafen, in dem er heute nacht – – Aber ob hier oder dort, jetzt fand er sie! Und wenn er sie gefunden hatte, wie wollte er dem Zufall, dem Schicksal, dem Himmel danken. »Ich schwur, wenn der Sieg mir sei verliehn – und fest mein Diadem, – mit tausend Lanzen will ich ziehn – hin gen Jerusalem ...« Wenn er nur erst den Strachwitz loswürde! Es ist schön aber schrecklich, immer in fremden Versen zu denken, wie der Schlagerkomponist, dem er nun glücklich, ohne ihn zu ermorden, entflohen war, immer in fremden Melodien. Und schließlich – »hin gen Jerusalem« – eine Hochzeitsreise ins heilige Land – auch nicht übel und sehr modern! Und etwas Orientalisches lag symbolisch, lag lockend und verheißungsvoll in dem stolzen scharfen Profil, in diesem reichen schwarzen Haar – wie hieß es doch in der »Jüdin von Toledo«? Um Himmelswillen, jetzt auch noch Grillparzer! Sich zu retten vor seinem eigenen Gedächtnis, eilte Veit zur Klingel. Kaum war er zurückgetreten, klopfte es auch schon. Donnerwetter, das war eine flotte Bedienung hier! Anders als bei Frau Zirbel, die entweder zu Haus nichts hörte oder auswärts Bridge spielte. »Herein!« Er war selber gespannt, was kommen würde. In einem vielleicht für ihr Alter und ihre üppigen Formen ein wenig zu neckischen, mit großen Blumen bestreuten kunstseidenen Kimono stand Melusine vor ihm. Mit einer aller plumpen Vertraulichkeit ausbiegenden Würde streckte sie ihm die ein bißchen zu stark gepuderte Hand entgegen. Und äußerte, als ob sie den dritten Akt eines Dramas schließe: »Von Herzen willkommen, Herr von Uhlich!« »Bloß Uhlich, wenn ich bitten darf.« »Oh, pardon. Aber das liegt uns Wienern so, net wahr, einem Herrn von Distinktion allemal den Adel zu geben. Obschon daß er ja abgeschafft ist in Österreich. Und – ich hab' doch auch, mein' ich, an dem Koffer eine Visitenkarte geseh'n, wo vor dem Namen Uhlich ein ›v‹ gestanden ist.« »Das stimmt schon. Mein Vorname ist ›Veit‹.« »Ah, da schau her – deshalb! Veit – ein sehr schöner Rufname.« »Ich bin zufrieden.« »Ein berühmter Maler hieß, glaub' ich, auch so, der viel christliche Kunst –« »Ja – mit dem Nachnamen. Ein Enkel von Moses Mendelssohn.« »Natürlich«, Melusine nickte schmerzlich, »die großen jüdischen Bankiers haben's leicht, ihre Söhne und Enkel was werden zu lassen – nachher malen sie Madonnen –« Und mit einem kühnen Sprung der Gedanken: »– ich hab' schon gesehen, wie der Herr Freund ausgepackt hat – gar ein lieber Mensch – ja, die vielen guten Bücher! Gott, wenn man, wie ich, von der Kunst ist – ich spiele im Grabbe-Theater, Sie wissen vielleicht – dann versteht man das. Ich hatte einen Herrn hier wohnen, einen Reisenden, der hatte nur den ›Boccaccio‹ und die ›Unsterbliche Kiste‹ und ein Buch über ›Erotik‹ – mit Illustrationen, also zum Schämen – und das Reichskursbuch – na, da wußt' ich Bescheid. Das ist dann auch ein einziges Malheur gewesen mit dem. Schon nach drei Monaten ist er gezogen. Ganz im Frieden, aber gezogen. Ich habe ihm nicht nachgeweint. Aber Sie werden sich wohlfühlen. Das seh' ich Ihnen an. Im Schoße einer deutschen christlichen Familie. Mein Manderl ist auch beim Theater – aber bei der Kasse, nit wahr. Mein Buberl, ein stilles, liebes Kind, sehr anständig. Ja, bloß wir drei – und aus ist der kleine, aber trauliche Kreis.« Veit hatte an ihren Lippen gehangen. Eine Erweiterung des »traulichen Kreises« durch eine Anspielung auf jene junge Dame, die drin an der Wasserflasche – im Kniestück – stand, wäre ihm sehr angenehm gewesen. Aber – aus war und blieb der trauliche Kreis. »Verzeihen Sie – Frau –« »Kern-Möller, bitte. Mein Manderl heißt Kern, nit wahr, und mein Künstlername ist Melusine Möller. Seit ich verheiratet bin – Gott, man soll eigentlich nit heiraten beim Theater, aber wenn's nachher gut ausgeht, nit wahr – also da hab' ich mich Melusine Kern-Möller geschrieben – in einem Wort, wenn ich bitten darf. Das ist handlicher, nit wahr?« »Ja, natürlich.« Veit wurde ungeduldig. Diese Frau mit ihrem Gerede machte ihn verdreht. Nein, die war damals nicht dabei gewesen: »Sie ritten vierzig Meilen fast – und sprachen Worte nicht vier...« Wieder Strachwitz! Auf einem Pferd muß sie schrecklich aussehen. »Entschuldigen Sie eine Frage, liebe Frau Kern-Möller. Es hängen so viele hübsche Bilder in den beiden Zimmern, die jetzt die meinen sein sollen –« »Fühlen Sie sich, bitte, ganz wie zu Hause bei uns.« Melusine machte einen kleinen neckischen Knicks, »ganz wie zu Hause.« Wenn sie jetzt noch ein Wort sagt, werf' ich sie aus dem Fenster, dachte Veit. Nein, das mach' ich nicht, korrigierte er seinen Mordplan, erst muß sie mir ... »Meine liebe Frau Kern-Möller, ich wollte sagen, unter den Bildern –« »Gott, man hat ja auch seinen Kunstsinn, nit wahr. Sigi, sag' ich immer zu meinem Mann – er heißt nämlich Siegmund mit seinem Taufnamen – Sigi, sag' ich, wenn man keine Raffaels kaufen kann und keine Liebermanns – hübsche Reproduktionen tun's schließlich auch. Bloß –« »Gewiß«, fiel Veit mit erhobener Stimme ein und tat sich den Schwur, sich auf keinen Fall mehr unterbrechen zu lassen. »Gewiß –« Warum schreit er so, dachte Melusine erschreckt und tat einen ängstlichen Schritt zurück. Ihr fiel ein, daß vor drei Jahren in der nahen Fasanenstraße eine Vermieterin von ihrem eben zugezogenen und alsbald verrückt gewordenen Mieter am Halse gewürgt worden war, bis sie blau war ... Aber wenn er so was vorhatte, würde er doch gerade nicht schreien, dachte sie dann; und jetzt hörte sie auch, was er mit erhobener Stimme sprach, fragte, wünschte. Und sie war des Staunens voll. »Unter den mancherlei historischen Bildern von berühmten Leuten, die Sie da aufgehängt haben, werte Frau Kern-Möller, finde ich ganz zufällig gestern abend – gerade über meinem Bett – das nette Bildchen einer jungen Dame, die ich – ich meine, die mich an irgendwen erinnert, an irgendwen, der irgendeinmal irgendwo –« »Ha, gehn'S', jetzt erinnert Sie das Bild an wen? Wer könnte das wohl sein?« »Ja, das möcht' ich nun von Ihnen erfahren. Vielleicht komme ich dann darauf, wenn ich – – Vielleicht ist's die Betreffende, auf die ich jetzt nicht komme, am Ende selbst –« Melusine ärgerte sich. Wie konnte sie auch auf den dummen Einfall kommen, das Bild, das sie ihrem Mann vom Schreibtisch genommen, ausgerechnet hier aufzuhängen! Aber das Hugochen hatte damals damit gespielt. Das heißt, eigentlich hatte es nur das Bild immerzu sehnsüchtig betrachtet und einmal gar heimlich geküßt und gefragt: »Mama, kommt sie nicht mal wieder, unser Klärchen?« – Unser Klärchen. Da hatte sie das Bild dem Buben aus den Händen gerissen, hatte einen Hammer und einen Nagel genommen und hatte es einfach, wo Platz war und wo sie es nicht zu sehen brauchte, in das noch leerstehende Zimmer über das Bett gehängt. Denn an der Hauptwand hingen schon der Cäsar und der Gustav Adolf. »Jetzt, das ist spassig«, sagte Melusine und lächelte sauersüß. Immer bestrebt, Zeit zu gewinnen, da sie noch nicht entschlossen war, was sie Erlogenes aber Glaubwürdiges sagen wollte. »Wieso ist das spassig?« Veit wurde immer nervöser. »Es kommt doch wirklich öfter vor, daß man ein fremdes Bild sieht und doch –« »Ja, schon, schon. Wie Tamino in der ›Zauberflöte‹ – oder wie der Faust in der Hexenküche.« Und ärgerlich über sich selbst, unterbrach sie sich plötzlich ziemlich rauh im Ton. »Aber verzeihen Sie, das stimmt ja alles nicht.« Die Gute ahnt nicht, wie es paßt, dachte Veit, immer ungeduldig auf die Erklärung wartend, die doch mal kommen mußte. »Also ich werde Ihnen was sagen, Herr Uhlich.« Und sie sprach das Folgende langsam, damit sie sich's selbst gut merken könnte; denn ihr Mann mußte doch sofort, wenn er heimkam, auf alle Fälle instruiert werden über das ersonnene Märchen. Und ein Märchen mußte es sein. Denn das fehlte noch, daß der gut aussehende neue Mieter nun gleich irgendwelche Nachforschungen anstellte nach der glücklich hinausgedrängten Person ... »werde Ihnen sagen, Herr Uhlich – eigentlich, ich kenn' Sie doch kaum, aber ich weiß nit, woher ich schon das Vertrauen hernehm' –« Endlich – jetzt kommt's, dachte Veit und sagte heiser vor Aufregung und seelischer Spannung: »Sie können ruhig Vertrauen haben.« »Also – mein Mann – sonst aus einer sehr guten Familie, ja – aber Sie dürfen ihm nix davon sagen, daß ich ...« »Nein, nein.« »Also, mein lieber Mann hat eine Schwester gehabt, die soweit ganz – no, ich will gegen Verstorbene nix sagen, nit wahr – aber das – wie das auf dem Bild drin hängt gegenüber dem Gustav Adolf – das ist halt das Dortchen, ihre Tochter.« »Dortchen –?!« Der Ton in Veits Rückfrage war etwas verblüfft, ernüchtert. Er fand, daß so ein hübsches Mädchen nicht »Dortchen« heißen dürfe, durchaus nicht! Melusine wußte selbst nicht, warum sie auch den Vornamen umgelogen hatte. Vielleicht war ihr »Klara« bloß zu klar und schön. Aber sie war befriedigt von der Wirkung: der Name »Dortchen« wirkte sichtlich deprimierend auf den eben noch heftig Interessierten. »Ja«, das Dortchen, nickte sie, »die hat dann – ja was hat sie doch gleich gelernt – Maniküre hat sie gelernt und hat –« »Maniküre? Hm – bei der Kunst ist sie nie gewesen?« Melusine sah mißtrauisch hinüber. Sie dachte an Klaras heißen Wunsch und die Prüfung bei Direktor Bock. »Nein«, sagte sie, »bloß Maniküre. Und dann ist sie vor ein paar Monaten – ja, da ist sie plötzlich nach Amerika gefahren!« Die ist fort! dachte Melusine triumphierend, als das Wort gesprochen war. »Vor ein paar Monaten?« »Ja.« Melusine nickte energisch mit dem Kopf. »Nach Cincinnati. Da hat sie vom Vater her Verwandte. Die haben, glaub' ich, ein Hotel in Cincinnati.« »So – in Cincinnati.« Jetzt gibt es drei Möglichkeiten, dachte Veit. Entweder ich bin verrückt, und das alles, was ich heute nacht sah und träumte und jetzt erlebte, sind Hirngespinste. Oder – es gibt eine Ähnlichkeit zwischen zwei schönen Frauen, die unfaßlich und ganz unwahrscheinlich ist wie ein Shakespearesches Lustspiel. Oder – drittens und letztens, dieses Weib da, das bei aller öligen Freundlichkeit nicht mein Typ ist, nicht war und nicht sein wird, dieses Weib, das eine Geisha sein möchte und eine alte Schlampe ist, sohlt mich in unerhörter Weise an. Wie krieg' ich nur heraus, was von den drei Möglichkeiten ... Nebenan klingelte das Telephon. Frau Kern-Möller betätigte sich als Schnelläuferin. Alles an ihr wabbelte bei der ungewohnten Anstrengung. Am Apparat rang sie hörbar nach Luft. »Hier bei Rendant Kern-Möller!« flötete sie in das Rohr. »Wie – nicht uns wollen Sie sprechen? Ja, aber – Ach so, Herrn Uhlich, aber gewiß! Ja – schon munter. Sofort, mein Herr, sofort!« Mit einer wahrhaft königlichen Geste winkte sie Veit an den Apparat. »Ihr Freund von gestern. Hab' ihn sofort an der Stimme erkannt. Werde solange für den Kaffee sorgen. Mein Mann – ach, so – wieviel Semmeln befehlen der Herr von Uhlich? Und darf ich Marmelade bringen – Himbeermarmelade oder etwas dänische Butter?« »Zwei Semmeln und Himbeermarmelade!« sprach Veit in den Apparat, während Melusine nach sorglicher pantomimischer Verabschiedung durch die Mitte verschwand. »Du hältst's ja schlemmerhaft in aller Frühe!« hörte Veit jetzt Addos Stimme. »Wollte dich nur, alles Gute im neuen Heim wünschend, rasch mal begrüßen.« »Danke, danke. Ich habe dir höchst Wunderbares mitzuteilen, Addo!« »Das ist recht. Wunderbares höre ich arg gern. Ich hol' dich heute ab. Ich telephoniere eigentlich bloß, weil ich – ich versprach dir doch, Umschau und die Augen offen zu halten – also gestern abend in der Gesellschaft beim peruanischen Konsul erzählte mir eine sehr interessante Kreolin, hier gibt's gar nicht weit von dir in der Uhlandstraße eine fabelhafte Hexe von Endor. Scheint eine Frau besserer Kreise – so ähnlich wie die Madame de Thèbes in Paris war – zeigt sich nur in weißer Perücke und silberner Maske – ein bißchen Mumpitz gehört dazu – soll aber wirklich fabelhaft sein!« »Fabelhaft oder nicht – einen Augenblick! Ich hole nur einen Bleistift, gib mir die genaue Adresse. Heute noch gehe ich zu ihr.« »Ja, sie empfängt allerdings nur zwischen drei und fünf Uhr, da bist du doch im Büro.« »Was denn – ich bin jetzt nicht im Büro, ich bin auch um drei Uhr nicht im Büro. Ich muß jetzt endlich Klarheit haben, was das mit mir, mit meinem Leben, mit meiner Leidenschaft eigentlich ist. Und ob ich verrückt bin, und was ich anfangen soll, um das Marburger Postfräulein zu fassen, die übrigens, also Addo, da schwör' ich drauf, die nicht ›Dortchen‹ heißt – nein – und die nicht in Cincinnati fremden Leuten die Nägel schneidet. Also los, diktiere, wo wohnt die Hexe von Endor und wie heißt sie – rasch!« Und während Addo am Telephon mit klarer Stimme langsam diktierte: »I – wie Isidor, L – wie Luise, I – wieder wie Isidor, A – wie Abraham«, dachte er in ehrlich erschrecktem Herzen: Wenn er nur nicht überschnappt, der gute Junge! Was will er denn jetzt mit einem Dortchen und mit geschnittenen Nägeln in Cincinnati –? Wenn er mir nur nicht überschnappt! * In diesen Tagen blühte Ilias Geschäft und Kunst ganz besonders. Die von seiner Hoheit bereits angesagte Reichsgräfin war – nachdem der Portier vom »Esplanade-Hotel« sich über die Stunde des möglichen Empfangs vergewissert – an dem Tischchen erschienen, hinter dem in sorgfältiger Aufmachung – die hohe weiße Perücke frisch gepudert, die silberne Maske spiegelblank – Ilia vor ihrem Kristall und den Karten saß. Die Unterredung mit der geschickt ausgefragten Prinzessin-Tochter seiner Hoheit des Fürsten in der an Ahnen und Geweihen so reichen Galerie des Schlosses, hatte die Seherin in den Stand gesetzt, der überaus korpulenten, beträchtlich asthmatischen Reichsgräfin, die nicht wußte, daß der Portier vom »Esplanade« bereits ihren Namen mit allen Titeln genannt hatte, erstaunliche Dinge zu sagen. Zunächst sagte Ilia, nach einem Blick in den Kristall, ohne eine Bewegung zu machen oder die auf verbindlichen Ernst gestimmte Rede irgendwie zu fördern: »Es ist ein Ruhm von Generationen, die mir hier gegenübersitzt.« »Man könnte das so ausdrücken«, nickte die geschmeichelte Reichsgräfin, die eine merkwürdige Vorliebe für Konjunktive hatte. »Hinter Ihnen, meine Dame, stehen Gepanzerte, stehen Kavaliere aus der Zeit, da deutsche Männer das Pulver und die Taschenuhr erfanden –« Die Reichsgräfin nickte wiederum, wenn sie auch zu den Männern, die das Pulver und die Taschenuhr erfunden hatten, sich keinerlei persönlicher Beziehungen bewußt war. »Ich sehe auch Kavaliere aus der Zopfzeit, sehe Diplomaten vom Wiener Kongreß –« »Mit den Metternichs sind wir um fünf Ecken verwandt«, nickte die Reichsgräfin. »Die Ecken sehe ich nicht. Von der nahen Verwandtschaft mit einem großen österreichischen Diplomaten wollte ich gerade sprechen. Ein noch lebender Fürst duzt Sie-« »– noch aus Kinderzeiten«, schaltete die Reichsgräfin hier, Mißverständnissen vorbeugend, ein. »Nachdem ich mich so ein wenig – in dem heute besonders klaren Kristall – über Ihre Person orientiert habe, darf ich bitten, mir bestimmte Fragen zu stellen.« »Was wissen Sie von einem Testament –« platzte die Reichsgräfin heraus. Einen Augenblick sah Ilia nachdenklich in den Kristall, dann ließ sie ihre Hände mit den Karten spielen und legte einige davon um. »Eine Ihnen nahestehende Person hat es geschrieben.« »Hat –? Also doch schon! Aus der Wut heraus!« »Das Manuskript weist Stellen auf, die eine gewisse Gemütsbewegung vermuten lassen.« »Können Sie diese Stellen lesen –?« fragte die Reichsgräfin. »Nein, es ist zu weit bis dahin, wo das Testament liegt. Aber ich sehe die Erregung aus der Linienführung.« »Hat er es denn selbst geschrieben –?« »Ja.« Ilia nickte mit Überzeugung. Wer der Erblasser auch war, wenn er das Testament nicht selbst geschrieben hatte, war es ja ungültig. »Und bleibt es dabei?« »Es kann verändert werden ... Ich sehe eine Hand, die Korrekturen daran vornimmt.« »So, eine Hand? Aber Korrekturen machen doch das Ganze ungültig!« »Er wird es noch einmal abschreiben. Aber erregen Sie sich nicht, Frau Reichsgräfin.« Bei Nennung des Titels horchte die Gräfin auf. Dann sagte sie: »Sie fürchten für mein Leiden?« »Ihr Leberleiden ist nicht gefährlich. Aber ich fürchte, daß die Erregung Ihre Beschäftigung mit der geliebten Poesie schädigt.« »Wie – das wissen Sie auch? Das sehen Sie im Kristall?« Ilia nickte. Ihr fielen Verse aus dem Büchlein – als Manuskript gedruckte Verse der Gräfin, die ihr die Prinzessin Erna gezeigt hatte – drei Zeilen ein, die sie sich eingeprägt. Mitten heraus aus einem Gedicht, von dessen Inhalt sie sonst keine Ahnung hatte. Sie blieb unbeweglich und hinter der Maske klangen die Rhythmen: »Ich möchte sterben, wenn die Rosen blühen, – wenn auf den Triften rings das Volk von Kühen – sanft wiederkäuend um den Hirten liegt.« Die Reichsgräfin hatte sich erhoben. Das war mehr als wunderbar. Sie legte einen Schein unter die Karten, versprach bald wiederzukommen. Jetzt war sie zu aufgeregt, die Unterredung weiterzuführen. In den nächsten Tagen schickte sie vornehme Leute aus Potsdam und Berlin, denen Ilia geschickt dosierte Möglichkeiten als Prophezeiung auf den Weg gab. So paßte der junge Mann, den Berta Babusch jetzt hereinließ ins Allerheiligste, gut in das Milieu dieser Aristokraten, die in den letzten Tagen den wesentlichsten Teil ihrer Kundschaft ausgemacht. Sein kleiner Abendanzug – er ging wohl nachher in Gesellschaft oder ins Theater – war tadellos. Seine Begrüßung höflich und reserviert. »Sie kommen auf Empfehlung, mein Herr?« »Nein, ich hörte zufällig von Ihrer Kunst. Und da ich mich für mystische Dinge interessiere – in meiner Familie sind hellseherische Begabungen gewesen –« »In der weiblichen Linie«, nickte Ilia. Veit stutzte. Er wußte nicht, daß die mehr dilettantische Hellseherei ihre angeblich Begabten zu mehr als fünfundsiebzig Prozent unter den Frauen hat. »Allerdings«, sagte Veit, »meine Mutter.« »Sie selbst nicht«, nickte Ilia. Denn wenn er selber könnte, käme er nicht her, dachte sie. »Nein, aber ich befinde mich augenblicklich in einer Situation, die –« »Sie lieben eine Frau.« Ilia äußerte das, indem sie den Kristall, wie um ihn zu befragen, an sich heranzog, in dem sich nichts als der Ofenschirm spiegelte. Ihre Gedanken dabei waren: ein junger, hübscher, gut erzogener, offenbar aus besten Kreisen stammender Mann liebt immer eine Frau. Ob das die Hauptsache ist, die seinen Besuch bestimmt hat, wird sich ja zeigen. »Sie sind zum erstenmal bei mir, mein Herr – und sind nicht von hier.« Das wußte sie aus Veits Sprache, die nicht die leisesten Berliner Anklänge zeigte, auch nicht solche, die der Fremde erst absichtlich und halb parodistisch und später fast unter Zungenzwang zu übernehmen pflegt. »Ich muß, um Ihnen dienen zu können, etwas seelischen Kontakt gewinnen. Muß mit Ihrer gütigen Hilfe – innerlich Widerstrebenden kann ich kaum viel nützen und sagen – ein wenig erst in Ihrer Sphäre heimisch werden. Haben Sie vielleicht Bilder blutsverwandter Personen bei sich und wollen Sie sie mir zeigen, so würde das –« Veit ließ sie nicht ausreden. Er nahm zustimmend seine Brieftasche heraus und suchte darin. Briefe lagen zwischen dem gepreßten Leder – das sah Ilia mit einem raschen Blick, ohne die Adressen lesen zu können. Ein paar Notizzettel und, so schien's, ein besonders wichtiges oder diffiziles Papier zwischen grauen Pappdeckeln. Aus der Seitentasche zog Veit jetzt das Bild eines würdigen älteren Ehepaares. Auf dem schlicht gescheitelten Kopf der Dame mit dem gutmütigen mütterlichen Gesicht ein silbernes Myrtenkränzlein. Der etwas geniert lächelnde, sein Haupt leicht an die also Geschmückte lehnende distinguierte Herr trug ein silbernes Myrtensträußchen im Knopfloch. »Meine Eltern.« »Ich sehe – zum silbernen Hochzeitstag aufgenommen?« – und da die Veits leicht ironisches Lächeln sah: »Dazu braucht man freilich keine Hellseherin zu sein.« Die Mutter, dachte Ilia, behäbig rüstige Frau, gutes Bürgertum, das in seiner Jugend noch keinen Sport kannte, das Klavier spielte – vielleicht auch auf dem Rasen Krocket – das mit Hausmittelchen die üblichen Krankheiten bekämpfte und in einer Sommerreise alljährlich seinen Frischluftbedarf deckte ... Der Vater interessanter. Modern, glatt rasiert. Etwa der Typ, der einen ins Deutsche übersetzten englischen Landlord oder amerikanischen Großunternehmer darstellen könnte. Energisches Profil, nicht ohne Güte, aber verschmitzt, eigenwillig und stark im Entschluß. Unberlinisch er wie sie. Und von beiden hatte der Sohn unleugbar einzelne Züge. »Interessiert Sie auch meine Schwester?« »Aber sehr.« Sie nahm das Bild, das vor einer offenbar im gepflegten Garten liegenden Villa aufgenommen war. Ein üppiges Rosenbeet in voller Blüte gab von der Vornehmheit des weit sich dehnenden Gartens einen Begriff. Ein hübsches, in der schlanken Linie modernes Mädchen, sehr gut in der Haltung, ein bißchen bewußt gereckt im Herrensattel zu Pferde. Der Apfel fällt ziemlich weit vom Stamm, dachte Ilia, indem sie die Tochter mit der etwas altmodischen, behäbigen Mutter verglich. »Ein sehr hübsches Mädchen. Ich danke.« Ilia gab mit einem Nicken der weißen Perücke die Bilder zurück. Nun bin ich begierig, zu welcher seelischen Annäherung die Bilder verholfen haben, dachte Veit, während er sie einsteckte. Und noch eines dachte er: es ist gut, daß mich mein Schwesterlein hier nicht der silbernen Maske gegenübersitzen sieht. Sie müßte lachen, ihr wildes, unbändiges Lachen, daß ihr der Gaul durchginge – na, nicht gerade durchginge, denn sie reitet gut – aber die Rosen in Mutters Renommierbeet müßten dran glauben. Einen Augenblick war Veit zu Hause gewesen bei den Seinen. Jetzt hörte er Ilias seltsam sympathische Stimme, die ihn zurückrief, und die auch im Befehl ihre weibliche Freundlichkeit nicht verlor. »Darf ich bitten, beide Hände vor sich hin auf den Tisch zu legen.« Veit gehorchte. Gute, geschonte Hände, dachte Ilia. Ein Siegelring mit verschlungenem Monogramm. Ohne Krone, nicht adlig. Von der Reichsgräfin kommt er nicht. Veit aber fing an, sich zu schämen. Diese hohe weiße Perücke, wie die Madame Pompadour, diese silbrig blendende Maske – auf Tisch und Gesims die Buddhas und Götzen – das alles kam ihm so komödiantisch vor. Freilich sonst – Geschmack schon auf der Diele, auch hier im Zimmer. Nichts Aufgeblasenes, Eitles, Anreißerisches im Wesen. Aber wenn er es noch einmal zu tun gehabt hätte, er wäre nicht gegangen – und wenn die Sache nun als Nepp und Bluff ausging, wollte er auch Addo nicht sagen, daß er hier war. »Sie denken eben nichts Freundliches von mir«, sagte Ilia, die durch ihr Geschäft gut zu beobachten gelernt hatte. »Das will ich nicht sagen«, zögerte Veit. »Das wollen Sie nicht sagen, weil Sie zu höflich sind. Sie finden mich ein bißchen lächerlich, weil ich eine Maske trage und eine Perücke.« »Aber nein! Wenn ich etwas, um das harte Wort zu gebrauchen, vielleicht einen Augenblick ›lächerlich‹ fände – so bin ich das gewesen.« Ilia nickte: »Weil Sie hier sind.« »Auch das nicht. Weil ich mit einer so läppischen Angelegenheit –« »Herzensdinge sind nie läppisch!« sagte Ilia und hob abwehrend die hübsche Hand. »Aber ich kam mir – ehrlich gesagt – etwas herabgesunken vor. Herabgesunken auf den alten Glauben der Liebesmystik, ja, der Liebestränke.« »Herabgesunken ist nicht höflich«, sagte Ilia ruhig, und sie dachte bei sich: Na warte, mein Junge, erst will ich dir einmal andersherum kommen! »Sie sprechen etwas verächtlich von Liebesmystik und Liebestränken, mein Herr. Ich vertreibe keine Liebestränke; ich habe also keinerlei Veranlassung, Ihnen ein Loblied auf diese wunderliche Arznei zu singen. Aber warum lachen wir eigentlich – nicht alle – aber einige – jetzt Sie – warum lachen wir über diese seltsamen Mittelchen? Wir haben den großen Affekt der Menschheit, nein, die große Triebkraft aller Statur wissenschaftlich analysiert. Wir wissen, daß bei uns höchsten Säugetieren zwar das verfeinerte Seelenleben vielleicht wunderlichste Blüten treibt im Dienst jenes Gefühls, das die Arterhaltung garantiert. Aber wir wissen auch, daß wir hier vollständig abhängen von unserem Körper und den Beziehungen seiner Organe zum Zentralnervensystem.« Für eine Kartenlegerin allerhand, dachte Veit und suchte mit seinem Blick die hübschen klugen Augen in der Maske, über die Sicherheit der Rede, die keineswegs den Eindruck des Eingelernten, hier Üblichen machte, noch mehr erstaunt als über den Inhalt selbst. »Wer heute noch – ich betone noch einmal, ich kenne keine Liebespulver und Liebestränke und handle nicht damit – wer heute noch mit so was, selbst gläubig oder nicht, sein Geschäft macht, hat immerhin zunächst den Glauben der Jahrhunderte hinter sich. Und wirklich nicht den Glauben der Dümmsten allein. Wenn die Mädchen des Altertums, Liebe hoffend, mit Blumensamen räucherten und mit seltsamen animalischen Ingredienzen; und wenn sich eine reiche Wissenschaft im Orient in diesem Dienste ausbilden konnte; und wenn die alten Germanen ihre Runen gläubig schnitten; und wenn das ganze Mittelalter, Mönch, Kriegsmann und Bauer, in der festen Überzeugung lebte, daß durch Pülverlein und Sprüche eine Beeinflussung des geliebten Gegenstandes zugunsten des Werbenden zu erzwingen sei; wenn sich gewisse nicht immer appetitliche Gebräuche immer wieder ganz unabhängig voneinander bei den verschiedenen Völkern wiederfinden, so geht eben daraus hervor, daß in den unaufgeklärten Völkern und Zeiten die Mystik kein anderes, so sicheres Gebiet ihrer Herrschaft sah als die Liebe der Geschlechter.« »Weil der Liebende überhaupt geneigt ist, das Unsinnige zu tun wie das Unsinnige zu glauben.« »Sie denken sehr kritisch über Ihren eigenen Zustand.« Die Maske bewegte sich nicht. Aber Veit fühlte es, diese merkwürdige Frau – war sie alt, war sie jung? – lächelte hinter der silbernen Verschanzung ihrer Mienen. »Ist Ihnen ›Avicenna‹ ein Begriff?« fragte die Maske jetzt höflich. »Ich erinnere mich, den Namen gehört zu haben. Aber ein Begriff? Nein.« Es war Veit peinlich, hier an diesem Ort, da er nur Prophezeiungen erwartet hatte, sich in irgendeinem positiven Wissen eine Blöße zu geben. »Es gehört nicht gerade zur allgemeinen Bildung. Immerhin, Iben Sina Avicenna, der Anfang des elften Jahrhunderts lebte, war ein arabischer Arzt und ein Philosoph von großer Bedeutung. Seine Bücher genießen heute noch im Orient großes Ansehen. Dieser Araber hat mit wissenschaftlicher, ich darf vielleicht sagen, mit fast deutscher Gründlichkeit sieben Gegenmittel gegen die durch Zauber hervorgerufene Liebe aufgeschrieben.« »Sieben?« »Ja. Die Zahl ›Sieben‹ spielt in allen geheimnisvollen Dingen der Menschheit eine besonders große Rolle. Von den sieben Todsünden über die sieben Weisen zu dem siebenarmigen Leuchter – übrigens auch in der Ballade des Heimattreuen Grafen Douglas – er hat es getragen sieben Jahr und trug es länger nicht mehr ... Aber verlieren wir uns nicht in Details. Avicenna lehrt in seinem, das muß ich noch einmal betonen, durchaus wissenschaftlichen Buch: daß, wenn auf Grund der Beschleunigung des Pulses – und zwar bei bloßer Ahnung des Geliebten – in der Geschlechtsliebe die Wurzel der Krankheit gefaßt wird, durch die Ehe eine Vereinigung geschaffen und die Krankheit so geheilt werden könne, indem man der Natur gehorche. Oder es finden Anwendungen von Arzneien statt, oder der Kranke richte seine Liebe von der Geliebten durch erlaubte Mittel auf etwas Anderes zu Liebendes, was er dem vorigen vorziehen kann. Oder auch, wenn der Kranke belehrungsfähig ist, werde er gepflegt und ermahnt, daß das Werk der Liebe das größte Elend sei; oder es werden ihm Leute zugeführt, die, soweit sie es mit dem Gewissen und Gott vereinbaren können, den Leib und den Charakter des Geliebten unter häßlicher und mißgestalteter Verzerrung der Gesichter tadeln. Oder letztens, derartige Verliebte sollen versuchen, in besonders ernsten Fällen sich mit schwierigen geistigen Arbeiten zu beschäftigen.« »Ich habe das Unglück«, sagte Veit mehr zu sich als zu der Seherin, »daß der Posten, den ich bekleide, mit schwieriger geistiger Arbeit eigentlich wenig zu tun hat.« Und während er so sprach, sah er vor seinem geistigen Auge sich selbst mit dem vertrockneten Fräulein Butte hinter der spanischen Wand im Ostseebadebüro sitzen und Halma spielen. »Übrigens«, fuhr er fort, »die Medizin des Avicenna, die Liebe durch die Ehe zu heilen, ist entschieden das einfachste.« »Nicht wahr? Und wo kämen unsere Komödiendichter hin, und wo kämen unsere Kinder her, wenn nicht dieser allen Zaubers bare Ausweg immerhin noch recht häufig gewählt würde?« Humor hat sie auch, diese merkwürdige Frau, dachte Veit; und er fühlte sich plötzlich freier und nicht mehr bedroht und eingeengt von der Perücke und Maske ihm gegenüber. Ein netter, frischer Kerl, dachte Ilia, während er sprach. Es wäre hübsch, wenn ich ihm irgendetwas Erfreuliches sagen, irgendetwas raten oder helfen könnte. Aber in allem, was er klug und mit einer gewissen gemessenen Betonung äußerte, blitzte keinerlei verräterische Beziehung zu seinem Leben auf. Sollte es doch ein Aristokrat sein, der von dem lebt, was ihm oder seinem Chef des Hauses die Revolution gelassen hat, und der jetzt gegen den Willen der Familie vielleicht etwas Bürgerliches heiraten wollte? Aber – der Ring ohne Wappen! ... Und von der Kunst – Ilia hatte ihre vielhundertköpfige, vorsichtig geordnete »Ahnengalerie«, wie sie das nannte, gut im Kopf. Sie hielt eine Menge Zeitungen und Zeitschriften, und aus allen schnitt sie sich die Bilder der »Prominenten«, der Führenden oder zur Zeit viel Genannten der Politik, der Kunst, des Sports sauber aus, klebte sie auf kleine Kartons und versah sie in ihrer klaren Schrift mit Namen und Daten. Und da ein sehr beträchtlicher Prozentsatz gerade ihrer Kundschaft sich aus Politik, Theater, Film, Musik und Sport zusammensetzte, so war sie oft schon beim Eintreten eines neuen Klienten – Namen wurden nie genannt – genau im Bilde. Aber dieser junge Mann – sein hübscher, etwas römisch geschnittener Kopf wäre ihrem guten Gedächtnis bestimmt nicht entfallen, wenn ihre Zeitungsausschnitte – die sie in Mußestunden immer wieder durchsah, ordnete und vervollständigte – auch sein Bild enthalten hätten. So blieb nur eine letzte Möglichkeit. Während sie, scheinbar interessiert, die Hände Veits, die sie ergriffen hatte, auf ihre nicht ungewöhnlichen Linien zu prüfen schien, drückte sie behutsam mit ihrem Knie den Kopf, der die elektrische Klingel leise in Berta Babuschs Zimmerchen anschlagen ließ. Eine halbe Minute später stand Berta, diesmal in einer von einer Korallenbrosche geschlossenen laubfroschgrünen Bluse von unerhörter Scheußlichkeit, in der Tür. »Gnädige Frau, die Exzellenz hat eine Bestellung, die sofortige Antwort erfordert.« »Ich komme – Sie entschuldigen, mein Herr.« Schon stand Ilia außerhalb des Zimmers auf dem Flur. Die Hand aber hielt die weit geöffnete Tür so, daß Veit ihre Fingerspitzen sehen konnte. »Nun, Berta?« fragte Ilia ganz leise. »Nichts. Paletot atlasgefüttert. In der Außentasche zwei Mark kleines Fahrgeld – in der Brusttasche eine ›Nachtausgabe‹ von gestern –« »Keine Notizen oder Briefe?« »Nein, nur einen silbernen Bleistift und ein Feuerzeug.« »Es ist gut«, sagte Ilia lauter zu Berta Babusch und war schon wieder halb im Zimmer. »Sagen Sie bitte der Exzellenz, daß der morgige Nachmittag leider ganz besetzt ist. Aber übermorgen um vier Uhr, wenn es dem General paßt.« Sie schloß die Tür und setzte sich auf ihren Platz, der stets so gewählt war, daß sie im Schatten, der Besucher aber im Licht saß. »Ich bin jetzt, entschuldigen Sie bitte, bin jetzt – das geht mir immer so, wenn unvorhergesehene Zwischenfälle kommen – ein ganz klein wenig aus dem Kontakt geraten. Wir werden die Sache zunächst anders anfassen. Können Sie mir, mein Herr, irgendetwas zeigen – für Augenblicke zum Ansehen und Befühlen überlassen – das mit der von Ihnen geliebten Person zusammenhängt? Verliebte junge Leute haben doch meistens so etwas ... Ich kann dann leichter wieder hineinkommen.« »Das hat leider seine Schwierigkeiten.« Veit sagte das langsam und überlegte. »Vielleicht haben Sie irgendein Andenken, ein –« »Andenken? Ach, ich bin nicht so weit mit ihr gekommen. Aber – ich werde Ihnen ein paar Andeutungen geben.« »Sehr erwünscht«, nickte Ilia und war hinter der unbewegt bleibenden Larve ganz Aufmerksamkeit. »Also Sie kennen doch ›Romeo und Julia‹?« »Aber sicher.« Und die Frau, die einmal vor Jahr und Jahren in Hamburg die Szene gespielt, deklamierte ohne Pathos, sehr schlicht und warm im Ton: »O Romeo – warum denn: Romeo! – verleugne deine Sippschaft, deinen Namen – und ich bin länger kein Capulett!« Die war mal Schauspielerin, dachte Veit. Aber er hütete sich, diese Entdeckung zu äußern. »Dann wissen Sie natürlich auch – Romeo kommt von der Arabella und sieht auf dem Fest der Capuletts die schöne Julia – verliebt sich in sie und schwört: »Ist sie vermählt, – so sei das Grab zum Brautbett mir erwählt!« »Verzeihung, das sagt Julia, als sie ihn sieht.« »So? Dann hat sich mein Freund Addo geirrt«, stotterte Veit verlegen. Er hat einen Freund, der »Addo« heißt und der Shakespeare zitiert, notierte sich Ilia innerlich. »Jedenfalls – ich bin Romeo. Wie Sie mich da sehen. Ich komme von einer Arabella. Mein Gott, es war nichts Bedeutendes, aber ein nettes Mädel. Und ein halbes Jahr lang hat sie mir treu und brav am Tage Berlin gezeigt und in der Nacht ...« »Ich danke, ich bin im Bilde«, nickte Ilia. Und sie dachte: er ist von auswärts und ein besserer Bürgerlicher. »Aber dann sah ich sie – die andere.« »Auf dem großen Fest der Capuletts –?« »Nein, nein! Ganz simpel auf einem – aber das ist egal. Wissen Sie, es ist schon direkt banal, es zu sagen; aber ich sag's doch : Mein erster Blick ließ die Überzeugung aufflammen: das ist mein Typ! ... Aber wie soll man's anders ausdrücken, wenn in einem Augenblick alle Sinne sich nach einem einzigen Ziel bewegen und –« »Sie haben sie kennengelernt?« »Nein. Nicht mal mit ihr gesprochen!« »Haben Sie irgendetwas – von ihr?« »Ja, durch Zufall. Etwas Lächerliches. Den Anfang einer Annonce, die sie erst aufgeben wollte. Das muß sie dann wieder gereut haben. Sie zerknüllte das Blättchen.« – Er hatte, während er das erzählte, sein Portefeuille herausgezogen und behutsam geöffnet. Zwischen zwei kleinen sauber geschnittenen Pappdeckeln lag ein Zettel, dem man ansah, daß er von einer heftigen Hand zerknittert und von einer sorgsamen Hand wieder geglättet worden war. »Bitte!« Veit reichte das Blättchen Ilia hinüber. Ilia warf einen Blick darauf und – legte ihre beiden Hände, die das Blättchen hielten, fest, ganz fest auf den Tisch, damit kein Zittern die sie plötzlich überfallende Erregung verrate. Was hätte sie jetzt ohne Maske gemacht?! Aber ein Strählchen der in das Blut der Abendwolken versinkenden Sonne legte sich jetzt gerade auf das Silber der Maske und blendete Veit, der ihr gern in die besonnten Augen geblickt hätte. Eine Minute war Stille im Raum. Man hätte eine Nadel fallen hören. »Ich bin im Bilde«, nickte Ilia. Und kein Ton in ihrer Stimme verriet eine seelische Anteilnahme. Sie war wieder durchaus im Beruf. »Es handelt sich um eine Dame mit schwarzen Haaren. Die Haare sind nicht zu modernem Bubikopf geschnitten, sondern – ja, warten Sie, ist es nicht ein einfacher schwarzer Knoten im Nacken?« Veit saß mit offenem Munde. »Die junge Dame ist schlank, ohne mager zu sein – Anfang der Zwanzig höchstens – macht den Eindruck der guten Familie – alles eckige Provinzlertum fehlt ihr ... Als sie ihr begegneten, hatte sie – ich sehe das nicht genau in meinem Kristall, aber es will mir so scheinen – einen dunkelblauen Mantel an mit etwas Pelzbesatz an Ärmeln und Kragen.« Veit war aufgestanden. »Das ist aber – das ist aber mehr als Zauberei – da kann sich weiß Gott der selige Avicenna schlafen legen! Das ist ja beinah' – beinah' – also mein Freund Addo würde sagen: das ist die Hexe von Endor!« Ilia beobachtete die Wirkung ihrer Verkündigung. Es war gekommen, wie sie erwartet hatte. Aber alles verstand sie selbst noch nicht. Veits Unruhe steigerte sich. Er schien von einem neuen Einfall besessen. »Können Sie mir noch etwas sagen –?« »Ich weiß nicht, aber stellen Sie mir einmal Ihre Frage.« »Können Sie mir sagen, wie die junge Dame heißt ?« Ilia überlegte einen Augenblick, indem sie den Kristall spielerisch in ihren hübschen Händen hin und her schob. »Nein«, sagte sie ganz ruhig. »Ich sehe ihren Kopf, ihre Figur, ihren Gang – ihren Namen verriet mir bis jetzt noch nichts. Aber vielleicht, wenn Sie einen Namen nennen, vermag ich – ich sage immer nur: vielleicht – den Kontakt zu finden und zu sehen, ob es stimmen kann oder nicht.« »Heißt sie – heißt sie Dortchen?« Heftig, fast ärgerlich flog der erstaunten Ilia der Name an den Kopf. »Dortchen?« Hinter der Maske bewegte sich ein Lächeln – »Dortchen? Nein, so heißt sie bestimmt nicht !« »Ich hab' mir's gedacht!« rief der aufgeregte Veit. »Sehen Sie, ich hab' mir's gedacht.« »Was?« »Daß sie nicht Dortchen heißt. Noch eines, bitte – können Sie sehen, ob sie verreist ist ...?« »Ich sehe die junge Dame so deutlich, daß ich nicht glaube, daß sie allzuweit von uns entfernt lebt.« »Also der Ozean liegt nicht zwischen uns?« »Der Ozean? – Nein.« »Sie ist nicht – als Maniküre nach Cincinnati gegangen?« Wie kommt er jetzt auf die seltsame Annahme, daß Klara als Maniküre nach Cincinnati gegangen sei, dachte Ilia. Sie ließ eine kleine Pause verstreichen. Dann sagte sie langsam: »Sie ist nicht außerhalb Europas, soviel sehe ich ganz genau.