Straparola Ergötzliche Nächte Holzschnitte: Eduard Ege, 1893 – 1978. Aus ©-Gründen nicht mit aufgenommen. Einführung Über Straparolas Leben und Persönlichkeit wissen wir so gut wie gar nichts. Auch über seinen Namen besteht keine Gewißheit. Er, der die Rahmenerzählung seines Märchen- und Novellenbuches mit Versrätseln durchwoben hat, scheint auch aus seinem wirklichen Namen ein Rätsel gemacht zu haben. Auf dem Titel seiner 1508 zu Venedig erschienenen Gedichtsammlung Opera nova / de Zoan Francesco / Streparola da / Caravazo nova / mente stampata / Sonetti CXV. Strambotti XXXV. / Epistole VII. / Capitoli XII. Cum gratia. Am Schluß: Stampata in Venetia per Georgio di Rusconi milanese, 1508, ad XV. Septembrio. nennt er sich Zoan Zoan oder Zuan ist die venezianische Form für Giovanni . Francesco Streparola da Caravazo , Caravaggio. in dem Privileg, das er am 8. März 1550 für den ersten Teil seiner »Piacevoli Notti« erhielt, ist der Name Juan Francesco Straparola zu lesen, und in seinem Briefe an die »anmutigen und liebenswürdigen Damen« zu Beginn des zweiten Teils seiner »Ergötzlichen Nächte« schreibt er sich Giovan Francesco Straparola . Straparola bedeutet »Wortschwall« oder einen, der übermäßig viel redet, Streparola dagegen einen, der sehr geräuschvoll redet. Ein italienischer Familienname, der so lautet, ist bisher, soviel ich weiß, nicht nachgewiesen worden, es ist auch nicht wahrscheinlich, daß man einen solchen dahinter suchen darf. Es dürfte sich vielmehr entweder um einen in Padua, wo Giovan Francesco aus Caravaggio wahrscheinlich studiert hat, erworbenen studentischen Spitznamen handeln, der ursprünglich Streparola hieß und später von seinem Träger in »Straparola« verschönt wurde, oder aber um einen jener bizarren Namen, wie sie sich die Mitglieder der literarischen und gelehrten Gesellschaften beilegten, die damals in Italien wie Pilze aus der Erde wuchsen und sich Akademien nannten. Allem Anschein nach zeigt sich der Verfasser der »Ergötzlichen Nächte« dem Leser, oder vielmehr den Leserinnen – denn nur für solche scheint er geschrieben zu haben – noch in einer zweiten Verkleidung. Die »Ergötzlichen Nächte« beginnen nämlich mit einem Appell oder einer Captatio benevolentiae, in der ein pseudonymer Herausgeber zunächst dem weiblichen Geschlechte Weihrauch streut und sodann das Werk Straparolas anpreist und – in stilistischer Hinsicht – entschuldigt. Dieser Appell lautet: » Orpheo dalla Carta grüßt die freundlichen und liebreichen Damen. Wenn ich, Ihr liebenswerten Damen, die Zahl und Art jener himmlischen und erhabenen Geister in Erwägung ziehe, welche in den alten sowohl wie in den modernen Zeiten mannigfaltige Geschichten niedergeschrieben haben, deren Lektüre Euch keinen geringen Genuß gewährt, so wird mir klar – und Euch vermutlich gleichfalls –, daß kein anderer Zweck sie zum Schreiben bewogen hat, als das Bestreben, Euch zu erheitern und sich Euch gefällig zu zeigen. Wenn meine Ansicht richtig ist, und ich habe die Überzeugung, daß dem so ist, so werdet Ihr, als freundliche und liebreiche Damen, es mir nicht verübeln, wenn ich, Euer ergebener Diener, in Euerm Namen die von dem erfindungsreichen Herren Giovan Francesco Straparola von Caravaggio ebenso fein wie klug verfaßten Märchen und Rätsel veröffentliche. Und sollte ihr Inhalt Euren Ohren auch nicht ebensoviel Genuß und Vergnügen bereiten, wie Ihr an den anderen zu finden pflegt, so werdet Ihr sie darum doch nicht verachten oder gar gänzlich ablehnen, sondern Euch heiteren Antlitzes in sie versenken, wie Ihr Euch in die anderen zu versenken pflegt. Denn wenn Ihr beim Lesen die Mannigfaltigkeit der Geschehnisse und die Listen, von denen sie handeln, Eurer Überlegung würdigt, so werden sie Euch mindestens zu nicht geringer Belehrung gereichen. Ferner werdet Ihr Euch nicht an dem schlechten und schwachen Stil des Autors stoßen; denn er schrieb sie nicht, wie er wollte, sondern wie er sie von jenen Damen, welche sie erzählten, hörte, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen. Und sollte er es in irgendwelcher Hinsicht haben fehlen lassen, so gebt nicht ihm die Schuld, der alles tat, was in seinen Kräften stand, sondern mir, der ich sie gegen seinen Willen veröffentlichte. Nehmt also mit freundlicher Miene die kleine Gabe Eures Dieners an, und wenn er vernimmt, daß sie Euch, wie er hofft, angenehm ist, so wird er sich bemühen, Euch später Dinge zu Füßen zu legen, die Euch noch mehr gefallen und befriedigen werden. Lebt glücklich und meiner eingedenk! Venedig, am 2. Januar 1550.« Orpheo dalla Carta , »Orpheus vom Papier«, will sagen: der Orpheus, der durch seine Feder oder durch seine Bücher bezaubert. Das ist weder ein studentischer Spitzname, noch ein Akademikername, das ist der Autor in abermaliger ad hoc gewählter Verkappung. Dafür spricht, abgesehen von der Verbeugung vor den »freundlichen und liebreichen Damen«, das Lob des erfindungsreichen Herren Giovan Francesco Straparola von Caravaggio und die Entschuldigung seines schlechten und schwachen Stils, den er – weniger diplomatisch – den Damen in die Schuhe schiebt, von denen er seine Geschichten gehört hat, spricht vor allem der devote Schluß der Huldigung. Giovan Francescos eigentlichen Namen wissen wir also nicht. Sein Geburtsort ist Caravaggio gewesen, ein ungefähr dreiundzwanzig Kilometer südlich von Bergamo und vierzig Kilometer östlich von Mailand gelegenes Kastell. Nach dem Erscheinungsdatum seiner Gedichtsammlung ist er spätestens im vorletzten Jahrzehnt des fünfzehnten Jahrhunderts geboren worden. Genauer läßt sich sein Todesdatum bestimmen. Die vierte Ausgabe des zweiten Teiles seiner »Nächte«, die 1557 erschien, trägt nämlich zum letztenmal den Vermerk »gedruckt auf Bitten des Verfassers«, und bereits 1558, d. h. vor Ablauf des auf zehn Jahre lautenden Privilegs, erschien in Venedig eine Ausgabe der »Notti« bei einem anderen Verleger, ohne daß der alte – Comin da Trino – das Werk Straparolas abgegeben hätte; denn er veranstaltete noch 1562 eine neue Ausgabe. Straparola muß also 1557 oder 1558 mindestens als Siebziger gestorben sein. Straparola war sicherlich kein gelehrter Mann, nur ein tüchtiger Lateiner; denn seine Übersetzungen von Novellen Morlinis beweisen, daß er das schwierige, auf den ersten Blick etwas barbarisch anmutende, in der Tat aber ein sicheres Gefühl für den Geist dieser Sprache verratende Latein des Neapolitaners gut verstanden und sogar viel von der großen Anschaulichkeit, welche dieser bei knappster Ausdrucksweise besitzt, in seine Übertragung hinübergerettet hat. Wenn wir vermuten, daß er in Padua studiert habe, werden wir kaum fehlgehen. Für seinen Aufenthalt daselbst spricht seine in Novelle 24 bewiesene Vertrautheit mit dem paduanischen Dialekt, seine ebenda und in Novelle 25, 48 und 50 zutagetretende Kenntnis der Umgebung Paduas und der Umstand, daß er Padua mehrmals als Stätte der Gelehrsamkeit erwähnt und es ebenso wie seine Nachbarstädte zum Schauplatze mancher seiner Erzählungen macht. Die Hauptzeit seines Lebens dürfte er in Venedig zugebracht haben, das er »überaus hervorragend durch die Einrichtung seiner Magistrate, reich an Leuten aus vieler Herren Ländern und sehr glücklich durch seine heilsamen Gesetze, die Königin aller anderen Städte, die Zuflucht der Unglücklichen, das Asyl der Unterdrückten« nennt. Die Werke, die wir von ihm kennen, sind dort gedruckt und es gibt auch den Schauplatz für die Einleitung und Rahmenerzählung seiner Novellen ab. In Venedig, diesem Hauptstapelplatz für die Herkünfte aus dem Orient, hat er zweifellos die meisten seiner Märchen dem Volksmunde abgelauscht. Mit den Menschen und Waren aus aller Herren Ländern strömten dort auch die Erzählungen aus dem Orient zusammen und veränderten, indem sie von Mund zu Mund gingen, allmählich ihre ursprüngliche Form, erfuhren eine Vermischung der Motive, daß sie zuweilen anmuten, wie ein aus bunten Flicken zusammengesetztes Kleid. Straparolas Bedeutung für die Genealogie der erzählenden Dichtung liegt darin, daß er als erster dieses alte Märchengut gesammelt hat und es, ohne aus Eigenem etwas hinzuzutun, mit allen Gewaltsamkeiten und Strukturmängeln, mit der ganzen babylonischen Verwirrung der Motive wiedergab, die es im Schoße der Lagunenstadt erlitten hatte. Straparola kam mit seiner Sammlung einem Bedürfnis entgegen. Wie groß dieses war, zeigt der Erfolg seiner »Ergötzlichen Nächte«. Diese erlebten innerhalb eines Zeitraumes von rund sechzig Jahren nicht weniger als zweiunddreißig italienische (in Venedig erschienene) Ausgaben, – ein Erfolg, dessen sich nicht einmal Boccaccios Decamerone rühmen kann. Der Wert dieser Ausgaben wird freilich schon bald durch eine ganze Reihe zuweilen sehr tiefgehender Eingriffe beeinträchtigt, die hauptsächlich von der geistlichen Zensur ausgingen. Dem 1550 erschienenen ersten Teil seiner »Nächte« ließ Straparola 1553 den zweiten Teil folgen, offenbar veranlaßt durch die warme Aufnahme, der seine Märchen begegnet waren. Leider steht dieser an Wert dem ersten erheblich nach. Es mangelte Giovan Francesco an Stoff, und um den neuen Band annähernd auf die Stärke des alten zu bringen, nimmt er in ausgedehntem Maße fremdes Eigentum auf. Während er z. B. in die VI., VII. und VIII. Nacht nur vier Novellen Morlinis übernommen hat, sind die letzten zwanzig Geschichten mit einer einzigen Ausnahme Eigentum des Neapolitaners und er hat sich nur einmal der Mühe einer freieren Bearbeitung des Stoffes unterzogen. Offenbar war Straparola durch den Umstand, daß die 1520 erschienenen lateinisch abgefaßten Novellen Morlinis bald darauf der Verbrennung anheimgefallen und infolgedessen kaum mehr aufzutreiben waren, zu dieser weitgehenden Plünderung des verfemten Bändchens verführt worden. Unsere deutsche Ausgabe verzichtet auf dieses Lehngut und bringt nur, was Straparola zu eigen gehört oder wenigstens von ihm frei bearbeitet worden ist. Sie enthält seine sämtlichen Märchen und Novellen in ihrer ursprünglichen Fassung, auch die schon sehr früh in Fortfall gekommene von dem Mönch Tiberio. Bei dieser deutschen Ausgabe des venezianischen Volksbuches glaubten wir auf die großenteils langweilige, von Gedichten und Versrätseln durchsetzte Rahmenerzählung verzichten zu sollen. Die Einleitungsgedichte zu den einzelnen Novellen besingen immer und immer nur die fiktive Herrin der Erzählungsabende – Lucrezia , die Tochter Ottaviano Marias Sforza – und wirken auf die Dauer langweilig. Die fünfundsiebzig Versrätsel schließen sich in der Regel an den Stoff der vorausgehenden Novellen an und sind in vielen Fällen gar keine eigentlichen Rätsel, ganz abgesehen davon, daß kaum ein Drittel derselben Eigentum Straparolas ist. Um dem Leser aber einen Begriff von der Schreibweise unseres Schriftstellers zu geben, lassen wir den anziehendsten Teil der Rahmenerzählung – ihren Anfang – folgen. »In der alten Stadt Mailand«, heißt es hier, »die von allen in der Lombardei die wichtigste, dazu reich an holdseligen Frauen, geschmückt mit stolzen Palästen und im Überfluß mit allem versehen ist, was zu einer ruhmreichen Stadt gehört, wohnte Ottaviano Maria Sforza, erwählter Bischof von Lodi, dem (nach dem Tode Francescos Sforza von Mailand) Gest. zwischen Juli und Dezember 1537. die Herrschaft nach dem Erbrecht billig gebührte. Doch infolge der Wechselfälle der bösen Zeiten und gezwungen durch bitteren Haß, blutige Schlachten und die fortwährenden Umwälzungen in den italienischen Staaten, verließ er Mailand und begab sich mit seiner Tochter Lucrezia, der Frau Giovan Francescos Gonzaga, des Neffen Federicos, Markgrafen von Mantua, heimlich nach Lodi, wo er sich eine Zeitlang aufhielt. Kaum aber hatten dies seine Verwandten erfahren, so machten sie sich an seine Verfolgung, was ihm keinen geringen Schaden brachte. Als der Unglückliche sich der Verfolgung durch seine Angehörigen und ihrer bösen Absichten gegen ihn und seine Tochter, die seit längerer Zeit verwitwet war, versah, raffte er das wenige an Kleinodien und Geld, über das er verfügen konnte, zusammen und floh mit seiner Tochter nach Venedig, wo er Beltramo Ferier, Francesco II. Sforza starb Ende 1535. einen gütigen, liebenswürdigen und zuvorkommenden Mann aus vornehmem Geschlecht, aufsuchte und von ihm samt der Tochter im eigenen Hause ehrenvoll und aufs herzlichste aufgenommen wurde. Da jedoch ein allzulanges Verweilen im Hause anderer in den meisten Fällen zu Mißstimmung führt, beschloß er nach reiflicher Überlegung sein Asyl zu verlassen und sich nach einer eigenen Behausung umzutun. Er bestieg daher eines Tages mit seiner Tochter eine Gondel und fuhr nach Murano. Ottaviano Maria Sforza wohnte noch am 1. Januar 1538 in Murano. Dort fiel ihm ein wunderschöner Palast auf, der gerade leer stand, und er trat ein. Und als er die angenehme Lage, den geräumigen Hof, die herrliche Loggia, den anmutigen Garten voll lachender Blumen, mannigfaltiger Früchte und grünender Kräuter erblickte, fand er außerordentliches Gefallen daran. Sodann stieg er die Marmortreppen hinauf und sah den glänzenden Saal, die behaglichen Zimmer und einen Altan über dem Wasser, der die ganze Umgebung beherrschte. Entzückt von der schönen und freundlichen Lage, bat die Tochter den Vater solange mit einschmeichelnden Worten, daß er ihr zu Gefallen den Palast mietete. Dies bereitete ihr die größte Freude; denn morgens und abends ging sie auf den Altan und schaute den schuppigen Fischen zu, die im klaren Meerwasser massenhaft in mehreren Zügen vorbeischwammen; und wenn sie sie bald hier und bald dort aus der Flut herausschnellen sah, empfand sie das lebhafteste Vergnügen. Und da sie nun jene jungen Damen, die ihr einst den Hof machten, nicht mehr um sich hatte, suchte sie sich zehn andere aus, die ebenso anmutig wie schön waren und deren Tugenden und reizvolle Bewegungen zu schildern zu weit führen würde. Die erste von ihnen war Lodovica, deren schöne glänzende Augen, die leuchtenden Sternen glichen, alle, die sie anschauten, mit nicht geringer Bewunderung erfüllten. Die zweite, Vicenza, war ein feingesittetes Mädchen von schöner Gestalt und klugem Gebaren, deren schönes zartes Antlitz alle, die sie betrachteten, aufs höchste entzückte. Die dritte war Lionora, die, obwohl sie im Bewußtsein ihrer Schönheit etwas hochmütig erschien, dennoch so liebenswürdig und höflich war, wie nur je eine andere Dame. Die vierte war Alteria mit den blonden Flechten, die in Treue und weiblicher Liebe beständig im Dienste der Herrin verharrte. Die fünfte hieß Lauretta, die schön anzusehen, aber etwas schnippisch war. Ihr klarer und liebreicher Blick schlug einen jeden in Fesseln, der sie fest anblickte. Die sechste war Eritrea, die, wiewohl sie klein war, doch nicht als hinter den anderen an Schönheit und Anmut zurückstehend angesehen wurde; denn sie besaß zwei funkelnde Augen, leuchtender als die Sonne, einen kleinen Mund, einen mädchenhaften Busen, und es war nichts an ihr, das nicht höchsten Lobes würdig gewesen wäre. Die siebente hieß Catheruzza, beigenannt Brunetta, die voller Holdseligkeit und Liebreiz mit ihren herzgewinnenden gütigen Worten nicht nur die Männer in die Liebesnetze verstrickte, sondern den höchsten, Jupiter selbst, hätte veranlassen können, vom Himmel herabzukommen. Die achte hieß Arianna, ein Mädchen jung an Jahren, von anbetungswürdigem Antlitz und ernstem Ausdruck. Ihr eignete die Gabe schöner Rede und ihre himmlischen Tugenden, denen stets Lob und Preis gespendet wurde, leuchteten wie über den Himmel ausgestreute Sterne. Die neunte war die sehr geistvolle Isabella, die durch ihre scharfsinnigen und lebendigen Einfälle alle Anwesenden mit Bewunderung erfüllte. Die letzte endlich war die kluge, durch hohe Gedanken ausgezeichnete Fiordiana, deren hervorragende und tugendsame Handlungen alle übertrafen, die man je bei anderen Damen wahrgenommen. Diese zehn schönen jungen Damen also dienten alle miteinander und jede für sich der edeln Lucrezia, ihrer Herrin. Letztere wählte gemeinschaftlich mit ihnen zwei andere Damen, doch reifen Alters, ehrwürdig anzusehen und von edelm Blute, die sich großer Wertschätzung erfreuten, damit sie ihr stets mit ihren weisen Ratschlägen, die eine rechts, die andere links neben ihr, zur Seite ständen. Die eine von ihnen war Signora Chiara, die Gattin Girolamos Guidiccione, eines ferraresischen Edelmannes, die andre, Signora Veronica, war einst die Gemahlin des in Gott ruhenden altadeligen Herrn Orbat von Crema gewesen. Dieser reizenden und erlesenen Versammlung gesellten sich viele vornehme und sehr gelehrte Männer, unter denen der Bischof Casale Giambattista Casale wurde das ganze Jahr 1535 und einen Teil des folgenden auf Befehl des Königs Ferdinand in Ungarn gefangengehalten. In der ersten Hälfte des Jahres 1536 war er wieder in Venedig. Er starb zwischen Juli und November 1536 in Bologna. Es wäre also der Karneval des Jahres 1536, den Straparola im Auge hat. von Bologna, Gesandter des Königs von England (in Venedig), der gelehrte Pietro Bembo, Ritter des Großmeisters von Rhodus, und Vangelista di Cittadini von Mailand, ein Mann von großer Tatkraft, den ersten Platz in der Nähe der Herrin inne hatten. Außer ihnen waren zugegen Bernardo Capello, der unter den anderen als Dichter hervorragte, der liebenswürdige Antonio Bembo, der umgängliche Benedetto von Treviso, der witzige Antonio Molino, genannt Burchiella, der vollendet höfliche Beltramo Ferier und viele andere Edelleute, deren Namen einzeln aufzuführen ermüden würde. Diese insgesamt also, oder wenigstens die meisten von ihnen, fanden sich fast allabendlich im Hause der Signora Lucrezia ein und unterhielten sie dort bald durch anmutige Tänze, bald durch heitere Gespräche, bald durch Musik und Gesang und brachten heute auf diese, morgen auf jene Weise die flüchtige Zeit hin zum höchsten Ergötzen der reizenden Herrin und ihrer klugen Damen. Auch wurden unter ihnen häufig Aufgaben gestellt, deren Lösung allein der Herrin gelang. Da nun jedoch die letzten dem Vergnügen gewidmeten Tage des Karnevals herannahten, befahl die Herrin allen bei Strafe ihrer Ungnade am folgenden Abend wiederzukommen, um über das Programm und die einzuhaltende Reihenfolge zu beraten. Als die folgende Nacht mit ihrem Dunkel gekommen war, erschienen alle, gehorsam dem erhaltenen Befehl, und nachdem sie sämtlich ihrem Range nach die Plätze eingenommen hatten, begann die Herrin folgende Rede: »Meine sehr geehrten Edelleute und Ihr, liebenswürdige Damen! Wir sind hier in gewohnter Weise versammelt, um unsere anmutigen und ergötzlichen Vergnügungen zu regeln, damit wir diesen Karneval, von dem uns nur noch wenige Tage übrigbleiben, möglichst lustig verbringen können. Jeder von Euch soll daher dasjenige vorschlagen, was ihm am meisten gefällt, und was den meisten Beifall findet, sei beschlossen.« Da erklärten die Damen sowohl wie die Herren einstimmig, es gebühre sich, daß sie selbst alles bestimme. Als die Herrin sah, daß sie mit dieser Aufgabe betraut worden war, wandte sie sich zu der liebenswürdigen Gesellschaft und sagte: »Da es Euch so gefällt und Ihr damit zufrieden seid, daß ich die zu befolgende Ordnung bestimme, so möchte ich, daß jeden Abend, solange der Karneval dauert, zuerst getanzt werde, dann, daß fünf Damen ein Liedchen nach ihrer Wahl singen, worauf jede von ihnen nach der durch das Los bestimmten Reihenfolge irgendein Märchen erzählen und es mit einem Rätsel beschließen soll, dessen Lösung wir alle auf das scharfsinnigste suchen wollen. Wenn diese Unterhaltung dann zu Ende ist, sollt Ihr alle nach Hause gehen und Euch zur Ruhe begeben. Sollte Euch dieser Vorschlag jedoch nicht behagen, so möge jeder von Euch sagen, was er für das beste hält; denn ich bin geneigt, Eurem Willen nachzukommen.« Der Vorschlag fand jedoch allgemeine Billigung. Daher ließ sich die Herrin ein kleines goldenes Gefäß bringen, schrieb die Namen von fünf Damen auf Zettel und warf sie hinein. Der erste, der herauskam, war jener der schönen Lauretta, die über und über errötete wie eine morgenfrische Rose. Der zweite in der Reihe, der herauskam, war der Name Alterias, der dritte jener von Catheruzza, der vierte der Eritreas und der fünfte der Ariannas. Hierauf befahl die Herrin die Instrumente zu bringen, ließ sich ein Kränzlein grünen Lorbeers reichen, das sie zum Zeichen des Vorrangs Lauretta aufs Haupt setzte und trug ihr auf, am kommenden Abend mit dem anmutigen Märchenerzählen zu beginnen. Darauf äußerte sie den Wunsch, Antonio Bembo möge mit den anderen einen Tanz aufführen. Dieser kam sofort dem Befehl der Herrin nach und ergriff die Hand Fiordianas, in die er ein wenig verliebt war, und die anderen folgten seinem Beispiel. Als der Tanz zu Ende war, begaben sich die jungen Herren mit den Damen langsamen Schrittes unter verliebten Gesprächen in ein Zimmer, wo Konfekt und kostbare Weine bereitgestellt waren. Und nachdem die Damen und die Herren etwas in Stimmung gekommen waren, ergötzten sie sich an Scherzreden, und als das lustige Scherzen zu Ende war, verabschiedeten sie sich von der edlen Herrin und gingen alle mit ihrer Erlaubnis nach Hause. Als der nächste Abend herangekommen war und sich alle zum würdigen Kollegium versammelt und nach gewohnter Weise einige Tänze gemacht hatten, winkte die Herrin der schönen Lauretta, den Gesang und das Märchenerzählen zu beginnen. Und ohne weiter eine mündliche Aufforderung abzuwarten, erhob sie sich, machte der Herrin und den Umstehenden die schuldige Reverenz, stieg auf eine kleine Erhöhung, auf welcher der schöne ganz mit Seide überzogene Sessel stand und ließ die vier erwählten Genossinnen zu sich kommen, worauf sie alle fünf mit engelhaften Stimmen folgendes Liedchen zum Preise der Herrin sangen: Vieledle Frau, die Ihr so freundlich Euch und anmutsvoll uns naht, Den Himmlischen gesellt Euch Euer holdbescheidenes Wesen, Und Euer königlich Geblüt, das alle anderen verdunkelt, Und uns verschwinden läßt, ist eine Zier, des höchsten Lobes wert. Wir weiden uns an Euerm hoheitsvollen Anblick Und also unsere Sinne sind von Euch gefangen, Daß, wenn wir auch von andern wollten singen, Das Lied von Euch allein nur würd' erklingen. Nachdem die fünf jungen Damen durch Schweigen angedeutet hatten, daß ihr Lied zu Ende, griffen sie auf den Instrumenten einige Akkorde, worauf die reizende Lauretta, welche durch das Los den Vorrang für diese Nacht erhalten hatte, ohne eine weitere Aufforderung seitens der Herrin abzuwarten, ihr Märchen begann und folgendes erzählte ... Das ganze Werk ist in dreizehn Nächte eingeteilt, deren jede fünf Novellen zählt, ausgenommen die dreizehnte, die deren dreizehn enthält. Es wird abgeschlossen durch den Ausklang der Rahmenerzählung, mit dem wir diese Skizze schließen wollen: »Da nun die glühende Morgenröte zu erscheinen begann und der Karneval bereits zu Ende und der erste Tag der Fasten gekommen war, wandte sich die Herrin zu der ehrenwerten Gesellschaft und sagte mit gewinnendem Lächeln: »Wisset, hochedle Herren und Ihr, liebenswürdige Damen, daß wir den ersten Tag der Fasten angetreten haben und sich nunmehr überall die Glocken vernehmen lassen, die uns zu den heiligen Predigten und zum Abbüßen unserer Sünden einladen. Es scheint mir daher recht und billig, daß wir in diesen heiligen Tagen die ergötzlichen Unterhaltungen, lieblichen Tänze, engelhaften Gesänge und lustigen Geschichten beiseite lassen und auf das Heil unserer Seelen bedacht seien.« Die Herren und ebenso die Damen, die keinen anderen Wunsch hatten, stimmten den Worten der Herrin auf das lebhafteste bei. Und ohne die Kerzen anzünden zu lassen – war es doch schon heller Tag – forderte die Herrin alle auf, sich zur Ruhe zu begeben und befahl, daß sich künftig keiner an der gewohnten Stätte einfinde, wenn er nicht von ihr dazu aufgefordert worden sei. Die Herren verabschiedeten sich darauf von der Herrin und den jungen Damen, ließen sie in sanftem Frieden zurück und suchten ihre Behausungen auf.« 1 Der Pfarrer Scarpacifico wird von drei Taugenichtsen einmal angeführt, er legt sie dafür dreimal hinein und bleibt mit seiner Nina zu seiner nicht geringen Freude Sieger. In der Nähe von Imola, einer rachsüchtigen und in unseren Tagen von ihren Parteien fast in Grund und Boden ruinierten Stadt, liegt ein Flecken namens Postema, in dessen Kirche in der Vergangenheit ein Priester namens Pfarrer Scarpacifico amtierte, ein sehr reicher, aber über die Maßen geiziger Mann. Dieser hielt sich eine Haushälterin namens Nina, die so verschlagen und gerissen war, daß sie es mit jedem Manne aufnehmen konnte. Überdies war sie treu und verwaltete sein Hauswesen verständig, so daß er sie sehr schätzte. Der biedere Pfarrer war in seiner Jugend einer der unternehmendsten Männer im Imoleser Gebiet gewesen, doch jetzt, da er hoch in die Jahre gekommen war, konnte er die Anstrengungen des Zu-Fuß-Gehens nicht mehr recht vertragen. Deshalb redete ihm die gute Frau oft zu, ein Pferd zu kaufen, damit er durch das viele Zu-Fuß-Gehen seinem Leben nicht vorzeitig ein Ziel setze. Von den Bitten und Vorstellungen seiner Haushälterin besiegt, suchte Pfarrer Scarpacifico eines Tages den Markt auf. Dort sah er ein Maultier, das seinem Bedürfnis angemessen schien und kaufte es für sieben Goldflorinen. Zufällig befanden sich auf dem Markte drei lockere Kumpane, die lieber von fremdem Eigentum als von eigenem lebten, wie es auch heute noch keine Seltenheit ist. Diesen entging es nicht, daß Scarpacifico das Maultier kaufte, und der eine von ihnen sagte: »Kameraden, das Maultier muß unser sein.« »Und auf welche Weise?« fragten die andern. »Laßt uns«, antwortete er, »auf der Straße, die er passieren muß, auf ihn warten, einer vom andern eine Viertelmillie entfernt und ihm – jeder einzeln – sagen, sein Maultier sei ein Esel, und wenn wir fest bei dieser Behauptung beharren, wird das Maultier uns ohne Mühe zufallen.« Der Vorschlag gefiel, sie machten sich auf den Weg und verteilten sich auf der Straße, wie sie es verabredet. Sobald Pfarrer Scarpacifico dem einen der Wegelagerer nahe war, tat dieser als käme er anderswoher als vom Markte und begrüßte ihn mit einem: »Gott behüte Euch, Messere!« »Glück auf den Weg, lieber Bruder!« antwortete Pfarrer Scarpacifico. »Wo kommt Ihr her?« fragte der Wegelagerer. »Vom Markte«, antwortete der Priester. »Und was habt Ihr Schönes gekauft?« »Dieses Maultier.« »Welches Maultier?« »Das, auf dem ich jetzt reite.« »Ist das Euer Ernst, oder macht Ihr Euch über mich lustig?« »Wieso?« »Weil mir dies kein Maultier, sondern ein Esel scheint.« »Was? ein Esel!« rief der Pfarrer und setzte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, eilig seinen Weg fort. Er war aber kaum zwei Bogenschüsse weiter getrabt, da kam ihm der zweite Bursche entgegen und sagte: »Guten Tag, Messere, woher kommt Ihr?« »Vom Markt.« »War er gut bestellt?« »Jawohl.« »Habt Ihr einen guten Einkauf gemacht?« »O ja, ich habe das Maultier gekauft, das du hier siehst.« »Sprecht Ihr im Ernst? Habt Ihr ihn für ein Maultier gekauft?« »Freilich.« »Aber es ist ja doch ein leibhaftiger Esel!« »Was, ein Esel?« rief der Pfarrer da aus, »wenn mir das noch einer sagt, mache ich ihn ihm zum Geschenk!« Und als er dann seinen Weg fortsetzte, begegnete er dem dritten Gesellen, der zu ihm sagte: »Gott grüß Euch, Messere, solltet Ihr etwa vom Markte kommen?« »Jawohl.« »Und was habt Ihr dort Schönes gekauft?« »Ich habe dieses Maultier hier eingehandelt.« »Was? Maultier? Ihr wollt mich wohl aufziehen?« »Ich spreche im vollen Ernst und spaße durchaus nicht«, antwortete der gute Pfarrer. »Ja seht Ihr denn nicht, armer Mann, daß es ein Esel und kein Maultier ist? O die Spitzbuben, wie gründlich sie Euch angeschmiert haben!« Als Pfarrer Scarpacifico dies hörte, rief er: »Kurz vorher haben es mir bereits zwei andere gesagt, und ich habe es nicht geglaubt«, damit stieg er ab und fügte hinzu: »Da, nimm, ich schenke ihn dir!« Der Kumpan nahm das Tier, bedankte sich für die Freigebigkeit, ritt zu seinen Genossen zurück und ließ den Pfarrer zu Fuß weitergehen. Zu Hause angekommen, erzählte Pfarrer Scarpacifico der Nina, er habe ein Reittier gekauft im Glauben es sei ein Maultier, es sei jedoch ein Esel gewesen, und da er unterwegs von vielen darauf aufmerksam gemacht worden sei, habe er ihn dem letzten von ihnen geschenkt. »O du heilige Einfalt!« rief da Nina aus, »merkt Ihr denn nicht, daß man Euch einen Streich gespielt hat? Ich hätte Euch für schlauer gehalten. Meiner Treu, mich hätten sie nicht angeführt!« »Beruhige dich«, sagte darauf Pfarrer Scarpacifico, »haben sie mir einen Streich gespielt, so werde ich ihnen deren zwei spielen, zweifle nicht daran; denn sicherlich werden sie, die mich betrogen haben, sich damit nicht zufrieden geben, sondern versuchen, ob sie nicht durch eine neue List noch mehr aus mir herausholen können.« Nun wohnte in dem Flecken nicht weit von dem Hause des Pfarrers ein Bauer, der hatte unter seinen Ziegen zwei, die einander so ähnlich waren, daß man sie nicht leicht voneinander unterscheiden konnte. Um diese handelte der Priester nun mit ihm und bezahlte sie ihm bar. Am folgenden Tag trug er der Nina auf, ein gutes Mittagessen zuzurichten, weil er einige Freunde zu Gast bitten wolle und befahl ihr, das vorrätige Kalbfleisch zu nehmen und zu kochen, und die Hühner und die Lende zu braten. Darauf gab er ihr einige Gewürze und trug ihr auf, ein Ragout und eine Torte nach ihrer Art zu machen. Dann nahm er eine von den Ziegen, band sie an einen Zaun im Hofe und gab ihr zu fressen, der anderen legte er einen Strick um und ging mit ihr zu Markte. Kaum war er dort angekommen, als die drei Kumpane vom Esel ihn auch schon entdeckt hatten, sich ihm näherten und ihn anredeten: »Willkommen lieber Herr! Was führt Euch her? Wollt Ihr vielleicht etwas Schönes einkaufen?« »Ja, ich bin hergekommen, um allerlei einzuhandeln, weil heut' mittag einige Freunde bei mir essen, und wenn Ihr ebenfalls bei mir vorliebnehmen wollt, so soll es mir sehr angenehm sein.« Jene nahmen die Einladung sehr gerne an. Nachdem Pfarrer Scarpacifico das Nötige eingekauft hatte, lud er alles auf den Rücken der Ziege und sagte zu ihr in Gegenwart der drei Gesellen: »Geh' nach Hause und sage der Nina, sie solle dieses Kalbfleisch sieden und das Lendenstück und die Hühner braten, und sage ihr ferner, sie möge mit diesen Gewürzen eine gute Torte und ein Ragout nach unserer Weise bereiten. Hast du gut verstanden? Dann geh' in Frieden!« Die mit den Lebensmitteln beladene Ziege sah sich nicht sobald in Freiheit, als sie fortlief – doch in wessen Hände sie geriet, weiß man nicht. Der Pfarrer, die drei Gesellen und einige seiner Freunde gingen eine Zeitlang auf dem Marktplatz umher, und als es ihnen an der Zeit schien, begaben sie sich in Scarpacificos Haus. Als die Gesellen den Hof betraten, erblickten sie sofort die an den Zaun gebundene Ziege, welche das abgeweidete Gras wiederkäute und glaubten es sei jene, die der Priester mit den Lebensmitteln nach Hause geschickt hatte und verwunderten sich darüber nicht wenig. Als sie alle ins Haus getreten waren, fragte Pfarrer Scarpacifico die Nina: »Nina, hast du das besorgt, was ich dir durch die Ziege sagen ließ?« Klug wie sie war, verstand sie sofort, was der Pfarrer sagen wollte und antwortete: »Jawohl, Messere, ich habe die Lende und die Hühner gebraten und das Kalbfleisch gesotten und hierauf habe ich die Torte und das Ragout mit den Gewürzen darin gemacht, genau wie die Ziege mir's gesagt hat.« »Recht so!« erwiderte der Pfarrer. Die drei Gesellen, die den Braten, das Gesottene und die Torte auf dem Feuer sahen und Ninas Antwort gehört hatten, verwunderten sich noch viel mehr als zuvor und begannen bei sich zu überlegen, wie sie die Ziege in ihren Besitz bringen könnten. Als das Essen zu Ende war und sie viel darüber nachgedacht hatten, wie sie die Ziege stehlen und den Pfarrer betrügen könnten, und keinen Ausweg gefunden hatten, sagten sie zu ihm: »Messere, wir möchten, daß Ihr uns jene Ziege verkauftet.« Da antwortete ihnen der biedere Priester, er wolle sie nicht verkaufen, denn sie sei unbezahlbar; wollten sie sie aber trotzdem haben, so schätze er sie auf fünfzig Goldflorinen. Die Kumpane, die ein glänzendes Geschäft zu machen glaubten, zählten ihm sofort die fünfzig Goldflorinen hin. »Aber ich mache Euch darauf aufmerksam«, bemerkte der Pfarrer, »daß Ihr Euch nicht über mich beschweren dürft, wenn die Ziege, die Euch ja nicht kennt, in den ersten Tagen, eben weil sie noch nicht an Euch gewöhnt ist, vielleicht nicht das leistet, was sie leisten sollte.« Aber die Gesellen gaben ihm weiter keine Antwort darauf, führten die Ziege höchst vergnügt nach Hause und sagten zu ihren Frauen: »Morgen braucht Ihr nicht eher etwas zum Mittagessen zuzubereiten, als bis wir Euch das Nötige dazu nach Hause schicken.« Am anderen Morgen gingen sie auf den Markt, kauften Hühner und andere für ihr Mittagessen erforderliche Lebensmittel, luden sie auf den Rücken der Ziege, die sie mitgenommen hatten, und unterrichteten sie in allem, was sie tun und ihren Frauen sagen sollte. Als die mit den Vorräten beladene Ziege sich in Freiheit sah, empfahl sie sich und ward nicht mehr gesehen. Um die Mittagsstunde kehrten die biederen Kumpane heim und fragten ihre Frauen, ob die Ziege mit den Viktualien zurückgekehrt sei, und ob sie getan, was sie ihr gesagt haben. »O Ihr Dummköpfe und Narren!« riefen da die Frauen, »könnt Ihr Euch denn einbilden, ein Tier werde Eure Dienste verrichten! Gewiß seid Ihr angeschmiert worden, – weil Ihr täglich andere zu betrügen trachtet, seid Ihr am Ende die Betrogenen geblieben!« Als die Biedermänner sahen, daß der Pfarrer sie zum besten gehalten und um fünfzig Goldgulden geprellt hatte, gerieten sie in solche Wut, daß sie ihn durchaus umbringen wollten, griffen zu ihren Waffen und eilten davon, um ihn aufzusuchen. Aber der kluge Pfarrer Scarpacifico, der nicht ohne Besorgnis für sein Leben und immer auf der Hut war, daß die Gesellen ihm keinen bösen Streich spielten, sagte zu seiner Haushälterin: »Nina, nimm diese Blase voll Blut und verbirg sie unter deinem Rock; denn wenn jene Spitzbuben kommen, werde ich die ganze Schuld auf dich schieben, so tun, als sei ich heftig auf dich erzürnt und dir mit dem Messer hier einen Stich in die Blase geben, worauf du, als seiest du tot, zu Boden fallen sollst, – das übrige laß meine Sorge sein.« Kaum hatte Pfarrer Scarpacifico seine Rede beendet, als die Spitzbuben erschienen und sich auf den Priester stürzten, um ihn zu töten. Dieser aber rief: »Brüder, ich weiß nicht, warum Ihr mir ans Leben wollt, wahrscheinlich hat Euch meine Haushälterin hier etwas Unangenehmes zugefügt, wovon ich nichts weiß.« Und damit zog er das Messer, sprang auf sie zu, stieß nach ihr und stach in die blutgefüllte Blase. Und sie tat, als sei sie tot und fiel zu Boden, und das Blut lief wie ein Bächlein überall hervor. Der Priester tat, als ob er beim Anblick dieses schrecklichen Ereignisses Reue empfinde und schrie überlaut: »O ich Unglücklicher, o ich Elender, was habe ich getan! Gleich einem Verrückten habe ich meine Nina, die Stütze meines Alters, getötet! Wie werde ich je ohne sie leben können!« Also jammernd nahm er eine Pfeife, die er sich nach seinem Sinn gemacht hatte, hob ihr die Kleider hoch, steckte sie ihr zwischen die Backen des Hintern und blies solange hinein, bis die Nina wieder zu sich kam und heil und gesund auf die Füße sprang. Als dies die Spitzbuben sahen, standen sie stumm und starr, und allen Zorn vergessend, kauften sie die Pfeife für zweihundert Florinen und kehrten vergnügt nach Hause zurück. Eines schönen Tages geschah's, daß einer der Spitzbuben einen Wortwechsel mit seiner Frau hatte und ihr in seinem Zorn das Messer in die Brust stieß, und zwar so wuchtig, daß sie tot hinsank. Da griff er zu der vom Pfarrer gekauften Pfeife, steckte sie ihr zwischen die Hinterbacken und machte es so, wie der Priester es gemacht hatte, in der Hoffnung, sie werde zum Leben zurückkehren. Er verschwendete seinen Atem jedoch vergebens; denn die arme Seele hatte dieses Leben verlassen und war in das andere eingegangen. Als der Zweite dies sah, rief er: »O du Dummkopf, das hast du nicht richtig gemacht, komm, ich will dir's zeigen!« Damit packte er seine eigene Frau bei den Haaren und schnitt ihr mit seinem Rasiermesser die Kehle durch, worauf er die Pfeife nahm und ihr in den Hintern blies – aber die Unglückliche lebte nicht wieder auf. Der Dritte machte es ebenso, und so sahen sich alle drei ihrer Frauen beraubt. Voller Wut rannten sie daher zu des Pfarrers Haus. Sie wollten nichts mehr von seinen Torheiten wissen, packten ihn und steckten ihn in einen Sack, in der Absicht, ihn im benachbarten Fluß zu ertränken. Doch während sie ihn trugen, um ihn im Flusse zu ertränken, kam ihnen irgend etwas in die Quere, was sie zwang, den Sack, in dem der Priester gefesselt stak, fallen zu lassen und zu flüchten. Während nun der Priester auf diese Weise im Sacke eingeschlossen lag, kam zufällig ein Schafhirt mit seiner Herde des Weges, die das Gras abweidete und während er sie so weiden ließ, hörte er eine klagende Stimme, die da rief: »Sie wollen sie mir durchaus geben und ich will sie nicht; denn ich bin Priester und kann sie nicht nehmen«, und er war ganz bestürzt; denn er konnte sich nicht denken, woher diese immer aufs neue erschallende Stimme kam. Und wie er sich bald hierhin, bald dorthin wandte, sah er endlich den Sack, in dem der Priester gebunden lag, näherte sich ihm – während der Priester in einem fort rief –, band ihn auf und fand den Pfarrer. Auf seine Frage, weshalb er in den Sack gesperrt worden sei und so laut schreie, antwortete er ihm, daß der Gebieter der Stadt ihm eine seiner Töchter zur Frau geben wolle, er sich jedoch dagegen sträube, erstens weil er sehr bejahrt und dann, weil er sie von Rechts wegen nicht nehmen dürfe, da er Priester sei. »Glaubt Ihr, daß der Fürst sie mir geben würde, Messere?« fragte der Hirt, der den erdichteten Worten des Pfarrers vollen Glauben schenkte. »Ich glaube ja«, antwortete dieser, »wenn du wie ich in diesem Sacke gebunden liegst.« Da kroch der Hirt in den Sack, und der Pfarrer band ihn fest zu und entfernte sich mit den Schafen von der Stelle, wo er lag. Es war noch keine Stunde vergangen, da kehrten die drei Spitzbuben an den Ort zurück, wo sie den Priester im Sacke zurückgelassen hatten, luden ihn, ohne hineinzusehen auf die Schulter und warfen ihn in den Fluß. So endete der arme Hirt anstatt des Pfarrers sein Leben auf klägliche Weise. Die Spitzbuben kehrten um und schlugen den Weg nach ihrem Hause ein, und als sie sich miteinander unterhielten, sahen sie die Schafe, die nicht weit davon weideten. Da beschlossen sie, ein paar Lämmer zu stehlen, doch als sie sich an die Herde heranschlichen, erblickten sie Pfarrer Scarpacifico, der ihr Hirt war und verwunderten sich höchlichst; denn sie hatten geglaubt, er sei im Fluß ertrunken. Sie fragten ihn daher, wie er es fertiggebracht habe, aus dem Fluß herauszukommen. Da antwortete ihnen der Pfarrer: »O Ihr Narren, Ihr wißt auch gar nichts! Hättet Ihr mich noch tiefer hineingeworfen, so wäre ich mit zehnmal soviel Schafen wieder herausgekommen.« Als dies die drei Kumpane vernahmen, riefen sie: »Messere, würdet Ihr uns wohl den Gefallen tun, uns in Säcke zu stecken und uns in den Fluß zu werfen, damit wir aus Beutelschneidern Herdenbesitzer werden?« »Ich bin bereit zu tun, was Euch gefällt«, erwiderte der Pfarrer, »es gibt nichts auf der Welt, was ich nicht gern für Euch täte.« Und damit holte er drei feste dichte Säcke aus Zwillich, steckte sie hinein und band sie so fest zu, daß sie nicht herauskonnten, worauf er sie in den Fluß warf. Und so gingen ihre Seelen auf jämmerliche Weise in die Orte der Finsternis ein, wo sie ewige Qual zu erdulden haben. Priester Scarpacifico aber kehrte reich an Geld und Schafen nach Hause zurück und verlebte mit seiner Nina noch einige vergnügte Jahre. 2 Dem König Galeotto von England wird ein Sohn in Schweinsgestalt geboren. Dieser verheiratet sich dreimal und wird, nachdem er seine Schweinshaut abgelegt hat und ein wunderschöner Jüngling ist, König Schwein genannt. Es lebte einmal ein König von England, namens Galeotto, nicht weniger reich an Glücksgütern wie an solchen des Geistes, der zur Gemahlin Hersilia, die Tochter des Königs Matthias von Ungarn hatte, welche an Schönheit, Tugend und Liebenswürdigkeit alle anderen Damen ihrer Zeit übertraf. Und so weise beherrschte Galeotto sein Reich, daß es niemand gab, der sich mit Recht über ihn beklagen konnte. Obgleich sie nun schon lange Zeit miteinander vermählt waren, wollte es das Geschick, daß Hersilia niemals schwanger wurde, was beide mit großem Schmerz erfüllte. Einmal nun geschah es, daß Hersilia, die blumenpflückend durch ihren Garten wandelte und bereits etwas müde geworden war, ein ganz von Grün umgebenes Plätzchen ersah, darauf zuging und sich niedersetzte. Dort versank sie, von den Stimmen der Vögel, die auf den grünen Zweigen süße Weisen sangen, eingeschläfert, bald in Schlummer. Da wollte es ihr gutes Glück, daß durch die Luft drei hohe Feen vorüberkamen und als sie die junge Königin sahen, innehielten und unter dem Eindruck ihrer Schönheit und Anmut beschlossen, sie unverletzbar zu machen und durch einen Zauber zu schützen. Nachdem sie sich also geeinigt, sprach die erste: »Ich will, daß sie unverletzlich sei und in der ersten Nacht, da sie bei ihrem Gemahl liegt, schwanger werde und einen Sohn gebäre, der an Schönheit seinesgleichen auf der Welt nicht habe.« »Und ich«, sprach die zweite, »will, daß sie niemand verletzen könne und daß der Sohn, dem sie das Leben gibt, mit allen Tugenden und Vorzügen ausgestattet sei, die man sich vorstellen kann.« »Und ich«, sagte die dritte, »will, daß sie die klügste und reichste Frau sei, die man finden kann, daß aber der Sohn, den sie empfangen wird, ganz mit dem Fell eines Schweines bedeckt geboren werde und in all seinen Bewegungen und seinem ganzen Gehaben einem Schweine gleiche und nicht eher sich dieser Gestalt entledigen könne, als bis er drei Frauen genommen hat.« Als die drei Feen verschwunden waren, erwachte Hersilia, erhob sich alsbald, nahm die Blumen auf, die sie gesammelt hatte und kehrte in den Palast zurück. Es vergingen nur wenige Tage, da wurde Hersilia schwanger und als die ersehnte Stunde der Geburt gekommen war, gebar sie einen Sohn, dessen Glieder nicht die eines Menschen, sondern die eines Schweines waren. Als dies der König und die Königin erfuhren, empfanden sie einen unbeschreiblichen Schmerz darüber, und mehrmals war der König nahe daran, die Mißgeburt töten und ins Meer werfen zu lassen, damit sie der Königin, die gut und fromm war, nicht zur Schande gereiche. Da er sich aber in seinem Geiste überlegte, daß der Sohn, wie er auch war, doch von ihm erzeugt und seines Blutes sei, unterdrückte er gänzlich sein grausames Vorhaben, das er zuerst gefaßt hatte, öffnete sein Herz einem schmerzlichen Erbarmen und gab Befehl, das Wesen nicht wie ein Tier, sondern wie ein vernünftiges Geschöpf aufzuziehen und zu ernähren. Das Kind wurde also sorgsam genährt und lief oft zur Mutter, hob sich auf die Hinterbeine und legte ihr die kleine Schnauze und die Füßchen in den Schoß. Die gute Mutter hinwiederum liebkoste es, legte ihm die Hände auf den behaarten Rücken und umarmte und küßte es, genau wie wenn es ein menschliches Wesen gewesen wäre. Und das Kind ringelte den Schwanz und gab durch die deutlichsten Zeichen zu verstehen, daß ihm die mütterlichen Zärtlichkeiten sehr angenehm waren. Als das Schweinchen etwas größer geworden war, begann es wie ein Mensch zu sprechen und durch die Stadt zu laufen, und wo es Unrat und Kehricht fand, wühlte es sich nach Schweineart ein. Wenn es dann also schmutzig und mistduftend heimkam, lief es auf den Vater und die Mutter zu, rieb sich an ihren Gewändern und beschmutzte sie ganz mit Kot, doch, da es ihr einziger Sohn war, ertrugen sie alles mit Geduld. Eines schönen Tages nun kam das Schweinchen wieder nach Hause, machte sich's, schmutzig und kotig wie es war, auf den Gewändern seiner Mutter bequem und sprach grunzend: »Liebe Mutter, ich möchte mich verheiraten.« Da antwortete die Mutter: »Narr der du bist, wer soll dich wohl zum Manne nehmen? Du riechst übel und bist schmutzig und da willst du, daß ein Baron oder Ritter dir seine Tochter gebe?« Es antwortete darauf, daß es unter allen Umständen eine Frau wolle. Da die Königin nicht wußte, was tun, sagte sie zum König: »Was sollen wir hierbei tun? Ihr seht, in welcher Lage wir uns befinden. Unser Sohn will eine Frau, doch ist keine, die ihn zum Gatten möchte.« Als das Schweinchen wieder zur Mutter zurückgekehrt war, sagte es laut grunzend: »Ich will eine Frau und werde nicht eher ruhen, als bis ich jenes junge Mädchen habe, das ich heute gesehen; denn es gefällt mir ausnehmend.« Es war dies die Tochter einer armen Frau, die drei Töchter hatte, und alle waren außerordentlich schön. Als die Königin dies hörte, ließ sie alsbald die arme Frau und ihre älteste Tochter rufen und sagte zu ihr: »Meine gute Mutter, Ihr seid arm und mit Töchtern beschwert, wenn Ihr aber wollt, so werdet Ihr alsbald reich von hinnen gehen. Seht, ich habe diesen Sohn, der wie ein Schwein gestaltet ist und möchte ihn mit Eurer ältesten Tochter da verheiraten. Stoßt Euch nicht an der Schweinsgestalt meines Sohnes, sondern nehmt Rücksicht auf den König und mich und bedenkt, daß Euer Kind am Ende die Besitzerin unseres ganzen Reiches sein wird.« Als die Tochter diese Worte hörte, geriet sie in große Bestürzung und sagte, rot geworden wie eine morgenfrische Rose, sie wolle sich unter keinen Umständen zu dergleichen hergeben. Doch die arme Frau gab ihr so gute Worte, daß sie schließlich einwilligte. Als das Schwein über und über schmutzig nach Hause gekommen war, lief es zur Mutter, die zu ihm sagte: »Lieber Sohn, wir haben die gewünschte Frau für dich gefunden, und du wirst zufrieden sein.« Darauf ließ sie die in prunkvollste königliche Gewänder gekleidete Braut kommen und führte sie dem Schwein vor. Als dieses sie so schön und anmutig sah, hatte es eine große Freude und umsprang sie, stinkend und schmutzig wie es war und machte sie mit Schnauze und Pfoten zum Gegenstand der größten Liebkosungen, die man je bei einem Schwein gesehen. Sie jedoch stieß es, weil es ihr die ganzen Kleider besudelte, zurück. Das Schwein aber fragte: »Warum stößt du mich zurück? Bin ich's nicht, der dir diese Kleider geschenkt hat?« Sie antwortete jedoch stolz und schnippisch: »Weder du noch dein Schweinekönigreich haben sie mir geschenkt.« Als die Stunde des Schlafengehens gekommen war, sagte die junge Frau: »Was soll ich mit diesem stinkenden Tier machen? Ich werde es diese Nacht, wenn es im ersten Schlummer liegt, töten.« Das Schwein, das in der Nähe war, hörte diese Worte und sagte weiter nichts. Zur üblichen Stunde aber kam es, ganz von Schmutz und Unflat starrend, an das prunkvolle Bett, hob mit der Schnauze und den Pfoten die überaus feinen Leinentücher auf und legte sich, alles mit stinkendem Kot besudelnd, neben seine Gemahlin. Es dauerte nicht lange, da schlief diese ein, das Schwein aber, das nur so tat als schliefe es, stieß ihr die scharfen Hauer so heftig in die Brust, daß sie augenblicklich starb. Am anderen Morgen verließ es zeitig das Bett und lief seiner Gewohnheit gemäß fort, um zu fressen und sich im Kot zu wälzen. Der Königin aber kam der Wunsch, ihre Schwiegertochter zu besuchen, sie ging daher in das Schlafgemach, und als sie sie dort von dem Schwein getötet fand, empfand sie darüber den größten Schmerz. Als das Schwein nach Hause zurückgekehrt war und von der Königin mit den bittersten Vorwürfen empfangen wurde, antwortete es ihr, es habe der jungen Frau so mitgespielt, wie sie ihm mitspielen wollte, und lief zornig davon. Es waren erst wenige Tage vergangen, als das Schwein abermals in die Mutter drang, ihm eine Frau zu geben, und zwar wollte es die andere Schwester heiraten. Und wie sehr sich ihm die Mutter auch widersetzte, es beharrte trotzdem eigensinnig auf seinem Willen und drohte alles zu zerstören, wenn es das Mädchen nicht bekäme. Da ging die Königin zum König und erzählte ihm alles, und dieser sagte zu ihr, es wäre weniger schlimm, es töten zu lassen, als daß es irgendwelches große Unheil in der Stadt anrichte. Doch die Königin, die ja seine Mutter war und es sehr liebte, vermochte nicht ohne dasselbe zu leben, obgleich es nur ein Schwein war. Sie ließ daher die arme Frau mit der zweiten Tochter rufen und redete lange mit ihnen, und nachdem sie geraume Zeit zusammen über die Heirat gesprochen hatten, willigte die zweite Schwester ein, das Schwein zum Manne zu nehmen. Die Sache hatte aber nicht den gewünschten Erfolg; denn das Schwein tötete sie wie die erste und verließ darauf alsbald das Haus. Als es dann zur gewohnten Stunde derart mit Schmutz und Mist bedeckt heimkehrte, daß man sich ihm vor Gestank nicht nähern konnte, wurde es vom König und der Königin wegen der begangenen Untat heftig heruntergemacht. Das Schwein aber erwiderte dreist, es habe ihr nur getan, was sie ihm habe tun wollen. Und es dauerte nicht lange, da drang Prinz Schwein abermals in die Mutter, ihm eine Frau zu geben, und zwar wollte er die dritte Schwester zum Weibe haben, die weit schöner war als die erste und zweite. Und als ihm sein Begehren rundweg abgeschlagen wurde, bestand er noch dringender darauf, sie zu haben und bedrohte die Königin mit schrecklichen und häßlichen Worten mit dem Tode, wenn er das Mädchen nicht zum Weibe bekäme. Als die Königin diese schmählichen Worte hörte, empfand sie darüber im Herzen solche Pein, daß sie nahe daran war, den Verstand zu verlieren. Sie schob daher jede andere Rücksicht beiseite, ließ die arme Frau mit ihrer dritten Tochter, die Meldina hieß, kommen und sagte zu ihr: »Meldina, meine liebe Tochter, ich möchte, daß du den Prinzen Schwein heiratest, nicht um seinetwillen, sondern um seines Vaters und meinetwillen, und wenn du ihn gut behandelst, wirst du die glücklichste und zufriedenste Frau sein, die man finden kann.« Da antwortete ihr Meldina heiteren und strahlenden Antlitzes, sie sei sehr einverstanden und dankte ihr sehr, daß sie sich herablasse, sie zur Schwiegertochter anzunehmen. Und sollte sie auch nichts anderes haben, so genüge es ihr, aus einem armen Mädchen in einem Augenblick die Schwiegertochter eines mächtigen Königs geworden zu sein. Als die Königin die erfreuliche und freundliche Antwort hörte, vermochte sie vor Glück den Tränen nicht zu wehren. Aber trotzdem bangte sie davor, es möchte ihr ebenso gehen, wie ihren beiden Schwestern. Nachdem sich die neue Braut mit reichen Gewändern und kostbaren Kleinodien geschmückt hatte, wartete sie auf die Heimkehr ihres teuren Bräutigams. Als nun der Prinz Schwein schmutziger denn je nach Hause gekommen war, empfing sie ihn liebreich, breitete ihr kostbares Gewand auf dem Boden aus und bat ihn, sich neben ihr niederzulegen. Die Königin sagte zu ihr, sie solle ihn nur von sich fernhalten, doch sie weigerte sich, dies zu tun und sprach folgendes: »Drei Dinge hab' ich einstens hören künden, Heil'ge, verehrungswürd'ge fromme Königin. Zum ersten: allergrößte Narrheit liege drin Zu suchen, was unmöglich ist zu finden. Zum zweiten, daß man Glauben soll versagen Dort, wo nicht Sinn noch Zweck ist zu ergründen. Zuletzt, daß eine köstlich seltne Gabe, Die man in Händen hält, man lieb und wert auch habe.« Prinz Schwein, der keineswegs schlief, sondern alles deutlich hörte, erhob sich und beleckte ihr Gesicht, Hals, Brust und Schultern, und sie hinwiederum liebkoste und küßte ihn, so daß er in heißer Liebe zu ihr erglühte. Als die Stunde des Schlafengehens gekommen war, suchte die junge Frau das Lager auf und wartete, daß ihr trauter Gatte zu ihr käme. Und es dauerte auch nicht lange, da kam er über und über schmutzig und stinkend ans Bett. Sie lüftete die Decke und ließ ihn zu sich hereinkommen, legte seinen Kopf auf das Kopfkissen und deckte ihn gut zu und schloß die Bettvorhänge, damit er nicht friere. Als es Tag geworden war, ging er auf die Weide, nachdem er die Matratze voll Kot zurückgelassen hatte. Als die Königin am Morgen das Brautgemach betrat und denselben Anblick zu haben fürchtete, den sie vorher an den beiden andern Morgen gehabt, fand sie die Schwiegertochter vergnügt und zufrieden, obwohl das Bett gänzlich mit Unrat und Kot besudelt war. Und sie dankte dem Höchsten für dieses Geschenk, daß ihr Sohn eine ihm zusagende Frau gefunden. Als Prinz Schwein bald darauf mit seiner Gemahlin in heiterem Gespräch begriffen war, sagte er zu ihr: »Meldina, geliebtes Weib, wenn ich sicher wäre, daß du niemand mein Geheimnis offenbartest, würde ich dir etwas enthüllen, was ich bisher verborgen gehalten habe und was dich mit der größten Freude erfüllen würde, doch da ich weiß, daß du klug bist und Überlegung besitzest, und sehe, daß du mich wahrhaft liebst, möchte ich dich zur Mitwisserin machen.« »Entdeckt mir unbesorgt alle Eure Geheimnisse«, erwiderte Meldina, »ich verspreche Euch, daß ich ohne Euren Willen niemand etwas verraten werde.« Also, von seiner Frau beruhigt, zog Prinz Schwein das stinkende und schmutzige Fell aus und stand plötzlich als anmutiger, wunderschöner Jüngling vor ihr. Und diese ganze Nacht lag er im engsten Beilager mit seiner Meldina vereint. Nachdem er ihr am andern Morgen eingeschärft hatte, strengstes Stillschweigen zu bewahren, verließ er das Bett, schlüpfte wieder in seine Schweinshaut und gab sich wieder wie zuvor seinen unsauberen Neigungen hin. Ich überlasse es jedem, sich auszumalen, wie groß Meldinas Freude war, als sie sich im Besitze eines so schönen und wohlerzogenen Ehegenossen sah. Es dauerte nicht lange, da wurde die junge Frau schwanger, und als der Augenblick der Niederkunft kam, schenkte sie einem wunderschönen Knaben das Leben. Dies erfüllte den König und die Königin mit außerordentlicher Befriedigung, besonders weil das Kind nicht wie ein Tier, sondern wie ein menschliches Wesen gestaltet war. Meldina konnte nun die Last des großen und wunderbaren Geheimnisses nicht länger ertragen, sie ging daher zu ihrer Schwiegermutter und sprach zu ihr: »Hochweise Königin, ich glaubte mich mit einem Tier verbunden zu haben, doch Ihr habt mir den schönsten, tugendhaftesten und gesittetsten Jüngling, den die Natur jemals hervorgebracht, zum Gemahl gegeben. Wenn er in die Schlafkammer kommt, um sich neben mich zu legen, zieht er sich das übelriechende Fell aus, wirft es auf den Boden und steht als ein zierlich gekleideter, schöner Jüngling vor mir, was niemand glauben würde, wenn er es nicht mit eigenen Augen sähe.« Die Königin glaubte, ihre Schwiegertochter scherze, sie sprach jedoch die Wahrheit. Auf ihre Frage, auf welche Weise sie das sehen könne, antwortete die Tochter: »Kommt heute nacht zur Zeit des ersten Schlummers in meine Kammer – Ihr werdet die Türe offen finden – und Ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit sprach.