Pierre Loti Die Islandfischer Erster Teil. 1. In einer dunklen Kabine, die nach Seewasser und Salzlake roch, saßen fünf Männer von gewaltig breiten Schultern, mit aufgestützten Ellbogen beim Trinken. Der Raum, der für diese Gestalten viel zu niedrig war, spitzte sich gegen das eine Ende hin zu, wie das Innere einer großen, ausgenommenen Möwe; schläfrig und langsam schaukelte er hin und her, wobei das Gebälk einen klagenden Ton auszustoßen schien. Den Zugang zu dieser Kajüte bildete ein viereckiger Ausschnitt in der Decke, den ein Holzdeckel verschloß; man merkte nicht viel davon, daß sich draußen das Meer befand und daß es Nacht war; eine alte Hängelampe beleuchtete das Zechgelage der Männer mit ihrem flackernden Licht. Um den geheizten Ofen hingen nasse Kleidungsstücke zum Trocknen; der Dunst der von ihnen ausstieg, vermischte sich mit dem Qualm der Thonpfeifen. Der massive Tisch nahm fast den ganzen Raum der Kajüte ein; es blieb gerade nur so viel Platz, um sich durchquetschen und auf die an der Wand festgenagelten Schiffskisten setzen zu können. Die schweren Deckenbalken berührten fast die Kopfe der Männer; hinter ihnen lagen die Kojen, die dunkel wie Grabnischen aussahen; das ganze Holzwerk war roh und verwittert, von Feuchtigkeit und Salz durchsetzt, nur die Tischkante sah vom beständigen Anfassen wie poliert aus. Aus den Bechern auf dem Tisch war Wein und Eiderschnaps getrunken worden, und Freude leuchtete aus den offenen Gesichtern der tapferen Männer, die vergnüglich beisammen saßen und im Dialekt ihrer bretonischen Heimat über die Weiber und vom Heiraten redeten. An der Hinterwand der Kajüte, auf dem Ehrenplatz, stand auf einem Wandbrettchen eine Jungfrau Maria aus Steingut. Wohl war diese Schuhpatronin der Seeleute schon alt und mit höchst naiver Kunst recht bunt bemalt; da aber die Steingutfiguren länger aushalten als die Menschen, so sah das rot und blaue Kleid inmitten des düsteren Grau der armseligen Holzbehausung noch ganz frisch aus. Diese heilige Jungfrau hatte in Stunden der Angst manch inbrünstiges Gebet gehört; zu ihren Füßen waren zwei Sträuße künstlicher Blumen und ein Rosenkranz auf dem Standbrettchen festgenagelt. Die fünf Männer waren gleich gekleidet; der Hosengurt umspannte ein dichtgewebtes Tricothemd aus blauer Wolle, und auf dem Kopf trugen sie eine Art Helm aus geteerter Leinwand, den Südwester, welcher seinen Namen von dem Wind hat, der in unseren Himmelsstrichen Regen zu bringen pflegt. Die Männer standen in ganz verschiedenem Lebensalter; ihr Kapitän mochte ein Vierziger, drei etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein; der Jüngste aber, den sie bald Sylvester, bald Lurlu nannten, war nicht älter als siebzehn. In Gestalt und an Kräften war er aber bereits ein Mann; ein feiner krauser Vollbart umrahmte die frischen Wangen, seine blaugrauen Augen hatten aber einen kindlichen Ausdruck behalten und blickten unschuldig und ungemein sanft in die Welt. Dicht aneinander geschmiegt saßen sie da, denn um bequem zu sitzen, dazu gebrach es an Raum; sie schienen sich ganz behaglich in ihrem dunklen Loch zu fühlen, obschon es draußen Nacht war und das Meer brauste, und man das Aufklatschen des Regens aufs Verdeck deutlich vernahm. Die kupferne Wanduhr stand eben auf Elf. Ohne etwas Unpassendes zu sagen, verhandelten sie auf lustige Weise über Heiratsangelegenheiten, im Interesse derjenigen unter ihnen, die noch ledig waren; oder sie erzählten drollige Geschichten, die sich bei dieser oder jener Hochzeit daheim zugetragen hatten. Zuweilen fiel wohl unter lustigem Lachen eine etwas derbe Anspielung auf die Freuden der Liebe, aber bei diesen rauhen Leuten, die in beständiger Gefahr leben, ist es etwas Gesundes um die Liebe, und bei aller Derbheit darf man sie fast als keusch bezeichnen. Sylvester wurde endlich die Zeit lang, da Jean, dessen Name im bretonischen Dialekt Yann heißt, immer noch nicht kommen wollte. Wo steckte er auch nur, dieser Yann? immer noch droben bei der Arbeit? warum kam er nicht herab und half das Fest ein wenig mitfeiern? »Beinah Mitternacht!« sagte der Kapitän. Er stand auf und reckte sich, und rückte den Holzdeckel mit dem Kopf ein wenig zur Seite. Ein seltsames Licht fiel durch die Luke auf den Untenstehenden. »Yann! Yann! He, Mann!« rief er hinauf. Mit rauher Stimme gab »der Mann« Antwort. Wohl war es nahe an Mitternacht, aber das Licht, welches durch den halbgeöffneten Deckel fiel, glich fast der Tageshelle, eine Art abgeblaßten Sonnenlichtes, das in wundersamem Dämmerschein leuchtete, als käme es aus unendlicher Ferne, durch geheimnisvolle Spiegel zurückgeworfen. Sobald das Loch wieder geschlossen, war es wieder Nacht in der Kajüte, die Lampe flackerte wie vorher in gelblichem Schein, und man hörte »den Mann« mit seinen groben Holzschuhen die Leiter herabsteigen. Da Yann fast ein Riese war, mußte er sich hier unten zusammenkauern. Er verzog das Gesicht, und hielt sich für einen Augenblick die Nase zu, so stark schlug ihm der Dunst und Qualm entgegen. Yann überragte seine Kameraden gewaltig; der Rücken sah so breit und massiv aus, wie aus Balken gebaut, und von vorn gesehen, zeichneten sich die Schultern durch das blaue Wollhemd ab wie Kugeln, die am Oberarm saßen. Er hatte sehr bewegliche braune Augen, deren Ausdruck wild und stolz war. Sylvester schlang den Arm um Yann und zog ihn zärtlich an sich, wie Kinder zu thun pflegen; er war mit Yanns Schwester verlobt und betrachtete ihn daher als älteren Bruder. Der Riese ließ sich liebkosen wie ein gezähmter Löwe und lächelte gutmütig, wobei er seine weißen Zähne zeigte. Obwohl sie bei ihm mehr Platz gehabt hätten als bei anderen Leuten, waren sie klein und etwas auseinander stehend. Der blonde Schnurrbart war ein wenig kurz, obwohl nie geschnitten, er lag, zwei regelmäßigen Wellen gleich, auf der sehr schön geschwungenen Oberlippe, die Spitzen aber waren etwas borstig und hingen weit an den Mundwinkeln herab. Die frischen gebräunten Wangen hatten das samtartige einer noch unberührten Frucht. Man füllte die Becher noch einmal, und der Schiffsjunge wurde gerufen, um die Pfeifen frisch zu stopfen und anzuzünden. Das war eine Gelegenheit für ihn, auch ein wenig zu rauchen! Er war ein kräftiger Junge mit rundem Gesicht, der mit jedem der fünf Männer irgendwie verwandt war, die ihrerseits wiederum alle in näherem oder entfernterem Verwandtschaftsverhältnis zu einander standen. Neben der harten Arbeit, an der ihm nichts geschenkt ward, hätschelten ihn die Männer um die Wette. Yann ließ ihn aus seinem Becher trinken, darauf wurde er zu Bett geschickt. Die Männer nahmen nun ihr Gespräch wieder auf. »Wann werden wir endlich deine Hochzeit feiern?« fragte Sylvester den Freund. »Ein Kerl von deiner Größe und mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht verheiratet! schämst du dich nicht?« rief der Kapitän. »Was sollen die Mädchen nur von dir denken, wenn sie dich sehen?« Yann schüttelte seine gewaltigen Schultern, als wollte er damit seine Verachtung für das ganze weibliche Geschlecht ausdrücken. »Ich halte nur für eine Nacht Hochzeit, oder auch nur für eine Stunde, je nachdem es ist,« antwortete er. Yann hatte kürzlich sein fünftes Dienstjahr in der Marine beendet; unter den Matrosen hatte er aber neben der französischen Sprache auch höhnische Redensarten gelernt. Jetzt fing er an von seiner letzten Hochzeit zu erzählen, die, wie es schien, vierzehn Tage gedauert hatte. Das war in Nantes gewesen, und zwar mit einer Sängerin. Eines Abends, als er Urlaub hatte an Land zu gehen, war er in angetrunkenem Zustand in eine Singspielhalle geraten. An der Thür stand eine Frau, die Bouquets so groß wie ein kleines Wagenrad für zwanzig Frank verkaufte; ohne zu wissen, was er damit machen sollte, nahm Yann eines und warf es der Sängerin auf offener Scene »mitten ins Gesicht,« halb als Liebeserklärung, halb aus Spott darüber, weil die angeputzte Puppe allzurotgeschminkt war. Der Wurf aus Yanns Hand hatte zunächst bewirkt, daß die Sängerin ohnmächtig niederstürzte, danach aber hatte sie ziemlich drei Wochen lang für den Riesen geschwärmt. »Und wie unser Schiff weiter fuhr, hat sie mir zum Abschied auch noch eine goldene Uhr geschenkt,« schloß Yann, indem er die Uhr wie ein wertloses Spielzeug auf den Tisch warf. Yann hatte diese Geschichte auf seine Art und mit den ihm eigenen bilderreichen Ausdrücken erzählt; das banale Erlebnis aus der civilisierten Welt paßte aber nicht recht zu diesen ursprünglichen Menschen inmitten des Schweigens, das über der ungeheuren Wasserwüste draußen lag; die Erzählung paßte auch nicht zu dem mitternächtlichen Licht, das durch die Deckenluke brach und Kunde gab vom zu Ende gehen des Sommers am fernen Nordpol. Was Yann erzählt hatte, überraschte Sylvester und that ihm weh, denn er war reinen Gemüts und von einer alten Großmutter, die als Witwe eines Fischers im Dorf Ploubazlanec wohnte, streng religiös erzogen worden. Tagtäglich war sie mit dem kleinen Knaben auf das Grab seiner Mutter gegangen, um dort auf den Knieen einen Rosenkranz mit ihm zu beten. Von diesem Kirchhof aus, der auf den Klippen lag, erblickte man in der Ferne das graue Gewässer des Kanals, in dessen Wogen sein Vater bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen war. Da die Leute arm waren, hatte er schon sehr früh mit auf den Fischfang hinaus gemußt und seine Kindheit geradezu auf dem Meer verbracht. Auch jetzt noch betete er gewissenhaft jeden Abend, und seine Augen hatten sich eine fromme Reinheit bewahrt. Er war ein schöner Mensch und nach Yann der Kräftigste an Bord; seine überaus sanfte Stimme und kindliche Redeweise kontrastierte mit seiner großen Gestalt und dem schwarzen Bart, und da er sehr schnell gewachsen, war er ganz verlegen ob der Thatsache, auf einmal so groß und breit geworden zu sein. Er gedachte sich bald mit Yanns Schwester zu verheiraten, hatte aber das Entgegenkommen anderer Mädchen nie beachtet. Das Schiff hatte nur drei Kojen, in welchen die Männer abwechselnd schliefen. Es war etwas über Mitternacht, als sie ihr Trinkgelage aufhoben, das sie heute an Maria Himmelfahrt zu Ehren ihrer Schutzpatronin, der Jungfrau Maria, abgehalten. Ihrer drei verschwanden in den dunkeln Löchern von Kojen, und die drei andern stiegen die Leiter zum Deck hinauf, um der unterbrochenen Arbeit des Fischfangs obzuliegen, Yann, Sylvester und einer aus ihrer Gegend, der Guillaume hieß. Draußen war es ewiger Tag, aber es war ein bleiches Licht, als wäre es der Reflex einer erstorbenen Sonne. Um sie her eine ungeheure, farblose Leere, und außer den dunklen Planken ihres Schiffes erschien alles durchsichtig, ungreifbar und gespenstisch. Das Auge unterschied kaum was das Meer sein mochte: zuerst erschien es wie eine Art zitternden Spiegels, der jedoch kein Bild zurückwarf; erst bei längerem Hinsehen glich es einer nebelreichen Ebene, und außerdem sah man nichts, gar nichts, weder Horizont noch Umrisse. Die feuchte Frische der Luft war durchdringender als wirkliche Kälte, und beim Atmen empfand man ihren starken Salzgehalt. Es hatte aufgehört zu regnen und alles war ruhig; form- und farblose Wolken schienen das blasse Licht zu enthalten, für dessen Töne sich kein Name hätte finden lassen; man sah vollkommen deutlich, obwohl man das Bewußtsein davon hatte, daß es Nacht war, bei dem fahlen Licht, das auf das Schiff fiel. Die drei Männer da lebten seit ihrer Knabenzeit auf diesen nördlichen Meeren inmitten dieser Spiegelungen, unklar und verschwommen, wie eine Vision. Die wechselvolle Unendlichkeit um ihr enges Fahrzeug her war ihnen ein gewohnter Anblick, und ihre Augen damit vertraut wie die Vögel des Meeres. Das Schiff lag schaukelnd auf einer und derselben Stelle, wobei die ächzenden Planen immer den gleichen klagenden Ton von sich gaben, monoton wie ein bretonisches Lied von den Lippen eines Schlafenden. Yann und Sylvester hatten ihre Köder und Angeln schnell bereit gemacht, während Guillaume ein Salzfaß öffnete, und nachdem er sein großes Messer geschärft, setzte er sich wartend hinter den Fischern nieder. Er brauchte nicht lange zu warten, denn sobald die Angeln in diesem ruhigen, kalten Wasser ausgeworfen waren, konnten sie auch schon mit großen, stahlgrau glänzenden Fischen in die Höhe gezogen werden. Ein Kabeljau nach dem andern wurde gefangen, und schnell und unaufhörlich gedieh der Fang weiter. Guillaume nahm die Fische aus, schlug sie mit seinem großen Messer platt, salzte ein, zählte, und der Haufen von Fischen, der bei der Heimkehr ihr Vermögen ausmachen sollte, türmte sich frisch und wassertriefend immer höher hinter ihnen auf. Eintönig vergingen die Stunden in fleißiger Arbeit; währenddem wechselte die eigentümliche Beleuchtung, der falbe Dämmerschein machte ohne Übergang einem wirklichen Morgenlicht Platz, und alle Meeresspiegel warfen unklar rosa Streifen zurück. »Du solltest ganz entschieden heiraten, Yann,« sagte Sylvester plötzlich in tiefem Ernst, während er hinab ins Wasser schaute. Es schien, als wüßte er eine daheim, die ihr Herz an seinen großen Bruder verloren hätte, fühlte sich aber zu schüchtern, um viel über diesen ernsten Gegenstand zu sagen. Yann lächelte verächtlich. »Ich?« rief er. »O ja, ich werde mich sicher eines Tages vermählen, aber mit keinem Mädchen aus der Heimat, sondern mit dem Meer, und zu dem Ball, den ich zu meiner Hochzeit geben werde, lade ich euch alle miteinander ein!« Yann und Sylvester fischten weiter, denn man durfte keine Zeit mit Schwatzen verlieren, befanden sie sich doch inmitten einer ungeheuer großen Fischmenge, »Bank« genannt, die seit zwei Tagen vorüber zog und kein Ende nehmen zu wollen schien. Vorige Nacht hatten sie alle miteinander gewacht, und in dreißig Stunden Arbeit über tausend starke Kabeljaus gefangen, jetzt aber waren auch diese starken Arme müde; sie verrichteten die Arbeit rein mechanisch und fischten ununterbrochen weiter, während der Geist manchmal für ein paar Augenblicke schlummerte. Die Luft auf dem weiten Ocean war aber so frisch und belebend, wie in den ersten Tagen der Welt, und trotz der Übermüdung spürten die Männer wie sie scharf über die Wangen strich und die Brust sich weitete. Das Morgenlicht, das wirkliche Licht, war endlich erschienen; es hatte sich, wie in den Schöpfungstagen, von der Finsternis geschieden, die wie zurückgeschoben als schwere Dunstschicht am Horizont stand; trotz aller Helligkeit merkte man, daß der Tag eben der Nacht entstiegen war, und der nun versunkene Schein ein unbestimmtes, traumhaftes Licht gewesen war. Das dichte Gewölk, welches jetzt den Himmel bedeckte, war da und dort zerrissen und ließ starke Strahlen eines rosigen Lichtes hervorbrechen. Die unteren Wolkenschichten traten mehr und mehr zusammen und begrenzten den Horizont als schwere verdüsternde Masse, die aussah, als sollte sie einen zugezogenen Vorhang vor der Unendlichkeit bilden, damit deren allzu gigantische Geheimnisse nicht den Augen der Menschen zugänglich würden. Um das Fahrzeug her, welches Yann und Sylvester trug, schien die Welt an diesem Morgen ein Feierkleid angelegt zu haben, würdig des großen Sanktuariums unter dem Himmelsdom, von welchem aus der Reflex der rosenfarbenen Strahlenbündel sich in der unbeweglichen See so ruhig widerspiegelte wie auf Marmorfliesen. Ganz allmählich fingen fernes Nebelbild an, sich in scharfkantige Zacken zu verwandeln, die das Morgenlicht mit zartem Blaßrot überhauchte und diese Zacken waren ein Vorgebirge der düsteren Insel Island. Mit dem Meere wollte Yann Hochzeit halten? Sylvester wagte nichts mehr zu sagen und fischte weiter; es schmerzte ihn, das heilige Sakrament der Ehe von Yann also verspottet zu sehen, und ein abergläubischer Schauer überlief ihn, als er jetzt wieder an Yanns Reden dachte. Der gute Junge hatte sich längst im stillen ausgedacht, daß Yann einmal keine andere als die blonde Gaud Mével in Paimpol freien sollte, und hatte sich gewünscht, daß die Hochzeit noch vor seinem Eintritt in die Marine stattfinden möchte. Das unausbleibliche Nahen dieser fünfjährigen Dienstzeit machte ihm jetzt manchmal das Herz recht schwer! Vier Uhr morgens. Die drei, welche geschlafen hatten, kamen jetzt auf Deck, um Yann und Sylvester abzulösen. Der Schlaf lag ihnen noch in den Augen; sie zogen ihre großen Stiefeln an, atmeten mit voller Brust die kalte frische Luft ein und schlossen für eine Minute die Augen vor der Blendung des Morgenlichts. Yann und Sylvester aßen nun eiligst etwas Schiffszwieback zum ersten Frühstück; sie mußten ihn erst mit dem Hammer zerschlagen, zerbissen ihn geräuschvoll und lachten laut darüber, daß er gar so hart wäre. Sie wurden ganz munter und vergnügt bei dem Gedanken, nun bald in ihren Kojen ordentlich warm werden zu dürfen, umschlangen einander und gingen, indem sie ein altes Lied trällerten, zur Luke. Ehe aber einer nach dem anderen durch das Loch verschwand, spielten sie erst noch mit dem Schiffshund Türk, einem ganz jungen Neufundländer mit sehr großen Pfoten und kindlich linkischen Bewegungen. Sie neckten ihn; der Hund schnappte scherzend nach den Händen, endlich aber biß er auch einmal derber zu. Mit einem Zornesblick in den Augen stieß ihn Yann weg; das Tier fiel hin und heulte kläglich. Er war gutherzig, dieser Yann, aber von ungezähmter Natur und wenn die physische Kraft allein ins Spiel kam, so konnte eine sanfte Liebkosung bei ihm einer brutalen Heftigkeit merkwürdig nahe kommen. 2. Das Schiff hieß »Marie.« Kapitän Guermeur und zog alljährlich auf den gefahrvollen Fischfang in den nördlichen Meeren aus, wo die Sommer keine Nächte haben. Es war ein sehr altes Schiff – so alt wie seine Schutzpatronin, die Muttergottes in Steingut. Seine dicken Flanken mit den starken Eichenholzrippen zeigten Risse und waren von Nässe und Salzlake ganz durchsetzt, das Holz war aber noch gesund und strömte kräftigen Teergeruch aus. Bei Windstille sah es in seiner massiven Gliederung plump aus, wenn aber ein starker Westwind blies, so segelte es mit einer Leichtigkeit wie die Möwen vor dem Wind. Alsdann hatte es eine ganz eigene Art sich zu heben und auf den Wellen zu schaukeln, weit leichter als manches neue Schiff, das nach den Regeln moderner Schiffsbaukunst gebaut ist. Die Mannschaft der »Marie« gehörte vom Kapitän bis zum Schiffsjungen den Islandfischern an, jenem tapferen Geschlecht von Seeleuten, das hauptsächlich in der Gegend vom Paimpol und Tréguier seinen Sitz hat, und sich vom Vater auf den Sohn forterbend, diesen gefahrvollen Berufszweig wählt. Kaum einer der sechs Männer hatte je einen Sommer in Frankreich verlebt. Ging der Winter zu Ende, so rüsteten sich die Fischer zur Ausfahrt und empfingen im Hafen von Paimpol den Abschiedssegen. Zu dieser Feier wurde alljährlich derselbe Altar auf dem Quai errichtet; er stellte eine Felsgrotte dar, in deren Mitte thronte von Ankern, Rudern und Netzen umgeben, die heilige Jungfrau, die Schutzpatronin der Seeleute. Um dieser ihrer Schutzbefohlenen willen verließ sie alle Jahre einmal ihre Kirche, und ihre leblosen Augen schauten von einer Generation zur andern auf die Männer, welche zu einem Teil mit reichem Fang wiederkommen, zum andern Teil nicht heimkehren sollten. Das heilige Sakrament, dem ein langer Zug von Ehefrauen und Müttern, Bräuten und Schwestern folgte, wurde in langsamer Prozession um den Hafen getragen, wo die Schiffe der Islandfischer zur Ausfahrt bereit lagen. Der Priester hielt bei jedem einzelnen an und sprach unter den üblichen Ceremonien den Segen, worauf ein Schiff nach dem andern grüßend die Wimpel hißte. Nach beendeter Feier liefen sie aus wie eine Flotte; und Ehemänner, Söhne oder Geliebte gab es fast in der ganzen Gegend nicht mehr. Von den Schiffen erscholl aus starken Kehlen der Abschiedsgesang: »Heilige Maria, Stern des Meeres;« und diese Feier wiederholte sich jedes Jahr. Von da an begann das einförmige Leben auf hoher See, wo drei oder vier rauhe Kameraden aufeinander angewiesen waren, auf schwankenden Planken inmitten der kalten Gewässer nördlicher Meere. Bisher war man stets glücklich heimgekehrt – die heilige Jungfrau hatte das Fahrzeug beschützt, das ihren Namen trug! Ende August war die Zeit der Rückkehr; die »Marie« folgte aber dem Gebrauch vieler Islandfahrer, welche den Hafen von Paimpol nur anlaufen, um nach dem Golf von Biscaya weiter zu fahren. Dort setzen sie ihren Fang gut ab, und handeln auf den sandigen Inseln mit salzreichen Buchten gleich ihren Salzvorrat für das nächste Jahr ein. In diesen südlichen Häfen, wo es noch sommerlich ist, bleiben die Schiffe meist ein paar Tage liegen, deren Mannschaft nach den langentbehrten Vergnügungen des Festlands lechzt; dann schwelgen sie in warmer Luft und Sonne, berauschen sich in Lustbarkeiten – und an Weibern. Mit den ersten Herbstnebeln kehren die Fischer dann heim zu den Ihrigen nach Paimpol oder in die zerstreut liegenden Hütten der Landschaft von Goëlo, um sich für ein paar Monate mit ihren Familien und der Liebe zu beschäftigen, mit Heiraten und Geburten. Die Heimkehrenden finden in der Regel Neugeborene vor, welche entweder auf die Taufe oder auf Paten warten, und es ist gut, daß die Fischersleute so kinderreich sind, denn die isländischen Meere verschlingen ihrer gar viele! 3. An einem schönen Sonntagabend im Juni waren zwei Frauen in Paimpol damit beschäftigt, einen Brief zu schreiben. Der Tisch, worauf geschrieben wurde, stand vor einem großen offenen Fenster mit breitem Sims von Sandstein, auf welchem eine Reihe von Blumenstöcken prangte. Wie sie so über den Tisch gebeugt da saßen, schienen sie alle beide jung zu sein; die eine trug eine ungeheuer große weiße Haube von sehr altmodischem Schnitt, die andere das kleine Häubchen, wie es die Frauen von Paimpol jetzt tragen; man hätte glauben mögen es seien zwei Verliebte, die einen recht zärtlichen Brief an einen schönen Isländer zusammen verfaßten. Die mit der großen Haube diktierte; als sie jetzt den Kopf hob, um sich auf ein Wort zu besinnen, sah man, daß sie alt war, sehr alt sogar, obwohl die Gestalt in dem braunen Shawltuch gar nicht wie die einer alten Frau aussah. Ihren siebzig Jahren zum Trotz war sie noch hübsch, mit jenen frischen roten Bäckchen, wie sie sich manche Greisinnen zu erhalten wissen. Die Haube lag auf Stirne und Kopf flach auf, und trug zwei oder drei große Tuten aus Musselin, die tief in den Nacken hinab fielen. Die weiße Umrahmung paßte gut zu dem ehrwürdigen Gesicht, aus dessen sanften Augen Rechtschaffenheit sprach. Sie hatte keinen einzigen Zahn mehr, und wenn sie lachte, sah man den Bogen des Zahnfleisches. Ungeachtet des spitzen Kinns hatte das Profil durch die Jahre nicht allzu sehr gelitten; man konnte noch erkennen, daß es einst sehr regelmäßig, schön und rein gewesen sein mußte, wie ein Heiligenbild. Die Alte sah jetzt durchs Fenster und dachte nach, was Lustiges sie etwa noch ihrem Enkelsohn geschwind erzählen könnte. In der ganzen Gegend verstand ja niemand so drollig zu erzählen wie sie! In dem Brief standen bereits drei oder vier unbezahlbare Geschichten, die jedoch frei von aller Bosheit waren, denn in ihrem Herzen wohnte keine schlechte Regung. Während sie nachdachte, hatte die Jüngere den Briefumschlag sorgfältig adressiert: Herrn Sylvester Moan, an Bord der »Marie,« Kapitän Guermeur, im Isländischen Meer, über Reikyawick. »Sind wir fertig, Großmutter Moan?« fragte sie. Die Briefschreiberin war etwa zwanzigjährig und starkblond, eine Farbe, die bei den dunkelhaarigen Bewohnern der Bretagne selten ist; die hellgrauen Augen waren mit fast schwarzen Wimpern besäumt, die Brauen aber blond wie das Haar, nur zeigten sie nach der Mitte zu einen dunkleren ins rötliche gehenden Strich, was dem Gesicht einen Ausdruck von Kraft und Willensstärke verlieh. Das etwas kurze Profil hatte immerhin einen sehr edlen Schnitt, die Nase setzte die Stirnlinie in vollkommener Regelmäßigkeit fort, genau wie bei den griechischen Gesichtern. Ein tiefes Grübchen unter der Unterlippe ließ diese besonders reizvoll erscheinen; war sie mit etwas beschäftigt, so pflegte sie die Zähne fest auf die Lippe zu setzen, was zur Folge hatte, daß man auf der feinen Haut die kleinen Blutwellen stärker hingehen sah. In der ganzen zierlichen Erscheinung lag etwas Stolzes und Ernstes, das sie von ihren Vorfahren geerbt haben mußte, die kühne Islandfahrer waren. Die Augen waren zwar sanft, konnten aber auch Eigensinn ausdrücken. Die muschelförmige Haube des jungen Mädchens ging tief auf die Stirne herab und legte sich fast wie zwei Scheitel fest an das Gesicht an. Zu beiden Seiten war sie aber stark aufgerollt und ließ die dicken Zöpfe sehen, die schneckenförmig um die Ohren gelegt waren, eine Haartracht, welche die Frauen von Paimpol von alten Zeiten her behalten haben und die ihnen ein merkwürdig altväterisches Aussehen giebt. Man merkte, daß das junge Mädchen anders erzogen war als die arme Alte, die sie Großmutter nannte; in Wirklichkeit war sie nur eine entfernte Großtante, die viel Unglück erlebt hatte. Ihre junge Verwandte war die Tochter des Herrn Mével, der in seiner Jugend auch zu den Islandfischern gehörte; er hatte aber auch ein wenig Seeräuberei getrieben und war durch kühne Unternehmungen aus dem Meer reich geworden. Also konnte er auch etwas an seine Tochter wenden; das schöne Zimmer, in welchem der Brief geschrieben wurde, war das ihrige; eine helle Tapete verdeckte die Unregelmäßigkeiten der dicken Steinmauer, und die schweren Deckenbalken, die das Alter des Hauses verrieten, waren weiß übertüncht. Das Prachtstück des Zimmers, das bürgerlichen Wohlstand zeigte, war ein ganz neumodisches Bett mit spitzenbesetztem Musselinvorhängen, wie es die Stadtleute haben. Die Fenster gingen auf den großen Platz hinaus, wo die Märkte abgehalten wurden und von welchem aus die Bittgänge stattfanden. »Sind wir fertig, Großmutter Yvonne? habt Ihr ihm nichts weiter zu sagen?« »Nein, meine Tochter; sei nur so gut und schreibe noch einen Gruß an den jungen Gaos.« Der junge Gaos – – Yann Gaos – das schöne stolze Mädchen da war sehr rot geworden, während sie den Namen schrieb. Sobald sie aber den Gruß in geläufiger Schrift noch auf den Rand des Bogens geschrieben hatte, erhob sie sich und blickte zum Fenster hinaus, als wäre draußen auf dem Platz etwas sehr Interessantes zu sehen. Gaud Mével war ziemlich groß, ihre wohlgeformte Figur glich der einer Dame die ein gut sitzendes Korsett trägt, und ungeachtet der Haube sah sie wie ein Fräulein aus; ihre Hände waren zwar nicht so klein und blutleer, wie es bei Damen für schön gilt, aber sie waren fein und weiß, denn sie hatte niemals grobe Arbeit gethan. Als Kind war Gaud aber oft barfuß im Wasser herumgepatscht, denn sie hatte keine Mutter und war sich fast ganz selbst überlassen, ohne Aufsicht und Pflege, während der langen Monate, wo ihr Vater alljährlich zur See war; hübsch, rosig und zerzaust, eigenwillig und dickköpfig, war sie bei der kräftigenden Seeluft gesund aufgewachsen. In den Monaten ihrer Einsamkeit hatte sie dann die arme Großmutter Moan bei sich aufgenommen und ihr den kleinen Sylvester zu hüten gegeben, während sie bei den Leuten auf Tagelohn arbeitete. Obwohl Gaud kaum anderthalb Jahre älter war als der Kleine, so liebte und hütete sie ihn doch wie ein rechtes Mütterchen. Sie war ebenso blond wie der Knabe braun, ebenso eigensinnig und launisch, wie er liebevoll und sanft war. Sie erinnerte sich dieser Zeit ungebundener Freiheit wie eines halbvergessenen Traumes, wie einer unklaren, geheimnisvollen Zeit, wo die Bucht noch ausgedehnter und die Klippen sicher noch gewaltiger gewesen waren ... Gaud war kaum sechs Jahre alt, als ihr Vater zu Geld kam. Er hatte sich darauf verlegt, ganze Schiffsladungen aufzukaufen und wieder zu verkaufen, und da sich das als lohnend erwies, brachte er sein Kind nach Saint-Brieue, später sogar nach Paris. Aus der kleinen Gaud ward ein großes Mädchen von gesetztem Wesen und mit ernstem Blick, das Fräulein Marguerite genannt wurde. Wenn auch anders als am heimatlichen Strand, so war sie auch hier gewissermaßen sich selbst überlassen und behielt ihren ungebrochenen Eigensinn. Wohl hatte sie zufällig dies und das davon gehört, wie es im Leben zugeht, eine angeborene Würde ihres Wesens leitete sie aber richtig. Es fiel ihr zuweilen ein, etwas keck aufzutreten und den Leuten allzu freie Dinge ins Gesicht zu sagen, auch senkte sie ihre schönen Augen nicht immer vor dem Blick junger Männer; diese Augen schauten aber so ehrenhaft in die Welt, daß die jungen Leute sich nicht darüber täuschen konnten, wie gleichgültig sie ihr waren, und daß sie es mit einem verständigen Mädchen zu thun hatten, dessen Herz ebenso unberührt und frisch war, wie ihre Wangen. Gauds äußere Erscheinung hatte sich in der Stadt vielmehr verändert, als ihr Inneres. Ihre Haube hatte sie zwar behalten, denn von dieser trennt sich eine Bretonin schwer, sie hatte aber gelernt sich anders zu kleiden, und ihr kräftiger Körper hatte sich durch das Korsetttragen allmählich sehr schön geformt. Alljährlich im Sommer brachte sie ihr Vater für ein paar Tage in die alte Heimat; da frischte sie die Erinnerungen ihrer Kindheit auf, und wurde von allen Leuten Gaud genannt. Sie hatte die tapferen Männer gern einmal gesehen, von denen so viel die Rede war, die waren aber im Sommer stets im hohen Norden, und Gaud hörte so viel vom fernen Island reden, daß es ihr endlich wie ein schrecklicher Schlund erschien, der Jahr für Jahr so viele verschlingt. Eines schönen Tages kam es ihrem Vater in den Sinn, wieder ein seßhaftes Leben führen und seine Tage in der Heimat beschließen zu wollen; da nahm er seine Tochter aus der Pension in Paris weg und führte sie nach Paimpol in das massive Haus am Marktplatz. Der Brief an Sylvester Moan war fertig, der Großmutter vorgelesen und der Umschlag zugeklebt. Die alte Frau bedankte sich vielmals und machte sich auf den Heimweg; sie wohnte ziemlich entfernt in einem Weiler, der zum Bezirk von Ploubazlanec gehört, und zwar in derselben Hütte, wo sie geboren war, so gut wie ihre Kinder und Enkel. Als sie jetzt durch das Städtchen schritt, wurde ihr mancher respektvolle Gruß zu teil, entstammte sie doch einem tapferen und hochgeachteten Fischergeschlecht. Nur einer so großen Sorgfalt und Sauberkeit wie der ihrigen, war es möglich, beinahe gut gekleidet auszusehen, obwohl ihre armen alten Sachen gar nicht mehr zusammenhalten wollten. Das Tuch, das sie um die Schultern trug, war einst ihr Hochzeitsshawl und von blauer Farbe gewesen; zur Hochzeit ihres Sohnes Pierre war er braun gefärbt worden, und seit Jahrzehnten so geschont und nur am Sonntag getragen, daß er immer noch anständig aussah. Auch ging sie nicht gebückt, wie die meisten ihres Alters, sondern hatte sich ihre aufrechte Haltung bewahrt, und trotz des ein wenig zu spitzen Kinns mußte man sie noch hübsch nennen, denn das Profil war entschieden fein und lebhaft blickten die guten Augen aus dem freundlichen Gesicht. In wie großer Achtung sie stand, das konnte man dem Gruß der ihr Begegnenden entnehmen, und es gab in der That nur einen , der ihr nicht wohl wollte: einen verschmähten Freier aus ihrer Jugend. Er war Tischler seines Zeichens, jetzt ein Achtziger und saß immer vor der Hausthür, während seine Söhne in der Werkstatt schafften. Es hieß, daß er sich nie darüber hätte trösten können, daß ihn die Jugendgeliebte auch nicht in zweiter Ehe hatte nehmen wollen; mit zunehmendem Alter aber hatte sich die Liebe in eine komische Art von Groll und Rachsucht verwandelt, und wenn sie des Weges kam, ließ er sie nie ungerupft vorüber. »Guten Tag, schöne Frau Nachbarin!« rief er. »Nun, wann muß ich bei Euch Maß nehmen?« Sie antwortete, daß es wohl noch ein wenig zu früh dazu sei; heut' wolle sie es noch nicht bestellen. Der Alte meinte mit seinem derben Spaß: das Maß zum Sarg nehmen, die letzte irdische Behausung, die der Mensch braucht. »Wie Ihr wollt,« gab er zurück, »aber Ihr braucht Euch nicht zu genieren, laßt mir's nur sagen, wenn Ihr so weit seid.« Diesen Scherz hatte die arme alte Frau schon mehrmals anhören müssen, heute aber mußte sie sich zu einem Lächeln darüber recht zwingen. War es, weil sie sich müde und zerschlagen von der Arbeit fühlte, die für ihr Alter viel zu schwer war, oder weil sie an Sylvester dachte? Er war ihr einziger, der letzte ihrer Enkel, der seine Dienstzeit antreten mußte, wenn er von Island kam. Fünf Jahre ... kann es nicht sein, daß er am Ende gar nach China geschickt wird, wo jetzt Krieg ist? und wird sie noch am Leben sein, wenn er wieder heim kommt? Eine große Angst überfiel sie bei dem Gedanken. Nein, sie war entschieden nicht mehr so frohsinnig als es den Anschein hatte, und jetzt arbeitete es in ihren Zügen so heftig, als wollte sie weinen. Es war gewiß, daß sie ihren lieben Sylvester bald hergeben mußte, ihren letzten Enkelsohn! und vielleicht mußte sie einsam sterben, ohne ihn wieder gesehen zu haben. Einige angesehene Leute in Paimpol hatten zwar Schritte gethan, um Sylvester vom Militärdienst frei zu bekommen, als den einzigen Ernährer einer Großmutter, deren Arbeitskraft dem Ende zuging; das Gesuch war aber wegen Sylvesters älterem Bruder Jean abgeschlagen worden. Dieser war desertiert und man sprach in der Familie nicht mehr von ihm; er lebte irgendwo in Amerika, und seine That hatte für den jüngeren Bruder die Wohlthat der Befreiung von seiner Dienstzeit verwirkt. Auch mit der Bitte um die kleine Pension einer Seemannswitwe war sie abgewiesen worden – man fand sie noch nicht arm genug dazu. Am Abend sagte sie für ihre verstorbenen Söhne und Enkel lange Gebete her, für ihren geliebten Sylvester betete sie aber besonders inbrünstig. Sie versuchte einzuschlafen, mußte aber an das enge Bretterhaus denken, das ihr ja einmal angemessen werden mußte , und das Herz schnürte sich ihr zusammen. Gaud Mével war an ihrem Fenster sitzen geblieben; sie beobachtete die gelblichen Reflexe, welche die Abendsonne auf den Steinsims warf, und sah den Schwalben zu, die hoch in der Luft hin und her schossen. Paimpol war selbst am Sonntag wie ausgestorben, und nur hie und da gingen ein paar junge Mädchen zu zweien oder dreien, und träumten von den jungen Burschen, die sich auf dem Meer von Island befanden. ... »Meinen Gruß an den jungen Gaos.« Gaud war rot geworden, als sie den Namen schrieb, und jetzt wollte er ihr nicht wieder aus dem Kopf. Sie brachte manchen Abend an diesem Fenster sitzend zu. Ihr Vater hatte es nicht gern, wenn sie mit den Mädchen ihres Alters spazieren ging, die einst ihresgleichen waren; kam er aber aus dem Kaffeehaus und hatte seine Pfeife mit alten Kameraden ausgeraucht, so liebte er es, in dem steinumrahmten Fenster, hinter Blumentöpfen, seine Tochter sitzen zu sehen wie ein Fräulein. ... Der junge Gaos ... Gaud wandte den Kopf nach dem Meere zu, das man zwar nicht sah, aber ganz in der Nähe brausen hörte, am Ende der engen Gäßchen, von denen die Schiffer zum Marktplatz herauf zu kommen hatten. Und ihre Gedanken wanderten auf die unendliche See hinaus, die ewig neu bezaubert, so gut wie Opfer fordert; ihre Gedanken gingen bis in die Meere von Island und suchten einen Ruhepunkt auf der »Marie,« Kapitän Guermeur. Ein sonderbarer Mensch, dieser junge Gaos – für den Augenblick unerreichbar, fliehend wie ein Schatten, nachdem er sich ihr auf so gewagte und zugleich liebenswürdige Art genähert hatte. Gaud ließ die Erinnerung an ihre Rückkehr in die Heimat an ihrem Geist vorüberziehen; diese Erinnerung war noch frisch, denn erst im verflossenen Dezember war es gewesen, daß sie mit ihrem Vater in die Bretagne zurückkehrte. Nachdem sie die Nacht hindurch gereist waren, verließen sie die Eisenbahn in Guingamp. Der Tag begann eben erst zu grauen, als sie frierend und steif die Station verließen und der kleinen alten Stadt zuschritten. Gaud war noch nie, seitdem sie erwachsen, zur Winterzeit hier gewesen, und wie sie jetzt neben ihrem Vater durch die noch halbdunklen Straßen ging, überkam sie ein Gefühl, als tauche sie tief in eine fern vergangene Zeit. Diese Stille hier im Vergleich zu Paris! Die wenigen Leute, die sie zu Gesicht bekam, schienen ihr einer anderen Welt anzugehören, einer engen, kleinbürgerlichen Welt. Da und dort öffnete eine Frühaufsteherin die Hausthür, was Gaud gestattete, einen Blick in das Innere der altersgrauen Häuser zu werfen, an deren riesigen Kamin stets schon eine Großmutter in großer weißer Haube saß. Sobald es ein wenig heller ward, begaben sich Vater und Tochter in die Kirche, um eine stille Andacht zu verrichten. Welcher Unterschied zwischen einer Pariser Kirche und diesem geheimnisvoll düsteren Kirchenschiff mit den rohen Sandsteinpfeilern, die das Alter stellenweise zernagt hatte: und welche Kellerluft herrschte hier! Modergeruch, wie in einem Grabgewölbe. Hinter Säulen in einer tiefen Nische brannte eine Kerze; eine Frau kniete davor – sicher um ein Gelübde zu thun, und der Schein dieses flackernden Lichtleins verlor sich im Dunkel der Gewölbe. Gaud erinnerte sich des Schauers, den sie jedesmal gefühlt, wenn sie als Kind in Paimpol an einem Wintermorgen in die Frühmesse geführt worden war. Nach Paris sehnte sie sich nicht zurück, obgleich es dort schön und unterhaltsam war. Zuerst hatte sie sich beengt gefühlt, floß doch in ihren Adern das Blut der Seeleute, die in ungemessener Weite leben. Auch fühlte sie sich nicht recht an ihrem Platz; die modisch gekleideten Damen sahen ganz anders aus, hatten eine so besondere Art zu gehen und sich zu bewegen, welche nachzuahmen Gaud zu vernünftig war, da es zu ihrer bretonischen Haube schlecht gepaßt hätte. Es war ihr unbehaglich, wenn die Leute sie anstarrten oder ihr nachsahen, freilich wußte sie nicht, wie lieblich anzuschauen sie war! Mit vornehmen Damen, deren Wesen sie anzog, hatte sie nicht Gelegenheit bekannt zu werden, und von unter ihr Stehenden hielt sie sich fern, da sie ihr nicht des Umgangs würdig schienen. So stand sie innerlich allein und blieb ohne Freundinnen. Der feuchtkalte Wintermorgen in Guingamp brachte es ihr zu Bewußtsein daß sie in ein rauhes Land zurückkehrte, und sie fühlte sich fast bedrückt. Den ganzen Nachmittag dieses trüben Tages brachte sie mit ihrem Vater in einem alten klapperigen Wägelchen zu, das keinen Schutz gegen den Wind bot. Es ging durch armselige Dörfer, und die gespenstisch aussehenden Bäume troffen vom Niederschlag eines starken Nebels. Die Wagenlaternen mußten zeitig angezündet werden, und bald sah man nichts mehr, als das Licht dieser Laternen, deren Schein wie zwei Streifen bengalischen Feuers am Weg hin und den Pferden voraus zu laufen schienen und die Hecken am Wegrand beleuchteten. Woher kam aber das Grün im Dezember? ... Gaud beugte sich vor, um besser sehen zu können, da verstand sie auf einmal die Ursache dieser Erscheinung: der Ginster war es, der ihr so wohlbekannte Seeginster, der in der Gegend von Paimpol auch im Winter nicht gelb wird. Zugleich fühlte sie, daß eine wärmere Brise wehte, und schon meinte sie den Geruch des Meerwassers Wahrzunehmen. Das reisemüde Mädchen war dadurch ganz munter geworden. »Da es Winter ist, werde ich endlich einmal die schönen Islandfischer zu sehen bekommen,« dachte sie. Allerdings waren sie da, die Väter und Brüder alle, Vettern, Liebhaber und Bräutigams, von denen sie so viel hatte reden hören, so oft sie im Sommer daheim gewesen war. Und dieser Gedanke beschäftigte sie unter den Stößen des Wagens, während ihre Füße erstarrten. Gaud hatte die Islandfischer damals in der That gesehen – und jetzt hatte sie an einen derselben ihr Herz verloren! 