Hermann Kurz Gesammelte kleinere Erzählungen Dritter Teil Inhalt Einleitung Das weiße Hemd Die Zaubernacht Das Schattengericht Die blasse Apollonia Wiederfinden Den Galgen! sagt der Eichele Das Arkanum Sankt Urbans Krug Der Feudalbauer Ein Donnerwetter im Hornung Einleitung. Den vorliegenden Band, dessen einzelne Novellen, wie schon ihre größere Zahl erwarten läßt, weniger Gemeinsames haben als die des vorhergehenden Bandes, eröffnen drei Erzählungen aus älterer deutscher Vergangenheit. »Das weiße Hemd« führt in die mittelalterliche Ritter- und Kreuzzugs-Romantik, »Die Zaubernacht« und »Das Schattengericht« in die Geistes- und Gemütskämpfe der Reformation. Nicht minder ernst, ja düster ist »Die blasse Apollonia« , eine Seelentragödie, die im Unterschiede zu den drei ersten auf dem Boden der Vaterstadt Reutlingen spielt. Dagegen versetzt die Erzählung »Wiederfinden« in die Zeit und in die patriotische Begeisterung der Befreiungskriege. Dieser ernsten Hälfte des Bandes folgt eine heitere. Sie wird wieder eröffnet durch drei Schilderungen aus dem Volksleben früherer Jahrhunderte: »Den Galgen! sagt der Eichele« , »Das Arkanum« und »Sankt Urbans Krug« ; alle drei voll des ergötzlichsten Humors volkstümlicher Darstellung, wie er solchen Stoffen ansteht und wie ihn Kurz auch über manche Szenen seines Sonnenwirts zu verbreiten gewußt hat. Den Schluß bilden die beiden köstlichen, durch und durch der Natur nachgezeichneten Skizzen aus dem schwäbischen Bauernleben des neunzehnten Jahrhunderts: »Der Feudalbauer« und »Ein Donnerwetter im Hornung« . Diese zehn Erzählungen können zeigen, wie leicht sich die Kunst unseres Dichters ganz verschiedenartigen Stoffen anzupassen und ihnen den für sie geeigneten Ton zu geben vermag. Während sonst, zum Beispiel bei den Novellen im neunten Bande, sich Kurz im Kreise des Lokalen, Einheimischen zu halten liebt, hat er sich hier in verschiedenen Zeiten, Orten und Kulturphasen herumbewegt, und, man wird nicht anstehen es zu sagen, mit gleicher künstlerischer Fähigkeit. »Sankt Urbans Krug«, 1863 entstanden und in die Zeitschrift »Heimgarten« gegeben, ist erst durch Heyse in seiner Ausgabe den anderen Erzählungen gesellt worden. Alle übrigen Novellen dieses Bandes hat schon Kurz selbst in den »Erzählungen« veröffentlicht, und zwar die erste bis vierte, sowie die sechste und siebente im ersten Bande 1858, die fünfte, neunte und zehnte im dritten 1860. Über die Vorgeschichte der Novellen kann nur soviel gesagt werden, daß der erste Teil des »Feudalbauern« und »Das Schattengericht« (dieses unter dem Titel »Spiegelfechterei der Hölle« und ohne ein 1858 beigefügtes, nicht zur Erzählung gehöriges, daher in unserer Ausgabe fortgelassenes Anhängsel) schon in den »Dichtungen« von 1839 stand; »Apollonia« und »Den Galgen usw.« sind aus den vierziger Jahren, »Das Arkanum« von 1857. Das weiße Hemd. Es war zu einer Zeit, da wunderbare Dinge in der Welt geschahen, da die abendländische Menschheit wie ein Strom, der gegen seine Quelle fließt, auf das Zauberwort eines armen Einsiedlers nach dem Morgenlande zurückwallte, Löwen schlug oder zu Hunden zähmte, auf einen Streich Mann und Roß in zwei Stücke hieb, oder auch mit schönen Sultanstöchtern aus der Gefangenschaft entfloh, um eine heidenchristliche Doppelehe zu schließen: zu jener Zeit, berichtet die Sage, zog ein edler Ritter aus einer deutschen Reichsstadt mit Kaiser Friedrich dem Rotbart in das heilige Land. Er war vom Reichstage zu Mainz, wo der Kreuzzug beschlossen wurde, nach Hause geritten, um seiner Verlobten dieses Vorhaben zu verkündigen und Urlaub von ihr zu nehmen. Dieselbe war Frau Florentina geheißen, was jedoch nicht besagen will, daß sie zuvor eines anderen eheliche Hausfrau gewesen wäre; sondern die Sitte nannte damals, wie es die Sprache jetzt noch tut jede Jungfrau eine Frau, das unvermählte Weib galt so gut für ein Weib als das vermählte, und die Tochter einer Frau Königin wurde ebenso wie ihre Mutter angeredet, nur hieß man sie, zum Unterschiede von dieser, Frau junge Königin. Auch ging es nach dem Mainzer Reichstage zwischen den Verlobten in einem Dinge nicht anders denn zwischen den Ehegatten, und war das beinahe allenthalben im Reiche dasselbe Ding: nämlich die Frauen sahen es ungern, daß die Männer sich von ihnen hinweg auf eine so ferne und weit aussehende Fahrt begeben wollten. »Mein Herr Alexander, edler, herzlieber Mann,« sagte Frau Florentina, »müsset Ihr denn bis gen Aufgang ziehen, um Eure Gottesminne und Ritterschaft zu erzeigen? Wir haben ja Kirchen in Stadt und Land, wo Ihr Eure Andacht halten könnet, an Gelegenheit zu Almosen fehlt es leider nirgends, und wenn es Euch gelüstet, Eures Armes Kraft, Eures Schwertes Schärfe zu versuchen, so habt Ihr in der Nähe der Feinde genug. Wollt Ihr mich, die ich doch eine Waise bin, allein in der Welt lassen?« »Meine Frau Florentina, schönes, tugendreiches Weib,« sprach der Herr Alexander dagegen, »mein ganzes Herze klebt Euch an, und ich weiß nicht, wie ich ohne Euch leben soll, aber dennoch müssen wir uns scheiden, denn ich habe dem gekreuzigten Gotte die Wallfahrt gelobt und dem römischen Kaiser mein Wort zum Pfande gegeben; ich kann jene nicht wenden und dieses nicht brechen. Euch will ich dem Schutze der Gottesgebärerin und dem Schirme meiner Freunde anbefehlen. Gedenket nun allezeit, süß reines Lieb, daß Euer Leben das meine ist, und bewahret mir Eure Treue, Eure Ehre, Eure Keuschheit, derweil ich zum Ruhme Gottes und der werten Christenheit diese ungläubigen Hunde verderben helfe.« Die edle Frau trug großes Leid, da sie sah, daß sie ihren Bräutigam in seinem Willen nicht wankend machen konnte, auch gefiel es ihr nicht, daß er sie der Tugenden und Würden gemahnte, deren sie doch ungemahnt aus freien Stücken wahrgenommen hätte. Doch schwieg sie still, setzte sich an ihre Rahme und wirkte ihm ein schneeweißes Hemde mit meisterlicher Kunst; denn es war insgemein der Glaube, sie stamme vom Geschlecht der alten Schwanfrauen, die so wunderbar zu spinnen, zu weben und zu wirken verstanden. Manche Träne ließ sie auf das Gewirke fallen, manches Lied von Lieb' und Treue sang sie mit ihrer klaren Stimme dazu, und als sie es vollbracht hatte, gab sie es ihm und bat ihn, es zum beständigen Andenken an ihre treue Liebe zu tragen. Er verhieß ihr das, herzte und küßte sie und zog auf den gebotenen Tag von dannen. Nun verlebte die schöne Frau viele Tage und Nächte in banger Traurigkeit und wartete ihres Freundes. Sie mußte aber lange Zeit warten. Herr Alexander kam mit dem Kaiser in das Morgenland, wo die Dinge anfangs trefflich wohl gingen. Die Sarazenen wurden besiegt, wobei ein einziger Kriegsmann, einer von Ulm, in einem Angriff zehn Feinde schlug, und der Kaiser eroberte die Stadt Iconium. Bald aber wandte sich alles anders, so daß es ein Feldzug wurde, aus welchem wenige zurückkamen, ja so wenige, daß man in der Heimat nicht einmal recht vernahm, welches Ende der Kaiser genommen hatte. Der Rotbart, begierig, sich mit Saladin, dem Stern des Ostens, zu messen, hatte unter unerhörten Mühsalen des Kreuzheeres schon den Taurus überstiegen, da kühlte ihm ein Fluß in den cilicischen Gefilden das Heldenfeuer mit samt dem Pilgerschweiße, denn in dem eisigen Bade fand sein Leben und alle seine Kreuzfahrt ein Ziel. Das Christenheer war wie eine Herde ohne Hirten, und unter der Zeit, daß Herzog Friedrich von Schwaben die Gebeine seines Vaters, denen die heilige Stadt verschlossen war, zum Begräbnis gen Antiochien geleitete, fielen die Sarazenen über eine Abteilung der christlichen Scharen her, töteten und fingen deren viele und führten die Gefangenen ihrem Sultan zu. Unter diesen war auch Herr Alexander. Saladin aber trug um jene Zeit den Christen keinen holden Sinn. Sie hatten, noch vor des Kaisers Ankunft, während eines beschworenen Waffenstillstandes Friedensbruch, und Unfug verübt, auch seine Mutter überfallen und beraubt; darum achtete er sie für ein treuloses Volk. Ihn verlangte nach einem Feinde, den er ehren mußte; aber wie hätte er dies vermocht, da er wußte, daß sie durch ihre Entzweiung und Verräterei den Fall Jerusalems, das in seine Gewalt gekommen war, verschuldet hatten. Hieraus erwuchs den Gefangenen manche bittere Frucht. Der Sultan verteilte sie unter seine Kriegsobersten und Landherren, die er nach Gutdünken mit ihnen verfahren hieß. Herr Alexander wurde nebst anderen Leidensgenossen einem Emir geschenkt, der bei dem Sultan in Gnaden stand. Derselbe hatte viel Land und Feld und trug nach sarazenischer Sitte Gefallen am Acker- und Gartenbau. Weil er aber seine edlen arabischen Rosse nicht zu schlechtem Dienst erniedrigen wollte, und des Zugviehs ein großer Teil von den Christen bei einem Überfall gesotten und gebraten oder hinweggeführt worden war, so hieß er die ihm übergebenen Christen, meist adelige Herren, gottwillkommen, so mit Worten als mit Werken: er gebot, sie alsbald in den Pflug zu spannen, und unter harten Geißelhieben mußten sie das Feld ackern, so daß oft das Blut von ihren Leibern lief. Waren etwa Leutschinder unter ihnen, die vordem ihre Leibeigenen im Abendland mit unbarmherzigen Fronen gedrückt hatten, so haben sie zweifelsohne bei diesem Pflugziehen zu allen Heiligen gelobt, sich solcher üblen Gewohnheit nach beglückter Heimkehr für immer abzutun. Die armen Herren hatten schlimme Tage, und mancher, der einst stolz aus seines Schlosses Pforte auf den Reichstag oder zum Turnier geritten war, sah jetzt schlechter aus denn sonst der geringste seiner armen Leute. Sie magerten zu Gerippen ab, Bart und Haare hingen ihnen ungeschoren, verfilzt und struppig im Gesicht, ihre Gewände verdarben durch Regen, Schweiß und das Blut der Geißelhiebe und fielen ihnen allmählich vom Leib. Nur einer unter ihnen ging aufrecht in einem reinen weißen Hemd einher: es war Herr Alexander, der mit freudigem Staunen sah, wie das Geschenk seiner Freundin den Unbilden des Wetters und des Schicksals widerstand. Der Gedanke an ihre herzinnige Liebe und ausdauernde Treue hielt ihm den Kopf empor; in all seinem Ungemach umschwebte und tröstete ihn das gegenwärtige Bild seiner Getreuen, und obwohl ihm die von der syrischen Sonne verbrannten Wangen nicht minder einfielen als die seiner Mitsklaven, so verrichtete er doch mit ungebrochenem Mute sein hartes Tagwerk und behütete dadurch sein Hemde vor blutigen Flecken, indem er wenigstens den unmilden Hieben der Geißel entging. Die Reinheit des Hemdes fiel nach und nach sowohl den Sklaven als ihren Treibern in die Augen, und diese taten das seltsame Wunder endlich auch dem Emir zu wissen. Von ihm erfuhr es der Sultan, der einst zu ihm kam, um die Dienste, die er kürzlich in einem Treffen wider Richard Löwenherz geleistet hatte, durch die Ehre seines oberherrlichen Besuchs zu lohnen. Saladin ließ alsbald den Sklaven vor sich führen. »Wer bist du und wie heißest du?« fragte er, indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete. »Mit Namen heiße ich Alexander und bin ein Ritter aus dem Heerbann des großen römischen Kaisers.« »Des Melek Alaman? Vergebens habe ich mich darauf gefreut, ihm zu begegnen.« »Gott hat ihn von uns genommen und uns den Kelch der Trübsal gereicht.« »Wo hast du dieses Hemde her? Man sagt, es habe eine wundersame Eigenschaft.« »Das Hemd, Herr Sultan, habe ich von einem wonniglichen Weibe; daß es so weiß bleibt, das zeigt mir ihre unwandelbare Treue und Keuschheit an.« Unter dem ergrauenden Barte, der Saladins Mund beschattete, zuckte es wie ein wunderliches Wetterleuchten. »Eure Weiber, warf er hin, »müssen aus besserem Ton geschaffen sein als Ihr.« Nachdem er seine Herkunft und Heimat näher erfragt hatte, gab er einen Wink, den Sklaven abzuführen. »Wir wollen doch eine Probe machen,« sagte er hierauf, »ob der Christ nicht sein Hemd am Ende waschen muß.« Er rief einen seiner Emire, der durch Jugendschönheit und eine beredte Schmeichelzunge allen vorging. Mit diesem beriet er sich und entließ ihn, reich mit Gold und Kleinodien ausgestattet. Ali reiste auch zur Stunde ab, während sein Gebieter abermals gegen den Löwenherz zu Felde zog. Drei Jahre nahezu war Herr Alexander von Hause fern gewesen, da erschien daselbst ein italischer Kaufherr, der kostbare Juwelen zur Schau trug und in königlicher Pracht lebte. Er fand leichten Zutritt bei den Geschlechtern der Stadt, bei denen er auch die edle Florentina kennen lernte, und wußte sich hierdurch auch Eingang bei dieser selbst zu erwirken, die ihn, wie es ihr geziemte, stets von ihren beiden Wienerinnen umgeben, empfing. Da erzählte er ihr nun, wie ihn seine Kaufmannschaft weit herum in den Landen führe, so daß er auch ins Morgenland gekommen sei und da mit Christen und Heiden verkehrt habe; er berichtete von der letzten Kreuzfahrt; von des Rotbarts Kriegstugend und eiserner Mannszucht, die auch seinen Feinden Grauen machte, fast mehr noch als seine Waffentaten; von seinem Tod und Begängnis, wie ihn nämlich die Seinen im Essig kochten und das Fleisch an der Stätte, wo er gestorben war, begruben, die Knochen aber in einem Schreine weiterführten, um sie, wenn es hätte sein mögen, am heiligen Grabe beizusetzen; vom großen Harlemer Schiff, das, den Kiel mit Sägezähnen bewaffnet, in den Hafen von Damiate einlief und die vorgezogenen Ketten zerschnitt; er pries die Heldentaten der Christenritter, schwieg aber auch nicht von dem bittern Leben derer, die, vom Mut getrieben und vom Glück vergessen, in Sarazenenhände gefallen seien. Nach diesem Vorspiel nannte er zögernd und lauernd unter anderen Namen auch den des Herrn Alexander. Die edle Frau erbleichte; sie hatte kein Hehl, daß dies ihr Verlobter sei, und bat den Fremden weinend, ihr zu seiner Lösung zu helfen; alle ihre Schätze wolle sie dem Heidensultan bieten. »Saladin nimmt kein Geld, auch seine Getreuen nicht!« antwortete da der Fremde, und es klang bei diesen Worten etwas so Stolzes und Höhnisches aus seiner Stimme heraus, daß die schnellsinnige Frau alsbald erriet, dies müsse ein Sarazene sein und keiner von den Geringsten. Was ihn zu dieser Verkleidung bewogen, konnte sie sich freilich nicht einbilden: aber ihr erster Gedanke war, ihn auf der Stelle handfest zu machen, um ihn dem Sultan zur Auswechslung gegen ihren Herrn anbieten zu können. Allein sie wußte nicht, wem sie diese weitschichtige Verrichtung anvertrauen sollte: der Rotbart war tot, der neue Kaiser waltete in Apulien, und in Deutschland wußte sie, auch unter Herrn Alexanders Gefreundschaft, niemand, den sie für fähig gehalten hätte, eine solche Sache nach Gebühr an die Hand zu nehmen. Sie achtete es also für besser, ihr Gemüt zu verbergen und den Fremden weiter auszuforschen. An eine Auslösung des Gefangenen, wiederholte dieser, sei nicht zu denken; nur durch listige Anschläge und durch Bestechung des Sklavenaufsehers, sagte er, möchte es gelingen, ihn heimlich zu befreien und auf das Meer zu entführen. Zu diesem Wagestück erbot er sich selbst, da er als Kaufmann in der Heidenschaft Zugang habe, auch alle Tritte und Schliche daselbst kenne, und wie die hocherfreute Florentina ihm alles, was er nur begehren möge, als Preis versprach, so meinte er mit einem losen Lächeln, über den Preis könnte sie leicht mit ihm einig werden, da schon ein freundlicher Blick ihrer Augen ihm höher als alle ihre Schätze dünke. Die edle Frau errötete, verschloß aber ihren Unmut, so gut sie vermochte. Der freundlichen Blicke, erwiderte sie, habe sie genug für ihn, da er ihr so trostreiche Aussicht eröffne; er möge daran ermessen, wie freundlich sie ihn erst nach vollbrachter Freundestat ansehen werde. Eine Freundestat sei es allewege, gab er ihr hinwieder zu bedenken, eine Tat, die er nur aus großer, Gut und Blut opfernder Liebe zu ihr unternehme; er malte ihr aus, wieviel er dabei wage, und unterstand sich endlich zu sagen, eine so heiße Liebe wäre wohl eines ebengleichen Lohnes wert, und wer sein Leben daran setze, einer schönen Frau ihren liebsten Freund aus der Gefangenschaft wiederzubringen, der sollte in ihrem Herzen nicht enger noch niedriger wohnen, als dieser selbst. Frau Florentina lächelte sein, indem sie entgegnete, wenn das Spiel so stehe, da möchte es ja geratener sein, den Gefangenen in Syrien zu lassen, denn seine Befreiung würde im Grund dem Preise, um den dieselbe erkauft sein sollte, zuwiderlaufen. Der Heidenritter sah ihr in die klugen Augen und wußte nicht, wie er sich diese schalkhaften Worte zu deuten habe; im Herzen gab er ihr vollkommen recht und wünschte nur, daß es ihr Ernst sein möchte. Sie entließ ihn aufs freundlichste, indem sie ihn wiederzukommen bat. Der Heide, der sich solch Reden und Gebaren zu seinen Gunsten auslegte, betrat nun ernstlich der Minne Pfad. Er machte großen Aufwand und gab Feste, zu welchen er die ganze Stadt einlud, Frau Florentina erschien selten dabei, obwohl sie es geschehen ließ, daß er die Lustbarkeiten ihr zu Ehren veranstaltete; denn sie war Ursache von allem, wahrend sie ihn doch zu nichts verleitete. Wenn er sie besuchte, war sie niemals allein, empfing ihn aber stets mit so holdseliger Gastlichkeit, daß er, obgleich jedesmal in seinen Wünschen getäuscht, doch immer wiederkehren mußte. Die Tränen, die sie in der Stille um ihren Verlobten weinte, verbarg sie weislich und zeigte einen Tag wie den anderen ein so heiteres Gesicht, daß der Sarazene in Zweifeln und Gedanken wie auf einem ungewissen Meere umgetrieben ward. Am meisten schien es sie zu erfreuen, wenn er ihr von der fremden Sitte und Weise des Morgenlandes, vor allem von dem großen Sultan Saladin, dem unbesiegten Krieger, dem scharfsinnigen Weisen, dem Freund der Künste, des Saitenspiels und Gesangs, erzählte. Sie konnte nicht müde werden, ihn immer wieder zu neuem Schildern und Ausmalen anzureizen. Der Gast, von der anmutigen Wißbegier seiner schönen Zuhörerin hingerissen, konnte gleichfalls nicht müde werden, immer wiederzukommen und zu erzählen. Wochen und Monde verstrichen; da der Sarazene nicht wankte noch wich, so kam sie zuletzt auf den Gedanken, Herr Alexander möchte in der Gefangenschaft eines Tages von ihr gesprochen und ein so lichtes Bild von ihr aufgestellt haben, daß dieser Heide dadurch zu seinem wunderlichen Unternehmen entzündet worden sei – und damit hatte sie auch die Wahrheit nahezu getroffen. Endlich kam die Stunde, die sie schon lang' mit Sehnsucht erwartet hatte. Der Fremde sah den Boden seines einst so wohlgefüllten Geldscheins, ohne etwas anderes erlangt zu haben, als große Ehre und Würde, die ihm ohne Unterlaß von den edlen Geschlechtern der Stadt und von der benachbarten Ritterschaft erzeigt worden war. Seine Habe war so geschwächt, daß er keinen Tag länger weilen durfte, wollte er nicht zu Fuße heimkehren. Niemals in der ganzen Zeit seines Aufenthalts hatte ihm die schöne Frau so wonnesam gelächelt, wie bei dem Urlaube, den er von ihr nahm, so daß ihm ihre Huld zur Pein wurde, denn er hielt sich jetzt versichert, die Burg müßte, wenn er nur noch eine Woche die Belagerung fortsetzen könnte, unfehlbar in seine Hände fallen. Doch unternahm er eine letzte Berennung, stellte ihr vor, daß er eben jetzt mit seinem Kaufrat gerades Weges gen Syrien ziehe, und erbot sich abermals zur Befreiung des Ritters: er wolle keine Kosten sparen und keine Gefahren scheuen, sagte er, wenn sie nur endlich einmal aufhören wollte, so karg gegen ihn zu sein. Sie lächelte und wiegte das Haupt, ihm seine Raschheit verweisend, und als er ihr vorrechnete, wie oft sie ihn schon mit solchen Worten ermahnt und wie lang' er nunmehr in Geduld ausgeharrt habe, so antwortete sie mit strahlenden Augen: »Geduld, Herr, überwindet alles, das glaubt mir, die ich in meiner Verlassenheit einzig durch Geduld ein Großes gewonnen habe. Darum,« setzte sie mit schalkhaftem Lächeln hinzu, »wenn Ihr, in Hoffnung, durch fernere Ausdauer Euer Ziel zu erreichen, noch länger weilen wollt, so sollt Ihr mir nun und immer unvertrieben sein.« Da er ihr aber unmutig erwiderte, daß seine Frist schon längst abgelaufen und kein längeres Verbleiben möglich sei, so erkundigte sie sich teilnehmend nach dem Wege, den er ziehen wolle, sagte ihm freundlichen Dank für die viele Zeit, die er an eine arme, einsame Verlassene gewendet habe, und entließ ihn, da sie ihn nicht mehr zurückhalten zu können schien, mit tausend guten Reisewünschen und Segensworten. Er zog auch noch in derselben Stunde hinweg, indem er den Verlust an Zeit, Gut und Mühe verfluchte und doch im gleichen Atem zu seinem Propheten schwur, er wolle alsbald wiederkehren, um auf eigene Gefahr eine zweite Glücksfahrt zu unternehmen. Wie er nun in Genua ankam, wo er auf guten Wind warten wollte, fand er daselbst abends am Hafen viel Volks um einen jugendlichen Pilger versammelt, der zu seiner Harfe sang. Bald wußte er so lustige und scherzhafte Lieder, daß niemand aus dem Lachen kam, bald klangen sie so traurig, daß allen die Tränen in den Augen standen. Seine Stimme war überaus süß, rein und reich: nun ließ er die Töne wie Perlen vom Munde fallen, nun wehten sie wie ersterbende Hornweisen hin, nun flatterten sie wieder wie mutwillig jauchzende Vögel umher. Er erschien jeden Abend mit seiner zierlichen Harfe, und da er keine Gabe begehrte, so fehlte es ihm niemals an Zulauf. Ja, er schlug alle Geschenke aus: sein einziges Trachten, sagte er, sei, an den Hof eines preiswürdigen Königs zu kommen und dem seine besten Lieder zu singen. Auch warben viele um ihn mit lockenden Erbietungen, denn die Anlände wimmelte stündlich von fahrenden Leuten und Boten aus der ganzen Christenheit, und mancher hätte ihn gerne, um Lob zu erwerben, seinem Herrn gebracht, aber der Sänger erzeigte sich sehr kostbar und tat, als wäre ihm kein König noch Kaiser gut genug. Der Sarazene aber hatte kaum von seinem Vorhaben gehört, so kam ihm in den Sinn, daß dies eine gute Gelegenheit wäre, bei dem gesangliebenden Sultan die erlittene Scharte auszuwetzen. Behende trat er den Pilger an, warb ihn, wie er vorgab, für den Hof von Cypern, wo er mit großer Huld und Ehre aufgenommen werden würde, und der Jüngling sagte auch, zur Verwunderung aller anderen, die ihn so wählerisch gesehen hatten, ohne Verzug und Bedenken zu. Auf dem Weg zum Gestade, nachdem der Wind umgesprungen war und die beiden Reisenden sich anschickten, an Bord ihrer Galeere zu gehen, hielt der Pilger inne und sprach: »Messere, Ihr sehet, daß ich mich mit gutem Vertrauen in Eure Hände gegeben habe; nun hoffe ich auch, daß Ihr als ein redlicher Edelmann, aus dessen Munde kein falsch Wort geht, an mir handeln werdet.« Der Sarazene errötete, nahm seinen gestutzten Bart in die Hand und wandte sich dann mit Lächeln zu seinem Genossen: »Sieh, du hast recht, lieber Sänger, der Mann muß dem Manne Treu' und Glauben halten.« – Bei welchen Worten der Pilger sein Angesicht, gar schelmisch lächelnd, auf die Seite wandte. – »Darum,« fuhr jener fort, »will ich dir auch jetzt, wo du den Fuß noch auf dem Lande hast, die volle Wahrheit sagen. Ich führe dich nicht gen Cypern, und habe das auch nicht vorgegeben, um dich zu täuschen, sondern um von den anderen, mit denen wir im Kriege leben, nicht angefochten zu werden. Ich führe dich vielmehr, wenn es dir genehm ist, an den Hof des großen Sultans Almalich Alnasir, genannt Saladin, der Gesang und Harfe liebt und dich wie einen Fürsten empfangen wird.« »Den großen Sultan Saladin zu sehen und vor ihm zu spielen,« erwiderte der Pilger freundlichen Antlitzes, »ist der Wunsch aller Wünsche. Nichts Besseres und Lieberes könnte mir werden. Aber Saladin haßt die Christen.« »Er haßt die Christen nicht, er haßt nur die Meineidigen, die Verräter, und als solche haben sich manche deiner Glaubensgenossen vor ihm erwiesen. In dir zumal sieht er nur den Sänger, und der steht unter seinem besonderen Schutze,« »Schwöre mir denn bei der Ehre, an die ja auch die Sarazenen glauben, daß ich frei, wie ich gekommen bin, von Saladins Hofe wieder gehen werde.« »Ich schwöre dir's,« rief der Emir, indem er die Hand des Pilgers ergriff, »und verpfände meine Ehre, die dem Moslem so teuer ist wie Euch.« Unter diesen Reden gingen sie miteinander zu Schiffe, stießen ab und fuhren wohlbehalten gen Syrien hinüber. Saladin empfing seinen Abgesandten sehr wohlgemut. Er war soeben eines tapfern Gegners ledig geworden: denn der englische König hatte sich mit den andern christlichen Herren veruneinigt, und da er ohne die Deutschen und Franzosen zu schwach war, den Krieg allein fortzusetzen, so hatte er mit dem Sultan Frieden geschlossen und das hohe Meer gesucht, um fortan seine abendländischen Händel auszumachen. Saladin aber konnte nach seiner Abfahrt wenig zweifeln, daß er nun auch die letzten Plätze, welche die Christen noch inne hatten, Joppe, Tyrus, Ptolemais, in seine Gewalt bekommen würde. »Wie nun, Ali?« rief er neckend seinem Emir entgegen; »gestern noch ließ ich nach dem Christensklaven schauen, aber sein Hemd war weiß wie der Schnee des Libanon.« »Das glaube ich wohl, Beherrscher der Gläubigen,« antwortete jener kleinlaut; »ich wenigstens habe es nicht schwarz gemacht.« Saladin lachte und hieß ihn Bericht über seine Reise erstatten. Der Emir erzählte. Am Ende seiner Rede war es ihm tröstlich, dem Sultan sagen zu können, welch eine Nachtigall er, um wenigstens nicht ganz vergebens in der Christenheit gewesen zu sein, für seinen Gebieter mitgebracht habe. »Einen Sänger?« rief Saladin vergnügt, »Geschwind, Ali, führ ihn herein. Wir wollen ihn unverzüglich hören.« Der Pilger trat ein; er verneigte sich tief vor dem Sultan und griff in die Saiten. Dann ließ er seiner Stimme den Lauf, und gleich bei dem ersten Liede strich sich der alte Held wohlgefällig den Bart, rief ihm in der Frankensprache zu und hieß ihn singen, solang' er einen Ton in seiner klangreichen Kehle habe. Nun strömten Lieder auf Lieder aus des Sängers Munde, die Lays und Chansons von Frankreich, die künstlich gefügten welschen Pastoralen und Rondaten, dann die leichten Weisen vom Rhein, die langgezogenen aushallenden Klagetöne des schäbischen Gesangs und zuletzt, nach einem fröhlichen Fluge durch die Saiten, die keck quellenden, gemsenartig hüpfenden Liederbrünnlein, die den süddeutschen Hochgebirgen entsprungen sind. Der feinhörende Saladin begleitete alle diese Gesänge mit seinem scharfsinnigen Urteil, von jedem Liede wollte er wissen, aus welchem Land es stamme, und stellte seine Vergleichungen darüber an. Nun folgte er sparsam den leise wandelnden Wendungen der Kunst, nun ergötzte er sich wieder an den ungezwungen sprudelnden Sangwellen, die der Pilger, wie er sagte, dem Volksmund abgelauscht hatte. Dann ließ er ihm sarazenische Weisen vortragen, um auch diese von seinem liedermächtigen Munde nachgesungen zu hören. »Seine Seele wohnt auf seiner Zunge!« rief er, als der Pilger sie noch reiner und schöner, als er sie vernommen hatte, wiedergab, und er überhäufte den Heimatlosen mit Ehre, Gunst und Liebe. Der Pilger aber griff von Tag zu Tag tiefer in seine Harfe und in seinen Liederschatz, und eines Abends, als er das Glück und das Leid der Liebe sang, die Sehnsucht, die Geduld, die Hoffnung, die Treue pries, da drangen die bald zarten, bald starken Klänge der Harfe und des Liedes durch jedes Herz, auf manchem Barte schimmerte es wie frischgefallener Tau, und Saladin rief, nachdem er geendigt hatte: »Bei Allah sei es geschworen, Knabe! was du von mir begehren magst –« Da stieß der Pilger seine Harfe zur Seite; ehe der Sultan die Rede vollenden konnte, kniete er vor ihm, seine Bitte auszusprechen, und seine hellen Augen waren von Tränen verdunkelt. Saladin besann sich schnell. »Halt,« sagte er vorsichtig, »wir müssen unser Versprechen im voraus ein wenig beschränken. Du hast so schwärmerische Augen, daß du wohl gar imstande wärest, Jerusalem von meinen Händen zurückzufordern. Darum, wenn dir nach meiner Schatzkammer gelüstet, so soll mein unterbrochener Schwur seine volle Kraft haben, ist es aber etwas anderes, worauf dein Sinn gerichtet ist – und deine Augen scheinen mir nicht nach Gold zu funkeln – dann müssen wir uns vorher in Güte miteinander vertragen.« »Herr, gebt die armen, gefangenen Christen frei!« rief der Pilger und drückte die Hände vor die Augen, um seine Tränen zu verbergen. »Alle?« versetzte Saladin kopfschüttelnd. »Fürwahr, es ist gut, daß ich den Schwur nicht vollendet habe. Nein, Freund Sänger, das geht nicht. Schon einmal habe ich es getan, will aber nicht mehr meine Hände in Dornen und Disteln stecken. Ja, wenn sie Wort hielten, wie wir! Aber ihre Priester würden sie ihres Eides wieder entbinden, und ich werde doch nicht abermals ein Feindesheer wider mich selbst ins Feld stellen sollen. Bitte etwas anderes, Knabe. Es ist mir leid, daß auch die Macht der Töne ihre Grenzen hat; aber sieh, diesmal hast du falsch gegriffen.« Der Pilger antwortete nichts, er blieb unbeweglich auf den Knien liegen und sah den strengen Sultan flehend an. »Hast du vielleicht einen Landgenossen, einen Freund darunter?« fuhr Saladin liebreich fort. »Einen will ich dir schenken, er sei hoch oder nieder, und will es seinem Herrn nach Gebühr entgelten. Geh hin und sieh dich um, ob du einen unter ihnen erkundest. Du scheinst nun einmal deinen Sinn darauf gesetzt zu haben.« Der Pilger erhob sich in Freude und Trauer; zitternd legte er, ohne ein Wort zu sprechen, zum Zeichen seines Dankes die Hand aufs Herz. Der Sultan, gab ihm einen seiner Diener mit, der ihm durch Vorzeigung des königlichen Befehls den Willen der Sklavenherren geneigt machen sollte. Der Pilger ritt voraus, und es war, als ob er seinem Rößlein etwas ins Ohr geraunt hätte – denn es ging geraden Weges, ohne rechts oder links zu treten, durch die Ebene auf die Hügel zu. Vergebens unterwies ihn sein Begleiter, daß hier ringsum in der Landschaft Sklaven, junge und alte, zu finden seien. Der Pilger schüttelte den Kopf. »Gott hat mir meine Straße bereitet,« sagte er, »und warum sollte ich ohne Not so viele Hoffnungslose sehen, da ich doch nur einen lösen darf.« Am Fuße des Gebirges, auf urbarem Boden, lag ein großes Ackergut, vor allen anderen wohl gebaut. Dorthin lenkte der Pilger sein Roß und stieg mit dem Gewaltboten ab. Dann nahten sie sich den Sklaven, die unterschiedliche Felddienste verrichteten, zumeist aber im Pfluge gingen. Der Pilger hatte seinen Muschelhut tief in die Augen gedrückt, als er herantrat, um sich unter ihnen umzuschauen. Mit weinendem Herzen mußte er zusehen, wie die Armen, voll Wunders und Freude, einen Christenpilger zu gewahren, die einen auf ihn zueilen, die anderen im Ziehen innehalten wollten, aber von den Aufsehern gescholten und zu ihrem Tagwerk angetrieben wurden. Der Pilger ging bei ihnen umher, fragte sie nach ihren Namen und Begebenheiten, und sprach ihnen tröstlich zu, so gut er es vor Leid vermochte. Auf einmal aber schrak er zusammen, gab seinem Gefährten einen Wink und trat zu einem Rain, an welchem ein Mann in weißem Hemde den Pflug zog. Es war Herr Alexander, der, weniger hart gehalten als die anderen, seinem rüstigen Werke oblag; er sah verblichen und eingefallen aus, nur seine Augen hatten noch den alten kühnen Blick. Der Pilger senkte das Haupt mit dem Hute, so daß ihm niemand ins Angesicht sehen konnte, »Diesen will ich,« sagte er leise zu dem Sarazenen, »laß ihn mir losgeben.« Er verweilte, nachdem er dies gesagt und noch einen fliegenden Blick auf den Sklaven geworfen hatte, nicht weiter mehr, sondern schlug sich hinter eine Palme und wurde eine Zeitlang nicht gesehen. Der Ritter wußte kaum, wie ihm geschah, als man ihn aus dem Pfluge nahm. Erst als ihn der Bote zu dem Emir führte, dem er eigen war, und mit diesem über das Lösegeld handelte, wurde es ihm offenbart, daß er frei werden sollte. Der Emir hielt ihn nicht viel mit dem Urlaube hin; er sah ein wenig sauer dazu, daß er ihn missen sollte; doch ließ er sich nichts anmerken und gab ihm noch ein mageres Rößlein mit auf den Weg. Der Pilger war, nachdem er Geschenke unter die zurückbleibenden Christen verteilt halte, hinweggeritten; er hielt in der Ferne an einem Hügel, winkte den beiden anderen und trabte wieder schnell voraus. So blieb er immer im Vorsprung und ließ sie nicht an sich herankommen. Herr Alexander fragte den Sarazenen aus und wunderte sich nach dessen Bescheide sehr, wer wohl der Pilger und Sänger sein möge, der ihn losgebeten habe. Als sie zu Saladins Hoflager kamen, richtete der Sultan sein Auge zuerst auf den freigegebenen Sklaven, denn ihn verlangte zu wissen, wen sich der Sänger erkoren habe, und nicht lang', so hatte sein scharfer Blick denselben wieder erkannt. Lächelnd und forschend ließ er nun die Augen auf dem Pilger ruhen; dann rief er ihn näher zu sich, während dem Befreiten auf sein Geheiß ein Bad bereitet und reichliches Gewand gegeben wurde. Das Hofgesinde sah, wie der Sultan den Pilger mit schlauem Lächeln anredete, worauf dieser, das Gesicht mit den Händen deckend, betreten und verwirrt vor ihm in die Knie sank. Der greise Saladin drohte ihm mit dem Finger, hob ihn auf, setzte ihn zu sich auf das goldgestickte Polster und legte ihm hold wie ein Vater die Hand auf das Haupt. So sah man beide lang' miteinander sprechen. Zuletzt wurde auf Saladins Geheiß dem Pilger seine Harfe gebracht; die sarazenischen Herren, die bisher der Unterredung nur von weitem hatten zusehen dürfen, traten, durch einen Wink des Sultans eingeladen, hinzu, und der Sänger begann noch einmal jenes Lied, das ihm alle Herzen gewonnen hatte. Er sang es, die Augen, je nach dem Laut der Worte und Töne, bald dankend, bald bittend, bald vertrauend auf den Sultan gerichtet. »Ich verstehe dich,« sprach dieser, als das Lied zu Ende war: »du hast noch immer einen Wunsch auf dem Herzen. Nun, beruhige dich. Freilassen kann ich sie nicht, aber ich verspreche deinen Brüdern ein menschlich Los, und damit will ich meinem unausgesprochenen Eide Geltung geben.« Bei diesen Worten trat die hohe Gestalt des deutschen Ritters herrengleich wie je zuvor, in das Gemach. Er vereinigte seinen Dank mit dem des Pilgers, während ihm Saladin prüfend in die Augen sah. Dann reichte ihm der Sultan ein kostbares Schwert: »Brauche es wider deine Feinde,« sagte er, »und vergiß nicht, daß du mich zum Freunde hast. Da ich jedoch weiß, daß bei euch keine Vergabung geschehen kann ohne Gegenleistung, so will ich dir für die Freiheit und Wehrhaftigkeit, die ich dir wieder geschenkt habe, gleichfalls eine Lehnspflicht auferlegen, doch mit dem Recht, daß es bei dir selbst stehen soll, dich von ihr loszuzählen, wenn sie dir gegen deinen Glauben oder deine Ehre zu streiten scheint. Wenn es an der Zeit ist, wird dir ein Bote von mir sagen, was ich an dich begehre.« Der Ritter legte seine gefalteten Hände zwischen die Hände des Sultans und schwur ihm auf diese Bedingung den Lehenseid. Der Pilger war indessen unruhig geworden, als ob seines Bleibens nicht länger sein konnte. Saladin sah es und erhob abermals den Finger gegen ihn: »Freund Sänger,« sagte er, »es tut mir leid, daß sich Ali so stark mit Beteuerungen gegen dich herausgelassen hat; sonst würde ich euch beide bei mir behalten.« – Er erbat sich seine Harfe zum Andenken und ließ ihm dagegen eine andere bringen, deren Gestell aus arabischem Golde getrieben war und oben mit einem großen Edelstein geziert. Da es nun zum Scheiden kam, das der Pilger immer mehr beschleunigte, so schloß der Sultan diesen in die Arme und küßte ihn auf die Lippen. Die Sarazenenritter standen mit stummer Verwunderung dabei; selten hatten sie ihren Herrn so bewegt gesehen. Nach der Abreise der beiden Deutschen ließ Saladin seinen Gesandten rufen, »Hast du mich wissentlich oder unwissentlich betrogen?« redete er ihn mit strengem Tone an. »Beherrscher der Gläubigen, wessen hat sich dein Knecht schuldig gemacht? Ich will des Todes sterben, wenn ich dich verstehe.« »Hast du diesen Pilger gekannt oder nicht?« »Ich sah ihn zu Genua und gedachte, Ehre bei dir zu erlangen, wenn ich dir ihn brächte, Gebieter.« Saladin sah ihn noch schärfer an. »Weißt du denn nicht, wen er sich aus den Sklaven erwählt hat? Wie, Ali, hast du ihm nicht ein einzigmal in die Augen geblickt? Solche Augen sieht man doch nicht alle Tage.« »Diese Augen!« rief der Emir, lauter, als es sich vor dem Angesichte des Sultans geziemte, »O, wo habe ich doch die meinigen gehabt!« Saladin weidete sich an seiner Bestürzung, »Ich sehe dir an, daß du unschuldig bist.« sagte er. »Um so schlimmer für dich! Aber ihr alltäglichen Menschenkinder achtet auf jedes Merkzeichen eher, als auf die Augen, die treuesten Spiegel des verborgenen Lebens; sonst hättest du schon in ihrem Frauengemache vorausgewußt, daß diese Taube dir mit verwandeltem Gefieder nachfliegen würde.« »Sie hat aber auch ihre Augenbrauen und Haare so dunkel gefärbt, daß ich wette, es wird eine gute Weile dauern, bis ihr eigener Verlobter sie erkennt, die doch der nie fehlende Blick meines Gebieters erkannte, ohne sie je gesehen zu haben. Mußte mir auch dieser zweite Betrug widerfahren! ach, und der zweite ist noch ärger, denn der erste war!« Saladin lachte, dann ging er nachdenklich auf und ab. »Höre, Ali,« hob er endlich an, »ich bin in Gefahr, ein Irrgläubiger zu werden.« »Beherrscher der Gläubigen?« rief Ali verwundert. »Du weißt, die Christen haben mich noch nie in die Versuchung gebracht, nach einer Gemeinschaft mit ihnen zu verlangen. Wenn aber ihre Frauen dieser einen gleichen, dann ist es ein Glück, daß meine Jahre mich schützen, »sonst könnte ich leicht des Paradieses verlustig gehen.« »Herr,« wagte der Emir zu bemerken, »hat nicht auch der große König Daud, da er älter und betagter war als du, an allen Enden nach einer Schönheit suchen lassen, auf daß sie seines Alters pflege? Und wenn du sie aus der Christenheit nimmst, brauchst du darum ein Christ zu werden?« »Du wärest alsdann wohl der erste, der sich bei mir um die Gesandtschaft bewerbe, nicht wahr, Ali?« »Nein,« rief der Emir und wehrte den Gedanken mit beiden Händen ab, »nein, Beherrscher der Gläubigen, verschone deinen Getreuen mit dem dornenvollen Amte! Denn, Herr, laß mich nicht vergessen, daß diese Tauben, da du sie einmal so nennst, die Klugheit der Schlange haben. Sende den weisen Musa Ben Waimun, deinen berühmten Leibarzt, oder den anschlägigen Bohadin Ben Sjeddab, deinen vertrauten Rat, sende, wen du willst, nur mich nicht, der ich bereits genug zuschanden worden bin.