Jakob Christoph Heer Laubgewind Uns aber laßt zechen – und krönen, Mit Laubgewind Die Stirnen, die noch dem Schönen Ergeben sind! Heinrich Leuthold 1 Es war um die Mittagszeit. Der Herbststurm strich durch München. Die breite, schöne Ludwigstraße lag in greller Sonne. Die Menschen eilten und hasteten wie jeden Tag um diese Stunde. Auch sie eilte und hastete. Nein, auf dem Odeonsplatz, am Eingang der Straße stand sie vor einer Kunsthandlung mit großen Auslagen still. Seit sie in München weilte, war es ihr zur Gewohnheit geworden, auf dem Weg zum Mittagsbrot einen kürzeren oder längeren Blick auf die wechselnden Schätze des Kunstladens zu werfen. Der Sturm drängte sie fast mit Gewalt zum Weitergehen, sie aber stand. Das wilde Spiel des Windes tat ihr nach den langen Vormittagsstunden im schlecht gelüfteten, überheizten Atelier wohl. Sie freute sich, daß es stürmte. Nur jetzt nicht die Ruhe! Sie griff mit der Hand unwillkürlich in die Tasche ihres eisgrauen, wollenen Mantels. Der Brief aus der Heimat quälte sie, der Brief des alten Lehrers, der ihr kleines Vermögen verwaltete. Um ihren Mund zuckte es von bitterem Ernst. Was der alte, ihr wohlgesinnte Mann daheim im Dorf für ein gutes Gedächtnis besaß! Ja, gerade heute jährte es sich zum drittenmal, daß sie als Kunstschülerin nach München gekommen war. Grenzenlos schüchtern und fremd hatte sie damals die Stadt betreten, unter dem Trauerkleid aber, das sie zum Gedächtnis ihres kurz vorher verstorbenen Vaters trug, hatte ihr das neunzehnjährige Herz gesungen und geklungen von Liedern der Lebenserwartung. Da war sie zum erstenmal vor diesen Fenstern, vor diesen Auslagen mit heimlich jubelnder Seele gestanden. Von den Künstlern, die da drin ihre Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde und kleine Bildhauerwerke ausgestellt hatten, waren gewiß manche ebenso fremd und ärmer als sie nach München gekommen. Nun glänzten ihre Bilder und Namen. Also gab es einen Weg zur Kunst, zur heiligen Kunst! Auch sie würde ihn finden, sie in ihrer treuen und eifrigen Hingabe, in ihrer glühenden Begeisterung für die Malerei. Sie besaß ja das schöne, vom Vater ererbte Talent, und auf ihren Plänen ruhte der Glaube, der Segen des zu früh Geschiedenen. In München gab es so manchen hervorragenden Lehrer. Einem von ihnen, der eine Privatmalschule für junge Damen führte, war sie empfohlen. Zwei Jahre leidenschaftlich ernsten Studiums bei ihm – dann ständen ihre Skizzen und Bilder wie die anderer junger Künstler in den Auslagen, bescheiden erst und zu geringem Preis, aber doch mit ihrem Namen: Hilde Rebstein. Anfangs nur leise und obenhin, später mit Wohlwollen und Achtung sprächen die Bilderliebhaber und Kunstfreunde von dem jungen Talent. Und aus der großen Stadt klänge ihr Name bis in die ferne, liebe Schweizerheimat, bis nach St. Agathen, dem Ort ihrer Kindheit. Und die sie dort hatten aufwachsen sehen, sprächen: ›Ja, Hilde Rebstein, unsere hoffnungsvolle Künstlerin in München!‹ – Und der Glaube ihres künstlerisch veranlagten Vaters wäre gerechtfertigt! Das war ihr Traum, ihr Ehrgeiz bei ihrer Ankunft in München gewesen. Heute vor drei Jahren! – Hilde spann den Faden ihrer Erinnerungen nicht weiter. Die Gegenwart, die Lebenswirklichkeit stach zu scharf und weh von den jugendlichen Einbildungen ab, die sie damals in ihre Kunstschülerschaft geleitet hatten. Nicht zwei, nein, schon drei Jahre war sie jetzt eine von den vielen hundert unbekannten und namenlosen Malschülerinnen der Stadt, die Morgen um Morgen auf eine Offenbarung hoffend in ihre Klassen eilen und Abend um Abend enttäuschter und müder hinauf in ihre Mietzimmer steigen. Nie hatte sie eine Skizze, nie ein Bild in den Schaufenstern einer Kunsthandlung oder sonst auf einer kleinen Ausstellung gehabt. Sie hatte selbst den Versuch dazu nie gewagt und war durch die Erfahrungen der drei Jahre zu kleinmütig und zaghaft geworden, als daß sie sich nur mehr getraut hätte, daran zu denken. Der fromme Glaube an ihre künstlerische Berufung war in ihr vollkommen erschüttert. Was sie schuf, war gewiß nicht talentlos, das hatte noch kein Lehrer und keine ihrer Mitschülerinnen behauptet, aber es war bei manchen Zeichen künstlerischer Ausdrucksfähigkeit doch unreif. Das gab sie selber zu. In ihrem Wesen lagen eigenartige Hemmungen des Talentes, die zu überwinden sie sich qualvoll mühte, und das schmerzliche Schwanken zwischen Können und Nichtkönnen hatte sie und ihren derzeitigen Lehrer, Professor Waldhier, in eine stille Spannung gebracht. Er, der sie vor einem Jahr mit hoffnungsvoller Freude aufgenommen hatte, setzte jetzt sogar Zweifel in ihren guten Willen. Was ist es Seltsames und unheimlich Geheimnisvolles um die Kunst! Wie ein Lied voll heiliger Sehnsucht kommt der Schaffensdrang der hohen Stunde über die Seele. In wunderbarem Klarlicht lockt uns eine frühlinghafte Gestalt wie Liebe, verheißende Liebe. Aus einem Überschuß innerer Kraft erheben wir die Seele und die Hände zu dem göttlichen Gebilde. Es ist unser! – Nein, wie durch ein höllisches Wunder zerfließt die schöne Gestalt in dem Augenblick, da wir sie fassen wollen. Unsere Arme erzittern, erschlaffen und sinken, und die Hände können nicht wiedergeben, was das innere Auge in Qffenbarungswonnen sah. Nur ein Wechselbalg jener Gestalt, die unsere Phantasie mit seligen Schönheitsempfindungen erfüllte, liegt das Werk vor uns, eine Mißgeburt, die lebt und doch nicht lebt und unsere Seele laut aufweinen läßt, bis wir die Arbeit in vernichtender Enttäuschung von uns stoßen. – Das ist das brennende Weh der Kunst: den gewaltigen Schaffens- und Gestaltungsdrang in sich spüren und doch nicht schaffen und gestalten können, wonach die Seele schreit. Zu traurig! Daran mag jetzt Hilde nicht denken. Ihre Blicke hangen an einem Porträt: der junge Goethe! Es ist ein schöner und billiger Abdruck des Bildes von Kraus. Und sie liebt Goethe, vor allem den jungen Goethe! Ein Seufzer – nein, sie kann jetzt die Radierung nicht kaufen. Sie wird wohl zu Weihnachten noch zu haben sein. Zu Weihnachten! Vielleicht muß sie auch dann auf das Bild verzichten. Hardmeyer, der alte Lehrer in der Heimat, der ehemalige Freund ihres Vaters, schreibt ihr, daß er ihr von jetzt an nur noch fünfundsiebzig Franken im Monat zuwenden könne. Auch ohne Notenausgaben würde leider ihr kleines Kapital zu Ostern völlig aufgezehrt und sie in der zwingenden Lage sein, möglichst rasch auf eigenen Verdienst zu denken. Oh, das sah sie klar, in dieser Lage war sie jetzt schon. Dreißig Mark das Klassengeld, zwanzig Mark das Zimmer – mit zehn Mark Pension und Kleider bestreiten? Unmöglich! Das war eine einfache Rechnung. Sie trennte sich tief nachdenklich von dem Kunstladen. Doch nein, jetzt wollte sie nicht nachdenklich erscheinen. Bekannte, die ihr etwa begegneten, sollten ihr den Kummer nicht vom Gesichte lesen können. Die weiße Wollmütze auf dem reichen dunkelblonden Haar, Hals und Brustansatz den Winden frei, die Hände etwas burschikos in den Mantel gesteckt, kämpfte sie tapfer und elastisch gegen den vom Siegestor herfegenden Sturm. Scharen von Studenten traten, ihre Bücher und Hefte unter dem Arm, aus den Lehrgebäuden an der Ludwigstraße. Sie begegnete manchem indiskreten Blick, denn der Sturm, der ihr Mantel und Kleid fast vom Leibe riß, ließ ihre schlankkräftigen Glieder mehr als sonst aus der Gewandung hervortreten. Damals vor drei Jahren, als sie aus der Heimat nach München gekommen war und sich erst an das Stadtleben gewöhnen mußte, hatte sie über neugierige Blicke noch erröten und sich kränken können, in einer großen Stadt aber verlernt man das bald und lernt dafür das Übersehen und Überhören – sie fühlte sich als die selbständig vor das Leben gestellte junge Dame, die ihren Schutz gegen Zumutungen und Anmaßungen in sich selber trägt. Ob sie Kuno Glür unter den Studenten entdeckte? Nicht, daß ihr stark daran gelegen wäre. Im Grunde war ihr die Erscheinung des Fabrikantensohnes aus der Heimat, eines schon ältlichen Hochschülers, der die Kollegien nur unregelmäßig besuchte, nicht besonders angenehm, aber die Herkunft aus dem nämlichen Dorf bildete doch ein gewisses Band zwischen ihnen. Sich von Zeit zu Zeit zu begegnen, war schon deshalb hübsch, weil man ein paar Worte gegenseitiger Erkundigung im altlieben Heimatdeutsch miteinander wechseln konnte. Und das Heimatdeutsch klang hier in der Ferne so – so traulich und lieb! Selbst von Kuno Glürs aufgeworfenen Lippen. Er war nicht unter den Studenten. Richtig, er hatte ihr ja schon vor Wochen erzählt, daß er Ende Oktober daheim in St. Agathen den Hochzeitsfeierlichkeiten seiner Schwester Lili beiwohnen werde. Dort mochte er jetzt sein, der Glückliche! Wann sieht wohl sie wieder einmal die Heimat – und Adolf, ihren lieben Bruder? Früher hatte sie mehrere Bekannte unter den Studierenden der Universität besessen, mit Ausnahme Kuno Glürs aber hatten sie München wohl mit anderen Städten vertauscht, und sie – sie machte auch nicht mehr die Besuche in den Familien, in denen sie die jungen Leute kennenlernte. So einsam wie jetzt hatte sie in München noch nie gelebt. Kein Freund, keine Freundin! Das lag an ihr selbst. Ja, wenn sie nur ein wenig auf einen künstlerischen Erfolg hätte blicken können, wie sie ihn sich vor drei Jahren erträumt hatte! Da brächte auch sie den Menschen ein offenes, lachendes Wesen entgegen, Mißerfolg und Enttäuschung aber lassen die Seele verstummen. Sie trennen von den Menschen. Nur nicht sonniges Wohlergehen in der Gesellschaft heucheln, wenn das Herz aufschreien möchte vor innerer Qual! Eine Freundin, mit der sie sich aus voller Seele aussprechen konnte, hatte sie zu Anfang ihrer Studien besessen, aber die war im Frühling darauf zu einem Osterbesuch in ihre rheinische Heimat gefahren und hatte dann geschrieben: »Johanna geht – und nimmer kehrt sie wieder. Ich bin verlobt, lasse mich von meinem Schatz gern über die Torheit meiner Kunststudien auslachen und weiß, daß mir am eigenen Herd mehr Poesie erblüht als vor der Staffelei.« – Eine einfache Lösung der Kunstfrage! Seit die Rheinländerin gegangen war, hatte Hilde keine Freundin mehr. Bei dem fortwährenden Wechsel der Schülerinnen in den Ateliers lohnte es sich auch nicht, unter ihnen eine zu suchen. Gott wußte, woher die einen der Kolleginnen kamen, wohin die anderen verschwanden. – Sie war im Kampf gegen den Sturm, der seine Richtung jeden Augenblick änderte, an das Siegestor gelangt, und wieder schüttelte sie die Bitternis, die sie überschleichen wollte, kräftig von sich ab. Selbst ein kleines Aufleuchten ging über ihre Züge. Aus der Straße von links her kamen die beiden »unbekannten Bekannten«. So nannte sie bei sich selber ein Paar junger Männer, wohl gereiftere Studierende des Polytechnikums, die täglich, wenn sie nach Schwabing zum Mittagsbrot ging, in die Straße einschwenkten, mit ihr ein Stück gemeinsamen Weges hatten und dann rechts hin in eine große Pension abbogen. Die beiden gegen die Dreißig Gehenden waren wohl sehr gute Freunde. Nie sah sie den einen ohne den anderen, den hochgewachsenen Blonden ohne den ziemlich untersetzten Dunkeln. Aus den Gesprächen und der Lautgebung der beiden hatte sie gemerkt, daß der Blonde ein Norddeutscher, der Dunkelbärtige ein Süddeutscher, ein Schwabe, war. Und ihre Bekanntschaft mit dem Paar? Nun, vor einigen Wochen hatte sie, ein Dutzend Schritte hinter ihnen gehend, gesehen, wie der Dunkle in eifriger Unterhaltung mit dem Blonden einen wertvollen Stift versehentlich statt in die Tasche zu Boden gleiten ließ, und sie hatte als zufällige Zeugin die einfache Pflicht erfüllt, den auf dem Weg liegenden Stift seinem Besitzer zurückzugeben. Ein höflicher Dank seinerseits, und seither grüßten die beiden jedesmal, wenn man sich bald einige Schritte früher, bald einige Schritte später auf dem kurzen gemeinsamen Wege hinter dem Siegestor begegnete. Und Hilde war jetzt an den stummen, achtungsvollen Gruß des Freundespaares so gewöhnt, daß ihr etwas fehlte, wenn sie einmal nicht zur gleichen Zeit zum Mittagsbrot gingen. In rascher Gangart überholte die die plaudernden Männer. Die Polytechniker grüßten wie stets mit höflichem Blick und Hutlüften, doch schweigend. Sie nickte, und ein fast unmerkbares Erröten und Lächeln ging über ihr Antlitz. Schon war sie ein kleines Wegstück an ihnen vorbei. Da trug ihr der Sturm die Stimme des Dunkeln zu. »Du hast recht, Siegfried«, versetzte er in seinem schwäbischen Stimmklang, »sie ist ein feiner und gediegener Kerl«, und legte dabei die Betonung auf das »ist«. Hilde schoß das Blut in die Wangen. Kein Zweifel, die Bemerkung »ein feiner und gediegener Kerl« ging auf sie! Länger dauerte ihre Überlegung, ob der Schwabe das Wort absichtlich in ihrer Hörweite gesprochen habe. Doch nein, sie hatte keinen Grund, eine gewollte und dadurch verletzende Artigkeit zu vermuten. Gegen diesen Verdacht sprach schon die Beziehung auf eine frühere Unterhaltung, und vollkommen ausgeschlossen war er durch die Wesensart der jungen Männer. Ein schöner Lebensernst und etwas bewußt Ehrenfestes, das die gute Form nicht absichtlich verletzte, lag in der Erscheinung beider ausgeprägt. Daß sie das Wort hatte erlauschen können, lag einzig an dem wehenden Wind, und sie durfte sich also an dem Erlebnis rein erfreuen. Jäh erwachendes Glücksgefühl trieb sie zu größerer Eile. Es hatte doch wieder einmal jemand, der ihr schätzenswert erschien, etwas Anerkennendes und Liebes von ihr gesagt, und sie spürte erst jetzt, wie lange und wie stark sie nach einem freundlichen und guten Wort von einem ihr wohlwollenden Menschen gelechzt und gedürstet hatte. Zugleich gestand sie sich aber, daß der »feine und gediegene Kerl« doch nur der Ausdruck eines platonischen Wohlgefallens und eigentlich eine recht billige Entdeckung der beiden Polytechniker sei. Sie wußte selber, daß sie gut aussah. Wohl ahnte oder erriet jedermann in ihr die werdende Künstlerin, aber sie war keines jener Münchner Malweiber, die in der Vernachlässigung von Haar und Kleid das erste Kennzeichen der Künstlerschaft erblicken. Sie verabscheute die vielen zigeunerhaft einherschweifenden Kolleginnen, hielt Gesundheit, Kraft und eine untadelige äußere Erscheinung für ebenso pflegenswerte Gottesgaben wie das künstlerische Talent. Stets war sie darauf bedacht, die Schädigungen, die ihrer Jugendblüte durch die Stickluft des Ateliers drohten, mit Leibesübungen und jenen einsamen, weiten Spaziergängen auszugleichen, zu denen sie die Lust von ihrem Vater überkommen hatte. An Leib und Seele frisch – das war ihre Freude, und was verschlug's, wenn die einen sie wegen ihrer leicht gebräunten Gesichtsfarbe für eine Italienerin statt für eine Deutschschweizerin nahmen und andere sie auf vierundzwanzig schätzten, zwei Jahre älter, als sie wirklich war. Die hellbraunen Augen schauten ihr ja doch groß und leuchtend aus dem ovalen Gesicht, und sowohl der täuschende Eindruck, daß sie Italienerin sei, wie das Überschätzen ihres Alters bezeugten doch nur, daß das kämpfende Werben um die Kunst und die Selbständigkeit der Lebensführung ihr die Züge schon mit geistiger Kraft geprägt hatten. »Ein feiner und gediegener Kerl!« Ja, das war sie nach der hochgewölbten Stirn, der wohlgeschnittenen, leicht im Bogen verlaufenden Nase, dem kräftigen Mund, aus dem zuweilen die starken Zähne blitzten, und ihrem ebenmäßigen Gliederbau – und fein und gediegen wollte sie bleiben, selbst wenn einmal die mädchenhafte Blüte, der Schmelz der Jugend, die ihr jetzt noch eigen, der reifen Rassigkeit des Weibes wichen – fein und gediegen, das gehörte als unveräußerliches Wesenstück zu dem Menschenkind, das Hilde Rebstein hieß! Törichte Hilde, schalt sie sich. Weiß Gott, du hast Ernsteres zu denken! Der Brief des alten Lehrers – sechzig Mark im Monat! Sie wies die Anwandlungen der Selbstgefälligkeit und des weiblichen Stolzes weit von sich und ließ sich dafür von einem mächtigen Drang erfüllen, klar in die kommenden Zeiten zu sehen. Wie, wenn sie diesen Nachmittag nicht in das muffige Atelier ging! Mit dem abstoßenden alten Blumenweib, das der Klasse als Modell diente, wußte sie doch nichts Gedeihliches anzufangen. Wenn sie in leuchtender Sonne, im wehenden Sturm in die Spätherbstnatur hinauswanderte und im stillen, schönen Isartal überlegte, was werden solle? Sie schwenkte aus der Leopoldstraße in eine Nebenstraße Schwabings. Das kleine Erlebnis mit den beiden »unbekannten Bekannten« und der Gedanke an den einsamen nachmittäglichen Ausflug bewegten sie freudig. Mit einem heiteren »Grüßgott« und dem Ausruf: »Kinder, hab' ich heut einen Hunger!« betrat sie die einfache Pension der Mutter Illing. »Ah, Fräulein Rebstein hat heute eine glückliche Korrektur gehabt«, lachte ein junger Mann, ein armer Buckliger, der aber für einen großen künftigen Musiker galt. Die gesamte, etwa dutzendköpfige Tischgesellschaft, meist sehr einfache Studenten, Kunstschüler und Schülerinnen, schaute fragend und teilnehmend nach Hilde auf. »Korrektur?« erwiderte sie. »Die Korrektur kommt erst morgen. Ich habe aber eine Idee. Kopf und Seele will ich mir diesen Nachmittag in Gottes freier Natur lüften.« Die anderen Pensionäre schienen leise enttäuscht, Hilde aber lächelte glückträumend vor sich hin. – Jugend! So wenig braucht es, daß sie aus Sorge und Leid das Haupt wieder hoffend erhebt! 2 Wie ist das Isartal mit dem Spiel seiner lebendigen Wasser und dem Rauschen der hohen Bäume so schön! Auch im Strahl der Spätherbstsonne, die nicht mehr wärmt, nur noch leuchtet. Hilde hatte die letzten und allerletzten Häuser der Stadt hinter sich. Sie atmete hoch auf und schritt kräftig durch das falbe, raschelnde Laub auf den Wegen. Der Spaziergänger waren an dem kühlen Nachmittag nicht viel. Nur noch jene drei alten Herren überholen, Invalide des Lebens, die schwer an Stöcken gingen. Und dort das Liebespaar, ein Bursche und ein Mädchen aus dem Volk. Dann war sie im sonnigen Frieden der schmerzlos absterbenden Natur mit sich allein. Ein guter Einfall, mit den Fragen, die eine klare Antwort verlangten, hinaus in die Strom- und Baumstille, in den lautlosen Blätterfall des Spätherbstes zu flüchten! Sie schritt auf den Steg zu, der das breite Bett der Isar überbrückt. Zwischen hellschimmernden Kiesbänken strömten die Wasser und ruhten in kristallener Klarheit in dem großen Wehrbecken unterhalb des Steges. Sie hielt den Schritt an; die Hände auf das Geländer stützend, blickte sie in die Sonnenstille der Wasser, in die lichtdurchspielten Gründe. Ein brauner, barhaupter Bursche saß auf dem Wehr, ließ die Füße aus zerschlissenen Hosen baumeln und angelte mit Rute und Schnur in sorgloser Tagdieberei. Ein hübscher Vorwurf zu einem Bild, dachte Hilde. Doch nein, nur kein abgebrauchtes Klischee von Genrebild. Wenn sie wirklich einmal eine Malerin von bedeutendem Können würde, schüfe sie lieber ernste Gemälde großen Stils, welche die Herzen der Menschen bewegten und ergriffen. In diesem klarsonnigen Wasser vielleicht eine treibende Mädchenleiche, so wie es vor einigen Tagen in der Zeitung zu lesen stand: auf dunkler, schwimmender Haarflut ein vom Lichte getroffener, zurückgebogener Arm, und im Halblicht der Wasser das herbschöne Gesicht einer jungen Magd. Wie war doch der Bericht? Verführt, vom Verführer verlassen, von den Eltern in der bäuerlichen Heimat verstoßen. Die Fluten der Isar aber nahmen die Umherirrende barmherzig auf. Hilde stand und starrte in das Wasser. Was gewann das Bild der Ertrunkenen so beängstigend Gestalt, wie wenn es etwas Selbsterlebtes oder doch Selbstgesehenes wäre! Wozu es sich so scharf ausdenken? Nein, das war doch auch kein Vorwurf für ein Gemälde. Sie gab sich einen Ruck und ging ihres Weges. Das Spiel ihrer lebhaften Phantasie war aber quälerisch erwacht, und sie brachte den Gedanken an die schwimmende Tote nicht so leicht von sich. Verführt! Seltsam. Auch durch ihren jungen Leib wallte das Blut heiß und schicksalsdurstig, und in ihrer Seele stieg das Liebebedürfen manchmal sehnsüchtig empor. Aufs Geratewohl aber in ein Abenteuer gehen? Das kam ihr nicht vor, davor schützte sie die gute Erziehung, die sie im Elternhaus genossen hatte, und ihr natürlicher Lebensernst, vor allem die Erinnerung an ihren Vater, dessen Bild stets geheimnisvoll und lebendig aus den Fernen der Heimat herüberschwebte, wenn sie vor irgendeiner Schicksalsentscheidung stand. – Der Vater – die Heimat! Sie schritt den Fußweg zur Uferhöhe des Flusses empor. Wie ragte der Wald in der hellen, kalten Sonne so still, der ursprüngliche, kulturlose Wald von Fichten und Föhren, und die Birken standen mit den schimmernden Silberstämmen im letzten Blätterglanz wie flammende Kerzen, die dem Jahr zu Ende leuchten. Leises Singen und Rauschen. Die Wellen des Stromes und der Wind in den Waldwipfeln. Hilde spürte es kaum, wie das geheimnisvolle Summen und Brausen ihr die Flügel der Seele spannte und ihre Gedanken sanft und traumhaft in die Gefilde der Kindheit entführte. Oh, es war eine schöne Heimat, das Schweizerdorf St. Agathen, und nur in herzbrechender Sehnsucht konnte sie daran zurückdenken. Wozu es leugnen? Sie hatte in München oft Heimweh. Am Abend namentlich, wenn sie müd, ach, so müd und hoffnungslos aus dem Atelier hinauf in ihr Dachzimmer stieg. Dann erfüllten sie ihre Einsamkeit und die Erinnerung an die Jugendtage mit einer kranken Traurigkeit. Sie erschien sich dann wie der Baum am Hang, um dessen Wurzeln das gute Erdreich wegrieselt, der dorren und stürzen muß. Und doch hatte auch sie einst ein glückliches Elternhaus besessen! Aus den Waldbergen hervor rauschten die Wasser der Aa in das freundliche Industriedorf St. Agathen, zwar nicht so mächtig wie die Isar, aber ebenso quellenrein. Wo der Fluß aus der Waldschlucht ins offene Gelände trat, standen die rußüberstäubten mechanischen Werkstätten der Firma Glür u. Comp., höher am Ufer am samtnen Wiesenrain sonnte sich das Dorf, das seinen Namen nach einem ehemaligen Wallfahrtskirchlein der heiligen Agatha trug. Der Ort war ein durch freundliche Gärten unterbrochenes Gemenge von alten braunen Holzhäusern und hellen neuen Bauten. An seinem oberen Rand erhob sich auf freiem Vorsprung, von Linden umschirmt und von Efeu umrankt, die uralte Kirche. Da, bei Kirche und Linden, stand im Gehege eines Gartens ihr schmuckes Jugendhaus. Von Reben und Obstspalieren umzogen, jedem Sonnenstrahle offen, schaute es nach dem im Süden ragenden Silberkranz der Schneeberge, die am Abend rosig erglühten. Schon als Kind kannte sie die leuchtenden Gipfel alle mit Namen. Der Vater war ein so begeisterter Freund der Berge wie der Natur insgesamt, daß er diese Kenntnis von ihr wie etwas Selbstverständliches forderte. Nur noch eines liebte er gleich stark wie die Berge – die Kunst! Unmöglich, sich ihn vorzustellen ohne den Stift, ohne ein Blatt, auf dem eine Skizze entstand. Der Kater war seinem Berufe nach Maschinenzeichner und technischer Konstrukteur, ein angesehener Beamter der Firma Glür u. Comp., und hatte als erfinderischer Kopf manches zum Aufschwung des blühenden Geschäftes beigetragen. Neben seinem Beruf aber war er eine Künstlernatur und ein vollkommener Idealist. Gewiß hätte er die Fähigkeit besessen, fröhlich mit den Fröhlichen zu sein, doch ein zarter Körperbau und eine empfindliche Leibesveranlagung schieden ihn fast vollständig von den geselligen Freuden aus. Deswegen galt er im Dorf als ein liebenswürdiger Sonderling. Was kümmerte er sich darum? Der Berufsarbeit widmete er sich mit unendlicher Pflichttreue, in seinen freien Stunden und Tagen aber erhob er die Gedanken über die Zeichenbretter und die Kontorarbeit, stieg er über das Dorf in den Wald und in die Felsen. Oder er wanderte in die Schluchten der Aa bis zu der von Buchen und Ahorn umschirmten Idylle des Bergsees. Da zeichnete oder malte er. Die höchste Wonne bereiteten ihm die nur karg zubemessenen Ferientage, an denen er sich in das Hochgebirge wenden konnte. Dem Bergwald besonders lauschte er mit einer bis zur wirklichen Künstlerschaft gesteigerten Empfindung das Schönheitsgeheimnis der Lichter und Schatten, die zartbeseelte Stimmung ab. Nur in tiefer Rührung konnte Hilde an ihren Vater zurückdenken, an den Künstler mit schwächlichem Körper, aber mit starkem Geist. Sie sah es noch, das verklärte Leuchten in dem blassen Gesicht und in den vom scharfen Sehen hervorgedrängten Augen, wenn er glaubte, die Seele einer Landschaft auf seinem Blatt voll eingefangen zu haben. Auf seinen Künstlergängen war sie seine stete Begleiterin, und der in seine Studien versenkte Mann zeichnete nie besser, als wenn sein Kind neben ihm spielte. Spielend begann es mit ihm zu zeichnen, und allmählich wob die gemeinsame Kunstübung ein wundersames Band des Verständnisses um Vater und Kind. Sie wußte, daß sie eine Lücke in seinem inneren Leben ausfüllte, ihm geistig näherstand als sogar die schöne und stolze Mutter, welche die gesellschaftliche Unterhaltung der stillen Kunst ihres Gatten vorzog. Ihr, der Tochter, blieb keine seiner künstlerischen Regungen verborgen, selbst nicht sein heimlicher Künstlerschmerz. Der Schmerz war, daß ihm nichts Figürliches voll gelingen wollte, während es ihn doch stets wie mit magnetischer Kraft von seinen schönen Naturstudien hinweg zur Menschendarstellung riß. Wie oft saß sie ihm Modell, wie oft ihr kleiner Bruder Adolf! Doch auf einer gewissen Vollendungsstufe des Bildes versagte ihm der Stift. Dann kam ein seltsamer Tiefsinn über den Vater, in den dunkelsten Stunden künstlerischer Anfechtung klagte er sogar über ein verfehltes Leben, und er versöhnte sich nie völlig mit den Schranken seines Schaffens, obgleich seine Landschaften, Baum- und Waldstudien von Kennern immer mehr geschätzt und gekauft und von namhaften illustrierten Zeitschriften zur Wiedergabe erworben wurden und der materielle Zuschuß aus seiner Kunst die Verhältnisse der Familie merkbar behaglicher gestaltete. »Alles kann man nicht aus sich selber lernen«, so machte er etwa seinen verhaltenen Gedanken Luft, »wenn aber mein Jugendwunsch in Erfüllung gegangen, wenn mir ein einziges Jahr Studien in München vergönnt gewesen wären, dann, Hilde, hättest du auch die figürlichen Bilder deines Vaters sehen sollen! In mir steckt wohl noch manches an Talent, das durch die Ungunst der äußeren Umstände nie an die Sonne dringen konnte.« Auf der Hochzeitsreise hatten die Eltern etliche Tage in München verbracht, und wie viele Jahre auch seit jenem einzigen Besuch vergangen waren, erzählte der Vater von der Stadt doch so frisch, wie wenn er eben von der Reise käme. Und sie, die sich in kindlicher Anteilnahme oft von seinem stillen Lebensleid schmerzen ließ, horchte und spürte aus dem herzlichen Feuer seiner Schilderungen, wie er jene Tage mit einem erhöhten Rhythmus der Seele durchkostet hatte, ja wie sie wohl die schönsten seines Lebens gewesen waren. Und jetzt noch klang in ihren Erinnerungen seine schwärmerische Verehrung für München. »Hilde, hoffentlich ist dir auch einmal beschieden, München zu sehen«, ereiferte er sich. »Da begegnest du überall Werken großer Kunst, ragenden Kirchen, Toren und Türmen. Auf schönen Plätzen, in grünen Gärten, am quellenden Brunnen winken die Erz- und Marmorbilder. Wenn du aber erst die Sammlungen betrittst! Herb gegliedert stehen die geflügelten oder vogelköpfigen Menschengestalten der Assyrer und Ägypter und erzählen dir vom suchenden Anfang der Kunst. Die weißmarmornen Götterleiber der griechischen Bildnerei erheben sich in schlanker Schönheit und in einer Vollendung, wie sie später nicht mehr erlebt worden ist. Fast mehr noch überwältigt dich die Gemäldekunst aller Völker und Zeiten. Jedes Volk, jede Zeit und jeder Künstler sprechen zu dir mit der ihnen besonders eigenen geheimnisvollen Schönheitssprache, hier die frühmittelalterlichen Künstler, die noch tastend nm ihre Ausdrucksmittel rangen, dort die Schöpfer der Madonnen, in denen der Mutterliebe ewig gültige Denkmäler erstanden sind. Jahrhunderte grüßen dich in der hinreißenden Beredsamkeit ihrer Schöpfungen, und du bist gebannt, entzückt und bedrückt von dem, was sie dir in heiliger Schönheit sagen. Ja, auch bedrückt! An dein eigenes kleines Talent getraust du dich gar nicht mehr zu denken. Nenn du dann aber aus dem Glanz der stillen Museen in die lebensvollen Straßen und vor die reichen Kunstläden trittst, die vielen Ateliers bemerkst, in denen Künstler der Gegenwart ihre Gemälde oder Statuen formen und gestalten, da fühlst du, wie die Kunst auch noch in unseren Tagen eine Welt der Lebendigen ist und in Werken, die unserer Zeit angemessen sind, wie ein Frühling blüht. Heiß wallt dir das Herzblut auf, dich versuchen und mitkämpfen möchtest du, eine selige Ahnung kommt über dich, auf dem geweihten Boden von München werde dir etwas wachsen, wofür in der übrigen Welt zu wenig Scholle und Luft ist: das Herrlichste im Leben – selbsttätige Kunst! Ja, Hilde, mir war in München wundersam zumut.« – So der Vater leuchtenden Auges. Die Mutter, die für den feinsinnigen Mann etwas zu derb dachte, goß Wasser in den Wein seiner Begeisterung. »Mir aber war weniger wundersam ums Herz«, scherzte sie. »Ein Ehemann, der sein junges Weib irgendwo stehen läßt und den langweiligen Museen nachläuft – ich danke für das Vergnügen! Sehenswert habe ich in München doch nur eine Vorstellung im Hoftheater, das Leben und Treiben im Hofbräuhaus, die Statue der Bavaria an der Theresienwiese und die Schwäne auf den Parkteichen von Nymphenburg gefunden. Dazu die königlichen Equipagen.« In der Verschiedenheit, wie die Eltern von den Eindrücken ihres Münchner Aufenthaltes sprachen, lag die gegensätzliche Denkungsweise zwischen Vater und Mutter offen. Sie, das Kind aber, dem die Worte des Vaters oft um den Kopf gerauscht, erging sich nach seinen Schilderungen in merkwürdigen, phantastischen Vorstellungen von München. Nur in der märchenhaften Stadt weilen – und aus den Lüften hernieder stieg wie von selber der Geist der Kunst in die Seele und erfüllte sie mit Lust und mit wonnigem Erkennen! Nun war sie schon siebzehnjährig geworden. Da überraschte sie den Vater zu seinem einundvierzigsten Geburtstage mit einer Porträtskizze ihres Bruders Adolf, des armen Burschen, der sich gegen all sein lebendiges Wesen immer wieder in die Ruhe des Modells bequemen mußte. Sie hatte selber das Gefühl, daß ihr die Arbeit vortrefflich gelungen sei. Als aber der Vater das Bild sah, glänzten seine warmen, klugen Augen auf. »Hilde, wenn du ein Junge wärest«, rief er lebhaft und mit einem unvergeßlich schönen und lieben Lächeln, »ich schickte dich nach München auf die Malschule. Die von St. Agathen sollten sehen, was für ein Künstler aus ihrem Nest hervorginge!« Da schlug eine jähe Flamme des Ehrgeizes in ihrer jungen Brust empor. »Warum sollte ich nicht ebensogut Malerin werden können, Vater?« fragte sie mit zitternder Stimme und brennenden Wangen. Die Augen des Vaters ruhten mit innigem Wohlgefallen auf ihr, wieder spielte das seelenvolle Lächeln um seinen Mund, und aus seiner Antwort spürte sie den starken Widerhall, den ihre Frage in seinem Gemüt fand. Er begann ihr von Angelika Kauffmann, einer Tochter eines einfachen Malers aus dem Bregenzer Wald, zu erzählen, die in Italien, befreundet mit den führenden Geistern ihrer Zeit, die höchsten Staffeln der Kunst erklommen habe. Überzeugend belege es diese Künstlerin, daß die Berufung zur Malerei, ja sogar zur Kunst großen Stils, kein ausschließliches Vorrecht des männlichen Geistes sei. – Die Augen des Vaters maßen ihre innerste Seele in einer großen, unausgesprochenen Frage, forschend und vertrauend. Ein weihevoller Augenblick, aus dem ihr blendend helle Leitsterne für ihr künftiges Leben aufleuchteten. Sie behielt die Stunde im Herzen, lange aber sprachen weder der Vater noch sie wieder von München und künstlerischen Plänen. Ungefähr ein Jahr später begann der von jeher schwächliche Mann erst an den Augen, dann an einen Brustübel zu kränkeln. Als er von einem längeren Sommeraufenthalt im Gebirge Anfang Herbst, ohne Linderung gefunden zu haben, wieder nach St. Agathen heimkehrte, ließ das schleichende Fieber seinen baldigen Tod ahnen. In all der Sorge und seelischen Beklemmnis, welche ihn selber und die Familie erfüllte, griff er plötzlich auf eine Stunde zurück, in der sie über die Porträtskizze Adolfs, des Bruders, so herzlich und ernst über die Kunst gesprochen hatten. Mit der grübelnden Nachdenklichkeit eines Sterbenden erwog er den Plan, daß sie, wenn er nicht mehr sei, sich in München zur Künstlerin ausbilden solle, und rechnete und prüfte mit rührender Sorgfalt, ob sein kleines Vermögen und eine Lebensversicherung für ihre Studien in München hinreichten, ohne daß die Mutter und Adolf an gerechtem Erbe verkürzt würden. An einem nebeligen Herbstabend, als ihm der Atem schon furchtbar schwer ging, berief der rasch Zerfallende seinen Freund, den alten Lehrer, der schon sein Lehrer gewesen war. Er hatte eine lange Unterredung mit ihm, und erst nach schwerer Zögerung nahm der lebenserfahrene alte Mann, der den schwungvollen Gedankengängen des Vaters nicht ganz zu folgen vermochte, das Amt eines Sachwalters für ihren Aufenthalt in München an. Für den Vater war seine Zusage der Friede des Sterbebettes, und noch in den lodernden, rasch dahinjagenden Fieberträumen sprach er viel von ihren Studien in München und wie durch sie nun Wünsche und Traume wahr würden, die er an sich selber in seiner Jugend nicht habe verwirklichen können. Der Gedanke daran, daß sie nun Malerin werde, sei ihm eine milde Wegzehrung in den bitteren Tod. Vor den Menschen solle sie sich nicht fürchten, denn sein Geist wandle in allen Stunden schützend mit ihr. Im Todeskampf noch baten seine stillen, glänzenden Augen, daß sie sich auf ihn niederneige. Seine abgezehrte, schon mit Schweiß bedeckte Hand legte sich mit leisem Drucke in die ihre, nur ihr noch verständlich, hauchte er: »Ich bin ruhig, Hilde. Du, meine liebe, liebe Künstlerin, du gehst einen guten Weg.« – Nur noch ein Wort kam nachher von seinen Lippen: »In Gottes Namen!« Da brachen ihm die Augen. Und auf den schicksalsvertrauenden Worten des Vaters sollte nun doch kein Segen liegen! Drei Jahre hatte sie mit dem heißen Herzblut der Jugend um die Erfüllung seiner gläubigen Hoffnung gekämpft. Nun war's zu Ende. Und sie hatte umsonst gekämpft. – Umsonst! – – Hilde lief ihren einsamen Weg auf der waldigen Uferhöhe der Isar. Mit ihr liefen die Erinnerungen. Über das lief eingeschnittene Tal gespannt, erschimmerte der luftige Bogen der Eisenbahnbrücke von Großhesselohe und auf den jenseitigen Ilferhügeln die rötlichen Dächer des Dorfes. Nein, so weit wollte sie nicht gehen, ihre knappen Geldumstände gestatteten ihr doch nicht, mit der Eisenbahn in die Stadt zurückzufahren. Nahe vor ihr aber lag das einem Bauerngehöfte ähnliche Waldgasthaus der Menterschwaige. Da wollte sie sich einen Kaffee und ein Brot gönnen und etwas ruhen. Sie hatte den Ort seit dem Sommer nicht wieder gesehen. Damals war er umdrängt und umlagert von sonntäglichen, lebensfrohen Ausflüglerscharen aus der Stadt, jetzt herrschte ringsumher die Verlassenheit und Öde des kühlen Spätherbsttages. Nicht doch! An der Tür stand ein Automobil. Wie aus einem Traum erinnerte sie sich, daß sie irgendwo unterwegs das Fahrzeug hatte herankommen hören und ihm ausgewichen war. Einbildung oder Wirklichkeit? Die nachtdunklen Augen eines außerordentlich fesselnden Männergesichtes und ein junges, auch sehr schönes Mädchenantlitz hatten aus dem Wagen rasch nach ihr geblickt. 3 Als Hilde in das Gasthaus trat, war der große Saal, der im Sommer den Gästen diente, ausgeräumt und nicht zur Rast zu benützen. Eine Magd mit aufgestecktem rotem Haar führte sie in ein hübsches Nebengemach. Da saßen der Herr und die Dame aus dem Automobil, die prächtige Mäntel abgelegt hatten, und Hilde hatte das peinliche Gefühl, daß sie mit ihrem Eintritt und leichten Gruß eine zärtliche Liebesunterhaltung störe. Das Paar unterbrach einen Augenblick sein Geplauder und Gekose, und als sie in einer ziemlich entfernten Ecke Platz nahm, schaute es mit einer flüchtigen Neugier nach ihr. Doch im nächsten Augenblick gehörte es nur wieder sich selbst, trank sich über das üppige Abendbrot, das eben zu Ende war, lachend den Rotwein zu, wechselte ein Sprühfeuer von Blicken, von flüsternden Koselauten und küßte sich mit einem Freimut, der auch in der freien Gesellschaft Münchens vor anderen Gästen nichts Alltägliches ist. Wohl Künstlersleute, die sich einen frohen Tag bereiteten! Der Kaffee ließ auf sich warten. Das Gefühl Hildes sträubte sich gegen die unfreiwillige Zeugenschaft bei dem Getändel des verliebten Paares. Sie fühlte den Gegensatz zwischen dem leichtsinnigen Glück der beiden und ihrer eigenen ernsten Stimmung und sandte den Blick ins Freie. Die sinkende Sonne glühte über den Waldwipfeln, grellrote Buchengebüsche standen wie lohende Feuer. So reizvoll aber das Naturschauspiel war, sie mußte doch wie aus innerer Lockung von Zeit zu Zeit ein verstohlenes Auge nach den Liebesleuten wenden. Ein schönes, anziehendes Menschenpaar! Der Mann besonders fesselte sie, eine hochgewachsene, etwa in der Mitte der dreißiger Jahre stehende Erscheinung mit einem kraftvollen Christushaupt ohne Süßlichkeit, im Gegenteil mit einer geheimnisvollen Wucht des Ausdruckes. Die Wucht lag vor allem in seinen zwingenden, tief dunkeln Augen und in der wunderbar edel gebauten Stirn. Der Stärke war aber die Milde zugesellt. Mit einer feinen Überlegenheit, einer jugendlich anmutenden Güte erwiderte er wie in lässigem Spiel die Liebkosungen des übermütig glücklichen schönen Mädchens, das der verliebtere Teil der beiden zu sein schien. Hilde war von den Augen und dem Antlitz des Mannes heimlich gebannt. Ein freier, großzügiger Mensch, über den nie ein Zwang gegangen war, ein Künstler wohl, der sich von den Gaben der Erde nur die schönsten nimmt! Das war ihr überraschender Eindruck. Sie erinnerte sich, daß sie der stolzen Gestalt mit dem geistvollen Gesicht, dem genial wirren Lockenhaar und zwanglos wallenden Bart schon in Schwabing und an der Ludwigstraße begegnet war, daß sie den ihr Fremden schon damals nach seiner gesamten Erscheinung, auch nach seiner elegant nachlässigen, schmiegsamen Kleidung für einen Maler oder Bildhauer gehalten hatte. Bei aller Kraft seiner Züge schien er ihr eine verwöhnte, überfeinerte Künstlernatur, die von Glück und Glanz umgeben war. So heute wieder. Wer er wohl war? Seine dunkeln Augen waren aufmerksamer auf Hilde geworden, und unvermutet kam die Bestätigung seines Künstlertums. Indem er das Liebesspiel seiner Begleiterin mit einer sanften Handbewegung beruhigte, zog er sachte Bleistift und Blatt aus der Tasche und begann Hilde in tiefer Heimlichkeit zu zeichnen. Sie merkte es aber doch. Sollte sie sich darüber freuen oder ärgern? Keines von beiden, gleichgültig wollte sie erscheinen, doch konnte sie ein Erröten über seinen Einfall nicht unterdrücken. Es war nicht das erstemal, daß sie gezeichnet wurde. Sie hatte es in der Stadt, auf der Bank einer Promenade oder selbst im Konzert, schon manchmal erlebt, daß Künstler, namentlich junge Künstler, sie ohne Anfrage aus einem Halbversteck als Modell für eine Skizze genommen hatten, und hielt es seither für ein freies Recht der Kunst, abzubilden, was sich ihr eben aus der Wahl des Auges als Vorwurf bot. Sie entdeckte auch, wie vorteilhaft sie dem schon in seine Arbeit Vertieften als Halbprofil im Strom des Abendlichtes saß, das breit und golden in die Stube hereinflutete. Die überaus günstige Beleuchtung mochte ihn zu seinem Beginnen gereizt haben; jedenfalls wußte sie sich selber von jedem Dazutun frei. Das rothaarige Wirtsmädchen brachte ihr endlich den Kaffee. Während sie das wohltuende Getränk schlürfte, was tun, als dem Zeichnenden stillehalten wie ein braves Kind und den scharf beobachtenden Strahl der magnetischen Augen über sich ergehen lassen? Lag eine kleine Unhöflichkeit in dem Einfall des Künstlers, dann war weniger sie die Betroffene als seine Begleiterin, von der er mit überraschender Plötzlichkeit die Teilnahme zu ihr hatte gleiten lassen. Die junge Dame lehnte mit einem halb träumerischen, halb kindlich übermütigen Ausdruck wohlig neben dem Künstler, brannte sich eine Zigarette an und stieß mit den schwellend frischen Lippen den Rauch lässig von sich. Wenn sie einen stillen Unmut über das Beginnen ihres Begleiters empfand, so ließ sie das wenigstens nicht merken. Mit leichter Neugier betrachtete sie das entstehende Bildnis, und aus der Art ihres Sehens erriet Hilde, daß das anmutige Wesen keine Künstlerin war. Die jugendliche Gemahlin des Künstlers? – Nein! Junge Eheleute haben ja daheim die Gelegenheit, sich ihre Verliebtheit zu kunden. Sein Modell? Dafür sah das Mädchen in seinem geschmackvollen blautuchenen Rock zu gut aus, zeugte ihr Benehmen trotz ihres verliebten Sinnes und der leichtsinnigen Zigarette von zuviel Wohlanständigkeit und Selbstachtung. Sie war wohl einfach die aus einem Münchner Bürgerhaus stammende, verliebte Freundin des Künstlers. Seine junge und schöne Freundin, sagte sich Hilde. Das Fräulein war nicht älter als sie. Zweiundzwanzig höchstens, von herrlichem Ebenmaß des Wuchses, jugendlich schwellenden Linien ohne Üppigkeit und einer reizend angenehmen Ausgeglichenheit der Bewegung. Auch ihr Antlitz mit den sonnig blauen Augen, dem feinen und offenen Schnitt und der samtenen Frische durfte für schön gelten, aber neben der seelisch belebten Gestalt ihres Begleiters fehlte ihrem Wesen trotz der Anmut und der Lieblichkeit irgend etwas, vielleicht das tiefere Feuer des Temperaments ober das Gepräge einer feineren Bildung. Unmöglich, die junge Dame, wie gut sie aussah, auf die gleiche seelische Höhe zu stellen wie den männlich reifen Künstler. Zwischen den beiden mußte irgendeine verborgene Unebenbürtigkeit sein. – Ehe Hilde ihre Betrachtungen zu Ende geführt hatte, war die kleine Erfrischung verzehrt. »Ich bitte Sie um Entschuldigung, daß ich aufbrechen muß«, wandte sie sich an den Zeichner. »Ich gehe zu Fuß nach der Stadt und darf es nicht zu spät werden lassen.« Er lächelte verbindlich: »Und da bin ich auch beim letzten Strich. Ich danke Ihnen, Fräulein!« Höflich kam er mit dem Blatt auf sie zu und wies ihr das vom Sonnenrot gestreifte Bild. Hilde sprach kein Wort, ein aufleuchtender Blick der Überraschung streifte das Antlitz des ihr fremden Gastes. In den charakteristischen Linien der rasch und keck entstandenen Silberstiftzeichnung erkannte sie ihr wohlgetroffenes, durch einen seelischen Hauch belebtes Ebenbild. Sie glühte freudig auf, halb aus Stolz, daß sie es war, die dem Künstler den Anlaß zu dem reizvollen Werkchen gegeben hatte. Sie hätte ihn am liebsten gebeten, es ihr als Geschenk zu überlassen. Sie getraute sich aber nicht. Mit einem zugleich entschuldigenden und wohlgefälligen Lächeln legte er das Blatt sorgfältig in sein Taschenbuch. Welche feingepflegten, aristokratischen Hände – fast Frauenhände! Er wandte sich an seine Begleiterin: »Mizzi, laden wir die junge Dame ein, daß sie mit uns im Automobil zur Stadt fährt!« Nun flog doch ein Schatten der Enttäuschung über das Gesicht Mizzis, aber es erhellte sich gleich wieder. »Wie Platz schaffen?« versetzte sie mit stillem Siegesgefühl. Jetzt war der Künstler seinerseits in Verlegenheit. Hilde wollte ihn nicht in der Klemme lassen und seiner Dame die Freude nicht verderben. Sie verabschiedete sich rasch, doch nicht ohne heimliches Bedauern. Aus den Initialen S. D., die er unter ihr kleines, feines Porträt gefügt hatte, war sie fast sicher, daß der Zeichner kein anderer als Stephan Dombaly sei, der durch seine schönen Ausstellungen rasch berühmt gewordene Maler, in dem viele den künftigen ersten Stern unter den führenden Künstlern Münchens erkennen wollten. Zu ihrer Annahme stimmte ja auch die fein durchgeformte Zeichnung. Es war wohl das einzig Richtige gewesen, daß sie gegangen war, aber schade, daß es nicht anders hatte sein können. Vielleicht hätte er ihr in ihren künstlerischen Wirrungen einen guten Rat geben können! Ach nein! Was wissen diese Großen von der Not der Kleinen! 4 Hilde schlug den nächsten Weg über die Isaranhöhe von Harlaching nach München ein. Der Wind hatte sich gelegt. Schweigend standen die Forste und schnitten mit ihren Wipfeln eine zackige, dunkle Wand in den noch halbhellen Himmel. Als ein dünner durchsichtiger Schwaden breitete sich der Nebel wie riesiges Spinnweb über das herbstliche Land. Während links drüben über den Gehöften und Wäldern der letzte blutrote Sonnenuntergangsschein zerging, warf vor ihr die Stadt schon ihre Lichtwolke über schwarzem Gehölz an den Himmel. Sie folgte dem ermunternden Schein und schritt in der sinkenden Nacht doch etwas bänglich den einsamen Weg. Niemand begegnete ihr; nur das Automobil, in dem der Künstler und die verliebte Mizzi in die Stadt zurückkehrten, sauste nach einiger Zeit an ihr vorbei, beleuchtete mit seinen Blitzlichtern schnell die Straße und verschwand vor ihr wie eine Erscheinung der Nacht. Das Vergnügen einer Automobilfahrt war Hilde noch nie beschieden gewesen. Sie hätte es gern einmal genossen, es mußte ein eigenartiger Reiz sein, in sturmschneller Fahrt durch die Lande zu fliegen, Und das Paar? Das küßte sich wohl, scherzte und koste! Küssen und kosen! Eine ihr noch fremde Welt. Sie sann nach; da wurde sie sich plötzlich scharf bewußt, wie liebesnüchtern und liebeleer sie in den drei Jahren ihres Münchner Aufenthaltes durchs Leben gegangen war. An gelegentlichen Zeichen freilich, daß Männer auch an ihrer Erscheinung etwas Begehrens- und Liebenswertes fanden, hatte es ihr nie gefehlt, stets aber war es bei den kleinen zufälligen Aufmerksamkeiten geblieben, und Versuche, sich ihr ernsthaft zu nähern, hatte sie an ihrem Mädchenstolz scheitern lassen. Warum, das wußte sie selbst nicht so genau. Und seit sie dem gesellschaftlichen Verkehr fast gänzlich entsagt und sich der Einsamkeit ergeben hatte, lief ihr kaum jemals mehr ein jugendlicher Schwärmer in den Weg. Beneidete sie nun die schöne Mizzi um ihr Liebesglück? Gar nicht. Sie hatte den unabweisbaren Eindruck, der Maler schätze Mizzi nicht so hoch, wie Mizzi ihn, sie sei ihm nichts als ein schönes Spielzeug, seine Beziehung zu ihr eine lose, bald vorübergehende Künstlerliebschaft. So wünschte sich Hilde die Liebe nicht – so nicht! Und nicht ein unschämiges Küssen und Kosen vor andern, wie zwischen dem Maler und Mizzi. Doch eine fast unfaßbare Seligkeit mußte es sein, das Haupt ruhevoll an die Brust eines geistig hochstehenden Mannes legen zu dürfen, ihm Leib und Seele zu weihen, wenn der Mann seinerseits das liebende Vertrauen schätzt und ehrt und das Opfer des Weibes, die ihm ihr Höchstes und Letztes gibt, in einer herzlichen, unwandelbaren Liebe erwidert. Das lebensgetreue Weib eines lebensgetreuen Mannes werden, sich mit dem wonnigen Gefühl der Gemeinschaft, der Heimatlichkeit, des Schutzes in verborgener Stille küssen, wie es einzig keusch und echt ist, nicht nur Mund an Mund, sondern auch Seele an Seele – das war ersehnenswerte Liebe nach ihrem Sinn. Unwillkürlich schweiften ihr auf dem stillen Abendgang die Gedanken hinüber zu den beiden Freunden vom Mittagsweg, und es stimmte sie sonnig, daß das Wort des Schwaben nur die Bestätigung eines Urteils sein konnte, das der blonde Nordländer irgend zuvor geäußert hatte; denn Siegfried, wie er nach der Anrede seines süddeutschen Freundes hieß, besaß ihre stärkere und wärmere Anteilnahme. Der dunkeläugige, etwas untersetzte und für sein Alter auch schon ziemlich behäbige Schwabe war, wie sie vermutete, wohl ein kluger und liebenswürdiger Mensch, an seinem Freund aber fesselte sie das wirklich Siegfriedhafte der Erscheinung – neben dem reckenhaften Wuchs die strahlend blauen Augen, die geistige Kraft seines Antlitzes, der Hauch unverbrauchter Jugend, vornehmer Reinheit und Treue und ein milder Manneszauber, der um sein Lächeln und Schweigen, um seinen Gruß und seinen Blick spielte. Wie überraschend! Diesem fremden Mann, den sie nur vom Sehen kannte, den sie noch nie mit einem Wort gesprochen hatte, könnte sie ein unendliches Zutrauen, die volle Liebesstärke ihrer Jugend entgegenbringen – für ihn selbst ihre Münchner Pläne opfern – ihre arme, liebe Kunst! Wie klein wäre dieses Opfer! Ihre Kunst war ja ohnehin am Sterben und das Leben im Atelier kaum mehr zu ertragen. Sie schauerte zurück, wenn sie an die Klassenarbeit dachte. Stets derselbe Anblick, dieselbe Stimmung. Eine Gruppe durch den künstlerischen Ehrgeiz aus nah und fern zusammengewehter Mädchen, älterer und jüngerer, die still und erbittert um die bessere oder schlechtere Wiedergabe irgendeines häßlichen Modells rangen. In die Luft der Altbackenheit und Säuerlichkeit, des gegenseitigen Verhaltens und Verschweigens, wie sehr der Unfriede des Mißerfolges an der Seele zehrte, drang nur dann und wann ein kleines, frivoles Scherzwort, das halb belustigte und halb ins Herz schnitt. Und in die aufreibende Arbeit tönte lange nichts mehr als das Hüsteln des armen Geschöpfes, das auf dem Modellschemel saß, als das Kratzen und Reiben der Kreide und des Radiergummis auf den Zeichnungen, bis aus einer Ecke wieder ein abgerissenes Wort, das im Grund ein Notschrei war, heranflüsterte. Ein Sonnenstrahl huschte durch das Atelier, wenn frische, gläubige Jugend zum erstenmal in den öden, gegen das Freie abgeblendeten Raum und in den Kreis der Schülerinnen trat. Ein paar Tage aber, ein paar Wochen, da verlernte auch der Neuling das helle, gesunde Lachen, war auch er eingehüllt in die Wolke der freudlosen Selbstzusammenraffung, des verhaltenen Unfriedens, und bald klang die Erinnerung an die erste Kunstbegeisterung nur noch wie die Glocke eines fernen, schönen Traumes in den staubigen und entnervenden Alltag der Malschülerin. Ja, wenn nur eine einzige unter den vielen mit zusammengebissenen Lippen Ringenden wirklich eine Künstlerin von Ruf geworden wäre, aber Hilde kannte keine – keine! Wie durfte sie da noch für sich selber hoffen? Als sie vor einem Jahr aus einer anderen Schule in die Professor Waldhiers übergetreten war, hatte er große Hoffnungen auf sie gesetzt, ihr eine Achtungsstelle unter den Schülerinnen eingeräumt, und eine Weile war sie sein Liebling gewesen. In manchen Einzelheiten aber konnte sie die Linien und Flächen der Modelle unmöglich sehen, wie er sie gesehen haben wollte. Darüber bezichtigte er sie erst des Eigensinns, nachher des schlechten Willens, und seit sie in einer Korrekturstunde unvorsichtigerweise die Bemerkung hatte fallen lassen, daß sie vielleicht durch ihre künstlerische Individualität gezwungen sei, die Dinge anders zu sehen, als er sie sehe, verfolgte er sie mit seinem heimlichen Spott, war die stumme Spannung, die kränkende Vernachlässigung da und stockten ihre Fortschritte bedenklich – es war, als ob das Verhängnis ihres Vaters über ihr schwebe, der trotz seines Fleißes nie etwas Figürliches zum vollen Ausdruck hatte bringen können. Nein, so durfte es mit ihren Studien nicht weitergehen, das wäre eine Leichtfertigkeit – selbst abgesehen von dem Brief des alten Lehrers. Morgen kam Professor Waldhier zur Korrektur. Ob er ihr endlich wieder einmal ein gutes Wort, eine kleine Anerkennung gab? Ohne etwas Ermunterung hielt sie das öde Leben nicht mehr aus. Acht Tage, vierzehn Tage mit dem Häuflein anderer Mädchen, denen sie sich nur durch die gleiche innere Not verbunden wußte, warten, suchen, um die Zeichnung tasten und kämpfen – dann erst erschien, von den Schülerinnen in aufgeregter Spannung erwartet, der Lehrer. Schon abgehetzt durch die Korrekturarbeit in anderen Klassen, hatte er für jede Schülerin ein paar abgezirkelte Minuten, ein paar Worte der Kritik, des Lobes oder der Mißbilligung, ein paar korrigierende oder nachhelfende Striche. Indem er aber die Zeichnung der ersten durchging, ruhte sein Auge schon auf der Arbeit der nächsten und hielt er die Uhr in der Hand, um rechtzeitig in andere Klassen eilen zu können, in denen auch wieder eine Schülerschaft spannungsvoll auf ihn wartete. Eile, geschäftige Eile – und was an künstlerischen Fragen in der Seele der Schülerinnen brannte, das wagte sich vor dieser Eile nicht zu Wort. Sie aber mußte sich mit Professor Waldhier einmal gründlich aussprechen, ihn Auge in Auge fragen: »Trauen Sie mir denn Talent zu, oder soll ich den Kampf um die Kunst aufgeben?« Wenn er ihr aber überhaupt Gehör zu schenken die Zeit hat, wird er ihr doch nur ausweichend antworten. »Talent!« wird er sagen, »gewiß, versteckt unter soundso viel Hüllen zuckt ja bei Ihnen schon Talent. Eine günstige Stunde, und unvermutet bricht es hervor. Kann aber auch sein, daß die Stunde nie erscheint. Kommt sie, wer will Ihnen dann voraussagen, wie weit das Talent trägt, ob es ausreicht, Ihre Hoffnungen zu erfüllen? Das kann selbst Ihr Lehrer nicht prophezeien, das will erlebt sein. Talent ist eine geheimnisvolle Sache, Fräulein!« So wird er sprechen. Oh, sie kennt dieses schmerzhafte Hangenlassen an der Angel, und Professor Waldhier raubt einer Schülerin nicht leicht die letzte Hoffnung; denn geht sie und wird nicht gleich durch eine andere ersetzt, dann hat er den Schaden. Er ist nicht nur Künstler, er ist auch Rechner, muß es wohl sein, denn seine Familie lebt auf großem Fuß, und die Schule ist sein Geschäft. Die Bitterkeit wühlte in der Brust der rasch Dahinschreitenden. Vor ihr erhoben sich schon die dunkeln Häusermassen der Vorstadt Giesing in den Lichtbrodem Münchens. Da erschrak sie heftig. Ein Mann drängte sich an sie heran, wie sie aber bald sah, ein alter ausgemergelter Mann, ein Bettler. »Fräulein, schenken Sie mir was zum Übernachten. Ich bin so arm, Fräulein – ach, so arm«, bat er kläglich. Sie schenkte ihm eine halbe Mark, der Alte aber, der nach Branntwein roch, wandte sich, statt mit einem kurzen Dank zu gehen, mit zitternd erhobener Faust gegen die lichthelle Stadt. »Sehen S', Fräulein, dort drüben sind so viel Manschen«, bebte seine vor Zorn und Gram halbgebrochene Stimme, »so viel Menschen. Und niemand gibt mir was – niemand – niemand!« Er wollte noch lange an sie hinsprechen, sie aber eilte fort. Er war gewiß nicht unverschuldet im Unglück. Und doch, wie seltsam ging ihr seine wehvolle Stimme nach: »Niemand gibt mir was – niemand – niemand!« Das Elend, die Unbarmherzigkeit einer Großstadt. Wenn ihre Mittel verzehrt sein werden, da gibt ihr auch niemand was – niemand – niemand! Da muß sie sich selber helfen. Auf dem hohen Uferrand von Giesing hielt sie einen Augenblick den Schritt an. Jenseits der metallen aufglänzenden Isar lag das aus der Nacht feurig erflammende München vor ihr, die Stadt, die der Vater so schwärmerisch geliebt hatte. Weithin dehnte sie sich mit den dunkeln Türmen und Giebeln und den Lichterkränzen der Straßen, die sich wie eine vielfältige feurige Zeichnung durch die Schichten der Häuser und Dächer wanden. Über den Fluß daher, in dem sich einzelne Lichter als blitzende Feuerstreifen spiegelten, drangen aus Gassen und Straßen die gedämpften Laute des Abendlebens, und aus dem gleichsam siedenden Lärm stieg es wie ein Heller Schrei freudiger Lebensbejahuug. Hilde mußte unwillkürlich jener Tage gedenken, da sie furchtsam und wonnig zugleich die ersten Gänge in das abendliche Volksleben der Stadt zu unternehmen gewagt hatte, wie anregend das ehemalige Dorfkind die bodenständige Wesensart, den hellen Lebenssinn und die frohe Laune der Bevölkerung empfand und wie sie aus dem Anblick der vielen lachenden und scherzenden Manschen etwas wie eine Bürgschaft zog, daß es ihr selber in München gut und gedeihlich ergehen werde. Überwältigt von den mannigfaltigen und schönen Eindrücken, war sie von diesen Gängen jedesmal fast fiebernd in ihr Zimmer zurückgekehrt, und vor dem Bild ihres Vaters hatte sie gestammelt: »Wie danke ich dir, daß du mich nach München hast ziehen lassen!« – Oh, nur ein wenig Erfolg, nur ein wenig Sonnenlächeln für ihre Kunst, und sie könnte die Stadt wieder mit jener Bewunderung lieben wie zu Anfang ihrer Studien. Aber nein, die Zeit kam nie wieder. Das Gefühl liebloser Enttäuschung war zu groß! Mit aufquellendem Groll wandte sie den Blick vom nächtlich stimmungsreichen Bild. An der Wittelsbacher Brücke stieg sie in die Straßenbahn. Der Ausflug ins Isartal war zu Ende gekommen, ohne daß sie sich die Klarheit der Gedanken, der Pläne errungen hatte, nach der sie sich sehnte wie ein Hungernder nach Brot. Wieder ein Tag dahin, und so kamen und gingen die Tage, ohne daß einer Erlösung brachte aus der schleichenden Qual. In sich zusammengerafft lehnte sie im Wagen und träumte mit halbgesenkten Lidern, die Sinne von der Außenwelt abgeschlossen. Als sie in Schwabing ihr Dachzimmer, vier Treppen über der Pension der Mutter Illing, betrat und Licht anzündete, lag ein Brief auf dem Tisch, Poststempel München und eine Männerschrift. Wer konnte ihr schreiben? Sie öffnete ihn hastig, aber ihre Hoffnung auf etwas Freudiges erlosch, als sie die Unterschrift Kuno Glürs, des ältlichen Studenten aus ihrer Heimat, sah. »Liebes Fräulein!« schrieb er. »Seit vorgestern bin ich von St. Agathen zurück. Auf der Hochzeit meiner Schwester Lili, die einen sehr fröhlichen Verlauf nahm, war auch von Ihnen die Rede. Wenn Sie mir gestatten, werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie Sonntag vormittag elf Uhr in Ihrer Wohnung zu besuchen. Sie haben dann wohl die Freundlichkeit, mir einige Ihrer Zeichnungen und Bilder zu zeigen. Den Rest mündlich! Ihr wohlgewogener Kuno Glür.« Anfang und Schluß des Briefes ärgerten sie. Woher nahm der Student das Recht, sie »liebes« Fräulein zu nennen? Das war ihr eine zu kecke Vertraulichkeit. Und »wohlgewogen«! Der Protz! Um ihre Mundwinkel spielte ein leiser Spott. Was konnte ihr denn von Glür, dem halbverbummelten Studenten, Gutes kommen? – Die Neugier, die der Brief doch erregt hatte, wich bald ihrer bleiernen Müdigkeit. 5 Der Ausflug ins Isartal hatte Hilde doch sehr wohlgetan. Als sie am Morgen die Ludwigstraße entlang gegen die innere Stadt ins Atelier ging, federten ihr die Glieder vor Jugendkraft. Sie fühlte sich auch innerlich frisch und frei und verstand gar nicht mehr, wie sie gestern über das Maß hinaus die Beute trüber und schwerer Gedanken hatte werden können. Die Gegenwart war für sie wohl ernst, ein Menschenkind aber wie sie, das konnte doch nicht verlorengehen! Das mußte im Lebenskampf siegreich bleiben. Jugendmut schwoll und drängte in ihr. Als sie eine Gruppe Studenten in den Vorhof des Universitätsgebäudes schwenken sah, wandten sich ihre Gedanken zu Kuno Glür. Am Sonntag wollte er bei ihr vorsprechen. Das war morgen. Was verschaffte ihr wohl die Ehre? – Sie war doch neugierig. Ihre Sinne gingen in die Heimat. Da hatten sich die Glür aus einfachen Verhältnissen und bescheidenen Anfängen durch den Fleiß, die Tüchtigkeit und geschäftliche Umsicht dreier Geschlechtsfolgen zu einer schon wegen ihres Reichtums weit und breit angesehenen Fabrikantenfamilie aufgeschwungen. Die Eltern Kunos wohnten gut bürgerlich in einem gartenumschützten Biedermeierhaus. Sein Vater, der sich jetzt vom Geschäft zurückgezogen hatte, war ihr Pate, eine Würde, aus der sich der Fabrikherr allerdings nie viel gemacht hatte und die er meist durch seine Frau vertreten ließ. Die besondere Sorge der frommen, strengen Dame war eine Missionsbüchse mit der Inschrift: »Für arme Heidenkinder.« Warf man einen Nickel hinein, so wackelte ein auf der Büchse aufgestellter Negerknabe mit dem Kopf, und ehe er nicht gewackelt hatte, war Frau Glür für ihre Besucher, selbst für das Patenkind, ein wenig taub. Sie ließ es seine sämtlichen auswendig gelernten Gebete hersagen, dann durfte es sich setzen und erhielt unter vielen Ermahnungen zur steten Frömmigkeit ihr gemessenes Patengeschenk. Als aber Klein-Hilde verständiger geworden war, widerstrebte es ihr, das landesübliche Neujahrsangebinde mit einem Nickel für den Neger und mit langen Gebeten zu erkaufen. Die Glückwunschbesuche wurden ihr sauer, sie unterließ sie, und stillschweigend löste sich das Patenverhältnis mit der Fabrikantenfamilie, das nie ein inniges gewesen war; doch nicht ohne daß ihr Ausbleiben etwas übel vermerkt worden wäre. Es war also keine erhebende Erinnerung, die sie mit dem Haus des Schweizer Studenten verband. Das junge Geschlecht freilich, zwei ältere Brüder, zwei Schwestern Kunos und er selber, waren anderer Art als die Mutter. Die Brüder, hervorragende Industrielle, die in prächtigen Villen wohnten, brachten ihre Geschäftstüchtigkeit sehr gut mit modernem Lebensgenuß in Einklang; die Schwestern waren gesellschaftsfreudige junge Damen; und Kuno, mit seinen achtundzwanzig Jahren schon ein bemoostes Haupt unter den Studenten, hatte im Volksmund von Jugend auf als verzogenes Sorgenkind und heimlicher Schlingel gegolten. Hilde hatte ihn in der Heimat nur vom Sehen gekannt, und auch hier in München beschränkte sich ihr Verkehr mit ihm auf einen oberflächlichen Austausch von Heimatgedanken. Jedenfalls kostete er die Freuden der Universitätsjahre gründlich durch. Fragte man ihn nach seinen Studien und ihrem praktischen Ziel, antwortete er etwas schlau-wichtig: »Ich habe ein sehr schweres Fach erwählt und bereite mich vor, als juristischer Beirat in die Firma Glür u. Comp. einzutreten.