Friedrich Lienhard Die heilige Elisabeth Trauerspiel in fünf Aufzügen Vierte Auflage Stuttgart 1918 Druck und Verlag von Greiner \& Pfeiffer A. g. XIII.   Wartburg. Dramatische Dichtung in drei Teilen Die dramatische Dichtung »Wartburg« besteht aus den drei Bühnenstücken: »Heinrich von Ofterdingen« »Die heilige Elisabeth« »Luther auf der Wartburg«. Bühnen-Aufführungsrecht durch den Verband deutscher Bühnenschriftsteller Berlin W. 30, Motzstraße 85. Personen Ludwig IV., Landgraf von Thüringen Elisabeth, seine Gemahlin Heinrich Raspe, Ludwigs Bruder Sofie Ludwigs Mutter, Witwe des Landgrafen Hermann Jutta Eisentrud Elisabeths Kammerfrauen Rudolf von Vargila   Walther von der Vogelweide   Pater Konrad von Marburg   Bischof Egbert von Bamberg   Ruprecht Hellegreve, ein Köhler Margret, sein Weib Ein Mönch (Gärtner) Erster Zweiter Kreuzritter Erster Zweiter Bürger von Eisenach Erster Zweiter Dritter Köhler Erster Zweiter Dritter Bettler Ein Aussätziger   Ein Knabe   Ritter, Frauen, Knechte; Bettler jedes Altere und Geschlechtes; Elisabeths drei Kinder; Prior; Laienbruder; eine alte Nonne.   Zeit: Um 1227.   Ort: Wartburg, Bamberg, Marburg. Erstaufführung am 21. Oktober 1905 im Hoftheater zu Weimar. Erster Aufzug Erste Szene Waldgrund in Thüringen in der Nähe von Ruhla. Unter Buchen eine zerfallende Köhlerhütte. Unweit davon ein kleines Grab. Wolkige Abendstimmung. Vor der Hütte sitzt, den struppigen Kopf auf die Knie gebeugt, in vernachlässigter Kleidung, dumpf brütend, Ruprecht . In der Hütte hört man Margret schelten. Margret (in der Hütte) So'n Feigling! Pfuhl ist deine Hütte! Hockt da Wie'n Molch im feuchten Waldlaub! Pfui, du Feigling! (Tritt heraus, Tuch um den Kopf, Bündel in der Hand) Prahlst gar, du hängst am Wald? Schau' doch den Wald an: Die Buchen strecken ihren Kopf ins Licht! Die Stämme stehn gepanzert! Aber du? Ei wohl, du liebst den Wald: du säufst ihn ein In Blaubeerwein und in Wacholderschnaps! (Mit raschem Ruck gen Himmel blickend, sich bekreuzigend, plötzlich in anderem Ton) Heilig! Nur heilig! O mein Herrgott, heilig! Ruprecht (ein starker Mann, in Vollbart, hebt den Kopf) So bitt' ich dich um Christi Blut, bleib bei mir! Du bist mein Weib, auch wenn ich unwert bin, Du darfst nicht von mir laufen, Gott erlaubt's nicht, 's ist Sünde, Margret – Margret (hart) – wenn ich bleibe, ja! Denn du bist schlecht, bist gottlos! Darum ist uns Dies Kind gestorben! Darum geh' ich fort! Ruprecht Dem Reuigen vergibt der gute Gott! Ich schwör's, ich besser' mich! Margret Dem Reuigen? Dich beißt jetzt Angst und Scham! Das ist's! Doch Reue? Die Nachbarn fürchtest du, nicht Gott! Sie sagen: »Seht doch den Bösewicht, den Trunkenbold, Dem lief die brave Frau fort – und warum? Weil er sie schlug, wenn er im Rausch war!« Ruprecht Margret, Der Satan sitzt im Wein! Dich schlug der Satan! Margret (höhnisch) Versteckst dich hinterm Satan? Tapfer, tapfer! Ruprecht (aufbrausend) Ich bin nicht feig! Margret Die Nachbarn werden sagen: »Der ließ sein Weib und Kindlein hungern!« Du, Ja, du! Dein Kind liegt tot – durch dich! Ruprecht Durch mich? Margret Dort ist sein frisches Grab, dort tue Buße! Ich aber geh' als Dienstmagd auf die Wartburg Und diene Gott und Frau Elisabeth! Zwei Nachbarn , Köhler, kommen herangeschlendert. Margret (zu den Nachbarn) Da hockt er! Flennt! Ihr kennt ihn! Heut' ist er Leidlich vernünftig – morgen wieder Säufer! Erster Nachbar (zu Margret) Du gehst? Margret Ich gehe! Meiner Seele Heil Ist mehr wert, als dem Unhold Gattin sein. Zweiter Nachbar Und der? Margret Mag betteln! – 's ist viel Frommheit mächtig Bei Frau Elisabeth. Drum fahr' ich zu ihr Und diene schlecht und recht für Gotteslohn. Erster Nachbar (immer stumpf-gemächlich) Ich mein' – Margret – er ist dein Ehemann – Margret Habt ihr den Pater Konrad pred'gen hören? Habt ihr und schwatzt noch? »Reiß dein Auge aus, Wenn es dich ärgert! Nach dem Reiche Gottes Trachtet am ersten! Dies allein ist not!« Ruprecht Ich aber werd' verkommen! Sagt's ihr, Nachbarn! Ein Räuber werd' ich! Töten werd' ich! Margret Tu's doch! – O tät' er's doch, der Prahlhans! – Den hab' ich, So wie das Hochwild brüllt im Herbst, nur einmal Als Mann geschaut: er schlug dem Nebenbuhler Den Buckel blau und nahm sein Weib im Sturm! Seitdem – ein Trottel! (Gen Himmel, rasch) Heilig! Herr, nur heilig! – Ich hab' bei dem die Seligkeit verpaßt! – Nachbarn, ade! Grüßt eure Frauen! Sagt nur: »'s ist besser, daß dein Ehegatte brenne, Als daß ihr alle zwei zum Teufel fahrt!« So spricht der Pater – und so tut jetzt Margret. (Ab.) Ruprecht (knirschend) Nachbarn, die war mein Satan! Alp und Vampir War mir dies Rackerweib! Die Manneswürde, Die in mir war, hat sie zur Fratze verzerrt! ... Gut, daß sie geht! Das hätte schlimm geendet: Ich hätte dies Weib aus Lust und Haß erdrosselt! ... Wohl denn, das sei jetzt abgeschüttelt! ... Feigling?! Gott sei's geklagt, ach, wohl! Verpfuscht bin ich! Hört ihr's nicht knacken, wenn ich meine Knochen Aufrecke wie nach tausendjähr'gem Schlaf?! (Reckt sich mächtig. Dann, befriedigt) Es langt noch! – Was? – Ich bin noch nicht zu morsch! Kennt ihr mein Waldschwert? (Die beiden wehren ab) Unter alten Steinen Hab' ich's herausgekratzt – ein Zauberschwert, Das einst ein Heidenkriegsgott grimmig eingrub, Als übers Land der Pfaffe kam – der Konrad! (Geht in die Hütte.) Erster Nachbar Laß gut sein! Zweiter Nachbar Schneid dir nur nicht in den Finger! (Zucken die Achseln und lachen.) Ruprecht (kommt mit einem Schwert, das er halb aus der Scheide zieht) Dies war mein Bräutchen – bis die andre dort Mich Dummkopf prellte! O verlaßnes Maidlein! (Er sitzt, das Schwert zwischen den Knien, den Struppkopf liebkosend an den Knauf gelehnt, dumpf-grimmig vor sich hinmurmelnd.) Erster Nachbar Willst wohl Kriegsdienste tun? Zweiter Nachbar Ich rat' dir schlauer: Geh hin, leg' dich als Bettler unters Tor Der Wartburg! Frau Elisabeth kommt täglich Und füttert alles faule Volk der Welt. Sie kommt mit ihren Mägden: Margret ist Dabei und muß dich eigenhändig füttern! (Sie lachen.) Ruprecht (springt auf) Pack' dich, verfluchte Tröstersippschaft – oder – (Die beiden fliehen bestürzt, halb lachend.) Hinter der Szene hört man Walther von der Vogelweide sprechen. Walther (hinter der Szene) Rennt mir mein Roß nicht um! – Gemach! (Tritt auf. Er ist grauhaarig und gealtert.) Wem galt das? (Er schaut sich um. Sein Blick wird ernst.) Seltsamer Ort! ... Ein halbverfallner Mann – Ein halbverfallen Haus – und stumm und steinern beide? Nun, Freund, verzaubert oder tot? Bist du ein Schattenspiel im Abendrot Oder ein Bild von meinem eignen Leide? ... (Berührt die Schulter des stumpf sitzenden Ruprecht) Was quält dich, Leidgesell? Ruprecht (der nur flüchtig aufgeschaut, dumpf) Mir lief mein Weib fort ... Walther Gabst du ihr Ursach'? Ruprecht Wohl. Jedoch – 's tut weh. Walther Und blieb dir niemand auf der Welt? Ruprecht (mit einem Blick auf das Grab) Ein Grab. Walther (geht an den kleinen Grabhügel) Ein kleines Grab ... Wer schläft drin? Ruprecht Unser Knabe. Walther Der Ort ist schön. So möcht' ich irgendwo Im Wald ein Grabmal finden ... (Bricht ein Buchenreis ab und steckt es aufs Grab, kommt wieder) Düstrer Mann, Wir beide sind in gleichem Herzeleid: Frau Freude, die mein' hold' Gemahlin war, Ist mir entlaufen. Unser Kind, das Lachen, Ist tot. (Setzt sich neben ihn, nimmt die Harfe vor sich und stützt sich auf die Harfe, wie jener aufs Schwert.) Ruprecht Wo fahrt Ihr hin? Walther Ich hab' ein Lehen, Ein winzig Waldschloß, aber groß genug, Um einen edlen Gast drin zu erwarten: Den Tod. Falls mich die Lust nicht übermannt, Mit Kaiser Friedrich übers Meer zu fahren. (Er spielt träumerisch auf der Harfe.) Ruprecht Ihr seid ein Spielmann? Walther Spielmann bis ins Grab! Ruprecht (besinnlich, langsam und deutlich) Mein Vater war ein Spielmann, Diethelm hieß er, Und meine Mutter war ein fahrend Weib ... Man mag euch Sänger nicht mehr auf der Wartburg ... Walther (stolz) In Goldschrift stehn wir im Gestein der Wartburg Und bleiben drin! Scheid' ich als letzter Sänger, Weil dort ein Mann einzieht, den ich nicht mag, So ist das Selbstverbannung. Merk' das, Köhler! (Hat sich erhoben. Fernes Waldhorn) Horch da! Mein toter Landgraf Hermann ruft! (Waldhorn) Der tote Eschenbacher gibt ihm Antwort! (Waldhorn) Da! Der verschollne Heinrich von Ofterdingen! O, meine großen Freunde, wer so helle Festzeit erlebt hat, ist zu stolz geworden Für diese dürft'ge Welt! O Wartburgsommer, Du bist dahin! Die Tränen fliegen herbstlich Mir übers Antlitz. Doch nicht glücklos bin ich: Denn mir im Herzen blieb von jenem Sonntag Ein Abendleuchten – unvergänglich schön! (Das Abendrot füllt mehr und mehr den Wald. Walther fährt über die Augen, dann, heller) Nun? Ziehst du eine muntre Strecke mit? Ruprecht Ich habe rauhere Arbeit. Walther Was für Arbeit? Ruprecht Was Ihr da hört – das Waldhorn – mag ein Jauchzen Oder dergleichen sein – von Konrads Horde! Jawohl, vom Pater, der auf Wartburg einzieht Als Beichtiger der Frau Elisabeth! Zwar wunderlich genug, doch 's stimmt: der ist's, Der Euch die Freude nahm und mir die Frau! (Geheimnisvoll, grimmig-scheu) Der hat den Otternblick: erschaut er einen, Den er verderben will, so muß der still stehn Und kann sich nicht vom Flecke rühren! Jüngst Hat er zu Erfurt vier verbrannt als Ketzer! Den Hildesheimer Prior hat er auch Verbrannt, zu Goslar! Jetzt hat er mein Weib Verhext! ... Den Mann muß ich mir scharf besehn! (Geht in die Hütte, hüllt sich dort in einen zerrissenen Mantel, setzt einen zerknitterten Hut auf, will gehen) Gehabt Euch wohl! Walther (kühl-vornehm) Gesegn' Euch Gott die Fahrt! Ruprecht (bleibt stehen) Sagt, Herr: versteh' ich recht, so weicht Ihr kampflos Dem Drachen, der sich Pater Konrad nennt? Walther (ruhig-vornehm) Wein Amt und Adel ist ein Freude -Schaffen – Doch wo der Pater spricht, ist Haß und Angst. Ich kämpfe nicht mit ihm. Drum noch einmal: Gesegn' Euch Gott die Fahrt! Köhler (ihn achtungsvoll betrachtend, nach kleiner Pause) Ihr seid ein Herr ... Ich ein verworfner Knecht ... Doch weiß man nicht, Wozu ein Wurm wie ich noch brauchbar sei. (Ab.) Walther (allein, umstrahlt von zartem Abendschein. Er spricht das folgende erst ruhig-warm, dann mit wachsender Innigkeit) Ich bin es, der Euch heut' entläßt, Frau Welt ..., Den preis' ich glücklich, der zu herbem Los, Von dem kein Kampf befreit, das Sprüchlein fällt: »Ich will – weil Gott es will!« So sind wir groß, Denn unsre Lebensstrophe hält genau Den Taktschlag, den der große Meister hält. Freiwillig scheid' ich heut' von Euch, Frau Welt – Weil Ihr von mir Euch scheidet, liebe Frau. Wir waren Gutgesellen, schmollten auch Und lachten wieder, wie's der Ehe Brauch. Kommt, gebt mir noch einmal die Hände, Frau, Unbitter bin ich, ob mein Haar auch grau – Nun geht zu jungen! Aber Walther hält Heimfahrt zur Herberg – gute Nacht, Frau Welt! (Er hat das alles edel-plastisch und, bei allem Ernst, etwas neckisch dargestellt. Nun wendet er sich an den Wald, noch ernster.) Du edler Wald, in dessen Rauschegrund Mein Grabmal harrt – auch dir ein treu Gut' Nacht! Bringe den Lebenden, so lichtgesund, So wurzelkräftig, was du uns gebracht! Und wenn sich einer unter dir ergeht, Der lautes Glück für leisen Frieden tauscht: Gib ihm, was er von deinem Waldlied fleht, Sei ihm ein Lachen, sei ihm ein Gebet – Und segne, wer ihm reinen Herzens lauscht! Ja, du lebendig Laub, es soll von Ofterdingen, Von Walthers Lied, von Wolframs Geistespracht In dir ein Raunen bleiben, ein verhalten Singen, Das sich der Glückliche zu eigen macht! So scheid' ich auch von dir getrost – Thüringer Wald, gut' Nacht (Zwischenvorhang.) Zweite Szene Zimmer auf der Wartburg (dasselbe wie »Ofterdingen« IV, 1) . Elisabeth spricht mit einigen Bürgern. – Ludwig und seine betagte Mutter, Landgräfin Sophie, treten grade ein. Elisabeth (zu den Bürgern, freudig in die Hände klatschend) Welch gut fromm Wert! Ich dank' euch, liebe Männer! (Zu Ludwig) Hier, Lieber, schau', ich halte hier Versammlung – Und ohne dich – und übe mich ein wenig In Fürstenpflichten. Weißt du wohl, wozu? Ludwig (ruhig-freundlich) Strahlt wieder Jemand? Nun, wem gilt die Freude? Elisabeth Dem Spittelbau! Ludwig Dem Bau? – Ach, dem am Brunnen! Elisabeth Ja! Diese braven Eisenacher helfen! Maurer und Zimmermeister – alle helfen! Sophie (kühl!) Was für ein Bau? Elisabeth Den Armen, liebe Mutter, Wird mein Gemahl ein Herbergshaus – ein Spittel – Am Brunnen bauen ... Nun? Ihr freut Euch nicht? Sophie (kühl, zu den Bürgern) Geht, brave Leute! (Die Bürger ab,) Sophie (setzt sich, ernst) Setz' dich zu meinen Füßen, Kind. (Auf eine fragende Bewegung Ludwigs, ob er sich entfernen solle) Bleib, Ludwig, Hört beide zu. – Was ich euch sage, nehmt Als alter Zeiten Nachhall, als »veraltet«. Ich weiß, es fruchtet schwerlich. Mechthild ging Ins Kloster: du jedoch, du brauchst das nicht. Du bist Äbtissin auch im Fürstenkleid. Walther zog fort – – ein Beichtiger zieht ein! Ludwig (zart ihre Schulter berührend, auf Elisabeth weisend) Mutter, Ihr seht, die Augen schwimmen ihr In Tränen – sie versteht nur, daß Ihr scheltet. Auf was? Auf ihre Art. Doch warum schelten? So ist sie – und so lieb' ich sie. (Streichelt Elisabeths Haar.) Elisabeth (innig zu ihm aufblickend) Mein Liebling! Sophie In dieser Stube saß ich einst mit Mechthild. Auch sie war weich. Da nahm ich ihre Hand Und sagte: (Nimmt die Hand der vor ihr lauernden Elisabeth) »Kind, sei stark und still und stolz!« Und sagte weiter: »Willst du weichlich sein?« Da sprang sie auf und sagte trotzig: »Nein!