« Veit atmete erleichtert auf. Das eine war sicher, seine Vermieterin – übrigens eine ekelhafte Person, wie er so nebenbei anmerkte – hatte ihn betrogen mit der Lügengeschichte. Warum wohl? Und wer und was war nun wohl seine schöne Geliebte, deren Bild in seinem Zimmer stand und die ihm hier so genau beschrieben wurde und die er doch nicht fassen und finden konnte, in Wirklichkeit? Er schwieg und starrte vor sich hin, erwägend, was er noch fragen, was er diese fabelhafte Seherin noch zu erforschen bitten könne. Ilia saß ruhig und unbewegt. In ihr arbeitete ein Gedanke. Ihr rechtes Knie drückte den geheimen Knopf. Berta Babusch erschien in der Türe. »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, die Frau Reichsgräfin –« »Selbst?!« fragte Ilia betont. Es war ein Übereinkommen zwischen ihr und der Dienerin, daß, wenn sie bei solcher Meldung »selbst« fragte, Berta Babusch bejahte und somit Ilia die Möglichkeit gab, für ein paar Minuten das Zimmer zu verlassen, um den Besuch abzufertigen. Auf die bejahende Antwort der Laubfroschgrünen erhob sich Ilia. »Ich denke, Sie haben noch einen Augenblick Zeit, mein Herr. Berta, führen Sie die Frau Reichsgräfin in den blauen Salon. Ich komme sofort zurück, mein Herr.« Draußen war sie. Einen blauen Salon gab es nicht in der Wohnung; und die Reichsgräfin war auch nicht da. Ganz rasch an Berta Babusch vorbei, klinkte Ilia das Zimmerchen Klaras leise auf. Die saß und schrieb nach Wien. Heiß errötend, deckte sie rasch ein Fließblatt über das eben Geschriebene. »Grüß ihn von mir«, sagte Ilia halblaut und schob lächelnd die Halbmaske auf die Stirn. Ohne daß Klara ein Wort geäußert hatte, wußte sie aus ihrem ganzen Benehmen, daß ein Mann, den sie liebte und dem sie gehörte, in ihr Leben getreten war. »Also Klara, liebste Klara –« etwas fast stürmisch Drängendes, das ihr sonst nicht eigen war, sprach aus Ilias gedämpfter Stimme, und ihren Arm legte sie dabei um Klaras Gürtel. »Du kannst mir einen großen Dienst erweisen, einen ganz großen – mit einer ganz kleinen Gefälligkeit. Die Sache bringt mir so oder so etwas ein und dir auch, wenn du –« »Ilia, kommst du mir schon wieder mit solcher Beteiligung? Du weißt doch, wie ich mich in deiner Schuld fühle.« »Gut, gut – über alle diese Dinge später. Also jetzt – du riskierst gar nichts dabei – hast nichts besonderes zu tun, nichts zu fragen, zu sagen – und die Sache dauert noch keine Minute.« Und sie sprach werbend, lockend, überzeugend in Klaras Ohr hinein, die schließlich – nach einem kurzen Kampf mit sich – bloß fragte: »Kenn' ich ihn?« »Nein.« »Ich brauch' ihn auch nicht kennenzulernen?« »Nein, wenn du nicht willst – niemals!« Wahrend die zwei Frauen mit Flüsterstimmen verhandelten, stand Veit wie eine Salzsäule mitten im Empfangszimmer. »Heiliger Hieronymus«, murmelte er vor sich hin, »erklär' mir das! Da war doch jedes Detail richtig gewesen – jedes – und ich, wenn ich da in den geschliffenen Kristall hineinglotze – ich sehe, hol's der Teufel! bloß die verzerrten bunten Vögel auf dem Ofenschirm dort und den Armsessel so grauenhaft verbogen, als ob er seit Stunden die Seekrankheit hätte – nichts, nichts sehe ich sonst!« Da kam Ilia zurück. Die Maske saß fest, die Perücke hob ihren Gang zum Stattlichen. Fast ehrfurchtsvoll schob ihr Veit mit einer Verbeugung den Stuhl hin. »Entschuldigen Sie bitte, wenn einem die treuesten Kunden in dringender Angelegenheit –« »Aber bitte – Sie brauchen sich wirklich nicht zu entschuldigen.« Veit machte eine wegwerfende Handbewegung, als ob er eine weitere Belehrung über die Reichsgräfin durchaus vermeiden wolle. »Meine verehrte Gnädige – Sie haben mir vorhin eine der fabelhaften Proben Ihrer Kunst und Kraft gegeben – so daß ich voll Hoffnung bin. Sie könnten –« »Wir wollen, wenn es Ihnen recht ist, den Versuch einer Nachprüfung des von mir Gesehenen machen. Aber das setzt voraus, daß Sie –« »Ich bitte dringend, das Extrahonorar zu bestimmen!« »Davon ist gar nicht die Rede. Sobald hier Geld erwähnt wird – merken Sie sich das, mein Herr – erlahmt meine Kunst beträchtlich.« »Ogott, ogott, nur nicht!« stöhnte Veit, und er dachte: das Bewundernswerteste an der Sache wird mir bleiben: eine Kunst, die erlahmt, wenn man sie honorieren will. Die Wintersonne war im Untergehen. Man konnte Menschen und Dinge im Raum noch recht gut erkennen. Aber es lag über allem das Heimliche der Dämmerstunde. Während Ilia einen kleinen Dreifuß aus Eisen vor sich hinstellte und – wie es Veit schien – allerlei Gewürze, Kräuter und Spezereien, die sie einer kleinen schwarzen Tasche auf dem Tischchen neben sich entnahm, hineinstreute und mit einem langen elfenbeinfarbenen Stäbchen alles behutsam durcheinanderrührte, sagte sie ernst und langsam: »Was ich noch sagen wollte, war dies. Ob sich etwas ereignet und was, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es selbst nicht. Wir wollen sehen, ob unsere vereinten Kräfte – Ihre Wunschkraft und meine Formkraft – für das kleine Experiment ausreichen. Grundbedingung ist, daß Sie , mein Herr, was Sie auch sehen, – ob es viel, ob es wenig, ob es Seltsames oder Alltägliches sein wird, – kein Wort äußern! Kein Wort des Erstaunens, kein Wort der Freude oder einer Mißbilligung. Sie müssen mir – links und rechts von der Flamme, die ich jetzt schweigend entzünden werde – Ihre Hände reichen, müssen die meinen fest, ganz fest halten. Keinesfalls loslassen, ehe ich Sie anrede und es Ihnen erlaube. Verstehen Sie das?« »Ich verstehe es«, sagte Veit, dem sehr wunderlich zumute wurde. Hätte er das vorher nicht erlebt mit der unerhörten Beschreibung – er würde jetzt – würde mit der Faust auf den Tisch gehauen und geäußert haben: Nun aber genug, liebes Fräulein, mit dem Hokuspokus! Ilia hatte mit ruhiger Hand einen Fidibus in den Dreifuß geworfen, und siehe da, es fing an, darin zu knistern – Blitze, Strahlen, Sternchen schossen empor wie bei einer Neujahrsüberraschung. Und dann roch es ganz herrlich nach starken, ihm unbekannten Wohlgerüchen. Eine kleine Flamme zuckte unruhig über dem Gefäß, und darüber stieg plötzlich eine mächtige Rauchfahne empor. Eine Rauchfahne, die allerdings nicht mehr Wohlgerüche aussprengte, die nicht angenehm roch und aus der verbrauchten Luft dick in die Höhe quoll. »Ihre Hand, bitte«, sagte Ilia. Ein leiser Befehl klang hindurch. Er gab sie ihr. Sie standen beide wie Statuen da – das Tischchen zwischen sich – und er fühlte, daß sie seine Finger nicht nur zu symbolischer Handlung, sondern fest und mit dem Willen, sie nicht loszulassen, gefaßt hielt. »Sie versprechen mir noch einmal, daß Sie genau nach meinen Wünschen handeln? Hab' ich Ihr Wort?« »Mein Ehrenwort!« »Sie verletzen mich sonst – nicht nur seelisch, auch körperlich – und das Experiment kann keinesfalls gelingen.« »Ich richte mich genau nach Ihren Worten!« »Bitte, sehen Sie jetzt fest in den aufsteigenden Rauch! Sehen Sie immerzu in den Rauch! – bis Sie mit magischer Kraft irgendeine Erscheinung nach einer anderen Richtung zu schauen zwingt! Dann aber bleiben Sie erst recht – eingedenk Ihres Ehrenwortes –« »Sie können sich darauf verlassen« – wollte Veit sagen, er mußte aber schrecklich husten, weil ihm von der infernalischen Rauchentwicklung einige üble Proben in Mund und Nase gedrungen waren. Mit behutsamem Knie drückte Ilia, während sie Veit fest in die Augen sah, unter dem Tisch dreimal den verborgenen Knopf. Einen Augenblick später ging rechts hinter ihr eine Tür auf und – Dem guten Veit zitterten die Knie. Er vergaß sogar zu husten. Beherrschte sich, bis er fast erstickte. Da war ja – da ging ja – ganz langsam, ohne ihn anzusehen, ohne auf Ilia zu achten – seine schöne Unbekannte – im dunkelblauen Mantel – unter dem Hut den schwarzen Haarknoten – das herrliche Profil am Abendhimmel in holdester Silhouette betont. So ging sie – nicht weit von ihm – langsam ihren Weg, ohne Zweck, ohne Teilnahme, unbekümmert und doch alles in ihm aufrührend – ziemlich dicht an ihm vorbei. Schritt nach der Tür zum Korridor, die sich, von selbst – jedenfalls berührte sie weder Klinke noch Holz – vor ihr auftat. Sie stand einen Augenblick im Rahmen – ohne sich umzusehen – und weg war sie. Veit schmerzten Hals und Augen von dem schrecklichen Rauch. Und seine Finger – Ilia hatte sie in furchtbarer Kraft gehalten und gepreßt – schmerzten ihn noch mehr. Jetzt ließ Ilia langsam los und legte seine gequetschten Hände wie kleine Kostbarkeiten auf den Tisch. Veit taumelte auf seinen Stuhl. Ilia ging zum Fenster und öffnete es ruhig. Die frische Winterluft drang belebend und erfrischend herein. Man hörte unten den Lärm der volkreichen Straße. Elektrische ratterten läutend vorbei. Kinder riefen sich übermütig etwas zu – ein Hund bellte. Ilia stand in Maske und Perücke, scharf silhouettiert, an dem Fenster ihm zugewendet. »Sie haben die Erscheinung gesehen?« »So deutlich wie ich Sie sehe!« »War es die Richtige?« »Sie war's!« »Sie können sich nicht irren?« »Nein, unmöglich!« »Ich habe das Phantom«, sagte Ilia, »nicht so ganz genau sehen können. Mir schien einiges an der Erscheinung unvollkommen materialisiert.« »Nichts, nichts! Und sie war's – sie war's!« stöhnte Veit. Und er wußte nicht, ob er nur berauscht, behext oder noch nie so nüchtern und so heldenhaft zugleich gewesen war wie in diesem noch nie erlebten Augenblick. * Klara war viel zu früh am Bahnhof – wohl eine halbe Stunde zu zeitig. Ilia, die gerade wieder einen von der Reichsgräfin empfohlenen distinguierten älteren Herrn darüber getröstet hatte, daß seine Erfolge bei den Frauen nachließen und er sich so häufig den linken Fuß verknackse, hatte schweigend zur Kenntnis genommen, daß Klara noch einmal zu so später Stunde in die Stadt gehen wolle. Vielleicht, sagte die schon zum Ausgehen Angezogene stockend, könne sie auch zum Abendessen nicht zurück sein. Ilia fragte nichts und sagte nichts. Sie nickte nur zustimmend mit dem Kopf und strich sich an den Schläfen die Haare glatt, die immer nach den Sitzungen ein wenig feucht und verwirrt waren von der über den Ohren allzu fest anliegenden weißen Perücke. Ihr Lächeln hatte ein bißchen etwas Trauriges gehabt. Berta Babusch aber, die hinter Klara die Tür schloß, grinste unverhohlen. Sie hatte – zerrissen allerdings in kleine Schnitzel – ein über den anderen Tag die Kuverts der Briefe aus Wien im Papierkorb gefunden, den sie stets besonders gründlich revidierte. Diese Briefe kamen niemals mit der Post in die Wohnung, das wußte sie. Und wenn Berta Babusch in ihrem Zimmerchen, eine Haarnadel geschickt als Pinzette benutzend, die Schnitzel kunstvoll zusammensetzte – was konnte Berta Babuschs Geduld und Fixigkeit nicht wieder zusammensetzen, das schon vernichtet und unkenntlich gemacht schien! – so las sie: »Fräulein Klara K. Berlin-Wilmersdorf. Hauptpostlagernd, Uhlandstraße.« Von den Briefen selbst hatte sie freilich trotz eifrigsten Suchens nie ein Stückchen erwischt. Auch nicht in der stets von Klara verschlossen gehaltenen Tischschublade, in der das junge Mädel ihre paar armseligen Schmuckstücke verwahrt hielt und zu der nach Berta Babuschs Erfahrung, mit Vorsicht eingeführt, auch das Schlüsselchen des Schrankes paßte, auf dem drüben die Bronze-Buddhas mit dicken Bäuchen saßen. Den letzten dieser Briefe aus Wien, die Berta Babusch zu ihrer Betrübnis nie gefunden, las jetzt Klara zum soundsovielten Male durch, während sie langsam die weite Halle des Anhalter Bahnhofs mit kurzen Schritten durchmaß. Sie kannte seinen Wortlaut längst auswendig, und ihre Augen deutelten jetzt an der Schrift und den einzelnen Buchstaben herum. Er war sichtlich in großer Hast geschrieben. Aus Wien schon wieder, nicht aus Budapest. Die Eile des Schreibens zeigte sich nicht nur in Flüchtigkeiten des Stils, sondern auch in der ganz verwischten letzten Zeile der dritten Seite. Da hatte Viktor zu rasch das Blatt gewendet, wohl auch kein Löschpapier zur Hand gehabt. Inhaltlich war das Schreiben dürftig, sowohl was die mitgeteilten Tatsachen, als auch, wenn sie ehrlich war, was den Ausdruck der Gefühle anbetraf. Vielleicht war sie von den ersten Briefen, die ein ganzes Feuerwerk verliebter Sätze auf die solcher Töne Ungewohnte hatten niederprasseln lassen, recht verwöhnt. Vielleicht hetzte in diesen beiden letzten Briefen irgendein ihr unbekanntes Geschäft, eine Verabredung, eine Pflicht, von der er nichts schrieb. Auch daß er noch – irgendwie geschäftlich – über Frankfurt am Main fahren mußte, schien ihm, schon weil es die Rückkehr um einen Tag verzögerte, sehr unlieb. Die Hauptsache blieb schließlich am Anfang und am Ende der Satz: »Ich komme, Liebling, ich komme!« ... Das übrige – – ein paar Bemerkungen über das unbeschreiblich schlechte Wetter – über die traurige Öde des ausgestorbenen Schönbrunn – in der Kapuzinergruft war er, wie jedesmal, wenn er sein liebes Wien besuchte, auch gewesen und hatte – unterstrichen war es im Brief – am Sarg der Maria Theresia an sie gedacht. Vielleicht, weil die im Prunksarg Ruhende die Stolzeste, Klügste, Verehrungswürdigste aller der gekrönten, gefürsteten Frauen war, die da unten, von keinem warmen Strahl des Glanzes der Welt mehr gestreift, still im Gewölbe lagen. Die kinderreichste unter diesen Damen war sie auch, die Maria Theresia ... Einen Augenblick konnte Klara ihre Gedanken nicht losmachen von der Vorstellung, wie solche Kinder aussehen würden von ihr selbst und diesem feschen – so hieß es doch wohl – diesem »feschen« Wiener Aristokraten. Sie fühlte selbst, daß sie im Gehen errötete, aber sie kam eine Weile nicht von den längst toten Kindern der Maria Theresia los; und nicht von den eigenen, die noch gar nicht da waren. Ein Junge mußte es zunächst sein – der seine hübschen, gutmütigen und wieder ein bißchen listigen Augen hatte und das weiche Wiener Kinn mit dem ulkigen kleinen Grübchen drin, wenn er lachte. Dann konnte ein Mädel kommen, das ein bißchen etwas von ihr hatte. Schließlich hellblaue Augen zu schwarzem Haar war ja wirklich etwas ganz Apartes – nicht nur, weil's halt der Viktor so gern hatte und – – Nein, wenn jetzt das reputierliche alte Ehepaar dort, das so bieder den großen Trauerkranz mit den schon halbverwelkten Hyazinthen nach dem Bahnsteig 3 hinübertrug, ahnen könnte, warum ich vor mich hinlächeln muß, dachte Klara. Und sie errötete noch mehr und wurde ärgerlich über sich selbst und ihre früher nie gekannten, unbeherrschten, törichten Gedanken. Dann aber fand ihr Auge wieder im Brief die Zeile, wo der Viktor schrieb, ein blöder Ärger habe ihn gezwungen, das ihm liebe »Hotel Bristol« für die eine Nacht noch mit einem anderen zu vertauschen – hoffentlich liege dort kein Briefchen mehr von ihr. Überhaupt habe er allerlei Pech gehabt. Der ihm gut bekannte Theateragent und Kenner aller Chancen und Möglichkeiten im Wiener Kunstleben sei unglücklicherweise ausgerechnet am Tag vor seiner Ankunft in Geschäften nach Brunn gefahren. Der ihm seit Jahren befreundete Regisseur von der »Burg« liege an einer fiebrigen Grippe fest zu Bett, und seine Frau – übrigens eine hübsche aber unausstehliche Blondine, die einmal am Karltheater die flotten Stubenmädels gespielt – habe am Telephon jedem Besuch energisch abgewinkt. So bringe er leider keine besonders guten Aussichten für sie mit nach Berlin. Die Verpflichtung eines Umwegs über Frankfurt sei nun auch noch dazugekommen. Er liebe diese vornehme alte Handelsstadt sonst sehr, aber diesmal sei ihm jeder, auch der sonst sympathischste Umweg fatal. Alle seine Empfindungen und Gedanken strebten nach Berlin und zu ihr – zu ihr ... Für all das Unbestimmte, Gleichgültige, etwas Verwirrte dieses Briefes aber, der auch in seinen knappen Intimitäten des Schwunges entbehrte, entschädigte sie am Schluß immer wieder das kurze Sätzchen: »Wie freue ich mich, Herzensschatz, Dich wieder zu sehen!« Am Ende dieses Satzes stand ein dickes Apostroph. Das einzige auf vier Seiten. Der Viktor arbeitete sonst gern mit diesen etwas damenhaften Ausrufezeichen und ein paar vieldeutigen, zu nichts verpflichtenden Punkten dahinter. Woher, dachte Klara, kenne ich den Herrn, der da eben langsam, mich deucht schon zum zweiten- oder drittenmal, an mir vorbeigeht? Nichts Auffälliges in Physiognomie oder Kleidung, und doch – ach ja, jetzt wußte sie's! Das war ja der Herr, der damals bei Telschow hinter der Zeitung gesessen und den Viktor, der ihn kannte, vorzustellen vermeiden wollte. Der holte wohl auch, dort auf dem ersten Bahnsteig, jemanden von dem Frankfurter Zug ab und hatte sich, wie sie, beträchtlich verfrüht? Pech, daß dem nun gerade Viktor wieder in die Arme laufen würde! Aber in dem Trubel der Ankunft würde sich's vermeiden lassen. Ein Zug war wohl dort auf dem dritten oder vierten Gleis eingelaufen. Eine Fülle eiliger Menschen wogte vorbei. Die meisten schleppten sich mit Gepäckstücken. Versorgte, verhetzte Gesichter. Heftige Wiedersehensfreude führte zu innigen, den Verkehr störenden Umarmungen. Pfadfinder mit langen Locken und überaus kurzen Hosen trieben eine kleine warme Welle gesunden Schweißes vorbei. Ein paar Jagdhunde suchten schnuppernd und mit den Stummelschwänzchen wedelnd ihren verlorenen Herrn. In eiserner Ruhe standen, die sportgebräunten Köpfe aus engstem Kragen reckend, ein paar Schupos. Was gab es doch hier für gemeine Gesichter! Dort an der Sperre zum Frankfurter Zug, der immer noch nicht gemeldet war, der dicke kleine Mann mit den entzündeten Schweinsaugen und dem gedunsenen Gesicht – war etwas Gewöhnlicheres zu denken? Gab es einen energischeren Protest der Erscheinung gegen Kinderstube und Kultur?! Und doch: auch er erwartete offenbar einen Menschen, an dem er hing, um den er sich sorgte oder der ihm lieb war. Auch er hatte sich zum festlichen Empfang die breitkrempige Melone in die bepickelte Stirn gedrückt und die Gummiröllchen, die seine athletischen Handgelenke beengten, über die Ärmel des Wollhemdes gestülpt. Wie andersartig wirkte der dunkle, ruhige, schlanke, blasse Jüngling, der neben dem brutalen Rüpel lässig am Geländer lehnte und mit unverhohlenem Mißbehagen zusah, wie der kurzbeinige Dicke seine Uhr aus der Westentasche riß und immer wieder mit dem erleuchteten Zifferblatt der Bahnhofsuhr mürrisch verglich. Aber was war denn das – den blassen Jüngling kannte sie ja?... Das war doch – natürlich war er's – der polnische Student, dem sie, als Ilia beim Fürsten ihre Kunst übte, in Vertretung und mit Hilfe Berta Babuschs gewahrsagt hatte. Schnell ging sie nach der anderen Seite hinüber und drehte ihrem Klienten von damals den Rücken. Wie die Welt doch klein ist, dachte sie. Alles hatte ich eher gedacht, als daß ich dem mal wieder begegne! Erkennen würde er mich zwar bestimmt nicht. Der kurze Moment, da ein »Zufall« die Larve fallen ließ, konnte nicht genügen; und während der ganzen Besprechung saß er nur einer silbernen Maske und einer getürmten Perücke gegenüber, während ich mir seine scharfen, ein bißchen kränklichen Züge gut einprägen konnte. Und dann – es war schließlich mein erster, mein einziger männlicher Klient! So was bleibt in der Erinnerung. Es hatten sich doch eine ganze Menge Menschen eingefunden, die hier mit dem Frankfurter Zug liebe Heimkehrende oder willkommene Besuche erwarteten. Freudig erwartungsvolle Kinder darunter, ein weißbärtiger Blinder mit der Binde am Arm, ein paar Frauen mit Blumen, ein Aufgeregter im mittleren Alter, der, die Unterlippe mit großen Zähnen nagend, einen Bambusstock so heftig und verdrossen schwang, als ob er dem von ihm Erwarteten zunächst mal eine Tracht Prügel zu verabreichen gedachte; und junge Frauen mit Blumen im schützenden Seidenpapier... Sie hätte ihm am liebsten auch Blumen mitgebracht. Aber sie wußte nicht, ob sich das schickte, ob es nicht gar unkorrekt wäre. Sie hatte eine gewisse Angst vor seinem nachsichtigen Lächeln, und wenn er gar sagte: »Nett und lieb von dir, Kind, aber –« er, der Aristokrat, der frühere Offizier, der Wiener Lebemann – der er doch sicher einmal gewesen – so diskret er über sein früheres Liebesleben in die Unterhaltung hineinmischte – kannte so genau die Regeln der guten Sitte und des Anstands – und sie, die kleine Beamtentochter, die ihre Mutter früh verloren hatte, deren zweite Mutter eine Komödiantin war, die nur, wenn Besuch oder Beobachter in der Nähe sich aufhielten, sich übertrieben damenhaft gab und im engen Kreis der Familie ihre schlechte Kinderstube austobte. Nein, sie hatte keine Blumen gekauft – aber sie wollte ihn anstrahlen mit veilchenblauen Augen unter dem dunklen Scheitel, die er so liebte. Und ihr Blick sollte ihm sagen: die ganze Halle liegt voller Blumen für dich. Wohin du trittst, sind Blumen, Blumen, Blumen, alle in meinem Herzen gewachsen und alle mit vollen Händen hingeworfen, liebster Mann, auf den Weg seiner ersehnten Heimkehr... Und wieder schämte sie sich, daß sie so übertriebene Dinge dachte, ja heimliche Worte formte. Und daß ihr Herz dazu wie ein hastiges Hämmerchen in ihrem Puls schlug, das erkannte sie auch. Ob wohl eine von den Frauen, die da Blumen im Arm trugen, so von Herzen froh und selig des Augenblicks warteten, da der Ersehnte die Kupeetür öffnete? – Weiße Handschuhe trug er immer zum Pelz, das fiel ihr jetzt ein. Und den Pelz hatte er sicher gut brauchen können auf der Fahrt. Die letzten Monate waren recht kalt gewesen schon. Und auch einen Melonenhut trug er zum Gehpelz – wie dort der schreckliche, dicke Proletarier. Jetzt wendete er sich der Sperre zu. Aber er hatte keine Bahnsteigkarte genommen und blieb, dem Knipser gegenüber an das Gitter der Sperre geflegelt, wartend stehen. Wie doch eine ganz ähnliche Hutform so verschieden kleidet! Wie leicht und elegant, wie selbstverständlich saß die schwarze kleine Melone auf Viktors schmalem, hübschem Sportkopf, den der Pelzkragen vornehm rahmte, und wie herausfordernd scheußlich überdachte die schiefsitzende Melone dort dieses Bulldoggengesicht auf dem roten Blähhals, unter dem der nebenbei unechte Topas in der schmierig-blauen Krawatte blitzte. Zu anderer Zeit hätte sie interessiert, hier zu warten und zu beobachten, wie die Person wohl ausschaue, die diesem üblen Menschen etwas bedeutete – und vielleicht er ihr. Heute – was waren ihr all die anderen, die Frauen mit Blumen, die Kinder, der Blinde, die wartenden Ehemänner?... Zwei anständig gekleidete ruhige Herren passierten hinter ihr wortlos die Sperre. Es berührte sie seltsam – sie konnte sich getäuscht haben – aber es kam ihr vor, ihr war, als ob einer von den beiden, ein sehniger Dreißiger, der sich gut hielt und einmal Offizier gewesen sein konnte, einen flüchtigen Blick der Verständigung mit dem herüberblinzelnden Proleten gewechselt hatte. Dann blieb er seltsamerweise auch in der Nähe der Bulldogge – innerhalb der Sperre – stehen. Während der andere Herr, der doch wohl zu ihm gehörte, die Hände in den Paletottaschen, ohne Eile mit ihr und den anderen dem bereits signalisierten Zuge auf dem Bahnsteig langsam entgegenging. Den Proleten hatte sie aus den Augen verloren. Vielleicht holte er seine alte Mutter ab, dachte sie und wunderte sich über sich selbst, daß sie mit dem zum Zerspringen klopfenden Herzen noch so gleichgültige Dinge beobachten konnte so nebenher. Wirklich nur so nebenher? Denn ihre fliegenden Pulse brausten, hämmerten, triumphierten über das eine: er kommt – er kommt wieder! Und wie eine große Hoffnung und Gewißheit ging's ihr mit den näher und näher kommenden, größer und größer und heller und heller wachsenden Lichtern der einfahrenden Lokomotive auf: er hat zu Hause mit den Seinen gesprochen! Er überrascht dich jetzt – heute noch nicht, aber morgen vielleicht mit dem Wort, das er noch nie ausgesprochen – und das doch so oft schon in seinen Augen, auf seinen Lippen lag. Sicher war das ein unausgesprochener Grund gewesen für seine Wiener Reise. Nicht der einzige, aber einer davon. Eine Mutter hatte er noch – mit einem wesentlich älteren Schwager stand er sich nicht gut. Dumme Schulgeschichten spielten da eine Rolle. Mehr wußte sie eigentlich nicht... Warum auch – wenn er das Wort nicht sprechen wollte – hatte er sie damals geschont – in dem kleinen Hotel in Charlottenburg, wo sie allein auf dem Zimmer aßen? Auch ohne den starken Wein – Burgunder war's ja wohl, in den er Champagner goß – er hatte sie sich kommen lassen an jenem Abend – die Kellner, die mit würdiger Diskretion servierten, der Portier, der mit dem Papierchen gekommen war: »Formsache – nur für alle Fälle – bitte ausfüllen: Herr und Frau – Das Gepäck der Herrschaften kommt nach, nicht wahr?« – Alle hatten gewußt, hatten erwartet... Und sie hatte willenlos – den Blick krampfhaft abgewendet von dem großen zweischläfrigen Bett hinter der spanischen Wand – auf dem kleinen Sofa in seinem Arm gelegen. Er hatte sie geküßt, als ob er sie trinken, ausschlürfen wollte; hatte ihr tausend zärtliche Dinge gesagt – und sie war voller Glück, voller Vertrauen gewesen – und die Leidenschaft war bereit, den letzten Damm einzureißen... Aber plötzlich – war es der Uhrenschlag von einer nahen Kirche, war es ein seltsames Geräusch wie von heimlich kämpfenden Menschen durch die dünnen Wände des Nebenzimmers? – Aus dem stürmischen Liebhaber, dem Eroberer, den ihr zitternder Leib schon als seliger Sieger empfand, war plötzlich wieder der Kavalier geworden. »Es ist spät, mein Herz – darf nicht zu spät werden – für dich nicht... und für mich nicht. Ein Leben liegt vor uns – vor dir – verderben wir es uns nicht...« Er stand auf, atmete tief, strich sich vor dem Pfeilerspiegel den von ihren verliebten Händen verwehten Scheitel glatt und lächelte sie aus dem Glase ein wenig arrogant, so schien's ihr, an. Ein paar Minuten später waren sie schweigend nebeneinander die unendliche Kantstraße entlanggegangen. Er hatte sich leise in sie eingehakt. »Halt das Mäulchen fest verschlossen, Liebling – die Nachtluft ist kalt und du bist erhitzt.« Das war das letzte, was er gesagt hatte. Sehr lieb, sehr besorgt und mit unterstrichenem Druck des Armes. Endlich hatten sie ein leeres Taxi bekommen. Mit einem Handkuß auf ihr schmales Gelenk, wo kein Handschuh mehr war, endete dieser verwirrende, seltsame Abend. Fauchend stand die vereiste D-Zuglokomotive dicht neben ihr. Die Bremsen knirschten ihr abschneidend, endend durch die Wirbel ihrer erhitzten Erwägungen. Eine heiße Welle von Öl und Kohlendampf jagten ihr über die kühlen Backen. Und jetzt wußte sie wieder nur: er kommt – er ist da – aus einem dieser Wagen, deren Türen sich jetzt wie auf ein Kommando öffnen, steigt er aus und kommt auf dich zu – auf dich zu... Die ersten Fahrgäste – Träger hinter sich – Frauen, die sich innig in die abgeholten Männer einhakten. Ausländer, in fremder Sprache sich zankend, ein paar betäubend parfümierte Damen, ein Häuflein nicht ganz nüchterner Spießer, irgendein Abzeichen eines Klubs im Knopfloch und mit einem schiefsitzenden Hut – das alles war schon an ihr vorbeigekommen. Sie sah keine Gesichter, das alles huschte nur so schemenhaft vorbei. Lemuren fielen ihr ein, Halbaffen, Gespenstertiere. Im zweiten Teil des Faust, da, wo sie ihn nicht mehr so recht verstand, kommen sie vor ... Seltsam ist das Gehirn des Menschen – wie konnte sie gleichzeitig an die Lemuren des Faust denken und doch aus heißem Herzen immer nur den einen suchen, der – – Kam er denn noch nicht? Brennende Ungeduld, ein würgendes Angstgefühl überfiel sie. Wenn er am Ende gar nicht – – wenn er den Zug versäumt oder wenn ein Unglück...? Aber dann hätte doch irgendwo in der Halle ein Telegramm... Wie töricht, der Zug war ja da! Aber er nicht, er nicht. Wo war der Gehpelz und der steife runde Hut und die weißen Wildlederhandschuhe? Der dichte Strom der Reisenden wurde dünner und dünner. Sollte sie ihn übersehen haben – und er sie? Es war doch einfach unmöglich. Vielleicht lag ein Brief für sie – ein Eilbrief – unter Chiffre in der Uhlandstraße. Sie hätte doch noch einmal rasch da vorbeigehen sollen, ehe sie – Da – ganz dicht neben ihr – galt das ihr? »Klara – Liebling!« Seine Stimme war nicht sehr laut, fast bewußt gedämpft, als ob sie zugleich schonen und überraschen wollte. Einen Augenblick hatte sie das Gefühl, ihr Herz stehe still. Sie fühlte, daß ihre Knie ein wenig wankten und das Täschchen in ihren Händen – ein letztes kleines Geschenk vor seiner Abreise – zitterte und flog. Und jetzt sah sie ihn auch. Nein, so hätte sie ihn vielleicht gar nicht erkannt. Er hätte an ihr vorübergehen können, ohne daß sie ihn bemerkt. Er war vielleicht schon an ihr vorbeigewesen, denn er stand ja jetzt hinter ihr und sprach über ihre Schulter. Statt des Pelzes, den ihr Auge als Erkennungszeichen aus der Ferne gesucht, trug er einen unauffällig karierten dunklen Ulster, einen richtigen weiten Reisemantel und dazu eine Mütze aus demselben Stoff. Dunkle Handschuhe und eine Ledertasche, die sie nicht kannte. Auf der sonst glattrasierten Oberlippe hatte er den Anflug eines Bärtchens stehen lassen, und das befremdlichste – vor seinen hübschen klaren Augen, deren funkelnden, ein wenig spöttischen Blick sie so liebte, trug er eine runde Hornbrille mit leicht geschwärzten Gläsern, die ihm ein fremdes, pedantisches, gelehrtes Aussehen gab. Anders, fremd, verkleidet kam er ihr vor – und wiederum schämte sie sich sofort, daß er mit solch kleinen Äußerlichkeiten ihr auch nur einen Augenblick etwas wie Enttäuschung bereitet hatte. »Was ist mit deinen Augen, Viktor?« war das erste Wort der Begrüßung, das sie nach seinem Händedruck fand. »Bei uns liegt scheußlich viel Schnee, Kind; in Süddeutschland auch«, erklärte er rasch. »Ich muß ein bißchen vorsichtig sein, besonders mit dem linken Auge. Eine ererbte Schwäche – von der Mutter her. Du weißt doch, daß sie –« »Nein, ich wußt' es nicht. Wie geht's der alten Dame?« »Danke – sie läßt grüßen.« »Mich – Viktor? Mich läßt sie grüßen – wirklich? Deine Mutter läßt mich grüßen?« »Ja – komm' Kind!« Er hatte seinen Arm in den ihren geschoben und drängte sie, zu gehen. Unter dem unerwarteten freudigen Eindruck des Grußes seiner Mutter – klang das nicht wie eine Bestätigung ihrer Hoffnung, daß er in Wien gesprochen? wollte sie einen – Augenblick verweilen. Wollte das Geständnis, das darin lag, für eines Atems Dauer dankbar auskosten. Aber mit einer Gewalt des muskulösen Armes, die nicht mehr ganz sanft war, schob er die Zögernde vorwärts. »Großes Gepäck hat der Herr nicht?« fragte ein herkulischer Gepäckträger, der Viktors ziemlich beträchtlichen Coupékoffer wir ein Federkissen auf der gewaltigen Schulter trug. »Ja – aber das nehmen wir jetzt nicht mit. Gleich rechts die Treppe hinunter zum Auto.« »Eigenes?« »Nein. Nehmen Sie eins! – Wir kommen sofort nach.« Der Riese nickte und setzte sich, breitbeinig wie ein Matrose wandelnd, in Bewegung. Seltsam, es schien Klara einen Augenblick so, als habe Viktor das Bestreben, dicht, ganz dicht hinter dem riesigen Träger, fast in seinem Schatten zu bleiben. »Mißtraust du dem Mann –?« »Aber nein! Ich weiß ja auch seine Nummer.« Aber er blieb immer, mit dem eingehakten Arm Klara lenkend und schiebend, unmittelbar auf den Fersen des weiter wie ein gutmütiges plumpes Tier Voranschreitenden. »Du siehst gut aus, Schatz«, sagte Viktor. Aber ihr kam es vor, er sehe sie gar nicht an dabei. »Dank übrigens für deine lieben Briefe! Immer gut gegangen, ja?« Sie wollte antworten. Aber in diesem Augenblick gewahrte sie den Herrn, der an jenem Abend ihrer ersten Zusammenkunft bei Telschow mit der Zeitung gesessen hatte. Halblinks ging er jetzt hinter Viktor. Hatte er den Freund erkannt? Wollte er ihn begrüßen, ihn ansprechen? ... Aber nein, er tat keinen rascheren Schritt, sah auch gar nicht zu ihm hin. Neben ihm aber befand sich jetzt, als ob er zu ihm gehöre, der eine von den beiden unauffällig gekleideten Kavalieren, der vorhin mit ihr die Sperre passiert. Der andere – sie näherten sich jetzt dem Knipser – stand wahrhaftig immer noch am Gitter unweit der gräßlichen Bulldogge. Er schien auch noch nicht gefunden zu haben, was er erwartete. »Komm rasch, Kind! – Wir sind ja fast die Letzten!« In Viktors Stimme vibrierte eine Nervosität, die sie nicht an ihm kannte und die ihr auch nicht recht erklärlich schien. Was lag schon daran, wenn sie hier wirklich die Letzten waren? Der riesige Gepäckträger bog kurz vor der Sperre ab und ging, die Schienen überquerend, durch den kleinen Ausgang, der für das Publikum verboten war. Die beiden standen jetzt, ungedeckt von seinem riesigen Schatten, plötzlich im vollen Licht. »Die Dame da? Ihr Billett?!« Der Beamte hielt Klara mit ausgestrecktem Arm auf. »Großer Gott, Kind, wo hast du jetzt wieder –?« zu dem Beamten gewendet, sagte Viktor hastig: »Die Dame hatte nur eine Bahnsteigkarte, sie hat mich ja nur abgeholt.« »Ja, aber das geht nicht so – das könnte ja jeder sagen.« Der Knipser zog den vorgestreckten Arm nicht zurück. »Aber«, stotterte Klara, der die von ihr veranlaßte Zögerung peinlich war, »Sie haben mich doch gewiß vorhin hier warten sehen?« »Ick sehe keene Menschen – ick sehe bloß Fahrkarten.« »Hier, bitte!« – Viktor hatte ein Markstück aus der Tasche gezogen. »Sie, hören Sie, Herr, das ist – –« Der Beamte im Schafpelz, der in seinem Glaskästchen vorher nur als Automat gewirkt, bekam aufbrausend Leben und Temperament. Da hörte Klara kurz, scharf, aber nicht unhöflich, hinter sich eine ruhige, befehlende Stimme: »Lassen Sie – es ist gut so.« Viktor drehte sich nervös um und warf einen argwöhnischen Blick über die dunklen Brillengläser. Der Herr von Telschow erwiderte den Blick mit einem ruhigen Lächeln. Er grüßte nicht. Klara fühlte einen starken Schmerz an ihrem Arm – das waren Viktors Finger, die sich hart und scharf wie Klauen in ihr Fleisch einkrampften, »Viktor, du tust mir weh.« »Entschuldige« – seine Hand löste sich. Der Beamte zuckte die Achseln und ließ die beiden passieren. Er sah sie scharf an dabei. Klara verstand das alles nicht. Und was war jetzt das? Dort stand der andere Herr, der vorhin noch wartend am Geländer gelehnt hatte, bei dem riesigen Gepäckträger. Er zeigte ihm, so schien es ihr, eine Münze, die er an einem dünnen Kettchen aus der Hosentasche gezogen hatte. Der Zyklop nickte, setzte den Koffer hin, nahm die Mütze ab und wischte sich den Schweiß vom kahlen Schädel. In diesem Augenblick waren – schon außerhalb der Sperre – der Herr von Telschow und seine beiden Begleiter ganz rasch links und rechts an Viktor herangetreten. Der eine hatte ihm ein halblautes Wort zugeflüstert, das Klara nicht verstand, und dabei den rechten Ärmel von Viktors Ulster ergriffen. Der andere, der sie mit einem kurzen »Verzeihung« beiseite geschoben hatte, faßte, während er Viktors linken Arm festhielt, mit der freien Hand rasch nach der Gegend, wo unter dem Ulster die Gesäßtasche im Beinkleid sich befinden mußte. Was ist das für ein unwürdiges Spiel, dachte Klara, die erbleichend stehenblieb. Sind das taktlose Bekannte oder sind die Leute betrunken? Da hörte sie, wie Viktor mit einer müden Stimme, in der alle Zuversicht erloschen schien, zu den beiden sagte: »Ich habe keine Waffe – schonen Sie die Dame – sie hat nichts mit mir zu tun – ich komme gutwillig mit.« Dann schien er sich zu besinnen und gewann etwas von seiner Haltung wieder. Er winkte den Gepäckträger heran und gab ihm ein Geldstück. Die Tasche aber, die er nun selbst ergreifen wollte, mußte er dem einen der beiden, die ihn angesprochen hatten, überlassen. »Viktor – was soll das? Was wollen diese Herren von dir?« Klara war leichenblaß an ihn herangetreten. Aber während sie noch bebend vor Erwartung mühsam die Frage formte, gewahrte sie in einiger Entfernung den Proleten mit dem Bulldoggengesicht. Ganz schief saß jetzt die Melone auf einem roten, feixenden, kugelroten Kopf. Es war, als ob der Widerliche getrunken hätte. Er rieb sich die rissigen Hände, während er kurz von einem Bein auf das andere trat, als ob er zu tanzen beginnen wollte. »Beruhige dich, Liebling« – Viktor legte Klara den Arm um die Schulter. Die beiden Herren ließen ihn gewähren, hielten ihn aber scharf im Auge. »Die Herren da sind – von der Kriminalpolizei. Es ist ein Irrtum natürlich, ein peinliches Versehen, aber – so was kommt öfter auf Bahnhöfen vor. Alles wird sich rasch aufklären... Ich bitte dich sehr, Kind, geh du einstweilen nach Hause. Ich telephoniere dir heute abend noch – oder morgen früh – oder –« »Oder wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen –« Eine gequetschte Stimme hatte die heiseren Hohnworte hinübergeworfen. Über Viktors blasses Gesicht ging beim ersten Ton dieses heiseren Organs stoßartig eine heiße Blutwelle. Er riß sich mit zitternden Händen die Brille ab, um besser zu sehen, suchte, fand und starrte dem höhnisch feixenden Blumenhals ins gemeine Gesicht. Da wußte er Bescheid. Aus der »Essigrose« kam ihm das Unheil! »Ach so!« »Ja, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, was? Ganz gehorsamster Diener – ich wollte doch auch präsent sein, wenn Seine Majestät der Walzerkönig persönlich aus Wien eintrifft.« »Du Hund!« Zwischen Viktors knirschenden Zähnen quetschte sich ein Fluch hervor. »Ich versteh' immer ›Hund‹. Wieso? Die Kathrin läßt grüßen. Sehr wohl geht's ihr nicht –« Tücke funkelte aus den verschwiemelten Augen – »ich habe mir erlaubt, sie nach Gebühr zu verdreschen – ein paar Knöchelchen haben gekracht« – und als ob er eine unausgesprochene Frage des in wortloser Wut zwischen den Beamten Stehenden beantworten müsse – »aber selbstverständlich, ich war so frei – das Briefchen Eurer Majestät aus Wien zu öffnen. Über heißem Wasserdampf macht man so was sehr schön. Na, Ihnen brauch ich das nicht zu explizieren.« »Schweigen Sie jetzt!« Der eine Beamte war, sichtlich geekelt, an den in der Wonne seines Triumphs sich sielenden Blumenhals herangetreten. »Gehen Sie – Sie hören von uns!