« Ob er aber ernsthaft an ein Examen dachte? Sein größerer Ehrgeiz war, als feiner Kenner des studentischen Ehrenkodex und seiner Subtilitäten zu gelten und sich bei akademischen Zwistigkeiten als unparteiischer Sachverständiger zuziehen zu lassen. An seine eigenen Händel erinnerten die sich kreuzenden Säbelnarben in seinem durch die Kneipfreuden etwas schwammig gewordenen Gesicht. Nein, ein hübscher junger Mann war er nicht, aber die äußere gute Manier wahrte er, ging stets elegant gekleidet, und durch eine gewisse Protzigkeit ließ er manchmal eine unaufdringliche Gutmütigkeit spielen, die ihm dann etwas Gewinnendes gab. So weit kannte Hilde ihren studentischen Heimatgenossen. Was für einen Zweck hatte aber sein angekündigter Besuch? – Aus ihren flüchtigen Begegnungen mit ihm wußte sie, daß er so gut wie andere Männer Augen für sie besaß. Wenn die Neugier nach ihren Zeichnungen nur der Vorwand für eine Annäherung, für die Einleitung einer Liebelei sein sollte, dann würde er sehen, wie er ablief! Doch da hatte sie den alten, großen Bau erreicht, in dem die Schule Professor Waldhiers lag. Die Tür führte in halbdunkle, lange Gänge, in denen die Papierballen einer Buchdruckerei und die Körbe einer Eßwarenhandlung aufgestapelt waren, und über ausgelaufene Treppen ins zweite Stockwerk empor. Da war das geräumige, aber für eine Bildungsstätte der Kunst außerordentlich nüchtern ausgestattete Atelier. Sein einziger Schmuck waren eine Anzahl Gipsmodelle, die das graugrüne Einerlei der Wände unterbrachen, ziemlich bestaubte Nachbildungen klassischer Werke, einige realistische Totenmasken von Männern, Frauen und Kindern sowie die Abgüsse von Händen und Füßen, das Übungsmaterial für diejenigen Schülerinnen, die am äußersten künstlerischen Anfang standen. Das Atelier war wegen des halbentblößten Modells stets überheizt, und da die Fenster auf einen großen, häßlichen Hof gingen, aus dem die Dampfwolken einer Lohnwäscherei emporstiegen, war die Luft immer schlecht. Als Hilde wenige Augenblicke nach acht Uhr mit dem unter den Schülerinnen üblichen knappen »Guten Tag« in den Saal trat, saßen oder standen vor den dreißig Staffeleien, die um das Modell gruppiert waren, schon ein halbes Dutzend Damen fleißig bei ihrer Arbeit. Da war ihre Nachbarin, eine Schwedin, die sie wegen ihrer Wahrheitsliebe und goldenen Rücksichtslosigkeit besonders schätzte, dort stand die blondgescheitelte Hotelierstochter aus dem Schwarzwald, die erst kürzlich in die Schule eingetreten war, um eine ausgegangene Brautschaft in der Kunst zu vergessen, neben ihr die schöne kleine Schülerin aus Frankfurt, die nicht eine Spur Talent, aber ein so allerliebst zierliches Figürchen besaß, daß man sie am liebsten selbst auf den Modellschemel gestellt hätte. Auch das überlange norddeutsche Fräulein, der Gardeoffizier, wie es wegen seiner straffen Haltung und seines soldatischen Schrittes genannt wurde, war schon da und ihr Gegenstück, eine dicke, kugelige Dame aus irgendeinem Bodenseestädtchen, die, vierzig Jahre alt und halb ergraut, sich noch von den Träumen künstlerischen Ehrgeizes hatte überraschen lassen. Nun war der Kranz der künftigen Malerinnen, unter denen Hilde manche bloß dem Namen nach kannte, vollständig, und um die dreißig in den verschiedensten Stellungen, doch im emsigsten Fleiß auf ihre Kartons hingebeugten Gestalten schwebte die eigenartige Stille und das eigenartige feine Geräusch der Arbeit. Dann und wann hob sich wie instinktiv ein Scheitel, lehnte die eine der Damen den Oberkörper zurück, trat eine andere etwas vor- oder rückwärts, um das Modell, das alte Blumenweib, besser zu sehen. Arbeit – eindringliche Arbeit! Als Hilde das Werk der letzten vierzehn Tage überprüfte, wich das frische Kraftgefühl, das sie vom gestrigen Ausflug in Seele und Gliedern trug, einer tiefen Niedergeschlagenheit und stummen Verzweiflung. Gott, das war ja wieder keine Arbeit, der Professor Waldhier ein Lob erteilen konnte! Unnütz, an dem verfehlten Bild weiterzuarbeiten, und nur um nicht vor den Mitschülerinnen durch ihren Unfleiß aufzufallen, zog sie die zwei Stunden, bis der Professor zur Korrektur kam, Striche in das Bild des Blumenweibes, die nichts verbesserten und nichts verdarben. Woran lag's, daß die Zeichnung gar so erbarmungswürdig geraten war? Diesmal, wie schon oft, am Modell! Sei es, daß Professor Waldhier sich nicht genug Mühe gab oder wirklich Schwierigkeiten begegnete, für die Klasse stets etwas Passendes und Geeignetes zu finden, er setzte seinen Schülerinnen die geringsten Modelle, die in München aufzutreiben waren, zur Darstellung vor, wiedergenesende Kranke aus den Spitälern, alte, arbeitsunfähige, oft auch abgetrunkene Männer und jene frechen jungen und alten Weiber, die das Modellstehen von Kindheit als Beruf trieben und, nachdem sie durch die Künstlerateliers gepeitscht waren, endlich in die Schulen herniedersanken. Erst wenn die Schülerinnen wegen der geringen Modelle in ein anderes Atelier davonzulaufen drohten, stellte er endlich wieder einmal ein ansprechendes oder selbst in seiner Häßlichkeit anregendes Modell auf den Schemel; nachher kam wieder das Elend. Aber noch nie hatte er seinen Schülerinnen ein so abstoßendes Modell vor die Augen gebracht wie dieses alte Blumenweib, freilich mit dem Versprechen, die Damen nachher durch ein jugendlich hübsches Modell zu entschädigen. Das Modell trug die Spuren ehemaliger Schönheit im verwüsteten, doch nicht einmal häßlichen Gesicht, das von einer Menge kleiner Löckchen umgeben war. Im Anfang, als Hilde in dem Weib nur die Reste einst blühender Jugend sah, hatte sie mit gutem Erfolg gearbeitet. Je schärfer sie aber in die Züge des Modells eindrang, desto deutlicher spürte sie darin den Ausdruck der Gemeinheit. Das von allen Leidenschaften verdorbene Gesicht und die schlaffen, fettweichen Formen nun Tag um Tag und zwei Wochen lang mit zeichnerisch scharfen Augen betrachten zu müssen, war für einen schönheitssinnigen Menschen Sträflingsarbeit. Doch nicht genug! Wenn das Modell zur Erholung von seinem Schemel steigen durfte, war es eine unleidliche Schwätzerin. Halb unterwürfig, halb frech erzählte es den Damen mit einer widrigen Süßlichkeit der Stimme und mit dem Ausdruck lüsternen Nachgenießens von den Liebesabenteuern ihrer Jugend. Als sie hörte, daß Hilde eine Schweizerin sei, da zwang das Weib auch sie zur Aufmerksamkeit, sprach mit falschem Entzücken von den Schweizerbergen, die sie auf einer Sommerfahrt mit einem jungen, adligen Studenten kennengelernt habe. Im Sprechen rückte sie Hilde stets näher. Das Weib hatte einen stechenden Atem. – Ekelhaft! Hilde seufzte. Aus der Stickluft des Ateliers, dem Zwang der konventionellen Schulaufgabe, der Langeweile und dem Widerwillen, den das aufgedrängte Modell erregte, flogen ihre Gedanken in die schönen Landschaften des bayrischen Gebirges. Bei Bauersleuten eingemietet, hatte sie ein paarmal an den Gestaden der Bergseen in wohltätiger Einsamkeit und Freiheit Ferien verlebt. Da waren ihr aus herzlicher Teilnahme am Leben, an Freude und Leid des Volkes, die Lust am Sehen, der schöpferische Trieb, die reiche künstlerische Phantasie, wie nie im Atelier, erwacht, und aus den stillen, arbeitsreichen Tagen in Dorfstuben und Bauerngärten hatte sie ihre besten, reifsten Zeichnungen und gemalten Bilder mit sich in die Stadt zurückgebracht. Neben Landschaftlichem auch Figürliches; eine auf dem Felde rastende Mutter und ihr Kind; einen Bauern, halb Geizhals, halb Philosoph; die Großmutter, die in die Sterne guckt; allerlei Anmutiges, allerlei Ernstes und, wenigstens nach ihrem Empfinden, jedes Bild beseelt vom Vollgehalt der Stunde und der Stimmung, jedes ein Zeugnis unmittelbarer Schaukraft. Die Schöpfungen aus freier Wahl boten ihr einen deutlichen Fingerzeig, welchen Weg ihre junge Kraft einschlagen sollte. Aus Trieb und Stimmung nach Modellen schaffen, die ihrem künstlerischen Bedürfen und ihrem Schönheitssinn entsprachen – das wäre das Vorwärtskommen! Der Haken bei dem freien Gestalten war nur: wer korrigierte ihr die Arbeiten? Selbständig genug, um der Führung und Kritik eines Lehrers zu entraten, fühlte sie sich doch nicht. Und da mußte sie dankbar anerkennen, daß ihr gerade Professor Waldhier in seiner Art ein vorzüglicher Lehrer war. Seine Urteile, selbst wenn sie zuweilen ihren stillen oder offenen Widerspruch erregten, waren stets überlegt, gehalt- und wertvoll. Wenn er nur die lehrreichen Korrekturen nicht in den schmalen acht- oder vierzehntägigen Tropfen gegeben und der Klasse ansprechendere Modelle gestellt hätte! Die Modelle waren die wunde Stelle ihres Schulschaffens. Sie wußte sich in fast peinigender Weise von ihnen abhängig. Vermochte irgendein Merkmal der Gestalt, die sie zeichnete, ein edles Lineament, der belebte Bau, der seelische Ausdruck eines Gesichtes oder der anmutige Schwung eines Zackens oder einer Schulter ihren Schönheitssinn zu fesseln, dann waren auch die Quellen ihres Könnens ausgelöst. Wenn aber eine Modellfigur abstoßend auf sie wirkte – und wie oft war es in der Klasse der Fall –, dann versagten ihr in beklemmender Weise Auge, Hand und Stift. Doch noch nie wie vor diesem Blumenweib! – »Fräulein Rebstein, Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie eben dem Untergang Jerusalems beigewohnt hätten. Wozu gut?« unterbrach die Schwedin plötzlich und lachend Hildes Träumerei. Das Scherzwort, in seiner befreienden Fröhlichkeit ein seltener Vogel im Atelier, fand einen Widerhall in der gesamten Klasse. Hilde selber lachte aus Verzweiflung tapfer mit, aber bald beruhigte man sich über die erheiternde Unterbrechung wieder im Ernst der Arbeit. Ja, die Schwedin! Einer ihrer trocken dahinscherzenden Bemerkungen getreu: »Wer ans Ziel kommen will, darf den Kot nicht scheuen«, hatte sie von allen Schülerinnen am meisten aus dem Blumenweib zu gestalten verstanden. Hilde hatte den Kot gescheut. »Guten Tag, meine Damen!« Professor Waldhier schob sich durch die Tür. Und jeder von den dreißig Schülerinnen pochte das Herz stärker. Waldhier war ein kleiner und zierlicher Mann, dessen Erscheinung die Mitte zwischen künstlerischer Leichtigkeit und bürgerlich gediegener Ruhe hielt. Nur der Kopf war an ihm bedeutend, bedeutend trotz des dünnen Haares und Bartes, die in einer nichtssagenden Mißfarbe zwischen Blond und Rot spielten. Seine geistige Kraft lag in den starkgebauten Stirnecken und in dem nicht großen, aber sehr lebhaften und durchdringenden Augenpaar. Schon hatte er diesem, wie stets bei der Korrektur, den goldenen Zwicker vorgeklemmt und die Arbeit bei der blondgescheitelten Schwarzwälderin mit einem zurückhaltenden »Nicht übel!« begonnen. Je nachdem er nun den Kreis nahm, war Hilde in der Reihenfolge der Korrektur die Dritte oder die Zweitletzte. Wenn sie nur die Dritte wäre, damit die nervöse Spannung, die sich ihrer vor der schlechten Zeichnung bemächtigt hatte, rasch vorüberging! Na, wenn er Nachsicht mit der Schwarzwälderin übte, deren Können noch vollständig in den Windeln lag, dann durfte auch sie auf ein gnädiges Urteil hoffen, obgleich er an sie unter allen Schülerinnen stets den strengsten Maßstab legte. Jetzt aber bekam die Schwarzwälderin nach ein paar kärglichen Worten der Befriedigung ein niederschmetterndes Kapitel von Aussetzungen zu hören: »Ganz falsche Verhältnisse – nur da und dort eine verstandene Form. Das Gesamte aber doch hart und unmöglich. Na, gut, daß das Frauenzimmer nur gezeichnet ist; wenn es lebte, würde ihm der Kopf wehmütig über die knochenlose linke Schulter hinuntersinken.« Der Strom seiner kritischen Bemerkungen lief hastig fort, es war fast unbegreiflich, wieviel er in ein paar Augenblicken in einer Schülerzeichnung sah. »Aber mein Zeichnungslehrer in St. Blasien hat gesagt –«, wollte die Schwarzwälderin einwenden. Da stand aber Waldhier schon hinter der Schwedin. »Was Ihr Zeichnungslehrer in St. Blasien sagt, das geht mich gar nichts an. Die Zeichnungslehrer draußen in der Provinz sollte man alle in Spiritus setzen. Schmecken ein halb Jahr nach München herein, und nachher hat ihre Dummheit und Einbildung kein Ende«, grollte er nach der Schwarzwälderin zurück. Die Berufung auf andere Lehrer verdarb ihm stets die gute Laune. Fast stumm und nur mit Strichen, aber augenscheinlich von der Arbeit befriedigt, korrigierte er das Bild der Schwedin mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Jetzt kam er zu Hilde. Schweigend betrachtete er ihr Werk, unheimlich lang schweigend. Eine verräterische Röte stieg in sein Gesicht. »Sie sehen allerdings das Modell durch eine so eigenartige künstlerische Individualität an, daß ich Ihnen nicht mehr zu folgen vermag«, versetzte er mit einer Anspielung auf eine ihrer Antworten von früher in verletzender Kälte. »Was denken Sie denn selber über Ihre Arbeit?« »Sie ist schlecht«, antwortete Hilde in zitternder Ruhe. Der Augenblick war jetzt gekommen, Professor Waldhier zu sagen, was sie gegen das Modell auf dem Herzen hatte, aber vor diesem selber konnte sie doch nicht sprechen. Sie wollte mit dem geringen Weib keine Händel. Wenn sie es Waldhier französisch sagte. Aber er verstand nicht Französisch. Und er mißverstand ihr überlegendes Schweigen – und hielt es für Trotz. »Sie können ja nicht einmal den Kopf auf den Akt setzen«, stieß er vor Ärger erbleichend hervor. »Ich habe Sie mit Erwartungen in mein Atelier aufgenommen, aber Sie sind mir eine große Enttäuschung geworden.« »Darf ich Ihnen einmal die Bilder zeigen, die ich in den Ferien gezeichnet habe?« stammelte Hilde. »Was gehen mich die Bilder Ihrer Ferien an«, erwiderte Waldhier wegwerfend und machte sich bereits mit der Zeichnung der kleinen Frankfurterin zu schaffen. »Dann gestatten Sie mir, daß ich Ihr Atelier verlasse«, bebte die gequälte Stimme Hildes. »Ich halte Sie nicht«, versetzte Waldhier, die Schulter zuckend. Über dem Wortwechsel entstand eine mächtige Bewegung in der Klasse. »Oh – oh, Fräulein Rebstein – das tut uns aber leid!« rief die Schwedin, und »der Gardeoffizier«, die lange Norddeutsche, stieß in der Aufregung so stark an ihre Staffelei, daß diese mit dem aufgespannten Rahmen unter krachendem Gepolter zu Boden fiel. Dadurch wurde die Verwirrung noch allgemeiner. Sämtliche Schülerinnen blickten nach Hilde, jede nach ihrer Art, verwundert oder scheu, teilnahmvoll oder schadenfroh. Solange sich die Damen erinnerten, war es ja nicht vorgekommen, daß der Professor eine Schülerin so leicht hatte gehen lassen. Und nun gar Fräulein Rebstein, die in der Klasse doch stets als die tapferste und begabteste Kollegin angesehen worden war. Ihr Kopf glühte, aber sie bewahrte die äußere Ruhe. »Ich werde meine Materialien durch einen Dienstmann abholen lassen«, wandte sie sich an Waldhier. In höflicher Kürze verabschiedete sie sich von ihm und den bisherigen Mitschülerinnen und verließ mit hoch und stolz erhobenem Haupt und in scheinbarer Gelassenheit das Atelier. Zum Zusammenbrechen war ja noch Zeit genug! 6 Der Gemütssturm bemächtigte sich Hildes erst, als sie die Schule hinter sich hatte. In steigender Erregung lief sie und achtete nicht des Weges, versäumte das Mittagsbrot bei Mutter Illing, und als sie am Frühabend todesmatt in ihre Dachkammer hinaufschwankte, wußte sie in ihren bebenden Sinnen kaum, woher sie kam. Irgendwelche Wege über die weite Ebene zwischen Schwabing und Schleißheim war sie wie eine Traumwandelnde gegangen und hatte auf den einsamen, winddurchsausten Wiesen und Feldern wie stets, wenn sie von einer starken Seelenbewegung ergriffen war, an ihren Vater gedacht, an sein frühes, siechendes Abscheiden von Weib und Kindern, von seiner lieben Kunst und der schönen Erde, an seinen lichten Glauben in Todesnöten, daß sie eine Künstlerin werde. Noch nie zuvor aber hatten ihr die Erinnerungen so grimmige Schmerzen bereitet wie heute, da ihr plötzlich und erschreckend grell über ihre Lage Klarheit geworden war. Am liebsten hätte sie sich neben den Vater in die stille Erde gebettet. Nein, leben, kämpfen! – Mit leidblassem Gesicht und mit verkrampften Händen, mit dem Ausdruck, als wäre sie eine Fremde in ihrem eigenen Stübchen, lehnte Hilde aufrecht stehend mit dem Rücken an den kleinen Tisch und schaute wie geistesabwesend ins Fenster, in die grauschweren, treibenden Abendwolken, die auf baldigen Schneefall deuteten. Nachdem des sterbenden Vaters wie aus überirdischer Kraft geschöpfte Zuversicht in ihre Künstlerschaft an den harten Tatsachen der Erfahrung zuschanden geworden war, kannte sie ihren Weg. Sie brauchte nur der Stimme in ihrem Innern zu folgen, die ihr zuschrie: »Hilde, geh heim! – heim! Du bist ja doch nur ein verirrtes, hoffnungsloses Kind in der großen, grausamen Stadt. Heim, heim, an das von Spätherbstwinden umrauschte Grab deines Vaters. Dort sinke nieder, birg dein Gesicht ins falbe Gras und lege dem Toten Rechenschaft über deine Münchner Jahre ab, bekenne ihm: »Ich habe gelitten und gestritten, aber, Vater, ich habe nicht halten können, was ich dir als Letztes in deine Hand versprochen habe –« So wird sie mit dem Toten reden, und er wird ihr mild verzeihen. Ohne Zögern heim in die alpenschöne Heimat! Sie hat für die wunde Brust den Frieden. Was ließ sie Liebes in München zurück? – Nichts! Die schlichte, liebenswürdige Gesellschaft bei der Mutter Illing, die einfachen Studenten und Kunstbeflissenen, die wie sie in halber Verborgenheit um ein künftiges Stück Brot kämpfenden Mädchen, die jungen Leute, von denen jeder und jede ein geheimes Bündel Sorgen trug, vergaßen sie bald. Auch die beiden Polytechniker, Siegfried und sein schwäbischer Freund. Die beiden hatten sie wohl heute vermißt, ein paar Tage noch würden sie sich vielleicht am Siegestor nach ihr umschauen, aber wie bald erinnerten sie sich kaum mehr an den »feinen und gediegenen Kerl«, wenn sie aus den Gestalten des Mittagsweges an der Ludwigstraße verschwunden war. Aus war das stumme Freundschaftsspiel, ihre platonische Neigung für Siegfried. – Es gab keine andere Losung mehr als: heim, heim! In der Heimat aber an wen sich wenden und halten? Wo unterkommen, was beginnen und treiben? Die Frage der Heimkehr war doch nicht so einfach, wie sie im ersten wallenden Schmerze gedacht hatte. Wohl besaß sie noch die Mutter in St. Agathen – und zu der Mutter zieht es urmächtig jedes Kind, wenn die Wogen des Lebens über seinem Haupt zusammenschlagen. Die Mutter aber konnte ihr keine Heimat bieten. Die immer noch hübsche und lebensfrohe Frau hatte sich den Tod des Vaters nicht so tief zu Herzen genommen, wie man hätte erwarten dürfen, und war nach dem Ablauf der üblichen Witwentrauer ohne viel Bedenken mit einem verwitweten Werkführer, einem achtbaren und ehrenwerten Manne, eine neue Ehe eingegangen. Nun hatte die Mutter für ein paar Stiefkinder und ein neugeborenes Töchterchen zu sorgen. Mannigfaltige Umstände schlossen den Gedanken aus, bei ihr ein Heim zu suchen. Und ohne daß Hilde der Mutter wehe tun wollte – ein wenig hatte die Eingehung der zweiten Ehe die Kindesliebe doch verdunkelt, die ihrige und die ihres Bruders Adolf. Adolf, der Bruder! An die frische, hoffnungsreiche Gestalt des nun zwanzigjährigen Jünglings durfte sie in inniger Freude denken. Er ging den bescheidenen, aber sicheren Weg eines Fein- und Präzisionsmechanikers in den Glürschen Werkstätten und wohnte seit der Wiederverheiratung der Mutter bei dem alten Lehrer Hardmeyer, dem Freunde des seligen Vaters. Mit fast bewundernder Liebe hing der treuherzige Junge an ihr, aber die schönen Briefe, die er schrieb, bereiteten ihr die tiefsten Schmerzen. »Liebes Schwesterchen, Du bist in St. Agathen nicht vergessen!« meldete er ihr voll herzlicher Wärme. »Du ahnst nicht, wieviel hier nach Deinem Ergehen und Deiner Kunst gefragt wird. Je länger die Menschen nichts von Dir hören, um so neugieriger sind sie. Und von allen habe ich Dir Grüße. Ich aber und der Lehrer kommen oft durch die Frage in Verlegenheit, warum von Dir nie eine Kunstnotiz in der Zeitung stehe. Geschähe es einmal, ich wäre der glücklichste Mensch.« – Da lag die Qual! Der Entschluß des Vaters, sie nach seinem Tod als Kunstschülerin nach München ziehen zu lassen, hatte in der praktisch und nüchtern denkenden Bewohnerschaft von St. Agathen große Überraschung hervorgerufen; hier Zustimmung, dort Bedenken und Zweifel. In ihrem dreijährigen Kampf um die Kunst war ihr die Teilnahme der Heimat nur ein schmerzhafter Sporn gewesen, sowohl die Gunst jener, die in ihr ein sieghaftes, junges Talent erkennen wollten, wie das schulterzuckende Mißtrauen der anderen, die ihren toten Vater und sie der Überhebung und des Hochmuts bezichtigten. Nun war sie die Gescheiterte. Und wenn sie jetzt in die Heimat kam, dann durften die Böswilligen über ihr ruhmloses Erscheinen die Stimme frei erheben und höhnen: »Seht, das ist nun die stolze Künstlerin, die in München nichts gelernt, aber das von ihrem Vater sauer verdiente Erbe in ein paar Jährchen durchgetan hat!« Ihr ferneres Leben in St. Agathen würde ein Spießrutenlaufen zwischen bösen Zungen sein, ja, wenn sie schon ein altes Jüngferchen wäre, würde noch der Spottname »die Künstlerin« an den Mißerfolg ihrer Jugend erinnern. Auf einem Dorf vergißt man nichts. Und nicht nur über sie, auch über das Grab ihres Vaters würde es kommen: »Da liegt der Narr, der sein Töchterlein für eine Künstlerin hielt!« Nein, dieses Grab durfte sie nicht durch billigen Spott entehren lassen. Sie durfte um ihret- und des Vaters willen nicht heim. Mochte das Heimweh in ihrer Seele wüten und brennen, stärker als das Heimweh war ihr Ehrgefühl und ihre Scham. Wenn sie nicht in die Heimat zurückkehrte, dann sickerte es dort wohl auch langsam in die Kenntnis der Leute, daß sie den Kampf um die Kunst erfolglos gefochten habe, aber doch nicht mit der Schärfe, wie wenn sie unvermittelt selber in St. Agathen erschien und man mit Fingern auf sie zeigen konnte. Kunst ohne Erfolg! Etwas vom Grausamsten im Leben. Selbst von der Heimat trennt sie. In der Welt also bleiben – als – als? – Sie mußte irgendeine Stelle suchen, um das Brot zu verdienen. Vielleicht taugte sie zur Erzieherin! – – Ihr hämmerte der Kopf. Sie ging einige Schritte auf und ab, sie preßte die glühende Stirn ans kalte Fenster. Draußen hatte es sachte zu schneien begonnen. Leis und lind fielen die Flocken durch die Dämmerung auf die gegenüberliegenden Dächer und hinab in die Straße. Überall lag schon der zarte Flaum. – Morgen kommt ja Kuno Glür, fuhr es ihr durch die Sinne. Sie war aber jetzt nicht in einer Gemütslage, in der sie Besuch annehmen konnte. Und tat sie überhaupt wohl, den Studenten auf ihrem Zimmer zu empfangen? Sie wollte ihn noch rasch durch den Fernsprecher unten bei Mutter Illing bitten, auf den Besuch zu verzichten. Sie war aber willensunfähig, die vier Treppen hinunter- und wieder hinaufzusteigen. Auch die Gedanken versagten ihr. – Der erste Schnee! Sie hatte ihn als Kind so sehr geliebt. – Ein Weinkrampf bemächtigte sich Hildes, und vor das Bild ihres Vaters hingelehnt, schluchzte sie lange und bitterlich. 7 Ein kräftiger Schnee war in der Nacht gefallen. Auf Schnee aber glitzerte der Strahl der Morgensonne, und auf den Dächern freuten sich die Spatzen, ihrer ein Dutzend nebeneinander gereiht, zwitschernd und mit wohlig gesträubtem Gefieder über das Ereignis. Hilde fühlte sich vom gestrigen Tag schwach und erschöpft. Sie wäre am liebsten ein Stunde an die frische, wintersonnige Luft gegangen; aber sie erwartete, wenn auch mit widerstrebender Seele, Kuno Glür und ordnete ihre Zeichnungen, die er zu sehen wünschte. Da lagen sie zur Hand, die Ernte der drei letzten Jahre; neben allem, was sie aus künstlerischen oder stofflichen Gründen ausgeschieden hatte, wohl ein Viertelhundert Bilder, und nachdem sie die Arbeiten lange nicht mehr durchgegangen hatte, war es ihr eine halb freudige, halb wehmütige Entdeckung, daß sich neben den anfängerischen und schülerhaften doch eine Folge von Bildern befand, die durch gute Beobachtung und natürliche Wiedergabe, durch ihre unmittelbare künstlerische Wahrheit vor jedem Kenner für ihr Talent sprachen – für ihr armes Talent, das sie nun, ach, aus Mangel an Lebensluft mußte begraben lassen. Wieviel Spannkraft verlor sich damit, wieviel Träume verrauchten, wieviel heilige Sehnsucht verklang! Die guten Blätter waren vornehmlich die aus freier Modellwahl und freiem schöpferischem Antrieb entstandenen Porträts ihrer Ferientage im Gebirge, doch auch wenigstens eines aus ihrem Atelierunterricht: das Profilbild einer Sechzehnjährigen, deren aufgelöstes Haar in Strähnen über die zart gebaute, entblößte Schulter floß und zwischendurch den Blick auf ein von jungen Leiden schon vergeistigtes Antlitz freigab; auf den Knien ruhten die gefalteten Kinderhände. Sie hatte das rührende und reizende Geschöpf erst mit einer bis zum Herzklopfen gesteigerten künstlerischen Intuition gezeichnet und es dann gemalt. Ausgeglichen war das Bild in den Farben freilich nicht, das war über ihre Kraft gewesen, aber gerade auf den Partien, auf die es ankam, lagen die Töne zart und licht – es war ein Hauch sechzehnjähriger Jugend in dem Bild. Und daran hatte Professor Waldhier seine großen Hoffnungen geknüpft – damals, kurz nach ihrem Eintritt in seine Schule. – Hilde kam in ein trübes Sinnen. Da schlug es von einer nahen Kirche elf Uhr. Nun konnte Glür jeden Augenblick erscheinen. Ob er wirklich Teilnahme und Verständnis für die Kunst besaß? Wenn ja, dann mußte er sie in München erworben haben, denn in der Familie lag's nicht. Die verheirateten Brüder besaßen in ihren herrschaftlichen Villen wohl eine Menge Gemälde, aber wie schon der Vater gespottet hatte, lag ihr Wert am wenigsten in den flüchtigen und geschleckten Darstellungen und am meisten an den schweren Goldrahmen. Nur ja Kuno Glür ein heiteres und gelassenes Wesen zeigen, ihm nichts verraten von ihren Schmerzen! Sie gingen ihn nichts an. Hilde warf einen Blick durch ihr Dachstübchen, in das hinein der Sonnenstrahl hell und goldig brach. Wenn sie nun von München scheiden mußte, um in irgendeine Stellung zu gehen, tat es ihr um ihr kleines Heim doch sehr leid. Es war ja wohl in der halben Höhe der Fensterseite abgeschrägt und die Möbel etwas ausgediente Garnitur. Im übrigen aber war das Zimmer so lieb und freundlich, daß es auch auf einen verwöhnten Manschen den Eindruck der Behaglichkeit machen mußte. Am Fenster stand das wohlbesetzte Blumenbrett, und ein kleiner Frühling blühte darauf selbst im Spätherbst, Heidekraut mit zarten, roten Glöckchen, Alpenveilchen mit ihren zierlich hängenden Krönchen; ihr Liebling, der Rosenstock, hatte eine Knospe halb geöffnet, und blaßrot drängte die Blumenspitze zum Licht. Die Blumen waren ihre dankbaren Freundinnen, ihre Freunde waren die Bilder und Bücher aus dem Nachlaß ihres Vaters. Seine entzückend luftigen und duftigen Baumschläge, seine Zeichnungen aus der Dorfheimat und dem hellen Berggelände von St. Agathen waren ihr liebster Besitz. Dazu die guten alten Stiche schöner Schweizer Landschaften! Nein, ebensoviel Wert setzte sie auf ihre schöne und auserlesene Bibliothek. Kein mittelmäßiges Buch war darin zu finden, dafür die Werke der vornehmsten Geister: neben den Klassikern ihr Jeremias Gotthelf, ihr Gottfried Keller – und sie sämtlich waren ihr kein totes Kapital, sondern aus unendlich vielen Abendstunden, die sie über den Büchern verbracht hatte, lebendiger Seelenstrom. Auf einem Sims stand geblümtes Geschirr, das sie auf einer der Münchner Dulten erworben hatte, und vollendete den Eindruck schöner Heimeligkeit in ihrem Stübchen. Diesen mußte auch Kuno Glür fühlen, wenn er kam, und gewiß konnte er nicht in die Heimat melden, daß er sie in einer ungünstigen Lage angetroffen habe. Er ließ warten. Nun, wenn er gar nicht kam, war es ihr auch recht. – Sie warf einen Blick in den altmodischen Spiegel. Allerdings war sie etwas blaß von den Kämpfen der letzten Tage, aber die weiße Wollbluse und das zarte Musselintuch, das den Hals wie eine Kelchlinie begrenzte, standen ihr doch sehr gut, dazu ihr einziger Schmuck, ein fast handgroßer, runder und durchbrochener Schild aus mattem Silber, der ihr als Hafte auf der Brust saß. Es war Kölner Kunstschmiedearbeit des sechzehnten Jahrhunderts, ein kostbares Erinnerungsstück jener rheinländischen Freundin, die den Schmerzen der Mitschülerschaft durch eine glückliche Heirat entronnen war. – Aber da ging die Klingel, und die Fistelstimme der Hauswirtin rief nach ihr. – »Ja, bitte, lassen Sie den Herrn eintreten!« gab sie zurück. »Sie wohnen hoch, Fräulein Rebstein!« grüßte Glür, vom Treppensteigen etwas prustend, »Und entschuldigen! Eben noch kurze Sitzung in einer Ehrenangelegenheit gehabt. Sie gestatten doch!« Er hatte sich gesetzt und entledigte sich umständlich der hechtgrauen Handschuhe. In einem Jargon, den Hilde noch nie von ihm gehört hatte, erzählte er mit wichtigem Lächeln: »Kolossales Fest gewesen, die Hochzeit meiner Schwester Lili! Hatte mich endlich gefaßt, Rausch ausgeschlafen und wurde zu den Eltern gerufen. Na, die Vater- und Mutterworte an einen Studenten kennt man. Bin zerknirscht dagesessen. Habe eine Stunde von München erzählen müssen und dabei erwähnt: Sehe zuweilen Fräulein Rebstein. Vater erwidert: ›Ist ja eigentlich noch mein Patenkind – ihr Vater hervorragender zeichnerischer Kopf im Geschäft gewesen.‹ Fragen nach Ihrer Kunst. Konnte keine Auskunft geben, aber ich habe von Mutter Auftrag empfangen, bei Ihnen anzufragen und nachzusehen, ob Geeignetes Ihrer Hand vielleicht für Weihnachtstisch vorrätig sei. Vater hat den Auftrag sehr unterstützt. Ich beim Mittagstisch Sektglas in die Hand genommen, Rede gehalten auf steigende Kulturhöhe des Hauses Glür, Pflicht reicher Leute, Schützer der Künste zu sein, großer Beifall. – Und nun ist Ihnen der Zweck meines Besuches bekannt. Ich darf wohl die Bilder sehen, Fräulein Rebstein? Gestatten? Ja!« Das war ja, wenn sie auch etwas protzig klang, verwunderliche und erfreuliche Botschaft. Hilde hatte Mühe, sich zu beherrschen. Fast jubelnd wallte der Gedanke in ihr empor: das kann deine Rettung sein! Und sie kommt aus der Heimat. Es ist doch eine liebe Heimat. Das Herz schlug ihr höher. Doch nein – klug bleiben! »Ich danke Ihnen sehr, Herr Glür!« erwiderte sie einfach. »Da Sie mir in dem Brief von den Zeichnungen schrieben, habe ich sie bereitgelegt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie darunter etwas Geeignetes für Ihre Eltern fänden, aber selbstverständlich haben Sie bei der Durchsicht zu bedenken, daß es die Arbeiten einer erst Werdenden sind. Ich bitte also um Nachsicht. Und nun bloß einen Augenblick!« – Sie holte aus dem Flur die leichte Staffelei, die ihr der Dienstmann aus dem Atelier Professor Waldhiers zurückgebracht hatte, und stellte sie gegen das Fenster. »So geht's!« »Sie sind aber reizend eingerichtet. Man erwartet es im vierten Stockwerk nicht so hübsch«, bemerkte Kuno Glür, der wieder seinen natürlichen Unterhaltungston gefunden hatte. »Die Zeichnungen Ihres Vaters sind übrigens wirkliche Kunstblätter. Schade, daß unser Haus gar nichts davon besitzt.« Er plauderte treuherzig und sah im schwarzen Anzug trotz seiner geringen körperlichen Vorzüge so gut aus, daß Hilde fand, sie habe sich eigentlich unnötige Bedenken über seinen Empfang gemacht. Und in den Tagen der Fährden und Beklemmnisse ist ja der Überbringer einer guten Botschaft stets eine angenehme Erscheinung. Sie stellte Blatt um Blatt, Karton um Karton auf die Staffelei vor ihn hin. Er betrachtete sie wie ein Kenner schweigend oder mit ganz kurzen Bemerkungen. »Dieses Bild wollen wir gleich vorweg auf die Seite stellen. Das ist gewählt«, versetzte er. »Entzückend, das Mädchen!« Es war ihr Lieblingsbild, die Sechzehnjährige. Zum erstenmal spürte Hilde, wie es schmerzen kann, Jugendarbeiten dahinzugeben, Bilder zu verkaufen, die aus dem Herzblut geschaffen sind. Aber es mußte ja sein. Sie bedurfte des unerwartet daherfließenden Geldes, um sich eine bescheidene Zukunft gestalten zu können. Kuno Glür bewies einen guten Geschmack. Er wählte gerade diejenigen ihrer Arbeiten aus, die sie am wenigsten gern fahren ließ, neben dem ersten ein sonnig treuherziges Mädchenpaar vom Starnberger See und die in die Sterne schauende Alte. »Dabei wollen wir's bewenden lassen«, versetzte er. »Wenn die Bilder den Beifall meiner Eltern finden, so können wir ja stets noch über Weitererwerbungen sprechen. Und wie berechnen Sie nun die drei Stücke?« Da war Hilde in Verlegenheit. »Ich möchte doch um eine Angabe bitten«, drängte er lächelnd. Nachdenklich erwiderte sie: »Anfängerarbeiten sind es ja schon, aber wenn ich die Zeit bedenke, die ich für die Blätter aufgewendet habe, so komme ich mit einem raschen Überschlag auf zweihundert Mark – hundert für das erstgewählte Bild, meine ich – je fünfzig für die beiden Zeichnungen wird wohl nicht zuviel sein?« Blühendes Erröten ging über ihre Wangen. Sprach sie nicht zu kühn? »Meine Eltern und ich werden nicht markten. Haben Sie den Preis tatsächlich hoch genug gestellt? – Na, machen wir's so!« Glür hatte etwas wichtig das Portefeuille hervorgeholt und legte zwei blaue und eine grüne Note vor sie hin. »Zweihundertfünfzig Mark«, sagte er langsam und mit einem eigenartigen Lächeln, einem Lächeln, als wollte er sagen: »Was verschlägt für uns diese Kleinigkeit«, zugleich mit einem lauernden Blick, wie die Noten auf Hilde wirkten. »Wenn ich darf – dann mit großem Dank«, erwiderte sie schlicht und nahm die Scheine mit einer Ruhe zu sich, als wäre sie gewohnt, jeden Tag so viel Geld für ihre Arbeiten einzustreichen. Kuno Glür war vielleicht ein bißchen enttäuscht, für seine Großmut keinen stärkeren Widerhall zu finden. »Daß Sie für Ihre Eltern das Mädchen mit der bloßen Schulter ausgewählt haben, überrascht mich«, leitete sie das Gespräch von der Geldangelegenheit hinweg. »Soweit ich Ihre Mutter, Frau Glür, in Erinnerung habe, ist sie als fromme Frau eine Gegnerin der Darstellung alles Nackten, selbst wenn es so dezent ist wie diese Schulter. Ich weiß nur noch, daß auf ihren dringenden Wunsch einmal eine harmlose Frauengestalt von dem Vorhang eines Liebhabertheaters entfernt werden mußte.« »Sie erinnern sich der Geschichte«, lachte der Student hellauf. »Gewiß ist meine Mutter etwas Muckerin. Das Mädchen mit der bloßen Schulter wird sie auch nicht behalten wollen, um so lieber meine Schwester Lili.« Die zwanglos hingeworfenen Worte zerstreuten einen kleinen Verdacht Hildes, und der Bilderkauf hatte sich zu gegenseitiger Zufriedenheit erledigt. »Soll ich Ihnen die drei Stücke durch irgend jemand in Ihre Wohnung bringen lassen?« »Nein, mein Wagen wartet unten. Da nehm ich sie selber mit.« Kuno Glür und Hilde plauderten noch eine Weile, nicht ohne Selbstbespiegelung sprach er von seinen mannigfaltigen Beziehungen zu Künstlern. »Stephan Dombaly kennen Sie!« unterbrach ihn Hilde. »Von Dombaly spricht jetzt jedermann. Seine Herbstausstellung war auch außerordentlich schön. Ich bin einigemal hingegangen und stets mit großem Genuß. Ich glaube übrigens, daß ich vorgestern dem Künstler auf der Menterschwaige begegnet bin.« »Wünschen Sie ihn kennenzulernen?« versetzte er lebhaft. »Dombaly und ich treffen uns jeden Dienstag im ›Gläsernen Himmel‹. Es ist die Stammkneipe, in der er früher jeden Abend verbrachte. Jetzt kommt er wöchentlich nur noch einmal hin. – Darf ich Sie Dienstagabend zu einem Gang in die Künstlerkneipe abholen?« Er sprach sehr lebhaft. »Gehen überhaupt Damen hin?« warf Hilde ein. »Damen – fast die Hälfte der Gäste sind Damen.« »Ich meine, Damen von gutem Ruf?« »Wer fragt denn im ›Gläsernen Himmel‹ nach dem Ruf?« lachte er. »Gott sei gedankt, München ist nicht St. Agathen. Und der ›Gläserne Himmel‹ am wenigsten. Er ist einfach die Kneipe derer, die einen genialen Vogel im Kopf haben, der fröhlichen, künstlerisch empfindenden Jugend, der Bildhauer und Maler, der Dichter und Komponisten und der jungen Weiblichkeit, die ihnen zugetan ist.« Ja, so hatte Hilde den »Gläsernen Himmel« auch schon schildern hören. Einmal einen Blick hineinwerfen – wunderhübsch! Und Dombaly sprechen, wenigstens einmal einen jener Künstler, die vom Geheimnis des Erfolges und des Ruhmes umspielt sind, von dem Geheimnis, das um so größer erscheint, je mehr man selber vom Mißerfolg daniedergedrückt liegt. Vielleicht wußte er ihr einen Rat. In der letzten Not der Kunst klammert man sich wie der Ertrinkende an einen Strohhalm. Kuno Glür hatte sich heute bei seinem Besuch über Erwarten gut und anstandsvoll benommen, und sie war ihm für den überaus erfreulichen Bilderkauf eine Genugtuung schuldig. »Ich komme sehr gern mit«, sagte sie freundlich. »Dann hole ich Sie am Dienstagabend mit großem Vergnügen ab, Fräulein Hilde«, schloß er das Gespräch, erhob sich und nahm sichtlich erfreut von ihr Abschied. Nun aber kränkte sie sich doch noch an ihm. »Fräulein Hilde« hatte er sie angesprochen und seine Hand länger und vertraulicher in der ihrigen ruhen lassen, als schicklich war, und ein forderndes Lächeln hatte um seine aufgeworfenen Lippen gespielt. – – Hilde war von dem überraschenden Bilderverkauf in der Seele stärker verwirrt, als Kuno Glür ahnen durfte; sie mußte die Eindrücke seines Besuches erst ordnen. Es wogte in ihren Sinnen hin und her. Das wesentliche aber: sie besaß, als wären sie urplötzlich vom Himmel geschneit, zweihundertfünfzig Mark! Das war viel, viel Geld in ihren Händen und gewährte eine Fülle schöner Möglichkeiten. Wußte ihr auch Stephan Dombaly, der berühmte Maler, keinen Rat, jetzt wußte sie ihn selbst. Ihr Weg ging zum Direktor der Kunstgewerbeschule. Bei ihm wollte sie sich als Schülerin melden! Ein Gefühl der Erlösung war über sie gekommen, eine Stimmung, wie wenn der Regen die dürstende Flur erquickt. Sie faltete dankbar die Hände. Ja, es gibt doch noch ein Glück in der Welt! 8 Ja, es gab noch ein Glück in der Welt! – Welche merkwürdige Anwandlung der Eltern Kuno Glürs, ihrer so freundlich zu gedenken, besonders der frommen Mutter! Nein, gar so merkwürdig war es nicht. Der alte Herr war eben doch ihr Pate und mußte ihren Vater in ehrender Erinnerung halten. Nachdem er sich von der Fabrik zurückgezogen hatte, besaß er die Muße, über mancherlei nachzudenken, was ihm früher im Drang des Geschäftslebens für seine Erwägungen als zu klein und unbedeutend erschienen war. Nun hatte ja Kuno vor seinen Eltern ihren Namen genannt. Der Name hatte den alten Herrn daran erinnert, daß er ihr kein aufmerksamer Pate gewesen war. Fast selbstverständlich, daß er das Versäumte durch den Bilderkauf in guter Form nachholen wollte, wie ja überhaupt dann und wann Paten ihren schon erwachsenen Patenkindern noch einmal edelmütig und hilfreich an die Hand gehen. So überlegte Hilde. Sie hatte die Empfindung, als seien glühende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt worden. Die Familie Glür stand menschlich höher, als sie dieselbe je eingeschätzt hatte. Und nicht nur wegen des Geldes durfte sie sich an dem Bilderhandel freuen, sondern auch weil die Heimat jetzt erfuhr, daß ihre Studien nicht ganz umsonst gewesen waren. Welche Genugtuung für Adolf und für den alten Lehrer Hardmeyer! Sie mußte der Familie Glür mit ein paar Zeilen danken – am besten wäre es auf Weihnachten. Das war ja in nicht ferner Zeit! Kuno Glür aber? Wenn er sich aus dem Bilderkauf das Recht ableiten wollte, sich als ihren Freund, Gönner und Beschützer aufzuspielen? Darüber war Hilde etwas unruhig. Nun, am Dienstagabend, wenn sie mit ihm in den »Gläsernen Himmel« ging, würde sie ja sehen. Die Zeit bis dahin wollte sie mit der Durchsicht und Ausbesserung ihrer Kleider und Wäsche verbringen. Dazu war aber ein Geschäftsgang in die Stadt nötig. Ein Vergnügen, in die Stadt gehen zu können, ohne an das muffige Atelier und an die häßlichen Modelle denken zu müssen, die ihr wie ihre besonderen Feinde erschienen waren. Frei! – frei! – War es Zufall, war es Absicht? Auf dem Rückweg von ihrer Besorgung kam sie um die Mittagszeit an dem alten, weitläufigen Gebäude vorüber, in dem das Schülerinnenatelier Waldhiers lag. Sie begegnete einigen ihrer ehemaligen Kolleginnen, und selbst diejenigen, mit denen sie früher kaum je ein Wort gewechselt hatte, kamen grüßend auf sie zu. »Sie hinausgeworfene Glückliche! Das Rätsel ist jetzt gelöst«, erzählte die Frankfurterin, das zierliche Nippfigürchen. »Eine mußte fliegen. Daß aber Sie es waren und nicht ich, darüber dauert mein Erstaunen fort. Raten Sie, wer sitzt an Ihrem Platz? – Eine echte junge Baronesse! Darf man fragen, was Sie jetzt beginnen? Ich bin ja vielleicht bald in der gleichen Lage wie Sie.« Hilde sprach von einer Anmeldung an der Kunstgewerbeschule. Es war ihre feste Absicht, nach dem Rettungsanker zu langen, nach dem die meisten greifen, die an den Aufgaben der hohen Kunst scheitern. Sie erinnerte sich an ein paar ehemalige Kunstschülerinnen, die diesen Weg mit Erfolg eingeschlagen hatten. Da war eine Nürnbergerin, eine allerdings für ihren Wirkungskreis hochtalentierte Dame, in einem ersten Geschäft Münchens als Entwerferin modern künstlerischer Frauengewänder fest angestellt. Eine andere ehemalige Kunstschülerin zeichnete für eine österreichische Metallwarenfabrik moderne Serviceformen und durfte sich rühmen, dem Etablissement durch ihren erfinderischen Geschmack die Aufmerksamkeit einer weiten Kundschaft erworben zu haben. Also bot auch das Kunstgewerbe eine schöne Welt der Betätigungsmöglichkeiten. Welches aber unter den außerordentlich vielen Fächern der angewandten Kunst entsprach ihrer innersten Begabung? Vielleicht irgendein Zweig der Töpferindustrie oder höheren Keramik. Aus ihrer Jugend, aus dem Beispiel des Vaters besaß sie eine schöne Fertigkeit der Baum- und Landschaftszeichnung, in der sich etwas künstlerisch Reifes viel leichter gestalten ließ als im Porträt. Wenn sie versuchte, den altbeliebten Ofenschmuck – Baum- und Landschaftsbilder – in modernem Stil zu erneuern? Freilich mußte es sich bei ihr um ein rasches Studium auf Brot handeln. Das Geld aus dem gestrigen Bilderverkauf und die Beträge, die ihr Hardmeyer noch verabfolgen konnte, reichten nur für ein halbes Jahr. Wie weiteres verdienen? Die nächtliche Hilfe einer Damenschneiderin werden? Dafür besaß sie ja auch Talent. Nur sich nicht ergeben, ehe der Kampf bis zum Erfolg oder zum bittersten Ende gefochten war. Am Siegestor begegnete sie wie stets um diese Zeit den beiden Polytechnikern – und wie stets grüßten sie stumm; in den Augen Siegfrieds, des Blonden, aber leuchtete doch die Frage auf: »Wo steckten Sie denn am Samstag, Fräulein?« Das erfreute sie. Wenn sie aber in die Kunstgewerbeschule trat, dann hatte sie künftig einen anderen Mittagsweg oder fast keinen mehr, denn das Institut lag ihrer Wohnung nahe. Und wegen des Grußes hin und wieder eigens die Ludwigstraße gehen – nein, das durfte sie nicht – aus Selbstachtung nicht. Was hätte es für einen Sinn? Sie stichelte an ihren Kleidern und besserte mancherlei. Draußen flockte es weiß in die Gasse hinab, und im Ofen knisterte die Flamme. Wußte ihr wohl Dombaly etwas Besseres als die kunstgewerblichen Pläne? Wenn nicht, ging sie doch gern einmal in den »Gläsernen Himmel«. Sie sah dort Menschen, fröhliche Menschen. Kolleginnen, die sich schon in die Künstlerkneipe getraut hatten, erzählten freudig von dem frohbewegten Abendleben bei der Wirtin Kathi Kreuzer. Hilde saß beim selbstzubereiteten Abendbrot. »Gewiß, Fräulein Rebstein ist zu Hause«, hörte sie die Stimme der Wirtin. Das war ja schon Kuno Glür. Er kam ihr viel zu früh und sah nun, wie einfach sie lebte. Blumen brachte er ihr auch. Wozu? – Sie trat ihm aber gefaßt entgegen und lud ihn zu einer Tasse Tee ein. »Ihre Bilder sind bereits nach St. Agathen unterwegs. Vater und Mutter werden sich sehr freuen«, plauderte er. »Aber wirklich hübsch und heimelig, wie Sie sich eingerichtet haben, Fräulein Hilde. Die Zeichnungen Ihres Vaters, auch die Art, wie Sie alles angeordnet haben, geben Ihrem Zimmer eine feine persönliche Note. Das meine ist ja wohl viel größer, überhaupt ich habe zwei Zimmer und bezahle ein Heidengeld dafür, die Wohnung ist elegant eingerichtet, aber so gemütlich wie bei Ihnen ist es bei mir nicht. Es fehlt das Intime – na, was bei Ihnen so heimelig ist, Fräulein Hilde.« Wozu das schmeichelhafte Plaudern? Und »Fräulein Hilde« nun wieder! Ohne ihren mißbilligenden Blick zu beachten, fuhr er fort: »Na, die anmutigen Heimatbilder Ihres Vaters sind wohl unverkäuflich. – Wäre sonst sehr Liebhaber für meine Wohnung.« »Von den schönsten, lebendigsten Erinnerungen meiner Jugend kann ich mich natürlich niemals trennen«, erwiderte Hilde. »Habe mir schon gedacht. Erinnere mich sehr gut an Ihren Vater, sehr lebhaft auch an Sie. Stolzes Mädchen schon damals, Hängezopf, hohe Knopfstiefel, Bachstelzengang, schon bißchen Künstlerin. – Damals bereits mich an dem reizenden Backfisch erfreut!« »Kaum glaublich«, lachte Hilde, »ich habe Sie nur in Erinnerung, wie Sie als Gymnasiast nach St. Agathen in die Ferien kamen, jedes Jahr mit einer Kappe von anderer Farbe – weiß, grün, blau, rot – und wie Sie hochmütig über das halbwüchsige Mädchen hinwegsahen.« – Um aber das Gespräch von Verfänglichem hinwegzuleiten, fragte sie ernsthaft: »Um welche Zeit geht's denn in den ›Gläsernen Himmel‹?« »Nicht vor neun, das eigentliche Leben beginnt erst gegen elf. Früher kommt auch Dombaly nicht.« So lange mit Kuno Glür allein zusammen zu sein, erregte das Bedenken Hildes. Aber wohl oder übel mußte sie sich darein finden. »Späte Vögel, die Herren«, scherzte sie, »aber wann kommen Sie denn zur Ruhe, damit Sie am Morgen wieder frisch für Ihre Studien und Arbeiten sind?« »Danach fragt man besser nicht!« lächelte Glür mit etwas verlegenem Humor. »Trage mich übrigens ernsthaft mit der Absicht, neuen Lebenswandel zu beginnen, namentlich will ich die Studien mit Nachdruck betreiben. Und würde mir sehr, sehr Ihre Hilfe erbitten, Fräulein Hilde!« Er blickte sie eigenartig hoffnungsreich und fordernd an. »Meine Hilfe! Ich verstehe wirklich nicht!« Die Wendung des Gespräches war ihr unangenehm. »Ich meinte – ich dachte«, versetzte Glür, »wenn ich etwa die Abende mit Ihnen verbringen dürfte – gerade hier auf dem heimeligen Zimmer. – Würde mir gestatten, für das Abendbrot zu sorgen. Vielleicht auch mal Konzert, Theater miteinander besuchen. München hat ja viel Schönes. Dafür weniger in die Kneipe gehen! Sie leben doch auch sehr einsam und freudlos, Fräulein Hilde. Und wir stammen ja beide von St. Agathen.« Hilde war errötet. Unter ihrem prüfenden und mißbilligenden Blick brach Glür den Faden des Gespräches ab. »Sie sind mir doch nicht böse?« sagte er kleinlaut. »Ein wenig«, erwiderte sie ernst. »Sie müssen doch selber einsehen, daß Sie Unsinn daherschwatzen. Ein junges Mädchen, das so allein in der Welt steht wie ich, ist sich und ihrem guten Ruf Rücksichten schuldig, und ich möchte nicht einmal vor meiner Hauswirtin durch Ihren häufigen Besuch in ein falsches Licht kommen.« »Oh, die Hauswirtinnen, die kennt man«, lächelte Glür, »was fragen sie nach Besuch, wenn nur der monatliche Zins regelmäßig bezahlt wird. Nein, das ist kein Grund!« »Und Ihre Eltern!« ereiferte sich Hilde. »Ich zweifle, ob sie einen engeren Verkehr zwischen uns gern sähen.« »Wozu darüber gleich nach St. Agathen schreiben«, warf er ein. »Sehen Sie, Sie haben kein gutes Gewissen!« »Aber Fräulein Hilde«, stammelte Glür und spielte unruhig mit seinem schwergoldenen Siegelring. »Ich wünsche für Sie auch nicht Fräulein Hilde, sondern Fräulein Rebstein zu sein!« Sie war ins Feuer geraten und setzte ihm ihre volle jugendliche Würde entgegen. Er biß sich auf die Lippen, wurde purpurrot und sah sich nach seinem Hut um. »Äh – äh – Fräulein Rebstein – ich bin sehr schmerzlich berührt«, stotterte er etwas verletzt über ihre Zurechtweisung, zugleich mit steigendem Verlangen nach ihr. »Aber Sie kommen doch mit in den »Gläsernen Himmel«?« »Gewiß, ich halte mein Versprechen«, erwiderte sie. Das Gespräch lief etwas gezwungen weiter, und endlich wurde es für den Gang Zeit. Wie seltsam es Hilde vorkam, die Wirtin um den Hausschlüssel zu bitten. Sie konnte sich kaum erinnern, es je getan zu haben. Heute abend noch Kuno Glür und nie wieder! Oh, wenn sie statt an seiner Seite an der des blonden Nordländers gehen könnte! Das wäre Glück. 9 Der »Gläserne Himmel« lag an der Grenze der Altstadt. Er reckte eine große rote Laterne auf die Straße und sah mit den lichtdicht verschlossenen Fenstern wenig einladend aus. Als Hilde gegen neun Uhr unter der Führung Glürs die Künstlerkneipe erreichte, zögerte sie einen Herzschlag lang, einzutreten. Um so freundlicher mutete sie das Innere an. Gedämpftes grünes Licht durchflutete den Raum, seine Ecken und Winkel. Altes gutes Bauerngerät, Schnitzwerk und Zinngeschirr gaben ihm die Stimmung, vor allem die Bilder an den Wänden, Andenken und Stiftungen von Künstlern, die im »Gläsernen Himmel« verkehrt hatten oder noch verkehrten, Selbstporträts und Selbstkarikaturen und neben manchem, was in übermütiger Laune entstanden war und die Spuren der raschen Stunde trug, kleine Gemälde von wirklichem Kunstwert. »Hier ein Dombaly«, bemerkte Glür. Ein fein und duftig gezeichneter weiblicher Pierrot, der sich im Tanze die Maske vom Gesicht genommen hat und sie in der erhobenen Rechten schwingt. Das war das Bild, dessen Datum auf den letzten Fasching wies. An wen erinnerten Hilde die Züge des jungen Wesens? Irgendwo hatte sie das Urbild des schönen Pierrot schon gesehen. Richtig – das war die verliebte Mizzi von der Menterschwaige! Allmählich füllte sich die Kneipe mit Gästen, Herren und Damen, merkwürdigem Volk aus der Künstler- und Studentenschaft. Und Kathi Kreuzer, die Wirtin, kam herbei, eine stattliche Oberbayerin, die gegen die Vierzig ging, einmal sehr hübsch gewesen sein mochte und noch jetzt durch die frische Urwüchsigkeit ihrer Erscheinung gefiel. »Guten Abend, Glürle – hast ja gute Gesellschaft«, lachte sie dem Studenten zu, gab ihm eine Patschhand und ließ mit ein paar Bemerkungen ihren derben Humor spielen. Dabei maßen ihre klugen, in rascher Menschenabschätzung erfahrenen Augen die Gestalt Hildes mit wohlwollender Neugier. »Geh, eine Landsmännin von Glür bist! Da schau dir München fein an!« scherzte sie, gewohnt, ihre Gäste alle mit du anzusprechen; als aber der Student Kathi erzählte, daß seine Gefährtin die Stadt bereits aus längerem Aufenthalt kenne, gab sie Hilde einen bedenklichen Blick. »Und du gehst dennoch mit diesem da!« schien ihr Auge zu sagen und verlor den warmen Strahl. Rasch glitt ihr frisches Plaudern zu anderen Gästen hinüber. Hilde konnte sich des Eindruckes nicht entschlagen, daß sie neben Glür an einer ihr nicht angemessenen Stelle sei. Wohl kannten ihn viele Gäste, in deren Grüßen aber lag nichts von Freude oder Wertschätzung, nur die gewohnheitsmäßige Höflichkeit, vermischt mit einer leisen Verwunderung über ihre Gesellschaft. Er selber bemühte sich auffällig um sie, doch ging ihre gegenseitige Unterhaltung obenhin. Um so stärker ließ sich Hilde von dem frohen Leben fesseln, das sie umgab. Wie viele Rasseköpfe, jüngere, ältere, hübsche, häßliche, frische und verlebte! Jeder besaß sein geistiges Sondergepräge, und manche trugen den Ausdruck des Genialischen auch noch in der Haartracht oder im Kleid. Dort war sogar einer, der sein Haar wie ein Mädchen lang über die Schultern fließen ließ. Mit wenigen Ausnahmen war wohl jeder ein werdender Maler, Bildhauer, Musiker oder Dichter, und um die gesamte Gesellschaft schwebte der Hauch der gärenden, ringenden, schaffenden Intelligenz. Gaben sich die einen lachend und scherzend der Feierabendstunde hin, saßen andere wie von der Welt abwesend und wurden auch in der Kneipe ihrer schweren Gedankenarbeit nicht los. Junge Dichter schrieben ihre Reime, Musiker ihre Noten auf die Manschetten oder in Taschenbücher, und Künstler zeichneten mitten im Gedränge und qualmenden Zigarettenrauch, was an Nachbarn gerade ihre Aufmerksamkeit erregte. Auf einer Bühne spielte der Musikervirtuose des »Gläsernen Himmels«, ein ergrauter Lockenkopf mit lyrisch weichen Zügen, das Harmonium, und die getragenen Klänge eines Kirchenliedes schwollen seltsam genug durch die Kneipe dahin. Doch ging das Leben in der Gesellschaft schwatzend weiter. Glür wollte Hilde mit mancherlei Anekdoten über seine Bekannten unterhalten, sie zog es aber vor, der Musik zu lauschen und sich stillen Menschenstudien hinzugeben. Mehr noch als die Männer reizten die Damen, von denen diese begleitet waren, ihre Aufmerksamkeit. Schicker Luxus und armselig um den Leib drapierte Fähnchen, lachende Lebensfreude und nur schlecht verhülltes Darben, künstlerische Feinheit und genialische Verlotterung, seelischer Hochflug und unbewußte Gemeinheit spielten in merkwürdigen Gegensätzen durch die Gesellschaft, und doch war sie unter sich verbunden durch die Vertrautheit aller mit dem künstlerischen Ringen und Kämpfen. Oft aber war es auch einer gesteigerten Einbildungskraft nicht möglich, zu erraten, was den einen oder anderen der jungen Männer mit seiner Begleiterin verband. Freundschaft, Liebe oder gemeinsame Not? – Wie kam jenes ungleiche Paar zusammen, er ein jugendlicher Apoll, sie ein plumpes Geschöpf, das an äußeren Reizen nichts besaß als ein Paar große, warm leuchtende Augen voll zitternder Liebe. Dieses Mädchen spart sich vielleicht das Brot vom Munde, um ihren geliebten Künstler mit ein paar Mark in der Woche unterstützen und mit ihm einen frohen Abend verbringen zu können. Ihre Aufopferung wird ihr nichts helfen. Eines Tages wird sie doch die Verlassene sein! So träumte Hilde. Der Musiker auf der Bühne spielte die Tannhäuserouvertüre. Hilde konnte unterdessen ruhig weiterbeobachten. Die vielen jungen Künstler! Jeder ein Suchender und Tastender wie sie. Jeder wartet auf seine Offenbarung, auf seinen großen Tag, und mit ihm warten in der Ferne vielleicht Vater, Mutter oder Geschwister und fragen bang: Ob er seine und unsere Hoffnung rechtfertigt? – Bedurfte die Welt überhaupt so vieler Künstler? Nur einige werden das Ziel erreichen, viele, die meisten, die hier sind, werden verbluten, werden in die Breite des Alltags, in die Fron eines gewöhnlichen Broterwerbs ohne Schwung und ohne Lebensglauben zurücksinken. Draußen in Dörfern und kleinen Städten ihrer Heimat aber wird ein märchenhaftes, sehnsüchtiges Lied um ihr halb gescheitertes Leben klingen, das Lied: Tage in München. – Es tat Hilde wohl, einmal einen Blick in das fröhliche und ernsthafte Völklein der um die Kunst werbenden Jugend zu werfen, zu der sie selber gehörte. Wie mancher Abend, den sie trüb auf ihrem Zimmer verbracht hatte, wäre leichter vorbeigegangen, wenn sie ihre Schmerzen in dem eigenartigen Stimmungsreiz hätte vergessen können, der um das Zusammensein mit ähnlich Strebenden und ähnlich Leidenden gebreitet liegt. Der häßliche Glür, der stets in ihr Nachsinnen hineinsprach! Auf der Bühne, auf der vorher der Virtuose mit dem lyrischen Gesicht und den grauen langen Locken seine Stücke vorgetragen hatte, spielte jetzt ein junger Musiker seine eigenen Kompositionen und fand Gehör und Beifall. Die freiwilligen Vorträge folgten sich nun rasch. Junge Dichter, die keine Gelegenheit hatten, ihren Versen sonst Luft zu machen, eilten aus der Gesellschaft auf die Bretter und trugen mit schauspielerisch verzückten Gebärden ihre Strophen vor, viel Weltschmerzliches und Übermütiges, Wildes und Unvergorenes. Jeder fand seine Gemeinde. In einem blauen Qualm von Tabakrauch wuchs die Stimmung und erreichte die volle Höhe, als Ludwig Iselwart, ein Dichter von bekannterem Namen, Poet, Sänger und Lautenkünstler zugleich, die Lieder eines modernen Troubadours sang – mit Schmelz und Feuer sehr schön sang. Auch Hilde war von dem Vortrag hingerissen. Dennoch entging es ihr nicht, wie das Augenspiel zweier Damen spöttisch auf ihrem Begleiter ruhte und Kuno Glür darüber unruhig wurde. Was immer das höhnische Herüberschauen bedeuten sollte – es berührte sie höchst unangenehm, sie berief eines der Wirtsmädchen und beglich ihre kleine Zeche. »Aber – aber – das ist doch meine Angelegenheit!« stotterte Glür. »Sie gestatten mir, daß ich aufbreche«, erwiderte Hilde. »Sie können ja noch bleiben.« Ein kleines Wortgefecht entstand zwischen ihnen, und Glür gab sich als den Beleidigten. Plötzlich änderte er aber den Ton der Stimme: »Dort kommt ja Dombaly. Wenn er sich gesetzt hat, will ich Sie ihm vorstellen.« Hilde blieb. Ja, er war's, der Künstler, der ste auf der Menterschwaige gezeichnet hatte. Und er kam allein. Hei, wie Kathi Kreuzer sich beeilte, dem berühmten Stammgast Hut und Mantel eigenhändig abzunehmen. Nach verschiedenen Seiten zerstreut grüßend, setzte sich Dombaly und ließ die nachtdunklen Augen ziemlich teilnahmslos durch die Gesellschaft schweifen. Das lebensvolle Bild bot ihm wohl nichts Neues. Hilde schien es, als ob über seinem Vornehmen Gesicht ein Ausdruck der Übermüdung oder der inneren Verdüsterung gebreitet sei, und hielt die Stunde nicht für günstig, ihm ihr Anliegen vorzubringen. Auch Kuno Glür trug auf einmal Bedenken, ihr seine Bekanntschaft zu vermitteln. Nun aber hafteten die dunkeln Lichter Dombalys fragend und erkennend an ihr. Der Ausdruck der Übermüdung oder schlechten Laune war aus seinen Zügen verschwunden, sein Gesicht angeregt und wahrhaft schön. Eine Weile blickte er sinnend und bewegungslos, nun aber holte er das Taschenbuch hervor, zog das kleine Zeichnungsblatt heraus, verglich nur einen Herzschlag lang – und nickte und grüßte mit einem gewinnenden Lächeln. Hilde erwiderte den Gruß mit einer leisen Zurückhaltung, und Glür, der den Vorgang nicht verstand, machte ein blödes Gesicht dazu. Da erhob sich Dombaly und kam mit fast jugendlich leichtem Schritt zu ihrem Tisch hin. »Glür, stellen Sie mich doch mal Ihrer Dame vor«, bat er – und dann schüttelte er Hilde die Hand, als wären sie Kameraden. »Es ist mir eine große Freude, daß ich Sie wieder treffe, Fräulein Rebstein«, versetzte er mit hell angeregtem Mienenspiel. »Das im Isartal skizzierte Köpfchen ist mir sehr liebgeworden. Eine Viertelstunde, die uns lächelt – und wir schaffen Besseres als die Woche lang. Ich bedaure nur jetzt noch, daß ich Sie den Heimweg von der Menterschwaige nach München mußte zu Fuß gehen lassen. – Sehen Sie, dort zeichnet Sie ja auch einer!« Hilde hatte den blassen jungen Mann, der wohl den Todeskeim in der eingefallenen Brust trug, bereits bemerkt, in diesem Augenblick aber fesselte sie nur Dombaly, aus dessen dunkeln Augen ein Sprühfeuer forschender Teilnahme auf sie überströmte. – Was für ein zauberischer Mensch! »Und dürfte ich mir Ihren Rat in einer eigenen künstlerischen Angelegenheit erbitten?« fragte sie errötend und mit bescheidenem Augenaufschlag. Er lächelte ihr mit jenem hinreißenden Ausdruck knabenhafter Güte zu, den sie schon früher an ihm bemerkt hatte, und wandte sich an Glür: »Sie gestatten, daß ich Fräulein Rebstein zu mir herüberziehe«, versetzte er im Tone der Selbstverständlichkeit und ohne ihn zugleich einzuladen. Hilde entschuldigte sich bei ihrem Begleiter und war froh, als sie in einer geborgenen Ecke neben Dombaly saß. Eine Anzahl Gäste war auf ihre Begrüßung mit dem Künstler aufmerksam geworden, und sie liebte es doch nicht, daß um ihretwillen Aufsehen entstand. »Na – und was ist Ihr Anliegen, Fräulein Rebstein?« forschte Dombaly sogleich. Sie erzählte ihm in raschen Zügen ihr Mißgeschick als Malschülerin und ihr Ende bei Professor Waldhier. Er horchte aufmerksam, und ihre Wangen erglühten unter seinen durchdringenden Augen. »Nein, Ihr Schiffbruch bei Waldhier beweist nichts gegen Ihr Talent«, erwiderte er sinnend. »Diese Schulen sind Schacher mit dem Geld und der Zeit der Jugend. Ich aber hätte Lust, selber einmal zu prüfen, wie es um Ihr Talent beschaffen ist, mir von Ihnen etwas vorzeichnen zu lassen. Irgend ein Wesenszug Ihres Gesichtes gibt mir Hoffnung. Es ist ein schwerer Tropfen Blut in Ihren Adern. Darin rollt vielleicht das künstlerische Gold. – Doch da kräht schon wieder einer von den künftigen Dichtern und Sängern, und man versteht das eigene Wort nicht. Die Kneipe war früher angenehmer.« Ein knirschender Laut schloß seine Worte. In der Tat war in dem wachsenden Lärm, mit dem die Gesellschaft den langweiligen Vortrag eines jungen Poeten zum Schweigen zu bringen versuchte, eine ernsthafte Unterhaltung nicht möglich. Hilde sann. Ein Tropfen schweren Blutes! Das hatte ihr außer Dombaly noch niemand gesagt. Er hatte aber recht. Das fühlte sie selbst. Unter all ihrer Jugendlichkeit und Frische strömte hemmend dieses schwere Blut. Sie hatte ja in diesen Tagen so sehr darunter gelitten. Was war Dombaly für ein scharfer Beobachter und Menschenkenner! Und die Talentprobe? Ja, da war es schon wieder erwacht, ihr mächtiges künstlerisches Wollen! – Ihr Blick streifte zufällig Kuno Glür. Er hatte Anschluß in einer Gesellschaft von Herren und Damen gefunden, führte das große Wort und sprach dem vor ihm stehenden Mosel fleißig zu. Der junge Poet war glücklich von den Brettern gelärmt worden, wieder etwas Ruhe in die Gesellschaft eingekehrt. »Verfluchtes Zeug, was jetzt die Jugend dichtet«, bemerkte Dombaly mit Lachen. »Keine Grammatik, kein Stil, kein Sinn, kein Zusammenhang, nur klingende Wörter! Ich bin sonst ein Freund der Lyrik, und einer der liebsten unter den neueren Dichtern ist mir Ihr Schweizer Landsmann Heinrich Leuthold. Sein ,Trinklied' enthält meine Leib- und Lieblingsstrophen – ich habe mich davon selbst zu einem Bild anregen lassen.« Eine Flamme schlug aus seinem Augenpaar. Zu Hilde gewandt, rezitierte er mit halblauter Stimme: »Uns aber laßt zechen! – und krönen Mit Laubgewind' Die Stirnen, die noch dem Schönen Ergeben sind!« Und bei den Posaunenstößen, Die eitel Wind, Lachen über Größen, Die keine sind!« In steigender Wärme und Begeisterung sprach Dombaly die Strophen mit metallen erbebendem Wohllaut der Stimme. Künstlerische Verklärung ruhte auf seinem schönen und bedeutenden Gesicht, und nachdem er gesprochen hatte, ließ er eine Weile noch das innere Ohr den Versen lauschen. Er wiederholte: »– – – – – und krönen Mit Laubgewind' Die Stirnen, die noch dem Schönen Ergeben sind!« Wie heiliges künstlerisches Feuer strömte es von ihm durch die tönenden Strophen auf Hilde hinüber. Aus tiefem Sinnen versetzte er plötzlich: »Der Mann wußte, was Schönheit ist, etwas Geweihtes und Keusches, das keiner ungestraft vor die Säue, Protzen und Manichäer wirft. An uns Künstlern ist es, zu bedenken, daß wir die Aristokraten vom Geiste sind, die Könige, die geheime Kronen tragen, aber –« Er vollendete den Satz nicht, eine scharfe Bitterkeit lagerte um seinen Mund, er schwieg verdüstert und fragte dann plötzlich: »Wie sind Sie nur in die Gesellschaft Glürs geraten? Ich mag den Kerl nicht. Das ist ja auch bloß eine klingende Schelle, einer von denen, die, weil sie reich sind, glauben, sie dürfen sich überall anfreunden, überall dreinsprechen, um ihre Bankscheine sei alles käuflich, alles beuge sich davor, Weibesliebe und Kunst, Intelligenz und Genie! – Pfui Teufel!« Das war also die Freundschaft zwischen Dombaly und Glür, mit der dieser geprahlt hatte. »Wir haben dieselbe Heimat. Das ist unsere Bekanntschaft. Ich gehe heute das erstemal mit ihm – und das letztemal!«, versetzte Hilde beschämt und in großer Verlegenheit. »Also keine Geschmacksverirrung«, lächelte Dombaly schon befriedigt. »Ich mag sonst Ihre Landsleute, gerade die Künstler unter ihnen sind ernsthafte und tüchtige Menschen, ich kenne hier auch eine Familie Herdhüßer aus der Schweiz, hervorragende Menschen, aber selbstverständlich hat jedes Volk auch seine Lausbuben. Glür ist einer der ihrigen. – Und nun, Fräulein, kommen Sie morgen mal in mein Atelier. Am liebsten gleich nach neun. Da wollen wir sehen, wie es um Ihre Kunst steht.« Er nannte ihr eine Straße im alleräußersten Schwabing, wo die schon lockeren Häusergruppen an Felder und Wiesen grenzen. Hildes Augen strahlten dankbar auf. Das war ja wieder ein Hoffnungsschein für ihre Kunst, für ihre bedrängte Kunst! – Aber auch Zeit war's für sie, an den Heimweg zu denken. Die Uhr ging schon auf Mitternacht, und im »Gläsernen Himmel« lichteten sich die Reihen der Gäste merkbar. Auch die Gesellschaft, in die sich Glür eingenistet hatte, war aufgebrochen. Er saß einsam vor seinem Mosel. Oh, wenn sie ihm nur schon gute Nacht geboten hätte! Sie verabschiedete sich dankend von Dombaly und nahm widerstrebenden Herzens die Begleitung des Studenten an. Auf dem Heimweg beklagte er sich bitter, daß ihn der Künstler geschnitten habe, sprach von Zeugen schicken, und aus seinen großen Worten merkte Hilde, daß ihm der Wein zu Kopfe gestiegen war. Wenn sie ihn nur schon los wäre! Da war sie mit ihm an ihrer Haustür angekommen. Sie dankte – er aber hielt ihre Hand fest, stammelte eine halbe Liebeserklärung, und sie wußte erst nicht, sollte sie darüber lachen oder zornig werden. Halb im Scherz, halb im Ernst versuchte er ihr einen Kuß zu geben. Da wurde sie wirklich zornig. »Was bilden Sie sich ein, was unterstehen Sie sich, Herr Glür!« bebte ihre Stimme, »Nie – nie!« »Aber Hilde!« stotterte er in blinder Verliebtheit. »Kein Wort mehr! Schicken Sie mir die Bilder zurück, wenn dies der Sinn Ihrer Erwerbung war«, grollte sie. »Ich werde sie morgen bei Ihnen abholen lassen und Ihnen das Geld zurücksenden!« Ihre zürnende Sprache ernüchterte ihn. »Aber die Bilder sind ja bereits in St. Agathen«, erwiderte er. »Hilde!« Er tastete nach ihrer Hand. »Nein, nicht Hilde!« schalt sie scharf. »Eine Freundschaft zwischen uns ist unmöglich. – Mein letztes Wort! – Gute Nacht, Herr Glür!