« Und nahm den Schleier – weinte still und starb ... Dies kennt man jetzt nicht mehr. Ihr alle schwimmt Auf Wölkchen – seid wie Engelsköpfchen Auf goldnem Hintergrund. Jedoch die Erde Will Menschen. Dazu seid ihr da! Elisabeth Zu Menschen will ich sie ja machen! Arme Will ich ja holen, wie man Bäumchen holt Aus wildem Wald und in den Garten setzt – Sophie Verhätscheln willst du sie, mein Kind! Elisabeth Die Kranken? Sophie Du machst dir einen Gottesdienst daraus. Du küssest Kreuz und Kranke – streichelst Bäume Und fütterst Vögel – springst vom Roß herunter, Wenn irgendwo ein Krüppelweib im Schmutz liegt, Legst wohl ihr Kind gar an die eigne Brust – (Steht auf) Die Fürstin seh' ich nicht! Du kannst nicht herrschen ! Du dienst ja nur! Ludwig (ruhig, den Arm um die erschrockene, gleichfalls stehende Elisabeth legend) Wir dienen alle, Mutter. Jeder in seinem Amt. Sie dient als Christin. Sophie Sein Fürsten-Amt vergessen, ist nicht christlich. Ludwig (immer ruhig) Nun, Mutter, da Ihr dies Gespräch erzwingt, So fahr' ich fort: – (nachdrücklich) mit meinem klaren Willen Tut Frau Elisabeth das, was sie tut! Woher die Not, die unsre Sängerburg Umlagert wie ein Wald? Durch euch allein! Durch euer unbekümmert Herrenspiel ! Doch nein – ich schmähe nicht den tapfren Vater, Der fromm und froh war! Aber eines weiß ich: Schaff' ich nicht Rat für so viel Not im Land, So kann ich nimmer reiten, denn mein Schimmel Zerstampft die viele Armut, die auf allen Feldwegen kriecht und humpelt! Sophie Ihr seid jung Und habt ein ander Wesen ... Ich bin alt ... (Will gehen.) Ludwig Bleibt, Mutter, einen Rat erteilt mir noch In andrer Sache! Elisabeth (zu Frau Sophie) Bitte, grollt mir nicht! Sophie (streicht ihr über den Kopf, schaut den Sohn an) , Ludwig (düster, im Bart spielend, zu Boden blickend) Der Papst verlangt den Kreuzzug ... Und der Kaiser Ruft seine Fürsten ... Und da steh' ich nun Und frage mich und Euch: Darf ich hinwegziehn ? Sophie (rasch und heftig) Nein, Ludwig! Nein! Das sage du dem Kaiser! Ich liebe ganz und gar nicht jenen Weitflug Der Hohenstaufen! Hier ist heiliges Land! Tu deine Pflicht , so ziehst du in den Kreuzzug! Wartburg heißt deine Pflicht! – Sagst du nicht selbst, Thüringen brauche dich? Elisabeth Doch wenn man denkt, Daß Heiden unsres Heilands Grab verwüsten – Sophie Wie will ein Heide unsren Heiland fangen?! Was soll das abgelegte Kleid – das Grab?! Elisabeth Das heil'ge Grab?! Ludwig (ernst) Es ist der Ehrenhügel Der Christenheit. Haben wir den verloren, So lassen wir die Fahne bei den Feinden. Doch – wie's auch sei – gesetzt den Fall, man ruft mich? Sophie Tu's nicht ! Ich sage dir: Dich braucht dein Land! – Doch leider sprech' ich wohl umsonst. Ihr zwei Seid Schwärmer – und die Schwärmerei des Kreuzzugs Erblüht aus euch wie Blumen aus dem Stengel. So leider wächst aus Herzensüberfluß Vielleicht noch Unheil ... Helf euch Gott! Ich kann's nicht. (Ab.) Ludwig steht tiefernst, zu Boden schauend, im Bart spielend! Elisabeth legt still den Kopf an seine Schulter. Ludwig (halb für sich) Sie nennt mich Schwärmer, der ich Taten suche, Größer als sie mein Vater tat – und heil'ger ! ... Elisabeth: Franziskus zieht durch Welschland, Die Menschen leuchten, wenn sie ihm begegnen, Und werden gut. Doch unser Land verdorrt, Weil niemand Taten wirkt, Taten für Gott! Elisabeth (mit leuchtenden Augen) Taten der tapfren Güte! Wir zwei tun sie! Und darum will ich meinen Kranken bauen Ein Haus voll Sonne! Ja, und du sollst ziehn, Wenn dich der Kaiser ruft – – ob zwar – (Läßt jäh erblassend die Arme sinken.) Ludwig Ich höre Die Angst in dir – – es wird kein leichtes Ziehen. Elisabeth (in jähem Schmerzanfall, zitternd) Nicht ziehn! O nein, nein! Geh nicht fort, mein Gatte! (Umklammert ihn stürmisch.) Ludwig Kind, Kind, sei ruhig! Sieh, da steh' ich ja! Elisabeth Ich halte dich! Ich halte dich gefangen Mit tausend Armen! Denn ich muß dich haben Wie Trank und Brot, sonst bin ich ohne Kraft! Ludwig Ich bleibe ja – sieh doch, da steh' ich! Komm, Dein Spittelhaus, wir bauen es zusammen! Elisabeth (die Tränen aus den Augen wischend, beschämt lächelnd) Vergib – das war – nicht tapfer war das, nein! Mutter hat recht – bin ein gar schwächlich Ding. (hastig) Doch sollst du nicht vom Kreuzzug sprechen! – Doch! Sprich nur! – Gewöhne mich! – Ach, Liebster, manchmal (Schaut sich unsicher um) Bin ich hier sehr allein und fürchte mich! Sie haben mich nicht lieb ... Ludwig (sie umarmend, stark und innig) Ich hab' dich lieb ... (Zwischenvorhang.) Dritte Szene Am vorderen Hang der Wartburg Der sog. »Elisabeth-Brunnen« ist umblüht von wilden Rosen. Daneben ein steinern Bild des Gekreuzigten. Kranke und Bettler jeden Alters und Geschlechts lagern umher, darunter der erste und der zweite Bettler und der Knabe. Seufzer, gemurmelte Gebete, Stöhnen. Der erste Bettler (ein Greis im weißen Bart) O bittre Rosenblüte! O meine Wunden! – Knabe, klettre dort auf den Haselbaum – ja – schau' nach dem Wartburgtor, schau', ob Frau Elisabeth mit ihren Mägden kommt! Der zweite Bettler Oh, wenn sie doch käme! Komm, heilige Frau! Gib unsren Seelen ein tröstlich Wort und leg' unsren Schmerzen deine linde Hand auf! Der erste Bettler Kommt sie noch nicht, Junge? Der zweite Bettler Euer Enkel bricht sich Rosen ab. Kann man's ihm verargen? Das langweilt sich unter Alter und Gebrechlichkeit. – Schau' da, was für eine auserwählte Nation humpelt denn da heran? Der dritte Bettler (ein leidlich rüstiger Mann, der nur hinkend an einem Stock geht, tritt auf mit vielen Bresthaften, worunter der sehr klägliche Aussätzige an Krücken, mit einer Klapper in der Hand) Grüß' dich Gott, Meinhardus – was sagst zu diesen Kreuzrittern? Der Aussätzige Weicht! Weicht von mir, ihr da am Brunnen! Ein lebendig Toter kommt! Aussatz kommt! Mir machen die Könige Platz! (Er klappert, lagert sich, man weicht scheu aus seiner Nähe.) Der erste Bettler Bringst ja da eine ganze Pfarrgemeinde. Der dritte Bettler Solch Volk ist jetzt leichterhand zusammengetrommelt. – Will sie unsrer Frau Elisabeth vorstellen – das macht der frommen Frau Elisabeth Freude – Der Aussätzige (murmelt, giftig) Alles Kröten, unflätige Kröten! (Lauter.) Was ihr da an mir schaut, sind nicht allein Schwären oder Beulen – sind Wunden! Haben mich geschlagen – die Bauernschufte – haben mich mit Steinen geworfen, die Sodomsbuben der Städte! – Ja, ja, ja, rückt nur ab! (Blickt sich unstet-wild um, in Verfolgungswahn.) Hebst du den Stecken? Willst du mich schlagen?! Ich sage dir, mein Gift steckt an! Wenn du mich anrührst – ich mach' dir Leib und Seele krank! Der erste Bettler (mild, beruhigend) Sei ruhig, Freund! Man merkt, daß du Fremdling bist. Wir sind hier wie eine stille Kirche, – ja – worin Frau Elisabeth gar trostreich die Messe liest. Die Frau Landgräfin fürchtet keinen Aussatz, die wird sich auch vor dir nicht scheuen, armer Gesell! (Beifallsmurmeln.) Der zweite Bettler Sie kommt zu uns wie ein Engel: das Wartburgtor ist wie ein Himmelstor. Vordem hat sich keiner der Herren nach uns umgeschaut, die haben fröhlich gezecht und gesungen – oh, ich weiß wohl noch – aber es ist des Elends übermenschlich viel geworden! Da hat uns Gott Frau Elisabeth geschickt. Der erste Bettler (leise, zuletzt flüsternd, aber deutlich) Der Frau stehen bittre Dinge bevor – ja – ich weiß, was ich weiß – ja – einer hat in aller Stille das Kreuz genommen und wird mit Kaiser Friedrich ins Heilige Land fahren – ja – das rote Kreuz aus Tuch, wißt ihr, was die Ritter auf den Mantel nähen oder an den Waffenrock – ja – und da hilft nichts, er muß mit – ja – der Kaiser hat's mit dem Papst verschüttet und schenkt nun dem Papst einen Kreuzzug, damit er nur wieder gut wird – ja – und der Landgraf wagt es der zarten Frau nicht zu sagen, denn 's wird ihr das Herz brechen! (Allgemeine Bekümmernis.) Der dritte Bettler Oh, oh! Arme Frau! Der zweite Bettler Oh, das wird sie treffen! Oh, sie haben sich lieb, wie sich nur zwei Menschenkinder lieben können! Der Aussätzige Ich mein', es gibt in Thüringen Arbeit und Elend genug! Muß denn der Landgraf zu den Sarazenen fahren?! Der erste Bettler Sie, die so gern Freude macht! Sie sagt, der ist der Allerärmste auf der Welt, der niemandem mehr Freude machen kann. Nachbarn: wir sind doch wohl gar sehr arm ... Der zweite Bettler Wir sind sehr arm ... Wenn man doch nur ihr eine Freude machen könnt'! Jetzt zumal, da ihr so viel Kummer bevorsteht! Heinrich Raspe kommt mit zwei Bürgern vorüber. Raspe Seht ihr das Gesindel? Das sind die neuen Wartburgsänger! Tagediebe aus ganz Thüringen und Hessen winseln hier Litaneien. (Ab.) Der erste Bettler Das ist des Landgrafen Bruder. Ein gar hoffärtiger Jüngling ... Der Knabe (ruft) Frau Elisabeth kommt den Berg herab! (Er springt mit vielen gepflückten Rosen herbei. Bewegung! viele richten sich auf, schauen nach ihr aus, rutschen näher.) Der erste Bettler (schaut die Rosen des Knaben an) Spracht ihr nicht davon, wie wir der Frau Freude machen? Ei, ihr Blinden, sind nicht Rosen ihre liebste Freude – ja? Sagt sie nicht, daß die Dornen sie an des Heilands Leiden erinnern, die Rosen aber an des Heilands Liebe –ja! – So nehme doch jeder eine Rose in die Hand – ja – geht, lauft, kriecht der heiligen Frau entgegen – ja – und ruft aus Rosenfarben des Himmels Segen auf sie herab! (Freudige Zustimmung.) Teilt aus – ja – teilt aus! (Alles versieht sich mit Rosen und Rosenzweigen.) Der zweite Bettler Und singt ihr das Osterlied, das sie so gern hört: »Christ ist erstanden von der Marter allen!« Alle Bettler (mehrstimmig singend, die Rosenzweige haltend) Christ ist erstanden usw. Osterlied Das älteste der uns bekannten deutschen geistlichen Volkslieder. Im 13. Jahrhundert als allverbreitet erwähnt. Elisabeth (tritt während des Gesanges langsam auf). Im hochgerafften Gewande trägt sie Brot; ebenso ihre Kammerfrauen Jutta und Eisentrud. Der erste Bettler (ihr zunächst stehend, am Stabe, nachdem das Lied verklungen) Lob und Preis dir, Engel vom Himmel, du unser Sonnenschein, du unser Trost! Sieh, du bringst uns Brot und bringst uns Worte des ewigen Lebens. Aber wir Armen haben nichts, womit wir dir danken könnten, haben nur Krankheit, Armut und Tränen. Darum, siehe, haben wir diese Rosen gepflückt und legen sie dir zu Füßen: denn, o liebe Frau, auch wir möchten Freude machen! (Sie legen alle die Rosen vor sie hin, viele küssen dabei ihr Gewand.) Elisabeth (tief bewegt, innig) Bin ich ein Märchenkönigskind? Tun sich Vor mir die Hecken auf? Und sind dahinter So lieb-lebend'ge arme Menschenkinder? – Dank, Dank, ihr meine Brüder, meine Schwestern! (Sie tritt unter sie und teilt ihre Brote aus; ebenso die Dienerinnen.) Grüß' Gott, Meinhardus – sei willkommen, Elsbeth – Und du, Beate – schau', auch du, Johannes – (den Aussätzigen erblickend) Und dieser? – wie? – ach, Ärmster aller Armen, Die böse Krankheit?! (Kniet rasch zu ihm nieder.) Der Aussätzige (scheu und angstvoll abwehrend) Legt die Hand nicht auf! Ich bin aussätzig! Elisabeth Verwundet gar? – Rasch, Eisentrud, gib Linnen! – (Sie verbindet ihn, nachdem Eisentrud das Linnen eingetaucht hat.) Der Aussätzige (am Stein lehnend, mit zitternder Stimme, in tiefster Bewegung) O Engel Gottes!... Die zu Hause haben Mich nur geschlagen – Frau, da flucht' ich Gott, Vergebt mir – Kinder warfen mich mit Steinen – Oh, da kommt Ihr und sagt mir, daß auch ich Ein Mensch sei – und zum Himmel darf – Elisabeth (hat die Hände gewaschen, trocknet sie an einem von Eisentrud gereichten Tuche) Auch du! Auch du, ja, Bruder, darfst zum Himmel gehn, Wo Jesus Christus wohnt. Ich preise dich, Du Ärmster! Wenn du vor mir stirbst, so bitte, Daß Christus meiner sich erbarme. Alle (in Bewegung, leise) Amen... Elisabeth (zu allen; der Aussätzige liegt mit verbundener Stirn, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet, wie im Traume lächelnd) Oh, hätt' ich doch die Kraft – auf eure Schwären Legt' ich die Hand, und Rosen sollten blühn, Wo jetzt das Leid so garst'gen Wohnsitz hat. Geht nun, mein Volk! Ich muß euch heute schneller Als sonst entscheuchen, denn mein Landgraf wartet. Doch Frohes darf ich euch verkünden: Hier Wird binnen kurzem sich ein Spittelhaus Euch allen auftun – und ich bin euch dann Tagtäglich nahe! (Bewegung.) Alle Heil, Frau Landgräfin! (Sie machen sich in froher Stimmung zum Aufbruch bereit.) Elisabeth Und, meine Teuren, nehmt nicht nur mein Brot Hinab in eure Täler: seht, wenn drunten Die Menschen häßlich zu euch sind, so wißt, Daß Gott euch lieb hat! Gott hat mir's vertraut, Daß ich euch sagen soll, er hat euch lieb! (Nimmt einige Rosen, Eisentrud reicht sie Ihr.) Die Rosen bring' ich Gott als Gruß von euch: Ich kränze mir damit mein Christusbild – Nicht wahr? – Nun geht! Gedenkt mein im Gebet! ( Ruprecht ist aufgetreten, steht düster abseits, in den Mantel gehüllt, das Schwert drunter. Die Bettler entfernen sich alle, viele küssen ihr zuvor das Gewand: »Dank – Dank, hohe Frau« – ab. Man hört sie hinter der Bühne singen: »Alleluja, Alleluja« usw. bis der Gesang verhallt.) Elisabeth (zu Ruprecht) Und du? Was stehst du düster abseits? Hast du Noch eine Bitte? Sprich, du finstrer Gast. Ruprecht Ich wollte mich als Bettler zwischen die da Hinlegen und von Euch mich füttern lassen. Jedoch – ich war zu stolz. Ich bin gesund, Will auch kein Bettelbrot, obwohl der Hunger Mich fast erwürgt. Ich bitte nur, daß Ihr Mir Dienst verschafft. Ich weiß im Stall Bescheid. Elisabeth (ihn lange betrachtend, etwas schaudernd) Du bist sehr seltsam... Geh zum Marschalk! Sag' ihm, Ich sende dich. Er wird ein Ämtlein finden. (Ruprecht verneigt sich kurz und geht davon, den Berg hinauf.) Wie ist mir nur? Mich fliegt ein Schauer an... Er geht mit dem verhüllten Schwert, als zöge Tod oder Schicksal auf die Wartburg ein... (Sich umwendend, ins Tal schauend) O seht das Tal! Christus war Menschenfischer – Dies Tal gemahnt mich an den heil'gen See Genezareth: die Armen sind wie Fischlein, Ich darf sie fangen, darf dem Herrn sie bringen! (Erschrickt, wendet sich zum Kruzifix) Weh mir, wer bin ich, daß ich mich vergleiche Mit dir?! (Küßt das Kreuz) Vergib, und laß es nicht entgelten Die dort im Tal, was ich vermessen sprach! (Zu den Kammerfrauen) O Jutta, Eisentrud! Wie sehr bedarf ich Des Beichtigers! O Pater Konrad, komm! Ich will dich achten, als wär' Christus selbst Vom Kreuz gestiegen! Jutta (auffahrend, unwillig) Herrin! Ist der Pater Nicht auch ein Mensch?! Elisabeth Ich sehe nicht den Menschen, Der ist nur Staub, das weiß ich. Auch in diesem Entstellten Kranken, den ich hier verbunden, Seh' ich den Menschen nicht – Jutta Nun, wen denn? – Gott? – Frau, Ihr schwärmt! Will Euch nur sagen, Frau: Wenn Euch ein Ritter oder Knappe sündhaft liebhat, der lege sich nur als Bettler zwischen diese Herde – sieh da, Frau Elisabeth kommt und küßt ihn! Elisabeth (erschrocken) Wie sprichst du! Eisentrud (verweisend) Jutta! Jutta Ich bin gradaus, Frau. Elisabeth (lächelt wieder) Du Schelmin, willst du so mich meinen Kranken Abspenstig machen? – (Sammelt die Rosen in ihr Gewand, Eisentrud hilft.) Soll dir nicht gelingen! Denn ich bin fröhlich! Weil ich fröhlich bin, So will ich ringsum keine Krankheit sehn: Ich rühr' sie an – (Landgraf tritt auf.) – und wie die Krankheit ansteckt, So steck' ich sie mit der Gesundheit an! Doch kommt – der Landgraf wartet – Landgraf Ludwig ist unbemerkt hinters Steinkreuz getreten. Ludwig (freundlich-ernst, doch liegt ein Schatten über ihm) Hat gewartet – Bis ihm die Zeit zu lang ward. Seht, nun tut er Wie jener, der zum Gastmahl lud: er geht Und schaut sich selber nach den Gästen um. Und findet seinen schönsten Gast bereits Mit Brot beladen. – Ist's nicht Brot, Geliebte? Elisabeth Nein, es sind wilde Rosen, lieber Gatte. Ludwig Rosen, Elisabeth? Elisabeth Schau her! – Doch willst du, So ist's auch Brot – und wenn du willst, so sind es So viele Bettler, als da Rosen sind. Mir gab sein Leid ein jeder, dornenvoll Und rosenrot wie ihre vielen Wunden, Gab mir sein Leid – ich gab ihm nur mein Brot. Mein Brot? Nein, es ist dein's: du hast mir ja So schöne Sorge gnadenvoll erlaubt. Ich wollte diese Rosen Christus bringen – Nimm du sie hin als Danksagung der Armen, (Läßt sich auf ein Knie nieder, hält die Rosen hin) Mein süßer Gatte, Bruder mir und Herr! Ludwig (bewegt, ihr Haar streichelnd) Du Liebliche, steh auf! – Mir ziemt es nur, Vor dir zu knien. Hast du diese Rosen Dem Herrn versprochen, komm, so wollen wir Sogleich dies Kreuz bekränzen – nicht wahr, Schwester? Elisabeth (freudig-kindlich in die Hände klatschend) Eia, das wollen wir! (Fällt ihm um den Hals.) Mein Ludwig, Gatte, Ich habe dich unsäglich lieb! Vergib mir, Daß ich die Stunden, die ich diesen gab, Dir stahl und deiner Liebe! So viel Rosen, So viele Küsse spend' ich dir in Treuen! Ludwig Topp, angenommen, Schwester! Elisabeth Doch zuvor Laß uns des Heilands weltengroßes Leid Mit Wartburgrosen schmücken – so! – (Sie schmücken; die Kammerfrauen haben sich zurückgezogen.) Wir sollten Mit lichten Taten, gleich den lichten Blumen, Die Erde blühend machen und verklären – Ich will es tun, mein Heiland, nimm mich an! Und wie der Kriegsknecht dir den Stachelkranz Ins Haupt gedrückt, so setz' ich nunmehr dir Dies Kränzchen auf, dem ich die Stacheln nahm. (Setzt ihm ein Rosenkränzchen auf; beide knien.) Elisabeth Wir grüßen dich. Ludwig Von Herzen grüßen wir. (Dann steht Ludwig auf, sich zum Scherze zwingend) Und nun die Küsse! Erst die Rosen zählen! (Es liegen noch viele am Boden.) Dann so viel Küsse! Eins, zwei, drei – ach laß, Unzählbar sind die Blumen – und unzählbar Ist meiner Gattin grenzenlose Liebe! (Sie küssen sich, er schaut ernst und zärtlich) Nicht wahr, Elisabeth? Elisabeth Ja, grenzenlos! (Sie setzen sich, sie an ihn gelehnt.) Oft dünkt es mich, ich hab' dich zu sehr lieb! Ich seh' im Geist dein Antlitz immerzu, Auch wenn du fern bist, auch im Traum! Sogar Vor meines Heilands Bild – (rasch zum Kreuz) vergib mir! – drängt sich Dein lieb-lieb-Angesicht! Die Kinder hab' ich Durch dich nur lieb – ach, unerschöpflich scheint mir Der Liebesvorrat, den ich für dich habe! Ludwig (zart und ruhig) Und so ist's nur, Elisabeth. Du sagst das Nur inniger als ich. Wir Männer üben Zu nüchtern Handwerk. Doch die Schwester weiß, Daß sie mein Kleinod ist – (zögert, düster) – und bleibt – auch wenn ich Fernfahren muß – (Fühlt nach dem Ledertäschchen, das er seitwärts am Gürtel trägt; er ist im Jagdgewand) – sehr fern – auch wenn ich gar – Elisabeth Du bist mir niemals fern – Ludwig Es könnte doch sein– – Elisabeth (träumerisch-selig) Der Landgraf Ludwig ist mein Gatte – manchmal Mit festgeschloßnen Augen sag' ich langsam: (Tut's) »Der Landgraf Ludwig ist mein lieber Gatte!« Klingt's nicht wie Minnesang im Rosenhag?! O Bruder, ganz in dich versinken möcht' ich – Bin närrisch – wie ins Federwerk der Henne Die Küchlein schlüpfen – – lachst mich aus? (Sie hat spielend aus dem Ledertäschchen ein rotes Tuchkreuz gezogen.) Was ist das? (Erschrickt furchtbar) Jesus –! Was soll denn dieses rote Kreuz?! Ludwig du hast – du hast das Kreuz genommen?! (Sinkt mit langem Seufzer ohnmächtig hin.) Ludwig (um sie beschäftigt) He, Jutta, Eisentrud! (Sie kommen.) Beide Gott! – Liebe Herrin! Ludwig (schöpft Wasser und wischt ihre Stirn) Brauch' ich den Brunnen, der die Armen tränkt, Für dich, du Gütige? Und bist du selbst Den Armen beigesellt? Elisabeth (erwachend) Den Allerärmsten! O Gott, mein Bruder geht von mir! Mein Bruder Läßt mich allein auf weiter Welt! Mein Bruder Wird niemals wiederkehren, niemals, niemals! (Sie weint heftig.) Eisentrud Was hat sie, hoher Herr? Ludwig Gib mir das Kreuz dort! (Er steckt es wieder ein.) Elisabeth, mein klein lieb Schwesterlein, Laß mich dich etwas fragen – komm – hör' zu: Hast du mich lieb? Elisabeth O Ludwig! Ludwig Und willst du, Daß dein Geliebter als ein Herr und Ritter Das tue, was sich ziemt? Elisabeth Dein Weib verlassen – – Ziemt es dir nicht, bei mir zu bleiben, Ludwig? Ludwig So will ich anders fragen: Liebst du dort Den Heiland, den wir eben erst bekränzten? Elisabeth Ja, Herr, von Herzen. Ludwig (straff) Willst du, daß sein Grab Geschändet werde? Daß die treuen Christen, Die dort auf Vorwacht stehn, verstümmelt liegen Von Heidenhunden? Daß Jerusalem, Die heilige Stadt, sündhafte Greuel schaue Und daß auf Golgatha der Moslem Hause? Nein, nein, mein Weib will, daß wir Christus ehren , Doch nicht mit Rosen – nein, mit rotem Schwert, Das eingetaucht in Sarazenenblut Ganz anders funkelt als die Tändelblumen! Willst du, daß Christus so geehret werde Von deinem Gatten? Hat sich erhoben und auch sie mit emporgezogen.) Elisabeth (hingerissen, feurig, obwohl noch Tränen in den Augen) Ja, mein hoher Gatte, Mein Herr und Ritter, ja, so sollst du tun! Und du sollst ziehn – und ich – (mit bebenden Lippen) will meine Tränen Verschließen, wie man Perlen in den Schrein tut. Und kommst du siegreich heim, so hol' ich sie Hervor – und komm', vom Schmuck der Freudentränen Ganz überschimmert, dir entgegen! Ludwig (aufatmend) Dank! Jetzt ist das Schwerste überwunden! (Zum Kreuz) Jesus Hab' Dank, daß unter deinem ernsten Kreuze Das lang verhehlte Pilgerkreuz entdeckt ward! – Nun bin ich tapfer – denn Elisabeth ist tapfer! Nicht wahr? Elisabeth Gott wird mir helfen. Ludwig Komm zur Wartburg! (Jutta und Eisentrud nehmen die übrigen Rosen mit. Er führt die gebeugte Elisabeth. Alle ab,) (Vorhang.) Zweiter Aufzug Erste Szene Zimmer auf der Wartburg Im Hintergrunde, in einer Wandnische, ein rosenbekränztes Kreuzbild. – Mitten im Zimmer steht Konrad von Marburg, hochaufgerichtet, kalt, unbeweglich. Von der Tür her kommen langsam Ludwig (in Kriegsrüstung, den Mantel mit dem Kreuz um) und Elisabeth (in Trauerkleidung), auf seinen Arm gestützt, tief traurig. Ludwig (zu Konrad, sehr ernst) Ich hab' Euch hergerufen, Pater Konrad, Damit Ihr Vater und Erzieher seid Der bald Verlaßnen. Ich muß in den Kreuzzug, Doch sie will Gott in andrer Weise dienen. Sie ist sehr weichen Herzens, darum will sie In Eurer strengen Zucht die Seele härten. Nun wohl, seid streng – doch seid zugleich sehr zart, Sehr zart, hochwürd'ger Herr! Sie soll mir nicht In zu viel Zucht zerbrechen! – Doch vergebt: Dies sprach die Sorge. Ihr seid uns bekannt Als hochgelehrt. Drum hab' ich Euch zugleich Die Kirchenzucht vertraut, Herr Pater Konrad – (Konrad horcht auf, verbeugt sich dann leicht.) Bestallungsrecht in allen meinen Gauen. Dies sei mein kleiner Dank. – Doch laßt mich nun Im Hof zum Rechten sehn. Der Aufbruch naht. Gebt ihr ein wenig Trost. (Küßt sie auf die Stirn) Ich seh' dich noch. (Ab.) Konrad (nach kleiner Pause, während welcher sie gebeugt und bewegungslos, mit hängenden Armen, dasteht. Er spricht in sehr ruhigem und würdevollem, etwas kaltem Tone) Frau Landgräfin Elisabeth, Ihr seid Von Stund' an meine Tochter, mir verbunden Durch das Gelübde kirchlichen Gehorsams. Erkennt Ihr das und wollt gehorchen? Elisabeth (tonlos) Ja. Konrad (immer kalt-ruhig) Der Mensch, der vor Euch steht, bedeutet nichts. Doch da er ein Beamter Gottes und Der Kirche Christi – so bedeutet der, Der vor Euch steht, Tochter Elisabeth, Ein Allerhöchstes: Durch ihn spricht die Kirche. Hast du das wohl erwogen, Tochter? Elisabeth (leise) Ja. Konrad Medias in res! In Gottes Namen denn! (Stellt sich vor das Kreuzbild) Sagt mir: Indes ich hier auf Euch gewartet, Hab' ich ein Kreuz gesucht, um mich zu stärken An Christi Wunden. Endlich fand ich eins: Ich fand es fast erdrückt von dreisten Blumen. Sag' mir: Wes sind die Blumen dort? Elisabeth (ihre Tränen wischend, aufschauend) Vergebt mir – Die Augen sind mir naß – ich kann nichts sehen – Konrad Am Kreuz die Blumen dort? Elisabeth Von armen Kranken. Konrad Ich suche Christi Wunden – doch vor Blumen Seh' ich sie nicht. Ich suche Christi Antlitz, Das leidensernste, doch die kecken Blumen Verbergen mir sein Antlitz. Fort damit! (Entfernt die Rosen, aber durchaus ruhig, nicht gewaltsam wirkend. Zu Elisabeth, die nun erst Anteil nimmt und erstaunt zurücktritt) Frau, so war bisher Euer Leben: Blumen Der Zärtlichkeit, verliebter Spielerei Streut Ihr umher, zu ungeübt, der Erde Hart-unerbittlich Angesicht zu schauen. Ihr seid wie einst die Minnesänger: Werktag Wollt Ihr in falschen Sonntag wandeln, Schmerz Könnt Ihr nicht sehn – wie manche nicht Ein fließend Blut – und wollt ihn drum verhüllen – Ihr nennt's »verklären«, doch ich sag' verhüllen. Denn solch Verklären kommt der Lüge gleich! Elisabeth (betroffen) Pater – vergebt mir – ist denn Liebe Unrecht? Die Bettler gaben diese Rosen mir Aus Liebe – und aus Liebe schmückt' ich Christus, Wie jene Sündrin ihm die Füße salbte. Gab Christus nicht sein Leben her aus Liebe? Konrad (immer durchaus ruhig) So ist es, Kind. Doch sag' du mir zuvor, Was Liebe sei! Die Liebe, die den Herrn sucht, Ist harter Art: sie liebt mit Schwert und Geißel! Denn nicht dein Wohlgefühl, du liebestrunkne Verklärerin der Welt, macht dich geschickt Zum Reiche Gottes – sondern Kraft des Duldens Und des Entsagens! Darum sag' ich dir Wie jener Schmied von Ruhla: Werde hart! Elisabeth (läßt sich auf ein Knie nieder) Ja, hart, mein Vater! Ja, ich fühl's mit Kummer: Ich bin zu schwach! Die Tränen, heiß geweint Um meinen Gatten, der heut' von mir geht – (Verbirgt aufstöhnend das Gesicht.) Konrad Sind zwar Bekenntnis deiner Weiblichkeit – Doch sind sie sündhaft, falls die Gnade nicht Deine Natur bezwingt! Wähnst du den Herrn Zu lieben – und du klagst, wenn dein Gemahl Dem Herrn als Opfer einen Kreuzzug bringt? Wie? Du nimmst Bettler kosend in die Arme – Und wenn dein Gatte Christus helfen will, Hältst du ihn fest? Elisabeth Ich bin ja doch sein Weib – Konrad Sind Weiber ausgeschlossen von der Sorge Ums Himmelreich? Elisabeth (voll Weh) Ihr wißt nicht, wie ein Weib liebt! Ich gab dem Gatten meine ganze Seele Und gab dem Gatten meinen ganzen Leib – Geht er nun fort, so bricht mir Leib und Seele! Konrad Dein Leib ist Staub! Lieben sollst du nur Gott ! Elisabeth Lieb' ich nicht Gott, wenn ich den Gatten liebe? Konrad Du liebst den Gatten mit der Kraft der Sinne – Elisabeth Beim ew'gen Heil, ich lieb' ihn, weil er gut ist! Konrad (gen Himmel) Gott, kann ein Weib denn deinen Himmel erben?! Sie zerren Himmlisches herab! Sie lügen Sich und dem Manne vor, sie liebten nur In ihm den heimlich drin versteckten Gott ! – (Zu Elisabeth ) Wie nun, wenn deinem festgehaltnen Gatten Die Heimkehr nicht gestattet würde, weil du Den Auszug ihm zu schwer gemacht? Elisabeth (erschrickt) O Gott! Das nicht! Pater, ich bete Tag und Nacht, Ich spende Gold und Silber, will mich geißeln, Will fasten und will alles abtun – nur Den Gatten darf mir Gott nicht nehmen! (Geht händeringend umher.) Konrad Hör' mich! Elisabeth ! (Da sie ihn nicht hört) Die Kirche spricht! (Sie kommt) Merkst du, Wie deine Liebe schwer von Erde ist, Du dreimal unverfälschtes Weib? – Drum prüfe, Ob nicht die andre Liebe, jener Drang Zu Armen, und was sonst aus Zärtelei Von dir getan wird – Drang der Sinne sei! Elisabeth (erschrocken) Der Sinne –? Meine Liebe zu den Armen? Konrad Ja, ob du nicht, verwöhntes Königskind, Die du dich ganz besonders fein erwählt fühlst – Besonders fein dem Satan Dienste tust! Elisabeth (steht ganz erstarrt, mit entsetzt ausgespreizten Fingern) . Konrad Ich scheine hart. Mag sein. Zumal in dieser Stunde der Trennung, wo dein Gatte ausfährt. Doch soll mir keiner sagen, Konrad habe Gewartet, bis er sich allein gewußt. Elisabeth (tonlos, ihn anstarrend) Ganz neu ist alles das ... Ich kann es noch nicht Verstehn, mein Vater ... Konrad Dir's zu deuten bin ich Berufen. Wer wie ich die Menschheit kennt Bis auf den Grund: wie sie voll Gier, voll Unflat, Voll Bosheit steckt, voll seelenstumpfer Trägheit, Die nur ihr Fleckchen sucht, worauf sie faule – Und wer die Kirche sah im Geisteskampf: Der achtet das Behagliche gering – Auch wenn's ein Abschied von dem Gatten wäre! Der lebt und glüht in hagerer Kasteiung Der Macht des Geistes und dem Sieg der Kirche! Verstehst du das? Elisabeth (mit leuchtenden Augen) Ja, Vater, das versteh' ich! Konrad So werde hart! (Sie knickt wieder zusammen.) Laß deinen Gatten ziehn: Denn seine Kreuzfahrt gilt dem Sieg der Kirche! Sei stark, sei tapfer, segne seinen Abschied! Nun? Elisabeth (kniet langsam nieder und küßt seine Hand) Ich will dir gehorchen ... Konrad (macht das Zeichen des Kreuzes über sie) Komm! Sie warten. (Zwischenvorhang.) Zweite Szene Schloßhof der Wartburg Blumenschmuck, Kränze, Stangen mit Wimpeln. Knechte eilen hin und her, Schwerter, Lanzen, Schilde nach rechts tragend. Mädchen und Knaben streuen Blumen, ein Bursche klettert an einer Stange hoch. Rudolf von Vargila (gerüstet, Mantel um) tritt auf mit andren Kreuzrittern. – Aus dem Innern tönen Chorgesänge. Vargila (sich umschauend) Brav so! Der Abschied sei ein Fest! – He, Bursche, Klettre noch höher, wisch' die Wolken weg! Sag' dem Gewölk: Der Schenk von Vargila Will, daß der Himmel heiter sei, wenn wir Zu Gottes Ehren in den Kreuzzug reiten! (Zu dem herantretenden Ruprecht , der in Kriegsrüstung ist, das Kreuz auf der Brust) Nun, Waldbursch? Umgewandelt? Kamst du nicht Als Zottelbär herauf? Du bist es doch, Den jüngst die Landgräfin dem Marschalk sandte? Ruprecht Stimmt, Herr. Margret, Ruprechts entlaufen Weib, keucht vorüber, Eimer schleppend, ohne ihn zu sehen. Ruprecht wendet sich rasch ab. Vargila Hast du vor Mägden Angst? Erschrickst ja? Ruprecht 's ist da so eine – die braucht nicht zu wissen, Daß ich hier steh' – Vargila Absonderlicher Kauz! Was trieb dich her aus deinem Wald? Ruprecht Der Haß. Vargila (kopfschüttelnd) Und ziehst jetzt in den Kreuzzug? Auch aus Haß? Besondrer Christ! (Lacht.) Ruprecht Nein, Herr. Um frei zu werden Von alledem! Es haust in mir ein Dämon. Das tut nicht gut. Vargila (achselzuckend) Im Wald gedeihen Träumer ... (Zu den Rittern, die immer zahlreicher kommen) Ist heut' nicht Sonnwendtag? Erster Ritter Wohl! Sonnenwende! Zweiter Ritter Ha freilich, doch der Wind drückt tief. Der wird Heut' abend die Johannisfeuer brechen. Erster Ritter (die Hand hochhaltend) Westwind! Die Feuer werden ostwärts weisen Wie ausgestreckte Finger. Zweiter Ritter Und wir werden Im Schein der roten Feuer lachend reiten! Vargila (ist bewegt und sinnend hin und her gegangen) Heut' war's! ... Mich überfällt ein jäh Gesicht: Vor zwanzig Jahren war hier Sängerfest ! ... Hier las Herr Klingsor – dort stand Ritter Wolfram – Dort Walther – ringsum saß der Hof – Hier trutzte Ofterdingen! Seinen Arm Rankt' er um einen Spielmann – so die Rechte Warf er empor und rief: »Bleibt ihr dort oben! Ich halte mich zum Volk!