« Als die Nacht gekommen war und die Königin abgewartet hatte, bis alles zu Bett gegangen war, ließ sie die Kerzen anzünden und begab sich mit dem König in die Kammer ihres Sohnes. Dort eingetreten, fand sie das Schweinsfell, das in einem Winkel des Zimmers auf dem Boden lag, und als sie an das Bett herangetreten war, sah sie, daß ihr Sohn ein wunderschöner Jüngling war und Meldina ihn als sein Eheweib fest in den Armen hielt. Als der König und die Königin dies sahen, empfanden sie große Freude, und der König befahl, daß, bevor jemand das Gemach verließ, das Fell ganz in kleine Stücke zerrissen werde. Und so groß war die Freude des Königs und der Königin über den verwandelten Sohn, daß nur wenig fehlte, und sie wären daran gestorben. Als König Galeotto sich im Besitz eines solchen Sohnes sah, der wiederum einen Sohn hatte, legte er die Krone und den königlichen Mantel nieder, und an seiner Stelle wurde unter größtem Triumph sein Sohn gekrönt, der unter dem Namen König Schwein zu großer Zufriedenheit des ganzen Volkes das Reich beherrschte und mit Meldina, seiner geliebten Gemahlin, ein langes, glückseliges Leben führte. 3 Der Student Philenio Sisterna wird in Bologna von drei schönen Damen genarrt. Gelegentlich eines Festes, das er zu diesem Zwecke gibt, rächt er sich jedoch an allen. In der hochedlen lombardischen Stadt Bologna, der Mutter der Gelehrsamkeit, die alles Nötige in reichem Maße besitzt, lebte ein adliger Student aus Kreta, namens Philenio Sisterna, ein schöner und liebenswerter Jüngling. Eines Tages beging man in Bologna ein schönes glänzendes Fest, zu welchem viele der schönsten Frauen der Stadt geladen waren, und woran unter vielen bolognesischen Edelleuten und Studierenden auch Philenio teilnahm. Nach der Gewohnheit junger Leute warf er seine Blicke bald auf diese, bald auf jene Schöne, und da sie ihm sämtlich wohlgefielen, beschloß er unter allen Umständen mit einer von ihnen den Reigen zu tanzen. Er näherte sich also einer von ihnen, welche Emerentiana hieß und die Gattin Messers Lamberto Bentivogli war, und forderte sie zum Tanz auf. Sie war höflich und nicht minder keck als schön und schlug den Antrag nicht aus. Philenio, der langsamen Schritts den Reigen tanzte, drückte ihr bisweilen die Hand und flüsterte ihr die Worte zu: »Edle Dame, Eure Schönheit ist so groß, daß sie unfehlbar jede andere überstrahlt, die je mein Auge gesehen. Es gibt kein Weib, zu dem ich so heftige Liebe empfände wie zu Eurer Hoheit, und wenn Ihr meine Liebe erwidert, so würde ich mich für den glücklichsten und zufriedensten Menschen von der Welt halten; wo nicht, so werdet Ihr mich bald des Lebens beraubt sehen und die Schuld an meinem Tode tragen. Da ich Euch nun, meine Gebieterin, liebe, wie ich es tue und wie es meine Pflicht ist, so nehmt mich zu Euerm Diener an und verfügt über mich und das Meinige, wie geringfügig es auch sei, wie über Euer Eigentum. Keine höhere Gnade wüßte ich mir vom Himmel zu erflehen, als einer so hohen Herrin Untertan zu werden, die mich wie einen Vogel gefangen hat durch den süßen Leim der Liebe.« Emerentiana, welche die süßen und anmutigen Worte mit Aufmerksamkeit angehört hatte, war klug genug, sich taub zu stellen und antwortete nichts. Als der Tanz beendigt war und Emerentiana ihren Sitz wieder eingenommen hatte, ergriff der junge Philenio die Hand einer andern Dame und trat den Tanz mit ihr an. Aber kaum hatte er ihn begonnen, so redete er sie mit folgenden Worten an: »Gewiß, anmutigste Dame, habe ich nicht nötig, Euch mit Worten auszudrücken, wie groß und heftig die heiße Liebe ist, die ich zu Euch hege und hegen werde, solange mein Geist diese schwachen Glieder, dieses unselige Gebein beherrscht. Aber glücklich, ja überselig würde ich mich schätzen, wenn ich Euch zu meiner Herrin, zu meiner einzigen Gebieterin erwürbe. Da ich Euch nun so sehr liebe und Euch ganz ergeben bin, wie Ihr leicht selber bemerken könnt, so verschmäht es nicht, mich zu Eurem unterwürfigsten Diener anzunehmen, da all mein Glück, ja mein Leben selbst von Euch und sonst von niemand abhängig ist.« Die junge Frau, welche Panthemia hieß, erwiderte, so gut sie alles verstanden hatte, doch nichts, sondern setzte den Tanz mit vielem Anstande fort und nahm, als er zu Ende war, halb lächelnd ihren Platz neben den andern Damen ein. Es währte nicht lange, so ergriff der verliebte Philenio die Hand der dritten, welche die artigste, anmutigste und schönste Frau war, die man damals in Bologna finden konnte und begann mit dieser einen Tanz, indem er sich eine Gasse durch diejenigen bahnte, welche sich herzudrängten, um sie zu bewundern. Und bevor der Tanz zu Ende war, redete er sie folgendermaßen an: »Verehrungswürdige Frau, vielleicht werdet Ihr mich für nicht wenig anmaßend halten, wenn ich Euch jetzt die stille Liebe entdecke, die mein Herz für Euch empfindet und längst empfunden hat. Aber beschuldigt nicht mich, sondern Euere Schönheit, die Euch über alle andern Frauen erhebt und mich zu Euerem Sklaven macht. Ich schweige jetzt von Eueren untadeligen Sitten, ich schweige von Eueren hervorragenden bewundernswerten Tugenden, die so groß und zahlreich sind, daß sie Macht hätten, die höchsten Götter vom Himmel herniederzulocken. Wenn also Euere natürliche kunstlose Schönheit den unsterblichen Göttern gefällt, was Wunder, daß sie mich zwingt, Euch zu lieben und Euer Bild in den Tiefen meines Herzens verschlossen zu tragen. Darum bitte ich Euch, edle Herrin, einziger Balsam meines Lebens, den wert zu halten, der des Tages tausendmal für Euch stirbt. Dann werde ich glauben, daß ich Euch, deren Gunst ich mich befehle, mein Leben verdanke.« Die schöne Frau, welche Sinforosia hieß, hatte die schmeichelnden süßen Worte wohl verstanden, die aus dem feurigen Herzen Philenios hervordrangen und konnte ein kleines Seufzerchen nicht unterdrücken; jedoch bedachte sie ihre Ehre und daß sie vermählt sei und antwortete ihm nichts, sondern ließ sich nach beendigtem Tanz wieder auf ihren Platze nieder. Nun saßen die drei fast in einem Kreise nebeneinander und unterhielten sich mit heiteren Gesprächen, als Emerentiana, die Frau Messers Lamberto, nicht in böser Absicht, sondern scherzweise zu ihren beiden Gefährtinnen sprach: »Meine lieben Damen, soll ich Euch nicht etwas Lustiges erzählen, was mir heute begegnet ist?« »Nun, was denn?« fragten die Freundinnen. »Ich habe,« sagte Emerentiana, »während des Reigens einen Liebhaber gefunden und zwar den schönsten, anmutigsten und wohlerzogensten, der zu finden ist. Er sagt, meine Schönheit habe ihn mit solcher Liebesglut erfüllt, daß er Tag und Nacht keine Ruhe finde.« Und so erzählte sie ihnen Wort für Wort, was er zu ihr gesagt hatte. Als dies Panthemia und Sinforosia hörten, sagten sie, ganz dasselbe sei auch ihnen begegnet, und sie verließen das Fest nicht, ohne zuvor herausgebracht zu haben, daß es ein und derselbe gewesen, der allen dreien hintereinander den Hof gemacht. Hieraus entnahmen sie die Gewißheit, daß jene Worte des Verliebten nicht aus aufrichtiger Liebe, sondern aus Verstellung und Arglist hervorgegangen seien und maßen ihnen daher denselben Glauben bei, den man den Fieberträumen der Kranken oder den Phrasen in den Romanen zu schenken pflegt. Sie schieden auch nicht eher, als bis sie sich alle drei das Wort gegeben, eine jede von ihnen wolle ihn auf eine Weise zum besten haben, daß der Verliebte sich zeitlebens erinnern solle, daß auch die Frauen zu foppen verstehen. Philenio fuhr fort, bald dieser, bald jener von ihnen schönzutun, und da er sah, daß sich ihm alle drei wohlgewogen zeigten, so nahm er sich vor, wenn es möglich wäre, von jeglicher die letzte Frucht der Liebe zu empfangen; aber es gelang ihm nicht, wie er wünschte und hoffte, sondern es ward ihm seine Absicht in jedem Falle vereitelt. Emerentiana, der geheuchelten Liebe des albernen Studenten überdrüssig, rief eine ihrer Mägde, die sehr hübsch und freundlich war und trug ihr auf, zu gelegener Zeit mit Philenio zu sprechen und ihm die Liebe zu vertrauen, welche ihre Herrin für ihn fühle, die, wenn es ihm recht sei, eine Nacht in ihrem eigenen Hause mit ihm zubringen wolle. Als Philenio dies hörte, ward er froh und sagte zu dem Mädchen: »Geh', kehr' nach Hause zurück, empfiehl mich deiner Herrin und sage ihr von mir, sie möge mich heute abend erwarten, da ihr Mann nicht zu Hause übernachtet.« Inzwischen ließ Emerentiana viele Bündel scharfer Dornen zusammenlesen und legte sie unter die Bettstelle, in der sie des Nachts schlief und erwartete so die Ankunft des Liebhabers. Als es Nacht geworden war, griff Philenio zu seinem Degen und begab sich allein zum Hause seiner Feindin, wo ihm auf das Zeichen, das er ihr gab, alsbald geöffnet wurde. Und nachdem sie eine Weile zusammen geplaudert und üppig miteinander zu nacht gespeist hatten, suchten sie die Kammer auf, um sich ins Bett zu begeben. Aber kaum hatte sich Philenio entkleidet, um das Lager zu besteigen, kam Messer Lamberto, der Gatte. Als die Frau dies hörte, tat sie sehr erschrocken, und da sie nicht wußte, wo den Liebhaber verbergen, befahl sie ihm, unters Bett zu kriechen. Als Philenio die Gefahr für sich und die Frau erkannte, verschwand er, ohne sich etwas anzuziehen, im bloßen Hemde unter das Bett und zerstach sich so entsetzlich, daß an seinem ganzen Leibe von Kopf bis zu Fuß keine Stelle war, die nicht geblutet hätte. Und je mehr er sich in der Dunkelheit der Dornen erwehren wollte, desto ärger stach er sich und durfte doch nicht schreien, damit Messer Lamberto ihn nicht höre und umbringe. Ich überlasse es Euch, den Zustand Euch vorzustellen, in dem der Unglückliche die Nacht verbrachte, – und wie er die Sprache verloren hatte, so fehlte wenig, daß er nicht auch noch sein Liebeswerkzeug einbüßte. Als der Morgen kam und der Ehemann das Haus verließ, kleidete sich der arme Student, so gut er konnte, wieder an und kehrte, blutrünstig wie er war, nach Hause, wo er sich noch längere Zeit nicht von seiner Todesangst erholen konnte. Doch unter der Pflege eines sorgsamen Arztes erholte er sich bald und ward wieder so gesund wie zuvor. Auch währte es nicht lange, so verfiel er von neuem in seine verliebten Neigungen und machte den beiden andern, Panthemia und Sinforosia, den Hof und brachte es dahin, daß er eines Abends Gelegenheit fand, Panthemia zu sprechen, der er seinen langen Kummer und seine beständigen Qualen erzählte und sie bat, doch Mitleid mit ihm zu haben. Die schlaue Panthemia stellte sich, als bedauere sie ihn, und entschuldigte sich, daß sie keine Möglichkeit habe, ihn zufriedenzustellen; zuletzt aber, wie von seinen süßen Bitten und heißen Seufzern besiegt, ließ sie ihn ins Haus. Schon war er entkleidet, um mit ihr zu Bette zu gehen, als ihm Panthemia befahl, in die Nebenkammer zu gehen, wo sie ihre Orangenwasser und andere wohlriechende Essenzen hatte, um sich erst gehörig zu parfümieren, bevor er ins Bett komme. Der Student, der die Arglist der boshaften Frau nicht durchschaute, betrat die Kammer, doch kaum hatte er den Fuß auf ein Brett gesetzt, das von dem Balken, der es hielt, losgemacht war, so stürzte er, ohne sich halten zu können, samt dem Brett in ein zu ebener Erde gelegenes Magazin hinab, in welchem einige Kaufleute Baumwoll- und Wollwaren gelagert hatten. Obwohl er tief herabgefallen war, hatte er sich doch durch den Sturz keinen Schaden getan. Als sich nun der Student an diesem dunkeln Orte befand, begann er umherzutappen, ob er eine Treppe oder eine Tür fände; da er aber nichts fand, verfluchte er die Stunde und den Augenblick, wo er Panthemia kennengelernt. Als der Morgen dämmerte und der arme Jüngling, freilich zu spät, den Betrug der Frau einsah, bemerkte er an einer Seite des Warenlagers einige Ritzen in der Mauer, welche etwas Licht eindringen ließen, und weil die Mauer alt und mit ekelhaftem Schimmel bedeckt war, begann er mit erstaunlicher Kraft die Steine dort herauszubrechen, wo sie weniger fest zu sitzen schienen und machte schließlich ein so großes Loch, daß es ihm gestattete hinauszuschlüpfen. Nun befand er sich in einem Gäßchen, das nicht weit von der Hauptstraße entfernt war und schlug barfuß und im Hemd den Weg nach seiner Herberge ein, wo er auch, ohne von jemand erkannt zu werden, anlangte. Sinforosia, die schon von den beiden Streichen gehört hatte, die Philenio gespielt worden waren, besann sich darauf, ihm einen dritten zu spielen, der den ersten nichts nachgäbe. Sie begann daher, sooft sie ihn sah, ihn von der Seite bedeutsam verstohlen anzublicken, als wolle sie ihm zu verstehen geben, wie sehr sie sich um ihn verzehre. Der Student, der die erlittene doppelte Unbill schon vergessen hatte, fing bald an, vor ihrem Hause vorüberzuspazieren und den Verliebten zu spielen. Als Sinforosia sah, daß er bereits blindlings in sie verliebt sei, schickte sie ihm durch ein altes Weiblein einen Brief, worin sie ihm kundtat, er habe sie durch seine Schönheit und sein wohlgesittetes Wesen so sehr für sich eingenommen und gefesselt, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe finde; sie wünsche daher über alles in der Welt, wenn es ihm nicht unangenehm wäre, mit ihm zu sprechen. Als Philenio den Brief empfangen, und von seinem Inhalt Kenntnis genommen hatte, dachte er an keinen Betrug, vergaß alle vergangenen Beleidigungen und war der fröhlichste und zufriedenste Mensch, den man sich denken konnte. Er nahm also Papier und Feder und antwortete: wenn sie ihn liebe und nach ihm schmachte, so beruhe das auf Gegenseitigkeit; denn er liebe sie noch mehr als sie ihn, und zu jeder Stunde, wo sie befehle, sei er zu ihren Diensten und Befehlen bereit. Sobald sie die Antwort gelesen und den günstigen Augenblick gefunden hatte, ließ ihn Sinforosia ins Haus kommen und sprach zu ihm nach vielen erheuchelten Seufzern: »Mein Philenio, ich weiß nicht, wer außer dir mich zu dem Schritte verleitet hätte, zu dem du mich gebracht hast; denn deine Schönheit, deine Anmut und deine Art zu reden haben ein solches Feuer in meiner Seele entzündet, daß ich mich lichterloh wie trockenes Holz brennen fühle.« Als der Student sie so sprechen hörte, zweifelte er keinen Augenblick, daß sie vor Liebe zu ihm vergehen wolle. So erging sich der arme Schelm eine Weile mit Sinforosia in holden, ergötzlichen Liebesreden, und als es ihm endlich Zeit schien, sich zu Bette zu legen und an ihre Seite zu schmiegen, sprach Sinforosia: »Meine süße Seele, bevor wir zu Bette gehen, scheint es mir rätlich, uns ein wenig zu stärken.« Damit nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in ein Seitengemach, wo ein Tisch mit köstlichem Zuckerwerk und trefflichen Weinen bereit stand. Die verschlagene Frau hatte den Wein mit Opium vermischt, um zu bewirken, daß Philenio bis zu einem gewissen Zeitpunkte einschlafe. Er ergriff den Becher, füllte ihn mit diesem Weine und trank ihn, ohne einen Betrug zu ahnen, ganz aus. Nachdem er die Lebensgeister erfrischt und sich mit Orangenwasser eingerieben und parfümiert hatte, begab er sich zu Bett. Es währte aber nicht lange, so tat der Trank seine Wirkung, und der Jüngling verfiel in einen so tiefen Schlaf, daß der stärkste Geschützdonner oder jeder andere große Lärm ihn schwerlich erweckt hätte. Als Sinforosia sah, daß er fest schlafe und der Schlaftrunk seine Wirkung vortrefflich bewähre, ging sie hinweg und rief eine junge, kräftige Magd, die mit um die Sache wußte, worauf beide den Studenten bei den Händen und Füßen ergriffen, leise die Haustür öffneten und ihn auf die Straße schleppten, wo sie ihn ungefähr einen Steinwurf vom Hause entfernt liegenließen. Etwa eine Stunde vor Anbruch der Morgenröte, als der Trank seine Kraft verloren hatte, erwachte der Arme und meinte an Sinforosias Seite zu liegen, fand sich aber statt dessen barfuß und im Hemde, halb tot vor Kälte, auf der bloßen Erde liegen. Kaum vermochte sich der Bedauernswerte, an Armen und Beinen Erstarrte, wieder auf die Füße zu heben. Nur mit großer Beschwerde stand er auf, konnte sich aber kaum aufrecht halten und schleppte sich dann so gut es ging und ohne von jemand bemerkt zu werden, zu seiner Herberge und sorgte dort für seine Gesundheit. Und wäre ihm nicht die Kraft der Jugend zu Hilfe gekommen, so wäre er gewiß nervenlahm geworden. Nachdem er aber seine frühere Gesundheit wieder erlangt hatte, verschloß er die erlittenen Kränkungen in der Tiefe seines Herzens, und ohne sich irgend erzürnt oder haßerfüllt zu zeigen, stellte er sich vielmehr noch verliebter in alle drei als zuvor, indem er bald der einen, bald der anderen verliebte Blicke zuwarf. Jene versahen sich seiner Arglist nicht, sondern hatten ihre Freude an seinem Betragen und zeigten ihm die freundliche, wohlwollende und heitere Miene, die man einem wahrhaft Liebenden nicht versagt. Manchmal zwar war der gereizte Jüngling nahe daran, seine Hand zu gebrauchen und ihnen das Angesicht zu zeichnen, aber als besonnener Mensch bedachte er den hohen Stand der Frauen und wie schimpflich es für ihn wäre, drei schwache Weiber zu schlagen, und er bezwang seinen Ingrimm. Lange sann er hin und her, auf welche Weise er sich rächen könne, und da ihm keine gute Idee kommen wollte, empfand er keinen geringen Schmerz. Nach geraumer Zeit jedoch kam er auf ein Mittel, seinen Wunsch unschwer zu befriedigen, und das Glück half ihm, seinen Plan auszuführen. Philenio hatte in Bologna einen sehr schönen Palast zur Miete, den ein geräumiger Saal und schöne Zimmer zierten. Hier beschloß er ein prächtiges und glänzendes Fest zu geben und viele Frauen einzuladen, worunter auch Emerentiana, Panthemia und Sinforosia. Die Einladung erging und wurde angenommen, und als der Tag des glänzenden Festes erschien, begaben sich die drei Frauen, die in ihrem Leichtsinn nichts ahnten, dorthin. Als es Zeit war, die Damen mit kühlen Weinen und köstlichem Zuckerwerk zu erquicken, nahm der verschlagene Jüngling seine drei Liebsten bei der Hand und führte sie mit vielem Anstand in ein Nebengemach mit der Bitte, sich ein wenig zu erfrischen. Kaum aber hatten die törichten, unvorsichtigen Frauen die Kammer betreten, so verschloß der Jüngling die Tür, wandte sich dann zu ihnen und sprach: »Jetzt, Ihr boshaften Weiber, ist die Stunde gekommen, da ich mich an Euch rächen und Euch für die Beleidigungen strafen kann, mit denen Ihr meine heiße Liebe vergaltet.« Als die Frauen diese Worte hörten, waren sie mehr tot als lebendig, bereuten es im stillen ernstlich, ihn beleidigt zu haben und machten sich außerdem die größten Vorwürfe, daß sie dem vertraut hatten, den sie hätten hassen sollen. Mit zorniger, drohender Miene befahl ihnen der Jüngling, wofern ihnen ihr Leben lieb sei, sich alle drei nackt auszuziehen. Als die Schelminnen dies vernahmen, sahen sie einander an und begannen heftig zu weinen und flehten ihn an, nicht ihnen zuliebe, sondern um seiner Ritterlichkeit und angeborenen Menschlichkeit willen, ihre Ehre zu schonen. Der Jüngling, der im geheimen die größte Freude empfand, erwies sich ihnen in diesem Punkt sehr entgegenkommend, bestand aber darauf, daß sie sich in seiner Gegenwart entkleiden müßten. Die Frauen warfen sich dem Studenten zu Füßen und flehten ihn unter kläglichen Tränen demütig an, ihnen dies zu erlassen und ihnen keine so große Schmach anzutun. Aber er hatte sein Herz schon zu Diamant verhärtet und erklärte, dies sei nichts Tadelnswertes, sondern gerechte Rache. So mußten sich denn die Frauen ausziehen, bis sie dastanden, wie sie aus dem Mutterleib gekommen, und sie waren nackt nicht weniger schön als bekleidet. Der junge Student betrachtete sie von Kopf bis zu Fuß, und als er sie so schön und zart erblickte, daß die Weiße ihrer Haut den Schnee übertraf, begann sich in ihm inniges Mitleid zu regen, doch die Erinnerung an die erlittenen Beleidigungen und die Todesgefahr, in der er geschwebt, kehrte in sein Gedächtnis zurück und verscheuchte alles Erbarmen, so daß er auf seinem grausamen, harten Vorsatz beharrte. Alsdann nahm der listige Jüngling die Kleider und was sie sonst noch angehabt hatten, legte sie in ein Nebenzimmer und befahl ihnen mit sehr unfreundlichen Worten, sich alle drei nebeneinander in das Bett zu legen. Ganz bestürzt und bebend vor Schrecken riefen sie aus: »Wehe über unsere Torheit, was werden unsere Männer, was unsere Verwandten sagen, wenn sie erfahren, daß man uns hier nackt ermordet gefunden hat! Besser wären wir in den Windeln gestorben, als daß eine solche Schande von uns offenbar werde!« Als der Student sie nebeneinander liegen sah, wie Mann und Frau, nahm er ein schneeweißes Leintuch, das aber nicht sehr fein war, damit das Fleisch nicht durchschimmern und sie verraten möchte, und bedeckte sie damit von Kopf bis zu Fuß. Dann verließ er das Gemach, verschloß die Türe und suchte ihre Männer auf, welche im Saale tanzten. Als der Tanz vorbei war, führte er sie in das Nebengemach, wo die drei Frauen im Bette lagen und sagte zu ihnen: »Ihr Herren, ich habe Euch hierhergeführt, um Euch ein kleines Vergnügen zu bereiten und Euch den schönsten Anblick zu verschaffen, der Euch in Euerem Leben zuteil geworden ist.« Hierauf näherte er sich mit einer Kerze in der Hand dem Bette, zog allmählich das Leintuch von den Füßen empor und wickelte es auf, indem er die Frauen bis zu den Knien aufdeckte, so daß die Männer die rundlichen weißen Beine mit den zierlichen Füßen sehen konnten, was ein wundervoller Anblick war. Dann enthüllte er sie bis zur Brust und zeigte ihnen die blendenden Schenkel, welche zwei Säulen von reinem Marmor zu sein schienen und den gerundeten Leib, der dem feinsten Alabaster glich. Hierauf enthüllte er sie noch weiter hinauf und zeigte ihnen den zarten, sanftgewölbten Busen mit den zwei prallen, köstlichen, runden Brüsten, die selbst den erhabenen Jupiter gezwungen hätten, sie zu umarmen und zu küssen. Dies gewährte den drei Ehemännern das größte Vergnügen und Ergötzen, das sich denken läßt. Ich überlasse es Euch, zu ermessen, wie es den armen, unglücklichen Frauen zumute war, als sie hörten, daß ihre Männer sich an ihrem Anblick weideten. Sie verhielten sich still und wagten kaum Atem zu holen, um nicht erkannt zu werden. Die Männer drangen in den Studenten, auch von den Gesichtern den Schleier wegzuziehen; er aber, in fremden Angelegenheiten vorsichtiger als in seinen eigenen, wollte nicht einwilligen. Aber hiermit nicht zufrieden, nahm der Student die Kleider der drei Frauen und zeigte sie ihren Männern. Diese überfiel bei ihrem Anblick eine gewisse Betroffenheit, die ihnen am Herzen nagte. Mit steigendem Erstaunen betrachteten sie dieselben näher und sprachen bei sich selbst: »Ist dies nicht das Kleid, das ich meiner Frau machen ließ? Ist das nicht die Haube, die ich ihr kaufte? Ist das nicht das Gehänge, das ihr vom Hals vorne auf die Brust herniederfällt? Sind das hier nicht die Ringe, die sie am Finger trägt?« Nachdem sie das Gemach verlassen hatten, entfernten sie sich nicht, um das Fest nicht zu stören, sondern blieben zum Abendessen. Der junge Student hatte bereits gehört, daß das Mahl fertig und von seinem einsichtigen Haushofmeister angerichtet sei und forderte daher die Gesellschaft auf, sich zu Tisch zu begeben. Während nun die Gäste es sich wohl schmecken ließen, kehrte der Student in das Nebengemach zurück, wo die drei Frauen im Bett lagen, deckte sie auf und rief: »Guten Morgen, meine Damen, habt Ihr Euere Männer nicht gehört? Sie erwarten Euch draußen mit dem heißesten Verlangen. Worauf wartet Ihr? Steht auf, Ihr Schlafratzen, gähnt nicht lange, laßt ab, Euch die Augen zu reiben! Es ist Zeit, in den Saal zurückzukehren, wo Euch die anderen Frauen erwarten.« So neckte er sie und weidete sich an ihrer Ratlosigkeit. Die trostlosen Frauen fürchteten, ihr Abenteuer würde ein grausames Ende nehmen, und sie weinten und verzweifelten an ihrem Heil. So geängstigt und schmerzgepeinigt erhoben sie sich und erwarteten nichts sicherer als den Tod. »Philenio«, sprachen sie schließlich zu dem Studenten, »du hast vollkommene Rache an uns genommen. Es bleibt nichts mehr übrig, als daß du deinen scharfen Degen nimmst und uns damit den Tod gibst, den wir über alles in der Welt wünschen. Willst du uns aber diese Gnade nicht erzeigen, so laß uns wenigstens unerkannt nach Hause gelangen, damit unsere Ehre unbescholten bleibe.« Philenio glaubte nun genug getan zu haben, holte ihre Kleider, gab sie ihnen zurück und befahl ihnen, sich eiligst anzuziehen. Als dies geschehen war, ließ er sie durch eine geheime Tür aus dem Hause hinaus, und so kehrten sie beschämt, ohne von jemand erkannt zu werden, heim. Sogleich zogen sie ihre Kleider wieder aus, und verschlossen sie in ihre Schränke, begaben sich aber klüglich noch nicht zu Bett, sondern setzten sich an die Arbeit. Nach der Mahlzeit dankten ihre Männer dem Studenten für die gute Aufnahme, die sie bei ihm gefunden, noch mehr aber für das Vergnügen, das er ihnen gewährt, indem er sie die köstlichen Glieder habe sehen lassen, deren Schönheit die Sonne überstrahlte, nahmen Abschied von ihm und kehrten heim. Zu Hause fanden sie ihre Frauen in ihren Kämmerlein neben dem Feuer sitzen und nähen. Weil ihnen aber die Kleider, Ringe und anderen Kostbarkeiten, welche sie in Philenios Kammer gesehen hatten, noch einigen Verdacht erregten, fragten sie, um auch diesen zu beseitigen, jeder die Seine, wo sie den Abend zugebracht habe, und wo ihre Kleider seien. Ganz unbefangen antworteten ihnen die Frauen, sie hätten diesen Abend das Haus nicht verlassen, nahmen den Schlüssel zum Schrein, in dem sich ihre Gewänder befanden und zeigten Kleider, Ringe und alles, was ihnen die Männer hatten machen lassen. Als die Männer dies sahen, wußten sie nicht, was sie sagen sollten und blieben ruhig, erzählten aber doch ihren Frauen alles haarklein, was ihnen diesen Abend begegnet war. Als die Frauen dies hörten, stellten sie sich, als wüßten sie von nichts, und nachdem sie das Abenteuer eine Weile belacht hatten, entkleideten sie sich und begaben sich zu Bette. Wenige Tage vergingen, so begegnete Philenio seinen holden Damen mehrmals auf der Straße, und sagte zu ihnen: »Wer von uns hat mehr Angst ausgestanden? Wer von uns ward übler behandelt?« Sie aber schlugen die Augen nieder und antworteten nichts. Und so rächte sich der Student so gut er konnte, ohne alle Gewalttätigkeit, wie es einem Manne geziemt, für die erlittenen Beleidigungen. 4 Biancabella, die Tochter Lambericos, Markgrafen von Monferrato, wird von der Stiefmutter Ferrandinos, Königs von Neapel, in den Tod geschickt. Die Diener hauen ihr jedoch nur die Hände ab und reißen ihr die Augen aus. Durch eine Schlange erhält sie das Verlorene wieder und kehrt froh zu Ferrandino zurück. Vor langen Jahren herrschte in Monferrato ein reicher und mächtiger Markgraf, namens Lamberico, der keine Kinder hatte und sehr wünschte, solche zu besitzen, aber diese Gnade war ihm von Gott verweigert. Eines Tages nun geschah es, daß die Markgräfin in ihrem Garten lustwandelte und vom Schlafe übermannt am Fuße eines Baumes einschlief. Und während sie nun im süßen Schlafe befangen war, erschien ein kleines Schlänglein, näherte sich ihr, kroch ihr unter die Gewänder, schlüpfte ihr, ohne daß sie das geringste merkte, in den Schoß und ganz leise höher in den Leib, wo es sich niederließ und ruhig verhielt. Es dauerte nicht lange, da wurde die Markgräfin zur großen Befriedigung und Freude der ganzen Stadt schwanger, und als die Stunde der Niederkunft gekommen war, gebar sie ein Mädchen mit einer Schlange, die dreimal um des Kindes Hals gewickelt war. Die Wärterinnen erschraken hierüber sehr, allein die Schlange löste sich vom Hals des Kindes, ohne ihm Leides zu tun, wand sich hinunter auf den Boden und kroch in den Garten. Nachdem die Kleine durch ein klares Bad gereinigt und verschönert und in blendend weiße Tücher gehüllt war, kam nach und nach an ihrem Halse eine feingearbeitete goldene Kette zum Vorschein, schön und herrlich anzuschauen; denn zwischen Haut und Fleisch leuchtete sie hervor, wie kostbarste Dinge wohl durch hellen Kristall scheinen, und ebenso oft umschlang sie ihren Hals, als die Schlange ihn umringelt hatte. Das Mädchen, dem man wegen seiner Schönheit den Namen Biancabella beigelegt hatte, erwuchs zu solcher Tugend und Liebenswürdigkeit, daß es nicht mehr menschlichen, sondern göttlichen Wesens schien. Als Biancabella zehn Jahre alt war, trat sie eines Tages hinaus auf den Balkon des Schlosses; da erblickte sie unten den ganz mit Rosen und anmutigen Blumen erfüllten Garten und fragte die Amme, die ihr zur Aufsicht gegeben war, was dort unten sei, sie habe es noch nie gesehen. Jene erwiderte, man nenne es einen Garten, er gehöre der Mutter, die sich bisweilen darin ergehe. »Ach«, rief das Mädchen, »ich habe nie etwas Schöneres gesehen; wie gerne ginge ich hinein!« Die Amme nahm sie bei der Hand und führte sie hinunter. Dort trennte sie sich etwas von ihr, setzte sich in den Schatten einer dichtbelaubten Buche, um ein wenig zu schlummern und ließ die Kleine sich im Garten vergnügen. Biancabella, ganz entzückt von dem reizenden Aufenthalt, lief bald hierhin, bald dorthin und pflückte Blumen, und als sie dann müde geworden war, setzte sie sich im Schatten eines Baumes nieder. Kaum hatte sich die Kleine auf die Erde gesetzt, da kam eine Schlange zum Vorschein und näherte sich ihr. Biancabella erschrak über diesen Anblick heftig und wollte schreien, allein die Schlange sprach: »Sei ruhig und halte dich still. Du mußt dich nicht vor mir fürchten; denn ich bin deine Schwester und ward mit dir am gleichen Tage und von derselben Mutter geboren; mein Name ist Samaritana. Wenn du stets das befolgst, was ich dir sagen werde, will ich dich glücklich machen, handelst du dem aber entgegen, so wirst du das unglücklichste und unzufriedenste Weib werden, das je auf der Welt gelebt. Geh nun und sei ohne Furcht, und morgen laß dir zwei Gefäße in den Garten bringen, das eine mit reiner Milch, das andere mit feinstem Rosenwasser gefüllt, und dann komm zu mir, allein, ohne irgendwelche Begleitung.« Als die Schlange fort war, stand das Mädchen auf, ging zur Amme, die es noch schlafend fand, weckte sie und kehrte mit ihr ins Haus zurück, ohne ihr eine Silbe von dem Vorgefallenen zu sagen. Am folgenden Tage, als Biancabella allein mit ihrer Mutter im Zimmer war, glaubte diese etwas Schwermut auf ihrem Gesicht zu bemerken und fragte daher: »Was fehlt dir, Biancabella, daß ich dich in so übler Laune sehe? Sonst warst du immer heiter und fröhlich und jetzt scheinst du mir mißvergnügt und traurig zu sein.« »Es ist weiter nichts«, erwiderte das Töchterlein, »als daß ich gerne zwei Gefäße haben möchte, das eine voll Milch und das andere voll Rosenwasser, und diese müßte man in den Garten bringen.« »Und wegen einer solchen Kleinigkeit grämst du dich, mein Kind?« fragte die Mutter. »Weißt du nicht, daß alles dein ist?« Darauf ließ sie sich zwei sehr schöne große Gefäße, das eine voll Milch, das andere voll Rosenwasser bringen und sie in den Garten tragen. Als die bestimmte Stunde gekommen war, ging Biancabella, dem Befehl der Schlange entsprechend, ganz allein in den Garten, schloß die Gartentür hinter sich zu und setzte sich dorthin, wo die Gefäße standen. Da erschien auch schon die Schlange, ließ sie sich entkleiden und nackt in die schneeweiße Milch setzen. Dann badete und wusch sie sie damit vom Kopf bis zu den Füßen, beleckte sie mit der Zunge und reinigte sie an allen Stellen, wo noch ein Mangel scheinen konnte. Dann nahm sie sie aus der Milch heraus und setzte sie in das Rosenwasser, wodurch sie ihr einen Duft verlieh, der sie aufs höchste erfrischte. Hierauf kleidete sie sie wieder an und befahl ihr, keinem Menschen etwas davon zu sagen, selbst dem Vater und der Mutter nicht; denn sie wolle, daß keine andere an Schönheit und Anmut sich mit ihr messen könne. Zuletzt begabte sie sie noch mit allen nur erdenklichen Tugenden und verließ sie. Biancabella ging nun aus dem Garten in das Schloß zurück, und wie ihre Mutter sie so überaus schön und liebreizend sah, daß sie jede andere Schönheit und Anmut weit übertraf, war sie ganz außer sich und wußte nicht, was sie sagen sollte. Endlich fragte sie, wie sie das gemacht habe, zu einer so wunderbaren Schönheit zu gelangen. »Ich weiß es nicht«, antwortete Biancabella. Die Mutter nahm hierauf einen Kamm, um sie zu kämmen und die blonden Flechten in Ordnung zu bringen, und wie sie sie kämmte, fielen ihr Perlen und kostbare Edelsteine vom Haupte, und als sie ihre Hände wusch, gingen Rosen, Veilchen und lachende, buntfarbige Blumen und süße Wohlgerüche daraus hervor, so daß es schien, als befände sich dort das irdische Paradies. Als die Mutter dies sah, eilte sie zu ihrem Gatten Lamberico und sprach mit mütterlicher Freude: »Herr, unsere Tochter ist das schönste, anmutigste und liebenswürdigste Wesen auf der Welt, und außer ihrer übermenschlichen Schönheit fallen ihr noch Perlen, Edelsteine und andere Juwelen von größter Kostbarkeit aus den Haaren, und aus ihren weißen Händen gehen Rosen und Veilchen und Blumen aller Art hervor, die jedem, der das Kind anschaut, entgegenduften. Nie würde ich es geglaubt haben, hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen.« Der Markgraf, der von Natur ungläubig war und den Worten der Gattin nicht so ohne weiteres Glauben schenkte, lachte über ihren Bericht und verspottete sie. Doch ließ sie nicht eher nach, als bis er sich entschloß, selbst zu sehen, was an der Sache sei. Er ließ also seine Tochter kommen und fand, daß seine Frau ihm noch viel zu wenig gesagt hatte. Sein Entzücken darüber war so groß, daß er sicher glaubte, es gebe keinen Mann auf der Welt, der würdig sei, sie zur Gattin zu bekommen, überallhin verbreitete sich nun der Ruf von Biancabellas entzückender und unsterblicher Schönheit und viele Könige, Fürsten und Markgrafen reisten von allen Seiten herbei, ihre Liebe zu gewinnen und sie als Gemahlin heimzuführen. Aber keiner von ihnen war reich genug an Tugenden, daß er sie erlangen konnte; denn an einem jeden von ihnen haftete irgendein Mangel. Endlich erschien Ferrandino auf dem Plan, der König von Neapel, dessen Tapferkeit und berühmter Name wie die Sonne unter den kleinen Sternen hervorglänzte, und hielt beim Markgrafen um die Hand seiner Tochter an. Dieser, der ihn so schön, anmutig und wohlgebildet sah und als mächtig und reich kannte, willigte in die Verbindung ein, ließ Biancabella holen, und ohne Zögern gaben sie einander die Hände und küßten sich. Kaum aber war das Verlöbnis vollzogen, da gedachte Biancabella der freundlichen Worte ihrer Schwester Samaritana, sie verließ ihren Bräutigam, indem sie einige Verrichtungen vorschützte, schloß sich in ihre Kammer ein und eilte durch einen geheimen Ausgang derselben in den Garten, wo sie mit leiser Stimme Samaritana zu rufen begann. Allein diese erschien nicht mehr auf ihren Ruf, wie sonst. Als Biancabella dies sah, war sie sehr verwundert, suchte sie in jedem Winkel des Gartens und wurde sehr betrübt, als sie sie nirgends fand; denn sie erkannte nun, daß dies die Folge davon sei, daß sie ohne Wissen ihrer Schwester und somit gegen ihre Befehle gehandelt habe. Mit traurigem Herzen suchte sie ihr Gemach wieder auf und ging dann zu ihrem Verlobten, der sie schon lange erwartet hatte. Als die Hochzeit vorüber war, führte Ferrandino seine Gemahlin nach Neapel, wo sie von der ganzen Stadt mit großer Pracht und Feierlichkeit unter lautem Trompetenschall empfangen ward. Ferrandino hatte aber eine Stiefmutter mit zwei schmutzigen, garstigen Töchtern, von denen sie ihm die eine oder die andere gerne zur Ehe gegeben hätte, und da ihr nunmehr jede Hoffnung dazu geraubt war, ihren Wunsch zu erreichen, entzündete sich in ihrer Brust ein so wütender Haß und Groll gegen Biancabella, daß sie sie nicht sehen, ja gar nichts von ihr hören wollte; sie tat aber dennoch, als wäre sie ihr sehr lieb und teuer. Da begab sich's, daß der König von Tunis große Rüstungen zu Wasser und zu Lande betrieb, um König Ferrandino mit Krieg zu überziehen, – entweder weil dieser Biancabellas Hand erlangte, oder aus einem anderen Grunde – und er war bereits mit seinem mächtigen Heer über die Grenze des Reiches gedrungen. Daher mußte Ferrandino zur Verteidigung seines Landes die Waffen ergreifen und dem Feinde die Spitze bieten. Er rüstete sich also, empfahl Biancabella, die schwanger war, der Stiefmutter und setzte sich mit seinem Heer in Marsch. Er war erst wenige Tage fort, da beschloß die böse, feindlich gesinnte Stiefmutter, Biancabella töten zu lassen, rief einige Diener, denen sie vertraute, und befahl ihnen, die Königin an einen entlegenen Ort spazierenzuführen, ihn nicht eher zu verlassen, als bis sie sie getötet hätten, und ihr ein Zeichen zu bringen, woran sie die Gewißheit ihres Todes erkennen könne. Die Diener, bereit Böses zu tun, gehorchten der Herrin, taten, als wollten sie die Königin an einen schönen Ort führen, und gingen mit ihr in ein Gehölz. Schon schickten sie sich an, sie zu töten, da flößte ihnen ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit Mitleid ein, so daß sie ihr das Leben nicht rauben wollten. Sie schnitten ihr aber beide Hände ab, rissen ihr die Augen aus dem Kopfe, und überbrachten diese der Stiefmutter als ein sicheres Zeichen, daß sie sie getötet. Dieser Anblick machte dem rohen, ruchlosen Weibe große Freude. Um nun ihr frevelhaftes Vorhaben gänzlich auszuführen, streute sie durch das ganze Land das Gerücht aus, ihre beiden Töchter seien gestorben: die eine an einem auszehrenden Fieber, die andere an einem Geschwür in der Nähe des Herzens, das sie erstickt habe, und ferner, daß Biancabella aus Gram über die Abwesenheit ihres Mannes mit einem toten Kinde niedergekommen sei und ihre Kräfte durch ein dreitägiges Fieber zerstört würden, doch sei mehr Hoffnung auf Leben, als Besorgnis, sie möchte sterben, vorhanden. Unterdessen legte das verruchte, verbrecherische Weib eine ihrer Töchter an Biancabellas Statt in des Königs Bett und gab vor, es sei die am Fieber schwer erkrankte Biancabella. Ferrandino, der inzwischen das Heer des Feindes gänzlich geschlagen und zerstreut hatte, kehrte jetzt im Triumph nach Hause zurück und hoffte seine geliebte Biancabella glücklich und heiter wiederzufinden, statt dessen fand er sie mager, entfärbt und verunstaltet im Bette liegen. Und als er sich über sie beugte, und ihr ins Gesicht sah und bemerkte, wie alle Schönheit gänzlich dahin war, bemächtigte sich seiner die größte Bestürzung, und es wollte ihm durchaus nicht in den Sinn, daß dies Biancabella sei. Da ließ er ihr das Haar kämmen, und statt der Edelsteine und Juwelen, die aus seiner Gattin goldenen Locken zu fallen pflegten, kamen großmächtige Läuse zum Vorschein, von denen sie beständig gebissen wurde, und aus den Händen gingen nicht wie sonst Rosen und andere duftende Blumen hervor, sondern Schmutz und Unflat, daß es die Umstehenden anekelte. Doch die verbrecherische Mutter tröstete ihn, und redete ihm ein, dies käme von der langen Dauer der Krankheit, die solche Wirkungen hervorbringe. Unterdessen war die unglückliche Biancabella mit den verstümmelten Armen und des Lichtes beider Augen beraubt in der traurigen Einsamkeit eine Beute der Verzweiflung, und rief immer von neuem nach ihrer Schwester Samaritana, damit sie ihr helfe, aber alles blieb still, nur der tönende Widerhall antwortete, der von allen Seiten zurückkam. Während die bedauernswerte Frau in diesem Jammer verharrte und sich jeder menschlichen Hilfe beraubt sah, siehe da kam ein Greis in den Wald, ein gütiger, mitleidiger Mann, und hörte die klagende, traurige Stimme. Er richtete seine Schritte dorthin, woher die Töne kamen und entdeckte die ihrer Hände und Augen Beraubte, die ihr hartes Los bejammerte. Der gute Alte konnte es nicht übers Herz bringen, sie hier zwischen Baumstümpfen, Dornen und Disteln umherirren zu lassen und führte sie, von einem väterlichen Mitleiden bewegt, mit sich nach Hause, wo er sie seiner Frau empfahl und ihr dringend ans Herz legte, für sie zu sorgen. Dann wandte er sich zu seinen drei Töchtern, die drei hellstrahlenden Sternen glichen, und gebot ihnen eindringlich, ihr Gesellschaft zu leisten, stets liebreich gegen sie zu sein und es ihr an nichts mangeln zu lassen. Die Frau, in deren Herzen kein Mitleid, eher das Gegenteil zu finden war, geriet über diese Zumutung in einen gewaltigen Zorn und rief: »Aber Mann! Was sollen wir denn mit diesem blinden und verstümmelten Weibe machen, das gewiß nicht seiner Tugenden wegen, sondern zur Vergeltung für seine Taten in diesem Zustande ist?« Aber der Greis erwiderte ihr unwillig: »Tu, was ich dir sage, handelst du gegen meinen Willen, so hüte dich, wenn ich wieder nach Hause komme.« Die schmerzensreiche Biancabella blieb also bei der Frau und ihren Töchtern, redete mit ihnen von allerlei Dingen, und dachte bei sich über ihr Elend nach. Da fiel ihr ein, eines der Mädchen zu bitten, sie möchte ihr doch das Haar ein wenig kämmen. Als die Mutter das hörte, verdroß es sie sehr; denn sie wollte es auf keinen Fall zugeben, daß ihre Tochter ihr Magddienste leiste. Allein die Tochter hatte mehr Herz als die Mutter und gedachte dessen, was ihr der Vater befohlen; auch schien ihr aus Biancabellas Wesen etwas Hoheitsverkündendes hervorzuleuchten. Sie band also ihre frischgewaschene Schürze ab, breitete sie auf dem Boden aus und kämmte ihr liebreich das Haar. Und kaum hatte sie angefangen es zu kämmen, da quollen Perlen, Rubine und Diamanten und andere Edelsteine aus den blonden Flechten hervor. Bei diesem Anblick war die Mutter, die sich nun ihres zuvor bewiesenen Verhaltens schämte, aufs höchste erstaunt, und ihr großer Haß gegen sie verwandelte sich nun in wirkliche Liebe. Als der Alte nach Hause kam, liefen ihm alle entgegen und umarmten ihn und freuten sich mit ihm aufs höchste über das Glück, das ihrer großen Armut zu Hilfe gekommen war. Biancabella erbat sich einen Eimer voll frischen Wassers und ließ sich das Gesicht und die Armstümpfe waschen, und siehe, es gingen vor aller Augen Rosen, Veilchen und andere Blumen im Überfluß daraus hervor. Darum hielten sie sie alle nicht für ein menschliches, sondern für ein göttliches Wesen. Nach einiger Zeit entschloß sich Biancabella, nach dem Orte zurückzukehren, wo der Greis sie gefunden hatte. Allein dieser sowohl als seine Frau und die Töchter, die nicht gern den Nutzen, den sie ihnen brachte, verlieren wollten, umschmeichelten sie und baten sie aufs dringendste, ihr Haus nicht zu verlassen und machten allerlei Gründe geltend, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Allein sie beharrte auf ihrem Willen und wollte durchaus dorthin gehen, versprach jedoch wiederzukommen. Darauf führte sie der Alte unverzüglich an den Ort, wo er sie gefunden, zurück. Hier befahl sie ihm, sie zu verlassen und am Abend wiederzukehren, dann werde sie mit ihm heimgehen. Sobald er fort war, fing die unglückliche Biancabella an, den Wald zu durchirren und Samaritana zu rufen, und ihr Schreien und Klagen tönte bis zum Himmel empor. Aber Samaritana, war sie ihr gleich nahe und hatte sie niemals verlassen, wollte ihr doch nicht antworten. Als die Unglückliche endlich einsah, daß sie ihre Bitten in den Wind rufe, klagte sie: »Was soll ich länger auf der Welt machen, nachdem ich der Augen und Hände beraubt worden und niemand mir helfen will?« Und in der Heftigkeit ihres Schmerzes, die sie an jeder Hoffnung verzweifeln ließ, beschloß sie, sich zu töten. Da sie nun keine andere Art wußte, nahm sie ihren Weg zum Wasser, das nicht weit entfernt war, um sich zu ertränken. Aber kaum war sie an das Ufer gelangt und im Begriff sich hineinzustürzen, als sie eine donnernde Stimme vernahm, die ihr zurief: »Halt inne, sei nicht deine eigene Mörderin und spare dein Leben für eine bessere Zukunft!« Von dieser Stimme erschreckt, fühlte Biancabella ihr Haar sich vor Entsetzen in die Höhe sträuben. Doch da ihr die Stimme bekannt schien, faßte sie Mut und fragte: »Wer bist du, der du durch diese Gegend irrst und dich mir durch freundliche, mitleidige Worte kundgibst?« »Ich bin deine Schwester Samaritana«, erwiderte die Stimme, »die du so oft und so flehentlich anriefst.« »O meine Schwester«, rief Biancabella, und heftiges Schluchzen unterbrach ihre Worte, »hilf mir, ich bitte dich, und wenn ich gegen deinen Rat gehandelt habe, so verzeih mir! Ich habe gefehlt, ich gestehe es, aber nur aus Unwissenheit, nicht aus bösem Willen. Sonst hätte es auch die göttliche Vorsehung nicht so lange ertragen.« Diese Klagen und der Anblick ihrer so schmählich behandelten Schwester rührten Samaritana, sie sprach ihr Trost zu, pflückte einige Kräuter von wunderbarer Kraft und legte ihr diese auf die Augen, dann fügte sie zwei Hände an ihre Arme und machte sie auf diese Weise gesund und sehend. Hierauf warf Samaritana die dunkle Schlangenhaut ab und ward zu einer wunderschönen Jungfrau. Schon verbarg die Sonne ihre glänzenden Strahlen und die Schatten der Nacht stiegen auf, als der Greis eiligen Schritts in den Wald kam und Biancabella fand, die neben einer anderen Nymphe saß. Wie er ihr aber in das klare Antlitz sah, erstaunte er und glaubte fast, sie könnte es nicht sein. Nachdem er sie aber erkannt hatte, sagte er zu ihr: »Wie, meine Tochter, diesen Morgen wäret Ihr ja noch blind und verstümmelt; wie seid Ihr denn so schnell geheilt worden?« »Nicht durch meine eigene Kraft«, erwiderte Biancabella, »sondern durch die Kraft und Güte meiner Schwester, die hier neben mir sitzt.« Damit standen sie beide auf und gingen voller Fröhlichkeit mit dem Alten nach seinem Hause, wo sie von der Frau und den Töchtern freundlich empfangen wurden. Eine lange Reihe von Tagen war vergangen, als Samaritana, Biancabella und der Alte mit seiner Frau und seinen drei Töchtern sich in die Stadt Neapel begaben, um dort zu wohnen. Als sie dort einen leeren Platz sahen, der dem Palaste des Königs gegenüberlag, setzten sie sich daselbst nieder, und als es Nacht und dunkel geworden war, nahm Samaritana eine Lorbeerrute in die Hand, schlug damit dreimal auf die Erde, indem sie gewisse Worte aussprach, und kaum war dies geschehen, so stieg ein wunderschöner, prächtiger Palast empor, wie man ihn herrlicher nie gesehen. Als König Ferrandino am andern Morgen zu früher Stunde ans Fenster trat und das reiche wunderbare Schloß gewahrte, erfaßte ihn das größte Erstaunen und er rief Frau und Stiefmutter, damit sie es auch sähen. Diesen aber mißfiel es höchlich; denn sie befürchteten, es könnte ihnen etwas übles bedeuten. Ferrandino, der sich indes an dem Palaste gar nicht satt sehen konnte, hob, nachdem er ihn in allen Einzelheiten betrachtet hatte, die Augen empor und erblickte am Fenster eines seiner Gemächer zwei Frauen, die durch ihre Schönheit die Sonne zu überstrahlen schienen. Und sowie er sie gesehen hatte, erzitterte sein Herz unter einer mächtigen Bewegung; denn die eine von ihnen schien ihm Biancabellas Züge zu tragen. Er fragte sie sogleich, wer sie seien und woher sie kämen und erhielt zur Antwort, sie seien zwei ausgewanderte Frauen aus Persien, die mit ihrer Habe hierhergezogen, um in dieser berühmten Stadt zu wohnen. Er fragte darauf, ob es ihnen angenehm wäre, wenn er und seine Damen sie besuchten, worauf sie erwiderten, dies würde ihnen sehr lieb sein, doch schicke es sich besser und gezieme sich, daß sie als Untertanen ihnen ihre Aufwartung machten, als daß ihr Herr und die Königinnen zu ihnen kämen. Ferrandino jedoch ließ sogleich die Königin nebst den anderen Frauen rufen, und sie mußten mit ihm zum Palast der beiden Fremden hinübergehen, wiewohl sie, Böses ahnend, sich anfangs weigerten. Die Schwestern empfingen ihre Gäste in aller Liebenswürdigkeit und Ehrerbietung und zeigten ihnen die weiten Hallen, geräumigen Säle und prunkvollen Gemächer, deren Wände von Alabaster und feinem Porphyr waren, mit Figuren darauf, die zu leben schienen. Nachdem sie den prachtvollen Palast besichtigt hatten, näherte sich die schöne junge Frau dem Könige, und bat ihn inständig, ihr die Ehre zu erweisen, eines Tages mit seiner Frau bei ihnen zu speisen. Der König hatte kein Herz von Stein und war von Natur großmütig und huldreich und nahm die Einladung freundlich an. Er dankte für den ehrenvollen Empfang, den ihm die Frauen hatten angedeihen lassen, nahm mit der Königin Abschied und kehrte in seinen Palast zurück. Als der festgesetzte Tag gekommen war, zogen der König, die Königin und die Stiefmutter ihre königlichen Gewänder an und machten sich mit einem Gefolge von mehreren Frauen auf, um das glänzende Mittagsmahl zu beehren, das bereits mit großem Aufwände zugerüstet war. Nachdem das Wasser für die Hände herumgereicht worden war, setzte der Seneschall den König und die Königin an eine etwas höhere aber in der Nähe der anderen stehende Tafel und wies sodann allen übrigen nach ihrem Range ihren Sitz an, worauf alle mit großem Behagen und Vergnügen speisten. Als das prunkvolle Mahl vorüber und die Tafel aufgehoben war, erhob sich Samaritana und sagte zum König und der Königin gewandt: »Herr, damit wir nicht müßig sind, möge einer etwas zur Unterhaltung und Erheiterung vorschlagen.« Alle erklärten sich damit einverstanden, aber dennoch war keiner, der einen Vorschlag zu machen wagte. Als Samaritana alle schweigen sah, fuhr sie fort: »Da sich niemand anschickt, etwas zu sagen, will ich mit Erlaubnis Eurer Majestät eine unserer Zofen kommen lassen, damit sie uns einen kleinen Zeitvertreib verschaffe.« Sie ließ also ein Fräulein namens Silveria rufen und befahl ihr, die Zither zur Hand zu nehmen und etwas zu Lob und Preis des Königs zu singen. Sie gehorchte ihrer Gebieterin, nahm die Zither, setzte sich dem König gegenüber und sang mit süßer, anmutiger Stimme, indem sie die tönenden Saiten dazu schlug, die ganze Geschichte Biancabellas, ohne jedoch dabei ihren Namen zu nennen. Als sie zu Ende gekommen, stand Biancabella auf und fragte den König, welch angemessene Strafe wohl derjenige verdiene, der sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht. Die Stiefmutter, welche glaubte, sie könne mit einer schnellen, unbefangenen Antwort ihre Schändlichkeit verbergen, wartete des Königs Antwort nicht ab, sondern rief ganz dreist: »Ein glühender Ofen wäre noch eine zu geringe Strafe für ein solches Verbrechen!« Da rief Samaritana mit brennenden Wangen: »Du selber bist jenes grausame, nichtswürdige Weib, das solchen Frevel begangen! Und du, verworfene Verbrecherin, verdammst dich jetzt mit deinem eigenen Munde.« Darauf wandte sich Samaritana zum König und sprach heiteren Antlitzes zu ihm: »Hier ist Eure Biancabella. Dies ist Eure Gattin, die Ihr so sehr liebtet. Sie ist es, ohne die Ihr nicht leben konntet!« Und zum Zeichen der Wahrheit ihrer Worte ließ sie von den drei Töchtern des Greises vor den Augen des Königs ihr das blonde lockige Haar kämmen, und siehe, da gingen, wie oben geschildert, kostbare, prächtige Steine daraus hervor, und aus ihren Händen sproßten taufrische Rosen und duftende Blumen. Und zum ferneren Beweis entblößte sie vor dem König den weißen Hals Biancabellas, den ein Kettchen vom feinsten Golde umschlang, das zwischen Haut und Fleisch hervorleuchtete, als ob es durch hellen Kristall schiene. Als der König an diesen glaubhaften Zeichen erkannt hatte, daß es wirklich seine Biancabella sei, vergoß er Tränen der Freude und umarmte sie aufs zärtlichste. Und er verließ den Palast nicht eher, als bis er einen Ofen hatte anzünden und die Stiefmutter samt ihren beiden Töchtern hineinwerfen lassen, welche mit zu später Reue über ihr Verbrechen elend ums Leben kamen. Darauf wurden die drei Töchter des Greises anständig verheiratet, und König Ferrandino lebte mit seiner Biancabella und mit Samaritana lange Zeit und hinterließ rechtmäßige Erben des Reiches. 5 Isotta, die Frau Lucaferros di Albani von Bergamo, die durch List Travaglino, den Kuhhirten ihres Bruders Emilliano, glaubt zum Lügner werden zu lassen, verliert das Besitztum ihres Gatten und kehrt mit dem Kopf eines Stiers mit vergoldeten Hörnern heim, den sie auf schimpfliche Weise erworben hat. In Bergamo, einer alten Stadt der Lombardei, lebte vor noch nicht langer Zeit ein reicher und angesehener Mann namens Pietromaria di Albani. Dieser hatte zwei Söhne, von denen der eine Emilliano, der andere Lucaferro hieß. Dazu besaß er zwei Landgüter, die Ghorèm und Pedrènch hießen. Als nun Pietromaria gestorben war, teilten sich seine beiden Söhne in die Güter und Emilliano fiel Pedrènch, Lucaferro Ghorèm zu. Emilliano besaß eine sehr schöne Herde Schafe und eine große Anzahl munterer, junger Rinder und milchreicher Kühe, welche ein gewisser Travaglino, ein überaus treuer, gewissenhafter Mensch hütete, der keine Lüge gesagt hätte, auch nicht um den Preis seines Lebens, und seine Herden so treu behütete, daß er nicht seinesgleichen darin hatte. Travaglino hatte in der Kuhherde viele Stiere und darunter einen, der sehr schön anzusehen und Emilliano so lieb war, daß er ihm die Hörner mit feinstem Golde hatte überziehen lassen; und jedesmal, wenn Travaglino in die Stadt kam, fragte ihn Emilliano nach seinem Stier mit den goldenen Hörnern. Als sich Emilliano nun einmal mit seinem Bruder Lucaferro und einigen seiner Freunde im Gespräch befand, erschien Travaglino und machte ihm ein Zeichen, daß er mit ihm sprechen wolle. Dieser stand sogleich auf, verließ den Bruder und die Freunde und ging, um mit Travaglino zu sprechen und unterhielt sich lange mit ihm. Weil Emilliano aber schon mehrmals seine Freunde und Verwandten hatte sitzenlassen, um sich mit einem Viehhirten zu unterhalten, wurde dies Lucaferro nachgerade zu bunt und er wollte es unter keinen Umständen weiter dulden. Er sagte daher eines Tages ganz glühend vor Zorn zu Emilliano: »Ich muß mich sehr über dich wundern, Emilliano, daß du dir mehr aus einem Schurken von Viehhirten machst, als aus deinem Bruder und all deinen guten Freunden. Denn nicht einmal, sondern ich möchte fast sagen tausendmal hast du uns mitten auf der Straße oder beim Spiel wie Vieh, das zur Schlachtbank geht, allein gelassen und bist zu dem einfältigen, tölpelhaften Travaglino, deinem Knecht, hingelaufen, um mit ihm zu reden. Man sollte wahrhaftig glauben, du hättest die wichtigsten Geschäfte von der Welt mit ihm abzumachen, und sie sind doch nicht einmal einen Pfifferling wert.« »Bruder«, versetzte Emilliano, »du brauchst nicht so heftig auf mich erzürnt zu sein und so beleidigende Reden gegen Travaglino zu führen, denn er ist ein rechtschaffener, junger Mann und mir sehr teuer, einmal wegen seiner Tüchtigkeit, und dann wegen der Redlichkeit, die er mir gegenüber übt und drittens wegen einer besonderen einzigartigen Tugend, die ihn auszeichnet, nämlich daß er nicht um alles in der Welt eine Lüge aussprechen würde. Außerdem hat er noch viele andere Eigenschaften, um derentwillen er mir lieb ist, und darum wundere dich nicht, wenn ich ihn schätze und wert halte.« Diese Antwort brachte Lucaferro noch mehr auf, die Brüder gerieten in einen heftigen Wortwechsel, und es fehlte nicht viel, so hätten sie zu den Waffen gegriffen. Da nun Emilliano seinen Travaglino so sehr gerühmt hatte, sagte Lucaferro zu ihm: »Du streichst deinen Kuhhirten so gewaltig heraus wegen seiner Tüchtigkeit, seiner Redlichkeit und seiner Wahrheitsliebe; ich sage dir aber, er ist der unbrauchbarste, treuloseste und lügenhafteste Schurke, den es je gegeben hat, und ich erbiete mich, es dir zu beweisen und dich hören zu lassen, daß er dir ins Gesicht lügt.