« Abermals lachte Saladin, der noch oft hernach den armen blinden Ali neckte. Aus der Sendung aber wurde nichts; denn nicht allzulang' nach dieser Begebenheit starb der hochgesinnte Sarazenenheld, dessen Hände an Freund und Feind so freigebig gespendet hatten, daß er in seiner Schatzkammer nicht mehr als siebenundvierzig Silberdrachmen und einen goldenen Tyrier hinterließ. Sterbend gebot er, daß man ihn ohne Gepränge begraben und vor seiner Leiche weder Fahnen noch Siegeszeichen hertragen solle, sondern nur sein Totenhemde, mit dem Ruf: »Saladin, der große Sultan von Ägypten und Syrien, Befreier des Morgenlandes, bringt von allen seinen Königreichen und Fürstentümern nichts davon, als dies. Allah gebe, daß er es rein davonbringe.« Mittlerweile war Herr Alexander mit seinem Nothelfer in die Lagunen von Venedig eingelaufen. Von da eilten sie vollends dem Festlande zu, wo sie auf Saladins fürstlichen Rossen, der Pilger auf einem zarten Zelter, der Ritter auf einem hohen Renner, weiter zogen. Schon auf dem Schiffe hatte der Ritter den Pilger gefragt, warum er gerade ihn aus so vielen erlesen habe, »Der Ruf von eurem Hemde, der an des Sultans Hof erscholl, bewog mich dazu,« hatte der Pilger geantwortet, und Herr Alexander hatte sich diese Antwort genügen lassen, wie es ihm auch gefiel, daß der Jüngling stets demütig von ferne stand als ein fahrender Sänger, dem es nicht gebühre, mit einem hochgeborenen Ritter, auch wenn er ihm noch so wohl getan hätte, Freundschaft zu bauen. Er gedachte ihn daher mit nach Hause zu nehmen und als Diener zu behalten oder, wenn ihm dies nicht anstünde, ihn reich belohnt seine Straße ziehen zu lassen. Doch schwieg er noch davon, ließ es auch geschehen, daß der Knabe in den Herbergen, wo sie einritten, mit einem schlechten Nachtlager zufrieden war und nicht begehrte, seine Schlafkammer mit ihm zu teilen. Auf diese Weise sprachen sie wenig miteinander, denn der Ritter hatte alle seine Gedanken in der Heimat, und der Pilger ritt still neben ihm her, hatte den Hut ins Gesicht gerückt und trieb sein Tier beständig zur Eile an. Als aber die Alpen hinter ihnen lagen, machte der Pilger auf einmal Halt. »Bruder,« sagte er, »unsere Wege scheiden sich: Nun gebt mir zum Andenken ein Stücklein aus Euerem Hemde, von dessen Tugend ich so viel habe reden hören, damit ich das auch anderen erzählen und beglaubigen kann.« Herr Alexander, der sich des plötzlichen Scheidens nicht versehen hatte, bat ihn nun inständig, daß er mit ihm käme, und verhieß ihm größere Dinge, als er selbst ihm von Anfang zugedacht hatte. Aber der Pilger weigerte sich und sagte, er bedürfe keines Lohnes, außer der kleinen Gabe, woran ihm genüge. Der Ritter, der ohne Säumen nach Hause trachtete, willfahrte ihm zuletzt, schnitt ein Stück aus seinem Hemde, gab es ihm mit innigem Dank, wiewohl der Pilger, da er es nahm, wenig Dank und kühle Freude kund werden ließ, und so schieden sie, mit kurzem Gruße zwar, doch in Frieden und Güte voneinander. Herr Alexander wunderte sich in seinem Herzen, während er allein fürbaß zog, warum doch dieser Jüngling, der erst so Großes an ihm getan, sich darnach so sauertöpfisch gegen ihn erzeigt und alle angebotenen Ehren und Geschenke ausgeschlagen habe; doch dachte er, das eine werde einem Gelübde und das andere einer unlieblichen Sinnesart zuzurechnen sein. Wie er endlich wieder in die Heimat kam und durch das Tor einritt, wurde er alsbald erkannt, und es erhob sich viel Freude und großer Zusammenlauf. Durch die ganze Stadt war es im Fluge lautbar geworden, daß Herr Alexander, der werte Degen, aus der heidnischen Gefangenschaft wiedergekommen sei. Da drängten sich auch seine Gefreunden und Gesippen zu, um ihn zu begrüßen, und der Ritter umfing und küßte sie und hieß alsbald ihnen allen ein fröhliches Gastmahl anrichten. Sie aber vergalten ihm nicht Gleiches mit Gleichem, denn noch ehe er sein Haus erreichte, hatten sie ihm eine böse Märe ins Ohr geblasen. Seine Verlobte, sagten sie und wetteiferten miteinander und konnten es ihm nicht schnell genug zu wissen tun, – Frau Florentina habe sich nicht so gehalten, wie es einer ehrbaren Magd gebühre; vielmehr habe sie einen welschen Ami bei sich gehabt, und wenn sie ihm auch nicht öffentlich zugetan gewesen sei, so müsse dies doch im geheimen geschehen sein; denn sie sei ihm nachgezogen und habe wohl in zwölf Monden, bis gestern, da sie unversehens heimgekehrt sei, nichts von sich vernehmen lassen. – So sprachen sie, und die mit dem verkappten Sarazenen am meisten geschmaust und geschlemmt hatten, die wußten nun am meisten Schande und Laster von ihr zu sagen. Entbrannt von Zorn, kam Herr Alexander mit dem ganzen Gefolge von Nesselzungen in sein Haus, und als seine Braut aus dem ihrigen Botschaft sandte und ihn fragen ließ, ob sie allein von allen ungeladen bleiben solle, so entbot er ihr, er gedenke sie fürder mit keinem Zwange zu beschweren, sondern stelle es ihr frei, in der Welt umherzufahren, wo und mit wem sie wolle. Aber die Dienerin kam eilends wieder zurück und verkündete, ihre Frau habe sich einen Bürgen erlesen, der dem edlen Herrn sonder Zweifel genehm sein werde, und der Bürge stehe auch schon vor der Tür. Während nun Herr Alexander und seine Gäste sich über diese Rede wunderten, ertönte von draußen ein Harfenklang. »Das ist der Pilger!« rief er und sprang empor. »Öffnet die Türe, daß ich ihn empfange!« Die Türe wurde weit aufgetan, und herein trat Florentina. Sie hatte den Muschelhut aufgesetzt, über dem Arme hing ihr Pilgergewand, in der einen Hand trug sie die Goldharfe und in der anderen das Stück, das der Ritter aus seinem Hemde geschnitten hatte. Alles dieses legte sie getrost vor ihm nieder und sprach: »Hier ist meine Beglaubigung, Herr. Nehmet Ihr den Pilger zum Bürgen an? Er ist Euch ja, bei all Eurem Stolze, so wert, daß es Euch ein Kleines zu sein dünkte, ihm zu Ehren ein Werk meiner Hände zu zerstücken.« Sie konnte nicht weiter reden, denn schon lag ihr ihr Bräutigam weinend zu ihren Füßen und umfaßte ihre Knie. Es war ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, und er schämte sich bitterlich. Auch Florentina mußte weinen, doch trocknete sie schnell ihre Tränen, hob ihn auf und drückte ihn an ihre Brust. Nachdem die beiden sich geherzt und versöhnt hatten, trat der Ritter vor die Ankläger seiner Verlobten und erzählte, was sie in diesen zwölf Monden getan hatte und wo sie gewesen war. Sie aber offenbarte ihnen, wer der italische Kaufherr war, mit dem sie so manchen Tag herrlich und in Freuden gelebt hatten. Da fielen auch sie ihr zu Füßen und baten mit großem Schall um Vergebung. Die wohlgezogene Frau verzieh ihnen allen. Herr Alexander aber ordnete noch in derselben Stunde die Brautleute an und ließ das Mahl nicht eher auftragen, als bis ihm sein getreues Lieb zur Ehe bestätigt war. Nachdem man nun zum Hochzeitmahle niedergesessen war, und die Gäste fröhlich aßen und tranken, und ihre tugendsame Wirtin priesen, zog er die minnigliche Frau an sein Herz und fragte sie, warum sie sich ihm nicht früher zu erkennen gegeben habe. »Ich weiß nicht,« antwortete sie, »warum ich's bei unserem ersten Wiedersehen nicht vermochte; ich meinte, ich müsse warten, bis Ihr im ritterlichen Gewand und Wesen vor mir stündet. Nachher aber hat mir's Saladin verboten. Ich habe ihm mein Wort darauf geben müssen, Euch auf dem ganzen Wege, dafern Ihr mich nicht von selbst erkennen würdet, fremd zu bleiben. Zürnet mir nicht, lieber Herr, daß ich das getan habe. Ich hatte keine Wahl, denn der Sultan sagte, er habe mir als einem Manne geschworen, und sei mir nun nicht schuldig den Eid zu halten, außer auf neue Bedingungen. Wohl sagte er's mit Scherz und Glimpf, aber in seinen spielenden Worten gab sich sein ernstlicher Wille zu vernehmen.« »So habt Ihr Euch dem Sultan eher zu erkennen gegeben, denn mir?« fragte Herr Alexander und zog die Stirne in Falten. »Mit keinem Worte!« beteuerte sie. »Erst als er mich mit Euch aus dem Gebirge zurückkommen sah, wußte er, wer ich wäre.« Der Ritter schlug die Augen zu Boden. »So seid Ihr denn wohl auch der Bote, den er mir zu senden verhieß?« hob er nach einer Weile wieder an. »Und was ist die Leistung, die er mir angesonnen hat?« Sie stockte, und ihre Botschaft wollte ihr nicht über die Lippen gehen. »Wenn ich nicht so eilig mit der Abfahrt gewesen wäre, so hätte er Euch wohl noch spitzere Rätsel ersonnen,« erwiderte sie ausweichend. Er aber ließ nicht ab und bat, sie wolle ihm nichts verhehlen, was es auch sein möge. Auch gab er ihr zu bedenken, sie habe ja dem Sultan ihr Wort verpfändet, und ein gegebenes Wort müsse gehalten sein. Darauf nahm sie ihm das Versprechen ab, daß er ihr ob Saladins Begehren nicht zürnen noch gram bleiben wolle, und als er ihr dies zugeschworen hatte, so tat sie ihm mit niedergeschlagenen Augen und leiser Stimme des Sultans Willen kund. »Wenn es so verlaufen würde, wie es sich unterwegs und heute bei Eurer Heimkunst zugetragen hat,« sagte sie, »so legt er Euch auf, zu tun, was Frauenhänden obliege, nämlich Euer Hemd zu waschen,« Der Ritter fuhr empor und schlug an sein Schwert, daß es klirrte. Blässe und Röte wechselten auf seinem Angesichte. »Gedenket des Wortes, das Ihr mir soeben gabet, mein Herr und Gemahl!« sagte die schöne Frau ein wenig erschrocken und fuhr dann mit lieblichem Lachen fort: »Merket Ihr denn nicht, daß Ihr Euerer Pflicht entledigt seid, denn wo habt Ihr je gesehen, daß Frauen reine Hemden waschen?« Nun verstand er auf einmal des Sultans Meinung, und war so betroffen, daß er nicht reden konnte, sondern beschämt in sich versank. Da sie aber seine Hand ergriff und ihm holdselig in die Augen sah, so schmolz ihm vollends alles Eis vom Herzen weg. »Krone der Frauen, herzliches Gemahl,« sagte er, »wenn Ihr mich je wieder unweise und unhold sehet, so gemahnet mich nur des Lehens, das ich von Saladin trage, und Ihr werdet mich wie Eueren Ärmel umwenden, ja gar, wenn es Euch gefiele, in den Pflug spannen können.« Die Zaubernacht. »Wir Petrus, Guardian und Johannes, Vizeguardian in hiesigem Barfüßerkloster, Sankt Franziskenordens gewest, bekennen öffentlich und tun kund männiglich mit diesem Briefe: Nachdem uns Gott der Allmächtige durch Verkündung des heiligen Evangelii aus der papistischen Irrsal gnädiglich geführt und mit dem Licht seines lebendigmachenden Worts unsere Herzen erleuchtet, daß wir von unsern Zeremonien, Kleidung, Kutten, Kappen und Platten mit gutem Gewissen frei abgestanden und also mit gutem freiem Willen aus dem Kloster gangen sind, dasselbige auch nach getaner Rechnung dem fürsichtigen, ehrsamen und weisen Herrn Bürgermeister und Rate hiesiger des heiligen römischen Reiches Stadt, unsern günstigen Herren, mit aller seiner Zugehör, Nutzung, Renten, Gilten und Einkommen, frei übergeben und zugestellt haben; übergeben und stellen wir ihnen auch dasselbige zu, in Kraft dieses Briefes. Versprechen auch bei unseren wahren Treuen und Eiden, nun fürohin, dieweil wir im Leben seien, unser Leibgeding, so uns von gemeldten Klosters Pflegern jährlich gegeben wird, allhie in der Stadt zu verzehren, und sonst nindert anderswo an keinen Enden, Städten noch Flecken, allda wir unsere Wohnung haben wollten, zu verbrauchen, sondern unser Leben allhie zu verschließen und zu vollenden. Wobei wir uns auch aller Gnaden, Privilegien, Freiheiten, Satzungen, Statuten, Konstitutionen der geistlichen oder weltlichen Rechte, sonderlich unseres vermeinten Ordens, so uns von Päpsten, Konzilien, Kaisern, Königen oder andern Fürsten und Herren, was Gewalts oder Herrlichkeit die wären, gegeben, gänzlich verziehen und begeben haben, in Kraft dieses Briefs« ec. Die beiden geistlichen Obern unterzeichneten diese Urkunde, nachdem der Stadtschreiber sie verlesen hatte, in Gegenwart einer Ratsdeputation und schickten sich hierauf an, der Obrigkeit die bisher bewohnten Räume zu übergeben. Hiermit hatte die Reformation in der Reichsstadt den letzten Boden erobert; sie war, von den demokratischen Zünften mit rascher Hand ergriffen, dem Magistrat bald über den Kopf gewachsen, so daß dieser an die Spitze der Bewegung treten mußte und auch in anfänglich kräftiger Einung mit den Fürsten und Städten sich bei diesen das Lob entschiedenen Beharrens erwarb. Die Stadt hielt fest, auch als nachher in Deutschland die Gesinnungen herüber und hinüber schwankten. Das alte Franziskanerkloster, mitten in ihr gelegen und von den Fluten der neuen Zeit umrauscht, sah allmählich die alten geistlichen Dämme brechen. Der junge kecke Geist war auch in die festen Zellen gedrungen; selbst die schweigsamen Bewohner der nahegelegenen Kartause konnten ihn nicht von sich abhalten, und von den Barfüßern trat bald einer um den anderen aus, als Prädikant oder in anderen rührigen Verrichtungen sich seinen Weg durch die Welt zu bahnen. Andere, welche treu an der Regel hielten, hatten sich in entferntere Kloster auf sicheren Boden zurückgezogen, und so blieb ein kleiner Rest der Bruderschaft, der jetzt mit den Vorstehern den letzten Schritt in die Welt hinaus zu tun sich bereitete. Es geschah mit jenem Ernst, mit welchem besonnene Männer einem neuen Leben und einer völlig veränderten Gestalt der Zeit entgegentreten. Auch die Ratspersonen, obgleich sie das vergnügliche Bewußtsein, für den gemeinen Säckel gesorgt zu haben, kaum verbergen konnten, ehrten den Abschied der Bruderschaft von ihrem Stand und Herd. Die geistlichen Herren schwiegen; der Guardian gab von Zeit zu Zeit die nötigen Anordnungen und Nachweisungen mit gehaltener Stimme. Er war ein frisch aussehender Mann in mittleren Jahren, dessen freimütiges Gesicht den Ausdruck der Überzeugung trug. Seit Jahren hatte er sich innerlich dem neuen Lichte angeschlossen, dabei aber sein persönliches Meinen und Wollen von der ihm auferlegten Stellung wohl unterschieden und gewissenhaft für seine Gemeinde gesorgt, bis nichts mehr zu sorgen übrig war und er in Freiheit mit seinem eigenen Bekenntnis hervortreten konnte. Er hatte der Stadt seine Dienste als Lehrer angeboten, und sein Benehmen war so allgemein mit Wohlgefallen aufgenommen worden, daß ihm der Stadtschreiber seine Tochter, die er aus Anlaß vielfältiger Besprechungen in dessen Hause kennen gelernt und deren verständiges Gesicht Eindruck auf ihn gemacht hatte, von freien Stücken zur Ehe gab. An dem Tage, da das Kloster übergeben wurde, sollte zugleich die Hochzeit gefeiert und die neue Heimat eingeweiht werden. Eben hatte er die letzten Schlüssel den Ratsherren übergeben, als sein bisheriger Amtsgenosse zu ihm herantrat, »Herr Guardian – Herr Petrus,« sagte er etwas verlegen, »der Bruder Severin will nicht aus seiner Zelle weichen.« »Bruder Severin! Den hätten wir beinahe vergessen!« rief der Guardian, und auf die fragenden Blicke der Ratsherrn, erwiderte er: »das ist ein alter Laienbruder, der sich seit undenklichen Zeiten im Kloster befindet. Keiner weiß, wie er hereingekommen ist. Die älteren Brüder erinnerten sich noch seines Fleißes und seiner unablässigen Dienstleistungen. Nun ist aber seit Jahren sein Körper und sein Geist in eine Art Schlummer versunken, aus welchem ihn niemand stört. Die Zeit hat ihr Antlitz umgewandelt, ohne daß er es gewahrte, und es wäre schwer, ihm begreiflich zu machen, daß die alte Ordnung hier aufgehört habe und der Konvent säkularisiert worden sei.« »Was fangen wir aber mit ihm an?« fragte der Vizeguardian. »Ich muß mich schelten,« sagte der Guardian, »daß ich im Gedränge dieser neuen Sorgen und Geschäfte nicht an ihn gedacht habe. Wenn ich nur wüßte, wo man ihn unterbringen konnte. Er war mir immer gehorsam und sonderbar anhänglich, ich denke, wir schaffen ihn doch noch ohne Mühe hinaus.« Einer der Zunftrichter von der Ratskommission erbot sich, dem Gebrechlichen ein Hinterstübchen einzuräumen, welches einer Zelle nicht ganz unähnlich sehe. Der Guardian dankte sehr erfreut und schritt alsogleich zum Werke. Die anderen schlossen sich ihm an. Über mehrere lange Gänge, wo ihre Tritte öde und einsam widerhallten, gelangten sie zu einer Zelle, welche der Guardian öffnete. Hier lag ein Greis in der Barfüßerkutte. Er schien zu beten. Unverständliche Worte durch den struppigen Bart murmelnd, warf er unter den buschigen Augenbrauen hervor einen scheuen Blick auf die Eintretenden. »Bruder Severin!« rief der Guardian mit sanfter, aber ernster Stimme. Der alte Mönch erhob sich rasch, verbeugte sich vor seinem Obern, und als dieser fortfuhr: »Kommt und tut, wie ich Euch heißen werde –« so folgte er mit klösterlichem Gehorsam und wurde ohne Schwierigkeit hinausgebracht. Er schritt ruhig durch die Straßen mit, als ginge er in einer Prozession. Der ehemalige Guardian verließ ihn nicht, bis er ihn in seiner neuen Wohnung einigermaßen eingerichtet sah. »Hier bleibt, Bruder Severin, bis man Euch anders weisen wird,« sagte er beim Fortgehen, und der alte Mönch folgte ihm zwar mit verwunderten Blicken, blieb aber auf einen Wink des Guardians an der Türe stehen und schien sich in das Unbegreifliche zu fügen. Die Hochzeit wurde still, wie es sich gebührte, gefeiert. Der Ernst der Zeit, die bedenklichen Nachrichten von dem bundesverwandten Augsburg, die drohenden Rüstungen des Kaisers ließen nicht an Tanz und Lustbarkeiten denken, die auch der Sinn des Bräutigams bei einem so eigenen Übergang von seiner bisherigen Lebensstufe auf die jetzige verschmäht haben würde. Nach einem bescheidenen Mahle im Hause des Schwiegervaters saßen die Neuvermählten abends in ihrer Wohnung. Die Verwandten, die sie heimgeführt, hatten sich entfernt, und die anbrechende Dämmerung brachte zum erstenmal das süße Gefühl des heimischen, traulichen Beisammenseins. »Ihr habt so etwas Tätiges in Eurem Aussehen, lieber Herr, wie seid Ihr denn ins Kloster gekommen?« fragte die junge Frau, indem sie ihm freundlich in die Augen sah. »Wie so mancher andere auch. Ich war ein vater- und mutterlos Kind. Darum habe ich mich auch so lange zurückgehalten, weil es mir weh tat, des Undanks beschuldigt zu werden.« »Ach, es muß traurig sein, wenn man niemand in der Welt hat, keinen Freund und Versorger, wenn man abhängig wird und dann mit Pflichten und Gesinnungen in Widerspruch kommt.« »Und doch, liebe Hausfrau, wird es wenig Menschen geben, die nicht in solche Widersprüche geraten. Eine Zeit, wie die jetzige, läßt keinen ruhig seiner Wege gehen. Es hätte wohl manches bleiben können, unbeschadet der Wahrheit; aber die einen wollen über alle Berge hinaus, die anderen hinter alle Maulwurfshügel zurück und diese beiden kehren die Welt miteinander um.« »Wie ist's Euch in Eurer Jugend ergangen und wie habt Ihr Eure Eltern verloren?« »Davon weiß ich wenig zu sagen. Ein wunderlicher Beschützer zog mit mir in der Welt herum, ein fahrender Schüler, der mit Künsten und Possen den Unterhalt für uns beide erwarb und mich fast mehr noch wie eine Mutter denn wie ein Vater pflegte. Er war mit einer wahren Angst darauf erpicht, daß ich ihm anhänglich sein sollte, und erzählte mir oft, wie viel er für mich getan habe. Aus dem Feuer habe er mich mit Lebensgefahr gerissen, als meine Mutter schon tot gewesen sei.« »Verbrannt? Um Jesu willen nicht!« »Nein, sie war an der Geburt gestorben, und er schleppte mich mit ihrer Leiche aus den Flammen heraus. Aber ich konnte nicht klug werden aus seinen Erzählungen. Bald wütete er gegen meinen Vater, der in die weite Welt gelaufen sei und ihm die Sorge für mich arme fremde Brut überlassen habe – da konnte er dann tun, als ob ich eine schwere Last für ihn wäre, und doch lief er mir so ängstlich nach, wie die Henne ihren Küchlein – bald sagte er wieder, mein Vater sei unschuldig und ein anderer habe den Jammer angerichtet; wenn ich aber nach diesem anderen fragte, so rief er mit strengem Blicke: ›Schweig still, es ist dir besser, du erfährst es nie!‹ Dazwischen warf er sich auf die Kniee, rang inbrünstig die Hände und schrie an einem fort: ›O du Selige, du Heilige, bitt' für uns und vergib uns unsere Schuld.‹ Ich weiß nicht, ob das der Jungfrau Maria galt; es kam mir aber nach seinen wunderlichen Reden oft vor, als meinte er meine Mutter damit. Ich konnte nicht aufhören, wenn ich alle seine Seltsamkeiten erzählen sollte. Er war jeden Tag ein anderer, das einemal leichtfertig und gugelführisch, dann wieder zerknirscht bis zur Todesangst. Den Leuten machte er Künste und Stücke vor, daß ich heute noch glauben müßte, er habe es mit dem Bösen gehalten, wenn es uns nur nicht oft so gar kümmerlich gegangen wäre. Denn wenn er etwas hatte, so brachte er's durch, und keine Sorge um mich, die doch gewiß groß war, konnte ihn vermögen, etwas zurückzulegen. So kamen wir eines Tages abgerissen und hungrig im hiesigen Barfüßerkloster an. Kaum hatte man uns ein wenig mit Essen gelabt, so verfiel mein Pflegevater in ein tödliches Fieber. Die guten Franziskanermönche nahmen sich seiner und meiner an, konnten ihn aber nicht anders beruhigen als durch das Versprechen, mich im Falle seines Hinscheidens im Kloster zu behalten und geistlich werden zu lassen. Sein Tod war grauenvoll, er wälzte sich vor mir auf dem Boden und flehte mich unaufhörlich um Verzeihung an. So starb er, und ich weiß heute noch nicht, was ich von ihm denken soll. Wider meinen Willen stieg ich bis zum Guardian auf. Ich erfüllte treulich meine Pflichten, aber mein Herz war nicht im Kloster; lieber hätte ich als der geringste Knecht durch schaufeln und graben im Schweiß meines Angesichts mein Brot erworben. Oft dachte ich, mein seltsamer Beschützer habe mich deshalb auf dem Sterbebette so um Verzeihung gebeten, weil er vorausgesehen, daß er mir ein trauriges Leben bereite, und es doch nicht habe ändern können. Manchmal war es mir auch wieder, als stecke ein besonderes Geheimnis dahinter.« »Er hat vielleicht eine unrechte Liebe zu Eurer Mutter getragen und hat sie dadurch ins Unglück gestürzt.« »Meinst du, Magdalene? Der damalige Guardian, dem er vor seinem Tode beichtete, sagte mir in späteren Jahren, meine Mutter sei aus Angst und Schreck in den Wehen gestorben, weil ihr Mann, der sehr lang' abwesend und sehr argwöhnisch gewesen, das Kind nicht habe für das seinige erkennen wollen. Ich sollte aber meiner Mutter, die einen unsträflichen Wandel geführt und als ein erbarmungswertes Opfer einen wahren Martertod erlitten habe, wie einer Heiligen gedenken. Übrigens zieme mir nicht, mehr zu wissen.« »Das ist eine traurige und geheimnisvolle Geschichte.« »Es ist gar keine,« erwiderte er. »Liebe Hausfrau, nehmt an, ich sei durch einen langen finsteren Gang, wo hin und wieder schaurige unsichtbare Fittiche wehten, hindurchgewandelt, und die Höhle sei nun hinter mir verschüttet worden. Nun bin ich geborgen bei Euch und fange ein neues Leben im Licht und in der Wärme an; das vorige aber ist, als wäre es nicht gewesen.« Der erste Stern erschien über den hohen Häusern und sah freundlich in die Fensternische, worin die beiden Gatten standen. »Siehst du diesen Boten, Magdalene?« rief der glückliche Bräutigam und wollte eben liebreich sein junges Weib in die Arme schließen, als draußen geklopft wurde. Er öffnete, und eine dunkle Gestalt trat herein. Es war die Tochter des Zunftmeisters. »Ihr Vater,« sagte sie, »lasse den Herrn Petrus bitten, doch in Eile zu ihm zu kommen, der alte Mönch sei sehr unruhig geworden und fast nicht zu stillen. Auch begehre er sehnlich nach seinem Guardian.« Der ehemalige Klostervorsteher brach alsbald auf. Das Mädchen aber blieb, damit, wie sie sagte, ihrer Muhme nicht gleich am ersten Tage die Zeit zu lang werden möchte. Der Zunftvorsteher empfing ihn auf dem Hausflur. »Es tut mir leid, würdiger Herr, daß ich Euch stören mußte,« sagte er, »aber ich weiß nicht, was ich mit meinem Pflegebefohlenen anfangen soll. Ich besorge, er wird's nicht lang' mehr treiben. Er hat sich ganz verändert und aus seiner stillen Stumpfheit aufgerafft. Erst tobte er in seiner Kammer umher, begehrte mit Gewalt in sein Kloster zurück, schrie, man habe ihn herausgelockt, man habe einen Anschlag auf sein Leben und dergleichen verwirrtes Wesen mehr. Dann fragte er sehnlich nach Euch, Herr, und sagte, er müsse Euch beichten, er könne ja sonst nicht sterben, und er habe es wider alle Klosterregeln bis jetzt verhalten. Da ich nicht mehr wußte, wie ich ihn beruhigen sollte, so habe ich heimlich nach Euch geschickt, ihm aber derweil eröffnet, das Kloster sei aufgehoben und es gebe keinen Guardian mehr. Das hat denn auch bei ihm gewirkt, er sah mich starr und vergeistert an und hat seitdem den Mund nicht mehr geöffnet. Hört Ihr? es ist ganz still in seiner Kammer. Kommt, Herr, wir wollen nach ihm sehen.« Sie traten mit der Lampe bei ihm ein. Der lange hagere Greis, immer noch mit der Klostertracht gekleidet, saß auf einem Stuhl in der Ecke, und seine Augen blitzten hervor wie die Augen eines Löwen, den man in seinem Nest besuchen will. Auf einmal erkannte er im Schein der Lampe das Antlitz des Guardians. Er fuhr auf, stürzte ihm zu Füßen und ergoß sich, bald murmelnd, bald schreiend, in einen Strom von Reden. Er schien zu glauben, das Kloster sei überfallen und sein Oberer gemordet worden. Dann versicherte er sich wieder seiner Gegenwart, weinte, bat ihn um Schutz und flehte, in seine stille einsame Zelle zurückkehren zu dürfen. Er war wie außer sich, und der Guardian, der ihn so lange Jahre kaum ein Wort sprechen gehört, erachtete wohl, daß dies Aufflackern ein nahes Erlöschen verkündige. »Seid ruhig, Bruder Severin,« sagte er sänftlich zu ihm. Der Ton der wohlbekannten Stimme wirkte wie ein schmerzstillendes Mittel, indessen der Guardian ihn vom Boden erhob und fortfuhr: »Ihr seid in guten Händen, niemand will Euch etwas zuleide tun, und ich werde Euch täglich besuchen, ob Euch nichts abgeht.« Der Alte hatte sich nach seinem Stuhle führen lassen und saß mit gesenktem Haupte da, »Ins Kloster!« murmelte er wie ein Kind, das trotz aller Gegenreden auf seinem Willen beharrt. »Ihr habt ja auch hier gemächliches Leben,« versetzte der Guardian und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Alte schien dies wie einen Vorwurf zu nehmen, der ihn lebendig machte. »Gemächlichkeit,« rief er und hob das Haupt, »Gemächlichkeit für einen alten wilden Kriegsknecht! Ich bin mit Maximilian gegen die Schweizer gezogen, ich habe Neapel und Mailand erobern helfen, mit dem großen Gonsalvo hab' ich mich herumgeschlagen. Aber im Kloster, da ist's still.« »Ihr habt vergossenes Bruderblut auf der Seele,« begann der Guardian, um ihn bei diesem Gedanken festzuhalten. »Aber seid getrost, was Ihr im Kriege nach Gebot und Pflicht getan habt, das kann vergeben werden.« Der Alte antwortete nicht. Sein Haupt war ihm wieder auf die Brust gesunken, jedoch nicht aus Schwäche oder Stumpfsinn, Man sah vielmehr, daß etwas in seiner Brust arbeitete, wie eine Macht, die durch alle Nerven wühlt. Langsam hob er das Haupt wieder, seine Augen wurden heller und immer heller. Er sah dem Guardian lang' in das Angesicht, dann sank er mit gefalteten Händen in die Kniee, schaute innig zu ihm auf, und mit einer Stimme, ganz verschieden von seiner bisherigen, sprach er: »Mein Vater, höre mich, ich will und muß dir beichten.« Der Guardian sah sich nach dem Hausherrn um. Dieser nickte ihm zu, stellte die Lampe auf den Tisch und ging leise hinaus. »Sprich, mein Sohn,« erwiderte der Guardian, während er sich, ihn zu beruhigen, in der Weise eines Priesters, der da Beichte hört, auf dem Stuhle niederließ, und der Knieende begann seine Beichte gefaßt und im Tone voller klarer Besinnung. Er war in wenigen Augenblicken ein ganz anderer geworden. »Ich war in meinen jungen Jahren ein ehrsamer Bürger. Ich hatte Geld und Gut, ein blühendes Gewerbe, ein schönes junges sanftes Weib.« Er hielt inne. Die Tränen strömten ihm über den struppigen Bart; es schien, als ob bei ihm nach langem Winterfrost ein mildes Tauwetter eingetreten wäre. Der Guardian hörte aufmerksam zu und ließ ihn gewähren. Plötzlich umschlang der alte Mann mit Heftigkeit seine Kniee: »Mein Vater,« rief er, »du weißest alle Dinge, sage mir, ob sie schuldig war! Ach, sie hatte so ein reines Herz, und doch, und doch!« »Wie kann ich das wissen?« versetzte Herr Petrus. »Wodurch erregte sie denn deinen Verdacht? War sie vielleicht zu freundlich gegen andere Männer?« »Das ist's, mein Vater! Sieh, du sprichst wahr! Ich hatte an ihrem Betragen nichts zu tadeln, als daß sie freundlich und liebreich wie ein Engel war gegen jedermann, und das konnten die Leute ja mißverstehen. – Freilich,« murmelte er dumpf, »ein Engel muß ja liebreich gegen alle Menschen sein.« »Du warst also eifersüchtig?« »Lang' war ich's nicht; nur wurde ich hie und da ein wenig unmutig; denn sie mochte es wollen oder nicht, sie entzündete alle Herzen mit ihrer Freundlichkeit. Aber da kam ein fahrender Schüler.« Der Guardian machte eine rasche Bewegung und erblaßte. »Der buhlte gar zu offen um sie und war so mutwillig und so arglistig und so höhnisch. Sie aber hatte eine Lust an seinen Gaukeleien und lachte fröhlich dazu, obgleich sie wohl hätte wissen können, daß sich das nicht gebührte und daß sie als eine ehrbare Ehefrau ihn stracks hätte abweisen sollen. Sie hätte wohl wissen können, daß mir bei solchem Unwesen ein Stich um den andern durch das Herz fuhr.« »Ist das ein Grund, mit einer arglosen jungen Frau zu hadern, daß sie sich an den Gaukelkünsten eines fahrenden Scholasten ergötzte? Hattest du denn keine Kinder, die dir für ihre Treue bürgten?« »Das war es ja, mein Vater, das war ja eben der Fehler! Ich hatte keine. Unsere dreijährige Ehe war ungesegnet geblieben, und trotz aller Liebe kam eine Leere zwischen uns. Ich hatte eine Sehnsucht nach Kindern, die mir das Herz oft mit dem bittersten Weh erfüllte. Hundertmal warf ich mich vor der gebenedeiten Jungfrau, der Mutter aller Gnaden, nieder und flehte sie an, mein Haus zu segnen, aber ich hoffte umsonst. Endlich wachte ich eines Morgens mit dem Gedanken auf, nach Köln, zu allen Heiligen, die dort sind, zu pilgern. Er war mir so unversehens gekommen, daß ich ihn unzweifelhaft für eine Eingebung von oben hielt. Ich sagte ihn meinem Weibe, und sie war zufrieden, wie mit allem, was ich tat. Aber beinahe wäre nichts aus der Fahrt geworden. Denn am Tage vor der Abreise, auf einem Schützenfeste war es, daß der Gaukler seine Buhlkünste am ärgsten trieb; und daß sie statt der Abschiedsgedanken, die sie billig hätte haben sollen, so scherzen und lachen konnte, das verfinsterte mein Gemüt gegen sie. Ich fürchtete, der spöttische Bube werde meine Entfernung benützen, und wollte von meinem Vorsatz abstehen; aber ich hatte ihn schon allen meinen Freunden geoffenbart; wir hatten den Schützentag zugleich zu einem Scheide- und Minnetrunk bestimmt, und ich schämte mich deshalb, eine solche Veränderlichkeit laut werden zu lassen. Im Heimgehen machte ich ihr bittere Vorwürfe; sie weinte stille vor sich hin, und es reute mich wieder, sie gescholten zu haben. Sie kam mir vor wie ein Kind, das unschuldigerweise mit einem gefährlichen Werkzeuge gespielt hat. Darum redete ich wieder gütlich zu ihr, und wir kamen versöhnt nach Hause. Ich meinte, ich habe sie nie zuvor so lieb gehabt, und mein Gehen war mir jetzt aus Liebe noch leider, als es mir zuvor aus Eifersucht gewesen war. Des Morgens, als der Tag graute, wollte ich mich leise von ihrer Seite fortschleichen, um sie nicht zu stören; aber sie erwachte bei meiner ersten Bewegung, klammerte sich an mich an und flehte mit inniglichem Weinen, ich möchte sie nicht verlassen, Gott könne mir ja meinen Wunsch auch ungereist erfüllen. Mein Herz sagte freilich Ja, aber mein Mund wollte sich nicht dazu verstehen, ein ausgesprochenes Wort rückgängig zu machen. Ich küßte und herzte sie, und wir nahmen mit großem Weh und vielen Tränen Abschied voneinander. O daß ich doch ihren Worten gefolgt und bei ihr geblieben wäre! Wie großes Unheil hätt' ich dadurch verhütet!« Er wühlte schmerzlich in seinen grauen Haaren und legte das müde Haupt dem Guardian aufs Knie. Dieser hatte die Hände vor sein Angesicht geschlagen; dicke warme Tropfen quollen durch sie hervor. Endlich erhob der alte Mann das Haupt wieder und fuhr fort: »Als ich in Köln nach langem heißem Gebet im Abendzwielicht den Dom verließ, gesellte sich ein verhüllter Mönch zu mir. Er bot mir den Gruß des Friedens; seine Stimme erweckte in mir ein solches Vertrauen, daß es mir war, als ob ich ihm mein ganzes Herz öffnen müßte, und da er mich fragte, was mich hierhergetrieben, so gab ich ihm unverhalten von allem Kunde, von meiner Sehnsucht nach Kindern und von der ängstlichen Sorge, mit der ich mein Weib daheimgelassen habe. Wie ich nun des Schülers erwähnte, da ward er sehr nachdenklich und befrug mich genau nach dessen Aussehen von Antlitz und Gestalt. ›Den kenne ich wohl‹, sagte er auf meine Beschreibung, ›das ist gar ein arger Gesell und versteht sich auf teuflische Zauberstücke, womit er schon manchen guten Christenmenschen unter den Boden gebracht hat.‹« »Ich war über die Maßen erschrocken bei diesen Worten und fragte ihn, wie denn das zugegangen sei.« »›Der Teufel und sein Gesinde hat manche Mittel und Wege,‹ antwortete er. ›Am kürzesten ist es, wenn man den Feind, den man vom Leben haben will, im Bild erwürgt. Ein solcher Unhold erschießt dich aus weiter Ferne.‹« »Mein, wäre das möglich?' rief ich.« »›Es ist nicht lang her‹, gab er mir zur Antwort, ›daß einer gen Rom ging, St. Peter und St. Paul zu besuchen. Wie er aber weg war, da wurde seine Frau einem andern hold, der war auch so ein fahrender Schüler, die immer die schlimmsten sind und ihr Höllenwerk einer vom andern lernen, und begehrte ihrer zur Ehe. Die Frau sprach: Mein Mann ist gen Rom gezogen; wär' er tot oder könntest du ihn umbringen, so wollt' ich dich vor allen Männern lieb haben. Er sprach: Ja, ich kann ihn umbringen; und kauft wohl sechs Pfund Wachs und macht ein Bild daraus. Da nun der fromme Mann gen Rom in die Stadt kam, da trat ein Gottesmann zu ihm, gerade wie ich zu dir, und sprach: O du Sohn des Todes, was gehst du hin und her? Hilft man dir nicht, so bist du heute lebendig und tot. Da nahm er ihn in sein Haus und zeigte ihm, was die beiden Fleischbösewichte in seiner Heimat wider ihn vorhatten, und er sah mit Augen, wie in seinem eigenen Hause einer ein wächsern Bild an die Wand stellte und seine eigene Armbrust nahm, um in das Bild zu schießen. Da behütete ihn aber der Mann Gottes, der Mörder schoß daneben, und der Mann sah zu, wie der Mörder tot umfiel, wie die Frau jammerte und dann hinging und den Toten unten im Hause vergrub. Da wollte er seinem Retter viel schenken; der wollte aber nichts nehmen und sprach: Bitte Gott für mich und geh' hin im Frieden. Der Bürger zog wiederum heim, und wie er heimkam, wollte ihn die Frau freundlich empfangen. Er aber gab ihr keine Gnade, berief ihre Freunde, sprach zu ihnen, was sie ihm für eine Frau gegeben hätten, und sagte ihnen alles, wie sie gehandelt habe. Die Frau leugnete es in einem fort. Da führte er die Freunde dahin, wo sie den Mörder verscharrt hatte, und grub ihn wieder heraus. Die Frau aber wurde verbrannt.‹« »Ich hatte ihn kaum zu Ende erzählen lassen, so begierig war ich, eine Frage an ihn zu tun. Wie hat denn der fremde Mann den Bürger vor den teuflischen Schüssen behütet? sprach ich, und wie ist es zugegangen, daß der Pfeil den Mörder traf?« »Er neigte sich geheimnisvoll zu meinem Ohr. ›Wasser ist ein bergend Element,‹ sagte er. ›Weißt du nicht, daß jeder Zauber seinen Gegenzauber hat? Aber wirken muß ein kräftiger Zauber auf alle Fälle, daher, wenn er auf einen ebenso kräftigen Gegenzauber stößt, daß er nicht vorwärts kann, so schlägt er zurück, und dann trifft der Pfeil den eigenen Schützen.‹« »Meine Gedanken wogten wie ein Heer von Wolken, die zwischen Sturm und Sonnenschein ziehen. Vielleicht meint er's doch nicht so bös mit mir, sagte ich, ist mir doch auf dieser langen weiten Reise kein Unfall widerfahren.« »›Das beweist, daß er Euer Weib bis jetzt noch nicht hat zu seinem Willen bringen können,‹ antwortete der Mönch. ›Weißet Eure Hand her,‹ fuhr er fort. ›Kommt in die Kirche, hier ist es zu dunkel.‹« »Wir gingen in den Dom zurück. Beim Schein der ewigen Lampe sah er mir lang in die innere Fläche meiner Hände, und es war mir unsäglich bang zumute unter den vielen betenden Menschen um mich her. Ich konnte nicht mehr beten; es war mir, als ob jetzt über mein Leben der Würfel geworfen würde. Nachdem er die Zeichnung meiner Hände erforscht hatte, gab er mir einen Wink, und wir gingen wieder hinaus. Draußen fragte er mich um Tag und Stunde meiner Geburt, und wie ich ihm das, so gut ich's wußte, berichtet hatte, fing er an, vor sich hin zu murmeln und zu rechnen und an den Fingern zu zählen. ›Bruder,‹ sagte er endlich, ›Euch ist eine gefährliche Nativität in die Hand geschrieben, ein blutiges Unglückszeichen, das just in Euer gegenwärtiges Alter trifft und jede Stunde Euer Lebenslicht auslöschen kann.‹« »Rettet mich, Herr! rief ich und wollte mich zu seinen Füßen werfen.« »›Seid ruhig‹, erwiderte er, ›noch ist der Augenblick nicht da. Seht Ihr den gelben Stern dort hinten? Er steht noch tief und machtlos am Himmel; wenn er aber so weit herausgerückt ist, daß er über dem Dom kulminiert, dann haben die bösen Stunden ihre Gewalt, und Euer Unheil wird nicht ferne sein. Dies beginnt erst um Mitternacht. Ihr müßt heut den ganzen Abend fasten; nicht Speise noch Trank darf über Eure Lippen gehen. Eh' es zwölf schlägt, findet Euch hier wieder auf dem Platze ein. Da sollt Ihr mich treffen, und ich will Euch getreulich beistehen. Bis dahin gehabt Euch wohl.‹« »Bei diesen Worten drückte er mir den Arm und war auf einmal weg. Ich stand mehr tot als lebendig da. In schweren Gedanken ging ich meiner Herberge zu, und als man mich dort mit den anderen Gästen zu Tisch setzen wollte, stellte ich mich wegemüde, obwohl es mir hart fiel und beinahe über meine Kräfte ging; denn ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, weil ich nach meiner Ankunft gleich zu Sankt Ursula und darauf in den Dom gegangen war. Doch überwand ich mich und dankte Gott, einen so unerwarteten Freund in der Not gefunden zu haben. Die Unruhe litt mich nicht in der Herberge; ich ging wieder fort, nachdem ich mir von einem Knechte gegen guten Lohn versprechen lassen, mir in der Nacht zu öffnen. Er zeigte mir ein Fenster, wo ich klopfen sollte, und wünschte mir lachend fröhliche Aventüre. Ich irrte durch die Straßen hin und her und behielt nur immer den Dom im Auge, um mich wieder zurecht finden zu können. Meine Angst stieg mit jedem Atemzuge, ich fühlte mein Herz im Leibe nicht mehr sicher. Der Mörder konnte ja den Teufelsbolzen von meiner Armbrust fliegen lassen, ehe ich mich dagegen zu schirmen vermochte. Ich bin nie furchtsam gewesen, ich bin nachher Schwertern, Spießen und Feuerschlangen gegenüber gestanden und habe nicht mit dem Auge gezuckt; auch den Donner habe ich ohne Zagen vom Himmel krachen hören und den Wetterstrahl sehen vor mir niederschlagen. Aber ein solcher unsichtbarer Feind, der aus weiter Ferne den Mord durch die Lüfte schickt, machte mir ein Grausen, daß ich vor Bedrängnis zu ersticken meinte.