4. Schon am Tag nach ihrer Ankunft hatte Gaud diesen Yann zum erstenmal gesehen. Es war am 8. Dezember, dem Fest Unserer lieben Frau von Bonne-Nouvelle, der Schutzpatronin der Fischer, an welchem die Fischer ihre Dankfeier für glückliche Wiederkehr begehen. Von der Prozession her waren die Straßen mit weißen Tüchern bespannt, auf welche Epheublätter, kleine Stechpalmenzweige und was es sonst noch an winterlichem Grün gab, zum Schmuck befestigt war. Die Feststimmung an diesem Tag war etwas plumper und ausgelassener Art, eine Freude ohne wahre Fröhlichkeit, die aus Sorglosigkeit, trotzigem Auftreten, physischer Kraft und Alkohol zusammengesetzt war, und auch diese gezwungene Art von Freude beeinträchtigte die diesmal weniger verhüllte Todesahnung, unter der die Fischer beständig gelebt hatten. In Paimpol ging es laut zu; nach dem Glockengeläut und Gesang der Priester tönte der rauhe Gesang monotoner Weisen aus den Schänken, jener Matrosenlieder, die so alt sind, daß sich selbst die Überlieferung nicht ihrer Entstehung erinnert. Gruppen von Männern gingen Arm in Arm im Zickzack über die Straße, was teils dem schwankenden Gang, wie man ihn bei Seeleuten am Land oft sieht, zum Teil der beginnenden Trunkenheit zuzuschreiben war; sie warfen den Frauen, die sie antrafen, kühne Blicke zu. Auch die Mädchen standen heute gruppenweise beisammen; unter dem enggeschnürten Mieder klopfte manch junges Herz stärker, und die Augen sprachen aus, woran den Sommer über gedacht worden war. Die alten Sandsteinhäuser und hohen Dächer sahen auf das Getriebe der Menschen herab; sie hätten erzählen können, wie sie ein paar Jahrhunderte lang gegen den Regen und Westwind gekämpft, der vom Meer kommt, und die starken Mauern wüßten auch davon zu sagen, wie viel Glück und Leid sie beherbergt und wie manches Liebesabenteuer sich unter ihrem Schutz abgespielt. Die Kirchthüren standen noch weit offen, und mit dem Weihrauchgeruch zog gleichsam der Rest andächtiger Stimmung hinaus; auf den Treppenstufen lag noch das gestreute Grün und in dem weiten düstern Gewölbe flackerten die Kerzen; zahlreiche Votivtafeln hingen allerorts an den geweihten Wänden. Neben verliebten Mädchen kam ein Zug von Bräuten Verschollener und den Witwen der Schiffbrüchigen aus der Totenkapelle; und wie sie so mit gesenkten Augen, den glatten Weißen Häubchen und Trauershawls schweigend durch die bunte Menge schritten, mochte sie den Übermütigen wohl zu einer schaurigen Vorahnung dienen! Und ganz in der Nähe das ewige Meer, die große Ernährerin und Zerstörerin dieses kräftigen Geschlechtes; brausend schien es an seinem Teil das Fest mitfeiern zu wollen. Von all diesen Dingen empfing Gaud nur einen verworrenen Eindruck; sie lachte zwar und war erregt, im innersten Herzen aber doch bedrückt davon, daß sie fortan hier leben sollte. Sie ging mit ihren Altersgenossinnen auf dem Platz umher, wo Spielbuden und Seiltänzerzelte aufgeschlagen waren; und die jungen Mädchen bezeichneten ihr die Männer aus Paimpol oder Ploubazlanec mit Namen. Vor den Liedersängern stand ein Trupp Isländer und hörte zu; einer darunter war von Riesengestalt, und als die Mädchen hinter ihnen vorbeigingen, sagte Gaud mit leichtem Spott: »Das ist aber ein großer!« der jedoch nicht ausgesprochene Gedanke war: »Wer den da heiratet, hat nicht viel Platz neben ihm im Haushalt!« Der Riese hatte sich umgedreht und sie vom Kopf bis zu Fuß mit einem Blick gemustert, der zu sagen schien: »Wer ist denn das feine Mädchen in der Landestracht? man hat sie doch noch nie gesehen!« Darauf hatte er höflich die Augen gesenkt, um sie nicht durch Anstarren zu beleidigen; er schien wieder aufmerksam dem Gesang zu lauschen und man sah weiter nichts mehr von seinem Kopf als das ziemlich lange und krause Haar. Während Gaud nach dem und jenem Namen gefragt, hatte sie nach diesem nicht zu forschen gewagt: das feine Profil, der stolze, etwas scheue Blick, die prachtvollen braunen Augen hatten Eindruck auf sie gemacht und sie zugleich eingeschüchtert. Das war also »der junge Gaos,« von dem sie bei den Moans stets hatte reden hören als von Sylvesters Freund! Am Abend desselben Tages waren ihr die beiden Freunde begegnet als sie mit ihrem Vater ging; sie gingen Arm in Arm und Sylvester blieb sofort stehen, um die Verwandten zu begrüßen. Gaud hatte ihn stets als einen jungen Bruder betrachtet, und als entfernte Verwandte duzten sie sich. Sie hatte im ersten Augenblick mit dem Du gezögert, als sie den hochgewachsenen Siebzehnjährigen mit dem schwarzen Bart erblickte; als sie aber sah, daß die guten kindlich blickenden Augen dieselben geblieben, hatte sie sich schnell wieder mit ihm zurecht gefunden. Wenn er sonst nach Paimpol gekommen war, hatte sie ihn immer zum Essen dabehalten, denn bei ihm zu Hause ging es gar knapp zu und er hatte solch' guten Appetit! Um der Wahrheit die Ehre zu geben, so war Yann bei dieser ersten Begegnung, die an der Ecke eines düsteren Gäßchens stattfand, nicht besonders artig gewesen. Er hatte sich darauf beschränkt, mit einer fast vornehm zu nennenden Art den Hut abzunehmen, und nachdem er sie schnellen Blicks noch einmal angeschaut, ließ er die Augen zur Seite schweifen, als wäre ihm die Begegnung unangenehm und als ob ihm daran läge, möglichst schnell weiter zu kommen. Ein starker Westwind fegte die grünen Zweige zur Seite, die bei der Prozession gestreut worden waren, er drehte die weißen Tücher zusammen, die immer noch an den Häuserwänden hingen; und der Himmel drohte Regen. Gaud erinnerte sich jetzt am Ende ihrer langen Träumerei, wie die lärmenden und singenden Leute sich vor dem Regen in die Schänke geflüchtet hatten ... und der Hüne da vor ihr ärgerte sich offenbar, ihr in den Weg gelaufen zu sein! Wie anders war es seit jenem Abend in ihr geworden! Und welch' ein Unterschied zwischen dem Lärm jenes Festtages und der Stille an diesem Sonntagabend, wo die Stadt wie ausgestorben schien! Langsam senkte sich die Dämmerung herab und immer noch sah das verliebte Mädchen am Fenster, träumerisch und allein. 5. Die zweite Begegnung hatte bei einer Hochzeit stattgefunden. Der junge Gaos war Gaud zum Brautherrn bestimmt und sollte sie führen. Zuerst hatte sie sich vorgeredet, ärgerlich darüber zu sein, daß sie am Arm dieses langen Menschen, der allen durch seine Größe auffiel, durch die Stadt ziehen sollte, und der sicher nicht wüßte, wie man sich zu unterhalten hat. Genau genommen, fühlte sie sich aber durch seine stolze und etwas wilde Art eingeschüchtert. Zur festgesetzten Stunde war die Hochzeitsgesellschaft vollzählig versammelt und nur Yann fehlte noch. Man wartete, aber er kam nicht und endlich wurde beschlossen, nicht länger auf ihn zu warten. Da wurde Gaud inne, daß sie sich nur für ihn allein geschmückt hatte, und daß sie ohne ihn weder am Hochzeitszug, noch am Tanz Vergnügen finden würde. Endlich erschien Yann und entschuldigte sich ohne Verlegenheit bei den Brauteltern. Der Grund seines Spätkommens bestand darin, daß von England aus eine große »Bank« Fische signalisiert worden war, die in der Richtung von Auvigny am Abend vorüber kommen mußte. Diese Nachricht hatte einen wahren Aufruhr in Ploubazlanec hervorgerufen, und was nur an Barken im Hafen war, mußte eilig bemannt und zum Fang hergerichtet werden. Selbst im kleinsten Dorf war alles auf den Beinen; häufig holten die Frauen ihre Männer aus dem Wirtshaus, und schoben sie vor sich her, damit sie ins Laufen kämen, ja, die Weiber halfen sogar die Segel in Bereitschaft setzen und allüberall mit Hand anzulegen. Von den Gästen umringt, erzählte Yann auf ganz ungezwungene Art und begleitete seine Worte mit dem ihm eigentümlichen, lebhaften Mimenspiel. Sein Lächeln ließ prachtvolle Zähne sehen, und es war überaus drollig, wenn er, um die überstürzte Eile besser zu veranschaulichen, ein »Huh« hören ließ, jenen langgezogenen Ruf, mit welchem die Matrosen einander zur Eile anzuspornen pflegen. Yann hatte sich in aller Eile einen Stellvertreter suchen müssen und Mühe damit gehabt, daß der Eigentümer der Barke, dem er sich auf den Winter verheuert hatte, diesen annahm. So war es zugegangen, daß Yann so spät kam, und da er nicht auf die Hochzeit verzichten wollte, entging ihm sein Gewinnanteil am Fang. Niemand zürnte Yann noch, denn die Fischer wußten alle, wie es bei solch seltenen Gelegenheiten zugeht; hängen sie doch alle vom Meer und dessen Unberechenbarkeit ab, von der Gunst oder Ungunst der Witterung und den geheimnisvollen Wanderungen der Fische. Die anwesenden Isländer von Paimpol bedauerten nur, nicht gleichzeitig mit den Gefährten von Ploubazlanec die Nachricht von diesem Vermögen erhalten zu haben, daß ihnen draußen auf dem Meer vor der Nase vorbeischwamm. Mit bedeutender Verspätung wurde nun der Zug geordnet; lustig fiedelten die Violinen, und in fröhlicher Stimmung machte sich die Hochzeitsgesellschaft auf den Weg. Dann hatte seiner Partnerin zuerst nur die bedeutungslosen Artigkeiten gesagt, wie sie bei festlichen Gelegenheiten üblich sind. Unter all den Gästen waren diese beiden allein einander fremd, denn sämtliche Paare waren entweder Vetter und Cousine, oder Verlobte, oder Liebesleute. In letzterer Beziehung wird nach Rückkehr der Isländer in Paimpol zuweilen etwas weit gegangen, die Leute pflegen aber so anständig zu sein, hernach einander zu heiraten. Am Abend beim Tanzen kam die Unterhaltung natürlich wieder auf das Ereignis des Tages, den Fischzug. Dabei hatte ihr Yann voll in die Augen geschaut und gesagt: »Es giebt kein Mädchen in Paimpol – nein, in der ganzen Welt, derentwegen ich heute zu Haus geblieben wäre. Nein, Fräulein Gaud, für keine andere hätte ich den Fang missen wollen!« Gaud war im ersten Augenblick ganz starr darüber, daß ein einfacher Fischer so zu ihr zu sprechen wagte, die sich beinahe Königin hier dünkte. Diese hochmütige Regung machte aber einem wonnigen Gefühl Platz und sie hatte freundlich erwidert: »Ich danke Ihnen, Herr Yann; Ihre Gesellschaft ist mir auch lieber, als die eines andern.« Das war alles gewesen, von diesem Augenblick an hatten sich die beiden aber auf eine ganz andere Weise zusammen unterhalten: mit leiserer Stimme und auf vertraulichere Art. Geigenspiel und eine Drehorgel bildeten die Tanzmusik, nach welcher fast immer die gleichen Paare zusammen tanzten. Hatte Yann auch einmal mit einem andern Mädchen getanzt, so tauschte er ein freundliches Lächeln mit Gaud aus, wenn er zu ihr zurückkehrte, und sie nahmen den Faden der unterbrochenen Unterhaltung alsbald wieder auf, die sehr intim war. Dann erzählte ihr von den Anstrengungen seines Berufes, von den Lohnverhältnissen, und sprach offenherzig davon, wie viel Sorgen es früher in seinem Elternhaus gegeben habe, da er der Älteste von vierzehn Kindern war. Jetzt seien sie aber aus aller Not heraus, und hätten dies Glück zumeist einem Wrack zu verdanken, das sein Vater im Kanal La Manche »aufgebracht;« bei dem Verkauf desselben waren nach dem Anteil, den der Staat erhielt, zehntausend Frank für den alten Gaos bei der Sache herausgekommen. Dieser Glücksfall hatte ihm ermöglicht, ein neues Stockwerk auf sein Haus zu setzen; das Haus hatte eine prächtige Aussicht auf das Ärmelmeer und lag in dem Weiler Pors-Even, ganz am Ende des Distrikts von Ploubazlanec. »Unser Handwerk ist schwer,« hatte er gesagt, »und es kommt einem hart an, so alle Jahre schon im Februar wieder fort zu müssen; in Gegenden, wo es so kalt und düster und das Meer so tückisch ist!« Langsam sank die Mainacht auf Paimpol herab, während Gaud die Erinnerungen an dies merkwürdige Ballgespräch an ihrem Geist vorüberziehen ließ. Sie erinnerte sich jedes einzelnen Wortes, als hätte sie es erst gestern vernommen. Wenn Yann keine Heiratsgedanken hatte, warum hätte er ihr denn diese Einzelheiten über seine Verhältnisse mitgeteilt? Sie hatte mit fast bräutlichem Interesse zugehört, Yann sah auch gar nicht aus wie einer, der zum ersten besten über seine Angelegenheiten schwatzte. »Der Verdienst ist ganz gut,« war er fortgefahren, »ich möchte auch durchaus keinen anderen Beruf haben! Aber ein Jahr ist nicht wie das andere: stehe ich mich einmal auf nicht mehr als achthundert Frank, so werden mir ein anderes Jahr auch zwölfhundert bei unserer Rückkehr ausgezahlt, die ich dann meiner Mutter heimbringe.« »Wie? Die Sie Ihrer Mutter heimbringen, Herr Yann?« »Nun ja; freilich! und auch die ganze Summe; das ist so Sitte bei uns Isländern, Fräulein Gaud,« war die so natürlich gegebene Antwort, als spräche er von einer ganz selbstverständlichen Sache. »Und sehen Sie, so kommt's auch, daß ich eigentlich gar nie Geld habe. Will ich am Sonntag nach Paimpol gehen, so giebt mir die Mutter ein paar Franken, und in anderen Dingen ist's auch so: der Vater sorgt dafür daß man reputierlich aussieht, und hat mir jetzt den schönen Anzug machen lassen, den ich da anhabe. Mit meinen alten Kleidern vom vorigen Jahr wäre ich auch gar nicht zur Hochzeit gekommen – o nein, damit hätte ich nicht wagen mögen, Sie zu führen!« In den Augen des Mädchens, das so lange in Paris gewesen war, erfreute sich Yanns neuer Anzug zwar keiner besonderen Bewunderung, war doch die Taille des Rockes entschieden zu kurz und die Weste von ziemlich altmodischem Schnitt; aber der prachtvolle Körperbau des Trägers war gleich wohl so ersichtlich, daß der Rock seiner äußerst stattlichen Erscheinung keinen Abbruch that. Bei allem was er sagte, blickte er Gaud so in die Augen, als wollte er ihre Gedanken ergründen; und er sah gut und ehrlich dabei aus, wie er in dem Bestreben sprach, sie über seine Verhältnisse klar sehen zu lassen. Gaud sagte nicht viel, aber sie hörte um so aufmerksamer zu, und mußte sich über sich selber wundern, daß sie sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlte. Welch seltsames Gemisch von Rauheit und einschmeichelnd kindlichem Wesen! Yanns Redeweise war mit andern entschieden, ja kurz angebunden; sprach er aber mit ihr, so klang es jugendfrisch und weich zugleich, und für sie allein wußte er seiner Stimme einen vibrierenden Klang zu geben, wie er Saiteninstrumenten eigen ist. Und wie eigentümlich, was sie eben, gehört, daß dieser große Mensch, der so zwanglos auftrat und der wirklich zum Fürchten aussah, daheim behandelt wurde wie ein Kind, und das noch dazu selbstverständlich fand! Der kühne Seefahrer, der die Welt gesehen und alle Gefahren und Schrecknisse des Meeres kannte, war seinen Eltern in absolutem Gehorsam und in Ehrerbietung unterthan. Gaud verglich ihn mit ein paar Pariser Stutzern, die sie ihres Vermögens wegen mit Heiratsanträgen verfolgt hatten, und der Vergleich fiel zu Yanns Gunsten aus – er war nicht nur schöner, sondern er kam ihr auch besser vor als alle, die sie bisher kennen gelernt hatte. Um sich mehr auf eine Stufe mit ihm zu stellen, hatte sie ihm erzählt, daß auch sie nicht in Reichtum geboren sei; ihr Vater sei einst auch Islandfischer gewesen und hätte sich eine große Hochachtung vor den Isländern bewahrt; und sie selber wäre nach ihrer Mutter frühem Tod barfuß am Strande herumgelaufen. Gaud gedachte jenes wonnevollen Hochzeitsabends, der so entscheidend in ihr Leben eingegriffen hatte, fast schon wie eines fernliegenden Ereignisses. Ihre sämtlichen Tänzer von damals waren jetzt zerstreut auf dem Isländischen Meer, befanden sich in der ungeheuren Einsamkeit unter dem fahlen Licht der Mitternachtsonne, während in der bretonischen Heimat leise die Nacht herabsank und die Dunkelheit immer größer ward. Gaud saß immer noch am Fenster. Der Marktplatz draußen, der fast von allen Seiten von Häusern eingeschlossen war, sah um diese Stunde trübselig aus; die immer noch etwas lichte Wölbung des Himmels schien sich mehr und mehr über die irdischen Dinge zu erheben, deren Dasein sich einzig durch hohe Giebel und schwarze Dächer verriet, welche tiefschwarz aus dem Dunkel aufragten. Von Zeit zu Zeit hörte man das Schließen einer Hausthür oder eines Fensters; ein alter Seemann kam mit schwankendem Schritt aus der Schänke und verschwand in einem der dunklen Gäßchen. Ein paar Mädchen kamen von einem weiten Spaziergang mit großen Blumensträußen heim; eine von ihnen blieb einen Augenblick unter Gauds Fenster stehen, um ihr gute Nacht zu sagen, und sie hielt ihren Strauß hinauf, damit Gaud daran riechen sollte; man sah die hellen Heckenrosen noch ein paar Schritte weit, deren Duft sich mit dem des blühenden Geisblattes vermischte, das in den Hausgärtchen oder an Mauern blühte; zuweilen kam auch der Geruch des Seetangs vom Hafen herauf. Ein paar letzte Fledermäuse schwirrten vorüber, lautlos, als glitten sie im Traum dahin. Gauds Gedanken weilten immer noch bei der Hochzeit. Es war gegen Ende des Tanzes sehr heiß geworden, und manchem Tänzer wirbelte es im Kopf. Yann hatte mit der und jener getanzt, Frauen und Mädchen – die sich offenbar um seine Gunst bemühten, er hatte jedoch nur ein verächtliches Lächeln für ihr Entgegenkommen gehabt. Wie ganz anders als ihr war er jenen begegnet; – Yann war ein ausgezeichneter Tänzer, hochgewachsen, wie eine Eiche im Hag; er pflegte den Kopf leicht zurück zu werfen und drehte sich mit einer beinahe vornehmen Leichtigkeit. Das braungelockte Haar fiel auf seine Stirn, und berührte Gauds weiße Haube, wenn er sich zu ihr niederbeugte, um sie im Wirbel des Tanzes fester zu halten. Des öfteren hatte er sie mit einem Augenzwinkern auf seine junge Schwester Marie und auf Sylvester aufmerksam gemacht, die miteinander tanzten. Yann lachte über das jungverlobte Paar, das so schüchtern that, ernsthaft sich gegen einander verbeugte und knickste, wobei sicher mit leiser Stimme zärtliche Worte ausgetauscht wurden. Yann würde es mißfallen haben, sie weniger zurückhaltend zu sehen, doch belustigte ihn, den Vielgereisten und Unternehmenden, die naive Art der beiden, und er tauschte lächelnde Blicke intimen Einverständnisses mit Gaud, welche aussprachen: »Wie komisch und wie nett sind doch unsere jungen Geschwister!« Endlich ging die Hochzeitsgesellschaft auseinander, und die vielen Vettern und Cousinen, Brautleute und Liebespaare küßten sich alle untereinander herzhaft ab. Yann hatte Gaud nicht geküßt – das hätte sich wohl keiner gegen Herrn Mévels Tochter herausgenommen – vielleicht drückte er sie aber während des letzten Tanzes ein wenig fester an sich, und sie widerstand nicht, sondern lehnte sich mit hingebendem Vertrauen an die Brust des Mannes, dem sie ihr Herz geschenkt. Wohl kamen auch die Sinne der Zwanzigjährigen dabei ins Spiel, als sie bei rasendem Tempo in wonnevollem Entzücken so mit ihm dahin flog; aber jetzt hatte ihr Herz gesprochen. »Habt Ihr gesehen, was für Augen ihm das unverschämte Ding macht?« hatten einige schöne Mädchen mit züchtig gesenkten Augen einander zugeraunt, deren jede einen, wenn nicht zwei Liebhaber unter den Tänzern hatte. Gaud ließ ihre Augen allerdings viel auf ihrem Tänzer haften, er war aber dafür auch der erste und einzige Mann, an dem sie Interesse gefunden. Der Morgen graute, als sich die lustige Gesellschaft nach allen Seiten hin zerstreute, und Yann und Gaud hatten sich auf besondere Art voneinander verabschiedet, wie Brautleute, die sich am nächsten Tag wiedersehen werden. Als sie mit ihrem Vater heimging, fühlte sie sich nicht im geringsten ermüdet, sondern frisch und fröhlich. Voll Lebenslust atmete sie die kalte Morgenluft ein und fand das nebelige Tagesgrauen mild und köstlich. ... Es war jetzt völlig Nacht. Gauds Fenster war wohl das einzige, das noch offen stand, und die wenigen spät Heimkehrenden, denen nur die Weiße Haube ihre Anwesenheit verriet, dachten: »da sitzt eine noch so spät und träumt von ihrem Schatz.« Das traf zu; Gauds Augen starrten in die Nacht hinaus; ihre Zähne gruben sich in die Unterlippe, denn das Weinen kam ihr an. Warum war Yann seit jener Hochzeit nicht zu ihr zurückgekehrt? welche Veränderung war mit ihm vorgegangen? bei zufälliger Begegnung sah es aus, als wolle er sie am liebsten fliehen, denn er hatte die Augen abgewandt. Gaud hatte mit Sylvester Moan gesprochen, der diese unleugbare Veränderung so wenig verstand, wie sie selbst. »Und doch dürftest du gar keinen anderen als Yann heiraten, Gaud,« hatte er gesagt. »Dein Vater würde wohl nichts dagegen haben, denn es giebt landauf und landab nicht seinesgleichen. Er ist viel solider, als er sich den Anschein giebt – es kommt selten einmal vor, daß er zuviel trinkt. Wie gut er ist, kannst du dir gar nicht vorstellen. Und welch ein Seemann! die Kapitäne reißen sich alle Jahre um ihn!« Der Einwilligung ihres Vaters hätte Gaud ziemlich sicher sein können, denn er war ihren Wünschen im ganzen Leben noch nicht zuwider gewesen, und daß Yann unvermögend war, würde ihm nichts ausmachen; hatte er doch Besseres in die Wagschale zu legen: Ein geringer Vorschuß würde hinreichen, um ihn einen Steuermannskursus von sechs Monaten durchmachen zu lassen, und er gäbe einen Kapitän, dem die Schiffseigner ihre Fahrzeuge gern anvertrauen würden. Daß Yann ein halber Riese war, machte ihr nichts mehr aus; der Frau kann Überlänge als Fehler angerechnet werden, beim Mann hingegen thut sie der Schönheit keinen Eintrag. Unter der Hand hatte Gaud sich auch bei einigen Mädchen erkundigt, welche die Liebesgeschichten der ganzen Gegend kannten, und sie erfuhr, daß Yann sich noch nirgends gebunden habe, aber nach rechts und links ging er, wo er willkommen war, in Lézardrieux sowohl wie in Paimpol. An einem Sonntagabend, zu sehr später Stunde, hatte ihn Gaud unter ihrem Fenster vorbeigehen sehen, mit einer gewissen Jeannie Caroff, die er im Gehen fest an sich gedrückt hielt. Sie war zwar hübsch, stand aber in äußerst schlechtem Ruf. Daß Yann diese Person heim begleitete, hatte Gaud einen grausamen Schmerz bereitet. Sie erfuhr auch, daß er zuweilen jähzornig sei; in einem Kaffeehaus, wo die Isländer ihre Gelage hielten, sollte er einmal einen starken Marmortisch gegen die Thür geschleudert haben, die man ihm nicht hatte aufmachen wollen. Gaud hatte ihm alles dies verziehen – man weiß ja wie die Seeleute sind, wenn es über sie kommt – wenn er aber so guten Herzens war, warum hatte er sich in ihr ahnungsloses Herz geschlichen, um es darauf von sich zu stoßen? Warum hatte er während des ganzen Festabends sie allein mit seinen wunderbaren Augen angeschaut, mit dem lieben Lächeln und in so treuherziger Weise ihr Dinge erzählt, die man nur einer Braut anzuvertrauen pflegt? Es war zu spät dazu, ihr Herz wieder von ihm losreißen zu können. Als Kind war ihr oft ihr Eigensinn vorgehalten worden, niemand hatte ihn aber ausgerottet, und so hielt sie auch als erwachsenes Mädchen zäh an allem fest, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt. Den ganzen Winter über hatte sie vergeblich daraus gehofft, Yann wiederzusehen, und selbst bei der Abreise nach Island hatte er nicht Abschied von ihr genommen. Gleichwohl erfüllte er ihr ganzes Sein, und die Zeit schien sich träge hin zu schleppen, bis er wieder kam – dann aber wollte sie erfahren, wie sie mit ihm daran war. Mit der besonderen Klarheit, wie sie die Glockentöne in stillen Frühlingsnächten annehmen, schlug es vom Rathausturm Elf. Das ist sehr spät in Paimpol, daher schloß Gaud endlich das Fenster und zündete ihre Lampe an, um zu Bett zu gehen. Vielleicht war es nur Yanns wilde ungezähmte Natur, die ihn ferne hielt? oder fürchtete er, der auch seinen Stolz hatte, eine Abweisung, da sie zu reich für ihn sei? sie hätte ihm am liebsten die Frage selbst vorgelegt, Sylvester fand es aber unstatthaft für ein junges Mädchen: es möchte ihr in Paimpol übel ausgelegt werden, wo die Leute ohnehin über ihr Wesen und städtischen Anzug redeten. Mit der Langsamkeit einer Person, die mit ihren Gedanken anderswo ist, steckte Gaud die Musselinhaube ab und zog ihr Kleid aus, das sie achtlos über einen Stuhl warf. Dann kam das lange Korsett an die Reihe, und sobald der Körper nicht mehr zusammengepreßt war, nahm er seine natürlichen Formen an. Die Linien der jugendlichen Gestalt waren voll und weich, so schön, wie an einer Marmorstatue, jede Bewegung änderte die Form und in jeder Stellung war die Gestalt tadellos schön. Das kleine Lämpchen ließ mit schwachem Schein Brust und Schultern der prachtvollen Figur sehen, die noch keines Menschen Auge geschaut; wenn Yann sie nicht wollte, so würde ihre Jugendfülle eben welken und vergehen. Ihres hübschen Gesichts war sich Gaud wohl bewußt, von der Schönheit ihres Körpers hatte sie jedoch keine Ahnung. Diese ist übrigens bei den Töchtern der kraftvollen Islandfischer fast zum Typus geworden, man merkt aber wenig davon, denn selbst diejenigen, die sich am wenigsten schüchtern zeigen, würden nicht daran denken, mit ihren körperlichen Reizen zu prunken, sondern verhüllen sie schamhaft. Nur Stadtdamen messen ihren Körperformen so viel Wichtigkeit bei, daß sie sie künstlich formen oder gar malen lassen ... Gaud wickelte ihre Zöpfe von den Ohren los und legte sie kranzförmig um den Kopf, was bequem zum Schlafen ist, und jetzt glich sie mit ihrem geraden Profil einer römischen Jungfrau. Sie spielte mit den Enden der schweren Flechten, dann aber riß sie die schöne Krone herunter, flocht sie eilig auf und hüllte sich in die wallende Haarmasse, die bis über die Hüften ging, und jetzt sah Gaud aus wie eine Waldnymphe. Immer noch biß sie fest auf die Unterlippe, um die Thränen zurückzudrängen, der Schlaf forderte aber endlich sein Recht und Gaud legte sich nieder, indem sie ihr Gesicht in dem seidenweichen Haar verbarg. In ihrer Hütte in Ploubazlanec war auch die Großmutter Moan, die an der Grenze des Lebens stand, endlich eingeschlafen; nachdem sie lange an ihren Enkel und an den Tod gedacht. Die beiden aber, um die sich an diesem Abend so viel liebende Gedanken gedreht, Yann und Sylvester, befanden sich an Bord der »Marie« auf dem Eismeer, das sehr aufgeregt war; sie lagen zur selben Stunde bei fast taghellem Licht dem Fischfang ob, und sangen vergnügt dazu. 6. Es war etwa einen Monat später, im Juni. Um Island herrschte das seltene Wetter, welches die Matrosen »weiße Stille« zu nennen pflegen, eine so absolute Windstille, als gäbe es gar keine Bewegung mehr in der Luft. Der Himmel hatte sich mit einem großen, weißen Schleier überzogen, der sich gegen den Horizont zu in Bleigrau verdüsterte, das matten Zinnglanz trug. Und die regungslosen Wasser darunter warfen einen matten Spiegel zurück, der den Augen weh that und ein Gefühl von Kälte erzeugte. Ungeachtet der Bewegungslosigkeit des Wassers huschten beständig mattglänzende Reflexe darüber hin, die so seine Kreise hervorbrachten, als hauchte man gegen einen Spiegel; die ganze weite Wasserfläche schien bedeckt von schleierfeinen, unbestimmten Mustern, die sich fortwährend veränderten, unter einander liefen und schnell wieder verschwanden. Man hätte kaum sagen können, ob es Abend oder Morgen war; eine Sonne die nicht mehr unterging und kein Zeitmaß mehr gab, stand immer da, als wollte sie Zeuge der matten Strahlung einer leblosen Öde sein; sie selber war nur noch ein mattscheinender Kreis, fast ohne Umrisse, nur durch einen trüben Hof ins Ungeheure vergrößert. Yann und Sylvester fischten Seite an Seite und sangen »Jean-François von Nantes« dazu, ein Lied, das kein Ende nimmt, über dessen Eintönigkeit sie sich sogar noch belustigten und sie zu beleben suchten, indem sie beim jedesmaligen Wiederbeginn der Strophe sich einander anblinzelten und eine neue Betonung hineinzulegen suchten. Dann lachten sie über diese etwas kindische Spielerei, setzten sie aber vergnügt fort. Ihre Wangen waren gerötet von dem kräftigen Salzwasser und mit voller Brust atmeten sie die belebende, jungfräuliche Luft ein, diese Quelle aller Kraft und alles Daseins. Und doch war alles um sie her so tot, als wenn man am Ende aller Dinge, oder die Welt noch nicht geschaffen wäre. Das Licht spendete keine Wärme, und unter dem Blick dieses großen gespenstischen Sonnenauges nahmen sich alle Dinge leblos und wie auf alle Zeiten in Erstarrung versetzt, aus. Der Schatten, welchen die »Marie« auf das Wasser warf, war lang wie ein Abendschatten und sah im Widerschein des weißen Himmelslichtes grün aus. In diesem Reich des Schattens, das der Spiegelung nicht unterworfen war, sah man bei der Durchsichtigkeit des Wassers, was in demselben vorging, ungezählte Mengen von Fischen, alle einander gleich, schwammen in Myriaden nebeneinander in gleicher Richtung dahin, als hätten sie auf ihrer ewigen Wanderung ein und dasselbe Ziel. Es waren Kabeljaus, die ganz exakt bestimmte Bewegungen übten; in dichten Massen glitten die Fische dahin, in unaufhörlich gleichem Wechsel der Bewegung, was den Zug der schweigenden Lebewesen als glänzende Flüssigkeit erscheinen ließ. Manchmal drehte sich einer mit einem schnellen Schlag des Schwanzes um, wobei der silberglänzende Bauch sichtbar ward, und derselbe Schwanzschlag und dieselbe Umdrehung ging augenblicklich durch den ganzen Zug, was den Eindruck hervorrief, als ob Tausende von Stahlklingen sich zwischen zwei Wassern befänden, und jede einen Blitzfunken emporschickte. Die bereits sehr tief stehende Sonne sank noch mehr – es war also wirklich Abend. Jemehr sie in die bleifarbene Region kam, die dem Meer nahe ist, je gelber wurde sie und ihre Umrisse traten schärfer hervor; man konnte ebenso die Augen auf sie richten, wie man gewohnt ist es beim Mond zu thun, obgleich sie leuchtete. Sie schien erstaunlich nahe – wenn man mit dem Schiff bis zum Horizont fuhr, so hätte man glauben mögen, den mattleuchtenden gewaltigen Sonnenball nur ein paar Meter hoch über dem Wasser in der Luft schweben zu finden. Mit dem Fischfang ging es tapfer vorwärts, und man konnte in dem stillen Wasser sehen, wie die Sache sich abspielte: von den Kabeljaus, die in Menge herbeikamen, schnappte einer nach dem andern gefräßig nach dem Köder, schüttelte sich ein wenig, wodurch der Angelhaken noch tiefer eindrang, worauf die Angelschnur schnell in die Höhe gezogen, das Tier losgemacht und dem Kameraden zugeworfen wurde, der das Ausnehmen und Plattschlagen zu besorgen hatte. Die Flottille der Leute aus Paimpol hatte sich auf dem Spiegel zerstreut und belebte diese öde Wasserwüste. Da und dort erschien ein weißes Segel, das übrigens nur der Form halber aufgesetzt war, da sich ja kein Lüftchen regte, und die kleinen Segel hoben sich schneeweiß von dem grauglänzenden Horizont ab. Der Beruf eines Islandfischers schien an diesem ruhigen Tag spielend leicht zu sein! Jean-François von Nantes, Jean-François, Jean-François! erklang der unermüdliche Gesang dieser beiden großen Kinder, und Yann machte sich offenbar recht wenig daraus, daß er so schön war und vornehm aussah; übrigens war er auch nur mit Sylvester ein Kind, mit dem allein er sang und spielte. Gegen andere war er verschlossen, stolz und fast düster zu nennen; brauchte man ihn, so war er sanft und hilfsbereit, sehr gut und dienstfertig, so lang ihn nur niemand zum Zorn reizte. Während die beiden ihr Lied immer wieder von vorn anfingen, sangen zwei, die ein paar Schritte weit von ihnen fischten, ein anderes, und ihr Lied war ein Gemisch von Gesundheit, Schläfrigkeit und unbestimmter Schwermut. So verging die Zeit und Langeweile kam nicht auf. In dem eisernen Ofen unten in der Kajüte glimmte immer das Feuer; gegenwärtig war die Ofenthür fest zugeschraubt, damit die Fischer, welche eben ihre Ruhestunden hatten, meinen konnten, es sei Nacht. Luft brauchten sie nicht viel zum schlafen – die weniger robusten Stadtleute würden mehr verlangen – wenn aber den ganzen Tag lang die Brust sich in dieser Unendlichkeit geweitet hat, da kriecht der müde Mensch fast wie das Tier in irgend ein kleines Loch und schläft so tief, daß er sich nicht rührt. Wann die Reihe zum Schlafen an sie kam, war den Leuten ganz gleich, bei der ewigen Helle hatten ja die Stunden ihre eigentliche Bedeutung verloren, und sie schliefen jenen gesunden Schlaf, den keine Träume stören und der den Menschen erquickt. Kam der Gedanke auf die Frauen, so regte er wohl die Schläfer auf, aber in sechs Wochen traten sie die Heimfahrt an, und dann wollten sie die Augen schon aufmachen, wenn es galt sich einen neuen Schatz zu suchen, oder den alten wieder in Besitz zu nehmen. Solche Dinge kamen ihnen aber nicht oft in den Sinn, vielmehr wurde der Frauen, Schwestern und Bräute meist in aller Ehrbarkeit gedacht. Mit der Gewohnheit der Enthaltsamkeit schlafen auch die Sinne ein, und zwar auf ziemlich lange Zeit. Jean-François von Nantes, Jean-François, Jean-François! Ganz fern am grauen Horizont bemerkten sie jetzt kaum erkennbar einen schwachen Rauch, von etwas dunklerem Grau, als das des Himmels, fein wie ein mikroskopischer Schweif aus dem Wasser aufsteigend. Die geübten Augen, die in die Tiefe zu schauen gewohnt sind, hatten ihn aber sogleich erspäht. »Ein Dampfschiff! dort! dort!« riefen sie. »Ich denke mir,« sagte der Kapitän, nachdem er scharf hingesehen hatte, »es wird wohl ein Regierungsdampfer sein, der Kreuzer, der seine Runde macht.« Die schwache Rauchsäule brachte Nachrichten aus Frankreich, und unter anderen auch einen gewissen Brief, den die Hand eines schönen jungen Mädchens für die alte Großmutter geschrieben. Langsam näherte sich der Dampfer, und schon konnte man dessen Rumpf erkennen – es war allerdings der Kreuzer, der die westlichen Fjorde besuchte. Da erhob sich eine leichte Brise und fing auf einmal an, da und dort die leblosen Wasser zu kräuseln; sie zog blaugrüne Muster über den leuchtenden Spiegel, die sich bald fächerartig, bald schweifförmig ausbreiteten, oder sich zu Sternkorallen verzweigten; ein Brausen begleitete die schnelle Veränderung dieser Gebilde, das wie ein Weckruf über die erstarrte Wasserfläche dahinfuhr. Da der Schleier vom Himmel wie weggezogen war, ward es auf einmal klar, und weil jetzt wieder Dunst aufsteigen konnte, ballten sich leichte graue Wolken zusammen, die den Horizont bald wie eine niedrige Mauer umschlossen. Nachdem vom spiegelnden Himmel von oben und vom Wasserspiegel von unten weggewischt war, was die Reinheit beider getrübt, gewannen sie ihre tiefe Durchsichtigkeit wieder. Die Witterung änderte sich, aber die Plötzlichkeit solchen Vorganges war nicht gut! Von den verschiedenen Punkten her tauchten auf einmal Fischerboote auf, von allen französischen Schiffen aus der Bretagne, der Normandie, von Boulogne und Dünkirchen, die in diesen Gewässern Fischfang betrieben. Wie Vögel einem Lockruf folgen, so sammelten sie sich, und die kleinen grauen Segel bevölkerten auf einmal die öde Wasserwüste. Sie trieben auch nicht mehr langsam dahin, sondern hatten frische Segel aufgesetzt und segelten mit größtmöglichster Schnelligkeit, um den Dampfer zu erreichen. Das ziemlich ferne Island war auch sichtbar geworden; es schien sich, gleich ihnen, nähern zu wollen, und je länger je mehr zeigten sich deutlich die großen Berge nackten Felsgesteins, die sich niemals anders als von einer Seite, von unten herauf und gleichsam widerwillig, sehen lassen. Sie setzten sich sogar in einem zweiten Island von ähnlicher Farbe fort, das allmählich schärfer hervortrat, aber diese noch gewaltigeren Berge waren ein Trugbild, und nichts weiter als zusammengeballte Nebel. Die ohnehin niedrig stehende Sonne, die sich nicht über Island zu erheben vermochte, bot einen kläglichen Anblick; sie hatte jetzt keinen Hof mehr und ihre runde Scheibe zeigte wieder scharfe Umrisse; es sah aus, als hätte sie sich vor dieser Wahninsel aufgepflanzt und bliebe unentschlossen da stehen; sie erschien dem Auge wie ein armseliger, gelber, hinsterbender Planet ... Der Kreuzer hatte jetzt gestoppt und war aus weitem Umkreis von der Plejade der Isländer umgeben. Von jedem ihrer Schiffe ward eine Nußschale von Boot herabgelassen, die langbärtige Männer in ziemlich wildem Aufzug an Bord brachten. Fast wie Kinder hatten sie alle um etwas zu bitten: um Verbandzeug für kleine Wunden, Flickzeug, Nahrungsmittel, Briefe. Andere waren von ihren Kapitänen geschickt, um sich wegen meuterischen Betragens in Eisen legen zu lassen, was ihnen ganz selbstverständlich schien, da sie alle bei der Marine gedient hatten. Und wie ihrer vier oder fünf mit der Kugel am Fuß auf dem schmalen Achterdeck lagen, und der alte Steuermann, der sie geschlossen hatte, sagte: »Legt euch doch quer, Kerls, damit man vorbei kann,« da thaten sie es gehorsam und lächelten dazu. Diesmal gab es viele Briefe für die Isländer! Zwei davon waren für die »Marie,« Kapitän Guermeur, bestimmt, der eine an Yann Gaos, der andere an Sylvester Moan. Dieser war über Dänemark nach Reikyavik gelangt, von wo ihn der Kreuzer zur weiteren Besorgung mitgenommen hatte. Der Wiegemeister langte tief in den Briefsack aus Segeltuch und verteilte die Briefe; er hatte zuweilen Mühe, die Adressen zu entziffern, die oft von sehr ungeübter Hand geschrieben waren. »Vorwärts, Leute!« sagte der hinzutretende Kapitän, »eilt euch! das Barometer sinkt.« War es doch keine Kleinigkeit für ein Seemannsherz, diese Menge von Nußschalen schnell umschlagender Witterung ausgesetzt zu wissen! Yann und Sylvester pflegten ihre Briefe gemeinschaftlich zu lesen, und diesmal geschah es beim toten Schein der Mitternachtsonne. Dazu saßen sie in einem Winkel der Schiffsbrücke, jeder mit einem Arm die Schulter des Kameraden umschlungen, als wollten sie die Nachrichten aus der Heimat recht gründlich auskosten. Sylvester fand in Yanns Brief Nachricht über Marie Gaos, sein Bräutchen, während Yann in des Freundes Brief die köstlichen Geschichten mit genoß, welche die Großmutter zum Vergnügen des abwesenden Enkels hatte schreiben lassen. Und die Schlußworte des Briefes galten ihm: »Meinen Gruß an den jungen Gaos.« »Eine schöne Schrift, nicht wahr?« sagte Sylvester schüchtern und tippte mit dem Finger auf die letzten Zeilen, um dann die Hand schätzen zu machen, die sie geschrieben. Wem diese Hand angehörte, das wußte Yann sehr wohl: anstatt zu antworten, zuckte er aber nur mit den Schultern und stand auf, als wollte er damit sagen, es langweile ihn, daß Sylvester ihm immer wieder mit dieser Gaud käme. Langsam und vorsichtig faltete Sylvester seinen lieben verachteten Brief zusammen, steckte ihn wieder in den Umschlag und barg ihn unter seiner gewebten Jacke, dicht an seinem Herzen. »Sie werden sich nie heiraten,« dachte er traurig. »Was kann nur Yann gegen sie haben?