« Nachdem sie sich noch lange gestritten, setzten sie ihre Güter zum Pfande und kamen dahin überein, daß, wenn Travaglino eine Lüge sagen würde, das Gut Emillianos Lucaferro gehören solle, würde er dagegen nicht bei einer Lüge erwischt werden, sollte Emilliano Lucaferros Gut bekommen. Und dieses Übereinkommen machten sie durch einen notariellen Vertrag rechtsgültig und bindend mit aller dazu erforderlichen Förmlichkeit. Als sie einander verlassen hatten und der erste Zorn sich gelegt, fing Lucaferro an, zu bereuen, daß er sein Gut zum Pfand gesetzt und die Sache notariell hatte festmachen lassen, ja, er bedauerte den Streich lebhaft und befürchtete, des Gutes verlustig zu gehen, aus dem er den Unterhalt für sich und seine Familie zog. Als er nun zu Hause war und seine Frau, die Isotta hieß, ihn so niedergeschlagen sah und den Grund nicht wußte, fragte sie ihn: »Was habt Ihr, mein lieber Gatte, daß ich Euch so traurig und verstimmt sehe?« »Ich bitte dich, Isotta, schweig«, erwiderte Lucaferro, »und mach mich nicht noch verdrießlicher als ich schon bin!« Allein Isotta, begierig zu erfahren, was dahinterstecke, wußte es doch zu erreichen, daß sie erfuhr, worum es sich handelte. »Wie!« rief sie, sich mit heiterer Miene zu ihm wendend, »dies ist der Grund deines tiefen Kummers? Deswegen bist du so betrübt? Sei nur ganz ruhig, ich nehme es auf mich, Travaglino nicht zu einer, sondern zu tausend Lügen gegen seinen Herrn zu bringen!« – Ein Versprechen, das Lucaferro zu großer Befriedigung gereichte. Da nun Isotta wohl wußte, daß der Stier mit den goldenen Hörnern ihrem Schwager Emilliano überaus lieb war, gedachte sie ihn als Mittel zu ihrem Zweck zu gebrauchen. Sie kleidete sich auf sehr dirnenhafte Art, schminkte sich das Gesicht, verließ ganz allein Bergamo und ging nach Pedrènch, wo Emillianos Landgut lag und trat, dort angekommen, in das Haus ein, wo sie Travaglino bei der Bereitung von Käse und Topfen fand. Sie grüßte ihn und sagte zu ihm: »Lieber Travaglino, ich bin hierhergekommen, um dich zu besuchen und mit dir Milch zu trinken und Topfenkäschen zu essen.« »Seid willkommen, liebe Herrin«, antwortete Travaglino, bat sie dann, sich zu setzen, deckte den Tisch, und brachte Schafkäse und andere Dinge herbei, um sie zu ehren. Er wunderte sich aber gar sehr, daß die schöne Frau auf so ungewöhnliche Weise und ganz allein komme, ihn zu besuchen, und es wollte ihm gar nicht in den Sinn, daß dies wirklich Isotta, die Schwägerin seines Herrn sei. Da er sie jedoch schon mehrmals gesehen hatte, behandelte er sie mit all der Achtung und Ehrerbietung, die einer Frau ihres Standes zukamen. Als Isotta von Tisch aufgestanden war und Travaglino mit der Herstellung von Käse und Topfen bemüht sah, sagte sie zu ihm: »Lieber Travaglino, ich will dir ein wenig bei deiner Arbeit helfen.« »Wie es Euch beliebt, Herrin«, antwortete er. Und ohne weiter ein Wort zu verlieren, streifte sie ihre Ärmel bis zum Ellbogen auf und entblößte die weißen, weichen, gerundeten Arme, die aussahen wie weißer Schnee und half ihm auf das eifrigste beim Käsemachen. Und häufig ließ sie ihn dabei die leicht gewölbte Brust mit den beiden Brüsten sehen, die kleinen Äpfeln glichen. Überdies kam sie listigerweise mit ihrem geschminkten Gesicht Travaglino so nahe, daß sie das seine beinahe berührte. Travaglino war zwar nur ein Kuhhirt, aber doch eher schlau als einfältig. Als er nun das Gebaren der Frau sah, das ihre unkeusche Liebe zu erkennen gab, hielt er sie mit Worten und Blicken hin, indem er immer so tat, als verstünde er sich nicht auf Liebesangelegenheiten. Aber die Frau, welche glaubte, daß er in sie verliebt sei, verliebte sich ihrerseits so heftig in ihn, daß sie sich nicht mehr zu zügeln vermochte. Und obwohl Travaglino die unkeusche Liebe der Frau nicht entging, wagte er doch nichts zu ihr zu sagen, da er beständig fürchtete, sie zu erzürnen und zu beleidigen. Doch die lichterloh brennende Frau merkte die Zaghaftigkeit Travaglinos und fragte ihn: »Warum bist du so nachdenklich, Travaglino, und wagst nicht mit mir zu sprechen? Solltest du vielleicht Sehnsucht nach irgendeiner Gunst von mir haben? Verbirg deinen Wunsch ja nicht, denn du würdest dich dadurch nur selbst kränken, und nicht mich, die ich mich deinen Wünschen zur Verfügung stelle.« Als Travaglino dies hörte, war er sehr erfreut und gab zu erkennen, daß er ihr zugetan sei. Wie ihn die törichte Frau nun heftig verliebt sah, schien es ihr an der Zeit, mit ihrem Anliegen herauszurücken und sie sagte daher zu ihm: »Lieber Travaglino, ich möchte dich um einen großen Gefallen bitten; würdest du mir meine Bitte abschlagen, so hätte ich gewiß ein Recht zu sagen, daß du dir wenig aus meiner Liebe machst, ja, du würdest dadurch vielleicht schuld an meinem Verderben, ja an meinem Tode sein.« »Herrin«, erwiderte Travaglino, »ich bin bereit, Euch zuliebe nicht nur Hab und Gut, sondern auch das Leben hinzugeben, und solltet Ihr mir selbst das Schwerste befehlen, so wird doch meine Ergebenheit gegen Euch und die Gewogenheit, die Ihr mir bezeigt, es mir zum allerleichtesten machen.« Da wurde Isotta noch zuversichtlicher und sagte zu Travaglino: »Jetzt werde ich erkennen, ob du mich liebst, wie ich glaube und du mir zu zeigen scheinst.« »Befehlt nur, Herrin«, antwortete Travaglino, »und Ihr werdet Euch vollkommen davon überzeugen!« Da sagte Isotta: »Weiter will ich nichts von dir als den Kopf des Stieres mit den goldenen Hörnern, dann magst du über mich verfügen, wie es dir gefällt.« Als Travaglino dies hörte, stand er wie versteinert, doch von der Fleischeslust und den Schmeicheleien des schamlosen Weibes überwunden, antwortete er: »Nichts weiter verlangt ihr von mir, Herrin? Nicht allein den Kopf des Stieres, sondern auch den Rumpf und mich selbst lege ich in Eure Hände.« Und nach diesen Worten faßte er sich ein Herz und umschlang das Weib und genoß mit ihm die letzten Freuden der Liebe. Dann schnitt er dem Stier den Kopf ab, steckte ihn in einen kleinen Sack und überreichte ihn Isotta, die, befriedigt über die Stillung ihres Liebesdranges, wie die Erfüllung ihres Wunsches mit mehr Hörnern als Landgütern heimkehrte. Als sie fort war, wurde Travaglino sehr nachdenklich und es ging ihm gewaltig im Kopf herum, wie er den Verlust des Stieres mit den Goldhörnern entschuldigen sollte, von dem Emilliano, sein Herr, so entzückt war. In seiner großen Herzensangst verfiel der arme Travaglino, der nicht aus noch ein wußte, auf den Gedanken, einen Zweig eines gestutzten Baumes zu nehmen, ihn mit einigen seiner ärmlichen Kleidungsstücke zu behängen und sich einzubilden, dies sei sein Herr, und zu versuchen, wie er sich benehmen müsse, wenn er vor Emilliano stünde. Er putzte also den Ast heraus, hing ihm seine Kleider über, setzte ihm die Mütze auf und stellte ihn in einem Zimmer zurecht; dann ging er zur Tür hinaus, kam darauf wieder herein, grüßte den Ast und sagte: »Guten Tag, Herr!« Und sich selbst antwortend, sagte er darauf: »Willkommen, Travaglino, wie geht's, was gibt's draußen, du hast dich ja so lange nicht blicken lassen?« »Mir geht's gut«, antwortete er, »ich hatte soviel zu tun, daß ich nicht zu Euch kommen konnte.« »Und was macht der Stier mit den goldenen Hörnern?« »O Herr, der Stier ist im Walde von den Wölfen gefressen worden.« »Und wo ist das Fell und der Kopf mit den vergoldeten Hörnern?« Aber hier blieb Travaglino mit der Antwort stecken, wußte nichts weiter zu sagen und ging betrübt wieder hinaus. Dann trat er wieder ins Zimmer und begann von neuem: »Gott mit Euch, Herr.« »Willkommen Travaglino, was machen unsere Geschäfte und wie geht es dem Stier mit den goldenen Hörnern?« »Mir geht's gut, Herr, aber der Stier lief mir einmal aus der Hürde weg, schlug sich mit den anderen Stieren herum und wurde von ihnen so jämmerlich zugerichtet, daß er einging.« »Aber wo ist der Kopf und die Haut?« Da wußte er wieder nicht, was er antworten sollte. Und so machte Travaglino es noch mehrmals, konnte aber immer keine rechte Entschuldigung finden. Unterdessen war Isotta nach Hause gekommen und sagte zu ihrem Mann: »Wie wird sich Travaglino helfen können? Will er sich bei seinem Herrn entschuldigen, daß der Stier mit den Goldhörnern tot ist, den er so lieb hatte, so muß er ihm irgendeinen Bären aufbinden. Seht, hier ist der Kopf, ich habe ihn mitgebracht, damit er zum Zeugnis gegen ihn diene, wenn er eine Lüge sprechen sollte.« Sie erzählte ihm jedoch nicht, daß sie ihm zwei Hörner aufgesetzt hatte, größer als das Geweih eines starken Hirsches. Lucaferro freute sich wie ein Schneekönig, als er den Kopf des Stieres erblickte und glaubte nun, seine Wette gewonnen zu haben, aber das Gegenteil erfolgte, wie Ihr weiter unten hören werdet. Travaglino hatte sich inzwischen mit seinem Holzmann unterhalten, hatte geredet und geantwortet, nicht anders als wäre es der Herr selbst, mit dem er spräche, und es wollte ihm trotz aller seiner Bemühungen nicht gelingen, wie er es wünschte. Da beschloß er, ohne sich weiter den Kopf zu zerbrechen, zu seinem Herrn zu gehen, mochte kommen, was da wollte. Er ging also nach Bergamo, suchte seinen Herrn auf und grüßte ihn ganz vergnügt. Emilliano erwiderte seinen Gruß und fragte: »Was hast du denn angefangen, Travaglino? Du bist ja mehrere Tage nicht hiergewesen, noch hast du eine Silbe von dir hören lassen.« Da antwortete Travaglino: »Die viele Arbeit hat mich zurückgehalten, Herr.« »Und was macht der Stier mit den vergoldeten Hörnern?« fragte Emilliano. Da geriet Travaglino in die größte Verlegenheit, wurde feuerrot und wollte erst eine Entschuldigung vorbringen und die Wahrheit verhehlen. Doch da er seiner Ehre Abbruch zu tun fürchtete, faßte er sich ein Herz, fing die Geschichte von Isotta an und erzählte ihm Punkt für Punkt alles, was er mit ihr gemacht und wie es mit dem Tode des Stieres zugegangen, worüber Emilliano nicht wenig erstaunte. Weil nun Travaglino bei der Wahrheit geblieben war, behielt er den Ruhm eines aufrichtigen Menschen und hatte sich großer Schätzung zu erfreuen. Emilliano hatte seine Wette und damit das Gut gewonnen, Lucaferro dagegen ein paar Hörner; die verworfene Isotta aber, die andere zu betrügen gedachte, wurde selbst betrogen und trug Schande davon. 6 Ricardo, König von Theben, hat vier Töchter. Eine von ihnen zieht in die Welt hinaus und läßt sich statt Costanza Costanzo nennen. Sie gelangt schließlich an den Hof Caccos, Königs von Bettinien, der sie wegen ihrer vielen hervorragenden Leistungen zum Weibe nimmt. Theben, die vornehmste Stadt Ägyptens, die mit herrlichen öffentlichen und Privatgebäuden geziert, von goldenen Saatfeldern umgeben, überreich an eisfrischen Quellen, alle Annehmlichkeiten einer berühmten Stadt in Fülle darbot, beherrschte in alten Zeiten ein König namens Ricardo, ein gelehrter Mann von tiefem Wissen und hoher Tugend. Er wünschte sehnlich Erben zu bekommen und nahm Valeriana, die Tochter Marlianos, Königs von Schottland, zur Ehe, eine in der Tat vollkommene Frau, schön von Gestalt und sehr anmutig, die ihn mit drei Töchtern beschenkte. Sie hießen Valentia, Dorothea und Spinella und waren sehr sittsam und dazu anmutig und schön wie frisch aufgeblühte Rosen. Als Ricardo sah, daß seine Frau soweit war, daß sie keine Kinder mehr zu erwarten hatte, und die drei Töchter das mannbare Alter erreicht hatten, beschloß er, um die Mädchen ehrenvoll zu verheiraten, sein Reich in drei Teile zu teilen und jeder von ihnen einen davon anzuweisen, und nur soviel zurückzubehalten, als zum Unterhalt seiner selbst, seiner Hausgenossen und seines Hofes hinreichend sei. Und diesen Vorsatz setzte er in die Tat um. Die Töchter wurden an drei sehr mächtige Fürsten verheiratet, die eine an den König von Scardona, die zweite an den König der Goten, die dritte an den König von Skythien und einer jeden der dritte Teil des väterlichen Reiches als Mitgift angewiesen; auf dem recht kleinen Bruchteil aber, den er sich für seine notwendigsten Bedürfnisse zurückbehalten hatte, lebte der gute König mit seiner geliebten Gemahlin Valeriana anständig und in Frieden. Es geschah jedoch nach einigen Jahren, daß die Königin, von welcher der König keine Nachkommenschaft mehr erwartete, wieder schwanger wurde, und, als es zur Geburt kam, ein wunderschönes Mädchen zur Welt brachte, das dem König ebenso lieb und wert war, wie seine drei ersten Töchter. Der Königin aber kam die Geburt dieses Kindes sehr unerwünscht, nicht als hätte sie Haß gegen dasselbe gehegt, sondern weil das ganze Reich ihres Gemahls nun in drei Teile geteilt war und sie keine Aussicht hatte, die Tochter einst nach ihrem Range zu versorgen, und doch wollte sie gerne auch gegen sie mütterlich handeln. Sie übergab sie einer wackeren Amme mit dem gemessenen Befehl, die größte Sorgfalt für sie zu tragen, sie wohl zu unterrichten und zu edlen Sitten zu erziehen, wie sie einem schönen und anmutigen jungen Mädchen ziemen. Diese jüngste Tochter hieß Costanza. Sie nahm von Tag zu Tag an Schönheit und Sittsamkeit zu, und alles, worin die weise Lehrerin sie unterwies, begriff sie mit größter Leichtigkeit. Als Costanza zwölf Jahre alt war, konnte sie schon sticken, singen, saitenspielen, tanzen und alles, was eine Dame sonst noch anständigerweise verstehen muß. Aber damit noch nicht zufrieden, gab sie sich ganz dem Erlernen der Wissenschaften hin, die sie mit solcher Hingabe und Liebe trieb, daß sie sogar die Nacht darauf verwandte und stets bemüht war, besonders ausgezeichnete Sachen aufzufinden. Und zu alledem übte sie, nicht wie ein Weib, sondern gleich einem kühnen, kräftigen Manne, die Künste des Krieges, wußte Rosse zu bändigen, zu fechten, zu ringen, und meistenteils blieb sie Siegerin und trug den Preis davon, als wäre sie jener tapferen Ritter einer, die des höchsten Ruhmes würdig sind. Wegen aller dieser Eigenschaften nun wurde Costanza vom König und der Königin und von allen so geliebt, daß die Zuneigung keine Grenzen kannte. Als Costanza nun völlig herangewachsen war, grämte sich ihr Vater sehr darüber, daß er weder Länder noch Schätze mehr hatte, um sie an einen mächtigen König standesgemäß zu verheiraten, und oft beriet er sich mit der Königin über diese Angelegenheit. Da die kluge Königin aber die vielen und großen Tugenden in Erwägung zog, durch welche ihre Tochter so hoch über allen anderen Frauen stand, war sie ganz getrost und redete auch dem Könige mit sanften, liebreichen Worten zu, er solle nur ruhig sein und sich keine Sorgen machen; denn es werde gewiß irgendein mächtiger Herr, durch ihre Vorzüge zur Liebe gereizt, sie ohne Mitgift zur Frau zu nehmen. Es währte auch nicht lange, da warben viele edle Herren um ihre Hand, darunter Brunello, der Sohn des großen Markgrafen von Vivien. Der König und die Königin riefen hierauf ihre Tochter zu sich und setzten sich mit ihr in ein abgesondertes Gemach. »Meine geliebte Tochter Costanza«, redete sie der König an, »es ist nun an der Zeit, dich zu verheiraten, und wir haben dir einen jungen Mann zum Gatten bestimmt, der nach deinem Geschmack sein wird. Es ist der Sohn des großen Markgrafen von Vivien, unseres nahen Freundes. Er heißt Brunello und ist ein schöner, kluger und kühner Jüngling, dessen hervorragende Taten schon in der ganzen Welt bekannt sind. Er begehrt nichts weiter von uns, als unsere Gewogenheit und deine anmutige Person, welche er höher achtet als alle Länder und Schätze. Du weißt, meine Tochter, daß unsere Armut es uns nicht vergönnt, dir einen Gemahl höheren Standes zu geben. Darum wirst du dich auch in deinen Wünschen bescheiden und in unseren Willen fügen.« Die Tochter, welche klug und des hohen Geschlechts, dem sie entsprossen, eingedenk war, hatte ihren Vater mit Aufmerksamkeit angehört und antwortete ihm nun, ohne sich lange zu besinnen, folgendermaßen: »Geheiligter König, es bedarf nicht vieler Worte, Euren würdigen Vorschlag zu beantworten; ich will nur das sagen, was zur Sache gehört. Laßt mich Euch zuerst meinen wärmsten Dank bezeigen für die Liebe und das Wohlwollen, womit Ihr Euch unaufgefordert bemühtet, mir einen Mann zu verschaffen. Erlaubt mir dann aber auch mit aller Ehrerbietung und Ergebenheit zu sagen, daß ich nicht willens bin, irgendwie von der Reihe meiner hohen Vorfahren abzuweichen, die zu allen Zeiten geehrt und berühmt gewesen sind, noch Eure königliche Würde zu erniedrigen, indem ich mir einen Gemahl geringeren Standes wähle. Ihr, mein teuerster Vater, habt vier Töchter, von denen ihr drei standesgemäß an mächtige Könige vermählt und ihnen Länder und Schätze in Menge zugeteilt habt, und mich, die Euch und Euren Befehlen stets gehorsam war, wollt Ihr in niedriger Ehe verbinden? So erkläre ich denn hier, daß ich nie einen Gemahl nehmen werde, wenn ich nicht, wie meine drei Schwestern, einen König bekommen kann, wie es meiner Person angemessen ist.« Sie nahm hierauf Abschied vom König und der Königin, welche bei der Trennung bittere Tränen vergossen, bestieg ein starkes Roß und verließ ganz allein Theben und überließ es dem Schicksal, wohin es sie führen wollte. Während dieser Fahrt ins Ungewisse änderte Costanza ihren Namen und ließ sich fortan Costanzo nennen, zog weit fort über Berge, Seen und stehende Gewässer, sah viele Länder, hörte verschiedene Sprachen, beobachtete die Sitten und lernte auch solche Völker kennen, die den Tieren ähnlicher als den Menschen lebten. So kam sie schließlich eines Tages um Sonnenuntergang in die herrliche, berühmte Stadt Costanza, deren Beherrscher damals Cacco, König von Bettinien war, und sie war die Hauptstadt der Provinz. Sie ritt hinein, betrachtete die schönen Paläste, die weiten, geraden Straßen, die breiten, schnellfließenden Wasseradern, die klaren, spiegelhellen Brunnen, und als sie sich dem Hauptplatz näherte, sah sie das hohe, geräumige Schloß des Königs, dessen Säulen vom feinsten Marmor, Porphyr und Serpentin waren. Sie hob die Augen in die Höhe und sah den König auf einem Balkon, der den ganzen Platz beherrschte und zog ehrerbietig den Hut ab, um ihn zu begrüßen. Als der König den so anmutigen und schönen Jüngling bemerkte, ließ er ihn vor sich rufen, und als er vor ihm stand, fragte er ihn, wo er herkomme und wie er heiße. Der Jüngling antwortete unbefangen, er komme aus Theben, sei vom wankelmütigen, neidischen Glücke verfolgt, heiße Costanzo und wünsche bei irgendeinem wackeren Edelmann in Dienst zu treten, dem er mit aller gebührenden Treue und Liebe dienen würde. Da sagte der König, dem das Äußere des Jünglings gefiel, zu ihm: »Da du den Namen meiner Hauptstadt trägst, sollst du auch an meinem Hofe bleiben und nichts weiter tun, als mir aufwarten.« Dies war gerade was Costanzo wünschte. Er dankte dem König, erkannte ihn als seinen Herrn an und erbot sich, alles für ihn zu tun, was in seinen Kräften stand. So lebte denn Costanzo in männlicher Tracht im Dienste des Königs und versah seine Verrichtungen mit sovieler Anmut, daß alle, die ihn sahen, aufs höchste darüber erstaunten. Die Königin, welcher Costanzos edler Anstand, seine lobenswürdigen Sitten und sein taktvolles Benehmen auffielen, faßte ihn aufmerksamer ins Auge und entbrannte so heftig in Liebe zu ihm, daß sie Tag und Nacht an nichts anderes mehr denken konnte; dabei verfolgte sie ihn mit so schmachtenden Liebesblicken, daß sie den härtesten Stein und festesten Diamanten, geschweige denn einen Jüngling hätten erweichen müssen. Da nun die Königin Costanzo so heftig liebte, wünschte sie sich nichts so sehr, als sich allein mit ihm zusammenzufinden. Als sich nun eines Tages Gelegenheit bot, mit ihm unter vier Augen zu sprechen, fragte sie ihn, ob er nicht in ihren Dienst übergehen wolle; wenn er ihr diente, würde er außer dem Lohne, den er von ihr erhalten würde, vom ganzen Hofe nicht nur gern gesehen, sondern auch geschätzt und hochgeachtet werden. Costanzo merkte wohl, daß die Worte, welche von den Lippen der Königin kamen, nicht einem reinen Wohlwollen entsprangen, sondern der Ausbruch der Leidenschaft waren und bedachte, daß er als Frau ihre zügellose wilde Begier nicht befriedigen könnte; daher antwortete er klaren Blicks, aber bescheiden also: »Gnädige Frau, die Verbindlichkeit, welche ich meinem Herrn, Euerem Gemahl, gegenüber habe, ist so groß, daß ich es für die höchste Niederträchtigkeit halten würde, mich dem Gehorsam gegen ihn und seinem Willen zu entziehen. Verzeiht mir also, wenn Ihr mich nicht bereit und willig findet, Eure Befehle zu befolgen; denn ich gedenke meinem Herrn treu zu bleiben bis in den Tod, wenn anders ihm meine Dienste wohlgefällig sind.« Mit diesen Worten beurlaubte er sich und verließ sie. Die Königin wußte wohl, daß die harte Eiche nicht von einem Schlage fällt und bemühte sich daher immer wieder mit vieler List und Kunst, den Jüngling in ihre Dienste zu ziehen. Allein er blieb fest und standhaft, wie ein hoher Turm den ungestümen Winden widersteht und war nicht dazu zu bewegen. Als die Königin dies sah, verwandelte sich ihre heiße, glühende Liebe in einen so bitteren tödlichen Haß, daß ihr sein Anblick unerträglich war. Sie wünschte jetzt seinen Tod und sann Tag und Nacht darauf, sich ihn aus den Augen zu schaffen; doch fürchtete sie den König sehr, dem Costanzo lieb und teuer war. In der Provinz Bettinien gab es damals wunderliche Geschöpfe, welche von der Mitte des Leibes an nach oben menschliche Gestalt trugen, nur daß sie Hörner und Ohren hatten wie Tiere; nach unten aber waren ihre haarigen Glieder ziegenartig gebildet und sie hatten einen kleinen, geringelten Schwanz wie die Schweine; man nannte sie Satyrn. Diese richteten großes Unheil in den Dörfern und auf den Gütern an und schädigten die Bewohner, und der König wünschte sehr, einen davon lebendig in seine Gewalt zu bekommen; allein niemand getraute sich, einen zu fangen und ihn dem König vorzuführen. Die Königin glaubte nun, hier ein Mittel gefunden zu haben, Costanzo zu verderben, aber es kam anders als sie dachte, denn wer andere stürzen will, fällt oft selbst zu Boden, so will es die göttliche Vorsehung und die höchste Gerechtigkeit. Die falsche Königin kannte den Wunsch des Königs nämlich sehr gut; als sie daher eines Tages mit ihm im Gespräch begriffen war, sagte sie unter anderem: »Lieber Herr, wißt Ihr denn nicht, daß Costanzo, Euer treuer Diener, so stark und kräftig ist, daß er Herz genug hat, ohne Hilfe eines anderen einen Satyr zu fangen und ihn Euch lebendig zu bringen? Wenn es sich so verhält, wie ich höre, könnt Ihr ihn ja leicht einen Versuch machen lassen; dadurch wird zugleich Euer Wunsch befriedigt und er trägt als starker, kühner Ritter einen Sieg davon, der ihm zu dauerndem Ruhm gereichen wird.« Die Worte der schlauen Königin gefielen dem König sehr, er ließ sogleich Costanzo rufen und sprach folgendermaßen zu ihm: »Costanzo, wenn du mich liebst, wie es den Anschein hat und ein jeder glaubt, wirst du dich auch bestreben, meine Wünsche ganz zu erfüllen und dadurch zu wahrem Ruhm gelangen. Du mußt wissen, daß ich nichts in der Welt so sehr wünsche, wie einen Satyr in meine Gewalt zu bekommen; da du nun voll Kraft und Mut bist, gibt es keinen Menschen in meinem Reiche, der mir hierin besser dienen könnte als du; und da du mich aufrichtig liebst, wirst du mir dieses Begehren nicht abschlagen.« Der Jüngling wußte recht gut, woher der Wind wehte, doch wollte er seinen Herrn nicht betrüben und antwortete mit lächelnder Miene: »Mein Gebieter, Ihr könnt mir dieses und noch Schwereres auferlegen, ich werde trotz meiner beschränkten Kräfte alles aufbieten, Euch zufriedenzustellen, sollte es mir auch das Leben kosten. Doch ehe ich an dieses gefahrvolle Unternehmen gehe, gebt Befehl, gnädiger Herr, daß man in den Wald, wo die Satyrn sich aufhalten, ein großes Gefäß mit weiter Öffnung trage, von der Größe der Kübel, in welchen die Mägde die Hemden und anderes Leinenzeug in der Lauge reinigen, ferner eine stattliche Tonne guten weißen Weines, vom besten und stärksten, den es gibt, nebst zwei Säcken mit feinstem Weißbrot.« Der König ließ unverzüglich alles ausführen, wie Costanzo es angeordnet hatte. Costanzo begab sich hierauf in den Wald und schöpfte mit einem kupfernen Eimer den Wein aus der Tonne in den danebenstehenden weiten Kübel; dann nahm er alles Brot aus den Säcken und brockte es in den Wein. Als dies geschehen, stieg er auf einen dichtbelaubten Baum und wartete dort der Dinge, die da kommen würden. Kaum saß der junge Costanzo auf dem Baum, als die Satyrn, durch den Geruch des duftenden Weines angezogen, sich dem Kübel näherten und so gierig darüber herfielen, wie hungrige Wölfe, wenn sie in die Schafhürden dringen, über die Lämmer. Nachdem sie gründlich voll und satt waren, legten sie sich nieder, um zu schlafen und schliefen so fest und tief, daß aller Lärm der Welt sie nicht erweckt haben würde. Als Costanzo dies sah, stieg er vom Baume herunter, näherte sich einem von ihnen, band ihm die Hände und Füße mit einem Strick, den er mitgebracht hatte, legte ihn, ohne daß es jemand gemerkt hätte, auf sein Pferd und führte ihn mit sich fort. Wie nun der junge Costanzo mit dem festgebundenen Satyr heimwärts ritt und gegen Abend zu einem nicht weit von der Stadt gelegenen Dorfe gelangte, wachte der Tiermensch, der nun seine Trunkenheit überwunden hatte, auf, fing an zu gähnen, als ob er aus dem Bette aufstünde, schaute sich um und erblickte einen Familienvater, der mit großem Trauergeleite die Leiche eines Kindes zu Grabe brachte und weinte, während der Priester, der das Leichenamt hielt, sang. Da lächelte er ein wenig. Sie ritten weiter und kamen in die Stadt auf den Marktplatz, wo das Volk gespannt zusah, wie ein armer Bursche, der schon auf der Leiter stand, aufgeknüpft werden sollte. Darüber lachte der Satyr noch mehr. Sobald sie zum Palast kamen, zeigte alles lebhafte Freude und schrie: »Costanzo! Costanzo!« Da lachte der Satyr aus vollem Halse. Als Costanzo vor dem König und der Königin, welche ihre Hoffräulein bei sich hatte, erschienen war, zeigte er ihnen den Satyr. Hatte dieser aber zuvor schon gelacht, so brach er jetzt in ein so übermäßiges Gelächter aus, daß alle Anwesenden sich höchlich darüber verwunderten. Als der König nun durch Costanzo seinen Wunsch erfüllt sah, bezeigte er sich ihm sehr günstig und liebte ihn, wie noch nie ein Diener von seinem Herrn geliebt ward. Der Königin aber gereichte es zum höchsten Verdruß, das Glück des Jünglings erhöht zu haben, den sie mit ihren falschen Worten zu verderben getrachtet. Es war der Verruchten unerträglich, so viel Gutes für ihn daraus hervorgehen zu sehen, und sie sann auf eine neue List. Sie wußte nämlich, daß der König gewohnt war, alle Morgen in das Gefängnis des Satyrs zu gehen, wo er ihn zu seiner Unterhaltung zum Reden zu bringen suchte, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre. Die Königin ging also zum König und sprach: »Mein Herr und König, Ihr habt Euch schon so oft in das Gefängnis des Satyrs begeben und Euch bemüht, ihn zu Euerm Zeitvertreib zum Sprechen zu bringen, aber das Tier hat noch nie reden wollen. Warum zerbrecht Ihr Euch länger den Kopf damit? Seid versichert, wenn Costanzo nur wollte, könnte er ihn ohne weiteres und nach Belieben zum Sprechen und Antworten bringen.« Als der König dies hörte, ließ er Costanzo augenblicklich rufen. »Costanzo«, sprach er zu ihm, als er erschien, »ich bin überzeugt, du weißt, wieviel Vergnügen es mir macht, daß du mir den Satyr eingefangen hast; doch tut es mir leid, daß er stumm ist und auf meine Fragen durchaus nicht antworten will. Wenn du dich mir gefällig erweisen wolltest, könntest du, wie ich vernehme, ihn wohl zum Sprechen bringen.« »Herr«, erwiderte Costanzo, »wenn der Satyr stumm ist, was kann ich dagegen tun? Ihm die Sprache zu verleihen, steht nicht in der Macht eines Menschen, sondern Gottes. Wenn aber nicht ein natürlicher oder zufälliger Mangel, sondern nur Hartnäckigkeit seine Lippen verschließen sollte, so will ich es durch meine Bemühungen dahin bringen, daß er spricht.« Er ging hierauf mit dem König in das Gefängnis des Satyrs, brachte ihm gut zu essen und noch besser zu trinken und sagte zu ihm: »Da iß, Chiappino!« – so nämlich hatte er ihn genannt. Der Satyr sah ihn an und gab keine Antwort. »Sprich doch, Chiappino, ich bitte dich und sage mir, ob dir dieser Kapaun behagt und dieser Wein schmeckt!« Er blieb jedoch bei seinem Schweigen. Als Costanzo seine Verstocktheit sah, sagte er: »Du willst mir nicht antworten, Chiappino? Warte nur, dein Eigensinn soll bestraft werden. Ich lasse dich hier im Gefängnis vor Hunger und Durst sterben.« Da sah ihn der Satyr scheel an. »Antworte mir, Chiappino«, drang Costanzo in ihn, »wenn du, wie ich hoffe, mit mir redest, so verspreche ich dir, dich aus dieser Zelle zu befreien.« Chiappino, welcher aufmerksam zugehört hatte, hörte kaum von seiner Befreiung, als er sagte: »Und was willst du von mir?« »Hast du zur Zufriedenheit gegessen und getrunken?« fragte Costanzo. »Ja«, antwortete Chiappino. »So sage mir doch«, fuhr Costanzo fort, »ich bitte dich recht sehr darum, weshalb du lachtest, als wir unterwegs ein totes Kind zu Grabe tragen sahen. »Nicht über das tote Kind lachte ich«, antwortete Chiappino, »sondern über den weinenden Vater, der doch nicht des Kindes Vater war und über den singenden Pfaffen, der das Kind gezeugt hatte.« Das sollte heißen, daß die Mutter des toten Kindes dasselbe im Ehebruch mit dem Priester gehabt hatte. »Weiter möchte ich von dir hören, mein Chiappino, warum du noch mehr gelacht hast, als wir auf den Marktplatz kamen.« »Ich mußte darüber lachen«, sagte der Satyr, »daß tausend Schurken, die ihren Mitbürgern Tausende von Florinen stahlen und tausend Galgen verdienten, dort standen, einen armen Tropf zu sehen, den man zum Galgen führte, weil er zehn Florinen gestohlen hatte, die er vielleicht zu seinem und seiner Familie Unterhalt brauchte.« »Jetzt sage mir bitte«, sprach Costanzo, »warum lachtest du noch viel heftiger, als wir zum Palaste kamen!« »Quäle mich nicht länger mit Fragen«, sagte Chiappino, »ich bitte dich. Geh jetzt und komm morgen wieder, ich will dir alsdann antworten und Dinge sagen, die du vielleicht nicht erwartest.« Als Costanzo dies hörte, sagte er zum Könige: »So laßt uns denn gehen und morgen wieder kommen, um zu hören, was er sagen will.« Nachdem der König und Costanzo den Satyr verlassen hatten, befahlen sie, Chiappino gut zu essen und zu trinken zu geben, damit er besser plaudern könne. Am folgenden Tage kehrten beide zu Chiappino zurück, den sie schnaubend und schnarchend wie ein dickes Schwein daliegen fanden. Costanzo näherte sich ihm und rief ihn mehrmals laut an. Allein Chiappino, der sich vollgegessen hatte, schlief fest und antwortete nicht. Da stachelte ihn Costanzo mit einem Wurfspieß, den er in der Hand trug, so lange, bis er sich ermunterte, und als er ganz wach war, sagte er zu ihm: »Wohlan, Chiappino, nun sage, was du gestern versprochen hast! Warum lachtest du so laut, als wir an den Palast kamen!« »Das weißt du weit besser als ich«, antwortete Chiappino, »weil alle schrien: Costanzo! Costanzo! während du doch Costanza bist.« Der König wußte nicht, was Chiappino damit sagen wollte; Costanzo aber, der es recht gut verstand, und ihn gerne verhindern wollte, mehr zu sagen, fiel ihm in die Rede: »Als du aber vor dem König und der Königin standest, was bewog dich zu einem so übermäßigen Gelächter?« »Ich lachte so gewaltig«, antwortete Chiappino, »weil der König, so gut wie du, glaubt, die Fräulein der Königin seien Fräulein, während doch die meisten von ihnen junge Burschen sind.« Hier schwieg er. Als der König dies hörte, stand er eine Weile in Gedanken, doch sagte er kein Wort. Als er aber den Waldschrat verlassen hatte, wollte er sich mit seinem Costanzo über alles Klarheit verschaffen. Er fing zuerst bei ihm an und fand, daß Costanzo ein Weib war und kein Mann, und dann entdeckte er, daß die Hoffräulein schöne junge Männer waren, ganz wie Chiappino ihm erzählt hatte. Da ließ der König unverzüglich mitten auf dem Marktplatz einen großen Scheiterhaufen anzünden und die Königin samt allen ihren Mannfräulein im Angesicht des ganzen Volkes verbrennen. Und da er die preiswürdige Treue und die offene Redlichkeit Costanzas in Erwägung zog und sah, daß sie sehr schön war, reichte er ihr in Gegenwart aller seiner Ritter und Barone die Hand zum Ehebunde. Sie entdeckte ihm darauf, wessen Tochter sie sei. Sehr erfreut darüber sandte der König alsbald Gesandte an den König Ricardo und seine Gemahlin Valeriana sowie an die drei Schwestern mit der Nachricht, daß auch Costanza an einen König verheiratet sei, worüber sie alle die gebührende Freude empfanden. Und so wurde die edle und hochherzige Costanza zum Lohne für ihre treuen Dienste Königin und lebte lange mit dem König Cacco. 7 Der Athener Erminione Glaucio nimmt Philenia Centurione zum Weibe. Eifersüchtig geworden, verklagt er sie vor Gericht. Sie wird durch ihren Liebhaber Ippolito befreit und Erminione verurteilt. Zu Athen, einer uralten Stadt Griechenlands, die in vergangenen Zeiten Heimstätte und Zuflucht aller Wissenschaften war, jetzt aber infolge ihres maßlosen Hochmuts vollkommen zerstört und vernichtet ist, lebte einmal ein Edelmann namens Messer Erminione Glaucio, ein wahrhaft großer, in der Stadt sehr geschätzter, sehr reicher, aber an Verstand sehr armer Mann. Denn als er schon recht bei Jahren war und sich ohne Kinder sah, beschloß er sich zu verheiraten, und nahm zum Weibe die wunderschöne und durch unzählige Tugenden ausgezeichnete Tochter Messer Cesarinos Centurione, eines Mannes aus adligem Geschlecht, ein junges Mädchen, namens Philenia, mit dem sich kein anderes in der Stadt vergleichen konnte. Und da er fürchtete, sie möchte infolge ihrer einzigartigen Schönheit von vielen umschwärmt werden und irgendeinen schimpflichen Fehltritt begehen, der zur Folge haben würde, daß die Leute mit Fingern auf ihn wiesen, beschloß er, sie in einen hohen Turm seines Palastes zu sperren und sie den Blicken aller zu entziehen. Und es dauerte nicht lange, da wurde der arme Alte, ohne den Grund dafür zu wissen, so eifersüchtig, daß er sich selbst kaum mehr kannte. Nun wohnte in der Stadt ein junger, aber sehr kluger und gewitzter Student aus Kreta, namens Ippolito, der wegen seines freundlichen Wesens und seiner Schönheit von allen sehr geliebt und geschätzt wurde. Dieser hatte Philenia, bevor sie sich verheiratete, lange Zeit den Hof gemacht und war außerdem sehr befreundet mit Messer Erminione, der ihn wie seinen Sohn liebte. Des Studierens ein wenig überdrüssig und von dem Wunsche, seinem ermüdeten Geiste Erholung zu gönnen, bewogen, hatte er Athen verlassen, war nach Kandia gegangen und hatte sich dort einige Zeit aufgehalten. Nach Athen zurückgekehrt, hatte er gefunden, daß Philenia eine Ehe eingegangen war. Dies schmerzte ihn über die Maßen, und um so mehr, als er sich der Möglichkeit beraubt sah, sie nach Gefallen zu sehen und es ihm unerträglich war, daß ein so schönes und reizendes Mädchen mit solch einem geifernden und zahnlosen Greis verheiratet war. Als der verliebte Ippolito die glühenden Stachel der scharfen Pfeile der Liebe nicht länger in Geduld ertragen konnte, sann er auf geheime Mittel und Wege, durch die er zur Erfüllung seiner Wünsche gelangen könnte. Und nachdem er viele Möglichkeiten ausfindig gemacht hatte, wählte er mit großer Überlegung eine davon aus, die ihm die verheißungsvollste schien. Um seinen Plan auszuführen, ging er in die Werkstatt eines benachbarten Tischlers und bestellte bei ihm zwei ziemlich lange, breite und hohe Truhen, übereinstimmend in Maß und Ausführung, so daß man sie nicht leicht voneinander unterscheiden konnte. Dann begab er sich zu Messer Erminione, tat als bedürfe er seiner und sprach mit großer Schlauheit folgendes zu ihm: »Lieber Messer Erminione, den ich nicht weniger wie einen Vater stets geliebt und verehrt habe, wüßte ich nicht, wie sehr Ihr mir zugetan seid, so würde ich es nicht wagen, Euch mit einem so großen Wunsche beschwerlich zu fallen und Euch um einen Dienst zu bitten; da ich Euch jedoch stets liebreich gegen mich gefunden habe, zweifelte ich nicht, das von Euch zu erlangen, was ich wünsche und was mir am Herzen liegt. Ich muß in wichtigen Geschäften bis nach der Stadt Frenna reisen und dort so lange bleiben, bis sie erledigt sind. Und da ich im Hause niemand habe, dem ich vertrauen könnte, da es sich in den Händen von Dienern und Mägden befindet, deren ich nicht allzu sicher bin, möchte ich, vorausgesetzt, daß Ihr nichts dagegen habt, bei Euch eine Truhe voll der wertvollsten Dinge, die ich besitze, deponieren.« Messer Erminione, der an nichts Böses dachte, erwiderte dem Studenten, es sei ihm recht, und damit die Truhe sicherer sei, wolle er sie in seinem Schlafgemach unterbringen. Der Student dankte ihm dafür aufs herzlichste, versprach ihm, diesen Dienst ewig in Erinnerung zu behalten und bat ihn dann aufs dringendste, sich herbeizulassen und mit ihm nach Hause zu gehen, damit er ihm die in der Truhe verwahrten Gegenstände zeigen könne. Messer Erminione ging also mit in das Haus Ippolitos, und dieser zeigte ihm dort eine Truhe voller Gewänder, Juwelen und Halsketten von nicht geringem Werte. Dann rief Ippolito einen seiner Diener, stellte ihn Messer Erminione vor und sagte zu ihm: »Jedesmal, wenn mein Diener die Truhe holen kommt, so schenkt ihm ebensoviel Glauben wie mir selbst.« Nachdem Messer Erminione fort war, legte sich Ippolito in die andere Truhe, die ebenso aussah, wie die mit den Kleidern und Juwelen angefüllte, schloß sich darin ein und befahl dem Diener, sie zu Messer Erminione zu tragen. Der Diener, der in alles eingeweiht war, gehorchte seinem Herrn und rief einen Lastträger, der sich die Truhe auf die Schultern lud und sie in den Turm schaffte, wo sich die Kammer befand, in welcher Messer Erminione nachts mit seiner Frau schlief. Messer Erminione gehörte zu den Vornehmsten der Stadt, und da er großen Reichtum und Einfluß besaß, ergab sich infolge des Ansehens, in dem er stand, für ihn die Notwendigkeit, für einige Tage nach einem Porto Piero genannten Orte zu gehen, der zwanzig Stadien von Athen entfernt lag, um dort einige Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Städten und den Landbewohnern zu schlichten, was er sehr ungern tat. Als nun Messer Erminione, mißgelaunt infolge der Eifersucht, die ihn Tag und Nacht quälte, fortgegangen war und der Jüngling in der Truhe die schöne Frau mehrmals hatte seufzen, klagen, weinen und ihr hartes Geschick und den Augenblick ihrer Verheiratung mit dem Zerstörer ihres Lebens verwünschen hören, wartete er auf den günstigen Augenblick, wo sie eingeschlafen sein werde. Und als er sie im ersten Schlummer glaubte, verließ er die Truhe, trat an ihr Bett und flüsterte: »Wach auf, meine Seele, dein Ippolito ist bei dir.« Sie wachte auf, und als sie ihn sah, und erkannte, denn es brannte Licht im Zimmer, wollte sie schreien. Aber der Jüngling drückte ihr die Hand auf den Mund und verhinderte sie daran und sagte beinahe in Tränen: »Sei still, mein Herz! siehst du nicht, daß ich Ippolito, dein treuer Liebhaber bin, für den das Leben ohne dich eine Qual ist?« Als sich die schöne Frau ein wenig beruhigt und den alten Erminione und den jungen Ippolito im Geiste miteinander verglichen hatte, zeigte sie sich mit dem Vorgehen Ippolitos nicht unzufrieden; sie pflegte im Gegenteil mit ihm die ganze Nacht unter verliebten Reden des Beilagers, wobei sie nicht verfehlten, auf die Handlungen und Maßnahmen des einfältigen Gatten zu schelten und die weiteren Zusammenkünfte zu verabreden. Mit Tagesanbruch schloß sich der Jüngling in die Truhe ein und während der Nacht verließ er sie nach Belieben und lag bei Philenia. Es waren bereits viele Tage vergangen, als Messer Erminione durch die Unbequemlichkeit, die er aushalten mußte und die rasende Eifersucht, die ihn beständig quälte, bewogen, die Streitigkeiten an jenem Orte schnell beilegte und heimkehrte. Als Ippolitos Diener Messer Erminiones Rückkehr erfahren hatte, ging er bald darauf zu ihm und bat ihn im Namen seines Herrn um die Truhe, und sie wurde ihm gemäß der getroffenen Vereinbarung von ihm freundlich ausgeliefert, worauf er einen Lastträger nahm und sie nach Hause schaffen ließ. Nachdem Ippolito die Truhe verlassen hatte, ging er auf den Marktplatz, wo er Messer Erminione traf. Sie umarmten sich, und er bedankte sich bei ihm aufs herzlichste für den erwiesenen Dienst, auch erklärte er, daß er sowohl wie seine Habe jederzeit zur Verfügung ständen. Als nun eines schönen Morgens Messer Erminione mit seiner Frau länger als gewöhnlich im Bett lag, geschah es, daß sein Blick auf einige Speichelspuren fiel, die auf der Wand vor seinen Augen in ziemlicher Höhe und in beträchtlicher Entfernung von ihm zu sehen waren. Da packte ihn wieder seine alte peinigende Eifersucht: er verwunderte sich höchlich und er begann sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die Speichelspüren von ihm oder von jemand anderm herrührten; und nachdem er lange hin- und hergesonnen hatte, wollte es ihm gar nicht in den Sinn, daß sie von ihm stammen sollten. Daher befürchtete er sehr, was auch wirklich geschehen war, wandte sich gegen seine Frau und fuhr sie mit zorniger Miene an: »Von wem stammt der Speichel so hoch da oben? Von mir stammt er nicht, ich habe nie dorthin gespuckt; du hast mich zweifellos betrogen.« Da antwortete ihm Philenia lächelnd: »Wißt Ihr nichts Besseres?« Als Messer Erminione sie lachen sah, geriet er noch mehr in Hitze und rief: »Hah, du lachst, ruchloses Weib, das du bist! und worüber lachst du?« »Über Eure Dummheit lache ich«, antwortete Philenia. Er ärgerte sich darüber nicht wenig, und da er ausprobieren wollte, ob er so hoch spucken könne, bemühte er sich hustend und räuspernd mit seinem Speichel das Ziel zu erreichen; aber er bemühte sich vergeblich, denn seine Spucke fiel wieder zurück und ihm ins Gesicht und besudelte es gänzlich. Nachdem der arme Greis dies mehrmals versucht hatte, fand er, daß es immer schlechter gelang. Als er dies erkannte, schloß er daraus mit Sicherheit, von seiner Frau hintergangen worden zu sein, wandte sich gegen sie und warf ihr die größten Beschimpfungen an den Kopf, die jemals einer liederlichen Frau gesagt wurden. Und hätte er nicht für sein Leben gefürchtet, so hätte er sie in diesem Augenblick mit seinen eigenen Händen getötet; so aber hielt er an sich und wollte lieber auf gerichtlichem Wege gegen sie einschreiten, als seine Hände mit ihrem Blute besudeln. Nicht zufrieden damit, daß er sie beschimpft hatte, ging er voller Ingrimm und Zorn zum Palast und machte dort vor dem Stadtrichter eine Klage gegen seine Frau wegen Ehebruchs anhängig. Da der Stadtrichter sie jedoch nicht verurteilen konnte, bevor das Gesetz beobachtet worden war, schickte er nach ihr, um sie einem eingehenden Verhör zu unterwerfen. Es bestand in Athen das streng beobachtete Gesetz, daß jede von ihrem Gatten des Ehebruchs angeklagte Frau vor eine rote Säule gestellt werden müsse, auf der eine Schlange lag. Dann mußte sie schwören, daß sie den Ehebruch nicht begangen habe. Und wenn dies geschehen, wurde sie gezwungen, die Hand in den Rachen der Schlange zu legen. Hatte sie falsch geschworen, trennte ihr die Schlange sofort durch einen Biß die Hand vom Arm, andernfalls ließ sie sie unversehrt. Ippolito, der bereits vernommen hatte, daß die Klage anhängig gemacht worden sei, und der Stadtrichter nach Philenia geschickt habe, damit sie erscheine und sich verteidige, legte, damit sie nicht dem schimpflichen Tod verfalle, als schlauer Mensch und in dem brennenden Verlangen, ihr das Leben zu retten, seine Kleider ab und zog einige Lappen an, die ihm das Aussehen eines Verrückten gaben und verließ darauf unbemerkt sein Haus, rannte wie ein Narr zum Palast und ließ beständig die größten Verrücktheiten von der Welt los. Während die Häscherschar des Stadtrichters die junge Frau zum Palast führte, strömte die ganze Stadt zusammen, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde; und der Narr, der bald dem, bald jenem einen Stoß versetzte, drängte sich so weit nach vorne, daß es ihm gelang, der trostlosen Frau die Arme um den Hals zu schlingen und ihr einen süßen Kuß zu geben, gegen den sie sich nicht sträuben konnte, da ihr die Hände auf den Rücken gebunden waren. Als sie nun vor Gericht erschienen war, sprach der Stadtrichter zu ihr: »Philenia, wie du siehst, steht hier Messer Erminione, dein Mann, und klagt dich des Ehebruchs an und verlangt, daß ich dich auf Grund des Gesetzes bestrafe. Du sollst nun, wenn du kannst, deine Unschuld eidlich versichern.« Die junge Frau, die gewitzt und sehr klug war, schwor keck, daß niemand sie in Sünden berührt habe außer ihrem Manne und jenem Narren da. Nachdem Philenia den Eid abgelegt hatte, führten sie die Diener der Gerechtigkeit zur Schlange. Man legte ihr Philenias Hand in den Rachen, aber sie ließ sie unversehrt; denn sie hatte wahrheitsgemäß bekannt, daß niemand außer ihrem Gatten und dem Narren sie in Sünden berührt habe. Als das Volk und die Verwandten, die gekommen waren, das schreckliche Schauspiel mitanzusehen, dies bemerkten, erklärten sie sie für die unschuldigste Frau von der Welt und riefen, Messer Erminione verdiene den Tod, welcher Philenia zugedacht war. Doch da er von Adel war, eine weitverzweigte Verwandtschaft besaß und zu den Ersten der Stadt zählte, wollte der Stadtrichter nicht, wie das Gesetz es erlaubte, daß er öffentlich verbrannt werde, doch ließ er ihn, um nicht gegen seine Pflicht zu verstoßen, ins Gefängnis werfen, wo er in kurzer Zeit starb. Mit einem so kläglichen Tode büßte Messer Erminione seine rasende Eifersucht und die junge Frau befreite sich aus den Schlingen eines schimpflichen Todes. Wenige Tage darauf nahm Ippolito sie zu seinem rechtmäßigen Weibe und verlebte mit ihr viele glückliche Jahre. 8 Ancilotto, König von Provino, heiratet die Tochter eines Bäckers und zeugt mit ihr drei Kinder. Von der Mutter des Königs verfolgt, werden sie, dank der Kraft eines Wassers, eines Apfels und eines Vogels von ihrem Vater erkannt. In der hochberühmten Königsstadt Provino lebten in vergangenen Zeiten drei Schwestern, lieblich anzuschauen, artig von Sitten und von klugem Betragen, aber von niedriger Herkunft; denn sie waren die Töchter eines Bäckers namens Rigo, der beständig anderer Leute Brot im Ofen buk. Die eine von ihnen hieß Brunora, die andere Lionella und die dritte Chiaretta. Eines Tages befanden sich alle drei Mädchen im Garten und waren überaus vergnügt. Da kam Ancilotto, der König des Landes vorüber, der mit vielen Begleitern auf die Jagd zog. Als Brunora, die älteste Schwester, diese schöne und vornehme Gesellschaft sah, sagte sie zu den Schwestern Lionella und Chiaretta: »Wenn ich den Haushofmeister des Königs zum Manne bekäme, so machte ich mich anheischig, mit einem Becher Wein seinen ganzen Hof satt zu machen.« »Und ich«, sprach Lionella, »rühme mich, daß, wenn ich den Geheimkämmerer des Königs bekäme, ich mit einer Spindel voll von meinem Garn soviel Leinwand spinnen wollte, um den ganzen Hof mit den schönsten und feinsten Hemden zu versehen.« »Und ich«, sagte Chiaretta, »rühme mich, wenn ich den König zum Gemahl hätte, würde ich ihm Drillinge gebären, zwei Knaben und ein Mädchen, und jedes von ihnen sollte lange goldene Haare haben, die ihm in Locken über die Schultern fallen und eine Kette um den Hals und einen Stern mitten auf der Stirn.« Diese Worte hörte einer der Hofleute, ging eiligst zum König und hinterbrachte ihm Wort für Wort, was die Mädchen miteinander gesprochen. Als der König dies vernahm, ließ er sie sogleich vor sich kommen und befragte eine nach der andern um das, was sie gesagt hatten, als sie im Garten waren. Alle drei wiederholten ehrfurchtsvoll alles, was sie dort gesprochen. Der König Ancilotto fand daran großen Gefallen und wich nicht eher von der Stelle, als bis sich der Haushofmeister mit Brunora, der Kämmerer mit Lionella und er selbst mit Chiaretta verlobt hatte. Sie gingen nun nicht auf die Jagd, sondern kehrten nach Hause zurück, wo die Hochzeiten auf das prächtigste gefeiert wurden. Die Mutter des Königs war sehr unzufrieden mit der Heirat ihres Sohnes; denn war gleich die junge Frau lieblich anzusehen, schön von Geist, edel von Gestalt und ihre Rede voll Anmut, so paßte sie doch nicht zu der Größe und Macht des Königs, weil sie aus niederem, unedlem und gemeinem Geschlecht stammte. Auch konnte die Mutter durchaus nicht ertragen, daß ein Haushofmeister und ein Kämmerer Schwager des Königs, ihres Sohnes, heißen sollten. Aus diesem Grunde entstand ein solcher Haß der Schwiegermutter gegen die Tochter, daß sie nichts von ihr hören, geschweige sie sehen mochte; doch verbarg sie den Haß in ihrem Herzen, um ihren Sohn nicht zu betrüben. Die Königin fand sich nach dem Willen des Allwaltenden bald guter Hoffnung, worüber der König ungemein vergnügt war und freudigen Herzens erwartet, die artigen Kinderchen zu sehen, die sie ihm versprochen hatte. Nun traf es sich, daß der König bald darauf in ein anderes Land reisen und sich dort einige Tage aufhalten mußte; darum empfahl er die Königin und die Kinder, die sie gebären würde, aufs dringendste seiner bejahrten Mutter. Obwohl diese die Schwiegertochter nicht leiden konnte und sie nicht einmal sehen mochte, versprach sie dennoch, aufs beste für sie zu sorgen. Als nun der König abgereist war, gebar die Königin drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, und alle drei hatten, wie die Königin, da sie noch Jungfrau war, dem König versprochen, goldgelocktes Haar, das sich ihnen über die Schultern hinunterringelte und ein schönes Kettchen um den Hals und einen Stern auf der Stirne. Die böse, verworfene Schwiegermutter des Königs, in der keine Liebe und kein Erbarmen wohnte, faßte, von wütendem tödlichem Hasse entbrannt, sobald die reizenden Kinderchen geboren waren, den verräterischen Entschluß, bei dem sie auch verharrte, sie umzubringen, so daß man nie wieder von ihnen hören und die Königin beim König in Ungnade fallen möge. Seitdem Chiaretta Königin geworden war und alles beherrschte, hatte sich bei ihren beiden Schwestern ein überaus großer Neid gegen sie erzeugt, und immerfort bemühten sie sich, sie durch List und Ränke aller Art der rasenden Schwiegermutter noch verhaßter zu machen. Es traf sich nun, daß zu derselben Zeit, da die Königin niederkam, am Hofe auch drei kleine Bastardmöpse geworfen wurden, zwei männliche und ein weiblicher, mit Sternen vorn an den Köpfen und halsbandähnlichen Streifen um den Hals. Von teuflischem Geist beseelt, nahmen die zwei neidischen Schwestern der säugenden Alten die drei Jungen weg, trugen sie zu der gottlosen Schwiegermutter, begrüßten sie ehrerbietig und sagten zu ihr: »Gnädige Frau, es ist uns bekannt, daß unsere Schwester bei Eurer Hoheit nicht sehr in Gunst steht, und mit Recht; denn sie ist von niedriger Herkunft, und es ziemt Euerem Sohne, unserem König, nicht, eine Frau von so gewöhnlichem Stamme zu haben, wie sie. Da wir nun von Eurer Gesinnung unterrichtet sind, so kommen wir, um Euch drei Hündchen zu bringen, die mit einem Stern am Kopf geworfen wurden, damit wir Eure Meinung vernehmen.« Hierüber war die Schwiegermutter hocherfreut und nahm sich vor, sie der Schwiegertochter zu bringen, welche die Frucht ihres Leibes noch nicht gesehen hatte, und ihr zu sagen, es seien ihre Kinder. Damit nun die Sache nicht entdeckt würde, befahl die verruchte Alte der Hebamme, sie solle die Königin benachrichtigen, die Kinder, die sie zur Welt gebracht habe, seien drei Bastardmöpse gewesen. Die Schwiegermutter und die Schwestern der Königin nebst der Hebamme begaben sich demnach zu ihr und sprachen: »Seht hier, o Königin, das Ergebnis Eurer schönen Niederkunft! Pflegt sie nur sorgsam, damit der König, wenn er kommt, die reizende Frucht finde.« Nach diesen Worten legte die Hebamme die Hündchen neben sie und sagte ihr, sie solle nur getrost sein und nicht verzweifeln,– denn dergleichen sei erlauchten Personen schon öfter begegnet. Die gottlosen Weiber hatten nun ihr verruchtes, schändliches Vorhaben ausgeführt, und es blieb nur noch übrig, die unschuldigen Kindlein dem bitteren Tode zu überliefern. Allein Gott wollte nicht, daß sie die Hände mit ihrem eigenen Blute befleckten; sie fertigten daher einen wohlverpichten festen Kasten, legten die Kinder hinein, verschlossen ihn und warfen ihn in den nahen Fluß und ließen sie mit dem Strome treiben. Der gerechte Gott, der unschuldiges Blut nicht leiden läßt, schickte an das Ufer des Flusses einen Müller namens Marmiato; der sah den Kasten, zog ihn ans Land, öffnete ihn und fand darin die drei Kleinen, die ihm entgegenlächelten. Und weil sie so schön waren, vermutete er in ihnen Kinder einer vornehmen Frau, welche die Scham zu einem solchen Schritte getrieben. Er machte also den Kasten wieder zu, lud ihn auf den Rücken und trug ihn heim zu seiner Frau, welche Gordiana hieß. »Da sieh einmal, liebe Frau«, sagte er, »was ich aus dem Fluß gefischt habe; ich mache es dir zum Geschenk.« Als Gordiana die Kinder sah, nahm sie sie freundlich auf und erzog sie nicht anders, als wären sie aus ihrem Leibe geboren. Eines von ihnen nannte sie Aquirino, das andere Fluvio, weil sie im Wasser gefunden worden waren, das Mädchen aber Serena. Der König Ancilotto war ganz glücklich im Gedanken, bei seiner Heimkehr drei schöne Kinder zu finden, aber es ward anders, als er gedacht hatte. Denn sobald die ränkevolle Mutter des Königs merkte, daß ihr Sohn dem Palaste nahe, kam sie ihm entgegengelaufen und erzählte ihm, daß seine teure Gemahlin anstatt dreier Kinder drei Bastardmöpse zur Welt gebracht habe. Darauf führte sie ihn in das Zimmer, wo seine schmerzerfüllte Frau im Kindbett lag und zeigte ihm die Hündchen, die sie an der Seite hatte. Und wiewohl die Königin laut weinte und fortwährend leugnete, diese Tiere geboren zu haben, erklärten dennoch die neidischen Schwestern, die alte Mutter habe in allen Punkten die Wahrheit gesprochen. Als der König dies hörte, war er aufs höchste bestürzt und wäre vor Schmerz fast zur Erde gesunken. Nachdem er aber wieder etwas zu sich gekommen war, wurde er lange von Zweifeln hin- und hergezogen; doch schenkte er zuletzt den Worten der Mutter vollen Glauben. Da nun die unglückliche Königin mit so geduldiger standhafter Seele den höfischen Neid erduldete, vermochte es der König nicht über sich, sie sterben zu lassen, sondern befahl sie unter den Ort zu bringen, wo man das Kochgeschirr und die Teller wusch und zu ihrer Speise sollten der Unrat und Abgang dienen, die aus dem übelriechenden und schmutzigen Ausguß herunterfielen. Während die unglückliche Königin an diesem stinkenden Orte lebte und von Unreinem sich nähren mußte, gebar Gordiana, die Frau des Müllers Marmiato, einen Sohn, den sie Borghino nannte und ihn nebst den drei anderen Kindern liebevoll erzog. Jeden Monat pflegte Gordiana diesen drei Kindern die langen lockigen Haare zu beschneiden, wobei viele kostbare Edelsteine und große Perlen herausfielen. Dies veranlaßte Marmiato, das niedrige Müllerhandwerk aufzugeben; er wurde bald reich, und Gordiana und die drei Kinder und Borghino lebten sehr wohlhabend und in Liebe und Eintracht. Die drei Geschwister waren schon ziemlich herangewachsen, da erfuhren sie, daß sie nicht die Kinder des Müllers Marmiato und der Müllerin Gordiana, sondern in einem Kasten gefunden waren, der auf dem Flusse schwamm. Dies betrübte sie sehr, und begierig, ihr Glück zu versuchen, nahmen sie Abschied von ihren Pflegeeltern und zogen von dannen. Marmiato und Gordiana war dies gar nicht lieb, denn sie sahen sich dadurch des Schatzes beraubt, der aus ihren blonden Locken und aus ihrer besternten Stirne hervorkam. Die beiden Brüder verließen also mit ihrer Schwester Marmiato und Gordiana, sie wanderten mehrere Tage fort und kamen zufällig alle drei nach Provino, der Hauptstadt ihres Vaters Ancilotto, mieteten dort ein Haus, das sie miteinander bewohnten und lebten von dem Ertrag der Edelsteine und Kleinode, die ihnen von den Häuptern fielen. Eines Tages, als der König mit einigen seiner Hofleute durch die Stadt spazierte, traf es sich, daß er an dem Hause vorbeikam, wo die zwei Brüder und die Schwester wohnten. Diese hatten den König noch niemals gesehen und wußten nicht, wie er aussah. Darum eilten sie die Treppe hinunter, stellten sich vor die Haustüre, entblößten das Haupt, beugten die Knie, neigten den Kopf und grüßten den König ehrerbietig. Der König, der das Auge eines Wanderfalken hatte, blickte ihnen scharf ins Gesicht, und als er sah, daß sie einen goldenen Stern auf der Stirne. trugen, gab es ihm plötzlich einen Stich ins Herz, die jungen Leute könnten seine Kinder sein. Er blieb sogleich stehen und fragte sie: »Wer seid Ihr und woher kommt Ihr?