« – In gegenseitiger Verstimmung trennten sich die Heimatgenossen. Die Bilder sind ja schon in St. Agathen. Das beruhigte ein wenig den Zorn Hildes. Kuno Glür hatte also den Handel doch in ehrlicher Absicht eingeleitet und geschlossen. Daß er nun aber glaubte – nein, das war zu töricht! – Wofür hielt er sie? – Sie gehörte doch nicht zu denen, die sich von ein paar Bankscheinen blenden und bestechen lassen. Lieber mit der bittersten Not kämpfen. – Wie gemein, einer Heimatgenossin in der Fremde mit unlauteren Zumutungen zu kommen! Die Freude an dem Verkauf der Bilder war ihr vergällt. – Glür küssen? – Nur einem würde sie einen Kuß geben, wenn er sie darum bäte, und auch dem nur in aufrichtigen Ehren. – Siegfried, dem Nordländer! – Und morgen suchte sie Dombaly auf und zeichnete ihm in seinem Atelier etwas vor. Wenn er nun urteilte, sie habe doch Talent. Was dann? – In neuen Hoffnungen verebbte allmählich Hildes Zorn. 10 Draußen, wo sich die letzten Häuser Schwabings und das freie Feld berühren, lag mit einer Reihe Atelierfenster im Erdgeschoß und mit Balkonen an den oberen Stockwerken das Künstlerheim Dombalys, ein großer, stattlicher Bau in modern freier Architektur. Hilde war schon oft an dem Hause vorbeigegangen. Sie liebte die Landschaft im Norden der Stadt, die ebenen Wiesen, Feld- und Waldspreiten, die sich über Dorf und Schloß Schleißheim in den Nebelduft der Ferne erdehnen. Unter der weiten, reinen Glocke des Himmels regte sich kein Laut, aber jeder Baum und jeder Kirchhelm war umblaut und umsilbert von Luft, Licht und Sonne, und in den zartesten Übergängen spielten auf der Erde und am Himmel die Lichter und Farben der Tageszeiten – oder es segelten die Wolken hoch in der Bläue und ihre Schatten über die Felder und Wälder, und dann empfand sie die sonnige Weite der Ebene erst recht tief. Die Seele der Landschaft war so anders, als daheim im Tal der Aa. Eines aber war ähnlich wie in der Heimat. Wenn die Sonne und das Wetter wohlwollten, dann leuchtete vom Südrand des Himmels ein Kranz von Zinnen und Gipfeln traumhaft hernieder, ein weiter Bogen hoher, heller Berge. Und noch eines. In der Einsamkeit dieser Ebene stieg wie in der Einsamkeit der heimatlichen Waldberge die Kraft des Bodens in die Sinne – die Lebenshoffnung blühte wieder auf. Sie regte sich auch heute wieder in ihrer Seele. Pochenden Herzens stand sie an der Tür des schmalen Vorgartens. Sie hatte stets geglaubt, in dem großen Gebäude wohne und arbeite eine Kolonie von Malern. Nun war es, wie das Türschild wies, einzig die Künstlerwerkstätte und das Junggesellenheim Dombalys. Eine stämmige Haushälterin öffnete. Sie las Hildes Karte, versetzte: »Ja, der Herr erwartet Sie«, und maß sie neugierig vom Kopf bis zu den Füßen. Hielt die Haushälterin sie wegen der ungewohnt frühen Besuchsstunde für ein Modell, das sich zu melden kam? Just kein angenehmer Gedanke. Das Vestibül schon verriet luxuriösen Reichtum. Seine Decken und Wände waren mit farbenleuchtenden pompejanischen Ornamenten geschmückt, in üppigem Blattpflanzenwerk erhoben sich die Torsen von Erz- und Marmorstatuen, lagen Bildstücke und Urnen, Friese und Kapitale, die von einer griechischen oder römischen Ausgrabung stammten. Unter der Tür erschien Dombaly im weißen Malkittel, die Palette mit den frisch aufgesetzten Farben in der Hand. »Ah, Fräulein Rebstein«, rief er ihr frohgelaunt entgegen, »Sie studieren meine Antiken!« Er geleitete sie in das Atelier und winkte einem hübschen Italienerknaben, der, nur ein Tuch um die Lenden geschlagen, auf einem Postamente Akt stand, daß er niedersteigen und sich ausruhen möge. »Wie Sie sehen, habe ich erst mit der Anlage des Bildes begonnen«, plauderte der Künstler. »Ich habe mir den Burschen gestern frisch von einem Bauplatz weggeholt. Um die Italiener ist es doch etwas Besonderes. Giovanni, der vielleicht nicht lesen noch schreiben kann, begreift die Stellungen sofort, er weiß von selber, was schön und malerisch wirksam ist. Ein begabter Junge! Denken Sie sich die Mühe, bis ein deutsches Modell ordentlich gestellt ist! – Doch legen Sie ab, Fräulein Rebstein, es ist warm hier drinnen.« »Und hell und wonnig«, fügte Hilde hinzu. »Wohin das Auge schaut, ruht es auf Gegenständen und Farben, die ihm wohltun.« »Ich bedarf für meine Arbeitsstimmung einer schönen Umgebung, der gewählten Kunst um mich. Vor allem eines schönen Modells. Jeden Tag etwas ausgesucht Gutes essen und trinken, nicht viel, aber sehr gut – am Abend eine anregende Unterhaltung, wie gestern im ›Gläsernen Himmel‹ mit Ihnen; Damengesellschaft, Herren zählen wenig. Da kann ich malen!« Dombaly war ein überfeinerter Schönheits- und Luxusmensch. Das klang durch seine Rede und lag sichtbar in seinem Wesen ausgeprägt, nicht am wenigsten in den wie von Künstlerhand geformten Händen; es ruhte aber in seiner Erscheinung auch so viel ursprüngliche männliche Kraft, daß sich aus dem Zusammenspiel der Stärke und der Überfeinerung eine schier ideale Mannes- und Künstlergestalt ergab. In anregender Unterhaltung schritt er mit Hilde langsam durch das Atelier. Wohlig erwärmt, erstreckte sich dieses wie ein Museum von einem molligen und schönen Gemach zum anderen. Die durch Halbabschlüsse verbundenen Räume, die Nischen und die lauschigen Ecken, der Reichtum an allerhand Kunst erinnerten Hilde an ein weltfernes, verträumtes Schloß, über das der Alltag keine Macht besaß. Der kostbarste Schmuck des Ateliers, das ebensosehr wie für die Arbeit des Künstlers auch für den Empfang von Gästen eingerichtet war, bestand in Bildern von allgemein bekannten und berühmten Malern. »Geschenke«, bemerkte er. »Austauschgeschenke! Ich habe die schöne Sitte unter den Künstlern, sich gegenseitig Werke zu stiften, stets besonders gern gepflegt. Es ist ein großer Schatz, den man auf diese Art zusammenbringt. Es braucht ja nicht alles in die Hände der Philister zu wandern!« »Sie müssen aber doch nicht auf den Verkauf malen. Sie sitzen ja in einem unglaublichen Reichtum«, drängte sich's Hilde auf die Lippen, sie unterdrückte aber die Bemerkung. Was gingen sie Dombalys ökonomische Verhältnisse an! Da und dort in den Räumen waren Gemälde seiner eigenen Hand, die einen vollendet, die anderen unvollendet, die einen mit, die anderen ohne Rahmen, meistens weibliche Bildnisse von hoher Schönheit. Sie bestärkten Hilde in dem Eindruck, den sie schon auf der Ausstellung Dombalys empfangen hatte, daß er der berufene Darsteller der Frauenschönheit sei, der modernen Frau aus Welt und Gesellschaft. Und neben den Gemälden, die er im Auftrag geschaffen hatte, standen die zahlreichen Werke einer freien Kunst, viele männliche und weibliche Akte. Woher nur all die schönen Modelle? überlegte Hilde fast andächtig. »Manche der Bilder sind schon verkauft«, plauderte der Künstler, »ich komme aber nicht leicht zur Ablieferung. Ich muß immer wieder, mit den Augen wenigstens, drüberhin, und manchmal arbeite ich auf diese Art an einem Dutzend Bilder zugleich. Das hat seine Vorzüge, sie wandern doch nicht in die Welt wie die Hühnchen, die noch die Eierschalen am Rücken tragen; seine Nachteile aber auch, man wird die Modelle nicht los, und das ist ein teurer Sport, denn ich halte auf frische Modelle, die noch durch keine andere Malerhand gegangen sind.« Gewiß, Dombaly nahm es sehr ernst und gewissenhaft mit seiner Kunst – überhaupt, wie er in seinem Atelier ging, stand, schaute und seine zwanglosen Betrachtungen anstellte, das fesselte Hilde in stiller Bewunderung. »Raube ich Ihnen nicht zuviel von Ihrer kostbaren Zeit?« fragte sie. »Es gibt Menschen, für die ich nie Zeit habe. Dazu gehören gewisse Kunsthändler. Für Sie, Fräulein Rebstein, aber habe ich schon ein Stündchen übrig«, und um seinen Mund spielte jenes reizende und herzensgütige Lächeln, das ihn um zehn Jahre zu verjüngen schien. »Ein Bild muß ich Ihnen noch zeigen!« Sie traten in eine Abteilung des Ateliers, in der das Licht durch Orangevorhänge ungemein stimmungsvoll auf einen lebensgroßen weiblichen Akt fiel. Die schöne und verliebte Mizzi aus dem Isartal, durchzuckte es Hilde. Das Haupt mit Laub und Rosen umkränzt, die Hände leicht um die Knie gefaltet, lehnte ein junges Weib in samtner Schönheit und Nacktheit. Träumend und suchend schaute es in die Weite. Über einer herrlich gerundeten Schulter drang die volle dunkelblonde Haarflut vor und ließ den halb jugendlichen, halb üppig reifen Leib in zauberischer Schönheit und Blendkraft, in virtuoser Farbenzusammenstellung wirken. Dombaly zog den Vorhang ein wenig zurück, wodurch die Gestalt noch starker ins Licht gesetzt wurde, und betrachtete diese stumm. Eine Falte bildete und vertiefte sich zwischen seinen Brauen. »Was sagen Sie dazu?« wandte er sich an Hilde. »Daß es wohl das Schönste und Vollendetste ist, was Sie je geschaffen haben«, versetzte sie kleinlaut. Gott, wenn sie dieses Bild in seiner leuchtenden Schönheit ermaß und dabei an ihr eigenes kleines Können dachte, entfiel ihr der Mut, mit Dombaly von ihrer Kunst zu sprechen. Sie fühlte sich von dem Licht, Leben und Stimmung atmenden Gemälde wie zertreten. »Das Bild sollte das Schönste und Vollendetste werden, was ich schuf«, erwiderte Dombaly mit grübelndem Ernst. »Ist es aber nicht – im Gegenteil ein Ärger!« Er machte mit der Hand den Seiten des Bildes entlang eine Bewegung. »Ich würde es am liebsten aus dem Rahmen schneiden, wenn das nicht der helle Wahnsinn wäre. Es stecken zwei Monate Arbeit darin, und die Mizzi Schäfer war kein billiges Modell. – Sehen Sie nicht, woran es der Figur fehlt – dem Gesicht nämlich!« »Nein«, gestand Hilde nach einer Pause, in der sie den Kopf noch einmal prüfend überflog, »ich kann in dem Gemälde nur bis auf den letzten Rest aufgelöste Kunst erkennen.« »Sie sollen den Mangel auch nicht im Technischen suchen, gewiß ist es als bloßes Malstück ein Dombaly ersten Ranges; ich will Ihnen aber sagen, was mir bei der Konzeption des Bildes vorschwebte, die Strophe Leutholds, die ich Ihnen schon gestern abend vorgesprochen habe: ,– – – – – – und krönen Mit Laubgewind' Die Stirnen, die noch dem Schönen Ergeben sind.' Ich dachte an eine Dichterin oder Künstlerin, die, wonnig erschauernd über ihrer schöpferischen Seele, den Hauch desjenigen spürt, der Himmel und Erde erschaffen hat, und die sich in der Begeisterung selber den Kranz aufs Haupt setzt.« »Diese Gestalt gibt nun freilich das Gemälde nicht«, lächelte Hilde, »aber es ist doch ein schöner Frauenakt – sogar ein sehr schöner!« »Ein sehr schöner«, spottete Dombaly. »Dem Gesicht fehlt nur das Allerwesentlichste – die Seele! – Dieses Weib denkt nicht, oder es denkt höchstens: »Wer bringt mir jetzt ein Kleid zum Anziehen? – Ich bin ja nackt!« Ihm fehlt die aus schöpferischem Sinnen kommende Selbstvergessenheit – man sieht sofort das zurechtgestellte oder -gelegte Modell, und darum mangelt ihm die feine Wirkung. Ich würde mich nicht wundern, wenn jemand sagte: »Und nun der Mizzi Schäfer noch den Kochlöffel in die Hand!«« Ja, nun sah auch Hilde und mußte der Selbstverspottung des Künstlers recht geben. Das Antlitz der Figur war alltäglich. »Und mögen Sie das Gesicht nicht aus eigenem idealisieren?« Dombaly schaute sie sinnend an, aber er verwarf den Gedanken: »Nein, da wird's erst ein ganzes Pfuschwerk. Ich kann nur malen, was ich sehe; ich muß Mizzi Mizzi bleiben lassen. Es ist mir eine innere Unmöglichkeit, den Typ der Kleinbürgerstochter nun ins seelisch Heroische zu steigern.« Auch Hilde verstand, daß ein Künstler sich nicht leicht von der Wirklichkeit des Modells löst, in dessen Züge und Formen er sich viele Wochen vertieft hat. Zugleich beschäftigte sie die Frage: Wie kommt ein Bürgermädchen überhaupt dazu, Modell zu stehen? Sie war froh, als sich Dombaly zum Weitergehen wandte. »Mich reut nur der wunderbare Leib«, versetzte er mit einem letzten unzufriedenen Blick auf das Bild, und wie um zu vergessen, zog er die silberne Zigarettendose: »Rauchen Sie, Fräulein? – Es ist echter türkischer Tabak!« – Hilde lehnte dankend ab. »Ich bin der Sklave der Zigarette«, plauderte er. »Ich muß am Morgen meine zehn bis zwölf Stück rauchen, bis mir ein Pinselstrich gerät. – Ein verfluchtes Kapitel für uns Künstler, die Nerven! – Sie sind wohl nicht nervös? Man denkt vor Ihrer Erscheinung an Wald, an Quellen, an Luft der Berge, und wenn man wie Sie durch ein paar Malschulen gegangen und so frisch geblieben ist, da ist doch eine große Vorbedingung der Kunst erfüllt. Kraft – Kraft – Kraft! Siebenmal im Tag soll der Künstler um Kraft beten, nicht nur um Ideen, sondern auch um die leibliche Stärke. Was helfen alle Erleuchtungen und intuitiven Geister, wenn der Leib ein schwaches Pferd ist, das unter der Reiterin Kunst zusammenbricht!« Er warf die schon niedergebrannte Zigarette von sich und hielt den Schritt an. »Gerade weil ich mir von Ihrer Kraft und gesunden Jugend etwas verspreche, Fräulein Rebstein, lockt es mich zu dem Versuch, Sie als Schülerin in mein Atelier aufzunehmen. Sie sind die erste und einzige, und es bleibt wohl bei diesem einen Versuch. Es reizt mich aber, Waldhier und seiner Sippe, die ja doch nur ein armes, betrogenes Künstlerproletariat züchten, zu beweisen, was ein Dombaly aus einer Malschülerin, die sie aufgegeben haben, erzieht! Ich kann auch nicht an einen Irrtum denken, wenn Sie sich selber Talent zusprechen. Eine so ursprüngliche und starke Natur wie Sie irrt nicht!« Er ging mit Hilde durch die Räume des Ateliers zurück. Ihr fieberten die Wangen. »Wie stehen Sie denn materiell, Fräulein Rebstein?« nahm Dombaly wieder das Wort. »Ich frage nicht aus Neugier, sondern aus bestimmtem Grund.« »Materiell rechnen Sie mich unter die angehenden Künstlerinnen, die mit Schwartenmagen vorliebnehmen müssen«, scherzte sie. »Haben Sie schon Zeichenunterricht erteilt?« »Noch nie!« Sie waren zu der Staffelei zurückgekehrt, auf der das angefangene Bild des Italienerjungen stand. »Giovanni schläft«, bemerkte Dombaly und deutete auf den vornübergeneigt dasitzenden Knaben. »Ein schöner Kerl. Und nun, Fräulein Rebstein, dort ist ein Schemel für Sie – da ist Material. Zeichnen Sie ihn! Sieben Striche genügen mir. Ich gebe Ihnen eine Viertelstunde Zeit dazu und sehe unterdessen, was mir zu tun bleibt. Es geht Ihnen wohl wie mir, ich kann nicht zeichnen, wenn mir jemand zusieht oder wenn auch nur jemand außer dem Modell in meiner Nähe atmet. Es widerspricht der Weihe der Arbeit.« Er ließ sie. Weihe der Arbeit! Das Wort gefiel Hilde. Wer hatte bei Waldhier je von Weihe der Arbeit gesprochen? Sie hatte die Absicht, Dombaly ein möglichst gutes Probestück ihres Talentes zu weisen, aber sie war zu aufgeregt, um sich in ihre Aufgabe sammeln zu Können. Das Entgegenkommen, die Güte des Künstlers gingen weit über ihre Erwartungen hinaus und verwirrten sie. Tat sie wohl, auf sein hochherziges Angebot einzugehen? In seinem Wesen lag unendlich viel, was gewann und Vertrauen erweckte. Sein Plan konnte für sie die Erfüllung der geheimsten Träume, Lebenswende nach den Höhen der Kunst bedeuten. Ein jäher Ehrgeiz ging in wallenden Stößen durch ihre Seele, sie kam aber nicht über Bedenken hinaus, die sie umsonst in Worte zu fassen suchte. Namentlich die Küsserei Dombalys mit der schönen Mizzi, über die er jetzt doch ziemlich wegwerfend sprach, lag ihr wie etwas Störendes im Sinn. Sie zwang sich zu zeichnen, und bald standen einige Umrißlinien auf dem Blatte. Da schoß Giovanni plötzlich aus seinem Schlaf empor. In seiner Schlummertrunkenheit erinnerte er sich wohl nicht mehr an ihren Eintritt in das Atelier, nun stand der braune, nackte Junge mit groß aufgerissenen Augen, wie von einer Wundererscheinung gebannt, vor ihr, rang verzweifelt die Hände und konnte es nicht fassen, wie sich der Maler Dombaly plötzlich in ein weibliches Wesen verwandelt haben sollte. Hilde lachte über den verzweifelten Burschen hellauf. Das Lachen lockte Dombaly herbei. »Wirklich nur sieben Striche!« Er betrachtete das Blatt aufmerksam. »Wir wollen versuchen, Fräulein Rebstein, was an Ihnen künstlerisch herauszubilden ist«, sagte er ernst. »Ich setze voraus, daß Sie sehr fleißig sind, und im nächsten Sommer oder Herbst wollen wir sehen, ob wir nicht ein oder ein paar Bilder von Ihnen in Ehren zur Ausstellung bringen können. – Die ökonomische Seite der Angelegenheit? – Schulgeld bezahlen Sie mir keines, das wäre unter meiner Würde; dagegen vergüten Sie mir die Auslagen für Ihre Modelle. Das meiste an diesen Kosten können Sie sich nicht zu schwer durch Privatstunden in der Familie Herdhüßer verdienen, von der ich Ihnen schon gestern flüchtig gesprochen habe. Der Doktor, ein hochgebildeter Mensch, ist Ihr Landsmann, die Frau eine Norddeutsche, auch ein geistig bedeutendes und ein für uns Künstler anziehendes Weib – goldblonde Ingeborg. Die Leute haben sich im Sommer in St. Moritz kennengelernt, im Herbst geheiratet, der Doktor in zweiter Ehe. Da er einen entwickelten Sinn für die Kunst besitzt und irgendwo am Oberrhein eine neue Villa mit Kunstgegenständen und Bildern ausstatten will, verbringt er mit seiner jungen Frau den Winter in München. Vor kurzem war er mit seinen Kindern erster Ehe, einem sechzehnjährigen Jungen und einem vierzehnjährigen Töchterchen, schöner und gescheiter Jugend, bei mir im Atelier, erzählte mir beiläufig, daß er den beiden bis zum Frühling Unterricht im Zeichnen geben lassen wolle, und fragte, ob ich ihm dafür einen geeigneten jungen Mann wüßte. Melden Sie sich, Fräulein Rebstein – am besten melden Sie sich heute, damit Ihnen niemand zuvorkommt. Man weiß ja nicht, wo sich Doktor Herdhüßer vielleicht noch nach einem Lehrer erkundigt hat.« »Für diesen Rat muß ich Ihnen allerdings innigst danken, Herr Dombaly. Ich werde mich um die Stunden bewerben.« Ein warmer Glücksstrahl flog über das Gesicht Hildes. »Ich zweifle, wie ich ihn kenne, gar nicht, daß sich der Doktor sehr freuen wird, in Ihnen eine junge Landsmännin begrüßen zu dürfen, und daß Sie Ihrerseits ebenso glücklich über die Gelegenheit sein werden, in das Haus der wirklich herzensfeinen Menschen zu treten. Die Stunden möchte ich Ihnen zu meinem eigenen Vorteil zuwenden. Herdhüßer ist ein ebenso geschmackvoller wie vorsichtiger Bilderkäufer. Da hat es für mich einen gewissen Wert, wenn ich durch meine Schülerin mit ihm und seinem Hause stets ein wenig verbunden bin. So oft er Sie sieht, muß er an mich denken. Daran liegt mir. – Doch ich spreche von Ihnen schon als meiner Schülerin. Sie aber haben sich noch nicht geäußert, ob Sie geneigt sind, es zu werden!« Seine Augen ruhten mit durchdringendem Strahl in den ihren. Eine Zögerung lag in ihrem Gesicht. »Gewiß, auch dafür bin ich Ihnen größeren Dank schuldig, als ich in Worte fassen kann«, stammelte sie, »doch –« Sie stockte gequält. »Doch?« drängte er erwartungsvoll lächelnd. »Sprechen wir uns frei gegeneinander aus!« »Können wir gemeinsam in diesen Räumen arbeiten, ohne« – sie besann sich – »ohne daß wir in Verlegenheiten kommen – vor der Welt?« »Und vor uns selbst«, lachte Dombaly herzlich. »Das ist wohl der innerste Kern Ihres Besinnens. Sie dürfen sich mit Recht sagen, daß Sie jung und eine gewinnende Erscheinung sind, und mit gleichem Recht, daß ich nicht alt genug sei, um Ihnen bloß als Ihr väterlich für Sie fühlender Freund an die Hand zu gehen. Nicht? Das ist's!« Hilde nickte errötend. »Auge in Auge, Hilde Rebstein«, versetzte Dombaly eifrig. »Wenn ich auch keine Schwörfinger erhebe, sage ich Ihnen über mein Verhältnis zu den Frauen die Wahrheit. Ich heirate nicht, die Beispiele sind zu häufig, daß die Kunst des Mannes unter der Eifersucht der Künstlersgattin verdirbt. Ich bekenne mich also zur freien Liebe und bin, was die Frauen angeht, treulos wie der Schmetterling, der von Blume zu Blume flattert und bei keiner bleibt. Künstler mit jeder Faser, liebe ich das Weib vornehmlich durch die Kunst. Jede meiner Liebschaften ist im Grunde eine Modelljagd. Modell, ein möglichst schönes Modell – das ist mein Gedanke auf der Straße, im Konzert, im Theater. Und zuweilen habe ich ja Glück. Aber ich hänge an jeder Dame nur, bis ich sie gemalt habe. Nachher ist sie für mich ausgeschöpft und mag gehen wie die Mizzi, mit der Sie mich auf der Menterschwaige sahen. Na, das ist mal so, und im allgemeinen verdienen die Weiber auch nichts Besseres.« Eine seltsame Rede, dachte Hilde, und »Oho« flammte ihr Widerspruch auf. »Da unterschätzen Sie unser Geschlecht doch sehr stark! Sie haben wohl nicht viel Gutes kennengelernt!« Der temperamentvolle Einwurf erregte das Wohlgefallen Dombalys. Um seinen Mund spielte das jugendlich gütige Lächeln. »Doch – ich kenne – und ich unterschätze nicht«, erwiderte er ernst. »Der, den man oft als einen Blasierten unter den Künstlern schildert, kann vor manchen Mädchen und Frauen wieder zum schüchternen Schuljungen werden. Es müssen aber reine und hohe, durch ihr Seelenleben geadelte Mädchen und Frauen sein! Dann kommt mir die Theorie der freien Liebe selbst abgeschmackt und dumm vor. Gegenüber diesen Gestalten gibt es nur ein Entweder-Oder – Hand weg, oder die Ehe! Dieses Gefühl habe ich auch vom ersten Augenblick gegen Sie gehabt – die Erkenntnis eines Tropfen schweren Blutes in Ihrem Wesen – die Empfindung, daß Sie mit ganzem Ernst genommen weiden müssen – eine Hochachtung für Ihre persönliche Art, die gar nichts damit zu tun hat, ob Sie Kunsttalent besitzen oder nicht. Also, Hilde Rebstein, heiraten werde ich Sie aus Ehescheu nicht, aber auch von meiner Theorie der freien Liebe nehme ich Sie aus. Sie werden mir als meine Schülerin in Ihrer Weiblichkeit geheiligt sein. Und um meine Liebschaften mit anderen Damen kümmern Sie sich nicht!« Hilde war glühend überzeugt, daß Dombaly aus ehrlichster Seele spreche. Wozu die Zaghafte sein? Vertrauen gegen Vertrauen! In kühnem Entschluß streckte sie ihm die Hand hin, blickte ihm mit vollem Strahl in die Augen und sagte freudig: »Wenn ich darf, werde ich Ihre Schülerin!« Auch im Gesicht Dombalys stand reine Freude. Er schüttelte ihr herzlich die Hand. »Auf gute Kameradschaft, Rebstein«, versetzte er. »Und daß was Tüchtiges wird! Ich lasse das Fräulein von nun an weg und bin Ihnen meinerseits ebenso einfach Dombaly. Ich werde für Sie ein Modell besorgen und erwarte Sie morgen um neun. Und jetzt« – er zog die Uhr –, »jetzt fahren Sie mit der Straßenbahn zu Doktor Herdhüßer und bewerben sich um die Zeichenstunden. Ich werde Sie telephonisch anmelden und empfehlen und erwarte von Ihnen einen telephonischen Bericht, ob Sie die Stunden erhalten haben. – Grüß Gott, Rebstein!« – Hilde ging. Um die Mittagszeit meldete sie dem Künstler, daß sie die Stunden bei Herdhüßer erhalten habe. Welcher Umschwung in Hildes Leben! Und alle Gedanken an Kunstgewerbeschule und was dort werden sollte, waren aus ihrem Kopf verflogen wie Morgenwolken, die im Strahl der aufgehenden Sonne zerfließen. 11 Schicksalswende! – Durch die unfreiwillige Vermittlung des windigen Kuno Glür, der sich nicht mehr vor ihr blicken ließ, hatte Hilde ihren Weg gefunden und empfand als hoffnungsreiche Schülerin Dombalys die rasch fließenden Tage heller und freudiger denn je in den vergangenen drei Jahren ihres Münchner Aufenthaltes. Ernste Studien, angestrengte Arbeit! Als erste künstlerische Aufgabe hatte ihr Dombaly, der eine bewunderungswerte Findekraft für schöne und fesselnde Modelle besaß, eine kleine, graziöse Ballettschülerin mit lieblich leichtsinnigem Gesichtchen und langbewimperten Traumaugen gestellt, einen duftigen Hauch nur von einem Menschenkind, und Hilde hatte das Gefühl, das herrlich rothaarige Geschöpfchen müsse von selber ein gutes Bild werden. Um neun Uhr jeden Vormittag trat sie in das hohe, helle, vom Luxus durchsonnte Atelier, in dem die Schaffensstimmung von selber schwoll. Dombaly, der gewöhnlich erst eine Viertelstunde später kam, ließ es bei einem raschen hellen »Tag, Rebstein!« bewenden. Die kleine Ellen, das nicht leicht zu behandelnde, kapriziöse Modell, machte sie durch das Versprechen gefügig, ihr zum Schluß der Sitzung ein Märchen zu erzählen. Vor ihrer Staffelei genoß sie stille, schöne Arbeitsstunden und wurde in ihrem, vom übrigen Atelier durch schwere Vorhänge abgeschlossenen Malraum auch von den häufigen Besuchen nicht gestört, die ans Neugier oder wegen Bilderkaufs zu Dombaly kamen, ihm hin und wieder durch ihr Geschwätz die gute Laune verdarben, aber meist ahnungslos blieben, daß neben dem Künstler noch eine junge Dame im Atelier tätig war. Gewöhnlich sah sie Dombaly erst zur Mittagszeit. Über einem Eßkorb, den ein Delikatessengeschäft ins Atelier besorgte, verbrachte sie mit ihm die halbstündige Rast, während deren sich auch die Modelle zu einem Imbiß zurückzogen. Dombaly duldete es nicht anders, als daß Hilde bei der kleinen, aber feinen Mahlzeit mithielt, und nachdem sie ein paar vergebliche Versuche unternommen halte, sich ihre wirtschaftliche Selbständigkeit zu bewahren, ergab sie sich in die Gastfreundschaft ihres Lehrers. Sie durfte es um so eher, als ihm ihre Teilnahme sichtlich Vergnügen bereitete. Dankbar nahm er es an, daß sie mit gutem weiblichem Sinn die Anordnung der fliegenden Tafel besorgte, und ihre Unkenntnis der seltenen Gerichte gab ihm zu manchem harmlosen Scherz Anlaß. Er selber war kaum ein Esser, nur ein verwöhnter Nascher, der unter vielem die Wahl haben wollte. Jedes von dem vielen mußte ein Leckerbissen sein; über die Vorzüge und besonderen Eigenschaften eines jeden konnte er Betrachtungen anstellen wie über ein Bild. Die kleine Mittagstafel nahm er wichtig genug, um selber in den feinen Eßwarengeschäften der Stadt Nachforschung zu halten, was die Jahreszeit an Tafelgenüssen just Ausgesuchtes biete. »Sie lachen darüber, Rebstein, aber wie wir essen und trinken, wie wir uns kleiden und wie wir wohnen, das wirkt doch auf das Seelenleben und die Stimmungen des Künstlers ein. Das hat Goethe fein gewußt, und nur Laien, welche die Bedingungen des künstlerischen Schaffens nicht kennen, mögen es verwunderlich finden, daß sich Richard Wagner die Wahl seiner seidenen Schlafröcke mit der größten Sorgfalt angelegen sein ließ. Schrullen mag's die Welt nennen, in Wahrheit ist es Feinsinn und künstlerisches Bedürfen. Nein wirklich, ich verstehe die armen Teufel von Malern nicht, die, ein gemeines Stück Wurst im Leib, ein Modell vor sich, das schon durch zwanzig Ateliers geschmissen worden ist, in einer mit ein paar bunten Lappen behangenen Bude arbeiten und doch noch Ordentliches zustande bringen. Und ihrer sind in München mehr, als man denkt!« Hilde mußte Dombaly zugeben, daß seine kleinen, von Tag zu Tag raffiniert zusammengestellten Mahlzeiten eine große künstlerische Erfrischung seien, nach der sich besonders leicht arbeite. »Sehen Sie!« lachte er erfreut wie ein Kind und braute auf einer Maschine, die das duftende Getränk automatisch in die Tasse gab, einen Mokka, von dem er behauptete, niemand verstehe ihn so vorzüglich zu bereiten wie er – selbst Hilde nicht. Nach dem Mittagsbrot, das er mit ernsten Kunstgesprächen nicht zu beschweren liebte, wurde wieder ruhig gearbeitet, und sie hätte das Tagewerk am liebsten noch in den Abend fortgesetzt, bis ihr der Stift selber entsunken wäre, doch ging es wegen des kindlichen Modells nicht, das allmählich unruhig wurde, erschlaffte und versagte, Um drei Uhr war im Atelier Feierabend. Etwas vorher, während sie noch an der Staffelei stand, kam Dombaly zu ihr hinüber und stellte sich schweigend und prüfend hinter ihr auf. »Rebstein, das war ein verlorener Tag«, hatte er ihr gleich im Anfang mit lächelnder Grausamkeit gesagt. »Reißen Sie die Zeichnung herunter – spannen Sie eine neue Fläche auf!« Das Wasser in den Augen, hatte sie es getan. Jetzt war die erste herbe Erfahrung überwunden, doch fürchtete sie seither die Lehrerstrenge, und die Dreiuhrstunde, die sie halb herbeisehnte, halb erbangte, war für sie stets der große Augenblick des Tages. Die herrlich geformte Hand Dombalys glitt mit vibrierenden Fingerspitzen über ihre Zeichnung und schuf die Striche, nach deren Vorbild sie am anderen borgen leichter arbeitete. Dabei sprach er sich in einen feurigen Eifer. »Ihre Fehler, Rebstein, kommen nicht aus einem Mangel an künstlerischen Anlagen. Im Gegenteil, aus einem Überschuß der Kraft, den Sie noch nicht zu beherrschen vermögen. Sie sehen in den Zügen des Modells zuviel und sind in dem Drang befangen, alles, was Sie sehen, in die Zeichnung zu bringen. Daher das Schülerhafte. Kunst ist aber Wahl, wir müssen manches Nebensächliche vernachlässigen können, um die bestimmenden Elemente um so sauberer zur Geltung zu bringen und sie nach ihren Werten zu ordnen und abzutönen. Da fehlt es Ihnen noch bedeutend. Sie sind stets zu derb, Ihre Verfeinerungskunst ist zu unentwickelt, und darum erscheint auch Klein-Ellen mit ihren kindlich zarten und weiblich feinen Zügen in Ihrer Zeichnung älter, als sie wirklich ist. Sie müssen mit dem Stift spielen lernen, vieles darf in einem Bild nur wie aus dem Unbewußten kommen, nur wie eine fernher summende Melodie. Sehen Sie!« Er lächelte ihr mit jener jugendlichen Güte zu, die ihm so reizend stand. Hilde sah. Nur ein wenig Nachhilfe durch die Meisterhand Dombalys, und das Bild des lieblichen roten Flattervogels kam, wenigstens annähernd, wie sie es mit ihren inneren Augen erblickte. Wie wertvoll waren Dombalys Korrekturen! Schon weil sie sich Tag um Tag wiederholten. Es war unmöglich, daß sich, wie in der Malschule Waldhiers, Fehler der ersten Anlage, für das Bild verhängnisvolle Verzeichnungen acht oder vierzehn Tage hinschleppten und die Arbeit rettungslos schon im Keim verdarben. Das Heute verbesserte das Gestern, das Morgen brachte wieder einen kleinen Fortschritt, und wie von selber kam ein Gefühl erhöhter Wegsicherheit über Hilde, die lichte Gewißheit, daß sie allmählich doch die eigenartige Schwere überwinden werde, die an ihrem Talent haftete und ihr manche schöne Wirkung verdarb. Sie schaffte mit stumm zusammengeraffter Seele und mit der dankbaren Empfindung: du stehst unter einer guten Führung, jetzt liegt es bloß an dir selbst, daß du wirklich eine Künstlerin wirst. – Auch an Dombalys Anrede »Rebstein«, die ihr zuerst etwas fremd und unherzlich ins Ohr klang, hatte sie sich nun gewöhnt. Sie war mindestens so gut als »Fräulein«, wie Waldhier seine Schülerinnen ansprach, und hielt einen größeren Abstand, als wenn er sie »Fräulein Hilde« angeredet hätte. Sie war damit sogar sehr zufrieden. Eine warme Verehrung für den Meister hatte sie erfaßt, und wenn er ihr ein Lob über das Werk des Tages gab, federte ihre Seele, freudig eilte sie, nachdem die Atelierarbeit zu Ende gekommen war, durch den winterlichen Frühabend in die Privatstunden, die sie dreimal in der Woche den beiden Kindern der Familie Herdhüßer erteilte. – Und frohbeschwingt gingen die Tage. 12 Dombaly hatte nicht zuviel gesagt, die Herdhüßer waren herzensfeine Menschen, die halbwüchsigen Kinder, der schon ins Jünglinghafte spielende Sohn Hermann und das anmutige Töchterchen Gertrud, aufgeweckte und wohlerzogene Jugend. Sie begegneten ihrer selbst noch jugendlichen Lehrerin vertrauend, und Hilde ging Mal um Mal lieber in die Familie, die, über Winter in eines der palastartigen Gebäude an der Steinsdorfstraße eingemietet, auf dem Fuß ehrenfester Herrschaftlichkeit lebte. Der Doktor, ein aufgeräumter, stattlicher Fünfziger von weltmännischer Erscheinung, hatte ihr schon bei ihrer Anmeldung seine Freude geäußert, die Unterrichtsstunden der Kinder einer künstlerisch veranlagten Landsmännin anvertrauen zu dürfen, und legte, vom Ernst und der Gediegenheit ihres Wesens überzeugt, in seine Unterhaltung mit ihr eine Herzlichkeit, als kenne er sie seit Jahren. Bald besaß sie an dem fast aristokratisch fein geführten Haus, das auf die stimmungsreiche Winterlandschaft der grün strömenden Isar und die schneebehangenen Uferbäume blickte, ein sonniges, vornehmes Heim. Sie hatte nach dem Doktortitel vermutet, Herdhüßer sei Arzt oder Rechtsgelehrter, nun aber war er ein Industrieller, der durch Universitätsstudien und weite Reisen über eine umfassende allgemeine Bildung und Weltkenntnis gebot und sich, nachdem er die Leitung seiner chemischen Fabrik zwei Neffen übertragen hatte, industriell nur noch als Verwaltungsrat mehrerer Unternehmungen der Schweiz und Deutschlands betätigte. Einem langgehegten Wunsch folgend, widmete er nach einem Vierteljahrhundert der praktischen Arbeit die meiste Zeit Kunst und Wissenschaft und pflegte, auf die gediegene Ausschmückung seiner neuen Villa am Oberrhein bedacht, einen regen Verkehr mit Künstlern, Kunsthändlern und Antiquaren. In seinen Erwerbungen aber beobachtete der Doktor die Zurückhaltung und Vorsicht eines Käufers, der seine Neigungen zügelt, unter allen Umständen kühles Blut behält und sich das eigene ruhige Urteil durch glänzende Redensarten nicht wandeln läßt. Neben den Kunsteinkäufen ließ er sich noch von mancherlei Studien fesseln, kunstgeschichtlichen, geschichtlichen und sozialen, um seiner Kinder willen auch von Erziehungsfragen. Dabei hatte er einen so wohlausgefüllten Tag, daß sich sein Privatsekretär, ein altes, steifes Männchen, einmal in seufzender Verzweiflung mit dem Wort an Hilde wandte: »Wer noch nicht weiß, was Arbeit ist, der kann es bei unserem Herrn Doktor lernen. Nur Sie haben es gut bei ihm!« Gewiß, das wußte Hilde. Wenn sie um sechs ihren Unterricht schloß, war auch der Doktor mit seinen Studien zu Ende, und wenn er nicht ausging, lud er sie ein, den Abend in der Familie zu verbringen. Und da er über die täglichen Arbeitsstunden hinaus eine erstaunliche geistige Spannkraft bewahrte und in seiner Weltgewandtheit und großen Erfahrung ein durchdringend klares Urteil über Menschen und Dinge besaß, wurde die Zeit bis zum Abendbrot zu einer höchst anregenden Unterhaltung, oft über die Ereignisse in der gemeinsamen Heimat, oft über Kunst, Literatur und das Leben in München. Als er einmal Hilde ihre Jugendgeschichte erzählen ließ, da stellte sich heraus, daß er mit der Familie Glür bekannt und aus Freundschaft für Ulrich Glür, den ältesten Bruder Kunos, einmal in St. Agathen zu Besuch gewesen war. Von Ulrich Glür, dem jetzigen obersten Leiter der mechanischen Werkstätten in St. Agathen, sprach der Doktor mit großer Hochschätzung. ›Aber einen Dienst‹, fuhr er fort, ›habe ich ihm nicht erweisen können. Wie Sie wissen, weilt sein jüngster Bruder als Student in München, ein halb versumpfter Mensch, der gewöhnlich morgens acht Uhr statt ins Kolleg ins Bett geht und abends, wenn die anderen von ihren Stunden kommen, aufsteht. Ulrich Glür hat mich nun ersucht, seinen Bruder über den Winter unter meinen Einfluß zu ziehen, und der vornehme, bald dreißigjährige Taugenichts war auch einmal hier, aber seit ich ihn etwas nachdrücklich nach seinen Studien ausforschte, blieb er fort. Nun wünscht Ulrich Glür von mir einen Rat, was mit dem verbummelten Studenten beginnen, für den die Mutter in verschiedenen frommen Anstalten beten läßt, dessen Torheiten sie aber in ihrer Affenliebe stets entschuldigt. Doch weiß ich keinen Rat!‹ – Hilde war über der Erzählung des Doktors unruhig geworden. Sollte sie ihm von dem seltsamen Bilderhandel sprechen, den sie mit Kuno Glür eingegangen war? Irgendeine Schüchternheit ließ sie darüber schweigen. Sie war ja schon froh, daß der Zudringliche sich seit dem Abend im »Gläsernen Himmel« nicht mehr vor ihr sehen ließ. Ehe sie einen Entschluß gefaßt hatte, sprang das Gespräch Herdhüßers auf Dombaly über. »Fühlen Sie sich denn in der Umgebung des Künstlers wohl?« fragte er nach einem kurz einleitenden Geplauder. Die Frage überraschte Hilde, aber nach kurzem Besinnen erwiderte sie mit aufleuchtenden Augen: »Gewiß, ich spüre, wie mein bißchen Kunst unter der Führung Dombalys außerordentlich gewinnt. Ich verehre ihn als einen so vorzüglichen Lehrer, wie ich vorher nie einen besaß.« »Und was halten Sie von ihm als Menschen?« »Ich weiß von seinem Leben außerhalb des Ateliers nichts – so weit unser Verkehr reicht, finde ich, er sei ein herrlicher Mann.« »Und gegen Damen stets korrekt?« »Gegen mich sicherlich – sonst bliebe ich nicht seine Schülerin!« Herdhüßer nickte Hilde, die wahrheitsmutig zu ihrem Lehrer hielt, wohlgefällig zu. »Es spielt da nämlich eine sonderbare Geschichte«, versetzte er. »Wie Sie wissen, bin ich selbst ein großer Verehrer des Künstlers, und die beiden Gemälde, die ich von ihm gekauft habe – der mit braunen Männern besetzte Fischerkahn im Morgenrot und die bäuerliche Heimkehr vom Felde –, halte ich wegen der Wärme ihres Kolorits und der Stärke ihrer Stimmung für ganz ausgezeichnete Schöpfungen. Ich hatte nun die Absicht, uns von ihm porträtieren zu lassen, und meine Frau hat es ihm so angetan, daß er den Auftrag mit fast fiebernder Ungeduld erwartet. Gerade wegen ihres Bildnisses lag mir an Dombaly, denn sicherlich kein anderer brächte wie er ihr goldblondes Haar und ihren nordisch durchsichtigen Teint zu künstlerischer Wirkung. Seit unserem letzten Atelierbesuch aber weigert sich meine Frau entschieden, Dombaly zu sitzen. Ich selber bemerkte, daß er in quecksilberner Unruhe um sie war, sie aber äußerte sich nach dem Besuch verletzt und empört über den Künstler – er habe sich mit seinen dunklen Augen ein Spiel der Blicke gegen sie gestattet, das ihr gleichsam die Kleider vom Leib riß. Ich vermute zwar, daß bei der Gekränktheit meiner Frau, die auf streng konventionelle Formen hält, etwas Überempfindlichkeit mitläuft, aber der Eindruck der Dombalyschen Augen auf sie ist doch auch für mich sehr peinlich. Kurz, der Auftrag ist für den Künstler verloren – mit dem Porträt meiner Frau das meine. Die beiden Bilder müssen doch von der gleichen Hand gemalt werden.« »Das tut mir aber furchtbar leid – leid für Ihre Frau Gemahlin, leid für Dombaly!« versetzte Hilde erregt. »Ja, eine ärgerliche Wendung in unseren sonst guten Beziehungen«, warf der Doktor hin. »Auch für den Künstler selbst. Das Honorar für die beiden Bilder hätte er wohl brauchen können. Er steckt ja außerordentlich in Schulden. Man spricht von siebzigtausend Mark. Das ist doch auch für einen hervorragenden Maler sehr, sehr viel Geld!« Hilde horchte entsetzt empor: »Wie ist das nur möglich?« stieß sie hervor. »Siebzigtausend Mark Schulden! Und ich glaubte, er sei reich.« »Wie das möglich ist?« Der Doktor zuckte die Schultern. »Sicherlich ist Dombaly nicht nur einer der ersten, sondern auch einer der fleißigsten unter den Malern Münchens, künstlerisches Vollblut, das von selber vorwärtsdrängt wie ein heißes Pferd. Auch keine Frage, daß sich seine Bilder verkaufen, daß er und andere daran viel, sogar sehr viel Geld verdienen. Wenn er nun aber im Lauf des Jahres doch mehr braucht, als er einnimmt! Wie er wohl durch väterliches Erbe Künstler mit jeder Faser seines Wesens ist, so durch mütterliche Belastung der geborene Verschwender – wenn Sie wollen, einer, der das Verschwenden mit Geschmack und Genie betreibt, aber doch ein Mann ohne jede rechnerische Überlegung, ein großes Kind, das seinen Launen folgt, und wenn sie unnütz Tausende kosten.« »Darf ich fragen, woher stammt Dombaly?« bat Hilde schmerzlich bewegt. »Ich weiß um seine Eltern, seine Jugend selbst nur in großen Zügen«, erwiderte Herdhüßer. »Seine Mutter war ein adeliges Fräulein und eine durch Geist und Schönheit ausgezeichnete Hofdame irgendeines mitteldeutschen Fürstenhauses. Sie verwickelte sich aber in eine Liebschaft mit einem Förster oder Jäger, verlor ihre bevorzugte Stelle und kam nach München. Hier verheiratete sie sich mit einem Musiker und Komponisten Dombaly, der sich schon in Wien als begabter Künstler hervorgetan hatte, bald der Liebling der Münchner Gesellschaft geworden war und, als er das Fräulein kennenlernte, eben im Zenit seines jungen Ruhmes stand. Die hohen Lebensansprüche, die Verschwendungslust der jungen Frau und Eifersucht auf beiden Seiten ließen die Ehe sehr unglücklich werden. Die schönen künstlerischen Anfänge des Komponisten erstickten in Schwermut und Liederlichkeit, er starb früh. Die Witwe spielte weiterhin die Lebenskünstlerin, über ihrer Schuldenmacherei aber kam der Krach. Die adelige Verwandtschaft legte sich ins Mittel, traf ein Abkommen mit den Gläubigern, gab auch die Beiträge für die künstlerische Ausbildung des Sohnes her, setzte aber die Dame selbst auf eine knappe Rente, und das Leben der einst Vielbewunderten und Umschwärmten endete vor einigen Jahren in einem dunklen Winkel der Stadt. Um diese Zeit kam Dombaly von seinen Malfahrten in Italien und Frankreich heim, erwarb sich rasch seinen Ruf, jedermann aber, der die Mutter gekannt hatte, sah auch bald, daß ihre ausschweifende Verschwendungssucht in der Lebensführung des schönheitstrunkenen Künstlers Auferstehung feierte. Und in der Tat, besäße er nur das kleinste rechnerische Talent, so hätte er nicht vor einem halben Jahr, als er schon in Schulden stak, noch die griechische Antiquitätensammlung für sein Vestibül gekauft. Wissen Sie, wie er dazu gekommen ist?« »Nein«, erwiderte Hilde, und auf ihrem Gesicht lag die Spannung, möglichst viel von Dombaly zu erfahren. »Ein Kunsthändler hat mir von der merkwürdigen Erwerbung erzählt«, fuhr der Doktor fort. »Irgendeinem Münchner Bierbrauer stiegen seine Millionen zu Kopf, er fuhr nach Chios, ließ mit großen Kosten auf Altertümer graben, machte wirklich Ausbeute, brachte sie nach München und ließ unter der Hand bekanntwerden, daß er bereit sei, die Sammlung einem öffentlichen Museum zu schenken, wenn er dafür als Gegenleistung den persönlichen Adel erhalte. Na, der Mann wäre auch mit dem Kommerzienratstitel zufrieden gewesen; aber wegen irgendeiner alten Pantschgeschichte, die gute Freunde auffrischten, hingen die Trauben selbst dafür zu hoch. Da verlor sich der Stiftungsdrang des kunstsinnigen Brauers, und Dombaly kaufte die Sammlung verhältnismäßig billig, mußte aber, um sich die doch sehr beträchtliche Kaufsumme zu beschaffen, einen höchst ungünstigen Vertrag mit dem schlauesten jener Kunsthändler eingehen, von denen er mit Verträgen eingesponnen ist wie die Fliege von den Fäden der Spinne. Ein böses Kapitel, diese Kunstverlage! Die Öffentlichkeit erfährt ja darüber nie die Wahrheit, die Händler schweigen aus eigenstem Vorteil, und die Künstler zeigen der Welt die Wundmale ihrer Ketten aus Scham nicht; aber beim Bilderkaufen merkt man so was doch, und ich bin überzeugt, daß Dombaly, auch wenn er wie ein Böcklin oder Segantini unendliche Werte für den Handel schafft, selbst ohne seine Verschwendungssucht, ohne seine kostspieligen Weibergeschichten lebenslang der Sklave seiner Händler und ein armer Teufel bleibt.« »Wie traurig, wie traurig!« entfuhr es Hilde aus tiefster seelischer Erschütterung. Der Doktor erhob sich von seinem Diplomatenschreibtisch. »Ja, so steht's um Dombaly! Und der Gedanke an seine Abhängigkeit von den Händlern, die von jedem seiner Bilder ihre reichen Prozente nehmen, erleichtert es mir in gewissem Sinne, dem Wunsch meiner Frau zu folgen und mich wegen des Porträtauftrages an einen anderen Künstler zu wenden. Ich habe zuviel Achtung vor den Kräften, die mein Vermögen erschaffen haben, um einen Teil davon in die harten Hände der Kunstspekulanten zu leiten. Was mein Vater und ich mit unseren Arbeitern in jahrzehntelanger ehrlicher Tüchtigkeit zusammengetragen haben, soll uneingeschränkt durch die Händlerprofite wieder ehrlicher Arbeit zugute kommen – einem unabhängigen Künstler! Schade, daß Sie noch nicht so weit sind, Hilde, den Auftrag zu übernehmen«, fügte er hinzu. »Ich denke nun an unseren Landsmann Jakob Steiger. Kein Dombaly, aber ein tüchtiger Mann aus eigener Kraft, Und was er schafft, ist gutes Hausbrot. Kennen Sie ihn?« Hilde kannte ihn nicht. »Nun, gelegentlich werden Sie ihm mit seiner lebhaften und fröhlichen Frau schon bei uns begegnen«, versetzte der Doktor, der, als suchte er einen festen Entschluß zu fassen, im Zimmer auf und ab ging. Und Hilde störte ihn in seinem Nachdenken nicht. Die ernsten Mitteilungen des Doktors über ihren verehrten Lehrer lasteten auf ihrem Sinn, namentlich auch, daß ihm der Herdhüßersche Porträtauftrag entging. Der verletzende Blick gegen Frau Herdhüßer? – Oh, dessen hielt sie Dombaly in seiner Hingerissenheit für die schöne Nordländerin schon fähig. Hilde wagte es nicht, ihn vor dem Doktor zu verteidigen. – Aber da trat ja Frau Herdhüßer, die erst dreißigjährige Stiefmutter, mit den Kindern in das Gemach. Sie hatte ihren Arm wie schwesterlich um den Nacken der vierzehnjährigen Gertrud geschlungen und führte Hermann, den schlanken Sechzehnjährigen, leicht an der Hand. Ein prächtiges Dreiblatt. Die natürliche, gewinnende Art, mit der die hochgebildete junge Frau die Stiefmutterstelle an den Kindern versah, hatte ihr von Anfang an die Sympathie und Bewunderung Hildes eingebracht. Auch dem Doktor gefiel das Bild. »Sehen Sie, Hilde, so kam die Holsteinerin letzten Sommer mit den Kindern am Abend von den Bergen bei St. Moritz – Gertrud hier, Hermann dort«, plauderte er. »Und das gute Einvernehmen der drei war für mich die erste Anregung, zu prüfen, ob die Hand der jungen Fremden noch frei, eine Ehe zwischen uns möglich sei.« Frau Herdhüßer, mit dem sonngoldenen Haar, den frischen blauen Augen und der auffallend reinen und durchsichtigen Hautfarbe, war eine kühlduftige, wonnige Frauenerscheinung – eine Ingeborg, wie sie Dombaly genannt hatte. – »Ein Brief von zu Hause!« wandte sie sich an ihren Gatten und lud zum Abendbrot. Ein Abendbrot in der Familie Herdhüßer war für Hilde stets ein kleines Erlebnis, das ihrem Schönheitssinn wohltat. Die aufgeräumten, lebensfrohen Menschen liebten, selbst wenn keine Gäste da waren, eine fein gehobene Stimmung bei den Mahlzeiten. Sie wurde geschaffen durch die Fülle des Lichtes, die den geschmackvollen Eßraum durchflutete, durch die schönen, altertümlichen Gedecke und einen Tischschmuck frischer Blumen, namentlich aber durch die Liebenswürdigkeit und Ungezwungenheit der Herdhüßerschen Gastfreundschaft und eine Unterhaltung, die stets nur die schönen Seiten des Lebens berührte. Das Heimatrecht und das Vertrauen, das ihr der Doktor sowie Frau und Kinder einräumten, durchsonnte die Seele Hildes mit einem langentbehrten Glück. Angeregt durch den Brief, den sie dem Doktor zu lesen gab, erzählte Frau Herdhüßer aus ihrer holsteinischen Heimat und von dem Leben auf den Gutssitzen. Sie wandte sich an Hilde: »Das hat nun freilich wenig Interesse für Sie, da Ihnen Land und Leute unbekannt sind. Aber lassen Sie sich nach Tisch durch Hermann unser holsteinisches Photographiealbum geben. Darin sind neben Bildern unserer Verwandten, Bekannten und ihrer Gutsschlösser auch viele Landschaftsstücke enthalten. Und dann urteilen Sie als Schweizerin, wie Ihnen unsere holsteinische Schweiz gefällt. Ich als Kind jener Scholle finde sie sogar inniger, lyrischer gestimmt als Ihre echte Schweiz, die allerdings die großartigen Schaustücke voraus hat. Unsere Heimat ist nur Lyrik, herbinnige nordische Seelandschaftslyrik.« Hermann brachte den umfangreichen Schwarzlederband. Hilde hatte ihn erst zu durchblättern begonnen – da stieg ihr die Glut ins Gesicht. Keine Täuschung! – Unter den Bildern der Herdhüßerschen Familien war das Siegfrieds, des nordländischen Polytechnikers, dem sie als Malschülerin Waldhiers täglich um die Mittagszeit begegnet war, ihm und seinem schwäbischen Freund. Frau Herdhüßer bemerkte ihre kleine Verwirrung. »Kennen Sie meinen Vetter Siegfried Kulbach, der hier an der Technischen Hochschule studiert?« fragte sie, neugierig geworden. Hilde hatte sich gefaßt. »Ja und nein«, scherzte sie und erzählte in leicht anmutigem Ton, wie die beiden Polytechniker und sie dazu gelangt waren, sich bei ihren mittäglichen Begegnungen stumm zu grüßen, daß sie aber nicht einmal um die Namen gewußt, und daß seit ihrem Eintritt in das Atelier Dombaly das Zusammentreffen mit den beiden Herren von selbst aufgehört habe. So natürlich wie Hilde ihre Überraschung erklärte, so natürlich wurden die Worte vom Doktor und seiner Frau aufgenommen. »Nur ein Zufall, daß Sie Siegfried Kulbach nicht schon hier bei uns begegnet sind«, lächelte Herdhüßer. Er kommt zuweilen, und wir unterhalten uns miteinander gern und eifrig über technische Fragen. In letzter Zeit läßt er sich allerdings seltener blicken. Er will sich vor Ostern den Doktor der technischen Wissenschaften zulegen, das kostet ihn noch reichlich Arbeit, doch er bewältigt sie. Ein hervorragend tüchtiger und begabter junger Mann, dem in der deutschen Industrie eine glänzende Laufbahn winkt, das erfreuliche Gegenstück des Studenten aus St. Agathen, von dem wir heute abend gesprochen haben.« Hilde beschaute sich die holsteinischen Landschaften und plauderte darüber. Von Siegfried Kulbach war nicht weiter die Rede. Heimlich war sie froh, als sie sich von der Herdhüßerschen Familie verabschieden durfte. Denn der Eindrücke waren für sie an diesem Abend fast zuviel. Oh, sie würde sich doch sehr freuen, Siegfried Kulbach wiederzusehen, sie hatte sich, seit sie Mittagsrast mit Dombaly hielt, nach den beiden Freunden und ihrem Gruß gesehnt, besonders nach dem Siegfrieds. Wenn sie ihm aber einmal unerwartet in der Herdhüßerschen Familie gegenüberstände, würde da ihre Befangenheit nicht zu groß sein? Sie erhoffte und erbangte den Augenblick. Und Dombaly! Die Schatten, die heute durch das Gespräch des ernst denkenden und lebenskundigen Doktors auf das fast ideale Bild gefallen waren, das sie sich von ihrem verehrten Lehrer entworfen hatte, schmerzten sie. Der feurige Künstler, der Schönheitsmensch, der sich wie ein freier Adler über den Staub des Alltags, über seine Kleinlichkeit und seinen Zwang zu erheben schien, in ökonomischer Bedrängnis und in einer knechtischen Abhängigkeit von kalten und schlauen Händlern! Die Kunst im Dienst Niedrigdenkender eine Sklaverei der edlen und freien Geister! Wie unwürdig! War es gegenüber dieser den Künstlerstand tief demütigenden Tatsache nicht eine Torheit überhaupt, mit dem heißesten Herzblut den Phantomen des künstlerischen Ehrgeizes nachzujagen? Da sah sie's an Dombaly. Das Laubgewinde des Ruhmes war ja doch nur eine Dornenkrone! Auch erschreckt war sie über etwas Fremdes an Dombaly. Einer Dame Blicke zuwerfen, welche ihr gleichsam die Kleider vom Leibe rissen! Es lag eben doch etwas zügellos Leidenschaftliches, ja Abgründiges in seiner Natur, die sonst so herrlicher Regungen fähig war. Und wenn er nun in einer seiner wilden Wallungen das Versprechen brach, ihr nur Lehrer sein zu wollen, und sie mit jenem Blick der dunklen Augen verschlang, den sie bis jetzt noch nicht an ihm kennengelernt hatte? Was dann? Da bliebe ihr nichts übrig, als Dombaly zu bekennen: Keine Täuschungen zwischen uns. Es gibt noch Dinge in der Welt, die mir höher stehen, die mir heiliger sind als die Kunst. Ich habe meinem Vater in die erkaltende Hand nicht nur versprochen, daß ich als Künstlerin heimkehren, sondern auch, daß ich seinen Namen stets in Ehren tragen und mir selber treu sein werde! – Nein, Dombaly bedeutete für sie keine Gefahr. Davor schützte sie die Erinnerung an die schöne Mizzi, ihre innere Ablehnung seiner leichtfertigen Grundsätze in Liebesdingen und ihre stille Neigung für den blonden Siegfried! – Da war sie vor ihrer Wohnung angekommen und merkte erst jetzt, daß sie mit ihren wogenden Gedanken durch einen frischen Schnee heimwärts gestapft war und daß es noch in leisen Flocken schneite. 13 Hilde stand vor ihrer Staffelei. Das Bild der kleinen Ellen, des Flattervogels vom Ballett, rundete und vollendete sich. Wie lichtdurchspielte Seide flog das Haar um das lieblich leichtsinnige, schmale Kindergesichtchen, und die Traumaugen schauten märchenhaft unter den langen Wimpern hervor. Die junge Malerin, über deren Gestalt ein weißes Überkleid niederfloß, trat einen Schritt zurück und verglich mit gesammelten Sinnen Modell und Bild, lange, tief und gründlich. Oft erzitterte der Stift in ihrer Hand, als ob er noch einmal auf die Fläche eilen und eine Linie nachbessern, ein Licht leicht erhöhen, einen Schatten unmerklich vertiefen sollte. Aber sie ließ es. Die Zeichnung hatte jene Reife erlangt, bei der sie nach ihrer eigenen künstlerischen Schaukraft nichts mehr dazu tun konnte, ohne daß sie, was an dem Kinderbildnis gut war, zu verderben begann. Das reine, schöne Glück, das fast feierliche Gefühl der Arbeitsvollendung, des künstlerischen Genügens strömte über ihr Gesicht und strahlte aus ihren großen Augen. Da kam Dombaly zur Korrektur. Nein, leise trat er nach einem Augenblick wieder aus dem Arbeitsraum Hildes zurück, erschien aufs neue, diesmal mit Stift und aufgespannter Leinwand, und begann sie, ohne ein Wort zu sprechen, aus der Halbfront zu zeichnen. »Was fällt Ihnen denn ein?« fragte sie verwundert. »Ich habe gehofft, Sie würden es gar nicht beachten«, lächelte er leichthin, »arbeiten Sie – denken Sie nicht an mich. Nur eines, Rebstein. Sie sind ja immer sehr hübsch, aber wenn Sie schaffen, da sind Sie schön – schöner, als irgendein Modell sein kann!« »Wollen Sie mich foppen?« lachte sie kühl. »Nein, es ist mein heiliger Ernst«, erwiderte er ruhig, »jede Stirn, jedes Augenpaar und Gesicht, das künstlerisch denkt und schafft, ist schön und von einem Strahlenschein des Göttlichen umwoben, aber wenn Sie, Rebstein, so gesammelt, straff und gespannt am Werk sind, die Augen flammen, die Nasenflügel und Lippen zittern, jeder Nerv Ihres Antlitzes in künstlerischer Kraft lebt und bebt, Ihre Seele gleichsam aus ihrem Hause getreten ist und im Lichte spielt, da sind Sie wirklich die Schaffende, das Menschenkind höherer Ordnung, um das beseelte Schönheit wie ein Strahl aus dem Überirdischen fließt.« »Können Sie Ihre Worte nicht noch größer wählen?« spottete Hilde. »Sagen Sie lieber, es sei heute für eine Skizze zu spät«, versetzte er. »Aber nach all den langweiligen posierten Modellen lockt es mich wundersam, das Bild einer Selbstschaffenden in die Kunst zu übertragen – so wundersam, daß Sie mir schon ein paar Studien gestatten müssen.« Was war dagegen einzuwenden? – Hilde war im stillen froh, ihrem Lehrer die mannigfaltige Güte mit einem kleinen Gegendienst erwidern zu können. Seit sie durch Doktor Herdhüßer wußte, wieviel Lebensanfechtung über ihn ging und wie seine Kunst eigentlich nur die Milchkuh für das Wohlleben anderer war, empfand sie für ihn nicht nur die Verehrung der Schülerin, sondern auch ein bedauerndes Mitgefühl aus tiefster weiblicher Seele. Wenn er ihr nur nie einen jener Blicke gab, mit denen er die feinsinnige Frau Herdhüßer von sich abgeschreckt hatte! Er ließ seine kaum begonnene Zeichnung und wandte seine scharfe Aufmerksamkeit ihrem Werke zu. Erst nach einer Weile brach er das Schweigen. »Wenn man Sie in Ihrer bewunderungswürdigen Vertiefungsfähigkeit arbeiten steht«, begann er sein Urteil, »dann spannt man die künstlerische Erwartung schon noch etwas höher, als sie in dieser Zeichnung erfüllt ist. Doch nein, es ist nur meine eigene Ungeduld, die so spricht. Wenn Sie auch mit Ihrer schweren Kraft dem Kinderantlitz den letzten süßen Schmelz und Duft nicht haben geben können, bin ich mit Ihnen doch zufrieden. Sie können zeichnen – ein großes Wort. Einiges haben Sie bei Waldhier, das Beste aber an diesem einzigen Bild gelernt.« Er sah und sann. »Nein, alles ist aus dem Modell nicht herausgeholt«, nahm er das Gespräch wieder auf. »Die erschöpfende Wiedergabe eines lebendigen Wesens müssen Sie noch lernen. Aber Ihre Kunst ist doch ein Erwachen. Mich erinnert dieses Werden stets an den Ausblick von einem hohen Berg, wenn grau wogend das Nebelmeer im Tal liegt. Der Wanderer faßt es nicht recht, daß unter dem Chaos die schicksalsreiche Welt der Menschen liegen soll. Da zerfließt und zerreißt an einer Stelle der Nebel, ein Streifen grünen Landes wird sichtbar, ein roter Kirchhelm, ein weißes Dorf, ein blauer See, aber kaum wie eine Wirklichkeit, nur wie eine Phantasmagorie, und im nächsten Augenblick fliegen schon wieder die weiten grauen Mäntel darüber hin. An einer anderen Stelle aber bildet sich wieder ein Riß, ein Sonnenstrahl fällt hinein, er beleuchtet einen Bauern mit Gespann auf brauner Scholle, allmählich bricht sich der Nebel aller Enden, bilderreich tauchen Streifen sonnigen Landes empor, über der auflachenden Erde flüchten sich die Silberschiffe der Wolken. Wo sind sie geblieben? Und der Wanderer faßt nicht mehr, daß ihm die Schönheit, der Reichtum des offenen Landes vorher hat im Grau begraben sein können.« Die dunkeln Augen Dombalys strahlten Hilde wie zwei Sonnen ins Gesicht. »Sie verstehen mich, Rebstein! Was dem Kunstanfänger unter Nebeln, Wolken und Schleiern verborgen liegt, was nur da und dort durch Risse leise hervorzuschimmern vermag, das muß heraussteigen wie die sonnige Erde. Das muß in Farben zu leuchten anfangen. Leuchten, immer stärker leuchten durch die Kunst!« »Sie glauben an die Möglichkeit, Dombaly, daß ich der Wanderer auf dem Berge bin?« zitterte die Stimme Hildes. »Es ist mein Ehrgeiz!« erwiderte er. »Dann soll es auch der meine sein!« stammelte sie mit glühroten Wangen. Klein-Ellen, das zierliche Modell, warf dem Paar schon sehnsüchtig bittende Blicke zu. Sie verlangte nach Freiheit. Dombaly aber lächelte: »Kleine, rasch noch einmal in die Stellung – und Sie, Rebstein, packen Sie doch Ellen einen tüchtigen Rest vom Mittagbrot ein!« Er ergriff den Stift, ließ ihn über die Zeichnung gehen und verfeinerte das Kindergesicht mit leiser Nachhilfe in eine Lebendigkeit des Ausdruckes, die Hilde umsonst zu erringen gesucht hatte. Als er nun aber auch noch von einem Farbstift ein sachtes Rot in die Haare des Porträts gleiten ließ und durch einen dem Modell entsprechenden Goldton das Bild wundersam hob, da seufzte Hilde wie in einer Anwandlung künstlerischer Eifersucht: »Nun ist's ja gar nicht mehr mein Werk!« »Denken Sie ja nicht, daß ich ein Freund des Farbstiftes sei!« lachte Dombaly, »aber das Bild verkauft sich leichter.« »An Verkauf habe ich gar nicht gedacht«, wandte Hilde ein. »Wollen Sie Weihnachten bei Aufschnitt feiern?« spottete Dombaly. »Ihre Modellgelder müssen sich Ihnen ersetzen. Und das ist nun der Vorzug schöner Modelle, selbst wenn sie teuer sind und die Bilder unvollkommen bleiben – sie verkaufen sich durch den äußerlichen Reiz des Stoffes. Die meisten Bilder würden Künstlern und Händlern als Atelier- und Ladenhüter bleiben, wenn die Käufer nur nach der künstlerischen Reife und dem inneren Gehalt der Werke urteilten. Benutzen Sie den Weihnachtsmarkt, der schon begonnen hat, geben Sie das Blatt einem Kunsthändler ins Schaufenster. In zwei Tagen hat er's wegen der Lieblichkeit des Köpfchens und gewiß auch wegen der sauberen Zeichnung los. Ich gebe Ihnen eine Empfehlung an Kunz und Abel. Bieten Sie ihnen dreißig Prozent des Verkaufspreises, den das Geschäft erzielt. Die Leute sind zuverlässig. Und es handelt sich nicht bloß um den Betrag, sondern um die künstlerische Ermunterung für Sie. Ein verkauftes Bild wirkt auf den jungen Künstler stets wie der Sporn in den Weichen eines edeln Pferdes.« Hilde begriff. »Warmen Dank!« versetzte sie leuchtenden Gesichtes. Nach einer Weile aber unterbrach die Klingel des Ateliers die Arbeitsstille der beiden. Dombaly stieß einen ärgerlichen Laut aus. »Versuchen Sie die farbige Wirkung selbst noch etwas zu steigern«, sagte er und schaute Hilde noch einige Augenblicke zu. »Es geht – es geht!« Noch säumte er. Da erschien, wohl vom Ton seiner Stimme geführt, eine weibliche Gestalt unter dem Vorhang, der das Atelier Hildes von den übrigen Räumen schied – Mizzi Schäfer! Dombaly wechselte die Farbe, bestürzt stammelte er: »Du bist es, Mizzi? – Du kommst mir jetzt sehr ungelegen!« »Das weiß ich nur zu gut, Stephan«, bebte die Stimme Mizzi Schäfers, die, als übte sie ein altes Recht aus, völlig in das Atelier getreten war. »Ich muß dich aber doch dringend um eine Unterredung bitten!« bat sie flehentlich. »Doch wenigstens nicht hier«, erwiderte Dombaly, dem die peinvolle Überraschung noch auf dem Gesicht stand, »nicht vor Fräulein Rebstein, meiner Schülerin. Komm mit, Mizzi!« In großem, fast maßlosem Erstaunen und in aufwallender Eifersucht blickte Mizzi Schäfer, die übrigens sehr gut aussah, mit brennenden Augen auf Hilde. Dann folgte sie in gärender, nur schlecht verhaltener Erregung Dombaly durch die Portiere. Eine häßliche Störung! Hilde versuchte sie zu überwinden und weiterzuarbeiten. Umsonst! Herzzerreißendes Weinen drang aus dem Hintergrund des Ateliers zu ihr herüber. Klein-Ellen, das Modell, fuhr erschreckt vom Stuhl und schrie: »Fräulein, ich fürchte mich – ich will heim!« Da gab es denn nichts als plötzlichen Abbruch der Arbeit. Als Hilde hinter Klein-Ellen das Atelier verließ, da wußte sie aus Worten und Schreien Mizzi Schäfers bereits, um was sich der erregte Streit des Mädchens mit Dombaly, ihre flehentlichen Bitten und Verzweiflungsrufe drehten. Die Ärmste bereute, daß sie dem Künstler Aktmodell gestanden war, und noch auf dem Weg in die Privatstunden bei Familie Herdhüßer hatte Hilde den Schrei der Unglücklichen im Ohr: »Wenn du das Bild nicht zerstörst, wenn du es auf eine Ausstellung gibst, dann springe ich ins Wasser. Und du, Stephan, hast mich auf dem Gewissen!« Auf ihrem Weg ließ sich Hilde fast quälerisch von der Frage beschäftigen: Wie war wohl die reizende Mizzi Schäfer, der man doch die Herkunft aus ordentlichen bürgerlichen Verhältnissen und eine gewisse jugendliche Unverdorbenheit ansah, dazu gelangt, einem Künstler Akt zu stehen? Das taten doch sonst nur die Berufsmodelle. Es war ja klar, daß das Aktgemälde vor allem als Ausstellungsbild gedacht war, klar aber auch, daß es, wenn es in München an die Öffentlichkeit kam, bei seiner Porträtähnlichkeit für Mizzi Schäfer sowie für ihre Angehörigen eine Quelle des Verdrusses, der Vorwürfe und des Spottes wurde. Hatte sich das unerfahrene Geschöpf aus leichtsinniger Verliebtheit, aus einer hochmütigen Freude an seiner eigenen jugendlichen Leibesschönheit zu der Torheit hinreißen lassen? Hatte Dombaly durch die liebenswürdig zwingende Kraft seiner Überredung, durch berechnete Liebelei, durch das Spiel seines persönlichen Zaubers unedel an dem Mädchen gehandelt? Kann ein Künstler in seiner Schönheitsgier so grausam sein? Umsonst sagte sich Hilde, daß das Verhältnis Dombalys zu Mizzi Schäfer sie nichts angehe. Aus echt weiblichem Empfinden ließ sie sich von heißem Mitleid mit dem jugendlichen Opfer der Kunst ergreifen. Sogar die überquellende Herzensgüte, mit welcher der doch selbst von Schulden gequälte Künstler ihr eben noch den Weg zu einem künstlerischen Erwerb zu öffnen bereit war, half ihr nicht über nagende Zweifel am Charakter Dombalys hinweg. Eine problematische Natur! Eng nebeneinander wohnten in dieser Künstlerseele höchster Edelmut und gefühllose Ichsucht, die Regungen erhabensten Menschentums und erbarmungsloser Gier. Als sie aber in die Familie Herdhüßer kam, da drängte ein fröhliches Erzählen ihrer Schüler die schweren Gedanken über Dombaly und Mizzi Schäfer so plötzlich zurück, wie wenn der Wind die dunkeln Wolken eines Gewitters verjagt und über das noch regentriefende Land Sonnenleuchten herniederbricht. »Denken Sie, Fräulein Rebstein«, rief das muntere Mündchen Gertruds, »wir haben Mutter zu Siegfried Kulbach begleitet, dem sie Nachrichten aus Holstein brachte. Und wir trieben dort das Spiel und fragten: ›Rate mal, was für eine junge Dame hat in unserem Holsteiner Album sogleich dein Bild erkannt?‹ Natürlich erriet er's nicht und glaubte, es sei von uns nur Übermut. ›Fräulein Rebstein!‹ scherzten wir. ›Kenn' ich nicht‹, antwortete er. Wir halfen ihm auf die Spur. ›Eine weiße Wollmütze und einen eisgrauen Mantel trägt die junge Dame, und am Siegestor wurde sie stets von zwei Polytechnikern auf dem Mittagweg stumm gegrüßt.‹« »Da wurde er grad so rot wie Sie jetzt, Fräulein Rebstein«, lachte Hermann, der wie ein Bolz gewachsene Junge, mit lustigem Gesicht. »Dann fragte er die Mutter, wie lang und woher wir Sie kennen?