Johannes Scherr Nemesis Novelle 1. Hoch droben. Im ersten Dämmerschein des Morgens trat ein Mann aus dem Düster des Tannenforstes. Am Saume desselben blieb er stehen, schlug die Arme übereinander und schaute bohrenden Blickes in das graue Frühlingsnebelmeer hinab, welches hart unter seinen Füßen die Tiefe füllte und meilenweit hinzuwogen schien. Der Hochwald, aus welchem der Mann getreten, krönte eine Kuppe, von welcher aus man über die Nebelmassen hinweg ostwärts und südwärts die grandiosen und bizarren Formen einer Reihe von schneeglänzenden Kolossen in den blaßblauen Himmel emporragen sah. Aber diese Bergriesen hatten jetzt, wie immer vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, ein unheimlich geisterhaftes Ansehen, etwas leblos Starres, Ankältendes. Der Winter schien auf ihnen zu schlafen, bleiern, unnahbar, mit eisigem Odem Licht und Leben aus seiner Nähe bannend. Ringsher lautlose Stille, nur unterbrochen durch ein dumpfes Geräusch wie von stürzenden Wassern, welches in monotoner Wiederkehr durch das Dunstgeschwele herauf und herüber kam. Da rührte ein leiser Morgenwindzug die Wipfel der Tannen, und nach kurzer Weile war die Szene wesentlich verändert. Im Osten leuchtete es auf, erst schwach und weißlich flimmernd, dann hell und rosenfarben. Grünlich grelle Streiflichter zuckten über die Granitwände und Schneefelder des Hochgebirges hin, schwanden, kamen wieder, nahmen zu an Stärke und Kraft der wechselnden Farben, sprangen gedankenschnell von Fels zu Fels, von Firn zu Firn und pflanzten dann auf all den zahllosen Zacken und Hörnern die rotleuchtenden Banner des Tages auf, dessen Gestirn mählich hinter den östlichen Bergen emporstieg. Jetzt bot der Ort, wo der Mann stand, einen kontrastvollen Ausblick. Oben alles Licht und Glut, unten noch dämmerndes Grau. Aber die Sonne, höher und höher steigend, griff mit ihrer belebenden Macht bald auch in die Tiefe hinein. Die rotglühenden Alpenspitzen warfen zitternde Reflexe auf das Nebelmeer, dessen Oberfläche dann unter dem Einflusse der Morgenbrise zu wogen und zu wallen begann. Im nächsten Augenblick hob und schob sich die ganze ungeheure Masse in die Höhe, trennte und furchte sich da und dort, dehnte sich in dichten Bänken hüben und drüben an den Bergen aufwärts. In der Mitte bildete sich eine riesenhafte muldenförmige Vertiefung, deren Grund die Gestalt eines dünnen weißen Flors annahm. Jetzt zerrissen ihn die Sonnenstrahlen, und herauf blitzte blau und silbern der Spiegel des Sees. Er war von bedeutendem Umfang, allein seine Ufer waren vorerst noch nicht zu überblicken. Langsam und seine Massen in grotesken Bildungen durcheinanderschiebend quoll und brodelte der Nebel nach allen Seiten hin auseinander. Wie ein strahlend Aug' schaute das Wasser aus der Tiefe. Dann wurde der Riß weiter und weiter, der See dehnte sich nach rechts und links, die Dünste schwammen und drängten eilfertiger nach oben, und schon begannen die obersten Schichten an den Bergwänden ringsum in einzelne Wolken zu zerflattern. In dem Maße, in welchem sie aufstrebend die Felszacken und Schneekuppen verschleierten, lichtete sich drunten die Szene. Während der Nebel in halber Höhe der Berge einen rötlichweißen Gürtel bildete, der nach und nach verqualmte, lagen die Ufer des Sees dem Auge bloß. Es war ein herrlicher Wasserspiegel von länglich-ovaler Form, die aber auf der südlichen und östlichen Seite wildzerrissen sich wies. Hier stiegen die Berge oft in schwindelnd hohen senkrechten Felswänden, überall aber jäh und scheinbar unzugänglich in das Wasser herab. An seinem westlichen Ende drängte sich der See mehr und mehr zusammen und ergoß den Überfluß seiner Wasser in das Bett eines Stromes, welcher eine Strecke weit rauschend zwischen engzusammentretenden Felsen sich hinwand, dann in ein offenes Talgelände hinaustrat und dort dem Auge entschwand. Aus dem Tale herauf führte eine Straße an den See, welche den Verkehr der Gebirgslandschaft mit den ebeneren Gegenden vermittelte. Wenige Büchsenschüsse weit unterhalb der Ausmündung des Sees in den Fluß war über diesen eine jener in Berggegenden häufigen hölzernen Brücken geschlagen, deren Dach einen hellroten Anstrich hatte. Diesseits dieser Brücke zweigte sich von der am rechten Ufer des Flusses herauf führenden Straße ein schmalerer Fahrweg ab. Er ging über die Brücke, zog sich jenseits derselben eine Strecke weit in einem Halbbogen um den See und führte auf ein Gehöfte zu, dessen Hauptgebäude sich durch das Grauweiß seines Daches als eine Mühle verriet. Das Räderwerk derselben wurde durch einen Teil des Wassers, welches ein gewaltiger Bergbach aus den Schneefeldern herabbrachte, in Bewegung gesetzt. Etwas linkshin hinter der Mühle sah man dieses wilde Bergwasser aus den Klüften des Hochgebirges auf ein bewaldetes Plateau heraustreten, welches in steilen, zackigen Felsschichten jählings abstürzte. Von dieser wohl an fünfhundert Fuß hohen Wand warf sich der Strom in drei majestätischen Sprüngen, die von unzähligen kleineren Kaskaden und Kaskadellen umflattert wurden, in die Tiefe und bildete so einen prachtvollen Katarakt, welcher unter dem Namen des Donnerfalls weitum berühmt war. Weiter aufwärts den See sah die südliche Seite seines Gestades unwohnlich und unwirtlich aus. Überall abschüssige Granitwände, an denen sich von den höher gelegenen Gletschern stärkere und schwächere Silberfäden herabspannen. Da und dort unterhalb der Schneegrenze eine malerische Gruppe von Ahornbäumen, Tannen und Bergkiefern oder auch einzelne grüne Matten, Ausläufer schmaler Hochtäler, die sich in den mächtigen Gebirgsstock hineingelagert hatten und zur Sommerszeit die Schauplätze einer genüglichen und munteren Sennenwirtschaft waren. Einzelne Sennhütten klebten da droben wie Schwalbennester an den Abhängen. Das Ufer des Sees dagegen schien oberhalb der Mühle auf dieser Seite keine Spur von menschlicher Besiedelung zu zeigen; denn es gehörte ein sehr scharfes Auge dazu, im Hintergrund einer kleinen Bucht ein zwischen zwei mächtige Tannenstämme hineingepreßtes Häuschen wahrzunehmen, dessen graues Schindeldach mit dem Grau des schroff hinter ihm aufragenden Gesteins zusammenfloß. Zwei kleine, in der Morgensonne blitzende Fenster verrieten jedoch, daß dort ein menschliches Wesen in die Einsamkeit zwischen Fels und Wasser sich eingenistet habe. Das östliche Gestade des Sees verschwamm in dämmender Unbestimmtheit, weil auf dasselbe die über ihm aufgetürmten Berge noch ihre Schatten warfen. Dagegen lag das nördliche Ufer schon in voller Beleuchtung und bot einen von dem gegenüberliegenden wesentlich verschiedenen Anblick. Das Land stieg hier in sanftgeschwungenen Wellenlinien vom Wasser auf und bog dann weiter nach Norden hin in eine weite Ebene aus, in welcher inmitten von reichen Saatfeldern und Wiesengründen Gehöfte, Weiler und Dörfer zerstreut lagen und mehrere spitz zulaufende rote Kirchtürme aus dichten Obstbäumepflanzungen hervorlugten. Die letzteren, namentlich die Frühobstbäume, begannen eben in Blüte oder, wie man hier herum sagte, in Blust zu schießen und hoben sich um so anmutiger von dem jungen Grün der Saaten und Matten ab. Durch das schöne Gelände schlängelte sich, von den ostwärts gelegenen Bergen herkommend, ein stillgleitender Fluß, auf weitem Umwege sein Wasser dem See zuführend. Da, wo er die Grenzmarke des dem See zunächstgelegenen Dorfes verließ, trat er in ein tiefes, schmales, von wildem Gestrüpp überwuchertes Tobel, aus welchem hervorrauschend er in so launischen Wendungen dem See zufloß, daß man vermuten durfte, Kunst habe hier dem Wasser seinen Lauf vorgezeichnet. So war es in der Tat. Die Gartenkunst hatte den Lauf des Flusses zwischen dem Tobel und dem See zu ihren Zwecken benutzt und zwar so geschickt, daß dieses Wasser eine Hauptzierde des weitläufigen Parkes abgab, welcher sich weit am Seeufer hin- und weit an der sanften Abdachung desselben hinaufzog. Dieser Anlage, von der Natur so außerordentlich begünstigt, fehlte auch jener Zauber der Romantik nicht, welcher den trümmerhaften Überbleibseln früherer Jahrhunderte anhaftet. Jenseits des Flüßchens nämlich, in halber Höhe der Abdachung, sprang aus derselben ein hoher felsiger Hügel vor, dessen Gipfel die Ruinen einer Feudalburg krönten. Birken und Fichten waren zwischen den Trümmern aufgeschossen, und über die Baumgipfel hinweg ragte jener Kern mittelalterlicher Festen, der gewaltige Wartturm, genannt das Berchfrit, noch jetzt mit der nur wenig verwüsteten Kraft einer eisernen Zeit. Auch hier aber zeigte sich eine Erscheinung, die an den Sitzen alter Geschlechter häufig vorkommt. Die Nachkommen der Burgherren hatten das Schloß ihrer Ahnen nicht mehr wohnlich und bequem genug gefunden und hatten sich deshalb am Ufer des Sees einen Wohnsitz geschaffen, welcher den Bedürfnissen und Gewohnheiten einer vorgeschritteneren Zeit mehr entsprach. Der ältere Teil dieses neuen Schlosses, das eigentliche Hauptgebäude, verriet durch seine edlen Verhältnisse, daß es noch zur Zeit der Renaissance entstanden sei. Später hatte man ihm zwei Flügel angefügt, die zu jenem in keinem Verhältnisse standen und deutlich zeigten, daß ihre Entstehung schon in die Rokoko-Periode gefallen, wo die Forderungen der Architektur vor den maßlosen Ansprüchen einer üppigen Ornamentik zurücktreten mußten. Diese Seitenflügel waren rechte Triumphe des Zopfstils. Von dem Mittelflügel führte eine leichtgeschwungene Freitreppe in einen Garten herab, zu dessen Anlage man eine in den See hinausgehende Landzunge benutzt oder auch eine solche künstlich geschaffen hatte. Der Garten hatte die Form seiner ursprünglichen Anlage beibehalten. Er prunkte also, wahrend der Park hinter dem Schlosse nach den naturgemäßeren Grundsätzen der englischen Hortikultur eingerichtet war, mit jener steifen Korrektheit, auf welche die deutsche Gärtnerei des vorigen Jahrhunderts in sklavischer Nachahmung der Gärten von Versailles und Trianon so versessen war. Die beiden Seitenflügel des Schlosses endigten jeder in einem achteckigen Turm mit wunderlichen Bedachungen, welche man chinesische Kuppeln zu nennen beliebte. Der Balkon eines dieser Türme, des östlichen, verlängerte sich in einen gußeisernen Steg, welcher nach einem aus dem See aufragenden Felsblock hinüberführte, auf dessen Oberfläche ein zierlicher Pavillon errichtet war. Wenngleich der architektonischen Symmetrie ermangelnd, verriet die ganze Besitzung, wie sie, weich ans Seegestade hingebettet, aus den herrlichen Baumgruppen des Parkes aufstieg und angesichts der Größe und Schönheit des Hochgebirges dalag, die Sicherheit und das wohlige Behagen großen und von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochen vererbten Reichtums. Es war ein Herrenhaus im vornehmsten Sinne des Wortes. Vor der Fronte des westlichen Flügels breitete sich ein großer Hofraum aus, welchen im Halbkreise gebaute Stallungen, Remisen und Dienerwohnungen einfaßten. Vom Hoftor ab lief eine breite Allee prächtiger alter Linden und Kastanien am rechten Seeufer hin, ließ mittels einer steinernen Brücke den hier in den See mündenden Fluß hinter sich und dehnte sich schnurgerade bis zur Einlaßpforte des Parkes. Der Wächter derselben konnte von den Fenstern seines Häuschens aus in die lange Gasse eines großen Dorfes hineinsehen, dessen Häusergruppen am Fuße des Berges lagen, von welchem wir zuerst gesprochen. Verfolgte man vom Parktore aus die Straße gegen das Dorf zu, so erblickte man am. Eingang desselben rechts und links ein ansehnliches Gebäude. Das eine war die Oberförsterei, das andere die Oberrentei der ehemals reichsfreien, jetzt mediatisierten Grafschaft Wippoltstein. Inzwischen war die Sonne höher gestiegen. Die Nebelmassen hatten sich an den Bergen emporgewunden und an den Firnen zerteilt, um droben in der blauen Unermeßlichkeit wieder zu rötlich schimmernden Morgenwolken zusammenzufließen. Der Tag schritt belebend über die Landschaft. Alles in ihr wurde Ton und Klang. Aus den Saatfeldern in der Ebene schwirrten Lerchen tönend in die Lüfte, während im Hochwalde das Pfeifen des Eichhorns und das Glucksen des Birkhuhns in den Schlag des Schneefinken und der Goldamsel sich mischten. Aus den Dörfern hervor sah man Bauern zu Acker fahren, und ein paar Fischerkähne furchten die leichtgekräuselte Fläche des Sees. Vom andern Ufer desselben trug der Morgenwind das laute Gebrause des Kataraktes herüber, und allwärtsher stieg aus den Gründen aufwärts zu den Höhen jenes verworrene, aus hundert verschiedenen Tönen gemischte Tosen, welches dem Mann auf der Bergkuppe verriet, daß die Menschen da unten an ihr mannigfaltiges Tagewerk gegangen. Er stand noch immer mit verschränkten Armen und sah in all die Pracht hinein. Dann schnippte er mit den Fingern und brummte in den Bart: »Die alte Geschichte, bei Iove! Granit, Schnee und Wasser die Hülle und Fülle, drüberhin ein Stückchen blauer Luft, dort der Edelsitz mit seinem großprahlerisch hochmütigen Aussehen, da unten die Dörfer mit ihren Äckern, worauf sich arme Narren für andere abplacken. Die alte Geschichte, ganz die alte Geschichte!« Der so sprach, war ein Mann über Mittelgröße und über die Mitte des Lebens hinaus. Unter seinem breitkrempigen und ziemlich vernutzten grauen Filzhut standen eisengraue Kopfhaare hervor, und ein mächtiger Backenbart von derselben Farbe rahmte ein tiefgebräuntes, fast bronziertes Gesicht ein, welches mit seinen grauen, rastlosen, stahlscharfen Augen, seiner breiten Stirn, über welche sich eine düstere Furche bis zur Nasenwurzel herabzog, mit seiner übergroßen, aber nicht gemein geformten Nase und dem energischen Kinn wie eine Ruine der Intelligenz aussah. Das Schlimmste darin war der Mund mit den dünnen farblosen Lippen, in deren tiefherabgezogenen Winkeln ein stereotyper bösartiger Hohn zu lauern schien. Wollte man diesen Zug übersehen, so konnte man der ganzen Physiognomie den Charakter eines gewissen brutalen Humors zuerkennen. Seine fünfzig Jahre drückten offenbar den Mann nicht sehr. Seine muskulöse Gestalt hielt sich fest und gerade, und sein Kopf saß aufrecht auf dem sehnigen braunen Hals, den er bloß trug, so daß ein nicht eben sehr weißer Hemdkragen zum Vorschein kam. Sein Anzug, bestehend aus einem schwarzen Manchesterrock mit Schnurwerk und hechtgrauen Beinkleidern, hatte früher augenscheinlich Anspruch auf Eleganz gemacht, näherte sich aber jetzt dem bedenklichen Zustand der Fadenscheinigkeit. Über die linke Schulter hatte er einen zusammengerollten Mantel von dunkler Farbe geworfen, an der rechten Seite hing ihm eine Ledertasche mit Messingbeschlägen, wie man sie auf Reisen zur Aufbewahrung von Barvorrat zu tragen pflegt, und in der Hand führte er einen tüchtigen Knotenstock. Die ganze Erscheinung des Mannes machte so ziemlich den Eindruck dessen, was die Engländer schäbige Gentilität zu nennen pflegen. Wir könnten das etwa mit flottem Strolchentum vertauschen, wenn nicht beide Begriffe doch wieder zu harmlose wären, um hier in Anwendung gebracht zu werden. Es war etwas in diesem Gesicht, was, in Worte übertragen, ganz deutlich lautete: Wahre dich! Der Mann zog eine vielgebrauchte lederne Kapsel hervor, nahm daraus eine Stange Kautabak, biß davon ein »Quid« ab und schob es in seine linke Backenhöhle. Diesem transatlantischen Genusse sich überlassend, blickte er abermals mit großer Aufmerksamkeit in die prächtige Landschaft hinab. Nach einer Weile mit einer Vehemenz, um die ihn ein Yankee beneidet haben würde, einen Strahl brauner Jauche zwischen den Zähnen hervorspritzend, murmelte er: »Erinnere mich, daß ich an so'nem Frühlingsmorgen just an der Stelle da stand in meinen Grünlingsjahren und so 'nen Sonnenaufgangsspektakel mit ansah wie heute. Machte damals ein Gedicht darauf, ein ganz passables Gedicht, bei Jove! Hm,« fuhr er fort, »rechne, es war eine ganz hübsche Zeit damals, und ist das Altwerden 'ne schnöde Erfindung. Das Land da unten ist jung geblieben und recht hübsch, das muß man sagen. Habe doch pompöse Gegenden gesehen, höllisch pompöse, aber kalkuliere, ist was an dem, was die Poeten von Heimat und Heimatgefühl zu klingklingeln wissen. Wie sagt der Lateiner? Ille terrarum mihi praetor omnes angulus ridet . Ja, ja, 's ist was dran. Kommt mir das alte Zeug da von Bergen und Wasser fast glorioser vor als alles, was ich in der alten und neuen Welt von der Art gesehen, und wird mir so wunderlich zumute, daß ich, by all the powers ! imstande wäre, wieder ein Gedicht zu machen. – Bin jedoch,« setzte er hinzu, indem er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr und laut gähnte, »schier zu alt zu solchen Narreteien und will drum lieber trachten als dichten, trachten nach einem bequemen Winkel, wo ich mich komfortabel hinhocken und über den Lauf der Welt philosophische Betrachtungen anstellen kann. Ich habe philosophieren gelernt, sollt' ich meinen – ein bißchen anders freilich als die Herren Kathederphilosophen, deren Quark die liebe dumme Jugend vertrauensvoll in ihren Mappen mit nach Hause trägt. Rechne, daß ich doch höllisch jung sein mußte, als ich dies auch tat. – Schloß Wippoltstein da unten sieht noch immer recht herrenmäßig aus, von außen – wollen bald erfahren, wie's drinnen aussieht. Konnte aus dem Kauderwelsch des albernen Köhlers nicht recht klug werden. Nun, der Meister Veit lebt noch, so viel ist sicher. Der wird wohl Bescheid wissen. Was der glatte Halunke für Augen machen wird! Mag er, kümmert mich verteufelt wenig, bei Jove! Bin der Mann dazu, ihm den Kopf zurechtzusetzen, bin es, kalkulier' ich. – Doch 's ist schier kühl hier oben, und die göttliche Aussicht fängt allgemach an langweilig zu werden. Müssen uns nach etwas Soliderem, Substantiellerem umsehen – 's wird nachgerade Zeit sein zum Luncheon, wie die Yankees sagen. Wollen uns daher die liebe Heimat mehr aus der Nähe betrachten.« Mit diesen Worten brach er das verworren schweifende Selbstgespräch ab, rollte sein Quid aus der linken Backenhöhle in die rechte und begann den schmalen, talwärts führenden Fußpfad hinabzusteigen. Rasch ausschreitend hatte er nach einer halben Stunde den freien Platz zwischen dem Parktor und dem Dorfe erreicht und ging ohne Zögern in das letztere hinein. Bei dem stattlichen Wirtshause zum Steinbock angelangt, blieb er einen Augenblick stehen und sagte für sich: »Hm, die alte Kajüte sieht noch immer recht einladend aus. Haben das Schild neu malen lassen, rechne ich. Ob sie wohl drinnen auch noch so guten Roten schenken, wie vorzeiten? Könnte nichts schaden, es mal zu probieren, denk ich – doch nein, bin auf dem Geschäftswege jetzt, also vorwärts.« Und er schritt weiter, die lange Gasse hinab, an der Kirche und dem Pfarrhause vorüber, die Häuser links und rechts scharf ins Auge fassend, doch ohne irgend eine Bewegung zu verraten. Die Begegnenden blieben stehen, um dem Wanderer nachzusehen. Er aber schlenderte weiter, ohne dieser dörflichen Neugierde die geringste Beachtung zu schenken. 2. Ein Wiedersehen. Als er das Dorf im Rücken hatte, befand er sich auf der Straße, welche, wie wir gesehen, rechtshin an dem aus dem See strömenden Flusse in das Tal sich hinabzog. Er verfolgte diese Richtung, bis er an der rotbedachten Brücke angekommen war. Hier bog er von der Straße ab, ging über die Brücke und am andern Ufer den Fahrweg hinauf, welcher auf die Mühle zuführte. Halbwegs begegnete ihm der Müllerwagen, welcher nach dem Dorfe fuhr, und er fragte den Knecht, ob sein Herr daheim sei. Auf die bejahende Antwort hin ging er weiter und langte bald bei der Mühle an. Es war ein stattliches Gehöft und der Eindruck der Wohlhabenheit, welchen es machte, drang sich dem Herangekommenen so deutlich auf, daß er in den Bart brummte: »Meister Veit hat sich gut gebettet, bei Jove! Vermute, er hat die Kunst, Erworbenes zusammenzuhalten und zu mehren, besser verstanden als ich. Der Mann war von jeher ein Geizkragen.« Hiermit ging er zwischen der Scheune und den Stallungen hindurch in den Hof und auf die Mühle selber zu, aus deren Untergeschoß ein lustiges Geklapper hervorscholl. Der gewaltige Hofhund schoß bellend aus seiner Hütte hervor und wurde nur durch seine Kette verhindert, auf den Fremden einzuspringen. Dieser kümmerte sich jedoch nicht sehr um das grimmige Tier, sondern schritt geradenwegs auf die Haustür zu und war im Begriff, die Klinke derselben zu drücken, als die Tür aufging und ihm ein Mann aus der Flur entgegentrat. Der Fremde hatte den Müller – denn der war es – kaum erblickt, als er ihm die Hand entgegenstreckte und in kordialem Ton sagte: »Guten Morgen, Freund Veit. Freut mich ungemein, Euch so wohlauf zu treffen.« Beim Anblicke des Fremden war das gelbliche Gesicht des Müllers erdfahl geworden und die Stimme desselben machte ihn ordentlich einen Schritt zurücktaumeln. »Twerenbold?« preßte er endlich mühsam heraus, staunend, überrascht, durch diese Begegnung offenbar im höchsten Grade erschreckt. »Ja, Twerenbold, mit Eurer Erlaubnis,« versetzte der andere keck und setzte im Tone des gutmütigen Polterers hinzu: »Aber, by all the powers , wie die Irishmen schwören, ist das 'ne Art, einen alten Freund willkommen zu heißen?« »Twerenbold?« wiederholte der Müller. »Wie? Ihr seid zurückgekommen?« »In Lebensgröße, wie Ihr seht,« lachte Twerenbold. Dem Müller war es ganz und gar nicht ums Lachen zu tun. Er stand regungslos, starrte den Eindringling an und sagte dann: »Und was wollt Ihr hier, Meister Twerenbold?« Die Frage klang verzweifelt kühl, unfreundlich, abweisend, und doch auch wieder ängstlich forschend, furchtsam. »Was ich hier will? Nun, zunächst will ich, daß Ihr mich nicht so zwischen Tür und Angel stehen laßt wie 'nen schäbigen Bettler, sondern mir die Hand gebt und aus vollem Herzen zu mir sagt: Willkommen, guter alter Freund!« Der Müller zauderte und warf einen schielend forschenden Blick auf den »guten, alten Freund«, aber das harte Auge desselben übte eine Macht auf ihn, welcher er nicht zu widerstehen wagte. Widerstrebend bot er ihm die Hand hin und sagte: »Ihr seid willkommen. Folgt mir.« Der Gast ließ sich das nicht zweimal sagen und folgte seinem Wirt die Treppe hinauf. Droben ging der Müller über einen langen Gang, schloß eine Hinterstube auf, in welche das Geräusch des Mühlwerks nur sehr gedämpft drang, und ließ seinen Besuch eintreten. Twerenbold legte ohne Umstände Mantel, Hut und Stock ab und sah sich bedächtig in dem Zimmer um. Es war so, wie man es unter dem Dach einer Gebirgsmühle zu finden nicht erwarten durfte, denn die ganze Einrichtung war nicht nur städtisch, sondern sogar luxuriös und nicht ohne Geschmack. Gestickte Vorhänge an den Fenstern, auf dem Boden ein bunter Teppich, Möbel von eleganter Form und weicher Sammetpolsterung, eine schöne Pendule auf der Marmorplatte des Sekretärs, Spiegel und gute Kupferstiche in Goldrahmen an den tapezierten Wänden, in der einen Ecke ein reichversehener Gewehrkasten, in der andern ein Glasschrank mit reichgebundenen Büchern – das alles sah keineswegs ländlich aus. Die Erscheinung des Hausherrn trat zu diesem Gemach nicht in Gegensatz. Er trug zwar einen müllerfarbenen Rock, aber dieser war von städtischem Schnitt. Seine weißen Hände verrieten keine große Bekanntschaft mit den Werkzeugen seines Gewerbes, und seine dünne, mittelgroße Gestalt zeigte deutlich, daß seine Schultern wohl nie mit den Mehlsäcken in Berührung gekommen. Das Gesicht des Mannes war von gelblich-bleicher Farbe und trug vorherrschend den Ausdruck von List und Verschlagenheit. Das eine seiner blaßblauen Augen schielte, und dieser Naturfehler machte diese weitaus mehr zurückstoßende als anziehende Physiognomie durchaus nicht liebenswürdiger. Das Gebaren des Müllers paßte ganz und gar nicht zu seinem Stand. Es war an ihm nichts Derbes, Kräftiges, Vierschrötiges, sondern überall etwas Glattes, Abgemessenes, Leisetretendes. Ein Menschenkenner hätte daraus schwören können, in dem Meister Veit einen alten Herrendiener vor sich zu haben, eine echte und gerechte Kammerdienernatur. Welches Band der Gleichheit auch den Müller und seinen Gast vereinigen mochte, so viel war klar, daß der robuste, zuversichtlich auftretende Twerenbold wenigstens den Vorteil der Männlichkeit vor seinem Wirte voraus hatte und daß er diesem bedeutend imponierte. »Diese Stube,« sagte der Gast, »ist für eine Mühle sehr anständig, bei Jove! Sie sieht gerade so aus, als würde sie von weichen weißen Frauenhänden in Ordnung gehalten. Wollt Ihr mich Eurer Frau vorstellen, teurer Freund? Ich komme aus einem Lande, wo selbst in den Squattershütten auf gute Lebensart gehalten wird.« »Ich habe keine Frau,« entgegnete der Müller mit schlecht verhehltem Verdruß über die Ungeniertheit seines Gastes, »sondern nur eine Haushälterin.« »Ah,« versetzte Twerenbold mit zynischem Blinzeln, »Ihr liebt noch immer den Wechsel, alter Junge?« »Sprecht vernünftig, Meister Twerenbold. Ich liebe die Wirtshausspäße nicht, wie Ihr wißt.« »Ja, ich weiß, Ihr machtet stets den Aristoteles zuschanden, welcher den Menschen ein geselliges Tier nennt. Ihr waret stets eine sich absondernde, ernsthafte Bestie, mein guter Veit.« Ein Blitz des Hasses brach aus den Augen des Müllers, als sich Twerenbold umwandte und ein Fenster öffnete, um seinen Mund des Kautabaks zu entledigen. Aber das Wort Bestie war in einem Tone gesprochen, in welchem ein orientalischer Despot mit seinem Sklaven redet, und Meister Veit kannte die Bedeutung dieses Tones recht wohl. Er hatte jedoch seine Züge nicht so in der Gewalt, daß Twerenbold, als er sich wieder vom Fenster zu ihm wendete, nicht wahrgenommen hätte, was in des Müllers Seele vorging. »Mein lieber Freund,« sagte jener mit vollkommener Ruhe, »Ihr wünscht mich zu allen Teufeln, nicht wahr?« Ausweichend erwiderte der Müller: »Wie konntet Ihr wagen, nach Wippoltstein zurückzukommen – nach Europa überhaupt – mit Verletzung des heiligsten Eidschwurs?« »Wie ich das wagen konnte? Bah! Was hatte ich denn dabei zu riskieren? Und wie mögt Ihr, ein aufgeklärter Mensch, von jenem Firlefanz mit dem Eide sprechen, Ihr, der Ihr recht gut wißt, daß weitaus die meisten Eide nur dazu da sind, gebrochen zu werden? Jetzt spaßt Ihr, teurer Freund, kalkulier' ich. Mag ich erschossen werden, wenn ich Euch nicht mehr Spunk zugetraut hätte, bei Jove!« »Und sind die amerikanischen Redewendungen, die Ihr im Munde führt, alles, was Ihr aus der neuen Welt mit heimgebracht?« »Alles? Nein, das nicht. Seht einmal her – wie gefällt Euch das?« So sprechend öffnete der Abenteurer die Ledertasche, welche er an einem Riemen über die Schulter hängen hatte, und nahm daraus eine Handvoll größerer und kleinerer Quarzstücke, welche alle von mehr oder weniger starken Goldadern durchzogen waren. »Goldstufen?« rief der Müller aus, und sein Auge funkelte gierig. Twerenbold ließ die Quarzstücke langsam in die Tasche zurückfallen und sagte: »Ihr seht, daß ich nicht ganz als Bettler in die liebe Heimat zurückgekommen. Weitaus die meisten dieser Dinger sind unterwegs, namentlich in London und Paris hängen geblieben. Aber was hatte das zu sagen? Wußte ich doch, daß mich daheim treue Freunde und eine gute Versorgung erwarteten.« »Wie! Wie meint Ihr das?« »Wie ich das meine? Davon nachher. Was mir zunächst nottut, ist ein reelles Frühstück. Wollte gestern drüben in Lerchenau übernachten, aber die Sehnsucht, meinen teuren Freund Veit zu sehen, trieb mich noch spät abends auf den Weg. Schlug den Fußpfad über den Reißenstein ein, verirrte mich aber in dem dummen Walde da oben und mußte in einer Köhlerhütte unterkriechen, wo nur ein sehr mangelhaftes Abendbrot aufzutreiben war. Also vor allen Dingen das Frühstück, wenn's Euch beliebt.« Der Müller versuchte keine Einwendung, sondern verließ das Gemach, um das Verlangte herbeizuschaffen. Twerenbold trat an den Bücherschrank, musterte den Inhalt desselben, nahm einen Band heraus, rückte einen Lehnstuhl an den Tisch, machte es sich in demselben bequem und blätterte in dem Buche. Nach wenigen Minuten kehrte der Hausherr zurück, auf einem Servierbrett kalte Küche und zwei Weinflaschen tragend. »Meister Veit,« sagte der Gast, mit dem Zeigefinger auf eine Stelle in dem Buche weisend, wie gefällt Euch der Vers: Die stärksten Bande schmiedet das Verbrechen?« Der Müller gab keine Antwort, sondern ordnete schweigend das Frühstück auf dem Tisch. »Nicht wahr,« nahm Twerenbold wieder das Wort, »unter den Poeten trifft man doch hier und dort einen, welcher Welt und Menschen gründlich kennt? Doch lassen wir jetzt die Phantasien und beschäftigen wir uns jetzt mit dem Materiellen. Ihr werdet natürlich mit mir frühstücken und mir in Eurem Wein Bescheid tun. Ich bin ein geselliges Tier, ich, und liebe es nicht, allein zu essen und zu trinken.« »Ich habe bereits gefrühstückt.« »Oh, rechne, das macht gar nichts. Man tut einem alten guten Freunde Schwereres zu Gefallen, als zweimal frühstücken. Laßt einen zweiten Teller und ein zweites Glas kommen und macht keine Umstände.« Ein vielsagender Blick, einer, jener Blicke, womit Twerenbold den Müller beherrschte, begleitete diese Worte. Veit ging hinaus, kam mit einem zweiten Teller und Glas zurück und setzte sich seinem Gaste gegenüber. »Greift zu und schenkt ein,« sagte der Abenteurer. »Der Wirt muß mit gutem Beispiel vorangehen.« Und er rührte weder einen Bissen an, noch setzte er das Glas an die Lippen, bevor der Hausherr von den Speisen und dem Getränke gekostet hatte. Sobald dies aber geschehen, vertiefte er sich mit allem Ernst in das Geschäft des Frühstückens und sprach der Flasche wacker zu. »Dieser Schinken und diese Hammelkeule sind vortrefflich,« sagte er nach einer Weile, »und was den Wein betrifft, so könnte er, kalkulier' ich, mit Ehren auf der Tafel des gräflichen Schlosses erscheinen.« Bei Erwähnung des Schlosses warf der Müller einen lauernden Blick auf seinen Gast, welcher aber keine Notiz davon zu nehmen schien. Nachdem er seinem Appetit genuggetan, schob er den Teller zurück, füllte sein Glas aufs neue und sagte nachlässig: »Vermute, daß das zierliche Strohkistchen dort auf dem Pfeilertischchen eine anständige Zigarre enthält. Ist es so, teuerster Freund?« Der Hausherr stand auf, holte das bezeichnete Kistchen und stellte es vor seinen Gast hin, welchem in nichts zuwider zu handeln er beschlossen zu haben schien. Twerenbold wählte mit Kennermiene einen Glimmstengel, ließ sich das von seiten des Müllers dargebotene Zündhölzchen gnädigst gefallen, lehnte sich behaglich in den Sessel zurück, schlürfte seinen Wein und blies mit viel Kunst die korrektesten blauen Ringe in die Luft. Der Müller schickte sich gerade an, das entstandene Schweigen zu brechen, als Twerenbold zu ihm sagte: »Ich lese Neugierde in Euren Augen, mein werter Freund. Fragt mich immerhin. Bin in einer ganz komfortablen Stimmung und werde mit der Offenherzigkeit antworten, die mir eigen ist und an welche Ihr Euch gewiß noch zu erinnern vermögt.« Meister Veit zwang ein Lächeln auf seine Lippen und entgegnete: »Nun ja, ich bin neugierig – man wird das gern auf dem Lande. Nach dem Inhalt Eurer Tasche da zu schließen, kommt Ihr aus Kalifornien?« »Nicht direkt, wohl aber auf Umwegen. Ja, ich war, kalkulier' ich, wo die Flüsse statt Kiesel Goldquarze rollen und wo es des gelben Quarks in Hülle und Fülle gibt für einen, der ihn an den rechten Orten zu suchen und aufzuheben versteht.« »Und warum seid Ihr nicht in diesem gesegneten Lande geblieben, Meister Twerenbold?« Der Abenteurer blies ein halb Dutzend Rauchringe vor sich hin, bevor er eine Erwiderung gab, und als er das tat, geschah es nur in Form einer Frage. »Habt Ihr mal vom Lynchen und von der Lynchjustiz gehört oder gelesen, teurer Freund?« »Nur oberflächlich.« »Schade! Ist das ein allmächtig merkwürdiges Ding, versichere Euch. Seht, eines schönen Morgens werdet Ihr von Euren Nachbarn am Kragen genommen, mit welchen Ihr vielleicht noch gestern in aller Freundschaft ein Glas Brandy getrunken habt. Man schnürt Euch die Hände auf den Rücken, setzt Euch auf einen Gaul und führt Euch zu Walde, wohin man gemeiniglich nicht weit zu gehen hat. Dort angekommen, legt man Euch die zulaufende Schlinge eines verteufelten Lederstrickes um den Hals und befestigt das andere Ende besagten Lederstrickes an dem solid aussehenden Ast einer ehrwürdigen Eiche. Dies getan, gibt man Euch zu erwägen, ob es nicht gut getan wäre, in möglichster Kürze für das Heil Eurer Seele zu sorgen. Dann nimmt einer von denen, die Euch das Geleite gegeben, die Peitsche zur Hand und versetzt damit dem Gaul, auf welchem ihr sitzt, einen tüchtigen Hieb. Das Beest reißt mit einem wütenden Satze aus und Ihr – je nun, Ihr baumelt an dem Ast, zuckt noch ein wenig, strampelt ein bißchen mit den Beinen und – wutsch dich! schnappt Ihr hinüber in die Ewigkeit. Eine sehr inkonvenable Situation das, nicht?« »Gewiß,« versetzte der Müller, einen leichten Schauder unterdrückend. Twerenbold leerte sein Glas mit einem raschen Zug, schob es seinem Wirte zum Wiederfüllen hin und fuhr fort: »Zuweilen, wenn Eure guten Freunde, die Hinterwäldler oder Goldsucher, besser gelaunt sind, nimmt die Sache einen weniger tragischen, für den Betreffenden jedoch immerhin durchaus nicht komischen Ausgang. Man schnürt Euch in diesem Falle auch die Hände zusammen, bindet Euch mittels eines Riemens an einen Baumast, aber nur, um Euch zu peitschen, bis Euch die Haut in Fetzen den Rücken hinunterhängt. Dann steckt man Euch bis ans Kinn in ein Teerfaß, hebt Euch mit Stangen wieder aus demselben und wirft Euch in ein anderes, das mit Federn gefüllt ist. Man nennt das Teeren und Federn, und wenn Ihr nach dieser Prozedur noch Kraft genug dazu habt, könnt Ihr Euch als Papageno für Geld sehen lassen.« »Wohl, aber in dem einen Falle wie in dem andern muß der von Euch mit so viel Sachkenntnis beschriebenen Zeremonie ein Motiv zugrunde liegen? Keine Wirkung ohne eine Ursache.« »Ihr seid ein Mann von Logik, Freund Veit,« versetzte Twerenbold, ohne sich durch den boshaft höhnischen Blick seines Wirtes irremachen zu lassen. »Allerdings handeln die Pfleger der edlen Lynchjustiz nicht ohne Motive und es gibt deren so viele, vermut' ich – Übeltaten am lebenden und am – künftigen Geschlecht.« Die letzten Worte betonte der Abenteurer wieder so eigen, so schneidend, daß Meister Veit vor der Stimme und dem Blicke seines Gastes scheu die Augen senkte. Twerenbold fuhr fort: »Ich habe, da Euch doch meine amerikanische Ausdrucksweise zu gefallen scheint, ich habe die Notion, daß Ihr es ferner unterlaßt, mich nach den Motiven zu fragen, welche mich bewogen, das Goldland und Amerika überhaupt zu verlassen, und daß Ihr Euch damit begnügen werdet, wenn ich Euch ein für allemal sage, daß es mir beliebte, in unsere alten Berge heimzukehren. Sie sind gar so schön, und hatte ich, wißt Ihr, von jeher an Naturschönheiten ein absonderliches Wohlgefallen.« Veit antwortete nicht, und so trat abermals eine Pause ein, welche Twerenbold ganz gemütlich mit Trinken und Rauchen ausfüllte. Dann nahm er das Gespräch wieder auf mit den Worten: »Diesen Morgen fiel mir ein, daß heute, als am ersten Mai, gerade zwanzig Jahre vergangen sind, seit ich von hier wegging. Erinnert Ihr Euch, daß Ihr mir die Freundschaft erwieset, mich bis zur nächsten Poststation zu begleiten? Still, Ihr braucht Euch nicht so verlegen umzusehen. Ich will nicht von damals, sondern von jetzt reden; aber tut mir den Gefallen, die Fragen, welche ich an Euch richten werde, klar und bestimmt zu beantworten.« »Fragt mich.« »Wohl, so gefallt Ihr mir, und ich sehe, nicht nur alte Liebe, sondern auch alte Freundschaft rostet nicht. Fürs erste also: Lebt die Lore noch?« »Die Traumlore?« »Traumlore! Was soll denn das?« »Nun, man nennt das alte Weib so, weil es sich damit abgibt, dem Bauernpack seine Träume auszulegen.« »Also die gute Lore ist noch am Leben? Freut mich, bei Jove! Aber sagt, ist sie gezwungen, auf die Dummheit der Menschen zu spekulieren?« »Nein, sie tut das und anderes Ähnliches nur aus Neigung und zum Zeitvertreib.« »Sie wohnt im Dorfe?« »Nein, droben am See in der Drachenkluft.« »Was, zum Teufel! In der Einsiedelei zum Sankt Georg?« »Ja. Als der alte Mann mit seinem großen Bart gestorben war und sich kein neuer Kandidat für die Einsiedlerstelle finden wollte, erbat sich die Lore die Einsiedelei von dem gnädigen Herrn und hat seither dort gehaust. Es ist schon manches Jahr her.« »Steht sie noch in Beziehungen zum Schlosse?« »Ich weiß es nicht. Sie war, seit ich sie kenne, nie sehr umgänglich, und ich pflege meine Gesellschaft niemand aufzudringen.« Twerenbold hielt es nicht der Mühe wert, die gehässige Bedeutung der letzten Worte des Müllers zu beachten. Er nahm sich eine frische Zigarre, brannte sie gemächlich an und fuhr mit Fragen fort. »Wie steht es im Schlosse? Was tut Graf Nepomuk?« »Seine Erlaucht der gnädige Herr Graf von Wippoltstein befinden sich wohl.« »Kalkuliere, Meister Veit, Ihr laßt die kammerdienerischen Schnörkel aus unserer Unterhaltung fort. Bei Jove, sie klingen übel in den Ohren eines Bürgers der Vereinigten Staaten, denn einen solchen habt Ihr in mir zu respektieren. Auch seid Ihr ja nicht mehr Kammerdiener, sondern sitzt auf Eurer eigenen Hufe, könnt Euch demnach der steifleinenen Redensarten ganz gut entschlagen.« »Gewohnheit, Meister Twerenbold, Gewohnheit. Auch war ich, wie Ihr wißt, stets ein höflicher Mann und schulde meinem gnädigen Herrn die höchste Achtung und Dankbarkeit.« »Bah,« versetzte der Abenteurer verachtungsvoll, »behaltet solche baumwollene Phrasen für Gimpel. Ihr wißt recht gut, daß Eure Achtung vor dem Grafen nicht mehr und nicht weniger groß ist als die meinige, und was Eure Höflichkeit angeht, so hab' ich, by all the powers! bei meinem Eintritt in dieses Haus eine sattsame Probe davon erhalten. Doch genug davon! Ich vernahm gestern abend, daß der Graf vor nicht langer Zeit eine zweite Heirat geschlossen. Wie ist's damit?« »Der Herr Graf hat sich vor zwei Jahren wieder vermählt.« »Mit einer Witwe seines Alters oder mit einer jungen Dame?« »Mit einem kaum achtzehnjährigen Mädchen.« »Ist die Gräfin schön?« »Wie die Tugend.« »Wie die Tugend? Bah!« »Soll ich sagen, wie das Laster?« »Ist sie reich?« »Das weniger. Sie stammt aus einem sehr großen Hause, war aber das zwölfte Kind ihrer Eltern.« »Verstehe, die Heirat mit dem Grafen wurde als eine standesmäßige Versorgung für das zwölfte Kind angesehen.« »Wahrscheinlich. Die Braut wurde, wie ich sagen hörte, aus dem Kloster, wo sie erzogen worden, an den Altar geführt.« »Sehr vornehm das, ganz der alte gute Ton. Sind Kinder aus dieser Ehe vorhanden?« »Nein.« »Und leben der Graf und seine junge Frau glücklich mitsammen?« »Wie könnt' ich das wissen?« »Oh, geht mir mit Eurer Bescheidenheit! Ihr seid der Mann dazu, so etwas zu wissen. Muß ich meine Frage wiederholen?« »Soviel mir bekannt, leben der gnädige Herr und die gnädige Frau, wenigstens in neuerer Zeit, mehr nur auf dem Fuße der Konvenienz miteinander als auf einem vertraulicheren.« »Das will sagen, jedes lebt für sich. Wie kam das?« »Die Frau Gräfin ist stolz.« »Aha, die junge Dame fand es nicht nach ihrem Geschmacke, daß der Herr Gemahl, wie in seinen jungen Jahren, so auch noch in seinen alten gegenüber dem weiblichen Geschlecht so ungemein herablassend war?« »Ihr seid scharfsinnig, Meister Twerenbold.« »Sehr verbunden. Aber wie kommt es, daß der Graf jetzt so viel auf dem Lande lebt? Ich hörte in Lerchenau, er hätte schon seit anderthalb Jahren Wippoltstein nur selten und immer nur auf wenige Tage verlassen.« »So ist es. Ich denke, der gnädige Herr hat das Residenzleben satt bekommen.« »Vielleicht infolge der revolutionären Bewegungen in der Hauptstadt, wie?« »Ich weiß nicht. Hier oben blieb alles ruhig und beim alten.« »Nun, es ist ja auch drunten wieder so. Aber der junge Graf?« Bei dieser Frage schaute der Müller auf und seinem Gast mit einem lauernden Blick ins Gesicht. Twerenbold verzog keine Miene. »Der junge Herr Graf? Ihr meint Junker Robert?« »Ja.« »Er ist zu einem stattlichen Manne herangewachsen, steht bei den blauen Husaren, hat den Feldzug in Italien mitgemacht und wurde auf dem Schlachtfelde von Custozza wegen seiner in dieser Schlacht bewiesenen außerordentlichen Bravour zum Rittmeister seiner Schwadron ernannt.« »Und wo befindet er sich jetzt?« »Er hat, soviel mir bekannt, den Winter in der Residenz verlebt, wird aber täglich auf dem Schloß erwartet oder ist vielleicht schon angekommen.« »Was für eine Art Mensch ist er?« »Soweit ich ihn kenne, ein Kavalier comme il faut , ein bißchen exzentrisch und sehr –« »Sehr?« »Hochmütig. Wenigstens sagt die Schloßdienerschaft so.« »Ein echter Vollblutaristokrat demnach?« »Ich glaube.« »Gut. Das wäre der eine junge Graf. Aber der andere, der echte?« Und bei dieser Frage bohrte der Blick Twerenbolds hart und scharf in die Augen seines Wirts. Veit senkte den Kopf und rückte unbehaglich auf dem Sofa hin und her. »Der andere, der echte?« wiederholte der mitleidslose Frager. »Lassen wir die Toten ruhen,« murmelte der Müller. »Der arme Junge starb?« »Er starb.« »Wann?« »Ungefähr zwei Jahre nach Eurer Abreise.« »Wie?« »An Entkräftung.« »Ich dachte es,« sagte Twerenbold mit gesenkter Stirne und Stimme, mehr zu sich selbst als zu Veit sprechend, »ich dachte es und mußte es wissen. Der unglückliche Knabe war zu zart gebaut, um jene – um jenen Unfall lange zu überleben. Ich wußte es.« Und er stürzte sein volles Glas mit einem Zug hinunter und stieß dicke Rauchwolken aus seinem Munde. »Das arme Jüngelchen!« sagte der Müller. »Es war recht trübselig zu sehen, wie das gute Herrchen von Tag zu Tag abnahm. Als er starb, war große Trauer im Schloß. Der gnädige Herr ließ durch die Lore, die ja manche ärztliche Kunst von Euch gelernt hat, Meister Twerenbold, den armen kleinen Leichnam mit den köstlichsten Spezereien einbalsamieren, und als er in der Ahnengruft beigesetzt wurde, war es das prächtigste Leichenbegängnis, welches je in diesen Bergen gesehen worden. Ja, es war recht traurig.« Diese Worte wurden mit dem hölzern kläglichen Ton eines Leichenbitters vorgebracht. Twerenbolds Lippen umzog ein grimmiger Hohn, und seine Züge nahmen einen Ausdruck unsäglicher Verachtung an. Langsam und schneidend versetzte er: »Meister Veit, Ihr seid ein –« »Mann von langem Gedächtnis, wollt Ihr sagen? Ja, seht, da habt Ihr recht. Aber so ein langes Gedächtnis ist ein zweischneidig Ding. Leidet Ihr auch daran?« »Ich habe ein langes Gedächtnis, Mensch, und erinnert mich dasselbe sehr deutlich an wohlerworbene Rechte. Aber ich leide nicht daran, denn ich bin ein Mann und weiß, daß es Torheit ist, um Vergangenes zu sorgen.« »Wohlgesprochen, aber nicht ich bin es, sondern Ihr seid es, der Vergangenes aufstört. Lassen wir die Toten ruhen, sag' ich nochmals.« Der Abenteurer schaute nachdenklich vor sich hin und gab keine Antwort. Das Schweigen schien dem Müller bald lästig zu werden. Er goß den Rest der zweiten Flasche in das Glas seines Gastes und sagte: »Ihr habt mich zu Anfang unserer Unterredung Euren guten alten Freund genannt, Meister Twerenbold. Als solcher nehme ich mir, obgleich ich sonst gerne meine Finger von anderer Leute Brei fern halte, die Freiheit, Euch zu fragen, was Ihr hier in diesen Bergen zu treiben beabsichtigt. Dabei bemerke ich Euch, daß Ihr leicht Schwierigkeiten finden dürftet, als Arzt ein erträgliches Auskommen zu finden, weil wir seit etwa fünfzehn Jahren einen sehr tüchtigen hier haben, der sich weitum eines großen Rufes erfreut.« »So?« entgegnete Twerenbold nachlässig. »Ich gönne meinem Nachfolger seine Praxis von Herzen, denn wißt, ich will mich zur Ruhe setzen.« »Zur Ruhe setzen?« »Ja, guter alter Freund, zur Ruhe setzen und mein Leben, soweit es noch reicht, komfortabel genießen. Ruminiere, so will ich.« Der Müller warf einen zweifelhaften Blick auf den Anzug seines Gastes. Dieser fing den Blick auf und fragte ruhig: »Wißt Ihr, Meister Veit, was ein Bummler ist?« »Ein Bummler? Man hat in den letzten tollen Zeiten dieses Wort oft genug in den Zeitungen lesen müssen. Bin ich recht berichtet, so ist ein Bummler so viel wie gar nichts.« »Bravo, bei Jove! Nun ist es an mir, Euch ein Kompliment wegen Scharfsinns zu machen. Seht, ich las und hörte jenseits des großen Baches soviel von ganz ungeheuerlichen, unglaublichen Errungenschaften, welche dem guten deutschen Michel eines schönen Morgens wie gebratene Tauben ins Maul geflogen. Das machte mir, begreift Ihr, den Mund, gewaltig wässern, und ich machte mich auf, dem Vaterland einen seiner verlorenen Söhne zurückzugeben. Als ich aber das rechte Rheinufer wieder betreten hatte, was sah ich da? Alle die gepriesenen Errungenschaften waren bereits wieder verschwunden, verduftet, verraucht, unsichtbar geworden, zu allen Teufeln gegangen. Nur eine einzige war geblieben, freilich eine kostbare: das Wort und der Begriff Bummler, welchen das englische Wort Rambler oder das amerikanische Ranger oder das französische Flaneur nicht einmal annäherungsweise wiederzugeben vermag. Da faßte ich, nachdem ich in meinem Leben, namentlich in den letzten zwanzig Jahren desselben, so vielerlei gewesen, den festen Entschluß, mich fürohin mit Leib und Seele der edlen Bummelei zu weihen, und so will ich denn als Bummler leben und sterben. Was meint Ihr dazu?« »Gar nichts. Das ist Geschmackssache, und über Geschmackssachen läßt sich nicht streiten. Wenn ich aber unter Bummelei behagliches Nichtstun verstehe, so scheinen mir dazu mehr Mittel erforderlich zu sein, als Eure Ledertasche enthalten mag.« »Ist ein Fakt, wie meine ehrenwerten Mitbürger, die Yankees, sagen. Allein ich habe noch andere Hilfsmittel.« »Andere Hilfsmittel? Also habt Ihr Euer schönes Kapital tüchtig umgetrieben und wohl gar vermehrt?« »Tüchtig umgetrieben, jawohl, darauf könnt Ihr alle Eide der Welt schwören. Was dagegen das Vermehren betrifft, so mag es sich in anderen Händen vermehrt haben, die meinigen verstanden sich bloß aufs Vertreiben.« »Also habt Ihr alles durchgebracht?« »Reinen Tisch gemacht, tabulam rasam , wie der Lateiner sagt. Ist 'ne brutale Tatsache, ein fait accompli .« »In diesem Falle begreife ich nicht, wie Ihr als Bummler solltet leben können.« »Ihr begreift nicht, sagt Ihr? Kalkuliere, ist das wunderlich. Gab Euch ja schon zu verstehen, daß ich noch anderweitige Ressourcen habe, Kapitalien, die schlechterdings nicht durchzubringen sind und hübsche Interessen abwerfen.« »Wo sind sie?« »Wo sie sind? Gesetzt den Fall, ich spräche: Erstlich ist so ein sicheres großes Kapital die Freundschaft meines guten alten Freundes Veit, welcher sich als Besitzer der einträglichen Donnerfallmühle und der dazu gehörigen liegenden Gründe sicherlich ein nettes Vermögen gemacht hat – wie?« »Ich habe Euch schon einmal bemerkt, daß ich kein Freund von Späßen bin.« »Wer sagt Euch denn, daß ich diese Sache von der spaßhaften Seite betrachte?« Twerenbold sprach so ruhig und bestimmt, daß den Müller ein höchst unangenehmes Gefühl anwandelte. Er rückte wieder auf dem Sofa hin und her, als wären dessen Polster mit Nadeln gespickt, und durchspähte dann mit seinen Luchsaugen die Physiognomie des Gastes, einen Zug darin zu entdecken, welcher ihm einen Ausweg aus dieser Klemme zeigen könnte. Aber er fand nur eine eherne Mauer, von welcher endlich sein Blick scheu abprallte, während der in ihm kochende Grimm große Schweißtropfen auf seine Stirne trieb. Seine ganze Haltung gegenüber dem Abenteurer war das Sichkrümmen einer feigen Natur unter dem Druck einer energischen. Twerenbold betrachtete einige Sekunden lang seinen Wirt mit mephistophelischem Behagen. Dann brach er in ein lautes Lachen aus und sagte: » By all the powers! ein so gescheiter Mann, wie Ihr seid, Meister Veit, sollte keine so klägliche Figur machen, wenn es sich um eine Bagatelle handelt.« »Um eine Bagatelle?« »Nun, ja doch. Ich bin, kalkulier' ich, über die jugendliche Hitze und demnach auch über die Zeit hinaus, wo der Verschwendungstrieb in dem Menschen waltet. Meine Ansprüche an das Leben sind daher, rechne ich, ganz bescheidene. Eine bequeme Stube, die nicht gerade so schloßmäßig möbliert zu sein braucht wie diese da, ein warmer Ofen im Winter, der Anzug eines zurückgezogen lebenden Gentleman, ein Mittagstisch im guten alten Wirtshaus zum Steinbock, Wein von besseren Jahrgängen, eine anständige Zigarre, zur Abwechselung ein Ausflug da und dorthin – das sind, denk' ich, die Bedürfnisse, auf deren Befriedigung ich Anspruch mache.« »Ihr wollt also ein Herrenleben führen?« fragte Meister Veit bitter. »Ein Herrenleben? Bah! dazu gehören noch ganz andere Dinge. Ich versteige mich nicht zur Forderung einer Equipage, etlicher Schlingel von Lakaien, einer Maitresse und dergleichen mehr.« »Wirklich? Ihr seid in der Tat bescheiden.« »Nicht wahr? Etwas übrigens vergaß ich. Da ich nämlich jenseits des Meeres ein großer Politiker geworden, das heißt, da ich mich gern an dem leidigen Komödienspiel ergötze, welches die Leute Politik nennen, so muß ich mir schlechterdings drei oder vier Zeitungen halten. Ihr werdet das billig finden, wie?« Der Müller, dessen Verstellungsgabe allmählich erschöpft war und dem die Wut des Geizes die Kehle zuschnürte, brachte nur ein hysterisches Lachen hervor. Twerenbold fuhr mit verzweifelter oder vielmehr seinen Wirt zur Verzweiflung bringender Kaltblütigkeit fort: »Rechne ich alles zusammen und berücksichtige ich dabei, daß es hier oben in den Bergen immerhin noch viel billiger zu leben sein muß, als drunten in den Städten, so komm' ich zu dem Fazit, daß ich mit einhundert Talern monatlich oder zwölfhundert Talern jährlich als lediger Mann anständig auskommen werde.« »Zwölfhundert Taler!« rief der Müller aus. »Das sind ja nach landesüblichem Zinsfuß die Interessen eines Kapitals von vierundzwanzigtausend Talern!« »Kalkuliere, sie sind's – ist ein Fakt.« »Und wer, ich bitt' Euch, soll Euch diese schöne Jahresrente ausbezahlen?« »Werdet es sogleich erfahren, teurer Freund. Habt nur die Gefälligkeit, mir Papier und Schreibzeug zu geben.« Der Müller gehorchte mechanisch, holte das Geforderte aus dem Sekretär und setzte sich dann wieder dem Abenteurer gegenüber. Twerenbold schob die Schreibmaterialien dem Hausherrn zu und sagte: »Schreibt, was ich Euch diktieren werde.« Veit zögerte, aber ein Blick seines Gastes machte ihn die Feder ergreifen, wenn auch mit einer unverkennbaren Gebärde des Widerwillens. »Stellt Euch doch nicht so viereckig an, Mann«, sagte Twerenbold. »Doch halt, laßt Euch vorher noch etwas sagen. Eure Hand wird, vermut' ich, willfähriger und fester sein, wenn ich Euch eröffne, daß keineswegs Ihr die Person seid, welche mir meine Bummlerrente ausbezahlen soll.« Der Müller atmete hoch auf und spitzte die Ohren. »Der Graf Nepomuk von Wippoltstein, unser gemeinsamer guter Freund,« fuhr der Abenteurer fort, »lebt in Glanz, Ehre und Reichtum, und sein Sohn Robert wird von ihm eine der schönsten Herrschaften erben, welche es auf deutschem Boden gibt. Das ist Tatsache. Ist es nicht?« »Es ist, wie Ihr sagt.« »Wohl! Aus den angegebenen Prämissen ziehe ich den Schluß, daß mir der besagte gemeinsame Freund die mehr erwähnte Rente zusichern und verabfolgen lassen wird. Es ist dies, ich gebe es zu, an und für sich ein gewagter Schluß, aber Ihr, der Ihr, ich wiederhole es, ein vortrefflicher Logiker seid, werdet denselben bündig, klar und vollkommen in der Ordnung finden. Seht mir ins Gesicht und sagt, ob dem so ist oder nicht.« Ohne die Augen von dem vor ihm liegenden Papier zu erheben, erwiderte der Müller: »Ich finde den Schluß vollkommen begreiflich, wenigstens von Eurer Seite.« »Gut. Was die andere Seite, die gräfliche angeht, so werdet Ihr, guter alter Freund, alles Nötige tun, um auch dieser andern Seite die unantastbare Richtigkeit meines Schlusses klar zu machen.« »Ich?« »Ja, Ihr. Und jetzt schreibt!« Twerenbold diktierte, und der Müller schrieb: »Ich Unterfertigter, Graf Nepomuk von und zu Wippoltstein, habe mich bewogen gefühlt, dem Achatius Twerenbold, Graduierten der Medizin, vordem Arzt im Flecken Wippoltstein, in Anerkennung alter, guter, treuer Dienste von seiten desselben, eine lebenslängliche Rente von zwölfhundert Talern jährlich auszusetzen, und soll nach meinem Ableben mein Sukzessor und vorkommendenfalls dessen Sukzessor in diese von mir besagtem Achatius Twerenbold gegenüber übernommene Verpflichtung eintreten. Erwähnte Rente soll in monatlichen Raten von je einhundert Talern an den Inhaber oder dessen Bevollmächtigten von der Kasse der gräflichen Oberrentei ausbezahlt werden und soll die erste Monatsrate mit heutigem Datum fällig sein. Dieser mein Erlaß ist in zwei völlig gleichlautenden Exemplaren von meiner eigenen Hand ausgefertigt und soll das eine in der Kanzlei der Rentei niedergelegt, das andere besagtem Achatius Twerenbold, meinem guten, alten, treuen Diener und Freund, eingehändigt werden. Gegeben auf meinem Schloß Wippoltstein, unter meinem Siegel und Wappen am 1. Mai 185...« »Habt Ihr buchstäblich geschrieben, wie ich angab?« »Ja.« »Zeigt her.« Der Abenteurer durchlas die Schrift aufmerksam, nahm die Feder und unterstrich die darin vorkommenden Worte »alter, guter, treuer Dienste« und »meinem guten, alten, treuen Diener und Freund«. Hierauf gab er das Papier an Veit zurück mit der Bemerkung: »Heute haben wir also den ersten Mai. Morgen, als am zweiten, werde ich um die Mittagszeit bei Euch vorsprechen und Ihr werdet mir dann das wörtlich nach diesem Entwurf ausgefertigte, von der Hand unseres gräflichen Freundes geschriebene – Ihr wißt, ich kenne seine Handschrift genau – unterzeichnete und besiegelte Dokument zustellen. Hierauf werde ich mich nach der Rentei verfügen, von dem dort niedergelegten zweiten Exemplar Einsicht nehmen, mir die erste Monatsrate meiner Leibrente ausfolgen lassen und dann im Steinbock meine erste Flasche als vergnüglicher Bummler leeren. Basta!« »Und Ihr glaubt allen Ernstes, das werde so rasch und glattweg gehen und der gnädige Herr werde keinen Anstand nehmen, in diese – diese –« »In diese wohlbegründete Forderung zu willigen? Kalkuliere, so glaub' ich. Zumal ich mich eines so treueifrigen Freundes, wie Ihr seid, als Unterhändler bediene, eines Mannes, der ganz unzweifelhaft die richtige Art und Manier hat, unserem hochedlen Freunde und Gönner meinen bescheidenen Wunsch zu insinuieren. O, ich kenne, bei Jove, Euer erstaunliches diplomatisches Talent aus alten Zeiten zu gut, um auch nur dem leisesten Zweifel an dem Erfolg der Sache Raum zu geben. Also abgemacht und vergeßt nicht die morgige Mittagsstunde.« Der Müller drehte das Papier in seinen Händen hin und her und versuchte noch einige Einwendungen vorzubringen. Twerenbold nahm gar keine Notiz davon, sondern stand auf, ergriff Mantel, Hut und Stock und sagte: »Ich will Euch jetzt nicht länger stören, ein Gutsbesitzer hat der Geschäfte so viele. Ohne Zweifel seid Ihr im Besitz eines praktikabeln Bootes?« »Ja.« »Wo ist es?« »Drunten in der Bucht, wo der Donnerbach in den See mündet.« »Gut. Gebt mir einen Knecht mit, damit er mich zur Einsiedelei hinaufrudere. Will die Lore überraschen, welche, rechne ich, eine große Freude an mir haben wird. Tut mir auch den Gefallen, dem Knecht einen Korb mitzugeben und in diesen Korb ein Dutzend Flaschen von dem Wein da und ein Kistchen von Euren in der Tat gloriosen Zigarren zu legen. Bah, macht kein Gesicht dazu, als hättet Ihr Tinte verschluckt. Ist das nicht gentil, Mann, nicht honorig. Aequam memento rebus in arduis sevare mentem , sagte der alte Horaz, ein pfiffiger Bursche, wißt Ihr? Will Euch die Sentenz mal bei Gelegenheit verdeutschen und jetzt kommt, wenn's Euch gefällig ist.« 3. Die Heimkehr des Erben. Während in der Donnerfallmühle das soeben mitgeteilte Gespräch statt hatte, fuhr ein Extrapostwagen die Talstraße herauf. Der Postillion hatte das lustige Stücklein, womit er die schönen Dörflerinnen ans Fenster lockte, noch nicht zu Ende geblasen, als sich der Kopf eines jungen Mannes aus dem Schlage bog und dem auf dem Bocke sitzenden Diener, einem Greis von straffer, soldatischer Haltung, zurief, den Wagen halten zu lassen. Das Trara des Posthorns schnappte mitten in einem bedenklichen Triller ab, und das Gefährt hielt vor dem Eingang des Pfarrgartens, welcher sich vom Seeufer bis zur Straße heraufzog und in dessen Mitte das Pfarrhaus stand. Der alte Diener war an den Schlag getreten. »Geh fragen, Andres«, befahl ihm der Reisende, »ob der alte Herr zu Hause sei.« »Sehr wohl, Herr Rittmeister«, versetzte Andres, die Hand an seine Mütze legend, und ging durch das offenstehende Gattertor in den pfarrherrlichen Garten. Bald kam er zurück und meldete: »Der Herr Pfarrer ist noch nicht von seinem Morgenspaziergang zurück, welchen er nach der Messe angetreten. Die alte Urschel wird ihn aber bei der Heimkehr sogleich von der Ankunft Euer Gnaden in Kenntnis setzen.« »Vorwärts also und bedeute den Postillion, daß jetzt des Blasens genug sei. Ich will nicht wie ein Seiltänzer in den Park einfahren.« Der Alte richtete seinen Auftrag aus, indem er wieder auf den Bock stieg, und der Wagen rollte weiter, entlang das Dorf und dann hinein in den Park. Die Bäume der zum Schloß führenden Avenue begannen erst Laub anzusetzen, und so genoß der heimkehrende Erbe der Grafschaft Wippoltstein eines Durchblicks auf See und Gebirg. Auf den Wagenschlag gestützt, schwelgte er in dem prächtigen Panorama. »Es ist schön hier, sehr schön, beim Himmel!« sagte er vor sich hin. »Ein müdes und enttäuschtes Herz könnte hier Ruhe und Frieden finden. Aber mein eigenes ist noch nicht müde, und ich bin noch zu jung, um hier den müßigen Träumer oder den Landjunker zu spielen, welcher Ochsen mästet und mit den Pächtern rechnet. Solche Prosa möchte ich mir doch noch möglichst vom Leibe halten. – Ah, sieh dort drüben die Einsiedelei! Ob die Traumlore wohl noch lebt? Ich möchte wissen, ob die Frau mit ihren dunklen Reden auch jetzt noch einen so seltsamen, fast unheimlichen Eindruck auf mich machte wie vordem in meinen Knabenjahren. Ich erinnere mich deutlich der Szene, als sie sich die Einsiedelei von meinem Vater erbat. Er beeilte sich, ihrem Wunsche zu entsprechen, als sie denselben kaum geäußert hatte. Es war in ihrem Auge etwas düster Gebieterisches. Ich mußte mir wunderliche Gedanken machen, so oft ich später daran dachte. Doch fort damit! Da sind wir ja!« Der Wagen hielt auf dem Hofe vor dem Portal des westlichen Schloßflügels. Andres öffnete den Schlag, und der heimkehrende Sohn des Hauses sah sich beim Aussteigen von einem halben Dutzend Livreemenschen empfangen, an deren Spitze ihm der schwarzgekleidete Hausmeister in wohlgesetzten Worten ein Willkommen darbrachte. »Wo finde ich meinen Vater?« fragte der junge Edelmann. »Seine Erlaucht, der gnädige Herr, befinden sich in seinem Kabinett.« »Gut. Andres, laß meine Siebensachen ins Haus schaffen und vergiß den Postillion nicht.« Dies gesagt, ging er mit kurzem Gruße durch die Diener hindurch und betrat »die Halle seiner Väter«, auf deren Schwelle ihm keine liebende Hand sich entgegengestreckt hatte. Die Diener, welche ihn mit untertänigen Reverenzen empfangen, waren ihm fremd. Vielleicht mochte den jungen Mann ein Gefühl der Oede beschleichen, als er jetzt den breiten Korridor durchschritt, welcher zur Treppe führte. Er hatte die Reisemütze abgenommen, aber auf seinen Zügen lag nicht die freudige Hast des Wiedersehens. Er ging langsam, wenn auch mit dem elastischen Tritt der Jugend. Seine hohe und schlanke Gestalt zeigte unverkennbar die soldatische Haltung. Auch das aristokratisch feingeschnittene Gesicht mit dem kurzgehaltenen Haar, der Säbelnarbe auf der Stirne, mit den feurig unter schwarzen Brauen hervorblickenden blauschwarzen Augen und dem vollen dunkeln Schnurrbart hätte man ein soldatisches nennen können, wäre nicht um Augen und Lippen ein träumerisch nachdenklicher Zug sichtbar geworden. Dieser Zug konnte einen Physiognomen vielleicht bewegen, dem jungen Mann Mangel an Willenskraft zuzuschreiben. Im ganzen aber zeugte seine Erscheinung von Frische und Unverdorbenheit. Indem er die Hand an das Treppengeländer legte, blieb er einen Augenblick stehen und sah sich um. Die Art seiner Begrüßung hatte die Diener nicht ermutigt, ihm zu folgen. »Wenn ich eine Mutter und Schwester hätte,« murmelte er, »so wäre mein Empfang ein anderer gewesen. Sie würden ans Tor geeilt sein, sowie sie das Gerassel der Wagenräder auf dem Hofe vernommen. Doch das ist nun schon so, und ich weiß gar nicht, warum mich beim Eintritt in dieses Haus so ein – so ein albernes, kindisch banges Gefühl anwandelte, ein Gefühl, als fürchtete ich mich vor der mir noch unbekannten gnädigen Frau Stiefmama« Nach diesem kurzen Selbstgespräche stieg er die Treppe hinauf und begab sich geradenwegs nach den Zimmern des Grafen. Der Kammerdiener, welchen er im Vorzimmer traf, war ihm von früher bekannt und sagte ihm auf Befragen, daß der Graf in seinem Arbeitskabinette sich befände, dessen Tür er öffnete. Graf Nepomuk, welcher über einen mächtigen Folianten, dem Anschein nach ein Rechnungsbuch, hingebeugt an seinem Schreibtisch gestanden, kam dem Eintretenden entgegen und empfing ihn mit einer Umarmung, die zwar nicht ohne eine gewisse zeremoniöse Kühle, doch immerhin eine väterliche war. Robert fand den Vater, welchen er seit drei Jahren nicht mehr gesehen, nicht sehr verändert. Ein hoher Fünfziger, hatte er noch einen lebhaften Blick, von mehr Ruhelosigkeit freilich als Feuer. Seine ziemlich gewöhnlichen Züge mochten, unbeobachtet, epikureische Schlaffheit oder gar Verlebtheit aufzeigen, aber er hatte sie in seiner Gewalt und konnte ihnen, scheinbar ohne Zwang, einen würdevollen Ausdruck geben. Mienen, Gebärden und Redeweise verrieten den gewiegten Höfling, und man konnte ihm anmerken, daß er in früheren Jahren die Laufbahn eines Diplomaten verfolgt hatte. Sein schon zu dieser Morgenstunde mit Sorgfalt behandelter Anzug ließ vielleicht zu große Ansprüche auf Jüngerseinwollen durchblicken. Er trug sich aufrecht, und alles in allem konnte er seiner ganzen Haltung zufolge noch für einen stattlichen Mann gelten. Was für einen Anteil hieran Toilettenkünste hatten, das zu untersuchen fiel dem Sohne nicht ein. Später freilich glaubte er sich zu erinnern, daß ihm die rabenschwarze, mit minutiöser Eleganz zurechtgemachte Perücke des Vaters einen widrigen Eindruck verursacht habe. Nachdem die Begrüßungen abgetan waren, sagte der Graf: »Du siehst gut aus, Robert.« »Ich kann das Kompliment zurückgeben, lieber Vater, denn Ihr Aussehen zeugt von Gesundheit und Rüstigkeit.« »Nun, man konserviert sich, so gut es gehen will, und die Luft hier oben ist vortrefflich. Aber,« setzte der Redende mit einer Neigung väterlichen Stolzes hinzu, »ich meinte nicht nur das, was man so gewöhnlich unter Gutaussehen versteht. Du bist in diesen letzten drei Jahren ein Mann geworden, der etwas vorstellt in der Gesellschaft. Die Narbe da auf deiner Stirn steht dir gut und reicht vollkommen hin, einen Orden zu ersetzen.« »Ich habe auch ein Stück solchen mitgebracht, wenn Ihnen das Freude macht.« »Das größte Vergnügen, sicherlich. Allein mir scheint, daß du selber die Sache ziemlich kühl nimmst.« »Aufrichtig gestanden, ich glaube, daß ich ziemlich parteiisch bevorzugt worden bin. Ich habe meine Pflicht getan, so viel darf ich sagen, aber andere haben dieselbe nicht weniger gut getan als ich, einige sogar besser, und sie gingen leer aus.« Graf Nepomuk betrachtete seinen Sohn mit höchlich verwunderten Blicken. Die einfache Äußerung desselben kam ihm sehr sonderbar vor. Er fand darin einen Idealismus, eine Überschwenglichkeit, die er sich erst zurechtlegen mußte, bevor er sich darüber aussprechen mochte. Endlich sagte er: »Es ist recht schön, liebes Kind, bescheiden zu sein, das heißt, solange man im Katechismus-Alter steht. Später tut man gut, statt bescheiden im Hintergrunde zu bleiben, sich nötigenfalls mit Anwendung der Ellenbogen nach dem Vordergrund Bahn zu brechen. Das sogenannte stille Verdienst ist ganz an seinem Platz in gewissen spießbürgerlichen Sphären nämlich, in unserer Region jedoch muß man Lärm schlagen, um zu zeigen, daß man da ist. Erlaube mir daher, dir zu bemerken, daß man sehr leicht zu viel Bescheidenheit, kaum aber je zu viel Selbstbewußtsein haben kann. Daß man das letztere vorkommendenfalls verschleiere, lehrt schon die gute Lebensart. Aber mit der allerliebsten Bescheidenheit kommt man nicht vorwärts in der Welt. Und du sollst vorwärts kommen. Hast du doch einen vielversprechenden Anfang gemacht. Du bist im Dienst gestiegen, bist dekoriert, hast dir, wie ich mir aus der Hauptstadt schreiben ließ, in den gesuchtesten Kreisen Freunde gemacht und Freundinnen, welchen letzteren Umstand ich besonders betone, weil die Frauen in der Gesellschaft doch immer den Ausschlag geben. Es liegt demnach eine so schöne Laufbahn vor dir, als nur je ein Wippoltstein eine durchlaufen hat, und ich hoffe und bin überzeugt, daß du, wie du bisher unserem Namen Ehre gemacht, den Glanz unseres Hauses mehren wirst.« »Wenigstens glaube ich versprechen zu dürfen, daß ich mich bemühen werde, unserem Namen keine Unehre zu machen. Wenn ich jedoch keineswegs ohne Selbstbewußtsein bin, lieber Vater, so möchte ich Ihnen doch zu bedenken geben, ob Sie mein Können und Wollen nicht vielleicht überschätzen. Ich will,« fuhr er nach einer Pause fort, »Ihnen gegenüber ganz offen sein, wie ich es bisher gewohnt gewesen. Man hat mir in der Hauptstadt von einflußreicher Seite her zu verstehen gegeben, daß man an mir Kenntnisse und Fähigkeiten bemerkt zu haben glaube, welche über den Gesichtskreis eines gewöhnlichen Kavallerieofftziers hinausgingen, und daß man es daher gern sehe, wenn ich mich während des Friedens zu diplomatischen Geschäften verwenden ließe. Ich bin nicht darauf eingegangen, weil ich zum diplomatischen Schachspiel weder Beruf noch Geschmack in mir fühle. Auf der andern Seite ist auch mein Verhältnis zum Militärstand nicht mehr das eines willenlosen Kadetten. Der letzte Feldzug gab mir Veranlassung, manches zu beobachten und in Erwägung zu ziehen, was bis dahin noch gar nicht in den Kreis meiner Gedanken getreten war, und habe ich mir unter anderem über das Verhältniß der Nationalitäten zu- und untereinander meine eigenen Ansichten gebildet. Endlich habe ich die Erfahrung gemacht, daß mir das Soldatenleben im Frieden, der Schlendrian des Garnisonsdienstes, geradezu unerträglich werden müßte.« Diese Eröffnungen verliehen den Zügen des Grafen einen sehr bedenklichen Ausdruck, welchen zu verbergen er sich keine Mühe gab. Er zog ein paarmal unbehaglich die Schultern in die Höhe und sagte dann: »Ich will nicht hoffen, mein Sohn, daß du dich in deiner jugendlichen Unerfahrenheit von dem demokratischen Schwindel unserer Tage hast anstecken lassen.« »Bah,« entgegnete Robert wegwerfend, »ich bin Aristokrat von Geburt, Erziehung und Neigungen.« »Das gewährt mir Beruhigung, und was das übrige betrifft, so siehst du, denke ich, ein, daß du noch viel zu jung bist, um den Dienst zu quittieren und hier oben in den Bergen den Landjunker zu spielen.« »Ich habe mir, während ich durch den Park fuhr, das nämliche gesagt.« »Das freut mich. Und wohin gehen deine weiteren Absichten?« »Ich habe Ihrer gütigen Einladung zufolge Urlaub für die Sommermonate genommen –« »Ja, ich dachte mir, es würde dir gut tun, wenn du dich von den Strapazen des Feldzuges und des Salonlebens hier oben erholtest.« »Ich bin Ihnen dankbar hierfür und werde mit Vergnügen einige Zeit in den heimatlichen Bergen zubringen, welche mir schöner vorkommen als je. Dann aber –« »Dann?« »Dann möchte ich, wenn Sie es mir erlauben, reisen.« »Reisen?« »Ja.« »Aber du hast ja deine Tour schon früher gemacht, warst in Paris und London, hast Deutschland bereist und jetzt auch Italien gesehen,« »Wohl, aber wie sah ich diese Orte, namentlich Paris und London? Mit der gaffenden Urteilslosigkeit eines jungen Menschen, der auf Treu und Glauben hinnahm, was ihm sein Hofmeister mitzuteilen für gut fand. Ich möchte die Hauptstädte von Frankreich und England noch einmal und zwar sozusagen mit eigenen Augen sehen und dann einen Abstecher nach Nordamerika machen.« »Nach Nordamerika? Was ist das für eine Grille?« »Keine Grille, mit Ihrer Erlaubnis, oder wenn eine, jedenfalls eine zu entschuldigende. Ich habe über jenes Land so viel Wunderbares, Seltsames, sich Widersprechendes gehört und gelesen, daß ich das lebhafteste Verlangen empfinde, mir über eine so unerhörte, nach unseren Begriffen so ganz abnorme Entwickelung einer neuen Gesellschaft nähere Aufklärung zu verschaffen.« »Eine seltsame Laune, sich diese prosaische Flegelei mitansehen zu wollen. Und die weite Seereise? Bedenke, daß du außer mir der einzige Wippoltstein bist und gegen mich und unsern Namen Verpflichtungen hast.« »Ich gedenke sie zu erfüllen, lieber Vater, aber von Gefahr kann da doch wohl kaum die Rede sein. Eine Reise von England aus nach den Vereinigten Staaten ist ja heutzutage nur noch eine Spazierfahrt.« Der Graf stand auf und durchschritt nachdenklich das Zimmer. Eine Reise wissenslustiger Neugier in das Land demokratischer Gleichheit? Das stand so ganz außerhalb des Kreises seiner Vorstellungen, daß ihm vorkam, da müsse irgend etwas anderes dahinter stecken. Von diesem Gedanken eingenommen, blieb er vor seinem Sohne stehen und sah ihm forschend ins Gesicht. Robert hielt den Blick ganz unbefangen aus, allein dies tat dem Vater kein Genüge, und er sagte daher: »Höre, Robert, ich muß dir wiederholen, daß dein Aussehen mir gefällt. Du bist männlicher und reifer geworden in jeder Hinsicht, seit wir uns zum letztenmal sahen. Und doch ist da zwischen deinen Augen ein Zug, der wie Melancholie aussieht. Du weißt, ich bin dir stets ein gütiger Vater gewesen.« »Sagen Sie: ein liebevoller,« entgegnete Robert mit Wärme und ergriff die Hand seines Vaters. »Ja, ein sehr liebevoller, ich erkenne es mit dem herzlichsten Dankgefühl. Aber Sie irren, wenn Sie mich für einen Melancholikus halten. Ich bin das nicht mehr als Demokrat.« »Nun, ich wollte damit nicht sagen, daß ich dich für einen Empfindler, oder, wie man jetzt großartig zu sagen pflegt, für einen Weltschmerzler ansehe. Indessen, du bist in dem Alter, wo die Leidenschaften das große Wort zu führen und den Verstand zum Schweigen zu bringen pflegen. Übrigens weißt du, daß du mir alles mitteilen darfst, und handelte es sich auch um irgend eine jugendliche Unbesonnenheit. So etwas läßt sich leicht wieder in Geleise bringen. Vielleicht stehen deine Reisepläne mit irgend einer Liaison in Verbindung, wie?« Und so sprechend sah er den Sohn wieder fragend an. Man sieht, Graf Nepomuk sprach in väterlicher Weise mit seinem Sohn und Erben. In der Tat, er liebte ihn, liebte ihn sehr. Er liebte Robert mehr als irgend ein Wesen auf der Erde, ein einziges ausgenommen, sich selbst nämlich. Robert glich so sehr seiner Mutter, welche die Geburt des Knaben nur um ein Jahr überlebt hatte, und diese Frau hatte dem Grafen Gefühle eingeflößt, über die er sich später nur noch verwundern konnte, fragend verwundern, wie er sie jemals habe hegen können. Es hat jeder Mensch ein Paradies hinter sich , das heißt eine Zeit, wo er an das Ideal glaubte. Diese Zeit war für den Grafen seine kurze erste Ehe gewesen. Kein Wunder also, daß er dem einzigen Sprößling derselben lebhaft zugetan war. »Sie täuschen sich, lieber Vater,« äußerte Robert auf die von dem Grafen hingeworfene Vermutung. »Sie schreiben mir einen viel abenteuerlicheren Sinn zu, als ich besitze. Eine Liaison irgend einer Art ist bei meinen Wünschen, die alte Welt genauer kennen zu lernen und die neue zu sehen, gar nicht im Spiele. Ich habe mich überhaupt keiner Liaison zu rühmen oder zu schämen und bringe nach Wippoltstein ein so freies Herz zurück, als ich vor vier Jahren von hier mitgenommen.« Diese Erklärung wurde in einem so unbefangenen, überzeugenden Tone gesprochen, daß sie den Grafen merklich beruhigte. »Ich sehe,« sagte er, »daß ich mich deiner Heimkehr in jeder Beziehung zu freuen habe, lieber Robert, und will daher auch deinen Reiseplänen nicht gerade entgegentreten. Aber du wirst dich mir zu Liebe auch nicht zu sehr mit ihrer Ausführung beeilen, und ich rechne auf dein Hierbleiben den Sommer über um so mehr, als ich selber zu wiederholten Malen von Hause abwesend sein werde. Geschäfte rufen mich in die Hauptstadt und auf unser Gut in Böhmen. Da kannst du dich inzwischen daran gewöhnen, künftig hier der Herr zu sein. Glaube mir, auch das will gelernt sein, und hat man sich erst in die Widerwärtigkeiten, die eine solche Stellung unausweichlich mit sich bringt, gefunden, so findet man wohl auch Interesse an der Sache. Es ist zur Verbesserung unserer Güter noch manches zu tun, und ich erinnere mich, daß du in deinen Knabenjahren an Landwirtschaft und Forstkultur ein lebhaftes Gefallen fandest. Jetzt aber will ich dich zu der Gräfin führen.« »Zu meiner –« »Stiefmutter, willst du sagen? Ich denke, du bist Weltmann genug, um dieses Verhältnis zu nehmen, wie es ist. Du weißt, daß durch diese Verbindung deine Rechte in keiner Weise beeinträchtigt wurden.« »Sie mißverstehen mich, lieber Vater. Ich wage zu glauben, daß ich Ihnen nie Veranlassung gegeben, mich gemeiner Regungen fähig zu halten, und wüßte ich meinerseits nicht den geringsten Grund anzugeben, warum ich ein Verhältnis nicht achten sollte, welches zu Ihrem Glück und zu Ihrer Zufriedenheit beiträgt.« Ein leichte Wolke überflog die Stirne des Grafen, aber er ließ seinem Sohn kaum Zeit, dies zu bemerken, indem er sagte: »Ich kann, ohne mich der Parteilichkeit schuldig zu machen, die Gräfin als eine ausgezeichnete Frau rühmen. Sehr gebildet und reich an Geist und Gemüt, beschäftigt sie sich vorzugsweise mit der Literatur, sogar mit der wissenschaftlichen Seite derselben. Doch wirst du dessenungeachtet keine der widerwärtigen Eigenheiten an ihr bemerken, welche die Engländer mit dem Worte Blaustrümpfelei bezeichnen. Sie will keineswegs für eine Gelehrte gelten, und die moderne Schreibewut der Frauen reizt sie eher zum Spott als zur Nachahmung. Möglich, daß du sie ein bißchen exzentrisch findest, aber daran braucht ja die Jugend keinen Anstoß zu nehmen. Ich hoffe, ihr werdet euch befreunden, und da sie eine kühne Reiterin und eifrige Bergsteigerin ist, wird es euch an den Amüsements, welche das Landleben bietet, nicht fehlen. Gehen wir also.« »Wäre es nicht schicklich, daß ich mich zuvor der Reisekleider entledigte?« fragte Robert, welcher dieser Zusammenkunft mit einer seltsamen, ihm unerklärlichen Befangenheit entgegenging. »O,« entgegnete der Graf, »das ist gar nicht nötig. Sie wird dich auch in den Reisekleidern empfangen, wie es ihr dem Sohn des Hauses gegenüber geziemt. Überdies liebt sie das Zeremoniell nicht.« Robert folgte dem voranschreitenden Vater und war froh, daß sie mehrere Minuten zu gehen hatten, um von dem westlichen Flügel des Schlosses in den östlichen zu gelangen, wo die Gräfin ihre Zimmer hatte. So konnte er doch inzwischen die Bangigkeit bewältigen, die ihm als eine sehr alberne erscheinen mußte. In einem Vorgemache trafen sie einen phantastisch mit roter Jacke und weißem Turban aufgeputzten Mohrenknaben, den letzten Sprößling einer Negerfamilie, welche im vorigen Jahrhundert ein Wippoltstein aus Konstantinopel mitgebracht hatte. »Berdoa,« sagte der Graf zu ihm, »geh und melde mich deiner Gebieterin.« Der Knabe verbeugte sich und verschwand. »Hm,« dachte Robert, »die Frau Gräfin scheint doch auf das Zeremoniell zu halten.« Dann sagte er: »Der kleine Berdoa, der letzte Mohikaner unserer afrikanischen Dienerschaft, hat sich tüchtig gestreckt, seit ich ihn zuletzt gesehen.« »Ja,« versetzte der Graf, »und dieses letzte Überbleibsel einer Rokokomode ist ein kleiner Taugenichts, welchen seine Gebieterin tüchtig verzieht. Es geht so mit derartigem Spielzeug.« Der schwarze Knabe kam zurück und meldete kurz, daß die Frau Gräfin den gnädigen Herrn im Turmzimmer erwarte. Um dahin zu gelangen, mußte man mehrere prachtvoll ausgerüstete Zimmer durchschreiten, die keinen besonderen Charakter trugen und den flüchtigen Blicken Roberts das bunte Hunderterlei von Luxusgegenständen zeigten, welches den Frauengemächern der vornehmen Welt eigen zu sein pflegt. Aus diesen Zimmern traten sie in ein zweites Vorgemach, dessen gegenüberliegende Türe ihnen eine ältliche Dienerin schweigend öffnete. Das Turmzimmer, wie Robert später erfuhr, der Lieblingsaufenthalt der Gräfin, nahm das ganze Mittelgeschoß des Turmes ein, in welchen der östliche Schloßflügel auslief. Das hohe, breite, dreiteilige, bis auf den Boden herabreichende Bogenfenster, nur mit einem einfachen grünen Vorhang drapiert, gewährte einen entzückenden Ausblick auf See und Gebirg und diente zugleich dazu, die Verbindung des Turmzimmers mit dem Pavillon auf der kleinen Felseninsel herzustellen; denn es öffnete sich auf den Steg, welcher, wie schon früher erwähnt worden, aus dem Turme nach dem Felsen hinüberführte. Jetzt stand diese Türe offen, und die Frühlingssonne warf einen Strahl goldener Lichter in das Gemach. Ungewöhnlich hoch und weit, unterschied sich dasselbe von den vorher durchmessenen ganz auffallend. Es konnte weit mehr eine Bibliothek als ein Damenzimmer vorstellen. An dem mit Schnitzwerk versehenen Eichengetäfel der Wände stiegen Bücherschränke in die Höhe, die eine ansehnliche Bücherei enthielten. In den Zwischenräumen zwischen den Schränken bemerkte man auf aus der Wand vorspringenden Piedestalen die Büsten von Lessing, Goethe, Schiller, Dante, Shakespeare, Byron und Spinoza. Von Gemälden sah man nur ein einziges, ein großes historisches Porträt, in schwerem, verblichenem Goldrahmen. Es stellte einen Krieger in der Tracht des Dreißigjährigen Krieges dar, mit dunklen, feurigen Augen und einem fesselnd schwermütigen Ausdruck der männlich schönen Züge. Dieses Porträt hing über einem Schreibtisch von altertümlicher Form, welcher rechts vom Fenster an der Wand stand. In der Mitte des Zimmers stand ein großer Tisch, ganz bedeckt mit Kartenwerken und buchhändlerischen Novitäten, zur Seite ein Lehnstuhl mit Lederpolsterung. Was sonst noch von Mobiliar vorhanden, war ebenso anspruchslos, und nur die zierlich geformte, von reicher Vergoldung glänzende Harfe, welche links vom Fenster in einer Art Nische stand, deutete etwa darauf hin, daß hier eine große Dame wohne. Sie erhob sich vom Büchertisch, wo sie gesessen. und kam den Eintretenden entgegen, eine vollendet harmonisch gebaute Gestalt, deren jugendlich frische und runde Formen ein bis zum Halse hinaufgehendes dunkelgrünes Seidenkleid weder verbarg, noch zur Schau stellte. Als Robert diesen edelgeformten Kopf mit dem hellenischen Profil, diese großen, dunkelbraunen, unter herrlichen Brauen »still und bewegt« hervorblickenden Augen, diese Fülle kastanienbrauner Haare, überhaucht von einem rötlichen Goldschimmer, diese ganz von Jugend und Schönheit strahlende Erscheinung plötzlich gewahr wurde, hatte er Mühe, einen Ausruf der Überraschung zu unterdrücken, Ihrerseits schien die Gräfin ebenfalls von der Erscheinung des jungen Mannes überrascht; aber wenn sie auch ihre Bewegung mit dem ihrem Geschlecht eigenen Takt nicht augenblicklich bewältigt hätte, so würde man dieselbe ganz gut der Befangenheit einer Stiefmutter haben zuschreiben können, welche sich zum erstenmal einem Stiefsohn gegenüber sah, der älter als sie selber war. »Madame,« sagte der Graf, seinen Sohn vorstellend, »ich bringe Ihnen hier den jungen Husaren, dessen Ankunft ich mit Sehnsucht entgegengesehen und der, wie ich glaube, ein echtes Reis vom alten guten Stamme der Wippoltsteine ist. Lassen Sie ihn, ich bitte, Ihrer Freundschaft empfohlen sein.