« Auf der Schiffsglocke des Kreuzers schlug es Mitternacht, aber noch immer saßen die beiden da, dachten an ihre fernen Angehörigen, an das Heimatland, und tausend Dinge zogen wie im Traum an ihnen vorüber. Da stieg die ewige Sonne langsam am Himmel wieder auf, es war also Morgen. Zweiter Teil. 1. Diese isländische Sonne hatte sich an Farbe und Aussehen verändert, und eröffnete den neuen Tag mit einem unheimlichen Morgen. Sie war gänzlich von ihrem Schleier befreit und zeigte große Strahlen, die sich wie Lanzen über den Himmel legten und schlimmes Wetter prophezeite. Es war in den letzten Tagen auch gar zu schön gewesen, als daß es nicht ein Ende nehmen müßte. Der Wind blies in die vielen Schiffe hinein, als fühlte er das Bedürfnis, sie zu zerstreuen und das Meer von ihnen zu befreien; sie segelten auch schon so eilig fort, wie ein Heer, das sich auf ungeordnetem Rückzug befindet und um der Drohung zu entfliehen, die in der Luft geschrieben stand und über deren Bedeutung kein Zweifel war! Es blies immer stärker und durchschauerte Menschen und Fahrzeuge. Die noch kleinen Wellen liefen einander nach und thaten sich zu Gruppen zusammen; sie waren wie marmoriert mit weißem Schaum, der auf ihrer Höhe erst graupelnd niederfiel und dann als Gischt aufspritzte; man hätte glauben mögen, daß er darunter brennte und kochte, und das Rauschen und Zischen nahm von Minute zu Minute zu. An Fischfang dachte jetzt niemand mehr, nur an Leitung der Schiffe. Die Angelgeräte waren längst weggeräumt. Sie alle beeilten sich fort zu kommen, die einen gedachten in den westlichen Fjorden Schutz zu suchen, andere versuchten noch die Südspitze von Island zu umschiffen, und zogen es vor, sich der hohen See anzuvertrauen, wo sie freien Raum hatten, sich vom Wind treiben zu lassen. Noch waren sie für einander in Sicht, und da und dort tauchte hinter fernen Wolkenbergen ein Segel auf – ein armseliges, kleines, nasses Ding zwar, das sich aber brav aufrecht hielt, wie die Schiffchen, welche sich Kinder aus Fliedermark machen und die immer wieder aufstehen, wenn man sie umbläst. Die Wolkenmasse, die sich in Inselform vor den westlichen Horizont gelagert, löste sich nun von oben her in Wolkenfetzen auf, die am Himmel dahinflogen, und deren Vorrat schier unerschöpflich schien; der Wind zog sie bald in die Länge, bald in die Breite, um sie endlich zu großen düsteren Flächen von weiter Ausdehnung zu gestalten; der Himmel zeigte jetzt ein helles Gelb von kaltem Ton, das sehr durchsichtig war. Der Wind blies immer stärker, und wie er droben die Wolken jagte, so brachte er im Wasser immer größeren Aufruhr hervor. Der Kreuzer war nach Island zu gefahren und die Fischerboote auf dem wilden Meer allein geblieben, das immer bedrohlicher ward und eine schreckliche Färbung zeigte. Aus den Schiffen beeilte man sich, alles für den Sturm in Bereitschaft zu setzen; die Entfernung zwischen ihnen ward immer größer und bald verloren sie einander ganz aus dem Gesicht. Die gekräuselten Wellen folgten eine der anderen in zunehmender Schnelligkeit, bäumten sich auf, türmten sich übereinander und zwischen ihnen bildeten sich grausige Tiefen. Welch unheimliche Veränderung binnen wenigen Stunden! wo gestern lautlose Stille geherrscht, da toste jetzt der Sturm. Wozu dieser Aufruhr der Elemente, die sich zu blinder Zerstörung rüsteten? Vom Westen her kamen schwere Wolkenmassen, die sich aufeinander türmten und den Himmel verdüsterten. Zerrissen die Wolken, so sandte die Sonne Strahlengarben hindurch, und das jetzt grünliche Wasser war vom Schaum gestreift, wie ein Zebrafell. Zum Mittag war die »Marie« vollständig für den Sturm gerüstet und die Segel eingezogen; sie hob und senkte sich mit einer Leichtigkeit, als tanzte sie spielend über die Wellen dahin, wie die Delphine, denen es im wildesten Sturm am wohlsten ist. Nur das Focksegel war aufgesetzt, und, wie der seemännische Ausdruck heißt, floh die »Marie« vor dem Sturm, der hinter ihr her raste. Es war so dunkel geworden, daß der Himmel einem erdrückenden geschlossenen Gewölbe gleich war, an welchem tiefgehende Wolken wie schwarze Flecke aussahen. Man mußte ruhig hinschauen, um zu erkennen, daß an dieser unbeweglich scheinenden, ungeheuren Wölbung alles in Bewegung war, und die Wolken in wilder Flucht dahin jagten, von neuen und immer dunkleren gefolgt. Immer schneller floh die »Marie« vor dem Sturm – und auch der Sturm floh, als gälte es, einem grausigen Geheimnis zu entfliehen. Schiff, Meer und Wolken, alles befand sich in einem rasenden Taumel, einer wilden, sinnlosen Flucht. Die Geschwindigkeit des Windes war am größten; in zweiter Linie kam die der Wogen, welche das schnelle Schiff beständig überholten und ihre weißen Kämme darüber wegzuschlagen strebten. Die tapfere »Marie« lavierte aber geschickt, und die Furche ihres Kielwassers bildete ein Hindernis, an dem sich die Wut der Wogen brach. Merkwürdig, daß man bei diesem Wirbel die Empfindung der Leichtigkeit hatte: stieg die Marie mit den Wellen in die Höhe, so ging das so leicht, als hebe sie der Wind, und ging es bergab, war es nichts anderes, als ein sanftes Gleiten, das nur den Schiffskörper so erbeben machte, wie man den scheinbaren Sturz der »russischen Schaukel,« oder einen jähen Fall im Traum empfindet. Die Wasserberge hinab ging es in tiefe dunkle Schlünde, die ihrerseits auch in Aufruhr waren und wütend in Schaum und Gischt am Schiff empor strebten und dann in nichts zerstoben. War es einer Sturzwelle entgangen, so kam schon die nächste, noch größere, hinter ihm her, durchsichtig grün und sich hoch aufbäumend, schien ihr Brausen auszudrücken: »Warte nur; sobald ich dich erwischen kann, begrabe ich dich unter mir!« Aber nein; sie hob die »Marie« nur auf ihren Kamm, wie man durch Achselzucken eine dort ruhende Feder weiterblasen konnte; sie rollte unter dem Schiff weg und grub sich brausend ihren Weg in die Tiefe. Und so ging es fort, immer toller und ärger, die Wogen nahmen an Größe zu, kamen in ganzen Reihen, wie Gebirgszüge daher, deren Thäler Grausen einflößen mußten. Dazu verdunkelte sich der Himmel immer noch mehr. Ein gefährlicher Sturm, bei welchem es aufpassen hieß! so lange man jedoch Raum zum Fliehen vor sich sah, mochte es noch gehen. Die »Marie« hatte gerade dies Jahr in den am meisten westlich gelegenen Fischereigründen verbracht, nun sie der Sturm pfeilgeschwind nach Osten zu vor sich her jagte, machte sie unbeabsichtigt gleich ein gutes Stück des Rückwegs. Yann und Sylvester standen am Steuer; sie hatten sich mit den Gürteln festgebunden und sangen immer noch ihr Lied: »Jean-François von Nantes.« Von der wirbelnden Bewegung um sie her berauscht, sangen sie aus vollem Hals, lachten darüber, daß sie vor dem Tosen des Sturmes einander nicht mehr hörten, und es machte ihnen Spaß, den Kopf zu wenden und gegen den Wind zu singen, bis ihnen der Atem verging. Aus der halbgeöffneten Luke tauchte eben das bärtige Gesicht des Kapitäns so plötzlich auf, daß es aussah, als wollte ein eingesperrtes Teufelchen aus seiner Atrappe schnellen. »Ist wohl ein bißchen dicke Luft bei euch da droben, Kinder?« fragte er. Nichts weniger als das, diese Luft! Sie hatten keine Furcht, Yann und Sylvester, denn sie wußten genau, was zu geschehen hatte und wieviel sich überhaupt thun ließ, dazu vertrauten sie auf die Festigkeit des Schiffes, auf die Kraft ihrer Arme und auch auf den Schutz der Jungfrau Maria, ihrer Patronin, die seit vierzig Jahren unten im Schiffsraum auf dem Wandbrettchen, immer lächelnd über den Blumensträußen stand, und manch schweres Unwetter mitgemacht hatte. Jean-François von Nantes, Jean-François, Jean-François! Weiter als ein paar hundert Meter konnte man nicht sehen, dort schien in unbestimmbarem Grauen alles aus zu sein. Man glaubte sich inmitten eines abgeschlossenen Raumes, dessen Aussehen beständig wechselte, obwohl der Wasserstaub, der mit ungeheurer Schnelligkeit flog, das Sehen erschwerte und unklar machte. Von Zeit zu Zeit zerrissen die Wolken im Nordwesten, wo der Wind umspringen konnte, dann schossen Streiflichter über die dunkle Wölbung des Himmels, die ihn nun noch schwärzer erscheinen ließen, und einen Blick auf das unendliche Meer gestatteten, das schreckliche, schaumgekrönte Wogen heranwälzte. Bei solch einem Ausblick in kurz andauernder Helle konnte sich wohl das Herz zusammenschnüren: gab er doch einen Begriff von der Unermeßlichkeit der Region, inmitten welcher der Mensch allein war unter der entfesselten Wut der Elemente. Es herrschte ein wahrer Höllenlärm, und wie mit tausend Stimmen brüllte es von oben, von allen Seiten, aus der Tiefe herauf, und sie alle trachteten den Menschen zu betäuben und ihm Schrecken einzuflößen, ihn zu blenden und seine Kraft zu lähmen. Das Toben des Sturmes nahm zu und die Wogen fielen über das Schiff her, als wollten sie es verschlingen; sie türmten sich zu unsinniger Höhe auf und trotz der schweren Wassermassen zeigten sie höchst unregelmäßige Formen, davon grünliche Wasserfetzen niederfielen, die der Wind nach allen Seiten hin verspritzte. Mit dumpfem Knall schlugen die Sturzwellen auf die Schiffsbrücke und die »Marie« erbebte davon, wie in körperlichen Schmerzen. Infolge des herumspritzenden weißen Gischtes konnte man endlich gar nichts mehr unterscheiden, und der heulende Wind bildete Wirbel davon, die er aufwärts führte, wie den Straßenstaub im Sommer. Dazu fiel jetzt noch ein starker Regen in schrägen, fast wagerechten Streifen, der schmerzhaft ins Fleisch schnitt, als würde es mit Riemen gepeitscht. Yann und Sylvester hatten Mühe, sich auf den Füßen zu halten, obwohl sie festgebunden waren; ihre Teerjacken waren hart und glänzend wie Haifischfelle, denn alles Wasser lief an ihnen ab, und sie hatten sie an Hals, Handgelenken und Knöcheln mit geteerter Schnur zugebunden, damit kein Wasser eindringen konnte. Wurde der Regen allzu heftig, so krümmten sie einmal den Rücken und stemmten die Füße ein, um sich aufrecht zu halten. Die Haut ihrer Wangen brannte aber und der Atem ging keuchend. So oft eine Welle klatschend auf sie niedergegangen war, blickten sie einander an und lächelten darüber, wie viel Salz sich in ihren Bärten angesammelt hatte. Die unaufhörliche Wut des Sturmes zu ertragen, ward aber mit der Zeit ungemein anstrengend! Bei Menschen und Tieren erschöpft der Zorn sich mit der Zeit und vergeht, das rasende Toben der Elemente aber, das ohne Ursache und Ziel ist, kann lange währen, und erscheint uns so geheimnisvoll, wie Leben und Tod. Jean-François von Nantes, Jean-François, Jean-François! Noch immer kam das alte Lied über die bleich gewordenen Lippen, aber matt und klanglos, wie von Zeit zu Zeit halb unbewußt wieder aufgenommen. Das Übermaß von Getöse und Bewegung erzeugte endlich Taumeln, und so jung und kraftvoll beide auch waren, so verzerrte sich das Lächeln endlich zum Grinsen, der Körper bebte so, daß die Zähne aufeinander schlugen, und die Augen blickten starr unter den brennenden und zuckenden Lidern hervor. Wie zwei Marmorsäulen standen sie da, an das Steuer festgebunden, fast ohne noch denken zu können; die blaugefrorenen und verkrampften Hände machten aus reiner Gewohnheit der Muskeln noch die nötigen Bewegungen. Ein Rest ursprünglicher Wildheit regte sich in den zwei Menschen, die da um ihr Leben kämpften, und mit den wassertriefenden Haaren und verzerrtem Mund sahen sie ganz schrecklich aus. Sehen konnten sie einander nicht mehr, sie hatten nur das Bewußtsein, daß sie noch da waren, Seite an Seite standen. In den gefährlichsten Augenblicken, so oft sich eine haushohe Woge hinter ihnen aufrichtete und mit Brüllen und Krachen auf das Schiff schlug, erhoben sie unwillkürlich eine Hand, um das Zeichen des Kreuzes zu machen. Sie dachten an nichts mehr, weder an Gaud noch ein anderes Weib, noch ans Heiraten. Der Sturm hatte allzu lange gewütet und die Denkfähigkeit gelähmt, sie fühlten nur noch die wirbelnde Bewegung, in der sich alles befand, Übermüdung und Kälte. Das waren nur noch zwei Säulen erstarrten Fleisches, zwei wilde Tiere, die sich instinktiv an ihrem Steuer anklammerten, um nicht fortgerissen zu werden und umzukommen. 2. In der Bretagne werden gegen Ende September die Tage schon recht kühl. Gaud schritt ganz allein durch die Haide von Ploubazlanec nach Pors-Even zu. Ungefähr seit einem Monat waren die Schiffe der Isländer zurückgekehrt, bis auf zwei, die bei dem Sturm im Juni untergegangen waren. Die »Marie« hatte sich brav gehalten, und Yann, wie die übrige Bemannung, waren nun ruhig daheim. Gaud war es recht beklommen zu Mute, denn sie wollte diesen Yann jetzt aufsuchen. Sie hatte ihn erst ein einziges Mal seit seiner Rückkehr gesehen, und zwar gelegentlich der Abreise des armen Sylvester, der nun in Brest bei der Marine eintreten mußte. Freunde und Verwandte hatten ihn an den Postwagen begleitet; er hatte ein paar Thränen vergossen, während die Großmutter in einem fort weinte. Yann war auch gekommen, um seinen Freund zu umarmen. Gaud hatte aber nicht mit ihm reden können, denn es standen eine Menge Leute da, Freunde und Verwandte anderer Einberufener, die zugleich mit Sylvester abreisten, und Yann wandte jedesmal den Blick weg, wenn ihn Gaud ansah. Nun hatte sie den großen Entschluß gefaßt, der Familie Gaos einen Besuch zu machen, was sie zagenden Herzens ausführte. Der alte Mével hatte früher gemeinsame Geschäfte mit Yanns Vater gemacht, und da unter Bauersleuten und Fischern Abrechnungen langsam zu gehen pflegen, so schuldete er ihm noch hundert Frank vom Verkauf einer Barke her. »Du solltest mich ihm das Geld hintragen lassen, Vater,« hatte Gaud gesagt; »ich würde Marie Gaos sehr gern einmal wiedersehen, und dann bin ich auch noch gar nicht über Ploubazlanec hinausgekommen – der weite Weg würde mir Freude machen.« Gaud empfand ängstliche Neugier, das Dorf und die Familie kennen zu lernen, die vielleicht einmal die ihrige werden sollte. Bei der letzten Unterredung, die sie mit Sylvester gehabt, hatte dieser Yanns sonderbares Benehmen auf seine Art zu erklären gesucht. »Siehst du, Gaud, er ist nun einmal so; er hat sich's in den Kopf gesetzt, nicht zu heiraten, und das Meer ist seine einzige Liebe. Einmal im Scherz hat er sogar gesagt, er hätte ihm das Eheversprechen gegeben.« So verzieh sie ihm das scheue Wesen, und im Gedanken an sein liebes offenes Lächeln bei jener Hochzeit, lebte ihre Hoffnung wieder ein wenig auf. Sie würde nichts sagen, wenn sie ihn zu Hause anträfe – ganz gewiß nicht – so unschicklich würde sie sich sicher nicht benehmen – wer weiß aber, ob er nicht reden würde, wenn er sie so in der Nähe sah? – – – 3. Gaud war schon seit einer Stunde unterwegs; bei ihrer inneren Erregung schritt sie gut aus und atmete die kräftige Seeluft ein. Ihr Weg führte sie durch mehrere Weiler; und diese kleinen Fischerdörfchen, die der Seewind das ganze Jahr umweht, sehen ebenso grau aus, wie die Felsen. In dem einen ging es zwischen düster aussehenden Häusern mit hohem Dach und spitzem Giebel hin, die an keltische Bauart erinnerten. Ihr Auge fiel auf ein Wirtshausschild, das ihr ein Lächeln entlockte: »Zum chinesischen Eider,« stand über zwei grell gemalten Zopfträgern in rot und grünen Gewändern. Der Schenkwirt mochte wohl einst die chinesischen Gewässer befahren haben. Gaud sah alles mit dem Interesse der Menschen, die ihre innere Beklommenheit mit dem Aufmerken auf äußere kleine Dinge zu bekämpfen suchen. Dieser letzte Ausläufer der Bretagne ist ein trauriges und ödes Land; der Boden steinig und hügelig, die Bäume werden immer seltener, und von jeder der kahlen Anhöhen aus hat man den Blick auf das weite Meer. Endlich bringt der Boden nichts mehr hervor als Ginster. Was besonders mitwirkt, um der Gegend einen düsteren Charakter zu verleihen, sind riesenhafte Kruzifixe, von denen fast an jedem Kreuzweg eines steht. An einem solchen blieb Gaud stehen, unschlüssig, welchen der Wege sie einschlagen sollte, die von Dorngebüsch besäumt, nach verschiedenen Richtungen führten. Auch hier stand ein hohes Kreuz mit dem Bilde des Erlösers. Gaud fragte ein kleines Mädchen, das eben vorüber kam, nach dem Weg, und zu ihrer Verwunderung kannte sie das Kind, denn es erwiderte ihre Anrede: »Guten Tag, Fräulein Gaud!« Es war eine kleine Gaos, Yanns Schwesterchen. Gaud küßte die Kleine und fragte, ob ihre Eltern daheim seien. »Vater und Mutter sind zu Haus,« antwortete das Kind artig, »nur mein großer Bruder ist fort; er ist nach Louvigny gegangen, wird aber wohl nicht lange ausbleiben.« Yann war nicht da?! Welch widriges Schicksal trieb ihn stets nach der entgegengesetzten Seite, wenn sie ihm nahen wollte? Gaud dachte einen Augenblick daran, umzukehren; das ging aber nicht wohl an, denn was sollten Yanns Eltern von ihr denken, wenn ihnen das Kind erzählte, daß es sie unterwegs gesehen und gesprochen habe? Also setzte sie ihren Weg möglichst langsam fort, damit Yann vielleicht doch noch vor ihrem Kommen zurückkehrte. Je näher Gaud dem Dorf Pors-Even kam, je mehr drängte sich ihr die Bemerkung auf, daß der Seewind, der die Menschen so kräftig machte, die Vegetation ungünstig beeinflußt, denn die wenigen Pflanzen und Sträucher wurden immer niedriger und waren verkrüppelt; empfingen sie doch höchst kümmerliche Nahrung aus dem harten Boden. Das Seemoos wuchs in Ranken auf Felsstücken am Weg und strömte einen salzigen Duft aus. Mehrmals begegnete Gaud Leuten, die sie in der öden Gegend schon von weitem erblickte und die der hohen, fernen Wasserlinie wegen gleichsam vergrößert erschienen. Da sie Lotsen oder Fischer waren, schienen sie den Blick immer auf das Meer zu richten, als suchten sie da etwas zu erspähen. Unter den Matrosenmützen schauten wettergebräunte Gesichter hervor, von männlichem, sehr entschiedenem Ausdruck. Gaud wechselte mit jedem der Leute einen Gruß, die sich im stillen darüber wunderten, daß sie gar so langsam ging. Was that dieser Yann nur in Louvigny? machte er den Mädchen dort den Hof? Gaud hätte nur wissen sollen, wie wenig sich Yann um Mädchen kümmerte! Trug er von Zeit zu Zeit Verlangen nach einer, so brauchte er gewöhnlich nichts weiter zu thun, als sich zu zeigen – heißt es doch in dem alten Isländer Lied »Die Dirnlein von Paimpol,« daß sie stark verliebter Natur seien, und sich einem schönen Burschen kaum versagten. Nein, Yann war ganz einfach einer Bestellung wegen zum Korbmacher von Louvigny gegangen, dem einzigen in der ganzen Gegend, welcher die Reusen zum Hummerfang besonders geeignet herzustellen verstand. Yanns Kopf war in diesem Augenblick völlig frei von Liebesgedanken. Gaud kam jetzt an einer Kapelle vorüber, die sie schon von weitem auf einer Anhöhe erblickt hatte, ein sehr kleines und altersgraues Kirchlein, das inmitten dieser unfruchtbaren Gegend von einer Baumgruppe umgeben war. Die Bäume waren bereits entlaubt und so grau, wie die Mauern; der Seewind, der fortwährend von derselben Richtung her in sie hineinblies, hatte sie gezwungen, nach einer Seite hin zu wachsen, wobei die knorrigen Stämme in jahrhundertlangem Kampf ihren Rücken gebeugt hatten. Gaud war beinahe am Ziel ihrer Wanderung, denn die Kapelle war diejenige von Pors-Even, und nur um noch etwas Zeit zu gewinnen, ging sie hinein. Eine zerbröckelte Mauer umschloß einen kleinen Gottesacker, dessen Gräber und Kreuze so grau waren, wie die Kapelle und Bäume; alles hier sah grau und verwittert aus; eine graue Flechte mit ihren schwefelgelben Flecken wuchs auf den Steinen, knorrigen Zweigen und sogar auf den steinernen Heiligenbildern, die in den Mauernischen standen. Auf einem der Holzkreuze stand der Name Gaos: »Joël Gaos, achtzig Jahre alt.« Ach ja, das war der Großvater; sie wußte, daß das Meer einmal ausnahmsweise dem alten Seemann ein Grab in der heimatlichen Erde gegönnt hatte. Gaud hätte ja wohl erwarten können, noch mehrere Verwandte von Yann hier zu finden, dennoch berührte es sie fast peinlich, dem Namen hier so oft zu begegnen. Um noch ein wenig mehr Zeit hinzubringen, trat sie nämlich in den Vorraum des Kirchleins, blieb aber fast erschrocken unter der Thür stehen, da ihr Auge auch hier wieder auf den Namen Gaos fiel. Diesmal stand er auf einer steinernen Tafel, wie man sie denjenigen setzt, die auf hoher See verunglückt sind. Die Inschrift lautete: Zum Gedächtnis von Jean-Louis Gaos, Matrose an Bord der »Margarete,« im Alter von 24 Jahren bei Island verschollen, am 3. August 1877. Er ruhe in Frieden! Island! immer Island! überall neben dem Eingang waren Tafeln mit den Namen der verunglückten Seeleute angebracht. Das war offenbar der Platz, welcher den Schiffbrüchigen von Pors-Even geweiht war; eine düstere Vorahnung beschlich Gaud, und sie bereute, hereingekommen zu sein. In der Kirche von Paimpol befanden sich ähnliche Gedenktafeln, hier aber, in der kleinen Kapelle, war das alles so eng zusammengedrängt, so viel rauher und roher, das leere Grab des Islandfischers! Zu beiden Seiten lief eine steinerne Bank hin, die der Kirchenplatz der beraubten Mütter und Witwen war; der Platz war unregelmäßig, fast einer Grotte ähnlich, und hier thronte eine sehr alte Madonna, rosenfarben angemalt, mit bösblickenden großen Augen, die denen der alten Erdgöttin Cybele glichen. Gaos! wieder Gaos! Zum Gedächtnis von François Gaos, Ehegatten der Marie Le Goasier, Kapitän an Bord des »Paimpolais,« in Island umgekommen zwischen dem 1. und 3. April 1877 mit einer Besatzung von 23 Mann. Mögen sie in Frieden ruhen! Und darunter waren zwei gekreuzte Totenbeine und ein Totenschädel mit grünen Augen in roher Kunst gemalt. Abermals Gaos, überall der Name! Dieser hatte mit Vornamen Yves geheißen und war im Alter von 22 Jahren in der Umgegend des Norden-Fjords vom Deck weggespült worden. Die Tafel war schon alt; dieser Yves Gaos mußte daher langst vergessen sein. Indem Gaud das las, quoll ihr eine tiefe Zärtlichkeit für Yann im Herzen auf, die mit Verzweiflung gemischt war. Ach, er würde ihr niemals angehören! Wie sollte sie ihn dem Meer streitig machen, das so viele seines Geschlechts verschlungen hatte, denen er an Mut und Tapferkeit gleich sein mußte. Sie trat in die bereits dämmerige Kapelle, deren niedrige Fenster nur noch wenig Licht durch die kleinen Scheiben einließen. Gaud vermochte kaum ihre Thränen zurückzuhalten und kniete vor einem und dem anderen der Heiligenbilder nieder, um zu beten. Diese Heiligen waren von so übermenschlicher Größe, daß sie bis zur Decke reichten. Draußen fing der Wind zu heulen an, als brächte er die Todesseufzer der Ertrunkenen heim in die Bretagne. Der Abend nahte und Gaud mußte sich beeilen, wenn sie ihren Besuch heute noch machen wollte! Im Dorfe erfragte sie leicht das gesuchte Haus und fand es im Schutz einer hohen Klippe stehen; ein Dutzend Stufen, die in den Fels gehauen waren, führten zu einem Gärtchen, in welchem, dank seiner geschützten Lage, Veronikabüsche und Chrisanthemum blühten. Gaud zitterte innerlich bei dem Gedanken, daß Yann nunmehr heimgekommen sein könnte. Sie trat ein und richtete ihres Vaters Auftrag aus; man empfing sie sehr höflich und bat sie, sich niederzusetzen, bis der Vater käme und ihr eine Quittung schriebe. Ihre Augen suchten Yann unter der großen Familie vergeblich. Die Frauen im Haus waren bei einer wichtigen Arbeit; sie standen um den großen weißgescheuerten Tisch, und hatten ein Stück neuen Baumwollstoffs vor sich, von welchem sie bereits für die nächste Islandfahrt Anzüge zuschnitten. »Sehen Sie, Fräulein Gaud, sie brauchen Zeug zum Wechseln,« hieß es; »jeder muß allemal zwei ganz neue Anzüge haben für da unten.« Frau Gaos erklärte darauf, wie man den Stoff färbte, und welcher Behandlung er bedürfe, um wasserdicht zu werden, bei welcher Belehrung Gaud ihre Augen in der Wohnung umherschweifen ließ. Sie war nach althergebrachter Art der bretonischen Bauernhütten eingerichtet, ein ungeheuer großer Herd im Hintergrund, und an den Wänden lauter Thüren, hinter welchen die Schrankbetten lagen. Aber hier war es weder so düster noch so erbärmlich, wie in den Wohnungen der Arbeiterhütten, die meistens halb in die Erde eingegraben sind, sondern hell und reinlich, wie meist bei Seeleuten. Die zwei Söhne, die nach Yann kamen, fuhren auch bereits zur See; jüngere gab es aber eine Menge, Knaben und Mädchen, unter welchen Gaud eines auffiel, das nicht wie die anderen aussah, ein sauber gekleidetes Blondköpfchen, sehr klein und zart und von traurigem Gesichtsausdruck. »Wir haben sie voriges Jahr angenommen,« erklärte die Mutter; »zwar haben wir reichlich genug Kinder, aber was soll man machen, Fräulein Gaud? ihr Vater fuhr mit der »Maria, Gott liebt dich,« die vorigen Sommer in Island untergegangen ist, wie Sie wissen; da haben sich die Nachbarn in die fünf Kinder geteilt, und die da ist uns zugefallen.« Als die Kleine merkte, daß von ihr gesprochen wurde, senkte sie das Köpfchen, lächelte verlegen und verkroch sich hinter Laumec Gaos, der ihr Liebling war. Das Haus machte den Eindruck von Wohlhabenheit, und über den Kindergesichtern lag der rosige Schimmer der Gesundheit. Gaud wurde so zuvorkommend behandelt, wie ein vornehmer Gast, dessen Besuch sich das Haus zur Ehre schätzt. Man führte sie eine ganz neue Holztreppe hinauf ins obere Stockwerk und zeigte ihr die neue Stube, welche offenbar der Glanzpunkt des Hauses war. Gaud kannte die Geschichte dieses Aufbaues; Yann hatte ihr an der Hochzeit erzählt, daß sein Vater mit seinem Vetter, dem Lotsen, im Kanal von »La Manche« ein Wrack gefunden habe, dessen Verkauf den Bau ermöglicht hatte. Dieses Zimmer stand noch ganz in der Frische neuer Dinge, war hell und freundlich; es hatte zwei städtische Betten mit rosa Kattunvorhängen aufzuweisen, und in der Mitte stand ein großer Tisch. Vom Fenster aus genoß man die Aussicht über ganz Paimpol und die Reede, wo die Schiffe verankert lagen, und von hier aus konnte man auch die Schiffe auslaufen sehen. Gaud hätte gar zu gern gewußt wo Yann schlief, wagte jedoch nicht zu fragen. Als Kind hatte er sicher unten in einem der altmodischen Schrankbetten schlafen müssen, jetzt aber war ihm wohl solch ein neues Bett eingeräumt worden. Wie gern hätte sie Genaueres über seine Lebensweise an Land in Erfahrung bringen mögen, besonders darüber, wie er die langen Winterabende zubrachte. Ein schwerer Schritt auf der Treppe ließ Gaud erbeben, es war aber nicht Yann, sondern sein Vater, der vom Fischfang kam, eine Hünengestalt mit weißem Haar; die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn war sehr groß. Nachdem der alte Gaos den Gast begrüßt und den Grund des Besuches erfahren hatte, schrieb er eine Quittung, was ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm, denn seine Hand war nicht mehr sicher, wie er sagte. Er nahm zwar die hundert Frank an, aber nur auf Abrechnung – nein, Herr Mével sollte ihm das nicht etwa endgültig bezahlt haben, sie wollten schon noch darüber reden und die Rechnung glatt machen. Gaud, welche den Wert des Geldes noch wenig zu schätzen verstand, lächelte über diese Umständlichkeit. Übrigens konnte es ihr nur lieb sein, wenn die letzte Abrechnung noch hinausgeschoben ward. Man entschuldigte sich beinahe wegen der Abwesenheit des Sohnes – die Familie schien es fast als einen Mangel an Schicklichkeit zu empfinden, nicht vollzählig versammelt zu sein, um den seltenen Gast zu ehren! Der Vater hatte mit seemännischem Scharfblick vielleicht entdeckt, daß Yann dieser schönen Erbin nicht gleichgültig war, denn er fing geflissentlich immer wieder von ihm zu reden an. »Sonst bleibt er nie so lange aus!« sagte er. »Yann ist nach Louvigny gegangen, Fräulein Gaud, und bestellt mir Reusen zum Hummerfang; das ist nämlich unser Hauptgeschäft im Winter, wissen Sie.« Gaud blieb immer noch, obwohl ihr bewußt war, daß sie längst hätte gehen müssen, das Herz schnürte sich ihr aber bei dem Gedanken zu, daß sie Yann nicht sehen sollte. »Solch ein vernünftiger Mensch, wie er – wo kann er nur stecken?« fing der Vater wieder an. »In der Schenke sitzt er am Werktag nicht, ganz gewiß nicht, das brauchen wir bei unserem Sohn nicht zu fürchten! Damit will ich ja nicht sagen, daß er am Sonntag mit seinen Kameraden nicht einmal ins Wirtshaus ginge. – Sie wissen, wie die Seeleute sind, Fräulein Gaud. Wenn einer jung ist, warum sollte er nicht auch ein bißchen Vergnügen haben dürfen? ... Aber selten genug kommt's bei ihm vor, denn er ist ordentlich, das dürfen wir von ihm sagen!« Die Frauen hatten ihre Arbeit zusammengelegt; die Dämmerung war eingetreten und setzte ihrem Fleiß für heute ein Ziel. Die kleinen Gaos und das Adoptivkind setzten sich, eng aneinander geschmiegt, auf die Bank und starrten Gaud an, als wollten sie fragen: »warum geht sie nur immer noch nicht?« und vom Herd her leuchtete die Flamme in die immer dunkler werdende Stube. »Sie könnten doch bleiben und die Abendsuppe mit uns essen, Fräulein Gaud,« sagte Frau Gaos. O nein! das konnte sie nicht, und das Blut stieg ihr darüber ins Gesicht, daß es so spät sei. Sie erhob sich daher eilig und nahm Abschied. Der Vater war ebenfalls aufgestanden, um sie ein Stück Weges zu begleiten – nur über die Niederung weg, wo es dunkel unter den Bäumen wäre. So schritten sie nebeneinander dahin; Gaud empfand große Achtung vor dem alten Mann, und ein solches Vertrauen, daß sie zu ihm hätte reden mögen wie zu einem Vater; die Worte blieben ihr jedoch in der Kehle stecken. Der Abendwind hatte sich aufgemacht; er blies stark und führte den Geruch des Seewassers weit ins Land hinein. Die Hütten, an denen der Weg vorbei führte, waren bereits geschlossen; armselige Löcher, in denen Fischerfamilien hausten. Wie weit war doch der Weg – o, wie lang hatte sie sich in Pors-Even aufgehalten! Ein paarmal begegneten sie auch Leuten, die von Paimpol oder Louvigny kamen. So oft sich die dunkle Silhouette solch eines späten Wanderers am Himmel abzeichnete, dachte Gaud an Yann, der wäre aber leicht zu erkennen gewesen, und der schwache Hoffnungsstrahl sank schnell wieder. Ihre Füße verfingen sich manchmal in den braunen Ranken der am Wege hinkriechenden Moosflechtenart, und der Wind zauste die Ranken, wie er ihr Haar zauste. Am Kreuzweg von Plouëzoch bat sie den Greis umzukehren, und verabschiedete sich von ihm. Die Lichter von Paimpol blinkten bereits, da konnte sie den kurzen Rest des Weges gut allein zurücklegen. Für diesmal war alles aus ... und wer weiß, wann sie Yann zu sehen bekommen würde? Es würde Gaud nicht schwer gefallen sein, einen Vorwand zur Wiederholung ihres Besuches in Pors-Even zu finden, das hätte aber den Anschein von Dreistigkeit gehabt, und sie wollte sich lieber stark machen und ihren Stolz bewahren. Wäre nur Sylvester, ihr junger Vertrauter, noch dagewesen; der hätte vielleicht etwas in der Sache thun und Yann zur Aussprache bringen können. Aber der treue Freund war fort, noch dazu auf lange Jahre! 4. »Heiraten soll ich?« entgegnete Yann an diesem Abend seinen Eltern. »Heiraten? mein Gott, wozu denn? Im ganzen Leben kann ich ja nicht wieder so glücklich sein, als hier bei euch: ich habe keine Sorgen, es giebt keinen Zank, und wenn ich am Abend vom Meer komme, kriege ich meine gute warme Suppe ... O, ich merke schon, ihr habt die im Sinn, die heute da war. Ein so reiches Mädchen kann doch nicht unter arme Leute heiraten wollen, wie wir sind? Das begreife ich nicht. Und dann will ich euch sagen: ich nehme weder die, noch eine andere; nein, es ist abgemacht, ich verheirate mich nicht.« Vater und Mutter blickten einander schweigend und in tiefer Enttäuschung an; sie hatten sich besprochen und waren überzeugt, daß das junge Mädchen ihren schönen Sohn nicht abweisen würde. Sie drangen jedoch nicht in ihn, wohl wissend, daß das vergebliche Mühe sein würde. Die Mutter aber senkte den Kopf tief und sprach kein Wort; sie achtete den Willen ihres Ältesten, der beinahe die Stellung eines Familienoberhauptes einnahm; so lieb und sanft er auch gegen sie war und in kleinen alltäglichen Sachen sich ihr mehr unterordnete, wie ein Kind, so war er in Bezug auf größere Dinge doch seit langen Jahren sein eigener Herr, den niemand zu drängen gewagt hätte, und dessen Unabhängigkeit durch seine scheue Zurückhaltung gewahrt blieb. Yann pflegte am Abend nicht lange aufzubleiben, da er, wie andere Fischer, früh vor Tag aufstand. Er hatte nach dem Essen noch einmal die neuen Hummerreusen und seine neuen Netze einer befriedigenden Musterung unterworfen, und da acht Uhr vorüber war, fing er an, sich scheinbar in großer Gemütsruhe auszuziehen. Dann stieg er die Treppe hinauf und legte sich in das schone Bett mit den rosa Kattunvorhängen, das er mit seinem Brüderchen Laumec teilte. 5. Seit vierzehn Tagen befand sich Gauds kleiner Vertrauter in seinem Quartier in Brest; Sylvester fühlte sich sehr einsam, er war aber verständig und trug stolz seinen offenen blauen Kragen und die Mütze mit der roten Troddel daran. Die hohe Gestalt mit flinkem Gang gab einen prächtigen Matrosen, im Herzen aber sehnte er sich nach seiner alten Großmutter und blieb in Brest ein eben so reiner Jüngling wie daheim. Betrunken hatte er sich ein einziges Mal mit Landsleuten – das will der Brauch so – und sie waren straßenbreit Arm in Arm ins Quartier zurückgekehrt, wobei sie auf ohrenbetäubende Weise Lieder gegröhlt hatten. An einem Sonntag war er auch im Theater gewesen; man gab eines jener Trauerspiele, in welchem sich die Matrosen so gegen den Verräter im Stück aufzuregen pflegten, daß sie ihm alle zusammen ein dröhnendes »Hu!« entgegenbrüllten. Sylvester war es droben auf der Galerie sehr heiß und erstickend vorgekommen; der Versuch, seinen Paletot auszuziehen, hatte ihm eine Rüge vom diensthabenden Offizier eingetragen. Zuletzt war er eingeschlafen. Als er nach Mitternacht in die Kaserne zurückkehrte, traf er ein paar Frauenzimmer mit hochfrisiertem Haar, die so spät noch lustwandelten. »Hör' doch eine Minute, du hübscher Junge,« redeten sie ihn mit grober, rauher Stimme an. Sylvester hatte gleich begriffen, was sie von ihm wollten, denn er war nicht so unerfahren, als man hätte glauben können. Mit dem Bild der Großmutter stieg aber dasjenige von Marie Gaos vor ihm auf; er musterte die frechen Mädchen nur mit einem verächtlichen Lächeln und ging vorüber. Sie waren ganz erstaunt über die Zurückhaltung dieses schönen, jungen Matrosen und schrieen ihm höhnend nach: »Reiß aus, Jüngelchen, reiß schnell aus! Nimm dich in acht, sonst wirst du gefressen!« In dieser Sonntagsnacht ging es sehr laut auf der Straße zu, daher übertönte der Lärm die gemeinen Reden, welche die Frauenzimmer Sylvester noch nachriefen. Er betrug sich in Brest aber nicht anders als auf hoher See, und blieb ein reiner Mensch. Seine Kameraden verspotteten ihn aber deshalb nicht, denn er war sehr stark, und das flößt den Seeleuten Respekt ein! 6. Eines Tages ward Sylvester auf die Kanzlei seiner Compagnie gerufen, wo man ihm mitteilte, daß er dem Regiment zugeteilt werde, welches in den Krieg gegen China nach Formosa gehen sollte. Er hatte das schon seit einiger Zeit gefürchtet, denn die Kameraden, welche Zeitungen lasen, sprachen oft vom Krieg, der gar kein Ende nehmen wollte. Zugleich erhielt er den Bescheid, daß wegen der Dringlichkeit der Entsendung der übliche Urlaub zum Abschiednehmen in der Heimat diesmal nicht erteilt werden könne. Der arme Sylvester geriet in einen großen innern Zwiespalt: die weite Reise in ein unbekanntes Land, in den Krieg zu ziehen, übte einen starken Reiz auf ihn aus, zugleich überfiel ihn eine große Angst, daß er seine Lieben verlassen und vielleicht nie wiedersehen sollte. Tausend widersprechende Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf. In den Sälen der Kaserne ging es laut her, denn eine Menge anderer hatten die gleiche Order erhalten. Unter dem Getöse der aufgeregten jungen Leute saß Sylvester in einer Ecke auf dem Fußboden und schrieb mit Bleistift, etwas unzusammenhängend, die schlimme Neuigkeit an seine Großmutter. 7. »Sie ist ein bißchen alt, seine Liebste,« sagten die Kameraden zwei Tage später, als sie Sylvester lachend nachsahen; »schadet aber nichts, sie scheinen sich trotzdem ganz gut zu verstehen.« Es machte ihnen Spaß, Sylvester zum erstenmal mit einer Frau am Arm spazieren gehen zu sehen, zu welcher er sich liebevoll herabneigte, als sagte er ihr eben etwas recht Liebes und Herzliches. Und die alte Frau blickte voll Zärtlichkeit zu ihm auf. Trotz ihres gekrümmten Rückens war sie noch recht rüstig; für die eben herrschende Mode war ihr Rock etwas kurz; sie trug ein altes braunes Shawltuch und die Paimpoleser Haube. »Jawohl, ein bißchen sehr alt, die Herzallerliebste!« Es war das ein gutmütiger Spott, denn jeder sah, daß es eine gute alte Großmutter vom Lande war. In großer Angst und Eile war sie hergerannt, auf die schreckliche Nachricht hin, daß ihr Enkel in den Krieg müßte. Hatte der Krieg mit China doch schon manchem Matrosen von Paimpol das Leben gekostet! Die Großmutter hatte in aller Eile ihre armseligen paar Spargroschen zusammengerafft, ihr Sonntagskleid und eine frische Haube in eine Pappschachtel gepackt und war nach Brest gereist, um ihn noch ein letztes Mal zu umarmen. Sie hatte sich geradeswegs nach der Kaserne durchgefragt, der Adjutant seiner Compagnie wollte aber keinen Urlaub zum Ausgehen bewilligen. »Suchen Sie beim Hauptmann darum nach, gute Frau,« sagte er, »da geht er eben vorüber.« Sie folgte dem Rat augenblicklich und der Hauptmann ließ sich erweichen. »Moan soll sich zum Ausgehen anziehen,« befahl er. Sylvester nahm immer vier Treppenstufen auf einmal, so eilig hatte er es mit der Ausführung des Befehls. Die Großmutter staunte über sein hübsches Aussehen, als er wieder erschien. Wie gut stand ihm der Staatsanzug mit dem weit offenen Kragen, und von seiner Mütze flatterten lange Bänder, die an ihren Enden goldene Anker trugen; auch war Sylvesters schwarzer Bart jetzt spitz geschnitten. Einen Augenblick hatte sie sich eingebildet ihren Sohn Pierre wieder erscheinen zu sehen, der vor zwanzig Jahren als Mastwächter bei der Marine gedient hatte; und der Gedanke an all den Kummer und die Todesfälle, die sie in diesen zwanzig Jahren erlebt, legte sich wie ein Schatten auf diese glückliche Stunde. Doch verscheuchte sie alle traurigen Gedanken und gab sich der Freude hin, am Arm ihres schmucken Enkels spazieren gehen zu dürfen. Sylvester führte sie zunächst zum Essen in ein Kosthaus, dessen Inhaber aus Paimpol stammte und wo es nicht teuer war. Darauf zeigte er ihr die Stadt; er führte sie beständig und ließ sie alle Herrlichkeiten der städtischen Läden bewundern. Dabei erzählte sie ihm alle lustigen Geschichten, welche sich seit seiner Einberufung zugetragen hatten, und da sich die beiden im bretonischen Dialekt unterhielten, störte kein fremdes Ohr ihr Vergnügen. 8. Drei Tage blieb die Großmutter in Brest, drei unerhörte Festtage, vor deren »hernach« ihr graute, und auf die sie später wie auf eine Gnadenfrist zurückblickte. Endlich mußte sie aber doch wieder nach Ploubazlanec zurück – ihr bißchen Geld war zu Ende. Sylvester mußte sich am übernächsten Morgen einschiffen und die Matrosen werden an solch letzten Tagen an Land unerbittlich streng im Quartier gehalten. Diese Maßregel mag zwar auf den ersten Blick etwas hart erscheinen, entspringt aber der notwendigen Vorsicht gegen die mannigfachen Ausschreitungen, zu welchen die Seeleute vor der Abreise besonders geneigt sind. O dieser letzte Tag! Die gute Alte suchte in ihrem Gedächtnis krampfhaft nach Dingen, die ihrem Sylvester Vergnügen bereiten konnten zu hören, es wollte ihr aber absolut nichts Lustiges mehr einfallen, die Thränen stiegen ihr immer wieder auf und sie würgte das Schluchzen hinab. Fest hing sie an seinem Arm und gab ihm tausend gute Ratschläge, wobei auch ihm das Weinen ankommen wollte. Und als Letztes traten sie in eine Kirche, um noch einmal zusammen zu beten. Darauf gingen sie zum Bahnhof, denn die Großmutter mußte mit dem Abendzug fort. Sylvester trug ihre Pappschachtel und stützte sie fest mit seinem starken Arm, denn die arme Alte war müde, sehr müde. Sie war in den letzten Tagen immerfort auf den Füßen gewesen, jetzt konnte sie aber nicht mehr; der gekrümmte Rücken hatte nicht mehr die Kraft, sich aufzurichten, er trug zu schwer an der Last seiner sechsundsiebzig Jahre. Der Gedanke daran, daß sie sich in wenigen Minuten von ihrem Einzigen trennen müsse, zerriß ihr das Herz. Noch hielten ihre schwachen Hände seinen Arm umklammert, aber bald würde man sie auseinanderreißen – er mußte fort nach China, wurde zur Schlachtbank geschickt und weder sein starker Wille, noch ihre Thränen und Verzweiflung vermochte ihn zurück zu halten. Krampfhaft hielt sie in einer Hand die Fahrkarte, während die andere ihr Eßwarenkörbchen und die Halbhandschuhe umklammerte; in zitternder Erregung legte sie ihm noch dies und das ans Herz, was er mit leiser Stimme alles zu halten versprach, indem er sein Gesicht mit den guten treuen Augen so nahe zu dem ihrigen hielt, wie er als Kind gethan. Der Zug brauste heran, die arme Frau dachte aber gar nicht ans Einsteigen. »Vorwärts, Alte, wenn Ihr mit wollt!« fuhr sie der Schaffner an. Erschrocken riß sie Sylvester die Pappschachtel aus den Händen, um sie gleich darauf fallen zu lassen und ihn ein letztes, allerletztes Mal zu umarmen. Neugierige Gesichter schauten aus den Wagenfenstern, kein einziges aber verzog sich zum Lächeln über diese Abschiedsscene. Verwirrt und in Angst darüber, nicht mehr mit zu kommen, stürzte sie in die erste beste offene Wagenthür, geschoben, gestoßen, erschöpft, und mit einem Knall ward die Thür hinter ihr zugeschlagen. Sylvester stürzte davon, um außerhalb des Bahnhofs an die Barriere zu kommen, wo er sie vielleicht noch einmal erblicken konnte. Von der Maschine erscholl ein schriller Pfiff, die Räder griffen ineinander und der Zug setzte sich in Bewegung. Draußen an der Barriere stand Sylvester; hoch schwenkte er seine Mütze mit den flatternden Bändern. Und die Großmutter sah ihn. Sie machte ihm ein Zeichen, daß sie ihn bemerkt, hielt ihr Gesicht an die Scheiben gepreßt, damit sie die geliebte dunkelblaue Gestalt noch länger sehen könne, und murmelte »auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!