« erzählte das Mädchen mit jugendlicher Wichtigkeit, »und eine Empfehlung gab er uns auf für Sie – und gestatten würde er sich, uns einmal an einem der Abende zu besuchen, an denen Sie bei uns sind!« Hilde zitterten die Glieder, ihr Herz pochte vor Freude, und alle Zügel ihrer Selbstbeherrschung zwangen es nicht – sie gab eine sehr zerstreute Unterrichtsstunde. – Ihn wiedersehen! – Und meinetwegen kommt er – meinetwegen! Nie war sie so erwartungsvoll verträumt, glückselig und halb bang wie heute durch den Winterabend hinaus nach ihrem Dachquartier in Schwabing gegangen. Der Sturm jagte den Schnee der Ludwig- und Leopoldstraße – in ihrer Seele aber war Frühlingsahnung. 14 Nun war das Bild Klein-Ellens doch so weit, daß es Hilde in die Kunsthandlung tragen konnte. Sie hatte das kindliche Modell bereits entlassen, die Zeichnung sorgfältig in eine Mappe gelegt, das Arbeitskleid von sich gestreift und rüstete sich mit einer stillen, fast andächtigen Freude zum Gehen. »Guten Abend, Dombaly«, rief sie ihrem Lehrer zu. »Viel Glück, Rebstein«, lächelte er. »Nein, auf ein Wort noch! Mein gestriger Handel mit Mizzi hat Sie doch nicht tiefer berührt? – Eine verzwickte Angelegenheit. Von dem Bild bin ich enttäuscht, und nun liegt mir Mizzi mit klappernder Angst und allerlei Drohungen in den Ohren. Wenn der Akt je auf eine Ausstellung gelange, so nehme sie sich das Leben. Was sagen Sie dazu, Rebstein?« »Ich verstehe die Qual des unvorsichtigen Mädchens!« kam es warm von Hildes Lippen. »Wenn die Welt aus den Fugen geht, die Kunst muß das Nackte fordern«, ereiferte sich Dombaly. »Einen Herrn oder eine Dame aus Auftrag und gegen Bezahlung porträtieren, ist ja nur Kunsthandwerk. Die wahre Kunst beginnt doch erst da, wo der Künstler aus eigenem Trieb und eigener Freude einen Schönheitsgedanken gestaltet, und stets wird der Akt das innerste Bedürfnis des vollblütigen Künstlers bleiben. Das fühlen Sie mit mir!« »Oh, gewiß ist der menschliche Körper das Schönste, was wir uns überhaupt vorstellen können«, erwiderte Hilde lebhaft, »gewiß lassen sich viele herrliche und starke Schönheitslinien künstlerisch nur wiedergeben, wenn wir die Gestalt ganz, in allen ihren Teilen darstellen. Leider aber sind unsere gesellschaftlichen Anschauungen über den Akt nicht mehr so frei wie zur Zeit Tizians, da die edelsten Venezianerinnen ihren Leib unbedenklich sich in den Werken des Künstlers spiegeln ließen. In unserer gegenwärtigen Gesellschaft – Ausnahmen zugegeben – liegt der unlösbare Widerspruch, daß sie im gleichen Augenblick, in dem sie die Darstellung eines schönen unbekleideten Weibes bewundert, nicht genug Verachtung für das Modell auftreiben kann. Und Mizzi Schäfer kommt aus einer bescheidenen bürgerlichen Umgebung, in der die künstlerische Preisgabe des Leibes als vollkommen ehrlos gilt!« Dombaly fuhr sich mißvergnügt mit der Hand durch die wirren Locken. »Konnt' ich diesen Ausgang ahnen?« versetzte er. »Harmlos, reizend, übermütig und blind verliebt kam das Mädchen, das ich auf einer Redoute kennengelernt hatte, ins Atelier, ohne Widerstand oder Bedingung wurde sie mein Modell. Nachher erwies sich, daß in der blinden Liebe Mizzis, der das Lesen von Hintertreppengeschichten den Kopf verdreht hatte, doch eine romantische Berechnung steckte. Heiraten – ich das Modell, das keinen orthographisch oder stilistisch richtigen Brief schreiben kann, nach bekannten Beispielen heiraten? – Wer lacht da nicht? – Na, hart war ich gegen das Mädchen nicht. Ich zog die Liebschaft länger dahin, als ich gedacht, denn Mizzi ist ein gutmütiges und anhängliches Geschöpf. Die Automobilfahrt auf die Menterschwaige kam. Ich sah Sie – zeichnete Sie. Als ich Sie auch noch zur Heimfahrt mit uns einlud, entstand ein Zank zwischen Mizzi und mir – wir brachen –, und seither die Klagen und Drohungen wegen des Aktbildes. Und aus meiner früher so harmlosen Mizzi ist eine heillose Klette geworden.« »Heillose Klette« – wie verächtlich das klang. »Was machen denn auch Sie für ein unglückliches Gesicht, Rebstein?« grollte Dombaly. »Es ist mir schrecklich, daß ich durch unsere Begegnung auf der Menterschwaige Miturheberin der Leiden Mizzi Schäfers sein soll«, stieß sie hervor. »Nur der äußere Anlaß zu der Trennung, die auch ohne Sie gekommen wäre. Lassen Sie sich das nicht anfechten«, begütigte Dombaly. »Nun Sie selber von Mizzi Schäfer zu sprechen begonnen haben, darf ich wohl fragen, was Sie zu tun gedenken?« fragte Hilde. »Ich kann das Bild nicht preisgeben«, erwiderte Dombaly nervös. »Es steckt zu viel Geld und Arbeit darin, und den Atelierbesuchern und Händlern muß ich was zu zeigen haben. Ich habe aber Mizzi versprochen, das Gesicht so zu ändern, daß niemand darin mehr ihre Züge zu erkennen vermag. Das war ich ihr wohl schuldig. Um das Gesicht ist es auch nicht schade. Und so haben wir beide unseren Frieden – ich und Mizzi.« Hilde atmete tief auf, wie wenn eine Last von ihr gewälzt wäre. »Darüber bin ich selber froh«, sagte sie schlicht, »aber auch neugierig, wie Sie das Antlitz der Mizzi Schäfer ersetzen.« Dombaly zuckte die Schultern. »Das eben ist die große Frage«, erwiderte er verdrossen. Plötzlich lächelte er: »Ich hätte Sie mit Ihrem edeln, warmbeseelten Gesicht kennenlernen sollen, ehe ich die Mizzi malte – dann hätte ich im vornherein gewußt, daß es sich nicht lohnte, das hübsche Frätzchen Gegenstand eines so großen Bildes werden zu lassen.« Er lief aufgeregt von ihr hinweg, kam aber rasch wieder, setzte sich Fuß über Fuß auf einen Schemel und begann in verändertem, leichtem Gesprächston: »Doktor Herdhüßer will ja für die neue Villa, die er sich am Oberrhein gebaut hat, sein Bild und das seiner Gattin malen lassen. Ich hoffe stark auf den Auftrag, es wäre mir eine sehr liebe Arbeit, denn der Mann versteht was von der Kunst und hat eine vornehme Gesinnung gegen die Künstler. Und seine Gattin! – Kühler Sommermorgen, wenn noch der Tau an den Gräsern blitzt. Wissen Sie vielleicht etwas Näheres, wie der Doktor wegen des Auftrages denkt?« »Sprechen Sie doch selbst mit ihm«, stotterte Hilde erschreckt und in peinigender Verlegenheit. »Darf ich nicht – es geht gegen meinen Stolz, Aufträge durch persönliche Rücksprache zu suchen. – Aber was soll Ihr Schweigen? – Sie wissen um die Sache! – Ist etwa Herdhüßer von mir abgesprungen? – Doch das ist ja nicht zu denken. – Sprechen Sie, Rebstein!« Seine Augen quälten Hilde. »Frau Doktor weigert sich, Ihnen zu sitzen«, flüsterte sie, »Ihre Blicke – nun davon wissen Sie wohl selbst!« Dombaly sprang empor und schaute bitter betroffen. In seinem Ausdruck stand's deutlich – er fühlte sich schuldig. »Die Möglichkeit der Blicke will ich ja zugeben«, knirschte er. »Der Vorwurf ist nicht neu. Was kann ich aber dafür, wenn mir vor einem schönen Weib die Augen zu glänzen beginnen! Ich bin doch Künstler.« Er lief im Atelier hin und her und kam wieder zu Hilde. Seine Stimme verhärtete sich. »Das ist für mich nun freilich ein großer Schlag«, knirschte er. »Ich bin bei den Händlern schon außerordentlich hoch in der Kreide.« Ja, das wußte Hilde. Sie schwieg verlegen. »Sie schauen mich ja auch so verdächtig an, Rebstein, wie wenn Sie mir davonlaufen wollten. Was haben Sie eben gedacht?« grollte Dombaly. »Daß Sie durch einen Besuch das Einvernehmen mit den Doktorsleuten wieder herstellen und sich damit den Auftrag retten sollten, wenn er noch nicht an Jakob Steiger vergeben ist. – Ich in meiner bescheidenen Stellung –« Aber Dombaly unterbrach sie. »Entschuldigen? Nie. Ein Künstler wie ich entschuldigt sich nicht. Auch Sie dürfen nicht mein Anwalt sein! – Und Jakob Steiger! Unmöglich! Steiger mir vorziehen, Steiger, einen Künstler dritten Ranges!« Dombaly atmete schwer, und ein großer, ehrlicher Schmerz ging über sein Gesicht. Da Hilde nicht antwortete, ließ er dem Gefühl der Kränkung freien Lauf: »Steiger wird ja den Doktor gestalten können, er wird ein in unendlichem Fleiß zusammengequältes, ordentliches Porträt von ihm schaffen. Aber die Frau! Steiger, der selber kaum ein Kulturmensch ist, kann doch nur Bauernweiber, aber kein Kulturweib, keine Dame, keine Frau Edith Herdhüßer malen. Seiner Palette fehlen ja die feinen und feinsten Farbenklänge vollständig. – Ich kenne den Doktor nicht mehr. – Sagen Sie, will man etwa auch Sie von mir abspenstig machen?« »Nein – und das ließe ich mich erst, wenn Sie mich einmal mit den Blicken ansehen würden, mit denen Sie Frau Doktor Herdhüßer erschreckt haben.« Ein herzlicher Ton bebte durch die Worte Hildes. »Sie wissen ja, daß Sie mir heilig sind!« lächelte ihr Dombaly aus seinen Schmerzen zu, und das Wohlgefallen an ihr stand in seinen Zügen. »Wenn Sie mich verließen, wäre es mir ein größerer Schlag als der Verlust des Herdhüßerschen Auftrages. Unter vier Augen, Rebstein, in diesem Atelier gehört nichts mehr mir, selbst nicht die mir von befreundeten Malern geschenkten Bilder, alles ist auf Vorschüsse hin den Manichäern verschrieben. Pfui Teufel, wenn ein Künstler rechnen soll, mit Geld rechnen, was doch das gemeinste ist auf der Welt! Ich kann es nicht. – Aber Sie haben wohl rechnen gelernt?« »Gewiß. In meinem Elternhaus war schon eine heimliche Unruhe und Sorge, wenn man nur mal jemand hundert Franken schuldig war, die nicht gleich beglichen werden konnten.« Hilde ließ mit einem Seufzer die Augen durch das reiche Atelier und über seine Bilderschätze schweifen. »Wäre ich Sie, Dombaly, ich könnte keinen ruhigen Strich mehr führen. Ich fürchtete mich unter den Gemälden.« »Oh – oh«, lachte er mit halb aufrichtiger, halb gezwungener Heiterkeit. »Mein Name hat denn doch einen zu guten Klang, als daß ich meine Schulden tragisch nehmen müßte. Auch können mich meine Händler nicht im Stiche lassen, denn dabei gingen ihnen selber zu große Summen verloren. Ein paar glückliche Bilder – ein halb Dutzend vielleicht – und ich bin herausgewickelt aus den gegenwärtigen Nöten. Für einen Dombaly keine zu schwere Aufgabe. Eben deswegen aber sollen Sie bei mir bleiben, Rebstein! Ihre Nähe ist mir eine künstlerische Beruhigung, ich arbeite besser, wenn ich auch Sie mit Ihrem glühenden Eifer an der Arbeit weiß.« »Und ich bin unendlich glücklich, wenn ich Ihrer Kunst etwas sein kann – ich bin ja so sehr in Ihrer Schuld!« Hildes Augen strahlten. Eine tiefverhaltene Unruhe über ihr künstlerisches Zusammenarbeiten mit ihm war hinweggescheucht, das gegenseitige Einverständnis zwischen Schülerin und Lehrer herzlicher als je zuvor. »Kommen Sie heute abend wieder einmal in den ›Gläsernen Himmel‹«, bat er. »Nein – ich möchte nicht Gefahr laufen, Kuno Glür wieder zu begegnen!« entschuldigte sie sich. »Na, dann gehen Sie jetzt zum Kunsthändler«, lächelte er. »Viel Glück auf den Markt!« Unendlich gütig winkte Dombaly seiner Schülerin zu. 15 Nun stand das Bild der kleinen Ellen in der Kunsthandlung Kunz und Abel. Die Händler hatten dafür einige Anerkennung und Hoffnung auf einen Verkauf geäußert, ja sogar versprochen, das Blatt an zwei Nachmittagen ins Schaufenster zu stellen. Das mußte Hilde mit eigenen Augen sehen – nach langer, aufreibender Sehnsucht die erste Erfüllung ihres Künstlerinnentraumes – still und heimlich das Bild mit dem Namen Hilde Rebstein sehen. Kunz und Abel waren freilich nicht die Kunsthandlung am Odeonsplatz, vor der sie so oft gestanden hatte. Das Geschäft lag an einer lebhaften Straße der Altstadt. Am winterlich frühen Dämmerabend erreichte sie es. Da stand das Porträt der kleinen Ellen, von einer elektrischen Blendlampe gut beleuchtet, mitten unter anderen Bildern auf einer Staffelei. Die Freude über den Anblick durchwallte ihr die Seele. Zwar eilten die im Vorgefühl der Weihnacht lebenden Manschen meist achtlos daran vorbei, es gab aber doch auch einzelne, die vor die Auslagen traten, schweigend Überschau über die kleine Ausstellung hielten und weitergingen oder dem Geschäft einen Besuch abstatteten. Ein Herr und eine Dame traten herzu und besichtigten das Bild mit lebhafter Neugier. »Hilde Rebstein – ein Name, dem man noch nicht begegnet ist!« wandte sich die junge Frau an ihren Begleiter. »Die Kleine auf dem Bild ist pikant«, antwortete der Herr, »das Schmeichelmündchen, die großen Augen und das fliegende Haar. Wollen wir uns mal im Laden erkundigen?« Hilde, die tief in ihren Mantel gehüllt auf ein anderes Gemälde blickte, hoffte schon. Da versetzte aber die Dame kühl: »Nein, auf das Werk einer Unbekannten können wir uns nicht einlassen. Unsere Besucher fragen vor dem Bild nach dem Künstler, und wir wissen keine Auskunft. Man hält sich doch besser an gute Namen, selbst wenn man sie etwas teurer bezahlt!« »Na, fragen wir mal!« – Und nun trat das Paar doch in die Handlung. Verkaufte sich das Blatt? – Hilde hätte das Ergebnis gern abgewartet; aber sie durfte nicht länger stehenbleiben. Zwei junge Männer flirteten auffällig um sie. »Die Laffen«, knirschte sie und wandte sich vom Schaufenster. Wozu sich den schönen Winterfrühabend verderben lassen? München, die Altstadt mit den Kirchen, Toren und Giebeln, stand im schweren, frischen Schnee und im Jubel der Lichter. Mit dem strömenden Verkehr der Weihnachtsnähe ergriff der Abend Herz und Sinne wie ein an- und aufregendes Lebensmärchen. Die Steingestalten am Rathaus schienen sich im rötlichen Duft und Zwielicht geheimnisvoll zu regen. Schicksalsflüstern ging um die alt und groß ragenden Gotteshäuser. Das freudige Menschengetriebe in Gassen und Straßen, die vielen frohen und jungen Gestalten, die alle von einem Glück träumten und es in den winkenden Bildern des Abends suchten, weckten in Hilde selber ein wallendes Gefühl der Jugend, der Schicksalserwartung. Mit hochaufatmender Brust sog sie das Leben in sich. Gehörte sie in ihrem wonnigen Kraftempfinden nicht selber unter die Glückhoffenden und Glückträumenden der menschenreichen Stadt? Wie anders die Stimmung strömt, wenn wieder Lebensglaube in die Seele eingezogen, als wenn das Herz von Kummer und Sorge umwoben und umsponnen ist! Der unglücklich Kämpfende sieht in den lebensvollen Bildern nur die große lieblose Lüge, der Freudige nur die Gestalten, die seine Freude bestätigen und erheben. Wandern unter den vielen Menschen – wandern! Nur eine Freundin sollte sie dazu haben, eine teilnahmvolle Freundin, mit der sie sich über die Fülle dessen hätte aussprechen können, was ihr die Brust bewegte. Oder einen Freund! Sie lachte bei diesem Gedanken über sich selbst. Dombaly? Nein, aber Siegfried Kulbach, den blonden Nordländer, den in Befangenheit erwarteten Siegfried Kulbach, der ihrer so freundlich gedacht hatte! Wenn er heute abend in die Familie Herdhüßer käme! – Da erschreckte sie der Ruf: »Ah, guten Abend, Fräulein Rebstein!« Kuno Glür stand, wohl unabsichtlich, plötzlich und dicht vor ihr. Er hatte einen Dienstmann mit sich, der mit Weihnachtspaketen beladen war, und schwatzte eine Menge Zeug daher. »Bild in Kunsthandlung gesehen! Feines Stück, aber wirklich fein! Hätte es gekauft, doch Geld ist knapp geworden, reicht nur für die dringendsten Einkaufe, werde aber Eltern davon erzählen.« »Sie fahren schon wieder heim?« unterbrach Hilde seinen Redefluß, damit er von dem Bild nicht weiter spreche. »Heimbefohlen auf zwanzigsten – auf übermorgen«, fuhr er fort, »leider! Bin von Natur aus grundsätzlicher Gegner der Familiensimpelei, aber –« Er zuckte die Schultern. »Freu mich doch auch ein wenig. Mutter und Vater von Ihren Bildern sehr befriedigt, sehr befriedigt! Muß Ihnen Brief zeigen – doch nein, habe ihn nicht mit in der Tasche. Wenn Sie mir aber morgen noch rasch Besuch gestatten –« »Nein, leider ist morgen keine Zeit. Tag und Abend sind besetzt«, erwiderte Hilde kühl. »Richten Sie einfach meinen Dank und meine Weihnachtswünsche an Ihre Eltern aus. Gute Heimfahrt, Herr Glür!« Und frei war sie. Ein wenig ärgerte sie sich doch wieder über den schützer- und gönnerhaften Ton, zugleich aber empfand sie ein befreiendes Gefühl, daß er von dem elterlichen Brief gesprochen hatte. Damit dürfte sie doch wohl endlich den unbestimmten Verdacht begraben, daß etwas Schiefes bei dem Bilderhandel untergelaufen sei. Wenn doch nur Frau Glür ihr selber eine Zeile über die Bilder geschrieben hätte! – Und Hilde ermaß unruhig, ob sie auf Weihnacht einen kleinen Dankbrief an die Dame richten solle oder nicht. Die Höflichkeit erforderte es doch wohl. Es drängte sie noch einmal nach der Kunsthandlung, in deren Schaufenster das Bild Klein-Ellens stand. Oh, daß ihr Vater noch lebte, fuhr es ihr durch den Kopf, daß er bei ihr auf Besuch wäre und sie ihn durch das lebensprächtige, weihnachtsvorfreudige München vor das Blatt hinführen könnte. Die unsägliche Freude in seinem Antlitz wollte sie sehen, seine Stimme hören: »Hilde, du meine Künstlerin!« und aus seinen Worten neue, größere Hoffnungen für ihren Weg schöpfen. Als sie wieder vor den Laden Kunz und Abel kam, war das Bild aus dem Schaufenster verschwunden und durch irgendein Genregemälde ersetzt. Die kleine Ellen war wohl von dem Paar gekauft worden, dessen Gespräch sie belauscht hatte. Oder hatten die Händler das Bild nur aus der Auslage zurückgezogen, um Raum für das andere Gemälde zu gewinnen? Wenn sie sich danach erkundigen dürfte! Es ging nicht, der Laden war gerade jetzt von Käufern und Käuferinnen sehr besucht, und vor den Händlern wollte sie sich nicht mit dem Anschein bloßstellen, als ob sie heimlich auf rasche Bezahlung hoffe oder dränge. Im stillen aber war sie doch unendlich neugierig nach dem Schicksal ihres ersten den Augen der Öffentlichkeit unterbreiteten Werkes. Schon drei Viertel fünf! Da war es ja Zeit, in die Privatstunde bei der Familie Herdhüßer zu gehen. Wie hübsch wäre es gewesen, noch länger durch den Winterabend zu schlendern, da und dort in die Schaufenster zu gucken und vor den Buch- und Kunsthandlungen von kleinen Weihnachtseinkäufen zu träumen, oder den Trödel- und Antiquitätenläden in den Winkeln der Altstadt nachzugehen und vor dem wirren Kram der Auslagen mit sanftem Spiel der Phantasie darüber nachzudenken, was wohl an Menschenfreude und Menschenleid über die Stücke gegangen sei, die, von alten Zeiten erzählend, nun in die Hände neuer Besitzer wandern sollen. Hildes Teilnahme an der Stadt, ihrem Leben und Weben war wieder erwacht; das Gefühl liebloser Enttäuschung, das sich bis zur Abneigung gegen München gesteigert hatte, war der Hoffnung gewichen, daß sie doch noch einem Glück, irgendeinem sonnigen Schicksalslächeln in der Stadt begegnen werde. – Und da war sie ja schon an der Steinsdorfstraße. Als sie in das Haus Herdhüßer trat, eilte ihr Gertrud mit lachenden Augen entgegen: »Denken Sie, Fräulein Rebstein, heute abend kommt Siegfried Kulbach zu uns zu Tisch, nein, der läßt nicht lange auf sich warten!« So wunderlich zerstreut, wie das letztemal, durfte Hilde die Stunde doch nicht geben, aber »Siegfried Kulbach – Siegfried Kulbach« sang und klang es in ihren Sinnen, und der Gedanke an das bevorstehende Wiedersehen erfüllte sie mit einer stillfreudigen Andacht über das Spiel des Lebens, das nach dunkeln Nächten stets wieder einen lichten Tag heranbrechen läßt. 16 Schon war die Unterrichtsstunde vorbei, und Hilde hatte sich mit den Kindern zu einem geographischen Spiel gesetzt, bei dem das Dreiblatt einen winzigen Eisenbahnzug über eine tischgroße Landkarte laufen ließ. Die kürzeste Linie München–Lübeck? das war die Frage. Hermann, der schon etwas von der ritterlichen Art seines Vaters besaß, lächelte leise über Hilde: »Sie kommen ja mit Ihrem Zug nach Königsberg!« – In der freudigen Erwartung Siegfried Kulbachs war es ihr fast unmöglich, die Aufmerksamkeit auf das Spiel zu sammeln – mit den Kindern lachte sie über ihre große Zerstreutheit. Da trat Doktor Herdhüßer ins Zimmer. Er war eben von einem Ausgang heimgekommen, aus seinen Kleidern strömte noch der Winterduft. »Ah, unsere Hilde! Sehr erfreulich! Aber die Kappe zu waschen habe ich Ihnen«, lachte er schalkhaft, und er schien ihr aufgeräumter und frischer denn je. »Was sind das für Geschichten, daß ich nicht erfahre, wenn Sie ein Werk zu verkaufen haben. Sie wissen doch, daß ich auch ein wenig Kunstliebhaber bin!« Der Vorwurf klang herzlich wohlwollend. Sie waren in das Arbeitszimmer des Doktors gegangen. »Ich wagte es nicht, Ihnen das Bild anzubieten«, entschuldigte sich Hilde.»Es ist doch noch ein sehr anfängerisches Werk!« »Nanu, lassen Sie die anderen kritisieren!« versetzte der Doktor mit einem zerdrückten Lächeln, das froheste Laune verriet. »Und wer, denken Sie, hat das Blatt gekauft?« »Ich guckte diesen Abend bei Kunz und Abel ins Schaufenster«, gestand Hilde, »da schien es ein bißchen die Neugier eines jungen Paares zu erregen.« »Nun habe aber auch ich die Gewohnheit, auf meinen Spaziergängen durch die Stadt da und dort in einen Kunstladen zu treten und mir die neuen Eingänge anzusehen. So kam ich durch einen glücklichen Zufall kurz nach dem Paar, das sich von Ihrem Kinderköpfchen fesseln ließ, zu Kunz und Abel, fand das Bild von der Unterhandlung her noch auf dem Ladentisch, und unter Berufung auf unsere Bekanntschaft kaufte ich es dem Paar vorweg, das bis morgen Bedenkzeit erbeten hatte. Noch heute abend kommt das Blatt gerahmt ins Haus. Ob Sie mit dem Käufer auch so zufrieden sind, Hilde, wie ich mit der Erwerbung?« Ein inniges Lächeln spielte um ihren Mund: »Ich danke Ihnen – ich könnte mein kleines Werk in keinen besseren und lieberen Händen wissen!« Der Doktor sonnte sich an dem warmen Aufleuchten ihres Gesichts. »Und nun bitte ich Sie doch lebhaft, wenn wieder eine Arbeit von Ihnen fertig wird, sie mir zuerst anzubieten«, sagte er. »Kaufe ich sie, so können Sie sich die Provision des Händlers ersparen; kaufe ich sie nicht, steht Ihnen der Markt noch offen. An der Zeichnung habe ich eine große Freude, weil sie unserer gesamten Familie ein Andenken an ein sympathisches Menschenkind sein wird und ein wirklich hoffnungsreiches Talent daraus spricht. Glauben Sie nicht, daß Sie eine besondere Begabung für das Kinderporträt haben?« Der Doktor führte seine Unterhaltung, die Hilde wie Sonne zu Herzen drang, noch eine Weile fort, dann kündigte er ihr Unterrichtsferien bis in die ersten Tage des neuen Jahres an, rechnete mit ihr in einer Großmut, die sie still beglückte, und fragte sie nach ihren Weihnachtsplänen. »Es geht mir so gut«, erwiderte Hilde, »daß ich mich schier vom Übermut zu dem Entschluß treiben lasse, die Meinen daheim mit einem Besuch zu überraschen. – Doch nein! Es würde mich zu schmerzlich berühren, die Weihnacht mit meiner wiederverheirateten Mutter in einer Familie zu verleben, die ich nicht kenne – ich verschiebe meinen Heimatbesuch auf den Frühling. Dann will ich mit meinem Bruder Adolf wieder einmal in unseren schönen Waldbergen umhersteigen!« Sie überlegte. »Dieses Jahr will ich Weihnachten noch in München feiern!« »Wenn Sie sich nicht doch noch zur Heimfahrt entschließen«, versetzte der Doktor, »dann sind Sie selbstverständlich unser lieber Gast. Nein, auf den Heiligen Abend darf ich Sie nicht einladen, nach den Anschauungen meiner Frau sammelt sich um den Christbaum nur die engste Familie, aber am ersten Festtag erwarten wir Sie bestimmt. Da werden auch die Malersleute Steiger da sein – na, man wird ja sehen, wer noch. Sie wissen, daß Steiger bereits mit unseren Porträts beschäftigt ist?« Hilde dachte etwas schmerzhaft an Dombaly. Da – ein Pochen! Unter der Tür erschienen Frau Herdhüßer und – Siegfried Kulbach, der blonde, reckenhafte Nordländer. »Fräulein Hilde Rebstein, eine Landsmännin meines Mannes – Herr Siegfried Kulbach, mein Landsmann«, stellte Frau Herdhüßer die beiden einander vor, und nur in einem flüchtigen Erröten, nur in einem raschen Aufglänzen der blauen Augen verriet sich die Freude Siegfried Kulbachs über die Begegnung. Im stillen wunderte sich Hilde, wie konventionell sich das Wiedersehen dahinspielte, wie ruhig und gemessen sie beide dabei blieben. Sie hatte sich den Augenblick anders vorgestellt, aber wie eigentlich, wußte sie nicht. Und daß man gegenseitig Zurückhaltung beobachtete, war ja wohl auch das einzig Statthafte. »Ich bin sehr erfreut, Fräulein, Ihre Spur wiederzufinden«, wandte sich Siegfried Kulbach mit einem ruhigen Lächeln zu ihr. »Mein Freund Gustav Wieland und ich fürchteten schon, daß Sie München verlassen hätten; nun aber weiß ich durch Hermann und Gertrud bereits, warum wir Sie auf dem Gang zum Mittagbrot nicht mehr sahen. Sie haben den Lehrer und damit den Weg gewechselt.« Allmählich verlor sich das erste starke Gefühl der Befangenheit und des Fremdseins zwischen Hilde und Siegfried. Sie errötete vor Freude, als ein Laufbursche von Kunz und Abel das von einem einfachen mattgrauen Rahmen eingefaßte Bild der kleinen Ellen ins Haus brachte und der Doktor das Werk dem Gaste vorwies. Siegfried Kulbach sah daraus doch, daß sie keine Dilettantin, sondern eine heiß nach ihrem künstlerischen Ziel ringende Seele war. Er ließ die starken blauen Augen in freundlicher Teilnahme auf dem Bild ruhen. »Ich wage dem feinen Lob des Herrn Doktors nichts beizufügen«, versetzte er, »und muß Sie um Entschuldigung bitten, Fräulein Rebstein, daß ich nicht kunstverständiger bin. Ich weiß wohl, daß eindringliche Kunstkenntnis ein wertvolles Stück allgemeiner Bildung ist, aber meine letzten Jahre waren durch die technischen Studien so ausgefüllt, daß mir selbst hier in München, an der Quelle der Kunst, die Zeit nicht blieb, mich in die Gemäldesammlungen zu vertiefen und zu einem eigenen Urteil über Kunstwerke zu gelangen.« Das klang einfach und ehrlich, so recht wie die Sprache eines Mannes, der, seines inneren Wertes bewußt, nicht für mehr gelten will, als er wirklich ist. Was aber sein Mund verschwieg, das spürte Hilde aus seinem Blick: die herzliche Hochachtung für sie und für den Ernst ihrer Arbeit. Frau Herdhüßer lud zum Abendbrot, der Doktor bot seiner Gemahlin den Arm, und sich an Hilde wendend, folgte Siegfried Kulbach dem Beispiel. Wie die Erfüllung eines Märchens kam es ihr vor, daß sie nun an der Seite des Mannes gehe, für den sie vom ersten Scheu an eine stille Zuneigung empfunden hatte. Je mehr sie aber die Stunde innerlich erlebte, um so stärkere Selbstbeherrschung und Ruhe bewahrte sie nach außen, und nur wenn das Wort an sie gerichtet wurde, nahm sie mit höflicher Antwort am Tischgespräch teil. Sie war auch Siegfried Kulbach, der sich mit dem Doktor angelegentlich über Fragen seines Studiums und der Technik unterhielt, dankbar, daß er es vermied, sie in ein tieferes Gespräch zu verwickeln. Dann und wann schweiften seine Augen ja doch zu ihr hinüber, wie wenn er erforschen wollte, ob auch sie einige Teilnahme für die Welt besäße, in der er lebte und von der er sprach. Und plötzlich lächelte er ihr zu: »Mit der Technik geht es Ihnen wohl wie mir mit der Kunst, Fräulein Rebstein – fremdes Land!« »Oh, doch nicht ganz«, erwiderte sie. »Mein zu früh verstorbener Vater war Maschinenzeichner und Konstrukteur einer großen Fabrik. Da habe ich in meiner Kindheit häufig über technische Angelegenheiten sprechen hören, und Ihre Unterhaltung mit Herrn Doktor mutet mich schier wie Heimatgedanken an.« Eine freudige Überraschung spielte in seinen Augen. »Reizend! Das hätte ich bei unseren Begegnungen an der Leopoldstraße nie gedacht«, lachte er und ließ die großen starken Zähne blinken, »fast bereue ich es jetzt, daß ich stets einem Plan meines Freundes Gustav Wieland entgegengetreten bin, der unsere Bekanntschaft mit Ihnen schon früher herbeiführen wollte. Nur ein froher Schwabe kann auf solche Ideen kommen. Er beabsichtigte, sich Ihnen mal kurzweg auf der Straße vorzustellen. Wir im Norden denken aber über die Formen, die gegen eine Dame zu beobachten sind, strenger. Ich hielt ihn zurück. Und warum schon damals der Wunsch, Sie kennenzulernen? Wir sind eine Gesellschaft von Naturfreunden, Herren vom Polytechnikum und Damen, die wir aus der Pension kennen. Da stiegen wir je Sonntags, und zwar sommers und winters, wenn nur das Wetter nicht ganz schlecht ist, bald nach dieser, bald nach jener Gegend in das Gebirge aus. Und wie Sie so frisch und forsch durch Wind und Wetter gingen, vermuteten wir stets, daß Sie unsere Freude an Luft, Licht und Sonne teilen und den Sonntag wie wir lieber in Gottes freier Welt als in der Stadt verbringen würden. – Was hätten Sie wohl auf unsere Einladung erwidert, Fräulein Rebstein?« Hilde errötete. »Ich weiß es im Augenblick nicht, aber wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich« – eine feine Schelmerei flog über ihre Züge – »wäre ich der Einladung gefolgt. Ich liebe die freie Gotteswelt, und ich habe sie bis jetzt nur einsam genießen können.« »Da war es also doch ein kluger Gedanke, daß ich in die Familie Herdhüßer gekommen bin, um Sie wegen Ihrer Teilnahme an den Ausflügen zu sprechen und die Einladung nachzuholen«, versetzte Siegfried mit erwartungsvoller Höflichkeit. Hilde sah die Doktorsleute fragend an. »Wenn es Sie freut, warum sollten Sie nicht zusagen?« erwiderte Frau Herdhüßer. »Eine junge Dame kann sich unter keinen besseren Schutz stellen als unter den meines Vetters Siegfried.« Ja, dessen war auch Hilde gewiß. Wie innig gefiel ihr Siegfried Kulbach, der in seinem Wesen eine ruhige, vornehme Klarheit mit dem Hochflug eines rasch kombinierenden Verstandes und mit seinem schönen Lebensernst zuweilen eine reizende Schalkhaftigkeit verband. Freudig sagte sie sich für die Ausflüge zu. »Ich weiß dir aber noch eine naheliegende Pflicht, Siegfried«, scherzte Frau Herdhüßer. »Du wirst doch heute abend Fräulein Rebstein das Heimgeleite geben. Ich beunruhige mich stets, wenn sie spät noch allein den Weg nach Schwabing unter die Füße nimmt.« »Darf ich?« fragte Siegfried Kulbach, zu Hilde gewandt, »ich wohne ja selber auch dort draußen.« Und sie nahm dankbar an. »Na ja«, lachte der Doktor, »kurzweiliger wird's ja schon sein, aber die Angst meiner Frau, wenn Fräulein Rebstein allein geht, verstehe ich nicht. Unsere hochgemute Hilde darf doch mehr wagen als andere. Sie gehört zu jenen, die den rechten Weg selbst um Mitternacht mit verbundenen Augen fänden.« Siegfried Kulbach fühlte den tieferen Sinn des Wortes, und aus seinen blauen Angen glitt ein Strahl stummer Zustimmung über die Gestalt Hildes. Sie verlebte einen wonnigen Abend, und als der Aufbruch kam, empfand sie den Heimgang an der Seite Siegfrieds in der stillen Winternacht als das Schönste, das ihr bisher im Leben beschieden war. Nicht daß er merklich aus der Zurückhaltung herausgetreten wäre, mit der er sich im Haus Herdhüßer umgeben hatte. Er sprach von Weihnachten. Seine Zeit sei ihm zu kurz bemessen, die Reise zu weit, um an einen Besuch in der holsteinischen Heimat zu denken. Er habe nun Gustav Wieland versprochen, mit ihm auf den Heiligen Abend nach Stuttgart zu fahren und das Christfest im Elternhaus des Freundes mitzufeiern, am zweiten Festtag aber würden sie wohl beide wieder in München sein, und vielleicht ließe sich auf diesen Tag eine Fahrt ins Gebirge veranstalten. »Das wäre herrlich«, kam es wie verhaltener Jubel von den Lippen Hildes. »Ich werde mit Wieland, der stets der Leiter der Ausflüge ist, darüber sprechen – unsere Gesellschaft wird ja über Weihnachten schon etwas aus den Fugen sein, die einen verreist, die anderen sonst abgehalten, aber ein Trüppchen naturfroher Leute findet sich gewiß zusammen. Ich komme noch einmal vor Weihnachten in die Familie Herdhüßer und mache Ihnen darüber nähere Mitteilung.« – Was lag doch für ein geheimnisvoller Reiz in der gemeinsamen Wanderung durch die Schneenacht – und wenn nur die Fahrt ins Gebirge zustande käme! – Darauf freute sich Hilde im stillen wie ein Kind. Sie schritten am Siegestor vorbei. An der Stelle, an der sie sich früher täglich begegnet waren, sagte Siegfried Kulbach, der ein Weilchen schweigend neben ihr gegangen war: »Es hätte mir gar nichts Lieberes geschehen können, als daß ich Sie so unverhofft wiederfinden durfte!« Und durch seine Stimme bebte ein Ton, der sonst nicht darin lag – tiefverhaltene Herzensfreude. »Auch ich freue mich«, hauchte Hilde etwas verwirrt. – Nun war er mit einem schlichten Gutenachtgruß von der Tür ihrer Wohnung gegangen; sie aber spürte noch seinen Händedruck, sie sah noch seine blauen Augen in der Nacht, sie hörte noch seine Stimme: »Nichts Lieberes hätte mir geschehen können!« – Auch ihr nichts Lieberes. – – 17 Und nun stand Weihnachten vor der Tür. Wieder hatte Hilde Siegfried in der Familie Herdhüßer gesehen, war sie mit ihm durch die stille Nacht von der Steinsdorfstraße nach Schwabing gegangen und, ob er sich auch den Anschein gab, als wolle er mit ihr nur die nähere Verabredung wegen der weihnachtlichen Bergfahrt treffen – sie trug doch die sonnige Gewißheit in sich, daß er sie liebe. Der Gedanke daran warf einen frohen Schein auf ihre Tage und erfüllte ihr die Brust mit einem frühlinghaften Glück. Selbst Dombaly hatte die Veränderung ihres Wesens bemerkt, den hoffnungsreicheren Schwung und Flügelschlag ihrer Seele. Nun aber hatte sie ihm glückliche Weihnacht entboten und schritt vom Atelier durch die vom Weihnachtsmarkt ungewöhnlich volksbelebte Leopoldstraße heimwärts, um in Frieden mit Gott und den Menschen selber Weihnacht zu feiern, innigfrohe Weihnacht, wie es einem jungen Menschenkinde ziemt, das mit reichen Erwartungen ins Leben sehen darf und eine stumme Liebe im Herzen trägt. Erschaudernd dachte sie an die dumpfen Tage, an die kaum mehr von einer Schicksalshoffnung erhellten Abende zurück, da sie noch die Schülerin Professor Waldhiers gewesen war. Traurig und einsam waren die Stunden auf ihrem Zimmerchen gewesen, da sie in Ermangelung jeder menschlichen Teilnahme die Stirn an das Fenster gepreßt und mit den Sternen gesprochen hatte, die über den Dächern wandelten. Ja, auf den Knien mußte sie Gott danken, daß jener furchtbare Druck der Einsamkeit von ihr genommen war, die ihr oft wie eine Spinne über das Herz kroch, es mit ihren Fäden enger und enger umwand, bis nur noch das schmerzende Mißtrauen gegen die Menschen und das Schicksal darin Raum hatte. Aus dieser Zeit herztötender Verlassenheit war nun der Ball ihres Daseins in wenigen Wochen und fast ohne ihr Dazutun, einzig durch den kleinen Anstoß, den ihm Kuno Glür durch seinen Bilderkauf gegeben hatte, ins volle Leben gerollt! Wo sie jetzt erschien, da begegneten ihr offene Hände, offene Seelen und warmes Wohlwollen, da geleitete sie die wonnige Empfindung, daß gute und schützende Geister um sie schwebten und sie empor in ein schönes, freies Menschentum führten. Sie spürte wieder, daß sie jung war, daß ihr das Blut rot und heiß durch Herz und Glieder stoß und sie vom Leben noch viel, viel Schönes erwarten durfte. Oh, nur dem Leben vertrauen, und freudig gibt es, wo man freudig vertraut. Nie wieder kleinmütig und zaghaft werden, sondern auf Gott bauen, an das Gute in den Menschen glauben – auch glauben an ihre eigene Kunst und – ihre Liebe! Als sie in ihre Dachkammer trat, lag ein Brief von Siegfried Kulbach da, wenige Zeilen, die er vor der Weihnachtsfahrt nach Stuttgart rasch hingeworfen hatte. »Verehrtes Fräulein Rebstein«, schrieb er, »der Plan eines Winterausfluges ins Gebirge hat sich vollkommen geordnet. Gustav Wieland und ich erwarten Sie am zweiten Weihnachtstag morgens um sechs Uhr am Siegestor. Der Zug geht um sieben. In Aussicht genommen ist eine Fahrt an den Kochel- und Walchensee mit Schlittenvergnügen am Kesselberg. Fröhliche Weihnachten und auf einen schönen Tag im Gebirge! Ihr Siegfried Kulbach.« Und bei den Zeilen lag ein kleines, grünes Tannenreis. »Wie lieb – wie lieb«, jubelte Hilde in sich hinein. Inbrünstig küßte sie das Reis. Von der stillen, großen Herzenshoffnung sprach ja der Zweig! In lächelnder Verträumtheit schmückte sie sich für ihre einsame Weihnachtsfeier, und über dem Brief des Heimlichgeliebten dachte sie an die Weihnachtsbriefe, die sie selber geschrieben hatte – den ausführlichsten an ihren Bruder Adolf und den alten Lehrer Hardmeyer in der Heimat. Sie hatte ihnen darin von der glücklichen Wendung erzählt, die ihre Lebensumstände und ihr strenges Werben um die Kunst genommen, und beigefügt, daß der Lehrer ihr vom Rest ihres kleinen Vermögens kein Geld mehr nach München schicken möge. Sie hoffe, durch die Unterrichtsstunden und den Verkauf ihrer Bilder könne sie ihren Unterhalt selber verdienen. Nur vom Seligsten hatte sie in dem Brief geschwiegen, von ihrer jungen Liebe selbst der Mutter nichts verraten, aber den Brief an sie mit einem artigen Geschenk begleitet. Und aus Drang und Schwung ihrer Seele hatte sie auch an Frau Glür, die Industriellenfrau in St. Agathen, ein dem Bilderkauf Kuno Glürs angemessenes und höflich dankendes Briefchen gerichtet. Durch den Studenten hatte sich ja doch das Blatt ihres Lebens aus dem Schatten an die Sonne gewandt! – Von den Nachbarhäusern drang das erste Weihnachtslied feiner Kinderstimmen in ihre Kammer. Da trug auch sie schon das festliche Kleid, ein weißes Königin-Luisen-Gewand, das sie in den langen Abendstunden des letzten Winters selbst geschaffen, aber in ihrer niedergedrückten Stimmung kaum je getragen hatte. In duftigen Falten wölbte es sich, von dem alten Kölner Silberschild zusammengehalten, über die Brust, floß in weichen Linien um ihre hohe, kräftige Gestalt und ließ sie noch höher und schlanker denn sonst erscheinen. Sie lächelte – wenn sie an ihrer Kunst gescheitert wäre, hätte sie doch eine geschickte Damenschneiderin werden können. Und ihre Erinnerung glitt zu den Worten Gustav Wielands zurück: »Ein feiner und gediegener Kerl!« Jetzt sollten die Freunde sie sehen und wie ihr Hals und Haupt einer Blume ähnlich aus dem Gewoge der königlichen Gewandung wuchsen. Einbildung? – Stolz? – Nein, nur eine edle Freude an sich selbst. Sie entzündete den kleinen Weihnachtsbaum, der bloß sechs Kerzen trug, sie stellte das Bild des jungen Goethe darunter hin, das kleine, schöne Weihnachtsangebinde, das sie sich damals im Herbst gewünscht hatte, als sie noch zu arm war, es zu kaufen. Nun hatte sie es doch aus eigenen Mitteln erwerben können. Das war auch ein Weihnachtsfreudenstrahl. Zu dem Bild legte sie das grüne Tannenreis Siegfried Kulbachs. Vielleicht war es die letzte Weihnacht, die sie so einsam verlebte. Vielleicht – nein, jetzt keine begehrenden Wünsche! Zu kühn, schon in die blaue Ferne der Erfüllung zu sinnen. Nur ein mildes, wunschloses Liebesträumen ließ sie durch ihre Seele ziehen. Sie hatte sich neben den kleinen Lichterbaum gesetzt; die Hände im Schoß gefaltet, sann sie friedevoll und erwachte erst aus ihrem Traum, als ein Tannenzweig von einer niederbrennenden Kerze Feuer fing, knisterte und einen würzigen Geruch durch das Zimmer verbreitete, einen Duft, der sie an Felder und Wälder und Berge der Heimat erinnerte. Sie erhob sich, küßte das Bild des Vaters an der Wand und löschte die Lichter. An die schimmernden Weihnachtstannen im Heim ihrer Kinderzeit, an ihren seligen Vater hatte sie träumend gedacht, an sein fernes, tief in Winternacht und Schnee versunkenes Grab. Unmöglich, daß dieses kalte, schneeverwehte Grab das Ende alles dessen in sich schloß, was der für jedes Schöne und Menschenhohe begeisterte Mann in seinen schwungvollen Stunden und heiligsten Augenblicken geglaubt und gehofft hatte. Irgendwo über den Sternen, da wachte – ein unergründliches Mysterium – noch seine Treue und gab ihr das Wohlgefallen der Menschen, dessen ihre Kunst und ihre Liebe zur Entfaltung bedurften. – Das war Hildes Weihnachtsandacht gewesen, eine friedevolle Herzensfeier, die sie gegen das Schicksal dankbar stimmte. Wie mancher stand jetzt mitten unter den Seinen und hatte doch das Herz voll nagender Sorge, und wie viele konnten sogar vor den Lichterbäumen die Last und Angst nicht lösen, die auf ihren Seelen lag. Sie dachte an Mizzi Schäfer, die sich über ihren Liebesleichtsinn und das Aktbild härmte und grämte – die Ärmste! Und wo feierte wohl Dombaly, der Junggeselle, Weihnacht? Hilde ließ den Teekessel summen, langte ihren Goethe vom Brett und, den jungen im Bilde vor sich, die verklärten Erinnerungen des alten in der Hand, las sie das wundersame Kapitel, wie er von Straßburg auf den Sesenheimer Pfarrhof zu Friederike Brion zog – und dann das Lied des von neuen Banden Gefesselten: Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr? Welch ein fremdes, neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr. Weg ist alles, was du liebtest, Weg, warum du dich betrübtest, Weg dein Fleiß und deine Ruh – Ach, wie kamst du nur dazu! Eine Stimmung bemächtigte sich ihrer, wie sie noch kaum je durch ihre Seele gegangen war – sehnsüchtig schwellendes Liebesverlangen, Süßigkeit und Bangigkeit, Hoffen und Erwarten. Im Heiligen Abend war das Weib in ihr erwacht – die starke Liebe! – Selbst wenn Siegfried Kulbach im Frühling für immer von dannen zog, ihn lieben war doch ein höheres Glück, als wenn sie wie bisher liebeleer durchs Leben ging. Und vielleicht – vielleicht – – Unsäglich freute sie sich auf den übermorgigen Ausflug mit ihm in die sonnige Weihnachtswelt der Berge. 18 Am Weihnachtsmorgen ging Hilde durch den Englischen Garten. Die alten mächtigen Bäume standen in Schnee und Rauhreif, und die vereisten kleinen Seen harrten des frohen Volkes der Schlittschuhläufer und -läuferinnen. Auf den Eislauf freute auch sie sich. Sie begegnete zahlreichen Spaziergängern, die der herbe, sonnige Morgen ins Freie gelockt hatte. Die dachten wohl wie sie – daß ein einsamer, nachdenklicher Gang durch die schöne Natur ein innigerer Gottesdienst sei als ein Kirchenbesuch, namentlich in einer großen, fremden Stadt unter einer Gemeinde von Gläubigen, die man nicht kennt, und vor einem Prediger, der nichts vom religiösen Herzensbedürfnis seiner Gelegenheitshörerin weiß. – Doch da ging ja eine Bekannte aus dem Atelier Professor Waldhiers, die kleine, reizende Frankfurterin. Als das Mädchen sie erspäht hatte, löste es sich aus seiner Gesellschaft und kam auf sie zugeeilt. »Aber Fräulein Rebstein«, sprudelte sie mit einem Händedruck, »Sie haben ein Bild auf dem Weihnachtsmarkt ausgestellt gehabt. Das hören und wir alle hinpilgern – das war eins. Eine ehemalige Schülerin Waldhiers ein Bild ausgestellt. Das grenzte ja ans Wunder. Und verkauft! Oh, wir haben im Laden bei Kunz und Abel alles über Sie ausgefragt. Sie sind die Schülerin Dombalys geworden, des berühmten Dombaly. Ja, wenn der Mensch Glück hat! Wir bersten vor Neid auf Sie, und unter der Führung der Engländerin haben wir Waldhier die Hölle heiß gemacht, um schönere Modelle und häufigere Korrekturen gebeten und gedroht, daß wir sonst alle miteinander aus der Schule treten.« Die Augen der zierlichen Kleinen funkelten, und das brennendrote Plaudermündchen lief. Hilde fühlte sich fast schmerzlich berührt. Ihren ehemaligen Lehrer in Verlegenheit bringen – den Neid ihrer ehemaligen Mitschülerinnen erregen, nein, das wollte sie nicht; jeder von den hoffnungslos Kämpfenden hätte sie einen ermunternden Erfolg gegönnt. Und was ist es für ein erniedrigendes Gefühl, von anderen als ein Glückspilz betrachtet zu werden! Eine Glückliche war sie aber doch. Als sie wieder hinauf in ihr Dachzimmer stieg, lag die Weihnachtspost da, ein ansehnliches Paket von jener Freundin Johanna, die aus einer bedrückten Münchner Malschülerin eine lebensfrohe junge Frau in den Rheinlanden geworden war. Das Paket enthielt ein gebratenes Huhn, mancherlei Gebäck, eine Beilage von Grün und Blumen und einen überaus launigen Brief: »Heiraten, Hilde! das ist für uns Frauen die edelste Kunst. Komm, sieh, laß dich von einem jungen Rheinländer rühren und mach's nach!« Wenn du wüßtest, Johanna! lächelte Hilde still in sich hinein. Inniger noch als der Brief und die Geschenke der treuen, humorvollen Freundin ging ihr ein Schreiben ihres neunzehnjährigen Bruders Adolf zu Gemüt. »Liebste Hilde«, meldete Adolf, »die freundliche Wendung, die Deine Studien genommen haben, ist für mich und unseren alten Lehrer die größte Weihnachtsfreude. Nachdem Du Dich so überraschend geschwind aus den Klemmnissen emporgeschwungen hast, darf ich Dir ja hinterher schon gestehen, daß wir im Gedanken an das zur Neige gehende väterliche Kapitälchen oft in stiller Sorge um Dich waren. Auch von der Nachfrage im Dorf ließ ich mich quälen: »Wie geht es Deiner Schwester Hilde? Verdient sie mit Zeichnen und Malen noch nicht so viel, daß sie einmal in die Ferien nach St. Agathen kommen kann?« Und davon, daß zwischen den Zeilen Deiner früheren Briefe so viel Kummer stand! Wie hast Du mich erbarmt, liebes Schwesterchen! Jetzt kommt aber wohl eine andere Meinung über Dich unter die Leute. Das wird sich rasch wie ein Lauffeuer durchs Dorf verbreiten, daß die Familie Glür Bilder von Dir gekauft und zu Weihnachten unter sich verschenkt hat. Was die Fabrikanten zu interessieren vermag, das ist ja bei den Dorfbewohnern auch sofort groß und herrlich. Das weißt Du schon. Und manches Achselzucken über Deinen Weg hört nun auf! Lehrer Hardmeyer war über den Ankauf der Bilder sehr erstaunt. Allerdings sei an Lilis Hochzeit durch die Veranlassung Kuno Glürs, des Studenten, der Dich in München etwa antrifft, von Dir gesprochen worden, erzählte er. Und er habe sich eine leise Andeutung zu machen getraut, daß die Familie Glür die großen Verdienste unseres seligen Vaters um ihr Geschäft dadurch ehren könnte, daß sie Dir zur Fortsetzung Deiner Studien in München ein bescheidenes Stipendium gewährte. Um so eher, da der alte Herr Dein Pate sei. Aber Lehrer Hardmeyer hatte den Eindruck, seine vorsichtigen Worte seien auf steinigen Grund gefallen, und ist daher jetzt um so mehr überrascht und erfreut, daß seine Fürsprache für Dich doch noch eine kleine Frucht getragen hat. Er will sich nach Weihnachten bei der Familie für die freundliche Aufmerksamkeit gegen Dich bedanken!« Na, das war wenigstens eine Erklärung des Bildererwerbs durch Kuno Glür, überlegte Hilde, aber nun schmeckte das Geld, das sie dabei in Empfang genommen hatte, so sehr nach Almosen! Nein, über diese Begebenheit konnte sie nicht recht froh werden. Sie las den Brief Adolfs zu Ende, »Und nun noch etwas, liebe Schwester. Du weißt, ich verdiene als Lehrling, der erst im Frühling zum selbständigen Arbeiter vorrückt, noch nicht viel Geld. Ich brauche aber auch nicht viel, und in aller Stille habe ich vom Frühling bis jetzt für Dich fünfzig Franken zurückgelegt, die ich Dir auf Weihnachten schicken wollte. Nun glaube aber ja nicht, daß mir Deine guten Nachrichten eine Weihnachtsfreude zerstört haben, nur habe ich den Dir zugedachten Betrag nicht, wie ich beabsichtigte, auf die Post gegeben, sondern, da Du jetzt das Geld nicht unbedingt nötig hast, es auf den Rat des Lehrers in unsere Sparkasse gelegt. Nur ein Wort von Dir, und jederzeit steht es Dir zur Verfügung. Daran denke!« – Adolf, du lieber, goldiger Mensch! Am liebsten hätte Hilde den Kopf ihres Bruders in beide Hände genommen und seinen jugendfrischen Mund geküßt, nach Herzenslust geküßt. »Ich selber wüßte keine erfreulichere Verwendung des Geldes«, fuhr er fort, »als – ja, Hilde, jetzt kommt eine herzliche Bitte: Feiere mit der kleinen Ersparnis doch Ostern, Frühlingsferien bei uns! Deine letzte Photographie ist nun auch schon zwei Jahre alt, und ich bin so furchtbar neugierig, wie meine Schwester Hilde jetzt aussieht. Groß und schön, denke ich – und trotz Mühe und Arbeit die Augen stets noch voll Seele und Sonne. Und wenn ich mir so Dein Bild überlege, dann erfaßt mich ein schmerzliches Heimweh nach Dir!« Ja, Ostern in der Heimat bei Adolf, dem treuen Bruder! Den Brief im Schoß, ließ Hilde Ostergeläute, Frühlingswasserrauschen, ansprießendes Grün und knospende Blüte durch die auf die Jugendscholle hinüberträumenden Sinne gehen. Und das Spiel der hoffenden Gedanken erfüllte die einsamen Weihnachtsstunden, begleitete sie in die kleine, von Gästen stark gelichtete Pension der Mutter Illing, auf einem Nachmittagsspaziergang durch den lichten Schnee bis vor das Herdhüßersche Haus, aus dessen Fenstern ihr das Licht in festlicher Helle entgegenstrahlte. 19 »Es ist etwas Wunderbares um Weihnachten«, scherzte der Doktor. »Selbst diejenigen, die sich bis zum letzten Augenblick besinnen, ob sie zum Fest in die Heimat eilen wollen oder nicht, reißt es mit irgendeiner Faser des Herzens noch hin. Der Zug des Wiedersehens ist stärker als die mannigfaltigen Hindernisse des Lebens. Was es mit seinen Forderungen auseinandergerissen hat, das bindet Weihnachten wieder mit frommer Hand im Schoß der Familie. Die Mütter sind selig, den Söhnen wieder einmal in die Augen blicken zu können; die Väter hören gern, was diese in der Fremde leben und treiben, mit den Eltern freuen sich Schwestern und Brüder – und insgeheim freut sich auf manchen auch ein Liebchen in der Heimat!« Ein Lächeln spielte um den Mund Herdhüßers und durch seinen ergrauenden Bart. »Na, wie steht's denn um Sie, Hilde«, fragte der feiertäglich Aufgeräumte, »ist wohl auch in Ihrer Heimat außer Ihren Angehörigen jemand, der Sie in heimlicher Spannung erwartet hat?« »Niemand!« erwiderte sie, überrascht von der Frage. »Siegfried Kulbach, der uns vor seiner Weihnachtsfahrt noch rasch besuchte, forschte bei meiner Frau danach.« Siegfried Kulbach! – Hilde war wie eine Rosenknospe erglüht. »Gestern noch erhielten wir Absagen für den heutigen Abend«, wandte Herdhüßer das Gespräch. »Wir werden also nur eine kleine Gesellschaft sein, doch haben Jakob Steiger mit seiner Frau und ein paar Zöglinge der Kunstgewerbeschule ihr Erscheinen zugesagt.« Frau Herdhüßer, die nach ihrer anfänglichen beobachtenden Zurückhaltung Hilde stets wärmere Sympathien bewies, begrüßte das junge Mädchen als ihren Gast und entführte sie ihrem Gatten hinüber zu dem Weihnachtstisch der Kinder. Mit ihren strahlend blauen Augen erinnerte sie Hilde stets an Siegfried. Ein wunderbar zartes Spitzenkleid gab der jungen Frau das Weihnachtsfeierliche. Sie sah darin entzückend aus. Doch schade, dachte Hilde, daß sie Dombaly nicht saß! Er allein hätte ihre feinsten Reize herausgebracht, das kühlduftige Antlitz, die unendlich zarte Abschlußlinie der geraden Nase, das weiche Kinn. Hilde ihrerseits erregte aber auch das Wohlgefallen der vornehmen Frau. »In diesem Empirekleid sollte Sie mein Vetter Siegfried sehen!« Sie legte ihren Arm leicht um die Hüfte Hildes. »Was besitzen Sie für einen Zauber! Der ernste Junge hat ja einen Schwarm für Sie gefaßt. Mir eine große Überraschung. In unserer Verwandtschaft war man einig, daß Siegfried wohl Augen für Maschinen, aber nicht für junge Damen besitze. Nun sieht er Sie – und sein Forschen und Fragen hat kein Ende. Im übrigen ein Ehrenzeugnis für Sie, Hilde. Denn Siegfried ist unverdorbene Edelnatur mit Spürsinn für den Feingehalt anderer.« Ja, das wollte Hilde glauben. Edelnatur! Wenn jetzt Frau Herdhüßer nur nicht hörte, wie ihr das Herz schlug. Da meldete Hermann: »Herr und Frau Steiger sind schon bei Vater!« »Hilde«, versetzte Frau Herdhüßer, »lassen Sie sich doch von Ihrer Landsmännin die Geschichte erzählen, wie sich das Künstlerpaar gefunden hat. Sie plaudert darüber so munter und drollig. Ich halte größere Stücke auf die fröhliche Frau als mein Mann. Ihm ist sie zu sehr Münchner Gesellschaftsdame geworden. Und wahr ist. daß Frau Steiger ihr Licht nicht unter den Scheffel stellt, auch ihren Mann etwas zu sehr als den Bären erscheinen läßt, der an ihrer Kette geht. Sie besitzt aber doch unbestechlich kluge Augen und ist dem ungewandten Künstler wahrhaft ein Segen.« Die Damen traten in den Salon. Außer dem Ehepaar Steiger hatte sich ein Vierblatt junger, bescheidener Kunstschüler, deren Heimat für einen Weihnachtsbesuch zu fern und zu hoch in den Bergen lag, eingefunden. Die Augen, die Teilnahme aller flogen der jugendlichen Erscheinung Hildes zu. Frau Steiger, eine elegante und temperamentvolIe Brünette, Mitte der Dreißig, ließ durch den Eifer, mit dem sie Hilde in eine Unterhaltung verwickelte, spüren, wie neugierig sie auf den Liebling der Familie Herdhüßer war. »Und nun geben Sie uns doch auch bald mal die Ehre«, bat sie mit stürmischer Liebenswürdigkeit. Herzlicher noch als von der Frau, die das Wort so leicht auf der Zunge trug, fühlte sich Hilde von Jakob Steiger, dem Künstler, angemutet. Etwas ungemein Schlichtes und Echtes sprach aus dem bäuerlich geschnittenen Gesicht und seiner in unverwischter heimatlicher Kraft daherpolternden Sprache. Ein bodenständiger Alemanne, an dem über ein Jahrzehnt städtischen Lebens spurlos vorbeigegangen war, bewegte sich der starkgebaute Mann in einem steten Kampf Mischen äußerlichem Phlegma und verhaltenem Feuer, verstand es in gutmütiger Bescheidenheit fast gar nicht, sich gesellschaftlich zur Geltung zu bringen, dachte aber wohl unendlich mehr, als er darzulegen vermochte. »Ich habe Ihr Bild des kleinen Mädchens gesehen. Sie können was!« Das knappe Lob und eine Einladung, sein Atelier zu besuchen, waren schier die einzigen Worte, die er an Hilde richtete. Um so mehr sprach seine Frau, die den Gatten wie ein großes Kind, doch mit einer warmen Achtung bemutterte. Auch Hilde war wohl aufgelegt. Mitten in der lebhaften Unterhaltung klang in ihrer Seele noch die Erzählung der Frau Herdhüßer von Siegfried Kulbach nach, und die wonnige Erwartung des morgigen Ausfluges ins Gebirge überglänzte ihr die Stunden. Die Gesellschaft sammelte sich um den mit Lichtern neu besteckten Weihnachtsbaum, und die bis dahin schüchternen jungen Künstler fügten sich zu einem Quartett, das ein paar Weihnachtslieder sehr hübsch zum Vortrag brachte. Eine festliche Stimmung verbreitete sich um die Abendmahlzeit, das Vierblatt sang eine Folge von Schweizer Heimatliedern, die Hilde wie Glockengeläute aus ferner Kindheit ergriffen. Eines darunter war unendlich traurig: »'s Vreneli ab em Guggisberg.« »Das Müllirad ist broche – Und d' Lieb', die hat en End!« Hilde sann der Geschichte des jungen Paares nach, das sich nicht erreichen konnte. »Kommen Sie«, unterbrach Frau Herdhüßer ihre Träumerei, »Frau Steiger erzählt.« »Sie wollen die alte Geschichte auch hören, Fräulein Rebstein, wie ich meinem Jakob nach München nachgelaufen bin«, scherzte die Künstlersgattin mit lachenden Augen, »und gerade recht kam, um den in Menschenscheu, Not und Sorge Versimpelnden wieder auf einen sicheren Weg zu bringen.« Wenn sich die temperamentvolle Frau auch merkbar in dem Gedanken sonnte, der gute Genius ihres Mannes gewesen zu sein, fühlte sich Hilde durch die mit anmutiger Leichtigkeit vorgebrachte Liebesgeschichte doch freundlich berührt. Was ist es Großes um die Liebe, die ein Mädchen treibt, Eltern und Heimat zu verlassen, den Geliebten in fremder Stadt zu suchen und sich mit ihm auf die Höhe des Daseins zu kämpfen! – Dem allzu bescheidenen Steiger mochte sie es herzlich gönnen, daß ihm der Porträtauftrag Herdhüßers zugefallen war. »Endlich mal eine Künstlerehe, in der die Frau nicht als die intimste Feindin der Kunst des Mannes erscheint«, lachte Herdhüßer, »eine glückliche Künstlerehe! Fast ein Wunder, daß es sie gibt! Sonst ist es ja etwas Merkwürdiges um die Künstlerliebe. Ein himmelstürmendes Sichfinden, ein häßliches Sichtrennen in Zerwürfnissen, als ob Lieben und Heiraten nur ein Kinderspiel wären! Also auf unser tapferes Künstlerpaar Steiger!« Die Champagnerkelche klangen aneinander, Heimatlieder ertönten, Hilde aber träumte schon vom morgigen Tag, von der wunderschönen Fahrt ins Gebirge, von Siegfried Kulbach. Das Herz jauchzte ihr in tiefer, heimlicher Erwartung. 20 Als die beiden Freunde Kulbach und Wieland in Lodenkleidern und mit ihren Rodelschlitten durch den frostigen Morgen auf den Stelldicheinplatz am Siegestor kamen, stand Hilde schon im Schein einer Bogenlampe an der Straße wartend, ein Bild freudiger Jugendkraft. »Ei, ei, Fräulein Rebstein«, rief der kurzgedrungene Wieland. »Daß wir Sie, die plötzlich Vermißte, lang Entbehrte und Wiederentdeckte begrüßen dürfen und Sie zur Feier des Wiedersehens heute mit uns in die Berge kommen, das ist für uns ja eine ganz besondere Weihnachtsfreude!« Er hatte nicht übel Lust, den Tag gleich mit einem Schuhplattler zu beginnen. Der beißend kalte Morgen aber war doch nicht ganz zu Freudensprüngen angetan. Die Freunde bekundeten Hilde den Beifall zu der Bergausrüstung, die sie für sich gewählt hatte. Sie wußte es selbst, die Weiße Wollmütze, um die ein bläulicher Schleier gewunden war, der weißwollene Sweater, der ihr die Büste straff umspannte, der fußfreie Lodenrock, die hochgeschnürten Bergschuhe und der eisengespitzte Stock in ihrer Hand, all das Amazonenhafte, das jetzt in ihrer Erscheinung lag, stand ihr vorzüglich. Schon glitt der Zug, der mit sportsfreudiger Jugend aus der Stadt dicht besetzt war, die Uferlehnen des Starnberger Sees dahin. Vielversprechend ging der Tag auf, aus den Nebelschwaden hob sich die blutrote Sonnenscheibe, wurde lichter und überglühte die tiefverschneiten Dörfer am winterschwarzen See. Ihre Strahlen drangen durch die Fenster und belebten die bis dahin etwas ruhige Unterhaltung der Gesellschaft. Sie war in ihrer Zusammensetzung von Herren und Damen ein kleines Abbild jener internationalen Fremdenkolonie, die sich im Künstler- und Gelehrtenviertel von Schwabing drängt; doch hatte sich Hilde bald darin zurechtgefunden, und der harmlose Ton der jungen Sportsleute, die noch einmal die Erlebnisse, kleinen Abenteuer, Freuden und Leiden früherer Gebirgsfahrten belachten, gefiel ihr. »Ja, da haben wir viel versäumt, Fräulein Rebstein, daß wir Sie nicht schon von unserer ersten Begegnung an zu den Sonntagsausflügen gebeten haben«, plauderte Wieland, der Leiter der Gesellschaft, »daran ist aber derjenige schuld, der sich jetzt am meisten über Ihre Anwesenheit freut – Siegfried Kulbach. Na, er kommt eben aus den Krautgärten des Nordens«, lachte er mit einem lustigen Blick gegen seinen Freund, »und ist deswegen ein Mann, der über seinem Hin- und Herwägen die Gelegenheiten verpaßt und das Köstlichste im Leben nicht kennt, den unmittelbaren Entschluß, das kecke Zulangen. Der unbesonnene Schwabenstreich kann auch mal vom Guten sein. Wär's auf mich angekommen, ich hätte Sie nie verlorengehen lassen, Fräulein! Das Wesentliche – wir haben Sie wieder!« Hilde halte ihre helle Freude an den gegensätzlichen Naturen der beiden jungen Männer, an Siegfried in seiner vornehmen und gelassenen Verteidigungsstellung und an dem angriffslustigen Süddeutschen, der unter dem Spiel seiner Schalkhaftigkeit auch den männlichen Ernst ahnen ließ. – Der Zug fuhr in den kleinen Bahnhof von Kochel. Aus den Gepäckwagen wurden eine Menge Rodelschlitten und Skipaare geladen, es entwickelte sich das reiche Bild der aus den Gassen der Stadt erlösten jungen Welt, und durch das altertümliche Dorf zog die Gesellschaft Wielands und Kulbachs den Gestaden des Kochelsees entgegen. War es nun aus innerer Teilnahme an dem lebensvollen Denkmal des Schmieds von Kochel, des Helden der Sendlinger Bauernschlacht, das am Dorfplatz steht, oder aus anderer Absicht – Siegfried Kulbach säumte davor so lange, bis die übrige Gesellschaft einen kleinen Wegvorsprung halte. Mit ihm Hilde. Sie wurden das letzte Paar des ziemlich losen Zuges winterfroher Wanderer. Siegfried, der während der Fahrt fast der Stillste unter den Polytechnikern gewesen war und sich mit einem Hauch nordischer Kühle umgeben hatte, wandte Hilde den vollen, warmen Blick zu und plauderte von der Natur, die im Gesichtsfeld lag, von dem schon überfrorenen Kochelsee, über den das leichte Spiel der Schlittschuhläufer ging, und von den winterlich erstrahlenden Bergen, die er während seiner zweijährigen Münchner Studienzeit auf frohen Sommerfahrten erstiegen hatte. Allmählich aber versuchte er Hilde mit geschickt gewählten Fragen anzuregen, daß sie ihm von Heimat und Jugend erzählte. Ein wonniges Wandern selbander. Den besonderen Gefallen Siegfried Kulbachs erregte es, daß Hilde durch die Berufsstellung ihres Vaters in der Umwelt der Technik und Industrie aufgewachsen war, und sie fühlte es ebenso als Wohltat, von ihrem seligen Vater, seinem Kämpfen und Ringen aus voller Seele sprechen zu dürfen. Siegfried besaß die gewinnende Art, ihr zu lauschen. »Das fesselt mich ungemein«, versetzte er. »Ich gehe ja einen ähnlichen Weg. An meiner Wiege zwar stand geschrieben, daß ich Landwirt werden würde, aber besondere Umstände haben mich bewegen, unser Gut in Holstein einem jüngeren Bruder und zwei Schwestern zu überlassen und aller Überlieferung meiner Heimat und der Gutsbesitzersfamilien entgegen in die Industrie zu treten. Mein Weg ging durch das Gymnasium in Lübeck, durch den Einjährig-Freiwilligen-Dienst, drei Jahre durch die Werkstätten der Berliner Elektrizitätsgesellschaft und erst nachher auf die Technische Hochschulen, an denen ich gegen Ostern meine Studien mit der Erwerbung des Doktors abschließen will.« »Und wo liegt Ihr künftiges Arbeitsfeld?« fragte Hilde. »Wieder in Berlin«, versetzte er. »Die Elektrizitätsgesellschaft, bei der ich meine praktischen Lehrjahre verbracht habe, erwartet meine Rückkehr in ihren Dienst. Ja sogar mit einiger Ungeduld. Ihre Werke sind in beständigem Wachsen und Sichweiten, und ich darf auf einen Posten rechnen, der meinen Studien entspricht.« Siegfried Kulbach erzählte mit der Ruhe eines Mannes, der sich den Weg ins Leben sicher weiß, mit einem leisen Stolz, aber ohne Hochmut. Seine Lebensdarlegung war gleichsam nur die Antwort auf diejenige Hildes, eine Erwiderung des Vertrauens durch Vertrauen. Dafür besaß sie eine feine Empfindung. Sie stiegen die Kehren des Kesselberges empor. An den Gehängen standen die Tannen über und über mit Schnee beladen wie arme Kreuzträgerinnen; aber des Sonnenscheins sich freuend, flog eine Schar Meisen in hellem Übermut durch das Gehölz dahin, und an die Distelköpfe, die aus dem Schnee ragten, hängten sich die fröhlichen Stieglitze. »Wie mich die Vögel an meine Heimat erinnern!« lächelte Siegfried. »Als Knabe war mir der Dohnenstieg stets der liebste Aufenthalt. Sie kennen den Ausdruck, Fräulein Rebstein – es sind die Gänge an unseren holsteinischen Hecken, an denen die Vogelschlingen angebracht sind. An die Grausamkeit des Fangens dachte ich als Knabe nicht, nur an die stille Wonne, die Vogelwelt zu belauschen.« »Ja, erzählen Sie«, bat Hilde. »Ich weiß von der holsteinischen Schweiz nichts, als was mir Frau Doktor Herdhüßer davon an Bildern gewiesen hat.« »Sie ist meine Jugendscholle«, sagte er freudig, »an Ihr Heimatland aber, von dem ich einiges auf einer Ferienreise sah, dürfen Sie dabei nicht denken, am wenigsten an Ihre hohen Berge. Mit waldgekrönten Hügeln nur dehnt sich das stille, alte Land. Zwischen den Hügeln träumen schilf- und binsenumkränzt die klaren, durch Bäche miteinander verknüpften Seen. Die Gegend ist ein wunderliches Ineinanderspiel von Hügeln und Wassern, Halbinseln und Buchten. Am Rande der Seen, über die das Fischerboot zieht, lehnt der Buchenwald, und die mehrhundertjährigen, seltsam verknorrten Bäume stehen wie dramatisch bewegte Gestalten, die beratend miteinander Zwiesprache führen. Aus den ragenden Forsten spielt sich ein Rudel Rehe in die Goldblüte des Ginsters. Hier und dort erhebt ein schloßähnlicher Gutssitz seine Giebel oder ein Bauernhaus sein grünbemoostes, mächtiges Dach. Um die Gehöfte her weiden auf Koppeln, die von hohen Hasel- und Fliederhecken umzogen sind, unsere starken Rosse, unsere weiß- und braungefleckten Rinder. Über der weiten Landschaft aber liegt der blaue Sommerduft und ein Schweigen wie aus alten Tagen, in das nur fernes, verlorenes Glockenläuten von einem Kirchturm dringt. Über der unsäglichen Ruhe der Landschaft sind wir Holsteiner selber ein Menschenschlag geworden, dem das Wort nur schwer durch das Gezähne geht.