« »Lang vor Mitternacht war ich am Dom. Ich setzte mich aus großer Müdigkeit in seinen Schatten, stand wieder auf, lief umher und setzte mich wieder. Endlich hörte ich Schritte kommen. Er war's. Ich eilte auf ihn zu, als ob seine Nähe mir ein Schild wäre. Er bedeutete mich, zu schweigen, und führte mich einen langen Weg durch immer engere Gassen und endlich über einen Hof zu einem halbverfallenen Hause. Dort zog er mich durch finstere Gänge hin, bis er an eine Türe kam, die er aufschloß. Als er Licht angezündet hatte, sah ich mich in einem Gemach mit allerlei fremdem Geräte. Mitten darin hatte er ein Wasserball in einer überaus wunderlichen Kufe gerüstet, vor welcher ein Spiegel angebracht war.« »›Nun höre mich an,‹ sprach er zu mir. ›Du wirst jetzt bald schauen, wie es bei dir zu Hause steht. Wenn die Zeichen gut sind, so reisest du gleich morgen heim und darfst hinfüro an deinem Weibe nicht mehr zweifeln. Siehst du aber, daß sie sich mit ihrem Buhlen die Zeit deiner Wallfahrt zu nutze macht, dir desto sicherer ans Leben zu gehen, so versprich mir, daß du die Rache dem Herrn anheimstellen willst. Dann ist es am besten, du kehrst nicht mehr, sondern trittst je eher je lieber in ein Kloster ein; denn was soll dir die Welt, dein Haushalt, dein Hab' und Gut, wenn dein Haus verschändet ist?‹ – Also redete er mir noch mit vielen weisen und gottseligen Worten zu. Ich aber versprach ihm alles, um nur Schutz bei ihm zu finden; denn jeden Augenblick fürchtete ich etwas Feindliches zu erleiden. Darauf gebot er mir, von nun an, so lieb mir mein Leben sei, zu schweigen und, was ich auch sehen möchte, weder in Lieb noch Leid ein Wort zu sprechen. Dann mußte ich meine Kleider ablegen und in das Wasser steigen, das, wie er mir sagte, geweiht und gesegnet war. Er hieß mich in den Spiegel schauen und setzte sich hinter denselben, ein Buch zu Händen nehmend, aus dem er mit leisem unaufhörlichem Murmeln, bald schnell, bald langsam, Zaubersprüche zu lesen begann. Ein dumpfer Geruch verbreitete sich in dem Gemach. Wolken und Nebel flogen über den Spiegel hin; sie verdichteten sich allmählich, und mir war, als sähe ich eine Gestalt. Auf einmal ward es hell im Spiegel, und ich erkannte das Bild. Es war mein Weib, das gleichwie lebendig darin erschien. Sie sah nicht nach mir her, aber sie lächelte so liebreizend, daß ich die Arme nach ihr ausstrecken mußte; da bedräute mich aber der Meister, daß ich mich stille verhalten sollte. Wiederum ging ein Gewölk über den Spiegel; wie es sich verzog, schien sie mich erst gewahr zu werden. Ihre Gebärde verwandelte sich, sie warf mir einen Blick voll Haß und Widerwillen zu und verschwand in einem Nebel. Abermals hellte sich der Spiegel auf; sie sah wieder so schön und freundlich aus wie zuvor, aber sie war auch wieder zur Seite gewendet und lächelte einem zu, den ich nicht sehen konnte. Nun kam es mir vor, daß sie gar die Arme nach ihm ausbreite; zugleich aber zerbrach das Bild in tausend Nebelflitter und zerfloß endlich in eine unkennbare Schattengestalt. Der Meister fing wieder stärker zu murmeln an, so daß mir der Kopf schwindelte, und gebot mir, unverwandt in den Spiegel zu schauen. Allmählich wurde der Schatten darin wieder lichter und begann menschliche Züge anzunehmen, die nach und nach bekannter wurden. Jetzt war es, als ob das Bild einen schnellen Schritt vorwärts gemacht hätte; denn ich erkannte auf einmal meinen Feind und Verfolger, der mit einem boshaften und grausamen Gesichte ganz nahe vor mir stand. Abermals wollte ich mich erheben, ich ballte die Faust gegen ihn; da sah ich plötzlich eine Armbrust in seinen Händen, die mit aufgelegtem Pfeile nach mir gerichtet war. Ich weiß nicht, war es der Schein der metallenen Spitze, oder war es der dräuende Blick seiner Augen, aber aus dem Spiegel züngelte etwas wie eine Schlange nach mir hervor. Jetzt war es dicht an mir, das Grausen lähmte mich, so daß ich mit offenem Munde nicht schreien, mit ausgestreckten Händen mich nicht bewegen konnte. ›Tauch' unter!‹ rief der Meister, und ich war unter dem Wasser. Eine starke Hand, so schien mir's, hatte mich hinabgedrückt. Drunten aber war es wie Orgelspiel und Glockenläuten um mich, und die Sinne schwanden mir.« »Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, daß ich gar hart gebettet war. Ich ermunterte mich mit Mühe, in meinem Haupte wühlte ein glühender Schmerz, aber meine Glieder zitterten vor Frost, und meine Zähne schlugen gegeneinander, obgleich, ich meine Kleider wieder anhatte und in meinen Mantel geschlagen war. Endlich suchte ich zu erkunden, wo ich mich befände; ich lag auf den steinernen Stufen eines Hauses in einer völlig unbekannten Stadtgegend. Hatte ich geträumt? War der Fremde vielleicht ein Geist gewesen, der auf einige Stunden herabkommen durfte, um mich von der äußersten Gefahr zu retten, und der mich dann, weil seine Zeit abgelaufen war, hilflos zurücklassen mußte? Ein Übeltäter war er nicht, denn ich fand meine Reisetasche am Gürtel, und es fehlte weder Blappart noch Heller darin. Ich konnte meine Gedanken nicht zusammenbringen, sie liefen wild und kraus durcheinander. Die Sterne waren blaß geworden, die Morgenkälte drang mir schneidend durch Gebein und Mark. Ich raffte mich auf, wobei ich über meine große Leibesschwäche erschrak, und wankte Straß' auf, Straß' ab, bis ich den riesigen Rumpf des Domes gewahr wurde. Gegen diesen richtete ich meine Schritte und nun war ich imstande, meine Herberge wieder zu finden. Als ich dem Knecht ans Fenster geklopft hatte, brach ich zusammen, und er mußte mich von der Straße auf meine Kammer tragen. Meine nassen Haare erregten den Verdacht, daß ich auf einem leichtfertigen Nachtwandel entweder durch Unkunde des Weges, oder etwa bei einem Streit mit Ribalden von gleichem Schlag ins Wasser geraten sei. Fragen konnte man mich nicht, weil ich in dunklen Fieberträumen lag, und wie ich nach Wochen meiner Sinne wieder mächtig war, da kümmerte sich niemand mehr um mich, weder Arzt noch Wirt; denn sie hatten sich für Pflege und Lager aus meiner Tasche bezahlt gemacht, bis sie leer war, und da ich nun erst recht in eine tödliche Schwachheit verfiel, so schafften sie mich zu den Sondersiechen, in der Meinung, ich werde dort allmählich vollends verglimmen und verlöschen.« »Aber mein fester Körper half sich durch, damit ich des Bittern noch mehr schmecken sollte. Viele Monde waren hingegangen, als ich endlich wieder auf meinen Füßen stehen konnte und mit ein paar abgeschätzten Weißpfennigen aus dem Spital entlassen wurde. Ich kannte zu Köln keine Seele, daß ich hätte zu einem Darleihen kommen mögen. So zog ich nun bar und bloß von dannen und bettelte mich durch von Ort zu Ort, mit Hunger und Kälte, auch mit neuen Anfällen meiner Krankheit kämpfend. Dazu quälte mich die Ungewißheit, wie es bei mir zu Hause beschaffen sei, und tat mir weher als alle anderen Beschwerden. Das Gesicht jener Nacht schwebte mir immer vor; doch wußte ich nicht, was ich davon halten sollte. Lange Zeit jagte es mich durch die Lande, daß ich im Elend umherzog und die Heimat mied; endlich aber trieb es mich, heimzukehren und mit eigenen Augen zu schauen. Die Nähe aber peinigte mich noch mehr als die Ferne, denn mein Herz schlug je schneller und verzehrte sich, je langsamer mein kraftloser Leib vorwärts kroch.« »In der Frühlingsnachtgleiche war ich ausgezogen, zu Wintersonnwenden stand ich abends wieder an der Schwelle meines Hauses; so lang war ich fort gewesen. Ich trug die Hoftracht des bitteren Kummers. Nun sollte es sich entscheiden, ob ich wieder ein getrösteter glücklicher Mann sein, oder ob es schlimmer werden sollte, denn zuvor. Nachdem ich mit zagendem Herzen lang vor meiner Türe gestanden, zog ich den Schlüssel heraus, den ich mitgenommen hatte, um zu jeder Stunde eintreten und den Frieden des Hauses ergründen zu können. Ich ging hinauf und trat leise ein. Da lag mein Weib auf den Knieen vor einem Betpulte, worauf ein trübes Licht brannte. Sie betete gar hart, als ob sie viel Verzeihung zu erflehen hätte. Bei dem Geräusche wandte sie sich um und stieß einen wilden Schrei aus, da sie meiner ansichtig wurde. Keine Freude machte ihr mein Kommen, ich las in ihrer Miene nichts als Todesschrecken. Ich trat ihr näher, mit einem eiskalten Weh im Herzen: sie streckte die Hände gegen mich aus, und als ihr schwarzes Gewand auseinander fiel, da sah ich, daß sie mich in meiner Abwesenheit betrogen hatte und daß sie ein Kind unter ihrem Herzen trug. Gott weiß, wo ihr Verderber hingekommen sein mochte; denn sie war allein und sah wie eine Verlassene aus. Ich mag nicht wiederholen, was ich zu ihr sprach; schwere Flüche waren es, die ich über ihr Haupt ausschüttete. Sie wollte meine Kniee umklammern; ich stieß sie zurück, sie schwankte und fiel mit dem Betpult auf den Boden. Das Licht flog wie ein feuriger Pfeil durch das Gemach. Aber ich wußte nichts von dem, was mein Auge sah, ließ sie liegen und brach hinaus, hinab, fort von Haus und Hof, Stadt und Heimat, auf Nimmerwiedersehen, in den Krieg und, ob Gott mir's gönnte, in den Tod. Als ich draußen die letzte Höhe erstieg, zitterte ein roter Schein am Himmel hin. Ich sah schweratmend zurück. Die helle Lohe schlug aus der Stadt empor, und als den Herd des Feuers erkannte ich die Gegend, in der mein Haus gelegen war. Ich warf mich zu Boden und betete ein glühendes Ave für die arme Seele, die dem Scheiterhaufen der Menschen entgangen war und durch das Bußfeuer des lichtenden Gottes hingerafft wurde; dann riß ich mich auf und eilte weiter, unstät und flüchtig dahinirrend.« »Unseliger!« rief der Guardian, aus seinem kummervollen Brüten auffahrend, »du hast ein schuldloses Weib gemordet, eine reine Heilige, die keiner Versuchung erlag, auch da nicht, als ihr der Versucher die fälschliche Nachricht von deinem Tode brachte!« »Mein Vater,« stammelte der Alte, »und weißest du es ganz gewiß?« »Nicht dein Vater! Dein Sohn, dein und ihr Kind, das in den Schrecken jener Todesnacht geboren wurde!« Der Alte tat einen Schrei. Sein Sohn hielt ihn, daß er nicht rücklings überschlug. Mit fliegenden Worten erklärte er ihm das Gaukelspiel, das der Verführer in Köln mit ihm getrieben hatte. Er erzählte ihm, wie jener dann zurückgeeilt sei, um das arme unschuldige Weib von ihrer Witwenschaft zu unterrichten; wie er auch da kein Gehör bei ihr gefunden, sie aber stets gleich einem bösen Geist umschwebt und endlich ihre Leiche samt dem Kinde, das sie sterbend geboren, aus den Flammen getragen habe. Alles dieses setzte er aus abgebrochenen Worten und Selbstgesprächen seines frevlen Pflegevaters zusammen, die ihm erst unter der Erzählung des Sterbenden klar geworden waren. Es bedurfte eines kurzen Beweises, um die Unschuld seiner Mutter darzutun, der Alte glaubte nun das Gute so schnell, wie er einst das Böse geglaubt hatte. Jammernd und flehend, segnend und gesegnet lag er an dem Herzen des Sohnes, der ihm unaufhörlich seine und seiner Mutter Vergebung zurief. Die letzte Lebenskraft des Greisen war gebrochen; sie strömte in Tränen und Seufzern aus. Sein Schluchzen ward immer lauter und heftiger, bis er endlich mit einem starken Herzstoß ausgestreckt in den Armen seines Sohnes lag. Dieser legte den Leichnam sanft auf das Lager und kniete zu einem stillen Gebete daneben hin. Lang lag er so und wurde nicht gewahr, daß seine Neuvermählte, über sein langes Ausbleiben besorgt, bei ihm eingetreten und leise neben ihm in die Kniee gesunken war, sein mitliebender und mitleidender Engel, der ihm der Engel einer lichteren Zukunft zu werden verhieß. Das Schattengericht. Auf einen Tag saß Doktor Martinus Luther an seiner Hausorgel, zu seiner Rechten stand seine getreue Hausfrau Katharina, zu seiner Linken die kleine Maria, sein Lieblingskind, das ihm bald hernach zu großem Leide durch den Tod entrissen wurde; die andern Kinder standen hinter ihm in einem Kreis umher, und alle sangen mit lieblicher Stimme zusammen seinen Leibchoral: »Ein feste Burg ist unser Gott«, den er einst bei einer schweren Trübsal gedichtet und in Musik gesetzt hatte und von nun an als eine geistliche Waffe gegen alle Anfechtungen gebrauchte. Eben vollendete die Orgel das Nachspiel zum zweiten Verse, das Zimmer dröhnte noch von Luthers kräftigem Baß, und eben wollten sie wieder einfallen: »Und ob die Welt voll Teufel wär',« da klopfte es bescheidentlich an der Türe, und herein trat Herr Doktor Gregorius Bruck, der hochgeehrte Kanzler des Kurfürsten. »Ich bitte um Verzeihung, hochwürdiger Herr Doktor Martine,« sagte er, »daß ich Euch in Eurem schönen Liede gestört habe. Ich stand schon eine gute Weile draußen und habe mit herzlicher Andacht zugehört, mochte auch während des Gesangs nicht anklopfen, aber es ist eine grimmige Kälte, die mir bei meinem Alter schwer zu ertragen fällt.« »Mit nichten,« unterbrach ihn Luther mit freundlicher Demut, »mit nichten habt Ihr uns gestört, hochgelehrter Herr Doktor Gregori, Ihr bezeiget mir gar große Ehre, daß Ihr mich auch wieder einmal aufsucht in meiner Hütte. Kommt, setzt Euch hier zum warmen Ofen, und du, Käthe,« wandte er sich zu seiner Frau, »geh' eilends und bringe dem edlen Herrn einen Becher Weins. Das erwärmt die Glieder, gibt fröhlichen Mut und stärkt zu guten Gedanken. Stelle zugleich ein Licht auf, denn der Tag hat sich geneigt, und es will Abend werden.« Der Kanzler setzte sich am Ofen nieder, Frau Katharina rückte einen Tisch herzu und stellte zwei silberne Pokale, Geschenke von Fürsten und Herren, darauf. Luther nahm den einen und trat zu seinem Gaste. »Seine kurfürstliche Gnaden!« rief er, indem er den Becher hob: »wie steht es mit dem teuren Herrn?« Der Kanzler entblößte sein weißgelocktes Haupt und sprach, nachdem er getrunken hatte: »Er ist wohlauf und guter Dinge, und hat erst heut erklärt, daß er, wie auch der Kaiser dräuen möge, in seines Glaubens Festigkeit nicht weichen noch wanken werde.« »Dann stehet es wohl mit uns!« rief Luther fröhlich: »der Herr segne den frommen Fürsten! Auch ich gedenke nicht daß zu werden und will mein angefangenes Werk mit Gottes und meines Kurfürsten Hilfe zu einem guten Ende führen. Wiewohl, leider! es sind der Hindernisse und Anfechtungen so gar viele, und ist mir's doch oft, als sollte es nicht sein. Der Fürst dieser Welt ist allezeit geschäftig, wie er bösen Samen streue in meine Saat; denn er ist mir ganz aufsässig und will's nicht haben, daß ich dem Papst so hart mitspielen soll. Da kommt er nun oft über mich und sucht mich zu quälen, hat mich auch wohl schon in Verzweiflung gebracht, daß ich nicht gewußt, ob auch ein Gott wäre, und an unserm lieben Herrn Gott ganz und gar verzagte; aber mit Gottes Wort habe ich mich seiner wieder erwehrt, denn das ist der beste Schild wider seine Ränke und Tücke. Und dann die edle Musika, das ist auch ein trefflich Mittel, ihn zu vertreiben, denn die hört er nicht gern. Wenn David jetzund auferstände von den Toten, so würde er sich sehr verwundern, wie doch die Leute so hoch sind kommen mit der Musika; sie ist nie höher kommen als jetzt. Wenn David wird auf der Harfe geschlagen haben, so wird's nicht höher gegangen sein, als das Magnificat anima mea ; und dennoch hat der Teufel diese Einfalt nicht leiden können, hat auch dieser müssen Platz geben!« »An Euch, Herr Doktor,« sagte der Kanzler lächelnd, »wird er sich doch nicht wagen, Ihr seid ihm zu fest gewappnet.« »O, er hat's freilich schon probiert!« rief Luther lebhaft. »Ich kenne ihn wohl; er hat mir oft so hart zugesetzt, daß ich nicht wußte, ob ich tot oder lebendig wäre. Als ich Anno Einundzwanzig zu Wartburg im Patmo auf dem hohen Schloß mich aufhielt, da saß ich fern von den Leuten in einer Stube, und konnte niemand zu mir kommen, denn allein zween Edelknaben, die mir des Tags zweimal Essen und Trinken brachten. Nun hatten sie mir einen Sack mit Haselnüssen gekauft, die ich zuzeiten aß, und hatte denselben in einen Kasten verschlossen. Als ich des Nachts zu Bette ging, zog ich mich in der Stube zuvor aus, löschte das Licht, ging in die Kammer und legte mich zu Bett. Da kommt mir ein Poltergeist über die Nüsse und hebt an und quitzt eine nach der andern an die Balken, mächtig hart, rumpelt mir am Bett, aber ich fragte nichts darnach; wie ich nun ein wenig einschlief, da fängt's draußen ein Poltern an, als würfe man ein Schock Fässer die Treppe hinab, und ich wußte doch wohl, daß die Treppe mit Ketten und Eisen wohl verwahrt war, so daß niemand herauf konnte. Ich stehe auf und gehe auf die Treppe, will sehen, was da sei, da war die Treppe wohl verschlossen; da sprach ich: Bist du es, so sei es! und befahl mich dem Herrn Christo, von dem im achten Psalm geschrieben stehet: Alles hast du unter seine Füße getan! und legte mich wieder nieder zu Bett. Eben um jene Zeit kam Hansen von Berlepschs Frau von Eisenach; die hatte gehört, daß ich auf dem Schlosse sei, und wollte mich gern gesehen haben, es konnte aber nicht sein; da brachten sie mich in ein anderes Gemach und legten die Frau von Berlepsch in meine Kammer; da hat's die ganze Nacht ein solches Gerumpel gehabt, daß sie meinte, es wären tausend Teufel drin.« »Das ist vielleicht ein alter Schloßgeist gewesen, der gerne rumoret,« versetzte Doktor Bruck. »Man spricht von einem alten Landgrafen von Thüringen,« wagte Frau Katharina, vielleicht ein wenig mutwillig, zu bemerken; aber sie erschrak über den verweisenden Blick des Kanzlers und ging geschäftig des Hauses wartend weiter, als ob sie nichts gesagt hätte. »O nein,« entgegnete Luther, »es war ein Stärkerer! Ich habe ihn wohl gekannt; denn weil ich gerade dazumal das Wort Gottes zu übersetzen anhub, so war's ihm leid und bitter, und trachtete allezeit darnach, wie er mich stören möchte, damit's am Ende gar unterbliebe. Aber ich habe mich nicht anfechten lassen, sondern im Gegenteil ihm auch wieder weidlich zugesetzt, habe ihn verachtet und höhnisch angeredet mit Anrufung Christi: Bist du ein Herr über Christum, so sei es! Und als er einmal über meine Nüsse kam und zu poltern anhub, da rief ich aus dem Bette: Ei, welch eine schöne Musikam machst du wieder! Weißt du was! singst du die Noten, so will ich den Text singen! und intonierte ein schönes geistliches Lied: da schwieg er gleich stille. Wiederum, wie ich auf eine Zeit in meinem Stüblein saß und gegen die Wand sah, nahm ich eines Marienbildes wahr, das alsbald wieder verschwand; dem hab' ich geantwortet: Nein, Teufel, du wirst mich mit diesem Bild und Farb' nicht betrügen, ich kenne dich zu wohl, und weiß, daß du dich auch in einen Engel des Lichts verstellen kannst, warum wolltest du denn dich nicht auch in ein Marienbild verwandeln können? Ein andermal, als ich über der Bibel an einer schweren Stelle saß, kam er über mich mit Anfechtungen und wollte mir keine Ruhe lassen; da nahm ich das Tintenfaß und warf's ihm an den Kopf, sprechend: Wohlan, Teufel! hast du so großen Durst, so will ich dir hier einen Starken zutrinken! ich will dich schwarz machen, wenn du noch nicht schwarz genug bist. Da trollte er sich alsbald und ließ sich lang' nicht wieder sehen; denn er ist ein stolzer Geist, lässet sich nicht gern vexieren.« »Herzlieber Herr,« sagte Frau Katharina, die inzwischen ab- und zugegangen war, »vielleicht ist's doch nicht also, daß er sich an Euch gewagt hat. Ihr seid so heftig in Eurem Gemüt, und wenn Ihr Euch Gedanken macht, daß Euch so viele in der Welt zuwider sind, so meint Ihr vielleicht etwas zu sehen, was doch nicht ist.« Aber damit war sie übel angekommen. Luther wandte sich zornig herum. »Schweig' still, Käthe!« rief er, »Willst du etwa daherscharren und widerbellen, wie die ungöttlichen Naturmenschen, die keinen Teufel glauben?« Frau Käthe reinigte sich mit hohen Beteuerungen, versichernd, daß solche Gottlosigkeit ferne von ihr sei; nur, gab sie schüchtern zu verstehen, könnte ein- und das anderemal ein wenig Phantasey die Hand im Spiele haben. »Ja, Phantasey!« erwiderte er etwas gelassener. »Ich weiß besser, wie das ist. Ist es auch Phantasey, wenn der Teufel einem Bruder wider den anderen mordliche Gedanken eingibt, wie kürzlich dem Diazio, den er überredete, seinen leiblichen Bruder von hinten mit dem Beile niederzumachen, weil er von den Irrtümern der Papisten ab und zum lautern Evangelio übergegangen war? Ist's auch Phantasey, wenn er einem Menschen in den Sinn gibt, sich ihm zu verschreiben mit einer klaren Obligation und Christo aufzukünden mit diesen Worten: Ich sage dir, Christe! meinen Dienst und Glauben auf, und will einen andern Herrn annehmen, nämlich den Fürsten dieser Welt! so doch jedermann bekannt, daß diese Todsünde, welcher fast alle Päpste angehangen haben, jetzt wieder gar sehr im Schwange geht? Ist ja doch unseres lieben Herrn Philippi Landsmann, Doktor Faustus genannt, so namhaft, daß sich leider Grafen und Herren im Reich um ihn reißen, ja, daß ein anderer Schwarzkünstler aus Italien, den ich selbst kürzlich im Beisein vieler guter Herren solches erzählen hören, von seinem Geist mit Gewalt ermahnt worden ist, sich nach Deutschland zu tun, wo einer über ihm sei, von dem er viel sehen und lernen könne. Er kann ihn bei den Domherren zu Magdeburg finden, die ihn in einem großen Wert halten. Es treibe jedoch dieser Faustus, was er wolle, so wird's ihm am Ende wieder reichlich belohnt werden. Denn es steckt nichts anderes in ihm, denn ein hoffärtiger, stolzer und ehrgeiziger Teufel, der in dieser Welt einen Ruhm will erlangen, denn kein hoffärtigeres Tier nie entstanden und darüber so hoch gefallen ist, als der Teufel; ei warum wollt' denn Faustus seinem Herrn nicht nachahmen, auf daß er sich auch zuletzt an den Kopf stoße? Aber das sage ich, und jedermann soll's hören, er noch der Teufel gebrauchen sich der Zauberei nur nicht wider mich ! Denn das weiß ich wohl, hätte der Teufel zuvor längst mir vermocht Schaden zu tun, er hätte es lang getan, aber so oft er mich schon bei dem Kopf gehabt hat, mich hat er dennoch müssen gehen lassen. Ich hab' ihn wohl versucht, was er für ein Gesell ist, ja, erst an diesem heutigen Tag, wo mir wieder ein Exempel von einem solchen Faustulo aufgestoßen ist, hab' ich dem brüllenden Löwen dieses verlorene Lamm aus dem Rachen gerissen; will auch nicht hoffen, daß es sich wieder in diesen Abgrund verirren wird.« »Ist's möglich? was sagt Ihr da?« rief Herr Brück erschrocken, während Weib und Kinder sich angstvoll um Luther drängten. »Ja, es ist so, edler Herr!« entgegnete dieser. »Ein Junger von Adel, ich will sein Geschlecht nicht nennen, obzwar ich es wohl tun könnte, dieweil ich durch keinerlei Ohrenbeichte gebunden bin, dieser hat sich vor fünf Jahren dem Teufel versprochen, auch seitdem ein überaus ruchloses Leben geführt, davon sein Präzeptor, mit dem er studierenshalber hierher nach Wittenberg gekommen ist, viel Not und Ärgernis hat leiden müssen. Dem hat er nun heute, da er plötzlich durch ein göttliches Wunder in sich gegangen, seine schwere Schuld gebeichtet, darauf ihn dieser zu mir geführt und ich, nach vorangegangenem reu- und wehmütigem Bekenntnis, in der Kirche im Beisein seines Präzeptoris und der Diakonen ihn absolviert habe. Ich schalt ihn hart und fragte mit Ernst: ob's ihm auch leid wäre und er sich wiederum zum Herrn Christo bekehren wollte? Da er nun Ja sagte und emsig und fleißig anhielt mit Bitten, da legte ich die Hände auf ihn, kniete mit den andern, so da waren, nieder und betete inbrünstiglich für ihn zu Gott, daß er diesen verlorenen Sünder nach seiner väterlichen Gnade wieder annehmen solle, spürte auch bald, daß dieses mein Gebet erhöret sei. Darauf mußte er mir sein nunmehriges Glaubensbekenntnis, wie daß er hinfüro des Teufels abgesagter Feind sein und Gott seinem Herrn willig dienen wolle, Wort für Wort nachsprechen, und entließ ich ihn mit Vermahnung zur Buße und Gottesfurcht, daß er hinfort wolle leben in Gottseligkeit, Ehrbarkeit und im Gehorsam, auch des Teufels Eingebungen widerstehen im Glauben und Gebet, und wenn der Teufel ihn mit bösen Gedanken würde angreifen, solle er flugs zu seinem Präzeptor gehen, ihm solches offenbaren und den Teufel mit seinen Ratschlägen verklagen.« Wer Kanzler saß eine Zeitlang seufzend und nachdenklich da; endlich sagte er: »Es ist betrübt, wie die Welt im argen liegt, und sonderlich die Jugend, und unter dieser zumeist der Adel.« »Ja,« rief Luther mit bitterem Tone, »niemand hat mich in meinem Werk so sehr gestört, wie der Adel, der da vermeint hat, das sei Wasser auf seine Mühle, und unserem Herrn Gott nichts, aber dem leidigen Satan alles zulieb tun wollen. Ich kann Euch wohl sagen, Herr Kanzler, daß ich den Bauern anfangs gern geholfen hätte wider die Tyrannei des Adels und der Klöster, denn es hat auch die Engel Gottes empört, wie grausamlich sein Ebenbild in die Klauen der Diebe und Räuber gegeben war, so nicht diese armen, unwissenden Leute über alle Grenzen menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit hinausgegangen wären; denn als der Münzer zu ihnen kam, da ist der Teufel in sie gefahren, und haben ärger gehaust als die Heiden und Türken.« »Aber der Adel hat die erste Schuld daran,« sagte Doktor Brück, »und hat es mit Recht gebüßt, wie verdammlich und gotteslästerlich es auch ist, was sie an dem von Helfenstein und den andern zu Weinsberg getan haben. Nun, sie haben ihren Lohn dahin. Bei der Historia von dem Studenten, die Ihr vorhin erzählt habt, Herr Doktor, ist mir eine andere eingefallen, eine verlaufene wahrhafte Geschichte, die einer bei Hof unlängst angeführt hat, gar seltsam und greulich, auch von zween Adeligen, die durch des Teufels Blendwerk und Tücke einen bösen Ausgang genommen haben.« »Erzählet, Herr Kanzler!« sagte Luther: »es verlangt mich, Eure Historiam zu hören.« Frau Katharina stellte sich einen Stuhl hinter den Ofen, und die Kinder standen lauschend umher. Der Kanzler nahm einen Schluck Wein und begann: »Der nunmehr in Gott ruhende Kaiser Maximilian hatte an seinem Hofe zween Edelleute, Namens von Trotta und von Purgstall. Dieselben waren als Junkherren miteinander aufgewachsen und immerdar in Frieden und in der besten Freundschaft unter sich gestanden. Als sie aber älter wurden, erregte sich zwischen ihnen ein leidiger Neid und Eifersucht, sintemal sie gleicherweise nach Ehre und Hoffahrt strebten, also daß immer einer meinte, der andere habe vor ihm in kaiserlicher Gunst einen guten Schritt voraus, und entzweiten sich darüber, wurden einander todfeind und schwuren einer gegen den anderen hoch, daß er ihn wollte aufreiben und erwürgen. Nun geschah es auf einem Reichstage, auf den die beiden mit dem Kaiser geritten waren, da hatte der von Purgstall eines Nachts, als er in seinem Bette lag, einen schweren Traum, und deuchte ihm nicht anders, als ob er aufstände, nähme sein Schwert, ginge in die Kammer des von Trotta und erstäche ihn. Wie er nun erwachte und sich besann, daß er eine solche schreckliche Missetat nicht begangen habe, wurde es darüber Morgen, und sein Reitknecht kam vor sein Bett, meldend, daß sein Pferd im Stall die ganze Nacht getobt und gerast habe, sich in der Streu gewälzt, gewiehert, dann wieder aufgestanden, gezittert und geschwitzt. Indem sie so miteinander redeten und nicht wußten, was das bedeuten sollte, ging die Türe auf; und die Gerichtsdiener traten herein, den von Purgstall zu verhaften, mit Weisung, er hätte heute nacht den von Trotta, seinen alten Todfeind, in dessen Bett erstochen, und hätte desselben Knecht ihn bald nach Mitternacht leibhaftig aus seines Herrn Kammer gehen sehen. Der von Purgstall war sehr erschrocken, beteuerte sich seiner Unschuld und schwur, daß er nicht aus seinem Bett gekommen wäre. Da fühlten sie ihn in die Kammer des von Trotta, wo derselbige lag, mitten durchs Herz gestochen, und zu seinen Häupten lehnte das Schwert des von Purgstall, das er selbst für sein eigenes bekennen mußte, in die Scheide gesteckt, und als man's herauszog, da war es ganz blutig. Niemand wußte, was er dazu denken sollte, aber der von Purgstall ward ins Gefängnis gelegt und hart verschlossen. Und als man ihn verhörte, da schwur er mit teuren Eiden, daß er wissentlich diesen Mord nicht begangen habe, und konnte auch beweisen mit stattlichen Zeugen, daß er die Nacht über aus seiner Kammer nicht kommen war. Da kam es nun heraus, daß der Teufel den Mord begangen und dem von Purgstall nächtlicherweile sein Schwert entwendet hatte, sonderlich weil kein Blut aus des Ermordeten Wunde floß, da der, so als Täter gehalten war, vor sein Bett geführt wurde. Doch aber, weil man wußte, daß er dem von Trotta Mord und Tod geschworen, auch im Traum ihm vorgekommen war, daß er jenen erstäche, also ihn zu ermorden Willens war gewesen, so ward er zum Tode verurteilt; denn ob es wohl vom Teufel geschehen, war er doch des Todes schuldig. Da führte man ihn auf den Markt in den Ring, ihn zu richten. Bürgermeister und Rat hoben die Hände zum Kaiser auf, und baten, in dieser Sache, die doch einigen Zweifel erleide, ihre Stadt nicht mit Blut zu beladen; aber er blieb unbeweglich, wie sein übergüldetes Standbild, das sie ihm zu Ehren auf dem Marktbrunnen aufgestellt hatten, und hieß den Purgstall in den Sand knieen. Nun hatte sich eine große Menge versammelt, um sein letztes Stündlein zu sehen, dazu alle Herren vom Hofe, die Richter und Rechtsgelehrten, und unter ihnen hielt auch Kunz von der Rosen, des Kaisers kluger Rat. Der ritt an den Kaiser heran, stellte sich unwissend, und fragte, was es da gäbe? Als er nun das ganze Blendwerk erfahren, sprach er: Mitnichten gebühret ihm also zu sterben, sondern merket auf meinen Rat, Herr Kaiser! Weil der Delinquent beweisen kann, daß er in jener Nacht seine Kammer nicht verlassen habe, auch kund und offenbar ist, daß der Teufel an seinerstatt die Mord- und Missetat vollbracht hat, so achte ich, daß derselbe zu diesem Frevel des Delinquenten Larvam angenommen und mit dieser die Tat ausgerichtet habe, derwegen nicht er, da er doch über die ganze Zeit ruhig in seinem Bett gelegen, sondern einzig sein Schatten, mit dem der Teufel hantiert, des Todes schuldig sei. Als nun schon das Schwert über dem armen Sünder gezückt war, gebot der Kaiser auf diese Rede Kunzens einen Stillstand, und ward noch einmal auf der Blutstätte Gericht gehalten, auch Kunzens Rat befolgt und die Strafe gelindert, also daß der Delinquent gegen die Sonne geführt und hinter ihn die Erde seines Schattens weggestochen und zwar dem Schatten der Kopf abgestoßen wurde; darauf ward er zum bürgerlichen Tod verdammt und ward des Landes verwiesen für ewige Zeiten.« »Sei ruhig, Maria, mein Kind!« rief Luther und küßte sein Töchterlein, das sich mit Tränen schmerzlicher Angst an ihn schmiegte; »sei ruhig, wie kannst du dich nur in unserer hellen, warmen Stube eine solche Furcht ankommen lassen! Kennst du nicht den Spruch des Herrn: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden! Käthe, bring das arme Würmlein zu Bett! Und du, Hänschen,« setzte er hinzu, als er gewahrte, daß der Kanzler im Aufbruch begriffen war, »leuchte vor, auf daß ich meinen geehrten Gast geleite. Ja,« fuhr er gegen diesen fort, indem er mit ihm die Treppe hinunter ging, »also gehet's denen, die mit dem Teufel einen Bund machen, und sich in Sünden stürzen und in böse Lust und Begierde führen lassen; diese hält er eine Zeitlang wohl, kunzelt mit ihnen und läßt ihnen ihren Willen, daß sie machen was sie nur gelüstet, aber zuletzt bezahlt er sie redlich und lohnet ihnen, wie der Henker seinem Knecht. – Nun schlafet wohl, hochgelehrter Herr Doktor,« beschloß er, indem er unter der Haustüre dem Herrn Gregorius die Hand zum Abschied schüttelte. »Gott behüte Euch, daß ich Euch bald gesund wieder sehe, und schütze uns alle vor den Ränken und Anläufen des leidigen Teufels, sonderlich aber den Kurfürsten, meinen gnädigen Herrn. Sagt ihm, daß ich für Seine Gnaden Gott mit Gebet anliege Tag und Nacht.« Die blasse Apollonia. Die wandelnde Chronik, die lebendige Sage, die Hand in Hand mit mir an schönen Sonn- und Feiertagen spazieren ging, kurz und gut mein alter Buchdrucker hatte mich eines Abends an der Einfahrt seines Hofes erwartet, wohin ich in meinen Freistunden immer zuerst gesprungen kam, und munter zuschreitend verließen wir miteinander die hohen Stadtmauern, in deren Umkreis schon die Nacht eingebrochen war und Lichter aus den Fenstern blinkten, während draußen vor dem Tor noch alle Vögel sangen und die Sonne, nach den westlichen Hügeln zu Golde gehend, mit sanft gebrochenen Strahlen durch das volle Laub der Bäume drang. Wir schlenderten zwischen Gärten, die von Stachelbeerhecken begrenzt waren, auf schmalem Pfade hin, bis wir einen freien Platz erreichten, der, öde und reichlich mit Unkraut überwuchert, gegen das Flüßchen zu gelegen war. In der Mitte dieses Platzes erhob sich ein seltsames Ding. Es war ein runder Bau, eine Plattform, niedrig aus Steinen aufgeführt. Ich war nie zuvor hier gewesen, konnte mir auch nicht erklären, was diese Erscheinung bedeuten sollte, und die wilde Einsamkeit der brachliegenden, von des Menschen tätiger Hand gemiedenen Stätte flößte mir eine unheimliche Empfindung ein. Aber eine Knabenseele, die den Schulstaub hinter dem räucherigen Stadttore gelassen hat, ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, und lachend sagte ich zu meinem Mentor: »Ich will Hans heißen, wenn das Ding da nicht aussieht wie ein steinerner Käselaib;« eine Vergleichung, welche durch irgend einen Anblick am Fenster eines Kaufladens, wo wir vorübergekommen, geweckt worden sein mochte. »Ja, davon hat es auch den Namen,« erwiderte er nickend, und mit dem verständigen Lächeln, das ihm so eigen war, unterbrach sich aber in seiner Rede, da er mich plötzlich gleich einem Wilde stutzen sah und folgte mit den Augen meinem Blicke. Der war auf ein altes Weib gefallen, welches gebückt, wie eine Kräuter suchende Zauberfrau, um das Gemäuer schlich und eben jetzt in unsern Gesichtskreis gekommen war. »Treffen wir uns hier, Frau Nachbarin?« rief ihr der Buchdrucker, gleichfalls ein wenig betroffen, entgegen. »Was machen Sie denn?« »Ihr seht's ja, Erdbeeren such' ich,« erwiderte sie und richtete sich empor, indem sie ein paar rote Beeren in ihre Schürze warf. »So ein altes Weib, das zum Schaffen nicht mehr brauchbar ist, muß doch sehen, wie es seine Zeit herumbringt. Und in dem Revier gibt's söllich schöne; auch hat der Platz das Gute, daß mir die Buben nicht so ins Handwerk pfuschen.« »Das glaub' ich,« sagte der Buchdrucker, »aber Sie, scheuen Sie das Blut nicht?« Die Alte lachte. »Bin nicht so dumm.« Ich horchte hoch auf. Blut, das war mir ein besonderes Wort, hinter diesen Reden mußte irgend ein Geheimnis sein. »Das ist längst vertrocknet,« fuhr die Alte fort. »Wie lang' ist's her, daß hier das letzte Blut geflossen ist? Ihr werdet etwa ein, zwei Jahre jünger sein als ich; nun rechnet einmal; sie war gerade in meinem Alter, und wenn sie noch lebte, so müßte sie gerade so ein altes steifes Scheit Holz sein, wie ich; aber ich seh' sie noch so deutlich vor mir, als ob's erst gestern gewesen wäre. Nun, Ihr wart ja auch dabei, werdet Euch an das blasse Appele noch wohl erinnern können.« »Jawohl, die arme Apollonia! sie haftet fest in meinem Gedächtnis,« versetzte der Buchdrucker, welcher sich seinen eigentümlichen hochdeutschen Stil gebildet hatte. »Sie besaß die feinste Gesichtsbildung, die man je bei einem fünfzehnjährigen Mädchen sehen konnte, und diese seltsame rührende Blässe – ich werde sie nie vergessen.« »Ja, fünfzehn Jahr', Ihr habt recht, so alt war sie, und ihr Gesicht, ja, das war auch so. So viel ist gewiß, daß es ein Wunder bleibt, wie sie unter das grobe Bauernvolk hineingekommen ist, deren Gesichter wie mit der Holzhape geschnitzelt sind. Wie nur die dumme stille Gans so etwas tun konnte!« »Was hat sie denn getan?« rief ich. »Ein Kind umgebracht.« »Kindsmörderin mit fünfzehn Jahren! So jung und so schlecht!« rief ich mit der ganzen Strenge eines unerfahrenen Richters aus. »Es war nicht ihr eigenes Kind,« bemerkte der Buchdrucker mit seiner sanften Stimme, »und überhaupt liegt etwas Seltsames in der ganzen Begebenheit.« Bei diesen Worten bereitete ich mich, eine Geschichte zu hören; denn die Art und Weise, wie der Buchdrucker seine Erzählungen einleitete, war mir wohl bekannt. Die alte Frau zog ihre Schürze höher, warf einen liebäugelnden Blick hinein und setzte sich am Fuße des Gemäuers auf etwas, das wie verfallene Stufen aussah. Der Buchdrucker stützte sich auf einen Dornstecken, den er unterwegs geschnitten hatte, und begann: »Da drüben, wo der grüne Kirchturm etwas über die Bäume ragt – das Dorf war uns zuzeiten der Reichsstadt untertänig – da erwuchs das Mädchen, von dem die Rede ist, als das jüngste Kind armer Bauersleute, von den frühesten Jahren an das blasse Appele genannt. In diesen Familien pflegt man nicht viel Umstände miteinander zu machen, und so wuchs auch die Apollonia unter gleichgültig kühlen Umgebungen heran; doch hatte sich in dem Kinde früh ein eigener Geist entwickelt.« »Ja, ein dummes Ding war sie,« fiel die Alte ein. »Ich hab's nachher oft gehört. Weil sie das Jüngste war und schwach dazu, so mußte sie oft tagelang die Schafe hüten, und sie freute sich auch immer darauf; wenn aber Leute durch das Eichenwäldchen kamen, wohin sie ihre Herde trieb, so sah man sie meistenteils in bitteren Tränen sitzen, und wenn dann die Leute hingingen und fragten, warum sie weine, so sagte sie, sie wisse es nicht. Kann es etwas Einfältigeres geben?« »Bei einem großen Hange zur Einsamkeit,« ergriff der Buchdrucker wieder das Wort, »empfand sie doch beständig die schmerzliche Sehnsucht nach den Ihrigen. Wenn sie abends nach Hause kam, so war's, als wenn sie von einer weiten, vieljährigen Reise heimgekommen wäre; da sprang sie zu ihren Eltern und Geschwistern hin und wollte sie vor Freude fast erdrücken. Natürlich hieß es da nur: ›Dumme Appel, mach' dich fort, laß mich in Ruh'!