« »Das glaub' ich. Aber er soll erst noch was von mir hören!... Hier in Berlin hat er ein Mensch von der Bühne – und hat ein Mensch von der Konfektion – und in Wien hat er ein Mensch, da schwör' ich drauf – und in Budapest eins – und hier vom Bahnhof läßt er sich – da steht doch sein Mensch und spielt Unschuld – läßt er sich von einer Fünften abholen!« Mit einem wilden Sprung wollte Viktor auf den Höhnenden eindringen. Aber schon war er links und rechts von eisernen Griffen gehalten. »Wenn Sie nicht vernünftig sind, müssen wir Handschellen –« Viktor sah nach Klara hin. Tobender Schmerz und eine verzehrende Scham lagen in seinen hübschen Augen. Aber Klara stand jetzt ganz still und lächelte ein seltsames Lächeln. Sie sah das jetzt alles wie einen bösen Traum, der sie nichts anging. Den sie als Gaukelspiel hinnahm, das mit ihrer Person und ihrem Leben gar nichts mehr zu tun hatte. Wie sich der über das Maß des Erträglichen gemarterte Menschengeist in den Irrsinn rettet, der plötzlich mit einer ganz anderen Welt als der Wirklichkeit arbeitet, so fühlte sie sich, gelähmt in ihrer Kraft des Widerstands, der Reflexion, plötzlich aus der Welt des Schreckens, des Leides, der Qual hart und herrisch hineingestoßen in eine rettende Traumwelt, die sie nichts anging; die mit abnehmender Deutlichkeit ihr allerlei Törichtes und Widersinniges vorspielte, das ihren Stolz nicht mehr verletzen, ihr Schicksal nicht mehr berühren konnte. Das waren alles Unwirklichkeiten von kostümierten Marionetten, ein bißchen übertrieben gespielt. Das war nicht Viktor – das war ein zurechtgemachter Komödiant, der ihm ähnlich sah. All die anderen Leute, die staunenden, stumpfen Dutzendgesichter voll Blödigkeit, Neugier, Schadenfreude, die jetzt einen Kreis bildeten um den immer unflätiger schimpfenden Proleten, dessen Atem meterweit nach schlechtem Alkohol stank, diese stierenden, höhnisch lächelnden Leute im Reisekostüm, diese Beamten mit den unbeweglichen Holzgesichtern, das war ja alles keine Wirklichkeit. Und sie selbst würde nachher – das fühlte sie bei aller Lähmung ihrer Reflexionen mit einer ruhigen Gewißheit – würde aufwachen, ein bißchen müde und zerschlagen von einem bösen Traum – und würde lachen vor Freude, daß ... Und wenn jetzt der sehnige Offizier, der keine Uniform trug, der Mann mit dem Sportgesicht aus modefarbenem bräunlichem Holz, zu ihr sagte: »Wir haben keinen Auftrag, Fräulein, Sie mitzuverhaften – haben auch den Eindruck, daß Sie über Person und Leben dieses Mannes, den Sie abholen wollen, selbst nicht orientiert sind ... Aber wir müssen, bitte, Ihre Personalien ...« war sie es denn selbst gewesen – –, ja, es war wohl ihre Stimme, die geantwortet hatte: »Ich heiße Klara Kern – werde zwanzig Jahre – bin die Tochter des Kassierers vom Grabbe-Theater, Siegmund Kern – bin ledig, ohne Beruf – –« Sie hörte ihre Stimme ganz gut – sie fühlte sie aus ihrer Brust heraus kommen, fühlte Lippen und Junge die Worte bilden, aber es war die Stimme, waren die Worte einer Fremden, die dieses Marionettenspiel unterstützte. – Und als diese Fremde mit ihrer Stimme dies sagte, das der Wahrheit entsprach, sah sie unter den Dabeistehenden einen jungen Menschen, den sie kannte. Das war aber schon in einem kleinen, kahlen Zimmerchen – furchtbar heiß von einer luftaustrocknenden Röhrenheizung – nicht mehr draußen in der viel kühleren Halle. Nur ein paar Menschen waren hier mithereingekommen, die starrten bald auf sie, die so aufrecht und unbeteiligt stand und nicht mitspielte, weil sie ja das alles nichts anging, – bald auf den Beamten, der unter der grünen Schirmlampe vor einem großen Buch saß und über einen schiefsitzenden Zwicker hinweg mit einer barschen Sicherheit Fragen stellte. An wen eigentlich? Ach ja – an Viktor, der dort zerbrochen im Stuhl hockte. Sie hatten ihm jetzt noch, so schien's, die Handgelenke in Eisen gelegt. Und dort sah sie jetzt wieder unter den schon im Halbdunkel Verschwimmenden ein Antlitz aufleuchten, ein frisches, knochiges Jünglingsgesicht, das sie kannte. Das war ja – wahrhaftig – war ja der Pole, dem sie sein Examen »gewahrsagt«; und der junge Pole öffnete jetzt den Mund. Wie eine Holzpuppe tat er das und ließ die Worte herausfallen, kurz und gehässig: »Das ist nicht wahr – diese junge Dame heißt Madame Ilia – sie sagt berufsmäßig wahr hinter einer silbernen Maske. Denn sie kennt die Zukunft der Menschen. Bloß ihre eigene Zukunft, die kennt sie nicht – die kennt sie nicht.« Aber niemand kümmerte sich um den Polen. Und sein Gesicht wurde undeutlich und verschwommen unter den anderen... Wie Klara an jenem Abend in die Uhlandstraße gekommen – vom Anhalter Bahnhof hinaus in den Westen – sie hat es später nicht, sie hat es überhaupt nie gewußt. Es bleibt, so scheint's, einem Menschen, wenn furchtbare Erlebnisse alle Fäden mit der Gegenwart zerrissen haben, wenn die Seele, gelähmt vom Allzuviel des Schmerzes und der Enttäuschung, mit geschlossenen Augen hoffnungslos im dunkelsten Winkel sich verkrümelt und sich kränkt und weint – es bleibt ein selbständig arbeitendes Erhaltungsbedürfnis, bleibt eine führende, zwingende Gewohnheit übrig, die, gleich einer geistlos arbeitenden Maschine, das Übliche, das Notwendige zu leisten übernimmt. Ohne Menschen zu sehen auf den regnerischen Bürgersteigen, ohne Wagen zu vermeiden an den gefährlichen Übergängen, ohne Ziel und Zweck ihrer Schritte zu kennen, war Klara, eilig, als hätte sie das Wichtigste zu versäumen, auf den geradesten Wegen nach dem Westen geeilt; mit der unbekümmerten Sicherheit einer Nachtwandlerin. Am Wittenbergplatz prallte sie fast – das war nicht das erstemal auf diesem Wege, daß sie taumelnd einen Passanten anstieß – mit einem älteren Herrn zusammen. Sie sah ihn nicht an. Sie hatte kein Gefühl, keine Ahnung, wer es sein könnte. Sie hörte nicht seinen Schreckensruf hinter der Enteilenden. Sie erkannte nicht den Klang seiner Stimme, verstand nicht den Namen, den er, Herzensnot und Freude hineinlegend, in den Lärm der Straße rief: »Klara – Klara!« Weiter – weiter! Triebartig weiter an Menschen, Häusern, Laternen, Wagen vorbei. Ohne einen Blick Empfinden, weiter, weiter! ... Siegmund Kern, der von all den Aufregungen der letzten Tage immer wieder schwindlig im Kopf wurde, hatte nach Abwicklung des Abendgeschäftes und nach Beginn des zweiten Akts der Vorstellung die Kasse der zuverlässigen kleinen Sekretärin übergeben und wollte nach Hause fahren mit der Untergrundbahn. Das Stückchen vom Wittenbergplatz aus bis zu seiner Wohnung nahm er sich vor, in den ruhigeren Straßen frische Luft zu schöpfen. Er hatte Melusine, die heute nicht spielte, kleinlaut bittend, telephoniert, sie möchte ihm vielleicht mit dem Hugochen entgegenkommen. Am Wittenbergplatz angekommen, sah er sich gerade um, ob vielleicht die Frau mit dem Kind ... in diesem Augenblick rannte ihn eine eilends zur Passauer Straße strebende Dame an. Wortlos, ohne Entschuldigung. Er sah ihr nach, verblüfft, ärgerlich ... Aber das war doch Klara – seine Klara! Acht Tage schon hatte er keinen Brief mehr von ihr. Eine Woche lang hatte er sich die schwersten Sorgen gemacht, hatte die paar Bekannten, die er hatte, fragend antelephoniert, war auf den Polizeibüros herumgelaufen in seinen Freistunden, ob das Mädel irgendwo gemeldet war. Nichts – nichts! Und jetzt hier – abends – ein Irrtum war gar nicht möglich –, der Gang, ihre Figur, auch der Mantel und der Hut – lieber Gott, sie hatte ja nicht viel Zeug zum Wechseln – all das kannte er so gut – »Auto – Auto!« Mit zitternden Gliedern stieg er ein. »Fahren Sie – langsam – hier hinauf, die Passauer Straße entlang ... Sie werden eine junge Dame überholen, rechts oder links – schlank, in einem blauen Mantel mit ein wenig Pelz – kein Bubikopf, ein Haarknoten, schwarz, im Genick, – nein, ich werde sie schon erkennen, die Dame, – ich klopfe Ihnen dann auf den Rücken und Sie halten, bitte, sofort – hören Sie: sofort. Aber so fahren Sie doch – fahren Sie doch schon – ein blauer Mantel und ein schlankes, ein schönes Mädchen –!« Der Chauffeur, ein verkrachter Student der Chemie, an die seltsamsten Fahrgäste gewöhnt, dachte bei sich: So ein oller Klappergreis – fährt noch auf Abenteuer. Berlin, Berlin! Und in mäßiger Geschwindigkeit glitt das Auto, just keines der modernsten, die glitschige Passauer Straße entlang. Es hatte geregnet, und breite Pfützen spritzten unter den Gummirädern ihr aufgewühltes Schmutzwasser zu beiden Seiten. Die Laternen fraßen ein trübes und käsiges Licht in den silbernen Nebel. Schlotternd am ganzen Körper, die Stirn voll Schweiß, stand Siegmund Kern im Wagen. Den zerbeulten Hut hielt er in der Hand. Nur halbaufgerichtet, daß er sich nicht an der Wagendecke stoße, machte er alle Bewegungen des schlecht federnden alten Klapperkastens mit. Zuweilen streckte er links, und dann wieder rechts den Kopf zum Fenster hinaus. Frauen – alte, junge – Frauen genug noch auf der Straße. Keine Klara – keine Klara! »Ist es die?« fragte der Chauffeur und bremste plötzlich. »Wo – welche?« Siegmund war nach vorn gefallen und stieß sich hart den Kopf. »Na, die dort mit dem Schirm winke-winke macht!« »Aber nein – das ist doch ein Straßenmädchen! Fahren Sie zu, bitte, fahren Sie zu. Mein Mädel macht keine Geschichten mit dem Schirm auf der Straße. Mein Mädel sieht sich nicht um und winkt nicht!« »Was kann ich wissen, ob Ihr Mädel winkt oder nicht winkt!« Achselzuckend fuhr der Chauffeur los. Der Wagen sprang so rasch an, daß Siegmund unsanft zurück in den Fond fiel. Mühsam richtete er sich wieder auf. Kein trockener Faden war mehr an seinen Kleidern – so hatte er sich aufgeregt. Gerade, als er jetzt den Kopf wieder hinaussteckte, fuhren sie durch eine ganz üble große Pfütze. Das Schmutzwasser spritzte hoch auf. Eine Dame, die in der Richtung zum Wittenbergplatz gerade den Damm überqueren wollte, schrie schrill auf und riß das blasse Bübchen zurück, das sie an der Hand führte. Beide bekamen aber noch ihr reichlich Teil von der Dreckbrühe. Eine schimpfende, tobende Frauenstimme – die kannte er, gut kannte er sie ... war das nicht Melusine?! Sie wird's gewesen sein. Seltsam, wie gleichgültig Siegmund das feststellte. »Fahren Sie zu – fahren Sie!« »Immer weiter gerade aus –? Übrigens, die Dame da eben mit dem Kind, die hat doch gewinkt mit dem Schirm.« »Ja, ja, schon gut! Ich sag' Ihnen doch – sie winkt nicht mit dem Schirm.« »Und ›Siegmund‹ hat sie immerzu hinter uns nachgerufen ... haben Sie's gehört? ... ›Siegmund‹, immerzu ›Siegmund‹ hat sie hinterhergebrüllt. Ich heiß' nicht Siegmund – ich nicht. Sie vielleicht –?« »Nein, ich heiße Arthur«, sagte Siegmund. Wie er auf den Namen »Arthur« kam, wußte er selbst nicht. Niemand in seiner Familie hieß »Arthur« – »aber fahren Sie zu, Chauffeur – fahren Sie um Gottes willen zu – halt, nicht zu rasch, nicht zu rasch!« Und der Chauffeur fuhr zu – nicht zu rasch – nicht zu langsam. Siegmund aber, der seit Jahren in keinem Auto gesessen hatte, benahm sich darin wie ein Irrsinniger. Passanten blieben stehen und lächelten. Ein Schupo legte, um besser sehen zu können, die Hand über die Augen. »Der Mann ist wohl betrunken«, sagte eine alte Frau neben dem Schupo. »Aber harmlos«, nickte der Beamte. Er kannte sich aus. Das Auto fuhr unbehelligt weiter. Aber die Dame – die hübsche junge Dame in dem blauen Mantel mit dem schwarzen Haarknoten, die »Klara« hieß, die holten sie nicht ein, solange sie auch in den Straßen des Westens – nicht zu langsam, nicht zu schnell – hin und her fuhren. Als die Zähluhr zwei Mark fünfzig wies, klopfte Siegmund tief erschrocken, in Schweiß gebadet vor Aufregung, heftig auf die pelzgeschützte Schulter des Fahrers. Er ließ halten und stieg aus. Ihm war plötzlich eingefallen, er hatte ja nur zwei Mark sechzig bei sich. Die gab er. »Halt, mein Herr, Sie haben vergessen – bitte hier im Anschlag zu beachten – zwanzig Pfennig Zuschlag für die Fahrt. Also macht's zwei Mark und achtzig.« Siegmund kramte leichenblaß mit feuchten, zitternden Fingern in seinen Taschen. Da fand er zum Glück noch zwei zerknitterte Briefmarken à fünfzehn Pfennig, die glättete er und reichte sie schüchtern hinauf: »Sie nehmen doch auch ungestempelte Postwertzeichen?« »Von Ihnen – ja«, nickte der Chauffeur, der einmal ein Student der Chemie war, grüßte und fuhr davon. Siegmund aber ging zu Fuß durch den rieselnden, kalten Regen nach seiner Wohnung. Je näher er kam, je deutlicher wurde es in seinem Bewußtsein: er hatte auf dieser unsinnigen Fahrt hinter seiner Klara her – sie war's gewesen, sie war's gewesen! – sein Eheweib Melusine vollgespritzt. Von oben bis unten. Er selbst zwar nicht – aber die Gummiräder seines Autos! Seines Autos! ... Der verschuldete Kassierer vom Grabbe-Theater hatte mit »seinem« Auto die ihm freundlicherweise zu Fuß entgegenkommende Melusine vollgespritzt! Er – Melusine! Und das Hugochen, das sie an der Hand führte. Und in all seinem Leid um die verlorene Klara, in all seiner Angst vor der schweren Wut der beleidigten und beschmutzten Melusine, die hinter dem Fahrenden hergerufen hatte: »Siegmund – Siegmund!« – in all seiner Verzweiflung über das närrische, verfehlte Leben überhaupt, tat ihm auf einmal das Hugochen am meisten leid. Das Hugochen wäre so schrecklich gern mal in einem Auto gefahren – oft hatte das Kind den Wunsch ganz schüchtern angemeldet. Niemals war es auf Gegenliebe gestoßen. Denn – woher? – Und jetzt war er, der das Hugochen doch so liebte, an ihm vorbeigesaust. In einem Auto. Und hatte nicht gehalten! Hatte das Bübchen nicht hereingenommen in seinen Wagen! Um mitzufahren für zwei Mark achtzig. Bloß naßgespritzt hatte er's – bloß naßgespritzt! So schlecht ist der Mensch! * Ilia hatte eine schlechte Nacht gehabt. Klara machte ihr Sorgen. Das Mädel war gestern abend spät – Berta Babusch, die gut beobachtete, hatte ihr geöffnet und berichtete – ganz verstört und geistesabwesend nach Hause gekommen, hatte sich sofort, kaum grüßend, in ihr Stübchen begeben, eingeriegelt und auf Pochen, und freundliches Mahnen die verschlossene Tür nicht geöffnet. Nur mit leiser Stimme hatte sie geantwortet, sie fühle sich nicht recht wohl, nicht krank – nein, nur nicht recht wohl – sie wolle lieber ohne Abendmahlzeit zu Bett gehen und wünsche gute Nacht. Ilia, die niemals und in keiner Weise sie ausgeforscht oder irgendwelchen Zwang der Neugier auf sie ausgeübt, hatte geahnt, daß irgendeine schwere Enttäuschung die Ärmste, die den ganzen Tag über von mühsam gedämpfter Freude erfüllt schien, ganz plötzlich schwer getroffen haben mußte. Als Berta Babusch der einsam vor sich hinbrütenden Ilia die mit besonderer Liebe garnierte kalte Platte und das Schüsselchen italienischen Salats, den die Herrin sonst besonders schätzte, mit einiger Feierlichkeit hinstellte, bemerkte sie, ohne auf Anrede zu warten und doch sichtlich überzeugt, in den stummen Gedankengang Ilias durchaus Passendes einzuwerfen: »Der Wiener Freund wird nicht gekommen sein!« »Sie wissen von einem Wiener Freund?« Ilia sah erstaunt auf. »Da sind sie orientierter, Berta, als ich!« »Nun – ich bin ja auch keine Hellseherin. Ich räume bloß ihr Zimmer auf«, Berta Babusch äußerte das ganz leichthin und ordnete dabei, ihrer Gewohnheit gemäß, pedantisch und mit einer Wichtigkeit, als gelte es die Besetzung einer Galatafel bei Hofe, die kalte Platte, auf der ein Backhähndl seine kümmerlichen Beinstümpfe aus Scheiben von Schinken, Zunge und Salami reckte zwischen dem Körbchen mit Weißbrot, der Butterdose und dem Kristallschälchen mit dem italienischen Salat zu einer symmetrischen Figur. »Sie haben Briefe gelesen –?« »Wo werd' ich!« wehrte Berta Babusch und fügte zur Beglaubigung hinzu: »Ich habe auch keine gefunden. Bloß Kuverts.« »Ach so – mit dem Poststempel Wien?« Berta nickte: »Und Budapest. Immer dieselbe, ein bißchen ausgeschriebene Männerhandschrift. Muß ein gelehrter Herr sein, bloß – warum schreibt er aufs Postamt Uhlandstraße?!« »So, so – postlagernd. Die arme Kleine!« »Wenn ich gewußt hätte – ein bißchen Camembert habe ich auch besorgt – wenn ich gewußt hätte, daß Sie so interessiert sind, ich hätte ja schließlich mal frühmorgens hinspringen können, so ein Briefchen zu holen– die Chiffre kannte ich doch.« »Berta!« Mit diesem strafenden Ausruf Ilias endigte die Unterredung. Berta Babusch ging, die hohe Schulter in der schrecklich gebatikten Bluse noch höher ziehend, schweigend und etwas beleidigt hinaus. Als sie nach einer halben Stunde abzuräumen kam, streckte das Backhähndl immer noch seine kümmerlichen Beinstümpfe aus zwischen Scheiben von Schinken, Zunge und Salami. Auch der italienische Salat stand noch unberührt. Nur ein paar Schnitten Weißbrot hatte Ilia gegessen und ein Glas Ingelheimer getrunken. Am anderen Morgen, als Ilia gegen neun Uhr aufstand, – sie hatte die ganze Nacht kaum geschlafen und war erst gegen Morgen mit Hilfe einer Adalintablette für zwei Stunden in einen unruhigen Schlummer gefallen – war Klara schon ausgegangen. »Sie hat nur rasch, im Stehen, eine Tasse Milch getrunken«, berichtete Berta Babusch. »Kam schon zum Ausgehen angezogen kurz nach acht Uhr aus ihrem Zimmerchen. Das Bett ist unberührt. Sie scheint Papiere verbrannt zu haben – Briefe – in der Nacht. In ihrem Seifenschälchen liegen verkohlte Blätter. Kein Schnipselchen Weißes mehr, kein Wort, kein Buchstabe.« »Sie ist wohl nach der Post gegangen?« »Ich weiß nicht. Möglich, die wird um acht Uhr geöffnet. Ich habe ihr aus dem Fenster nachgesehen – vorsichtig natürlich. Man spioniert doch nicht. Vor dem Haus ist sie einen Augenblick stehengeblieben in der Sonne – ein herrliches Wetter ist heute draußen, ein wonniger Wintertag. Ja, und hat unschlüssig mal nach rechts und mal nach links gesehen, als ob sie sich nicht recht entscheiden könne ... und schließlich, den direktesten Weg von hier zur Post in der Uhlandstraße, den kennt sie doch nun wirklich gründlich.« »Hat sie gesagt, ob sie zu Tisch –?« »Gar nichts hat sie gesagt. Als ich fragte: ›Soll ich Fräulein Ilia was ausrichten, sie schläft noch‹ –, da hat sie sich einen Augenblick besonnen, als ob sie eine Bestellung zu machen hätte, und dann hat sie nur gesagt – ganz leise und müd' – mein Gott, sie hat wohl kaum geschlafen die Nacht –: ›Grüßen Sie, bitte ...‹ Und als sie schon auf der Treppe war, habe ich mir erlaubt, noch nachzurufen: ›Werden Sie zu Tisch kommen, Fräulein ... es gibt Schnitzel und Schoten –‹ die ißt sie doch so gern. Aber sie hat nur etwas Unverständliches vor sich hingemurmelt, wie: ich weiß noch nicht – oder so. Und ohne sich nach mir umzuwenden, ist sie langsam die Treppe hinuntergegangen. Ich also rasch ans Fenster und –« »– und haben ihr nachgesehen.« »Entschuldigen Sie bloß!« sagte Berta Babusch gekränkt, »ich vergesse manchmal, daß Sie ja eigentlich schon alles wissen, was die anderen erzählen wollen.« Ilia, die Geduld hatte mit Berta Babusch, die für sie eine unersetzliche Perle war, nahm gelegentlich auch die impertinenten Anspielungen auf die Unvollkommenheit ihres Berufes mit in Kauf. So sagte sie auch diesmal nur: »Sie hatten doch schon vorhin selbst berichtet. – Ich danke Ihnen.« Dies »Ich danke Ihnen« aber, das wußte Berta Babusch, schnitt höflich, aber endgültig und doch als eine Art Strafe für ihre vorlaute Bemerkung, die weitere Konversation ab. Ilia wünschte allein zu sein. Und blieb's den ganzen Vormittag. Unschlüssig, ob sie etwas und was sie unternehmen sollte, machte sie sich ein wenig Gewissensbisse, daß sie – gar zu vornehm und diskret – ihre Hilfe, ihren Rat der sichtlich in Herzensnöten Befangenen nicht angeboten, nicht mit sanfter, liebender Gewalt aufgedrängt hatte. Nun hatte das Mädel, dem wirklich das Leben noch wenig Gutes geboten hatte und das trotzdem ein so braver, tapferer Kerl geblieben war, das alles mit sich allein abgemacht. Das alles – was war es denn nur? Er war verreist gewesen in Wien und Budapest, er hatte ziemlich regelmäßig geschrieben und die Briefe mußten befriedigt, mußten neue Hoffnungen erweckt haben, das ging doch aus dem bald heiteren, bald verträumten, nie aber eigentlich bedrückten Wesen Klaras in den letzten Wochen zur Genüge hervor. Plötzlich abgeschrieben – konnte er nicht haben, denn Klara hatte ja gestern erst, als die Post schon geschlossen war, die Wohnung in guter Stimmung verlassen und konnte keinen Brief mehr abgeholt haben. Keinen Brief – aber ihn selbst. Das war's wohl. Er hatte sich angemeldet und war nicht gekommen. Das hatte sie gestern abend so verwirrt, enttäuscht, zerschmettert. Jetzt war sie gewiß in ihrer Unruhe und Ungewißheit gegangen, um auf dem Postamt nachzufragen, ob heute ein Brief, der alles erklärte, eingegangen sei. So war es das Wahrscheinlichste. Aber die Stunden vergingen. Klara kam nicht wieder. Auch nicht zu Tisch. Sehr unruhig sah Ilia ihrer Sprechstunde entgegen. Hoffentlich erschien niemand – aber das kam gar nicht mehr vor – oder es stellten sich wenigstens nur bekannte Klienten ein, für deren Behandlung sie keine neuen scharfen Beobachtungen mehr brauchte, oder nur harmlose Neulinge, für die das übliche Kartenlegen genügte. Als eine Viertelstunde vor Beginn der Sprechstunde die Klingel ziemlich scharf gezogen wurde, fühlte Ilia einen Stich in der Herzgegend. Wenn sie das wäre!? Aber dann sollte es nicht mehr dazu kommen, daß sie sich einriegelte mit ihrem Schmerz, mit ihren Sorgen! Gleich hinter ihr wollte Ilia in ihr Zimmer eintreten – frische Blumen und einen Teller mit Keks und Brot und Marmelade hatte sie schon neben die kleine Teemaschine gestellt – und wollte nicht eher weichen, bis die Kleine den Kopf an ihre Schulter legte und sich aussprach, sich ausweinte. Vielleicht kam sie aber auch froh und triumphierend heim mit einem neuen Brief, der alles gutmachte und natürlich erklärte ... Aber auch dann wollte Ilia sie zum Sprechen bringen. Unbedingt. Den trübsinnigen Abend gestern, diese schreckliche Nacht, den sorgenschweren Morgen wollte sie nicht noch einmal erleben. Endlich hatte sie unter all den Neugierigen, Mißtrauischen, Wundersüchtigen, Skeptischen, Halbverrückten, die sie hier oft mit albernen Fragen nach ihrem Geschick, ihrer Zukunft, ihren Amouren, ihren Geschäften befragten, einen Menschen gefunden. Einen weiblichen Menschen, der ihr blutsverwandt und zugetan war, über das Wunderliche ihres Berufes und ihres Lebens hinwegsah und dabeigewesen war, sich dankbar an sie anzuschließen. Diesen Menschen, der in ihr im Zeichen von Maske und Perücke ein wenig verlogenes Leben und in die Fortsetzung einer unglücklichen Komödiantenlaufbahn ein bißchen Licht und Wärme, ein bißchen Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit und Liebe gebracht hatte, den gab sie gutwillig nicht mehr her. Aber da war eine fremde Stimme auf dem Korridor, die mit Berta Babusch verhandelte. Eine Dame, die noch nicht hier gewesen. Das hörte sie auch in Berta Babuschs zurückhaltenden Antworten. »Nein, Sie sind die erste, gnädige Frau«, sagte Berta eben. »Sie können auch gleich ins Sprechzimmer eintreten. Nein, nein. Sie begegnen keinen anderen Herrschaften hier. Aber allerdings – Madame Ilia hält ihre festgesetzten Stunden ein. Sie ist pünktlich, läßt sich aber auch nichts vorschreiben und es ist noch eine Viertelstunde Zeit.« »Dann warte ich eben«, hörte Ilia eine fremde, etwas gezierte Frauenstimme sagen, Nicht sehr sympathisch, dachte Ilia, die ihr Ohr so weit ausgebildet hatte, daß sie mit einiger Sicherheit aus dem Gehörten auf die Körperlichkeit ihres Besuchers und auch auf den Zustand seiner Psyche aus der Stimme schließen konnte. Die Tür zum Sprechzimmer öffnete und schloß sich. Berta Babusch kam dann über den Korridor und trat, ohne anzuklopfen, bei Ilia ein. »Eine Dame – auffallend, aber ein bißchen billig angezogen. In den vierziger Jahren, taxiere ich.« »Etwas korpulent und ein wenig asthmatisch?« »Ja, die Treppen haben was gegen sie. Gefärbte Haare, die Augenbrauen nachgezogen, starker Lippenstift – ist keine aus Potsdam – eher Komödiantin.« »Und stark parfümiert.« »Ja, das auch. Woher wissen Sie das?« »Nun, Sie bringen ja ein Probedüftchen davon mit herein.« »Ich habe nur den Mantel angefaßt – geholfen beim Abnehmen. Sie wollte nicht, aber ich habe ihr gesagt, das muß sein ... Aber keine Tasche, wie es die Mode will. Nur innen eine – mit dem da.« Berta Babusch hielt, nicht ohne ein triumphierendes Lächeln, ein kleines Heftchen mit blauem Deckel hin. »Eine Rolle? Ich dachte mir's!« Ilia ließ das leicht angeschmutzte Heftchen bekannter Art nachlässig durch die Finger gleiten. Ein halber Bogen – kein Staat damit zu machen ... »Bitte, hier ist ein Zettel aufgeklebt.« »So? Gut, daß ich das sehe. Vom – Grabbe-Theater? Sieh mal an! Da könnte man vielleicht etwas über ...« Und von einem Gedanken plötzlich erfaßt, sagte sie: »Halten Sie es für möglich, Berta, daß Fräulein Klara heute morgen zu ihren Eltern, zu ihrem Vater ...?« »Sie hat ja nichts von ihren Sachen mitgenommen.« »Das braucht sie nicht. Aber ... ans Geschäft, an die Arbeit! Das Heftchen zurück in seine Tasche – und gehen Sie hinein und bedeuten Sie der Dame, daß sie sich einstweilen auf den Stuhl setzt, genau dem Tischchen gegenüber –« »– und in der Linie des Schlüsselloches.« Berta Babusch nickte und ging leise hinaus. Nach einer Weile trat Ilia auf Zehenspitzen an das Schlüsselloch, bückte sich und sah lange hindurch. Sie kannte doch diesen zurechtgemachten und gepuderten Kopf, dieses Gesicht. Eine Frau, die ihren Beruf betonen, ihr Alter verleugnen will. Sie trat zurück, öffnete den Wandschrank und entnahm ihm einen Band der »Ahnengalerie« von F bis M. Sie blätterte, suchte und fand das Grabbe-Theater, Sie musterte die von ihr ausgeschnittenen und aufgeklebten Bilder, Gruppen, Köpfe, Bühnenbilder ... Die Diva zu Hause ... Der männliche Star auf der Jagd – im Auto ... Hier die kleineren Größen, die hübsche Olga Bandy, mehr durch ihre Amouren als durch ihre Kunst berühmt ... der süßliche Friseurkopf des schönen Michael Born, von dem man munkelte, daß er den Frauen im Leben ausweiche, für die er sich auf der Bühne zu begeistern hatte ... Ja und hier, wahrhaftig, das war sie, die da draußen saß und wartete. Sie und keine andere! Hier als Amme in »Romeo und Julia«; hier als Vertraute Kopf an Kopf mit der Diva ... Hier »in Zivil«, der auf Bedeutung zurechtgemachte Kopf aus dem Bild, das das Porträt des ganzen Ensembles gebracht hatte, und darunter stand gedruckt, was Ilia schon klopfenden Herzens erwartet hatte: »Melusine Kern-Möller«. Ein leises Triumphgefühl stieg in Ilia auf. Die –! Die sollte Proben ihrer Kunst und Wissenschaft erleben. Einen Augenblick zögerte sie noch nachdenkend an der Türe. War es nicht möglich, daß Klara, verwirrt durch ihr Erlebnis, sich zum Vater geflüchtet hatte, den sie liebte, ehrlich liebte, ohne gerade seinen Mut, seine Tatkraft und seine Einsicht besonders hoch einzuschätzen? Kam vielleicht Melusine schon in Angelegenheit dieser Heimkehr Klaras – mit oder ohne deren Wissen – jetzt zu ihr? Ausgeschlossen. Dann würde sie das Gespräch über die Sprechstunde nicht mit Berta Babusch geführt haben – so nicht. Sie würde anders aufgetreten sein und ihren Mantel kaum abgelegt haben. Hatte diese Frau, die da nebenan wartete, Kenntnis von ihrem wahren Namen, ihrer Herkunft, ihrer Verwandtschaft mit dem Kassierer Kern? Solange Klara dort im Hause gewesen war, hatte, das wußte sie, niemand dort von ihrer Person, ihrer Wohnung, ihrem Beruf eine Ahnung. Sollte Melusine in der Zwischenzeit von irgendwem – und von wem dann –? Man würde ja sehen. Ilia beschloß, ihr zunächst einmal – wenn sie nicht überhaupt mit der Türe gleich ins Haus fiel – vorsichtig auf den Zahn zu fühlen. Es war eine Komödiantin, die sie erwartete. Schön, sie sollte die Kollegin, die wahrhaftig nicht talentlose Kollegin als Gegenspielerin bereit finden, die ihr hoffentlich überlegen war. Ganz ruhig und langsam band sich Ilia die silberne Maske vor, setzte vor dem Spiegel vorsichtig die weiße Lockenperücke auf, nachprüfend, ob kein Pröbchen ihres eigenen Haares und seiner Farbe irgendwo hervorschimmerte. Dann öffnete sie die Türe und stand vor Melusine, die gerade in ehrfürchtiger Betrachtung der Götzensammlung auf dem Schrank durch eine langstielige Lorgnette, die ihr von keinem Augenarzt verschrieben war, versunken schien. Einen Augenblick Stille. Die beiden Frauen sahen sich an. Melusine, deren Gemütsverfassung augenblicklich allem Außergewöhnlichen besonders zugeneigt war, fühlte sich stark beeindruckt von dieser Erscheinung. Ilia war fast um einen Kopf größer als sie, – ein wenig übertrieb die Lockenperücke ihre Größe – war schlank und hielt sich gut. Das schwarze Samtkleid saß tadellos und ließ den weißen, nur von einer schmalen Perlenkette umspannten Hals und die Unterarme frei. Melusine hatte sich alles hier – Milieu, Aufmachung, Persönlichkeit – bescheidener, spießbürgerlicher vorgestellt. Etwas billig und kitschig und überhaucht von dem Duft des ewigen Kaffees, aus dessen Satz die kleineren Kolleginnen dieser Dame in wollenen Umschlagtüchern wahrsagten. Denn es war eine Dame. Melusine empfand das mit einer gewissen Genugtuung – denn es nahm ihrem Besuch die Lächerlichkeit – und doch auch wieder etwas demütigend. Ilia aber ließ aus der unbeweglichen Larve einen forschenden Blick über die Besucherin hingleiten und dachte: fünfzehn Jahre älter, als sie erscheinen will. Eitle Komödiantin, aber ungewohnten Verhältnissen gegenüber ohne die Sicherheit einer studierten Rolle. Eingeengt in einen fabelhaft sitzenden Schnürleib, der einer schwierigen Aufgabe dient und wohl das teuerste an ihrer Aufmachung ist. Geschminkt auf elegante Pariserin und unter der Schminke ein welkes Ohrfeigengesicht, dessen Hängebacken nicht mehr wegzumassieren sind. Ganz die Erscheinung, zu der die affektierten Bewegungen paßten und eine fast ins Karikaturistische getriebene Illustration zu den immer noch schonenden Andeutungen und Erzählungen Klaras. »Sie kennen vielleicht meinen Namen?« Melusine wollte mit einem eitlen Lächeln, als ob sie Ilia durch Mitteilung ihrer Personalien königlich zu beschenken gesonnen sei, die Vorstellung beginnen. Ilia wies ihr mit einer fast herablassenden Bewegung ihrer hübschen, schlanken Hand den Platz ihr gegenüber am Tischchen an, so daß Melusine die Strahlen der sich zum Untergang neigenden Sonne im Gesicht hatte, und sagte ruhig: »Bitte davon abzusehen. Vielleicht sagt mir später der Kristall Ihren Namen.« Der Kristall? Melusine war des Staunens voll. Denn sie dachte einen Augenblick nicht an einen toten Stein, sondern vermutete, ein unsichtbarer dienstbarer Geist heiße so. Dann aber sah sie, daß Ilia den Kristall auf dem kleinen Aufbau einer Alabasterschale langsam an sich heranzog und anschaute, voll Interesse in seinen geschliffenen Flächen zu forschen schien, ohne Melusine weiter zu beachten. »Ach so«, verbesserte sich Melusine begreifend. Nach einer Weile, da Ilia nichts äußerte und nur ihre behutsam spielenden Fingerspitzen den Kristall drehten, fügte sie hinzu: »Ich komme nämlich, um –« »Ich werde Ihnen das vielleicht bald sagen«, schnitt Ilia nicht unfreundlich, aber doch eben für die Belehrung im voraus dankend, die vorgebrachte Rede schon an ihrem Anfang ab. In Melusine kochte einiges auf. Sie kam doch hierher, um bestimmte Fragen an die Seherin zu richten, wofür sie ihr gutes Geld zu bezahlen bereit war. Jetzt schnitt ihr die arrogante Person jedes Wort vom Munde ab. Ohne rechte Höflichkeit tat sie das und ohne Neugier. »Ihr Weg hierher ist nicht sehr weit«, sagte Ilia jetzt, als ob dieser Weg in dem Kristall vorgezeichnet stehe und sie ihn daraus ablese. »Nein, ich bin ...« »Sie sind Künstlerin«, sprach Ilia weiter, ohne sich um Melusines Worte zu kümmern, die eigentlich über den Beruf noch Einiges aussagen wollte. »Allerdings«, bestätigte Melusine ärgerlich und dachte, das sieht sie mir wohl an. Wir von der Kunst tragen alle den leuchtenden Stempel einer höheren Geistigkeit im Gesicht und sind wirklich nicht gut zu verwechseln mit Damen, die als Filialleiterin einer Pralinenfabrik amtieren oder beim Rechtsanwalt das Telephon bedienen. »Sie haben einen merkwürdigen Namen – einen hübschen, seltenen Namen«, fuhr Ilia fort, und ihre Fingerspitzen, die langsam den Kristall drehten, bewegten sich. Auch ihre Rede war ganz ruhig, immer, als ob sie etwas in weiter Ferne ablese oder übersetze. »Melusine.« Melusine senkte in schweigender Zustimmung das Doppelkinn. Das war schon seltsamer. »Sie sind verheiratet – haben ein Kind – einen niedlichen Jungen – blond, blaue Augen – er ist aber vor der Ehe geboren und ist nicht von Ihrem Mann.« Melusine begann das Unheimliche der Situation zu empfinden. Ihre Hände krallten sich in die mit rotem Atlas überzogene Armlehne des Sessels, den ihre Körperlichkeit so reichlich und durchaus ausfüllte, daß ihr beim Platznehmen der Gedanke einen Augenblick Beschwerde verursachte, wie sie da ohne fremde Hilfe ihre massigen Hüften und das andere wieder herausschälen werde. Ilia schwieg und überlegte. Sollte sie einen Vorstoß machen, der den, wie sie recht gut sah, in der Besucherin sich befestigenden Glauben auch mit einemmal erschüttern konnte, wenn sie jetzt als Hellseherin etwas Falsches kündete. Sei es drum, sie wollte es wagen! »Das Kind«, sagte sie, »mag so fünf Jahre alt sein – Was seinen Vater anbetrifft – so ist der nicht ganz so vornehm, wie das Gerücht geht.« Ogott, ogott, dachte Melusine, das kann ja reizend werden. Und rasch warf sie ein, als ob sie das Letzte gar nicht gehört hätte: »Meine Zeit ist etwas beschränkt leider – ich bin gekommen, einer bestimmten Sache willen, die – ich ... ich wollte eigentlich erst später, wenn mir die Proben und Abendvorstellungen mehr Zeit lassen – ich bin nämlich Schauspielerin.« »Am Grabbe-Theater«, nickte Ilia, »ich sehe wenigstens die Umrisse dieses Hauses im Kristall.« »Ja. Ein Untermieter von uns – mein Gott, wir haben eine hochherrschaftliche Wohnung, nicht wahr–« »Drei Zimmer«, nickte Ilia unerbittlich und drehte den Stein. Sie kannte die Wohnung ganz genau aus Klaras Erzählung. Melusine glitt über die Wohnung hinweg, aber sie nahm sich vor, hier nicht mehr zu lügen oder zu übertreiben. Das half ja doch nichts. »Ein Untermieter von uns ist vor einigen Tagen – vorgestern, denk' ich – bei Ihnen gewesen – und gestern hat er mir wie närrisch von Ihnen vorgeschwärmt. Nein, ›vorgeschwärmt‹ ist gar nicht das richtige Wort, er war im Innersten aufgewühlt von dem, was Sie ihm –« Wer mag das gewesen sein, dachte Ilia. Der pockennarbige Galizier, den sie als Schieber mit orientalischen Teppichen oder so was wohl ziemlich richtig eingeschätzt hatte? Oder der schwindsüchtige junge Mensch, der – aber nein, der wohnte ja bei seinen schwerbesorgten Eltern, und sie hatte ihm, der in blasser Todesangst sie aufsuchte und immerzu ins Taschentuch hustete, den Trost mitgegeben: sie sehe ihn fröhlich mit hübschen Frauen in einem Frühling spazieren gehen, in dem die Menschen, ganz anders gekleidet, einer neuen Mode huldigten ... Also auch der nicht. Aber die geschminkte Plaudertasche würde, einmal im Zuge, schon selbst durch irgendeine Angabe verraten, wer von den Klienten der letzten Tage ihr Untermieter in der hochherrschaftlichen Wohnung war. Und schon kam die Angabe. »Der junge Herr, ein kluger, vorurteilsloser Kaufmann aus sehr guten Verhältnissen, hat sogar angedeutet, daß Sie ihm – ja, wenn ich recht verstanden habe, – eine Person, auf die er immerzu seine Gedanken richtete, körperlich oder fast körperlich haben erscheinen lassen.« Der –! dachte Ilia. Der wohnt bei Kerns ...? Ob er eine Ahnung hat, daß das Mädel, dem seine Gedanken zustreben, mit dieser arroganten, dicken Person, mit dem armen, getretenen Theaterkassierer so nahe verwandt ist? ... Und über die Brücke der Erinnerung an diese für ihren Besucher wirklich wunderreiche Sitzung waren ihre ängstlichen Gedanken plötzlich wieder bei Klara, die nun irgendwo in der Riesenstadt herumirrte oder – sollte das die direkte Veranlassung dieses Besuches der dicken Komödiantin sein? – Sie wollte Gewißheit haben. »Ich sehe im Kristall«, sagte sie, als ob eine überraschende Entdeckung sie zwänge, den Redestrom ihres Besuches zu unterbrechen, »ich sehe eine junge Dame, eine hübsche junge Dame. Sie trägt das dunkle Haar etwas unmodern – ist schlank, groß, ein bißchen blaß.« »Klara!« entschlüpfte es unwillkürlich dem Munde Melusinens, die sich in ihrer Verblüffung vom Sessel erheben wollte. Aber der Sessel, in den sie geklemmt war, ging, wie sie das vorhin befürchtet hatte, mit ihrem Körper mit. So ließ sie ihn wieder auf seine vier Beine fallen und saß wieder. »Den Namen kann ich im Kristall nicht sehen«, sagte Ilia, die entschlossen war, sich vorsichtig tastend und sich keine Blöße gebend, Gewißheit zu verschaffen. »Ich sehe – die junge Dame geht auf ihr Haus zu – sie zögert einzutreten.« »Zögert –?« Die Aufregung Melusinens wuchs sichtlich. Das flammende Rot ihrer Erregung schlug durch Puder und Schminken hindurch. Sie leckte, unbekümmert um den schlechten Geschmack, die Farbe von den trocken gewordenen Lippen. »Bitte – ist das jetzt im Augenblick, daß sie vor dem Haus steht und zögert –?« »Das kann ich nicht sagen, das kann auch vor ein paar Stunden gewesen sein. Diese Visionen im Kristall sind an keine Zeit gebunden.« »Nein, nein – vor ein paar Stunden, das ist unmöglich. Da war ich ja noch zu Hause. Gekommen ist sie nicht –« »Sie hat dies Haus lange nicht gesehen, lange nicht besucht.« »Sehr lange nicht«, bestätigte Melusine mit großen Augen. »Sie ist auch jetzt nicht eingetreten.