« Sie antworteten demütig: »Wir sind arme Fremdlinge, gekommen, um in dieser Stadt zu wohnen.« »Das freut mich sehr«, sagte der König, »und wie heißt Ihr?« Da sagte der eine: »Aquirino«; der andere sagte: »Ich heiße Fluvio«; »und ich«, sagte die Schwester, »werde Serena genannt.« Da sprach der König: »Aus Höflichkeit laden wir Euch alle drei ein, morgen mit uns zu speisen.« Die jungen Leute wurden etwas verlegen, doch konnten sie diese ehrenvolle Bitte nicht ablehnen und nahmen die Einladung an. In den Palast zurückgekehrt, sprach der König zu seiner Mutter: »Gnädige Frau, als ich heute spazieren ging, sah ich zufällig zwei schöne Jünglinge und ein reizendes Mädchen, und alle drei hatten einen goldenen Stern auf der Stirne. Mir scheinen es, wenn ich mich nicht täusche, die Kinder zu sein, welche mir einst von der Königin Chiaretta versprochen wurden.«' Die boshafte Alte lächelte zwar ein wenig, als sie diese Worte hörte, sie waren ihr aber ein Dolchstich durchs Herz. Sie ließ sogleich die Hebamme rufen, welche die Kinder empfangen hatte und sagte insgeheim zu ihr: »Wißt Ihr wohl, liebe Mutter, daß die Kinder des Königs leben und schöner geworden sind als je?« »Wie ist das möglich?« fragte jene; »sind sie denn nicht im Fluß ertrunken? Woher wißt Ihr's denn?« »Soviel ich aus den Worten des Königs entnehmen kann«, antwortete die Alte, »leben sie, und Eure Hilfe ist hier dringend nötig, sonst sind wir alle in Todesgefahr.« »Seid ohne Sorgen, gnädige Frau«, erwiderte die Hebamme; »ich werde es schon zu machen wissen, daß alle drei den Tod finden sollen.« Damit ging die Hebamme fort und begab sich sogleich zum Hause von Aquirino, Fluvio und Serena, wo sie Serena allein fand. Sie grüßte sie freundlich, ließ sich mit ihr in ein Gespräch ein und nachdem sie sich eine Weile mit ihr unterhalten hatte, fragte sie sie: »Sage mir, mein Kind, solltest du vielleicht von dem tanzenden Wasser haben?« »Nein«, erwiderte Serena. »Ach, mein Töchterchen«, rief die Hebamme aus, »was für herrliche Dinge würdest du sehen, wenn du davon hättest. Wenn du dir das Gesicht damit wüschest, würdest du noch weit schöner als du schon bist.« »Und wie könnte ich wohl davon bekommen?« fragte das Mädchen. »Schicke nur deine Brüder danach aus,« antwortete die Alte, »sie werden es wohl finden; denn es ist nicht weit von hier.« Nach diesen Worten ging sie fort. Als Aquirino und Fluvio heimkehrten, lief ihnen Serena entgegen und bat sie, sich doch aus Liebe zu ihr alle erdenkliche Mühe zu geben, um ihr von dem köstlichen tanzenden Wasser zu verschaffen. Allein Fluvio und Aquirino spotteten darüber und wollten nicht gehen, weil sie nicht wußten, wo dergleichen zu finden sei. Von den dringenden Bitten der geliebten Schwester bezwungen, entschlossen sie sich aber schließlich doch dazu, nahmen eine Flasche und machten sich auf den Weg. Die beiden Brüder waren schon mehrere Meilen geritten, als sie zu einer klaren frischen Quelle gelangten, bei welcher eine weiße Taube saß und nippte. Sie war ganz ohne Furcht bei ihrem Anblick und sprach zu ihnen: »Ihr Jünglinge, was sucht Ihr?« »Wir suchen jenes köstliche Wasser, von dem man sagt, daß es tanze«, antwortete Fluvio. »O Ihr Armen«, sagte die Taube, »und wer sendet Euch danach?« »Unsere Schwester«, war Fluvios Antwort. »Wahrlich«, sagte die Taube, »Ihr geht einem gewissen Tode entgegen; denn dort befinden sich viele giftige Tiere, die Euch sogleich verschlingen, wenn sie Euch erblicken. Aber überlaßt mir nur die Sorge! Ich werde Euch davon bringen, seid versichert.« Darauf nahm sie die Flasche, die die Jünglinge bei sich hatten, befestigte sie unter ihrem rechten Flügel und flog auf und davon; und als sie zu dem kostbaren Wasser gekommen war, füllte sie die Flasche damit und flog eiligst zu den Jünglingen zurück, die sie mit großer Sehnsucht erwarteten. Diese empfingen das Wasser, sagten der Taube den gebührenden Dank und kehrten heim zu ihrer Schwester, der sie das Wasser übergaben, indem sie ihr ausdrücklich auferlegten, nicht wieder ähnliche Dienstleistungen von ihnen zu begehren; denn sie hätten in Todesgefahr geschwebt. Wenige Tage darauf erblickte der König die jungen Leute wieder und sagte zu ihnen: »Warum seid Ihr neulich nicht gekommen, mit uns zu speisen, da Ihr doch die Einladung angenommen hattet?« Darauf antworteten sie ehrerbietig: »Allerdringlichste Geschäfte, geheiligter Herrscher, sind der erste Grund davon gewesen.« »So erwarten wir Euch auf jeden Fall morgen zum Mittagessen«, sagte der König. Die jungen Leute entschuldigten sich noch. Der König kehrte zum Palast zurück und erzählte seiner Mutter, er habe abermals die jungen Leute mit den Sternen auf der Stirn gesehen. Als die Mutter dies hörte, war sie innerlich äußerst bestürzt, ließ wiederum die Hebamme rufen, erzählte ihr insgeheim alles und bat sie, doch dem drohenden Unheil vorzubeugen. Diese beruhigte sie und meinte, sie brauche sich nicht zu fürchten, sie wolle schon dafür sorgen, daß die Kinder nie wieder zum Vorschein kämen. Darauf verließ sie den Palast, ging zu Serenas Hause, fand diese allein und fragte sie, ob sie schon das tanzende Wasser erhalten habe, worauf ihr das Mädchen antwortete, sie habe davon bekommen, aber nicht ohne große Lebensgefahr für ihre Brüder. »Ich wünschte dir wohl, mein Töchterchen«, sagte hierauf die Alte, »daß du auch den singenden Apfel hättest; denn in deinem ganzen Leben hast du keinen so schönen gesehen, noch einen so angenehmen süßen Gesang gehört.« »Ich weiß nicht«, wandte das Mädchen ein, »wie ich ihn bekommen soll; denn meine Brüder werden nicht wieder fortgehen wollen, ihn zu suchen; denn sie sind schon einmal dem Tode näher gewesen als dem Leben.« »Sie haben dir ja das tanzende Wasser gebracht«, erwiderte die Alte, »und sind nicht davon gestorben. So gut sie dir dieses verschafft haben, werden sie dir wohl auch den Apfel bringen können.« Und damit verabschiedete sie sich und ging. Kaum war sie fort, da kamen Aquirino und Fluvio nach Hause, und Serena sagte zu ihnen: »Ach meine Brüder, ich möchte gar zu gerne den singenden Apfel sehen und seinen süßen Gesang hören. Und wenn Ihr ihn mir nicht verschafft, so seid gewiß, mich binnen kurzem sterben zu sehen.« Als Fluvio und Aquirino diese Worte hörten, tadelten sie die Schwester sehr und erklärten, sie hätten nicht Lust, ihretwegen wieder das Leben zu wagen, wie sie es schon einmal getan. Aber Serenas unausgesetzte einschmeichelnde Bitten, verbunden mit heißen Tränen, bewogen die Brüder, endlich ihrem Begehren nachzugeben, entstehe daraus, was da wolle. Sie stiegen also zu Pferde, machten sich auf den Weg und ritten so lange, bis sie an ein Wirtshaus kamen. Dort traten sie ein und fragten den Wirt, ob er ihnen vielleicht sagen könne, wo der Apfel zu finden sei, der so schön singe. Er gab zur Antwort, er wisse es wohl, allein sie könnten es nicht wagen, hinzugehen, denn er befinde sich in einem reizenden, entzückenden Garten; der von einem furchtbaren Tiere bewacht werde, und dieses erschlage einen jeden, der sich dem Garten nähere, mit seinen ausgebreiteten Flügeln. »Aber wie sollen wir es denn anfangen?« fragten die Jünglinge; »denn wir müssen ihn auf jeden Fall haben.« Da antwortete der Wirt: »Wenn Ihr tut, was ich Euch sage, so werdet Ihr den Apfel erlangen und braucht das giftige Tier nicht zu fürchten und noch weniger den Tod. Nehmt also diesen Mantel, der ganz mit Spiegeln bedeckt ist! Einer von Euch hänge ihn um und gehe so bekleidet in den Garten, dessen Tor Ihr offen finden werdet; der andere aber bleibe draußen und lasse sich um Himmels willen nicht sehen. Sobald jener nun den Garten betritt, wird ihm alsbald das Tier entgegenkommen, und wenn es sich selbst in den Spiegeln erblickt, augenblicklich zu Boden stürzen. Dann gehe er zum Baume des singenden Apfels, pflücke diesen behutsam ab und verlasse sogleich den Garten, ohne rückwärts zu sehen.« Die Jünglinge dankten dem Wirt herzlich, machten sich auf, taten, wie er es ihnen anbefohlen hatte, erlangten den Apfel und brachten ihn der Schwester, ermahnten sie aber zugleich, sie nicht mehr zu so gefahrvollen Unternehmungen zu zwingen. Einige Tage darauf erblickte der König abermals die drei Geschwister, ließ sie zu sich rufen und fragte sie: »Warum habt Ihr unserm Befehl nicht gehorcht und seid gekommen, um mit uns zu speisen?« Fluvio antwortete: »Nur sehr wichtige Geschäfte, mein Gebieter, konnten uns abhalten, zu kommen.« »Morgen«, sagte darauf der König, »erwarten wir Euch, seht zu, daß Ihr auf keinen Fall ausbleibt.« Worauf Aquirino erwiderte, wenn sie sich von gewissen Geschäften losmachen könnten, würden sie sich sehr gerne einfinden. Bei seiner Heimkunft erzählte der König der Mutter, er habe wieder die jungen Leute gesehen und sie lägen ihm sehr am Herzen, weil er immer jener Kinder gedenke, die Chiaretta ihm versprochen; auch habe er keine Ruhe, als bis sie zu ihm zur Mahlzeit kämen. Die Mutter des Königs war bei diesen Worten in größerer Not als vorher und fürchtete sehr, sie möchte entdeckt werden. Voller Angst und Unruhe schickte sie nach der Hebamme und sagte zu ihr: »Ich dachte, liebe Mutter, es sei um die Kinder geschehen und sie würden niemals wieder zum Vorschein kommen; aber sie leben und wir sind in Todesgefahr. Sorgt also, daß das Nötige geschieht, sonst kommen wir alle um.« »Hohe Frau«, antwortete die Hebamme, »seid nur guten Muts und ängstigt Euch nicht! Ich werde schon machen, daß Ihr mit mir zufrieden sein und niemals wieder ein Wort von ihnen hören sollt.« Die Hebamme lief nach diesen Worten entrüstet und wütend fort und zu Serena, der sie guten Tag bot und sie fragte, ob sie nun den singenden Apfel habe. »Ja«, antwortete ihr das Mädchen, »ich habe ihn.« »O mein Kind«, fuhr die schlaue Alte fort, »glaube mir, du hast noch gar nichts, wenn du nicht auch das besitzest, was viel schöner und reizender ist, als die beiden ersten.« »Und was ist das für ein schönes und reizendes Ding, von dem Ihr sprecht, meine Mutter?« fragte das Mädchen. »Der glänzend grüne Vogel, meine Tochter,« antwortete die Alte, »welcher Tag und Nacht spricht und wunderbare Dinge sagt. Hättest du diesen in deiner Gewalt, so könntest du dich in Wahrheit selig preisen.« Hierauf ging die Alte fort. Die Brüder waren kaum nach Hause gekommen, so bat und bestürmte sie Serena, sie möchten ihr doch eine einzige Gunst nicht verweigern. Und als jene fragten, was sie denn verlange, gab sie zur Antwort, sie wünsche den leuchtend grünen Vogel. Fluvio, welcher dem giftigen Tiere entgegengegangen war und jenes Schrecknis noch in frischer Erinnerung hatte, schlug es ihr rundweg ab, ihn zu holen. Allein Aquirino, obgleich er sich anfangs auch weigerte, ließ sich zuletzt von Serenas heißen Tränen und von seiner brüderlichen Liebe bewegen, und so entschlossen sie sich gemeinsam, sie zufriedenzustellen. Sie schwangen sich in den Sattel und ritten mehrere Tage, bis sie zu einer blumigen, grünen Wiese kamen, in deren Mitte ein sehr hoher dichtbelaubter Baum stand, umgeben von mannigfachen marmornen Bildsäulen, die aussahen als lebten sie; daneben floß ein Bächlein, das die ganze Wiese durchwässerte. Und auf diesem Baume hüpfte der leuchtend grüne Vogel von Zweig zu Zweig und sprach Worte, nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Gott. Die Jünglinge stiegen von ihren Rossen, die sie nach Belieben auf der Wiese grasen ließen und näherten sich den Marmorbildern; allein sobald die Jünglinge dieselben berührten, wurden sie selbst zu Marmorstatuen. Serena hatte indes mehrere Monate auf Fluvio und Aquirino, ihre geliebten Brüder geharrt und glaubte sie nunmehr verloren zu haben und hegte keine Hoffnung mehr, sie wiederzusehen. In diesem schweren Kummer, während sie den kläglichen Tod der Brüder beweinte, entschloß sie sich, selbst ihr Heil zu versuchen, bestieg ein mutiges Roß, machte sich auf den Weg und ritt so lange, bis sie zu dem Orte gelangte, wo der leuchtend grüne Vogel auf einem Zweige eines dichtbelaubten Baumes saß und anmutig redete. Als sie die grüne Wiese betrat, erkannte sie sogleich die Rosse ihrer Brüder, die hier grasten, und wie sie die Augen nach allen Seiten wandte, sah sie ihre Brüder als zwei Bildsäulen dastehen, die an Gestalt und Zügen ihnen so vollkommen glichen, daß sie aufs höchste erstaunte. Sie stieg vom Pferde, näherte sich dem Baume, streckte die Hand aus und ergriff den leuchtend grünen Vogel. Als dieser sich der Freiheit beraubt sah, bat er flehentlich, ihn loszulassen, er werde es ihr gedenken, wenn Zeit und Stunde komme. Serena gab zur Antwort, sie wolle durchaus nicht in sein Verlangen willigen, wenn nicht erst ihre Brüder ihrem früheren Zustande wiedergegeben seien. »Schaue unter meinen linken Flügel«, sprach hierauf der Vogel, »da wirst du eine Feder finden, die weit grüner ist als die andern und gelbe Punkte in der Mitte zeigt; diese zieh mir aus, geh zu den Bildsäulen hin und berühre ihnen damit die Augen! Sobald du sie berührt hast, werden deine Brüder in ihren früheren Zustand zurückkehren.« Das Mädchen hob den linken Flügel des Vogels auf, fand die Feder, wie der Vogel ihr gesagt hatte, ging damit zu den Marmorbildern und berührte eins nach dem andern, wodurch sie sogleich aus Steinen zu Menschen wurden. Als sie nun ihre Brüder wieder in der früheren Gestalt sah, umarmte und küßte sie sie überglücklich. Nachdem Serena auf diese Weise ihren Wunsch erreicht hatte, fing der leuchtend grüne Vogel von neuem an, inständig um seine Freiheit zu bitten und versprach zum Lohn für ein solches Geschenk, ihr nützlich zu sein, wenn sie jemals seines Beistandes bedürfe. Serena, der dies nicht genug war, antwortete ihm, sie werde ihn nicht eher freigeben, bis sie erfahren, wer ihre Eltern seien; er solle nur geduldig ertragen, was ihm auferlegt sei. Es entstand nun ein großer Streit unter ihnen, wer den Vogel haben solle, aber nach langem Hin und Her kam man endlich überein, ihn dem Mädchen zu lassen, und dieses bewahrte ihn mit vieler Sorgfalt und hielt ihn lieb und wert. Da also Serena im Besitz des leuchtend grünen Vogels war, stieg sie mit ihren Brüdern zu Pferde, und sie kehrten vergnügt nach Hause zurück. Unterdessen hatte sich der König, der oft vor dem Hause vorüberging, wo die Geschwister wohnten, sehr gewundert, sie gar nicht mehr zu sehen und hatte die Nachbarn befragt, was aus ihnen geworden sei, aber zur Antwort bekommen, sie wüßten nichts von ihnen, man habe sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. Jetzt, da sie wieder da waren, gingen nicht zwei Tage vorüber, so bemerkte sie der König schon und fragte, wo sie denn die ganze Zeit über gewesen seien, daß sie sich nicht hätten sehen lassen. Aquirino erwiderte ihm, daß seltsame Dinge, die ihnen zugestoßen, sie auswärts gehalten, und wenn sie ungeachtet des Befehls seiner Majestät und ihrer eigenen Wünsche nicht zu ihm gekommen seien, so möge er es verzeihen und ihnen erlauben, ihren Fehler wiedergutzumachen. Als der König von ihrem Mißgeschick hörte, tat es ihm sehr leid um sie, und diesmal wich er nicht eher von der Stelle, als bis alle drei mit ihm zum Palast gingen, um dort an seiner Tafel zu speisen. Aquirino nahm heimlich das tanzende Wasser, Fluvio den singenden Apfel und Serena den leuchtend grünen Vogel, und so folgten sie dem König fröhlich zum Palast, wo sie sich mit ihm zur Tafel setzten. Wie die boshafte Mutter und die neidischen Schwestern das wunderschöne Mädchen und die so anmutigen und wohlerzogenen Jünglinge sahen, deren schöne Augen wie glänzende Sterne leuchteten, stieg in ihnen eine leise Ahnung auf und sie empfanden keine geringe Angst in ihrem Herzen. Als das Mahl vorüber war, sagte Aquirino zum König: »Wir wollen, ehe die Tafel aufgehoben wird, Eurer Majestät verschiedene Dinge zeigen, die Euern Beifall finden werden.« Darauf nahm er einen silbernen Becher, goß das tanzende Wasser hinein und stellte es auf den Tisch. Sein Bruder Fluvio zog den singenden Apfel aus seinem Busen hervor und legte ihn neben das Wasser, und Serena, die den leuchtend grünen Vogel auf dem Schoß hatte, säumte nicht, diesen ebenfalls auf den Tisch zu setzen. Da hub der Apfel einen überaus anmutigen Gesang an und das Wasser begann wunderbar nach den Tönen des Gesanges zu tanzen, was dem König und den übrigen Anwesenden zu ungemeinem Vergnügen gereichte, so daß ihre Gesichter vor Freude strahlten. Aber der verbrecherischen Mutter und den Schwestern verursachte dies wachsenden Schmerz und zunehmende Angst, denn sie fürchteten sehr für ihr Leben. Als der Gesang und das Tanzen vorüber war, fing der leuchtend grüne Vogel an zu sprechen: »O geheiligter König«, sagte er, »was verdient derjenige, der zwei Brüdern und einer Schwester nach dem Leben getrachtet?« »Nichts anderes als den Feuertod«, antwortete sogleich die listige Mutter des Königs, und die beiden Schwestern stimmten ihr bei. Da hüben das tanzende Wasser und der singende Apfel an und sprachen: »O falsche, abscheuliche Mutter, dich selbst verdammt deine Zunge! Und ihr, boshafte und neidische Schwestern, werdet nebst der Hebamme gleichfalls zu einer solchen Todesstrafe verdammt werden.« Des Königs Erstaunen über diese Reden waren nicht gering. Doch der leuchtend grüne Vogel ließ seine Stimme wieder hören: »Geheiligte Krone«, sprach er, »dies hier sind Deine drei Kinder, die den Stern auf der Stirne tragen, und ihre unschuldige Mutter ist jene, die so lange Zeit in dem unreinen Winkel dort unten geschmachtet hat und noch schmachtet.« Da ließ der König ohne Säumen die unglückliche Königin aus dem übelriechenden Orte hervorziehen, sie standesgemäß kleiden und darauf in den Saal hereinführen; und obgleich sie so lange Zeit eingekerkert gewesen und schlecht behandelt worden war, hatte sie doch ihre frühere Schönheit ganz behalten, und nun erzählte der leuchtend grüne Vogel in Gegenwart aller, von Anfang bis zu Ende, wie die Sache sich zugetragen hatte. Und als der König von dem Zusammenhang unterrichtet war, umarmte er die teure Gemahlin unter Tränen und Schluchzen. Das tanzende Wasser aber, der singende Apfel und der leuchtend grüne Vogel, auf die niemand achtgab, verschwanden alle in einem Augenblick. Am folgenden Tage gab der König den Befehl, mitten auf dem Markte ein großes Feuer anzuzünden, und die Mutter, die neidischen Schwestern und die Hebamme wurden im Beisein des ganzen Volkes ohne Gnade verbrannt. Der König aber lebte mit seiner teuern Gemahlin und seinen holden Kindern lange Zeit, verheiratete seine Tochter nach Würden und hinterließ seinen Söhnen das Reich. 9 Nerino, Sohn Galleses, Königs von Portugal, verliebt sich in Genobbia, die Frau des Physikus Meister Raimondo Brunello, erlangt ihre Liebe und nimmt sie mit nach Portugal. Meister Raimondo aber stirbt vor Herzeleid. Gallese, König von Portugal, hatte einen Sohn namens Nerino, welchen er dergestalt erziehen ließ, daß er bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr keine andere Frau zu sehen bekam, als seine Mutter und die Amme, welche ihn stillte. Als nun aber Nerino zur Volljährigkeit gelangt war, beschloß der König, ihn auf die Universität Padua zu schicken, damit er dort die lateinische Literatur, die Sprache und die Sitten Italiens kennen lerne. Und so tat er. Als der junge Nerino in Padua angelangt war, schloß er Freundschaft mit vielen Studenten, welche ihm täglich den Hof machten. Unter diesen war auch ein Arzt, welcher sich Meister Raimondo Brunello, der Physikus, nannte. Da sie sich nun oft über verschiedene Dinge miteinander unterhielten, kamen sie eines Tages, wie es unter jungen Leuten zu geschehen pflegt, auch auf die Schönheit der Frauen zu sprechen, und der eine sagte dies, der andere jenes. Nerino aber behauptete, weil er ja früher keine Frau gesehen hatte, außer seiner Mutter und seiner Amme, mit großer Entschiedenheit, daß seinem Urteil nach in der ganzen Welt keine schönere, anmutigere und stattlichere Frau zu finden sei, als seine Mutter, und alle, die man ihm zeigte, erklärte er mit seiner Mutter verglichen für garstige Vetteln. Meister Raimondo, welcher eine der schönsten Frauen hatte, die je die Natur geschaffen, rückte sich über diese Possen die Halskrause zurecht und sprach: »Herr Nerino, ich kenne ein Weib von so großer Schönheit, daß Ihr es, würdet Ihr es sehen, für nicht minder schön, vielmehr für schöner als Euere Mutter erachten, würdet.« Nerino antwortete, er könne nicht glauben, daß jene Frau schöner sei als seine Mutter, aber es werde ihm Vergnügen machen, sie zu sehen. Worauf Raimondo versetzte: »Wenn es Euch gefällig ist, sie zu sehen, so bin ich erbötig, sie Euch zu zeigen.« »Das wird mir sehr lieb sein«, entgegnete Nerino; »ich werde Euch dafür verbunden sein.« »Wenn es Euch also beliebt, sie zu sehen«, schloß Meister Raimondo, »so kommt morgen früh in den Dom, und ich verspreche Euch, sie Euch zu zeigen.« Darauf ging er nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Steh morgen zeitig auf, ordne dein Haar, mach dich schön und kleide dich prächtig; denn ich will, daß du zum Hochamt in den Dom gehst, um dem Gottesdienst beizuwohnen.« Genobbia – so hieß die Gattin Meister Raimondos – war nicht gewohnt überflüssige Wege zu machen, sondern brachte fast den ganzen Tag mit Nähen und Sticken zu Hause zu. Sie verwunderte sich daher über dieses Ansinnen nicht wenig; weil es aber sein Wunsch und Wille war, so ergab sie sich darein und kleidete und richtete sich so herrlich her, daß sie nicht eine Frau, sondern eine Göttin schien. Als Genobbia nun nach ihres Gatten Befehl in den heiligen Tempel gegangen war, kam auch Nerino, der Königssohn, in die Kirche, und da er Genobbia sah, erklärte er sie bei sich selbst für außerordentlich schön. Als die schöne Genobbia sich entfernt hatte, kam Meister Raimondo, trat zu Nerino und sprach: »Nun was dünkt Euch von der Frau, die soeben aus der Kirche gegangen ist? Meint Ihr, daß sich irgendeine neben sie stellen dürfe? Ist sie nicht schöner als Eure Mutter?« »In der Tat«, erwiderte Nerino, »sie ist schön; die Natur könnte keine schönere schaffen. Aber seid so gut und sagt mir, wessen Frau sie ist und wo sie wohnt.« Meister Raimondo tat ihm den Gefallen aber nicht; denn er wollte es ihm nicht sagen. »Lieber Meister Raimondo«, sagte hierauf Nerino, »wenn Ihr mir nicht sagen wollt, wer sie ist und wo sie wohnt, so laßt sie mich wenigstens noch einmal sehen.« »Recht gerne«, antwortete Meister Raimondo. »Kommt morgen wieder her in die Kirche, so will ich machen, daß Ihr sie wie heute sehen könnt.« Zu Hause angekommen, sagte Meister Raimondo zu seiner Frau: »Genobbia, halte dich morgen früh bereit; denn ich will, daß du zur Messe in den Dom gehst, und wenn du dich jemals schön gemacht und prachtvoll gekleidet hast, so tu es morgen!« Darüber verwunderte sich Genobbia von neuem; weil sie aber dem Befehl ihres Mannes Gehorsam schuldig war, tat sie, was er von ihr verlangte. Am anderen Morgen begab sich Genobbia in reicher Kleidung und mehr als gewöhnlich geschmückt in die Kirche. Es währte nicht lange, da kam auch Nerino, und als er sie so strahlend schön sah, erglühte er so heftig in Liebe zu ihr, als nur je ein Mann für ein Weib geglüht hat. Meister Raimondo kam nun auch hinzu, und Nerino bat ihn, er möge ihm sagen, wer sie sei, er fände sie wunderschön. Aber Meister Raimondo, der sich stellte, als habe er seiner Praxis wegen große Eile, wollte es ihm jetzt nicht sagen, sondern ließ den Jüngling in seinem Fette schmoren und ging lachend davon. Einigermaßen erzürnt wegen des Mangels an Achtung, den Meister Raimondo ihm gegenüber zu beweisen schien, sprach Nerino bei sich selbst: »Du willst nicht, daß ich wissen soll, wer sie sei und wo sie wohne, aber ich werde es dir zum Trotz schon erfahren.« Er verließ die Kirche und wartete draußen so lange, bis die schöne Frau ebenfalls herauskam, worauf er sie ebenso bescheiden wie freundlich grüßte und bis zu ihrem Hause begleitete. Da nun Nerino die Wohnung der Dame ermittelt hatte, begann er ihr den Hof zu machen und ließ selten einen Tag verstreichen, ohne zehnmal vor ihrem Hause vorübergegangen zu sein. Er wünschte eine Unterredung mit ihr zu haben und zerbrach sich den Kopf, wie er es einrichten könne, seinen Zweck zu erreichen, ohne die Ehre der Frau zu schädigen. Trotz langem Hin- und Hersinnen und Plänemachen wollte ihm doch kein Mittel einfallen, das ihm heilsam schien, bis er schließlich die Bekanntschaft einer Alten machte, welche dem Hause Genobbias gegenüberwohnte. Dieser machte er verschiedene kleine Geschenke, wodurch er ihre Freundschaft gewann und heimlich in ihrem Hause aus- und eingehen konnte. Das Haus dieser Alten hatte ein Fenster, das nach dem Saal von Genobbias Wohnung blickte; von dort aus konnte Nerino sie mit Muße betrachten, wie sie sich in ihrem Hause hin- und herbewegte. Doch wollte er sich selbst nicht zeigen, um ihr keinen Anlaß zu geben, sich künftig vor seinen Blicken zu verbergen. Als Nerino nun alle Tage auf seinem geheimen Beobachtungsposten zubrachte und der heißen Flamme nicht widerstehen konnte, die ihm das Herz verzehrte, beschloß er bei sich, ihr einen Brief zu schreiben und ihn zu einer Zeit ins Haus zu werfen, wo er ihren Mann nicht daheim glaubte. Und also tat er und zwar mehrmals, aber Genobbia warf seine Episteln ungelesen und ohne viel Bedenken ins Feuer. Doch, nachdem sie dies mehrmals getan, fiel es ihr ein, auch einmal eine zu öffnen und zu sehen, was darin stehe. Als sie sie aufgemacht, sah sie, daß der Schreiber Nerino, der Sohn des Königs von Portugal sei, der sich heftig in sie verliebt habe, worüber sie erst eine Weile in Nachdenken versank, dann aber das üble Leben, das sie bei ihrem Manne führte, bedenkend, guten Mut schöpfte und Nerino freundliche Blicke zuwarf, ja ihn sogar auf geschickte Weise ins Haus schaffte, wo ihr der Jüngling dann die heiße Liebe erklärte, die er zu ihr im Herzen trage und die Qualen, die er um ihretwillen stündlich erdulden müsse, und ihr erzählte, wie er sich in sie verliebt habe. Und sie, die schön, liebreizend und mitleidig war, versagte ihm ihre Liebe nicht. Während sie nun in gegenseitiger Liebe vereinigt waren und verliebte Gespräche pflogen, siehe da klopfte plötzlich Meister Raimondo an die Haustür. Als Genobbia dies hörte, hieß sie Nerino sich aufs Bett legen, zog die Vorhänge zu und wies ihn an, hier die Entfernung ihres Gatten abzuwarten. Raimondo trat ins Haus, steckte irgend etwas von seinen Siebensachen zu sich und entfernte sich wieder, ohne etwas gemerkt zu haben. Ein gleiches tat auch Nerino. Des anderen Tages, als Nerino sich auf dem Marktplatze erging, kam zufällig Meister Raimondo des Wegs. Nerino deutete ihm durch Winken an, daß er ihn zu sprechen wünsche, ging dann auf ihn zu und sagte: »Messere, ich habe eine gute Nachricht für Euch!« »Und welche?« fragte Meister Raimondo. »Ich kenne jetzt die Wohnung jener wunderschönen Frau, auch hatte ich bereits eine anmutige Unterredung mit ihr. Und als ihr Mann nach Hause kam, verbarg sie mich im Bett und zog die Vorhänge zu, damit er mich nicht sehen könne, worauf er sich auch sogleich wieder entfernte.« »Nicht möglich?« rief Meister Raimondo. »Möglich«, versetzte Nerino, »und tatsächlich, und in meinem ganzen Leben habe ich kein herrlicheres, holdseligeres Weib gesehen. Solltet Ihr sie vielleicht nächstens besuchen, so empfehlt mich ihr und bittet sie, mich in gutem Andenken zu behalten!« Meister Raimondo sagte ihm dies zu und nahm verstimmt von ihm Abschied. Doch fragte er Nerino zuerst: »Werdet Ihr wieder hingehen?« »Das könnt Ihr Euch denken!« versetzte Nerino. Meister Raimondo begab sich nach Hause, entschloß sich aber, seiner Frau nichts zu sagen, sondern abzuwarten, bis er sie zusammen fände. Am folgenden Tage besuchte Nerino Genobbia wieder und während sie sich den Freuden der Liebe und ergötzlichen Gesprächen hingaben, kam plötzlich der Mann nach Hause. Sie aber verbarg Nerino geschwind in einer Truhe und warf eine Menge Kleider darüber, die sie lüften wollte, um sie vor den Motten zu bewahren. Der Mann stellte sich, als suche er etwas von seinen Sachen, durchstöberte das ganze Haus, guckte sogar ins Bett hinein, aber er fand nichts und ging darauf beruhigter weg und besorgte seine Praxis. Ebenso entfernte sich auch Nerino, und als er Meister Raimondo wieder begegnete, sagte er zu ihm: »Herr Doktor, da komme ich eben von der schönen Frau; aber das neidische Geschick hat mir allen Genuß verdorben; denn ihr Mann kam dazu und störte alles.« »Und wie entwischtet Ihr?« fragte Meister Raimondo. »Sie schloß einen Koffer auf«, antwortete Nerino, »und steckte mich hinein, und darüber warf sie eine Menge Kleider, die sie behandelte, damit die Motten nicht hineinkämen. Er aber kehrte das Bett um und um, und als er nichts fand, ging er seiner Wege.« Wie verdrießlich hier Meister Raimondo gewesen sein muß, kann sich jeder vorstellen, der weiß, wie die Liebe tut. Inzwischen hatte Nerino Genobbia einen schönen kostbaren Diamanten geschenkt, in dessen goldener Fassung innen sein Kopf und sein Name eingegraben standen. Am anderen Tage, als Meister Raimondo ausgegangen war, seine Kranken zu besuchen, ließ die Frau Nerino wieder ins Haus; und kaum war sie mit ihm in den Freuden der Liebe und anmutigen Wechselreden begriffen, kehrte jener schon wieder nach Hause zurück. Aber die verschlagene Genobbia hatte kaum die Rückkehr ihres Gatten wahrgenommen, so öffnete sie einen großen Schrank, der in ihrer Kammer stand und verbarg Nerino darin. Meister Raimondo trat ins Haus, stellte sich, als suche er etwas von seinen Sachen und kehrte in der Stube alles zu unterst und zu oberst, und als er im Bett und in den Truhen nichts fand, nahm er wie ein Rasender einen Feuerbrand und hielt ihn, fest entschlossen, die ganze Kammer mit allem, was darin war, zu verbrennen, an die vier Ecken des Gemachs. Schon hatten die Wände und die Querbalken Feuer gefangen, als Genobbia sich zu ihrem Mann wandte und rief: »Was soll das heißen, Mann? Seid Ihr etwa toll geworden? Wollt Ihr das Haus einäschern, so tut's meinetwegen! Aber meiner Treu, diesen Schrank sollt Ihr mir nicht verbrennen, der die Schriftstücke birgt, die zu meinem Heiratsgut gehören.« Hierauf ließ sie vier starke Lastträger kommen, und den Schrank in das Haus der alten Nachbarin tragen, wo sie ihn heimlich, ohne daß es jemand merkte, öffnete und sich dann nach Haus zurückbegab. Der sinnlose Meister Raimondo hatte nur sehen wollen, ob jemand hervorkomme, der ihm nicht angenehm wäre, aber er sah nichts als einen unerträglichen Rauch und das lohende Feuer, welches das Haus verzehrte. Inzwischen waren die Nachbarn herbeigeeilt, um die Feuersbrunst zu ersticken und arbeiteten so lange, bis sie sie endlich bemeisterten. Am folgenden Tage, als Nerino auf dem Wege nach dem Prato della Valle begriffen war, stieß er auf Meister Raimondo, grüßte ihn und sprach: »Lieber Meister, ich muß Euch wieder eine Geschichte erzählen, die Euch viel Spaß machen wird.« »Und was?« fragte Meister Raimondo. »Ich bin der schrecklichsten Gefahr entgangen, der jemals ein Mensch entronnen sein mag«, fuhr Nerino fort. »Ich ging wieder in das Haus jener edlen Dame und war mit ihr in anmutigem Gespräch begriffen, als plötzlich ihr Mann heimkam, das ganze Haus auf den Kopf stellte, endlich einen Brand ergriff und das Zimmer an allen vier Ecken ansteckte, so daß alles verbrannte, was darin war.« »Und Ihr«, fragte Meister Raimondo, »wo stecktet Ihr?« »Ich war in einem Schranke verborgen«, antwortete Nerino, »welchen sie aus dem Hause tragen ließ.« Als Meister Raimondo dies vernahm und an der Wahrheit der Erzählung nicht zweifeln konnte, meinte er vor Schmerz und Ärger zu sterben. Aber er durfte sich nicht verraten, weil er hoffte, ihn auf der Tat zu ertappen. »Nun, Herr Nerino«, fragte er ihn, »werdet Ihr wohl noch einmal zu ihr zurückkehren?« »Da ich dem Feuer entgangen bin, wovor sollte ich mich noch fürchten?« versetzte Nerino. Meister Raimondo brach nun dieses Gespräch ab und bat Nerino, am folgenden Tag zu ihm zum Frühstück zu kommen. Der Jüngling nahm die Einladung mit Freuden an. Am nächsten Tage lud Meister Raimondo alle seine Verwandten und die seiner Frau zu sich und bereitete ein pomphaftes, glänzendes Mahl, – nicht in seinem Hause, welches halb abgebrannt war, sondern anderwärts, und wies auch seine Frau an, sich dahin zu begeben, jedoch nicht mit bei Tisch zu sitzen, sondern sich verborgen zu halten und das Nötige zu besorgen. Als nun die ganzen Verwandten, sowie auch der junge Nerino, versammelt waren und man sich zu Tisch setzte, suchte Meister Raimondo durch erkünstelte Lustigkeit Nerino betrunken zu machen, um nachher seinen Anschlag ausführen zu können. Nachdem er ihm des öfteren den mit Malvasier gefüllten Becher gereicht und Nerino ihn jedesmal geleert hatte, sagte er zu ihm: »Ach, Herr Nerino, erzählt doch unseren Verwandten hier irgendein drolliges Geschichtchen!« Der arme Nerino wußte nicht, daß Genobbia Raimondos Frau sei und begann nun sein Abenteuer mit ihr zu erzählen, jedoch ohne irgendeinen Namen zu nennen. Es geschah nun, daß einer der Diener in die Kammer ging, wo sich Genobbia befand und zu ihr sagte: »Madonna, wäret Ihr in irgendeiner Ecke versteckt, so könntet Ihr die schönste Geschichte vernehmen, die Ihr in Euerm Leben gehört habt. Ich bitte Euch, kommt mit mir!« Sie versteckte sich also in einem Winkel und erkannte bald die Stimme ihres Liebhabers Nerino und daß die Geschichte, welche er erzählte, ihre eigene sei. Da nahm die kluge, geistesgegenwärtige Frau den Diamanten, den ihr Nerino geschenkt hatte, warf ihn in eine silberne Schale, die sie mit dem köstlichsten Trank füllte und sagte zu dem Diener: »Nimm diese Schale und reiche sie Nerino! Sag ihm, er möge sie austrinken, er wird dann um so besser erzählen können.« Nerino nahm die Schale und trank den Wein in einem Zuge aus. Da sah und erkannte er den Diamanten, der darin lag, ließ ihn in den Mund gleiten, tat dann, als wolle er den Mund abwischen und nahm ihn dabei heraus und steckte ihn an den Finger. Jetzt wußte er, daß die schöne Frau, von welcher er erzählte, Meister Raimondos Gattin sei und wollte nicht weiter gehen, vielmehr antwortete er, als Meister Raimondo und seine Verwandten ihn aufforderten, die angefangene Geschichte fertig zu erzählen: »Ja, und da, – da krähte der Hahn und siehe es war Tag; ich erwachte aus meinem Traum und aus war's.« Als die Verwandten Meister Raimondos, welche vorher geglaubt hatten, alles, was sie von Nerino über seine Dame vernommen, sei wahr, dies hörten, behandelten sie den einen wie den anderen als Erztrunkenbolde. Einige Tage darauf traf Nerino Meister Raimondo, stellte sich, als wisse er nicht, daß er der Mann Genobbias sei und sagte ihm, daß er in einigen Tagen abreisen werde, da ihm sein Vater geschrieben habe, er solle unverzüglich in sein Reich zurückkehren. Meister Raimondo wünschte ihm alles Glück zur Reise. Aber Nerino hatte heimliche Abrede mit Genobbia getroffen, entfloh mit ihr und brachte sie nach Portugal, wo er lange in Freuden mit ihr lebte. Als aber Meister Raimondo nach Hause kam und seine Frau nicht fand, starb er wenige Tage darauf vor Verzweiflung. 10 Flamminio Veraldo verläßt Ostia, um sich auf die Suche nach dem Tode zu machen. Er findet ihn nicht und begegnet schließlich dem Leben, das ihn die Angst kennen lehrt und den Tod kosten läßt. Ostia ist eine alte unweit von Rom gelegene Stadt. Dort lebte einst, wie das Volk sich erzählt, ein Jüngling namens Flamminio Veraldo, den man eher einfältig und unstät, als seßhaft und bedachtsam nennen konnte. Dieser hatte oftmals sagen hören, daß es in der Welt nichts Schrecklicheres und Grauenhafteres gebe als den finstern unvermeidlichen Tod, weil er auf niemand, sei er nun reich oder arm, Rücksicht nimmt und keinen schont. Dies erfüllte ihn mit großer Verwunderung, und er beschloß, alles daranzusetzen, um zu ergründen und zu sehen, was das eigentlich sei, was von den Sterblichen Tod genannt wird. Er zog sich ein grobes Gewand an, nahm einen starken, wohl mit Eisen beschlagenen Stock aus Kornelkirschenhölz zur Hand und verließ Ostia. Als Flamminio bereits viele Meilen gewandert war, erreichte er eine Straße, in deren Mitte er einen Schuhmacher in seiner Werkstatt sah, der Stiefel und Gamaschen anfertigte und wiewohl er schon eine Menge davon gemacht hatte, sich dennoch abmühte, immer neue herzustellen. Flamminio näherte sich ihm und sagte: »Grüß Gott, Meister!« »Seid willkommen, lieber Sohn!« antwortete der Schuster. »Was macht Ihr da?« fragte ihn der Jüngling. »Ich arbeite und plage mich, um nicht darben zu müssen«, erwiderte der Meister, »und zwar mühe ich mich ab, Stiefel anzufertigen.« »Warum denn aber«, fragte Flamminio, »Ihr habt doch schon so viele, wozu wollt Ihr denn noch mehr?« »Um sie zu tragen, um sie zu meinem und meiner Familie Unterhalt zu verkaufen und um von dem erlösten Gelde zu leben, wenn ich alt bin«, antwortete der Schuster. »Ja und dann? Was wird dann sein?« fragte Flamminio. »Dann heißt's sterben«, entgegnete der Schuster. »Sterben?« wiederholte Flamminio. »Jawohl«, bestätigte der Schuhmacher. »O lieber Meister!« rief da der Jüngling, »könntet Ihr mir wohl sagen, was es mit dem Tode auf sich hat?« »Nein, wahrhaftig nicht!« lautete die Antwort. »Habt Ihr ihn je gesehen?« »Weder habe ich ihn gesehen, noch möchte ich ihn je an mir erleben; denn es ist nur eine Stimme, daß er eine unheimliche, schreckliche Bestie ist.« »Könntet Ihr mir dann wenigstens zeigen oder sagen, wo ich ihn finden kann?« fragte Flamminio, »denn ich streife Tag und Nacht durch Gebirg und Tal und über Gewässer, um ihn zu suchen und vermag keine Nachricht über ihn zu erhalten.« Da antwortete der Schuster: »Ich weiß nicht, wo er haust, noch wo man ihn finden kann, noch wie er aussieht, aber geht nur fürbaß, vielleicht findet Ihr ihn.« So sagte denn Flamminio dem Schuster Lebewohl, setzte seinen Weg fort und kam zu einem dichten schattigen Wald. Diesen betrat er und fand einen Bauern, der eine Menge Brennholz geschlagen hatte und unermüdlich weiter schlug. Sie grüßten einander und Flamminio fragte: »Was willst du mit dem vielen Holz?« »Ich richte es zu, um diesen Winter, wenn es schneit, friert und der böse Nebel kommt, Feuer zu machen, damit ich und meine Kinder uns daran wärmen können, und den Überschuß verkaufe ich, um Brot, Wein, Kleider und andere für das tägliche Leben notwendige Dinge zu kaufen und so das Leben hinzubringen bis zum Tode«, antwortete der Bauer. »O bitt schön«, rief da Flamminio, »könntest du mir nicht sagen, wo ich diesen Tod finden kann?« »Nein, ganz gewiß nicht«, erwiderte der Bauer, »denn ich habe ihn nie gesehen, noch weiß ich, wo er sich aufhält. Ich verbringe den ganzen Tag in diesem Walde und gehe meiner Arbeit nach, und sehr wenig Leute kommen hier vorbei und die wenigsten davon kenne ich.« »Aber wie könnte ich's denn anstellen, ihn zu finden?« fragte Flamminio. »Das könnte ich Euch nicht sagen und noch weniger zeigen, aber wandert nur weiter, – vielleicht stoßt Ihr auf ihn.« Und so verabschiedete sich der Jüngling und ging weiter und wanderte so lange, bis er an einen Ort kam, wo er einen Schneider fand, der viele Gewänder auf den Ständern und ein Gewölbe voll mannigfacher und sehr schöner Kleider hatte. »Gott erhalte Euch, lieber Meister!« begrüßte er ihn. »Euch gleichfalls!« antwortete der Schneider. »Was macht Ihr denn mit diesen schönen und reichen Kleidern und diesen Prunkgewändern, gehören die alle Euch?« fragte ihn Flamminio. »Einige davon sind mein, andere gehören Kaufleuten, wieder andere Herren und einige andern Leuten«, antwortete der Schneider. »Und was machen sie mit so vielen?« fragte der Jüngling. »Sie tragen sie in den verschiedenen Jahreszeiten«, erwiderte der Schneider und er zeigte ihm einige und sagte: »Diese ziehen sie im Sommer, diese im Winter und jene in den Übergangszeiten an und manchmal tragen sie dieses und manchmal das.« »Und dann, was machen sie dann?« fragte Flamminio. »So geht's dann immer weiter bis zum Tode«, erwiderte der Schneider. Als Flamminio den Tod nennen hörte, rief er: »O, mein lieber Meister, könnt Ihr mir wohl sagen, wo dieser Tod zu finden ist?« Da antwortete der Schneider ganz verblüfft und zornig: »Ihr fragt aber seltsame Dinge, lieber Sohn, ich kann Euch weder sagen noch zeigen, wo er zu finden ist, ich denke sogar nie an ihn, und wer mir von ihm spricht, kränkt mich schwer; sprechen wir daher von was anderem oder geht Eurer Wege; denn ich bin ein Feind von derlei Gesprächen.« Und so sagte ihm der Jüngling Lebewohl und ging. Flamminio hatte bereits viele Gegenden durchwandert, als er an einen verlassenen öden Ort kam und dort einen Eremiten mit weißem Bart fand, der infolge der Jahre des Fastens ganz hinfällig und dessen Sinn nur auf fromme Betrachtung gerichtet war. Da dachte er, das sei sicherlich der Tod und sprach zu ihm: »Seid gegrüßt, heiliger Vater!« »Willkommen, lieber Sohn!« erwiderte der Eremit. »O lieber Vater«, fragte darauf Flamminio, »was macht Ihr an diesem gebirgigen und unbewohnbaren Orte, in dieser freudlosen Menschenöde?« »Ich gebe mich«, antwortete der Eremit, »Gebeten, Fastenübungen und frommen Betrachtungen hin.« »Und warum?« fragte Flamminio. »Warum? fragst du, lieber Sohn, – um Gott zu dienen und dieses elende Fleisch zu kasteien und um die vielen Beleidigungen zu büßen, die ich dem ewigen und unsterblichen Gotte und dem wahren Sohne der Maria zugefügt und endlich, um diese sündige Seele zu retten, damit ich sie ihm, wenn die Stunde meines Todes kommt, makellos zurückgeben kann und am furchtbaren Tag des Gerichtes durch die Gnade meines Erlösers, nicht durch meine Verdienste, würdig erkannt werde des seligen hochherrlichen Vaterlandes und dort die Güter des ewigen Lebens genieße, dessen Gott uns alle teilhaftig werden lassen möge!« Da bat Flamminio: »O mein lieber Vater, erklärt mir doch ein wenig, wenn es Euch nicht lästig ist: was hat es eigentlich mit diesem Tod für eine Bewandtnis und wie sieht er aus?« »O mein lieber Sohn«, erwiderte da der fromme Vater, »trachte nicht danach, es zu erfahren; denn er ist etwas Schreckliches und Furchterweckendes und wird daher von den Weisen das Ende der Schmerzen, die Verzweiflung der Glücklichen, die Sehnsucht der Unglücklichen und das gänzliche Aufhören der Dinge dieser Welt genannt. Er scheidet den Freund vom Freunde, den Vater vom Sohn und den Sohn vom Vater, trennt die Mutter von der Tochter und die Tochter von der Mutter, löst das Band der Ehe und scheidet endlich die Seele vom Körper und der von der Seele getrennte Leib vermag sich nicht mehr zu rühren, sondern wird so faul und stinkend, daß alle ihn verlassen und wie etwas Abscheuliches fliehen.« »Habt Ihr ihn je gesehen, Vater?« fragte Flamminio. »O nein!« erwiderte der Eremit. »Aber wie könnte ich es anstellen, um ihn zu schauen?« fragte der Jüngling. »Wenn Ihr ihn zu finden wünscht, mein Sohn«, entgegnete der Alte, »so wandert weiter, dann werdet Ihr auf ihn stoßen; denn je weiter der Mensch auf dieser Welt wandert, desto mehr nähert er sich ihm.« Der Jüngling dankte dem frommen Vater, empfing seinen Segen und setzte seinen Weg fort. Auf seiner Wanderung passierte er viele tiefe Täler, felsige Gebirge und ungastliche Wälder und sah mannigfache und furchterweckende Tiere, die er alle fragte, ob sie der Tod seien. Aber alle antworteten ihm mit nein. Nachdem er nun viele Gegenden durchzogen und viele seltsame Dinge gesehen hatte, gelangte er schließlich zu einem Berge von nicht geringer Höhe, und als er diesen überschritten, stieg er in ein dunkles, sehr tiefes, von hohen Felswänden eingeschlossenes Tal hinunter und sah dort ein unheimliches, ungestaltetes, wildes Tier, das durch sein Gebrüll das ganze Tal widerhallen machte. »Wer bist du? Holla, bist du vielleicht der Tod?« fragte es Flamminio. »Nein, das bin ich nicht«, antwortete das Ungeheuer, »aber wandere weiter, dann wirst du ihn bald finden.« Als Flamminio die ersehnte Antwort vernahm, empfand er lebhafte Freude. Der Arme war infolge der langen Mühsal und der harten Pein, die er erduldet, schon müde und halbtot, als er fast verzweifelnd an eine weite bebaute Ebene kam. Er bestieg einen freundlichen, blumenreichen Hügel von geringer Höhe und als er nach allen Seiten Umschau hielt, erblickte er die gewaltigen Mauern einer wunderschönen Stadt, die nicht weit entfernt lag. Da beschleunigte er seinen Schritt und gelangte in der Abenddämmerung an eines ihrer Tore, das mit feinstem, weißem Marmor geziert war. Mit Erlaubnis des Torwarts betrat er die Stadt, und das erste Wesen, auf das er stieß, war ein uraltes, bleiches Weiblein, das so mager und abgezehrt war, daß man alle Knochen an ihrem Leibe hätte zählen können. Ihre Stirn war runzlig, ihre Augen schielend, tränend und gerötet, daß sie der Farbe des Purpurs ähnelten, ihre Lippen schlaff und hängend, ihre Hände rauh und schwielig, der Kopf wackelnd und die ganze Gestalt zittrig und der Gang schwankend. Dazu hatte sie ein grobes dunkles Gewand an, trug an der linken Seite ein scharfes Schwert und in der rechten Hand einen dicken Stock mit einer eisernen nach Art eines Dreizacks gebildeten Spitze, auf den sie sich manchmal stützte. Auf dem Rücken trug sie einen Riesensack, indem sie Fläschchen, Töpfchen und Apothekerbüchsen voll verschiedener Flüssigkeiten, Salben und Pflaster für alle möglichen Fälle hatte. Kaum hatte Flamminio diese zahnlose, häßliche Alte erblickt, da dachte er, es sei dies der gesuchte Tod und so trat er an sie heran und sprach: »Gott erhalte Euch, liebe Mutter!« »Auch dich behüte und erhalte Gott, mein Sohn«, antwortete ihm die Alte mit heiserer Stimme. »Solltet Ihr vielleicht der Tod sein, liebe Mutter?« fragte Flamminio. »Nein«, erwiderte die Alte, »ich bin vielmehr das Leben, und wisse, daß ich hier in diesem Sack auf meinem Rücken einige Elixiere und Salben habe, mit denen ich auch die größten Wunden, die ein Mensch an sich haben kann, liebreich heile und schließe und die größten Schmerzen, an denen er leiden mag, in ganz kurzer Zeit beseitige.« Da sagte Flamminio: »O meine liebe Mutter, könntet Ihr mir dann zeigen, wo er sich befindet?« »Wer bist du eigentlich, der du mich so dringend fragst?« forschte die Alte. »Ich bin ein junger Mann«, antwortete Flamminio, »der schon viele Tage, Monate und Jahre auf der Suche nach dem Tode ist und nirgends jemand finden konnte, der ihm Aufschluß darüber hätte geben können. Wenn Ihr daher der Tod seid, so sagt es mir, bitte; denn ich sehne mich außerordentlich danach, ihn zu sehen und seine Macht zu erproben, um zu erfahren, ob er wirklich so häßlich und furchtbar ist, wie jedermann behauptet.« Als die Alte die törichte Rede des Jünglings hörte, sagte sie zu ihm: »Wenn es dir recht ist, mein Sohn, werde ich dir zeigen, wie häßlich, und dich erfahren lassen, wie schrecklich er ist.« »O liebe Mutter«, rief da Flamminio, »haltet mich nicht länger hin und laßt ihn mich endlich sehen!« Um ihm den Willen zu tun, ließ die Alte ihn sich nackt ausziehen. Während der Jüngling sich entkleidete, stellte sie einige ihrer für verschiedene Krankheiten geeigneten Pflaster zusammen und als sie das alles vorbereitet hatte, sagte sie zu ihm: »Bück' dich nieder, mein Sohn!« Und er gehorchte und bückte sich. »Beuge den Kopf und schließe die Augen!« befahl die Alte, und er tat also. Kaum hatte sie ausgeredet, da nahm sie das Schwert, das sie an der Seite trug und schlug ihm mit einem Streich den Kopf ab. Dann ergriff sie blitzschnell das Haupt, pflanzte es wieder auf den Rumpf, verklebte die Schnittstelle mit den Pflastern, die sie zurechtgelegt hatte und machte ihn spielend wieder heil und gesund. Aber ich weiß nicht, wie es kam, ob infolge der Hast der Ärztin im Wiederaufsetzen, oder weil List dabei im Spiele war: der Hinterkopf schaute jetzt nach vorn. Als daher Flamminio seine Schulterblätter und Lenden und die dicken nach auswärts gewölbten Hinterbacken sah, die er bisher noch nie erblickt hatte, befiel ihn ein solches Zittern und ein solches Entsetzen, daß er nicht wußte, wohin sich bergen und mit schmerzerfüllter bebender Stimme zu der Alten sagte: »O weh, liebe Mutter! bringt mich wieder in meinen früheren Zustand! Dreht mir den Kopf um Gottes willen wieder um; denn noch nie sah ich etwas Häßlicheres und Schrecklicheres als dies. O, befreit mich aus diesem Unglück, in das ich mich verstrickt sehe, ich flehe Euch an! Zögert nicht länger, liebe, süße Mutter, leiht mir Beistand, ist es doch für Euch ein leichtes!« Die schlaue Alte schwieg und tat fortwährend, als bemerke sie den begangenen Irrtum nicht und ließ ihn jammernd in seinem eigenen Fette schmoren. Endlich, nachdem sie ihn zwei Stunden lang in diesem Zustand gelassen hatte, wollte sie ihn wieder in seinen früheren zurückversetzen. Sie ließ ihn sich abermals bücken, ergriff das haarscharfe Schwert und schlug ihm den Kopf ab, den sie darauf ergriff, richtig auf den Rumpf setzte, mit ihren Pflastern verklebte und so den Jüngling wieder in seine vorige Gestalt zurückkehren ließ. Als Flamminio sah, daß er sein früheres Aussehen wiedergewonnen hatte, zog er seine Kleider wieder an. Nachdem er nun die Furcht kennengelernt und an sich erfahren hatte, wie häßlich und schrecklich der Tod sei, nahm er Abschied von der Alten, kehrte auf dem kürzesten und schnellsten Wege, den er wußte, nach Ostia zurück und suchte fernerhin das Leben und floh den Tod, und richtete sein Sinnen und Trachten auf Besseres, als er bis dahin getan. 11 Guerrino, der einzige Sohn Filippo Marias, Königs von Sizilien, befreit einen Waldmenschen aus der Gefangenschaft seines Vaters. Die Mutter schickt den Sohn aus Furcht vor dem König ins Exil, und der zu einem schönen Jüngling gewordene Waldmensch befreit Guerrino aus vielen schrecklichen Gefahren. Sizilien ist eine vortreffliche fruchtbare Insel und übertrifft an Alter ihrer Geschichte alle anderen, und auf ihr gibt es viele Städte und Burgen, die sie noch schöner machen als sie schon ist. Diese Insel beherrschte in vergangenen Zeiten König Filippo Maria, ein weiser, freundlicher und ausgezeichneter Mann, der eine sehr liebenswürdige, anmutige und schöne Gemahlin und von ihr einen einzigen Sohn namens Guerrino hatte. Der König hatte ein größeres Vergnügen an der Jagd als irgendein anderer Fürst; denn er war ein starker und kräftiger Mann, dem eine solche Beschäftigung sehr zusagte. Als er sich nun einmal mit verschiedenen seiner Barone und Jäger auf der Jagd befand, sah er plötzlich aus dem Dickicht einen sehr großen, plumpgebauten Waldmenschen, der keinem an Kräften nachstand, hervorspringen, und so mißgestaltet und häßlich war er, daß sich aller eine nicht geringe Verblüffung bemächtigte. Der König machte sich kampfbereit und griff ihn mit zweien seiner besten Barone mutig an. Nach einem langen, hartnäckigen Kampfe überwand er ihn, ließ ihn binden und führte ihn mit sich nach seinem Palaste. Nachdem er einen für ihn geeigneten, wohlverwahrten Raum gefunden, schloß er ihn hinein und befahl, daß man ihn aufmerksam bewache. Und da dem König soviel an ihm gelegen war, wollte er die Schlüssel allein der Königin anvertrauen, und es verging kein Tag, ohne daß er sich den Zeitvertreib machte, ihn in seinem Gefängnis zu besuchen. Nach einigen Tagen wollte der König wieder auf die Jagd gehen, er bereitete alles dazu vor und zog mit einem stattlichen Gefolge von dannen, nachdem er zuerst der Königin den Schlüssel des Kerkers anvertraut hatte. Während nun der König auf der Jagd war, bekam der Knabe Guerrino große Lust, den wilden Mann zu sehen und ging allein mit seinem Bogen, an dem er ganz besonderes Gefallen fand, und mit einem Pfeil in der Hand an das Gitter des Gefängnisses, wo das Ungeheuer weilte, betrachtete es, und fing an ganz vertraulich mit ihm zu sprechen. Während er so plauderte und der wilde Mensch ihm schmeichelte und ihn liebkoste, wußte er ihm auf geschickte Weise den Pfeil, der reich gearbeitet war, aus der Hand zu nehmen. Darüber fing der Knabe an bitterlich zu weinen, konnte sich gar nicht zufrieden geben und wollte durchaus seinen Pfeil wieder haben. Der Waldmensch aber sprach: »Wenn du mir mein Gefängnis öffnen und mich befreien willst, gebe ich dir deinen Pfeil zurück, sonst bekommst du ihn nimmermehr.« Darauf sagte der Knabe: »Wie kann ich dir denn aufmachen und dich herauslassen? Ich weiß ja gar nicht, wie ich das anstellen soll.« »Wenn du geneigt wärst«, antwortete der Waldmensch, »mich aus diesem engen Käfig zu befreien, so will ich dir wohl das Mittel dazu angeben, wie du mich schnell losmachen könntest.« »Wie denn?« fragte Guerrino, »so sage mir das Mittel!« Da sprach der Waldmensch: »Geh zur Königin, deiner Mutter, und wenn du sie in der Mittagszeit schlummern siehst, so suche behutsam unter dem Kopfkissen, auf dem sie ruht, nach, entwende ihr sacht, ohne daß sie es merkt, die Schlüssel des Gefängnisses, bring sie her und öffne mir, und sobald du geöffnet hast, gebe ich dir gleich deinen Pfeil zurück. Vielleicht werde ich dir diesen Dienst bald vergelten können.« Begierig, seinen vergoldeten Pfeil wieder zu haben, dachte Guerrino nach Kinderart nicht an die Folgen, sondern lief unverweilt zu seiner Mutter, fand sie süß schlafend, nahm ihr vorsichtig die Schlüssel fort, kehrte damit zum Waldmenschen zurück und sprach zu ihm: »Hier sind die Schlüssel! Wenn ich dir aufgeschlossen habe, so lauf, soweit deine Füße dich tragen; denn bekäme mein Vater, der ein geschickter Jäger ist, dich wieder in seine Gewalt, so könnte es leicht sein, daß er dich töten ließe.« »Sei unbesorgt, mein Sohn!« erwiderte der Waldmensch; »denn sobald du das Gefängnis geöffnet hast und ich mich in Freiheit sehe, gebe ich dir deinen Pfeil zurück und fliehe so weit von hier, daß weder dein Vater noch sonst jemand mich jemals antreffen soll.