« Herr Hermann bat, Frau Mechthild flehte: »Kommt herauf zu uns, Kommt, seid doch wieder gut!« Umsonst! Der trotz'ge Dichter stand wie ein Stein – bis Irmgard kam – Die kleine Irmingard, jetzt Gräfin Anhalt, Damals ein blondes Kind – hier kam sie her, Ein Kränzchen trug sie so mit beiden Händen – Und scheu und lieblich sprach das Kinderstimmchen: »Es sind nur wilde Blumen, lieber Dichter!« Männer, da fuhr's wie Beben in uns alle Und Ofterdingen! Tränen schossen ihm In schwarze Augen, rasch erhob er Irmgard Auf starken Arm – und auf dem Haupt den Kranz Und auf dem Arm das Kind – so schritt der Sieger Quer übern Wartburghof hinauf zum Thron! ... (Chorgesang und Orgel dumpf aus dem Innern; er schweigt ein Weilchen, dann fährt er düster und langsam fort) Hört ihr die Litaneien? – Die frohe Zeit ist tot! Verschollen der trotz'ge Sänger der Nibelungennot! Verstoben die Freien und Frohen, die Herren, die hier gezecht, Hört ihr die Litaneien – Mich dünkt, ihr Herrn, der Tausch war schlecht. (Ermuntert sich) Fürs Träumen bin ich nicht! Was tut's? Wir leben – Und dienen mannhaft – wie sich's ziemt, nicht wahr? – Ludwig und seiner Frau Elisabeth! (Zustimmung.) Aus dem Innern kommen: Landgraf Ludwig , an seinem Arm Elisabeth ; Heinrich Raspe ; Ritter , Geistliche , darunter Konrad von Marburg ; Frau Sophie , Jutta , Eisentrud mit den drei Kindern des Landgrafenpaares (zwischen zwei und sechs Jahren etwa) und viele andere, auch Knechte und Mägde, darunter Margret . Sie stellen sich feierlich auf, den ganzen Schloßhof füllend. Vargila (tritt feierlich vor das etwas erhöht stehende Landgrafenpaar) Herr Landgraf, Eure Ritter sind bereit Zur Ausfahrt nach Palermo und nach Ostland. Vernehmt aus meinem Mund im Auftrag aller, Die hier das Kreuz auf Mannesschultern tragen, Den Eid der Treue ! – Alle sollt ihr's hören, Thüringer Volk! (Erhebt die Schwurhand, alle Kreuzritter desgleichen.) Den Herrn, den Gott uns gab, Landgrafen Ludwig, lebend oder tot Zurückzubringen auf die Burg der Väter Oder ins Grab der Väter – schwören wir! Alle Kreuzritter Schwören wir! Alles Volk (unter Waffenklirren) Lang lebe Landgraf Ludwig! Heil, Heil, Heil! Ludwig Dank! Dank euch allen! Graf von Brandenburg, Graf Meinhard von Mühlberg, Hartmann von Heldrungen, Graf Heinrich Stolberg, Truchseß Hermann von Schlotheim, Dietrich von Seebach – all ihr guten Namen, Wer will euch nennen, die ihr heute tapfer Die Ausfahrt wagt? – Ihr steht in Gottes Chronik! Doch du, mein Volk, besorge nicht, daß ich Dich unbedacht verlasse! Sorglich hab' ich Dein Wohl bedacht. Der Kaiser und die Kirche Rufen den Herrn der Wartburg – er gehorcht. (Auf Heinrich Raspe weisend) Mein Bruder Heinrich wird, solang ich fern bin, Der Herr der Wartburg sein, dem ihr euch fügt. (Er winkt Raspe, der näherkommt) Schwöre mir, Heinrich, wie die Ritter schworen! Schwöre, daß du mein Anvertrautes treulich Behüten willst: mein Land, mein Haus, mein Weib Und diese Kinder, die uns Gott gegeben! Raspe (bleibt stehen, hebt kurz die Hand) Ich hab's gelobt. Ludwig Nicht freudig klang der Ton. Raspe Mich dünkt, der Tag sei ernst. Ludwig (ruhig-freundlich) Das ist er, Heinrich! Drum sind wir doppelt heiter und verwandeln Den Abschied in ein Fest – denn unsre Kreuzfahrt Ist Gottesdienst ! – Ich bitte dich, mein Bruder, Laß nicht die Düsternis, die Spinnwebfrau, Zu häufig bei dir Gast sein! Sieh, mein Heinrich, Heut' hätt' ich gern ein liebreich Wort vernommen, Ein Bruderwort. Wir sind verschiedner Art, Ich weiß: doch vor dem Tode sind wir gleich ... (Langsamer) Und wer ins Land der Sarazenen zieht, Mein Bruder, ist gezeichnet mit dem Kreuz, Das auch auf Gräbern steht – – Raspe (schaut auf, schaut ihn an und ergreift plötzlich, wie von Ahnung durchbebt, seines Bruders Hände) Mein Bruder Ludwig – Gott sei mit dir – ich bin kein Mann der Worte – – Ludwig (freudig) Dank für den Händedruck! (Zu Frau Sophie) Liebwerte Mutter, Fast sagt' ich Euch dasselbe wie dem Bruder: Gebt heute mir und meinem Eh'gemahl, Das schier vor Schmerz vergeht, ein trostreich Wort! Ich weiß, auch Ihr träumt alten Zeiten nach Wie Bruder Heinrich, und gewöhnt Euch nicht An unsren andren Ton. O gute Mutter, Wie das auch sei: wir lieben Euch von Herzen! (Er kniet vor ihr mit Elisabeth.) Frau Sophie (legt bewegt auf jedes Haupt eine segnende Hand) Ich segn' euch, liebe Kinder. Ja, mein Herz Lebt noch in alter Zeit – und dieser Festplatz Weht mir im Blumenschmuck des Gatten Stimme Und weht mir Irmgards Kinderstimmchen her. Doch bin ich deine Mutter, Schnee mein Haar, Doch jung mein Herz wie eh'dem, als du dort Im Sängersaal zu meinen Füßen saßest – Eh'dem – als ich zum wilden Ofterdingen Vom Wartburgglück die stolzen Worte sprach – Vom Wartburgglück? – Das Wort hallt seltsam nach ... Zieh hin denn! Kämpf' als Mann – des Vaters würdig! (Küßt seine Stirn, geht rasch ab, die Hand vor den Augen.) Ludwig (aufspringend, seine Bewegung verbergend) Zu Pferd! Ich hab' mir vorgenommen, heut' Zu lachen und zu leuchten, nicht zu weinen! (Teilweis beginnender Aufbruch. Er legt den Arm um Elisabeth, innig) Doch dir, Trautlieb, mein allerletztes Wort! (Nimmt seinen Ring vom Finger) Dies ist der Ring, den du am Altar mir Gegeben hast: den werd' ich täglich anschaun, Und keiner rührt ihn an, solang ich lebe! (Bedeutsam) Kommt aber je ein Bote – hebt die Hand (Tut es) Und zeigt von fern dir diesen seltnen Ring: Dann frag' nicht, was er bringt! Geh in die Kammer Und bete für des toten Gatten Seele ... (Er starrt den Ring einen Augenblick an, steckt ihn langsam wieder an den Finger.) Elisabeth (in ihrer tiefen Bewegung) Nicht – nicht – ich kann ja sonst nicht tapfer sein! Und ich will tapfer sein – ich hab's gelobt! Ludwig Und bist auch tapfer! O mein Weib, leb' wohl! Zu viel, zu viel Glück gab mir Gott in dir! Drum muß ich fortgehn, daß die Erde nicht Mir schon ein Himmel scheine! Lebe wohl! (Innig-stürmische Umarmung. Er küßt die Kinder. Dann bewegt zu den andern) Thüringer Volk, wenn jemals diese Frau Kummer erfährt und eurer Hut bedarf – Ich bitt ' euch: denkt an diese Abschiedsstunde! (Abbrechend, rasch nach dem Hintergrund gehend, stark und frisch) Gott mit Thüringen! Ritter, zu Pferd! (Fanfaren. Aufbruch. Der Landgraf steigt im Hintergrund zu Pferd, Elisabeth hält ihm noch das jüngste Kind hin, er winkt mit der Hand herüber; lärmende Heilrufe, Weinen. Winken, Fanfarenklänge.) (Vorhang.) Dritter Aufzug Erste Szene Halle auf der Wartburg Wintertag. Raspe , ein Pergament in der Hand, mit einigen Herren und Bürgern von Eisenach (unter dem Gefolge der Minnesänger Rudolf von Ems). – Elisabeth , schwarz gekleidet, tritt soeben in die Tür, auf das etwas verlegene Gefolge und den finster blickenden Raspe schauend. Elisabeth (ruhig, etwas verwundert) Nun, liebe Herrn? Versagt man mir den Gruß? – (Die Bürger verbeugen sich. Peinliche Pause. Sie tritt etwas näher) Mein Bruder, worin hemm' ich Euch? – Ich gehe Still an mein Tagwerk, aus der Kemenate Zur Kirche oder in mein Spittelhaus. Und Trauer trag' ich, weil mein Gatte fern ist. Was schaut Ihr finster? Worin tat ich Unrecht? Raspe (er pflegt etwas abgebrochen zu sprechen; verlegen unter ihrem Blick) Niemand versagt den Gruß ... Ihr kamt so leise – – Wir glaubten, eine Dienerin – – wir lasen ... Wir lasen hier – Rudolf von Ems und diese – Herrn Walther von der Vogelweide. Sammeln Will ich die Lieder, obzwar tot Papier. Das müßte singen, tanzen durch die Wartburg! Wir lasen – sag' ich – lasen diesen Spruch: (Liest) »Die Düsterlinge sagen« – er meint mich – »Die Düsterlinge sagen, es sei alles tot, Und lebe niemand, der nun singe. Doch mögen sie bedenken die gemeine Not, Wie alle Welt mit Sorgen ringe. Kommt Sangestag, wir wollen singen und sagen!« (Setzt ab, gibt das Pergament einem Begleiter, spricht weiter) »Warum«, so fragt' ich, »kommt nicht Sangestag? War' ich hier Herr, es wäre Sangestag!« Und wie ich also rief, die Diele stampfend, Da schwebt Ihr, schwarze Frau, gespensterbleich Den Gang herunter, wie ein Flämmchen schwebt Auf einem Kirchhof – – (heftig, aufstampfend, wie ein ungebärd'ger Junge) – Kirchhof ist die Wartburg! Bettler vorm Tor! Und hinterm Tor Gebete! Elisabeth (ruhig-freundlich) Bruder, wir scheiden uns hierin. Ich schätze Herrn Walthers Kunst und hab' sein Singen lieb: Doch schöner dünkt mich das gesprochne Wort, Wenn es voll heimlicher Musik der Güte . Zwar schelt' ich jene nicht – sie sangen gut, Wir aber sprechen nun. Bin ich verschwärmt? Bist Du's nicht, der in Sanges Lüften schwebt, Indes ich nüchtern zu dem Elend spreche ? Raspe Ich bitt' Euch: hat man nicht für sie gesorgt? Steht nicht ein neues Spittelhaus am Brunnen? Elisabeth Mit dreißig Kranken! Bruder, dreißigtausend Warten in Deutschland! Raspe Warten um die Wartburg – Daher der Name! Geh' ich aus, so fall' ich Schon da im Gang – Elisabeth Ja, über die vielen Knochen, Den Hunden hingeworfen, nicht den Bettlern – Raspe Die Hunde dienen mir! Elisabeth (fest und freundlich) Die Krüppel dienten Im Kreuzzug Gott ! Viel Tapfre zogen aus Zu Roß und gut genährt, zum Dienen willig – Und kehrten heim, verkrüppelt und mit Aussatz! Vordem umjubelt, sind sie jetzt vergessen. (Hoheitsvoll) Die sind es, die Vergeßnen , die ich suche! Seht, Bruder, so ist unser Reich geteilt: Befehlt Ihr den Gesunden – ich den Kranken. Der » Erste Bettler « taucht im Hintergrund auf. Elisabeth schaut sich fragend nach ihm um. Bettler Sie schicken mich vom Spittelhaus – Elisabeth Nun, wer ist krank? Bettler Weinhardus – und der Junge, Den so die Schmerzen quälen – beide rufen Mit lauter Stimme nach Euch, Frau Landgräfin – Elisabeth (sich sofort zum Gehen wendend) Ich laufe – Jutta kommt. Elisabeth Jutta – nun? Jutta Der Pater wartet. Elisabeth (nach kurzem Zögern) Sag' Pater Konrad, daß er warten soll! Sie brauchen mich da unten! (Zum Bettler, frisch) Flink, wir tanzen Den Winterwald hinunter! – Liebe Herren, Denkt gut von eurer Landgräfin, ich bitt' euch! (Geht mit leichtem Kopfneigen ab, vom Bettler gefolgt; die Herren verneigen sich; Jutta kopfschüttelnd nach der andern Seite ab.) Erster Bürger Es ist ihr schwer beizukommen. Sie hat Hoheit ... Man merkt, daß sie eines Königs Tochter ist. Zweiter Bürger Sie spricht gut. Dritter Bürger Es ist der Blick. Sie zwingt's mit dem Blick. Zweiter Bürger Mit der Hand! Mir haben Kranke gesagt: Wenn sie die Hand auflegt, so geht ein Strahl aus der Hand heraus und macht sogleich gesund. Raspe (ist inzwischen düster hin und her gegangen, bleibt jetzt stehen) Also, ihr Herrn von Eisenach, so steht unsre Rechnung! Sängerburg – oder Bettlerburg? Festgewand – oder Trauer? Wofür seid ihr? Bettler? Erster Bürger Die Rattenplage! Zweiter Bürger Es ist seit Menschengedenken nicht so viel gestohlen worden! Erster Bürger Und die Raufereien! In der Schenke am Jörgentor schlagen sie sich alle Samstage die Schädel wund. Dritter Bürger Nun, wer zu der Frau Landgräfin hält, der lungert wohl nicht in den Schenken herum! Erster Bürger Aber das Gesindel zieht sich hieher! Denn es geht weit und breit die Losung um: Hier wird die Faulheit gefüttert! Raspe Wohl gesprochen! Dies Wort setz' ich in Goldschrift über das Spittelhaus: Hier wird die Faulheit gefüttert! Drum, Eisenacher, gedenk' ich jetzt, zur Stunde, augenblicks, ein Ende zu machen! – Frau Sophie, meine Mutter, ist auswärts: doch weiß ich, wie sie denkt. – Hermann (zu einem aus dem Gefolge) , sowie die Landgräfin wieder herauf ist, nimmst du eine Handvoll Reiter: und du säuberst mir das ganze Weichbild von Eisenach! Nehmt den üblen Schwarm zwischen die Rosse – und fort mit der Herde! Setzt sie im Hessischen ab oder wo ihr wollt! (Zu den Bürgern.) Und ihr, die ihr einverstanden, ruft eure Büttel, tut in Eisenach das gleiche! (Die zwei ersten Bürger verneigen sich, es ist zufriedene Erregung unter die Gruppe gekommen; sie gehen nach beiden Seiten ab, unter lebhaften Gesprächen.) Raspe (zum Minnesänger, der sich inzwischen abseits hielt) Der Stein fliegt, Konrad von Ems! Wollt' Gott, die ganze Ungarei wär' samt den Bettlern draußen! – Kommt, wir lesen weiter in Walthers fröhlichen Worten! Farben her! Töne! (Zwischenvorhang,) Zweite Szene Schloßkapelle Düstre Beleuchtung. Über dem Altar rötlich glühend das ewige Lämpchen. Schwere Stimmung über allem. Auf den Stufen kniet Elisabeth , das Gesicht in den Händen. – Konrad hängt eine Geißel an die Steinsäule. Dann wendet er sich langsam wie zum Gehen, bleibt stehen und spricht tiefernst. Konrad Euch blutet zwar der Leib – doch mir die Seele ... (Wieder als ob er gehen wollte, dreht sich nochmals um, heftiger) Ihr macht mein Amt mir zum Verzweifeln schwer. Denn Ungehorsam ist die schlimmste Pest! Und schlimmer als Beulenpest ist Ketzerei! Ihr – züchtet beides ! Ihr gebt unschön Beispiel. Wenn Euch die Kirche ruft, so tanzt Ihr lächelnd Den Berg hinunter: »Sag' dem Pater Konrad, Ich komm' ein andermal!« O kindisch Tändeln! Das höre nur das Volk und schwatz' es weiter! Und statt zur Messe läuft das in die Schenke Und tut wie Frau Elisabeth. Denn ihnen Ist Schenke das, was Euch das Spittelhaus: Ein Lustreiz! ... Schwer schon trägt die Christenheit An Kaiser Friedrich, dem Häretiker – Wollt Ihr nun Kaiserin der Ketzer sein?! Elisabeth (hat das Gesicht erhoben, schaut starr die Ampel an, wie abwesend) Mich friert ... Doch rosenrot glühst du mich an, Des Heilands Herzblut! Wie ein heil'ger Gral Erquickst du, schwebend Lichtlein! ... Fehlte ich? O so vergib die Sünde! ... (Zu Konrad , sich langsam umdrehend, und sich mit leisem Aufstöhnen auf die Steinstufe setzend) Euch muß ich Den Traum erzählen, Pater Konrad. Konrad Geh nun Und pflege dein! Es ist genug. Elisabeth (den Kopf aufstützend, vor sich hin) Den Traum ... Wofern im Traum die Seele sich enthüllt, So lest aus diesem Nachtbild meine Seele. Es wär' ja nutzlos, Euch zu täuschen. Gott Weiß dennoch, wie ich bin ... Drum hört den Traum. (Die Hände über den Knien haltend, vor sich hinschauend, sehr deutlich, doch etwas eintönig) Mir ist erschienen eine Lichtgestalt, Die stand vor mir und sagte diese Worte: »Willst du an Heiligkeit so steil entfliegen, Dem Blick der Feind' und Freunde so entrückt, Daß nichts dich halten kann, daß aber wir, Die nahen Himmelsengel, dich begrüßen?