« »Er ist willkommen,« erwiderte die Gräfin, dem Vorgestellten mit mädchenhaftem Erröten die Hand reichend. Robert beugte sich über diese schöne warme Hand hin und führte sie ehrerbietig an die Lippen, Dann ließ er sie langsam los und sagte: »Gestatten Sie mir, gnädige Frau, der Bitte meines Vaters die Versicherung beizufügen, daß ich mich nach Kräften bemühen werde, Ihre Freundschaft zu verdienen.« Der junge Mann fühlte recht wohl das Hölzerne dieser Phrase, allein er war zu verwirrt, um etwas Besseres vorzubringen. Die Schönheit der Gräfin hatte ihn staunen machen, die Stimme, womit sie ihn willkommen hieß, übte einen wunderbaren Zauber auf ihn. Es gibt weibliche Altstimmen, voll und rund, deren Metallklang ein magnetisches Fluidum durch das Ohr in die Seele zu strömen scheint. Man möchte schwören, die sonoren Töne kämen nicht aus dem Kehlkopf, sondern unmittelbar aus dem Herzen, Eine solche Stimme besaß auch die Gräfin Thekla von Wippoltstein. »Ich nehme Ihre Versicherung an,« sagte sie mit jenem Lächeln der Befriedigung, welches ganz naturgemäß aus die Lippen einer Frau tritt, wenn sie einen Mann in ungeheuchelt huldigender Stellung vor sich sieht. »Ich nehme Ihre Versicherung an und will Ihnen nicht verschweigen, daß ich, als ich vorhin Ihre Ankunft erfuhr, ein geheimes Vorgefühl empfand, wir würden Freunde werden. Daher auch habe ich Sie an einem Orte empfangen, mit dem ich sonst geize.« »Ja, Robert,« fiel der Graf munter ein, »du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß Madame dich sogleich in ihr Sanktissimum zuließ, dessen Türe zwar kein Drache bewacht, wohl aber, wie du gesehen, die essigblickende Jungfer Gertrud, ein höchst ehrsames Stück Hausrat.« Robert brachte ziemlich zusammenhangslos etwas von ehrendem Vertrauen vor und wie ihm sein Empfang in diesem Gemach ein gutes Vorzeichen schiene. Seine Verlegenheit machte auch die junge Frau befangen, und so spann sich die Unterhaltung ziemlich dürftig noch eine Weile fort, bis der Graf sagte, er wolle nun seinem Sohn die Zimmer zeigen, die er im Obergeschoß des Mittelbaus für ihn habe einrichten lassen. Robert könne gerade noch vor dem Diner davon Besitz nehmen. Als die Herren gegangen, verharrte die Gräfin einige Minuten unbeweglich auf der Stelle, wo sie dem jungen Mann ihre Abschiedsverbeugung gemacht hatte. Dann atmete sie tief auf und wandte sich nach dem offenen Türfenster, als müßte sie frische Luft schöpfen. Im Vorübergehen streifte ihr Blick das Bildnis über dem Schreibtisch, und sie blieb nachdenklich davor stehen. »Seltsam!« sagte sie leise. »Mir kommt vor, Robert gleiche dem unglückseligen alten Wippo da. Aber es ist wohl nur eine Phantasie.« In ungewöhnlicher Bewegung ging sie ein paarmal das Zimmer auf und- ab und hierauf rasch in das Vordergemach. »Gertrud,« sagte sie zu der alten Dienerin, welche dort mit einer Stickerei am Fenster saß, »laß mir Berdoa schnell den Schlüssel zum Ahnensaal vom Hausmeister holen.« Gertrud gehorchte, konnte sich jedoch im Weggehen nicht enthalten, einen Blick besorgten Erstaunens auf das Gesicht der Herrin zu werfen, welches sonst das Gepräge stiller Resignation trug, jetzt aber von großer Aufregung zeugte. Der Ahnensaal, das eigentliche Prunk- und Festgemach des Schlosses, nahm fast den ganzen Mittelstock des Hauptgebäudes nach dem Garten zu ein. Er führte seinen Namen von dem Umstand, daß ihm der Erbauer des Schlosses unter anderen Bestimmungen auch die gegeben hatte, die Familienbilder zu beherbergen. Man sah da in zwei langen Reihen die Porträts aller männlichen und weiblichen Mitglieder des Hauses Wippoltstein, soweit es überhaupt Bilder von denselben gab. Zwei mächtige Flügeltüren am östlichen und westlichen Ende gewährten den Zutritt in den großen, hallenden Raum. Kam man durch den östlichen Eingang, so hatte man die männlichen Porträts zur Rechten, die weiblichen zur Linken. In chronologischer Ordnung zogen sich beide Bilderreihen von der Ostseite zur Westseite hinab, aus sagenhafter Vorzeit in die Gegenwart hereinreichend. Die vier jüngsten der männlichen Bilder gehörten dieser schon ganz entschieden an. Das vierte in der Reihe stellte einen Mann dar in der Uniform eines kaiserlichen Feldmarschall-Leutnants aus der den napoleonschen Kriegen unmittelbar folgenden Periode. In abwärts steigender Folge hing diesem Bild das eines fünf- oder sechsjährigen Knaben zur Seite, mit bleichen, eingefallenen Wangen, Todesmattigkeit in den großen, blauen Augen. Dann folgte das Bild des in prächtigem Hofkleide gemalten Grafen Nepomuk, und zuletzt kam das seines Sohnes, zu welchem Robert vor drei Jahren gesessen, in den ersten Tagen, wo er die phantastisch kleidsame Uniform eines Husarenoffiziers trug. Diesem Bilde gerade gegenüber hing an der entgegengesetzten Seite des Saales das der Gräfin. Sie war im Brautkleid dargestellt, den Myrtenkranz in den Haaren, mit der harmlosen Lebensfreudigkeit eines Mädchens von achtzehn Jahren aus dem Rahmen hervorblickend. Die Gräfin betrat den Saal durch die östliche Türe und ging rasch zwischen den Bilderreihen hin. Dann wandte sie sich zuerst linkshin und blieb vor ihrem Porträt stehen. »Ja,« sagte sie vor sich hin, »so sah ich in die Welt, so fröhlich und wohlgemut – damals. Und,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »es ist seitdem nur zwei Jahre her.« Hierauf durchkreuzte sie den Saal und fand sich, mit niedergeschlagenen Augen gehend, plötzlich dem Bild ihres Gemahls gegenüber. Dann wandte sie sich mit einer Gebärde der Verachtung, fast des Abscheus zur Seite und heftete ihre Blicke auf das Porträt Roberts. Lange und fest sah sie das Bild an und flüsterte dann in sich hinein: »Der Maler hat ihm nicht geschmeichelt, nein! Oder – er ist schöner geworden inzwischen.« Und wieder sah sie das Bild an, bis ihr vorkam, das kecke Jünglingsauge lebe und ruhe mit brennendem Ausdruck auf ihr. Sie senkte den Kopf, bedeckte mit den Händen das hocherrötende Antlitz und verließ langsam und ohne sich umzusehen den Saal. 4. Wer ist der Herr und wer der Knecht?. Man war beim Nachtisch und saß recht gemütlich beisammen. Die Fenstertüren des Speisezimmers, welche nach der großen Freitreppe hinausgingen, standen offen, und mit der sonnigen Luft kam der Dufthauch der blühenden Bäume herein. Draußen plätscherten die Springbrunnen, und mit leisem Rauschen schlug der See an die Ummauerung des Gartens. Als der Kaffee gebracht wurde, machte Robert unwillkürlich eine Bewegung, als suchte er etwas. Die Gräfin, welche ihm gegenüber saß, bemerkte es und flüsterte einem Diener ein paar Worte zu. Der Diener ging und kam sogleich wieder, einen Teller mit Zigarren und eine brennende Kerze vor den jungen Offizier hinstellend. Robert verbeugte sich vor der Gräfin und sagte: »Das ist sehr freundlich von Ihnen, gnädige Frau.« »Ich bemerkte,« erwiderte Thekla unbefangen, »daß Ihnen zu Ihrem Kaffee etwas fehlte, und da mich zu Hause meine Brüder an den Geruch des Tabaks gewöhnt haben, brauchen Sie sich nicht zu genieren.« »Nun, so greif zu, Robert,« sagte der Graf. »Ihr jungen Leute seid einmal das Geschmauche gewohnt, obzwar es eigentlich ein rein illusorischer Genuß ist.« »Mag sein, obgleich mein guter alter Lehrer, der Pfarrer, von dem ich das Rauchen besser als nützlichere Dinge lernte, Ihnen mit großer Gelehrsamkeit das Gegenteil beweisen würde. Was macht der liebenswürdige alte Herr?« »Da mußt du Madame fragen, die ihn häufiger sieht als ich. Meines Wissens ist er noch immer rüstig und arbeitet mit rastloser Ausdauer an seinem unendlichen Werke, worin er den Beweis liefern will, daß unsere Gegend einer der Hauptsitze des altgermanischen Götterdienstes gewesen sei.« »Ah, ich erinnere mich dessen noch aus meinen Knabenjahren. Es war kein Winkel in unseren Bergen, den er nicht durchkroch, um Spuren vom Kult der alten Götter aufzufinden, und es war weitum kein Greis und keine Greisin, die er nicht aufsuchte, um ihnen halbverschollene Sagen abzufragen.« »Das tut er noch jetzt,« bemerkte die Gräfin, »und sein Buch, worin er zu ganz neuen, überraschenden Resultaten gekommen sein will, erhält gegenwärtig, wie er mir vor einigen Tagen sagte, die letzte Feile. Übrigens freute es mich zu hören, daß Sie den Trefflichen liebenswürdig nannten. Ich glaube, es gibt wenige Menschen, die ein so rein selbstloses Leben führen und in so hohem Grade Zutrauen erwecken wie der alte Herr.« »Wie danke ich Ihnen, gnädige Frau,« versetzte Robert mit Lebhaftigkeit. »Denn ich hänge sehr an meinem alten Lehrer.« »Das macht dir alle Ehre,« sagte der Graf, welcher von dem Pfarrer nicht sehr eingenommen schien und daher dem Gespräche eine andere Wendung geben wollte. »Aber du hast dich vorhin in deiner Schilderung der glorreichen Affäre von Custozza unterbrochen. Wie wäre es, wenn du uns den Schluß zum besten gäbest?« Es bedurfte keines weiteren Zuredens, um einen jungen Soldaten in Gegenwart einer jungen und schönen Dame von seinen Kriegserlebnissen sprechen zu machen, und Robert wollte eben ansetzen, als der Kammerdiener des Grafen kam und diesem meldete, der Müller Veit sei draußen und lasse den gnädigen Herrn um eine Audienz bitten. »Sagt ihm, daß er später oder noch besser morgen wieder vorsprechen möchte. Ich bin jetzt nicht zu Geschäften gestimmt.« Der Diener ging hinaus, kam aber bald wieder zurück mit der Botschaft, der Müller lasse Seine Erlaucht untertänigst um Verzeihung bitten, wenn er eine Störung verursache; allein sein Anliegen sei so dringlicher Natur, daß er es wagen müsse, seine Bitte um sofortiges Gehör zu wiederholen. »Das hat man davon, wenn man die Leute verzieht,« sagte der Graf verdrießlich, stand aber doch auf, befahl den Müller in sein Kabinett zu führen, und gab seiner Gemahlin und Robert auf, inzwischen zu entscheiden, ob sie später mitsammen einen Gang durch den Park oder lieber eine Fahrt auf dem See machen wollten. Er fand den Müller bereits in seinem Kabinette, grüßte ihn leichthin, warf sich in einen Fauteuil und sagte ziemlich ungehalten: »Du hättest eine passendere Stunde zu deinem Besuche wählen können, Veit.« »Ich bitte noch einmal um Entschuldigung, gnädigster Herr,« entgegnete der Angeredete. »Ich erfuhr erst im Schlosse die Ankunft des gnädigen Herrn Rittmeisters, aber ich fürchte, daß ich, falls mir dieses freudige Ereignis auch früher bekannt geworden, dennoch Euer Gnaden meine Gegenwart hätte aufdringen müssen,« »So? Und was hast du denn so Pressantes? Ist es wegen der Kleinen im Siggital, wie?« »Ich habe die Befehle Euer Gnaden in betreff der Kleinen allerdings vollzogen.« »Nun, und wie steht die Sache?« »Entschuldigen Sie, gnädigster Herr, wenn ich mir die Freiheit nehme, zuvor von einer unangenehmeren Angelegenheit zu sprechen.« »Von einer unangenehmen Angelegenheit?« »Ja, mit Euer Gnaden Erlaubnis, von einer sehr mißlichen, so zu sagen.« »Was soll es denn? Sprich doch ohne Umschweife!« Der Müller ging zur Türe und öffnete sie rasch, um sich zu vergewissern, daß kein lauschendes Ohr in der Nähe sei. Dann schloß er sie wieder, schob den Riegel vor, trat dicht an den Grafen heran und sagte halbleise, aber nachdrücklich: »Twerenbold ist zurückgekommen!« Die Arme des Grafen lagen auf den Armlehnen seines Stuhles, sein Oberkörper war behaglich in die weiche Rundung der Rücklehne zurückgebeugt. Der Mann sah aus, als wollte er mit philosophischer Fassung irgend eine Widerwärtigkeit untergeordneter Art vernehmen, um sogleich ein diplomatisches Auskunftsmittel vorzuschlagen. Allein gegen den Namen Twerenbold, den er in seinem Leben nie wieder hören zu müssen geglaubt hatte, hielt die philosophische Fassung keineswegs stand. Er schnellte ordentlich von seinem Sitz empor, als dieser Name an sein Ohr schlug, und wenn er auch schon im nächsten Augenblick wieder scheinbar ruhig dasaß, so zeugte doch die Blässe seines Gesichtes und das Zittern seiner Hände von einer tiefen Erschütterung. Veits Auge ruhte mit dem Ausdruck des Behagens auf dem gnädigen Herrn. Es ist für die Gemeinheit so wohltuend, die gedemütigt zu sehen, vor denen sie sonst zu kriechen pflegt, und jede Lakaienseele trägt den Keim zum Despoten in sich. Graf Nepomuk hatte keine Zeit, das Mienenspiel seines ehemaligen Kammerdieners zu beachten. »Du hast dir etwas aufbinden lassen, Veit,« sagte er. »Etwas aufbinden, gnädiger Herr? Bin ich der Mann, welcher sich etwas aufbinden läßt? Diese meine Augen sahen den Kerl, und diesen Morgen – verflucht sei er! – mußten ihm meine Hände Wein einschenken und Zigarren reichen.« »So ist es also wahr? Er ist zurück? Den heiligsten Eiden zum Trotz!« »Eide? Er spottet derselben.« »Der Schurke, der infame Schurke!« »Das ist er, Erlaucht, sicher ist er das und obendrein ein Mensch, der zu allem fähig. Ich kann es Ihnen nicht verschweigen, er hat mich in Furcht gejagt.« »In Furcht gejagt, dich?« »Ja, gnädiger Herr. Es ist etwas so Dezidiertes, Verwegenes in ihm, daß ich nicht dagegen aufkommen konnte. Er befahl, und ich mußte mir befehlen lassen. Er würde auch nicht das geringste Bedenken tragen, selbst Ihnen zu befehlen.« »Mir?« »Ja, gnädiger Herr, ich darf es weder Ihnen noch mir selbst verhehlen, und ich muß mir die Freiheit nehmen, Sie zu bitten, keine gewaltsamen Mittel gegen diesen verzweifelten Menschen zu versuchen. Er würde Lärm machen, und das soll und darf er nicht, wie Sie wissen.« Die Blicke des Grafen und des Müllers begegneten sich. Es waren unheimliche Blicke. Nach einer Pause sagte der Schloßherr: »Ich verstehe dich, Veit. Der Schuft soll und darf keinen Lärm schlagen, aber –« »Man muß ihm bei guter Gelegenheit die Fähigkeit, Lärm zu schlagen, entziehen, nicht?« Der Graf nickte. »Das ist auch ganz meine Meinung,« sagte der Müller. Und wieder sahen sich die beiden mit einem vielsagenden Blick an. »Und willst du so eine gute Gelegenheit herbeiführen, meiner lieber Veit?« »Ich war stets Euer Gnaden treuuntertänigster Diener.« »Das warst du, und ich war dir, wie ich glaube, stets ein gnädiger Herr.« Veit verbeugte sich tief und sagte dann, seine Stimme zum Flüstern dämpfend: » Twerenbold zählt, wenn mir recht ist, einige Jahre mehr als ich. In diesem Alter sterben Leute von vollblutiger Komplexion oft plötzlich, wenn sich – gerade eine gute Gelegenheit dazu findet.« »Du meinst, so eine Gelegenheit lasse sich finden?« »Allerdings, aber nicht jeden Tag, Twerenbold ist ein zehnfach destillierter Schurke und hat bei unserem heutigen Zusammentreffen mir gegenüber die beleidigendste Vorsicht blicken lassen.« »Wieso?« Der Müller nahm von dieser Frage Veranlassung, über den Besuch des Abenteurers einen ausführlichen Bericht abzustatten. Die sorgenvolle Stirne des Grafen verdüsterte sich bei dieser Erzählung noch mehr. Als sie zu Ende, schwieg er eine Weile nachdenklich, bevor er sagte: »Höre, Veit, diese Sache erfordert die äußerste Umsicht, und du brauchst mir von gewaltsamem Verfahren nicht mehr abzuraten. Es ist daran nicht im entferntesten zu denken, Amerika scheint für diesen Schuft die hohe Schule zynischer Verworfenheit geworden zu sein. Zwar ich fürchte ihn keineswegs – weswegen auch sollte ich in meiner Stellung einen solchen Armseligen fürchten? Allein er wäre bei alledem imstande, Inkonvenienzen herbeizuführen, die mir und meinem Hause fatal wären. Daher gilt es, leise aufzutreten, lieber Veit, wenigstens vorderhand.« »Ja, gnädiger Herr, wir müssen ihn sicher machen. Er darf weder an meiner Freundschaft noch an Ihrer – Güte zweifeln. Wenigstens muß er faktische Beweise von der letzteren haben.« »Was fordert der Kerl?« »Er hat es mir in die Feder diktiert, Erlaucht,« erwiderte der Müller, das Schriftstück hervorziehend und dem Grafen darreichend. Der Graf überflog es mit den Augen, schleuderte es dann heftig zu Boden, stampfte mit dem Fuße darauf und rief mit zornheiserer Stimme: »Welche fabelhafte Impertinenz!« »Ja, Euer Gnaden, es ist eine fabelhafte Zumutung. Zwölfhundert Taler jährlich, die Rente von vier- bis sechsundzwanzigtausend Talern Silberwährung!« »Nicht das allein, nicht das allein, obgleich es schon an und für sich unverschämt genug ist, vollends, wenn man bedenkt, welche Summe ich dem Elenden gegeben, damals, als –« »Als er nach Amerika ging,« ergänzte der Müller den unvollendeten Satz seines Patrons. »Es war eine enorme Summe, und er sollte damit ein reicher Mann geworden sein.« »Und er hat alles die Gurgel hinabgejagt?« »Alles, wenigstens wird das meiste diesen Weg gegangen sein.« »Ein Lump in Folio!« »Ja, Erlaucht, aber ein gefährlicher. Ich versuchte es anfangs, ihn von oben herab zu behandeln, doch es wollte nicht gehen. Der Mensch hat in seinem Auge einen Blick, gegen welchen ich nicht aufkommen konnte,« »Der Schändliche mutet mir zu, in einem quasi öffentlichen Dokument ihn nicht nur meinen alten treuen Diener, sondern auch meinen Freund zu nennen. Mich seinen Freund! Es ist monströs!« »Ohne Zweifel, Euer Gnaden. Aber er hat die anstößigen Worte mit eigener Hand unterstrichen, und sein ganzes Auftreten zeugt von einer Entschlossenheit, die um kein Jota nachgeben wird.« »Wie, du meinst, der Schuft werde mit seiner Erpressung, mit seinem Raub sich nicht zufriedengeben unter einer mich weniger kompromittierenden Form?« »So meine ich, gnädiger Herr.« Der Graf sprang mit einem halberstickten Fluch auf. »Und wenn' sagte er, »wenn ich mich entschlösse, die unverschämte Forderung kurzweg und ein- für allemal von der Hand zu weisen?« »In diesem Falle, Erlaucht, muß ich meinerseits mich entschließen, Haus und Hof im Stiche zu lassen und noch heute dorthin zu gehen, woher Twerenbold kam.« »Bah, was könnte der Mensch ausrichten? Die kurze Tollheit, während welcher die Kanaille etwas galt oder wenigstens etwas zu gelten glaubte, ist bereits wieder gründlich beseitigt, und es sollte mir, denk' ich, nicht gar so schwer fallen, dem Kerl ein ganz anderes Los zuteil werden zu lassen, als er sich auf meine Kosten bereiten möchte.« »Gnädiger Herr,« versetzte Veit mit keineswegs bloß erheuchelter Ängstlichkeit, »bedenken Sie wohl, was Sie tun. Ich will Sie nicht bemühen, auf meine geringe Person Rücksicht zu nehmen – denken Sie nur an sich selbst und an den gnädigen Herrn Rittmeister. Twerenbold ist nicht der Mann, mit dem man so leicht fertig wird. Er steht auch nicht allein, denn vergessen Sie nicht, daß die Lore noch lebt, welche ihm stets angehangen. Er hat sich auch bereits wieder mit ihr in Verbindung gesetzt.« »Verdammt das! Konntest du es nicht hindern?« »Wie hätt' ich es gekonnt?« Der Graf trat ans Fenster und starrte nachdenklich durch die Scheiben. Der Müller bückte sich und hob das zerknitterte Papier vom Boden auf. Nach einer Weile kehrte sich der Schloßherr um und sagte: »Für den Augenblick ist nichts zu machen, wie?« »Nicht als das, Erlaucht,« entgegnete Veit, mit der Rechten auf das Papier in seiner Linken zeigend. »Und du glaubst, der Schuft werde sich wenigstens damit zufrieden geben und sich außerdem in gehöriger Entfernung von mir halten?« »Ich glaube, sein Vorteil wird ihn alle Rücksichten gegen die Person von Euer Gnaden beobachten lassen.« »Und wäre er wohl nicht zu bewegen, diese Gegend zu verlassen und seinen Raub anderwärts zu verzehren?« »Schwerlich. Er hat es sich, wie ich Euer Gnaden zu sagen die Ehre hatte, in den Kopf gesetzt, gerade hier das Leben eines Bummlers zu führen, und sein Kopf ist von Eisen. Wir dürfen auch nicht den leisesten Versuch machen, ihn zum Fortgehen zu bewegen, denn das hieße nur seine Starrköpfigkeit herausfordern. Man muß sich, nach meiner untertänigen Meinung, einstweilen gedulden. Kommt Zeit, kommt Rat.« »So gib den Wisch her!« sagte der Graf, den Fluch, welcher ihm auf die Zunge kam, nicht mehr verbeißend, sondern voll und ganz herausstoßend. Während der Schloßherr beschäftigt war, an seinem Schreibtisch eine doppelte Kopie von Twerenbolds Diktat zu fertigen, blieb der Müller in unterwürfigster Haltung hinter ihm stehen. Aber seine dünnen Lippen verzogen sich höhnisch und bewegten sich, als spräche er leise: »Ich wußte wohl, daß du weichgeben würdest.« Geschäftig zündete er dann die Kerze auf dem silbernen Leuchter an, welcher auf dem Schreibtisch stand, und legte Lack und Siegel zurecht. Als die beiden Exemplare der Urkunde geschrieben, unterzeichnet und besiegelt waren, übergab sie der Graf mit vor Unwillen bebender Hand dem Müller und sagte: »Da, gib das eine Stück dem Kerl und sage ihm, er möge sich wahren, mir vor Augen zu kommen. Das andere überbringe dem Oberrentner und befiehl ihm in meinem Namen, daß nur er mit Twerenbold verkehre und daß die ganze Sache als Amtsgeheimnis behandelt werden soll. So – und jetzt von Angenehmerem. Wie steht der Handel mit der bewußten Kleinen?« »Befriedigend, gnädiger Herr. Aber es war ein hartes Stück Arbeit, der Mutter ihre Skrupel hinsichtlich der Jugend der schwarzäugigen Hexe auszureden.« »Und sind ihr diese Skrupel wirklich ausgeredet?« »Vollständig. Euer Gnaden hatten mich ja in den Stand gesetzt, meine Reden stark zu vergolden.« »Ja, ja, des bißchen Vergnügen, dessen unsereiner noch bedarf, wird immer kostspieliger. Es ist erstaunlich, wie alles und jedes im Preise gestiegen. Übrigens werde ich meine Reise nach Böhmen früher antreten, als ich ursprünglich im Sinne hatte, wahrscheinlich schon in kommender Woche. Ich will die Kleine mitnehmen. Halte daher alles bereit, damit dieses geschehen könne. Gewährt sie mir wirklich so viel Amüsement, wie ich mir von ihrer naiven Munterkeit verspreche, so will ich ihr auch die Hauptstadt zeigen.« »Ihre Befehle sollen vollzogen werden, Erlaucht. Aber gestatten Sie mir eine Frage. Wird der gnädige Herr Rittmeister während Ihrer Abwesenheit hier bleiben?« »Allerdings. Robert versprach mir den ganzen Sommer hier zuzubringen, und da er, wie ich glaube, ein Auge für die Geschäfte hat, kann ich meine Abwesenheit um so beruhigter auf längere Zeit ausdehnen.« »Und Ihre Gnaden die Frau Gräfin, wird sie auch hier bleiben?« »Freilich, sie ist ja, wie du weißt, ganz verliebt in unsere Berge und zudem wird sie an Robert einen passenden Gesellschafter haben.« »So!« Dieses »So!« war sehr gedehnt und mit der seltsamsten Betonung vorgebracht. »Was willst du damit sagen?« fragte der Graf aufblickend. »Nichts.« »Höre, Veit,« sagte darauf der Graf mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung, »du wirst nie wieder einen solchen Ton annehmen, wenn von meinem Sohne oder von meiner Gemahlin die Rede ist. Ich habe Grund, zu glauben, daß du weder dieser noch jenem zugetan, sondern eher abgeneigt bist. Warum, weiß ich nicht und will ich auch gar nicht wissen. Aber merke es dir, diese beiden Wesen leben in einer Sphäre, wohin der Blick von deinesgleichen nicht reicht. Genug davon für heute und für immer.« So sprechend machte der Graf eine unzweideutige Gebärde, daß er die Unterredung für beendigt ansähe. Der Müller verbeugte sich bis auf den Boden, machte aber keine Anstalt zum Fortgehen. »Nun,« sagte der Schloßherr ungeduldig, »was gibt es noch?« »Gnädiger Herr,« entgegnete der Gefragte, »wenn ich nicht mit Schmerz bemerkte, daß eine nur aus treuester Anhänglichkeit entsprungene Äußerung Euer Gnaden ungnädig gestimmt, mochte ich die Gelegenheit benutzen, Ihnen einen kleinen Wunsch vorzutragen.« »Sprich!« »Euer Gnaden wissen vielleicht, daß ein kleines schmales Gehölz, genannt das Ermshölzle, den Wiesengrund, welcher zur Donnerfallmühle gehört, quer durchschneidet. Der Herr Oberförster nun scheint sich eine rechte Freude daraus zu machen, mich mittels dieses Gehölzes oder vielmehr mittels dessen, was er Forstpolizei nennt, auf alle Art und Weise zu molestieren und zu chikanieren.« »Ah, du willst das Gehölz haben, Veit?« »Erlaucht nahmen stets die zarteste Rücksicht auf die bescheidenen Wünsche Ihres treuuntertänigsten Dieners.« »Auf deine Wünsche allerdings, von der Bescheidenheit derselben wußte ich jedoch bis zu dieser Stunde nichts. Ich habe dich reich gemacht, Veit.« »Erlaucht waren gütig gegen mich, sehr gütig. Ich anerkenne es mit gerührtem Herzen. Aber die Zeiten sind jetzt schwer: ich kam auf den unglücklichen Einfall, meine Ersparnisse in Staatspapieren anzulegen, und Sie wissen –« »Ich weiß, ich weiß, daß du dir den Schurken Twerenbold zum Exempel genommen.« »Bitte untertänigst um Entschuldigung, wie mögen Euer Gnaden mich mit diesem faulenzenden Trunkenbold in gleiche Linie stellen?« »Er plündert mich, um zu vergeuden, du hingegen – doch genug. Ich sehe, dieser Tag, welcher mit Roberts Ankunft so schön begann, sollte für mich zu einem Unglückstag werden. Sag nichts weiter, es ist überflüssig. Du sollst das Gehölz haben, ich werde vor meiner Abreise noch mit dem Oberförster reden und die Sache ins reine bringen. Binnen drei Tagen erwarte ich, daß die Angelegenheit mit der Mutter der Kleinen völlig abgemacht und die letztere zur Abreise bereit sei. Und höre noch, ich verlasse mich darauf, daß du beständig und namentlich während meiner Abwesenheit ein scharfes Auge auf diesen Lump von Twerenbold habest. Verstanden? Gut. Adieu denn.« Als der Müller mit tiefen Referenzen das Zimmer verlassen hatte, kam der in dem Grafen kochende Ingrimm in leidenschaftlichem Mienenspiel zum Ausbruch. »Die Schurken, die infamen Schurken!« rief er aus. »Mit solcher Canaille mich gemein machen zu müssen! Von ihr abzuhängen! O, Robert,« setzte er hinzu, die Hände über das Gesicht schlagend, »wenn du wüßtest, Robert, wenn du wüßtest!« Der Sohn des Hauses ging noch ziemlich spät in der Nacht unruhig in seinem Schlafzimmer auf und ab. Die Spazierfahrt auf dem See hatte abends stattgefunden, und man war recht heiter gewesen. Dessenungeachtet hatte es dem jungen Mann scheinen wollen, das Verhältnis seines Vaters zu der Gräfin sei ein sehr vornehm kühles, fast fremdes, und er sann auch jetzt noch darüber hin und her. Dabei geschah es wohl ganz mechanisch, daß er, eine Weile am Fenster stillstehend, den Blick nach dem Turmzimmer der Gräfin hinüberrichtete. Es war noch Licht dort. »Sie ist sehr schön,« murmelte Robert. »Wahrscheinlich ist es nur das Überraschende des ersten Eindrucks – man macht sich von einer Stiefmutter so dumme Vorstellungen – aber seltsam ist es doch, daß mir vorkommt, ich hätte nie eine Frau von solcher Anmut gesehen.« Unwillig wandte er sich um, als er die Türe gehen hörte. Er hätte ungestört seiner Träumerei nachhängen mögen und fragte daher den eingetretenen Andres barsch: »Nun, was willst du noch?« »Wollte dem Herrn Rittmeister melden,« entgegnete der Alte, »daß ich laut Order den Pferdestand visitiert habe.« »So?« »Die Ställe sind in guter Ordnung, das muß ich sagen. Ein Halbdutzend prächtiger Reitpferde da, darunter namentlich ein Goldfuchs – Sapperlost, zum Fressen schön. Kein solches Tier beim ganzen Regiment – Knöchel so sein wie – wie –« »Schon gut, schon gut,« unterbrach Robert den Alten ungeduldig; allein dieser war sich der Vorrechte alter treuer Diener zu sehr bewußt, um sich so ohne weiteres aus dem Text bringen zu lassen. »Jedennoch, Herr Rittmeister,« fuhr er fort, »hat mir leidgetan, die schöne braune Stute von englischer Zucht, wissen Sie? nicht mehr zu treffen. Hörte, der gnädige Herr habe sie an den Müller Veit verkauft oder verschenkt.« »Was, das edle Tier? Was soll das in einer Mühle?« »Das sagt' ich auch, Sapperlost! Der Meister Veit reitet jetzt auf demselben herum und konnte doch der Kerl sein Lebtag nicht reiten, 's ist 'ne Schande.« »Ich konnte nie begreifen,« sagte Robert unwillkürlich, »wie mein Vater diesem glatten, schleichenden Schuft, diesem Veit sein Vertrauen schenken mochte. Er hat etwas in seinem Gesicht, das –« »Akkurat wie der Schatten von einem Galgen aussieht – ja, Sapperlost, so ist es.« »Er scheint auch noch jetzt im Schlosse häufig aus und ein zu gehen.« »Freilich, war auch heute da und hatte eine lange Audienz beim gnädigen Herrn.« »Du spionierst, Andres, schäme dich.« »Sapperlost, warum? Sind in einem neuen Quartier, sozusagen, warum sollt' ich mich schämen, für den Herrn Rittmeister das Terrain auszukundschaften? Hm, 's hier nicht alles, wie es sein sollte.« »Was soll das?« sagte Robert mit Strenge und doch zugleich von einer verzeihlichen Neugierde angewandelt. Der nicht minder schlaue als anhängliche Alte ersah seinen Vorteil und fuhr fort: »Halten zu Gnaden, Herr Rittmeister, aber wunderte mich doch schier, zu hören, daß der gnädige Herr und die gnädige Frau einander nie sehen, außer bei Tafel. Von der Frau Stiefmama munkelt man unter der Dienerschaft allerlei. Sagen die einen, sie sei gut wie ein Engel, so sagen die andern, sie sei stolz und hochmütig wie der Teufel.« »Genug, genug!« sagte Robert ungestüm. »Laß dir nie mehr einfallen, mir das Geschwätz der Bedientenstube vorzuleiern. Die Leute täten besser, wenn sie sich mehr um ihren Dienst als um die Angelegenheiten ihrer Dienstherren bekümmerten. Gute Nacht und wecke mich beizeiten. Ich will in der Morgenfrühe den Park durchreiten und den Goldfuchs probieren, von welchem du so ein Wesen machtest.« 5. Zwei Briefe. Thekla an Hedwig. Der Frühling ist in seiner vollen Herrlichkeit aufgegangen, diesmal früher, als es sonst hier in den Bergen der Fall zu sein pflegt. Nun ist es schön hier oben, sehr schön, und ich bedaure dich von Herzen, daß du in der dumpfen Stadt mit ihrem Staub und ihrem verwirrenden Getöse eingesperrt sein mußt. Wie wäre es, wenn du dich entschließen würdest, für einige Tage oder Wochen heraufzukommen? Freilich, du fürchtest das Landleben, aber ich kann dir Unterhaltung versprechen. Vorgestern nämlich ist mein – des Grafen Nepomuk Sohn angekommen, der nur vier oder fünf Jahre älter ist als seine Stiefmama. Er liebt die Berge, weiß einen Kahn zu führen und von Italien zu erzählen, ohne daß man merkt, er habe das Land als Offizier gesehen. Ich glaube, du würdest ihn liebenswürdig finden, schon um des Kontrastes zu deinem eigenen Naturell willen, denn das seinige scheint, soweit eine so kurze Bekanntschaft mir ein Urteil gestattet, mehr dem Ernst als der Heiterkeit sich zuzuneigen. Ich bin fast den ganzen Tag draußen gewesen. Eine seltsame Rastlosigkeit treibt mich aus den Zimmern. Was ich früher in Dichtern von Frühlingsunruhe gelesen, erfahre ich seit einigen Tagen an mir selber. Ich vermag gar nicht stillzusitzen. Selbst mein liebes Turmgemach, in welchem ich so zufrieden den Winter verträumte, kommt mir beklemmend eng vor. Meine stillen Freunde, die Bücher, wollen auch nicht beruhigend wirken. Schlage ich sie auf, ist mir, als sähe ich nur öde graue Papierflächen vor mir und vernähme ein monotones Gähnen. Du wirst lachen und sagen: Das hat man davon, wenn man von Büchern etwas erwartet. Aber hat man denn von den Menschen etwas zu erwarten? Du freilich, liebe Hedwig, scheinst keine Ursache zu haben, dich über sie zu beklagen. Weißt du noch, wie oft wir im Kloster mitsammen das Uhlandsche Lied: Frühlingsglaube, gesungen? Ich stand heute abend lange droben auf dem Wartturm der Ruine und sah in all die Blütenpracht hinein. Da fiel mir das Lied ein, an das ich lange nicht mehr gedacht. O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles, alles wenden. Was für luftige Phantasien haben wir vorzeiten an diese Worte angesponnen, wir törichten Kinder! Doch ich vergesse, du bist ja glücklich, scheint es wenigstens, und ich – nun, ich wüßte eigentlich nicht, was mir fehlte. Immer noch besser hier, angesichts der freien Natur, als in dem verhaßten Kloster. Denk' ich dran, wie meine junge Seele dort gepeinigt wurde, so muß ich noch jetzt in Tränen des Zorns ausbrechen. Ja, es ist besser so. – Wenn nur die quälende Hast und Unruhe nicht wäre! Da ist mir, als triebe es mich fort von hier, unermeßlich weit fort – und doch – aber halte mich nicht für krank. Ich bin ganz gesund. Doch warte, ich erinnere mich, gehört zu haben, daß die Ahnung einer bevorstehenden schweren Krankheit oft in der Form des Reisedranges auftrete. Was meinst du dazu? In die weite, weite Welt zu gehen, wie muß das entzückend sein! sagtest du zu mir, als dein Bruder Adalbert von dir Abschied genommen, um seine Reise in den Orient anzutreten. Du scheinst nicht mehr daran zu denken, seit du dich in den Zirkeln der Hauptstadt heimisch gemacht hast. So lernt man sich bescheiden. Was mich betrifft, ich habe die Flügel noch bälder und dichter eingezogen als du und mich recht zufrieden ins Nest der Resignation geschmiegt. Sonderbar, daß es mir jetzt so eng vorkommt. Sicherlich, der Frühling ist daran schuld; er blüht so üppig und lockend, seine süßen Lüfte umspielen mich so schmeichelhaft und flüstern mir zu: Hinter den Bergen liegt ein Glück, dir ungeahnt, unnennbar, unermeßlich. Komm mit fort in die weite, weite Welt! Aber was soll ich dort? Was könnte ich finden? Finden! Weiß ich denn, was ich suchen möchte? Nein, mir ist wohl hier, sehr wohl und dieser plötzliche, unklare Wandertrieb ist nur eine alberne Einbildung. Habe ich doch diesen Winter so viele Reisebeschreibungen gelesen. Robert – dies ist der Name des jungen Grafen – Robert hat eine Reise nach Amerika vor. Dennoch warf er heute die Bemerkung hin, die unleugbare Tatsache, daß die Menschen heutzutage immer mehr das Heimatgefühl verloren, scheine ihm eins der bedeutendsten Symptome einer ungeheuren, unwiderstehlichen Umwandlung aller sozialen Verhältnisse zu sein. »Wie,« fragte ich, »Sie glauben an diese Umwandlung?« »Warum sollt' ich nicht, da dieselbe vor meinen Augen von Tag zu Tag vorschreitet? Nur ein Mensch, welcher nicht im Besitz seiner fünf Sinne ist, kann sich verhehlen, daß es mit aller Romantik zu Ende geht.« »Sie sehen mich in Erstaunen.« »Warum?« »Weil ich Sie gestern einer von Ihnen getanen Äußerung zufolge für einen geschworenen Aristokraten hielt.« »Das bin ich auch. Macht denn etwa bloß das Nichthören und Nichtsehen den Aristokraten? Hat nicht jede Zeit ihre Aristokratie? Ist nicht jeder gebildete Mensch, jeder sogar, der sich um Bildung redlich bemühte, ein Aristokrat?« »Sie wollen sagen, ein Verächter des großen Haufens und seiner Meinungen, nicht?« »Ja, und noch mehr, denn wer den großen Haufen verachtet, wird denselben in geziemender Entfernung von sich zu halten wissen und nicht dulden, daß derselbe eine gewisse Grenzmarke überschreite.« Sag mir, liebe Hedwig, was hältst du von diesem aristokratischen Bekenntnis? Der Herr Graf schien nicht ganz zufrieden damit. Er meinte, die jungen Leute bildeten sich jetzt auf Umwegen Ansichten und Grundsätze, welche sich früher aus der Annahme althergebrachter Standesbegriffe von selbst ergeben hätten. Der Herr Graf! Du wunderst dich sicherlich, daß ich von ihm spreche. Es ist mir dies schon lange nicht mehr begegnet. O, Hedwig, ist es nicht entsetzlich, sich täglich, und wäre es auch nur für eine Stunde, einem Menschen gegenübersehen zu müssen, dessen Anblick die tiefste Herzenswunde immer wieder aufreißt? Könnte ich nur vergessen! Vergessen, daß mein Eigenstes, Bestes in den Staub getreten, vor mir selbst erniedrigt wurde, von diesem, diesem – die Sprache hat kein Wort, welches in die Tiefe meines Abscheus hinabreichte. Du wirst Mitleid mit mir haben, wenn du inmitten deiner Feste und Freuden an jene Stunde zurückdenkst, wo mir mein Vater den Grafen als meinen Bräutigam vorstellte und ich Unglückliche wähnte, ihn wenigstens achten zu können. Er spielte sein Spiel so fein – ach, es hätte gegenüber einem kaum achtzehnjährigen Mädchen solcher Feinheit nicht bedurft, gegenüber einem Mädchen, welchem man nur zwischen dieser Heirat und dem Nonnenschleier die Wahl ließ. Auf der einen Seite der Vater, welcher mit marmorner Ruhe und Entschiedenheit zu mir sagte: »Ich habe Verpflichtungen gegen den Herrn Grafen von Wippoltstein, der dir die Ehre antut, um deine Hand zu werben, und die Töchter unseres Hauses haben sich nie unterstanden, dem Wohlmeinen ihrer Väter entgegen zu handeln« – auf der andern die fanatische Äbtissin, auf mich rebellische Ketzerin als auf ein ersehntes Opfer ihrer frommen Wut blickend – war es da ein Wunder, daß ich nach der Hand des Grafen griff? Es war nicht die Hand einer Mutter da, welche die meinige zurückgehalten hätte. Glückliche, du hattest eine Mutter, hast sie noch! Ich las einmal, ich weiß nicht mehr, in welchem Schriftsteller des Altertums, den Satz: »Ein Weib liebt oder haßt, es gibt kein Drittes.« Das scheint mir unwahr. Zwischen Liebe und Haß mitten inne liegen unendlich viel Nüancen der Zuneigung oder Abneigung. Da ist zum Beispiel die Verachtung. Oder sollte sie nur eine Form des Hasses sein? Hasse ich den Grafen, während ich ihn nur zu verachten glaube? In einem Zimmer des Schlosses hängt eine Kopie der Judith des Horace Vernet. Du kennst das Bild. Ich muß oft davor stillstehen. Heine hat vorzeiten das Original im Louvre beschrieben. »Süße Wildheit, sentimentaler Grimm rieselt durch die Züge der tödlichen Schönen. Besonders in ihren Augen funkelt Grausamkeit und die Lüsternheit der Rache.« Warum wollen diese Worte mir nicht aus dem Sinn? »Denn sie hat auch den eigenen beleidigten Leib zu rächen an dem häßlichen Heiden.« O, nicht nur den Leib, nicht nur den Leib! Auch die Seele! Leib und Seele! War ich nicht rein und gut und fromm? Was hatte ich den Menschen getan, daß sie mich einem Elenden als schnellvernutztes Spielzeug hinwarfen? Und doch – ich will nicht ungerecht sein. Der Pfarrer Frieding, ein Priester von wahrhaft menschlichem Charakter, wie mir nur je einer begegnet ist, ein Mann, welcher die glückliche Gabe besitzt, alles in tröstlichem Lichte zu sehen, pflegt zu sagen, absolut schlechte Menschen gäbe es gar nicht, denn selbst der verworfenste habe immer noch einen guten Zug in seinem Wesen. Ich bestritt das bisher, bin aber jetzt fast geneigt, beizustimmen. Denn es unterliegt keinem Zweifel, der Graf liebt noch etwas außer sich, seinen Sohn. Ja, er ist ihm lebhaft zugetan. Wohl oder übel, ich muß an das Unglaubliche glauben. Allerdings gebe ich nur das Walten des natürlichen Instinktes zu, allein natürliche Instinkte müssen gewissen Leuten schon als Verdienste angerechnet werden. Da fällt mir ein, Robert hat den Winter in der Hauptstadt zugebracht. Gewiß ist er dir in deinen Kreisen begegnet und hast du ihn kennen gelernt. Willst du mir einiges von ihm vorplaudern? Es würde mich interessieren, wenn es dir keine Mühe macht. Da er, wie ich höre, den Sommer über hier bleiben und also gewissermaßen mein Gesellschafter sein wird, so begreifst du, daß ich wissen möchte, was für eine Art Mensch er ist. Die Schärfe deiner Beurteilungsgabe kenne ich noch von alters her. Der Mann zarter Rücksichtnahme scheint er nicht zu sein. Ich sah ihn heute früh mein Pferd durch den Park tummeln und dem Tier allerlei Halsbrechendes zumuten. Er hätte mich doch wohl erst um Erlaubnis fragen sollen. Das Pferd ist ein Geschenk meines verstorbenen Bruders Dagobert, und ich halte schon um des Gebers willen viel darauf. Auch ist es so feurig und klug zugleich und ich bilde mir ein, es liebe mich. Doch das ist ja eine ganz kindische Geschichte und mein Ärger darüber recht – Albern wollte ich sagen, unberechtigt aber muß ich jetzt sagen, denn soeben bringt mir Berdoa ein Billett von meinem Herrn – das garstige Wort Stiefsohn will mir nicht aus der Feder – von Robert, worin er mich in gewinnendster Weise um Verzeihung bittet für einen Mißgriff, welchen er, wie er sagt, sicherlich nicht begangen hätte, wenn die Stallbedienten ihm auch nur den leisesten Wink gegeben hätten, »daß der Goldfuchs die Ehre habe mich zu tragen«. Siehst du, der Herr Rittmeister kann galant sein! Und nun lebe wohl und laß mich bald von dir hören. Hedwig an Thekla Aber um's Himmels willen, was für einen Heuschreckenbrief hast du mir geschrieben! Das springt und wimmelt durcheinander, setzt an und bricht wieder ab, vorwärts, rückwärts, nach allen Seiten hinaus. Schäme dich, Thekla, du, welche in dem Klosterpensionat um ihres deutschen Stils willen berühmt war und uns flatterhaften Dingern allen durch ihr logisch-methodisches Denken und Sprechen und Schreiben so tiefen Respekt einflößte. Ich erinnere mich dunkel, gehört zu haben, daß einmal einer der alten oder jungen Pedanten, die sich mit Bücherschreiben abgeben, gesagt habe, der Mensch sei wie sein Stil. Nun, siehst du, wenn das wahr ist, so mußt du dermalen in einer wunderlichen Verfassung sein. Ich weiß auch gar nicht, was ich aus deiner vertrackten Epistel machen soll. Nimm's nicht übel, hörst du? Du ladest mich in deine Berge ein. Gehorsame Dienerin! Ich hielt nie etwas vom Landleben, die Langeweile desselben verdirbt den Charakter. Das sehe ich jetzt ganz deutlich an dir, denn deinem Brief zufolge bist du gar nicht mehr die, welche du noch vor kurzem gewesen. Das hat man davon, wenn man sich in einem Schloß in den Bergen vergräbt und ennuyiert. So ein Schloßfräulein oder eine Burgfrau, die mit Mond, Sternen und Blumen konversiert, die Rehe im Park zähmt, morgens die Hühner füttert, abends als soeur grise die Wohnungen der Dörfler nach Kranken durchstöbert oder in sonstiger ländlich-sittlicher Romantik ihre noblen Sentiments kultiviert, sie waren mir schon in den Romanen herzlich zuwider, welche wir in unseren Backfischjahren lasen. Das ist lauter albernes Zeug, und wenn neuestens wieder die tugendsame Unnatur einer lang' aufgewärmten Mittelalterlichkeit in den Salons literarische Mode wird, so bin ich wenigstens nicht Heuchlerin genug, diese Mode mitzumachen. Ich bin schon auf den ersten Seiten des fadsüßlichen Breis der Minnesängerei von der semmelblonden Amarant stecken geblieben, oder vielmehr ich schwippte mir diesen Brei resolut von den Fingern und lache unverhohlen über die alten und jungen Koketten, welche derartigen Quark zu goutieren sich den Anschein geben. Glaube aber nicht, liebe Thekla, ich wollte dir die Beleidigung antun, dich für eine angehende Amarant oder eine andere dergleichen Tragantfigur zu halten. Dazu bist du mir viel zu gut und zu lieb. Aber ich fürchte, du möchtest in deiner romantischen Wald- oder Bergeinsamkeit allmählich die Fähigkeit einbüßen, das Leben zu nehmen, wie es ist, das heißt, es nach Möglichkeit auszubeuten und zu genießen. Um dich jedoch über die Verworrenheit deines Schreibens recht zu beschämen, will ich mir Mühe geben, dasselbe ganz methodisch, Punkt für Punkt, zu beantworten. Was du mir von der Frühlingsunruhe sagst, welche dich quäle, vermag ich nicht recht zu fassen. Es muß eine Landkrankheit sein, entsprungen aus dem Schrecklichsten, was den Menschen peinigen kann, aus der Langweile. Glaube mir, du bist viel zu jung, um so ein monotones Leben zu ertragen, wie du es seit deiner Verheiratung geführt hast. Hättest du diesen Winter so viel getanzt wie ich, ich schwöre dir, du würdest dich jetzt eher über Mattigkeit als Ruhelosigkeit zu beklagen haben. Die Bücher beginnen dich anzuekeln? Gottlob! Denn das scheint mir ein vortreffliches Zeichen. Du wirst dich nun wohl mehr dem Leben und der Gesellschaft zuwenden. Statt mich zu dir einzuladen, komm' du lieber zu mir. Steige herab aus dem Hochgebirge deines Idealismus in die Realität der Beletage meines Palais. Da wirst du Menschen finden, Menschen, wie unsere Zeit sie eben bietet, und ich meine, sie seien im Grunde weder schlechter noch besser als die aller Zeiten. Man hat allerdings etwas von ihnen zu erwarten, jawohl, wenn man jung, hübsch und gescheit ist wie wir. Nur muß man seine Erwartungen auf realistischen Fuß einrichten. So tat und tue ich und ich preise mein Geschick, daß es mich vor allen idealistischen Anwandlungen gnädig bewahrte, wenigstens seit ich in das wirkliche Leben eingetreten bin. In dasselbe die närrischen Phantasien mit herüberzunehmen, womit wir uns im Kloster unterhielten, davor hab' ich mich wohl gehütet. Und gerade darum, siehst du, hast du nicht unrecht, wenn du mich für glücklich hältst. Es lebe der Leichtsinn, es lebe die Leidenschaft! Diese zwei gehörig miteinander wechseln zu lassen, das macht das Glück einer Frau. Deshalb hab' ich auch das von dir zitierte Uhlandsche Lied nicht vergessen, und gar oft trällere ich: »Nun muß sich alles wenden!« Dazu braucht es aber nicht gerade Frühling zu sein. Die Wendungen, welche ich meine, lassen sich zu jeder Jahreszeit ausführen und an jedem Orte, wo sich Leute von Welt befinden. So streb' ich denn auch keineswegs in die weite, weite Welt hinaus. Das Reisen bringt Beschwerlichkeiten und Inkonvenienzen mit sich, welche durch die Genüsse, die es bietet, durchaus nicht aufgewogen werden, in meinen Augen wenigstens nicht. Aber daß du hinter deinen langweiligen Bergen etwas suchen möchtest, das glaub' ich dir gerne. Und weißt du, was? Ich will es dir sagen: Du suchst, was du noch nicht kennen gelernt und was in das Leben eines jungen Weibes schlechterdings gehört: den Enthusiasmus, die Ekstase, die Raserei der Leidenschaft. O, Thekla, tauche dich in ihr Glutbad, damit du erfahrest, was Leben heißt und lieben und genießen. Aber du bist kühl und keusch und streng, Diana der Berge, du! Du philosophierst, statt zu leben. Ein junger Mann, hübsch, männlich, gebildet, nebenbei Husarenoffizier, kommt in deine Einöde, und du weißt nichts Besseres zu tun, als mit ihm über soziale Symptome und Verhältnisse, über Aristokratie und Standesbegriffe zu disputieren – ciel ! Da hört alles auf. Glaube nur nicht, daß ich mich in derartige langweilige Untersuchungen werde hineinziehen lassen. Ich mache mir weder über Demokratie noch über Aristokratie Gedanken. Im Schoße der letzteren bin ich geboren und erzogen und lebe ich, folglich begnüge ich mich damit, meine Stelle als vornehme Dame gehörig auszufüllen. Möglich, daß ich später, wann ich nicht mehr schön sein werde – abscheuliche Aussicht! – in Ermangelung besserer Unterhaltung an politischen Intrigen Gefallen finden werde. Für jetzt noch schiebe ich Derartiges, wenn ich es zuweilen auf meinem Wege finde, verächtlich beiseite. Mit großem Bedauern vernehme ich, daß du dein Verhältnis zu deinem Gemahl noch immer nicht gehörig zu arrangieren verstandest. Du hast von Anfang an die ganze Sache viel zu tragisch genommen und nimmst sie offenbar noch jetzt so. Wer wird denn von Haß und Vernetschen Judithen und anderen dergleichen verzweifelten Dingen sprechen? Gewöhne dir das doch ab! Es ist wahr, man hat dir einen ältlichen, sehr ältlichen Gecken zum Mann aufgedrungen, dir, welche – ohne Kompliment! – des prächtigsten und liebenswürdigsten Kavaliers im ganzen Reiche würdig gewesen wäre. Aber, ma chère , wir leben in einer Region der Gesellschaft, welche so viel vor den übrigen voraus hat, daß sie sich etwelche Unannehmlichkeiten schon gefallen lassen muß, um nicht gar zu übermütig zu werden. Siehst du, auch ich kann philosophieren, wenn es sein muß. Gewiß, wärest du nicht die beste Freundin von der Welt, du hättest dazu kommen können, mich zu beneiden, wenn du deinen Bräutigam mit dem meinen verglichest. Und doch sage ich dir, daß du zum Neide nicht lange Ursache hattest. Im Anfang meiner Ehe freilich, da war alles »himmelhochjauchzend«. Der Fürst und ich spielten das Hohelied der Liebe in allen Tonarten durch. Als wir aber damit zu Ende waren und das Spiel satt hatten, da sind wir ehrlich und gescheit genug gewesen, es uns gegenseitig zu gestehen. Aus diesem Geständnis ergab sich ein Übereinkommen, wie man es für beide Teile nicht bequemer wünschen konnte und kann. Der Fürst und ich sind aus Liebesleuten die allerbesten Freunde geworden. Du solltest sehen, wie wir bemüht sind, uns gegenseitig die Befriedigung unseres gemeinschaftlichen Bedürfnisses, frei zu sein, zu leben, zu lieben, zu genießen, auf alle Art und Weise zu ermöglichen. Nie kommt eins dem andern ungeschickt in den Weg; unser großes Haus hat Raum genug für uns beide. Man muß sich nur einzurichten wissen. Der Fürst ist für mich voll der zartesten Rücksichten. Er war es, der in tunlichster Weise mein Verhältnis zu dem ungarischen Magnaten zu lösen wußte, als es mir anfing lästig zu werden; er war es, der meine Bekanntschaft mit dem spanischen Granden vermittelte, welcher in diesem Augenblick mein Glück macht. Es versteht sich, daß ich dankbar bin und auch meinerseits das Behagen eines so liebenswürdigen Eheherrn nach Kräften fördere. Das ist nun freilich nicht romantisch, ich gebe es zu, aber dafür desto komfortabler. Die Ehe ist kein Institut der Poesie, der Romantik, sondern der gesellschaftlichen Konvenienz. Soll man sich von dieser tyrannisieren lassen? Das kann und tut nur ein gemeiner Sinn. »Die Ehe,« sagte mir eines Tages der Fürst, »ist einer der Ecksteine des sozialen Gebäudes, und wir, die wir die wärmsten und lichtesten Räume desselben bewohnen, werden uns wohl hüten, so einen Eckstein wegzuschaffen. Aber,« fuhr er fort, »soll man sich darum etwa die Schienbeine oder die Wagenräder daran zerstoßen und zerbrechen? Mit nichten, man umgeht oder umfährt ihn.« War das nicht allerliebst gesagt, Teuerste? Freilich, du in deiner Ländlichkeit wirft das alles vielleicht frivol finden. Ich habe nichts dagegen, im Gegenteil, ich sage selber: Es ist frivol. Qu'importe ? Leben wir etwa in einer Welt der Ideale, in einer Welt der Tugend? Hm, das bildest auch du dir gewiß nicht ein. Ich meinesteils will lieber frivol mitlachen und mitgenießen, als mich tugendhaft langweilen oder grämen. Und wähne nur nicht, daß ich Leichtfertige nie die häßlichen Hefen beachtet, welche auf dem Grund des Lebens lasten. Allein ich hüte mich wohl, sie aufzurühren und begnüge mich, den Schaum der Oberfläche zu schlürfen, solange sie mir schäumt. So lebe ich mit mir selbst, mit dem Fürsten, mit der Gesellschaft, mit aller Welt im besten Vernehmen. Dein Pfarrer Frieding hat ganz recht: an jedem Menschen läßt sich eine gute Seite auffinden. Man muß nur zu suchen verstehen und sich nicht von vornherein durch die idealistische Brille das Finden unmöglich machen. Warum du dich durch die Vernetsche Judith und Heines romantische Variationen über dieses Thema oder auch durch deine eigene Erinnerung zum Haß gegen den Grafen gestachelt fühlst, das geht, offen gestanden, über meinen Horizont. Solche Stimmungen sind, wenn ich die Sachen verständig ansehe, Resultate transzendentaler Schrullen oder wahrscheinlicher noch Ausdünstungen des infamsten Ennuy. Der Graf wollte sich divertieren, was weiter? Warum ahmtest du sein Beispiel nicht nach und divertiertest dich ebenfalls? Ich bin gewiß, er hätte sich mit bester Manier darein gefunden und von Verachtung oder Haß wäre überall keine Rede. Etwas doch gibt mir Hoffnung für dich: die Art und Weise, wie du in deinem unzusammenhängenden und abspringenden Briefe deines – deines neuen Hausgenossen gedenkst. Er ist, was dir freilich nicht recht klar sein mochte, der rote Faden, welcher deine Epistel zusammenhält. Sollte er vielleicht auch bei deiner poetischen Frühlingsunruhe und bei deinem Reisedrang mit im Spiele sein? Aber statt dich mit dummen Fragen zu belästigen, will ich dir lieber den Gefallen tun, dir, wie du gewünscht, einiges über den jungen Herrn vorzuplaudern. Es ist freilich nicht viel, denn wie man sagt, geht Graf Robert nur mit festzugeknöpftem Frack in Gesellschaft. Er war den Winter über einer der hiesigen Löwen. Seine Bravour in Italien hatte ihm die günstigste Aufnahme in den Zirkeln der Hauptstadt bereitet. Militärisches Verdienst ist das, welches man dermalen am meisten schätzt, und zwar aus guten Gründen. Ich sah ihn oft. Sein Auftreten war fest und ruhig, ruhiger vielleicht und bescheidener, als einem jungen Husaren ansteht, der so schöne Erfolge gehabt. Ich gestehe, er interessierte mich sehr, und wenn mein zärtliches Herz nicht gerade anderwärts vollauf beschäftigt gewesen, hätte ich wohl den Versuch machen mögen, zu erfahren, ob der junge Held jenseits der Alpen nicht nur fechten, sondern auch lieben gelernt habe. Doch nein, er war nicht recht nach meinem Geschmacke, denn ich goutiere weit mehr das heitere als das ernste Genre, und kam mir dieser Robert vor, als sei er viel mehr geeignet, eine Tragödie in Szene zu setzen, denn eine Komödie à la Goldoni oder eine Novelle à la Casti mit sich durchspielen zu lassen. Aber er hatte an sich etwas bezaubernd Frisches, Unberührtes, Jünglingshaftes. Eine vielerfahrene Dame sagte mir eines Abends, der junge Mann gemahne sie an einen Pfirsich, auf welchem noch der unberührte duftige Flaum liege. Wohl, meinte eine Ambassadrice dazu, aber der Pfirsich sieht aus, als wäre er innen ziemlich herb und säuerlich. Vielleicht sprach sie so von ihm wie Reineke von den Trauben. Tatsache ist, daß die Medisance nichts von ihm zu erzählen wußte. Er hatte keine Abenteuer. Es wurde nach ihm geangelt von sehr schönen und sehr geschickten Händen und mit den lockendsten Ködern, aber er biß nicht an. Er schien sich in der Gesellschaft augenscheinlich zu langweilen, und man sah ihn teilnahmelos durch die Salons schlendern. Da hieß es denn, er habe sein Herz an eine schöne Lombardin verloren, allein einer seiner Kameraden, der ihn genau kennt, sagte, davon sei keine Rede. Graf Wippoltstein habe in Italien einzig dem Dienste und in Stunden der Ruhe seinen Studien gelebt. Er sei ein bißchen Sonderling, ein bißchen stark, und gebe sich nicht große Mühe, seine Ansichten denen der übrigen Menschen anzupassen; übrigens ein vortrefflicher Junge, wenn auch zurückhaltend und stolz. Von seinen Talenten scheint man höheren Ortes eine sehr günstige Vorstellung zu haben. Ich höre, man hat ihm sehr schöne Anerbietungen gemacht, um ihn zum Eintritt in die diplomatische Karriere zu bewegen. Er habe sie abgelehnt, und er soll sich bei einem gelegentlichen Gespräch mit dem Orakel unserer Politik über gewisse Affären sehr dezidiert und keineswegs diplomatisch ausgedrückt haben, sogar antirussisch, und das ist jetzt hier die achte Todsünde, sündhafter als alle sieben übrigen zusammengenommen. Eine Bekannte, die sich pikiert, die Politikerin zu spielen, teilte mir mit, Graf Wippoltstein sei ein erklärter Bewunderer Englands und der Engländer, was doch, setzte sie hinzu, für einen Mann in seiner Stellung eine vollständige Abnormität. So, da hast du, was ich weiß. Falls – doch da kommt mein Freund. Behalte mich lieb und vertreibe dir die Zeit, so gut du kannst. 6. Am Donnerfall. Der Goldfuchs, welcher das Wohlgefallen des alten Andres in so hohem Grade erregt hatte, ging tänzelnden Schrittes unter seiner leichten und schönen Last einher. Robert ritt der Gräfin zur Seite und vergaß ganz und gar seine Reiterkünste zu zeigen, weil er es vorzog, die unbefangene Sicherheit und Grazie zu bewundern, womit seine Begleiterin ihr Pferd lenkte. Sie schaute glänzenden Auges in das tiefgrüne Tal hinein und zu den schimmernden Bergkuppen empor. Zuweilen streifte ihr Blick den jungen Mann, und dann lächelte sie, und ihr Lächeln goß eine helle Freudigkeit über sein Gesicht. Wandte sie aber im raschen Traben ihr Auge von ihm, so fuhren düstere Schatten über seine Züge, und diese Schatten wurden dunkler, als jetzt das Gehöft der Donnerfallmühle vor den Reitenden auftauchte. Es rief in Robert Betrachtungen wach, die er über alle Berge wünschte. Der Graf hatte gestern seine Reise angetreten. Sie sollte, wie er seinem Sohne gesagt, voraussichtlich bis in den Herbst hinein dauern. Die Besichtigung der Güter in Böhmen, ein Aufenthalt in Karlsbad, ein Abstecher nach Berlin, vielleicht ein Ausflug nach Helgoland, später ein Besuch in der Hauptstadt, das alles konnte viel Zeit wegnehmen. Robert hatte den Vater bis zur nächsten Poststation begleiten wollen, was aber abgelehnt worden war, weil der Graf, wie er sagte, im Vorbeifahren an der Donnerfallmühle noch ein langweiliges Geschäft mit dem Meister Veit abzumachen hätte. So hatte er denn am Ausgange des Parkes von dem Sohn Abschied genommen und sich von diesem noch ausdrücklich versprechen lassen, seine Rückkehr in der Heimat abzuwarten. Der gräfliche Reisewagen war dann wirklich von der Straße abgebogen und hatte über eine Stunde lang auf dem Hofraum der Mühle gehalten. In diese aber war eine Weile zuvor eine Bauernfrau mit einem sehr jungen und sehr schönen Mädchen gekommen. Beide gingen in der Tracht der Bewohnerinnen des Siggitals, welches südwestlich von der Mühle ins Hochgebirg hineinschneidet, und hatte das Gesicht des jungen Mädchens große Bekümmernis verraten. Als der Graf wieder aus der Mühle trat, führte er das Mädchen an der Hand, welches ihm nicht ohne Widerstreben zu folgen schien. Es ging jetzt nicht mehr in seiner ländlichen Tracht, sondern in sehr eleganter städtischer, aber der von dem Damenhut über das Gesicht herabfallende Schleier war nicht dicht genug, um ein verhaltenes Schluchzen unhörbar zu machen. Der Graf hob das Mädchen vor sich in den Wagen, nahm rasch Abschied von dem Müller und der Bauernfrau, und fort ging es. Diese Geschichte hatte der alte Andres seinem Herrn gestern abend mitgeteilt. Er war nach der Mühle gegangen, um der braunen Stute einen Besuch zu machen, hatte aber weder diese noch den Meister Veit getroffen, dagegen von den Mühlknappen die Neuigkeit von der in eine Stadtdame verwandelten jungen Siggitalerin erfahren – »eine merkwürdig kuriose Geschichte, Sapperlost!« wie er meinte. Der Herr Rittmeister hatte aber den Rapport sehr ungnädig aufgenommen und dem Alten zugerufen, ins drei – seine Nase nicht in Dinge zu stecken, welche ihn nichts angingen. »Mich nichts angehen? Was!« hatte Andres draußen im Vorzimmer zu sich gesagt, höchst unwillig seinen Schnurrbart zwirbelnd. »Einen so alten Diener des Hauses! Möchte den sehen, der das behaupten wollte, Sapperlost! Die Kränk' über diesen Schubiak, den Veit! Der Hundesohn würde seine eigene Tochter verkuppeln, wenn er eine hätte.« Hatte aber das »langweilige Geschäft«, welches Graf Nepomuk vor seiner Abreise noch in der Mühle abgemacht, schon den alten Diener des Hauses in Aufregung versetzt, so mußte es gewiß dem Sohn allerlei zu denken geben. Robert liebte seinen Vater, der sich ihm, wie schon früher gesagt worden, stets als solcher erwiesen hatte. Zu untersuchen, inwiefern der Graf auf das Anspruch habe, ohne was keine dauernde Zuneigung möglich ist, auf Achtung, war dem jungen Mann bisher nicht eingefallen. Er war in vielem, um nicht zu sagen in allem, anderen Sinnes als sein Vater, aber er hatte sich bis dahin begnügt, diese Verschiedenheit der Ungleichheit des Alters, der Zeitstimmung, der Erziehungsweise und Laufbahn zuzuschreiben. Ein alter Hofmann und Diplomat kann nicht fühlen und denken wie ein junger Soldat, hatte er sich gesagt, wenn in den Briefen des Grafen Stellen vorkamen, zu welchen er gar keine Beziehung gewinnen konnte. Die Art und Weise, wie sich der Vater beim Wiedersehen seines Sohnes benommen, hatte zwar auf diesen etwas beklemmend und ankältend gewirkt, aber er hatte diesen ungünstigen Eindruck verwunden, bis die Mitteilung des alten Andres denselben mit verdoppelter Stärke zurückführte. Die fatale Perücke! Sie wollte ihm heute gar nicht aus dem Sinne. Sowie er den Blick von seiner Begleiterin abwandte, schwebte vor seinen Augen die verwünschte Haartour und an jedem Härchen derselben hing ein häßlich grinsender Kobold, Verkörperungen widerwärtiger Vorstellungen. Die Bande des Blutes sind die stärksten, ja, ohne Zweifel. Oft aber auch sind sie die brüchigsten und sprödesten, und hat die Feile der Kritik sie einmal angenagt oder ein heftiger Schlag sie gebrochen, o, wie selten findet sich dann eine Glut, hinreichend, die Bruchstücke wieder vollständig zusammenzuschweißen. Meistens wird nur jämmerliches Flickwerk daraus, dessen Risse man mit stereotypen Redensarten verklebt, so gut es gehen mag. Die Gräfin sah ihren Begleiter an, und da sie bemerkte, daß er nachdenklich auf den Kopf seines Pferdes starrte, ließ sie ihren Blick lang' und fest auf seinen Zügen haften. Das verhaltene Feuer ihrer schönen Augen brach voll hervor, und ihre Brust hob sich unter dem Amazonenkleid. Was aber auch in diesem Augenblick in der Tiefe ihrer Seele vorgehen mochte, über ihre Lippen kam nichts davon. Sie sagte nur mit einem fast spöttischen Lachen: »Mein werter Paladin, säßen Sie nicht auf einem so guten Rosse, würde ich mir die Freiheit nehmen, zu behaupten, daß Sie auf und ab dem guten Ritter de la Mancha ähnlich sähen, welcher, auf seiner Rosinante hängend, in elegischen Erinnerungen an die edle Dulzinea von Toboso sich erging.« Der Klang ihrer Stimme machte Robert aus seinem Brüten auffahren. Seine Verlegenheit unter einem Lachen verbergend, das mehr laut als herzlich war, erwiderte er: »Sie sehen scharf, gnädige Frau. Es möchte heute wirklich etwas Don-Quijotisches in mir sein.« »Ach, so hab' ich's erraten mit der Dulzinea?« »Das nicht, aber ich glaube, ich habe mich soeben mit dummen Windmühlen herumgeschlagen.« »Mit Windmühlen? Pfui! Diese holländische Prosa gehört nicht in die Poesie unserer Berge. Bitte, machen Sie doch die Augen auf, statt zwischen den Ohren Ihres Pferdes die Quadratur des Zirkels zu suchen. O, wie schön ist die Welt!« Und mit einem leichten Gertenschlag setzte sie den Goldfuchs in Galopp. »Ja,« rief Robert aus, von ihrer Freudigkeit elektrisch berührt und seinem Pferde die Sporen gebend, »ja fort mit den Windmühlen und allem, was an ihren Flügeln hängt! Sie haben recht, schön ist die Welt – Hurra!« So sprengten sie von der Straße ab, über die Brücke, den Fahrweg zur Mühle hinauf und an dieser vorüber, bis da, wo hinter einem Ahornwäldchen die Bergwand steil aufzusteigen begann. Der Müller Veit stand am Eingang seines Gehöftes, als die beiden vorüberflogen. Er nahm seine Mütze ab und verbeugte sich tief, aber die Gräfin beachtete ihn nicht, und Robert erwiderte den unterwürfigen Gruß nicht, sondern wandte mit einem verachtungsvollen Blick den Kopf. »Die hochmütigen Puppen!« murmelte Veit, als sie vorüber waren, und sah ihnen mit einem hämischen Lächeln nach. »Die stürmen übermütig ins Leben. Ja, ja, wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse. Aber für die Mäuse gibt es Fallen und –« »He, holla, Meister Veit, aus dem Weg da!« schrie dem Grämelnden der kleine Mohr zu, welcher seiner Herrin auf einem Ponny folgte. »Die Pest in dein Affengesicht, du schwarze Kröte!« schnarchte der Müller den Knaben an. Berdoa warf sich im Sattel herum, schnitt dem Scheltenden eine Fratze, schlug mit seiner Rechten auf einen gewissen Teil seines Körpers und trieb dann mit lautem Lachen seinen Pony vorwärts, wozu er Grund hatte, denn der erboste Müller bückte sich nach einem Steine. »Will mir diese Stunde notieren,« sagte er, als der Knabe hinter den Bäumen verschwunden war, und zog seine Schreibtafel hervor. »Es ist immer gut, genau zu wissen, von wann eine Schuld datiert.« Robert ahnte gewiß nicht entfernt, daß er zu dieser Stunde in Meister Veits Schuldbuch eingetragen wurde. Er hielt mit der Gräfin am Ausgange des Ahorngehölzes, bis der Mohrenknabe herankam, welcher die Pferde hüten sollte, während die beiden zum Donnerfall hinaufgingen, der mit seinem Tosen rings die Luft erfüllte. Der Kavalier beeilte sich, der Dame aus dem Sattel zu helfen, kam aber doch zu spät, denn leicht und gewandt war sie schon zur Erde gesprungen und schürzte rasch den langen Saum ihres Reitkleides auf. Er bot ihr den Arm, aber sie sagte: »Es ist überflüssig, denn ich bin fest auf den Füßen und, wie Sie wissen, sind die Wege in den Bergen nicht dazu eingerichtet, Arm in Arm zu gehen. Da muß sich jeder selbst forthelfen, und hatte ich Zeit genug, es zu lernen.« Robert mußte zugeben, daß dem so war, denn rasch und sicher bewegte sich die schlanke Gestalt vor ihm her auf dem schmalen, steilen, zwischen knorrigen Tannenwurzeln und Felsstücken hinlaufenden Pfad, welcher zu dem Katarakt emporführte. Es liegt Poesie in dem Gang einer Frau. Die Art, wie sie den Fuß hebt und niedersetzt, das Spiel der Knöchel im Gehen, die Bewegung der Arme zur Unterstützung des Gleichgewichtes, die unbewußte Grazie, womit der Oberkörper den Bewegungen der Beine sich anpaßt, all dieses ist schön anzusehen. Aber zierliche Füße gehören dazu, und die Eigentümerin muß es verstehen, sie zu gebrauchen. Das ist gar nicht so leicht, als man gewöhnlich glaubt. Im allgemeinen verstehen die Französinnen die Kunst des Gehens am besten. Die Spanierin geht stolz einher, die Italienerin majestätisch, die Engländerin selbstbewußt, die Französin anmutig. Der Gang der deutschen Frau hat nur in Ausnahmefällen einen bestimmten Charakter und es macht sich auch hier der Mangel eines kräftigen nationalen Bewußtseins fühlbar. Robert hatte Zeit, diese Ästhetik des Gehens weiter für sich auszuführen, denn die beiden mußten eine Viertelstunde lang aufwärts steigen, bis sie an dem weiten Felsenbecken anlangten, in welchem der Strom nach seinem letzten Sturze seine Wassermassen wieder sammelt. Hier in der Schlucht ist der Donner des Kataraktes betäubend, und ein dichter Staubregen überrieselt den Zuschauer. In einer Höhe von nahe an dreihundert Fuß über dem dampfenden Kessel springt aus der Felswand eine Art natürlicher Terrasse vor, von Tannen und Birken beschattet. Dort hatte die Gräfin eine Bank anbringen lassen, denn die Stelle bietet den schönsten Anblick des Wasserfalls. Als die beiden zu diesem Ort emporgestiegen, erfüllte sie das prächtige Schauspiel mit dem ganzen Zauber seiner wilden Herrlichkeit. Sie hatten jetzt das Gesamtbild des Falles vor sich. Zu ihrer Rechten, über, neben, unter ihnen rollte und donnerte in drei Stürzen die mächtige Silbermasse, ewig kommend und schwindend, aus unerschöpflichem Borne sich ergießend, rauschend in erhabener Monotonie. Sie tauchten, wortlos nebeneinander stehend, lange ihre Augen in die springenden, stäubenden Wassermassen. Es ging auch kaum an, zu sprechen. Wenigstens mußte sich das Ohr erst an das Donnergeroll gewöhnen, bevor es andern Lauten wieder zugänglich wurde. Robert, der schon lange nicht mehr hier gestanden, fühlte sich von einem leisen Schwindel angefaßt, aber sonderbarerweise übertrug er die eigene Empfindung auf seine Gefährtin, und unwillkürlich hob er die Arme, um die Gräfin weiter von dem Abgrund zurückzuziehen. Und doch folgte er diesem Impulse nicht, denn er gewahrte noch zu rechter Zeit, daß die beabsichtigte Hilfeleistung durchaus nicht vonnöten sei. Thekla sah festen Blickes in die Stürze hinein, hinauf und hinunter, und plötzlich wandte sie sich an den jungen Mann mit der Frage: »Nun, Robert, wie kommt Ihnen der Donnerfall vor?« Sie hatten ihn ohne Zeremonie mit seinem Namen angeredet. Wahrscheinlich machte das den jungen Kriegsmann so verwirrt, daß er nur die triviale Antwort fand: »Er kommt mir vor wie das Leben.« »Wie das Menschenleben, wollen Sie sagen?« »Ja.« »Die Vergleichung ist nicht übel, wenn auch,« setzte sie mit einer Stimme hinzu, deren spöttischen Nachklang das Tosen des Stromes verschlang, »nicht gerade originell. Sie meinen wahrscheinlich, das Schauspiel hier gleiche dem Leben, weil der Donnerfall in wildgenialen Sprüngen und leidenschaftlichem Rasen seine Jugendkraft vertobe, um dann da unten wie ein zahmer Philister zu hantieren, das heißt die Mühle zu treiben und weiterhin ziemlich langweilig dem See zuzufließen, der ja wohl in Ihrem Gleichnis das Meer der Ewigkeit vorstellen soll.« »Sie wissen besser mit poetischen Bildern umzugehen, Thekla, als ich. Aber dennoch meinte ich es anders. Ich wollte nämlich nur sagen, daß mir der Katarakt hier mit seinen ewig wiederkehrenden Wellengruppierungen und seinem ewig gleichmäßigen Rauschen wie das ewige Einerlei des Daseins vorkommt.« Sie hatte ihn einen Augenblick groß angesehen, als sie ihren Namen von seinen Lippen tönen gehört, dann aber, ohne zu antworten, sich wieder dem Wasserfall zugekehrt. Nach einer langen Pause des Schweigens bewegten sich ihre Lippen murmelnd. Ganz der Gewalt der Szene vor ihr hingegeben, schien sie die Anwesenheit ihres Begleiters vergessen zu haben. Robert lauschte der vollen, klangreichen Stimme, die mehr und mehr anschwoll und sich in Rhythmen ergoß, zu welchen der Katarakt gleichsam den Takt rauschte. »Ich kann's nicht lassen, hinzustarren, Wie sich die Woge ewig jüngt Und ewig in die Felsenbarren Verzweiflungsvoll herniederspringt. Es ist ein unablässig Rollen, Ein nie verbrodelndes Gekoch'. Seit Ewigkeiten ist's erschollen Und Ewigkeiten schallt es noch. Du wilder Strom des Felsenspaltes, O, Strom! ich weiß es, was dich quält; Ich weiß ein Lied, ein ernstes, altes, Mir hat's die Fei am Quell erzählt: Zur Zeit der Götter und der Riesen, Da strömtest du von Anbeginn In blumenreichen Paradiesen Ein göttergleicher Strom dahin. Du aber warst ein trotz'ger Stürmer, Dir frommte nicht der ebne Pfad, Du wärest gern, ein Bergetürmer, Den ew'gen Göttern selbst genaht. Du wolltest kühn den Schleier heben, Der von der Gottheit Scheitel rollt; Und weil du's nicht erreicht im Leben, So hast du's durch den Tod gewollt. Und aus dem Bette schwoll dein Wasser, Du warfest in dies Klippengrab, Ein rasch entschloßner Lebenshasser, Selbstmordend häuptlings dich hinab. Du warst der erste Erdenpilger, Der sich zerstört aus eigner Macht, Du warst der erste Selbstvertilger – Der erste Selbstmord war vollbracht.« Sie brach ab, denn plötzlich überkam sie das Gefühl, als hätte sie etwas Unschickliches begangen. Sich als Deklamatorin hinzustellen – was war das für ein alberner Einfall gewesen? Sie fürchtete sich, umzublicken, denn sie erwartete ein spöttisches Lächeln um Roberts Mundwinkel spielen zu sehen. Als sie es endlich doch tat, vermied sie, die Augen zu seinem Gesicht zu erheben, und sagte verlegen und mit sich selber unzufrieden: »Wie ungalant! Sie klatschen nicht Beifall zu meiner Deklamationsübung?« Robert bemerkte unschwer, daß es sie gereute, dem poetischen Eindruck des Ortes und der Stunde nachgegeben zu haben. »Ich klatsche nicht,« sagte er, »aber ich denke, es sollte Ihnen nicht leidtun, mich durch die Erinnerung an einen Dichter erfreut zu haben, den ich persönlich kannte. Der arme Junge! Wie würde er entzückt gewesen sein, wenn er an meiner Stelle gestanden hätte.« »Wie, Sie kannten Strachwitz? Das ist schön. Kommen Sie, Sie müssen mir von ihm erzählen. Sicher ist hier ein passender Platz, über einen Dichter zu reden.« »Gnädige Frau –« »Nicht so, nicht so, mein Freund. Sehen Sie, ich habe Sie vorhin ganz einfach Robert und Sie haben mich Thekla genannt. Das machte der Donnerfall, denn immer, wenn der Mensch der Größe und Schönheit der Natur nähertritt, läßt er die Maske der Konvenienz unwillkürlich fallen. Haben Sie nichts dagegen, wollen wir es auch ferner so halten. Wir können uns ja vorstellen, wir seien Geschwister. Warum uns das Leben in diesen Bergen durch albernes Etikettewesen verkümmern?« Der Ausdruck seiner Augen sagte ihr, daß ihr Vorschlag mit lebhaftestem Danke angenommen wäre. Sie setzten sich auf die Bank und er teilte ihr mit, was er von dem Leben und dem frühen Tod des jungen Poeten wußte, den er vor einigen Jahren in der Hauptstadt kennen gelernt. »Und was halten Sie von seiner Poesie?« fragte sie, als er mit seinem Bericht zu Ende war. »Statt diese Frage zu beantworten, möchte ich sie lieber an Sie richten, denn ich fürchte, meine Ästhetik steht auf schwachen Füßen, und ich bin überzeugt, Sie könnten ihr aufhelfen.« »Wollen Sie mich verspotten? Ich weiß, was man von den Blaustrümpfen spricht. Aber gewiß sind Sie billig genug, zu begreifen, daß ich mit Büchern Umgang pflegen mußte, weil mir die Menschen fehlten.« »Sie fühlten sich einsam?« »Ich war es.« Sie wollte zu diesem Worte der Klage noch etwas hinzufügen, unterdrückte es jedoch. Eine Pause trat ein. Beider Herzen waren voll und die Flut der Gefühle wollte hervorbrechen. Aber die Selbstbeherrschung des Mannes preßte den Andrang zurück, und mit erzwungener Ruhe sagte er: »Gewiß, Thekla, glauben Sie nicht, daß ich Sie beleidigen wollte. Meine Äußerung war ganz ernsthaft gemeint, und es würde mich in der Tat interessieren, Ihre Meinung über meinen früh dahingegangenen Freund zu hören.« Sie verstand seine Absicht, abzulenken, und entgegnete mit schnell gewonnener Fassung: »Das Hin- und Hersprechen über Poesie klingt eigentlich immer pedantisch. Kommt doch hier auf den individuellen Eindruck alles an.« »Allerdings, und ich glaube, es hat ungünstig auf die Dichtung der Gegenwart zurückgewirkt, daß wir uns gewöhnt haben, ihre Schöpfungen gleich von vornherein unter die kritische Lupe zu bringen. Weil wir die Fähigkeit verloren, das, was uns der Dichter gibt, unmittelbar zu genießen, hat er seinerseits das unmittelbare Schaffen verlernt. Dessenungeachtet aber möchte ich Ihre Frage von vorhin von Ihnen selbst beantwortet haben.« »Nun denn, mir scheint, auch Strachwitz war nicht frei von dem Forcierten, welches wie ein Fluch unserer Epigonendichtung anhaftet. Aber daneben verraten seine Gedichte oft Züge von ursprünglicher Kraft und Frische, und in vielen ist ein nationales Gefühl, welches uns wohltuend anspricht.« »So ist es. Unsere Aristokratie, wenn nämlich von einer solchen in deutschen Landen überhaupt die Rede sein kann, ist jetzt lebhaft darauf aus, auch dichterische Vertreter haben zu wollen. Sie überschüttet jeden mit maßlosestem Lob, welcher mit Versen gegen die demokratische Richtung angeht, und hat sich da die lächerlichsten Mißgriffe zuschulden kommen lassen. Die Dichterlinge, gegen welche sie dermalen mit Lorbeerkronen so verschwenderisch ist, fordern nur den gerechten Spott der Gegner heraus. Da ist Strachwitz. Ich denke, er kann sich als aristokratischer Poet sehen lassen. Aber man kennt und nennt ihn kaum.« »Sie sind Aristokrat, Robert?« »Ja.« »Aber Sie sagten ja eben, es gebe bei uns keine Aristokratie.« »Leider. Hätten wir eine Aristokratie, wie England sie besitzt, es stände besser mit unserem Vaterland.« Die Gräfin schien keine Lust zu haben, die neue Wendung des Gespräches weiter zu verfolgen. »Hedwig hat mich gewissenhaft unterrichtet,« dachte sie. »Da hätten wir ja schon die Sympathie mit den Institutionen Englands. Ob ihre anderen Mitteilungen sich wohl ebensogut bewähren mögen?« »Ich bemerke,« sagte sie dann, »daß Sie mit Fragen und Problemen sich beschäftigen, welche, soviel ich weiß, Männer Ihres Alters und Standes nicht sehr zu interessieren pflegen.« »Man muß ein Stock oder Stein sein, wenn man dermalen gedankenlos in den Tag hineinleben kann. Unsere Zeit ist, denke ich, wohl danach angetan, auch jüngere Leute ernst zu machen. Man kann mit dem besten Willen das Leben nicht mehr so leicht nehmen wie früher. Überall hängen Gedanken in der Luft, deren Wucht jedes Gehirn empfindet, welches nicht ganz leer ist.« »Aber sagen nicht unsere Staatsweisen, die wilden Dämonen hätten ausgerast und der patriarchalische Frieden sei wiedergekehrt?« »So sagen sie, ja; aber wer glaubt ihnen, was sie selber nicht glauben?« Die Gräfin war nicht in der Stimmung, diese auf allgemeine Ziele gerichtete Unterhaltung weiterzuführen, und ihr Schweigen machte auch den jungen Mann verstummen. So saßen sie lange, von dem monotonen Gebrause des Katarakts in Träumereien gewiegt. Plötzlich fragte Thekla: »Robert, was halten Sie vom Selbstmord?« Er sah auf und erschrak vor dem seltsamen Feuer ihrer Augen. »Was ich vom Selbstmord halte?« entgegnete er zögernd. »Wie kommen Sie darauf?« »Nun, der Wasserfall da und das Gedicht Ihres Freundes haben mir die Frage eingegeben. Aber was antworten Sie?« »Ei, ich meine,« erwiderte Robert, indem er sich bemühte, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben, »ich meine, der Selbstmord ist die gewaltsam aufgestoßene Hintertüre im Labyrinth des Daseins, das Rettungsseil in der Fallgrube der Verzweiflung, das Schlupfloch aus der trostlosen Sackgasse des Überdrusses.« »So ungefähr würde Herr Saphir die Frage beantworten, meinen Sie nicht?« »Ich glaubte nicht, daß Sie die Sache tragisch nehmen. Was haben Sie, so jung, so schon, mit dem Gedanken des Selbstmordes zu tun?« »Wer kann für seine Gedanken? Sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt. Da fällt mir zum Beispiel gerade ein, daß ich einmal eine furchtbare Geschichte gelesen. Ein Gefangener sah jeden Morgen beim Erwachen die Wände seines Kerkers enger zusammengerückt. Beim letzten Erwachen war sein Gefängnis ein enger, niedriger Sarg geworden, in welchem er elend verkam. Kennen Sie die Geschichte?« »Ich erinnere mich, davon gehört zu haben.« »Und ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß das Dasein ein solcher höllischer Kerker sei?« »Um des Himmels willen, Thekla, was machen Sie sich mit solchen schrecklichen Vorstellungen zu schaffen?« »Das befremdet Sie, weil ich, wie Sie sagen, jung und schön bin?« Sie wollte noch etwas hinzusetzen, aber sie unterließ es, stand auf und sagte ruhig: »Kommen Sie, die Sonne geht zur Rüste, und der gute Pfarrer erwartet uns in seiner Laube am See. Er plaudert so liebenswürdig, und er soll uns die finsteren Einfälle fortplaudern.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie rasch den Fußsteig hinunter, und Robert folgte, von wechselnden Gefühlen bestürmt. Sie hatten die Klippe kaum verlassen, als hinter dem Gebüsch im Rücken der Bank Twerenbold, der Bummler, hervortrat. Er warf sich auf den Sitz, stieß seinen Knotenstock auf den Boden und brach in ein höchst vergnügtes Lachen aus. »So, so,« sagte er, »der alte Narr, der Frieding, soll euch die finsteren Gedanken fortplaudern? Kalkuliere, habt Gedanken, die euch weder der Pfaff noch sonst wer fortplaudert. Ist ein Fakt, bei Jove. Müßtet eure Augen weniger deutlich reden lassen, wenn man nicht merken sollte, wie 's steht. Ja, ja.