« Guerrino, der schon Manneskraft besaß, bemühte sich so lange, bis er endlich das Gitter geöffnet hatte. Da gab ihm der Waldmann den Pfeil zurück, sagte ihm Dank und eilte davon. Dieser Waldmensch war früher ein sehr schöner Jüngling gewesen, der aus Verzweiflung, sich von einer heißgeliebten Jungfrau verschmäht zu sehen, den Liebesgedanken und den Freuden des Stadtlebens entsagt hatte, um in den dunkeln Wäldern mit den Tieren zu leben und sich wie diese von Kräutern zu nähren und Quellwasser zu trinken. Von dieser Lebensweise hatte der Unglückliche ganz grobes Haar, eine dicke, harte Hand und einen dichten, sehr langen Bart bekommen, und weil er nichts als Kräuter aß, waren ihm Haar, Bart und Haut so grün geworden, daß er einen ungemein grotesken Anblick gewährte. Als die Königin erwachte, fuhr sie mit der Hand unters Kopfkissen, um die Schlüssel hervorzuholen, die sie sonst immer an der Seite zu tragen pflegte. Da sie sie aber nicht fand, verwunderte sie sich sehr, kehrte das ganze Bett danach um – doch vergeblich, worauf sie wie eine Verrückte zum Gefängnis lief. Und da sie es offen und den Waldmenschen nicht darin fand, wollte sie vor Schmerz vergehen. Sie durcheilte den Palast nach allen Seiten und befragte jeden, der ihr begegnete, wer die Verwegenheit und Anmaßung gehabt habe, ihr heimlich die Schlüssel des Gefängnisses wegzunehmen. Alle beteuerten, nichts davon zu wissen. Da traf Guerrino auf die Mutter, und als er sie ganz außer sich vor Zorn sah, sagte er: »Mutter, beschuldigt keinen der Öffnung des Gefängnisses; denn wenn jemand Strafe verdient, so muß ich sie erleiden, denn ich habe das Gefängnis geöffnet.« Dieses Geständnis verursachte der Königin noch weit größeren Schmerz, da sie befürchtete, wenn der König von der Jagd nach Hause komme, werde er den Sohn in seinem Zorn töten; denn er hatte ihr die Schlüssel ans Herz gelegt, als hinge sein ganzes Wohl daran. Um nun einen kleinen Fehler gutzumachen, beging die Königin einen weit größeren. Ohne Aufschub berief sie zwei getreue Diener, empfahl ihnen aufs dringendste, Sorge für ihren Sohn zu tragen, versah diesen mit einer Menge Juwelen und Gold und prächtigen Pferden und sandte ihn, von den beiden begleitet, auf gut Glück in die Welt. Guerrino hatte seine Mutter noch nicht lange verlassen, da kam der König von der Jagd zurück in den Palast und ging, sobald er vom Pferde gestiegen, zum Gefängnis, um seinen Waldmann zu besuchen. Als er es aber offen und den Waldmann entwischt fand, geriet er in eine solche Wut, daß er fest entschlossen war, den umzubringen, der sich ein solches Vergehen hatte zuschulden kommen lassen. Er ging zur Königin, welche er traurig in ihrem Gemach fand, und fragte sie, wer der unverschämte und tollkühne Frevler sei, der es gewagt habe, das Gefängnis zu öffnen und die Flucht des Waldmenschen zu veranlassen. »O zürnt nicht, König«, sprach die Königin mit zitternder, schwacher Stimme. »Guerrino hat, wie er mir eingestanden, dieses Unheil verübt.« Hierauf teilte sie dem König zu seinem nicht geringen Verdruß mit, was ihr Guerrino erzählt hatte und fügte dann hinzu, sie habe ihn aus Furcht, er werde ihn töten, in ferne Lande gesandt, begleitet von zwei treuen Dienern, die reichlich mit Gold und Kleinodien für ihren Bedarf versehen seien. Bei dieser Nachricht, die Leid zum Leide fügte, geriet der König ganz außer sich und es fehlte nicht viel, so wäre er zu Boden gefallen und hätte den Verstand verloren, – ja, wenn ihn nicht die Hofleute zurückgehalten hätten, so würde er in diesem Augenblick seine Frau umgebracht haben. Als der arme König wieder zu sich selbst gekommen war und sein Zorn sich gelegt hatte, sprach er zu der Königin: »Wie konnte es Euch einfallen, o Frau, unseren Sohn nach unbekannten Ländern zu schicken? Glaubtet Ihr denn, daß mir mehr an jenem Wilden gelegen sei, als an meinem eigenen Fleisch und Blut?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er viele Kriegsleute zu Pferd steigen und befahl ihnen, sich in vier Haufen zu teilen, und alles daranzusetzen, ihn wiederzufinden. Ihre Bemühungen waren aber fruchtlos; denn Guerrino und seine Diener wählten ganz verborgene Wege und ließen sich von niemand erkennen. So ritt nun der gute Guerrino mit seinen Dienern dahin, hatte schon viele Täler, Berge und Flüsse passiert, sich bald hier, bald dort aufgehalten und war endlich sechzehn Jahre alt und so schön geworden, wie eine frisch aufgeblühte Rose. Da verfielen seine Diener plötzlich auf den teuflischen Gedanken, Guerrino zu töten, seine Schätze und sein Geld zu rauben und unter sich zu teilen. Sie kamen aber nicht zur Ausführung; denn durch göttliche Fügung konnten sie niemals miteinander einig werden. Da geschah es, daß zum Glück für Guerrino ein schöner, anmutiger Jüngling auf einem prachtvollen, reichgeschmückten Pferde des Weges kam, Guerrino mit höflicher Neigung des Kopfes grüßte und ihn anredete: »O edler Ritter, wenn es Euch nicht unangenehm ist, so erlaubt mir, Euch zu begleiten.« Guerrino erwiderte: »Ein Anstand wie der Eure gestattet mir nicht, Eure Gesellschaft auszuschlagen, vielmehr weiß ich Euch für dieses Anerbieten Dank und bitte Euch ganz besonders, mit uns zu kommen. Wir sind hier fremd und kennen die Wege nicht; Ihr werdet die Güte haben, sie uns zu zeigen, und während des Reitens können wir einander etwas von unseren Erlebnissen erzählen, um uns die Reise angenehmer zu machen.« Dieser Jüngling war aber niemand anderer als der Waldmensch, den Guerrino aus der Gefangenschaft seines Vaters, des Königs Filippo Maria befreit hatte. Er hatte verschiedene Länder und fremde Gegenden durchstreift, da hatte ihn zufällig eine sehr schöne aber kränkliche Fee erblickt und über sein ungestaltes, wunderliches Aussehen so herzlich gelacht, daß ein lebensgefährliches Geschwür an ihrem Herzen aufgebrochen war. Von diesem Augenblicke an fühlte sie sich völlig geheilt und war gesund und wohl, als hätte ihr niemals etwas gefehlt. Die schöne Fee wollte eine solche Wohltat nicht mit Undank lohnen und sprach: »O du jetzt so mißgestalteter und häßlicher Mensch, der du meine langersehnte Genesung bewirktest, geh hin, ich mache dich zum schönsten, edelsten, weisesten und anmutigsten Jüngling, den man finden kann. Und an aller Macht und Gewalt, womit die Natur mich begabte, gebe ich dir Anteil, daß du nach deinem Willen alles machen und zunichte machen kannst.« Nach diesen Worten beschenkte sie ihn mit einem herrlichen, gefeiten Roß und entließ ihn, damit er hingehe, wohin ihm beliebe. Als nun Guerrino mit dem Jüngling, den er nicht erkannte, wohingegen dieser ihn wohl erkannt hatte, fürbaß ritt, kam er endlich an eine sehr feste Stadt, Irlanda mit Namen, welche damals der König Zifroi beherrschte. Dieser König Zifroi hatte zwei Töchter, hold anzuschauen, von edeln Sitten und reicher mit Schönheit begabt, als Venus. Eine derselben hieß Potentiana, die andere Eleuteria, und sie waren dem König so teuer, daß er durch keine anderen Augen sah, als durch die ihrigen. Als nun Guerrino mit dem unbekannten Ritter und den Dienern in die Stadt Irlanda gekommen war, stieg er bei einem Wirte ab, dem witzigsten Manne von Irlanda, von dem sie auf das beste behandelt wurden. Am andern Tag tat der Unbekannte, als wolle er abreisen, nahm Abschied von Guerrino und sagte ihm vielen Dank für seine gute Gesellschaft. Allein Guerrino, der ihn liebgewonnen hatte, wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen und bat ihn so lange, bis er einwilligte, bei ihm zu bleiben. Im irlandischen Gebiet hausten aber damals zwei furchtbare, erschreckliche Tiere, ein wilder Hengst und eine wilde Stute, die so gewalttätig und furchtlos waren, daß sie nicht allein die angepflanzten Felder gänzlich verwüsteten, sondern auch alle Tiere und Menschen, die ihnen nahe kamen, aufs grausamste umbrachten. Das Land war durch diese Bestien in einen so traurigen Zustand versetzt worden, daß kein Mensch mehr dort wohnen wollte. Die Bauern verließen ihre Besitzungen und ihre teuren Behausungen und zogen in fremde Gegenden, und niemand war stark und mutig genug, daß er es wagte, sich ihnen zu widersetzen oder gar, sie zu töten. Als der König das ganze Land von Lebensmitteln, Vieh und Menschen entblößt sah und doch kein Mittel wußte, dem Übel abzuhelfen, war er sehr betrübt und verwünschte beständig sein hartes und grausames Geschick. Die beiden Diener Guerrinos, die unterwegs ihren grausamen Plan nicht hatten ausführen können, teils weil sie nicht unter sich einig geworden waren, teils wegen der Dazwischenkunft des unbekannten Jünglings, kamen nun wieder auf den Gedanken, Guerrino ums Leben zu bringen und sich seiner Kleinodien und seines Geldes zu bemächtigen. »Wir wollen sehen«, sagten sie unter sich, »ob wir unserm Herrn nicht irgendwie den Tod bereiten können.« Da sie aber keine anderen Mittel und Wege fanden, die ihnen brauchbar schienen – denn wenn sie ihn selbst umbrachten, waren sie in Todesgefahr – beschlossen sie, heimlich mit dem Wirte zu sprechen und ihm zu erzählen, welch ein mutiger und tapferer Jüngling ihr Herr sei und wie oft er sich ihnen gegenüber gerühmt, er könne jeden wilden Hengst töten, ohne daß jemand dabei zu Schaden käme. Dieser Bericht, dachten sie, wird schnell zu Ohren des Königs gelangen, der eifrigst wünscht, die Tiere umgebracht und das Land befreit zu sehen. Er wird Guerrino alsbald rufen lassen und ihn über die Art befragen, dies zu bewerkstelligen, und weiß er dann nicht zu antworten, so ist es leicht möglich, daß er ihn töten läßt und seine Schätze unser werden. Gesagt, getan. Sie banden dem Wirt ihre Lüge auf, dieser war außer sich vor Freuden darüber, eilte zum Palast, erwies knieend dem König seine Ehrfurcht und sprach ohne Zeugen zu ihm: »Wisset, heilige Krone, in meinem Hause wohnt ein schöner fremder Ritter, Guerrino mit Namen. Von dem haben mir seine Diener erzählt, als ich mit ihnen über dies und jenes sprach, ihr Herr sei sehr berühmt wegen seiner Tapferkeit und wisse die Waffen zu führen wie kein anderer in unseren Tagen, und oft solle er sich gerühmt haben, ihm sei es ein leichtes, den wilden Hengst zu besiegen, welcher Euer Reich verwüstet.« Auf diese Nachricht befahl ihm König Ziffoi sogleich, er solle den Ritter zu ihm schicken. Dem Befehl gehorchend, kehrte der Wirt alsbald in seine Herberge zurück und sagte zu Guerrino, er solle gleich in den Palast kommen, der König wünsche mit ihm allein zu sprechen. Als Guerrino dies hörte, erschien er vor dem König, bezeigte ihm die schuldige Ehrfurcht und fragte ihn, warum er ihn habe rufen lassen. »Guerrino«, sprach König Zifroi zu ihm, »ich habe dich rufen lassen, weil ich vernommen, du seiest der tapferste Ritter auf der Welt und so gewaltig, daß du dich getrautest, jenen wilden Hengst, der mein Land so jämmerlich verwüstet, zu bezwingen, ohne Gefahr für dich und andere. Wagst du dieses ruhmvolle Unternehmen und bezwingst du die Bestie, so gelobe ich dir bei diesem meinem Haupte, dich dergestalt zu belohnen, daß du dein ganzes Leben hindurch glücklich sein sollst.« Über dieses Ansinnen erstaunte Guerrino nicht wenig und leugnete, je dergleichen Reden geführt zu haben, wie man sie ihm nachsage. Der König war höchst unwillig über seine Antwort und sagte zornig: »Ich befehle dir, Guerrino, diesen Kampf zu bestehen; es kostet dir das Leben, wenn du meinem Willen widerstrebst!« Betrübt kehrte Guerrino in seine Herberge zurück und wagte nicht, jemand seine Not zu klagen. Als der Unbekannte ihn gegen seine Gewohnheit so traurig sah, fragte er ihn teilnehmend nach der Ursache seines Kummers. Guerrino konnte bei der brüderlichen Freundschaft, die zwischen ihnen herrschte, diese liebevolle Frage nicht unbeantwortet lassen und erzählte ihm, was ihm begegnet war. »Sei guten Muts«, sagte darauf der unbekannte Jüngling, »und fürchte nichts! Ich werde dir einen Weg zeigen, nicht nur dein Leben zu retten, sondern auch in diesem Kampfe zu siegen und des Königs Begehren zu erfüllen. Kehre also zu ihm zurück und sage zu ihm, er solle dir einen tüchtigen Hufschmied geben, bei dem bestelle dir vier dicke Hufeisen, rund herum zwei gute Zoll breiter als die gewöhnlichen, mit ausgezacktem Rande und hinten mit zwei spitzen und scharfen, gut fingerlangen Haken versehen. Hast du sie, so läßt du damit mein Zauberpferd beschlagen und das übrige soll schon gehen.« Guerrino begab sich also zum König und sprach zu ihm, wie der Jüngling ihm aufgetragen hatte. Der König ließ einen trefflichen Hufschmied kommen und befahl ihm, alles auszuführen, was Guerrino ihm sagen würde. Der Meister ging in seine Werkstatt und Guerrino mit ihm und bestellte die vier oben beschriebenen Hufeisen. Als aber der Meister das hörte, wollte er sie nicht machen und lachte ihn aus und behandelte ihn wie einen Narren; denn dergleichen war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen. Als Guerrino aber sah, daß der Hufschmied ihn verspottete und ihm nicht gehorchen wollte, ging er zum König und beklagte sich über ihn, daß er ihm nicht habe dienen wollen. Der König ließ ihn daher zu sich rufen und befahl ihm eindringlich und bei Strafe seiner Ungnade, entweder zu tun, was ihm aufgetragen worden sei, oder hinzugehen und an Guerrinos Statt mit dem Untier zu kämpfen. Als der Meister sah, daß es mit dem Befehle des Königs Ernst war, machte er die Hufeisen und beschlug das Pferd damit, wie ihm angegeben worden war. Als nun das Pferd beschlagen und mit allem erforderlichen ausgerüstet war, sagte der Jüngling zu Guerrino: »Besteig nun mein Roß, zieh unbesorgt aus und wenn du das Wiehern des wilden Hengstes hörst, so steig ab, nimm ihm Sattel und Zaumzeug ab und laß es in Freiheit. Du aber erklettere einen hohen Baum und warte dort das Ende ab.« Guerrino, von seinem treuen Gefährten wohl unterrichtet, wie er sich zu verhalten habe, nahm Abschied und ritt vergnügt davon. Durch die ganze Stadt Irlanda war schon das rühmliche Gerücht erschollen, ein anmutiger, schöner Jüngling habe es auf sich genommen, den wilden Hengst zu bekämpfen und wolle ihn gefangen dem König überbringen. Deshalb liefen Männer und Weiber an die Fenster, ihn vorbeikommen zu sehen, und alle wurden vom Anblick seiner Schönheit und Jugend so gerührt, daß sie sich der Tränen nicht erwehren konnten und bedauernd sprachen: »O der Arme, wie er sich freiwillig in den Tod stürzt! Wahrlich, es ist jammerschade, daß er so elendig um sein Leben kommen soll.« Allein Guerrino ritt unbekümmerten Sinnes und männlichen Mutes weiter, ohne sich an etwas zu kehren. Als er aber dem Aufenthalt des Untieres nahe war und es wiehern hörte, stieg er ab, band seinem Roß Sattel und Zaumzeug los, ließ es frei, suchte Schutz auf einer starken Eiche und erwartete dort den harten und blutigen Kampf. Kaum war Guerrino oben, so kam der Hengst herbeigerannt, griff das gefeite Roß an und es begann der erbittertste Kampf, der je auf der Welt gesehen ward. Denn gleich zwei entfesselten Löwen stürzten sie aufeinander los und der Schaum entfloß ihnen wie borstigen von wütenden Hunden gehetzten Ebern. Nach langem, mutigem Streit gab endlich das gefeite Roß seinem Gegner ein paar Hufschläge gegen einen Kinnbacken und renkte ihn dadurch aus. Infolgedessen verlor der Hengst allen Mut weiterzukämpfen oder sich zu verteidigen. Als Guerrino dies sah, stieg er hocherfreut von der Eiche, schlang dem Tier einen Strick, den er mitgebracht hatte, um den Hals und führte es mit seiner ausgerenkten Kinnlade unter großem Jubel des ganzen Volkes, wie er versprochen hatte, zum König, der darob, ebenso wie die ganze Stadt, sich vor Freude kaum zu fassen wußte. Den beiden Dienern war dieser Ausgang höchst unwillkommen; denn er vereitelte ihr böses Vorhaben. Voll Zorn und Ärger darüber sorgten sie dafür, daß König Zifroi zu verstehen gegeben würde, Guerrino könne mit Leichtigkeit auch die Stute unschädlich machen, wenn er Lust hätte. Als der König dies hörte, verfuhr er ebenso wie das erstemal, und auf Guerrinos Weigerung, sich an das wirklich schwierige Werk zu machen, drohte er ihm, ihn als Empörer an einem Fuße aufhängen zu lassen. Als Guerrino in die Herberge zurückkehrte und seinem Gefährten alles erzählte, sagte dieser lächelnd: »Fürchte nichts, Bruder, geh nur zum Hufschmied und bestelle bei ihm vier andere Hufeisen, noch einmal so groß wie die ersten und mit tüchtigen scharfen Haken versehen, dann wird es dir ebensogut gelingen wie mit dem Hengst und du wirst noch weit größeren Ruhm davontragen.« Die scharfen Eisen wurden also bestellt, das starke gefeite Roß beschlagen und Guerrino zog aus, das ehrenvolle Unternehmen zu wagen. Als er zum Aufenthaltsort der Stute gelangte und sie wiehern hörte, tat er, wie er das erstemal getan. Und kaum hatte er das gefeite Roß freigelassen, da stürzte das Untier mit grimmigen Bissen auf dasselbe los und kaum vermochte dieses sich seiner zu erwehren. Dennoch hielt es sich so wacker, daß die Stute schließlich, von einem Hufschlag an das rechte Vorderbein getroffen, kampfunfähig gemacht wurde. Da verließ Guerrino den Baum, bemächtigte sich der Stute und fesselte sie, bestieg sodann sein Roß und kehrte unter allgemeinem Jubel in die Stadt zurück und führte die Bestie dem König vor. Und alles strömte aufgeregt herbei, um die gelähmte Stute zu sehen, welche bald darauf an der schweren Verletzung starb. So war das ganze Land von der Plage erlöst und frei. Guerrino war indes in seine Herberge zurückgekehrt und hatte sich, weil er müde war, niedergelegt, um auszuruhen; allein ein ungewöhnliches Geräusch in seinem Zimmer ließ ihn nicht schlafen. Er stand auf und hörte, daß es aus einem Gefäß mit Honig kam, in dem etwas rumorte, als könne es nicht heraus. Da öffnete Guerrino das Gefäß und fand eine Hornisse darin, die mit den Flügeln schlug und sich nicht erheben konnte. Mitleidig nahm er das Tierchen heraus und gab ihm die Freiheit. Noch hatte König Zifroi Guerrino für seinen doppelten Triumph nicht belohnt. Er glaubte sehr schlecht zu handeln, wenn er ihm nicht seine Dienste vergalt, ließ ihn rufen und sprach zu ihm, als er erschien: »Du siehst, wie durch deine Taten mein Reich befreit ist und daher beabsichtige ich, dich für diese Wohltat, die ich von dir empfangen, zu belohnen. Da ich aber kein anderes Geschenk noch eine Entschädigung weiß, die deinem großen Verdienst angemessen wäre, habe ich beschlossen, dir eine meiner Töchter zur Frau zu geben. Wisse, daß ich deren zwei besitze: die eine heißt Potentiana, der die Locken, mit reizender Kunst geordnet, wie Gold glänzen, und die andere Eleuteria, deren Haar wie feinstes Silber schimmert. Kannst du nun die Goldgelockte erraten, so erhältst du sie zur Frau nebst einer sehr reichen Mitgift, – errätst du sie aber nicht, so lasse ich dir das Haupt vom Rumpfe schlagen.« Als Guerrino das gefährliche Anerbieten König Zifrois hörte, verwunderte er sich sehr und sprach zu ihm: »Heilige Krone, ist dies der Lohn für meine ausgestandenen Mühen? Ist dies der Preis meines Schweißes? Ist dies Euer Ehrengeschenk für die Befreiung Eures Landes, das ganz verödet und verwüstet war? Wahrhaftig, ich habe Besseres verdient. Und nicht geziemt es einem so großen König wie Ihr es seid, auf diese Weise zu verfahren. Allein Ihr wollt es und ich bin in Euren Händen, so macht denn mit mir, was Euch gut dünkt.« »Geh jetzt«, sagte der König, »und zaudere nicht! Bis morgen abend gebe ich dir Frist, deine Entscheidung zu treffen.« Ganz betrübt eilte Guerrino nach Hause und erzählte seinem lieben Gefährten, was der König Zifroi von ihm verlange. Der aber nahm die Sache nicht sehr schwer, sondern sprach: »Guerrino, sei ganz ruhig und fürchte nichts; denn ich werde dich aus jeder Gefahr befreien. Erinnere dich der Hornisse, die du neulich aus dem Honig befreitest und fliegen ließest. Sie wird jetzt deine Rettung bewirken. Morgen nach dem Mittagessen wird sie zum Palaste fliegen und dreimal das Gesicht der goldgelockten Prinzessin umschwirren, und diese wird sie jedesmal mit ihrer weißen Hand verjagen. An dieser Gebärde wirst du erkennen, daß dies die dir bestimmte Gemahlin ist.« »Ach«, sagte Guerrino zu seinem Genossen, »wann wird die Zeit kommen, wo ich dir für so viele Wohltaten; die ich von dir empfangen habe, lohnen kann? Gewiß, und wenn ich tausend Jahre lebte, könnte ich dir auch nicht den geringsten Teil vergelten. Allein der Allvergelter wird für mich in die Lücke treten.« »Lieber Bruder Guerrino«, entgegnete hierauf der andere, »du bist mir keinen Dank schuldig für geleistete Dienste, aber wohl ist es jetzt endlich Zeit, daß ich mich dir entdecke und du erfahrest, wer ich bin. Einst halfst du mir vom Tode, und jetzt wollte ich mich nur meiner Verpflichtung gegen dich entledigen. Wisse, daß ich der Waldmensch bin, den du so freundlich aus der Gefangenschaft deines Vaters befreit hast, mein Name ist Rubinetto.« Darauf erzählte er ihm, wie ihn die Fee in einen schönen und anmutigen Jüngling verwandelt habe. Als Guerrino dies hörte, geriet er in grenzenloses Erstaunen, und vor Rührung beinahe weinend, umarmte und küßte er ihn, und sie schwuren sich brüderliche Treue. Da nunmehr die Zeit herannahte, vor König Zifroi die Entscheidung zu treffen, gingen beide miteinander in den Palast. Der König befahl, Potentiana und Eleuteria, seine geliebten Töchter, sollten ganz in blütenweiße Schleier gehüllt, vor Guerrino erscheinen. Als sie gekommen waren und niemand die eine von der anderen unterscheiden konnte, sprach Zifroi: »Welche von diesen beiden soll ich dir zur Gemahlin geben, Guerrino?« Guerrino antwortete nicht und stand sinnend da. Neugierig auf den Ausgang der Sache, machte ihm der König Eile: »Die Zeit vergeht«, sprach er, »entschließe dich endlich!« Aber Guerrino antwortete: »Heiligster König, die Zeit vergeht wohl, aber Ihr habt mir den ganzen heutigen Tag zur Überlegung gegeben, und noch ist er nicht vorüber.« Alle bekräftigten dies einstimmig, und als der König, Guerrino und alle andern erwartungsvoll harrten, sieh, da flog die Hornisse herbei und umschwirrte das lichte Gesicht der goldlockigen Potentiana. Diese erschrak und jagte sie mit der Hand fort, und nachdem sie sie mehr als dreimal verscheucht hatte, flog sie endlich davon. Guerrino stand eine Weile zweifelhaft, doch vertraute er den Worten seines lieben Gefährten Rubinetto. »Wohlan, Guerrino«, rief jetzt der König, »was zauderst du? Nun ist es Zeit, der Sache ein Ende zu machen, wähle!« Nachdem Guerrino die beiden Jungfrauen noch einmal aufmerksam betrachtet und bei sich überlegt hatte, legte er die Hand auf das Haupt Potentianas, die ihm von der Hornisse bezeichnet worden war und sprach: »Heilige Krone, diese ist Eure Tochter mit den goldenen Locken.« Da nahm die Jungfrau den Schleier ab, und alle sahen, daß es Potentiana war. Der Vater gab sie ihm nun sogleich in Gegenwart aller Anwesenden und zur großen Freude des ganzen Volkes zur Gemahlin, und auf der Stelle heiratete Rubinetto, sein teurer Genoß, die andere Schwester. Hierauf entdeckte Guerrino, daß er der Sohn Filippo Marias, Königs von Sizilien, sei. Zifroi empfand darüber die größte Freude, und die Hochzeit wurde noch weit prächtiger und großartiger gefeiert. Man gab den Eltern Guerrinos Nachricht von dieser Heirat, und ihre Freude und Befriedigung hierüber kannte keine Grenzen; denn sie hatten ihren Sohn verloren gegeben. Bald darauf kehrte Guerrino in Begleitung seiner geliebten Gattin, seines geliebten Bruders und seiner Schwägerin nach Sizilien zurück, wo ihn seine Eltern auf das zärtlichste empfingen. Und dort lebte er lange Zeit in Glück und Frieden und vererbte sein Reich auf sehr schöne Söhne. 12 Bertoldo von Valsabbia hat drei Söhne, die alle bucklig sind und einander gleichen; einer von ihnen heißt Zambone und zieht aus, sein Glück zu suchen. Er kommt nach Rom, wo er totgeschlagen und samt seinen beiden Brüdern in den Tiber geworfen wird. Bertoldo von Valsabbia (im Gebiet von Bergamo) hatte drei Söhne, die alle drei bucklig waren und einander so sehr glichen, daß es ebenso unmöglich war, sie auseinanderzukennen, wie drei schlaffe Säcke. Der eine von ihnen hieß Zambone, der zweite Bertaccio und der dritte Santo. Zambone, der älteste, zählte noch keine sechzehn Jahre. Als er erfahren hatte, daß Bertoldo, sein Vater, infolge der großen Teuerung, die in jener Gegend und überhaupt allerorten herrschte, ein kleines Gütchen verkaufen wolle, das er geerbt hatte – gibt es doch in jenem Landstrich wenige oder niemand, der nicht ein Stückchen Land besäße –, um seine Familie ernähren zu können, wandte er sich als der älteste an seine jüngeren Brüder Bertaccio und Santo und sprach folgendermaßen zu ihnen: »Meine lieben Brüder, damit unser Vater nicht das bißchen Land, das er besitzt, und das uns nach seinem Tode den Unterhalt gewähren soll, veräußere, wäre es wohlgetan, Ihr ginget in die Welt hinaus, um eine Kleinigkeit zu verdienen, wodurch sich unsere Familie über Wasser halten ließe, ich würde dann mit dem Alten daheim bleiben und für ihn sorgen. So könnten wir Kosten vermeiden, und unterdessen würde die Teuerung vorübergehen.« Da erwiderten Bertaccio und Santo, die jüngeren Brüder, die nicht weniger verschlagen und schlecht waren wie Zambone: »Lieber Bruder Zambone, du hast uns so unvermittelt mit deinem Vorschlag überfallen, daß wir nicht wissen, was wir dir antworten sollen, laß uns diese ganze Nacht Zeit, die Sache zu überlegen, dann werden wir dir morgen antworten.« Die beiden Brüder Bertaccio und Santo waren gleichzeitig geworfen worden und zusammen Zambone an Verstand überlegen. Und war Zambone ein zweiundzwanzigkarätiger Schurke, so waren sie sechsundzwanzigkarätige; denn immer, wenn die Natur es in körperlicher Hinsicht fehlen läßt, hebt sie diesen Mangel durch Verleihung von Verstandesschärfe und Schlauheit auf. Am folgenden Morgen suchte Bertaccio, als Abgesandter und Beauftragter seines Bruders Santo, Zambone auf und hub folgendermaßen an zu reden: »Mein lieber Bruder Zambone, wir haben unsere Angelegenheiten reiflich überdacht und sind nach noch reiflicherer Überlegung zu dem Schlusse gekommen, daß du, der du der älteste bist, woran ja nicht zu zweifeln, zuerst in die Welt gehen mußt, während wir, die wir noch klein sind, uns um das Haus kümmern und für unseren Vater sorgen wollen; solltest du unterdessen so glücklich sein, etwas Gutes für dich und für uns zu finden, so schreibe es uns, und wir werden dir nachziehen.« Als Zambone, der Bertaccio und Santo betrügen zu können glaubte, diese Antwort hörte, war er wenig erbaut und sagte murrend bei sich selbst: »Wahrhaftig, die Schlingel sind noch schlechter und durchtriebener als ich.« Denn er hatte ihnen jenen Vorschlag in der Hoffnung gemacht, die Brüder in die Fremde schicken zu können, damit sie infolge der Teuerung Hungers stürben und er im Alleinbesitz des Ganzen bliebe, zumal der Vater nicht mehr lange zu leben hatte. Aber es kam für ihn anders, als er gedacht. Nachdem also Zambone die Ansicht Bertaccios und Santos gehört hatte, machte er aus den paar Lumpen, die er besaß, ein Bündel, nahm einen Schnappsack, den er mit Brot, Käse und einer Flasche Wein füllte, verließ, die Füße mit einem Paar zerrissener Schweinslederstiefel bekleidet, das väterliche Haus und machte sich auf den Weg nach Brescia. Da er dort jedoch keine Stellung fand, ging er nach Verona, wo er einen Hutmacher traf, der ihn fragte, ob er sich aufs Hutmachen verstehe, was er verneinte. Als er sah, daß hier nichts für ihn zu holen war, ließ er Verona und auch Vicenza liegen und kam nach Padua. Als dort einige Ärzte seiner ansichtig wurden, fragten sie ihn, ob er sich auf die Wartung von Maultieren verstehe. Er antwortete: Nein, doch könne er den Boden pflügen und Reben ausschneiden. Da er nicht mit ihnen einig werden konnte, verließ er die Stadt, um nach Venedig zu gehen. Nachdem Zambone lange gewandert war und keine für ihn passende Stellung gefunden hatte, wurde er sehr mißmutig. Nach langem Marsch aber kam er, als es Gott gefiel, nach Lizzafosina. Da er jedoch ohne Geld war, wollte ihn niemand aufnehmen. Als er nun sah, daß die Bootsknechte, welche die Schleppvorrichtung auf den Barken drehten, einige Pfennige verdienten, versuchte er es mit dieser Beschäftigung. Aber das Schicksal, das stets die Armen, die Feigen und die Unglücklichen verfolgt, wollte, daß, als er eine solche Vorrichtung drehte, das Tau riß und indem es sich blitzschnell aufrollte, ihm eine Stange gegen die Brust schlug und ihn besinnungslos zu Boden stürzen ließ; und eine ganze Weile lag er für tot da. Und wären nicht einige gutherzige Leute gewesen, die ihn an den Händen und Füßen in die Barke hinuntergetragen und nach Venedig mitgenommen hätten, – er wäre dort gestorben. Als Zambone wiederhergestellt war, verließ er jene guten Leute und schlenderte durch die Stadt, um zu sehen, ob er nicht etwas fände, was für ihn paßte. So kam er durch die Straße, wo sich die Gewürzläden befinden und wurde von einem Gewürzkrämer gesehen, der in einem Mörser Mandeln zur Marzipanbereitung zerstieß. Der fragte ihn, ob er bei ihm eintreten wollte, und er bejahte. Als er in den Laden getreten war, gab ihm der Meister gemischtes Mandelwerk zum Auseinanderlesen und wies ihn an, die schwarzen von den weißen zu sondern und gesellte ihn einem anderen Jüngling bei, mit dem er zusammen arbeiten sollte. Als nun Zambone mit dem Lehrling das Konfekt aussuchte, vollzog dieser Nichtsnutz die Auslese in der Weise, daß er den Überzug, dieweil er süß schmeckte, entfernte und sich einverleibte, während er den Kern übrig ließ. Da ergriff der Besitzer, der alles gesehen hatte, einen Stock und verwalkte sie beide, indem er rief: »Wenn ihr das tun wollt, ihr Gauner, Schelme und Spitzbuben, so macht's mit euerm und nicht mit meinem Eigentum!« und schlug zu jedem Wort den Takt mit dem Stock, worauf er sie alle beide zum Teufel jagte. Nachdem Zambone den Gewürzkrämer, der ihn so schlecht behandelt, verlassen hatte, schlug er die Richtung nach San Marco ein und hatte, als er über den Gemüsemarkt ging, das Glück, von einem Chioggianer Grünhändler namens Viviano Vianel angerufen und gefragt zu werden, ob er bei ihm eintreten wolle, er würde ihn gut behandeln und anständig bezahlen. Zambone, der das Wappen von Siena Siena hat eine Wölfin im Wappen. mit sich trug, d.h. einen Wolfshunger hatte, sagte: »Ja!« Und nachdem der Händler einiges Grünzeug an seine Kunden verkauft hatte, nahm er ihn mit auf seine Barke und fuhr nach Chioggia. Dort stellte ihn Viviano an, im Garten zu arbeiten und die Weinpflanzungen instand zu halten. Zambone fand sich in Chioggia bald sehr gut zurecht und kannte viele Freunde seines Herrn, und da es nunmehr die Zeit der ersten Feigen war, nahm Viviano drei der schönsten und legte sie auf einen Teller, um sie einem Gevatter in Chioggia namens Ser Pietro zum Geschenk zu übersenden. Er rief daher Zambone, übergab ihm die drei Feigen und sprach also zu ihm: »Zambone, nimm diese drei Feigen, bringe sie zu Ser Pietro, meinem Gevatter und sage zu ihm, er möge mir das Vergnügen machen, sie sich schmecken zu lassen.« Bereitwillig erwiderte Zambone: »Gerne, Herr!« nahm die Feigen und ging vergnügt von dannen. Als Zambone so fürbaß ging, betrachtete der Schelm, von Naschhaftigkeit gepeinigt, die Feigen mit verliebten Blicken und sprach zu seinem Gaumen: »Was soll ich tun? Soll ich sie essen oder soll ich sie nicht essen?« Da antwortete der Gaumen: »Ein Ausgehungerter achtet kein Gesetz.« Und da er abgesehen von seinem Hunger von Natur verfressen war, befolgte er den Rat des Gaumens, nahm eine der Feigen in die Hand, begann sie am dicken Ende zu drücken und preßte, indem er bei sich sagte: »Sie ist gut, sie ist nicht gut, sie ist gut«, den Inhalt so lange hin und her, bis er ihn schließlich ganz herausquetschte, so daß nichts als die Haut zurückblieb. Nachdem Zambone die Feige verzehrt hatte, schien es ihm, als habe er unrecht gehandelt, doch da die Gier ihn noch weiter peinigte, ließ er sich's nicht anfechten, griff zur zweiten und machte es mit ihr ebenso wie mit der ersten. Als Zambone sah, welchen Exzeß er begangen, wußte er nicht, was tun, ob er weitergehen oder ob er umkehren solle. Nachdem er eine Zeitlang geschwankt, faßte er sich ein Herz und beschloß weiterzugehen. Als Zambone nun am Hause des Gevatters Ser Pietro angelangt war, pochte er an die Tür, und da ihn die Inwohner kannten, wurde ihm sogleich aufgemacht. Er stieg die Treppe hinauf und fand Ser Pietro in der Wohnung auf- und abspazieren. »Was führt dich her, lieber Zambone?« fragte er ihn, »was bringst du Gutes?« »Etwas sehr Gutes!« erwiderte Zambone, »mein Herr schickt Euch drei Feigen, aber von den dreien habe ich zwei gegessen.« »Ja, wie ging denn das zu, mein Sohn?« fragte Ser Pietro. »Das ging so zu«, antwortete Zambone, nahm die dritte Feige, steckte sie in den Mund und verzehrte sie ohne weitere Umstände. Und so hatte Zambone alle drei Feigen aufgefressen. Als Ser Pietro sah, daß er ganze Arbeit gemacht hatte, sagte er zu Zambone: »Mein Sohn, richte deinem Herrn meinen besten Dank aus und sage ihm, er möge sich nicht mit derartigen Geschenken in Unkosten stürzen.« »O, das tut er gern!« versicherte Zambone, »zweifelt nicht daran, und ich desgleichen!« Damit machte er kehrt und ging nach Hause zurück. Als Viviano von dem allerliebsten Betragen und der Genäschigkeit Zambones Kunde erhalten hatte und sah, daß er stets hungrig war und daher unmäßig in sich hineinschlang, und da ihm außerdem sein Arbeiten nicht gefiel, jagte er ihn aus dem Hause. Als sich der arme Teufel von Zambone vor die Tür gesetzt sah und nicht wußte, wohin sich wenden, beschloß er nach Rom zu gehen und zu versuchen, ob er dort nicht mehr Glück haben werde als bisher. Gedacht, getan. Als Zambone in Rom angekommen war und eifrig nach einem Herrn Umschau hielt, brachte ihn der Zufall mit einem Kaufmann namens Ambrogio dal Mul zusammen, der einen großen Tuchladen hatte. Sie wurden einig, und er begann den Laden zu besorgen. Und da er nun schon genug Unglück durchkostet hatte, beschloß er das Gewerbe zu erlernen und sich zu bemühen, ein brauchbarer Mensch zu werden. Und weil er geweckt und verschlagen – wiewohl bucklig und häßlich – war, verstand er sich in kurzer Zeit auf den Betrieb des Ladens und auf das Geschäft, so daß der Besitzer sich bald nicht mehr mit dem Verkauf und Einkauf befaßte, großes Vertrauen in ihn setzte und sich seiner überall bediente, wo es ihm bequem war. Einmal ergab sich für Messer Ambrogio die Notwendigkeit, mit Tuch auf den Jahrmarkt von Recanati zu gehen, und da er sah, daß Zambone firm im Geschäft geworden war und er sich auf ihn verlassen konnte, schickte er ihn mit Waren auf den Jahrmarkt, während er selbst zurückblieb, um den Laden zu führen. Nachdem Zambone fort war, wollte es das Geschick, daß Messer Ambrogio infolge einer schrecklichen Ruhr so heftig erkrankte, daß er innerhalb weniger Tage starb. Als seine Frau – sie hieß Madonna Felicetta – sah, daß ihr Gatte tot war, waren ihr Schmerz und Jammer so groß, daß sie sich beinahe auch zum Sterben hätte hinlegen mögen, wenn sie an den Verlust ihres Mannes und den wahrscheinlichen Rückgang des Geschäftes dachte. Als Zambone die traurige Kunde von dem Tode seines Herrn zu Ohren kam, kehrte er nach Rom zurück und nahm sich mit Gottes Beistand mit Eifer und Glück des Geschäftes an. Als Madonna Felicetta sah, daß Zambone seine Sache gut machte und bemüht war, die Umsätze zu vergrößern, und daß das Trauerjahr zu Ende war, fürchtete sie, eines Tages Zambone samt den Kunden ihres Ladens zu verlieren und beriet sich daher mit einigen Gevatterinnen, ob sie sich wieder verheiraten solle oder nicht, und wenn sie sich wieder verheirate, ob sie Zambone, den Geschäftsführer, zum Manne nehmen solle, der ja lange Zeit mit ihrem verstorbenen Gatten zusammengearbeitet habe und das Geschäft gründlich kenne. Den Gevatterinnen schien dies zweckmäßig, und sie rieten ihr dazu. So wurde denn die Hochzeit gefeiert. Nun war Madonna Felicetta die Gattin Ser Zambones und Ser Zambone der Gatte Madonna Felicettas. Als nun Ser Zambone sah, daß er eine solche Höhe erklommen und eine Frau nebst einem so schönen gutgehenden Laden hatte, schrieb er seinem Vater, daß er in Rom sei und von dem großen Glück, das er gefunden. Dem Vater, der seit dem Tage seines Weggangs nie wieder etwas von ihm gehört hatte, kostete die Freude über diese Nachricht das Leben, aber Bertaccio und Santo empfanden darüber lebhafte Befriedigung. Nun traf es sich, daß Madonna Felicetta ein paar Strümpfe brauchte; denn die ihrigen waren durchlöchert und zerrissen. Sie sagte daher Ser Zambone, ihrem Gatten, er müsse ihr ein Paar machen lassen. Ser Zambone antwortete ihr aber, er hätte anderes zu tun, und wenn die Strümpfe zerrissen wären, so möge sie sich dabeimachen und sie ausbessern und Flicken darauf setzen. Madonna Felicetta, die von ihrem ersten Manne verwöhnt worden war, erklärte, sie sei nicht gewöhnt, geflickte und angestückelte Strümpfe zu tragen, sie wolle gute haben. Ser Zambone antwortete ihr jedoch, bei ihm zu Hause mache man es so, er habe keine Lust, ihr neue machen zu lassen. Jeder beharrte auf seinem Standpunkt und so gab ein Wort das andere, bis Ser Zambone schließlich ausholte und ihr eine derartige Ohrfeige versetzte, daß sie sich rundum drehte. Als Madonna Felicetta sich von Ser Zambone geschlagen fühlte, wollte sie sich erst recht nicht zufrieden geben und fing an, ihm die gröbsten Beleidigungen an den Kopf zu werfen, worauf Ser Zambone, der sich darob in seiner Ehre gekränkt fühlte, so gewaltig mit den Fäusten auf sie eindrosch, daß die Ärmste sich schließlich fügen mußte. Als die heiße Zeit vorüber und die Kälte gekommen war, bat Madonna Felicetta Ser Zambone um ein Seidenfutter, um damit ihren Pelz wieder instand zu setzen, da dieser in schlechtem Zustande war, und damit er sich überzeuge, daß das alte zerrissen, brachte und zeigte sie es ihm. Auf Ser Zambone machte dies aber keinen Eindruck, und er antwortete ihr, sie möge es ausbessern und so tragen; denn bei ihm zu Hause pflege man keinen solchen Aufwand zu treiben. Da wurde Madonna Felicetta sehr zornig und erklärte, sie wolle das Futter unter allen Umständen. Ser Zambone bedeutete ihr aber, sie möge schweigen und ihn nicht in den Harnisch bringen, es könnte ihr sonst übel ergehen, ein neues Futter bekäme sie nicht. Madonna Felicetta aber reizte ihn, indem sie sagte, sie verlange, daß er ihr ein neues Futter machen lasse, und schließlich gerieten beide in eine so wahnsinnige Wut, wie sie noch niemand mit Augen gesehen, bis Ser Zambone seiner Gewohnheit gemäß zum Stocke griff und ihr einen Pelz von soviel Schlägen anmaß, wie überhaupt auf ihr sitzen wollten und sie halbtot liegen ließ. Als Madonna Felicetta sah, daß Ser Zambones Gesinnung gegen sie sich vollständig geändert hatte, begann sie laut den Tag und die Stunde zu verwünschen und zu verfluchen, da sie davon gesprochen und da man ihr geraten hatte, ihn zum Gatten zu nehmen und schrie: »Das also, du gemeiner Kerl, du Undankbarer, du Schuft, du hergelaufenes Subjekt, du Vielfraß, du Verruchter! ist der Dank, ist die Vergeltung, die du mir für die Wohltaten, die ich dir erwies, zuteil werden läßt. Aus dem niedrigen Knecht, der du warst, habe ich dich zum Herrn, nicht nur meines Vermögens, sondern sogar meiner eigenen Person gemacht, – und du behandelst mich auf diese Weise? Aber wart nur, du Verräter, das soll dir nie und nimmer vergessen werden!« Als Zambone merkte, daß Madonna Felicetta nicht aufhören wollte mit Schimpfen, es vielmehr immer ärger trieb, ließ er den Stock wieder ausgiebig auf ihr tanzen. Und durch die häufige Anwendung dieses Mittels schüchterte er sie schließlich so ein, daß sie sich, wenn sie ihn nur sprechen oder sich bewegen hörte, vor Angst ins Hemd pinkelte und hofierte. Als der Winter vorüber und der Sommer gekommen war, mußte Ser Zambone in Geschäften – namentlich um eine gewisse Summe Geldes von Schuldnern der Firma einzukassieren – nach Bologna gehen und sich dort eine ganze Reihe von Tagen aufhalten. Er sagte daher zu Madonna Felicetta: »Ich tue dir zu wissen, daß ich zwei Brüder habe, beide nicht weniger bucklig wie ich und mir so außerordentlich ähnlich, daß man uns nicht auseinanderzuhalten vermag, und wer uns alle drei zusammen sähe, würde nicht wissen, wer von uns ich und wer sie. Sollten sie nun zufällig nach Rom kommen und sich in unserm Hause einquartieren wollen, so nimm sie unter keinen Umständen auf; denn es sind schlechte, abgefeimte und gerissene Kerle, damit sie nicht mit deinem Eigentum auf und davon gehen und du nachher dasitzt, die Hände voller Fliegen. Und sollte ich erfahren, daß du sie trotzdem beherbergt hast, so werde ich dich zur unglücklichsten Frau von der Welt machen.« Nach diesen Worten begab er sich auf die Reise. Es vergingen keine zehn Tage nach Ser Zambones Abreise, da kamen seine Brüder Bertaccio und Santo in Rom an und suchten und fragten solange nach Ser Zambone, bis ihnen sein Laden gezeigt wurde. Als Bertaccio und Santo den schönen Laden Ser Zambones sahen und bemerkten, wie gut er mit Tuch versehen war, machten sie große Augen und verwunderten sich über die Maßen, daß es ihm möglich gewesen war, in so kurzer Zeit zu solch schönem Besitz zu gelangen. Noch ganz außer sich vor Erstaunen traten sie in den Laden ein und fragten nach Ser Zambone: sie wollten ihn sprechen. Es wurde ihnen jedoch geantwortet, er sei nicht zu Hause, auch nicht einmal in Rom, wenn sie etwas wollten, möchten sie es nur sagen. Da antwortete Bertaccio, sie hätten ihn gerne gesprochen, da er aber fort sei, möchten sie mit seiner Frau reden. Madonna Felicetta wurde gerufen und erschien im Laden. Kaum aber wurde sie Bertaccios und Santos ansichtig, da gab es ihr einen Stich ins Herz und sie wußte, daß ihre Schwäger vor ihr standen. Als Bertaccio sie erblickte, fragte er: »Madonna, seid Ihr Zambones Gattin?« »Freilich«, antwortete sie. Worauf Bertaccio: »Dann gebt uns die Hand; denn wir sind die Brüder Zambones, Eures Gatten, und Eure Schwäger.« Madonna Felicetta, die sich der Worte ihres Mannes erinnerte und gleichzeitig der Schläge, mit denen er sie zu traktieren pflegte, wollte ihnen die Hand nicht geben. Doch brachten es die Brüder durch viele Schmeichelreden und gute Worte dahin, daß sie sie ihnen schließlich doch gab. Und sowie sie die beiden auf diese Weise begrüßt hatte, sagte Bertaccio: »O meine liebe Schwägerin, gebt uns eine Kleinigkeit zu frühstücken; denn wir sind halbtot vor Hunger.« Sie wollte sich aber um nichts in der Welt dazu verstehen. Sie wußten ihr jedoch soviel gute Worte zu geben, sie so schön zu bitten und ihr zu schmeicheln, daß Madonna Felicetta schließlich Mitleid fühlte, sie ins Haus führte und ihnen gut zu essen und noch besser zu trinken gab, ja ihnen sogar eine Schlafstelle anwies. Es waren noch keine drei Tage vergangen, da kehrte Zambone heim, während Bertaccio und Santo sich gerade mit der Schwägerin unterhielten. Als Madonna Felicetta hörte, daß ihr Mann zurückgekehrt, geriet sie in die größte Bestürzung und wußte in ihrer Angst nicht, was tun, damit Zambone die Brüder nicht zu Gesicht bekäme. Und da sie keinen anderen Rat wußte, ließ sie sie schnell in die Küche gehen. Dort befand sich eine Vertiefung, in welcher die Schweine abgebrüht und enthaart wurden, und ungeachtet des übeln Zustandes, in dem sie sich befand, hob sie den Deckel hoch und ließ die beiden sich in dem Loche verbergen. Als Ser Zambone in die Wohnung hinaufkam und seine Frau feuerrot im Gesicht sah, schwieg er eine Weile nachdenklich und fragte dann: »Wie kommts, daß ich dich so rot und verwirrt sehe? Solltest du etwa einen Buhlen im Hause haben? Sag, was ist los!« Etwas unsicher antwortete sie, sie habe niemand im Hause. Ser Zambone aber sah sie scharf an und sagte: »Du hast gewiß etwas ausgefressen! Solltest du etwa gar meine Brüder in der Wohnung versteckt haben?« »O nein!« antwortete sie kecklich. Da griff er seiner Gewohnheit gemäß zum Stock und ließ ihn auf ihr tanzen. Bertaccio und Santo, die unten im Schweineloch kauerten, hörten alles und hatten eine solche Angst, daß sie sich in die Hosen machten und sich nicht zu rühren wagten. Nachdem Ser Zambone den Stock weggelegt hatte, suchte er das ganze Haus ab, ob er nicht etwas fände; da er aber sah, daß nichts zu finden war, beruhigte er sich ein wenig und machte sich allerlei im Hause zu schaffen. Diese Tätigkeit beschäftigte ihn aber so lange, daß die armen Bertaccio und Santo sowohl infolge der Angst wie der gewaltigen Hitze und des unerträglichen Gestanks, der die Schweinegrube erfüllte, dort unten den Geist aufgaben. Als nun die Stunde gekommen war, da Ser Zambone auf den Marktplatz zu gehen pflegte, um seine Geschäfte zu betreiben, wie es die guten Kaufleute tun, verließ er endlich das Haus. Kaum war er fort, so ging Madonna Felicetta zu der Vertiefung, um ihre Schwäger fortzuschicken, damit Zambone sie nicht im Hause fände. Als sie aber den Deckel von der Öffnung nahm, fand sie alle beide tot und genau wie Schweine ausgehend. Als die Ärmste diese Bescherung sah, wußte sie vor Angst und Schrecken nicht aus noch ein. Damit nun weder Ser Zambone noch sonst jemand etwas davon erfahre oder merke, suchte sie sie möglichst schnell aus dem Hause hinauszubefördern. Nach dem, was ich gehört habe, herrscht in Rom die Sitte, daß auf der Straße oder im Hause irgend jemands tot aufgefundene Pilger oder Fremde von gewissen Totengräbern, denen dieses Amt obliegt, mitgenommen, zu den Mauern der Stadt getragen und in den Tiber geworfen werden, so daß man nie wieder etwas von ihnen hört. Madonna Felicetta hatte sich gerade an ein Fenster begeben, um auszuspähen, ob sich nicht einer ihrer Freunde zeigte, der die Leichen fortschaffen lassen könnte, als glücklicherweise einer jener Totengräber vorbeikam. Sie winkte ihn herbei und teilte ihm mit, sie habe einen Toten im Haus, er möge heraufkommen, um ihn mitzunehmen und dem Brauche gemäß in den Tiber zu werfen. Felicetta hatte zuvor eine der beiden Leichen aus der Grube herausgezogen und neben ihr auf dem Boden liegen lassen. Als nun der Totengräber heraufgekommen war, half sie ihm den Körper auf die Schulter zu laden und sagte ihm, er möge nachher wiederkommen, sie würde ihn dann bezahlen. Der Totengräber ging zu den Mauern, warf die Leiche in den Tiber und kehrte, nachdem er sich dieses Geschäfts entledigt, zu Felicetta zurück, um sich von ihr einen Florin ausbezahlen zu lassen; denn soviel bekam er laut Taxe. Während nun der Totengräber den Leichnam davontrug, hatte Madonna Felicetta, die sehr listig war, den andern Toten aus der Grube gezogen und ihn genau so neben dieselbe gelegt, wie der andere gelegen hatte. Als nun der Totengräber zu Madonna Felicetta zurückkehrte, um seine Bezahlung in Empfang zu nehmen, fragte sie ihn: »Hast du den Leichnam in den Tiber geworfen?« »Jawohl, Madonna«, antwortete der Totengräber. »Hast du ihn wirklich hineingeworfen?« fragte sie noch einmal. »Nun freilich, und wie!« versicherte er. Da rief Madonna Felicetta: »Wie? Du willst ihn in den Tiber geworfen haben! Schau einmal nach, ob er nicht noch da ist!« Als der Totengräber den Leichnam erblickte, glaubte er wirklich, es sei derselbe. Da stand er ganz entsetzt und beschämt da, lud ihn dann brummend und fluchend auf die Schultern, trug ihn auf die Einfassung des Flusses hinauf und warf auch ihn in den Tiber und sah eine Weile zu, wie er flußabwärts trieb. Als aber der Totengräber zurückkehrte, um sein Geld bei Madonna Felicetta zu holen, begegnete er Ser Zambone, dem dritten Bruder, der gerade heimkehrte. Und als der Totengräber besagten Ser Zambones ansichtig wurde, der jenen andern beiden, die er in den Tiber geworfen, so außerordentlich ähnelte, überkam ihn ein solcher Zorn, daß er Gift und Galle spuckte. Und da er diesen Schimpf nicht ertragen konnte und in der Tat glaubte, es sei derselbe, den er bereits zweimal in den Tiber geworfen und irgendein Kobold, der wieder zurückkehre, sprang er ihm, eine Hebestange, die er trug, schwingend, nach, schlug sie Ser Zambone um den Kopf und schrie: »Ha, du miserabler Kerl, du Schurke! Glaubst du denn, ich hätte Lust, den ganzen heutigen Tag nichts weiter zu tun, als dich in den Tiber zu schmeißen!« Und damit verdrosch er ihn dermaßen, daß der unglückliche Ser Zambone sich gleichfalls anschickte, zu Pilatus zu reden. Dann nahm er den Körper, aus dem das Leben noch nicht ganz gewichen war, und warf ihn in den Tiber. Und so endeten Zambone, Bertaccio und Santo auf jämmerliche Weise. Als Madonna Felicetta Kunde von dem Geschehenen erhielt, empfand sie die größte Freude und Befriedigung, daß sie nunmehr von ihren vielen Leiden befreit war und ihre ehemalige Freiheit wieder errungen hatte. 13 Marsilio Vercellese liebt Thia, die Frau von Cecbato Rabboso, und sie läßt ihn ins Haus; und während sie über ihrem Manne eine Beschwörung ausführt, verschwindet der Liebhaber geräuschlos. Nicht weit von Piove de Sacco, im Gebiet von Padua, liegt ein Dorf namens Salmazza. Dort hauste – es ist schon recht lange her – ein Feldarbeiter namens Cechato Rabboso, ein armer Teufel und geistig wie körperlich ein klobiger Kerl, aber eine treue Seele. Dieser Cechato Rabboso hatte eine Frau namens Thia, die aus einer Pachtbauernfamilie namens Gagliardi vom Dorfe Campolongo stammte und jung, listig, verschlagen und nichtsnutzig war. Von ihrer Gewitztheit abgesehen, war sie auch eine handfeste Person und hatte ein schönes Gesicht, und es gab auf mehrere Meilen im Umkreise keine Bäuerin, die sich mit ihr hätte vergleichen können. Und weil sie eine gute und ausdauernde Tänzerin war, verliebte sich jeder, der sie sah, bis über die Ohren in sie. So erging es auch einem jungen Manne namens Marsilio Vercellese, der ebenfalls schön und kräftig, aber kein Bauer, sondern ein Paduaner Bürger aus angesehener Familie war. Und so heftig hatte er sich in diese Thia verliebt, daß er kein Tanzfest, das sie besuchte, versäumte, und seine meisten Tänze – ja wenn ich sage: alle, würde ich Euch auch nicht anlügen – mit ihr machte. Doch obwohl dieser Jüngling in sie verliebt war, verbarg er seine Liebe doch so sehr er konnte, geschweige denn, daß er zu jemand davon sprach, damit die Leute nichts davon merkten und er mit ihr nicht ins Gerede käme. Marsilio, der wohl wußte, daß Cechato, ihr Mann, ein armer Teufel war, der von seiner Hände Arbeit lebte und von morgens früh bis abends spät bald bei dem, bald bei jenem um Tagelohn tätig war, erschien allmählich immer häufiger vor Thias Hause und machte sie langsam so vertraut, daß er anfangen konnte, mit ihr zu sprechen. Aber obwohl Marsilio sich vorgenommen hatte, ihr seine Liebe zu offenbaren, fürchtete er doch, daß sie ihm darob zürnen und ihn vielleicht nicht mehr würde sehen wollen; denn es kam ihm vor, als zeige sie ihm nicht das freundliche Gesicht, das die Liebe, die er zu ihr empfand, ihm zu verdienen schien. Außerdem besorgte er, von irgendeinem schlechten Menschen entdeckt und Cechato verraten zu werden, der ihm dann übel mitspielen könne; denn wenn dieser auch einfältig war, so war er doch eifersüchtig. Als nun Marsilio fortfuhr, sich mit großer Beharrlichkeit vor dem Hause, in dem Thia wohnte, einzufinden und ihr tief in die Augen zu blicken, brachte er es schließlich dahin, daß sie seine Verliebtheit merkte. Und da auch sie ihm aus verschiedenen Gründen nicht zeigen konnte, daß sie Feuer gefangen und ihm gut sei, empfand sie ihrerseits Schmerz darüber und litt darunter. Als nun Thia eines Tages allein auf einem Holzblock vor der Haustür saß und unterm Arm den Rocken hatte, umwickelt mit Werg, das sie für die Herrin spann, erschien Marsilio, der sich endlich doch ein Herz gefaßt hatte und sagte zu ihr: »Gott behüt Euch, Thia, mein Leben!« Und Thia antwortete ihm: »Willkommen, junger Herr!« »Wißt Ihr nicht«, fragte er darauf, »daß ich mich aus Liebe zu Euch ganz verzehre und sterbe? Und Ihr beachtet mich nicht und kümmert Euch nicht im geringsten um mich!« Da antwortete Thia: »Aber ich weiß ja doch gar nichts davon, daß Ihr mir gut seid!« Worauf Marsilio: »Nun, wenn« Ihr es nicht wißt, so sage ich es Euch jetzt mit großem Schmerz und wehem Herzen.« »Nun weiß ich es«, bestätigte Thia. »So sagt mir offen und ehrlich, ob Ihr mir wohl wollt«, drang Marsilio in sie. »O ja!« antwortete sie. »Und wie?« fragte Marsilio: »Sehr«, antwortete Thia. Worauf Marsilio: »Ach, Thia, wenn Ihr mich so gern hättet, wie Ihr sagt, so würdet Ihr es mir durch irgendein Zeichen beweisen, aber Ihr habt mich eben nicht gern.« »Aber auf welche Weise soll ichs Euch denn beweisen?« fragte Thia. »O Thia!« rief Marsilio aus, »das wißt Ihr sehr gut, ohne daß ich es Euch sage.« »So wahr mir Gott helfe, ich weiß es nicht, wenn Ihr es mir nicht sagt.« Worauf Marsilio: »Gut, ich wills Euch sagen, wenn Ihr mich anhören wollt und es mir nicht übelnehmt.« »Sagts ruhig, Herr«, antwortete sie, »ich verspreche Euch bei meiner Seele, daß, wenn es etwas Geziemendes und Ehrenhaftes ist, ich es nicht übelnehmen werde.« Da fragte Marsilio: »Wann darf ich Euch, nach der ich mich so sehr gesehnt habe, genießen?« »Jetzt sehe ich wohl«, versetzte Thia, »daß Ihr Euch über mich lustig macht. Wir passen nicht zusammen. Ihr seid Bürger von Padua und ich bin eine Bäuerin; Ihr seid reich, ich bin arm; Ihr seid ein großer Herr, ich bin eine Taglöhnersfrau; für Euch gehören große Damen und ich bin vom niederen Volke; Ihr seid reich gekleidet, habt eine gestickte Jacke, feine Strümpfe und mit Seide gefütterte weiche Schuhe, mein Rock dagegen ist ganz zerrissen, ist geflickt und angestückt, und ich habe nichts weiter auf der Welt wie dieses Fähnchen und dieses Tuch, die Ihr an mir seht, wenn ich an Feiertagen zum Tanz gehe. Ihr eßt Brot von Getreide, ich solches von Hirse und Fennich und Polenta, und auch davon noch nicht soviel, wie ich möchte. Auch bin ich diesen Winter ohne Pelz, ich Arme! und ich weiß überhaupt nicht, wie das werden soll; denn es ist weder Geld da noch etwas, was man verkaufen könnte, um dafür zu erstehen, was uns nottut. Wir haben nicht einmal soviel Getreide zur Nahrung, daß es bis Ostern reicht, auch weiß ich nicht, wie ichs machen soll, bei der großen Teuerung die drückenden Abgaben aufzubringen, die wir täglich in Padua bezahlen müssen. O daß es uns armen Landarbeitern so schlecht geht! Wir mühen uns ab, die Felder zu bearbeiten und das Korn auszusäen, und Ihr eßt es, während wir so dürftig sind, daß wir uns mit Hirse begnügen müssen. Wir schneiden die Reben aus und keltern den Wein, und Ihr trinkt ihn, während wir einen Aufguß von gequetschten Traubenkämmen und pures Wasser trinken.« Da sagte Marsilio: »Macht Euch deswegen keine Sorgen, – wenn Ihr Euch bereit finden laßt, mir zu Willen zu sein, soll es Euch an nichts von alledem fehlen, was Ihr Euch wünschen könnt.« »So sprecht Ihr immer, Ihr Männer«, entgegnete Thia, »bis Ihr Euren Zweck erreicht habt, dann aber geht Ihr auf und davon, und man sieht Euch nie wieder, und die armen Frauen sitzen da, betrogen und verhöhnt, und die Leute weisen mit Fingern auf sie, – ja Ihr rühmt Euch dann sogar noch Eurer Erfolge bei uns und sprecht über uns, als ob wir liederliche Weibsbilder wären, wie man sie in den Lasterhöhlen findet. Ich weiß recht gut, wie Ihrs macht, Ihr Bürger von Padua.« Worauf Marsilio: »Nun, nun! laßts damit genug sein! Lassen wir die Worte beiseite und kommen wir auf den Ausgangspunkt zurück! Wollt Ihr tun, worum ich Euch gebeten habe?« »Geht, geht!« rief Thia, »geht um Gottes willen, ehe mein Mann heimkehrt; es ist bereits Feierabend und er wird pünktlich nach Hause kommen. Kommt morgen untertags wieder, dann können wir miteinander reden, soviel Ihr mögt. Ich bin Euch sehr zugetan, verlaßt Euch darauf!