« Tief prüft' ich mich. Dann fragt' ich: »Auch die Armen?« »Du überfliegst sie alle – auch die Armen.« »Und sie sind einsam?« – »Sie sind fürder einsam.« Die Nacht war still. Ich saß und dachte tief. Dann legt' ich mich zurück und sagte: » Nein «. Konrad Du sagtest Nein ?! Du hast das Angebot Der Heiligkeit verschmäht?! Elisabeth (leise, doch fest) Ich sagte Nein. Gnade für mich allein war' keine Gnade. (Ausbrechend) O Pater, schau' mich: Meine Kleider kleben Am blut'gen Leib – ich aber sage dir: So schwer, so glühend, wie die Messinglampe Dort überm Altar, hängt mein Herz zur Erde, Zum Gatten, zu den Kindern, zu den Armen – Erfasse doch den Traum! Laß ab von mir! Die Rosen, die du einst gescholten, hab' ich Nur immer lieber, ja, ich mag seitdem Kein Kreuz mehr sehen ohne wilde Rosen! Du siehst mich ganz voll Sünde! Darum laß mich! Konrad (düster) Ja, ich ersterbe noch im wilden Wald Der Rosen, die mir meinen Bau umwuchern. Das ahn' ich. Regellos das alles – üppig! (Zu Elisabeth) Der Weg zur Heiligkeit – Elisabeth (kopfschüttelnd, vor sich hin) Ich bin nicht heilig – – Konrad (ruhig-eindringlich) Versteh mich, fiebernd Kind: Gehorsam heißt Die erste Christentugend. Hast du nicht Den Geist in Zucht und kannst du nicht gehorchen – So bist du Irrlicht ! Lockst die Armen an Und läufst mit ihnen ziellos durch die Zeit, Flämmchen im Wind! – Sei du nur schwere Lampe, Wie jene dort, und wuchte glühend-rot – Doch bleibe überm Altar ! Werde stetig ! Elisabeth Lieb hab' ich sehr den Altar! Lieb hab' ich Die heil'ge Kirche! Doch wo Kranke sind Und gute Hilfe – ist da nicht ein Altar? Konrad (belehrend, fast warm) Frau, wir sind Menschen. Eine Mutter hat Ein jeder – unsre Mutter ist die Kirche . Weh, wer die Eltern nimmer ehrt! Sein Werk Ist ohne Segen. Drum, mein Kind, beginne Jedwedes Tagewerk mit unsrem Segen – Mit meinem Segen: denn ich bin für dich Die Kirche – und durch mich nur geht der Weg. Ich bin dein Vater – und der Kirche bin ich, Als deiner Mutter, anvermählt; und du Und ich und alle Christen sind als Kinder Zu eigen einem, der in Roma thront, Als »heil'ger Vater«: jener aber ist Der Stellvertreter Gottes . Sieh, so sind wir Ein großgefügter Bau , ein Gottesbau. Tue dein Werk, doch ohne Schwärmerei: Tue dein Werk – als Glied der heil'gen Kirche ! Elisabeth (matt) Betet für mich ... Ich bin noch unfromm ... Bin Sehr kraftlos ... Jutta! (Wird ohnmächtig,) Konrad (ruft durch die Tür) Jutta! Sieh nach ihr! ( Jutta kommt.) (Zwischenvorhang.) Dritte Szene Halle auf der Wartburg Ruprecht tritt aus als Krieger, Narbe über der Stirn, sehr mitgenommen; ihm begegnet Margret. Margret (entsetzt die Hände zusammenschlagend, nach einer Pause des Erstaunens) Ruprecht?! – Ruprecht (kalt) Ja, Ruprecht! Margret Oder dein Gespenst?! (Rasch gen Himmel) Heilig! Nur heilig! – Ruprecht, zogst du nicht Mit in den Kreuzzug?! Bist du dort gestorben Und zeigst mir deinen Tod an? – Marter Gottes, Ich hab' dir ja vergeben! Ruprecht (kalt und kurz) Laß das, Weib! Ich bin von Fleisch und Blut. Die rote Narbe Und zwei in eurem Schnee erfrorne Zehen Sind wohl Beweis genug. Führ' mich zur Frau Elisabeth! Margret Bist's wahrhaft?! Heiliges Wunder! Mann, siehst ja stattlich aus, ob auch ein bißchen Verfroren und verlumpt! Wer dich nicht kennt, Hält dich für 'n ordentlichen Kriegsmann. Komm, So gib mir doch die Hand! Wir sind ja doch Eh'gatten! Ruprecht (grimmig-verächtlich) Regt sich wiederum das Weibchen? Margret Gibst mir die Hand nicht?! Bin ich etwa unwert, Weil mich die Sorge um die Seligkeit Zermartert?! Weil ich täglich hier mich rackre, Indessen du's mit Sarazenenweibern treibst?! Was?! Liefst am Ende fort, als Blut floß? Ruprecht (höhnisch) Ja! Ja, Weib, ich lief davon! Ich bin ja feig! Ich hielt's mit welschen Weibern, kaufte ihnen Schmuckkästchen, venetian'sche Spitzen – seine, Blitzblank geschliffne Gläser, golddurchfädelt – (In wachsendem Grimm) Du Betmaschine, mehr denn jemals mir Verhaßt! Da draußen in der hellen Luft, Am Kaiserhof, am Meer, am Alpen-Abgrund Hat sich's verstärkt, was du verruchtes Weib – Verrückt mehr, als verrucht! – mir angetan. Bist mir zum Ekel, Weib! Pack' dich! Wenn ich (Pater Konrad tritt unbemerkt auf) Ein Kreuz gesehn, hab' ich den Kopf gedreht, So hast du mir mit Rosenkranzgeschnatter Das Kreuz verekelt! Hätt' ich den Tod gefunden, Ich wäre ohne Beicht' und Sakrament Zum Teufel gefahren, weil mein giftig Weib Die Frommheit mir verleidet hat! Pack' dich! Margret (nach Worten suchend vor Wut) O heilige fünf Wunden! – Pater! Pater! O Pater Konrad , habt Ihr den gehört?! – Heilig! Nur heilig! – 's ist der Satan, dem ich Entlief! Es ist mein Mann! Er ist entlaufen – Wie eh'dem mir – so jetzt dem heil'gen Kreuzzug! Denn er ist feig! Konrad (kalt-ruhig) Was sprachst du da vom Kreuz? Ruprecht (in Zorn) Feig?! Himmel und Hölle! Konrad (näher tretend) Mich schau' an, mein Freund: Wie war das, was du da vom Kreuz gesprochen? Ruprecht (seinen Zorn nun gegen ihn kehrend) Daß Euer Betgeplapper mir verhaßt ist! Daß ich vor jedem Kutten-Weiber-Rock, Wie Ihr ihn tragt, vor jedem glattgeschabten Priestergesicht das Auge seitwärts wende, Weil etwas in mir weh tut oder höhnt! Da wißt's nun! Jetzo nennt mich feig! Und wollt Ihr Ein weitres hören, nun, so fragt den Kaiser Friedrich den Zweiten, »Sarazenenkaiser« Vom Pfaffenvolk genannt! Der glaubt (Schnickt mit den Fingern) so viel! Und einen traf ich, einen Albigenser Oder Waldenser, war ein frommer Mann, Doch hielt vom Pfaffentum soviel wie ich! So, Pater, jetzo nennt mich feig! – Platz! (Will an Margret vorüber.) Konrad (kalt und laut) Halt! Sebald! (Ein Laienbruder erscheint) Zwei Knechte! Den da in den Turm! (Jener ab.) Ruprecht Mich in den Turm? Seid Ihr von Sinnen?! Wer Gebietet auf der Wartburg? Konrad Du kommst wahrlich Von weit her, dreister Bursch. In äußren Dingen Gebietet hier Herr Raspe , doch in Dingen Der Kirche Pater Konrad , der dich jetzt Als ketzereiverdächtig in den Turm setzt! (Laienbruder und zwei Knechte erscheinen.) Ruprecht Das ist ja Narretei! Ich habe Auftrag – Konrad Bindet den Mund ihm zu, wenn er nicht schweigt! Pestodem aus dem Süden, hauchst du mir Vom Sarazenenkaiserhof bis hieher?! Willst du uns Albigenser züchten?! Ruprecht (in seiner Überraschung gefesselt, wird fortgeführt) Hunde! (Ab.) Margret (noch ganz erregt) Der trägt Unsegen in die Burg – Nur heilig! – Ich war zu lau im Beten, drum mir Gott Den Greuel sandte – heil'ger Mann, vergebt mir! (Kniet und küßt sein Kleid.) Konrad (kalt und kurz) Geh nur! Margret (auf den Knien bleibend) Seid Ihr so kalt? Hab' ich's verfehlt? So nehmt mich mit in Eu'r Gemach, nehmt mich Und züchtigt mich! Jedweder Geißelschlag Von Eurer Hand auf meinen nackten Rücken Ist Süßigkeit! Konrad (schärfer) Geh an die Arbeit, sag' ich! Margret (auf den Knien bettelnd, in durchbrechender, tieferer Qual) Ein wenig Liebe , Herr! Ich bin ein Weib! Ich hab' vom Leben nichts – nur solchen Mann – ( Konrad stampft auf: sie schleicht, sich bekreuzigend und in den Augen wischend, mit gesenktem Kopf davon.) Heinrich Raspe kommt. Raspe (blickt verdrossen; er spricht ruckweise, zaudert oft, überstürzt sich dann wieder) Wen schleppt man übern Hof? – Gabt Ihr , Herr Pater, Befehl? Konrad (ruhig) Ich tat's. Denn Eures Beifalls war ich Dabei gewiß. Der Troßknecht ist entlaufen Aus halbem Kreuzzug. Statt der Frommheit bracht' er So ketzrisch Lästern aus der Ferne mit, Daß ich ihn festnahm. Bei Gelegenheit Könnt Ihr, Herr Raspe, ihn verhören ... (Raspe spielt finster mit der Hand im Bart; Konrad geht ebenso düster hin und her, Hände auf dem Rücken.) 's ist Eisige Winterszeit. Die Luft ist starr Vom Frost. Eiszapfen drohn wie Krallen, Und zähnefletschend steht das Schneegebirg'. Dies alles dünkt mich Sinnbild der Erstarrung Auf Eurer Burg – und überall im Volke. Wie mit verhalten-dumpfem Ingrimm schleichen Die Menschen sich vorüber. Meine Predigt Wirft sie auf einen Atemzug in Staub – Doch wenn sie sich aus ihrem Sündenkot Erheben, sind sie schmutz'ger! Leben zu zeugen Ist mir versagt! Bußprediger und Büttel Schlagen nur tot: und ich bin hier der Büttel ! – Nun? – Hat Euch mein Befehl gekränkt? Raspe Ihr habt Verfügt – und somit muß es bleiben. Mag ich Nun wollen oder nicht. Gleichwohl – – Konrad Gleichwohl –? Raspe Ja, Pater Konrad, eine Totenhand Lastet auf meiner Burg! ... (herausfahrend) Wer ist hier Herr? Konrad (ruhig die Arme kreuzend) Sprecht nur! Ich hab' auf dies Gespräch gewartet. Raspe (in wachsender Erregung) Auf Wartburg fehlt das Lachen , Pater Konrad! Laßt sie ja nicht dahinter kommen, Pater, Wer hier das Lachen und die Liebe austreibt! Konrad Ruft's her! Ihr habt ja Macht! Raspe Wer hat hier Macht? Ihr seid die Seele dieser Burg – nicht ich! Wenn Ludwig heimkehrt, bin ich wieder Vasall ! Wohl heb' ich die Hand zur Tat – doch mitten drein Zuckt mir der lähmende Gedanke: »Laß doch! Was du verfügt, wirft Ludwig wieder um! Und frage erst die liebe Schwägerin! Und frage erst den klugen Pater Konrad!« ... Ich bin vergleichbar jenem Flügelgaul Der griechischen Poeten: Flügel spür' ich, Doch eins, zwei, drei Lastsäcke hemmen den Hochflug. Der eine: Ludwig – zweite: meine Schwägerin – Den dritten nenn' ich nicht – (verneigt sich vor Konrad) – ich bin zu höflich. Konrad (kalt-ruhig) Ihr wißt: hier steht die Kirche – Raspe (mit Verbeugung) – die ich achte! Konrad Die Kirche ist Euch Last? – Ich könnte sagen – Doch will ich Eure Höflichkeit entgelten –: Der schlechte Schmied, der unentschloßne Mann, Klagt Amboß, Hammer oder Eisen an – Haltloser Schwächling, der nicht schmieden kann! Doch rat' ich: Haltet Freundschaft mit der Kirche, Es könnte sein, daß Ihr die Kirche braucht ! Raspe (schaut auf. Dann) Ich bin der Kirche Freund – nicht wie der Kaiser – Konrad Und Ihr tut gut dran. Ihr seid jung. Der Kaiser Ist nicht unsterblich – Raspe (schaut wieder auf) Habt Ihr Nachricht? – Pater, Verbergt Ihr etwas?! Konrad Nein. Der Kaiser lebt. Raspe (Arme kreuzend, zwischen den Zähnen) Wollte der eine Traum nur von mir weichen, Den einst mein Vater unbedacht gelockt – (deutlich) Der Kaisertraum ! Konrad (kühl beobachtend) Wartet, bis Eure Zeit kommt! (Sie sehen sich an. Pause.) Raspe Seht Ihr, so bin ich! Träume narren mich ... Da träum' ich höchste Kronen – und ich bin Nicht einmal Landgraf – denn mein Bruder lebt. Konrad Herr Ludwig könnte – – (bricht ab.) Raspe (fühlt herum) Nun?! – Ihr wißt etwas! Heraus damit! Ihr Kleriker habt immer Auf ganz verstohlnem Wege Kundschaft! Konrad Nein. Ich sprach Euch das zum Troste. Nunmehr will ich Von Euch Trost – ich bin mehr in Not als Ihr. Raspe (in innerer Erregung) Ach was, ich höre nichts – ich reite aus! Ich trag' den Traum, wie man den Falken trägt Zur Reiherbeize auf dem Lederhandschuh, Ich lach' ihn an und reit' ins Angemeßne! (Sieht sich rasch um, von einem Gedanken erfaßt) Wo ist – schon gut! – Also? Was steht zu Diensten? Konrad Ihr habt die Bettler ausgejagt? Raspe (immer in gehobener Stimmung) Das tat ich! Faul Volk! Läßt tags sich füttern, stiehlt des Nachts! Die Schwägrin mag sich Fürstenarbeit suchen! Konrad Ihr tut nach Fürstenpflicht. Nur helft mir sinnen, Wie sich die Frau in der besondren Kraft, Die Gott ihr gab, gleichwohl entfalten könnte ... (Geht sinnend hin und her, bleibt oft stehen) Es müssen große Heilige erstehn! Es muß ein ungewöhnliches Geschehnis Die Christenheit bis in das Mark erschüttern! ... Die Frau, um die ich sorge, wäre fähig, Wie Sankt Franziskus und Sankt Dominik, Krone und Fürstenkleid in Staub zu werfen Und Gott zur Ehre Bettlerin zu werden ... Sie wäre – sag' ich! ... Und ich wär' alsdann Der Mächtigste in Deutschland – und in Rom ! – (Raspe horcht auf) Beachtet das – falls ich die Landgräfin Zur Heiligen erzöge und die Heilige Der Kirche überreichte ... Der Gedanke Ist klar und groß: jedoch – die Frau versagt . Wenn nicht ein unerhörtes Schicksal zuspringt Und den gefangenen Genius dieser Frau Vom Kleinen reißt und sie zum Aufschwung zwingt Ins Große, Heil'ge, unerbittlich Harte – So kehr' ich schamvoll knirschend in mein Bistum Marburg zurück. Raspe Von einer Frau besiegt? Konrad Ja! Eher Albigenserheere bänd'gen, Als eine deutsche Hausfrau heilig machen! (Geht breit und wuchtig, mit geballten Fäusten, hin und her. Dann führt er fort) Jetzt eben schwärmt sie noch: »Ja, Sieg der Kirche!« Da hört sie einen Kinderlaut – sofort Vergißt sie, was ich sprach – und sie ist Mutter, Nur Mutter! Oder sie kniet vorm Kreuzbild Und leise merk' ich, wie ein ander Leuchten In ihr Gesicht tritt. »Nun, Elisabeth?« Da fährt sie auf. »An wen hast du gedacht?« »An meinen Gatten« – – seht, so betet sie! So ist sie Gattin, Mutter, Weib und Kind – Nur keine Heil'ge! Jutta kommt. Raspe (erblickt sie, laut, um Konrad aufmerksam zu machen) Jutta –? Konrad Nun, was soll's? Jutta (zu Raspe, in verhaltenem Zorn) Herr, wäre meine Frau nicht krank, sie käm' Und fragte selbst: Ist's wahr, daß Ihr die Armen Verjagt habt? Raspe Sie ist krank? Jutta (zu Konrad, heftig) Von Euch gegeißelt! Ist denn das Gottes Wille, daß für jedes Winz'ge Vergehn die Geißel niederknalle?! Tut, was Ihr wollt mit mir! Ich hab' soeben Die Geißel, die Ihr über sie geschwungen, In Stücke zerbrochen und verbrannt! Konrad (aufbrausend) Jutta! Also heraus dein wahr Gesicht! Bieg's oder breche, Dich pack' ich nun! Du gehst samt Eisentrud Noch heute von der Wartburg! Jutta Wer erlaubt Euch –?! Konrad (zu Raspe) Merkt Ihr nun das Gelüst nach Aufruhr? (Zu Jutta) Jutta, Daß ich geheim und selten deine Herrin Der Züchtigung unterwerfen muß –du bist Und deinesgleichen schuld daran! Ihr schwatzt Weltlichen Aufruhr in ihr fein Gemüt! » Coge intratre !