« Er nahm eine Zigarre aus der Tasche, brannte sie an, legte sich behaglich zurück und monologisierte weiter: »Ist ein vergnügliches Ding, zu sehen, wie sich die vornehmen Puppen quälen und härmen. Ist wohltuend für uns andere, rechne ich. Freilich, könnte fast so etwas wie Mitleid mit den beiden da empfinden. War auch mal jung und närrisch, wurde mir aber die Narrheit unsanft vertrieben, weil ein Herr Graf gegen mich armen Teufel ins Feld rückte. Ist eine alte dumme Geschichte, aber alle Teufel der siebzehn mexikanischen Höllen über ihn! Könnte, kalkulier' ich, eine recht unterhaltende Geschichte für mich aus dem Ding da werden. Langweile mich ohnehin so ziemlich hierzulande. Ja, könnt' pläsierlich werden, für mich und für die Lore. War 'ne gute Idee, daß ich heute da heraufkletterte und den guten Leutchen vorerst aus dem Wege ging. Wird, rechne ich, eine rechte Frolik für die Lore sein, wenn ich ihr erzähle, was für 'ne Neuigkeit ich am Donnerfall ergattert habe. Ist Wasser auf ihre Mühle, Hochwasser. Muß man aber, denk' ich, die Birnen reif werden lassen, bevor man den Baum schüttelt. Habe die Notion, wird rasch gehen mit dem Reifwerden. Ja, ja, ist gar fruchtbares Wetter heuer!« 7. Vor fünfzig Jahren und jetzt. Der Pfarrer saß mit seinen Besuchern in der Geisblattlaube seines Gartens, welche, nach der Südseite zu offen, einen Ausblick auf den im Abendsonnenschein funkelnden Spiegel des Sees und das gegenüberliegende Gebirge gestattete. Der Greis trug seine sechsundsiebzig Jahre mit Rüstigkeit. Seine hohe, hagere Gestalt war nur unmerklich gebeugt, und sein wohlgeformter Kopf mit dem gesund rötlichen, von langen, weißen Haaren eingerahmten Gesicht saß aufrecht auf den Schultern. Sein mildes blaues Auge hatte den seltenen Vorzug, daß es den Glanz seiner Iris selbst jetzt noch ungeschwächt bewahrte, einen Vorzug, welchen man bekanntlich auch an dem Auge Friedrichs des Großen bis zu dessen Tode bemerkte. Bücher und Papiere lagen auf dem Tisch. Frieding hatte eifrig schreibend den Nachmittag verbracht und die Feder erst weggelegt, als er seine Gäste herzlich begrüßte. Die alte Urschel hatte dieselben durch den Garten gehen sehen und brachte Butter, Honig und Schwarzbrot herbei. Auch eine Flasche Wein zum Vesperimbiß fehlte nicht, denn der würdige Priester gehörte auch darin zur alten Schule, daß er bei jeder Gelegenheit ganz offen behauptete, das Wasser sei ganz vortrefflich zum Kochen, Waschen und Baden, der Wein aber zum Trinken. Die Kanzlisten der Rentei hatten sogar die Sage in Umlauf gesetzt, der Pfarrer habe vor einiger Zeit einen vagierenden Harfenspieler, welcher den »Vater Noah« von Kopisch als musikalische Neuigkeit nach Wippoltstein gebracht, eine ganze Woche lang im Pfarrhaus beherbergt und traktiert. So unbändig hätte ihm das Lied gefallen. Einer dieser Mythenbildner ging noch weiter und behauptete, er hätte mit eigenen Ohren gehört, wie Seine Hochwürden in seinem Studierzimmer bei offenem Fenster mit ebenderselben noch ganz sonoren Baßstimme, womit er das Hochamt zu singen pflegte, frischweg angestimmt: »Als Noah aus dem Kasten war –« Den gelehrten Apparat auf dem Tische überblickend, sagte die Gräfin, welche wohl wußte, daß der alte Herr eine gutmütige Neckerei über seine Lieblingsbeschäftigung nicht ungerne hörte: »Ah, liebster Freund, wieder einmal tief in der patriotisch-mythologischen Arbeit? Da müssen wir wohl vor allen Dingen um Verzeihung bitten, daß wir an die Stelle ihrer Gesellschaft von Göttern und Heroen unsere eigene profane setzen?« »Ihre profane, meine Gnädigste?« versetzte der Pfarrer, die beiden Hände, welche ihm die schöne Frau hingereicht, in den seinigen drückend. »Wie, ist es denn nicht schon lange unter uns ausgemacht, daß Sie für mich Holda sind, die Holda unserer Altvorderen, die freundliche, gnädige, hilfreiche Göttin und Frau?« »Da sehen Sie, Robert,« sagte die Gräfin lachend zu ihrem Begleiter, »daß es mir in diesen Bergen nicht an einem galanten Anbeter fehlt.« Der junge Mann fühlte sich von der friedlichen und heiteren Atmosphäre, welche sein alter Lehrer um sich verbreitete, wohltuend berührt, sozusagen angeheimelt, denn das Pfarrhaus war in seinen Knabenjahren seine eigentliche Heimat gewesen. »Ich sehe,« bemerkte er lächelnd, »daß die über alle Maßen gewissenhafte Gelehrsamkeit meines teuren Lehrers und Freundes ihm noch immer nicht gestattete, sein großes Opus zum Abschlusse zu bringen. Ich wette, es ist während meiner Abwesenheit um manches Kapitel voll schwerwiegender Argumente gewachsen, und bin überzeugt, daß der Abschnitt über die Göttin Holda inzwischen eine totale Umarbeitung erfahren hat.« »Spottest du, tapferer Husar?« entgegnete der Pfarrer voll guter Laune. »Da sieht man, wie im Feldlager den jungen Leuten der Respekt vor ihren Schulmeistern vergeht. Ich wundere mich, daß mir der Herr Rittmeister nicht schon verbot, ihn anders als mit Sie oder Euer Gnaden anzureden.« »Nein, darüber wundern Sie sich nicht.« »Meinst du? Ja, wenn du mich so ansiehst, mit den Augen deiner seligen Mutter und ganz wie vorzeiten, so wollen wir's einstweilen bei der alten Anredeform lassen.« Ein Schimmer der Befriedigung und Freude fuhr über die Gräfin, als sie den jungen Mann in der Haltung unverkennbarer Achtung und Liebe vor seinem ehemaligen Lehrer stehen sah. »Nun kommt, meine Freunde,« sagte der Pfarrer, »Wir wollen vespern, und wenn mir Robert verspricht, den Abschluß meines Opus in Geduld zu erwarten, so will ich ihm nicht verschweigen, daß ich neuestens vielfachen Verdruß damit gehabt habe.« Er hielt inne, fuhr aber nach einer kurzen Pause fort, weil ihm die Blicke seiner Gäste zeigten, daß er keinen Anstand nehmen müsse, sein Steckenpferd zu tummeln: »Es ist eine ärgerliche Geschichte. Grimm ist nun einmal die erste Autorität in dieser Sache, und da war es doch natürlich, daß ich mich vor allen Dingen mit ihm zu verständigen suchte. Nun dauert das Hin- und Herschreiben schon mehrere Jahre, ohne daß ein Resultat erzweckt wurde. Es kam darauf an, dem großen Forscher klar zu machen, daß hier, gerade hier in diesen Bergen der Kultus des Thor oder Donar in großem Ansehen gestanden. Hunderte von Beweisen dafür habe ich mühselig gesammelt. Aber Grimm will dessenungeachtet nicht einsehen, daß dieser Kult so weit nach Süden sich erstreckte. So weit! Was ist denn so weit? Sollen ein paar Dutzend Meilen mehr oder weniger weit ein ganzes Bündel schlagender Beweise aufwiegen? Mitnichten. Gebt mal acht, liebe Freunde. In Westfalen findet sich unweit Marburg ein Donnersberg, das ist ein Berg des Donar, in der Rheinpfalz, nahe bei Worms, ebenfalls ein Donnersberg; ebenso trifft man in Hessen und Bayern auf Ortsnamen, welche, wie jene Bergnamen, Grimm als sichere Spuren von Donarkult gelten läßt. Auch gibt er selbst zu, daß solche Spuren noch weiter südwärts vorkommen, indem er in seiner deutschen Mythologie nach einer Urkunde bei Johannes von Müller einen Donnerbühel im Kanton Bern zitiert. Nun haben wir hier zu Wippoltstein einen Donnerbach, einen Donnerfall, eine Donnerklippe, alles aufs schönste beisammen. Man könnte es gar nicht besser treffen. Auf der Donnerklippe, das ist auf dem Felsvorsprung, welcher, über dem untersten Sturz unseres prächtigen Katarakts gelegen, den besten Überblick des gesamten Schauspiels gewährt, hat noch im vorigen Jahrhundert eine kolossale Eiche gestanden, geheißen die Donnereiche. Ich habe dafür urkundliche Beweise. Unter dieser Eiche, das scheint mir unzweifelhaft, haben unsere Altvorderen dem Donar geopfert. Sie war, wie die ganze Stätte umher, dem Gotte geweiht. Genügt das alles noch nicht? Nun wohl, ich weiß noch mehr. Die alte Lore da drüben in der Einsiedelei – sie ist ein apartes Stück von einem Weibsbild, und ich traue ihr nicht so recht, obgleich die Späße, welche sie mit den jungen Burschen und Dirnen treibt, welchen das Herz wehtut, mir ganz harmlos vorkommen. Aber das muß ich ihr nachrühmen, sie hat mir bei meinen Untersuchungen schon oft die beherzigungswertesten Winke gegeben. Ihr Gedächtnis steckt voll alter Lieder und Sagen. Dadurch ist sie für mich eine wahre mythologische Fundgrube geworden. Nun, meine Freunde, gebt acht, was für einen Pfeil ich gegen die Zweifel Grimms auf die Sehne legen werde. Dieser Pfeil stammt ebenfalls aus dem Köcher der Traumlore. Sie weiß ein uraltes Lied, leider nur ganz fragmentarisch. Das lautet: Dur droht mit Donner Peitscht seine Böcke, der Bartrote. Ein Fund von unschätzbarem Werte, ein kostbarer Aufschluß! Was der Grimm für Augen dazu machen wird! Er selbst bezeichnet Donar als ›den über Wolken und Regen gebietenden, sich durch Wetterstrahl und rollende Donner ankündigenden Gott, dessen Keil durch die Lüfte fährt und auf der Erde einschlägt.‹ Daß des Gottes Wagen mit Böcken bespannt war, wissen wir ebenfalls. Nicht minder, daß er rotbärtig gedacht wurde. Also der leibhaftige Thor oder Donar in jenen Versen! Und dieselben haben, beachtet das wohl! den Stabreim, die Alliteration. An ihrer Überlieferung aus dem heidnischen Altertum ist daher nicht zu zweifeln. Wäre uns nur das ganze Lied erhalten! Sicher war es eine poetisch-mythologische Beschreibung eines Gewitters, ein dem Gott bei Kultushandlungen gesungenes Bittlied. Aber, wird man fragen, kann das Wort Dur nicht Bedenken erregen? Der altnordische Name des Gottes war Thorr, zusammengezogen aus Thonar, altsachsisch Thunar, angelsächsisch Thunor. Die Zusammenziehung Dur oder Durr aus Donar liegt auf der Hand – liegt sie nicht? Man soll mir nur mit Einwürfen kommen! Ich bin dagegen gerüstet. Wie heißt im Dialekt hiesiger Gegend das Gewitter? Duraweatter! Ist das nicht herrlich, unwidersprechlich? Duraweatter! sag' ich noch einmal. Wetter des Thonar, Thor, Donar, Dur. Ja, das schmettert alle Einwürfe zu Boden. Die Sache ist klar, evident, bewiesen, abgemacht, fertig. Was sagen Sie dazu, meine Freunde?« Der arme Frieding! Nie vielleicht hat ein Gelehrter vor tauberen Ohren argumentiert. Robert und Thekla saßen sich am Tische gegenüber. Was kümmerte sie Thor oder Dur, der Bartrote? Was Stabreim und Mythologie? Sie hatten anderes zu denken. Vielleicht waren sie anfangs dem Vortrag des Pfarrers aufmerksam gefolgt. Aber als er der Burschen und Dirnen erwähnte, denen das Herz wehtue, hatte die Gräfin zu dem jungen Manne aufgeblickt, mit einem Blicke, der seine Aufmerksamkeit zerstreute. Sie saßen wieder, wie sie zuvor auf der Donnerklippe gesessen. Gedanken kommen und gehen – wer kann dafür? Als nun Frieding seinen Haupttrumpf, das Duraweatter, ausgespielt hatte und mit triumphierender Miene die Anerkennung der Unwiderstehlichkeit desselben forderte, da schraken die beiden auf. Dem guten Pfarrer entging das. Begreiflich! Wenn ein deutscher Gelehrter spintisiert und spekuliert, könnte er über seine eigenen Füße stolpern. Frieding nahm die Verwirrung der beiden für freudige Überraschung über die Bündigkeit seiner mythologischen Beweisführung. »Gnädige Frau,« sagte er, »Sie haben schon oft mit einer Aufmerksamkeit, welche ich nicht als dem alten Pfarrer, sondern als dem Gegenstande geltend betrachte, Mitteilungen über meine bescheidenen archäologischen Studien angehört. Sie kennen das berühmte Grimmsche Buch, in welchem die großartigste Gelehrsamkeit mit wunderbarer Liebe den Spuren unseres noch in unzähligen Nachklängen fortlebenden nationalen Glaubens nachgegangen ist. Sie haben dieses edle Werk studiert, die schwierigste vielleicht und ausdauerndste Geistesarbeit, welche je eine Dame Ihres Alters unternommen.« »Bitte, bitte, hochwürdiger Freund, da geht entweder Ihre Galanterie zu weit, oder Sie wollen sich über mich lustig machen. Wissen Sie doch sehr gut, wie übel es mir mit dem bewußten Buche erging. Ganz abgesehen von dem Latein und Griechisch, dessen es so viel enthält, konnte ich mich in den krausverschlungenen Gängen und Schachten dieses Bergwerks gar nicht zurechtfinden. Ich ahnte wohl da und dort den außerordentlichen Reichtum desselben, aber recht sichtbar oder zu eigen ist er mir nicht geworden. In den besten Augenblicken fühlte ich so etwas, was unsere Vorfahren inmitten der heiligen Schauer ihrer Götterhaine gefühlt haben mögen. Es war wie ein fernes Wehen und Rauschen von Göttlichem.« »Und ist das nicht der schönste Eindruck, welchen der große Forscher mit seinem mühevollen Werke hervorbringen konnte? Ich will es ihm schreiben, ja, das will ich, und gewiß, kein Lob wird ihm mehr gefallen als dieses. Aber du sagst ja gar nichts, Robert, und doch kann ich mich der Zeit erinnern, wo deine junge Seele aufhorchte, wenn ich dir von den Bildungen erzählte, in welchen der Tiefsinn unseres Volkes vordem das Walten der Naturmächte sich zu religiöser Anschauung brachte. Ich denke, die Art und Weise, wie wir mitsammen Altertumskunde und Religionsgeschichte getrieben, müßte dir über den Zusammenhang des intellektuellen Lebens manches klar gemacht haben.« »Allerdings, aber ich fürchte, ich habe mich in der letzten Zeit mit der Wirklichkeit zu sehr beschäftigt, als daß mir darob nicht manche der ideellen Errungenschaften, welche ich Ihrer liebevollen Mühewaltung verdankte, ganz oder wenigstens teilweise verloren gegangen sein sollte. Und außerdem –« »Außerdem?« »Nun, außerdem muß ich gestehen – doch ich besorge, ich könnte Sie beleidigen.« »Mich beleidigen? Womit denn? Was wolltest du sagen?« »Ich wollte sagen, daß meine Achtung vor der deutschen Wissenschaft sehr gesunken ist, seit ich bemerkte, wie unbeholfen, um nicht zu sagen wie albern, ihre gefeiertsten Vertreter sich anstellten, als man sie zum Handeln auf die Bühne des wirklichen Lebens berief.« »Ah so, du meinst die betrübte Frankfurter Geschichte, nicht? Nun ja, da ist freilich und leider mehr Theorie als Praxis entwickelt worden. Aber solltest auch du der Ansicht sein, das Werk sei derart gewesen, daß es die Männer der Wissenschaft allein zu Ende führen konnten? Auch sie haben schwer geirrt und viel gesündigt, keine Frage. Aber wer hat das nicht in dieser verworrenen Zeit? Ich weiß recht wohl, daß es jetzt Mode ist, das ganze Unheil, zu dem die große Sache ausgeschlagen, den Gelehrten in die Schuhe zu schieben. Das ist so bequem, und ich will mich nicht weiter in dieses traurige Thema hineinreden, will nicht sprechen von dem Übelwollen rechts, von dem Unverstande links, von der Feigheit in der Mitte; aber das sage ich – und du glaube mir altem Manne, der auch weiß, was die Frage nach einem deutschen Vaterland zu bedeuten hat –: wenn es in Deutschland je dahin kommen sollte, was ich aber nicht glauben will, wenn es je dahin kommen sollte, daß die Altäre der Wissenschaft von roh praktischen Fäusten umgestürzt und ihre Priester verhöhnt und verjagt würden, wenn das Vestafeuer des Ideals, welches auf diesen Altären flammt, in den Kot geworfen und ausgelöscht würde, dann und nur dann ist die Zeit gekommen, wo unsere Saatfelder von den Hufen der Kosakenpferde zermalmt werden und unseren Jungfrauen mit brutaler Gewalttat Mongolenblut eingeimpft wird. – Ach,« fuhr er fort, als seine Zuhörer schwiegen und die Gräfin ihn erwartungsvoll ansah, »ich begreife die Jugend nicht mehr. Einzelne Mißgriffe sollen nicht einmal das Alter, geschweige die Jugend entmutigen. Ist denn je etwas Großes und Dauerndes plötzlich gekommen? Pallas Athene sprang freilich in voller Kraft und Rüstung in die Welt, aber hatte sie der göttliche Vater nicht vorher lange in seinem Haupte getragen? Macht die Geschichte Sprünge? Und wenn sie solche zuweilen macht, wie in Frankreich, folgt dann dem Vorsprung nicht sogleich der Rücksprung? O, über die resignierte Altklugheit, den blasierten Skeptizismus, die mürrische Verdrossenheit unserer Jugend! Das ist mir das bedrohlichste Symptom unserer Zeit. Muß man denn verzagen, wenn nicht alle Blütenträume reiften? Schüttet nicht jeder neue Frühling neue über die Erde aus? Wenn ich der Tage meiner eigenen Jugend denke, wie wird mir da leicht und froh ums Herz! Wie waren wir genügsam und strebsam, hingebend und begeistert!« »Sie mochten und konnten es sein,« bemerkte Robert. »Wenn auch unser Vaterland vor fünfzig Jahren in politischer und sozialer Hinsicht nicht besser daran war als jetzt, sondern – ich gebe es zu – eher noch schlimmer, so war doch ein wahrhaft Großes, Einigendes, Bindendes und Erlösendes im Leben der zersplitterten Nation: der üppig und herrlich treibende Mai seiner geistigen Kultur, wo alles aus Samen und Knospen in Blumen und Blüten schoß. Da durfte man sich doch für etwas begeistern, man konnte es, man hatte einen Gegenstand für seinen jugendlichen Enthusiasmus,« »Ja,« versetzte der Pfarrer, »es war eine schöne Zeit, und ich segne mein Geschick, daß der Blick von mehr als einem Heros jener Tage mich gestreift. Ich glaube manchmal, das Feuer, welches von den Augen jener göttergleichen Menschen ausging, hat die Flamme der Begeisterung und der Hoffnung in mir wacherhalten bis zu dieser Zeit.« Der Greis brach ab und blickte mit leuchtenden Augen über den See zu den ewigen Bergkolossen hinüber. Offenbar traten ihm Bilder aus früheren Tagen vor die Seele. Seine Gäste achteten die stumme Freude des alten Herrn an seinen Erinnerungen und schwiegen lange. Dann sagte die Gräfin: »Ich sehe Ihren Augen an, hochwürdiger Freund, daß die Erinnerung an eine schöne Stunde in Ihnen aufgestiegen. Dürften wir Ihnen zumuten, auch uns diese Gedächtnisfeier mitbegehen zu lassen?« »Freilich, liebe Kinder. Ich dachte gerade an Stunden, die zu den schönsten meines Lebens gehören, und recht gern will ich euch davon erzählen.« Er schenkte sein Glas voll, trank und begann: »Du weißt, Robert, und auch Ihnen, gnädige Frau, habe ich es schon früher mitgeteilt, daß mein Bildungsgang von dem der Jünglinge verschieden war, welche sich hierzulande dem geistlichen Stande widmeten, damals, als ich jung war. Aufrichtig gestanden, ich hätte überhaupt lieber ein anderes Studium ergriffen als das der Theologie, allein ich durfte meiner guten Mutter nicht das Herzeleid antun, ihre schönste Hoffnung, den Sohn auf der Kanzel und am Altar zu erblicken, getäuscht zu sehen. Weil aber zufällige Umstände den Kreis meiner Vorstellungen frühzeitig erweitert hatten, weil der Drang, mich zu bilden und ein Stück von der Welt zu sehen, in mir lebhafter war als in meinen Mitklosterschülern, weil endlich auch der schöne Hof meiner Eltern drüben in Malzstetten hinlängliche Mittel gewährte, so setzte ich es durch, daß ich vor meinem Eintritt in das bischöfliche Seminar, wo ich die Weihen erhalten sollte, für drei oder vier Jahre Freiheit erhielt, die Universitäten ›draußen im Reich‹ zu besuchen. Es ging das gar nicht so leicht, aber meine Mutter stand mir treulich bei, indem sie nur die Bedingung machte, daß ich nicht als Abtrünniger vom wahren Glauben heimkehren sollte. Ich werde nie den zweifelnd forschenden, ängstlich gespannten Blick vergessen, welchen die Treffliche auf mich heftete, als ich nach vierjähriger Abwesenheit wiederkehrte. Ich konnte sie beruhigen. Was auch in mir vorgegangen inzwischen, das Pflichtgefühl war stärker als alles andere, ich durfte dieses fromme und treue Herz nicht brechen: die Mutter sah mich im Chorrock und Meßgewand. Doch davon wollte ich ja nicht sprechen. Ich war nach Göttingen und von da nach Jena gegangen, welches damals von Studenten aus beinahe allen Gegenden Deutschlands wimmelte. Das war ein Leben! Ich warf mich mit ganzer Seele in das bunte, geräuschvolle Treiben, ja, und ich schüchterner Mensch, ob dessen Haupt schon drohend die Schere der Tonsur schwebte, wurde ein recht flotter Bursche, ein anerkannter Trinker, ein gefürchteter Schläger. Gewiß, an dem deutschen Studentenleben von damals waren Auswüchse genug zu bemerken; es ging recht tumultuarisch zu und war uns, mit den Gesellen in Auerbachs Keller zu sprechen, mitunter ›ganz kannibalisch wohl‹. Aber über all das Lärmen und Toben war doch wieder das Streben nach Höherem, der Glaube an das Ideal wie eine glänzende Lichtwolke gebreitet. Diese wilde Jugend fühlte denn doch, daß sie ein Stück deutscher Zukunft in der Brust trug. Nicht immer wurde gezecht, gepaukt, gerast, es wurde auch gedacht und gelernt. Wir lebten inmitten der großen Gedanken jener Zeit, welcher die Kreise der deutschen Intelligenz ins Unermeßliche ausgedehnt hat. Nur der ganz Unempfängliche vermochte sich gegen das die ganze geistige Atmosphäre erfüllende göttliche Fluidum abzuschließen. Reinhold hatte von Jena seine außerordentlich wirksame Propaganda für die Kantsche Philosophie ausgehen lassen. Dann war Fichte aufgetreten, welcher den freien philosophischen Gedanken in Formen eines männlichen Stolzes goß, wie er in Deutschland noch nicht vorgekommen, Fichte, der um die Charakterbildung der Deutschen größere Verdienste hat als irgend ein anderer Gelehrter. Nach Fichte kam Schelling, in vollster jugendlicher Frische und Kraft die blendenden Blitze seiner naturphilosophischen Ideen und Visionen von beredsamer Lippe schleudernd. Mit ihm lebten und strebten die Apostel der Romantik, welche damals noch jung und hold und schön war: der kenntnisreiche, formgewandte Schlegel, der vielseitig geniale Tieck, der tiefsinnige Novalis, von dem man mit Recht sagen kann, daß sich ihm die Natur in der ganzen geheimnisvollen Schönheit ihrer Nacktheit gezeigt habe. Und drüben im nahen Weimar! Da lebten Wieland und Herder, Goethe und Schiller. Ab und zu kam Jean Paul aus seinem Fichtelgebirge herauf und kamen die Brüder Humboldt aus den Marken herab. Wo, frage ich, ist ein Volk, das in seiner ganzen Geschichte auf so engem Raume eine solche Fülle geistiger Größe vereinigte? Wo eine Nation, die ein Freundschaftsverhältnis aufzuweisen hätte wie das zwischen dem Dichter des Faust und dem des Wallenstein? Haltet das Verhältnis Voltaires und Rousseaus dagegen, und ihr werdet deutlich erkennen, daß jene beiden Unsterblichen nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihre Freundschaft den deutschen Namen verherrlicht haben. Doch Verzeihung, meine Freunde,« fuhr der Greis fort, »daß ich mich so habe gehen lassen, statt sogleich auf das zu kommen, was ich eigentlich im Auge hatte. Es war im Sommer 1803. Wir waren in hellen Haufen von Jena nach Lauchstädt gewandert, denn dort sollte von der Weimarer Truppe Schillers neue Tragödie, die Braut von Messina, in Gegenwart des Dichters zur Darstellung kommen. Kommilitonen aus Leipzig und Halle gesellten sich in den Straßen des Badeortes zu uns, und wir alle brannten auf die Eröffnung des Theaters. Heutzutage weiß man gar nichts mehr davon, daß das Inszenegehen eines solchen Werkes vor fünfzig Jahren als eine nationale Angelegenheit betrachtet wurde. Wenigstens die Jugend sah dem Erscheinen eines neuen Schillerschen Dramas mit regster Teilnahme entgegen, während sie, soweit meine Kenntnis reicht, dermalen in ihrer vornehmen Blasiertheit das Theater überhaupt nur noch als einen untergeordneten Zeitvertreib betrachtet. Freilich, es ist auch danach. Nun wohl, wir hatten das Parterre im Nu besetzt, als die schon vorher von uns belagerte Türe zu dem Tempel Melpomenes, wie man damals sagte und sagen durfte, geöffnet wurde. Ein Gemurmel: ›Der Dichter ist in seine Loge getreten!‹ lief von den vorderen Bänken nach hinten, und alsbald schütterte die Decke des Hauses von unserem enthusiastischen Zuruf. Der Vorhang hob sich, und eine wahrhaft andächtige Stille trat sofort an die Stelle des Tumults. Wie das große Trauerspiel von Szene zu Szene vorrückte, steigerte sich die atemlose Spannung der Zuhörer. Es war, als wollte die Natur den gewaltigen Eindruck des Stückes verstärken. Der Tag war heiß gewesen und ein schweres Gewitter am abendlichen Himmel heraufgezogen. Einzelne dumpfe Donnerschläge hatten schon während der ersten Akte wie ›Fußtritte des Schicksals‹ von draußen hereingeklungen. Da, als die Tragödie ihrem Ende zudrängte, brach das Gewitter, senkrecht über dem Hause stehend, in seiner ganzen Majestät los. Anfangs schien die Vorstellung stocken zu wollen, weibliche Angstschreie wurden in den Logen laut, und die Schauspieler selbst sahen bestürzt darein. Aber sie waren wirkliche Künstler, sie begriffen instinktmäßig, wie das Mitspielen der Natur zu benutzen sei. Es war denn auch von prächtigster Wirkung, als die Worte des Chorführers Cajetan: Wenn die Wolken getürmt den Himmel schwärzen, Wenn dumpftosend der Donner hallt, Da, da fühlen sich alle Herzen In des furchtbaren Schicksals Gewalt – von wirklichem und langnachhallendem Donnergeroll begleitet wurden. Und der erschütternde Eindruck sollte sich zu erhabenem Grausen steigern. Isabella stand neben der Bahre, auf welcher die Leiche ihres ermordeten Sohnes lag. Sie warf den empörerischen Ausbruch ihres Mutterschmerzes dem Himmel entgegen: Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut, Wie mir das Herz gebietet, will ich reden. Warum besuchen wir die heil'gen Häuser Und heben zu dem Himmel fromme Hände? Gutmüt'ge Toren, was gewinnen wir Mit unserm Glauben? So unmöglich ist's, Die Götter, die hochwohnenden zu treffen, Als in den Mond mit einem Pfeil zu schießen. Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft Und kein Gebet durchbohrt den eh'rnen Himmel. Ob rechts die Vögel fliegen oder links, Die Steine so sich oder anders fügen: Nicht Sinn ist in dem Buche der Natur! Da, ein entsetzlicher Donnerschlag! Und als nun unter dem Verhallen desselben der Chor unisono mit den strafenden Worten einfiel: Halt ein, Unglückliche, die Götter leben – Erkenne sie, die furchtbar dich umgeben! da war in allen Herzen die lebhafteste Ahnung vom Zugegensein jenes Ewigen, Geheimnisvollen, welches die Alten Fatum, wir sittliche Notwendigkeit nennen. Dem Dichter selbst schien die Bedeutung der Schicksalsidee seiner Tragödie jetzt erst recht aufgegangen zu sein. Weit vorgebeugten Hauptes, mit marmorblassen Zügen saß er in seiner Loge. Ihn, wie uns alle, ergriff es mit wunderbarer Gewalt, als jetzt der Chorführer Berengar sprach: Eherner Füße Rauschen vernehm' ich, Höllischer Schlangen Zischendes Tönen – Ich erkenne der Furien Schritt! Mit den letzten in der Ferne verhallenden Schlägen des Gewitters schloß groß und feierlich das Trauerspiel. Ich nahm davon einen Eindruck mit mir, der in meiner Seele nachbebt, so oft ich jener Stunde eingedenk bin, und ich bin es oft. Ich habe viel erlebt, meine Freunde, vielleicht darf ich auch sagen, daß ich viel gestrebt, gekämpft und gelitten. Aber reiner und höher gestimmt, dem ›Weltgeist näher‹ als damals habe ich mein Wesen nie empfunden. Es war eine Stunde der Weihe, das Göttliche in mir war wach geworden. Das ist die Macht des Genius – wehe dem Geschlechte, welches nicht mehr an ihn glaubt!« Der alte Herr schwieg und blickte nachdenklich in das Glas, bevor er es langsam an die Lippen führte. Die Gräfin ließ einige Minuten vergehen, bevor sie sagte: »Ihre Erzählung, hochwürdiger Freund, ist noch nicht zu Ende, nicht wahr?« »Sie haben es erraten, gnädige Frau,« erwiderte der Pfarrer. »Jener Abend sollte heiter und schön enden. Das Gewitter war vorüber, als die Zuschauermenge aus dem Theater strömte. Der Himmel hatte sich aufgehellt, und klar leuchteten die ewigen Sterne. Wie von selbst bildete sich eine Doppelreihe, um dem heraustretenden Dichter Dank und Ehre zu erweisen. Er kam. ›Hüte ab!‹ erscholl es, und während er zwischen uns hindurchging, sah ich Väter ihre Knaben, Mütter ihre Mädchen emporheben, um ihnen den teuren Mann zu zeigen. Überall summte es ehrfurchtsvoll: ›Das ist er! Das ist Schiller!‹ Uns Studenten aber genügte das noch nicht. Wir trieben eine herumziehende Musikbande auf, Fackeln wurden herbeigeschafft und so rückten wir dem Dichter mit Musik und Gesang und Fackelschwingen vor das Haus, ihm eine Serenade zu bringen. Als sein Wirt uns benachrichtigte, der Dichter wünsche uns seinen Dank zu sagen, da hättet ihr sehen sollen, wie wir uns nach seinem Zimmer drängten, so viele nur immer hineingehen wollten. Wie waren wir entzückt, als sich der große Mann ganz kordial gegen uns benahm! Er war eben im Begriffe gewesen, zu Bette zu gehen, und empfing uns in Hemdärmeln. Das war uns gerade recht. Einer von uns hatte einen prächtigen Einfall. Der Vater eines der Unseligen, ein reicher Mann, welcher in Lauchstädt daheim war, hatte uns alle zu einem studentischen Schmaus in seinen Gartensaal geladen. Wie, wenn man den Dichter bäte, das Mahl durch seine Anwesenheit zu krönen? Gedacht, getan. Einer machte den Sprecher und brachte die Einladung vor. Sie mißfiel offenbar nicht, doch zauderte Schiller einen Augenblick, Da, was taten wir tollen Burschen? Einer ergriff des Dichters Chabot, ein anderer die Weste, ein dritter den Rock, ein vierter den Hut, und so umgaben wir wie diensttuende Kammerherren den Gefeierten. Lachend fuhr er in die Kleider, und im Triumphe brachten wir ihn auf den Schauplatz des Festes. Das war ein solches, obwohl wir nicht kostbaren Rebensaft, sondern nur Naumburger Bier zechten. Was fragten wir nach dem Stoff? Der Geist war ja mit uns. Die Tochter des Hauses kamen mit einem Kranz von Rosen und Lorbeeren herein, den sie in der Eile gewunden, und setzten ihn schüchtern dem erlauchten Gast auf das Haupt. Er stand auf, und lässig den Kranz in der Linken haltend redete er uns an. Er sprach von der Bedeutung der Kunst für das Leben der Nation, von der erziehenden Macht des Schönen. In kurzen Sätzen wußte er diesen Gedanken, den eigensten Kern seines Dichtens, mit der Würde eines Propheten darzulegen. Dann kam er auf die Stellung der studierenden Jugend zu reden und legte uns ans Herz, wie wir es seien, die später in mannigfaltigen Lebenskreisen die ideale Seite des Lebens dem Volke zugänglich machen könnten, um, wie er sagte, den Seelenschlummer desselben zu brechen und die erlösende und befreiende Gewalt der Schönheit demselben fühlbar und nutzbar zu machen. Noch sehe ich den Unsterblichen vor mir, wie er so redete. Die hohe Gestalt etwas gebeugt von der Not des Lebens, um den Mund einen Schmerzenszug des Leidens und der Resignation, die Wangen bleich und abgemagert, aber das Feuer des Genies im Blicke und die Stirne strahlend von dem Widerschein der göttlichen Gedanken, welche unter ihr wohnten. Als er geendet, stimmte die Musik das Lied an die Freude an, und wir fielen jubelnd ein. Dann ein Händedrücken und Umarmen, ein Aufschwung jauchzender Begeisterung. Das Nachgefühl des Händedrucks, welchen auch ich unter unendlichen: ›Vivat Schiller!‹ von dem großen Dichter und Denker erhielt, ich möchte es nicht um alle Diplome und Ordensbänder der Welt hingeben.« Robert konnte bei dieser enthusiastischen Äußerung ein Lächeln nicht ganz verbergen. Frieding bemerkte es und rief voll Eifer: »Ja, so seid ihr jungen Leute von heute! Kritische Kälte im Herzen, ein skeptisches Lächeln auf den Lippen. Ihr habt keinen Glauben mehr, weder an die Menschheit, noch an das Ideal, noch auch an euch selber Daher geht euch die Begeisterung ab, die Leidenschaft, ohne welche doch nichts Rechtes und Großes in der Welt geschieht. Nicht der klügelnde Verstand tut Wunder, sondern der heilige Enthusiasmus. Ein echter Priester und Prediger desselben war eben unser teurer Freund Schiller. Ihm schulden die Deutschen eine unermeßliche Summe des Dankes, und deshalb wandelt mich immer ein rechtes Herzweh an, wenn ich jämmerliche Bübchen das Standbild des Unsterblichen frech mit dem Kot der albernen Kritik bewerfen sehe. Man sollte ihnen die Rute geben.« »Ihre Philippika, verehrter Freund und Lehrer, ist nicht unbegründet,« bemerkte Robert. »Mich freilich trifft sie nicht, denn die Achtung, welche Sie mir für die Verherrlicher des deutschen Namens eingeflößt haben, sie wurde im Verlaufe der Zeit in mir nicht schwächer, sondern nur stärker. Von ganzem Herzen stimme ich Ihnen bei, wenn Sie die leidige Sucht tadeln, welche in unseren Tagen in so viele Leute gefahren ist, die Sucht, das Herrliche und Hohe zu dem Niveau ihrer eigenen Gemeinheit herabzuziehen. Dieser Gleichheitsschwindel ist, wenn ich ihn recht verstehe, der eigentliche Fluch unserer Zeit. Und diese gegen alle die ewigen Gesetze der Natur und des Geistes anstürmende Tollheit nennen sie Demokratie. Als ob nicht jeder ungewöhnliche Mensch, sei er unter der Kuppel eines Palastes, sei er unter dem Strohdach einer Tagelöhnerhütte geboren, seinem eigensten Wesen nach ein Aristokrat wäre! Freilich, jede Zeit muß ihren Schwindel haben, und wenn ich meinesteils sehr geneigt bin, das große und schöpferische Walten des deutschen Geistes anzuerkennen, welches in den letzten Dezennien des vorigen und in den ersten des gegenwärtigen Jahrhunderts zutage getreten, so werden Sie mir dagegen auch zugeben, daß in der Gegenwart manches Schwindelhafte von damals überwunden ist. Erinnern wir uns nur der geheimbündlerischen Spielereien jener Zeit, der süßlichen Briefwechselei, Lorenzo-Dosen-Freundschaftlerei, des wunderlichen Ineinanderspielens von Frivolität und Mystizismus. Wir sind denn doch im ganzen ernster und ich möchte sagen solider geworden. Namentlich sind wir über die unklar kosmopolitische Schwärmerei hinaus und haben angefangen zu begreifen, daß nur auf dem Boden der Nationalität eine gesunde Entwickelung möglich ist. Wäre nur diese Überzeugung erst kräftiger und allgemeiner, wäre es nur der Jugend vergönnt, innerhalb derselben ihre Kräfte zu entfalten!« »Hm, lieber Robert,« versetzte der Pfarrer, »ich fürchte, du hast unsere Übungen in der Logik so ziemlich vergessen. Wenigstens kommt mir, aufrichtig gestanden, dein Gedankengang nicht sehr logisch vor. Vorhin beklagtest du, daß die Jugend heutzutage keine rechten Anhaltspunkte für ihren Enthusiasmus habe, und dennoch scheinst du jetzt die Gegenwart auf Kosten der Zeit, in welcher ich jung war, erheben zu wollen. Ich darf wohl sagen, daß ich mich von der Schwäche des Alters, die Gegenwart mit scheelen Augen anzusehen, so ziemlich frei erhalten habe, und weil ich nicht leugne, daß auch die Gegenwart ihre Vorzüge habe, mag es mir erlaubt sein, einen Blick der Pietät auf die Vergangenheit zu werfen. Du erwähntest tadelnd unserer damaligen kosmopolitischen Richtung. War es aber nicht gerade die Idee des Weltbürgertums, welche recht eigentlich das Gefühl der Menschenwürde in den Deutschen weckte? Heutzutage mag das als Schwärmerei erscheinen, was damals schlechterdings nötig war, um uns von der tristen Barbarei des Mittelalters zu erlösen, von einer Barbarei, welche Gauner und Narren uns dermalen wieder als den glückseligsten Zustand anzuempfehlen sich erfrechen. Hat die Philosophie unserer Tage auch nur einen wahrhaft neuen und fruchtbaren Gedanken hervorgebracht? Man redet jetzt auf der äußersten Linken so viel vom Evangelium des Humanismus! Aber wo ist ein Produkt desselben, welches sich mit Lessings Nathan auch nur entfernt vergleichen ließe? Und Tausende und aber Tausende von Menschen hat damals diese herrliche Schöpfung des humanisierten deutschen Geistes erquickt, veredelt, erhoben: heutzutage nennt man sie einen rationalistischen Quark. Wie viele gibt es denn wohl dermalen in Deutschland, die es sich klar machen, welchen wahrhaft befreienden Einfluß Goethe und Schiller auf ihre Zeitgenossen geübt? Heißt nicht jetzt jener dem einen ein blinder Heide, dem andern ein gesinnungsloser Fürstenknecht? Wird dieser nicht ein phantastischer Rhetor gescholten? Und es ist nicht wahr, daß unsere klassische Literatur einen verschwommenen Kosmopolitismus gestiftet. Allerdings war es ihre zunächst liegende Aufgabe, die Deutschen aus mittelalterlichen Krautjunkern und Spießbürgern zu Menschen zu machen. Sie konnte vorerst nur das humane Element kultivieren, denn wo war ein nationales? Aber auf den Höhepunkten ihrer Wirksamkeit sehen wir sie ein solches schon aus sich herausbilden. Sind Schillers Wallenstein und Tell, Goethes Hermann und Dorothea nicht nationale Schöpfungen im edelsten Sinne des Wortes? War nicht die liebevolle Teilnahme, womit alle Empfänglichen in der Nation die Begründung unserer intellektuellen Herrschaft über Europa begleiteten, zugleich der Haupthebel zur Wiederherstellung des Nationalbewußtseins? Und dann die mächtige Förderung, welche dieses von Seiten der Romantik erfuhr! Was auch die späteren Versündigungen dieser großen geistigen Bewegung sein mochten, ihre Anfänge waren schön und preiswürdig. Zu unserer Klassik als eine notwendige Ergänzung getreten, hat sie unzählige Quellen einer nationalen Existenz unseres Volkes unter dem Schutte der Jahrhunderte wieder hervorgegraben. Daß politische und religiöse Verkehrtheit getrachtet hat und trachtet, diese Quellen zu trüben und zu vergiften, ist eine traurige Wahrheit; aber sie wieder zu läutern und ihre erfrischenden Fluten in die Kanäle des Volkslebens zu leiten, ist für den redlichen und mannhaften Willen keine Unmöglichkeit. Diesen Willen, ich sage es mit Schmerz, vermisse ich bei unserer Jugend von heute. O, besäße sie den Glauben an das Ideal statt ihrer Prosa, materieller Genußsucht, lärmende Begeisterung statt der Verdrossenheit der Überreife, naive Schwärmerei statt skeptischer Altklugheit, welche Ziele würden ihr winken! Die Fülle unserer geistigen Errungenschaft in Handlung zu übersetzen, das deutsche Wissen zur Tat zu machen, alles einzusetzen, um dieses höllische Prinzip der Geldherrschaft zu stürzen, welches den Menschen Stirnen von Bronze und Herzen so hart wie der untere Mühlstein verleiht, wären das nicht Aufgaben, welche die Geister der Jugend emporflügeln, ihre Seele mit edler Leidenschaft erfüllen sollten? Freilich, Genügsamkeit müßte sie vor allen Dingen wieder lernen, und entsagen müßte sie jener Großmannssucht, deren überstiegene Ansprüche nicht befriedigt werden können. Wäre nicht auch die Jugend vom entnervendsten Egoismus angefressen, verzehrte nicht auch sie sich in dem finsteren Unmut, welcher aus selbstsüchtigem Streben zuletzt immer mit Notwendigkeit resultiert, fürwahr, alle die Wirrsale unserer Tage sollten mich nicht in meinem Hoffen auf die Zukunft beirren. Aber – aber,« fuhr der eifrige Greis fort, in seinen Papieren kramend und unter den gelehrten Büchern auf dem Tische einen modisch-eleganten Duodezband hervorziehend, »da hören Sie einen der modernsten Poeten, dessen Gedichte mir Sie, gnädige Frau, vor einigen Tagen zugeschickt haben, hören Sie die Beichte ›eines Kindes des Jahrhunderts‹, eines Mannes, welcher, kaum dreißig Jahre alt, in ein frühes und blutiges Grab sank. Zum Guten wie zum Bösen sind wir träg', Altkluge Kinder mit des Alters Schwächen. Kaum aus der Wiege, haben wir schon viel Von unsrer Väter Weisheit und Gebrechen, Ermüdet uns das Leben wie ein Weg, Der endlos eben fortläuft ohne Ziel, Ermüdet uns gleich einem fremden Feste, Dem wir zuschauen, teilnahmlose Gäste: Wir wollen fremdgereifte Früchte pflücken Und ohne Kampf soll uns der Sieg beglücken. Wir selbst sind gleich der Frucht, die ungereift Vor ihrer Zeit vom Baume abgestreift Und fallend zwischen Blumen hängen bleibt, Nicht den Geschmack erfreuend, nicht den Blick, Und kommt die Zeit, wo alles blüht und treibt, Trifft sie nur der Verwesung früh Geschick. Wir haben nicht die Kraft der Leidenschaft Und auch nicht der Entsagung Willenskraft. Feig fürchten wir die Menschen mehr als Gott Und weniger die Sünde als den Spott. Und dann weiter, hören Sie nur: Kalt, ungerührt läßt uns das wahrhaft Schöne, Der Dichtung Träume und der Kunst Gestalten Und des Gesanges weihevolle Töne Sind für uns nicht ein Quell der Seligkeit. Wir suchen ängstlich in uns festzuhalten Die Reste des Gefühls vergangner Zeit. Das Gute keimt in unsrer Brust vergebens, Früh streift sich von uns ab der Blütenstaub des Lebens; Wir bergen unsre Gaben nutzlos, still Und lieben, hassen, wie's der Zufall will; Kalt bleibt die Seele, das Gemüt, Derweil das Blut in unsern Adern glüht. Ist das nicht ein schreckliches Bekenntnis der Jugend des neunzehnten Jahrhunderts, um so schrecklicher, je wahrer es ist? Wo soll es hinaus mit dieser geistigen Greisenhaftigkeit, die noch schlimmer, noch viel schlimmer ist als die leibliche? Was sagen Sie dazu, meine Freunde? Wie?« Der alte Herr hätte noch lange so fortsprechen können, ohne Opposition befürchten zu müssen. Robert war von einer Zerstreuung angewandelt, welche selbst die innige Achtung, die er vor seinem ehemaligen Lehrer hegte, nicht zu bewältigen vermochte. Vielleicht hatte er vieles von dem; was Frieding vorbrachte, gar nicht gehört, denn als jetzt die Frage, womit jener schloß, an sein Ohr schlug, brachte er eine so verworrene Antwort vor, daß seine Verlegenheit sogar dem ländlichen Gelehrten auffallen mußte. Die Gräfin kam ihm zu Hilfe. »Sie sehen die Gegenwart trübe an, hochwürdiger Herr,« sagte sie, »und doch, ich gebe es zu, kaum zu trübe. Aber ich möchte, soweit mir überhaupt die Sachlage klar ist, die Behauptung wagen, daß die Generation, zu welcher auch ich gehöre, wenn nicht zu rechtfertigen, doch zu entschuldigen sei. Es ist wahr, auch die Jugend ist von dem grenzenlosen Unbehagen erfüllt, welches gegenwärtig wie eine graue Staubdecke auf der Gesellschaft liegt, auch sie kann sich nicht mehr harmlos den Empfindungen und Freuden ihres Alters überlassen, auch sie hat die unbefangene Anteilnahme an den Erscheinungen des Schönen verloren. Das selbstsüchtige Wettrennen nach materiellen Zielen hat auch die Jugend in seine das Herz austrocknende Rastlosigkeit hineingezogen. Es ist traurig zu sagen und kann doch nicht geleugnet werden, wir vermögen uns in die idealistische Stimmung der Zeit, aus welcher Sie uns, teurer Freund, vorhin ein so schönes Bild vorgeführt, nur noch auf dem künstlichen Wege der Reflexion zu versetzen. Können wir uns doch, wenn uns ein neuer Dichter begegnet, schon nur noch mit Mühe der leidigen Angewöhnung entschlagen, vor allem zu fragen, aus welchem Parteilager er komme. Schon das reicht hin, uns die reine Freude an Kunst und Poesie zu vergällen. Das wirre Durcheinander, die unklaren Strömungen und unsauberen Gegenströmungen, das verbitterte und, bei Lichte betrachtet, ganz unproduktive Gezänke auf dem ideellen Gebiete haben den Sinn der Jugend von diesem abgelenkt und sie dem Materialismus in die Arme geworfen, welcher keine Anstrengung scheut, kein Mittel verachtet, um alle Hingabe an die Idee im Keime zu ersticken und aus dem reichen, farbenbunten Leben ein eintöniges Rechnungsexempel zu machen. Wie sollte sich die Jugend dieser Prosa erwehren, sie, die im Grunde zu jeder Zeit doch weiter nichts ist als das Organ, durch welches die herrschende Stimmung am aufrichtigsten sich äußert?« »Ach ja,« erwiderte der Pfarrer mit einem Seufzer, »die Welt wird Prosa immer mehr. Wie sehr hatte Platen Ursache, zürnend zu fragen: Was hat das Ewige verschuldet, Daß man's nur nebenher noch duldet?« Robert hatte sich inzwischen bemüht, seine Gedanken zu dem Thema des Gesprächs zurückzulenken, und sagte jetzt: »Mir scheint, das ist unserer Zeit größter Jammer, daß es ihr so auffallend an Männern mangelt, das ist, an heldischen Naturen. Unserer modernsten Kultur wohnt eine solche Wut der Nivellierung, Verflachung,, Uniformierung inne, daß es schon als Sünde gilt, aus dem Troß hervorzuragen. Alles wird generalisiert und nach der Schablone zugeschnitten. Daher begegnet das Heroische, wo es sich etwa zeigt, allgemeiner Anfeindung. Die kleinen Menschen unserer Zeit können keine Größe mehr ertragen: neben einer solchen erscheint ihre eigene Kleinheit doch gar zu widerwärtig klein und verletzt ihre Eitelkeit. Das Heldische aber ist das eigentliche Agens des weltgeschichtlichen Prozesses. Die Helden, worunter ich natürlich nicht bloß soldatische verstehe, machen die Geschichte. Ein Volk ohne Helden hat kein geschichtliches Leben, sondern vegetiert nur, und ich fürchte, ins bloße Vegetieren geraten wir Europäer immer mehr hinein. In dieser Beziehung mochte ich im Preise der Zeit vor fünfzig Jahren mit Ihnen, hochwürdiger Herr, übereinstimmen. Welche Heldengestalten zu Ende des vorigen und zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts! Da waren Mirabeau, Danton und Napoleon, da Fox, Pitt, Nelson und Wellington, da Kosciuszko und Suwarow, da Goethe, Schiller, Fichte, Schill, Blücher, Scharnhorst, Gneisenau, Stein und Speckbacher. Was haben wir gegen diese Männer, diese heldischen Charaktere einzusetzen? Was gegen ihr Streben, ihre Taten? Nur mechanische Erfindungen, wenn's hoch kommt. Die haben wir in Fülle, ja, und da sie unser einziger Stolz sind, so kann es nicht wundernehmen, daß das ganze Dasein immer mehr und mehr zu einem toten Mechanismus herabsinkt.« Die Gräfin zog ihren Schal enger um die Schultern, da nach dem Untergang der Sonne ein kühler Wind von den Bergen herüberkam, und stand auf. »Ich sehe schon,« sagte sie. »wir bringen unsere in mannigfache Dissonanzen hineingeraten Unterhaltung heute nicht mehr zu einem harmonischen Resultat, aber ich hoffe, hochwürdiger Freund, Sie kommen morgen zum Diner ins Schloß und überzeugen mich dann aufs neue von Ihrer Fähigkeit, auch die Gegenwart in tröstlichem Lichte zu sehen. Heute haben Sie sich mir auch einmal so ziemlich als Pessimist gezeigt, aber ich meine, der Optimismus stehe Ihnen weit besser zu Gesichte.« »Ach, meine Gnädigste,« versetzte der Pfarrer, »wer kann für seine Stimmungen?« Der alte Herr war sehr ernst geworden. Es schien ihn seit einigen Minuten etwas heimlich zu beunruhigen. Er sah den beiden, als sie ihm Gute Nacht gesagt und den Gartenweg hinaufgingen, mit sorglichen Blicken nach. Dann folgte er ihnen rasch und rief an der Gartentüre seinen ehemaligen Zögling auf ein Wort zurück. Robert kehrte um mit einem: »Haben Sie mir noch etwas zu sagen?« Der ländliche Gelehrte blieb vor dem jungen Manne stehen und sah ihm mit einem klaren, von väterlicher Zuneigung belebten Blick ins Gesicht. Der junge Soldat senkte die Stirne. »Robert,« sagte der Pfarrer sanft, aber voll Nachdruck, »du hast heute ein gutes Wort gesprochen: jeder rechte Mann ist ein Held. An sich selbst aber muß der Mann sein Heldentum nicht minder bewähren als an der Welt. In seiner eigenen Brust sitzt oft sein grimmigster Feind. Weil sie diesen nicht bemeisterten, wurde Napoleon aus einem Helden ein Komödiant, Danton ein Verbrecher. Denke daran! Ja, und was ich dir noch in Erinnerung bringen wollte, du hast mir eine einläßliche schriftliche Darstellung des Feldzugs in Italien versprochen. Mich verlangt sehr danach, laß mich daher nicht mehr lange darauf warten. Es ist nicht gut,« setzte der Greis mit einem warmen Händedruck hinzu, »es ist nicht gut, daß der Mensch müßig sei.« 8. Memento!. »Und nun, liebe Lore, was haltet Ihr von dieser Geschichte?« Der so fragte, schaukelte sich mit in amerikanischer Manier an den Tischrand gestemmten Füßen auf dem Stuhle und blickte schmunzelnd zu der Angeredeten hinüber, welche auf der Ofenbank sitzend mit gewandter Hand die Spindel auf dem Boden tanzen ließ. Es war eine im Alter ihres Gesellschafters stehende Frau von schmächtiger, hagerer Figur. Sie trug die Tracht der Gegend, Schuhe mit hohen Hacken, rote Strümpfe, den kurzen, schwarzen, bauschigen, außerordentlich faltenreichen Rock, das schwarze Mieder, auf dessen Bruststück die Gelenke einer langen und schweren Silberkette mehrfach sich kreuzten und verschränkten, die weiten, sorgfältig gefältelten Hemdärmel, endlich die schwarze Florhaube, deren mittels dünner Drahtstäbchen gesteifte Seitenwände flügelartig von den Schläfen abstanden. Ihr Anzug zeugte durchweg von jener Reinlichkeit, welche an alten Leuten doppelt angenehm auffällt. Das Gesicht der Traumlore war von einem so edlen Schnitt, daß es auch jetzt noch, obgleich gefurcht, blaß und herbe, mit Sicherheit schließen ließ, es müßte vorzeiten sehr schön gewesen sein. Es war ein eigentümlicher Ausdruck von Intelligenz darin und von verhaltener Leidenschaft. Die stoische Ruhe dieser Züge glich fast der Aschendecke einer Solfatara, unter welcher still und tückisch das vulkanische Feuer brodelt. Aus den schwarzen Augen mochte es zuweilen offen hervorschlagen. Sonst hatten diese Augen, welche mit den schneeweißen Brauen und Haaren seltsam kontrastierten, jenen matten Metallglanz, welchen man, sagen Psychologen und Kriminalisten, oft in den Augen von Verbrechern energischer Natur findet. Das Stäbchen, ehemals die Behausung des Einsiedlers von Sankt Georg, verriet nichts von asketischer Ärmlichkeit und Vernachlässigung. Es war, wie der Anzug seiner jetzigen Besitzerin, höchst reinlich gehalten und mit allem ländlichen Behagen eingerichtet. Schneeweiß war der Fußboden, kein Stäubchen auf den aus solidem Eichenholz gefertigten Möbeln, die messingenen Buckel an dem grünglasierten Kachelofen funkelten hell. In einer Ecke stand ein mächtiger, ledergepolsterter Großvaterstuhl, längs der einen Wand eine sogenannte Bruck, das heißt, ein ländliches Ruhebett, das Sofa der Bauern dieser Gegend, dessen Kissen von rot und weiß gestreiftem Barchent überzogen waren. Über dieser Bruck war ein Büchergestell angebracht und auch wirklich mit Büchern, meist mit ehrwürdig aussehenden Quartbänden angefüllt. In die der Bruck gegenüberliegende Wand war eine Türe eingelassen, welche in ein Nebengemach führte. Zwischen den beiden kleinen Fenstern hing an dem vom Alter geschwärzten Getäfel der Wand ein aus Stroh geflochtener Kranz. Diese sonderbare Zierat umgab eine weißgetünchte Stelle, auf welcher in großen Buchstaben das Wort Memento stand. Wahrscheinlich rührte diese Inschrift noch von dem Einsiedler her, denn wenn man den Kranz aufhob, so konnte man bemerken, daß derselbe noch ein zweites Wort verbarg, mori , ein in Klöstern und Einsiedeleien häufig an den Wänden stehender Spruch. Außerdem war nichts Auffallendes wahrzunehmen, denn die große getigerte Katze, welche vergnüglich schnurrend neben ihrer Herrin auf der Ofenbank saß, konnte doch wohl nicht für so etwas gelten. Dagegen hätte man es vielleicht bemerkenswert finden können, daß in der Tischecke jener unausbleibliche Schmuck der Bauernstuben dieser Gegend fehlte, das Kruzifix. Wenn die Landleute, welche mit mancherlei Anliegen die Behausung der Traumlore aufsuchten, diesen Mangel bemerkten, mußten sie daraus den Schluß ziehen, es könne betreffs der Wissenschaft der klugen Frau doch nicht so ganz mit rechten Dingen zugehen. Die Lore spann ruhig fort, ihre Augen fest auf den Strohkranz und dessen düstere Inschrift gerichtet. Sie schien die Frage, womit Twerenbold eine ihr gemachte Mitteilung schloß, gar nicht zu beachten. »Seid heute nicht sehr gesprächig, kalkulier' ich,« sagte er und setzte, der Richtung ihres Blickes folgend, hinzu: »Aber, rechne, ich kann Euch sagen, was Ihr denkt.« »Was?« »Ihr denkt des Tages, wo jener verdammte Kranz dort –« »Still davon!« »Wie Ihr wollt. Gibt es, kalkulier' ich, angenehmere Dinge, um davon zu reden. Und in allem Ernst, es tut nicht gut, sich so viel mit der leidigen Vergangenheit zu schaffen zu machen. Vorbei ist vorbei.« »Ihr wißt recht gut, Achaz, daß es Dinge gibt, die, ob auch lange schon geschehen, nie, nie vorbei sind.« »Wohl, das hat seine Richtigkeit. Es gibt Ursachen, deren Wirkungen einer endlosen Schraube gleichen. Wäre dem nicht so, hatte ich, bei Jove! nicht ein Dokument in der Tasche, welches mir für meine alten Tage eine behagliche Existenz sichert. Wollte, Ihr hättet mit angesehen, wie ich diese giftige Kröte, unsern Freund Veit, kleindrückte. War das, rechne ich, eine ganz allerliebste, recht dramatische Szene.« »Nehmt Euch vor dem Veit in acht, Achaz.« »Vor dem Veit? Bah! der Kerl besitzt nicht Mut genug, mir ins Gesicht zu sehen.« »Und dennoch wird er Euch früher oder später ein Bein stellen. Er ist das Faktotum des Grafen und –« »Beiden muß, ganz abgesehen von der mir zugesicherten Rente, meine Heimkehr höchst unangenehm sein, wollt Ihr sagen, nicht? Mag ich erschossen werden, wenn ich das nicht so gut weiß als irgend jemand. Aber sie werden es nicht wagen, mit mir anzubinden. Seht, Lore, ich gebe eine meiner monatlichen Raten darum, wenn ich hätte mitanhören und mitansehen können, wie der Schuft von Müller meine Botschaft an den Grafen ausgerichtet hat. Kalkuliere, wäre das herzerquickend für mich gewesen. War ich doch ein rechter Esel, daß ich nicht selber meinen Gesandten machte. Hätte da das utile cum dulci gehabt, daß heißt den Vorteil und den Spaß. O, es ist süß für unsereinen, diese Erdengötter zu demütigen, welche alles Ernstes glauben, aus besserem Teig geknetet zu sein als wir. Aus besserem? Höll' und Teufel! War der Stoff, aus welchem Ihr und ich geformt sind, nicht ursprünglich ein guter, ein edler? Wer hat das versäuernde Element in die Mischung gebracht? Ihr wißt es, Lore. Bei allen höllischen Mächten, ich sage, es war eine Eselei, daß ich mir nicht den Genuß verschaffte, den feigen Grimm, die zitternde Angst, welche unsern Verderber bei der Nachricht von meiner Wiederkehr befallen haben müssen, mit eigenen Augen zu sehen.« »Die Rache ist süß!« Diese Worte fielen von den blassen Lippen der Traumlore so schwer und langsam, als wären es Tropfen geschmolzenen Bleies, und aus ihren Augen züngelte ein Blitz, vor dessen grellem Lichte selbst Twerenbold erschrak. »Jetzt erst,« sagte er nach einer Pause, »verstehe ich, Lore, wie es gemeint war, als Ihr mir vor einigen Tagen sagtet, daß Ihr nur zu dem Gott des Alten Testamentes betet.« »Ja,« versetzte sie eintönig, »so tue ich, denn Jehova ist ein starker und eifriger Gott, und er ist ein Gott der Rache.« »Wohl, und ich schieße, kalkulier' ich, nicht fehl, wenn ich das alte Ding dort an der Wand für eine Art von Weiheopfer halte, dargebracht diesem Gotte.« »So ist es. Ihr wißt, es ist Brauch bei uns zu Lande, daß Kranke, wenn sie genesen, das Glied, an welchem der Schaden gesessen, in Wachs abgebildet in den Kirchen und Kapellen aufhängen, als Dankopfer. Ich nun habe fünfundzwanzig Jahre lang jenen Strohkranz mir vor Augen gehalten, freilich nicht als Symbol der Genesung, sondern der Erkrankung. Was Ihr mir vorhin erzähltet, scheint mir eine Bürgschaft zu sein, daß der alte Gott noch lebt, und daß er nicht taub war für die glühenden Gebete, die ich zu ihm emporsandte seit jener dreimal verfluchten Stunde, wo jener Kranz mir die Stirne sengte. Wenn ich damals nicht starb, so war es, weil wie ein Blitz Gottes mich der Gedanke durchzuckte, es würde eine Stunde kommen, wo ich das Zeichen meiner Schmach dem Jehova als ein Rauchopfer würde darbringen können.« Die Frau sprach mit einer so ruhigen Energie und in so gewählten Ausdrücken, daß ihr Gesellschafter sich darüber verwundert haben müßte, hätte er nicht ihre Geschichte gekannt. Ein Fremder würde die Redeweise der Traumlore mit ihrem Anzuge nicht haben reimen können. Aber auch auf Twerenbold übte ihr Gebaren einen sozusagen beherrschenden Einfluß. Er enthielt sich in ihrer Gegenwart seiner zynischen Gewohnheiten, wenn nicht völlig, doch nach Kräften, und die augenscheinliche Achtung, welche er ihr gegenüber in sein Benehmen legte, bildete einen charakteristischen Gegensatz zu der souveränen Verachtung, womit er den Müller Veit behandelt hatte. Auch jetzt machte sich der Eindruck bemerkbar, welchen die würdevolle, feste Haltung und Sprache der Lore auf den verwilderten Menschen hervorbrachte. Er zog seine Füße von dem Tischrande zurück, steckte die Kapsel mit Kautabak, welche er hervorgezogen, wieder in die Tasche, wahrscheinlich aus Rücksicht für den blankgefegten Fußboden, und setzte sich mit über der Brust gekreuzten Armen in eine anständige Stellung. »Ihr habt jederzeit ein starkes und stolzes Herz in der Brust getragen, Lore,« sagte er, »aber dennoch wundere ich mich, daß Ihr, ein Weib, einen Gedanken durch eine so lange Reihe von Jahren mit solcher Zähigkeit festhalten und pflegen konntet. Seid Ihr nie daran verzweifelt, daß die Stunde kommen würde, wo Ihr dem Gott des Zorns und der Rache das erwähnte Rauchopfer würdet darbringen können?« »Nie!« »Das nenne ich einen Glauben und eine Ausdauer, bei Jove! Seht, ich bin, gegen Euch gehalten, doch ein rechter Lump.« »Warum, Achaz?« »Warum? Kalkuliere, deshalb, weil ich aus weit gemeineren Motiven gestrebt habe, noch einmal in die Nähe unseres erlauchten Gönners und Freundes zu kommen. Allerdings lief dabei auch ein kleines Rachegelüst mit unter, aber, zu meiner Schande sei's gesagt, das war doch nur Nebensache, während meine Hauptabsicht dahin ging, auf Kosten besagten Gönners dem Vergnügen der Bummelei zu frönen. Ihr seid ein Charakter, Ihr, Gott verdamm' mich! und als Ihr vorhin das Wort von der Süßigkeit der Rache spracht, kam es mir vor, Ihr könntet mich überreden, dieser Trank sei süßer als der beste Wein in den Kellern des Schlosses Wippoltstein. Doch erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß gerade der beste Trank nicht jedem zugänglich, und daß es von den Lippen zum Kelch oft eine sehr weite Strecke ist. Man kann nicht zwanzig Jahre lang und länger ins Blaue hinein hoffen. Wer sagt Euch, daß Euer Hoffen je sich erfüllen werde?« »Die Stimme in meiner Brust, Achaz, die zu mir spricht im Wachen und in Träumen.« »In Träumen? Bah! Träume sind Schäume. Wenn Ihr Euch damit belustigt, einfältigen Burschen und Dirnen aus ihren albernen Träumen die Zukunft zu deuten, so finde ich das ganz in der Ordnung. Jeder Mensch muß seine Art von Vergnügen haben, sonst geht er vor Langweile zugrunde. Aber, daß Ihr im Ernst und in eigener Sache Euch mit Träumen zu schaffen macht, darin scheint mir kein Spunk zu liegen, wie meine werten Mitbürger, die Yankees, sagen.« »Und wenn doch, Achaz? Nicht immer lügen die Träume. Ihr habt mir vorhin eine Geschichte erzählt, ich will Euch auch eine erzählen, wenn Ihr hören wollt.« »Ich höre.« »Anderthalb Jahre mögen vergangen sein, da träumte ich eines Nachts, ich sähe den Grafen und seine junge Gemahlin drüben im Park am Flusse spazieren. Ein großer schöner Edelkrebs arbeitete sich ans Ufer, und den gnädigen Herrn wandelte die Laune an, das Tier zu fangen. Es gelang ihm, aber durch einen sonderbaren Zufall brachte er das zappelnde Tier seinem Gesichte näher, als gut war, denn plötzlich hatte der Krebs mit einer seiner Scheren wie mit einer Kneipzange die Nase des Grafen gefaßt und hing so fest an derselben, daß ihn Seine Erlaucht vergebens wegzureißen versuchte und vor Beschämung, Schmerz und Wut laut aufschrie. Die gnädige Frau wollte sich vor Lachen ausschütten.« »Und weiter?« »Ich hatte ausgeträumt.« »Ein lächerlicher Traum, by all the powers !« »Jawohl, ein lächerlicher Traum.« »Der Gnädige mit dem an seiner Nase baumelnden Krebs im Kreise herumspringend – 'ne dumme, aber höchst spaßhafte Geschichte, kalkulier' ich.« »Der spaßhafte Traum hatte eine sehr ernste Bedeutung.« »Wirklich? Bin omnipotent neugierig, das zu erfahren.« »Als ich beim Erwachen des wunderlichen Traumes mich erinnerte, dachte ich sogleich, der Tag müßte dem Grafen ein Unheil bringen.« »Und kam es so?« »Hört nur. Noch dämmerte der Tag kaum, als das jüngste Kammermädchen der Gräfin zu mir kam, mich um Rat und Hilfe anzuflehen. Der Müller Veit hatte den Eintritt des armen, kaum fünfzehnjährigen Geschöpfes in den Schloßdienst vermittelt. Das Mädchen hieß Ottilie und war die Tochter ehrlicher Leute drüben in Lerchenau. Seit sechs Monaten war sie im Schloß gewesen. Sie war in Verzweiflung, außer sich. Weiter brauche ich Euch ihren Zustand nicht zu beschreiben.« »Nein.« »Ihr Verderber wollte sie zwingen, seinen Kutscher, einen ausgemachten Trunkenbold, zu heiraten. Er nannte das die Sache gut machen.« »Verstehe.« »Ottilie wollte aber lieber in den See springen, als dieses Gutmachen sich gefallen lassen.« »Ein obstinates Ding!« sagte Twerenbold mit bitterem Lachen. »Ich behielt sie bis zum Abend bei mir und überredete sie, sich ohne weiteres der Gräfin, ihrer Gebieterin, zu entdecken.« »Verstehe.« »Ich wußte, um welche Stunde die Herrschaft ihren Spaziergang im Park zu machen pflegte. Damals spazierte das gräfliche Paar noch mitsammen. Es hielt schwer, das arme Ding zu einem mutigen Entschluß zu bringen, aber es ging am Ende doch.« »Der Gott der Rache machte Euch ohne Zweifel beredt, Lore.« Wohl; sie versprach mir unbedingte Folgsamkeit und war ja das, was ich wollte, im Grunde auch das Beste für sie. Ich brachte sie in meinem Weidling über den See, und wir gingen in den Park. Ottilie hatte mir gesagt, daß das Ahornboskett unterhalb der Ruine des alten Schlosses am Flußufer der Lieblingsplatz der Gräfin sei. Dorthin richteten wir unsere Schritte, und nach einiger Zeit sahen wir die Herrschaft wirklich von der großen Allee links herauf dem Boskette sich nähern. Ich zog meine Schutzbefohlene ins Gebüsch und wiederholte noch einmal meine Instruktion.« »Aha, Ihr lehrtet sie die Rolle des Krebses spielen? Rechne, war das verdammt gut ausgesonnen, bei Jove!« »Als die Herrschaft das Wäldchen betrat, zitterte Ottilie wie Espenlaub, aber ich flüsterte ihr Mut zu, und so stürzte sie aus dem Dickicht hervor, warf sich der Gräfin zu Füßen und brachte, wenn auch vom Schluchzen halb erstickt, doch in ziemlich zusammenhängender Form die Anklage gegen ihren Verführer vor. Ich bohrte mit meinen Augen durch das Blätterwerk. Was die Gräfin sagte, wie der Graf in seiner Überraschung sich gebärdete, überhaupt des Abenteuers weiterer Verlauf, das alles ist von keinem Belang. Aber, Achaz, Ihr könnt nicht ermessen, wie mir der Blick wohltat, welchen die Gräfin ihrem Gemahle zuschleuderte. Es war ein Blick unsäglicher Verachtung und brennenden Hasses zugleich, ein Blick, der mir sagte, daß ich ein gutes Feuer angezündet, ein Feuer –« »Ein Feuer? Ei, dort drüben brennt auch eins!« rief Twerenbold aus und eilte ans Fenster, welches er hastig aufriß. Die Dämmerung war hereingebrochen, und schon dunkelte es rings um den See her. Um so greller aber strahlte der Schein einer Feuersbrunst aus dem Dorfe über das Wasser. »Rechne, es muß ein artlicher Brand sein,« sagte Twerenbold kalt und bedächtig. »Horcht, Lore, sie stürmen mit allen Glocken. Es war heiß Wetter die letzten Wochen her, und da, kalkulier' ich, brennen die hölzernen Häuser wie Zunder. 's muß ganz in der Nähe der Kirche sein, vermut' ich. Kommt mit hinaus, Lore; wir sehen das Ding draußen deutlicher als durch die engen Gucklöcher da.« Er eilte hinaus und sah sich von dem Felsvorsprung vor der Hütte die augenscheinlich mehr und mehr um sich greifende Brunst an. Es kam ihm in den Sinn, in den zu seinen Füßen in der kleinen Bucht sich schaukelnden Kahn der Traumlore zu springen, um hilfebereit über den See nach dem Schauplatz des Unglücks zu eilen. Aber er zog den Fuß, welchen er schon auf die oberste der zum Wasser abwärts führenden Stufen gesetzt, wieder zurück, indem er in den Bart brummte: »Bah! Wozu? Werden, kalkulier' ich, Leute genug zur Stelle sein, und im übrigen – was gehen mich diese Kaffern und ihre Baracken an?« »Achaz,« sagte nach einer Weile die ihm zur Seite getretene Bewohnerin der Einsiedelei, »könntet Ihr mir erklären, wie es kommt, daß die Menschen beim Anblick eines Brandunglücks im Grunde ihres Herzens mehr Freude als Schrecken und Mitgefühl empfinden?« »Wie das kommt? Ei, liebe Lore, ich habe die Notion, bei solchen Gelegenheiten lacht das Tier im Menschen aus ihm heraus. Unsere Zivilisation gibt sich alle mögliche Mühe, die Bestie zu zähmen und ihr allerlei weiche und süße Empfindungen anzubilden. Aber manchmal muß sich doch wieder die Natur Luft machen. Dann grinst das Tier in uns der Kultur höhnisch ins Gesicht. Es ist, wie Ihr sagt. Geht wo Feuer auf, eilen die Leute zuerst nur herbei, um ihre Neugierde zu stillen. Dann danken sie ihrem Herrgott, daß nicht ihnen so ein Unglück passiert sei, und endlich fühlen sie in ihren innersten Fibern den wollüstigen Kitzel der Schadenfreude. Sagen tun Sie freilich nichts davon, im Gegenteil, man hört nur Worte christlichen Mitleids und Ausrufungen des humansten Bedauerns; aber man braucht bloß die Augen dieser Gefühlvollen und Mitleidigen anzusehen, um zu wissen, wie ihnen das ganze Spektakel innerlichst Freude macht.« »Aber ist das nicht schrecklich?« »Schrecklich? Bah! Was wandelt Euch an? Vermute, sind wir beide nicht die Leute, die Empfindsamen zu spielen. Ist das 'ne Sache für bleichsüchtige Mädelchen und zwanzigjährige Poeten. Kalkuliere, es war nicht nur ein sehr gescheiter, sondern auch ein sehr ehrlicher Mann, welcher zuerst offen aussprach, das Leben sei ein Krieg aller gegen alle. Ja, ein mörderischer, unersättlich mit Blut sich vollschlingender Krieg ist es. Frißt einer so lange die anderen, bis er selber von einem dritten gefressen wird – ist ein Fakt, bei Jove! Vor dem Gefressenwerden so lange als möglich sich zu bewahren, das ist, rechne ich, der einzige reelle Zweck des Daseins. Die Narren mit ihren großartigen Zukunftsideen und humanen Phantasien! Sie werden zuletzt nicht mehr und nicht minder als unsereiner, nämlich Mist. Und ihre Ideen und Phantasien? Die werden Makulatur, Papier zum Einpacken von Käse und Heringen. Kalkuliere, das Sterben der sogenannten Unsterblichen dauert nur etwas länger als das von uns andern. Das ist am Ende der ganze Unterschied. Das Beste ist, wenn man sich das Abrollen dieses Knäuels von Unsinn und Jammer, welchen man Menschenleben nennt, so kurzweilig macht als möglich. Wollen daher darauf bedacht sein, daß sich das Endchen besagten Knäuels, welches uns beiden noch übrig ist, nicht ohne Zeitvertreib abrollt, liebe Lore. Habe die Notion, das, was ich heute am Donnerfall gesehen und gehört, könnte uns omnipotent ergötzlichen Stoff liefern, könnte es nicht? Denkt darüber nach, was von dem schwachmattischen Zeug in Euren Kram paßt. Rechne, es könnte ein Fingerzeig von dem Gott der Rache sein. Und jetzt will ich Euren Weidling nehmen und mir das Feuerchen dort, welches das Ufer drüben so romantisch illuminiert, mehr aus der Nähe ansehen. Gut' Nacht!« 9. »Herr Jesus, mein Konrädle!«. Auch andere hatten die Feuersgefahr, welche dem Dorfe drohte, zeitig wahrgenommen. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr aus dem Pfarrgarten einen Brief zu schreiben angefangen, war aber nicht weit mit demselben vorgerückt, als sie die Feder weglegte, ihr Umschlagetuch nahm und in den Park hinabging, auf dessen Rasenplätzen und Baumgruppen das duftige Schweigen einer mondhellen Mainacht lag. Wie sie sich in die einsamen Schatten vertiefte, klangen die Erlebnisse und Gespräche des Tages in ihrer Seele nach, und sie fühlte sich recht traurig gestimmt. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem jungen Mann, welcher ihr durch ein Verhältnis, das die Pein ihres Lebens geworden, nahegestellt war, und dessen Nähe eine Wirkung auf sie übte, deren wunderbare Gewalt sie sich nicht zu erklären wußte, ja kaum zu gestehen wagte. »Robert ist nicht glücklich,« sagte sie leise vor sich hin, »nein, er ist augenscheinlich nicht glücklich. Hochherzig gesinnt, wie er ist, verbittert es ihn, daß er in dieser verworrenen Zeit nicht den Platz gefunden oder finden zu können glaubt, von welchem aus seinen Kräften ein geeignetes Feld der Wirksamkeit sich auftäte. Ich kann es begreifen, daß er davon spricht, nach Amerika zu gehen, um dort das Leben eines Farmers und Jägers zu versuchen. Es ist nicht die modische Europamüdigkeit, welche ihn dazu treibt, es ist der edle Drang eines unverdorbenen Gemütes, das sich in dem abgelegten Schlendrian unserer Zustände vor Verkümmerung fürchtet und seine Kräfte an einer mühevolleren Aufgabe üben möchte, als das Leben eines Reiteroffiziers, Gesandtschaftsattachés oder Landjunkers sie bietet. Es muß schön zu leben sein in den endlosen Wäldern und auf den Savannen des fernen Westens. Im Kampf mit der Not des Lebens erhält das Leben selbst erst seinen vollen Inhalt und Wert. Wir vornehmen Leute kennen nur den Kampf mit der Langweile, und ist dieser überhaupt der Mühe wert? Wir sind eigentlich nur da, um anderen, oft besseren, zum Gegenstand des Ärgers zu dienen. Ein zweckloses, jämmerliches Dasein! Ich muß Robert achten, daß er, statt ein Schmarotzer beim Bankett des Müßiggangs, ein Kämpfer sein möchte in dem großartigen Streit einer jungen Zivilisation mit einer jugendfrischen, gewaltigen Natur.« Und auf den Schwingen ihrer kräftigen Phantasie eilte die junge Frau hinüber in die Hinterwälder der Neuen Welt. Dort sah sie Robert auf einer neuangelegten Farm walten und schaffen, und an seiner Seite ein Wesen, das ihm abends mit zärtlicher Sorge den Schweiß von der gebräunten Stirne wischte und ihm seine Mühen durch die Magie einer unbegrenzten Liebe versüßte. Wessen Züge dieses Wesen trug, sie bildete sich ein, dessen nicht sicher zu sein, und doch war sie es in ihres Herzens geheimster Tiefe. Ihre idyllischen Phantasien schwammen mit den sänftigenden Einflüssen der Mainacht, durch welche sie hinwandelte, zuletzt in eins zusammen. Ein lauer Wind machte die Wipfel flüstern, die Grillen hatten ihr nächtliches Konzert begonnen, und weiter aufwärts die Hügel riefen und antworteten einander die Nachtigallen. Stille und Friede kam in ihr Herz, welches seit vielen Tagen so leidenschaftlich bewegt gewesen. Sie fühlte sich für einen Augenblick wieder so recht angehaucht von dem, was so lange Zeit ihr bester Trost gewesen, von dem allliebenden Walten der Natur, und es war ihr, als klängen ihr im Ohre die melodischen Verse Mörikes: Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift Und klingend dann den jungen Hain durchläuft! Jetzt, da der freche Tag verstummt, Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge, Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge Der rein gestimmten Lüfte summt. O, holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt Auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet, Und lustig schwirrender Musik bedienet Sich nun dein Fuß zum leichten Schritt, Womit du Stund' um Stunde missest, Dich lieblich in dir selbst vergissest – Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit! Aus dieser Verlorenheit in den Zauber der Stunde wurde Thekla in die Wirklichkeit zurückgerufen durch ein aus der Richtung nach dem Dorfe zu dumpf herüberkommendes Geschrei und Gelärm. Sie schaute auf und sah durch die Baumzweige hindurch am Himmel einen grellroten Fleck, zu welchem eine Rauchsäule emporqualmte. Erschrocken schlug sie rasch den Rückweg nach dem Schlosse ein, und als sie über den Pleasure-Ground an der Nordseite desselben eilte, vernahm sie vom Hofe her die Stimme Roberts, welcher seinem Diener hastig zurief: »Ein Pferd, Andres, rasch, rasch! Nur gezäumt, 's braucht keinen Sattel! Und dann heraus mit der Feuerspritze des Schlosses, angespannt und fort auf die Brandstätte! Die ganze Dienerschaft soll mit! He, Donnerwetter, wo bleibt das Pferd?« Dann folgte ein lärmendes Getümmel, Türen wurden aufgerissen, und eilige Tritte stampften über den Hof. Als die Gräfin denselben betrat, sah sie den jungen Mann in vollem Rosseslauf zu der Eingangspforte hinausjagen. »Was gibt es denn?« fragte sie den an ihr vorübereilenden Andres. »Es brennt im Dorfe, gnädige Frau. Wir sollen mit der Spritze hin.« »So eilt euch, eilt Euch!« Sie selbst beeilte sich, ihre getreue Gertrud herbeizurufen, um sich von derselben nach dem Dorfe begleiten zu lassen. Ob es wohl auch bloße Neugier und Schaulust war, was sie nach der Brandstätte trieb? Sie hatte den Ausgang der Allee noch nicht erreicht, als die Feuerspritze an ihr vorüberrasselte. Obendrauf hockte Berdoa und schrie und fistulierte: »Feuerjo! Feuerjo!« Auf den kleinen Mohren durfte Twerenbolds Theorie von der Freude der Menschen an Feuersbrünsten unbedenklich angewendet werden. Das Feuer mußte in der Hauptgasse des Dorfes wüten. Von dorther strahlte die rote Helle, von dorther scholl das verworrene Tosen, welches solche Unglücksfälle begleitet. Die Gräfin schlug den Fußweg ein, welcher links unten am See durch Baumgärten nach dem Pfarrhause führte. Dort hoffte sie Näheres zu erfahren. Die alte Urschel empfing sie mit Jammergeschrei unter der Haustüre. Der Pfarrer war schon auf die Stätte des Unglücks geeilt, wohin er nicht weit zu gehen hatte; denn höchstens einen halben Büchsenschuß weit von seiner Wohnung, jenseits der Straße, schwelgte das Feuer in dem Gebälke mehrerer Häuser, welche, wie es Art im Gebirge, ganz aus Holz erbaut waren. Man wußte nicht, wie das Unglück entstanden war, und hatte jetzt keine Zeit, danach zu fragen. Die von ihren Feldarbeiten zurückgekehrten Dörfler hatten sich gerade zum Abendessen niedergesetzt, als aus dem Scheunendach des Barthelbauers schwarzer Qualm und gleich darauf die helle Lohe emporschlug. Der Widerschein war in das. Fenster der Studierstube des Pfarrers gefallen und hatte diesen von seinen Büchern und Manuskripten aufgeschreckt. In diese Stube wurde die Gräfin von der Pfarrköchin geführt, welche in allen möglichen Tonarten ihre Besorgnis ausdrückte, der alte Herr, der gute alte »Hairle« möchte sich in dem Gedränge Schaden tun. »Und er hat nicht einmal einen Rock an,« schluchzte die alte Pfarrmagd. »Hemdärmelig ist er fortgelaufen – verkälten wird er sich – 's ist erschrecklich! Jesus, Maria und Joseph, was für 'ne Brunst! – Und 's war doch kein Durawetter heut'! Ja, die neumodischen Zündhölzerchen, ja die! Die Kinder kriegen's und dann spielen's damit und fliggs brennt das Haus. Oder 's hat so 'n Schlankerl von Tabakraucher d' Pfeifen im Stadel ausklopft! Schauen's, schauen's! Ach, Herrje! Herrje! 's Feuer hat schon den Giebel von des Franz-Tones Haus gepackt! Schauen's, schauen's, jetzt spritzen's mit der Schloßspritze – die pfeift anders als der alte Rumpelkasten vom Dorf. Und unser lieber junger gnädiger Herr – Herrje, wie der die Mannen kommandieren tut! Der versteht's – was für 'ne Stimme er hat! Wie 'ne Trompete, akkurat so. Und dort schauen's, gnädige Frau, dort ist auch unser guter alter Hairle mitten im Gedränge. Hätt' er nur seinen Flausrock an, der ist dick wattiert. Jesus, Maria und Joseph, jetzt reißen's mit den Feuerhaken des Lulebauers Dach runter. Wie das prasselt! Heiliger Sebastian und alle vierzehn Nothelfer, bittet für uns!« In dieser Weise bildete die alte Urschel, hinter der Gräfin am offenen Fenster stehend, den Chorus zu der nächtlichen Schreckensszene, deren Hergang von diesem Standpunkt aus deutlich zu übersehen war. Es ging da drüben tumultuarisch genug zu, wenigstens bevor Ordnung in den wirren Knäuel gebracht wurden, welcher vor den brennenden Häusern die Gasse verstopfte, viel schrie und lärmte, aber wenig tat. Leute waren genug vorhanden, aber statt sich gegenseitig zu unterstützen, hinderten sie einander nur. Der gute Pfarrer war allerdings sogleich auf dem Schauplatz der Gefahr erschienen, aber er wußte besser über Donar und Wuotan, Fro und Zio Bescheid als über die Löschanstalten. Er mühte sich daher mit Stimme, Armen und Beinen ganz vergeblich ab, denn bei allem Respekt vor ihrem Hairle glaubten die Bauern doch die Sache besser zu verstehen als er. Sie verstanden es freilich auch nicht, zur Bewältigung der Gefahr ersprießliche Anstalten zu treffen, und mühten sich mit der alten hölzernen Gemeindespritze, deren Pumpwerk von einer Beschaffenheit war, daß es mehr Wasser auf die Spritzenmannschaft als auf die brennende Scheune beförderte, ganz vergeblich ab. Zum Glücke für das Dorf war die Luft ziemlich still. Hätte einer jener rasenden Föhnstürme, die im Hochgebirge so häufig sind, in das Feuer geblasen, es würde seine vernichtenden Flammenarme leicht über den ganzen Flecken geschlagen haben. Aber auch so war die Not groß genug. Von des Barthelbauers Scheune, die in heller Glut stand, bevor die erschrockenen Dörfler irgendwie zu ernstlichen Maßregeln vorschritten, hatte das gierige Element nach dem Wohnhause hinübergegriffen und von da auf die hart daneben stehende Behausung des Lulebauers sich verbreitet. Bald hafteten die zündenden Funken auch an der mit Schindeln bekleideten Giebelwand eines dritten Hauses in der Reihe, und mit der Gefahr stieg die Verwirrung und das ratlose Jammern. Die auflodernden Flammensäulen gewannen an Umfang und Kraft; das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die tobenden Rufe der Männer mischten sich mit dem Gebrülle des Viehs, welches in den nächsten Tagen auf die Alpenweiden geführt werden sollte und jetzt in seinen gefährdeten Ställen, das Bedrohliche witternd, wild an den Krippen zerrte; die Sturmglocken heulten ohne Unterlaß; Feuerreiter wurden in die benachbarten Gemeinden entsandt; in anarchischer Überhastung wurde aus den brennenden oder zunächst bedrohten Häusern meist Wertloses geflüchtet, und von droben sah der glutrote Himmel still und ehern auf den Tumult hernieder. Da schrie es plötzlich: »Platz! Platz! Da kommt der junge gnädige Herr!