« »Nein, sie ist nicht –« Unwillkürlich, wie sich selbst Rechenschaft gebend, stimmte Melusine zu. Das war's, was Ilia wissen wollte. Und nun, nachdem sie die Gewißheit hatte, daß diese von ihren Künsten sichtlich bewegte Person, die ihr gegenübersaß, ihr über Klaras Schicksal nichts weiter sagen konnte, weil sie selbst keine Ahnung hatte, gewann etwas wie Zorn und Abneigung in ihr die Oberhand. Alles Üble, Kleine, Niedrige fiel ihr nun ein, das im Lauf der bei ihr verbrachten Wochen Klara von dieser »Künstlerin« berichtet hatte. Nicht anklagend und nicht eigentlich im Zusammenhang. Aber bald einmal, wenn sie von ihrem Vater sprach und seine armselige Gebundenheit bedauerte; bald einmal, wenn sie ihre eigene Flucht entschuldigte, die sie doch wie ein herbes Unrecht, das sie dem armen Bübchen angetan, auffaßte; und wieder einmal in einer fröhlichen Stunde mit einem leicht humoristischen Anstrich, nur so zur Charakteristik einer für normale Menschen schwer begreiflichen, fleischgewordenen Unleidlichkeit. Aber je mehr Ilia in der immer verblüffter, immer ängstlicher vor ihr sitzenden Komödiantin, der langsam ihre Rolle entglitt, genau den Typ erkannte, dessen Bild Klara gelegentlich, mosaikartig die farbigen Steinchen zusammentragend, vor ihre Phantasie gestellt hatte, um so heftiger loderte in ihr ein heißes Verlangen, der nicht mehr hemmbare Wunsch, dieser üblen Person, die in ihrem harten Egoismus allen in ihrer Umgebung überlegen war, eine derbe Lektion zu erteilen. Eine ungewöhnliche Lektion aus einer anderen Dimension. Während sie noch überlegte, von welcher Seite sie dieser Psyche mit Gespensterhand den ersten Puff geben sollte, sagte Melusine zögernd und sichtlich starke Hemmungen überwindend: »Was mich eigentlich – in letzter Linie – hierher zu Ihnen geführt hat, das ist – hm – eine nicht angenehme Angelegenheit. Eine recht peinliche Sache, in die ich – in meinem Beruf oder eigentlich durch meinen Beruf – ganz unschuldig – durch allerlei Vertrauensseligkeiten verwickelt worden bin ... Mein Gott, man ist eine Frau, nicht wahr – hat auch die Fehler seines Geschlechts – und wenn sich ein Mann mit den besten Manieren und in den bescheidensten Formen – angeblich von unseren Leistungen auf der Bühne hingerissen oder doch stark beeindruckt – uns nähert ...« Hallo! – Das ist's, dachte Ilia. Am Morgen kurz vor Tisch mit ihren Gedanken bei Klara und immer auf die Straße sehend, ob nicht die Erwartete hier um die Ecke, dort über den Übergang heimkam, hatte Ilia mit lässiger Hand die Zeitungen durchblättert. Dabei hatte sie eine Notiz »Neues über den sensationellen Diebstahl im Grabbe-Theater« gefunden und gelesen, Um die Mahuda handelte sich's – um die Morphinistin, die auch gelegentlich Kokain schnupfte und, von Entziehungskuren in der Einsamkeit zu Glanzrollen vor ausverkauftem Parkett taumelnd, in Bild und Wort aus den Reklameecken der illustrierten Journale gar nicht mehr herauskam. Wozu, wie Ilia gut wußte, ihr immer auf Skandal und Tamtam bedachter Freund vom Boxpalast gewiß mit liebendem Eifer das seinige tat. Einen Juwelendiebstahl – begangen am Eigentum der Mahuda – nahm sie so im flüchtigen Lesen nicht allzu ernst. Und nur in einem der Blätter hatte sie für einen Augenblick der Zusatz gefesselt: man verfolge neuerdings eine Spur, die durch die Garderoben – ja, wie war's doch ausgedrückt – durch die Garderoben der Kolleginnen führe, ohne daß diese Damen selbst irgendwie – »Man kommt zuweilen in ganz unglaubliche Angelegenheiten, ohne daß man ...« Und nach einem plötzlichen Zögern nahm Melusine einen kurzen Anlauf und tat die fast befehlartige Frage: »Wissen Sie etwas oder können Sie in dem Glas da –« »Kristall«, verbesserte Ilia, ohne den Blick von der erregten Fragerin abzuwenden. »– in Ihrem Kristall da lesen, warum plötzlich von einem Herrn, an dem mir – sagen wir aus Gründen der künstlerischen Karriere – etwas liegen muß, und der sich heftig für mich interessiert hat – warum ich keinerlei Nachrichten mehr von ihm ...« Seltsam, dachte Ilia, seltsam die Duplizität der Fälle! Das junge hübsche Mädel fliegt jetzt offenbar irgendwo hinter schlechten oder ausbleibenden Nachrichten von einem geliebten Manne her – und diese durch Schicksalsfügung ihr verwandt gewordene üble Person ängstigt sich um das Schweigen irgendeines Mäzen, der ... Plötzlich standen wieder – und diesmal in aller Deutlichkeit der sicher arbeitenden Rückerinnerung – die Druckzeilen aus der Zeitung von heute morgen vor Ilias Augen. Ganz deutlich sah sie's jetzt – wirklich hellsehend. In der dritten Spalte des Feuilletons ganz unten stand: »Die Kriminalpolizei verfolgt neuerdings eine Spur, die durch die Garderoben der Kolleginnen führt, die persönlich allerdings wohl aus jedem Verdacht ausscheiden. Immerhin ...« Hier lief der Bericht auf die andere Seite über. Weiter hatte sie nicht gelesen, denn ihre Unruhe hatte sie wieder getrieben, am Fenster nach Klara auszuschauen, die nicht kam – nach Klara! Und der Gedanke an Klara, deren Martyrium im Hause ihres Vaters, deren Flucht mit allen Folgen diese in breiter Pose vor ihr sitzende Frau allein verschuldet hatte, gab jetzt Ilia, die unbeweglich im Schutz ihrer Maske und Perücke vor den ängstlich und ängstlicher werdenden Augen Melusinens saß, eine Taktik ein, die – sie gestand sich's selbst – etwas mittelalterlich Grausames hatte. Sie fühlte plötzlich in sich die Macht, die Lust, zu foltern, und sie folterte. »Geben Sie mir Ihre Hand, bitte – die rechte. Lassen Sie die Innenlinien sehen – Oh ... eine nicht schlecht angelegte Glückslinie.« »Die Glückslinie ist –?« Melusinens Antlitz verklärte sich hoffnungsvoll. »– gut in der Anlage – aber plötzlich gestört. Roh zerstört, möchte ich sagen – durch eine eigene Schuld.« »Durch eine ...? Sie meinen, daß ich selbst –?« stammelte Melusine, unter der Schminke jäh erblassend. »Nicht nur Sie selbst – es scheint fast so – nein, es ist gewiß, daß diese Hand selbst durch – durch eine Roheit die guten Schicksalsaussichten gestört hat.« »Eine Roheit ...? Ich wüßte wirklich nicht – ich bin doch keine Medea, keine Lady Macbeth!« Nein, dachte Ilia, das bist du freilich nicht, so gern du die beiden mal auf der Bühne gespielt hättest. Aber dazu hat's nie gereicht. Aber eine widerliche Person bist du; und an mich und diese Stunde sollst du denken! Laut aber sagte sie, laut und ruhig, und der Ton ihrer Stimme war so kühl und klar wie das spiegelnde Silber ihrer Maske: »Ich kann natürlich nicht beurteilen, was Sie als Roheit empfinden – das Urteil des Menschen über sich selbst ist ja verschieden. Jedenfalls die jäh zerstörte Glückslinie Ihrer Hand zeigt es nur allzu deutlich – daß sie selbst, die Hand hier, irgend etwas getan hat, das – – Es könnte eine Unterschrift gewesen sein – ein Brief – ein falsches Zeugnis.« Ilia tat, als prüfe sie die zerstörten Linien genau. Dabei spürte sie das stark bebende Zittern dieser erkalteten Finger. »Nein, das alles war es nicht – es war vermutlich im Affekt – ein Stoß oder ein Stich.« »Großer Gott, ich hab' doch nicht gemordet.« »Nein – davon steht nichts in der Hand. Aber es scheint, Sie haben jemanden tätlich – mit Hilfe dieser Hand – beleidigt. Jemand, der sich diese schlechte und ungerechte Behandlung, diese Erniedrigung – es muß sich um eine erwachsene Person gehandelt haben, nicht um ein Kind – sehr zu Herzen genommen hat.« »Lassen Sie mich erklären«, keuchte jetzt Melusine, die, geschlagen von der ruhigen Sicherheit dieser rätselhaften Frau, immer mehr die Fassung verlor – »es war – Sie müssen wissen, mein Mann war zweimal verheiratet.« »Das sehe ich aus dieser Hand«, nickte Ilia, die jetzt die zitternde Linke ihrer Besucherin festhielt und prüfte – »Er hatte – oder hat wohl noch ein Kind aus dieser Ehe. Es scheint – ein Junge. Nein doch, es ist ein Mädchen.« »Ja, ja, eine Tochter. Sie hat sich von Anfang an feindlich zu mir gestellt.« »Davon steht nichts in den Händen«, sagte Ilia und stach nachdenklich mit ihrem spitzgefeilten Fingernagel die leicht aufschreiende Melusine in die Maus. »Verzeihung – aber Sie müssen die Hand ruhiger halten und näher zu mir herhalten. Oder wollen wir lieber die Sitzung abbrechen?« »Nein, nein!« Rasch schob Melusine ihre beiden Hände vor. So rasch und so weit, daß sie beinahe Ilias wohlgeformten Busen stießen. »Aber – wenn es Ihnen einerlei ist – ich möchte lieber von der Zukunft etwas hören als von der Vergangenheit, die ich ja schließlich kenne, sogar, verzeihen Sie, werte Dame, wenn ich so kühn bin zu sagen, vielleicht noch besser kenne als Sie. Das ist gewiß keine Kritik an Ihrer wunderbaren Kunst, von der Sie mir ja einige – wenn auch kleine Fehler unterliefen – einige höchst erstaunliche Proben gegeben haben – aber –« »Aber –« nahm Ilia der mit dem Atem Kämpfenden die Rede ab – »aber alle Zukunft baut sich nur auf der Vergangenheit auf. Ist ihre Folge, ihr Kind. Wie sich alles, was der Mensch erlebt, erleidet, ertrotzt, ermißt aus der Zusammensetzung seiner Kräfte und Schwächen, seiner guten und bösen Eigenschaften, voraussagen und erklären läßt. Schicksal ist nie durch Zufall bestimmt, nur durch die ewige Kraft unsichtbarer Gesetze. Blind ist das Schicksal niemals gewesen, wie ihm die Toren so gerne nachsagen. Es sieht und richtet den Weg, den ihm die Natur eines Menschen vorgeschrieben hat. Was wir für ein Schicksal außer uns erklären, lebt in Wahrheit in uns selbst. Sie haben gewiß schon in ›Wallenstein‹ mitgespielt – die Gräfin Terzky oder früher die Thekla.« »Es ist noch gar nicht so lange her, daß ich die Thekla –« »Sehen Sie. Dann werden Sie sich aus der Rolle des Wallenstein des schönsten und wahrsten Wortes erinnern, das wohl jemals über Schicksal und Menschenleben mit Schillerschem Pathos gesprochen worden ist: ›Des Menschen Taten und Gedanken, wißt, – sind nicht wie Meeres blindbewegte Wellen; – sein innrer Kern, sein Mikrokosmos ist – der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen; – sie sind notwendig wie des Baumes Frucht, – sie kann das Schicksal gaukelnd nicht verwandeln, – hab' ich des Menschen Kern erst untersucht, – dann weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln!‹« Die Frau ist ja furchtbar gebildet, dachte Melusine und wurde ganz klein. Lieber wäre sie ganz schmal geworden, denn der enge Sessel – seine atlasbezogenen Arme schienen immer enger an sie heranzudrängen – beengte ihre breite Körperlichkeit sehr. »Ich kann also – soll ich Ihnen etwas über Ihr Schicksal sagen – nur aus Ihrer Vergangenheit Ihre Zukunft entwickeln. Sonst würde ich – wie das Kolleginnen wohl gelegentlich machen – ins Blaue hineinphantasieren.« »Nein, nein – ich bin ja gekommen, die Wahrheit zu hören.« »Die sollen Sie haben«, nickte Ilia. Und eine merkwürdig richterliche Schärfe in Betonung jeden Wortes ließ Melusine ängstlich aufhorchen. »Ihr Leben strebt in ziemlich heftiger Neigung einer Senkung zu.« »Ogott, ogott – immer noch gesenkter?« »Sie stehen unter den zwingenden Nachwirkungen einer Schuld, die mir Ihre rechte Hand deutlich –« »Ich weiß, ich weiß! Aber mein Gott, wer sein Kind lieb hat, der –« »– der züchtiget es. Sehr wahr. Aber es war nicht Ihr Kind. Und Sie haben es auch nicht lieb gehabt. Da gewinnt die Züchtigung schon einen anderen Charakter. Hier steht die Senkung Ihres Schicksals – allerdings in den Linien Ihrer linken Hand.« »Sie sprachen vorhin von einer Senkung – auf eine Senkung folgt doch auch mal wieder eine Erhebung – ein Anstieg.« »Gewiß, das ist auch bei Ihnen wahrscheinlich. Aber abhängig ist der Wiederaufstieg von zwei Bedingungen, soweit ich in Ihrer Hand lese. – Aber wir können auch noch die Karten zu Hilfe nehmen.« Schon legte Ilia mit gewandten Fingern die rasch gemischten sauberen Karten in drei Reihen hin. »Nach welchem System arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?« »Nach dem ausgezeichneten System der Signora Iovanna Parizza in Palermo, das ich mir nach meinen Erfahrungen ein wenig selbst zu verbessern erlaubt habe.« »Aha«, nickte Melusine zustimmend. Sie hatte noch nicht von einer Signora Iovanna Parizza gehört, wogegen es ihr wahrscheinlich erschien, daß Palermo in Sizilien liege und zu Italien gehöre. »Wie ich erwartet hatte«, sagte Ilia befriedigt und strich bereits wieder die Karten zusammen. Melusine, die im Geiste mit der Dame Iovanna Parizza und der Bestimmung ihres Wohnortes auf der Karte beschäftigt gewesen, hatte das Bild der Spielkarten überhaupt nicht in sich aufgenommen. So sagte sie etwas kleinlaut: »Pardon, was haben Sie erwartet?« »Ich habe nach Ihren Handlinien erwartet, daß die Coeur-Dame zwischen zwei Buben liegen würde.« »So? Verzeihung, die Coeur-Dame bin ich?« »Ja. Für den einen der beiden müssen Sie sich entscheiden. Für den richtigen.« »Dann heb' ich mich aus der Senkung?« »Ja. Das heißt, die Hauptbedingung – auch das hat mir die Lage der Karo-Dame zu Pique-Zehn und Karo-As bewiesen –« »Mein Gott, wer ist denn jetzt wieder die Karo-Dame?« »Das ist die Tochter des Coeur-Buben, der rechts von Ihnen lag. Nicht à la main gauche – das war der andere.« »Ich weiß, ich weiß, der andere. Und was ist nun mit der Tochter des Coeur-Buben?« Ilia stand auf. »Ich werde müde und muß abbrechen.« »Ja, aber jetzt–? werte Madame Ilia, bitte, nicht jetzt, ehe Sie mir gesagt haben, was mit der Karo-Dame –?« Im Aufstehen hatte Ilia rasch den Schellenknopf unter dem Tisch berührt. Berta Babusch stand plötzlich hinter Melusine im Zimmer. Und da diese sie nicht hatte kommen hören und eine so grell aufgemachte Häßlichkeit nicht gewohnt war, erschrak sie sehr. »Die Baronin aus Neubabelsberg und der Geheimrat aus dem Grunewald warten schon lange Zeit«, meldete Berta Babusch. »Sofort«, nickte Ilia. Dann grüßte sie mit einer Kopfbewegung verabschiedend Melusine, die gerade dabei war, mit zitternden Händen einen Zehnmarkschein unter die Karten zu schieben. »Aber bitte«, flehte Melusine, »Sie wollten mir doch noch –« Jetzt trat Ilia dicht an die ein wenig sich duckende Melusine heran. Vor ihrer schlank aufgerichteten Figur stand die langst um ihre letzte Haltung gekommene, vor Aufregung fliegende Melusine wie eine ältliche ausgescholtene Dienstmagd. Und hatte zum erstenmal in ihrem Leben das niederschmetternde Gefühl, daß sie eine recht armselige Rolle spiele. »Frau Kern-Möller«, sagte Ilia, jede Silbe scharf betonend, »so heißen Sie doch wohl; wenigstens lese ich den Namen dort über der Türe in flammenden Buchstaben.« Melusine gestattete sich einen scheuen Blick in der Richtung. Sie sah aber nichts. Weder feurige Buchstaben, noch sonst was über der Türe. »Frau Kern-Möller, merken Sie sich eines: Sie haben – Ihre Hände plaudern es aus – viel wieder gutzumachen. An einem Mann, der unter Ihnen gelitten hat – an einem Kind, das Ihre Mütterlichkeit niemals gewärmt hat. – Wenn Sie da wieder gutmachen – in Reue, in Eifer, in Opferbereitschaft – so fehlt nur eines, das Wichtigste, um den Bann von Ihnen zu nehmen, die Linien Ihrer Hand wieder zu glätten, Ihr Schicksal zu wenden und –« »– aus der Senkung zu kommen«, seufzte Melusine. Die »Senkung« als Wort und Begriff war das Furchtbare für ihre Phantasie. »Ja. Das junge Mädchen – dort über der Tür steht jetzt in feurigen Buchstaben ihr Name: Klara – das liebenswürdige, gutherzige junge Mädchen, das Sie vertrieben, das Sie geohrfeigt haben –« »Ogott, ogott – das wissen Sie auch?!« »– muß erst wieder in Ihrem Haus sein. Muß Friede gemacht haben mit Ihnen. Sie müssen in Ihren Händen Blumen getragen haben in ihr bescheidenes Zimmer, müssen ihr Salz und Brot gebracht haben –« »Warum denn Salz und Brot?« »Das ist ein Symbol, verstehen Sie? Und jetzt gehen Sie hin und öffnen Sie die Türen Ihres Hauses weit, damit in Gestalt dieses Mädchens, das Sie beleidigt haben, der gute Geist wieder einziehe!« »Aber verehrteste Frau Ilia – um Himmels willen, wie soll ich ... wie kann ich ... Es weiß doch kein Mensch, wo sich diese Person herumtreibt... Entschuldigung, Entschuldigung, es fuhr mir so heraus, ich wollte sagen, wo es geblieben ist, das liebe Kind, wo man es suchen könnte.« »Das Suchen und das Finden ist Ihre Sache, Frau Melusine Kern-Möller!« »Können Sie denn nicht – kann nicht einer Ihrer Geister helfen?« »Nein!« »Aber Sie haben doch auch meinem Untermieter seine Freundin oder seine Braut oder was sie eigentlich ist – er sprach so konfus – überhaupt, seit er bei Ihnen war, es ist, als ob er – die haben Sie ihm doch, so schwört er wenigstens, leibhaftig hier gezeigt –« »Das konnt' ich, weil er liebte . Seine sehnsüchtigen Gedanken haben sich mit meinem starken Willen zusammengetan und haben – aus jener Substanz, die noch niemand zu erklären vermochte und die nur der vereinten Kraft der Liebe und des Willens gehorcht – geformt und geformt. Aber Sie – Sie lieben nicht. Besinnen Sie sich auf Ihr besseres Teil – bemühen Sie sich, zu lieben , Frau Kern-Möller, bemühen Sie sich!« Melusine wollte – vermutlich mit Bezugnahme auf diese empfohlenen Bemühungen – noch etwas äußern. Aber schon war Ilia im Nebenzimmer verschwunden. Bis an den Hals voll Wut und Ärger und bedrückt und geheizt zugleich von furchtbarem Haß gegen die Welt und das Schicksal und die Menschen und die Geister stieg Melusine Kern-Möller mit schiefsitzendem Hütchen und zwei aufgerafften linken Handschuhen, die ihr beide nicht gehörten, die Treppe von Madame Ilias Wohnung hinunter und nahm sich zähneknirschend vor, zu lieben. Als Melusine ihre Wohnung aufschloß, kam ihr das Hugochen entgegen. Das Kind war blaß und verängstigt. »Was tust du auf dem Vorplatz, Hugo?!« schalt Melusine mit scharfer Stimme. Aber in diesem Augenblick entsann sie sich der seltsamen Sitzung, aus der sie kam, und der ihr dringend empfohlenen Wendung ihres Lebens zu mildem Ton den Ihren gegenüber und zu versöhnlicher Liebe. Sie fügte also, bemüht, mütterliche Zärtlichkeit in ihre Stimme zu legen, hinzu: »Bist du denn allein, lieber Junge?« »Der Papa mußte aufs Büro. Aber drinnen wartet ein fremder Onkel auf dich.« »Auf mich –? Ein fremder Onkel?« Nach einem kleinen Schreck ging eine heiße Welle der Freude durch Melusinens Körper. Sollte der gute Freund und Mäzen, den ein lächerlicher Verdacht – in diesem Augenblick erschien er ihrem zwischen Angst und Hoffnung hin und her pendelnden Herzen wieder lächerlicher denn je – mit dem Verschwinden des russischen Schmucks in Verbindung brachte, sollte er sie hier in ihrer Wohnung –? »Warst du schon allein, als der Onkel kam?« forschte Melusine und legte den Mantel ab. »Ja«, nickte das Hugochen kleinlaut. »Aber ich hab' ihm nicht aufgemacht«, fügte es schnell mit ängstlichem Blick nach der Mutter hinzu. Denn das war ihm streng verboten. »Ja, wer hat ihm denn geöffnet –?« fragte Melusine und warf ärgerlich die jetzt erst als zwei linke erkannten fremden Handschuhe auf die staubige Platte der Kommode. »Er hat erst geklingelt«, erklärte das Hugochen leise, »dreimal – dann hat er gerufen: ›Aufmachen!‹ – und dann –« »Und dann –?« »Dann – hat er selber aufgemacht.« »Er selber? Ja, hat er denn einen Schlüssel gehabt?« »Nein, nein«, schüttelte das Hugochen den Kopf, »mit keinem Schlüssel – mit einem kleinen Eisen, das er wieder eingesteckt hat.« »Mit einem – Dietrich? Großer Gott!« In Melusinens Hirn jagten und ballten sich allerlei Schauergeschichten von Mord und Totschlag, die sie in ihren Schmökern gelesen hatte. Ihre Knie schlotterten, sie drohte zu sinken. Aber in diesem Augenblick trat aus dem Wohnzimmer ein einfacher, aber korrekt gekleideter Herr. Statt der Begrüßung griff er in die Tasche und zeigte Melusine, deren starre Augen auf ihm ruhten, eine blanke, runde Münze an einem Kettchen und sagte gedämpft, aber nicht unfreundlich: »Kriminalpolizei!« »Kriminalpolizei –? Und was wünschen Sie?« »Ich habe hier auf Sie gewartet, Frau Kern-Möller – weil ich den Auftrag habe, Sie zu verhaften.« * In einem armseligen kleinen Café in der Kochstraße saß Klara, die leere Tasse und den angeschlagenen Teller mit Kuchenkrümeln vor sich. Welch ein zermürbender, eine Enttäuschung an die andere reihender Vormittag war das gewesen! Triebartig und doch wieder einen Entschluß der schlaflosen Nacht erfüllend, war sie zunächst nach der elterlichen Wohnung gelaufen. Wie ein gehetztes Tier. An der gottlob leeren Portierloge vorbei, die Stiege hinauf und schon mit der staubigen Luft des Treppenhauses die Atmosphäre einatmend von Not, Streit und Verstimmung, die sie da oben erwartete – und doch wie auf der Jagd nach einer Geborgenheit. Erschreckt von dem schrillen Ton der oft gehörten Klingel, stand sie atemlos an der Entreetür – klingelte sich um ihre letzte Ruhe. Immer größer wurde das Heimweh. Immer heftiger ihr Verlangen, wieder einen Blick werfen zu dürfen in die Dürftigkeit dieser Verhältnisse, zu denen sie gehörte. Auf diese alten, abgenutzten Möbel, zwischen denen sie als Kind gespielt; auf diese Bilder, deren Figuren und Vorgänge ihrem kindlichen Verständnis noch die nie ermüdende Geduld der guten Mutter erläutert hatte. Und wieder klingelte sie. Der Gedanke, daß Melusine erscheinen könnte in einem ihrer auffallenden Kimonos, die, für den Reiz junger, biegsamer Geschöpfe geschaffen, ihrem dicken Körper sehr übel standen, quälte sie. Aber vielleicht – vielleicht hatte sie endlich einmal Glück, vielleicht kam auch der Vater zu öffnen oder kam das Hugochen als erster herangetrippelt und rief, das Köpfchen neugierig, wichtig, ängstlich an das Holz der Tür klebend: »Ist jemand da draußen?« Aber niemand kam zu öffnen. Alles blieb totenstill da drin. Schließlich, gerade als Klara, schon überzeugt, daß niemand zu Hause sei, die Treppe wieder hinuntergehen wollte – das Klappern ausgetretener Schlappen, das von oben kam. Sie kannte es, dieses Klappern. Die Portierfrau kam vom Boden, wo sie jeden Morgen um diese Zeit die in der Nacht restlos getane Arbeit von Wäschedieben erwartete und noch nie einen gefunden hatte. Die Portierfrau, die immer in den fleischigen Ohren Wattebäusche trug, die sie bei den Besprechungen mit Bekannten umständlich aus den Ohren schälte und während des Gesprächs links und rechts wie schwere, wertvolle Gegenstände balancierend vom Körper weghielt, erkannte Klara sofort. Sie entfernte alsogleich die Wattebäusche aus den Gehörgängen und äußerte mit Erstaunen: »Na, auch mal wieder präsent das Fräulein Klara? Niemand zu Hause, was? Tja, der Untermieter is schon ganz früh heute losgezogen –« »Haben die – hat mein Vater jetzt einen Untermieter?« »Ja – schläft in Fräuleins Bett. Na, es rechnete doch keen Mensch mehr damit, daß Sie wiederkommen. Und een Bett is Geld heutzutage.« »Und mein Vater –?« »Vor 'ner Viertelstunde, gerad' als ich mein Fenster nach der Straße polierte, is er mit dem Kleenen vorbeigegangen – fein wie zum Sonntag angezogen.« »Mit dem Hugochen?« »Natürlich. Eenen dazu hat er nich jekriegt, seit Sie weg sind.« »Geht's ihm gut, dem lieben Bübchen?« »Na – gut?« Die Portierfrau zog die spitzen Schultern hoch und schickte einen Blick gen Himmel. »Zum Totlachen hat er's ja nu nich – das wissen Sie ja auch. Und seit Sie weg sind ...« Ein Stich, wie von seiner, schmaler Klinge geführt, fuhr Klara ins Herz. Hätte sie ausharren sollen, damals? Sich demütigen um des Kindes willen, das mit traurigen Augen bettelte: »Bleib!« »Meine – die Frau meines Vaters ist wohl noch oben und schläft –?« »Iwo, die is abjeholt worden – gestern gegen Abend. Tja – von einem feinen Herrn –« die Portierfrau sonnte sich in Wissen und Diskretion – »das heißt, so arg fein war er schließlich gar nicht ... Aber er hat auf sie gewartet oben – mit dem Hugochen allein, wohl eine ganze Stunde. Und als sie dann kam ... Na, da sind sie ganz bald zusammen –« »Und das Hugochen –?« »Das haben se, scheint's, bei der Partie nich brauchen können. Das Hugochen haben se oben bei die Schwester von Frau Schumann abgegeben, bis daß der olle Herr nach Haus gekommen is.« »Und sie – ich meine Frau Kern-Möller – ist nicht wiedergekommen?« »Bis jetzt nich.« »Sie wird doch nicht – Frau Pönske, sie wird doch nicht –?« »Was fragen Sie mir – und was quetschen Sie mir den Arm? Ich bin doch wahrhaftig nicht der Kern-Möller ihre Vertraute. Gott sei Dank! Übrigens – Ihnen gesagt. Fräuleinchen, so wie ein Bräutigam oder 'n Freier hat der nicht ausgesehen. So eener mit Blümekens und Bonbons und in der Westentasche zwee Billetter nach Italiken – nee, nee, so nich!« Als Klara schon in einer unendlichen Traurigkeit die Treppe hinunterging, rief ihr Frau Pönske, deren Stimme zwischen Wispern und Schreien keinen Mittelton kannte, überlaut nach: »Soll ich ihm etwas bestellen, wenn der Herr Vater nach Hause kommt?« »Nein, danke.« »Bloß, daß Sie dajewesen sind?« »Bloß das. Und ich lasse grüßen.« Dann hatte sich Klara eilig ihren Pflichtgängen zugewandt. Es war wirklich besser – tröstete sie sich über die schmerzliche Enttäuschung – besser, daß sie sich hier erst wieder zeigte, wenn sie eine feste Stellung gefunden hatte. Irgendeine feste Stellung, gleichviel wo und was – nur ein Auskommen mit Brot und Bett und die bescheidene Freiheit nach getaner harter Arbeit, vor der sie sich nicht scheute. Und jetzt, nachdem sie fünf volle Stunden diesen schrecklichen Gängen über schmierige Höfe und abscheuliche Hintertreppen, in Dachstuben und Keller geopfert hatte, saß sie hier in dem kleinen Café. Erst jetzt mit Bewußtsein deklassiert, ermüdet, angeekelt. Mit schweren, heißen Augen überflog sie die kleinen Anzeigen in den Zeitungen, die sie sich am Morgen gekauft hatte. Den ganzen Vormittag war sie herumgelaufen im Westen, Nord-Westen, Süd-Westen, sich anzubieten für irgendeine tragbare Arbeit, für irgendeine offene Stelle. Jede Art der Demütigung hatte sie in diesen fünf Stunden eingesteckt. Wo Werbedamen mit einem »Gewinn von achtzig bis hundert Mark die Woche« verlangt wurden, standen, aufgeputzt mit ihrem Besten, die Mädchen und Frauen Schlange. Zwischen verarmten Witwen, halb verhungerten alten Fräulein, dürftig auf Schick zurechtgemachten kleinen Beamtentöchtern, müden Müttern, die ein leise weinendes Kind an der Hand hatten, geschminkte Nutten mit den frechen Gesichtern der nächtlichen Straße und schrecklich parfümierte Damen, denen der Liebesmarkt der Weltstadt nichts mehr abwarf. An die kleinen Trupps der in das muffige, düstere Büro Eingelassenen die erste Frage: »Können Sie Kaution für die in Kommission übergebenen Waren stellen? Es handelt sich um Halbedelsteinschmuck und letzte Pariser Neuheiten. Dreißig Mark wären als Minimum nötig.« Einige quittierten mit einem Hohnlachen, andere schimpften ruppig mit den niedrigsten Ausdrücken der Gasse. Die Mütter mit den Kindern drückten sich ganz still hinaus, unter ihnen Klara, über eine andere Treppe, die keine Verbindung hatte mit dem Zustrom der Reflektantinnen. Ein paar nur waren – von den enttäuscht Abziehenden nicht gerade beneidenswert kommentiert – nach einem Hinterzimmerchen durchgelassen worden, wo ein dürrer, alter Mann mit dem kahlgerupften Kopf eines Lämmergeiers bei einer grünen Lampe saß und schrieb ... Dann wieder die angebotene »Heimarbeit«. Ob sie eine Maschine habe? Nein. Erledigt. An anderer Stelle bei einer wie ein Schlittenpferd aufgetakelten Person, die – es fehlte nur noch die Peitsche – auf einem hohen Stuhl wie eine Sklavenhalterin unter ihren anderthalb Dutzend weiblichen Arbeiterinnen thronte, die teilnahmlos und ohne aufzusehen nähten, nähten, nähten. »Zeugnisse?« – Nein. – Ja, Nähfräulein konnte sie werden. Jahresvertrag – sechs Monate dreißig Mark zuzahlen als Lehrgeld; sechs Monate fünfzehn Mark. Nach einem Jahr Anfangsgehalt von dreißig Mark ... Alles unmöglich! ... Als Jungfer bei einer Gräfin, der sie gefiel – die längst geschiedene Gräfin ihr weniger – scheiterte die Sache daran, daß sie weder frisieren noch massieren konnte. Zu frisieren war freilich nicht viel bei den paar Büschel gefärbten Haares, die der Schädel der Gräfin aufwies; zu massieren um so mehr. Aber der Gräfin hatte sie gefallen. Die schickte sie zu einem Bruder, der in der Yorkstraße ein Tanzlehrinstitut »nur für Kavaliere der Gesellschaft« betrieb. Die Eintänzerinnen stellte er . Klara hatte der Gräfin gleich gesagt, daß ihre Tanzkunst das Übliche nicht übersteige. Aber die wehrte ab: sie solle nur nach Monsieur Labaddy selbst fragen und Grüße von der Gräfin bestellen. Klara ging in die Yorkstraße und fragte nach Monsieur Labaddy. Der ließ sie eine Weile in einem kalten, kleinen Tanzsälchen warten, in dem es nach Asche, Weinresten und schlechten Parfüms roch. Dann kam er, mit einer Verschleimung kämpfend, nur mit Sporthemd und karierter Hose bekleidet, direkt aus dem Bett. Er sah aus wie der Zahlkellner eines Nachtlokals, der schlecht geschlafen hat, und roch nach parfümierten Zigaretten. Er ließ Klara einige gleichgültige Pas machen, wozu er lustlos einen Jazz pfiff. Dann sah er näher hin. Sie spürte seine wohlgefälligen Blicke und das beginnende Tändelspiel einer aufdringlichen Geckenhaftigkeit. Er ersuchte sie, erst das rechte, dann das linke Bein auf die vierte Sprosse einer am Fenster lehnenden Stehleiter zu stellen, damit er sich, kräftig zufassend, vom anmutigen Bau der Waden und Schenkel überzeugen könne. Er redete immerzu, warf ein paar Zweideutigkeiten in das Gespräch und entschuldigte sich feixend nach nicht ganz zufälligen Berührungen. Schließlich machte er der schwer Enttäuschten den Vorschlag: kein festes Gehalt, Stellung des Phantasiekostüms, das aber sein Eigentum blieb; vierzig Prozent vom Aufschlag auf jede Flasche Wein, die ihr Kavalier konsumierte – der Aufschlag betrug etwa zweihundert Prozent auf den Einkaufspreis – und fünfzig Prozent auf jede Flasche Champagner; etwaige Geschenke in bar waren zu halbieren. Bindungen an einen bestimmten Kavalier als festes Verhältnis war Entlassungsgrund ohne Kündigung. Das letzte, was der im Schlaf gestörte Herr Labaddy hinter der fluchtartig den abscheulich ungelüfteten kleinen Tanzsaal Verlassenden herrief, war: »Grüßen Sie mir meine Schwester Gräfin – und sie soll mir so keine Grasaffen mehr schicken!« Dann hatte sie's in einem Vermittlungsbüro versucht. Als Servierfräulein war sie der suchenden Wirtin zu hübsch, empfing hingegen den Antrag eines Barbesitzers für sein Nachtetablissement »Schmetterlingsbar«. Schon glaubte sie, daß diese Stellung erwägenswert sein könnte, als dieser »Herr Direktor«, wie er sich nennen ließ, die reich mit Ringen geschmückte Hand vertraulich auf ihre Hüfte legte und ihr augenzwinkernd bedeutete, daß die Mischung der Getränke bei ihm mit genauer Berücksichtigung des Grades der Trunkenheit seiner Gäste vorgenommen und die hierbei – auch im gesundheitlichen Interesse der Besucher – getätigten Ersparnisse zwischen der Bardame und ihm geteilt würden. Als er noch so beiläufig erwähnte, daß sie nach dem anstrengenden Nachtdienst den ganzen Tag über sich ausschlafen könne und sich nicht davon stören zu lassen brauche, daß das von ihm bewohnte Zimmer keinen eigenen Ausgang habe und er also durch das ihre hindurch müsse, wenn er früher aufgestanden sei als sie, griff sie rasch nach ihren Zeitungen und ihrem Täschchen und entfloh. Schüttelte aus ihren Kleidern den süßlich muffigen Geruch dieses schrecklichen Raumes, in dem die ganzen Wände geziert waren mit Köchinnen im Sonntagsstaat und Hausgehilfinnen, die ihre Stellung gegen eine andere mit weniger Arbeit, mehr Lohn, keinen Kindern und viel freien Nachmittagen zu tauschen bestrebt waren. Zuletzt mischte sie sich bescheiden in einem anderen Vermittlungsbüro des Südwestens unter das wartende Hauspersonal. Wurde auch von mehreren Damen, denen die gute Erscheinung auffiel, erspäht und um ihre Kenntnisse und Ansprüche befragt. Verblühte und verarmte, geschiedene und berufstätige Frauen suchten da möglichst billige leistungsfähige Hilfskräfte und legten bei den Verhandlungen ihr Bewußtsein, aus besseren Kreisen zu stammen, in jeden Satz ihrer Reden. Die gelangweilte Gattin eines Prominenten – die fünfte, die der Vielgeliebte glücklich machte – ging, die Lorgnette vor den wie von der Basedowkrankheit vorgetriebenen Augen, umher und suchte eine Jungfer, die perfekt Französisch und etwas Italienisch sprach, da ihr Gatte in Mailand und Rom gastieren wollte und sie ihn – schon aus Angst vor der sechsten – dorthin begleitete. Sie blieb einen Augenblick vor Klara stehen. »Sprechen Sie Französisch?« fragte sie hochmütig und ohne zu verraten, daß sie es selbst nicht sprach. »Leidlich, gnädige Frau.« – »Italienisch auch?« – »Ich kann mich verständigen.« –»Sieh mal an!« Die Augen hinter der Lorgnette ruhten längere Zeit auf Klaras Figur und wurden klein und kleiner, während eine spitze Zunge die gemalten Lippen leckte. Plötzlich schob die Gattin des Prominenten das Glas in ihren Busen und äußerte weitergehend: »Sie sind mir zu hübsch. Kleine!« Über die fehlenden Zeugnisse und die unklaren Familienverhältnisse waren einige Damen bereit hinwegzusehen. Aber daß sie nicht kochen konnte, schreckte die eine ab. Eine zweite äußerte die unsinnige Befürchtung, daß sie in anderen Umständen sei. Eine dritte nahm an ihren gepflegten Händen Anstoß. »Sie machen doch mit die Hände keene Hausarbeet, Fräulein!« sagte die mißtrauische, offenbar in Berlin geborene Dame und wandte sich ab. Eine vierte war bereit, sie als Stütze zu engagieren. Das Kochen besorgte sie selbst. Der Posten schien nicht allzu schwer, und Klara glaubte sich schon geborgen und war mit dem mäßigen Gehalt auch zufrieden, bis so ganz nebenbei herauskam, daß ihr neben anderer reichlicher Arbeit die Wartung eines vierzehnjährigen Jungen oblag, der geistig minderwertig und leider unsauber wäre, keine Schule besuchen könnte, einen gefährlichen Hang zum Arrangement von Zimmerbränden und ähnlichem Unfug hätte und jetzt in die besonders schwierigen Jahre geschlechtlicher Anfechtungen käme. Sie hatte zum erstenmal das Gefühl, dort stand die Herrschaft – sie aber gehörte zu denen da drüben, die, schrecklich aufgeregt, gestopfte Baumwollhandschuhe über den rissigen Händen, auf den splittrigen Bänken saßen und, sich ein gleichgültiges Aussehen gebend, nach Ansprache dieser Gnädigen lechzten und durch halblaut getuschelte kritische Bemerkungen sich ein wenig entschädigten für die armselige Rolle, die sie auf diesem Sklavenmarkt spielten. Verzweifelt über all diese Mißerfolge, gewürgt vom Hunger, hatte sich Klara in die kleine Konditorei in der Kochstraße geflüchtet, um eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen als billigste Nahrungsmöglichkeit zu sich zu nehmen und die ihr noch bleibenden Chancen an Hand der von ihr sorgfältig ausgewählten Annoncen und ihrer jetzt gesammelten Erfahrungen durchzugehen. Das furchtbare Erlebnis, die grauenvolle Enttäuschung, die ihr mit sinnloser Schicksalsroheit den vergötterten Mann als Dieb, Heiratsschwindler und Hochstapler entlarvte, ohne ihr zu verraten, daß sie in diesem unsauberen Leben die seltsame Rolle einer vom Schmutz nicht Angespritzten geführt hatte, lag jetzt ganz klar und nüchtern vor ihren Augen. Mit einer grausamen Energie hatte sie sich in schlafloser Nacht alle Einzelheiten rekonstruiert, die sie wie einen wüsten Haufen ungeordneter Scheußlichkeiten in ihr Gedächtnis gestopft und mit sich herumgetragen hatte. Sie wußte jetzt, dieser elegante Wiener, der so liebenswürdig zu lächeln und sein Wienerisch so weich zu reden wußte, führte ein Doppelleben. Das eine, auch äußerlich schmutzige, schleppte ihn in übelste Großstadtwinkel, wie die Kaschemme dieses Rohlings mit dem Bulldoggengesicht, der ihr, der Ahnungslosen, als sie auf dem Bahnsteig hin und her wanderte, schon aufgefallen war. Die brutale Eifersucht dieses Burschen, das wußte sie jetzt – es mußte da irgendeine Bedienerin niedrigsten Grades mit im Spiele sein – hatte den feinen Wiener ans Messer geliefert. Das andere Leben aber hatte ihn, der wahrscheinlich aus anständigen, gebildeten Kreisen in die Tiefe geschleudert war und die guten Manieren als Erbteil seiner Abstammung besaß, hatte den sicher Auftretenden leicht in die Kreise der Kunst und der Lebewelt geführt. Und hier hatte er – nichts in ihr zweifelte mehr an seiner Schuld und sprach ihn frei – im Grabbe-Theater den Diebstahl verübt, von dem sie mehrfach gelesen und bei dem irgendeine hübsche, kleine Schauspielerin aus den Kreisen Melusinens, vielleicht aus reiner Dummheit, die Hilfe geleistet hatte. Sie war entschlossen, ihn nie wiederzusehen. Das war doch selbstverständlich. Selbstverständlich –? Unmöglich war es, undurchführbar! Ihr Name war ja aufgeschrieben worden von dem Beamten in dem kleinen kahlen Zimmer im Bahnhof. Sie würde vor Gericht als Zeugin auftreten müssen. Zunächst vielleicht mehr als beargwöhnte Zeugin. Würde dem Publikum hinter der Schranke lächerlich erscheinen, und mißtrauische, schadenfrohe Gesichter würden ihre verweinten Züge durchwühlen, während sie aussagte. Sicherlich – sie sah einen Herrn im schwarzen Talar sich hinter einem Kruzifix erheben, die dunkle Kappe aufsetzen und hörte seine aus der Gleichgültigkeit der Verhandlung zu feierlicher Würde des Augenblicks gesteigerte Stimme sagen: »Fräulein Klara Kern, sind Sie bereit, das Ausgesagte zu beschwören? So heben Sie die rechte Hand hoch und sprechen Sie mir nach: ›Ich schwöre – bei Gott, – dem Allmächtigen – und Allwissenden –‹« Der Gedanke, ihn nicht mehr zu lieben, fiel ihr nicht schwer. Denn sie hatte ja einen geliebt, den es gar nicht gab. Eine Maske, einen Schauspieler, der abgeschminkt ein ganz anderer, ein Nichtswürdiger war. Aber diese gräßliche Leere in ihr, diese Ausgenommenheit war unerträglich. Und ein Gedanke peinigte sie immer wieder: daß sie es vor sich selbst nicht leugnen konnte, in jenem kleinen Hotel damals bereit gewesen zu sein, die Geliebte dieses Mannes zu werden. Dieses Gewohnheitsschwindlers, der jetzt in vergitterter Zelle saß. Was aber hatte ihn damals bewogen, sie zu schonen – ihre Bereitwilligkeit fast beleidigend zu übersehen? ... Wenn es damals anders gekommen wäre – ehrlich: nach ihrem Trieb und Herzenswunsch – wie grauenvoll! Es wäre ihr nichts anderes übriggeblieben, als jetzt in der Dämmerung eine gefällige Frau aufzusuchen, die durch den ungeschickten Eingriff ihrer rohen Hände den schönen jungen Körper ihres Opfers zugleich befreite und verdarb. Und jetzt, während sie ihre kleine Schuld beglich und das Serviermädchen, mit einem Studenten am Nebentisch kokettierend, in den Taschen einer weißen Schürze umständlich die Groschen zusammensuchte, huschte plötzlich die Gestalt Bocks durch ihre Erinnerung. Es war ein Herr, der dem Direktor in der Figur, auch ein wenig in der Kopfhaltung glich, suchenden Blickes durch das Lokal gegangen ... Bock! Wenn sie nun hinginge – ins Grabbe-Theater – heute abend kurz vor Beginn der Vorstellung, da war er gewöhnlich in seinem Büro. Und wenn sie, die damalige Talentprüfung vergessend, oder nein, ohne es auszusprechen, an sie anknüpfend – anders ging es nicht – mit ein paar bewegten Worten bat, sie für kleinste Rollen gegen mäßiges Entgelt einzustellen ... Nein, nein, nein, so weit war sie noch nicht gesunken – wollte sie nicht sinken! Das hoheitsvolle, verächtliche Lächeln Melusinens, die dann in der gesellschaftlichen Toilette eines kleinen Episodenröllchens aus der Kulisse an ihr vorüberrauschte, konnte ihr Rest von Stolz schon in der bloßen Vorstellung nicht ertragen. Fluchtartig verließ Klara das kleine Kaffee. Der Leidensweg des Morgens wiederholte sich in verstärktem Maße. Die ausgeschriebenen Stellungen, um die sie sich am Vormittag nicht mehr hatte bewerben können – als Probierdame, als Verkäuferin in einer Feinbäckerei, als Vorleserin für einen erblindeten alten Gelehrten, waren alle schon besetzt. Bedauern, Gleichgültigkeit, Mißtrauen schloß überall vor der zu spät Kommenden die Türen. Und die Büros zur Ermittlung von Hauspersonal waren voller, lauter und überheizter als am Vormittag. Auf diesem, von schrecklichen Mischdüften überwogten Menschenmarkt, wo ihre Schüchternheit für Hochmut galt, würde sie nie was finden. Eine Annonce gab ihr noch eine kleine Hoffnung. In der Königin-Augusta-Straße suchte eine alte Dame eine gebildete, sympathische Reisebegleiterin, Anfang der Zwanzig, aus guter Familie, mit heiterem Wesen und etwas Sprachkenntnissen für größere Reisen und längeren Aufenthalt im Süden. Vorzustellen zwischen sechs und acht Uhr nachmittags. Kurz vor sechs Uhr war Klara vor dem vornehmen Etagenhaus im alten Westen. Unruhig ging sie auf und ab. Mit dem Glockenschlag sechs wollte sie eintreten. Vielleicht war sie die erste. Vielleicht gefiel sie der alten Dame, ihr Französisch genügte – das heitere Wesen – lieber Gott, wo sollte sie denn das hernehmen? – aber sie konnte versprechen, alle Mühe wollte sie sich geben und vielleicht, wenn die Fahrt über die Alpen ging – die blühenden Gärten, der blaue Himmel, der Schild des noch nie gesehenen Meeres, der Glanz und Duft, der dort über all den fremden Dingen lag, vielleicht gab ihr all das die roten Backen wieder und die blanken Augen und die Kraft, heiter zu sein, zu lächeln, zu lachen wie früher. Noch fünf Minuten vor sechs. Eine junge Dame, sehr schick aufgemacht, ein bißchen amerikanisch leer das Girl-Gesichtchen, huschte rasch von hinten an ihr vorbei und verschwand im Haus. Dicht hinter dieser kam rasch trippelnden Schrittes, als ob sie der Konkurrentin noch zuvorkommen wolle, ein dürres Fräulein in einem altmodischen Mäntelchen, eine kleine Mappe mit Papieren, wohl Zeugnissen, unter den knochigen Arm geklemmt. Auch sie verschwand eilends in das Haus. Als Klara die zwei Treppen gestiegen war und oben auf breitem Messingschild den in der Annonce genannten Namen gelesen und geschellt hatte, öffnete ein adrettes Zimmermädchen. »Bitte, hier links herein – drei Damen sind schon vor Ihnen.