« sagt wohl Gottes Wort – Doch mich zerreibt der aussichtslose Kampf! Drum fort mit euch! – Folg' jetzt zu deiner Frau! (Ab mit der bestürzten Jutta.) Raspe (ruft erregt durchs Fenster) Du dort, hinab! Schaff mir den Mann herauf, Den sie in Turm geworfen! (Geht hin und her) Nur etwas Nahrung – Ein Wassertröpflein nur – denn meine Hoffnung Will Rinde sprengen! – Nur Geduld – Geduld! Zwei Knechte bringen den gefesselten Ruprecht . Raspe (sich zu anscheinender Kühle zwingend) Sag' an: Du kommst vom Kreuzzug? Ruprecht Von Otranto. Raspe Allein? Ruprecht Der Marschall war noch bei mir. Doch Der fiel von Räuberhand im Tal der Eisack Und gab mir sterbend, was er bringen sollte. Ich schlug mich durch. Raspe Ach was, du bist entwichen! Ruprecht Ich bin entsandt. Raspe Entsandt! Ein Stallknecht! Ruprecht Sagt' ich Nicht deutlich, daß mein Herr, der Marschall, tot sei? Raspe Wie willst du Ausweis geben, daß du wirklich Entsandt seist? Ruprecht (finster, langsam, deutlich) Ausweis hab' ich solcher Art, Daß manches Auge drüber weinen soll. Raspe (starrt ihn an, tritt einen Schritt zurück) Du hast besondren Auftrag? Ruprecht Sehr besondren. Raspe An mich? Ruprecht An die Frau Landgräfin ... Raspe Die Frau ist krank. Ruprecht So muß ich schweigen. Doch befreit mich Von diesem Schmuck! Raspe (winkt erregt, sie befreien ihn) Ruft Frau Elisabeth! Sagt ihr: heut' gilt kein weichlich Kranksein. Der da Sieht aus, als ob er Ungeheures brächte! (Diener eilen, er selbst ruft, ganz aufgeregt) Ihr Herrn, heraus aus allen Kammern – her da! (Zu den Dienern) Ruft alles Volk – flink alles Burgvolk hieher! (Ritter, Knechte, Frauenvolk kommen nach und nach von allen Seiten in neugierigem und erregtem Flüstern. In unregelmäßigem Gedränge füllt sich der durchsummte Saal.) Raspe (zu den Herren) Hier ist ein Mann – der da – entsandt vom Kreuzheer – Hat wichtige Botschaft – von Otranto kommt er – Wo bleibt die Landgräfin? – Da kommt sie! – Sprich nun! ( Elisabeth kommt zwischen Jutta und Eisentrud , sehr blaß und angegriffen; dahinter Pater Konrad .) Ruprecht (starrt sie an) Ist das die Landgräfin – die blasse Frau dort? Sagt, ist das nicht ein Bild der heil'gen Jungfrau? Hat sich vom Stein gelöst, geht aus der Kirche, Kommt stracks zu mir – (Fällt auf die Knie und streckt bewegt die Hände aus) Madonna, bitt' für mich! Ich bin ein Knecht – Ihr seht den Stand nicht an – Drum nehmt aus Knechtes Mund den Gruß des Kreuzheers! Frau – Frau, ich kann nicht reden – denn ich muß Euch ansehn – betet, Frau, für meine Seele! Elisabeth (freundlich-mild) An mich dein Auftrag? O, wie freu' ich mich Und schüttle alle meine Schwäche ab, Von ihm zu hören, des ich Tag und Nacht In Sehnsucht und Gebet gedenke! (Ruprecht senkt tief den Kopf) Nicht wahr: Der Zug hat sich verzögert? Sie sind noch In Brindisi, sind noch nicht abgefahren? Man hat ihn hochgeehrt am Kaiserhof, So hört' ich. Jede Stunde leb' ich mit: Jetzt ist er da – jetzt dort! Den Kindern zeig' ich Die Karte: Kinder, seht, hier zieht der Vater! Hier liegt Palermo – dieses ist Otranto! Ruprecht Nicht weiter, o du arme Frau! Otranto! Elisabeth (betreten) Nun? Seh' ich recht: Du weinst –? (Sie schaut sich ängstlich im ahnungsvoll flüsternden Kreise um. Flüstern: »Ein Unglück – der Landgraf krank – gar tot – wer weiß!«) Ihr lieben Herrn, Verbirgt man mir etwas? – Sagt, lieber Schwager, Es muß hier etwas sein, das – (Zu Ruprecht) Sag's heraus: Mein Herr ist krank? Er hatte Unglück, nicht wahr? Ruprecht (mit Tränen kämpfend) Herr Ludwig – ja – war krank – ganz kurz – ein Fieber Von einem kalten Trunk – Elisabeth (in wachsender Angst) Und kehrt jetzt heim Und folgt dir auf dem Fuße, nicht wahr, sehr Entstellt und Pflege heischend, nicht wahr, nicht wahr? (In ausbrechender Angst) So bringt ihn doch! Ihr seht ja, ich bin ruhig! Ruprecht (hat dem Ledertäschchen am Gurt einen Ring entnommen, liegt schluchzend auf dem linken Arm und hält mit der rechten Hand den Ring hoch) . Elisabeth (beugt sich vor, nimmt den Ring, aufschreiend) Sein Ring! O Gott im Himmel, er ist tot! (Sie sinkt zurück und wird weggeführt. Große Bestürzung, Durcheinanderlaufen, Rufen, Fragen, Türenschlagen durch die ganze Burg hin. Raspe, Konrad und andere Herren stehen um Ruprecht, den sie erregt befragen. Der Abend sinkt; es beginnt zu schneien.) Raspe (unter einigen beglückwünschenden Herren, in Erregung) Dank – Dank – habt Nachsicht – ich bin ja im Taumel! Das kam ja wie ein Donnerschlag! Ich bin ja – (Sich reckend, lacht laut hinaus) Herr dieser Wartburg bin ich! Ich bin Landgraf! (Fernes Geläute) Hört ihr die Glocken Eisenachs?! Sie läuten Dem neuen Herrn! Was, oder sind das noch Die Totenglocken? Wohl, dem Toten erst Den Ehrengruß! Wer etwa unter euch Unziemlich spricht von meinem toten Bruder – Den werf' ich aus der Burg! Ein Edelmann War Ludwig! Den verruchten Frömmlerton Hat eine andre auf die Burg geschleppt! Die Ungarin, die Fremde!... Ich bin Herr!... Nun gut, sie setzt sich in den Pallas – und Das Spittelhaus geht ein! Ich will den Berg Vom Ungeziefer fegen! – Über Nacht, Ihr Herren, baute der Teufel eine Burg – Ich will die Wartburg über Nacht umbauen! Ihr meldet Frau Elisabeth, Graf – nein Bleibt, Graf! Ich gehe selbst! Ich bin hier Herr! (Rasch, erregt und entschlossen ab.) Jutta (kommt gelaufen, Kleider auf dem Arm) Wir gehn, ja wohl! Doch unsre Frau geht mit! Konrad (kommt hinter ihr her) Ihr geht allein! Du und die Frau – ihr seid Fortan getrennt! Samt Eisentrud! (Wieder ab.) Eisentrud (kommt, voll Angst) Weh, Jutta! Die Burg ist voll von Aufruhr – alles sträubt sich Dem neuen Herrn – dem Raspe, den der Tag Berauscht macht! Jutta Und ich will zu ihr! Ich breche Die Riegel, wenn sie mir den Zugang sperren! (Wirft die Kleider hin und eilt wieder ab. Margret (läuft herbei) Der Pater – wo? Wo ist der Pater Konrad? (Ruft hinter die Szene) Sie haben dem Unhold Ruprecht Wein gegeben! Er steht auf einem Stein – er flucht auf Euch – Konrad (kommt mit Raspe) Periculum in mora , Landgraf! Jetzt Heißt's zugepackt! Sie weigern Euch den Treu-Eid! (Beide ab.) Elisabeth kommt, ganz verstört, gefolgt von Jutta . Elisabeth Der Tod geht durch die Wartburg! Jutta, fort! (Als ob sie die Kinder bei sich hätte) Hier sind die Kinder – rasch – die Mäntel, Jutta! Jutta (weinend, sie streichelnd) O Frau, nur ruhig, seid doch ruhig! Elisabeth Ja – Ich bin ja ruhig – ja – Sie sollen nur Mich nicht so ansehn! Horch, es laufen alle So durch die Gänge! Und das Türenschmettern! Sie rufen alle, einer sei gestorben, Einer! – o weh, ich weiß wohl, wer! – Herr Raspe Kam zu mir, wollte mir ein Trostwort sagen – Da ward er weiß wie Schnee, als er mich sah, Und rückwärts wich er aus der Tür! Doch ist Etwas in seinem Blick – ich habe Angst! Ich habe vor euch allen Angst!! (Sie weicht mit gespreizten Händen angstvoll zurück bis an die Wand.) Jutta (kniet vor ihr) Habt doch nicht Angst – Herrin, ich bin ja Jutta – Und hier ist Eisentrud! (Auch Eisentrud kniet; Jutta, von einem Gedanken erfaßt, läuft rasch fort.) Elisabeth Ja Eisentrud – Doch will die Kirche, daß ich euch entlasse! Fort! Fort mit euch! Eisentrud (weint) O meine liebe Herrin! Jutta (kommt mit den drei Kindern) Hier bringt ich Euch die Kinder! Elisabeth (auf sie zu, aufjubelnd und aufweinend) Meine Kinder! O Kinder, euer Vater ist ja tot – (Die Verstörung löst sich in heftiges Schluchzen auf; auch die Kinder kauern sich ängstlich weinend an die Mutter, die auf den Stufen sitzt,) Jutta Sie weint – Konrad (kommt, mit dem Laienbruder) Laßt mich allein mit ihr! (Ruhig-streng) Ich bitte. Ich will jetzt nicht befehlen: diese Stunde Ist mir zu heilig. (Jutta und Eisentrud gehen zaudernd ab.) Konrad (zum Laienbruder) Sebald! Wenn dir's möglich, So sperr' die Weiber in die Kemenate! Das schnattert nur und häuft nur die Verwirrung! Indes der Landgraf jenen Ketzerknecht Vernimmt, sprech' ich zu Frau Elisabeth. (Der Laienbruder geht ab. Es wird still.) Konrad (zu Elisabeth, die noch leise weinend bei den Kindern sitzt; ernst und ruhig) Kind, dies ist deines Lebens schwerste Stunde. Zugleich die heiligste. Die Todesbotschaft Kann dich zur Königin erheben – oder Zur Witwe, wie es tausend Witwen gibt. (Sehr ruhig und deutlich) Merk' auf: Du kannst nunmehr im Pallas hausen Und deine Kinder pflegen. Doch du kannst Ein Größres tun, ein so erhaben Werk, Daß nicht Jahrhunderte dein Werk verwischen. Du kannst abwerfen, was dir Gott noch ließ, Kannst Ludwigs Tod als Schicksals Mahnung fassen Und wie Franziskus zu den Armen ziehn – Arm wie die Ärmsten, Königin der Kranken! Elisabeth (vor sich hin) Ja – ja – ich will zu meinen lieben Kranken – Will ihnen sagen, daß ich selbst erfahren, Wie weh der Schmerz tut – (Erhebt sich) und will ihnen sagen, Daß Gottes Liebe dennoch größer ist! Sie sollen nicht verzagen, nicht verzagen – Gott hat uns dennoch lieb – Gott hat mich lieb – Kommt, Kinder! Ach, mir blieb so köstlich Werk! Mein großes Leid darf ich zu Wohltat schmieden Und darf's in kleinem Schmuck verteilen! Kommt! Konrad (befremdet) Mit deinen Kindern? – Besser wird man sie Mit andrem Jungvolk auf der Wartburg aufziehn – Elisabeth (rasch und instinktiv die Kinder an sich ziehend) Ich soll die Kinder von mir geben?! Niemals! Konrad (ruhig) Nun, Frau, so bleibt. Es steht in Eurer Wahl: Seid Mutter – oder geht zu Euren Armen! Elisabeth Ich bin doch dieser Kinder Mutter?! Dien' ich Dem Herrn nicht, wenn ich sie zu Menschen bilde? Mein Gatte lebt ja in den Kindern – sein Geist, Der gute, zarte, männlich edle Geist – O Trauter, wo ist deinesgleichen! – sein Geist Lebt dreifach weiter, wenn die lieben drei, Von mir gehegt, zu guten Menschen wachsen! O süßes Amt! Ich darf in drei Kapellchen Den Altar schmücken und das ew'ge Lämpchen! Ich darf drei wunderliebe Glöckchen läuten – O, nehmt mir nicht so süßen Gottesdienst! Konrad (kalt-ruhig) So sprechen viele Mütter. Doch von dir, Elisabeth, will ich erhabnes Wort! Im Himmel und auf Erden sind noch tausend So niedliche Kapellchen wie die drei da! Dennoch ließ Christus seinen Himmel! Dennoch Kam er auf rauhe Erde – und die Sünder Und Armen nannt' er seine lieben Kinder! ( Raspe kommt, hinter ihm wird Ruprecht geführt, die Haare wüst, die Hände nach vorn gefesselt; dabei noch andre Herren und Knechte.) Raspe (laut) So, diesen Trunkenbold hab' ich erforscht Bis in das Knochenmark! Und hier? Wie steht's? Elisabeth (in Angst) Fort! Kinder, kommt! Konrad (unwillig zu Raspe) Was fahrt Ihr in mein Werk! (Zu Elisabeth) Bleibt ruhig, Frau! – Verstand mich meine Tochter? Gehst du, so gehe ohne deine Kinder! Elisabeth Nicht eine Nacht – wir gehn nach Eisenach – Kommt! Konrad (ihr breit in den Weg tretend) Frau, noch einmal – Raspe Fort die Heilige! Seht Ihr nicht, daß sie fort will ?! Elisabeth (in unschlüssiger Angst, bittend vor Konrad stehend) Ich bin Mutter ! Und sie sind mein ! Ich bitt' Euch, schützt die Kleinen Vor jenem Manne dort, der herrschen will! Ich hab' um meine Kinder Angst, um mich nicht, Nur um die Kinder! Kommt! Konrad Gehorcht die Mutter? Elisabeth (mit verzweifeltem Blick gen Himmel) Nein!! (Rasch und heftig, an Konrad vorbei, ab mit den Kindern.) Konrad (ballt die Fäuste, dann geht er an die Tür und ruft ihr nach) Frau, ich erwarte Euch in meinem Bistum Marburg – doch ohne Eure Kinder! Ruprecht (hebt dumpf stöhnend die gefesselten Hände) Pfaffe! (Vorhang.) Vierter Aufzug Erste Szene Beim Bischof von Bamberg Ein Gärtchen. Am Spalierobst ist ein alter Gärtner (Mönch) beschäftigt. Der Bischof von Bamberg steht im Gespräch mit dem Prior, den er eben entläßt, worauf er sorgenvoll hin und her wandelt. Gärtner-Mönch (freundlich, um etwas zu sagen) Es lenzt, Herr Bischof! Bischof (zerstreut) Scheint wohl, Philipp ... Prior! (Spricht noch kurz mit ihm, Prior ab.) Sagtest du etwas, Philipp? Gärtner Just nicht viel. Doch wollt Ihr etwas Schönes sehn, Herr Bischof? Guckt dieses Pfirsichzweiglein an, behängt Mit roten Knospen, und an jeder Knospe Ein rundes Tröpflein, blitzeblank! Wenn man Hineinschaut, muß man lachen und muß gleich Vor so viel Schönheit 's Käpplein ziehn: »Grüß Gott!« (Er tut's.) Bischof (bleibt bei ihm stehen, seufzend) Bist glücklich, guter Alter. Gärtner Ei, Herr Bischof, Seid Ihr etwa unglücklich? Mit Verlaub: Warum? Hat Euch der Heiland nicht erlöst? Habt Ihr im Himmel keinen guten Vater? Bischof Das wohl. Doch in den Sorgen dieser Welt Vergißt man's manchmal. (Der Prior kommt) Prior, ist's getan? (Zum Gärtner) Wir haben morgen einen schweren Tag, Mein guter Philipp. (Zum Prior) Laßt uns noch einmal Die Ordnung prüfen! (Der Gärtner hört dabei zu, auf die Hacke gestützt, die Hand am Ohr.) Also: Raspes Ritter Samt Dienerschaft verteilt Ihr in der Stadt In edlen Häusern. Nur Herr Raspe selber Wohnt hier im Schloß, doch weitab! Will ihn nicht Vor morgen an der Bahre Ludwigs sehen! Doch Vargila samt allen Kreuzzugs-Rittern – Und wär's der letzte Stallknecht – wohnt im Schloß. Raspe kommt heute abend; Vargila Will mit dem Kreuzheer und der Leiche Ludwigs Morgen Schlag zwölf in Bamberg einziehn. Ihr Samt Mönchen, Knaben und was sonst an Bürgern Berufen ist, empfangt den Zug am Stadttor Und zieht mit Chorgesang herauf aufs Schloß Bis vor die Schloßkapelle. Dort steht Raspe Mit seinen Rittern. Und Elisabeth, Die Witwe Ludwigs, wird von mir geführt. Das Wort nimmt dann Rudolf von Vargila. Und alles weitere findet sich. – Pax tecum ! (Macht entlassende Handbewegung, Prior geht.) Gärtner O, wahrlich, Herr, ein schwerer Tag. Bischof Der schwerste, Den ich erlebt – obwohl's mich selbst kaum angeht. Gärtner Die arme Frau Elisabeth! Bischof Das ist's! Die tut mir altem Mann so bitter leid! Gärtner Sie weint wohl Tag und Nacht? Bischof Nicht eine Träne! Sie lächelt, ist zu allen gut; ihr Atem Ist Liebe und tut jedem wohl, der nur Von fern in ihren Kreis tritt. Doch es ist Etwas so Überirdisches, so Totes, So Seliges in ihrem fremden Wesen, Als wär' sie nicht mehr auf der Welt ... Gärtner Ich bin nur Ein armer, ungelehrter Mönch. Begreif' nicht Den Pater Konrad ... Bischof (leise, halb für sich) Ich bin Bischof – und Auch ich begreif' ihn nicht. Es ziemt mir nicht, Zu richten. Doch ein solcher (plötzlich laut) Pfaffe schädigt Die Kirche mehr als tausend Ketzer! – Doch: Das sagt' ich diesem Pfirsichbäumchen, Philipp. Gärtner (hat sich bei des Bischofs Ausbruch abgewandt und gehüstelt; jetzt dreht er sich lächelnd wieder um) Ich hör' ein wenig schwer ... Bischof Als Ketzerrichter Zieht er im Westen um wie ein Gespenst. Gärtner Der Pater Konrad? ... Ja, das mag ihm passen. Jedoch Elisabeth ... Bischof (in Bekümmernis) Dies Kind aus Ungarn! Aus altem, gutem, deutschem Königshause Herfahrend wie aus fernem Märchenland, So fremd, so schön, so herzig anzuschauen! Denn sie ist ja ein Kind! Sie hat ein Herz, Wie man's im Paradies gehabt, wie wir's Im Himmel wieder haben werden! Sieh, Wie Kinder zu 'nem kranken Hündchen laufen Und gar nicht anders können, und das wunde Pfötchen ihm streicheln und ihr Butterbrot Dem kleinen Freunde teilen, aus dem tiefen Ureingebornen Himmelsdrang, zu helfen – So geht sie durch die Welt, dies große Kind, Dies echte, lieberfüllte Weib! – Doch ach, (Fährt über die Augen) Wie ward sie mißverstanden! Eisenach, Das war kein Ehrentag, als du die Herrin Feig von den Türen jagtest! Buben lachten Ihr nach, und Alte gafften hinterm Fenster: »Seht, eine Landgräfin, die betteln geht!