« Wie vielen scheidenden Seeleuten wird dieser Wunsch zugerufen, und wie wenig sicher ist es, ob er sich erfülle! Ja, sieh deinem kleinen Sylvester nur nach, so lange du nur noch einen Schatten von ihm zu erblicken meinst, du arme, alte Frau, denn auch noch der Schatten muß dir zerrinnen ... Als sie aber gar nichts mehr von ihm sah, überkam sie eine wahre Todesangst; sie sank auf die Bank zurück, und ohne Bedacht darauf zu nehmen, daß sie die sorgfältig geschonte Haube zerknitterte, brach sie in lautes Schluchzen aus. Langsam machte sich Sylvester auf den Heimweg; er schritt mit gesenktem Kopf dahin und große Thränen rollten ihm über die Backen. Die frühe Herbstnacht sank herab, überall war schon Gas angezündet, und in den Matrosenschenken ging es laut her. Sylvester sah aber weder rechts noch links, und merkte kaum, daß ihn freche Dirnen anredeten. Er schritt wie betäubt einher, bis er die Kaserne erreichte. Dort warf er sich in seine Hängematte und weinte die ganze Nacht hindurch; erst als der Morgen kam, schlummerte er ein. 9. Sylvester schwamm auf hoher See und das Schiff fuhr mit vollem Dampf auf einem ihm unbekannten Meer, das viel blauer war, als die See um Island. Das Schiff hatte Befehl zur Eile und durfte keine Stationen machen. Die stets gleichmäßige Geschwindigkeit der Fahrt, von Wind und Meer kaum beeinflußt, gab Sylvester einen Begriff davon, wie sehr weit er schon von der Heimat fort sei. In seiner Eigenschaft als Mastwächter saß er im Mastkorb wie der Vogel auf seiner Stange, und konnte auf diese Weise die bunte Menge der Soldaten meiden, die tief unter ihm zusammengepfercht waren. An der tunesischen Küste wurde zweimal angelegt, um noch Zuaven und Maultiere einzunehmen. Auf fernen Bergen oder sandigen Ebenen erblickte er weißschimmernde Städte; damals war er von seinem Mast herabgestiegen, um sich die dunkelbraunen Menschen näher anzusehen, die, in Weiß gehüllt, in ihren Barken kamen, um Früchte zum Kauf anzubieten; es war ihm gesagt worden, daß es Beduinen wären. Der Sonnenbrand und die ungeachtet der Herbstzeit herrschende Hitze, riefen bei dem jungen Matrosen das Gefühl großer Verlassenheit in fremdem Lande hervor. Port Said war erreicht. Alle Flaggen europäischer Staaten flatterten von langen Fahnenstangen, und gaben der Stadt das Aussehen eines festlich geschmückten Babels, die inmitten spiegelnd hellen Sandes, wie von einem Meer umgeben, daliegt. Das Schiff hatte unmittelbar an den Quais anlegen können, fast inmitten langer Straßen von Holzhäusern. Seit er Brest verlassen, hatte er die Außenwelt noch nicht wieder so nahe gesehen, und das Treiben der Menschen, wie die Menge von Schiffen hatte ihn zerstreut. Unter unaufhörlichem Lärm der Schiffspfeifen und Dampfsirenen bewegten sich sämtliche Schiffe nach einer Art von langem Kanal zu, der schmal wie ein Graben aussah und sich wie ein Silberfaden in der Sandebene verlor. Von seinem Mastkorb aus sah Sylvester die Schiffe wie in Prozession hintereinander herfahren, um sich in der Ferne zu verlieren. Auf den Quais wogte eine bunte Menge; Männer in langen Gewändern von allen Farben eilten geschäftig hin und her, schrieen und lärmten durcheinander im Bestreben, die kurze Anwesenheit der Schiffe zu einem Geschäftchen zu benutzen. Und am Abend mischten sich in den Höllenlärm der Dampfpfeifen das Spiel mehrerer Musikbanden, die so rauschende Stücke spielten, als wollten sie das verzweifelte Heimweh der Armen einschläfern, die so gut wie in die Verbannung zogen. Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, nahm auch ihr Schiff seinen Weg in den engen Kanal, gefolgt von Schiffen aus aller Herren Ländern. Zwei Tage lang dauerte die Durchfahrt und ein anderes Meer in seiner Unendlichkeit öffnete den Schiffen wieder freie Bahn. In größter Fahrgeschwindigkeit ging es weiter. Die Oberfläche dieses wärmeren Meeres sah rotmarmoriert aus, und der Schaum, der sich im Kielwasser bildete, war manchmal blutrot. Sylvester verbrachte fast die ganze Zeit in seinem Mastkorb; zuweilen sang er mit leiser Stimme »Jean-François von Nantes,« um die Erinnerung an seinen Bruder Yann und die schönen Jahre ihrer Islandfahrten zurück zu rufen. Von seinem hohen Sitz aus konnte Sylvester oft Spiegelungen beobachten, und da nahm er manchmal Berge in nie gesehenen Farben wahr. Die Führer des Schiffes hätten ihm ganz genau sagen können, ob es eine Luftspiegelung oder eines jener vorgestreckten Kaps eines andern Weltteils war, die ihnen auf ihrer pfadlosen Reise zum Wegweiser dienen; ist man aber nur Mastwächter, so wird man einfach verschifft wie ein Frachtstück und hat kein Maß für die Entfernungen. Der einsame Mann hatte nur die Empfindung, daß er entsetzlich weit fort kam, immer weiter und weiter, Tag und Nacht in unverminderter Schnelligkeit, von welcher ihm nur die Kielfurche einen Maßstab gab, die sich in zischendem Brausen hinter ihnen her grub, übereinander schlug und allmählich wieder verlor. Unten auf dem Verdeck atmeten die dicht zusammengepferchten Menschen mühsam unter ihren Zelten. Wasser, Luft und Licht strahlten einen niederschlagenden, erdrückenden Glanz zurück, und das unveränderliche Festgewand der Natur war wie eine Ironie auf die organisierten und vergänglichen Lebewesen. Einmal sah Sylvester Scharen einer ihm unbekannten Vogelart heranziehen, die wie ein schwarzer Staubregen auf das Schiff niederfielen. Ermattet lagen sie auf den Schultern der Menschen so gut wie auf Rahen und Stückpforten, ließen sich widerstandslos fangen und streicheln, denn ihre Kraft war zu Ende, und unter dieser grausamen Sonne des Roten Meeres starben sie zu Tausenden dahin. Ein Sturmwind hatte sie jenseits der großen Wüsten aufgejagt und übers Wasser getrieben; zum Erreichen des Landes war ihre Kraft zu schwach, und um nicht in das schreckliche Blau tief da unten fallen zu müssen, hatten sie sich auf das vorüberziehende Schiff geworfen. Dort unten, in einem fernliegenden Strich Lybiens hatte sich ihr Geschlecht so ungeheuer vermehrt, daß es ihrer allzu viele geworden waren, da hatte die blinde, seelenlose Mutter Natur die Überzahl der kleinen Vögelchen mit einem Hauch ihres Mundes ebenso unerbittlich in die Vernichtung getrieben, wie sie es mit einer Generation von Menschen thut. Die ermatteten Tierchen fanden auf den heißen Eisenteilen des Schiffes ihren Tod, und es war alles bedeckt von den zuckenden Körpern der armen Geschöpfe. Mitleidig nahmen die Matrosen manch eines der zarten Tierchen und legten die feinen bläulichen Flügel auf der flachen Hand glatt. Darauf wurden die kleinen Vogelleichen auf Haufen zusammen gekehrt und ins Meer geworfen. Ein andermal bedeckten Heuschrecken das Schiff. Noch ein paar Tage lang ging es durch das unveränderliche Blau dahin, wo man nichts Lebendes sah, als höchstens ein paar Fische, die für einen Augenblick in die Höhe schnellten. 10. Vom schwärzlichgrauen Himmel regnete es in Strömen herab, als Sylvester in Indien den Fuß ans Land setzte. Er war als Ersatzmann an Bord eines Walfischfängers geschickt worden. Laue Duftwellen schlugen ihm durch dichtes Blätterwerk entgegen, als er die fremde Wunderwelt mit erstaunten Augen anblickte. Ein prachtvolles Grün überall, Baumblätter wie Riesenfedern gestaltet, und der Westwind führte Bisam- und Blumenduft auf seinen Schwingen. Die spazierengehenden Einheimischen sahen den Fremden mit großen, samtartigen Augen an, welche die Schwere der reichen Wimpern fast zu schließen schien. Unter den Frauen gab es hier so gut wie in Brest welche, die ihn zu sich heranwinkten, bronzefarbige Gestalten mit schöngewölbten Busen unter den durchsichtigen Musselinhüllen. In diesem zauberhaften Land war aber das Entgegenkommen verlockender als anderswo; Sylvester fühlte wie es ihn durchschauerte, und trotzdem er noch zögerte, wandte er sich halb, um sie sich näher zu betrachten. ... Wie der Triller beim Vogelgesang erscholl die Schiffs-Pfeife; Sylvester konnte nur noch einen Blick auf die indischen Schönen werfen und kehrte in gestrecktem Lauf zu seinem Walfischfänger zurück, der weiter fuhr. Nach einer weiteren Woche auf dem blauen Meer lief das Schiff an einer grünen Küste an, wo ebenfalls gerade Regen fiel. Schreiende gelbe Menschen, die Körbe voll Kohlen trugen, drängten sich sogleich auf das Schiff, das sie ganz überfluteten und mit ihrem Lärm erfüllten. »Sind wir denn schon in China?« fragte Sylvester beim Anblick der Zopfträger. Die Antwort war, daß er sich noch ein wenig gedulden müsse, jetzt sei man erst in Singapore. Er stieg wieder hinauf in seinen Mastkorb, um dem feinen Kohlenstaub zu entgehen, den der Wind von den Tausenden von Körben aufwirbelte, deren Inhalt mit fieberhafter Eile in den Kohlenraum geleert wurde. Im Hafen von Turan lag die »Kirke,« die Blockade hielt; Sylvester wußte längst, daß er der Besatzung dieses Schiffes zugeteilt war, und er wurde mit seinem Gepäck dahin übergesetzt. An Bord der »Kirke« fand er nicht nur Landsleute, sondern sogar zwei Isländer, welche bei den Kanonieren standen. An den warmen stillen Abenden, wo es nichts zu thun gab, sonderten sich die drei von den andern ab und setzten sich zusammen, um in ihrem Winkelchen die Zusammengehörigkeit und ihre Heimatserinnerungen zu pflegen. Fünf Monate der Unthätigkeit mußten in dieser traurigen Bucht verbracht werden, ehe der ersehnte Tag zum Losschlagen kam. 11. Es war der letzte Februar, der Vorabend des Tages, an welchem die Seeleute von Paimpol nach Island aufzubrechen pflegten. Gaud lehnte am Thürpfosten ihres Zimmers; sie war sehr bleich, denn Yann war unten. Sie hatte ihn kommen sehen und vernahm jetzt in undeutlichen Lauten den Klang seiner Stimme, wie er mit ihrem Vater sprach. Den ganzen Winter über hatte sie ihn nicht gesehen – es war, als ob ein feindliches Schicksal eines vom andern fern hielte! Nachdem sie vergeblich in Pors-Even gewesen, hatte sie eine schwache Hoffnung auf den »Bittgang der Isländer« gesetzt, bei welcher Gelegenheit es am Abend auf dem Marktplatz nicht an Gelegenheit fehlte, sich zu sehen und zusammen zu reden. Aber obgleich schon am frühen Morgen weiße Tücher gespannt und mit Grün geschmückt wurden, so war doch der Himmel dem Fest nicht günstig, denn es regnete in Strömen. Ein heulender Westwind jagte die Wolken vor sich her, die noch nie so schwarz über Paimpol gestanden hatten. »Die von Ploubazlanec kommen gewiß nicht!« sagten die Mädchen, deren Liebhaber dort wohnten. Und sie waren auch nicht gekommen, bis auf ein paar Einzelne, die nichts Eiligeres zu thun wußten, als sich vor dem Wetter in den Schenken fest zu setzen. Die Prozession mußte ausfallen, es gab kein vergnügliches Hin- und Herspazieren auf dem Platz, und Gaud verbrachte den ganzen Abend trübselig an ihrem Fenster, hörte dem Regen zu und vernahm das wüste Singen von den Wirtshäusern her. Seit mehreren Tagen hatte sie Yanns Besuch vorausgesehen; sie wußte, daß der alte Gaos nicht gern nach Paimpol kam, daher war zu erraten, daß er seinen Sohn schicken würde, um die Schlußrechnung über den Verkauf der Barke mit ihrem Vater abzumachen. Gaud hatte sich vorgenommen, alsdann eine Aussprache herbeizuführen, und sich vom Herzen herunterzureden, daß er ihre Ruhe gestört, sie erst gesucht und dann nach Art der gewissenlosen Burschen wieder verlassen habe. Eigensinn, Wildheit, sein zähes Festhalten am Seemannsberuf, oder die Furcht vor einem Korb – alle diese Hindernisse, die ihr Sylvester bezeichnet, konnten bei einer persönlichen Aussprache überwunden werden. Und dann würde vielleicht das schöne Lächeln wieder auf seinem Gesicht erscheinen, das sie im vorigen Winter so entzückte, während sie den ganzen Abend mit ihm getanzt hatte. Diese Hoffnung gab ihr den Mut zu dem Vorgehen, das für ein Mädchen immerhin ungewöhnlich war, und erfüllte sie mit einer sanften Art von Ungeduld. In Gedanken läßt sich ja solches Wagnis gar leicht ausführen – da ist Reden und Thun so einfach! Yann war überdies zu guter Stunde gekommen, denn ihr Vater rauchte eben, und da er sich nicht gern in diesem Genuß stören ließ, würde er sich kaum die Mühe machen, dem Gast das Geleit zu geben, da konnte sie ihm im Hausflur entgegen treten und mit ihm sprechen. Jetzt aber, wo der Augenblick gekommen war, fand sie ihre Kühnheit allzu groß, und schon der Gedanke, sein Gesicht plötzlich unten an der Treppe auftauchen zu sehen, machte sie zittern. Ihr Herz schlug zum Zerspringen; konnte doch die Thür mit ihrem eigentümlichen Knarren jeden Augenblick aufgehen ... Nein, sie wollte nichts wagen; lieber in Sehnsucht vergehen und vor Kummer sterben, als so etwas thun. Schon hatte sie ein paar Schritte in ihr Zimmer hinein gethan, um sich wieder an die Arbeit zu setzen, als sie zögernd stehen blieb: morgen ging er ja wieder zur See, und wenn sie Yann jetzt nicht sah, standen ihr wiederum lange Monate der Einsamkeit und des Wartens bevor, und sie mußte im Sehnen nach seiner Rückkehr noch einen Sommer ihres Lebens verlieren. Unten knarrte die Thür – Yann ging also fort, mit festem Entschluß lief sie die Treppe hinab und trat bebend gerade vor ihn hin. »Bitte, Herr Yann, ich mochte gern mit Ihnen reden,« sagte sie. »Mit mir, Fräulein Gaud?« erwiderte er mit gesenkter Stimme, indem er den Hut zog. Mit zurückgeworfenem Kopf blickte er sie aus den lebhaften Augen unwirsch, ja mit hartem Ausdruck an, und es sah aus, als überlegte er, ob er sich auch nur einen Augenblick aufhalten sollte. Doch lehnte er sich an die Wand, wie um in dem engen Hausflur, wo er sich gefangen fühlte, möglichst weit entfernt von ihr zu sein. Gaud wußte auf einmal nichts mehr von alledem, was sie sich ausgedacht, sie war nicht darauf gefaßt, daß er ihr auf so beleidigende Weise begegnen würde, und das nahm ihr alle Gedanken. »Flößt Ihnen unser Haus Furcht ein, Herr Yann?« brachte sie endlich mit ihr selbst fremdem Ton vor, der ganz anders klang, als sie es gewünscht hätte. Yann sah an ihr vorbei ins Freie hinaus. Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht und die Nasenflügel bebten bei jedem Atemzug, wie bei einem kampflustigen Stier. Gaud versuchte fortzufahren: »Wie wir voneinander Abschied genommen haben, als der Hochzeitstanz zu Ende war, da sagten Sie zu mir ›auf Wiedersehen‹ ... So sagt man nicht zu jemand, der einem gleichgültig ist ... Sie haben es aber vergessen, Herr Yann. Was habe ich Ihnen gethan?« Der häßliche Westwind blies ins Haus hinein, er spielte mit Yanns Haaren, bewegte die Haubenflügel des vor ihm stehenden Mädchens und schlug eine Thür hinter ihnen heftig zu. Es stand sich schlecht in diesem engen Hausgang, um von so ernsten Sachen zu reden! Gaud war die Kehle so zusammen geschnürt, daß sie kein Wort mehr herauszubringen vermochte, und der Kopf schwindelte ihr. Yann näherte sich langsam der Thür, wie um ihr zu entfliehen. Draußen heulte der Sturm, der Himmel war ganz schwarz; und ein schwaches, unsicheres Licht fiel auf die beiden Gestalten. Vom gegenüberliegenden Haus spähte eine neugierige Nachbarin herüber – was konnten sich die Zwei da drüben im Hausgang nur Besonderes zu sagen haben? Was ging bei den Mévels vor? »Nein, Fräulein Gaud,« antwortete Yann endlich, »ich habe schon gehört, daß die Leute über uns reden ... Nein, Fräulein Gaud ... Sie sind reich – Sie und ich gehören nicht demselben Stand an – und ich bin nicht der Mann dazu, um zu Ihnen zu kommen.« Damit ging er. Es war also zu Ende – aus auf alle Zeit! Von dem, was sie zu sagen beabsichtigt, hatte sie kein Wort herausgebracht, und die kurze Zusammenkunft hatte nur dazu gedient, um sie in seinen Augen verächtlich zu machen ... Wer war er denn, dieser Yann, der so gar nicht nach Mädchen fragte, und dem nichts an Reichtum lag? Gaud stand wie angewurzelt immer noch auf demselben Fleck, es schwindelte ihr und alles schien sich im Kreis um sie zu drehen. Am schrecklichsten war ihr aber der Gedanke, der sie wie ein Blitz durchfuhr: Draußen auf dem Platz gingen Yanns Kameraden herum – wenn er ihnen jetzt erzählte, was sie eben zu ihm gesagt und sie dem Hohn und Spott preisgäbe? Von ihrem Zimmer aus konnte sie es beobachten, und eilig lief sie hinauf. Nahe beim Haus stand in der That eine Gruppe Matrosen, sie sahen sich aber nur den Himmel an, der immer schwärzer wurde, und Gaud hörte sie sagen: »es ist nicht schlimm; wir wollen eins trinken, bis es sich wieder aufhellt.« Dann redeten sie noch laut über Jeannie Caroff und andere Mädchen, zu ihrem Fenster sah aber keiner hinauf. Sie waren recht lustig, nur Yann nicht, der ernst und traurig bei ihnen stand. Er ging auch nicht mit ihnen ins Wirtshaus, wie in einem Traum befangen schritt er trotz des Platzregens langsam über den Platz weg und schlug den Weg nach Ploubazlanec ein. Dies bewirkte, daß sie ihm alles verzieh, eine hoffnungslose Zärtlichkeit quoll ihr im Herzen auf und verdrängte den bitteren Verdruß, den sie eben noch empfunden. Gaud setzte sich und nahm den Kopf in beide Hände. Was sollte sie nun beginnen? Hätte er sie doch nur einen Augenblick ruhig angehört – oder wenn sie lieber hier in der Stube mit ihm hätte reden können, dann wäre wohl alles erklärt worden und zu gutem Ende gekommen. Sie liebte ihn ja genug, um ihm Auge in Auge zu sagen: »Sie haben mich gesucht, da ich nicht nach Ihnen fragte – jetzt gehöre ich Ihnen mit ganzer Seele an, wenn Sie mich haben wollen. Wohl könnte ich unter den Bewerbern von Paimpol wählen, ich fürchte mich aber nicht davor, einen einfachen Fischer zu heiraten und habe Sie erwählt, den ich trotz allem von ganzem Herzen liebe, und ich halte Sie für besser als andere junge Leute. Bin ich auch reich und hübsch und in der Stadt aufgezogen, so bin ich doch ein vernünftiges Mädchen, habe mir auch nichts vorzuwerfen. Warum wollen Sie mich nicht nehmen, da ich Sie doch so sehr lieb habe?« Aber das alles würde nun nie ausgesprochen werden – höchstens im Traum. Es war vorüber; Yann würde sie gar nicht anhören; und wenn sie ein zweites Mal eine Aussprache erzwingen wollte, wofür sollte sie Yann dann halten? Da wollte sie doch lieber sterben! Und morgen ging er mit den anderen fort nach Island. Gaud hatte so lange in ihrer Stube oben gesessen, daß sie endlich fror. Die Welt erschien ihr schal und leer, und alles so haltlos, als wollte es um sie her zusammenstürzen. Sie wünschte vom Leben befreit zu sein und schon tief im Grabe zu liegen, um nicht mehr leiden zu müssen. Yann aber verzieh sie vollkommen, und keine Regung von Haß mischte sich in ihre verzweifelte Liebe. 12. Seit vierundzwanzig Stunden befand sich Yann unterwegs, und das Schiff glitt sanft auf der Wasserstraße des grauen Meeres dahin, die alljährlich die Fischer nach Island führt. Unter dem Klang der althergebrachten frommen Lieder hatten sie tags vorher die Heimat verlassen; der Wind wehte aus Süden und die Schiffe mit ihren aufgespannten Segeln hatten sich zerstreut, wie eine Möwenschar. Dann war die Brise schwächer geworden und das Schiff segelte langsamer; schwere Nebelbänke senkten sich auf das Wasser herab. Yann war vielleicht noch schweigsamer als gewöhnlich; nur beklagte er sich über das ruhige Wetter – er schien aufregende Beschäftigung zu brauchen, um sich vom Herzen herunter zu arbeiten, was ihn bedrückte. Es gab aber nichts zu thun, als ruhig durch die ruhigen Fluten dahin zu gleiten, nichts als zu atmen und sich das ruhige Leben gefallen zu lassen. Blickte man auf das Wasser oder in die Tiefe, so sah man in undurchdringliches Grau, und das Ohr vernahm keinen Laut, es herrschte Stille, tiefe Stille ... Plötzlich ging ein dumpfes und kaum hörbares, ganz ungewöhnliches Geräusch vom Schiffsbauch aus, das dem Menschen dieselbe Empfindung verursachte, als wenn Wagenrädern der Hemmschuh angelegt wird ... und die »Marie« stand auf einmal still. War man aufgefahren? Und auf was? Wohl auf eine der Sandbänke nahe der englischen Küste; man sah ja auch rein nichts bei dem Nebel! Aufgeregt liefen die Männer hin und her, was einen Gegensatz zu der unheimlichen Ruhe des Schiffes bildete, denn es rührte sich nicht mehr vom Fleck. Inmitten der flutenden Wassermengen, die gar keinen greifbaren Halt zu bieten schienen, mußte sich ein unsichtbares Hindernis seinem Lauf entgegengestellt haben, und es saß so fest, daß es ihm das Leben kosten konnte! Wer hat nicht schon einen armen Vogel oder eine Fliege auf der Leimrute gesehen? Zuerst sitzt das Tier so ruhig da, daß man gar nichts merkt, denn es wird von unten her festgehalten, dann aber schlägt es verzweifelt mit den Flügeln und zappelt sich ab, bringt dadurch Leim an Kopf und Federn, wodurch es bald unansehnlich wird und den Anblick eines armen Geschöpfes bietet, das sterben muß. Ähnlich war es jetzt mit der »Marie«; zuerst schien es nicht schlimm zu sein; wohl war sie ein wenig zur Seite geneigt, aber es war früher Morgen und ruhiges Wetter; man mußte eben wissen , wie solche Vorkommnisse ablaufen können, um sie ernst zu finden und sich darüber zu beunruhigen. Der Kapitän spielte eine ziemlich klägliche Rolle, hatte er doch nicht genug darauf aufgepaßt, wo sich das Schiff befand. Jetzt lief er mit gerungenen Händen umher und that Ausrufe der Verzweiflung. Der Nebel gewährte jetzt auf eine Minute den Ausblick auf ein Kap, welches nicht mit Sicherheit zu erkennen war und sogleich wieder im Nebel verschwand, überdies kein Segel, keine Rauchsäule weit und breit. Und für den Augenblick war ihnen das beinahe lieber; sie hatten gerechtfertigterweise Furcht vor englischen Schiffen die sich als Retter aufspielen, das Rettungswerk aber so sehr auf ihre eigene Weise betreiben, daß man sich ihrer erwehren muß wie der Seeräuber. Die ganze Bemannung plagte und mühte sich ab, änderte die Belastung des Schiffes und versuchte dies und das. Der Schiffshund Türk, welcher das Schwanken des Schiffes durchaus nicht fürchtete, fühlte sich sehr geängstigt durch den Unfall: er begriff sehr wohl, daß das von unten herauf kommende Dröhnen, die harten Stöße, welche der Anprall der Wellen verursachte, und das verdächtige Stillstehen des Schiffes nichts Gutes bedeuteten, daher zog er den Schwanz ein und verkroch sich in eine Ecke. Die Boote wurden herabgelassen und man versuchte Anker zu werfen; die Leute mühten sich loszukommen und vereinten alle Kräfte, um das Schiff zu wenden, was eine schwere Arbeit war, die zehn Stunden in Anspruch nahm. Und als der Abend heran kam, sah das schöne Schiff, das am Morgen so frisch und sauber daher gezogen kam, schon recht schlecht aus, schmutzig, überflutet und in voller Unordnung. Es hatte sich abgequält und war nach allen Richtungen hin geschüttelt worden, blieb aber wie angenagelt, wo es war, leblos und bewegungsunfähig. Die Nacht sank herab. Der Wind machte sich auf, die Wogen wurden höher und ihre Lage immer bedenklicher. Es war schon sechs Uhr, da brachen auf einmal die Stützen, die sie noch unter die verstaute Ladung geschoben hatten, das Schiff begann zu schaukeln und die nächste Woge trug es von dannen. »Wir sind flott! Wir sind los! Frei! frei!« so riefen die geretteten Menschen und rannten wie unsinnig vor Freude herum. Sie trieben tatsächlich vor dem Wind; wer vermöchte aber die Freude zu beschreiben, wenn man nach so schweren Stunden das Schiff wieder als ein lebendiges Wesen unter sich, es flott werden fühlt, nachdem es dem Zustand eines Wracks schon bedenklich nahe gekommen war. Mit dem Flottwerden des Schiffes war auch Yanns gedrückter Gemütszustand verschwunden; die heilsame, körperliche Ermüdung hatte ihm geholfen die Erinnerungen abzuschütteln. Am nächsten Morgen wurden die Anker gehoben, und frei und leicht, wie vorher, setzte die »Marie« ihren Weg nach dem kalten Island fort. 13. Auf der Reede von d'Há-Long, am anderen Ende der Welt, wurde die französische Post an Bord der »Kirke« ausgeteilt. Unter einer dichtgedrängten Gruppe von Matrosen stand der Wiegemeister und rief die Namen der Glücklichen auf, die Briefe erhielten. Dies aufregende Ereignis spielte sich am Abend in der Batterie ab, wo sich die Leute um die Schiffslaterne drängten. »Sylvester Moan!« hieß es. Also ein Brief aus Paimpol, aber nicht von Gauds Hand geschrieben. Was hatte das zu bedeuten und von wem kam er? Sylvester drehte ihn hin und her und öffnete ihn endlich mit bangem Herzen. »Ploubazlanec, am 5. Mai 1884. Mein lieber Enkel!« Also war der Brief doch von der guten alten Großmutter! Sylvester atmete erleichtert auf. Und da stand ja auch ihre Unterschrift; er kannte die Federstriche der zitternden, schülerhaften Schrift auswendig: »Witwe Moan.« Witwe Moan! Er führte das Papier an die Lippen und küßte den lieben Namen wie ein heiliges Amulett. Kam doch der Brief zu einer großen entscheidenden Stunde seines Lebens: morgen in aller Frühe kam er ins Feuer. Es war Mitte April; Bac-Ninh und Hong-Hoa waren eben genommen. Eine größere Operation in Tongking stand zwar nicht bevor; die eintreffenden Verstärkungen genügten aber gleichwohl nicht, daher nahm man von Bord der Schiffe alles was sie nur hergeben konnten, um die Compagnien der Seesoldaten zu vervollständigen, die bereits ausgeschifft waren. Sylvester, der sich bei Kreuzfahrten und Blockade arg gelangweilt, war nebst mehreren Kameraden dazu kommandiert, die Lücken in diesen Compagnien auszufüllen. Im Augenblick waren zwar Friedensgerüchte im Umlauf, die Matrosen sagten sich jedoch, daß sie wohl gerade noch zurecht kommen würden, um ein bißchen mit drein zu schlagen. Nachdem sie ihre Tornister gepackt und die kleinen Vorbereitungen vollendet, spazierten sie den ganzen Abend auf Deck umher und fühlten sich stolz und gehoben gegen die Zurückbleibenden. Jeder gab auf seine Weise die Gefühle kund, die ihn am letzten Abend bewegten: die einen waren ernst und gesammelt, die andern machten sich mit übervielem Reden wichtig. Sylvester war ziemlich schweigsam und verschloß seine Ungeduld zum Ausmarsch in sich; nur wenn ihn jemand anblickte, schien ein leises Lächeln auszudrücken: »Ja, ja, es hat seine Richtigkeit; ich bin dabei, und zwar auf morgen früh!« Seine Vorstellung vom Krieg und Kampf war etwas unvollständig, übte aber einen großen Zauber auf ihn aus, denn er entstammte einem tapferen Geschlecht. Er beunruhigte sich über Gaud, weil der Brief von fremder Hand geschrieben war, und drängte sich an die Laterne heran, um ihn endlich zu lesen; damit hatte es aber seine Schwierigkeit inmitten der halbnackten Gestalten, welche in dieser erstickenden Atmosphäre die Laterne bereits mit ihren Briefen umdrängten. Nun erhielt Sylvester auch die Aufklärung, warum die Großmutter Ivonne diesmal eine alte Nachbarin um den Schreibedienst gebeten. »Mein lieber Junge,« las er, »diesmal lasse ich dir nicht von deiner Cousine schreiben, denn es geht ihr traurig. Ihr Vater ist vor zwei Tagen plötzlich gestorben, und es scheint, daß sein ganzes Vermögen vorigen Winter in schlechten Geschäften in Paris draufgegangen ist. Nun wird wohl Haus und Einrichtung verkauft werden müssen. Kein Mensch hat geahnt, daß es schlecht mit dem Mann stände, und ich glaube gewiß, mein liebes Kind, daß es dich so sehr betrübt wie mich. »Der junge Gaos läßt dich schön grüßen, er hat sich auch dies Jahr wieder auf die ›Marie‹ zum Kapitän Guermeur verdungen, und sie sind diesmal recht zeitig nach Island aufgebrochen. Am Tag darauf starb Herr Mével, und so wissen sie noch gar nicht, welches Unglück über die arme Gaud gekommen ist. »Aber du wirst dir wohl denken, mein lieber Sohn, daß es jetzt aus ist, und wir sie nicht verheiraten werden, denn sie wird nun wohl um ihr Brot arbeiten müssen.« Sylvester stand wie vom Donner gerührt; die schlimme Botschaft hatte ihm auf einmal die ganze Kampfesfreude verdorben! Dritter Teil. 1. ... Eine Kugel pfeift durch die Luft! ... Sylvester hemmt seinen Schritt und spitzt die Ohren. Er befindet sich auf einer unabsehbaren Ebene, die im Schmuck des zarten samtreichen Frühlingsgrüns steht. Schwere drückende Wolken hängen vom Himmel nieder. Sechs bewaffnete Matrosen sind auf schmutzigem Pfad zwischen jungen Reisfeldern auf einem Rekognoscierungsmarsch begriffen. ... Da!! ... Dasselbe Geräusch durchschneidet die stille Luft, ein scharfer schnarrender Laut, der wie ein langgezogenes »Dzinn« klingt, giebt einen Begriff von dem harten, bösartigen kleinen Ding, das pfeilschnell vorüber saust und den ihm Begegnenden den Tod bringen kann. Sylvester hört diese Musik zum erstenmal in seinem Leben. Feindliche Kugeln klingen ganz anders als die, welche man selbst abschießt: der aus der Entfernung abgegebene Schuß ist im Laut abgeschwächt, man hört ihn nicht mehr, dafür hört man aber um so besser, wie fremde Kugeln die Luft durchschneiden, und in rascher Folge einem um die Ohren pfeifen. ... Dzinn! dzinn! geht es in einem fort, denn jetzt regnet es Kugeln, die sich dicht bei den Matrosen in den schlammigen Boden des Reisfeldes bohren; jede schlägt scharf ein und da, wo sie im Boden verschwindet, spritzt Wasser aus der weichen Erde auf. Lächelnd sehen die Matrosen einander an, denn die Geschichte macht ihnen Spaß. »Die Chinesen!« heißt es – Anamiten, Tongkinesen, Schwarzflaggen, sind alles Chinesen für sie; der Tonfall bekundet, wie verächtlich ihnen das Volk ist und wie groß die Lust, ihre Tücke heimzuzahlen. Noch zwei oder drei Kugeln sausen daher und fahren ins Grüne wie Heuhüpfer. Jetzt hört der Kugelregen, der kaum eine Minute gedauert hat, völlig auf, tiefes Schweigen liegt wieder über der Ebene und nirgends rührt sich etwas. Die Sechs stehen noch still; sie spähen nach der Luftrichtung, um herauszufinden, woher die Kugeln kamen. Sicher aus dem Bambusgebüsch, das in der weiten Ebene wie ein Inselchen von Federbüschen aussieht, hinter welchem spitze Dächer halb versteckt sind. Die Matrosen schlagen sofort die Richtung dahin ein; in der aufgeweichten Erde eines Reisfeldes marschiert es sich schlecht, der Fuß sinkt entweder ein oder er gleitet aus; da Sylvester die längsten und flinksten Beine hat, läuft er voraus. Nicht eine einzige Kugel kommt mehr geflogen – man hätte meinen können, davon geträumt zu haben. Und wie gewisse Dinge in allen Ländern der Welt ewig einander gleich bleiben – der graue Himmel und das frische Frühlingsgrün – so hatte man glauben mögen daheim in Frankreich zu sein, wo junge Leute vergnügt auf grüner Ebene dahin liefen, einem ganz anderen Ziel entgegen, als dem Tod. Im Näherkommen läßt sich die exotische Zierlichkeit der Bambussträucher unterscheiden, und die eigentümlich geformten Dächer erhöhen die Fremdartigkeit des Dorfes. Die bisher verborgen gewesenen Menschen zeigen sich jetzt, platte gelbe beobachtend vorgestreckte Gesichter, von Bosheit oder Furcht verzogen ... Mit lautem Geschrei springen sie vor und bilden eine zitternde, doch sehr entschiedene und gefährliche Linie. »Die Chinesen!« tönt es noch einmal von den Lippen der tapferen Matrosen. Mögen sie sie gleich verachten, so müssen sie sich doch deren Überzahl eingestehen, und wenn einer sich umdreht, sieht man ihrer noch mehr aus dem Grün hervorkriechen ... Er war an diesem Tag und in diesem Augenblick sehr schön, der junge Sylvester, und die alte Großmutter würde auf sein kriegerisches Aussehen stolz gewesen sein! Die paar Tage hatten ihn völlig verwandelt, der Haut eine dunklere Färbung verliehen, seine Stimme verändert, und jetzt sah es aus, als befände er sich so recht in seinem Element! In einem Augenblick des Stutzens hätten die von den Kugeln gestreiften Leute beinahe eine Rückzugsbewegung gemacht, die ihnen allen den Tod gebracht hätte; Sylvester schritt jedoch unaufhaltsam weiter; er hatte seine Flinte am Lauf gefaßt und führte Kolbenschläge nach rechts und links, die niederschmetterten, was sie trafen. Dank seiner Entschlossenheit änderte sich die Lage der sechs Matrosen; die zagende Furcht, welche sie einen Augenblick empfunden und die in solch kleinen Kämpfen ohne regelrechte Leitung alles entscheidet, hatte bei den Chinesen Platz gegriffen, und sie begannen zurück zu weichen. Und jetzt war der Kampf entschieden, sie flohen! Die sechs Tapferen luden ihre Gewehre in größter Schnelligkeit ein über das andere Mal und schossen die Feinde nieder. Blutlachen bildeten sich im Grün, zerschossene Körper lagen umher und aus zerschmetterten Schädeln quoll das Hirn hervor. Sich auf den Boden duckend, wie die Leoparden, flohen sie in langen Sprüngen, und Sylvester verfolgte sie, obgleich er schon zwei Verwundungen erhalten hatte: einen Lanzenstich in den Schenkel und einen tiefen Hieb in den Arm. Der Kampfeslust war aber eine Art Rausch gefolgt, jener Rausch, den ein kraftvolles Blut erzeugt und der einfachen Männern den hohen Mut verleiht, der die antiken Helden beseelte. Einer der Verfolgten wandte sich um und legte verzweiflungsvoll noch einmal an. Sylvester blieb mit verächtlichem Lächeln stehen und sah der Entladung der Waffe hoheitsvoll zu; er neigte sich ein wenig zur Seite, aber auch der Gewehrlauf in der Hand des zitternden Menschen nahm dieselbe Richtung. Sylvester fühlte eine Erschütterung in der Brust, deren Bedeutung ihm blitzschnell klar ward, und noch ehe er Schmerz empfand, wandte er den Kopf nach den Kameraden um, als wollte er versuchen, ihnen gleich einem alten Soldaten die herkömmlichen Worte zuzurufen: »Ich habe mein Teil weg!« Während er hinter den Feinden herlief, war die Atmung eine so starke gewesen, daß er auch jetzt noch die Luft mit voller Kraft der Lungen einzog; jetzt aber fühlte er durch ein Loch in der rechten Seite Luft in die Lunge dringen, mit jenem schrecklichen Ton, den ein geplatzter Blasebalg von sich giebt. Zu gleicher Zeit füllte sich der Mund mit Blut und ein stechender Schmerz in der Seite trat ein, der sich in rasender Schnelle zu gräßlicher, unsagbarer Höhe steigerte. Sylvester fühlte sich von einem Schwindel erfaßt; wie im Taumel drehte er sich ein paarmal um sich selbst, indem er sich bemühte, trotz der roten Flüssigkeit, die ihn zu ersticken drohte, einen tiefen Atemzug zu thun, darauf schlug er schwer auf die durchweichte Erde nieder. 2. Etwa vierzehn Tage später, als der Himmel beim Herannahen der Regenzeit düsterer, und die Hitze über diesem gelben Tongking drückender lag, wurde Sylvester, den man nach Hanoi zurücktransportiert, nach der Reede von d'Ha-Long, und dort auf ein Hospitalschiff gebracht, welches nach Frankreich zurückkehrte. Er war auf einer Tragbahre von einer Ambulanz zur anderen getragen worden und man hatte ihn bei jeder zu ein paar Ruhetagen behalten. Was für ihn geschehen konnte, war gethan worden; unter diesen schlechten Verhältnissen hatte sich aber die Brust mit Wasser gefüllt, und die Luft ging immer noch gurgelnd durch das Loch ein und aus, das nicht zuheilen wollte. Die Kriegsmedaille war ihm verliehen worden und Sylvester hatte sich einen Augenblick darüber gefreut; er war aber nicht mehr der Krieger von ehedem mit dem entschiedenen Auftreten, der klangvollen Stimme und knappen Ausdrucksweise – Schmerzen und Fieber hatten das alles wie weggeweht. Er war wieder zum Kind geworden und hatte Heimweh; sprach nie mehr, mußte er aber antworten, so klang die Stimme schwach zum Verlöschen. Ach, er fühlte sich so krank und war so weit, so entsetzlich weit fort – es dauerte so lange, bis er heimkommen konnte; würde er bei den immer mehr schwindenden Kräften auch nur noch so lange leben? ... Das Bewußtsein der ungeheuren Entfernung verfolgte ihn unablässig; es bedrückte ihn beim Erwachen, wenn nach Stunden tiefster Erschöpfung die furchtbaren Schmerzen in seinen Wunden die Oberhand gewannen, Fieberhitze ihn verzehrte und die Luft so unheimlich in die durchschossene Brust drang. Er hatte flehentlich darum gebeten, daß man ihn auf jede Gefahr hin einschiffen möchte. Da Sylvesters Körper schwer war, ließ er sich schlecht in der Hängematte transportieren, und ohne daß es die Träger wollten, bereiteten sie doch dem hin und her geschüttelten Kranken große Schmerzen. An Bord wurde er in eins der kleinen eisernen Hospitalbetten gelegt, die in langer Reihe nebeneinander stehen. Nun machte er die Reise in umgekehrtem Sinn, nachdem er herwärts fast wie ein Vogel in der freien Luft im Mastkorb gelebt, empfand er die drückende Schwüle unten im Schiffsraum, den Geruch der Medikamente und Ausdünstung der Wunden erfüllte – Elend in sich und Elend um sich her! Während der ersten Tage hatte das Gefühl, auf dem Heimweg zu sein, etwas Besserung zuwege gebracht; von Kissen gestützt, vermochte er im Bett zu sitzen, und verlangte zuweilen nach »seiner Kiste, dem in Paimpol gekauften weißen Holzkistchen, das seine kleinen Schätze barg: die Briefe der Großmutter Ivonne, neben denen von Gaud und Yann; weiter fand sich ein Heft, in welches er die Lieder eingeschrieben hatte, die er von den Matrosen an Bord gehört, und ein Buch des Konfucius in chinesischer Sprache, das er bei einer Plünderung an sich genommen; auf die weiße Rückseite der Blätter hatte er seine Erlebnisse während des Feldzugs in schlichter Weise niedergeschrieben. Der Monat Mai brachte Sylvester keine Besserung, und schon in der ersten Woche hielten die Ärzte den Tod für unvermeidlich. Man befand sich jetzt in der Nähe des Äquators, in der schrecklichen Hitze und der Region der Gewitterstürme. Der Transportdampfer verfolgte seinen Weg durch die wildbewegte See und schüttelte die Betten mit den Verwundeten und Kranken unbarmherzig. Seit man d'Ha-Long verlassen hatte, war schon mehr als einer gestorben und auf dieser großen Straße nach Frankreich in die Tiefe gesenkt worden, daher standen eine Anzahl der kleinen Betten leer – die Insassen waren von ihrem Elend erlöst. An diesem Tag war es sehr dunkel im Krankenraum, weil man der Wogen halber die Eisenluken der Stückpforten hatte schließen müssen, was die Atmosphäre noch erstickender machte. Mit Sylvester ging es schlecht – das Ende war da. Er lag immer auf der durchschossenen Seite und drückte sie mit der wenigen Kraft, die noch in seinen beiden Händen war, zusammen, um die schreckliche Flüssigkeit drinnen auf der einen Seite zu halten, damit er wenigstens mit der einen Lunge atmen konnte. Diese war jedoch auch angegangen; der Todeskampf trat ein. Visionen aller Art ängstigten den wandernden Geist des Sterbenden; gräßliche Gesichter und geliebte Gestalten sah er in dem schwülen Halbdunkel auftauchen und sich über ihn neigen, und der traumhafte Zustand führte ihn bald in die Bretagne, bald nach Island. Am Morgen hatte er den Priester rufen lassen; einen Greis, der viele, viele Matrosen in ihrer letzten Stunde getröstet; hier aber trat ihm entgegen, was er noch kaum gesehen: in mannhaftem Körper eine kinderreine Seele. Sylvester verlangte Luft – ach Luft – es gab aber nirgends welche, und die Windfächer vermochten keine Luft mehr zu erzeugen; der Krankenwärter fächelte mit einem buntbemalten chinesischen Fächer beständig über ihm, damit konnte er ihm aber nur die schreckliche Stickluft zuwedeln, die hundertmal schon ein- und wieder ausgeatmet war und welche die Lunge nicht mehr aufzunehmen vermochte. Manchmal packte ihn eine wahnsinnige Angst, in welcher er aus seinem Bett wollte, an dem doch bereits der Tod saß, o er mußte hinauf aufs Deck, um sich dort neuen Lebensodem zu holen! Ach, die glücklichen Kameraden in den Wandtauen und Masten! Aber all seine Anstrengung führte zu nicht mehr als einer geringen Lageveränderung des Kopfes, den unvollkommenen Bewegungen ähnlich, die man bei geträumter großer Anstrengung im Schlafe macht. Nein, er konnte nicht mehr und sank zurück in das zerlegene unordentliche Bett, wo er das Ende immer näher kommen fühlte, und nach solch ungeheurer Anstrengung verlor er jedesmal für einen Augenblick das Bewußtsein. Um ihm zu willfahren, öffnete man endlich eine Luke, obgleich es ein gefährliches Beginnen war bei der unruhigen See; es kam aber keine Luft, sondern nur ein blendend rotes Licht herein. Es war gegen sechs Uhr und die untergehende Sonne zeigte sich durch zerrissene Wolken in ihrer ganzen Pracht am Horizont; ihr greller Schein zitterte bei dem Schlingern des Schiffes im Krankensaal, wie eine unstet getragene Fackel. Luft? ach nein, es kann keine herein, denn das bißchen, das es draußen gab, vermochte nicht hier einzudringen und die Fieberdünste zu verscheuchen. Auf der unendlichen Fläche des Tropenmeeres gab es ja nichts als eine schwüle Feuchtigkeit, schwer und unbrauchbar zum Einatmen. Nirgends ein Luftzug, nicht einmal für die Sterbenden, die danach lechzten. ... Eine letzte Vision ängstigte Sylvester unsäglich: seine alte Großmutter kam mit dem Ausdruck herzzerreißender Angst unter niedrig gehenden schwarzen Wolken und heftigem Regen auf dem Weg nach Paimpol daher; sie war aufs Marinebureau gefordert, wo ihr die Eröffnung gemacht werden sollte, daß er tot sei. Er quälte sich im Todeskampf und das Röcheln trat ein. Der Wärter wischte mit einem Schwamm das Wasser und Blut weg, welches in Strömen aus der Brust aufstieg und ihn zu ersticken drohte. Und die Sonne leuchtete immer fort, als wollte sie am Abendhimmel einen Weltbrand entfachen; eine Feuergarbe schoß durch die offene Luke und sandte ein paar Strahlen auf Sylvesters Bett, dessen Haupt sie mit einem Glorienschein umgab. ... Zur selben Zeit schien die Sonne auch in der Bretagne; Wohl war es die gleiche Sonne, nur sah sie ganz anders aus: sie stand hoch am blauen Himmel und schien mit weißlichem Schein auf die Großmutter Ivonne, die nähend auf ihrer Thürschwelle saß, und eben das Mittagsläuten vernahm. Auch in Island erschien die Sonne zu Sylvesters Todesstunde, aber dort war es Morgen. Mit bleichem Schein ruhte ihr trauriges Licht auf dem Fjord, wo sich die »Marie« eben aufhielt; der Himmel war diesmal von jener Reinheit, wie sie in den nordischen Meeren vorkommt, welche den Gedanken an erkaltete Planeten erwecken, die keine Atmosphäre mehr haben. Mit eisiger Genauigkeit zeigte sie die Einzelheiten der Steinwüste, die Island heißt: von der »Marie« aus gesehen, schien die ganze Insel wie auf einer Stelle festgebannt, aufrecht dazustehen. In eigentümlicher Beleuchtung stand Yann und fischte wie gewöhnlich in diesem mondscheinähnlichen Licht. ... In dem Augenblick, wo die Feuergarbe, die durch die Luke eingedrungen war, langsam verblich und die Tropensonne in dem goldigscheinenden Meer verschwand, brachen die Augen des Sterbenden; sie drehten sich so gewaltsam aufwärts, als wollten sie im Kopfe verschwinden. Darauf zog man die Augenlider mit den langen Wimpern herab; die durch die Krankheit bewirkte Veränderung verschwand und Sylvesters Schönheit erschien allmählich wieder. So lag er in feierlicher Ruhe da, wie eine schlafende Marmorstatue. 