« »Aber von Ihrer Heimat wissen Sie doch sehr schön zu sprechen, Herr Kulbach«, lächelte Hilde dankbar und aufleuchtendes Blickes. »Na ja, um den Fleck Erde, auf dem man seine Jugend verlebt hat, Norden oder Süden, ist es immer etwas Besonderes«, erwiderte Siegfried. Er sann, und wie wenn es ihm selbst eine Wohltat wäre, hob er wieder an: »Mein seliger Vater führte mich am liebsten zum Hünengrab in den Weizenfeldern, auf die sanfte Höhe über blauem See. Da liegt das Grab als ein kreisrunder Hügel. An seinem Rand stehen im Kranz die flechtenübersilberten roten und grünlichen Granitblöcke, auf dem Rasenhügel ragt uralt und verknorrt eine Eiche. Unter dem Baum haben wir oft an langen Sommerabenden gesessen und in die Sonnenuntergangsspiele geschaut, in das Goldlicht und die zuckende rote Glut, die fast bis zur Mitternacht dauert. Anreifend knisterte das Korn, als triebe sich ein Heer von Wichtelmännchen durch die Halme dahin, und der Vater sprach geheimnisvoll vom Hünengrab. »Nur, daß ihr mir die Alten da unten in Ruhe läßt«, mahnte er. »Mir ist, wenn man sie ausgraben wollte, wie jetzt manche Geschichtsfreunde begehren, ginge der Segen vom Holm' – Holm hieß unser Gut und das alte Herrenschlößchen, in dem wir wohnten.« Siegfried schwieg gedankenvoll. »Also auch Sie haben Ihren Vater nicht mehr!« versetzte Hilde in warmer Teilnahme. »Ich war erst zwölf Jahre alt, als er das Opfer eines Jagdunfalls wurde und nach längerem Siechtum starb. Damit wich der Segen von unserem Gut, obgleich wir das Hünengrab im Frieden ließen. Die Mutter führte zwar den Holm nach den vortrefflichen wirtschaftlichen Grundsätzen des Vaters weiter, aber wie tüchtige Menschen darauf walteten, gedeihen konnte er nicht mehr. Der Aufschwung der deutschen Schiffahrt lockte die männliche Jugend, die früher in den Dienst der Güter getreten war, aufs Meer. Und die Mädchen! Wie eines heranblüht und flügge wird, da ist es auch schon von den Agenten und Agentinnen umworben, die unsere Holsteinerinnen als Dienstboten in die mächtig wachsenden Seestädte ziehen. Die Alten sterben weg, die Jugend folgt ihnen in der Arbeit auf der Scholle nicht, aus Mangel an schaffenden Kräften stehen die Felder schlecht bestellt. Wo früher Wohlstand herrschte, sieht man jetzt die Bilder langsamen wirtschaftlichen Verblutens, nisten sich in die Herrensitze die Händler und Wucherer ein und wachsen die Hypotheken. Aus der Einsicht, daß der Holm unter den gegenwärtigen Umständen nicht genug abwirft, um unsere gesamte Familie zu ernähren, überließ ich das Erbrecht auf das Gut meinem jüngeren Bruder und wandte mich, von meiner glücklichen technischen Anlage überzeugt, zur Industrie. Nicht ohne Widerspruch und Kampf, denn Mutter und Verwandtschaft sehen nach alter Überlieferung der Gutsbesitzerfamilien nur die Landwirtschaft als würdige und ehrenvolle Lebensaufgabe eines Mannes meiner Herkunft an. Ich aber weiß, daß der von mir selbst gewählte Weg auch für meine Angehörigen das bessere ist.« Seelische Kraft und Stärke lag in den Worten Siegfrieds, in seiner Stimme ein tiefer Glockenton, der Hilde ungemein angenehm berührte, obgleich ihr seine Sprache sonst etwas fremdartig zu Gehör klang. Er sah ihr mit leisem Lächeln voll ins Gesicht. »Mir geht es merkwürdig, Fräulein Rebstein, daß ich Ihnen von diesen Dingen sprechen kann – ich habe aber das Gefühl, daß ich mich heute an ein besonders verständiges und gütiges Menschenkind wenden darf.« Sie erwiderte sein Lächeln und seinen Blick freudig. »Wie schön! Ganz ebenso geht es mir mit Ihnen! – Doch sehen Sie, da sind wir gleich auf der Höhe des Kesselberges. Wie rasch man im Plaudern vorwärts kommt. Oh, die schöne, schöne Welt!« Auf der Paßhöhe jauchzte und jodelte Gustav Wieland in den hell und warm erflutenden Wintersonnenschein des blendend weißen Gebirges. Irgendein Photograph unter den Polytechnikern machte seine Aufnahmen, und als Siegfried mit Hilde zu der Gruppe getreten war, stellte die Gesellschaft die Rodelschlitten zur Niederfahrt nach Urfeld am Walchensee bereit. Wieland übernahm mit einer jungen Dame die Führung. »Vielleicht wünschen Sie unser Fahrzeug zu leiten«, wandte sich Siegfried ermunternd an Hilde. »Ich war als Kind allerdings eine kühne und sichere Schlittlerin«, scherzte sie zurück. »Wenn Sie sich mir anvertrauen wollten!« – Hei, die fröhliche, schnelle Fahrt! Aus den weißen Bergflanken hervor schwebte in der Tiefe der düster schöne, geheimnisreiche Walchensee. Über der gewaltigen Wasserfläche, die den Sonnenstrahl grollend von sich zu weisen schien, aber einige grüne und blaue Lasuren des Lichtes doch dulden mußte, erstrahlten die Riesen des bayrischen Gebirges, Karwendel und Wetterstein, wie mit seligen Sonntagsangesichtern. Doch sie mußte die Aufmerksamkeit auf das Fahrzeug und die Kehren der Straße zusammenhalten! In Hilde war die Kunst des ehemaligen Kindes gleich wieder erwacht. Sie lenkte den Schlitten, unter dem der Schnee in Wolken hervorstob, sicher um den Rodel eines Paares, das an einer Wegbiegung zu Fall gekommen war und lachend aus dem Schnee auf die Straße hervorkrabbelte. Am Ufer des Sees, an dem das große Gasthaus zum »Jäger« steht, wandte sie das Fahrzeug zu einem sanften Halt. Wieland streckte ihr die Hand. »Walküre!« lachte er. »Was sind Sie für eine ausgezeichnete Rodlerin!« Auch Siegfried bewunderte sie herzlich. Ihr glühten die Wangen vom Schneestaub, der ihr ins Gesicht geflogen war, aber auch vor jugendseliger Freude und Lebenslust. »Nur zu kurz war die Fahrt«, jubelte sie. Die Stunden am Walchensee, der Spaziergang durch die verschneiten Tannen, die Ausschau in die sonnige Winterlandschaft der Berge, das Mahl im stattlichen »Jäger am See« gingen ihr wie ein schönes Lied dahin. Sie saß bei der ländlichen Tafel Seite an Seite mit Siegfried, und wenn sich dabei auch keine Gelegenheit zu einem Gespräch aus innerster Seele, wie sie es vorher geführt hatten, gab, spürte sie doch zuweilen, wie er sie mit einem ruhig freudigen Blick suchte. Auch die gesamte Gesellschaft junger Menschen gefiel ihr, der ungezwungene und doch verbindliche Ton, der wie von einem stillen Achtungsgefühl aller gegen alle getragen war und sich in Rede und Gegenrede von selber die schönen Grenzen zog. In diesem Kreis war auch ihr wohl zumut. Zither, Hackbrett und Ziehharmonika riefen zum Tanz. An der guten Laune Hildes verschlug die Wahrnehmung nichts, daß Siegfried ein recht mittelmäßiger Tänzer war. Den Vorzug in ritterlichen Künsten durfte er, ohne zu verlieren, herzhaft anderen überlassen. Und mehr als ein Stündchen dauerte der Tanz auch nicht. Die schon hinter den Wäldern des Herzogstandes sinkende Sonne mahnte zum frühen Abschied von dem in blauem Duft schwer verschatteten See. Die Gesellschaft hatte die Höhe des Kesselberges bald wieder erreicht. Das tiefe Tal des Kochelsees war mit rosigem Abendrauch erfüllt, und auf fernen Spitzen glühten noch die Sonnenfunken. Die Niederfahrt an die Gestade kam. »Jetzt aber, Fräulein Rebstein, halten Sie mich herzhaft fest«, bat Siegfried. »Auf der glatten Straße werden wir in einen rasenden Lauf kommen!« Er selber übernahm die Führung. Wenige Augenblicke der Anfahrt, und wie beflügelt stürmte und sauste der Schlitten die vielen, vielen Windungen der Straße dahin. Immer tiefer! Flocken, Eis und selbst Funken stoben. Wo die Bahn gegen die Schlucht des Kesselbaches ausbog, in der mächtige Eiszapfen wie Orgelpfeifen hingen, da war es, als müßte der Rodel sein Ziel überschießen und in die Schlucht hinabstürzen. Hilde überwand die Schüchternheit, sie faßte ihren Führer fester mit den Armen, und das Anschmiegen an seine Gestalt gab ihr ein Gefühl des Geborgenseins und seliger Sicherheit. Wie stark leitete Siegfried den Schlitten! Er hielt das Fahrzeug die Biegungen hinab gleichsam in eisernem Zaum wie ein Reiter sein folgsames Pferd. Da war ja keine Gefahr. Die erste Aufregung der tollen, blitzschnellen Fahrt wurde zu seltsamer Wonne; es war, als stürmten die Tannen neben dem zagenden Schlitten bergan, und wie in sanftem Aufwärtsflug schwebte die vom abendlichen Rosenduft überhauchte Eisplatte des Kochelsees durch den träumerischen Wald empor. Da waren sie am Ziel! – Abendrote Wolken gaben ihnen das Geleit durch die nach dem Sonnenschein des Tages bitterkalt einbrechende Dämmerung in das Dorf Kochel, und ob Siegfried sprach oder schwieg, empfand Hilde an seiner Seite ein tiefinneres Glück, als sei der heutige Tag der schönste und reinste, den ihr das Leben je beschieden habe. Diese Wonne gab ihr auch das Geleite in den Eisenbahnzug. War es der Rückschlag der reichlichen Durchsonnung und Durchlüftung, eine wohlige Abspannung und Müdigkeit hatte sich ihrer bemächtigt, mit der Müdigkeit eine süße Träumerei, und wie aus einer fremden Welt ging die Unterhaltung der übrigen Gesellschaft an ihrem Ohr vorbei. Ein Lichtermeer erschien: München! Als Hilde ihrem Begleiter vor ihrer Wohnung die Hand zum Abschied reichte, leuchtete es Siegfried aus den strahlenden Augen: Auch ich erlebte heute ein tiefes Glück! Und wie Liebeshoffnung flammte es ihm aus dem Verschwiegensten Grund der Seele. – O der schöne, schöne Tag! 21 Der schöne Tag! – Nun aber wieder die Arbeit! Die jugendliche Spannkraft Hildes begehrte nach Auslösung in schaffender Gestaltung. Mit beschwingter Seele eilte sie ins Atelier. Auch Dombaly war nach den Feiertagen überraschend frisch. Er empfing Hilde mit einem Strohfeuer seiner nachtdunklen Augen: »Rebstein, darf man fragen, ob das Bild des roten Flattervogels einen Käufer gefunden hat?« »Doktor Herdhüßer hat es gekauft«, gestand Hilde. Ein Schatten flog über die hohe, edle Stirn Dombalys, aber gleich darauf spielte jenes knaben- oder jünglinghafte Lächeln um seinen Mund, das dem geistvollen Antlitz einen Ausdruck unendlicher, naiver Güte verlieh. »Nein, ich will mich nicht weiter kränken, daß Herdhüßer von mir abgesprungen ist«, versetzte er gutgelaunt, »auch sein kühlduftiges Ingeborg-Weib, das meinen Augen nicht traut, kann ich verschmerzen. Jedem geht mal was fehl, jeder hat sein Glück. Mein nächstes weibliches Modell, ich hoffe ein Akt – ach, da gibt's mal was zu staunen, Rebstein! Auf einer Weihnachtsfeier habe ich sie kennengelernt – eine Indierin. Sie trägt einen unaussprechlich langen Namen, an dem man sich die Zunge brechen kann – Fräulein Bachavadgita, ich nenne sie kurzweg Sakuntala nach dem altindischen Drama vom bezauberten Jung. Aber nun das Weib! Eines jener wunderbaren Geschöpfe, wie sie dem Künstler nur einmal im Leben den Weg kreuzen, das Geheimnis der Geheimnisse. Unschuldige Lieblichkeit, zuckendes Leben, dämonische Leidenschaft, ein unfaßbares, sich stets wandelndes, aber stets und mit jeder Bewegung berauschendes Weib. Süße, zarte Sakuntala, blutdürstige Salome.« »Jetzt hören Sie aber auf, Dombaly«, lachte Hilde. »Sie verlieren den Boden unter den Füßen, und mir wird über der Indierin seltsam vor den Augen.« Ein Doppelgefühl stritt sich in ihrer Seele: die Beruhigung, daß sie dem Künstler wirklich nichts als die Schülerin sei – sonst würde er vor ihr nicht wie ein verliebter Tor in den höchsten Wortgebilden von der Fremden sprechen; zugleich aber ein weiblicher Ärger über seine maßlose Schwärmerei. Er sah sie betroffen an: »Nein, kränken will ich Sie mit der Indierin nicht, Rebstein! Ich bin aber von ihr doch so eingenommen, daß ich mich jetzt unmöglich mit einem anderen Modell beschäftigen kann. Was tun, bis sie mir ihre Zusage gibt? – Ich male Sie, Rebstein, grad so wie Sie arbeiten!« Hilde sann in großer Verlegenheit. Wie würde es Siegfried berühren, wenn ihr Porträt von Dombalys Hand gemalt auf eine Ausstellung kam? Mit Recht konnte aber niemand etwas dagegen einwenden, und daß es ein feines und edles Bildnis würde, war ja gewiß. »Nochmals, das ist einfach, ich male Sie!« scherzte Dombaly der Nachdenklichen zu. Er stellte schon die Staffelei neben die ihre vor und warf die ersten grundlegenden Striche auf die Leinwand. »Nicht stören lassen – nur eins! Zugleich mit Ihrem Porträt muß auch das erste reife Bild Ihrer Hand auf die Ausstellung gelangen!« Sie sah ihn verwundert an. »Es gibt nichts anderes«, drang er feurig in sie. »Sie müssen mit: die Welt soll erfahren, daß mein Bild nicht nur einen jugendlichen schönen Frauenkopf, sondern eine Künstlerin darstellt, die selber was kann, das wird den inneren Wert meines Bildes heben und Ihnen mit einem Schlag die große Beachtung der Kunstwelt verschaffen. – Ein sehr guter Plan!« – Die lodernden Augen Dombalys ruhten mit magnetischer Stärke fordernd und aufstachelnd auf Hilde. Sie schüttelte aber den Kopf. »Unmöglich, daß ich so rasch vorwärtskomme – da kenn' ich mich zu gut.« »Im Sommer mögen Sie sich unter die Schattenbäume des Gebirges legen«, spottete er, »jetzt aber sollen Sie arbeiten, bis Ihnen der Veitstanz in die Glieder fährt. Künstler sein heißt brennen! Doch das wissen Sie ja, Rebstein. Und ich gebe Ihnen als Modell meinen Giovanni.« Seine Anfeuerung riß Hilde mit sich. In einem Überschuß künstlerischer Stimmung ging sie an das Ölbild des wie eine klassische Bronze anmutenden Italienerjungen. Giovanni, der ihr zugetan war, erriet feinfühlig jeden ihrer Wünsche. Ein ideales Modell. Dazu Dombaly als Lehrer, der selber malend ihre Striche überwachte! Aus der Zusammenarbeit der Werdenden mit dem vorbildlich reifen Künstler gab sich eine wunderbare, von Seele zu Seele strömende Förderung, ein rasches, sieghaftes Vorwärtskommen von selbst. Am Abend aber, wenn Hilde auf ihre Dachkammer stieg, da war sie todmüde, die Glieder zuckten ihr manchmal krampfhaft zusammen, und mit dem schmerzenden Kopf konnte sie sogar nicht mehr an Siegfried Kulbach denken. Ein Brief auf dem Tisch – ein Brief aus der Heimat! Wohl von Kuno Glürs Mutter? Als Hilde ihn zu lesen begann, ahnte sie aus der Anrede gleich nichts Gutes, Unherzlich lautete sie: »Fräulein Rebstein!« Hilde las, wurde aschfahl und ließ, wie aufs Haupt geschlagen, den Brief sinken. War das auszudenken? Die alte Frau Glür beschuldigte sie, sich in die Gunst Kunos eingeschlichen zu haben, der die Bilder in der Annahme, sie befinde sich in ökonomischer Bedrängnis, aus bloßer Herzensgüte gekauft habe. In der Familie Glür habe man die Blätter nie gesehen und trage auch kein Begehr danach, sowenig wie nach einem Verkehr mit ihr, und man verbitte sich weitere Belästigungen durch sie. Das Schreiben schloß mit einer Erinnerung an ihren Vater, der ein geachteter Beamter der Firma Glür u. Comp. gewesen sei, aber stets die Bescheidenheit beobachtet habe. Das ungefähr war der mit christlichen Redensarten gespickte Brief. Hilde wußte nicht, sollte sie schrill auflachen oder bitterlich weinen. »Einschleichen, belästigen!« – Die beleidigenden Ausdrücke tanzten vor ihren Augen, als wären es rote Flämmchen, sie empfand sie wie Feuer in offene Wunden. An die Luft, sonst – Aus ihrem Zimmer stieg sie hinab in die Straße. Unwillkürlich ballten sich ihre Fäuste, und in ihrer Seele loderte der wilde Drang, Kuno Glür mit einer Gerte ins Gesicht zu schlagen. »Da, du Verleumder!« Der Feigling war ja aber daheim in St. Agathen. Da saß er bei der Mutter und erzählte der alten, frommen Dame Märchen, wie sie ihm gefielen. – Wie hatte sie beim Verkauf der Bilder nur so arglos in die Falle eines verdorbenen Menschen gehen können, wie jene feine Stimme überhören, die sie stets vor Kuno Glür warnte? Oh, die kurzsichtige Torheit, in der Familie Glür an ein Herz für die Kunst zu glauben, Adolf und dem alten Lehrer in seligem Glück darüber zu schreiben! Mußte sie sich nicht das Haar raufen vor Scham, wenn sie daran dachte? Sie lief und wußte nicht wohin; erst als ihr die Ermüdung Halt gebot, merkte sie, daß sie in der weiten schneebedeckten Ebene umherirrte, die sich von München gegen Schleißheim zieht, daß über ihr die glitzernden Sterne des Winterhimmels standen. Und es war gut so! In der großen Einsamkeit brannte die Seele sich aus von der Schmach, die wie im Sturm über sie gekommen war. Als Hilde wieder daheim anlangte, konnte sie den Trieb fast nicht besiegen, Frau Glür zu schreiben, was sich an Mädchenstolz in ihrer Brust bäumte, aber die Ermattung war zu groß. Ein jammerndes Weh erfüllte ihre Seele. Ja, die Not des Lebens hatte sie schon erfahren, aber seine Gemeinheit noch nicht. Nun spürte sie, wie die Gemeinheit tut. Sie wühlt wie ein Messer im Herzen und tötet darin etwas Köstliches, die zartesten Wurzeln frommen Menschenglaubens. In einem einzigen Augenblick kann da die Seele um ein Jahrzehnt altern. – Und das Allerbitterste: die Gemeinheit kam aus der Heimat! – 22 »Woher den Pfeffer im Blut?« scherzte Dombaly. »Sie werden unheimlich, Rebstein!« »Ich hab's mir überlegt«, erwiderte Hilde. »Lieber vor der Staffelei zusammenbrechen, als im Frühjahr nicht ausstellen können.« Ihre dunkelumränderten Augen funkelten, ihre Hände zuckten in fieberisch erhöhtem Gestaltungsdrang. »Jetzt gefallen Sie mir«, nickte ihr Dombaly zu. Der durch Frau Glür verletzte Stolz hatte sich in einen brennenden Ehrgeiz umgewandelt, in den Ehrgeiz, sich als Künstlerin über die kleinen Menschen der Heimat zu erheben und ihnen mit Werken der Kunst zu beweisen, daß sie hoch über den niedrigen Verdächtigungen eines Kuno Glür stand. Ja, nicht einmal ein Wort der Erwiderung oder Rechtfertigung wollte sie der von ihrem Sohn irregeführten alten Frau gönnen, ihr Wesen in herbem Stolz verschließen und keinen Menschen um die Beleidigung wissen lassen. Sie schaute am Abend nach den Kindern der Familie Herdhüßer. Der Doktor ließ sie rufen. »Schöne Geschichten«, begann er humorvoll. »Da war gestern abend einer bei uns, der hat am Kesselberg der Winterkälte zum Trotz Feuer gefangen. Was machen Sie für Eroberungen, Hilde!« Ein helles Lachen spielte um seinen Mund, plötzlich aber änderte er unvermittelt seinen Ton in den herzlicher Besorgnis. »Ja, was ist mit Ihnen, Hilde? – Sie haben ja Fieber auf den Wangen und zittern wie Espenlaub!« Der Gedanke flog ihr durch den Kopf: Wenn ich mich in der häßlichen Angelegenheit Kuno Glürs dem Doktor anvertraute? »Ich sterbe fast über einer Torheit, die ich begangen habe, über einer Kränkung, die mir widerfahren ist«, bekannte sie, und zögernd und schamrot beichtete sie dem väterlichen Freund ihren schweren Kummer. Der Doktor sprang auf, durchmaß mit raschen Schritten das Zimmer und blieb vor Hilde stehen. »Keiner geht durchs Leben, einmal erfährt er, wie die Krallentatze der Hinterlist und Gemeinheit im Fleische brennt!« sagte er empört. »Davon weiß auch ich, Hilde. Legen Sie die widerliche Angelegenheit ruhig in meine Hände, schicken Sie mir sofort den Brief der engherzigen und beschränkten Frau, die Welt und Leben nie kennengelernt hat und durch ihren Geldbesitz dumm geworden ist; versprechen Sie mir aber, daß Sie selber ihr keine Zeile schreiben. Überhaupt Blatt auf den Mund – Sie und ich! Nicht einmal meiner Frau werde ich davon erzählen, nur an Ulrich Glür, den ältesten Sohn des Hauses Glür, schreiben, an meinen Geschäftsfreund, der seinen Bruder Kuno bis auf die Knochen kennt und ein Mann von Ehre ist. Sie werden sehen, wie rasch und gründlich Sie für den blöden Schimpf Genugtuung erhalten.« Die Wärme und der Eifer, mit dem der Doktor sprach, erlösten Hilde ein wenig von dem Bann und Druck, der mit dem Brief der Frau Glür über sie gekommen war. Ein Prachtmensch, der Doktor; eine Wohltat, daß sie mit ihm gesprochen hatte. Sie konnte jetzt doch wieder atmen und leben. Auf ihren innigen Dank erwiderte er: »Besuchen Sie einmal die Malersleute Steiger. Ich bin recht neugierig, was Sie zu den angefangenen Porträts sagen!« Ja, das wollte sie. – Lag es nun aber an der heißen Arbeit im Atelier oder an einer Nachwirkung des tiefen Ärgers über Kuno Glür und seine Mutter, sie fühlte sich jeden Abend so matt und zerschlagen, daß sie nicht an Besuch denken durfte. Doch ein schönes Erlebnis! – Auf dem Weg vom Atelier in ihre Wohnung traf sie Siegfried Kulbach. Er hatte sie erwartet, um sie zu fragen, wie ihr der Ausflug in die Berge bekommen sei, und um eine Viertelstunde mit ihr zu gehen. – Wie lieb! Das war ein reiner Sonnenstrahl in die Gründe des Gemütes. 23 »Ja, Hilde, jetzt muß ich mit Ihnen doch ernsthaft über Siegfried, unseren verliebten Jungen, sprechen. Er war gestern bei uns, und sein drittes Wort war Fräulein Rebstein.« Aus den klaren, blauen Augen der Frau Edith Herdhüßer lachte das feine Wohlgefallen und die stille Freude an Hilde. Sie aber erglühte und erzitterte vor Erwartung, was ihr Frau Doktor wohl Ernstes von Siegfried mitzuteilen wüßte. Die sonnblonde Frau, in deren Stimme Töne wie Vogelgezwitscher mitgingen, fuhr lächelnd fort: »Ich kenne Siegfried von Kindheit auf, wir sind vervettert und Nachbarn. Im Herbst wenigstens, wenn sich die hohen Hecken unserer holsteinischen Landschaft entlaubt haben, grüßen sich die Giebel unserer Herrenhäuser auf eine Stunde Entfernung über die Äcker und Koppeln dahin.– Wenn mir nun mein Vetter und Nachbar gestern auseinandergesetzt hatte, daß er sein Leben lang Hagestolz zu bleiben gedenke, hätte es mich, wie ich ihn kenne, kaum überrascht. Nach einem Vorspiel aber, das von den Wonnen des Ausfluges an den Walchensee handelte, sagte er plötzlich: »Edith, auch du bist doch Fräulein Rebstein herzlich zugetan? – Ich liebe sie – ich wünsche nichts inniger, als mit ihr einmal mein Heim zu begründen.«« Hilde war, ihr springe das Herz vor schämiger Freude. »Sie spüren, daß ich nur Gutes von Ihnen gesagt habe, noch Besseres und Wärmeres mein Mann«, lächelte Frau Herdhüßer. »Er spricht von Ihnen ja überhaupt als »unserer Hilde«. Doch auch ich bin Ihnen gut. Und wie die Liebe kommt, Seele und Sinne in Flammen setzt, erfuhr ich ja selber droben an den Engadiner Seen. Ich kann also voll mit Ihnen fühlen, Hilde, nun Ihnen das höchste Wunder des Lebens beschieden ist. Dennoch, wenn ein anderer junger Mann in Siegfrieds Verhältnissen vom Begründen eines Heimes spräche, würde ich zur Vorsicht mahnen. Er muß noch wenigstens zwei Jahre warten, bis er im Ernst daran denken darf. Siegfried aber flirtet nicht. Wenn der mir seine Liebe zu Ihnen bekennt, dann muß sie sein Wesen durchwühlen wie der Sturm die See, und auch Sie sind eine Natur, die den gesamten Inhalt der Seele an ihre Liebe geben muß.« In grenzenloser Verwirrung, die Augen zu Boden geschlagen, doch selig, lauschte Hilde. »Der Fall Siegfrieds ist folgender«, erzählte Frau Herdhüßer. »Seitwärts von unseren Herrenhäusern liegt ein drittes Gut, Edenkogen. Da wuchs, zwei Jahre jünger als Siegfried, die Marthe Burmester empor, das einzige Töchterchen des sehr reichen Gutsherrn. Die Väter waren befreundet, Marthe zudem die Gespielin der Schwestern Siegfrieds. So entstand zwischen ihm und dem schön gewachsenen, sehr stolzen und ein wenig kapriziösen Fräulein eine Jugendliebe. Wer den jungen Herrn vom Holm mit dem Fräulein durch die Felder reiten sah, der glaubte, das sei ein von Gott füreinander bestimmtes Paar. Am liebsten glaubte man es auf dem Holm. Um die Zeit nun, da Siegfried sich als Einjähriger zu stellen hatte, nahmen die beiden an einer Schiffstaufe und dem nachfolgenden Marineball in Kiel teil. Dabei soll Siegfried seine Jugendfreundin in einem ungehörig vertraulichen Geplauder mit zwei Seeoffizieren betroffen haben. Na, wer die übermütige Liebenswürdigkeit unserer Offiziere zur See gegen junge Damen kennt, begreift, daß auch mal einem gescheiten Mädchen der Kopf verdreht werden kann. Zwischen ihr und Siegfried, der sich nur selten, aber dann über das Maß erregt, kam es zu bösen Worten und zum Bruch. Neben der Verstimmung über Marthe trug die Einsicht, daß auf dem Holm kein Gedeihen für vier Geschwister sei, die Schuld, daß sich Siegfried nach seinem Einjährig-Freiwilligen-Dienst in bitterem Widerstreit mit der landstolzen Mutter nach Berlin und in die Industrie wandte. Der Abfall von den alten Gutsüberlieferungen vertiefte den Riß, denn niemand spottete schärfer über diesen Entschluß Siegfrieds als Marthe.« »Ein häßlicher Zug«, entfuhr es Hilde. »Er liegt tief in den Lebensanschauungen unserer Gutsbesitzerfamilien begründet«, bemerkte Frau Herdhüßer ruhig. »Ich selber habe Marthe trotz ihrer Launenhaftigkeit stets leiden mögen. Sie ist in ihrer Art ein seelisch bedeutendes Geschöpf. Sie und Siegfried ließen einander gegenseitig sagen, daß das letzte Band alter Freundschaft gelöst sei. Bei Siegfried stimmt's. Diese Beruhigung kann ich Ihnen voll geben, Hilde. Marthe Burmester ist für ihn seit Jahren eine Tote und Begrabene. Ob auch Marthe damals die innerste Wahrheit gesagt hat? Niemand weiß es. Sieben Jahre sind darüber vergangen, und die stolze, reiche Erbin hat einer Reihe junger Gutsbesitzer und Kavaliere ihre Hand verweigert. Darauf baut man auf Holm hartnäckig die Hoffnung, Siegfried und Marthe würden sich doch noch finden. Die Mutter, die vornehme und strenge Patriarchin des Hauses – Sie können bei ihrem Bild an eine alttestamentliche Richterin denken –, hält zäh an diesem Glauben fest.« »Nicht seufzen, liebe Hilde«, mahnte Frau Herdhüßer. »Ich wollte Sie nur darüber aufklaren, wie schwierig die Stellung Siegfrieds in Ihrer Liebesangelegenheit ist. An seiner Entscheidung hängt das Schicksal seiner beiden Schwestern. Wäre es zwischen ihm und Marthe zu einem Herzensbund gekommen oder käme es noch, flugs wären auch für die Schwestern Freier zur Hand. Ohne einen starken materiellen Zustrom in die Familie aber sind die beiden selbstbewußten und auch nicht mehr ganz jungen Damen wohl dem Ledigbleiben verfallen. Da schwärt die Wunde der Familie Kulbach! Siegfried stellt sich nun auf den einzig richtigen Standpunkt, daß er kein Ehrenmann wäre, wenn er Marthe Liebe heucheln und sie, nur um seinen Schwestern die Wege zu ebnen, zum Altar führen wollte. Der überstark entwickelte Familiensinn auf Holm aber mutet ihm dieses Opfer zu. Darum ist er über Weihnacht nicht in die Heimat gefahren. Ihm bangte vor den Bedrängungen der Seinen. Nun sehen Sie wohl ein, Hilde, daß Siegfried bei all seiner Liebe jetzt nicht an eine Verlobung mit Ihnen denken darf – in nächster Zeit nicht. Die Enttäuschung, der Haß auf die Fremde Braut würde in seiner Familie zu groß sein. Aber Geduld! Vielleicht erhört die Marthe doch einmal einen ihrer Freier. Dann hat Siegfried offenen Weg. Oder er rückt künftig in seiner Berliner Stellung so rasch vor, daß er aus Eigenem etwas für seine Schwestern tun kann. Dann verlieren die Forderungen der Familie von selbst ihre Schärfe.« Frau Herdhüßer erhob sich. »Und ja kein schweres Herz, Hilde! Sind auch Siegfrieds äußere Lebensbedingungen nicht so einfach, wie man es für Sie, für ihn wünschen möchte, so darf es doch ein Mädchen als ein großes Geschenk des Schicksals preisen, wenn es seine Liebe gewinnt. Siegfried ist ein hervorragender Mensch. Dabei aus der Tiefe seines Gemütes wahr und treu. Und wir, mein Mann und ich, wir wären diejenigen, die sich am meisten freuten, wenn wir über Jahr und Tag zwischen Ihnen, der Schweizerin, und Siegfried, dem Holsteiner, das Gegenspiel unserer eigenen Liebe sehen dürften. Wohl sagt man stets, Süden und Norden vertragen sich nicht, mein Mann und ich aber sind Zeugen, daß die beiden sich sehr gut verstehen, wenn nur die füreinander geschaffenen Menschen zusammenkommen.« Durch die Stimme der Frau Herdhüßer klang die Zärtlichkeit einer glücklichen Gattin. Hilde gab ihr einen dankbaren und warmen Blick. Die Mitteilungen über die Familienverhältnisse Siegfrieds hatten sie doch erschüttert. Sie sehnte sich nach Einsamkeit, um ihren wogenden Gedanken nachhangen zu können. Aber da wurde sie von Gertrud, dem Töchterchen, zu Doktor Herdhüßer gerufen. Was wußte er ihr? Er überreichte ihr einen zwar sehr gezwungenen, aber doch deutlichen Entschuldigungsbrief der alten Frau Glür und las ihr einiges aus einem Schreiben Ulrich Glürs vor, der sich auf das schärfste über seinen Bruder Kuno äußerte. »Nach München kommt er bis auf weiteres nicht wieder. Da hilft ihm alle Fürsprache der Mutter nichts, ich nehme ihn jetzt als Kontorarbeiter in harte Zucht. Darf ich Sie bitten, die Bilder, die er von Fräulein Rebstein aus so bedenklichen Gründen gekauft hat, in seiner Münchner Wohnung abholen zu lassen und der jungen Künstlerin wieder zuzustellen. Das dafür empfangene Geld mag, wenn Sie der gleichen Ansicht sind, Fräulein Rebstein ruhig behalten. Ich hoffe übrigens in nicht zu ferner Zeit München auf einer meiner Geschäftsreisen zu berühren, dabei Sie, verehrter Herr Doktor, begrüßen und der jungen Künstlerin mündlich mein Bedauern aussprechen zu können, daß mein Bruder eines solchen Betragens gegen eine ehrbare Dame aus gemeinsamer Heimat fähig war.« Nur nie wieder jemand von der Familie Glür sehen! war Hildes erster Gedanke. »Jetzt haben Sie ja Ihre Genugtuung«, lächelte der Doktor mit überredend warmem Mienenspiel. »Allerdings konnte ich die Sache nicht genau nach dem Vorschlag des Briefes ordnen; ich habe die Bilder abholen lassen und mir gestattet, der Familie Glür den Betrag dafür zu ersetzen. Ich tat es mit dem Bemerken, daß ich die Bilder als Marksteine der Entwicklung einer mir lieben Künstlerin selber zu behalten gedenke. Sie sind doch einverstanden, Hilde?« Sie konnte ihm nur ihren Dank stammeln. Ja, Doktor Herdhüßer wußte, wie man den Stachel aus einer verletzten jungen Seele zieht. »Und vergessen Sie die üble Geschichte, Hilde! Ich habe den Eindruck, daß Sie gerade jetzt in einer vielversprechenden künstlerischen Entfaltung begriffen sind. Da bedürfen Sie vor allem einer guten Luft um sich her.« – Gute Luft! Wie strömte sie ihr aus der Familie Herdhüßer entgegen! Mehr aber als an die Güte des Doktors und den nun ehrenvoll geschlichteten Handel mit der Familie Glür mußte Hilde an die Erzählung der Frau Herdhüßer über die Lebensumstände Siegfrieds denken. – Siegfried? – Glühte in seinem Wesen nicht noch irgendwo ein Funke für jene Marthe vom Gut Edenkogen, die Herzensfreundin seiner Jugend? Wie sonderbar spielt die Liebe! Sie ist kaum erwacht, so sind auch ihre Kümmernisse da, und erst in seinem Bangen spürt das Herz, wie stark es liebt. Treu hoffen und harren! Das war nun ihr Weg. – 24 Der letzte Tag des Jahres mit seiner eigenartigen Stimmung schwebte über München, ein Tag mit heller Sonne und leicht anschmelzendem Schnee wie im Vorfrühling. Hilde hatte Dombaly ihre Teilnahme bei einem fröhlichen Silvesterpunsch in seiner Wohnung zugesagt. Nun empfand sie darüber heimliche Reue. Denn auch von Siegfried Kulbach und Gustav Wieland war eine liebenswürdige Bitte gekommen, den Altjahrsabend mit ihnen zu verbringen. Doch war sie es Dombaly wohl schuldig, und jedenfalls war bei ihm, dem Schönheitsmenschen, Besonderes zu erleben. – Nun noch den von Herdhüßer gewünschten Besuch bei Steiger machen! – Der Maler wohnte in einem jener Quartiere Schwabings, in denen zwischen hohen neuen Gebäuden sich die alten Dorfidyllen des Ortes erhalten haben, anmutige kleine, von Gärtchen umsponnene Häuser an winkligen Straßen und Wegen. Hilde trat in den Vorgarten des Steigerschen Hauses, das mit seinem glyzinenüberwucherten Staketenhag, seiner Laube und seinen Bäumen im Sommer recht hübsch sein mochte. Sie traf den Künstler eben damit beschäftigt, einem Schneemann, den seine vier pausbäckigen Buben vor der Haustür gebaut hatten, die väterliche bildnerische Nachhilfe zu geben. Die vier Rangen von drei bis zehn Jahren schauten, einer wie der andere die Hände in den Hosentaschen, der Vervollkommnung mit ernsthaften Augen zu und lachten hellauf, als der Vater dem Schneemann zwei Augen von Nußschalen einsetzte und eine lang niederhängende Pfeife in den Mund gab. Welch eine von Gesundheit beseelte, bedächtige Kraftnatur war Jakob Steiger, der sich kaum mit einer Spur städtischen Wesens hatte übertünchen lassen. Er empfing Hilde mit gutmütigem Lächeln, stellte ihr erst seine Buben, dann sein Bernhardinerhundepaar vor und zeigte ihr seine Ziegen- und Kaninchenställe. Unmittelbar von den Ställen, die er selbst gezimmert hatte, führten Gang und Tür ins Atelier, einer ehemaligen Scheune, in die nun aber ein großes Fenster eingebaut war. Von Dombalyschem Luxus keine Spur, doch schmückten den Raum Gelege und Gehänge von ziemlich abgestorbenen Teppichen, die wohl einmal auf einer Steigerung erstanden worden waren, und eine hübsche Sammlung alter Schweizerwaffen, Harnisch, Hellebarden und Morgensterne. Auf zwei Staffeleien standen die Bilder des Herdhüßerschen Ehepaars. Sie waren schon weit genug vorgeschritten, daß man sich darüber ein Urteil bilden konnte. Treue, ehrliche Arbeit. Steiger sah in den Gesichtern viel, und was er sah, wußte er in einer sauberen Technik wiederzugeben. Die Bilder bekundeten eine fast rührende Gewissenhaftigkeit der Beobachtung, einen außerordentlichen Fleiß, für eine überredende Wirkung aber fehlte ihnen jenes süße Unbewußte der Kunst, das, unter der Schwelle des bewußten Sehens, wie ein leise singendes und sagendes Lied gleichsam aus der Seele des Modells durch die Phantasie des Künstlers in das Bild hinüberzieht: jenes Höchste in der Kunst, über das Dombaly wie über ein persönliches Schönheitsgeheimnis gebot. Namentlich dem Bilde der Frau Herdhüßer mangelte der letzte Schmelz der überaus zarten Linien und der durchsichtigen Haut. Ein Gefühl überkam Hilde, das hätte selbst sie, die erst Werdende, mit einer höheren Schönheitswirkung herausgebracht als Steiger, der reife Künstler. Wie wenn er ihr den Gedanken vom Gesicht hätte lesen können, versetzte er: »Nun, ein eigentlicher Frauenmaler bin ich nicht. Ich komme über eine gewisse Härte nicht fort. Den Auftrag des Doktors konnte ich aber nicht fahren lassen.« Es lag eine goldige Treuherzigkeit und Bescheidenheit in den Worten; sie errangen ihm die volle Herzlichkeit Hildes, und was sie ihm mit gutem Gewissen über die Bilder Anerkennendes und Schönes sagen durfte, das tat sie. Ein Freudenstrahl flog über sein männlich herbes Gesicht. »Ihnen muß ich's glauben, Fräulein Rebstein«, erwiderte er. »«Einmal haben Sie einen feinen Spürsinn für die künstlerischen Werte, und dann merkt man Ihnen an, daß Sie die Wahrheit sagen. Aber nun zu meiner Frau, die über Ihren Besuch auch erfreut sein wird!« Durch die einfach und geschmackvoll ausgestattete Wohnung, die für den Hausfrauensinn der fröhlichen Frau Steiger sprach, zog der Duft frischen Gebäcks. Da saß man ja schon beim Abendkaffee, eine ungezwungene Unterhaltung entspann sich, erst über die schönen Stiche von Schweizerlandschaften, welche die Stube schmückten, später über die Heimat und ihr Verhältnis zur Kunst. Das gemütliche Heim der Steiger und die zufriedenen Menschen bildeten eine Idylle, in der man sich hundert Stunden vom nervenaufregenden Getriebe einer großen Stadt entfernt wähnte. Das lag an der Frau, die stets zu frohem Plaudern geneigt war, lachend ein ziemlich scharfes Regiment über ihre Buben führte, mit sicherem Takt ihren schwerfälligen Mann bemutterte und wie eine Dame von Welt zum Behagen des Gastes sah. Aber auch an Steiger! Wie er mit seiner erdgeborenen Schwere als Familienvater unter den Seinen saß, erinnerte sein wuchtiges Gesicht, sein dichtes, kurzes, struppiges Haar, die gemütlich polternde Sprechweise eher an einen Handwerker, vielleicht an einen Schmied, der tagsüber den Hammer geschwungen hatte, als an einen Künstler, dessen Hand den leichten Pinsel führt. Seinen stillen Stolz setzte er darein, daß seine fleißige Kunst die Familie ehrlich und rechtschaffen durchbrachte und ihm und den Seinen jeden Sommer einen längeren Aufenthalt im Vaterlande gestattete. Neben dem ruhigen und gelassenen Manne, dem nichts ferner lag als der innere Widerstreit einer problematischen Künstlernatur, wurde man selber ruhig und gelassen. Als Hilde aufbrechen wollte, sagte er: »Ich komm ein Stück weit mit, ich hab' mich zu einer Stunde Kegelschub versprochen. Das ist meine wöchentliche Erholung das lange Jahr.« Frau Steiger forderte Hilde noch zum Bleiben auf; aber diese lehnte mit dem Hinweis ab, daß sie von Dombaly erwartet werde. »Da kommen Sie ja zu einem üppigen Fest. Seine geselligen Abende sind durch ihren großen Luxus berühmt«, bemerkte Steiger. »In den Schuhen Dombalys möchte ich jedoch nicht stecken. In unseren Künstlerkreisen ist es ausgemacht: der nimmt durch seine Verschwendungssucht, durch seinen Größenwahn bald ein böses Ende.« Hilde wollte ihren Lehrer verteidigen. Wozu? Es war so begreiflich, daß einem Manne wie Steiger das Verständnis für den künstlerischen Schwung eines Dombaly abging, wie ja auch Dombaly der Sinn für die geradlinige Art Steigers. »Ich bin ihm zu unendlichem Dank verbunden«, versetzte sie mit Nachdruck, »wickle ich mich wirklich einmal aus den Windeln der Kunst heraus, dann ist's sein Verdienst.« »Aber die Frauenzimmergeschichten, die er immer hat?« lachte Frau Steiger. »Darum kümmere ich mich nicht, ich bin nur seine dankbare Schülerin«, erwiderte Hilde mit einigem Stolz. Es tat ihr leid, daß das Gespräch noch auf Dombaly gekommen war. Indessen was verschlug's? Über das Verhältnis zu ihrem Lehrer trug sie eine ruhige Sicherheit in sich. Und als sie sich von Steiger verabschiedet hatte, lenkten die feierabendfrohen Menschen in den Straßen ihre Gedanken ab. War an der Silvesterfreude nicht etwas Kindisches? Das neue Jahr übernahm ja die Lasten, die Ketten, die Wunden und Narben des alten! Tilgte es etwa die Erinnerung an die Beleidigung durch Kuno Glür? Wie lange sie lebte, blieb dieser Schatten auf ihrer Münchner Zeit! – Doch brachte auch sie dem neuen Jahr reiche Hoffnungen entgegen: Ihre Kunst wurde für die Öffentlichkeit reif – die Liebe, die über sie und Siegfried gekommen war, wird wohl, trotz seiner seltsamen Heimatumstände, Luft und Licht genug haben, zu wachsen. – Oh, wenn sie mit ihm den Abend hätte verbringen können! 25 Dombaly, der Schönheitsmensch! Ein so glänzendes Fest, wie er es am Altjahrabend gab, kannte Hilde kaum vom Hörensagen. Die Räume der weitläufigen Junggesellenwohnung, die über dem Atelier lag, erstrahlten in einer Fülle blendenden Lichtes, in einem duftigen Frühling von Blumen. Hilde, die ihr geschmackvolles Königin-Luise-Kleid trug, bedurfte erst einiger Zeit, um sich in dem wunderbaren Künstlerheim, unter den auserlesenen Menschen des Dombalyschen Freundeskreises zurechtzufinden. Jugend! Junge Maler und Bildhauer, junge Schriftsteller, Dichter und Komponieren, das war die Gesellschaft. Die Namen zwar, die da von Mund zu Mund gingen, klangen Hilde meistens noch fremd, gehörten noch nicht der Öffentlichkeit an. Alle aber trugen auf ihren Stirnen einen Anflug Dombalyscher Genialität, und das Gemeinsamste unter ihnen war der Jugendstolz: »Wir sind die Kommenden! Heute noch unbekannt, sind wir morgen die Könige im Reich der schönen Geister und dürfen daraufhin heute schon die Welt verachten!« Gewiß, eine Fülle von Geist, dachte Hilde, aber auch der müde Zug der großen Stadt, der durchschwärmten Nächte, Überreizung in Rede und Gebärde. In ihrer Seele erwachte das Gefühl ihrer Bürgerlichkeit, die Ablehnung gegen die genialische Gesellschaft. Die künftigen Säeleute der Kultur kommen doch nicht aus den Nachtcafés, die kommen aus stillen, heimlichen Stuben ringender Arbeit. Wie fühlte sie sich in diesem jungen und doch schon von einem Wurm angefressenen Menschenkreis mit ihrer eigenen Jugend so fremd! Lachende Mädchen- und Frauenschönheit spielte sich durch die künstlerisch elegante und künstlerisch nachlässige Männerwelt dahin. Wovon war die Rede unter den Damen? »Man sah sonst größere Namen hier! Diesmal sind sie weggeblieben. Das spricht! Es ist wohl das letzte Fest, das in diesem Hause gefeiert wird!« Hilde erglühte. Welche Gemeinheit, dem, dessen Gastfreundschaft man genoß, den Untergang vorauszusagen! Aber erzählte nicht auch Steiger, daß man den Ruin Dombalys mit Sicherheit erwarte? Die leichtsinnige Gesellschaft schwelgte auf einem sinkenden Schiff. Und wenn der ökonomische Zusammenbruch kam – stürzte da nicht auch der Künstler? Ein Flüstern in der Gesellschaft. Bewegung – »die Indierin!« – Dombaly, der diesen Abend in seiner hohen männlichen Schönheit wie ein Gott strahlte, führte sie heran – eine berückende, reife Schönheit, Hilde mußte sich's gestehen, ein Wunder von Weib, wie geschaffen, einen Maler zu berauschen und zu verzücken. Hätte sie es nicht gewußt, daß es eine Indierin sei, sie hätte Sakuntala, wie die Fremde nach dem Beispiel Dombalys hier genannt wurde, für eine Zigeunerin gehalten, für die Tochter eines Zigeunerfürsten. Die schlanke, unendlich biegsame Gestalt trug um die Stirn eine goldene Spange, die ihr das reich fließende, blauschwarze Haar zusammenhielt, und ein Kleid von orientalischem Stoff, das nur auf der einen Schulter von einer kostbaren Hafte gehalten wurde, die herrlich aufleuchtende andere aber und die Hälfte der wunderbar geformten Büste freigab. Die gesamte Gesellschaft war von der Erscheinung Sakuntalas überrascht, eigenartig überrascht; Hilde so sehr, daß sie bei der Vorstellung das passende Wort nicht fand. Seltsam gärte es in ihr auf. Aus der Tiefe ihrer Seele spürte sie es – sie haßte dieses Weib, mußte es hassen, ohne sich selber sagen zu können, warum. Neid oder Eifersucht? – Nein, in Dombaly verehrte sie ja nur den Künstler! Und wie Sakuntala vor der Gesellschaft zu erscheinen, hätte sie sich geschämt. Ja, da lag's! Die Indierin war kein Menschenbild, das in ruhiger, künstlerischer Schönheit wirkte, etwas unsäglich Nervenaufreizendes schimmerte, bebte, strömte, zuckte aus dieser Gestalt: brennende Glut, schwelende Leidenschaft, ein Zuviel heißen Blutes, das Hilde wie eine Bloßstellung ihres Geschlechtes vor den Menschen empfand. Ihr war, als seien durch die Erscheinung Sakuntalas alle übrigen Damen der Gesellschaft zu Schatten herabgesunken. Sie selber mußte mit ihren Blicken die fremde Gestalt immer wieder suchen, das unbegreiflich wechselnde Spiel der geheimnisvollen Augen verfolgen. Jetzt unter den langen, schwarzen Wimpern frommes Träumen. Jetzt grünlich aufblitzendes Leuchten eines Katzenblickes. Der kleine Mund, der wie eine Granatblüte schimmerte, die in klassischer Schönheit mattleuchtende Brust, die mit den Atemzügen rhythmisch erbebte – das Funkeln der mit Steinen besetzten Arm- und Fußspangen und das fließende orientalische Kleid, eigentlich nur ein lose um den Leib geschmiegter Stoff, der die Formen mehr verriet als verhüllte. Und fast das Raffinierteste an der Gestalt waren die durch eine offene Falte des Kleides bis über die Knöchel erschimmernden Füße in edelsteinbesetzten Sandalen. Höllenzauber, der anzog und abstieß, Hilde je länger, desto quälender abstieß, am meisten, als Dombaly in übermütiger Verliebheit Sakuntala zu küssen versuchte und sie ihm wie in zitternder Kindeskeuschheit ausbog. Ein durch und durch unwahres und verlogenes Weib! zuckte es in Hildes Seele auf. Die kennt alle Künste, die einen Mann betören können! Aber darin mußte Hilde dem Künstler recht geben: die Indierin erschien wie die geborene Herrin seines wunderbaren Heimes, in dem sich Orientalisches und Abendländisches zu einem mystischen Stimmungsganzen verwoben. Ein genialer Geschmack, der die widersprechendsten Dinge in eine fast unbegreifliche Einheit versöhnte, ein Geschmack, wie ihn nur ein Satrap der Kunst wagen darf. Und der merkwürdige Blumenschmuck! Wohl gab es auf den Tischen auch andere, namentlich rotleuchtende Blumen, die Wände aber waren mit Papyrus besteckt. Aus steifen, hochansteigenden Stengeln, aus langen, saftiggrünen Blättern wuchsen die weißen, wächsernen Riesenblumen auf, und aus den herrlich geschweiften Rändern die großen goldgelben Griffel. Im Rahmen der weißen Blumen standen die sonderbarsten Skulpturwerke. Eine Menge fußhoher Elefanten aus schwarzem Stein; wie Dombaly erklärte: weil der Elefant das heilige Tier der weisesten Völker und für ihn der Liebling aller Kreaturen sei. Und auf den Gesimsen die bizarren Fabelwesen des Orients, halb Vogel, halb Teufel. Überall das kühne Spiel seiner Phantasie. Neben Hieroglyphen und Pergamenten Bildwerke altchristlicher Kunst, Niederländisches, Italienisches, auch manches Zufällige aus Münchner Antiquitätenläden, wie die kunstreichen Figuren eines mittelalterlichen Totentanzes, der sich durch eine Uhr in Bewegung setzen ließ. Unvereinbare Dinge scheinbar und doch zusammengehalten durch eine starke, künstlerische Stimmung, durch einen Geistergruß aus alter Zeit – und durch den Gedanken, wie alles Menschliche wird und vergeht. Dombaly war strahlender Laune, das knabenhaft gütige Lächeln, das ihm so schön stand, spielte um seinen Mund, überall und glänzend entfaltete er die Kunst der Unterhaltung, flocht da und dort ein paar geistreiche Ranken in das Gespräch der anderen ein und wußte die Dinge ebenso geschickt wieder loszulassen. Als man zum Festmahl schritt, kam er mit der Indierin zu Hilde, die sich etwas unsicher nach einem Kavalier umsah. »Da, meinen freien Arm, Rebstein! Ich lasse Sie keinem anderen. Wie vorzüglich Ihnen das Weiß und der bescheidene Ausschnitt stehen!« Hilde nahm seinen Arm dankbar an, und im Schreiten lachte er zu Sakuntala: »Ja, meine Rebstein ist mir auch lieb! Ein vornehmes und ernsthaftes Mädchen. Wenn ich das geringste Talent zur Ehe hätte, so würde ich keine andere heiraten!« Er brachte es so fröhlichen Mundes vor, daß es wirklich nur wie ein übermütiger Scherz klang. Hilde errötete ein wenig – und erschrak. Sie hatte einen Blick verzehrender Eifersucht aus den dunkeln Augen der Indierin aufgefangen. An der herrlich geschmückten Tafel verfolgte Dombaly den Gedanken, sprach von der Ehe als einer veralteten und langsam absterbenden Lebensform, die für Bauern und Dummköpfe recht sei, aber einer freien Künstlerseele unwürdig. Hilde unbegreiflich: selbst bei den Damen fanden seine Worte Anklang, am stärksten bei der Indierin, die es mit voller Leidenschaft darauf angelegt hatte, Dombaly in ihr Netz zu ziehen. »Einem Künstler, Komponisten oder Schriftsteller zwar ist das Weib mehr als anderen«, setzte Dombaly der Gesellschaft auseinander, »selbst der genialste Mann wird ihm die schönen und feinen Anregungen nie geben können, die er aus einem geistvollen und liebenden Verkehr mit Frauen und Mädchen zieht. Jedes ergreifende Kunstwerk ist das Denkmal einer hohen Frau, die in den seelischen Kreis eines Künstlers getreten ist – einer Liebe! Ich zweifle gar nicht, daß sogar die frommen Madonnen ihren Künstlern sehr irdisch zugetan waren. Aber es sind von der Herrscherin Natur Grenzen gezogen. Einmal oder ein paarmal nur kann die Frau die Erregerin eines Kunstgedankens, das Vorbild eines Kunstwerks sein, unfehlbar kommt aber der Zeitpunkt, in dem sie für den Künstler ausgeschöpft ist, die Liebe alltäglich und altbacken wird, in dem wir Schaffenden und Liebenden eines neuen Typs bedürfen, der uns die Seele wieder ins Schwingen bringt.« »Sie vergessen ja das Essen, Rebstein«, lachte er, »und was schauen Sie so kampflustig her?« »Und die Ausgeschöpften?« fragte sie. »Sollen edel sein und gehen, gehen mit der großen Erinnerung, einem Künstler das Leben verschönt, ihn zur höchsten Arbeit befähigt zu haben, von ihm geliebt worden zu sein, selig und aus strömendem Herzblut, wie wir Künstler lieben!« Sakuntala fand den Gedanken ebenso poetisch wie großzügig. »Ich schreibe darüber ein Gedicht«, sagte sie. »Das Gedicht von der Blume, die dankbar stirbt, nachdem sie in Schönheit und Liebe hat blühen dürfen.« Sie sprach ihr Deutsch etwas fremdartig, doch sehr geläufig. »Sie wissen, Rebstein, daß Sakuntala den Ehrgeiz besitzt, deutsche Dichterin zu werden?« fragte Dombaly. Nein, das wußte Hilde nicht. Sie hatte nur wieder die starke Empfindung, daß die Indierin, wie sie den Gedankengängen Dombalys schmeichle, ein durch und durch verlogenes Geschöpf sei – überhaupt sie verstand die Damen da an der Tafel nicht, die dem Weibe ohne Widerspruch die unwürdige Rolle eines rechtlosen Spielzeuges zuschieben ließen. »Na, was schwebt Ihnen auf den Lippen?« fragte Dombaly. »Daß Ihre Ansichten ganz einseitige Herrenmoral sind – ein Protzentum des Genies, das nicht besser ist als das Protzentum des Geldes, für das Sie, Dombaly, nicht Worte der Verachtung genug haben. Eine Frau von Selbstachtung wird nie auf Ihre Ideen eingehen, überhaupt wird sie die Gedanken über die Liebe auf einer anderen Grundlage bauen. Aus der Geliebten will sie die geistig hochstehende Freundin ihres Mannes werden – und die Mutter seiner Kinder! Gattenfreundschaft und Elternpflichten sind aber in ihrer Art eine so inhaltsvolle Welt wie der erste Liebesfrühling. Und das Weib, das den Lauten eines jungen Lebens horcht, das den Sinnen eines Kindes die Schönheitsquellen der Erde erschließt – steht es nicht dem edelsten Künstler ebenbürtig da?« Hilde war in Eifer gekommen. Da besann sie sich und erkannte mit einer Art von Beschämung, daß sie in diesem Kreis etwas wie eine feierliche Rede gehalten. War da nicht ein allzu ernster Ton in das leichte Tafelgespräch gefallen? – Doch nur Dombaly und die Indierin hatten aufmerksamer zugehört. Dombaly sah Hilde mit unendlich wohlgefälligem Lächeln an: »Sie sind ein ganzer Kerl, Rebstein – Ihnen bewillige ich ja auch eine Ausnahme in meiner Theorie.« Wieder der funkelnde Blick der Indierin! Die Stimmung der Gesellschaft stieg und stieg – die Getränke wurden immer schärfer und berauschender. Sakuntala trug einige ihrer deutschen Gedichte vor, mit ihrem Gemenge von lyrischen Anflügen und allergewöhnlichsten Plattheiten kamen sie Hilde wie Vögel vor, die stiegen wollen und nicht können – unwahr wie das Weib selbst. Was waren das überhaupt für merkwürdige Gedichte, die hier zum Vortrag kamen? – Da sprach ein junger Poet, der sich in eine Mönchskutte geworfen hatte, eine Ode auf Lieben und Leben, tönende Worte, doch ohne Zusammenhang und mit der sinnlosen Wiederholung: »Rot – Rot – Rot!« Wie verrückt sich aber diese Darbietungen anhörten, jede fand Beifall, erhöhte die Stimmung. Und die Gläser klangen. Ein Getränk kreiste, eine Bowle, wie sie Hilde noch nie gekostet hatte. Sie trank sich wie ein erfrischendes Bergwasser, sie stürmte wie Feuer durch die Adern, erregte einen scharfen Geschmack auf der Zunge, einen Geschmack wie von spanischem Pfeffer, und einen Durst – einen brennenden Durst! – »Dombaly, lassen Sie mich heim!« bat Hilde. »Das Schönste kommt ja erst«, lachte er, »Sakuntala tanzt!« In einem milden, bläulichen Lichte tanzte die Indierin, tanzte, den Kopf rückwärts gebeugt, mit zuckender Brust wie eine Bacchantin, schlenderte die eine, dann die andere Sandale von sich, löste die Spangen, löste das Kleid – den Leib schimmernd nackt, tanzte das Weib im Höllenzauber seiner ungezügelten Leidenschaft. Dombaly war schönheitstrunken. »Sehen Sie, welche Farben – welche Linien – das Weib malen dürfen! Das ist doch begnadetes Künstlertum!« Er kam Hilde in seinem Rausch vor wie ein großes Kind. Sie selber hatte nur den einen Gedanken: Fort – fort! Sakuntala war erschöpft auf einen Teppich hingestürzt. »Trinken – trinken!« lallte ste. Unter einem schweren Pelz ruhte sie nun, von Dombaly gebettet, auf einem Diwan. – Da, welche Wohltat! Ein Diener hatte die Fenster geöffnet, in empfindlich kalten Wellen strömte die Nachtluft in den Saal, erfrischte und beruhigte. Auf ihren Flügeln schwebten die machtvollen Glockentöne der Kirchen Münchens daher, und in die gewaltigen, tiefen Tonwogen aus der Stadt mengte sich das Gebimmel aus den Dörfern der verschneiten Ebene von Schleißheim. Es war der Erde und Himmel erfüllende Glockenabschied an das alte Jahr. Und nah und fern schimmerten die Lichter der Menschen, die das neue Jahr erwarteten. Ob wohl noch irgendwo so viel Ausgelassenheit herrschte wie bei Dombaly? Hilde stand mit wogender Brust am offenen Fenster und ließ sich die Stirn vom Nachtwind kühlen. Sie wäre am liebsten hinaus in die dunkeln Lande geschritten und hätte auf freiem Feld einsam Neujahr gefeiert. Nein, am liebsten wäre sie bei Siegfried Kulbach gewesen! Ein brennendes Heimweh nach dem Mann ihrer Liebe überfiel sie – ihr war, sie sollte die Hände falten und beten für ihn – für ihre heimlichen Hoffnungen. Nun schwiegen die Glocken schon eine Weile; dann kam dumpf und schwer von allen Türmen der letzte Stundenschlag, von nahen und fernen Straßen der aufjauchzende Freudenruf: »Prosit Neujahr!« Grüßende Lichter stiegen in die Nacht, und die Tonflut der Glocken wallte wieder mit geheimnisvoller Fracht daher. Hilde wandte sich, um Dombaly mit einem Neujahrswort zu begrüßen. Da, ein neues Schauspiel! Er und die Indierin, die wieder frisch geworden war, trugen grüne Kränze auf dem Haupt, aus einem großen Korb schmückte sich die ganze Gesellschaft mit den Gewinden. Dombaly sah aus wie der Apoll, Sakunlala, die ihm mild und zärtlich am Arme hing wie eine verzauberte Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht. Er kam mit ihr auf Hilde zu und setzte seiner Schülerin selber den Kranz auf die Stirn. »Was zögern Sie«, sagte er, »wir werden ihn bis zum Frühjahr ehrlich verdienen. – Kommen Sie, wir trinken auf gesegnete Arbeit!« Und mit einer Weihe, als ob er sich Priester fühle, rief er: »Minium novum faustum felicem nobis ! Uns und der Kunst ein gesegnetes Jahr!« Und langsam und feierlich: »Uns aber laßt zechen – und krönen Mit Laubgewind Die Stirnen, die noch dem Schönen Ergeben sind!« Hell klangen die erhobenen Gläser. Einer der jungen Dichter hielt eine Rede auf Dombaly. Jeder und jede sollte der Kunst einen Trink- und Kernspruch darbringen. Als die Reihe an Hilde kam, erhob sie sich errötend, wandte das bekränzte Haupt zu Dombaly, ließ den vollen Strahl der großen, warmen Augen in seinen Zügen ruhen und sprach in herzlicher Schlichtheit, doch mit metallen hell und klar erbebender Stimme: »Die Werdende wird immer dankbar sein!« – Der Spruch seiner Schülerin erregte das innige Wohlgefallen Dombalys. Er kam auf sie zu, nahm ihre Hand, schlang seinen Arm um ihren Nacken und schaute ihr mit seinem kindlichen Lächeln tief in die Augen. »Auf ein herzliches Schmollis, Rebstein!« bat er. »Wir sind doch sehr gute Freunde zusammen, gelt, du mein Sonnenstrahl?« Hilde wurde verwirrt und verlegen. Durfte sie ihm die Bitte abschlagen, jetzt ihre gute Gesinnung für ihn verleugnen? Und obwohl sie von der Bowle nur sehr vorsichtig getrunken hatte, ging ihr das Denken so schwer. – »Also gute Freundschaft, Dombaly!« versetzte sie mit einem wirren Lächeln. Er gab ihr einen Kuß auf die Stirn, einen Kuß, der eine feine Achtung, aber auch eine verhaltene Zärtlichkeit für sie ausdrückte, und lächelte warm: »Ich danke dir, Rebstein! Ich werde noch viel Schönes schaffen – und du mit mir. Die Zeit kommt, da wird die Kunst in einem Atemzug von uns sprechen! Von Stephan Dombaly und seiner Schülerin Hilde Rebstein. Schon im Frühling!« Warmes Künstlerblut wallte in seinen Worten. In der Nähe stand die Indierin. Dunkel spürte es Hilde: dieses fremde Weib brannte in rasender Eifersucht auf sie, auf die vornehme Achtung, mit der ihr Dombaly begegnete, mit der er sie selbst jetzt noch auszeichnete, da er doch in einem Rausch von Wein und Schönheit glühte. Aber was ging sie die Indierin an? Sie, Hilde, hatte nur noch ein Bedürfen: fort aus diesem schwülen, dionysischen Kreis! – die Seele auslüften! – – – Endlich war Aufbruch. Unruhe und Traurigkeit begleiteten sie auf dem Heimweg. Sie wußte nicht warum. Ihre Gedanken klammerten sich in weher Sehnsucht an Siegfried. – Nur nie wieder eine so tolle Nacht erleben! – 26 Der Alpdruck des gestrigen Abends war von Hilde gewichen, aber friedlich war ihre Seele im sonnigen Neujahrsmorgen doch nicht. Weg mit dem grünen Kranz, der sie an den Abend erinnerte! Da fiel ihr ein, wie grauenhaft ihr von dem Kranz geträumt hatte. Wie war der Traum gewesen? – An einer Waldquelle der Heimat saß sie im lichten Maien, und froh über das Gewind im Haar sang sie ein Lied aus ihrer Kinderzeit. Da kam ihr Vater mit seiner Zeichenmappe den Waldweg daher, erst lächelnd, dann ernst und blaß. »Wie magst du singen, arme Hilde, du blutest ja unter deinem Kranz hervor!« Da merkte sie, daß in dem Gewinde Dornen saßen und ihr tief ins Haupt gedrungen waren, schmerzend und brennend. Sie riß den Kranz von der Stirn. In warmen Bächlein rann ihr das Blut übers Antlitz. – Nein, nicht mehr daran denken, den schweren Traum in den Wind schlagen, mit ihm abschütteln, was sie dazu noch von der Indierin geträumt hatte, von ihrem Augenspiel und ihrem granatroten kleinen Mund, und die abergläubische Anwandlung überwinden, die ihr die Seele schnürte! Es war doch so natürlich, daß der tolle Abend sich in tollen Träumen weitergespielt hatte – und nun freudig Siegfried Kulbach erwarten! Die innere Freudigkeit wollte sich aber nicht einstellen. Hilde kam eben über Erlebtes nicht gleich hinweg. Das überraschende Schmollis mit Dombaly und sein Stirnkuß gaben ihr zu denken. Wie manche feine und unsichtbare Schranke zwischen Mann und Weib wird durch das vertrauliche »Du« niedergerissen, wie manches darf durch das kleine Wort von Seele zu Seele fluten, was das förmliche »Sie« wie ein zartes Sieb zurückbehält. Überhaupt, wie stand sie mit Dombaly? – War in Zukunft noch das schöne, kameradschaftliche Nebeneinanderarbeiten möglich, das sie bisher in einer untadeligen Herzlichkeit verbunden hatte? Manchmal war ihr doch, als ob in der ritterlichen und vornehmen Art, in der zarten Hochachtung, mit der er sie vor seinem übrigen leichtlebigen Damenverkehr auszeichnete, eine stille Verliebtheit verborgen wäre – vielleicht halb unbewußt und platonisch, die edelste, reinste Liebe, die er je für ein Frauenwesen empfunden hatte. Aber doch Liebe? Nein, da sei Gott vor! Aus vielen, vielen Gründen durfte zwischen ihr und Dombaly nur eine achtungsvolle Freundschaft bestehen, eine Freundschaft, die sich nur auf die Kunst und die Dankbarkeit gründete. Anderes fühlte sie für den leichtsinnigen Künstler nicht, der, wo immer sich ein schöner Mund darbot, ungescheut küßte. Wollte er einen Freundschaftsbeweis, selbst zum höchsten war sie bereit – wollte er von ihr ein Liebeszeichen, da versagte ihre Seele. Ihre junge Liebe gehörte Siegfried Kulbach! Seine Stimme drang vom Flur. Er fragte nach ihr – sie erglühte, ihr pochte die Brust schmerzhaft –, da war er! In einer fast kühl anmutenden norddeutschen Höflichkeit überbrachte er ihr zum Neujahrsgruß leuchtende Rosen, aber von seiner festtäglich gewählten, frischen Erscheinung strömte ein Hauch gesunden Menschentums, ein reinerer Odem auf sie über, als sie von dem nächtlichen Fest mit sich heimgetragen hatte, und ihr war, der liebe Gast schenke ihr eine Würde wieder, die sie gestern bei Dombaly unmerkbar verloren hatte. Mit ein paar Worten erzählte sie ihm von der glänzenden Gesellschaft. »Aber daß Sie nur ja nicht denken, das sei meine Welt! Der Tag am Kesselberg war viel schöner!« Die gemeinsame Erinnerung zerstreute die anfängliche gegenseitige Befangenheit. »Und jetzt darf ich Sie zu einer Stunde Schlittschuhlauf im Englischen Garten abholen?« bat er. »Wieland ist bereits dort.« »Gott, wie gern gehe ich an die frische Luft«, sagte sie mit einem halblustigen Seufzer. Während sie nach ihren Schlittschuhen langte, ließ er einen forschenden Blick durch ihr Zimmer und auf ihre Bibliothek gehen. »Ich wohne sehr einfach«, sagte Hilde, »meine Kunstanfänge gestatten mir noch nicht viel Besseres.« »Aber Ihr Stübchen verrät doch die junge Dame von Gemüt und Geschmack, den wählenden Blick und die liebevollen Hände der Künstlerin.« Hilde erbebte von innerem Glück beim Klang seiner stets wärmer werdenden Stimme, ihr war, als erfüllte sich ihre Dachkammer durch seine Worte mit Sonne. »Und dort der junge Goethe«, lächelte er. »Ist Ihnen Goethe so besonders lieb?« »Ja, meine Bücher alle«, erwiderte sie. »Ehe ich Dombaly und durch ihn die Familie Herdhüßer kennenlernte, lebte ich sehr einsam. Da habe ich in vielen stillen Stunden erfahren, was für Freunde und Tröster die Bücher sind. Eine lange, hoffnungslose Zeit des künstlerischen Suchens und Tastens hätte ich ohne sie kaum überwunden. – Gehen wir, Herr Kulbach?« – »Oh, die herrliche, sonnige Luft!« jubelte sie. Er aber nahm das vorige Gespräch wieder auf. »Ich bin von Ihnen beschämt, Fräulein Rebstein«, sagte er nachdenklich. »Auf dem Gymnasium ließ ich mich seinerzeit auch mit der vollen Wärme der Jugend für die Literatur begeistern, dann geriet ich aber in den Bann der Technik und mußte manches brach liegenlassen, Literatur und Kunst.« Damit kam er auf Doktor Herdhüßer zu sprechen, der seine Teilnahme weit über die Schranken der Industrie hinaus künstlerischen, wissenschaftlichen und sozialen Bestrebungen widme. Ihm sei der Doktor ein Lebensvorbild, und wenn er erst einmal in den großen technischen Aufgaben Fuß gefaßt und ein eigenes Heim gegründet habe, dann gedenke auch er aus der Einseitigkeit der Facharbeit sich herauszuwinden, sich den Blick für die allgemein menschlichen Fragen zu weiten und frisch mit dem gesamten geistigen Leben in Verbindung zu treten. Dabei gab er Hilde einen sonderbaren, fragenden Blick, und eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. Wie anmutig, wenn Siegfried Kulbach errötete! Der volle Zauber keuscher Männlichkeit, Gesundheit und Kraft webte um sein Wesen. Sie waren im Englischen Garten angekommen, und wie er sich mit ihr bei den Klängen eines Militärkonzertes auf dem See von Kleinhesselohe durch die festlichen Menschen wiegte – oh, darin lag eine tiefe Harmonie der Bewegungen und der Seelen, ein schönes, stummes Sichverstehen. Ein paarmal war Gustav Wieland herangeschwärmt. Jedesmal wußte er Hilde mit gutem schwäbischem Humor etwas Fröhliches und doch Unverfängliches zu sagen, und als das Spiel der Musik nach einem Stündchen zu Ende ging, gab es sich wie von selbst, daß die beiden Freunde sie aufforderten, mit ihnen das Mittagsmahl in ihrer Pension einzunehmen. »Sie müssen doch auch mal meine Arbeitsstube sehen«, bat Siegfried die Zögernde. – Das Zimmer war eine Werkstätte schaffenden Geistes, unentwegten Fleißes, hoffnungsvollen Werdens; mit den vielen technischen Zeichnungen auf den Tischen und an den Wänden eine ihr vom Vater her vertraute Welt. Nur waren es keine Spinn- und Webstühle, wie dieser sie auf dem Kontor der Firma Glür u. Comp. gezeichnet hatte, sondern elektrische Lokomotiven, Wasserwerke und Übertragungsanlagen. Sie las: »Dynamo für die Metropolitanbahn in Paris, zehntausend Pferdekräfte – Beleuchtungsanlagen in Buenos Aires«. – Nach Ägypten, nach Rußland und China, durch die gesamte Welt führten die Namen. »Da zeichnen wir stets bis Mitternacht an unseren Plänen«, erklärte ihr Gustav Wieland. »Dafür hängt fast an jedem Namen für Kulbach eine große angebotene Stelle. Er darf nur wählen« – er spreizte die Hände –, »und jeder Finger bedeutet einen Direktortitel. Das ist Erfolg!« »Und Sie?« fragte Hilde. »Ich gehe im Herbst nach Württemberg zurück«, erwiderte Wieland, »wir haben dort eine eigene kleine Fabrik, die auszubauen mein Ehrgeiz ist.« Aus einem Gefühl der Hochachtung für soviel Arbeit wurde Hilde stumm. Ihre Augen aber glänzten. Was sie hörte und sah, bewegte sie auf das tiefste, auch die Bilder aus Holstein, die ihr Siegfried wies: Vater, Mutter, Geschwister, das Herrenhaus von Holm. – »Und dieses Fräulein hier ist eine Jugendfreundin von einem benachbarten Schloß.« Marthe Burmester, durchzuckte es Hilde – ja, eine stolze und schöne Erscheinung. »Frau Herdhüßer hat Ihnen von dem Fräulein gesprochen«, lächelte er etwas verlegen, »darum zeige ich Ihnen das Bild.« Auch Hilde wurde verlegen. »Es ist nur ein Erinnerungsstück«, sagte er bedeutungsvoll und legte es wieder in eine Truhe. »Begrabene Jugendpoesie, für die es keine Auferstehung gibt.