« Doch da er ganz darauf versessen war, mit ihr zu reden, wollte er noch nicht gehen; sie wiederholte daher: »Geht jetzt, bitte, verweilt nicht länger!« Als Marsilio sah, daß Thia anfing ungehalten zu werden, sagte er: »Behüt dich Gott, Thia, meine süße Seele, ich befehle dir mein Herz, das du in der Hand hast.« »Geh mit Gott!« antwortete Thia, »meine traute Hoffnung, – es ist bei mir in guter Hut!« »Also auf Wiedersehen morgen, wenn es Gott gefällt«, rief Marsilio. »Jawohl, morgen!« rief sie zurück. Als der andere Tag gekommen war, konnte es Marsilio gar nicht erwarten, Thia wieder aufzusuchen, und als es ihm an der Zeit zu sein schien, ging er zu ihrem Hause und fand sie im Garten, wo sie einige Weinlauben mit der Hacke bearbeitete und instand setzte. Und sowie die beiden einander ansichtig geworden waren, begrüßten sie sich und fingen an zu plaudern; und nachdem sie sich eine geraume Weile unterhalten hatten, sagte Thia zu Marsilio: »Morgen früh, Hoffnung meines Herzens, muß Cechato zur Mühle und wird nicht vor dem andern Morgen zurückkehren, – wenn es Euch recht ist, so kommt abends zu später Stunde her, ich werde Euch erwarten. Aber kommt bestimmt und täuscht mich nicht!« Als Marsilio diese erfreuliche Botschaft vernommen, war er der glücklichste Mensch, den man sich vorstellen konnte, tat einen Freudensatz und nahm strahlend und zufrieden Abschied von Thia. Sobald Cechato heimgekehrt war, kam ihm das schlaue Weib entgegen und sagte zu ihm: »Lieber Cechato, du mußt in die Mühle, es ist nichts mehr zum Essen da.« »Schon gut, schon gut«, antwortete Cechato. »Aber morgen früh!« betonte Thia. »Schon recht«, antwortete Cechato, »ich will vor Tagesanbruch fortgehen und mir von den Leuten, für die ich arbeite, einen Karren samt den Ochsen leihen, dann komme ich wieder her, um ihn zu beladen und dann mache ich mich auf den Weg. Inzwischen, Thia, wollen wir uns dabei machen, das Korn bereitzustellen und in die Säcke zu füllen, damit am Morgen nichts weiter nötig ist, als es auf den Karren zu laden und singend nach der Mühle zu fahren.« »'s ist recht«, erwiderte Thia, und sie taten also. Am anderen Morgen lud Cechato das Korn, das er abends zuvor eingesackt hatte, auf den Karren und begab sich zur Mühle. Und da es die Zeit der kurzen Tage und langen Nächte war und die Straßen durch Regengüsse, Schlamm und Eis gänzlich verdorben und die Kälte groß war, mußte sich der arme Cechato die ganze Nacht in der Mühle aufhalten, was Marsilio und Thia gerade recht war. Als es dunkel geworden war, nahm Marsilio, wie er mit Thia verabredet hatte, ein prächtiges Paar fetter, schöngebratener Hennen, Weißbrot und ganz unvermischten Wein, Dinge, die er vorher bereitgestellt hatte, verließ seine Behausung und ging verstohlen querfeldein zu Thias Hause. Er trat ein und fand sie mit dem Aufhaspeln von Garn beschäftigt auf dem Herde neben dem Feuer sitzen, und sie setzten sich beide zum Essen nieder. Und nachdem sie gut gespeist hatten, legten sie sich beide ins Bett. Der arme Pavian von Cechato mahlte das Korn auf der Mühle und Marsilio beutelte im Bett das Mehl. Es war schon um die Zeit des Sonnenaufgangs und der Tag begann bereits zu grauen, als die beiden Liebenden das Bett verließen; denn sie fürchteten, Cechato möchte sie innig vereint finden. Und als sie noch eine kleine Weile beieinander standen und eifrig aufeinander einsprachen, siehe, da erschien Cechato vor dem Hause, ließ einen langen Pfiff ertönen und begann zu rufen: »Thia, o Thia, mach das Feuer an, – ich bin halbtot vor Kälte!« Als Thia, die verschlagen und mit allen Hunden gehetzt war, hörte, daß ihr Mann gekommen war, öffnete sie, aus Furcht, es möchte Marsilio etwas Schlimmes passieren und ihr Schaden und Schande widerfahren, schnell die Haustür und ließ Marsilio sich dahinter verbergen, worauf sie ihrem Gatten entgegenging und ihn mit Liebkosungen empfing. Nachdem Cechato in den Hof getreten war, sagte er zu Thia: »Thia, mach doch bitte ein wenig Feuer, wenn du willst, ich bin ganz erstarrt vor Kälte. Beim Blute des heiligen Quintus, ich habe diese Nacht gedacht, ich würde erfrieren da oben in jener Mühle, so kalt habe ich gehabt, und kein Auge habe ich zutun können!« Thia ging schnell zum Holzstoß, nahm eine tüchtige Anzahl Bündel unter den Arm, fachte das Feuer an und blieb mit Vorbedacht daneben stehen, und zwar dort, wo Marsilio von Cechato am ehesten hätte gesehen werden können. Und während sie allerlei mit Cechato schwatzte, rief sie plötzlich: »Halt, Cechato, lieber Bruder, ich habe dir eine gute Nachricht zu verkünden.« »Was für eine denn, liebe Schwester?« fragte Cechato. »Nachdem Ihr Euch auf den Weg zur Mühle gemacht hattet«, erwiderte sie, »kam ein alter Mann ans Haus und bat mich um Gottes willen um ein Almosen, und da ich ihm Brot gab und auch einen Napf voll Wein zu trinken, hat er mich ein schönes Gebet gelehrt – so schön, wie ich noch keines in meinem Leben gehört habe – um den Bussard zu beschwören. Und ich habe es mir auch gut eingeprägt.« »Ei, was du sagst?« rief Cechato aus, »wirklich?« »Gewiß, so wahr ich lebe, – er hat auch großen Wert darauf gelegt.« »Nun, so sag es mir vor!« sprach Cechato. »Es ist auch nötig, Bruder, daß Ihr es gleichfalls wißt«, betonte Thia. »Wie lautet es denn?« fragte Cechato. »Ich werde es Euch sagen, wenn Ihr mir aufmerksam zuhört.« »So schieß los und halt mich nicht länger hin!« rief Cechato. »Ihr müßt Euch erst Eurer ganzen Länge nach auf dem Boden ausstrecken, als seiet Ihr tot – was ich bei Gott nicht wünschen möchte – und zwar Kopf und Schulter nach der Tür und Knie und Füße nach dem Ziehbrunnen zu. Dann muß ich Euch ein weißes Leinentuch aufs Gesicht legen und unseren Scheffel über den Kopf stülpen.« »Das kann wohl kaum gehen«, wandte Cechato ein. »Freilich, freilich!« rief Thia, »paßt nur auf!« Und damit ergriff sie den Scheffel, der nicht weit entfernt stand und stülpte ihn ihm über den Kopf. »Es könnte überhaupt gar nicht besser gehen!« rief sie. »Und nun«, fuhr sie fort, »müßt ihr Euch still halten und Euch nicht rippeln noch rühren, sonst richten wir nichts aus. Ich nehme dann unser Mehlsieb in die Hand und fange an, es zu schütteln, als wollte ich sieben, und während ich es so schüttle, spreche ich das Gebet, und auf diese Weise führen wir die Beschwörung aus. Aber hütet Euch, Euch zu bewegen, bevor ich es nicht dreimal gesprochen – denn ich muß es dreimal über Euch hersagen – dann werdet Ihr schon sehen, ob der Bussard unsere Küchlein fernerhin beunruhigt.« »Gott gebe, daß es ist, wie du sagst, damit wir eine Sorge weniger haben. Wie du siehst, können wir keine Küchlein aufziehen, ohne daß der Teufel von Bussard sie allesamt frißt, und es gelingt uns nicht, so viele aufzuziehen, daß wir damit die Gutsherren bezahlen oder davon verkaufen können, um die schweren Abgaben zu entrichten und Öl, Salz und andere Bedürfnisse zu erstehen.« »Aber Ihr werdet sehen, daß es uns auf diese Weise gelingen wird«, sagte Thia und befahl darauf ihrem Gatten, sich auszustrecken. Und Cechato streckte sich aus. »Streckt Euch ordentlich aus!« rief Thia, und Cechato bemühte sich, sich so lang auszustrecken, wie er konnte. »So ists gut!« erklärte Thia, nahm dann ein weißes, frischgewaschenes Leintuch und breitete es ihm über das Gesicht. Hierauf ergriff sie den Scheffel und stülpte ihn ihm über den Kopf, und schließlich nahm sie das Sieb und begann es zu schütteln und das auswendig gelernte Gebet zu sprechen, das folgendermaßen lautete: Hahnrei bist du, Hörner setz ich dir, Schüttle dich in diesem meinem Siebe. Mach, daß meine Küchlein, – zwanzig sinds und vier – Nicht der Bussard würgt, halt fern die Diebe. Mach, daß eindringt weder Ratz noch Fuchs, Noch der böse Vogel mit dem krummen Schnabel! Du da, hinter jener Tür, versteh es flugs, Sonst bist du ein Narr und Glaube fehlt der Fabel! Während Thia die Beschwörung ausführte und das Sieb schüttelte, hielt sie beständig die Augen auf die Tür geheftet und winkte Marsilio, der dahinterstand, sich davonzumachen. Aber der junge Mann, der unerfahren und ungeschickt war, verstand sie nicht. Cechato hatte bereits genug und wollte aufstehen. Er fragte daher: »Nun, bist du fertig, Thia?« Aber Thia, welche sah, daß Marsilio sich noch nicht hinter der Tür hervorgemacht hatte, antwortete ihm: »Bleibt still zum Henker! Hab ich Euch nicht gesagt, daß ich die Beschwörung dreimal wiederholen muß? Wenn wir nur nicht alles verdorben haben, weil Ihr habt aufstehen wollen.« »O nein, gewiß nicht!« meinte Cechato. Und sie ließ ihn sich wieder ausstrecken und begann die zweite Beschwörung auf dieselbe Weise wie die erste. Marsilio, der endlich begriffen hatte, wie die Sache gemeint war, schlich nun, ohne daß Cechato ihn sah oder etwas merkte, hinter der Tür hervor und suchte schleunigst das Weite. Nachdem Thia Marsilio den Hof hatte verlassen sehen, beendete sie die Beschwörung des Bussards, ließ ihren Schafskopf von Mann aufstehen und half ihm dann beim Abladen des Mehls, das von der Mühle gekommen war. Als Thia draußen im Hof stand und Marsilio in der Ferne schnellen Schritts davoneilen sah, fing sie an aus vollem Halse zu schreien: »Heh! heh! böser Vogel! Heh! heh! wenn du wiederkommst, werd ich dich, so wahr ich lebe, mit hängendem Schwanze heimschicken! Heh! Laß dirs gesagt sein! Meinst du, daß du's wieder versuchen kannst? Daß du wieder kommen kannst, du böses Tier? Ah, hol dich der Teufel!« und jedesmal, wenn der Bussard kam und sich in den Hof niederließ, um die Küchlein fortzuschleppen, zauste er sich zuerst mit der Glucke, dann ließ die Glucke die Beschwörung los, worauf er sich davonmachte und mit hängendem Schwanze abzog und die Küchlein Cechatos und Thias nicht weiter behelligte. 14 Madonna Modesta, die Frau Messer Tristane Zanchettos, erwirbt in ihrer Jugend von Liebhabern eine große Menge Schuhe. Alt geworden, teilt sie diese an Bediente, Lastträger und andere heute niederen Standes wieder aus. Pistoja ist, wie Euch bekannt, eine alte toskanische Stadt. Dort lebte in unsern Zeiten eine junge Frau namens Madonna Modesta, ein Name, der ihr wegen ihrer tadelnswerten Sitten und ihres unehrbaren Lebenswandels nicht zukam. Sie war sehr schön und anmutig, aber von niederer Herkunft und hatte einen Mann, Messer Tristano Zanchetto geheißen – ein Name, der ihm wirklich entsprach – der umgänglich und rechtschaffen war. Er war mit Leib und Seele Kaufmann und seine Geschäfte gingen ganz nach Wunsch. Madonna Modesta, deren ganzes Sinnen und Trachten nur auf Liebe ging, wollte, da ihr Gatte Kaufmann war und seine Geschäfte mit großem Fleiß betrieb, auch ihrerseits einen – allerdings seltsamen – Handel anfangen, von dem Messer Tristano nichts wissen sollte. Sie stellte sich also jeden Tag zu ihrer Unterhaltung bald auf den, bald auf jenen Balkon und betrachtete alle, die dort auf der Straße vorüberkamen, und alle Jünglinge, die sie vorbeigehen sah, lud sie durch Winke und Gebärden ein, mit ihr der Liebe zu pflegen. Und so eifrig war sie darauf bedacht, ihr Geschäft in Schwung zu bringen und über sein Aufblühen zu wachen, daß es niemand in der Stadt gab, mochte er nun reich oder arm, vornehm oder gering sein, der nicht von ihren Waren nehmen und sie kosten wollte. Als nun Madonna Modesta zu großem Rufe gelangt war, nahm sie sich fest vor, jedem, der zu ihr kommen würde, um einen kleinen Preis gefällig zu sein, und zwar wollte sie für ihre Ware keinen anderen Entgelt von ihnen haben als ein Paar Schuhe, die dem Rang und dem Vermögen jener entsprechen sollten, die sich mit ihr dem Minnespiel ergaben. Wenn nämlich der Liebhaber, der sich an ihr erletzte, von Adel war, wollte sie von ihm Schuhe aus Sammet, war er ein Bürgerlicher, sollten sie von feinem Tuch, war er ein Handwerker, aus bloßem Leder sein. Infolgedessen hatte die gute Frau derartigen Zuspruch, daß ihr Laden niemals leer war. Und da sie jung, schön und stattlich und der als Entgelt geforderte Preis gering war, besuchten sie alle Männer von Pistoja mit Freuden, ergötzten sich mit ihr und pflückten die begehrten letzten Früchte der Liebe. Madonna Modesta hatte nachgerade mit den Schuhen, die sie zum Lohn für ihre vielen süßen Mühen erhalten hatte, ein sehr geräumiges Magazin angefüllt, und so groß war die Zahl der Schuhe aller Art, daß, wenn einer in Venedig alle Läden abgesucht hätte, er nicht den dritten Teil von denen gefunden hätte, die in diesem Magazin aufgestapelt waren. Nun geschah es, daß Messer Tristano, ihr Gatte, des Magazins bedurfte, um dort einen Teil seiner Waren unterzubringen, die gerade zufällig von verschiedenen Seiten gleichzeitig eingetroffen waren. Er rief daher Madonna Modesta, sein geliebtes Weib, und verlangte von ihr die Schlüssel zum Magazin. Und schlau, ohne sich irgendwie zu entschuldigen, reichte sie sie ihm. Der Gatte öffnete den Lagerraum, den er leer zu finden glaubte, fand ihn aber, wie wir bereits gesagt haben, voll von Schuhen mannigfacher Art. Da wußte er gar nicht, wie ihm geschah und konnte sich gar nicht denken, woher eine solche Menge Schuhe käme. Er rief also seine Frau herbei und fragte sie nach der Herkunft der vielen Schuhe, die das Magazin füllten. »Nun, was sagt Ihr dazu, Messer Tristano, mein Gatte?« fragte Madonna Modesta dagegen. »Ihr glaubtet wohl der einzige Kaufmann in dieser Stadt zu sein? Da habt Ihr Euch aber gründlich getäuscht; denn auch die Frauen verstehen sich auf die Kunst des Handeltreibens. Und wenn Ihr Großhändler seid und viele und umfängliche Geschäfte abschließt, so gebe ich mich mit diesem kleinen zufrieden und habe meine Waren in diesem Magazin niedergelegt und eingeschlossen, damit sie sicher seien. Widmet Ihr Euch also mit allem Eifer und Fleiß Eurem Handel, und ich werde mich mit aller erforderlichen Hingabe und Lust wacker dem meinen widmen.« Messer Tristano, der weder wußte, was dahintersteckte, noch sich Gedanken darüber machte, gefiel der aufgeweckte Verstand und die große Klugheit seiner gescheiten und überlegenden Frau und er ermunterte sie, ihr begonnenes Unternehmen unverdrossen fortzusetzen. Als nun Madonna Modesta ihre Liebestänze im geheimen fortsetzte und der Betrieb ihres wollüstigen Handelns ihr guten Gewinn brachte, wurde ihr Reichtum an Schuhen so groß, daß sie nicht allein Pistoja, sondern die allergrößten Städte reichlich damit hätte versehen können. Solange Madonna Modesta jung, schön und reizvoll war, flaute ihr Handel niemals ab, doch da die zerstörende Zeit über alle Dinge Macht hat und ihnen Anfang, Mitte und Ende setzt, veränderte Madonna Modesta, die einst frisch, voll und schön war, ihr Aussehen, aber nicht ihre Begierde, und ihr jugendliches Feuer: ihr Äußeres mauserte sich, ihre Stirn wurde runzlig, ihr Gesicht häßlich, ihre Augen triefend, und ihre Brüste waren ebenso schlaff wie leere Schweinsblasen. Und wenn sie lachte, zeigte sie solche Falten, daß jeder, der sie ansah, darüber lachte und den größten Spaß daran hatte. Als nun Madonna Modesta gegen ihren Willen alt und grau geworden war und niemand mehr fand, der sie wie ehemals liebte und umschwärmte; als sie sah, daß ihr Schuhhandel sehr ins Stocken geraten war, empfand sie darüber große Betrübnis. Und da sie sich von ihrer frühen Jugend bis zu ihrem jetzigen Alter der häßlichsten Ausschweifung, dieser Feindin des Körpers und der Börse, hingegeben hatte und so an sie gewöhnt und in ihr aufgewachsen war, wie nur je eine Frau auf der Welt, bestand keine Möglichkeit, daß sie diesem Laster entsage. Und obwohl ihr der Lebenssaft, durch den alle Pflanzen Wurzel fassen, wachsen und gedeihen, täglich mehr mangelte, wollte doch der Drang, ihre schlimme und zügellose Brunst zu stillen, nicht aufhören. Als Madonna Modesta nun sah, daß ihr die Gunst der Jünglinge gänzlich verlorengegangen und die anmutigen und schönen jungen Leute sie nicht mehr wie ehedem umschwärmten und umschmeichelten, faßte sie einen neuen Plan. Sie setzte sich auf den Balkon und fing an allen Bedienten, Lastträgern, Bauern, Kaminkehrern und Taugenichtsen, die vorüberkamen, verliebte Blicke zuzuwerfen, und so viele von ihnen sie habhaft werden konnte, so viele zog sie zu ihrem Minnedienste ins Haus und verlustrierte sich an ihnen in der gewohnten Weise. Und wie sie ehemals von ihren Liebhabern als Lohn für ihre unersättliche fleischliche Begier je nach ihrem Stand und Vermögen ein Paar Schuhe gefordert hatte, so schenkte sie jetzt im Gegenteil denen unter ihnen ein Paar zum Entgelt für ihre Mühen, welche sich am kräftigsten regten und ihr am weidlichsten das rauhe Büschlein klopften. Bald war Madonna Modesta so tief gesunken, daß das ganze schlechte Gesindel von Pistoja zu ihr strömte, teils um sich mit ihr einzulassen, teils um sich über sie lustig zu machen und mit ihr Schindluder zu treiben, teils um den schimpflichen Lohn, den sie austeilte, zu erlangen. So dauerte es denn nicht lange, und das einst ganz mit Schuhen angefüllte Magazin war beinahe leer. Eines Tages nun wollte Messer Tristano insgeheim nachsehen, wie es mit dem Handel seiner Frau stand, nahm ohne ihr Wissen die Schlüssel des Lagers und öffnete es. Wie erstaunte der Brave aber, als er beim Eintreten entdeckte, daß fast sämtliche Schuhe fort waren. Nachdenklich stand er da und überlegte, wie seine Frau es wohl fertig gebracht habe, alle die Schuhe, die sich im Magazin befanden, loszuwerden. Da er jedoch überzeugt war, daß seine Frau durch ihren Verkauf Gold in Hülle und Fülle besitzen müsse, machte er sich weiter keine Sorgen darüber und dachte bei sich: Wenn ich einmal Geld brauche, so weiß ich ja jetzt, wo ich mir solches holen kann. Dann rief er sie und sagte zu ihr: »Modesta, mein kluges und gescheites Weib, ich habe heute dein Magazin geöffnet und wollte nachsehen, was für Fortschritte dein Handel macht, während ich aber dachte, die Schuhe müßten sich seit jener Stunde, da ich sie zum erstenmal sah, bis heute vervielfältigt haben, fand ich, daß sie sich verringert hatten, was mich mit nicht geringem Erstaunen erfüllte. Dann dachte ich, daß du sie wohl verkauft und infolgedessen ein gut Stück Geld in der Hand haben wirst und beruhigte mich. Wenn dem so wäre, würde ich es nicht wenig begrüßen.« Da antwortete ihm Madonna Modesta nicht ohne einen schweren Seufzer, der aus ihrem innersten Herzen drang: »Messer Tristano, lieber Gatte, wundert Euch nicht darüber: jene Schuhe, die Ihr seinerzeit in solcher Menge im Magazin gesehen, sind denselben Weg gegangen, den sie gekommen waren, und seid überzeugt, daß die schlecht erworbenen Dinge in kurzer Zeit zerrinnen. Ihr dürft daher keineswegs erstaunt sein.« Messer Tristano, der nicht wußte, was sie damit sagen wollte, wurde nachdenklich, und da er fürchtete, es möchte mit seinem Handel ähnlich gehen, wollte er nicht näher auf die Sache eingehen, er bemühte sich vielmehr nach Kräften und wandte allen Scharfsinn auf, damit sein Geschäft nicht zurückgehe, wie das seiner Frau. Als sich Madonna Modesta nun von allen Männern, auch von den gemeinsten, verlassen und der mit soviel Wollust erworbenen Schuhe gänzlich beraubt sah, empfand sie darüber solchen Schmerz und solches Herzeleid, daß sie in eine schwere Krankheit verfiel und bald darauf an der Schwindsucht starb. Auf diese Weise endigte Madonna Modesta auf schimpfliche Weise ihren Handel und ihr Leben und hinterließ andern zum warnenden Beispiel ein schmachvolles Gedenken. 15 Zwei Gevattern, die sich lieben, betrügen einander mit ihren Frauen und genießen sie schließlich gemeinsam. Lang ist's her, da lebten in der berühmten alten Stadt Genua zwei Gevattern, von denen der eine, ein sehr reicher, aber den Freuden der Welt ergebener Mann, Messer Liberale Spinola hieß, während sich der andere, der ganz im Kaufhandel aufging, Messer Arthilao Sara nannte. Diese liebten einander sehr, und so groß war ihre Liebe, daß sie beinahe nicht ohne einander leben konnten. Und wenn der eine irgend etwas benötigte, so nahm er unverzüglich und ohne weiteres die Hilfe des anderen in Anspruch. Da nun Messer Arthilao Großkaufmann war und für eigene wie für anderer Leute Rechnung Geschäfte machte, beschloß er einmal eine Reise nach Syrien zu machen. Er suchte daher seinen inniggeliebten Gevatter Messer Liberale auf und sagte liebevoll und kindlichen Herzens zu ihm: »Gevatter, Ihr wißt – es ist das ja auch allgemein bekannt – wie groß die Liebe ist, die zwischen uns herrscht, und wie große Stücke ich sowohl infolge unserer langjährigen Freundschaft, wie auch wegen des Gevatterschaftsgelübdes, das wir abgelegt, auf Euch halte. Da ich nun beschlossen habe, nach Syrien zu gehen und niemand besitze, dem ich mehr vertrauen könnte als Euch, wende ich mich ganz dreist und vertrauensvoll an Euch, damit Ihr mir einen Gefallen tut, und obwohl meine Zumutung Euch keine geringe Unannehmlichkeit verursachen wird, hoffe ich doch von Eurer Güte und dem zwischen uns herrschenden Wohlwollen, daß Ihr ihn mir nicht abschlagen werdet.« Messer Liberale, der nichts lieber wünschte, als seinem Gevatter etwas Angenehmes zu erweisen, sagte ohne Umschweife: »Messer Arthilao, mein lieber Gevatter: die lautere und gegenseitige Liebe, die zwischen uns herrscht, und unsere Gelübde erfordern nicht soviel Worte; sagt mir Euren Wunsch frei heraus und verfügt nach Belieben über mich; denn ich werde alles tun, was Ihr mir auftragt.« Da sagte Messer Arthilao: »Es wäre mir sehr lieb, wenn Ihr es auf Euch nehmen würdet, für mein Haus und ebenso für meine Frau zu sorgen und sie mit allem zu versehen, dessen sie bedarf, und soviel Ihr für sie ausgebt, soviel werde ich Euch bei Heller und Pfennig wieder zurückerstatten.« Als Messer Liberale den Wunsch seines Gevatters vernommen hatte, dankte er ihm zuerst für seine gute Meinung, die er von ihm hatte, und für seine Schätzung und versprach ihm dann bereitwillig, den Auftrag nach Maßgabe seiner schwachen Kräfte auszuführen. Als die Zeit der Abreise gekommen war, befrachtete Messer Arthilao ein Schiff mit seinen Waren, befahl seine Frau Daria, die im dritten Monat schwanger war, der Hut des Gevatters, bestieg das Schiff, verließ Genua mit günstigem Winde und segelte seinem Ziele zu. Als nun Messer Arthilao fort und auf seiner Fahrt begriffen war, suchte Messer Liberale seine geliebte Gevatterin Daria auf und sagte zu ihr: »Gevatterin, Messer Arthilao, Euer Gatte und mein treuester Gevatter, hat mich vor seiner Abreise aufs dringlichste gebeten, mich seiner Angelegenheiten und Eurer Person anzunehmen und Euch mit allem zu versehen, dessen Ihr bedürfen würdet. In Anbetracht der Liebe, die zwischen uns geherrscht hat und noch herrscht, habe ich ihm versprochen, alles zu tun, was er mir aufgetragen. Darum habe ich hier jetzt auch vorgesprochen, damit Ihr, falls es Euch an irgend etwas fehlt, es mich unbedenklich wissen lasset.« Madonna Daria, die von Natur sehr liebenswürdig war, dankte ihm aufs wärmste und bat ihn, für sie zu sorgen, und Messer Liberale versprach es. Als nun Messer Liberale im Hause seiner Gevatterin aus- und einging und es ihr an nichts fehlen ließ, erkannte er, daß sie schwanger sei, tat jedoch, als wisse er es nicht und sagte zu ihr: »Wie fühlt Ihr Euch, Gevatterin? Die Abwesenheit Messer Arthilaos, Eures Gatten, ist Euch wohl unbehaglich!« »Gewiß, Herr Gevatter«, antwortete Madonna Daria, »und aus vielen Gründen, vor allem aber wegen der Umstände, in denen ich mich befinde.« »In welchen Umständen befindet Ihr Euch denn?« fragte Messer Liberale. »Ich bin im dritten Monat schwanger«, antwortete Madonna Daria, »und habe solche Schmerzen, wie ich sie noch nie gehabt.« Als der Gevatter dies hörte, sagte er: »Ihr seid also schwanger, Gevatterin?« »Ich möchte, Ihr wärt's, Gevatter, und ich wäre frei«, antwortete Madonna Daria. Als Messer Liberale dieses Thema mit der Gevatterin noch weiter spann und sie so schön, frisch und rundlich sah, verliebte er sich dermaßen in sie, daß er Tag und Nacht an nichts anderes dachte als daran, seinen unehrbaren Wunsch zur Erfüllung zu bringen, – doch hielt ihn die Liebe zu seinem Gevatter ein wenig zurück. Doch von seiner glühenden Liebe, die ihn fast vergehen ließ, getrieben, ging er schließlich zu ihr und sagte: »Wie tut es mir doch leid, Gevatterin, daß Messer Arthilao fortgereist ist und Euch schwanger zurückgelassen hat; denn infolge seiner schnellen Abreise kann er leicht vergessen haben, das Wesen, das Ihr unterm Herzen tragt, zu vollenden. Und daher kommen vielleicht die Schmerzen, die Ihr habt.« »Meint Ihr wirklich, lieber Gevatter«, erwiderte Madonna Daria, daß dem Kinde in meinem Leibe irgendein Glied fehlt und ich deswegen so leiden muß?« »Gewiß ist das meine Meinung«, antwortete Messer Liberale, »und ich bin überzeugt, daß Messer Arthilao, mein Gevatter, es unterlassen hat, ihm alle seine Glieder zu vollenden. Solche Unterlassungen sind nämlich die Ursache, daß der eine mit einem kurzen Fuß, der andere gelähmt, ein dritter mit dem und ein vierter mit jenem Fehler zur Welt kommt.« »Was Ihr da sagt, Gevatter, geht mir sehr durch den Kopf«, sagte darauf die Gevatterin, »aber was könnte ich dagegen tun, damit mir solches nicht widerführe?« »Ah, liebe Gevatterin, seid guten Mutes und beunruhigt Euch nicht darüber«, sagte Messer Liberale; »denn für alles gibt es Heilmittel, außer für den Tod. »Dann bitte ich Euch, lieber Gevatter, bei der Liebe, die Ihr zu meinem Manne hegt, gebt mir dieses Heilmittel, und je schneller ihr es mir gebt, desto mehr werde ich Euch verpflichtet sein; seid nicht die Ursache, daß das kleine Wesen mit einem Fehler zur Welt kommt!« Als Messer Liberale sah, daß er seine Gevatterin dahin gebracht hatte, wohin er wollte, sagte er: »Gevatterin, es wäre eine große Gemeinheit, wenn der Freund, so er den Freund in Gefahr sieht, ihm keine Hilfe bringen würde. Da ich nun das Fehlende an dem Kinde zu ergänzen vermag, wäre ich ein Verräter an Euch und würde Euch ein großes Unrecht zufügen, wenn ich Euch nicht helfen würde.« »So zögert nicht länger, lieber Gevatter«, rief Madonna Daria, »damit das Kind in seiner Entwicklung nicht gehemmt werde! Abgesehen von der Schädigung wäre dies keine kleine Sünde.« »Zweifelt nicht im geringsten, Gevatterin, ich werde Euch in jeder Beziehung hilfreich sein!« versicherte Messer Liberale. »Befehlt der Magd, daß sie den Tisch decke, inzwischen wollen wir dann mit der Ergänzung beginnen.« Während die Magd das Mittagessen vorbereitete, ging Messer Liberale mit der Gevatterin ins Schlafgemach, verschloß die Tür und begann sie zu liebkosen und zu küssen, wie es noch nie ein Mann einer Frau getan. Als Madonna Daria dies sah, verwunderte sie sich sehr und sagte: »Wie, Messer Liberale, treiben die Gevattern solche Dinge mit den Gevatterinnen? Weh mir Unglücklichen, das ist eine gewaltige Sünde! Wäre es das nicht, so würde ich Euch gern zu Willen sein.« Da antwortete Messer Liberale: »Was ist eine größere Sünde: bei seiner Gevatterin zu liegen oder die Frucht unvollkommen geboren werden zu lassen?« »Ich glaube, es ist eine größere Sünde, wenn sie durch Schuld der Eltern unfertig zur Welt kommt«, antwortete die Frau. »Also«, erwiderte Messer Liberale, »würdet Ihr eine große Sünde begehen, wenn Ihr mich das nicht ausführen lassen wolltet, was Euer Gatte versäumt hat.« Die Frau, die den Wunsch hatte, daß das Kind vollkommen geboren werde, glaubte den Worten des Gevatters, und ließ sich trotz der Gevatterschaft herbei, seinen Lüsten zu dienen, und so fanden sie sich noch gar oft zusammen. Der Frau gefiel die Vollendung der unvollkommenen Glieder sehr wohl und sie bat den Gevatter, ja nicht in die Unterlassungssünde ihres Gatten zu verfallen. Und der Gevatter, dem der Bissen schmeckte, bemühte sich auf jede Weise Tag und Nacht für die Ergänzung des Kindes zu sorgen, auf daß es ohne Fehl zur Welt komme. Als die Stunde der Geburt erschienen war, genas Madonna Daria eines Knaben, der in allem seinem Vater glich und so wohlgebildet war, daß kein Glied an ihm auch nur den geringsten Mangel aufwies. Sie war daher voller Freude und dankte dem Gevatter, der die Ursache dieses großen Glückes gewesen war. Es verging nicht lange Zeit, und Messer Arthilao kehrte nach Genua zurück. Zu Hause angekommen, fand er seine Gattin, die ihm strahlend und glücklich mit dem Kind auf dem Arm entgegenkam, gesund und schön wieder, und sie umarmten und küßten sich aufs innigste. Als Messer Liberale von der Ankunft des Gevatters gehört hatte, suchte er ihn sofort auf und umarmte ihn, erfreut über seine glückliche Rückkehr und sein Wohlbefinden. Als sich nun eines Tages Messer Arthilao mit seiner Frau bei Tisch befand und das Kind liebkoste, sagte er: »O Daria, wie schön ist doch dieses Kind! Hast du je ein wohlgebildeteres gesehen? Schau, welch ein Anblick, welch ein Gesicht, betrachte diese Augen, die wie Sterne leuchten!« und so rühmte er alle seine Glieder einzeln. Da antwortete Madonna Daria: »Gewiß zeigt es keinen Mangel, aber das ist nicht Euer Werk allein, lieber Gatte; denn als Ihr abreistet, ließet Ihr mich, wie Ihr wißt, im dritten Monat schwanger zurück, und das Kind unter meinem Herzen hatte noch unvollkommene Glieder, was mir in meiner Schwangerschaft heftige Schmerzen verursachte. Wir müssen uns daher bei Messer Liberale, unserem Gevatter, bedanken, der mit Eifer und Fleiß durch seine Kunst der Unvollkommenheit des Kindes zu Hilfe kam und es in allen jenen Teilen ergänzte, an denen Ihr es hattet fehlen lassen.« Als Messer Arthilao die Worte seiner Frau aufmerksam angehört hatte, ohne daß ihm eines entgangen wäre, wurde er nachdenklich; denn sie gaben ihm einen Stich ins Herz, war er sich doch sofort darüber klar, daß Messer Liberale ihn hintergangen und seine Frau mißbraucht hatte. Als kluger Mann aber tat er, als habe er nichts gehört, schwieg über diesen Punkt und lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Nachdem Messer Arthilao von Tisch aufgestanden war, begann er bei sich selbst das sonderbare schimpfliche Verhalten des Gevatters zu überdenken, den er mehr als irgendeinen anderen liebte, und sann Tag und Nacht darüber nach, auf welche Weise er sich für die erlittene Kränkung rächen könne. Schwermütig gab er sich solchen Gedanken hin und wußte nicht, wie er es anfangen solle, schließlich aber kam ihm ein Gedanke, den er ausführte und der den gewünschten Erfolg hatte. »Daria«, sagte er daher zu seiner Frau, »sorge morgen für ein reicheres Mittagessen; denn ich will, daß Messer Liberale und Madonna Propertia, seine Frau und unsere Gevatterin, bei uns zu Gaste seien, aber, wenn dir dein Leben lieb ist, so verliere kein Wort über das, was du vielleicht sehen und hören könntest, sondern ertrage es geduldig.« Madonna Daria versprach, so zu tun. Darauf verließ er das Haus, ging auf den Platz, wo er Messer Liberale, seinen Gevatter, traf, und lud ihn mit seiner Frau, Madonna Propertia, für den folgenden Tag zum Mittagessen ein, und dieser nahm die Einladung mit Dank an. Am nächsten Tag begaben sich Gevatter und Gevatterin in das Haus Messer Arthilaos, wo sie freundlich bewillkommnet wurden. Als sie nun alle zusammen waren und über verschiedenerlei sprachen, sagte Messer Arthilao: »Liebe Gevatterin, während die Speisen gar werden und der Tisch gedeckt wird, sollt Ihr Euch eine Vorspeise bereiten.« Damit führte er sie in ein Kämmerlein und reichte ihr ein Glas voll mit Opium versetzten Weines; sie brockte sich Biskuit hinein und genoß das ganze ohne jeden Argwohn. Dann gingen sie zum Essen und tafelten vergnügt. Kaum aber waren sie damit fertig, als Madonna Propertia von solchem Schlaf überfallen wurde, daß sie kaum die Augen offen zu halten vermochte. Als Messer Arthilao dies sah, sagte er: »Ruht Euch ein wenig aus, Gevatterin, vielleicht habt Ihr die vergangene Nacht schlecht geschlafen?« Und er führte sie in ein Kämmerlein, wo sie sich auf ein Bett warf und alsbald einschlief. Besorgt, die Kraft des Schlaftrunks möchte aufhören, bevor er in der Lage gewesen sei, sein geheimes Vorhaben auszuführen, rief er Messer Liberale und sagte zu ihm: »Gevatter, gehen wir und lassen wir die Gevatterin schlafen, solange sie Lust hat; da sie sich vielleicht allzu früh erhoben hat, bedarf sie der Ruhe.« Sie gingen also zusammen fort, und als sie auf dem Platze angekommen waren, schützte Messer Arthilao die Erledigung einiger Geschäfte vor, verabschiedete sich von seinem Gevatter und kehrte heimlich nach Hause zurück, wo er leise in die Kammer ging, in der die Gevatterin lag, sich ihr näherte, und als er sah, daß sie süß schlummerte, ihr, ohne daß es jemand gesehen, noch sie etwas davon gemerkt hätte, die Ringe von den Fingern zog und die Perlenschnur vom Halse löste und dann die Kammer verließ. Nachdem der Schlaftrunk seine Kraft verloren hatte, wachte Madonna Propertia auf, und als sie das Bett verlassen wollte, bemerkte sie das Fehlen der Ringe und Perlen. Sie erhob sich sofort, suchte hier, suchte dort, kehrte das Unterste zuoberst, fand jedoch nichts. Daher verließ sie ganz bestürzt die Kammer und fragte Madonna Daria, ob sie nicht zufällig ihre Perlen und Ringe gesehen oder verwahrt habe. Diese verneinte, und Madonna Propertia war infolgedessen sehr betrübt. Während sich die Arme nun dem Schmerz über diesen Verlust hingab und nicht wußte, was sie machen sollte, erschien Messer Arthilao, und als er die Gevatterin so traurig und verstimmt sah, fragte er: »Was habt Ihr, liebe Gevatterin, daß Ihr Euch so sehr grämt?« Madonna Propertia erzählte ihm alles. Messer Arthilao tat, als wisse er von nichts, und sagte: »Sucht fleißig, liebe Gevatterin, und denkt nach, ob Ihr sie nicht vielleicht an irgendeinen Ort gelegt habt, an den Ihr Euch nicht mehr erinnert, möglicherweise findet Ihr sie dann, doch solltet Ihr sie nicht finden, so verspreche ich Euch auf mein Wort, als guter Gevatter, daß ich solche Vorkehrungen treffen werde, daß es dem schlecht ergehen wird, der sie gestohlen hat: Aber bevor irgend etwas unternommen wird, sucht sorgfältig überall nach.« Die Gevatterinnen und die Mägde suchten und suchten wieder das ganze Haus ab und stellten alles auf den Kopf, fanden jedoch nichts. Als Messer Arthilao dies sah, begann er großen Lärm im Hause zu schlagen und beschuldigte bald den, bald jenen, doch alle schworen, sie wüßten von nichts. Schließlich wandte er sich zu Madonna Propertia und sagte: »Liebe Gevatterin, grämt Euch nicht, seid vielmehr guten Mutes; denn ich bin im Besitze eines Geheimnisses von solcher Kraft, daß ich damit jeden, der die Schmuckstücke gestohlen, wer es auch sei, entdecken werde.« Als Madonna Propertia dies hörte, sagte sie: »O Herr Gevatter, tut mir bitte den Gefallen und macht das Experiment, damit Messer Liberale nicht argwöhnisch auf mich werde und Schlechtes von mir denke.« Wie nun Messer Arthilao sah, daß der günstige Zeitpunkt gekommen sei, sich für die erlittene Unbill zu rächen, rief er seiner Frau und den Mägden zu, sie sollten die Kammer verlassen und keine solle es wagen, sich ihr zu nähern, bevor sie gerufen werde. Als die Frau und die Mägde draußen waren, verschloß Messer Arthilao die Kammer, machte mit Kohle einen Kreis auf den Boden, schrieb einige Zeichen und Zaubercharaktere eigener Erfindung hinein, stellte sich in die Mitte des Kreises und sagte zu Madonna Propertia: »Liebe Gevatterin, haltet still im Bett und bewegt Euch nicht, fürchtet Euch auch vor nichts, was Ihr etwa hört; denn ich weiche nicht von Euch, bevor ich nicht die Juwelen gefunden habe.« »Zweifelt nicht an mir«, erwiderte die Gevatterin, »ich werde mich nicht rühren noch irgend etwas tun, ohne daß Ihr es mir befehlt.« Jetzt wandte sich Messer Arthilao nach rechts und schrieb einige Zeichen auf den Boden, dann nach links und machte einige Zeichen in die Luft, dann tat er, als spreche er mit vielen Gestalten, und erfand mannigfaltige und seltsame Worte, so daß Madonna Propertia etwas unbehaglich zumute wurde. Aber der Herr Gevatter, der dies bemerkte, sprach ihr Mut ein und ermahnte sie, nicht zu erschrecken. Nachdem er die Hälfte einer Viertelstunde in dem Kreise verweilt hatte, ließ er eine knurrende Stimme laut werden, die folgende Worte sprach: »Was du nicht finden kannst und suchst in Sorgen, Ruht in des haarumbuschten Tales Gründen: Die es verloren, hält es dort verborgen, Drum suche eifrig, und du wirst es finden!« Über diese Worte empfand Madonna Propertia ebensolches Vergnügen wie Verwunderung. Als der Zauber beendet war, sagte Messer Arthilao zu ihr: »Gevatterin, Ihr habt alles gehört: die verloren geglaubten Juwelen ruhen in Eurem Schoße. Drum seid vergnügt und guten Mutes, denn wir werden alles wiederfinden. Doch ist es nötig, daß ich an der angegebenen Stelle nachsuche.« Die Gevatterin, die ihren Schmuck wieder zu haben wünschte, antwortete erfreut: »Ich habe alles wohl vernommen, lieber Gevatter, sucht nur so sorgfältig wie möglich nach.« Da verließ Messer Arthilao den Kreis, ging ans Bett und legte sich zur Gevatterin, die sich nicht rührte. Und nachdem er ihr die Gewänder und das Hemd in die Höhe gestreift, begann er im haarumbuschten Tal zu fischen. Unterdessen zog er, ohne daß sie es merkte, einen Ring aus seinem Busen und überreichte ihn ihr mit den Worten: »Da seht, liebe Gevatterin, wie gut ich gefischt habe, daß ich gleich beim erstenmal den Diamanten gefangen.« Als die Gevatterin den Diamanten erblickte, freute sie sich sehr und bat: »Oh, mein trauter Gevatter, fischt weiter, vielleicht findet Ihr auch die anderen Juwelen!« Und indem der Gevatter tapfer mit Fischen fortfuhr, fand er bald dies, bald jenes Schmuckstück und holte schließlich mit seinem Angelhaken alle die verlorenen Gegenstände heraus, was die Gevatterin mit großer Genugtuung und Zufriedenheit erfüllte. Als sie nun all ihre teuren Kleinodien wieder hatte, sagte sie: »Oh, mein geliebter Gevatter, Ihr habt mir soviel wiederverschafft, tut mir doch die Liebe und seht zu, ob Ihr nicht zufällig beim Fischen einen sehr schönen kleinen Eimer wiederfinden könnt, der mir vor einigen Tagen gestohlen wurde und mir sehr teuer war.« »Sehr gerne«, antwortete Messer Arthilao. Und er warf von neuem die Angel in dem haarumbuschten Tal aus und bemühte sich so lange, daß er den kleinen Eimer berührte, hatte aber nicht soviel Kraft, ihn herauszuziehen. Als er nun sah, daß er sich vergeblich abmühte, sagte er: »Liebe Gevatterin, ich habe das Eimerchen gefühlt und es unzweifelhaft berührt, da es jedoch mit dem Boden nach oben gekehrt ist, hat der Haken nicht fassen können und ich vermag es daher nicht herauszuziehen.« Madonna Propertia, die es zu haben wünschte und der das Spiel außerordentlich gefiel, wollte ihn überreden, noch einmal zu fischen. Aber Messer Arthilao, dem das Öl in der Lampe bereits so sehr mangelte, daß sie nicht mehr brannte, sagte: »Gevatterin, wisset, daß an dem Haken, mit dem wir bis jetzt gefischt haben, die Spitze abgebrochen ist und nicht mehr gebraucht werden kann, habt daher für den Augenblick Geduld. Morgen werde ich ihn zum Schmied schicken, der ihm eine neue Spitze machen wird, und dann wollen wir in aller Ruhe nach dem Eimerchen fischen.« Sie gab sich zufrieden, verabschiedete sich vom Gevatter und der Gevatterin und kehrte vergnügt nach Hause zurück. Als nun Madonna Propertia eines Nachts zusammen mit ihrem Mann im Bett lag und sie scherzhafter Gespräche pflogen (wobei auch er beständig im haarumbuschten Tale fischte), sagte sie zu ihm: »O lieber Gatte, tut mir die Liebe und paßt auf, ob Ihr beim Fischen nicht vielleicht den kleinen Eimer findet, der uns vor einigen Tagen abhanden kam; denn als ich vorgestern meinen Schmuck verloren hatte, hat Messer Arthilao, unser Gevatter, in diesem Tal gefischt und alles wiedergefunden. Ich bat ihn daher, er möchte auch nach dem verlorenen Eimerchen fischen, und er sagte, er habe es berührt, doch nicht zu fassen vermocht, da es mit dem Boden nach oben liege und sein Haken infolge des vielen Fischens die Spitze verloren habe. Macht daher bitte auch Ihr den Versuch, ob Ihr seiner habhaft werden könnt.« Da wußte Messer Liberale, daß sein Gevatter ihn mit gleicher Münze bezahlt hatte, er schwieg daher und ertrug geduldig den Schimpf. Als sich am anderen Morgen die beiden Gevattern auf dem Platze trafen, schaute der eine den anderen fragend an, doch getraute sich keiner das erste Wort zu sprechen. Bei diesem Schweigen blieb es, und schließlich erfreuten sie sich ihrer Frauen, ohne ihnen gegenüber ein Wort über die Angelegenheit zu verlieren, gemeinsam, und jeder gab dem anderen Gelegenheit, sich mit seiner Frau zu vergnügen. 16 Zwischen drei verehrungswürdigen Nonnen eines Klosters entsteht ein Streit darüber, welche von ihnen Äbtissin sein solle. Der Vikar des Bischofs entscheidet, jene solle es sein, welche das größte Kunststück zuwege bringe. Zu Florenz, der edeln Stadt, befindet sich ein durch die Frömmigkeit und Gottesfürchtigkeit seiner Insassen sehr berühmtes Kloster, dessen Namen ich jetzt mit Stillschweigen übergehe, um seinen glänzenden Ruf nicht durch einen Fleck zu verderben. Es geschah, daß die Äbtissin dieses Klosters krank wurde und, am Ende ihres Lebens angelangt, in Gott ihren Geist aufgab. Nachdem die Äbtissin also tot und begraben war, ließen die Nonnen zum Kapitel läuten, und alle, die Sitz und Stimme darin hatten, versammelten sich. Der Vikar des Herrn Bischofs, der ein kluger und überlegender Mann war und wünschte, daß die Erwählung der neuen Äbtissin in der vorgeschriebenen Weise vor sich gehe, ließ die Nonnen ihre Sitze einnehmen und hielt ihnen dann folgende Rede: »Hochwürdige Frauen, es ist Euch sicherlich nicht unbekannt, daß Ihr zu keinem anderen Zweck hier versammelt seid, als um eine zu wählen, die Euer Haupt sei. Wenn dem so ist, werdet Ihr nach bestem Gewissen diejenige erküren, die Ihr für die beste haltet.« Und alle Nonnen versprachen also zu tun. Nun befanden sich im Kloster drei Nonnen, zwischen denen ein heftiger Streit entstand, welche von ihnen die Äbtissin sein solle; denn jede von ihnen wurde von den übrigen Nonnen sehr begünstigt und hielt sich aus verschiedenen Gründen als den anderen überlegen, und so wünschte jede von ihnen Äbtissin zu sein. Während sich nun die Nonnen vorbereiteten, die Wahl der neuen Äbtissin zu vollziehen, erhob sich eine dieser drei Aspirantinnen – sie hieß Schwester Veneranda – und sprach zu den übrigen gewandt folgendermaßen: »Innig von mir geliebte Schwestern und Töchter, Ihr dürftet wissen, mit welcher Hingabe ich stets diesem Kloster gedient habe, bin ich doch dabei alt, ja hinfällig geworden. In Anbetracht also dieses langen Dienstes und meiner Jahre, will es mir billig scheinen, daß Ihr mich zu Eurer Oberin wählt. Und wenn Euch die Mühen, die ich erduldet und die Nachtwachen, die ich in meiner Jugend gehalten, nicht bewegen mich zu wählen, möge Euch wenigstens mein Alter dazu veranlassen, das vor allem anderen aufs höchste geehrt werden muß. Ihr seht, daß ich nur noch kurze Zeit zu leben habe und bald einer anderen Platz machen werde. Und darum, meine lieben Töchter, wollet mir diese kurze Freude gönnen und Euch der guten Ratschläge erinnern, die ich Euch stets gemacht habe.« Und nachdem sie diese Worte unter Tränen gesprochen hatte, schwieg sie. Nachdem Schwester Veneranda geendigt hatte, erhob sich Schwester Modestia, die ihr im Alter zunächst stand, und sprach: »Liebe Mütter und Schwestern, Ihr habt den Antrag der Schwester Veneranda gehört und verstanden. Doch obwohl sie älter ist als irgendeine von uns anderen, dürft Ihr sie meiner Ansicht nach doch nicht zu Eurer Äbtissin wählen; denn sie hat nunmehr ein Alter erreicht, das sie eher kindisch als weise erscheinen läßt und um dessentwillen sie vielmehr von anderen geleitet werden als selber leiten sollte. Aber wenn Ihr mit reifem Urteil meine hohe Abkunft und meinen Einfluß erwägt und die Familie bedenkt, der ich entstamme, wird Euch Euer Gewissen sagen, daß Ihr keine andere zur Äbtissin machen dürft als mich. Das Kloster wird, wie Ihr alle wissen könnt, viel durch Rechtsstreitigkeiten beunruhigt und bedarf der Begünstigung. Welcher größeren Gunst könnte aber das Kloster in seinen Notfällen teilhaftig werden, als der meiner Verwandten? Sie würden – wenn ich Euere Oberin wäre – ihr Leben, ganz zu schweigen von ihrem Vermögen, dafür hingeben.« Kaum hatte Schwester Modestia ihren Sitz wieder eingenommen, als Schwester Pacifica aufstand und mit Ehrerbietung also zu reden anhub: »Ich bin überzeugt, ja ich weiß gewiß, hochwürdige Schwestern, daß Ihr als kluge und überlegende Frauen Euch nicht wenig verwundern werdet, daß ich, trotzdem ich erst seit ganz kurzer Zeit an dieser Stätte weile, mich unseren beiden ehrwürdigen Schwestern an die Seite, ja über sie stellen will, die mich doch an Alter und Herkunft überragen. Wenn Ihr jedoch mit den Augen des Verstandes klüglich in Betracht zieht, wie groß und welcher Art meine Verdienste um den Orden sind, werdet Ihr ohne Zweifel meine Jugend höher einschätzen als ihr Alter und ihre Familie. Wie Ihr alle wohl wißt, brachte ich eine überaus reiche Mitgift mit, mit deren Hilfe Euer Kloster, das vor Alter bereits ganz baufällig war, von den Fundamenten bis zum Dach gänzlich renoviert worden ist, ganz zu schweigen von den Häusern und Grundstücken, die von dem Gelde meiner Mitgift gekauft wurden und Euch jährlich sehr reiche Renten abwerfen. In Anbetracht dieser Lage der Dinge also und zum Dank für die erhaltenen Wohltaten, solltet Ihr mich zu Eurer Äbtissin wählen; denn Euren Lebensunterhalt und Eure Kleidung verdankt Ihr meiner Mitgift und nichts anderem.« Als die drei Schwestern nun mit ihren Ansprachen zu Ende waren, ließ der Vikar des Herrn Bischofs sämtliche Nonnen nacheinander vor sich kommen und schrieb den Namen derjenigen auf, die eine jede von ihnen nach ihrem Gewissen zur Äbtissin wollte. Als die Stimmenabgabe zu Ende war, stellte sich heraus, daß alle drei Bewerberinnen gleichviele Stimmen auf sich vereinigt hatten und kein Unterschied zwischen ihnen bestand. Darob erhob sich unter der Schar der Nonnen ein sehr lebhafter Streit und die einen wollten die erste, die anderen die zweite und die übrigen die dritte zur Oberin haben, und sie vermochten auf keine Weise zur Ruhe zu kommen. Als der Vikar ihre Bockbeinigkeit sah und bedachte, daß jede der drei Schwestern wegen ihrer Vorzüge die begehrte Würde verdiene, sann er auf Mittel und Wege, wie es eine von den dreien, ohne daß Anlaß zum Zorn für die anderen entstände, werden könne. Und er rief die drei Bewerberinnen vor sich und sagte zu ihnen: »Meine lieben Mütter, ich bin hinreichend über Eure Tugenden und Verdienste unterrichtet und weiß, daß jede von Euch wegen ihrer trefflichen Werke Äbtissin zu sein verdiente. Doch besteht zwischen den hochwürdigen Nonnen die größte Meinungsverschiedenheit über die zu wählende und die Stimmenabgabe ist dementsprechend ausgefallen. Ich will Euch daher (damit Ihr in Liebe und ungestörtem Frieden verharret) ein Mittel zur Erwählung der Äbtissin vorschlagen, das, wie ich hoffe, bewirken wird, daß Ihr schließlich alle zufrieden seid. Dieses Mittel nun ist folgendes: Jede von Euch dreien, liebe Mütter, die sich um die hohe Würde zu bewerben wünscht, soll sich bemühen, nach Ablauf von drei Tagen in unserer Gegenwart eine preiswürdige, außergewöhnliche Tat zu vollbringen, und welche von Euch dreien den Vogel abschießt, die soll von sämtlichen Nonnen einträchtiglich gewählt und ihr die gebührende Ehrfurcht erwiesen werden.« Die Entscheidung des Herrn Vikar gefiel den Nonnen sehr, und so versprachen sie alle einstimmig, sich an sie zu halten. Als der festgesetzte Tag erschienen und alle Nonnen im Kapitelsaal versammelt waren, ließ der Herr Vikar die drei Schwestern, welche die Würde einer Äbtissin einnehmen wollten, vor sich kommen und fragte sie, ob sie sich im reinen und geneigt wären, irgend etwas Außerordentliches vorzuführen. »Jawohl!« antworteten sie wie aus einem Halse. Nachdem alles seine Plätze eingenommen hatte, begab sich Schwester Veneranda, welche älter war als die anderen, in die Mitte des Saales, zog eine große Nadel hervor, die in ihrer Kutte stak, hob ihre Gewänder vorne hoch und pißte in Gegenwart des Vikars und der Nonnen so haarscharf durch das Öhr der Nadel, daß kein Tröpflein auf den Boden fiel, das nicht zuvor durch das Öhr gegangen. Als der Herr Vikar und die Nonnen dies sahen, glaubten sie alle, Schwester Veneranda müsse Äbtissin werden; denn man könne diese Leistung nicht übertreffen. Hierauf erhob sich Schwester Modestia, die nächstälteste, begab sich in die Mitte des Saales, nahm einen Würfel, wie er zum Spielen gebraucht wird, legte ihn auf eine Bank, nahm dann fünf Hirsekörnchen und, legte auf jeden der fünf Punkte des Würfels ein Korn. Dann hob sie sich hinten die Röcke hoch, näherte sich mit dem Hintern der Bank, auf welcher der Würfel lag und ließ einen so gewaltigen und erschrecklichen Furz fahren, daß der Vikar und fast alle Nonnen zusammenfuhren. Trotzdem dieser Furz jedoch mit mächtigem Blasen aus dem Loche herausfuhr, war er dennoch mit solcher Kunst und Meisterschaft gezielt, daß das in der Mitte liegende Körnlein an seinem Platze blieb, während die anderen vier verschwanden und nicht mehr gesehen wurden. Dieses Probestück schien dem Vikar und den Nonnen nicht geringer als das erste, aber sie äußerten sich nicht darüber und warteten auf das Kunststück Schwester Pacificas. Diese trat in die Mitte des Saales und führte eine Leistung vor, die nicht die eines alten, sondern eines Weibes von männlicher Kraft war. Sie zog nämlich einen harten Pfirsichkern aus dem Busen, warf ihn in die Höhe, hob blitzschnell ihre Kleider auf, fing ihn mit den Hinterbacken auf und preßte ihn derart zusammen, daß sie ihn zerbrach und in feinen Staub verwandelte. Der Vikar, der ein kluger und gewitzter Mann war, begann mit den Nonnen die hervorragenden Leistungen der drei Schwestern in Erwägung zu ziehen, als er jedoch sah, daß es nicht möglich war, zum Ziele zu gelangen, erbat er sich Bedenkzeit für die endgültige Entscheidung. Und da er in seinen Büchern die Lösung dieser schwierigen Streitfrage nicht zu finden vermochte, ließ er sie unentschieden und so schwebt sie noch bis zum heutigen Tage. 17 Die Spalatinerin Malgherita verliebt sich in Theodoro Calogero und durchschwimmt das trennende Wasser. Sie wird von ihren Brüdern entdeckt und ertrinkt, durch ein Licht getäuscht, auf jammervolle Weise. Ragusa, die hochberühmte Stadt Dalmatiens, liegt am Meere und unweit davon liegt eine, gemeinhin Isola di mezzo genannte, kleine Insel, auf welcher sich ein festes wohlbegründetes Schloß befindet. Zwischen Ragusa und dieser Insel ragt eine Klippe aus dem Meere, auf der man weiter nichts antrifft als ein ganz kleines Kirchlein und eine ärmliche zur Hälfte mit Ziegeln gedeckte Hütte. Es wohnten daselbst keine Menschen, weil der Boden unfruchtbar und die Luft ungesund ist, mit Ausnahme eines gewissen Theodoro Calogero, der zur Abbüßung seiner Sünden mit frommer Hingebung jenes Gotteshaus versah. Da er keine Möglichkeit hatte, seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, ging er bald nach Ragusa, bald nach der Isola di mezzo und bettelte. Und als Theodoro seiner Gewohnheit gemäß auf der Insel um Brot bettelte, geschah es eines Tages, daß er etwas fand, was er nimmermehr zu finden vermeint hatte. Denn es begegnete ihm eine schöne, liebreizende Jungfrau, Malgherita mit Namen, der es beim Anblick seiner männlichen Wohlgestalt und Stattlichkeit bedünken wollte, daß er doch vielmehr zum Genusse menschlicher Freuden als zur Einsamkeit geschaffen sei, und die ihn deswegen so innig in ihr Herz schloß, daß sie Tag und Nacht keinen anderen Gedanken hatte als ihn. Calogero, der sich dessen nicht versah, setzte seine Bettelgänge fort, und erschien häufig in Malgheritas Haus, um Almosen zu erbitten. Malgherita, die von Liebe zu ihm entbrannt war, ließ ihn nicht umsonst bitten, doch wagte sie nicht, ihm ihre Liebe zu entdecken. Schließlich aber gab ihr Amor, der getreue Hort aller, die seinen Spuren folgen, und der allezeit sichere Führer zu dem ersehnten Ziele, den nötigen Mut, und sie trat an ihn heran und sprach folgendermaßen zu ihm: »Bruder Theodoro, einziger Trost meiner Seele, mich quält eine so heftige Liebe zu Euch, daß Ihr mich bald entseelt sehen werdet, wenn Ihr mir keine Hilfe leiht. Von Liebe zu Euch entflammt, vermag ich den Liebesgluten nicht länger Widerstand zu leisten, helft mir, so schnell wie möglich, sonst tragt Ihr Schuld an meinem Tode!« Nach diesen Worten brach sie in ein heftiges Weinen aus. Calogero aber, der bis dahin noch nicht dahinter gekommen war, daß sie ihn liebte, stand blöde da und wußte sich nicht zu helfen. Nachdem er sich indessen ein wenig gefaßt hatte, begann er ein Gespräch mit ihr, und es gab solange ein Wort das andere, bis sie die himmlischen Dinge beiseite ließen und sich den verliebten zuwandten, wobei ihnen dann nichts Wichtigeres mehr zu bedenken übrigblieb, als die Ermittlung einer Gelegenheit, zusammenzukommen, um ihre sehnsüchtige Begierde zu stillen. »Verlaßt Euch darauf, Geliebter«, sagte die kluge Jungfrau zu ihm, »daß ich Euch den Weg zeigen werde, den wir einschlagen müssen. Es ist der folgende: Ihr stellt in der vierten Stunde dieser Nacht ein brennendes Licht an das Fenster Eurer Hütte und sobald ich es erblickt habe, komme ich zu Euch.« »Wie gedenkst du aber über das Meer zu kommen, liebe Tochter?« wandte Theodoro ein. »Du weißt, daß weder ich noch du ein Boot zur Überfahrt besitzen, und daß es unsere Ehre und unser beider Leben in große Gefahr bringen würde, wollten wir uns anderen anvertrauen.« »Seid unbesorgt«, erwiderte die Jungfrau, »und laßt mich machen, denn ich weiß ein Mittel zu Euch zu gelangen, ohne Gefahr für Ehre und Leben: Sobald ich das brennende Licht erspäht habe, komme ich schwimmend zu Euch herüber, und kein Mensch erfährt etwas von unserem Tun.« Auch seine ferneren Einwürfe: »Du läufst aber Gefahr zu ertrinken, da du als ein so junges, zartes Mädchen unmöglich Kraft und Atem genug haben wirst, dich die weite Strecke hindurch über Wasser zu halten«, wußte sie mit den Worten zu beschwichtigen: »Ich fürchte nicht, daß mir der Atem ausgeht; denn ich könnte mit einem Fische um die Wette schwimmen.