‹ Und gelegentlich bekam sie für ihre Zärtlichkeit auch noch einen Puff. Dann grämte sie sich wieder, bis sie zu ihren Schafen kam und bei ihren Schafen hatte sie abermals keine Ruhe, bis die Abendglocke zum Einfahren läutete. »In ihrem fünfzehnten Jahre wurde sie nach der Stadt geschickt, um in einen Dienst zu treten. Da sie keine schwereren Arbeiten verrichten konnte, so kam sie als Kindsmädchen in ein wohlhabendes Haus, wo man, ohne sich sonst viel um sie zu bekümmern, mit ihr zufrieden war. Sie hatte ein sehr kränkliches Kind von etwa zwei Jahren zu hüten, das ihr viel Unbequemlichkeit und Mühsal verursachte. Ich erinnere mich, daß ich sie manchmal mit ihm sah, wie sie an sonnigen Abenden traurig auf den Kirchenstaffeln saß. Wenn ich da vorüberging, das Kind und das Mädchen anschauend, so wollte mir, obgleich ich kaum die Kinderlehre hinter mir hatte, das Herz beinahe vor Mitleid brechen; sie kamen mir vor wie zwei Blümlein, die man in einem Glase ohne Wasser stehen läßt. »Aus diesem kümmerlichen Leben,« fuhr er fort, nachdem er sich über die scharfe Luft beklagt und die Augen gewischt hatte, »sog ihr angebornes sehnsüchtiges Wesen immer mehr Nahrung; ihr Heimweh, das früher gleichsam heimatlos gewesen war, nahm jetzt eine bestimmte Richtung, alle ihre Gedanken waren nach der Heimat, nach den Ihrigen gewendet.« »Wohin sie eine Stunde und nicht einmal so weit zu gehen hatte,« fiel die Alte ein. »Ja, Frau Nachbarin, aber allein zu gehen, dazu hatte sie keine Muße, und mit dem Kinde durfte sie sich nicht so weit entfernen. Die Ihrigen kamen auch nicht ein einziges Mal, um nach ihr zu sehen.« »Darum war es ja auch so einfältig,« rief die Alte, »solches Heimweh nach ihnen zu haben.« »Das ist ja eben das Seltsame,« versetzte der Buchdrucker etwas ungeduldig. »Wenn alle Leute so gescheit wären, wie Sie, Frau Nachbarin, so würde gar nichts Merkwürdiges in der Welt vorfallen. Ja, seltsam ist es, aber wer je auf Reisen gewesen ist, wie ich, der begreift auch, wie die Abwesenheit nicht bloß das Herz, sondern auch die Einbildungskraft des Menschen umwandeln kann. So ging es dem armen blassen Mädchen, das bei seiner Herrschaft unbeachtet wie ein Schatten umherschwebte. Das ärmliche Häuschen, das schlechte Essen, das rohe Betragen der Ihrigen hatte sie vergessen; mit einem Worte, ihre Heimat war das Feenland ihrer Gedanken. Diese Empfindung gewann nach und nach die Oberhand über alle anderen, und es kam so weit, daß, wie man nachher erfuhr, Apollonia eines Abends heimlich ihre paar Habseligkeiten zusammenschnürte, um nach Hause zu fliehen. Aber die Furcht vor der Strenge ihres Vaters machte, daß sie ihren Entschluß wieder aufgab und das Bündelchen auseinander riß. Es scheint jedoch, daß sie von diesem Augenblicke an nicht mehr recht bei sich gewesen sei. Die vielen Anstrengungen, die ihr die Pflege des Kindes verursachte, der Kummer bei Tag und die schlaflosen Nächte untergruben ihre von Natur zarte Gesundheit; der Drang nach der Heimat, der immer wilder und heftiger wurde, während sie doch nicht den Mut hatte ihm zu folgen, zerrüttete ihren Geist. Sie sah das Kind, dessen tägliches Leiden ihr im innersten Herzen weh tat, doch als die Ursache ihres ganzen Elends an. In ihren ungeordneten Gedanken fiel sie darauf, wenn das Kind stürbe, so würde ihre Herrschaft sie als unnütz nach Hause schicken. So scheint es, daß nach und nach, nur wie dämmernd, der Wunsch in ihr aufgestiegen sei, es möchte das Kind und mit dem Kinde sie selbst erlöst werden.« »Ja,« fiel die Alte wieder ein, »und wenn sie noch ein Wochener zwo gewartet hätte, so wäre das auch von selber geschehen, denn das Kind hätte keine vierzehn Tage mehr gelebt; das hab' ich seinen eigenen Vater nachher mehr denn einmal sagen hören. Aber wenn's einmal mit einem Menschen hinunter will, so ist der Teufel gleich bei der Hand und hält ihm die Leiter dazu.« »Da hat Ihr Mund ein sehr wahres Wort gesprochen,« sagte der Buchdrucker mit feierlichem Ernst. »So ging es auch bei der armen Apollonia; denn in dem unglückseligen Gemütszustande, von dem ihre Herrschaft keine Ahnung hatte, wurde sie eines Tages, da eben Besuch im Hause war, in die Schenke gesendet, um eine Flasche Wein zu holen.« »Jetzt aber laßt mich ans Brett,« unterbrach die Alte den Erzähler, »in dem Punkt weiß niemand so gut Bescheid wie ich. Ich bin ja dabei gewesen und hab' jede Silbe mit angehört; denn der Wirt war mein Vater, und wo das blasse Appele jenen Wein holte, das war meiner Eltern Haus, und ich kannte sie recht gut, obgleich wenig mit ihr zu haben war. Ich seh' sie noch vor mir, wie sie zu uns hereintrat und mit ihrer leisen Stimme eine Flasche Wein begehrte; nämlich ihr Herr hatte sie aus Stolz geschickt, weil seine Gäste behaupteten, mein Vater schenke einen besseren Wein, als er einen im Keller habe, und nun wollte er einen Vergleich anstellen. Es ist ihm aber übel bekommen. Wir hatten eben die Lichter angezündet, und etliche junge Gesellen saßen um den Tisch. Wie nun manches unnütze Wort unter den Menschen geredet wird, zumal beim Wein, so ging's auch selbigsmal. Es war nämlich kurz zuvor der Fall vorgekommen, daß mit Mausgift in einem Hause nahezu ein großes Unglück angerichtet worden wäre, und ein wohlweiser Rat, wie man dazumal sagte, hatte ein Verbot an die Apotheker und eine Warnung an die Bürgerschaft ergehen lassen. Das Verbot aber wurde nicht groß geachtet, und ich holte meinen Mäusen fort und fort ihr richtiges Futter, ohne daß mir jemand was in den Weg gelegt hätte. Von dem Verbot aber war selbigen Abend die Rede. Die jungen Bursche schlugen auf den Tisch und machten ein groß Geschrei; der eine meinte, das Ding sehe aus, als ob man die ganze Bürgerschaft für lauter Giftmischer hielte, der andere schrie, das gehe einen wohlweisen Rat einen Pfifferling an, und wieder einer sagte – das war der überzwerche Balthas, wißt Ihr, er hatte so eine große Warze auf der Nase – ›das ist alles für nichts,‹ sagte er, ›die gestrengen Herren können verbieten, Mausgift, Rattengift‹ – und da zählte er noch eine Menge Gift her – ›aber andere Sachen können sie nicht verbieten,‹ sagte er, ›und da gibt's noch genug Tränklein, die einen in die schwarze Schublade fördern können, ohne daß man sie für Gift ausgeben kann. Wenn mir einmal des Lindenwirts Roter nicht mehr schmeckt, oder wenn ich sonst Würmer im Hirn' hab', so geh' ich in die Apotheke 'und kaufe mir Vitriolöl‹«! »Schwefelsäure!« unterbrach sie der Buchdrucker etwas indigniert, denn er hatte sich auch einige chemische Kenntnisse angeeignet. »Meinetwegen also Schwefelsäure. ›Für einen Kreuzer,‹ sagte er, ›krieg' ich genug, um mit euch und der ganzen Kameradschaft abfahren zu können, ja vierspännig,‹ hat er gesagt, und was weiß ich, was alles noch, es ist schon gar zu lang' her. Die anderen trieben ihren Schabernack mit seinem Geschwätz; ich hörte aber wenig auf sie, sondern schaute ganz verwundert dem blassen Appele zu, wie es mit starren Augen drein sah. Ich meinte, es denke was ganz anderes und habe von all den gottlosen Reden schier gar nichts vernommen. Aber, o mein Herr und mein Gott! Wer hätt' sich das eingebildet, als meine Mutter aus dem Keller kam und nun das Mädchen mit seinem Wein von dannen ging! Es ist doch gar zu unglaublich, wenn ich wieder an das stille feine Kind mit dem blassen Gesichtlein denke. Aber dem Balthas ist's auch nicht gar wohl bekommen, ja wahrhaftig, es ist doch eigentlich der Grund, warum er das Leben lassen mußte; denn als es herauskam, was er mit seinem losen Maul für ein Unglück angerichtet hatte und ihn alles in der Stadt drum scheel ansah, so konnte er's am Ende selber nicht mehr aushalten und zog nach Holland und nach Amerika, und wenn er das nicht getan hätte, so könnte er heut' noch dasein; so aber hat er unterwegs Schiffbruch gelitten und ist ersoffen, obgleich er in meiner Stube mehr als einmal geschworen hatte, das Wasser sollt' ihm kein Leid antun.« »Was tat denn aber das blasse Mädchen?« fragte ich. »Was wird sie getan haben?« versetzte die Alte. »Aus dem Maul des jungen Burschen war der böse Geist in sie gefahren, und fort ging sie zum Apotheker. Nun, die Knochen will ich Euch zum Abnagen lassen, Nachbar.« »Danke, will's aber kurz damit machen. Das verwahrloste, verlassene, unsinnige Mädchen rannte allerdings in die Apotheke, denn leider trug sie ein paar geschenkte Kreuzer bei sich. Bei jenen Worten war ihr alles Denken und Fühlen vergangen; sie hatte nur noch einen dunkeln gebieterischen Trieb. Eine Stimme, sagte sie nachher aus, habe ihr immer ins Ohr gerufen, sie müsse es tun. Leider war der Apotheker, wie es in solchen verhängnisvollen Fällen zu gehen pflegt, arglos verblendet, und ihr sonderbarer Blick fiel ihm nicht auf. Sie empfing das tödliche Mittel, brachte den Wein nach Hause, und während im Wohnzimmer fröhlich auf die Genesung des Kindes, auf das Gedeihen der Familie angestoßen wurde, eilte sie in die Schlafkammer, trat an das Bettchen und vollbrachte, ein kindischer Würgengel, ihr abscheuliches Werk. Ein durchdringender Schrei des Kindes, der aber alsbald verstummte, rief die Mutter herbei, die, mit dem Licht in der Hand sich dem Bette nähernd, schon von weitem ein gräßlich Bild erblickte. Die schwächliche Natur des Kindes, die sogleich unterlegen war, hatte die freilich unwissende Grausamkeit der bejammernswerten Mörderin vermindert. Man fand sie im entlegensten Winkel des Hauses. Die Starrsucht ihres Gemütes, denn anders weiß ich's nicht zu nennen, hatte nachgelassen. Sie lag auf den Knieen, drückte den Kopf an die Wand und schluchzte beständig: ›Du bist jetzt ein Engel, und wir kommen beide heim! Heim! heim!‹ antwortete sie auf alle Fragen, die man ihr tat. Vor den Mißhandlungen der Mutter schützte sie der Vater mit Mühe; er fragte sie: ›Wie hast du uns das antun können mit deinem unschuldigen Antlitz?‹ Sie gab nichts zur Antwort als ›Heim!‹ Den herbeieilenden Behörden gestand sie ihr Verbrechen mit leisem, demütigem Kopfnicken. Das Sonderbarste ist, daß bald, ja gleich nach der Tat eine völlige Verwandlung mit ihr vorging. Gegen die Gefangenschaft, gegen die Einsamkeit des Kerkers hatte sie gar keinen Widerwillen. Nach den Ihrigen hatte sie keine Sehnsucht mehr; auch kam keines von ihnen zu ihr, ihr Vater verstieß und verfluchte sie. Der selige Herr Hauptprediger hat nachher oft gesagt, es sei ein merkwürdiger Geist in dem Mädchen gewesen, der nach dieser Tat der Finsternis auf einmal zum hellen Tag erwacht sei. Sie habe nicht nur ihr Verbrechen vollkommen erkannt und bereut, sondern auch über viele andere Dinge klar, vernünftig und wie mit einer Erleuchtung gesprochen. Ihm selbst sei durch dieses Mädchen manches klar geworden, was er früher nicht begriffen oder an was er gar nicht gedacht habe. Dies sagte er häufig, aber er sprach sich nicht näher darüber aus. Nur das erzählte er, daß sie gegen ihn geäußert habe, sie erkenne nun deutlich, was es mit ihrem Heimweh gewesen sei.« »Was ist ihr geschehen?« fragte ich leise und stockend. »In ihrer Kindheit schon,« sagte das alte Weib, »als sie einmal wegen eines kranken Schafes zum Scharfrichter geschickt wurde, soll sein Schwert von selbst nach ihr gezuckt haben. So sagte man, ich weiß nicht, ob es wahr ist; aber die Herren vom geheimen Kollegium müssen es gewußt haben, denn die machten eine Wahrheit draus.« »Das war die Regierung und zugleich das Blutgericht,« sagte der Buchdrucker und nickte bedeutend mit dem Haupte. Ich blickte nach dem steinernen Bau, und ein unheimliches Licht begann mir aufzugehen. Die Alte, die auf den Stufen saß, zeigte mit dem Daumen über die Schulter rückwärts. »Hier,« sagte sie, »hat das Schwert zum zweitenmal nach ihr gezuckt, denn damals fuhr man mit den Mörderinnen nicht so säuberlich wie jetzt. Hat denn das junge Bürschlein nie was vom Käs gehört?« »Dieses Gemäuer,« fügte der Buchdrucker hinzu, »war das Schafott in den späteren Zeiten der Reichsstadt. Den Reigen der Mörder und Übeltäter, die hier gerichtet wurden, hat die blasse Apollonia beschlossen.« »Ja, und recht freudig ist sie gestorben,« sagte die Alte, indem sie mir gutmütig von ihren Erdbeeren anbot. Ich wies die rote Frucht, so herrlich sie duftete, mit Abscheu zurück und warf einen Blick der Neugier und des Grauens auf die Blutstätte. Längst ist das Gemäuer nun von der Erde verschwunden, und die Wildnis, die damals noch öd und traurig, ohne Baum, mit niedrigem Gesträuche bewachsen war, hat sich in blühende Gärten verwandelt, aus denen da und dort freundliche Gartenhäuser blinken. Wiederfinden. »Was haben Sie denn da für einen wunderlichen Baugehilfen?« fragte der alte Volkmar den Amtsrat Thomas, zum Fenster hinausdeutend, welchem gegenüber soeben ein neues Haus aufgerichtet wurde. Zimmerleute und Maurer waren in der lebhaftesten Tätigkeit, und die dicken Seile schwankten mit ihren Lasten hin und her. Unter dem Gewühle der Arbeiter aber war dem Greis ein mit ganz zerrissenen und erbärmlich um den Körper schlotternden Lumpen bekleideter Mensch aufgefallen, dem die Haare wirr und struppig über das Angesicht hingen. Er schien von einem heftigen Arbeitseifer getrieben zu sein und schleppte, ohne eine Beihilfe zu gestatten, ganze Balken und große Steine herbei, wobei man nicht aufhören konnte, seine ungeheure Stärke zu bewundern. Freilich schien diese zwecklos in das allgemeine Tun einzugreifen, und es bedurfte nur eines Blickes, um den Zuschauer zu überzeugen, daß sie von keinem ordnenden Verstande gemeistert werde: doch fand man bei näherer Aufmerksamkeit verwundert, daß sie gleichwohl die anderen Kräfte keineswegs in ihrem Zusammenwirken störte. Ein Wink, ein Wort von seiten der Arbeitsleute war genug, um dem Unglücklichen seine Last, da wo es eben nötig war, niederlegen zu machen; dann rannte er eiligst wieder fort, um neue Dinge herbeizuschleppen, die er gleichfalls, ohne links noch rechts zu sehen, an dem gebotenen Platze ablieferte, und in dieser Arbeitswut, in diesem Gehorsam schien er eine innere Befriedigung zu finden. Der alte Herr hatte dem Treiben eine Weile kopfschüttelnd zugesehen, worauf er sich mit der schon erwähnten Frage an den Amtsrat wendete. »Sie nennen ihn den blödsinnigen Michel,« erwiderte dieser. »Der arme Mensch treibt sich seit Jahr und Tag in der Gegend umher, findet sich instinktmäßig bei schweren und harten Verrichtungen ein und ist wegen seiner Riesenkraft überall als Mitarbeiter willkommen, zumal da er bei seiner Simpelhaftigkeit sich höchst friedlich und verträglich aufführt, niemals Lohn begehrt und sich mit dem schlechtesten Essen, mit dem schimmlichsten Stückchen Brot abfinden läßt.« »Man sollte doch etwas für den Unglücklichen tun; es ist nicht recht, ihn so gleichsam wild laufen zu lassen.« »Bah,« sagte der Amtsrat gleichgültig, »da er keine Bedürfnisse hat, so geht es ihm gut genug. Wie mir der Bauführer sagt, so schläft er im Sommer ganz behaglich auf den Kirchenstaffeln oder draußen im Freien; im Winter aber lassen ihn die Bauern wegen seiner unschädlichen Gemütsart in ihren Scheunen unterkriechen. Wenn er einmal seine Glieder nicht mehr rühren kann, so steht ihm ja immer noch ein Spital oder sonst eine Versorgungsanstalt in Aussicht.« »Es ist doch traurig, wenn man keine Eltern hat,« sagte der Greis, während er ans Fenster trat und heimlich mit der Hand über die Augen fuhr. Er selbst hatte ja das entgegengesetzte Unglück zu beklagen, und das zumal am heutigen Tage! Er hatte vor drei Jahren an diesem Tage auf dem Leipziger Schlachtfelde den einzigen Sohn verloren, einen hoffnungsvollen Jüngling von schönen Gaben und noch schönerem Herzen. Friedrich war seiner Begeisterung in den Krieg gefolgt, den sein Glaube einen heiligen hieß; der Vater wollte, die Mutter konnte ihn nicht zurückhalten, und Luise, seine Braut, segnete unter strömenden Tränen seinen frommen Entschluß. Er kehrte nicht wieder. Ein Kamerad sah ihn unter einem feindlichen Säbelhiebe zusammenstürzen; die Schlacht wogte mehrmals über die Stätte hin und wieder, und als sie gewonnen war, begrub man die unkenntlichen Leichen der Gebliebenen, Freund und Feind, in einem großen Brudergrabe. Damals blutete manches Herz, und manche zitternde Lippe sang: »Wo sind sie, die Lieben, die Braven all?« – »Was mich betrifft, so lass ich ihm nichts abgehen,« fuhr der Amtsrat fort, der die Bewegung des Alten nicht bemerkt hatte. »Auch ist mir so ein rüstiges Lasttier in diesem Augenblicke doppelt willkommen, da ich – Sie wissen wohl warum – mein Haus noch vor dem Winter unter Dach zu bringen wünsche.« »Es steht mir nicht zu, mich fördernd oder hindernd in Ihre Absichten zu mischen,« sagte Herr Volkmar, und indem er sich vom Fenster gegen den Amtsrat kehrte, bemerkte dieser etwas betreten, daß ihm zwei dicke Tropfen in den Augen standen. Der ehrwürdige Alte ergriff ihn stillschweigend bei der Hand und führte ihn ins Nebenzimmer, wo seine Frau und Luise saßen. Auch diese beiden zeigten Spuren heftigen Weinens, und die schöne Pflegetochter war heute ungewöhnlich bleich. Der Gast empfand keine geringe Bestürzung über ihren trüben, stummen Empfang; als ihm aber, wie oft plötzlich dem Blinden ein Licht aufgeht, die Ursache dieser Trauer einfiel, da erschrak er noch weit mehr über seine eigene Gedankenlosigkeit. Er wußte keine Silbe hervorzubringen, wie er sich auch den Kopf zerbrechen mochte, jedes Wort, das er zu sagen gedachte, kam ihm alsbald wieder zu dieser Stunde unpassend vor, und seine Verlegenheit wurde, eben durch den peinlichen Druck, den sie auf ihn ausübte, mit jedem Augenblicke größer. Luise hob die Augen auf, sah ihn eine Weile durchdringend an und sagte hierauf: »Ich hatte gehofft, Sie würden Ihren Werkleuten heute einen Feiertag vergönnen.« »Im Gegenteil,« versetzte der Alte dazwischentretend, »er hat mit diesem Tage keine Ausnahme machen wollen, und er hat es wohl gemeint. Durch das Werk, das er vor unseren Augen aufführen läßt, wollte er uns an die gründende, bauende, segnende Kraft des Friedens erinnern, aber über die andere Bedeutung dieses Tages, die unser Herz bluten macht, gedachte er uns unter dem Lärm der Arbeit stille hinüberzuführen.« Dem Gaste ging bei diesen Worten ein Schwert durch die Seele; denn nichts straft uns tödlicher, als wenn ein anderer Mensch das, was wir mißlich tun oder getan haben, auf eine fromme Weise auslegt, und uns dadurch unsere Blöße recht vor Augen stellt. Der arme Amtsrat hatte ganz und gar keine bedeutsame Gedanken gehabt: er hoffte Luisen aufs Frühjahr heimzuführen, beabsichtigte deshalb das neue Haus, das er mit der Hochzeit einweihen wollte, noch vor Winter ›unter Dach zu bringen‹, und im Eifer seiner zeitlichen Entwürfe hatte er den heutigen achtzehnten Oktober rein vergessen. So saß er denn im Gefühle seiner Unzartheit recht auf dem Armensünderbänkchen und begann stockend und stammelnd: »Gewiß, niemand fühlt tiefer als ich die Bedeutung des heutigen Tages –« »Reden Sie nicht aus!« rief Luise aufstehend. »Ich sehe es Ihnen an, ich höre es aus Ihren Worten: Sie sagen eine –« »Werde nicht bitter, Luise! es steht dir nicht gut,« sagte der Greis verwundert. Seine Stimme klang tief und dabei etwas zitternd, wie eine alte große Glocke; sie traf das Mädchen ins innerste Herz hinein, so daß sie wie in sich zusammenbebte. Einen Augenblick besann sie sich, dann trat sie auf den Amtsrat zu, reichte ihm die Hand und sprach, in Tränen ausbrechend: »Vergeben Sie mir, ich hätte den Freund des Hauses nicht beleidigen sollen.« Der Amtsrat nahm ihre Hand zwischen die seinigen und drückte sie zärtlich. »Nur den Freund des Hauses?« sagte er, aber sie unterbrach ihn. »Ja, Sie sind ein guter, ein wirklich guter Mensch,« sagte sie »aber« – in demselben Augenblicke ließ sie seine Hände fahren, indem sie einen Schritt zurücktrat. Eine zuckende Bewegung verbreitete sich über ihren ganzen Körper, und die Worte, die sie vergebens zu unterdrücken strebte, drängten sich auf ihre Lippen. »Aber eines ist er nicht!« fuhr sie, gegen den Pflegevater gewendet, fort. »Er hat nicht um das eiserne Kreuz gekämpft, sonst hätte er diesen Tag nicht so bald vergessen können.« » Dulce pro patria mori! « warf der Amtsrat rasch und spitzig hin. »Doch ist vielleicht die undankbare Kunst, für das Vaterland zu leben , die schwerere. Ich hege alle Achtung vor jenen edlen Freiwilligen, die sich in jugendlichem Eifer zwischen die Reihen der berufenen Krieger gedrängt haben, obgleich ich so ketzerisch bin, zu glauben, daß die Sache auch ohne sie wäre ausgemacht worden, aber« – Er redete noch ein Langes von der Unreife jener Begeisterung, von dem minder schimmernden, aber gediegeneren Verdienst des nüchternen Arbeitens für das öffentliche Wohl, das eine unberufene Jugend nicht solle verkümmern dürfen, und dergleichen mehr. Dann brach er ab, denn er fühlte zwar die Genugtuung, sich Luft gemacht zu haben, aber er fühlte auch zugleich, daß es zur Unzeit geschehen war, ja es wurde ihm in diesem entscheidenden Augenblicke klar und deutlich, er habe das Herz, das er zu gewinnen strebte, von seinem Herzen abgewendet. Wie gerne hätte er seine Rede zurückgenommen, aber es war zu spät. Luise setzte sich wieder. »So weit ist es also gekommen,« begann sie kalt, »daß ein Mädchen den Männern antworten kann, die das öffentliche Wohl unter ihren Händen haben? Ich will euren Verstand nicht verkleinern, eure Tauglichkeit, eure Notwendigkeit nicht in Zweifel ziehen. Aber was hätte eure Staatskunst, was hätten euere Heere gegen jenen furchtbaren Kriegsdämon, gegen jenen Mars in Person vermocht, wenn nicht die Wunderkraft der Volksbegeisterung die Schwerter eurer Krieger durchflammt und ihre Geschosse beflügelt hätte? Mit dem einen Namen Jena ist eure ganze Weisheit niedergelegt. Erst als sich der Geist des preußischen Volkes wider ihn erhub und die anderen nachzog, daß sie mit ihm brachen, erst da begann Gott seine Hand von ihm abzuziehen. Wie feierlich habt ihr das Friedensfest begangen, und nun, da ihr nicht mehr als um drei Winter älter und kälter geworden seid, nun beginnt ihr sie schon zu schmähen, die Treuen, die Tapfern, die Gläubigen, die auf jenen blutigen Feldern schlafen gingen. Mein Herr und mein Gott, daß du in jenen furchtbaren Tagen meine Seele zu dir genommen hättest! Sie ist doch nicht hier, sie ist dort, wo der grause Tanz die blutige Saat zerstampfte. O das arme, gute, große Herz!« Sie sank auf ihren Sitz zurück, verhüllte das Angesicht und brach in ein lautes, wildes, unbändiges Schluchzen aus. Alles war bestürzt; nie hatte man das Mädchen so gesehen, nie solche Worte aus ihrem Munde vernommen. Der Alte winkte seiner Frau und reichte dem Amtsrat mit einem schmerzlichen Blicke die Hand. Dieser war blaß geworden und zeigte in seinen Mienen eine aufrichtige Erschütterung. »Das ist eine trübe Stunde für mich,« sagte er, als er mit der mütterlichen Freundin das Zimmer verließ; »aber ich habe gesprochen, wie ich denke, und dieses Bewußtsein wird mir, wie diese, so auch künftige trübe Stunden ertragen helfen.« Der wackere Alte war nun mit dem Mädchen, wie ein Beichtvater mit seinem geistlichen Kinde, allein. Er setzte sich neben sie, legte ihr Haupt an seine Brust und schwieg, bis ihr Busen den krampfhaften Schmerz ausgetobt hatte. Als sie ruhiger geworden war, hob er ihr das Köpfchen empor und sah ihr ernst und freundlich in die Augen. Sie machte sich los und stand mit gesenktem Haupte demütig vor ihm. »Vater,« begann sie, »ich bin nicht wert, deine Pflegetochter zu heißen. Ich habe Dinge geredet, die mir nicht ziemten.« »Wie ist dieser seltsame Geist über dich gekommen, Luise?« fragte er. »Laß dir's erzählen,« sprach sie. »Ich hatte schon gestern den ganzen Tag Angst vor dem heutigen, denn ich wußte, daß er mir ein schwerer Tag werden würde, und ich ging mit beklommenem Herzen zu Bette. Nachdem ich noch lange gewacht hatte, schlief ich endlich ein. Da träumte mir's, und von wem anders als von ihm, von deinem Friedrich!« Sie legte das Gesicht in beide Hände, und ihre Tränen tropften wie ein milder Regen zwischen ihren Fingern herab. Der Greis zog sie zu sich nieder auf den Sitz. Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, fuhr Luise fort: »Ich sah ihn, frischer und blühender als je; er kam mir entgegen, bei der Kirche, weißt du, wo wir nach der Predigt und dem Waffensegen Abschied von ihm genommen haben. Ich war ganz erstaunt, aber nur so, wie man sich im Traume über etwas Unmögliches ein klein wenig verwundert.« »Ja, ja,« sagte der Alte freundlich nickend, »das ist ja eben die Wahrheit in den Träumen, daß sie das Unmögliche wirklich machen. Hätten die Menschen nie von besseren Tagen geträumt, so wären niemals bessere Tage gekommen.« »Ich war also ganz erstaunt, als ich ihn sah. ›Guter Gott!‹ rief ich ihm entgegen: ›du bist's? wo kommst denn du her?‹ – ›Von Leipzig,‹ antwortete er mit dem schnellen, fröhlichen Tone, der mir immer so besonders zu Herzen ging. – ›Von Leipzig?‹ sagte ich und wunderte mich immer mehr; ›wie, und dazu hast du drei Jahre gebraucht?‹ – Da lächelte er geheimnisvoll, ganz so, wie er's gewohnt war, wenn er mich necken wollte, ›Ja,‹ sagte er, ›ich hab' aber auch einen weiten Weg gehabt.‹ – Bei diesen Worten war er auf einmal sehr ernsthaft geworden, und jetzt kam auch mir die Erscheinung sonderbar und unheimlich vor. Ich schlug die Hände zusammen und rief: ›Sag mir nur, lebst du denn? Wir glaubten ja alle, du seiest in der Schlacht gefallen?‹ – ›Ich lebe,‹ sprach er, und seine Stimme drang mir durch Mark und Bein: ›ich lebe. Ihr seid alle im Irrtum gewesen.‹ – Nun begann ich ihn zu verstehen. ›Ja, du lebst, im Licht und in einem schöneren Leben!‹ rief ich und fing bitterlich zu weinen an. Da verschwand das Gesicht, und wie ich nach und nach erwachte und zu mir selber kam, fand ich mein Kissen ganz in Tränen gebadet. Ich konnte nicht mehr einschlafen, immer und immer mußte ich dem Traume nachsinnen, und da geriet ich plötzlich–« Sie brach schaudernd ab, als ob sie die angefangene Rede bereute. Der Greis drückte ihre Hand stark und zog die Augenbrauen zusammen, als ob er einem schlimmen Feind ins Angesicht schauen müßte. Dann sagte er mit fester Stimme: »Du gerietest auf schwere Gedanken, du meintest, er sei vielleicht nicht ganz getötet worden, dann haben sie ihn nach der Schlacht, wie das geschehen kann, mit den Toten zusammen eingescharrt, und er sei am Ende gar unter der Erde wieder zur Besinnung gekommen.« Sie umschlang ihn und hielt sich zitternd an ihm fest. »Sieh, liebes Kind,« sagte er, »solche schwere, entsetzliche Gedanken muß man nicht bei sich behalten, man muß sie frischweg aussprechen, dann verlieren sie schon viel von ihrer Kraft.« – Er nickte ein paarmal langsam mit dem Haupte. »Freilich, freilich,« fuhr er fort, »wenn ich das glauben müßte, dann würden meine grauen Haare mit doppeltem Jammer in die Grube fahren. Aber meinst du, darum sei er dir im Traum erschienen, er, der Freundliche, um dir eine so nutzlose Schreckenskunde zu bringen? Nein doch, nein! wenn Friedrich zu dir kommt, so ist's immer ein guter Geist. Er wollte dir sicherlich nichts anderes sagen, als was du ihm im Traume selbst antwortetest. Aber wie auch sein Ende gewesen sein mag, halte nur das eine fest, daß jedes Leiden für ihn vorüber ist. Und dann denk' an so viele, die nicht schlechter als er, die jedenfalls Menschen waren: denk' an verstürmte Seefahrer, die auf offenem Meere oder an wüstem Strande verschmachteten, an verschüttete Bergleute in einem eingesunkenen Schacht; denk' an die grausame Strenge der alten Todesstrafen und der Folter – nicht um dich an der Unglücksgenossenschaft zu trösten, sondern um dir zu sagen, daß auch das ärgste, herbste Schicksal immer noch mit einem menschlichen Maß zu messen ist. Und dann denk' an jene Märtyrer, an jene Blutzeugen in allen Ländern und unter allen Bekenntnissen, die für das, was sie mit reinem Herzen ihr Heiligstes hießen, das Leben frei und freudig hingaben, obgleich sie oft viele Tage lang unter den unerhörtesten Peinigungen sich nach dem Tode sehnen mußten. Sieh, viele von ihnen haben ohne einen Schmerzenslaut gelitten, und waren doch Menschen, wie wir. Was sind wir gegen diese? Aber ihre Trübsal wurde ihnen leicht, weil sie zeitlich war, und in den Qualen stärkte eine Verheißung ihren Mut. Diese, kennst du sie nicht? in der Offenbarung steht sie und heißt: ›Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.‹« Luise, die bis daher mit andächtigem Schweigen zugehört hatte, ergriff bei diesen Worten lebhaft seine Hand und rief: »Vater, da bringst du mich ja gerade auf das, was ich sagen wollte! Höre nur, ich bin noch nicht zu Ende. Als ich aufgestanden war, trieben mich meine Gedanken um und ließen mir keine Ruhe. Da beschloß ich endlich, die Ruhe in der Bibel zu suchen, wo ich sie schon so oft gefunden habe. Als ich aufs Geratewohl aufgeschlagen hatte, da war es die Offenbarung Johannis. Ach, warum doch diese? dachte ich, die wird mir eher Unruhe als Ruhe bringen, denn von diesen schauerlichen Geheimnissen kann ich nichts verstehen. Dennoch sah ich die Stelle an, auf welcher mein Finger lag, und, Vater, höre nur, sie hieß: ›Aber ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest.‹« Fromm, wie er war, lächelte der Alte doch und wiegte sein graues Haupt. »Da sehe nun einer, wie es ausfällt, wenn die Weiber über die Apokalypse kommen!« sagte er. »Kind, nimm dich in acht. Gott hat uns nicht umsonst zu der Bibel auch noch unseren guten, treuen Verstand gegeben, ja, und treffliche Lehren, die aus diesem geflossen sind.« »Das Grübeln ist sonst gewiß meine Sache nicht,« versetzte sie. »Aber sieh – für mich – und unter diesen Umständen –« »Nun,« sagte er, du wärest nicht die erste Christenseele, die in der Bibel einen besonderen Sinn für ihre persönlichen Angelegenheiten suchte, aber auch da kommt es immer noch darauf an, was die ›erste Liebe‹ ist,« – Gesprächig setzte er ihr hierauf auseinander, daß dies die Liebe des Kindes zu den Eltern, und zwar vorwiegend des Knaben zur Mutter, des Mädchens zum Vater sei, daß diese ersten Herzenseindrücke später wunderbar nachwirken können, und daß der Jüngling am glücklichsten sei, wenn er ein Ebenbild seiner Mutter, die Jungfrau, wenn sie ein Ebenbild ihres Vaters finde. Auf diese Weise hatte er selbst, wie er erzählte, seine Gattin gewählt, und in diesem Sinne, meinte er, könne man allerdings einem Menschen zurufen, daß er seiner ersten Liebe treu bleiben solle. Er wollte diesen Lieblingsgedanken, dem er gerne nachzuhängen schien, noch weiter ausspinnen, aber er fand sich auf einmal durch das leise Weinen des Mädchens unterbrochen und rief bestürzt: »Himmel, was ist das für ein Unglückstag! Jetzt muß auch ich, der ich alles recht machen wollte, noch aus dem Geleise fahren, und während ich dir da von meinen Grillen vorschwatze, vergesse ich ganz, daß du sie gar nicht auf dich anwenden kannst. Aber wenn du auch deine Eltern so frühe verlorst, daß du dich ihrer nicht mehr erinnerst –« »So habe ich Eltern gefunden, denen ich so gut wie durch das Blut angehöre,« rief sie, sich an ihn anschmiegend, »Ach, und das war es ja, was mich immer so zu ihm hinzog, und was ich mir jetzt noch immer sagen muß, wenn ich an Friedrich denke, daß – daß –« »Nun?« »Daß du gewiß in deiner Jugend gerade so warst, wie er,« sagte sie, etwas verschämt durch ihre Tränen lächelnd, »oder daß er einst in seinen weißen Haaren ganz dir ähnlich werden würde.« Der Greis lachte gar liebenswürdig. »Das tut meinem alten Herzen wohl,« rief er, »daß ich in meinen weißen Haaren noch so etwas wie eine Liebeserklärung zu hören bekomme. Übrigens laß uns noch ein ernsthaftes Wort reden. Du weißt, du bist unser Augapfel, und der Tag, der dich aus unserem Hause wegführt, macht in unsere Herzen einen großen Riß. Dennoch werde ich dir nie ein Hindernis in den Weg legen. Im Gegenteil, und wenn du dich irgend auch nur mit einem Gedanken dem Grabe verlobt glaubtest, so würde ich alles tun, um dir diesen Wahn zu benehmen. Es ist nun einmal so bei uns schwachen, sterblichen Menschen, daß die Toten einen Teil ihres Rechts an uns verloren haben. Der bessere, reinere Anteil bleibt ihnen unverkümmert, und du weißt, da, wo Friedrich wohnt, freien sie nicht und lassen sich nicht freien, da ist also auch keine Eifersucht. Folge du deinem Herzen, wenn es dich zu einem Manne hinzieht, der ihm ähnlich ist, und fürchte dadurch nicht, von deiner ersten Liebe abzufallen. Auch möchte ich nicht, daß du deiner Bestimmung untreu würdest. Die Bewerbung dieses unbescholtenen Mannes, wenn sie mir auch schmerzliche Erinnerungen weckte, hat mir doch um deinetwillen Freude gemacht, und ich kann dir nicht leugnen, liebes Kind, daß wir glaubten, du seiest ihm geneigt.« »Weiß ich doch selbst kaum, wie das so gekommen ist,« versetzte sie errötend und stockend. »Er war Friedrichs Freund, seine Trauer um ihn, seine aufrichtige Teilnahme, wie hätte sie mich nicht gewinnen sollen? Dann sein Heimischwerden bei uns, sein tägliches Kommen und Gehen, eure Freundlichkeit gegen ihn, das alles machte mich zutraulich, aber – die Männer deuten auch alles gleich so sehr zu ihrem Vorteil.« »Nun gut,« sagte der Alte, »es ist ja bis jetzt nichts gesagt oder verhandelt worden, wodurch du gebunden wärest. Tue also, was dein Herz dir eingibt. Ist es aber nur eine vorübergehende Verstimmung, so wird der Auftritt von vorhin wohl ungeschehen zu machen sein.« Luise schüttelte den Kopf, ohne etwas zu erwidern, und der Vater ging, nachdem er ihr noch einige herzliche Worte gesagt hatte. Als Luise allein war, trat ihr die Vergangenheit lebendiger als je in diesen drei Jahren vor die Seele. Sie sah ihren Freund wieder, frisch, wie er ihr in der Nacht erschienen war; sie erfreute sich in Gedanken seiner Trefflichkeit, als ob er lebte und jeden Augenblick zur Türe hereintreten könnte. Zugleich aber trieb es sie, um die Lücke in der Gegenwart auszufüllen, nach einem Schubfache, das ihr Allerheiligstes verbarg. Da lagen Pfänder glücklicher Stunden, Briefe, ein Ring, eine Haarlocke und seine letzten Zeilen. Er hatte nie gedichtet, aber am Abend vor dem letzten Tage, als nach einem traulichen, beinahe fröhlichen Zusammensein auf einmal Wehmut und tiefe Rührung ihn beschlich, da hatte er, ohne sich zu besinnen, die wenigen kunstlosen Zeilen auf ein Blatt geworfen: ›Wenn mich der Gott der Schlachten Im Wettersturme rafft, Soll mich kein Schmerz umnachten Um meine junge Kraft. Für Lieb' und Freiheit brennen, Das jährt den Augenblick, Drum darf ich's ewig nennen, Mein schönes, kurzes Glück.‹ Sie las sie jetzt wieder und bewunderte die feste, männliche Handschrift. Ach, und dieselbe Hand, die diese weichen Worte schrieb, hatte sich der Eisenbraut verlobt und hatte den Tag darauf den letzten Druck, den letzten Gruß gespendet. Verloren! in dem Wort war alles enthalten. Die glücklichen Bilder wichen von ihr, und noch einmal gab sie sich dem grenzenlosen Gefühl ihres traurigen Schicksals hin, aber es war ein Schmerz ohne Mißklang, es waren erleichternde Tränen, in deren Flut sich die Seele still und ruhig badet. Ein Menschenherz, das sich recht ausgeweint hat, gleicht einem Vogel, der sich in den Lüften wiegt, oder einem Kinde, das träumend in den blauen Himmel starrt. Nachdem Luise ihr Weh in aller seiner Tiefe und Reinheit durchgefühlt, war sie, wenn nicht so harmlos, doch fast so gedankenlos wie ein Kind, ans Fenster gekommen und sah dem Bauwesen zu, das erst so viele Bitterkeit in ihr aufgeregt hatte. Sie folgte den Quadern, den Balken, wie sie in die Höhe gezogen wurden, und staunte über das massenhafte Werden, das die vereinte Tätigkeit vieler Menschen hervorbringt. Während sie nun ihre Augen an dem aufsteigenden Hause hinuntergleiten ließ, traf sie ein seltsamer Blick, der starr auf sie gerichtet war. Der unglückliche stumme Mensch, den die Bauleute mit ankommen ließen, hatte bisher ohne Unterbrechung seine Arbeit verrichtet, wie eine fest geordnete Wasserkraft, welche mit willenloser Stetigkeit ihre Räder in Bewegung hält. Niemand hätte sich träumen lassen, und am wenigsten er selbst, daß er noch Sinn für irgend etwas anderes haben könnte. Da klang ein Fenster, das geöffnet wurde, das unglückliche Geschöpf hatte eben eine Last niedergelegt und wandte unwillkürlich den Kopf nach dem Tone. Der Arme sah das Mädchen, das am Fenster stand; er erhob sich immer höher und trat endlich auf die Zehen, um näher und besser hinzuschauen. Jetzt fiel auch Luisens Blick auf ihn. Sie erschrak über sein auffallendes Benehmen: es graute ihr vor dem stumpfsinnigen, kläglichen Ausdruck dieser Augen, die sich wie auf eine verlorene Seele besinnen zu wollen schienen. Er strich die struppigen Haare, die ihn am Sehen hinderten, aus dem Gesicht. Aber in demselben Augenblicke geschah in den Lüften über ihm ein Ruck, ein verworrenes Getöse und Gepolter folgte, ein Geschrei vieler Stimmen – Luise beugte sich aus dem Fenster, als könnte sie das unglückliche Opfer von seiner Stelle wegreißen – aber es war schon zu spät. Der Amtsrat war, nachdem er noch einige Worte mit der Mutter gewechselt, ins Freie hinaus geeilt, um auf einem hastigen, heftigen Gang seinen Unmut zur Ruhe zu bringen. Er hatte sich schon ziemlich weit entfernt, als ihm einfiel, daß das unselige Bauwesen noch immer fortdauere. Er rannte zurück, und da er des Werkführers nicht gleich ansichtig wurde, gebot er den einzelnen Arbeitern, wie sie ihm vor Augen kamen, augenblicklich einzuhalten. Diese gehorchten dem mit mißmutiger Strenge ausgesprochenen Befehl auf der Stelle; andere, die nichts davon gehört hatten, arbeiteten eifrig fort, und hierdurch geriet das Werk plötzlich in Verwirrung. Ein Stein, der eben hinaufgezogen wurde, machte sich los, schwebte einen Augenblick über dem Kopfe des Stumpfsinnigen, stieß aber zum Glück an einen Pfeiler, wodurch die Kraft des Falls gebrochen und die Richtung etwas verändert wurde. Doch war der Arme, während er noch immer zu dem Mädchen emporstaunte, hart an der Schulter gestreift und mit Gewalt gegen einen großen Quaderstein geworfen, so daß er mit blutendem Kopfe regungslos am Boden lag. Alsbald war eine große Menschenmenge um ihn versammelt. Der Amtsrat rief seinem alten Freunde, der auf das Geschrei ans Fenster gekommen war, zu, erzählte ihm das Ereignis, und dieser hieß den Ohnmächtigen sogleich in sein Haus bringen. Man trug ihn in ein leeres Zimmer im Erdgeschoß. Hier stand eine Bettstelle mit einem Strohsack, worauf man ihn niederlegte. Das Blut strömte ihm aus Stirne, Mund und Nase; kaum aber war er eine Weile so gelegen, als er sich rasch aufrichtete und mit hellen Augen um sich sah. »Wo bin ich?