« Seine Augen blickten voll milden Ernstes in die Hildes – zusichernd, beruhigend. Sie war aber doch sehr erregt und froh, als die beiden Freunde vorschlugen, einen weiten Nachmittagsspaziergang zu machen. »Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Rebstein«, fügte Siegfried Kulbach hinzu, »besuchen wir gegen Abend die Familie Herdhüßer, um ihr noch unsere Glückwünsche darzubringen.« Ja, daran hatte sie auch schon gedacht. Der Gang wurde um so schöner, als sich Gustav Wieland bald von ihnen trennte, besonders schön der gemeinsame Heimgang nach Schwabing. Sie schienen sich nur allein auf der Welt zu gehören, und aus dem Frage- und Antwortspiel, wieviel ihr die Kunst in ihrem Leben sei, ob neben der Kunst vielleicht auch einmal die Liebe Raum haben würde, ob sich ihr Schweizer Heimatsinn mit dem Gedanken versöhnen könnte, ein dauerndes Lebensglück auf deutscher Erde zu finden, aus jedem seiner Worte spürte sie sein Liebessuchen, vernahm sie den Drang seiner Seele, sich zu vergewissern, daß sie kein Nein für ihn hatte, wenn er einmal den größten aller Schicksalsentscheide von ihr forderte. Beim Abschied bat er sie, daß er dann und wann wieder nach ihr sehen dürfe. Mit welch heimlich jauchzender Wonne wollte sie Siegfried erwarten! Nein, ein Stürmer und Dränger war er nicht, aber ein feinfühliger Mann voll freudiger Lebenszuversicht. Was ihm aus männlich tiefem Gemüt erströmte, das atmete Ehrlichkeit und Treue, Klarheit und Wahrheit, die siegreiche Kraft eine Siegfriednatur. Sie konnte für sich auf Gottes Erde ein schöneres Los nicht denken, als das treue Weib des Mannes zu werden, der sich aus eigener Stärke einen großen und ehrenvollen Weg bahnte, als in seiner Liebe den Ersatz jener Herzensheimat zu finden, die sie mit dem Tod des Vaters in der wirklichen Heimat verloren hatte. Selig träumte sie, in junger Liebe selig! 27 Die Tage vergingen Hilde in strenger Arbeit. Keine ihrer Befürchtungen, die sie an den tollen Abend bei Dombaly geknüpft hatte, erwies sich als gerechtfertigt. Das gegenseitige Du zwar bestand. Am Ton der Unterhaltung im Atelier aber änderte es nichts, Dombaly blieb der ihr hochschätzungsvoll begegnende Lehrer, setzte sich mit dem warmen Eifer seines Naturells für ihren künstlerischen Fortschritt ein und bezeugte ihr durch seine strengen Korrekturen oft mehr als durch sein karges Lob, daß er ihr eine große Begabung zumaß. »Flüchtiges Zeug, was!« hatte er sogar einmal getadelt. »Und du, Rebstein, willst im Frühling ausstellen? Nein, da muß meine Schülerin anders heran!« In einer Arbeitsüberreizung, wie sie sich gegen die Vollendung eines Werkes einstellt, hatte sie das eine Ohr Giovannis zu rasch fertigbringen wollen. Da hatte sie die Zurechtweisung weg. – Schamrot und stumm zeichnete sie das Ohr ein paarmal sorgfältig auf ein Blatt, malte es wieder, und nun mochte Dombaly kommen. Er nickte. »Aber mein Porträt von dir, Hilde, wächst sich auch gut heraus!« Sein leuchtender Blick flog über die eigene Arbeit. »Sieh her, du sprichst doch aus dem Bild! In den Augen, im Gesicht ist Schwung und Feuer. Das ist nicht das Weib nach der Art Mizzi Schäfers, das hübsch und nichtssagend überall in den Straßen herumläuft, es ist doch die künstlerisch beseelte, in schaffenden Gedanken vibrierende Edelnatur! Sieh mal den leise geöffneten Mund, die Partie um die Augen! Auch der Tropfen schweren Blutes, der nun einmal in dir ist, strömt geheimnisvoll durch das Antlitz und gibt ihm eine geistige Bedeutung und Schönheit, die wirken müssen. Jeder, der vor dem Bild steht und weiß, daß du Malerin bist, wird einen künstlerischen Wurf von dir erwarten.« »Ich freue mich selber an dem Bild«, erwiderte Hilde. »Wenn nur die Menschen nicht zuviel von mir erwarten!« »Du stehst mir ein paarmal in dem weißen Kleid, das du am Altjahrabend bei mir getragen hast«, sagte er. »Selbstverständlich behandle ich es nur andeutungsweise, es wird aber mit seinen duftigen und natürlichen Falten um Schulter und Büste für das Brustbild ein schönes Ganzes geben. Edel und vornehm! Und noch ein Gedanke! Ich setze dir den grünen Kranz ins Haar – ein festliches Menschenbild, die junge Priesterin, die mit geweihter Seele der Kunst dient: – – – – – – krönen Mit Laubgewind Die Stirnen, die noch dem Schönen Ergeben sind! Du weißt, das Motiv quält mich längst. – Ich hab's an Mizzi Schäfer versucht – es ist mißlungen!« – Hilde war erblaßt. »Niemals, Dombaly!« widersprach sie mit angstvoller Heftigkeit. »Nie – nie!« – Er begriff die Erregte nicht. »Oh, dafür will ich schon sorgen, daß meine Priesterin nicht mit einer Dienerin des Dionysos verwechselt werden kann! Das Bild muß natürlich von höchster Weihe getragen sein.« Er sann. »Laß den Plan«, zitterte die Stimme Hildes. Jetzt spürte er ihren Ernst. »Nein, kränken möchte ich dich nicht«, versetzte er begütigend. »Ich verzichte. Nur muß ich dann das Motiv überhaupt fahren lassen. Seit ich es mit deiner Stirne verbunden habe, geht es mir mit keiner anderen Gestalt mehr zusammen, sowenig mit der Indierin wie mit Mizzi Schäfer. Du allein hast die beredten Züge dazu. – Aber sei beruhigt, ich verzichte. Dein Bild wird ja auch ohne das Gewinde Aufsehen erregen.« Ein glückliches Lächeln schwebte ihm um den Mund. Hildes Augen dankten ihm. Aus tiefem Schrecken erlöst atmete sie auf. »Mir scheint, Dombaly, daß deine Phantasie oft viel zu üppig spielt«, sagte sie nachdrücklich, »ich bin sicher, daß das Bild ohne den Kranz viel besser wirken wird. – Beiläufig eine Frage. Du sprachst von Mizzi Schäfer. Hast du das Gesicht geändert?« Die Züge Dombalys verdüsterten sich. »An das Bild mag ich gar nicht denken«, zürnte er. »Nur an das deine und das Sakuntalas! In acht Tagen muß ich die Indierin herankriegen. Ich hoffe, das wird ein Gemälde, wie man es seit Jahren auf einer deutschen Ausstellung nicht gesehen hat; ein Bild, vor dem die Menschen in Schönheitsandacht niederknien, vor dem sie aber zugleich entsetzt beten möchten: ›Erlöse uns von dem Bösen!‹ – und lernen, wie Entzücken und Grauen in einem Zug auf die Seele gehen!« »Ich werde mehr das Grauen spüren«, erwiderte Hilde, »überhaupt über die Zeit, da du sie malst, will ich mich vom Atelier fernhalten. Unmöglich, daß ich in Gegenwart der Indierin arbeite! Sobald ich sie sehe, ist mir, es würde mir Gift angeworfen – warum, weiß ich nicht.« – Sie schüttelte sich unwillkürlich. – Dombaly war von ihrem Bekenntnis keineswegs überrascht. »Nein, du und Sakuntala gehen nicht zusammen«, sagte er ruhig. »Du bist der lichte Tag, sie ist die dunkle Nacht, und sie ist eifersüchtig auf dich, wie es nur eine Orientalin sein kann. Aber aus dem Atelier laß ich dich doch nicht gern. Ich habe mich an deine Arbeitsnähe so gewöhnt, daß mir wäre, ein guter Geist sei ausgezogen – nein, das darfst du mir nicht antun, Rebstein –, ich werde für die Wochen, da ich Sakuntala male, einen besonderen Eingang für dich bauen lassen. – Überhaupt, wenn wir im Frühling zusammen ausstellen wollen, können wir uns doch jetzt nicht trennen!« Hilde schwieg verlegen. »Meinen Giovanni hältst du noch für unreif?« lenkte sie das Gespräch ab. »Ja, wenigstens nach meinen Ansprüchen nicht für ausstellungsreif; doch verkenne ich deine großen Fortschritte nicht; das Handgelenk ist dir freier geworden, muß aber in ein paar Bildern noch freier werden. Dann – na, wo willst du denn hin mit dem Bild?« »Herdhüßer hat mich aufgefordert, ihm alles, was ich schaffe, vorzuweisen«, erwiderte Hilde beklommen. Sie wußte, daß es für Dombaly jedesmal ein Schmerz war, wenn er den Namen des Kunstfreundes hörte, der seine Hoffnungen aus triftigem Grund enttäuscht hatte. »Mein Glückwunsch zu dem guten Käufer!« lächelte er indessen sorglos. »Es gibt Leute, die glauben, Dombalys beste Zeit sei schon vorbei, und die mich schon zu den Toten schaufeln möchten. Dein Bild und das der Indierin aber, und man wird erst von Dombaly zu sprechen beginnen!« Das gebe Gott, dachte Hilde. Alles Gute, alles Große wünschte sie Dombaly, die glänzendsten Erfolge. Sie wurde aber die Befürchtung nicht los, daß die Indierin, das längst ersehnte Modell, eine schwere Gefahr für ihn sei, und spürte es wohl: er war vollkommen im Bann des fremden Weibes, im Doppelbann der Sinnlichkeit und des künstlerischen Reizes. Armer Dombaly! – Es war neben dem allen Wallungen des Blutes nachgebenden Leichtsinn so viel Edles und Tüchtiges an ihm. – Wenn sie ihn hätte retten können! – durch ihre eigene, aufopfernde Liebe! – Aber die gehörte Siegfried Kulbach. 28 Der Abendgang in die Familie Herdhüßer war für Hilde stets eine freundliche Erholung von den Anstrengungen der Atelierarbeit. Der Doktor und seine Frau begleiteten die Entwicklung der jungen Liebe, die zwischen ihr und Siegfried erwacht war, mit einer stillen, warmen Anteilnahme. Auch jetzt erkundigte sich Herdhüßer leicht nach dem Freund. »Ich habe ihn zweimal diese Woche je ein halbes Stündchen gesehen«, gestand Hilde errötend, »und wenn morgen am Erscheinungsfest das Wetter uns wohl will, unternehmen wir einen gemeinsamen Ausflug an den Tegernsee.« Der Doktor nickte stumm verständnisvoll und ließ sein Gespräch zur Kunst hinübergleiten. »Das Bild des Italienerjungen, das Sie mir durch den Dienstmann haben zustellen lassen, war mir eine frohe Überraschung. Sie haben das schülerhaft Tastende überwunden, der Strich sitzt ohne Ängstlichkeit, eine freie und großzügige Anmut lebt in der Arbeit. Ei, ei, den Namen Hilde Rebstein muß man sich als Kunstfreund merken, es ist ein Name, der kommt!« Die Herzfreude zog über das frische Gesicht des Doktors, allmählich aber wich sie einem väterlichen Ernst. »Nun mal von der Leber weg, Hilde – wie stehen Sie mit Dombaly? – Daß Sie bei ihm rasch und sehr viel lernen, ist gar keine Frage. Aber er treibt es gegenwärtig toll. In den engeren Kunstkreisen spricht man fast nur von ihm und der Indierin. Seine Händler, die zugleich seine Gläubiger sind, verfolgen das Spiel der beiden mit heimlicher Verzweiflung – bald vielleicht mit offener! Da ist meine Frau Ihretwegen stets etwas beunruhigt, und das gerade, weil sich zwischen Ihnen und ihrem Vetter Siegfried ein so schönes Verhältnis entfaltet. Sie fürchtet, es könnte durch das tolle Wesen Dombalys auch ein Schatten auf Sie fallen, und möchte Sie am liebsten aus seinem Atelier heraushaben.« Die Warnung erschreckte Hilde, doch schlug sie die großen, braunen Augen voll zu dem Doktor auf und hielt den seinen ruhig stand. »Ich weiß nicht, was Dombaly außerhalb des Ateliers treibt; in unserer täglichen Zusammenarbeit ist er der edelmütigste und vornehmste Mensch, dem ich in meiner Münchner Studienzeit hätte begegnen können. Unser gegenseitiges Verhältnis hat sich nie durch einen Hauch jener Begehrlichkeit getrübt, die man ihm sonst nachredet. Es wäre eine Tat der Feigheit und des schwarzen Undanks, wenn ich jetzt von ihm gehen wollte. – Auch habe ich ihn als Lehrer für meine junge Kunst noch so bitter nötig, das sehen Sie ein, Herr Doktor!« »Nun ja, wenn Sie Dombaly mit den ernsten Augen ansehen, Hilde, wie mich jetzt«, lächelte Herdhüßer, »da verstehe ich sehr wohl, daß selbst er die Grenze zwischen sich und Ihnen einhalten muß. Auch der genialste Lump hat vor einer ernsten, großen Frauenseele Ehrfurcht, und ich habe Dombaly nie für einen geringen, nur für einen zuchtlosen Menschen gehalten – zuchtlos im Leben, nicht zuchtlos in der Kunst. – Gegenwärtig also zieht er mit der Indierin, die Sie bei ihm kennengelernt haben, durch die Stadt. Ich sah das Paar in der Loge und im Foyer des Hoftheaters, Sakuntala, wie die Fremde allgemein genannt wird, umworben, verschlungen von den Augen und Gläsern der männlichen Zuschauerschaft. Man ist darüber einig, daß in der Fremdenkolonie von München seit etlichen Jahren ein ähnlicher orientalischer Teufelszauber nicht gesehen worden ist.« »Ich mag sie aus dem Grund meiner Seele nicht«, stieß Hilde hervor, in ihren Zügen aber stand doch die Neugier, mehr über die Fremde zu hören. »Wie Sie, mißtrauen dem fremden Weib noch viele«, fuhr der Doktor fort, »Sakuntala selber läßt zwar in einer romantischen Geschichte durchblicken, daß sie im Trieb nach europäischer Bildung und mit Hilfe irgendeiner Deutschen aus dem Harem eines morgenländischcn Herrschers entflohen sei und nun mit unbezwinglichem Wissensdrang ihrer Ausbildung lebe. Man neigt aber gerade in der feineren Gesellschaft zu der Ansicht, daß sie eher als einem Emir oder Schah einer wandernden Fakir- und orientalischen Tänzerinnengesellschaft davongelaufen und eine jener gefährlichen Abenteuerinnen großen Stils sei, die jeweilen auf dem Fasching in München auftauchen, um an seinem Ende mit ihrem Raub zu verschwinden.« Was Hilde unklar geahnt, das erhielt durch die Ausführung des Doktors Umriß und Gestalt. Sie unterbrach ihn aber nicht. »Die Spur Sakuntalas geht nach Monte Carlo zurück. Irgendein junger Prinz brachte sie von der Riviera über Montreux nach München. Der Prinz wurde aber bald dringend nach Hause gerufen, was wohl heißt, daß er ihrer satt war oder das Geld für ihren Aufwand nicht mehr beschaffen konnte. Sakuntala soll zu jenen Damen gehören, denen die Börse selbst eines Krösus nicht zu schwer ist. Da die Aristokratie und das vornehme Bürgertum sich ablehnend gegen sie verhielten, wandte sie sich den leichter zu erreichenden Künstlerkreisen zu, trat, um sich selber mit einem Schein von Kunst zu umgeben, als Dichterin auf und, nachdem die kindischen Verse nicht zogen, als Odaliske. Der erste, der Feuer fing, war Dombaly. Als edelmütiger Freund kommt er für den Hotelaufenthalt Sakuntalas auf. Und sie wohnt mit einer Kammerfrau und einer kleinen Menagerie von Affen und Papageien in einem ersten Haus. Was kostet nun der Tag? Was kosten die täglichen Geschenke, das Hunderterlei, das sie sich aus den vornehmsten Läden der Stadt zuschleppen läßt? – Das fragen die Gläubiger Dombalys fast mit Entsetzen.« »Aber hat er denn keinen Freund, der ihn warnt?« entfuhr es Hilde. »Freunde, namentlich Gläubiger, genug! Aber sie predigen einem Verschwender! Und wenn die Händler, die ihm borgen, nur wenigstens die Gewißheit hätten, daß ihm Sakuntala wirklich zu einem Bild großen Stils steht? – Wer will aber die Abenteuerin halten, wenn sie ihm eines Tages die lange Nase macht und geht? Diese Befürchtung quält die Gläubiger, doch sind sie unter sich uneins. Die einen wollen die polizeiliche Ausweisung der Indierin aus München veranlassen, damit Dombaly von dem Vampir loskomme, die anderen noch eine Weile weiter borgen und die dritten ihn durch Kreditverweigerung in den ökonomischen Ruin stürzen.« »Der Ärmste!« glitt es über die Lippen Hildes. »Was ist weiter dabei?« sagte der Doktor mit der ihm eigenen Lebendigkeit. »Wenn Dombaly eines Morgens die gerichtlichen Siegel am Atelier findet, seine Bilder und sein gesamter überflüssiger Besitz unter den Hammer gerät, wird er mit einer großartigen Handbewegung über die Widerwärtigkeit hinweggehen, nachher ein paar gute Bilder malen – und er ist wieder Dombaly, der verehrte Künstler. Bringt ihn der Zusammenbruch zur Besinnung, lernt er daraus, jeden Tag einen Augenblick über seine ökonomische Lage nachzudenken, so kann ihm kaum ein größeres Heil widerfahren. Im übrigen kommt es schwerlich zum Äußersten. Der Kunsthandel hält ihn, die eigenen Verluste fürchtend, solange es möglich ist, und Sie, liebe Hilde, brauchen die Geschichte auch nicht tragischer zu nehmen, als sie ist, und können sich Ihr Mitleid um Dombaly sparen.« Sie atmete erleichtert auf und war schon im Begriff, sich von Doktor Herdhüßer zu verabschieden. »Wozu die Eile?« Er nahm das an der Wand stehende Bild des Italienerjungen, hielt es gegen das Licht und betrachtete es aufmerksam und wohlgefällig. »Ich werde das Bild behalten. Den Preis wollen wir durch die Schätzung eines oder zweier Kenner festsetzen lassen. Nein, keinen Widerspruch, ich von mir aus kann ihn doch nicht so sicher bestimmen. Und nun eine Frage, die ich schon zu Weihnacht auf der Zunge hatte: übernehmen Sie die Porträts unserer Kinder? Sie kennen ja die beiden nun gut, jedes nach seiner äußeren und seiner seelischen Eigenart. Sie haben die Kinder lieb, und die Kinder Sie. Das wird Ihnen die Arbeit wesentlich erleichtern.« Über Hildes Gesicht schlug eine Flamme der Freude. »Wie sich unsere Gedanken begegnen!« stammelte sie. »Ich dachte, noch ein oder zwei Bilder bei Dombaly – dann würde ich Sie und Ihre verehrte Frau bitten, Hermann und Gertrud malen zu dürfen, damit Sie und Ihre lieben Kinder ein Andenken an mich und die große Gastfreundschaft hätten, die mir in Ihrem Heim beschieden war.« »Auf das Bild des Italienerjungen hin bin ich überzeugt, daß Sie sich jetzt schon herzhaft an die Aufgabe wagen dürfen«, sagte Herdhüßer. »Haben Sie das Vertrauen zu sich, das ich selbst zu Ihnen habe – und die Porträts geraten. Es handelt sich aber nicht bloß darum, daß wir durch die Bilder ein schönes Andenken an Sie erhalten, sondern auch Sie an uns. Der Weg dazu ist, denke ich, ein hübsches Honorar. Wozu erröten, Hilde? Die Kunst schreit nach Brot. Sie schreit noch stärker, wenn man von Verlobung und einer Zukunft zu zweien träumt. Auch sollen Sie nach dem anstrengenden Winter frohe Ferien feiern können, oder vielleicht liegt Ihnen an Florenz und Rom. Ich meinerseits hoffe nur, daß sich mir mit den beiden Bildnissen der angenehme Gedanke verbindet, eine junge Künstlerin nach ihrem Talent erkannt zu haben, ehe die Spatzen von München und in der Schweiz ihr Loblied pfeifen.« Wie von einem Traum befangen, den der nächste Augenblick zerstören kann, schwieg Hilde. Aber da schüttelte ihr der Doktor kräftig die Hand, seine Stimme lachte: »Auf beiderseitigen guten Erfolg!«, und unter der Tür erschien mit den Kindern Frau Herdhüßer, die Blondine, von der es stets wie Sonnenstrahl ausging. Ein Wort des Doktors – die feine Frau nickte und lächelte Hilde herzlich zu, und Hermann und Gertrud, das anmutige Paar, jubelten: »Ja, wann dürfen wir Ihnen denn zum erstenmal sitzen, Fräulein Hilde?« – Es ist doch eine Lust zu leben, wenn es einem Mitmenschen so gut geht wie mir, überdachte sie dankbar. Ein lieberer und schönerer erster Kunstauftrag als der Herdhüßers hätte ihr nicht zuteil werden können. Und von dem Ausflug, den sie mit Siegfried Kulbach, Gustav Wieland und den ihnen befreundeten Herren und Damen in die winterstarrende Landschaft am Tegernsee unternommen hatte, war ihr auch ein froher, sonntäglicher Glanz im Herzen zurückgeblieben – schweigende Liebespoesie aus Schneeleuchten, dunklem Tannengrün und blauer Luft! Noch war es zu keinem offenen Geständnis zwischen Siegfried und ihr gekommen, er und sie aber trugen die selige Überzeugung in der Brust, vom anderen im innersten Wesen begriffen und geliebt zu sein. Nun bloß ein Wort von Siegfried – und was jetzt noch knospenhaft in den Gemütern drängte und schwoll, das wurde ein lebendiger Liebesfrühling! Und doch – nach diesem Worte wollte ste sich nicht zu sehr sehnen, die ahnungsvolle Zeit, in der sie lebte, still genießen und froh warten, bis Siegfried sprach. 29 Als Hilde von einem Abendbesuch bei den Malersleuten Steiger heimkehrte und in ihr Dachstübchen gestiegen war, meldete ihr die Hauswirtin: »Herr Kulbach war um acht hier. Er kommt um neun Uhr noch einmal, nach Ihnen zu sehen. Er hatte es sehr wichtig und feierlich.« Was die Wirtin mit ihrer hohen Stimme alles daherschwätzte! Hilde begriff nicht ganz, warum Siegfried gerade heute aus der ernsten Zurückhaltung heraustreten sollte, mit der er bisher seine Liebe umgeben hatte. Daß er aber um neun noch einmal kommen wollte, das deutete doch auf eine besondere Bewandtnis. In wenigen Minuten war es ja neun! Sie zitterte vor Erwartung. – Da kam er, elastischen Schrittes und in freudiger Aufwallung. »Ich habe diesen Abend einen Brief von meiner Firma in Berlin erhalten«, erzählte er fast stammelnd, »und als meine liebe Freundin teilen Sie wohl meine Genugtuung darüber mit mir!« – Er bot ihr den Brief. Errötend nahm ihn Hilde zur Hand. Die Elektrizitätsgesellschaft schrieb Siegfried, daß sie infolge der stets zunehmenden Arbeitsaufträge ihre Einrichtungen aufs neue wesentlich zu erweitern gedenke, darum müsse sie auf die Vermehrung der leitenden Kräfte bedacht sein. Sie rechne auf seinen Eintritt in die Leitung, sobald er in München seine Studien abgeschlossen habe, und unterbreite ihm einen Vertragsentwurf, auf dessen Grundlage er gebeten sei, die Stelle eines Abteilungsdirektors zu übernehmen. »Und hier ist der Vertragsentwurf«, versetzte Siegfried leuchtendes Blickes. Vor Überraschung trat Hilde einen Schritt zurück. »Sie werden ja durch Ihr Gehalt selbst in hochgespannten Berliner Verhältnissen bald ein reicher Mann«, sagte sie, und wieder einen Schritt näher tretend, halb verwirrt, doch lachenden Auges: »Ich kann Ihnen nur die Hand schütteln – aus der Wärme, mit der ich es tue, müssen Sie spüren, wie sehr ich mich mit Ihnen freue.« Ihre Augen strahlten, ihre und Siegfrieds Hände zitterten ineinander – einen Herzschlag lang war Schweigen zwischen ihnen. Da bebte seine Stimme: »Ein reicher Mann – nein, reich werde ich erst sein, wenn Sie sich entschließen können, mir als mein Weib in die Berliner Stellung zu folgen!« Seine treuen, blauen Augen baten. – Sie sah es nicht – sie hatte die ihrigen zu Boden geschlagen. Das kam nun doch viel mächtiger über sie, als sie gedacht oder geträumt hatte – wie Gebet, wie heiliges Schicksalswehen, wie geheimnisvoller Geistergruß herüber vom Grab ihres Vaters! – Nur langsam hob sie den Blick zu dem erwartungsvoll lauschenden Manne empor. – »Siegfried, wenn du mich deiner würdig hältst!« flüsterte sie in bittendem Ernst. In süßer Verwirrung ließ sie das Haupt an seine Brust gleiten: »Du weißt, ich kann dir nicht mehr geben als mich selbst!« »Mehr will ich nicht! – Nichts als dich fürs ganze Leben – für Zeit und Ewigkeit!« stammelte er – und küßte – küßte sie – und wie betäubt in Wonne ließ Hilde die Küsse über sich ergehen, die Küsse auf Hand – Stirne und Mund. – Ja, auch in der Liebe war er ein starker Siegfried, stark wie im Leben! – Schneller und früher, als sie geahnt hatten, war das volle Glück der Liebe über sie gekommen, durfte sie seinen kosenden Worten lauschen: »Süße Hilde! Dort am Siegestor, wie der Sturm so pfiff und Gustav Wieland sagte: ›Sie ist ein gediegener und feiner Kerl‹ – da habe ich mir zum erstenmal gedacht: Sie muß mein künftiges Weib werden! – Und nun bist du mein, süße Hilde! mein – mein! – Meiner Familie unsere Verlobung bekanntgeben darf ich freilich nicht vor nächster Weihnacht. Ich muß mir zuerst etwas Luft unter den Meinen schaffen, etwas Freiheit, indem ich von meinem Gehalt Geld in den Hof schieße. Wenn sie aber erst sehen, daß ich guten Willens bin, auch ihnen zu helfen, dann, Liebling – dann werden sie auch meine Verlobung mit dir anerkennen müssen, gern und ans dem Herzen anerkennen! Und bald nachher können wir unser Berliner Heim begründen. Ein Atelier für dich soll darin sein, und deiner Kunst magst du leben, wie es dir gefällt.« – »Dir – dir vor allem will ich leben, du lieber Mann!« flüsterte Hilde und umschlang ihn mit beiden Armen. »Sollte ich nicht gehen?« fragte er. »Die Uhr geht schon auf zehn.« »Nein, bleibe, bleibe!« bat sie in strömendem Glück. »Ich bereite uns noch eine Tasse Tee, du sollst sehen, daß ich eine kleine tüchtige Hausfrau bin. Und du – du sollst mir erzählen, wie alles wird, wenn ich dein Weib sein werde; viel Süßes sollst du mir sagen!« »Ja, eines«, flüsterte er. »Ehe ich meine Stellung in Berlin antrete, möchte ich mit dir in deine Heimat fahren, die Scholle schöner Schweiz sehen und kennenlernen, die dich mir geboren, dich mit so herrlichen Gaben ausgerüstet hat, ausgerüstet mit deinem Natursinn, mit deinem Schwung und Feuer, dem künstlerischen Talent und den warm genießenden Augen für alles Schöne in der Welt!« »Ja – ja – ja – dich die Wege meiner Heimat führen«, rief Hilde glücklich, »diese wonnige Heimkehr!« Und plötzlich mit tiefem Ernst: »Dann treten wir zusammen an das Grab meines Vaters. Und ich sage ihm: Sieh, Vater, nun habe ich wieder eine Heimat an treuer Brust! – Oh, wie danke ich dir, Siegfried – wie danke ich dir!« Er zog Hilde an sich, er flüsterte ihr ins Ohr: »Hilde – und die Trennung von der Heimat sollst du dir einmal nicht schwer werden lassen – hast du gesehen? In meinem Vertrag sind mir vier Wochen Ferien zugesichert. Wohin reisen wir dann?« »In deine Heimat, nach der holsteinischen Schweiz«, lachte sie übermütig. »Ich hoffe, daß die Deinen mich allmählich auch ein wenig lieben lernen.« »Und in die echte Schweiz reisen wir«, lachte er. »Und jedesmal sollst du einen tiefen Zug aus dem Wesen deiner Heimat schöpfen und stets bleiben, wie du bist – eine freimütige, kraftvolle Natur, das Kind einer starken Erde, wie ich es selber bin!« Allmählich wurde die Liebe still, still wie die blühende Welt in der Maiennacht. Wang an Wange, Hand in Hand saßen Hilde und Siegfried und flüsterten sich nur noch die Worte zu, die der Traum der Stunde in ihre Seelen und auf ihre Lippen legte. – Als Siegfried gegangen war, da versank Hilde in ein andächtiges Staunen – in ein Staunen darüber, daß in einem Menschenherzen Raum ist für so viel Glück, für so viel unerschöpfliche Liebe, daß ein gütiger Gott etwas so Wunderbares hat schaffen können wie das Ineinanderneigen einer Mannes- und einer Weibesseele in der hohen Stunde des Liebeseingestehens. 30 Aus ihrer Liebe quoll der mächtige innere Trieb zur Kunst hervor. Gewaltig drängte es Hilde zur Arbeit. Siegfrieds würdig werden! Wie wenig sie ihm einmal zuzubringen vermochte – ihr Ehrgeiz stand darauf, daß er von seiner Verlobten als einer jungen geachteten Künstlerin sprechen dürfe. Das wäre ihr Stolz! Und jetzt war ja jeder Tag für ihre Kunst bedeutungsvoll, ihr Talent erstarkte, sie wuchs – und junge Liebe und junge Kunst wurden ein Zusammenklang in ihrem Leben, über dem sich all die kleinen Sorgen des Tages vergessen ließen. – Was ging sie der Fasching an, der schon eine Weile durch München tollte! Die Riesenmaueranschläge, die an allen Ecken und Enden bis hinaus in die letzten Straßen mit mehr denn kecken Bildern zu den Redouten und Festen riefen! Nach dem Italienerjungen Giovanni hatte Dombaly ihr ein ganz junges Mütterchen als Modell gestellt, später sollte noch das Kind dazu kommen – das Gemälde eine Madonna aus dem Volksleben werden, realistisch aufgefaßt, aber mit lyrischem Anhauch, eine Verherrlichung der schmerzensreichen und doch unergründlich tiefen Mutterliebe eines Mädchens, dem der Verführer nichts zurückgelassen hat als das Kind, die Schande und die Not.– Die Aufgabe war so recht nach Hildes Herzen. dem drängenden Eifer der Künstlerin, die Tag um Tag ihre Kräfte wachsen fühlt, mit dem Schwung ihrer eigenen jungen Liebe, einer glückselig Verlobten arbeitete sie an dem Bild in wunderbar erhöhter Schaffensstimmung. »Wie ein Roß, dem der Haber ins Blut gegangen ist!« scherzte Dombaly. Seine schwarzen Augen hingen bald an dem entstehenden Bild, bald an ihr, und für die Empfindung Hildes nur zu sehr an ihr. Aber wie zerfallen er aussah, fünf oder zehn Jahre gealtert! Der Fasching, die Sorge um die Indierin, die ihn ein heilloses Geld kostete und als Modell doch nie recht heran wollte. Er genoß den Karneval mit den freudigen Augen des Künstlers und in vollen Zügen. Kein großes und vornehmes Kostümfest, er war dabei mit seiner aufschäumenden Lebenslust, mit seiner wilden Gier nach Schönheit und Liebe. Ob mit der Indierin? Das wußte Hilde nicht. Nur schien es ihr, daß zwischen ihm und dem fremden Weib nicht alles stimmte, als ob zwischen ihnen durch seine oder ihre Schuld Eifersucht und Zerwürfnis herrschte, ohne daß die beiden sich doch lassen konnten. »Komm doch du mal mit, Hilde – komm morgen abend mit auf den Ball der Isis«, bat er eindringlich. »Fasching ist für uns Künstler ein hohes Fest, das heilige Fest des frühlinghaften Lebens, der sich offenbarenden Schönheit!« Sie ließ sich nicht gewinnen. »Bist du ein öder Kerl geworden, Kind; ich habe dir mehr Rasse zugetraut!« brauste er auf. »Na, ich habe gemeint, der Haber sei mir ins Blut gegangen«, spottete sie. »Ich sage nicht, daß du nicht in die Technik der Malerei eindringen wirst; aber den Altweiberglauben sollst du ablegen, daß zur Kunst ein bißchen Hand und ein bißchen Auge genüge. Das sind die seichten Ansichten eines Jakob Steiger und ähnlicher zu Künstlern verunglückten Spießer, dürfen aber nicht die einer Hilde Rebstein sein. Wer aus der Fülle des Herzens schaffen will, der darf das Künstlerische nicht bloß sehen, der muß es heiß und leidenschaftlich erleben, um sich, in sich erleben – der muß eintauchen in die goldenen Ströme des Lichtes, sich durchzittern und durchzucken lassen von den Wellen leuchtender Feste –, der muß die Schönheit wie ein sengendes Feuer ertragen, muß leiden können für die Kunst. Dadurch erst werden die feineren Fühlfäden der Seele frei, die Arbeit großzügig. Komm mit, Hilde!« Auf ihren Lippen schwebten die Einwände. Gab es unter den unsterblichen Meistern des Mittelalters nicht eine Reihe von Künstlern, die schlicht wie Handwerker gelebt und doch Vollendetes für die Dauer der Zeiten geschaffen haben? Stand den Forderungen des Genialischen und Zigeunerhaften, mit denen ihr Dombaly kam, nicht das Zeugnis noch größerer Künstler gegenüber, daß neben der heiligen Flamme in der Brust die einfache, treue Hingabe an die Arbeit, der vielverspottete Fleiß die sicherste Werde- und Reifekraft für den Künstler und seine Werke sei? Sie sprach Dombaly nicht davon und verschwieg ihm auch, daß sie durch ihre Liebe ein reineres Feuer der Kunstbegeisterung in sich trage, als es ihr die leuchtendsten Bilder eines Faschingsballs zu geben vermochten. Wozu Dombaly ihr Glück gestehen? Sie kümmerte sich nicht um seine Liebschaften, er mochte sich also auch nicht um ihre Liebe kümmern! Sie erwiderte ihm: »Ich habe keine Zeit, Dombaly. Jeder Tag ist mir kostbar. Ich vollende die junge Mutter mit dem Kind, und nachher widme ich mich einem Auftrag Herdhüßers. Ich soll seine Kinder malen. Dazu brauche ich sechs Wochen. Darüber kommt schon der Frühling – nachher noch einmal an die junge Mutter, von der ich hoffe, daß sie für die Ausstellung reif wird.« Nun wußte Dombaly um den Herdhüßerschen Auftrag, von dem zu sprechen sich Hilde stets gescheut hatte. Wie ein verlegenes Kind stand sie vor ihm. »Also auch du, Rebstein – von dir hätte ich es am wenigsten erwartet!« Er war aschfahl geworden. In seinen Worten zuckte ein wilder Schmerz, aus seinen Augen sprühte der Vorwurf. »Ich verstehe dich nicht, Dombaly«, zitterte die Stimme Hildes. »Um so besser verstehe ich!« versetzte er bitter. »Ihr alle seht in mir das sinkende Schiff. Ihr seid die Ratten, die feige davonfliehen. Was soll der Auftrag Herdhüßers heißen? Du gehst sechs Wochen von mir weg, um nicht Zeugin zu sein, wie dein Lehrer unter den Streichen der Manichäer zusammenbricht. Nachher, ja da kommst du wieder, und je nachdem du Dombaly findest, wirst du wieder seine Schülerin oder gehst!« Hilde erschrak im Innersten. Dombaly gab also seinen nahen Ruin zu. »Du tust mir grenzenlos weh und bitter unrecht«, schrie sie auf. »Ich habe den Herdhüßerschen Auftrag nicht gesucht, aber er ist mir willkommen, ich kann damit die Zeit ausfüllen, während der du die Indierin malst. Du weißt doch, daß ich und jenes Weib einander im Atelier nicht ertragen!« »Und warum gehst du nie mit mir auf einen Ball – schämst du dich meiner?« »Du siehst Gespenster, Dombaly! Ich schäme mich meines Lehrers nicht, aber ich fürchte die Bälle, sei nun meine lebhafte Phantasie oder mein schweres Blut daran schuld. Ich leide darunter. Also laß mich aus, ohne es mir übelzunehmen. Im übrigen solltest du auch mehr zu deiner Gesundheit sehen, mir scheint, du bist krank – du siehst zum Erbarmen aus!« – Das Mitleid, das durch die Stimme Hildes bebte, traf Dombaly an einer weichen Stelle seines Gemütes. »Ja, daß ich krank sei, habe ich selber schon gedacht«, erwiderte er mit einem traurigen und doch hinreißenden Lächeln. »Die Manichäer, Sakuntala, dieser Dämon – du hast recht, wenn du sie für das schlechteste Weib der Welt hältst! – Malen aber muß ich sie doch, den Satanszauber, muß das Bild schaffen, das die Welt erschüttert, auf die Knie zwingt und mich selber von diesem Weib erlöst. Sie künstlerisch gestalten, und wenn ich darüber mit Leib und Seele zugrunde ginge! Sie ist eben doch ein Geschöpf, wie es nur einem begnadeten Künstler in den Weg läuft – und diesem nur einmal im Leben. Wer sah jemals etwas Geheimnisvolleres an Liebreiz und Teufelsmacht?« Da schwärmte er wieder in so hohen Worten für die Indierin, daß Hilde an seinem guten Verstand zweifelte. »Nein, kein Gesicht machen, Kind!« bat er. »Ich habe ja nie ein Weib so rein und edel geliebt wie dich. Ich liebe dich fromm, wie ein sechzehnjähriger Junge liebt, wie eine Heilige liebe ich dich, und an dem Tage, da ich so leichtfertig zu dir rede wie zu anderen Weibern, wünsche ich selbst, daß mir die Zunge verdorre – aber bleibe bei mir, Hilde – bleibe bei mir! Ich kann nicht arbeiten ohne deine Nähe, nicht leben! Laß mich den Staub von deinen Füßen küssen, aber bleibe bei mir in den Tagen der Anfechtung, in denen die Manichäer über meine Kunst, über mein Herz herfallen, die Zahne darein schlagen und es zerreißen! Du bist treu, Rebstein – du bist treu, und an dich laß mich in den dunkeln Stunden glauben!« Hilde erschrak bis in die innerste Seele. Was für ein merkwürdiger und unheimlicher Gefühlsausbruch Dombalys! Sie war in peinvoller Verlegenheit um eine Antwort. Unmöglich, den Herdhüßerschen Auftrag, über den sie sich so sehr freute, in den Wind zu schlagen; ebenso unmöglich aber, jetzt den Lehrer im Stich zu lassen, der sich ihrer in einer Zeit selbstlos angenommen hatte, da sie der künstlerischen Not fast erlag. Nein, als die feige Ratte wollte sie vor Dombaly wirklich nicht erscheinen – sie, die stolze Hilde Rebstein, sie, die beneidete Schülerin des Künstlers. Am tiefsten sorgte sie sich, daß sie Siegfried nicht von den Kümmernissen sprechen durfte, die sie bewegten, von der seltsamen Liebe Dombalys zu ihr, von den Schwierigkeiten, die er dem Herdhüßerschen Bilderauftrag entgegenstellte. Ja, wenn seit ihrer unerwartet raschen Verlobung nun schon so viele Monate vorbeigegangen wären wie Tage, da hätte sie Siegfried frei und offen ihr Verhältnis zu Dombaly klargelegt; aber ihre gegenseitige Liebe war nun doch noch zu jung, als daß sie ihn rückhaltlos in den Kreis ihrer heimlichen Sorgen hätte ziehen können. Und er war so sorglos glücklich in seiner Liebe, wie es nur ein Mann sein kann, der sich nach Jahren ernster Arbeit daran erinnert, daß er noch Jugendrechte besitzt, ein Mann, der durch seine Liebe wieder ein glückseliger Junge wird! Und nun selber den schwarzen Faden der Sorge in dieses lichte Glück weben? – Nein, sich rein, glücklich und tief wie Siegfried freuen! Aus dem Atelier tretend, warf sie die schweren Bedenken, die sie aus den Redensarten Dombalys geschöpft hatte, so gut es ging, hinter sich. Er war ja ein Stimmungsmensch, zum Überschwang der Phantasie geneigt. Was ihm heute als eine hohe Wahrheit galt, das war ihm morgen ein Nichts, und wegen der Zeit für die Herdhüßerschen Bilder ließ er wohl noch mit sich sprechen! – Wie jeden Abend erwartete sie ihren Verlobten, der sie, je nach Umständen, in ihrer Wohnung oder in der Herdhüßerschen Familie zu einer Stunde gemeinsamen Weges durch Nacht und Schnee abholen kam. Noch ungeduldiger als sonst harrte sie seiner. »Siegfried – mein Siegfried!« jubelte sie ihm entgegen. Oh, die wundervollen Abendgänge, die Häupter, die Seelen einander so nah! In seiner starken Männlichkeit legte er ihr sein Fühlen und Denken so klar, daß sie in sein Leben wie in eine reine Quelle blicken durfte, und auch in seine künftige Welt, die nun die ihre werden sollte. Hui, wie der Sturm durch die Gassen heranpfiff, wie es um die Ohren sauste! Aber um so enger nur durfte sie sich an Siegfried schließen, um so näher neigte sich ihr sein Mund, ihr Liebes zuzuflüstern. 31 Wenn nur der stets wilder aufrauschende Karneval vorüber wäre, der Fasching mit den gegensätzlichen Eindrucken der lauten Abendfreude und des fröstelnden Morgenjammers! Die bunten Farben beunruhigten die Nerven selbst der Unbeteiligten, und die Augen verlangten nach den stumpferen und ruhigeren Bildern des Alltags. Sie wünschte es um Dombalys willen. Und dennoch, unmöglich, sich den Eindrücken des Karnevals ganz zu entziehen. Am Abend, wenn Hilde, von Siegfried geleitet, aus der Familie Herdhüßer heimwärts ging, drang aus allen Cafés und Bierhallen die Hackbrett- und Schrammelmusik, der Juchschrei und das Gestampfe der bäuerlichen Spielgesellschaften laut und aufdringlich in die Straßen, und man begegnete genug jener Gestalten, die aus Mantel und Tuch das Narrenkleid hervorblicken ließen. Bajazzi und Dominos, Bébés und Münchner Kindel, Gaukler und Gauklerinnen, Priester und Priesterinnen, Götter und Göttinnen fuhren, eines lustigen und übermütigen Abenteuers gewärtig, nach den Vergnügungssälen. Am Morgen dann, wenn Hilde aus ihrer Dachkammer herniederstieg und sich vor dem Eintritt in das Atelier auf einem Spaziergang von der herben Winterluft umwehen ließ, kamen ihr in Gruppen oder einzeln die Spätlinge der durchschwärmten Nacht entgegen. Diejenigen, die am Abend im Wagen gefahren waren, gingen jetzt zu Fuß. Die Männer starrten mit gläsernen Augen in die Morgendämmerung und in das Tagewerk der anderen Leute; die Mädchen schleppten sich müde und frierend, Haar und Röckchen zerzaust, einher und hatten manchmal kaum mehr Kleider genug, die Blöße des Leibes zu decken. Gegenüber all dem Taumel empfand sie das Glück ihrer reinen großen Liebe erst recht tief und billigte im Grund ihres Herzens das strenge Urteil, mit dem Siegfried, der lebensernste Norddeutsche, die leidenschaftliche Ausgelassenheit der lang andauernden Münchner Karnevalswochen verurteilte. »Das Ergebnis?« fragte er. »In soundso vielen Familien der Gerichtsvollzieher, eine Anzahl junger Leute der Versuchung erlegen und wegen Unterschlagung vor Gericht, soundso viele Mädchen verführt und im Unglück, Ehen zerrissen und die Scheidungsklage anhängig. Sogar von Faschingsselbstmorden liest man, hier aus Eifersucht, dort wegen einer verlorenen Stelle, und in der Gärtnervorstadt hat sich eine Sechzehnjährige aus Ärger darüber erhängt, daß der Vater das leichte Narrenröckchen im Ofen verbrannt hat. Wer spricht gegen eine maßvolle Freude? Zuviel aber ist zuviel!« Nein, Siegfried, Hilde und auch Wieland ließen sich vom Fasching nicht anfechten. Wenn Sonntags die Bajazzi und Dominos, die morgenländischen Gaukler, Priester und Götter erst übernächtig von den samstäglichen Redouten kamen, dann war das Dreiblatt schon auf dem Weg zum Bahnhof, zu einer reinen Sonntagsfreude in den Bergen, im rauhreifschweren Wald und unter Gottes blauem Himmel. Die Erinnerung an den Sonntag überglänzte Hilde die Woche und erleichterte ihr die Sorge um Dombaly. Er lag ganz im Bann der Indierin. – Wann stand sie ihm Modell? Sakuntala hatte schon ein paarmal ins Atelier geschaut, Hilde aber war bei den Besuchen des verhaßten fremden Weibes still geblieben und hatte eine Unterhaltung mit ihr vermieden. Dombaly äußerte sich unglücklich über seine neue Freundin. Sie besaß nicht einmal die Ausdauer, um die Stellung für eine Skizze zu bewahren. Sie klagte gleich über Nervosität und Kopfschmerz, wie sollte da ein Gemälde großen Stils werden? »Merkst du nicht, daß sie ein unwürdiges Spiel mit dir treibt?« wandte sich Hilde wahrheitsmutig an ihren Lehrer; er aber wies die Bemerkung lächelnd ab, war verschossener in die Indierin als je und suchte sie seinen Plänen zu gewinnen, indem er mit ihr von Kostümball zu Kostümball fuhr. Von diesem wilden Leben trug er die Spuren, und die Vorboten des Ruines kamen stets deutlicher an das reiche Atelier heran. Aus dem pompejanisch stilisierten Vestibül waren die Erz- und Marmortorsen, die Bildfragmente und Urnen, die Friese und Kapitäle, die es geschmückt hatten, durch die Angestellten eines bekannten Antiquars abgeholt und in die Stadt geführt worden. Wie tief mußte Dombaly in der Not sein, daß er diesen wertvollen Lieblingsbesitz an den Händler dahingab, dahingab gewiß fast um einen Bettelpfennig. Und betrug der Erlös sogar einige tausend Mark, wie wenig war das in seinen Händen! Noch nie hatte das Atelier mehr Besuch gehabt als jetzt, aber auch nie so unliebenswürdigen. Es waren die Händler und Gläubiger des Künstlers, »die Manichäer«, wie er sie nannte. Prüfend standen sie vor den Bildern und Schätzen der schönen Räume, flüsterten sich ihre Bemerkungen zu, beargwöhnten sich aber auch gegenseitig, baten Dombaly nicht eben höflich um mancherlei Auskunft und notierten sich die Gemälde und Sammlungsgegenstände in ihre Taschenbücher oder auf besondere Bogen. Manchmal traten sie auf, als ob nicht mehr Dombaly, sondern sie im Atelier zu gebieten hätten. Dann kam es zwischen ihnen und dem ohnehin erregten Künstler zu heftigen Wortwechseln. Sie sagten ihm manches Bittere über seine Verschwendungssucht und seinen unsinnigen Verkehr mit der Indierin oder hielten ihm die Verluste vor, die sie durch seine tolle Lebensführung erleiden würden, die einen mit höflicher Kälte, die anderen in der groben Münze des volkstümlichen Alltags. »Oh, die Gemeinheit«, schrie Dombaly auf, »die Herren vergessen, wie sie vor kurzer Zeit noch vor mir gekatzbuckelt haben – sie vergessen, daß sie stets unendlich mehr an meinen Werken verdient haben als ich selbst. Pfui Teufel! Woher sind denn ihre Hände und Bäuche so fett? – und ihre aufgedonnerten Weiber?« Wütend lief er aus dem Atelier. Vielleicht jagte er nach Sakuntala – er hoffte von ihrem Bild stets noch die ökonomische Rettung –, vielleicht ging er auch sonst seinen nächtlichen Ausschweifungen und Taumeleien nach, der Unglückselige! Hilde, die sich bei den häßlichen Vorgängen im Atelier möglichst im Verborgenen hielt, litt stumm. Wenn's doch nur zu Ende wäre! Aber lange konnten ja die Vorstudien des Untergangs nicht mehr dauern. Der Zerfall Dombalys ging erschreckend rasch. Er sah entsetzlich aus. Die Augen in dem geisterhaft blassen Gesicht lagen in dunkeln Ringen, flirrten unstet, manchmal fiel ihm das Lid über dem einen wie durch eine Lähmung zu, sein Haar ergraute und lichtete sich über den wunderbar schön und edel gebauten Schläfen so sehr, daß Hilde den Fortschritt der Verwüstung fast von Morgen zu Morgen erkannte. In diesem schrecklichen Zerfall aber, der ihn vor Erschöpfung taumeln ließ, war doch der künstlerische Trieb in ihm fieberhaft lebendig. Mit perlenden Schweißtropfen auf der Stirn versuchte er zu malen und wachte auch mit einer rührenden Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit über eine gute Entwicklung des Bildes, an dem Hilde arbeitete. »Aber, Rebstein«, zürnte er, »das Bildnis der jungen Mutter ist ja auf dem besten Weg, zu mißraten! Da sind plötzlich eine Menge Verzeichnungen und Schiefheiten drin und sogar das schlecht, was du vorher gut gemacht hast!« Enttäuscht und vorwurfsvoll blickte er ihr ins Gesicht. Das Weh dieser Tage übernahm Hilde. Die Tränen traten ihr in die Augen. »Ich weiß es, Dombaly! Ich kann in dieser unheilschwangeren Luft nicht schaffen. Ich komme ja überhaupt nur noch ins Atelier, damit du mich für keine feige Ratte ansiehst.« Sie erlebte schwere Tage. Nun hatte sie wegen Dombaly sogar noch den unerwarteten und unwillkommenen Besuch seines früheren Modells, der Mizzi Schäfer! Gott, was suchte denn die Mizzi bei ihr? 32 Schüchtern und verlegen kam die Mizzi. Sie sah sehr gut aus, hatte sich reizend angezogen und trat gewinnend auf. Das Gesicht mit der feinblühenden Hautfarbe, den warmen Augen und den anmutigen, wenn auch nicht bedeutenden Zügen, war etwas magerer, als es Hilde in der Erinnerung hatte, doch eher noch anziehender. Zurückhaltend bot Hilde der Besucherin den Stuhl und fragte kühl: »Was verschafft mir die Ehre?« »Ich habe mir gestattet, Ihre Wohnung zu erfragen – ich bin so furchtbar unruhig und unglücklich wegen des Bildes, das Dombaly von mir gemalt hat. Sie wissen, das nackte Bild! Keine Ruhe habe ich wegen des Gemäldes Tag und Nacht.« Ihre Rede kam in Fluß. Mit naiver Offenheit erzählte sie Hilde eine lange Geschichte, wie sie, die Tochter eines kleinen, kinderreichen Beamten, als Verkäuferin in einem eleganten Handschuhgeschäft sich erst durch Leihbibliothekromane, dann durch Dombaly den Kopf habe verdrehen lassen. – Dombaly, ja der wisse, wie man rechtschaffene Mädchen zum Narren halte, daß sie selbst das Tollste glauben und hoffen. Auf einem Balkon im Hoftheater, wo die feinen Leute sitzen, habe sie mit ihm mancher Vorstellung beiwohnen dürfen, oft mit ihm in den ersten Hotels zur Nacht gespeist, und wenn er es auch nie ausdrücklich gesagt habe, nichts anderes habe sie denken können, als er würde sie heiraten. Infolge der Liebschaft sei sie dann ihrer guten Stelle im Geschäft verlustig gegangen; das habe sie wohl der Mutter bekannt, aber nicht dem Vater, der auch jetzt noch nichts von Dombaly wisse. In blinder Liebe und voll Vertrauen auf seine Güte habe sie dann dem Künstler alles zugestanden, was er von ihr wünschte, selbst zu dem Aktbild sich bereitfinden lassen! Mizzi hatte eine lebendige Art zu erzählen, pathetisch, drollig und traurig. Nachdem aber Hilde eine Weile mit wachsender Teilnahme zugehört hatte, fragte sie doch: »Wozu soll ich um Ihre Geschichte wissen?« Mizzi Schäfer stutzte ein wenig. »Ja, weil es Ihnen wohl gradso gegangen ist wie mir – weil er wohl Sie gradso ins Unglück gestürzt hat wie mich«, stotterte sie. »Geliebt – gemalt – von sich gestoßen! Wie er sich von mir zu Ihnen gewandt hat, so ist jetzt eine Indierin seine Geliebte, und um Sie und wie es Ihnen zumut ist, kümmert er sich wohl sowenig mehr wie um mich!« Hilde sah Mizzi groß an. »Fräulein Schäfer«, versetzte sie kühl und stolz, »allerdings bin ich nach jener zufälligen Begegnung auf der Menterschwaige die Schülerin Dombalys geworden und besuche noch jetzt sein Atelier, aber unser Privatleben berührt sich nicht. Ich habe nie eine Liebschaft mit Dombaly gehabt, werde nie eine haben, und Sie müssen einsehen, daß Sie in einem Grundirrtum über meine Stellung zu Dombaly hierhergekommen sind.« Die Würde und der Ernst Hildes machten auf Mizzi sichtlich Eindruck, sie schaute verwundert, im nächsten Augenblick aber ungläubig. »Ja, es will's halt keine am Wort haben«, stammelte sie beklommen. »Ich muß schon bitten«, fuhr Hilde mit blitzenden Augen auf und erhob sich. »Nein, beleidigen habe ich Sie nicht wollen«, bat Mizzi fast kläglich. »Ich glaub's ja; aber wenn es halt anders ist, als ich glaubte, da hilft mir auch mein Besuch bei Ihnen nichts! Und das Beten, Beichten und Büßen hilft nichts – und der Advokat hilft mir nichts –, und immer quält's mich. Und wenn mich dann mein Postsekretär so lieb ansieht, da quält's mich am meisten –« Mizzis Augen füllten sich mit Tränen. Hilde ließ sich von dem Herzensjammer ergreifen, es war doch ein Rest von Echtem und Rechtschaffenem an dem Mädchen. »Ich verstehe nicht ganz«, sagte sie. »Der Advokat? – der Postsekretär?« »Ja, der Postsekretär«, erklärte Mizzi, »das ist mein jetziger Schatz, mein Bräutigam, den ich liebhabe und der es ernst meint und der mich zu Ostern heiraten will und den auch mein Vater so wohl mag. Kommt nun aber das Bild zur Ausstellung, auf dem ich so nackt daliege wie die Eva im Paradies, na, da kann ich was erleben! Dombaly hat mir zwar versprochen, er wollt' das Gesicht ändern, daß mich niemand mehr kenne, aber das hat er wohl nur gesagt, um mich loszuwerden. Geschehen ist's nicht, fürcht' ich. Und das Bild kommt mit meinem Gesicht auf die Ausstellung, ob in München oder Berlin – Dombaly sprach immer von Berlin –, das ist eins! Die Kunsthändler stellen die Photographien in die Schaufenster, und es werden Postkarten von dem Bild gemacht, viele, viele tausend, und jeder Laffe von München kauft sie und schickt sie mit einem schlechten Witz den anderen zu: ›Sieh doch mal die Mizzi Schäfer!‹ Ja, malen Sie sich das aus, Fräulein. Wo ich gehe und stehe, das Spießrutenlaufen, die Späße: ›Haben S' nicht gefroren bei Dombaly in dem leichten Gewand?‹ – Und was mein Postsekretär an Anzüglichkeiten bekommt, und seine Beamtenehre? Und die meines Vaters? – Der schlägt mich tot, wenn ich mich nicht vorher selber ertränk'. – Ein Elend ist's, ein Elend, Fräulein!« Trostlos faltete Mizzi die Hände. Ja, ein Elend war's für das junge Mädchen, eine schreckliche Strafe für die leichtsinnige Liebschaft. Das fühlte auch Hilde in wallendem Mitleid für Mizzi. Was nun ihr antworten? Ihr verraten, daß Dombaly sich nie wieder um den Akt gekümmert habe, das Bild unberührt und unverändert im Atelier stehe wie einst? – Da hob aber Mizzi von selbst wieder die tränenerfüllten blauen Augen. »Und siedend, wie's mir im Kopf je länger desto mehr ist, hab' ich mich an einen Advokaten gewandt, nicht an einen berühmten, sondern an den sich nur die Mädels wenden, die mit einem Mann in der Klemme sind. Heimlich muß er's tun, weil mein Vater nichts davon wissen darf. Und schnell, weil Dombaly aus dem letzten Loch pfeift und nichts mehr zu machen ist, wenn die Händler einmal die Hände über das Bild geschlagen haben. In eine kleine Zeitung, die für derlei eingerichtet ist, will nun der Advokat eine Anspielung setzen, wie Dombaly seine Modelle durch falsche Vorspiegelungen einfängt – zuerst, daß nur Dombaly selber es merkt und versteht –, dann mit ihm sprechen, dann noch deutlicher werden, bis er lieber das Bild hinmacht, als daß sein Name ganz offen in den Blättern steht. Und wenn zwei wären, Sie und ich, ging's noch leichter, sagt der Advokat, und die Kosten würden sich teilen.« Hilde drängte ihre Empörung zurück. Sie war während der unklaren Auseinandersetzung Mizzi Schäfers unruhig geworden, die Zeit rückte heran, um die Siegfried nach ihr zu sehen kam. »Ich erwarte einen anderen Besuch«, wandte sie sich an Mizzi. »Sie entschuldigen, Fräulein Schäfer! Wenn Sie gestatten, spreche ich in Ihrer Angelegenheit und zu Ihren Gunsten einmal mit Dombaly. Ich halte es für selbstverständlich, daß er das Wort, das er Ihnen gegeben hat, einlöst. Eine Erinnerung daran – und als Mann von Ehre will er selber nicht anders. Aber lassen Sie den Winkelschreiber. Ich melde Ihnen in ein paar Tagen, wie es um das Bild steht.« Mizzi, die ein unendliches Vertrauen zu Hilde gefaßt zu haben schien, dankte ihr mit einem hoffenden Glanz in den Augen, ja Hilde war es, als ob es für die Bedauernswerte schon eine Wohltat gewesen sei, daß sie dem Kummer ihres Herzens überhaupt hatte Luft machen können. Mizzi war gegangen. Akt – Akt, dachte Hilde. Der höchste Ehrgeiz jedes Künstlers ist ein schönes Aktgemälde, die Darbietung der gesamten Schönheit des menschlichen Körpers. Und die schönheitssinnige Menschheit kennt nichts Herrlicheres in der Kunst als den durch seine eigene Weihe und die Seelenkraft des Künstlers über das Sinnliche erhabenen Akt. Das Weib aber, das wie Mizzi Schäfer, betört durch die Liebeskünste eines Malers und selbst von flammender Liebe beseelt, der Kunst das Schönheitsgeheimnis seines Leibes opfert – das wird verachtet wie eine Verbrecherin, gehaßt von ihren Geschlechtsgenossinnen, in den Kot gestoßen vom männlichen Witz – ist eine Aussätzige der Gesellschaft ihr Leben lang. – Ja, da hatte Mizzi Schäfer schon recht!– – Neben dem weiblichen Schwesterngefühl, neben dem Mitleid des hochsinnigen liebenden Weibes erwachte aber in Hilde auch die Erkenntnis: Dombaly hat in seiner Mannesüberlegenheit doch unedel an Mizzi Schäfer gehandelt. Einem geschickten, dabei gewissenlosen Journalisten, wie dieser Winkeladvokat Mizzis zu sein schien, mußte es leicht fallen, den ehrgeizigen, auf seinen Namen eitlen Künstler durch die Geschichte der Mizzi Schäfer vor der Öffentlichkeit zu verkränken und zu verärgern. Vor diesem neuen drohenden Unheil sollten seine kranken Nerven verschont werden! Dombaly stand ja, wie vor seinem ökonomischen Zusammenbruch, so auch am Rand seiner geistigen Zerrüttung. In dunkeln Ahnungen spürte es Hilde. 33 Am anderen Morgen erzählte Hilde ihrem Lehrer von dem überraschenden Besuch des gestrigen Abends. »Es ist um deinetwillen!« trotzte sie. »Angesichts deiner sonstigen Schwierigkeiten solltest du es vermeiden, noch in eine Skandalgeschichte verwickelt zu weiden. Deine Nerven halten es nicht aus, Dombaly, wenn dein Name unehrenvoll durch die Öffentlichkeit geht. Ändere das Gesicht der Mizzi, wie du es ihr versprochen hast, und wenn das Advokätlein vielleicht doch ins Atelier geschlichen kommt, so führst du es lächelnd vor das Bild: Was wollen Sie von mir? Ist das die Mizzi Schäfer? – Lässest du dich aber in den Handel verwickeln, so hast du Ärger über Ärger. In der Nervenüberreizung leidet dein Edelstes, deine Kunst! – Nur diesmal folge meinem Rat, ich bitte dich!« – »An dir hat ja die Mizzi einen vorzüglichen Anwalt«, höhnte er, »doch durch ein Revolvermännchen lasse ich mich von ihr nicht zwingen.« »Wenn aber das Mädchen aus Kränkung ein Unglück anstellt?« »Die!« spottete Dombaly. Durch seinen Hohn klang aber die Erregung. »Vielleicht hast du Mizzi doch nicht bis auf den Grund der Seele gesehen«, mahnte Hilde, die ins Feuer gekommen war. »Ich hätte den Mut zu einer so furchtbaren Probe nicht!« Dombaly kreuzte die Arme über der Brust und schaute mit umwölkten Brauen. »Rebstein, an dir ist ein Bußprediger verlorengegangen«, lachte er mit wildem Humor. Sie ließ das Gespräch, sie kannte ja seinen Eigensinn, und wandte sich ihrem unglücklichen Bilde zu. »Gott, ich würd's am liebsten aus dem Rahmen schneiden«, seufzte sie, »ich komm ja doch nicht vorwärts damit!« Der Gang ins Atelier wurde ihr jeden Tag schwerer. Und wann konnte sie an den Herdhüßerschen Porträtauftrag gehen? Da, vom Abend zum Margen kam der erfreuliche Umschwung. Dombaly war plötzlich guter Laune. »Nun wird Sakuntala doch mein Modell!« erzählte er. »Morgen schon! Sie hat sich in der Münchner Gesellschaft unmöglich gemacht. Wo sie erscheint, bleiben die anderen Damen fern. Deswegen will sie, die Gemiedene und Gekränkte, eine Weile zurückgezogen leben. Wo kann sie das besser als in meinem Atelier? Sobald ich sie male, kommt keiner der Manichäer herein, sie wissen ja, daß es ein großartiges Bild wird, daß Dombaly mit einem Schlag wieder im Aufschwung ist. Ich habe doch stets noch meinen guten Stern!« Das große Kind sah die Welt wieder im Rosenschimmer. »Aber ein Vampir – ein Vampir ist Sakuntala doch. Was kostet mich das Weib!« warf er unvermittelt hin. »Ein Vampir! – Darum entschuldigst du mich, wenn ich über die Zeit, da sie dir Modell steht, vom Atelier wegbleibe, und zwar ohne daß du mich eine feige Ratte schiltst!« bat Hilde. »Selbst wenn ich die Indierin nicht sehe, bei dem bloßen Gedanken, daß ich mit ihr dieselbe Luft teile, schauert mir ein Gifthauch durch die Glieder. Nenn's Aberglaube oder Torheit – wenn ich nur an das Weib denke, ist mir weh. In ihrer Nähe würde mein verfehltes Bild noch mehr mißraten!« Dombaly sann. »Ja, das sehe ich selber ein!« versetzte er nachdenklich. »In ihrer Teufelsschönheit hat Sakuntala etwas an sich, was alle anderen Damen gegen sie aufstachelt. Na, Kind, so geh – und über die Wochen, die ich der Indierin widme, male die Herdhüßerschen Kinder. Es freut mich, wenn du mit der Kunst was verdienst und nie in die Klemme kommst wie ich. – Noch eins! Deinen guten Rat wegen des Aktbildes der Mizzi habe ich befolgt und bin froh. Das Advokätchen war dann hier, ein kniffiges, stets die Hände reibendes Männchen, ein abgedankter Schauspieler oder so was, mit einem Gaunergesicht erster Güte. Wirklich, Rebstein, vor diesem Gesicht war ich glücklich, daß dem Revolvermann der Wind aus den Segeln genommen war. Und um das geistlose Gesicht der Mizzi ist's nicht schade. Und die Manichäer! Wenn sie noch den Mut haben, über mich herzufallen wie die Geier über das Aas, sollen sie ein Bild nach ihrem Geschmack weniger von mir finden! Ich bin doch noch Herr meiner Schöpfungen. Und die Indierin kann ich jetzt in Ruhe malen.« Etwas wie Erlösung und Frieden sprach nach den sorgenvollen, wilden Tagen aus der Seele Dombalys. Noch glücklicher als er war Hilde. Sie hatte den Weg zu den Herdhüßerschen Kindern frei. Aufatmend stellte sie die ungesegnete Arbeit der letzten Wochen auf die Seite, bezahlte ihr Modell, die junge Mutter, und entließ es mit der Bitte, sich in einiger Zeit wieder bei ihr zu melden, da sie den Gedanken doch nicht aufgebe, das Bild zu gestalten – im Gegenteil, es bleibe ihr Lieblingsplan. Schon wollte sie sich auch von Dombaly verabschieden. Da fragte sie noch: »Was hast du eigentlich aus dem Gesicht der Mizzi Schäfer gemacht?« »Komm, sieh!« lachte er. Sie geleitete ihn in den halb abgeschlossenen Raum, in dem das Bild nach innen an der Wand lehnte. Dombaly kehrte es um und hob es auf eine Staffelei. Das Gesicht der Mizzi war ausgekratzt. »Ich weiß noch nicht, was daraus werden soll», bemerkte er nachdenklich. Hilde empfand ein Grauen vor dem in samtner Frische und den leuchtendsten und dabei zartesten Tönen gemalten jugendlichen Leib, auf dem kein Haupt mehr saß. Nur der Gedanke, daß durch die Vernichtung ein unedles Spiel gesühnt, die Mizzi Schäfer endlich aus ihrer grenzenlosen Angst erlöst sei, machte ihr den sonderbaren Anblick erträglich. Dombaly war näher an das Gemälde herangetreten und ließ seine herrlich geformte Hand in einem feinen Spiel, doch ohne die Leinwand zu berühren, so durch die Luft gehen, als ob er die Umrisse eines weiblichen Hauptes in das Bild skizziere. Dabei ging sein Blick beobachtend nach Hilde. »Ja, um Gottes willen, was tust du, Dombaly?« schrie sie auf. Das Blut wich aus ihrem Antlitz. Sie starrte ihn an wie eine Verscheidende. »Ich verbiete es dir – daß du dir auch nur in deiner Phantasie meinen Kopf auf den Leib der Mizzi Schäfer setzest! – Schäme dich, Dombaly! – Nein, ich will nicht mehr deine Schülerin sein!« Ihre Lippen zitterten, als ob sie weitersprechen wollte, aber sie brachte keinen Ton mehr hervor, sie schwankte, einer Schwäche nahe, in furchtbarem Schreck. Dombaly stürzte das Blut zu Kopf. Er meinte, daß er eine unsägliche Torheit begangen, Hilde durch sein, skizzierendes Spiel bis auf den Grund der Seele beleidigt hatte. »Verzeih mir, Kind!« bat er wie verwandelt. Hilde schaute zu Boden. Ohne den Blick zu heben, antwortete sie, eine Gestalt der Schmerzen, leise und in bebender Traurigkeit: »Verzeihen – ja, Dombaly – aber deine Schülerin darf ich nicht mehr sein. Du mußt es selbst fühlen, ich habe nach diesem Spiel keinen Raum mehr neben dir. Stets müßte ich daran denken – und du weißt, ich habe schweres Blut!« Leise, langsam und feierlich gedämpft sprach Hilde. Da stürzte ihr Dombaly zu Füßen, erhob bittend seine Hände: »Rebstein – Rebstein!« Sie wandte das Haupt, doch ohne Haß oder Groll, nur in tiefem Schmerz. Er küßte den Saum ihres Kleides – er versuchte ihre Hände zu küssen. »Laß – laß!« stöhnte Hilde. »Nein, ich lasse dich nicht, Hilde. Fühlst du es denn nicht, daß ich dich liebe, wie noch kein, kein Weib von mir geliebt worden ist? Und nun verzeihe dem Toren und liebe mich wieder! Werde mein Weib, Hilde, und dir will ich halten, was ich noch keiner gehalten habe – die Treue! Dir halt' ich sie! Werde mein Weib, und auf den Händen will ich dich tragen. Durch deine Liebe von den Schlacken des Lebens gereinigt, soll meiner Kunst ein neuer Frühling erblühen! Hilde, Heilige – und wenn sie mir die Kränze des Ruhmes um meine Stirne winden wollen, so will ich sie ablegen wie ein Knabe und dir die Stirne kränzen – Hilde, du Heilige! Du allein vermagst das Wunder – aber so sprich: Ich bleibe bei dir! – Du sprichst nicht, Hilde? – Du wendest dich von mir – Hilde, Heilige!« »Laß mich gehen, Dombaly«, schluchzte sie, das Gesicht mit den Händen bedeckt und fassungslos zitternd. »Ich kann deine Schülerin nicht bleiben und dein Weib nicht werden. Laß mich, Dombaly – jetzt, da ich weiß, muß ich gehen!« »Du willst nicht mein Weib werden?« schrie er. »Ich darf nicht«, stöhnte sie. »Wer in der Welt kann es verbieten? – Oho, wer in der Welt?« »Ich bin verlobt – heimlich verlobt, Dombaly«, bebte ihre leise Stimme. Da kreischte er sterbensfahl: »Du lügst, Hilde – sag, daß du lügst! – Wer ist der Hund, der sich an dich gewagt hat? Ich will ihn erschlagen!« Vor den rollenden Augen und der schäumenden Wut Dombalys kam es Hilde zum Bewußtsein: Du stehst einem Wahnsinnigen gegenüber! – Sie verging fast vor Angst und Furcht. »Gib mich frei, Dombaly – und in unendlicher Dankbarkeit will ich deiner gedenken! In Gottes Namen und im Frieden gib mich frei, ich flehe dich an!« Aus seinen Augen aber schoß die Lohe der Sinnlichkeit – jener Blick, von dem es hieß, er reiße den Weibern die Kleider vom Leib. »Küsse mich, Hilde – küsse mich!« »Lieber sterben!« knirschte sie. Dombaly versuchte sie mit Gewalt zu umarmen, doch mit ihrer durch die Gefahr gesteigerten Kraft fiel es ihr nicht schwer, den von seinen Ausschweifungen Geschwächten abzuwehren. »Feigling«, stieß sie hervor. Seiner nicht achtend, schritt sie auf den Ausgang des Ateliers zu. Dombaly stand geisterblaß und regungslos, er versuchte nicht mehr, sie zu halten. »Rebstein – mein Rebstein!« erhob er die klagende Stimme. Erschütternd klang's ihr nach. – Sie fand kaum die Kraft, nach Hause zu gehen. Frost und Fieber schüttelten und rüttelten sie, auf ihren kleinen Diwan geworfen, ließ sie dem Strom der Tränen freien Lauf. Wie ein vernichtender Wettersturm brauste die Gemütswallung durch ihre Sinne. »Das Ende – das schreckliche Ende!« schluchzte und wimmerte sie. »Nur nie wieder Dombaly, nie wieder seine nachtdunkeln, wahnsinnigen Augen sehen! – Fliehen vor ihm! – Sofort München verlassen – und für immer!« – Sie zitterte, als läge in jeder Stunde des Bleibens eine dunkle Gefahr. Wenn doch nur Siegfried käme! – 34 Siegfrieds Schritte! Sie raffte sich empor. In trostloser Traurigkeit und weinend schlang sie die bebenden Arme um seinen Hals. »Dombaly hat mir seine Liebe gestanden, nun darf ich nicht mehr seine Schülerin sein«, stammelte und schluchzte sie. »Ich liebe ja nur dich, nur dich, nur dich!« – Sein milder Zuspruch gab ihr wieder einen Funken Lebensmut zurück, und an seiner Brust wurde sie ruhig. »Hilde, Liebling«, tröstete er sie, »laß es gut sein! Ich selber bin froh, daß es soweit ist. Ein Stein ist mir vom Herzen gewälzt. Ich wußte ja, daß der Ruf deines Lehrers nicht gut ist, daß er die künstlerische Freiheit ins Ungemessene übertreibt und an Frauen unedel handelt. Ich war in bitterster Sorge und Qual um dich und beriet mich mit Doktor Herdhüßer. Er scherzte meine Befürchtung hinweg, ›unsere hochgemute Hilde! Was willst du? Die findet den guten Weg in Mitternächten und ist sich auch gegen Dombaly Schutz genug. Darum ruhig, Jung'!‹ – Auf sein Wort hin sprach ich zu dir nie von meinen Sorgen, ich wollte dir deine reine Begeisterung für Dombaly nicht stören. Aber ruhig war ich nicht. Nun ist es besser so – besser, mein Liebling!« Er bedeckte ihr tränenfeuchtes Angesicht mit seinen Küssen. Unter seinem liebkosenden Zuspruch faßte sich Hilde allmählich. »Du, du, mein starker Siegfried! Wenn du von München gehst, dann mag ich auch nicht mehr bleiben. Ich mag sie nicht mehr, die Kunst! Ich fürchte sie, ich sehne mich nur nach der schönen Zeit, da ich dein Weib sein darf und bei dir die Heimat haben werde!