« Robert parierte sein schnaubendes Pferd, und seine Ankunft ordnete endlich den Kampf der menschlichen Energie mit der Wut des entfesselten Elements. Der junge Kriegsmann war noch von seinen Knabenjahren her im Dorfe populär, und seine militärische Laufbahn, deren ehrenvolle Einzelheiten die dörfliche Sage mit einem romantischen Nimbus zu umgeben nicht gesäumt, hatte den Respekt der Wippoltsteiner vor dem Erben ihres Grundherrn um ein Bedeutendes vergrößert. Der wirre Haufe anerkannte daher willig die Autorität, welche Robert ohne weiteres für sich in Anspruch nahm und auszuüben begann. Mit gutem Recht, denn es zeigte sich sofort, daß er es verstand, zu befehlen, seinen Befehlen zum Vollzug zu verhelfen und mit Geistesgegenwart das Geeignete vorzukehren, das Ungeeignete und Störende zu verhindern und beiseite zu räumen. Hoch zu Roß beherrschte er mit Gebärde und Stimme das Getümmel, sammelte die junge kräftige Mannschaft um sich, ließ zunächst ohne viele Umstände die zitternden und zeternden Weiber und Kinder von dem Platze zurückdrängen, daß Raum wurde für die arbeitenden Männer, stellte einzelne und ganze Trupps an die paffenden Posten, befahl mit Bestimmtheit, was jeder zu tun habe, leitete die Aufstellung und Bedienung der inzwischen herbeigekommenen Schloßspritze, ließ zwei lebendige Hecken, an welchen die Feuereimer auf und ab liefen, von der Brandstätte an den See hinab bilden, beorderte hier eine kleine Schar zur Rettung der Fahrhabe, eine zweite zur Bergung des Viehs, eine dritte zur Handhabung der Feuerhaken, sah darauf, das alles gut ineinander griff, und war kaltblütigen Eifers mit Auge, Wort und Hand überall, wo Umsicht und Mut vonnöten. So hatte die verworrene Szene, seit der Geist der Disziplin über ihr waltete, überraschend schnell ein Aussehen angenommen, welches hoffen ließ, daß man würde des Feuers Meister werden können. Frieding, der an nichts weniger dachte als an seinen dickwattierten Rock oder an die Gefahr einer Erkältung, blickte mit großer Befriedigung von der Spritzenpumpe, an welcher er mitarbeitete, zu seinem Zögling hinauf, welcher jetzt die Anlegung der Feuerhaken an das Haus des Lulebauers befahl, um durch Niederreißen desselben die Marschlinie des Feuers zu unterbrechen. Der Eigentümer, obgleich er sah, daß die Flammen schon aus dem Dachfirst und den Fenstern des Obergeschosses züngelten, glaubte dennoch eine Verwahrung gegen dieses Verfahren vorbringen zu müssen. »Ruhig, Mann,« versetzte Robert fest. »Soll Euer Haus die Brandfackel für die Eurer Nachbarn werden? Aus dem Wege da! Es gibt ja genug Baumstämme in den herrschaftlichen Waldungen. Sollt haben, soviel Ihr braucht. – Voran, ihr Männer, mit den Haken und Leitern, rasch und fest angefaßt! – Und ihr dort, Müllerbalthes, richtet das Rohr der Spritze für jetzt einzig und allein auf Giebel und Dach von des Franz-Tones Haus! Die schon brennenden Häuser sind nicht mehr zu löschen. Herr Oberförster, dirigieren Sie mit Ihren Burschen die alte Spritze dort um die Ecke in den Rücken der Häuserreihe, damit uns das Feuer nicht dort hinten unversehens einen Streich spielt. Ich will sorgen, daß Sie Wasser erhalten. Vorwärts! Und Sie, Herr Rentmeister, besorgen Sie die Bergung der geflüchteten Fahrhabe in der Kirche, damit nichts verzettelt und verloren werde. Schicken Sie auch in die Rentei und lassen Sie aus dem Keller derselben einen erklecklichen Trunk Wein für die Löschmannschaft herbeischaffen, aber erst dann, wann wir mit unserer Arbeit zu Ende. He, ihr dort, mehr Hände an die Feuerhaken und herzhafter zugegriffen! Donnerwetter, das ist ja mehr gespielt als gearbeitet. Reißt das Sparrwerk auseinander, alles aneinander – frisch, frisch!« »Oh, Jeremle«, begann die alte Pfarrköchin droben am Fenster wieder, »wie sich der gute alte Hairle da drüben abschindet! Jetzt schafft er sich in Schweiß und hernacher wird er 'ne Gänsehaut kriegen. Oh, heilig's Muttergottesle, wende von uns Feuer- und Wassersnot, Verkältungen und sonstige Pestilenzen! – Aber schauen's, gnädige Frau, schauen's, wie unser Junker Robertle, wollte sagen unser junger gnädiger Herr Rittmeister, stolz auf dem Gaul sitzt! Das ist ein stolzer Herr, ein guldiger Herr, 's gibt keinen tölleren Feger, soweit man kochen tut! Aber sagt' ich's nicht immer? Schauen's, Hochwürden, sagt' ich zu unserem Hairle, als der gnädige Herr Rittmeister noch der Junker Robertle war, ich, die alte Urschel, sagt' es, der Junker Robertle, sagt' ich, der wird mal einer, um den alle die fürnehmen Frauensgezimmer den Rabbel kriegen werden. Se. Hochwürden hat mich freilich derohalben abgekanzelt. ›Still,‹ hat er gesagt, ›still mit solchem Gänsegeschnatter, Ihr altes Besteck!‹ Ja, wahrhaftig, ein Besteck hat er mich geheißen. Aber Recht muß doch Recht bleiben. Ich, die alte Urschel, das alte Besteck, wie unser Hairle sagte – ja, er kann manchmal recht brummig sein, wenn ich mit Kehrbesen und Abstaublappen hinter seine Bücher und Skripturen hergerate – ja, also, hm, was wollt' ich sagen? Richtig, daß ich recht wohl voraussah, was aus dem Junker Robertle für ein Mordsapperment von Rittmeister werden würde. Möcht' wissen, warum die fürnehmen Frauensgezimmer um den nicht rabbelig werden sollten. Schauen's, schauen's, wie er all die Mannen Mores lehren tut! Der kann's, der versteht's, der geht ins Zeug, der zeigt den Kerlen, wo Barthel den Most holt. Schauen's, wie der Herr Oberförster und der Herr Oberrentner, die sonst, wenn's nur z' machen war', vor Fürnehmigkeit auf den Köpfen gehen möchten, um sich von andern Christenmenschen zu unterscheiden, laufen und rennen, wenn er ihnen mit den Augen winkt. Ach, Herrje und Herr Jeremle, man sieht's ihm ordentlich an, daß er schon im Feuer gestanden und dort hinten drüben im Welschland Battaligen mitgemacht hat.« Die Gräfin ließ diesen Strom von Geschwätz unbeachtet an ihrem Ohre vorbeifließen – oder auch nicht – und hing unverwandten Blickes an der Gestalt Roberts. Sie dachte nicht entfernt daran, daß sie selbst der Gegenstand einer Beobachtung war. Der Müller Veit hatte sich auf der Brandstätte eingefunden und in eine der Reihen gestellt, welche die Feuereimer vom See herausförderten. Er stand so, daß er die Gräfin deutlich sehen konnte, und als er der Richtung ihres Blickes folgte und den Ausdruck ihrer Augen wahrnahm, umzog ein häßliches Lächeln seine schmalen Lippen. Im nächsten Augenblicke aber fuhr er mit einem rohen Fluch aus der Reihe. Ein voller Eimer war ihm von rückwärts über den Kopf gegossen worden. Es ist ein bei Feuersbrünsten oft vorkommender Brauch, in dieser Manier Leuten, die sich der öffentlichen Achtung nicht erfreuen, einen kleinen Tort anzutun. Man hatte aber keine Zeit, diese ländlich-sittliche Episode zu beobachten. Denn unter den im Pfarrgarten zusammengedrängten Weibern erhob sich plötzlich ein heftiger Tumult, man hörte halberstickte Fragen und Ausrufungen und gleich darauf brach sich eine Frau in mittleren Jahren Bahn nach der Straße und stürzte, die Arme über dem Kopfe zusammenschlagend, in den Kreis der Löschmannschaft, aus der keuchenden Brust den Angstruf hervorstoßend: »Herr Jesus, mein Konrädle! Wo ist mein Konrädle?« Es war die Lulebäuerin, welche unter der Kinderschar, die man in der unteren Stube des Pfarrhauses untergebracht, jetzt erst ihren jüngsten, dreijährigen Knaben vermißt und auf keine Frage nach demselben eine befriedigende Antwort erhalten hatte. Der Lulebauer selbst hatte sich, nachdem er Bettzeug und andere Fahrhabe nach der Kirche gebracht und auch sein Vieh gerettet wußte, von dem Oberrentner nicht ungern nach der Rentei verschicken lassen. Er mochte die Schleifung seines Hauses nicht mit ansehen. Seine Kinder glaubte er alle bei der Mutter im Pfarrhause. Aber das Konrädle war doch vergessen worden im Schrecken des Brandes und in der Verwirrung des Flüchtens der Habe. Die vor Angst halb wahnsinnige Mutter stürzte auf Robert zu, als sagte ihr ein mütterlicher Instinkt, daß von der Energie des jungen Mannes am meisten zu erwarten sei. »O, Junker Robert«, schrie sie, »mein kleiner Bub', mein Konrädle!« Ihr Geschrei zog mehrere Männer herbei, aber Robert wies die Neugierigen streng zurück auf ihre Posten. Dann sprang er vom Pferde, faßte die Bäuerin am Arm und richtete geflügelte Fragen an sie. »Hinter der Kuchen, Junker Robert«, erwiderte sie; »in meines Bauers und meiner Kammer, rechter Hand auf dem Gange, hart hinter der Kuchen – die dritte – nein, die vierte Türe – rechter Hand um die Ecke – ach, Herrgöttle, mein Bub', mein Konrädle!« Robert hatte genug gehört. Er faßte mit scharfem Blick das Haus ins Auge. Das Obergeschoß brannte hellauf, das Sparrwerk des Daches war den Griffen der Feuerhaken erlegen. Nur zwei Kreuzbalken desselben, grade über der Türe, hielten sich halb verkohlt noch aufrecht. »Laßt die Arbeit mit den Haken eine Minute rasten, ihr Männer!« rief der junge Mann. »Was willst du tun?« fragte der Pfarrer besorgt herbeieilend. »Still!« gab Robert zurück. »Da hängt alles an einem Augenblick. Weg mit den Haken, weg!« Und alle Elastizität seiner Muskulatur aufbietend, sprang er mit einem gewaltigen Satz über die rauchenden Trümmer hinweg, die sich vor der Türe des Hauses aufgetürmt, und verschwand in der Öffnung, aus welcher schwarzer Qualm wirbelte. Ein furchtbarer Schrei des Schreckens schnitt von den Fenstern des Pfarrhauses her durch das Getöse. Die sämtliche Löschmannschaft sprang tumultuarisch durcheinander. »Zurück, ihr Männer!« schrie der Pfarrer, seine wahnsinnige Angst bändigend. »Zurück an die Spritze! Mit dem Braven ist Gott!« Eine Sekunde tödlicher Spannung – eine zweite, dritte, vierte – die zwei Sparren ob der Türe schütterten, neigten sich, stürzten mit Gekrach auf das brennende Obergeschoß, daß weitumher die Funken und Flammen stoben. Und drinnen in dem brennenden Hause ein erstickter Ruf und dann Laute wie gellendes Kinderweinen. Und draußen atemloses Lauschen, daß man den rauschenden Odem des Feuers gehen hörte – und dann ein Jubelschrei, aus hundert Kehlen zumal hervorbrechend. Denn in der qualmenden Türöffnung erschien der Retter, nach Luft schnappend, mit versengten Kleidern, versengtem Haar und Bart, an der Stirne blutend, aber den Knaben fest im rechten Arm. Hundert Hände streckten sich ihm entgegen, doch allen voran war die Mutter, die ihr gerettetes Kind entzückt in ihre Arme riß. In dem Augenblick, wo er es ihr darreichte, stürzte von oben herab ein brennendes Balkenstück und streifte heftig die linke Schulter Roberts. Er wankte. Im Nu war der Pfarrer an seiner Seite. »An mein Herz, wackerer Junge!« rief er mit vor Rührung bebender Stimme. »Das ist mehr als ein Feldzug. Aber, mein Gott – rennt nach dem Arzt, schnell, schnell!« »Es ist nichts«, sagte Robert matt und versuchte sich aufzurichten, während ihn die weinenden Frauen nach dem Pfarrhause trugen. »Gewiß, es hat nichts zu bedeuten. Sagt der Gräfin –« »Ich bin da, Robert«, sagte die bebende Stimme Theklas hinter ihm. Er wandte den Kopf und sah ihr in das bleiche, von Schrecken, Angst und Freude bewegte Antlitz. »Dank, Dank!« murmelte er, aber dann verließen ihn seine Kräfte, und bewußtlos sank er in die Arme des Pfarrers. 10. Wie Bruder und Schwester. Einige Wochen waren seit jenem Abend hingegangen. Der Pfarrer traf bei seinem allabendlichen Besuch im Schlosse unter dem Hoftor mit dem weggehenden Arzt zusammen. »Nun, Doktor«, fragte der alte Herr, »wie geht es unserem Patienten?« »Ganz vortrefflich, Hochwürden«, lautete die Antwort. »Versichere Ihnen, eine so wunderbar rasche Genesung von solchen Brandwunden, Quetschungen und was damit zusammenhängt, ist mir noch nie vorgekommen. Mit des Lulebauers Konrädle geht es nicht so schnell, obwohl der Bub weniger gelitten hatte als sein hochherziger Retter. Nur im Verein mit verständiger und zarter Pflege kann die Medizin Wunder tun. Es ist von ungeheurer Wichtigkeit, was für eine Hand dem Kranken das Kopfkissen zurechtlegt und ihm die Arznei reicht. Die gnädige Frau hat sich wie ein Engel benommen.« »Das hat sie. Gott segne sie! Die umsichtige und edelmütige Art, mit welcher sie den Wünschen des Kranken in Beziehung auf die Linderung des Brandschadens der Gemeinde zuvorkam, hat wesentlich mitgewirkt, Roberts Stimmung zu heben. An seinem Schmerzenslager hat sie sich mit der liebevollen Sorgfalt und Aufopferung einer Schwester benommen. Daß mein ehemaliger Zögling eine solche nicht hatte, hat er mir oft geklagt. Jetzt ist diese Lücke in seinem Leben ausgefüllt und das freut mich herzlich. Ich gestehe Ihnen, Doktor, ich war nicht ganz ohne Sorge, wie der junge Mann das an und für sich doch immer unerquickliche Verhältnis zu einer Stiefmutter nehmen würde. Sie wissen, sein Charakter ist nicht ohne Schroffheit, und ihrerseits hält die Gräfin auf ihre Würde. Nun hat sich alles besser gestaltet, als ich zu hoffen wagte, denn die jungen Leute haben erkannt, daß in ihrem Alter und in ihrer Stellung ein geschwisterliches Verhältnis das klügste zugleich und schönste sei.« »Das klügste und schönste, ja wohl,« dachte der scharfblickende und erfahrene Arzt, »ob aber auch ein haltbares, bleibendes?« Er sprach diesen Zweifel nicht aus, aber es fiel dem arglosen Frieding doch auf, daß sein Freund mit der Antwort zögerte. »Sie scheinen nicht mit mir einverstanden zu sein, Doktor?« bemerkte er fragend. »Gott behüte, warum denn nicht? Wie Sie und alle Freunde der gräflichen Familie, kann es auch mich nur freuen, daß die jungen Herrschaften mit richtigem Takte das allein Passende und Ersprießliche gewählt.« Dem Pfarrer genügte diese Antwort nicht ganz, aber er hielt ein näheres Eintreten in die Sache nicht für geeignet und sagte daher ablenkend: »Das Konrädle ist doch ebenfalls außer Gefahr?« »Freilich. Hätte seine Mutter meine Anordnungen buchstäblicher befolgt, der Bub liefe jetzt schon wieder auf der Gasse herum. Aber die Bauersleute wollen sich schlechterdings nicht von dem Glauben abbringen lassen, der Arzt müsse hexen können. Weil ich das nicht konnte, lief die Lulebäurin, wie ich erfuhr, in den Steinbock, wo mein Knall und Fall aus Amerika heimgekehrter Vorgänger sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, und verlangte von diesem ein wundertuendes Rezept.« »Wirklich? Ja, Doktor, nehmen Sie sich in acht. Der Twerenbold hatte hier herum früher einen großen Ruf. Wenn er Ihnen Konkurrenz machte –« »O, damit hat es gute Wege,« versetzte der Doktor lachend. »Herr Twerenbold sagte der Lulebäurin barsch, er gebe sich mit solchen Lumpereien, wie Rezepteschreiben und Pflasterschmieren, schon lange nicht mehr ab, maßen er sich ausschließlich auf die edle Bummelei verlegt habe.« »Ja, er war immer ein Bummler, wenn nicht Schlimmeres. Er scheint übrigens in der neuen Welt sein Glück gemacht zu haben. Wenigstens hat mir die alte Urschel ungeheuerliche Dinge von den Goldklumpen erzählt, welche der Mann mitgebracht hätte, aus Kalifonium, wie sie sagte.« »Er macht sich, höre ich, den Spaß, den Bauern in der Schenke die abenteuerlichsten Dinge über Amerika aufzuheften, und hat sie durch Vorzeigen von ein paar Händevoll kalifornischer Goldquarze halb toll gemacht. Übrigens lebt er wie ein flotter Bummler und scheint es zu können, denn er soll die Taschen immer voll guter klingender Zwanziger haben und die sind, wie Sie wissen, dermalen hierzulande sonst rar genug.« »Ich wollte, er ginge damit hin, wo der Pfeffer wächst. Es tut nicht gut, so einen zynischen Müßiggänger, der was draufgehen lassen kann, in der Gemeinde zu haben. Bereits sind ein paar Leute zu mir gekommen, um mir zu sagen, sie hätten wohl Lust, auch in das Land auszuwandern, wo es in den Flußbetten Goldklumpen statt Kiesel gäbe. Ich las den Kerlen tüchtig die Leviten und sagte ihnen, wenn sie daheim so schafften, wie sie dort schaffen müßten, würden sie und ihre Kinder auch hier ihr Auskommen finden. Nächsten Sonntag werde ich über dieses Amerikafieber eine energische Predigt halten, um dem weiteren Umsichgreifen desselben vorzubeugen. Übrigens ist es schade um den Twerenbold. Ich traf ihn gestern bei der Traumlore drüben, die mir wieder ein prächtiges Bruchstück von einem uralten mythologischen Volkslied mitgeteilt hat. Er hat sich wunderliche amerikanische Manieren und Redensarten beigelegt, benahm sich aber gegen mich ganz manierlich, das muß ich sagen, und hat mir merkwürdige Dinge in betreff der religiösen Vorstellungen der nordamerikanischen Indianer erzählt. Der Mann hat viel gesehen und weiß viel. Ich erinnere mich, daß er mit den glänzendsten Zeugnissen von Professoren und Examinatoren von der Universität nach Hause kam und in den ersten Jahren, als er hier seinen Beruf ausübte, vom regsten wissenschaftlichen Streben beseelt war. Namentlich trieb er Botanik und Chemie mit größtem Eifer und schönstem Erfolg. Autoritäten dieser Wissenschaften gaben ihm das Zeugnis, daß er in beiden nicht unwichtige Findungen gemacht habe.« »Dann ist es in der Tat schade um ihn. Aber was hat denn die Laufbahn des Mannes so gestört? Ich hörte von einem Verhältnis zu der Traumlore munkeln.« »Ja, es ist eine trübselige Geschichte. Ich will sie Ihnen einmal an einem passenden Orte erzählen.« »Gut, ich werde Sie an Ihr Versprechen erinnern. Jetzt hätte ich ohnehin nicht Zeit, denn ich muß noch nach Lerchenau hinaufreiten. Guten Abend, und prägen Sie der gnädigen Frau ein, daß sie dem Rekonvaleszenten unter keiner Bedingung gestatte, morgen schon auszufahren. Er hat zwar eine der besten Konstitutionen, die mir je vorgekommen, aber Rückfälle sind immer bedenklich und Vorsicht schadet nie. Apropos,« fügte der Doktor, noch einmal zurückkommend, hinzu, »ich habe dem Herrn Rittmeister gesagt, daß ich es für passend hielte, wenn er nach Verfluß einiger Wochen in ein geeignetes Bad ginge. Er wollte aber nichts davon hören. Da werde ich Sie zu Hilfe rufen müssen, hochwürdiger Freund, um meine Absicht durchzusetzen. Sie sind ja hier doch noch für lange die erste Autorität, denn es sind heute von dem Herrn Grafen Briefe gekommen, worin er mitteilt, da Roberts hyperphilanthropisches Abenteuer noch so gut abgelaufen, würde er sich mit der Rückkehr nicht sehr beeilen und möchte dieselbe wohl erst im Spätherbste stattfinden.« Der Pfarrer fand den Genesenden in einem Lehnstuhl am offenen Fenster, denn er hatte schon seit einigen Tagen das Bett verlassen, und wenn auch seine Wangen und Lippen noch blaß waren und seine Stirne noch einen Verband trug, so zeigte doch seine ganze Haltung, daß seine gute Natur einen raschen und entschiedenen Sieg über das Siechtum davongetragen. Vor ihm stand ein kleiner Tisch, der mit Büchern, Broschüren und Journalen bedeckt war und an dessen anderer Seite die Gräfin saß, einen schmalen Band in der Hand, aus welchem sie dem Rekonvaleszenten soeben vorgelesen zu haben schien. Die Art und Weise, wie alles und jedes in dem Junggesellenzimmer geordnet war, verriet, daß hier in letzter Zeit eine sorgliche Frauenhand gewaltet habe. Während Robert seinem Lehrer mit heiterem Gruße die Hand entgegenstreckte, sagte die Gräfin: »Gut, daß Sie kommen, lieber Freund. Sie können gerade den Schiedsrichter zwischen uns machen. Robert hat wieder eine seiner pessimistischen Anwandlungen.« »Da werden Sie schön ankommen, Thekla,« bemerkte der junge Mann lachend. »Meine Ansicht ist Wasser auf unseres Freundes Mühle.« »Was ist denn eigentlich los?« fragte der Pfarrer, mit Behagen den weichen Lehnsessel einnehmend, welchen die Gräfin ihm an den Tisch geschoben. »Hören Sie nur,« sagte sie. »Wir sprachen über unsere neueste Literatur, und Robert wollte nicht anerkennen, daß doch da und dort in derselben eine bedeutendere Erscheinung aufgetaucht sei. Er wirft so ziemlich alles in einen Tiegel, nennt es Epigonenflickwerk, jämmerliche Nachleierung und spricht von der Poesie der Gegenwart, als von Buchbinderpoesie.« »Buchbinderpoesie! Was ist denn das für ein schnurriger Ausdruck?« fragte der Pfarrer. »Ich fand ihn dieser Tage in einem neugegründeten Journal, in einem Aufsatz über die deutschen Schwindel der Gegenwart. Der Erfinder dieses Ausdrucks hat sicherlich den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er sagt, der beste, das heißt der gefeiertste Poet sei heutzutage der, welcher den besten Buchbinder habe. Der Dichterruhm von jetzt beruht auf Einbänden von gepreßter Leinwand mit Goldschnitt und mit Goldvignetten, nicht zu vergessen das Miniaturformat, das chinesische Velin und die Perlschrift. Nun, der Ruhm wird auch gerade so lange dauern als diese niedlichen Herrlichkeiten. Zu allen Zeiten hat man mit der Form ein Raffinement getrieben, wenn man mit dem Geist zu Ende war, und Gott verzeihe es unseren Romantikern, daß sie durch ihren Vorgang einen solchen Nachwuchs möglich machten.« »Schilt mir die Romantiker nicht, Robert,« entgegnete der Pfarrer. »War nicht Tiecks Märchendichtung hold und schön?« »Gewiß, und es fällt mir auch gar nicht ein, im ganzen und großen unsere alten Romantiker zu tadeln. Ich, der ich die nationale Idee vor allem hochhalte, anerkenne dankbar, daß, wie Sie unlängst mit Recht bemerkten, die Romantik zur Wiederbelebung und Stärkung derselben vieles getan hat.« »Wohl, und vieles auch zur Ehre der deutschen Dichtung als solcher. Und wenn die Romantik uns auch nur den einen Uhland gegeben, wir müßten sie preisen. Seine Poesie war doch die letzte, welche alle Klassen der Nation gleichmäßig zu erfreuen vermochte.« »Den vollsten Kranz, welchen unsere Zeit bieten kann, um seine Stirne! Meine freundliche Wärterin hat mir in diesen Tagen die herrliche Romanze vom Bertran de Born vorgelesen, und wie haben wir uns mitsammen daran erbaut! Das ist Poesie.« »Es ist mir«, bemerkte die Gräfin, »mit diesem wunderbaren Gedicht recht sonderbar ergangen. Ich kannte es von früher her, wie man eben in den Backfischjahren Dichtungen kennen lernt, das heißt, ich hielt es nicht eben für etwas Besonderes. Erst als ich beim Vorlesen darauf zu achten hatte, den Sinn des Dichters zu treffen und auszudrücken, ist er mir selber recht klar geworden. Welche Fülle von Schönheit in diesen wenigen Strophen! Wie ist hier ein großer Gedanke so voll und ganz in die sinnliche Erscheinung getreten! Die souveräne Macht des Genius über das Leben, die Magie der Prosa gegenüber der Prosa der gesellschaftlichen Verhältnisse, nie ist das so einfach und schön zugleich dargelegt worden.« Die edle Wärme, womit die junge Frau sprach, berührte wohltuend die beiden Männer. »Der Dichter des Bertran de Born,« sagte Robert, »ist nicht nur ein Dichter, er war auch jeder Zeit ein Mann, das, was ich einen Helden nenne, eine in sich einige und durchaus wahre Natur, ein Bürgercharakter voll Ritterlichkeit, ein Mensch ohne Falsch.« »Gib mir deine Hand, mein Junge,« versetzte der Pfarrer lebhaft. »Ich sehe, es ist noch Feuer in dir.« »Ja,« fuhr Robert fort, »ich liebe Uhland – wer auch sollte ihn nicht lieben? Er hat uns das, was in unserer Vorzeit wirklich edel, groß und schön war, als echter Dichterkünstler ohne Affektation, ohne unreine Nebenabsichten wieder nahegebracht, gleichweit entfernt von der blinden Verdammung wie von der blinden Vergötterung des Mittelalters. Außerdem gab er in unserer verflachten, verschwommenen, verblasenen Zeit das unschätzbare Beispiel von männlicher Würde und Konsequenz. Endlich, und auch das muß ihm hoch angerechnet werden, verstand er zu schweigen. Der müßige Lesepöbel hat es an ihm getadelt, daß er nicht noch ein paar weitere Bände von Liedern und Romanzen geliefert habe, aber Uhland fühlte, daß für einmal genug gesagt und gesungen sei, daß es für die Deutschen an der Zeit, zu anderen Zielen als bloß literarischen vorzuschreiten.« »Aha, du hast den Gervinus gelesen und seine Ansicht über die Literatur der Gegenwart adoptiert.« »Und wenn es so wäre? Ich meine, man wird dem berühmten Literarhistoriker in vielem beistimmen müssen. Wer kann es sich, wenn er aufrichtig sein will, verhehlen, daß die wirklich produktive Kraft unserer Literatur sich erschöpft hat? Kein Verständiger wird die elegante Buchbinderei dort in dem Paket für Poesie halten, aber auch das Beste, was unter den neuesten literarischen Erscheinungen über das Niveau modischer Eintagsfliegenschaft hinwegragt, kann eine gewisse Greisenhaftigkeit nicht verleugnen.« »Und ist das auch etwas Greisenhaftes?« warf der Pfarrer ein, indem er auf die ersten Hefte des deutschen Wörterbuchs von den Gebrüdern Grimm deutete, welche ebenfalls auf dem Tische lagen. »Sieh, lieber Robert, das ist freilich nur ein Buch, wenn du willst, aber ein Buch, das für vieles trösten kann, was uns neuestens gekränkt und geschmerzt hat. Ein Volk kann nicht zukunftslos sein, in welchem es noch Männer gibt, die zur Ehre ihres Landes eine solche Riesenarbeit unternehmen und durchführen. Ist sie vollendet, so wird ein Denkmal dastehen, würdig der besten, welche der deutsche Geist sich errichtet hat. Und merke wohl, mit Privatkräften ist dieses Riesenwerk, den Schatz unserer reichen, edlen, ureigenen Sprache zu sammeln, zu sichten und zu ordnen, unternommen. Keine zu den Füßen eines vierzehnten Ludwig in Devotion ersterbende, auf Staatskosten arbeitende Akademie schafft es auf bequem mechanischem Wege, nein, zwei simple Gelehrte, reich schon an Mühen und Verdiensten um Deutschland, opfern die Ruhe ihres Alters hin, um der Mit- und Nachwelt ein Werk zu geben, mit welchem sich ähnliche anderer Nationen nicht im entferntesten messen können. Das ist ein neuer Triumph der Kraft, welche im deutschen Individualismus lebt.« »Ach ja, unser Individualismus! Das ist ja eben der große deutsche Jammer. Nicht, wenn er Werke unternimmt, wie das der Grimm – Ehre ihm dann! – wohl aber dann, wann er sich zum Grundmotiv des ganzen geschichtlichen Daseins unseres Volkes machen will.« »Aber warum das ungerechterweise auf unsere Landsleute allein anwenden, lieber Robert?« bemerkte die Gräfin. »Trifft der Vorwurf, welchen Sie soeben ausgesprochen haben, nicht vielmehr unsere Zeit überhaupt? Ich habe in den langen Winterabenden zu manchem Mittel gegriffen, um die Langeweile von mir abzuhalten, und da fand ich bei meinem Hin- und Herblättern in alten und neuen Büchern in einer Schrift des großen Bacon den Satz, daß in der Jugend eines Staates die Waffen blühen, im mittleren Alter desselben die Wissenschaften, dann eine Zeitlang beide zusammen, im abnehmenden Alter aber die mechanischen Künste und der Handel. Sollte dieses Axiom nicht auf das ganze zivilisierte Europa Anwendung finden und daraus die herrschende Zeitstimmung sich erklären lassen?« »Vielleicht, gnädige Frau,« versetzte Frieding, »vielleicht und leider, denn als letzte Konsequenz müßte sich daraus ergeben, daß die recht haben, welche sich zu dem finsteren Glauben bekennen, unsere ganze Zivilisation sei bestimmt, und zwar ganz nach ihrem Werte bestimmt, durch den Hereinbruch einer neuen Barbarei zu Boden getreten, vernichtet, weggeschwemmt zu werden.« Der Pfarrer verließ erst spät am Abend das Schloß. Er ging heiter und befriedigt. »Sie sind mitsammen wie Bruder und Schwester,« sprach er auf seinem Heimweg durch den Park bei sich, »ja wie Bruder und Schwester. Ich sah wohl den bedenklichen Zug in der Miene des Doktors, aber diese Mediziner sind bekanntlich die allerkrassesten Materialisten. Die Gräfin übt auf Robert augenscheinlich den heilsamsten Einfluß. Sie wird ihm die Verdrossenheit, das Unbehagen an den Menschen und Dingen der Gegenwart nach und nach schon vollends vertreiben und seinen Tätigkeitstrieb auf würdige Ziele lenken. Man muß ihr dankbar sein – sie ist ein herziges Geschöpf. Gott sei Dank, es ist ein schönes geschwisterliches Verhältnis zwischen ihr und ihm.« 11. In einem Hohlweg. »Und wer ist denn der Mensch eigentlich?« Als die Gräfin diese Frage an Robert richtete, ritt sie ihm zur Seite durch einen weiten Forst, welcher von der Markung der Gemeinde Guggisried bis nahe an die Hügel heraufzieht, die gegen Osten hin den gräflichen Park begrenzen. Guggisried selber liegt weit oben am See. Die eirunde Bucht, in welcher sich die Häuser des Dorfes spiegeln, bildet so ziemlich den östlichsten Ausläufer des schönen Wasserbeckens. Unmittelbar hinter dem Dorfe steigen die weithin gedehnten Gehänge des gewaltigen Guggishorn an, erst sanft geneigte Triften, wechselnd mit Bergtannengruppen, dann baumlose Alpenweideplätze, höher hinauf Granit und zuletzt Schneefelder und von ewigem Eis beglaste Abstürze. Auf so einem Berge hat vieles Raum: Herden von Kühen und Ziegen und Schafen und das muntere Volk der Sennen. Vor acht Tagen hatten die Guggisrieder mit ihrem Vieh die Bergfahrt gehalten und jetzt war droben in den Sennhütten das Buttern und Käsen bereits in vollem Gange. Heute jedoch hatte die Arbeit gerastet. Es war ein Feiertag, des heiligen Medardus Tag, welchen die Hirten vom Guggishorn mit großer Gewissenhaftigkeit feierten als den eines ihren Herden wohlgeneigten Schutzpatrons, welcher der lokalen Legende zufolge namentlich bei der Käserei nie umsonst angerufen würde. Im Hintergrunde des sogenannten Seebodens steht die Kapelle des Heiligen, eingebuchtet von bizarr geformten Felskegeln. Dort springt aus einer tiefen Kluft hervor mit lautem Rauschen ein köstlicher Quell, dessen Wasser das Hirtenvolk wunderbare Heilkräfte zuschreibt. Die sanftgeneigte Matte, durch welche hin der reiche Abfluß des Medardusbrunnen talwärts geht, ist von uralters her der Sammelplatz der Guggisrieder und ihrer Nachbarn am Medardustag. Dahin kommen die drallen Mädchen der umliegenden Dörfer in ihrer kleidsamen Sonntagstracht und werden von den jungen Sennen empfangen, die heute ihr reinstes Hirtenhemd und ihre besten Lederhosen anhaben, nicht zu vergessen die breiten grünen Hosenträger und den noch breiteren Leibgurt, welchen den Winter über jedem sein Madel gestickt. Vormittags hält der Pfarrer von Guggisried in der Kapelle Predigt und Messe, und dann treten die Gemeindeältesten in einen Kreis zusammen, um eine Art Schiedsgericht über Weidestreitigkeiten, Holzungsberechtigungen und andere Sennereisachen zu halten. Dann werden auf der Matte die üblichen Hirtenspiele in Gang gesetzt und zeigen die jungen Bursche im Wettlaufen, Steinwerfen, Steinstoßen, Springen, Ringen und Schwingen ihre Kraft und Gelenkigkeit. Inzwischen haben sich auch wohl ein Paar Musikanten eingefunden, und es wird auf dem grünen Rasen getanzt, daß die Mieder wallen und die Röcke fliegen. Bis in die Nacht hinein hört man in den Bergen den Widerhall vom Singen und Jodeln und Juheien der fröhlichen Jugend. Ein alter Graf von Wippoltstein hatte seinen Nachkommen die Verpflichtung auferlegt, den Siegern in den Hirtenspielen am Medardustag Preise von je einem bis zu drei Dukaten auszuteilen oder austeilen zu lassen. Das hatte Frieding, welcher sich die Erhaltung alter Bräuche sehr angelegen sein ließ, dem wiederhergestellten Robert gestern in Erinnerung gebracht und hatte die Gräfin lebhaft ausgerufen: »Da wollen wir selber hin, und Robert mag den Siegern in diesen olympischen Spielen statt Olivenkränzen gutgeränderte Dukaten zuteilen.« So waren die beiden in der Morgenfrühe nach Guggisried hinübergeritten und von da auf den Seeboden gegangen und hatten in heiterster Stimmung das Hirtenfest mitgemacht. Die Gräfin hatte in bester Manier von der Welt sich dareingefunden, die Austeilerin der Preise zu machen, und als Robert seine Börse auf den über ihre Knie gebreiteten Schal ausschüttete, da waren ihre schönen Hände im Spenden nicht karg gewesen. Die Sennen wünschten sich nie eine andere Siegesgöttin, um so mehr, da Thekla es mit den Bestimmungen des Ahnherrn nicht sehr genau genommen und es so einzurichten gewußt hatte, daß nicht gerade nur die besten Renner und Springer, Steinstoßer und Schwinger, sondern so ziemlich alle, welche ihre Geschicklichkeit und Stärke versucht, etwas von dem gelben Metall in die Tasche kriegten. Freilich, dort sollte seines Verbleibens nicht lange sein. Denn seit die Stiftung des Grafen bestand, hatte sich wie von selbst daran der Brauch gefügt, daß die bekrönten oder vielmehr bedukateten Burschen die goldenen Dinger ihren Mädeln verehrten, an deren Miedern sie, die Dukaten nämlich, womöglich schon am nächsten Sonntag als »Anhenker« baumelten. Es war in der ganzen Gegend der Stolz der Mädchen, solche Anhenker zu tragen. Die Freigebigkeit der Gräfin hatte heute diesem Stolze mächtig Genüge getan und dafür eine beträchtliche Summe blanker Popularität eingetauscht. Man hatte sich die »stolze«, »leutscheue« gnädige Frau doch ganz anders vorgestellt. »Das war ja 'ne recht tolle und gemeine Herrschaft, Sipperment! Was die für 'ne freisame Ansprache hat und was für Guckerl im Kopf, potz Herrgöttles Donner!« hatte der lange Sepper von der Modereck-Alm drüben gemeint, und der lange Sepper war einer der Hauptmacher der öffentlichen Meinung im Gebirge. Auch Robert, der sich mit unbefangener Munterkeit unter dem Hirtenvolk umherbewegte, hatte sein reichliches Teil von Lob abbekommen. Als die Musikanten aufzublasen anfingen, war er mit des Kirchenbauers Vreneli aus Guggisried zum Steirer angetreten, während die Gräfin mit dem kraushaarigen Xaverie-Patriz von der Scheideck tanzte. Dann hatten sie von den fröhlichen Leuten Abschied genommen, um noch bei guter Zeit drunten im Dorfe die Pferde zu besteigen. Als sie mitsammen den Berg hinabgingen, hatte das Vreneli dem Xaverie-Patriz, der eigentlich sein Schatz war, zugewispert, daß die schöne junge gnädige Frau nicht dem Junker gehörte, sondern dem alten Grafen mit den »ausgestopften« Waden und der »verflixten schwarzen Parrucken«, und das sei doch jammerschade. Die Abendsonne warf rote Lichter durch die Wipfel der Tannen und Buchen des Schwadriforstes, durch welchen die beiden heimwärts ritten. Im Dickicht schlug die Amsel, fernab in den schattigen Gründen rief der Kuckuck und eine duftige Kühle wehte die Wangen der Heimkehrenden an. Sie ließen die Pferde ihren gemächlichen Schritt gehen: es deuchte sie gar schön, so mitsammen durch den stillen Wald zu reiten. Robert schwieg sinnend. Vielleicht regte sich in ihm der Wunsch, der Forst möchte nie zu Ende gehen. Man hat manchmal so seltsame Wünsche. Die Gräfin war gesprächiger. »Das war ein heiterer Tag,« hatte sie gesagt. »Ich habe mich königlich amüsiert und nur bedauert, daß Ihre fröhliche Stimmung beeinträchtigt wurde durch die Zudringlichkeit des Menschen mit der schnakischen Redeweise.« »Unser Freund Frieding,« versetzte Robert, »würde sagen, daß eine kleine Dissonanz nichts schade.« »Und er hätte recht, lieber Robert. Ich wenigstens habe mich über die Anwesenheit des Mannes nicht zu ärgern vermocht. Es ist wahr, seine Glossen über das alte und junge Volk, über die Spiele und Tänze, über die Predigt des Pfarrers und die Verhandlungen der Gemeindevorsteher klangen recht boshaft höhnisch, aber sie wurden mit einem gewissen Humor vorgebracht, und ich gestehe ganz offen, die Einkleidung seiner mephistophelischen Sarkasmen in barocke Amerikanismen hat mich höchlich ergötzt.« »Er hat sich an Sie nicht so direkt gewendet wie an mich, Thekla. Sie konnten daher auch nicht deutlich wahrnehmen, was für eine Atmosphäre von Gemeinheit der Mann um sich verbreitete. Die Pest über seine Zudringlichkeit! Aber er wird sich dieselbe wohl vergehen lassen, denn ich habe ihn tüchtig abfahren lassen, wie man zu sagen pflegt.« »Ich wünschte, Sie wären etwas weniger schroff gegen ihn verfahren.« »Warum?« »Ich sah, daß er Ihnen, als Sie ihm den Rücken gewandt, einen bösen Blick nachwarf.« »Bah!« »Aber sagen Sie mir, wer ist denn der Mensch eigentlich?« »Er heißt Twerenbold und war vormals Arzt zu Wippoltstein. Ich kann mich seiner noch aus meiner Kindheit erinnern, aber nur dunkel. Sie wissen, ich wurde von meinem guten Oheim Kuno wie ein eigenes Kind aufgenommen und gepflegt, während mein Vater im Auslande seine diplomatische Laufbahn verfolgte. So verbrachte ich meine früheste Kindheit im Schlosse Wippoltstein, unzertrennlich von meinem Vetter und Altersgenossen Rudolf, dem einzigen Sprößling meines trefflichen Oheims. Der arme Junge, der so früh sterben mußte! Noch steht er vor mir mit den großen blauen Augen und dem blassen, leidenden Gesichtchen. Sein Tod war der erste Schmerz meines Lebens. Er, hatte mich so lieb gehabt und ich ihn. Wir hatten beide keine Mutter, außerdem vereinigte uns das Band einer instinktmäßigen Furcht vor unserer Wärterin, der Lore, welche man jetzt die Traumlore nennt.« »Wie, dieses Weib war Ihre und Ihres Vetters Wärterin? Man spricht Seltsames von ihr.« »Daß sie zaubern könne, nicht wahr? Nun wohl, vorzeiten konnte sie das nicht, denn sie vermochte weder meinem Vetter noch mir die Abneigung zu vertreiben, welche wir gegen sie empfanden.« »Deshalb also lehnten Sie es ab, gemeinschaftlich mit dem Pfarrer und mir die Einsiedelei zu besuchen, deren Bewohnerin so viele alte Lieder und Sagen kennt? Aber was hat Ihnen denn die Traumlore getan?« »Nichts. Aber es gibt nun einmal nicht nur physische, sondern auch moralische Idiosynkrasien. Die Lore hatte eine große Autorität im Schlosse, als nach dem Tode meines Oheims mein Vater die Vormundschaft über seinen Neffen angetreten hatte. Ich weiß nicht, wie das kam, und will es nicht untersuchen. Rudolf und ich fürchteten sie – sie konnte einen mit furchtbaren Blicken ansehen. Ich erinnere mich, eines Tages war ich in ihre Stube gekommen und sah da über ihrem Bette einen aus Stroh geflochtenen Kranz befestigt. Was ist denn das, Lore? fragte ich mit kindischer Neugier. Das ist mein Ehrenkranz, du süßes Jüngelchen, gab sie zur Antwort und sah mich dabei mit einem ihrer teuflischen Blicke an, daß ich entsetzt davonsprang. Später, als ich dem trefflichen Frieding zur Erziehung übergeben wurde, verließ die Lore das Schloß, und seither hat sie in der Einsiedelei an dem wilden und einsamen Seeufer drüben gelebt. Auch gegen den Doktor Twerenbold, der viel im Schlosse aus und ein ging, hatte ich eine Idiosynkrasie – ja, und da fällt mir auch ein, warum. Mein Vetter Rudolf war etwa zwei Jahre jünger als ich. Er mochte vier, ich sechs Jahre alt sein, als er plötzlich von einer schweren Krankheit befallen wurde. Ich wich nicht von seinem Bette. Der Kranke schien eine große Furcht vor dem Doktor Twerenbold zu haben. Ich kann mich deutlich erinnern, daß mir Rudolf damals einmal ängstlich und heimlich sagte, der Doktor habe ihm wehe getan, o, sehr wehe. Von da an konnte ich den Twerenbold nicht mehr ausstehen. Bald darauf verließ er das Dorf. Es hieß, er sei über das Meer gezogen. Ich beachtete es kaum, als mir der alte Andres vor einigen Wochen sagte, der Teufelskerl, der Twerenbold, sei plötzlich aus Amerika zurückgekommen und habe ein ganzes Fuder kalifornischer Goldklumpen mitgebracht. Als er sich aber heute mit so zutraulicher Unverschämtheit an mich machen wollte, da erwachte die Antipathie meiner Kinderjahre wieder in ihrer vollen Stärke. Doch genug davon, und lassen Sie uns von anderem reden. Wie haben Ihnen heute unsere Bauern und Hirten gefallen?« »O, sehr gut. Da ist doch noch Frische und Natur.« »Allerdings, und zum Glück ist es noch keinem Touristen eingefallen, die Schönheiten unserer Berge zu entdecken.« »Sie meinen damit, es sei ein Glück für die Ursprünglichkeit unserer Bergbewohner, daß ihre Berührung mit der Zivilisation bis dahin immer noch eine spärliche geblieben?« »Das meine ich. Wer gesehen hat, was die regelmäßig wiederkehrenden Wanderzüge der Touristen aller Länder aus der Bewohnerschaft vielbesuchter Gebirgsgegenden gemacht, wird nicht wünschen, daß der Schwarm der Reisenden auch in unsere Berge gezogen werde. Ist es doch ein wahres Glück, daß es noch Flecke in Deutschland gibt, welche in den molluskenartigen, alle soziale Gliederung vernichtenden, unerquicklich charakterlosen Brei unserer nivellierenden Kultur noch nicht eingerührt wurden.« »Mir ist es mit unserem Landvolk eigen ergangen. Unmittelbar bevor ich hierher kam, hatte ich mit größter Freude Auerbachs Dorfgeschichten gelesen, und da stellte ich es mir wunder wie leicht vor, mit den Landleuten in ersprießliche Beziehungen zu treten.« »Ja, da mögen Sie schön angekommen sein! Ich kann es mir vorstellen.« »In der Tat, ich fand die Bauern in der Wirklichkeit ganz anders, als sie sich in der Dorfnovellistik darstellen.« »Sagen Sie: dargestellt werden. Es war ein ganz hübscher Versuch, in die Abgestandenheit unserer durch das sogenannte junge Deutschland aufgebrachten sozialen Novellistik mittels der Dorfgeschichtschreibung ein frisches Element zu bringen. Nur schade, daß die Herren Dorfhistoriker nicht zu vergessen vermochten, daß sie für ein Salonpublikum schreiben sollten, welches die Natur nur goutiert, wenn sie ihm verschönert, d.h. geschminkt und versentimentalisiert geboten wird. Aber wen haben wir denn da vor uns?« Der Wald war zu Ende und über das Blachfeld her fielen schräg die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf eine Gestalt, welche vor den Reitern in dem langen Hohlweg herwandelte, der aus dem Forste auf das Plateau hinaufführte. Es war ein tiefes Defilee, angefüllt mit Morast und Wassertümpeln, steile Wände links und rechts. Doch lief rechter Hand ein schmaler, etwas erhöhter Fußpfad durch den Hohlweg, welcher ziemlich fest und trocken aussah. Auf diesem Pfade ging der Mann, dessen Erscheinung Robert zu seiner Frage veranlaßt hatte, langsam einher. Er schien durchaus keine Eile zu haben. Die Hände, welche lässig einen derben Knotenstock hielten, auf den Rücken gelegt, schlenderte er mit einer Gemächlichkeit dahin, welche vielleicht eine absichtliche war. Er mußte das Getrampel der Pferde hinter ihm gehört haben, schien es aber nicht der Mühe wert zu halten, den Kopf umzuwenden. Wer ihn genauer betrachtet hätte, würde vielleicht wahrgenommen haben, daß sein Gang nicht fest war und seine Beine dann und wann eine Bewegung nach seitwärts machten, als wollten sie sich vom Oberkörper emanzipieren. »Es ist der Twerenbold«, sagte die Gräfin leise. »Ja wahrhaftig,« versetzte Robert laut. »Machen wir, daß wir an dem widerlichen Menschen vorüberkommen.« »Lieber Robert, der Mann scheint betrunken zu sein. Sollten wir nicht unsere Pferde anhalten, bis er aus dem Hohlweg hinaus ist?« »Warum? Die Dämmerung kommt rasch, und ich möchte nicht, daß Sie erst nach Erlöschen des Tageslichtes durch diese abscheuliche Hohlgasse reiten müßten. Wir wollen den Fußpfad rechter Hand benutzen. Erlauben Sie, daß ich voranreite.« Er lenkte sein Pferd auf den schmalen Pfad und blickte sich auffordernd nach Thekla um, welche ohne weitere Einrede nachfolgte. So waren sie bis etwa in die Mitte des Hohlwegs gekommen, als Roberts Pferd stillstand. Das Schnauben seiner Nüstern mußte sich dem bloßen Nacken Twerenbolds fühlbar machen, allein der Bummler nahm keine Notiz davon. »Platz da vorn!« sagte Robert mit vornehmer Kälte. Jetzt wandte sich Twerenbold um und blieb stehen. Die Vermutung der Gräfin über seinen Zustand schien begründet, denn sein Gesicht war hochrot und seine Haltung augenscheinlich nicht die festeste. Aber wenn die Masse geistiger Getränke, welche er den Tag über zu sich genommen, auf seine eiserne Konstitution nicht ohne Einfluß bleiben konnte, so war sein Wille an Kraft dem Rausche dennoch überlegen. »Heda, Platz Ihr da!« wiederholte Robert nachlässig. Der Bummler wich nicht einen Zoll breit von der Stelle. »Ihr da!« erwiderte er, und sein kühnes Auge ruhte mit frecher Gleichgültigkeit auf Robert. »Wer Ihr da? Kalkuliere, wenn ein Gentleman zu einem andern spricht, weiß er, welcher Anredeform er sich zu bedienen hat.« »Was soll das?« »Was das soll? Rechne, daß ein Bürger der großen Union sich nicht beihrdahen läßt. Kalkuliere, hält ein solcher auf seine Würde. Ist ein Fakt, bei Jove!« Dem Rittmeister schwoll die Stirnader, aber die Anwesenheit Theklas zwang ihn, sich zu beherrschen. Außerdem, was sollte er sich in Händel mit einem solchen Menschen einlassen? Mit ironischer Höflichkeit lüftete er den Hut und sagte mit verächtlichem Lächeln: »Herr Doktor Twerenbold, haben Sie die Güte, der Dame hinter mir Platz zu machen.« Das war nicht die Art und Weise, den Abenteurer zu gewinnen. »Herr Rittmeister, Graf von und zu Wippoltstein«, entgegnete er auf der Stelle in gleichem Tone, »bemerken Sie gütigst, daß die Hohlgasse hier ein Gemeindeweg ist. Da, wo ich gehe, ist der Weg für Fußgänger. Hier nebenan ist der Weg für Pferde. Gut genug für sie, rechne ich. Ich für meine Person bin nicht mehr jung und galant genug, für nichts und aber nichts durch den Kot zu patschen und mir die Füße zu erkälten.« »Unverschämter –« »Halt! Kalkuliere, Sie verschlucken ein zweites solches Wort. Rechne, wir sind jetzt nicht mehr auf der Medardusalm, wo aristokratische Hochnäsigkeit an der stupiden Untertänigkeit jämmerlicher Kaffern einen Rückhalt findet. Stehen hier Mann gegen Mann.« Roberts Blut kochte auf. »Canaille!« rief er aus und erhob, seinem Pferde die Sporen gebend, die Reitpeitsche. Twerenbold wich vor dem Sprunge des Rosses ein paar Schritte zurück, aber auch nur ein paar Schritte. Dann stellte er sich stramm auf die Füße, seine athletische Gestalt richtete sich hoch auf, er faßte den schweren Knotenstock fest in die Hand, seine grauen Augen funkelten vor Wut. »Canaille!« wiederholte er knirschend. »Schlagt zu, Jüngelchen, und, by all the powers , Ihr sollt spüren, wie ein plebejischer Knittel auf einem gräflichen Schädel tut. Auf einem gräflichen? Bah! Drei Worte von mir, und Eure gräfliche Herrlichkeit fällt in den Schmutz des Zuchthauses.« »Hund von einem –« schrie Robert außer sich mit erstickter Stimme und trieb sein Pferd gegen Twerenbold an. »Robert, um's Himmels willen, was wollen Sie tun?« Dieser Schrei aus dem Munde der Gräfin brachte ihn wieder zur Besinnung. Sie war an seiner Seite, hatte den Goldfuchs durch den Morast gezwungen und den Zügel seines Pferdes gefaßt. »Verzeihung, Thekla«, sagte er und ließ den Arm sinken. »Verzeihung, ich war unsinnig.« Und hochaufatmend raffte er sich zusammen und fuhr fort: »Erweisen Sie mir den Gefallen, voranzureiten, Thekla. Sie haben nichts zu besorgen, ich bin ganz ruhig jetzt, ganz vernünftig. Aber dieser Mensch soll mir Rede stehen. Bei meinem Wappen, das er beschimpfte, er soll! Bei der Seele meiner Mutter, ich weiche nicht von der Stelle, bis er mir Rede gestanden.« »Sie wollen es, Herr Rittmeister? Wohlan, fragen Sie mich, ich werde antworten. Aber Sie haben recht, die Frau Gräfin mag voranreiten. Was ich zu sagen habe, paßt nicht für Damenohren.« Thekla blickte mit brennender Angst von einem der Männer zum andern. Sie wollte sich weigern, den Platz zu verlassen, aber eine ungeduldige Bewegung Roberts verschloß ihr den Mund. »Sie hörten es, Thekla. Was dieser Mensch mir zu sagen habe, passe nicht für die Ohren einer Dame. Sehen Sie, er macht Ihnen Platz – lassen Sie den Goldfuchs ausschreiten – ich hole Sie wohl noch ein.« So ließ sie sich denn von ihrem Rosse forttragen und hatte bald den Hohlweg hinter sich. Zurückblickend bemerkte sie, daß Robert abgestiegen war und dem Abenteurer zuhörte, welcher, auf seinen Stock gestützt, eifrig zu ihm redete. Beruhigt durch die friedlichere Wendung des Abenteuers, ritt sie über die kurze Strecke Heideland, welches den Schwadriforst von der Umzäunung des Parkes trennt. An dem Gittertor stand der Goldfuchs still, und die Gräfin stieg ab, um dasselbe zu öffnen. Da fiel ihr erst ein, daß Robert den Schlüssel bei sich trage. Es war aber nicht nur deshalb, daß sie wartete. Es drängte sie, zurückzureiten, denn Robert war ja allein mit dem Manne, der etwas so Verzweifeltes in seinem Auge hatte. Schon hatte sie den Fuß im Bügel, da ließ die Scheu, da sich einzudrängen, wo sie so unzweideutig fortgewiesen worden war, sie denselben wieder zurückziehen. »Was war das?« fragte sie sich. »Was wollte der schreckliche Mensch mit seiner geheimnisvollen Drohung?« Ein Zittern überlief sie. Ein dunkles Ahnen sagte ihr, daß diese Stunde für Robert eine furchtbare sein müßte. Und er kam noch immer nicht. Sie wandte den Kopf nach dem Hohlwege hin, lauschte mit angehaltenem Atem. Jetzt vernahm sie den Schall von Stimmen, zwei Gestalten tauchten im Dämmerlicht aus der Hohlgasse auf. Sie erkannte Robert, der sein Pferd am Zügel führte, und den Abenteurer. Auf der Heide trennten sie sich. Twerenbold schlug den Weg ein, welcher rechtsab nach dem Dorfe zu führte. Der junge Mann kam auf sie zu, aber er schien sie nicht zu bemerken. Seine Füße wankten unter ihm, fast taumelnd kam er näher, jetzt stand er vor ihr, aber seine Augen starrten gläsern ins Weite. »Oh, Gott, Gott,« rief sie aus und legte ihm ihre Hände auf die Schultern, »was ist Ihnen, Robert? Was ist geschehen?« Er sah auf und schauerte zusammen, wie vom Fieber geschüttelt. »Robert, was haben Sie gehört?« »Einen Greuel!« erwiderte er tonlos und schlug seine Hände über das fahlbleiche Gesicht. 12. Vor einem Sarge. In einem der bedeutendsten Werke slawischer Poesie, in des Polen Krasinski Ungöttlicher Komödie, unterhalten sich in der Ahnengalerie des Grafen Heinrich dieser und der Plebejer Pankratius. »Blick auf diese Gestalten,« sagt der Edelmann. »Der Gedanke des Vaterlandes, die Idee der Familie ist in Falten auf ihrer Stirne geschrieben. Preis meinen Vätern!« »Ja,« versetzt Pankratius, »Preis deinen Vätern im Himmel und auf Erden! Es ist der Mühe wert, hinzublicken. Jener, ein Starost, erschoß die alten Weiber im Walde und ließ die Juden lebendig verbrennen. Der da, mit dem Siegel in der Hand, verfälschte Akten, verbrannte Archive, bestach Richter und beschmutzte mit Gift seine Erbschaften; daher stammen deine Dörfer, deine Einkünfte, deine Macht. Dieser da, mit dem goldenen Vlies im welschen Mantel, diente dem Auslande, und jene blasse Frau buhlte mit ihrem Pagen. Die andere dort liest einen Brief ihres Geliebten und lächelt, denn die Nacht naht heran. Das sind Eure ununterbrochenen, unbefleckten Geschlechtsregister.« »Du irrst, Bürgerlicher,« entgegnet der Graf. »Weder du noch einer von den Deinigen würde leben, wenn euch nicht die Gnade meiner Väter ernährt, ihre Macht euch nicht beschützt hätte. Sie verteilten Korn unter euch in der Hungersnot; als die Pest ausbrach, bauten sie euch Spitäler, und da ihr aus einer Herde von Tieren unmündige Tierlein wurdet, bauten sie euch Tempel und Schulen; nur im Kriege ließen sie euch zu Hause, denn sie wußten, daß ihr nicht für das Schlachtfeld taugt.« Diese Ansicht von der Stellung des Adels in der Vergangenheit, wie sie hier zuletzt der Dichter einem Repräsentanten desselben in den Mund legt, hatte sich Robert ziemlich frühzeitig gebildet. Es war in ihm nichts Junkerhaftes, denn wenn Keime dazu ursprünglich in ihm vorhanden gewesen, so hatte die durchaus auf das Humane gerichtete Erziehung Friedrichs dieselben beseitigt. Aber er haßte instinktmäßig jene Lehre der Gleichheit, welche behauptet, die Menschen müßten einander gleich sein, wie ein Wassertropfen dem andern gleicht. Niemand konnte bereitwilliger als er die Aristokratie des Geistes anerkennen, aber er hielt auch an dem Glauben an die Berechtigung der Aristokratie der Geburt fest. Weit von der Albernheit entfernt, die physiologische Tatsache zu bezweifeln, daß das Blut des Abkömmlings stolzester Feudalgeschlechter ganz aus den nämlichen Bestandteilen zusammengesetzt sei wie das des Tagelöhners und Bettlers, war er andererseits überzeugt, daß die in wahrhaft aristokratischen Häusern von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochen forterbenden Traditionen einer über die gemeinen Mühen des Lebens erhabenen Existenz dem Geiste eine höhere, auf große und edle Ziele gerichtete Schwungkraft verleihen müßten. Mit Bedauern, ja sogar mit schlecht verhehltem Ingrimm blickte er auf die Stellung, welche der deutsche Adel im Verlaufe der nationalen Entwicklung allmählich eingenommen. Sie kam ihm geradezu als eine unwürdige vor, und mit einem Gefühle des Neides sah er auf die Aristokratie Englands hinüber, welche ihre Geschicke so geschickt mit denen der Nation zu verflechten gewußt und für ihre Klugheit, ihre Energie und ihren Patriotismus einen entsprechenden Lohn davongetragen hatte, den, den ersten Staat der Welt zu regieren. Legte er diesen Maßstab an, so fühlte sich sein aristokratisches Bewußtsein freilich gedemütigt; trotzdem aber blieb es für ihn ein wohltuendes Gefühl, von einer langen Reihe von Männern abzustammen, deren viele in der Geschichte des Landes berühmt, alle wenigstens bekannt waren und von denen keinem nachgewiesen war, daß er sein Wappenschild entehrt habe. Es hatte Männer von der unbändigsten Leidenschaftlichkeit und dem gewaltsamsten Gebaren unter ihnen gegeben, nie aber einen Feigling oder Niederträchtigen. Roberts Ideal eines Mannes und öffentlichen Charakters war der große Freiherr vom Stein, der Feind Napoleons, der Wiederaufbauer des durch den Schlag bei Jena zertrümmerten Preußen. In diesem Trefflichen sah er den Typus eines wahren Edelmanns. Auch Stein hatte fest an seinem Recht und seiner Würde als geborener Reichsfreiherr gehalten, auch er hatte nur in der ständischen Gliederung der Gesellschaft das Heil Deutschlands gesehen, aber zugleich hatte er keinen Augenblick sich bedacht, alles Verrottete und Untüchtige, alles störende oder schädliche mittelalterliche Gerümpel der Vernichtung preiszugeben, und war mit der nämlichen Energie, womit er seinem eigenen Stande zu einer würdigen Stellung und Geltung im Staate verhelfen wollte, auch für die Rechte des Bürgers und Bauers in die Schranken getreten. Man sieht, für Robert war das Wort adelig wirklich synonym mit edel. Bei solcher Stimmung und solchen Ansichten hatten die revolutionären Bewegungen der letzten Zeit einen ganz eigenen Eindruck auf den jungen Mann gemacht. Er war jung und frisch genug gewesen, um jenen sympathischen Zug zu fühlen, der alle empfänglichen Herzen ergreift zu Zeiten, wo es den Anschein hat, der in der Weltgeschichte waltende Geist der Entwicklung schicke sich zu einem bedeutenden Vorschritt an. Sein Geist war auch selbständig genug, daß ihn selbst seine Stellung als Soldat und Offizier nicht abgehalten hätte, jenem Zug nachzugeben, denn er war Patriot von ganzer Seele. Aber schon der Ursprung der ganzen Bewegung machte ihm dieselbe verdächtig. Er verabscheute die Franzosen, welche er nur das Windbeutelvolk nannte, das, von der lächerlichsten Eitelkeit fortwährend zwischen Extremen hin und her getrieben, für wahre Freiheit und Menschenwürde gar kein Organ habe und von jeher den Einfluß heillosester Mode auf Deutschland geübt hätte. Die nationale deutsche Sache schien ihm beschmutzt durch die Einmischung französisch-demokratischer Hirngespinste, deren Realisierung, vorausgesetzt, daß sie möglich wäre, er für ganz gleichbedeutend mit dem Zarismus hielt. Dort, wie hier, das Nivellement eines allgewaltigen Despotismus, dort im Namen der Massen, hier im Namen eines einzelnen geübt. Die Vorstellung einer derartigen allgemeinen Sklaverei widerte ihn an, und indem er das Ungeschick der Deutschen, aus sich selbst heraus etwas Rechtes und Dauerndes zu schaffen, schmerzlich beklagte, hatte er sich unmutig von der ganzen Bewegung abgewandt. Die unmächtig theoretischen Anläufe des demokratischen Wollens, die Armseligkeit der redseligen Versuche des konstitutionellen Liberalismus hatten ihn gleichermaßen verstimmt und seinem Aristokratismus eine prononziertere Färbung gegeben, als derselbe ursprünglich besessen. Er war jetzt lebhafter als je überzeugt, daß die Souveränität des Volkes eine gefährliche Fabel und daß staatliche und soziale Reformen niemals von unten kommen dürften und könnten. Von dieser Überzeugung durchdrungen, hatte er seit seiner Zurückkunft zu dem Stammsitze seines Geschlechtes schon mehrmals mit einer gewissen Befriedigung die Reihe seiner Ahnenbilder in dem großen Saal gemustert. Sage man, was man wolle, hatte er dabei gedacht, es ist doch etwas Schönes und Erhebendes um das Bewußtsein, daß das Blut, aus welchem man stammt, in einem von dem Ozean der gemeinen, alltäglichen Massen gesonderten Bett floß; um das Bewußtsein, daß unsere Väter ihre Namen mit deutlichen Zügen in das Buch der Geschichte ihres Landes eingezeichnet haben; um das Bewußtsein, als geborener Gentleman von einer Reihenfolge von Gentlemen abzustammen. Vielleicht könnte man denken, Robert wäre mehr aus Interesse für das letzte Bild, welches in der weiblichen Reihe hing, als aus Gefallen an den übrigen so oft in den Ahnensaal getreten; allein der Umstand, daß er für sein aristokratisches Gefühl auch noch an einem andern Orte Nahrung suchte, welcher jenen Nebenzweck ausschloß, mußte das widerlegen. Dieser andere Ort war die Ahnengruft, für welche er schon als Knabe ein lebhaftes Interesse gehegt hatte. Die Gruft befand sich in den Ruinen des alten Stammschlosses, unterhalb der alten Burgkapelle, welche dem kolossalen und, wie früher bemerkt worden, noch ziemlich in seiner vollen Höhe erhaltenen Wartturm zur Seite lag. Die Kapelle selbst war mit der ganzen Pietät eines Geschlechtes, welches auf seine Vergangenheit stolz ist, vor dem nagenden Zahn der Zeit bewahrt worden, während rings um sie her die mittelalterlichen Gebäude verwitterten. Der mehr romanische als gotische Stil, in welchem sie erbaut war, bezeugte ihr hohes Alter. Ihr Inneres war im mittelalterlichen Sinne ausgeschmückt. Der Altar zeigte reiches Schnitzwerk und als Altarbild ein von der Zeit angedunkeltes Gemälde der altdeutschen Malerschule. Zwischen den Grabsteinen, die an den Seitenwänden aufgerichtet waren, hingen ritterliche Rüstungen und Waffen, wie auch zerfetzte, mit Blutstriemen bedeckte Paniere, in heißen Fehden tapfer gehalten oder gewonnen, und von jeder dieser Reliquien einer eisernen Zeit hatte sich in der Familie irgend eine bedeutsame Legende erhalten. Robert hatte es als Knabe und Jüngling geliebt, hier zu wandeln, der Familiensagen sich zu erinnern und in dem dämmernden Lichte, welches durch die gemalten Fenster fiel, in romantische Träumereien sich zu verspinnen. Dann stieg er auch wohl, die bronzene Deckplatte hebend, durch die Öffnung vor den Altarstufen in die Krypte hinab, wo in ihren mit mannigfachen heraldischen Emblemen verzierten Eichensärgen seine Altvorderen ruhten. Er fühlte sich hier der Geschichte derselben gleichsam näher. Seine Erinnerung spannte eine Kette, von welcher er sich auch ein Glied fühlte, aus der Gegenwart in die Vergangenheit hinein, und mittels der Phantasie durchlebte er, was seine Vorfahren gefühlt und gedacht, gestrebt und vollbracht hatten. Welche Fülle von Lust und Weh, Illusionen und Leidenschaften, Stolz und Kümmernissen war hier begraben! Vor allen übrigen hatten ihn stets drei Särge angezogen und seine Betrachtungen gefesselt. Der erste war der Sarg seiner Mutter, die er nicht gekannt, der zweite der seines jungen Vetters Rudolf, mit dem er als Kind gespielt hatte. Der dritte, roh und schmucklos, ohne Inschrift, ohne Wappenzier, stand, aus von der Zeit geschwärzten Eichenbohlen gezimmert, von den übrigen abgesondert in einer dunklen Ecke der Krypte. Vielleicht wären die Bretter unter dem Drucke der Jahre schon längst auseinander gebrochen, hätten nicht rundumlaufende starke, mit Rost bedeckte Eisenbande sie zusammengehalten. Es war der Sarg des Kriegsmanns, dessen Bild in dem Turmgemache der Gräfin hing. Eine finstere Sage knüpfte sich an dieses Bild und an diesen Sarg. Oft hatte ihn Robert, wann er die Gruft besuchte, mit einem geheimen Grauen betrachtet. Er erinnerte sich dabei jedesmal des düsteren alten Volksliedes, welches lange über den umgegangen, dessen Gebeine abseits von denen seines Geschlechtes ruhten. Die Traumlore hatte es ihm in seiner Kindheit einmal vorgesungen, die Schlußzeilen hatten nie aus seinem Gedächtnis weichen wollen, und oft hatte ihm der geheimnisvolle Refrain mit seinen melancholischen Kadenzen im Ohr geklungen. Da stand er mit ihr auf dem Wippostein Und senkte den Dolch in ihr Herz hinein – Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu. Dann stach er sich selber mitten ins Herz Und hob seine Arme himmelwärts – Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu. Und raffte zusammen die letzte Kraft Und tat einen Fluch gar schauderhaft – Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu. Einen Fluch auf das stolze Grafenhaus: In Schrecken und Schmach sollt' es löschen aus – Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu. Und warf ihren Leib von der Klippe hinab Und sprang hinterdrein in das nasse Grab – Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu. Es ruht ein seltsamer Zauber in solchen alten Liedern. Sie klingen in unsere geglättete, überfirnißte Zeit herein, so fremd und doch so bekannt, wilde Naturlaute einer Vergangenheit, die es nicht verstand oder auch verschmähte, ihre klaffenden Wunden mit der linden Seide einer im Grunde doch immer unwahren Humanität zu verhüllen. Sie schreien uns höhnisch zu: Was plagt und plackt ihr euch? Alles war schon einmal da, und ihr bleibt doch immer die alten Barbaren. Auch heute, den Tag nach seiner Begegnung mit Twerenbold in dem Hohlweg, befand sich Robert in der Familiengruft. Heute aber dachte er nicht an die alte Ballade vom blutigen Grafen Wippo. Er war auch nicht allein. Die helle Morgensonne ließ ihre beste Kraft draußen an den bunten Fensterscheiben der Burgkapelle. Sie konnte daher nur einen schwachen Schein durch die runde Öffnung schicken, durch welche man aus der Kapelle in die Krypte hinabstieg. Diesem Lichtschimmer von oben kam unten eine Kerze zu Hilfe, welche in einer Laterne brannte. Im Kreise dieser künstlichen Helle stand auf einer aus der Mauer vorspringenden Steinbank ein kleiner Sarg, dessen abgenommener Deckel zur Seite lehnte. In diesem Sarge ruhte auf halb zermüllten weißen Atlaskissen die durch ärztliche Kunst vor der Verwesung bewahrte, wenn auch mumienhaft gebräunte Leiche eines jungen Knaben. Auf der einen Seite des Sarges stand Robert, regungslos, die Arme mit den krampfhaft zusammengezogenen Fingern an den Hüften niederhängend, mit scheuem, unheimlichem, wie gebanntem Blicke auf die Leiche hinstarrend. Auf der andern Seite stand Twerenbold. Sein hartes Auge war auf den jungen Mann geheftet, aber feinem Gesichte fehlte der gewohnte freche Ausdruck. Seine Hand ruhte auf der Brust des kleinen Leichnams. In dem Ungewissen Scheine der Beleuchtung, welche nicht ausreichte, das ganze unterirdische Gewölbe zu durchdringen, sah man Särge an Särge gereiht, aus deren düsteren Umrissen da und dort ein Silberschild mit Namen und Inschrift, welches gerade einen Lichtstrahl auffing, vorblitzte. Weiterhin verlor sich alles in einen Hintergrund, schwarz und stumm wie das Grab. Die beiden Männer beobachteten ein Schweigen, welches mit der Unheimlichkeit der ganzen Szene im Einklang stand. Eine furchtbare Untersuchung mußte hier stattgefunden haben, ein schreckliches Geheimnis enthüllt worden sein. Endlich brach Twerenbold das Stillschweigen. »Und sind Sie nun überzeugt, Herr Graf?« fragte er. Robert schrak empor. Das Licht seiner Augen konzentrierte sich zu einem Blick tödlichen Hasses, welchen er auf den Abenteurer schoß. Er machte eine Bewegung, als wollte er auf denselben einspringen. Aber wie er den Fuß vorwärts setzte, taumelte er und wäre zu Boden gefallen, hätte nicht Twerenbold den Arm ausgestreckt, um ihn zu halten. Mit einer mächtigen Anstrengung nach Fassung ringend, bemusterte er wenigstens einigermaßen die Raserei der Gefühle, welche ihn durchstürmten. Er machte sich mit einer Gebärde des Schauders von Twerenbold los und murmelte: »Er war ja nur das Werkzeug – nur das Werkzeug – und –« Er brach ab und biß die Zähne aufeinander. Allein der hochgeschwollene Strom der Empfindungen verlangte gebieterisch nach einem Ausbruch. Mit großen, wankenden Schritten durchmaß Robert die Krypte. Ein grimmiger Schmerz arbeitete in seinen Zügen, und stöhnend unter der Pein schrie er auf: »Gebeine meiner Väter, ich glaubte, daß ihr, wenn nicht in Ruhm, doch in Ehren ruhtet. Es war ein Wahn, ein Traum – er ist vorbei, und alles ist vorbei, aus, aus, aus!« Twerenbolds Miene nahm ihren stereotypen Ausdruck wieder an, und das alte Hohnlächeln umzog seinen Mund. »So sind diese Leute,« brummte er in den Bart. »Ihr Wappenschild, ihr Stammbaum ist ihr eins und alles. Wenn nur das Wappen unbemakelt bleibt, gleichviel wie. Kalkuliere, es tat mir fast leid, daß ich die alte dumme Geschichte aufgerührt, leid um des Jungen willen, der mir zu 'nem rechten Gentleman das Zeug zu haben scheint. Ist aber, rechne ich, doch noch zu viel von dem alten Sauerteig in ihm. Sollte herausgearbeitet werden, der Sauerteig. Versäuert so was die tüchtigste Natur. Erkennt man das daran, daß der Junge um den alten Wurmfraß da in den Särgen lamentiert. Zum Teufel damit! Es wäre, kalkulier' ich, jammerschade, wenn so ein junges Blut in der abgestandenen Krautjunkern verkümmerte, ja, ja! Hm, wart mal, Achatius Twerenbold, rechne, du bist da auf der rechten Spur. Wollen sehen, was zu machen ist. Wird mir in den Bergen da doch ohnehin schier zu langweilig. Habe die Notion, ist ein Tag wie der andere. Keine Emotion, kein Affekt, zu simpel das für mich, auch gar nicht genteel, kalkulier' ich, schlechte Fashion. Muß ich eine tüchtige Portion Aufregung haben, um gesund zu bleiben – ist mir, so ein eintöniges Vegetieren störe die Verdauung. Rechne, war das dumm, daß ich die Sache mit der Rente so abgemacht; hätte wieder eine hübsche runde Summe fordern sollen. Ist ein langweilig Ding um so ein Monatsrentenleben. Das beste Eisen rostet dabei. Will aber nicht verrosten, bei Jove! Alles in allem war es, rechne ich, doch gut, daß ich dem Jüngelchen und der Gräfin in dem Hohlweg aufpaßte. War Weisheit in dem Wein, der mir das eingab und mir den Mund auftat. Der Kindersarg da und die Gräfin, die sollen zwei tüchtige Ziffern in meiner Rechnung abgeben, bei Jove, so sollen sie. Müssen aber das Eisen schmieden, solange es warm ist, ohne gerade die Arbeit zu übereilen. Solcher Stoff, wie der unsinnige Junker da, will mit der Zange der Behutsamkeit angefaßt sein.« So bei sich rechnend und kalkulierend, schraubte Twerenbold den Deckel des Sarges wieder fest und schob diesen in die Mauernische zurück, in welcher er früher gestanden. Robert beachtete das Tun des Abenteurers nicht, sondern setzte noch immer seinen unsteten Gang durch die Krypte und sein wildschweifendes Selbstgespräch fort. »So um seinen Stolz betrogen zu werden,« klagte er. »So aus lichter Höhe in die schlammigste Pfütze geschleudert zu sein! Mit einem Schlag, mit einem Wort!– Vor dem elendesten Knecht, vor dem ehrlosesten Wicht die Augen niederschlagen zu müssen! – Aus dem stummen Mund eines Toten hören zu müssen, daß ich, der letzte Sproß eines Geschlechtes, dessen Ursprung in dem Dunkel der Vorzeit sich verliert, der Sohn eines – o Schmach und Trauer!« Und ein gellendes Gelächter aufschlagend hub er zu singen an: »Einen Fluch auf das stolze Grafenhaus: In Schrecken und Schmach sollt' es löschen aus – Doch die Wasser, ja die Wasser – Nein, nein, kein Wasser, nicht der Ozean selber wäscht das ab, kein Feuer brennt es weg – oh, Fluch und Verdammnis!« Der Jammer überwältigte ihn. Halb bewußtlos lehnte er sich an einen der Pfeiler, welche das Gewölbe trugen, und verbarg sein Gesicht in den Händen, während ein krampfhaftes, tränenloses Schluchzen seine Brust erschütterte. »Sollte er übergeschnappt sein?« murmelte Twerenbold halb erschrocken. »Bei einer offenbar so tiefleidenschaftlichen Natur wäre, rechne ich, eine solche Fatalität nicht unmöglich. Ich kenne diese vornehmen Herren, welche gewohnt, das heißt, dressiert sind, das Walten der dämonischen Kräfte im Menschen unter glatten Manieren zu verbergen. Aber zuweilen strecken die Dämonen plötzlich lachend die Köpfe hervor – ist ein Fakt. – Herr Graf,« sagte er dann laut, »kalkuliere, der Mensch muß in allen Fällen Kontenance bewahren, der Mensch von Erziehung und Bildung, meine ich. Bloß dem dummen Haufen steht es an, außer sich zu geraten und sich rabiat zu gebaren. Vorbei ist vorbei, und alle Götter sämtlicher Mythologien können Geschehenes nicht ungeschehen machen.« »Still!« versetzte Robert schneidend. »Unterstehen Sie sich nicht, mich trösten zu wollen.« »So gefallen Sie mir. Selbst ist der Mann! Hatte auch gar nicht die Absicht, den Tröster zu spielen. Ist das Nonsens, kalkulier' ich. Wollte mir nur erlauben, Ihnen zu sagen, daß Sie ein Mann sein sollen.« Augenscheinlich fand es der Abenteurer für gut, die ohnehin höchst gereizte Stimmung Roberts nicht noch höher zu spannen. Sonst hätte die schroffe Abfertigung, welche er erfahren, ihn wohl zu einer derberen Antwort vermocht. Aber daß er durch seine Äußerungen dem jungen Manne seine Anwesenheit ins Gedächtnis zurückgerufen, das trieb Robert an, den Rest seines Stolzes aufzubieten, um diesem Menschen nicht schwach, fassungslos, verzweifelnd gegenüber zu stehen. Er rang mit dem Paroxysmus des Jammers, welcher ihn bewältigt hatte, und es war ein hartes Ringen. Wütende Gedanken schossen durch sein Hirn. Noch einmal bäumte sich in ihm die Versuchung auf, sich auf den Elenden zu werfen, um ihn zu erwürgen. Sein ganzes geistiges und sittliches Wesen war aus Rand und Band. Seiner Willenskraft gelang zwar eine Wiedereinrenkung, wenigstens eine äußerliche, aber welche Anstrengung sie ihm gekostet, verriet der Ausdruck seiner Züge, als er jetzt aus dem Dunkel wieder in den Lichtschein vortrat. Jede Muskel seines blassen Gesichtes war straff gespannt, die Lippen waren so stark gezogen, daß die Zähne dazwischen sichtbar wurden, und die Falte zwischen den Brauen hatte eine abschreckende Tiefe und Schwärze angenommen. Als er zu Twerenbold herantrat, tat dieser unwillkürlich einen Schritt zurück, als erwartete er einen Angriff. Robert bemerkte diese Bewegung und sagte mit verachtungsvoller Kälte: »Fürchten Sie nichts! Sie werden mir das Unerhörte im Zusammenhang erzählen, nicht wahr? Ich kann und muß alles wissen.« »Warum das?« entgegnete Twerenbold. »Ich dächte, die Erschütterung wäre für Sie groß genug. Als ehemaligem Arzt kommt mir vor, Ihr Nervensystem sei sehr irritabel. Warum so alte Geschichten ihrer ganzen Länge und Breite nach aus dem Staube der Vergessenheit hervorscharren? Kalkuliere, ist ein unnütz Ding.« »Lassen Sie mein Nervensystem aus dem Spiele, es gehört nicht hierher. Ich will alles wissen, verstehen Sie?« »Wohl, meinetwegen denn. Ich habe feste Nerven, ich, bei Jove! und Sie sollen Ihren Willen haben. Fühle mich auch ganz zum Erzählen disponiert und wollen wir, rechne ich, uns vorstellen, wir hätten mit einer Geschichte zu tun, die uns nur objektiv, sozusagen ästhetisch interessierte.« Robert machte eine Gebärde der Ungeduld. »Gut, gut,« sagte der Abenteurer gleichmütig. »Ich will den Novellisten spielen, so gut ich kann. Hat doch meine Erzählung viel von einer Dorfgeschichte, und diese sind ja, rechne ich, dermalen Mode in deutschen Landen. Aber wenn es Ihnen beliebt, wollen wir in die Kapelle hinaufgehen. Die abscheuliche Luft hier unten ist nicht nach meinem Geschmack, und war die Grüfte- und Kirchhofsromantik mir jederzeit zuwider. Zudem sind wir, wie Sie bereits wissen, da droben auf dem Schauplatz der eigentlichen Katastrophe.« Der junge Mann gab keine Antwort, sondern stieg ohne weiteres die Treppe hinan. Twerenbold folgte ihm und legte rasch die Deckplatte über die Öffnung. Robert hatte sich in einen der kunstreich geschnitzten Chorstühle geworfen. Der Abenteurer warf einen forschenden Blick in der Kapelle umher, ging nach der Türe, um sich zu vergewissern, daß dieselbe noch immer von innen wohlverschlossen sei, kam dann zurück, setzte sich dem jungen Mann gegenüber in einen andern Chorstuhl, versah seine Backenhöhle mit Kautabak, legte das eine Bein gemächlich über das andere und Hub nach diesen Vorbereitungen zu erzählen an, wie folgt. 13. Eine Dorfgeschichte beim Mondschein. »Soll ich Ihnen, mein Herr, ganz klar sein, so ist es nötig, daß ich zuerst von mir selber rede. Es geschieht dies nicht aus Eitelkeit – bah, über die bin ich längst weg; es geschieht auch nicht etwa in der Absicht, mich in Ihren Augen möglichst weißzubrennen, behüte! Kalkuliere, ich bin mit den Menschen längst fertig und gebe keinen Pfifferling drum, ob sie mich für schwarz oder für weiß ansehen. Rechne, ich bin, der ich bin, und so, wie ich bin, gedenke ich meinen Platz in der Welt zu behaupten, bis zur Stunde, wo die ganze Posse zu Ende ist. Dies als Proömium, wie die alten Poeten ihre Vorreden nannten. Medias in res, wie, glaub' ich, der gute Horaz von dem Erzähler verlangt, kann ich mich jedoch nicht stürzen. Rechne, ich muß beim Ei anfangen und will mit Methode verfahren wie ein echter Deutscher. Wird Ihnen die Novelle langweilig, so kritisieren Sie mich. Werde dann versuchen, meinen Stil zu verbessern. Wohl, habe jetzt etliche fünfzig Jahre das Vergnügen, das schnurrige Ding mitzumachen, welches man Menschenleben nennt und über dessen Wesen und Bestimmung Theologen, Philosophen und Politiker so ungeheuerlich überschwenglichen Firlefanz vorzubringen nicht müde werden. Meine Philosophie des Lebens besteht in dem Satz: Auffressen oder aufgefressen zu werden, das ist die Bestimmung des Menschen. War das aber, die Wahrheit zu reden, bei mir auch nicht immer so. War, bei Jove, in meinen jungen Jahren ein Kerl, der mehr Phantasie und Herz im Leibe hatte, als für ein Dutzend solider Menschenkinder not tut – ei, so hatt' ich, ist ein Fakt. Ist aber, kalkulier' ich, so 'ne Überfülle von Phantasie und Gemüt ein Ding, das einem verfluchte Streiche spielen kann und meistens auch wirklich spielt. Entre nous, die in Borneo Geborenen sind die glücklichsten unter den zweibeinigen federlosen Bestien. Je weniger sich der Mensch Gedanken macht, desto glücklicher ist er; je dümmer einer ist, desto weniger denkt er: ergo, der dümmste ist der glücklichste oder kann es wenigstens sein. Ferner – Sie müssen es mir schon zugute halten, Herr Graf, wenn ich meine Erzählung mit moralischen Nutzanwendungen, von denen ich von jeher ein großer Liebhaber gewesen, episodisch durchflechte; ist das, mit der Poetik zu sprechen, der didaktische Einschlag in den epischen Zettel – ja, also es ist, kalkulier' ich, ein unverzeihlicher Mißgriff der Natur, daß sie auch den Armen Kinder geboren werden läßt, welche Talente und Strebsamkeit in sich verspüren. Kommt dabei nichts Gutes heraus, bei Jove! Sollte auch vernünftigerweise das Talent ein Privilegium der Vornehmen und Reichen sein. Denn sehen Sie, so ein armer, talentvoller Junge ringt sich durch Hunger und Kummer zum Wissen durch. Seine Fähigkeiten, seine Bildung, seine Energie befähigen ihn, an dem Bankett des Lebens einen Platz anzusprechen. Seine Pulse schlagen nach edlem Lebensgenuß, er versteht und liebt das Schöne, ein brennender Ehrgeiz treibt ihn an, seinen Namen anerkannt und geehrt zu wissen, ein Wort mitzureden in den öffentlichen Angelegenheiten, seinen Kräften einen angemessenen Wirkungskreis zu eröffnen, sie für die Welt nutzbar zu machen. Aber halt da! Du, armer Teufel, willst genießen? Was geht dich die Schönheit, die Poesie, die Kunst an? Kannst du sie bezahlen? Ehrgeiz willst du haben, du Lump? Am öffentlichen Leben teilnehmen, unverschämter Plebejer? Geh, Wurm, schleppe deine miserable Existenz die gemeinen Wege der Alltäglichkeit hin und erfreche dich nicht, zu Regionen emporzublicken, die uns, den Aristokraten und Bankokraten, vorbehalten sind. Packe dich! Es ist für dich kein Platz am Bankett des Lebens. Eine solche Zurückweisung, in tausenderlei Formen, bald höflich, bald brutal ausgesprochen, ist nicht sehr angenehm. Sie bleibt auch nicht ohne Wirkung, kalkulier' ich. Indem sie dem begabten und gebildeten Armen den ungeheuren Abstand zwischen seiner natürlichen und seiner gesellschaftlichen Berechtigung zeigt, weckt sie in ihm die Gefühle des Hasses und Neides und macht sein Herz in Galle schwimmen. Aus derartigen Gefühlen keimt eine Verbitterung, die den Menschen durchgiftet und ihn, rechne ich, zu allerlei führen kann – ist ein Fakt. Wohl, ich hatte das Unglück, so ein armes Dorfgenie zu sein, das heißt, ich hatte mehr Grütze im Kopf als meine Mutter, die halbverhungerte Tagelöhnerswitwe, in der Pfanne. Auch ein stupendes Gedächtnis hatte ich und eine merkwürdig bunte und tätige Einbildungskraft, aber keine Schuhe. Meine Laufbahn fing ich als Gänsehirt an, und verflucht sei der Dämon, der mich lehrte, mir Gedanken über den Lauf der Welt zu machen, während ich die schnatternden Bestien über die Sumpfwiesen drunten am Flusse trieb. Hätte mein Leben den gewöhnlichen Gang von meinesgleichen genommen, ich wäre in der Art dieser Leute glücklich oder wenigstens zufrieden geworden. Aber als ich zum Gehilfen des Sauhirten der Gemeinde avancierte, wollte es mein Unstern, daß mein Eumäus – Sie kennen ja Ihren Homer, Herr Graf – welcher vormals bessere Tage gesehen hatte, mich lesen lehrte und mir von der Welt jenseits unserer Berge vorschwatzte. Das zündete. Eine wütende Begier nach Büchern verzehrte mich. Ich verschlang alle Scharteken, deren ich habhaft werden konnte, und ihr Inhalt gestaltete sich in meinem Hirn zu den wunderlichsten Phantasien und Träumen. Bei Iove, es war ein Stück von einem Poeten in mir. Lernte auch schreiben in meiner autodidaktischen Raserei, das heißt, ich malte die Buchstaben in den Büchern nach und konnte mich später lange nicht daran gewöhnen, zu schreiben, wie man schreibt, statt so, wie man druckt. Nun gut, weil ich unsern damaligen Pfarrer um Bücher plagte, ward er auf mich aufmerksam. ›Achaz,‹ sagte er, ›aus dir muß was anderes werden als ein Sauhirt.‹ Ich glaubte ihm. Man ist so dumm, wenn man jung ist. Wäre gescheiter gewesen von dem Hairle, hätte er zu mir gesagt: ›Dummer Junge, du mußt ein Sauhirt oder ein Tagelöhner werden, wie dein Vater es gewesen; was hast du daher mit Büchern zu schaffen?‹ Hätte mir vielleicht der Pfarrer damit den Bildungskitzel vertrieben. Gab mir aber statt dessen eine alte lateinische Grammatik und ein altes Kompendium der Weltgeschichte. Sollte ein Hairle werden, meinte er, hätte das Zeug dazu. Glaubte zwar meine Mutter das nicht. ›Achaz‹, sagte sie, ›hast nicht das Zeug zu 'nem Hairle: bist zu wild dazu.‹ – ›Potz Blitz, Mutter‹, sagt' ich, ›das versteht Ihr nicht. Schadet 'nem Hairle gar nichts, was Ihr mir da aufgemutzt. Wird unser Hairle auch wild, wenn er die Bauern während der Predigt schlafen sieht.