« rief er. Der verwaiste Vater, der mit ins Zimmer getreten war, hörte den Klang dieser Worte, er fuhr mit einem heftigen Schauer zusammen und hielt sich an einem der Umstehenden fest, um Kraft zu sammeln. Er waffnete sich mit besonnener Ruhe, Dann trat er an das Lager des Erwachten, den er an der Stimme und an den Augen sogleich erkannt hatte; denn der tiefe Schmutz, der sein Gesicht überzog, und die verworren hereinhängenden blutigen Haare hatten ihn völlig entstellt. Die Ungewißheit seines Zustandes machte es nötig, jede Bewegung der Freude und Angst zu unterdrücken. »Du bist zu Hause, Friedrich,« sagte der Vater mit sanfter Stimme, und die Umstehenden traten mit Entsetzen zurück, nicht wissend, ob sich hier ein Auferstehungswunder zutrage, oder ob zwei Wahnsinnige zusammengetroffen seien. »Wo komme ich denn aber her? Wo war ich denn?« fragte der Kranke. »Was ist mir denn geschehen?« »Du kommst vom Schlachtfelde,« sagte der Vater so ruhig, als er vermochte, und mit einem leisen Wink gegen die Umgebung. »Du bist verwundet, ich hoffe, nicht gefährlich, aber die Wunde ist am Kopfe, deshalb mußt du ganz ruhig sein und dich stille wieder hinlegen.« »Vater, ist die Schlacht gewonnen?« rief er, sich noch höher aufrichtend. Der Alte nickte ein Ja und kämpfte mit übermenschlicher Anstrengung seine Tränen zurück. »Es ist Friede,« sagte er endlich, »halte du jetzt auch Frieden.« – Und Friedrich legte sich mit freundlichem Gehorsam, die Augen schließend, auf sein Lager zurück. Wir unterlassen es, die Auftritte zu schildern, welche auf diesen erfolgen mußten. Wer schon beim Schall der Morgenglocke aus einem schweren Traum erwachte und seinem todbangen Herzen zurief: ›Nein, die Sonne scheint wieder, deine Lieben leben noch, noch atmen wir im goldenen Lichte!‹ – der hat eine schwache Vorstellung von den Gefühlen, welche die so wunderbar wiedervereinigte Familie bestürmten. Der Arzt hatte wenig nachzuhelfen: die Heilung war durch jenen glücklichen Unfall bereits vollbracht worden. Wie aber Friedrich aus der Schlacht entkommen, und was seitdem aus ihm geworden war, das wurde niemals aufgehellt, denn er wußte kaum mehr zu sagen, als was sein Vater im ersten Augenblicke des Wiedersehens erraten hatte. Er erinnerte sich, daß er nicht weit von einem Gebüsch an der Seite eines treuen Freundes focht, als er jenen Säbelhieb erhielt; ob er nun bewußtlos lebend unter den Leichen hervorgekrochen, oder ob er von dem Freund in das Gebüsch getragen worden war, das wußte er nicht. Am liebsten nahm er das letztere an und nannte sich dem ›guten Kameraden im ewigen Lebens‹, der das Rätsel hienieden nicht mehr aufklären konnte, über das Grab hinüber verpflichtet. Wie dem sein mochte, der feindliche Säbel hatte ihn nicht zum Tode getroffen, aber ein trauriges Leben hatte er ihm gelassen, einen Rest ohne Seele und Erinnerung, einen dreijährigen Schlaf, dessen Geschichte zu erforschen er für völlig fruchtlos hielt. Um so inniger aber bewegte ihn und alle Teilnehmenden der wunderbare Zug der Heimat und des Herzens, der ihn im bewußtlosen Todestraume durch unbekannte Strecken, durch weite Zeiträume zurückgeleitet hatte, um an der Seite seiner auflebenden Eltern wieder zu erblühen und aus den Händen seiner seligen Braut ein längeres Glück, als er in jenen Zeilen zu prophezeien gewagt hatte, in Empfang zu nehmen. Den Galgen! sagt der Eichele. Item, einsmals hatten die Beutelspacher und die Bopfinger einen Span miteinander. Derselbige hatte sich erhoben wegen eines Zolles, mit welchem die Bopfinger den Beutelspachern den Weg verlegt hatten. Nun wäre es zwar das beste gewesen, wegen solchen Zolles eine Einung miteinander aufzurichten; allein so viele Einungen auch dazumal gemacht wurden, so schossen doch die Zweiungen reichlicher und lustiger ins Kraut. Auf beiden Seiten standen mannhafte und streitbare Helden, die ihr heißes Blut in etwas abkühlen wollten. Also beschlossen sie den Krieg und schickten einander Absagebriefe, die fein langsam und deutlich geschrieben waren. Damals aber war in deutschen Landen ein sonderlicher Brauch: wenn zween Teile miteinander stößig wurden und ein Krieg zwischen ihnen anging, so griffen sie, ehe denn sie das Schwert zogen, zu mancherlei vorgängigen Tathandlungen, um warm zu werden und förderlich in Harnisch zu geraten. Die Beutelspacher fingen's züchtig an: sie fuhren hin, hieben den Bopfingern ihre Bäume um und zogen wieder heim. Da gingen die Bopfinger auch nicht müßig, rückten her und schnitten den Beutelspachern die Weinberge aus, trieben auch ihre Ziegen hinein, welche die jungen Schösse fressen mußten fürs kommende Jahr; dann zogen sie gleichfalls wieder heim. Nun war es den Beutelspachern schon ein wenig heiß um die Leber geworden; sie machten sich auf, legten sich in einen Hinterhalt nicht weit von einer Aue, wo die Frauen und Töchter der Bopfinger lustwandelten, fielen in sie und schleppten dieselbigen gefangen hinweg, einen ganzen Schwarm; ihrer etliche aber ließen sie ohne Gürtel wieder ziehen, darum daß sie, wie sie fürgaben, böse Mäuler hätten. Solches verdroß die Bopfinger über alle Maßen sehr; sie brachen den Beutelspachern in ihre Landschaft und sengten und brannten, daß die Vögel aus der Luft gebraten herunterfielen und die Engel im Himmel ihre Füße hinaufziehen mußten. Dieses Fürnehmen war den Beutelspachern unleidlich, sammelten ihr Volk und jagten mit einem reisigen Zuge den Bopfingern nach, legten eine Wagenburg um ihre Stadt und Gezelte und begunnten sie zu belagern und schwerlich zu berennen. Die Bopfinger aber hielten sich stattlich und ließen die Feinde nicht hinein, außer wen sie mit ihren langen Haken über die Mauern in die Stadt zogen, und selbige wären lieber draußen geblieben bei den Ihrigen. Die Beutelspacher wurden auch nicht blaß und wollten nimmermehr von dannen weichen, bis daß sie die Stadt bezwungen hätten. Am Ende gedieh es dahin, daß auf beiden Seiten alles, was die Zähne brechen oder malmen konnten, aufgezehrt war und eine Wurst nicht für Gold zu haben gewesen wäre, weder im Lager noch in der Stadt, da versah man sich wohl, wer den anderen niederhungern könnte, würde Meister sein. Die Bopfinger aber waren gar zäh, schnürten sich Stricke um den Leib, auf daß sie den Magen, wenn er knurrte, in der Botmäßigkeit erhielten, und tat ihnen der Hunger allzuweh, so machten sie grimmige Gesichter von ihren Mauern herunter, wie vor lauter Streitlust. Die Beutelspacher dagegen hatten größere Mägen denn die Bopfinger, darum geschah ihnen vom Hunger zwier soviel weh, konnten sich auch zuletzt nicht mehr fristen, sondern beschlossen, ihr Letztes zu wagen, einen erschrockenlichen und sorgfältigen Sturm. So taten sie auch, aber der Sturm geriet ihnen übel, denn sie fielen aus Magenschwäche wie auch von den Stößen der Bopfinger haufenweise die Leitern herab und sahen, daß sie diese harte Nuß unzerschroten lassen müßten. Da hielten sie einen Kriegsrat und wurden eins: weil die Feinde müde und hinfällig sein würden vom Streit, so wollten sie versuchen, ob sie dieselbigen nicht durch Schrecken und Überführung des Gemüts bezwingen könnten. Schickten also zween Herolde unter die Mauern und ließen sie auffordern, von Stund an ihre Stadt einzugeben, sonst wollten sie stürmen, daß man den Schall und Tos bis vor Gottes Thron hören müsse, wollten auch des Kindes im Mutterleib nicht schonen, und noch andere grausame Reden mehr. Die Bürger aber ließen sich nicht bedräuen, liefen von den Mauern herab, sie wollten die Stadt nicht übergeben, nicht einen Stein; und einer von ihnen, er hieß Eichele, ein kecker, frohmütiger Gesell, der allezeit gar fromm unter den Vordersten gestritten hatte, schrie spöttlich hinunter: »Ja, den Galgen, den könnet ihr han!« Die anderen riefen's ihm nach und lachten die Herolde aus. Damit ritten die Herolde wieder davon und berichteten im Lager getreulich, was ihnen abseiten der Stadt anbefohlen worden war. Die Beutelsbacher konnten's nunmehr mit Händen greifen, daß sie für diesmal das Spiel verloren hätten, und schickten sich ohne fernere Umschweife zum Abzug an. Wie sie aber am Galgen vorüberkamen, der im freien Felde stund – die Bopfinger hatten vergessen, eine Schildwache bei ihm zurückzulassen – da gedachten sie der Antwort, die ihre Herolde überbracht hatten, und deuchte ihnen geraten, solch ehrlich Erbieten nicht von der Hand zu weisen. Trugen also den Stock und Galgen ab, um doch nicht ganz unpreislich heimzukommen, sondern wenigstens ein Denkmal mitzubringen, und richteten ihn hernach in ihrem eigenen Gebiete wieder auf. Nachdem sich aber beide Teile in etwas gestärkt hatten, brachen sie von neuem gegeneinander hervor. Die Bopfinger hatten ihre Helfer versammelt, eine weidliche Schar; die Beutelspacher hatten auch ihre Bundesgenossen um Hilfe gemahnt; und so trafen beide Heerhaufen auf einem Felde zusammen am Tage Allerseelen und stritten miteinander den ganzen Tag. Da gab es ein großes Geschläg. An diesem Tage kämpfte auch der Eichele mit, der den Beutelspachern den Galgen zum Schmerzensgeld angeboten hatte, und ihm zur Seite stund ein Söhnlein seines Stadtmeisters, so nannte man den Bürgermeister; dasselbe hatte der Herr Stadtmeister ihm in seine Obhut und Fürsorge gegeben, weil er bekannt war für einen tapfern und zuverlässigen Mann. Das junge Herrlein war aber sehr unmüßig und fürwitzig und suchte sich allenthalben vorzudrängen in seinem grünen Wappenröcklein, so daß der Eichele seine liebe Not, Mühe und Arbeit mit ihm hatte. Da wurde er mit eins von den zween Herolden angerannt, die er mit Unehren von der Stadtmauer fortgewiesen hatte, und während er sich gegen dieselben zur Wehr setzte, wischte das Herrlein von ihm weg, um auch mit jemand auf dem Blachfelde anzubinden. Da stieß es auf einen langen Beutelspacher, der stand mitten im Feld allein, hatte Feierabend und sah dem Getümmel zu. Das Herrlein machte sich an ihn, begann höhnisch mit geschwungenem Schwert um ihn herumzutanzen und rief: »Du langes Krokodil, beiß in mein Schwert und bück' dich nicht!« – diese Rede war dem Reisigen beschwerlich, und er hob seinen Streitkolben, der mit spitzigen Stacheln beschlagen war. »Du kleiner Grashupfer, küß meinen Morgenstern und streck dich nicht!« sagte er und schlug das Herrlein zwischen die Ohren, daß es erbärmiglich zappelnd auf den Boden fiel. Unterdessen entstrickte sich der Eichele seiner beiden Widerwärtigen und gedachte dem Stadtmeisterlein beizuspringen, aber er kam zu spät, seinen Freund, der ihm anvertraut war, zu erledigen, und konnte nichts weiter als den langen Schlagetot zu ihm in den roten Klee werfen, was er auch mit einem einzigen Hieb zuwege brachte. Das arme Herrlein reichte ihm vom Boden herauf die Hand, radbrechte noch ein Paar Worte, befahl ihm einen letzten Gruß an seinen Vater und löste sein Halsgeschmeide, um es seinem getreuen Schirmer und Rächer in Gedächtnisweise zu verlassen. Dieser drückte ihm die Augen zu und eilte in das Getümmel zurück, wo er ungebärdig unter die Feinde schlug. Es war aber alles vergebens. Da der Tag sich neigte, neigte sich der Sieg auf die Seite der Beutelspacher, die Bopfinger samt ihren Eidgenossen wurden aufs Haupt geschlagen und flohen eilends heim, ein jeglicher in seine Hütte. Doch brachten sie ihre Toten ehrlich von der Walstatt mit hinweg und ließen den Feinden nichts denn einen alten, wollenen Kappenzipfel, welchen ein Pfahlbürger auf der Flucht verlor. Der durfte wohl des Fersengelds nicht sparen vor den Beutelspachern, denn wenn sie ihn gefangen hätten, so hätten sie ihm beide Augen ausgestochen, weil er ihnen zuvor verbürgert war und hatte ihnen geschworen, war aber ein unverrechneter Amtmann, der sich nicht getraute, seine Rechnung abzulegen, und hatte sich darum von ihnen entfremdet und war Pfahlbürger worden bei den Bopfingern. Die Beutelspacher aber hielten den erbeuteten Kappenzipfel gar hoch als ein großes Siegeszeichen, ja nicht weniger denn wie wenn sie ein ersiegtes Fähnlein zuhanden gebracht hätten, setzten ihn auf eine Stange und verwahrten ihn in der Kirche, wo sie ihre Toten begruben, und in der Inschrift zu deren Häuptern, worin Tag und Stunde geschrieben stand, wann diese Biedermänner ehrlich und ritterlich erschlagen worden, denen Gott eine fröhliche Urständ verleihen möge, gedachten sie auch des Kappenzipfels mit den Worten: »Und auf die Stund wurd dieser Kappenzipfel in Fähnleinsscham den Feinden abgewonnen.« Es waren aber bei der Geschichte auf beiden Seiten viele Gefangene gemacht worden. Und obwohl die Bopfinger feldflüchtig geworden waren, so war es doch nicht not, daß ihre Gefangenen mit ihnen geflohen wären, denn damals war es Brauch, wer im Streit zu Gefängnis gedrungen worden war, der leistete Feldsicherheit und konnte ohne weiteres auf freien Fuß zu den Seinigen kehren. Nach der Schlacht aber wurden von beiden Teilen diejenigen, die sie auf solche Weise gefangen und gesichert hatten, bei ihren Eiden eingemahnt und mußten sich bei dem Feinde stellen und in offener Herberge bei ihm verbleiben mit starkem Leidwesen und allda ihr Hab und Gut verzehren und durften ohne sein Wissen und Willen nicht von dannen kommen. Da erhub sich auf beiden Seiten groß Wehklagen der Weiber und Kinder von Armuts wegen, auch erkannten beide Teile, daß ihnen dieser Krieg in vieler Weise schädlich gewesen sei, und ließen es zu, daß Freunde dazwischen traten mit wohlbedachtem Mute und gutem Willen, die schieden und verrichteten und vertrugen den Streit und machten zwischen beiden eine friedliche Stallung, und wurde auch zuletzt ein steter und fester und ewiger Friede geschlossen, mit dem Beding, daß sie ihn halten sollten, so lang' es ihnen anstehen würde. Denn das war der Brauch in deutschen Landen dazumal. Wer sich aber des Friedens wenig zu erfreuen hatte, das war der Eichele. Der wurde von dem gestrengen Herrn Stadtmeister gar übel empfangen und hart angelassen, darum daß er seines Söhnleins nicht besser gewartet habe. Er wollte ihm den Kopf vor die Füße legen lassen; da aber namhafte Zeugen gesehen hatten, wie er angegriffen wurde und ihm das Herrlein derweil entlief, so mußte der Stadtmeister von solchem Vorhaben zurückstehen. Er erdachte also einen anderen Weg, um seinen unversöhnlichen Grimm zu sättigen, und da der Eichele das geschenkte Halsgeschmeide frei öffentlich sehen ließ, wie er auch mit gutem Gewissen tun konnte, so zog er ihn vor Gericht und klagte ihn an, daß er seinem Söhnlein freventlich einen alten unveräußerlichen Erbschmuck abgestohlen habe. Dagegen schwur zwar der Eichele hoch und teuer, das Herrlein habe ihm den Schmuck zu eigen gegeben, aber niemand von seinen Freunden war zu der Stunde im Streit an seiner Seite gewesen, und der Stadtmeister wußte vieles vorzubringen, um seine Aussage unglaublich zu machen. Die Herren vom Rat, da sie sahen, daß der Stadtmeister von seinem Willen nicht lassen und dem Eichele an Leib und Leben gehen wollte, so ließen sie der Sache ihren Lauf. In der Gemeinde dagegen hatte er viele Freunde, die auf seine Unschuld schwuren und mit Gut und Blut zu ihm stehen wollten. Es war ohnehin eine Spaltung zwischen der Bürgerschaft und ihrem Rat entstanden; denn die Zünfte, die bei den unaufhörlichen Kriegsläuften in Wehr und Harnisch freisam geworden waren, wollten sich die Herrlichkeit der Geschlechter, die im Gericht und Rate saßen, nicht allewege mehr gefallen lassen. Die Mißhellung wurde je länger, je größer, und wußte man oft kaum mehr zu sagen, ob es ein Rechtshandel sei des Stadtmeisters mit dem Eichele oder eine Sache zwischen Rat und Bürgerschaft. Darüber verzog sich der Entscheid, aber der Rat, der im langen Herkommen des Regiments gewitzt war, machte sich den Frieden zunutze, um sich zu befestigen, und wie er allmählich seine Macht wieder erlangt hatte, so wagte er's doch zuletzt und sprach das Todesurteil, daß der Eichele wegen ehrbrüchiger Bestehlung eines Kampfgefährten zwischen Himmel und Erde an seinen Hals gehenkt werden solle. Da nun das Armensünderglöcklein grillte, machte sich alles Volk auf und zog zum Tor hinaus, um den Eichele auf seinem letzten Gange zu begleiten. Niemand unterstand sich, ihm zu helfen, aber sie riefen ihm Abschiedsgrüße zu und sahen ihn traurig an, denn er war ein treuer, kühner, fröhlicher Gesell. Fröhlich und aufrecht schritt er auch bei diesem sauren Gang einher, also daß sich männiglich über ihn verwunderte; ja es schien zuweilen, als ob er sich Gewalt antun müßte, um das Lachen zu verbeißen. Zu seiner Rechten ging ein Pfaffe, zu seiner Linken sein Prokurator und Rechtsanwalt, der seine Sache vor Gericht geführt hatte. Endlich, als sie zur Richtstätte gelangten, sah sich alles Volk um, still und verwundert; aber bald brachen sie in ein großes Gelächter aus, denn es war ihnen auf einmal klar, warum ihr Freund solche fröhliche Zuversicht blicken ließ. Die Bopfinger hatten, erst über dem Kriegslärmen, dann über dem Rechtshandel, ganz und gar vergessen, was mit ihrem Galgen vorgegangen und wie ihnen derselbige von den Beutelspachern weggebrochen worden war. Nun erst, als sie im Eifer daherkamen und ihn nicht mehr auf seinem Platze sahen, gedachten sie daran, und waren die Gerichts- und Ratsherren fast sehr erbost und befahlen, daß alsbald ein neuer Galgen aufgerichtet werden solle. Da trat Eicheles Prokurator hervor und sprach: »Mitnichten, edle Herren, das wäre wider Recht und Gesetz; habt ihr den Galgen nicht mehr, so habt ihr auch die Gerechtigkeit verloren, denn sonst könnte ein jeglicher, der etliche Balken aufeinander zu zimmern vermag, den Blutbann ausüben; wollet ihr aber henken nach wie vor, so müsset ihr entweder das eurige bei den Beutelspachern oder aber einen neuen Freibrief für Galgen und Stock und alles Hochgerichte, auch was das Blut und Leib und Gut betrifft, bei dem Kaiser holen.« Was der Prokurator gesprochen hatte, das wurde von dem ganzen Volke mit einer Stimme für Recht erkannt, und der Rat mußte sich, wiewohl mit widerhärigem Herzen, darein fügen. Der Stadtmeister wollte zwar den Eichele als einen stinkenden Ruffianer, der den Blutbann meineidig, ehrlos, loblos, treulos an den Feind verraten habe, von der ganzen Gemeinde zu Tode steinigen lassen, konnte aber nicht durchdringen, sondern der Eichele wurde dieser Schuld halber freigesprochen. Auch legten seine Freunde eine große Sicherheit und Bürgschaft für ihn dar, daß er bis zu Austrag der ganzen Sache auf freien Fuß gestellt werden mußte. Nun wurmte es jedoch den Geschlechtern und Zünften und allem Volk und auch dem Eichele selbst, daß die Beutelspacher ihren Stock und Galgen haben sollten. Schickten demnach zu ihnen und ließen ihr dreibeiniges Eigentum zurückfordern. Die Beutelspacher lachten und antworteten, sie seien nicht gewohnt, ein geschenktes Gut wieder herauszugeben; wenn man den Galgen mit Gewalt holen wolle, so sei solches nicht verwehrt; in Minne aber werden sie ihn nun und nimmer lassen. Dabei verwiesen sie auf den Richtungsbrief, der bei der Sühne aufgesetzt worden war, laut Urkund dessen die aufgewandten Kriegskosten jedem der beiden Teile an seinem Part zur Last fielen, dagegen aber auch beide Teile alles das behalten sollten, was sie in diesen Spänen und Stößen, Zweiungen, Kriegen und Aufläufen mit Gewalt zuhanden gebracht und sich zugeeignet, und sollte auch aller Unwille ab und tot sein und kein Teil dem andern nichts geahnden noch geäfern, weder Mord, noch Brand, noch Raub und Nahme, wes Namens es auch sein möge, weder mit Worten, noch mit Werken, noch mit Raten, noch mit Getaten, weder heimlich, noch öffentlich, noch in irgend einer Weise, ohne alle Arglist, ohne alle Gefährde. Wäre es nun den Bopfinger Herren nach ihrem Sinn ergangen, so wäre abermals der Krieg entbrannt, und auch der Eichele hätte sich gern wieder frisch gehalten vor dem Feind, um die Scharte auszuwetzen, und hätte es ihn auch nachher den Hals gekostet; aber die Zünfte wollten keinen neuen Krieg und sagten, der vorige sei nur aus Eigennutz der Herren angesponnen worden, die die meisten Weinberge hätten und mit ihrem Zoll den Beutelspachern den Weinhandel hätten abstricken und für sich allein behalten wollen. Also waren die Herren genötigt, von ihrem Fürnehmen abzustehen. Da wurde der Rat des Sinnes, an den Kaiser zu gehen und eine neue Galgengerechtsame von Vollkommenheit kaiserlicher Macht und Gnade zu erwirken; denn der Kaiser war für alle Schäden gut, wenn man an ihn kommen konnte. Nur war er nicht leicht zu finden, denn er zog das ganze Jahr im Reich umher und war bald da, bald dort. Also rüsteten sie mit großen Kosten Gesandte aus, die zogen dem Kaiser nach und fragten allenthalben nach ihm. Es währte aber lang', bis sie ihn fanden. Und als sie ihn gefunden hatten, konnten sie nicht gleich vor ihn kommen, denn es waren Botschafter und Verordnete aus allen Landen da, und jeder wollte etwas von ihm und hatte ihm etwas zu klagen, also daß er viel zu richten und zu schlichten hatte. Da blieben sie einstweilen bei ihm, bis daß sie Gehör erlangen sollten, und zogen mit seiner Hofhaltung von Ort zu Ort durch das ganze Reich. Und weil sie auf solche Weise ihren Reisepfennig verzehrten, so mußten sie jeweils einen aus ihnen gen Bopfingen heimschicken, um neue Wegzehrung für sie zu holen. Auch mußten sie allen die Hände schmieren und salben vom untersten Diener bis zu den obersten Erzämtern hinauf, um endlich zu dem Kaiser durchdringen zu können; und auch vor dem Kaiser selbst durften sie nicht mit leeren Händen erscheinen. Solches dauerte jahrelang, und haben die Bopfinger viel Gelds und Guts dabei zusetzen müssen. Unter dieser Zeit begab sich's einmal, daß ein fremder Dieb zu Bopfingen auf handhafter Tat ergriffen wurde. Da saßen sie über ihn zu Gericht, und er bekannte ihnen frei, daß er um dieser und anderer Taten willen den Galgen reichlich verschuldet habe. Sintemal sie aber nicht hatten, woran sie ihn henken konnten, schämten sie sich sehr, gaben ihm fünfzig Gulden und sagten, er solle sich anderswo einen Galgen suchen. Der Dieb meinte, sie hätten das aus Verachtung seiner getan, ward sehr erbost, lief hin zu ihrer sauren Nachbarschaft, den Beutelspachern, und bot diesen die fünfzig Gulden, so sie ihm zu seinem Recht verhelfen wollten. Die Beutelspacher aber pochten und sprachen: »Was bedürfen wir eines Fremden? Dieser Galgen ist für uns und unsere Kinder« – Ließen ihn mit diesen Worten wieder laufen. Der zog auch lang' umher im Reich und konnte nicht zu seinem Rechte kommen, bis er zuletzt nach Westfalen geriet und der heiligen Feme in die Hände fiel. Dieselbige erbarmte sich sein, henkte ihn an den nächsten Baum, wie es ihre Weise, Handhabung und Gewohnheit war, und steckte ihr Messer dazu. Denn dieses Gericht übte großen Fleiß, und nahm sich aller femwrogigen Missetaten an, die sonst in den Landen deutscher Zunge ihr Recht und ihren Strick nicht finden konnten. Den Beutelspachern erwuchs inzwischen auch unmancher Segen von ihrem Galgen. Sie hatten ihn an einem ungereimten Ort aufgerichtet, und als sie auf einen Tag etliche Diebe, weiß nicht eigene oder fremde, daran gehenkt hatten, so trug es sich zu, wenn die Sonne dahinter stand, daß die Schatten der Gehenkten in die Häuser hereinfielen, an den Wänden hin und wieder spielend, und die Weiber, die mit einem Kinde gingen, zum Schaden ihres Leibes an dem Schattenspiel erschraken. Da besorgten sie sich schwerer Gefahr für ihre Nachkommenschaft, ja sie fürchteten gar, es möchten von diesen Dingen mit der Zeit Erbdiebe unter ihnen aufkommen; brachen daher den Galgen wieder ab und führten ihn an einem gelegeneren Orte auf, also, daß er ihnen auch nicht wenig Unlust, Zeit und Geld gekostet hat. Nachdem nun die Gesandten der Bopfinger viele Jahre mit dem Kaiser umhergefahren waren, erdrangen sie endlich einen Brief von ihm, worin ihnen die Freiheit und Gewalt erteilt war, einen neuen Stock und Galgen aufzurichten und sich desselbigen zu gebrauchen. Und alsbald, da sie das Pergament mit dem kaiserlichen Siegel nach Hause brachten, ließ der Rat den Galgen zimmern und den Eichele hinausführen, um das vergilbte, aber noch rechtskräftige Urteil nunmehr durch die Hand des Meisters Kümmerling an ihm zu vollstrecken. Und abermals zog die Gemeinde traurig mit und getraute sich nicht, ihren Freund zu erretten. Der aber war betagt und lebenssatt, und als sein Prokurator im Hinausziehen zu ihm sprach, diesmal werde ihm nicht mehr zu helfen sein, so antwortete er, es liege ihm nicht viel daran, und doch, so lang' er noch nicht von der Leiter gestoßen sei, könne sein Heil noch blühen und hätten seine Feinde keine Ursache, sich zu freuen. Da er nun auf der Leiter stund, so verlas ein Ratsherr mit lauter Stimme den kaiserlichen Freibrief vor der Gemeinde. Der Eichele hörte aufmerksam zu, und bei einer Stelle gab er seinem Prokurator einen Wink; dessen Gesicht aber sah mit einmal ganz freundlich aus, wie ein Herbsttag, wenn sich das Gewölke verzieht. Der Ratsherr, da er zu Ende war, wollte den Befehl zur Hinrichtung geben; und der Henker griff schon zu; da trat aber der Prokurator hervor und sprach: Edle, gestrenge, feste, wohlweise, fürsichtige Herren, ihr habt zwar von kaiserlichen Gnaden die Freiheit erlangt, Holz im Walde zu fällen und einen Galgen daraus zu zimmern, selbigen auch aufzurichten, nebst Bewilligung anderen Zubehörs an Eisen, Klammern, Nägeln, Leiter und mehr, aber die Hauptsache ist von kaiserlicher Majestät übersehen und vergessen worden, nämlich die Gerechtigkeit, einen Strick an dem Galgen zu haben, da doch sonsten in dem Privilegio aller Punkten gar besonders gedacht wird und kein Jota mangelt, nur allein den Strick ausgenommen; bin derhalben gänzlich der Meinung, ihr müsset den Kaiser noch einmal beschicken und des Strickes wegen um ein vollständiges Privilegium einkommen, anheute aber und bis auf ein weiteres euch vorhabender dieser Exekution bemüßigen. Über solchen Protest entstand ein unermeßliches Frohlocken in der Bürgerschaft, und der Eichele ward mit lachendem Munde von der Leiter herabgeholt. Der Rat wollte sich zwar dagegensetzen, aber er mußte die Satzung und den Rechtsbuchstaben ungescholten lassen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ein oberstrichterliches Erkenntnis anzutragen, bis zu dessen Findung und Fällung der Malefikant abermals gegen Bürgschaft seiner Freunde auf freien Fuß gesetzt werden mußte. Die Sache kam vor das löbliche Kammergericht, das jegliches Unrecht von Herzen scheute und darum ein Urteil in keinerlei Weise übereilte. Endlich aber erließ es doch sein Mandat und erkannte, daß der Rat allerdings den Kaiser erst um ein besonderes Privilegium, sich des Stricks zu bedienen, bitten müsse, und daß er, bevor ihm sotanes Privilegium erteilt sein würde, sich eines peinlichen Halsgerichts, wobei auf den Strick erkannt werde, in alle Wege zu enthalten habe. Da nun der Spruch, nach welchem der Verurteilte den dürren Baum reiten sollte, nicht mehr zu ändern war, und seine Widersacher sich nicht unterstehen durften, ihn mit einer anderen Strafe anzusehen, so zogen die Gesandten wieder dem Kaiser nach und mit dem Kaiser im Reich umher; weil jedoch der Herr bei dem großen Drang des Regiments nicht gern von derselbigen Sache zweimal hören wollte, so hatten sie nun mit dem Strick noch viel mehr Kummer, Aufhalt und Hindersal, denn sie zuvor mit dem Galgen gehabt hatten. Da sie aber zuletzt doch ihre Werbung vollbracht hatten und mit der Gerechtigkeit des Stricks als alte eisgraue Männer nach Hause kamen, da fanden sie die Geschlechter vertrieben, die Zünfte in Rat und Gericht eingesetzt und die ganze Ordnung umgekehrt. Sie legten der neuen Obrigkeit Rechenschaft von ihrer Sendung ab, überlieferten die besiegelte Urkunde und erlangten freien Abzug, worauf sie eilends weiter reisten, um ihre alten Freunde aufzusuchen. Der unversöhnliche Stadtmeister war am Tage, wo die Zünfte über den Rat obsiegten, vor Leid und Unmut gestorben, und auch der Eichele schlief schon längst, aller Todesangst überhoben, unter einem schönen Grabstein, den ihm seine Freunde aus den Zinsen des Bürgschaftsgeldes hatten setzen lassen. Nach alter Sitte war der Inschrift beigefügt: Ascensionem expectans , und heißt das zu deutsch: Er harret seiner Erhöhung. Auf solche Weise sind die Bopfinger endlich wieder zu ihrem Galgen und Strick gekommen. Es hat sich aber davon viele hundert Jahre lang in Bopfingen und Beutelspach ein Sprichwort erhalten. Nämlich wenn einer von einem anderen etwas Unbilliges, oder was diesem unbillig schien, begehrte, und der es ihm recht nachdrücklich abschlagen wollte, so schlug er's ihm ab mit den Worten: »Ja, den Galgen!« sagt der Eichele. Das Arkanum. »Kasper, noch eine Kanne Türkenblut für mich und den Hanngeorg!« rief der Graubart in der Fensterecke dem Wirte zu, indem er seinen Stelzfuß behaglich auf den leeren Stuhl neben sich legte. »Die Glocken können derweil ohne mich schlagen.« »Gern, Turmulrich,« sagte der Wirt »Kommst ohnehin so wenig zu mir herunter, und sind doch alte Schulgespielen. Was ist dem Hanngeorg?« unterbrach er sich und gab diesem einen vertraulichen Puff. »Ich glaub' als, der blast Trübsal.« »Ja und auf was für einer Posaune!« erwiderte der Angeredete, indem er ein hochrotes, vom Schmerz schiefgezogenes Gesicht aus den Händen erhob, »Mag nichts mehr trinken, Turmulrich, sonst musizierts noch ärger da drinnen.« – Er deutete mit dem Finger auf die Wange. »Potz Schlankement, Zahnweh hast, alter Bußpsalm?« rief der Stelzfuß lachend. »Hättest du's gleich gesagt, so wär' dir schon geholfen. Nimm das und halt's mit der Hand drauf, in einer Viertelstunde spürst nichts mehr, das ist so sicher, daß du mir den Arztlohn in Wein vorausbezahlen kannst.« Er zog ein Läppchen heraus, das der Leidende mit einem ungläubigen Blick nahm, aber doch folgsam auf die Wange drückte. »Möcht wissen,« sagte der Wirt, »auf welchem Kreuzweg der Ulrich in die Lehr' gegangen wär'. Der weiß mehr als unsereins, der kann alles.« »Nur nicht Wasser in Wein verwandeln,« bemerkte der Alte. »Drum eben brauch ich dich, denn das ist deine Kunst. Hast nicht umsonst die Hochzeit von Kana dort an der Wand hängen. Voran, jetzt reg' deine Knochen. Aber auch einmal einen Ungetauften, Kasper, du Täufer in der Wüste, und einen, dem man nicht nötig hat die Kratzborsten in Wasser einzuweichen, sonst sag' ich mit meinem durchlauchtigsten Prinzen Eugenius: ›Lieber Belgrad noch einmal erobern, als von deinem Krätzer trinken.‹« Der Wirt brachte die Kanne. »Der,« sagte er, »wird's tun, wiewohl er nicht den Blutfahnen führt. Der ist in den Pfalzgrafen gewachsen,« setzte er mit feierlichem Tone hinzu, »in der besten Lage, und zwar Anno damals, wo du aus der Stadt entlaufen bist.« »Ist's möglich? den Jahrgang lass' ich mir gefallen, der kann abgelegen sein. Aber so oft auch seitdem die Reben wieder geblüht haben, so denkt mir's doch noch, als ob's erst gestern gewesen wär', wie der lang' Assas vor mir am Boden lag und nicht mehr zuckte. Ich hab' unter der Zeit manchen so vor mir liegen sehen, Türken und Christen, und hab' mich dran gewöhnt, aber selbiges erstemal, und im Frieden, potz Schlankement, das war kein Spaß.« »Zudem, wenn man sich an einem Ratsherrnsohn vergriffen hat.« »Freilich, Herren sind überall Herren, auch wo sie, wie hier, vom Rathaus heim zu Fleischschragen, Schustersbank, Gerberloch und Schneiderhölle wandeln. Dem langen Assas stak das schon im Geblüt, bei jeder Lustbarkeit wollte er mehr sein als wir andern, und so stieß er auch damals gleich mit dem Messer drauf los, als ob er nach gar nichts zu fragen hätte. Mich aber machte das so wütend, daß ich nichts mehr von mir selber wußte; nur das erinnere ich mich, daß ich den Assas gewürgt und zu Boden geworfen haben muß. Ich wurde just weggerissen, als ich auf ihm herumtrappelte. Wie ich aber sah, daß er nicht mehr aufstand, kam ich wieder zu mir und lief –« »Bis nach Belgrad in einem Tag.« »Das grad nicht, aber selbigen Tag noch weit genug, daß ich nicht geglaubt hätte, ich sollte den langen Assas je wieder sehen, weder lebend noch tot.« »Den Assas wieder sehen?« fragte der Wirt verwundert. »Wie kommst du denn auf den Gedanken?« Der Veteran drückte ein Auge zu und setzte die Kanne an den Mund, hielt nach dem ersten prüfenden Zuge mit angenehmem Staunen inne, schaute eine Weile gleich wie andächtig auf die goldhelle Flüssigkeit, setzte dann wieder an und vertiefte sich liebevoll in die Kanne. »Zwar lebendig hättest du ihn noch ein paar Jahre sehen können,« fuhr der Wirt fort, »und hättest nicht nötig gehabt, deine Verlegenheit an den Heiden auszulassen, denn dem Assas hat dein Würgen und Treten nichts getan, vielmehr ist er nachher immer noch länger und länger geworden, als ob er erst jetzt, seit du fort warst, recht auskommen könnte, und oft hat er gelacht über deine unnötige Flucht, hat sich auch nicht wenig gerühmt, daß er dich bis Belgrad gejagt habe. Aber deine Heimkehr hat er nicht erlebt, denn er war so in die Länge geschossen, daß ihm die Lebenskraft in die Breite mangelte, und just auf den Tag, wo er hätte unter die Zwölfer kommen sollen, wiewohl es wider die Statuten ist, daß Vater und Sohn im Rat sitzen, ist ihm sein engbrüstiger Atem ausgeblieben. So viel hat ihm seine Wahl noch eingetragen, daß er als neugeborener Ratsherr nicht zu seinen gemeinen Mitbürgern auf den Totenacker vor der Stadt gekommen ist, sondern man hat ihn in der Kirche begraben, allwo auch sein Name auf seiner Familientafel prangt.« »Als ob ich nicht alles das wüßt'!« sagte der Veteran, die Kanne lüpfend. »In allweg,« erwiderte der Wirt, »denn seit du von den Türken zurück und Turmwächter bei uns worden bist, hast du ja Nachbarschaft mit ihm, und das schon manch' liebes Jährlein, nur keine sichtbare.« Der Türmer drückte beide Augen zu, blinzelte ihn an und reichte ihm die leere Kanne. »Bist ein Biedermann,« sagte er, »dein Pfalzgräfler krabbelt mir bis in den Stelzfuß hinab, am End' tut er noch ein Wunder.« »Laß ihn aufwärts steigen, Ulrich,« sagte der vorsichtige Wirt, indem er nach dem Keller ging, »Abwärts ist der Wundertäter zu kurz, er macht schon seinen letzten Willen.« »Vor Belgrad habt Ihr Euch den hölzernen Fuß wachsen lassen, Turmulrich?« fragte einer der Gäste, welche sich, in der Hoffnung von der alten Kriegsgurgel eine Geschichte zu hören, herzugesetzt hatten. »Nein, so weit braucht' ich nicht nach meinem Glück zu laufen, es lag näher. Der Türk' hat mir kein Härlein gekrümmt, und wo ich mit dabei gewesen bin, da hat er Haar lassen müssen. Gleich das erstemal, daß ich dazu gekommen bin, bei Mohatsch, da hab' ich mich mit meinem jungen Prinzen Eugenius und mit dem alten Lothringer so gehalten, daß der Türk' hat aus Ungarn weichen müssen. Das nächste Jahr war ich mit bei griechisch Weißenburg, wo unsere Kreisvölker die ersten in der Festung waren. Ich stand aber nicht bei ihnen, zog auch nicht mit den Schwaben heim, als sie gleich darauf abgerufen wurden ins Reich, weil der Franzos, der Mordbrenner, über den Rhein gefallen war. Zu dem jungen Bayernfürsten hatt' ich mich geschlagen, und mit dem hab' ich den Belgrader Sturm durchgemacht.« »Wie ist mir denn aber?« fuhr ein Zuhörer dazwischen, »Ich hab' als gemeint, Belgrad und griechisch Weißenburg sei ein Ding.« »Freilich,« entgegnete der Wirt. »Nur ist's jetzt der Brauch geworden, daß man bloß noch von Belgrad spricht.« »Es ist gehopft wie gesprungen,« sagte der Erzähler, indem er den Unterbrecher etwas grimmig ansah. »Vorn heißt's Belgrad und hinten griechisch Weißenburg. – Das war ein Krachen und Donnern, als ob der Welt Einfall vor der Türe wäre,« fuhr er fort. »Mein glorwürdiger Savoyer, der von der andern Seite stürmte, hätte schier seine Laufbahn beschlossen, da sie noch in ihrem ersten Anfang war; aber er kam von seiner schweren Blessur wieder auf, denn ihm war ein anderer Tag von Belgrad in sein Lebensbuch geschrieben, der das Blut des ersten bezahlen sollte. Darauf zog ich mit dem Markgrafen von Baden ins Feld und half ihm den Graf Deckele jagen, den ungrischen Rebellen, daß er froh sein mußte, sein Leben als Weinhändler zu Konstantinopel beschließen zu dürfen.« »Drum sagt man auch seit der Zeit: ›Hochmut kommt vor dem Fall, wie beim Graf Deckele.‹« »War doch ein vigoroser Herr, und gut evangelisch, wie unsereins, wenn er's nur nicht mit dem Erbfeind gehalten hätte. Und seine Frau Helene, die war euch ein Weib, über einen Mann, war Kommandant in Munkatsch, und wenn sie nicht verraten worden wäre, so hätten wir die Festung heut' noch nicht. Wir haben ihr aber auch alle Reverenz angetan und haben sie gegen einen gefangenen kaiserlichen General ausgewechselt. Derweil aber hat der Halbmond wieder zugenommen die untere Donau herauf und hat uns alle unsere serbische Festungen auf die Hörner gespießt. Da haben wir auch Belgrad wieder verloren auf lange Zeit, weil es für unseren Fürnehmsten aufgespart bleiben sollte. Bin aber nicht dabei gewesen, wie der Türk' es nahm, sonst hätt' ich vielleicht auf der Taubenpost mitreisen können. Acht Regimenter sind dort dem Kaiser in die Luft geflogen auf einen Schlag.« »Da mag's erst gekracht haben,« sagte einer der Gäste. »Ja,« fiel der Wirt ein, »ich weiß noch, wie das Geschrei im Reich erging, der Türk' sei wieder in Belgrad. Man hat schon gemeint, morgen werde er vor Ofen und übermorgen wieder vor Wien stehen, wie Anno dreiundachtzig.« »Das haben wir ihm vertrieben,« fügte der Türkenfresser, indem er die krummen Spitzen seines Schnurrbarts nach beiden Seiten gerade zog und ein paar greuliche Augen dazu machte. »Bei Schlankement sind wir über ihn her, Anno einundneunzig war's, am neunzehnten August, es ist mir wie gestern, und ist eine solche Aktion und Viktori unerhört gewesen seit der Entsetzung von Wien. Aber der Durcheinander war auch danach. Es gab keine Generalsperson, die nicht hätte ihr Gewehr lösen und sich ihrer Haut wehren müssen, so gut wie ein Gemeiner. Zuletzt rief der Markgraf: ›Drein gerasselt!