3. ... Ich kann mir nicht versagen, von Sylvesters Begräbnis zu berichten, da ich es auf der Insel Singapore selbst geleitet habe. Während der ersten Tage der Fahrt waren viele Tote ins chinesische Meer gesenkt worden; da wir uns aber nahe jenes ungesunden Striches befanden, war beschlossen worden, Sylvester ein paar Stunden länger zu behalten, um ihn an Land zu begraben. Der schrecklichen Sonne halber mußte man sehr früh aufbrechen; Sylvester ward in ein Boot gebracht und mit der französischen Flagge zugedeckt. Ein Karren, den der Konsul geschickt, stand schon auf dem Quai; da hinein betteten wir unseren Toten samt dem Holzkreuz, das an Bord für ihn gemacht worden war; der schwarze Lack hatte noch nicht Zeit gehabt trocken zu werden, als man in Weiß seinen Namen darauf malte; so war die Schrift leider ausgelaufen – aber Eile that not! Die große, fremde Stadt schlief noch, als wir ans Land kamen, und wir durchschritten das Babel schon, als die Sonne aufging. Wie bewegte es aber die Herzen, wenige Schritte vom schmutzigen Gewühl der Chinesen die Ruhe einer französischen Kirche zu finden! Unter dem hohen weißen Kirchenschiff, wo ich mit meinen Matrosen allein war, tönte das Dies irae , von einem Missionspriester gesungen, wie eine sanfte, geheimnisvolle Beschwörung. Durch die offenen Thüren sah man Dinge, die dem Blick in einen Zaubergarten glichen: wunderbares Grün und ungeheuer große Palmen; der Morgenwind strich durch große blühende Bäume; ein wahrer Regen karminroter Blüten fiel von ihnen und wehte bis in die Kirche hinein. Darauf sind wir weit, weit hinaus auf den Friedhof gegangen, der bescheidene Zug einer Handvoll von Seeleuten mit einem Sarg, den die Fahne von Frankreich bedeckte. Unser Weg führte durch die chinesischen Quartiere, wo es von gelben Menschen wimmelte wie in einem Ameisenhaufen; dann kamen wir in die malaischen und indischen Vorstädte, wo alle Arten asiatischer Gesichter uns mit erstaunten Augen vorüberziehen sahen. Es war schon heiß, als wir das Freie erreichten und schattige Wege uns aufnahmen. Wundervolle Schmetterlinge, deren Flügel wie blauer Samt erschienen, wiegten sich in der Luft; eine verschwenderische Pracht von Blumen, Palmen und die ganze Herrlichkeit tropischer Vegetation umgab uns. Endlich erreichten wir den Friedhof mit seinen Mandarinengräbern, mit vielfarbigen Inschriften, Drachen und anderen Ungeheuern geschmückt; unbekannte Sträucher mit seltsam geformten Blättern zogen das Auge auf sich. Der Ort, wo wir Sylvester zur ewigen Ruhe einsenkten, glich einem Stückchen der Zaubergärten von Indra. Wir haben das hölzerne Kreuzlein, das ihm eilig in der Nacht gemacht worden war, auf den Erdhügel gesteckt: Sylvester Moan, Neunzehn Jahre alt stand darauf. Und so haben wir ihn denn verlassen müssen, da uns die immer höher steigende Sonne zur Rückkehr trieb, und noch einmal nach der stillen Stätte zurückgeschaut, wo sich die wunderbaren Bäume und großen Blumenkelche über das Grab des Tapferen neigen. 4. Der Transportdampfer setzte seinen Weg durch den Indischen Ocean fort. Unten im Krankenraum war noch viel Elend eingeschlossen, droben auf dem Verdeck aber vergnügte sich die unbekümmerte, gesunde Jugend. Das Meer ringsum zeigte heute ein Festgewand von reiner Luft und Sonnenschein. Bei dem erfrischenden Passatwind lagen die Matrosen im Schatten der Segel und belustigten sich damit, ihre Papageien laufen zu lassen. In Singapore, wo sie herkamen, wurden den Matrosen alle Arten gezähmter Tiere zum Kauf angeboten. Alle hatten junge Papageien genommen, deren Vogelgesichter noch ganz kindlich aussahen; der Schwanz fehlte ihnen noch, aber das Gefieder zeigte bereits ein prachtvolles Grün! Wie sie da auf den reinlichen Schiffsplanken saßen, glichen sie frisch grünen Blättern, die eben von einem Baum der Tropenwelt gefallen waren. Manchmal thaten sie die Matrosen alle zusammen, dann guckten sie einander drollig an und drehten die Hälse nach allen Seiten, als wollte einer den andern in seinen verschiedenen Stellungen beobachten. Es gab welche, die mit höchst komischen Verrenkungen hinkend zu laufen verstanden; sie fingen mit großer Eile ihren Lauf an, es kam aber häufig vor, daß einer hinfiel. Einige Matrosen besaßen Meerkatzen, welchen sie allerlei Kunststückchen beibrachten, was viel Spaß gab. Manche von diesen Tieren wurden zärtlich geliebt und mit großer Innigkeit geliebkost; zusammengerollt hängten sie sich an ihres Herrn harte Brust und sahen ihn mit fast menschlichen Augen grotesk und rührend zugleich an. Als es drei Uhr schlug, erschien der Quartiermeister mit zwei Leinwandsäcken auf Deck, die versiegelt waren und Sylvesters Namen trugen. Sein Hab und Gut sollte verauktioniert werden, wie es die Schiffsordnung vorschreibt. Voll Interesse scharten sich die Matrosen um den Quartiermeister; solch eine Auktion kommt an Bord eines Lazarettschiffes so oft vor, daß sich niemand darüber aufregt; auch hatte man Sylvester so wenig gekannt! Seine gestrickten Jacken, Hemden und blaugestreiften Socken wurden befühlt, umgewendet und zu jedem Preis fortgegeben, wobei die Käufer zum Scherz einander überboten. Nun kam das sorgfältig gehütete Holzkistchen an die Reihe, das auf fünfzig Centimes geschätzt ward; Briefe und die Kriegsmedaille waren herausgenommen worden, um der Familie zugestellt zu werden; es blieb aber noch das Liederheft, das Buch des Konfucius, und Knöpfe, Nähnadeln und Zwirn, alle jene kleinen Dinge, welche die Fürsorge der Großmutter Yvonne ihm als Nähzeug mitgegeben. Nach diesem brachte der Quartiermeister zwei kleine Buddhas zum Vorschein, welche sich der Verstorbene aus einer Pagode mitgenommen hatte, um sie Gaud heimzubringen; sie waren von so komischem Ansehen, daß die Matrosen wie toll darüber lachten. Zuletzt wurden die beiden Säcke verkauft, und der Ersteher machte sich sogleich daran, Sylvesters Namen auszustreichen, um den seinigen an dessen Stelle zu setzen. Darauf wurde die Stelle sorgfältig abgekehrt, damit auch nicht etwa ein Stäubchen oder Fäserchen auf dem sauberen Verdeck liegen bliebe, und die Matrosen kehrten vergnüglich wieder zur Beschäftigung mit ihren Affen und Papageien zurück. 5. In der ersten Hälfte des Juni sagten die Nachbarn der alten Yvonne bei ihrer Heimkehr, daß jemand vom Marinebureau dagewesen wäre und hätte sie sprechen wollen. Gewiß betraf es ihren Enkel, flößte ihr aber durchaus kein Bangen ein. Angehörige von Seeleuten haben ja manchmal etwas auf dem Marinebureau zu thun; die alte Frau, welche Tochter, Weib, Mutter und Großmutter von Matrosen war, kannte dieses Bureau seit nun fast sechzig Jahren. Ohne Zweifel handelte es sich um eine kleine Differenz im Sold, da Sylvester als Seesoldat mit fort gemußt hatte und die er ihr nun überwies. Da Yvonne wohl wußte, welchen Respekt man der Obrigkeit schuldet, zog sie ihr Sonntagskleid an, setzte eine frische Haube auf und machte sich gegen zwei Uhr auf den Weg. Von einer leisen Unruhe getrieben, ging sie mit eiligen Schritten auf dem Pfad zwischen den Klippen dahin, war sie doch seit zwei Monaten ohne Nachricht von Sylvester geblieben. Als sie nach Paimpol kam, saß ihr alter Freier richtig wieder vor seiner Thür. Er war sehr zusammengegangen seit letzten Winter, was ihn jedoch nicht hinderte, sie, wie jedesmal, anzureden: »Nun? sobald Ihr wollt; Ihr wißt ja, daß Ihr nur zu bestellen braucht, schöne Frau!« Sobald er sie zu sehen bekam, hatte er ja jedesmal weiter nichts im Sinn, als ihr das Anmessenlassen ihres Sarges zu empfehlen. Ein schöner Sommertag fürwahr! Auf den steinigen Höhen kam zwar nichts als Ginster fort, aber auch dieser prangte in goldgelben Blüten, kam man aber hinunter an tiefer gelegene und vor dem Seewind geschützte Stellen, so stand alles in jungem Grün, die Heckenrosen blühten und dufteten, und es roch gut nach frischem Gras. Davon merkte die alte Frau jedoch nichts, die unter der Last so vieler flüchtiger Sommer gebeugt, vorwärts eilte. Vor den Häuschen mit zerbröckeltem Mauerwerk blühten Rosenstöcke, Nelken und Levkojen; selbst auf dem First der hohen bemoosten Strohdächer grünte es, und die ersten Schmetterlinge gaukelten um tausend kleine weiße Blümchen. Hierzuland mußte der Frühling ohne Liebe vergehen, und wo man eine der hübschen Töchter dieses starken und stolzen Geschlechts, das hier wohnt, etwa an ihrer Thür lehnen sah, da konnte man bemerken, daß ihre Augen träumerisch blickten, wie in weite Fernen verloren. Waren doch die jungen Leute, denen ihre traurigen oder sehnsüchtigen Gedanken galten, allesamt auf den nordischen Meeren beim Fischfang. Aber hier war es lachender Sommer mit weicher Luft, welche die alte Großmutter umschmeichelte, die unter frohem Schwirren der Insekten und Blumenduft dahin ging, um den Tod ihres Einzigen zu erfahren. Immer näher kam sie dem schrecklichen Augenblick, wo sie vernehmen sollte, was sich so himmelweit weg, auf dem chinesischen Meer zugetragen. Jetzt befand sich die gute alte Großmutter auf dem Weg, welchen Sylvester in seiner Todesstunde vorausgesehen, und ihre Angst hatte ihm die letzten Zähren ausgepreßt – war sie doch vorgefordert, um zu hören, daß er tot sei. Ganz genau hatte er sie gesehen in ihrem braunen Shawltuch, der weißen Haube, mit dem Regenschirm in der Hand, wie sie sich sputete auf dem steinigen Weg! Und diese Erscheinung bereitete ihm solchen Schmerz, daß er sich krümmte und wand im Todeskampf, während der riesige Feuerball der Tropensonne prachtvoll unterging und seine Strahlen durch die geöffnete Luke des Lazarettschiffes sandte, um ihn sterben zu sehen. Die qualvolle Vision hatte ihm die alte Großmutter im Regen gehend gezeigt, während sie in Wirklichkeit vom Sonnenschein umflutet war, der ihres kommenden Jammers zu höhnen schien. Je näher sie ihrem Ziel kam, je bänglicher ward ihr zu Mut, und unbewußt beschleunigte sie ihren Schritt noch mehr. Nun war sie in dem altersgrauen Städtchen; ging durch dessen enge Gassen und nickte den alten Frauen zu, die sie im warmen Sonnenschein da und dort am Fenster sitzen sah. »Wohin hat sie es nur so eilig in ihren Sonntagskleidern am Werktag?« dachten sie und blickten ihr neugierig nach. Der Herr Kommissar war nicht auf dem Marinebureau anwesend, und nur ein ganz junger, etwa fünfzehnjähriger Schreiber saß an seinem Pult, ein äußerst häßlicher, schwächlicher Mensch. Da er zum Fischer untauglich war, hatte er sich Schulkenntnisse sammeln müssen, um seine Tage damit zu verbringen, daß er auf seinen Schreibstuhl gebannt und mit Schreibärmeln angethan, hier von Früh bis zum Abend aufs Papier kritzelte. Nachdem die alte Frau ihren Namen genannt, erhob sich der Schreiber mit wichtiger Miene, um abgestempelte Schriftstücke aus einem Fach zu nehmen. Es waren eine ganze Reihe – was bedeutete das? Zeugnisse, Papiere mit großen Siegeln, ein Seemannspaß, der vom Meerwasser gelb geworden war, und der wie die anderen Papiere einen Modergeruch ausströmte. Langsam breitete er eins ums andere vor der armen Alten aus, die zu zittern begann und der alles vor den Augen verschwamm, hatte sie doch die zwei Briefe erkannt, welche Gaud für sie an ihren Enkel geschrieben, und die uneröffnet zurückgekommen waren ... Das hatte sie vor zwanzig Jahren beim Tod ihres Sohnes Pierre schon einmal erlebt – die Briefe waren damals aus China zurückgekommen und ihr durch den Herrn Kommissar zugestellt worden. Der Schreiber begann jetzt mit gesuchter Wichtigkeit vorzulesen: »Moan, Jean Marie Sylvester, eingeschrieben zu Paimpol, Folio 213 unter Matrikelnummer 2091; sein Ableben erfolgte an Bord des »Bien-Hoa« am 14. des ... »Was ist ihm passiert, mein guter Herr? Wovon lesen Sie da?« »Von seinem Ableben – er ist verschieden,« erklärte der schwächliche Mensch. Er war gewiß nicht boshaft, der kleine Schreiber, und wenn er der armen Frau das Schreckliche so unvermittelt mitteilte, so geschah es aus Mangel an Verstand und Urteilskraft bei diesem dürftigen Geschöpf. Da er sah, daß die Frau das schöne Wort nicht verstand, wiederholte er es ihr in bretonischem Dialekt: »Marw eo« (er ist tot). »Marw eo!« sprach sie ihm in meckerndem Ton hohen Alters nach, so wie ein armseliges klangloses Echo ein ganz gleichgültiges Wort wiedergiebt. Wohl hatte ihr die Bedeutung der zwei Worte aufzudämmern begonnen, nun sie aber vor der vollendeten Thatsache stand, schien es sie nicht zu rühren. Ihre Leidensfähigkeit hatte mit dem Alter wirklich abgenommen – der Schmerz stellte sich nicht mehr augenblicklich ein. In ihrem Kopf drehte es sich dergestalt, daß sie Sylvesters Ende mit dem Tod eines ihrer Söhne verwechselte, hatte sie sie doch alle hergeben müssen, einen um den andern. Sie brauchte einen Augenblick Zeit, um sich klar zu machen, daß es sich um ihr Letztes handelte, den heißgeliebten Enkel, um dessen Wohl sich alle ihre Gedanken drehten, deren Klarheit die düstere Periode des Kindischwerdens schon bedrohte. Sie empfand Scham davor, dem kleinen Beamten ihre Verzweiflung sehen zu lassen; ihr graute fast vor ihm: teilt man denn einer Großmutter so den Tod ihres Enkels mit? Starr und steif blieb sie vor dem Kanzleitisch stehen und drehte die Fransen ihres braunen Shawls in den gefurchten Waschfrauenhänden hin und her. Wie weit von zu Hause war sie doch weg; mein Gott, sie mußte ja den ganzen weiten Weg äußerlich ruhig und anständig noch einmal machen, ehe sie ihr armes Hüttlein erreichte, wo sie sich mit ihrem Kummer einschließen konnte, wie ein verwundetes Tier, das sich in sein Erdloch verkriecht, um darin zu sterben. Sie bemühte sich, nicht zu denken und noch gar nicht ordentlich zu begreifen, so sehr fürchtete sie sich vor dem weiten Heimweg. Der Schreiber händigte ihr, als der Erbin, eine Anweisung auf dreißig Frank, den Erlös von Sylvesters Sachen, ein, darauf gab er ihr die Papiere und zuletzt die Kriegsmedaille. Linkisch nahm sie es mit Fingern, die sich gar nicht mehr schließen wollten, that es von einer Hand in die andere, denn sie vermochte ihre Taschen nicht zu finden. Ohne nach rechts oder links zu schauen oder einen Menschen anzusehen, ging sie mit etwas vorgeneigtem Körper durch die Stadt, wie jemand, der jeden Augenblick zu fallen droht. Gleichwohl eilte sie sich, strengte sich übermäßig an um fortzukommen, das Blut brauste ihr in den Ohren. Sie übernahm ihre Kräfte dergestalt, als wäre die arme abgenutzte Maschine ihres Körpers ein letztes Mal zu voller Geschwindigkeit aufgezogen, unbekümmert darum, ob die Federn springen. Beim dritten Kilometer Weges ging sie ganz vornübergebeugt, völlig erschöpft; ihr Holzschuh stieß manchmal an einen Stein, was sie als heftigen Schmerz im Kopf verspürte. Nur noch ihre Hütte erreichen und sich darin vergraben können – ach, nur nicht hinfallen und von den Leuten heimgetragen werden! 6. »Die alte Yvonne ist betrunken!« schrieen die Jungen und liefen ihr nach. Sie war doch noch gefallen, gleich zu Anfang des Dorfes Ploubazlanec, das in langer Häuserreihe gebaut ist. Es gelang ihr zwar, sich gleich wieder aufzurichten und weiter zu humpeln; doch sah sie verstört aus und die Haube saß ganz schief. »Die alte Yvonne ist betrunken!« Die ungezogenen Kinder schrieen es ihr ins Gesicht und lachten dazu; es gab welche darunter, die nicht von gerade schlechtem Herzen waren, und stille davon schlichen, ohne sich weiter an dem Unfug zu beteiligen, nachdem sie den Ausdruck der Verzweiflung im Gesicht der Greisin so ganz in der Nähe gesehen. Sobald sie ihre Thür hinter sich geschlossen hatte, machte sich der Jammer, der sie zu ersticken drohte, Luft. Mit schmerzlichem Aufschrei sank sie in einer Ecke nieder, und lehnte den Kopf an die Mauer; die Haube war ihr bis auf die Augen gerutscht; sie riß sie vollends herunter und schleuderte sie zur Erde – die schöne, einst so sorgfältig geschonte Haube. Das armselige Sonntagskleid war ganz beschmutzt, und aus der Kopfbinde hing ein Schwänzchen gelblich-weißen Haares, was den Eindruck der Unordnung und Armut vervollständigte. 7. So fand sie Gaud am Abend, verzaust, mit herabhängenden Armen und den Kopf an der Mauer. Mit verzerrtem Gesicht stieß sie eine Art kindischen Lachens aus – weinen konnte sie fast nicht: bei Großmüttern, die gar zu alt werden, versiegen die Thränen endlich. »Mein Enkel ist tot!« rief sie dem Mädchen zu und warf ihr Briefe, Papiere und die Kriegsmedaille in den Schoß. Ein Blick in die Papiere überzeugte Gaud von der schrecklichen Wahrheit, und sie sank auf die Kniee, um zu beten. Fast ohne zu reden blieben die beiden Frauen während der langen Dämmerung des Juniabends beisammen, jene Dämmerung, die in der Bretagne so lang dauert und in Island nicht endet. Im Kamin zirpte unablässig das Heimchen, von dem behauptet wird, daß es Glück bringe, und ein gelber Abendschein fiel durch das kleine Fensterchen in die Behausung der Moans, die das Meer alle nacheinander verschlungen, und deren Familie nun ausgestorben war. Endlich brach Gaud das Schweigen. »Ich werde kommen und bei Euch bleiben, liebe gute Großmutter,« sagte sie. Mein Bett hat man mir gelassen, das bringe ich mit; dann will ich Euch hüten und pflegen, damit Ihr nicht so allein seid.« Sie beweinte ihren kleinen Freund Sylvester, ihr Kummer war jedoch unwillkürlich geteilt, und die Thränen galten zugleich einem andern mit, der weit, weit weg beim Fischfang war. Man mußte diesem Yann doch zu wissen thun, daß Sylvester gestorben war; die Heringsfischer segelten ja nun bald ab. Würde er auch nur um ihn weinen? doch wohl, liebte er ihn doch so sehr ... Und unter ihren eigenen Thränen beschäftigte sie sich mit Yann, der ihr ganzes Herz ausfüllte, zürnte ihm ob seiner Härte, und bedauerte ihn wieder, weil ihm durch des jungen Freundes Tod ein großes Leid widerfuhr. 8. Im bleichen Licht eines Augustabends erreichte der Brief, welcher Sylvesters Tod meldete, Yann an Bord der »Marie.« Nach schwerem Arbeitstag wollte der ganz Erschöpfte eben das Verdeck verlassen, um zu essen und schlafen zu gehen; obwohl ihm die Augen beinahe zufielen, las er aber unten in der Kabine doch schnell noch seinen Brief beim trüben Licht der kleinen Lampe; und auch er faßte die Nachricht im ersten Augenblick nicht, denn sie betäubte ihn völlig. Stolz und verschlossen, wie er mit seinem ganzen Innenleben war, barg er den Brief an der Brust, wie die Matrosen zu thun pflegen. Zwar sagte er zu den anderen kein Wort davon, doch war es ihm unmöglich, sich mit ihnen zur Abendsuppe zusammen zu setzen; auch darüber klärte er niemand auf, sondern kroch in sein Schlafloch und schlief sofort ein. Bald aber träumte er, daß Sylvester tot sei, und sah im Traum seinen Leichenzug vorüberziehen. Gegen Mitternacht befand er sich in jenem Halbschlaf, der sich durch langjährige Gewohnheit bei vielen Seeleuten zu der Zeit einstellt, wo sie den Ruf zur Ablösung zu gewärtigen haben. Yann sah immer noch das Begräbnis, sagte sich aber, »ich träume es nur; sie werden mich bald wecken und dann hört das auf.« Als ihn aber eine derbe Hand berührte und die rauhe Stimme des Kameraden rief: »Auf Gaos! Zur Ablösung auf Deck!« da vernahm er das leise Knistern des Briefes auf seiner Brust, was ihm die schreckliche Bestätigung davon gab, daß der Traum durch die Thatsache von Sylvesters Tod entstanden war. – Ach ja, der Brief! – Ein so schneidender, grausamer Schmerz durchzuckte ihn, daß er in die Höhe fuhr, und in der Enge der Schlafkoje sich mit dein Kopf gewaltig an die Decke stieß. Nach diesem schrecklichen Erwachen zog er sich eilig an, um seinen Posten beim Fischfang einzunehmen. 9. Droben sah Yann um sich und betrachtete den wohlbekannten Umkreis, ehe er zu arbeiten begann. Die Unendlichkeit des Meeres stellte sich in dieser Nacht in den denkbar einfachsten Formen dar, in ganz neutralen blassen Tönen, die nur den Eindruck der Tiefe gaben. Dieser Horizont, der weder auf eine bestimmte Region der Erde, noch deren geologisches Alter schließen lies, wölbte sich über scheinbar wesenlosen Dingen, die gleichwohl von Ewigkeit zu Ewigkeit bestanden. Hier war es ja niemals vollkommen Nacht, und die schwache Helligkeit schien von keiner bestimmten Richtung her ihren Ursprung zu haben. Die Meereswogen brausten wie immer, und das Schiff ließ das gewohnte Ächzen vernehmen; das Meer war grau – ein Grau, das sich im Hinschauen aufzulösen schien, und in dieser geheimnisvollen Ruhe verbarg sich das Meer unter Färbungen, denen der Mensch keinen Namen zu geben vermag. An der Himmelswölbung war reichlich Wolkenbildung vorhanden, die verschiedene Formen annahm, denn irgend eine Form muß jedes Ding haben; in diesem Helldunkel flossen sie aber ineinander, und schienen nur noch einen Schleier zu bilden. Sehr tief am Horizont, fast da, wo er das Wasser zu berühren schien, machte sich ein Geäder in diesen Schleiern bemerklich, so schwach, als wäre es gar nicht dazu bestimmt, gesehen zu sein – von zerstreuter Hand wie durch Zufall gebildet, und bereit, wieder zu verschwinden. Dieses schwache Geäder war der einzige Punkt in der ungeheuren Weite, der etwas zu bedeuten zu haben schien; man hätte sagen mögen, daß der unerfaßliche, melancholische Gedanke dieser leblosen Sphäre dort eingeschrieben war, und ohne es zu wollen, blieben die Augen endlich auf ihm ruhen. Yann verfolgte das seltsame Geäder immer aufmerksamer, wie es sich über den Himmel ausbreitete; dabei nahm es die Formen einer sich vorneigenden Gestalt an, die ihre Arme weit ausstreckt. Und nachdem er sich das Gebilde so zurecht gelegt, schien es ihm menschliche Formen anzunehmen und sich zu Riesengröße auszubreiten. Und in seiner Einbildungskraft, wo unklare Traumbilder und abergläubische Vorstellungen durcheinander fluteten, vermischte sich das seltsame Wolkengebilde, das der Finsternis entstiegen war, mit dem Gedanken an seinen toten Bruder, der ihm hier eine letzte Botschaft senden zu wollen schien. Mit Worten hätte sich diese sonderbare Ideenverbindung nicht ausdrücken lassen; es geht dabei gerade so zu, wie bei den Träumen, von welchen man nach dem Erwachen oft nur noch rätselhafte Bruchstücke behält, die keinen Sinn mehr haben. Indem Yanns Blicke von den ausgebreiteten Armen in Bann gehalten waren, überkam ihn eine tiefe Traurigkeit, ein unerklärliches Angstgefühl, das ihm das Herz erstarren machte. Er begriff jetzt, daß sein armer kleiner Bruder niemals wiederkehren werde, und der lang zurückgehaltene Kummer brach die rauhe Schale, die Yanns Herz umgab. Er sah Sylvesters sanftes Gesicht, die guten treuen Augen vor sich, und bei dem Gedanken, ihn zu küssen, legte es sich wie ein Schleier über seine Augen. Er machte sich zuerst gar nicht klar, was das war, da er seit seiner Kindheit nicht mehr geweint hatte, jetzt aber rollten dicke Thränen über seine Wangen, sie überströmten das Gesicht in schier unversiegbarer Menge, und ein heftiges Schluchzen erschütterte die starke Brust. Dabei fuhr er fort zu fischen, ja er verlor keinen Augenblick Zeit bei der Arbeit. Seine beiden Gefährten gaben sich den Anschein als merkten sie nichts; keiner wandte den Kopf bei dem lauten Weinen, wußten sie doch wie verschlossen, aber auch wie reizbar Yann war. Seinem Denken nach hörte mit dem Tode alles auf, und obwohl er nicht an das Weiterleben der Seele glaubte, geschah es ihm jetzt, daß er in tiefer Bewegung leise die Totengebete sprach. Die Matrosen unter sich reden oft genug in absprechender Weise über religiöse Dinge; noch dazu so entschieden, wie über etwas allgemein Bekanntes. Das hindert aber durchaus nicht, daß ihnen eine unbestimmte Furcht vor Gespenstern inne wohnt; sie haben ein Grauen vor Friedhöfen, aber ein um so festeres Vertrauen in ihre Schutzheiligen, und eine unbedingte Verehrung für die Kirche und die geweihte Erde, die sie umgiebt. Für sich selber zweifelte Yann nicht daran, daß ihn das Meer einst verschlingen werde – als wenn diese Todesart um so sicherer ewig zu vernichten möchte – und der Gedanke, daß Sylvester auf der anderen Seite der Welt, in fremder Erde, ein Grab gefunden, machte seinen Kummer noch viel trostloser. In seiner Verachtung der Menschen schämte er sich daher weder seiner Thränen, noch that er sich Zwang an, und weinte, als wäre er ganz allein mit seinem Schmerz. Obwohl es kaum zwei Uhr war, begann das nächtliche Grau zu erbleichen und weißlich zu werden; zugleich erweiterte, dehnte sich die Umgebung immer mehr aus und verlor sich in ungemessene Fernen. Mit dieser Art von Morgengrauen öffneten sich die Augen weiter und der geschärftere Geist konnte das Ungeheure der Entfernungen besser beurteilen; die sichtbaren Grenzen des umgebenden Raumes waren weit, unermeßlich weit hinausgerückt, und schienen immer noch mehr zurückzuweichen. So bleich das Morgenlicht auch war, nahm es doch stetig zu, und schwache Streifen schienen es ruckweise zu verstärken; die ewig gleichen Dinge schienen durchsichtig erleuchtet, als würden hinter den Wolken weißleuchtende Lampen langsam höher geschraubt, und zwar mit geheimnisvoller Vorsicht, als fürchteten sie, die düstere Ruhe des Meeres zu stören. Die große weiße Lampe unterhalb des Horizonts, das war die Sonne, die so früh am Morgen anfangen mußte, um ihren langsamen und kalten Weg über die unendlichen Wasser herauf zu machen. An diesem Tag sah man nirgends einen Schein von Morgenröte, alles blieb farblos und traurig. Und an Bord der »Marie« fischte ein Mann unter bitterlichem Weinen emsig weiter. Diese Thränen des großen Yann, eines rauh gearteten Bruders, und die tiefe Melancholie in der Natur, das war die Totenfeier für den armen, jungen Helden auf den Isländischen Meeren, wo er seine halbe Lebenszeit verbracht hatte ... Als es heller Tag war, horte Yann auf zu weinen, und wischte sich die Thränen unter ungestümen Bewegungen mit dem Jackenärmel ab. Er schien fertig mit seinem Leid und so mit allem Eifer bei der Arbeit, als dächte er an nichts anderes mehr. Übrigens war der Fischfang auch so ergiebig, daß man gar nicht Hände genug hatte. Die Welt hatte mittlerweile wieder ein anderes Aussehen angenommen. Nachdem das großartige Schauspiel des heraufziehenden Tages zu Ende war, schienen sich die Fernen wieder zusammenzuziehen. Wie hatte man vorhin nur das Meer von so schrankenloser Ausdehnung halten können? war doch jetzt der Horizont so nahe, daß es einem an Raum zu mangeln schien! Was vorher Leere gewesen, füllte sich zusehends mit flachgespannten Segeltüchern, deren manche dahintrieben, andere sich in lange Fetzen zerteilten oder deutlich gefranst schienen. Lautlos sanken sie herab wie schlaffgewordener Musselin; nicht einzeln, sondern überall mit gleichmäßiger Schnelligkeit senkte er sich herab, als wollte er eilig alles unter sich begraben, und die Menschen fühlten sich bedrückt davon, die Luft, die sie atmen sollten, also verdichtet zu sehen. Das war der erste Augustnebel. In wenigen Minuten war es ganz dick und dicht um das Schiff her, und man konnte nichts mehr unterscheiden, als eine bleiche Feuchtigkeit, in der das Licht verschwand und die Formen des Schiffes sich verloren. »Da haben wir ihn ja auf einmal, den dreckigen Nebel,« sagten die Männer. Sie kannten ihn, diesen unvermeidlichen Begleiter des zweiten Teiles ihrer Fangzeit ja seit lange, er kündigte aber zugleich an, daß der Aufenthalt im hohen Norden seinem Ende zugehe, und man anfangen müsse an den Heimweg nach der Bretagne zu denken. In seinen, glänzenden Tröpfchen setzte sich der Nebel an den Bart der Leute, und ihre gebräunte Haut glänzte bald vor Feuchtigkeit. Sah einer sich nach den Kameraden am anderen Ende des Schiffes um, so erschienen sie ihm von unklarem, gespenstischen Aussehen, ganz naheliegende Dinge hingegen erschienen fern unter diesem wesenlosen Nebel. Man mußte sich in acht nehmen, um nicht mit offenem Munde zu atmen, und ein Gefühl feuchter Kälte erfüllte die Brust. Geredet wurde nicht mehr, dazu gab es zuviel zu thun, und jeden Augenblick hörte man einen großen Fisch wie mit einem Peitschenhieb aufs Deck aufklatschen; in verzweifelter Anstrengung schlugen die Tiere mit dem Schwanz um sich und spritzten das Seewasser umher, das mit ihren seinen Silberschuppen gemischt war. Der Matrose, welcher ihnen mit seinem großen Messer den Bauch aufzuschlitzen hatte, konnte der Arbeit gar nicht Herr werden, und schnitt sich in der Hast so in die Finger, daß sich das Blut mit der Salzlake mischte. 10. Zehn Tage nacheinander steckten sie diesmal ununterbrochen im Nebel, der sie dicht einhüllte. Der Fischfang war fortgesetzt gut, und bei solcher Thätigkeit kam keine Langeweile auf. Von Zeit zu Zeit, in regelmäßigen Zwischenräumen, stieß einer der Leute ins Nebelhorn, dessen Ton dem Brüllen eines wilden Tieres glich. Zuweilen drang der Ruf eines anderen Nebelhorns als Antwort zu ihnen, und dann war man nach allen Seiten hin doppelt auf der Hut. Kam der Ton näher, so spannten sich alle Sinne an, um heraus zu bekommen, von welcher Seite her der unbekannte Nachbar käme, den man ohne Zweifel nie zu Gesicht bekommen würde, dessen Nähe aber gleichwohl eine Gefahr war. Man stellte Vermutungen über ihn auf, er ward zur Beschäftigung, eine Art Gesellschaft für die Einsamen, und im Wunsch ihn zu sehen, strengten sich die Augen an, den Nebel zu durchdringen, der in dichtgewebten Schleiern die Luft erfüllte. Der Nachbar entfernte sich wieder, denn der Ton des Nebelhorns erstarb in der Ferne und man war wieder allein in der unendlichen Weite, wo der Nebel herrschte. Alles war von Feuchtigkeit durchdrungen, und überall rieselte es von Salzlake. Die Kälte wurde durchdringender; die Sonne war noch machtloser als vorher, und es gab jetzt wirkliche Nächte von ein oder zwei Stunden langer Dauer, die grau und eisig auf das Schiff herabsanken. Jeden Morgen ließ man das Senkblei in die Tiefe, um sicher darüber zu sein, daß man der isländischen Küste etwa nicht allzu nahe kam. Alle vorhandenen Leinen erreichten aber den Meeresgrund nicht, also befand man sich noch in Sicherheit auf hoher See. Das Leben war rauh aber gesund; die durchdringende Kälte vermehrte das Behagen, wenn man am Abend zum Essen und Schlafen in die warme Kabine hinab kam; den Tag über redeten die Männer wenig zusammen, deren Leben klostermäßiger war, als das der Mönche. Jeder hatte während langer Stunden mit der Angelschnur auf dem Posten zu stehen, und die Arme vermochten die Arbeit kaum zu bewältigen; die Kameraden waren zwar nur ein paar Meter weit weg, trotzdem sah oft keiner den anderen. Die Ruhe im Nebelreich, dieses ewige Halbdunkel, schläferte den Geist ein; selbst das Singen der Matrosenlieder geschah nur halblaut und glich mehr einem Summen, damit die Fische nicht verscheucht würden. Die Gedanken formten sich langsamer und kamen seltener, als wollten sie sich dehnen, um ja für die lange Zeit diesen wesenlosen Lebens auszureichen. An die Weiber wurde gar nicht mehr gedacht, dazu war es schon zu kalt; die Gedanken beschäftigten sich nur noch mit unzusammenhängenden oder wunderbaren Dingen, wie es im Traum geschieht, und das Gewebe dieser Gedankenfäden war so lose, wie das der Nebelschleier. Dieser nebelige Augustmonat pflegte alljährlich auf ruhige und traurige Weise den Aufenthalt in den isländischen Meeren zu beschließen. In Bezug auf das physische Leben war auch dies gesund, schwellte die Brust der Seeleute und machte ihre Muskeln straff. Nachdem sich Yann ausgeweint, hatte er sich sogleich wieder in das alltägliche Leben hineingefunden, als wäre sein Schmerz um den Tod des Freundes gar nicht von Dauer; er war munter und wachsam, streng im Dienst und fleißig beim Fischfang, von trefflicher Körperhaltung, wie einer den kein Kummer drückt; mitteilsam war er nur in seltenen Stunden, und er trug den Kopf so hoch wie je, auf seine gleichgültige und doch so gebieterische Art. Waren die Männer am Abend in der Kabine beisammen, wo die heilige Maria von Steingut thronte, und saßen sie mit aufgestützten Ellbogen vor einer dampfenden Suppe, so kam es wohl vor, daß Yann über die lustigen Schnurren der anderen einmal laut auflachte. In seinem tiefsten Innern dachte er vielleicht auch ein klein wenig an Gaud, die ihm Sylvester in seinem letzten liebenden Gedanken gewiß zum Weibe gegeben – die reiche Gaud, die nun arm geworden war und nun niemanden mehr auf der Welt hatte. Mit solchen Gedanken war die Trauer um den Bruder untrennbar verknüpft. Das Herz dieses großen Yann war eben jungfräulicher Boden, wenig gekannt und schwer zu regieren, wo Dinge vorgingen, die sich nach außen hin nicht zeigen. 11. Eines Morgens gegen drei Uhr, während sie unter dem feuchten Niederschlag hindämmerten und fischten, vernahmen sie etwas, das menschlichen Stimmen glich, deren Klang ihnen jedoch fremd war und entschieden nicht den Leuten ihrer Mannschaft angehörte. Die zwei, welche nebeneinander fischten, sahen sich mit einem Blick an, der die Frage ausdrückte: »Wer hat denn da gesprochen?« Niemand; nein, niemand hatte etwas gesagt; es klang ja auch, als wären die Stimmen aus der Leere gekommen. Der Matrose aber, welchem die Pflicht oblag, von Zeit zu Zeit ins Nebelhorn zu stoßen, was er seit vorigem Abend vernachlässigt hatte, stürzte auf sein Horn zu und blies mit aller Kraft seiner Lungen hinein, um den Alarmruf hervorzubringen. Dieser genügte, um in der furchtbaren Einsamkeit den Menschen einen Schauer über den Leib zu jagen. Jetzt aber war es, als ob das fürchterliche Tuten ein Gespenst heraufbeschworen hätte, denn ein großes, sehr hohes Ding richtete sich drohend vor ihren erschrockenen Augen auf: Mäste, Segelstangen und Tauwerk; das grauscheinende Abbild eines Schiffes, welches ganz plötzlich vor ihnen aus der See aufstieg, eines jener Schreckbilder, wie sie ein einziger Lichtstrahl auf die gespannten Segel zu zaubern vermag. Und auf diesem Schiff erschienen Männer, so in der Nähe, daß man sie hätte erreichen können, sich über die Brüstung beugten, und sie mit weit offenen Augen voll Furcht und Erstaunen anblickten ... Yann und seine Kameraden stürzten zu den Rudern, die übrigen kamen die Leiter herauf und ergriffen Bootshaken oder was sonst sich Langes finden ließ, und stießen damit hinaus, um sich das Ding vom Leibe zu halten. Die erschrockenen Gäste thaten jedoch das Gleiche und stießen mit langen Stangen nach ihrem Schiff. In Mast und Segelstangen über ihnen ward ein leichtes Krachen hörbar, und das für einen Augenblick zusammengestoßene Takelwerk löste sich ohne jedwede Beschädigung. Der bei völlig ruhiger See nur unbedeutende Anprall war so schwach gewesen, daß es schien, als wäre das fremde Schiff gar nicht aus festem Stoff, sondern nur eine weiche Masse, fast ohne Gewicht. Nachdem der erste Schrecken vorüber war, fingen die Männer an zu lachen und erkannten einander. »O hee! es ist die ›Marie!‹ Jawohl! Gaos, Laumec, Guermeur!« Das vermeintliche Geisterschiff war die »Königin Bertha«, Kapitän Larvoër, ebenfalls aus Paimpol, und seine Matrosen stammten sämtlich aus Dörfern der Umgegend. Der Große dort mit dem schwarzen Bart, dessen Zähne man sah wenn er lachte, Kerjégou, war aus Paimpol, die anderen aus Plounès oder Plounérin. »Warum habt ihr auch nicht das Nebelhorn geblasen, ihr wilden Kerle?« fragte Kapitän Larvoër von der »Königin Bertha.« »Und warum habt ihr es denn nicht gethan, ihr Räuberbande und Schaumspritzer, die ihr seid, ihr faulen Fische?« »Ach, wir... das ist etwas anderes: uns ist verboten Lärm zu machen,« antwortete der Kapitän geheimnisvoll und mit einem so schlauen Lächeln, daß es den anderen zu denken gab, und sie erinnerten sich später oft daran. Und als hatte er schon zuviel gesagt, deutete er lachend auf einen und erklärte: »Der Mensch da hat mir ja mein Nebelhorn ruiniert – hat so arg geblasen, daß es geplatzt ist!« An dem Bezeichneten schien alles Oberkörper zu sein, die Beine waren aber zu kurz, und es lag etwas Groteskes und Beunruhigendes in dieser gewaltigen Mißgestalt. Währendem darauf gewartet wurde, daß eine Brise sich aufmachen, oder eine Unterströmung die Schiffe auseinander treiben würde, thaten sich die Mannschaften am Erzählen gütlich. Indem sie mit Ruderstangen einander noch in gebührender Entfernung hielten, wie Belagerte mit ihren vorgestreckten Piken, redeten sie von der Heimat, erzählten von den letztempfangenen Briefen, von ihren Frauen und alten Eltern. »Und meine hat geschrieben,« sagte Kerjégou, »daß sie den Kleinen jetzt gekriegt hat, den wir erwarteten – er hat das Dutzend bei uns vollgemacht!« Einem anderen waren Zwillinge geboren worden, ein dritter wußte zu erzählen, daß die schöne Jeannie Caroff, die gar wohlbekannt bei den »Isländern« war, einen reichen, alten Mann in Plourivo geheiratet habe, der schon ganz gebrechlich sei. Die Leute sahen einander wie durch Gazeschleier; der Nebel schien auch den Klang der Stimmen zu verändern und gab ihnen etwas Gedämpftes, wie aus der Ferne kommend. Yann konnte die Augen von einem der Fischer nicht abwenden, einem kleinen und schon älteren Mann, den er noch nie und nirgends gesehen, obgleich er ihn eben wie einen alten Bekannten mit den Worten begrüßt hatte: »Guten Tag, mein großer Yann!« Der Mann war so häßlich wie ein Affe, und seine durchdringenden Augen zwinkerten boshaft. »Und mir haben sie von zu Haus geschrieben, daß der Enkelsohn der alten Yvonne Moan von Ploubazlanec ums Leben gekommen ist,« erzählte Kapitän Larvoër. »Ihr wißt ja, daß er jetzt diente und mit nach China geschickt worden ist. Schade um den prächtigen Burschen!« Die von der »Marie« drehten sich alle miteinander nach Yann um, um zu sehen, ob er schon von diesem Unglück wüßte. »Ja,« bemühte sich Yann mit gleichgültiger Stimme zu sagen, »das hat mir mein Vater in seinem letzten Brief geschrieben.« Es reizte ihn, daß ihn alle so anguckten, darum steckte er ein so hochmütiges Gesicht auf. In dem bleichen Nebel flogen die Reden hin und her, sollten doch die flüchtigen Minuten dieser seltsamen Zusammenkunft ausgenutzt werden! Daher erzählte der Kapitän der »Königin Bertha« weiter: »Ich habe auch noch von meiner Frau erfahren, daß Herrn Mévels Tochter nicht mehr in Paimpol ist. Sie ist nach Ploubazlanec zu ihrer Großmutter gezogen, Pflegt die alte Frau und arbeitet bei den Leuten auf Tagelohn, um sich ihr Brot zu verdienen. Ich hab's schon lang gedacht, daß sie ein mutiges und tapferes Mädchen ist, wenn sie auch Falbelkleider trägt und wie ein Fräulein aussieht.