‹ Schalt mich zwar die Mutter 'nen Lotter und gab mir 'ne tüchtige Ohrwatschel, allein da sie bald darauf starb, so hatte die Opposition gegen meine Hairleschaft in spe ein Ende. Wohl, wollte wohl ein Hairle werden, das stand fest. Aber wie? Der Pfarrer, ein guter Mann in seiner Art, schaffte Rat und ich selber half mit, wenigstens mittelbar. Der Förster drüben im Summiswald hatte ein einzig Kind, ein Töchterlein, das Lore hieß und ein paar Jahre jünger war als ich. Jetzt heißt man sie die Traumlore. Wir hatten eine Kinderfreundschaft mitsammen geschlossen, denn mein Hirtenamt führte mich täglich auf die Stöckichheide hinüber, die sich am Saume des Summiswaldes hinzieht. Dort stand das einsame Försterhaus, wo die Lore mit ihrem Vater wohnte. Die Mutter hatte sie frühe verloren, war aber der Augapfel des Vaters, der es mir sehr hoch anrechnete, daß ich der Lore gelegentlich mal einen romantischen Dienst erwies. Der Summisforst wimmelte von Wild, denn Seine Exzellenz, Ihr Oheim, der General, war ein starker Jäger vor dem Herrn. Eines Abends hörte ich auf der Heide von dem Waldweg zum Försterhaus her einen kläglichen Hilferuf und erkannte die Stimme der Lore. Ich lief, was ich laufen konnte, und fand, daß das Kind auf seinem Heimweg vom Dorfe von einem gewaltigen Hirschbock attackiert wurde. Es war in der Brunftzeit, und da sind die Bestien rabiat. Da ich einen tüchtigen Knüttel mitführte, so warf ich mich ohne weiteres zwischen die Lore und den Hirsch, der von dem Versuch, mich auf sein Geweih zu spießen, erst abstand, als es mir gelungen, die ganze Wucht meines Knüttels ihm auf die prustende Nase fallen zu lassen. Dieses Argument schlug ihn in die Flucht. Die Lore war sehr dankbar: sie rühmte ihrem Vater meinen Wissensdrang und daß ich ein Hairle werden wolle. Der Förster sprach darüber mit dem Pfarrer. Man kam überein, daß man mich auf die lateinische Schule in die Stadt bringen wollte. Der Förster übernahm es, für Kleider und Bücher zu sorgen, der Pfarrer wirkte mir durch seine Amtsbrüder von barmherzigen Leuten in der Stadt ein Dachkämmerlein und sogenannte Kosttage aus, das heißt die Erlaubnis, jeden Wochentag abwechselnd in einem andern Hause zu Mittag zu essen. So fristeten zu meiner Zeit die sogenannten Bettelstudenten ihr Leben. Wurde also ein Bettelstudent, der aber ganz glückselig war, als er zum erstenmal Schuhe an den Füßen und ein ganzes Wams auf dem Leibe hatte. Nach und nach freilich ging es bergab mit diesem Gefühle der Glückseligkeit. Je raschere Fortschritte ich machte, je mehr ich infolge meiner Naturfrische und meines eisernen Fleißes die Stadtbuben überflügelte, um so mehr schwoll auch in mir der Grimm über meine bettelhafte Existenz. Herr, die Brocken, welche einem die Mildtätigkeit hinwirft, schmecken bitter. Die Bissen quollen mir im Munde, ich hätte die Hände, welche mir dieselben darreichten, oft lieber anspucken als küssen mögen, und manche lange Nacht hindurch benetzte ich, in meiner Dachkammer frierend, mein armseliges Lager mit Tränen der Wut und Erbitterung. Ich, der Erste in den Klassen an Fleiß und Kenntnissen, mußte mich von parteiischen Lehrern den einfältigen und trägen Söhnen ›guter‹ Familien nachgesetzt sehen, ich mußte den untauglichen Kindern meiner Kostgeber ihre Aufgaben machen und mich von ihnen meiner Bettelstudentenschaft halber verhöhnen lassen. Ei, ja wohl da der Goethe, das Glückskind, hatte gut sagen, nur der, welcher sein Brot mit Tränen salze, kenne die himmlischen Mächte. Kalkuliere, hätte er es mal selber tun müssen, er würde statt von himmlischen von höllischen Mächten gesprochen haben. Aber meine Mutter hatte doch recht gehabt: ich hatte wirklich nicht das Zeug zu einem Hairle. Als die Zeit gekommen, wo ich die Universität beziehen sollte, war mir das ganz klar geworden. Hatte eine entschiedene Vorliebe für die Naturwissenschaften, auch darin schon viel gearbeitet und beschloß nun, Medizin zu studieren. Mit ein paar Talern, die ich mir durch Stundengeben zusammengespart hatte, machte ich mich nach Wien auf und studierte die Arzneikunst. Durch meinen Eifer für Botanik und Chemie gewann ich mir die Gunst der Professoren dieser Fächer. Sie verschafften mir Privatunterricht, und mit dem Ertrag desselben deckte ich die Kosten meiner eigenen Studien. Zu meiner Erholung machte ich Gedichte, ja, zum Teufel, das tat ich. Jetzt freilich kommt mir das omnipotent lächerlich vor. Endlich hatt' ich absolviert und konnte mich mit einiger Zuversicht den Examinatoren präsentieren. Man machte mich zum Lizentiaten der Arzneikunst – den Doktorhut konnte ich der Kosten wegen nicht erschwingen – und ich ward bevollmächtigt, drauflos zu kurieren. So kehrte ich in die Heimat zurück, fast so arm, als ich sie verlassen hatte. In der ersten Zeit hatte ich Gelegenheit genug, neben meiner neuen Kunst auch meine alte zu üben, nämlich die, am Hungertuch zu nagen. Nach und nach machte sich jedoch die Sache besser, denn einige glückliche Kuren verschafften mir Ruf in der Umgegend. Wurde auch der Hausarzt im Schlosse, und da traf ich wieder mit meiner Freundin aus der Kinderzeit, mit des Försters Lore zusammen. Ihr Vater war inzwischen gestorben, die Frau Gräfin, Ihres Oheims Kuno Gemahlin, hatte das anstellige, gescheite Mädchen zu sich genommen, hatte für ihre Ausbildung in der Hauptstadt gesorgt und sie dann zu ihrer Gesellschafterin gemacht. Sie galt sehr viel im Schlosse; Ihr Oheim, Herr Graf, und Ihre Tante vertrauten ihr unbedingt. Wer von der Herrschaft etwas erlangen wollte, konnte nichts Gescheiteres tun, als sich an die Lore zu wenden. Im Dorfe jedoch war sie nicht beliebt, obgleich sie ihre einflußreiche Stellung den Leuten gern zugute kommen ließ. Sie galt aber für stolz und hochfahrend, und die Dörfler drückten das so aus, daß sie von ihr sagten: ›Die Forstlore‹ – so hieß man sie damals – ›will oben hinaus.‹ Von Natur sehr begabt, hatte sie sich ein reiches und wohlgeordnetes Wissen erworben und eine gesellschaftliche Haltung, die jeder Dame angestanden wäre. Dabei umgab sie ein eigener poetischer Reiz, eine Nachwirkung der Waldromantik, in welcher sie ihre Kindheit verlebt hatte. Ja – zum Henker, ich werde, vermut' ich, selber wieder poetisch, wenn ich auf das Kapitel komme – sie war in jener Zeit, wo die Romantik so sehr populär, eine Romantikerin an Leib und Seele, und der gute Frieding, welcher damals gerade Pfarrer zu Wippoltstein geworden, war ganz entzückt von der Fülle alter Lieder und Sagen, die sie ihm mitteilen konnte. Was mich angeht, ich hatte beim ersten Begegnen die Lore gar nicht wiedererkannt. Nicht allein deshalb, weil sie jetzt in städtischer Tracht ging und sich in den modischen Kleidern so leicht und frei bewegte, als hätte sie von klein auf nie andere getragen, sondern mehr darum, weil sie so omnipotent schön geworden. Herr, sie ist jetzt ein alt Weib, und Kummer und Haß haben sie noch mehr entstellt als das Alter, aber, by all the powers! mag ich erschossen werden, wenn ich je in der alten oder neuen Welt ein schöneres Weib gesehen, als die Lore in ihrer Jugendblüte war. Nur Ihre Frau Stiefmutter, Herr Graf, kommt ihr nahe, wenn auch, kalkulier ich, das Genre ihrer Schönheit ein anderes –« »Bleiben Sie bei der Sache, Herr!« unterbrach hier Robert den Erzähler finster und legte sich dann wieder mit gesenktem Haupte in den Chorstuhl zurück. Mit einem höhnischen Blick auf den jungen Mann sprach Twerenbold für sich: »Kalkuliere, so geht es, wenn man mit der Sonde plötzlich einen sehr reizbaren Nerv berührt.« Dann fuhr er fort: »Lassen Sie, Herr Graf, meine Erzählung immerhin in dem ihr bequemen Geleise sich fortbewegen, wenn sie nicht stocken soll. Ja, also von der Schönheit der Forstlore sprach ich. Sie war überraschend, überwältigend. Wenn einen das große, schlanke, plastisch schön gewachsene Mädchen mit seinen großen, schwarzen, brennenden Augen ansah, wurde einem das Herz närrisch im Leibe und klopfte an die Rippen, als wollt' es heraus. Ist ein Fakt, Herr. War schon manchem von diesen Augen ein Tort angetan worden, rechne ich, und ging es mir auch nicht besser. Wurde verliebt wie ein Maikätzchen, war ein Narr jeder Zoll. Ist ein merkwürdig wunderlich Ding um die Liebe. Ist eine Narrheit, vermut' ich, aber eine allmächtig gloriose, bei Jove! Wird der Mensch recht davon gepackt, tut er, was er sonst nie tut, das heißt, er denkt mehr an eine andere Person als an seine eigene. Ist ein riesiges Wunder, ist es nicht? Kalkuliere, ist es. Sind schon tausend Bücher darüber geschrieben, schon Millionen Lieder darüber gedichtet worden, und ist das Ding doch noch nicht ausgeschrieben und ausgesungen. Remarkabel merkwürdig das, rechne ich. Da ist der Lessing. War ein omnipotent gescheiter Mensch, bei Jove! Aber mit der Liebe kam er doch nicht aufs klare. Meinte, die Liebe sei ein Ding, das erst durch das Christentum aus einem körperlichen Bedürfnis zu einer Art geistiger Vollkommenheit gemacht worden sei. Ist aber nichts damit. Kalkuliere, wußte Lessing so wenig mit der Liebe anzufangen als mit dem Frühling, den er ja auch statt immer und ewig grün zur Abwechslung einmal rot haben wollte. Ist aber, kalkulier' ich, nichts mit so 'nem roten Frühling, und ist die Liebe mit oder ohne Christentum nicht bloß ein körperliches Bedürfnis. Habe die Notion, ist das 'ne rohe Auffassung von einem Dichter und Denker, welcher den Nathan geschaffen, den Nathan, der allein schon hinreichte, Vetter Michel vernünftig zu machen, wenn Vetter Michel von Haus aus nicht ein unverbesserlicher Narr wäre. Doch was geht mich der an? Ja, sehen Sie, mein Herr Graf, ich hatte, bevor ich das Wunder der Liebe an mir selber erfuhr, diesem seltsamlichen Mysterium wissenschaftlich nachgespürt. Über manchen jungen und schönen Kadaver gebeugt, hatte ich, ein passabler Physiolog, mit dem Skalpell in der Hand dem Geheimnis jener Sympathie nachgeforscht, welches man Liebe nennt. Konnt' es aber nicht herauskriegen und kann es, rechne ich, keiner. Es ist nicht allein das Blut, es sind auch nicht die Nerven: es ist, kalkulier' ich, ein ungreifbares, undefinierbares Etwas, ein sinnliches und doch wieder unsinnliches Fluidum, der Jugend eigen, wie der Pfingstzeit die Rosenblüte, kommend und schwindend wie der Duftatem der Mainacht. Doch zum Teufel, entschuldigen Sie, daß ich schon wieder poetisch werde. Jung gewohnt, alt getan. Es kommen mir zuweilen so schnakische Reminiszenzen, namentlich wenn ich so früh aufstehe wie heute und mich nicht durch meinen gewohnten Frühtrunk in die gehörige Werkeltagsstimmung versetze. Wohl, war also in aller Form verliebt, las Shakespeares Julia und Romeo, machte Spaziergänge beim Mondschein und vernutzte viel gutes Papier mit Sonetten ›An die Erwählte‹. War ein schändlicher, niederträchtiger Zustand! Wurde mager wie ein Windhund, und wollte mir auch der Wein nicht mehr schmecken. Hatte natürlich die tugendhaftesten, reellsten Absichten, spintisierte Tag und Nacht, schaffte und sparte, um der Lore ein anständiges Los an meiner Seite zu bereiten. War aber der Jammer der, daß die Lore nichts von mir wissen wollte, als Liebhaber nämlich, denn die alte Freundschaft hielt sie mir treulich. Als ich endlich kühn genug war – man wurde merkwürdig zahm der Lore gegenüber, war etwas verflucht Vornehmes, Gebieterisches in ihr – ja, als ich endlich kühn genug war, ihr zu sagen, was ich eigentlich von ihr begehrte, blitzte sie mich ordentlich nieder mit ihren schwarzen Augen und sagte mir in einem Tone, welchen so ernst und schnippisch zugleich nur sie annehmen konnte: ›Die Mucken schlagt Euch aus dem Kopf, Achaz, Ihr wißt, wir sind gute alte Freunde; das wollen wir bleiben. Wollt Ihr heiraten, wünsch' ich Euch alles Glück dazu; mich aber laßt dabei aus dem Spiele, ein für allemal.‹ War das ein runder, netter, dezidierter Bescheid, war es nicht? Rechne, war es. Glaubte aber, eines Mädchens ›ein für allemal‹ sei doch nicht so streng wörtlich zu nehmen. Die Weiber sagen oft nein, wenn sie eigentlich ja sagen wollen, aus purem Eigensinn, aus verdammter Trotzköpfigkeit, kalkuliert' ich. Fuhr demnach fort zu schmachten und aufs beflissenste den Hof zu machen und hätte am Ende meine Beharrlichkeit doch vielleicht den Sieg davongetragen, um so mehr, da Ihre Tante, Herr Graf, meiner Bewerbung das Wort redete. Da machte aber der Teufel einen dicken Strich durch meine ganze Rechnung. Der Teufel zwar, vermut' ich, war es nicht in eigener Person. Ihr Vater, Graf Nepomuk – ich bitte abermals um Entschuldigung, Herr. Ich sehe zwar wohl, die Einführung dieser neuen Person in meine Geschichte wird Sie angreifen, aber diese Einführung ist schlechterdings nötig.« »Fahren Sie fort,« sagte Robert eintönig. »Sie bedürfen keiner Entschuldigung. Heute kann ich alles hören. Habe ich ja doch das Ärgste schon – gesehen.« »Nun denn,« begann der Erzähler wieder, seinen Kautabak aus der einen Backenhöhle in die andere rollend, »der Graf Nepomuk, damals noch unverheiratet und ein alerter, feiner Herr von den einnehmendsten Manieren, kam auf das Schloß zum Besuch. Sein Bruder, Ihr Oheim, liebte ihn zärtlich, welches Gefühl zu erwidern er sich den vollsten Anschein zu geben wußte. Kalkuliere, kümmerte mich das wenig. Ging mich das nichts an. Ging mich aber etwas anderes desto mehr an. Die Eifersucht schielt, sagt man, aber scharf sieht sie trotzdem. Wohl, ich bemerkte, daß Graf Nepomuk der Lore gegenüber seine diplomatischen Künste spielen ließ, und ich glaubte zu bemerken, daß ihn das Mädchen mit ganz anderen Augen ansah als mich. ›Lore,‹ sagt' ich zu ihr, ›nehmt Euch in acht! Des Grafen Frau könnt Ihr nicht werden und seine –‹ Sie fiel mir zornig ins Wort, ließ mich nicht weiter reden, und zuletzt lachte sie mich aus. Nun, ich wußte, daß sie ein sittsames Mädchen war, und beruhigte mich, um so mehr, da ich wahrzunehmen meinte, meine Beständigkeit hätte gerade jetzt allmählich einen Eindruck auf sie hervorgebracht, der mich das Beste hoffen ließ. Man hofft, was man wünscht, eine alte dumme Wahrheit. Helfen dem Menschen nicht viel, solche Binsenwahrheiten, kalkulier' ich; je wahrer sie sind, desto weniger glaubt er an sie. Während ich nun in meiner Verliebtheit so hinduselte, fiel die Wippoltsteiner Kirmes ein. War vorzeiten, rechne ich, ein rares, ergötzliches Ding, so eine Wippoltsteiner Kirmes. Kamen weitum die Leute aus den Bergen im Dorfe zusammen, alt und jung, um ihren Jux zu haben. Hatten ihn auch. Kriegte an so 'nem Tage selbst der ärmste Teufel mal den Mut, mit Singen und Springen, Tanzen und Karessieren sich sehen zu lassen. Rechne, beiläufig gesagt, geht der Jubel der alten Volksfeste immer mehr zum Teufel, und verlieren die Leute in allen Ständen nach und nach die Fähigkeit, sich recht zu freuen. Sieht alles aus wie verzwungenes Zeug, und hat selbst die Jugend nicht mehr den rechten, naturwüchsigen Leichtsinn der Genußfreudigkeit. Will auch sie, kalkulier' ich, schon ihre Genüsse raffinieren, und ist das in der Jugend vom Übel. Habe überhaupt die Notion, daß irgendwo in der Weltmaschine eine Schraube losgegangen, eine Hauptschraube. Daher das Gewackel und Gezitter und Gekrache an allen Ecken und Enden. Lebte der hypochondrische Dänenprinz heutzutage, er hätte doppelten Grund, zu sagen, die Welt sei aus den Fugen. Aber was geht das mich an? Vermute, könnt' ich sie zehnmal einrenken, würde es nicht ein einzigmal tun – ist ein Fakt. Nun wohl, zu meiner Zeit verstanden es die Leute noch, sich zu freuen, und das bewiesen sie namentlich an der Wippoltsteiner Kirmes. Was da für schöne Madel zusammenströmten! Die Mannen und Buben schossen nach der Scheibe oder machten das Preiskegeln um einen stattlichen Hammel mit. War auch ein Glücksrad da und eine Waffelbude und wurde auf einem Puppentheater die grausige Geschichte vom Doktor Faustus tragiert. Ging aber das Hauptvergnügen erst abends an. Spielten da auf dem Rasen unter der Linde hinter dem guten alten Wirtshaus zum Steinbock die Musikanten zum Tanze auf. Habe die Notion, wer nie unter 'ner Dorflinde so 'ne hübsche, frische, quabbelige, von der Freude leidenschaftlich aufgeregte Dirne im rasenden Dreher geschwungen, hat ein rarstes Vergnügen nicht kennen gelernt. Schwang mich an jenem Abend wie toll im Dreher und Hopser und hatte im Arm eine Dirne, frisch, hübsch, quabbelig, daß es 'ne wahre Freude. War das Madel des Guggisrieder Forellenwirts Lizele, Diminutiv- und Schmeichelnamen für Felizitas, wissen Sie? Kannte das Lizele gut, hatte mich stets mit freundlichen Augen angesehen, wenn ich meine Patienten in Guggisried besuchte. War auch der Forellenwirt ein Mann, der Batzen und außer dem Lizele nur noch eine Tochter hatte. Wäre also das Madel in allweg 'ne passende Partie für einen Dorfarzt gewesen, rechne ich. Steckte mir aber die Forstlore in meinem dummen Grind und wollte nicht daraus weichen. Und aber, daß ich heute, das heißt an selbiger Kirmes mit dem Lizele zusammengeraten, das war so zugegangen. Ihr Oheim, der General, und Ihre Tante pflegten, wenn sie im Schlosse anwesend, die Kirmes jedesmal zu besuchen. Auch diesmal kamen sie. Mit ihnen kam Graf Nepomuk, und auch die Lore war dabei. Den Tanz unter der Linde eröffnete der General mit der jungen Steinbockwirtin, Ihre Tante tanzte mit 'nem Bauerburschen, und ich hätte gern mit der Lore getanzt, aber schon hatte Graf Nepomuk ihr den Arm gegeben. Als ich sah, wie sie sich, strahlend von Schönheit und Stolz, mit ihm herumschwenkte, meinte ich vor Eifersucht bersten zu müssen – so meint' ich, bei Jove! Wie ich nun so grämelte und meinen Grimm hinunterzuwürgen mich bemühte, kam das Lizele mit seiner Base, der Oberförsterin, auf den Platz und sah mich das dundersnette Madel so lieb und gut an wie schon oft zuvor. Wutsch dich, hatt' ich sie am Arm und trat mit ihr in den Reigen und tanzte wie besessen und tat schön mit meiner Tänzerin in bester Manier. War aber das alles nur verbissene Wut, und bemerkte ich wohl, wie die Lore erst verwundert und dann schier ein bißchen unwirsch zu uns herüberschaute. ›Guck du nur,‹ dacht' ich, ›will dir zeigen, daß der Twerenbold noch andere kriegen kann.‹ War mir aber doch nicht wohl dabei zumut. Trat eine Pause in dem Tanz ein, weil die Musikanten vesperten, und da trat ich die Lore an und flüsterte ihr einen hämischen Glückwunsch zu ihrer vornehmen Eroberung zu. ›Ihr seid unverschämt, Achaz,‹ sagte sie mit brennenden Wangen, ›aber ich wünsch' Euch dennoch von ganzem Herzen Glück zu Eurem neuen Schatz.‹ – ›Schatz?‹ fragt' ich. ›Welcher Schatz?‹ – ›Nun,‹ sagte sie, ›des Guggisrieder Forellenwirts Lizele. Ihr seid ja ganz verschossen, und Ihr habt recht, 's ist ein schön Madel und Geld hat es auch‹ –. ›Hört, Lore,‹ sagt' ich darauf, denn ich glaubte zu bemerken, daß die Stimme der Wetterhexe mehr noch ärgerlich als spöttisch klang, ›hört, Lore, Ihr solltet mit mir nicht so sprechen. Redet ein gut und verständig Wort mit mir, und Ihr sollt sehen, daß ich mich um das Lizele nicht mehr kümmere als um seines Alten verschimmelte Taler. Ihr wißt, Lore, was ich für Euch fühle. Sprecht ein herzlich Ja, und heute noch geh' ich mit dem Pfarrer reden. Am nächsten Sonntag soll unser Aufgebot, über vierzehn Tage unsere Hochzeit sein; mein Haus ist eingerichtet und bereit, die Hausfrau zu empfangen, und Ihr sollt es nie bereuen, dasselbe als mein Weib betreten zu haben.‹ – ›Ei, Achaz,‹ versetzte sie schnippisch, ›pressiert's Euch so? Ihr seid so mächtig hitzig. Gut Ding will Weile haben. Horch, da blasen die Musikanten wieder auf, und seht, da kommt mein Tänzer, um mich zu holen. Ihr müht Euch also schon noch gedulden. Nichts für ungut, und amüsiert Euch brav!‹ Und richtig, herbeitänzelte der verd – nun ja, Graf Nepomuk kam und holte die Lore wieder zum Tanz, und ich sah wohl, mit welcher freudigen Hast sie ihre Hand in die seinige legte. Da wurde mir doch so wild und tückisch zu Sinn, so quer im Kopf! ›Foppen willst du mich, du Waldhexe?‹ dacht' ich. ›Das sollst du wohl bleiben lassen.‹ Und stracklich machte ich mich wieder an das Lizele und ließ das Mädchen nicht wieder los und tat mit ihm wie der verliebteste Narr unter der Sonne. Und je böser und spöttischer mich die Lore darum ansah, desto toller trieb ich's und nahm das Lizele leider alles für baren Ernst. Ging es mir aber zuletzt, wie es einem, rechne ich, zu gehen pflegt, wenn man stundenlang ein frisches verliebtes Madel im Arm hat und mit ihm herumspringt, daß das Mieder wallt und Augen und Wangen und Lippen glühen. Hatte noch dazu in meiner Wildheit zwischenhinein diverse Gläser Wein hinuntergestürzt. Wurde also warm und mehr als warm, heiß, heftig, ein wahrer Feuerteufel. War auch damals, kalkulier' ich, ein Kerl, der sich sehen lassen durfte, und hinlänglich Poet, um eines Guggisrieder Forellenwirts Tochter mit glatten Redensarten den Kopf zu verdrehen. Wohl, verdrehte also dem Lizele den Kopf – ist ein Fakt. Mußte mir aber, vermut' ich, der Schädel tüchtig mitverdreht worden sein. Hätte sonst sehen müssen, daß ein Jägerbursche aus der Försterei, welcher dem Lizele schon lange nachgestrichen, den ganzen Abend um uns herumschlich mit gesträubtem Haar und Bart wie ein eifersüchtiger Kater, und daß der Kerl dann lange abseits mit dem Wichte, dem Veit, flüsterte, welcher jetzt Donnerfallmüller ist und schon damals beim Grafen Nepomuk kammerdienerte. Sah es auch, aber nur so beiläufig. Kümmerte mich den Henker darum. Hatte nur Sinn für das eine, die Lore für ihre Koketterie mit gleicher Münze zu bezahlen. Das Lizele gestattete mir gegen Mitternacht zu, ihren Heimführer zu machen. Ist aber so ein Heimführen, wissen Sie, nach dem ländlichen Liebeskodex 'ne ernste Sache. Den Burschen, durch welchen sie sich heimführen läßt, erklärt die dörfliche Schöne gleichsam offiziell für ihren Liebhaber, für ihren Schatz, der alle Rechte eines Bräutigams besitzt. Ist demnach dieses Heimführen ein sehr hübsches, oft aber auch ein häkliches Ding, je nach Umständen. Führte also das Lizele heim, welches bei seiner Base in der Försterei übernachten wollte. Dachte zur Stunde nicht im entferntesten daran, daß jedes Ding 'ne Kehrseite hat, denn ließ sich das Abenteuer anfangs omnipotent angenehm an. War ein allerliebstes Madel, das Lizele. Nicht zu spröde und doch wieder nicht zu gefällig, recht so das pikante Mittelmaß im Temperament. Wie ich nun aber nach zahllosen Küssen an der Hintertür der Försterei endlich von dem quabbeligen Ding Abschied genommen und durch den Garten auf die Straße zurückwollte, empfing mich für die Heimführung jenseits des Gartenzauns eine Heimsuchung. Ja, geriet da, kalkulier' ich, in eine infame Schwulität. Schwelgte noch in der Rückerinnerung an des Lizeles Zärtlichkeit, als plötzlich ein halb Dutzend Kerle mit geschwärzten Gesichtern über mich herfielen. Baumstark, wie ich damals war, hätte ich mich, wenn darauf vorbereitet, dieses ländlich-sittlichen Überfalls vielleicht erwehren können. Kam aber dieser zu plötzlich, als daß ich hätte viel machen können. Schlug zwar einen der Kerle mit der Faust zu Boden, wurde aber im nächsten Augenblick selber zu Boden geschlagen, und nun begann 'ne schnöde Kiltgangkomödie, die in unseren Bergen vorzeiten nicht ganz ungewöhnlich war und es vielleicht jetzt noch nicht ist, jedenfalls aber für den, welcher die Hauptrolle spielen muß, zu den inkonvenabelsten Dingen gehört, die sich denken lassen. Und die Hauptrolle dieser Komödie mußte damals ich spielen, nolens volens. War 'ne bittere Stunde, bei Jove! Die infamen Kerle, welche mich überfallen und übermannt, hielten eine Stange in Bereitschaft, eine Art Hopfenstange, vermut' ich. Die schoben sie mir zum linken Rockärmel hinein und über das Rückgrat hinweg zum rechten heraus. Und wurden vermittelst Strickenden meine Handgelenke an die verfluchte Stange festgeschnürt. Dann klebte man mir ein höllisches Pechpflaster über das Maul und ließ mich laufen. Quer das, sehr quer – ist ein Fakt. Was ich da für 'ne Figur machte? Kalkuliere, 'ne höchst komische für die Kerle, aber für mich selbst 'ne tragischere, als je eine über die Bretter der Bühne gerast. Stand da mit ausgespannten Armen, als wollt' ich Himmel und Erde umarmen. Ja, rechne ich, zermalmen, in Atome zerreiben hätte ich beide mögen. ›He, hist und hott, gradaus und zickzack, Herr Pflasterkasten!‹ So gröhlten die Kaffern und gellten und lachten und höhnten – infam, geradezu infam! – Herr, habe drüben in der neuen Welt Dinge erlebt, die auch einem starknervigen Mann das Haar zu Berge stehen machen können, habe mich mit Goldsuchern und Rothäuten herumgeschlagen und bin haarscharf den Krallen der Lynchjustiz entgangen, die mich fassen wollten, natürlich infolge eines verhenkerten Mißverständnisses, kalkulier ich, aber, by all the powers, in so einer dreimal verfluchten Schmiere, wie damals am Gartenzaune der Försterei, bin ich all mein Lebtag nie gewesen. Wohl, stand da wie ein lebendiges Kreuz und wurde aus einem stehenden ein wandelndes, denn fort mußt' ich doch, fort wollt' ich. Dachte, das Krakeelen der Kerle konnte am Ende gar noch das Lizele herbeiziehen, und müßte ich ein erbaulich Spektakel für das hübsche Madel gewesen sein. Wurde aber doch so erbost, daß ich meinte, der Schlag müßte mich rühren. Aber was konnt' ich machen? Höchstens mir unter dem höllischen Pflaster vor Ingrimm die Lippen blutig beißen. Ging also, war das aber ein schlimmes Gehen, Herr. Stieß mit den Enden der infamen Stange überall an, blieb rechts und links hangen, mußte mich drehen und winden wie ein Frosch unter der Wirkung einer galvanischen Batterie. Kalkulierte, täte gut, die Dorfstraße zu vermeiden, auf welcher die Leute jetzt johlend und singend vom Tanzplatz unter der Linde heimzogen. Wollte mich durch die Baumgärten am See nach meiner Wohnung hinlotsen. Ja, rechne, das ist das rechte Wort. Recht eigentlich lotsen mußt' ich mich. Kam mir schier vor wie so 'ne gottverdammte schwerfällige holländische Trekschuite. Machte auch 'ne verzweifelte Anstrengung, die satanische Stange auf meinem Rücken entzweizubrechen, ging aber nicht; war das die zäheste Stange von der Welt: meine Gelenke krachten, sie nicht. Und hinter mir her das Gejodel und Gehöhne der lederhosigen Kalibane – eine elende Situation, omnipotent niederträchtig! Sollte aber noch schlimmer kommen – sollte es nicht? Kalkuliere, sollte. Ließ sich da der alberne Kerl, der Mond, plötzlich einfallen, seine dumme sentimentale Fratze hinter den Wolken, welche ihn bisher bedeckt, hervorzustrecken und mich in meiner Misere ganz unverschämt breit zu bescheinen. Rechne, habe seither eine entschiedene Abneigung gegen allen Mondschein. Ist alles Lug und Trug, was die Poeten von dem blassen Gesellen faseln. Ist ein abgetragener, verbuhlter, heimtückischer Kerl, bei Jove! Spielte mir häßlich mit damals. Denn wie ich so seitlings – en face konnt' ich der Bäume oder vielmehr der höllischen Stange wegen nicht gehen – den Fußweg durch die Gärten hintrippele, kommt mir unversehens 'ne Gesellschaft entgegen. Das fehlte nur noch. Es war der General mit seiner Frau, und hinter ihnen kam die Lore, am Arm des Grafen Nepomuk. Die Herrschaften hatten beim Pfarrer zu Nacht gespeist und waren jetzt auf dem Heimwege begriffen. Ein infernalisches Rencontre! Und ich konnte schlechterdings nicht ausweichen. Sie standen still und schienen sich zuerst über die ungeheuerliche Figur, die ich machte, zu entsetzen. Dann aber brachen sie, den Kiltgangspaß erratend, in ein unauslöschliches Gelächter aus. Lachte aber die Lore am unbändigsten, und machte mich das rasend. Fuhr ganz rabiat vorwärts und rannte mit dem einen Ende der Stange den Grafen zu Boden und kriegte auch die Lore dabei einen derben Rippenstoß ab. Gelangte so furibund, wutschnaubend durch die Nase und mit dem Schweiß des bittersten Ingrimms bedeckt, bis an den Pfarrgarten und traf da den Pfarrer, welcher seine Gäste begleitet hatte und beim Ausbruch des Gelächters stehen geblieben war. Der erlöste mich von meinem Kreuz, aber das Lachen konnt' auch er dabei nicht verhalten. Und das war mein tragikomischer Kirmesjux, zu dem der Mond so hell schien, als hätt' er's, kalkulier ich, recht eigentlich darauf angelegt.« 14. Eine Dorfgeschichte beim Sonnenschein. Nach einer Pause, welche Twerenbold dazu benutzte, seines Kautabaks sich zu entledigen und dafür eine Zigarre anzubrennen, fuhr er zu erzählen fort: »Habe die Notion, kann mit Fug und Recht sagen, daß ich nie einen Schlag empfangen, ohne denselben redlich und mit Zinsen zurückzugeben. Ist das, rechne ich, ein solider Grundsatz, verschafft einem Respekt bei den Leuten. War also fest entschlossen, meine Kreuzigung nicht mit Lammesgeduld hinzunehmen, und war der Mann dazu, solchen Entschluß ins Werk zu setzen. Fehlte auch nicht an Stachelung dazu, denn war am andern Tag die verdammte Geschichte nicht nur im ganzen Dorfe, sondern auch überall in der Umgegend bekannt. War ein Hauptspaß für die Canaille, den Doktor so abgeschmiert zu wissen. Warum den Leuten das so besonderen Spaß machte, weiß ich eigentlich nicht zu sagen, denn ich hatte mich bis dahin stets pflichttreu, hilfebereit und gegen die Armen nobel benommen. War, rechne ich, der schadenfrohe Kitzel, welchen der Bauer empfindet, wenn einem ›Herren‹ was Schlimmes passiert. Verdroß mich aber das am meisten, daß ich erfuhr, auch das Lizele habe ganze Schollen gelacht, als sie hörte, welches Ende meine Heimführung genommen. Der Grasaff'! War damit meine rabiate Absicht, der Forstlore zum Possen des Forellenwirts Töchterlein zu freien, fertig und zu Ende. War aber dies Abspringen, kalkulier ich, 'ne rechte Eselei von mir. Hätte das Lizele, wenn es auch über meine Kreuzigung in jener Nacht lachen mußte, zweifelsohne eine brave Frau abgegeben. Hatte mich aufrichtig lieb. Hat es mir erst gestern drüben in Guggisried gesagt. Erkannte mich auf der Stelle wieder. Ist aber jetzt 'ne alte verhutzelte Jungfer geworden, hat keinen Mann nach ihrem Geschmacke finden können. Hätten sicher ein recht gemächliches, alltägliches Philisterleben mitsammen geführt. Ist aber, kalkulier ich, so 'ne philisterhafte Existenz in der Regel die glücklichste; gehört nur ein Kleines dazu, die Philisternatur. Die gerade freilich fehlte mir, rechne ich. Wohl, ließ mich also auslachen, lachte selber mit und legte mich unter der Hand auf Kundschaft. Hatte auch bald ergattert, wer meine Kreuziger gewesen. Waren der infame Jägerbursch und seine Gesellen nur die Werkzeuge, und ging die Teufelei von dem Hund von Veit aus, der wiederum von dem Grafen Nepomuk die Anregung dazu empfangen hatte. Wußte der Graf, wie hochmütig die Lore sei, wollte mich in ihren Augen lächerlich machen, und gelang ihm das auch vollständig. Hatte seine Absicht dabei, der Graf, wie sich bald zeigen wird. War nun aber auch der Kopf des miserablen Komplotts zunächst zu hoch für meine Hand, so mocht' ich doch den Armen beikommen und hatten dieselben zu fühlen, daß es nicht klug gehandelt war, einen Mann, wie der Twerenbold war, zu kreuzigen, und zwar noch dazu bei so exquisit hellem Mondschein. Ging auch hier nach dem Vers des alten Lateiners: ›Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi‹ – zu deutsch: Die kleinen Schelme hängt man, die großen läßt man laufen. Doch genug von diesem Kapitel. Aber, Herr, jene verdammte Kirmesnacht hat einen widerwärtigen Einfluß auf mein Leben geübt. Die Lore war für mich verloren, das war klar. Ging mir das näher zum Herzen, als ich mir selber gestehen mochte. War damit, parabolisch zu sprechen, der Anker zum Teufel gegangen, welcher mein Lebensschiff gehalten. Begann auch dasselbe sofort, wild auf den Wogen zu schwanken. Griff zum Wein, um in den Fluten desselben meinen Liebesgram zu ersäufen. Ist das 'ne desperate Kur, bei Jove! Begann mein Lebenswandel erst unsolid, dann dissolut zu werden, und war das Schlimmste dabei, daß mir nach und nach auch die Freude an meiner Wissenschaft abhanden kam. Gewährten mir selbst meine botanischen Forschungen und chemischen Versuche, in welchen beiden ich es zu Tüchtigem gebracht hatte, keine rechte Befriedigung mehr. Trieb meinen Beruf bald nur noch mechanisch, wie ein Handwerk, das mich nähren mußte. Verlor auch das Handwerk, weil nachlässig betrieben, allmählich seinen goldenen Boden. Die Lore also war für mich verloren, und damit ging mein Idealismus flöten. Ist, rechne ich, ein wunderlich Ding um die Ideale. Muß aber doch, kalkulier ich, jeder Mensch so 'ne Art von Ideal haben, und wär's auch nur ein identisch angestrichenes Steckenpferd, wenn die Bestie in ihm nicht über ihn Herr werden soll. Wohl dem zwar, welcher nie einen Blick in die idealen Regionen getan hat! Er lebt seine bestialische Existenz so hin und kann dabei in seiner Art ein ganz guter Untertan und braver Familienvater sein. Bedenklich jedoch ist's, das gelobte Land vom Sinai der Bildung herab geschaut zu haben und dann wieder in die Wüste der Prosa des Lebens zurückgeschleudert zu werden. Wohl, so ungefähr erging es mir. Ging aber auch die Forstlore ihres Idealismus verlustig, verlor sich selbst. Sollte es bald erfahren, daß mir nicht allein jene Kirmesnacht verhängnisvoll geworden. Sah, rechne ich, derselbe Mond, der meine lächerliche Situation beschienen, in dem Zimmer der Lore im Schlosse noch etwas Schlimmeres. War eine heiße Nacht, und war die Lore bei all ihrem Stolz ein heißes Mädchen. Trat da eines schönen Wintermorgens der Lump, der Veit, zu mir in die Stube, und dachte ich gleich, daß sein Kommen was Besonderes zu bedeuten haben müßte, denn ich hatte dem Kerl seine Kirmesrechnung in sehr fühlbarer Münze bezahlt, und hatte er sich seither wohl gehütet, mir wieder nahe zu kommen. Der Schuft machte mir ein langes Brimborium vor, dessen Resultat war, daß er von mir den Freundschaftsdienst forderte – den Freundschaftsdienst? der Hund! – ich sollte was Geschehenes ungeschehen machen. Es belustigte mich halb, den Schubiak mit Katzentritten um den Topf herumschleichen zu sehen, bis er endlich den Deckel abhob und mir die Suppe zeigte, welche er eingebrockt haben wollte. Meine erste Regung, als ich die saubere Bescherung sah, war die einer Wut, welche mich antrieb, den Kerl bei seinen Spindelbeinen zu fassen und an die Mauer zu schmettern. Er sah mir diese Absicht an den Augen an und retirierte bis zur Türe, um sich nötigenfalls schleunigst davonmachen zu können. Besann mich indessen, sagte ihm, daß er nichts zu befürchten hätte, und ließ mir die Geschichte nochmals erzählen. Glaubte natürlich davon, was ich wollte, und sagte dann, vor allen Dingen müßte ich den wahren Sachverhalt kennen, und er sollte sich nicht unterstehen, mir noch ferner weismachen zu wollen, daß er in eigener Angelegenheit und nicht vielmehr als Unterhändler für einen andern gekommen. Wohl, war dieser Veit von jeher ein verschlagener, schlauer Hund, ein zehnfach destillierter Schurke, ein Hauptgauner, seines Herrn, des Grafen Nepomuk, Faktotum. Hat aber jeder Mensch seine Schwäche, diverse Schwächen sogar, und war, rechne ich, eine von Veits Schwächen die, daß er mich, seit ich von wegen der Kreuzigung Abrechnung mit ihm gehalten, mehr fürchtete als das Höllenfeuer. War daher der Lump, 'ne echte und gerechte Kammerdienernatur, nicht der Mann, mir standzuhalten, da ich ihn mit Blick und Miene und Wort wie mit Beißzangen faßte. ›Macht mir keine Flausen vor, Monsieur Veit,‹ sagt' ich zu ihm; ›Ihr wißt, ich lasse nicht das Michele mit mir spielen. Ihr kommt vom Grafen, Eurem Herrn?‹ – ›Ja,‹ sagt' er, nachdem er sich ein bißchen gewunden und gedreht. ›Und,‹ fuhr ich fort, ›Ihr habt ihm eingeblasen, was er durch Euch von mir verlangt?‹ Der Schuft redete weitschweifig von seiner Anhänglichkeit an seinen Herrn und daß es doch das beste wäre, jeder Möglichkeit eines Skandals vorzubeugen. – ›Schon gut,‹ sagt' ich, ›brauche Euer Palaver nicht. Weiß die Lore etwas von der Art und Weise, wie Ihr und Euer Herr jeder Möglichkeit eines Skandals vorbeugen wollt?‹ – ›Nein,‹ sagte er. – ›Gut,‹ sagt' ich, ›kommt übermorgen wieder; will bis dahin bedenken, was zu machen ist.‹ Anderen Tags sah ich die Herrschaft durch das Dorf talabwärts fahren und ging sogleich nach dem Schlosse, um die Lore allein zu treffen. ›Lore,‹ sagt' ich zu ihr, indem ich sie fest ansah, ›Ihr habt mich in der Kirmesnacht ausgelacht, jetzt könnte ich lachen, wenn es mir beliebte.‹ Sie ward blutrot, denn sie hatte mir sogleich abgemerkt, daß ich ihr Geheimnis kannte. ›Achaz,‹ sagte sie, nachdem sie sich merkwürdig schnell wieder gefaßt, ›ich habe vielleicht unrecht an Euch gehandelt, ich gesteh' es; aber Ihr werdet mich dennoch weder auslachen noch verraten.‹ – ›Nein,‹ sagt' ich, ›das werde ich nicht tun, Lore, obgleich Ihr mir übler mitgespielt habt, als Ihr Euch einfallen laßt. Aber wir haben als Kinder miteinander gespielt, und ich habe der vielen Stücke Brot nicht vergessen, womit Ihr damals den Heißhunger des armen Gänsebuben gestillt. Ich hätte diese Mildtätigkeit Euch gern vergolten durch eine ehrliche und große Liebe, aber es sollte nicht sein.‹ Zum Teufel, Herr, ich wurde ganz weich, als ich das zugrunde gerichtete, offenbar noch von den törichtsten Illusionen befangene Mädchen vor mir sah. ›Nein, es sollte nicht sein,‹ sagte sie, ›und es ist wohl besser so für uns beide.‹ – ›Wohl,‹ sagt' ich, ›das läßt sich nun schon nicht mehr ändern. Aber, Lore, hütet Euch! Der Hund von Veit geht damit um, an Euch geschehene Dinge ungeschehen zu machen. Er hat dazu meine ärztliche Beihilfe verlangt – mit Vorwissen seines Herrn – versteht Ihr mich?‹ – Sie nickte mit dem Kopf, wurde bleich und wankte auf ihren Füßen. Der Schlag war hart. Aber sie verwand ihn, denn sie war von je eine starke Natur. – ›Der Schurke hat gelogen, Achaz. Was er von dem Vorwissen seines Herrn sagte, war eine Lüge, verlaßt Euch darauf. Und im übrigen,‹ setzte sie hinzu, indem sie sich mit energischem Stolz aufrichtete, ›im übrigen besitze ich von dem Grafen ein schriftliches Eheversprechen.‹ Sprach's und wandte sich von mir mit einer Miene, welche deutlich sagte: ›Ich werde Frau Gräfin trotz alledem.‹ So wie ich den Veit kannte, mußte ich kalkulieren, daß er sich, falls ich mir nicht den Anschein gäbe, ihm und seinem Herrn zu Willen zu sein, zur Ausführung des niederträchtigen Vorhabens anderwärts her die Mittel verschaffen würde. Richtete mich also danach und gab ihm eine Phiole, welche nur mit etwas unschädlichem Färbestoff vermischtes Wasser enthielt, welches, sagt' ich, sicher, aber langsam wirke. Wenige Tage darauf verreiste Graf Nepomuk. Er sei, hieß es, zur Übernahme einer dringlichen diplomatischen Mission plötzlich in die Hauptstadt berufen worden. Der Veit blieb noch eine Woche im Schlosse zurück. Er hatte ebenfalls eine wichtige diplomatische Mission auszurichten, die nämlich, ein gewisses Papier, welches Namensunterschrift und Siegel seines Herrn trug, aus dem Schranke der Forstlore verschwinden zu machen. Nachdem er dieses Geschäft vollführt, reiste er bei Nacht und Nebel seinem Herrn nach. Ungefähr eine Woche später ging vom Schlosse in das Dorf ein dumpfes Gerücht aus, es hätte zwischen der Frau Generalin und der Lore eine heftige Szene stattgefunden, infolge welcher die Lore noch am gleichen Tag das Schloß verließ und zu einer alten Verwandten ihrer verstorbenen Mutter zog, die in einem einsam stehenden Häuschen am Ende des Dorfes hauste. Dort lebte sie so eingezogen, daß sie niemand zu sehen kriegte. War der Frühling ins Land gezogen, als eines Frühmorgens die Base der Lore kam, mir zu sagen, die Lore hätte in verwichener Nacht ein Knäblein geboren, das aber wenige Minuten nach der Geburt gestorben. Die Wöchnerin sei so schwach und angegriffen, daß auch für sie das Schlimmste zu befürchten wäre. Ging also hin. Das Kind war tot. Wie es gestorben, mocht' ich nicht weiter untersuchen, als mich die arme Lore mit ihren glanzlosen, tief in den Höhlen liegenden Augen ansah. Sie war zu einem Schatten abgezehrt, ein Bild des Jammers. Aber kein Laut der Klage kam über ihre Lippen. ›Lore,‹ sagt' ich und faßte ihre Hand, ›der Achaz, Euer Spielkamerad, ist noch immer Euer Freund. Aber Ihr müßt leben, müßt Euch von mir herstellen lassen.‹ – ›Leben? Herstellen?‹ murmelte sie. ›Wer kann mich wiederherstellen?‹ Und sie versank in ein düsteres Brüten, wählend dessen ich der Base die näheren Umstände der Niederkunft abfragte und das anordnete, was zunächst vonnöten war. Ein schwacher Ruf der Kranken rief mich wieder zu ihrem Lager. Sie faßte mit krampfhaftem Zittern meine Hand, versuchte sich aufzurichten, und indem ein Blitz des alten Geistes in ihren Augen aufzuckte, flüsterte sie mit hohler Stimme: ›Gebt mir Arznei, Achaz. Ich will leben – leben, um mich zu rächen, und müßt' ich darum hundert Jahre leben. Ich will es, ich will es! – Aber,‹ setzte sie keuchend hinzu, ›schafft das – das Kind weg! Schafft es weg, oder ich werde wahnsinnig.‹ Das Kind wurde am folgenden Tage begraben. War ja meinem Attest zufolge alles in Ordnung hergegangen. Ich wandte alle meine Kunst auf die Lore und hatte rascheren Erfolg, als ich erwarten durfte. Sie genas, trotzdem daß sie wußte, eine furchtbare Stunde warte ihrer, sobald sie genesen wäre. Ihr Körper richtete sich wieder elastisch auf, auch ihr Geist, aber es war doch nicht mehr die alte Lore. Etwas Dämonisches hat von der schrecklichen Katastrophe an in ihr gewaltet, von dem Augenblick an, wo sie, wenige Stunden vor ihrer Niederkunft, erfahren, daß Graf Nepomuk drunten in Wien Hochzeit gemacht hatte. Verschlossen, apathisch, eiskalt stand sie von nun an in der Gesellschaft da oder ihr vielmehr gegenüber, der Menschheit Verächterin oder Feindin, je nach Umständen, aufgezehrt und doch zugleich erhalten von einem rastlosen, brennenden, unerbittlichen Gedanken, der in der Tiefe ihres Herzens schlief, ungesehen und ungeahnt von allen. Niemals vielleicht hat es ein Weib zu einer Selbstbeherrschung gebracht, wie die war, womit die Forstlore von ihrem Krankenbette erstand. Sie war wieder stattlich und schön geworden, nur in anderer Art als früher. Ein ungeheurer Schmerz, eine höllische Erinnerung hatte das Blut für immer von ihren Wangen verjagt: sie gemahnte mich bei ihrer hohen Gestalt, in ihrer Blässe und stoischen Ruhe an die Sibyllen und Alrunen der alten Zeit. ›Achaz,‹ sagte sie eines Sonnabends mit kalter Fassung zu mir, ›morgen werde ich Kirchenbuße tun.‹ Ich erschrak heftig, obgleich ich schon lange wußte, daß die Lore unter den obwaltenden Umstanden dem barbarischen Brauch, welcher damals bei uns noch in voller Kraft bestand, sich nicht würde entziehen können. Ich wollte dennoch alles aufbieten, den Schimpf von ihrem Haupte zu entfernen, wollte sofort zum Pfarrer, aber sie unterbrach mich und sagte ruhig: ›Gebt Euch keine vergebliche Mühe. Ich will und muß an der Kirchentüre stehen. Der Pfarrer ist ein humaner Mann und hat, wie ich weiß, den Versuch gemacht, diese Gelegenheit zur Abschaffung der alten Barbarei zu benutzen. Es ist ihm nicht gelungen. Die frommen Leute im Dorfe schrien Zeter über ihn. Sie wollen ihr Spektakel haben, um so eifriger, da es mir, der Forstlore, gilt, die, wißt Ihr, das Sprichwort wahr gemacht: Hochmut kommt vor dem Falle. Mir geschieht, wie mir gebührt. Warum war ich so aberwitzig einfältig? Ich will den Schimpf über mich ergehen lassen, und Ihr sollt mit dabei sein, Achaz. Ihr habt dann Genugtuung für mein albernes Hohnlachen in jener dreimal verfluchten Kirmesnacht, und ich – ich bin mit den Menschen fertig und quitt.‹ Ich verließ am folgenden Morgen mit Tagesgrauen das Dorf, denn ich wollte die Barbarei nicht mit ansehen. Aber mit seltsamer, magischer Gewalt zogen mich die Glockenklänge zurück, welche die Gemeinde zur Kirche riefen. Es war nicht Neugierde, was mich zu dem Spektakel zog, noch viel weniger Rachegefühl, es war aber auch nicht Mitleid und Freundschaft allein – Herr, die Gefühle mischen sich in der Menschenbrust so wunderlich, daß ein Psycholog den Verstand darüber verlieren könnte. Da stand nun die Lore an der Kirchtüre, auf dem Kopfe den aus Stroh geflochtenen Kranz, welchen sie noch jetzt bewahrt, in der Hand die gelbe Bußkerze, den schadenfrohen Blicken, dem schlechtverhehlten Gegrinse, den geflüsterten Schmachreden der blödsinnigen Canaille bloßgestellt, und wie damals auf mich der Mond, so warf jetzt auf sie die Sonne ein breit unverschämtes Licht, als wollte auch sie von dem grausamen Spaß ihren Anteil haben. O, ich hätte mögen die Sonne anspeien und wünschte gleich jenem römischen Imperator, all das gaffende, grinsende, zischelnde Gesindel mochte nur einen Hals haben, damit ich ihm mit würgender Hand den Kehlkopf eindrücken könnte. Die Lore aber verlor keinen Moment ihre Fassung. Sie stand regungslos, der antiken Bildsäule des Schweigens gleich, und ihr starres, trockenes Auge schweifte mit dem Ausdruck unendlicher Verachtung über die Menge. Ich weiß, Herr, diese Menge war gewissermaßen in ihrem Rechte, denn sie wußte von ihren Ureltern her nichts anderes, als daß ein gefallenes Mädchen mit Strohkranz und Bußkerze an der Kirchtüre stehen müßte, der brutalen Schadenfreude zum Opfer. Aber dennoch habe ich in jener Stunde, ich, ein Kind des Volkes, das Volk verachten und hassen gelernt, denn ich sah, daß es in seiner bäuerischen Stumpfheit auch zugleich raffiniert erbarmungslos war. Nachmals erfuhr ich, daß die Frau Generalin, Ihre Tante, unter der Hand sich bemüht hatte, die Lore vor dem Prangerstehen zu bewahren. Ihre Bemühung jedoch war, wie die Friedings, an der Hartnäckigkeit der bäuerlichen Kirchenvorsteher gescheitert. Ihre Tante, Herr Graf, war eine milde, sanfte Frau voll Herzensgüte. Sie hatte der Lore längst verziehen und lag ihrem Gemahle kurz nach der Kirchenbuße der Unglücklichen an, dieselbe wieder ins Schloß aufzunehmen. Sie erklärte geradezu, sie hätte sich so an die Lore gewöhnt, daß sie nicht ohne dieselbe leben könnte. Der General, welcher seiner Frau sehr zugetan war, gab ihrem Drängen nach, und zur Verwunderung aller nahm die Forstlore ihren alten Platz im Schlosse wieder ein, als wäre nichts geschehen. Nur die städtische Modetracht ließ sie draußen im Häuschen ihrer Base und ging fortan nur noch in dem Anzug, wie ihn die Mädchen unserer Gebirgstäler tragen. In den eleganten Damenkleidern war sie büßend an der Kirchtür gestanden. Ungefähr ein Jahr später kam auch der Graf Nepomuk wieder für kurze Zeit nach Wippoltstein. Er hatte seine junge Gemahlin verloren, nachdem sie Ihnen, Herr Graf, das Leben gegeben. Er kam dem Wunsche seiner Schwägerin nach, indem er Sie ihr zur Pflege übergab. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, das Benehmen der Lore dem Grafen gegenüber zu beobachten. Es war kalt, ruhig, gemessen. Wahrscheinlich ist zwischen ihnen von der Vergangenheit nie die Rede gewesen. Später wurde die Lore der Generalin noch unentbehrlicher, denn diese sah endlich den sehnsüchtigsten Wunsch ihres Lebens in Erfüllung gehen. Nach langer Kinderlosigkeit gebar sie Ihren Vetter Rudolf. Der Majoratsherr von Wippoltstein hatte jetzt einen Stammhalter, ein für die ganze Gegend erfreuliches Ereignis, denn Ihr Oheim und Ihre Tante waren sehr beliebt. Die letztere überlebte indessen diese Freude nicht lange, und der General konnte ihren Verlust nicht verschmerzen. Er starb, wie Sie wissen, Ihrer Tante bald nach, nachdem er seinen Bruder zum Vormund seines Sohnes bestellt. Die Lore blieb im Schlosse, auch nachdem Graf Nepomuk die Vormundschaft angetreten hatte. Sie wurde nun schon als ein unentbehrliches Inventarstück angesehen, denn sie war die Wärterin der beiden jungen Vettern. Ob es zwischen ihr und dem Grafen Nepomuk jemals zu einer Auseinandersetzung gekommen, weiß ich nicht, aber der Graf hatte offenbar einen gehörigen Respekt vor ihr. Sie lebte still und einsam ihrer Pflicht, welche sie mit kalter Gewissenhaftigkeit erfüllte. Lebhaftes Interesse zeigte sie nur noch für zwei Dinge. Erstlich beschäftigte sie sich gern mit den alten Sagen und Geschichten der Umgegend, für welche ihr von Jugend auf eine große Vorliebe eigen gewesen. Goethe, mein' ich, sagt irgendwo, niemand verwinde jemals die ersten Eindrücke seiner Kindheit, und das bewahrheitete sich auch an der Lore. Die Waldromantik ihres Kinderlebens in dem einsamen Försterhaus ist ihr bis auf den heutigen Tag nachgegangen. Zum Zweiten machte sie sich eifrigst mit naturwissenschaftlichen Studien zu schaffen, und ihre außerordentliche Fassungskraft und Energie bemächtigte sich bald nicht gemeiner Kenntnisse in Physik, Botanik, Chemie und sogar in der eigentlichen Medizin. Ich mußte ihr einen physikalischen und chemischen Apparat anschaffen, und sie lernte damit hantieren und laborieren, daß es eine Freude war. So vergingen einige Jahre. Und jetzt, Herr Graf, komme ich zu unserer eigentlichen Geschichte. Wollen Sie dieselbe hören?« Hier brach Twerenbold ab und sah fragend zu Robert herüber, welcher, eine Beute furchtbarer Gemütsbewegungen, der Erzählung anfangs nur eine mechanische Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Allmählich war ihm aber dieselbe doch von höherem Interesse geworden, denn es war, abgesehen von den engen Beziehungen zu seiner Familie, vieles darin, was eine reinmenschliche Teilnahme erregen konnte. War doch der Erzähler selbst von seinen Erinnerungen so ergriffen worden, daß er nach und nach vergessen hatte, seine barocken Amerikanismen einzuflechten. »Ich habe Ihnen schon gesagt,« entgegnete Robert auf die an ihn gerichtete Frage, »daß ich alles hören will und hören muß.« »Wohl denn,« sagte der Abenteurer, welcher jetzt seine gewohnte sorglose und gleichgültige Miene wieder angenommen hatte. »Kalkuliere, wir haben des Trauerspiels Exposition und Verwickelung hinter uns und kommen jetzt zur Katastrophe. Sie bemerken, Herr Graf, ich bin, obgleich ein Bürger Amerikas, meiner Deutschheit nicht verlustig worden, sofern es mir noch immer Spaß macht, hier und da einen Brocken aus meinem Schulsack hervorzulangen. Freilich ist, rechne ich, meine Geschichte kein regelrechtes Trauerspiel, tragische Momente jedoch wird man ihr kaum absprechen können. Überhaupt, wenn die Poeten alles wüßten, was oft hinter Wänden vorgeht, welche das ehrbarste und nobelste Aussehen von der Welt haben, es gäbe mehr als einen Shakespeare. Aber der nur hatte ein Auge, dazu organisiert, alle die gleißenden und flitternden Hüllen zu durchdringen, welche der wüste Knäuel von Bosheit und Elend, genannt Menschenleben, um sich geschlagen. Ja, der Shakespeare, der hat, kalkulier' ich, die Menschen gezeichnet, wie sie sind, schwankend zwischen Torheit und Verworfenheit, zu Boden gedrückt von ›ihres Nichts durchbohrendem Gefühle‹ und doch vom Dämon der Eitelkeit unablässig gestachelt, über das Bewußtsein ihrer Erbärmlichkeit sich hinwegzulügen. In früherer Zeit, wann ich ihn las, beschlich mich immer eine ungeheure Traurigkeit. Erst später begriff ich den dämonischen Vernichtungsjubel, welcher seine Werke durchdröhnt wie Posaunenschall des Weltgerichts. Doch zum Teufel! wo gerate ich hin? Zum Text zurück! – Unter allen den Ereignissen und Zuständen, die ich zuletzt berührt habe, war es mit mir immer mehr bergab gegangen. Glich, rechne ich, meine Existenz 'nem Wagen, dem an einem steilen Abhange die Sperrkette bricht, und der dann mit Rapidität in die Tiefe schießt. Hatte das verloren, was man den moralischen Halt zu nennen pflegt. Gesellte der Weinflasche den Würfelbecher und das Kartenbuch, geriet in Schulden bis über die Ohren, ward binnen kurzem ein notorischer Lump. Hatte kein Interesse mehr, als im Wirtshaus zu sitzen und mich zu betäuben, wär's auch mit Hilfe der schlechtesten Gesellschaft. Wurde ein abgerissener, schäbiger Kerl, außen und innen. Sagte mal die Lore zu mir: ›Achaz, Ihr dauert mich.‹ – ›Wirklich?‹ sagt' ich. ›Hätte das Bedauern früher kommen müssen, Lore; ist jetzt zu spät dazu, viel zu spät.‹ Ist man aber erst so verlottert, dann verwischen sich einem, ohne daß man es merkt, die Unterschiede zwischen den Begriffen des Guten und Bösen, wie die gesellschaftliche Konvenienz dieselben festgestellt hat. Heute noch ist man nur erst ein Bummler, morgen schon ein Verbrecher. Geht das verdammt glatt und schnell, bei Jove! Hatte mich so weit erniedrigt, daß ich sogar mit dem Schubiak, dem Veit, der jetzt im Schlosse die erste Geige spielte, trank und würfelte und kartelte, und hatte mir der Kerl nach und nach eine hübsche Summe abgegaunert, die ich ihm schuldig bleiben mußte. Hatte er einen Schuldschein von mir in Händen, hatten überhaupt eine Menge von Leuten derartige von mir ausgestellte Papiere in Händen. Ist das, kalkulier' ich, 'ne unangenehme Situation, besonders dann, wenn die Leute auf Bezahlung dringen und einem die privaten und gerichtlichen Mahnbriefe zufliegen wie Schneeflocken im Dezember. War die Sache endlich so weit gekommen, daß ich mit Hamlet sagte: ›Sein oder Nichtsein?‹ Das heißt, soll ich durchbrennen oder mir eine Kugel vor den Kopf schießen? Zu diesem oder jenem mußt' ich mich resolvieren, gab kein Drittes. Da machte sich eines Abends, als ich mit wüstem Kopf aus dem Steinbock heimging, der Veit an mich, vorgebend, er wollte mich nach Hause führen. Dort, nachdem er sehr unverblümt auf sein Guthaben angespielt hatte, sagte er plötzlich: ›Hört, Twerenbold, Ihr steckt arg in der Patsche.‹ – ›Was geht das Euch an?‹ sagt' ich. ›Ihr seid doch nicht der Mann dazu, mich herauszuziehen.‹ – ›Hm,‹ meinte er, ›könnte unter Umständen doch der Mann dazu sein, und bin ich's nicht, so wüßt' ich einen, der es könnte und täte, unter Umständen, versteht sich.‹ – ›Wer sollte das sein?‹ – ›Der Herr Graf.‹ – ›Der? Bah, waren einander nie grün, Euer Herr Graf und ich.‹ – ›Weiß es, Twerenbold. Wissen sich aber gescheite Leute zu finden, wenn sie einander brauchen.‹ – ›So? Ist wieder so 'ne Geschichte mit irgend 'ner Lore um den Weg?‹ – ›Geht mir mit Euren Loren und Doren! Wäre aber doch klüger gewesen. Ihr hattet dem Herrn Grafen damals den kleinen Gefallen getan, statt ihn und mich mit Eurem gottverdammten gefärbten Wasser zu foppen. Wäre auch für die Lore besser gewesen, hätte sie dann nicht wie 'ne Vogelscheuche an der Kirchtüre stehen und sich von den Kaffern anglotzen lassen müssen.‹ – ›Schweigt davon, Veit.‹ – ›Wohl, das ist 'ne alte vergessene Geschichte. Wollt Ihr mir Euer Wort geben, Twerenbold, unter allen Umständen zu verschweigen, was ich Euch mitteilen will?‹ – ›Und wenn ich es tue?‹ – ›Wenn Ihr es tut, so werde ich, Euch zu zeigen, daß mit uns, das heißt mit meinem Herrn, gute Geschäfte zu machen sind, zum Anfang und ohne daß Ihr Euch zu etwas Tatsächlichem verbindlich zu machen braucht, an diesem Licht hier Euren Schuldschein verbrennen, welchen ich morgen nach der Stadt tragen wollte, um ihn dem Bezirksamt zur Eintreibung zu übergeben.‹ – ›Ihr seid sehr generös, Veit. Hatte das nicht hinter Euch gesucht. Sehe nicht ein, warum ich Euch das verlangte Wort verweigern sollte. Habt es hiermit.‹ – ›Gut, und seht, das ist Euer Schuldschein, guckt ihn nur genau an – so, da brennt der Wisch.‹ – ›Hört, Freund Veit, ich glaube, daß ich etwas, vieles sogar für einen tun könnte, der alle meine Schuldscheine in Asche verwandelte oder einlöste.‹ – Wirklich? Nun, dazu könnte Rat werden. Ja, geradeheraus, ich weiß des bestimmtesten, daß der Herr Graf nicht abgeneigt wäre, nicht nur alle Eure Schulden zu bezahlen, sondern Euch auch noch ein hübsches Kapital, 'ne runde nette Summe in vollwichtigen Goldstücken in die Hand zu legen.‹ – ›Ei, der Tausend, das wäre!‹ – ›Unter Bedingungen natürlich, denn umsonst ist der Tod.‹ – ›Auch der nicht einmal. Pfarrer, Mesner und Totengräber wollen bezahlt sein.‹ – ›Jawohl, von Ärzten und Apothekern nicht zu reden.‹ – ›Gut, gut, eine Hand wäscht die andere; das ist der Brauch, seit es Menschen gibt.‹ – ›Richtig, und wohl dem, der etwas gelernt hat, was sich verwerten läßt.‹ – ›Allerdings, aber ich denke, wir haben uns lange genug in Gemeinplätzen herumgetrieben, Meister Veit. Ihr meint, ich hätte etwas gelernt, was sich verwerten ließe; wollt also einen Handel mit mir machen, Ihr, als Mandatar Eures Grafen?‹ – ›Ihr habt's erraten.‹ – ›Es ist etwas Ärztliches, um was es sich handelt?› – ›Ja.‹ – ›Wohl, ich gesteh' Euch, ich bin dieses Hundelebens hier müde.‹ – ›Das ist begreiflich und trifft auch merkwürdig mit den Wünschen meines Herrn zusammen.‹ – ›Wieso?‹ – ›Wenn Ihr das Ärztliche, um welches es sich handelt, getan und Euer prächtiges Honorar empfangen hättet, solltet Ihr auf Nimmerwiederkehr nach Amerika hinüber.‹ – ›Nach Amerika? Und wenn mir das nicht konveniert?‹ – ›Kann aus dem ganzen Handel nichts werden. Wenn Ihr Eure Arbeit, die, stell' ich mir vor, in einer halben Stunde abgemacht sein wird, getan, übergebt Ihr dem Grafen ein vollständiges Verzeichnis Eurer Schulden. Er wird sie am nämlichen Tage noch durch meine Vermittelung bezahlen. Außerdem erhaltet Ihr tausend Gulden Reisegeld und die Summe von neunzehntausend Gulden in Wechseln auf Neuyork. Alles soll so arrangiert werden, daß Ihr binnen heut' und acht Tagen abreisen könnt.‹ – ›Man will also das Werkzeug los sein, nachdem es seinen Dienst getan? Meine Schulden mögen so an viertausend Gulden betragen, also will man das Werkzeug ganz anständig bezahlen. Das ist richtig. Könnte mich auch, denk' ich, zu der in Frage stehenden Luftänderung entschließen: muß ein merkwürdiges Land sein, das Amerika, nach allem, was man davon hört. Aber ich weiß, daß weder Euer Graf, Meister Veit, noch Ihr die Leute, welche um einer Bagatellsache willen mit so bedeutendem Honorar herausrücken.‹ – ›Mit gescheiten Leuten ist gut unterhandeln: Ihr habt den richtigen Merker. Es handelt sich in der Tat um keine Bagatelle.‹ – ›Nicht um eine Dirnenaffäre?‹ – ›Bewahre, um weit Wichtigeres.‹ – ›Ich mag mich weiter mit Raten nicht abquälen. Sprecht!‹ – ›Ihr habt mir auf alle Fälle Euer Schweigen verbürgt, Twerenbold?‹ – ›Ja doch.‹ – ›Die Grafschaft Wippoltstein mit allem, was daranhängt, ist 'ne hübsche Sache, nicht wahr?‹ – ›Gewiß.‹ – ›Wer im Besitze dieser reichen, herrlichen Besitzungen ist, wünscht sie seinen rechtmäßigen Sprößlingen zu hinterlassen. Ist das nicht ganz natürlich?‹ – ›Allerdings.‹ – ›Der Graf, mein Herr, ist dermalen faktisch im Besitz.‹ – › Beati possidentes, das heißt, wer im Rohre sitzt, schneidet sich Pfeifen.‹ – ›Und der Graf hat einen Sohn, der ein fixer Junge zu werden verspricht. Vielleicht schreitet er auch zu einer zweiten Ehe.‹ – ›Und kriegt noch mehr Kinder, ganz in der Ordnung.‹ – ›Begreift Ihr?‹ – ›Noch nicht ganz.‹ – ›Der Graf hat Gründe, zu glauben, daß sein Mündel nicht der Sohn seines Bruders sei.‹ – ›Hört, Meister Veit, bemüht Euch nicht, Lügen zu drehen. Es lebt kein Mensch, der niederträchtig genug wäre, auf die verstorbene Generalin einen solchen Makel zu werfen, sie in ihrem Grabe im Ernste zu verleumden. Selbst Ihr, ein so heilloser Schurke Ihr seid, habt dazu nicht die gehörige Frechheit.‹ – ›Spart Euren tugendhaften Zorn für eine bessere Gelegenheit, Herr Twerenbold. Auf dem Geschäftswege verkehrt sich's am besten mit kaltem Blute.‹ – ›Wohl, so bleibt auf dem Geschäftsweg und versteigt Euch nicht zu Fiktionen, die dümmer sind als ein Pfund Kot.‹ – ›Nur kalt, nur kalt! Jedes Ding will einen Anstrich haben.‹ – ›Wohl, es ist die Art des Menschen, seine schlimmen Instinkte vor sich selber zu rechtfertigen, das heißt, sich was vorzulügen. Einem Mann von festen Nerven gegenüber bedarf es aber keiner solchen Ränke und Schwänke. Es handelt sich darum, den rechtmäßigen Erben und Eigentümer von Wippoltstein zu beseitigen, nicht?‹ – ›Ihr habt es gesagt.‹ – ›Und ich soll ihn beseitigen, das heißt, unverblümt gesprochen, morden?‹ – ›Morden? Welch ein häßliches Wort! Wer spricht von einem Mord? Wer wird daran denken, den armen Jungen umzubringen? Vielleicht könnte man alles der Natur überlassen, denn das Jüngelchen ist von schwacher Konstitution, hektisch, wie es scheint. Aber, wißt Ihr, vornehme Leute sind ungeduldig.‹ – ›Das werde auch ich allmählich, wenn Ihr nicht ohne Umstände sagt, inwiefern der Graf meine Hilfe in Anspruch nehmen wolle.‹ – ›Ihr seid ein geschickter Operateur, Twerenbold?‹ – ›Nun ja, meine Hand ist noch immer fest und mein Blick sicher.‹ – ›Es handelt sich um eine Operation.‹ – ›Um eine Operation?‹ – ›Ja. Der Graf wünscht seines Mündels Erbe zu werden oder wenigstens seinen eigenen Kindern das prächtige Erbe seines Hauses zuzuwenden. Ein verzeihlicher Wunsch, nicht wahr?‹ – ›Wenigstens ein begreiflicher. Wenn man den Bock zum Gärtner macht, führt er seine Geißen in den Garten zur Weide.‹ – ›Ein unschönes Bild, Twerenbold; ich hätte Euch mehr Geschmack zugetraut. Doch zur Sache. Zwischen Wunsch und Erfüllung steht das Jüngelchen Rudolf. Es soll ihm keineswegs ans Leben gehen, Gott behüte! Der Graf will bloß die Garantie haben, daß sein Mündel kinderlos sterbe, ob nun seine Stunde früher oder später komme.‹ Ich mußte nach dem Vorhergegangenen auf etwas Furchtbares vorbereitet sein, aber dennoch überrieselte mich ein kalter Schauer bei den letzten Worten des fischblütigen Schuftes. ›Wie,‹ rief ich aus, ›sollte ich Euch recht verstehen?‹ Er flüsterte mir fünf Worte ins Ohr. Ich fuhr zurück. ›Veit,‹ sagte ich, ›dieser infame Gedanke ist in Eurem Hirn entstanden.‹ ›Nun ja,‹ versicherte er mit seinem abscheulichen Lächeln, ›nun ja, man hat einige Erfindungsgabe. Die vornehmen Leute, so gescheit sie sind, wenn es sich um ihren Vorteil handelt, wissen doch nicht alles, und da muß unsereiner mit seinem Mutterwitz ihnen zu Hilfe kommen,‹ ›Aber das ist ja eine unerhörte, eine höllische Schurkerei!‹ ›Bst, wer wird so garstiger Ausdrücke sich bedienen! Nennt es Politik oder Politesse. Das klingt hübscher.‹ ›Die Sache bleibt aber dieselbe.‹ ›Meinetwegen. Aber als erfahrener Mann wißt Ihr, daß jede Sache zwei Seiten hat, eine moralische und eine ökonomische. Gescheite Leute halten sich an diese, während einfältige an jener herumklauben und darüber die beste Zeit und die besten Gelegenheiten verlieren. Wer vorwärts kommen will in der Welt, muß Fortuna, wenn sie an ihm vorüberfliegt, resolut beim Schopf packen. Sie ist keine Freundin von Skrupeln, soweit ich sie kenne. Was meint Ihr?‹ »Daß Ihr einen Ehrenplatz auf den Galeeren verdient.« »Pfui, wer wird so grob sein, und noch dazu gegen einen Mann, der sich mittels des kleinen Feuerwerks von vorhin als Euer entschiedener Freund erwiesen hat? Für einen, der Ihr seid, geziemt es sich, daß er sich auf den tatsächlichen Standpunkt stelle.« »Das tu' ich; es ist eine brutale Tatsache, daß Ihr ein zehnfach destillierter Schuft seid und mich zu einem Verbrecher machen wollt.« »Das nennt Ihr einen tatsächlichen Standpunkt, Twerenbold? Es ist der pure moralische, welcher sich ganz gut für einen Pfarrer schicken mag, der seine Bauerjungen katechisiert. Ich will Euch zeigen, daß ich meinerseits den tatsächlichen oder ökonomischen Standpunkt festzuhalten vermag. Hört nur! Ihr seid zugrunde gerichtet, seid ein ruinierter Mann, seid mit Schulden beladen, Euer Lebenskarren ist bis über die Achsen in den Kot verfahren, und Ihr wißt recht gut, daß Ihr außerstande, denselben wieder aufs Trockene zu bringen. Warum? Darum, weil Euer dissoluter Lebenswandel, der mich im übrigen gar nichts angeht, Euren Kredit als Arzt so ziemlich auf Null herabgebracht hat. Ist das Lüge oder Wahrheit?« »Es ist, wie Ihr sagt.« »Gut. Offenheit muß unter Freunden sein, oder, wenn Euch das Wort Freundschaft nicht behagt, unter Leuten, die gemeinschaftlich eine wichtige Spekulation machen wollen. Es steht noch schlimmer mit Euch, als ich vorhin sagte. Gestern hat das Bezirksamt, den gegen Euch anhängig gemachten Schuldklagen Folge gebend den Befehl ausgefertigt, im Exekutionsweg gegen Euch zu verfahren. Außerdem sollt Ihr zur Haft gebracht werden, weil der Drogeriehändler Banks drunten in der Stadt eine Wechselklage gegen Euch angestellt hat.« ›Woher wißt Ihr denn diese erbaulichen Neuigkeiten?‹ ›Aus bester Quelle. Glaubt Ihr, ich hätte nur so aus dem Stegreif und blind zutäppisch Euch eine Sache eröffnet, bei welcher Kopf und Kragen auf dem Spiele steht? Mitnichten. Ich habe mich vorher des genauesten informiert und instruiert, um die Verfassung des Mannes zu kennen, an welchen ich mich mit meinem Anliegen wenden wollte. Eure Stimmung studierte ich schon seit längerer Zeit im Steinbock, mit größerer Geduld und Achtsamkeit, als Ihr jemals den Zustand eines Patienten studiertet, und gestern bin ich nach der Stadt gefahren, extra in der Absicht, mich gehörigen Ortes über den Stand Eures Schuldenwesens zu vergewissern.‹ ›Veit, es ist schade, daß Ihr nicht Jago heißt.‹ ›Ihr meint den pfiffigen Kerl im Othello? Aber es handelt sich weder um eine Desdemona noch um so dummes Zeug, wie die Eifersucht ist. Auch tut Ihr mir in der Tat zu viel Ehre an mit Eurer schmeichelhaften Vergleichung. Ich bin weiter nichts als ein Mann, der den Kopf am rechten Flecke hat, ein Mann, welcher des Kammerdieners gründlich satt ist und sich mit einem tüchtigen Schlag zum gemachten Kerl und für immer zu seinem eigenen Herrn machen möchte. Ihr wißt, ich hatte in meiner Knabenzeit bessere Aussichten als die auf eine Lakaienstelle; aber nach dem Bankrott meines Vaters hatte ich nichts als einen erst halb gefüllten Schulsack. Es stecken auch shakespearische Reminiszenzen darin, und kann ich Euch damit aufwarten, wenn Ihr wollt. Erinnert Ihr Euch des Fähnrichs Pistol? Der sagt, die Welt sei eine Auster, welche er sich mit dem Schwerte offnen wolle.‹ ›Mit dem Schwerte? Wie mögt Ihr von einem Schwerte sprechen, der feigste Hund, der mir je vorgekommen?‹ ›Ich sprach nur gleichnisweise. Ein Schwert hab' ich freilich nicht, brauch' auch keins, denn ich habe Verstand und gerade so viel Mut, als ich bedarf, das, was mich geniert, zu beseitigen.‹ Doch,« unterbrach sich hier der Erzähler, »rechne, ich will Sie, Herr Graf, nicht länger mit Darstellung dieser Philosophie der Gemeinheit ermüden. Wäre auch, kalkulier' ich, überhaupt nicht so ausführlich geworden, wären mir die unmotivierten Katastrophen nicht von jeher zuwider gewesen. Aus dem mitgeteilten Gespräch zwischen dem Veit und mir können Sie ersehen, was für 'ne Art Schuft jener war und noch ist. Was mich angeht, war ich in einer Lage und Stimmung, wo die Logik des moralischen Standpunktes nicht standzuhalten pflegt vor der des ökonomischen. Ich versuchte zwar noch eine kleine Diversion. ›Und wenn ich,‹ sagte ich; ›für gut fände, statt bei Eurem heillosen Anschlag mitzuwirken, denselben am passenden Orte zu verlautbaren, wie dann?‹ – ›Ei, liebster Twerenbold,‹ entgegnete Veit, ›Ihr wißt recht gut, daß Ihr uns damit nicht ins Bockshorn jagen könnt. Wer würde auf eine solche, noch dazu vom Schuldturm aus zu erhebende Anklage achten? Alle Menschen von fünf gesunden Sinnen müßten Eure Angabe für eine ungeheuerliche Lüge halten und von Gerichts wegen könnte dieselbe so, wie die Sachen liegen, nur als ein allerfrechster Erpressungsversuch qualifiziert werden. Wir haben, seht Ihr, lieber Freund, an alles gedacht und in unserer Rechnung keinen Posten unbeachtet gelassen. Das Fazit ist: Ihr müßt uns beistehen, oder Ihr seid ein verlorener Mann.‹ In der Tat, der Schurke hatte umsichtig spekuliert. Er zeigte mir auch, als ich auf ferneren Widerstand verzichtete, daß er nicht minder umsichtig bereits für die Inszenesetzung des verbrecherischen Dramas gesorgt, welches am folgenden Tage ausgeführt werden sollte, und zu dessen Schauplatz die Kapelle in der alten Burg ausersehen wurde. Die Verhandlungen mit Veit hatten fast die ganze Nacht hindurch gewährt. Als er endlich fort war, schlief ich ruhig ein paar Stunden, denn ich hatte nun einmal meinen Entschluß gefaßt, und es war von je meine Art, nach gefaßten Entschlüssen keine Skrupel mehr zu kennen. Vormittags ging ich der Verabredung gemäß zur bestimmten Stunde ins Schloß, unter dem plausibeln Vorwand, der Lore, welche seit einigen Tagen unpäßlich gewesen, meinen ärztlichen Besuch abzustatten. Als ich wieder in den Hof trat, wie um wegzugehen, rannte mich der Veit an, aus dem Park hereineilend. »Kommt schnell, Doktor,« sagte er hastig. »Dem Junker Rudolf ist ein Unfall passiert.« – »Wo denn?« – »Droben in der Ruine, wo er mit dem Junker Robert gespielt. Er hat einen schweren Fall getan.« Droben trafen wir in der Kapelle den Herrn Grafen und den Kleinen, welcher damals nicht viel über zwei Jahre alt war. Den Junker Robert hatte Veit schon vorher von dem Orte zu entfernen gewußt. Alles, was zu dem schrecklichen Akt nötig, war in Bereitschaft. Dort, sehen Sie, Herr, auf den Altarstufen stand die Pfanne mit glühenden Kohlen, der ich bedurfte. Veit verschloß die Türe der Kapelle. Ich sah den Grafen fragend an. Er nickte nur mit dem Kopfe. »Das arme Kind!« greinte der lästerliche Heuchler, der Veit; »es ist dort in den Beichtstuhl geklettert, das Sitzbrett schnappte herab und hat ihn schrecklich gequetscht.« Der unglückliche Knabe aber lächelte mir zu als einem Bekannten, in welchem er nicht seinen Henker vermutete. Herr, ich bin ein abgewetterter Kerl, war es, rechne ich, schon damals, aber dieses Lächeln schnitt mir durch das Herz wie ein Dolchstoß. Ich zauderte. ›Gedenkt des Schuldturms!‹ zischelte mir Veit in die Ohren. ›Es muß sein.‹ Ich zögerte noch immer: es war doch gar zu grauenhaft, was ich tun sollte. Der Graf stand mit gesenktem Kopfe vor jener schwarzen Rüstung dort, die man, glaub' ich, für die des Grafen Wippo hält, von welchem eine düstere Sage umgeht. Plötzlich wandte er sich halb um und sagte mit scharfer Betonung: ›Nun, wird's bald?‹ Er war des Kindes Oheim und Vormund, ich war ein mit dem Schuldturm bedrohter Fremder. Da nahm ich den Knaben und trug ihn zum Altar, und auf der Platte desselben vollzog ich die Operation. Der Veit hielt das Kind, es schrie furchtbar. – Oft, sehr oft seit zwanzig Jahren hab' ich mir eingebildet, das Schreien klinge mir im Ohr. Während ich den Verband anlegte, erschreckte uns ein gewaltiges Gepolter, und den Kopf rückwärts wendend, sah ich den Grafen mit einem lauten Schrei in die Mitte der Kapelle springen. Die Rüstung des alten Wippo war dröhnend von ihrem Haken gefallen. Dieser Zwischenfall erfüllte uns drei doch mit einem seltsamen Grauen über unser namenloses Werk. Der herzlose Veit war es, welcher zuerst sich faßte und nach einer rationalen Erklärung des romantischen Wunders sich umsah. ›Der Herr Graf,‹ sagte er, ›hat sich wohl unversehens unten an das alte Ding gelehnt, und da ist es infolge des Druckes oben über den Haken herausgerutscht.‹ Ich trug das noch immer heftig weinende Kind auf meinen Armen nach dem Schlosse, und wich nicht von ihm, bis jede unmittelbare Gefahr beseitigt war. Der Lore gab ich eine plausible Erklärung des ›Unfalls‹, welcher den Junker betroffen, und meines dadurch nötig gewordenen ärztlichen Einschreitens. Ob sie mir glaubte, weiß ich heute noch nicht recht. Man hielt mir Wort: ich bekam mein Blutgeld, von dem ich schon nach zwei Jahren sagen konnte: Wie gewonnen, so zerronnen. Der Veit wurde unter der Form eines fingierten Kaufes Herr der schönen Donnerfallmühle. Zehn Tage nach dem namenlosen Werk verließ ich Wippoltstein, um über Frankreich und England nach Amerika zu gehen.« 15. Ein Stück Untergangstum. Der schwüle Junimorgen hatte zeitig ein Gewitter gebracht, welches mit der Heftigkeit, wie sie dieser Naturerscheinung im Hochgebirge eigen zu sein pflegt, über See, Schloß und Park sich entladen. Nun das langnachdröhnende, durch vielfachen Widerhall verzehnfachte Geröll des Donners in den Schlüften und an den Kuppen des Gebirgs verklungen, ging eine wehende Kühle wie ein frisches Aufatmen der Natur über die Landschaft. Die Sonne am mittäglichen Himmel hinabsteigend, schien klar und warm durch die gereinigte Atmosphäre, ohne drückend zu sein; Blatt und Blüte, vom Wolkenbruchregen gebeugt, richteten sich in den Strahlen der Allbeleberin wieder auf, und der würdige Pfarrherr atmete auf seinem Gange nach dem Schloß mit Hochgenuß den kräftigen Duft ein, welcher aus den Rasenplätzen und Gebüschen des Parkes aufstieg. Gertrud sagte ihm, er würde die Gräfin in dem Pavillon auf der Wippoklippe finden, und geleitete ihn durch das Turmzimmer auf den Steg. Der Pavillon auf der Wippoklippe nahm die ganze Oberfläche derselben ein. Er war aus Gußeisen und bestand aus einer rundum laufenden Brustwehr, über welcher sich das kuppelförmige Dach erhob, getragen von zwölf dünnen Säulen, deren Zwischenräume mittels Rouleaus verschließbar waren. Von dem Türchen des Pavillons, welcher sich auf den Steg öffnete, führte seitwärts eine schmale, in den Stein gehauene Treppe zu dem Wasserspiegel hinab, zu einer kleinen Einbuchtung des Felsens, die einer zierlichen kleinen Gondel zum Hafen diente, deren sich die Gräfin, die Ruder mit Geschicklichkeit und Kühnheit handhabend, zu einsamen Spazierfahrten auf dem See bediente. Als Frieding vom Turmzimmer auf den Steg hinaustrat, sah er die Gräfin, mit dem Rücken halb gegen ihn gewendet, in träumerisch-nachdenklicher Stellung an dem Marmortisch in der Mitte des Pavillons sitzen. Sie stützte das schöne Haupt mit den Flachen ihrer Hände, und diese waren versteckt unter der Fülle ihres herrlichen Haares, dessen Locken halbgelöst über Nacken und Wangen herabwallten. Vor ihr auf dem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch, aber ihre Blicke mochten schon lange von den Lettern weg über den See nach den Bergen geschweift sein, mit jenem Ausdruck, welcher verrät, daß die Seele mit Vorstellungen beschäftigt ist, welche von den Gegenständen, die das Auge erfaßt, weitab liegen. Der Schall von Friedings Tritten auf den Brückenbohlen schreckte sie auf. Sie wandte sich um, und etwas wie der Ausdruck getäuschter Erwartung überflog für einen Augenblick ihr Gesicht, verschwand aber sogleich vor dem Ausdruck ungeheuchelter Freude über die Erscheinung des Freundes. Sie stand auf, ihn zu begrüßen, und sagte: »Sie kommen immer wie gerufen, hochwürdiger Herr.« »Und Sie, gnädige Frau, wissen mir beim Kommen immer das Gefühl des Willkommenseins zu erregen. Aber was ist denn Besonderes? Sie scheinen nachdenklich gestimmt.« »Ich bin es in der Tat,« versetzte sie, den alten Herrn einladend, Platz zu nehmen. Er tat es und sagte mit einem Blick auf das Buch: »Wie, schon wieder in die molochistischen Forschungen und Phantasien Daumers vertieft? In diesen finsteren Regionen kann man wohl nachdenklich und traurig werden.« »Freilich. Die Daumerschen Betrachtungen über den Feuer- und Molochdienst der Hebräer, sowie die eigentümlichen und grellen Streiflichter, welche der Mann in die Mysterien des christlichen Altertums wirft, sind so allen hergebrachten Meinungen widersprechend und zugleich so unheimlicher Natur, daß ich fast bereue, mich in eine Lesung eingelassen zu haben, welche am Ende für eine Frau doch nur eine unfruchtbare sein kann.« »Für eine Frau, sagen Sie?« »Ja, weil wir Frauen in viel höherem Grade das Bedürfnis der Illusion haben als die Männer. Doch lassen Sie mich sogleich auf einen Gegenstand kommen, der mich mehr interessiert als der angeregte und mir den gestrigen und heutigen Tag verdüstert hat. War Robert im Laufe des Tages bei Ihnen?« »Nein.« »Auch gestern nicht?« »Abermals nein.« »Das ist seltsam.« »Wieso?« »Ich gab Ihnen gestern in der Frühe eine Andeutung über das Abenteuer, welches wir vorgestern abend beim Heimritt von der Medardusalm im Hohlweg droben am Schwadriforst erlebten –« »Ja, und Ihre Mitteilung gab mir zu denken, gnädige Frau. Hatte ich doch eine Art dunkler Vorahnung, daß die Wiederkehr des verschollenen Twerenbold wenig Gutes zu bedeuten haben würde. Ich sah den Mann gestern im Steinbock bei der Hochzeit des jungen Rollbauers. Er tat wie ein alter Bekannter von mir, was er auch ist. Aber trotz des Anstrichs derber Jovialität und Kordialität, welchen er sich zu geben weiß, ist an dem Mann etwas Unheimliches.« »Ach, wenn Sie ihn gesehen hätten, wie ich in dem Hohlweg ihn sah, berauscht, drohend, wütend. Es war ein schrecklicher Anblick.« »Ich kann es mir vorstellen; allein vergebens sann ich hin und her über die Natur der Relationen, in welche Robert mit diesem Menschen geraten ist. Er hat Ihnen nichts weiter mitgeteilt?« »Nein. Er hat eigentlich seit dem Zusammentreffen mit Twerenbold, welches ich allem nach ein unseliges nennen muß, gar nicht mit mir geredet, wenn ich einige konventionelle Redensarten abrechne, die er bei zufälligem Begegnen an mich richtete. Er ist finster und zerstreut, sieht leidend aus und hat sich weder gestern noch heute im Speisezimmer blicken lassen. In aller Frühe ist er heute, wie mir der alte Andres sagte, in die Wälder hinaufgegangen und nach dem Gewitter ganz durchnäßt zurückgekommen, um sich in sein Zimmer zu verschließen. Der alte Andres, welcher in seiner Bekümmernis um den Herrn plötzlich zu mir Vertrauen faßte, hat mir auch unaufgefordert mitgeteilt, daß er gestern um die Mittagsstunde seinen Herrn in Gesellschaft des Twerenbold aus den Ruinen des alten Schlosses habe kommen sehen.« »Das klingt ja ganz romantisch, gnädige Frau; ich gestehe indessen, daß ich zur Lösung des Rätsels dieser unter so seltsamen Umständen angeknüpften Bekanntschaft keinen Schlüssel habe.« Thekla wollte dem Pfarrer sagen, daß der Ausruf Roberts nach seinem ersten Gespräch mit Twerenbold, der Ausruf, der Abenteurer hätte ihm einen Greuel mitgeteilt, vielleicht die Handhabe eines solchen Schlüssels abgeben könnte. Da fiel ihr aber noch bei guter Zeit ein, daß sie nicht berechtigt sei, von einer Äußerung Gebrauch zu machen, welche dem jungen Mann in der furchtbarsten Aufregung entfallen und welcher eine Erläuterung nicht gefolgt war. Als sie schwieg, fuhr Frieding fort: »Ich kenne die Art Roberts. Unbedeutendes vermag ihn durchaus nicht aus dem Geleise zu bringen. Es muß sich also demzufolge, was Sie mir über sein neuestes Gebaren sagten, um etwas Wichtiges handeln. Aber mehr zu erfahren, müssen wir in Geduld abwarten, denn neugierige Fragen könnten Roberts Stimmung nur verschlimmern. Es war das schon als Knabe so seine Art, etwas, was ihn lebhaft beschäftigte, erst eine Weile still mit sich herumzutragen, bevor er sich darüber aussprach. Warten wir also.« »Da kommt er,« sagte die Gräfin, verstohlen nach der Türe des Turmzimmers deutend, aus welcher Robert soeben getreten. herangekommen, begrüßte er den Pfarrer und entschuldigte sich bei der Gräfin, daß er nicht zum Diner erschienen. Das Gewitter hätte ihn im Walde überrascht und zurückgehalten. Thekla versuchte es, der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben, und vermied es mit seinem weiblichen Takt, ihre Teilnahme an dem augenscheinlich unnatürlich gespannten Zustand des jungen Mannes durch Blicke auszudrücken. Frieding jedoch konnte sich nicht enthalten, seinen ehemaligen Zögling forschend anzusehen, wodurch diesem eine höchst unbehagliche Empfindung erregt wurde. Übrigens fühlten alle drei dieses Unbehagen fast gleichmäßig, denn jedem von ihnen drang sich die Stimmung auf, es sei ein Fremdes, Unerwartetes, Störendes zwischen sie getreten. Robert bemühte sich offenbar, seine schweifenden Gedanken zu konzentrieren und seiner Zerstreuung Herr zu werden. Die beiden anderen bemerkten das und fühlten sich peinlich berührt. So entstand ein mißliches Schweigen, welches der Pfarrer endlich um jeden Preis brechen wollte. »Ich bin der Überbringer einer herzlichen Danksagung, lieber Robert,« sagte er. »Die Leute im Dorfe, welche durch die neuliche Feuersbrunst geschädigt wurden, haben mir aufgetragen, dir für die reichliche Zuteilung von Bauholz ihren besten Dank zu sagen.« »Was geht das mich an?« versetzte Robert ungeduldig. »Mögen sie einen ganzen Wald umschlagen – mir einerlei.« »Wie?« fragte der Pfarrer verwundert. Ein bittender Blick der Gräfin wirkte auf Robert noch mächtiger als diese Frage des Erstaunens. Er nahm sich zusammen und erschwang eine leidliche Fassung, wenn schon dieselbe nicht verhindern konnte, daß aus seinem ganzen Wesen und allen seinen Äußerungen eine gewisse Schroffheit und Gereiztheit sprach, wie das so der Fall zu sein pflegt, wenn ein Mann, dessen Gedanken eigentlich anderswo sind, an einem Gespräche teilzunehmen nicht umhin kann. Die Gräfin bemühte sich, die Unterhaltung auf Gegenstände zu lenken, welche den bisher berührten ganz fernlagen, um ja den Schein zu vermeiden, als wollte sie oder der Pfarrer die seit zwei Tagen mit Robert vorgegangene Veränderung irgendwie zum Ziel einer Ausforschung machen. »Wir sprachen vorhin von den religionsgeschichtlichen Forschungen Daumers, lieber Robert,« sagte sie, »und von den unheimlichen Eindrücken, welche dieselben gegenüber den gang und gäben Ansichten hervorzubringen geeignet sind.