‹ und mit donnerndem Hufschlag ging's dem Feind in den rechten Flügel, den warfen wir auf den linken, und jetzt, eben wie der Türk' sich noch einmal zusammennehmen will, auf einmal verstummen seine Becken und Schellen, denn unter der Schlacht machen die Heiden an einem fort türkische Musik. – Ist's noch nicht besser?« warf er dazwischen gegen Hanngeorg hin, welcher den Kopf schüttelte. »– Und da ist euch alles so still geworden, daß man hat sein eigen Wort hören können. Was war's? Der Mustavha Köpperle war gefallen, ihr Großwesier, das Teufelskind, vor dem der Kaiser nächstens nicht mehr in seiner Hofburg sicher gesessen wäre. Wir aber ersehen den Augenblick und brechen durch, denn der Türk' ist dagestanden wie eine vermähte Krot', ganz bestürzt, und drin' sind wir im Lager, und zwanzigtausend pumphosige Heiden decken euch den Walplatz, wie Garben, und Pascha an Pascha. Aber auch wir hatten viel hohe Offiziere eingebüßt, und war schier die ganze Armata zerhauen, wie wenn sie von der Fleischbank käme; nur ich allein bin heil davongekommen.« »Wisset ihr denn nicht, daß er fest war, der gottlose Kerl?« rief der Wirt. »Er führte ein Galgenmännlein bei sich, ich hab's einmal gesehen.« »Habt Ihr's noch, Ulrich?« fragte einer der Gäste. »Was werd' ich's noch haben?« versetzte der Türmer. »Dann hätt' ich ja auch meinen Fuß noch. Nachdem wir mit dem Gröbsten fertig gewesen sind und die Sache weiter keine Gefahr gehabt hat, so hab' ich mich wieder ins Reich heraus gemacht, hab' auch bald verkundschaftet, daß über dem alten Verdruß Gras gewachsen ist, und hab' gedacht, es sei dem Kaiser eben so wohl gedient, wenn ich jeden Tag für ihn die Türkenglocke läute. Und weil ich nicht meinte, daß ich noch einmal in den Krieg müßte, so hab' ich mein Gläslein einem Dünewaldschen Kürassierer, da sie hier im Quartier gelegen sind, verkauft.« »Wo habt Ihr denn aber Euren Fuß gelassen?« fragte ein Gast. »Wo werd' ich ihn gelassen haben? Im lieben Bayerland. Wie Anno zwei das Ungewitter von neuem losbrach und unsere Stadt an die dreihundert Mann zum Kreiskontingent stellen mußte, so sprachen mir die Herren zu, ich solle als ein versuchter Soldat mitgehen. Es war mir nur halblieb; denn die Zunftmeister wählten insonders vertunliche Leute aus, an denen nicht viel verloren war; auch zog ich nicht gern gegen den Kurfürsten als meinen alten Alliierten von Belgrad her; doch verdroß mich's auch wieder an ihn, daß er sich mit dem Franzosen gegen den Kaiser verbunden und uns den Handstreich auf Ulm gemacht hatte; auch schafften mir's die Herren, daß mein Weib den Turmdienst versehen durfte an meinerstatt; und so ließ ich mich bereden, zog den grauen Rock an und ging mit. In Heppach, Anno vier, am neunten Juni, bin ich mit dabei gewesen als Schildwache, wie mein Prinz Eugenius mir dem Herzog von Malbruck und dem Wirtenberger Herzog Kriegsrat gehalten hat; denn der Herzog Eberhard Ludwig, als Kreisdirektor, war damals nach gar ein martialischer junger Herr und hatte lieber mit Haubitzen zu tun als mit Grävenitzen. Er bekam auch einen Schuß auf den Brustharnisch, der ihn quetschte, wie wir darauf am zweiten Juli den Schellenberg stürmten bei Donauwörth; auch der Prinz Karl Alexander, sein Vetter, der katholisch geworden ist, wurde ins dicke Bein blessiert; wer aber am schlimmsten wegkam, das war ich, denn während wir, bevor es zur Attacke ging, drei Stunden lang unbeweglich in einem Kreuzfeuer postiert standen, machte mich eine bayerische Kartaune um einen Fuß kürzer. Das half aber alles nichts; so hitzig sie sich in ihrem Retranchement wehrten, herunter mußten sie, Bayern und Franzosen alle miteinander, und wurden dreizehn Bataillone und Eskadronen aufgerieben und bei achthundert Mann in die Donau gesprengt.« »Aber ohne dich!« brummte sein Patient, der die ganze Zeit über leidend und mürrisch mit dem Kopf in der Hand auf dem Tische gelegen war. »Freilich ohne mich, sonst hätt' ich's ja machen müssen, wie die Gänse, wenn's regnet. Hab' dann auch im August nicht beim Kehraus sein können und den Tallard mit seinen Unüberwindlichen fangen helfen; aber was meint ihr denn? wenn wir nicht im Monat zuvor so sauber den Schellenberg gefegt hätten, so hätten die Unseren bei Höchstätt nicht so ebenen Tanzboden gehabt. Drum, wenn ich auch diese Tänze jetzt nur noch in meinem Turmstüblein mitmachen kann, so oft mir der Organist den Postreiter zu lesen gibt, so ist mir's doch so leibhaftig, daß die Zeitungsbuchstaben wie ganze Regimenter vor mir aufmarschieren, und die letzten großen Aktionen meines Savoyers, bei Peterwardein und Belgrad, sind mir gewesen wie Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein, und wenn mir die Glori meines Helden wohl tut wie die warme Mittagssonne, so denk' ich dran, daß ich schon am frühen Morgen mit ihm auf der Bahn gewesen bin, lang eh' er's so weit gebracht hatte wie jetzt, und hab' mit ihm den Halbmond gestutzt und nachher auch noch den Gockelhahn gerupft, unsere beiden Erbfeinde.« »Das ist ein guter Trost für das Stillsitzen,« lachte einer der Gäste, »aber ein schlechter für den seligen Fuß.« »Für den muß ich mich eben mit dem häuslichen Sinn trösten,« erwiderte der Türmer, »denn die vielen steilen Stiegen tuts freilich nicht oft und geht mir allemal lang nach, klappert auch, wie nichts Gutes, absonderlich in der Nacht.« »Es muß doch etwas Apartes sein,« hob ein anderer an, »wenn man so hoch über den Häusern und Dächern sitzt im engen Turmstüblein.« »Ja, ja,« versetzte der Türmer und schaute lang in die Kanne; sein Gesicht hatte einen eigentümlichen Ausdruck, es war schlau und träumerisch zugleich. »Wenn man abends so durch das einzige kleine Fensterlein auf das Meer von Lichtern drunten sieht, so ist's, als säße man auf einem umgekehrten Felsen und hätte die Sterne unter sich. Oder,« fuhr er abgebrochen fort, »man steht draußen unter dem Glockenstuhl im hohen Turmfenster, zwischen den heraufragenden Türmlein, Zacken und Löwenköpfen, die Lichter löschen ein's um's andere aus, die Stadt liegt tief unten und tut keinen Atemzug, der Nachtgeist streicht durch die offenen Fensterbogen, haucht leis über die Glocken hin, endlich entschläft er, nun lebt nichts mehr in der Welt als unter den Füßen die Unruhe der Uhr mit ihrem Ruck-Ruck, Ruck-Ruck, und dann und wann raffelt's wie ein plötzliches Zusammenschrecken in den großen Rädern und Gewichten, so daß es einem vorkommt, der Turm sei ein lebendig Wesen mit Herz und Puls im Inneren, und oben im Kopf da wohnt die metallene Stimme, und neben ihr das lichte Ding, das über allem diesem brütet und simuliert – versteht ihr, das ist der Wächter selbst, denn der sitzt recht dem alten Riesen im Kopf, wie der Gedank' im Kopf des Menschen sitzt. – Hast's immer noch im Zahn?« fragte er unversehens den Trübsalbläser, der sich bei den letzten Reden aufgerichtet hatte. »Wie du's im Hirngehäus hast,« brummte dieser, ohne jedoch die Hand mit dem Läppchen von der Wange zu entfernen. »Ich glaub', ich tät mich fürchten,« sagte einer, »wenn's bei stiller Nacht im Turm so ruckt und lebt.« »Contrari,« versetzte der Türmer blinzelnd, »da droben ist man sicher wie in Abrahams Schoß und hört nichts von dem, was drunten vorgeht, tief unter der Uhr und unter dem Kreuzgewölb. Denn dort möcht' ich nicht jede Nacht sein.« »Was? wo?« »Nun, in der Kirche selber.« »Woher wisset Ihr das, Ulrich?« riefen die andern, indem sie näher zusammenrückten. »Vom Sehen. Ich bin einmal dazu gekommen, es war am Bürgermeisterstag, die Herren feierten die Wahl mit einem Bankett und Tanz auf dem Rathaus, und weil meine Glocken am Morgen so lustig zur Ratsprozession geläutet hatten, so meinte ich am Abend, mir könnte wohl auch einiges Türkenblut springen bei meinem Kasper da. Nun, es war spät geworden, aber eine glanzhelle Julinacht, der Vollmond stand am Himmel, und wie ich den steinernen Schnecken wieder heimsteige, schlägt's eben Mitternacht über mir. Nachdem es aber ausgeschlagen hatte, da war mir's, als hört' ich neben drunten ein Geräusch. Ich bleibe stehen, und richtig hör ich ein Klopfen und Poltern von der Kirche her, daß ich gleich denken muß: da gibt's etwas. Ich steige also vollends hinauf bis zur Sommerlaube, gehe weiter, bis wo die Glockenseile durch's Gewölb ins Paradies hinabhängen, in die Vorhalle der Kirche, lege mich auf den Boden und gucke durch eins der Löcher hinunter. Aber was sehen meine Augen? Es war so hell drunten, daß man jede Fuge in den Bodenplatten unterscheiden konnte. Und da erlustierte sich eine Gesellschaft, wie man nicht leicht eine schauen wird, lauter Knochen und klapperdürre Gebeine ohne Haut und Fleisch. Sie wackelten an den Wänden und Nischen hin, klopften mit den beinernen Fingern an die Grabsteine, daß es hallte, und da kamen immer noch mehr, bis die ganze Vorhalle von ihnen erfüllt war. Man konnte nicht anders denken, als sie seien dem Wahltag zu Ehren aus dem Bett geschlupft, um geziemendermaßen als Ratsverwandte auch ihre Festivität zu haben.« »Ulrich, verbrenn' dir das Maul nicht!« unterbrach ihn der Wirt, »Und ihr,« rief er den Gästen zu, indem er die Stimme dämpfte, »hütet eure Zungen. Wenn's durch ihn lautbar würde, daß die tote Ratsherrenschaft am Bürgermeisterstag im Paradies bankettiere, er müßt' in den Diebsturm, wie verwichen der Kantengießer, der mit den Herren gehadert hat im großen Rat.« »Wir sagen's nicht weiter!« beteuerten die anderen in wonnig grausiger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. »Zu bankettieren hatten sie nichts,« versetzte der Türmer. »Es ging ganz mager und trocken her, aber lustig bei alledem. Man sollt's nicht glauben, wie Leute, die bei Lebzeiten vielleicht bocksteife Gesichter gemacht haben, nach ihrem Tod so kurzweilige Gesellen werden können. Sie hingen sich an die Glockenseile, wie wir's in unserer grünsten Jugend gemacht haben, und flogen daran durch die ganze Halle hin und her. Wann faßten sie einander alle an den Händen und begannen einen Reigen zu wackeln, ob dem ich schier laut lachen mußte. Es ist nicht zum Beschreiben und ging über jeglichen Fastnachtsschwank, wie bei diesem Tanz die langen Beine einknickten und die dürren Knochen durcheinander schlotterten. Zuweilen fielen sie haufenweise zu Boden, und manche, die nicht mehr niet- und nagelfest sein mochten, gingen dabei in Scheiben; so wie sie aber wieder auf die Beine kamen, waren sie wieder ganz und wackelten weiter, als ob nichts geschehen wäre. Das war euch ein Getöse, ein Regiment Störche kann nicht ärger zusammenklappern. Manchmal hielten sie auch mit dem Tanzen inne und ruhten aus, wie es auf dem Tanzboden Sitte ist, etliche an die Säulen gelehnt, andere miteinander auf- und abgehend, wobei sie gleichsam in eifrigem Gespräch mit den hohlen Schädeln gegeneinander nickten und wackelten. Wenn ein Tanz aus war, so schlupften sie ehrbar in ihre Gewande, wer eins hatte, denn daran konnte man erkennen, wie lang einer schon in die Sippschaft verbürgert war; die einen waren noch ziemlich wohl versehen, die anderen trugen nur noch schlechte Fetzen, womit sie zur Not ihre Blöße deckten, und wieder andere gingen nackt und bloß, ließen sich's aber nicht anfechten, waren vielmehr froh, wenn sie nur noch ihre Knochen vollständig beieinander hatten und ihnen der Mond nicht so breit durch die Rippen schien, wie den gar Alten. Hub der Tanz wieder an, so legten, die so bekleidet waren, ihre Hemdlein säuberlich auf eine Schranne in der Ecke, nicht weit von der Turmtüre. Ganz zuletzt, nachdem schon ein paar Klappertänze vorbei waren, kam noch ein Nachzügler auf den Plan, der sich erst kurz zur Ruh begeben zu haben schien, denn er wankte verschlafen daher, ein himmellanger Kerl –« Der Wirt ließ ein kurzes bedeutsames Lachen hören. »Er hatte ein langes weißes Leinentuch um, dem man ansah, daß es noch neu war, und stolzierte darin herum, als ob's ein Alamodekleid wär'. Auch wollt' er's nicht ablegen, wie ihm nach einer Weile vom Zusehen die Lust zum Tanzen kam. Die anderen aber hielten streng auf ihre Tanzordnung, schüttelten ihre Köpfe, zerrten ihn am Hemd, und als er sich wehrte, stießen sie ihn, daß er zu Boden fiel und die langen Beine in alle Höhe streckte. Da mußte er Spaß verstehen lernen und sein Hemd zu den andern auf die Schranne legen, worauf er mittun durfte. Sie rissen ihn aber so mutwillig herum, daß euch das lange dürre Gerippe, das über alle um mehr als einen Kopf hinausragte, den possierlichsten Tänzer abgab, über den man je auf einem Tanzboden gelacht hat. Ich hatte das Ding eine gute Zeit so angesehen, da reitet mich der Teufel –« »O, nur das nicht!« rief unwillkürlich einer der Gäste aus. »Was nicht?« fuhr ihn der Erzähler an. »Weiß ich's denn?« entgegnete der verblüffte Zuhörer, dessen Zunge der Einbildung vorausgelaufen war. »Das wär' just ein Grund zum Schweigen, dächt' ich,« bemerkte jener. »Ich konnte dem Einfall nicht widerstehen,« fuhr er fort, »schlich hinunter, riegelte leise die Tür' auf, die in die Kirche führt, kundschaftete einen Augenblick, ob sie meiner nicht gewahr würden, aber sie tanzten und klapperten wie besessen fort, und mit einem Schritt war ich in der dunklen Ecke, hatte das oberste Stück von ihrer Guardaroba erwischt, und ebenso geschwind war ich wieder draußen aus dem Paradies. Nun wurde mir's aber doch ein wenig visierlich ums Brusttuch, und ich hätte nicht geglaubt, daß man einen Wendelstieg so schnell hinaufkommen könnte.« »Mit dem Stelzfuß?« fragte der Zahnwehkranke so spöttisch, als ob er ein Kartenhaus umgeblasen hätte. Der Türmer drehte seine Schnurrbartspitzen, daß sie wie krumme Säbel emporstanden. »Verstehst du nicht deutsch?« erwiderte er. »Hast's doch deutlich hören können, daß ich noch nicht lang' aus dem Türkenkrieg zurück war. Die Kugel, die mir das Turmsteigen sauer macht, war damals noch nicht gegossen oder schlief noch im Ingolstadter Zeughaus. Auch war ich noch ledig, hatte aus dem Feldlager eine harte Bärenhaut mitgebracht und hätte wohl wollen den Tod hinter dem Ofen fangen und den Teufel im Sack prügeln. Also streckte ich mich wieder bei meinem Guckloch nieder und sah, daß ich die Zeit gut getroffen hatte, denn sie machten eben wieder Feierabend und legten ihre Mäntel an, während die Unbekleideten nach und nach hinter den Grabsteinen verschwanden, wie sich die Fliegen, wenn's Winter wird, in die Wände verlieren. Mein Langer aber, denn das war der Bestohlene, geistete unruhig durch die jüngere Gesellschaft hin und her und wollte da und dort einem anderen das Gewand von den Knochen reißen, worüber es zu Balgereien kam, wie sie in keinem Dockenkasten närrischer sein können. Dann krabbelte er an den Wänden und Grabsteinen herum, ob einer der vorangegangenen Schlafgesellen sich seines Hemdes bedient habe. Auf einmal aber, ich weiß nicht, hab' ich vielleicht das Lachen nicht recht verhalten können oder hat er's sonst gemerkt, auf einmal mit einem Affensprung hängt er am Glockenseil und schießt dran herauf wie ein Pfeil, ich hab' mich kaum noch zurückwerfen können, da fährt schon sein beinerner Arm durch das Loch und flügelt nach allen Seiten umher, kriegt aber nichts, und fort ist er wieder. Nun aber überliefs mich wie geschmolzenes Blei, denn es fiel mir ein, daß ich die Tür unten offen gelassen hatte. Mein einziger Trost war, daß er mit seinem Gliederspiel nicht so rasch den Schnecken heraufspringen werde, aber trau schau wem? Das Leintuch um den Arm gewickelt, das ich um keinen Preis hergegeben hätte, lief ich Sturm die Stiegen empor, und ein Wunder war's, wie sicher das in dem stockfinstere Turme ging. Aber so sehr ich auch eilte, denn zehn Batterien im Rücken hätten mich nicht stärker gejagt, so kam es mir doch wie eine Ewigkeit vor, und erst als ich die oberste Stiege hinter mir hatte und wieder unter meinen Glocken stand, wagte ich Atem zu schöpfen. Da oben war's auch wieder hell und freundlich, wie am Tag, der Mond sah zum Bogenfenster herein. Dreiviertel schlug's, wie ich oben angekommen war. Jetzt: kommt er, oder kommt er nicht? Ich horchte hinab, hörte aber nichts als den schweren Gang der Uhr. Halt, was war das? Zwischenhinein ein hölzerner Ton, etwa wie wenn ein Fensterladen oder so etwas anschlägt. Es kommt näher, wird immer deutlicher. Manchmal ist's wieder still, dann schwingt aber ein's von den Glockenseilen, zum Zeichen, daß er sich dran heraufzieht, bis er dem Gebälk oder sonst einem Hindernis begegnet und wieder den beschwerlicheren Weg auf den Stiegen machen muß. So geht es abwechselnd fort, aber unverdrossen, und immer lauter wird das Geklapper, und jetzt ist's kein Zweifel mehr: er kommt, kommt richtig.« »Hu!« riefen die Zuhörer. »Was tun?« fuhr der Erzähler fort. »Mich in meinem Stüblein verschanzen? Was sind dem Riegel und Blockwerke? Der kommt hinein und erwürgt mich schmählich zwischen den niedrigen vier Wänden! Mich auf den Umlauf hinaus flüchten? Da kommt er nach und wirft mich elendiglich über die Brustwehr hinab. Besser also, hier, unter meinen Glocken, auf meinem Posten bleiben und mich halten wie ein ehrlicher Soldat. Ich nahm mir nicht Zeit, meine Hellebarde aus dem Stüblein zu holen, den Stundenhammer machte ich aus Riemen und Nagel los, und so stand ich mit hochgehobenem Arm am Stiegenrand unter der großen Glocke, die halb dort über der Stiege hängt. Und jetzt kam's an diese oberste Stiege. Bei jedem Tritt brachen ihm die Knie ein, aber er krallte die weit vorauslangenden Hände in die Staffeln und zog sich nach, wie ein langer langer Schnak', so daß es schneller ging, als ich ihm zugetraut hätte. Und während es noch weit unten auf den Staffeln klapperte, fuhr auf einmal mit einem mächtigen Schwung ein Kopf und ein Arm unter der Glocke weg aus dem Dunkel hervor, und der Arm tut einen langen Griff nach mir –« »Jesus!« schrien die Zuhörer. »Schüttelt's dich doch endlich, Hanngeorg?« sagte der Wirt. »Ein Laut ging durch den Turm, als ob ihn der Schreck durchzuckt hätte, aber es war die Uhr, sie hatte gewarnt. Ich war drei Schritte zurückgesprungen und bereitete mich zum Schlag – da, denket euch, wie mir zu Mut wird, als ich den Kerl erkenne! Schier war' mir der Hammer aus der Hand gefallen. Denn wer war's?« »Wer anders als der lang' Assas!« sagte der Wirt. »Geschwätz!« bemerkte der Patient, der zum erstenmal freiwillig den Mund auftat, »Wie sollt' an einem Totenkopf etwas zu erkennen sein? Der hat ja kein Gesicht.« »Und ich sag' euch,« rief der Türmer, »es war der lang' Assas, ich sah ihn so deutlich, wie ich euch alle da vor mir sehe. Es war, als ob die Knochen sich zu einem Gesicht verzögen, das im weißen Mondlicht einen Schein von Leben angenommen hätte. Er grinste mich mit einem grimmigen Lachen an, und ob er gleich keinen Laut von sich gab, so verstand ich doch, was er sagen wollte: Gelt, ich hab' dich bis nach Belgrad und Schlankement gejagt, und nun will ich dich vollends ins Bockshorn jagen. – Probiers! dachte ich und wollte ihm eines zwischen die Ohren geben, das mir wohl wenig geholfen hätte, da rasselts mit aller Macht, und holt aus, und auf der kleinen Glocke schlägt es eins. Meine alte Susanne über mir wurde unruhig und hätte gleichfalls gern geschlagen, aber sie konnte nicht, weil ich ihr den Hammer genommen hatte. Nun weiß ich nicht, wie es mich überkam: war mir's in die Glieder gefahren, als guter Turmwächter meiner Glocke beizuspringen, oder ist's eben in der Verwirrung meiner Sinne geschehen, kurz, statt dem Assas geb' ich der Glocke den Streich, und das mit beiden Händen, einen Streich, wie wenn man einen Ochsen schlägt. Sie hat aber auch Laut gegeben, die gute Susanna mit ihrer tiefen Stimme, einen zornigeren Baß habe ich keine Kartaune jemals singen hören. Und siehe da, ich hatte in meinem Unverstand das rechte Mittel getroffen. Der Donnerschlag, der mich selbst schier zu Boden geworfen hätte, fuhr dem Gesellen auf den Kopf, und zusammen bricht er, und krach, krach, klatsch, klatsch, geht's die Stiegen hinunter, immer ferner, immer dumpfer aufschlagend, bis endlich nichts mehr zu hören ist. Es blieb auch still, und ich will nicht leugnen, daß mir's wohler war als zuvor.« »Das glaub' ich,« sagte einer der Zuhörer. »Aber hat er wirklich den Hals gebrochen?« »Den andern Morgen, das könnt ihr euch denken, sah ich zeitig nach. Tief unten, wo die unterste Stiege wieder auf dem Gemäuer aufsteht, lag ein Haufen Gebeine, zerstreut und zerbrochen. Bis dahin waren sie durch die halb offenen Stockwerke hinuntergefallen und mögen sich unterwegs an manchem Balken gestoßen haben, bis sie auf dem steinernen Grund vollends den Rest bekamen.« »So ist's also kein Traum gewesen?« rief einer der Zuhörer, den das Entsetzen jetzt erst recht zu ergreifen schien. Der Türmer nickte. »Ich trug sie nach der Sommerlaube hinab und über das Gewölb des Kirchenschiffs bis ganz nach hinten, wo sich ein Abgrund zu Füßen auftut. Ihr wißt, das ist der grüne Turm, der durchein hohl und von außen und von innen unzugänglich ist. Man glaubt, es sei gar nichts drin, aber ich weiß es besser, denn dort drunten liegt der Assas. Dort hab' ich ihn hinuntergeschüttet. Aber wißt ihr, wem ich's erzählt habe? Dem Enakskind, das an dem großen Haus unter der Kirche gemalt ist.« »Dem Niemand!« riefen die Gäste lachend; denn alle kannten das Bild, das die allegorische Person, die so vieles weiß und so vieles getan haben muß, in riesiger Gestalt darstellte. »Und ist er nicht mehr gekommen?« fragte einer. »Der Niemand?« »Nein, der Assas.« »Bis jetzt nicht. Er wär' auch bei meiner Alten noch übler gefahren, als bei mir. Ich hab' nämlich bald hernach geweibet, um nicht so allein zu sein, und auch damit die Herren nichts sagen konnten, wenn ich vielleicht einmal die Türkenglocke da unten beim Kasper zog statt droben im Turm.« »Und das Beutestück, hast du das deiner Alten zur Morgengabe gebracht?« fragte der Wirt, nachdem er einen Blick mit dem Erzähler gewechselt hatte. »Was willst du damit sagen?« »Das Totenhemd, mein' ich, das du erobert hast,« »Ja so, das hätt' ich bald vergessen,« sagte der Türmer, aus den halb zugekniffenen Augen einen langen Blick auf seinen Patienten werfend, »Das Leintuch hab' ich wohl aufgehoben, hab's auch gleich hernach brauchen können. Denn in der nämlichen Nacht, in der ich zweihändig hab' eins geschlagen, hat noch ein anderer in der Kirche ein wunderliches Stück erlebt. Des Organisten Bub', wem's noch denkt –« »Der in der Kirche verschlafen ist?« rief der Wirt. »Ja, unter der Vesperpredigt. Vermutlich war ihm etwas vom Bürgermeisterswein zugeflossen, denn damals hat man reichlicher ausgeteilt, wie jetzt. Da ist er an der Orgel sitzen blieben, bis er ausgeschlafen hatte, und wie er nach Mitternacht erwacht und sich umsieht, ist kein Mensch weder zu hören, noch zu sehen. Vielleicht ist er an meinem Glockenschlag aufgewacht, der wohl einen Toten hätte erwecken können, oder auch von dem andern Geräusch. Ein couragierter Bub' ist er gewesen, und wie er sieht, daß niemand sein Geschrei in acht nimmt, so steigt er über die Orgel beim Rückpositiv, schlägt beide Füße hinüber und läßt sich auf die Singpore hinab. Ihr wißt, wie hoch das ist, der Bub' hätt' sich leichtlich zu tot fallen können. Auch ist er im Herablassen auf den Rücken gefallen und hat an einem Fuß angefangen zu hinken, ist aber endlich hinab über die zwei Stiegen in die Kirche gehunken und hat dem Mesner an der Tür geklopft, der ihn dann hinausgelassen hat.« »Ja,« fiel der Wirt ein, »sein Vater hat mir's den andern Tag geklagt, wie er ihm nachts vors Haus gehoppet kommen sei, und wie man jetzt den Barbierer für den Fuß brauchen müsse.« »Der Fuß wär' bald geheilt gewesen,« nahm der Türmer wieder das Wort, »aber nun ist das Hitzige am Buben ausgebrochen, und da hat kein Barbierer und kein Physikus geholfen. Mein Weib war damals noch beim Organisten im Dienst, und da hab' ich sie beredet, und wir haben miteinander den Buben in das Leichentuch eingewickelt ohne seiner Eltern Wissen, denn erst nachher hab' ich's seinem Vater heimlich gesagt. Es hat ihm aber auch in einer einzigen Nacht alle Hitze herausgezogen. Es kühlt so, gelt, Hanngeorg?« Der Patient, der die ganze Zeit den Lappen gewohnheitsmäßig an die Wange gehalten, unter den letzten Reden aber mißtrauisch immer weiter von ihr entfernt hatte, warf ihn jetzt auf den Tisch, als hätte er eine Schlange wegzuschleudern. Ein schallendes Gelächter erfolgte. »Es ist doch etwas Unmenschliches um so einen alten Soldaten!« rief einer der Gäste. »Ei was!« versetzte der Türmer. Das Mittel ist heut noch probat, wie bei der ersten Kur. Hab' manche seitdem gemacht, versteht sich, in der Stille.« »Und nach dem Buben hast du gleich seine Wärterin kuriert?« fragte der Wirt. »Der Türk' hat keine Kur begehrt,« lachte der Türmer. »Aber wahr ist's, weil sie am Krankenbett des Buben ein Vertrauen zu mir gefaßt hat, so hat sie ihr Kreuz auf sich genommen und ist mir unter den Glockenstuhl nachgefolgt.« »Und der Bub' ist jetzt auch schon eine Weile her beweibt, der damals noch so jung war. So vergeht die Zeit.« »Ja, und deswegen muß ich jetzt heimklappern, sonst kocht mir meine Alte Kifferbsen. Gut' Nacht beieinander. Wie steht's denn mit dem Schmerz, Hanngeorg?« fragte er im Aufstehen. »Das Zahnweh ist weg,« versetzte dieser, »ich kann's nicht leugnen. Aber mit deinem Teufelszeug bleib' mir vom Leib.« Der Türmer lachte, steckte den Lappen sorgfältig ein und stelzte nach der Türe. Der Wirt ließ ihn halb über die Schwelle gehen, dann rief er ihm nach: »Alter Schlankementer!« »Was ist's, Kasper?« »Wenn du jetzt im stockfinsteren Turm hinaufsteigst, und dein Totenbein auf den Stiegen klappert, denkst du nie dabei an den beinernen Schnaken, der den Weg dort hinauf kennt? Wenn er sich jetzt aus dem grünen Turm aufgemacht hat und dich vielleicht schon in der Sommerlaube erwartet? Oder du bist im besten Steigen, da zittern und rasseln auf einmal die Glockenseile neben dir, und unter dir klappert ein zweiter auf der Stiege, der dir folgt und mit langem, langem Arm nach dir greift – ?« Der Türmer hatte sich bedächtig umgewendet. Er strich die Spitzen seines Schnurrbarts herab, daß sie wie Trauerweiden niederhingen. Dann machte er leise die Türe wieder zu, kam zurück und warf sich auf die Bank, daß der Stelzfuß gerade hinausragte. Die Gäste sahen einander an, teils in grauslichem Mitleid, teils verstohlen lächelnd über die Schwäche, die den alten Türkenhammer überkommen zu haben schien. »Es ist nicht christlich von dir,« sagte dieser endlich, »daß du mir eine solche Zehrung mit auf den Weg gibst. Du hast gut reden, du darfst im geheuren Nest sitzen bleiben. Ich muß jetzt nur ein wenig warten, bis die Anwandlung vorüber ist, und du, schaff' du derweil noch eine Kanne her. Die andern fallen dem Hanngeorg aufs Kerbholz, aber die da mußt du leiden. Es ist selbstverschuldet.« Nun kam die Reihe des Ausgelachtwerdens an den Wirt, der jedoch lustig mitlachte und willig noch einmal in den Keller ging. Die Kanne war bald geleert. »Aber jetzt muß ich Sturm laufen,« sagte der Türmer. »Meine Alte kommt am Ende so in Angst, daß sie nach mir sucht, und dann brächten wir sie nicht so leicht mehr fort; denn die Angst, habt ihr gesehen, wirkt auf den Durst.« Er beurlaubte sich zum zweitenmal und ging. Unter der Türe aber blieb er stehen. »Kasper!« sagte er. »Was, Ulrich?« »Oder willst mich noch einmal fürchtig machen?« »Nein, nein!« rief der Wirt lachend. »Mit Fried' und Freuden fahr' dahin! Das Fäßlein ist leer. Alter Wein hält nicht so lang', wie alte Geschichten, sonst brauchte unser Herrgott keinen neuen wachsen zu lassen.« Sankt Urbans Krug. Ein Schwank aus dem Vagantenleben des 16. Jahrhunderts. An einem heißen Spätsommernachmittage wanderten drei fahrende Schüler durch das Höllental, dessen enge Schlucht zwischen senkrechten Felsenwänden am rauschenden Wasser hin kühl zu begehen war. Sie bedurften der Kühlung im tiefen Talgrunde unter dem grauen Gestein und den überhängenden Tannenforsten, denn sie waren alle drei seltsamlich bepackt. Der vorderste, weißköpfig, wie man es sonst nur an Kindern sieht, ehe ihnen die Haare im Erwachsen dunkler werden, dazu über seine Jahre beleibt und reichlichen Schweiß vergießend, trug einen gebratenen Hammelsschlegel, abwechselnd bald gesenkt, bald wie einen Spieß über die Schulter gelegt. Der zweite, schwarzhaarig und mit klugen, dunklen Äuglein um sich herblinzelnd, folgte mit einer großen Flasche Weins, die er mit frischem Moos umwunden hatte. Sie hatten die Wegzehrung aus einer einsamen, mit Mannsvolk just schlecht verwahrten Schenke, wo sie weidlich gezecht, halb mit guten, halb mit bösen Worten fortgetragen und ein paar Plapparte dafür hingeworfen, deren Gepräge vermutlich für die Wirtschaft die Aufforderung enthielt, sotane Münze dem nächsten armen Teufel von einem Gast, der nicht so gewaltig vor dem Herrn auftreten konnte, beim Herausgeben anzuhängen. Der dritte, ein etwas schief gebauter kleiner Mensch mit zweierlei Augen, trug das zum Wein und Fleisch gehörige Brot, aber auch noch eine andere Last, die nur in so wenig heikler Zeit und Gesellschaft menschlichen Blicken begegnen konnte. Die beiden, die sich zufällig in der Herberge getroffen und Kundschaft miteinander gemacht, waren auf eine sonderliche Weise zum dritten Genossen gekommen. Als sie dort mit ihrer Beute abzogen, führte sie bald hernach der Weg an einem Galgen vorbei, der nicht weit von der Straße auf einer Anhöhe stund. Es wäre ja ein Wunder gewesen, wenn man nicht von Meile zu Meile einen angetroffen hätte, und noch ein größeres, wenn derselbe leer gewesen wäre. »Heda, komm mit!« rief der Weißkopf dem derzeitigen Bewohner zu. »Verziehet nur einen Augenblick, liebe Gesellen, ich bin gleich bei euch!« erscholl es auf diese Einladung vom Galgen her. Die beiden Vaganten, über solchen Spuk am hellen lichten Tage unmäßig erschrocken, liefen aus Leibeskräften davon und hätten den Raub schier weggeworfen, als sie Tritte, so schnell wie die ihrigen, hinter sich herkommen hörten. Der Weißköpfige hatte zuerst Reißaus genommen und den Schwarzen mit seiner Furcht angesteckt, der sich des Davonlaufens allmählich zu schämen begann und, an der jähen Steige angelangt, gern Halt gemacht hätte, um seinen Wein nicht zu verschütten. Aber als er sich umsah, kam ihm eine Figur nachgerannt, die ihn aufs neue in die Flucht trieb. Der Kleine hatte nämlich, als ihn sein Weg in die Nähe des Galgens brachte, an dem Gehängten ein paar noch gute Beinkleider – jede Hose nach herrschendem Brauch für sich besonders befestigt – wahrgenommen und sich derselben zu bemächtigen gesucht. Da es ihm jedoch nicht gelang, sie von den stark geschwollenen Beinen herunter zu streifen, so hatte er diese kurzweg abgeschnitten und war eben hinter einem Gebüsch am Galgen beschäftigt, den Kern wegzuwerfen und die Schale zu behalten, als jener Zuruf von der Straße her geschah. Er glaubte ihn an sich selbst gerichtet und beabsichtigte keineswegs mit seiner Antwort so großen Schrecken zu erregen; wie er aber die beiden laufen sah, so wurde es ihm selbst unheimlich, er befestigte geschwind die beiden noch immer bekleideten Beine mit einem Nestel aneinander, warf sie über den Kopf, daß sie zu beiden Seiten vom Halse herunter baumelten, und lief den Flüchtigen nach, als ob der Tote, dem er doch für alle Fälle das Gehen niedergelegt hatte, hinter ihm herkäme. Sein demütiges Nachrufen drang endlich dem Schwarzen an das schreckbetäubte Ohr und bewog ihn, Halt zu machen und sich trotz seines greulichen Aufzugs von ihm verständigen zu lassen, worauf er auch den Weißkopf, der kaum noch seiner Glieder mächtig war, unter großem Gelächter zurückrief und beruhigte. So zogen sie denn langsamer, aber immer noch mit sehr beschleunigtem Schritte den Berg hinunter und durch den Paß hinaus, in welchem es ihnen nach dem gehabten Schrecken zwischen den düstern Felsen nicht recht geheuer war. Besonders der vorderste schien so bald als möglich ins Freie zu kommen bestrebt, was zur Folge hatte, daß das Kleeblatt verzettelt hintereinander ging, denn der Kleine konnte nicht recht nachkommen, und der Schwarze, der diesem das Brot zu tragen gegeben, suchte den Zwischenraum zwischen Vor- und Nachhut auszugleichen, indem er sich in der richtigen Mitte hielt. »Gemach, Bruder!« rief er dem voraneilenden zu. »Du ziehst ja aus, als ob du nicht früh genug dem Galgen an den Hals springen könntest.« »Umgekehrt, der ist hinter mir.« »Dreibeinig und doch ohne Füße?« »Nein, langarmig, denn er reicht von Augsburg durchs ganze Reich.« Und ohne anzuhalten, bloß den Kopf ein wenig rückwärts gewendet, so daß das Zuhören für die beiden Nachlaufenden, welche die Hälse reckten, ein mühselig Stück Arbeit war, erzählte er, was ihn so unstät und flüchtig vorwärts trieb. »Seit man über den Glauben zu streiten angefangen hat,« begann er unter zustimmenden Seufzern seiner beiden Gesellen, »wollen die Leute gar nichts mehr glauben, die Altgläubigen so wenig als die Lutherischen, und für uns armes fahrendes Volk sind unsere besten Künste brotlos geworden. Drum hab' ich mich auf einige Zeit in den Landsknechtsorden begeben, der das Fasten den Mönchen überläßt, wenn er nämlich einen guten Kriegsherrn hat. Im April hab' ich bei Mühlberg dem Kaiser helfen den Kurfürsten fangen. – Haben immer gemeint, wir werden auch einmal einen Fürsten köpfen sehen, ist aber nichts daraus geworden. Da sind wir in den sächsischen Landen herumgelegen, und hat uns der Bauer müssen zu essen und zu trinken geben. Drauf ist aber der Kaiser im Sommer gar stattlich zu Roß und zu Fuß gen Augsburg gezogen, wo er jetzt einen eisernen Reichstag hält. Die Zeit wird's weisen, was er ihnen einzubrocken gedenkt; es muß eine heiße Suppe sein, denn er hat den Reichstag mit seinen Spaniern und Italienern wie mit einer Mauer umlegt. Die sind dort Hahn im Korb, den Deutschen traut er nicht recht. Unterwegs war das anders, da haben die Spanier Haar lassen müssen, so oft wir an sie gerieten. Beim Marsch auf Augsburg – ich glaub' wegen eines Rosses, das ein Deutscher einem Spanier genommen – hat sich ein mörderischer Handel angesponnen. Da haben Deutsche und Spanier aufeinander gehauen und geschossen, daß es nicht anders als wie eine Schlacht anzusehen war. Der Kaiser schickt einen Hauptmann – noch seh' ich ihn, wie er im goldenen Harnisch über ein Brücklein gegen uns reitet und sein andalusischer Hengst unter ihm tanzt – mich verdroß der Don mit seinem hochmütigen Gesicht, flugs pflanz' ich mein Hackenrohr auf, und bauz, kugeln Roß und Mann miteinander vom Brücklein ins Wasser hinab. Nun schickt der Kaiser seinen Bruder, den römischen König, weil der Streit immer ernstlicher worden ist. Der hat auch einen Schuß bekommen und ist wund aus dem Getümmel fortgebracht worden. Zuletzt ist der Kaiser selber kommen und hat uns die besten Worte gegeben. ›Wir Deutsche‹, sagte er in seinem gebrochenen Deutsch, ›wüßten ja, daß er uns vor allen seinen andern Völkern lieb und wert halte und mit unserer Hilfe allein sein Höchstes ausrichten könne.‹ Aber all' sein Bitten um Frieden hat nichts geholfen, bis er uns Genugtuung gab und ein paar Dutzend von seinen Spaniern henken ließ. Dünn zog er ganz still mit uns weiter, als ob er kein Wässerlein trüben wollte, denn er geht leis und tritt hart. Wie er aber in Augsburg angekommen war, ließ er gleich Galgen und Rad aufrichten und die Rädelsführer beim Kopf nehmen. Freunde zu haben, ist immer gut. Eine Dirne, der ein kaiserlicher Trabant am Gürtel hing, gab mir Wind von den Dingen, die da kommen sollten, und zeigte mir einen heimlichen Ausgang aus der geschlossenen Stadt. Meine Pluderhosen habe ich dahinten gelassen, bin in wackern Tagreisen durch mancher Herrn Länder durchgestrichen, und wenn ich an einem Galgen vorbeikomme, so denke ich: die Augsburger tun's den Nürnbergern nicht zuvor. Nun will ich vollends über den Rhein, aber Straßburg soll mir weit abseiten bleiben, denn diese Reichsstädte sind des Kaisers Hände, denen er nur zu winken braucht, wenn er einen am Fittich fassen will. Dem jungen König von Frankreich lauf' ich zu – Der legt ein' g'waltigen Haufen ins Feld, Es soll kein Landsknecht trauern um Geld, Er will uns ehrlich lohnen Mit Stübern und Sonnenkronen.« Er sang dies bereits ins Freie hinaus, denn soeben öffnete sich vor ihnen das Felsentor der Hölle, und sie schritten aus der Schlucht in die schöne Talebene, die das Himmelreich geheißen ist. Eine offene, lachende Gegend, die das Herz weit und leicht macht beim Herauskommen aus der düsteren Enge, lag in sonnigem Grün vor ihnen, anmutige Höhen zogen nach dem Rhein hinaus; in geringer Entfernung winkte Freiburg, dessen Münsterspitze über eine Anhöhe herübersah, und im fernen Hintergrunde dämmerte der blaue Zug der Vogesen. So wenig unser Kleeblatt ein bewußtes Auge für dieses Landschaftsgemälde hatte, so nahm es den Anblick doch mit unwillkürlichem Wohlbehagen in sich auf. Der Weißkopf zumal, der hier im Freien keine lauernde Gefahr mehr fürchtete, überließ sich dem Gefühle der Ruhe, das die heitere Umgebung vor allein den Wanderern einflößte. Er warf sich in den Schatten einer Linde, unter welcher ein Quell durch Steinbrocken nach dem Flüßchen sickerte. »Hier ist gut wohnen,« sagte er, die Hammelskeule neben sich legend. »Seid ihr nicht auch müde?« Der Schwarze stellte die Flasche sorgfältig in das Wasser, warf sich neben ihn und begann zur Antwort mächtig zu gähnen, worauf der Kleine dem Beispiel der beiden anderen folgte und, sich ebenfalls seiner Last entledigend, den Kopf im Grase begrub. »Wollen wir nicht ein wenig schlafen?« fuhr der erste fort. »Der Tag liegt noch lang genug vor uns! Ein Schläfchen hilft die alte Zehrung vollends verdauen, und beim Aufwachen wird Essen und Trinken um so besser schmecken. Hört an, es gilt eine Wette, Jeder soll nachher erzählen, was ihm geträumt hat, und wer den besten Traum sagen kann, der soll das Bestteil vom Schmause haben.