« Und wieder richteten sich aller Augen auf Yann, was ihn so verdroß, daß die Zornesröte in seine gebräunten Wangen stieg. Mit diesen anerkennenden Worten über Gaud schloß die Unterhaltung mit den Leuten von der »Königin Bertha,« die kein lebendes Wesen je wieder erblicken sollte. Seit einem Augenblick schienen die nahen Gesichter wie verwischt, denn das Schiff begann sich zu entfernen; die von der »Marie« fühlten keinen Halt mehr für ihre Stangen, die schwer ins Wasser niedersanken. Also wurden die unnötig gewordenen Verteidigungswerkzeuge eingezogen, und eben so plötzlich, wie die »Königin Bertha« vor ihren Augen aufgetaucht war, verschwand sie jetzt wieder im Nebel, wie ein Transparent, hinter welchem das Lämpchen gelöscht wurde. Sie schrieen den Kameraden noch Scheidegrüße nach, nichts aber antwortete ihren Rufen als der höhnende Schall ihrer eigenen verworrenen Stimmen, die in einem klagenden Laut erstarben. Die Männer blickten bei dieser unheimlichen Erscheinung einander bedeutungsvoll an. Und die »Königin Bertha« kehrte nie zum heimischen Strand zurück; man hörte auch auf, auf sie zu warten, seit die Bemannung des »Samuel Azénide« in einem Fjord ein Wrack angetroffen hatte, das zweifellos das vermißte Schiff war. Zum Winter wurden dann die Namen der Verschollenen auf schwarzen Tafeln in der Totenkapelle angebracht. Die Leute auf der »Marie« hatten sich den Tag wohlgemerkt, an welchem sie so unvermutet mit der »Königin Bertha« zusammengetroffen waren. Merkwürdigerweise war von da an bis zu ihrer Heimkehr kein einziger Tag bösen Wetters, wahrend drei Wochen zuvor auf den isländischen Meeren ein Sturm gewütet hatte, bei welchem zwei Schiffe gescheitert waren. Alsdann wurde bei den Leuten jenes drolligen Lächelns des Kapitäns Larvoër oft gedacht, und sie kamen auf seltsame Gedanken, indem sie sich dies und das zusammen reimten. Yann sah das Augenzwinkern des Matrosen mit dem Affengesicht mehr als einmal im Traum, und einige seiner Kameraden fragten sich in abergläubischer Furcht, ob sie an jenem Morgen nicht mit den Abgeschiedenen geredet hätten? 12. Ende August, wo die ersten leichteren Morgennebel sich bildeten, kehrte die Flotte der Isländer zurück. Die zwei Verlassenen in Ploubazlanec wohnten nun schon seit drei Monaten zusammen, und Gaud hatte den Platz einer Tochter in der armseligen Hütte des ausgestorbenen Geschlechtes Moan eingenommen. Dahin hatte sie bringen lassen, was ihr nach dem Verkauf des Vaterhauses übrig geblieben war: Das Bett mit den weißen Vorhängen und ihre schönen farbigen Kleider. Ein ganz einfaches schwarzes Trauerkleid hatte sie sich selbst gemacht, und trug, wie die alte Yvonne, eine Trauerhaube von dichtem Musselin, die nur Falten schmückten. Ihr Brot erwarb sie sich damit, daß sie zu den wohlhabenden Leuten in Paimpol aufs Nähen ging; legte sie spät am Abend den weiten Weg nach Ploubazlanec zurück, so hatte kein Bursche gewagt, sie mit einer kecken Anrede zu belästigen. Sie stand immer noch im Ansehen eines Stadtfräuleins, und grüßten sie die Männer, so zogen sie höflich den Hut. Die kräftigende Seeluft that ihr Wohl, wenn sie an den schönen Sommerabenden heimging, und die sitzende Lebensart schadete ihrem Körper nichts, wie den vielen, die von früh bis abends über die Näherei gebückt sitzen. Beim Anschauen des Meeres streckte sich ihre schöne Figur und die Brust weitete sich; und schaute sie so in die Ferne, so gingen ihre Gedanken weiter und immer weiter zu Yann. Ging man auf diesem selben Weg noch eine Meile weiter, so kam man nach Pors-Even, Yanns Heimatsdorf. Einmal im Leben war sie dort gewesen, und das genügte, um ihr die ganze traurige Gegend lieb zu machen. Sie würde wohl kein zweites Mal nach Pors-Even kommen; war Yann aber erst wieder daheim, so mußte er durch Ploubazlanec gehen, so oft er nach Paimpol wollte; von der Hausthür aus konnte sie den Pfad weithin über das kahle Gelände zwischen dem niedrigen Ginster hin verfolgen. Nun war sie ganz zufrieden damit, daß das Schicksal sie nach Ploubazlanec verschlagen hatte – ja, sie hätte gar nirgend anders leben mögen. Zu dieser Zeit, gegen Ende August, scheint noch einmal ein warmer Odem aus dem Süden in dies rauhe Land herauf zu kommen; die Abende sind lange hell durch den Wiederschein der großen Sonne, die anderswo leuchtet, ihre Reflexe aber bis über das bretonische Meer heraufschickt. Dabei ist die Luft sehr oft ruhig und durchsichtig, und kein Wölkchen am Himmel zu sehen. Zu der Zeit wo Gaud heimkehren konnte, sank aber bereits die Nacht herab, und alles zeigte sich nur noch in Umrissen. Auf den Höhen wuchs Ginster zwischen den Steinen, der im Halbdunkel als verzauster Büschel aufragte; eine Gruppe verkrüppelter Bäume in niedrig gelegener Stelle bildete eine düster aussehende Masse, oder ein Strohdach erhob sich da und dort. An den altersgeschwärzten, riesengroßen Kruzifixen, deren sich an jedem Kreuzweg eines findet, streckte die Gestalt des Gekreuzigten ihre Arme aus, als hinge wirklich ein Mensch am Kreuz, und ganz in der Ferne zeigte sich das Ärmelmeer als weiter gelber Spiegel an einem Himmel ab, der gegen den Horizont hin bereits dunkel zu werden begann. Aber selbst diese schönen ruhigen Abende sind schwermütig Hierzuland; eine leise Furcht scheint darüber zu schweben, die vom Meer her kommt, dem so vieler Menschen Leben anvertraut ist, und dessen gefährlicher Charakter bei schönem Wetter doch nur schlummernd liegt. Gaud wurde ihr Weg niemals zu lang; sie atmete die salzige Luft, die vom Strand herauf kam, und freute sich am Duft der wenigen Blumen, die zwischen Klippen und Dornen ihr Dasein fristen. Ohne die Großmutter, die auf Gaud wartete, würde sie gern noch länger draußen geblieben sein – es ließ sich so gut dabei träumen! Auf diesem Weg stieg ihr manchmal eine Kindheitserinnerung auf, doch war alles andere ganz verdrängt von ihrer Liebe, die Yann trotz allem als eine Art Bräutigam zu betrachten suchte, ein widerspenstiger, fliehender Bräutigam, den sie nie besitzen würde, dem sie aber mit zäher Ausdauer im Geiste treu blieb. Für den Augenblick war es ihr ganz lieb, ihn in Island zu wissen, auf dem Meer konnte er doch mit keiner anderen anfangen. In allernächster Zeit mußte er ja nun zurückkehren, dem sah sie diesmal aber ruhiger entgegen als vorher. Ihr Gefühl sagte ihr, daß Yann sie um ihrer jetzigen Armut willen nicht geringer achten würde, war er doch nicht wie andere; Und dann mußte sie doch auch der Tod des armen Sylvester näher bringen; gewiß würde er die Großmutter seines Freundes einmal besuchen; dann wollte sie schon daheim sein; und wenn sie das Vergangene als abgethan betrachten würde, so vergab sie sich nichts dabei. Sie konnte ja mit ihm reden, wie man zu einem langjährigen Bekannten spricht; durfte sogar herzlich sein, wie gegen Sylvesters Bruder, so recht natürlich. Und wer weiß, ob es nicht möglich war, den Platz einer Schwester bei ihm einzunehmen; da sie jetzt so allein in der Welt stand, hätte sie sich in seiner Freundschaft geborgen fühlen, dieselbe erbitten mögen, so aufrichtig, daß er keinen Hintergedanken ans Heiraten bei ihr befürchten sollte. Sie hielt ihn nur für scheu, aber für sanftmütig und offen, und fähig das Beste zu begreifen, das vom Herzen kommt. Was mochte er wohl empfinden, wenn er sie so arm wiederfand, hier in dieser Hütte, die beinahe in Trümmer fiel? Jawohl, sehr arm, denn die Großmutter Moan war zu schwach um noch aufs Waschen zu gehen; sie aß jetzt gar wenig, und Gaud vermochte sie mit durchzubringen, ohne jemand zur Last zu fallen. Es war Nacht, als Gaud heim kam; die letzten paar Schritte führte sie ihr Weg die ausgetretenen Stufen im Fels hinab zu der Hütte, die gegen ihn gelehnt an dem Pfad stand, der zum Strand führte. Die kleine Behausung war fast ganz versteckt unter ihrem altersbraunen Strohdach, das buckelig und gewölbt aussah, wie der Rücken eines großen, borstigen Tieres. Die Mauern hatten genau die Farbe und Rauheit der Felsen; in den Steinfugen sproßte Moos und Löffelkraut. Drei ausgetretene Stufen führten zur Hausthür; aus einem Loch in derselben hing die Schlinge eines Tauendes, vermittelst welcher man den innenliegenden Holzriegel heben konnte. Der Thür gegenüber war das Fensterchen, das aussah wie in eine Schießscharte gefügt, und Ausblick auf das Meer gewährte, von welchem ein letzter gelber Schein her kam. In dem großen Kamin flackerten wohlriechende Tannenholzreiser und kleine Buchenzweige, von der alten Yvonne gesammelt. Sie saß vor dem Feuerchen und paßte auf die Abendsuppe auf; im Haus trug sie jetzt nur eine Kopfbinde, um ihre Hauben zu schonen. Das noch immer hübsche Profil ward von der Feuersglut beleuchtet, und als Gaud eintrat, erhob sie die einst braunen, jetzt wie verwaschen aussehenden Augen, deren Blick unsicher und etwas verwirrt war. Sie begrüßte Gaud einen Abend wie den anderen mit den gleichen Worten: »Ach Gott, meine liebe Tochter, wie spät kommst du heim!« »Nicht doch, Großmutter, es ist gewiß nicht später als andere Tage,« entgegnete Gaud, die daran gewöhnt war. »So, mein Kind? Ich dachte es wäre heute viel später geworden!« Still aßen sie ihre Suppe an dem alten Tisch, und das Heimchen verfehlte nie, ihnen dazu sein Lied zu zirpen. Die eine Seite der Hütte nahm eine Holztäfelung von grober Schnitzerei ein; sie barg die Schrankbetten, in welchen mehrere Generationen der Moans geboren und gestorben waren. An den schwarzen Deckenbalten hingen sehr alte Küchengeräte, Kräuterbündel, Holzlöffel und geräucherter Speck. Auch ein paar alte Netze hingen noch seit jenem Schiffbruch da, der dem letzten Sohn der Witwe Moan das Leben gekostet hatte; in der Nacht kamen manchmal Ratten und zernagten die Maschen der Netze. In einer Ecke stand Gauds schönes Bett mit den weißen Musselinvorhängen; und der frische und elegante Gegenstand nahm sich in der armseligen Keltenhütte ganz merkwürdig aus. An der Mauer hing eine eingerahmte Photographie, die Sylvester als Matrosen darstellte; die Großmutter hatte seine Kriegsdenkmünze darunter befestigt, nebst einem Paar der Anker aus rotem Tuch, wie sie die Matrosen auf dem linken Ärmel tragen, und die von Sylvester herrührten. Gaud hatte ihm einen Totenkranz aus schwarz und weißen Perlen gekauft, womit man in der Bretagne die Bilder der Verstorbenen schmückt. Hier war das kleine Mausoleum, das alles enthielt, was seinem Andenken in der Heimat geheiligt war. An den Sommerabenden zündeten die Frauen aus Sparsamkeit kein Licht an; war das Wetter schön, so setzten sie sich noch ein Weilchen auf die alte Steinbank neben der Thür, und unterhielten sich damit, die Leute zu sehen, die auf dem Pfad einher kamen, der über ihren Häuptern ins Dorf führte. Darauf kroch die Großmutter in das Schranklager und Gaud legte sich in ihr Fräuleinsbett; sie schlief schnell ein, denn sie hatte fleißig gearbeitet und zweimal einen tüchtigen Marsch gehabt; an die Heimkehr der Isländer dachte sie wie ein recht vernünftiges Mädchen und ohne sonderliches Bangen. 13. Als Gaud aber eines Tages in Paimpol erfuhr, die »Marie« läge im Hafen, da packte sie eine Art Fieber. Ihre schöne Ruhe war weg; ohne einen rechten Grund zu haben, hörte sie früher als sonst zu arbeiten auf und machte sich auf den Heimweg; und wie sie so dahin eilte, bemerkte sie Yann, der ihr entgegen kam. Ihre Kniee zitterten dergestalt, daß sie zusammen zu sinken meinte als sie die prachtvolle Gestalt erkannte und sein schönes Lockenhaar unter der Fischermütze hervorquellen sah. Die Begegnung kam ihr allzu plötzlich; sie fürchtete zu schwanken, und würde sich zu Tode geschämt haben, wenn er ihre Erregung gemerkt hätte – war er doch kaum noch zwanzig Schritte weit! Sie hätte sich jetzt unter die Ginsterbüsche verstecken oder in das Loch eines Wiesels kriechen mögen; denn sie bildete sich ein, vom schnellen Laufen unordentlich oder verzaust auszusehen. Auch Yann hatte einen Augenblick des Erschreckens gehabt als er sie erkannte, es war aber unmöglich ihr auszuweichen, sie mußten auf dem schmalen Weg aneinander vorüber, und um sie nicht streifen zu müssen, stellte er sich mit einer so hastigen Bewegung hart am Wegesrand auf, als wäre er ein störriges Pferd, das in die Höhe steigt; dabei blickte er sie sehr unwirsch an. Gaud hatte kaum eine halbe Sekunde lang die Augen zu ihm erhoben, aus welchen unbewußt ein angstvolles Flehen zu ihm sprach. Und wie sich ihre Blicke trafen, da schien es in seinen Augen aufzuleuchten, als ginge ihm eine liebe Erinnerung auf, während ihr das Rot ins Gesicht stieg bis zu den Haaren hinauf. »Guten Tag, Fräulein Gaud!« sagte er und lüftete die Mütze. »Guten Tag, Herr Yann!« erwiderte sie den Gruß. Das war alles, denn er ging weiter und sie setzte ihren Weg mit zitternden Gliedern fort; in dem Maß als die Entfernung zwischen ihnen wuchs, schwand auch ihre Röte und sie fühlte ihre Kräfte wiederkehren. Zu Hause fand sie die Großmutter in einem Winkel sitzen; bald kicherte sie kindisch vor sich hin, bald weinte sie und hielt den Kopf mit beiden Händen; ihr Haar war ganz zerzaust. »O meine liebe Gaud!« rief sie, »denk nur, ich habe den jungen Gaos getroffen, wie ich von Plouherzel her vom Holzlesen heim kam! Und wir haben von meinem armen Jungen geredet, das kannst du dir wohl denken! Sie sind erst heute früh eingelaufen, und schon am Mittag ist er dagewesen, wie ich fort war. Guter Junge, ihm sind auch die Thränen in die Augen gekommen ... Was sagst du nur dazu: bis an die Hausthür ist er mit mir gegangen, und hat sich's durchaus nicht nehmen lassen, mein Reisigbündel zu tragen!« Gaud stand wie angewachsen noch auf derselben Stelle, und ihr Herz zog sich zusammen. Also hatte Yann den Besuch schon gemacht, auf welchen sie so sehr gehofft! Sie hatte ihm so viel sagen wollen, er würde aber kein zweites Mal kommen – es war aus ... Die Hütte erschien ihr auf einmal noch armseliger, die Armut noch trostloser, die Welt so leer, wie noch nie. Sie sank auf einen Stuhl und fühlte sich sterbenselend. 14. Der Winter kam nach und nach, und breitete sich über das Land aus wie ein großes Leintuch, das man langsam fallen läßt. Die Tage wurden düsterer – Yann kam aber nicht wieder, und die beiden Frauen führten ein recht verlassenes Leben. Mit der Kälte wurde es überhaupt schwerer, und das Leben kostete mehr. Dazu wurde die Pflege der alten Yvonne schwieriger; ihre Geisteskräfte schwanden; sie konnte zuweilen ohne Ursache sehr böse werden, und es kam jetzt fast jede Woche ein paarmal vor, daß sie sich wie ein unartiges Kind gebärdete, böse Reden führte und schimpfte. Die arme Alte! An besseren Tagen, bei größerer Klarheit in ihrem Kopf, war sie so lieb und sanft, daß sich weder Gauds Achtung noch Liebe verringerte. Welcher Widerspruch aber in dem Wesen, das ein ganzes langes Leben gut gewesen, um gegen sein Ende hin böse zu werden, Bosheit zu enthüllen, die ungeahnt da geschlummert hatte; mit einem Vorrat von häßlichen Worten ans Licht kommen, die ein Leben lang versteckt gewesen – welch trauriges und geheimnisvolles zu Grunde gehen der Seele! Jetzt sang sie auch oft, und das war noch schrecklicher, als ihre Zornesausbrüche; sie sang, was ihr gerade in den Sinn kam, das »Oremus« aus der Messe ebenso gut, wie ein gemeines Trinklied, das sie von den Matrosen am Strand gehört. Sogar »Die Mägdelein von Paimpol« stimmte sie an, oder sie wiegte den Kopf hin und her, schlug mit dem Fuß den Takt und sang: Mein Mann ist fortgefahren – Nach Island fort ist mein Mann. Er konnte vor Not mich bewahren, Doch bin ich gar übel daran: Er ließ mir zurück keinen Sou, So verdien' ich mir was! Tralalou! Dann brach sie kurz ab, und die weit geöffneten Augen starrten ins Leere; ohne jeden Ausdruck von Leben – einer erlöschenden Flamme gleich. Dann pflegte sie eine lange Weile in geduckter Stellung zu verharren, ließ den Kopf hängen, und der Unterkiefer sank herab, wie bei einer Toten. Ihre Reinlichkeit ließ auch nach, und das war eine neue Prüfung, auf die Gaud nicht gerechnet hatte. Eines Tages wußte sie selbst nichts mehr von ihrem Enkel. »Sylvester?« Sylvester?« fragte sie Gaud mit solch' suchendem Ausdruck, als hoffte sie noch darauf zu kommen, wer das wäre. »O du meine Güte, ich habe so viele Kinder gehabt, wie ich jung war: Jungen und Mädchen, und Mädchen und Jungen – und jetzt, siehst du Gaud. jetzt ...« Damit fuhren die alten runzeligen Hände mit fast leichtfertig-sorgloser Bewegung in die Luft; hingegen am nächsten Tag erinnerte sie sich ihres Enkels wieder ganz gut, und erzählte manches, was er in seiner Kindheit gethan oder gesagt hatte. Das ging dann den ganzen Tag fort und sie weinte in einem fort dazu. Die Winterabende waren schlimm, da es an Feuerung gebrach. Hatte Gaud den Tag über in Paimpol gearbeitet, so vermochte sie bei der Kälte oft nicht fertig zu bringen, was sie an Näharbeit noch mit heim genommen. Die Großmutter saß dann ruhig in ihrer Ecke am Kamin, wärmte sich die Füße an der ersterbenden Glut und hielt die Hände unter der Schürze. In diesen ersten Abendstunden wollte sie aber auch stets unterhalten sein. »Warum erzählst du mir gar nichts, meine gute Gaud?« fragte sie dann. »Zu meiner Zeit habe ich doch auch junge Mädchen gekannt, die wußten aber den Mund aufzuthun Wir würden alle zwei nicht so trübselig sein, wenn du nur etwas reden wolltest.« Darauf erzählte ihr Gaud, was sie an Neuigkeiten in der Stadt vernommen, nannte ihr die Leute, die sie unterwegs getroffen hatte, und sprach von ihr völlig gleichgültigen Dingen. Übrigens konnte sie oft mitten in einer Geschichte aufhören, da die alte Yvonne dabei eingeschlafen war. Daß in der Einsamkeit dieses freudlosen und sorgenvollen Lebens der armen Gaud Schönheit verging, war begreiflich. Der Seewind, der um das Haus pfiff, machte das Lämpchen flackern, und man hörte den Anprall der Wogen so nahe, als wäre man auf dem Schiff. Wenn Gaud das hörte, so gingen ihre Gedanken stets zu Yann, waren doch seine Berufsinteressen ihr allezeit gegenwärtig und schmerzlich zu den ihrigen geworden: War ein Sturm entfesselt und sein Toben ließ sie eine ganze Nacht nicht schlafen, so bangte sie angstvoll um ihn. Und allein, immer allein mit der schlafenden Großmutter! Gaud fürchtete sich manchmal und schaute in die dunklen Ecken, wenn sie an ihre Vorfahren dachte, deren Leben hier in diesen Schrankbetten begonnen, die draußen auf dem Meere umgekommen waren in solchen Sturmnächten, wie heute, und deren Seelen am Ende wiederkehren konnten; gegen Geisterbesuch fühlte sie sich aber durch die Gegenwart der alten Frau nicht genügend beschützt, die beinahe schon zu ihnen gehörte. Plötzlich durchlief sie ein Schauer von Kopf bis zu Fuß, denn aus der Kaminecke tönte ein dünnes Stimmchen flötend und doch gebrochen, als käme es aus der Erde herauf. In leichtem Ton, der weh that zu hören, sang die Stimme: Mein Mann ist fortgefahren – Nach Island ist mein Mann ... Und Gaud fühlte jene besondere Art von Grauen, das man in Gegenwart von Irren empfindet Draußen strömte der Regen unaufhörlich und die alte Dachrinne plätscherte wie ein Brünnlein ohne Unterbrechung ihre monotone Weise. Da das Moosdach schadhafte Stellen hatte, bildeten sich nach und nach Tropfstellen auf dem Fußboden. Dieser hatte zwar Fels zum Untergrund, aber einen Belag von gestampften Muscheln, Sand und Erde. Man fühlte sich ganz von Wasser umgeben, dessen Gehalt die Luft durchsetzte, rauschte, plätscherte, zerstäubte; es vermehrte die Dunkelheit und hält die Bewohner der zerstreut liegenden Hütten von Ploubazlanec noch mehr voneinander entfernt. Die Sonntagabende waren für Gaud die allerschrecklichsten von der ganzen Woche, einer gewissen Art von Fröhlichkeit wegen, die sie anderswo brachten. Selbst in diesen kleinen Weilern waren es lustige Abende, denn hie und da gab es eine fest zugemachte Hütte, aus welcher rauhes Singen durch Nacht und Regen scholl. Drinnen waren Tische für die Trinker aufgestellt, und naßgewordene Männer trockneten sich am räucherigen Kamin; die Alten begnügten sich mit Schnaps, während sich die Jungen mit Mädchen vergnügten; bei Alt und Jung ging es bis zur Berauschtheit, und um sich zu betäuben wurde gesungen. In ihrer Nähe brauste das Meer, welches morgen ihr Grab werden konnte, und das Meer sang auch sein Lied, das die Nacht mit seiner gewaltigen Stimme erfüllte. An manchen Sonntagen kamen einzelne Trupps junger Leute an der Hütte der alten Yvonne vorüber, wenn sie aus den Schenken kamen oder von Paimpol heimkehrten. Es war meist sehr spät, bis sie sich von den Mädchen losgemacht und daran dachten, nach Ploubazlanec oder Pors-Even zurückzukehren; Nässe und Sturm waren sie gewohnt; der machte ihnen nichts aus. Gaud spannte das Gehör an, um aus dem Schreien und Gröhlen Yanns Stimme heraus zu finden, und zitterte, wenn sie diese erkannt zu haben glaubte. Es war schlecht von Yann, daß er nicht wieder kam, und wie er sobald nach Sylvesters Tod ein so lustiges Leben führen konnte, war ihr unbegreiflich. Nein, das glich ihm nicht, und sie vermochte sich weder von ihrer Liebe los zu reißen, noch ihn für herzlos zu halten. Thatsache war jedoch, daß Yann seit seiner Rückkehr ein sehr lockeres Leben geführt hatte. Zuerst waren die Schiffe, wie alljährlich im Oktober, nach dem Golf von Biscaya gesegelt, und dort pflegen die Matrosen in Lustbarkeit zu schwelgen, haben auch etwas Geld im Beutel, was sie ohne Sorgen daraufgehen lassen dürfen, denn die Kapitäne geben ihnen gern einen kleinen Vorschuß auf ihren Anteil am Fang, der erst im Winter ausgezahlt wird. Man hatte, wie jedes Jahr, Salz auf den Inseln eingenommen, und in Saint-Martin-de-Ré war Yanns Liebe zu dem braunen Mädchen, das er im vorigen Herbst zur Geliebten gehabt, wieder aufgelebt. Sie waren in den letzten warmen Herbsttagen zusammen in die Weinberge gegangen, die von Lerchengesang und dem Aroma reifer Trauben, dem Duft der Sandnelken und des Seetangs erfüllt war. Sie hatten zusammen gesungen, und an den Abenden, wo die Winzer ihre Gelage hatten, getanzt, süßen Most getrunken, und sich an Liebe und Most berauscht. Danach war die »Marie« nach Bordeaux weitergefahren und dort hatte Yann in einem großen Kaffeehaus, dessen Räume von Goldverzierungen strotzten, die schöne Sängerin wiedergefunden, von welcher seine goldene Uhr herrührte, und er hatte gnädig gestattet, daß sie ihn noch einmal acht Tage lang anbetete. Nach seiner Heimkehr im November galt es, bei mehreren Freunden die Hochzeit als Brautführer mitfeiern. Dazu trug er jedesmal seinen Festanzug, war nach Mitternacht manchmal betrunken, und blieb bis zuletzt. Jede Woche hatte er ein anderes Abenteuer, und die Mädchen beeilten sich, es Gaud in Übertreibungen wieder zu erzählen. Drei- oder viermal hatte sie ihn aus ihrem Weg von weitem daher kommen sehen, aber jedesmal Zeit gehabt, ihm auszuweichen. Und er machte es ebenso – erblickte er sie aus der Entfernung, so ging er querfeldein. Wie durch stillschweigendes Einverständnis flohen sie einander. 15. In einer der Gassen von Paimpol, die zum Hafen führen, lebt eine dicke Frau, Namens Tressoleur; sie hält eine Schenke, die bei den Isländern sehr beliebt ist. Bei Frau Tressoleur dingen die Kapitäne und Reeder ihre Mannschaften, suchen sich die Kräftigsten aus und begießen die Abmachung mit einem kräftigen Trunk. In ihrer Jugend war sie schon, jetzt zwar immer noch zugänglich für die Galanterien der Fischer, ist sie aber nicht mehr hübsch, sondern breit geworden wie ein Mann, hat einen Schnurrbart und ein freches Mundwerk. Trotzdem sie eine echte Marketenderin ist, liegt etwas Nonnenhaftes in dem Gesicht mit der weißen Haube, sie ist ja eine Bretonin. Von den Matrosen des ganzen Landes hat sie die Namen im Kopf; sie kennt die guten so sicher wie die schlechten, und weiß ganz genau, wie viel sie verdienen und was sie wert sind. Gaud war einmal im Januar zu ihr bestellt, um ihr ein Kleid zu machen, und arbeitete in einem Zimmer, das hinter der Gaststube lag. Zu beiden Seiten der Hausthür stehen starke Steinpfeiler; sie liegt geschützt, da nach alter Bauart das erste Stockwerk vorgebaut ist; der Wind bläst aber so stark vom Meer herauf, daß man oft mehr in den Hausgang hinein gefegt wird, als daß man geht. Die tiefe und niedrige Gaststube ist weiß getüncht, und von Bildern in Goldrahmen geziert, die lauter Schiffe, eine Landung oder einen Schiffbruch, darstellen. In der Ecke steht auf einer Konsole unter künstlichen Blumen eine Madonna aus Steingut. Diese alten Mauern haben manch dröhnenden Matrosengesang gehört, mancherlei wilde und ausgelassene Fröhlichkeit mit angesehen; haben sie doch schon die bewegte Zeit der Corsaren mit erlebt. Die Isländer von heutzutage sind wenig verschieden von ihren Vorfahren, und an den massiven Eichentischen ist manches Menschen Glück oder Unglück zwischen Halbberauschten abgemacht worden. Während Gaud an dem Kleid nähte, spitzte sie die Ohren, um durch die dünne Holzwand etwas über isländische Angelegenheiten zu vernehmen, worüber Frau Tressoleur mit zwei alten pensionierten Matrosen sprach, die ihr Gläschen tranken. Sie redeten von einem schönen neuen Schiff, das im Hafen lag und eben aufgetakelt wurde; es wäre jedoch gar keine Möglichkeit, daß die »Leopoldine« bis zur Abfahrt der Isländer klar würde. »Wenn ich aber sage, sie wird klar, so wird sie's!« entgegnete die Wirtin. »Gestern hat sie sich doch schon mit Mannschaften versorgt: alle die von der »Marie,« die auf Abbruch verkauft wird. Hier an meinem Tisch haben sie sich verpflichtet und mit meiner Feder unterschrieben, und fünf Prachtkerle, schwöre ich euch: der Laumec, Jugdal Caroff, Yvon Duff, der junge Keraez von Tréguier und der große Yann Gaos von Pors-Even, der ihrer drei wert ist.« Die »Leopoldine!« ... der kaum vernommene Name prägte sich augenblicklich fest in Gauds Gedächtnis ein – das Schiff, welches Yann forttragen sollte! Und die »Leopoldine« beschäftigte ihre Gedanken auch wieder, als sie am Abend in Ploubazlanec mit der Näharbeit bei der Lampe saß. Personennamen haben so gut wie die der Schiffe ihre eigene Physiognomie, und der neue, ungewöhnliche Name Lepoldine verfolgte und peinigte sie, bis er zur Qual für sie ward. Sie hatte gedacht, Yann würde wieder auf der »Marie« Dienst nehmen, auf dem Schiff, das sie einmal besucht hatte und kannte, und welches die heilige Jungfrau während langer Jahre auf seinen Reisen beschützt hatte. Und nun wurde alles anders, Yann ging auf die »Leopoldine,« und das verursachte ihr Angst. Bald aber sagte sie sich, daß sie das alles gar nichts anginge – nichts was Yanns Interessen irgendwie betraf – sie hatte kein Recht dazu. Was konnte es ihr schließlich auch ausmachen, ob er auf diesem oder jenem Schiff war, daheim oder draußen? Konnte sie noch unglücklicher sein, wenn er sich in Island befand, und warmer Sonnenschein über den Hütten lag, wo vereinsamte, sorgenvolle Frauen wohnten? Oder wenn der Herbst die Fischer unversehrt zurück führte, was ging sie das an, für die es weder Freude noch Hoffnung gab? Da er sogar den armen kleinen Sylvester vergessen hatte, gab es ja kein einziges Band mehr zwischen ihnen. Sie mußte begreifen lernen, daß der einzige Wunsch und Traum ihres Lebens zu Ende sei, mußte sich losreißen von diesem Yann, von allem, was mit ihm zusammenhing, selbst das Wort »Island,« das einen so schmerzlichen Reiz für sie hatte, mußte sie zu vergessen suchen, jeden Gedanken an ihn aus ihrem Kopf hinausfegen, es war ja aus, aus auf immer. Mitleidsvoll betrachtete sie die arme alte Frau, die wieder eingeschlafen war. Die Großmutter brauchte sie ja, einmal aber würde sie doch sterben, und wozu sollte sie dann noch leben und sich plagen? Draußen hatte sich ein Westwind aufgemacht, und bald begann wieder die monotone Musik von der Dachtraufe. Gauds Thränen begannen zu fließen, bittere Thränen einer verlassenen Waise; salzig netzten sie ihre Lippen und tropften auf die Näharbeit. Ihr schwindelte vor dem Blick ins Leere, das ihr Leben war, und da sie vor Weinen doch nichts mehr sehen konnte, legte sie die weite Taille der Frau Tressoleur zusammen und ging schlafen. Sie fror aber in dem schönen Fräuleinsbett – alles in der Hütte wurde ja mit jedem Tag kälter und feuchter – der junge Körper wurde aber doch endlich warm und sie weinte sich in Schlaf. 16. Nach langen düsteren Wochen war der Februar herbeigekommen, und es gab schon ziemlich schöne und milde Tage. Yann war bei seinem Reeder gewesen, um sich seinen Anteil am Fang des vergangenen Sommers zu holen – fünfzehnhundert Frank – die er nach Familiengebrauch seiner Mutter bringen wollte. Das Jahr war gut gewesen und er war zufrieden. Als er Ploubazlanec erreicht hatte, sah er eine alte Frau mit ihrem Stock in der Luft herumfuchteln, umgeben von einem Haufen schreiender und lachender Kinder, die sie offenbar verhöhnten ... Die Großmutter Moan! ... Die gute Großmutter, die Sylvester angebetet hatte, jetzt schmutzig und zerrissen, war zum Kinderspott geworden! ... Das schnitt Yann ins Herz. Die bösen Buben hatten ihre Katze getötet; sie bedrohte sie mit dem Stock und schrie voll Verzweiflung: »Ach, wenn nur mein armer Junge noch da wäre, dann hättet ihr das nicht gewagt, ihr nichtsnutzige Bande!« Die arme Großmutter mußte wohl gefallen sein, indem sie den ungezogenen Jungen nachlief um sie zu prügeln, denn die Haube saß ganz schief und ihr Kleid war voll Schmutz. Und da sagten die Rangen noch, daß sie betrunken sei, was in der Bretagne bei armen alten Frauen zuweilen vorkommt, die viel Unglück erlebt haben. Yann wußte, daß das nicht wahr war, war ihm doch ganz genau bekannt, daß die achtungswerte Frau ihr Lebelang nichts als Wasser getrunken hatte. »Schämt ihr euch nicht?« fuhr er die Buben an, die vor den zornigen Augen des großen Gaos nach allen Seiten hin auseinander stoben. Gaud, welche mit Näherei für den Abend eben von Paimpol zurückkehrte, sah von weitem ihre Großmutter und den Haufen Kinder. Sie beschleunigte den Schritt, um zu erfahren was ihr für ein Leid geschehen sein mochte, begriff aber, sobald sie die tote Katze erblickte. Sie erhob frei die Augen zu Yann, der die seinigen diesmal nicht abwandte; jetzt dachte keines daran, vor dem anderen zu fliehen, nur wurden sie alle beide rot, verwirrt darüber, daß sie einander so nahe waren, schauten sie sich an, aber ohne Groll, vom gemeinsamen Gefühl des Mitleids und der Teilnahme bewegt. Schon seit langer Zeit hatten die Schulkinder einen Haß auf den armen Kater, bloß weil er ganz schwarz war. »wie ein Teufel;« es war aber ein sehr liebes Tier, das ein gutmütiges Gesicht hatte, zärtlich und anhänglich war. Die abscheulichen Buben hatten es jetzt durch Steinwürfe getötet und ihm ein Auge ausgeworfen. »O, mein lieber Junge,« schluchzte die arme Alte, »mein guter Junge! Das wäre mir nicht angethan worden, wenn er noch lebte!« Thränen flossen über das runzliche Gesicht, und die Hände mit den großen blauen Adern zitterten heftig. Gaud rückte ihr die Haube zurecht und suchte sie mit sanften Worten zu trösten. In Yann stieg ein Grimm auf; war es möglich, daß es so boshafte Kinder gab, die der unglücklichen Frau ihr einziges Tier töten konnten? Auch ihm kamen beinahe die Thränen – nicht um das tote Tier, denn wenn solch ein rauher junger Mensch auch gern mit Tieren spielt, so kennt er doch keine Empfindsamkeit in Bezug auf sie – aber es zerriß ihm das Herz, jetzt hinter der kindisch gewordenen Greisin her zu gehen, die ihre tote Katze am Schwanz trug. Yann dachte daran, wie innig Sylvester seine Großmutter geliebt hatte und welchen bittern Kummer es ihm bereitet haben müßte, sie geistesschwach und im Elend zu wissen. Gaud glaubte sich über ihr Aussehen bei Yann entschuldigen zu müssen. »Sie muß hingefallen sein, daß sie so aussieht!« sagte sie leise zu ihm. »Das Kleid ist ja schon alt, aber wir sind eben nicht reich, Herr Yann; ich habe es erst gestern geflickt, und ehe ich heute früh fortging, habe ich sie ganz ordentlich und sauber angezogen.« Yann schaute sie mit einem langen Blick an; diese entschuldigenden Worte hatten ihn vielleicht mehr gerührt, als eine künstlich gesetzte Rede oder Vorwürfe und Thränen es vermocht hätten. Schweigend gingen sie nebeneinander her, der Hütte der Moans zu. – Schön war Gaud ja immer gewesen, schöner als alle anderen, das wußte er wohl, Armut und Trauer hatten es aber noch mehr zur Geltung gebracht. Sie war viel ernster geworden; die grauen Augen blickten zurückhaltender und schienen doch zugleich so durchdringend, als könnten sie einem Menschen bis auf den Grund der Seele sehen. Auch ihre Gestalt war gereift, sie war fast dreiundzwanzig, und in der Blüte ihrer Schönheit. Jetzt war sie gekleidet wie jede andere Fischerstochter, in ganz schmucklosem schwarzen Kleid und einfacher Haube, so einfach, daß man gar nicht wußte, woher ihr noch das vornehme Aussehen kam, etwas so Verborgenes, Innerliches, daß man ihr kaum einen Vorwurf daraus machen konnte. Vielleicht kam es daher, daß sie gewohnt war, sich fest anzuziehen, wodurch Busen und Schultern sich so schön entwickelt hatten? Aber nein, es kam doch wohl von innen heraus und von ihrem Blick und der ruhigen Stimme. 17. Yann begleitete die beiden Frauen entschieden, er beabsichtigte wohl, bis ans Haus mit ihnen zu gehen. Wie zum Begräbnis der armen Katze schritten sie im Zug zusammen einher, was beinahe etwas komisch aussah, denn die Leute an den Hausthüren sahen ihnen lächelnd nach. In der Mitte ging die alte Frau, die immer noch das tote Tier trug; verwirrt und glücklich schritt Gaud an ihrer Rechten dahin, und der große Yann sehr nachdenklich, doch erhobenen Hauptes zur linken Seite der Großmutter. Diese hatte sich auffallend schnell beruhigt, versuchte selbst ihre Kleidung noch besser in Ordnung zu bringen, und ohne ein Wort zu sprechen fing sie an, die zwei jungen Leute verstohlen zu beobachten; ihr Geist schien auf einmal wieder völlig klar zu sein. Auch Gaud redete nicht, um Yann ja nicht etwa dadurch zum Abschiednehmen zu veranlassen... Nach dem lieben Blick, den sie von ihm erhalten, hätte sie nur immer so in seiner Nähe weitergehen mögen, anstatt bald an der Hütte anzulangen, wo der schöne Traum enden mußte. An der Thür verging eine jener schrecklichen Minuten des Unschlüssigseins, während welcher das Herz aussetzt zu schlagen. Die Großmutter ging hinein ohne sich umzusehen, Gaud folgte ihr zögernd, und endlich auch Yann. Er war also bei ihnen – zum erstenmal – jedenfalls nur dank der zufälligen Begegnung, denn was konnte er von ihnen wollen? Indem er die Schwelle überschritt, sah er Sylvesters Bild mit seinem bescheidenen Schmuck, unwillkürlich zog er den Hut und trat langsam herzu, wie zu einem Grabe. Gaud blieb stehen; sie stützte beide Hände auf den Tisch und ihre Augen folgten ihm, wie er jetzt schweigend die Armseligkeit der Einrichtung musterte. Die Wohnung der beiden Verlassenen sah allerdings nach bitterer Armut aus, obwohl sie sehr sauber und ordentlich war. Vielleicht würde Yann jetzt wenigstens eine Regung des Mitleids für sie haben, da er sie so verarmt sah, daß diese Hütte ihre einzige Zuflucht auf Erden bildete. Von ihrem einstigen Reichtum war nichts mehr übrig als das weiße Fräuleinbett, auf welchem Yanns Blicke jetzt haften blieben. Er sagte aber nichts... Warum ging er dann nicht lieber? ... Die alte Großmutter, die in ihren lichten Augenblicken ganz scharfsichtig war, that als ob sie gar nicht auf ihn achtete. So blieben sie stumm und mit Herzklopfen einander gegenüber stehen und schauten sich unverwandt an; die Augen thaten die große entscheidende Frage, welche der Mund in den nächsten Augenblicken aussprechen mußte. Mit jeder Sekunde, die verfloß, schien aber das Schweigen ernster zu werden, und sie sahen einander immer tiefer in die Augen, in feierlicher Erwartung von etwas Großem, Unerhörten, das kommen sollte. – – – »Gaud,« sagte Yann halblaut mit ernster Stimme, »wenn Sie immer noch wollen ...« Was wollte er damit sagen? Man ahnte, daß er mit einer großen Entscheidung rang, ungestüm, wie das stets bei ihm zu gehen pflegte, ein Entschluß, den er so plötzlich gefaßt haben mußte, daß er ihn kaum in Worte zu kleiden wagte. »Wenn Sie immer noch wollen ...« fing er zum zweitenmal an. »Unser Fang hat sich dies Jahr gut verkauft, und ich habe mir etwas Geld gespart.« Wenn Sie immer wollen? was wollte er von ihr? hatte sie ihn recht verstanden? Gaud war wie niedergeschmettert von der Bedeutung seiner Worte, so wie sie dieselben verstand. Die alte Yvonne in ihrer Ecke spitzte die Ohren, hörte sie doch den leichten Schritt des nahenden Glücks. »Wir könnten Hochzeit halten, Fräulein Gaud, wann Sie immer wollen,« sagte Yann, indem er auf Antwort wartete. Was hinderte sie, Ja zu sagen? Sie merkte wohl, wie Yanns Erstaunen in bange Furcht überging, vermochte aber keinen Laut über die Lippen zu bringen. Sie stand immer noch mit auf den Tisch gestützten Händen da, ihre Augen umschleierten sich, und sie war so bleich wie eine Sterbende. »Aber Gaud, so antworte ihm doch!« sagte die alte Großmutter und erhob sich. »Sehen Sie, es ist ihr so unvermutet gekommen, Herr Yann, Sie müssen schon Geduld mit ihr haben; sie wird sich's gewiß überlegen und Ihnen gleich Antwort geben... Setzen Sie sich doch, Herr Yann, und trinken Sie ein Glas Apfelwein mit uns.« Gaud vermochte jedoch immer noch nicht zu antworten, sie war wie verzückt. Also war es doch wahr, daß er von gutem Herzen, und jetzt fand sie den wirklichen Yann wieder, so wie sie trotz seiner Härte, seiner herzlosen Abweisung, nicht aufgehört hatte, sein Bild zu sehen! Lange Zeit hindurch hatte er sie verachtet, heute erwählte er sie – jetzt, da sie arm war – er hatte es sich wohl so in den Kopf gesetzt, und den Grund davon würde sie später schon noch erfahren. In diesem Augenblick dachte sie aber weder daran, Rechenschaft hierüber zu verlangen, noch ihm den Kummer vorzuhalten, den sie seit zwei Jahren um ihn gehabt. ... Alles das versank ja vor dieser einzigen Minute des Glücks, die so gänzlich unverhofft in ihr Leben getreten war. Ihr Mund fand immer noch keine Worte, die Augen redeten jedoch eine hinreichend verständliche Sprache, und große Thränen liefen ihr jetzt über die Wangen. »Nun, so gebe euch Gott seinen Segen, meine Kinder!« sprach die Großmutter. »Jetzt danke ich's dem Herrgott aber von Herzen, daß ich so alt habe werden müssen, da er mich diese Freude hat erleben lassen!« Yann und Gaud hielten einander bei den Händen gefaßt und schauten sich wie unersättlich an; weder das eine noch das andere fand Worte, die ihm gut und würdig genug erschienen wären, um das wonnevolle Schweigen zu brechen. »So umarmt euch doch nur zum wenigsten. ... Nein, da stehen sie und reden kein Wort! ... Mein Gott, was für sonderbare Enkelkinder habe ich doch! ... Gaud, meine Tochter, so sage ihm doch nur ein einziges Wörtchen! – Ich glaube, zu meiner Zeit küßten sich die Leute, wenn sie sich miteinander versprochen hatten!« Yann nahm seinen Hut ab, ehe er sich niederbeugte, um Gaud zu küssen. Ein tiefer Respekt überkam ihn, wie vor etwas Heiligem, und der Brautkuß dünkte ihm der erste wirkliche Kuß, den er in seinem Leben gegeben. Gaud küßte ihn wieder, und ihre frischen Lippen drückten sich fest auf Yanns schöngebräunte Wangen. Im Herd fing das Heimchen an das junge Glück in der Hütte zu besingen, und diesmal hatte es recht! Das Bild des guten Sylvester schien aus der Umrahmung seines Totenkranzes hervor ihnen zuzulächeln, und die arme Hütte wie durch einen Zauberschlag verwandelt. Jubelnde Stimmen in ihnen füllten das Schweigen aus und das hereinbrechende Dämmerlicht des Februarabends kam ihnen vor wie ein gar wundersames Licht, da es ihr Glück beschien. »Also nach der Rückkehr von Island wollt ihr Ernst machen mit dem Heiraten, meine guten Kinder?