« Robert verstand die wohlmeinende Absicht Theklas und war ihr dankbar dafür, »Soweit meine Belesenheit in dieser Materie reicht,« entgegnete er, »darf ich mich kaum für berechtigt halten, darüber mitzusprechen. Soviel indessen glaube ich sagen zu dürfen, daß die ungeheure Kluft, welche in unseren Tagen zwischen den religiösen Traditionen und den Höhepunkten der Bildung sich aufgetan, mit zu den betrübendsten Zeichen der Zeit gehört,« »Allerdings,« bemerkte der Pfarrer. »Die höhere Einheit des Lebens, welche der Mensch, so, wie er einmal ist, nur in der religiösen Idee finden zu können scheint, ist der modernen Gesellschaft mehr und mehr abhanden gekommen, und niemand wird leugnen wollen, daß es ein unermeßliches Unglück, wenn dem Dasein eine solche geistige Zentralsonne fehlt, von welcher die einzelnen Ausstrahlungen des Bewußtseins ausgehen, und in welche sie wieder zurückfließen.« »Aber hatte die Menschheit jemals eine solche Zentralsonne?« warf die Gräfin zweifelnd ein. »Sie hatte sie, wenigstens partiell,« erwiderte Frieding. »Was machte die Völker des alten Hellas zu so ganzen und vollen Menschen? Das Durchdrungensein ihrer ganzen Existenz von der religiösen Idee. Alle Seiten ihres Lebens fanden sich zusammen in der Einheit einer Religion, deren charakteristisches Merkmal die Schönheit. Wie religiös war die hellenische Kunst, die hellenische Poesie! In der Darstellung der Gottheit erreichte der bildende Künstler Griechenlands sein Ideal. Wie unzertrennbar hat Homer das Leben der Menschen an das der Götter geknüpft! Wie fromm ist Sophokles, und gerade indem er fromm war, in des Wortes höchster Bedeutung, erreichte er die Palme der tragischen Kunst. Und selbst die spätere Zeit, das Mittelalter, war einer Einheit des Lebens nicht bar. Es ist unrichtig, zu sagen, das Christentum habe den Dualismus in die Welt gebracht. Es hat ihn nur ausgesprochen und anerkannt, um ihn zu überwinden, wenigstens um den kühnsten Versuch einer Überwindung des Gegensatzes von Natur und Geist zu machen. Der mittelalterliche Katholizismus war eine Einheit, die Raum genug hatte, alle Erscheinungsformen des Daseins von sich ausgehen zu lassen und sie wieder in sich zusammenzufassen. Unähnlich unserer Zeit, deren atomostischer Hang alles zerbröckelt, alles in Stückwerk auflöst, faßte im Mittelalter die Kirche die Gesellschaft zu einem strenggeschlossenen Ganzen zusammen. Seit in das kirchliche Gewölbe der unheilvolle Riß geschah, klafft alles in den schroffsten Gegensätzen auseinander.« »Hm,« entgegnete Robert, dessen Stimmung es ganz angemessen war, Opposition zu machen, »das ist alles recht gut und schön, wäre nur die leidige historische Kritik nicht, welche uns die elegisch-optimistische Brille, womit wir so gerne die Vergangenheit betrachten, unsanft von der Nase schlägt. Es ist – entschuldigen Sie, mein verehrter Lehrer und Freund – eine stereotype Liebhaberei der Gelehrten, von der Lebenseinheit des griechischen Altertums zu reden. Sieht man sich die Sache genauer an, so erkennt man die Illusion. Ich gebe zu, daß in der homerischen Welt eine gewisse rohe Harmonie des Daseins vorhanden war, weil da, wie in jeder erst werdenden Gesellschaft, die Gegensätze noch unter der Decke der Naivität schlummerten. Ich will auch nicht bestreiten, daß die griechische Welt später noch eine Zeit hatte, wo, wenigstens in Poesie und Kunst, Menschliches und Göttliches in einen und denselben Strom der Schönheit zusammenrann. Aber wie kurz dauerte das! Wie zerrissen erscheint schon zur Zeit des Perikles, in ihrer eigentlichen Glanzperiode also, die griechische Welt! Nehmen wir nur den Aristophanes, dessen Komödien uns diese gepriesene Welt in ihrer Auflösung widerspiegeln. Ist es nicht tragikomisch zu sehen, wie der treffliche Komödie, indem er die nationale Religion gegen die sokratische Aufklärung eifrig in Schutz nimmt, dennoch zugleich von einem unwiderstehlichen Kitzel erfaßt wird, die alte Götter- und Heroenwelt mit lautestem Gelächter zu überschütten? Und dann das Mittelalter. Wie zeigt es sich uns, wenn wir uns nicht begnügen, dasselbe in der romantischen Beleuchtung der Ferne zu betrachten? Gewiß, seine Idee des Katholizismus war eine Idee der Einheit, und keinem Zweifel kann es unterliegen, daß sie in ihrer ganzen Großartigkeit und Erhabenheit von einzelnen auserwählten Geistern aufgefaßt wurde. Ein solcher Geist war Gregor VII., solche Geister waren später noch ein Innocenz III., ein Wolfram von Eschenbach, ein Dante. Diese, ja, begriffen den Riesengedanken, die ganze Menschheit in einem ungeheuren und dennoch wohlgegliederten Gottesstaat zusammenzufassen. Aber wie stand es mit der Realisierung dieser erhabenen Einheitsidee? Nein, ebensowenig, als die Neuzeit sie fand, hatte das Altertum oder das Mittelalter eine Einheit des Lebens gefunden, und es scheint, daß die Menschen nur bestimmt sind, ruhelos zwischen unversöhnbaren Gegensätzen umgetrieben zu werden, um es nie zu einer Befriedigung zu bringen. Oh, der arme Hölderlin hatte recht, in seinem Schicksalslied die verzweifelnden Worte zu sprechen: Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen, Ewig ins Ungewisse hinab.« »Ihre Philosophie der Geschichte, lieber Robert,« bemerkte die Gräfin, »scheint demnach auf das mephistophelische Axiom hinauszulaufen: Alles was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht.« »Ja,« sagte Frieding nicht ohne Schärfe, »oder auf das Sprichwort der Hindus: Sitzen ist besser als stehen, liegen besser als sitzen, schlafen besser als wachen und am bequemsten ist es, tot zu sein.« »Und wenn es so wäre?« versetzte Robert achselzuckend. »Wenn das Gefühl der Unzulänglichkeit und Nichtigkeit, welches sich den Menschen im Verhältnis zu ihren mechanischen Fortschritten nur um so peinlicher aufdringen muß, sie zuletzt mit einem allgemeinen Wahnsinn der Verzweiflung erfüllte, daß sie einander, statt, wie sie jetzt tun, unter allerlei heuchlerischen Formen, mit bacchantischem Vernichtungsjubel ins Verderben stießen und stürzten? Der Fall ist, glaube ich, gar nicht so undenkbar.« »Der Himmel steh' uns bei!« sagte der Pfarrer. »Was sind das für Nachstücksphantasien in Callots Manier? Und vollends in dem Munde eines jungen Mannes, vor dem noch das Leben mit allen seinen süßen Täuschungen offen daliegt? Zu meiner Zeit gab es auch einen Wertherismus, aber, wenige Toren ausgenommen, begnügte man sich, denselben ästhetisch statt so verzweifelt ernst zu nehmen. Zum Glück geben solche pessimistische Stimmungen des Augenblicks keinen gültigen Maßstab ab bei Beurteilung der weltgeschichtlichen Entwicklung. Allerdings ist es wahr, daß die Menschheit es im ganzen und großen noch zu keiner Befriedigung gebracht hat, aber weit entfernt, ein Verzweiflungsgrund zu sein, ist das vielmehr ein Vorteil für sie. Wenn schon das einzelne Individuum, wenn es sich allseitig befriedigt fühlt, gar zu leicht einem strebungslosen Schlendrian verfällt, um wieviel mehr müßten die vollständig befriedigten Massen in Versumpfung geraten? Wo der Mensch aufhört zu streben, dort Hort er auf, Mensch zu sein. Und zu einem vegetabilischen Dasein kann die Menschheit denn doch nicht bestimmt sein.« »Das scheint allerdings nicht der Fall,« entgegnete Robert mit bitterem Lächeln. »Ihre Bestimmung scheint eher die zu sein, durch ihre Schmerzenskrampfe die Götter zu amüsieren, wie jene Fische durch das Farbenspiel ihrer Todeszuckungen die Augen der Römer ergötzten.« »Ich mag dir, lieber Freund, nicht in die Region derartiger Bilder folgen, welche durch ihr Pikantes zu ersetzen suchen, was ihnen an Wahrheit abgeht,« versetzte der Pfarrer ernst. »Es ist viel Elend in der Welt, viel Jammer, viele Pein, und wie schön ist sie doch trotz alledem! Sollen wir alles Licht trotzig übersehen, weil uns das Leben da und dort seine schwarzen Schlagschatten über den Weg wirft? Besteht nicht im Wechsel des Daseins höchster Reiz? Wie wahr ist das Wort Goethes, daß nichts schwerer sich ertragen lasse als eine Reihe von schönen Tagen. Gibt es hohlere Menschen als die sogenannten Glückspilze, unleidlichere Gesellen als die, welchen das ganze Leben glatt und eben, mühe- und leidlos verläuft? Aber es gibt gar keine solchen, denn jeder Mensch hat seine Last zu tragen. Ob er sie faul und widerwillig schleppe oder mutig und aufrecht trage, das unterscheidet den Tüchtigen vom Erbärmlichen. Wie ich mir ein rechtes Menschenleben ohne Schmerzen, wie ich mir die Geschichte ohne Kämpfe vorstellen soll, weiß ich nicht. Nur der Ringende kann zur Vollkommenheit gelangen, soweit sie dem Menschen überhaupt gegeben ist. Du hast Hölderlin zitiert, ich weiß von ihm ein anderes Schicksalslied: ›Der Not ist jede Lust entsprossen!‹ Erinnerst du dich? Die Klagen lehrt die Not verachten, Beschämt und ruhmlos läßt sie nicht Die Kraft der Jünglinge verschmachten, Gibt Mut der Brust, dem Geiste Licht. Der Greise Faust verjüngt sie wieder; Sie kommt wie Gottes Blitz heran Und trümmert Felsenberge nieder Und wallt auf Riesen ihre Bahn. Es kann die Lust der goldnen Ernte Im Sonnenbrande nur gedeihn Und nur in seinem Blute lernte Der Kämpfer, frei und stolz zu sein. Triumph! die Paradiese schwanden: Wie Flammen aus der Wolke Schoß, Wie Sonnen aus dem Chaos wanden Aus Stürmen sich Heroen los –« »Oh, das ist schön, das ist wahr!« rief Thekla aus. »Und Sie, lieber Robert, der Sie ja gleich dem trefflichen Carlyle ein Heldenanbeter sind, Sie können nicht übersehen wollen, daß nur der Kampf den Helden macht. Mag die Menge in der Sphäre gleichmäßigen Wohlergehens und Behagens ihre Befriedigung suchen und finden, edleren Geistern steht eine Region offen, in welche weder das gemeine Glück noch das gemeine Unglück reicht, die Region, in welcher sie der Menschheit dienen, ihrer eigenen Ehre Genüge tun und den Ruhm ihres Namens vor der Nachwelt erhöhen.« »Ei, ja doch! Warten Sie, liebe Thekla, da fällt mir, weil wir doch einmal mit Zitaten fechten, der Vers eines englischen Dichters ein: Ehr' und Ruhm! Fliegst hoch und weit Du durch Schule, Hof und Feld – Bist du nicht der Ball der Zeit, Von der Toren Hand geschnellt?« »Hilf, Himmel! entgegnete die Gräfin mit ihrem sonoren Lachen. »Ich glaubte schon, Sie würden den dicken Sir John zitieren.« Und mit anmutigem Necken fügte sie, den Baß Falstaffs nachahmend, hinzu: »Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? Luft. Eine feine Rechnung! Wer hat sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb. Fühlt er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten nicht. Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. Warum nicht? Die Verleumdung gibt es nicht zu. Ich mag sie also nicht. Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzug, und so endigt mein Katechismus.« Der alte Herr applaudierte lachend, aber die Falte zwischen Roberts Brauen glättete sich nicht. »Es ist eine ganz hübsche Sache um den Humor,« sagte er. »Könnte er nur vor dem wüsten Ernste des Lebens bestehen. Ehre bei der Mitwelt, Ruhm bei der Nachwelt? Das klingt ganz gut, aber wie ist's denn eigentlich damit? Was sind die Annalen des Ruhmes anderes als eine unendliche Martyrologie? Also das wäre am Ende das Auszeichnende für die großen Menschen, einem Martyrium sich unterziehen zu müssen? Das der Vorzug des Genies, daß es eine doppelte Last von Weh und Schmerz zu tragen hätte? Wo bleibt denn da die Illusion, daß der Mensch zur Glückseligkeit bestimmt sei? Ist er aber zum Leiden geboren, wie, glaub' ich, der Apostel Paulus sagt, warum ist er dann überhaupt da? Ich denke, der Mensch hat ein Recht zu dieser Frage, welche schon Hiob auswarf. Man sagt, er ist da, um seine Bestimmung zu erfüllen, das heißt, zu leiden. Ei, da lohnt es sich wohl der Mühe, zu existieren! Oder, im besten Fall, um der Seifenblase Ruhm nachzujagen? Wie unsäglich komisch oder vielmehr tragisch erscheint diese Jagd, wenn wir auch nur die eine Tatsache beherzigen, daß im deutschen Volke der Ruf vom Till Eulenspiegel ein unendlich größerer ist als der von Goethe, im englischen der Ruf von Jack Sheppard, Jonathan Wild und ähnlichen Gaunern größer als der von Shakespeare und Milton. Ich meine, das müßte die Narren der Unsterblichkeit doch stutzig machen. Ach, das Streben nach Ehre und Ruhm ist, bei Licht betrachtet, nur eins der vielen Symptome der Fieberkrankheit, genannt Menschenleben. Es ist das ängstliche Bemühen des Menschen, aus sich selber herauszukommen, weil er es, allein mit seinem Ich, nicht aushalten kann. Ich erinnere mich, einmal im Pascal gelesen zu haben, das ganze Streben des Menschen sei im Grunde nur eine Flucht vor sich selbst, eine rastlose und peinliche Anstrengung, sich selbst zu vergessen; denn wäre er einmal genötigt, mit seinem Innern so recht allein zu sein, so würden ihm die aus demselben aufsteigenden Dämonen der Nacht ein Entsetzen einjagen, welchem er den Tod vorzöge. Das veranschaulicht uns deutlich eine der größten Berühmtheiten unserer Zeit, Lord Byron. War das ganze Leben, die ganze Poesie dieses Hochbegabten etwas anderes als eine unbändige Sehnsucht nach Selbstvergessenheit, nach Vernichtung? Und war diese Sehnsucht etwa weniger tragisch, weil sie die Erscheinungsform der entsetzlichsten Langeweile angenommen hatte?« Weder der Pfarrer noch die Gräfin fühlten sich zu einer Antwort auf diese Frage gestimmt. Robert beachtete auch ihr Schweigen gar nicht, sondern fuhr, in seinen wildschweifenden Gedankengang verloren, nach einer kurzen Pause fort: »Wenn ich kalten Blickes auf meine Zeit hinsehe, wie sie sich in unstillbaren Begierden, in gedankenlosem Haschen nach Nichtigem verzehrt, wenn ich dieses unendliche Wirrsal törichter Meinungen betrachte, diese vom Zweifel umgestürzten Altäre erblicke; wenn ich all die Stupidität, Verlogenheit, Verräterei und Bosheit, all die Not und Pein der menschlichen Rasse ins Auge fasse: – oh, dann kann ich mir nur mit Lust den Augenblick denken, wo dieser jammervolle Erdball in das Nichts zurückgeschleudert wird. Und das wird in Wahrheit das Ende dieser traurigen Komödie sein, deren Ärmlichkeit wir mit dem stolzen Namen Weltgeschichte zudecken. Es ist ein Trost, daß uns die Naturwissenschaft die Versicherung gibt, der tragische Spaß werde einmal ein Ende nehmen müssen. Langsam zwar, aber dennoch rastlos geht die Abkühlung des Kerns unserer Erdschale vor sich. Das Arbeiten der Vulkane und die warmen Quellen berauben die Erde zu jeder Stunde einer Wärmemenge, welche ihr nie wieder ersetzt wird, und so muß doch zuletzt eine Zeit kommen, wo der Mittelpunkt der Erde keine höhere Temperatur besitzt als dermalen die Oberfläche. Dann steht dem zerstörenden Zahn der Zeit keine erhaltende Kraft mehr entgegen. Die Granitmassen dort über dem See werden zerbröckeln und verwittern, langsamer freilich, aber ebenso sicher wie die Blüten der Rosensträuche da hinten im Garten. Das unerbittliche Gesetz der Vergänglichkeit, welches die Erde beherrscht, wird dann über der leblosen und belebten Natur das fahle Panier der Vernichtung schwingen. Von dem ewigen Kreislaufe der Gewässer unternagt und zerfressen, stürzen die Gebirge ins Meer hinab und die Oberfläche der Erde ist nur noch eine unermeßliche, pfadlose Wasserwüste, oder sie wandelt sich, falls die Wasser in die Spalten der vertrockneten und erstarrten Kugel sich verlieren, zu einer wasserlosen, öden Steppe, zu einem chaotischen Klumpen,« »Das ist eine düstere Vision, lieber Freund,« bemerkte die Gräfin, »ganz à la Darkneß des großen Dichters, dessen Poesie vorhin von Ihnen als eine beständige Flucht vor der Langweile bezeichnet wurde. Wenn ich übrigens nicht irre, so muß der traurigen naturwissenschaftlichen Weissagung, welche Ihr Spleen uns entworfen, Einseitigkeit zur Last gelegt werden. Denn wenn es den Aussagen der Naturforscher zufolge auch eine Möglichkeit oder sogar eine Wahrscheinlichkeit ist, daß der jetzige Zustand unseres Planeten nur ein vorübergehender statt eines bleibenden und daß demselben dereinst durch neue Gebirgserhebungen ein Ende gemacht werde, so ist damit noch nicht gesagt, daß diese Katastrophe eine absolute Vernichtung alles Lebens zur Folge haben müsse, sondern es bleibt dabei der Hoffnung Raum, daß unsere noch unvollkommene Schöpfung nur in Trümmer gehen werde, um einem vollkommeneren Organismus Platz zu machen.« »Gut so, gnädige Frau,« sagte Frieding. »Fürwahr, das wäre eine Wissenschaft, nicht der Mühe wert, getrieben zu werden, welche der unendlichen Entwickelungsfähigkeit der Natur und des Menschen keine andere Perspektive eröffnen könnte als allgemeinen Tod! Warum sich überhaupt mit solchen grau in grau gemalten Phantasien abquälen, statt das Leben frisch und tüchtig anzufassen? Unserer Nachkommen fernste Geschlechter brauchen sich jedenfalls um die angedeutete Katastrophe noch keine Sorge zu machen. Ein berühmter Geolog hat ausgerechnet, daß zur Bildung der norddeutschen Steinkohlenflötze mindestens eine Million Jahre erforderlich gewesen, und seine Beobachtung über die Erkaltungsgeschwindigkeit einer glühenden Basaltmasse, wie ja auch unsere Erde einmal eine solche war, haben ihn zu dem Resultate geführt, daß seit der Steinkohlenperiode unseres Planeten mehr als neun Millionen Jahre verflossen seien. Wo es sich um solche ungeheuerliche Zahlenverhältnisse handelt, da mag sich selbst eine schwarzseherische Phantasie in betreff des Untergangs unserer Erde leidlich beruhigen können. Es hat noch gute Wege mit der Erkaltung der Erdrinde und mit dem Erlöschen ihres feurigen Kerns.« »Und diesem Optimismus zum Trotz,« erwiderte Robert finster, »geht die Erkaltung Schritt für Schritt vor sich und schwächt sich das Feuer ab. Auch Ihre hoffnungsvolle Aussicht, liebe Thekla, auf eine neue und bessere Schöpfung hält nicht stand vor der Konsequenz einer allerdings trostlosen Wissenschaft, welche eine Illusion nach der andern zerschlägt und so die Menschen von Tag zu Tag unglücklicher, das heißt, ihrer zwecklosen Existenz bewußter macht. Wenn die Vulkane erstorben, die warmen Quellen versiegt sind, das heißt, wann das Innere des Erdballs ausgebrannt ist, dann ist keine neue Hebung von Gebirgen durch innere Kräfte und damit auch keine neue Schöpfungsperiode mehr denkbar. Noch mehr. Nicht unsere Erde allein, unser ganzes Sonnensystem wird dem Untergang anheimfallen. Die Fülle von Wärme und Licht, welche unablässig der Sonne entströmt, findet nur kleinstenteils einen Rückweg zu diesem Körper. Was auch die Quelle der Kraft des Licht- und Wärmespenders sein mag, endlich muß sie sich doch erschöpfen, und dann werden, wie unsere Erde, auch sämtliche übrige Planeten ohne eine Spur von Leben in einem kalten und finstern Räume schweben.« Der Pfarrer stand auf mit dem offenkundigen Ausdruck des Mißbehagens in seinen Zügen. »Und wenn es wirklich dazu käme,« sagte er, indem er sich zum Fortgehen anschickte, »wenn es einmal so tot, leer und kalt in unserer Schöpfung würde, wie hier eine überreizte Phantasie es sich ausgemalt, auch dann noch würde das ewige Gesetz des periodischen Wechsels seine unendliche Wirksamkeit üben. Ihm zufolge wird unser erkaltetes und erstorbenes Sonnensystem dann in seinem Fortrollen durch den unermeßlichen Raum abermals in eine Region gelangen, wo die geheimnisvolle Ursache, welche im Anfange der Zeiten die ganze Masse der Himmelskörper in glühende Bälle verwandelte, abermals Leben schaffend auf sie einwirken kann. Doch genug davon, und hoffen wir, daß der Gegenstand unseres nächsten Gespräches ein weniger ›gruseliger‹ sein werde, wie unsere Älpler sagen. Leben Sie wohl, gnädige Frau, und gestatten Sie, daß sich unser Freund und Untergangstümler da Ihrer Barke bediene, um mich heimzufahren. Der Abend liegt gar schon auf dem Wasser.« 16. »Und befreiet in Flammen Jauchzt in Lüfte der Geist uns auf.«. Robert hatte den alten Herrn am Gestade des Pfarrgartens gelandet und war dann mit lässigen Ruderschlägen zur Wippoklippe zurückgekehrt. Nachdem er die Gondel an ihrer Haltkette befestigt hatte, stieg er die Treppe zum Pavillon hinauf, welchen er leer fand. Er warf sich auf die rund um die Balustrade laufende Bank und starrte, in kummervolles Sinnen versunken, teilnahmelos in alle die Schönheit hinaus, womit der Abend vor seinem Übergang in die Nacht die Landschaft überschüttete. Die glühende Sonnenscheibe war schon am wolkenlosen Westhimmel hinuntergesunken, aber ihre Strahlen wölbten gleichsam durch das tiefe Blau des Himmels eine mattgolden glänzende Brücke bis zu den Zacken und Firnen des Gebirges empor, und aus dieser Brücke fuhren rote Lichter hinter dem Rande des Horizontes herauf, um mit dem prächtigen Farbenspiel des Alpenglühens die Gletscher und Schneefelder zu umhüllen. Das rote Wallen und Wogen da oben warf seinen Widerschein auf die leichtgekräuselten Wasser des Sees, daß sie wie ein ungeheurer Strom geschmolzenen Silbers glänzten und funkelten, scharf sich abschneidend gegen die schon von düsteren Abendschatten angeflogenen Felswände des gegenüberliegenden Ufers. Auf mählich sich zur Ruhe faltenden Schwingen trug der Abendwind das Rauschen des Donnerfalls herüber, und mit den Riesentakten des Katarakts mischte sich der Klang der Betglocke, die drunten im Dorfe den Landleuten das Ende ihrer Tagesmühen verkündigte. Es war die Stunde, deren Stimmung Dante so schon wiedergegeben hat in den Versen: Die Stunde war es, die zu stillem Weinen Dem Schiffer zwingt das Herz und still ihn rührt Am Tag, da er verließ die holden Seinen, Und wo der Wandrer Sehnsuchtsleid verspürt, Hört fernherüber er das Glöcklein schallen, Als weint' es, weil der Tag sich still verliert. Ein tiefes Weh wahrlich muß das Menschenherz erfüllen, wenn es dem sänftigenden Einfluß einer solchen Stunde an solchem Orte widersteht, oder wenn es gar statt Frieden nur neue Bitterkeit aus der Schönheit ringsum saugt. Das war heute bei Robert der Fall. »Auch das alles ist nur Lüge,« murmelte er düster vor sich hin, indem seine Blicke die strahlenden Bergkuppen entlang schweiften. »Ja, nur eine Schminke ist es, welche die alte Kokette Natur sich auflegt. Der Tor, welcher von diesem Farbenspiel geblendet zu den Höhen emporkletterte, würde nur kalten Stein, wüstes Geröll, Eis und Schnee finden. Ist nicht das ganze Leben so? Sein Glanz, seine Verklärung wirkt nur aus der Ferne. Tritt man näher, löst sich all der Beleuchtungstrug in Gemeinheit auf, und hinter dem gleißenden Flitter lauert überall der Tod.« Die Dämmerung kam. Allmählich verblaßten droben an den Firnen die Lichter, und ein blaßblauer Duft legte sich über Gebirg und See. Aber die Schönheit der Szene wechselte bloß, statt zu schwinden. Aus der tiefen Bläue des Firmaments traten klar und still die Sterne hervor, und hinter der gewaltigen Pyramide des Guggishorn stieg der Mond herauf und warf die milde Flut feines Lichtes in den See herein. Geisterhaft weiß ragten die Bergspitzen in den hellen Nachthimmel empor, und drüben rauschte der Wasserfall leiser, als trüge er Sorge, die heilige Ruhe nicht zu stören. Es war auch keine Störung, es war, als müßte es so sein, als gehörte es notwendig zur Harmonie des Ganzen, daß jetzt hinter der offenstehenden Türe des Turmzimmers zu leisen Harfenklängen die Stimme Theklas sich gesellte. Robert horchte auf. Traf ihn doch diese Stimme, so oft sie klang, immer von neuem wieder mit wundersamer Magie. Sie ergoß sich jetzt in eine alte schone Volksmelodie, welche die Sängerin einer neueren Ballade angepaßt hatte: Herr Walter war ein Ritter jung – Er hatte lang gestritten, Bis ihm ein scharfer Schwertesschwung Ins freud'ge Herz geschnitten. Herr Walter glitt in den blutigen Sand, Sein Roß stob in die Winde; Sie trugen ihn aus dem Sonnenbrand Unter die breite Linde. Sie rissen entzwei den Fahnensaum, Zu stillen das Blut dem Degen; Auf den Sterbenden vom Lindenbaum Fiel reicher Blütenregen. Das war des Königs Töchterlein, Ihr Aug' in Tränen glühte; Sie hielt ihm einen Becher Wein An des Mundes welkende Blüte. Das war des Königs Töchterlein, Sie kniete zu ihm nieder, Da drang ein schneller Rosenschein Durch die sinkenden Augenlider, Es ging ein Schauer durch sein Mark, Ein Schauer jäher Wonne; Er sah sie an, so voll und stark Wie der sterbende' Aar die Sonne, Die Binden riß er, die er trug: »Nun rinne, mein Blut, o rinne!« Er trank den Becher auf einen Zug: – »Nun grüße dich Gott, Frau Minne!« Robert atmete hoch auf, als das Lied zu Ende und das Nachspiel auf der Harfe mit einem fast jubelnden Aufklang jäh verstummte, »Nun grüße dich Gott, Frau Minne!« sprach er träumerisch vor sich hin. »Oh, wer lieben könnte, so recht mit seines Herzens Vollgewalt! Wer lieben dürfte! Glücklicher Walter! Warum hat mich keine Lombardenkugel gefällt, damals beim Rückzug aus Mailand? Warum schlug mich bei Novara oder Custozza kein Sardensäbel zu Boden, auf Nimmeraufstehen? Freilich, kein liebend Königstöchterlein, keine Gestalt mit ihren Augen, ihren Haaren, ihrem entzückenden Mund hätte sich zu mir niedergebeugt, meinen letzten Odemzug zu empfangen, aber dennoch wohl mir, wäre es so gekommen. Ich hätte diesen Ort nicht wiedergesehen, diese Bäume, dieses Wasser, diese Berge, die mir jetzt ein Gefühl verursachen, als müßte ich mich vor ihnen schämen; ich wäre nicht hierher gekommen, um diese Schmach zu erfahren. Ich hätte es auch nicht empfunden, daß es ein Feuer gibt, welches einem die Seele verzehrt, ohne daß man zu entscheiden wagte, ob es dem Himmel, ob es der Hölle entstamme. Himmel oder Hölle? Als ob vor diesem allmächtigen Zauber, als ob vor dieser Wonne- und wehvollen Raserei noch derartige Unterschiede beständen! Als ob man sich nicht mit einem Schrei des Entzückens in diesen Wirbel weisen möchte, gleichviel, ob er einen zu ewiger, wütender Pein hinunterraffte.« Der laue Nachthauch schlug schmeichelnd an seine Wangen. Sein Herz löste sich und wurde weich. Bilder des Glücks zogen an seinem inneren Auge vorüber, wie schimmernde Visionen eines verlorenen oder verbotenen Paradieses, und als der strahlenwerfende Mittelpunkt derselben kehrte immer wieder die eine göttliche Gestalt, welche all sein Sehnen und Denken an sich zog wie der Magnet das Eisen. Er faßte mit der Hand an die Brust, als wollte er die Finger in das Fleisch eingraben, stieß halb zornig die Worte aus: »Nein, nicht länger trag' ich diese Marter so allein!« durchschritt rasch den Pavillon und setzte den Fuß auf den Steg. Aber sogleich hielt er wieder inne, wie angewurzelt, und kehrte dann langsam an die Brustwehr des Pavillons zurück, »Oh,« murmelte er, »ich bin recht elend, ganz schlecht geworden, denn Feigheit bewältigt und lähmt mich.« Er stützte die Arme auf die Balustrade und sah starren Auges in das Wasser hinab, welches leise an dem Fuß der Klippe Plätscherte, wie im Traume schwatzend. »Da unten ist's kühl und still,« dachte er, und eine dämonische Regung durchfuhr ihn. Plötzlich fühlte er einen süßen Odem seine linke Wange streifen. Er schrak empor. »Robert,« sagte die seelenvolle Stimme Theklas neben ihm, »Robert, Sie leiden!« Halb angewandt entgegnete er leise: »Ich wollte, ich läge tief da unten.« »Und was würde dann aus mir?« Das Wort war heraus, es ließ sich nicht wieder zurücknehmen. Und in diesem Fragwort, so ganz aufrichtig aus Herzensgrund gesprochen, lag ein Schicksal. Dieses einfache Wort zerbrach eine Kette, fest wie Diamant, alt und heilig wie die Gesellschaft selbst. Den beiden war, als hörten sie die Ringe der Kette klirrend zu Boden fallen. Rascher – das schöne Bild des irischen Dichters zu gebrauchen – Rascher, als Kometen rollen, Nie die Sonne küssen wollen – übersprangen ihre Seelen die ungeheure Kluft, welche Sitte und Gesetz schwarz und drohend zwischen ihnen aufgetan. Er sah sie an. Im vollen Mondlicht, welches zu den aufgezogenen Rouleaus an der Ostseite des Pavillons hereinkam, stand sie vor ihm im ganzen Liebreiz ihrer Vollkommenheit, die edlen Züge blaß vor unsäglicher Spannung, der Busen steigend und fallend in bebender Erwartung, aber die großen und dunklen Augen strahlend von einer Glut, welche sie so wenig Verhalten mochten als der blühende Mund sein beseligendes Lächeln. Seiner nicht mehr mächtig, streckte Robert die Arme gegen sie aus und sagte mit halberstickter Stimme: »Thekla, verwünschen Sie mich, töten Sie mich, nur sagen Sie mir, daß Sie mich nicht hassen!« »Hassen? Dich hassen, Robert?« versetzte sie, zu ihm aufblickend. »Dich hassen? Und wenn ich wollte, könnte ich es? Ich – liebe dich, Robert!« Purpurglut überzog ihr Antlitz, als sie zitternd dieses Bekenntnis hervorhauchte. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals, weinte an seiner Brust und duldete und erwiderte seine Küsse. Ein alter Reisender in den Tropengegenden von Amerika erzählt uns von einem Vulkan, in dessen Krater die zum Übelschwellen bereite Lava durch die Einwirkung eines plötzlichen und furchtbaren Regengusses wieder momentan zurückgestaut worden sei. So fiel in die aufkochende Lava von Roberts Entzücken ein tödlich kalter Gedanke. Er wand sich aus Theklas Armen, er stieß sie fast zurück und wandte sich mit einer Gebärde des Schauders von ihr. Sie erriet, was ihn so furchtbar angefaßt hatte, sie erriet es mit dem Instinkt der Liebe. »Robert,« sagte sie sanft und fest, »ich bin nicht das Weib deines Vaters, schon lange nicht mehr.« »Oh, Dank für dieses Wort, Thekla!« erwiderte er, in seines Herzens Jubel mit dieser Sophistik der Liebe jeden Zweifel betäubend. »Meines Vaters Weib? Nein, du bist es nicht, warst es nie, konntest es nicht sein! – Meines Vaters? Seit gestern hab' ich keinen mehr. Er hat sich von mir geschieden durch eine namenlose Tat, durch ein Ungeheures, welches alle Bande des Blutes und der Sitte bricht. Oh, jetzt sei sie gesegnet, die entsetzliche Stunde, die ich gestern in der geschändeten Gruft meiner Ahnen verlebte. Sie machte mich frei und ledig aller Pflichten. Wir sind frei, Thekla, wir dürfen glücklich sein! Oh, noch einmal, noch einmal laß mich das süßeste Wort hören, welches mein Ohr jemals getrunken. Noch einmal sage mir, daß das alles kein Traum, daß ich dich halte an meiner Brust, um nie, nie wieder dich zu lassen!« »Ja,« flüsterte sie in seinen Armen, »ja, Robert, ich liebe dich. Ich liebte dich von jenem Augenblicke an, wo du zuerst vor mich tratest. Damals schlug die himmlische Flamme, bis dahin mir unbekannt und ungeahnt, zündend durch alle meine Pulse. Und, oh, was hab' ich diese Zeit her gelitten um dich! Doch das alles liegt nun weit hinter mir. Jetzt erst lebe ich, jetzt fühle ich frohlockend die Wollust des Daseins. Oh,« fuhr sie fort, hingerissen von der Ekstase der Leidenschaft, »ich mühete meine Lippen mit alltäglichem Gebrauche ab, jetzt will ich sie mit den deinigen verschmelzen – auf ewig. Ich will nur sprechen mit dem Klopfen des Herzens, mit Seufzern und Küssen, und so spreche ich Stunden, Tage, Jahre bis ans Ende der Zeiten. Laß die Sterne dort oben vom Himmel fallen, laß Sonne und Mond sich verfinstern, laß die Berge ins Meer stürzen und den Boden unter uns in Trümmer gehen, ich habe und halte dich und mich in dir, und so will ich leben fortan und jauchzen, in Wonnetrunkenheit verloren, denn ich liebe und bin geliebt!« 17. In seliger Verschollenheit. In den Stimmungen des Menschen finden oft so jähe Übergänge statt, daß die Psychologie sich begnügen muß, sie zu registrieren, statt ihren Prozeß darzulegen. Wir kennen zwar jetzt die Mechanik des menschlichen Organismus ziemlich genau, wenigstens den einzelnen Stücken und Teilen nach, allein das Ineinandergreifen der Räder hält der Vermutung noch immer ein weites Feld offen. Nicht eben wunderbar jedoch ist die Folge von Stimmungen, welche wir Robert bis zu dem zuletzt geschilderten Ausbruch unbändiger Leidenschaft auf der Wippoklippe durchlaufen sahen. Von Natur ernst und nachdenklich, war er durch die Erziehung, die ihm von feiten eines trefflichen Mannes zuteil wurde, schon als Knabe über die zwecklose und schale Existenz, in welcher so viele seiner Standesgenossen befangen bleiben, hinweggehoben worden. Die Grundsätze, welche er als Jüngling aus dem Wippoltsteiner Pfarrhaus in die Militärakademie, später auf Reisen und in den Soldatenstand mitgenommen, hatten ihn vor einer Vergeudung seiner Jugendkraft bewahrt, wie sie der Jugend des Privilegiums zu einer selten vermiedenen Klippe wird. Er war in der Tat, wie der Brief der Fürstin Hedwig an Thekla angegeben, aus der italischen Kampagne im Besitz einer jünglingshaften Frische heimgekehrt. Aber gerade in der ungeschwächten Kraft seiner Gefühle lag eine Gefahr, welcher er nicht entgehen sollte. Er hatte nie mit dem Feuer der Leidenschaft getändelt, und nur um so gewaltiger und verzehrender brach jetzt die Glut aus seinem Herzen hervor, als ihm in der Person Theklas zum erstenmal ein wahrhaft wahlverwandtes Wesen entgegentrat. Er fühlte von der ersten Minute ihrer Bekanntschaft an den mächtigen Zauber, aber dennoch wäre derselbe vielleicht nie imstande gewesen, ihn die furchtbare Schranke, die sich zwischen ihm und der Geliebten erhob, überspringen zu machen, hätte nicht ein finsteres Geschick ihn mit dem Manne zusammengeführt, dessen schreckliche Enthüllungen das Band entzweischnitten, welches ihn mit seinem Vater verknüpfte. In Wahrheit, es war keine leere Phrase, wenn sich Robert seiner Pflichten gegen den Grafen für entbunden erklärte. Sein in der innersten Fiber verwundeter Stolz empörte sich gegen den Gedanken, mit einem heimtückischen Verbrecher Gemeinschaft zu haben. Bei dem furchtbaren Stoß, welchen sein ganzes Wesen durch das Unerhörte erhalten, war seine Verzweiflung eine echte, sein Wunsch, zu sterben, ein aufrichtiger gewesen. Sein Leben erschien ihm als ein so vergiftetes, daß ihm das Wegwerfen desselben nur wie eine notwendige Schlußfolgerung vorkam. Daß hierbei seine aristokratische Denkweise einen großen Einfluß übte, braucht kaum gesagt zu werden. Ein beflecktes Wappenschild durchs Leben zu schleppen, einen geschändeten Namen zu tragen, gleichsam als Dieb in den Reihen seiner Standesgenossen zu stehen, abhängig von der Mitwissenschaft und Verschwiegenheit von zwei plebejischen Schurken – das zu ertragen, wie sollte es ihm, möglich sein? Es ist daher schwerlich zu viel behauptet, wenn wir sagen, daß der Morgen, welcher der verhängnisvollen Abendstunde auf der Wippoklippe folgte, den jungen Mann kaum mehr unter den Lebenden gefunden haben würde, hätte nicht die plötzliche Erscheinung Theklas im Pavillon schicksalsmächtig eingegriffen. Die Erklärung, welche zwischen den Liebenden stattgefunden, warf sie auf eine Bahn, für deren Abschüssigkeit sie kein Gefühl mehr hatten. Ein neues Leben war ihnen aufgegangen, und der Rausch eines unermeßlichen Entzückens versetzte sie in jene Atmosphäre der Leidenschaft, wo eine tropische Glut die Erinnerung an die Vergangenheit vertilgt und kein Bangen vor der Zukunft aufkommen läßt. Der alte Andres, der weder ein Psycholog war, noch von den erschütternden Gemütsbewegungen wußte, zwischen welchen sein Herr in letzter Zeit hin und her geworfen worden, hatte sich über das abwechselnd trübe und gereizte Wesen, welches Robert an den Tag legte, allerlei Gedanken gemacht. Er war an seinem Herrn eine gewisse gleichmäßig vornehme Ruhe gewohnt gewesen, und so hatte ihn besonders in den zwei letzten Tagen die tiefe Schwermut, welche dann wieder zeitweilig in peinliche Unrast umgesprungen, nicht wenig gestört und bekümmert. Seiner Vorrechte als »treuer alter Diener« wohl bewußt, hatte er sich vorgenommen, am heutigen morgen alles Ernstes zu »rekognoszieren«, das heißt, frischweg zu fragen, was denn wohl dem Herrn Rittmeister so zusetzte. Wie erstaunt war er daher, als er bei seinem Eintritt in Roberts Zimmer von diesem, der an seinem Schreibtische mit Kuvertieren und Siegeln mehrerer Briefe beschäftigt war, mit ganz Heller, munterer Stimme, ja sogar mit einem Scherzwort begrüßt wurde. Das war ihm schon lange nicht mehr vorgekommen, und der gute Alte glaubte in seiner Freude auch zu bemerken, daß das Aussehen seines Herrn ein so gutes und frisches sei, wie es in letzter Zeit nie gewesen. Er sollte auch sogleich erfahren, daß der Herr Rittmeister heute mitteilsamer war, als es sonst überhaupt in seiner Art lag. »Andres,« sagte Robert, »ich fürchte, du wirst es mit Leidwesen hören, daß du dein dermaliges Quartier, welches dir nicht übel zu behagen scheint, für eine Weile verlassen sollst.« »Ei, Sapperlost, Euer Gnaden, ein alter Husar und Wachtmeister weiß, daß er Order parieren muß und daß es für einen Soldaten, solange er auf der Erde geht oder reitet, kein bleibend Quartier gibt. Marschieren wir, Herr Rittmeister?« »Wir nicht, sondern zunächst du allein.« »Ah, ich glaubte schon, ich dürfte zum Satteln blasen lassen.« »Weder vom Satteln noch vom Blasen ist die Rede, Alter; denn erstlich wirst du im Postwagen fahren, und zweitens wirst du ohne allen Lärm und ganz in der Stille abreisen. Verstanden?« »Sehr wohl. Aber wohin?« »Nach der Residenz. Du wirst dort ein Geldgeschäft für mich besorgen.« »Ein Geldgeschäft? Oh, alle Wetter, Herr Rittmeister, bedenken S', davon versteh' ich justement so viel wie ein Rekrut, der zum erstenmal in die Manege kommt, vom Voltigieren.« »Tut nichts. Ich brauche nur einen vertrauten Mann dazu, der Augen im und Ohren am Kopfe hat.« »Nun, damit könnt' ich ja dienen und, bitt' um Pardon, Herr Rittmeister, glaube auch von dem alten Andres sagen zu dürfen, daß er außerdem etwelche Grütze unter der Hirnschale und ein ganz passables Mundstück hat, nicht zu vergessen einen guten Merker.« »Richtig. Hör also. Du weißt, wie ich glaube, daß mir ein Vetter meiner seligen Mutter vor einiger Zeit ganz unerwartet eine bedeutende Summe testamentarisch hinterlassen hat.« »Weiß es. Ist eine noble Sache um derartige Vettern, alle Wetter!« »Wohl. Die Gelder find bei zwei Bankhäusern der Residenz angelegt, und der Rechtskonsulent Muglich ist mein Bevollmächtigter in der ganzen Sache. Ich habe nun Gründe, über die Gelder anderweitig zu verfügen, da sie mein persönliches Eigentum sind. Du wirst diesen Brief und diese Papiere da an Muglich überbringen. Er wird ohne Zweifel imstande sein, die betreffenden Gelder in kürzester Frist flüssig zu machen, und wird sie dir zum kleineren Teile in Gold, zum größeren in Wechseln einhändigen. Dann machst du dich sogleich damit auf den Rückweg nach Wippoltstein. Ist die Order klar?« »Klar wie Wasser.« »Muglich kennt dich persönlich, da ich dich ja letzten Winter öfter zu ihm geschickt. Das wird die ganze Sache bedeutend abkürzen. Aber du mußt noch heute reisen.« »Sehr wohl, Herr Rittmeister. Will sogleich den Mantelsack packen.« »Tue das. Und höre, sei kein Narr und laß dir nichts abgehen auf deiner Reise. In der Residenz aber halte gegen jedermann reinen Mund über dein Geschäft, und wenn du die Gelder in Händen hast, so sei weniger offenherzig als mißtrauisch und gucke nicht zu tief ins Glas.« Der alte Soldat räusperte sich mächtig, um über diese Mahnung eine gewichtige Bemerkung zu machen, schlug aber vor dem wohlwollenden Lächeln seines Herrn die Augen nieder, und da bei dieser Gelegenheit sein Blick auf die intensive Purpurfarbe seiner Nasenspitze fiel, so ließ er es beim Räuspern bewenden. »Da ist Geld zur Reise,« sagte Robert. »Leb wohl, mache deine Sache gescheit und komm baldmöglichst wieder.« Andres salutierte, machte Kehrt und verließ das Zimmer, kam aber sogleich zurück und meldete, daß der Müller Veit im Vorzimmer sei und den gnädigen Herrn Rittmeister um Gehör bitte. Robert sprang mit so einem heftigen Fluche, wie ihn der alte Soldat noch nie von ihm gehört, von seinem Stuhl auf, eilte zur Türe und riß sie auf, so daß er sanft mit dem Müller zusammenstieß, der ihm mit tiefen Bücklingen entgegentrat. »Was soll's?« fragte der junge Mann mit stolzer Kälte. Etwas verblüfft durch diesen barschen Empfang zwischen Tür und Angel, verbeugte sich der Müller abermals und sagte dann: »Der gnädige Herr Rittmeister scheinen pressiert –« »Allerdings. Was soll's?« »Ich bitte tausendmal um Verzeihung –-« Robert machte eine verachtungsvolle Bewegung mit der Hand und sagte ungeduldig: »Spart die Schnörkel. Zur Sache!« »Ich komme, um untertänigst Euer Gnaden Vermittelung in einer Geschäftssache in Anspruch zu nehmen. Seine Erlaucht der Herr Graf, welcher mir stets ein gütiger Herr gewesen, hatte vor seiner Abreise die Gnade, das sogenannte Ermshölzle, welches zwischen den Wiesen der Donnerfallmühle liegt, verkaufsweise an mich abzutreten. Nun macht mir der Herr Oberrentner in betreff der Vollziehung des Kaufkontrakts Schwierigkeiten, die ich einzig und allein Intrigen von seiten des Oberförsters, der mir übel will, zuschreiben kann. Wenn nun der gnädige Herr Rittmeister als Stellvertreter Seiner Erlaucht ein entscheidend Wort sprechen wollte, um mir zu meinem Rechte zu verhelfen, würde er mich zu treu-untertänigstem Danke verpflichten. Es kostet Euer Gnaden nur ein Wort –« »Ich habe für Euch kein Wort,« entgegnete Robert mit niederschmetternder Verachtung, »nicht eines Wortes hundertsten Teil, hört Ihr? Geht und untersteht Euch nicht, mich irgendwie wieder zu belästigen. Ich habe nichts mit Euch gemein, gar nichts.« Der Müller richtete sich aus seiner untertänigen Stellung auf, seine Mundwinkel zuckten, und aus seinen gekniffenen Augen kam ein Blick giftiger Wut. Er wollte sprechen, aber die Miene Roberts war so unzweideutig drohend, daß er seine Worte verschluckte, seinen Ingrimm nur in der Form einer tiefen Verbeugung zu äußern wagte und ohne Zögern seinen Rückzug antrat. Der kleine Mohr Berdoa begegnete ihm unter der Türe und lachte herzlich mit, als der alte Andres lachend sagte: »Na, Sapperlost, der geht davon wie ein begossener Hund. Geschieht dem Kerl ganz recht, und war's auch nur für die Frechheit, die schöne braune Stute zwischen seine Spindelbeine genommen zu haben.« Berdoa hopste wie ein Affe zu Robert heran und sagte: »Die gnädige Frau läßt dem Herrn Rittmeister melden, daß sie und die Gondel zur Abfahrt bereit seien.« »Gut, Monsieur Joko. Melde deiner Herrin meinen Morgengruß und daß ich mir sogleich die Ehre geben würde, sie abzuholen.« Als der Müller Veit die große Avenue hinabging und spähende Blicke auf Schloß und See zurückwarf, sah er die Barke der Gräfin von der Wippoklippe weggleiten. Mit schwellendem Segel und flatterndem Wimpel fuhr sie, ihren Kiel dem südlichen Ufer zu gerichtet in das Wasser hinaus. Eine weibliche Gestalt stand im Bug, eine männliche hielt das Steuer. »Fahre nur zu, du schmuckes Pärchen!« brummte der Müller mit höhnisch verzogenen Mundwinkeln. »Der Wind bläst lustig in das Segel deines Boots, und alles ist eitel Lust und Freude. Müßte mich verteufelt irren, wenn sich eurer Fahrt nicht eine Klippe in den Weg schieben ließe. Dieses Weib, dessen Schönheit wahnsinnerregend ist, hat mich stets wie einen Hund behandelt. Wollen doch sehen, ob wir die Übermütige nicht noch dahin bringen können, den Hund zu liebkosen. Und dieser Knabe von Rittmeister, der auftritt wie ein Kaiser, weil er ein paar lumpige Bataillen mitgemacht. Als ob das nicht jeder Poppel könnte! Mich so zu traktieren, mich, dem der Bursche im Grunde seine ganze flitterige Existenz verdankt! – Ob sie wohl zu der hochmütigen alten Metze, der Lore, hinüber wollen? Sollte mich nicht wundern. Die weiß ja Rat in Liebesnöten. In solchen sind sie, tausend Eide wollt' ich drauf schwören. Und was hat es zu bedeuten, daß der stolze Narr von Junker mit dem infamen Twerenbold verkehrt? Daß er mit ihm verkehrt, weiß ich. Aufgepaßt, Veit! 's ist nicht alles, wie's sein sollte, und ich muß all diesem auf den Grund kommen. Will man mich um das verfluchte Ermshölzle prellen, oder ist gar noch Schlimmeres im Werke? Aber, wartet nur, den Grafen hab' ich am Bändel, der ist mir sicher, und euch allen will ich noch den Meister zeigen, so wahr ich Veit heiße. Einstweilen wünsch' ich, der See täte mir den kleinen Gefallen, den Kahn dort mit dem, was drauf ist, zu verschlingen.« Der See schien jedoch nicht geneigt, diesem frommen Wunsche nachzukommen. Ein frischer Biswind trieb die leichte Barke über die bewegte Fläche, daß der Schaum unter dem Buge aufspritzte. Sie hielt zuerst gerade auf die Einsiedelei von Sankt-Georg zu, in der Nähe des gegenüberliegenden Ufers angelangt, drehte sie sich jedoch, dem Drucke des Steuerruders gehorchend, in graziöser Wendung dwarsab, glitt backbordwärts außerhalb des Bereichs der heftig an die senkrechten Kalksteinwände schlagenden Brandung hinauf, legte in dieser Richtung rasch noch eine Viertelstunde zurück und kehrte dann mit einer abermaligen Wendung ihren Bug einer schmalen Bucht zu, die sich zwischen hohen Felswänden dem Ufer zuschlängelte. Das Segel fiel, indem Robert das Halttau löste. Er griff zur Stoßstange und trieb mittels derselben die Gondel in die Bucht hinein, in deren Hintergrund die Landung bewerkstelligt werden sollte. Bald streifte der Kiel den knirschenden Uferkies. Thekla sprang leicht und gewandt ans Land, Robert folgte und zog die Gondel zur Hälfte aufs Ufer. Sie standen am Eingang einer tief und weit in das Felsenlabyrinth gesprengten Schlucht, welche über und über von dem üppigen Grün der Buchen und Ahorne erfüllt war. Darunter hervor rauschte der Bucht zu der Gluribach, sein grünes Wasser an dem Steingeschiebe seines Bettes zu weißem Schaum schlagend. Robert nahm aus dem Boot eine wohlgefüllte Weidtasche, die er sich umhing; ferner zwei Alpenstöcke, deren einen er Thekla reichte, und sagte: »So, jetzt frisch voran!« Sie wandte sich der Schlucht zu, aber bevor sie den Fuß hob, haschte er noch einen Kuß von ihren Lippen, den sie ihm mit über die Schulter gewandtem Kopf zu bieten schien. Nun gingen sie, und er freute sich des anmutigen Ganges, womit die Geliebte in ihrem »Berghabit« vor ihm herschritt. Unter ihrem geschürzten Kleid hervor fielen Leinwandpantalons auf die derbbesohlten Bergstiefelchen nieder, welche die feinen Umrisse der Knöchel allerliebst hervortreten ließen. Die langschößige grüne Jacke, die sie als Oberkleid trug, bauschte im Winde, jetzt die schönen Formen ihrer Gestalt zeigend, dann wieder verhüllend. Auf dem Haupte hatte sie einen flachen, breitrandigen Strohhut, unter welchem sich die Fülle goldglänzenden Haares überall hervordrängte, und auf der linken Schulter trug sie ein zusammengerolltes Plaid zum Schutz gegen Wind und Wetter. Dem jungen Mann drängte sich die Poesie, welche in ihrer ganzen Erscheinung lag, so mächtig auf, daß er mit naiver Bewunderung ausrief: »Thekla, wie bist du schön!« »Hast du diese Entdeckung jetzt erst gemacht?« versetzte sie lachend. »Ich mache sie immer wieder von neuem.« »Desto besser, und da du es so andächtig sagst, muß ich es wohl glauben.« »Glaube es nur.« »Das tu' ich. Wer wird seinem Schatz diesen Gefallen nicht tun? – Doch sieh, wie herrlich! Wie rein blaut der Himmel ob der Schlucht! Sieh, wie dort links durch den gewaltigen Riß in der Felswand die Silberspitze des Glurihorns hereinfunkelt und wie dort rechts der finstere Basaltkegel des Klakenstocks gigantisch sich in die Höhe gipfelt! Und wie lustig rauscht der Bach unter uns! Und horch, wie zwitschern und singen dort im Gehege die Zaunkönige und Goldhähnchen! Die lieben sich auch, nicht wahr?« Und in tiefster Seele leicht und froh wie ein Vogel, erhob auch sie ihre Stimme und sang im Gehen das Berglied: »In die Berge hinein, in das liebe Land, In der Berge dunkelschattige Wand! In die Berge hinein, in die schwarze Schlucht, Wo der Waldbach tost in wilder Flucht! Hinauf zu der Matten warmduftigem Grün, Wo sie blühn, Die roten Alpenrosen.« Wie das frisch in den Morgen hineinklang und wie gerne der glückliche Robert ihr jeden Ton von den Lippen geküßt hätte! »Mir ist zumute,« sagte er, »als wären wir plötzlich mitten in eine Eichendorffsche Novelle hineingezaubert. Alles ringsum rauscht und funkelt, singt und klingt von Glück. Mir ist unendlich wohl, so leicht, als könnte ich fliegen und hätte alle Not und Gemeinheit des Lebens für immer von den Flügeln geschüttelt. Es ist ein märchenhaftes Glück!« »Ja, Robert,« entgegnete sie und blieb stehen, um ihn anzulächeln und den Strahl seiner Augen zu trinken, »ich bin sehr glücklich.« »Aber ich erst!« Und nun stritten sie nach Art der Liebenden, welches von beiden das Glücklichste sei, und beendigten den süßen Streit mit süßeren Küssen. Im Hintergrunde der Schlucht begann der schmale, kaum wahrnehmbare Pfad steil anzusteigen. Wie man gewöhnlich bei bedeutenden Verknotigungen des Hochgebirgs wahrnimmt, daß die Kalksteinmassen, welche die äußere Umwallung bilden, sehr jäh, oft senkrecht wandartig gegen das Tiefland zu abstürzen, so war es auch hier. Die beiden hatten länger als drei Stunden eine Steigung zu überwinden, durch welche sich gradaus und zickzack ihr Weg hinaufwand, durch hundert trotzige und pittoreske Felsformen hindurch. Stets war der Gluribach ihr Begleiter und auch ihr Wegweiser, denn der Pfad war offenbar nur sehr selten von Menschenfüßen betreten und ging auf dem harten Gestein oft ganz aus. Unter tausend Scherzen klommen sie aufwärts, Thekla stets voran, mit der Sicherheit und Schnellkraft einer Gemse, den Freund da und dort auf eine seltene Blume, auf einen überraschenden Durchblick, auf eine bizarre Gruppierung der Steinkegel aufmerksam machend. Hingerissen von dem Reiz ihrer Schönheit und ihres anmutigen Geplauders, stand er dann wohl still, um, in seiner Seligkeit von einem plötzlichen Bangen angefaßt, auszurufen: »Kann das wohl dauern?« »Kleinmütiger!« schalt sie. »Auch das Glück will geglaubt sein. Du hast keinen Glauben.« »Oh doch! Ich glaube an dich.« »Schmeichler! Seht doch, er will mir gewiß weismachen, daß er allen Ernstes im Sinn hat, mir da oben irgendwo einen Altar zu errichten, wie der Behauptung des guten Pfarrers zufolge vorzeiten der Holda oder Hludana solche in diesen Bergen errichtet worden. Aber nichts weiter von Mythologie und Fiktion, liebes Herz. Ist dieses Tages Wirklichkeit nicht Poesie genug, höchste Poesie? Laß uns nur erst droben sein auf meiner Glurialm, selig verschollen in der wundersamen Bergeinsamkeit.« Sie entstiegen jetzt allmählich der unteren Bergregion, um in die Alpenregion einzutreten. Das Laubholz blieb hinter ihnen zurück, Rottannen, Arven und Kiefern stiegen rechts und links aus den Schluchten auf und hafteten mit ihren trotzigen Wurzeln selbst an den schroffsten Gehängen. Das Bett des zu ihren Füßen weißschäumenden Baches wurde öder und felsiger; ungeheure, halb übermooste Felsblöcke schienen nach allen Seiten hin den Durchpaß zu sperren; die Schlucht wurde düster und düsterer, denn die kolossalen Felswände rückten naher und immer näher zusammen, so daß oben nur noch ein schmaler tiefblauer Strich Luft sichtbar blieb; der Singsang der Vögel, welche die niedriger gelegenen Berghänge zu bewohnen pflegen, war längst verstummt und das eintönige Brausen der stürzenden Wasser füllte mit betäubender Macht den schwarzen Kessel. Um einen Felsvorsprung biegend, der die Schlucht zu schließen schien, war Thekla Roberts Augen für einen Moment verschwunden. Im nächsten hörte er sie über seinem Kopfe rufen: »Durch Nacht zum Licht! Viktoria, hier ist Kanaan!« Er eilte ihr nach, ein Lichtstrom fiel von oben auf ihn, linker Hand spannte sich der Bach in einem donnernden Bogen in die Felskluft hinab, und rechts da oben stand Thekla und winkte ihm zu. Im Nu war er oben und an ihrer Seite. »Ist das nicht schön?« fragte sie, mit ihrem Alpstock vor sich hindeutend. Es war schön, groß zugleich und lieblich, Erhabenheit und Anmut in wundersamer Harmonie, eine Überraschung, wie sie nur dem Wanderer in den Alpen begegnen kann, der so oft aus finsteren, todestraurigen Schluchten in Szenerien voll lachender Heiterkeit plötzlich hinübertritt. Dieser häufige und unerwartete Wechsel des Charakters der Landschaft ist eins der auszeichnenden Merkmale der Alpenregion. Wir werden davon berührt, wie wenn Milton in seinem großen Gedicht hart neben die Schrecknisse seiner Dämonenwelt die von Lieblichkeit überquellende Schilderung von Adams und Evas Liebeleben in Eden hinstellt. Eine tiefe Einsattelung zog sich sanftgeneigt etwa eine Wegstunde weit aufwärts und bildete ein tiefgrünes Hochtal, an dessen beiden Seiten die Berge in anmutigen Wellenschwingungen aufwärts stiegen, um sich dann höher droben in den kühnsten und pittoreskesten Formen in den Himmel hineinzugipfeln. Die Halden links und rechts waren mit Tannengehölz und bemoosten Felsblöcken malerisch geschmückt. Links im Hintergrunde ragte in pyramidaler Regelmäßigkeit die starre Nadel des Glurihorns in schwindelnde Höhe, rechts wuchtete der kolossale Klakenstock mit steil abstürzenden Wänden und breitem First. Zwischen diesen beiden Riesen dehnten sich die schimmernden Eismassen des Glurigletschers, welcher das kleine Tal abschloß. Da, wo er die Sohle desselben berührte, kam aus seinen Höhlungen der Gluribach hervor. In munteren Sätzen, da und dort eine Kaskade bildend, eilte er das Tal herab, bis er in seinem Laufe auf ein Hindernis stieß. Ein ungeheurer Granitblock, vielleicht aus der vorhistorischen Zeit stammend, wo der Gletscher die ganze Einsattelung bedeckt hatte, ragte mitten in derselben empor und teilte den Bach in zwei Arme, so daß, weil dieselben, sobald sie konnten, wieder zusammenflössen, eine kleine Insel gebildet wurde. Auf diesem Inselchen waren im Schütze des Felsens eine Arve und eine Zirbelkiefer zu majestätischer Höhe aufgeschossen, und zwischen ihren Stämmen stand, mit dem Rücken an den Stein gelehnt, eine aus Balken aufgeblockte Hütte. Über der ganzen Szene schwebte jener unbeschreibliche Zauber der Wildnis und Einsamkeit, welcher die Seele weitet und dem Menschen das unsägliche wohlige Gefühl des Alleinseins mit der Natur gibt. War aber das Ganze mit seinen in einsamer Majestät in den wolkenlosen Himmel aufragenden Firnen und Zacken, mit seiner durch das klingende Getön der stürzenden Wasser melodisch unterbrochenen Stille schon groß und schön, so konnte es durch Beachtung von einzelnen Schönheiten nur noch gewinnen. Dort rechts flatterte von einer mächtigen senkrechten Felswand eine in Staub aufgelöste Kaskade herab, vom Wind hin und her bewegt, wie ein silberner Schleier in der Sonne wehend. Da links an der Halde brach aus einer bizarr zusammengewürfelten Gruppe von Nagelfluhstöcken ein starker, kristallklarer Quell hervor. Weiterhin blinkte aus einem Seitentälchen der Spiegel eines jener rätselhaften Hochseelein, die, von unterirdischen Quellen genährt, keinen sichtbaren Zu- und Abfluß haben, und in deren dunkelgrüner Klarheit sich die schneeigen Gipfel geisterhaft spiegeln. Der saftgrüne Rasen der Trift leuchtete von der Pracht der Alpenflora. Die prächtige Genziane hob ihre purpurblauen Blütenglocken millionenfältig aus dem dunkeln Grün. Das zierliche lilafarbene Alpenglöcklein, hochgelbe Aurikeln, rosenrote Silenen, weiße Alsineen, blauer Alpenaster, bunte Orchideen, Ranunkeln, Anemonen, Nigritellen, Dryas, Thymian und Aglei waren in blühender Buntheit weithin verbreitet, hauchten balsamischen Duft und zeigten, daß die alpine Flora an Intensivität der Farben fast mit den Blumen der Tropen wetteifern kann. Aber das Schönste des Blütenreichs waren doch die üppigen Büschel der Alpenrosen, die wie purpurne Girlanden überall die felsigen Abhänge überhingen. Auch an animalischem Leben fehlte es nicht. In dem Blumen- und Gräserrevier freute sich die reiche Insektenwelt ihres tausendfach wimmelnden Lebens, in dem kleinen See zog die Alpenforelle ihre graziösen Kreise, Schmetterlinge gaukelten umher, die Bergeidechse sonnte sich auf den Felsen, und in den Haldengehölzen und am Ufer des Baches nisteten und zwitscherten die Vögel der Alpenregion, die Frühlerche, die Ringamsel, die graue Bachstelze, der Zitronfink, die Felsenschwalbe und der Alpensegler. Lange schauten die Liebenden mit stiller Freude in all die Pracht hinein. Endlich sagte Robert: »Wie schön ist's hier! Wie heilig still und einsam!« »Ja,« erwiderte Thekla, »und doch ist's ein verrufener Ort, den die Hirten und sogar die Jäger vermeiden. Vor Jahren hat hier ein verrufener Gemsjäger, namens Cyriak, gewöhnlich der Gluricyriak geheißen, einsam in der Hütte dort gehaust. Du hast früher gewiß von ihm gehört, man erzählt sich allerhand Unheimliches von ihm. Er wußte sich so in Respekt zu setzen, daß niemand sein Revier zu betreten wagte. Endlich verschwand er spurlos; wahrscheinlich ist er in den unzugänglichen Gletscheröden verunglückt, aber die Bergbewohner glauben fest, der Teufel, mit welchem er einen Pakt gehabt, hätte ihn geholt und sein Geist spuke schauerlich in dem Gluritälchen, welches darum nach wie vor jeder meidet. Siehst du, das kommt uns nun zugute. Ich habe im vorigen Sommer den prächtigen Ort sozusagen erst wiederentdeckt, nur durch einen Zufall. Die Hütte war zerfallen, der zu ihr führende Weg weggeschwemmt. Ich beschloß, den Ort zu meiner Sommerfrische zu machen, wie sie in Innsbruck sagen, und ließ daher einen Steg nach dem Inselchen legen und die Hütte neu instand setzen. Dann hab' ich mit der misanthropischen Jungfer Gertrud und dem närrischen Berdoa mehrmals halbe Wochen hier zugebracht. Zuletzt noch einige Tage am Ende Septembers.« »Müßten wir den Ort nie wieder verlassen!« »Warum sich beim Kommen schon Gedanken wegen des Gehens machen? Warum der rosenwangigen Gegenwart, Shakespearesch zu reden, der Zukunftsbangigkeit Blässe ankränkeln? Wie heißt doch das lateinische Wort, welches ich dir zu beherzigen geben möchte?« »Carpe diem!« »Ja, pflücke den Tag! Es steckt Weisheit darin. – Aber sieh da den Adler, der dort an den Zinnen des Klakenstocks herüberschwebte und sich jetzt mit ausgebreiteten Schwingen über dem Gletscher wiegt.« »Sei er uns ein gutes Omen!« »Amen von Herzen. Und jetzt komm, damit wir wie Philemon und Baucis von unserer Hütte Besitz nehmen und wenn auch nicht der Welt – was geht uns die an! – doch uns selber den Beweis liefern, daß auch noch im neunzehnten Jahrhundert ein Idyll möglich sei.« Sie fanden in der Hütte alles so, wie Thekla es im vorigen Herbst verlassen. Keine neugierige oder diebische Hand hatte das Schloß der Türe zu sprengen versucht, und sehr wahrscheinlich hatte kein menschlicher Fuß das Tal betreten, seit Thekla zum letztenmal hier gewesen. Noch hing in dem Vorraum, der als Küche und Wohngemach diente, über dem in der Mitte stehenden Herd der eiserne Kessel an seinem Haken, und von dem Gestell an der Wand blinkte die Teemaschine und allerlei Eßgeschirr. »Ist es nicht heimlich und idyllisch hier?« sagte Thekla. »Aber nun heißt es: Arbeitet, daß ihr esset! Denn ich denke, liebes Herz, der Morgengang hat dir nicht minder als mir den Appetit geschärft, und die Alpenluft wird schon dafür sorgen, daß wir uns nicht ganz in Romantik verflüchtigen.– Da, nimm den großen Krug und fülle ihn an der Quelle; es ist ein köstliches Wasser. Auch Holz mußt du mitbringen; es gibt im Tannicht dürre Äste und Reiser die Fülle. Ich will inzwischen die Weidtasche auspacken und sehen, ob Gertrud gut für uns gesorgt hat.« Als Robert mit seinem Reisigbündel und dem gefüllten Krug zurückkam, harrte seiner eine neue Überraschung. Aus einer Türe im Hintergründe des Gemachs schlüpfte Thekla in der reizenden Tracht des Gebirges. Der kurze schwarze Rock mit der breiten Bordüre von Seidenstickerei über den Zwickelstrümpfen, das rote Mieder und weiße Koller kleideten sie allerliebst. In zwei schweren Zöpfen fielen ihre schönen Haare bis zur Kniekehle hinab, und aus den weiten kurzen Hemdärmeln leuchteten verführerisch die herrlich gerundeten Arme. »Siehst du,« sagte sie dem freudig Verwunderten, »ich habe Bergtoilette gemacht, und jetzt will ich die Köchin machen, so gut es gehen mag.« Es ging ganz gut, denn auch Robert zeigte, daß er sich in den Beiwachten so nebenbei einige Ideen von der edlen Kochkunst angeeignet. Mit Hilfe des Inhalts der Weidtasche, sowie mit Hilfe des Kessels und der Teemaschine stand nach kurzer Weile ein ganz erträglicher Imbiß auf dem im Schatten vor der Hütte gedeckten Tisch. Es fehlte dem Mahl auch nicht an einer Flasche Wein, welche Thekla wie durch Zauber aus einem Winkel der Hütte herbeigeschafft, welchen die alte Gertrud, die ein Gläschen liebte, vorigen Sommer zu ihrem Keller erkoren hatte. Unter tausend reizenden Neckereien wurde die Mahlzeit eingenommen, und am Schlusse derselben holte Thekla dem Geliebten ein großes Paket Glimmstengel herbei, welches sie in ihr Plaid gewickelt mit herausgebracht. Er mußte ihr die willkommene Gabe mit Küssen bezahlen, ein Handel, bei welchem das Objekt eigentlich ganz vergessen wurde. »Weißt du noch,« sagte dann Robert, »wie du mich zum erstenmal mit Zigarren versorgtest?« »Ja, freilich, und ich muß dir nur sagen, daß ich dich schon damals hätte küssen mögen.« Und nun freute es sie, sich gegenseitig die kurze, aber inhaltsreiche Geschichte ihrer Liebe zu erzählen, wie oft ihre Leidenschaft im Begriffe gewesen, unter der Eisesdecke der Konvenienz hervorzubrechen. Weiter, wie Thekla von der Angst des Wahnsinns angewandelt worden, als sich Robert auf der Brandstätte in das brennende Haus gestürzt, und wie er, seiner Aussage nach, das gefährliche Wagnis doch nur unternommen, weil er die Geliebte am Fenster des Pfarrhauses erblickt; wie sie dann während Roberts Krankheit mehr und mehr sich gefunden, wie sie durch Eingehen eines geschwisterlichen Verhältnisses über die Natur ihrer Gefühle sich zu täuschen gesucht, wie endlich Thekla gestern abend durch einen unwiderstehlichen, geheimnisvollen Zug nochmals aus ihrem Turmzimmer auf die Wippoklippe geführt worden. Nur eine furchtbare Stelle in ihrer Geschichte berührten sie wie infolge stillschweigender Übereinkunft nicht wieder, das Geheimnis, welches Robert von Twerenbold erfahren. Robert hatte gestern noch der Geliebten das Gräßliche im Umriß angedeutet, und nun war es einstweilen unter ihnen abgetan. Die Erinnerung an diesen nächtlichen Greuel paßte nicht in die sonnige Existenz des Gluritals, wo die Liebenden die Hochgenüsse der Freiheit und Einsamkeit in vollen Zügen schlürften. Theklas glückliches Naturell entfaltete sich jetzt, im Sonnenschein des Glückes, zur vollsten Blüte. Ihre reizende Natürlichkeit, allem gemachten Pathos entschieden abgewandt, aber von seelenvollster Innigkeit und Glut, würde für Robert ein unerschöpflicher Quell des Entzückens. Ihre bezaubernde Heiterkeit wischte eine Falte des Pessimismus nach der andern aus seiner Seele und von seiner Stirne. Er stimmte mit ein in ihre Lieder und in ihr fröhliches Lachen. Sie entwarfen reizende Pläne für die Zukunft, wie sie übers Meer in fremdes Land ziehen wollten, um sich dort ein durch Arbeit gewürztes neues Leben zu gründen, weit hinter sich all den Wust der alten Welt. Da neckte ihn wohl Thekla damit, daß er dann feinem Aristokratismus werde entsagen müssen. »Wenn ich mit dir und für dich leben darf, werde ich auch eine andere Existenz schön finden,« erwiderte er. Mit den Zukunftsplänen wechselte der heiterste Genuß der Gegenwart. Sie rüsteten mit dem Eifer spielender Kinder ihre einfachen Mahlzeiten, kletterten sich versteckend und suchend an den Halden umher, beobachteten stundenlang die Prachterscheinungen des Tages und der Nacht an den Bergkolossen, hinter welchen sie so süß geborgen waren, schauten dem majestätischen Flug des Adlers und Bartgeiers zu, angelten in dem kleinen See, haschten Schmetterlinge, belauschten den Nestbau der Bachstelze, beschlichen die Höhlenwohnung des Murmeltiers. Müde von alledem, griffen sie dann wohl auch nach dem kleinen Büchervorrat, welcher von Theklas vorjährigem Aufenthalt her in der Hütte vorhanden war, und auf weiches Moos im Schatten gelagert lasen sie einander vor. So stießen sie in einer dieser Stunden, in Novalis' Fragmenten blätternd, auf die Stelle: »Eine Verbindung, die auch für den Tod geschlossen ist, ist eine Hochzeit, die uns eine Genossin für die Nacht gibt. Im Tode ist die Liebe am süßesten; für die Liebenden ist der Tod eine Brautnacht, ein Geheimnis süßer Mysterien.« Sie sahen sich lange dabei an, und ein unerklärlich seltsamer, tiefschmerzlicher und doch wollustvoller Schauer überflog ihre Herzen. Aber die Gegenwart behauptete ihr Recht und ließ kein banges Ahnen aufkommen. Sie hatten auch eine Lektüre, welche sie wundersam anzog und fesselte, des alten Meisters Gottfried von Straßburg Gedicht von Tristan und Isolde, die farbenglühendste, üppigste Blütendolde der Poesie des Mittelalters. Sie konnten nicht müde werden, in dieser herrlichen Dichtung die von Schönheit überfließende Schilderung von dem Liebeleben des in die Wildnis verwiesenen Paares in der Minnengrotte zu lesen. Harmonierte diese von dem Dichter mit den reizendsten Farben ausgemalte Situation doch wundersam mit ihrer eigenen, und gab es da Stellen, die sie wörtlich auf sich beziehen konnten. Was Wunder, daß ihnen zuletzt Poesie und Wirklichkeit zu einem Strom innigsten Befriedigtseins zusammenrann? Ihre Bergeinsamkeit wurde ihnen zur Glückseligkeitsinsel des Märchens, die, losgelöst von der Erde, im freien Himmelsraume schwelgerisch schwebte, und wie sie die Welt tief zu ihren Füßen vergessen hatten, so konnten sie träumen, daß auch da drunten an ihre selige Verschollenheit geglaubt würde. 18. Die Runs! Die Runs!. So lebten sie halkyonische Tage und selige Nächte. Robert lernte es jetzt erst verstehen, daß im Weibe das Rätsel der Schöpfung ruhe, denn der Schönheit göttliche Bedeutung für die Welt ging ihm auf. In den Armen der Geliebten verstand er die ganze Ungeheuerlichkeit des Wahns, welcher den Menschen zum Hasser der Welt und Natur machen will, zu einer Abstraktion, zu einem hohlen Schemen, einem Ding, dessen Zweck gar nicht abzusehen wäre. In dem Gefühle der Vereinsamung, womit er früher durchs Leben gegangen, war ihm dieses freilich sehr zwecklos vorgekommen, nicht der Mühe wert, gelebt zu werden. Jetzt aber fühlte er mit Entzücken die tausend süßen Bande, welche den Menschen ans Dasein fesseln, sowie er nur erst angefangen, für ein anderes Wesen zu leben. Thekla ihrerseits verbreitete rings um sich das beseligende Gefühl, daß das Weib erst durch die Liebe seinen wahren Halt und Inhalt gewinne, und offenbarte in tausend holden Zügen die Eigenschaft echter Weiblichkeit, im Empfangen ein unendliches Geben walten zu lassen. Sie besaß im vollsten Maße das Geheimnis, das Sinnliche zu Geistigem zu verklären, und in diesem Sinne kann man sagen, daß dem Bunde der beiden die höhere Weihe nicht fehlte. Thekla besaß auch im hohen Grade die frauenhafte Fähigkeit, dem Augenblick zu leben, eine Eigenschaft, deren Mangel dem Manne oft die besten Stunden des Daseins verbittert. Der Geist des Mannes strebt ins Weite und Ferne, das Gemüt der Frau weiß in dem Nächstliegenden sein Genügen zu suchen und zu finden; daher auch versteht sie intensiver zu genießen und sich zu, freuen als jener. Manchmal, wenn ein jähes Bangen Robert aus seinen Entzückungen aufschreckte, mußte sie ihm beschwichtigend die Hand auf die Stirne legen, und wenn er die Besorgnis des Erwachens aus diesem Traum von Glück äußerte, stimmte sie auch wohl mit einem kecken Jodler das Lied an: »Es rauschen die Wasser, Die Wolken vergehn; Doch siehe, die Sterne, Die leuchten und stehn. So auch mit der Liebe, Der treuen, geschicht; Sie reget und weget Und ändert sich nicht.« Am vierten Tage ihrer Villeggiatur im Glurital waren sie in der Morgenfrühe am Bach hinaufgegangen, um eine größere Streiferei zu unternehmen. Sie besuchten den Gletscher, gingen dann quer über die Ausläufer desselben rechtshin, stiegen die unterste Terrasse des Klakenstocks hinan und besuchten den auf einem kleinen Plateau gelegenen Klakensee, in welchen die Rinnsale der Ostseite des Bergkolosses münden. »Es ist, als blickte einen aus diesen einsamen Hochseen das Auge des Geistes der Wildnis an,« sagte Robert. »Ja, oder die Poesie Lenaus,« entgegnete Thekla. »Wie diese, hat auch die Szene hier mit ihren wilden Felsengruppen und dem schwarzblauen Wasserkessel in der Mitte etwas unbeschreiblich Melancholisches und doch wieder einen geheimnisvollen Reiz. Aber sieh, wie schön, wenn man den Blick von den starren Zacken und schimmernden Firnen auf unser Tälchen hinunterwendet. Ach, Robert, in dieser wundervollen Bergeinsamkeit fühle ich, daß es mir doch recht schwer werden wird, die schöne deutsche Erde zu verlassen, wie gut ich auch einsehe, daß das, so, wie es in den letzten Tagen mit uns geworden, eine unabänderliche Notwendigkeit ist.« »Ich preise mit Geschick, daß es mir diese Notwendigkeit auferlegt, liebes Herz. Ja, wenn es uns vergönnt wäre, hier oben zu leben, fern von all den menschlichen Wirrsalen, dann wohl! Da wir aber aus diesem entzückenden Idyll wieder hinaus müssen, so wollen wir mit einem recht großen Sprung zugleich auch aus der deutschen Misere hinaus. Ich sage mit Platen: ›Wie bin ich satt von meinem Vaterlande!‹« »Sprich nicht so, Robert. Hätte das Schicksal es anders mit uns gefügt, ich wünschte mir kein besser Glück, als an deiner Seite im Vaterlande zu leben, in einem Kreise der Tätigkeit, welcher deinen Gaben und Kräften entspräche. Es ringt sich doch allmählich das Bewußtsein durch, daß es etwas Besseres als ein Unglück ist, ein Deutscher zu sein. Es ruht in unserem Volk eine herrliche, unverwüstliche Kraft. Was hat es die Jahrhunderte herab nicht durchgemacht und gelitten, wie ungünstig hat seine Geschichte sich gestaltet, welche furchtbaren Hindernisse sind seiner Entwickelung von allen Seiten her in den Weg geworfen worden! Und doch ist es stetig vorwärts geschritten und schreitet unaufhaltsam vorwärts, obzwar langsam.« Unter Fortführung dieses Gesprächs stiegen die beiden die Halden hinab talwärts. Im Schatten eines überhängenden Felsens lagerten sie sich auf das weiche Moos, um Rast zu halten. Der Tag war sehr schwül gewesen. In der Nacht hatte ein heftiger Föhn zu wehen begonnen und allmählich schwere Wolkenmassen vom Süden heraufgeführt, die sich unter dem Einflusse des Windes in seltsamsten und schnell wechselnden Bildungen um die Schneekuppen lagerten. Noch vermochte die Sonne das Dunstgewirr zu beherrschen, aber nach und nach trat sie hinter einen Wolkenvorhang zurück, dessen Farbe ins Bleigraue spielte. Vom langen Wandern ermüdet, gaben die Liebenden dem Eindruck der lastenden Schwüle nach. Sie hatten nur eine kurze Weile unter dem Felsen rasten wollen, überließen sich aber sorglos der eigentümlichen Abspannung, welche der Föhn im Gefolge hat. Thekla machte noch scherzend die Bemerkung, sie fühle sich von einer göttlichen Faulheit angewandelt, und es sei hier ein passendster Ort zur Siesta. Dann stockte das Gespräch. Robert vergnügte sich noch einige Minuten damit, in stiller Freude die schlummernde Geliebte anzusehen, dann nickte auch er ein, und bald lagen beide in tiefem Mittagsschlummer. Sie mochten über eine Stunde geschlafen haben, da war es Robert im Schlafe, als hörte er über sich ein dumpfes Brausen und Rollen. Schlafmüde versuchte er sich aufzurichten, fiel aber wieder zurück, bis plötzlich ein greller Lichtschein ihm durch die geschlossenen Wimpern zuckte. Im nächsten Augenblick fühlte er sich an der Hand gefaßt und barsch vom Boden emporgerissen. Dann, bevor er noch klar um sich blicken konnte, schlug durch einen verhallenden Donnerschlag der Schrei an sein Ohr: »Die Runs! Die Runs!« Ein trefflicher Naturforscher der Alpenwelt hat uns, wie von mancher andern Erscheinung des Naturlebens derselben, auch von den Bergrunsen eine malerisch anschauliche Schilderung gegeben, welche nahezukommen wir uns nicht zutrauen. Er sagt: »Der warme Föhn weht eine Weile oben im Gebirge, löst und lockert die Kristalle der Schneefelder, schmilzt die erweichten oberen und Seitenteile derselben. So stark er aber auch schmilzt und mit wunderbarer Macht in zwei, drei Tagen oft fußhohe Schichten Schnees stundenweit von den Bergen hebt, so ist die Schmelzung doch nicht gefährlich, solange er weht, indem er durch seine Wärme eine unberechenbare Verdunstung der Wasserteile unterhält. Wenn sich aber die so übersättigte Atmosphäre zu schweren Wolken verdichtet und diese in schwerem Regen herabströmen, der föhnverwandelte Schnee auf den noch unverwandelten, aber vorbereiteten, gelockerten, der warme Regen auf den tauenden Schnee und die in allen Poren schon wasservolle Erdschicht, dann werden alle Höhen zu Quellen und alle Bodenarten zu Bächen und – die Runs (von rinnen) geht! Ja, sie geht. Sie springt, stürzt, wütet bergab, sie tobt mit donnernden Fluten zu Tal. Von allen Halden rinnen die Bächlein stürmisch mit immer beschleunigterem Lauf, oft in Stürzen über Felsenmassen der Tiefe zu, sammeln sich bald da, bald dort zu größeren Bächen und finden das sie zusammenfassende Bergbachbett oft erst unmittelbar über dem Talgrund, nachdem sie sich ihren Weg durch Triften und Wälder gebahnt, Erde, Steine, Bäume ausgerissen und zu unbezähmbarer Heftigkeit angewachsen sind. Und dem Tanze der Bergwasser ziehen flammende Wetterwolken als Spielleute vorauf. Der Abend wird zur Nacht mit dämonischer Beleuchtung. Blitz folgt auf Blitz; die zuckenden, sprühenden Schlangen kreuzen sich am Horizont und treffen mit zerschmetternden Pfeilen die Felswände. Schlag auf Schlag stürzt der Donner nach, ohne Pause, nur mit einem Wechsel von helleren Schlägen und dumpferem Rollen. Jeder Donnerschlag aber wird zu einem zehnfachen, rings von den nackten Bergwänden zurückgeworfen, in allen Flühen nachhallend. Wenig Regen fällt im Tal; die schwersten Wolken haben sich an den steilen Halden der Alp geballt und jagen mit dem Winde nur einzelne Schauer schwerer Tropfen in die Tiefe. Die Runs kommt. Horch! Droben rauscht es immer hohler und gewaltiger. Das ist nicht der Donner. Es kracht wie von Baumsturz und klappert wie von Steinrollen. Bei den nächsten Blitzen ein Blick in die Höhe – da oben geht es fürchterlich her. Man erkennt es halb, das nahende Unglück. Man sieht es, undeutlich zwar, aber doch nur zu gewiß – die Höhen sind zu einem Meere geworden. Gelbe Wasserfluten stürzen von allen Hängen, dem obersten Tobel zu. Jetzt bricht's herein – die Runs kommt!« Sie kam auch hier, sie brach von allen Seiten ins Glurital herein, aber am furchtbarsten von den Gehängen des Klakenstocks hernieder. Die Szene war schrecklich verändert. Eingemummt in graue, tiefherabhängende Wolken, waren die Bergspitzen unsichtbar geworden. Durch die Talsohle fegte ein tosender Wind, bald zu kurzen, pfeifenden Stößen ansetzend, bald mit orkanartigem Brausen dahinfahrend. Die mit elektrischen Dünsten überladene Luft entlud sich in unaufhörlich sich kreuzenden Blitzen, und der schmetternde Donner machte die Erde beben. Dazwischen fielen schwere Tropfen, und von droben herab kam ein unheimliches Rauschen, Krachen und Dröhnen. »Die Runs! Die Runs!« In dem Manne, der ihm diese Worte zuschrie und ihn an der Hand gepackt hielt, erkannte Robert Twerenbold, dessen Anblick den jungen Mann im ersten Moment des Erwachens das gefahrdrohende Aussehen der Landschaft ganz vergessen ließ. Voll Zorn über das Erscheinen des Abenteurers an diesem Orte, machte er sich von ihm los, stieß ihn zurück und sagte: »Was wollen Sie hier? Packen Sie sich!« »Sind Sie toll, Herr?« versetzte Twerenbold. »Rechne, Sie sind es. Machen Sie doch gefälligst die Augen auf. Sage Ihnen, die Runs geht! Noch zehn Minuten, bah, keine fünf, und die ganze Schuttflut wäre über Sie hergestürzt.« Thekla war inzwischen mit einem Schreckensruf aufgesprungen und hatte sich an Roberts Arm gehängt. »Was will der abscheuliche Mensch hier?« flüsterte sie ihm zu. »Wir müssen ihm dankbar sein für die Störung, Thekla. Die Runs geht!« »Was soll das Palaver?« fragte Twerenbold barsch. »Bitt' um Entschuldigung, Madame, aber wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Hört, wie's da oben kracht! Ha, bei Jove, rechne, der Klakensee ist ausgebrochen. Fort, fort, wenn Ihnen das Leben lieb ist!« Sie eilten bergab. Ein Blick zurück und aufwärts zeigte ihnen das Schrecknis. Über die Halden herab, welche das Fußgestell des Klakenstocks bilden, wälzte sich die stürzende Runs, ein breiter, wüster Strom, Bäume, Felsblöcke und Geröll mit sich reißend, in wütendem, unaufhaltsamem Sturz das ganze Tal mit Verschüttung bedrohend. »Wir können der Runs nur entrinnen,« schrie Twerenbold, »indem wir über den Gluribach setzen.« »Ja,« gab Robert zurück, »wir müssen hindurch.« »Voran, Herr Graf! Ha, da haben wir die Bescherung! Die Runs hat die Talsohle erreicht. Rasch, rasch!« Robert schwang die Geliebte auf seine Arme und stürzte sich in den hochgeschwollenen Gletscherbach, Twerenbold ihnen nach. Es kam alles darauf an, durch den Bach zu gelangen, bevor sich die Runs mit demselben vereinigte. Aber auch der Gletscher schüttete unter dem Einfluß des Hochgewitters wütende Fluten aus seinen Eismassen. Das Wasser ging Robert bis über die Brust, er fühlte, daß er in der rasenden Strömung den Boden unter den Füßen verlor. Thekla las die Todesangst, welche er um sie empfand, in seinen Augen. »Laß mich los, Robert,« rief sie aus. »Allein bist du imstande, dich zu retten.« Er drückte sie nur fester an sich. »Wir sterben wenigstens zusammen,« keuchte er, mit letzter Kraft gegen den wütenden Strom ankämpfend. »Oh, nein, nicht sterben!« gab sie zurück. »Warum jetzt sterben, da uns das Leben so schön geworden?« Des Daseins süße Gewohnheit machte selbst inmitten dieser Schrecken ihre Macht geltend. Ein furchtbarer Anprall neuer Fluten riß das Paar mit sich fort. Aber nur wenige Schritte weit. Twerenbold hatte die Tiefe des Rinnsals hinter sich und wieder festen Fuß gefaßt. Mit herkulischer Kraft faßte er das Paar, als es an ihm vorbeigewirbelt wurde, riß die Gräfin aus Roberts Armen, schwang sie sich auf die Schulter und schrie mit einer das Toben des Gewitters beherrschenden Stimme Robert zu: »Links geschwenkt. Mann! Klarieren Sie aus der Strömung! Linkshin, linkshin! – So ist's recht. Kalkuliere, Sie sind ein tüchtiger Schwimmer.