« Fast etwas bedauernd sagte sie das und schloß lautlos die Tür. Richtig, drinnen in dem kleinen eleganten Salon, der ganz erfüllt war von ostasiatischer Kunst in den Vitrinen und an den Wänden, wartete außer den beiden, die Klara schon auf der Straße gesehen hatte, noch eine Dritte. Pausbäckig, dick, gutmütig, aus blauen Augen umherschauend, unsagbar kümmerlich in Aufmachung und Gehaben, saß eine Blondine in der Ecke unter dem, wie es schien, aus Perlmutterstückchen zusammengesetzten Bild des feuerspeienden Fushiama und puderte sich umständlich die ein bißchen zu breite und zu rote Nase. Indem sie zwei neue, nicht sehr aussichtsreiche Erscheinungen ins Zimmer einließ, die sich mit feindlichen Blicken maßen, sagte jetzt die adrette Bedienerin freundlich: »Die Frau Konsul läßt die Dame, die zuerst da war, bitten.« Die dicke Blondine erhob sich mit beglücktem Lächeln und verschwand etwas schwerfällig über den Korridor. Dabei bemerkte Klara, daß sie ein wenig hinkte; und mit einem leisen Triumphgefühl der Hoffnung sagte sie sich: die nicht! Es dauerte auch kaum eine Minute, dann meldete das Mädchen an der Tür: »Die folgende Dame.« Das amerikanische Girl verschwand über den Korridor. Klara meinte, das Köpfchen schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht in der Sammlung, die Ilia ihre »Ahnengalerie« nannte. Aber da war schließlich viel solch unbedeutenden Menschenmaterials unter den von irgendeiner Zeitung oder einem für feurige Blicke empfänglichen Redakteur zu künftiger Prominenz und Unsterblichkeit Angemeldeten zu finden. Etwas länger als bei der Ersten dauerte es, dann kam die freundliche Stimme von der Tür her: »Bitte, die nächste Dame.« Das dürre Fräulein trippelte eiligst hinaus. Nicht ohne an einen seidenbespannten japanischen Wandschirm anzustoßen und dabei ihr unter dem Arm entschlüpfendes Mäppchen zu verlieren, das eine Fülle zum Teil schon etwas angegilbter Papiere über den Boden streute. Klara half höflich der Erschreckten aufheben, während die anderen Damen sich nur durch törichtes leises Gekicher an der Angelegenheit beteiligten. »Danke, Fräulein, danke. Das ist kein gutes Omen«, sagte die Spitzknochige zu Klara, indem sie nicht mehr so sicheren Schrittes das Zimmer verließ. Sie hatte recht behalten. Es war kein gutes Omen gewesen. Schon nach zwei Minuten nickte das hübsche Zimmermädchen von der Tür her Klara freundlich zu: »Jetzt, bitte. Sie, Fräulein.« Als Klara den von einer schönen Kristallkrone bereits hell erleuchteten, reichlich warmen Raum betrat, in dem die Frau Konsul, nicht ohne Sinn für Pose aufgebaut, empfing und ihre Wahl treffen wollte, war ihr erster Eindruck der einer erlesenen Vornehmheit. Ganz weich und lautlos trat ihr Fuß auf echte Teppiche. Von den Wänden grüßten Familienbilder. Die würdigen Herren in Uniformen vergangener Tage mit vielen Orden. Die meist hübschen Damen in großer Toilette einer entschwundenen Mode. Am Fenster in einem schwergeschnitzten, kissenreichen Lehnstuhl, den etwas mageren Körper von einem weinroten Seidenschal umflossen, die Füße in pelzgefütterten Wildlederschuhen auf den Kopf eines Bärenfells gestützt, saß eine alte Dame, deren scharfe Züge Klara ein wenig an Bilder der Cosima Wagner erinnerten. Seitlich des Sessels lehnte, ganz leicht auf die Schulter der Dame gestützt, ein eleganter Dreißiger, dessen sonnengebräuntes Sportgesicht in seinen energischen und ein wenig übertriebenen Linien soviel Ähnlichkeit mit den Zügen der Greisin aufwies, daß eine Vorstellung kaum nötig gewesen wäre. »Mein Sohn«, sagte die alte Dame mit einer flüchtigen Bewegung ihrer schmalen Hand nach dem Herrn hin, der sich ein wenig verbeugte. »Kapitän von Labrin, der seine Mutter nur mit einer Dame so weit reisen lassen will – es soll nach Sizilien und Ägypten gehen – wenn die Begleiterin auch ihm sympathisch und vertrauenswert erscheint. Darf ich um Ihre Zeugnisse bitten?« Klara fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß. »Ich habe keine, gnädige Frau«, sagte sie ruhig. Die Mutter sah fragend zu dem Sohn auf. Aber der erwiderte ihren Blick nicht. Er schien gefesselt von Klaras Erscheinung. Klara spürte wie einen brennenden Strahl seinen unverwandt auf sie gerichteten Blick, der aus Bewunderung und Neugier gemischt zu sein schien. Aber sie sah immer nur die alte Dame an, als sie, ihre letzte Energie zu Ruhe und Zuversicht sammelnd, sagte: »Ich habe mich, gnädige Frau, ganz rasch entschlossen, eine solche oder ähnliche Stellung anzunehmen. Ich habe früher daran gedacht, zur Bühne zu gehen, habe aber doch vielleicht nicht das nötige starke Talent dafür. Ich bin die Tochter eines Beamten des ›Grabbe-Theaters‹, des Kassierers Kern. Mein Vater hat lange nach dem Tod meiner lieben Mutter zum zweitenmal geheiratet. Ich muß mich jetzt selbständig machen. Und da würde mir eine Stellung wie die von Ihnen angebotene außerordentlich zusagen. Allerdings, ob ich genüge ...? Französisch spreche ich ziemlich fließend – Italienisch ein wenig, aber für die Reise wird's wohl ausreichen. Ohne es besonders und in spezieller Ausbildung gelernt zu haben, glaube ich doch in aller Bescheidenheit sagen zu dürfen, daß ich das Wesentlichste, was eine Frau für den Haushalt – –« »Es handelt sich um keinen Haushalt, liebes Fräulein«, sagte die alte Dame mit einer sympathischen Stimme, die jetzt etwas an Wärme gewann. Sie bot mit einer Handbewegung einen Stuhl an. »Wir werden keinen Haushalt führen können. Wir werden in größeren Hotels oder Pensionen wohnen. Zunächst vielleicht in Florenz, das ich nicht kenne, dann in Rom, wo ich durch meinen verstorbenen Mann noch ziemlich bekannt bin, später in Palermo, vielleicht zuletzt in Kairo. Ich muß auf Rat der Ärzte rasch die Sonne suchen, wo sie am freundlichsten und wärmsten ist, möchte mich dabei, so alt ich bin – und so sehr mein lieber Junge darüber zu lächeln geneigt ist –« sie griff nach der Hand des Kapitäns und streichelte sie zärtlich – »möchte mich auch noch ein bißchen bilden. Natürlich am liebsten mit einer Begleiterin, die nicht nur aus dem Zwang des Dienstes heraus, sondern mit einer gewissen – na, sagen wir schon: Begeisterung all das Schöne mit mir anschaut und sich ein wenig zu merken sucht.« Das ist zu schön, um wahr zu werden, dachte Klara, während sie ihren Mut zusammennahm und, ihre Freude dämpfend, Bescheid gab. Gern, sehr gern würde sie solch belehrende Reisen übernehmen. Sie habe sich immer für Geschichte und Kunstgeschichte lebhaft interessiert, auch gute Noten in beiden Fächern in der höheren Mädchenschule gehabt. Es würde ihr aufrichtigstes Bestreben sein ... Alles, was sie sagte, kam ihr banal vor. Als ob sie Vorgedrucktes ablese. Sie hätte sich am liebsten der vornehmen alten Dame zu Füßen auf das Eisbärfell geworfen, hätte ihre Knie umklammert und gebeten: Nehmen Sie mich mit, nehmen Sie mich heraus – und ich will's Ihnen mit meiner ganzen Jugend danken, wenn Sie die Alpen legen zwischen mich und das Schreckliche, das ich hier erlebt habe! Aber da war etwas, das sie hinderte. Während sie sprach – zu banal, zu schüchtern, zu wohlgesetzt, sie spürte es selbst und konnte doch nicht anders – fühlte sie immer bohrend, forschend, verlangend den bewundernden Blick des Kapitäns auf sich gerichtet, der ihre Aufmerksamkeit, der ein »ihn-anschauen« erzwingen wollte. Aber alles in ihr wehrte sich – sie erlag diesem Zwang nicht. Sie hörte plötzlich – hatte sie schon zu Ende gesprochen – wurde sie unterbrochen – hörte die gütige, wohlklingende Stimme der alten Dame. Sie muß einmal sehr schön gesungen haben, dachte Klara unwillkürlich. Diese volle, wohlklingende Stimme sagte ermutigend: »Wir wollen sehen, liebes Fräulein – Sie gefallen mir – bis jetzt habe ich allen Damen, die vor Ihnen sich vorgestellt haben, sagen müssen, daß sie kaum auf die Stellung zu rechnen haben. Ihre Adresse möchte ich erbitten. Ich muß natürlich noch die anderen Damen empfangen; sie haben sich nun einmal die Mühe des Weges gemacht, und man darf die Mahnung nicht mißachten: Prüfet alles und das Beste behaltet – aber –« ein fragender Blick streifte den Sohn, der nichts davon merkte, »– aber ich glaube fast, daß wir ... also bitte, Ihre Adresse.« Klara gab die Wohnung ihres Vaters an. »Danke.« Die Konsulin reichte ihr, mit einem freundlichen Lächeln sie entlassend, die Hand. »Sie hören auf alle Fälle von mir.« Langsam stieg Klara die Treppe hinunter. Im Hausflur begegneten ihr noch zwei Konkurrentinnen. Die eine sah wie Wanderzirkus aus, die andere streng und langweilig wie eine englische Nurse. Auch die Brille fehlte nicht. Das war beides sicher nicht der Geschmack der alten Dame, die da oben in einem weinroten Seidentuch, die Füße auf dem Kopf des Eisbären, eine Begleiterin für den Süden suchte. War noch sicherer nicht der Geschmack des Sohnes. Klara fröstelte ein wenig über den Rücken, als sie an ihn dachte. Und jetzt fiel ihr ein, daß sie – mitten in der, ach, allzu nüchternen Erklärung ihrer Bereitwilligkeit – plötzlich einem inneren Zwange, einer drängenden Eingebung folgend, gesagt hatte: »Würde ich Sie allein begleiten dürfen, gnädige Frau, oder ...« Da hatte die Konsulin etwas erstaunt, aber nicht unfreundlich geantwortet: »Selbstverständlich nur wir zwei. Mein Sohn«, fügte sie, seine Hand wieder ergreifend, hinzu, »würde gewiß seine alte Mutter gern einmal besuchen – er kennt natürlich all die herrlichen Gegenden und berühmten Städte schon, der glückliche Vielgereiste. Aber jetzt ist's zu Ende mit der Odyssee, er ist beruflich gebunden hier.« Gebunden hier – Klara wußte nicht, warum sie jetzt, da sie sich innerlich die Worte der Gräfin wiederholte, eine gewisse Genugtuung dabei empfand und zugleich wieder eine gewisse Unruhe. Flüchtig das Gesicht des Kapitäns mit einem Blick streifend, als seine Mutter so sprach, hatte sie in seinem unbewegten, schönen Männerkopf den Schimmer eines Lächelns aufleuchten und wieder verglimmen sehen. Gesprochen hatte er nichts. Aber als sie ging – das war ihr letzter Eindruck – hatte er den hübschen Kopf zu einer Verbeugung geneigt. Er hatte, als sie eintrat, die Stellungsuchende flüchtig begrüßt. Er grüßte, als sie ging, respektvoll die Dame. Wohin jetzt? – Ein nebliger, unfreundlicher Abend. Die nasse Kälte durchdrang sie. Da oben war es so mollig warm gewesen. Aber sie wollte dankbar sein für die Hoffnung, die sie durch diesen nassen, kalten Winterabend trug. Die einzige Hoffnung eines langen an Enttäuschungen reichen Tages. Sie wollte versuchen, ob jetzt zu Hause jemand ihrem Schellen öffnete. Wollte dem Vater sagen, oder wenn er nicht da war, auf einem Zettel hinterlassen, daß, wenn die Nachricht käme von der Frau Konsulin von Labrin aus der Königin-Augusta-Straße, er die Botschaft für sie in Empfang nehmen sollte. Dann wollte sie zu Ilia gehen – ihr Zimmerchen zu Hause war ja auch vermietet – und wollte ihr, so schwer es ihr fiel, ein ehrliches Geständnis ablegen. Jetzt war sie am Kanal an der Potsdamer Brücke. Die kühle Luft tat ihr wohl, aber das Getriebe, das Gewimmel der Menschen, die aus den schließenden Geschäften sich über die frostige Straße ergossen, folterte ihre von schrecklichen Erlebnissen, schlafarmen Nächten, aussichtsloser Suche nach Beruf und Betätigung gefolterten Nerven. Sie bog rasch am Schöneberger Ufer ab, das unter seinen hohen entlaubten Bäumen still und finster dalag. Zwei junge Burschen, rohe Lümmels, das hatte sie schon an den Silhouetten und an den Bewegungen der halblaut singenden Näherkommenden gesehen, kamen untergehakt auf sie zu. Ließen sich plötzlich, dicht vor ihr, los und zwangen sie, in der Mitte zwischen ihnen zu passieren. Im Augenblick aber, da Klara, ohne ihnen ausweichen zu können, zwischen ihnen war, fühlte sie sich von dem einen roh angefaßt, während der andere ihr ins Ohr flüsterte: »Na, Kleene, 'nen bißchen mitkommen in die Liebeslaube?« In diesem Augenblick aber, als sie vor Schreck und Scham ihre Knie wanken fühlte, geschah das Seltsame. Ein hochgewachsener eleganter Herr, der rasch hinter ihr hergegangen war, hatte den einen der Halbwüchsigen vorn an Weste und Kragen gefaßt, lupfte ihn mit spielerischer Kraft ein wenig vom Boden und schüttelte ihn wie eine Puppe: »Lausebengel! Wird sich so was wohl mal anständig betragen lernen!« Der andere war schon im Trab nach der Potsdamer Brücke zu verschwunden. Als der offenbar mit ungewöhnlicher Muskelkraft ausgestattete Kavalier den Gebeutelten losließ, spuckte der wütend in einiger Entfernung aus und fauchte höhnisch: »Na, dann nimm se dir schon, die Nutte! Du Patentfatzke! Ich bin nicht eifersüchtig.« Aber Klara hörte nichts mehr und sah nicht, wohin der Rowdy verschwand. Unter der Pelzkappe hatte sie die scharfen Züge des Kapitäns erkannt. »Sie – Herr von Labrin –?« »Ja, ich bin Ihnen gefolgt. Was meine gewissenhafte Mutter da noch besichtigt und ausfragt, interessiert mich nicht mehr. Für mich ist die Sache erledigt. Selbstverständlich bekommen Sie die Stellung. Ich werde dafür sorgen. Und dann – in Florenz – spätestens in Rom – ich muß sehen, wie rasch ich mir den Urlaub erwirke – stehe ich plötzlich als Überraschung für meine Mutter vor Ihnen. Ich muß Sie wiedersehen, sobald wie möglich. Muß Ihnen beistehen –« er sagte das mit gedämpfter Stimme und beugte sich dicht zu ihr – »muß Ihnen helfen, die schrecklichen Erlebnisse zu vergessen, vor denen Sie fliehen.« »Kennen Sie denn –« stotterte Klara, einen Schritt zurückweichend – »woher wissen Sie denn und woher wollen Sie wissen –« Sie stieß die letzten Worte heftig hervor, während sie, ohne ihn anzusehen, rasch den Kanal entlangging. »Woher –?« Er blieb dicht neben ihr. »Ich holte am Freitag abend einen früheren Kameraden, der mit dem Zug von Genua kam, am Anhalter Bahnhof ab.« »Ogott, ogott!« »Aus Neugier näherten wir uns einem Menschenauflauf, der sich auf dem Bahnsteig langsam hinter einem seltsamen Paar und den begleitenden Kriminalbeamten herwälzte. Da hab' ich Sie gesehen. Wir waren beide, mein Freund und ich, von Ihrer Unschuld sofort überzeugt. Und Sie waren so schön, so rührend schön in Ihrem Schreck, in Ihrem Leid ... ich wollte Ihnen meinen Schutz anbieten, aber in dem Moment, als Sie, von den Beamten entlassen, wie eine Nachtwandlerin durch die Gänge nach dem Ausgang taumelten, wurden wir – ein Kriminalkommissar hatte meinen Freund dicht hinter dem ... nun, dicht hinter dem Verhafteten den Wagen entsteigen sehen – wurden wir festgehalten. Mußten uns legitimieren. So rasch das auch ging – Sie waren verschwunden, als dieser ärgerliche Zwischenfall erledigt war ... Ich rechne es zu den glücklichsten Zufällen meines Lebens, daß ich Sie auf diese Weise wiedergefunden habe. Daß ich auf diese Weise die Möglichkeit erhalte – –« »Herr Kapitän« – Klara hielt sich mit beiden Händen rückwärts an dem Geländer der Kanalböschung fest, als sie jetzt mit fast versagender Stimme so sprach: »Herr Kapitän – ich danke Ihnen, daß Sie – vorhin geholfen haben ... Ich danke Ihnen für – für Ihre gute Meinung und – für alles danke ich Ihnen von Herzen. Aber nun seien Sie nicht böse, wenn ich ... seien Sie großmütig – – lassen Sie mich jetzt bitte, bitte, allein.« »Aber nein, liebstes Fräulein, Sie halten sich ja kaum aufrecht ... ich begleite Sie nach Hause – oder wohin Sie wollen.« »Nein, nein, bitte nicht.« Mit letzter Anstrengung log Klara: »Mein Vater – wir sind verabredet, er kommt mir hier am Kanal entgegen vom Lützowplatz. Und hier – er muß gleich auftauchen – es wäre mir schrecklich, wenn der alte Mann, ich kann ihm doch nicht alles so auf der Straße – er weiß von nichts – wäre mir unerträglich, verstehen Sie doch – ihm jetzt erzählen und deuten zu müssen, was er alles einmal, wenn ich ruhiger bin und klarer denke, gewiß erfahren soll. Er weiß doch gar nicht, daß ich weg will von hier, weg muß. Bitte, bitte, lassen Sie mich jetzt allein!« Von dem flehenden Ton ihrer Stimme sichtlich ergriffen, blieb der Kapitän stehen. Einen Augenblick überlegte er. »Und ich sehe Sie wieder?« »Sie haben ja – meine Adresse.« »Und wenn Sie mich noch vorher brauchen – vorher sehen wollen – hier ist meine Karte. Ich wohne nicht bei meiner Mutter. Telephon ist darauf vermerkt. Wenn ich nicht selbst am Apparat bin, meldet sich eine Bedienerin, eine zuverlässige alte Frau, der Sie vertrauen und alles sagen können, was für mich bestimmt ist.« Klara nahm die Karte und nickte müde. »Auf Wiedersehen also.« Er preßte flüchtig ihren Arm an sich und führte ihre Hand an die Lippen. »Auf baldiges Wiedersehen!« Sie war allein. Und immer noch hatte sie das harte, kalte Geländer der Kanalböschung im Rücken. In der Hand hielt sie seine Karte. Da plötzlich, mitten im Wirbel der Gedanken, die sie bedrängten, mitten heraus aus dem Erlöstsein von dem fremden, leidenschaftlichen Mann, dessen Blicke noch schmerzhaft in ihren Augen brannten und dessen Atem sie noch an ihren Fingern spürte, kam ihr etwas Furchtbares zum Bewußtsein, etwas kaum Faßbares, das sie gewaltsam in die Gegenwart zurückriß. Ihr Täschchen! – wo war ihr Täschchen? Ihr Täschchen mit den paar Mark, die ihr noch geblieben waren, mit dem Schmuck ihrer Mutter, dem Bild von dem kleinen Hugo, mit dem Schlüssel zu Ilias Wohnung und ihrer goldenen Taschenuhr, die sie zur Konfirmation bekommen hatte. Wo war das Täschchen? Lag es am Boden – nein. War es die Böschung hinuntergerollt – nein. Wie sollte es auch?! ... Aber jetzt spürte sie in erleuchtender Erinnerung wieder den Druck, den Griff des einen der beiden sie anrempelnden Rowdys vorhin. Das war der Sinn gewesen, dieser sich in Liebesverlangen versteckenden Gemeinheit. Raub! Ihr Täschchen mit dem armseligen Letzten, was ihr geblieben war, durchwühlte der Bursche jetzt irgendwo in einem Winkel der Großstadt mit gierigen Fingern. Nichts, nichts mehr nannte sie ihr Eigen, als das Hemd auf dem Leibe, das Kleid, das sie trug, und die Hoffnung, die leise Hoffnung als einzige Zuflucht, die Stellung anzutreten bei einer gewiß vornehmen und klugen, gütigen alten Dame – deren Sohn mit brutalem Siegerwillen, eingeweiht in ihr intimstes Schicksal, nur auf die Stunde wartete, sie als freiwilliges Opfer unter dem blauen Himmel der Fremde zu seiner Geliebten zu machen ... Und sie empfand nichts für ihn – sie liebte ihn nicht, würde ihn niemals lieben, würde nie diese tyrannischen Augen streicheln, nie diesen wie zu harten Kommandos gebauten schmallippigen Mund küssen können ... Beschämt, verzweifelt; erniedrigt hörte sie plötzlich im Ohr den weichen Wiener Tonfall des anderen, der ein Lump war, ein überführter Betrüger, ein Verbrecher vielleicht – Aber geliebt hatte sie ihn, geliebt ! War in der Phantasie schon seine Geliebte gewesen – hatte in seinem Arm gelegen, bereit, sich zu schenken ... Da unten schimmerte und gleiste, müd' und träge fließend, der Kanal... Aus ihrem Studium klassischer Rollen – wahllos und mit Begeisterung einst betrieben – lag's Jahre zurück, war's gestern? – aus ihrem Rollenstudium klang ihr das Wort der Stauffacherin herüber: »Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei!« Frei von sich selbst. Frei von den Männern, deren gierige Augen das Wurfseil nach den fliehenden Frauen lenkten. Frei von dem Schmerz der Erniedrigung, frei von der Hoffnungslosigkeit, frei von der zudringlichen Neugier der Fremden und dem beschämenden Mitleid der Nächsten – frei, frei! Und wiederum sich ängstigend vor der eigenen Sehnsucht, vor der Lockung des da unten träg fließenden Wassers, in das der Bäume schwarze Schatten fielen, lief sie vorwärts, lief, lief, bis sie am Gelände der van-der-Heydt-Brücke stand, müde, atemlos, verzweifelt. Die Laternen flammten freudlos einen Lichtkreis in den Nebel. Ihr sparsames Licht setzte sich nicht durch gegen den silbrigen Dunst, der vom Wasser aufstieg. Klara maß mit sachlicher Ruhe die Entfernung von einem Geländer zum anderen. Sie würde unter die Brücke getrieben werden. Vielleicht erledigte sie die Kälte des Wassers schon, der Schreck und der eiserne Wille, ein Ende zu machen. Dort an der Böschung der Rettungsring, der würde ihr sicher zugeworfen werden – griff sie nach ihm, so faßte sie das erste Glied einer endlosen Kette neuen Leids, neuer Schmerzen, neuer Demütigungen. Für die in ihren triefenden Kleidern lächerliche Gerettete begann mitten im Knäuel der sich drängenden Neugierigen eine Verlassenheit, aus der keine Liebe, keine Freundschaft mehr zu normalem Leben zurückführen konnte ... Und eine Rettung gegen ihren Willen? Einen Augenblick zuckte die Erinnerung durch ihren Kopf an Berichte, an kurze Mitteilungen, die sie früher oft im lokalen Teil der Zeitungen gelesen. Junge Wagemutige, sportgestählte Schupos oder zufällig vorübergehende Soldaten waren solchen Lebensmüden nachgesprungen und hatten sie – oft erst nach verzweifeltem Kampf – gerettet. Oh, wie widerlich und unwürdig war das, mit einem anständigen tapferen Mann gegen das eigene Leben zu kämpfen, ihn zu zwingen, Gewalt anzuwenden – mit der Faust der sich Wehrenden ins Gesicht zu schlagen oder mit krallenden Fingern die Haare zu greifen und die Willenlose nach sich ans Ufer zu ziehen. Aber wer half ihr hinüber – wenn nicht der kalte, nasse Streifen da unten, der glühende, lockende Lichtchen durch den Nebel warf? Ausgeplündert war sie, zu arm, Veronal zu kaufen; zu arm, eine Waffe zu erstehen ... Und der dumpfe Trieb: fort, hinaus aus diesem Leben ins Nichts, ins Vergessen, ins Vergessenwerden – der Trieb war plötzlich so überwältigend stark in ihr, daß ihr Entschluß keinen Aufschub mehr duldete. Ein paar Gymnasiasten gingen vorbei und kopierten lachend mit der Respektlosigkeit des Hasses ihre Lehrer. Zwei alte Leute schoben auf einem Karren ein paar armselige Habseligkeiten. Ein elegantes Paar, den Pelz über das Gesellschaftskleid geworfen. »Hoffentlich wird nicht wieder Kammermusik gemacht – und wird gleich getanzt«, sagte die Dame im Vorübergehen. Musik – Tanz – das gab's noch? Nichts mehr für sie, nichts für sie. »Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei –« Schon war sie mit dem rechten Knie auf dem Geländer, fühlte die Kälte des Eisens wie eine Lockung des Wassers da unten. Schon stieß der linke Fuß vom Boden ab, der Kopf hing schon dem Wasser zu. Sie schloß die Augen, und die Lippen lagen fest aufeinander – jetzt – Der Griff zweier Hände riß sie zurück. Die Hände hoben die auf dem Pflaster der Brücke Kniende auf und betteten die Kraftlose für einen Augenblick an eine dürftige weibliche Brust. Aber Klara spürte ein Herz, ein menschliches Herz hämmerte an das ihre. Und dies hämmernde Herz war der erste Ton, der sie wieder ins Leben rief, mit dem ihre Verzweiflung abgeschlossen hatte. Sie öffnete die Augen. Unter einem fürchterlich verbogenen Schippenhut, um den ein goldbedrucktes, schmales, rotes Band lief, in einem knochigen, blassen Gesicht zwei hellblaue Augen voll Güte und Mitleid. »Kommen Sie, arme, liebe Schwester«, sagte leise eine ganz sanfte, fast kindliche Stimme dicht an ihrem Ohr. »Kommen Sie: Was brauchen die anderen Menschen zu wissen, daß Sie einen Augenblick schwach waren. Schwach, wie wir alle schon gewesen sind. Wo darf ich Sie hinbringen?« »Nirgends. Lassen Sie mich!« »Ich lasse Sie nicht mehr. Haben Sie kein Zuhause?« »Nein.« »So sind Sie unser willkommener Gast. In unsers Vaters Hause sind viele Wohnungen. Auch für Sie ist ein Zimmerchen bereit.« »Meine Füße tragen mich nicht mehr.« »In solchen Fällen darf ich einen Wagen nehmen.« »Wohin wollen Sie mich fahren?« »In unser nächstes Heim. Sie müssen erst wieder einmal Menschen sehen und müssen an die Güte glauben.« »Ich glaube an Ihre Güte –« sagte Klara leise und sah einen Augenblick in die sanften Augen unter dem häßlichen Schippenhut. Dann legte sie den blutleeren Kopf wieder an den dürftigen Busen und vernahm das Pochen eines Herzens. »Nicht von mir ist die Rede«, sagte über ihr die leise Stimme der sorgenden Frau. »Bald werden Sie wissen, daß ich es nicht war, die sie jetzt zurückgehalten hat. Nein, da oben im Himmel hat mich einer diesen Weg geschickt, daß ich Sie finde. Daß ich meine schwache Hand lege mit seiner Kraft auf Ihren Arm und daß ich zu einer Verirrten sage: ›Komm, komm zu uns! In unsers Vaters Haus sind viele Wohnungen‹« Ein Taxameter hielt und nahm die beiden Frauen auf. »Wohin fahren wir?« fragte Klara. Ein wohliges Gefühl der Geborgenheit, glücklich und müde machend zugleich, breitete sich allmählich durch ihren ganzen Körper. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr denken, nicht mehr handeln zu müssen, nicht mehr verantwortlich zu sein – nur umsorgt, gehegt und getragen zu werden. »Wir fahren in unser nächstes Heim. Sie werden gut und still schlafen diese Nacht.« »Aber vorher wird man mich ausfragen –« Klara fuhr noch einmal hoch. Die schrecklichen Erinnerungen an das kahle Zimmer im Anhalter Bahnhof stiegen, die entschlummernde Phantasie aufrüttelnd, in ihr auf. Sie sah die harten, mißtrauischen Gesichter um sich, und erkannte den auf das Papier gebeugten Beamten wieder, der aufschrieb, was sie mit leiser Stimme auf seine Fragen antwortete. »Sie werden nach nichts gefragt. Wir sind keine Frager, aber wir sind eine Antwort, kleine arme Schwester. Sind die Antwort auf jede Menschennot.« Klara ließ sich wieder zurückfallen, und das müde machende Wohlgefühl ergriff wieder Besitz von ihr. »Und wenn ich komme, forscht niemand –« Eine knochige aber gütige Hand strich über ihre feuchte Stirn. »Wir reden nicht und wir fragen nicht – wir helfen nur. Und was wir geben können, das geben wir. Und das ist Rat und Brot und Arbeit.« »Aber –« Klara sprach mit geschlossenen Augen. Diese melodische Stimme, die eben ihr antwortete, tat ihr unsagbar wohl, und sie konnte nicht genug von ihr hören. »Aber – Sie wissen doch gar nicht, ob ich glaube, was Sie glauben – ob ich ...« »Wozu bedarf es solchen Wissens? Die Paria Indiens glauben an uns, die Trunkenen von Neuseeland wanken uns zu, die blinden Bettler Chinas fassen nach unseren Händen – das macht, wir fragen nicht: ›Bist du getauft? Nimmst du das Abendmahl? Glaubst du an die Auferstehung des Fleisches?‹ Wir wissen nur: du suchst Gott, denn du kommst zu uns. Und wenn du trotzig in der Irre gehst und ihn nicht suchst, so wirst du ihn doch finden. Bei uns. Denn unter dem gelben Stern in der blauroten Fahne kämpfen die waffenlosen Soldaten des Friedens und des Mitleids für ihn. Sie ekeln sich nicht vor dem Aussatz von Java und nicht vor dem Gestank der Lasterhöhlen von Schanghai. Wie sollten sie sich vor Schuld und Leid niedergebrochener Europäer scheuen, die doch eines Blutes mit ihnen sind?« Als die Stimme über ihr in dem Dunkel des Wagens so zu ihr sprach, tauchte in Klaras Erinnerungen ein großer seltsamer kupferner Kessel auf. Der war gestützt von drei lanzenartigen Stangen und stand irgendwo im Westen mitten im Verkehr der Straße zur Weihnachtszeit. Geöffnet war er, mildtätige Gaben zu empfangen. Und über Kessel und Lanzen wehte im Wind eine Fahne, blaurot, mit dem gelben Stern darin. Und schmale, reizlose Frauen mit geschmacklosen Schippenhüten in gleichgeschnittenen dunklen Tuchkleidern und Männer mit der Tellermütze auf dem Kopf standen dabei und sangen. Sangen, gläubig und ernst und ohne sich vom Hohn und Zuruf umstehender Gottloser stören zu lassen, fromme, kindlich schlichte Texte zu wunderlich fröhlichen Melodien. Und eine Posaune quiekte manchmal mitten in den Gesang. »Ich glaube, ich habe manchmal über euch gelacht oder doch gelächelt«, sagte Klara jetzt leise und schloß, müd und immer müder werdend, die schweren Augenlider. Von draußen fielen die grellen Lichter der Tauentzienstraße in den langsamer fahrenden Wagen hinein. »So haben Sie nur getan, liebe kleine Schwester, wie viele, viele tun. Es ist ja auch nicht alles unser Geschmack, was wir üben und wie wir's üben. Aber unser Gründer und großer Lehrer, William Booth, der in Whitechaple den Ausgestoßenen und Gezeichneten furchtlos von Jesu von Nazareth und seiner Liebe sprach, der hat uns gelehrt, mit der noch rohen, widerstrebenden Masse umzugehen. Für sie die Posaunen und Trompeten, die Fahnen und die Umzüge – für uns die Stille. Durch das Tor eines lauten und bunten Jahrmarkts locken wir die Widerstrebenden hinein, die Mißtrauischen und Verstockten. Hinein von den schmutzigen Straßen der Welt in den heiligen, sauberen Friedensgarten Gottes. Und hinter dem aufdringlich werbenden Lärm auf den Märkten der Erde flüstert die leise Botschaft der Gnade des Himmels den Allerärmsten ins Ohr, den Gefallenen und Enterbten.« Der Wagen hielt. Klara war eingeschlafen. Tiefste Müdigkeit des erschöpften Körpers und der gequälten Seele, sanft gelöst vom herrlichen Gefühl einer langentbehrten Geborgenheit, hatte über ihre Sinne den schützenden Schleier geworfen. Wenige Minuten später trugen drei schweigende Frauen, weibliche unbesoldete Soldaten im selbstgewahlten Kampf für Gott, wortlos und behutsam wie gelernte Krankenschwestern, auf einer strohgeflochtenen Tragbahre die sanft und traumlos Schlummernde ins Heim der Heilsarmee. Es war, nicht zu leugnen, ein sehr ungünstiger Moment, den der Untermieter Veit Uhlig gewählt hatte, um mit seinem Wirt, dem Kassierer Siegmund Kern, über die ihm wichtigste Angelegenheit sich auszusprechen. Auf das überraschende Klopfen an der Stubentür hatte Siegmund bestürzt und etwas vorlaut »Herein« gerufen. Dem eintretenden Veit bot sich ein merkwürdiger Anblick. Während Siegmund in seiner Sonntagshose – obschon es ja Montag war – hemdsärmelig vor dem Spiegel stand und zum fünften Male versuchte, sich den bereits viermal gründlich mißratenen Scheitel zu ziehen, lag das Hugochen mit herabgelassenen Höschen bäuchlings auf dem Bett. Es hatte – zur rektalen Messung, die bei Kindern üblich ist – ein Fieberthermometer, wie einen gläsernen Pfeil, in der Kehrseite stecken, während es sich – solcher Messung anscheinend gewöhnt – mit aufgestützten Ärmchen sein auf dem unberührten Bett Melusinens liegendes Bilderbuch zum gewiß hundertsten Male liebevoll betrachtete. Veit blieb einige Augenblicke, stutzend ob der Seltsamkeit dieser für einen Junggesellen durchaus ungewohnten Familienszene, wie angewurzelt auf der Schwelle stehen. Aber schon rief Siegmund höflich und besorgt: »Ach, verehrter Herr Uhlig, sehr angenehm. Bitte, treten Sie ein und schließen Sie freundlichst die Tür recht fest, daß keine Zugluft an das Hugochen kommt.« Und da er des verblüfften Mieters forschendes Auge auf das Kind, oder was er von ihm zu sehen bekam, gerichtet sah, äußerte er, erklärend und entschuldigend, während er zum Empfang des unerwarteten Besuchers in den bereithängenden, ihm längst zu weit gewordenen Sonntagsrock fuhr: »Das Kind hat nämlich – still liegen, Hugochen! – hat heute nacht so unruhig geschlafen. Ich habe es leider nur allzu gut konstatieren können, denn ich hatte selbst eine, ich kann wohl sagen, ziemlich schlaflose Nacht. Ich fürchte, das Bübchen hat Temperatur. Es fiebert so leicht. Nun ist meine Frau nicht da, und ich möchte oder muß vielmehr das Hugochen heute auf einen unaufschiebbaren Gang mitnehmen – denn die gute Frau Schumann ist doch auch krank, die sonst –« Da Veit von der Messung der Temperatur bei Kindern ebensowenig wußte wie von der plötzlichen »Reise« Melusinens und keine Ahnung hatte, wer die genannte gute Frau Schumann sein könnte, so blieb für ihn die ganze Sache ziemlich unklar. Aber der sichtlich erregte Siegmund enthob ihn jeder, diese Tatsache beschämt eingestehenden Äußerung, indem er eifrig fortfuhr: »Aber jetzt, glaub' ich – sind die zehn Minuten vorbei – wir können das Thermometerchen herausnehmen ... So, Hugochen, du kannst dich wieder zuknöpfen. Sie entschuldigen schon, Herr Uhlig. Aber die Grippe wütet stark unter den Kindern – und ich habe doch schließlich in Abwesenheit meiner lieben Frau die volle Verantwortung.« Siegmund war ans Fenster getreten. Er hatte den ausgeleierten Zwicker, der auf der Nase mit der Hand festgehalten werden mußte, aufgesetzt und hielt mit der anderen Hand das Thermometer ernst prüfend gegen das Licht. »Siebenunddreißig zwei«, konstatierte er, »das wäre Fieber – oder doch erhöhte Temperatur – aber –« »Über siebenunddreißig darf es, glaube ich, morgens nicht anzeigen, das Thermometerchen«, sagte Veit, um auch irgendein Wort zu äußern, das seine sachverständige Teilnahme an den außergewöhnlichen Vorgängen verriet. »Ja«, belehrte Siegmund – »unter dem Arm gemessen. Bei Erwachsenen. Aber bei Kindern – rektal – muß man fünf Striche abziehen. Also siebenunddreißig zwei weniger fünf sind sechsunddreißig sieben, nein – das Hugochen hat, Gott sei Dank, keine Temperatur. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Denn wenn meine liebe Frau nach Hause kommt –« »Wo ist Ihre Frau Gemahlin?« fragte Veit harmlos. Siegmund hätte sich am liebsten den Wassereimer, an den er gerade mit dem Fuß gestoßen war, über den Kopf gestülpt, um jetzt nichts mehr zu hören und nichts zu sehen und nichts antworten zu müssen. Erst wollte er sagen: »im Harz bei Verwandten«, dann hatte er auf der Zunge: »in Nowawes bei einer kranken Freundin«. Schließlich entschied er sich – ohne den Wassereimer aufzustülpen oder sonst Unsinniges zu verrichten oder zu sagen – im Anblick des Hugochens, das sich redlich, aber nicht sehr glücklich mühte, für die Knöpfe an seinem Höschen die Knopflöcher an seinem Leibchen zu finden, für das geheimnisvolle Wort: »Pscht, es ist eine Überraschung für das Kind!« Veit verstand zwar durchaus nicht, wie das Reiseziel einer Mutter eine Überraschung für das zu Hause gebliebene Kind sein könnte. Aber da ihm die Abwesenheit Melusinens, gleichviel, wo sie sich jetzt vergnügte, nicht unangenehm schien, nickte er bloß zustimmend mit dem Kopf und sagte: »Aha.