« In schluchzender Liebe flutete sich das Weh Hildes aus. Wie nie zuvor hatte sie in dieser Stunde das Gefühl, was es unendlich Kostbares um eine treue Liebe ist, um das Glück, einem starken Manne anzugehören. In aufopfernder Hingabe ihm zu dienen, das ist erhaben über allen Ehrgeiz, über allen Erfolg der Kunst. »Nein, ich mag die Kunst nicht mehr«, wiederholte sie in tiefer Traurigkeit. »Aber du freust dich doch, Hermann und Gertrud zu malen?« »Ja, ja! – Darauf freue ich mich!« erwiderte sie. Der Gedanke glitt wie ein Sonnenstrahl in ihr verdunkeltes Gemüt. »Gehen wir zu Herdhüßer«, sagte sie in raschem Entschluß. »Der Weg und die frische Luft werden mir Wohl tun – und die Aussprache mit dem Doktor.« Herdhüßer nahm die Erzählung Hildes über ihren jähen Bruch mit Dombaly ziemlich kaltblütig auf. »Dieses oder ein ähnliches Ende hat man ja kommen sehen. Gut, daß es nicht in einem zerreibenden Zwist reif wurde, sondern so plötzlich, so völlig! Und nun, Hilde, sollen Sie sich über Dombaly den Kopf nicht zergrübeln! Überlassen Sie den Künstler, für den es wohl keine Rettung mehr gibt, ruhig der Indierin, Sie selber aber sollen in Ihrer Seele das Kapitel Dombaly bestimmt und fest abschließen – und vorwärts sehen.« Er sprach der stumm und versunken Lauschenden mit dem vollen Nachdruck seines Wesens zu und schloß: »An die Arbeit, Hilde! Das ist das heilsamste Vergessen. Beginnen Sie morgen mit dem Porträt der Kinder! Ich werde nicht nach Ihrem Werk schauen, bis Sie sich darin zurechtgefunden haben. Aber fangen Sie an!« – »Und wohnen von morgen an bei uns!« fügte Frau Herdhüßer mit überredender Liebenswürdigkeit hinzu. »Wir alle werden ruhiger um Sie sein.« Der Vorschlag gefiel besonders auch Siegfried, und die hohe und vornehme Freundschaft, die ihr die Familie Herdhüßer erwies, legte sich wie Balsam auf die brennende Seelenwunde Hildes. Ja, an die Arbeit! – Aber der Anfang ging schwer. Umsonst baten die Kinder: »Wenn Sie nur wieder einmal so fröhlich wären wie früher, Fräulein Hilde!« Wohl hatte der Doktor recht: sie mußte das Kapitel Dombaly bestimmt und fest schließen. Sie wurde aber eine innere Unruhe um Dombaly nicht los. Von Tag zu Tag wuchs in ihr das Verlangen, mit ihm in Frieden zu kommen, ehe sie sich völlig trennten. Es litt sie nicht mehr. In stiller Nacht erhob sie sich, setzte sich hin und schrieb ihm einen Brief, in dem sie sich im herzlichsten Ton mit ihm auseinandersetzte. Nun sehnte sie sich nach Dombalys Antwort. Ihr war, es gebe kein volles Lebensglück für sie, wenn sie in Feindschaft mit ihm verharre, und mit geheimnisvoller Macht trieb es sie oft zu ihm hin, um seine Vergebung für ihre Flucht zu erstehen. Doch verwarf sie den Gedanken, so oft er kam. Sie fürchtete den Mann, der in einem unsäglich wehvollen Augenblick auch ihr gegenüber den seelischen Halt verloren hatte. Malte er so eifrig an der Indierin? War er krank? Grollte er ihr so tief? – Er gab keine Antwort. Statt seines Briefes kam einer von Mizzi Schäfer. In überschwenglichen und schwülstigen Sätzen, die mehr für die große Gemütswärme des Mädchens als für ihre Bildung sprachen, dankte sie Hilde als ihrer Wohltäterin, die sie von der Angst vieler Monate erlöst und ihr die Liebe eines würdigen Mannes gerettet habe. Mizzi bat, sie noch einmal sehen und sprechen zu dürfen, aber Hilde antwortete, daß sie das nicht wünsche. Möge Mizzi, so dachte sie, in Ruhe und Frieden die Erfüllung ihrer Liebeshoffnung erleben! Aber nun auch jede Erinnerung an sie begraben, den Namen, so gut es ging, aus dem Gedächtnis tilgen, der ihr stets den tödlichen Schreck jenes Augenblickes zurückrief, da Dombaly mit spielender Hand ihr Haupt auf den Akt der Mizzi setzte. Nein, das war ja nicht auszudenken, und erschauernd wies sie diese Erinnerung weit von sich, lind doch, ihr war, als verfolge Dombaly sie mit seiner zerfallenen Gestalt, mit dem geisterblassen Antlitz, den unfreiwillig zuckenden Gesichtsmuskeln – noch schlimmer, mit den in Wahnsinn rollenden Augen, mit dem Ausdruck jener tierischen Gier, mit dem er auf sie zugestürzt war. Nein, nein – die Furcht, die geheimnisvolle Furcht vor Dombaly durfte sie in ihrer Seele nicht überhandnehmen lassen, die düsteren Vorspiegelungen ihres eigenen schweren Blutes. Sie kämpfte still und stumm. Da empfing sie den Brief seiner Hand. – Wie krank die Schrift! Und die Antwort war nicht diejenige, die sie ersehnt hatte. Mit keinem Wort ging er auf ihre eigenen Seelenrechte ein, mit keinem sprach er von Frieden und Versöhnung. Der Brief war nur ein Liebesgestammel, ein leidenschaftliches Flehen und Fordern, daß sie zu ihm zurückkehre, wieder seine Schülerin – und sein Weib werde! – Trostlos brütete Hilde über den wilden Zeilen. Kein Frieden mit Dombaly! Sie mußte ihn sich selber überlassen, ihren Weg ohne ein erlösendes Wort von ihm gehen. Das war die niederschmetternde Erkenntnis dieser Stunde. – Oh, daß schon der Frühling da wäre, die Zeit der Heimkehr nach St. Agathen! Und von der Bauernkirchweih, dem großen Faschingsball der jungen Künstler Münchens, wegen dessen ihr die Malersleute Steiger in den Ohren lagen, wollte sie nichts wissen. – Arbeit! Arbeit! – 35 Die Porträts der Herdhüßerschen Kinder gestalteten sich. Nach einem schweren Anfang hatte sich Hilde mit ihrer künstlerischen Schwungkraft so stark in die schöne Aufgabe eingelebt, daß die Erinnerung an das böse Ende ihrer Schülerschaft bei Dombaly für Stunden und Tage wirklich in den Hintergrund trat und seine nagende Schärfe verlor. Ja, eine große Heilkraft lag in der gedeihlich vorschreitenden Arbeit, im Umgang mit der frischen, freudigen Jugend, in der gesunden Luft der Herdhüßerschen Familie, in Siegfrieds Liebe. Die Augen des Doktors ruhten mit warmer Freude auf den entstehenden Bildnissen. »Dombaly war Ihnen doch ein vorzüglicher Lehrer«, versetzte er. »Ihre Fortschritte von dem Bild der rothaarigen Kleinen bis zu Giovanni, dem Italienerjungen, und von Giovanni zu den beiden Porträts sind außerordentlich. Sie vereinigen in Ihrer Kunst zwei Gegensätze: Anmut und Kraft, und haben Dombaly manches von seinen technischen Geheimnissen abgelauscht.« Hilde wagte die Frage: »Wissen Sie, wie es ihm geht?« »Ich weiß sehr wenig von ihm«, erwiderte Herdhüßer. »Nur, daß er und die Indierin wie aus München verschwunden sind und auf keinem Ball oder Fest mehr erscheinen. Die Händler glauben, er male nun eifrig an ihrem Bild, und hoffen, es werde ein Dombaly erster Güte werden und einen Erfolg davontragen, der seiner Kunst einen neuen Aufschwung gebe. In dieser Erwartung stunden sie ihm wieder, wenn auch unter heimlichen Schmerzen.« Die Mitteilung beruhigte Hilde. »Auf das Kostümfest der Kunststudierenden, die Bauernkirchweih, gehen Sie doch?« fragte Herdhüßer. »Die Steiger brennen ja, Sie bei dem prächtigen Anlaß in ihre Bekanntschaft einzuführen. Geben Sie ihnen die Ehre! – Ja?« »Ich kann nicht«, stieß Hilde hervor. »Was für ein Eigensinn, Kind!« versetzte der Doktor. »Über drei Jahre leben Sie nun in München der Kunst und haben nie einem der berühmten Künstlerfeste beigewohnt. Eine Unterlassungssünde. Wahrscheinlich ist es der letzte Winter, den Sie hier verbringen, im nächsten sind Sie vielleicht schon glückliche Frau Doktor Kulbach in Berlin. Dort wird die Gesellschaft, so oft sie auf Ihren Münchner Aufenthalt zu sprechen kommt, nach Ihrer Teilnahme an den berühmten Künstlerbällen fragen, und es wird Ihnen stets leid sein, wenn Sie aus eigener Anschauung nichts davon zu erzählen wissen. Um Ihrer selbst willen – geben Sie heute abend den Steiger eine zustimmende Antwort!« Aber Hilde schüttelte den Kopf. »Siegfried mag die Bälle und Feste nicht. Und vielleicht Dombaly zu begegnen – das wäre für mich doch unendlich peinvoll!« Als aber am Abend die Steiger kamen, drang die Künstlerfrau mit einem Sturm liebenswürdiger Bitten in sie. »Nun haben wir mit aller Mühe noch glücklich eine Karte für Sie ergattert. Unter den schönen echten Frauentrachten, die ich für die Kirchweih eigens aus der Schweiz habe kommen lassen, liegen bei mir daheim die kostbarsten zur Wahl für Sie bereit. Als eine Erscheinung, die unsere Schweizer Trachtengruppe besonders herausheben wird, sind Sie von unseren Landsleuten mit Spannung erwartet. Sie brächten mich ernstlich in eine Klemme, Fräulein Rebstein, wenn Sie bei der Absage blieben; im Eifer habe ich unter unseren Bekannten etwas zuviel von Ihnen geplaudert!« »Dombaly kommt nicht«, fügte Jakob Steiger hinzu. »Auf eine besondere Einladung des Vorstandes hat er mit einer kurzen Ablehnung geantwortet. Er war heute abend um sieben Uhr beim Schluß des Kartenverkaufes nicht unter den eingeschriebenen Teilnehmern. Das wird Ihnen genügen.« Noch bewahrte Hilde ihre Zurückhaltung – vielleicht daß Siegfried ihr half, sich aus der Verlegenheit zu winden, in die sie durch Herdhüßer und Frau Steiger geraten war. Da kam er, wurde von allen Seiten um sein entscheidendes Wort bestürmt und half den Werbenden: »Aber gewiß, Hilde, sollst du an dem schönen, echt künstlerischen Fest teilnehmen! Wohl hast du mich ja hie und da den Münchner Fasching verurteilen hören, aber nur sein Übermaß. Warum sollst du nicht wie andere einen fröhlichen Tag im Jahr haben? Und bei Herrn und Frau Steiger stehst du unter gutem Schutz.« »Überstimmt, überstimmt!« lachte die fröhliche Malersgattin aus voller Kehle. Ein aufmunternder Blick Herdhüßers – und bloß im Gefühl, daß ihr eine fernere Weigerung wie Starrköpfigkeit ausgelegt würde, sagte Hilde verwirrt: »Gut denn, ich komme!« Es war nichts Helles oder Freudiges an ihrem Entschluß, aber die temperamentvolle Frau Steiger schloß sie aufjubelnd in ihre Arme, und über ihrer Zusage verbreitete sich die froheste Laune unter der Familie Herdhüßer und ihren Gästen. Als wollte er ihr auch seinerseits den Dank bezeigen, brachte Jakob Steiger das Gespräch auf die Porträts der Kinder Hermann und Gertrud und bereitete dem Talent Hildes ein so warmes Lob, daß seine Frau scherzend bemerkte: »Mein Jakob ist ja verliebt in Sie, Fräulein Rebstein. Spüren Sie es nicht auch?« »Nein«, wehrte sich der Maler, »ich meine nur, daß die beiden Bilder, wenn sie so gut zu Ende geführt werden, wie sie begonnen sind, im Mai unbedingt in die Ausstellung der Künstlervereinigung gelangen sollten. Bilder wollen doch gesehen werden!« »Selbstverständlich stehen auch von mir aus die Gemälde zur Verfügung«, sagte Doktor Herdhüßer. »Zu Ihrem künstlerischen Fortkommen, Hilde, wird ja die Ausstellung gewiß dienen.« »Und eine Stimme in der diesjährigen Jury, die über Annahme und Ablehnung der Bilder entscheidet, haben Sie ja bereits«, versetzte Frau Steiger, »diejenige meines Mannes. Die anderen werden sich finden.« Unwillkürlich glitt der fragende Blick Hildes zu Siegfried hinüber. »Auch ich würde mich freuen, wenn ich meine Verlobte den Meinen als eine junge Künstlerin vorstellen dürfte, die sich bereits die Anerkennung der Öffentlichkeit erworben hat«, erwiderte er. »Die Kunst besitzt ja eine Sprache, die überall zu Herzen dringt; ihre werbende Kraft ist in unseren stillen heimatlichen Landschaften noch größer als in den Städten, in denen die Menschen manchmal von Künstlernamen und Bildern übersättigt sind!« Die warm vorgebrachten Worte überraschten und erfreuten Hilde. Siegfried besaß doch eine herzliche Sympathie für ihre künstlerische Tätigkeit. Und das tat ihr um so wohler, als sie seit der Unglücksstunde, die sie von Dombaly getrennt hatte, eine verborgen in ihr aufquellende Abneigung gegen die einst heißgeliebte Kunst nie ganz zu besiegen vermochte. Diesem Gefühl heimlichen Überdrusses durfte sie nicht nachgeben, sie mußte ihrem unter so viel Schmerzen erkämpften Beruf innig zugetan bleiben. Die Anregung Steigers, ihre Bilder auszustellen, weckte aber ihre großen Bedenken. Was würde Dombaly von ihr halten, wenn sie jetzt durch Steiger den Weg in die Ausstellung nähme? Nein, diese herzlose Kränkung durfte sie ihrem ehemaligen Lehrer nicht zufügen. Da hätte er ein Recht, sie treulos zu schelten. Sie gab Steiger eine ausweichende Antwort. Gott, die Beteiligung an der Bauernkirchweih lag ihr schon so schwer. Übermorgen war ja der prächtige Ball – wenige Tage, und der toll aufschäumende Fasching Münchens war zu Ende – dem Himmel sei gedankt, endlich zu Ende! Der Alltag trat wieder in sein Recht – und der Lenz kam, der Lenz! – Manchmal, wenn sie sich mit Siegfried eine Abendstunde an den Borden der Isar erging, da strich es schon wie heimlicher Vorfrühling durch die Bäume, und die Weiden trieben schon ihre silbergrauen Kätzchen. Dann plauderte sie mit ihm selig von dem kommenden gemeinsamen Osterbesuch in St. Agathen, der Heimat! Für sie gab es keinen freudigeren Gedanken als diesen. Oft überwallte die Sehnsucht nach der Jugendscholle sie so mächtig, daß ihr war, sie könne Ostern nicht mehr erleben. – Ostern in der Heimat! Oh, das galt ihr unendlich mehr als der festlichste Ball! 36 Durch die weitläufigen Gesellschaftsräume der Brauerei in Schwabing wogte die Bauernkirchweih, der letzte unter den großen Künstlerbällen des Münchner Faschings. Linden reckten ihre mächtigen Äste in die Säle, in den Hintergründen standen die Gebäude eines Dorfplatzes. Ein uraltes, schmuckes Kirchlein mit einem grobgearbeiteten Heiligen an der Tür und verwitterten Malereien an den Wänden, daneben das Gasthaus zum »Weißen Hirsch« mit weit vorspringendem, altertümlichem Schild, Gartenwirtschaft und Kegelbahn, und die mit bäuerlichem Kachelgeschirr wohlausgestattete Gemischtwarenhandlung von Xaver Knie. Vor der Schenke zum »Grünen Kranz« stand die hochragende grüne Tanne, an der in Miniaturnachbildungen die Werkzeuge der bäuerlichen Arbeit hingen und bunte Taschentücher als Wimpel der Freude flatterten. Wohl ein oberbayrisches Dorfmotiv, vielleicht aus der Gegend von Mittenwald, denn im Hintergrund ragten über den Giebeln der Dächer leicht erkennbar die Felsen und Zinnen des Karwendelgebirges in den blauen Himmel. – Als überaus schmucke, stolze Appenzellerin trat Hilde mit den Malersleuten Steiger, die ein prächtig gediegenes Unterwaldnerpaar darstellten, in den Wirbel des anhebenden Festes. »Sie sehen ja aus wie die Tochter des Landammannes«, lachte ihr Steiger herzlich zu. Sie überhörte seine Rede – sie war mit all ihren Sinnen gefesselt von dem großen, reichen, in freudigen Farben leuchtenden Bild der wogenden Trachten – von der schwellenden, lockenden Musik, von den Scharen strahlender Jugend. Und in das junge Volk war bereits der Funke des festlichen Mutes und Übermutes wie ein Feuer gefahren, das sich blitzschnell durch dürres Gras verbreitet. Hilde war von dem Anblick eine Weile überwältigt. Nie hatte wohl ein Dorf zu seiner Kirchweih die Menge festlichen Volkes und herrlicher Trachten empfangen, wie sie bei dieser künstlerischen Veranstaltung durch viele große und kleine Räume vom Keller durch den Ballsaal des Erdgeschosses in die oberen Stockwerke flutete. Das gesamte trachtenreiche Oberbayern, seine Jäger und Kraxler, seine bäurischen Künstler, Dorfphilosophen, Wurzelgräber und andere Naturgenies gaben sich an der ländlichen Festlichkeit Stelldichein. Aus dem München der Biedermeierzeit hatte sich stattlicher Besuch eingefunden, die Frauen mit goldgestickten, seltsam gehörnten Hauben, dazu die Bauern und Bäuerinnen von Dachau – die Männer in kurzen Kitteln, an denen als Knöpfe die Silbertaler blinkten, die Weiber in weit ausgebauschten, wulstigen Röcken, und mit ihnen lustwandelte das Bauernvolk von der Donau und aus der fröhlichen Pfalz. Die Kirchweih war ein wogendes Trachtenfest des Bayerlandes mit den Typen des Volkshumors, Hiesel und Kniesel, ländlichen Quacksalbern und fahrenden Spielleuten, Bauernadvokaten und volkstümlichen Gauklern. Doch damit war die bunte Schau nicht erschöpft, das Fest hatte den bayrischen Rahmen gesprengt. Da gingen ja die Schwarzwälderinnen und Elsässerinnen mit gewaltigen Maschen und prächtigen Zöpfen, buntes Volk aus dem Spreewald und von der Wasserkant, aus Tirol und Steiermark, ja selbst von jenseits der deutschen Sprachgrenzen, aus all den Gegenden, aus denen junge Künstler und Künstlerinnen stammten – Hunderte und aber Hunderte. Die Menge der Kostüme, der leuchtende Trubel der Farben führte die beredteste Sprache, wie gemischt aus Stämmen und Völkern die Jugend ist, die in München die Quellen und Offenbarungen des künstlerischen Schaffens sucht. Es war kein kleines Verdienst der betriebsamen Frau Steiger, daß sie, von einigen Künstlern unterstützt, die Ausgestaltung der Schweizer Trachtengruppe übernommen und Wochen auf die Beschaffung der kostbaren Kostüme, des alten Gold- und Silberschmuckes, der Halsbänder, Brustketten, Gehänge und Gürtel, die zu den Trachten gehörten, verwendet hatte. Die Schweizer Sennerinnen, die kraftvollen Schwinger und Älplerinnen aus dem Berner Oberland, die Wildheuer und Heuerinnen aus Uri, die sonnigen Trachten aus dem Wallis und der Farbenlenz der tessinischen Täler waren denn auch eine wertvolle Bereicherung der großen und prächtigen Künstlerkirchweih. Die Steiger selbst trugen die wunderschöne, mit seidenen Blumen bestickte Sonntagstracht eines Unterwaldner Bauernpaares, und urwüchsigere, bodenechtere Erscheinungen als die beiden ließen sich auch in der Wirklichkeit des Berglebens kaum denken. Steiger war bei einigen Malern schwatzend stehengeblieben, seine lebenslustige Frau lustwandelte, den edelsteinbesetzten Unterwaldner Silberpfeil in den braunen Zöpfen, am Arm Hildes durch die bunten Völker und weitläufigen Räume des Festes. Sie sonnte sich mit innigem Stolz an der von ihr zusammengestellten heimatlichen Gruppe, die sich bald in das wogende Gemenge auflöste, bald an ein paar Tischen wieder sammelte. Von überall her erreichten freundliche Zurufe das schöne und stattliche Frauenpaar, nicht bloß von den Schweizern, sondern auch von den vielen anderen Gästen der Kirchweih. Hilde besonders galten die Aufmerksamkeiten. In ihrer kleidsamen und vornehmen Tracht und mit ihrem hohen Wuchs war sie eine wahrhaft stolze Erscheinung. Auf den von einem silbernen Pfeil zusammengehaltenen Zöpfen wiegte sich die überaus duftige und zarte Appenzellerinnenhaube mit ihren durchbrochenen Flügeln wie ein Riesenschmetterling. »Ah, die schöne Schweizerin!« Unzählige Male drang der Ruf der Bewunderung an ihr Ohr und ließ sie erröten. Frau Steiger aber war begeistert von den Huldigungen, die ihrem Schützling dargebracht wurden. »Nun sagen Sie, wäre es nicht ein blutiges Unrecht gegen Sie selbst gewesen, wenn Sie sich von dem Fest ferngehalten, oder wenn Sie statt der herrlichen Appenzellerinnentracht, die für Sie wie eigens geschaffen erscheint, das bescheidene Schachentaler Fähnchen getragen hätten, auf das Ihre Wahl fiel?« »Ja, jetzt bin ich Ihnen sehr dankbar«, lächelte sie, und wonnig begegneten sich die Augen der beiden. Nur mit der stärksten inneren Zögerung hatte sie sich für das Fest und die schöne Tracht gewinnen lassen. Jetzt aber trug sie ein stilles Glück im Herzen. Siegfried war vor ihrer Fahrt zum Ball auf einen Sprung in die Familie Herdhüßer gekommen. Er hatte sie in ihrer Tracht gesehen und mit goldig auflachendem Herzensjubel sich gefreut an ihrer festlichen Erscheinung, an den zierlichen Kopfflügeln, an dem zarten blühweißen Miederhemdchen, dem teerosengelben Einsatz und dem blaßblauseidenen Kleid. »Schau mit mir in den Spiegel, Hilde«, hatte er entzückt gerufen, »gelt, du bist ein feiner und gediegener Kerl! Nun würde ich dich am liebsten vom Ball zurückhalten, damit ich dich recht lange bewundern könnte, deinen stolzen Kopf, deinen königlichen Nacken! Doch ist es Zeit, Kind! Geh, Liebling, freue dich!« So recht wie ein verliebter Junge hatte er sich gebärdet und in dem Augenblick, da der Wagen abfahren wollte, sich zu ihr hineingeschwungen und sie noch bis zum Eingang der festlichen Räume begleitet. Und die Küsse, die sonst die Besucherinnen eines Künstlerfestes von ihren Tänzern zu erwarten haben, hatte er vorweg gegeben und genommen von ihren Lippen, und für die Kirchweih hatte sie keine mehr übrig, nur für ihn auf den morgigen Tag! Dieses stille Glück begleitete sie durch das aufjauchzende Fest. Sie hatte die Absicht, es nur als ruhig fröhliche Zuschauerin zu genießen; aber da kam Steiger und bat um den ersten Tanz, und die jungen Landsleute umringten sie mit ihren Bitten. Die Appenzeller, die lustigen Burschen in Lederkäppchen, roter Weste und mit einem Messinggurt, auf dem ein Viehzeug abgebildet war, jubelten: »Appenzellerkind, du gehörst zu uns! Dich lassen wir nicht mehr los!« Die harmlosen jungen Leute, die am Werktag stille, fleißige Zöglinge der Kunstgewerbeschule sein mochten, waren ihr willkommene Gesellschaft. Von Herzen fröhlich, ja übermütig zogen sie sich doch die Grenzen des Wohlanstandes, und Hilde bereitete es um der dankbar aufblitzenden Augen willen ein warmes Vergnügen, sich von jedem der jungen Sennen zum Tanz führen zu lassen. Aus dem großen Saal, in dem eine Regimentsmusik spielte, zog sich der Reigen durch die fast unübersehbare Menge der tanzenden Paare zu der Bauern- und Zigeunermusik der Nebenräume und in den kühlen Keller, wo die Dudelsackpfeifer, mit untergeschlagenen Beinen auf einem Tisch hockend, die Tanzweisen bliesen. Nur einmal wieder etwas Atem holen – nur ein paar Augenblicke allein sein! Die Uhr ging schon auf Mitternacht. An einer Säule des großen Saales lehnend, stand Hilde. Sie schaute mit wogender Brust in den mehrtausendköpfigen Trachtenreigen, in die hoch anschwellende Kirchweihstimmung der künstlerischen Jugend, die sich in Lebenslust begeisterte und berauschte – ein blühender Frühling von blitzenden Augen, strahlenden Gesichtern, schimmernden Nacken und Schultern, bunten Gewändern und funkelndem Geschmeide. Das zuckte von Leben, das strahlte von Glut, das wogte in Schönheit und war ein Fest der Glücklichen, der Liebenden und Seligen! Herzhaft und herzlich umschlangen und küßten sich die anmutsvollen, jugendlichen Paare. Ineinander glühten Augen und Seelen, die Jugend, die Schönheit, der künstlerische Geist huldigte sich selbst in heiterer Sinnlichkeit und in der sorglosen und unverbindlichen Faschingsliebe, die sich und der Stunde selber genug ist. Freude, schöner Götterfunken! Viele Bekannte, noch mehr Unbekannte versuchten Hilde wieder in den Wirbel zu ziehen. Die stolze Appenzellerin lehnte ab. Schauen, was die Augen fassen, träumend aus den Kelchen der Schönheit trinken! Oh, es war doch ein gütiges Schicksal, daß sie am Ende ihres mehr denn dreijährigen, oft herzzerreißenden Kampfes um die Kunst in diese lebendige Schönheitsoffenbarung blicken durfte. Da feierten mit der ringenden Jugend, die noch keinen Namen besaß, die reifen Männer, die zu den künstlerischen Leuchten Münchens gehörten, das herrliche Fest, und als hätten alle, die in seinen Bann geraten waren, Lethe und Vergessen von dem getrunken, was es im Leben Häßliches gibt – von Armut und Kummer, von Schuld und Reue – , schwebte die Harmonie des innigen Lebensgenusses über den vielen glücklichen Menschen. Dombaly hatte schon recht! In diesen Lebenswogen kamen künstlerische Schwingungen über die Seele, die im Atelier und vor dem schönsten Modell nie zum Bewußtsein erwachten. Ein zitternder Schaffensdrang ging Hilde durch Seele und Glieder. Oh, die Bilder der Herdhüßerschen Kinder mußten schön werden! Mitten im aufjauchzenden Ballfest spürte es Hilde, wie sie doch mit jeder Faser ihres Herzens Künstlerin war. – Da tauchte unmittelbar vor ihr ein bekanntes Gesicht auf: in der Verkleidung eines Zillertalerbauern Professor Waldhier, ihr ehemaliger Lehrer. Sie errötete, und auch er kämpfte mit einer kleinen Verlegenheit; aber rasch sammelte er sich, kam und begrüßte sie sehr artig, so, wie wenn ihm von ehemals doch noch eine stille Sympathie für sie geblieben wäre. Die kleinen, klugen Augen scharf auf sie gerichtet, fragte er sie nach ihrem Ergehen und ihrer Arbeit und erstaunte ein wenig, als sie von einem Privatauftrag sprach, mit dem sie beschäftigt sei. »Da haben Sie den Krach bei Dombaly nicht mehr als Augenzeugin miterlebt. Nanu, ein Glück, wenn man dergleichen Dingen entgeht!« »Den Krach!« – Jetzt war die Überraschung an Hilde. Sie wurde totenblaß. »Die Siegel kamen heute morgen an sein Atelier. Ich hoffte eigentlich von Ihnen Näheres zu hören – besonders, ob es richtig ist, daß er sich von München nach Rom geflüchtet hat – auf der Spur der indischen Abenteuerin, von der man in München so viel sprach?« Hilde konnte ihr Erschrecken über die Nachricht kaum verbergen. Sie war froh, als Waldhier das Gespräch abbrach und sich in die bunte Menge verlor. Willenlos folgte sie der Einladung ihrer Appenzeller Landsleute zu der riesenhaften Polonaise, die sich, von zahllosen Trachten gebildet, als eine blendend schöne Girlande freudiger Jugend aus dem großen Saal hinauf und hinunter durch die gesamten Festräume zog. Die rauschende Musik, das hell und grell aufjubelnde Leben schnitten ihr plötzlich schmerzhaft in die Seele. Welche Leichtfertigkeit, so fröhlich mit den Fröhlichen zu sein! Dombaly – Dombaly! tönte es ihr aus den aufregenden Tanzweisen seltsam ins Ohr – vor ihrem inneren Blick standen seine nachtdunklen Augen, sein in Schmerzen aufzuckendes Gesicht, seine taumelnde Gestalt. Das Bild eines mit Gott und der Welt zerfallenen Mannes! – Wie eine Erleichterung berührte sie der Gedanke, daß er nicht mehr in München weile. – Nur die Steiger nichts von ihrer inneren Unruhe merken lassen! Dem Paar war ja die Künstlerkirchweih die einzige große Lustbarkeit des Münchner Winters. Die durfte ihnen durch keinen unfestlichen Ton verdorben weiden. Mitternacht war schon vorüber. Des Tanzes hatte Hilde mehr als genug. Erhitzt und erschöpft ließ sie sich von einem jugendlichen Partner in den kühlen, großen Keller und in die lauschige Irische geleiten, in der sich die Schweizer Landsleute stets wieder fanden. Da war heimatliche Älpleikirchweih, ein schönes Sonderspiel im großen Fest. Ans einer Ecke des Kellers schwebten die seltsam getragenen Melodien des Alphorns. Ein Vierblatt ließ seine Jodler so herzerfrischend steigen, als wäre man auf grüner Alp am Säntisgebirge. Unter der Führung Steigers und seiner Frau, die sehr schöne Stimmen besaßen, erklang, von der ganzen Gesellschaft froh mitgesungen, ein mundartliches Heimatlied um das andere, und eine große Zuschauerschaft umringte ein Paar, das mit bewundernswerter Geschicklichkeit und Kunst den »Bödeler«, die Schweizer Abart des Schuhplattlers, tanzte. Froh, zu der lebhaften Unterhaltung der Landsleute nicht selber beitragen zu müssen, blickte Hilde in das eigenartige Liebes- und Lebensspiel des Tanzes, der in fast unerschöpflichen Variationen eine volkstümlich mimische Schilderung des Sichsuchens und Sichfliehens, des Sichneckens und Sichvertragens eines verliebten Burschen und Mädchens gibt. Im ersten Kuß findet sich das Paar, zur Kirche ziehen die Hochzeitsleute, die Pflichten des Haushalts kommen, zu Feierabend schnitzt der Mann Löffel und Kellen, lullt die Frau den Säugling in Schlaf, in zärtliche Anwandlungen hinein fällt das eheliche Schmollen und Sichversöhnen, und das gemütliche Alter versucht sich, schon etwas steif geworden, noch einmal in den Tänzen der Jugend. Lauter Beifall lohnte das Paar. »Nun müssen doch bald die Mehlsuppen mit Kraut kommen«, lachte Steiger hellauf. »Da greifen Sie auch zu, Hilde!« In urwüchsigem Behagen, breit und derb, saß er unter den jungen Landsleuten am Tisch und hielt den Arm leicht um die Hüfte seiner Frau geschlungen, welche die Gesellschaft stets mit neuen Vorschlägen für Gesang und Spiel in Atem hielt. Die jungen Appenzeller Sennen betrieben den Plan, sich mit Hilde in dem photographischen Atelier, das im Hintergrund des Kellers errichtet war, als Trachtengruppe aufnehmen zu lassen. Die Spielverderberin wollte sie nicht sein, und vielleicht freute sich Siegfried, der ihr Kostüm so sehr bewundert hatte, wenn er später das Bild als Andenken an seine Appenzellerin besaß! – Nun war die Aufnahme vorbei. Doch was ging dort am Tisch der Landsleute vor, die eben noch so harmlos lustig beisammengesessen hatten? Die Leute knäuelten sich ja. Aus dem Knäuel tönte eine laute, ihr wohlbekannte Stimme. Gott, Dombaly! – Sie war einer Ohnmacht nahe. Woher er nur kam, der Unglückselige? In dem abgerissenen und beschmutzten Gewand eines geringen Landstreichers war er zu so später Stunde in das Fest gedrungen, die Arme wild verwerfend, stand er am Tisch der Schweizer und beschimpfte Steiger: »Sie unter die Künstler verirrter Flachmaler, der den wirklichen Künstlern die Bilderaufträge abjagt! – bei den Posaunenstößen, Die eitel Wind, Laßt uns lachen über Größen, Die keine sind!« Rauh und häßlich dröhnte seine Stimme durch den Keller dahin. In seinen Augen flackerte der Irrsinn. Steiger saß in starrer Verwunderung neben seiner erschreckten Frau, erst allmählich kam Leben in seine kraftvolle Gestalt, er stülpte die Ärmel seines Sennengewandes über die eichenstarken Arme zurück, ruhig sagte er: »Büebli – mach, daß du fortkommst – oder –!« Nur das Zittern seiner Stimme und das Aufblitzen seiner Augen verrieten die innere Wallung. »Lump!« schrie Dombaly. Steiger führte einen so gewaltigen Faustschlag auf den Tisch, daß die Gläser hüpften und klirrten. Zornrot erhob er sich – im nächsten Augenblick mußte er mit dem Störenfried handgemein sein! Dann wehe Dombaly! Hilde wollte vor den Unglückseligen treten, Steiger zurufen: »Schonen Sie ihn, er ist ja ein todkranker Mann!« Jede Faser an ihr zitterte. Da hatten aber Gäste aus allen Ecken des Kellers, die zuerst gar nicht recht wußten, was eigentlich geschah, einen dichten Ring um Dombaly gebildet und drängten den heftig Schreienden von Steiger hinweg. In diesem Augenblick wurde sie von Dombaly gesehen. »Hilde – meine Hilde Rebstein!« rief er, »siehst du, wie sie mich mißhandeln!« Er wollte sich mit einem unsäglich wehvollen Blick zu ihr flüchten, dann verschwand er ihren Augen unter den Männern, die den Tobenden und Weinenden mit sanfter Gewalt aus dem Kreis der Erschreckten führten. Steiger hatte sich von dem jähen Überfall erholt, dafür saß Hilde bebend und wie gebrochen unter ihren Landsleuten. Wie ein böser Traum war der häßliche Vorfall in wenigen Augenblicken vorbeigegangen, nur ein kleiner Teil der Festfeiernden hatte ihn überhaupt bemerkt, und jetzt setzte die Tanzmusik gewaltsam mit ihren heitersten, lebendigsten Weisen ein, erhoben sich an allen Ecken und Enden die fröhlichen Rufe: »Mehlsuppe, Wollwurst und Kraut!« Jedermann heuchelte in lauten, lustigen Gesprächen Vergessen des störenden Vorfalles, aber tief unter dem Lärm der sich erfrischenden, singenden und tanzenden Gesellschaft schlich der Name Dombaly, als wäre am Fest unheimlich die Flammenschrift erschienen, die einst Nebukadnezar zur Festtafel leuchtete: »Meneh, meneh tekel upharsin!« – »Dombaly ist über seinem wilden Leben und seinem Zusammenbruch wahnsinnig geworden«, flüsterte es sich von Mund zu Mund. Mochte die Jugend noch wilder im Reigen jauchzen als zuvor, sich voll der bacchantischen Lust in stillen Winkeln umschlingen, küssen und kosen, in das heitere Fest hatte es doch wie eine Hand aus der Tiefe gegriffen, und durch die lichten Räume der Freude war eine dunkle Schwester der Kunst gegangen. Am stärksten empfand es Hilde. Den in ihrer herzlichen Kirchweihluft ungerecht und schwer gekränkten Malersleuten Steiger zulieb blieb sie bis zum allgemeinen Aufbruch beim Fest. Ein Münchner Künstlerball und keiner mehr. Zu Ostern aber mit Siegfried in die Heimat! – In den Sturm ihrer Seele glänzte der Gedanke wie ein ruhiger, heller Stern. 37 In die Straßen Münchens war die große dreitägige Volksfastnacht herabgestiegen. Was kümmerte es Hilde! In den Wäldern am Starnberger See hatte sie auf einem Ausflug mit Siegfried den Frieden des Gemütes nach dem aufregenden Erlebnis der Künstlerkirchweih gesucht. Und nun war ihr der stille Aschermittwoch lieb, die Fastenzeit, welche die Nerven von den bunten Bildern und wirren Eindrücken überwallender Lustbarkeit, aufgestachelten Sinnenreizes, dumpfer Abspannung und inneren Jammers erlöste. Sie malte eifrig an den Bildnissen der Herdhüßerschen Kinder. In Mitleid und Teilnahme schweiften ihre Sinne manchmal zu Dombaly. Seit dem häßlichen Auftritt auf der Künstlerkirchweih hatte sie nicht wieder von ihm gehört. – Wie's ihm wohl ging, was er trieb? Sie mußte doch sehr oft und sehr tief an den Ärmsten denken. Die Antwort auf ihre stumme Frage kam unvermutet. Herdhüßer trat mit einem Zeitungsblatt zu ihr. »Dombalys künstlerisches Ende«, sagte er. »Lesen Sie, Hilde! Und nachher gestatten Sie mir als Ihrem Freund ein offenes Wort!« Wie ernsthaft er sprach! Sie las und ließ das Blatt sinken. So weit war es also mit Dombaly! – In einem der ersten Hotels der Stadt hatte er unter der Vorgabe, daß er nach Italien verreise und seinen Freunden eine Abschiedsfeier veranstalten wolle, ein Bankett zu hundert Gedecken und mit sehr viel Blumen bestellt. Der Wirt, der Dombaly von manchem luxuriösen Anlaß her kannte, über seine jetzigen Verhältnisse aber doch wohl nicht genau unterrichtet war, ging auf die Bestellung ein. Wie groß war aber sein Erstaunen, als der Künstler zu dem auf abends sechs Uhr angesagten Fest mit einer Folge von Wagen erschien, die von geringen Leuten in Werktagkleidern besetzt waren, Eckenstehern, Schusterjungen, Zeitungsverkäufern, Marktweibern, Wäschermädchen, allerlei müßigem Volk, das er auf der Straße gesammelt hatte, wie einst König Bertarit die Bettler von Verona. Die Leute dachten wohl nicht, daß sie wirklich an eine Tafel zu sitzen kämen, aber aus Gefallen an der Wagenfahrt, aus Jux und Gaudium waren sie der Einladung des Künstlers gefolgt. »Das sind meine Freunde«, erklärte er dem Wirt, »»es sind lauter ehrliche Menschen, die man nicht verachten darf.« Der Wirt fürchtete aber doch für die Ehre seines Hauses, zwischen ihm und Dombaly kam es zu Auseinandersetzungen, die zur Verhaftung des Künstlers führten, doch wurde er, nachdem sich die Menge der Geladenen unter mancherlei Ulk verlaufen hatte, wieder auf freien Fuß gesetzt. Infolge der Verhaftung, die der schon krankhaft aufgeregte Künstler als eine furchtbare Schmach empfand, brach der Irrsinn vollends aus. In der ersten Morgenfrühe taumelte an der Ludwigstraße ein armer, vom Fasching übriggebliebener Narr daher, der sich in den Purpurmantel eines antiken Königs geschlagen halte, einen grünen Kranz auf dem Haupt und einen Stecken in den Händen trug. »So ziehen Sie doch den Hut«, belästigte er die Vorübergehenden, »sehen Sie nicht, daß ich ein König und ein Künstler bin?« Die Schutzmannschaft schritt ein – und man wird nun bald von einer Versorgung des wahnsinnig gewordenen Künstlers in einer Irrenanstalt hören und denkt, daß entweder die ihm befreundeten Kunsthändler oder die ihm von seiner Mutter gebliebene Verwandtschaft für ein seines Namens würdiges Unterkommen in einem Sanatorium für Geisteskranke sorgen werden. Das war das traurige Ende Dombalys! Hilde stand mit verkrampften Händen, die Tränen in den Augen, und starrte stumm vor sich hin. »Und nun ein ernstes Wort, Kind!« versetzte der Doktor in tiefer Bewegung. »Um Ihrer selbst willen reißen Sie die Seele mit aller Spannkraft Ihrer Jugend aus dem Gedanken- und Gefühlskreis des Dombalyschen Schicksals! Sie retten den unglücklichen Künstler ja doch nicht, aber Sie erweisen allen denen, die Ihnen lieb sind, eine Wohltat: Siegfried, mir und meiner Familie, und am meisten sich selbst!« In den Augen des Doktors sprühte die überredende Herzensgüte. »Ich weiß, daß es meine Pflicht ist«, erwiderte Hilde aus schwerem Sinnen, die Augen voll in die seinen gerichtet. »Ihre Bilder unserer Kinder gehen nun der Vollendung entgegen«, fuhr Herdhüßer fort, »und wir alle sind froh erstaunt, welche Reife darin Ihre Kunst erlangt hat. Ich bin jetzt wirklich der Meinung, daß Sie die Bilder in die Ausstellung geben müssen. Wenn Siegfried Sie einmal in seine Verwandtschaft und in seine Gesellschaft einführen wird, erleichtern Sie ihm den Weg, wenn Sie Ihren jungen Künstlernamen in die Waagschale des ersten Urteils werfen können. Diese Erwägung spricht doch! Und gönnen Sie Steiger die Ehre, daß er für Sie die einleitenden Schritte tut.« Hilde überlegte. »Gut denn«, versetzte sie langsam, »ich gebe die Bilder in die Ausstellung. Steiger ist mir lieb, und ich gebe ihm den Vertrauensbeweis sehr gern!« Der Doktor lächelte ihr mit inniger Befriedigung zu. Ja, wie schwer sie auch um das traurige Ende Dombalys litt, ihr Sinnen und Denken mußte der eigenen Zukunft gehören, der sonnigen, schönen Zukunft mit Siegfried, und wenn es ihr schon eine höhere Freude bereitet hätte, durch ihren Lehrer Dombaly in der Öffentlichkeit als Künstlerin eingeführt zu werden – Steiger war doch auch ein Weg. – Und sie schuldete Siegfried den Schritt in die Öffentlichkeit. – – 38 Durch das offene Fenster wehte der milde Frühlingswind in das provisorische Atelier, in dem Hilde arbeitete. Sie malte nicht, sie überprüfte bloß die beiden Bildnisse. Vollendet – zum letzten Strich vollendet ihre erste, ganz selbständige Arbeit! Und sie hatte darin ihre eigene Erwartung wie die des Doktors und Jakob Steigers übertroffen. Eine wohlig-feierliche Stimmung künstlerischen Genügens schwebte wie Sonnenstrahl durch ihr Gemüt. Woher die Kraft? Woher die wundervollen Stunden des künstlerischen Aufschwunges, in denen sie die Schwingen ihres Könnens geheimnisvoll wachsen fühlte? – Sie fragte es sich fast fromm. Die Zuneigung, die Liebe für das prächtige Paar Hermann und Gertrud, das innere Bedürfen, der Familie Herdhüßer, die ihr so hohe Freundschaft erwies, ein möglichst vollgültiges Denkmal ihrer Kunst zu stiften, hatte ihr die Hand in den Bildern geführt! Die Technik aber besaß sie von Dombaly. Schmerzhaft wallte es in ihr auf. In einer Zeitungsnotiz hatte sie gelesen, daß der Ärmste in der Privatanstalt Enzenhof am Rand des bayrischen Gebirges untergebracht sei und nach der Ansicht der Ärzte nie wieder unter die Künstler und ins freie Leben zurückkehren werde, sondern einer langsamen Verblödung entgegengehe. Sie wandte ihre Gedanken mit Gewalt von Dombaly und warf einen langen Blick durchs offene Fenster. Im Lenzsonnenschein wälzte die Isar die von der Schneeschmelze im Vorgebirge hoch und trüb angelaufenen Wasser. Gelblich ansprießend standen die Weidenbäume am Ufer und auf den Inseln des Flusses. Auf einem der Bäume schlug ein Fink so hell, so freudig in die sonnige blaue Luft, daß sein Jubel bis zu ihr empordrang. Ja, nach schweren Arbeitstagen auch hell, froh und freudig sein! Ein Pochen an der Tür schreckte sie auf. »Ich bringe Ihnen Besuch aus St. Agathen«, erzählte der Doktor lebhaft, »mein Freund, Herr Fabrikbesitzer Ulrich Glür. Von einer Geschäftsreise aus Sachsen nach der Schweiz zurückkehrend, hat Herr Glür den Weg über München genommen – na, und jetzt gestatten Sie uns, Hilde, dass wir die Porträts besehen!« Sie war schreckhaft zusammengefahren. Aber da stand ja schon der Heimatgast. Erst erblassend, dann bis in die Stirne errötend, empfing sie Herrn Glür, den sie übrigens in St. Agathen nur vom Sehen gekannt hatte, mit konventioneller Höflichkeit. Der schon in den Vierzig stehende reife Mann, mit seinem dunkeln, kurzgeschnittenen Bart und in seiner fast militärisch straffen Haltung eine sehr kernhafte Erscheinung, bot ihr mit herzlichem Druck kurzweg die Hand. »Fräulein Rebstein, ich freue mich, Ihnen zu begegnen«, lächelte er. »Ich hoffe, Sie haben wegen der häßlichen Geschichte, in die Sie durch meinen windigen Bruder und meine leider etwas muckerisch gesinnte Mutter hineingezogen worden sind, keinen Groll auf mich geworfen. Von dem übeln Handel, den ich sehr bedauerte, ist mir nichts übriggeblieben als eine warme Neugier nach unserer St. Agathener Künstlerin. Auch meiner Frau! Sie wäre sehr enttäuscht, wenn ich bei meiner Heimkehr nicht einiges von Ihnen zu erzählen wüßte.« Nun, das war immerhin Herr Ulrich Glür, der so sprach, der angesehenste Mann der Heimat, der von vielen für fast unnahbar gehaltene Großindustrielle, eine jener starken Gestalten, die, wo sie auftreten, gleichsam sprechen: »Da bin ich«, ein Mann von weltmännischem Schliff und merkbarer Vornehmheit; und zuweilen ging durch seine Sprache ein herzlich natürlicher Ton, der unwillkürlich auch das Empfinden für ihn einnahm. Einen Grund zu grollen hatte Hilde wirklich nicht mehr. Wenn sein Gesicht sie nur nicht so lebhaft an seinen viel jüngeren Bruder Kuno erinnert hätte! Die beiden Freunde besichtigten die Bilder und hatten dafür manches Lob. »Kräftiges Temperament, klares Streben«, bemerkte Herdhüßer, »und das Psychische wird sichtbar.« »Ja, eine andere Art Malerei, als man sie daheim in unseren Fabrikantenvillen sieht«, versetzte Ulrich Glür. Dabei ruhten seine Augen überrascht und nachdenklich zugleich auf Hilde, und sein Ton wurde immer wärmer. »Sie kommen zu Ostern nach St. Agathen. Sie beabsichtigen lange Ferien in der Heimat zu halten. Da geben Sie doch auch mir und meiner Frau bald die Ehre«, bat er. »Darüber wird wohl ein Plan reif, der Ihnen und uns dienen kann.« Sein vertrauendes Lächeln streifte Hilde. Sie erriet und wurde verlegen. Nun, für heute verabschiedete sich der Heimatgast. Zuletzt erbat er sich für morgen ihre Führung bei einem Besuch der Neuen Pinakothek. Höflicherweise durfte sie nicht ablehnen, das hätte nicht nur den Gast, sondern auch den Doktor verstimmt! – Der Besuch in der Pinakothek gab sich hübscher, als Hilde gedacht hatte. Der Fabrikherr kannte doch viele Namen aus der neuen Malerei und bekundete eine lebhafte Neugier nach ihren Bildern. Da konnte Hilde aus feinem Verständnis heraus in aller Bescheidenheit manche Bemerkung machen, die ihren Zuhörer angenehm überraschte. War das wirklich ein Kind St. Agathens, das von der Kunst, Meistern und Werken, so temperamentvoll, frisch und fesselnd sprach? In lächelnder Bewunderung schaute Ulrich Glür in die geistvoll spielenden Züge Hildes, schwer konnte er sich von ihrer erfrischenden Unterhaltung trennen, endlich mahnte er doch leise zum Aufbruch. »Schon elf, sagen Sie; wie rasch einem die Zeit vor guten Gemälden vergeht!« versetzte Hilde. An den Besuch der Pinakothek schloß sich eine Wagenfahrt. Sie ging an der Technischen Hochschule vorbei. Da oben, irgendwo in dem prächtigen Bau, saß Siegfried im Examen. Kein Zweifel, daß er es glänzend bestand! – Die Fahrt ging beim Siegestor vorüber in die Leopoldstraße, den ihr liebgewordenen Liebes- und Schicksalsweg, und bei der alten, romantischen Dorfkirche von Schwabing, in deren Nähe Steiger hauste, hinab in den Englischen Garten. In den hohen Bäumen regte sich schon der Vorlenz. Plötzlich kam Herr Glür auf den Plan zu sprechen, den er schon gestern angedeutet hatte. »Ich und meine Frau wissen, daß die Bilder in unserer Villa wertlos, ja für uns eine Verlegenheit vor kunstsinnigen Besuchern sind. Seit etlichen Jahren denken wir auf Ersatz; aber Geschäft, Geschäft! Bis heute ist nichts für die Neuausschmückung der Villa geschehen. Jetzt aber ergreife ich die Gelegenheit: Wollen Sie es freundlichst übernehmen, Fräulein Rebstein, unsere vier Kinder zu malen? Am Nesthäkchen, einem vierjährigen Mädchen, ist mir zunächst am meisten gelegen. Meiner Frau könnte ich kein willkommeneres Geschenk nach Hause bringen als Ihre Zusage.« Eine Glutwelle bedeckte Hildes Gesicht. Sie zögerte mit der Antwort. »Sie denken, Sie würden bei uns vielleicht Kuno oder meiner Mutter begegnen«, nahm der Fabrikant wieder das Wort. »Da besteht keine Gefahr. Als ich Kuno in meine strenge Zucht nahm und er ernstlich hätte an die Arbeit treten sollen, erwies es sich, daß er von seinem ausgelassenen Leben in München den Schuß in der Brust trug. Ägypten, rieten die Ärzte. Dort weilt er jetzt und soll, wenn er geheilt ist, unter der Aufsicht eines Pflegers zur weiteren Stärkung eine Weltumsegelung unternehmen. Doch glaube ich, daß es für den Lungenkranken überhaupt keine Genesung mehr gibt. Und die Mutter? – Sie sitzt mit gelähmten Füßen im alten Biedermeierhaus, betet für Kuno und betritt unsere Villa nie. – Man hat auch sein Bündel Sorgen, Fräulein Hilde!« Die Mitteilung walzte einen großen Stein des Anstoßes von der Seele Hildes, aber sie sprach von der Ausspannung und Ruhe, deren sie nach den Anstrengungen eines langen Studienwinters bedürfe. »Herdhüßer hat mir von Ihrer gewaltigen Arbeit erzählt«, erwiderte der Fabrikant. »Warum sich aber nicht bei uns ausspannen? Mit den Ihrigen in St. Agathen können Sie ja doch nicht zusammenwohnen. Weder Ihre Mutter noch der alte Lehrer Hardmeyer vermögen Ihnen einige Bequemlichkeit zu bieten. Bei uns aber haben Sie Ihre ungestörten Räume; unsere großen Gärten, unsere Wagen und Pferde stehen Ihnen zur Verfügung, in allen Entschließungen haben Sie Ihre künstlerische Freiheit; ob Sie die Bilder in vier Monaten fertigstellen wollen oder in acht – wer fragt?« »Ich bin von Mitte Mai an, oder wann sonst die Familie aus Holstein zurückkehrt, zu Herdhüßer in die neue Villa am Rhein eingeladen«, gab Hilde unsicher zurück. »Na, da läßt sich ein gegenseitiges Abkommen treffen, dafür lassen Sie mich sorgen«, lachte Ulrich Glür, »wenn Sie nur grundsätzlich gegen die Annahme des Auftrages nichts einzuwenden haben. Ich denke aber nicht, daß Sie wegen der unsinnigen Geschichte meines Bruders nun doch einen heimlichen Groll auf mich hegen, Sie werden mir zugeben müssen, daß ich mit fester Hand Ordnung schuf, als ich davon Wind bekam. Und auch kein Schmerzensgeld soll der Auftrag bedeuten, sondern ich bin darauf gekommen, weil mir die Bilder der Kinder Herdhüßer so außerordentlich gut gefallen haben. Fast augenblicklich kam mir der Gedanke: du darfst dir die Künstlerin nicht von einem anderen, der die Bilder sieht, durch ein Angebot vorwegnehmen lassen!« Da hielt der Wagen vor der Herdhüßerschen Wohnung. Durch die offene und herzliche Aussprache Glürs in die Enge getrieben, sagte Hilde: »Ich wünsche doch mit meinem Verlobten darüber zu sprechen. Geben Sie mir bis morgen Bedenkzeit!« »Bis morgen um elf. Da komme ich in die Familie Herdhüßer zum Abschiedsbesuch; am Nachmittag fahre ich in die Heimat. Ich darf wohl in jedem Fall den Ihrigen einen Gruß bestellen und, wenn Sie mir morgen Ihr Ja geben, worauf ich bestimmt hoffe, sie benachrichtigen, daß Sie mein Sommergast seien!« Das traf einen feinen Nerv Hildes: vor Adolf, dem Lehrer Hardmeyer und der Mutter wäre diese Anmeldung durch Ulrich Glür eine volle Ehrenquittung für die Kränkung, die Kuno Glür auch ihnen zugefügt hatte! – »Na, Hilde, wie verlief der Vormittag?« rief ihr der Doktor mit fröhlicher Miene entgegen. Sie erzählte. Er horchte, er lächelte: »Ich begreife ja, daß Sie nicht mit vollen Segeln auf den Antrag Ulrich Glürs eingingen, aber Ihr Ja müssen Sie doch in Bereitschaft halten. Es ist die Heimat, die Ihnen die Hand streckt. Das bedenken Sie wohl. Kein Künstler und keine Künstlerin, in einer verborgenen Ecke glüht die Sehnsucht, gerade auf jenem Boden die Anerkennung zu finden, in dem die ersten künstlerischen Regungen wurzeln: in der Heimat. Der Beifall der weiten Welt mag einem Künstler zufallen und seine Heimat eine Hütte im dunkeln Wald oder auf der Heide sein, in seinem Wesen bleibt eine Unrast, bis man auch in dieser Hütte weiß, daß sein Stern im Aufgang ist und leuchtet. Also, Hilde!« Der Doktor verstand die Menschen doch stets da zu ergreifen, wo ihr tiefstes Fühlen lag. Sie bei der Heimat! Dem Andenken ihres Vaters war sie es schuldig, daß sie die ehrenvolle Aufgabe im Hause Ulrich Glürs übernahm. Im Grund ihrer Seele war der Streit bereits entschieden. Nun bloß noch Siegfried hören! – Er kam zum Abendbrot. Die beiden Männer, Ulrich Glür und er, fanden sich auf dem gemeinsamen Gebiet der Industrie, der technischen und sozialen Fragen in gegenseitigem, regem Verständnis, und als der Gast nach seinem Hotel aufbrach, da besaß er nicht nur die Zusage Hildes, daß sie seine Kinder malen werde, sondern auch die der beiden Verlobten, seine Ostergäste in St. Agathen zu sein. »Ein ausgezeichnet kluger und weit ausschauender Mann«, bemerkte Siegfried, als Ulrich Glür gegangen war, »ich freue mich aufrichtig über diese Bekanntschaft.« Seine Augen leuchteten im Nachgenuß der geführten Gespräche. Aus ihrem Stübchen schaute Hilde auf die nächtlich strömende Isar und empor zu den Frühlingssternen. Sie trug den Frieden eines guten Entschlusses in sich. Nun lächelte die Heimat ihrer jungen Kunst. Das gab der Seele Glauben, Mut und wachsende Flügel. 39 Nach einem von herzlicher Wärme getragenen Abschiedsbesuch war Ulrich Glür in die Heimat verreist. Siegfried fühlte sich beglückt darüber, daß er seine Verlobte über Sommer so gut aufgehoben wissen durfte. Da lag sein Doktordiplom! In ruhiger, männlich tiefer Freude hatte er es ihr überbracht, nicht wie ein Geschenk des Zufalls, das zum äußeren Jubel reizt, sondern wie das wohlverdiente Zeugnis eines in ehrlichem Ringen erreichten Zieles. Beide waren sie nun von den Pflichten des Tages frei, sie von der Malerei, er von Studien und Prüfung. Oh, war das herrlich, die Automobilfahrt weit um den von Sonne und Frühlingsahnung übelleuchteten Starnberger See! Wie ein tiefes Atemholen ging es durch ihrer beiden Leben. Selig empfand Hilde die Schönheit der Tage. – In der Familie Herdhüßer war Festtafel zu Ehren des jungen Doktors. Stillbeglückt saß Hilde im Kreis seiner Freunde von der Technischen Hochschule an seiner Seite. Es war aber kein auflachendes, lautes Fest, wie wenn Künstler und Künstlerinnen schwärmend beisammensitzen, sondern Abschieds- und Trennungsgedanken gaben den Stunden eine ernste Weihe. Gustav Wieland, der Schwabe, hielt die zu Herzen gehende große Rede des Abends und gedachte dabei humorvoll des »feinen und gediegenen Kerls« von der Ludwig- und Leopoldstraße. Wonnig überdachte Hilde die schöne Lebensfügung, daß es ihr beschieden sein werde, ihren weiblichen Wirkungskreis gerade in der anregenden, schritt- und schicksalssicheren Welt der Technik zu finden, von der schon ihre Jugend umgeben gewesen war – an der Seite Siegfrieds, ihres treuen, starken Siegfrieds. Glückwunschtelegramme liefen zu der schönen Feier ein. Sie kamen aus der Heimat Siegfrieds und von Berlin, von seinen früheren Mitarbeitern und seinen künftigen obersten Vorgesetzten. Jedes wurde laut vorgelesen, jedes freudig begrüßt. Einmal aber erblaßte Hilde. »Dem Jugendfreund ein herzliches Glückauf zum Doktor! – Schloß Edenkogen, Marthe Burmester!« Das erschreckte sie! Sie begriff. Durch den Doktortitel war Siegfried in den Anschauungen der holsteinischen Gutsbesitzerfamilien, auch derjenigen Marthe Burmesters, wieder in die Achtung und Ehre eingesetzt, die man dem jugendlichen Techniker verweigert hatte. Wie nun, wenn Siegfried von seinem Osterbesuch in St. Agathen, wie es die Rücksicht auf seine Familie erforderte, nach seiner Heimat fuhr, dort, ehe er seine Berliner Direktorstellung antrat, kurze Ferien hielt und Marthe wiedersah? Ein inniger, tiefer Blick seiner herrlich blauen Augen, der ihr leuchtend in die Seele drang, beruhigte sie. Leidenschaftlicher loderte nur ihre Liebe zu ihm. Der würde eher wie eine Eiche im Sturm brechen, als nur mit einem flüchtigen Gedanken von seiner Liebe zu ihr lassen! – Am Morgen nach dem Feste, dem Sonntag vor Ostern, hielt sie einen Brief Adolfs in den Händen. Der Junge sprudelte von Freude über ihre bevorstehende Heimkehr und über den Malauftrag in der Villa Glür. »Aber was für Sachen sind das? Du verlobt! Herrgott, wenn das alles wahr ist, was Herr Glür sagte, was bekomme ich für einen vornehmen Mann zum Schwager! Nein, so recht innig habe ich mich daran nicht freuen können, daß Du so der Heimat entwachsen und uns nach dem fernen Berlin verlorengehen willst! Der Lehrer aber sagt, Du hättest Dich wohl in München so schwungvoll entwickelt, daß Du keinen unserer Bureauschreiber oder Zeichner zum Mann nehmen könntest.« Darüber mußte ste herzlich lachen. Hatte der Alte einen hellen Kopf! Doch der Brief Adolfs lief weiter: »Der Lehrer billigt also Deine Verlobung, und auch ich erwarte Dich und Deinen Bräutigam mit den besten brüderlichen Vorsätzen. Denke Dir, Hilde, auch ich habe meine stille Liebe. Da fällt es mir nicht schwer, die Wünsche und Gefühle Deines Herzens zu verstehen.« »Junge! – Junge!« entfuhr es ihr. »Und nun bloß noch eins«, schrieb Adolf, »gelt, Du bist nicht stolz geworden, Hilde? Du schämst Dich nicht, daß ich ein einfacher Arbeiter bin und es wohl bleiben werde? Nein, das tust Du nicht! Und so freue ich mich jede Stunde und jeden Augenblick auf Dich, mein Schwesterchen, und selbst aus dem Schlaf weckt mich die Freude. Willkommen, tausendmal willkommen in der Heimat, Hilde!« Leise lächelnd sann sie über dem Brief. Oh, die sonnige, wonnige Heimkehr! Ihr war, eine gütige und gesegnete Hand führe sie auf die heiterste Höhe des Lebens. 40 Wenige Tage nur noch, und der Abschied von München, die Heimkehr kam! – Siegfried, der junge Doktor, hatte noch manches zu tun und zu ordnen. Während er die Dankbesuche bei seinen Professoren abstattete, blickte Hilde noch einmal in die kleine Pension der Mutter Illing, drückte jenen einfachen jungen Leuten die Hand, die ihr stets liebenswürdige Tischgenossen gewesen waren, und stieg zum letzten Gruß in ihr Dachstübchen hinauf, in dem sie die schönsten und die dunkelsten Stunden ihres stillen, langen Kampfes um die Kunst verbracht hatte. Die Brust wogte ihr beim Darandenken. Die Blumen, ihre lieben Freundinnen, ließ sie da. Ob aber eine Nachfolgerin in die Dachkammer einzog, die so viel Hingabe und Verständnis für ihre Pfleglinge besaß wie sie? Ob die Nachfolgerin auch so gute Freundschaft mit dem Spatzenvolk hielt, das auf der Dachrinne in die Frühlingsluft zwitscherte? Überhaupt, was war es wohl für ein Menschenkind, das nun seine Jugend, seine Hoffnungen, sein Leid, seine Träume und seine Enttäuschungen in die der Sonne und dem Himmel offene Kammer trug? – »So lieb wie Sie werde ich keine Mieterin mehr bekommen, Fräulein Rebstein!« plauderte die Hauswirtin. »Und so gut wird's bei mir keiner mehr gehen wie Ihnen. Einen vornehmen Herrn Doktor als Bräutigam! Aber freilich, zu denen, die still zurückgezogen leben, kommt am ehesten das Glück.« Die gute Frau, die tief in Sorgen stak, vergoß die hellen Tränen des Abschieds in ihre Schürze. – – Und nun zu dem biederen Jakob Steiger und seiner fröhlichen Frau! Noch einmal ließ sich Hilde von dem bescheidenen Künstler vor die Bilder des Doktorpaares führen. Das Porträt des Mannes durfte als eine gute, ungemein gewissenhafte Arbeit gelten, nur beeinträchtigte die Menge scharf beobachteter Einzelheiten den Schwung der gesamten geistigen Auffassung. Und an der Wiedergabe der zartblühenden, vornehmen Gestalt der Frau Herdhüßer war das Können Steigers gescheitert. Gewiß, so sagte sich Hilde, jeder Einzelheit des Urbildes entsprach eine Einzelheit des Porträts, und eine äußere Ähnlichkeit war vorhanden, aber es wirkte doch hart und gequält, wie ein lyrisches Lied, das man in Prosa zerpflückt. Steiger war eine zu ehrliche Natur, um sich aus dem geringen Wert des Bildes ein Hehl zu machen. Nur vor seiner Frau durfte man nicht davon sprechen. »Ich weiß wohl, Sie hatten die Frau Doktor besser gemacht!« scherzte er etwas wehmütig gegen Hilde. »Sie – Sie haben etwas im Handgelenk, was vorher nur Dombaly besaß, und können die zartesten Lichter geben.« Und er sprach von dem großen Erfolg, den ihre beiden Kinderporträts auf der Ausstellung erringen würden. – Von den Malersleuten hinweg wandte sich Hilde in die Altstadt. In ein warmes Dankesgefühl gegen Steiger mengten sich ihre Selbstbetrachtungen. Das künstlerische Gewissen sagte ihr, daß ihre Porträts die Note eines starken und individuellen Talentes trugen und ehrenvoll durch die Ausstellung gehen würden. Zum Ende ihres Münchner Studienganges durfte sie eine reife Frucht ihres jugendlichen Schaffens ausbreiten und zu der Welt sprechen: »Nun urteile du!« Vor ihr lag die Stadt in Frühlingsleuchten und Lenzstimmung. Über den Türmen und Giebeln zogen die silbernen Wolkenkähne am lichtblauen Himmel. In den Anlagen spielten die Kinder, durch die Straßen und über die Plätze wandelten die Menschen in hellfarbigen Frühlingskleidern; sie lachten und plauderten von Märzenbier und ersten Radieschen. Kutscher- und Droschkengäule sonnten sich, jedermann hielt Frühlingslüften, und durch das Bild der alten Stadt ging es wie träumerische Jugenderinnerung. Sorglos schlenderte Hilde. Sie gedachte jener schwärmerischen Liebe, mit der ihr Vater, der nie ganz zu seinem Recht gekommene Künstler, an München gehangen hatte. In dunkeln Stunden des Kampfes war ihr diese Liebe manchmal unverständlich geworden und die Stadt ihr wie ein großer Knäuel fremder, herzloser Menschen erschienen, von denen keiner ein warmes Mitgefühl für den anderen besaß. Nun sie aber offenen Auges und gehobenen Herzens, in friedevoller Abschiedsstimmung durch die grauen Tore, die alten Gassen, die malerischen Winkel wandelte, in das frische, frohe, derbgesunde Volkstreiben blickte und sich die vielen Baudenkmäler kirchlicher und weltlicher Kunst noch einmal in die empfänglichen Sinne prägte, ging doch das Gefühl warmer Anhänglichkeit für die schöne Stadt durch ihre Seele. Der Vater hatte recht: Geheimnisvoll rauschen in München für alle diejenigen die Quellen, die nach Kunst und Schönheit dürsten – es ist eine Luft, eine Scholle, in der vieles reift, wofür in der übrigen Welt nicht Raum, nicht Wachstum ist. Sie ging über die Kausinger Straße. Da und dort blickte sie in die prächtigen Auslagen der Verkaufsläden. Aus den ersten Erträgen ihrer Kunst besaß sie die Mittel, den Ihrigen bei der Ankunft in der Heimat eine Überraschung zu bereiten, und freudig überlegte sie sich ihre Einkäufe. Da ein helles, stürmisches Grüßen: »Fräulein Rebstein!« Vor ihr stand mit innig lachenden Augen Mizzi Schäfer, frisch und fröhlich wie der Frühling selbst, überschüttete sie mit Dankesbezeigungen, sprach mit einem volkstümlich religiösen Hinweis von Dombaly, über den nun die ewige Gerechtigkeit für die Sünden gekommen sei, die er an Mädchen und Frauen begangen habe, und erzählte ihr mit sprudelnder Lebendigkeit, daß am Tag nach Ostern ihre Trauung mit dem Postsekretär stattfinde; Hilde möchte doch die Freundlichkeit haben und dem feierlichen Gottesdienst in der Gärtnervorstadtkirche beiwohnen. Alles in überschwenglichen Worten. Ein Glückwunsch, eine Entschuldigung, und Hilde ließ die ihr etwas enttäuscht nachblickende Mizzi stehen. Als wäre durch die Begegnung mit der ehemaligen Geliebten Dombalys ein böser Zauber über sie gekommen, war die schwungvolle Glücksstimmung, die sie eben noch erfüllt hatte, plötzlich aus ihrer Seele verschwunden. In Unruhe und Bedrückung machte sie ihre Besorgungen. Doktor Herdhüßer hatte leicht ihr gebieten, daß sie den Namen Dombalys und die Erinnerungen an ihn weit von sich bannen solle. Zuweilen gelang es ihr, zuweilen aber gewannen die nachtdunklen Augen des Unglücklichen, sein fahles, verzerrtes Gesicht, wie sie es bei der Künstlerkirchweih gesehen hatte, mit beängstigender Lebendigkeit Gewalt über sie. Der Gedanke an Dombaly verdüsterte ihr die letzten paar Münchner Tage. Da und dort – auch von Herdhüßer und Steiger – hatte sie einiges über das Ergehen des Ärmsten gehört, der das Opfer seiner Ausschweifung geworden war. In der Enzenhofer Anstalt taumelte er in unheilbarem Größenwahn dahin, hielt sich für einen König und Künstler zugleich, sprach seine Leib- und Lieblingsstrophe von Leuthold mit großem Pathos vor sich hin und krönte sich mit Tannenreis. In die Irrsinnsgänge des Verlorenen fielen aber stets lichte Stunden. Dann erkannte er sein Elend, weinte oder wütete über die Kunsthändler, bis ihn wieder die Schatten des Wahnsinns umfingen. Um die Außenwelt kümmerte er sich kaum mehr, sogar nach seinen Bildern fragte er nicht. Wenn sie solches hörte, da kam es über Hilde, sie dürfe unmöglich von München scheiden, ohne dem Schwerkranken da draußen Lebewohl gesagt zu haben. Wie viele Fehler an dem Menschen Dombaly haften mochten, als Künstler war er doch derjenige gewesen, der ihr gütig und großmütig das Tor ins Licht aufgeschlossen hatte. Und was Schweres zwischen ihnen vorgefallen war, die Stimme des Mitleids war stärker als die trennenden Erinnerungen. Gewiß gedachte er in seinen lichten Stunden manchmal auch ihrer! Und er murmelte dann wohl zähneknirschend in sich hinein: die undankbare Rebstein, die kein Herz für mein Unglück hat! – Das durfte nicht sein. Der Drang, Dombaly noch einmal zu besuchen, zu sehen, zu sprechen, trieb sie hin und her. Stets aber schreckte sie wieder vor dem Plan zurück. Ihr war, als ob sie einen schnöden Verrat an Dombaly begangen habe, indem sie ihre Bilder unter der Führung Steigers in die Ausstellung gelangen ließ, und als ob sie gar nicht mehr würdig sei, unter seine Augen zu treten. Sie wagte es auch nicht, Herdhüßer und Siegfried von ihrer Absicht zu sprechen. Beide würden den Besuch auf dem Enzenhof sehr ungern sehen. Der Doktor mochte den Namen des Künstlers überhaupt nicht mehr hören, weniger wegen Dombaly selbst, als wegen des großartigen Schachers, der nun mit dem Namen und den Werken des Erbarmungswürdigen getrieben werden sollte. In tiefer Stille und mit dem Ausschluß aller Privatkäufer hatte eine Vereinigung mächtiger Kunsthändler die Hand über das Atelier und die Werke geschlagen und den gesamten Nachlaß nach Berlin übergeführt, wo die Bedingungen für eine unerhörte Preissteigerung der Gemälde günstiger als in der süddeutschen Kunststadt lagen. Unter dem Schein des Mitleids für den der Kunst zu früh Verlorenen, in Wahrheit wegen einer ebenso selbstsüchtigen wie riesigen Reklame für eine Sonderausstellung der »letzten Dombaly«, wurde in den Blättern, die dem Kunsthandel dienten, von Berlin aus zugleich mit den mächtigsten Lobeserhebungen die Unrettbarkeit des Künstlers in die Welt posaunt. Dieses Treiben stieß Herdhüßer ab. – Es gab auch Hilde zu denken. Was wurde aus ihrem Porträt von der Hand Dombalys? Sie wußte, der Doktor hatte sich durch einen Händler um das Bild bemüht, aber der Preis, den er als äußerste Grenze angegeben hatte, war durch einen Gläubiger Dombalys weit, weit überboten worden. Eine sonderbare und bedrückende Vorstellung: das eigene Bild in Händen, die man nicht kennt! Doch gab es dafür eine Beruhigung: das Gemälde war würdig und vornehm, und wo es wieder auftauchen mochte, konnte es ihr nicht schaden. Was war aber wohl aus dem Torso des Mizzi-Schäfer-Aktes geworden? So oft sie daran dachte, überfiel sie ein leises Grauen! – – Da, ein Brief vom Ersten Arzt der Irrenstalt Enzenhof! Er bat um ihren Besuch bei Dombaly, es handle sich darum, den schwerkranken Künstler durch ihr Erscheinen von einer dunkeln Wahnvorstellung zu befreien, in der er ihretwegen befangen sei. Sie möge, schrieb der Arzt, schon morgen kommen, weil sich nach den bisherigen Beobachtungen auf diesen Tag eine Zwischenzeit verhältnismäßiger Geisteshelle für den Unglücklichen erwarten lasse. Hilde war tief erschüttert. Morgen war Karfreitag. Der richtige Tag für die traurige Fahrt. Und das richtige Wetter! Draußen auf die Isar regnete es, und dazwischen fielen die Schneeflocken, als ob es noch einmal Winter werden wollte. – »Armes Kind – Sie glühen!« – Frau Herdhüßer strich Hilde mit linder Hand über die Stirn, setzte sich neben die Zitternde und flüsterte ihr alles zu, was sie erfreuen könnte. »Ich weiß ein süßes Wort«, sagte sie: »Heimat! – Ich freue mich auch, meine Heimat bald wiederzusehen! – Ich weiß ein süßeres Wort: Liebe! Und eines, das nur sanft wohltut: Freundschaft! Ich bin Ihre Freundin, und wenn ich in meiner nordischen Heimat weile, so will ich horchen und lauschen, und wenn ich glaube, daß die Zeit der Saat gekommen ist, auf dem Holm das Korn in die Erde legen und dabei sprechen: Wir haben die Freude gehabt, in München eine junge Künstlerin kennenzulernen.