« Wenige Augenblicke nachher befanden sich alle drei auf festem Boden und kletterten eine steile Halde hinan, wo sie sich bald außerhalb des Bereichs der Gefahr befanden. Der Rückblick auf das Tal war schrecklich. Die vom Klakenstock herabgekommene Runs hatte sich mit dem Gluribach vereinigt, und ein trüber Strom füllte mit wildem Gebrause die ganze Einsattelung, alles, was ihm entgegenstand, mit sich fortwälzend. Der zur Insel führende Steg war längst weggerissen, und der ungeheure Felsblock, in dessen Schutz die Hütte stand, ragte nur noch mit dem Haupte aus dem tobenden Wasser hervor. Die Zerstörung des reizenden Ortes, wo die Liebenden so paradiesische Tage gelebt, war vollständig. Es schnitt den beiden durch die Seele, mit ansehen zu müssen, wie das Gebälke der Hütte, welche ihnen zum Himmel geworden, von den wüsten Fluten davongeführt wurde. Sie starrten mit einem unbeschreiblichen Gefühle des Entsetzens und der Trauer auf die Verheerung hinab, und ihre Beklommenheit wurde durch die Anwesenheit Twerenbolds noch ungemein gesteigert. War es ja doch schon höchst peinlich, nach einem solchen Erlebnis kein Wort der Zärtlichkeit tauschen zu können und sich auf Blicke beschränken zu müssen. Der Abenteurer seinerseits schien sich aus der ganzen Sache nicht viel zu machen. »Brr,« sagte er, sich schüttelnd, »das war ein nasses Abenteuer. Verflucht zudringliche Dinger, diese höllischen Runsen, kalkulier' ich. Hei, da geht ja des Gluricyriaks Baracke zum Teufel, allwo, sagen die Leute, ihr ehemaliger Bewohner schon lange sich befinden soll.« Und eine mit Leder überzogene Flasche hervorziehend, entstöpselte er sie, und fuhr fort: »Da, Herr Graf, bestimmen Sie die gnädige Frau, einen Schluck zu nehmen, und nehmen Sie selbst einen. Ohne Umstände – es ist notwendig, um der Erkältung von innen aus einigermaßen entgegenzuwirken. Und nun wollen wir uns auf den Marsch machen. Das Gewitter ist zwar am Ausmachen, aber ich denke, Sie werden nichts dagegen haben, von hier wegzukommen. Sieht jetzt hier omnipotent inkomfortabel aus, kalkulier' ich. Ja, die Berge haben verfluchte Tücken. Aber wir können nicht dem Lauf des Gluribachs nach heimwärts gehen. Der ist jetzt rabiat, wie ein besoffener Indianer. Muß mir daher, rechne ich, die Freiheit nehmen, Sie einen andern Weg zu führen, der mir noch von der Zeit her bekannt ist, wo ich zuweilen die Ehre hatte, den Gluricyriak hier zu besuchen. Dieser Weg ist viel kürzer als der andere, wenn auch ein bißchen abschüssig.« Im Gefühle des außerordentlichen Dienstes, welchen ihnen der Abenteurer geleistet, suchte Robert seinen Widerwillen gegen den Mann möglichst zu bemeistern. »Darf ich fragen, Herr Twerenbold,« sagte er, »was Sie ins Glurital herausgeführt hat, und wie Sie in den Fall kamen, uns im entscheidenden Augenblick zu treffen?« »Das ging ganz einfach zu,« versetzte der Gefragte. »Ich sah Sie vor drei Tagen in der Morgenfrühe über den See fahren, und da Sie in der Bucht landeten, wo der Gluribach mündet, kalkuliert' ich, Sie wollten eine Bergfahrt machen. Dachte aber weiter nicht mehr an die Sache, bis ich heute vormittag von der Einsiedelei von Sankt-Georg am Seeufer heraufschlenderte und bei dieser Gelegenheit Ihre Barke noch in der Bucht bemerkte. Fiel mir das auf. Hatte die Notion, könnte Ihnen in den Bergen oben schier ein Unglück passiert sein, und stieg daher ins Glurital hinauf, um nach Ihnen auszusehen. Ging in die Hütte auf der Insel und fand da Spuren, daß Sie noch vor wenigen Stunden dort gewesen sein mußten. Wollte mir dann, da ich hier oben war, auch mal wieder den Glurigletscher und den Klakensee angucken. Tat so. Fand aber für gut, mich vom Klakensee aus rückwärts zu konzentrieren, wie heutzutage die Fabrikanten militärischer Bulletins sich ausdrücken, wenn sie von Rückzug oder Flucht sprechen wollen. Wohl, konzentrierte mich also rückwärts und bergab, und bei dieser Gelegenheit fand ich Sie unter dem Felsen und nahm mir die Freiheit, Sie in Ihrer Siesta zu stören, was, rechne ich, die Runs bald darauf in noch ungenierterer Weise getan haben würde.« »Wir sind Ihnen hoch verpflichtet, Herr Twerenbold,« entgegnete Robert. »Sie haben der Gräfin und mir das Leben gerettet. Ich bitte Sie, zu glauben, daß mein Dankgefühl gegen Sie das lebhafteste und aufrichtigste ist.« »Bah, die Sache ist kaum der Rede wert, oder, falls sie es ist, so mag Sie Ihnen, rechne ich, den Beweis liefern, daß der alte Twerenbold nicht der Mann ist, welcher seine Freunde in der Not im Stiche läßt. Aber genug davon! Achten Sie auf die Frau Gräfin. Der Weg ist zwar nicht gerade gefährlich, immerhin aber nach diesem allmächtigen Wolkenbruch so, daß darauf ein zarter Frauenfuß einer Stütze bedarf.« Twerenbold, der als Führer voranging, bog, nachdem sie, immer steigend, oberhalb eines Arvengehölzes auf einem kleinen Plateau angekommen, linksab und in eine Schlucht hinein, wo zwischen himmelhohen Felswänden ein schmaler, mit Gras überwucherter Paß sich hinwand, erst eine Strecke eben fortlaufend, dann schroff in ein Gewirr von Klüften sich hinabsenkend. Etwas hinter ihrem Führer zurückbleibend, fanden die Liebenden Gelegenheit, ihre Empfindungen über das zuletzt Erlebte flüsternd auszutauschen. Thekla war ungewöhnlich ergriffen und konnte sich, ihrer starken und festen Natur zuwider, in den unglücklichen Ausgang ihrer Villeggiatur noch immer nicht recht finden. Der Stoß war denn doch ein zu plötzlicher und zu heftiger gewesen, um das Nervensystem einer Frau nicht zu irritieren. Die zarte Besorgtheit, womit Robert über jeden ihrer Schritte wachte, die Innigkeit, welche aus seinen Fragen über ihr Befinden sprach, beruhigte sie zwar einigermaßen, allein auf dem Grunde ihres Herzens brütete doch ein düsteres Bangen. »Es war eine furchtbare Störung des himmlischen Zaubers,« äußerte sie. »Und daß gerade dieser Mensch das Bedrohliche von uns wenden mußte! Robert, mir schaudert vor ihm.« »Bedenke, er hat dein Leben gerettet, liebes Herz. Ich könnte ihn darum fast lieben.« »Ich weiß, Robert, ich sollte ihm dankbar sein, aber seit ich ihn in dem Hohlweg drüben am Schwadriforst mit der Wildheit eines Tigers vor dir stehen sah, flößt er mir Grauen ein.« Twerenbold fand es durchaus nicht nach seinem Geschmacke, so schweigsam dahinzuwandern, und nachdem er die beiden eine Weile unter sich hatte flüstern lassen, wandte er sich nach ihnen um und sagte: »Sie müssen wissen, daß ich Sie eigentlich einen verbotenen Weg führe. Lebte der Gluricyriak noch, hätte ich es kaum wagen mögen.« »Wieso denn?« fragte Robert, welcher zwar des Gesprächs mit Twerenbold gern überhoben gewesen wäre, allein wohl oder übel darauf eingehen mußte, um nicht undankbar zu erscheinen. »Wieso?« versetzte der Abenteurer. »Hm, rechne, war das ein Geheimpfad, welchen nur der Gluricyriak und sein Freund, der Einsiedler von Sankt-Georg, kannten. Ein Zufall ließ auch mich den Weg kennen lernen, aber ich hätte das ums Haar mit dem Leben bezahlt.« »Der Einsiedler von Sankt-Georg war der Freund des berüchtigten Wilddiebs?« »Ei freilich. War der alte Jukundus ein fideles Haus, der sich, kalkulier' ich, die Kutte nicht allzu schwer werden ließ. Er war es, der den Handelsverkehr des Gluricyriaks mit der Welt vermittelte, und manche liebe lange Nacht haben die beiden drunten in der Einsiedelei miteinander gezecht. Zu der Zeit nun, wo die Menschen an allerhand romantischen Schnurren Gefallen finden, war auch ich mal drauf versessen, Gemsen zu jagen, 'ne dumme Grille, kalkulier' ich, aber was hat man nicht alles für Grillen, wenn man jung ist? Wohl, wollte also absolut mal eine Gemse schießen. Nun müssen Sie aber wissen, daß damals der ganze Gebirgsstock unter dem Banne des Gluricyriaks lag, welcher es durch seine List und Verwegenheit dahin gebracht, daß das Gesetz es aufgegeben hatte, sich mit ihm zu beschäftigen. Er hatte alle Versuche, seiner habhaft zu werden, vereitelt und der ganzen Bevölkerung ringsum einen solchen Respekt einzuflößen gewußt, daß sich keiner getraute, etwas gegen ihn zu unternehmen. Er war schlauer als ein Fuchs, gefürchteter als der Teufel, ein Mann von bärenmäßiger Stärke, untäuschbarem Adlerauge und nie fehlender Hand. Man fand es zuletzt ganz in der Ordnung, daß der Gluricyriak ein ausschließliches Jagdrecht auf das ganze Bergrevier ausprach. Man hatte Grund dazu, denn mehrere kecke Jäger, welche tatsächlich gegen dieses angemaßte Recht protestierten, waren von ihren Jagdzügen in das Hochgebirge nie wieder heimgekehrt. Wie man sagte, hatte der Mann gegen dreißig Menschenleben auf seiner Seele, welche, meinten die Leute, unfehlbar dem Satan verschrieben war. Diese Zahl war, kalkulier' ich, jedenfalls übertrieben, aber daß sich der Gluricyriak nicht eben viel daraus machte, einen Eindringling in sein Revier niederzubüchsen, das zu erfahren hatte ich selber Gelegenheit. War nämlich eines Tages über den See in die Einsiedelei herübergekommen, um von da aus eine botanische Exkursion in die Berge zu machen. Sah da bei dem Alten seinen vortrefflichen Stutzen, und wandelte mich bei diesem Anblick die Jagdlust an. Der Alte warnte mich, es sei mit dem Gluricyriak nicht zu spaßen; aber ich hielt das für Firlefanz, nahm Gewehr und Weidtasche und kletterte auf gut Glück die Berge hinauf. Es ging gegen den Herbst zu, der Tag war schön und die Luft hell. Ich mochte ein paar Stunden geklettert sein, als ich im Hintergrunde einer tiefen Schlucht, von welcher aus ein kleiner Gletscher berghinan lagerte, ein Halbdutzend Gemsen weiden sah. Das Herz pochte mir ganz närrisch vor Freude, wie es der wunderliche Muskel zu tun gewohnt ist, wenn er in einem jungen Leib arbeitet. Heranschleichend wunderte ich mich schier ein wenig, daß die scheuen Tiere, obwohl sie mich bemerkt haben mußten, harmlos fortgrasten. Machte mich aber schußfertig und legte auf einen stattlichen Bock an, als plötzlich über mir ein Schuß fiel und eine Kugel so hart an meiner linken Schläfe vorbeipfiff, daß sich im Todesschreck mein Haar bergan sträubte. Die Gemsen stoben auf den Gletscher hinauf, der Stutzen entfiel mir, und im nächsten Augenblick sah ich den Gluricyriak eine jähe Fluh herab und auf mich zukommen. Sah der Kerl, kalkulier' ich, mordmäßig genug aus in seinem langen, eisengrauen Haar und Bart, mit seinem abgewetterten grimmigen Gesicht und seinem aus dem Fell eines Luchses geschnittenen Wams. Mechanisch griff ich nach meinem Gewehr, allein der Gluricyriak brachte seinen Doppelstutzen blitzschnell an die Wange und rief mir zu: ›Laßt den Schießprügel liegen oder ich jag' Euch eine Kugel durch den Grind. Wollte Euch nicht kaltmachen, stündet sonst nicht mehr auf den Füßen; wollte Euch nur eine Warnung zugehen lassen, daß Ihr ein andermal die Unverschämtheit bleiben laßt, auf meinem Grund und Boden zu jagen, und vollends da, wo ich meine Salzlecke habe und selber keine Gemse schieße, geschweige von anderen schießen lasse. Verstanden?‹ Der Mann sprach so deutlich, durch Wort und Gebärde, daß man ihn wohl verstehen mußte. Verstand ihn auch ohne weiteres, und da ich damals noch ein Bursch war, der die Manier, die Leute herumzukriegen, nicht übel loshatte, machte ich ihn auch mich verstehen. So wurde die Begegnung zum Anfang einer Bekanntschaft mit dem gefürchteten Manne, die in der Folge zu einer Art von Freundschaft sich steigerte. Freilich legte sich sein feindseliges Mißtrauen erst dann, als ich ihm noch an jenem Tage eine hübsche Probe von Nervenfestigkeit gegeben. Das Ding war kein Spaß, kalkulier' ich. Hatte mich leidlich mit ihm verständigt und eröffnete ihm sofort, daß ich unter seinem Protektorat 'ne Gemse schießen möchte. – ›Habt Ihr Mut?‹ fragte er. – ›Meine, ich habe eine ganz passable Portion,‹ sagt' ich. ›Wohl, so will ich Euch zu einem Gamsl verhelfen, denk' ich. Kommt nur.‹– Führte mich nun der Mann auf halsbrechenden Steigen tiefer in die Bergwildnis hinein und zeigte mir endlich eine kleine Herde von Gemsen, die in der Ferne weideten, auf einer Fluh, welche akkurat aussah, als hänge sie in den Wolken. ›Dort könnt Ihr zum Schuß kommen,‹ sagt' er, ›aber merkt's Euch, der Weg dahin ist gruselig.‹ – ›Nur voran, ich folge,‹ sagt' ich. Schnallte sich also der Gluricyriak seinen Stutzen auf den Rücken, und ich tat ebenso. Dann ging er voran und ich hinterdrein. So kamen wir zu einer senkrecht in ungeheure Tiefe abstürzenden Felswand und betraten das schmale Gesims, welches an derselben hinlief. Der Weg war in Wahrheit gruselig, bei Jove! Hatte doch von Jugend auf das Bergklettern geübt, aber auf so 'nen Weg – wenn's überhaupt ein Weg war – hatt' ich doch noch nie den Fuß gesetzt. In der schwindelerregenden Tiefe unter uns erschienen die höchsten Kiefern und Arven so putzig klein wie Swifts Liliputer, unter jedem Fußtritt glitt die lockere Erde weg, das höllische Gesims wurde immer schmaler, an manchen Orten hatte es zudem weite Spalten, durch welche der Blick mit Schaudern in den Abgrund fiel, und zuletzt schien es ganz ausgehen zu wollen. Da, wo das Weiterkommen 'ne absolute Unmöglichkeit zu sein schien, blieb der Gluricyriak stehen, schrie mir mit halb über die Schulter gewandtem Kopf ein ›Aufgepaßt!‹ zu, packte mit beiden Händen einen vorstehenden Felszacken und schwang sich auf die hintere Seite desselben über den Abgrund hinweg. Puh! rechne, der kalte Schweiß tröpfelte mir von der Stirne, als ich dieses höllische Experiment sah und es nachmachen mußte, maßen ein Umkehren kaum minder gefährlich gewesen. Machte es also nach und gelang es mir zu meiner eigenen nicht geringen Verwunderung. Verwunderte sich auch der Gluricyriak mächtig, und sagte der Schurke ganz naiv: ›Hätte kaum gedacht, daß wir auf dieser Seite des Felsens noch beieinander sein würden. Aber kommt jetzt, haben die Gemsen umgangen, denk' ich.‹ Waren auch bald auf der Fluh, auf welcher wir die Gemsen von unten erblickt, und sahen richtig eine derselben zu unsern Füßen am Rande des Abgrunds zwischen den Alpenrosen liegen. ›Nun schießt!‹ sagte mein Führer, und ich schoß. Sprang das Tier hoch in die Luft, überschlug sich und stürzte rücklings in den Abgrund. Dort sah ich meine Beute auf dem Geröll liegen und wollte hinunterklettern, sie zu holen. Wehrte mir aber der Gluricyriak das, indem er mit einem unheimlichen Blicke sagte: ›Laßt sie liegen. Was in dem Grab da unten liegt, liegt sicher begraben.‹ Fiel mir, als er das sagte, ein, daß da herum vor etlichen Jahren ein armer Teufel von Gemsjäger spurlos verschwunden. Die Manier, womit ich gute Miene zum bösen Spiele gemacht und das Abenteuer bestanden hatte, gewann mir die Zuneigung des Gluricyriaks, und zwar in einem Grade, daß er mich an seinen Wohnort auf der Insel im Glurital mitnahm, eine Ehre, die, sagte er, außer mir nur noch dem alten Jukundus widerfahren sei. Von da ab hab' ich manche Gemsenjagd mit dem Gluricyriak gemacht, ohne daß ich die erlegte Beute im Stiche lassen mußte, wie jenes erstemal. Auch in das sonst mit der eifersüchtigsten Wachsamkeit bewahrte Geheimnis des Pfades, worauf wir jetzt gehen, wurde ich bei näherer Bekanntschaft eingeweiht. Der Cyriak war ein merkwürdiger Mensch. Möchte wohl wissen, in welcher Gletscherspalte oder in welchem unzugänglichen Felsenschrund seine Gebeine modern. Er war ein Original und sicherlich einer der letzten Menschen in Europa, die inmitten der Zivilisation und Polizierung eine freie halbwilde Existenz zu führen wagten und wußten. Rechne, es zeugt von keinem geringen Grad von Energie, so ganz auf eigene Faust zu leben, wie der alte Wildschütz tat. Kümmerte sich den Teufel um die Menschen, haßte sie bis zur Grausamkeit. War der Mann in seiner Art auch ein großer Botaniker. Wußte mir über die Heil- und Unheilkräfte mancher Alpenpflanze Aufschlüsse zu geben, an welche noch kein Mensch gedacht hatte. War ein ganzer Kerl, frei wie der Lämmergeier und nicht eben viel gewissenhafter. Hatte manchmal kuriose Schrullen, kalkulier' ich. War zum Beispiel mal auf den Einfall gekommen, der Frau des Sennen drüben auf der Wulpenalm zuzumuten, daß sie zwei seiner gezähmten Gemsen in dem Gemüsegärtlein, welches sie sich mit großer Mühe angelegt, weiden lasse. Tat das die Frau aus Furcht eine Weile. Da ihr aber die Bestien alles ruinierten, ward sie ihrer überdrüssig und brachte ihnen etwas bei, wovon sie krepierten. Der Gluricyriak nahm das scheinbar ganz ruhig hin, aber kurz darauf starb auch die Frau, wie der wilde Kerl mit einem ganz eigenen Lächeln erzählte.« Twerenbold wußte noch andere derartige Züge von dem berüchtigten Jäger zu erzählen, der in der Gegend bereits eine halbmythische Person geworden war. Seine Mitteilungen waren nicht ohne Interesse, und jedenfalls dienten sie dazu, den höchst ermüdenden Weg zu kürzen, dessen Ende Robert Theklas wegen um so lebhafter herbeiwünschte, als das Unwetter, nachdem es in den oberen Luftregionen ausgetobt, jetzt in die Niederungen herabgestiegen war, und die vom Sturm gepeitschten Wolken abermals in einem heftigen Platzregen sich zu entladen begannen. »Was Sie uns da von dem Gluricyriak sagen,« bemerkte Robert, »erinnert in mehrfacher Beziehung an die Mitteilungen, die uns Sealsfield in seinen Schriften über die Squatter und Trapper der amerikanischen Wildnisse gemacht hat.« »Kenne diese Mitteilungen nicht,« versetzte Twerenbold. »Aber was die Trapper betrifft, das sind, bei Jove, oft omnipotent verzweifelte Kerle, primitive Menschen sozusagen, welche es mit dem, was die Leute das Gesetz nennen, verdammt leicht nehmen, leichter noch als der Gluricyriak, weil ihre Unbändigkeit einen weit größeren Spielraum hat. Gilt ihnen, kalkulier' ich, unter Umständen ein Menschenleben nicht einen Schuß – bah, was sag' ich? – nicht ein Körnlein Pulver. Applizieren einem ihr verwünschtes Bowiekniefe zwischen der vierten und fünften Rippe, bevor man ja und Amen sagen kann. Ist ein Fakt. Sehen Sie da die Narbe an meiner linken Schläfe? Ein hübsches Andenken, nicht wahr? Verdanke es so 'nem Trappermesser. War da nach meiner Reise nach Oregon, die ich auch so ziemlich à la Trapper machte, in aller Unschuld mit so 'nem Kerl zusammengeraten und sah mich der ewige Halunke ohne weiteres für einen Unterläufer an. Nennen diese Bursche jeden einen Unterläufer, welcher in die Gegend gerät, die sie gerade als ihr ausschließliches Jagdrevier anzusehen belieben. Eine merkwürdige Gewohnheit das! Wohl, gerieten aneinander, und zwar auf einer ganz hübschen Prärie jenseits der Felsengebirge. Wollte mich der Hund ohne Umstände aus der Prärie und nebenbei aus dem Leben spedieren. Fand ich das aber nicht konvenabel, machte ihm daher etwas mehr Umstände, als er erwartet haben mochte, und endigte der Spaß damit, daß er selbst spediert wurde. Ja, man glaubt oft zu schieben und wird geschoben, sagt das Sprichwort. – Doch genug von dieser Materie. Sehen Sie dort unten den Felsblock, welcher von da aus schier einem riesenhaften, auf seinen Hinterpfoten sitzenden Bären gleicht. Sind wir um den herum, ist unser Weg zu Ende, denn wir stehen dann vor der Einsiedelei. Sie werden es sich, rechne ich, schon für ein Stündchen bei der alten Lore gefallen lassen. Der See tobt, daß es nicht ratsam ist, jetzt die Überfahrt zu versuchen, und wollten Sie den Geißensteig verfolgen, welcher von der Einsiedelei durch das Felsenlabyrinth gegen die Donnerfallmühle hinabführt, hätten Sie in dem dummen Regen noch über eine Stunde zu klettern. Außerdem ist es nötig, daß die gnädige Frau aus den nassen Kleidern komme, und wird die Lore eine Tasse Tee oder ein Glas Glühwein sofort fertig haben, was uns allen zupaß kommen soll, kalkulier' ich.« 19. Aus alter Zeit. In der Tat hatten sie nur noch einige hundert Schritte zu gehen, bis sie, um den von Twerenbold bezeichneten Felsen biegend, plötzlich die Einsiedelei vor sich sahen. Robert betrat nur mit Widerwillen die Schwelle der Traumlore, aber die Umstände ließen kaum eine Weigerung zu. Durch Nebel und Regen hindurch hörte man drunten den aufgeregten See seine Wogen mit Wut an das Felsengestade schleudern, so daß es ein fast wahnsinniges Unternehmen gewesen wäre, jetzt die Überfahrt zu wagen, und noch dazu in dem gebrechlichen Weidling der Lore. Ein Blick Roberts auf seine Begleiterin machte ihm einleuchtend, daß er sie schlechterdings den Unbilden der Witterung nicht länger aussetzen dürfte, und zudem legte Thekla gar keine Abneigung an den Tag, die Bekanntschaft der Einsiedlerin zu machen. Twerenbold hatte inzwischen schon die Türe der Hütte geöffnet und lud die beiden ein, ihm zu folgen. In dem sauber und blank gehaltenen Stübchen trat ihnen die Lore, von ihrem Sitz an der Ofenbank sich erhebend, mit ruhigem Anstand entgegen. »Da bring' ich Euch Gäste, liebe Lore,« sagte der Abenteurer. »Sie werden hoffentlich willkommen sein.« »Sie sind willkommen,« erwiderte die Frau mit ihrer gewohnten Gemessenheit in Wort und Haltung. Robert bemühte sich, seiner ehemaligen Wärterin, die er seit langen Jahren nicht mehr gesehen, ein freundliches Gesicht zu zeigen. Was er vor wenigen Tagen von der Geschichte dieser Frau erfahren hatte, ließ ihm dieselbe in einem ganz neuen Licht erscheinen, und wenn er seiner von Kindheit an eingewurzelten Abneigung gegen sie auch nicht vollständig gebieten konnte, so flößte ihm dieses Weib mit den gramverstörten Zügen und dem gebleichten Haar, dieses Weib, dessen Schicksal mit dem der Familie Wippoltstein so traurig verflochten war, doch eine gewisse Teilnahme ein. Der Ausdruck dieser Teilnahme in den Zügen des jungen Mannes entging dem scharfen Blicke der Traumlore nicht, und sie wußte Robert gegenüber auf der Stelle den rechten Ton zu finden, indem sie in ihr Benehmen eine Mischung von Respekt und ruhiger Herzlichkeit legte, welche allen Zwang beseitigte. Der Gräfin gegenüber ließ sie mit richtigem Takt, ohne irgendwie zudringlich oder gar servil zu erscheinen, eine gewisse mütterliche Besorgtheit walten, von welcher sich jene wohltuend angesprochen fühlte. »Hurtig, liebe Lore,« sagte Twerenbold in seiner lärmenden Manier. »Schafft der gnädigen Frau einen trockenen Anzug und uns Männern etwas Spirituoses in den Leib. Mag ich erschossen werden, wenn ich in diesem Augenblicke nicht ein Königreich für 'ne Kanne Punsch oder Glühwein gäbe. Ja, Lore, der Gluribach – die Pest auf ihn! – hat uns schlimm mitgespielt. Haben, kalkulier' ich, eine omnipotente Wasserkur durchgemacht, von welcher Art von Kuren jetzt die Narren alles Heil für die leidende Menschheit erwarten. Will für lange Zeit nichts mehr mit dem Wasser zu tun haben. Ist ein miserables, aufdringliches, ekliges Zeug – ist es nicht? Habe die Notion, ist es. Aber wo find' ich Tee, Wein, Zucker? Heda, Lore, sagt mir –« »Ich sag' Euch, Achaz, daß Ihr ruhig sein sollt. Je mehr Ihr so drein wütet, desto länger wird es anstehen, bis Ihr habt, was Ihr wollt. Alles in der Ordnung. Geht und macht einstweilen draußen auf dem Herde Feuer an und hängt den Wasserkessel über. Bis er zum Sieden kommt, will ich dafür sorgen, daß sich die gnädige Frau umkleiden kann.« Nach Verfluß einer halben Stunde hatten es sich alle so behaglich gemacht, als es die Umstände erlauben wollten. Robert kämpfte ein unangenehmes Gefühl nieder, als er Thekla in dem matronenhaft-ländlichen Sonntagsstaat der Traumlore aus der Seitenkammer treten sah. Die Gräfin, welche ihre gute Laune vollständig wiedergewonnen hatte, wußte sich jedoch mit so viel Geschick und Munterkeit in die Maskerade zu finden, daß sie den jungen Mann bald zum Lächeln brachte. Twerenbold, der zunächst für nichts anderes Sinn hatte, als sich einen möglichst starken Glühwein zu brauen, setzte das dampfende Getränk auf den Tisch, und zugleich brachte die Traumlore den Tee herein. »Wie doch das Leben die Leute zusammenwürfelt!« dachte Robert, als er sich mit dem Abenteurer und der Traumlore am Tische sitzen sah. Er fühlte in seinem Innersten eine instinktmäßige Abneigung gegen die beiden, und doch mußte er sich sagen, daß jene eher Grund hätten, ihm feindselig gesinnt zu sein. Er dachte an ihre Geschichte, wie Twerenbold sie ihm erzählt hatte, und da er an der Wahrheit dieser Erzählung nicht zweifeln konnte, so konnte er sich eines Zuges von Sympathie nicht erwehren. Vielleicht, sagte er sich, hätten diese zwei Menschen mitsammen ein harmloses und glückliches Leben geführt, wenn nicht ein dritter unheilvoll dazwischen getreten. Dieser dritte – hätte sich Robert nur, wie er wünschte, der Erinnerung an denselben entschlagen können. Er sah zu der Geliebten hinüber, aber auch ihr Anblick brachte ihm in diesem Augenblick gerade nur den in Erinnerung, an welchen er nicht denken mochte. Regte sich in ihm vielleicht »der Wurm, der nicht stirbt«? Er wandte die Blicke den Fenstern zu, aber da fielen sie auf den Strohkranz mit der düsteren Inschrift Memento ! – Wieviel Entsetzliches, Geahntes und Gewußtes, klebte an diesen Strohhalmen! Er sah die Lore büßend an der Kirchtüre stehen, büßend die Schuld seines Vaters, vielleicht aber eine noch schlimmere eigene. Wie war sein Brüderlein gestorben, über dessen Tod Twerenbolds Erzählung mit einer grauenhaften Andeutung hinweggeschlüpft? Auch in die Ahnengruft hinüber trug ihn die Phantasie; er stand wieder vor dem Sarg seines unglücklichen jungen Vetters und überzeugte sich von einer namenlosen Tat. Ihn schauderte, und es überkam ihn ein Gefühl, als sei auch er unrettbar den finsteren Mächten verfallen, welche in seine Familie Eingang gefunden hatten. Thekla ihrerseits hatte sich von den Schrecken und Strapazen, welche dieser Tag gebracht, bald wieder erhobt. Die Art und Weise der Traumlore gefiel ihr, und sie ließ sich mit derselben in ein lebhaftes Gespräch ein. Freilich stieß ihr zwischenhinein ein seltsames Bedenken auf, denn sie bemerkte, daß die Augen der Einsiedlerin, während Robert den Strohkranz ansah, auf dem Geliebten mit einem Ausdruck hafteten, der einem liebenden Weibe Furcht einflößen konnte. Es war einer jener züngelnden Schlangenblicke des Hasses, wie wir schon früher einen aus den Augen der Lore brechen sahen. Das ging aber schnell vorüber, und die Lore fiel später nicht durch die leiseste Gebärde mehr aus ihrer Rolle einer ruhig dienstbeflissenen Wirtin. »Wird es Ihnen denn nie zu einsam in diesem Felsenkessel hier, liebe Lore?« fragte die Gräfin, in Verlegenheit, wie sie das abgebrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte. »Zu einsam, gnädige Frau? Was hätte ich denn noch unter den Menschen zu suchen? Wenn Sie einmal in mein Alter kommen, werden Sie vielleicht auch erfahren haben, daß man um so ruhiger und folglich auch um so glücklicher ist, je weniger man sich mit den Leuten zu schaffen macht. Im übrigen liegt ja die Einsiedelei von Sankt-Georg nicht am Ende der Welt, und lebe ich keineswegs so ganz einsam, wie Sie sich vorstellen mögen. Sonntags kommen die jungen Leute aus dem Dorf und aus den Bergen, erzählen mir ihre kleinen Leiden und verlangen meinen Rat. So bin ich immer ziemlich genau von allen Vorkommenheiten in der Gegend unterrichtet. Auch der alte Herr, der Pfarrer, spricht manchmal bei mir ein, wenn er glaubt, mein Gedächtnis könnte ihm in betreff der alten Geschichten, über welchen er jahraus, jahrein grübelt, irgend einen Fingerzeig geben. Auch heute vormittag war er da, und er äußerte einige Besorgnis über Ihr und des gnädigen Herrn Rittmeisters langes Wegbleiben vom Schlosse.« »Aber wir ließen ihm ja vor unserem Weggang sagen, daß wir eine längere Bergfahrt unternehmen wollten, und wollen ihm jedenfalls noch heute die Grundlosigkeit seiner Besorgnisse dartun. Der gute alte Herr ist Ihnen sehr geneigt, liebe Lore. Wenn einmal sein großes Buch über den alten Götterdienst in dieser Gegend herauskommt, werden Sie sich unter den Hauptquellen für seine Arbeit aufgeführt finden. Doch das erinnert mich daran, die Gelegenheit zu benutzen, um von Ihrer Kenntnis alter Sagen zu profitieren. Seit ich in Wippoltstein lebe, hat mich die Geschichte von jenem Wippo, den man den blutigen Grafen nennt, lebhaft angemutet, ohne daß es mir gelungen wäre, sie genau kennen zu lernen.« »Hat sie Ihnen der Pfarrer nicht erzählt?« »Nein, er sagte, er wollte mir den Geschmack an meinem lieben Pavillon auf der Wippoklippe nicht verleiden. Die soll ja der Schauplatz der gräßlichen Katastrophe dieser Geschichte gewesen sein.« »Freilich. Und soll ich Ihnen etwa jenen hübschen Ort verleiden, indem ich Ihnen die Sage erzähle? Sie ist sehr düster.« »Um so besser. Das paßt zu dem Sturm, der da draußen heult. Übrigens werden Sie mir meinen Pavillon nicht verleiden. Wenn man an keinem Orte mehr Gefallen finden könnte, der schon der Schauplatz von Düsterem oder Schrecklichem gewesen, so würde es mit dem Gefallenfinden überhaupt bald zu Ende sein, denn wo Menschen leben, existiert kaum eine Stelle, die nicht schon irgend einmal mit Tränen oder Blut benetzt worden wäre.« »Das ist sehr wahr. Aber warum so traurige Bilder heraufrufen, wenn man so jung und glücklich ist, wie Sie es sind?« »Warum? Wissen Sie denn nicht, liebe Lore, daß man, solange man jung ist, an allem Romantischen Gefallen findet? Ich habe das Bild dieses blutigen Grafen Wippo in meinem Zimmer hängen und möchte, wenn ich es künftig ansehe, mehr von dem Original wissen, als ich bisher in Erfahrung bringen konnte.« »Gut, so hören Sie denn.« Und nach einem kurzen Nachdenken begann die Traumlore zu erzählen. Sie sprach zuerst eintönig und trocken, nach und nach aber schien sich ihr eigenes Interesse an der Geschichte zu steigern, und ihre Rhapsodie, wenn man es so nennen kann, erhob sich zu einer gewissen Energie, welche ihr auch die Aufmerksamkeit Roberts zuwandte, der während des Gesprächs der beiden Frauen mit halbem Ohr einer Auseinandersetzung Twerenbolds über die Tugenden des Glühweins zugehört hatte. Die Lore erzählte: »Zur Zeit, als der Dreißigjährige Krieg droben im Reich zu wüten angefangen hatte, stand die alte Burg der Wippoltsteine, die jetzt in Ruinen liegt, noch in voller Festigkeit und Pracht. Der Burgherr war Graf Hanno, und der hatte zwei Söhne, von denen der ältere Ottokar, der jüngere Wippo hieß. Ottokar war von sanfter, fast mädchenhafter Gemütsart und oft klagte der alte kriegerische Graf leise und laut, daß sein Erstgeborener aus der Art geschlagen, weil er so gar mild war und sich lieber mit Büchern als mit ritterlichen Dingen zu schaffen machte. Wenn er sich mit Bedauern darüber ausließ, pflegte er auch wohl beizufügen, es sei schade, daß der rüstige, wilde Wippo ein Jahr nach seinem Bruder zur Welt gekommen, denn der erstere schiene ihm passender zum Stammhalter eines Hauses von so altem kriegerischem Ruf. Ottokar, dem solche Klagen zu Ohren kamen, erbot sich gegen den Vater, die Tonsur zu nehmen, um sich der Gelahrtheit zu widmen, welche ihm mehr anstände als Harnisch, Schwert und Roß. Dann konnte Wippo das Erbe übernehmen, und so wäre allen dreien geholfen. Davon aber wollte der Graf nichts wissen, denn, sagte er, das Herkommen ist ein heilig Ding. Davon darf kein Tüpfelchen vergeben werden, sonst geht das ganze Geschlecht zuschanden. Der Erstgeborene ist der Erstgeborene und muß es bleiben; er kann seine Rechte weder verlieren noch vergeben. Und er verbot seinem Sohne Ottokar, ihm je wieder von solchem pflichtwidrigen Ding zu reden oder auch nur daran zu denken. Bald hatte er auch Veranlassung, die Vorliebe, mit welcher er auf Wippo zu blicken gewohnt war, zu beschränken, und die Nachsicht, womit er den tollen Knabenstreichen desselben zugesehen, zu bereuen. Denn aus dem wilden Knaben Wippo wurde ein wilder Jüngling, dessen Kraft zu unbändigen Leidenschaften aufschoß, welche auszutoben er durch keine Schranke sich abhalten ließ. Milde Ermahnungen und ernste Strafworte fruchteten gleich wenig, und bald hatte sich Wippo durch die buntesten Abenteuer einen so schlimmen Ruf erworben, daß demselben nur seine anerkannte Meisterschaft in allen Übungen des Kriegers und Jägers und sein bis zur Tollkühnheit gehender Mut einigermaßen das Gleichgewicht hielten. Das Schlimmste jedoch war, daß er auf seinen Bruder einen bitteren Haß geworfen. Er glaubte sich durch denselben um eine Stellung betrogen, die eigentlich ihm gebührte, und die zärtliche Liebe, womit ihm Ottokar begegnete, sänftigte nicht, sondern steigerte nur seinen Ingrimm. Da geschah es, daß Graf Hanno mit dem gesamten Adel des Landes zu einem großen Ritterfest hinüber nach Graz entboten wurde. Seine Söhne begleiteten ihn. Wippo stach beim Turnier alle Gegner aus dem Sattel und erhielt den Dank aus der Hand des schönsten der anwesenden Fräulein. Und das war die Tochter eines den Wippoltsteinern seit lange befreundeten Hauses, die Gräfin Thekla von Sachselnstein –« »Thekla?« unterbrach die Gräfin die Erzählerin frappiert. »Thekla von Sachselnstein,« fuhr die Traumlore gleichmütig fort. »Sie muß sehr reizend gewesen sein, denn der wilde Wippo, welchem bis dahin noch kein Weib eine dauernde Neigung einzuflößen vermocht hatte, fühlte sich beim eisten Anblick von ihr gefesselt, für immer. Es war eine unglückselige, verhängnisvolle Leidenschaft, und die Sage will, Thekla habe sie erwidert.« Hier sah die Lore im Sprechen auf und bemerkte, daß die Blicke der Liebenden mit einem seltsamen Ausdruck, halb Glut, halb Grauen, aneinander hafteten. Ohne daß die beiden es wahrnahmen, und ohne daß die Erzählerin ihren Faden fallen ließ, fuhr über ihr starres Gesicht ein fahles Zucken, das kam und ging wie ein Blitz. »Ja, wenn die Sage nicht lügt – und warum sollte sie lügen? – erwiderte Thekla von Sachselnstein die Leidenschaft des wilden Wippo. Es kam aber anders, als die beiden Liebesleute sich es dachten. Ihre Väter hatten freilich schon seit Jahren das Übereinkommen getroffen und festgehalten, daß zwischen ihren Kindern eine Heirat stattfinden sollte; nur lautete der Pakt dahin, daß Thekla die Frau des Majoratserben von Wippoltstein werden sollte, nicht aber die des nachgeborenen Sohnes. Und die beiden Herren waren die Leute, ihren Beschluß durchzusetzen. Damals kehrte man sich in vornehmen Häusern nicht an die Tränen und Bitten eines Mägdeleins –« »Damals! Bloß damals?« flüsterte die Gräfin mit einem tiefen Seufzer in sich hinein. »Aber auch des halbrasenden Wippo Wüten,« fuhr die Lore fort, »konnte den Gang der Sache nicht aufhalten. Bevor das Fest zu Ende ging, war Thekla die Verlobte Ottokars, der ihr zwar keine so leidenschaftliche Huldigung darbrachte wie sein Bruder, aber vielleicht noch inniger ihr zugetan war. Als im Festsaal der Trinkspruch auf die Neuverlobten ausgebracht wurde, schmetterte Wippo seinen Becher mit einem wilden Fluch auf den Boden und eilte hinweg. Er verschwand aus Graz und aus dem Lande, ohne daß man in Erfahrung bringen konnte, was aus ihm geworden. Vergebens ließ der alte Graf überall nach dem entwichenen Sohn kundschaften, dessen Verschwinden ihm bei all dem Herzeleid, welches der Wildling ihm angetan, dennoch schmerzlicher ans Herz griff, als er sagen mochte. Er verwand den Verlust nicht und starb unlange darauf. Ottokar hatte inzwischen seine Braut heimgeholt in die Hallen seiner Väter. Er wußte von der Zuneigung, welche Thekla für seinen Bruder gefaßt, aber das vermochte ihn bloß, seine achtungsvolle Zärtlichkeit für die Gattin zu verdoppeln und mit schonender Sorgfalt jeden Dorn von ihrem Wege zu entfernen. Einem solchen Gebaren widersteht eine Frau selten. Thekla lernte ihren Gemahl achten, verehren, lieben zuletzt, denn die Gewohnheit des Umgangs ist mächtig. Dazu kam, daß die Geburt eines Sohnes ein weiteres Band um die beiden schlang. Als die junge Mutter ihren Gatten mit Entzücken seinen Sprößling betrachten sah, da warf sie sich ihm an die Brust und gestand ihm, daß sie ihn nur gezwungen und mit Widerwillen geheiratet, daß aber seine unendliche Güte und Milde ihr allmählich das Herz in der Brust umgewandelt hätte; jetzt liebe sie ihn. Und nun lebten sie ein paar glückliche Jahre mitsammen. Da plötzlich erschien eines Abends der verschollene Wippo auf der Burg Wippoltstein. Er hatte sich wild in dem wilden Kriegstrubel jener Tage umgetrieben. Früh gealtert und scheinbar beruhigt kehrte er heim. Er ließ sich die aufrichtige Herzlichkeit, womit ihn der Bruder aufnahm, gefallen und benahm sich gegen die Schwägerin mit der ruhigen Freundlichkeit eines Schwagers. Aber er war verschlossen, und über seine männlichen Züge hatte sich ein dunkler Schatten von Schwermut gelagert. Das Leben verlief zwischen den dreien eine Weile im gewohnten Geleise. Damals geschah es, daß ein fremder Maler, welcher sich im Schloß aufhielt, um die Bilder des Grafen und der Gräfin zu malen, auch das Bild Wippos fertigte, welches noch jetzt vorhanden ist, aber nie in die Ahnengalerie zugelassen wurde. Bald wurde offenbar, daß mit Wippo das Unheil in die Burg eingekehrt sei. Thekla war noch immer sehr schön. Wippo bemerkte es nur zu sehr. Die Glut seiner Leidenschaft schlug plötzlich wieder in hellen Flammen unter der Asche hervor. Das Geloder dieses Feuers konnte den Augen Theklas nicht entgehen und erfüllte sie mit Entsetzen. Sie rang, ihre Angst dem Gatten und sich selber zu verbergen. Aber sie vermochte nicht, sie dem Verursacher derselben zu verheimlichen. Seine Leidenschaft kreiste über ihr wie der Lämmergeier über der geängstigten Gemse. Ottokar ahnte nichts. Ein dringliches Geschäft führte ihn für einige Tage über Land. Er wußte nicht, daß er das Verderben hinter sich zurückließ. Als er am dritten Tage heimkehrte, fand er Gattin und Bruder nicht mehr. Mit Wippos Selbstbeherrschung war es vorbei. Er benutzte die Abwesenheit des Bruders, um dem Worte zu geben, was er bisher bloß durch Blicke und Gebärden ausgedrückt. Er bestürmte seine Schwägerin um Liebe. Der Schrecken, womit sie sein Drängen erfüllte, erschien ihm nur als frauenhaftes Zieren. Er setzte in seinem Taumel voraus, das Gefühl, welches er vormals in Thekla erregt, sei noch nicht erloschen, sondern verhülle sich nur mit dem Mantel konventioneller Sitte. Die Gräfin litt furchtbar und bereute es brennend, nicht heftiger ihrem Gemahl angelegen zu sein, ihn begleiten zu dürfen. Die Sorge für ihren Knaben hatte sie zu Hause gehalten. Den Dreijährigen an der Hand, lustwandelte sie abends am Seeufer, als sich Wippo, von der Jagd heimgekehrt, zu ihr gesellte. Er war furchtbar aufgeregt und ganz aus Rand und Band. Er bat, flehte, drohte. Er kniete sich vor ihr die Knie wund und vermischte Tränen mit Flüchen. Dann sprang er auf, außer sich, wütend, durch ihre Weigerung zur Raserei getrieben. Er riß sie von dem Kinde los, schwang sie auf seine Arme und sprang mit ihr in das am Ufer liegende Boot. Ihr Angstgeschrei schlug zur Burg empor, Leute eilten herbei, aber schon hatte der Wütende die Entsetzte, Halbohnmächtige auf die aus dem See aufstarrende Klippe entführt. Dort sahen die ans Gestade eilenden Burgleute den Wippo noch einmal vor der händeringenden Herrin auf den Knien sich winden. Dann gewahrten sie, wie er mit einem Schrei der Verzweiflung und des Wahnsinns auf- und mit gezücktem Dolch auf die Unglückliche einsprang. Und weiter, wie er die tödlich Getroffene mit wütenden Küssen bedeckte, wie er sie dann in den See schleuderte, einen gräßlichen Fluch auf sein Haus, auf sich selbst, auf Gott und die Welt herüberschreiend, die Mordwaffe in der eigenen Brust begrub und mit einem wilden Satz seinem Opfer in die Tiefe nachsprang. Als es den Burgleuten gelang, die Klippe zu erreichen, war alles vorüber. Der Fels erhielt von dem Gräßlichen den Namen Wippostein, der ihm denselben gegeben, den des blutigen Grafen, und ein altes Lied hält die düstere Sage im Gedächtnis der Menschen lebendig.« 20. Tropisches. Eine lange Pause trat ein, als die Traumlore, am Schluß ihrer Erzählung in die monotone Weise, womit sie begonnen, zurückfallend, dieses Stück Romantik beschlossen hatte. Draußen ging noch immer der Sturm und schlug prasselnde Regenschauer an die kleinen Fenster. Robert fühlte sich von der traurigen Sage wie von dem ganzen Wesen der Erzählerin gleich unheimlich berührt. Er sehnte sich aus dieser Umgebung fort und trat ans Fenster, um zu sehen, ob es noch nicht möglich wäre, fortzukommen. Ein Blick auf den See und in das Unwetter hinaus überzeugte ihn zu seinem Leidwesen, daß er Thekla den Aufbruch noch immer nicht zumuten durfte. Mit Behagen seinen Wein schlürfend, unterbrach Twerenbold die in dem Zimmer herrschende Stille, indem er sagte: »Habe die Notion, man tut am besten, wenn man solche blutige Geschichten unter dem übrigen Gerümpel verschollener Tage ruhen läßt. Macht einem nur gruselig, diese Romantik. Sind, kalkulier' ich, die Amerikaner doch glücklich daran, daß sie von all dem mittelalterlichen Wust nichts wissen. Sitzt einem das vertrackte Zeug auf der Brust wie die moderige Luft in den alten Kellern und Verliesen. Ist keine Frolik dabei, nichts als Barbarei, pure Barbarei. Begreife nicht, wie anständige Leute an dem Zeug Gefallen finden können. Ist, rechne ich, kein Sinn und kein Verstand darin.« »Sie erwähnten der Amerikaner,« bemerkte Robert, nicht gewillt, auf die antiromantische Äußerung einzutreten, aber froh, einen Gesprächsgegenstand zu finden, welcher von dem vorhin Berührten fernab lag. »Ihr Aufenthalt in der neuen Welt hat Sie mit Land und Leuten wohl genau bekannt gemacht?« »Kalkuliere, ich darf sagen, daß er es hat. Wenn man so an die zwanzig Jahre in allen möglichen Fashionen und Situationen in einem Lande umhergeworfen wird, hat man, rechne ich, Gelegenheit, Land und Leute omnipotent genau kennen zu lernen. Könnte ein merkwürdig interessantes Buch darüber schreiben. Konveniert mir aber nicht.« »Sie sind in Amerika weit umhergekommen?« »Vermute, konsiderabel weit. War ein fahrender Mann, Herr Graf, ließ mir kein Moos unter den Füßen wachsen. Ist ein Fakt, bei Jove! Sah Nordamerika von den Kanadas bis hinab zur Landenge von Panama, sah auch ein erkleckliches Stück von Südamerika. Bin im Broadway von Neuyork flanieren gegangen, habe an den großen nördlichen Seen gejagt, im Mississippi gefischt und in den kalifornischen Minen gewühlt. Könnte Ihnen höllisch nette Abenteuer erzählen und sind, rechne ich, einige darunter, die, was das Gruselige betrifft, mit der Mordgeschichte der Lore wohl den Vergleich aushielten,« »Und wo hat es Ihnen in Amerika am besten gefallen?« »Mir persönlich? Ohne Anstand in Zentralamerika oder, noch spezieller zu reden, in Nicaragua. Kommt aber, kalkulier' ich, ganz darauf an, in welcher Fashion man da drüben lebt und leben will. Ist für unser auswanderndes Bauernvolk die Union von den Niagarafällen an bis hinab zu den Bergen Virginiens die passendste Gegend, und sind die Städte in diesem Strich für den deutschen Handwerker und Kaufmann die ratsamste Lokalität. Sind das, rechne ich, Gegenden, wo eine Bauernfamilie. wenn sie sich ein paar Jahre lang tüchtig abplacken will, es zu 'ner reellen Farm bringen kann und wo einem geschickten und fleißigen Handwerker oder noch besser einem gewitzigten Handelsmann, namentlich falls er noch ein größerer Gauner ist als die Yankees, das Geldmachen gelingt. Wenn aber ein Gentleman, der nicht nötig hat, aufs Geldmachen auszugehen, nach Amerika auswandert, so wird er sich hüten, in dem Land der Yankees sich niederzulassen. Ist ein omnipotent langweiliges, poesieloses, albern puritanisches Land, voll näselnder Methodisten und sektiererischer Schnurrpfeifereien, Gott verdamme sie! Schneit dort auch und ist der Winter gerade so zudringlich kalt wie hier, ja noch viel kälter. Rechne aber, ist nicht der Mühe wert, über den Ozean zu schiffen, wenn man drüben auch nur einen weißen und einen grünangestrichenen Winter haben soll, wie hierzulande. Und sind, kalkulier' ich, die Leute, meine hochzuverehrenden Herren Mitbürger, auch nicht sehr einladend. Ist zwar eine ganz schöne Sache um die Dollars, keine Frage. Wird einem Manne von Bildung aber doch schier unausstehlich langweilig, inmitten von Kerlen zu leben, die, von der Dollarswut besessen, für anderes gar kein Organ haben. Höllisch prosaisch das, ist ein Fakt.« »Sie sagten, das in Zentralamerika gelegene Nicaragua hätte Ihnen am besten gefallen.« »So sagt' ich, und mag ich geteert und gefedert werden, wenn dem nicht so ist. Sag' Ihnen, Herr, ein pompöses Land, dieses Nicaragua. Ein Schlaraffenland, ein Paradies! Durchreiste es, aus Kalifornien kommend, vom Golf von Fonseca an bis zur Bai von San-Juan, der ganzen Länge nach. Ein himmlisches Land, und die Bewohner, was sind sie schön, gutherzig und gastfrei! Wahre Lotophagen, kalkulier' ich. Und um ein Spottgeld kann man leben wie ein Grandseigneur. Denk' ich dieser leise, bei der es an vielen und langen Rasten nicht fehlte, wird mir altem Kerl ganz wuselig wohl, ganz jugendlich töricht poetisch zumute, bei Jove! Ein Klima, himmlisch heiter und gerade recht für einen anständigen Menschen, der nur arbeiten muß, was er gelegentlich will, und ein Firmament von klarster Bläue, zur Abwechselung ein tropisches Gewitter, gegen dessen Majestät die unserigen sich ausnehmen wie das Rumpeln eines Karrens gegen das Rauschen des Donnerfalls, und eine tropische Vegetation von märchenhafter Pracht, die einen mit wundervollen Blumen und Blüten überschüttet und einem entzückende Früchte mühelos in den Schoß wirft. Herrliche Flüsse und weite Seespiegel, von malerischen Gebirgen umgeben, aus welchen grandiose Vulkane aufragen. Pompose Bursche, diese Vulkane, kalkulier' ich; dieser Ometepek, Masaya, Momotombo und Momobacho. Was erlebt man da für Farbenspiel bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, wie schön die Tage und wie köstlich die Nächte, wenn der Mond der Tropen, ein ganz anderer Kerl als unser blöder, sentimentaler Geselle, die silberblitzenden Wasser beleuchtet und seine grüngoldene Lichtfülle den Saum des Urwaldes entlang wirft! Wie wunderschön, von den Hügeln bei Granada auf den gewaltigen Nicaragua-See hinabzublicken, wann rechts der Masaya und links der Momobacho in den ersten Strahlen des Tagesgestirns wie ungeheuere Pyramiden von geschmolzenem Gold erglühen! Welches wilde Entzücken, auf mutigem Nenner mit offener Brust über eine dieser Savannen hinzufliegen, deren tiefgrüner Sammetboden fast verschwindet unter der Überfülle üppigster Blumenpracht! Welche Wollust des Daseins, zu rasten unter diesen Gruppen von Orangen, Myrten, Pisangbäumen, Bananen, Jokotes, Mameis, Palmen, Zedern, Cebien und anderen Bäumen, unter deren Blättergrün die goldenen Früchte hervorlauschen und deren Blüten die Luft mit balsamischen Düften erfüllen! Weithin öffnet sich vor uns der Blick auf ein Land voll unermeßlicher Fruchtbarkeit. Dort stürzt eine Schar bunter Papageien bei unserem Anblick in wildem Fluge davon, hier blickt eine Gruppe von Affen, drollige Grimassen schneidend, aus den Baumwipfeln auf uns herab, und an uns vorbei schießen wie Lichtstrahlen Dutzende von prachtvoll gefärbten Eidechsen. Ah, kalkuliere, wiegt eine so verlebte Stunde zehn Jahre europäischen Philisterlebens auf. Anmutiges Leon, wie könnte ich deiner vergessen und deiner anspruchslosen und doch so reizenden Tertulias! Oder gar deiner, himmlisches Nindiri, das du so traulich dich eingebettet unter das Dach deiner ewiggrünen, Duft streuenden Bäume, die ihr Gezweig über deinen Gassen und Gärten verschlingen und über den Hütten deiner idyllischen Bewohner grüne Dome bauen! Und doch sind die Inselgruppen im Managua-See und im Nicaragua-See fast noch schöner. Erinnere mich,« fuhr Twerenbold fort, als er wahrnahm, daß Robert und die Gräfin seinen Worten mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, »erinnere mich mit Entzücken einer Bootfahrt, die ich nach der im letztgenannten See gelegenen Gruppe von Eilanden machte, welche Los Corales heißen. Nichts Reizenderes als diese Inseln und Inselchen vulkanischen Ursprungs. Eine üppige Vegetation übergrünt sie, doch gelingt es derselben nicht immer, die schwarzen Felsen ganz zu verhüllen, und wenn diese finster auf das klare Wasser niederschauen, erhöht das durch Beimischung einer gewissen Wildheit den sonst so sanften und traulichen Charakter des landschaftlichen Bildes. Wilder Weinreben saftgrüne Fülle überzieht mit glänzenden roten und gelben Blüten die Felsen und die auf und zwischen denselben wurzelnden Bäume, hängt in zierlichen Girlanden von dem Gezweige bis auf das Wasser herab und bildet, durchzogen von den Blütenglocken der Gloria de Nicaragua, jener Blume von himmlischem Geruch, ein ewiggrünes Laubdach von einer Dichtheit, welche selbst die Sonne der Tropen nicht zu durchdringen vermag. Die meisten der Corales haben angebaute Stellen, und da liegen dann, gegen den dichten grünen Hintergrund von Pisangbäumen sich abhebend, die pittoresken Rohrhütten der Bewohner, umgeben von schlanken Palmen oder mit Goldfrüchten beladenen Papayas. Im Vordergrund eine Gruppe nackter, brauner Kinder im lärmenden Spiel; dann ein unter den majestätischen Riesenbäumen zum Ufer sich hinabschlängelnder Pfad; eine Canoa, die dort rasch und geräuschlos über den Seespiegel dahinfliegt; ein schönes Indianermädchen, nackt bis zum Gürtel, einen purpurfarbenen Schurz um die Lenden, ihr reiches, schwarzglänzendes Haar über Nacken und Brust bis zu den Knien hinabfließend; auf den Zweigen eine geschwätzige Versammlung von Papageien; gegenüber ein Paar schreiender Makaos, in der Luft schwebenden Stückchen eines Regenbogens vergleichbar; neugierige Affen, zwischen den Weinranken hervorlugend; farbenblitzende Iguanas, die hohen Ufer hinaufkletternd; am Wasserrand langbeinige und langhalsige Kraniche, mit dem weißen Gefieder aus dem grünen Hintergrund scharf hervortretend; hier zur Rechten über dem See die in Purpur getauchten Abhänge des gewaltigen Momobacho, dort zur Linken die vom schrägfallenden Sonnenlicht vergoldeten Gestade von Chontales, über dies alles ein goldstrahlender, an den Rändern violett gesäumter Himmel: das sind so ungefähr die Elemente einer landschaftlichen Szenerie, welche sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägt.« »Ah,« rief Thekla aus, »das muß ein himmlisches Land sein! Da, wenn irgendwo, ist das Paradies. Da möcht' ich wohnen!« Und ein Blick, der aus ihren schönen Augen zu Robert herüberstrahlte, fügte hinzu: »Mit dir!« Er wurde verstanden, denn Robert nickte lächelnd. Twerenbold stand auf, öffnete ein Fenster und bemerkte, Sturm und Unwetter seien vorüber. Er mochte seine Gründe haben, das Paar unter dem Eindrucke seiner Schilderung von Nicaragua aus der Einsiedelei zu entlassen. Das Gewitter war jetzt wirklich mit seinen letzten Nachschauern vorüber, zugleich aber auch die Dämmerung eingetreten. Die Männer gingen hinaus, um den Kahn der Lore zur Überfahrt zu rüsten, was bald getan war. Twerenbold erbot sich, zur Beschleunigung der Fahrt das vordere Ruder zu führen, allein Robert wußte das Anerbieten höflich abzulehnen, und jener ließ sich das um so lieber gefallen, als der junge Mann gegen ihn den Wunsch äußerte, ihn morgen im Schlosse zu sprechen. Die Lore gab der Gräfin bis zum Ufer hinab das Geleit. »Ich werde schon in den nächsten Tagen wiederkommen, liebe Lore,« sagte Thekla, »um Ihnen Ihre Kleider zurückzubringen und Ihnen nochmals für Ihre freundliche Aufnahme meinen Dank zu sagen.« »Kommen Sie, so oft es Ihnen gefällt, gnädige Frau,« entgegnete die Einsiedlerin. »Stets werden Sie willkommen sein. – Und wenn,« setzte sie hinzu, ihre Stimme zum Flüstern dämpfend, »wenn Sie, die Glückliche, je in Kummer und Bedrängnis geraten sollten, dann kommen Sie vertrauensvoll zu mir. Die alte Lore ist schon manchem jungen Herzen in Sorgen und Nöten mit Rat und Tat beigestanden, und was immer es sei, was immer ich tun kann, für Sie würde ich es tun.« Hätte sich Thekla Zeit genommen, der Lore, als ihr diese das zuflüsterte, in die Augen zu blicken, sie hätte sich vielleicht bedacht, der Frau gleichsam zur Bekräftigung des gegebenen Versprechens die Hand zu reichen, wie sie tat. Von Roberts kräftigem Ruderschlag in Bewegung gesetzt, verließ der Weidling die kleine Bucht. Twerenbold rief den Abfahrenden noch zu, daß er morgen früh die Barke der Gräfin an der Mündung des Gluribachs abholen und seeüber bringen würde. Dann sahen er und die Einsiedlerin dem kleinen Fahrzeug nach, bis es, die noch immer ziemlich aufgeregte Wassermasse durchfurchend, allmählich in der Dämmerung verschwand. »Achaz,« sagte die Lore nach einer Weile, »habt Ihr das Spiel der beiden bemerkt?« »Ihr auch, Lore? Rechne, die Weiber haben für das scharfe Augen. Bedarf es aber, kalkulier' ich, nicht einmal der Weiberaugen, um zu sehen, wie die mitsammen stehen. Ist 'ne alte Geschichte, daß Liebesleute von dem wunderlichen Wahn befangen sind, jedermann sei für die hundertfältigen unwillkürlichen Äußerungen ihrer Glut blind und taub. – Aber das ging ja, bei Jove, omnipotent rasch,« setzte er mit zynischem Lachen hinzu. »Wie sagt doch der Poet? Ja, richtig: Das ging ja wie mit Extrapost! Nun kommt die Zeit der Löffelei, Wo just im dicksten Erdenbrei Und bei der pursten Sinnenkost Die Menschlein himmlisch phantasieren Und in den überirdischen Revieren Den letzten Rest Verstand verlieren.« »Hört, Achaz, Ihr habt wohl nicht ohne Absicht Euch so poetisch über Euren Aufenthalt in Nicaragua ausgelassen?« »Nicht ohne Absicht, meine gute Lore, und auch nicht ohne Erfolg. Die Fischlein haben angebissen, kalkulier' ich. Habe die Lichtseiten jenes Landes glänzend genug ausgemalt, hab' ich nicht? Von den Schattenseiten schwieg ich weislich. Paßten die Alligatoren und Schlangen, die Hitze, der Schmutz, die höllischen Erdbeben und die noch höllischeren Moskitos, Flöhe, Skorpione und all das infame Teufelszeug nicht in mein Gemälde, welches jedoch diesen kleinen Auslassungen zum Trotz im ganzen ein wahres ist. – Aber was poltert denn da hinten?« »Es ist wohl nur ein von dem Regen gelockerter Stein, der von der Felswand hinter der Kapelle herabfiel.« Twerenbold hatte sich bei dem Schall umgewandt, aber nicht schnell genug, um den Schatten wahrzunehmen, welcher zwischen der Hütte und der weiter nach hinten stehenden kleinen Kapelle hervorhuschte, um augenblicklich in der engen Kluft zu verschwinden, wo der selten betretene Fußsteig nach der Donnerfallmühle hinab seinen Anfang nahm. »In Wahrheit, liebe Lore,« fuhr Twerenbold fort, »dieses Nicaragua ist ein schönes Land, und denk' ich dran, krieg' ich so etwas wie Heimweh. Hätt' ich die Mittel zu einem sorgenfreien Leben besessen, wär' ich dort geblieben. Kann mich mit dem kalten Zeugs da, was sie hier herum ein gemäßigtes Klima nennen, nicht mehr recht befreunden. Sind mir auch diese prosaischen Leute zuwider. Kann unter ihnen keine rechte Frolik aufkommen, müssen zu viel daran denken, sich ihren lumpigen Magen zu füllen. Möchte mich wieder unter Palmen in einer Hängematte schaukeln. Ist lieblich das, kalkulier' ich, absonderlich, wenn einem dabei eine hübsche kaffeebraune Dirne die Fliegen abwehrt. Will also sehen, daß es mir wieder so wohl wird. Ist mir hier zu eintönig und langweilig. Habe aber die Grille, diesmal nicht allein über den Ozean zu fahren.« »Ihr glaubt –« »Ich glaube, daß die Familienchronik des hochedlen Hauses Wippoltstein demnächst um einen großen Skandal reicher sein wird. Kalkuliere, das Thema dieses familiengeschichtlichen Kapitels wird Flucht und Entführung sein, und wenn's Euch beliebt, liebe Lore, könnt Ihr mit dem alten Romantiker Frieding zusammen die Historie in eine Ballade bringen, zum Nutzen und Frommen der Nachwelt.« Er lachte laut über seinen Witz und fügte bei: »Das Eisen ist heiß, kalkulier' ich, sehr heiß, und will ich es schmieden bei guter Zeit. War das, bei Jove! doch 'ne höllisch gescheite Notion, daß ich heute ins Glurital hinaufstieg – transzendental gescheit, glorios, rechne ich. Verabscheuen mich zwar die beiden Leutchen, das ist sicher, aber kalkuliere, sie sind mir zum Dank verpflichtet, und ist diese Verpflichtung ein tüchtiges Leitseil. Will es zu meinem Vorteil regieren und auch zu ihrem. Will ihnen helfen, unter Palmen und Pisangbäumen ein arkadisches Idyll zu etablieren. Wird reizend sein das, rechne ich, und werd' ich am Ende noch allerliebste kleine Papuse auf den Knien schaukeln.« Die Lore schien, in Gedanken versunken, diese Äußerungen nicht zu beachten. Nach einer Weile sagte sie: »Achaz, habt Ihr drüben im Schlosse je das Bild des blutigen Wippo gesehen?« »Glaube mich zu erinnern, es gesehen zu haben.« »Und ist Euch nicht aufgefallen, daß dieser Robert dem blutigen Grafen gleichsieht?« »Bah, was ist das für 'ne Grille?« »Keine Grille. Die Ähnlichkeit ist merkwürdig. Sie fiel mir im ersten Augenblick auf, jetzt, als ich den Junker nach so langer Zeit wiedersah. Er ist der Wippo auf und eben.« »Was kümmert das mich?« »Und sie heißt auch Thekla. Es ist sehr seltsam.« »Kann darin nicht eben viel Seltsames finden.« »Aber ich.« »Bah, liebe Lore, kalkuliere, die alten dummen Geschichten verrücken Euch zuweilen ein bißchen den Kopf.« Die Einsiedlerin schwieg auf diese ungenierte Unterstellung, aber nach einer Pause lachte sie plötzlich laut auf. »Was habt Ihr, Lore?« »Ich freue mich, Achaz.« »Ihr freut Euch? Worüber denn?« »Darüber, daß meine und, wenn Ihr wollt, auch Eure Zeit gekommen.« »Wie?« »Oh, ich wußte es, ich wußte es. Jehova ist ein starker und eifriger Gott, und er ist ein Gott der Rache.« Twerenbold erschrak fast vor der unheimlichen Glut, welche bei diesen Worten in den Augen seiner Freundin brannte. »Achaz, sagt mir, Ihr seid heute im Hochgebirge gewesen, habt Ihr nicht beachtet, ob die Pflanze schon blühe, deren geheime Kräfte Euch vorzeiten der Gluricyriak geoffenbart?« »Wenn mir recht ist, sah ich sie an mehreren Orten blühen, besonders am Klakensee.« »Am Klakensee? Gut.« »Was soll's damit, Lore?« »Ich möchte meine Apotheke vervollständigen. Sie ist etwas in Abgang gekommen, und doch wäre es leicht möglich, daß in Bälde nach diesem oder jenem Nachfrage geschähe. Will daher gleich morgen botanisieren und übermorgen laborieren. – Müßt wissen, Achaz, daß ich mir die Sakristei des Kapellchens zu einem ganz leidlichen Laboratorium hergerichtet habe.« »So? Will gelegentlich davon Einsicht nehmen. Aber, liebe Lore, tut mir den Gefallen, zu beachten, daß ich die Notion habe, mit den beiden lieben Liebesleuten nach Zentralamerika auszuwandern, und hierzu, kalkulier' ich, bedarf es Eurer Apotheke keineswegs.« »Ihr glaubt wohl gar, Achaz, ich wollte Euren Püppchen etwas zuleide tun? Im Gegenteil, alles zuliebe. Ja, wahrhaftig. Diese Thekla hat mich ganz für sich eingenommen. – Aber dennoch glaube ich, daß der Gott, zu dem ich bete, mir endlich gnädig sein will. Wenn sein Wink ergeht, soll er mich bereit finden, ihn zu vollziehen.« 21. Der Spion. Mehr als ein Monat war seit dem Abend vergangen, wo Robert und Thekla in der Einsiedelei von Sankt-Georg eingekehrt, als der Müller Veit in der Mittagshitze eines Hundstages von seiner Mühle herab gegen das Dorf zu geritten kam. Als er durch die lange Gasse desselben ritt, wurde er aus dem Erkerstübchen des Steinbocks von Twerenbold angerufen und aufgefordert, eine Flasche Roten mit ihm zu trinken. Allein der Müller schützte ein dringliches Geschäft vor, welches ihm keinen Aufenthalt gestatte, und setzte die braune Stute in Trott. »Der infame Kerl!« brummte er vor sich hin. »Auf Schritt und Tritt muß er einem begegnen. Das soll und muß ein Ende nehmen. Seit er in der Gegend umherbummelt, ist mir nie wieder recht wohl und behaglich zumute geworden.« Am Ende des Dorfes angelangt, schlug er den Fahrweg ein, welcher zwischen dem Bergabhang und der Einzäunung des Parkes linkshinauf gegen Lerchenau zuführte. Jenseits Lerchenau steht ein einsames Wirtshaus an der Straße. Nach anderthalbstündigem gemächlichem Ritte bekam Veit dasselbe zu Gesicht. Bemerkend, daß ein bespannter Reisewagen vor dem Hause hielt, ließ er sein Pferd schärfer ausgreifen und war bald an Ort und Stelle. »Der gnädige Herr ist also schon da?« fragte er die um den Wagen her lungernden Postillione. »Freilich, schon eine halbe Stunde mindestens,« lautete die Antwort. Der Müller stieg schnell ab, übergab sein Pferd einem Knecht und ging ins Haus. Auf dem Flur begegnete ihm der Kammerdiener des Grafen. »Seid Ihr es, Meister Veit, auf welchen Se. Erlaucht hier wartet?« »Vielleicht bin ich es.« »Nun, da werdet Ihr schön ankommen. Wir warten schon eine gute Weile in der verdammten Knallhütte da.« »Bedaure sehr. Wo befindet sich der gnädige Herr?« »In der oberen Stube. Rechts dort von der Treppe. Aber ich sag' es Euch vorher, Ihr werdet den Herrn nicht in der besten Laune treffen.« »Bedaure abermals.« »Ja, wir sind Tag und Nacht gereist, und während der ganzen Reise hat Se. Erlaucht niemand ein gutes Wort gegeben. Sagt mir doch, Meister Veit –« »Ein andermal,« versetzte der Müller, sich von dem neugierigen Diener losmachend und die Treppe hinaufeilend. Bei seinem Eintritt in die bezeichnete Stube fand er den Grafen Nepomuk allein. Er saß an dem Tisch und hatte vor sich eine Brieftasche, aus welcher er mehrere Papiere genommen, deren Durchsicht ihn soeben beschäftigt zu haben schien. Er empfing den Müller mit einem gelassenen: »Kommst du endlich, Veit?« Dieser kannte seinen ehemaligen Herrn zu genau, um sich über diese auch unter den obwaltenden Umständen an den Tag gelegte vornehme Gelassenheit desselben zu verwundern. Er wußte, daß es ein plötzlicher Schlag sein mußte, wenn er imstande sein sollte, den Grafen aus seiner Fassung zu bringen. »Ich bedaure unendlich, Euer Gnaden,« entschuldigte sich der Müller, »daß ich nicht eine Stunde früher von Hause weggeritten. Aber ich dachte, ich müßte auch so noch lange vor Euer Erlaucht hier eintreffen, und konnte nicht vermuten, daß mir der gnädige Herr zuvorkäme.« »Laß das, mein lieber Veit. Ich glaube wohl, daß du nicht im Sinne hattest, mich warten zu lassen, und ich vertrieb mir auch die Zeit ganz gut damit, daß ich deine Briefe nochmals mit Bedacht überlas. Setz dich, denn unsere Unterredung dürfte vermutlich nicht ganz kurz ausfallen.« Dies gesagt, rührte der Graf das vor ihm stehende Zuckerwasser um, machte es sich in dem alten Großvaterstuhl, welchen er sich an den Tisch gerückt, möglichst bequem, überblickte flüchtig die Papiere, welche er vor sich liegen hatte, und nahm dann wieder das Wort: »Du hast mir drei Briefe geschrieben?« »Ja, gnädiger Herr. Sie befahlen mir ja bei Ihrer Abreise, ein offenes Auge für alles zu haben und Ihnen von Zeit zu Zeit Bericht abzustatten.« »Richtig, und du bist, wie ich mit Befriedigung erfuhr, meinem Wunsche treufleißigst nachgekommen.« »Ich schmeichle mir, sagen zu dürfen, daß ich stets ein treuer Diener meines gnädigen Herrn war.« »Wohl. Aber, mein guter Veit, es gibt auch einen Pflichteifer, der vor lauter Scharfsichtigkeit alles doppelt und dreifach sieht oder gar vollständig über das Ziel hinausschießt.« »Gnädiger Herr, Ihr untertäniger Diener besaß nie viel von dem, was die Menschen Phantasie nennen, aber er untersteht sich zu sagen, daß er sich jetzt noch Verstand genug zutraut, das zu kombinieren, was seine Augen sehen und seine Ohren hören.« »Verstehe mich wohl. Ich beabsichtigte durchaus nicht, deinem Verstand ein Mißtrauensvotum zu geben. Du weißt, daß ich denselben immer respektierte. Ich wollte nur andeuten, daß es sich hier zwischen uns um eine Sache von äußerster Wichtigkeit handle. Große Phrasen zu machen war nie meine Liebhaberei, aber daß hier das Gleichgewicht meines Lebens in Frage steht, ein Gleichgewicht, welches ich bisher so hübsch zu erhalten vermochte, das wirst du selber begreifen.« »Allerdings, gnädiger Herr, und wenn das innigste Mitgefühl eines alten treuen Dieners Ihren nur zu gegründeten Kummer –« »Keine Phrasen, lieber Veit, wenn ich bitten darf. Ich liebe dergleichen, wie schon gesagt, ganz und gar nicht. Überhaupt wollen wir alle Emotion möglichst vermeiden und uns auf die Untersuchung der Fakta beschränken. Hierzu ist kaltes Blut vonnöten, und da du vom raschen Reiten erhitzt zu sein scheinst, so rate ich dir, vor allem ein Glas Wasser zu trinken.« Und damit schob der Graf dem Müller die auf dem Tische stehende Wasserflasche hin. Veit füllte sich ein Glas, und während er trank, fuhr der Graf fort: »In deinem ersten Briefe gabst du einige dunkle Andeutungen, daß zwischen meinem Sohn und der Gräfin nicht alles wäre, wie es sein sollte. Wie verstandest du das?« »Gnädiger Herr, ich bemerkte, daß der Rittmeister und die gnädige Frau nach Ihrer Abreise auf Schritt und Tritt beisammen, sozusagen voneinander unzertrennlich waren.« »Bei welcher Gelegenheit fiel dir das zuerst auf?« »Am Tage nach Euer Gnaden Abreise. Da ritten der Herr Rittmeister und die Frau Gräfin nach dem Donnerfall. Sie kamen an mir vorbei, der ich am Wege stand, aber ich meine, sie sahen mich kaum. Das machte, sie hatten nur füreinander Augen.« »Sie waren allein?« »Das nicht gerade. Der schwarze Knirps, der Berdoa, war mit ihnen, das heißt, er hütete unten am Saum des Wäldchens die Pferde, bis die Herrschaften von dem Wasserfall zurückkamen. Es währte lange.« »Das begreift sich. Beide sind jung und romantisch gestimmt. Ein Ding wie der Donnerfall vermag Naturenthusiasten eine gute Weile zu fesseln.« »Der Herr Rittmeister und die Frau Gräfin machten aber täglich, wenn die Witterung nur immer es erlaubte, mitsammen Ausflüge, und nicht immer war, wie ich genau erkundete, der kleine Mohr mit ihnen.« »Wozu auch? Robert war von Kindesbeinen an ein Berg- und Waldläufer, Madame hat, seit sie in Wippoltstein ist, während der schönen Jahreszeit fast immer den ganzen Tag außerhalb des Hauses zugebracht, und daß sie ihre Partien mitsammen machten, war doch die einfachste Sache von der Welt. Ich selbst habe sie dazu aufgemuntert.« »Wohl, aber sie schlossen sich in auffallender Weise gegen jedermann ab. Einzig und allein der Pfarrer wurde öfter in ihrer Gesellschaft gesehen.« »Siehst du? Das spricht gegen dich. Du weißt, ich liebe den Frieding nicht. Sein ganzes Wesen harmoniert nicht mit dem meinigen, und zudem hat er sich unterstanden, wie du ebenfalls weißt, ein paarmal Pläne zu durchkreuzen, die sich auf meine kleinen Privatvergnügungen bezogen. Dessenungeachtet aber kann ich nicht umhin, zu gestehen, daß der Pfarrer in seiner Art ein achtungswerter Mann ist. Er hat meinem Sohne eine tüchtige Bildung gegeben, was heutzutage auch unsereinem nötig ist, und ich hin überzeugt, daß er mit dem ganzen Ansehen, welches er bei meinem Sohn und bei Madame genießt, dazwischen getreten wäre, falls er irgend Ungebührliches zwischen ihnen bemerkt hätte.« »Erlauben Euer Gnaden, wenn er es bemerkt hätte, jawohl! Aber Sie wissen ja, wie der Frieding ist. Ein harmloser Gelehrter, der zu neun Zehnteilen in der Vergangenheit lebt.« »Hm, er hat mir bei mehr als einer Gelegenheit gezeigt, daß er auch für das ein Auge hat, was um ihn her vorgeht.« »Ei, ich sollte meinen, daß ich dem Pfarrer in bezug auf Euer Erlaucht kleine Privatvergnügungen, auf welche Sie ja doch wohl anzuspielen belieben, manche derbe Nase gedreht hätte. Noch zuletzt mit der Kleinen aus dem Siggital –« »Still davon! Die kleine Hexe ist mir schon in Prag davongelaufen. Wir wollen ernsthaft reden und alle Abschweifungen vermeiden.« »Ich wollte nur sagen, daß ich es für keine Hexerei halte, dem Frieding etwas vorzumachen und sich vor ihm zu verstellen. Ein altes Sprichwort sagt: Die Liebe ist schlau.« »Wohl, aber sie ist auch naiv, wenigstens bei jungen Leuten. Die argwöhnischen Andeutungen in deinem ersten Briefe scheinen mir, alles in allem betrachtet, jedes stichhaltigen Grundes zu entbehren.« »Haben Euer Gnaden denn auch die Stelle darin, welche von der Feuersbrunst handelt, genau betrachtet?« »Gewiß, aber auch das in dem fraglichen Passus Mitgeteilte scheint mir ganz ordinärer Natur zu sein.« »Oh, gnädiger Herr, hätten Sie nur die Blicke gesehen, mit welchen die Frau Gräfin vom Fenster des Pfarrhauses aus den Herrn Rittmeister betrachtete, während er die Löscharbeiten kommandierte. Was für Blicke! Verliebte in höchster Potenz, abgöttische, sag' ich Euer Gnaden. Und dann der Ausdruck der Züge der Frau Gräfin, der Ton ihrer Stimme, als der Herr Rittmeister nach der Rettung des dummen Bauernjungen ohnmächtig zusammenbrach. Sie brachte auch fast alle Stunden des Tages an seinem Krankenbette zu, bis er genesen war. Kaum zum Essen nahm sie sich Zeit, wie ich bestimmt weiß, und mit der ängstlichsten Sorgfalt bereitete sie ihm eigenhändig Speise und Trank und bewachte seinen Schlummer. Sind das keine Indizien?« »Indizien freundschaftlicher Gesinnung, allerdings. Wie sollte sich die lebhafte Phantasie einer idealisch, nur zu idealisch gestimmten Frau, wie Madame ist, nicht im höchsten Grad angesprochen fühlen durch die romanhafte Tat eines jungen Mannes, welcher ihr durch die Verhältnisse nahegestellt ist, und welcher nicht zaudert, das Leben des Stammhalters der Wippoltsteine um das Leben eines albernen Bauernjungen einzusetzen! Die Unbesonnenheit, um nicht zu sagen die Einfältigkeit dieses Tuns konnte in den Augen einer Romantikerin nicht in Betracht kommen, und es war ganz natürlich, daß sie dem jungen Helden ihren bewundernden Dank in der Form frauenhafter Sorgfalt und Pflege darzubringen sich beeiferte.« »Erlauben Sie mir zu bemerken, gnädiger Herr, daß ich mich erinnere, irgendwo gelesen zu haben, die Phantasie sei die Kupplerin zwischen den Sinnen und dem Herzen der Frauen.« »Auch der Männer; das ist ein psychologischer Erfahrungssatz, mein lieber Veit. Angenommen jedoch, das Gefühl von Madame für Robert sei infolge jenes Abenteuers über das einer Stiefmutter hinausgegangen, so erfordert es die größte Genauigkeit und Kaltblütigkeit, die Anzeichen zu prüfen, welche dartun sollen, Madame habe für Robert mehr gefühlt, als einer Freundin zukommt, und umgekehrt. Sehen wir zu. Da ist dein zweiter Brief. Dieser war, ich gestehe es, viel geeigneter, mir Besorgnisse einzuflößen, als der erste.« »Ich dachte es wohl.« »Ja, es sind da Angaben darin, welche in der Tat zu Anhaltspunkten deines Verdachts werden und einen stutzig machen konnten.« »Gnädiger Herr, Sie haben wohl die Güte, sich zu erinnern, wie ich damals, als ich Ihnen die Zurückkunft des Lump von Twerenbold zu melden kam, meine Bedenklichkeit äußerte über Ihren Entschluß, den Herrn Rittmeister und die Frau Gräfin sommerlang im Schlosse mitsammen zu lassen, sozusagen allein.« »Ich erinnere mich dessen.« »Nun wohl, Feuer und Pulver sollte man nicht so nahe zusammenbringen.« »Freilich, aber wir sind noch nicht so weit, festgestellt zu haben, daß dein Gleichnis ein richtiges und daß, falls es ein richtiges, das Pulver Feuer gefangen.« »Ich will es mit hundert Eiden beschwören.« »Eide? Lieber Veit, keine Phrasen! Du hast das schon wieder vergessen. Lassen wir übrigens den Punkt, auf welchen du hauptsächlich es abgesehen hast, vorerst noch ganz aus dem Spiele, um einen andern ins Auge zu fassen, der mir viel zu denken gab. Wie kam Robert mit dem verdammten Kerl, mit dem Twerenbold zusammen?« »Alles, was ich darüber zu ergattern vermochte, beschränkt sich darauf, daß die Herrschaften am Medardustag nach Guggisried geritten sind, um an dem Hirtenfest auf dem Seeboden am Guggishorn teilzunehmen, und daß bei diesem Fest auch Twerenbold anwesend war.« »Dort also wurde diese Bekanntschaft gemacht?« »So vermut' ich, sicher aber ist, daß von jenem Tage an der Herr Rittmeister zu verschiedenen Malen mit Twerenbold zusammen gesehen wurde, und daß der letztere gegenwärtig häufig ins Schloß kommt.« »Das ist seltsam, und ich verhehle dir nicht, daß es mich höchlich beunruhigt, um so mehr, wenn ich bedenke, daß mir Robert gerade von der Zeit an, in welche deiner Angabe zufolge seine Bekanntschaft mit Twerenbold fällt, nie wieder geschrieben hat.« »Wie, gnädiger Herr?« »Gerade von jener Zeit an blieben Roberts Briefe an mich aus. Wenn der Schurke geplaudert hätte!« »Aber welchen Grund zu einer solchen Tollheit könnte ein Mensch von fünf gesunden Sinnen haben?« »Was weiß ich? Solchen Säufern setzen sich manchmal die tollsten Schrullen ins Gehirn. Noch kann ich zwar nicht daran glauben, denn was hätte der Mensch damit erreichen wollen? Aber möglich ist es immerhin. Veit, ich fürchte, wir haben leichtsinnig gehandelt, daß wir bei der Zurückkunft des Kerls uns nicht seiner sofort entledigten, so oder so.« »Ich teile die Befürchtung von Euer Gnaden, teile sie im vollsten Umfang. Der Anblick des alten Taugenichts erregt mir unsäglichen Widerwillen und, gerade herausgesagt, Angst. Wenn er mich ansieht mit seinen verdammt stechenden Augen, fühle ich immer einen kalten Schauer mir den Rücken heraufkriechen. Das ist unerträglich.« »Ich finde deinen Ekel begreiflich, aber beruhige dich; auch dafür soll Rat geschafft werden, wie für alles andere. Ich habe einen verschiedener Umstände halber sehr angenehmen Aufenthalt in Karlsbad nicht so plötzlich abgebrochen, um nicht entschlossen zu sein, alle widerwärtigen Schicksalsknoten, die sich während meiner Abwesenheit vom Hause geknüpft, zu durchhauen. Verlaß dich darauf. Jetzt aber weiter im Texte. Dein Brief Nr. 2 enthält einige ganz wunderliche Angaben über die zwischen Robert und Madame obwaltende Freundschaft.« »Freundschaft? Ich erlaube mir untertänigst die Bemerkung, daß es im Liede heißt: Der Weg von Freundschaft bis zur Liebe Gleicht einer blumenreichen Flur.« »Veit, der Haß macht dich poetisch. Ja, apropos, ich wollte es schon früher sagen, denn der Ton deiner Briefe machte mich darauf aufmerksam: du hassest Robert und Madame.« »Hassen? Ich?« »Still, keine Ausflüchte! Ich kenne dich.« »Nun ja, unsereiner ist auch nur von Fleisch und Bein, und die hochmütige Verachtung, welche mir ganz ohne Grund die Frau Gräfin bei jeder Gelegenheit bezeigte, war nicht eben geeignet, mir Verehrung und Anhänglichkeit gegen sie einzuflößen. Der Herr Rittmeister seinerseits hat mich bei einer speziellen Veranlassung ohne irgend ein Verschulden von meiner Seite wie einen Hund behandelt, schlechter als einen Hund.« »Wie war das?« »Ich ging eines Morgens ins Schloß und erbat mir Gehör bei dem Herrn Rittmeister. Es war – richtig, es war gerade am zweiten Tag nach dem Hirtenfest auf der Medardusalm.« »Und Robert ließ dich nicht vor?« »Doch, aber wie! Es handelte sich um das verdammte Ermshölzle – bitt' um Entschuldigung, gnädiger Herr – wegen dessen mir der Oberrentmeister, wahrscheinlich von dem Oberförster angestiftet, neue Schwierigkeiten machte. Ich wurde verhindert, Besitz davon zu ergreifen, angeblich, weil sich im Kaufkontrakt ein Formfehler vorgefunden. Da wollt' ich den Herrn Rittmeister um seine Dazwischenkunft angehen, mußte aber froh sein, daß er mich bloß mit Worten und nicht mit Fußtritten aus seinem Vorzimmer jagte.« »Aha, das Ermshölzle! Hinc illae lacrimae? « »Erlaucht, gestatten Sie mir, zu sagen, daß sich in meinem Schulsack gerade noch so viel Latein vorfindet, um mich zu lehren, welchen Zweifel Sie aussprechen wollen. Allein Sie tun unrecht, gnädiger Herr. Nicht der Verdruß um das lumpige Gehölz trieb mich dazu, um meines gnädigen Herrn Ruhe und Ehre willen Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, sondern meine alte Anhänglichkeit an die Person von Euer Gnaden, eine Anhänglichkeit, die ich mit Schmerz bezweifelt sehe, denn, alter Zeiten denkend, glaubte ich, sie müßte unter allen Umständen für eine bewährte gelten.« »Veit, du bist ein alter Herrendiener und solltest demnach wissen, daß die Großen an ihnen geleistete Dienste nicht erinnert sein wollen. Auch sind, glaube ich, die deinigen redlich bezahlt worden. – Aber haben wir denn nichts Wichtigeres zu tun, als die Empfindlichen zu spielen? Sieh dir doch einmal mich an! Wer hätte mehr Grund, ob dieser ganzen häßlichen Geschichte den Gleichmut zu verlieren, ich oder du? Genug davon! – Wie war es mit der dreitägigen oder gar viertägigen Bergtour, welche Robert und Madame allein mitsammen unternahmen?« »Ich sah die Herrschaften am nämlichen Morgen, wo mich der Herr Rittmeister so barsch von sich gewiesen, in der Barke der Frau Gräfin über den See fahren. Es fiel mir auf, daß sie ganz ohne Dienerschaft waren, doch glaubte ich, sie hätten nur einen kurzen Ausflug vor. Andern Tags jedoch erfuhr ich durch den alten Tafeldecker Wilms, der mir getreulich kundschaften half, daß die Herrschaften noch nicht zurückgekommen. Auch am dritten Tag kamen sie nicht. Am vierten Tag kam mir plötzlich zu Sinn, daß sich die gnädige Frau im vorigen Sommer droben im Gluritälchen, welches bei unserem dummen Bauernvolk als ein Ort, wo es nicht geheuer ist, in Verruf steht, die zerfallene Hütte des sogenannten Gluricyriaks zu 'ner Sommerfrische hatte herrichten lassen, und nachmals auch wirklich zu verschiedenen Malen etliche Tage dieselbe bewohnt hatte. Ah, dacht' ich, wahrscheinlich sind die Herrschaften dahinaufgegangen, um die Behausung des alten Wilderers zum Tempel der – Freundschaft zu weihen.« »Behalte deine Witze für dich, Veit. Sie sind nicht nach meinem Geschmack.« »Bitt' um Vergebung, gnädiger Herr; es kam mir nur so unversehens auf die Zunge. – Ich nahm also mein Gewehr und ging in die Berge hinauf jagen, das heißt, ich näherte mich auf Umwegen dem Gluritälchen, um zu sehen, ob die Herrschaften nicht etwa durch einen schlimmen Zufall verunglückt wären. In Ausführung dieser Absicht wäre ich beinahe selber verunglückt, denn ein furchtbares Hochgewitter überfiel mich in der Nähe des Klakenstocks, und all meine Lebtage habe ich keinen solchen Sturm im Freien und noch dazu im Hochgebirge ausgehalten. Als ich mich aus dem Schutz eines überhängenden Felsens, wo ich das ärgste Wüten der Elemente hatte vorübergehen lassen, wieder hervorwagen konnte, kletterte ich dem Glurital zu. Aber das existierte sozusagen gar nicht mehr. Eine fürchterliche Runs, von dem ausgebrochenen Klakensee herabgewälzt, hatte die Talsohle hochauf mit Wasser, Schlamm, Geröll und Steinblöcken gefüllt und Hütte und Steg fortgerissen. Da ich nicht das Rinnsal des ungeheuer angeschwollenen Gluribachs entlang herabsteigen konnte, erinnerte ich mich zum Glück eines anderen Pfades, der, zu den Zeiten des Gluricyriaks eine Art Geheimweg, nur diesem und seinen intimsten Freunden bekannt, die Schlucht zum Ausgangspunkt hat, in welcher die Einsiedelei von Sankt-Georg liegt. In der Dämmerung bei dieser angekommen, spähte ich ein bißchen um das Häuschen und die Kapelle her, denn Sie müssen wissen, gnädiger Herr, daß der Twerenbold bei der Traumlore sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Das Ohr an die Türe legend, hörte ich drinnen laute Stimmen, dann Schritte, und kaum konnt' ich mich noch an die Hinterwand retirieren, als die Türe aufging und der Herr Rittmeister und die gnädige Frau heraustraten, jener von Twerenbold, diese von der Lore begleitet und mit einem Habit derselben angetan. Wahrscheinlich waren die Herrschaften aus ihrer Sommerfrische entwichen, bevor die Runs ging. Ob der Twerenbold dabei seine Hand im Spiele gehabt, ob sie von ihm geleitet oder zufällig in die Behausung der Lore gekommen, weiß ich nicht. Ich sah nur noch, daß der Twerenbold mit dem Herrn Rittmeister ganz kordial, die Lore mit der Frau Gräfin sehr freundlich tat, als die Herrschaften in den Weidling der Lore stiegen, um seeüber zu fahren. Der Twerenbold und die Lore blieben noch am Ufer stehen, sahen dem Kahn nach und munkelten mitsammen. Ich konnte mich aber nicht nahe genug herbeischleichen, zu hören, was sie sprachen, und hielt es für geraten, mich davonzumachen, während sie in ihr Gespräch vertieft waren.