« Seine beiden Gesellen hießen den Vorschlag gut und legten sich zum Schlafen zurecht. Der Schwarze schnarchte alsbald überlaut, setzte aber zuweilen aus, so daß dazwischen die tiefen Atemzüge der beiden anderen Schläfer hörbar wurden. Er dämpfte seine Orgeltöne mehr und mehr und ließ sie zuletzt ganz verstummen. Dann öffnete er abwechselnd das eine und das andere Auge, und als er sich nach längerem Blinzeln überzeugt hatte, daß die beiden fest schliefen, richtete er sich geräuschlos auf, zog sein Messer und langte nach dem Hammelsschinken. Vergnüglich in die Landschaft schauend, begann er ein Stück um das andere abzuschneiden und zu verzehren. Dabei blickte er von Zeit zu Zeit mit großer Gemütsruhe auf seine Genossen, ob sie noch nicht erwachen wollten. Er schien es ihnen nicht zu mißgönnen, vielmehr hielt er dann und wann ein wenig inne, als ob er ihnen Frist lassen wollte, ihre Rechte geltend zu machen. Da sie sich aber nicht rührten, so setzte er sein Geschäft in langsamer Eile fort. Nach einiger Zeit betrachtete er kopfschüttelnd, was Arbeit er gemacht. Das Stück war nicht nur sehr verunstaltet, sondern auch seinem Bestande nach so verringert, daß es ihm wohl spöttisch dünken mochte, zwei männlichen Fassungsvermögen solch armseligen Rest als Atzung zuzumuten. Er fuhr fort, bis auf allen Seiten der bloße Knochen des Messers spottete; dann legte er ihn leise in das Gras. Hierauf holte er die Flasche aus dem Keller, den er ihr bereitet hatte, und tat einen tiefen Zug. Neidlos wartete er auch jetzt wieder, ob keiner der beiden anderen Anspruch auf die Gottesgabe machen würde. Da es aber nicht geschah, so setzte er die Flasche wieder an den Mund und nach einer Weile abermals. Daß er jetzt strenger arbeitete denn vorhin, kam wohl nicht von Mißgunst her, sondern von der magnetischen Kraft der Flasche, die immer von neuem zum Munde wollte. Ihr Inhalt schwand zu einem Reste zusammen, mit welchem zwei Durstige zu reizen grausam gewesen wäre; nach einem langen, bedächtigen Blicke auf die beiden Schläfer gab er menschenfreundlich der Flasche einen Schwung, und bald rollte ihm der letzte Tropfen in die Kehle hinab. Darauf barg er die leere Flasche sacht im Grase bei dem kahlen Schöpfenknochen. Etwas müde, aber höchst behaglich legte er sich nun ins Gras zurück und starrte eine Weile nach dem blauen Himmel. Da ihn aber das Gähnen jetzt ernstlich überkam, besorgte er, er möchte einschlafen, und in diesem Zustande einer leicht vorherzusehenden Gefahr preisgegeben sein. Er kitzelte sich daher mit einem Grashalm in die Nase, worauf er sofort heftig niesen mußte. Beim ersten Posaunenstoße fuhren die beiden Schläfer empor, und er richtete sich gleichfalls wieder auf. »Ein gutes Zeichen!« sagte er, von mehrmaligem Niesen unterbrochen. »Dieses Niesen bedeutet mir, daß in meinem Traume Wahrheit ist. Nun laßt zuvörderst hören, was euch geträumt hat.« Der Weißkopf rieb sich die Augen. »Ich habe einen gar feinen und lustigen Traum gehabt,« sagte er. »Vielleicht tat's der Name des Ortes, wo ich eingeschlafen bin, oder war's vielleicht höhere Eingebung. Kaum hatte ich mich niedergelegt, so sah ich eine goldene Leiter, die bis in den Himmel reichte. Daran stiegen die Engel auf und nieder, die nahmen meine Seele und führten sie ins Himmelreich. Da saß ich auf einem goldenen Stuhl und sah so viel Freuden, desgleichen kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat. Ich will's euch noch ausführlicher beschreiben. Aber zuvor wollen wir die Wette lösen. Sagt selbst, ist mein Traum nicht wert, daß ich das Beste von unserer Wegzehrung bekomme?« »Gemach!« versetzte der Schwarze. »Wir wollen erst unsere Träume austauschen. Was hat dir geträumt?« fragte er den Kleinen. »Das Widerspiel von unseres Gesellen Traum,« antwortete dieser. »Mag sein, daß mir der Ort, von dem wir herkommen, im Traume nachgegangen ist. Kaum daß ich schlief, so kamen Teufel mit eisernen Haken, die zogen mir die Seele aus dem Leibe und führten sie in die Hölle. Da mußte ich auf scharfen Schermessern sitzen, und sie sagten zu mir, das dauere bis zum jüngsten Gericht, dann werde meine Sache noch einmal vorgenommen. Bald darauf hörte ich ein scharfes Blasen und dachte, es sei die Gerichtsposaune, aber es war dein Niesen, Bruder, wofür ich dir Dank sage, denn es hat mich aufgeweckt und aus der ewigen Qual erlöst. Den Preis kann ich nicht ansprechen, aber ich bin zufrieden, wenn ich mein bescheiden Teil hinnehmen darf.« »Jetzt kommt mein Traum an die Reihe,« sagte der Schwarze. »Der trifft merkwürdig mit den eurigen zusammen. Als ich eingeschlafen war, stand ein Engel vor mir und sprach: ›Steh' auf und komm mit mir.‹ – ›Herr,‹ sprach ich, ›ich getraue mir's nicht; denn was würde derweil aus dem Hammelsschlegel und der Weinflasche werden?‹ – ›Es soll ihnen nichts widerfahren‹ sprach er, ›komm nur und siehe, wo deine Gesellen sind.‹ Da führte er mich zu der Himmelstüre, und ich sah hinein und sah einen großen Glanz, und in dem Glanze saßest du auf einem goldenen Sessel, wie du gesagt hast, und wurdest von den Engeln mit Manna, Milch und Honig gespeist. Darauf führte er mich ans Höllentor und ließ mich in einen Feuerofen sehen, und da sah ich dich , wie du auf den scharfen Schermessern saßest, und wie die Teufel dir siedendes Pech und Schwefel eingaben. Da sprach der Engel zu mir: ›Nimm wahr, deine Gesellen sind versorgt, ein jeglicher in seiner Art, und haben zu beißen und zu brechen genug.‹ Und er führte mich wieder an diesen Ort zurück und sprach fürder: ›Genieße, was dir Gott beschieden hat, denn deine Gesellen gönnen's dir gern und wollen keinen Teil mehr daran haben in ihrer Seligkeit und ihrer Pein.‹ Da tat ich, wie er mich geheißen hatte, und siehe, wie ich aufwachte, war mein Traum bereits in Erfüllung gegangen.« Hiermit schob er das hohe Gras auseinander, in welchem das blanke Schöpsenbein und die leere Flasche trübselig beieinander lagen. Der Weißkopf sprang wütend in die Höhe. »Daß dich Gottes Marter schände, du leichtfertiger, lügenhafter Fleischbösewicht!« schrie er. »Du hast in deinen verdammten Hals gelogen! Ich bin im Himmelreich nicht gespeist worden, keinen Bissen hab' ich gekriegt! Gib das gestohlene Gut heraus!« »Das wär' ein unsauberer Handel,« meinte der Kleine lachend, der ungeachtet seines sichtbaren Hungers – denn er preßte sich die Seiten zusammen – mit Blicken ungeheuchelter Bewunderung an dem wohlbedachten Träumer hing. Der Weißkopf aber fuhr mit dem Pallasch heraus und drang auf den Schwarzen ein, der ebenfalls vom Leder zog. Doch ehe sie handgemein werden konnten, hatte der Kleine, der sich auf die Seite des Schwarzen schlug, seine beiden Totenbeine aus dem Grase aufgerafft und drohte sie wie Keulen über dem Haupte des Angreifers zu handhaben. Als dieser sich in der Minderheit sah, stellte er die Feindseligkeiten ein, versah sich aber seines Vorteils, spießte mit einem glücklichen Stoße das Brot, das der Schwarze in seinem Überflusse verschmäht hatte, zückte es an sich, trug es so auf der Spitze der Klinge von hinnen und lief schimpfend und wetternd das Tal hinaus. Der Kleine machte Miene, ihm das Brot wieder abzujagen, aber der Schwarze sagte gleichmütig: »Laß ihn laufen.« »Fahr hin in Gottes Haß, du verfluchter Franzos!« rief der Kleine dem Flüchtigen nach. Der Verlust des Brotes, auf das er sich Rechnung gemacht, hatte ihn mehr verdrossen als die Einbuße an Fleisch und Wein, bei welchen er doch jedenfalls der letzte gewesen wäre. »Du hast trotz deiner zweierlei Augen ein redlich Gemüt, Bruder,« sagte der Schwarze zu ihm. »Halte du dich fest zu mir, und du wirst sehen, daß wir uns miteinander durchschlagen. Dein Magen, bedünkt mich's, ist heut noch ziemlich leer?« Der Kleine nickte. »Dann hat dein Kopf um so mehr Raum zu Anschlägen. Und dennoch trägst du irgendwo am Leib ein Häuflein Örter und Schillinge in einen Lappen eingewickelt.« Der Kleine nickte abermals. »Du mußt einen Wahrsagergeist haben, Bruder,« sagte er. »Nein,« erwiderte der Schwarze, »ein fröhlich Fältlein an deinem Auge hat mir verraten, daß du nicht so völlig Kahlmäuser bist, wie ein ungeübter Blick dich schätzen würde. Wohlan, die Handvoll Silberlinge soll dir Essen und Trinken schaffen genug, jedoch nicht unmittelbar, sondern als Brutpfennig, den wir auf Gewinn anlegen. Laß mich nur machen und folge mir, wie ich dich anleiten werde, dann können wir morgen den Gewinn teilen: zwei Teile mir und den dritten dir, so du's zufrieden bist und für billig hältst, was mir billig dünkt: denn in meinem Kopfe ist der Rat gewachsen, und ohne mich würdest du hier herum, wo du der Leute Art nicht kennst, wenig ausrichten.« Mit Freuden verstand sich der Kleine zu allem, was der andere ihm auferlegen wollte, nur wünschte er zuvor seine Galgenbeute zu schälen, um nicht den unnützen Teil derselben müßig weiter schleppen zu müssen. »Nein, nein,« sagte der Schwarze, »es wird jetzt allmählich spät, und wir dürfen uns nicht länger aufhalten. Hast du die Last so lang tragen können, so trage sie auch noch ein wenig länger. Auf die Nacht findest du noch Zeit genug, dich ihrer in Gemächlichkeit abzutun.« – Mit diesen Worten nahm er die leere Flasche aus dem Grase auf und setzte sich in Bewegung. Der Kleine lud sich ohne Murren die beiden Totenbeine wieder über die Schulter und folgte dem Mentor, der in der kurzen Zeit seine ganze Anhänglichkeit gewonnen hatte. An einer Schenke, zu welcher sie gelangten, legte er auf dessen Weisung sein Gehänge ab, zog die wohlverborgenen Sparpfennige hervor, ging hinein und kehrte bald mit einem mächtigen Steinkruge voll Weines zurück. Der Schwarze nahm ihm denselben' hilfreich ab, während er sich wieder belud, und sie verließen die Straße auf einem Seitenpfade, aber nicht, um an einer abgelegenen Ruhestelle sich gütlich zu tun. Vielmehr wanderten sie wohl eine Stunde lang, im Tragen des schweren Kruges abwechselnd, ohne Aufenthalt rüstig fort, bis sie mit sinkender Nacht zu einem einsamen Bauernhofe gelangten. »Auf dieser Einzechte,« sagte der Schwarze, »werden wir, hoff' ich, einen guten Handel machen.« Er wiederholte ihm noch einmal die Anleitung, die er ihm unterwegs gegeben hatte. »Wenn alles gut abläuft,« fügte er hinzu, »so melde dich an der Türe um ein Nachtlager; ich werde dir dazu behilflich sein.« Er gab ihm den Weinkrug und ging mit der leeren Flasche dreist aufblickend in die zu ebener Erde gelegene Stube, wo die Leute beim Lichtspan zusammensaßen. »Bin so frei, unangeklopft einzutreten,« sagte er, »damit man nicht glaube, es sei etwas Unholdiges um den Weg.« »Was soll's?« rief der Bauer ziemlich barsch, indem er sich aus seinem Halbschlaf am runden Tisch im Herrgottswinkel vor der Wandnische mit dem Hausaltärchen aufrichtete. »O ihr Menschen, hütet euch vor Sünd' und Laster!« antwortete der Eintretende auf diese Frage und begann sofort eine lange Litanei zu beten, wobei alle Anwesenden andächtig zuhörten. »Woher geht die Reise?« fragte der Bauer in gelinderem Tone. »Grad aus dem Venusberg, wo ich mit dem edlen Tannhäuser und mit Dietrich von Bern und dem alten Hildebrand manchen Tag zusammen gewesen bin.« »Was? der Dietrich von Bern und der alte Hildebrand sind auch in selbigem Berg?« »Freilich, und der getreue Eckard und noch viele andere werte Helden, mit denen ich nach goldenen Kegeln geschoben habe mit goldenen Kugeln.« »Das ist grausig!« rief die Bäuerin. »Habt Ihr sonst noch was gelernt im Venusberg?« fragte der Bauer. »O ja, ich kann Tote beschwören, kann im Kristall, wie auch im Wasser und Feuer künftige Dinge schauen, kann dem Menschen aus seiner Hand wahrsagen, welcher Komplexion er ist und was ihm zustoßen wird, und kann das Sieb laufen lassen, auf daß offenbar wird, wenn einer etwas gestohlen hat.« »Vor dem Totenbeschwören graut mir,« sagte der Bauer, »aber die Kunst mit dem Sieb wär' mir eben recht, dann könnten wir doch herausbringen, wo unser Kalb hingekommen ist.« »Gern,« erwiderte der Schüler. »Aber die Koszinomantie – so nennt man diese Kunst – kann nur morgens früh nüchtern vorgenommen werben. Wenn ich Euch also dienen soll, müßt Ihr mir ein Nachtlager geben, um das ich Euch ohnehin habe bitten wollen: denn aus diesem Grund bin ich eingetreten, weil ich auf meiner Pilgerschaft, die ich mir zur Buße für meine Sünden im Venusberg auferlegte, mich in der Dunkelheit hieher verirrt habe.« Bauer und Bäuerin sahen einander mit stummen Blicken beratschlagend an, während der Fremde, der Erfüllung seines Gesuches schon so gut wie gewiß, die leere Flasche gleichmütig auf den Tisch setzte. »Was ist's denn mit der Flasche da?« fragte der Bauer, ohne vorerst auf das Anliegen des Gastes zu antworten. »Das Fläschlein hat mir Frau Venus geschenkt,« sagte der Schüler, »und damit ihm von dem heidnischen Wesen nichts ankleben möge, hab' ich hernach noch den Urbanussegen darüber sprechen lassen. Denn als ich auf meiner Bußfahrt aus Thüringen herauszog, gelangte ich gen Nürnberg am St. Urbanstage, der allda sehr hochgehalten und festlich begangen wird. Da reitet der Heilige im roten Bischofsrock auf einem weißen Rosse mit großer Prozession unter dem Klange von Sackpfeifen und Schalmeien durch die Stadt, einem Trunkenen gleich auf dem Rosse hin- und herwankend, und von einem Begleiter gestützt, der ihm je und je aus einem silbernen Becher zu trinken gibt, – fast wie es mit dem alten Bacchus gehalten wurde, von dem ich mir im Venusberge habe sagen lassen. Nun stand ich der Prozession in den Weg und hielt meine Venusflasche dem Heiligen entgegen, der sie auch auf meine Bitte mit kräftigen Worten einsegnete und den jungen Fichtenbaum, der vor ihm hergetragen wurde, darüber neigen und schwingen ließ.« »Sind denn die Nürnberger nicht lutherisch?« fragte der Bauer mißtrauisch. »Ja, aber ihr Urban ist gut katholisch geblieben,« sagte der Schüler, der nicht so leicht aus der Fassung kam. »Und sein Segen hat die Kraft und Tugend der Flasche noch um ein Beträchtliches verstärkt.« »Was hat sie denn für eine Tugend?« »Das sollt Ihr gleich sehen,« sagte der Schüler, »aber rühre sich keines von seinem Platze, so lieb ihm sein Leben ist.« – Er nahm die Flasche, stellte sie vor das Fenster und murmelte einen unverständlichen Spruch. Dann schloß er das Fenster, kehrte ihm den Rücken zu und blieb eine Zeit lang mit gekreuzten Armen stehen. Dann forderte er Bauer und Bäuerin, Sohn und Tochter und die jüngeren Kinder lachend nacheinander auf, die Flasche hereinzuholen, aber niemand hatte den Mut. Endlich ging er selbst wieder zum Fenster, öffnete, griff hinaus und brachte die Flasche gefüllt herein. Alles sperrte Mund und Augen auf, als er sie auf den Tisch setzte und ein starker, lieblicher Weinduft sich aus ihr verbreitete. Er forderte einen Becher, schenkte ein und reichte ihn dem Bauer. Der aber schüttelte den Kopf und meinte, das sei Hexenwerk, dem er nicht traue. Auf das Zureden des Schülers sprach die Bäuerin ein langes Gebet über der Flasche und dem Glase und bekreuzte sie mehrmals, worauf der Bauer erst zu trinken wagte. Er nahm erst einen kleinen Schluck, dann einen starken, roch in das Glas und sagte: »Das ist, schätz' ich, vom Besten.« »Allemal,« erwiderte der Schüler. »Das hab' ich durch Sankt Urbans Segen gewonnen, daß das Fläschlein immer vom besten Jahrgang spendiert, der just gewachsen ist.« »Da wär's also Vierziger!« rief der Bauer mit steigender Verwunderung. »Ganz gewiß wird's Vierziger sein,« sagte der Schüler. »Ihr werdet ihn ja kennen.« »Nein,« entgegnete der Bauer, »versucht hab' ich ihn nie, weder da er neu war, noch in den sieben Jahren, seit er alt und älter worden ist. Aber verdienen hab' ich ihn helfen. Der Neununddreißiger, von welchem gereimt worden ist: ›Tausend fünfhundert dreißig und neun galten die Fässer mehr als der Wein,‹ der mußte geschwind weggetrunken werden, um dem Vierziger Platz zu machen, denn im August gab es schon neuen. Da konnte man das Ohm zu einem Batzen haben und noch billiger, ja viele machten den Kalk mit Wein statt Wasser an. Unser gnädiger Junker aber, der einer von den Gewitzten ist, schenkte den Seinigen umsonst aus und zwang uns, ihn in der Fron zu trinken. Alle Wochen mußten wir zweimal vors Schloß und Käs' und Brot mitbringen, daß es einen Durst gab, und dann schlucken aus Leibeskräften. Das saure Zeug stieg einem doch jedesmal zuletzt in den Kopf, denn, sagt das Sprichwort, ›die Viele tut's'‹ und dann gab's Händel und Schlägereien genug, die vor den Junker als Gerichtsherrn kamen, so daß er an Bußgeldern mehr gewann, als wenn er seinen Sauren verkauft hätte.« Der Schüler schlug ein helles Gelächter auf. »Wohlan,« sagte er, »so laßt Euch die Gottes- und St. Urbansgabe schmecken, da Ihr sie in jedem Betrachte sauer verdient habt.« Der Zuspruch erwies sich jedoch als überflüssig, denn der Bauer hatte während seiner Erzählung nicht gefeiert, und die große Flasche war leer. Als der Schüler dies gewahrte, nahm er sie, stellte sie wieder vor das Fenster und wiederholte sein Sprüchlein, worauf er die Flasche abermals gefüllt hereinbrachte. Der Bauer ließ sie jetzt freigebiger unter den Seinen kreisen, die sich trotz ihres fortwährenden Erstaunens allmählich an das Wunder gewöhnten und gegen den Wundertäter zutraulich wurden. Daß er über Nacht behalten wurde, verstand sich nun von selbst. Die Bäuerin versprach ihm eine gute Streu in der Stube zu machen. Auch wollte sie ihm zu so später Zeit noch eine Platte voll Küchlein bereiten, der Gast ließ es aber nicht zu. »Fasten gezieme ihm besser,« sagte er mit erbaulichem Tone, »und wenn er auch sein verwöhntes Fleisch noch nicht ganz abgetötet habe, so wolle er es wenigstens heute nicht mehr mit Wohlleben kitzeln.« Die gleiche Kasteiung bewies er gegen den Wein und tat nur hie und da auf heftiges Zusprechen des Bauern mit einem kleinen Zuge Bescheid. Zum drittenmal brachte er die Flasche, die bald wieder leer war, gefüllt auf den Tisch. »Jetzt aber,« sagte er, »ist St. Urbans Kraft für heut erschöpft, und wenn man sie noch mehr anstrengen wollte, so würde sie ganz nachlassen; bis morgen abend ist sie wieder frisch, wie die Kuh, die von der Weide kommt, und kann dreimal nacheinander gemolken werden.« »Das ist doch ein Schatz, der noch über das Ölkrüglein der Witwe geht,« sagte der Bauer. »Guter Gesell, der wird Euch um kein Geld feil sein.« »O freilich,« entgegnete der Gast. »Es ist ja noch ein Rest von meinem Sündenleben, den ich gern los sein möchte; denn vom Erlös eine fromme Stiftung zu machen, das wäre mir die Krone meiner Buße.« »Wie meint Ihr denn die Flasche zu geben?« »Hundert Gulden, deucht mir, sollte nicht zu viel sein.« »Hundert Gulden,« sagte der Bauer, sich hinter dem Ohr kratzend. »Das ist schwer' Geld. Freilich hätt' ich so viel dafür, als ob mir der Keller für alle Zeiten gefüllt wäre –« »Ja, und brauchtest nicht alles selber zu trinken,« meinte die Bäuerin, »sondern könntest es verkaufen und Geringeren dafür trinken.« »Und hättet jahraus, jahrein den gleichen Jahrgang,« fiel der Schüler ein. »Wie oft wird's noch vorkommen, daß die Hudlertrauben ganz reif werden und solchen Malvasier geben?« »Schon jetzt kostet das Fuder vom Vierziger seine sechzig Gulden,« setzte die Bäuerin hinzu. »Der Preis muß mit jedem Jahr höher steigen, und mit drei solchen Flaschen täglich, wenn man sie zusammenspart, ist man bald auf ein Ohm gekommen.« Bauer und Bäuerin sahen eine Weile wie träumend vor sich hin. Sie berechnete offenbar in Gedanken, was sie aus dem Erlös des Weines kaufen, und wie sie das Erkaufte zu neuem Gewinn verwerten solle, während er vielmehr auf Mittel und Wege sinnen mochte, einen billigen Teil vom Wundergewächs der Flasche seiner eigenen Kehle zuzuwenden. »Das Labsal ist's wert,« sagte er endlich laut. »Aber hundert Gulden habe ich jetzt nicht zur Hand,« fuhr er mit zäher Miene fort. »Zwanzig könnt' ich Euch auf Abschlag geben, Freund, wenn Ihr's znfrieden wäret, und den Rest wollt' ich dann später nach Vermögen erlegen.« Der Schüler ließ sich nicht anmerken, daß ihm sein Geschäft zu vier Fünfteilen mißlungen war, sondern willigte ein. Der Bauer wurde immer vergnügter und ließ die Flasche tüchtig kreisen, so daß bald außer dem Schüler alles ziemlich bezecht war. Dieser behielt allein seinen Ernst in der lustigen Gesellschaft bei, dämpfte ihre Ausgelassenheit durch erbauliche Betrachtungen und erzählte dazwischen lehrreiche Geschichten aus der Welt, wie z. B. von dem Erzbetrüger, der kürzlich in Wien verbrannt worden sei, weil er letzten Winter Schnee auf dem Ofen gedörrt und hernach an die armen Leute für Salz verkauft habe. Seine Zuhörer vernahmen dies mit Grausen und seufzten über die zunehmende Schlechtigkeit der Menschen, wurden aber bald wieder lustig, und es wollte des Durcheinanderschreiens und Lachens kein Ende sein. Da erhob sich vor der Türe ein Gesang, etwas näselnd und tremulierend. »Ich komm' aus fremden Landen her Und bring' euch viel der neuen Mär', Der neuen Mär bring ich so viel –« »Alle guten Geister –!« hatte die Bäuerin beim ersten Ton, der in die Stube gedrungen war, gerufen. Der Gast aber ließ den Sänger nicht weiter kommen. Mit einem Mute, den die Erschrockenen sehr bewunderten, ging er zur Türe, riß sie auf und rief noch barscher, als vorhin der Bauer, was es gebe und wer da sei. Eine kleine Figur kam auf der Schwelle zum Vorschein und bat schüchtern um ein Nachtlager. Der Schwarze handhabte das Hausrecht mit allem Gewicht eines eingebürgerten Hausfreundes, fragte den Kleinen höchst gestreng über sein Tun und Treiben aus und kanzelte ihn weidlich ab, daß er ehrliche Leute so spät in ihrer Ruhe störe. Der Kleine gab auf alles ehrerbietige und unterwürfige Reden, so daß sich der Schwarze endlich besänftigt zurückwandte. »Es ist ein demütig Blut,« sagte er, »und ein friedfertig Gemüt, wir wollen ihn nicht in die Nacht hinausstoßen. Gebt ihm zu essen, was ihr etwa übrig habt, und macht ihm eine Streu neben der meinigen, daß ich ihn für alle Fälle unter meiner Obhut habe. Tritt ein, guter Gesell, du bist in ein barmherzig Haus gekommen.« Der Bauer ließ ein zustimmendes Brummen hören, und die jüngeren Mitglieder der Familie schütteten zwei Lager in der Stube nebeneinander auf, während die Bäuerin aus der Küche die Reste vom abendlichen Imbiß holte, die sich der zweite Ankömmling, weniger zurückhaltend als der erste, trefflich munden ließ. Vom Wein bekam er aber nichts, denn der Bauer, der ihn in Sicherheit zu bringen gedachte, setzte mit der Erklärung, er wolle der armen Seele Ruhe schaffen, die schon sehr erschöpfte Flasche an den Mund und leerte sie mit einem resoluten Zuge. Bald befiel ihn ein mächtiges Gähnen, das sofort Weib und Kinder ansteckte. Der Bauer erhob sich und schwankte der Kammer zu. »Ihr müßt mit noch einem Schlafgesellen vorlieb nehmen,« sagte er etwas lallend zu den beiden Gästen und verschwand. Die Bäuerin folgte ihm. Was mit dem Schlafgesellen gemeint war, sollte sich sogleich zeigen, denn der Sohn trieb ein ziemlich großes Schwein in die Stube, das sich grunzend in eine Ecke legte. »Es ist nur, daß es nicht auch gestohlen wird, wie das Kalb,« sagte er lachend, worauf er mit seinen Geschwistern ebenfalls die Stube verließ. »So wären wir denn doch wieder zu drei!« sagte der Schwarze, indem er dem Kleinen zunickte. »Wo hast du denn deine Gebeine gelassen?« »Hinter dem Schuppen hab' ich sie versteckt,« erwiderte dieser. »Ich bin nicht fertig geworden, es ist schwere Arbeit. Ich wollt' aber, ich hätte sie hier innen, denn wo Kalb und Schwein nicht sicher sind, da könnte sich auch zu den Hosen ein Liebhaber finden.« »Herein damit! Das Haus ist geschlossen – also geht der Weg durchs Fenster.« Der Kleine bedachte sich. »Hörst du, wie sie schon schnarchen?« sagte der Schwarze. »Man könnte das ganze Haus ausstehlen, aber ehrlich währt am längsten. Nur zu!« Der Kleine stieg zum Fenster hinaus, kam bald wieder zurück und bot seine Beute herein, die ihm der Schwarze abnahm. Dann stieg er wieder ein, ohne daß sich im Hause jemand rührte. Der Mond ging hinter einer nahen Anhöhe unter, und die beiden Abenteurer legten sich zum Schlafen auf ihre Streu. Morgens früh erwachte der Schwarze an einem Geräusche, das er neben sich vernahm, und fand den Kleinen beschäftigt, die mehrmals unterbrochene Arbeit zu vollenden. Er stützte sich auf den Ellbogen und sah ihm behaglich zu. Als derselbe die straffgespannten Beinkleider endlich mit großer Mühe abgelöst hatte, zog er sie über seine Lumpen an und betrachtete dann die beraubten Beine unschlüssig, was er mit ihnen tun solle. »Lege sie nur hierher auf deine Streu,« sagte der Schwarze. »Mir geht ein Gedanke durch den Kopf. Wer weiß, ob das Zehrgeld, das ich dir in deine neuen Hosen verschafft habe, nicht noch Junge heckt. Mach du dich voraus, Freiburg zu, und warte in der Straße auf mich.« Der Kleine legte die beiden Beine säuberlich nebeneinander auf die Streu und stieg durch das Fenster, das der Schwarze hinter ihm schloß. Dann warf sich dieser wieder auf sein Lager zu einem Morgenschläfchen, aus welchem er bald durch ein Zetergeschrei aufgestört wurde. Die Familie war in die Stube gekommen und umstand mit schreckensstarren Blicken die Beine, welche die Tochter zuerst wahrgenommen und mit einem gellenden Schrei begrüßt hatte. Der Gast folgte unbefangen den Blicken der andern und stellte sich, als ob er, halb noch schlaftrunken, halb entsetzt, jetzt erst des schrecklichen Anblicks gewahr würde. Dann ließ er gleichsam unwillkürlich den Blick auf das Schwein gleiten, das, durch den Lärm aus seiner Ruhe aufgeschreckt, sich zu rühren und zu grunzen begann. Der Bauer war dem stummen Blicke gefolgt und tat dem Schwarzen den Gefallen, das auszusprechen, was dieser weislich noch zurückhielt. »Die Sau hat ihn gefressen und hat nur die Füß' übrig gelassen!« schrie er, und mit einem Ausrufe des Entsetzens stimmten ihm Weib und Kinder bei. »Media vita in morte sumus,« sprach der Gast, der von seiner Streu aufgesprungen war, mit feierlichem Ausdruck und gutgegebenem Grauen. »Bedenke ich, wie nahe mir der Tod in dieser Nacht gewesen ist, so mag ich wohl mit Beben und mit Dank mich meines Lebens freuen! Mein armer Schlafgesell ist dahin – seine Seele ruhe im Frieden. Wenn die Bestie mich statt seiner erwischt hätte, seht, so läg' ich jetzt da.« »Wie wird's uns gehen, wenn die Sache ruchbar wird?« rief der Bauer. »Es ist ein böser Handel,« entgegnete der Gast. »Nach dem gewöhnlichen Herkommen wird euer Schwein vors peinliche Gericht geladen und erhält einen Fürsprecher, worauf förmlicher Rechtstag gehalten wird; nach geschehener Klage und Verteidigung wird das Urteil auf Verbrennen lauten, mag aber leichtlich geschehen, daß nicht bloß das verbrecherische Tier, sondern auch das Haus, worin die Untat geschehen ist, mit Feuer von der Erde vertilgt wird.« Der Bauer lief wimmernd in der Stube umher, die Bäuerin und ihre Tochter rangen schreiend die Hände, und die kleinen Kinder heulten, als ob schon die Fackel über ihnen geschwungen wäre. »Still!« gebot der Schüler. »Wollt ihr euch denn selbst ans Messer liefern mit eurem törichten Geschrei? Es ist nur gut, daß es noch früh am Tage ist. Haltet reinen Mund, daß euch nichts Böses widerfahre, und gebt mir den Menschenfresser mit, ich will ihn im nächsten Walde seinem Patron, dem Teufel, opfern und in einer Klinge verscharren. Sobald mir die zwanzig Gulden dargezählt sind, will ich mich auf den Weg machen. Über ein paar Wochen komm' ich wieder, den Rest zu holen.« »Nein, Freund,« rief der Bauer, dem es sehr angelegen war, sich den Mitwisser des gräßlichen Geheimnisses für immer vom Halse zu schaffen. »Ihr braucht Euch nicht zu bemühen, ich bin schon in aller Frühe bei meinem Nachbar gewesen und habe das Fehlende geborgt. Ihr sollt die hundert Gulden gleich ganz und völlig haben.« Der Schüler lächelte über die offenbare Lüge und war sehr zufrieden, als der Bauer aus der Kammer einen zusammengewickelten alten Strumpf brachte, aus welchem er bare hundert Gulden auf den Tisch zählte. Er gelobte die tiefste Verschwiegenheit über den schauderhaften Vorfall, und der Bauer gab ihm einen Buben mit, der ihm den Weg nach einer passenden Waldstelle zeigen sollte, worauf man beiderseits in größter Eintracht und Freundschaft voneinander schied. Der Bauer drängte so sehr zur Eile, daß er nicht mehr daran zu denken schien, den Dieb seines Kalbes ausfindig machen zu wollen. Der Schwarze ließ den Buben das Schwein, das zu den bestverleumdeten Kreaturen seines Jahrhunderts gehörte, vor sich hertreiben, bis sie in die Nähe eines Waldes gelangten, dann schickte er ihn mit dem Bedeuten zurück, er könne sich ohne weitere Hilfe schon selbst zurechtfinden. Als derselbe aber sich heimwärts wendete, rief er ihn nochmals zurück. »Sag deinem Vater,« trug er ihm auf, »es könnte sein, daß die Flasche durch die schwere Übeltat, die eurem Hause widerfahren ist, ihre Tugend verloren hätte. Wofern dies der Fall ist, wie er ja bald erproben kann, dann braucht er nur am nächsten Urbanstage den St. Urbanssegen wieder drüber sprechen zu lassen. Es ist ja nicht mehr lang', bis die Reben wieder blühen.« Durch diese Vorkehrung gegen jede Verfolgung gesichert, trieb er das Schwein ruhig in den Wald schlug jedoch den ersten Richtweg nach der Freiburger Straße ein, wo er seinen Genossen, seiner harrend, fand. Der Kleine machte große Augen, wie er seinen Freund als Schweinstreiber kommen sah. »Da,« sagte dieser, »bring' ich einen Missetäter, der frißt einen Menschen von oben herunter, mitsamt Wams und Hosen, und läßt die beiden besten Stücke liegen. Glaub's, wer kann! Dir selbst wird's am schwersten eingehen, daß du gefressen worden sein sollst, oder auch am leichtesten, denn wir haben damit ein sehr gutes Geschäft gemacht.« Der Kleine lachte übermäßig, als er ihm die Geschichte erzählt hatte, und löste ihn in der Leitung seines angeblichen Vertilgers ab. »Jetzt schnell mit dem armen Sünder auf den Freiburger Markt!« sagte der Schwarze. »Schade, daß wir dort sein bestes Stück nicht erzählen dürfen, er würde im Preise steigen, heißt das, des Schwankes wegen. Denn mit fahrenden Gaukeleien ist dort nichts auszurichten, gegen den Venusberg und St. Urbans Flasche sind sie dort so heillose Ketzer, wie die Augsburger. Die Welt kommt immer weiter herunter. Je nun, wir können jetzt eine ehrsame Hantierung anfangen, und wenn die uns auf keinen grünen Zweig bringt, so ziehen wir unserem verlaufenen Gesellen nach.« »Ja,« sagte der Kleine, »der wird vielleicht schon Waibel sein, und wenn wir ihn mit einer Handvoll Kronen aus unserem Erlös versöhnen, so nimmt er uns brüderlich unter seine Fahne.« So zogen sie lustig mit dem Schweine die Straße hinab und sangen, das Lied des Weißkopfs fortsetzend: Beim König von Frankreich tret' ich ins Feld, Zieh' daher als ein freier Held, Zerhauen und zerschnitten Nach adeligen Sitten. Der Feudalbauer. In einem Wirtshause der schwäbischen Hauptstadt saß eines Abends im Spätjahr 1837 die gewohnte Gesellschaft, die sich seit einigen Monaten hier behaglich zusammengefunden hatte, Beamte, Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, Handwerker, bunt gemischt, ohne Anspruch auf irgend einen anderen Rang als den, welchen die gesellschaftliche Steuerpflichtigkeit und Steuerfähigkeit begründet, beieinander. Bald war die Unterhaltung zu einem Thema gelangt, das schon mehrere Abende ergötzlich fortgeklungen hatte. Ein angesehener Maler, origineller Hagestolz, aus dem oberen Teil des Landes gebürtig, der als Knabe noch die guten Zeiten des alten Reichs und der vorderösterreichischen Herrschaft mit ihrer Zopfromantik genossen, wurde durch allerlei Sticheleien und Anzüglichkeiten gereizt, den Satz, den er schon mehrmals mit wechselndem Glück verteidigt hatte, wieder aufzunehmen, und war in kurzer Zeit so im Feuer, daß er ganz unumwunden die Behauptung durchführte, das Land habe durch die Akquisition jener Provinzen erst seinen eigentlichen Nerv erlangt, da es vorher innerlich ohne Mark, nach außen ohne Kraft, ja eine wahre Bettlerhaushaltung gewesen. Dies war das Stichwort zu den lustigsten Wortgefechten, denn da man wohl wußte, daß der jugendlich-lebhafte Mann es mit seinen Scheltworten nicht so bös meinte, war man stillschweigend übereingekommen, die Zustände bloß obenhin zu berühren, Halbwahrheiten gegenseitig für bare Münze anzunehmen und sich mit den verzweifeltsten Kontroversen zu hetzen. Jeder, der dem Staat erst durch die neue Ordnung der Dinge angehörte, schlug sich auf die Seite des Malers, und so entstanden zwei Parteien, die sich unter dem herzlichsten Jubel die Miene gaben, eine unheilbare Fehde auf Tod und Leben durchzufechten. Von seiten der alten Landeskinder wurde ihm sogleich der Vorwurf entgegengehalten, daß der Mutterstaat durch seine neuen Erwerbungen sich nicht habe bereichern können, da er genötigt gewesen sei, eine unermeßliche Schuldenlast von ihnen zu übernehmen, und es fehlte nicht an Ausfällen auf die schlechte und leichtsinnige Wirtschaft des alten Regiments, – Pfeile, welche natürlich so gerichtet wurden, daß sie zugleich dessen Vertreter als einen sorglosen Künstler treffen sollten, wogegen er sich jedoch durch Vorweisung einer strotzenden Börse (eine humoristische Prahlerei, welche unter vertrauten Bekannten keinen Anstoß erregen konnte) vollkommen rechtfertigte. Er nannte diese seinen Feudalsäckel; denn die altertümliche Verfassung der großen Bauernhöfe im Oberlande war hauptsächlich der Gegenstand, um welchen der Streit sich schon mehrmals gedreht hatte, indem die Unterländer dieselbe als eine barbarische Einrichtung angriffen, welche neben einem einzigen Reichen eine Menge von Armen schaffe. Dagegen machte der Maler die politische Selbständigkeit geltend, welche aus einer solchen Verfassung stieße, erinnerte an die norwegischen Edelbauern, welche so kräftig als ehrenvoll auf dem Storthing ihre Rechte behaupten, und rief endlich, als er von allen Seiten gedrängt wurde: »Was wollt ihr denn mit der Barbarei sagen? Was haben denn eure Bauern davon, daß ihre Güter verteilt werden? Bei uns ist doch einer im Besitz, und das macht ihn menschlich gegen seine Untergebenen, aber bei euch hat keiner etwas! Wovon leben denn eure Bauern? Mit Haften und dürren Zwetschen müssen sie die paar Kreuzer zu gewinnen suchen, mit denen sie kümmerlich ihr elendes Leben fristen! Dagegen sitzt der Feudalbauer wie ein Fürst auf seinem Gut, und nicht sein geringster Knecht würde mit einem von euren freien Haftenbauern tauschen!