« Hilde horchte wie ein frommes Kind der wohltönenden Frauenstimme. Nacheinander kamen Herdhüßer und Siegfried und schüttelten den Regen von sich, der trostlos in die Straßen herniederlief. Der Doktor las das Schreiben, das Hilde aufforderte, Dombaly zu besuchen. Erregt ging er im Zimmer auf und ab, stand vor ihr still und blickte ihr ernst in die Augen: »Was gedenken Sie zu tun?« »Es ist meine Pflicht. Ich muß! In der Heimat fände ich über dem Versäumnis keine Ruhe; ich käme mir selber verächtlich vor«, bebte es herzergreifend von ihren Lippen. »Ich sehe selber ein, daß Sie den Besuch nicht absagen können«, versetzte der Doktor nachdenklich und gepreßt, »aber gern lasse ich Sie nicht auf den Enzenhof ziehen. Das Leben hat mich auch schon in Irrenhäuser blicken lassen, doch, Hilde, keiner tritt wieder aus den Toren, ohne daß ihm über den Bildern des seelischen Zerfalls ein Grauen wie Gift ins Gemüt, in Fleisch und Gebein gefahren wäre, Und je höher der Mensch, den wir nun in seiner geistigen Umnachtung sehen, in seinen gesunden Tagen die denkende Stirne erhoben hat, um so tiefer ist das Erschauern vor den dunkeln Gängen menschlichen Schicksals, den finsteren Mächten der Zerstörung.« »Ich muß«, stammelte Hilde leise vor sich hin. Die Blicke des Doktors ruhten bekümmert auf ihr. »Nun, Sie sind ja bei aller künstlerischen Empfindsamkeit eine gesunde und starke Natur, Sie werden überwinden«, versetzte er, »und hoffentlich können wir morgen doch noch stillschönen Abschied voneinander feiern.« Hilde versank in ein ernstes Träumen. Morgen der schwere Besuch bei Dombaly – dann am Abend die Abschiedsstunde in der Familie Herdhüßer, die in wenigen Tagen München gleichfalls verließ. Am Samstag früh Abfahrt mit Siegfried in die Heimat, Um vier Uhr abends Ankunft in St. Agathen – selige Heimat-Ostern! – Weiter wollte sie nicht denken. Siegfried beabsichtigte, alsbald nach den Feiertagen, am Dienstag abend schon, nach Holstein zu reisen, bei den Seinen eine Weile Ferien zu halten, dann in seine Berliner Direktionsstellung einzutreten; jeder Tag gab wohl das seine, bis sich Hildes höchster, sehnlichster Wunsch erfüllte: das trauliche, von Kunstgedanken erhellte Heim an der Seite Siegfrieds – der große Lebensfriede. – Da war Siegfried! Sie umschlang seinen Hals. »Lieber – Lieber – du – du!« Sein Kommen und Erscheinen war ihr stets die stärkste Befreiung von den Anfechtungen der Welt, und unter seinem Geleite ging die Fahrt auf den Enzenhof zu Dombaly nicht über ihre Kräfte. – 41 Durch einen trüben Tag, Regen und Schnee ging die schwere Fahrt zur letzten Begegnung mit Dombaly. Sein Zusammenbruch hatte Hilde mächtiger erschüttert, als sie jemand verriet. Sie ließ selbst Siegfried nicht ganz in die Tiefe der Unruhe und Traurigkeit sehen, unter der ihr Busen erbebte. Die Gedanken an das Nächstliegende bang verhüllend, sprach sie mit fieberischer Lebhaftigkeit von der morgigen Heimkehr ins Tal ihrer Jugend. Aber da war ja der kleine Bahnhof erreicht, an dem sie von einem Wagen der Anstalt Enzenhof abgeholt wurden. Er rollte durch das abscheuliche Wetter. Sie erreichten den Enzenhof, ein weitläufiges Gebäude, halb Schloß, halb Villa, in der Nähe eines kleinen Dorfes und am Eingang eines großen Waldparkes, der von einer hohen Mauer umschlossen war. Hilde war still und blaß geworden. Durch eine Halle führte der Pförtner das Paar in einen Wartesalon. Siegfried war darauf gefaßt, eine lange Stunde, während der Hilde bei Dombaly weilte, über den Büchern zu verbringen, die in dem eleganten und doch öden Gemach umherlagen. Leise sprach er der Fröstelnden Mut zu. Da erschien auch schon der leitende Arzt, ein, wie es schien, vom Umgang mit den Kranken selbst etwas angegriffener Mann von höflichen Formen. Nach einem Augenblick der Begrüßung bat er Hilde, ihn zu begleiten. In einer Besprechung unter vier Augen erkundigte er sich nach ihren Beziehungen zu Dombaly, der von einer rasenden Liebe für sie besessen sei und oft ihre Gegenwart verlange. Da er sie aber entbehren müsse, bilde er sich seit einigen Tagen ein, er, Dombaly, habe sie auf irgendeine geheimnisvolle Weise ermordet. Darum möge sie die dringende Einladung entschuldigen; es wäre die größte Wohltat, die man dem Unglücklichen erweisen könne, wenn ihn ihr Anblick, ihre Stimme von seinem Irrtum überzeugten. Hilde horchte wie gebrochen. Wie kam Dombaly auf den dunkeln Wahn? Ehe sie sich Antwort gegeben hatte, sagte der Arzt: »Dombaly, der seine lichte Stunde hat, erwartet Sie mit sehnsüchtiger Freude; halb glaubt er, daß Sie kommen würden, halb nicht. Sprechen Sie, als ob es aus eigenem Antrieb geschehen wäre!« Er führte sie in ein luxuriöses Gemach. Da saß Dombaly blaß und abgezehrt. Er erhob sich aus seinem Fauteuil und kam ihr mit raschem, elastischem Schritt und wie in geschwelltem Künstlerstolz entgegen. Schrecklich, seine Augen standen nicht mehr in der Achse! Um seinen verzogenen Mund aber schwebte jenes gütige knabenhafte Lächeln, das sie stets an ihm bezaubert hatte. »Da bis! du ja, Kind – du meine Hilde«, zitterte seine Rede. »Ich danke dir, daß du auf mein Schloß gekommen bist. Im ›Gläsernen Himmel' hab' ich's dir gesagt: Wir Künstler sind die geheimen Könige! Du bist meine Königin! Ihr Pagen, bringt meiner Königin einen grünen Kranz!« – Und prahlerisch, doch mit erloschenem Feuer sprach er die Strophe: »Uns aber laßt zechen – und krönen Mit Laubgewind –« Er brach ab, besann sich, schüttelte schmerzlich das Haupt. »Laubgewind?« stammelte er, »nein, nicht Laubgewind – vergiftete Stacheln! – Siehe, Kind, wie ich, der König, blute. – Das sind die Wunden von den Streichen der Manichäer! – Aber auch du, Hilde, Königin, blutest!« – »Dombaly!« rang es sich wehvoll von Hildes Lippen. Sie versuchte zu sprechen, ihn aus den düsteren Phantasien in die Wirklichkeit zurückzuführen. Beim Ton ihrer Stimme aber wandelte sich sein schon entstelltes Angesicht in das bare Entsetzen. »Hilde, siehst du denn das Blut nicht an meinen Händen?« stöhnte er. »Und dir rinnt es über die Stirn. – Oh, die Indierin, das schlechte Weib!« Er stockte, brütete; einen Augenblick schien es, als sollten seine Gedanken zur Klarheit kommen, plötzlich aber griff er mit den abgemagerten Händen in die Luft und erhob seine Stimme bis zum Gebrüll. »Heran, ihr Schergen«, schrie er, »bindet mich! – richtet mich! – kreuziget mich! – Ich habe meine Schülerin, meine Hilde Rebstein ermordet. – Seht, wie das Blut aus ihren Wunden fließt!« Der Arzt klingelte. Zwei Wärter kamen herbeigestürzt. Sie nahmen Dombaly hinweg. »Hilde – meine Rebstein!« gellte noch der Ruf aus seiner Zelle. – Eine kurze, doch furchtbare Begegnung! – Hildes hatte sich über dem schaurigen Erlebnis das Entsetzen bemächtigt. Sie taumelte, als wäre sie selber halb irrsinnig. »Legen Sie den Wahnvorstellungen des Unglücklichen doch kein Gewicht bei – das lebt ja nur in seinem kranken Gehirn«, tröstete der Arzt und reichte der fast Ohnmächtigen eine Erfrischung. Nach einer halben Stunde hatte sie sich so weit erholt, daß er sie Siegfried wieder zuführen konnte. Sie sank in die Arme des tief Erschütterten. Während der ganzen Rückfahrt lag sie in einem Weinkrampf, hielt sie Siegfried leidenschaftlich und unter Liebesbeteuerungen umschlungen, aber von dem Schweren, das soeben zwischen ihr und Dombaly vorgefallen war, sprach sie nicht. Ein dumpfer Zwang, das Gräßliche zu verschweigen, lag über ihrer blutenden Seele. Als das Paar im Laufe des Nachmittags wieder in München ankam, erkannte Herdhüßer auf den ersten Blick, daß es schlimm um Hilde stand. Ihr Gesicht war von Tränen gerötet, und es schüttelte und rüttelte ihre Gestalt wie von Frost, von Fieber und schwerer Krankheit. Warum hatte er sie nicht von der verhängnisvollen Fahrt zurückgehalten, sie nicht mit einem Telegramm durch ihre eigene Angegriffenheit bei der Anstaltsleitung von Enzenhof entschuldigt! – Ihre Hand umklammerte die seine, als müsse sie Schutz vor irgendeinem drohenden Unheil bei ihm suchen – das Weinen zuckte ihr um den Mund. »Wer in das zerfallene Gesicht Dombalys geblickt hat«, stammelte sie, »in die erloschenen Augen, wer sein wahnwitziges Lachen gehört hat und seine gellenden Schreie, als ihn die Wärter von mir hinwegrissen, der glaubt nicht mehr an ein Glück in dieser Welt, dem sind Licht und Sonne eine Lüge. Ich habe auf dem Enzenhof in einen Jammer geschaut, wie das Volk auf Golgatha bei der Kreuzigung des Herrn. Ich kenne nun den Karfreitag, den schrecklichen Tag! Sein Weh verfinstert die Erde, schwarze Fäden und schwarze Tücher fliegen durch die Luft, und schwarze Särge stehen überall für die Lebendigen bereit!« Sie schauerte und zuckte zusammen. »Hilde – Hilde!« bat der Doktor betroffen. Ihre Stimme brach sich in Tränen und Schluchzen, der Frost schüttelte sie. Frau Herdhüßer brachte sie zu Bett, einen Arzt aber lehnte die Fassungslose ab. »Ich will es in mir selbst verwinden«, schluchzte sie. »Was soll mir ein Arzt? Wenn er mir die morgige Reise verböte, dann müßte ich sicherlich sterben. Daheim aber wird das Entsetzliche vorübergehen. Ich muß ja wieder gesund werden – für dich, Siegfried! – Nur jetzt heim – heim – weit weg von Dombaly!« Ihr fiebernder Mund bebte, unter dem Zuspruch der Frau Herdhüßer aber, die ihr mit linder Hand über die Stirne fuhr, beruhigte sie sich allmählich. Ein wohltätiger Schweiß trat auf ihre Wangen. »Ich weiß, wie schwer sich selbst Männer von den trostlosen Eindrücken eines Irrenhausbesuches erholen«, wandte sich Herdhüßer an Siegfried. »Was aber ist denn unserer armen Hilde dazu noch Fürchterliches geschehen? Ich sehe nicht klar!« »Auch ich nicht«, gestand Siegfried, der angegriffen und elend aussah. Herdhüßer schüttelte den Kopf. »Ich habe freilich von einem schöneren Abschied geträumt«, sagte er verdüstert, und eine Weile war es still zwischen den beiden Männern. Da kam Frau Herdhüßer. »Hilde ist ruhig geworden, sie schläft!« »Sonderbar, nach dem heftigen Anfall!« murmelte der Doktor. »Aber so sind die phantasievollen Künstlernaturen, zu denen Hilde gehört. Irgendein Anstoß der Außenwelt, und sie schwingen nach den Höhen und Tiefen des Daseins stärker als wir andern. Was sie erleben, scheint mit einer Wucht erlebt, die den nüchtern denkenden Menschen zu Boden risse, aber mit gleicher Kraft drängen in diesen Naturen auch sofort wieder die Kräfte der Bejahung und Genesung durch Seele und Leib. Ich hoffe, du wirst morgen doch mit ihr reisen können!« Der jähe Gemütsanfall Hildes war gebrochen. Als Siegfried nach ihr sah; standen auf ihrer Stirne die hellen Schweißtropfen. Nur einmal erwachte sie kurz aus dem Schlaf einer fast zu Tod Ermatteten. Sie fragte nach der Uhr. »Gott, wie langsam die Stunden gehen«, seufzte sie. »So lange noch, bis die Zeit der Abfahrt da ist!« Der Gedanke an die Heimkehr hatte nach und nach die Erinnerung an den Besuch bei Dombaly wohltätig verdrängt – der Schlaf der Jugend siegte über die dunkle Bedrohung, der ihre Seele anheimgefallen war. Wovor sollte sie sich fürchten, sie hatte ja gegen Dombaly, gegen die Welt ein gutes Gewissen! – 42 Am Morgen war Hilde sehr früh munter. Blaß und schwach zwar, aber doch vom freudigen Gedanken der Heimkehr, des Wiedersehens mit ihrem Bruder und der Mutter erfüllt, traf sie ihre letzten Reisevorbereitungen. Schon in Hut und Mantel, entschuldigte sie sich bei der Familie Herdhüßer, daß sie sich gestern zu einer so namenlosen Traurigkeit habe hinreißen lassen. »Düsterer Karfreitagszauber«, lächelte sie leise, »aber jetzt kommt Ostern, Auferstehung!« Sie fand Worte innigster Dankbarkeit. »Gott schütze dich und behüte dich, liebes Kind!« Stärker bewegt, als er verraten wollte, umarmte der Doktor die Scheidende und gab ihr einen Kuß auf die Stirne. »Dich!« – hatte sie recht gehört. »So wollen wir es von jetzt an halten – du und ich«, sagte Herdhüßer voll Liebe und Güte. »Gott schenke uns ein frohes Wiedersehen, Hilde, sei es in St. Agathen oder am Rhein. Ich hoffe Ende Mai oder zu Beginn des Juni!« »Ich danke Ihnen und Ihren Lieben.« Die innere Bewegung erstickte ihr die Stimme. Sie war mit Siegfried schon im Bahnhof angelangt und in den Zug gestiegen. Da kam noch Wieland, der Schwabe, zu einem letzten Lebewohl und brachte ihr auserlesene Blumen. Die Fahrt ging durch den wolkigen, doch aufhellenden Tag. Aus Licht und Nebel winkten noch einmal die Frauentürme von München. Durch Felder und Wälder brauste der Zug, vorüber an Dörfern und Kirchen. Hilde träumte dahin. Ihr war, als ob der innige Abschied von den Doktorsleuten, ihre Liebe und Güte, das herzliche »Du« Herdhüßers der beste Reisesegen waren, der ihr hätte zuteil werden können. Mit dem Liebsten in die Heimat fahren – was für ein wogendes Glück! Und daheim wurde sie wieder von freudigen Herzen erwartet. Warum nicht die todestraurigen Worte überwinden, die sie aus dem Munde Dombalys getroffen hatten wie der Blitz einen blühenden Baum. Der Arzt hatte wohl recht: dem Hirngespinst des im Irrsinn Dahintaumelnden war kein Gewicht beizulegen, nur hatte seine Rede sie so gräßlich erschreckt. Fort – immer weiter fort von der Stätte, an der Dombaly mit seinen Wahngedanken hauste! Das war Erlösung. – »Nein« ich begreife nicht mehr, wie ich gestern dir und der Familie Herdhüßer durch meinen unglücklichen Zustand soviel Kummer bereiten konnte«, flüsterte sie Siegfried zu. Sie zwang sich, mit ihm zu plaudern, die wechselnden Bilder am Weg boten ihr die Anregung dazu. Unvermutet wuchs aus dem Zwang die lebhafte natürliche Unterhaltung. Ihre Züge hellten sich sonnenhaft, und die blauen Augen und das warme Lachen Siegfrieds dankten es ihr. »Oh, sieh! Die Wolken steigen aus den Tälern in die Höhe. Die Berge treten hervor. Es wird eine schöne Osterzeit!« Freudig kam's von ihren Lippen. Auf dem Dampfer des Bodensees war ihre Seele aufgelöst in Schauen und Sinnen. Ihre Augen hingen an dem grün herüberschimmernden Streifen Schweiz, an den aufglänzenden Städtchen und Dorfschaften, an den Bergen, deren Schneekronen in der mächtiger hervorbrechenden Sonne wie Silber blitzten. Ihr Arm umschlang denjenigen Siegfrieds. »Ich freue mich, lieber, lieber Mann!« Mit gedämpftem Jubel kam's aus ihrer Brust. »Wie das Herz mir pocht! Oh, du fassest es gar nicht, wie unsäglich glücklich ich bin, daß ich meine Heimat mit dir betreten darf.« Ein inniger Kuß. – Durch schöne wechselnde Berglandschaften schlängelte sich der Zug. Drei Uhr – halb vier Uhr! Eine wonnige Unruhe war über Hilde. »Sieh, da leuchten ja schon die Berge meiner Jugend. Es gibt kaum eine Spitze, auf der ich nicht mit Vater an hellem Sonntagmorgen gestanden bin. Und jenes Strahlen und Funkeln im Himmelsblau! Siegfried, das sind die Hochalpen, die ewigen, im Herzen der Schweiz! – Und dort unsere Nachbardörfer! Oh, und es blühen die Kirschbäume, aus dem jungen Grün drängen die Himmelsschlüssel. Frühling, Frühling in der Heimat!« – Ein Weilchen erschwieg Hilde. Nur ihre Augen glänzten. Plötzlich aber rief sie: »Horch – horch, Siegfried! Die Glocken meiner Kindertage, die Glocken von St. Agathen! Sie läuten Ostern ein, Auferstehung! und mir ist, ich selber erlebe Auferstehung aus dunkeln Stunden. – Unser Dorf am sonnigen Rain! – Mutter! – Adolf!« – Selige Heimkehr im Lenz und in blühende Osterfreude! 43 Ostern und die Tage der Heimkehr gingen wie Frühling der Seele über Hilde. Am Abend ihrer Ankunft trat Siegfried mit ihr in das stattliche braune Haus bei der lindenumschirmten Kirche, das bis zum Tod ihres Vaters ihren Kinder- und Mädchentraum behütet hatte; dann begleitete er sie an das Grab des Vaters. Als sie, zu heißen Tränen erschüttert, stumm mit dem Toten Zwiesprache hielt, fand er manches gemütswarme Wort, das sie aus flutender Erinnerung in die beseligende Gegenwart zurückführte. Unter dem Flieder- und Holunderbaum in der Nähe des Grabens ruhten sie, Hand in Hand, Seele an Seele, wundersam umspielt von dem Gedanken an schöne Vergangenheit und von Hoffnungen künftigen gesegneten Lebens. Da ging der Tag zur Rüste. Die Berge glühten im Abendrot. Sie hatten die Welt um sich her vergessen, als die über blassen Gipfeln erglimmenden Sterne und der kühler wehende Lenznachtwind zum Aufbruch mahnten. Am Ostermorgen besuchten sie gemeinsam den Gottesdienst in der altheimeligen Dorfkirche, den Abend verbrachten sie im Häuschen des Lehrers Hardmeyer, der während ihres Aufenthaltes in München ein silberweißer Greis geworden war, aber seine geistige Frische überraschend behalten hatte. Der zweite Osterabend gehörte der Mutter und ihrer kinderreichen, neuen Familie. Sie verhehlte ihre Freude nicht über die günstige Wendung, die Hildes Leben genommen hatte, und in Wallungen der Liebe knüpfte sie das Band mit ihrer Ältesten wieder enger. Und man fand sich in Siegfried. Seine Sprache fremdete zwar etwas an, sein Blick aber, sein Antlitz, seine stattliche Erscheinung gewannen ihm das Vertrauen, die Liebe der Angehörigen. Das tat Hilde wohl. Ebenso die Wahrnehmung, daß es ihm in St. Agathen von Herzen gut gefiel, daß er sich von allem fesseln ließ, was ihr selber auf der Scholle ihrer Jugend lieb und teuer war, und daß er keinen Anstoß an den einfachen Verhältnissen nahm, aus denen sie hervorgegangen war. Im Gegenteil! Aus freien Stücken fügte er den drei Tagen, auf die zuerst sein Aufenthalt bemessen war, zwei weitere hinzu. Das war Hildes innigste Freude. Sie wandelten miteinander durch die ergrünende und erblühende Natur, die Stege und Wege, die sie als Kind mit dem Vater gegangen war. Sie stiegen auf sonnige Bergaltane und schauten über das Frühlingsland mit dem Silberstreifen der Aa und den aus Obstbäumen hervorgrüßenden Dorfschaften, und der letzte ihrer Ausflüge galt dem stillen, verborgenen Bergsee in einer Mulde der Aaschluchten. Der See, in dem sich die Bläue des Himmels, der Zug der leicht dahinsegelnden Wolken und silberne Bergspitzen spiegelten, gefiel Siegfried unter allen Landschaftsstücken St. Agathens am besten. Auf einer Holzbank unter alten, breitverästeten Ahornbäumen saßen sie an den einsamen Moor-, Wald- und Felsenufern des kleinen, stimmungsvollen Gewässers, das sich mit seinen Licht- und Schattenspielen malerisch in das Berggelände verbuchtete. »Ich werde es in Berlin nicht lange ertragen ohne dich, Hilde«, scherzte Siegfried. »Würdest du kommen, wenn ich dich bald riefe – wenn ich dir sagte: Mit der Hochzeit müssen wir allerdings noch ein wenig warten, aber deiner Nähe bedarf ich. Würdest du kommen?« »Ja! Ich käme gleich«, hauchte Hilde. »Wo du bist, da ist für mich der Friede – das Licht – das Glück!« »Aber auch in Berlin sollst du bleiben, was du bist – mein frisches, natürliches Schweizerkind!« erwiderte er. »So oft ich dir an der Ludwigstraße begegnete, schlug mir das Herz höher, aber hier, im Rahmen deiner Heimat, Hilde, auf dem Boden deiner Jugend, erkenne ich erst ganz, was für ein herrliches Menschenkind sich mir zu eigen gegeben hat. Ich weiß jetzt, wo wir jeweilen unsere Sommerferien verbringen werden. In St. Agathen wollen wir uns ein Häuschen mieten und von hier in die Gaue deines schönen Heimatlandes ausfliegen. Ich spreche darüber mit Herrn Glür. Ja – Liebste?« Sie antwortete auf sein schalkhaftes Lächeln nur mit einem heißen Kuß, nur mit den Flüsterworten: »Siegfried – du mein lieber, lieber Mann!« – Besteckt mit den Schneeglöckchen, die rings um den See blühten, umschlungen von seinem Arm, ging sie selig wie eine Traumwandelnde mit ihm durch die ansprießende Enge des Waldtales, in Liebeswonne und Abschiedsweh, hinaus gegen das in Abendsonnenglanz im Tal liegende Dorf und die fern leuchtenden Berge. Sie wandelten – sie ruhten – und als sie an einer alten, schöngewachsenen Buche vorüberkamen, da zog er, wie ein glückseliger Junge, der seine Liebe Wind, Wald und Bäumen verkünden muß, das Taschenmesser, grub die Anfangsbuchstaben ihrer Namen tief in den mattleuchtenden, glatten Stamm und umgab sie mit der Linie eines Herzens. »Ein Zeichen, daß wir in Leben und Tod zusammengehören, Hilde!« »Siegfried, so oft die Sehnsucht mich nach dir ergreift, will ich zu dem Baum wallfahren und deinen Namen küssen!« – Enger umschlungen führte sie der Weg. – – Der Ausflug an den Bergsee war ihr letzter gemeinsamer Gang gewesen, geweiht durch die höchsten Schwingungen junger Liebe und jungen Glückes, durch die schweigende, flüsternde Wonne zweier Menschenkinder, die sich einig wissen bis in die Grundtiefen ihres Seins. Nun war Siegfried in die Ferne gefahren, in das Heimatleben Hildes war das Gleichmaß der Tage eingekehrt, ein wohltuendes Gleichmaß – ein sonniger Frieden, durch den die Glocken süßer Erinnerung wie mit leisen Silbertönen bebten. Nur nicht mehr an München, nicht mehr an Dombaly denken! Nur keinen Schatten auf den Frühling der Heimat, auf den Liebesfrühling im Herzen kommen lassen! Jeder Tag brachte ihr ja einen Brief Siegfrieds oder sonst ein Treuezeichen seiner Hand, erst aus Holstein, nun aus Berlin. Und was er von der neuen Stellung schrieb, das klang so hoffnungsreich. Überwallte aber in ihr doch die Sehnsucht nach dem Geliebten – da stand im Wald ein knospender Baum! Zu dem Baum pilgerte sie im Abendrot und küßte Siegfrieds Namen. 44 Hilde durfte ihres Gastaufenthaltes in der Villa des Fabrikanten Glür froh werden. Jeden Vormittag malte sie ein, zwei Stunden an dem Bild des Nesthäkchens, eines hübschen kleinen Mädchens, das auf dem Schoß seiner Mutter ruhte, und verstand sich mit beiden, Mutter und Kind, sehr gut. Im übrigen verfügte sie völlig frei über ihre Zeit, über ihr Tun und Lassen. Jede häßliche Erinnerung an Kuno oder die Mutter Glür blieb ihr erspart, ja, der Fabrikherr wollte sie vor der Heimat mehr zur Geltung bringen, als ihr gesunder, bescheidener Sinn verantworten konnte. »Aber heute fahren Sie doch mal mit unseren Apfelschimmeln aus?« – So oft Ulrich Glür die Einladung wiederholte, lehnte sie standhaft ab. Die Heimat sollte kein Recht haben, sie als ein hochmütiges Menschenkind anzusehen, dem das Glück in den Kopf gefahren ist. Doch ging es ihr wirklich gut, und ein Telegramm von Jakob Steiger verkündete: »Porträt der Kinder Herdhüßer für Glaspalast angenommen. Vorteilhafte Wand dafür bewilligt.« In träumerischer Freude wandte sie den Schritt fast unbewußt hinauf zum Friedhof. »Vater!« – Dort auf der Bank unter Flieder und Holunder übersann sie friedereich noch einmal ihr heißes Werben um die Kunst, ihr Tasten und Suchen, ihr Zagen und Hoffen. Nun war sie doch nicht unter denjenigen, die, das heilige Feuer in der Brust, im Mißerfolg verbluten, nun gehörte sie zu denen, die Gott zu danken haben für einen endlichen Sieg, für einen Sieg in der Jugend! Freilich wäre ihre Freude noch reiner gewesen, wenn – Nein, nicht an Dombaly denken – nur daran, daß kein Frechling je an dieses blühende Grab treten und sprechen durfte: »Der Narr, der seine Tochter für eine Künstlerin hielt!« – Ein Bild in der Ausstellung! Das war, an den höchsten Forderungen der Kunst gemessen, wohl nicht viel; aber ein großer, einst für das Kind schier unermeßlicher Traum hatte sich ihr darin erfüllt – der lichte Traum des sterbenden Vaters. Fromme Andacht überwallte sie. Nun aber hin zu Lehrer Hardmeyer und zu Adolf, die redlich ihre Sorge um die Kunst während der langen, bangen Münchner Zeit mit ihr geteilt hatten – und dann einen Brief an Siegfried und einen an Doktor Herdhüßer und ein innig dankendes Wort an Jakob Steiger. Der alte Lehrer setzte die Hornbrille auf die schmale, knochige Nase, las die Depesche Steigers und legte die faltigen Hände ineinander. »Wir hatten viel Kummer zusammen«, sagte er, »du, ich und Adolf! Aber nun will ich Gott loben und preisen, daß er mich nicht hat sterben lassen, ehe ich dieses erlebt habe!« Er stand auf, tappte sich mit zitternden Füßen die Kellertreppe hinunter und brachte eine bestaubte Flasche auf den Tisch. »Ich habe nur noch ihrer vier«, erklärte er, »und die waren für einen fröhlichen Leichenschmaus bestimmt, wenn ich scheide, aber jetzt trinken wir eine und gedenken deines Vaters!« Er setzte sich ans Harmonium, spielte einen Choral, und als er Adolf zum Abendbrot ins Haus treten hörte, langte er die Gläser aus dem Schrank und füllte sie. Der frische, hübsche Bursch mit dem sprossenden Schnurrbart lachte zu dem Telegramm: »Oho, das ist nun freilich ein anderer Bericht als damals, da der Lehrer und ich oft zusammen sagten: Wenn nur niemand nach Hilde fragt! Doch weißt, im Dorf hat sich das Blatt jetzt auch gewandt. Wenn du hörtest, wie die von St. Agathen über dich urteilen!« Seine Augen hingen leuchtend an Hilde. »Zu mir sprechen sie vom Frühling«, scherzte sie, »oder von denen, die während meiner Abwesenheit Hochzeit gehalten haben oder gestorben sind, oder sie fragen, ob es mir wieder gefalle im Dorf – nur nicht nach meiner künstlerischen Tätigkeit.« »Laß sie!« lächelte der Lehrer. »So ist unser Volk. Es trägt die Anerkennung nicht auf der Zunge.« »Am besten gefällt ihnen, daß du dein Heimatdeutsch in München nicht verlernt hast«, erzählte Adolf. »Sie sagen, du seiest noch das Dorfkind von ehemals, das man nur so lange für stolz halte, bis man mit dir ins Gespräch gelange. In dein Gesicht sei aber während der Münchner Jahre etwas Feines, Ernstes und Hohes gekommen, daß man sich doch nicht recht an dich herantraue.« Ein Lächeln glitt über den Mund Hildes. Die stille, keusche Anerkennung der Heimat, daß sie seelisch gereift und künstlerisch geprägt aus München auf den Boden ihrer Jugend zurückgekehrt sei, breitete einen sonnigen Glanz über ihre Seele. »Eine Freundin aber, die mir volles Vertrauen schenkt, habe ich mir in St. Agathen doch gewonnen«, wandte sie sich zu Adolf. Er wurde rot und verlegen. »Ja, die Hermine, deinen heimlichen Schatz! Ich habe sie schon als ganz junges Nachbarkind wohl mögen, aber nie geahnt, daß hinter den sonnigen, blauen Augen so viel Wärme des Gemütes, so viel ernstes Denken, ein so empfänglicher Sinn für alles Schöne im Leben liegt. Adolf! Deinetwegen kann ich Siegfried ruhig in die Ferne folgen.» Sie streckte ihm die Hand hin, und die Augen der Geschwister glänzten voll innigen Einverständnisses ineinander. Da erschien halb schüchtern, halb fröhlich der Kopf und die Gestalt eines blühenden Mädchens unter der Tür – Hermine! »Darf ich euch zu einem Spaziergang abholen?« fragte sie. »Die Berge leuchten in den Frühlingsabend. Kommt, kommt!« 45 In berauschender Pracht ging die Obstblüte durch das Tal von St. Agathen. In den kleinen Vorgärten der Häuser, in den Gründen der quellenklar strömenden Aa, an den Gehängen der Berge blühte duftschwer der herannahende Mai. Es war Hilde, sie hätte noch nie einen schöneren Frühling erlebt. Oft ging sie allein, oft mit Hermine durch Grün und Blumen und stieg bis auf die Gipfel der Waldberge oder durch die Aaschluchten aufwärts bis zu der Buche, die Siegfrieds und ihren Namen trug. Oh, wie die Winde in dem weichen, zarten Laub der Krone Seliges flüsterten! Ein Abend aber kam, da hatte sie Hermine umsonst auf den verabredeten Spaziergang warten lassen; einsam war sie durch die Felder und Wälder gegangen, eine still und angstvoll mit sich Kämpfende. Erst im Zwielicht und fast scheu wie eine Diebin schlich sie doch noch empor zum Gottesacker. So traurig, so müde! Die Füße trugen sie kaum. Laut schluchzend sank sie auf die Bank unter dem Fliederbaum. »Vater, Vater«, stöhnte sie krampfhaft. Da war sie ja wieder, die entsetzliche Furcht, die sie von ihrem Besuch bei Dombaly aus der Irrenanstalt nach München begleitet und sie noch am letzten Tag ihres Aufenthaltes in der Familie Herdhüßer in Fiebern hatte erschauern lassen. Über einem lieben, in höchster Harmlosigkeit niedergeschriebenen Brief Siegfrieds war sie gräßlich wieder erwacht. Er meldete ihr mancherlei Anziehendes über seine erste Betätigung als Direktor in der Berliner Elektrizitätsgesellschaft. Dann fuhr er fort: »Überall in den großen Blättern liest man jetzt den Namen Dombalys, Deines unglücklichen Lehrers, hier nur in kurzen Notizen, dort in weitgesponnenen Feuilletons, die ihn als Künstler von außerordentlicher Begabung, ja als Genie feiern und seinen frühen geistigen Zusammenbruch beklagen. Der Name dringt jetzt selbst in die Privatunterhaltungen, jedermann fragt: Wissen Sie aus Ihrer Münchner Studienzeit Näheres über Dombaly? Jedermann spannt auf die Sonderausstellung seiner Werke, die am l0. Mai in der Anwesenheit der künstlerischen und gesellschaftlichen Berühmtheiten Berlins eröffnet weiden soll. Die Werke selber werden in der Presse nur andeutungsweise erwähnt, doch finde ich darin Anhaltspunkte, daß Dein Porträt unter den Gemälden sein wird, das Porträt, von dem Du mir oft als einem der trefflichsten und weihevollsten Werke des Künstlers gesprochen hast. Das bewegt mich, die Ausstellung gleich am Eröffnungstag zu besuchen. Ein seltsam schöner Gedanke, Dich mit Deinem leuchtenden Augenpaar, mit Deinen mir unendlich lieben Zügen wiedergegeben zu sehen von Meisterhand und in stummem Glück zu wissen: das ist sie, die du liebst! – In die freudige Erwartung mischt sich nur ein tiefes Bedenken. Die Gemälde Dombalys sollen nämlich fast unerschwingliche Preise erlangen. Sonst würde ich versuchen, Dein Bild durch einen raschen Ankauf aus den Zufälligkeiten des Handels und der künftigen Besitzer an mich zu ziehen. Leider ist es mir unmöglich. Ich will aber zu erfahren trachten, wohin das Porträt gerät, und hoffe, meine liebe Hilde, daß dieses Denkmal Deiner Münchner Studienzeit nach Jahr und Tag für uns selber zum Eigentum zu erwerben doch noch möglich sein wird.« Wie lieb – wie von Herzensgrund lieb! So oft aber der Name Dombaly in dem Brief Siegfrieds stand, war ihr ein Stich durch die Brust gegangen – war wieder die Erinnerung an den häßlichen Abschied von ihm in München, an die Künstlerkirchweih, an ihren Besuch auf dem Enzenhof, an seine furchtbaren Worte erwacht – und mit der Erinnerung die dumpfe Angst. Der Frost schüttelte sie in der linden Frühlingsdämmerung. Daß sie am wirren, wehen Karfreitag die Kraft des Schweigens besessen, daß sie weder Siegfried noch Herdhüßer von dem grauenvollen Auftritt gesprochen hatte und nach der Heimkehr doch wieder ihrer Liebe und der Heimat froh geworden war, das erschien ihr jetzt als ein Wunder jugendlicher Kraft. Nun war das Schicksalsgrauen wieder da, in marternder Lebendigkeit erstanden durch Siegfrieds unschuldigen Brief! – Wenn Dombaly – – Nein! – Nein! – – Sie klammerte sich an den Gedanken, daß man die dunkeln Reden eines Irrsinnigen nicht in gesunden Sinn umdeuten darf. Sie sah in dieser leidvollen Stunde doch wohl zu schwarz! Darüber mußte sie wachen, daß ihr die glühende Phantasie, das schwere Blut Geschehnisse und ihre Folgen nicht noch schrecklicher vorspiegelten, als die Wirklichkeit war. Gewiß schenkt die Phantasie, der wogende Schöpferdrang dem Künstler hohe selige Stunden, wie sie anderen Menschen nicht beschieden sind, und gießt Licht vom ewigen Licht in seine Seele. In den Tagen der Anfechtung aber verrückt sie den Maßstab für die wirklichen Dinge des Lebens und wühlt tiefer und schmerzhafter in verschatteten Gründen, als es sein darf! – So war es wohl Dombaly gegangen, da er sich im irren Spiel der Seele eines Verbrechens an ihr bezichtigte – so ging es ihr in dieser schicksalsbeklommenen Nacht! Der mit Blütenduft geschwängerte, kühle Wind trieb die Fröstelnde empor. – – Nein, bei den gütigen und lichten Sternen, die droben am Frühlingshimmel wandeln, bei Gottes Geist, der durch die Lenznacht weht und die Keime des Lebens weckt – ihr und ihrer Liebe zu Siegfried darf kein Leid geschehen! – »Vater! – Vater!« wimmerte sie, »ich habe in München nichts gesucht als die Kunst. Mein Gewissen ist rein gegen die Welt – es ist rein gegen Dombaly!« – – Sie schritt vom Kirchhof gegen das Dorf hernieder und nach der Villa Glür. In wehen Wallungen erzitterte ihr die Seele. Kunst! – Liegt nicht schon ein Leidverhängnis in dem dunkeln Drang, greifen zu müssen nach Sternen, die ein einfaches Menschenkind nicht begehrt? Oh, die Volksseele hat recht, daß sie eine geheimnisvolle Furcht vor dem künstlerischen Drange empfindet – daß die ländliche Mutter bis ins Herz erschrickt, wenn sich der Junge vom Werktag wendet und sich dem Dienst der Schönheit ergibt. Da ist kein Städtchen, da ist kein Dorf, es hat seinen »Künstler«, der, halb bemitleidet, halb verachtet, als ein Gezeichneter unter seinen Volksgenossen geht. Die Jugend aber sieht nur diejenigen, die von einer weiten Menschheit bewundert auf sonnigen Höhen wandeln, sie hört nur den verführerischen Ruf der eigenen Gestaltungskraft, des Ehrgeizes und Ruhmes, aber nicht das Stöhnen derer, die als Opfer am Wege fallen. Und die auf den Höhen wandeln! Sie mögen vor den Menschen lächeln und sich in geweihten Stunden als die Begnadeten fühlen, die ein von Gott verliehenes Pfund in Segen verwalten. Doch keine Täuschung! Über jeder echten Künstlerseele liegt ein geheimes Weh. Keiner geht – und ob er stets siegreich war – ohne ein scheues Zurückbeben, ein Zittern und Zagen der innersten Natur an ein neues, großes Werk. Indem er mit sich selber im bittersten Ringen liegt, kann er nicht restlos geben, was wie von Himmelsliedern in seiner Seele schwingt und klingt; indem er aus der Fülle schafft und das rote Herzblut in sein Werk ergießt, hört er die leise Mahnung aus der eigenen Brust: Mißtraue der Kunst! Unter Blumen verborgen liegen ihre Angeln am Weg. Und durch das Spiel, die Verführungen seiner Phantasie bleibt der Künstler stets eine schwankende Gestalt, die näher an den dunkeln Abgründen des Lebens geht, dem Schicksal und dem Verhängnis enger verbunden ist als derjenige, der die Breite des menschlichen Alltags wandert. – Dem Schicksal und dem Verhängnis enger verbunden! Hilde fühlte es, während solche Gedanken ihr Herz bestürmten, in bebender Qual. Gott, wie lag das Dorf so still in der Nacht! Kaum mehr ein Lichtlein in einem Fenster; außer dem Plaudern und Rauschen der Aa kein Laut; eine so große Ruhe, daß sie den Schlag des eigenen Herzens hörte. Oh, daß sie ein einfaches Menschenkind geblieben wäre wie diejenigen, die in den stillen Häusern schlafen und der kleinen Pflicht und der kleinen Freude des morgigen Tages entgegenträumen! Dann müßte sie nicht in der Nacht wie eine Bettlerin durch die Heimat wandeln, wie eine, die sich keiner Schuld bewußt ist, doch zitternd in Schicksalsfurcht zum Himmel fleht, daß er ihr junges Haupt und ihre junge Liebe vor einer entsetzlichen Prüfung bewahren möge! – Was wohl die Familie Glür zu ihrer späten Heimkehr dachte? Nun, die dachte wohl, sie hätte dem alten Lehrer und ihrem Bruder Adolf einen Abendbesuch gemacht und sich bei ihnen verplaudert. – Durch die Baumkronen des Gartens drang das gedämpfte Rauschen der Aa in ihr trauliches Zimmer. Wie als Kind wollte sie sich vom Heimatfluß in Schlummer wiegen lassen. Doch der Schlaf floh sie. Sie lag im wehen Traum und in Vorahnung tiefsten Herzeleids. Da siel ihr ein: morgen war der erste Mai – die Eröffnung der Kunstausstellung im Glaspalast – ihre ersten Gemälde traten vor die Öffentlichkeit! Ein großer Tag in ihrem Leben, die Quittung für die Jahre zusammengerafften Kampfes! – Sie war kaum fähig, daran zu denken, noch weniger sich daran zu freuen. 46 Der Maimorgen blitzte im Tau, lachte in Blüten, flutete in Sonne über die Wipfel des Gartens und strahlte an den fernen, hochherrlichen Bergen, als wären sie frisch aus Silber gegossen. Heute war die Eröffnung der Kunstausstellung in München. Nun glitt der Gedanke doch wie ein Sonnenstrahl durch die Sinne Hildes. Sie ließ ihre furchtbare Sorge, sie malte und setzte die letzten Lichter in das Bildnis des Nesthäkchens. Noch zögerte sie, das wohlgeratene Gemälde, das sie mit dem frischen Schwung der Heimatfreude rasch und sicher auf die Leinwand gebracht hatte, für vollendet zu erklären, aber die Ungeduld der Eltern entriß ihr das Bild des Familienlieblings. »Nun, wenn Sie, die Mutter, die volle Ähnlichkeit darin finden, dann bleibt mir als Künstlerin in dieser Hinsicht nichts mehr zu tun«, wandte sich Hilde lächelnd an Frau Glür. »Es sind auch bloß noch ein paar technische Kleinigkeiten, die ich mir überlegen muß – schwächere oder stärkere Tönung des Hintergrundes, und wie ich das Porträt noch besser in den Rahmen stimme. Das kann später noch geschehen. Rahmen Sie denn das Bild! Und Sie gestatten mir kurze Maiferien! – Gerade heute an dem herrlichen Tag möchte ich wandern. – O Täler, o Höhen!« »Sie wissen, daß Sie Ihre eigene Herrin sind«, versetzte Frau Glür. »Wir können Ihnen nur danken, daß Sie die Aufgabe an unseren Kindern übernommen haben.« Hilde wanderte. Das mailiche Prangen der Natur, die Stille und der Vogelschlag in den Wäldern, die spielenden Sonnenfunken im weichen Grün, die silbern sprudelnden Quellen, das weite Himmelsblau senkten den Frieden in ihre Brust. Die gräßliche Furcht des gestrigen Abends war überwunden. Ihr war, sie sei wieder ein glückliches Kind. Frohgestimmt trat sie am Abend in die Villa Glür zurück. »Ich habe Ihnen eine Einladung meiner Eltern zu überbringen«, erzählte ihr Ulrich Glür. »Sie lassen Sie mit all den Unseren auf die Veranda ihres Hauses zum Abendbrot bitten. Wir feiern die Vollendung des Bildes unseres Jüngsten – und Sie, die Künstlerin!« Es wand sich etwas in Hilde. Der Besuch bei dem alten Ehepaar Glür wurde ihr fast so sauer wie in ihrer Kinderzeit. In dem alten Biedermeierhaus hatten zwei Jahrzehnte keinen Tisch, keinen Stuhl, kein Bild verrückt. Auch die Missionsbüchse mit der Aufschrift »Für arme Heidenkinder« war noch da und der mit dem Kopf wackelnde Neger. Aber eines war gegen früher grundverschieden – der Ton des Empfanges. Die alte, an den Füßen gelähmte Frau Glür kam ihr mit einer fast demütig höflichen Liebenswürdigkeit entgegen, ohne daß man mit einer Silbe von Kuno und seinem bösen Handel sprach, und der alte Fabrikherr erinnerte sich mit einem feinen entschuldigenden Lächeln feines Patenverhältnisses zu ihr. Er führte sie in sein Privatgemach, sagte ihr, daß er die Ausrichtung des Honorars für das Porträt seiner jüngsten Enkelin als seine Angelegenheit betrachte, und überreichte ihr eine Summe, die ihre Erwartungen überstieg. Ja, wenn sie wollten, da wußten auch die Glür, wie man vornehm und freigebig ist. Der Abend verlief sehr hübsch und angeregt, und über dem vielbewunderten Bild der Enkelin besprach die Familie ein Allerlei von Plänen, was sie Hilde in der weitverzweigten Verwandtschaft noch zu malen übertragen wolle. Nur zugreifen – und wenn ihr Siegfried den Weg in das künftige Heim geebnet hatte, war sie in der angenehmen Lage, ihm aus Mitteln ihrer Kunst eine Aussteuer zuzubringen, die sich auch in seinen Verhältnissen sehen ließ. Nein, jetzt nicht an die noch fernen Tage denken – erst die Eröffnung der Dombaly-Aussiellung erwarten! Auf diesen Tag war ihre Seele gespannt wie ein Bogen, der am Brechen ist. Wenn er vorüberginge und von Siegfried käme ein glückseliger Brief und ihre Liebe läge nicht danieder wie ein vom Blitz getroffener und versengter Baum – oh, da würde sie Gott auf den Knien danken, Tränen der Erlösung und Freude weinen und inniger noch als bisher das Dichterwort beherzigen: »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!« – Beim Rauschen der Aa zitterte und zagte sie wieder wie in Todesnöten. Im Halbwachen und Traum erschien das Nachtgespenst vor ihr. – Sie war, sie wußte nicht wie, in das Atelier Dombalys getreten, aber vorwärts gehen konnte sie nicht. Sie sah ihn, wie er sinnend vor dem Akt der Mizzi Schäfer stand, vor dem zerstörten Haupt. Neben ihm die Indierin mit granatrotem Mund und glühenden Augen. »Ich tue dir alles zulieb, was du willst«, flüsterte die Satanin, »auf diesen Akt aber setze, wie du schon beabsichtigt hast, das Haupt deiner Schülerin, jener Hilde Rebstein, die dir treulos davongelaufen ist, als du sie küssen wolltest! Ich aber – ich will dich dafür küssen, wie nur wir Morgenländerinnen küssen!« Die Augen der Indierin funkelten, ihr Mund erbebte dürstend, ihr schlangenhafter Leib spielte in sinnlicher Glut, und die Hand bebte ihr nach der Hafte der Schulter, um das Gewand zu lösen. Dombaly zitterte in wahnsinniger Gier – hob zögernd die Hand zum Malen – malte – und die Indierin ließ ihr Kleid sinken – sie tanzte leise sich windend ihren verführerischen Tanz. Ihr granatroter Mund flüsterte ihm mit heißem Atem ins Ohr: »Male, male!« – Und wie unter einem Höllenzwang, das Gesicht mit Schweiß bedeckt, malte Dombaly. Jetzt stockte ihm die Hand. »Ich darf nicht«, stieß er heiser hervor, »es ist ein Verbrechen – ich liebe die Hilde!« – »Mich aber sollst du mehr lieben«, keuchte die Indierin, »zum Beweis, daß du mich mehr liebst – male – male!« Sie tanzte – tanzte, und die Teufelsfreude ihrer Augen glänzte wild, wüst und triumphierend in die Züge des entstehenden Hauptes. »Erbarmen, Dombaly«, wollte Hilde schreien. Ihre Stimme versagte. Sie wollte sich vorwärts stürzen – ihm den Pinsel aus der Hand reißen. Die Füße trugen sie nicht. Und das Antlitz des Bildes wurde stets deutlicher das ihre. Da glitt ihr der Nachtmahr von der stöhnenden Brust. Mit einem furchtbaren Schrei, den Leib wie zertreten und gefoltert, fuhr sie vom Lager empor. Sie starrte in wilder Angst in die Sichel des wachsenden Mondes, in die Sterne der Maiennacht und in die Stille der blühenden Heimat. Blühende Heimat – und sie hatte ihr Haupt auf dem Leib der Mizzi Schäfer gesehen – Gott – o Gott! – Sie war nicht abergläubisch und ließ sich von dem unglücklichen Traum doch beherrschen. War dieser so töricht? Das dunkle Wort Dombalys in der Irrenanstalt auf dem Enzenhof: »Ich habe meine Schülerin, meine Hilde Rebstein ermordet –«, war doch nur im Zusammenhang mit dem Aktbild der Mizzi Schäfer zu erklären. Sie gedachte erschauernd der Stunde, da er wie im Spiel ihren Kopf in den Akt gezeichnet hatte. Die Idee lebte in ihm; nun ein Anstoß durch die Indierin, durch das abgründige tierische Wesen, das in ihr das sittlich überlegene, von Dombaly mit einer verehrungsvollen Hochachtung ausgezeichnete Weib haßte, und der geistig schwerkranke Künstler unterlag der teuflischen Anstiftung der von ihm mit wahnsinniger Gier zum Modell begehrten Abenteuerin! Sie genoß ihre Rache – floh – sein Irrsinn kam zum Durchbruch – über das Atelier und das Bild deckten die Gläubiger die Hände! – Ja, vielleicht hatte es nicht einmal der Anstiftung der Indierin bedurft. Um die Stunden auszufüllen, da sich ihm das eigensinnige Weib entzog, hatte Dombaly in krankem Liebestrieb ihr Haupt auf den Leib der Mizzi gemalt. So oder so! Sie – sie war das Opfer! – Hilde stöhnte herzbrechend auf. War sie hellseherisch geworden? Sie erlebte in ihrer Phantasie die Vorgänge wie auf einer Bühne. Jetzt hatten die Händler das Bild nach Berlin gebracht, jetzt öffneten sich die Pforten der Dombaly-Aussiellung – jetzt trat Siegfried – »Nein – nein«, schluchzte sie laut auf – und sank bitterlich und trostlos weinend in die Kissen zurück. Doch seltsam genug, nach der fast spukhaften Nachtphantasie fand sie den gesunden Schlaf der Jugend und im Strahl der Morgensonne wieder die heilige Lebenshoffnung – die gläubige Überzeugung: Dombaly hat das Entsetzliche nicht getan – nicht tun können! – Und ein munterer Brief, den sie beim Morgenbrot empfing, stimmte sie friedlich, ja beinahe fröhlich. Er kam von Johanna, der Rheinländerin – ein frischer, warmblütiger Gruß aus der Kunstausstellung in München. 47 »Hilde!« lautete der Brief Johannas, der ehemaligen Kollegin von der Malschule: »Mein Mann und ich haben Dir eine Überraschung bereiten wollen – einen unangemeldeten Besuch. Da war aber der Vogel ausgeflogen – heimwärts! Ich dachte: Da ist auch wieder eine arme Seele aus den Klauen der hoffnungslosen Kunst erlöst. Wir traten in die eben eröffnete Kunstausstellung. Ich blätterte im Katalog, ich las »Hilde Rebstein!«, begriff nicht, lief aber meinem Mann durch ein paar Säle voran. Da hing das Bilderpaar feiner, frischer und gesunder Jugend – frisch und gesund gemalt! – Mit den Bildern hast du mir eine Überraschung bereitet, viel größer, viel freudiger, als wenn ich Dich leiblich hätte in meine Arme schließen können. Es gibt noch blühende Wunder: eine aus unserer verzweifelten Schar ist wirklich eine Künstlerin geworden! – Und rate, mit wem ich bereits über Dich gesprochen habe? Mit Professor Waldhier! Er äußerte sich etwas kleinlaut. »Eine große Überraschung«, meinte er nachdenklich. »Ich habe Fräulein Rebstein stets Talent zugetraut, aber nicht so viel. Die Bilder sind ja fast ein Schlager!« Und rate, wo schreibe ich Dir diesen raschen Brief? Im Restaurant hinter den Ausstellungssälen. Bei uns sitzt seelenvergnügt Dein Landsmann, der Kunstmaler Jakob Steiger, der uns zufällig von Dir sprechen hörte, neugierig wurde und herzurückte. Bei Bier, Wollwürsten, Kraut und Radieschen feiern wir Dich, daß Dir selbst drüben in der feinen Schweiz die Ohren läuten müssen. Wie bin ich glücklich mit Dir und stolz mit Dir, Herzenskind, Künstlerin! – Ein rheinländisches helles Glückauf Dir und Deiner Malerei von mir und meinem Mann – Deine Johanna.« Ein erquickender Brief. Und doch schüttelte Hilde etwas wehmütig den Kopf. »Glücklich mit dir – stolz mit dir!« Sie war weder glücklich noch stolz. Dafür lag ihr der Alpdruck der vergangenen Nacht zu schwer im Sinn. Der liebe Brief bildete aber trotz allem eine tröstliche Zerstreuung in den Qualen ihrer Schicksalsbangigkeit. Auch die mannigfaltigen anderen Kundgebungen aus München! Kein Tag, keine Post, sie brachten ihr etwas Freundliches über ihre Bilder. Ein überaus herzliches Glückwunschtelegramm von Gustav Wieland, ein langes Schreiben der Frau Jakob Steigers mit der eindringlichen Bitte, daß sie für acht Tage nach München zurückkommen und selber sehen möge, wie sehr ihre Porträts durch die Besucher der Ausstellung gewürdigt würden. Besonders freute sie eine gemeinsame Zuschrift ihrer ehemaligen Mitschülerinnen aus dem Atelier Waldhier. Wie erhebend, daß diejenigen, die einst kalt und abgeschlossen gegen sie waren, nun doch eine warme Anteilnahme für ihren Erfolg zeigten. Das war ein reiner Sonnenstrahl! Die Anregung aber der Frau Steiger, nach München zu kommen, verwarf sie. Wozu nach München? – In ihrer brennenden Sorge fesselten sie selbst die Zeitungen nicht mehr, die ihr Jakob Steiger schickte und die irgendeine liebenswürdige Notiz über ihre Bilder enthielten. Adolf kam. In leuchtender Freude überreichte er ihr das Wochenblättchen von St. Agathen: »Aus einer großen Zeitung ist ein Bericht über deine Bilder darin abgedruckt – schau – lies! Da steht von deinem fast männlich starken, großzügigen Talent!« Dem Bruder zulieb griff Hilde nach dem Blatt. Ihre Augen blieben auf dem Schluß des Aufsatzes haften: »Was wird uns Hilde Rebstein, die jugendliche, erst heranreifende Künstlerin, noch Schönes bieten, wenn ihre Kunst einmal die volle Entfaltung gewonnen hat? – Die beiden Bilder sind ein ungewöhnlich großes Versprechen!« – Vielleicht hatte sie nichts mehr zu bieten. Wenn ein Leid ihre Liebe traf, dann traf es auch ihre Kunst! Das hing nun an der Dombaly-Ausstellung. Sollte sie Siegfried von ihrer wehen Beklemmnis unterrichten? Sie ließ es. Noch zuckte ja die Hoffnung in ihrer Seele, daß das Allerbitterste an ihr vorübergehe. 48 Da graute der Schicksalstag! Wie dankbar wäre sie Siegfried für ein Telegramm gewesen. Sie hatte aber nicht gewagt, ihn darum zu bitten. Nun schlichen die Stunden. Sie verwandte den Tag voll fiebernder Rastlosigkeit in Wald und Kluft, faßte sich, sah nach der Mutter, nach Adolf und Lehrer Hardmeyer und gestand ihnen, daß sie sich unwohl fühle. Als sie in die Villa Glür trat, fand sie einen Brief von Siegfried vor. Das war Labsal im grimmigsten Elend! Sie öffnete ihn mit bebenden Händen. Was ihre brennende Seele suchte, stand aber nicht darin. Der Brief stammte von gestern, enthielt viel Liebes, seine innige Mitfreude an ihrem schönen Erfolg auf der Münchner Ausstellung und schloß: »Ob ich morgen Dein Bild bei Dombaly sehe?« Gott – wenn es der letzte Brief wäre, den ihr Siegfried schrieb, wenn – – In schlafloser Nacht, in wildem Schwanken zwischen Lebenshoffnung und Todesfurcht begannen ihr Entschlüsse zu dämmern. Endlich Morgen. Und ein Brief von Doktor Herdhüßer! Er hatte keine Ahnung von ihrem schrecklichen Zustand, erzählte, daß er und seine Frau nun Holstein verließen und in einigen Tagen bereits wieder in der Schweiz einzutreffen gedächten. Er schilderte einen Besuch auf dem Holm, dem Heimatgut Siegfrieds, wo leider auch Marthe Burmester häufig ein und aus gehe und man sich seit dem Ferienbesuch Siegfrieds erneut Hoffnungen hingebe, die er nie erfüllen werde. Das schmerzte! Was mochte Siegfried, der mit zäher Innigkeit an Mutter und Geschwistern hing, unter dem Zwiespalt leiden! Voll zarter Rücksicht hatte er ihr nie ein Wort darüber geschrieben! Hoffnungslose Traurigkeit umspannte Hilde, in ihr war Dämmerung, und Nacht mit ihren Schleiern wallte rings um sie hernieder. Sie las den Brief Doktor Herdhüßers zu Ende. Er erwähnte der Dombaly-Ausstellung. »Eine Machenschaft ersten Ranges, die, wenn sie gelingt, den Händlern unendlich mehr einbringt, als ihnen der unglückliche Künstler je schuldig war. Es ist manchmal schwer, Kunstfreund zu bleiben. Auf die Münchner Ausstellung aber freue ich mich doch und auf Deine Bilder. Auf Dich, Kind, noch mehr! Wir kommen also in einigen Tagen nach St. Agathen und entführen Dich der Familie Glür für eine Weile in unsere Villa am Rhein!« »Villa am Rhein!« – Das summte Hilde so merkwürdig und fremd ins Ohr, als ob sie es nie erleben würde! – – Kein Brief, keine Nachricht von Siegfried! Aber Adolf kam. »Hilde«, sagte er verängstigt, »jedermann im Dorf spricht von dir und deinen schönen Bildern in München, du aber gehst die Wege dahin, als müßtest du umsinken vor Trauer und Gram! – Hilde! – Darf ich wissen, was dich so schwer bedrückt?« Ja, das war das Entsetzliche! Wo sie ging, fragende Blicke. Vor den treuen, stehenden Augen des Bruders hielt ihr stummer Jammer nicht stand. »Siegfried ist krank!« stieß sie wie geistesabwesend hervor. »Kein Mensch weiß, wie ich ihn liebe!« Sie umarmte Adolf in wildem Weh, sie nahm seinen Kopf zwischen beide Hände, küßte sein Gesicht leidenschaftlich, und ein Tränenstrom brach hervor. »Bleibe bei mir, Adolf!« bat sie. Die Geschwister wandelten eng verschlungen durch die Nacht. Schweigend. Was sollten sie sprechen? Endlich flüsterte sie: »Ich bin ruhig – und du mußt schlafen, lieber Junge. Ich werde auch schlafen gehen! Hab' deine Hermine lieb! – Sag ihr Liebes von mir!« Wie kam es seltsam von ihren Lippen! Adolf schluchzte: »Hilde!« – Nur noch ein Händedruck – und sie ging. Sie suchte Ruhe, fand sie aber nicht. Sie wachte an den Grenzen des jungen Lebens. Am Morgen telegraphierte sie an Siegfried: »Ich bitte Dich um Gottes und unserer Liebe willen um Nachricht!« Die Antwort ließ auf sich warten. Dafür empfing sie ein Schreiben des leitenden Arztes der Privatirrenanstalt Enzenhof. Da es ihre ehemalige Münchner Adresse trug, hatte es erst mit einiger Verspätung den Weg nach St. Agathen gefunden. Es lautete: »Verehrtes Fräulein! Dombaly leidet stets entsetzlicher unter der Wahnvorstellung, daß er durch ein hinterlistiges und verbrecherisches Aktbild – eine Tat des Liebeswahnsinns – Ihren Tod herbeigeführt habe. Obgleich der Versuch, ihn durch Ihr persönliches Erscheinen von der Irrtümlichkeit seiner qualvollen Vorstellung zu überzeugen, leider gescheitert ist, möchten wir Sie für unseren armen Pflegling um einen liebevollen Brief bitten, den er stets wieder lesen kann. Es handelt sich um die letzte Wohltat, die Sie dem Tiefumnachteten zu erweisen imstande sind.« Das war das Schuldbekenntnis Dombalys! Hilde brach mit einem Schrei zusammen. – Die Nachtphantasie! – Wahrheit und nicht bloß Träume! Durch die Hand eines Irrsinnigen verraten, geschlagen von der Kunst, der ihr Herzblut gehörte. »Dombaly – Dombaly, was hast du getan«! zitterte es unablässig von den Lippen der Leidversunkenen. Dazwischen: »Mein armer Siegfried!« Sie erhielt das aus Berlin erwartete Telegramm. Nach dem vernichtenden Brief des Arztes überraschte sie sein Inhalt nicht. Es lautete: »Siegfried plötzlich an Gemütserschütterung erkrankt. Brief folgt. Herta Kulbach, geb. Harms.« Die Mutter Siegfrieds an sein Krankenbett in Berlin gerufen! – Und was der Brief ihr bringen würde, wußte Hilde. Klarer und klarer sah sie ihren Weg.– – 49 Aus einer halben Ohnmacht, die ihre Sinne eine Weile wohltätig umfing, hatte sich Hilde emporgerafft. Sie schrieb den vom Arzt Dombalys gewünschten Brief. Sie schrieb die lange Nacht und weit in den folgenden Tag. Es waren die Abschiedsbriefe einer Gezeichneten, von der man weithin verächtlich sprach und für die es keine Rettung mehr gab. Mit dem Brief des Irrenarztes hätte sie ihre Ehre verteidigen können. Aber in derlei Kämpfen gewinnt man keinen vollen Sieg. Ein Hauch, ein Schatten bleibt. Nie, nie mehr im Leben würde sie die Hilde Rebstein, die reine und stolze Hilde sein, die sie noch vor wenigen Tagen gewesen war; für ihr eigenes Fühlen nicht – und für das der Mitmenschen nicht, deren warmer Achtung sie bedurfte wie der Luft, in der sie atmete! – Doch nein, da lag's nicht! Sie wäre mutig genug, den Kampf mit der Welt aufzunehmen, zu dulden, zu tragen, wenn ihr nur Siegfrieds Liebe blieb. Aber darauf durfte sie nicht hoffen. Er war in zu strengen Lebensansichten emporgewachsen. Die Kunst hatte ihre Liebe erschlagen – durch ihre Liebe sie! Jetzt kein schwächlicher Vertrag mit dem Leben – keine Flucht in fremde Lande oder in den halbverborgenen Beruf einer Dienenden. Das Gefühl der seelischen Zertrümmerung würde sie ja doch begleiten, das verletzte Herz nie heilen. Sie gehörte nicht unter die Naturen, die sich mit einer Scherbe des Lebens zufrieden geben können. Darum keine Feigheit! Ihr Weg war der jenes Mädchens im Isartal, dessen Gestalt im Wasser sie einst so tief ergriffen hatte. Und nun waren die Briefe geschrieben; demjenigen an Herdhüßer war das Schreiben des Irrenarztes vom Enzenhof beigefügt. Damit mochte der Doktor nach Gutfinden handeln. Sie erwartete bloß noch den Brief der Mutter Siegfrieds. Erst gegen Abend ging sie aus. Auf dem Wege zum Grab ihres Vaters kam sie am Postgebäude vorüber. Sie trat ein, fragte am Schalter nach dem Brief – und erhielt ihn. – Erbrach ihn aber erst droben auf der Bank unter dem Kirchhoffliederbaum. – Dem Brief war ein Zeitungsausschnitt beigefügt. Diesen las sie zuerst: »In der prächtigen Ausstellung, die eine größere Zahl der letzten Gemälde des unglücklichen Malers Dombaly vereinigt, erregt besonders ein Bilderpaar das Interesse der Besucher. Brustbild und Akt, die ein und dieselbe junge Dame darstellen. Hier wie dort fesselt uns ein wunderbar zart und plastisch behandelter Frauenkopf, ein Antlitz von edelster Linienführung, geistigem Hochflug und künstlerischem Feuer. Der Akt, der in herrlichster Mädchenkeuschheit erstrahlt, muß als ein wahrhaft klassisches Werk des der Kunst zu früh verlorengegangenen Meisters angesehen werden, und unwillkürlich regt sich in jedem Beschauer die Frage: Woher die durch die Stärke des seelischen Ausdruckes im Haupte geadelte Gestalt? Darüber geht in der Gesellschaft die rührende Geschichte einer jungen talentvollen Malerin, die um den Preis, daß sie die Schülerin des genialen Künstlers werden dürfe, sich als Modell für den Akt hat finden lassen.« – Zornig zerknüllte Hilde den Wisch und stampfte ihn mit dem Fuß in die Erde. Da war sie ja geprägt im Urteil der gemeinen Welt! »Vater – es ist nicht wahr!« stöhnte sie. – Und nun den Brief! »Verehrtes Fräulein!« schrieb Frau Kulbach. »Der beiligende Zeitungsausschnitt überhebt mich einer Erklärung, warum ich an das Lager meines plötzlich schwer erkrankten Sohnes gerufen worden bin. Ich will zwar den Beteuerungen Siegfrieds, daß Sie das Opfer eines Wahnwitzigen geworden sind, vollen Glauben schenken, Sie sehen aber wohl selber ein, daß sich nach dem unglücklichen Geschehnis die Verlobung, die Siegfried mit Ihnen eingegangen ist, nicht aufrechterhalten läßt, sogar dann nicht, wenn es Ihnen gelingen würde, Ihre Unschuld zu beweisen. Die Erinnerung an das unglückselige Bild würde sich doch nie von Ihrem und Siegfrieds Namen lösen und für ihn in seiner geschäftlichen und gesellschaftlichen Stellung ein fortdauerndes Hemmnis sein. Siegfried lebt in einem unüberbrückbaren Zwiespalt zwischen Gefühlen ritterlicher Treue gegen Sie und der Einsicht in die Schwere des Vorkommnisses. Es besteht die Gefahr, daß sich der im tiefsten Gemüt Erschütterte durch seinen inneren Kampf völlig aufreiben läßt. Darum, verehrtes Fräulein, gestatten Sie dem Mutterherzen die innige Bitte: Kommen Sie in der Trennungsfrage Siegfried entgegen! Sie retten damit sein schwer bedrohtes Leben und erringen sich die Dankbarkeit seiner in Leid fast verzagenden Mutter. Ihre hochachtungsvoll ergebene Frau Herta Kulbach, geb. Harms.« In dem Brief stand nichts, was Hilde nicht erwartet hätte, ja sie spürte aus dem herzenshöflichen Ton der Mutter Siegfrieds, der Frau, die ihr wie eine strenge Richterin des Alten Testaments geschildert worden war, etwas wie Schicksalsversöhnung. Sie starrte eine Weile in das sanfte Leuchten der Schneeberge. Da fiel ihr ein: wenn sie handeln wollte, mußte es geschehen, ehe Adolf von seinem Tagewerk kam. Es ging nicht, ihm, der Mutter und dem alten Lehrer noch einmal die Hand zu drücken. Was gesagt werden mußte, stand in den Briefen. Die getreue Hermine wird Adolf trösten! – »Vater – du verstehst meinen schweren Gang – du verzeihst ihn!« Aufschluchzend wandte sie sich von seinem Grab, schwankte die Dorfstraße hinab, ging auf ihr Zimmer und schrieb in unheimlicher Ruhe den Brief für die Mutter Siegfrieds: »Ihrem Wunsche gehorsam, löse ich meine Verlobung mit Siegfried auf. Meiner Unschuld bewußt, bitte ich ihn um ein reines Andenken. Gott segne und behüte Siegfried! Hilde Rebstein.« Sollte sie nicht auch Siegfried selber einen Abschiedsgruß schreiben? Sie versuchte es. Es ging nicht. Wozu dem Geliebten noch den Kampf erschweren? – Mit dem Brief an die Mutter warf sie die anderen in den Postschalter. Der erste Schritt auf dem stillen und einsamen Weg war getan. – – 50 Die Sonne sprühte auf fernen Berggipfeln zwischen Haufenwolken im Untergang. An hohem Waldsaum über der Schlucht der Aa stand Hilde. – Es ist nicht leicht, zum letztenmal in die sinkende Sonne zu sehen. Nun war das Gestirn versprüht – nur an den Bergen hing noch sein Strahl. Hilde warf noch einen Blick auf das in blauen Schatten unter ihr liegende Dorf – eine Handbewegung, als ob sie Tränen, die nicht da waren, aus den Augen wischen wolle – und die einsame Wanderin schritt in die dämmerige Schlucht. Die große Angst, der große Kampf waren vorüber, wie in steinerner Ruhe ging sie ohne Hast, ohne Rast tief in sich versunken. Ihr war, jedes körperliche Gefühl, jede körperliche Schwere sei von ihr gefallen. Die Füße gingen ihr wie von selbst, und der Geist dachte und träumte still und hell, wie die denken und träumen mögen, die schon lange im Grabe liegen. Kinderlieder, die ihr viele, viele Jahre aus den Sinnen entschwunden waren, summten, sangen und klangen leise um sie, dazu das Lied, das die jungen Leute zu Weihnacht in der Herdhüßerschen Familie gesungen hatten: »Das Müllirad ist broche – Und d' Lieb, die hät en End!« – Da stand die Buche mit dem glatten silbernen Stamm, in den Siegfried ihre Namen geschnitten hatte. Nun krampfte sich ihr doch die Brust. Sie ging hin, küßte die Züge und umschlang den Baum mit ihren Armen, als wäre es Siegfried. Sie ruhte. Eine verspätete Holzleserin und ihr Kind kamen unter schweren Bürden den Pfad daher. Sie blickte dem Paar nach, bis es im Waldesdunkel verschwunden war. Oh, wenn sie wie diese arme Mutter ein Kind hätte! Da ginge sie nicht in den Tod! Ihrer aber bedurfte niemand, um sie war die große, erschreckende Leere! – Sie ging langsam ihres Weges. Ob nun Siegfried, wenn er genesen war, die Marthe Burmester zum Weibe nahm? – Doch wohl! Aber sie durfte ihm deswegen nicht grollen. Von Anfang zu Ende ihres gemeinsamen schönen Traumes war er ihr ein lieber, edelmütiger und verständnisreicher Freund gewesen. Er ließ sie nicht leichtsinnig, sondern aus dunkel zwingender Macht. Keinen Schatten auf Siegfried! Seine Liebe glänzte ja doch wie versöhnende Weihe über ihrem jungen, zerschmetterten Leben. Ein Stern fiel über dem Dunkel der Waldschlucht. In seinem Leuchten erglänzten die über Felsen und Blöcke sprudelnden Wasser der Aa. Warum muß ein Stern fallen, der seit grauer Ewigkeit durch die Himmelsräume zog und in Jahrtausenden nicht fiel? – Ein Rätsel! Über die schöne Erde geht so viel Mittelmäßigkeit und Nichtsnutzigkeit und lacht und scherzt und freut sich. »Ein feiner und gediegener Kerl« aber, der für sich nichts anderes als eine reine Lebensluft und eine treue Liebe begehrte, muß sterben! – Das größere Rätsel! – Hilde schrak zusammen. Zweige knackten. Eine Eule war vor ihr aufgeflogen. Wozu die Furcht? Wer so entschlossen den dunkelsten aller Wege geht, der hat die Furcht abgelegt! Über einen Bergkamm hob sich der Lichtball des noch fast vollen Mondes. Da lag in seinem sanften Glanz auch schon der See, still wie ein Gebet – wie eine in Schönheitsgedanken, in Frieden und Ruhe aufgelöste Seele. Über das üppige Blätterwerk der Ahornbäume rieselten die Mondstrahlen. An hohen Bergspitzen schimmerte der Schnee. Auf den Wassern glänzten die geheimnisvollen, weißwächsernen Seerosen wie Geistertraum; und darin lag der morsche, ungeschlachte Fischerkahn. Ein wenig ruhen! Auf dieser Bank war sie oft mit ihrem Vater gesessen – und am Abend vor dem Abschied mit Siegfried. Da hatte er mit ihr das Luftschloß von einem Ferienhäuschen in St. Agathen gebaut. »Und nun, Siegfried«, flüsterte sie, »sind es die sechs Bretter der langen, großen Einsamkeit!« – Sie horchte. – Nein, niemand kam sie suchen, niemand wußte um ihre Spur. Sie legte ihren Hut und ihr Tuch auf die Bank. Die morgen vorübergingen, mochten daraus erraten, welchen Weg sie gegangen war – und auf dem Gottesacker der Heimat würde sie bestattet, auf dem Kirchhof, der die Asche ihres Vaters barg, und über dem die abendroten Schneeberge leuchteten wie die Kündiger einer höheren und reineren Welt. – Sie träumte lange, lange. Da horch! – Durch die Nachtstille kamen von St. Agathen wie Grüße, die nach ihr riefen, die dumpfen Elfuhrschläge. Ein leiser Jammer über ihr junges Leben bebte durch ihre Seele – wundersam weiche Stimmen baten und bettelten: Laß uns warten bis zum Sonnenaufgang! Darüber erschrak sie. Sie kniete ins feuchte Gras. »Lieber Gott«, betete sie. »Ich danke dir, daß du denen eine Zuflucht gegeben hast, die nicht mehr leben können – du verstehst alles – du verzeihst alles – – – Vater! – Vater! – Hilf deinem armen Kind in der letzen großen Not!« – – Sie erhob sich, schritt ans Ufer, löste den Kahn und trat hinein. Dann trieb sie ihn durch die Seerosen hinaus auf die mondsilberne Flut. – – – Kreisende Ringe – – Als aber die dumpfen Schläge der Mitternacht von St. Agathen herüber in die Berglandschaft klangen, waren die Ringe über dem lichten Spiegel der Wasser verebbt. Um den leeren Kahn lag der See still wie ein Gebet, wie eine in Schönheitsgedanken, in Frieden und Ruhe aufgelöste Seele.