« »Es scheint also, daß Robert und Madame einige Tage in völliger Abgeschiedenheit droben in den Bergen zugebracht?« »Allerdings, einige Tage und – Nächte.« »Das ist in der Tat ein Indizium.« »Ein gravierendes, denk' ich.« »Freue dich immerhin; diese Villeggiatur scheint auch mir über die Grenzen der Freundschaft entschieden hinauszugehen.« »Freuen soll ich mich? Euer Erlaucht lassen es mich bitter entgelten, daß ich vorhin so schwach war, zu gestehen, die Demütigungen, welche ich von seiten des Herrn Rittmeisters und der gnädigen Frau erfuhr, hatten mich empört. Nein, ich kann mich nicht freuen über ein so schreckliches Mißgeschick, welches meinem gnädigen Herrn widerfährt; aber Euer Gnaden begreifen, daß mir daran gelegen sein muß, nicht als leichtsinniger Lügner vor Ihnen zu erscheinen.« »Gut, gut. – In deinem dritten Briefe finden sich Angaben, welche die früheren teils bestätigen und ergänzen, teils neue Besorgnisse aufrühren. Du schreibst, daß die zwischen Robert und Madame herrschende Vertraulichkeit anfange, die Aufmerksamkeit der Schloßdienerschaft zu erregen.« »Wie könnte das auch anders sein? Die Herrschaften sind all die Tage über voneinander unzertrennlich. Die Abende bis spät in die Nacht hinein bringen sie mitsammen auf der Wippoklippe zu und – der Rückweg von dort in die Zimmer des Herrn Rittmeisters führt durch die Gemächer der gnädigen Frau.« »Ich muß noch einmal auf den Pfarrer zurückkommen. Es ist ein streng moralischer Mann – im landläufigen bürgerlichen Sinne. Wenn aber die Dienerschaft bereits angefangen hat, über die Sache Glossen zu machen, so ist es unbegreiflich, daß Frieding, der doch nach deiner Aussage oft mit den jungen Leuten zusammen war, nichts von dem bemerkt haben sollte, was in und zwischen ihnen vorging. Hätte er aber etwas bemerkt, so würde er augenblicklich eingeschritten sein, und wenn ohne Erfolg, so hätte er nicht gezaudert, sich an mich zu wenden; davon bin ich überzeugt.« »Ich nicht minder, aber Sie übersehen, gnädiger Herr, oder vielmehr ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß der Pfarrer schon seit Monatsfrist oder noch etwas länger von Wippoltstein entfernt ist.« »Wie?« »Der alte Herr hat von den Nachwirkungen seiner übereifrigen Anstrengungen bei jener vertrackten nächtlichen Feuersbrunst einen Krankheitsanfall davongetragen, so daß er dem gemeinsamen Drängen des Arztes und der alten Urschel nachgeben und ins Bad reisen mußte. Er wird, glaube ich, in den nächsten Tagen zurückerwartet.« »Daraus erklärt sich freilich, daß von dieser Seite her keine Intervention stattfand. – Du hast ferner in deinem letzten Brief, der mich so dringend zu augenblicklicher Heimkehr aufforderte, von einer zweimaligen Reise des alten Dieners von Robert gesprochen. Wie ist's damit?« »Am nämlichen Tage, wo die Herrschaften nach dem Glurital in die Sommerfrische gingen, reiste der alte Andres ab und blieb einige Wochen aus. Wo er gewesen, weiß ich nicht, vermute aber aus verschiedenen Umständen, daß er in der Residenz war. Es gelang mir, zu erlickern, daß er eine große Geldsumme mit zurückbrachte, teils in bar, teils in Wertpapieren. Nach wenigen Tagen verreiste er abermals und ist noch nicht wiedergekommen. Der Tafeldecker Wilms teilte mir mit, daß sich der Herr Rittmeister vor des alten Andres zweiter Abreise viele Stunden lang mit demselben eingeschlossen und daß der Andres sehr grämlich und sorgenvoll ausgesehen hätte.« »Hast du denn nicht versucht, an den alten Kerl zu kommen?« »Doch, ich machte einen Versuch, ihn auszuholen, allein ich muß zu meiner Schande gestehen, ohne allen Erfolg. Der hagebuchene alte Kriegsknecht ließ mich garstig abfahren. Er ist seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben.« »Das sind seltsame Rätsel.« »Gewiß, es ist etwas im Werke, darauf können sich Euer Gnaden verlassen. Ich schrieb daher auch so dringlich.« »Du tatest recht.« Der Graf stand auf und ging wohl eine halbe Stunde tief nachsinnend in der Stube auf und ab. Veit wagte nicht, ihn zu stören, denn er kannte die Gewohnheiten seines Herrn. Plötzlich blieb dieser vor dem Müller stehen und sagte leise, aber mit Nachdruck: »Lieber Veit, ich hatte nie einen Vertrauten als dich. Zuweilen kam es mir vor, als wäre es besser getan, überhaupt keinen Vertrauten zu haben; aber du bist nun einmal der meinige, und so sage ich dir: ich bin ein betrogener und verratener Mann!« »Erlaucht, ich verstehe Ihren Schmerz und –« »Schon gut, schon gut! Daß Madame mich betrog und verriet, läßt sich begreifen. Sie ist jung und feurig und hatte, wie du weißt, mehrfache Gründe, sich schadlos zu halten und zu rächen. Aber daß Robert – oh! du weißt, was ich für ihn getan. – Doch, was geschehen, bleibt geschehen. Es war töricht, die jungen Leute so beisammen zu lassen, sehr töricht. Allein mit Bedauern und Klagen ist da nichts auszurichten. Überhaupt nichts mit der Leidenschaftlichkeit. Kaltes Blut, kaltes Blut, das ist das beste.« Er leerte ein volles Glas Wasser und sagte dann mit Fassung: »Einen so verwirrten Knäuel abzuwickeln, bedarf es einer ebenso geduldigen als festen Hand.« »Ich bewundere Sie höchlich, gnädiger Herr,« bemerkte Veit. »Ein anderer würde wüten und toben, und kein Mensch könnte es ihm verübeln.« »Was hülfe es? Man lernt Kontenance halten in der diplomatischen Karriere, mein lieber Veit.« »Ja, aber Privatangelegenheiten pflegen die Menschen mehr aufzuregen als öffentliche, soviel ich weiß.« »Du warst jederzeit ein scharfer Beobachter. Wer aber sich die Kunst aneignete, alle Seiten des Lebens, auch die privaten und privatesten, vom objektiven Standpunkt zu betrachten und zu fassen, dem wächst nichts über den Kopf. – Es ist ein sehr leidiger Umstand, daß der Frieding dermalen abwesend.« »Was soll denn der Pfarrer, wenn ich fragen darf?« »Ich hätte ihn gerne zu meinem Geschäftsträger gemacht.« »In dieser Sache?« »Ja. Ich bin überzeugt, niemand hat einen solchen Einfluß auf Robert wie er, und dann hasse ich, wie die pathetischen Phrasen, so auch die pathetischen Szenen. Beide hätte mir die Vermittlung des Pfarrers ersparen können.« »Aber, gnädiger Herr, indem Sie den Frieding mit ins Spiel ziehen wollten, vergäßen Sie die bedenkliche Verbindung, in welche der Herr Rittmeister mit Twerenbold getreten ist. Ich sage nicht, daß dieser von alten Geschichten geplaudert habe, aber, wie Sie selbst schon bemerkten, er kann doch möglicherweise geplaudert haben. Wäre nun nicht vielleicht zu befürchten, daß der Rittmeister in der Leidenschaftlichkeit seines Wesens dem Pfarrer, wenn ihm derselbe scharf zusetzte, von gewissen alten – Inkonvenienzen im Hause Wippoltstein vorredete? Wie dann? Sie sagten vorhin, der Frieding sei ein moralischer Mensch, und wir könnten demnach uns von ihm nur schlimmer Dinge versehen.« »Das ist wahr,« versetzte der Graf, indem er sich wieder setzte. »Falls Robert von diesem höllischen Schuft, dem Twerenbold, erfuhr, was er nie erfahren sollte, konnte er sich dem Pfarrer gegenüber leicht zu einer Offenherzigkeit verleiten lassen, die sehr unzukömmlich wäre, sehr. Zwar ist einerseits auf Roberts Stolz auf die Ehre seines Wappens und Namens zu rechnen, aber andererseits ist ein junger, heißblütiger Mann in einer derartigen Situation ganz unberechenbar. Überdies ist es menschliche Art, die Berechtigung zum Sündigen aus den Sünden anderer herzuleiten. So ist es denn am Ende gut, daß der Pfarrer nicht anwesend. – Wäre nur diese heillose Verbindung nicht, in welche Robert und Madame mit dem Twerenbold und der Lore geraten sind. Ich möchte fast sagen, diese Verbindung komme mir unheimlich vor. Du weißt, Veit, ich bin kein Träumer und Phantast, war es nie, aber zuweilen überschlich mich, schon in früherer Zeit, etwas wie ein Vorgefühl, daß mir von seiten dieses Weibes, von der Lore, ein Unheil drohe. Das ganze Wirrsal, so schlimm es auch an und für sich schon sein mag, wäre doch viel leichter zu schlichten, wenn diese zwei Menschen, der Twerenbold und die Lore, keinen Finger im Spiele hätten.« »Sicherlich, Erlaucht. Aber sie haben ihre Hand darin; darauf will ich jede Wette eingehen, obgleich ich nicht zu sagen weiß, wie.« Nach einer Pause des Nachdenkens sagte der Graf: »Das Hin- und Herreden führt zu weiter nichts. Ich denke, wir haben uns die Sache so klar gemacht, als es die gebotenen Hilfsmittel nur immer erlauben. Jetzt handelt es sich darum, einen raschen Entschluß zu fassen; denn es muß gehandelt werden und zwar unverweilt. Was ist dein Rat, Veit?« »Gnädiger Herr, wie dürfte ich mich unterstehen, in einer so delikaten Angelegenheit Euer Gnaden raten zu wollen?« »Bah, Nonsens. Du bist sonst nicht so zimperlich! Rede!« »Nun denn, gnädiger Herr, ich setze voraus, daß Sie, wie in allem und jedem, so auch in dieser Sache die Dehors beobachtet wissen wollen.« »Gut gesagt, Veit. Man sieht, daß du ein alter und gewiegter Herrendiener bist. Es ist selbstverständlich, daß aller Eklat vermieden werden soll und muß. Ich möchte die Perle nicht vor die Säue, das heißt, meinen Namen nicht vor das Publikum geworfen sehen. – Vielleicht dient es zur Abkürzung unserer Beratung, wenn ich dir sage, daß ich nach einer Seite hin schon handelte, sobald ich deinen letzten Brief erhielt. Vielleicht empfängt Robert schon morgen den Befehl, welcher ihn zu seinem Regiment einberuft. Dasselbe wird demnächst Marschorder erhalten, um wieder ins Feld zu rücken, und wenn er nicht vor sich selbst und der Welt zuschanden werden will, kann er nicht zögern, dem Befehl sofort nachzukommen.« »In diesem Falle bliebe also nur die Gräfin übrig?« bemerkte der Müller und schwieg dann. »Veit,« sagte der Graf, seinen ehemaligen Kammerdiener fixierend, »ich lese in deinen Augen eine Idee, aber sie taugt nichts. Solche junge vollsaftige Personen bekommen allerdings oft ganz plötzlich schlimme Zufälle. Allein ich will davon nichts wissen. Man wird mit den Jahren immer vorsichtiger, meinetwegen sage sogar, ängstlicher. Nein, behalte deine Idee nur für dich, ich mag sie nicht hören, wenigstens vorderhand nicht. Geht es absolut nicht anders, dann kann man ja sehen, was zu tun ist. Aber zunächst wollen wir gelindere Saiten aufziehen. Madame wird morgen früh von hier abreisen.« »Abreisen? Und wenn sie nicht will?« »So wird sie wollen müssen.« »Und wohin soll sie?« »Du weißt, ich besitze auf dem einen meiner Güter in Böhmen ein hübsch einsam zwischen Bergen und Wäldern auf einem hohen Felsen gelegenes Schlößchen.« »Starohrad?« »Ja.« »Wohin ich vorzeiten auf meines gnädigen Herrn Befehl die Tochter des ehemaligen Pächters auf der Donnerfallmühle brachte, als das dumme Ding gewisser Kleinigkeiten wegen närrisch wurde?« »Eben die Lokalität meine ich.« »Es ist ein düsterer Ort. Die verrückte Müllerstochter starb dort elend.« »Ihr Geist wird Madame nicht beunruhigen, sollte ich meinen. Dazu ist Madame zu aufgeklärt, auch wenn sie von der alten dummen Geschichte wüßte.« »Und die gnädige Frau soll dort sozusagen gefangen gehalten werden?« »Ja, sozusagen. Übrigens in aller Gemächlichkeit und nur so lange, bis Robert die ganze Schnurrpfeiferei sich aus dem Sinn geschlagen haben wird. Ich hoffe, dies wird um so rascher geschehen, als ich auf meiner Reise eine Partie für ihn ausfindig gemacht, die in jeder Beziehung angemessen ist. Es ist ein außerordentlich reizendes Mädchen, die einzige Tochter und Erbin eines großen Hauses. Sie wird Robert zu trösten wissen.« »Aber wie wollen Euer Gnaden die Frau Gräfin nach Starohrad bringen?« »Sie wird unter der Obhut eines Mannes dahin reisen, dem ich meine Vollmacht mitgebe und auf den ich mich unbedingt verlassen kann.« »Darf ich fragen, wer dieser Mann ist?« »Wer anders als du, Veit?« »Ich?« »Freilich.« »Gnädiger Herr, das ist ein sehr schwieriger und peinlicher Auftrag.« »Der aber in entsprechendem Maße belohnt werden soll und wird. Du wirst auf Starohrad die nötigen Verabredungen mit dem alten Kastellan treffen, auf den ich mich ebenfalls unbedingt verlassen kann. Du weißt, er hat, gleich dir, in solchen Dingen Erfahrung und ist ein Mann von Eisen.« Sei es, daß die ihm zugesicherte entsprechende Belohnung ihn lockte, sei es, daß ein Hintergedanke ihn reizte, genug, der Müller erklärte sich zur Übernahme des ihm zugedachten Auftrags bereit. Der Graf, welcher die grenzenlose Habsucht des Mannes kannte, beachtete das eigentümliche Lächeln der Befriedigung, welche dabei Veits dünne Lippen überschlich, nicht weiter. Er glaubte, der Geiz kitzle den Müller. Welche Gedanken aber auch in diesem wachgeworden sein mochten, er kehrte sogleich wieder zum Nächstliegenden zurück. »Und Twerenbold?« fragte er. »Auch an den soll die Reihe kommen,« versetzte der Graf. »Auch mit ihm müssen wir fertig werden, fertig für immer.« »Da bin ich mit Kopf und Herz und Hand dabei, ja, das bin ich! Dieser Halunke beunruhigt mich schon durch seinen bloßen Anblick. Er ist mir wie Gift und Opperment, und seine unverschämte Vertraulichkeit treibt mir die Galle ins Blut. Geht das noch lange, so lauere ich ihm, entstehe daraus, was da wolle, eines schönen Tages hinter einem Busch auf und schieße ihn nieder wie 'nen tollen Hund, der er ist.« »Das wirst du bleiben lassen, mein guter Veit. Keinen Eklat, nie und nimmer! Mit diesem Grundsatz kommt man weit und erreicht viel. – Sowie du von deiner Sendung nach Böhmen zurück bist, und du wirst dich möglichst beeilen, wollen wir mit dem Kerl reinen Tisch machen, so oder so. Ich habe schon einen kleinen Plan in petto. Komm nur, ich will ihn dir im Wagen mitteilen. Du läßt dein Pferd von einem der Postillione reiten und fährst mit mir bis zum Parktor. Wir haben noch manche nähere Bestimmung hinsichtlich deiner Reise und dieser ganzen fatalen Sache zu besprechen.« 22. »Dich, Hekate, nun ruf' ich an!«. Alle Anstalten zur Flucht waren getroffen. Robert hatte zu diesem Zwecke viel mit Twerenbold verkehrt und war dadurch zu diesem in ein Verhältnis geraten, welches er noch vor kurzem für ganz undenkbar gehalten hätte. Es ging auch hier, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, wenn der Mensch die Kreise einmal überschritten, in welchen die Zauberformeln der sozialen Institutionen ihn gebannt hielten. Da reiht sich denn Außerordentliches an Außerordentliches, was unmöglich geschienen, wird wirklich, ein Ausnahmefall zieht zehn andere nach sich, und zuletzt wird das ganze Dasein exzeptionell und abenteuerlich. Seit im Glurital die Runs gegangen, war an die Stelle des Abscheus, womit der junge Mann Twerenbold zuvor betrachtet hatte, eine Art Sympathie getreten, welche der Abenteurer geschickt zu nähren wußte, besonders dadurch, daß er, wo immer sich Gelegenheit bot, für Thekla die tiefste Ehrerbietung an den Tag legte. Auch bestach er durch seine auf genauester Anschauung beruhenden und mit einer gewissen humoristischen Sorglosigkeit vorgetragenen Schilderungen transatlantischer Natur und Lebensweise. So konnte er sich denn begründete Hoffnung machen, daß sich die beiden seine Begleitung auf ihrer Reise übers Meer gefallen lassen würden. Und daran lag ihm viel, alles vielleicht, denn er hatte bald bemerkt, daß er sich in das eintönige Leben in der Heimat schlechterdings nicht mehr finden konnte und daß ihm rascher Wechsel der Szenen, ein abenteuerliches Hin- und Hergeworfenwerden auf den Wogen des Lebens zum Bedürfnisse geworden. Robert ging um Theklas willen bei seinen Vorbereitungen mit großer Umsicht und Sorgfalt zu Werke. Er wollte der Geliebten jeden schroffen Übergang aus ihrem bisherigen vornehm bequemen Leben in eine neue Existenz nach Möglichkeit ersparen. Der alte Andres war aus der Hauptstadt zurückgekehrt, nachdem er sein dortiges Geschäft zur völligen Zufriedenheit seines Herrn abgemacht. Robert hatte es für das Klügste gehalten, dem treuen Alten sich anzuvertrauen, um so mehr, da demselben doch nicht entgehen konnte, wie die Sachen standen. Andres entsetzte sich zwar im ersten Augenblick über die Absicht seines Herrn und entwickelte eine mehr als wachtmeisterliche Beredsamkeit, um jenen von dem Unerhörten abzubringen. Natürlich ohne irgendwelchen Erfolg, und nun erwies er sich wirklich als einen Diener, welcher seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben ist. Er beachtete nur noch das eine, daß sein Herr seiner bedurfte und in einer Lage sich befand, aus welcher er herausgerissen werden mußte. So ließ er sich denn ohne weiteres mit einer zweiten Sendung betrauen und stellte nur die Bedingung, daß Robert nie von ihm sich trennen möge. Sobald Robert sein Nie! gesprochen, war Andres nach dem Seehafen abgereist, wo er das Nötige besorgen sollte, um es den Liebenden zu ermöglichen, unmittelbar nach ihrer Ankunft daselbst sich einzuschiffen. Morgen abend wollten sie fort. Robert ging, um noch manches zu bestellen und zu ordnen. Der Himmel hatte sich grau überzogen und drohte mit Regen. Bevor dieser kam, wollte Thekla, von der Schwüle gedrückt, zu dem Badhäuschen im Garten hinabgehen, um ein Seebad zu nehmen. Sie griff zur Klingelschnur, um die nötigen Befehle an Gertrud zu geben, aber schon trat diese in das Turmgemach und meldete mit verstörter Miene: »Gnädige Frau, Se. Erlaucht, Ihr Herr Gemahl.« Das war ein Keulenschlag. Als daher der Graf der Zofe auf dem Fuße folgte und diese hinwegwinkte, taumelte Thekla vor dem Eingetretenen ordentlich ein paar Schritte zurück, und, das Blut schoß ihr ins Gesicht, als wollte es seine Gefäße sprengen. Graf Nepomuk seinerseits war in der ruhigsten Haltung von der Welt. Er gab sich um keine Haarbreite anders als so, wie er stets gewohnt war, wenn er kam, der Gräfin eine seiner spärlichen Anstandsvisiten zu machen. Sie kostete ihn auch nicht viel, diese diplomatische Selbstbeherrschung. Wo das Herz aus dem Spiele bleibt, hat der Verstand leicht spielen. Ja, er war ganz ruhig; nur ein häßliches Lächeln umzog für einen Augenblick seine Mundwinkel, als er das Entsetzen bemerkte, womit sein unerwartetes Erscheinen die Gräfin erfüllte. Aber gerade dieses momentane Hohnlächeln war ein Glück für Thekla. Es traf sie wie kalter Stahl, es durchbohrte ihr Innerstes, allein es stachelte auch ihre Energie auf. Ein Augenblick und sie stand wieder fest auf den Füßen; die Purpurröte ihres edlen Antlitzes wich einer Marmorblässe, und ihre schönen Augen funkelten von heroischem Mut. »Ich würde es lebhaft bedauern, Madame,« nahm der Graf mit einer zeremoniösen Verbeugung das Wort, »wenn mein plötzliches Kommen eine unangenehme Überraschung für Sie wäre. Die Dringlichkeit der Sache jedoch, die mich hierher führt, wird mich entschuldigen, wenn ich es unterließ, erst anzufragen, ob Madame disponiert wäre, mich zu empfangen.« »Mein Herr,« erwiderte Thekla, die Hand auf die Brust drückend, um das gewaltsame Pochen ihres Herzens zu mäßigen, »es bedarf der zeremoniellen Umschweife nicht. Sie haben mir etwas zu sagen, und Ihre Stellung gibt Ihnen das Recht, Gehör zu verlangen. Wohlan, reden Sie, ich höre.« »Es freut mich, Sie so gefaßt und verständig zu finden, Madame. Sie wissen, ich hasse die affektvollen Szenen, und ich hoffe, wir werden das, um was es sich handelt, im Tone des ruhigsten Anstandes zwischen uns abmachen.« Er rückte einen Stuhl für die Gräfin zurecht und setzte sich ihr gegenüber. Sie nahm mechanisch Platz, er legte gemächlich ein Bein über das andere und begann: »Ich war zuletzt in Karlsbad, und die ausgewählte Gesellschaft, mit welcher ich dort zu Verkehren das Vergnügen hatte, erregte in mir den Gedanken, daß ich doch wohl unrecht tat, zuzugeben, daß Sie, Madame, und mein Sohn Robert in dieser Bergeinsamkeit sich langweilten. Die Langeweile ist ein stillschleichendes, aber tiefes Wasser und lockt besonders gern junge Leute in seine tückischen Tiefen. Fingerzeige, die ich von bewährter Hand erhielt, bedeuteten mich, daß wirklich auch an Ihnen, Madame, und an Robert die Langeweile diese ihre wunderliche Wirkung zu üben begonnen habe.« Er schwieg und heftete einen fragenden Blick auf sie. Sie senkte die Augen. Er wußte alles! Das war klar, aber es war der Gräfin schon bei seinem plötzlichen Erscheinen klar gewesen. Es konnte sie daher nicht mehr erschrecken. Sie schlug die Augen auf und sagte fest: »Fahren Sie fort.« »Madame, Sie sind eine halbe – was sage ich? – eine ganze Gelehrte, und Ihre literarischen Kenntnisse haben einen erstaunlichen Umfang. Sie kennen daher ohne Zweifel die Geschichte der Phädra, der Gemahlin des Theseus, und ihres Stiefsohns Hippolyt. Zwei berühmte Poeten, ein antiker, Euripides, glaub' ich, und ein moderner, Racine, haben rührende Tragödien daraus gemacht. Nun begreife ich vollkommen, daß eine junge Frau, welche die Poesie leidenschaftlich liebt, in ihrem romantischen Sinne leicht auf den Einfall kommen kann, die Fiktion gelegentlich in Wirklichkeit zu übersetzen, aber, Madame, Sie können nicht übersehen haben, daß die Geschichte der Phädra sehr tragisch endigte.« »Weiter, Herr Graf.« »Sie werden zugeben, Madame; daß ich mich mit möglichster Schonung Ihrer Gefühle ausdrücke. Das Resultat meiner Andeutungen ist, daß Langeweile und Romantik in verderblichem Bunde Sie und Robert in eine Lage gebracht, der ich ein Ende machen muß und werde, um Roberts willen, um der Ehre des Hauses Wippoltstein willen. Wäre ich nicht ein Mann von Welt, so würde ich eine andere Sprache führen. Wenn je ein Mensch zu Zorn und Wut berechtigt war, so bin ich es. Oder wollen Sie leugnen?« »Leugnen? Ich verachte eine solche Infamie.« »Sie prahlen wohl mit Ihrer Schande?« »Schande? Dies Wort beleidigt bloß dann, wann es aus dem Munde eines Mannes von Ehre kommt.« »Das ist sublim, bei allen Göttern! Ich, der ich das Recht zum strengsten Gericht habe, muß mir Beleidigungen ins Gesicht werfen lassen! Wissen Sie, Madame, daß ich vollauf berechtigt bin, Ihnen gegenüber zu sprechen, wie es einem beleidigten Ehemann gegenüber einer treulosen Frau zusteht?« »Sie wagen es, mir meine Untreue vorzuwerfen? Sie, der mir schon in den ersten Wochen dieser unseligen Verbindung meine Mägde vorzog! Erinnern Sie sich, mein Herr, jener Szene drunten im Park, wo sich mir das unglückliche Mädchen, die von Ihnen zugrunde gerichtete Ottilie, zu Füßen warf? Von jener Stunde an war ich nicht mehr Ihre Frau!« »Romantische Phantasien! – Aber da Sie mich fragen, will auch ich Sie fragen. Wissen Sie, daß Ihre Situation die ist, welche der Kriminalkodex mit dem garstigen Wort Inzest bezeichnet? Dieses Verbrechens sind Sie schuldig, Madame, Sie, die mit schnödem Undank die Schonung belohnt, daß ich Sie nicht mit einem Titel niederschmettere, welcher in guter Gesellschaft nicht ausgesprochen und in Schriften nur mit dem Anfangsbuchstaben und drei Sternchen dahinter genannt wird.« »Sie, mein Herr, wollen mich zur Verbrecherin stempeln? Mag die Welt es tun, Sie haben kein Recht dazu. Nein, Sie nicht, der Sie mit herzlosester Bosheit alles Heiligste in den Kot traten, wo es sich um die Befriedigung Ihrer ekelhaften Begierden handelte! Nein, Sie nicht, mein Herr, der Sie getan, was zum Himmel schreit, Unerhörtes, Grauenhaftestes – Sie, der Mörder Ihres Neffen und Mündels!« Der Graf fuhr, wie von einem elektrischem Schlage getroffen, halb von seinem Sessel auf. Diese Anklage aus diesem Munde zu vernehmen, darauf war er doch nicht gefaßt. Er mußte sich recht gewaltsam zusammennehmen. Er fühlte den triumphierenden Blick der Gräfin auf seinen gesenkten Wimpern. »Madame,« sagte er nach einer Pause, »wir wollen bei gelegener Zeit untersuchen, wer Ihnen dies alberne Märchen aufgeheftet.« »Das Märchen? Jämmerliche Heuchelei! – Nein, es ist kein Märchen, es ist die brutalste Tatsache unseres Jahrhunderts, und diese Tatsache hat jedes Band zwischen Robert und Ihnen gelöst, für immer.« »Alberne Sophisterei! – Doch ich bemerke zu meinem Bedauern, daß wir in Affekt geraten sind. Ich liebe das nicht. – Mäßigen Sie sich, Madame, wie ich es tue. – Ich habe nur noch wenig zu sagen. Gewohnt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten, lasse ich das Geschehene geschehen sein. Es war töricht, insipid, einen jungen feurigen Mann mit einer jungen leidenschaftlichen Frau in dieser ländlichen Einsamkeit allein zu lassen. Damit genug, was die Vergangenheit betrifft. Ich bin kein König Philipp von Spanien, der sich rächen zu müssen glaubt. Aber ich will nicht, daß der Stammhalter des Hauses Wippoltstein einer tollen Liebelei zum Opfer falle; verstehen Sie mich, Madame? Er wird sich mit der reizenden Erbin vermählen, mit deren Eltern ich auf meiner Reise eine in jeder Beziehung passende Verbindung eingeleitet habe, und Sie, Madame, werden nicht das Hindernis seiner Zukunft und seines Glückes sein wollen. Wollten Sie es dennoch sein, müßte es mit meiner Schonung ein Ende haben, und Sie müßten dann erfahren, welche Rechte mir in einem solchen Falle das Gesetz einräumt. – Doch ich setze voraus, daß Ihre Leidenschaft, wenn sie auch blind war, nicht zugleich taub sei. Sie werden also Vernunft annehmen. Betrachten Sie, poetisch zu sprechen, diese Liaison wie einen Frühlingstraum. Im Sommer träumt man wieder anders. – Die Diätetik behauptet indessen, daß in derartigen Krankheiten eine Luftveränderung der Genesung außerordentlich förderlich sei, und ich glaube, die Diätetik hat recht. In meiner väterlichen Fürsorge für Sie muß ich also wünschen und wollen, daß Sie morgigen Tages in der Frühe eine Reise antreten.« »Reisen? Morgen?« »Ja, Madame.« »Und wohin, mein Herr?« »Das muß, mit Ihrer gütigen Erlaubnis, meiner eigenen Bestimmung vorbehalten bleiben.« »Ich werde morgen nicht reisen, wenigstens nicht nach Ihrer Bestimmung, Herr Graf.« »Sie werden mir dennoch den Gefallen tun, Madame, morgen von hier abzureisen. Sie werden dahin reisen, wohin Ihre Reise zu lenken ich für gut finde, und Sie werden unter der Obhut eines Mannes reisen, auf den ich mich unbedingt verlassen kann.« »Und wenn ich es nicht tue?« »Sie werden es tun müssen. – Es ist dies ein ungalantes Wort, und ich bedaure, daß ich es aussprechen mußte. Aber es gibt Fälle, wo kein anderes so gut paßt. Ein solcher Fall ist der unserige, und nicht ich bin es – verstehen Sie mich? – der diesen Fall so gemacht hat, wie er ist. – Übrigens, Madame, habe ich es durchaus nicht schlimm mit Ihnen vor. Sie sollen nur meinem Sohn aus dem Wege gehen, so lange, bis auch ihm dieser wahnsinnige Traum vergangen sein wird. Es soll meine Sorge sein, daß das nicht allzulange währe. Nachher mögen Sie Ihrer Unabhängigkeit genießen, wo immer Sie wollen. Sie sind noch sehr jung, Sie können also noch manchen Frühlings- und Sommertraum träumen. – Ich verspreche Ihnen, der gefälligste aller Ehemänner zu sein, solange Sie nur einigermaßen die Dehors beobachten werden.« »Genug!« rief Thekla aus, indem sie sich flammenden Auges erhob. Dann fügte sie mit dem Ausdruck souveränster Verachtung hinzu: »Nichtswürdiger, gehen Sie und tun Sie Ihr Äußerstes. Ich biete Ihnen Trotz!« Der Graf stand auf. »Ich wiederhole,« sagte er, »daß ich das Pathetische und Affektvolle nicht liebe, und daher breche ich diese Unterhaltung ab. Sie kennen jetzt meinen Willen, und Sie werden sich demselben fügen, fügen müssen. Morgen reisen Sie. Adieu, und merken Sie sich's: der Graf Nepomuk von Wippoltstein ist schon mit anderen Leuten fertig geworden als mit einer pflichtvergessenen, störrischen –« Die Türe fiel hinter ihm ins Schloß. Als sie allein – Als sie allein nun, da, wie wann die Winde Aus Nord und Süd losrasen aufeinander, Bekämpften ihre Leidenschaften sich Für eine Stunde – »Robert!« schrie sie qualvoll auf, als wollte sie den Geliebten zu Hilfe rufen. Dann taumelte sie auf die Ottomane, bedeckte das Gesicht mit den Händen, und ein krampfhaftes Schluchzen drohte ihr die Brust zu sprengen. Nun sprang sie auf und rannte im Zimmer hin und her. Ihr Hirn wirbelte, ihre Gedanken drehten sich wild im Kreise. Plötzlich blieb sie stehen, wie auf den Fleck gebannt. »Er will Robert von mir reißen,« murmelte sie. »Lieber die ewige Verdammnis! – Und der Elende hat mich eine – Metze genannt. – Oh, das sühnt nur eins!« Sie wankte an die Türe, welche auf den Steg hinausführte, und drückte das glühende Gesicht an die Glasscheiben. Draußen wetterleuchtete es, und der Regen rieselte herab. Ihr Blick fiel mechanisch auf eine jener grün, blau und golden schimmernden Mücken, die sich hereingeflüchtet hatte und vor ihr an der Scheibe summte. Ihre Hand fuhr auf das Tierchen los, faßte es, und im nächsten Augenblick fiel die kleine Leiche auf den Fensterrahmen nieder. Sie starrte mit einem irren Blick darauf hin und flüsterte mit einem schrecklichen Lächeln: »Was ist's weiter? Und doch war es auch ein Leben!« Wer hat je die innerste Tiefe eines Frauenherzens ergründet? Dort im Dunkel schlummert ein Dämonisches. Hunderte, Tausende, Hunderttausende von Frauen leben und sterben, ohne auch nur das Vorhandensein dieses Dämonischen zu ahnen. Aber wenn ein roher Griff es aufrührt, dann bäumt es sich auf, riesenhaft, ungeheuer, und vollbringt, was es muß. War es zu dieser Stunde in Thekla lebendig und mächtig geworden? Sie kehrte sich vom Fenster ab. Ein unerbittlicher Gedanke brütete zwischen ihren zusammengezogenen Brauen. Sie nahm ein Tuch um und wandte sich der Balkontüre zu. Eine kurze Weile blieb sie im Vorübergehen vor dem Bilde des blutigen Wippo über ihrem Schreibtische stehen und fixierte es scharf. Dann trat sie festen Schrittes auf den Steg hinaus, überschritt ihn, stieg am Pavillon die Felsentreppe hinab, trat in den Kahn, löste die Kette desselben und faßte die beiden Ruder. Ein feiner Sprühregen schlug ihr ins Gesicht, als der Bug der leichten Barke seewärts um die Klippe bog, und das aufgeregte Wasser klatschte mit starken! Plätschern an den Kiel. Sie achtete weder dieses noch jenes, sondern rührte mit Energie die Ruder, und die Gondel schoß in den See hinaus – – Es war bereits Nacht, und das Gewitter begann sich in schweren Schlägen zu entladen, als die kühne Schifferin durch Wind und Wogenschwall hindurch wieder am Wippostein anlangte. Im Turmzimmer brannte die Astralampe, welche auf den großen Büchertisch zu stellen die alte Gertrud jeden Abend gewohnt war. Über und über durchnäßt, legte Thekla ihr Umschlagetuch beiseite und wand sich das Wasser aus den üppigen Locken und Flechten, welche ihr blasses Gesicht wie schlaffe Schlangen umhingen. Dann ging sie ins Vorzimmer und fand dort den Mohrenknaben, der es sich auf dem Kanapee Gertruds bequem gemacht hatte und eingeschlafen war. Sie verschwand durch eine gegenüberliegende Türe, kehrte aber nach wenigen Minuten umgekleidet zurück. Nun weckte sie den Knaben, nachdem sie sich vergewissert, daß sie mit ihm allein war. Der kleine Mohr fuhr von seinem Lager herunter und stellte sich etwas beschämt, in der Pflege seiner Faulheit überrascht worden zu sein, vor seine Gebieterin. »Berdoa,« redete diese ihn an, »bist du völlig wach?« Der Knabe riß seine großen Augen auf und reckte sich. »Berdoa immer wach, wenn Gnaden befehlen,« sagte er. »Ich meine, ob du imstande seiest, einen Auftrag zu verstehen und zu vollziehen.« »Berdoa alles versteht und vollzieht, was Gnaden wollen.« »Wohl, so höre. Es handelt sich um einen Scherz. Um denselben gelingen zu machen, muß ich wissen, genau wissen, ob der Kammerdiener des Herrn Grafen die Nachttoilette desselben gerüstet habe. Es muß jetzt bald die Zeit sein. Schleiche dich in den rechten Schloßflügel hinüber, erspähe mir, was mich zu wissen verlangt, und melde es mir dann auf der Stelle. Hast du mich verstanden?« »Berdoa versteht Gnaden immer.« »Gut, so geh denn und sei klug und vorsichtig, wie du es ja sein kannst, wenn du magst. Ich erwarte dich im Turmzimmer.« Der Knabe eilte mit einem pfiffigen Blicke hinweg. Thekla ging in das Turmgemach zurück und sah, an die Fenstertüre gelehnt, in die Sturmnacht hinaus, welche sich jetzt schwarz auf den See gelegt hatte. In dem Licht der zuckenden Blitze leuchtete da und dort die Wassermasse fahl herauf. Von diesem unheimlichen Anblick sich wegwendend, durchschritt Thekla langsam das Gemach. Von Zeit zu Zeit faßte sie rasch an die Brust, als gälte es, eine heftige Wallung derselben zu beschwichtigen. Aber es war da keine Wallung zu beschwichtigen. Ihr Busen hob und senkte sich gleichmäßig, und über ihr bleiches Antlitz war eine marmorne Ruhe gebreitet. In ihrem Gange innehaltend, horchte sie angestrengt, ob sich der Tritt des Mohrenknaben noch nicht im Vorzimmer hören ließe. Alles war still. Sie trat an ihren Schreibtisch, öffnete verschiedene Fächer desselben und kramte suchend darin, bis sie aus einem derselben etwas hervorzog, was wie ein Schlüssel aussah. Sie steckte es rasch in die Tasche, und in diesem Augenblick trat Berdoa herein. »Wie ist's?« fragte sie. »Der Kammerdiener des gnädigen Herrn hat dessen Schlafzimmer in Ordnung gebracht. Eben trug er noch das Glas mit Zuckerwasser hinein, welches Erlaucht vor Schlafengehen zu trinken pflegen.« »Es ist gut. Die Dienerschaft wird bei ihrem Essen sein. Geh auch du, um deines Anteils nicht verlustig zu werden. Doch warte noch – weißt du nicht, wo der Herr Rittmeister sich gegenwärtig befindet?« »Noch immer im Kabinette des gnädigen Herrn, wie schon seit mehr als zwei Stunden.« Sie ließ dem Knaben sein Vorrecht, ihr beim Gutenachtsagen die Hand zu küssen, fuhr ihm dann über den wolligen Kopf und sagte noch: »Der Auftrag, den ich dir vorhin gab, war ein geheimer. Er bleibt unter uns, Berdoa.« »Wie Gnaden befehlen.« In den matt erleuchteten Korridoren des weitläufigen Herrenhauses herrschte Schweigen und Öde. Die Dienerschaft war im unteren Stockwerk bei ihrem Abendessen versammelt. In dem Schein der Blitze, welcher in den Ahnensaal im Mittelgeschoß fiel, glitt eine Gestalt schemenhaft leise durch das hohe, weite Gemach und verschwand in der nach dem westlichen Schloßflügel führenden Flügeltüre. Draußen schwebte sie quer über den Korridor, öffnete geräuschlos eine Türe, huschte hinein, strich längs der Wand eines dunkeln Gemaches hin, öffnete wieder eine Türe, schlüpfte durch einen engen Durchgang voll greifbarer Finsternis, tastete am Ende desselben leise an der Mauer umher und drückte auf einen kleinen vorragenden Gegenstand. Ein ächzender, surrender Ton und eine Tapetentüre tat sich auf in ein Gemach, in welchem auf einem Toilettentisch eine silberne Nachtlampe brannte und auf dem neben einem prachtvollen Bette stehenden Nachttisch ein silberner Teller mit einem Glas Wasser hingesetzt war. Eine Stunde später begab sich Graf Nepomuk aus seinem Kabinette nach seinem Schlafgemach. Der Kammerdiener, welcher im Vorzimmer seinen Herrn erwartete, hatte diesen noch nie in einer solchen Aufregung gesehen wie zu dieser Stunde. Das Gesicht des Grafen glühte, Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn, und unter der verschobenen Perücke blickte die gerötete Glatze hervor. Die Dienstleistungen des Dieners rauh zurückweisend, trat er in das Schlafzimmer und schlug die Türe hinter sich zu, daß sie in ihren Angeln klirrte. »Hm,« brummte der Kammerdiener, indem er in den Alkoven des Vorzimmers trat, wo er seine Schlafstelle hatte, »hm, das muß eine hübsche Szene gewesen sein, welche den Alten dermaßen aus Rand und Band, sozusagen ganz aus dem Häuschen gebracht hat. So etwas hab' ich noch gar nicht an ihm erlebt. Er sah ja ordentlich rabiat aus, ganz rabiat.« Es mochte um Mitternacht sein, als der Kammerdiener durch einen gellenden Schrei, der vom Schlafzimmer seines Herrn kam, aus dem Schlafe geschreckt wurde. Er sprang aus dem Bett und eilte an die Türe des gräflichen Gemaches. Von drinnen kam ein dumpfes Ächzen, dann wieder ein furchtbarer Schrei. Der Diener stieß die Türe auf. Im Schein der Nachtlampe sah er etwas Furchtbares. Auf seinem zerwühlten Bette krümmte, wälzte und bäumte sich der Graf mit schrecklich verzerrten Zügen, augenscheinlich ringend in gräßlicher Agonie. »Um Gottes willen, gnädiger Herr, was ist –« Die Worte erstarben ihm auf der Zunge, und sein Haar sträubte sich aufwärts, als er diesen Todeskampf sah. Ein Stöhnen und Ächzen, das in der Brust des Grafen arbeitete, als würde es das Knochengehäuse derselben zerreißen, dann wieder ein Aufbäumen des Körpers, als wollte er sich in wütender Qual an die Decke schmettern – unartikuliertes Geröchel und Gekeuche, dann stoßweise einzelne Worte, aus dem schiefgezogenen Munde gepreßt: »Die blassen Gestalten – sie schütten Feuer der Hölle auf mein Herz – hinweg! –-Höllenfeuer! Höllenfeuer!« Das letzte Wort brach nur noch halb hervor: ein entsetzlicher, markdurchbohrender Schrei schnitt es mitten entzwei. Außer sich stürzte der Diener hinaus und schrie das Haus wach. Als die Leute endlich in wirrem Getümmel herbeieilten, war alles vorüber. Der Graf war tot. Wie der Tote so dalag auf den zerknüllten Spitzenkissen und den zerstrampelten Seidendecken, bot er einen Anblick, der das Herz seiner Diener mit Grauen erfüllte. 23. Dem Donar ein Opfer!. Von der Stadt herauf, welche etwa drei Wegstunden von Wippoltstein entfernt drunten im Tale liegt, führt nicht nur eine Straße, sondern auch ein Fußweg an den See. Dieser Fußweg kürzt die Entfernung bedeutend ab, denn er läuft, während die Straße den Krümmungen des Flusses folgt, in ziemlich gerader Linie längs der linken Talwand durch Wiesen und Gehölze fast bis zur Donnerfallmühle herauf und bei dem in unserer Geschichte mehrmals genannten Ermswäldchen in eine Gabel aus, deren rechte Zinke zum Donnerfall, deren linke zu der Mühle führt. Ein paar Büchsenschüsse weit talabwärts von dieser Gabel kam Twerenbold auf dem Fußweg daher; wie es den Anschein hatte, talaufwärts. Es war ein schöner heißer Augusttag gewesen, und die Sonne ging zur Rüste. Gestern um diese Zeit war der Graf Nepomuk in der Gruft seiner Ahnen feierlich beigesetzt worden. Das Resultat der von dem Arzte des Dorfes und des Schlosses vorgenommenen Leichenöffnung hatte gelautet: Nervenschlag, herbeigeführt durch plötzliche Kongestionen im Gangliensystem. Twerenbold war rasch gegangen, und so erklärte sich die augenscheinliche Erhitzung und Aufregung seiner Züge. Bei genauerer Betrachtung mochte man freilich die Bemerkung gerechtfertigt finden, daß ein Sommerabends über Feld gemachter Gang eine so robuste Konstitution, wie der Abenteurer sie besaß, kaum so aufzuregen imstande und daß demzufolge ein inneres Motiv seiner Erhitzung anzunehmen sei. Als er die erwähnte Wegscheide in einer Entfernung von einigen hundert Schritten vor sich sah, blieb er eine Weile stehen und trat dann in das Gebüsch am Wege, hinter welchem seine Gestalt ganz verschwand. Er kauerte sich im Busch auf den Boden nieder, bog die Zweige und Ranken des dichten Haselgesträuchs auseinander, steckte vorsichtig den Kopf heraus und spähte so den Weg hinab, welchen er gekommen. Auf diesem Wege erschien nicht lange darauf die Gestalt eines Mannes. Es war der Müller Veit. Sowie Twerenbold desselben ansichtig geworden, zog er seinen Kopf in das Versteck zurück. Der Müller kam langsam daher und tiftelte und grübelte nach seiner Gewohnheit im Gehen. »Ob ich mich auch wohl nicht übereilt habe?« dachte er. »Jetzt kann ich nicht mehr zurück – verdammt! – Es hätte sich da vielleicht das schönste aller Geschäfte machen lassen. Sie mußten mich zufriedenstellen, sie mußten. – Konnte ihnen ja eine Angst einjagen, die alles gewährt, alles! Selbst das übermütige Weib hätte sich vielleicht zu dem bequemt, was ich auf der Reise nach Starohrad zu erlangen hoffte. – Verflucht, daß diese Reise zu Wasser geworden und alle meine hübschen Pläne, alle, alle – selbst das infame Ermshölze dort ist nun hin, nicht einmal das krieg' ich jetzt. – Aber die Rache ist auch etwas! – Hört' oder las ich nicht einmal, sie sei eine Speise für Götter? – Alle trifft sie, alle zusammen, die verhaßten Menschen. Ja, Rache wenigstens werd' ich haben, Rache vollauf! – Ah, sie haben fein kalkuliert, aber den Müller Veit in ihrem Kalkül übersehen, und der macht ihnen nun einen dicken Strich durch die ganze Rechnung.« Ein derber Schlag auf seine Schulter unterbrach plötzlich dieses stille Selbstgespräch und machte den Müller erschrocken umschauen. Twerenbold stand vor ihm. Veits erste Regung beim Anblick des wie aus dem Boden gewachsenen Mannes war der Gedanke, mit einem Seitensprung ins Gebüsch zu springen, um zu fliehen. Allein seine spähenden Augen gaben ihm die beruhigende Versicherung, daß der Abenteurer doch wohl keine schlimme Absicht hege. In der Tat, Twerenbolds Physiognomie hatte gar nicht mehr den wilden und verstörten Ausdruck von vorhin. Sie war jetzt ganz und gar die eines jovialen Bummlers. »Guten Abend, Veit,« sagte er in kordialer Weise. »Kalkuliere, ist mir lieb, daß Ihr endlich kommt. Habe auf Euch gewartet, Mann.« »Auf mich gewartet?« versetzte der Müller mit zurückkehrender Ängstlichkeit. »Ei, ja doch! Was macht Ihr denn für ein wunderliches Gesicht, Mann? Habe auf Euch gewartet, ist ein Fakt. Fragte in der Mühle nach Euch, hörte, Ihr wäret nach der Stadt auf den Fruchtmarkt gegangen, kalkulierte, würdet beim Heimgehen den Fußweg der staubigen Straße vorziehen, und da hab' ich Euch nun richtig erwischt.« »Und was wollt Ihr von mir?« »Nur nicht so spritzig, Veit! Rechne, ist das 'ne schlechte Fashion, einem zu begegnen, wenn man kommt, Euch ein omnipotent genteeles Geschäft vorzuschlagen.« »Ein Geschäft?« »Ein Geschäft, kalkulier' ich, oder vielmehr zwei transszendental profitable Geschäfte.« »Ich bin ein Geschäftsmann, Meister Twerenbold, wie Ihr wißt. Laßt also hören.« »Aha, juckt Euch schon die Hand danach? Rechne, habt recht. Braucht nur zuzugreifen, und ein glorioser Vorteil fällt Euch auf den Teller.« »Hm, ich weiß, daß, wenn Ihr Geschäfte mit einem macht, Ihr vor allem Euch selbst nicht vergeßt.« »Ist das menschliche Art, ist es nicht? Kalkuliere, ist es. Wir sind Egoisten allzumal.« »Laßt die überflüssigen Redensarten, wenn ich bitten darf, und wenn Ihr mich wirklich in geschäftlicher Absicht angetreten, so kommt mit in die Mühle. Wir können dort bei einem Glase Wein weiter sprechen,« »Sehr verbunden, Meister Veit. Wenn ich Euch so gastfrei vom Weinvorsetzen sprechen höre, fange ich an zu glauben, daß Ihr am Ende noch ein ganzer Kerl werdet. Aber jedes Ding zu seiner Zeit. Rechne, daß ich mein Deputat an Wein für heute so ziemlich bereits zu mir genommen, den gehörigen Schlaftrunk natürlich ausgenommen, und kalkuliere, muß einer klare Augen im Kopfe haben, wenn er mit Euch Geschäfte verhandelt. Mag auch bei so 'ner Abendluft nicht in der Stube hocken. Wollen also, so 's Euch recht ist, zu der Bank am Wasserfall hinaufgehen. Dort stört uns um die Zeit niemand, und wenn wir übereingekommen, wenn wir, wie ich hoffe, übereinkommen können, so läßt sich dann noch vor Tagesschluß das Nötige in Eurem Hause zu Papier bringen.« Der Vorschlag, zum Donnerfall hinaufzugehen, machte den Müller wieder stutzig, allein Twerenbold sprach so ruhig und kordial zugleich, und dann handelte es sich ja um ein Geschäft oder gar um zwei und noch dazu um profitable. »Was ist denn das für 'ne Schrulle von Euch, Twerenbold,« sagte er, »zu dem dummen rauschenden Wasser hinaufzugehen?« »Mag 'ne Schrulle sein, Veit; tut aber nichts, rechne ich. Wißt wohl, daß man am besten mit mir fährt, wenn man für meine Schrullen ein Aug' zudrückt. Kommt also, mag nicht länger so mitten auf dem Wege dastehen. Möchte aber doch die Sache rasch zum Abschluß bringen. Bin, kalkulier' ich, ein bißchen pressiert, wißt Ihr?« »Pressiert? Wieso denn?« »Bah, hab' Euch schon vor etlichen Wochen im Steinbock drüben merken lassen, daß es mir schier allmächtig langweilig wird hierzulande. Ist das, kalkulier' ich, überhaupt kein Land mehr für mich. Langweile mich wie ein alter Mops, bei Jove! Möchte also wieder über den großen Bach, möchte ich nicht? Möchte, ist ein Fakt.« »Was geht das mich an?« »Was das Euch angeht? Kalkuliere, geht Euch etwas an, Mann. Ist das gerade mein Geschäft Nummer eins.« »Ich verstehe Euch nicht.« »Werdet mich sogleich verstehen. Wißt ja, daß ich im Besitz von 'ner anständigen Leibrente bin – wißt Ihr nicht?« »Warum soll ich das nicht wissen?« »Wohl, ließe sich, rechne ich, ein artliches Geschäft mit mir machen, wenn man mir diese Rente um eine runde Summe abkaufte. Seid Ihr der Mann dazu?« »Das käme auf die Umstände an,« versetzte der Müller, dessen Geiz Feuer fing und der jetzt ohne weitere Bedenklichkeit dem voranschreitenden Abenteurer folgte, welcher den Weg nach dem Wasserfall eingeschlagen hatte. »Natürlich kommt es auf die Umstände an,« sagte Twerenbold im Weitergehen. »Kalkuliere, hat jedes Geschäft seine Umstände. Sind aber meinerseits die Umstände die, daß ich baldmöglichst mit 'ner hübschen runden Summe in der Tasche dieser allmächtig schönen und allmächtig langweiligen Gegend den Rücken kehren möchte.« »Bares Geld ist dermalen rar, Meister Twerenbold.« »Bah, geht mir, Veit. Damit kriegt man mich nicht dran. Im übrigen sollt Ihr mich kulant finden.« »Bevor wir weiter sprechen und bevor ich mich diesen verdammten Geißensteig hinaufbemühe, sagt mir eins, Twerenbold. Vorausgesetzt, wir könnten das fragliche Geschäft mitsammen machen, wäre es dann möglich, dem darüber aufzusetzenden Dokumente noch heute die genehmigende Unterschrift des Junker Robert, will sagen des Herrn Rittmeisters, zu verschaffen? Er ist jetzt Graf und Herr zu Wippoltstein und der Ausbezahler Eurer Rente obendrein.« »Das nenne ich mal eine entente cordiale! « erwiderte Twerenbold lachend, indem er seine Stimme erhob, um das Brausen des Katarakts, welchem sie jetzt schon ganz nahe gekommen waren, zu übertönen. »Rechne, Euch pressiert's nicht minder als mir. Ja, ja, schöne Geister begegnen sich. Heute noch die Unterschrift des jungen Grafen beibringen, sagt Ihr? Warum denn gerade heute noch? Rechne, das ist auch nur 'ne Schrulle.« »Einerlei. Muß man Euren Schrullen nachgeben, so sehe ich nicht ein, warum ich nicht auch die meinigen haben dürfte.« »Da ist Spunk darin und Logik, Freund Veit. Hm, ja, wenn Ihr unsere Verhandlung durch schäbiges Knausern nicht zu sehr in die Länge zieht, ließe sich, kalkulier' ich, das Ding mit der gräflichen Unterschrift auch heute noch machen.« »Oh, das glaub' ich, Twerenbold. Ihr seid ja ganz intim mit dem jungen gnädigen Herrn.« »Intim? Das gerade nicht; er ist hochmütig wie Luzifer und obenhinaus, wie nur immer ein vom Glück verhätschelter Aristokrat es sein kann. Habe aber die Notion, wird mir der Graf die kleine Gefälligkeit mit der Unterschrift nicht abschlagen. Kann Euch, kalkulier' ich, das versprechen.« »Das läßt sich hören. Und nun – der verdammte Wasserfall! Man hört ja sein eigenes Wort nicht – ja, gebt mir Eure Verkaufsbedingungen an.« »Wartet gefälligst, bis wir droben sind auf der Donnerklippe. Ist, rechne ich, das Brausen da, wo wir jetzt sind, gerade am stärksten. Kommt da ein ganz wütender Schwall aus der nassen Hölle da zu unserer Rechten herauf.« Auf der Stelle angelangt, wo Thekla einst die Frage über den Selbstmord an Robert gerichtet, machte es sich Twerenbold auf der Bank bequem, zog eine Zigarre hervor und setzte sie in Brand. Veit, der jetzt überzeugt war, heute noch ein hübsches Geschäft zu machen, folgte seinem Beispiel, nahm ebenfalls Platz und zündete sich auch einen Glimmstengel an. »So,« sagte Twerenbold, »hier oben poltert der alte Kerl, der Donnerfall, weniger ungeheuerlich als da drunten, und da sitzen ja wir zwei alten Freunde ganz brüderlich beisammen. Kalkuliere, 's ist doch ein hübscher Ort, die Donnerklippe. Läßt sich, rechne ich, begreifen, daß unsere Vorfahren, wie der alte Frieding behauptet, hier ihrem Gotte Donar Opfer darbrachten – Menschenopfer, Freund Veit. Seht, da sollen sie von der Klippe in den schauerlichen Abgrund hinabgestürzt worden sein. Habe die Notion, mußten die armen Teufel zu Müll, zu Atomen zerschmettert sein, wann sie auf dem Boden des Kessels anlangten. Waren doch schnurrige Bursche, unsere Altvordern, die Herren Germanen – waren sie nicht? Was meint Ihr, Meister Veit?« »Wo haspelt Ihr hin, Twerenbold? Was geht mich das alte Lumpengesindel mit seinen Götzen an? Laßt uns vernünftig sprechen und von Geschäften.« »Wohl, sprechen wir von Geschäften. – Mein Geschäft Nummer eins habe ich Euch vorläufig eröffnet. Meinem Geschäft Nummer zwei muß ich eine Frage voranschicken.« »Was für eine Frage?« »Was haltet Ihr von dem allmächtig plötzlichen Tod unseres hochseligen Gönners und Freundes, des Grafen Nepomuk?« Diese Frage war ganz gleichmütig hingeworfen, und doch berührte sie den Müller höchst unangenehm. Er fing an, zu bereuen, mit Twerenbold zu der Donnerklippe heraufgestiegen zu sein. Indessen beschwichtigte er seine aufsteigende Unruhe ziemlich schnell und versetzte möglichst gleichgültig: »Was sollt' ich Besonderes davon halten? Der Graf war keiner von den Jüngsten mehr, und Nervenschläge lassen nicht mit sich spaßen.« Twerenbold ließ seine Falkenaugen spähend die ganze Umgebung der Klippe durchlaufen. Dann sagte er: »Ja, rechne, da habt Ihr recht. Schläge sind überhaupt 'ne inkonvenable Sache und, was das Schlimmste ist, sie kommen oft so unvorhergesehen.« So sprechend, nahm er mit der Linken die Zigarre aus dem Munde und lüftete mit der Rechten seinen Hut, als wollte er sich hinter dem Ohre kratzen. Aber plötzlich hob sich seine Hand höher empor, ballte sich zur Faust, und diese fuhr auf Veits Nacken herab mit einer Wucht, daß dem Müller der Atem abschnappte und er vornüber und von der Bank hinab zu Boden fiel. Im nächsten Augenblick kniete Twerenbold auf der Brust des Müllers, setzte den Daumen seiner Rechten an dessen Kehlkopf und zog ihm mit der Linken aus der Brusttasche ein Terzerol, welches er in den Wasserfall schleuderte. Sein Gesicht war abermals verwandelt. Es war nicht mehr das eines jovialen Bummlers, es glich dem einer wilden Bestie, die sich auf ihre Beute wirft. »Hab' ich dich, verräterischer Hund?« schrie er dem Müller in die Ohren, dessen Körper sich mit dem Schweiß der Todesangst bedeckte. So vollständig war die Überraschung, daß sinnverwirrender Schrecken dem Müller jeden Versuch der Gegenwehr verwehrt hätte, auch wenn die herkulische Kraft seines Angreifers nicht jeden Versuch dieser Art als eitel hätte erscheinen lassen. Twerenbold ließ die Kehle Veits los, daß dieser wieder etwas zu Atem kommen konnte, faßte mit der Linken die beiden Handgelenke des Müllers, preßte sie wie in einem Schraubstock, ergriff ihn dann mit der Rechten bei der Brust, schwang ihn federleicht empor, trat so hart an den Abgrund und hielt mit seinen eisernen Armen den Entsetzten über die brüllende Tiefe in die Luft hinaus. »Willst du beichten, alles beichten, oder da hinab?« brüllte der furchtbare Mensch dem halbentseelten Schurken zu. »Ich will – ich will – alles –« keuchte dieser. Twerenbold trat zurück, warf den Müller zu Boden und setzte ihm abermals das Knie auf die Brust. »Höre, Veit, du kennst mich,« sagte Twerenbold. »Wähne nicht, daß ich mich von dir übergaunern lasse. Beim geringsten Versuch, den du dazu machst, stirbst du. Alle Götter, an welche je die Menschen geglaubt, sollen dich nicht aus meiner Hand retten, wenn deine Beichte nicht eine vollständige ist.« »Ich will, ich will,« winselte der Elende, dem noch immer der tödlich kalte Hauch, womit ihn soeben der Katarakt angeweht hatte, auf der Stirne lag. »Still!« nahm Twerenbold wieder das Wort. »Merke Wohl auf und nimm dir ein Exempel an meiner Aufrichtigkeit. – Ich beobachtete gestern beim Leichenbegängnis des Grafen deine Miene. Ich sah, daß es dir übel behagte, so unerwartet schnell um einen so freigebigen Gönner gekommen zu sein. Ich sah aber auch, daß du, als der Doktor mit dem Pfarrer von Lerchenau, welcher die Exequien hielt, von dem Nervenschlage sprach, an welchem der Graf gestorben, mit einer ganz eigentümlichen Gebärde die Achseln zucktest. Ich wußte nun, daß du dir über die Sache eine eigene Meinung gebildet hättest, und ich mutmaßte, daß du heute zur Stadt gehen würdest, um dort zu' tun, was du tatest; ja, ich mutmaßte es, denn ich kenne dich. – Still, laß mich ausreden! – Ich hatte Gründe, zu wünschen, du möchtest heute nicht in die Stadt gehen, auch morgen oder übermorgen nicht, und lauerte dir daher in aller Frühe drunten an der Brücke auf. Aber der Satan, dem du immer ein auserwähltes Werkzeug gewesen, mußte dir eingeben, statt zu reiten oder zu fahren, zu Fuß und daher den Fußweg zu gehen. Als ich das auf meine Nachfrage in der Mühle erfuhr, eilte ich dir in die Stadt nach. Ich spähte dich aus und sah dich aufs Kriminalamt gehen, wo du drei volle Stunden verweiltest. Ich sah auch, von einer gegenüberliegenden Kneipe aus, das grinsende Lächeln auf deinem Gesicht, als du herauskamst. Nun wußt' ich, welche Stunde die Glocke geschlagen. – So, jetzt rede! Hier bin ich und dort ist die nasse Hölle. Nichts rettet dich von ihr, wenn du auch nur die kleinste Lüge vorzubringen wagst. Ich muß alles wissen, alles!« Veit vermochte kaum zu sprechen. Der Todesschrecken war ihm in alle Glieder gefahren und lähmte seine Denk- und Sprachorgane. Eine gräßliche Ahnung flüsterte ihm zu, daß alles umsonst und er den Krallen seines Feindes so oder so nicht entgehen werde. Aber doch dämmerte hinter diesem Schrecklichen ein schwacher Hoffnungsschimmer, daß er durch ein offenes Bekenntnis sein Leben würde erkaufen können. Seine Feigheit griff danach, wie der Ertrinkende nach einem Strohhalm greift. »Nun, wird's bald? Sprich!« herrschte ihm Twerenbold ungeduldig zu. Veits Stimme kam keuchend, fast pfeifend aus der gepreßten Brust: »Ich – ich glaubte nicht an den – Nervenschlag.« »Sondern?« »An einen – Mord.« »An einen Mord?« »Ja« »An dem Grafen begangen?« »Ja.« »Von wem?« »Von – von der – Gräfin.« »Von ihr allein?« »Und von dem jungen Herrn.« »Und weiter?« »Von der Lore.« »Und?« »Von – Euch.« »Da hätten wir beinahe ein Halbdutzend Mörder. Eine hübsche Anzahl, um einen alten Gecken aus der Welt zu schaffen. Weiter!« »Ich hing meinem gnädigen Herrn an –« »Bah, du schröpftest ihn nach Gefallen, das war die ganze Anhänglichkeit. Keine Lüge, nicht einmal eine gleichgültige, hörst du? – Du wolltest dich rächen, nicht?« »Ja.« »Wofür?« »Für mancherlei.« »Dafür, daß man dich als den Hund behandelte, der du bist, nicht wahr?« »Ich wollte mich rächen.« »Und zu diesem Zwecke gingst du vor Gericht und legtest daselbst eine Denunziation nieder?« »Ja.« »Worauf lautete sie?« »Auf Vergiftung.« »Worauf stütztest du deine Mutmaßung?« »Es war Überzeugung.« »Überzeugung? Gleichviel, was verschaffte dir diese Überzeugung?« »Die Art und Weise, wie der Graf gestorben.« »Bah! Das müßte schon ein sehr geschickter Arzt gewesen sein, der daraus eine solche Überzeugung hätte schöpfen können. – Du hattest noch andere Gründe für deinen Verdacht.« »Ja, ich hatte.« »Welche?« »Am Abend vor der Nacht, in welcher der Graf starb, wollte ich in meinem Boote den See hinauf zum Schlosse fahren, weil ich dem gnädigen Herrn etwas Notwendiges zu sagen hatte. Das Wasser war unruhig, und es regnete. Trotzdem sah ich die Gräfin in ihrer Gondel allein über den See rudern. Das verwunderte mich, und als ich die Gräfin auf die Einsiedelei zuhalten sah, da dacht' ich, es müßte etwas um die Wege sein. Ich tat also, wie wenn ich den Kahn wendete und nach der Mühle zurückführe, trieb aber mein Boot allmählich dem linken Seeufer zu, etwas unterhalb der Einsiedelei. Die Gräfin schien mich übrigens gar nicht zu bemerken, sondern hielt den Blick unverwandt der Einsiedelei zu gerichtet. Dort landete sie und ging hinein. Ich fand mit Mühe eine Stelle, wo ich der abschüssigen Felsen wegen anlanden und mein Boot halb ans Ufer ziehen konnte. Dann schlich ich mich am Gestade hinauf, das heißt, ich überkletterte die Felsen, bis ich zu dem Pfad kam, der von der Mühle zur Einsiedelei hinaufführt, und auf diesem ging ich weiter.« »Und dann?« »Dann späht' ich, an Ort und Stelle gekommen, um das Häuschen her.« »Und bemerktest?« »Anfangs gar nichts, denn ich konnte mich nicht wohl an die Fenster hintrauen. Wie ich aber so lauerte, kamen die Gräfin und die Lore heraus und gingen mitsammen in die Kapelle. Ich schlich um dieselbe herum und schob mich mit Hilfe eines daliegenden Holzklotzes zu einem Fenster empor, so daß ich ins Innere hineinsehen konnte.« »Und was hast du da gesehen?« »Die Lore hob mit einem Stemmeisen eine der Steinplatten des Fußbodens auf und nahm aus einer Höhlung darunter ein kleines eisernes Kistchen. Das öffnete sie und langte daraus zwei winzig kleine Flakons, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt zu sein schienen. Sie betrachtete die Fläschchen genau und legte das eine wieder in das Kistchen, machte dasselbe zu und verbarg es wieder unter der Steinplatte.« »Und das andere?« »Das andere gab sie der Gräfin.« »Und dann?« »Dann gingen sie aus der Kapelle und wieder in das Häuschen, wo sie viel miteinander zu reden haben mußten, denn es währte eine gute Weile, bis die Gräfin herauskam, um in ihre Barke zu treten und heimwärts zu rudern.« »Das also war der große Verdachtsgrund?« »Ja.« »Und warum, wenn dir die Sache verdächtig vorkam, hast du den Grafen nicht gewarnt?« »Ich wollte es tun. Ich eilte, in mein Boot zu kommen, und ging dann von der Mühle aus spornstreichs nach dem Schloß und verlangte den Grafen zu sprechen; aber ich konnte nicht vorkommen und wurde auf den andern Tag beschieden, denn er hatte sich mit seinem Sohne eingeschlossen und wollte schlechterdings nicht gestört sein.« »Und das, was du in der Einsiedelei gesehen, machte den Inhalt deiner Deposition bei Gericht aus?« »Ich hatte noch ein Indizium.« »Was für eins?« »Einer von der Schloßdienerschaft hatte mir gestern mitgeteilt, daß er kurz zuvor, ehe die Unterredung des Grasen mit seinem Sohne zu Ende, ging, eine weibliche Gestalt, in welcher er mit Bestimmtheit die Gräfin erkannt haben will, über den Korridor schlüpfen sah, der zwischen der Zimmerreihe, in welcher des Grafen Schlafgemach liegt, und der westlichen Flügeltüre des Ahnensaals sich hinzieht. Die Gestalt schien aus dem Eingang zum ersteren oder zu einem Nebengemach zu kommen und verschwand in der Türe des Saals.« »Wer ist der Kerl, von dem du das erfahren?« »Der alte Tafeldecker Wilms.« »Er war dein Mitspion?« »Er half mir die Befehle des gnädigen Herrn vollziehen.« »Du schlossest aber auch den jungen Grafen in deine Anklage ein. Warum?« »Ihr kennt ja wohl sein Verhältnis zur Gräfin.« »Und die Lore?« »Von ihr kam das Gift.« »Aber warum mich?« »Ich wußte, daß Ihr die Lore Eure chemischen Künste gelehrt hattet.« »So, so! Mit andern Worten heißt das, du wolltest uns alle mit einem Schlage treffen, und die Rechnung, kalkulier' ich, war wirklich nicht übel gestellt. – Aber jetzt noch eins. Wie wurde deine Denunziation aufgenommen?« »Anfangs mit Zweifel und Mißtrauen.« »Und dann?« »Dann glaubte man mir.« »Und warum ist das Gericht nicht auf der Stelle eingeschritten?« »Es wäre vielleicht schon hier, aber es wollte den Doktor Hassig mitbringen, und der wird erst heute abend von einem Ausflüge zurückerwartet.« »Den Hassig, den berühmten Chemiker?« »Ich denke wohl.« »Der soll gewiß die Obduktion des Leichnams vornehmen?« »Wahrscheinlich.« »Man legte dir natürlich strengstes Stillschweigen auf?« »Freilich.« »Und du, hast du nicht noch einen Umstand angegeben?« »Nur das noch, daß ich sagte, es wären Anzeichen vorhanden, die von seiten des jungen gnädigen Herrn und der Gräfin auf die Absicht, zu fliehen, hindeuteten.« »Was sagte man dazu?« »Man nahm Notiz davon und hat, glaub' ich, sogleich die nötigen Vorkehrungen getroffen.« »So, so! Hm, du bist ja allerliebst umsichtig gewesen, rechne ich, mein guter alter Freund.« Die Fragen Twerenbolds hatten jetzt aufgehört. Die ruhige Manier, womit sein Feind zuletzt das Verhör geführt, hatte den Müller in seiner Hoffnung auf Rettung bestärkt, und es schien ihm nun geraten, seinerseits noch weitere Hebel in Bewegung zu setzen. »Lieber Twerenbold, habt doch ein Einsehen und nehmt jetzt Euer Knie von meiner Brust weg; Ihr zerquetscht mir sie ja. Ich will Euch auch alles zuliebe tun, was ich kann. Wollt Ihr das Geschäft, das Ihr mir vorhin vorgeschlagen, abschließen, so sollt Ihr finden, daß ich keineswegs der schäbige Knauser bin, für welchen Ihr mich zu halten scheint, und das Geld sollt Ihr auf der Stelle haben, das bare blanke Gelb. Was sodann die Untersuchung von wegen der Mordgeschichte betrifft, so läßt sich für Euch die Sache wohl zum Guten wenden. Bedenkt, auf mein Zeugnis kommt viel, sozusagen alles an, und da kann ich ja meine Angabe, sofern sie Euch betrifft, möglichst mildern oder gar völlig zurücknehmen. Ja, das will ich tun, ich schwör' es. – Oder wißt Ihr was? Wenn es Euch überhaupt unbequem sein sollte, mit den Gerichtsleuten zu tun zu haben, so sagt nur ein Wort. Ich will Euch drunten in meiner Mühle ein Versteck anweisen, ein ganz behagliches Versteck, wo Euch der schlaueste Kerl von Häscher nicht finden soll. Dort bleibt Ihr, bis der ganze Lärm vorüber, und dann könnt Ihr ja, weil Ihr Euch hierzulande doch langweilt, wieder nach Amerika gehen. An Reisegeld soll's Euch nicht fehlen, auch wenn, was ich bedauern würde, unser Handel mit der Leibrente nicht zustande käme. – Was meint Ihr? Wollt Ihr? Ich biete Euch jede Garantie.« »Veit,« lautete die Antwort Twerenbolds, »siehst du die ungeheure Felswand da droben, von welcher der Donnerbach den ersten seiner drei Satze herabmacht?« »Was soll's mit der Wand?« »Nur dieses, daß, so wenig die soeben untergegangene Sonne jenen Felsen schmelzen konnte, so wenig ihn die morgen aufgehende Sonne schmelzen wird, du ebensowenig von dem mich abbringen kannst, was ich tun will und werde. Ich ließ dich nur plappern, weil man solche kleine Gefälligkeiten einem Sterbenden nicht versagen soll.« »Einem Sterbenden?« »Einem Sterbenden, du sagst es.« »Ihr treibt einen gräßlichen Scherz! Laßt das, meine Nerven ertragen das nicht länger. Ihr habt mir mein Leben zugesichert, wenn ich beichten würde.« »Und wenn ich's getan, was weiter? Du hartgesottenster aller Sünder, die mir je vorgekommen, abgefeimtester aller Spitzbuben, machte deine jämmerliche Feigheit dich wirklich so dumm, zu glauben, der verratene Twerenbold würde dich seinen Händen entrinnen lassen? Still! Kein Wort mehr, du hast ausgesprochen, bis du dem Satan deine infame Laufbahn erzählen gehst. Du hast gebeichtet, ja – wohlan, ich werde dich absolvieren in meiner Art. Doch zuvor höre. Du bist sozusagen der böse Dämon meines Lebens gewesen. Du hast die dreimal verfluchte Liebschaft zwischen deinem zur Hölle gefahrenen Herrn und der Lore angezettelt oder wenigstens mit allen Mitteln gefördert. Erinnerst du dich jener Wippoltsteiner Kirmes, wo du den Hund von Jägerburschen angestiftet, mich zum Gegenstand eines infamen Kiltgangspaßes zu machen? Still, keine Silbe! – Du hast mich zum Werkzeug des unerhörten Verbrechens deines Grafen gemacht, hast mein Leben vergiftet, hast die Lore und mich zugrunde gerichtet. Und nicht genug damit! Du hast in deiner tölpischen Bosheit auch die Pläne durchkreuzt, die ich mit Robert und der Gräfin hatte, Pläne, die mir liebgeworden, die mir für den Rest meines Lebens Beschäftigung und die nötige Emotion verschaffen sollten. Endlich bist du hingegangen, mich in ein Vergiftungskomplott hineinzulügen, in der bestimmten Erwartung und Hoffnung, du würdest das Vergnügen haben, mich auf dem Schafott oder wenigstens im Zuchthaus zu sehen. – Für das alles nehme ich meine Rache. – Oh, ich weiß recht gut, die Moral der ganzen Weltgeschichte ist die, daß gerade die größten Schurken immer frei ausgehen. Aber ich will in unserem Fall wenigstens dieser Moral mal ein Schnippchen schlagen. – Du stirbst, bevor fünf Minuten um sind! Ich bringe dich dem alten Donar zum Opfer.« Veit erkannte den furchtbaren Ernst dieser Worte und seiner Situation. Ein häßliches Bleigrau ergoß sich über sein vom Todesschweiß perlendes Gesicht. Man erzählt von einem Fuchs, der, im Hochgebirg von einem Lämmergeier gepackt und in die Luft geführt, sachte seine Schnauze freizumachen wußte und seinem Feinde plötzlich die Kehle durchbiß, daß er ihn fahren lassen mußte. Ähnliches gelang jetzt auch dem Müller Veit, wenn auch nicht in dem Grade. Während Twerenbold sprach, hatte er die Handgelenke des Müllers allmählich weniger fest gepreßt, weil er, seiner Kraft bewußt, kaum für nötig hielt, besonders auf seiner Hut zu sein. Der Müller, in all dem Wahnsinn seiner Angst, erspähte seinen Vorteil, zog plötzlich seine Rechte aus der Linken des Abenteurers und versetzte diesem unversehens mit aller Macht einen Stoß in die Magenhöhle. Der Stoß war gut geführt. Twerenbold fuhr zurück und taumelte empor. Im nämlichen Augenblick stand Veit auf seinen Füßen und hob sie zur Flucht. Aber im nächsten Moment hatte ihn sein schnellgefaßter Feind schon wieder ergriffen, und jetzt begann auf der Donnerklippe, nur wenige Fußbreiten von dem schrecklichen Abgrund entfernt, ein Ringen um Leben und Tod. Nichts, hat man mit Recht gesagt, nichts vielleicht ist furchtbarer als der wütende Streit der tierischen Kraft, die keine anderen Waffen hat als die, welche die Natur der Wut verleiht. Es war entsetzlich anzusehen; wie die beiden Männer miteinander rangen, wie sie, einander umfassend, einer dem andern die Hand um die Kehle zu legen suchten, die blutunterlaufenen Gesichter zurückgebogen, die Augen wutfunkelnd, die Lippen offen, zwischen den zusammengebissenen Zähnen Gekeuch und Flüche hervorstoßend; wie sie umeinander sich herwanden und krümmten, auf dem beschränkten Terrain sich stießen und drängten, daß es mehrmals den Anschein hatte, sie würden beide zugleich in den donnernden Schlund stürzen. Die Verzweiflung hatte dem Müller eine Stärke verliehen, welche der natürlichen seines Gegners für einige Augenblicke gleichkam. Aber auch nur für einige Augenblicke. Veit fühlte, daß seine Muskeln dem eisernen Drucke Twerenbolds nachgaben. Mit einem plötzlichen Ruck entraffte er sich dem Feind, und sein Blick glitt gedankenschnell auf den Pfad, den einzigen, der von der Donnerklippe wegführte. Aber gerade von dieser Seite stürzte Twerenbold schon wieder auf ihn los. Da, außer sich, sinnlos, taumelnd, wagte der Elende das Ungeheuere. Dem Griffe Twerenbolds entwischend, sprang er bis zu der Bank zurück, dann vorwärts, um mit einem rasenden Satz über den Abgrund wegzuspringen. Einen Augenblick zeichnete sich seine Gestalt auf dem schaumweißen Wassersturz ab, dann verschwand sie. Ein entsetzlich gellender Schrei schnitt durch den Donner des Katarakts herauf. Dann rollte dieser Donner fort, wie er rollen wird bis ans Ende der Zeiten. Twerenbold wischte sich den Schweiß von der Stirne. Dann schlug er ein wildes Gelächter auf und sagte: »Der alte Donar hat sein Opfer, kalkulier' ich. Ja,« fuhr er fort, »der ist besorgt und aufgehoben, ebensogut als jener Spion und Denunziant in Schillers Ballade vom treuen Fridolin. Aber leider kann ich das Zitat nicht zu Ende führen und sagen: Der Graf wird seinen Diener loben. – Der Tod des Schurken ändert nichts, gar nichts; er macht im Gegenteil die häßliche Geschichte noch verwickelter. Das ist gerade so ein rechtes Fressen für Dame Justitia. – Achatius Twerenbold, wollen wir offen gegeneinander sein, so muß ich dir sagen: die Posse ist ausgespielt; wir haben, kalkulier' ich, nur noch den Vorhang herabzulassen. – Quer das, sehr quer! Ja, wenn die verfluchte Erfindung da nicht wäre, die elektrischen Telegraphen, da ließe sich wohl noch ein passables Nachspiel herauskalkulieren. So aber geht's nicht. – Der Hassig ist auch nicht der Mann, welcher sich eine Nase drehen läßt. Verdammt! Warum hat die Lore zu dem langsamen und qualvollen Blitze gegriffen, statt zu dem plötzlichen, schmerzlosen und spurlosen? Hätte ihr auch dieser genügen können, rechne ich. Oh, Weiber! Weiber! Ich fange am Ende noch zu glauben an, daß das alte Buch mit seiner Geschichte von der lüsternen Eva doch nicht so ganz auf dem Holzweg ist. – Aber das ist nun alles völlig gleichgültig, völlig. – Hm, die alten Poeten mochten doch wohl Grund haben, von der Nemesis zu fabulieren; 's ist was dran, kalkulier' ich. – War' ich nun so ein infamer Kerl, wie der Veit vor einigen Minuten noch einer war, so könnt' ich mich mit der Vorstellung kitzeln, daß es hübsch sein müßte, den Letzten des Hauses Wippoltstein mit seiner schönen, stolzen Dame aufs Schafott wandern zu sehen. Aber nichts da! Der Junge ist im Grunde ein wackerer Bursch und sie ist ein ganzes Weib. Sie sollen wenigstens die Wahl haben zwischen zweierlei. Können dann wählen, was ihnen besser gefällt.« Unter diesem Selbstgespräche war Twerenbold von der Klippe herabgestiegen und verfolgte den Lauf des Donnerbachs bis zu dessen Mündung im See. Dort schlug er mit einem Stein die Kette los, welche das Boot des Müllers am Haltblock befestigte, machte das Fahrzeug flott und wandte den Bug desselben dem Schlosse zu. 24. »Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu«. Die Liebenden hatten nach einem langen Spaziergang im Park von der Höhe des alten Wartturmes herab dem Sonnenuntergang zugesehen. Sie hatten Abschied genommen von der Heimat. Robert hielt unwandelbar an dem Gedanken fest, in einer andern Zone ein ganz neues Leben zu beginnen. Das reiche Erbe, welches ihm zugefallen, erregte in ihm nur das Gefühl des Abscheus. Geschändet, wie es in seinen Augen war, wollte er sich auch nicht eine Fingerspitze damit besudeln. Da er wußte, wie sehr Thekla diese Berge und Täler liebte, hatte er die Besorgnis gehegt, sie würde so, wie die Sachen jetzt standen, vielleicht lieber bleiben wollen als auswandern. Allein diese Befürchtung war unbegründet. Im Gegenteile, Thekla trieb jetzt mehr zur Abreise, als daß sie dieselbe hätte verzögern wollen. Ihr kam oft vor, als ob ihr der Boden unter den Füßen brenne. Im übrigen gab sie sich gefaßt, klar und sicher wie immer, und widmete dem Geliebten eine ruhige Zärtlichkeit. Von dem Grafen war seit der schrecklichen Nacht nie auch nur mit einer Silbe zwischen ihnen die Rede gewesen. Er war für sie wie verschollen. Heute war ein Brief vom alten Andres eingelaufen. Morgen wollten sie unwiderruflich fort. »Wann morgen die Sonne untergeht, Geliebte,« hatte Robert beim Herabsteigen von dem Turm gesagt, »dann sind wir frei und los von allen verhaßten Banden und dürfen volle, ganze Menschen sein. Mir ist oft,« fuhr er fort, »als ob du mir mein ganzes Herz in der Brust gewendet, du liebe Bekehrerin, als ob ich jetzt erst zu leben, zu fühlen und zu denken ansinge.« Als sie in der Dämmerung das Schloß erreichten, wurden sie am Tore von Twerenbold erwartet, der sich von Robert eine kurze Unterredung erbat. Es wollte Thekla bedünken, sie hätte den Abenteurer noch nie so ernst gesehen wie jetzt. Sie ging hinauf in ihr Turmgemach, um Robert zu erwarten. Er kam lange nicht. Die Minuten des Wartens dehnten sich zu einer Stunde, zu einer zweiten sogar. Thekla fühlte sich von einer unerklärlichen Bangigkeit befallen. Sie stieß die Balkontüre auf. Es half nichts. Sie trat auf den Steg hinaus, um die vom See kommende Frische einzuatmen. Da sah sie im dämmernden Mondlicht ein Boot vom Schloßgarten abstoßen und in das Wasser hinausfahren und erkannte in dem Ruderer den Abenteurer. »Endlich,« sagte sie aufatmend, »ist diese unendliche Unterredung zu Ende!« Sie ging ins Zimmer zurück, aber Robert wollte noch immer nicht erscheinen. Gertrud und Berdoa kamen, um zu fragen, ob die Gebieterin keine Befehle mehr zu erteilen hätte, und zogen sich auf die verneinende Antwort zurück. Nun ward es still im Schlosse, ganz still. Thekla hatte sich in ihren Lehnsessel am Büchertisch geworfen und öffnete mechanisch eins der dort aufgehäuften Bücher nach dem andern, aber die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. Sie fühlte eine brennende Unrast und Sehnsucht nach Robert. Endlich erscholl sein Tritt im Vorzimmer, und sie stand auf, ihn zu empfangen. Er trat ein und kam langsam aus sie zu. Sein Gesicht war sehr blaß, so blaß wie damals, als er nach der Begegnung mit Twerenbold im Hohlweg am Schwadriforst beim Eingang in den Park mit Thekla zusammentraf. »Um des Himmels willen, Robert,« rief sie aus, »was ist dir? Oh, ich ahnte es, daß das Kommen dieses Menschen Übles bedeute. Stets kommt das Unheil mit ihm.« »Thekla, danke ihm, danke ihm feurig! Er hat uns zum zweitenmal gerettet.« »Wie?« »Wie früher droben im Glurital von der Runs, so jetzt vom – Schafott.« »Oh!« »Wir sind des Mordes angeklagt, Thekla. Die Anzeichen sind gegen uns. Zur Flucht ist es zu spät. Morgen in der Frühe werden die Gerichtsboten hier sein.« Sie schrie nicht, fragte nicht, zitterte nicht, sie schien zur Bildsäule erstarrt. Nur das Auge lebte an ihr und suchte in Todesangst das Auge Roberts. Er kam ganz nahe an sie heran, und sein Blick tat eine schreckliche Frage. Ihr Auge gab eine furchtbare Antwort, ein Ja, das ihn einen Schritt zurückbeben machte. »Oh, Robert!« Der Ton traf. Es traf auch der Blick, der jetzt so flehend, so glühend, so magisch allmächtig aus ihren wundervollen Augen brach, unwiderstehlich, berauschend, zum Wahnsinn treibend. »Sei, wer du seiest,« rief er aus, die Arme ihr entgegenbreitend und sie an seine Brust reißend, »ich liebe dich und bete dich an! Und wärest du die Inkarnation der Sünde, wärest du Lokusta und Agrippina – wir leben und sterben zusammen!« Noch lag die Morgendämmerung stumm und feierlich auf See und Gebirg, da öffnete sich die Balkontüre des Turmzimmers, und Hand in Hand traten die Liebenden auf den Steg heraus. Sie schritten in den Pavillon hinein, und dort hielten sie sich noch lange umfaßt. Dann sprang Robert auf die Brustwehr und reichte der Geliebten die Hand herab. Sie schwang sich hinauf an seine Seite. Noch ein Blick auf das schöne Land ringsum, dann umschlangen sie sich krampfhaft fest, preßten Mund auf Mund und ließen sich langsam hinabgleiten in die stille Tiefe. Ein Schlag auf dem Wasser, ein Wallen und Wogen der zerteilten Flut – dann verzitterten mählich die Kreise des für einige Augenblicke zerbrochenen Seespiegels, und auf die wieder geglättete Fläche fiel der erste Strahl der aufgehenden Sonne, als wäre nichts geschehen. Wenige Stunden darauf war das Schloß der Schauplatz des Schreckens und der Verwirrung. Das Gerichtspersonal war angekommen. Auf dem Büchertisch im Turmgemach fand man ein offenes Blatt, worin die Liebenden erklärten, daß sie dem Unvermeidlichen freiwillig sich unterzogen hätten. Sonst kein Wort. Die Gerichtsboten fuhren nach der Einsiedelei hinüber. Als sie eintraten, sahen sie die Lore und Twerenbold mit auf den Tisch gesunkenen Köpfen sich gegenübersitzen, als schliefen sie. Sie waren aber tot. Zwischen ihnen stand eine leere Weinflasche mit zwei Gläsern, auf dem Boden lag eine kleine leere Phiole. Der Strohkranz zwischen den Fenstern an der Wand war verschwunden, aber auf einer Ecke des Tisches lag ein Häufchen Asche. Die Lore hatte dem Gott der Rache ihr Brandopfer gebracht. Im Laufe des Vormittags fand ein Mühlknappe am Rande des Donnerfallkessels den Leichnam seines Herrn. Er war so zermalmt und zerstampft, daß er nur noch an den Fetzen seiner Kleider erkannt werden konnte. Am Tage darauf fand man die Leichen der Liebenden im See. Sie hielten sich noch im Tode umfaßt. Man mußte sie mit Gewalt voneinander losmachen und war grausam genug, es zu tun. Wenige Tage nach all diesen Schrecknissen kehrte der alte Pfarrer in das Dorf zurück. Er hatte schon auf der Reise das Furchtbare erfahren. Sein Entsetzen, sein Kummer braucht nicht weiter ausgemalt zu werden. Er glaubte es nicht überstehen zu können. Nur mit Mühe brachte er es über sich, das verödete Schloß zu besuchen. Jeder Schritt, den er in diesen Räumen tat, drückte den Stachel des Schmerzes tiefer in seine Brust. Er hatte Robert und Thekla wie seine Kinder geliebt, und nun dieses an ihnen erleben zu müssen, so sie zu verlieren! Es brach ihm das Herz. Er trat zuletzt hinaus in den Pavillon auf dem Wippostein und sah lange und unbeweglich auf die Tiefe nieder, welche soviel Kraft und Schönheit, Stolz und Glut, Qual und Entzücken, Leidenschaft und Frevel verschlungen hatte. »Oh, Menschen, Menschen,« flüsterte er, »weckt die Dämonen nicht, welche in eurer Brust schlummern! Sie harren nur des Rufes, um furchtbar zu erwachen. Sie reißen euch fort in die Finsternisse, und dröhnenden Schrittes folgt ihnen die Nemesis, die unerbittliche Vergelterin, sie, die Wählerin und Rächerin des ewigen Sittengesetzes. – Zweimal ist dieser Fels der Schauplatz von Entsetzlichem gewesen, und der alte Fluch ist nun schrecklich erfüllt.« Schwere Tränen rollten aus den Augen des Greises in die Tiefe hinab und mit ihnen die Schlußworte der alten Volksballade, die ihm unwillkürlich in den Mund kamen: »Einen Fluch auf das stolze Grafenhaus: In Schrecken und Schmach sollt' es löschen aus – Doch die Wasser, ja die Wasser decken vieles zu.« Wenn man, soweit es annäherungsweise möglich ist, die Summe von Wut, Schmerz, Leiden und Übeln jeder Art sich vorstellt, welche die Sonne in ihrem Laufe bescheint, so wird man einräumen, daß es viel besser wäre, wenn sie auf der Erde so wenig wie auf dem Monde hätte das Phänomen des Lebens hervorrufen können, sondern, wie auf diesem, so auch auf jener die Oberfläche sich noch im kristallinischen Zustande befände. Man kann auch unser Leben auffassen als eine unnützerweise störende Episode in der seligen Ruhe des Nichts. Jedenfalls wird selbst der, dem es darin erträglich ergangen, je länger er lebt, desto deutlicher inne, daß es im ganzen a disappointment, nay, a cheat ist, oder, deutsch zu reden, den Charakter einer großen Mystifikation, um nicht zu sagen einer Prellerei, trägt. Arthur Schopenhauer.