« Siegmund entfernte die meist zerbrochenen Holztierchen von Hugochens Arche Noah von dem einzigen verfügbaren Stuhl und bot dem Gast diesen Ehrensitz an. Dann mühte er sich, Entschuldigungen murmelnd, um seinen Hals einen frischen Kragen umzulegen, der, wie die meisten Kragen, die in Berlin von der Plätterin kommen, verbrecherischerweise an den stets verklebten Knopflöchern besonders heftig gestärkt war. Diese sonst alle vier Tage von Siegmund aufgeführte Komödie, wenn er, die wunderlichsten Grimassen schneidend, die Wäscherin, sich selbst und das menschliche Leben verfluchend, einen neuen Kragen umband, war eine der wenigen sich regelmäßig wiederholenden Ergötzlichkeiten in Hugos Leben. Das Kind stand denn auch diesmal in heller Begeisterung und schlecht geknöpften Höschen dabei und sah dem allerdings durch die Anwesenheit eines Fremden etwas geminderten Veitstanz des verzweifelten Vaters zu. »Sie haben Besonderes vor heut', Herr Kern?« fragte Veit höflich. »Ja«, sagte Siegmund, der sich gerade den zweiten Fingernagel abgebrochen hatte. »Ich will – ich muß – einen offiziellen Besuch bei unserem verehrten Direktor Böck machen. Der ist leider immer nur zu den merkwürdigsten Zeiten bestimmt zu fassen. Abends kurz vor Beginn der Vorstellung – aber da sitze ich ja an der Kasse – und morgens ganz früh. Er leidet an Schlaflosigkeit, der Direktor, steht mit den Hühnern auf und liest meistens von acht Uhr bis Halbzehn in seinem Büro die Morgenblätter. Und da ist auch –« es war, als ob er sich das selber zum Trost erzählte – »die Laune besser bei dem vielbeschäftigten, nervösen Herrn, der ja schließlich in dieser schweren Zeit auch nicht auf Rosen gebettet ist.« »Aber Sie haben noch ein paar Minuten Zeit?« »Ein paar Minuten –« Siegmund verglich seine Taschenuhr mit dem Regulator an der Wand. »Ja. Aber man hat fast eine halbe Stunde Weg nach dem Grabbe-Theater.« »Ich habe zufällig nachher auch in der Stadt zu tun, Herr Kern«, sagte Veit, auf die Uhr sehend. »Ich werde Sie und den Jungen, wenn es Ihnen recht ist – ich muß mir sowieso ein Auto nehmen – werde ich Sie rasch am Grabbe-Theater absetzen. Gerade wollte Siegmund dankend ablehnen, als ihm das Hugochen begeistert den Arm und mit diesem den linken Kragenflügel, dessen schier gepanzertes Knopfloch gerade zur Hälfte in den Knopf gerutscht war, herunterriß. Alle Scheu und Wohlerzogenheit vergessend, jubelte der Kleine: »Papa, wir fahren Auto – Hurra, wir fahren Auto!« Da gedachte Siegmund Kern wehmütig seiner letzten üblen Autofahrt, der unsinnigen, vergeblichen Jagd hinter Klara her. Und vor seiner Seele stand wieder: wie er es als schwere Schuld gegen das bloß vollgespritzte Hugochen empfunden hatte, daß er das Kind, dessen heißes Verlangen solcher Fahrt »im Wagen ohne Pferde« zuflog, nicht in das Auto hereingenommen hatte. »Ja, wenn Sie wirklich so freundlich sein wollen, Herr Uhlig« – er sah dabei gerührt das Bübchen an, dessen Gesichtchen so voll Sonne war, wie lange nicht. »Abgemacht also, Herr Kern, ich möchte –« Veit stockte einen Augenblick. Er hatte angenommen, daß er beide Kerns treffen werde, Frau Melusine auch. Nun mußte er für diesen nicht eingetroffenen Fall die in Aussicht genommene Taktik ändern. »Ist es etwa wegen der Bedienung?« fragte Siegmund besorgt. »Sie müssen jetzt schon entschuldigen – wo meine Frau verreist ist –« »Es ist nicht wegen der Bedienung«, schnitt Veit rasch ab. »Es ist vielmehr – hm – ja, hat Ihnen Ihre Gattin nicht erzählt, daß ich mit ihr wegen eines Bildes gesprochen habe –« »Ich verstehe schon«, nickte Siegmund, der keine Details dieser Unterredung kannte, »die Bilder an der Wand Ihres Schlafzimmers sind Ihnen zu unruhig, zu blutig. Man schläft schlecht, wenn rings um einen an der Tapete gekämpft und gemeuchelt wird. Ich könnte Ihnen statt des Gustav Adolf die ›Heimkehr des Matrosen‹ hinhängen. Ein altes Mütterchen beim Weihnachtsbaum, das seinen Sohn, es kann auch der Enkel sein ... Ein ganz hübsches Bild, das haben wir auf dem Boden.« »Nein, nein!« Veit, der als höflicher Mann nicht gern unterbrach, tat es doch. »Lassen Sie mir nur ruhig all die sterbenden Helden da hängen. Das Bild, das ich im Auge hatte, ist eine Photographie, die eine junge Dame darstellt.« »Klärchen!« sagte das Hugochen und zählte die Holzesel in seiner Arche Noah. »Wieso Klärchen?« Veit stutzte. Klara heißt sie, frohlockte es in ihm, das paßt eher. Paßt hundertmal besser zu ihr als »Dortchen«. »Klara ist meine Schwester«, sagte das Hugochen wichtig – »nicht ganz, aber so halb.« »Ach, der Junge weiß ja nichts«, wehrte Siegmund verlegen. »Geh mal hübsch in die Küche, Hugochen, und trinke die Milch, die ich dir hingestellt habe. Du darfst dir auch ein Stückchen Zucker nehmen, von dem Würfelzucker aus der Blechdose. Aber nur eins, gelt, eins! Und beide Semmeln darfst du essen, ich habe heute keinen Appetit.« Das Hugochen verschwand folgsam nach der Küche. Die zwei Semmeln lockten den Jungen wenig, denn dies übliche Backwerk war, dank Melusinens Sparsamkeit, immer vom Tage vorher. Aber das Stückchen Zucker war sonst nur ein Sonntagsbenefiz. Während Siegmund dem verschwindenden Jungen nachsah und hinter ihm die Türe schloß, überlegte er. Er hatte Melusine versprechen müssen – es war wohl die letzte längere Unterredung gewesen, die sie zusammen hatten, ehe sie – verreiste – hatte ihr versprechen müssen, der unnützen, ungestümen Neugier ihres Mieters, wie sie es nannte, in punkto ihrer persönlichen und familiären Angelegenheiten in keiner Weise Vorschub zu leisten. Jetzt hatte sich sein Mieter erhoben von dem einzigen Stuhl und stand dicht neben ihm. Ein hübscher, wohlerzogener, freundlicher junger Herr. Die Herzlichkeit seiner Bitte wurde unterstützt von seinen gutmütigen blauen Augen, als er mit leiser Stimme sagte: »Sie erfüllen mir einen großen Herzenswunsch, Herr Rendant –« »Ich bin nicht Rendant, ich bin nur ganz einfacher Kassierer«, unterbrach Siegmund. »– einen großen Herzenswunsch; und Sie schaden – mein Ehrenwort – niemandem dabei, wenn Sie mir von der jungen Dame alles erzählen, was Sie wissen.« Da holte Siegmund tief Atem und sprach langsam, mehr zu sich als zu einem anderen: »Ich habe mir in dieser schlaflosen Nacht geschworen: heute soll kein unwahres Wort über meine Lippen kommen. Heute will ich alles beeiden können, was ich sage. Und sie hat kein Recht gehabt, mir Schweigen aufzuerlegen. Wozu auch – was ist denn hier zu verbergen?!« Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte Veit jedem der zunächst etwas rätselhaften Worte. Als Siegmund jetzt innehielt, legte er ihm rasch die Hand auf den Arm und sah ihm tief in die Augen. »Ist das Fräulein, dessen Bild drüben bei mir hängt, wirklich die Tochter Ihrer Frau Schwester?« »Nein. Ich habe nie eine Schwester gehabt.« »Heißt sie – Dortchen?« »Nein. Sie heißt Klara.« »Ist sie jetzt in Amerika?« »Nein. Sie war gestern noch hier. Die Portierfrau hat sie gesehen – hat mit ihr gesprochen.« »Wer ist sie?« »Meine Tochter.« »Ihre Tochter?!« Das leise Erstaunen wich in Ton und Miene einem unhemmbaren Entsetzen, als Veit die Frage hervorstieß: »Ihre und Ihrer Gattin Tochter – die ...« »Nein!« Ganz rasch und laut wie einen heißen, unbedingt notwendigen Protest schleuderte Siegmund dieses »Nein« heraus. »Meine tote Frau, meine erste – ein Engel von einem Weib, lieb, gütig, geduldig und noch im Tode so schön – so schön –« »Wie die lebendige Tochter!« »Ich weiß nicht, ob sie schön ist, die Klara.« Ganz einfach sagte Siegmund das vor sich hin. »Ich weiß nur, daß sie lieb und gut ist. Und all meine Sehnsucht nach ihr – es ist vielleicht schlecht, lieber Herr, was ich jetzt sage, aber sehen Sie, meine Frau ...« »Die tote – oder die verreiste?« »Die – lebende«, sagte Siegmund langsam, denn ihm fiel ein, daß er geschworen hatte, nicht zu lügen, und das unwahre »verreist« ging ihm nicht mehr über die Lippen. »Die lebende. Sie ist – in einer traurigen Situation, sie härmt sich jetzt, ängstigt sich, bereut vielleicht manches – ich weiß. Ich kann ihr nicht helfen. Aber ich habe die ganze Nacht nur an sie gedacht, an die andere – an das Mädel, das einmal hier der Sonnenschein war – und das Hausmütterchen, bis ich Ochse ... Hier an der Türe hat sie gestanden, an meiner Türe, an ihres Vaters Tür – hat geklopft, hat sich mir an den Hals werfen wollen, sich auszuweinen vielleicht – hat mich gebraucht. Und ich war nicht da, die Türe blieb verschlossen – und die Portierfrau allein – Gott, wie ich die widerliche Person beneide! – hat sie gesprochen, gesehen – hat ihre Hand vielleicht fassen dürfen –« »Wissen Sie denn gar nicht, wo Sie das Fräulein finden können?« »Nein, nein – das ist doch das Schreckliche! Neulich – vor ein paar Tagen – habe ich sie auf der Straße gesehen. Plötzlich am Abend war sie vor mir, wie ein Phantom, das gar nicht auf leiblichen Füßen geht, das bloß so schwebt.« »Wie denn – ein Phantom? – Sie auch – Sie haben auch eine Erscheinung ...?!« Siegmund hörte gar nicht auf die leidenschaftliche Unterbrechung. Ein mächtiges Gefühl in ihm, das in Ketten gelegen hatte, dem Knebel in den Mund gesteckt waren, fühlte sich plötzlich erlöst, befreit, bekam plötzlich Kraft und Stimme. Unhemmbar strömte die lang zurückgedrängte Klage aus seinem erlösten Mund. Er hatte Veit am Arm gefaßt und niedergezogen wie einen alten Freund, wie einen ersehnten Beichtvater, dem er beichten wollte. Auf dem harten Holzrande des von Melusinen unberührten Betts saßen die beiden Männer. Der junge blaß, erschüttert, mit großen Augen jedes Wort, schon ehe es gesprochen war, pflückend vom Munde des anderen. Der aber, der stille, gedrückte Siegmund, plötzlich von einem heißen Bekennerrausch erfaßt und von einer wilden Freude, von seinem Kinde Gutes zu sprechen, von seinem geliebten Mädel, das er hier nicht mehr hatte erwähnen dürfen, mit keinem Wort – wochenlang – und noch ein anderes drückte und quälte ihn, sich selbst klein und schlecht zu machen als Vater, der, sich feige duckend unter dem furchtbaren Druck eines zänkischen, herrschsüchtigen Weibes, seine tote Liebe verraten hatte und sein unschuldig lebendes Fleisch und Blut. »Wie ein Phantom habe ich sie gesehen, abends auf dem Wittenbergplatz – wie sie dahin kam, weiß ich nicht. Aber eins weiß ich: sie war's . Vorüber huschte sie – ganz dicht bei mir – ich hatte nicht mehr die Kraft, nach ihrem Arm zu fassen, sie anzusprechen. Schreck, Freude, Scham lähmten mir die Glieder. Scham, daß ich sie nicht damals, als der Schlag fiel, die gemeine Ohrfeige – Aber ein Auto habe ich mir genommen, ein Auto – seit Jahren zum erstenmal – und dann habe ich bloß das Hugochen vollgespritzt! Von oben bis unten. Und die schimpfende Melusine auch. Aber von dem Phantom, von ihr – von der Klara – nichts, nichts! Und die Portierfrau hat als einzige – da war die andere doch schon weg, war doch schon abgeholt – Und jetzt in den Zeitungen der Name, ihrer, meiner, unserer! Dabei schwöre ich, sie ist unschuldig. Aber was gilt mir ihre Unschuld. Ist es ein Verdienst, daß wir redlich sind, daß wir nicht stehlen und nicht einbrechen – es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit – was sag' ich, wie komme ich gerade dazu, es zu sagen – Es sollte, sollte so sein. Aber mein Kind will ich wiederhaben, mein Kind – das ist mein Recht. Eine ganze Nacht bin ich heute Auto gefahren, wie verrückt, für fünfzig Mark, die ich gar nicht habe – im Halbschlaf, im Fieber, immer hinter ihr her. Und das arme Hugochen hat auch gefiebert in dieser schrecklichen Nacht, die Morgentemperatur beweist nichts. Aber ich nehme ihn doch mit, den Jungen. Ich muß zum Direktor Böck, Sie verstehen – wenn ich mein Mädel wiederfinde, fange ich ein neues Leben an! Und glauben Sie mir, es war kein Phantom, sie war's . Sie war's wirklich. Die Portierfrau hat für keinen Groschen Phantasie – die sieht gewiß keine Gespenster. Ich will meinem Kind ehrlich in die Augen sehen können, und ich will die Wange küssen, wo die verruchte Hand ihr ... Aber kommen Sie, kommen Sie junger Herr, ich muß zum Direktor! Sonst sitzt schon wieder ein anderer in dem Ledersessel bei ihm. Und heute muß es sein. Mißverstehen Sie mich bitte nicht, junger Herr, aber Sie hatten mir versprochen, daß Sie ein Auto – ich komme sonst wirklich zu spät. Es ist gar kein Dienst. Aber es ist mehr, ist wichtiger als Dienst. Ich weiß nicht, ob ich – wenn sie so oder so wieder zu Hause ist, die andere, die Komödiantin – ob ich dann noch ... Ich kann, ich darf nicht zu spät kommen!« Fiebert er noch – oder wieder, dachte Veit, der immer weniger verstand von dem, was er da hörte. Oder bin ich verrückt? Aber er fühlte deutlich, daß er jetzt nicht mehr des Wissenswerten aus diesem schrecklich aufgeregten Mann herausfragen konnte – jetzt nicht. Es war ja auch schon so viel und so Köstliches, was er erfahren hatte. Mit solcher Begeisterung konnte ein durch und durch braver Mann – das war er, dieser Kern, trotz seiner rätselhaften, versteckten Selbstanklagen – nur von einem braven, klugen, verständigen Mädel sprechen. Das Bild seiner Erinnerung damals in dem Postbüro, dann das Phantom, das die Hexe von Endor – wie hieß sie doch mit dem richtigen Namen und wo wohnte sie doch –? Er mußte zu ihr – Was diese Zauberin ihm erscheinen ließ – Schemen oder Suggestion – das hatte Blut und Leben und Wärme bekommen durch Kerns konfuse Erzählungen. Schön, er , Veit, mochte ein Narr, ein Phantast, ein Über-Romeo sein, wie ihn Addo im Ärger noch gestern abend bei Trarbach genannt hatte – aber recht hat er – tausendmal recht, dieses herrliche Mädel zu suchen, mit aller Zähigkeit seines Charakters, mit aller Kraft seiner Liebe. Wenn Veit sich allerdings von dieser Fahrt im Auto noch einige Ergänzungen zu dem Bilde seiner fernen Geliebten versprochen hatte, so war es damit nichts. Diese Fahrt war ganz erfüllt von wildem, unhemmbarem Jubel Hugochens über dieses große Ereignis in seinem Leben und von der ängstlichen Sorge der beiden Herren, das aufgeregte Kind davor zu behüten, daß es, in seiner heißen Gier, alles auf dieser Fahrt Erlebbare zu sehen und zu genießen, nicht links oder rechts aus dem ziemlich heftig die Kurven nehmenden Wagen herausfiel. Als sie am Grabbe-Theater hielten, hatten die beiden Herren ihre Hemden durchgeschwitzt vor Angst, aber keine zwanzig vernünftigen Worte mehr miteinander gesprochen. Kern bedankte sich zerstreut für die Wagenfahrt und zog das Hugochen, das die herrliche Droschke noch möglichst lange im Auge behalten wollte, hinter sich her, während er noch rasch halblaute Ermahnungen an den Jungen richtete. Durch die seitliche Tür, an der »Verbotener Eingang« stand, in das halbdunkle Gewinkel der Korridore und Treppen des Grabbe-Theaters. Aus einem Fensterchen äugte der alte, vom Rheuma krummgebogene Kladebusch, der hier schon drei Direktionen als Portier erlebt hatte, über die Hornbrille. »Nanu, Herr Kern – so früh?« »Ich will zum Direktor. Ist er schon da?« »Der –? Schon seit einer halben Stunde.« »Ist jemand bei ihm?« »Ich glaub' nicht. Fragen Sie mal auf dem Sekretariat. Das Fräulein Thiele ist ja schon bei der Arbeit.« Und weiter zog Siegmund das Hugochen über halbdunkle Treppen und durch zugige Korridore, bis sie im zweiten Stock vor einer Tür standen, nicht breiter, nicht vornehmer als die anderen Türen in diesem klosterähnlichen alten Gang. Aber an der Tür stand zu lesen: »Der Direktor. Zu sprechen nur nach vorheriger Anmeldung im Sekretariat, links nebenan.« Siegmund aber, durchwogt von einer wunderbaren Kühnheit, die seinem Charakter sonst nicht eignete, meldete sich nicht auf dem Sekretariat, obschon er Fräulein Thieles fleißige Maschine ganz laut klappern hörte. Er klopfte kurz und energisch an der Tür direkt unter dem Schild, auf dem zu lesen war: »Der Direktor«. Er hörte auch niemanden »Herein« sagen. Er klinkte auf und stand, das Hugochen hinter sich, auf dem mit griechischen Vasenmustern gezierten Teppich in dem Allerheiligsten dieses Hauses. Der Direktor Böck, der, elegant wie immer, schon am frühen Morgen vor seinem Pult saß und eine rühmliche und vielversprechende Notiz, deren Abfassung er nicht fernstand, über die bevorstehenden Premieren des »Grabbe-Theaters« in der Zeitung las, blickte erstaunt über Blatt und Zwicker nach den beiden ungemeldeten Ankömmlingen. »Nanu, Kern –? Haben Sie sich bei Fräulein Thiele gemeldet?« »Nein, Herr Direktor.« »Aber Sie wissen doch –« »Ich weiß, Herr Direktor. Aber es gibt im Menschenleben Augenblicke –« »– wo man dem Weltgeist näher ist als sonst und eine Frage frei hat an das Schicksal«, ergänzte unwillkürlich der Direktor, der, ehe er ein geschickter und geschäftstüchtiger Bühnenleiter geworden, ein ziemlich mäßiger Schauspieler gewesen war und als letzte Rolle in Graudenz den »Wallenstein« gespielt hatte. »So ist es, Herr Direktor«, sagte Kern, der aus diesen Worten, deren klassische Herkunft ihm im Augenblick nicht klar wurde, eine günstige Aufnahme seines Besuches seitens des Direktors heraushören zu dürfen glaubte. »Ist das Ihr Söhnchen, Kern?« »Ja – das heißt nein, Herr Direktor.« »Ach so, ich weiß schon, das Kind Ihrer – hm.« Der Direktor zog die Stirn kraus. »Nimm die Finger aus der Nase, Hugochen«, ermahnte Siegmund, »und gib dem Herrn Direktor die Hand, die andere Hand!« Der Direktor, Junggeselle und Ästhet, der über die Verwendung von Kinderhänden seine eigene Meinung hatte, begnügte sich, dem Hugochen, die dargebotene Kinderhand übersehend, durch die welligen Haare zu streichen. Über das Kind hinwegblickend sagte er nicht unfreundlich zu seinem Kassierer: »Ich kann mir schon denken. Kern, weswegen Sie kommen.« »Das glaub' ich eigentlich nicht, Herr Direktor«, antwortete Kern und sah seinem Brotherrn ruhig und fest ins Auge. Dieser, etwas verwundert über die an seinem Kassierer sonst nie beobachtete Sicherheit seiner Autorität gegenüber, machte eine kurze Handbewegung nach dem breiten Klubsessel hin, auf dem schon viele Geldgeber, Direktoren, Prominente und berühmte Autoren erfolgreicher und durchgefallener Stücke gesessen hatten, und in dessen weiches Leder man infolgedessen tief, sehr tief einsank, so daß man zunächst glaubte, man fiele überhaupt auf den Boden. »Ich bin so frei –« sagte Kern, indem er erschreckt in die Tiefe des Sessels versank. Froh, nicht glatt auf den Fußboden gefallen zu sein, fügte er hinzu: »Besten Dank, Herr Direktor.« »Sie haben natürlich die Morgenblätter gelesen?« fragte Böck, indem er die gepflegte Hand, die sein Stolz war, auf einen Haufen Zeitungen legte. »Nein, Herr Direktor. Ich habe in der Aufregung der letzten Tage vergessen, das Abonnement auf unser Blättchen zu erneuern ... Und jetzt auf der Straße – wir sind nämlich im Auto gefahren –« »Nobel!« Böck warf einen kurzen, etwas überraschten Blick auf seinen Kassierer. »Ja, mein Untermieter«, beeilte sich Kern zu melden, »ein feiner junger Mann, der hatte die Freundlichkeit, uns mitzunehmen. Das Hugochen ist nämlich noch nie in einem richtigen Auto gefahren. Das Hugochen – daß ich das noch sagen darf, ist ein sehr artiger Junge. Sonst hätte ich gewiß nicht gewagt, ihn hier mit herzunehmen ... Aber meine Frau ist doch – Sie wissen ... und nun ist auch noch die Frau Schumann krank ... und das Hugochen wäre sonst –« »Pardon«, unterbrach Böck, dessen Finger nervös mit einem riesigen Falzbein spielten. Alles war riesig auf diesem Schreibtisch. Das Tintenfaß, die Bleistifte, die Uhr, der Kalender, alles. »Sie kommen wohl kaum so früh zu Ihrem Direktor, um ihn vom artigen Hugochen zu unterhalten.« »Nein, nein, Herr Direktor! Wie würd' ich denn wagen ... Ich wollte nur erklären –« Siegmund hatte das Kind zwischen seine Beine geschoben, wo es, wie eine kleine Steinputte so ruhig, stand und immer nur mit wißbegierigen Augen die großen Gegenstände auf dem Schreibtisch verschlang. Das Tintenfaß, die Bleistifte, das Falzbein, die Uhr, den Kalender, und dann wieder den Direktor Böck beobachtete, der – gemessen an den Dimensionen dieser Dinge, eher klein und zierlich war. »Ich weiß, weshalb Sie kommen«, sagte der Direktor, der gern ein bißchen den Allwissenden spielte. »Sie glauben, daß ich – eh' es genau erwiesen ist, in welcher Weise Ihre Frau durch Schuld oder Fahrlässigkeit beteiligt ist an dem – na, sagen wir an dem Verschwinden der – na, sagen wir: beinah' echten Juwelen unserer lieben Mahuda, die gestern übrigens schon wieder ihren Anfall gehabt hat –« »Nein, nein!« Kern schüttelte den Kopf. »Die Juwelen der Frau Mahuda und was mit ihnen passiert sein könnte, sind mir im Augenblick ganz gleichgültig.« »Mir nicht«, sagte Böck ärgerlich. »Und von unserem Standpunkt aus – ein künstlerisches Institut braucht nun mal seine kleinen Nebenreklamen – finde ich's bedauerlich, daß man bereits – auch noch in dieser dreckigen Kaschemme in der Zimmerstraße – das Zeug wiedergefunden hat.« »So so, wiedergefunden?« sagte Kern ziemlich ruhig. »Irgendwo mußte der Schmuck ja schließlich sein. Und daß meine Frau nichts mit seinem Verschwinden direkt zu tun hat, dafür hätte ich – ich überschätze die Qualitäten des Gemüts dieser Frau sonst wahrhaftig nicht – aber dafür hätte ich beide Hände ins Feuer gelegt.« »Sie kommen also hierher. Kern, um mich von der Unschuld Ihrer Frau –« »Nein, nein, Herr Direktor – im Gegenteil!« »Was heißt Gegenteil? Kern, Sie reden so mystisch und verworren, das mag ich schon gar nicht! Sie sagten doch eben –« »– daß meine Frau unschuldig ist, ja. Das ist eine Sache für sich. Aber ich komme, um Ihnen zu bekennen, daß –« er holte tief Atem, ehe er die Worte herausstieß: »daß ich – schuldig bin.« »Was denn?!« Böck faßte unwillkürlich den Griff des Falzbeins fester. »Sie – Sie sind – Sie haben ... Ja, wollen Sie etwa sagen, daß Sie am Verschwinden der russischen Juwelen der Mahuda irgendwie wissend oder helfend beteiligt sind?« »Nein. Ich wußte gar nichts von dem Schmuck. Und stehle natürlich keine Steine.« »Ja, wollen Sie mir denn jetzt endlich erklären, Kern – ich habe meine Zeit doch nicht gestohlen – erklären, was eigentlich los ist?!« Statt einer Antwort zog Siegmund mit zitternder Hand aus seiner Brusttasche ein arg vergriffenes Ledertäschchen. Diesem wiederum entnahm er einen kleinen beschriebenen Zettel, den er nunmehr dem Hugochen übergab, da eine heftige Anstrengung, aus der Tiefe des Klubsessels herauszukommen, zu keinem Resultat geführt hatte. »Gib du diesen Zettel dem Herrn Direktor, Hugochen!« Das Hugochen tat sofort, wie ihm geheißen wurde. Der Direktor Böck setzte sein Glas auf und las sichtlich befremdet und ohne zu verstehen: »Zwei Orchesterfauteuilles – vierundzwanzig Mark ... Drei Parkettsitze siebente Reihe – einundzwanzig Mark ... ein zweites Parkett, achtzehnte Reihe – sechs Mark ...« Bock sah verblüfft auf. »Was soll denn das? Notizen über Plätze – Preise – und lauter weit zurückstehende Daten hinter diesen Zeilen?« »Ich bitte, die Addition zu beachten, Herr Direktor.« Böck las wieder: »Summe zweihundertfünfundneunzig Mark fünfzig Pfennig. Was ist das für eine wunderliche Berechnung – und was soll ich damit?« »Das, Herr Direktor, ist die Summe –« Kern sprach jetzt ganz langsam und mit sichtlicher Mühe. Sein Blick ruhte dabei in den erstaunt forschenden Augen des Direktors, während seine zittrigen Hände sich links und rechts an Hugochens dünnen Kinderärmchen festhielten. »Das ist nun – wie Sie sich überzeugen werden, zeitlich ziemlich weit auseinanderliegende Posten – ist die Summe – die Gesamtsumme der Beträge, um die ich, der Kassierer Siegmund Kern vom Grabbe-Theater ... hm, von anderer Seite gedrängt – Sie, den Direktor Böck, betrogen habe.« »Kern!« Böck war aufgestanden. Das riesige Falzbein entglitt seinen Händen und fiel auf den Teppich. Das Hugochen, als wohlerzogener Junge, hob es auf und legte es behutsam, als ob es schneiden oder losgehen könnte, auf den grünen Filz der Schreibtischplatte. Dann zog sich das Bübchen wieder zwischen die hochstehenden Knie seines tief im Sessel versunkenen Vaters, wie in den Schuh einer Festung, scheu zurück. Böck ging aufgeregt im Zimmer hin und her. Von Zeit zu Zeit blieb er vor Siegmund, der nach getanem Geständnis mit tiefhängendem Kopf apathisch im Sessel saß, stehen. Man hätte annehmen können, er wünsche etwas Bedeutsames zu sagen. Aber dann nahm er, ohne es gesagt zu haben, seinen Weg durchs Zimmer wieder auf. Schließlich verweilte er längere Zeit am Fenster und schien durch erneute aufmerksame Lektüre die Zahlen des Zettels seinem Gedächtnis einprägen zu wollen. Das Hugochen verfolgte an der großen Uhr, wie der Sekundenzeiger sprang. Hätte das Hugochen schon zählen können, so hätte es festgestellt, daß hundertachtzig solcher Zeigersprünge getan, daß also drei volle Minuten vergangen waren, als Böck von seinem erneuten Rundgang durchs Zimmer, wieder vor seinem Kassierer stehenbleibend, den Mund öffnete und sagte: »Ist das alles, Kern – was Sie da ... fehlt kein Posten?« »Nein, Herr Direktor. Ich habe ja buchgeführt.« »Kern – was Sie da seit Jahren – in großen Zwischenräumen, wie ich zugebe – also nicht eigentlich gewohnheitsmäßig – getan haben, wissen Sie, was das war und wie das heißt?!« »Betrug, Herr Direktor.« »Ja. Ein gemeiner Betrug. Sie wissen, daß ich Sie dafür jederzeit –« »– ins Gefängnis bringen kann«, ergänzte Siegmund und nickte. »Jawohl, Herr Direktor, das weiß ich.« »Hm. Sagen Sie mir, Kern, wieso kommen Sie jetzt auf einmal – da keinerlei Verdacht auf Ihnen ruhte –« »Herr Direktor – ich sagte mir: meine Frau ist – na ja, töricht ist sie und besonders angenehm ist sie auch nicht – aber eine Verbrecherin, Herr Direktor, das ist sie nicht. Sie gibt sich nicht Rechenschaft über das, was sie tut. Aber sie hält's gewiß, bewußt, mit keinem Einbrecher. Aber – hab' ich mir gesagt – vielleicht ist das, was da jetzt so plötzlich und so schrecklich über uns gekommen ist, eine himmlische Strafe dafür, daß ich ... Ich brauch's nicht zu wiederholen, Sie haben ja den Zettel in der Hand, Herr Direktor. Ich darf vielleicht noch ergänzend sagen, daß meine liebe erste Frau – ein Engel, Herr Direktor! – sie war schön, so schön –!« »So schön wie Ihre Tochter?« fragte Böck unwillkürlich. »Vielleicht noch schöner. Die lag damals im Sterben, als ich die ersten beiden Orchesterfauteuilles als ›Pressefreikarten‹ buchte und in Wahrheit – den Erlös ... das heißt drei Mark davon hat der Portier des Hotels ›Unter den Linden‹ behalten ...« Ein ausbrechendes Weinen erstickte den Rest seiner Rede. Nach einer Weile hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte: »Und jetzt – sehen Sie, das ist alles so traurig – meine Tochter ist von Haus weg –« »Was denn! Das hübsche, schlanke Mädchen, das bei mir sich prüfen ließ –?« »Ja. Ich habe nur die eine. Ich war in bangster Sorge um sie, und ich sage mir: Wenn sie – was Gott fügen möge – wiederkommt, will ich reine Hände, ganz reine Hände in die ihren legen.« »Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie mir also das Geld ersetzen und mich bitten –« »Ersetzen, Herr Direktor, so auf einmal, das kann ich nicht. Ich hab' das Geld nicht. Und etwas, was ich verkaufen könnte – lieber Gott, wir haben zwei Betten und einen Stuhl im Schlafzimmer und einen Waschtisch. Und das bißchen bessere vom Mobiliar, wir müssen doch vermieten. Meine Uhr, das einzig Wertvolle, was mir gehört, bringt vielleicht heutzutage dreißig bis vierzig Mark. Und ich kann schließlich – des Dienstes wegen – nicht gut ohne Uhr ... Aber ich wollte vorschlagen, Herr Direktor, für den Fall, daß Sie aus Barmherzigkeit auf eine Anzeige verzichten –« »Ich werde etwas vorschlagen«, unterbrach der Direktor. »Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken, Kern!« Und Direktor Böck dachte nach. Er tat dies, indem er am Fenster stand, Siegmund und dem Kinde den Rücken zugewendet, und leise mit den Fingern an die Scheiben trommelte. Böck war ein begabter Theaterleiter und ein von Skrupeln nicht allzu bedrängter Geschäftsmann. War ein Snob und ein Streber. Aber er war kein schlechter Kerl. Und er besaß sogar den Ehrgeiz, wenn eine Sache nicht zu teuer wurde, ein bißchen den Großzügigen, den Vornehmen, den Grandseigneur zu spielen, zu dem ihn seine Herkunft aus den gedrücktesten Verhältnissen des Ostens kaum prädestinierte. »Mein lieber Kern«, sagte Böck plötzlich, sich vom Fenster umdrehend und unbewußt ein wenig die Pose des großen Napoleons annehmend, den er vor zwanzig Jahren als junger Dachs in der »Madame Sans-Gêne« gespielt – »mein lieber Kern, reden wir offen, Mann zu Mann! Sie haben mich betrogen – nicht gerade um Beträge, die mich an den Bettelstab bringen könnten. Aber immerhin, Sie haben, das ist das Schwerwiegende, als mein Beamter, dem ich Vertrauen entgegenbrachte –« »Ich weiß, Herr Direktor, ich weiß!« hauchte Kern zerknirscht. »Schön – oder nicht schön. Aber Sie haben jetzt – ohne direkten ersichtlichen Zwang – Ihre Schuld bekannt und den Vorsatz ausgesprochen, gutzumachen.« »Wenn Herr Direktor die Geduld haben wollen –« »Ich will mehr haben«, sagte Böck, und seine Stellung wurde noch napoleonischer. »Mir ist gesagt worden, Sie könnten nächstens ein Jubiläum feiern?« »Ach, der Herr Direktor wissen –?« »Ja. Es sind mir in dieser Angelegenheit zweimal anonyme Karten zugegangen.« »Herr Direktor, Sie werden doch nicht glauben, daß ich selbst ...« »Nein, das glaube ich nicht. Aber ich habe einen Verdacht gehabt und die Schrift vergleichen lassen. Ein Brief, den mir Ihre Gattin, ehe ich sie engagierte, vor Jahren einmal geschrieben hat, weist ganz merkwürdige Ähnlichkeiten auf ... Aber lassen wir das, lieber Kern, lassen wir das. Wie war doch das – – genauer mit dem Jubiläum – wieviel Jahre –?« »Ich bin bald zehn Jahre im Grabbe-Theater.« »Sieh mal an. Eine hübsche Zeit.« Der Direktor machte eine kleine Pause, als ob er schwerwiegende Entschlüsse noch einmal überdenken müsse, dann sagte er rasch: »Zu diesem Jubiläum, lieber Kern, mache ich Ihnen – neben meinen herzlichen Glückwünschen, die ich Ihnen in einem Brief aussprechen werde –« Siegmunds Unterkiefer sank tief herab vor maßlosem Staunen. Seine Augen wurden tellerrund und feucht. »– die ich in einem Brief aussprechen werde«, fuhr Böck fort, »mache ich Ihnen ein Ehrengeschenk von dreihundert Mark.« »Au!« quietschte das Hugochen, dessen magere Ärmchen Siegmund unwillkürlich mit seinen Fingern fast zerbrochen hätte. »Von diesen dreihundert Mark, lieber Kern, haben Sie sich selbst – das bleibt aber unsere persönliche Angelegenheit – haben Sie selbst sich bereits zweihundertfünfundneunzig im voraus aus der von Ihnen verwalteten Kasse genommen. So bin ich Ihnen – dies unter uns – noch rund fünf Mark schuldig, die ich Ihnen hiermit –« Böck griff in die Westentasche, entnahm ihr ein blankes Fünfmarkstück und reichte es dem verblüfften Siegmund hin – »die ich Ihnen hiermit feierlich überreiche.« »Herr Direktor –!« »Dem Personal und der Öffentlichkeit können Sie mitteilen, daß Sie von Ihrem Direktor, der kein Freund lauter, rauschender Festlichkeiten ist – neben den herzlichsten Glückwünschen, die, wie gesagt, noch folgen werden – ein hübsches Geldgeschenk erhalten haben. Wenn Sie wollen, können Sie die Summe von dreihundert Mark ruhig nennen.« »Die Summe nennen, Herr Direktor – das möchte ich eigentlich nicht.« Böck verstand die Hintergründe dieses Entschlusses. Er nickte seine Zustimmung. »Und für die Zukunft, lieber Kern – in multos annos , sagt der Lateiner – verlasse ich mich auf Sie.« Siegmund machte vergebliche Anstrengungen, sich aus der Tiefe dieser ihm ungewohnten Sitzgelegenheit zu erheben. Er angelte nach des Direktors dargebotener Hand und zog sie, noch zitternd, an die Lippen. »Herr Direktor, also das – das hab' ich wahrhaftig nicht erwartet.« Und wie das so geht mit den Menschen. Der Direktor Böck fand die von ihm geschaffene Situation so dramatisch und seine Rolle in dieser zum Abschluß drängenden Szene so hübsch und wirksam, daß er beschloß – so klein sein Publikum war – sich auch noch die wirksame Schlußpointe zu sichern und etwas kosten zu lassen. Er griff also nochmals in die Westentasche, nahm ein Markstück heraus, reichte es dem verblüfften Hugochen hin und sagte mit Bedeutung: »Und du, mein Junge – weil du so brav gewesen bist und die ernste Unterredung deines Vaters mit seinem Direktor so gar nicht durch unpassende Zwischenbemerkungen und kindische Unart gestört hast – und weil du so gern Auto fährst – sollst du auch den Rückweg im Auto zurücklegen. Zu diesem Zwecke schenke ich dir, dir persönlich, dieses Markstück.« ... Wie Siegmund mit dem Hugochen aus dem nur für Angemeldete betretbaren Privatbüro des Direktors Böck heraus, wie er auf die Straße und in ein Auto – in einen besonders alten Rumpelkasten, den das Hugochen entzückt herangewinkt hatte – gekommen war, dessen hat er sich später nie genau zu erinnern vermocht. Hat sich auch nie besinnen können auf die Details seiner Heimkehr in die Wohnung. Nur das wußte er noch. Als er ins Schlafzimmer trat, saß eine alte gebrochene Frau auf dem einzigen Stuhl. Unförmig und häßlich und in sich zusammengesunken wie ein mißratener Pudding. Ohne Schminke und Lippenstift, mit ungemachtem Haar und die ungepuderte Stirn voller Falten, weinte Melusine leise in sich hinein. Die Tränen liefen ihr über das ledergelbe Gesicht, und ein Taschentuch schien ihr im Augenblick nicht erreichbar. Als sie Siegmund und das Hugochen im Türrahmen stehen sah, sagte sie leise mit einer Stimme, aus der jeder Hochmut, jede Herrschsucht, jede Eitelkeit ausgelöscht war: »Sie haben mich entlassen, Siegmund. Ich bin nicht mehr verdächtig. Aber er, er ist ein gemeiner Dieb.« »Und ich, Melusine«, Siegmund schien größer und stattlicher geworden; er ging gereckt und aufrecht auf sie zu und seine Augen leuchteten, »ich – ich bin kein Betrüger mehr! Ich habe kein Geld veruntreut. Niemals. Ich bin der Kassierer Kern vom Grabbe-Theater, der nächstens sein Jubiläum feiert, und dem sein dankbarer Direktor, hör' gut zu, sein Direktor, der über die Vergangenheit vollständig im Bilde ist, in einem eigenhändigen Brief seine Erkenntlichkeit ausspricht und gratuliert.« Wenn er nur nicht irrsinnig geworden ist, dachte Melusine und sah von der Seite scheu zu ihm auf. Siegmund aber beugte sich vor Mitleid mit der Gedemütigten plötzlich zu ihr hinunter und gab ihr – seit Jahren zum erstenmal – einen Kuß mitten auf den blutleeren, unfrischen Mund, in dem zwei Vorderzähne fehlten. Wenn er nur nicht irrsinnig geworden ist, dachte Melusine mit verstärktem Argwohn. Aber das Hugochen jubelte: »Mutti, ich bin zweimal Auto gefahren, heute mit dem guten Papa. Zweimal!« Da stand Melusine, tief erschrocken, rasch auf und hielt sich, eines tätlichen Überfalls gewärtig – denn bei Irren, das wußte sie, wechselten die Stimmungen rasch – mit beiden Händen an dem Bettgestell fest. Er hat den Verstand verloren, dachte sie – da ist kein Zweifel mehr. Und ihr ängstlicher Blick maß die Entfernung zum Telephon, während sie sich überlegte, wie man rasch und unauffällig das Überfallkommando heranriefe. »Zweimal Auto gefahren«, wiederholte Hugochen, »hin und zurück. Gar nicht zu Fuß gegangen sind wir, kein Schrittchen – bloß Auto gefahren – immerzu Auto gefahren.« * Der alte Uhlich, Veits Vater, bewohnte seit zwei Tagen zwei Vorderzimmer in der dritten Etage des »Hotel Bristol«. Davon aber hatte der Sohn keine Ahnung. Sollte auch keine haben. Zur Vorsicht – denn selbst im großen Berlin begegnet man sich, wenn man nun mal Pech haben soll, nicht anders wie in Kirchdorf oder Dingelsheim – war der alte Herr kaum auf die Straße gegangen in diesen Tagen. Er hatte telephonisch oder brieflich die Leute, auf die es ihm ankam, zu sich ins Hotel gebeten und das Nötige mit ihnen besprochen. Jetzt, es war just zwölf Uhr mittags, saß an dem appetitlich zum Lunch gedeckten Tischchen im kleinen Salon Addo Ahrens, Doktor und Referendar, vor den Resten einer ausgezeichneten Taubenpastete, das halb gefüllte Burgunderglas vor sich, während nebenan Herr Uhlich in seinem Schlafzimmer eine kleine ins Programm rasch eingeschobene Besprechung mit seinem Geschäftsfreund Polzig erledigte. Dem guten Addo war es etwas unbehaglich zumute gewesen, als er hier zum Frühstück erschien. Von einem Rohrpostbrief gerufen, der ihn gleichzeitig um strengste Diskretion bat. Aber die offene Freundlichkeit des jovialen alten Herrn, der behaglich nette Raum, der vortreffliche Burgunder und die delikate Taubenpastete, die den Hors d'oeuvres gefolgt war, hatten ihn das Ungewöhnliche und Peinliche der Situation rasch vergessen lassen. Gewiß, Herr Uhlich senior war auf einen als »Persönlich« bezeichneten eingeschriebenen Brief von ihm plötzlich und ziemlich unprogrammäßig nach Berlin gekommen. Aber dieser Brief war, wie sich Addo nach reiflichster Prüfung sagen durfte, keineswegs ein Verrat am Freunde gewesen, wenn er auch dem Vater – mit großer Vorsicht in der Wortwahl – die Mitteilung machte, daß ihm, dem Schreiber, die seelische Verfassung Veits eine »zufällig« sich ergebende Anwesenheit des Vaters recht wünschenswert erscheinen lasse. »Ich fühle mich als ältester und, das darf ich wohl sagen, bester Freund Veits verpflichtet«, so hatte etwas pathetisch der mehrfach entworfene Brief in seiner endgültigen Fassung begonnen. Ganz ehrlich? ... Addo hatte gestern im Staatstheater einer nicht eben hinreißenden Neueinstudierung der »Jungfrau von Orleans« beigewohnt. Ohne Veit, der ursprünglich mitkommen wollte, aber im letzten Augenblick noch in etwas konfusen Wendungen abtelephoniert hatte. Und da waren ihm, während sonst manches recht eindruckslos über seine zerstreute Seele hinglitten, plötzlich aus dem zweiten Monolog der Johanna die Verse ins aufhorchende Ohr gedrungen: »Arglistig Herz, du lügst dem ew'gen Licht, – dich trieb des Mitleids reine Stimme nicht!