« Calogero gab am Ende dem festen Willen der Jungfrau nach und sobald die finstere Nacht hereingebrochen war, zündete er ihrer Weisung gemäß das Licht an, legte ein schneeweißes Leintuch zurecht und erwartete überglücklich das ersehnte Mädchen. Malgherita hatte zu ihrer innigsten Freude nicht sobald das Lichtzeichen entdeckt, als sie ihre Kleider von sich warf und sich barfuß und im bloßen Hemde allein an das Ufer des Meeres schlich, wo sie sich auch der letzten Hülle entledigte, sie, wie man es dort tut, um den Kopf wickelte und sich in die Fluten warf. Und so wohl wußte sie ihre Arme und Beine zum Schwimmen zu rühren, daß sie in weniger als einer Viertelstunde bei der Hütte des sie erwartenden Calogero anlangte. Theodoro nahm das Mädchen, sowie er es erblickte, bei der Hand, führte es in seine schlecht gedeckte Behausung, wo er mit dem schneeweißen Leintuch eigenhändig jedes Fleckchen ihres Körpers trocknete. Dann geleitete er sie in seine kleine Zelle, legte sie auf ein schmales Bett, lagerte sich neben sie und genoß mit ihr die letzten Früchte der Liebe. Nachdem die beiden Liebenden zwei gute Stunden in süßen Gesprächen und innigen Umarmungen hingebracht hatten, verließ das Mädchen hochbefriedigt und glücklich den Einsiedler, doch nicht ohne sich mit ihm über die nächste Zusammenkunft verständigt zu haben. Und jedesmal, wenn Malgherita, welche die süße Speise des Einsiedlers nicht mehr entbehren konnte, das Licht erschaute, schwamm sie zu ihm hinüber. Aber das treulose, blinde Schicksal, das die Herrschaft der Könige dem Wechsel unterwirft, alles auf dieser Welt wandelt und jedem Glücklichen feind ist, litt nicht, daß Malgherita sich lange ihres teuern Geliebten erfreute, sondern trat, neidisch auf der beiden Glück, dazwischen und vereitelte alle ihre Absichten. Denn eines Nachts, als die Luft ringsherum von einem lästigen Nebel erfüllt war, warf sich die Jungfrau, die das Licht hatte schimmern sehen, ins Meer und ward beim Schwimmen von einigen Fischern, die in der Nähe fischten, wahrgenommen. Im Glauben, der schwimmende Körper sei ein Fisch, sahen sie gespannt hin, erkannten, daß es eine Frau war und sahen sie in der Hütte des Einsiedlers verschwinden. Höchlich darob verwundert, ruderten sie nunmehr bis dicht an die Einsiedelei heran und blieben in der Nacht solange verborgen, bis das Mädchen sie wieder verließ und nach der Isola di mezzo zurückschwamm. Die Unglückliche vermochte sich aber nicht so zu verbergen, daß sie von den Fischern nicht erkannt worden wäre. Nachdem die Fischer also das Mädchen entdeckt und erkannt hatten, wer es war, nachdem sie ferner mehrmals die gefahrvolle Überquerung des Meeres gesehen und die Bedeutung des angezündeten Lichtes begriffen hatten, beschlossen sie mehrmals untereinander, die Sache geheimzuhalten. Als sie später jedoch die Schande bedachten, welche für die ehrbare Familie daraus erwachsen konnte und die Todesgefahr, in welche das junge Mädchen sich begab, wurden sie anderen Sinnes und entschlossen sich, den Brüdern Malgheritas unter allen Umständen ihre Beobachtungen mitzuteilen. Und so suchten sie das Haus der Brüder des Mädchens auf und erzählten ihnen alles Punkt für Punkt. Als die Brüder die betrübende Nachricht hörten, vermochten sie nicht daran zu glauben und wollten sich zuvor mit eigenen Augen von ihrer Richtigkeit überzeugen. Nachdem sie aber die Gewißheit erlangt hatten, kamen sie überein, sie sterben zu lassen, und zwar faßten sie folgenden Plan und setzten ihn ins Werk: In der Dämmerung des Abends bestieg der jüngere Bruder ein Boot, fuhr allein in aller Heimlichkeit zu Calogero und ersuchte ihn, ihn für diese Nacht bei sich zu beherbergen, weil ihm ein Unfall zugestoßen sei, um dessentwillen er Gefahr laufe, von den Gerichten verhaftet und zum Tode verurteilt zu werden. Calogero, der wußte, daß er Malgheritas Bruder vor sich hatte, nahm ihn freundlich und liebreich auf, verbrachte die ganze Nacht mit ihm in mannigfachen Gesprächen und setzte ihm das Elend alles Irdischen und die schweren Sünden auseinander, welche die Seele ertöten und zur Sklavin des Teufels machen. Während also der jüngste der Brüder bei Calogero weilte, verließen die anderen heimlich ihre Wohnung, nahmen eine Segelstange und ein Licht, bestiegen ein Boot und fuhren auf die Hütte des Einsiedlers zu. In ihrer Nähe angelangt, richteten sie die Segelstange auf, befestigten die angezündete Laterne daran und warteten ab, was erfolgen werde. Das Mädchen hatte kaum das brennende Licht erspäht, so vertraute sie sich, wie sie es gewohnt war, dem Meere an und schwamm rüstig der Hütte ihres Geliebten zu. Ihre Brüder aber, die regungslos auf der Lauer lagen, griffen, sowie sie das Geräusch hörten, das Malgherita im Wasser machte, zu ihren Rudern und entfernten sich ganz langsam und geräuschlos mit dem brennenden Licht von der Hütte, ohne von der Schwester gehört oder in der Finsternis der Nacht gesehen zu werden. Das arme Mädchen sah nichts als das Licht und folgte ihm. Die Brüder aber entfernten sich allmählich so weit, daß sie sie auf die offene See hinaus: lockten, worauf sie die Segelstange einzogen und das Licht auslöschten. Als Malgherita das Licht nicht mehr erblickte und nicht mehr wußte, wo sie war, geriet sie in große Bestürzung und gab sich für verloren, da sie sich außer dem Bereich aller menschlichen Hilfe sah. So verschlang das Meer die von der langen Anstrengung des Schwimmens Ermattete wie ein geborstenes Schiff, überzeugt, daß es eine Rettung für ihre Schwester nicht mehr gab, verließen die Brüder die Unglückliche mitten auf dem Meere und kehrten nach Hause zurück. Als es Tag geworden war, dankte der jüngste Bruder Calogero für seine gastliche Aufnahme und verließ ihn. Bald verbreitete sich im ganzen Kastell die Kunde, Malgherita Spolatina werde vermißt. Die Brüder taten so, als wären sie darüber aufs äußerste betrübt, doch in ihren Herzen waren sie sehr erfreut. Erst mit dem Ausgang des dritten Tages warf das Meer den Leichnam der Unglückseligen an Calogeros Ufer aus. Als dieser ihn gefunden und erkannt hatte, hätte er sich beinahe das Leben genommen. Doch ergriff er ihn bei einem Arm und zog ihn, ohne daß jemand es gesehen hätte, aus dem Wasser und trug ihn in sein Haus, wo er sich über das bleiche Antlitz der Geliebten warf und lange Zeit ihren Verlust beweinte, indem seine Tränen im Übermaß auf ihre weiße Brust hinabrannen und er immer wieder vergeblich ihren Namen rief. Nachdem er sich aber satt geweint hatte, beschloß er ihr ein würdiges Grab zu geben und durch Gebete, Fasten und andere gottselige Werke ihrer Seele zu helfen. Er nahm deshalb den Spaten zur Hand, mit dem er hie und da sein Gärtchen umzugraben pflegte, hob in seinem Kirchlein eine Grube aus, drückte der Toten unter vielen Tränen Augen und Mund zu, wand einen Kranz von Rosen und Veilchen, setzte ihn ihr aufs Haupt und senkte sie, indem er sie küßte und segnete, in das Grab und bedeckte sie mit Erde. Auf solche Weise wurde die Ehre der Brüder und der Schwester gerettet und niemals verlautete, was aus Malgherita Spolatina geworden war. 18 Zwei Brüder lieben sich aufs innigste. Der eine wünscht die Teilung des Vermögens, will aber, daß sein Bruder sie vornehme. Dieser tut es, aber der andere ist damit nicht zufrieden, sondern verlangt auch noch die Hälfte der Frau und der Kinder des Bruders, und schließlich einigen sie sich. Wie erzählt wird, lebten in Neapel, einer wahrhaft berühmten Stadt, ausgezeichnet durch ihre Fülle an reizenden Frauen, durch ihren Überfluß an allen erdenklichen Dingen, zwei Brüder, von denen der eine Hermacora, der andere Andolfo hieß. Sie waren aus edlem Geschlecht, gehörten sie doch der Familie Carafa an, waren beide aufgeweckten Geistes und handelten mit vielen Waren, wodurch sie ein großes Vermögen erworben hatten. Also reich und aus vornehmer Familie und unverheiratet wie sie waren, lebten sie, wie sichs für liebreiche Brüder geziemt, in Gütergemeinschaft, und so groß war ihre brüderliche Liebe, daß keiner von ihnen etwas tat, was nicht die vollste Billigung des anderen gefunden hätte. Nun geschah es, daß sich Andolfo, der jüngere Bruder, (doch mit Zustimmung Hermacoras) verheiratete und zu seinem rechtmäßigen Weibe eine wohlerzogene, schöne Dame aus edlem Geblüt, namens Castoria, erkor. Diese liebte und verehrte, da sie klug und von hohem Verstande war, ihren Schwager Hermacora nicht weniger ehrbar als ihren Gatten Andolfo, die ihr beide mit inniger Gegenliebe vergalten, und so groß waren die Eintracht und der Friede, die zwischen ihnen herrschten, daß man noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte. Es gefiel dem gerechten Gott, daß Castoria viele Kinder bekam, und in dem Maße wie die Familie wuchs, mehrten sich auch die Liebe und der Frieden, und nie herrschte zwischen ihnen die geringste Meinungsverschiedenheit, – alle drei hatten im Gegenteil nur einen Wunsch und einen Willen. Als die Kinder herangewachsen und volljährig geworden waren, mischte sich das blinde Schicksal, das keinem sein Glück gönnt, ein und suchte an Stelle der herrschenden Eintracht und des Friedens Kampf und Zwist zu setzen. Infolgedessen beschloß Andolfo, von Liebe zu seinen Kindern und einem nicht ganz maßvollen Begehren veranlaßt, sich ganz von seinem Bruder zu trennen, seinen Vermögensanteil festzustellen und eine Wohnung für sich allein zu beziehen. Und so sagte er eines Tages zu seinem Bruder: »Hermacora, wir haben lange Jahre in Liebe zusammengewohnt und unser Vermögen gemeinsam gehabt und nie ist ein böses Wort zwischen uns gefallen; damit aber das Schicksal, das so flatterhaft ist, wie ein Blatt im Winde, nicht irgendwie Zwietracht zwischen uns säe und Unordnung und Unfrieden stifte, wo Ordnung und Frieden herrscht, habe ich beschlossen, meinen Vermögensanteil festzustellen und mit dir die Teilung unserer Habe vorzunehmen, – ich tue dies aber nicht, weil ich von dir jemals irgendwie benachteiligt worden bin, sondern damit ich frei mit dem Meinen schalten und walten kann.« Als Hermacora das törichte Verlangen des Bruders vernommen hatte, vermochte er nicht, sich einer gewissen Betrübnis zu erwehren, namentlich, da gar kein Grund vorlag, der ihn veranlassen konnte, sich so leichten Herzens von seinem Bruder zu trennen, und er begann daher, ihn mit sanften, liebevollen Worten zu ermahnen, diesen unbilligen Gedanken fahren zu lassen. Doch eigensinniger als zuvor beharrte Andolfo auf seinem bösen Willen und bedachte nicht den Schaden, der daraus erwachsen konnte. »Hermacora«, sagte er also mit unfreundlicher Stimme, »ein bekanntes Sprichwort sagt, daß an einem Manne, der zu etwas entschlossen ist, jeder Rat verloren ist, daher ist es überflüssig, daß du mich mit deinen einschmeichelnden Worten von dem abzubringen suchst, was ich mir fest vorgenommen habe und ich möchte nicht, daß du mich zwingst, dir den Grund anzugeben; der mich veranlaßt, mich von dir zu scheiden. Und je eher du die Teilung bewerkstelligst, desto angenehmer wird es mir sein.« Als Hermacora die entschiedene Erklärung seines Bruders hörte und sah, daß er ihn nicht mit freundlichen Worten von seinem Vorhaben abbringen konnte, sagte er: »Da es einmal dein Wille ist, daß wir unser Vermögen teilen und uns voneinander trennen, bin ich – freilich nicht ohne großen Schmerz und höchste Unzufriedenheit – bereit, dir zu willfahren und alle deine Wünsche zu erfüllen. Um einen einzigen Gefallen nur ersuche ich dich und bitte dich, daß du ihn mir nicht verweigerst, denn sonst würdest du bald das Ende meiner Tage sehen.« »Sag frei heraus, was du wünschest«, sagte Andolfo, »denn ich bin bereit, dir in allem entgegenzukommen, außer in diesem einen Punkte.« Da sprach Hermacora: »Den Besitz teilen und sich trennen ist gerecht und vernünftig, und nachdem diese Teilung nun einmal stattfinden soll, möchte ich, daß du sie vornimmst und du die Teile so gegeneinander abwägst, daß keiner sich zu beklagen hat.« Da antwortete Andolfo: »Hermacora, mir kommt es nicht zu, die Teilung zu bewerkstelligen; denn ich bin der jüngere Bruder, dir, als dem älteren, fällt die Aufgabe zu.« Schließlich aber vollzog Andolfo, begierig, seinen Anteil zu erhalten und seinen rücksichtslosen Wunsch zu erfüllen, weil er keinen andern Ausweg sah, um zum Ziele zu gelangen, doch die Teilung und ließ seinen Bruder wählen. Wiewohl Hermacora, der ein kluger, scharfsinniger und dabei gutherziger Mann war, sah, daß die Teile auf das gerechteste abgemessen waren, tat er doch, als seien sie ungleich und als fehlten verschiedene Dinge und sagte: »Andolfo, die Teilung, die du vorgenommen hast, scheint dir nach deinem Urteil einwandfrei und geeignet, jeden zu befriedigen, mir aber scheint sie ungleich zu sein, und ich bitte dich daher, das Vorhandene besser zu teilen, damit jeder von uns zufrieden sein kann.« Als Andolfo sah, daß sein Bruder mit der Teilung nicht zufrieden war, schied er von der einen Portion einige Gegenstände aus und fügte sie zu der anderen, worauf er ihn fragte, ob die Teile jetzt gleich und er befriedigt sei. Hermacora, der ganz Liebe und Güte war, machte immer noch Einwände und tat unzufrieden, obgleich alles aufs ehrlichste und beste geteilt war. Es schien Andolfo sehr sonderbar, daß sein Bruder sich mit seinem Werk nicht zufrieden erklärte und er nahm, während sich Ärger auf seinem Gesicht malte, das Papier, auf dem die Teilung verzeichnet war, zerriß es ergrimmt und sagte, zu seinem Bruder gewandt: »Gut, so teile du nach deinem Gutdünken, ich will, daß wir endlich zu Ende kommen, auch wenn ich dabei erheblich zu kurz kommen sollte!« Hermacora, dem es keineswegs entging, daß sein Bruder zornig war, sagte mit bittender milder Stimme: »Sei nicht ärgerlich, lieber Bruder Andolfo, laß nicht zu, daß der Unwille den Sieg über die Vernunft davontrage, zügle deinen Zorn, mäßige deine Hitze, besinne dich auf dich selbst und dann überlege als kluger und urteilsfähiger Mensch, ob die Teile wirklich gleich sind, und wenn sie nicht gleich sind, so sorge dafür, daß sie es werden, dann werde ich mich zufrieden geben und ohne Widerrede meinen Anteil nehmen.« Andolfo merkte noch nicht die edle Absicht, die in dem großmütigen Herzen seines Bruders verborgen war und versah sich nicht des kunstvollen Netzes, mit dem er sich bemühte, ihn zu fangen. Er wandte sich daher noch heftiger und zorniger als zuvor gegen seinen Bruder und rief: »Hermacora, habe ich dir nicht gesagt, du als der Ältere solltest die Teilung vornehmen? Warum hast du es denn nicht getan? Hast du mir nicht versprochen, mit dem zufrieden zu sein, was ich bestimmen würde? Warum hältst du dein Versprechen jetzt nicht?« Da antwortete Hermacora: »Mein vielgeliebter Bruder, wenn du den Besitz geteilt hast und der Teil, den du mir zugewiesen, nicht so groß ist, wie der deine, warum soll ich mich denn da nicht beklagen?« Worauf Andolfo: »Was birgt das Haus denn noch, wovon du deinen Teil nicht bekommen hast?« Hermacora beharrte darauf, er sei nicht voll zu seinem Rechte gekommen und Andolfo erklärte, er sei es doch. »So sag mir doch«, bat Andolfo, »inwiefern ich die Teile nicht gleich gemacht habe!« »Du hast mich in der Hauptsache benachteiligt, lieber Bruder,« antwortete Hermacora. Doch da er sah, daß Andolfo in immer größere Hitze geriet und daß, wenn die Sache auf diese Weise weiterging, Gefahr für Ehre und Leben daraus erwachsen könne, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Du erklärst, mein geliebter Bruder, du hättest mir den Teil, der mir von Rechts wegen zukommt, voll und ganz gegeben und ich bestreite es und will es dir mit dem einleuchtendsten Beweise klarmachen, den du mit deinen Augen sehen und mit deinen Händen fühlen kannst. Sag mir doch – aber unterdrücke deinen Unwillen – als du Castoria, dein geliebtes Weib und meine teure Schwägerin heimführtest, lebten wir da brüderlich auf gemeinsame Kosten?« »Ja.« »Hat sie das Haus nicht zum allgemeinen Nutz und Frommen geführt?« »Ja.« »Hat sie nicht all die Kinder geboren, die du jetzt siehst? Sind sie nicht im Hause geboren? Hat sie nicht mit den Kindern auf gemeinsame Kosten gelebt?« Andolfo stand ganz niedergeschmettert, als er die liebreichen Worte des Bruders hörte und verstand nicht, wo er damit hinaus wollte. »Du hast, mein lieber Bruder«, fuhr Hermacora fort, »die Habe geteilt, aber nicht die Frau und die Kinder, – von ihnen hast du mir meinen Teil noch nicht gegeben. Muß ich an ihnen nicht auch teilhaben? Und was soll ich anfangen ohne meinen Teil an der geliebten Schwägerin und meinen lieben Neffen? Gib mir also meinen Teil an der Frau und den Kindern und dann magst du in Frieden ziehen, dann werde ich zufrieden sein. Tust du anders, so gebe ich unter keinen Umständen zu, daß die Teilung stattfindet. Und solltest du, was Gott verhüten möge, nicht damit einverstanden sein, so schwöre ich, dich vor dem weltlichen Gericht zu belangen und mein Recht zu fordern, und wenn ich es von der Welt nicht erhalten kann, werde ich dich vor den Richterstuhl Christi fordern lassen, dem alles offenbar ist.« Andolfo lauschte gespannt auf die Worte seines Bruders und erstaunte darüber nicht wenig, und da er bedachte, mit welcher Herzenszärtlichkeit sie aus der lebendigen Quelle der Güte kamen, ward er verwirrt und vermochte nicht den Atem zu finden, um ein Wort der Entgegnung über die Lippen zu bringen. Es war eine Wandlung in ihm vorgegangen, das verhärtete Herz hatte sich erweicht, und so warf er sich denn schließlich vor dem Bruder auf die Erde und rief: »Hermacora, groß ist meine Torheit gewesen, groß meine Sünde, noch größer aber war dein Edelmut und deine Menschlichkeit! Jetzt erkenne ich meinen törichten Irrtum, jetzt sehe ich deutlich die trübe Wolke meines groben Verstandes. Es gibt keine Zunge, die geschickt und behend genug wäre, um auszudrücken, wie sehr ich eine harte Züchtigung verdient habe und es gibt keine noch so strenge und grausame Strafe, die mir nicht gebührte. Aber da die Sanftmut und Güte, die in deiner Brust wohnen und die Liebe, die du mir beweist und stets bewiesen hast, so groß sind, nehme ich meine Zuflucht zu dir, wie zu einer lebendigen Quelle und bitte dich um Verzeihung für alle meine Vergehen und verspreche dir, mich nie von dir zu trennen, sondern mich deinem Willen zu unterwerfen samt meinem Weibe und meinen Kindern, über die du verfügen sollst, als hättest du sie selbst gezeugt!« Darauf fielen sich die Brüder unter vielen Tränen, die ihnen aus den Augen stürzten, um den Hals und gelangten zu einer solchen Einigkeit, daß in Zukunft nie wieder ein gereiztes Wort zwischen ihnen fiel, und in solchem Frieden und solcher Eintracht lebten sie, daß die Söhne und Neffen nach ihrem Tode im Besitze eines großen Reichtums hinterblieben. 19 Bruder Tiberio Palavicino verläßt das Kloster, wird Weltpriester und Magister der Theologie. Er verliebt sich in die Frau Meister Chechinos, des Bildhauers. Sie läßt ihn im Einverständnis mit ihrem Manne ins Haus, wo er von diesem gefunden und zum Gegenstand eines schimpflichen Possens gemacht wird. Florenz, die altherrliche Stadt, beherbergte einmal einen hochwürdigen Pater namens Magister Tiberio. Welchem Orden er angehörte, wage ich nicht zu behaupten, da ich mich dessen augenblicklich nicht erinnere. Er war in den Wissenschaften beschlagen, ein tüchtiger Prediger, ein feiner Disputator und genoß große Achtung und Verehrung. Gewisse Gründe, die mir unbekannt sind, ließen es ihm geraten erscheinen, die Mönchskutte auszuziehen und Priester zu werden. Und obwohl er nach der Ablegung des Mönchhabits nicht mehr die frühere Verehrung genoß, blieb sein Name bei einigen wenigen Edelleuten, vor allem aber beim gewöhnlichen Volk in Geltung. Und da er ein guter Beichtvater war, kam eine sehr schöne Frau zum Beichten zu ihm, die Savia hieß, ein Name, der ihrer bescheidenen Zurückhaltung auch wirklich zukam. Ihr Gatte war ein Bildhauer, der Holzfiguren anfertigte, hieß Meister Chechino und wurde zu seiner Zeit in dieser Kunst von niemand übertroffen. Nachdem Savia sich nun vor Magister Tiberio auf die Knie niedergelassen hatte, sagte sie: »Vater, mein Beichtvater, dem ich bisher meine Geheimnisse anvertraut hatte, ist gestorben, und da der Ruf Eurer Heiligkeit zu mir gedrungen ist, habe ich an seiner Stelle Euch zum Seelsorger gewählt und bitte Euch, daß Ihr Euch meine Seele anbefohlen sein lasset.« Als Magister Tiberio sah, daß sie schön und frisch gleich einer eben aufgebrochenen Rose sei und erkannte, daß sie in ihrer Vollkraft stand, verliebte er sich dermaßen in sie, daß er beim Abnehmen der Beichte ganz außer Rand und Band geriet und es nicht über sich brachte, sie zu entlassen. Als Magister Tiberio nun zur Sünde der Ausschweifung kam, fragte er sie: »Habt Ihr, Madonna, irgendwann eine besondere Zuneigung zu irgendeinem Priester oder Mönch gehabt, habt Ihr einen solchen geliebt?« Und da sie nicht ahnte, worauf er hinauswollte, antwortete sie schlicht: »Ja, Vater, ich habe meinen Beichtvater außerordentlich geliebt, wie einen Vater und ihm die Ehrerbietung und Verehrung gezollt, die er verdiente.« Nachdem Magister Tiberio die günstige Stimmung der Frau herauszuhören geglaubt hatte, veranlaßte er sie mit milden, klugen Worten dazu, ihren Namen und Stand zu nennen und das Haus zu bezeichnen, in dem sie wohnte, und bat sie, ihn ebenso lieb zu haben wie ihren verlorenen Seelsorger; er werde, wenn das Osterfest vorbei, sie zum Zeichen der christlichen Liebe besuchen und ihr geistlichen Trost verabreichen. Sie bedankte sich bei ihm sehr für die gute Absicht, empfing die Absolution und ging. Als Savia fort war, begann Magister Tiberio die Schönheit der Frau und ihre Art und Weise sich im einzelnen vorzustellen und ins Gedächtnis zurückzurufen, was zur Folge hatte, daß er sich noch mehr in sie verliebte und bei sich beschloß, ihre Liebe zu erringen. Doch glückte ihm dies nicht; denn er verstand sich nicht so gut auf die Ausführung wie auf das Plänemachen. Als das Auferstehungsfest vorüber war, fing Magister Tiberio an, vor dem Hause Savias auf und ab zu spazieren, und wenn er sie sah, nickte er ihr zu und grüßte sie ehrbar. Sie aber war klug genug, die Augen nicht aufzuschlagen und zu tun, als sähe sie ihn nicht. Als Magister Tiberio seine Fensterpromenaden fortsetzte und sie immer wieder grüßte, beschloß sie, sich nicht mehr blicken zu lassen, damit sie nicht in irgendwelchen schlimmen Verdacht käme. Dies ging ihm sehr gegen den Strich, aber da ihn die Liebe so stark gefesselt hatte, daß er sich nicht aus eigener Kraft befreien konnte, entschloß er sich, einen Chorknaben zu ihr zu senden, der mit ihr sprechen und sie bitten sollte, es so einzurichten, daß er sie als geistlicher Vater in ihrem Hause besuchen könne. Der Chorknabe kam zu ihr und sie ließ ihn seinen Auftrag ausrichten, aber als kluge, vorsichtige Frau antwortete sie nichts darauf. Als Magister Tiberio, der ein Schlaukopf war, vernommen hatte, daß Frau Savia keine Antwort gegeben, urteilte er bei sich selbst, daß sie sehr klug sei und daß er mehrmals an die Tür klopfen müsse, weil der nicht berannte gut fundamentierte Turm sich mit Leichtigkeit hält. Er beschloß daher das begonnene Werk nicht im Stich zu lassen und schickte ihr beständig Botschaften und folgte ihr, wo immer sie ging. Savia entging die Beharrlichkeit Magister Tiberios nicht, und da sie für ihre Ehre fürchtete, wurde sie sehr ärgerlich und sagte eines Tages zu ihrem Gatten: »Chechino, schon seit vielen Tagen sendet Magister Tiberio, mein Seelsorger, Boten auf Boten, die mich sprechen wollen, und wo er mich nur sieht, grüßt er mich nicht allein, sondern verfolgt mich und will mit mir reden, und um mir diese Verdrießlichkeit vom Halse zu schaffen, lasse ich mich nicht mehr am Fenster blicken, schlage die Augen nicht mehr auf und erscheine an keinem öffentlichen Ort mehr.« »Und was antwortest du ihm?« fragte Meister Chechino. »Nichts«, erwiderte die Frau. »Du hast dich klug benommen und deinem Namen Ehre gemacht, doch wenn er dich noch einmal grüßt und irgend etwas zu dir sagt, so antworte ihm klug und auf jene ehrbare Art, die du für die richtige hältst und erzähle mir dann, was darauf erfolgt ist.« Als Savia eines Tages nach dem Mittagessen in der Werkstatt war – Meister Chechino war nämlich fortgegangen, weil er einige Geschäfte zu erledigen hatte – tauchte Magister Tiberio auf, und als er sie allein in der Werkstatt sah, sagte er zu ihr: »Guten Tag, Madonna«, und sie antwortete ihm freundlich: »Guten Tag und guten Weg, mein Vater.« Als Magister Tiberio sie seinen Gruß erwidern hörte, was sie bisher nicht getan hatte, glaubte er ihr so hartes Herz etwas erweicht zu haben und verliebte sich noch heftiger in sie. Er trat in die Werkstatt, begann ein liebevolles Gespräch mit ihr und verweilte länger als eine Stunde. Da er jedoch fürchtete, Meister Chechino möchte heimkehren und seine Frau im Gespräch mit ihm finden, verabschiedete er sich und bat sie, ihm ihre Gunst zu bewahren, er stände jederzeit und ganz zu ihren Diensten. Sie dankte ihm dafür sehr und erklärte sich gleichfalls zu jedem Dienst bereit. Als Magister Tiberio fortgegangen war, erschien Meister Chechino, und Savia erzählte ihm ausführlich, was sich begeben hatte. »Dein Verhalten war gut und deine Antworten waren klug«, antwortete Meister Chechino, »wenn er aber wieder zu dir kommt, so zeige ihm ein freundliches Gesicht und gehe so weit in deiner Liebenswürdigkeit, wie dir schicklich erscheint.« Und Savia erklärte, so tun zu wollen. Magister Tiberio, der an dem süßen Plaudern der geliebten Frau großen Gefallen gefunden hatte, fing nun an, ihr einige Geschenke zu übersenden, um sie zu ehren, und Savia nahm sie an. Und dann bat er sie mit sehr eindringlichen, wohlbegründeten Worten um ihre Liebe und drang in sie, ihm diese nicht zu verweigern, da sie sonst die Ursache seines unvermeidlichen Todes sein würde. Da antwortete sie: »Ich würde, mein Vater, Euren und meinen Wunsch erfüllen, doch fürchte ich von meinem Gatten überrascht zu werden und gleichzeitig Ehre und Leben zu verlieren.« Diese Worte gingen Magister Tiberio sehr gegen den Geschmack und ließen ihn in Gegenwart der Dame beinahe die Besinnung verlieren. Als er dann wieder ein wenig zu sich gekommen war, bat er sie, doch nicht die Schuld an seinem Tode auf sich zu laden. Savia tat nun, als habe sie Erbarmen mit ihm, beschloß ihn zu befriedigen und kam mit ihm überein, am nächsten Abend mit ihm zusammen zu sein, da ihr Mann am Morgen fort und zum Ankauf von Holz die Stadt verlassen wolle. Diese Eröffnung machte Magister Tiberio zum glücklichsten Menschen, den man sich denken konnte und er nahm Abschied von seiner Trauten und ging. Als Meister Chechino heimkehrte, erzählte ihm Savia ausführlich, was sie eingefädelt habe. »Das genügt noch nicht«, sagte er darauf, »ich will, daß wir ihm einen Schimpf antun, damit er sich unser Haus aus dem Sinn schlägt und es sich nie wieder beifallen läßt, dich zu belästigen. Geh jetzt und richte das Bett ehrenvoll zu seinem Empfang her, entferne alles, was sich in der Kammer befindet mit Ausnahme der Truhen, die ringsherum stehen, dann räume die beiden Schränke ab, daß nichts darauf stehen bleibt, während ich die Werkstatt ausräumen und alles verstecken werde. Wenn dies geschehen, wollen wir ihm den Possen spielen, den ich dir jetzt entwickeln werde.« Und damit unterwies er sie Punkt für Punkt in dem, was sie zu tun hatte. Als Savia den Willen ihres Mannes vernommen hatte, versprach sie danach zu handeln. Magister Tiberio konnte es kaum erwarten, daß die Nacht herankam, die ihm die engen Umschlingungen der geliebten Frau bringen sollte. Er ging auf den Marktplatz, kaufte allerlei ein, sandte es in Savias Haus und ließ ihr sagen, sie möge alles sorgsam zubereiten, er würde zur ausgemachten Stunde kommen, um mit ihr zu Abend zu speisen. Als Savia die Lebensmittel erhalten hatte, begann sie das Abendessen zuzurichten; Meister Chechino aber versteckte sich nun und erwartete das Erscheinen Magister Tiberios. Während er so auf der Lauer lag, siehe da kam Magister Tiberio, trat ins Haus und als er die Geliebte erblickte, die das Abendessen bereitete, wollte er ihr einen Kuß geben, – sie widerstrebte jedoch und sagte: »Geduldet Euch noch ein wenig, liebe Seele, nachdem Ihr schon so lange Geduld geübt habt; denn es ziemt sich nicht, daß ich, schmutzig vom Hantieren in der Küche, wie ich bin, Euch berühre«, – und damit machte sie sich mit den Hühnern am Bratspieß und dem Kalbfleisch im Topfe zu schaffen. Meister Chechino hatte sich an eine verborgene Öffnung gestellt, die in die Kammer ging und lauschte auf die Unterhaltung und beobachtete das Tun der beiden; denn er fürchtete vielleicht, daß er der Getäuschte sein könnte. Während sich also Savia in den Grenzen der Schicklichkeit hielt und bald hier, bald dort zu schaffen machte, war es Magister Tiberio, als wollte seine Seele den Körper verlassen, und er legte, damit die geliebte Frau schneller fertig werde, mit Hand an, um alles zuzurichten, doch nur mit dem Erfolge, daß sie es noch weniger eilig hatte. Als Magister Tiberio sah, daß sich die Sache in die Länge zog und es ihm schien, als verginge die Zeit allzu schnell, sagte er zu Savia: »So groß ist meine Sehnsucht, in Euren Armen zu ruhen, daß mir der Appetit vergangen ist und ich diesen Abend auf keinen Fall zu Nacht speisen werde.« Und damit zog er sich aus und kletterte ins Bett. Savia, die heimlich über ihn lachte, sagte scherzend zu ihm: »Nur eine Närrin würde auf das Abendessen verzichten, wenn Ihr, mein Vater, so närrisch seid, nicht essen zu wollen, so habt nur Ihr den Schaden davon, ich jedenfalls will jetzt nicht auf die Mahlzeit verzichten«, und damit fuhr sie fort, sich ihren Obliegenheiten zu widmen. Magister Tiberio drang nichtsdestoweniger in sie, ins Bett zu kommen, aber sie zögerte um so mehr. Als sie schließlich jedoch sah, daß er ärgerlich war, sagte sie zu ihm, um ihn zu beruhigen: »Lieber Vater, ich würde niemals mit einem Manne schlafen, der in der Nacht das Hemd anbehielte, – wenn Ihr wollt, daß ich mich zu Euch ins Bett lege, so zieht es aus, dann werdet Ihr mich ganz zu Willen haben.« Die Erfüllung dieses Wunsches schien Tiberio eine Kleinigkeit und so zog er sich sofort das Hemd aus und lag nun nackt da, wie ihn Gott geschaffen. Als Savia nun sah, daß sie den biederen Pater dort hatte, wo sie ihn wollte, nahm sie das Hemd und alle seine Kleider, legte sie in eine Truhe und schloß diese zu. Dann tat sie, als wolle sie sich ausziehen, waschen und parfümieren, erledigte dabei jedoch allerlei Verrichtungen im Hause, so daß der arme, einfältige Tropf im Bett in seiner Verlassenheit in allen Zuständen war. Meister Chechino, der durch das Loch alles beobachtet hatte, verließ nun ganz leise das Haus und klopfte dann an die Außentür. Als die Frau ihren Gatten pochen hörte, tat sie, als geriete sie in Bestürzung und rief am ganzen Leibe zitternd: »Weh mir, Messere, wer klopft da an die Haustür? Das ist gewiß mein Gatte! O ich Unglückliche! Was machen wir, daß er Euch hier nicht findet oder daß er Euch nicht sieht?« »Gebt mir schnell meine Kleider, damit ich mich anziehen kann!« rief Magister Tiberio, dann werde ich mich unterm Bett verstecken.« »Nein«, rief die Frau, »laßt Eure Kleider Kleider sein, sie würden Euch zu sehr aufhalten, aber steigt auf den Schrank, hier auf der rechten Seite der Kammer – ich will Euch dabei helfen – und streckt Euch oben mit ausgebreiteten Armen aus; denn wenn mein Mann hereinkommt und Euch so kreuzartig dastehen sieht, wird er denken, Ihr wäret einer von jenen Kruzifixen, die er untertags anfertigt und sich nichts weiter dabei denken.« Da klopfte der Gatte zum zweitenmal und zwar ungestüm an die Haustür. Magister Tiberio, der das Spiel nicht durchschaute und die tückische Absicht Meister Chechinos nicht ahnte, stieg auf den Schrank, stellte sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Kruzifix hin und verharrte regungslos. Savia aber lief hinunter und öffnete dem Gatten, der sich erzürnt stellte, weil sie nicht sofort aufgemacht hatte. In die Kammer getreten, tat er, als sehe er Magister Tiberio nicht, setzte sich mit seiner Gattin zu Tisch, und nachdem sie gegessen hatten, gingen sie beide zu Bett. Wie verdrießlich dies für Magister Tiberio war, das auszumalen überlasse ich Euch, die Ihr die schweren Wunden der Liebe selbst schon empfunden habt, – namentlich als er den Gatten sich an jener Speise gütlich tun hörte, nach der er sich so glühend sehnte und sah, daß er zu allem übrigen noch den Schaden und den Spott hatte. Schon begann sich die Morgenröte zu zeigen und man sah Apollo mit seinen glühenden Strahlen sich aus den Meeresfluten erheben, als Meister Chechino aufstand, seine Werkzeuge zurechtlegte und an die Arbeit ging. Kaum hatte er damit angefangen, da erschienen zwei Laienschwestern aus dem benachbarten Kloster. »Meister«, begannen sie, »unsere Mutter Äbtissin hat uns zu Euch geschickt und läßt Euch bitten, uns den Kruzifix auszuhändigen, den sie seinerzeit bestellt hat.« Da antwortete Meister Chechino: »Liebe Schwestern, richtet der Mutter Äbtissin aus, daß der Kruzifix begonnen aber noch nicht fertig ist und daß sie in höchstens zwei Tagen zufriedengestellt werden wird.« »Lieber Meister«, entgegneten darauf die Nönnlein, »nehmt es nicht übel, aber unsere Mutter hat uns ausdrücklich aufgetragen, ihn fertig oder unfertig mitzubringen, da Ihr ihn schon allzu lang in der Arbeit habt.« Meister Chechino tat, als versetze ihn das Drängen der Schwestern in Erregung und er rief gleichsam erzürnt: »Tretet hier in die Kammer, liebe Frauen, da werdet Ihr ihn angefangen, aber nicht vollendet sehen!« Als die Schwestern in die Kammer getreten waren, sagte der Meister Chechino: »Erhebt die Augen zu jenem Schrank, schaut Euch den Kruzifix an und urteilt selbst, ob er vielversprechend ist und wie wenig ihm noch am Fertigsein fehlt, – dann könnt Ihr der Mutter Äbtissin berichten, daß Ihr ihn mit eigenen Augen gesehen habt.« Die Nönnlein erhoben die Augen, sahen den Kruzifix und riefen voller Erstaunen: »O Meister, wie naturgetreu habt Ihr ihn gemacht! Er sieht ganz lebendig und wie aus Fleisch aus, gerade wie wir selbst. Er ist gewiß wunderschön und wird der Äbtissin und den Nonnen sehr gefallen. Etwas einzig und allein mißfällt uns daran sehr, wofür Ihr nicht gesorgt habt, nämlich, daß man den Unflat, den er da vorne hat, nicht so offen sieht; denn dieses Ding könnte einen gewaltigen Skandal im ganzen Kloster hervorrufen.« »Sagte ich Euch nicht«, antwortete Meister Chediino, »daß er noch nicht ganz fertig sei? Grämt Euch darum nicht! Wäre es doch so leicht ein Mittel gegen den Tod zu finden, wie diesem Mangel abzuhelfen, dem ich jetzt in Eurer Gegenwart abhelfen werde!« Und er ergriff ein haarscharfes Eisen und sägte zu den Nönnlein: »Tretet näher und gebt wohl acht, wie ich ihm das Ding ohne jede Schwierigkeit abnehme.« Als Magister Tiberio, der sich bis dahin still verhalten hatte, daß er einem Toten glich, das Gespräch hörte und Meister Chechino mit dem frischgeschliffenen Messer in der Hand sah, sprang ohne auch nur einen Augenblick zu verziehen noch einen Ton von sich zu geben, von dem Schranke herunter und rannte, nackt wie er war, auf und davon und Meister Chechino mit dem Eisen in der Hand hinter ihm drein, um ihm den Unflat, den er vorne hatte, abzuschneiden. Savia, die befürchtete, es möchte irgend etwas Peinliches daraus entstehen, erwischte den Gatten beim Rock und hielt ihn zurück, damit der Pater seine Flucht ungehindert bewerkstellige. Die Nönnlein aber, welche aufmerksam auf das zu beseitigende Objekt geschaut hatten, fingen an laut zu schreien: »Mirakel! Mirakel! Der Kruzifix ist davongelaufen!« und waren gar nicht zum Schweigen zu bringen. Auf das Geschrei eilte eine gewaltige Menge Volks herbei und als sie den Hergang erfuhr, hatte sie ihren Spaß daran. Magister Tiberio aber holte sich andere Kleider und verließ die Stadt, ohne daß man erfahren hätte, wohin er gegangen, – nur das weiß ich, daß er nie wieder gesehen ward. 20 Anastasio Minuto liebt eine adelige Dame, die ihn jedoch nicht wieder liebt. Er heschimpft sie und sie erzählt es ihrem Manne, der ihm aus Mitleid mit seinem Alter das Leben schenkt. Hier in unserer Stadt Venedig, die reicher als alle anderen an schönen Frauen ist, lebte einmal eine adelige Dame von großer Anmut und vollkommener Schönheit, deren berückende Augen wie der Morgenstern leuchteten. Diese neigte infolge ihres üppigen Lebens zur Wollüstigkeit und da ihr Mann sich im Bett vielleicht nicht genügend mit ihr beschäftigte, wählte sie zu ihrem Liebhaber einen wackeren, gesitteten Jüngling aus guter Familie, machte ihn zum Besitzer ihrer Reize und liebte ihn mehr als den eigenen Gatten. Nun begab es sich, daß ein schon recht bejahrter Freund ihres Mannes, namens Anastasio, sich so heftig in sie verliebte, daß er Tag und Nacht keine Ruhe fand. Und so groß war die Leidenschaft und die Liebespein, die er empfand, daß er in wenigen Tagen so abgezehrt und mager wurde, daß er fast nur Haut und Knochen war. Er hatte Triefaugen, eine runzelige Stirn und eine Quetschnase, die nach Art eines Destillierkolbens beständig tropfte, und wenn er ausatmete, gab er einen gewissen Gestank von sich, der jeden, der ihm nahe kam, beinahe krank machte, dabei hatte er nur noch zwei Zähne im Munde, die ihm eher hinderlich als nützlich waren. Ferner war er gliederlahm und hatte, selbst wenn die Sonne im Löwen stand und große Hitze herrschte, niemals warm. Als nun die Liebe den armen Tropf gepackt und erhitzt hatte, bestürmte er die Dame mit allerlei Geschenken, doch obwohl sie sehr wertvoll waren, wies diese sie sämtlich zurück, da sie ihrer nicht bedurfte, hatte sie doch einen reichen Gatten, der es ihr an nichts fehlen ließ. Mehrmals begrüßte sie der Alte auf der Straße, wenn sie zum Gottesdienst ging oder davon kam und bat sie, ihn doch als ihren ergebenen Diener anzunehmen und nicht so grausam zu sein, seinen Tod zu wünschen. Aber klug und vorsichtig wie sie war, schlug sie die Augen nieder und kehrte, ohne ihm eine Antwort zu geben, nach Hause zurück. Da traf es sich, daß Anastasio dahinterkam, daß der Jüngling, von dem wir oben sprachen, im Hause der Schönen aus- und einging, und er spionierte so behutsam, daß er ihn eines Abends, als der Ehemann außerhalb der Stadt weilte, ins Haus treten sah. Dies gab ihm einen bösen Stich ins Herz. In seiner Liebestollheit raffte er, ohne auf seine Ehre oder die der Dame Rücksicht zu nehmen, eine Menge Geld und Juwelen zusammen, eilte zum Hause der Geliebten und pochte ans Tor. Auf das Klopfen erschien die Magd auf dem Balkon und fragte, wer poche, »öffne«, antwortete der Alte, »ich bin's, Anastasio, ich will mit der Herrin über eine äußerst wichtige Sache sprechen.« Die Magd erkannte ihn, lief sofort zu ihrer Herrin, die sich mit ihrem Liebhaber im Schlafgemach befand und sich ergötzte, rief sie beiseite und sagte zu ihr: »Madonna, Messer Anastasio klopft unten.« Da antwortete sie: »Geh und sag ihm, er solle seiner Wege gehn, ich mache zur Nachtzeit, wenn mein Gatte nicht daheim ist, niemand auf.« Und so richtete die Magd dem Alten aus, was ihre Herrin gesagt hatte. Als dieser sich zurückgewiesen sah, begann er gewaltig zu pochen und wollte durchaus ins Haus. Da trat die Dame, die bereits ärgerlich und zornig war, wegen der Störung sowohl, wie wegen des Jünglings, den sie bei sich hatte, ans Fenster und rief: »Ich muß mich sehr über Euch wundern, Messer Anastasio, daß Ihr ohne Rücksicht zu so später Stunde kommt und an die Häuser andrer Leute donnert, begebt Euch zur Ruhe, armer Alter und belästigt die nicht, die Euch nicht behelligen. Wenn mein Mann in der Stadt und zu Hause wäre, was aber nicht der Fall ist, würde ich Euch gerne öffnen, so aber ist dies nicht meine Absicht.« Der Alte beharrte trotzdem darauf, sie sprechen zu wollen und zwar in einer sehr wichtigen Angelegenheit und setzte sein Pochen fort. Als die Dame die Vermessenheit des Flegels sah, befürchtete sie, daß er in seiner Torheit etwas sage, was gegen ihre Ehre ginge und beriet sich daher mit ihrem Liebhaber. Dieser empfahl ihr zu öffnen und zu hören, was er wolle, sie möge sich nur nicht fürchten. Und so ließ sie, während der Alte fortwährend gegen die Tür wütete, eine Kerze anzünden und schickte die Magd hinunter, damit sie ihm öffne. Als der Alte in den Saal trat, verließ die Dame ihr Gemach und kam ihm von Aussehen wie eine morgenfrische Rose entgegen und fragte ihn, was er um diese Stunde wolle. Da sagte der Alte mit sanften, liebreichen Worten beinahe weinend: »Herrin, einzige Hoffnung und Stütze meines elenden Lebens, nehmt es nicht übel, daß ich verwegen und anmaßend an Euere Tür geklopft und Euch belästigt habe. Ich bin nicht gekommen, um Euch beschwerlich zu fallen, sondern um Euch die Leidenschaft zu erklären, die ich zu Euch empfinde und die mich so quält. Und daran ist Euere einzigartige Schönheit schuld, die Euch über jede andere Frau erhebt. Und wenn Ihr die Tore des Erbarmens nicht verschlossen habt, so helft Ihr mir, der ich wohl tausendmal am Tage für Euch sterbe. O lasset Euer hartes Herz doch erweichen, seht nicht auf mein Alter noch auf meinen geringen Reichtum, sondern auf meine hohe, herrliche Gesinnung und heiße Liebe, die ich zu Euch im Herzen trug, trage und immer tragen werde, solange der schwache Geist diese hinfälligen Glieder beherrscht. Nehmt als Zeichen meiner Liebe zu Euch freundlich dieses Geschenk an und laßt es Euch, wenn es auch nur klein, doch willkommen sein.« Und damit zog er aus dem Busen einen großen Beutel voll Golddukaten, die wie die Sonne funkelten und eine Schnur weißer, dicker, runder Perlen und zwei in Gold gefaßte Juwelen, hielt sie ihr hin und bat sie, ihm ihre Liebe nicht zu verweigern. Als die Dame die Worte des verrückten Greises gehört und klar verstanden hatte, sagte sie zu ihm: »Messer Anastasio, ich hätte Euch wirklich mehr Verstand zugetraut, augenblicklich wenigstens scheint Ihr mir ganz von Sinnen. Wo ist Eure Klugheit, Eure Besonnenheit hin? Glaubt Ihr, ich sei irgendeine feile Dirne, daß Ihr mich mit Euren Geschenken versucht! Da täuscht Ihr Euch aber gewaltig. Ich habe keinen Mangel an den Sachen, die Ihr mir schenken wollt. Bringt sie zu Euern Huren, damit sie Euch befriedigen! Ich habe, wie Ihr wohl wißt, einen Gatten, der mir nichts verweigert, wessen ich bedarf. Macht daher, daß Ihr fortkommt und sorgt die kurze Zeit, die Euch noch gegönnt ist, für Euer bißchen Leben!« Da rief der Alte von Schmerz und Zorn erfüllt: »Madonna, ich bin überzeugt, daß dies nicht Eure wahre Meinung ist, sondern daß Ihr dies aus Furcht vor dem Jüngling sagt, den Ihr gerade bei Euch habt (und er nannte ihn mit Namen), und wenn Ihr mich nicht zufriedenstellt und meine Sehnsucht stillt, werde ich Euch bei Euerm Manne verraten.« Als die Dame den Jüngling, den sie im Hause hatte, mit Namen nennen hörte, geriet sie keineswegs in Verlegenheit, sondern warf dem Alten die größten Grobheiten an den Kopf, die jemals ein Mensch zu hören bekam, ergriff dann einen Stock und wollte ihn damit traktieren, aber der Alte riß aus, lief eiligst die Treppe hinunter und verschwand. Als er fort war, kehrte die Dame in ihr Schlafgemach zurück, wo der Liebhaber sie erwartete, erzählte ihm beinahe unter Tränen den ganzen Vorfall und sprach die Befürchtung aus, der verruchte Alte möchte ihrem Manne alles erzählen. Dann bat sie ihn um Rat, wie sie sich zu verhalten habe. Der Jüngling, der klug und gewitzt war, tröstete sie zunächst und sprach ihr Mut zu und dann zeigte er ihr einen guten Ausweg: »Liebe Seele«, sagte er, »fürchtet nichts und verliert den Mut nicht, Ihr braucht nur den Rat zu befolgen, den ich Euch geben werde, dann dürft Ihr sicher sein, daß alles gut ausgeht: wenn Euer Gatte wieder zurück ist, so erzählt ihm die Sache, wie sie war und sagt ihm, der schlechte und verworfene Greis habe Euch die schändliche Beschuldigung an den Kopf geworfen, Ihr brächet die Ehe mit dem und jenem – nennt ihm vier oder sechs und darunter auch mich und dann laßt das Schicksal machen, das Euch gewiß günstig sein wird.« Der Dame schien dieser Rat vortrefflich und sie befolgte ihn. Als ihr Gatte heimgekehrt war, zeigte sie sich sehr niedergeschlagen und traurig und verwünschte mit Tränen in den Augen ihr elendes Los. Und als der Mann sie fragte, was sie habe, gab sie keine Antwort, sondern rief nur weinend mit lauter Stimme: »Ich weiß nicht, was mich abhält, mir das Leben zu nehmen, ich kann es nicht ertragen, daß ein tückischer und verräterischer Mensch die Ursache meines Ruins und unauslöschlicher Schande für mich sei. O ich Unglückliche, was habe ich denn begangen, daß ich es erdulden muß, zerrissen und bis aufs Blut gepeinigt zu; werden? Und von wem? Von einem Schurken, von einem Mörder, der tausend Tode verdiente!« Als ihr Gatte weiter in sie drang, sagte sie: »Kommt da jener anmaßliche und unverschämte Alte, Euer Freund Anastasio, der verrückte, ausschweifende, geile Kerl, gestern abend zu mir und verlangt von mir ebenso unanständige wie abscheuliche Dinge und bietet mir dafür Geld und Edelsteine an. Und als ich ihm kein williges Ohr leihe und ihn nicht befriedigen will, fängt er an, mich zu beschimpfen und sagt, ich wäre eine Hure, ließe die Männer ins Haus, befaßte mich mit dem und mit dem und mit dem. Als ich dies hörte, wollte mir schier die Besinnung vergehen, doch ich raffte mich zusammen und ergriff einen Stock, um ihn zu schlagen, er aber bekam's mit der Angst und kniff aus.« Als der Ehemann dies vernahm, war er über die Maßen betrübt, tröstete seine Frau und beschloß, Anastasio einen Denkzettel zu erteilen, den er nicht so bald vergessen sollte. Am folgenden Tage begegneten der Mann der Dame und Anastasio einander, und bevor ersterer noch den Mund geöffnet hatte, sagte Anastasio, er wolle ihn sprechen, womit er sich bereitwillig einverstanden erklärte. »Lieber Herr«, begann also Anastasio, »Ihr wißt, daß die Liebe und das Wohlwollen, die zwischen uns geherrscht haben, immer so groß gewesen sind, daß sie kaum noch größer sein könnten. Nun veranlaßt mich das brennende Interesse an Eurer Ehre, Euch etwas anzuvertrauen, doch ich bitte Euch bei unserer Freundschaft, es geheimzuhalten und nach reiflicher Überlegung und so schnell wie möglich in einer Euch nahe berührenden Angelegenheit einzugreifen. Um Euch aber nicht durch langes Drumherumreden auf die Folter zu spannen, erfahrt, daß Eurer Frau von dem und dem Jüngling der Hof gemacht wird, daß sie ihn liebt und sie zusammen Euch und Eurer Familie zu nicht geringem Schimpf ihren Lüsten frönen. Und ich kann Euch versichern, daß dies zweifellos feststeht, da ich ihn neulich abends, als Ihr außerhalb der Stadt weiltet, mit meinen eigenen Augen heimlich in Euer Haus schleichen und früh am Morgen wieder fortgehen sah.« Als der Ehemann dies hörte, packte ihn der Zorn und er putzte ihn ganz gehörig herunter. »Erbärmlicher, schurkischer, elender Tropf, ich weiß nicht, was mich zurückhält, dich bei deinem Barte zu packen und ihn dir Haar für Haar auszuraufen! Glaubst du etwa, ich wüßte nicht, daß meine Frau volles Vertrauen verdient? Ich wüßte nicht, daß du sie mit Geld und Edelsteinen hast verführen wollen? Hast du, elender Wicht, als sie sich deiner zügellosen Brunst nicht hingeben wollte, ihr nicht gedroht, du würdest sie bei mir verklagen und für ihr ganzes Leben unglücklich machen? Hast du nicht behauptet, daß der und der und viele andere mit ihr fleischlich verkehren? Würde dich dein Alter nicht schützen, so würde ich dich mit Füßen treten und dich so lange prügeln, daß du deine schwarze Seele aushauchtest. Hebe dich von hinnen, wahnwitziger Greis und komm mir nie wieder unter die Augen. oder wage dich meinem Hause zu nähern!« Der Alte gab sein Spiel verloren und machte sich ohne ein Wort zu erwidern davon, die Dame aber, die von ihrem Manne für klug und besonnen gehalten wurde, verlustierte sich mit größerer Sicherheit als zuvor mit ihrem Liebhaber. 21 Galafro, König von Spanien, läßt, durch die Worte eines Chironmanten veranlaßt, seine Frau würde ihm Hörner aufsetzen, einen Turm aufführen und sperrt sie hinein, worauf sie von Galeotto, dem Sohne König Diegos von Kastilien, angeführt wird. Galafro, ein sehr mächtiger König von Spanien, war in den Tagen seiner Kraft ein kriegerischer Herr und eroberte durch seine Tapferkeit viele Provinzen. Als er zu hohen Jahren gelangt war, nahm er ein junges Fräulein, Feliciana mit Namen, zum Weibe, eine wirklich schöne, feingebildete Frau von der Frische einer Rose, die infolge ihres edlen und klugen Betragens vom König, der nur daran dachte, ihr Freude zu machen, aufs innigste geliebt wurde. Als sich nun der König eines Tages mit einem Chiromanten unterhielt, der nach allgemeinem Urteil in seiner Kunst überaus erfahren war, forderte er ihn auf, seine Hand zu betrachten und ihm daraus wahrzusagen. Als der Chiromant den Willen des Königs vernommen hatte, ergriff er dessen Hand und studierte sorgfältig jede ihrer Linien, und als er alles gesehen hatte, verstummte er und wurde bleich. Als der König dies bemerkte, war es ihm klar, daß er etwas herausgelesen hatte, was ihm nicht gefiel. Er ermutigte ihn daher und sagte: »Laßt mich vernehmen, Meister, was Ihr gesehen habt und fürchtet Euch nicht; denn wir werden alles, was Ihr uns zu sagen habt, freudig aufnehmen!« Als der Chiromant vom König die Versicherung erhalten hatte, er könne freimütig reden, sagte er: »Geheiligte Majestät, es ist mir sehr unangenehm, daß ich hierhergekommen sein muß, um Euch etwas zu berichten, was Euch Schmerz und Verdruß bereiten wird. Da Ihr mich jedoch darüber beruhigt habt, werde ich nichts verheimlichen. So wisset denn, o König, daß die Gattin, die Ihr so sehr und so ehrlich liebt, Euch zwei Hörner aufsetzen wird, und darum tut es not, daß Ihr mit größter Sorgfalt über sie wachet.« Als der König dies vernommen, war er mehr tot als lebendig, verabschiedete den Chiromanten und befahl ihm, die Sache geheimzuhalten. Während nun der König von diesem quälenden Gedanken bedrückt wurde und Tag und Nacht die Worte des Chiromanten bei sich erwog und sich überlegte, wie er dieser schimpflichen Beleidigung entgehen könnte, kam ihm in den Sinn, seine Frau in einen festen Turm zu setzen und sie sorgfältig überwachen zu lassen. Und also tat er. Überallhin hatte sich schon die Kunde verbreitet, daß König Galafro eine Felsenburg hatte aufführen lassen und seine Frau unter großer Bewachung dort eingeschlossen hielt, aber man wußte nicht warum. Diese Nachricht gelangte auch zu Ohren Galeottos, des Sohnes König Diegos von Kastilien. Dieser erwog die engelhafte Schönheit der Königin und das Alter ihres Gemahls und das Leben, das ihr dieser bereitete, indem er sie in einem festen Turm eingeschlossen hielt, und beschloß daher zu versuchen, ob er ihm nicht einen Streich spielen könne. Er machte sich also einen Plan und dieser gelang ihm nach Wunsch. Er nahm eine große Menge Geldes und viele kostbare Waren mit sich, begab sich heimlich und unerkannt nach Spanien und mietete sich im Hause einer armen Witwe zwei Zimmer. Eines schönen Morgens stieg König Galafro in aller Frühe zu Pferde und ritt mit seinem ganzen Hofe auf die Jagd, mit dem Vorsatz, mehrere Tage auswärts zu bleiben. Als Galeotto dies erfahren hatte, traf er seine Vorbereitungen, verkleidete sich als Kaufmann, nahm viele wunderschöne Gegenstände aus Gold und Silber, die ein ganzes Fürstentum wert waren, verließ das Haus und durchstreifte die Stadt nach verschiedenen Richtungen, wobei er seine Waren zur Schau stellte. Als er zuletzt auf den Platz vor dem Turm gelangt war, rief er mehrmals mit lauter Stimme: »Heran! Heran! wer von meinen Waren kaufen will.« Als die Hofdamen der Königin den Händler so laut rufen hörten, eilten sie an ein Fenster und sahen wunderschöne Gewänder, die mit Gold und Silber gestickt waren, daß man bei ihrem Anblick in Entzücken geraten mußte. Sofort eilten die jungen Damen zur Königin und sagten zu ihr: »Herrin, unten geht ein Händler, der die schönsten und reichsten Gewänder feilbietet, die Ihr je gesehen, es sind keine bürgerlichen Kleider, sondern solche für Könige, Fürsten und große Herren und einige befinden sich darunter, die wie geschaffen sind für Euch, da sie über und über mit kostbaren Edelsteinen besetzt sind.« Voller Begierde, so schöne Waren zu sehen, bat die Königin die Wächter, den Händler zu ihr kommen zu lassen, doch diese fürchteten, es möchte ruchbar werden und ihnen dann übel bekommen und so wollten sie es nicht zugeben, denn der Befehl des Königs war streng und ihr Leben stand auf dem Spiel. Schließlich aber wurden sie durch die dringenden Bitten der Königin und die reichen Versprechungen des Kaufmanns erweicht und ließen ihn ein. Nachdem dieser zuerst die schuldige und geziemende Verbeugung gemacht hatte, grüßte er die hohe Frau und zeigte ihr darauf seine köstlichen Waren. Als die Königin, die fröhlich und keck war, sah, daß er ein schöner, angenehmer und gütiger Mann war, begann sie ihn verführerisch anzublinzeln, um ihn verliebt zu machen. Der Händler, der nicht schlief, säumte nicht in seinen Mienen zu zeigen, daß er Feuer gefangen. Nachdem die Königin viele seiner Waren betrachtet hatte, sagte sie: »Meister, Eure Sachen sind wunderschön und über jeden Einwand erhaben, aber von allen gefällt mir vornehmlich dieses eine Gewand. Ich möchte gerne wissen, wieviel Ihr dafür verlangt.« »Herrin«, antwortete der Händler, »mit Gold ist es nicht aufzuwiegen, aber wenn es Euch angenehm wäre, würde ich es Euch eher schenken als verkaufen, vorausgesetzt, daß ich sicher wäre, damit Eure Gunst zu erlangen, die ich höher schätze als irgendein anderes Gut.« Als die Königin seine glänzende und großartige Freigebigkeit sah und seine Hochherzigkeit bedachte, war sie überzeugt, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei, sondern daß sich etwas ganz Besonderes hinter ihm verstecke und sagte daher zu ihm gewandt: »Meister, Ihr handelt nicht wie der erste beste Händler, der meist nur auf möglichst großen Gewinn ausgeht, sondern beweist die Großherzigkeit, die in Eurem gutgesinnten Herzen wohnt, durch die Tat, und so stelle ich mich, obwohl ich unwürdig, Euern Wünschen und Befehlen zur Verfügung.« Als der Händler sah, daß die Königin zu allem bereit war und alles nach Wunsch ging, sagte er: »Herrin, wahre und feste Säule meines Lebens, Eure engelhafte Schönheit, verbunden mit Euerm liebenswürdigen und gütigen Entgegenkommen, hat mich so stark gefesselt, daß ich nicht hoffen darf, je wieder freizukommen. Ich glühe für Euch und finde kein Wasser, das die feurige Lohe löschen könnte, die mich verzehrt. Ich komme aus fernen Landen und einzig, um die seltene außerordentliche Schönheit mit Augen zu schauen, die Euch über alle anderen Frauen erhebt. Wenn Ihr mich in Eurer Güte und Gefälligkeit Eurer Gunst teilhaftig werden lassen würdet, hättet Ihr einen Diener, über den Ihr verfügen könntet wie über Euch selbst.« Als die Königin diese Worte vernommen hatte, verharrte sie eine Weile in Nachdenken und verwunderte sich nicht wenig, daß der Händler so kühn war. Da sie jedoch sah, daß er schön und anmutig war und das Unrecht bedachte, das ihr Gemahl ihr zufügte, indem er sie in dem Turme eingesperrt hielt, beschloß sie, sich ihm ganz hinzugeben. Bevor sie ihn aber befriedigte, sagte sie zu ihm: »Meister, ein großes Ding ist es um die Macht der Liebe, die mich dahingebracht hat, daß ich mehr Euch als mir selber angehöre. Nachdem das Schicksal es jedoch so will, daß ich die Macht anderer über mich anerkennen muß, habe ich nichts dagegen einzuwenden, daß dem Beschluß die Ausführung folge, doch unter der Bedingung, daß ich in den Besitz des gewonnenen Gewandes gelange.« Als der Kaufmann die Gier der Königin sah, nahm er das köstliche Stück und machte es ihr zum Geschenk. Verliebt in das teure kostbare Gewand, bewies die Königin, daß sie kein Herz aus Stein oder Diamant hatte, nahm den Jüngling bei der Hand und führte ihn in ein Kämmerlein, wo sie sich umarmten und küßten. Dann legte sie der Jüngling aufs Bett, lagerte sich neben sie, hob ihr das Hemd hoch, das weißer war als Schnee, nahm das Pflanzholz in die Hand, das bereits aufrecht stand und bohrte es alsbald in die Furche, worauf er die letzten Früchte der Liebe pflückte. Nachdem der Händler seine Begierde gestillt hatte, verließ er das Kämmerchen und forderte von der Königin das Gewand zurück. Als die Königin dies Verlangen hörte, stand sie wie angedonnert und sagte von Schmerz und Scham überwältigt: »Es ziemt sich nicht für einen vornehmen und freigebigen Mann, etwas zurückzufordern, was man in verbindlicher Form verschenkt hat. So etwas tun die Kinder, die infolge ihres zarten Alters des Verstandes und der Überlegung ermangeln, aber Euch, der Ihr doch ein gescheiter und verständiger Mann seid und keines Wärters bedürft, werde ich das Gewand nicht wieder zurückgeben.