« fragte die alte Yvonne. Gaud senkte den Kopf. Island – die »Leopoldine« – sie hatte diese beiden Schrecknisse ganz vergessen, die sich auf einmal vor ihrem Glück auftürmten. »Nach der Rückkehr von Island« wie lang würde ihr die Zeit bis dahin werden, ein ganzer Sommer voll banger Tage! Yann bohrte die Fußspitzen in den Boden, während er rechnete; er hatte es auf einmal sehr eilig bekommen und rechnete aus, ob es nicht möglich sei, sich noch vor der Abreise zu verheiraten, wenn man sich tüchtig dazu hielte: so viel Tage braucht es, bis man die nötigen Papiere zusammen haben konnte, so viel Zeit für das kirchliche Aufgebot. Ja, bis zum zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Februar konnte es werden, und wenn nichts dazwischen kam, so blieb ihm noch eine ganze Woche glücklichen Beisammenseins mit seiner jungen Frau. »Ich will nur gleich mit unsern Eltern reden,« begann er die notwendigen Schritte mit einer Eile, als ob ihm die einzelnen kostbaren Minuten des Glückes zugezählt wären. Vierter Teil. 1. Liebesleute pflegen von alters her am Abend gern auf einer Bank vor der Hausthür zu sitzen, und das thaten auch Gaud und Yann, welche die seligsten Stunden ihrer Brautzeit auf der uralten Steinbank vor der Hütte der Moans verbrachten. Andere haben dazu den Frühling, warme Abende voll Blumenduft, schattige Bäume; diese beiden hatten jedoch nur die Dämmerstunde des Februartages, die auf ein rauhes steiniges Küstenland herabsank. Weder über ihrem Haupte noch anderswo schaukelte sich ein grüner Zweig, man sah nichts als den weiten Himmel an welchem Nebelstreifen dahin zogen, und an Stelle der Blumen gab es jetzt nur braune Algen, welche die Fischer mit ihren Netzen auf den Pfad heraufgezerrt hatten. Der Winter ist selten hart in den Gegenden wärmerer Meeresströmungen, gleichwohl bringt der sinkende Abend oft eine eisige Feuchtigkeit, die später in feinen Sprühregen übergeht. Mochte er auch die Schultern der Verlobten feuchten, so dachten sie doch gar nicht daran, deshalb ins Haus zu gehen; sie fühlten sich sehr behaglich auf der alten steinernen Bank, die von Generation zu Generation jungen Brautpaaren ein Plätzchen geboten, ihre zärtlichen Liebesworte gehört hatte, und diese selben Menschen später als alt und schwach gesehen, wo sie müde auf ihr ruhten, oder sich in der Sonne zu wärmen suchten. Von Zeit zu Zeit steckte Großmutter Yvonne den Kopf durch die Thür; nicht, daß sie das junge Paar zu beaufsichtigen gebraucht hätte, aber um sich an ihrem Glück zu weiden, und sie zum Hereinkommen zu bewegen. »Ihr werdet euch noch eine Krankheit zuziehen, meine guten Kinder!« sagte sie. »Mein Gott, hat's denn nur Sinn und Verstand, so lange draußen zu sitzen?« Sich erkälten? War ihnen kalt? Hatten sie auch nur das Bewußtsein davon, daß es irgend etwas außer dem Glück des Beisammenseins gäbe? Leute, die am Abend den Pfad oberhalb der Hütte hin. gingen, vernahmen wohl das Stimmengemurmel, in welches sich das Brausen des Meeres am Fuß der Klippen mischte. Es klang gar harmonisch, Gauds frische Stimme zu hören, der diejenige Yanns antwortete, ein tiefes, wohlklingendes Organ, dem er jetzt einige Klangfarben zu geben mußte. Der Schatten zeichnete ihre Umrisse an die Mauer: ein Mädchen in weißer Haube, das an die breite Schulter eines Mannes gelehnt, da saß. Über ihnen wölbte sich das alte Strohdach, und dahinter lag tiefe Dämmerung, und die farblose Leere von Wasser und Himmel. Endlich gingen sie hinein, um sich an den Kamin zu setzen, die alte Yvonne war aber bereits eingeschlafen und hörte ihr zärtliches Geflüster gar nicht. Sie mußten sich gar viel sagen, um die verlorenen zwei Jahre einzuholen und die Stunden ihres kurzen Brautstandes auszukaufen! Man war darin übereingekommen, daß sie bei der Großmutter wohnen sollten, die ihnen die Hütte testamentarisch vermacht hatte; für den Augenblick wurden keine Verbesserungen daran vorgenommen, dazu reichte die Zeit nicht; das sollte erst geschehen, wenn Yann von Island zurückkäme, dann wollten sie sich das arme verlassene Nest hübsch ausbauen! 2. Eines Abends belustigte sich Yann damit, ihr hundert kleine Dinge zu erzählen, die sie gesagt oder die ihr geschehen waren seit er sie kannte; sogar die Feste, die sie besucht, wußte er zu nennen, und welches Kleid sie da oder dort getragen hatte. Gaud hörte ihm verwundert zu. Wer hätte gedacht, daß er auf so etwas achten und es sich merken würde? Yann that geheimnisvoll und erzählte ihr noch mehr, selbst Dinge, die sie fast vergessen. Ohne ihn mit einer Frage zu unterbrechen, hörte sie ihm in wonnevollem Entzücken zu, begann sie doch zu ahnen, daß auch er sie die ganze Zeit über geliebt hatte, und er gestand ihr damit ein, daß er sie beständig im Herzen getragen. Aber mein Gott, warum hatte er sie dann so zurückgestoßen und ihr so viel Kummer bereitet? Wohl hatte er versprochen, ihr dies Geheimnis aufzuklären, entzog sich aber stets der Erfüllung dieses Versprechens mit einem ihr ganz unverständlichen Lächeln. 3. Eines schönen Tages ging das Brautpaar in Gesellschaft der Großmutter nach Paimpol, um das Hochzeitskleid zu kaufen. Unter den schönen Kleidern die Gaud aus der Zeit ihres Reichtums hatte, waren wohl welche, die sie für diese Gelegenheit hätte herrichten können, um eine Ausgabe zu vermeiden. Da ihr aber Yann das Brautkleid schenken wollte, hatte sie sich auch nicht dagegen gewehrt: gab er ihr ein Kleid, das er mit seinem sauer verdienten Geld bezahlte, so kam es ihr vor, als wenn sie dies Geschenk schon ein wenig zu seinem Weib machte. Da Gauds Trauerjahr noch nicht zu Ende war, mußte zwar Schwarz gewählt werden; Yann fand aber nichts schön und gut genug von den vorgelegten Stoffen. Früher hätte ihn kein Mensch nach Paimpol in einen Laden gebracht, jetzt aber that er beinahe ein wenig hochmütig den Kaufleuten gegenüber. Er wollte das Allerschönste für sein Lieb und beredete sogar mit ihr, welchen Schnitt das Kleid haben sollte; auch sollte man es mit breiten Samtstreifen besetzen, damit es noch schöner würde. 4. Eines Abends, als das Paar wieder im Schutz der Klippen auf seiner Steinbank saß, blieben ihre Augen auf einem Dornstrauch haften, dem einzigen, der am Wegesrand zwischen den Felsen wuchs. Im Halbdunkel glaubten sie kleine weiße Punkte auf dem Busch wahrzunehmen. »Man könnte meinen, daß er blüht,« sagte Yann, und beide erhoben sich, um nachzusehen. Der Busch blühte in der That. Da man nicht genug sah, mußten die Finger sich der Sache vergewissern, und sie fanden den Strauch mit kleinen weißen Blüten bedeckt, die vom Nebel feucht waren. Dies brachte ihnen das Nahen des Frühlings zu Bewußtsein und nun bemerkten sie auch, daß der Tag schon zugenommen hatte, die Luft war linder geworden und der Abendhimmel heller. Wunderbar aber, wie der einzelne Busch der Zeit voraus war! Nirgends umher war seinesgleichen – er hatte nur zur Freude des Paares sich so früh herausgemacht, ihnen zu Ehren sein Festkleid angelegt! »Blüht er für uns, so wollen wir uns einen Strauß pflücken,« sagte Yann, und tastend brach er ein Zweiglein nach dem anderen, schnitt mit seinem großen Fischermesser, das er im Gürtel trug, vorsichtig die Dornen ab und steckte Gaud den Strauß an die Brust. »Da, seht nur! ganz wie eine Braut!« sagte er bewundernd und trat einen Schritt zurück, um zu sehen – so viel man noch sehen konnte – ob ihr der Schmuck gut stehe. Unten an den Klippen schlugen die Wellen des ruhigen Meeres so regelmäßig auf die Strandkiesel auf, als ob jemand, im Schlaf ruhig atmete; es schien gleichgültig gegen die Liebesfeier da oben, oder ihr eher günstig gestimmt. Die Tage schienen ihnen lang in Erwartung des Abends, und wenn sie sich mit dem Glockenschlag zehn trennten, so waren sie unglücklich darüber, daß es schon aus sei. Man mußte sich sehr eilen, um die Papiere zusammen zu bekommen, wollte man nicht die ersehnte Vereinigung auf die ungewisse Zukunft verschoben sehen. Sie waren verschieden von anderen Brautpaaren; ihre Liebeszeit war so kurz, unter so seltsamen Verhältnissen, und spielte sich an so düsterem Ort ab, daß sie auch ernster waren wie andere, die nicht vom Fliehen jeder Stunde abhängen und in eine etwas fieberhafte Unruhe hineingetrieben werden. Yann hatte ihr immer noch nicht gesagt, was er die zwei Jahre über gegen sie gehabt, und wenn er am Abend fort war, so quälte es Gaud, daß er sie im Unklaren ließ. Daß er sie aber sehr lieb hatte, dessen war sie sicher. Yann hatte sie ja immer geliebt, aber nicht so wie jetzt: die Liebe nahm in seinem Herzen zu, stieg wie eine Flut immer höher und höher, bis sie sein ganzes Wesen erfüllte. Es war ihm bisher ganz fremd, daß man jemand so über alles lieben könne! Manchmal streckte er sich auf der Steinbank lang aus und legte den Kopf auf Gauds Kniee, wie ein Kind, das gestreichelt und geliebkost sein möchte; aus Anstand richtete er sich aber stets schnell wieder auf. Er hätte am liebsten zu ihren Füßen liegen und den Kopf an den Saum ihres Kleides gelehnt, verharren mögen. Außer dem brüderlichen Kuß, den er ihr gab, wenn er kam und wenn er fortging, wagte er nicht, sie zu küssen. Er verehrte ein unsichtbares Etwas in ihr, ihre Seele, die im ruhigen, reinen Klang ihrer Stimme, dem Ausdruck ihres Lächelns, aus dem klaren Blick zu ihm sprach. Und dabei war sie ein Weib von Fleisch und Blut, schön und begehrenswert wie keine andere! Zu denken, daß sie ihm bald angehören sollte – weit vollkommener, als je eine Geliebte von früher – ohne daß Gaud aufhörte sie selbst zu sein – dieser Gedanke machte ihn bis ins Mark erschauern, und er vermochte sich einen solchen Wonnerausch gar nicht auszudenken. Hier gebot er aber seinen Gedanken Halt, ja er fragte sich, ob es erlaubt sei, solch ein süßes Sakrilegium zu begehren ... 5. Am Abend eines Regentages saßen sie nebeneinander am Kamin, während ihre Großmutter Yvonne ihnen gegenüber in ihrer Ecke schlief. Die Flamme, welche dürre Zweige verzehrte, malte ihre vergrößerten Schatten an die Decke. Die Unterhaltung wurde leise geführt, wie es Liebespaare so gern thun; an diesem Abend entstand aber ein über das andere Mal ein verlegenes Schweigen; besonders von Yanns Seite, der mit halbem Lächeln den Kopf abwandte, um sich Gauds forschenden Blicken zu entziehen. Hatte sie ihm doch den ganzen Abend damit zugesetzt, ihr das Unverständliche in seinem früheren Benehmen gegen sie zu erklären. Mit Ausflüchten ließ sie sich nicht länger abweisen, und das kluge Mädchen hatte ihn so in die Enge getrieben, daß er sich gefangen sah. »Die Leute hatten schlecht über mich geredet?« fragte sie. Yann antwortete halb bejahend. »O – böse Zungen giebt's genug in Paimpol, so gut wie in Ploubazlanec!« Als Gaud aber wissen wollte, worüber man sie bei ihm verleumdet habe, verwirrte er sich und wußte keine Antwort zu geben. Es mußte also etwas anderes sein. »War es mein Anzug, Yann?« Über diesen war freilich genug geredet worden! Die Leute hatten sie für eine künftige Fischersfrau viel zu geputzt gefunden. Yann war endlich gezwungen, zuzugeben, daß es auch das nicht sei. »War es, weil wir damals noch für reich galten? Du meintest einen Korb zu bekommen?« »O nein, das nicht!« Die naive Sicherheit, die aus dieser Antwort sprach, belustigte Gaud. Ein neues Schweigen entstand, der Wind heulte und das Meer brauste. Während sie ihn aufmerksam beobachtete, ging ihr ein Licht auf, und indem sie ihm fest in die Augen blickte, sagte sie mit siegesgewissem Lächeln: »Dann war es also gar nichts, mein Yann?« Yann wandte zwar wiederum den Kopf weg, fühlte sich aber überwunden und brach in Lachen aus. Also hatte sie das richtige gefunden: einen vernünftigen Grund wußte er nicht anzugeben, weil er nie einen gehabt, und es war, wie Sylvester einst gesagt, sein Dickkopf und weiter nichts! Wie war er aber auch mit ihr geplagt und gequält worden! Alle Leute hatten ihn mit ihr aufgezogen, die Isländer am meisten, Sylvester hatte ihm zugesetzt, seine eigenen Eltern ihn damit geplagt, endlich sogar Gaud selbst. Da hatte er angefangen eigensinnig Nein zu sagen, obwohl er tief im Herzen den Vorsatz hegte, daß später, wenn niemand mehr daran dächte, aus dem Nein schon noch einmal Ja werden sollte. Und um dieser Kinderei ihres Yann willen hatte Gaud zwei Jahre lang ihr Leben vertrauert und sich den Tod gewünscht! Yann hatte aus Verlegenheit darüber, sich ausgefunden zu sehen, zuerst gelacht, dann aber seine guten ehrlichen Augen fest auf Gaud gerichtet. Würde sie ihm auch verzeihen können? Er empfand aufrichtig Reue darüber, ihr ohne Grund so viel Kummer gemacht zu haben. »Siehst du, Gaud, mein Charakter ist nun einmal so,« sagte er. »Zu Haus bei meinen Eltern ist's dasselbe: habe ich einmal meinen Dickkopf aufgesetzt, so gehe ich umher, als wäre ich bös mit ihnen und rede gleich einmal acht Tage mit keinem Menschen ein Wort. Und doch habe ich meine Eltern sehr lieb – das weißt du ja – und bin ich auch einmal brummig, so thue ich doch immer, was sie wollen, ich gehorche ihnen gewiß noch ebenso, wie in meiner Kindheit ... Glaubst du, es hätte mir gepaßt, mich nie verheiraten zu sollen? Nein, Gaud, ich wäre auf alle Fälle bald gekommen, dessen kannst du sicher sein!« Ob sie ihm verzieh? Sie fühlte, daß ihr die Thränen aufstiegen, mit welchen der Rest ihres alten Kummers hinweg gewaschen ward. Ohne die vergangenen trüben Stunden wäre ihr die gegenwärtige vielleicht gar nicht so köstlich gewesen, und sie hätte die Erfahrung des Leides fast nicht missen mögen. Nach diesem Geständnis liebte sie ihren Yann um so mehr. Nun war alles aufgeklärt und nicht ein Schleier stand mehr trennend zwischen ihren Seelen. Yann zog sie an sich, und eine lange Weile saßen sie so, Wange an Wange gelehnt, da; gesprochen wurde nicht – sie hatten der Worte jetzt nicht nötig! Ihre Umarmung war so keusch, daß sie ohne jede Verlegenheit in derselben Stellung weiter verharrten, als die Großmutter erwachte. 6. Sechs Tage vor der Abfahrt nach Island kam der Hochzeitszug unter schwarzbewölktem Himmel aus der Kirche von Ploubazlanec. Ein schönes Paar, und stolz wie die Könige! Arm in Arm schritten sie an der Spitze eines langen Zuges; ruhig und gesammelt waren sie so vom Ernst ihres Ganges beherrscht, daß sie nichts um sich her sahen. Sogar der laut heulende Wind schien sie zu respektieren, während er den Paaren im Zug übel mitspielte, die sich lachend gegen sein Ungestüm wehrten. Außer vielen jungen Leuten von überschäumender Lebenslust gab es auch grauhaarige Paare im Zug, die im Andenken an ihren eigenen Hochzeitstag zufrieden lächelten. Ganz zerzaust vom Wind, aber mit glücklichem Lächeln im Gesicht, feierte auch Großmutter Yvonne den Ehrentag ihrer Kinder; ein alter Oheim des Bräutigams führte sie und machte ihr altmodische Komplimente. Sie trug eine nagelneue Haube, die ihr zur Hochzeit gekauft worden war; der braune Shawl war zum drittenmal aufgefärbt worden – Sylvesters wegen schwarz. Der Wind schüttelte die Hochzeitsgäste ohne Unterschied, bauschte die Röcke auf und schlug sie den Frauen über dem Kopf zusammen, riß manch einer die Haube vom Kopf und jagte Männerhüte vor sich her. Der Landessitte gemäß hatte das Paar zur Vervollständigung des Brautstaats Sträuße aus künstlichen Blumen an der Kirchthür gekauft. Yann befestigte den seinen aufs Geratewohl auf seiner breiten Brust, er war ja einer von denen, welchen alles gut steht; bei Gaud merkte man jedoch noch das sorgfältig erzogene Fräulein in der Art, wie sie die armen grobgemachten Blumen zierlich am Busen zu befestigen verstand. Den Geigenspieler, der dem Zug voranging, hatte der Sturm ganz wild gemacht; er fiedelte wie toll darauf los, und seine Weisen wurden vom Wind so zerrissen, daß sie nur in Bruchstücken vernommen wurden, die oft mehr einem Möwenschrei glichen, als lustiger Musik. Diese Hochzeit beschäftigte die Leute so sehr, daß die ganze Umgegend auf den Beinen war; von weither waren sie gekommen, und wo nur ein Pfad in einen Kreuzweg mündete, hatte sich eine Gruppe aufgestellt, um auf den Zug zu warten. Die Isländer von Paimpol, Yanns Freunde, hatten sämtlich hier Posto gefaßt; sie grüßten das vorüberziehende Brautpaar und Gaud dankte ihnen in ihrer ernsten Anmut mit zierlichem Neigen des Kopfes. Den ganzen weiten Weg über wurde sie allgemein bewundert. Von den entferntesten Weilern, den verlassensten Hütten her waren Bettler gekommen, Krüppel, die an Krücken gingen, Blödsinnige und Narren; sie saßen alle am Weg, machten mit Leierkasten und Harmonika Musik und streckten die Hände aus, hielten den Hut oder eine Schale hin, um Almosen zu empfangen, welches ihnen Yann mit vornehmem Aussehen oder Gaud mit freundlichem Lächeln zuwarf. Unter den Bettlern waren hochbejahrte Leute, deren grauer Kopf ihr Lebelang hohl gewesen war; sah man sie so in einem Erdloch kauern, so schienen sie von gleicher Farbe wie die Erde, der sie unvollkommen entstiegen, und bald dahin zurückkehren sollten, ohne je einen vernünftigen Gedanken gehabt zu haben; die irren Augen dieser Unglücklichen beunruhigten wie das Geheimnis ihres ungezeitigten, nutzlosen Daseins, und ohne Verständnis sahen sie den fröhlichen Hochzeitszug vorüberziehen. Dieser ging noch weit über Pors-Even und Yanns Elternhaus hinaus, denn man begab sich bis ans Ende der bretonischen Welt, in die Dreifaltigkeitskapelle, wie es bei Neuvermählten von Ploubazlanec der alte Brauch fordert. Am Fuß der äußersten Klippen steht das Kirchlein auf einem Fundament niedriger Felsen, so nahe am Meer, daß es ihm bereits anzugehören scheint. Der einzige Pfad, der dahin führt, geht zwischen Felsblöcken abwärts und ist eigentlich nur für Ziegen gangbar. Auf dem schmalen Pfad dieses einsamen Kaps löste sich der Zug auf, denn nur einzeln war ein vorsichtiger Abstieg möglich, und zwischen den Felsenecken verloren sich lustige oder galante Worte unter dem Heulen des Windes und Wogenbrausen. Die Kapelle zu erreichen, war unmöglich; bei diesem stürmischen Wetter war der Weg nicht sicher, und die See warf ihre großen Wogen weit herauf. Wie weiße Garben kamen sie heran, und überfluteten alles im Aufschlagen. Yann war mit Gaud am weitesten voraus, und er war der erste, der vor diesen Wassermassen zurückwich. Seine Gäste befanden sich wie auf einem Amphitheater zerstreut zwischen den Klippen, und er schien wie dazu herzukommen, seine Braut dem Meer vorzustellen; dieses zeigte der jungen Frau aber ein bitterböses Gesicht! Im Umkehren sah er den Geigenspieler hoch über sich auf einem Felsen sitzen, und bemüht, zwischen zwei Windstößen ein paar Takte seines Kontertanzes zu Gehör zu bringen! »Hör' auf mit deinem Gefiedel, guter Freund!« rief ihm Yann zu. »Das Meer spielt uns heut' auf und seine Musik hält besser Takt als die deinige!« In diesem Augenblick ging ein Platzregen nieder, der schon den ganzen Morgen gedroht hatte, und in voller Flucht, unter Lachen und Schreien begannen die Hochzeitsgäste die steile Klippe hinan zu klettern, um sich in Gaos' Haus zu flüchten. 7. Da Gauds Wohnung allzu klein und ärmlich war, fand das Hochzeitessen bei Yanns Eltern statt. Oben in der großen, neu aufgebauten Stube war ein langer Tisch für fünfundzwanzig Personen gedeckt: Das Brautpaar, Yanns Brüder und Schwestern; Vetter Gaos, der Lootse; Kapitän Guermeur, Keraez, Yvon Duff – alle von der alten »Marie,« die jetzt der »Leopoldine« angehörten, vier Brautjungfern, alles sehr hübsche Mädchen, die ihre Zöpfe um die Ohren gelegt trugen, wie einst die Kaiserinnen von Byzanz, und die muschelförmigen Hauben nach der neuen Mode; die Brautführer waren sämtlich Isländer, gut gewachsene Leute mit schönen stolzen Augen. Im Erdgeschoß saßen alle jene Gäste bunt durcheinander, die oben nicht Platz gefunden hatten, und ein paar Kochfrauen aus Paimpol hantierten an dem großen Kamin mit ihren Kasserollen und Pfannen. Yanns Eltern hatten ihrem Sohn eigentlich ein reiches Mädchen zur Frau gewünscht; aber dadurch, daß Gaud sich so tapfer in ihre veränderte Vermögenslage gefunden hatte, stieg ihr Ansehen bei ihnen, zumal da sie das schönste Mädchen landauf und landab war, und es schmeichelte den Eltern, daß ihr schöner Yann eine so gut zu ihm passende Frau bekam. Nach der Suppe sagte der alte Gaos: »Nun giebt's noch ein paar Gaos mehr; Mangel ist bis jetzt in Ploubazlanec noch nicht an ihnen gewesen!« Dabei zählte er einem alten Onkel von Gaud an den Fingern her, wie viele des Namens er gekannt habe: seinen Vater, welcher der jüngste von neun Brüdern war; dieser hatte zwölf Kinder, die alle Vettern und Cousinen heirateten, was eine Unmenge von Gaosen ergab, obgleich ihrer viele in Island umgekommen waren. – »Und ich,« fuhr er fort, »habe auch eine geborene Gaos geheiratet, und wir haben vierzehn Kinder.« Stolz hob er dabei den Kopf, so sehr freute ihn der vielzweigige Stamm seiner Familie. Wohl war es ihnen schwer geworden, vierzehn Kinder durchzubringen, aber die Mehrzahl half sich bereits selber fort, und seit er das Glück gehabt, die zehntausend Frank an dem Wrack zu verdienen, war ja Wohlstand bei ihnen eingekehrt. Nachbar Guermeur, der ebenfalls sehr vergnügt war, erzählte von Streichen, die er im »Dienst« verübt (so nennen die Küstenbewohner die fünf Jahre, welche sie in der Kriegsmarine dienen müssen), und gab Geschichten aus China, Brasilien, von den Antillen zum Besten, worüber die jungen Leute, denen die Dienstzeit noch bevorstand, gewaltig die Augen aufrissen. Eine seiner liebsten Geschichten hatte sich an Bord der »Iphigenie« zugetragen. Da sollten einmal in der Abenddämmerung die Weinvorräte erneuert werden; der Schlauch, der den Wein in die Fässer hinableiten sollte, platzte jedoch, und anstatt dies zu melden, hatten sie sich ans Trinken gemacht, und getrunken, bis sie liegen geblieben waren. Und die alten Seeleute lachten aus vollem Hals mit einem Beigeschmack von Ironie. »Es wird immer über den ›Dienst‹ geschimpft,« sagten sie, »wo könnte man aber köstlichere Streiche ausführen?« Das Wetter hatte sich nicht gebessert, im Gegenteil, und der Wind peitschte den Regen durch eine stockfinstere Nacht. Trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßregeln beunruhigte sich mancher Hochzeitsgast um sein Schiff oder seine Barke, obgleich sie gut verankert im Hafen lag, und sprach davon, heimgehen und nachsehen zu wollen. Von unten herauf scholl Gelächter der Jugend; darunter mischte sich Freudengeschrei der Kinder, die vom ungewohnten Genuß des Apfelweins ausgelassen lustig waren. Es gab gekochtes und gebratenes Fleisch, mehrere Sorten Fisch, Geflügel, Eierkuchen und feines Backwerk. Man redete vom Fischfang und vom Schmuggeln, und erörterte die vielerlei Arten, auf welche man die Zollbeamten hinters Licht führen kann, die, wie jedermann weiß, die Feinde der Seeleute sind. Und droben am Honoratiorentisch wurde von merkwürdigen Abenteuern erzählt, und die lustigen Geschichten und witzigen Bemerkungen in bretonischem Dialekt flogen unter den Männern hin und her, die einer wie der andere in der Jugendzeit alle Erdteile gesehen hatten. »Ah, und gewisse Häuser in Hongkong, wißt ihr – da aufwärts in den Gäßchen ...« »Jawohl!« rief unten vom Tisch einer herauf, der sie besucht hatte, »man hält sich rechts vom Landungsplatz aus, nicht wahr?« »Ganz recht! – Nun ja, da bei den chinesischen Damen. ... Na, wir waren unserer Drei, und haben's uns wohl sein lassen. – Aber häßlich sind sie, die chinesischen Weiber, puh, wie häßlich!« »Was die Häßlichkeit anbetrifft, da muß ich dir recht geben,« sagte Yann nachlässig, der nach einer langen Seefahrt in schwacher Stunde diese Chinesinnen kennen gelernt hatte. »Nachher, wie es zum Bezahlen kam – wer hatte da Piaster?« fuhr der Erzähler fort. »Nun, wir suchen alle Taschen aus, aber keiner hat Geld, weder ich, noch du, noch er, keiner einen Sou! Wir entschuldigen uns recht schön und versprechen das Wiederkommen (hier verzog sich das gebräunte Seemannsgesicht zu einer gezierten Fratze, um das höchste Erstaunen einer Chinesin zu malen). »Das war der Alten aber nicht recht glaubwürdig, und sie fing an zu miauen und kratzte uns zuletzt mit den gelben Pfoten.« (Jetzt machte er das Gebelfer der zornigen Alten nach und verdrehte die Augen, bis sich das Weiße zeigte.) »Und die Chinesen – die zwei, denen die Bude gehörte, verstehst du – die schlossen das Gitterthor zu und ließen uns nicht hinaus. Kannst dir wohl denken, daß wir sie an ihren Zopfschwänzen gepackt und in einem Tanz herumgeschwenkt haben, daß ihre Köpfe an die Mauer flogen! Das hat aber Lärm gemacht, und wie aus der Erde gewachsen ist ein Dutzend gelber Kerls da, die ihre Ärmel aufstreifen, um über uns herzufallen. Furchtsam haben sie trotzdem ausgesehen. – Na, ich hatte eine Partie Zuckerrohr bei mir, das ich mir gerade als Reisevorrat gekauft hatte; es ist solid und bricht nicht, so lange es noch grün ist. Nun frage ich, ob du glaubst, daß es uns nützlich war, um die gelbe Bande damit zusammen zu hauen?!« Der Sturm draußen hatte einen Grad erreicht, daß die Fenster klirrten, und der Erzähler erhob sich, um nach seiner Barke zu sehen. Sein Fortgang beeinträchtigte die Unterhaltung jedoch nicht. »Ja, man erlebt mancherlei,« begann ein anderer, »ich habe in Aden auch etwas Nettes erlebt, wo ich auf der »Zenobia« Quartiermeister bei den Kanonieren war. Eines Tages kamen Händler mit Straußenfedern an Bord. »Guten Tag, Korporal,« sagten sie; »wir nicht Diebe, wir gute Kaufmänner.« Mit drei Sätzen jagte ich sie wieder zur Strickleiter und schrie einen an: »Laß dir sagen, guter Kaufmann, mache daß du mir einen Strauß Federn zum Geschenk bringst, darauf werde ich mir überlegen, ob ich dir mit deinem Bündel an Bord zu kommen erlaube!« – mit schmerzlichem Gesicht fuhr der ehemalige Quartiermeister fort: »Ich hätte bei der Rückkehr ein schönes Stück Geld aus den Federn lösen können, wenn ich nicht ein so gar dummer Kerl gewesen wäre. Aber ich war dazumal jung und hatte in Toulon eine gute Bekannte, die im Putzfach arbeitete ...« Ein großer Lärm, der von unten kam, beraubte die Zuhörer des Genusses, die Listen und Kniffe zu erfahren, welche die Putzmacherin gebraucht, um in den Besitz der kostbaren Straußenfedern zu gelangen. Ein fürchterliches Geheul schnitt ihm aber das Wort ab: ein kleiner Gaos hatte im Essen und Trinken zu viel des Guten gethan und mußte zu Bett gebracht werden. Im Kamin heulte der Wind, wie die Seelen der Verdammten im Fegefeuer; er tobte mit schrecklicher Gewalt um das Haus und machte es in seinen Grundfesten erbeben. »Man könnte meinen, der Wind erbost sich darüber, daß wir so lustig beisammen sind,« bemerkte der alte Lotse. »Nein,« sagte Yann, indem er Gaud zulächelte, »der Wind nicht, aber das Meer ist's, was sich ärgert: hatte ich ihm doch die Ehe versprochen!« Eine seltsame Ermattung fing an, sich ihrer zu bemächtigen; Hand in Hand saßen sie da und sprachen leise miteinander, unbekümmert um die Fröhlichkeit der Umgebung. Da Yann den Einfluß des Weines aus seine Sinne kannte, trank er an diesem Tag keinen Tropfen; doch wurde er sehr rot, wenn einer seiner Kameraden eine Anspielung auf die Brautnacht machte. Zuweilen zog auch ein ernster Schatten über sein Gesicht, wenn er daran dachte, wie sehr der arme Sylvester diese Hochzeit gewünscht. Um seinetwillen sollte heute auch nicht getanzt werden. Man war jetzt beim Nachtisch angelangt, und nun mußte das Singen bald angehen. Vorher aber waren nach alter frommer Sitte die Gebete für die Toten aus der Familie zu sagen, ein Brauch, der bei keiner bretonischen Hochzeit versäumt wird. Daher ward es unter der eben noch so lauten Gesellschaft kirchenstill, als sich der Vater Gaos erhob und sein weißes Haupt entblößte. » Das ist für Guillaume Gaos, meinen Vater,« sagte er, und indem er sich bekreuzte, fing er an für den Toten in lateinischer Sprache zu beten: Pater noster qui es in coelis, sanctificetur nomen tuum ... (Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name.) Tiefes Schweigen herrschte oben und unten, sogar unter den Kindern, und alle Gäste sprachen bei sich dem ehrwürdigen Vater die ewig heiligen Worte nach. » Das ist für Yves und Jean Gaos, meine Brüder, die im Meer von Island verschollen sind,« sprach der Alte beim zweiten Vaterunser. – » Das ist für Pierre Gaos, meinen Sohn, der an Bord der »Zélie« Schiffbruch erlitten hat. Nachdem für jeden einzelnen ein Paternoster gesprochen war, wandte er sich zur Großmutter Yvonne: »Und das ist für Sylvester Moan.« Yann stürzten plötzlich die Thränen hervor, als der alte Mann dies letzte Vaterunser für den toten Freund betete und mit den Worten schloß: Sed libera nos a malo. Amen (sondern erlöse uns von dem Übel). Nachdem der religiösen Pflicht genügt war, fing man an zu singen, zuerst mehrere von den Matrosenliedern, welche die jungen Leute im »Dienst« gelernt hatten; bei der Marine giebt es bekanntlich sehr gute Sänger. Einer der Brautführer begann seinen Vortrag mit dem Zuavenlied, und die übrigen Gäste fielen beim Hurra begeistert ein. Der erste Vers des Liedes heißt: Ein' tapfere Schar wohl Zuaven sind; Vergleicht sie uns – ist's Spreu vorm Wind Dem echten Seemann, dem Braven, Hurra, wie den tapfern Zuavenl Hurra! Hurra! Hurra! Das junge Paar hatte kaum Ohren für die Lieder; schauten sie einander an, so verwirrte sich der schimmernde Blick; ihre Unterhaltung ward in immer leiserer Stimme geführt. Eines hielt die Hand des anderen gefaßt, Gaud senkte häufig den Kopf, denn allmählich überkam sie eine Art süßen Bangens vor ihrem Herrn und Gebieter. Jetzt ging der Vetter Lotse herum und bot einen ganz besonderen Wein an, den er mitgebracht; er hielt die Flasche sehr sorgfältig, damit sie ja nicht geschüttelt würde; und der Korb mit den liegenden Flaschen war mit großer Mühe transportiert worden. An diesen Wein knüpfte sich eine Geschichte, die er mit demselben zum Besten gab. Er hatte eines Tages beim Fischfang ein treibendes Stückfaß angetroffen; es an Bord zu bringen, war seiner Größe wegen unmöglich, daher hatten sie es auf offener See angezapft, und was sie nur an Gefäßen hatten, mit Wein gefüllt; da man aber lange nicht alles fortbringen konnte, hatte man andere Lotsen und Fischer durch Signale herbeigerufen, und alle Segler in Sicht waren herbeigeeilt und scharten sich um den Fund. »Ich weiß mehr als einen, der an jenem Abend besoffen nach Pors-Even kam!« schloß der Vetter Lotse mit Lachen. Das Kindervolk unten vergnügte sich mit Rundtänzen; die jüngsten Gaoskinder waren zwar längst zu Bett gebracht, die anderen machten aber einen Heidenlärm; Laumec und Fantec (bretonische Abkürzung für Guillaume und François) stifteten die kleine Bande zum Lärmen an; sie wollten durchaus draußen herumspringen und machten alle Augenblicke die Thür auf, was den Windstößen Eingang verschaffte, die so heftig waren, daß sie die Lichter verlöschten. Der alte Lotse erzählte weiter, daß sein Anteil an der Beute vierzig Flaschen betragen habe; man möge ihm aber den Gefallen thun und nicht davon reden, damit ihm der Herr Kommissar auf dem Marinebureau nicht nachträglich etwa noch Ungelegenheiten darüber machte, weil er damals den Fund nicht angezeigt habe. »Der Wein hätte nur gut gepflegt werden müssen,« schloß er seine Geschichte. »Hätte man ihn ordentlich abziehen können, so wäre es ein herrlicher Tropfen geworden, denn es ist vielmehr Traubensaft darin, als in den Kellern der Weinhändler von ganz Paimpol zusammen.« Wo mochte dieser Wein, der von einem Schiffbruch herrührte, wohl gewachsen sein? Er war von dunkelroter Farbe und sehr stark, aber mit Seewasser vermischt, und hatte daher einen salzigen Geschmack behalten. Nichtsdestoweniger fand er großen Beifall und mehrere Flaschen wurden geleert. Bei den meisten drehte es sich ein wenig im Kopf; die Stimmen wurden unklar, und die Burschen fingen an, die Mädchen zu umarmen. Gesungen wurde immer noch, es war aber keine rechte Ruhe dabei, denn die Männer machten einander Zeichen und tauschten sorgenvolle Bemerkungen über die Schiffe aus. Das Unwetter draußen tobte ärger denn je, und der Sturm brüllte dermaßen, als wenn tausend wütende Bestien aus vollem Halse schrieen, drohend knurrten und schnarrten, ein Getöse, das wie ein fortgesetzter gräßlicher Schrei klang. Man meinte auch die großen Strandkanonen schießen zu hören, die dumpfen Schläge rührten aber ebenfalls vom Meer her, das den Strand von Ploubazlanec so furchtbar peitschte – nein, daß Meer war ganz entschieden sehr erzürnt, und das Herz zog sich Gaud bei der entsetzlichen Musik zusammen, die niemand zu ihrer Hochzeit bestellt hatte. Nach Mitternacht ließ der Sturm etwas nach. Yann hatte sich leise erhoben und machte Gaud ein Zeichen, daß sie zu ihm hinauskommen möchte – sie wollten jetzt heim gehen. Gaud war sehr rot darüber geworden, weil sie aufgestanden war; sie meinte, es sei unhöflich, schon fort zu gehen und die Gäste allein zu lassen. »Nein, wir können gehen,« sagte Yann, »der Vater hat's erlaubt.« Dabei zog er sie über die Schwelle und sie machten sich leise davon, in die kalte Nacht hinaus. Es war stockfinster. Auf der Höhe des Pfades verriet das unheimliche Toben, wo das Meer lag – sehen konnte man es nicht. Yann faßte Gaud bei der Hand und sie fingen an zu laufen wie die Kinder, oft aber hatten sie Mühe, sich gegen den Wind auf den Füßen zu halten, und obwohl sie die Hand vor den Mund hielten, mußten sie manchmal stehen bleiben und sich umwenden, um einmal atmen zu können. Damit das neue Kleid und die Brautschuhe aber nicht zu Schaden kommen sollten, hob er Gaud manchmal bei der Taille ein wenig in die Höhe, später nahm er sie ganz auf den Arm, legte ihren Kopf an seinen Hals und lief nun um so schneller. Nein, er hatte entschieden nicht gedacht, daß er sie so lieb haben könnte! Dreiundzwanzig war sie und er fast achtundzwanzig Jahre alt – seit zwei Jahren hätten sie verheiratet und so glücklich sein können, wie an diesem Abend! Endlich war die feuchtkalte, armselige Hütte erreicht. Yann zündete Licht an, zweimal blies es ihm aber der Wind wieder aus. Die alte Großmutter hatte man heim geführt, ehe das Singen anging; seit zwei Stunden schon lag sie in ihrem Schrankbett, dessen Thüren sie geschlossen hatte. Das junge Paar trat heran und guckte durch die Ausschnittslöcher, um ihr gute Nacht zu sagen, falls sie noch wach wäre, ruhig und mit geschlossenen Augen lag aber das ehrwürdige Haupt in den Kissen – sie schlief bereits oder stellte sich schlafend, damit sich die Heimkehrenden nicht von ihr gestört glauben sollten. Jetzt fühlten sie sich zum erstenmal allein zusammen. Yann beugte sich nieder, um seine junge Frau auf den Mund zu küssen; ohne die Bedeutung dieses Kusses zu ahnen, kam ihm Gaud aber zuvor und küßte ihn eben so keusch, wie in der Brautzeit auf die Wange, die noch eiskalt war vom Sturm. Wäre Gaud noch im Besitz ihres einstigen Vermögens gewesen, mit welcher Freude würde sie das Brautgemach schön ausgestattet haben! Sie konnte sich immer noch schwer an die nackten Steinmauern und das rohe Aussehen der paar Möbelstücke gewöhnen. Hier stand sie auf feuchtem, festgestampften Boden einer sehr niedrigen kalten Hütte, aber ihr Dann war ja da, und seine Gegenwart ließ sie die Armseligkeit der Umgebung so vergessen, daß sie nichts sah, als ihn. Jetzt hatten sich ihre Lippen gefunden; stumm hielten sie sich umschlungen unter einem nicht endenwollenden Kuß. Die etwas erregte Atmung beider vermischte sich, und sie erschauerten wie im Fieber; es schien ihnen an Kraft zu gebrechen, die lange Umarmung zu lösen, und es war, als ob ihnen nichts weiter bewußt sei, sie nichts mehr außer der Seligkeit dieses Kusses wünschten. Verwirrt machte sich Gaud endlich los. »Laß doch, Yann, Großmutter Yvonne könnte uns ja sehen,« wehrte sie, da er aufs neue ihre Lippen suchte. Er lächelte aber nur und küßte sie immer wieder, wie ein Verdurstender, dem man für einen Augenblick den Becher mit frischem Wasser weggenommen hatte. Gauds Abwehr hatte den Reiz wonnevollem Zögerns unterbrochen. Zuerst hätte er vor ihr knieen mögen, wie vor einem Heiligenbild, jetzt aber überflutete die Leidenschaft sein ganzes Wesen. Verstohlen blickte er nach dem Bettschrank der Großmutter, und ohne einen Augenblick das Küssen einzustellen, faßte er hinter sich nach dem Tisch, wo der Leuchter stand, und löschte mit dem breiten Handrücken das Licht aus, wie vorhin der Wind gethan. Stürmisch nahm er sie in die Arme; er hielt seine Lippen fortwährend auf die ihren gepreßt, fast einem wilden Tier gleich, das die Zähne in seine Beute schlägt. Diesem gebieterischen Fordern gegenüber war kein Widerstand mehr möglich; Gaud gab sich ihm mit Leib und Seele, willenlos unter der Flut seiner Liebkosungen. Er trug sie im Dunkeln zu ihrem schonen weißen Bett hin, das nun zum Ehebett werden sollte. Zu der Brautnacht drinnen spielte das unsichtbare Orchester in den Lüften draußen seine schauerliche Musik; bald pfiff es leiser, als dächte es nachzulassen, bald kam es in langgezogenen Tönen wieder als unheimliches Heulen daher. Und ganz in der Nähe befand sich das große wogende Grab der Seeleute, das erschreckend hoch gegen die Klippen anstürmte. Daß es eines Tages auch ihn verschlingen und in seine grausige Nacht hinabziehen werde, das wußten sie beide gar wohl! Im Augenblick aber war er an Land und sicher geborgen, wenn auch in armer Hütte, durch die der Wind strich. Und unbekümmert um Tod und Welt berauschten sie sich an den Wonnen der Liebe. 8. Seit sechs Tagen waren sie Mann und Frau. Die ganze Gegend war mit der nahen Abreise der Isländer beschäftigt. Tagelöhnerinnen schafften die Salzvorräte an Bord der Schiffe; die Männer hatten mit der Takelung zu thun; in Yanns Elternhaus arbeiteten Mutter und Schwestern am Fertigmachen seiner diesjährigen Ausrüstung. Das Wetter war düster und die See unruhig und aufgeregt, fühlte sie doch schon das Kommen der Äquinoktialstürme. Gaud erfüllten die unerbittlich vorwärts schreitenden Vorbereitungen mit innerer Angst, die Tage und Stunden ihres Glückes flohen ja so schnell, und sie sehnte den Feierabend herbei, wo Yann nach vollbrachtem Tagewerk ihr ganz allein angehörte. Würde er die anderen Jahre auch fortgehen? Sie hoffte ihn zurückhalten zu können, wagte jedoch keine derartige Anspielung, obwohl seine Liebe zu ihr täglich zunahm. Was sie an ihm entzückte, war, ihn so sanft, so kindlich zu finden. Den Mädchen in Paimpol, die ihm so auffällig entgegengekommen, hatte er zuweilen seine Verachtung gezeigt, ihr aber begegnete er stets mit einer achtungsvollen Höflichkeit, und sobald ihre Augen einander begegneten, erschien jenes herzige Lächeln auf seinem Gesicht, das sie so sehr beglückte. Diese einfachen Menschen haben einen angeborenen Respekt vor der Heiligkeit der Ehe und der sittlichen Stellung der Ehefrau; es liegt ein Abgrund zwischen ihr und einer Geliebten, dem verächtlichen Geschöpf, das man nach genossenem Vergnügen beiseite werfen kann, wie ein überdrüssiges Spielzeug. Das Glück der armen Gaud war sehr mit Unruhe gemischt; es war ihr zu unverhofft gekommen, als daß sie mehr Beständigkeit davon erwartet hätte, als von einem beglückenden Traum. Wenn sie daran dachte, was sie von Yanns früheren Liebesabenteuern und von seiner Heftigkeit gehört, so beschlich sie ein Bangen: würde er immer dieses achtungsvolle Benehmen, diese unendliche Zärtlichkeit für sie behalten? Sechs Tage des Ehestands waren doch so gut wie nichts bei einer Liebe wie die ihrige: eine fieberhaft erraffte Abschlagszahlung auf das Glück einer langen Lebenszeit. Sie hatten ja kaum erst gelernt sich zu verstehen und einander anzugehören, und alle Pläne für ihre häusliche Einrichtung und künftiges Leben mußten notwendigerweise auf den Spätherbst verschoben werden. Ein anderes Jahr wollte sie ihn um keinen Preis wieder mit fort lassen! Aber wovon sollten sie denn leben, da eins wie das andere ohne Vermögen war? Und dann liebte er seinen Beruf doch auch so sehr! Wie schrecklich aber, alljährlich den Frühling mit Bangen herankommen zu sehen, Sommer um Sommer in schmerzlicher Angst hinbringen zu müssen! Jetzt, da sie ihn so grenzenlos liebte, konnte sie nur mit Grauen an die Qual künftiger Jahre denken. Sie hatten einen einzigen Frühlingstag, einen allereinzigen! Es war am Vorabend von Yanns Abreise, und da an Bord alles in Bereitschaft war, durfte er an diesem letzten Nachmittag bei ihr bleiben. Arm in Arm spazierten sie dicht aneinander geschmiegt auf den schmalen Wegen einher, und wer sie sah, blickte ihnen lächelnd nach. »Das neugebackene Ehepaar!« hieß es. Dieser letzte Tag in der Heimat war ein rechter echter Frühlingstag, der in solch' rauhem Küstenland besonders dankbar geschätzt wird. Es war völlig windstill und das Meer lag in blaßblauer Färbung ganz ruhig da. In weißschimmerndem Glanz schien die Sonne auf das rauhe bretonische Land, das in diesem ungewohnten Genuß zu schwelgen schien; dem lachenden Sonnenschein, der selbst die ödesten Winkel aufsuchte. Die Luft war so wonnig mild, als konnten rauhe und stürmische Tage gar nicht wiederkehren. Die Landspitzen und Buchten, über welche jetzt keine wechselnden Wolkenschatten mehr hinhuschten, zeichneten ihre großen, unbeweglichen Linien im Sonnenschein; auch sie schienen sich in der wohlthätigen Stille auszuruhen. Schon zeigten sich Schlüsselblumen an den Rändern der Gräben, nebst zarten, noch geruchlosen Veilchen ... die Natur schmückte sich ihrem Liebesfest zu Ehren. »Wie lange wirst du mich lieb behalten, Yann?