« ... Arglistig – warum gleich arglistig? Der auch nicht häßliche Veit hatte daheim eine weit hübschere, gertenschlanke Schwester, die nächstens hier im Grunewald-Turnier die Farben ihres heimischen Tennisklubs vertreten sollte und die im Florettfechten von der Offenbacher Meisterin Helene Mayer zwar »abgestochen« war, aber doch nach dem Urteil der Preisrichter in Ehren bestanden hatte. Dort auf dem kleinen Tischchen bei den in freundlichen Farben herüberschillernden Schnäpsen zwischen den gehäuften Büchern – was hatte sich der alte Herr doch alles für diese Reise zusammengekauft! – hatte der zärtliche Vater vielleicht nicht ganz unabsichtlich das Bild der gutgewachsenen Tochter aufgestellt. Zu Pferd im Herrensitz. Addo kannte dieses flotte Bild, das die heimlich Verehrte im modischen Reitdreß zeigte mit dem breitrandigen schwarzen Hut, der wie eine Art Sturmhaube auf den hellblonden Naturlocken des Bubikopfes saß. Bei Veit hatte er die Photographie vor einigen Tagen flüchtig gesehen; aber der plötzlich ungalante Bruder hatte sie ihm rasch, fast ärgerlich, aus der Hand genommen, damit der Freund ihm aufmerksamer zuhöre, wenn er das alte, ewig neue Thema von der entschwundenen Geliebten behandelte. Addo wollte nach dem Bilde zwischen den gehäuften Büchern greifen – es war ja schließlich keine Indiskretion, wenn er sich die erblühte Schwester Veits ein bißchen anschaute, der er, da sie zwölf Jahre alt war – er achtzehn – in furchtbar heißem Sommer im Schweiß seines Angesichts das Tennis beigebracht; vor deren Puppenküche er noch vor drei Jahren in der Weihnachtszeit gesessen, um die von der damals Fünfzehnjährigen selbst gekochten Wiener Würstchen zu schmausen mit Senf und etwas süßlichem Sauerkraut, in dem merkwürdigerweise Rosinen schwammen. Aber wie er sich jetzt hinüberbeugte, das Bild aufzunehmen, blieb er mit der Manschette hängen. Ein paar der teils gebundenen, teils ungebundenen Bücher kamen ins Rutschen und fielen auf den Teppich. Addo bückte sich rasch, hob auf und las zu seinem Erstaunen die Titel: »Leben und Lehren des Philippikus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus.« Nanu? »Aufstieg und Ende des Emanuel Swedenborg, kritisch untersucht«, »Justinus Kerner und die Seherin von Prévorst«, »Die Geschichte des Verhältnisses der Menschen zur Geisterwelt« ... Tieferstaunt baute Addo die höchst seltsame Reiselektüre des Vater Uhlich wieder auf das Tischchen. Henny Uhlich aber lächelte ein bißchen hochmütig, ein bißchen maliziös vom Pferd herab unter ihrem breitrandigen schwarzen Sporthut über A. D. Davis' »Philosophie des geistigen Verkehrs« hinweg den Verblüfften an. Es war, als ob sie im nächsten Augenblick ihrem hochbeinigen Halbblut die Sporen geben wollte, um mit kühnem Sprung hinwegzusetzen über all die Chroniken, Weisheiten und Sensationen des Paracelsus, Swedenborgs und der Seherin von Prévorst. In diesem Augenblick trat August Uhlich, etwas erhitzt vom rasch und energisch geführten Gespräch, aus der Schlafzimmertür. »Entschuldigen Sie, junger Freund, aber dieser Polzig – ich weiß nicht, ist's sein Glück oder ist's seine Gerissenheit – der platzt mir doch jedesmal mit ganz erwägenswerten, aber doch nicht so übers Knie zu brechenden Projekten, die angeblich ›keinen Aufschub dulden‹, mitten in meine schönsten Dispositionen hinein!« »Wenn ich jetzt hier geniere, verehrter Herr Uhlich – ich habe ja Zeit und ich kann recht gut heute nachmittag wiederkommen.« »Aber was denn, was denn?« Der alte Herr schlug Addo vertraulich aufs Knie. »Ich lade mir den Freund und Jugendgefährten meines einzigen Sohnes – der Himmel erleuchte ihn! – zum Frühstück ein und soll ihn wieder wegschicken, weil der ewig pressierte Polzig mir ausgerechnet ein Moorbad mit Schwefelquellen zum Kauf anbietet? Er ist schon weg. Soll er anderen erzählen, daß sich die Großkapitalisten – wo sind die übrigens heute in Deutschland? – nur so drängeln und stoßen, verkrachte Moorbäder mit Schwefelquellen, die erst von einem Sachverständigen begutachtet sind, in einem der langweiligsten Teile Deutschlands zu erwerben! Nee, nee, das hat Zeit und wird vom Warten nicht teurer. Aber ich sehe, junger Freund, Sie haben sich mittlerweile ein bißchen mokiert über meine Lektüre, was? Sie und Ihr Brief sind doch selber schuld daran, mein Verehrtester. Haben sich wohl darüber bereits mit meiner Tochter Henny verständigt –? Hübsch ist sie geworden, was? Und eine Sportlady! Teufel nochmal! Also ich habe bloß Angst, daß mir das Blitzmädel nächstens auch noch meuchlings das Pilotenexamen macht und sich in den Kopf setzt, irgendeinen Rekord der Lüfte zu brechen ... Ja, die heutigen Kinder! Ich – zum Geschäftsmann erzogen und kaum zu etwas anderem talentiert. Whist hab' ich mal leidlich gespielt, aber sonst – Meine Frau, na. Sie kennen sie ja, die Seelengute, spielt Schumann, sammelt Stiche, arbeitet heute noch ihre kniffligen Filethandarbeiten, daß die ältesten Damen Bauklötze staunen. Geschmacksache; ich mag das spinnwebfeine Zeug nicht. Ewig bleibt man mit einem Knopf oder Ring an den Dingern hängen. Die Tochter aber – gut geschnitzt aus robusterem Holz – gewinnt Tennispreise, reitet im Herrensattel, hat ein Faltboot und eine rauhaarige Dackelzucht – auch schon zwei silberne Medaillen für diese unerziehbaren, ewig kläffenden Köter. Hat mir übrigens noch an der Bahn, als der Zug schon in Bewegung war, einen Gruß für Sie aufgetragen.« »Danke«, sagte Addo erfreut und tauschte mit der Reiterin einen raschen, verstohlenen Blick. »Und der Sohn«, fuhr der alte Herr fort, indem er mit behutsamer Hand die Burgunderflasche aus dem geflochtenen Korb nahm und die Gläser wieder vollgoß, »der Sohn... Ja also, ich hab' Ihnen ja schon herzlich gedankt. Sie haben ganz recht, da ist Gefahr im Verzug. Seine letzten Briefe waren schon so merkwürdig. Von meiner Seite kommt die Romantik ja nun nicht. Die Mystik schon gar nicht. Was früher so Uhlich hieß, alles biedere Kaufleute gewesen, die Ahnen. Nur ein einziger Pfarrer darunter, der aber auch ganz pfiffig in ein paar Aufsichtsräten saß. Aber von der Mutter her! Na ja, ihre Großmutter hat mit Justinus Kerner korrespondiert. Und deren Mutter ist von Jung-Stilling, der damals noch Arzt in Elberfeld war, am Star operiert worden und hat – merkwürdig für eine am Star Operierte – wie vielfach bezeugt ist, tatsächlich hellgesehen. Hat – sonst eine vernünftige, grundehrliche Frau – darauf geschworen, daß sie durch einen bloßen Willensakt, der die mesmerische Behandlung ersetzt, – nicht immer, aber zu guter Stunde – die Verbindung zwischen Körper und Geist – bei sich – fast völlig aufheben und dann mit dem sechsten oder zwölften Sinn der Somnambulen räumlich und zeitlich in beträchtliche Ferne sehen könne.« »Ich staune, verehrter Herr Uhlich, wie Sie in dieser schwierigen Materie bewandert sind«, sagte Addo und trank nachdenklich, dankbar die Blume genießend, seinen Chambertin. »Was heißt bewandert!? Ich hab' das alles früher so oft gehört. Meine Frau redet gern davon, wenn sie nicht gerade Schumann spielt oder alte Stiche mit der Lupe betrachtet. Ich hab' so aus Höflichkeit hingehört, auch mal 'ne bescheidene Zwischenfrage getan, diligentiam zu prästieren. Wie höfliche Ehekrüppel das, wo der Puschel der Eheliebsten in Frage kommt, so in guter Gewöhnung haben. Aber sonst war mir, ehrlich gesagt, mein Geschäft immer wichtiger als die ganze Theorie der Geisterkunde und die Frage, ob Swedenborg tatsächlich vor fast zweihundert Jahren von Gothenburg aus den Brand in Stockholm gesehen hat; oder ob wirklich nach Andrew Jackson Davis' Behauptung die Geister sich zum Empfang solcher Botschaften den besonders begabten Menschen durch elektrische Vibrationen mitteilen.« Das ist doch erstaunlich, dachte Addo, wie dieser allem Realen zugekehrte Mann, der, solange ich ihn kenne, nichts zu betreiben schien als seine nüchternen Geschäfte, sich hineingelebt oder gelesen hat in die Probleme der Mystik. Hoffentlich – er sandte einen spähenden Blick zu seinem Gastgeber hin, der sich gerade schmunzelnd und mit gutem Appetit zum drittenmal von der Taubenpastete auf den Teller lud – hoffentlich schnappt er nicht auch noch an diesem gefährlichen Studium über, das schon den guten, sonst so verständigen Veit auf dem Gewissen hat. Aber der Zusatz, den Uhlich jetzt zu seinen mystischen Bekenntnissen machte, zerstreute alsbald solchen düsteren Verdacht. »Das meiste dieser angeblich verbürgten Mitteilungen aus der Geisterwelt, die bald vom Apostel Paulus, bald bloß von Johann Wolfgang Goethe oder Martin Luther stammen sollen, ist so saudumm und ein ganz gottsjämmerlicher Quatsch ... Sie müssen noch von den Klößchen nehmen, junger Freund, das ist neben der scharmanten Blätterteighülle das Beste an dieser sympathischen Pastete, von diesen fabelhaften Klößchen aus gehackten Taubenbrüsten, die mit Trüffeln gewiegt sind.« Und seine Stimme, als er den Ruhm der getrüffelten Taubenbrustklößchen meldete, hatte jetzt einen viel eindringlicheren und zärtlicheren Ton als vorhin, da er die vom Apostel Paulus oder von Johann Wolfgang Goethe gemachten verbürgten Mitteilungen aus dem Jenseits erwähnte. Jetzt aber schob der alte Herr den Teller zurück, wischte sich den rasierten Mund, in dem noch, scharf und blank, alle Zähne saßen, und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Sie müssen nicht glauben, daß ich die ganze Zeit hier im Hotel gesessen habe, Pastete essend und Burgunder trinkend und dazu in diesen Büchern schmökernd, die mir vor acht Tagen ein Greuel waren und es mir in vierzehn Tagen hoffentlich wieder sein dürfen. Nein, nein, mein Bester, ich habe auf meine Art gearbeitet. In unserer Sache. Habe telephoniert, Besuche empfangen, Menschen studiert. Aber jetzt erst mal – Zigarren gefällig – die dunklen Deckblätter brauchen Sie nicht zu schrecken, die Dinger sind harmloser als sie sich geben. Ein Schnäpschen – Curaçao, Danziger, Benediktiner –? Benediktiner! Ich auch, wenn ich ihn echt kriegen kann, aus der Abtei Fécamp den Wundertrank der braven Mönche, der ist mir lieber als alles, was sie heutzutage in den Bars nach angeblich amerikanischen Rezepten verbrecherisch zusammenmixen ... Ja, also zur Sache! Ihr Brief war so famos klar und verständig, – nein, wirklich, mein Kompliment! – daß ich mich ohne Schwierigkeit über die Hauptfiguren, die hier eine Rolle spielen, orientieren konnte ... Zunächst, als ich hier ankam, schien es, als ob ich nicht gerade, was man so nennt, eine glückliche Hand haben sollte. Bei der mir per Eilboten von meiner Sekretärin nachgesandten Post als erstes die Kündigung des braven Fräulein Butte, mit der höflichen Bitte, sie vielleicht schon vor dem vertraglichen Termin – wenn sich Ersatz fände – zu entlassen.« »Davon hat mir Veit noch gar nichts gesagt.« »Nichts? Na, vielleicht weiß er es selber noch nicht. Denn schließlich bin ich ja ihr Chef, nicht er. Oder aber Fräulein Butte ist ihm im Augenblick, ob sie nun kommt oder bleibt oder geht, nicht so wichtig als andere Dinge. Fräulein Butte, eine tüchtige Kraft, aber – Sie kennen Sie? – na, dann wissen Sie's ja selbst – Schiller würde sagen: ›Schönheit ist nicht die Falle ihrer Tugend‹... Übrigens, gegen ihre Tugend ist zweifellos nichts zu sagen. So durchaus in Ordnung wie ihre Buchführung – in der sie sich freilich in unserem ›Ostseebüro‹ zu überanstrengen leider keine Gelegenheit hatte... Aber es ist merkwürdig, dieses graue Entlein hat kürzlich – schreibt sie, und es ist sicher so gewesen – hat eine Hochzeit am Rhein, in Köln denk' ich, mitgemacht und da war ein Freund des Bräutigams mit mehreren Kindern – das heißt, die waren natürlich nicht bei der Hochzeit – der hat gestaunt über die Ähnlichkeit der guten Butte mit seiner verstorbenen Gattin. Was für die körperlichen Reize dieser Heimgegangenen wenig Schmeichelhaftes beweist, aber Fräulein Buttes spätes Glück, wie's scheint, gemacht hat. Er hat in ihr – seiner Tischdame – dumm ist sie nicht, sie wird sich also ganz nett unterhalten haben – hat in ihr bald den Ersatz für die Frühverstorbene gesehen und gewissermaßen die ihm von Gott geschenkte Fortsetzung seines unterbrochenen Liebesglücks. Es gibt ja Leute, die nun mal ohne Mystik nicht leben können – und wir beide wollen uns hüten, zu lächeln, denn ein ohne eine gewisse Mystik nicht zu denkender Fall führt uns beide hier zusammen. Also der biedere Witwer – Oberpostsekretär, denk' ich, pensionsberechtigt, was heutzutage eine hübsche Lockung ist – hat ihr dort schon beim Abschied Andeutungen gemacht, und nun hat er brieflich in aller Form um sie angehalten. Na, da ist's dem Mädel nicht übelzunehmen, wenn sie da die Röcke rafft – heute freilich kaum mehr nötig – und noch rasch ins letzte Blumenboot springt, das an ihr vorüberfährt. Sie soll's von mir aus riskieren, ehe der verzauberte Witwer von seinem Glauben an die Ähnlichkeit mit der Verklärten zurückkommt. Aber – unangenehm für mich und fürs Geschäft. Na – der Fall Butte war rasch erledigt. Nun kam die Arbeit, zu der ich hergekommen war. Ich hatte mir aus Ihrem Brief als besonders wichtig zunächst eine Unterredung mit dem Rendanten vom Grabbe-Theater, Siegmund Kern, notiert.« »Veit wohnt bei ihm.« »Ja, ja, ich bin völlig im Bilde. Der Mann hat Telephon. Erst war eine Damenstimme am Apparat – etwas schrill und nicht sonderlich ermunternd zu näherer Bekanntschaft.« »Das war gewiß die Gattin – Melusine Kern.« »Melusine – wie kann man einen so schönen Namen an eine solche Stimme verschwenden! Na, schön – ich bestand darauf, in wichtiger Angelegenheit den Herrn Kern persönlich sprechen zu müssen. Das schien zu verstimmen. Aber nach einiger Zeit eine Männerstimme, sehr höflich: »Hier Rendant Kern.« Ich nenne einen amerikanisch klingenden Namen, sehr rasch und undeutlich – und sage: Den Namen kennen Sie doch nicht und werden ihn schwer verstehen. Ich möchte Sie in einer für Sie angenehmen Angelegenheit – Näheres durchs Telephon nicht möglich – heute noch sprechen. Ich bin im ›Hotel Bristol‹, Zimmer+307 zu erfragen. Wir verabredeten nachmittags drei Uhr. Er kam. Nicht allein. Er hatte ein Bübchen bei sich.« »Aha, das Hugochen.« »Ja, so hieß es. Ein ganz nettes, etwas verschüchtertes Bürschlein. Zu klein, um es allein auf die Straße zu schicken; zu groß, um es den ganzen Gang der Unterredung mitanhören zu lassen. Ich schlug also vor, das Hugochen auf meine Kosten mit einem Hotelpagen ein bißchen spazierenfahren zu lassen. Der Bub jauchzt bei diesem Vorschlag, wird zutraulich und erklärt mir, daß es ›schon die dritte‹ Autofahrt in seinem mit Sensationen offenbar noch nicht überladenen Leben sein werde. Ich klingle einem Hotelpagen, sage ihm, er soll ein Auto nehmen, mit dem Bübchen nach dem Zoo fahren, soll dem Jungen die Affen und die Eisbären zeigen, eine Tasse Schokolade mit ihm trinken und in dreiviertel Stunden – per Auto – wieder hier im ›Bristol‹ sein. Der Junge strahlt, als ob ich ihm alle Wunder aus Tausendundeiner Nacht schenke, und vergißt vor Aufregung seine Matrosenmütze. Die hat nun, als er mit heißen Backen zu den Affen gefahren war, während der ganzen Unterredung mit mir der Vater in seinen Händen herumgedreht – bald langsam, bald rascher, je nach dem Tempo seiner Herzenserregung, so daß mir vom Zusehen bald schlecht wurde. Aber da Herr Siegmund Kern – mir scheint mehr unter dem Zwang der Verhältnisse als aus Passion – Nichtraucher ist, konnte ich leider seine Hände nicht anderweitig beschäftigen. Ich begann damit, daß ich gelesen hätte, – in Ihrem Brief natürlich, ich log aber: in der Zeitung – daß er kürzlich ein Jubiläum gefeiert habe und neben anderen Ehrungen von seinem Chef gebührenderweise durch ein generöses Geschenk und den Titel ›Rendant‹ ausgezeichnet worden sei. Er gab das nicht ohne Stolz zu und hatte sichtlich das Bestreben, sich über die näheren Umstände dieses interessanten Festes ausführlichst zu äußern. Er versprach mir unter anderem, daß mir das Hugochen, wenn ich es wünsche, nach seiner Rückkehr von den Affen ein Gedicht aufsagen werde, das seine liebe Frau Melusine Kern-Möller persönlich zu diesem Fest gedichtet.« »Ich kenne es,« – sagte Addo betrübt – »es war, denk' ich, ihre einzige Spende zu dem Fest. Es ist ein ziemlich langes Poem und nicht sehr unterhaltlich.« »Kann ich mir vorstellen. Ich kenne es nicht. Habe alle Schilderungen kurz mit der ihn baß überraschenden Mitteilung unterbrochen: Ich sei beauftragt, ihm, dem Rendanten Kern, von einer anonymen Gesellschaft auswärtiger Verehrer des ›Grabbe-Theaters‹ und seiner Leistungen ein Geschenk von hundert Mark zu überreichen. Als ich den Schein vor ihn hinlegte, fürchtete ich, er werde zur Salzsäule erstarren. Die Berliner Besucher des ›Grabbe-Theaters‹ wären offenbar nicht auf solche sinnige Anerkennung der Verdienste des Rendanten verfallen. Seine überquellende Dankbarkeit machte ihn gesprächig. Er erzählte mir von seiner ersten Ehe, von der er lieber zu sprechen schien als von der zweiten. Und dann wieder – ohne Unterbrechungen zu gestatten – von dem Hugochen, das, wenn ich recht verstanden habe, gar nicht sein Kind ist, und von den vielversprechenden Geistesgaben des Bürschleins. Und wie er gerade dabei ist, mir umständlich zu erzählen, wie er – warum und wie, hab' ich nicht begriffen – in einem Mietsauto sitzend, den kleinen Kerl von oben bis unten vollgespritzt habe – seine Gattin Melusine auch, aber das schien ihn in der Erinnerung weniger zu schmerzen – da hält er urplötzlich inne, erhebt sich mit offenem Mund und tellerrunden Augen im Stuhl und scheint abermals zur Salzsäule erstarren zu wollen. Ich folge dem starren Blick seiner Augen und konstatiere, daß dort das Bild meiner Tochter zu Pferde – das vorhin sich auch Ihres Beifalls erfreuen durfte – das Ziel seines wie verglasten Blickes war. Ohne die Zusammenhänge zu ahnen, sage ich harmlos: ›Meine Tochter‹. Er aber – immer noch wie von einem Zauber behext, stammelt: ›Das Bild – das Bild – ganz dasselbe hat unser Zimmerherr gestern – auf seinem Schreibtisch liegen lassen.‹ Da war nun nichts zu machen. Ich hatte nicht geahnt, daß die kleine eitle Reiterin – sonst sündhaft schreibfaul – ihrem Bruder auch schon ihr ganz neues Bild als Amazone geschickt. Ich gebe der Angelegenheit rasch eine harmlose Wendung, indem ich sage: ›Ja, mein verehrter Herr Rendant, gerade ich wurde von einem kleinen Kreis von Verehrern des Grabbe-Theaters freundlichst ausgewählt, Ihnen die bescheidene Ehrengabe zu überreichen, weil man wußte, daß mein Sohn bei Ihnen zur Miete wohnt – das vergaß ich Ihnen zu sagen.‹ Und als er nun meinte, er habe am Telephon aber einen ganz anderen Namen verstanden als Uhlich, erklärte ich rasch: mein Sohn solle noch nichts davon wissen, daß ich hier sei, und da hätt' ich für alle Fälle zunächst mal den Familiennamen meiner Frau genannt... Nun wurden wir rasch wärmer im Gespräch, Herr Kern und ich. Und so ganz allmählich – das Hugochen mußte schon auf der Rückfahrt von den Affen und den Eisbären begriffen sein – und ein wenig unterstützt von demselben Burgunder, den wir beide vorhin erledigt haben – Sie werden zugeben, es ist ein anständiges Weinchen und Herr Kern dürfte solchem Tröpfchen gegenüber etwas weniger widerstandsfähig sein als Sie und ich –, also unterstützt von diesem flüssigen Helfer habe ich so ziemlich alles herausgefragt, was ich zu wissen wünschte ... Die Geburt des Mädchens – sie ist die einzige – ihre bescheidene, aber gute Erziehung, den Konflikt mit der Stiefmutter – und das wichtigste: Klaras Art und Wesen – sie heißt nämlich Klara –« »Ich weiß.« »Ja, es kommt aber gleich einiges, was Sie bestimmt nicht wissen und was dann doch meinen Nachforschungen eine ganz besondere Richtung gab. Den Verwandten Kerns nachspürend – denn wenn so ein junger Mensch hinter einem Mädel her ist, wie der besessene Veit hinter der Klara Kern – so muß der Vater sich ein bißchen umtun nach der Familie. Die heiratet doch der Junge schließlich, wenn's zum Klappen kommt, mehr oder minder mit. Also wie ich so über die werten Verwandten einiges zu erforschen suche und er, sichtlich erregt – herumdruckst und sich windet, da helf ich – der Himmel halte das Hugochen noch ein bißchen bei den Eisbären fest, bet' ich innerlich – helf' ich mit einer zweiten Flasche Chambertin nach. Und was soll ich Ihnen sagen, da gesteht er mir – – nun halten Sie sich mal am Stuhl fest, junger Mann, gesteht er mir, daß ihn gestern – gerade gestern – getrieben von der Angst um Klara – eine Nichte besucht hat, die unter anderem Namen, ohne daß er's wußte wie und wo, seit Jahren in Berlin lebt.« Warum soll ich mich denn am Stuhl festhalten? dachte Addo. Das sind doch keine Merkwürdigkeiten, deren Mitteilung einen sonst gesunden Menschen umwirft. Er verstand den triumphierenden Blick des alten Uhlich durchaus nicht, der sich das Ansehen eines Feldherrn gab, der gerade eine Schlacht gewonnen hat. »Ich wette, Sie haben nicht recht verstanden«, sagte der alte Herr, der sich eine große Wirkung von seinen Worten versprochen zu haben schien. »Die Wette haben Sie gewonnen«, nickte Addo ein wenig beschämt. »Ich kann es, ehrlich gesagt, nicht so merkwürdig finden, daß Herr Kern auch eine Nichte in der an Nichten gewiß sehr reichen Stadt Berlin besitzt, eine Nichte, die er lange nicht gesehen hat und die unter anderem Namen – dafür wird sie ihre Gründe haben – hier einem Beruf nachgeht.« »Nachgehen – ist gut. Ach nein, die Leute kommen zu ihr . Der gute Rendant wollte zunächst nicht recht mit der Sprache heraus. Schließlich hat er aber – Chambertin ist Chambertin – etwas umständlicher, leider auch verworrener, als mir lieb war, bekannt, was er eigentlich wohl versprochen hatte, nicht weiterzusagen. Diese Dame – ehemals bei der Bühne – nun, was glauben Sie, was sie für einen Beruf ausübt? Raten Sie, was für einen Beruf!« »Einen selbständigen Beruf?« »Das kann man wohl sagen.« Addo begriff nicht, was es dem alten Herrn für eine Freude machen konnte, daß er den Beruf errate oder nicht errate, den eine ihnen beiden nicht bekannte Nichte des Herrn Kern in Berlin ausübe. »Sie hat vielleicht einen Modesalon?« – Herr Uhlich schüttelte verneinend das Haupt – »Oder ein Blumengeschäft?« Abermals verneinte Herr Uhlich. »Oder am Ende einen Schönheitssalon?« »Auch das nicht. Sie ist – Wahrsagerin. So wahr ich lebe, Kartenlegerin, Hellseherin!« Nun hielt sich Addo tatsächlich mit beiden Händen am Stuhl fest: »Doch nicht etwa – die Hexe von Endor!« »Nanu?« Jetzt war wieder die Verblüffung durchaus auf seiten des alten Herrn, der sich seinerseits am Stuhl festhielt. »Die Hexe von Endor? Was wollen Sie mit der ? Die dürfte doch schon einige Jahrhunderte tot und begraben sein.« »Wir nennen sie bloß so – Veit und ich – Ich meine die Dame – Ilia nennt sie sich– und gibt ihre Sitzungen in weißer Perücke und silberner Maske.« »Eben die – die Sie in Ihrem Brief erwähnt haben – von der die ganze letzte Wendung Veits zur Starrheit oder Besessenheit oder wie wir's nennen wollen, stammt. Offenbar ein und dieselbe.« »Und das haben Sie dem Rendanten –?« »– gesagt? Ich bin doch nicht von gestern! Sie scheinen zu glauben, wir Großkaufleute machen unsere Geschäfte – zum Unterschied von euch Studierten – nur durch das Glück unserer angeborenen Blödigkeit?« »Aber, Herr Uhlich!« »Egal, egal!« wehrte der alte Herr ab. »Lassen Sie. Ihre Einschätzungen meiner Geistesgaben steht hier gar nicht zur Diskussion. Nein, ich habe mir natürlich nicht das geringste merken lassen. Bloß, scheinbar mit einem Bleistift auf einer Zeitung spielerisch kritzelnd, habe ich mir Namen und Adresse der Dame rasch – zwischen Röschen und Eselsohren und ähnlichen Arabesken – auf den Rand notiert. In diesem Augenblick kam – erfüllt von seinen zoologischen Entdeckungen – das Hugochen zurück. Vor den Eisbären hatte er sich ein bißchen gefürchtet, aber die Affen! Einer hatte ihm plötzlich den Schlips aus dem Matrosenkragen gerissen und zerfetzt wieder herausgeworfen. Ein anderer hatte ihn mit verlutschten Apfelkripsen geschmissen. Und über das blaugeränderte feuerrote Gesäß eines Pavians, der sich ihm leider nur von hinten zeigte, konnte er sich gar nicht beruhigen. Mit der Besprechung dieses Farbenspiels der Natur endigte leider meine ins Künstlerische entgleiste Unterhaltung mit Herrn Rendant Kern. Der Chambertin, den der Gute erst so richtig spürte, als er, das Hugochen zu begrüßen, sich aus dem Stuhl erheben wollte, und dann die aufgeregten Berichte des erhitzten Jungen, auch das Malheur mit dem Schlips, der eigentlich Frau Melusine gehörte und den er sich, der Rendant, für diesen Besuch bloß ausgeliehen, das alles verwirrte ihn in einer Weise, daß über das mich allein interessierende Thema nichts mehr aus ihm herauszuholen war. So schenkte ich dem Hugochen einen blanken Taler, damit er sich aus dem Heimweg einen neuen Schlips kaufe, schöner noch als der von der Mutter geliehene. Fügte einen weiteren Taler hinzu, damit es, das Hugochen, seinen Vater einladen könne, im Auto mit ihm nach Hause zu fahren. Denn für den Weg zu Fuß durch den Berliner Verkehr hatte ich, als ich Herrn Rendant Kern jetzt durch das Zimmer segeln sah – ernstliche Bedenken. Jedenfalls waren Vater und Sohn höchlichst beglückt, als sie sich von mir verabschiedeten. Ich hatte viel Mühe, die geräuschvollen Ovationen zu dämpfen, als sie glücklich unter der Abhut eines todernsten Zimmerkellners auf dem Korridor und auf dem Weg zur Treppe waren... Und was glauben Sie, lieber Freund, was ich tat, als sie gegangen waren?« »Ich bekenne beschämt«, sagte Addo, dem das viele Raten und Wetten ein bißchen lästig wurde, »daß ich keine Ahnung habe.« »So? Dann werd' ich's Ihnen sagen. Ich suchte im Telephonbuch Madame Ilia – fand ihre Nummer, klingelte an. Ich bat die Dame – deren Stimme übrigens wesentlich sympathischer klang, als die der Rendantin Kern – bat sie, da ich fußkrank sei und nicht gehen könne, ihrer mir vielfach gerühmten Kunst aber dringend bedürfe, mich möglichst heute noch im ›Hotel Bristol‹ aufzusuchen. Sie war vorsichtig und zurückhaltend am Telephon. Mehr Dame als Pythia. Sie meinte, ein fremder Raum mindere ihre mediumistischen Kräfte sehr. Auch erwähnte sie, sie hätte heute noch einige distinguierte Kunden von außerhalb. Ich antwortete, es käme mir für eine wichtige Entscheidung, die morgen in der Frühe folgen müsse, darauf an, heute noch ihren wertvollen Rat zu hören. Da berührte sie geschickt und diskret die Honorarfrage. Ich bat zu fordern. Sie verlangte hundert Mark, und zwar zu Beginn der Sitzung. Ich sagte zu. Hundert Mark scheint heute die Taxe zu sein. Sie überlegte einen Augenblick, dann meinte sie, in einer Stunde etwa würde sie im ›Hotel Bristol‹ sein. Sie notierte sich die Zimmernummer, bat um eine möglichst halbdunkle Beleuchtung und einen von Geräuschen nicht gestörten Raum. Auch um eine Aschenschale oder ähnliches, in der sie eventuell einige Kräuter und dergleichen verbrennen könne. Ich sagte das alles zu und lächelte sehr verschmitzt, als ich diese mystischen Andeutungen in Empfang nahm. Ich bereitete alles wunschgemäß vor. Fügte dem Gewünschten noch ein säuberlich gedecktes Teetischchen mit einigen Leckereien hinzu und erwartete eine abgetakelte und frisch aufgemachte Komödiantin. Eine Abenteurerin, die mich zu bluffen kam und die ich zu bluffen entschlossen war. Es kam aber – das muß ich zu meiner Beschämung gestehen – zunächst wesentlich anders. Fast auf die Minute, eine Stunde nach unserem Telephongespräch, wurde mir aus dem Büro des Hotels gemeldet: eine Dame, Emilie von Entler, wünsche mich zu sprechen. In welcher Angelegenheit, fragte ich zurück. Sie sei von mir eingeladen. Ich entschuldigte meine Vergeßlichkeit und ließ bitten. Der Name Entler war mir ja genannt worden, allerdings ohne Adel; war aber dann hinter dem interessanteren nom de guerre ›Madame Ilia‹ meinem Gedächtnis entschwunden. Als Madame Ilia hatte sie auch im Telephonbuch gestanden. Es klopfte an die Tür. Ich bereitete mich auf eine ungewöhnliche, vielleicht groteske Erscheinung vor und – war nicht wenig verblüfft. Eine schlicht, aber sehr gut angezogene Dame trat ein. Eine Lady, die – so wie sie war und ging – zu jedem Fünfuhrtee im Westen erscheinen konnte und die auf den Boulevards von Paris sowenig im üblen oder gar komischen Sinne aufgefallen wäre wie im Orient-Expreß oder auf einer Promenade der Riviera. Eine Frau, so schien's, der guten Gesellschaft. Vielleicht Anfang oder Mitte der Dreißig. Ganz leicht gepudert nur. Schöne schwarze Haare, interessantes, gutgeschnittenes Gesicht. Vorzüglich gewachsen und von blendenden Manieren. Nur schien mir, daß sie beim Gehen ein ganz klein wenig hinkte.« »Verzeihung, kam sie denn ohne Maske und Perücke?« »Ja, das wäre ja auch im ›Bristol‹ einigermaßen aufgefallen, wenn sie so karnevalistisch à la Pompadour frisiert –« »Allerdings, aber –« »Vielleicht hat sie die Höhe des Honorars bestimmt, vielleicht auch macht sie mit außer dem Hause zu Behandelnden Ausnahmen – ich weiß nicht. Jedenfalls, sie kam. Benahm sich gut und sicher. Lehnte höflich den angebotenen Tee ab – sie müsse nüchtern sein bei der ›Arbeit‹. Ich dachte: umgekehrt wie der famose Onkel Kern, der erst gut mit mir ›arbeitete‹, als er eine ungewohnte Flasche Chambertin im Leibe hatte. Sie regulierte ganz ernst die Beleuchtung, und ich beobachtete dabei, wie sie sich mit vorsichtig spähenden Blicken überall im Zimmer umsah, wohl um für ihre Sehergabe einen Anhaltspunkt über meine Person, meinen Beruf, meine Lebensweise und all so was zu gewinnen. Aber ich war durch den Fall Kern gewitzigt. Hatte die Bücher dort alle ins Schlafzimmer verstaut, und das Bild meiner Tochter ebenso wie die Briefbogen und all solche Kleinigkeiten weggeschlossen. Außer der unpersönlichen Hoteleinrichtung konnte ihr spähendes Auge hier nichts erhaschen, als dort meine Reisedecke, an der wirklich nichts Besonderes ist, meine Zigarrentasche – tausend Raucher haben dieselbe – und ein paar gelesene Zeitungen. Sie setzte sich mir gegenüber. Ich schob ihr unauffällig das Kuvert hin, aus dem der Hundertmarkschein gerade noch erkennbar hervorleuchtete. Sie sagte mit anmutiger Kopfneigung schlicht ›danke‹ und schloß ihn ohne Eile in die Krokodilledertasche, in der ich bei dieser Gelegenheit zwei neue Kartenspiele bei Taschentuch, Puderdöschen, Spiegelchen und solchem Damenkram gelagert sah. Als wir uns ruhig gegenübersaßen und eine kleine Pause eingetreten war, ersuchte ich sie, mir, wenn sie das vermöge, zu sagen, in was für einer Art von Angelegenheit ich hier in Berlin sei und vielleicht ihre Mahnungen oder Warnungen daran zu knüpfen, die mir nützen sollten. Und nun geschah das einfach Unerklärliche. Sie fragte zunächst, ob ich Bilder von Verwandten habe, die sie sehen könne. Ich legte die Hand auf die Brusttasche, in der Frau, Sohn und Tochter in der Verborgenheit gut aufgehoben blieben, und bedauerte ›nein‹. Mit merkwürdigen Augen sah mich die Dame Ilia an. Es wurde mir, ehrlich gesagt, ein bißchen unheimlich dabei. Sie wird doch keine hypnotischen Geschichten machen wollen, dachte ich. Da bat sie, mein Profil betrachten zu dürfen und labte sich, als ich den Kopf gewendet, längere Zeit an diesem Anblick. Als sie nun – etwas befehlsmäßig – anordnete, ich sollte meine Hände in die ihren legen und ihr fest dabei in die Augen schauen, schien es mir fast – aber ich konnte mich irren – als ob ein ganz kleines flüchtiges Lächeln um die Winkel ihres hübschen Mundes flöge. ›Bitte, denken Sie jetzt an nichts anderes als an die Angelegenheit, die Sie hierhergeführt hat, die Sie hier beschäftigen soll und um derentwillen Sie mich haben hierherkommen lassen.‹ – ›Das will ich sehr gern tun‹, sagte ich. Dabei war ich durchaus darauf gefaßt, nun einen allgemeinen Quatsch zu hören, der auf tausend Menschen und tausend Dinge paßt. Aber was glauben Sie, was mir diese ›Dame mit der silbernen Maske‹ ohne Maske langsam, eine wenig feierlich, aber sehr ruhig und bestimmt, eröffnet hat?« Addo hätte es vorgezogen, daß die Erzählung des alten Herrn, die ihn zu spannen anfing, nunmehr ohne Fragen, Rätsel und Rösselsprünge erledigt worden wäre. Aber die Höflichkeit verlangte, daß er auf eine so bestimmt gestellte Frage sich äußerte, so sagte er: »Die Dame steht im Ruf, wirklich erstaunliche Dinge zu sehen, zu sagen und zu prophezeien.« »Das kann man wohl sagen«, fiel lebhaft der alte Herr ein, den es jetzt offenbar drängte, die seltsamen Erlebnisse dieser Sitzung im Hotel einmal schildernd loswerden zu können. »Das kann man wohl sagen, also: die Dame mit der silbernen Maske oder, wie Sie sie nennen, die ›Hexe von Endor‹, sagte mir annähernd wörtlich in ganz kurzen, herausgeschleuderten Sätzen: ›Sie haben einen Sohn. Mitte der Dreißig. Er ist temperamentvoller, phantastischer als Sie. Er liebt eine Frau. Eine Frau, die er nicht oder kaum kennt. Er kämpft und leidet um sie. Er vernachlässigt darüber alles andere. Sie lieben diesen Sohn. Jetzt, da er leidet, fast noch mehr als Ihr zweites Kind. Eine Tochter, die, dem Sport ergeben, nüchterner, unphantastischer ist als der Bruder. Diesem Sohn zu helfen und ihn auf den rechten Weg zu bringen sind Sie hier‹« »Das ist allerdings fabelhaft!« »Ist es. So fabelhaft, daß Ihnen die Zigarre ausgegangen ist. Aber stecken Sie sie noch nicht wieder an, denn ich sage Ihnen, jetzt kommt es noch fabelhafter. Fabelhaft durch seine – na, sagen wir, durch seine unerhörte Frechheit. Ich bin, wie Sie mich sehen, nur ein Kaufmann. Schmeichler nennen das: Großkaufmann. Habe auch – was mir meine Tochter nicht verzeiht – nie Zeit und Laune gehabt, Pferdesport zu treiben. Habe nie geritten. Aber mein ›Husarenstücklein‹ hab' ich mir– und zwar hier in diesem Zimmer – geleistet. Also passen Sie auf! Wie die Dame Ilia so sprach, – sicher, ruhig, mit einer äußerst sympathischen Stimme – war ich genau so perplex wie Sie jetzt. Aber ich wußte, was ich wußte; und ich sagte mir, hinter diesem aufregenden Wissen steckt höchstwahrscheinlich eine ganz ungewöhnliche, aber doch irgendwie erklärbare Kombination. Mein Spruch im Geschäftsleben ist immer gewesen: › à gentilhomme – gentilhomme, à corsaire – corsaire et demi ‹ Und so auch: gegen einen Bluff – ein Bluff und noch ein halber dazu. Ich sage also anerkennend aber beherrscht: ›Das ist erstaunlich, gnädige Frau – denn ich muß bekennen, daß es richtig ist. Aber ich möchte nun auch ein Bekenntnis ablegen. Ich selbst bin –seit meiner Kindheit selbst ein wenig hellseherisch begabt. Ich habe das – vielleicht fehlte die Zeit, vielleicht auch der Mut – nie recht ausgebildet und dilettiere bloß in dieser mir selbst rätselhaften Kunst. Aber eben, da Sie sprachen – während ich jedes Ihrer Worte genau hörte und bestaunte und in mich aufnahm – ist ganz Seltsames mit mir geschehen. Gewissermaßen angeregt – ja, wie soll ich sagen: entzündet von Ihrer Gabe, glaubte ich selbst plötzlich Dinge ganz deutlich zu sehen, die sich nun wieder auf Ihr Leben – ich kenne Sie selbst nicht und habe Sie nie gesehen, habe erst vor kurzem von Freunden Ihren Namen und von Ihrer Gabe gehört – Dinge, die sich auf Sie beziehen. Ich kann irren, in dem, was ich sehe – aber es würde mich interessieren, von Ihnen zu hören, daß ich irre oder daß ich – in Einzelheiten, bescheidenen Teilen meiner Visionen – das Richtige treffe.‹ – Über das Gesicht der Sybille huschte wieder das flüchtige Lächeln, als sie zustimmend leicht mit dem Kopf nickte und ermunternd sagte: ›Es würde mich lebhaft interessieren.‹ – Nun fixiere ich sie mit einem bohrenden Blick, drücke ihre Hände, die ich noch in den meinen hielt, fester und sage: ›Als Hintergrund Ihrer Person sehe ich jetzt – ein Theater. Kein Theater, das ich kenne, aber unverkennbar ein Theater.‹ – Ihr Gesicht bleibt ruhig. Sie äußert nichts. ›Irgendein Leiden, eine Krankheit, ein Fall vielleicht hat sie der Bühnenlaufbahn entfremdet.‹ Um Ihren Mund zuckt es merklich. Ihre Augen werden klein und sie späht angestrengt forschend durch das Halbdunkel zu mir herüber. ›Sie haben meinen Sohn kennengelernt – ich schwöre Ihnen, daß er mir nichts davon gesagt oder geschrieben hat. Ich sehe das aber so, wie Sie vorhin meine Tochter zu Pferd gesehen haben. So sehe ich ihn jetzt bei Ihnen sitzen – Sie sind es, obschon Sie hochgetürmte weiße Haare trugen und eine Maske – und Sie lassen ihn, sagen wir durch Ihre Kunst, lassen Sie ihm die Frau seiner Sehnsucht erscheinen – leibhaftig erscheinen.‹ – In diesem Augenblick sprang sie auf und griff sich mit beiden Händen in die vollen, schweren Haare. Ich blieb sitzen, sah sie fest an und vollendete unerbittlich: ›Es traf sich dabei sehr gut, daß diese junge Dame Ihre Blutsverwandte, Ihre Base war, die damals bei Ihnen wohnte. Die zu Ihnen gekommen oder geflüchtet war, nachdem sie sich mit ihrem Vater – er ist wohl Beamter an einer Bühne – oder besser mit ihrer Mutter oder noch besser, mit der zweiten Frau des Vaters überworfen hatte – und von der Sie in dieser Stunde selbst nicht wissen und nicht ahnen und auch nicht ›hellsehen‹, wo sie – nach einer Enttäuschung, die sie offenbar erlebt hat – sich hingewendet hat.‹« Addo war aufgesprungen und ging erregt herum. »Also, das ist fabelhaft, Herr Uhlich. Einiges, wie die Sache mit der Sitzung, wußten Sie ja aus meinem Brief – aber das andere, all das andere – nein, das ist unerhört fabelhaft.« »Genau so wie Sie, junger Freund – jetzt können Sie Ihre Zigarre übrigens wieder anstecken, es kommen keine Sensationen mehr – genau so wie Sie ist die eben noch so gemessene und selbstsichere Hexe von Endor hier in Nummer dreihundertundsieben des ›Hotel Bristol‹ herumgelaufen. Dann ist sie plötzlich vor mir stehengeblieben und hat die Worte mehr gestammelt als gesprochen: ›Mein Herr, können Sie wirklich hellsehen oder ...