« So ließ das Volk die sinnverwirrte Frau Durch Winternacht und Nebel ziehn! O Welt! (Er hält aufstöhnend die Hand vor die Augen.) Gärtner (wischt in den Augen) Und ihre Kinder? Bischof Liefen mit der Mutter! Gärtner War denn da nicht ein Spittelhaus? Bischof Sie fühlte Sich dort nicht sicher, Raspe war zu nahe ... Ich hab's zu spät erfahren. Eines Abends, In blasser Dämmerung, tritt in meine Stube Ein armes Weib, umhüllt von schlechten Lumpen, Ein Kind krampfhaft im Arm, die beiden andern Lehnten mit ihren schmächtigen Gesichtchen An ihrer Mutter Kleid. Ich schaue auf. »Wer bist du, armes Weib?« Da tönt es leise: »Ich war die Landgräfin Elisabeth« – (Schluchzen übermannt ihn. Er geht hin und her, mit Armbewegungen, wie den Kummer abschüttelnd, um sich zu beruhigen. Dann) »Ich war die Landgräfin Elisabeth,« So sprach es leis, »ich bring' hier meine Kinder. Nehmt sie, mein Oheim, sie verhungern sonst!« (Der Gärtner weint still vor sich hin.) O Gott, ich bin ein Greis, ich hab' im ganzen Leben nicht so geweint wie an dem Abend, Als dieses Kind, das ich auf Armen trug, Die herzig-heitere Elisabeth, Die so mit ganzem Antlitz strahlen konnte, So abgezehrt in meiner Stube stand, Angst in dem hagern Antlitz, wie wenn einer Die Kinder rauben wollte! ... Großer Gott! Gärtner (die Tränen trocknend) Wir haben's viel zu gut, Herr Bischof. Bischof Ja, Ich hab' nicht viel gelitten auf der Welt – (Gen Himmel, das Käppchen abnehmend) O Herr, nimm aus der ungeprüften Seele, Bevor ich scheiden geh', das letzte Restchen Hochmut! Gärtner (ebenso einfach) Amen. Bischof (sich wieder bedeckend) Sie ist nun ruhig, seit sie Die Kinder sicher weiß und hat vergessen, Was man ihr tat ... Ich bin der Erde satt ... Doch morgen ist ein Tag der Abrechnung – Ich freue mich des Tages! – Habe Dank, Philipp, ich hab' mich leichtgeplaudert. Morgen, Will's Gott, wird Vargila die Worte finden! Er grüßt mit einer Handbewegung; der Gärtner zieht das Käppchen.) (Zwischenvorhang.) Zweite Szene Vor der Schloßkapelle Schon vor Beginn hört man gedämpften Trauergesang. Bei Aufgehen des Vorhangs sieht man links in glänzenden Trachten Heinrich Raspe und seine Ritter stehen; rechts in sehr verwitterten Kleidern und Rüstungen Rudolf von Vargila und die Kreuzritter . In der Mitte steht ein Sarg (Ludwigs Leiche) mit schwarzem Bahrtuch überdeckt, worauf Kreuze gestickt sind; Wappenschild und Schwert liegen darauf. Geistliche, Mönche, Chorknaben mit Kerzen vollenden singend ihre halbkreisförmige Aufstellung. Aus der Kapelle, zu der einige Stufen hinaufführen, treten langsam der Bischof von Bamberg und, auf seinen Arm gestützt, in Schleiern Elisabeth . Sie steht bewegungslos und schaut nur den Sarg an. Alle Ritter verneigen sich; der Trauergesang verstummt; Vargila tritt vor. Vargila (sehr ernst und tiefbewegt) Frau Landgräfin Elisabeth, wir bringen In diesem Sarg, was sterblich ist von Ludwig, Der Euer Gatte war und unser Herr. Vernehmt sein letztes Wort: »Sagt meiner Gattin, Ich hab' sie lieb wie einen Engel Gottes.« Als er den Geist aufgab, erhoben sich Im Feld zwei weiße Tauben: schimmernd flogen Die Tauben himmelwärts – wir schauten nach, Und einer sprach: »So rein war Ludwigs Seele.« (Elisabeth lehnt einen Augenblick den Kopf an des Bischofs Schulter, dann steht sie wieder still und aufrecht) Doch dies und andres sprechen wir zu Euch In stiller Stunde. Heut' und hier verlangt Ein hochgestauter Zorn ein schärfer Wort. (Wendet sich zu Raspe, der unbehaglich steht) Herr Landgraf Heinrich Raspe, nunmehr grüßen Wir Euch und Eure Ritter. Ihr zwar seid Thüringens Herr und Landgraf, und wir werden Euch dienen, unsrem Land zu Nutz. Doch heut' Sind wir noch Diener dieses hohen Toten. Betrachtet uns: schlecht ausgestattet kehren Wir heim aus ganz unsagbar harter Mühsal. Das Kreuz auf unsrer Schulter ist verblaßt, Doch in den Herzen glüht ein ander Kreuz, Das nie verblaßt! Wir sind nicht schön wie ihr, Ihr schmucken Ritter, doch das Kleid der Ehre Blieb unbefleckt! – Drum, Heinrich Raspe, darf ich Dich fragen, feierlich, an diesem Sarg: Hast du den Eid gehalten, den du dort Im Wartburghofe öffentlich geschworen? (Pause) Antwort, Herr Raspe! Habt Ihr diese Frau, Die Gattin Eures toten Bruders, wirklich In harter Winternacht vom Schloß gejagt? (Pause) So nenn' ich Euch in dieses Toten Namen Meineidig – (Bewegung) Raspe Vargila! Vargila Meineidig und Verflucht! Der Hölle verfallen und dem Richter, Des blutrot Kreuz wir auf der Schulter tragen! O unbegreiflich schlechter Mann: indes Wir draußen um den lieben Heiland fochten, Bist du zu Hause zwiefach ungetreu?! Kein Sarazene tut so feige Tat! (Wachsende Bewegung, drohendes Murren) Wer will das widerlegen?! Her den Mann! Fürsprecher her! Ich will den Ritter sehn, Der solche – ritterliche Tat verteidigt! (Zum Bischof) Oh, ich zieh' nicht das Schwert, besorgt nichts, Bischof! Mein Schwert, im Gotteskriege schmal geschliffen, Ist viel zu heilig, solchen Schimpf zu rächen! (Zu Raspe) Doch hab' du acht auf deine Todesstunde! Wir waren Jugendfreunde, Heinrich – heut' An dieser Bahre, zwischen Zorn und Tränen, Du schwer Verirrter, sag' ich dir das letzte Wahnwort: Hab' acht auf deine Todesstunde! Die wird nicht gut! Du gabst auf deiner Höhe Dem Volk der Tiefen ein so schmachvoll Beispiel, Daß Tausende durch dich nun fallen werden, Verführt durch dich, zur Hölle gebracht durch dich! (Legt die Hand auf die Bahre) Tritt her – sag' diesem Toten, daß du ihm Den Eid gebrochen hast! Raspe (in die Knie sinkend) O Bruder Ludwig, Es war nicht gut, daß du dein Land verlassen! (Verbirgt das Gesicht aufstöhnend in den Händen.) Vargila Es war nicht gut, daß solch ein Mann zurückblieb – So füg' hinzu! Und frage dort den Bischof, Wie Gott die Meintat straft! Raspe (in Verzweiflung) Bischof von Bamberg, Brach ich dem Toten, der hier liegt, den Eid? Ich hab' die Frau hier nicht verjagt – sie ging Freiwillig – – nein, ich weiß, sie ging aus Angst – Und also hab' ich doch den Eid gebrochen. Unsegen spür' ich seitdem überall – Mich reut die Tat! Bischof, Ihr sollt mir raten! Bischof (ruhig-kühl) Die Frau, der Ihr das Leid getan, spricht Urteil. Elisabeth (ist zu Raspe gegangen, hebt ihn liebreich auf) Steht auf, mein Bruder Raspe! (Steht vor dem Sarge, zu Häupten, regungslos.) Vargila Sprecht, liebe Herrin! Es ist etwas in Eurem Angesicht, So kummervoll, so jenseits aller Tränen, Daß mich ein Weinen ankommt, seh' ich Euch So wortlos an der teuren Leiche stehen! Elisabeth (zu Vargila) Du sagst sehr recht, mein Freund. Etwas in mir Ist jenseits aller Tränen. Bräche gleich Die Welt zusammen oder sonst das Größte, Was sich erdenken läßt – sieh, Vargila, Wir scheint, ich hätte nur ein Lächeln. Selbst Die Kinder, nächst dem Gatten mir das Liebste, Ich will sie andren überlassen, denn Sie können nichts mehr von der Mutter lernen. Die Mutter ist ja tot, tot wie die Gattin. Wer sie getötet, weiß ich nicht. Nicht ihr, (Innig) Herr Raspe: Euch und allen bin ich gut. Nach vieler Tränen Maienregen wuchs Aus mir ein ander Wesen, unerreichbar Dem bösgemeinten Wort, ganz erdenfern. Wie will man einen Schatten kränken? Könnt Ihr Den Rauch einfangen und das leichte Licht? Was ich geliebt, als ich auf Erden war, Liegt still in diesem Sarge ... (Sie beugt sich etwas, innig, zum Sarge sprechend) Du, mein Gatte! Weißt du noch, Ludwig, wie wir an der Wartburg Das Kreuz bekränzten? Weißt du, wie vor Rosen Kein Wundmal mehr zu sehen war? Und weißt du, Wie ich versprach, mit edlem Rosenglanz Das ganze Leid der Erde zu verklären? ... Du bist jetzt drüben, Freund, ich muß noch hier sein: Doch komm' ich bald dir nach! Ich komm' mit vielen Befreiten Seelen – und wir laufen beide, Wie wir als Kinder auf dem Anger liefen, Stürmisch zum Vater, der uns ausgesandt! (Gen Himmel) Vater, hab' Dank! An diesem Sarge bring' ich Dir reinsten Dank, daß dieser mich geliebt, Und daß du mir vergönnt hast, ihn zu lieben! Er lebte schön und starb im Feld der Ehre, Fechtend für dich! Laß du auch mich so fallen, Inmitten vieler Seelen, dir gewonnen! Dann ruf mich heim zu dir – und dir, mein Gatte! (Sie streicht sanft über das Tuch, wie über einen Schlafenden, streichelt lächelnd Schild und Schwert, kehrt sich dann gütig und heiter zu den Anwesenden) Soll ich denn richten – nun, Herr Heinrich Raspe, Gebt mir mein Wittum Marburg, gebt mir jährlich Mein Leibgeding, wie Euch mein Gatte auftrug. Es wird nicht lange dauern ... Doch, solang' ich Auf Erden weile, will ich alle Habe, Die mir rechtmäßig zukommt, Armen spenden. Wollt Ihr das tun, Herr Raspe? Raspe Edle Frau, Viel mehr, viel mehr – – Vargila (erstaunt und verdrossen) Wie denn? Warum denn arm sein? Wir Heimgekehrten werden im Triumph Euch wieder auf die Wartburg führen! Elisabeth (In ruhiger Hoheit) Nie mehr! Das war einst, und wird nie mehr sein – wie dieser! Wollt Ihr als frei mich achten und als Herrin, So gebt mir Freiheit, meinen Weg zu gehen, Ich bitt' Euch, Vargila, ich bitt' Euch, Raspe! Einem auf Erden bin ich Untertan Durch geistigen Verspruch: dem Pater Konrad. Mit ihm besprach ich's: er erlaubt und wünscht, Daß ich das Kleid der grauen Schwestern nehme Und gänzlich arm sei – – Vargila Arm? Ihr sollt nicht arm sein! (Sieht sich hilflos-zornig um) Wo ist der Pater, der uns diese Frau Entfremdet und zu schmutz'gen Bettlern lockt?! Bischof (tritt vor, da Elisabeth sich hilfesuchend umschaut) Ihr habt an diesem Sarge schön gesprochen – Wischt's nun nicht wieder aus, Herr Vargila! (Zu Raspe) Ist meiner Nichte klarer Wunsch erfüllt? Raspe Mein Wort ist wertlos – – Bischof Sei es fortan wertvoll! Elisabeth (zu Raspe) Versprecht mir noch: Ihr rächt den Tadel nicht, Den dieser rasche Mann gesprochen? Raspe (düster) Frau – Es wird wohl schwer sein, jemals diese Bahre Und diese Worte zu vergessen – – Vargila Herrin, Ich hab' noch solche Worte, daß er wohl Das Kleinere vergißt: denn Kaiserbotschaft Hab' ich mir aufgespart bis jetzt – (Zur Landgräfin) Für Euch! (Allgemeines Aufmerken) Elisabeth Für mich? Vargila Für Euch – doch insgeheim. Elisabeth (ruhig) Wozu? Ich bin mit meinem Volk und allen Menschen Aufs innigste versponnen. Sagt's vor allen, Was Ihr zu sagen habt. Vargila Nicht hier am Sarge. Elisabeth Ist's Schlechtes, was Ihr bringt? Darf's dieser Tote Etwa nicht hören? – So verzicht' auch ich. Vargila Als Geist darf er es hören. Wär' er lebend, Es käme keine Botschaft. Elisabeth Sprich, mein Freund. Vargila (läßt sich auf ein Knie nieder) In Deutschen Kaisers Namen knie' ich hier: Friedrich der Zweite bittet um die Hand Der Witwe Landgräfin Elisabeth! (Allgemeine Bewegung.) Elisabeth (erschrocken) Wie redet Ihr an diesem Sarge?! Vargila Nur, Was mir befohlen ward. Wir führen viele Geschenke mit: sie sind ein Kaiserdank Für dieses Toten Dienste, sind zugleich Ein Werben, wie es einem Kaiser ziemt. (Steht auf) Nun spricht nur Vargila. Mich wird wohl niemand Dem Toten untreu nennen. Dennoch bitt' ich – Nein: deshalb bitt' ich – nehmt die Werbung an! Ihr wißt, schon immer schwebte Kaiser-Ahnung Um unsre Wartburg: heut' erfüllt es sich! Die Kaiserkrone kommt! Sie kommt zur besten Der deutschen Frauen, deren Sonnenherz Bekannt ist bis Palermo. Nehmt die Krone! (Allgemeine Erregung. Einzelne Rufe: »Heil, Kaiserin!« Wachsendes freudiges Reden, noch einmal stärkere und zahlreichere Rufe: »Heil, Kaiserin!« Endlich, allgemein, außer Raspe, einigen Anhängern und dem ernst seine Nichte beobachtenden Bischof, der brausende Ruf: »Heil, Kaiserin!« Waffenschlagen.) Elisabeth (ist lächelnd an den Sarg getreten, den sie nicht aus den Augen gelassen) Hörst du den Ruf? Und lächelst du, mein Gatte? (Zu den Rittern) Nicht weiter diesen Ruf! Ich nehme an – Doch anders – habe lang schon angenommen: Ich möchte gerne, als des Volkes Erste, Dienen, ihr Herr'n, als Kaiserin der Armen. Dies ist mein Kaisertraum. – Doch wollt ihr mich – Herr Vargila – Herr Raspe – wahrhaft ehren? So bitt' ich euch: gebt euch die Hände! Haltet, An diese Stunde denkend, edlen Frieden! Vargila (bewegt) O, welche Kaiserin verläßt uns heut'! Raspe (aufatmend, rasch) Ich gebe die Hand zuerst – hier, Vargila! (Sie reichen sich die Hände.) Elisabeth (legt segnend ihre Hände auf die der beiden, feierlich) So fließe aller Segen, der vielleicht Der Kaiserin beschieden war – auf euch! Und gieße sich durch euch auf unser lieb Thüringer Land, dem wir zu früh gestorben, Mein Gatte dort und ich. (Tritt zurück, mit einer hoheitvollen Bewegung der Arme nach beiden Seiten) Lebt alle wohl! (Alle verneigen sich tief. Der Bischof gibt ein Zeichen: Trauergesang setzt ein, der Sarg wird in die Kirche getragen. Alle folgen.) (Vorhang.) Fünfter Aufzug Erste Szene Wald bei Marburg Nacht. Sturm und Gewitter. Konrad von Marburg tritt auf, die Kapuze übergestülpt, den Weg suchend. Konrad Domini canes ! – Sebald! – Wo steckst du, Sebald? – Der Wagen zerbrochen – und mein Werk zerbrochen – Die Gäule durchgegangen – und mein Fuhrmann! Ich auf den nassen, finstern Weg geworfen, Nicht weit von meiner kranken Heiligen Und dennoch ewig weit! – Ich spür' auf mir Von zu viel Feinden Fluch und Flammengeruch! (Reißt die Kapuze zurück!) Peitsch', Regen, mir den Pfaffen ab! Sieh da: 's steckt drin ein wüster, ungebroch'ner Bauer, Ein Hund des Herrn, der auf der Ketzerjagd Zu Frankfurt aus der Fährte kam – und jetzt Zu Stall schleicht, naß und beutelos! – Ho, Sebald! (Suchend ab.) Ruprecht kommt, erregt um sich spähend; hinter ihm Vargila . Ruprecht Habt Ihr die Stimme vernommen? Vargila Daß dich –! Ruprecht! Du toller Bursch, ist das der Weg nach Marburg?! Ruprecht Das Fuhrwerk hab' ich erkannt – den Fuhrmann auch – Und wißt Ihr, wer da rief?! Vargila Wie sollt' ich's wissen?! Ich weiß nur, daß du Narr vom Sattel sprangst Und »Da! da! da!