« fragte Gaud unvermittelt. Erstaunt sah er ihr voll in die Augen. »Auf immerdar,« war die Antwort, die in ihrer Schlichtheit um so mehr überzeugte. Übertrafen diese zwei Worte nicht alles, was sie je an Glück erträumt hatte? Gaud stützte sich auf seinen Arm und lehnte sich an den geliebten Mann, der, ach, nur heute noch ihr gehörte! Morgen um diese Zeit war er schon unerreichbar weit fort. Dies erste Mal war es unmöglich gewesen, nächstes Jahr aber sollte er nicht wieder von ihr gehen. Von diesem hochgelegenen Pfad aus übersah man den ganzen Küstenstrich; hie und da zwischen den Felsen sah ein Fischerhäuschen hervor. Gaud erzählte ihm von den wunderbaren und merkwürdigen Dingen in Paris, wo sie so lange gelebt hatte. Yann wußte ihre Mitteilungen aber nicht zu würdigen, denn er erwiderte darauf: So weit weg von der Küste – Land, nichts als Land – das muß ungesund sein! Wo Häuser in Tausenden stehen, die alle voll Menschen stecken, da muß es ja Krankheiten geben! Dort möchte ich um keinen Preis leben – nein, das wäre nichts für mich!« Und Gaud lächelte über die kindlichen Ansichten dieses großen lieben Menschen. Wo der Pfad in eine geschützte Bodensenkung führte, da gab es wirkliche und natürlich entwickelte Bäume; das modernde Laub am Boden strömte einen feuchtkalten Geruch aus, der Ginster war aber hier schon grün! An diesen tiefgelegenen Orten hatten sich auch einzelne Häuser versteckt; zwischen zerbröckelnden niedrigen Mäuerchen führte der Pfad wieder aufwärts, und oben auf der Höhe empfanden sie angenehm die belebend frische Luft und den unbegrenzten Ausblick auf das weite Meer. Yann seinerseits erzählte Gaud von Island, von den Sommern die keine Nächte haben, der geringen Leuchtkraft einer schrägstehenden Sonne die nicht mehr untergeht. Gaud verstand das nicht recht und er suchte es ihr auf seine naive Weise zu erklären. »Weißt du, die Sonne macht ihren Weg rundum,« sagte er, indem er einen weiten Kreis mit dem Arm beschrieb. »Sie steht sehr niedrig, sie hat gar nicht mehr die Kraft zu steigen; um Mitternacht taucht sie ihren Rand nur ein wenig ins Meer, und gleich darauf fängt sie ihren Rundlauf an. Manchmal erscheint auch der Mond auf der entgegengesetzten Seite am Himmel, dann plagen sie sich um die Wette mit Leuchten ab, man kennt sie aber nicht leicht auseinander, denn in dieser Gegend sind sie sich zu ähnlich.« Um Mitternacht die Sonne sehen können! Und die Fjorde? Gaud hatte das Wort auf den Gedächtnistafeln in der Totenkapelle gelesen, darum verband sich für sie die Vorstellung von etwas Schrecklichem damit. »Die Fjorde sind große Buchten, wie zum Beispiel die von Paimpol,« erläuterte Yann; »der Unterschied besteht aber darin, daß sie von hohen Bergen eingefaßt sind, so hoch, daß man ihre Spitze nicht sehen kann, weil immer Wolken darauf lagern. Ein trauriges Land ist das, Gaud! Steine, und nichts als Steine, und was Bäume sind, wissen die Leute auf der Insel gar nicht. So um Mitte August geht's mit dem Fischfang zu Ende, und da muß man machen, daß man fort kommt, denn die Nachte treten ein und verlängern sich sehr schnell. Dann sinkt die Sonne ganz unter den Erdball hinunter, und auf der Insel ist's den ganzen Winter über Nacht.« »In einem Fjord an der Küste giebt's aber auch einen kleinen Gottesacker,« fuhr er fort. »Dort begraben wir die Leute, die während des Fischfangs an Bord sterben. Es ist geweihte Erde, so gut wie hier bei uns, und man setzt den Toten ein Holzkreuz mit dem Namen auf ihr Grab. Die zwei Goazdiou liegen dort, und auch Guillaume Moan, Sylvesters Großvater.« Bewegten Herzens stellte sich Gaud den kleinen Friedhof vor, der auf einem weltfernen Flecken, unter dem bleichen Licht einer nie untergehenden Sonne lag. Wie traurig, die einsamen Schläfer in endloser Winternacht unter Eis und Schnee zu wissen! »Und ihr fischt die ganze Zeit ohne Unterbrechung?« fragte sie! »Die ganze Zeit. Mit dem Steuern haben wir aber auch zu thun, denn dort ist das Meer nicht immer gut. Müde wird man aber, sage ich dir; man kriegt tüchtig Appetit bei der Arbeit, und kommt die Abendsuppe, so verschlingt man sie!« »Langeweile kommt dann wohl gar nicht vor?« »Niemals!« rief er so überzeugt, daß es ihr bis ins Herz ging. »An Bord oder auf der See wird mir die Zeit nie, nie lang!« Traurig senkte Gaud den Kopf; sie fühlte sich vom Meer überwunden. Fünfter Teil. 1. Der Abend ihres Frühlingstages erinnerte mit zunehmender Kälte daran, daß es eigentlich noch Winter war, und mit einbrechender Nacht kehrten sie heim. Ein Feuer von Reisern brannte im Kamin, bei dessen Schein sie ihr Abendbrot verzehrten. Die letzte Mahlzeit zusammen! Aber noch eine ganze Nacht hindurch durste eins in den Armen des andern ruhen, und dieser Trost hielt ihre Traurigkeit noch nieder. Nach dem Essen gingen sie noch nach Pors-Even, da sich Yann noch von seinen Eltern zu verabschieden hatte. Sie wollten bald wieder daheim sein, morgen mußte ja aufgestanden werden, ehe der Tag graute! 2. Der Quai von Paimpol war am anderen Morgen voller Leute. Schon seit dem vorgestrigen Tag hatte die Abreise der Isländer begonnen und bei jeder Flut ging eine Anzahl von Schiffen in See. An diesem Morgen sollten mit der »Leopoldine« noch fünfzehn Schiffe absegeln, und die Frauen und Mütter sämtlicher Seeleute waren versammelt. Gaud kam es seltsam vor, sich unter diesen zu befinden, aber jetzt war sie ja das Weib eines Islandfischers, und um derselben traurigen Ursache willen hier wie die anderen. Ihr Geschick hatte sich in den letzten Wochen dergestalt überstürzt, daß sie kaum Zeit gehabt, sich der Wirklichkeit der Geschehnisse bewußt zu werden, und so war die unerbittliche Scheidestunde herangekommen, die sie ertragen lernen mußte so gut wie die übrigen, die sie schon öfter durchgemacht. Sie hatte das Abschiednehmen noch nie in der Nähe gesehen, daher war ihr alles neu und unbekannt. Unter den vielen Frauen war sie eine Fremde – die feine Erziehung, die sie genossen hatte, hing ihr in den Augen der Leute noch an und schied sie von ihnen. Das Wetter war auch heute schön geblieben, draußen auf offenem Meer wogte es aber stark; es blies ja von Westen her. Um Gaud her standen noch mehr junge Frauen und Mädchen, die hübsch, ja sehr hübsch waren und mit ihren Augen voll Thränen einen rührenden Anblick boten; es gab auch Gleichgültige, die niemand liebten, oder Herzlose, die lachende Mienen zeigten; hochbetagte Mütter, die ihr Ende nahe fühlten und bittre Thränen um ihre Söhne vergossen, die sie nicht wieder zu sehen glaubten; Verlobte in letzter Umarmung und einem langen Kuß. Manch ein Graukopf sang, um sich selber Mut zu machen, andere begaben sich so ernst und düster an Bord ihres Schiffes, als gingen sie zur Richtstätte. Außer diesen herzbewegenden Dingen gab es aber auch seltsame Scenen hier: Unglückliche, die sich in der Schenke hatten überrumpeln lassen einen Kontrakt zu unterschreiben, und die nun von ihren eigenen Weibern und den Gendarmen zu einer Barke gebracht wurden, um mit Gewalt eingeschifft zu werden. Andere, von denen bei ihrer großen Körperkraft Widerstand zu besuchten war, waren aus Vorsicht schwer betrunken gemacht worden; sie wurden auf Tragbahren herbei gebracht, an Deck auf ein Brett gebunden und in den Schiffsraum hinab gelassen, gleich Toten. Gaud entsetzte sich über diesen Anblick. Mit solchen Gefährten mußte ihr Yann leben? Wie schrecklich mußte doch das Handwerk der Islandfischer sein, wenn es selbst für Männer ein solches Schreckbild war! Doch sah man auch ruhige, frohe Gesichter, die wie Yann ihren Beruf liebten und sich auf das Leben auf dem Meer freuten. Das waren die Guten, Leute mit edlen Zügen und von schönem Antlitz; waren sie noch ledig, so zogen sie unbekümmert hinaus und warfen den Mädchen einen letzten Blick zu, waren sie verheiratet, so umarmten sie Frau und Kinder in tiefem Ernst und der frohen Hoffnung, ihnen bei der Wiederkehr reichen Verdienst mit heim zu bringen. Es tröstete Gaud, lauter solche an Bord der »Leopoldine« steigen zu sehen, die in der That eine ausgewählt gute Mannschaft hatte. Zu zwei und zwei, oder vier und vier fuhren die Schiffe ab, von Schleppern aus dem Häfen gebracht. Sobald sie sich in Bewegung setzten, entblößten die Seeleute das Haupt und stimmten mit voller Kehle ihren Gesang an die Jungfrau Maria an: »Heil dir, Stern des Meeres.« Die Frauen blieben auf dem Quai und unter vielen Thränen schwenkten sie ihre Tücher den Absegelnden zum letzten Gruß. Sobald die »Leopoldine« dahin schwamm, machte sich Gaud mit raschem Schritt auf den Weg zu Yanns Elternhaus; und nach einem Marsch von anderthalb Stunden langte sie bei ihrer neuen Familie an. Die »Leopoldine« sollte bei der großen Reede von Pors-Even noch einmal anlegen und erst am Abend definitiv in See stechen. Hier konnte sie ihn also noch ein letztes Mal sehen, und er kam mit einer Jolle seines Schiffes noch einmal für drei Stunden an Land. Unwillkürlich schlugen sie denselben Weg ein wie gestern, und als sie in glücklichem Gespräch bis nach Ploubazlanec gekommen waren und vor ihrer Hütte standen, traten sie ein letztes Mal ein. Es war aber ein großer Schrecken für die Großmutter, sie zusammen erscheinen zu sehen, da sie nichts von der Möglichkeit einer kurzen Rückkehr gewußt hatte. Yann legte Gaud die Sorgfalt für verschiedene Sachen ans Herz, die er in ihrem Schrank zurück ließ; besonders befahl er ihr an, seinen schonen neuen Hochzeitsanzug zuweilen heraus zu nehmen und in die Sonne zu legen. – An Bord der Kriegsschiffe lernen die Matrosen sorgfältig und geschickt mit vielen Dingen umgehen. – Gaud lächelte darüber, daß er ihr Sorgsamkeit für seine Sachen anempfehlen zu müssen glaubte: er konnte ganz sicher sein, daß alles was ihm gehörte mit der größten Liebe gehütet sein würde! Dergleichen stand ihnen jedoch nur in zweiter Linie: redeten sie doch nur, um zu reden, und das beklemmte Herz damit äußerlich ruhig zu halten. Yann erzählte, daß sie an Bord die Plätze zum Fischen ausgelost hätten, und er sei sehr zufrieden, einen der besten bekommen zu haben. Da Gaud nicht verstand was damit gemeint war, erklärte er es ihr. »Siehst du, Gaud,« sagte er, »an Bord unserer Schiffe sind auf dem Plattdeck Löcher in gewissen Abständen, wir nennen sie Blocklöcher, weil wir kleine Blöcke darin befestigen, über die wir unsere Angelruten legen. Um diese Löcher wird entweder gewürfelt, oder wir spielen sie durch Lose aus, die wir in die Mütze des Schiffsjungen thun. Nun zieht jeder ein Los, und den darauf bezeichneten Platz muß er während der ganzen Fahrt behalten, gewechselt wird nicht mehr. Diesmal ist mein Posten auf dem Hinterdeck des Schiffes, wo man die meisten Fische fängt, wie du wohl wissen wirst. Und dann hat mein Platz auch den Vorteil, daß er hinter den großen Wandtauen ist, wo man ein Stück Wachsleinwand oder Segeltuch oder sonst etwas zum Schutz für das Gesicht anbringen kann. Kannst glauben, daß man froh um der gleichen ist, denn Schnee und grobe Hagelkörner richten einem das Gesicht manchmal arg zu! Hat man irgend welchen Schutz, so bleiben die Augen länger gut.« Sie sprachen leise und immer leiser, als fürchteten sie durch lautes Reden die kostbaren Augenblicke zu verscheuchen, die ihnen zugezählt waren. Ihre Unterhaltung drehte sich um alles andere als die Trennung, und die kleinsten und unbedeutendsten Dinge schienen ihnen geheimnisvoll und hochwichtig zu werden. Der letzte Augenblick war da: Yann nahm sein junges Weib an sein Herz, und ohne ein Wort zu reden, nahmen sie in inniger Umarmung nochmals Abschied voneinander. Yann bestieg seine Jolle und bald blähten sich die großen Segel in einer leichten Brise, die von Westen her kam. Er schwang die Mütze, wie sie es ausgemacht, und lange noch erkannte sie die geliebte Gestalt. Ja, das war ihr Yann, die klein und immer kleiner werdende menschliche Gestalt, die sich schwarz von den blaugrauen Wassern abhob. Nur noch ein schwarzes Pünktchen – ja, das war er – jetzt wurde es unklar, und das angestrengte Auge vermochte ihn absolut nicht zu erkennen, er verlor sich in der Ferne, wo der Blick nichts mehr festzuhalten vermag. Wie von einem Magnet angezogen, lief Gaud am Fuß der Klippen hin, als könnte sie so dem Schiff nacheilen. Ihr Lauf wurde jedoch bald gehemmt, sie war am Ende der Landspitze angelangt, und setzte sich unter dem großen Kreuz nieder, das auf diesem äußersten Vorsprung unter Steinen und Ginster steht. Da der Platz erhöht war, schien das Meer ln der Ferne anzusteigen, und es sah aus, als ob die »Leopoldine« jene sanften Anhöhen von ungeheuer großem Umkreis hinaufsegelte. Große Wellen kamen heran, als wären sie Ausläufer einer wildbewegten See, die von weit, weit unter dem Horizont herkäme; im Gesichtskreis aber, wo ihr Yann noch weilte, blieb alles friedlich und still. Gaud schaute immer noch unverwandt auf das Schiff, dessen Umrisse, Segel und Takelung sie sich einzuprägen suchte, damit sie es bei der Heimkehr von weitem wieder zu erkennen vermöchte. In vollkommener Regelmäßigkeit kamen große Wellenreihen von Westen her, eine hinter der anderen, ohne Ruhe und ohne Aufhören, deren jede die unnütze Anstrengung erneuerte, den Strand zu überschwemmen, oder sich gurgelnd an dem Felsen zu brechen. Das Meer schien allzu voll und sich seines Inhalts auf die Ufer entleeren zu wollen. Die »Leopoldine« ward immer kleiner und undeutlicher, sie mochte wohl in Strömungen gekommen sein, die sie so schnell davon trugen, denn die Brisen an diesem Abend waren schwach. Endlich war sie nur noch einem grauen Punkt gleich, der bald die äußerste Grenze des Sichtbaren überschritt, und sich von da an in die Ferne des kommenden Abenddunkels verlor. Es war sieben Uhr, als sich Gaud erhob, um den Heimweg anzutreten. Obwohl ihr beständig Thränen über die Wangen liefen, so war sie doch ziemlich getrost, als sie die Hütte allein wieder betrat. Wie weit trostloser war es doch in den beiden verflossenen Jahren gewesen, wo er ohne ein Abschiedswort von ihr gegangen war! Das war jetzt anders, und die Gewißheit, daß Yann ihr völlig angehörte, milderte ihren Schmerz. Ungeachtet der langen Trennung wußte sie sich unsäglich geliebt, und die Zeit des Alleinseins würde ihr die Hoffnung auf das Wiedersehen im Herbst versüßen. 3. Still und ruhig verging der warme Sommer. Noch nie in ihrem Leben hatte sich Gaud um Anzeichen des nahenden Herbstes gekümmert, diesmal aber schaute sie interessiert danach, wie sich die Schwalben sammelten, einzelne Blätter gelb wurden und die Chrysanthemumstöcke Knospen trieben. Sie hatte mehrmals an Yann geschrieben, aber wenn auch das Dampfboot von Reykjavik oder die Heringsfänger lagernde Briefe mitnahmen, so weiß man doch nie, ob sie an ihre Adresse gelangen. Ende Juli erhielt sie einen Brief von Yann; er schrieb, daß er gesund sei, der Fang ergiebig, und er schon fünfzehnhundert Fische auf sein Teil hätte. Der Brief war von Anfang bis zu Ende nach dem herkömmlichen naiven Stil, wie ihn die Briefe der Matrosen aufzuweisen pflegen; Leute wie Yann haben ja nicht gelernt auf dem Papier wieder zu geben, was sie denken und fühlen. Gaud jedoch, deren Denken geschult und die von feinerem Gefühl war, las die tiefe Zärtlichkeit zwischen den Zeilen, die er unvollkommen auszudrücken verstand. Mehrmals auf den vier Seiten des Briefes hatte er sie sein liebes Weib genannt, als fände er Freude daran, es sich selbst zu wiederholen. Die Adresse allein genügte, um Gaud zu beglücken: Frau Marguerite Gaos , Haus Moan in Ploubazlanec. Sie war es noch so wenig gewohnt, Frau Gaos genannt zu werden! 4. Gaud arbeitete fleißig während des Sommers. Die Frauen von Paimpol brachten ihrem Können zuerst sehr wenig Vertrauen entgegen und meinten, solche Fräuleinshände taugten nicht zu angestrengter Arbeit. Sie verstand es jedoch, ihre Kleider weit besser sitzend zu machen, als sie es gewohnt waren, daher war sie als Schneiderin schnell berühmt geworden und sehr gesucht. Was sie verdiente, wendete sie ins Haus, damit es Yann bei seiner Rückkehr schöner und behaglicher finden sollte. Die Thüren der alten Bettschränke hatte sie blank gewichst und die Beschläge daran funkelten wie neu; das Dachfenster hatte eine große Scheibe bekommen und war von einer Gardine geziert; sie hatte eine warme Decke für den Winter gekauft, einen Tisch und Stühle angeschafft und alles mit selbstverdientem Geld bezahlt. Die Summe, welche Yann ihr zurückgelassen, lag wohlverwahrt in einem chinesischen Kästchen, und sie freute sich darauf, es ihm bei seiner Rückkehr unberührt zu zeigen. Wenn sie an den Sommerabenden mit der Großmutter Yvonne auf der Bank vor der Hausthür saß, strickte sie beim Abendschein an einem schonen warmen Fischerhemd für ihren Yann. Die Großmutter war in ihren jungen Jahren eine gar geschickte Strickerin gewesen, und jetzt, wo ihr Kopf wieder viel klarer war, und die Gedanken geordneter, konnte sie Gaud nicht nur zur ganzen Arbeit die nötige Anweisung geben, sondern sogar die schönen durchbrochenen Muster lehren, mit denen das Hemd an Hals und Ärmelrand verziert wurde. Es kroch sehr viel der blauen Wolle in die Arbeit, denn für Yanns Gestalt mußte das Hemd sehr groß sein! Die Tage nahmen immer mehr ab, und was im Juli geblüht hatte, fing bereits an, gelb zu werden und abzusterben; die zweiten Blüten der Scabiosen am Wegesrand saßen an höheren Stielen und waren viel kleiner als die ersten. Eines Abends erschien das erste Islandschiff an der Landspitze von Pors-Even, und damit begann das Fest der Heimkehr. Alles was Beine hatte, stürzte zum Strand – welches Schiff war es? Es war der »Samuel-Azenide« – ja, der war immer den anderen voraus! »Nun wird die ›Leopoldine‹ auch nicht mehr lang ausbleiben,« sagte Yanns Vater. »Wenn einmal einer anfängt sich auf den Weg zu machen, dann halten's die andern auch nicht mehr lang aus – ich kenne das!« 5. Sie kamen zurück, die Isländer; zwei am folgenden, vier am übernächsten Tag, und zwölf eine Woche später. Mit den Schiffen kehrte die Freude im Lande ein: Freude bei Müttern und Ehefrauen, Freude bei den jungen Mädchen; nicht zum wenigsten aber freuten sich die Schenkwirte. Zehn Schiffe fehlten noch, und zu diesen gehorte die »Leopoldine.« Lang konnte es ja nicht mehr dauern, bis sie kam, doch die vernünftige Gaud stellte ihrem Sehnen eine Woche Frist. Bis dahin würde Yann daheim sein; und Gaud geriet in einen wahren Wonnerausch, wenn sie sich seine Heimlehr ausmalte, und hielt ihren kleinen Haushalt noch sauberer und netter, damit es ihm recht behaglich darin sei. Es war alles so in Ordnung, daß es rein nichts mehr für sie zu thun gab, und in der Ungeduld, die sie verzehrte, hätte sie auch gar nicht viel Gedanken für eine besondere Arbeit gehabt. Drei der verspäteten Schiffe kamen noch, und später liefen noch fünf ein. Zwei aber fehlten beim Appell. Niemand dachte jedoch daran, sich Sorge darum zu machen. »Ei, ei!« sagten die Leute scherzend zu Gaud, »diesmal tanzen also die ›Leopoldine‹ und die ›Marie-Jeanne‹ den Kehraus!« Gaud lachte fröhlich mit, und in ihrer hoffnungsfrohen Stimmung war sie lebhafter und hübscher denn je. 6. Die Tage gingen hin. Gaud fuhr fort, sich für Yanns Wiederkehr festlich zu kleiden; sie ging Tag für Tag nach dem Hafen und redete mit den Leuten, die sie dort traf. Man fand, daß die Verspätung ja ganz natürlich sei. Kam das nicht alle Jahre vor? Und zwei so gute Schiffe, mit solcher guten Mannschaft! War sie wieder daheim, so wollte das eben geäußerte Vertrauen aber nicht standhalten, und es überlief sie ein kalter Schauer. Hatte sie Angst? War das überhaupt jetzt schon möglich? Und wovor? Sie erschrak vor der Erkenntnis, daß sie Angst hatte. 7. Eines Morgens lagerte der erste Herbstnebel kalt und feucht über der Erde. Wie die Tage dahin eilten – es war wirklich Herbst. Die aufgehende Sonne fand Gaud auf der Schwelle der Totenkapelle sitzen; ihre Augen starrten ins Leere und der Kopf schmerzte sie, als wären die Schläfe mit eisernen Reifen zusammengeschnürt. Schon seit zwei Tagen gab es früh Nebel, und das Anzeichen des nahenden Winters vermehrte Gauds Unruhe. Was lag an einem Tag auf oder ab? Kommt es doch vor, daß sich Schiffe um vierzehn Tage, ja um einen Monat verspäten. Dieser Morgen mußte aber doch einen besonderen Grund dafür haben, daß sie hergekommen war, die Namen der vielen jugendlichen Schiffbrüchigen zu lesen, und sich so hoffnungslos traurig auf die Schwelle zu setzen. Zum Gedächtnis an Yvon Gaos, auf dem Meer umgekommen beim Norden-Fjord – – – Heulend kam ein Windstoß vom Meer her und zugleich prasselte es wie Regen auf das Dach nieder. Es waren aber nur dürre Blätter, deren der Wind noch eine Menge zur Thür herein trieb; riß er sie heute doch den alten Bäumen unbarmherzig ab! Ja der Winter nahte! – – – umgekommen in der Nähe des Norden-Fjord, beim Orkan vom 4. zum 5. August 1880. Gaud las mechanisch zu Ende; durch die Bogenwölbung der Thür schaute sie nach dem Meer, an diesem Morgen war es aber verschwommen mit dem Nebel, und ganz in der Ferne hing eine breite Wolle vom Himmel herab, wie ein Trauervorhang. Ein neuer Windstoß trieb einen ganzen Schwarm tanzender Blätter herein. Das waren die Stürme vom Westen her, welche so manches junge Menschenleben draußen auf dem Meer vernichteten, und die Wände hier mit Tafeln füllten! Wie gebannt hafteten ihre Augen unwillkürlich auf einem leeren Platz an der Mauer, und der schreckliche Gedanke marterte sie, daß eines Tages eine neue Tafel da aufgehängt werden würde – den Namen darauf wagte sie aber selbst nicht auszudenken. Gaud fröstelte; sie blieb aber auf der Steinbank sitzen und lehnte den Kopf an die Mauer. Wiederum las sie: ... bei dem Orkan vom 4. zum 5. August 1880 im Alter von 23 Jahren. Er ruhe in Frieden! Das düstere Island stieg vor ihren Blicken auf, das ferne, ferne Island, mit dem kleinen Friedhof unter der Mitternachtssonne. Und plötzlich – immer auf dem leeren Platz an der Mauer da, der nur zu warten schien, stieg mit grausamer Deutlichkeit die Vision der neuen Tafel vor ihr auf: eine frischgemalte Tafel mit Totenkopf und gekreuzt liegenden Knochen, und darüber wie in Flammenschrift ein Name – der geliebte Name – Yann Gaos! ... Gaud sprang auf und stieß einen heiseren Schrei aus, wie eine Irrsinnige ... Draußen herrschte immer noch Nebel und der Wind fuhr heulend in die dürren Blätter. Schritte auf dem Pfad? Wer kam? Gaud richtete sich gerade auf, rückte ihre verschobene Haube zurecht und suchte ihre arbeitenden Züge zu beherrschen. Die Schritte kamen näher und schon war jemand an der Thür. Sie versuchte sich das Ansehen zu geben, als wäre sie zufällig hier, denn noch wollte sie um alles in der Welt nicht als die Frau eines Schiffbrüchigen gelten. Und gerade mußte es Tante Floury sein, die Frau des Zweiten von der »Leopoldine!« Sie begriff augenblicklich, was Gaud hier machte, und sich vor ihr verstellen zu wollen, war unnütz! Stumm standen die unglücklichen Frauen voreinander, erschrocken und doch so unangenehm davon berührt, daß der Jammer der einen bloß vor der anderen lag, daß sie einander zürnten. »Die von Tréguier und von Saint-Brieuc sind alle schon seit acht Tagen da,« sagte Fante Floury mitleidslos in gereiztem Ton und mit dumpfer Stimme. Sie brachte eine Kerze, um ein Gelübde zu thun. Ein Gelübde! Gaud hatte noch nicht an dies Trostmittel der Verzweifelten denken wollen! Jetzt aber trat sie hinter Fante in die Kapelle ein, wo sie nebeneinander niederknieten wie zwei Schwestern. Inbrünstige Gebete stiegen aus ihren Seelen zur Jungfrau Maria, dem Stern des Meeres auf. Bald aber vernahm man lautes Schluchzen, und die lange zurückgehaltenen Thränen fielen zur Erde. Mit neuer Hoffnung und fast getröstet erhoben sie sich. Gaud strauchelte jedoch; Fante schloß sie in die Arme und küßte sie innig. Und nachdem sie ihre Thränen abgewischt, den Salpeterstaub von den Röcken geschüttelt und ihr Haar ein wenig geordnet hatten, traten sie nach verschiedenen Richtungen hin den Heimweg an. Es war kein weiteres Wort zwischen ihnen gewechselt worden. 8. In diesem Jahr war der Herbst so schön, daß man ohne die fallenden Blätter und einzelnen grauen Regentagen sich fast noch im Sommer hatte wähnen können. Und sonnig war es auch in den Herzen: Ehemänner, Verlobte, Liebhaber waren zurückgekehrt, und überall erblühte den Menschen ein neuer Liebesfrühling. Eines Tages wurde ein Schiff auf hoher See signalisiert. Welches von den beiden noch fehlenden würde es wohl sein, ach welches? Sogleich bildeten sich Gruppen von Frauen, und mit angstvollen Herzen eilten sie schweigend an den Strand. Auch Gaud war da; bleich und zitternd stand sie neben Yanns Vater. »Ich denke, daß sie's sind,« sagte der alte Fischer, »man sollte es sicher glauben! Das Deck ist rot und sie haben ein Marssegel aufgerollt – das sieht ganz so aus, als wenn sie's wären. Was meinst du, liebe Tochter?« »Und doch, nein,« fuhr er plötzlich ganz niedergeschlagen fort, »nein, wir täuschen uns, sie sind's nicht; das ist nicht ihr Klüver, und sie haben auch einen Fockmast. Diesmal ist's die ›Marie-Jeanne‹. Aber sei nur getrost, mein liebes Kind, jetzt können sie nicht mehr lang ausbleiben!« In ewig gleichem unerbittlichen Wechsel vergingen Tage und Nächte. Gaud fuhr fort sich sorgfältig zu kleiden, nur um nicht wie das trostlose Weib eines Schiffbrüchigen auszusehen. Blickten sie andere mitleidig oder geheimnisvoll an, so war sie innerlich außer sich, und wich den Leuten mehr und mehr aus. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Morgen nach Pors-Even zu gehen; sie nahm ihren Weg aber hinter dem Haus der Schwiegereltern weg, um nicht von Mutter und Schwestern gesehen zu werden, und dort auf der äußersten Landspitze, welche in Form eines Renntiergeweihes ins Meer hinausragt, verbrachte sie die Tage, indem sie am Fuß des Kruzifixes saß, das dem weiten Meer zugekehrt ist. Solcher Steinkreuze giebt es viele; auf hohen Klippen aufgerichtet, scheinen sie das Meer um Gnade für die armen Menschen anstehen zu wollen, das nimmer ruhende Ungeheuer, welches die Seeleute anzieht und verschlingt, und zwar mit Vorliebe die schönsten und tapfersten. Die niedrigen Ginsterbüsche auf der Heide um das Kreuz her waren das ganze Jahr über grün; die Meeresluft war sehr rein hier oben auf diesem letzten Fleckchen Erde; sie hatte kaum mehr den salzigen Geruch des Seetangs, führte hingegen köstlichen Herbstesduft mit sich. Weithin zeichneten sich die Einbuchtungen klar und deutlich ab; die Gestade der Bretagne sind sehr zackig, und die Zacken versenken sich in das endlose Meer, das an solchen stillen Tagen mit liebkosendem Plätschern den Fuß der Klippen bespülte; ein Spiel, das es in allen Buchten wiederholt, und weiter hinaus trübte nichts seinen Spiegel. Wie ruhig lag es da, das tiefblaue Grab der Gaos; undurchdringlich behielt es sein Geheimnis für sich, und schlug mit sanftem Wellenschlag auf den Strand. Zu bestimmten regelmäßigen Stunden trat die Ebbe ein; dunkle Flecke wurden überall sichtbar, als wollte sich das Ärmelmeer langsam entleeren, und eben so langsam deckte sie die Flut, die höher und höher stieg im ewigen Wechsel des Kommens und Gehens der Gewässer, unbekümmert um die Toten, die ihre Fluten begruben. Und am Fuß des Kreuzes saß Gaud und schaute nimmermüde so lang auf das Meer hinaus, bis sie nichts mehr sehen konnte. 9. Der Herbst ging zu Ende. Gaud schlief nicht mehr und vermochte nichts mehr zu essen. Nach dem Strande ging sie nicht mehr; sie blieb jetzt daheim, wo sie zusammengekauert auf einem Schemel saß, mit beiden Händen die Kniee umschlungen hielt und den Kopf an die Mauer gelehnt. Wozu früh aufstehen und abends sich niederlegen? Sie blieb Tag und Nacht in den Kleidern, und war sie ganz erschöpft, so warf sie sich, wie sie ging und stand, für eine Weile auf ihr Bett. Außerdem saß sie immer wie erstarrt da; sie fror bei der Unthätigkeit, und die Zähne schlugen ihr oft zusammen, als schüttelte sie der Frost. Der Kopf schmerzte, ihre Züge wurden schlaffer und die Lippen vertrockneten bei dem fieberhaften Zustand. Manchmal entrangen sich der Kehle heisere, seufzerartige Töne, die sich eine ganze Weile lang stoßweise mit der Atmung wiederholten, während der Kopf an die Mauer schlug. Zu anderen Zeiten rief sie Yanns Namen leise und zärtlich, als wäre er dicht bei ihr, sprach zu ihm und sagte ihm süße Liebesworte. Morgen oder Abend war gleich: am Abend wars das Muttergottesbild von Steingut und das Weihwasserdecken darunter einen langen Schatten, der bis auf das Holzwerk ihres Bettes fiel. Sie wollte auch gar nicht mehr wissen, welcher Wochentag oder Datum es war, und rechnete sie, seit wann ihr Mann da sein kannte, da packte sie Verzweiflung und preßte ihr einen Angstschrei aus. Für gewöhnlich hat man seine Anzeichen dafür, wenn ein Schiff in Island zu Grunde gegangen ist; entweder haben die Zurückkehrenden das Trauerspiel von fern mit angesehen, irgendwo landet eine Leiche oder ein Stück des Wracks, und man weiß alsdann, was geschehen ist. Von der »Leopoldine« wußte aber niemand etwas. Die Mannschaften der »Jeanne-Marie« waren die letzten, die sie gesehen hatten – das war am 2. August gewesen – danach mußte sie noch weiter nach Norden zum Fischen gefahren sein, und von da an blieb alles ein undurchdringliches Geheimnis. Schrecklich, immer warten und warten zu müssen! Wann würde sie aufhören auf ihn zu hoffen? Lieber eine schreckliche Gewißheit, als das entsetzliche Hangen und Bangen! Gaud fing an eine baldige Entscheidung herbei zu sehnen. Hätten die Menschen doch nur die Barmherzigkeit es ihr zu sagen , wenn er tot war! Könnte sie ihn doch nur sehen – oder was noch von ihm übrig war! – Möchte doch die Jungfrau Maria, die sie so heiß darum angefleht, oder ein anderer mächtiger Heiliger ihr die Gnade erweisen und ihr in doppeltem Gesicht Yann für eine einzige Minute sehen lassen wie er gerade war – gesund am Steuer und auf der Heimreise begriffen, oder tot auf dem Meeresgrund, aber nur wissen, wie es um ihn stand, ach, nur Gewißheit haben! Manchmal bildete sie sich ein, das Segel der »Leopoldine« käme jetzt eben am Horizont in Sicht. Dann machte sie eine unwillkürliche Bewegung, um sich zu erheben – hinaus zu laufen und nachzusehen, ob es wahr sei – doch sank sie stöhnend auf ihren Sitz zurück. Wo war sie überhaupt, die »Leopoldine?« Im Meer von Island auf jeden Fall, wahrscheinlich aber verloren und verlassen, geborsten oder als Wrack dahintreibend! Diese letztere Vorstellung setzte sich endlich so in ihrem fiebernden Hirn fest, daß sie Tag und Nacht davon gequält und gepeinigt wurde, ein halbzerstörtes Schiff auf grauem Meer treiben zu sehen: lautlos schaukelte es sanft wie zum Hohn in der schauerlichen Stille auf den toten Gewässern des Isländischen Meeres. 10. Zwei Uhr morgens. In der Nacht pflegte Gaud besonders aufmerksam auf etwa nahende Schritte zu horchen: bei dem leisesten Geräusch oder ungewohntem Ton hämmerte es ihr in den Schläfen; der ganze Kopf war schmerzhaft, waren doch die Nerven furchtbar überreizt. Zwei Uhr morgens. Diese wie jede Nacht lag Gaud mit gefalteten Händen und offenen Augen da, blickte in die Finsternis hinein und hörte dem unaufhörlichen Heulen des Windes zu. Plötzlich vernahm sie Schritte, eilige Mannesschritte auf dem Pfad. Gaud richtete sich im Bett auf und ihr Herz setzte vor Spannung seinen Schlag aus. Die Schritte kamen entschieden auf das Haus zu, die paar Stufen herauf bis zur Hausthür! Er kam! O himmlische Seligkeit, er kam! Er hatte an die Thür geklopft – wer anders konnte das sein? So schwach auch Gaud seit ein paar Tagen war, sprang sie jetzt mit einem Satz aus dem Bett und lief mit bloßen Füßen zur Thür. Also war die »Leopoldine« in der Nacht in den Hafen von Pors-Even eingelaufen und Yann eilte zu ihr! Blitzschnell hatte sie sich das in ihren Gedanken zurecht gelegt, und jetzt rissen ihre kraftlosen Hände an dem Riegel, der so schwer ging. Im nächsten Augenblick fuhr sie jedoch mit einem Wehelaut zurück, die arme Närrin, die solch tollen Glückstraum für möglich gehalten! Es war nur ihr Nachbar Fantec. Und jetzt, wo die Hoffnung so furchtbar getrogen, sank das Herz in einen Abgrund von Verzweiflung. Der arme Fantec entschuldigte sich: es stand schlecht um seine kranke Frau, und jetzt war das kleine Kind in der Wiege auch noch krank geworden und kämpfte mit dem Ersticken. Da hatte er die Nachbarin um Hilfe bitten wollen, während er nach Paimpol zum Doktor lief. Was machte ihr das aus? Der eigene Schmerz hatte ihr das Mitgefühl für die Leiden anderer geraubt. Ganz zusammen gesunken saß sie auf der Bank, blickte starren Auges vor sich hin, ohne ihm zu antworten oder ihn auch nur anzusehen. Was gingen sie die Sachen an, die der Mann da erzählte. Fantec sing an zu begreifen, als er die bleiche Frau sich wie tot an die Mauer lehnen sah. Er begriff, warum ihm die Thür so schnell aufgemacht worden war, und nun er sah, was er unwissentlich angerichtet, empfand er tiefes Mitleid mit ihr. ES ist wahr, er hätte es bedenken müssen und sie nicht stören sollen, nicht gerade sie , stammelte er zu seiner Entschuldigung. »Und warum gerade nicht ich? « entgegnete ihm Gaud. Sie hatte sich plötzlich wieder aufgerafft, denn sie wollte in den Augen anderer durchaus nicht als eine Verzweifelte erscheinen, nein, durchaus nicht. Jetzt empfand sie ihrerseits Mitleid mit dem armen Nachbar; sie zog sich rasch an und fand die Kraft, sich der kranken Frau und des Kindes anzunehmen. Als sie nach zwei Stunden zurückkehrte und sich auf ihr Bett warf, schlief sie für eine kurze Weile, denn sie war aufs äußerste erschöpft. Der Augenblick unaussprechlicher Freude hatte jedoch einen starken Eindruck im Gehirn zurückgelassen und bald fuhr sie mit heftigem Ruck aus dem Schlafe auf, sie hatte unklar geträumt, irgend etwas von Yann gehört zu haben – was nur gleich? Und die verworrenen Gedanken klärten sich zu völligem Erwachen. Da ward ihr klar, daß sie nicht wirklich von Yann gehört, nur geglaubt hatte, er könne es sein. Nein, ach nein, es war nur der Nachbar Fantec gewesen. Und tiefer denn je versank sie in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Sie hatte sich ihm schon so nahe gefühlt, daß es ihr vorkam, als sei etwas von ihm ausgegangen, das frei und wesenlos um sie schwebte. Da man solche Gefühle in der Bretagne ein Vorzeichen nennt, spannte Gaud ihr Gehör an und horchte, ob sie nicht den Schritt eines Menschen vernähme, der ihr Nachrichten über Yann bringen werde. Der frühe Morgen brachte ihr den Besuch ihres Schwiegervaters. Er nahm die Mütze von dem schönen weißen Haar, das lockig war, wie das seines Sohnes, und setzte sich zu Gaud ans Bett. Auch sein Herz war angsterfüllt, denn Yann, sein schöner Ältester, war sein Liebling, auf den er stolz war. Noch hatte er nicht alle Hoffnung aufgegeben und fing jetzt an, Gaud auf sehr liebevolle Art zu trösten. Die zuletzt aus Island Heimgekehrten hatten von so ungewöhnlich dichten Nebeln gesprochen, daß ein Schiff wohl dadurch aufgehalten werden konnte. Und dann war ihm auch der Gedanke gekommen, ob es sich nicht etwa noch auf den Faröerinseln aufhielte? Die wären ja am Weg, aber sehr, sehr weit, so daß Briefe von dort immer sehr lange brauchten. Ihm selber war das vor nun vierzig Jahren passiert; der Nebel hatte das Schiff gezwungen, Aufenthalt auf diesen fernen Inseln zu nehmen, und das dauerte so lang, daß ihn seine alte Mutter verloren gab und eine Seelenmesse für ihn lesen ließ ... Ein so schönes Schiff, die »Leopoldine,« ganz neu und mit so prächtiger Mannschaft ausgerüstet! Die alte Großmutter strich um die beiden herum und schüttelte manchmal den Kopf. Der Jammer der jungen Frau hatte ihre Gedanken wieder viel klarer gemacht, so daß sie die Hausgeschäfte besorgte, während sie von Zeit zu Zeit auf Sylvesters Bild blickte. Nein, seit auch noch ihr Letzter umgekommen war, glaubte sie nicht mehr daran, daß Seeleute heimkehren! Zur heiligen Jungfrau betete sie nicht mehr so wie ehedem, nur noch aus Furcht, und sie grollte ihr im tiefsten Herzen. Gaud hörte begierig auf die tröstlichen Reden des Vater Gaos; ihre schwarzgeränderten Augen blickten mit tiefer Zärtlichkeit auf den Greis, dem Yann so sehr glich. Die bloße Nähe seines guten Vaters kam ihr als eine Art von Schutz dagegen vor, daß Yann Unglück widerfahren könne; und sie fühlte sich wahrhaft aufgerichtet. Sanfte Thränen flossen über ihre Wangen, und ein flehentliches Gebet zur heiligen Schutzpatronin, dem Stern des Meeres, stieg aus ihrem Herzen auf. Es war ja ganz gut möglich, daß das Schiff Beschädigungen erlitten hatte und auf den Faröerinseln Aufenthalt nehmen muhte. Gaud stand auf, kämmte und flocht ihr Haar und kleidete sich wieder sorgfältiger an, als erwartete sie Yann zurück. Da sein Vater noch nicht daran verzweifelte, war gewiß noch nicht alles verloren; so wollte auch sie die Hoffnung noch nicht aufgeben! Aber auch der Spätherbst ging zu Ende; es ward zeitig Nacht in der alten Hütte. Das ganze Land schien sich überhaupt mehr und mehr in eine Art von Dämmerung zu hüllen, und es zogen so dichte schwarze Wollen am Himmel hin, daß es oft zur Mittagszeit plötzlich Nacht wurde; der Wind heulte beständig entweder in höhnendem Pfeifen oder brüllenden Tönen. Gaud wurde immer bleicher und ihre Kräfte schwanden zusehends; die ehedem schlanke Gestalt war gebeugt, als hätte sie das Alter vorzeitig mit seinem kahlen Flügel gestreift. Häufig nahm sie Yanns Sachen aus dem Schrank, legte seinen schönen Hochzeitsanzug so und so und wieder anders, als wüßte sie gar nicht, was sie thäte; besonders oft nahm sie eine seiner wollenen Jacken heraus, die noch die Form seines Körpers hatte; warf man sie leicht auf den Tisch, so zeichneten sich auf dem lockeren Gewebe ganz von selbst die Rundungen der Schultern und der Brust ab. Gaud legte diese Jacke endlich in ein Fach allein und beschloß, sie nicht mehr in die Hände zu nehmen, damit sie die Form der geliebten Gestalt ja recht lange behalten möchte! Wenn gegen Abend die kalten Nebel von der Erde aufstiegen, sah sie durch ihr Fensterchen auf die traurige Gegend hinaus. Kleine weiße Rauchsäulen verrieten, wo eine Heimstätte lag – in alle diese Hütten waren die Männer zurückgekehrt; wie glücklich mußten sich da die Abende am Kaminfeuer verbringen lassen! Gaud hoffte weiter, denn ihr Mut war an dem Gedanken neu aufgelebt, daß die »Leopoldine« etwa bei den fernen Inseln Aufenthalt genommen habe. An diese Möglichkeit klammerte sie sich mit allen Fasern ihres Herzens fest. 11. Yann kam niemals wieder. In einer Augustnacht hatte er bei furchtbarem Sturm auf der düsteren Isländischen See seine Hochzeit mit dem Meer gehalten, mit demselben Meer, das so lange Jahre hindurch seine Ernährerin gewesen, ihn sanft schaukelnd gewiegt, später zum kräftigen, hochgewachsenen Jüngling gemacht, und in der Vollkraft der schönsten Mannesjahre nun für sich nahm. Tiefes Geheimnis umhüllte diese schauerliche Hochzeit; düstere Wolken waren darüber hingejagt, und wie verschiebbare Wände hatten sie sich ringsumher aufgetürmt, um das Fest zu verbergen, und die Meeresbraut hatte ihre Stimme erhoben und machte einen immer fürchterlicheren Lärm, um seine Todesschreie zu übertäuben. – Er aber dachte an Gaud, sein Weib von Fleisch und Blut, und verteidigte sich in einem Riesenkampf gegen diese Grabesbraut, bis zu dem Augenblick, wo ihn die Kraft verließ, der schon mit Wasser gefüllte Mund nur noch Laute ausstieß, wie das Röcheln eines todwunden Stieres, und die Arme sich ausbreiteten, um die Werbende zu umfangen, die einst so starken Arme, die nun im Tod erstarren sollten. Und bei dieser Hochzeit waren alle die, welche er einst dazu geladen, alle bis auf Sylvester, der auf der andern Seite der Welt in einem Zaubergarten gebettet, die ewige Ruhe gefunden. Ende .