‹ ›Ich kann leider‹, gab ich achselzuckend zu, ›genau so wenig hellsehen, meine liebe Gnädige, wie Sie. Aber mir scheint, wir sind, vor einer halben Stunde noch gänzlich Fremde, in dieser Angelegenheit natürliche Bundesgenossen. Und weil wir es sind, wollen wir nun mal Hokuspokus hübsch beiseite lassen. Wenn Sie sich beruhigt haben – und das können Sie verständigerweise machen, denn ich bin nicht hier, um Ihnen das Geschäft zu stören, die Existenz zu gefährden oder sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten zu bereiten – wollen wir uns bei einer Tasse Tee, die Sie jetzt vielleicht freundlichst annehmen, miteinander aussprechen. Und raten Sie, junger Freund, was nun geschehen ist?« »Nein, bitte, Herr Uhlich«, wehrte Addo fast leidenschaftlich ab, » raten möchte ich jetzt nicht mehr! Aber–« »Gut, so werde ich's Ihnen so sagen! Wir haben zusammen Tee getrunken, die Hexe und ich. Ganz friedlich, zwei Stunden lang. Ich habe dabei eine ganz scharmante, kluge und liebenswürdige Frau kennen gelernt. Und als ich mit einem ehrerbietigen Handkuß dort an der Türe von ihr Abschied nahm, war ich um die Erkenntnis reicher, daß man in einem sehr merkwürdigen und nicht ganz einwandfreien Beruf ein tapferer, anständiger Kerl bleiben kann ... Als ich dann, nachdem sie gegangen war, an meinen Teetisch zurücktrat, lag das Kuvert mit meiner Banknote neben meiner Tasse.« * Der alte Uhlich war bereits acht Tage in Berlin. Er hatte sich ausgesprochen mit seinem Sohn. Mehrfach, ruhig und gründlich. Hatte ihm den Zweck seiner Reise erklärt. Ohne große Worte. Bloß die Veranlassung hatte er – um Addo, dessen besorgte Freundschaft jetzt noch von dem seelisch Verwirrten nicht verstanden und richtig gewertet würde, nicht zu verraten – auf hellseherische Träume der Mutter zurückgeführt. Träume, die Veit, der ähnliches mit seiner Mutter in der Kindheit oft erlebt und der jetzt besonders für das Wunderbare empfänglich war, ohne weiteres als Erklärung hinnahm. Als seine persönliche Willensmeinung, die Gestaltung von Veits Zukunft betreffend, hatte der Vater geäußert: daß er seiner ganzen Erziehungsmethode untreu werden würde, wenn er nicht auch in Liebes- und Heiratsangelegenheiten seine Sprößlinge, wie der Alte Fritz seine Untertanen, nach ihrer Fasson selig werden lasse. Wie sich dann das spätere Verhältnis der ihre eigenen Wege gehenden Kinder zu ihm und der Mutter regle, das sei mehr oder minder Angelegenheit des von der Tochter gewählten Schwiegersohnes oder der vom Sohn dem Hause Uhlich zugeführten Schwiegertochter. Da Veit aber durch ihn als Vater und durch seine immerhin ganz hübsche Erbschaft vom Onkel Wilhelm ziemlich sichergestellt sei und auf eine Mitgift nicht zu sehen brauche, so solle ihm, dem Vater, auch die mittellose Tochter eines kleinen Privatbeamten als Familienzuwachs willkommen sein, wenn sich all das Gute bewahrheite, das er von den äußeren und inneren Qualitäten der emsig Gesuchten vernommen habe. Wichtigste Voraussetzung sei freilich, daß man sie überhaupt finde und daß sie die ihm bekannte Verirrung ihres Herzens verschmerzen und Veit ehrlich lieben könne. Auch von seiner ersten Zusammenkunft mit dem braven Siegmund Kern und – was er als Folge der Mitteilungen des Rendanten darstellte – seiner Sitzung mit der »Dame mit der silbernen Maske« hatte der alte Herr nichts verschwiegen. In seiner jovialen Art, leicht humoristisch färbend, ohne den ernsten Anlaß der Unterhaltung ins Lächerliche zu ziehen, hatte er dem blaß und schweigend zuhörenden Sohne erzählt, wie eine kleine List – die dem Rendanten niemals offenbart werden dürfe – ihn mit Kern bekannt gemacht; und wie er über dessen Tochter Klara alles ihm notwendig erscheinende und eigentlich nur Gutes erfahren habe. Dann die wunderliche Sitzung mit Ilia, der er schließlich Erstaunlicheres mitgeteilt habe als sie ihm. Später – als sie beide, man könne schon sagen, gute Freunde und Bundesgenossen geworden waren, die immer noch anmutige Hexe und er – hatten sie sich wechselseitig die nichts weniger als übersinnliche Herkunft ihrer Weisheiten lächelnd gestanden. Ilia, die ein ganz ausgezeichnetes Gedächtnis für Physiognomien besaß, hatte sofort, als sie Uhlichs Zimmer im Hotel betrat, eine Familienähnlichkeit ihres »Klienten« mit jenem jugendlichen Besucher, dem sie damals die Klara hatte »erscheinen« lassen, zu erkennen geglaubt. Die Vermutung war zur Gewißheit geworden, als sie dann Uhlichs Kopf im Profil betrachten konnte und sich des Bildes erinnerte, das ihr damals Veit nicht ohne Stolz auf den Tisch gelegt: »Mein Vater.« Daß der alte Herr in Angelegenheit seines Sohnes hier in Berlin sei, stand für die gewohnheitsmäßig rasch und sicher Kombinierende sofort fest. Damit war die Richtung der hier von ihr erwarteten »Visionen« gegeben. Der alte Uhlich seinerseits kannte durch Addos ausführlichen Brief so ziemlich alle Einzelheiten jener Sitzung seines Sohnes bei der Seherin. Und über Ilias Privatverhältnisse, ihre abgebrochene Bühnenlaufbahn und all diese Dinge hatte ihn der vom Chambertin selig besiegte Rendant Kern in holder Ahnungslosigkeit orientiert, während das Hugochen mit dem Affen im Zoo um den gepumpten Schlips der Dame Melusine kämpfte. So war in dieser Angelegenheit so ziemlich alles entwirrt und erklärt. Alles – bis auf das Wichtigste. Niemand wußte etwas, niemand erfuhr etwas von Klara und ihrem Aufenthalt. Ohne seine schwere, innere Unruhe zu verraten, ging der alte Herr seinen Geschäften nach. Prüfte die nicht überwältigende Tätigkeit seines »Ostseebadebüros«. Regelte gütlich den Abgang des Fräulein Butte, die seit ihrer Verlobung, im Innersten aufgewühlt, auf ihrer Maschine nie erlebte Konfusionen verübte. Schrieb die Stellung in drei Berliner Zeitungen aus und sichtete mit seinem schweigend und ernst seine Pflichten erfüllenden Sohne die haufenweis eingehenden Offerten. Aber in den Stunden, in denen der alte Herr angeblich in Angelegenheit seiner sonstigen Unternehmungen mit Geschäftsfreunden, unter denen auch der unvermeidliche Polzig wieder auftauchte, zu tun hatte, forschte er unablässig nach dem Schicksal und Aufenthalt Klaras. Zwei Detektivbüros beschäftigte er für ziemlich teures Geld in der rätselhaften Sache. Der eine Detektiv, Fritz Bernau mit Namen, ein gerissener Junge, hatte herausgebracht, daß die gesuchte junge Dame dieselbe sein müsse, die bei der Verhaftung des Wiener Juwelendiebs und Heiratsschwindlers Visatzky, dessen Prozeß demnächst bevorstand, am Anhalter Bahnhof anwesend war. Der andere Detektiv, Arnold Butzcke, ein älterer, behäbiger, abgebauter Kriminalbeamter, den Uhlich – ohne ihm von Bernaus geleisteter Arbeit und dem Fall der Klara Kern zu berichten – mit Nachforschungen nach dem Liebesleben des Herrn von Visatzky betraut hatte – brachte den verblüffenden Bericht, daß Visatzkys letzte »Liebe« oder besser: der letzte in sein Garn gegangene weibliche Gimpel eine nicht mehr junge und auch nicht mehr hübsche Schauspielerin vom »Grabbe-Theater« gewesen sei, eine gewisse Melusine Kern-Möller, die Gattin eines biederen Kassenbeamten. Diese Dame besitze ein uneheliches Kind, als dessen Vater aber keinesfalls Herr von Visatzky in Frage käme. Die einen behaupteten, der Vater sei ein bei Budapest ein fabelhaftes Schloß bewohnender ungarischer Magnat; andere wieder glaubten beweisen zu können, der Erzeuger sei ein im »Trinkerasyl« von Chemnitz vor drei Jahren gestorbener Theaterarbeiter. Da Uhlich es für möglich hielt und in den Bereich seiner Nachforschungen einschließen zu müssen glaubte, daß sich das verzweifelte Mädel etwas angetan haben könnte, so fuhr er auch in die Morgue, besah die dort noch nicht erkannten Toten und verglich sie mit dem Bild, das er im Zimmer seines Sohnes sich genau betrachtet und – nicht ohne Bewunderung für die liebliche Jugend – seinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Jedesmal verließ er mit einem Seufzer der Erleichterung das frostige Halbdunkel dieses traurigen Saales, in dem hinter Glas die unzähligen noch von keinem Gesuchten, von keinem Gefundenen lagen, die, am Glück verzweifelnd, in der Spree oder unter einer Kiefer des Grunewalds ihrem verfehlten Leben selbst ein Ende bereitet hatten. Nein, auch unter diesen Toten war das schöne Mädchen nicht. Und es geschah das Merkwürdige! der nüchterne alte Kaufmann, der dem Wunderbaren nie besonders geneigt war, dem diese seltsame, ihn zunächst närrisch anmutende Liebe seines Sohnes zu einer kaum gemerkten, zunächst nur Arger und Störung in die reichliche und geregelte Arbeit seines Lebens trug, begann – je mehr er sich mit diesem Mädchen beschäftigte, ihre letzten Bilder und bei Kern ihre Kinderbilder betrachtete, kleine Züge aus ihrem Leben sich erzählen ließ und die tragische Wendung ihres Schicksals überdachte – sich rein menschlich für dieses hübsche junge Geschöpf, das da unschuldig vor die Hunde gegangen sein sollte, zu interessieren. Und ein anderes: er wußte, Veits Mutter saß zu Hause, und wenn sie die Gicht in den Fingern spürte und nicht mehr Schumann spielen konnte, und wenn ihr die Augen wehtaten und sie die Lupe ausruhend auf die alten Stiche legte, dann hatte sie nur einen Gedanken, mit dem sie spielte: »Veit soll heiraten. Ich will noch ein Enkelchen sehen, lieben und betreuen.« Ihre Henny aber kam leider für Lieferung dieses Enkelchens nicht in Betracht, da die Mutter seltsamerweise annahm, daß das Leben ihrer vielseitigen, zum Erschrecken modernen Tochter so sehr von Sport, Ehrgeiz und Wagnis ausgefüllt sei, daß ein Wäscheschrank, ein Schlüsselbund und eine Wiege kaum je für dieses seltsame Wesen, das einmal unter ihrem verträumten Herzen gelegen, etwas bedeuteten. Daß in dem Herzen des Mädels, das ihren eigenen Jugendbildern so lächerlich ähnlich sah, neben Sport, Konkurrenzen und Rekorden noch Platz war für einen Jugendfreund, der eben seinen Referendar und Doktor » cum laude « gebaut hatte, das blieb der Mutter gänzlich verborgen. Der alte Uhlich hatte für diesen Abend seinem Sohne Veit, dem Doktor Addo Ahrens und – ärgerlich über die Dringlichkeit der vom Büro des Hotels übermittelten Telephonate – seinem Geschäftsfreund Polzig das Weinhaus Hock in der Potsdamer Straße als Treffpunkt zum Abendessen angegeben. Als Uhlich kurz nach acht Uhr das Weinhaus betrat, von dessen vornehm gedeckten Tischen bereits eine größere Anzahl von gutem Publikum besetzt war, gewahrte er in einer Nische einen Herrn, der heftige Signale mit den Armen gab, als wolle er einen in voller Fahrt befindlichen D-Zug vor drohendem Unheil bewahren. Es war der unvermeidliche Polzig, der als erster erschienen war und sich für die Einladung bedankte, die Uhlich eigentlich weder ausgesprochen noch bezweckt hatte. Noch ehe Uhlich richtig saß und den Wein gewählt, unterbreitete ihm Polzig bereits den Plan für Ankauf eines verkrachten Tattersalls im Westen Berlins. Zum Zwecke, daraus eine Rollschuhbahn zu machen, von welchem verschollenen, aber leicht wieder zu belebenden Sport er sich, wenn man erst die Presse dafür begeistere und die nötigen Annoncen und Freikarten ausgäbe, eine neue Blüte des Nachtlebens der Reichshauptstadt verspräche. Natürlich in Verbindung mit glänzendem Restaurationsbetrieb auf den Galerien, der entweder geschickt in eigene Regie zu nehmen oder für fabelhafte Summen zu verpachten wäre. Uhlich hörte nur zerstreut den erregten Ausführungen zu. Der Rollschuhsport hatte ihn nie sonderlich interessiert und die Lage dieses Objekts in der unmittelbaren Nähe längst bestehender, zum Teil mäßig florierender großer Vergnügungsetablissements des Westens hatte nichts Hinreißendes. Außerdem war er aber unruhig, weil der sonst mit der Höflichkeit der Könige pünktliche Veit noch nicht zu sehen war. »Ich habe«, sagte er als einzige Antwort auf die beweglichen Ausführungen des Geschäftsfreundes, indem er dessen neben dem Teller ausgebreiteten Pläne der Grundstücke mit dem Handrücken einfach beiseite schob, »habe für heute abend – er kann allerdings erst nach dem Theater – auch noch Herrn Kern bitten lassen.« »Wer ist Herr Kern?« fragte Polzig erstaunt, »käme der etwa für Übernahme des Restaurationsbetriebes in Betracht?« Trotz seines Ärgers mußte Uhlich lächeln: »Nee, dann noch eher als Kunstläufer auf der Rollschuhbahn – vielleicht in Doppelproduktion mit dem Hugochen.« »So was brauchen wir auch «, nickte Polzig eifrig, dem jede Möglichkeit recht war, den Unternehmungsgeist Uhlichs zu interessieren für dieses Prosekt, bei dem für ihn erhebliche Prozente zu verdienen waren. In diesem Augenblick trat in ausgezeichnet geschnittenem Cut der Herr Hock, der geschäftstüchtige Besitzer des Lokals, an den Tisch der Herren heran, die ihm beide bekannt waren. Er erkundigte sich erst nach ihrer werten Gesundheit, dann nach ihren Wünschen, winkte wichtig den Ober heran, ihm besonders aufmerksame Bedienung anempfehlend, und machte auf einige heute besonders zu beachtende Tagesplatten aufmerksam. Diskret hinter der Speisekarte auf den Nachbartisch links deutend, erklärte er, daß dieser bereits mit roten Nelken geschmückte Tisch für neun Uhr von dem berühmten Tenor Walter Wendland bestellt sei. Dieser aufgehende Stern der deutschen Operettenbühne verzehre hier jeden dritten Abend mit einer sehr hübschen Dame – nicht immer derselben – eine Poularde in Reis und trinke dazu französischen Sekt – auch nicht immer dieselbe Marke. Rechts an dem Tischchen aber der elegante Herr mit den schon etwas ergrauten Schläfen, der jetzt eben Platz nehme und nach dem Menü greife, das sei ein berühmter Schriftsteller, den Namen habe er im Augenblick vergessen – er selber habe ja noch nichts von dem Mann gelesen, mein Gott, ihm fehle die Zeit – aber der bekannte Autor werde immer hier im Lokal viel bemerkt und auch zuweilen in späten Abendstunden um Autogramme auf dem Rücken der Speisekarte gebeten. Er warte – Herr Hock erläuterte das, indem er mit weltmännischer Höflichkeit zu dem Behandelten hinüber grüßte – zweifellos auf eine Dame. Er wolle nichts sagen, aber zuletzt sei er mit einer sehr bekannten, etwas extravaganten Filmdiva erschienen, und die Herren würden sicher an diesem gutgewählten Platz, wenn die temperamentvolle Dame wieder in Form sei, ihre Unterhaltung finden. Den alten Uhlich schien die Nachbarschaft des Prominenten nicht sonderlich zu begeistern. Er sagte nur: »Soso« und »aha« und sah sich dabei in den fernsten Ecken des trotz seiner Größe behaglichen Raumes um. »Sind das dort nicht«, fragte er plötzlich leicht erstaunt, »sind das dort hinten nicht zwei Schwestern von der Heilsarmee?« »Nicht Schwestern«, korrigierte Herr Hock, »weibliche Soldaten – ja, das ist ihr offizieller Titel. Stille, gute Mädchen. Sie verkaufen den ›Kriegsruf‹, die friedlichste Zeitung der Welt. Die großen Lokale, namentlich hier im Westen, sind ihnen verboten. Angeblich belästigen sie die Gäste – ich hab' das nie bemerkt. Eher umgekehrt. Aber ich gab der Heilsarmee die Erlaubnis, hier ihre stille Propaganda zu betreiben, denn – wenn ich das erwähnen darf – ich hatte einen Bruder, einen Zwillingsbruder sogar, der wie ich das Gastwirtsgewerbe gelernt hatte. Aber wie das so geht, es gibt Wirte und Wirte. Auch dazu muß man schließlich Talent haben. Er hatte eine unglückliche Hand, der arme Otto, in der Wahl seiner Lokale. Huldigte – was schlimmer war – dem törichten Glauben, daß man die Gäste am besten dadurch ans Lokal feßle, daß man sich selber zu ihnen setze und mit ihnen kneipe. So ging er – ohne aufdringlich zu sein, das muß man sagen – aber er hatte ja auch nicht das Publikum wie ich hier – ging er von Tisch zu Tisch. Ja, und wenn man das so von abends acht Uhr bis ein, zwei Uhr in der Nacht durchführen will und hier ein Glas Scharzhofberger, dort einen Tokaier Ausbruch, einen Mouton Rothschild, dazwischen einen Old Sherry und ein paar Allaschs trinkt ... Kam der üble Geschäftsgang hinzu, die böse Zeit. Die Sorgen ließen ihn, auch wenn er nicht bei den Gästen saß, Vergessenheit in Getränken suchen. Er hatte da eine besondere Marke, einen schweren alten Pfälzer, einen Deidesheimer Kieselberg, billig gekauft, den er eigentlich nur selber und ganz allein ... Schließlich hatte er sogar nachts neben dem Bett eine Flasche stehen, damit er, wenn er vor Sorgen nicht schlafen konnte ... Dann kam der Zusammenbruch. Wir haben ihn, die Familie, zweimal wieder mühsam auf die Beine gestellt – aber lieber Gott, die Beine waren nicht mehr ganz sicher. Schließlich entzog er sich unseren Blicken und Nachforschungen. Ist, ohne daß wir ihn halten konnten – er wollte nicht mehr geholfen haben – ist er zusammengebrochen. Die Lieferanten haben ihm die Lieferungen gesperrt. Man hat ihm die Möbel zwangsversteigert. Schließlich hat er – schrecklich zu sagen – mehrfach sinnlos betrunken in der Gosse gelegen. Da hat ihn eines Nachts, als er schon eine Lungenentzündung weghatte und halberfroren, röchelnd in einem Hausgang hockte, die Heilsarmee aufgelesen. Hat ihn ohne Zwang in das Asyl für Trinker aufgenommen. Hat ihn in rührender Weise gesundgepflegt. Hat den langsam Genesenden durch Zuspruch, Beispiel, vielleicht auch durch religiöse Einflüsse von seinem Laster zurückgebracht; und – was soll ich Ihnen sagen – eines Tages ist er völlig verändert, ein ernster, stiller Mensch mit flackernden Augen, freilich mit einem Knacks, aber doch wieder repräsentabel, wieder bei mir erschienen. Als Agent für kleine Neuheiten für Haushaltungen und Gastwirtsbetriebe. Auch das hatte ihm die Heilsarmee vermittelt. Er hat nichts mehr getrunken – keinen Tropfen mehr. Hat freundlich aber bestimmt jede andere Hilfe der Familie als den Ankauf einiger seiner Waren abgelehnt, Und bei jedem Besuch hat er ein paar Traktätchen zurückgelassen, so auf die Stühle verteilt, ohne was davon zu sagen ... Ja, meine Herren, es gibt natürlich Leute, die lachen über diese frommen Geschichtchen und Wunderhistörchen. Aber schließlich, wenn man sieht, wie diese seltsam gekleideten, seltsam redenden, wunderliche Lieder singenden Menschen einen armen Teufel, der verloren in der Gosse liegt, aufheben, gleichviel, wie er heißt, wer er ist und was er auf dem Kerbholz hat; wie sie ihn nähren, kleiden, ihm ein sauberes Bett und ein warmes Frühstück geben, ohne zu fragen, ohne was zu verlangen, ja ohne Dank zu erwarten – bloß, weil's ein Mensch ist ... Ja, also – ich kann nicht mehr lachen über die Tellermützen der schlecht rasierten singenden Männer, über die Schippenhüte der blaß und bescheiden ihre Groschen sammelnden mageren Frauen. Ich habe meinen Bruder zwei Jahre, nachdem ihn die Heilsarmee aufgelesen – friedlich in seinen, Stübchen wiedergefunden, im vierten Stock hinter der Belle-Alliance-Straße. Da saß er, der arme Otto, ein Traktätchen in der Hand und als einzigen Schmuck lauter fromme Bilder, den ›guten Hirten‹ und solche Sachen aus dem Heilsarmeevorrat, an die rissige Tapete gesteckt. Ganz zufrieden, ganz glücklich, ganz mit der Welt versöhnt, saß er da, der arme Otto, sauber und schlicht wie ein kleiner Rentner. Du lieber Gott, sieben Mark sechzig hat er in einer Federbüchse hinterlassen. So hat er dagesessen; und das Rotkehlchen am Fenster, das er sich gezähmt hatte, das hat geschmettert und hat nichts davon gewußt, daß sein Futtergeber ihm nie mehr zuhörte ... Seit dem Tage hab' ich – wenn's mir auch ein paar närrische Gäste verübelten – der Heilsarmee erlaubt, durch mein Lokal ein paarmal am Abend ihre Leute mit dem ›Kriegsruf‹ und den kleinen Broschüren von Tisch zu Tisch gehen zu lassen.« »Rufen Sie mir mal die Schwestern oder vielmehr die beiden Helferinnen hierher«, sagte Uhlich zu einem vorbeiflitzenden Kellner. Die Mitteilungen des Wirtes hatten ihn mehr gefesselt als Polzigs verwegene Rollschuhpläne. »Zu spät«, sagte Polzig nicht unfroh. Denn ihm waren die hübschen Mädchen, die nachts auf der Rheinterrasse im »Haus Vaterland« zwischen den Tischen sangen, lieber als diese leise redenden Frauen mit den häßlichen Wichsstiefeln und den Halleluja-Hüten, »zu spät, eben haben die beiden heiligen Weiberchen das weltliche Lokal verlassen.« »Da kommt, glaub' ich, Ihr Herr Sohn, Herr Uhlich.« Der Wirt wies nach dem anderen Eingang des Lokals. »Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: ein sehr scharmanter junger Herr! – Er hat mich schon mehrfach beehrt. In der letzten Zeit sieht er ein bißchen spitz, ein bißchen angegriffen aus. Ja, ja, die Großstadt – Vielleicht überarbeitet?« »Das wird's wohl sein«, nickte Uhlich und erhob den Arm, um Veit und Addo, die mit suchenden Augen langsam durch den Mittelgang kamen, ein Zeichen zu geben. Die jungen Leute begrüßten die Herren und setzten sich zu ihnen an den Tisch. Addo war froh und gut gestimmt. Er hatte mit der letzten Post eine Bildkarte von Henny bekommen; sie trug, im Tenniskostüm, lächelnd eine eben »ersiegte« Bowle in den Händen. Veit war blaß und ernst, wie immer in der letzten Zeit. Höflich und doch sichtlich abwesend hörte er den umständlichen Darlegungen Polzigs zu, der seine knusprige halbe Ente kalt werden ließ, um ihm die unerhörten Chancen des Rollschuhpalastes im Westen Berlins in glühenden Farben zu schildern. Dann sprach man ohne Leidenschaft von Politik, von Premieren und ein paar Überfällen und Kapitalverbrechen aus den letzten Tagen. Polzig, der zum dritten Male Himbeereis aß – angeblich zur Kühlung einer entzündeten Zahnlücke, in der heute morgen noch ein schmerzender Backenzahn gestanden hatte – erwähnte so nebenher den »bevorstehenden Prozeß Visatzky« und tadelte das unbegreifliche Glück solcher Abenteurer bei den Frauen. Uhlich beobachtete beunruhigt seinen Sohn. Der nickte nur höflich zu Polzigs Ausführungen und sah mit leeren Blicken in den Saal. Er wußte von nichts. Das Lokal füllte sich. Herren und Damen in großer Toilette nahmen plaudernd und lachend an den benachbarten Tischen Platz. Der von Hock der Beachtung empfohlene Schriftsteller nebenan sah in seiner seelischen Unruhe häufig auf die Uhr, las zerstreut, das Einglas einklemmend, wohl zum siebenten Male die Speisekarte durch und goß aus der zweiten Flasche »Piesporter Goldtröpfchen« ein. Auf der anderen Seite war – vielbemerkt schon auf seinem Weg durch den Saal – der Tenor in die Erscheinung getreten. In Frack und weißer Binde. Die pechschwarzen Haare glatt zurückgestrichen, daß sie wie eine Lackkappe wirkten. Seine Begleiterin, mehr ausgeschnitten als angezogen, war eine quecksilbrige Brünette, die französisch, deutsch und, ja, war es – russisch oder polnisch, durcheinandersprach. Durch die verschiedensten und bizarrsten Wünsche Änderungen an Tisch, Lampe, Gedeck und Blumenschmuck treffend, hielt sie mehrere Kellner in Atem und lenkte die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich und ihren in ernster Pose verweilenden Kavalier. Erst als so ziemlich alle Gäste im Lokal aufmerksam geworden und über die Prominenz des ungewöhnlichen Paares aufgeklärt waren, setzten sich die beiden, und der Tenor sprach mit seiner berufsmäßig wohltönenden Stimme, das weithin tönende Wort: »Ober, Heidsieck, Goût américain! « Und jetzt kam auch, langsam und etwas eingeschüchtert von dem ungewohnten Trubel und der blendenden Eleganz des ihm unbekannten Lokals, der Rendant Kern. Er hatte einen langen alten Gehrock angelegt, der, bis an den Hals geschlossen, in den Nähten voll gefährlicher Spannungen, ihm das Ansehen eines Angestellten der Beerdigungsgesellschaft »Pietät« verlieh. Und sein Gesichtsausdruck, wie er so ernstlich suchend durch die Reihen der Tische ging, widersprach solcher Annahme kaum. Der alte UhIich hatte ihn kaum gesehen, da ging er ihm entgegen und führte ihn mit gewinnender Höflichkeit an seinen Tisch. Der brave Kern begrüßte die jungen Leute erfreut. Den schlürfend und auch sonst nicht allzu manierlich Himbeereis löffelnden Polzig zeichnete er durch tiefe Verbeugungen aus, als wisse er genau, daß es sich hier um einen inkognito reisenden russischen Großfürsten handle. Polzig aber, dem ein flüchtiger Blick auf die bescheidene Erscheinung des neuen Gastes eine Illusion genommen hatte und der nicht mehr an die Künste eines Rollschuhläufers glaubte, behandelte den Kömmling von oben herab. Um so liebenswürdiger war der alte Uhlich, der dem von all der Vornehmheit etwas benommenen Rendanten sofort das Glas mit feinster Spätlese Rauenthaler Rothenberg füllte und dem in seiner Bescheidenheit immer wieder Beteuernden, daß er »eigentlich« zu Hause schon ein Butterbrot gegessen habe, alsbald eine halbe Ente bestellte, indem er die Hoffnung aussprach, daß sie die andere Hälfte des von Polzig verspeisten Vogels darstellen könne, die einen guten Eindruck gemacht habe und von dem Geschäftsfreund bis auf die Knochen erledigt worden sei. Dann fragte er höflich nach der Gattin und erfuhr, daß Frau Melusine nicht mehr so lange schlafe wie früher und sich – gegen frühere Gewohnheit – im Haushalt betätige. Auch habe sie gar nichts dagegen einzuwenden gehabt, daß er, Kern, heute abend zu so ungewohnter Stunde noch ausgehe. Freilich habe er betont, daß er eingeladen sei. Das liebe Hugochen aber habe ganz besonders herzliche Grüße aufgetragen, nachdem es gehört, daß der Vater die Ehre habe, mit dem Spender seiner Fahrt zu den Affen und Eisbären ein Glas Wein zu trinken. Am Nebentisch die ausgeschnittene Dame, die mit dem schönen Tenor gekommen war, hatte schon einen kleinen Schwips. Man sah es. Bereits die Ankunft des Rendanten Kern in seinem langen, hochgeknöpften Bratenrock und seine Verbeugungen vor dem seine Eismedizin schlürfenden Polzig hatte sie als eine Art »Komisches Entree« gewertet und begrüßt. Und als jetzt der gute Kern, von zwei Gläsern Rauenthaler schon beträchtlich erhitzt, sich etwas allzu hastig vom Stuhl erhob, um einen Zutrunk des ironisch lächelnden Herrn Polzig gebührend zu erwidern, warf sie aus beträchtlicher Entfernung einen Sektpropfen so geschickt, wie es jeder Kenner ihrer Varietenummer erwartet hatte, ins Glas, daß der aufspritzende Rheinwein dem verblüfft zurückzuckenden Siegmund Kern reichlich das frisch rasierte Gesicht benetzte. Veit, der – seit er die Geschichte jener Photographie in seinem Zimmer kannte – in dem alten Kern viel mehr Klaras Vater ehrte, als seinen Hauswirt sah, war sofort zornig aufgesprungen. Er wollte sich, Rechenschaft fordernd, an den Nebentisch begeben. Aber schon stand, ihm zuvorkommend, der schöne Tenor vor dem alten Uhlich, der am Kopf des Tisches saß, verbeugte sich mit hoheitsvoller Würde und sagte das, wie es schien, für ihn nicht neue Sprüchlein auf: »Mein Name ist Wendland« – kleine Pause, um die Mitteilung voll wirken zu lassen, dann: »Ich bitte um Entschuldigung, meine Herren. Die Dame dort ist Rheinländerin –« »Daher spricht sie wohl so gut polnisch«, nickte Uhlich senior trocken. »Sie spricht – als bekannte Varietékünstlerin – viele Sprachen, aber ihr Blut und ihre Lebensauffassung ist rheinisch, – immer ein wenig karnevalistisch gestimmt und –« Von diesem Augenblick an verstand kein Mensch an dem Tisch mehr, was der Tenor mit seiner klangvollen Stimme zur Entschuldigung der karnevalistisch gestimmten Rheinländerin, die so gut Polnisch sprach, noch vorzubringen wußte. Denn an dem Nebentisch, den der prominente Gesangskünstler eben verlassen, begab sich höchst Seltsames. Und dieses Seltsame sollte noch viel Seltsameres an dem Tisch der Uhlichs zur Folge haben. Leise, bescheiden und unauffällig waren wieder zwei Heilsarmeeschwestern – andere, als die vorhin – die Reihe der weißgedeckten Tische entlanggegangen. So waren sie auch jetzt zu der überaus munteren Dame des Tenors gekommen, mit gedämpften Worten ihre Traktätchen anbietend und um einen kleinen Beitrag für die »Kinderhilfe« bittend. Die Diva aber warf plötzlich ihre halbgerauchte Zigarette, an der sie, ärgerlich über ihres Kavaliers Canossagang, gesogen hatte, in das gefüllte Sektglas des Tenors, wo sie aufqualmend verzischte. Dann ließ sie ihrem vom Champagner und Ärger gepeitschten Übermut vollends die Zügel schießen. Die beiden weiblichen Heilsarmeesoldaten, die zu Uhlichs Tisch mit dem Rücken standen, rührten sich nicht. Sie hatten die Disziplin des Leidens jedem Hohn gegenüber und die selbstsichere Ruhe der Abstinenz im Anblick unbeherrschter Trunkenheit. »Ich gebe Ihnen zwanzig Mark – –« Die kleine Polin suchte in ihrer Börse – »Ach, ich habe nur Dollar. Schade! Aber Sie werden schließlich auch amerikanisches Geld nehmen. Ich werfe Ihnen fünf Dollar in Ihre Büchse, wenn Sie mich Ihren ulkigen Schippenhut mal aufsetzen lassen! Ich möchte sehen, wie er mich kleidet.« Und ehe die eine der Heilsarmeeschwestern, die schlankere, jüngere, sich noch dessen erwehren konnte, hatte die rabiate Kleine schon mit einem heftigen Griff das schmale rote Band unterm Kinn des Mädchens zerrissen und den Hut von dem schlicht gescheitelten schwarzen Haar heruntergeholt. Jetzt suchte sie ihn, immer nervös lachend und sichtlich vom Staunen der Tische um sie herum zu kühneren Taten gereizt, auf den eigenen Bubikopf zu stülpen. In diesem Augenblick sah man vom Tische Uhlichs aus das herrlich gewachsene Heilsarmeemädchen einen Augenblick im Profil. Veit, der sich noch nicht gesetzt hatte, starren Auges wie zu einer Erscheinung hinübersehend, griff mit unsicherer Hand nach einer Stütze und faßte unglücklicherweise dabei mit kräftigem Griff in des sitzenden Polzig noch ziemlich stattliches Haupthaar. Polzig schrie auf. Sein Schmerzensschrei aber wurde übertönt durch das Aufspringen des Rendanten Kern, der, den Stuhl umwerfend, das gefüllte Glas auf den Tisch fallen und zerschellen ließ und mit zitternder Stimme in den Saal rief: »Klara – meine Klara!« Der eindringliche Schmerz und Jammer, der sich in diesen Aufschrei mischte, brachte rings die Tische in heftigsten Aufruhr. »Was ist geschehen?« ... »Was soll das?« ... »Einen Arzt!« ... »Schupo!« ... »Was will der Mann?« ... So ging das durcheinander. Hysterische Frauenstimmen mischten sich in den Groll und Ärger der im Flirt gestörten Kavaliere. Der Schriftsteller am Nebentisch war, die Serviette in der Hand, höchste Spannung in Augen und Mienen, an den Tisch der Uhlichs herangetreten. Das Heilsarmeemädchen aber hatte unter dem Zwang der Stimme Kerns rasch den schönen blassen Kopf dahin gewendet. Einen Augenblick nur ließ sie die großen dunklen Augen forschend, erkennend, erschrocken im Kreise gehen. Dann lief ein Zucken durch ihren jungen Körper. Wortlos riß sie, in wildem Entschluß, der Polin den Hut aus den gepuderten Händen und floh, laufend, rasend, wie ein verfolgtes Wild den roten Teppich entlang zum Ausgang. Wo die andere Heilsarmeeschwester, die kleinere, pumpligere, um die sich keiner kümmerte, eigentlich hingekommen war, das wußte später niemand mehr zu sagen. Aus dem wogenden Stimmengewirr, dem Lärm der geschobenen Tische, des im raschen Aufbruch stürzenden Geschirrs, der durcheinander redenden und rufenden Gäste, der zur Ruhe mahnenden Angestellten, tönte mächtig wie das Triumphgeschrei eines Siegers Veits jubelnde Stimme. Beide Hände wie wehende Fahnen in der Luft, rief er, alle gute Erziehung vergessend, zu seinem unwillkürlich den Arm des Tenors in die Zange seiner kräftigen Finger fassenden Vater hinüber: »Das ist sie – Vater, ich habe sie gefunden – ich hole sie!« Und schon raste er, Erstaunte, Erschreckte, Entrüstete unsanft zur Seite drückend, wie ein vom Wahn befallener Amokläufer in der Richtung zum Ausgang. Er hätte die Fliehende vielleicht noch im Saal oder wenigstens auf der Treppe eingeholt, wenn nicht – in gänzlichem Mißverstehen der Geschehnisse – Herr Hock und zwei kräftige jüngere Kellner sich dem Enteilenden entgegengeworfen hätten, beschwichtigende, versöhnliche Worte verschwendend: »Aber beruhigen Sie sich doch, werter Herr! Es wird sich alles aufklären – Lassen Sie sich nicht zu Tätlichkeiten hinreißen! – Es können tatsächlich doch Mißverständnisse sein – Das Fräulein hat bestimmt niemand beleidigen wollen!« »Wer spricht von Tätlichkeiten?« Der eine Kellner flog mit zerrissenem Frack links gegen den Tisch eines exotischen Gesandten, der hier seinen Geburtstag im gelbhäutigen, schlitzäugigen Familienkreise feierte. »Wer redet von Mißverständnissen?!« Der andere Kellner stürzte rechts mit geborstener Hemdbrust einem aus dem Glück befriedigter Liebe aufgestörten Hochzeitspaar aus Bautzen zu Füßen. Nur Herr Hock, im verzweifelten Kampf um die Reputation seiner vornehmen Weinstube, klammerte sich – auch schon zu Boden geworfen – an die Unterschenkel Veits. Er ließ erst los, als ihm eine resolut zu Hilfe eilende, fast zwei Zentner schwere Garderobefrau im Eifer ihrer Hilfsaktion heftig in die Wade trat. Jetzt war für Veit der Weg frei. Aber kostbare Minuten waren verloren. Das Gewühl des Nachtbetriebes der Potsdamer Straße nahm den Suchenden auf. An Uhlichs Tisch kämpfte der alte Kern mit einer Ohnmacht. Polzig glaubte die Lebensgeister des tief in seinen Sessel Zurückgesunkenen zurückrufen zu können, indem er ihm Eisstückchen aus dem Weinkühler in den zu weiten Kragen und unter das offenstehende Hemd aufs Herz schob. Wobei ihn eine unbekannte junge Dame liebreich unterstützte, indem sie immer wieder versicherte, sie sei Säuglingsschwester und habe auch einen Samariterkurs mitgemacht. Addo stand neben dem alten Uhlich, den der bis aufs Blut gekniffene Tenor verlassen hatte, um mit seiner Dame Krach zu machen. Einen Krach, der in seiner anschwellenden Heftigkeit den Wohllaut des berühmten Organs nicht mehr zur Geltung kommen ließ. »Herr Uhlich – Herr Uhlich, das war sie wirklich !« stöhnte Addo, dem vor Aufregung die Stimme versagte und die Hände zitterten. »Sie war's «, nickte Uhlich. Er war, wie immer, wenn sich die Geschichte zuspitzte und der Energie des Überlegenen bedurfte, ganz ruhig. Der Schriftsteller vom Nebentisch trat, sichtlich erregt, an die beiden heran. Er nannte seinen Namen, den beide kannten, aber jetzt nicht verstanden, und sagte, einen in der seelischen Aufregung begründeten Schluckser niederkämpfend: »Gestatten Sie mir – ich bin Schriftsteller von Beruf –« »Was hab' ich dabei zu gestatten?« Uhlich sah zu dem alten Kern hinüber, der mit nassem Hemd unter den eifrigen Händen Polzigs langsam zur Wirklichkeit zurückfand; während ihm die Dame, die den Samariterkursus mitgemacht hatte, aus nicht ohne weiteres ersichtlichen Gründen die Schnürstiefel auszog. »Ich meine – gestatten Sie mir – was ich eben – ich warte eigentlich hier auf eine Dame, sonst hatte ich es als taktlos empfunden – als einziger Fremder – so dicht an Ihrem lebhaft konversierenden Tisch – aber ich bin froh, daß ich es miterlebte ... Ich glaube, hier liegt ein Stoff – ein fabelhafter Stoff für meine Kunst – geben Sie mir – schließlich gehört er ja als Erlebnis Ihnen , der Stoff – geben Sie mir die Erlaubnis, ihn zu verwerten –?« »Das können Sie halten, wie Sie wollen!« »Glauben Sie, daß der Herr, der da eben – offenbar ein für unsere Zeit selten schwärmerisch – man könnte sagen vulkanisch veranlagter junger Mann –« »Mein Sohn. Aber ich speie seltener Feuer.« »Ihr Sohn – ich dachte mir's. Glauben Sie, daß er sie einholt – daß er sie findet?« »Lieber Herr, Berlin ist eine verdammt weitläufige Stadt. Aber eine Heilsarmeeuniform ist, gottlob, keine Tarnkappe. Im Gegenteil!« »Der bloße Zufall den wir, wenn er Günstiges bringt, Glück nennen, darf allerdings – wenigstens in der künstlerischen Behandlung solch menschlicher Schicksale – keine Rolle mehr spielen heutzutage. Freilich – was heißt überhaupt Glück?« »Glück heißt«, Uhlich sagte das, als ob er die einfachste These der Welt feststellte, »Glück heißt: nach einem längst ungültig gewordenen Fahrplan in einen falschen Zug einsteigen und doch pünktlich ans Ziel kommen.« »Eine etwas kühne – aber bewundernswerte Definition. Das heißt: ›ankommen‹? Das liefe auf ein › Happy-end ‹ hinaus. Das ist, wenn ich ehrlich sein darf, vieux genre . Ist heute durchaus nicht mehr beliebt beim Publikum.« »So? Da müßte man erst feststellen: was will das sagen: › Happy-end ‹?« – Herrn Uhlich tat die Rückkehr in eine theoretische Unterhaltung nach den Aufregungen der letzten Minuten sichtlich wohl. In den sich langsam wieder beruhigenden Saal hineinschauend, wiederholte er, mehr sich selbst Rechenschaft gebend als antwortend: »Was geht das Leben meines Jungen die Kunst an? Und was heißt für seinen Fall: › Happy-end ‹? Daß der närrische Bursch das schöne Mädel – sie ist wirklich bildhübsch – daß er sie widerfindet, ist seine Sache. Daß er die endlich Gefundene dann auch heiratet, wird meine Sache sein. Was weiter geschieht, ob sie ihm früh wegstirbt – oder er ihr – ob sie Zwillinge haben werden, die alle Kinderkrankheiten durchmachen – oder ob sie kinderlos bleiben und einmal als verkalkte goldene Hochzeiter in myrtenbekränzten Ehrenstühlen sitzen – das geht uns heut und hier nichts an. Wir schließen nur ein Kapitel – das Leben dichtet weiter, wie es und solang es ihm beliebt.« »Aber, mein Herr, wenn ich – immer wieder muß ich für die nur beruflich entschuldbare Indiskretion um Verzeihung bitten – wenn ich am Nebentisch aus den verschiedenen Gesprächen, dann aus den etwas turbulenten Ereignissen richtige Schlüsse gezogen habe, so handelt es sich hier um die unhemmbare Liebe, man kann schon sagen: Leidenschaft eines jungen Mannes. Die aber – wie soll ich's nennen – etwas unmodern Mystisches hat.« Der alte UIich nickte mit freundlichem Ernst. »Wir alle – ich vielleicht mehr als mancher andere hier im Saal – stehen mitten im Leben und rechnen offenen Auges nur mit Realitäten. Aber, werter Herr, wenn uns in besinnlichen Stunden die Bereitschaft für das Wunderbare völlig abgeht, so fehlt unserem Erdengang vielleicht das Schönste und das Wichtigste. Fehlt uns, was den damit Begnadeten, fühlbar und erkennbar, verbindet mit dem ewig Unerforschten, aus dem wir kommen, und mit dem nur Geahnten, in das wir zurückkehren ... Ober, zahlen!« * Ende