« Nun hatte er einen harten Kampf zu bestehen, aber er wehrte sich wie einer der alten Kämpen, von welchen wir lesen, daß sie oft mit einem ganzen Heerhaufen im Kampfe sich herumgetummelt haben. Der liebenswürdige Mann war gewohnt, stets dem herrschenden Wesen Widerpart zu halten. Wie er während seines Künstlerlebens in Rom, obwohl selbst Romantiker, gegen jedermann den hartnäckigen Protestanten gemacht hatte, so gab er sich unter seinen protestantischen Landsleuten als eingefleischter Katholik, und in gleicher Weise verteidigte er in den Kreisen des modernen Erbrechts ein Herkommen, dem er vielleicht an Ort und Stelle ebenso lebhaft die Kehrseite vorgehalten haben würde. Als vermöge einer stillschweigenden Übereinkunft die Waffen ruhten, nahm ein Beamter das Wort; man wußte, daß er erst vor kurzem aus einem der oberen Landesbezirke in die Stadt befördert worden war. »Meine Herren,« sagte er, »das Gespräch bringt mich auf eine Geschichte, die unserem Professor Wasser auf seine Mühle sein wird. Zwar dürfen Sie Ihre Erwartung nicht allzu hoch spannen; was aus dem Leben geschöpft ist, das pflegt nicht eben übermenschlich zu sein; doch wird Ihnen meine Erzählung von den Bauern da droben einen Begriff geben, den man mit dem ›schlichten Landmann‹ unserer unteren Gegenden nur selten verbindet. Ich bekleidete bis vor einem Monat einen Posten bei der Verwaltung im Oberlande, und bei dieser Gelegenheit hab' ich mit einem der Bauern, von welchen die Rede ist, allerlei zu tun gehabt. Der Bezirk, in dem ich angestellt war, hatte während des französischen Wirrwarrs unter anderem ein Jahr lang dem Prinzen von O ... gehört, und Blomsperger – so will ich meinen Mann nennen – war eben zu der Zeit, als Land und Leute an unsere Regierung übergingen, eines leichten Waldfrevels wegen in Haft. Nun kennen Sie alle die Strenge unseres vorigen Herrn, namentlich in diesem Punkte: ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß der Angeschuldigte in dem Augenblicke, wo sein Vergehen stattfand, eine ganz geringe Strafe riskiert hatte, wurden die jetzt bestehenden Gesetze auf einen Fall, der gegen andere Gesetze und eine andere Obrigkeit verstoßen, angewendet, und – vergebens bot er Geld auf Geld – mein Blomsperger kam vier Jahre unter die Galioten. Er hielt seine Zeit ruhig aus, wurde endlich wieder frei, kam zurück und war wieder der respektable reiche Mann, der er zuvor gewesen war. Darüber vergingen lange Jahre, der alte Herr war längst gestorben, die Sache tot und vergessen, und Blomsperger wurde in seinem Dorfe zum Schulzen gewählt. Ich muß auf Pflicht und Gewissen erklären, daß ich in meinem ganzen Amtsbezirke keinen vernünftigeren Schulzen gehabt habe: er ging den anderen mit einem guten Beispiel voran und wußte mehr als einmal die störrigen Gemüter den Neuerungen unseres Staatswesens geneigt zu machen. So lernt' ich ihn näher kennen und stand gar gut mit ihm, denn es war eine Freude, wenn man mit ihm zu verkehren hatte. Aber seine Überlegenheit zog ihm Feinde zu, auch der Oberamtmann war ihm nicht grün, denn er verstand sich nicht auf Komplimente und hatte eine unerbittlich ehrliche Zunge, ein Ding das zu heißen, was es eben war. Nun kam ein Anschlag gegen ihn zustande, und ein schlauer Kopf besann sich, daß dieser Schultheiß einst eine entehrende Strafe erlitten habe, mithin zu keinem bürgerlichen Amte fähig sei. Hiegegen war nichts weiter einzuwenden, und ich ließ daher meinen Mann in der Stille kommen. Blomsperger, sag' ich ihm, seht Euch beizeiten vor und blast zum Rückzug, es zieht ein Ungewitter gegen Euch auf. Hoho, sagt' er (denn er hatte einen schnellen Merks), ich weiß schon, woher der Wind geht. Ist es vielleicht gewissen Leuten eingefallen, daß der Schulz von R... einmal Manschetten getragen hat? Nun, da will ich den Ulmer Kühhirten machen und diesen Spitzköpfen zuvorkommen! In der nächsten Amtsversammlung stand er auf und begehrte bescheidentlich seinen Abschied. Der Oberamtmann zog die Stirn zusammen und sprach lateinisch mit mir, ich erwidert' ihm aber, ich hätt' meinen Schulsack schon längst verschwitzt, er sollte nur deutsch reden. Da sagt' er lachend: Ihr müßt Wind gehabt haben, Blomsperger. Es war allerdings an dem, daß man Euch den Marsch gemacht hätte; nun spielt Ihr, sozusagen, das Prävenire und zieht Euch gerade noch zur rechten Stunde zurück. Damit war die Sache gut, aber der Bauer war fuchsteufelswild, und schwur Stein und Bein, es müsse anders werden und wenn er sein ganzes Vermögen dranrücken müßte. Ich war auf seiner Seite, denn es ließ sich nicht leugnen, daß man eine große Ungerechtigkeit gegen ihn begangen hatte. Also setzt' ich ihm eine Schrift auf und schickte ihn mit allerlei Instruktionen in die Residenz. Geld müßt Ihr mitnehmen, Blomsperger, sagt' ich ihm, Geld vollauf, denn es ist ein teures Pflaster dort, Ihr versteht mich schon! Mein Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen, er steckte ein ganzes Kapital in seine Taschen und so marschierte er hierher. Vor dem Schloß angekommen, trat er, wie ich ihn unterwiesen hatte, zu dem roten bordierten Hahn, der dort auf und ab spazierte, drückt' ihm einen Kronentaler in die Hand und bat, er möcht' ihn hineinlassen, er habe eine wichtige Sache abzumachen. Also ließ der ihn durch. Er ging aber nicht ganz oben hinauf, sondern zu einem gewissen andern Herrn im Kabinett, den ich jetzt nicht nennen darf und dem er meine Supplik zu übergeben hatte. Dort stellte er sich nach Art der Bauern, wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt, rindshagelsdumm, richtete dem Herrn einen schönen Gruß von mir aus, was ihm Gott vergeben wolle, und bot ihm gleichfalls einen Kronentaler dar. Der Herr wurde bitterböse und wollte wissen, ob schon jemand Geld von ihm genommen hätte. Nun war er doch so gutmütig, das nicht zu verraten, nur, sagt' er, habe er gehört, daß man ohne zu schmieren nicht wohl durchkommen könne. Da lachte der Herr, daß er sich den Bauch halten mußte, sah die Schrift durch und sagte: Eure Sache ist gerecht; geht nur wieder nach Hause, guter Mann, Euch soll bald geholfen sein! So kam er wieder zu mir, erzählte mir seine Gänge und hielt sich stille. Lange Zeit verging und es kam nichts. Da trat er mich wieder an und fragte, was zu tun sei. Nichts habt Ihr zu tun, sag' ich ihm, bleibt nur ruhig, ich merke schon, an welchem Nagel die Sache hängen geblieben ist; in vierzehn Tagen muß ich einer Angelegenheit halber in die Stadt und da will ich auch nach Euren Rüben sehen. Als ich hierher kam, ging ich gleich ins Kabinett zu dem bewußten Herrn, entschuldigte mich wegen des unberufenen Grußes und fragte, ob die Sache noch nicht im reinen sei. Teufel! wie war der Herr so zornig! Nun erfuhr ich, was ich längst geahnt hatte: das Restitutionsdekret für den Blomsperger war schon vor sechs Wochen hinaufgeschickt worden, und der Oberamtmann hatte es mala fide liegen lassen. Ich bat, von meiner Mitteilung keinen Gebrauch zu machen, besorgte meine Geschäfte und reiste zurück. Noch in derselben Nacht, in der ich ankam, schickt' ich hinaus (es war drei Viertelstunden weit) und ließ dem Blomsperger sagen, morgen mit dem frühesten solle er sich bei mir einfinden und alle Taschen voll Geld mitbringen, es stehe nicht gut und er werde unchristlich zahlen müssen; dem Boten aber habe er einen Sechsbätzner zu geben wegen der späten Nachtzeit, und zwei Schoppen vom Besten dazu. Das geschah. Morgens um fünf Uhr – ich lag noch tief in den Federn – kommt mein Knecht herein: der Blomsperger stehe schon draußen! Laß ihn herein, rief ich lachend, und wie er vor meinem Bette stand, hub ich an: Hört, Mann, es tut mir leid, Euer Sach' steht schief und Ihr werdet noch obendrein gestraft. Habt Ihr Geld bei Euch? So ziemlich, sagt' er gleichmütig, und zog rechts zweihundert Gulden und links zweihundert Gulden aus den ledernen Taschen. Reicht nicht, sagt' ich bedenklich, Ihr werdet mehr brauchen. Versucht's einmal und geht ins Amthaus hinüber, heißt das, wenn die Leute erst auf sein werden, und fragt, ob nichts für Euch da sei, jetzt aber schiebt Euch fort und laßt mich noch ein wenig schlafen, ich bin noch müd' von der Reise. Neun Uhr schlägt's, da stund mein Blomsperger schon wieder vor mir und hieß mich einen Kujon über den andern. Als er vor den Oberamtmann getreten war, mochte diesem schon ein Vögelein gepfiffen haben. Er war sehr freundlich und sagte: Blomsperger! ich habe Euch eine angenehme Neuigkeit mitzuteilen. Das Dekret ist eigentlich schon vor einiger Zeit angekommen und durch ein Versehen, das ich recht sehr bedaure, unter andere Akten verlegt worden. Eure Strafe ist aufgehoben, Ihr seid in Eure bürgerlichen Ehren wieder eingesetzt, ich gratulier' Euch, jetzt könnt Ihr Schulz oder Bürgermeister werden, was Ihr wollt. – Nichts will ich werden, Herr! hatte er erwidert, mir ist's genug, daß ich wieder ein ehrlicher Mann bin. Nun, und was habt Ihr bezahlen müssen? fragt' ich ihn. Fünfzehn Gulden Sporteln. (Das war von Rechts wegen.) Hat Euer Geld gereicht? Und's reicht doch nicht! rief er, indem er an seine Taschen schlug, denn jetzt muß ich fragen, was ich Euch schuldig bin! Hab' ich Euch denn die Zeche schon zu machen begehrt? rief ich, während er seine Rollen herauszuziehen und auf den Tisch zu legen anfing. Eingesteckt, wenn wir gute Freunde bleiben sollen! Wollt Ihr aber mit Gewalt wissen, was Ihr mir zu bezahlen habt, so will ich's Euch sagen. Meine Auslagen für Euch betragen einen Gulden und vierzig Kreuzer; damit könnt Ihr auf der Stelle herausrücken, wenn's Euch so darnach juckt. Nein, das geb' ich Euch nicht, der Teufel soll mich holen! rief er wild; Ihr seid mein Vater, Ihr habt mich wieder zu einem Mann gemacht, und das sollt Ihr nicht umsonst getan haben. Er wiederholte den Versuch noch mehrmals; da er aber sah, daß bei mir nichts anzubringen war, führte er sich ab und ging zu meiner Frau. Diese war schon von mir instruiert und wies ihn ebenfalls ab. Nun versteckte er noch eine Kronentalerrolle in einem Wandschrank, wo das Geld sogleich nachher aufgefunden und ihm ins Wirtshaus zur Traube nachgeschickt wurde; denn dort hatte er sein Standquartier genommen und trank nach Herzenslust. Nachmittags um zwei Uhr machte ich einen Spaziergang mit zwei Bekannten und kam zufällig an der Traube vorüber. Ich dachte, er sei längst fort, aber er lag unter dem Fenster mit feuerrotem Gesicht und rief uns hinein. Da half kein Widerstreben. Ich verlangte ein Glas Bier, aber er schlug dem Traubenwirt das Glas aus der Hand und ließ Champagner kommen. Ich trank ein paar Kelche und ging nach Hause zurück an meine Geschäfte. Abends acht Uhr, es fing an zu dämmern, ging ich wieder denselben Weg vorbei. Wer sieht zum Fenster heraus? Mein Blomsperger, der mich gleich wieder drin haben wollte. Jesus, Mann! rief ich, warum denkt Ihr nicht ans Heimgehen? Ihr habt so viel getrunken, seht zu, daß Euch kein Unglück widerfährt! Heimgehen? rief er. Ja, daß ich ein Narr wäre! Holen sollen sie mich! ich habe schon nach dem Wagen geschickt. Nun ich wieder ein ehrlicher Mann bin, will ich heimfahren wie ein Herr! Ich mußte lachen und blieb unter dem Fenster stehen; hinein zitieren ließ ich mich nicht. Unterdessen kam sein Sohn mit dem Wagen und einem stattlichen Geschirr angefahren. Vorzüglich gefiel mir das eine Pferd, ein Rappe, jung, glänzend, wohlgenährt, groß und von der besten Haltung. Der Junge mußte ein paarmal vor mir auf und ab fahren, um mir die feurigen Bewegungen des Rosses zu zeigen. Ich wünschte ihm glückliche Reise und ging meiner Wege. Morgens in aller Frühe kommt der Knecht vor mein Bett: Von wem haben Sie denn das schöne Pferd gekauft, Herr? Esel! sag' ich, was werd' ich ein Pferd kaufen? Reib' dir die Augen aus! Aber er blieb bei seiner Aussage und versicherte, es stehe ein prächtiger Rappe im Stall, und ein nagelneues Geschirr hänge über der Krippe. Ich zog mich schnell an und ging hinab; siehe da, es war Blomspergers Rappe. Der kommt mir wie gerufen, sagt' ich, geh und spann ihn gleich ein! Nun macht' ich mit meiner Frau ein paar Tage lang Spazierfahrten zu benachbarten Bekannten, denen ich Besuche schuldig war. Wie dies abgetan ist, sag' ich meinem Knecht: Heut nacht führst du das Pferd nach R –, stellst es ihm ganz leise in den Stall und hängst das Geschirr über die Krippe, gerade wie er's gemacht hat. So geschah es. Am anderen Morgen kam er und sagte mir vollwichtige Grobheiten: ich wolle ihn zu einem schlechten Manne machen, er habe das Pferd selbst aufgezogen, es koste ihn nicht so viel, und dergleichen mehr. Blomsperger, sagt' ich ihm, wenn ich ein Pferd nötig hätte, auf mein Wort, ich hätt' Euren Rappen behalten, aber ich brauch' ihn nicht und die Fütterung ist mir zu teuer. Nun wiederholte er das alte Manöver mit dem Geld, und ich hatte Mühe, ihn zu überzeugen, daß ich mich nicht von ihm belohnen lassen könne. Endlich gab er sich zufrieden, aber die Geschichte ist noch nicht ganz aus. Nach einigen Tagen hatt' ich Geschäfte in W –, einem meiner Amtsorte. Wie ich fertig bin, geh' ich vom Rathaus in den Hirsch, lass' mir einen Schoppen und etwas zu essen geben: Hirschwirt, was bin ich schuldig? Nichts, Herr! der Blomsperger hat's schon bezahlt. Ei, zum Teufel, so macht mir die Zeche! Kann nicht sein! sagte er kopfschüttelnd: Heilige Mutter Gottes! er tät' mir das Haus einreißen, wenn ich einen Kreuzer von Ihnen nähme. Der Hirsch war meine gewöhnliche Herberge. Ich ging ins goldene Roß, trank einen Schoppen Bier, fragte nach der Zeche – mein Blomsperger war auch dort gewesen und hatte mir den Paß verrannt. Um es kurz zu sagen, alle Wirtshäuser in meinem ganzen Amtsbezirk, von denen er nur im entferntesten denken konnte, daß ich sie besuchen würde, hatten den Auftrag, mich auf seine Kreide zu schreiben, so daß ich in die größte Verlegenheit kam und in meiner eigenen Amtsstadt nicht mehr zum Bier gehen konnte, bis mit meiner Versetzung, die mich gerade um jene Zeit hierher führte, das Wesen ein Ende nahm. Aber auch hier bin ich nicht sicher vor ihm, denn, wie er mir zum Abschied sagen ließ, muß ich jeden Tag seines Besuchs gewärtig sein.« »Seht, ihr Herren!« rief der Maler triumphierend, »das ist der Feudalbauer! das kann keiner von euren Zwetschenbauern tun! Die halten den Lederbeutel fest zugeschnürt, auch die Vermöglicheren unter ihnen, die sich sehen lassen könnten.« »Ei nun, sie sind doch auch wärmerer Regungen fähig,« bemerkte ein anderer. »Vor fünf Jahren, als wir den Polenbesuch hatten, kamen ein paar von den Flüchtlingen auf ein Dorf. Dort geriet alles in freudige Aufregung, die ganze Gemeinde war stolz, ihre Polen zu haben, so gut wie die umliegenden Städte. Sie wurden bestens bewirtet und beim Abschied mit einer Zehrung entlassen. Die Weiber hatten Leinwand beigesteuert, die dem Heimatlosen gar willkommen ist, und unter den tragbaren Lebensmitteln war, zur Erbauung unseres Freundes hier, ein Säcklein mit dürren Zwetschen nicht vergessen; auch etwas Geld lag dabei. Nur die Übergabe verursachte einige Schwierigkeit, denn der Schultheiß, der den Zeremonienmeister machte, begnügte sich nicht mit der stummen Sprache des Augenscheins, sondern glaubte eine Art Anrede halten zu müssen. Er führte daher die Gäste vor die Bescherung hin, deutete auf sich und die anderen Geber, dann auf die Gaben, zuletzt auf sie, die Empfänger, und sagte dazu deutlich artikulierend: G'schenkt – von uns ! Die Polen, in der Meinung, er wolle ihnen noch was Besonderes sagen, zuckten die Achseln. Der Schultheiß wiederholte seine Rede lauter, indem er sie mit freundschaftlichen Rippenstößen begleitete. Da aber die Fremden auf ihrem Kannitverstahn beharrten, so schritt er zur äußersten Deutlichkeit, drückte ihnen die Köpfe zusammen und schrie ihnen aus Leibeskräften in die Ohren: G'schenkt, g'schenkt – von uns!« Alle lachten. »Die Methode wäre unseren Übersetzern zu empfehlen,« bemerkte ein junger Schriftsteller. »Ich hab' einmal anders erfahren, wie der Bauer schenkt,« begann ein Landwirt, der sich zuzeiten in der Stadt aufhielt. »Durch den Tod eines Verwandten unvermutet Gutsbesitzer geworden, kam ich an einem schönen Sommerabend einen Fußweg dahergewandert, um in mein neues Eigentum einzuziehen. Die Felder, durch die mein Weg führte, waren mein und standen prächtig – das war alles, was ich von ihnen wußte, denn, bei der Feder aufgewachsen, mußte ich jetzt ein neues Leben beginnen. Wie ich so mich umsehe, bemerke ich ein altes Bäuerlein, dem das Hemd aus den Hosen schaut, mitten in der grünen Gerste am Boden beschäftigt. Da es etwas ängstlich tat und heimlich nach allen Seiten lugte, so duckte ich mich hinter den Rain und spionierte. Mein Männlein grapst und bekommt etwas in die Hand, das in schrillenden Tönen heftig schrie, wickelt das Ding ins Grastuch, steckt es in die Tasche und wuselt eilig fort, die Furche hinauf. Ich dachte: was mag das wohl für eine Grille sein, die so zirpt? Indessen kam ich bei dem alten Maier an, der mein Hofgut verwaltete, gestand ihm meine Unwissenheit, bat um Rat und Lehre und fing meine Einrichtungen mit ihm zu treffen an. Dazwischen fiel mir wieder ein, was ich gesehen hatte, und ich fragte ihn, welch Tierlein es wohl gewesen sein möge, das so geschrillt habe. Was anders als ein junger Hase? antwortete er lachend. Ehe er aber weiter reden konnte, klopft's an der Türe und herein wackelt das Bäuerlein. Es habe gehört, sagt' es, daß der junge Herr angekommen sei, und wolle ihm da nur ein Häslein verehren. Hatte der Spitzbub' auf meinem eigenen Jagdgrund und in meiner eigenen Gerste das Präsent gefangen, womit er sich mir empfehlen wollte!« »Oder,« bemerkte der Beamte, »hatte er vielleicht doch gesehen, daß Sie ihn beobachteten, und hat sich so mit guter Art aus der Affäre gezogen; sonst würde er wohl das Präsent in seine eigene Küche getragen haben.« »Kann auch sein,« erwiderte der Gutsbesitzer lachend. Nun wurden eine Menge Züge aus dem Volksleben erzählt, wobei Verschmitztheit und herzloser Geiz die Hauptrollen spielten. Dagegen wurde von anderer Seite hervorgehoben, welche bittere Armut in manchen unserer Gegenden herrsche, und mit wie ergebenem Gleichmut sie ertragen werde. »Es gibt Albtäler,« sagte einer, »wo der Morgen Feld einen Gulden gilt. Da schafft mancher Mann den ganzen Tag mit nichts als einem Stück Brot in der Tasche, wozu er nicht einmal Most hat. An den steilen Bergabhängen mähen sie das Gras weg mit Lebensgefahr, denn der von der Sonne gedörrte Boden ist dort so glitschig, daß man wie auf Glatteis geht. Oder sie machen mit unsäglicher Mühe die verkrüppelten Bäume und Stumpen heraus, die ins Gestein gewachsen sind. Erst kürzlich hat ein grundbraver Mann, den ich kannte, bei dieser Arbeit das Leben eingebüßt. Arm, wie seine ganze Gemeinde – er war gleichfalls Schultheiß, aber kein oberschwäbischer – mühte er sich an einer Steinlinde ab, die plötzlich über ihn herrollte und ihn erdrückte, so daß er nur noch einen Jammerblick nach seinem anwesenden Sohn senden konnte. Und als man den Baumstorren von den schweren Steinen gesäubert hatte, gab er kaum ein Viertelmeß Holz.« »Da vergeht einem die Lust,« rief einer aus der Gesellschaft, indem er das aufgehobene Glas wieder niedersetzte. »Unsere Weingärtner nicht zu vergessen!« sagte ein anderer. »Wo gibt es einen Menschenschlag, der an Ausdauer diesen überträfe? Fleißig, sparsam, genügsam, von Fehljahr zu Fehljahr auf einen besseren Herbst hoffend, so daß man wohl von ihm sagen kann: Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf! Und wenn auf das fast regelmäßige Halbdutzend Fehljahre einmal ein gutes kommt, so hat der größte Teil kaum so viel gewonnen, um seine Schulden zu zahlen und knapp wieder fortzuleben.« »Ja, ihre Genügsamkeit ist groß. Ich ging einmal an einem heißen Tage die Weinsteige hinauf spazieren. Von ungefähr zog ich die Dose heraus und schnupfte. Da rief es hoch über mir, ich möchte doch ein wenig verweilen, und ein alter Weingärtner kam eilig die langen Staffeln herab. ›Herr,‹ sagte er, ›Sie könnten mir eine Wohltat erweisen, wenn Sie mir eine Prise gäben, es ist so gut für den Durst.‹ Und kindlich vergnügt stieg er, als ich ihm meine Dose in ein Papier ausgeleert hatte, wieder zu der obersten Höhe des Weinbergs zurück.« »Ihre Sparsamkeit,« hob ein vierter an, »steht besonders unter der Obhut ihrer Weiber. Ein Weingärtner hatte einen Schillerwein im Keller, der sein ein und alles war. Er liebte ihn wie seinen Augapfel, und liebte ihn viel zu sehr, um sich auch nur einen Tropfen davon zu gönnen; im Gegenteil, das Faß lag wohlverspundet und unberührt im Keller, ein stilles Heiligtum. Als aber der Mann krank wurde und zu sterben kam, sagte er zu seinem Weibe: Ich hab' eine wunderbare Lust, vor meinem Ende auch einmal meinen Schiller zu versuchen, gang, Weib, und hol mir einen Schoppen herauf. Sie aber sah ihn wehmütig und bedächtig an. O Johannesle, b'hilf di vollends, sagte sie. Und er behalf sich und starb, ohne von seinem Schiller gekostet zu haben.« Nachdem der Eindruck dieser Erzählung, die unwiderstehlich wirkte, sich etwas gelegt hatte, nahm ein Arzt vom Lande das Wort. Er wurde häufig zu Kranken in die Stadt gerufen und brachte deshalb manche Abendstunde bis zum Postabgang in dieser Gesellschaft zu. »Aus unserem Bauernleben,« sagte er, »ist mir im Augenblick kein Zug von Großmut oder Splendidität gegenwärtig, den ich jenem flotten Oberschwaben gegenüberstellen könnte – wiewohl auch dem Unterländer ein Opfer auf dem Altar der Menschheit zuzutrauen ist, nur daß er vielleicht eher seine Haut zu Markte trägt als sein Klingendes – aber aus dem soeben mehrfach besungenen Stande kann ich mit einem Exempel aufwarten. Vorigen Herbst, in einem Dorfe meiner Nachbarschaft, über dem verdammten Schießen trug sich's zu. Der Schreiner des Orts schlägt das Gewehr auf einen Weingärtner an: Soll ich? Schieß! ruft der andere. Der Schreiner drückt ab; auf sechzig Schritte und mit einem Pfropfen im Laufe dachte er an nichts Arges. Aber der Weingärtner schlägt die Hände vor das Gesicht und stürzt mit einem Schrei zu Boden. Der Schütz hatte, wie so oft, die Schrote von der letzten Wilderei auszuziehen vergessen. Dieser warf die Flinte weg und rannte fort, ohne nachts heimzukommen. Man holte mich zu dem Verwundeten, aber ich konnte ihm sein Auge nicht wiedergeben. Den anderen Tag stellte sich der Täter ein und trat in Verzweiflung an das Krankenbette. Aber mitten in den ärgsten Schmerzen, streckte ihm der Weingärtner freundlich die Hand entgegen, tröstete ihn, so gut er konnte, und auch sein Weib stand ihm bei diesem Benehmen treulich bei. Ja, was nach dem bisher Besprochenen die Hauptsache ist, sie nahmen von dem Beschädiger, was er auch tun mochte, nicht einen Kreuzer Schmerzengeld. Ich muß ihm das Zeugnis geben, daß er sich alle redliche Mühe gab, sie dazu zu bewegen, aber es war vergebens; und von den beiden Teilen, die in geringem Wohlstande leben, ist er immerhin noch der reichere. Jetzt sind beide noch bessere Freunde als zuvor.« »Das geht über unseren Feudalbauer,« sagte der Maler zu dem Beamten, indem er mit ihm anstieß. Die Gesellschaft ließ den wackeren Weingärtner leben. »Eine solche Geschichte,« bemerkte einer, »erhält ihren Wert und Reiz vornehmlich dadurch, daß sie, wie in diesem Falle nicht zu zweifeln, eine wahre Geschichte ist«. »Allen Respekt vor einem solchen Beispiele des Edelmuts!« versetzte ein anderer. »Und dennoch, da wir einmal ans Anekdotenerzählen gekommen sind, ist mir bei der Frage vom Schmerzengeld ein Gegenstück eingefallen, das ich nicht unterdrücken kann. Zwei Bauernbursche ringen miteinander; der eine stürzt und bricht dabei den Fuß. Aber schnell gefaßt: Da hast's, ab ist er! ruft er schadenfroh vom Boden dem Sieger zu. Der Gedanke an den Schadenersatz und all den Verdruß, der diesem bevorstand, half ihm den Schmerz verbeißen.« Ein schallendes Gelächter erfolgte. »So etwas kann doch auch nur bei uns vorkommen!« rief man nationalstolz durcheinander. »Aber seht ihr wieder einmal,« sagte der Maler, »wie der Satan in den verkehrten Menschengemütern seinen Sitz aufgeschlagen hat? Die schönste moralische Geschichte muß die Segel streichen, wenn eine andere aufs Tapet kommt, die mit etwas Teufelei gepfeffert ist.« »Ja, aber je dümmer der Teufel, desto unterhaltender ist er gemeiniglich, und darin liegt doch auch wieder eine Art Theodizee.« »Gute Nacht für heute!« hieß es von allen Seiten, und der erste Erzähler mußte noch versprechen, seinen Feudalbauer, so bald er den angekündigten Besuch machen würde, in die Gesellschaft mitzubringen. Ein Donnerwetter im Hornung. Ein oberschwäbischer Bauer starb und hinterließ den Hof nach altem Brauch und Recht seinem Erstgebornen. Der Majoratserbe, oder kurz gefaßt, der »Bauer«, Melchior mit Namen, zahlte seine Schwestern aus, da es ihnen glückte, sich zu verheiraten, und behielt den jüngeren Bruder bei sich. Hans wuchs als Knecht, wie es herkömmlich ist, bei seinem Bruder auf; er war ein untersetzter Strunk mit unverschämt roten Backen, fleißig wie ein Ochs und gutmütig wie ein Engel. Dabei aber war noch etwas Besonderes an ihm, nämlich, er hatte plötzliche Einfälle, von denen er selbst nicht wußte, wo sie herkamen. Da konnte ihm in aller Einfalt ein Gedanke kommen, und der mußte heraus, wenn er ihm nicht das Herz abdrücken sollte. War nun ein solcher Gedanke heraus, so schien es zunächst, als ob gar nichts damit geschehen wäre; allmählich aber wirkte er wie eine Bombe, die da platzt und überallhin einschlägt. Je mehr man ihm nachdachte, je vielseitiger und vieldeutiger wurde er, und immer gab es etwas dabei zu lachen, am meisten oft über den, der ihn ausgesprochen hatte; denn der gute Hans wußte gewöhnlich selber nicht, was er sagte, und wenn er's hintendrein verstand, so war er darüber so gut wie die andern in Verwunderung. Deshalb verachteten ihn viele um seiner Einfalt willen; andere aber hielten ihn für einen Duckmäuser, der es faustdick hinter den Ohren habe; die fürchteten und haßten ihn. Unter diesen war Laurian, der Oberknecht, ein schwerhöriger Mensch. Der verstand Hansens Einfälle am allerwenigsten, und darum ging es ihm, wie es manchen Leuten in diesem Falle geht: was er nicht verstand, das beleidigte ihn, weil er argwöhnte, es sei besonders auf ihn gemünzt. Doch konnte er seinen Ingrimm selten auslassen, da Melchior arglos und mit seinem Bruder zufrieden war. Nur suchte er ihm aus Tücke Arbeit aufzuladen, so viel er konnte: das war aber dem fleißigen Hans ein Kinderspiel. So wäre es nun lange friedlich fortgegangen, wenn nicht ein neuer Knecht auf das Gut gekommen wäre. Der hieß eigentlich von Hause aus ebenfalls Hans, wie sein Namensbruder; aber weil er die Welt gesehen hatte und ein wenig »in Frankreich drein geweßt« war, so nannte er sich Jean und die anderen nannten ihn ebenso. Dieser Jean war ein sehr aufgeweckter Kopf und ein scharfer Denker. Er hatte gleichfalls Gedanken, aber sie glichen Hansens Einfällen etwa wie ein spitziger Stein einem Ei. Denn wenn man einem Worte, das Hans gesagt hatte, genau auf die Fährte ging, so war neben allem Schlagenden und Beißenden doch immer wieder die Lehre vom »Leben und Lebenlassen« darin ausgesprochen, oder, um es deutlicher zu sagen, er wies mit seinen Einfällen immer nach, daß in gewissen streitigen Punkten alle recht hatten. Weil aber nicht alle recht haben können, ohne daß zugleich alle wiederum unrecht haben, so war eben dieser Widerspruch der wahre und eigentliche Grund, warum Hansens Reden so sonderbar und in vielen Fällen so spaßhaft wirkten. Etwas ganz anderes aber war es, wenn Jean den Mund auftat: der zielte nur nach einer Seite hin, wo er das Unrecht sah oder zu sehen glaubte, und diese Seite traf er auch immer ganz scharf und sicher. Daß die Dinge in der Welt gewöhnlich ihre zwei Seiten haben, das kümmerte ihn nichts, und auch die anderen, die ihm zuhörten, vergaßen es über seinen Reden, die jedermann vortrefflich verstand; denn eben weil sie nur einen einzigen Sinn hatten und nur nach einer einzigen Seite gingen, deswegen waren sie auch so deutlich. Das hatte er in Frankreich »drein« gelernt. Weil aber die Franzosen nicht auf den Kopf gefallen sind, so hatte er in vielen Fällen recht, nur zufällig nicht in allen. Sonderbarerweise aber fürchtete ihn Laurian, der Oberknecht, trotz seiner scharfen und deutlichen Worte lang' nicht so sehr, als er Hansen wegen seiner undeutlichen Reden fürchtete und haßte. Freilich mußte er auch zusehen, wie der Jean beständig an diesem schürte und hetzte. Zuerst schalt er nur auf die Küche, aber allmählich ging er immer weiter, bis er endlich den Hans belehrte, es sei eigentlich ein himmelschreiendes Unrecht, daß er seines Bruders Knecht sein müsse, und daß dem anderen das ganze Erbe zugefallen sei. Darauf bemerkte Hans, er habe freilich eben auch eine große Dummheit begangen. Frage: Welche? Antwort: Daß er zuletzt auf die Welt gekommen sei. Diese Äußerung schien dem Laurian sehr verdächtig. »Ei,« sagte der Jean, »wenn es aber in der Welt herginge, wie recht und billig, so müßte sein Bruder das Gut mit ihm teilen.« Darauf antwortete der Hans, mit einer solchen Teilung würde er nicht einmal vorlieb nehmen, wenn er einmal anfinge. Frage: Warum? Antwort: Wenn es in der Welt nach Recht und Billigkeit herginge, so wäre eigentlich er der Erbe, weil er der Jüngste sei. Frage: Warum? Antwort: Weil der Älteste bis zum Tod des Vaters Zeit gehabt hätte, sich ein eigenes Gut zu erwerben, der jüngste aber nicht. Deshalb, wenn's einmal zum Wollen komme, so wolle er lieber das Ganze, und so lang' er das nicht haben könne, wolle er lieber mit nichts zufrieden sein. Der gute Hans hatte diese Worte mit einfältigem Lachen und Augenblinzeln vorgebracht. Er wußte nicht, daß ein solches Erbrecht des jüngsten wirklich in einigen Gegenden bräuchlich ist. Laurian aber wußte es, und ihm wurde ganz angst und bange. Eilig lief er zu dem Bauer und berichtete ihm, was sein Bruder für gefährliche Reden führe. Melchior war hochmütig, wie ein Majoratserbe zuzeiten sein kann; über seines Bruders Reden und ihren Zusammenhang nachzudenken, war ihm zu weitläufig, und weil das Übelnehmen eine bequemere Sache ist, so nahm er sie übel. Er gab ihm scheele Blicke und ließ ihm durch Laurian sagen, er solle einen Maulkorb vorhängen, oder er werde ihn aus dem Hause peitschen lassen. Aus dem Hause wäre nun Hans nicht gerne fortgewesen, denn einen Bruder hatte er nur einmal in der Welt; aber das Verbot machte ihm schwer zu schaffen. Denn da er niemals darüber nachgedacht hatte, welche von seinen Reden genehm seien und welche nicht, so wußte er jetzt gar nicht mehr, was er mit seiner Zunge anfangen sollte. Reden muß doch auch der schweigsamste Mensch von Zeit zu Zeit; es schickt sich ja doch z. B. nicht, die Antwort auf eine Frage schuldig zu bleiben. Aber bei allen solchen Gelegenheiten kam Hans schlecht weg, denn Laurians unermüdliche Spürnase wußte aus jedem Wort etwas Verfängliches herauszuwittern. Noch schwerer aber machte Hansen sein französischer Namensbruder zu schaffen: der war natürlich ganz auf seiner Seite, und eben darum deutete er ihm seine Reden so arg oder noch ärger als Laurian, pur um den und den Herrn zu ärgern oder in Schrecken zu setzen. Jean hatte zwar auch ein festes Siegel auf seinen Mund bekommen, aber wer konnte diesen Schnabel stopfen? Der brachte immer wieder etwas durch. Also war ein förmlicher Mißdeutungskrieg ausgebrochen, und der arme Hans, der seinem Herzen nicht mehr Luft machen konnte, war gar übel dran. Das Jahr ging zu Ende, die langen Abende kamen, und so früh man auch bei den Bauern zu Bette geht, so waren sie eben doch lang, und je stummer sie waren, desto länger wurden sie. Hans tat am Ende den Mund nicht mehr auf; er ging wie ein Schatten umher und beschäftigte sich stillschweigend damit, Späne zu schnitzen. Aber auch dieses Handwerk fand Laurian bedenklich: das Messer war ihm zu scharf, und mit den Spänen konnte man ja das Haus anzünden. Deshalb nahm er sie ihm am Ende ab und schnitzte die Späne selber. Hans hatte nur noch einen Trost, aber er war so dumm, ihn vor der Zeit auszuschwatzen. »Ich freu' mich nur auf die Fastnacht!« brummte er dann und wann vor sich hin: »da will ich das Maul brauchen.« Solche Worte nahm sich Laurian sehr zu Gemüte, und ehe Hans etwas davon träumte, hatte er ihm schon einen starken Riegel vorgeschoben. Wer freute sich fort und fort, und das Ziel seiner Freude kam allermittelst immer näher, die Fastnacht fiel diesmal früh, schon in die ersten Tage des Februar. Es war ein uralter Brauch in jener Gegend, daß die Herrschaft ihr Gesinde drei Tage lang aufs reichlichste bewirtete. Die Ordnung ist in diesen Tagen umgekehrt: Bauer und Bäurin tragen auf, Knechte und Mägde, vom Oberknecht bis zum Hirtenbuben, und von der Altmagd bis zur kleinsten Dirne, sitzen in zwei Reihen als die Herren am Tische. Dazwischen wird getanzt, und dann wieder aufgetragen, daß der Tisch brechen sollte. Natürlich darf man dann auch ein wenig weiter noch verkehrte Welt spielen: die geringste Stallmagd, der kleinste Hirtenbube hat das Recht, dem Bauer oder der Bäurin zuzutrinken, und es wäre diesen nicht zu raten, das zugebrachte Glas abzuschlagen. Auf diesen Tag hatte Hans alles, was sich in seinem Kopf und Herzen regte, zusammengespart: das war die Gelegenheit, wo er »sein Maul brauchen« wollte. Laurian aber hatte gehandelt wie jener, der sich einäugig wünschte, um seinen Nebenbuhler blind zu machen, und Melchior war witzig genug gewesen, seinen Einflüsterungen nachzugeben. Wer da weiß, welch eine gefährliche Neuerung es ist, eine uralte geheiligte Sitte abschaffen zu wollen, der kann ermessen, wie groß Laurians Pflichtgefühl oder Bosheit gewesen sein muß, als er sein eigenes Recht aufzuopfern beschloß, nur um zugleich auch seinen Mitknecht um dasselbe zu bringen. Endlich war der Tag, wo die Welt sich hätte umkehren sollen, herangekommen; aber das Essen wurde auf die gewöhnliche Weise aufgetragen, und das Gesinde setzte sich mit fragenden, sonderbaren, unzufriedenen Blicken an den Tisch. Niemand äußerte etwas; bloß zwei Mägde flüsterten ein wenig zusammen, fuhren aber vor einem strengen Blicke Melchiors verschüchtert zurück. Die Bäurin, der es gar nicht wohl bei der Sache war, machte sich in der Küche zu tun und kam nicht herein. Hans blieb vorerst unsichtbar, und erst gegen das Ende der kurzen Mahlzeit erklärte sich dieses Rätsel. Da kam unter einem lustigen Narrenschrei ein Wurf Äpfel zur Türe hereingeflogen, und hinter den Äpfeln drein der Vermißte im Hanselkleide, das ist in einer abenteuerlichen, bunten, weiten Tracht, auf dem Kopfe eine Kapuze mit hölzerner Larve und hinten herabhängendem Fuchsschwanz, und über Brust und Rücken zwei sich kreuzende Riemen, woran eine Menge von Schellen klingelten. Mit einem Sprung war er in der Stube, sah aber alsbald, daß die Sachen aussahen, wie sie von Gott und Rechts wegen aussehen sollten, und blieb mitten in der Stube stehen. – »– Ja – was – ist denn aber das?« stammelte er endlich und blickte verwundert links und rechts. »Was soll's mit der Narretei?« rief Melchior barsch. Er fühlte, daß dies der entscheidende Augenblick sei, und ein dumpfes Bewußtsein sagte ihm, daß er nicht zögern und hinter dem Berge halten dürfe. »Ha – was wird's denn sollen?« sagte Hans, seinen Bruder verdutzt anstarrend. Melchior winkte dem Oberknecht, und Laurian bereitete sich alsbald, eine Rede zu halten, worin der neuste Beschluß mit »Wasmaßen« und allen gebührenden Umständlichkeiten weitläufig vorgetragen werden sollte. Da er aber häufig stecken blieb und die Rede auch sonst in Räuspern, Husten und Schneuzen beinahe ganz verloren ging, so hat die Geschichte von diesem merkwürdigen Aktenstücke nichts aufgezeichnet. Hans, der auch ohne Worte wohl verstand, was die Glocke geschlagen, sah seinen Bruder mit einem unaussprechlichen Blicke an. Dieser nickte nicht bloß zur Bestätigung, sondern schlug auf den Tisch und rief: »Und kurz und gut, mit den Narreteien soll's aus und vorbei sein. Und wenn dir's nicht recht ist, so kannst du meinetwegen zum T – gehen.« Drei Blicke sandte Hans aus seinen Augen, einen auf Melchior, einen zu Boden, einen gen Himmel, und dann war er nicht mehr unschlüssig, was er zu tun habe. Er warf die Kapuze samt Larve und Fuchsschwanz ab, schleuderte den Äpfelkorb in die Stube und hatte im selben Augenblicke seinen Bruder gefaßt. »Wenn ich das Maul nicht brauchen darf, so muß ich ja die Faust brauchen!« rief er mit desperatem Gelächter: »du Kalb! du Ochs! du« – und bei jedem Titel regnete es eine Tracht von Prügeln – »wart, ich will dir das Verständnis auftun!« Die Mägde schrieen, als ob man sie am Messer hätte; aber keine rührte einen Finger. Die Bäurin, ein furchtsames Weib, lief mit einem Zetergeschrei aus der Küche nach dem nächsten Hofe, der aber eine gute Viertelstunde entlegen war, um Hilfe zu holen. Nur Laurian kam zum Beistande herangestolpert. Hans gab ihm, ohne seinen Bruder loszulassen, einen Fußtritt; Laurian wurde die Stube entlang auf Jean geschleudert und flog mit diesem in eine Ecke, wo sie einen Kartoffelsack umwarfen. Zum Überfluß fiel noch ein Korb mit Tannenzapfen vom Gesims herab, der Sack war aufgegangen, und nun balgten sich die beiden miteinander unter Kartoffeln und Tannenzapfen herum. Hans hatte sich inzwischen aufs angelegentlichste mit Melchior beschäftigt. Nachdem er ihn windelweich geschlagen, nahm er ihn und setzte ihn an den Tisch, daß die Bank krachte, bedräute ihn, sich nicht zu rühren noch zu muxen, und holte geschwind einen großen Krug Wein. Dann setzte er sich zu seinem Bruder an den Tisch, und wie er sich etwas verschnauft hatte, nahm er einen weidlichen Schluck zu sich; darauf bot er den Krug seinem Bruder mit den Worten: »So, Bauer, jetzt ist dir's zubracht, von mir! Willst oder willst nicht?« Melchior, der ihm mit Furcht und Zittern zugesehen hatte, nahm den Krug bereitwillig und trank. »Siehst du nun, Bruderherz, daß es besser ist, man braucht das Maul, denn die Faust?« fuhr Hans fort. »Jetzt hast du die Wahl. Wenn du mich nach diesem aus dem Haus haben willst, so behüt' dich Gott und geb' dir Regen und Sonnenschein, alles zu seiner Zeit. Willst du aber die Prügel vergessen und meine Grobheit für eine Höflichkeit aufnehmen, so will ich bei dir bleiben und will dir dienen akkurat wie bisher. Jetzt, was ist deine Meinung? An dir ist's, denn du bist Herr im Haus.« Melchior ergriff den Krug und erholte sich Rats bei ihm. Nachdem er unergründlich getrunken hatte, sah er seinen Bruder lange an. Endlich öffnete er den Mund und sprach, wie wenn eine vollständige geschichtliche Erörterung zwischen ihnen stattgehabt hätte: »Sieh, Hans, du hast recht. Ich glaub', mir ist ein Verständnis aufgegangen. Jetzt komm, tu mir den Gefallen, jetzt muß es über die zwei da hinaus.« Laurian und Jean, die sich indessen aus den Tannenzapfen aufgerafft und stumme Zuschauer abgegeben hatten, waren alsbald unter den Händen der beiden Brüder. Diese aber hatten so unter sich geteilt, wie man denken kann. Hans hatte nämlich den Laurian auf sich genommen, und während er diesen bearbeitete, rief er beständig: »Jean, wehr dich!« Melchior dagegen hatte sich auf den Jean geworfen und rief: »Laurian, wehr dich!« Er rief aber nicht lang', denn der Jean stellte seinen Mann und machte ihm gewaltig zu schaffen, so daß, während Hans den Laurian unwiderstehlich und in wahrhaft trunkener Lust zerdrasch, das Zünglein des Sieges zwischen den beiden anderen schwankte. Nachdem sie so ziemlich gleichviel ausgeteilt als eingenommen hatten, schlossen sie Waffenstillstand und blickten einander bedeutungsvoll in die Augen. Auch hier bedurfte es keiner Worte, sondern in stillschweigender Verständigung wandten sich die beiden Kämpfer, die einander nichts abgewinnen konnten, auf einmal gegen den Laurian, über welchem Hans soeben ein wenig Feierabend gemacht hatte. Hans, da er diese neue Wendung der Dinge sah, tat einen deckenhohen Sprung vor Freuden, und machte sich unverweilt mit den beiden anderen wieder über den Gegenstand des allgemeinen Einverständnisses her. Um es kurz zu sagen, Laurian war in eine förmliche Walkmühle gekommen und wurde mit einem Takt, einer Ordnung und Regelmäßigkeit behandelt, die nichts zu wünschen übrig ließen. Als die Nachbarn endlich mit der Bäurin in die Stube drangen, fanden sie die vier Männer, von welchen drei sehr guter Dinge waren, um den Weinkrug am Tische sitzen, und hatten weiter nichts zu tun, als sich zu ihnen zu gesellen. Das übrige Gesinde wurde jetzt auch herzugerufen, und der Tag nach altem Brauch beschlossen. Die Bäurin mußte aber allein aufwarten, denn Melchior war zu mürb' geschlagen, als daß man ihm hätte zumuten können, sich von seinem Platz zu rühren. An diesem Tage wurde das alte Herkommen durch einen feierlichen Vertrag befestigt. Hans und Jean gelobten ihrem Oberherrn pünktlichen Gehorsam das ganze Jahr hindurch. Er aber hat ihnen das Recht eingeräumt, ein Narrenbuch über ihn zu halten, das er sich in der Fastnacht von ihnen vorlesen lassen muß. Auch haben sie geschworen, daß er sich dabei werde viel gefallen lassen müssen. Laurian aber ist ganz still geworden und macht ein Gesicht, als verstünde er die Welt nicht mehr. Obige Dorf- oder vielmehr Hofgeschichte hat sich im gesegneten Jahr des Herrn 1845 ereignet. Wie nun eine noch so wahre Geschichte gelegentlich etwas Sinnbildliches mit sich führen kann, so wollte man auch in der gegenwärtigen, als sie damals zur Sprache kam, ein ganzes Nest von politischen Anspielungen finden. Nahe genug lag allerdings die Beziehung auf die Zensur, die ewig unvergeßliche, um so näher, als diese gerade dazumal selbst die harmlosesten Fastnachtsschwänke, Hochgefährliches dahinter witternd, meuchelte. Weniger einig war man darüber, welcher allegorische Sinn etwa den einzelnen Persönlichkeiten, die das Geschichtchen aufführt, unterlegt werden könnte; in vertrauter Gesellschaft wurde eines Abends viel gestritten und manches nur leise geflüstert. Daß das Sinnbildchen eine Prophezeiung und zwar, besonders schon in Betracht der so aufwieglerischen Zensur, gar keine unwahrscheinliche enthalte, das schien zweifellos. Auch ließ die Erfüllung nicht lang' auf sich warten, denn nur drei Jahre nachher brach wirklich, merkwürdig genug, ein Donnerwetter im Hornung aus, das, wie man auch von seinem Verlauf urteile, nicht spurlos vorübergegangen ist. Ob aber die Elemente, deren Schatten man in dem kleinen Drama, wenn es nun einmal eine Allegorie sein soll, erkennen mag, ob sie in der angedeuteten Weise sich versöhnt und verständigt haben, darüber wird vorderhand das Protokoll offen zu behalten sein, oder vielmehr, die Beantwortung der Frage wirb von der weiteren Frage abhängen, ob der böse Genius Laurian, der am Tage der Erfüllung seine richtigen Schläge erhielt, seitdem mit Haut und Haar von der Bühne verschwunden ist.