« besessen in den Wald! Brennst du mir durch? Ist dies der Dank dafür, Daß ich dich aus dem Wartburg-Kerker holte?! Wir sind hier nah bei Marburg – – Ruprecht Ja, doch sind Vom Wege abgekommen, als wir vorhin Den durchgegangenen Gäulen über die Heide Im Sturmritt folgten! Sucht Ihr dort den Weg – Ich suche hier! (Nahe ihm am Ohr) Und wißt Ihr, was ich wittere? Der Teufel streicht um Marburg, will die Seele Der sterbenskranken Heiligen bedrängen! Vargila Ein Halbnarr, Bursche, warst du je! Der Teufel?! Ruprecht Er nahm Gestalt des Pfaffen Konrad an! Den Laienbruder, den die Pferde schleiften, Hab' ich erkannt: der krumme Kerl heißt Sebald! Es war ein Spuk: der Wagen samt dem Fuhrmann Verschwand die Felsen hinab! Es spukt hier, Herr! Wir müssen den Wald erst säubern, eh' wir einziehn Zu unsrer kranken Frau Elisabeth. (Geht suchend ab nach rechts. Blitz und Donner.) Vargila (faßt sich an die Stirn, ruft zurück nach links) He, Ritter, dieser Bursch entsprang nicht uns – Doch springt er in den Wahnsinn! Bleibt nur dort Und haltet unsre Pferde, bis wir hier So etwas wie 'ne Wegesspur entdeckt! (Suchend ab.) Pater Konrad kommt zurück. Ruprecht tritt ihm plötzlich in den Weg. Ruprecht He, du da! Steh'! Konrad (fährt herum) Wer ist da?! Ruprecht Der dich sucht! Konrad Wer sucht mich? Ruprecht Ein Freund! Konrad Wie heißt der Freund? Ruprecht Hat dich schon lang Begleitet in der roten Henkerkappe Mit Feuerbrand und Blutbefehl: – der Tod! (Donner und Blitz. Pause.) Konrad (ist zurückgewichen, schlägt das Kreuz) Apage, Satanas! – Wer du auch seist, Ob Mensch, ob ein Gespenst – ich bin nicht feig! Wisse zudem, daß ich ein Priester bin, Geweiht von Gott: zehnfach ist drum verflucht Wer an mich Hand anlegt! Ruprecht Konrad von Marburg, Wo kommst du her? Konrad Schuld' ich dir Rechenschaft? Ruprecht Ich bin der Kriegsmann Ruprecht – Konrad Ketzer Ruprecht! Ruprecht Du kommst von Frankfurt und du willst nach Marburg Zu Frau Elisabeth, die nun am Tod liegt, Durch dich zur Strecke gebracht – stimmt das, du Henker?! Du hast die Ritter Dörnbach, Schweinsberg, Herborn Der Ketzerei verklagt – stimmt das? Konrad (in steigendem Zorn) Das stimmt! Strauchdieb, so werd' ich's halten bis zum Tod! Was weißt du Wurm von Frau Elisabeth?! Ruprecht Das weiß ich, daß sie die beste Mutter war, Die aus der Wartburg fortlief in den Schnee, Um ihren Kindern Mutterschaft zu halten! Und weiß, daß Ihr die Edelfrau gepeitscht habt, Wie Ihr mein eigen Weib verdorben – – Konrad (lacht verächtlich auf) Margret! Die Köhlerin! Die ich mit Füßen fortstieß! Ruprecht (die Hand am Schwert, wild) Pfaffe, du stirbst! Konrad Wann Gott will, eher nicht! Ruprecht Und jene Ritter – Konrad – jenes Raubgezücht, Das Bürger schindet und den Kaufmann prellt – Ich werde sie brennen, wo ich sie erwische! Unkraut soll brennen! Ruprecht (furchtbar) Du brennst keinen mehr! Es ist ein Schnitter, der heißt Tod – der hat Gewalt, zu töten! Bet' ein Paternoster! Konrad (plötzlich in Angst, zurückweichend) Hilfe! Ich bin mit einem Rasenden Im grauenhaften Wald! – Sebald! (Flieht.) Ruprecht (ihm nach hinter die Szene) Dein Sebald Hat sich vom Fels zu Tod geschmettert – – Konrad (mit ersterbendem Ruf) Hilfe! (Kleine Pause. Die Blitze dauern in größeren Zwischenräumen noch etliche Zeit an, der Donner verhallt. Es wird nach und nach heller. Später bricht der Mond durch.) Vargila (hinter der Szene) Das wilde Heer gespenstert durch den Wald – (Tritt auf) He, Ruprecht! Hier hinaus der Weg! – Wer etwa Dem Luftheer in die Hände fiel – Hals um! Der ist verloren! – Holla, wer braucht Hilfe?! Ruprecht (tritt auf, ohne Schwert, schauerlich-gelassen) Niemand, Herr Vargila! Das ist getan! Vargila Wir laufen um und um, den Weg zu suchen – Ruprecht Den fand ich nicht – doch fand ich etwas Beßres! (Kreuzt die Arme.) Vargila Was soll das? Stehst du mit gekreuzten Armen, Als wär' jetzt Feierabend? Vorwärts, Bursch! Es kann kein Stündchen mehr bis Marburg sein! Die hohe Frau wird sterben! (Ein zweiter Ritter tritt hinzu.) Ruprecht (mit unheimlicher Stimme) Sagt der Frau: Wenn sie zum Himmel einzieht, soll sie sich Zur Hölle umschaun: – alldort wird sie sehn Den Mann, der ihr den Ring gebracht – der jetzt In diesem Wald den Diener Satans totschlug, Damit die Heil'ge ruhig sterben kann! (Der Mond bricht durch unruhige Wolken.) Schaut hin, wer dort am Baum hängt! Kennt ihr den?! (Erschauernd) Ich hab' den Pater Konrad umgebracht! (Beide Ritter prallen entsetzt zurück.) Vargila Wahnsinnig bist du! Ruprecht Bin ich nun ein Feigling?! Schleppt mich aufs Rad! Hier meine Hände! Vargila (entsetzt zum Ritter) Rührt ihn Nicht an! Dies ist ein Gaukelspiel der Hölle! Teufel gehn um, wenn eine Heil'ge stirbt! (Reißt den Ritter mit sich fort) Was geht uns deine Tat an? (Zurückrufend) Häng' dich selber! (Zwischenvorhang und sofort Übergang in das nächste Landschaftsbild.) Zweite Szene Früher Herbstmorgen. Freundlicher Hügel bei Marburg. Im Hintergrund ein ärmlich Häuschen. Jutta und Eisentrud stehen in leisem Gespräch beisammen, oft nach dem Häuschen schauend. Jutta Es war in dieser Nacht ein kurz, doch schrecklich Gewitter. Eisentrud Ich hab's auch gehört. Jutta Die Herrin Ward plötzlich wach, fuhr auf und sah umher Und schrie entsetzt den Namen »Pater Konrad«! Eisentrud Das tut sie oft im Traum. Und jetzt? Jutta Sie schläft, So lächelnd, wie ich nie ein Lächeln sah: Als wär' ein Alp gewichen – wie wenn Kranke Kurz vor dem Tode leicht und schmerzfrei lächeln – Wenn's überwunden ist – Eisentrud O Jutta! Jutta Laß uns Bereit sein, Eisentrud! ... Sieh, wie der Mond So sanft und bleich im Morgenrot vergeht! Ein Engel schwebt gen Himmel ... Zwar die Nebel Kauern im Tal, jedoch die Luft ist rein Und wunderblau ... Es wird ein schöner Tag, Ein sterbeschöner Herbsttag ... Ach! (Sie weint.) Eisentrud (den Kopf an Jutta lehnend) Jutta! (Beide weinen.) Margret kommt, einen Korb am Arm, ein Tuch um den Kopf gebunden. Margret (die beiden erblickend) Was ist das?! He, woher? Hat euch der Pater Nicht klar und deutlich ausgewiesen? (Stellt den Korb hin, stemmt die Arme in die Seiten.) Jutta Margret, Seid gut und zankt nicht! Margret Und wo ist die Nonne? Die taube Suse, die ich bei der Frau Als Wache gelassen?! Jutta Laßt sie schlafen! Wir zwei Sind heimlich angekommen, haben wechselnd Gewacht am Lager unsrer lieben Kranken – Margret So geht der Satan um! – Heilig! Nur heilig! – Indes ich in der Stadt bin, übernachtend, Weil mich das Wetter überfiel – schleicht ihr, Trotz Pater Konrads strenger Weisung, heimlich Zu unsrer Frau?! Ihr schert euch weg! Sogleich! Ich bin hier Schaffnerin, nicht ihr! Hinweg! Jutta (wird ärgerlich) Ich bitt' Euch, schweigt jetzt, unsre Herrin schläft! Es ist die Hütte einer Sterbenden – Margret (kurz und hart auflachend) Was? Sterbenden? Wär' ich nur so gesund! Zu heut' hat sie die Kranken und die Armen Des ganzen Kirchspiels eingeladen! Karren Mit Brot führt man heran. Habt ihr nicht Augen? Und seht ihr nicht, wie's dort lebendig wird? Verzärtelt ist sie, doch nicht sterbend – liegt oft Verzückt in Ohnmacht – Jutta Wir sind gestern abend Hier angekommen, überall erzählt man, Sie liege sterbend. Uns folgt auf dem Fuße Herr Vargila. Auch Bischof Egbert wird Von Bamberg kommen und die Kinder bringen – Margret Weiß das der Pater Konrad?! – Heilig! Heilig! – Das ist ja Überfall! Wer hat denn nur Die Lüge ausgeheckt, die Frau sei sterbend?! Meint ihr, weil Pater Konrad fort ist, dürft ihr Hier Herren spielen?! – Holla! Hier steh' ich! (Tritt vor die Tür) Und keiner kommt hindurch! Der Pater Konrad Kommt heut' noch heim – – Vargila ist mit seinen Begleitern aufgetreten. Vargila (hat das letzte gehört) Dein Pater kommt nicht heim! Jutta (auf ihn zu) Gott sei gedankt, Herr Vargila! Befreit uns Von diesem frechen Weib! Vargila (zu Margret) Du bist ja wohl Das Weib des wunderlichen Ruprecht? Fort! Sag' deinem Gatten Abschied! Eben führen Die Schergen deinen Mann zum Turm – als Mörder! Wen er gemordet, wird man dir erzählen. Hinab! Und bitte, daß man neben ihn Dich hänge, du verbuhlte Frömmlerin! (Margret geht entsetzt und murmelnd ab.) Wie geht's der Frau? – Wir hatten uns verirrt, Fanden heut' früh erst Dienerschaft und Freunde – Wir sind doch nicht zu spät gekommen? – Gott, Da ist sie selbst! Seht doch, gesund! Seht: aufrecht! (Die Herren verneigen sich tief.) Elisabeth ist aus der Hütte getreten, auf eine alte Nonne gestützt; sie selbst ist im Ordenskleid der grauen Schwestern, sehr blaß, aber von innerer Heiterkeit verklärt. Elisabeth Ist das nicht unser lieber Vargila? Vargila (auf einem Knie) Ich bin's, Frau Landgräfin, bin Euer treuer Diener Rudolf von Vargila – und hier Noch andre Freunde, sind heut' früh gekommen, Grüße zu bringen von der ganzen Wartburg! Auch von Herrn Raspe – von der ganzen Wartburg! Elisabeth Wartburg! Wie süß das klingt! Wie Jagdhorngruß Aus weiter, weiter Ferne! Unsre Wartburg! Und seh' ich recht: Jutta und Eisentrud? So hab' ich also nicht geträumt heut' nacht? (Beide knien und küssen ihr die Hände.) Ihr Vielgetreuen, seid ihr wieder bei mir? Jutta Wir konnten nicht mehr leben ohne Euch! Elisabeth (fährt wie traumbefangen über die Stirn) Warum doch ginget ihr? Wie war das gleich? Vergebt, mir ist, als hätt' ich schwer geträumt, So schwer, und wäre nun erwacht ... So rein Ist diese Morgenluft ... Als wär' ich schon Gestorben – und die sanfte Sonne dort Blickt' in ein Paradies von Seligen – (Jubelnd, beide Arme ausstreckend, indes der ferne Gesang der Bettler leise beginnt »Christ ist erstanden« usw.) O Schwester Sonne, sei gegrüßt! Seht hin: Der Berg belebt sich mit den Seligen! Sie kommen, laufen, schweben auf den Hügel, Sie haben mich erschaut – o tausend Kinder, Willkommen, Kinderlein, im Himmelsgarten! Viele Bettler jedes Alters und Geschlechts füllen in immer wachsendem Gewoge die ganze Bühne, das Osterlied singend (wie im ersten Akt). Alle Bettler (in brausendem Ruf) Heil, Frau Elisabeth! Heil, Kaiserin der Armen! Elisabeth (glückselig zwischen ihnen einhergehend, Hände schüttelnd, Köpfe streichelnd, von ihnen am Gewande geküßt) Meinhardus – Elsbeth – Gäste von der Wartburg Aus Rosentagen – seid ihr auch gekommen? Dank, Dank, ihr ehrt mich! Freunde, schaut empor: Der Himmel hat die Rosen angenommen, Die ihr mir einst am Wartburghang geschenkt: Der ganze Himmel ist voll Rosenglut! Schnell, Jutta, Eisentrud! Dort harren schon Die Wagen, hochgefüllt mit Brot und Kleidern – Teilt aus! Laßt sich das Volk in Reihen lagern! (Die Bettler ziehen sich nach und nach teilweise hinter die Szene zurück! man hört geschäftiges Hin- und Hereilen; Jutta und Eisentrud ordnen und befehlen. Der Himmel steht in hellem Rot.) So hat mich Gott gesegnet, Vargila: Das Brot, das einst ich im Gewande trug, Hat sich vertausendfacht – seht: kommt auf Wagen! Und statt der Kinder, die mir Gott gegeben, Bin ich die Mutter dieser Tausende Und – – (Sie erblickt plötzlich die Ankommenden: Bischof von Bamberg mit den drei Kindern, Gärtner-Mönch mit Rosen und Lilien; sie erschrickt heftig, stößt einen Seufzer aus: »Oh!« zittert und greift um sich, als wollte sie sitzen.) Jutta (herbeieilend, stützt sie, so daß sie sich setzen kann, und zwar mit geschloßnen Augen an einen Baumstamm gelehnt) Es ist zuviel für sie ... Zweimal empfing Sie schon die letzte Ölung, sagt die Frau – (Die Bettler kommen nach und nach wieder auf die Bühne, ängstlich nach Elisabeth blickend. Eisentrud (zum Bischof) Niemand mag essen – Schauer geht durchs Volk – Sie sagen, ihre Herrin sterbe – seht, Ich konnte sie nicht halten – Bischof (ebenso gedämpft) Laßt sie! Die Leute sind so scheu und still – kein Kaiser Stirbt wie die Bettlerin Elisabeth! Elisabeth (erwacht wieder, matt) Bringt mir die Kinder ... Gärtner-Mönch (kommt mit den drei Kindern, den Strauß von Rosen und Lilien in der Hand, legt die Blumen hin, zieht das Käppchen, weist auf die Kinder und auf die Blumen) Ich bring' Euch Blumen, liebe Frau, sorgsam Gehegt – Elisabeth (matt lächelnd) Hab' Dank ... Ich habe Blumen lieb ... Habt ihr vor eurer Mutter Angst? Kommt, Kinder! (Sie schmiegen sich an sie.) Gott, Gott, verzeih' mir! Ich kann meine Kinder, Die süßen drei, nicht aus dem Herzen streichen! O Gottesblumen! O ihr süßen Kleinen! (Küßt sie in stürmischer Zärtlichkeit, sinkt dann matt und glücklich lächelnd zurück; viele weinen. Kleine Pause.) Ich hör' ein Weinen – um wen weint man, Freunde? Jutta Um Euch, geliebte Frau! Elisabeth (heiter, aber matt) Bin ich denn nicht Ganz glücklich? Seht mein Auge an: erspäht ihr Noch eine Träne drin? Bischof (der selbst über die Augen fuhr) 's ist Menschenart, Schwester Elisabeth, sie weinen um Dein Los – Elisabeth Mein Los? Bischof Dein vieles Herzeleid. Elisabeth (heiter) Mein vieles Herzeleid? Ei, Freunde, soll ich Zu guter Letzt noch schelten? Bin ich nicht Von allen, die hier sind, die Heiterste? Segnet mein Leid, ich bitt' euch! Denn mein Leid War meinem Geist als Nahrung unerläßlich: Ihr seht, mein Geist gedieh davon und wurde Ganz heiter, ganz gesund! Eisentrud Doch Euer Leib Ist aufgezehrt, ist nur ein Schattenbild – Elisabeth (langsam, sinnend) Ich hab' den Leib für nichts geachtet – ja – Ich tat vielleicht darin zu viel ... Doch sah ich Die Menschen gar zu sehr des Leibes pflegen: (deutlich) Drum trieb's mich, euch zu zeigen, daß ihr nicht Der Schwere dieser Welt gehorchen dürft ... Ich bin euch allen gut ... Die Menschen sind Nicht bös, sie sind nur arme Irrende ... Nehmt euch der Kinder an ... (Sie küßt sie zärtlich und gibt sie ab an Jutta.) Jutta (aufweinend, die Kinder übernehmend) Wie soll ich's tragen, Frau, liebe Herrin, wenn Ihr nicht mehr seid?! Elisabeth (reckt sich hoch auf, fast feierlich) Wer sprach da »nicht mehr seid«?! – Wer hat so schlecht Von mir gelernt?! – O Jutta, du? – Jutta: Ich war der leise Schall von einer Stimme, Die auf der Welt ein Wort sprach – und verging. Das Wort ist freilich nicht mehr da, doch hallt es In vielen Herzen nach – und all die Herzen Verwandeln das vernommene Wort in Tat – Und neue Tat ruft neue Worte wach – Und immer weiter – immer herrlich weiter – Bis diese Erde ganz voll Gottes ist! (Immer verzückter) Erhebt mich! Ich will stehend den Herrn empfangen! (Sie steht zwischen Jutta und Eisentrud) Gesandtschaft kommt, mich abzuholen – seht – O Licht, das viele Licht! Mir der Gesang, Der allen Raum schier unaussprechlich füllt? Ich nehm's in Demut an! Und diese Rosen, Die du mir herhältst, Heiland, sind sie mein? (Wie ein Kind) Und ich darf kommen –? Kann man denn auf Luft gehn? Ich sinke ja – – (Jubelnd) Ja, Herr, – (Stößt die Dienerinnen weg, breitet jubelnd beide Arme aus) – ich komme!! (Sinkt tot in sich zusammen, wird langsam von Jutta und Eisentrud umgelegt. Der Bischof tritt herzu, legt die Blumen auf ihre gefalteten Hände und macht über die Tote feierlich das Zeichen des Kreuzes, während das Lied gedämpft einsetzt: »Alleluja! Alleluja!«)