« Der Jüngling, der an ihrer Aufregung seinen Spaß hatte, erwiderte hierauf: »Herrin, wenn Ihr es mir nicht gebt und mich damit meiner Wege gehen laßt, werde ich nicht eher von hier weichen, als bis der König kommt, der es mir als gerechter und redlicher Mann entweder bezahlen oder zurückerstatten lassen wird, wie es sich gehört.« Die von dem schlauen Händler betrogene Königin fürchtete, der König möchte darüber hinzukommen und gab ihm daher sehr gegen ihren Willen das Gewand zurück. Als sich der Händler verabschiedet hatte und das Kastell verlassen wollte, umringten ihn die Wächter und verlangten das Trinkgeld, das er ihnen versprochen hatte. Der Händler leugnete nicht, es ihnen versprochen zu haben, doch sei dies, erklärte er, nur unter der Bedingung geschehen, daß er seine Waren verkaufe, oder wenigstens einen Teil derselben. Da er sie weder im ganzen noch teilweise verkauft habe, halte er sich nicht für verpflichtet, ihnen irgend etwas zu geben; denn mit denselben Waren, mit denen er in den Turm gekommen sei, gehe er wieder heraus. Außer sich vor Zorn und Ärger, wollten ihn die Wächter unter keinen Umständen hinauslassen, bevor er nicht das Trinkgeld gegeben. Der Händler aber, der noch schurkischer war als sie, sagte: »Brüder, da Ihr mir den Austritt verwehrt und mich hier aufhaltet, werde ich solange dableiben, bis Euer König kommt, und er, als großherziger und gerechter Herr, wird unsern Streit entscheiden.« Die Wächter, welche fürchteten, der König möchte zurückkommen und den Jüngling vorfinden und sie darauf wegen Ungehorsams töten lassen, öffneten, das Tor und ließen ihn gehen, wohin er mochte. Nachdem der Händler den Turm verlassen und die Königin reicher an Schimpf als an Gewändern zurückgelassen hatte, begann er mit lauter Stimme zu rufen: »Ich weiß es, doch ich will's nicht sagen! Ich weiß es, doch ich will's nicht sagen!« In diesem Augenblick kehrte König Galafro von der Jagd zurück und als er aus der Ferne den Ruf des Händlers hörte, lachte er sehr darüber. Als er dann in den Turm und in das Gemach der Königin kam, sagte er an Stelle eines Grußes im Scherz: »Gnädige Frau, ich weiß es, doch ich will's nicht sagen«, und dies wiederholte er mehrmals. Als die Königin diese Worte hörte, glaubte sie, er spreche sie im Ernst und nicht zum Scherz und meinte, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie warf sich daher am ganzen Leibe zitternd auf den Boden und rief: »O König, wisse, daß ich dich betrogen habe, o verzeih mir mein schweres Vergehen! Es gibt keinen Tod, den ich nicht verdient hätte, aber überzeugt von deiner Milde, hoffe ich deiner Gnade und Vergebung teilhaftig zu werden!« Der König, der keine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, wunderte sich über die Maßen und befahl ihr, sich zu erheben und ihm alles zu erzählen. Verwirrt und mit zitternder Stimme sowie unter reichlichen Tränen erzählte ihm die Königin alles von Anfang bis zu Ende. Als der König dies vernommen hatte, sagte er: »Gnädige Frau, seid getrost und beruhigt Euch; denn was der Himmel will, das muß geschehen.« Und alsbald ließ er den Turm schleifen, gab seiner Frau die Freiheit wieder und lebte mit ihr heiter und guter Dinge. Der im Waffengang siegreiche Galeotto aber kehrte mit seinen Waren nach Hause zurück. 22 Rodolino, der Sohn König Ludwigs von Ungarn, liebt Violante, die Tochter des Schneiders Domitio. Als Rodolino gestorben, wirft sich Violante in der Kirche über seine Leiche und stirbt gleichfalls. Ludwig, König von Ungarn, hatte einen einzigen Sohn namens Rodolino, der schon in seiner frühen Jugend die glühenden Stachel der Liebe zu spüren bekam. Als der Knabe eines Tages an einem Fenster seines Gemaches lehnte und allerlei Dinge, die ihm Vergnügen machten, in seinem Geiste bewegte, gewahrte er zufällig ein junges Mädchen, die Tochter eines Schneiders. Und weil sie schön, bescheiden und anmutig war, verliebte er sich so heftig in sie, daß er keine Ruhe mehr fand. Das Mädchen, Violante mit Namen, versah sich der Liebe Rodolinos wohl und erglühte nicht minder für ihn, wie er für sie, und wenn sie ihn nicht sah, glaubte sie zu sterben. Wie nun beider Zuneigung in gleichem Maße zunahm, bewirkte Amor, der treue Leiter und das wahre Licht jedes edlen Herzens, daß der Knabe es wagte, mit ihr zu sprechen. Als nämlich Rodolino, der sich über die Gegenliebe vollkommen im klaren war, die Violante ihm entgegenbrachte, eines Tages am Fenster stand, sagte er: »Violante, wisse, daß meine Liebe zu dir so groß ist, daß nur der finstere Tod sie auszulöschen vermag. Die allen Lobes würdige und anmutige Art, wie du dich gibst, dein züchtiges und edles Benehmen, die schönsten sternengleichen Augen und die anderen Vorzüge, die ich an dir in Blüte sehe, haben mich in eine so glühende Liebe zu dir versetzt, daß ich niemals ein anderes Weib als dich zur Ehe nehmen werde.« Hierauf antwortete Violante, die trotz ihrer großen Jugend gewitzt war, daß, wenn er sie liebte, sie ihn noch weit mehr liebe, daß seine Liebe mit der ihrigen nicht zu vergleichen sei, denn der Mann liebe nicht lauteren Herzens, seine Liebe sei vielmehr unbesonnen und ohne Bestand und stürze in den meisten Fällen die Frau, die mit der. ganzen Kraft ihres Herzens liebe, ins Verderben. »O sprich nicht so, geliebte Seele!« rief Rodolino, »würdest du nur den tausendsten Teil der Leidenschaft empfinden, die mich erfüllt, so würdest du so etwas nicht aussprechen. Und wenn du es nicht glaubst, so stelle mich auf die Probe, dann wirst du sehen, ob ich dich liebe oder nicht.« Nun geschah es, daß König Ludwig, der Vater Rodolinos, eines Tages hinter die Leidenschaft seines Sohnes kam. Diese Entdeckung verursachte ihm keinen geringen Schmerz; denn er fürchtete sehr, es möchte leicht ein Fall eintreten, der seinem Reich zur Unehre und Beschämung ausschlagen würde. Ohne ihm etwas von seinen Sorgen mitzuteilen, wollte er ihn daher in ferne Länder senden, damit die Zeit und die Entfernung ihn seine Leidenschaft vergessen ließen. Und so rief er ihn eines Tages zu sich und sprach zu ihm: »Mein lieber Sohn Rodolino, du weißt, daß wir keine anderen Söhne haben außer dir, noch solche haben werden, und daß nach unserem Tode die Herrschaft dir als unserem rechtmäßigen Nachfolger zufallen wird. Damit du nun ein verständiger und kluger Mann werdest und seinerzeit dein Reich weise regieren könntest, habe ich beschlossen, dich nach Österreich zu senden, wo Lamberico, dein Oheim mütterlicherseits, weilt. Dort gibt es hochgelehrte Männer, die dich aus Liebe zu uns unterweisen werden, und unter ihrer Leitung wirst du klug und weise werden.« Als Rodolino den König so sprechen hörte, erschrak er heftig und vermochte kein Wort hervorzubringen, dann aber faßte er sich und sagte: »Lieber Vater, obwohl es mir schmerzlich und leidvoll ist, mich von Euch zu entfernen, weil ich mich dadurch Eurer und meiner Mutter Gegenwart beraube, werde ich Euch doch, da es nun einmal Euer Wille ist, gehorchen.« Als der König ihn willfährig fand, schrieb er sogleich an seinen Schwager Lamberico, teilte ihm den Grund mit, weshalb er seinen Sohn außer Landes schicke, und legte ihm ans Herz, auf sein Kind zu achten wie auf sein eigenes Leben. Nachdem Rodolino seinem Vater die bereitwillige Zusage gegeben hatte, tat es ihm hinterdrein sehr leid, da es sich aber mit seiner Ehre nicht vertrug, sie wieder zurückzunehmen, ergab er sich darein. Doch bevor er Abschied nahm, fand er Gelegenheit, mit seiner Violante zu sprechen, um sie zu unterrichten, wie sie sich bis zu seiner Rückkehr verhalten müsse, damit eine so große Liebe wie die ihre nicht in die Brüche ginge. Als sie sich also getroffen hatten, sagte Rodolino: »Violante, um meinem Vater gefällig zu sein, entferne ich mich von dir mit dem Leibe, aber nicht mit dem Herzen, und überall, wo ich auch sein werde, werde ich stets deiner gedenken. Doch bitte ich dich bei jener Liebe, die ich zu dir empfunden habe, empfinde und empfinden werde, solange der Geist diese Gebeine beherrscht, daß du dich auf keinen Fall verheiratest, denn sowie ich zurückkehre, werde ich dich ganz gewiß zu meinem rechtmäßigen Weibe machen, und zum Zeichen meiner Lauterkeit und Treue nimm diesen Ring und halte ihn wert.« Als Violante die traurige Kunde vernahm, wollte sie vor Schmerz vergehen, nachdem sie aber die Herrschaft über sich wiedergewonnen hatte, antwortete sie: »Herr, wollte Gott, ich hätte Euch nie gekannt, dann wäre die bittere Herzenspein, die ich nun leiden muß, mir erspart geblieben. Da der Himmel und mein Geschick es jedoch so wollen, daß Ihr mich verlaßt, so sagt mir wenigstens, ob Euer Fernsein von kurzer oder langer Dauer sein wird, denn wenn letzteres der Fall ist, werde ich dem Willen meines Vaters nicht Widerstand leisten können, wenn er mich etwa verheiraten wollte.« Hierauf sagte Rodolino: »Gräme dich nicht, Violante, sei vergnügt; denn bevor das Jahr zu Ende geht, werde ich wieder hier sein, sollte ich aber nicht binnen Jahresfrist zurück sein, so gebe ich dir die Freiheit, dich zu verheiraten.« Und nach diesen Worten nahm er unter Tränen und Seufzern Abschied von ihr. Am andern Morgen stieg er in aller Frühe zu Pferde und ritt mit stattlichem Gefolge nach Österreich zu und wurde, als er dort eingetroffen, von seinem Oheim Lamberico ehrenvoll empfangen. Rodolino brachte nun seine Tage in großem Herzeleid hin, weil er seine Violante hatte verlassen müssen und wußte sich durch nichts zu erheitern, und obwohl seine Altersgenossen sich alle Mühe gaben, ihm jedes erdenkliche Vergnügen zu bereiten, hatten sie doch keinen oder nur wenig Erfolg. Während also Rodolino zu seinem großen Mißvergnügen in Österreich weilte und stets nur an seine geliebte Violante dachte, verging, ohne daß er es merkte, das Jahr. Als er dessen aber innegeworden war, bat er den Oheim um Erlaubnis, heimzukehren, um Vater und Mutter wiederzusehen, und Lamberico gab sie ihm bereitwillig. In das väterliche Reich zurückgekehrt und aufs freudigste von seinen Eltern empfangen, erfuhr Rodolino, daß Violante, die Tochter des Schneiders Domitio, sich verheiratet hatte. Der König empfand darüber die größte Freude, Rodolino dagegen war todunglücklich und machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er diese Heirat selbst verschuldet habe, und da der Arme in dieser Qual seines Herzens kein Mittel gegen seine Liebesleidenschaft zu finden wußte, wollte er vor Leid vergehen. Doch Amor, der seine Jünger nicht verläßt und jene züchtigt, die ihre Versprechungen nicht halten, richtete es so ein, daß Rodolino mit Violante zusammentraf. Denn ohne Wissen Violantes verbarg sich Rodolino in ihrer Schlafkammer, und als sie mit ihrem Gatten im Bett lag, schlich er leise in den Raum zwischen Bett und Wand, lüftete dann sacht die Decke und legte ihr die Hand auf die Brust. Als Violante, die nichts von seiner Anwesenheit wußte, sich von jemand berührt fühlte, der nicht ihr Gatte war, wollte sie einen Schrei ausstoßen, aber Rodolino verhinderte sie daran, indem er ihr mit der Hand den Mund zuhielt und gab sich zu erkennen. Als die junge Frau erkannt hatte, daß es Rodolino war, geriet sie in heftige Bestürzung und fürchtete, ihr Gatte könne ihn hören; sie wehrte ihn daher milde aber fest von sich ab und ließ nicht einmal zu, daß er sie küsse. Als Rodolino sich von dem geliebten Wesen ganz und gar verlassen und offen zurückgewiesen sah und keine Möglichkeit erblickte, sein verzehrendes Leid zu heilen, flüsterte er: »O du Stolze, Allzugrausame, ich sterbe, und du darfst zufrieden sein, daß du nicht mehr die Last meines Anblicks zu ertragen brauchst, aber wenn später Mitleid in dein Herz einkehrt, wirst du gewaltsam gezwungen werden, deine Härte zu bereuen. Weh mir! wie ist es möglich, daß die ausdauernde Liebe, die du mir einst entgegengebracht hast, jetzt ganz und gar dahin ist?« Und damit umschlang er seine Violante heftig und küßte sie, ob sie wollte oder nicht, und da fühlte er auch schon, wie sein Herz den Dienst versagte, ein Schauer durchfuhr ihn, seine Glieder lösten sich und mit einem tiefen Seufzer gab der Arme an ihrer Seite den Geist auf. Als die Unglückliche erkannte, daß er aufgehört habe zu leben, war sie zuerst wie geistesabwesend, dann aber überlegte sie sich, wie sie es anstellen solle, daß ihr Gatte nichts merke. Sie ließ den Toten leise vom Lager in den Raum zwischen der Bettstatt und der Wand hinabgleiten, tat dann als träumte sie und stieß einen gellenden Schrei aus. Ihr Gatte erwachte sofort und fragte sie nach der Ursache ihres Schreies, worauf sie ihm am ganzen Leibe zitternd und voll Entsetzen erzählte, es habe ihr geschienen, als ob Rodolino, der Sohn des Königs, bei ihr gelegen habe und in ihren Armen gestorben sei. Darauf sprang sie aus dem Bett und fand neben dem Lager den Leichnam ausgestreckt liegen, und er war noch warm. Als der Gatte das schreckliche Geschehnis in seiner ganzen Tragweite begriffen hatte, packte ihn Bestürzung und er fürchtete für sein Leben. Schließlich aber faßte er Mut, lud den Leichnam auf die Schultern und legte ihn, ohne von jemand gesehen worden zu sein, auf die Schwelle des königlichen Palastes nieder. Als der König die traurige Kunde vernahm, wollte er vor Schmerz und Zorn Hand an sich selbst legen, als er dann aber seine Fassung wieder errungen hatte, schickte er zu den Ärzten, damit sie den Toten in Augenschein nähmen und die Todesursache feststellten. Die Ärzte untersuchten getrennt den Leichnam und erklärten übereinstimmend, Rodolino sei weder durch Dolch oder Gift, sondern an gebrochenem Herzen gestorben. Als der König dies vernommen hatte, befahl er, das Leichenbegängnis vorzubereiten, ließ den Leichnam in die Kathedrale tragen und öffentlich verkünden, daß alle Frauen der Stadt, wes Standes sie auch seien, bei Strafe seiner Ungnade an der Bahre zu erscheinen und seinen toten Sohn zu küssen hätten. Infolgedessen strömte eine große Anzahl Frauen herbei, die ihn mitleidvollen Herzens durch reichliche Tränen ehrten, und unter anderen kam auch die unglückliche Violante und wollte ihn, dem sie bei seinen Lebzeiten nicht einen einzigen Kuß hatte gönnen wollen, im Tode wenigstens sehen, warf sich über den Leichnam und hielt in Gedanken daran, daß er aus Liebe zu ihr entseelt dalag, den Atem solange an, daß sie, ohne einen Laut von sich zu geben, aus diesem Leben schied. Als die übrigen Frauen das unvorhergesehene Ereignis sahen, eilten sie herbei, um ihr zu helfen, aber sie bemühten sich vergeblich; denn die Seele hatte den Körper verlassen und war ausgezogen, die ihres heißgeliebten Rodolino zu suchen. Der König, der um die Liebe Violantes und seines Sohnes wußte, hielt sie geheim und befahl, beide in einem und demselben Grabe beizusetzen. 23 Francesco Sforza, der Sohn Lodovico Moros, Herzogs von Mailand, verirrt sich bei der Verfolgung eines Hirsches von seinen Begleitern und gerät in das Haus einiger Bauern, die sich verabreden, ihn umzubringen. Ein kleines Mädchen verrät die Verschwörung, und er rettet sich. Die Bauern aber werden lebendig zerrissen. Es lebte in unseren Tagen zu Mailand der Herr Francesco Sforza, Sohn Lodovico Moros, Herzogs von Mailand, der sowohl zu Lebzeiten seines Vaters wie nach dessen Tode von dem neidischen Schicksal viele Verfolgungen zu erdulden hatte. Herr Francesco war in seinen Jugendjahren schön von Gestalt und von edlen Sitten und sein Antlitz verriet eine heitere Gemütsart. Als er dann das blühende Jünglingsalter erreicht hatte, gab er sich nach den Studien und anderer ersprießlicher Tätigkeit dem Turnieren, Speerwerfen und der Jagd hin, die ihm ein ganz besonderes Vergnügen bereitete. Wegen seiner angenehmen Sitten und seiner Tapferkeit liebten ihn seine Altersgenossen sehr und er liebte sie nicht minder, und es gab keinen Jüngling in der ganzen Stadt, der nicht reichlich von ihm belohnt worden wäre. Eines Tages versammelte Herr Francesco zu seinem Vergnügen eine große Anzahl von Jünglingen um sich, von denen noch keiner das zwanzigste Jahr vollendet hatte, stieg zu Pferde und ritt mit ihnen auf die Jagd. Und als sie an ein Gehölz gekommen waren, das dem Wild zum Aufenthalt diente, umstellten sie es. Da brach an der Stelle, wo Herr Francesco aufmerksam ausspähte, aus dem Dickicht ein Hirsch und ergriff, als er der Jäger ansichtig wurde, die Flucht. Sowie der Herr, der das Herz eines Löwen hatte und fest im Sattel saß, den Hirsch blitzschnell abgehen sah, gab er dem Pferd die Sporen und setzte ihm beherzt nach. Und er verfolgte ihn so weit, daß er seine Begleiter aus den Augen verlor und vom richtigen Wege abirrte, so daß er, als ihm der Hirsch schließlich entkommen war und er die weitere Verfolgung aufgegeben hatte, nicht wußte, wo er sich befand, noch wohin er ritt. Als er sich nun so allein und fern von der Landstraße sah und den Rückweg nicht zu finden wußte und zudem die Nacht hereinzubrechen begann, befiel ihn eine gewisse Unruhe und er fürchtete, es möchte ihm irgend etwas Unangenehmes begegnen, wie es denn auch geschah. Als Herr Francesco auf gut Glück weiter ritt, kam er an ein kleines, strohgedecktes, in schlechtem Zustande befindliches Haus, stieg im Hof vom Pferde und band es eigenhändig an einen nahen Zaun. Dann trat er ins Haus und fand dort einen Greis vor, der mindestens neunzig Jahre alt war, und bei ihm saß eine junge, recht hübsche Bäuerin, die ein Mädchen von ungefähr fünf Jahren auf den Armen hielt und fütterte. Der Herr grüßte den Alten und die Bäuerin freundlich, setzte sich neben sie und bat sie, ohne sich jedoch zu erkennen zu geben, um eine Unterkunft für diese Nacht. Da der Alte und die Frau, die seine Schwiegertochter war, sahen, daß der junge Mann reich gekleidet und schön anzusehen war, nahmen sie ihn sehr gerne auf, doch entschuldigten sie sich, daß sie keinen Raum hätten, der für seine Person angemessen wäre. Der Herr dankte ihnen sehr und ging dann hinaus, um nach seinem Pferde zu sehen, und nachdem er es versorgt hatte, kehrte er wieder zurück. Das Mädchen, welches zutraulich war, machte sich an den Herrn heran und umschmeichelte ihn, worauf er es gleichfalls liebkoste und küßte. Während der Herr, der Alte und die Schwiegertochter im Gespräch begriffen waren, erschien Malacarne, der Sohn des Greises und der Gatte der jungen Frau und erblickte, als er das Haus betrat, den Herrn, der mit dem Alten sprach und das Kind liebkoste. Man tauschte den Gutenabendgruß aus und er trug seiner Frau auf, für das Abendessen zu sorgen. Dann trat er an den Herrn heran und fragte ihn, was ihn in diese unbewohnte und wilde Gegend geführt habe. Der Herr antwortete ihm, sich entschuldigend: »Bruder, kein anderer Umstand hat mich hierhergeführt, als daß ich allein unterwegs war und von der Nacht überrascht wurde, und als ich infolge meiner schlechten Kenntnis dieser Gegend nicht wußte, wohin mich wenden, fand ich zu meinem Glück dieses kleine Haus, wo mich dieser Greis und diese Frau freundlich aufnahmen.« Bei diesen Worten des Herrn und beim Anblick seiner reichen Kleidung mit der goldenen Kette, die ihm vom Hals herniederhing, schoß Malacarne ein Plan durch den Kopf, und er war fest entschlossen, ihn zu töten und zu berauben. Um nun seinen teuflischen Vorsatz auszuführen, rief er seinen alten Vater und seine Frau, nahm das Kind auf den Arm und verließ mit ihnen das Haus. Sie begaben sich abseits, berieten sich und beschlossen, den Jüngling zu ermorden, ihn seiner reichen Gewänder zu berauben und ihn auf dem Felde zu verscharren, in dem Wahne, daß kein Mensch erfahren würde, was aus ihm geworden sei. Der gerechte Gott ließ aber nicht zu, daß ihre böse Absicht zur Tat wurde, sondern enthüllte ihre Verschwörung auf eigentümliche Weise. Nachdem der verruchte Anschlag verabredet war, überlegte sich Malacarne, daß er ihn nicht allein ausführen könne, war doch sein Vater alt und schwach und seine Gattin eine Frau und wenig beherzt, während der Jüngling allem Anschein nach sehr mutig war und sich mit Leichtigkeit verteidigen und entfliehen konnte. Er beschloß daher zu einem nicht weit entfernt gelegenen Gehöft zu gehen, dort drei Freunde zu holen und mit ihrer Hilfe sein Vorhaben auszuführen. Als die Freunde vernommen hatten, worum es sich handelte, waren sie in ihrer Gier nach Beute voller Freude bereit, ergriffen ihre Waffen und begaben sich zum Hause Malacarnes. Das kleine Mädchen hatte unterdessen den Alten und die Mutter verlassen und war zu Herrn Francesco zurückgekehrt, an den es sich noch liebevoller schmiegte denn zuvor. Als der Herr die große Zutraulichkeit des Kindes sah, nahm er es auf den Arm und liebkoste und küßte es zärtlich. Die Kleine, welcher der Glanz der goldenen Kette in die Augen spielte, fand Gefallen daran, legte, wie alle Kinder es zu tun pflegen, die Hand darauf und wollte sie sich um den Hals hängen. Als der Herr bemerkte, wie das Mädchen sich an der Kette erfreute, fragte er sie unter Liebkosungen: »Möchtest du, daß ich sie dir schenke, mein Töchterchen?« Und damit legte er sie ihr um den Hals. Da antwortete die Kleine, welche die Verschwörung mit angehört hatte, ohne weiteres: »Ich werde sie schon bekommen; denn mein Vater und meine Mutter wollen sie Euch wegnehmen und Euch erschlagen.« Als Herr Francesco, der ein kluger und geistesgegenwärtiger Mann war, die unheilverkündenden Worte der Kleinen gehört hatte, nahm er sie nicht auf die leichte Achsel. Als kluger Mann schwieg er aber, erhob sich mit dem Kind auf dem Arm von seinem Sitz und legte das mit der Kette Geschmückte auf ein kleines Bettchen, worauf es, da es schon spät war, sofort einschlief. Hierauf schloß sich Herr Francesco in das Haus ein und verbaute die Tür mit zwei großen Schränken und wartete nun mannhaft ab, was die Bösewichter tun würden. Dann zog er eine kleine Büchse hervor, die er an der Seite trug und die fünf Läufe hatte, die gleichzeitig und einzeln abgeschossen werden konnten. Als die Begleiter des Herrn ihren Anführer vermißten und nicht wußten, wo er geblieben war, begannen sie in ihre Hörner zu stoßen und Rufe erschallen zu lassen, aber niemand antwortete ihnen. Die jungen Leute befürchteten daher, das Pferd möchte im Lauf einen steilen Abhang hinabgestürzt, samt seinem Herrn zerschmettert und von den Raubtieren verzehrt worden sein. Als sie in solcher Angst und Sorge nicht wußten, wozu sie sich entschließen sollten, sagte einer von ihnen: »Ich sah ihn auf diesem Pfad einen Hirsch verfolgen und die Richtung nach dem Tal zu halten, und da sein Gaul ein besserer Renner ist als der meine, konnte ich ihm nicht folgen und so habe ich ihn in kaum einer Stunde aus dem Gesicht verloren und nicht erfahren können, wohin er geraten ist. Als die übrigen seinen Bericht vernommen hatten, machten sie sich auf und verfolgten die ganze Nacht die Spur des Hirsches, entschlossen, ihren Herrn lebend oder tot aufzufinden. Während die Jünglinge auf der Suche waren, erschien Malacarne von seinen drei verbrecherischen Freunden begleitet vor seinem Hause, doch während sie ungehindert eintreten zu können meinten, fanden sie die Tür verschlossen. Da pochte Malacarne mit dem Fuße dagegen und rief: »He, Kamerad, öffne! Was soll das heißen, daß du nicht öffnest?« Der Herzog schwieg und antwortete nicht. Er blickte aber durch eine Öffnung und sah Malacarne mit einem Beil auf der Schulter und seine drei Helfer gleichfalls wohl bewaffnet. Da er seine Büchse bereits geladen hatte, zauderte er nicht lange, sondern steckte sie durch ein Loch in der Mauer, schoß einen der Läufe ab und traf einen der drei Kumpane in die Brust, so daß er, ohne seine Sünden zu bekennen, tot zu Boden stürzte. Als Malacarne dies sah, fing er an, mit seinem Beil auf die Tür einzuhauen, um sie zu zertrümmern, richtete aber nichts aus, denn sie war gut verrammelt. Der Herzog drückte unverzüglich den zweiten Lauf ab und mit dem Erfolge, daß er einen anderen der Mordgesellen tödlich in den rechten Arm traf. Da warfen sich die überlebenden ergrimmt mit aller Wucht gegen die Tür, um sie zum Weichen zu bringen und vollführten dabei einen derartigen Lärm, daß es schien, als wollte die Welt zugrunde gehn. Aber der Herzog, der nicht ohne Furcht war, befestigte die Tür mit Bänken und Schemeln und anderen Gegenständen. Und da die Nacht um so stiller ist, je heller und klarer sie ist, so daß man auch aus größerer Entfernung jedes Wort vernimmt, wurde der Lärm von den Begleitern des Herzogs gehört. Sie schlossen sich daher zusammen, ließen die Pferde laufen, was sie laufen wollten und erreichten im Umsehen den Ort des Getöses und sahen dort die Übeltäter, welche sich abmühten, die Tür zu zertrümmern. Da rief sie einer von der Gesellschaft an: »Was hat der Kampfeslärm und das Getöse zu bedeuten?« Da erwiderte Malacarne: »Ich will es Euch sagen, Ihr Herren: als ich diesen Abend ganz müde nach Hause kam, fand ich einen jungen Krieger, der über große Kraft verfügte, vor. Und da er meinen alten Vater töten, mein Weib vergewaltigen, mein Mädchen rauben und mir meine Habe fortnehmen wollte, ergriff ich die Flucht, weil ich mich nicht verteidigen konnte. In dieser üblen Lage eilte ich in das Haus einiger Freunde und Verwandten und bat sie, mir zu helfen. Als wir dann zurückkehrten, fanden wir die Tür verschlossen und von innen fest verrammelt, so daß wir nicht eintreten konnten, solange die Tür nicht zerstört war. Und nicht zufrieden mit der Vergewaltigung meiner Frau, hat er mir auch den einen meiner Freunde mit der Büchse getötet, wie Ihr seht, und den anderen tödlich verwundet. Da ich einen solchen Schimpf nicht ertragen konnte, wollte ich ihn tot oder lebend in meine Gewalt bekommen.« Als die Begleiter des Herzogs den Bericht vernahmen und er ihnen wahrscheinlich erschien, weil sie den Toten auf der Erde liegen und seinen Genossen schwer verwundet sahen, wandelte sie Mitleid an und sie stiegen von ihren Pferden und machten sich daran, die Tür einzuschlagen, wobei sie mit lauter Stimme riefen: »Ha Verräter! Ha Feind Gottes! öffne die Tür! Was zögerst du? Du wirst der Strafe für dein Verbrechen nicht entgehen!« Der Herzog gab keine Antwort, sondern war mit allem Eifer und aller Kunst darauf bedacht, die Tür zu befestigen, ohne jedoch zu merken, daß seine Genossen es waren, die also riefen. Während die jungen Leute den Kampf gegen die Tür führten und sie mit keiner Gewalt zum Weichen bringen konnten, trat einer von ihnen abseits und gewahrte ein Pferd, das im Hofe an den Zaun gebunden stand. Er näherte sich ihm und erkannte, daß es das Roß des Herzogs war, da rief er mit lauter Stimme: »Gebt Frieden, Ihr Herren Ritter und laßt ab von der Tür; denn unser Herr befindet sich dort im Hause!« Und er zeigte ihnen das an den Zaun gebundene Pferd. Als die übrigen das Pferd gesehen und erkannt hatten, waren sie überzeugt, der Herzog befinde sich in dem verschlossenen Hause und riefen hocherfreut seinen Namen. Als der Herzog sich rufen hörte, wußte er sofort, daß seine Begleiter es seien und legte, über sein Leben beruhigt, die verbarrikadierte Tür frei und öffnete sie. Als die jungen Leute den Grund erfuhren, weshalb er sich in das Haus eingeschlossen hatte, ergriffen sie die Übeltäter und brachten sie gefesselt nach Mailand. Dort wurden sie zuerst mit glühenden Zangen gezwickt und dann bei lebendigem Leibe von je vier Pferden in vier Teile gerissen. Das kleine Mädchen – Verginea mit Namen – das den verruchten Anschlag verraten hatte, wurde vom Herzog der Obhut der Frau Herzogin übergeben, damit sie es erziehe. Und als es das heiratsfähige Alter erreicht hatte, wurde es zum Dank für die Errettung des Herzogs mit sehr reicher Mitgift ehrenvoll an einen edeln Ritter verheiratet. Und außerdem schenkte ihr der Herzog das Kastell von Binasio, zwischen Mailand und Pavia, das heutzutage infolge der beständigen Kriege so gründlich zerstört ist, daß kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Auf diese Weise endeten also die Verruchten und Unseligen ihr Leben, während das Mädchen mit ihrem Gatten eine lange Reihe glücklicher Jahre verlebte. 24 Der Pfarrer Papiro Schizza, der sich einbildet, viel zu wissen, aber ein vollkommener Ignorant ist, hält in seiner Unwissenheit den Sohn eines Bauern zum Narren, und dieser brennt ihm aus Rache das Haus samt allem, was darin, nieder. Im Gebiete von Brescia, einer sehr reichen, edlen und volkreichen Stadt, lebte vor noch nicht langer Zeit ein Priester namens Papiro Schizza, der Pfarrer an der Kirche des unweit von der Stadt gelegenen Dorfes Bedicuollo war. Dieser, der die Unwissenheit selbst war, spielte den wissenschaftlich Gebildeten und brüstete sich einem jeden gegenüber mit seiner großen Weisheit, und die Landleute sahen ihn sehr gerne, ehrten ihn und hielten ihn für einen sehr gelehrten Herrn. Als nun einmal am Tage des heiligen Makarius eine fromme, feierliche Prozession in Brescia stattfinden sollte, erließ der Bischof an alle Kleriker in der Stadt wie auf dem Lande den ausdrücklichen Befehl, bei Strafe von fünf Dukaten, mit Mäntelchen und Chorhemd cum cappis et coctis, bei Poggio, Facezie 22: cum cappis et cottis. dem feierlichen Fest zu Ehren zu erscheinen, wie sich dies einem so verehrungswürdigen Heiligen gegenüber gezieme. Der Abgesandte des Bischofs kam nach Bedicuollo, suchte den Herrn Pfarrer Papiro auf und übermittelte ihm den Befehl des Bischofs, daß er sich am Tage des heiligen Makarius zeitig am Morgen bei Strafe von fünf Dukaten in der Kathedrale von Brescia einzufinden habe und zwar cum cappis et coctis, damit er mit den andern Priestern das feierliche Fest ehre. Als der Abgesandte fort war, fing Pfarrer Papiro an, hin und her zu überlegen, was das wohl besagen wolle, daß er zu der Feier cum cappis et coctis kommen solle. Und er irrte hinauf und hinunter durch das ganze Haus und bot seine ganze Gelehrsamkeit und Weisheit auf, um zum Verständnis obiger Worte zu gelangen. Nachdem er sich geraume Zeit den Kopf zerbrochen hatte, kam ihm endlich in den Sinn cappis et coctis bedeute nichts anderes als capponi cotti. Und ohne andere um Rat zu fragen, beruhigte er sich bei dieser Erklärung, die ihm sein grober Verstand gegeben hatte, und nahm zwei Paar Kapaunen und zwar von den besten und befahl seiner Magd, sie sorgfältig zu braten. Am folgenden Morgen stieg Pfarrer Papiro mit Erscheinen der Morgenröte zu Pferde, ließ sich die gebratenen Kapaunen auf einem Teller reichen und nahm sie nach Brescia mit. Vor dem Herrn Bischof erschienen, überreichte er ihm die gebratenen Kapaunen, indem er sagte, sein Abgesandter habe ihm befohlen, zu Ehren des Festes des heiligen Makarius cum cappis et coctis zu kommen, und um seiner Pflicht zu genügen, sei er erschienen und habe die capponi cotti mitgebracht. Als der Bischof, der klug und gerissen war, sah, daß die Kapaunen fett und gebraten seien und er die Unwissenheit des Priesters bedachte, biß er sich auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen. Dann nahm er die Kapaunen mit freudiger Miene entgegen und sagte ihm tausend Dank. mille gratis. Als der Herr Pfarrer Papiro die Worte des Bischofs vernahm, verstand er sie in seiner Dummheit nicht, sondern meinte, der Bischof verlange von ihm tausend Bund Holz. Daher warf sich der Erzignorant vor dem Bischof auf die Knie und rief: »O Monsignore, ich bitte Euch bei der Liebe, die Ihr zu Gott hegt und bei der Verehrung, die ich Euch entgegenbringe, legt mir nicht eine so harte Steuer auf, denn das Dorf ist arm und mille gratis sind eine allzu große Last für einen so ärmlichen Ort, begnügt Euch, bitte, mit fünfhundert, die ich Euch mehr als gerne schicken werde.« Obgleich der Bischof ein geriebener Kunde war, begriff er doch nicht, was der Priester sagen wollte, und um nicht ebenso unwissend zu erscheinen wie er, fügte er sich seinem Willen. Als das Fest zu Ende war, nahm der Pfarrer Abschied, empfing den Segen des Bischofs und kehrte nach Hause zurück. Und kaum war er heimgekehrt, so verschaffte er sich eine Anzahl Karren, ließ das Holz aufladen und schickte es am folgenden Morgen dem Bischof zum Geschenk. Als dieser das Holz sah und hörte, wer es gesandt, war er hocherfreut und nahm es gern an. Auf diese Weise verlor der Pinsel, der in seiner Unwissenheit verharrte, zu seiner Unehre und zu seinem Schaden die Kapaunen und das Holz. In dem genannten Dorfe Bedicuollo befand sich ein Bauer namens Gianotto, der, obwohl er ein Landmann und weder lesen noch schreiben konnte, nichtsdestoweniger ein so großer Freund der Gelehrten war, daß er sich aus Liebe zu ihnen zum Kettensklaven gemacht hätte. Dieser hatte einen Sohn von gutem Aussehen namens Pirino, der deutlich zu erkennen gab, daß er in den Wissenschaften bewandert und gelehrt werden wollte. Gianotto, der seinen Pirino innig liebte, beschloß, ihn zum Studieren nach Padua zu schicken und es ihm an nichts fehlen zu lassen, was für einen Studierenden erforderlich sei. Und so tat er. Nach einer gewissen Zeit kehrte der Sohn, der in der Kunst der Grammatik schon recht sattelfest geworden war, nach Hause zurück, aber nicht, um von nun ab daheim zu bleiben, sondern um seine Eltern und Freunde zu besuchen. Begierig, mit seinem Sohne Ehre einzulegen und zu erfahren, ob er Nutzen vom Studium gehabt habe, beschloß Gianotto, die Verwandten und Freunde einzuladen, ihnen ein gutes Mittagessen vorzusetzen und den Herrn Pfarrer Papiro zu bitten, ihn in ihrer Gegenwart zu examinieren, damit sie sehen könnten, ob er seine Zeit verlöre. Am festgesetzten Tage begaben sich alle Verwandten und Freunde zur bestimmten Stunde in das Haus Gianottos, und nachdem der Herr Pfarrer den Segen gesprochen, setzten sich alle ihrem Rang und Alter entsprechend an den Tisch. Als das Essen zu Ende und die Tischtücher abgenommen waren, erhob sich Gianotto und sagte: »Messere, ich möchte gerne – vorausgesetzt natürlich, daß Ihr einverstanden seid – daß Ihr meinen Sohn Pirino examiniert, damit wir sehen können, ob er Fortschritte macht oder nicht.« Da antwortete ihm der Herr Pfarrer Papiro: »Lieber Gevatter Gianotto, das fällt kaum in die Wagschale im Vergleich zu dem, was ich für Euch tun möchte; denn was Ihr jetzt von mir verlangt, ist eine ganze Kleinigkeit für mein reiches Wissen.« Damit wandte er sein Gesicht dem ihm gegenüber sitzenden Pirino zu und sagte: »Pirino, mein Sohn, wir sind hier alle zu einem und demselben Zwecke versammelt, wir wünschen, daß du Ehre einlegst und wollen wissen, ob du deine Studierzeit in Padua gut angewandt hast. Wir wollen daher zur Befriedigung deines Vaters Gianotto und dieser ehrenwerten Gesellschaft ein kleines Examen über die Dinge, die du gelernt haben mußt, veranstalten; und wenn du dich, wie wir hoffen, wacker hältst, wirst du deinem Vater, den Freunden und mir keine geringe Freude machen. Sage mir also, Pirino, mein Sohn, wie heißt der Priester auf lateinisch?« Pirino, der in den grammatikalischen Regeln trefflich beschlagen war, antwortete keck: »Presbyter.« Als Pfarrer Papiro die schnelle und schlagfertige Antwort Pirinos hörte, rief er: »Wieso presbyter, mein Sohn? Du täuschst dich gewaltig.« Aber Pirino, der wußte, daß er recht hatte, versicherte kühnlich, das, was er geantwortet habe, sei richtig und belegte es durch viele Autoritäten. Als der lebhafte Streit weiter ging und Pfarrer Papiro nicht vor dem Wissen des jungen Mannes die Flagge streichen wollte, wandte er sich zu denen, die um den Tisch saßen und sprach: »Sagt mir, liebe Brüder und Kinder, wenn Euch zur Nachtzeit etwas begegnet, was die Abnahme der Beichte, die Kommunion oder irgendein anderes Sakrament dringend erforderlich macht, das für das Heil der Seele nötig ist, schickt Ihr dann nicht sofort zum Priester?« »Ja.« »Und was tut Ihr zuerst? Klopft Ihr nicht an die Tür?« »Gewiß.« »Ruft Ihr dann nicht: schnell, schnell, Messere, steht auf und reicht geschwind die Sakramente einem Kranken, der im Sterben liegt? non dite voi, presto presto messere, levatevi su et venete presto à dar i sacramenti ... Die Bauern, die das nicht in Abrede stellen konnten, bestätigten, daß dem so sei. Worauf Pfarrer Papiro: »Der Priester heißt daher auf lateinisch nicht presbyter, sondern prestule, weil er schnell presto. kommt, um dem Kranken die Trostmittel zu reichen. Doch will ich dir diesen ersten Fehler durchgehen lassen. Aber sag mir, wie heißt das Bett?« »Lectus, Thorus«, antwortete Pirino prompt. »O, lieber Sohn«, versetzte Pfarrer Papiro, als er diese Antwort hörte, »da bist du aber sehr im Irrtum und dein Lehrer hat dir etwas Falsches gesagt«, und zu seinem Vater gewandt, sprach er: »Gianotto, wenn Ihr müde vom Felde heimkehrt, sagt Ihr da nach dem Abendessen nicht: ich will mich zur Ruhe begeben?« jo voglio andar à riposare? »Jawohl«, antwortete Gianotto. »Also,« erklärte der Pfarrer, »heißt das Bett reposorium.« Und alle erklärten einstimmig, das sei wahr. Pirino aber, der sich innerlich über den Pfarrer lustig machte, wagte ihm nicht zu widersprechen, um die Verwandten nicht gegen sich aufzubringen. »Und wie nennt sich der Tisch, an dem man ißt?« fuhr Pfarrer Papiro fort. »Mensa«, antwortete Pirino. Da sagte der Pfarrer zur ganzen Gesellschaft gewandt: »Seht, wie schlecht Gianotto sein Geld angewandt hat und Pirino seine Zeit, denn er hat keine Ahnung von den lateinischen Vokabeln und den Regeln der Grammatik, – der Tisch, an dem man ißt, heißt nämlich gaudium und nicht mensa; denn solange der Mensch bei Tisch sitzt, lebt er in Gaudium und Fröhlichkeit.« Allen, die zugegen waren, schien diese Erklärung sehr einleuchtend und ein jeder lobte den Priester außerordentlich und hielt ihn für einen großen Gelehrten. Pirino aber sah sich sehr gegen seinen Willen gezwungen, der Unwissenheit des Pfarrers zu weichen, da ihm von seinen eigenen Verwandten der Weg verlegt worden war. Pfarrer Papiro, der sich von allen Anwesenden so ohne Einschränkung gelobt sah, brüstete sich wie ein Pfau und fragte dann mit erhobener Stimme: »Und wie heißt die Katze, mein Sohn?« »Felis«, antwortete Pirino. »O Dummkopf!« erwiderte der Pfarrer, »sie heißt saltagraffa; denn wenn man ihr Brot hinhält, macht sie sofort einen Sprung, krallt sich mit der Pfote fest und kratzt, ella subito salta, et con la zatta s'attacca, et graffa ... und dann flüchtet sie.« Voll Bewunderung und Aufmerksamkeit hörten die einfachen Landleute die sicheren Erklärungen und Antworten, die der Pfarrer gab und hielten ihn für außerordentlich gelehrt. Zum Examen zurückkehrend fragte er: »Und wie heißt das Feuer?« »Ignis«, antwortete Pirino. »Ignis? Unsinn!« rief der Pfarrer und sagte zur Gesellschaft gewandt: »Wenn Ihr, liebe Brüder, das Fleisch nach Hause tragt, um es zu essen, was macht Ihr dann damit? Kocht Ihr es dann nicht?« non la cucinate? »Ja«, antworteten alle. »Also«, fuhr der Pfarrer fort, »heißt es nicht ignis, sondern carniscoculum. Aber sage mir, lieber Pirino, wie heißt das Wasser?« »Limpha«, erwiderte Pirino. »O je!« rief der Pfarrer Papiro, »was sagst du da? Als Dummkopf gingst du nach Padua, als Dummkopf bist du wieder zurückgekehrt!« Und zur Gesellschaft gewandt, sagte er: »Wisset, liebe Brüder, daß die Erfahrung die Lehrerin aller Dinge ist und daß das Wasser nicht limpha, sondern abondantia heißt; denn wenn Ihr an die Flüsse geht, um das Wasser zu schöpfen oder um Euer Vieh zu tränken, ist des Wassers kein Mangel, und daher heißt es abondantia.« Gianotto saß wie vor den Kopf geschlagen da, als er dies alles hörte und bedauerte schmerzlich die verlorene Zeit und das zum Fenster hinausgeworfene Geld. Als Pfarrer Papiro ihn so mißmutig dasitzen sah, sagte er: »Lieber Pirino, ich möchte nur noch von dir wissen, wie die Reichtümer heißen und dann wollen wir mit unserem Examen aufhören.« »Divitiae, divitiarum«, antwortete Pirino. »O lieber Sohn«, sagte der Pfarrer, »du täuschst dich und befindest dich in einem gewaltigen Irrtum; denn sie heißen sostantia; denn sie sind die Stütze sostentamento. des Menschen.« Nachdem das schöne Gastmahl und das Examen zu Ende waren, zog Pfarrer Papiro Gianotto beiseite und sagte zu ihm: »Lieber Gevatter Gianotto, es dürfte Euch nicht schwer fallen zu sehen, wie wenig Nutzen Euer Sohn von seinem Aufenthalt in Padua gehabt hat. Und darum gebe ich Euch den guten Rat: schickt ihn nicht mehr studieren, damit er nicht seine Zeit und Ihr nicht Euer Geld verliert, tut Ihr anders, so werdet Ihr es zu bereuen haben.« Gianotto, der es nicht besser wußte, schenkte den Worten des Pfarrers Glauben, nahm seinem Sohn die städtischen Gewänder ab, steckte ihn in einen grauen Kittel und ließ ihn die Schweine hüten. Als Pirino sah, daß er zu Unrecht von der Unwissenheit des Priesters geschlagen war und nicht mit ihm hatte disputieren können – nicht etwa, weil er es nicht gekonnt hätte, sondern um die Verwandten, die ihn ehrten, nicht zu erzürnen und ferner, daß er aus einem Studenten zu einem Schweinehirten gemacht worden war, verbarg er den erlittenen Schmerz in seiner tiefsten Brust, geriet aber innerlich in eine solche Erbitterung und Wut, daß er sich fest vornahm, die erfahrene Schmach zu rächen. Und das Glück war ihm hierbei sehr günstig; denn als er eines Tages die Schweine auf die Weide trieb und am Hause des Pfarrers vorbeikam, erblickte er seine Katze und lockte sie solange mit einem Stück Brot, bis er sie erwischte. Dann holte er sich etwas grobes Werg, band es ihr an den Schwanz, zündete es an und ließ sie laufen. Als die Katze fühlte, daß ihr Schwanz fest zusammengeschnürt war, und zugleich das Feuer am Hintern spürte, rannte sie ins Haus, sprang durch eine Öffnung in eine Stube neben der Kammer, in welcher der Pfarrer noch schlief und flüchtete voller Schrecken unter eine Bettstatt, wo eine große Menge Flachs lagerte. Und es dauerte nicht lange, da begann der Flachs, die Bettstelle und die ganze Stube zu brennen. Als Pirino sah, daß das Haus des Pfarrers Papiro Schizza abbrannte und es beinahe nicht mehr möglich war, das Feuer zu löschen, fing er an, mit lauter Stimme zu rufen: »Prestule, prestule, surge de reposorio, et vide ne cadas in gaudium, quia venit saltagraffa et portavit carniscoculum, et nisi succurres domum cum abundantia, non restabit tibi substantia!« Als Pfarrer Papiro, der noch im Bett lag und schlief, das laute Rufen Pirinos hörte, wachte er auf und lauschte auf den Lärm, der draußen erscholl, verstand aber nicht, was Pirino sagte; denn er erinnerte sich nicht mehr seiner Worte von damals. Das Feuer zeigte bereits überall im Hause seine Macht und wurde nur noch durch die Tür der Kammer, in welcher der Pfarrer schlief, aufgehalten, als dieser erwachte und sah, daß das ganze Haus in Flammen stand. Da sprang er aus dem Bett und eilte hinaus, um das Feuer zu löschen, aber es war zu spät, da alles brannte, und kaum vermochte er das Leben zu retten. Und so saß Pfarrer Papiro seiner zeitlichen Güter beraubt in seiner Unwissenheit da, während Pirino, der sich für den erlittenen Schimpf bitter gerächt hatte, die Sorge um die Schweine anderen überließ und, so schnell er konnte, nach Padua zurückkehrte, wo er eifrig das begonnene Studium fortsetzte und ein sehr berühmter Mann wurde. 25 Die Florentiner und Bergamasken lassen ihre Gelehrten miteinander disputieren, und die Bergamasken verblüffen die Florentiner mit Hilfe einer List. Vor langen Jahren waren einmal, wie ich des öfteren von meinen Großeltern hörte, einige Florentiner und Bergamasker Kaufleute zusammen unterwegs, die sich, wie das so zu sein pflegt, über dies und jenes unterhielten. Da sagte im Verlaufe des Gesprächs ein Florentiner: »Soviel wir sehen können, seid Ihr Bergamasken ausgemachte Dickköpfe und Ignoranten, und wenn das bißchen Handel nicht wäre, das Ihr treibt, wäret Ihr infolge Eurer Dummheit zu gar nichts zu brauchen. Und wenn Euch das Glück im Handel günstig ist, so kommt das nicht etwa von der Schärfe Eures Verstandes oder von Euren Kenntnissen, sondern vielmehr von Eurer Unersättlichkeit und der Gewinnsucht, die Euch beherrscht, – also, wie gesagt, ich kenne keine beschränkteren und unwissenderen Menschen als Euch.« Da meldete sich ein Bergamaske und sagte: »Und ich erkläre Euch, daß wir Bergamasken Euch in jeder Hinsicht überragen. Und obgleich Ihr Florentiner eine weiche Sprache habt, die den Ohren der Zuhörer angenehmer ist als die unsere, steht Ihr doch in jeder anderen Betätigung weit unter uns. Denn wenn wir genau zusehen, gibt es unter unserem Volk keinen, mag er hochstehen oder gering sein, der nicht einige wissenschaftliche Bildung besäße, und außerdem sind wir zu jedem edlen Unternehmen befähigt, was bei Euch doch ganz gewiß nicht der Fall ist, und wenn, so nur bei wenigen.« Nachdem nun der Streit eine Weile heftig hin und her gewogt hatte und weder die Bergamasken den Florentinern, noch die Florentiner den Bergamasken weichen wollten, sondern jeder seine Partei verteidigte, ließ sich ein Bergamaske vernehmen und sagte: »Wozu soviel Worte? Lassen wir es auf eine Probe ankommen und veranstalten wir einen feierlichen Disput, an dem sich die Blüte der Gelehrten beteiligt und dann wird es klar werden, wer von uns hervorragender ist.« Die Florentiner erklärten sich damit einverstanden, aber jetzt entstand die Frage, ob die Florentiner nach Bergamo oder die Bergamasken nach Florenz kommen sollten. Nach vielem Hin und Her beschlossen sie endlich, das Los zu werfen. Sie schrieben also zwei Zettel, taten sie in ein kleines Gefäß, und die Ziehung ergab, daß die Florentiner nach Bergamo gehen mußten. Zum Tag der Disputation wurde der erste Mai bestimmt. Hierauf suchten die Kaufleute ihre Heimatstädte auf und erstatteten ihren Gelehrten Bericht über alles. Als diese erfahren hatten, worum es sich handelte, waren sie sehr zufrieden und trafen Vorbereitungen für einen schönen und langen Redestreit. Die Bergamasken als schlaue und gewitzte Köpfe nahmen sich vor, es so einzurichten, daß die Florentiner verwirrt und mit langer Nase abziehen müßten. Sie riefen zu diesem Zweck alle Gelehrten der Stadt zusammen, sowohl Grammatiker wie Redner, Zivil- wie Kirchenrechtler, Philosophen wie Theologen und Doktoren jeglicher anderen Art, wählten die Besten unter ihnen aus und behielten sie in der Stadt zurück, damit sie die Festung in dem Redestreit mit den Florentinern bildeten. Die anderen aber steckten sie in bäuerliche Gewänder und schickten sie aus der Stadt hinaus auf die Straße, welche die Florentiner passieren mußten, und trugen ihnen auf, mit diesen immer nur lateinisch zu reden. Nachdem also die Gelehrten von Bergamo grobe Gewänder angelegt hatten, mischten sie sich unter die Bauern und begaben sich an verschiedene Beschäftigungen: die einen hoben Gräben aus, andere bearbeiteten den Boden mit der Hacke, wieder andere taten dies, noch andere das. Während die bergamaskischen Gelehrten sich also mit diesen Hantierungen beschäftigten, so daß es schien, als seien sie Bauern, siehe da kamen die Florentiner mit großem Gepränge dahergeritten. Und als sie jene Leute gewahrten, die bei den Erdarbeiten beschäftigt waren, riefen sie: »Gott schütze Euch, Brüder!« »Bene veniant tanti viri!« antworteten darauf die Bauern. Die Florentiner dachten, die Leute machten Ulk und fragten: »Wieviel Millien sind's noch bis nach der Stadt Bergamo?« »Decem vel circa«, erwiderten die Bergamasken. Als die Florentiner diese Antwort vernahmen, sagten sie: »Brüder, wir reden in der Vulgärsprache zu Euch, wie kommt es, daß Ihr uns lateinisch antwortet?« Da sagten die Bergamasken: »Ne miremini excellentissimi domini. Unusquisque enim nostrum sie, ut auditis, loquitur, quoniam majores et sapientiores nostri sie nos docuerunt.« Als die Florentiner ihren Weg fortsetzten, bemerkten sie einige andere Bauern, die an der Landstraße Gräben aushoben, machten Halt und riefen: »Holla, Kameraden, Gott mit Euch!« Da antworteten die Bergamasken: »Et Deus vobiscum semper sit!« »Wie lange haben wir noch bis Bergamo?« fragten die Florentiner. »Exigua vobis restat via«, lautete die Antwort. Ein Wort gab das andere und bald standen sie mitten in einem Redekampf über Philosophie. Und so gut waren die Argumente, die die bergamaskischen Bauern vorbrachten, daß die Florentiner kaum zu antworten wußten. Daher sagten sie alle vor Verwunderung zueinander: »Wie ist es möglich, daß diese gewöhnlichen, sich mit dem Landbau und anderen bäuerlichen Arbeiten befassenden Leute so gut humanistisch gebildet sind?« Sie ritten weiter und gelangten an eine unweit der Stadt gelegene Herberge, die recht gut imstand war. Aber bevor sie dort ankamen, trat ihnen ein Stallknecht entgegen und lud sie mit den Worten: »Domini; libetne vobis hospitari? Hic enim vobis erit bonum hospitium« ein, in seiner Herberge abzusteigen. Und da die Florentiner infolge des langen Rittes bereits müde waren, stiegen sie von ihren Pferden. Als sie eben die Treppe hinaufsteigen wollten, um sich zur Ruhe zu begeben, kam ihnen der Herbergswirt entgegen und redete sie an: »Excellentissimi domini, placetne vobis, ut praeparetur coena? Hic enim sunt bona vina, ova recentia, carnes, volatilia et alia huiusmodi.« Die Florentiner waren ganz baff und wußten nicht, was sie sagen sollten; denn alle, mit denen sie sprachen, antworteten auf lateinisch und nicht anders, als hätten sie zeitlebens nichts weiter getan als studiert. Es dauerte nicht lange, da kam eine Magd, die in Wirklichkeit Nonne und eine sehr gebildete und gelehrte Dame war, die man schlauerweise zu dieser Rolle veranlaßt hatte, und fragte: »Indigentne dominationes vestrae re aliqua? Placet, ut sternentur lectuli, ut requiem capiatis?« Diese Worte der Magd verblüfften die Florentiner noch mehr und sie verwickelten sie in ein Gespräch. Nachdem sie – immer lateinisch – über viele Dinge gesprochen hatte, schnitt sie die Theologie an und redete mit solcher Sachkenntnis, daß es keinen gab, der sie nicht sehr gelobt hätte. Während die Magd sprach, kam einer, der als Bäcker verkleidet ganz schwarz von Kohlen war, dazu, und als er den Disput hörte, den die Florentiner mit der Magd hatten, mischte er sich hinein und interpretierte die Heilige Schritt mit solcher Gelehrsamkeit, daß sämtliche Florentiner Doktoren sich innerlich darüber einig waren, bis dahin noch nichts Besseres in dieser Hinsicht gehört zu haben. Als die Disputation zu Ende war, begaben sich die Florentiner zur Ruhe, und als es Tag geworden war, berieten sie untereinander, ob sie wieder umkehren oder weiterreiten sollten. Und nach vielem Hin und Wider kamen sie zu dem Beschlusse, das Umkehren sei das bessere; denn wenn schon die Bauern, Wirte, Knechte und Frauen von so tiefer Gelehrsamkeit seien, wie müsse es da erst in der Stadt sein, wo es doch ganz vollkommene Leute gäbe, die sich mit nichts weiter befassen als beständig zu studieren. Nachdem sie also den Beschluß gefaßt hatten, stiegen sie unverzüglich, ohne auch nur die Mauern der Stadt Bergamo gesehen zu haben, zu Pferde und wandten sich nach Florenz zurück. Auf diese Weise blieben die Bergamasken durch ihre Schlauheit den Florentinern gegenüber siegreich. Und von da ab erfreuten sich die Bergamasken des kaiserlichen Privilegs, sicher alle Teile der Welt ohne irgendwelche Behinderung durchreisen zu können. 26 Finetta stiehlt Madonna Veronica, der Frau Messer Brocardos di Cavalli von Verona, eine Halskette, Perlen und andere Juwelen. Diese erlangt jedoch alles mit Hilfe eines Liebhabers wieder, ohne daß ihr Gatte etwas davon erfährt. Vor Zeiten lebte in der altherrlichen Stadt Verona ein Messer Brocardo di Cavalli, ein gar reicher und in der Stadt hochangesehener Mann. Da er noch unverheiratet war, nahm er sich eine Tochter des Messer Can dalla Scala, Veronica mit Namen, zur Frau. Obwohl diese schön, anmutig und von edler Herkunft war, erfreute sie sich doch nicht der Liebe ihres Gatten, dieser hielt sich vielmehr, wie dies häufig geschieht, eine Konkubine, welche die Wurzel seines Herzens war und kümmerte sich nicht um seine Gattin. Dies verursachte ihr großen Schmerz und sie konnte es nicht ertragen, daß ihre einzigartige, von allen bewunderte Schönheit von ihrem Manne auf eine so beleidigende Weise verachtet wurde. Als sich die schöne Frau zur Sommerszeit auf dem Lande befand, ging sie einmal ganz allein vor der Tür ihres Hauses auf und ab und dachte bei sich selbst über alle Einzelheiten des Verhaltens und der Taten ihres Gatten nach, über die geringe Liebe, die er ihr entgegenbrachte und wie eine gemeine und unsaubere Dirne ihm so schnell die Augen des Verstandes blenden konnte, so daß er nichts mehr sah. Da sprach sie schmerzerfüllt zu sich selbst: »O wieviel besser wäre es doch gewesen, wenn mein Vater mich mit einem armen Manne verheiratet hätte, statt mit diesem Reichen, ich würde dann gewiß heiterer und zufriedener leben, als ich es tue? Was helfen mir die Reichtümer? Was nützen mir die prunkvollen Gewänder, die Edelsteine, Halsketten, Anhänger und die anderen kostbaren Kleinodien? Wahrlich, alle diese Dinge sind Rauch im Vergleich zu der Wonne, welche die Gattin mit dem Gatten genießt!« Während Signora Veronica mit diesen leidvollen Gedanken beschäftigt war, erschien unversehens ein armes Bettelweiblein, das sich damit beschäftigte, hier und dort etwas zu stehlen und so schlau und durchtrieben war, daß es nicht nur ein harmloses Dämchen, sondern sogar jeden hervorragenden noch so klugen Mann verblüfft hätte. Als diese Bettlerin, die Finetta hieß, die vornehme Dame vor ihrem Hause auf und ab gehen und in tiefe Gedanken versunken gesehen hatte, war ihr Plan auch schon gemacht. Sie näherte sich ihr, grüßte sie ehrerbietig und bat sie um ein Almosen. Die Dame, die anderes im Kopfe hatte als Almosengeben, wies sie mit ärgerlicher Miene ab. Aber die schlaue und abgefeimte Finetta wich nicht, schaute vielmehr der Dame ins Antlitz, und als sie Trauer darauf las, sagte sie: »O holde Dame, was ist Euch begegnet, daß ich Euch so gedankenvoll sehe? Sollte Euch, etwa gar Euer Gatte das Leben schwer machen? Wollt Ihr, daß ich Euch Eure Zukunft voraussage?« Als die Dame diese Worte hörte und sah, daß das arme Weiblein die Wunde herausgefunden hatte, die sie so heftig schmerzte, brach sie in ein so krampfhaftes Weinen aus, daß man hätte meinen können, ihr Gatte läge tot vor ihren Augen. Als Finetta die heißen Tränen sah und die tiefen Seufzer, das qualvolle Schluchzen und das herzbrechende Jammern hörte, fragte sie: »Und was ist die Ursache Eures bittern Leids, edle Dame?« Da antwortete Signora Veronica: »Als du fragtest, ob mein Gatte mir das Leben schwer mache, da hast du mir das Herz mit dem Messer geöffnet.« Worauf Finetta: »Edle Frau, ich brauche einem Menschen nur einen Augenblick ins Gesicht zu sehen, da kann ich ihm auch schon sein ganzes Leben Punkt für Punkt erzählen. Eure Wunde ist noch frisch und daher leicht zu heilen, wäre sie dagegen alt und brandig, so wäre es schwer sie zu kurieren.« Als die Dame dies hörte, erzählte sie von den Gepflogenheiten ihres Mannes, von dem liederlichen Leben, das er führte, von dem Kummer, den er ihr bereite und überging nicht die kleinste Einzelheit. Nachdem Finetta den mitleiderweckenden Bericht vernommen hatte und sah, daß alles nach Wunsch ging, tat sie einen Schritt weiter und sagte: »Meine liebe, gnädige Frau, klagt nicht, seid getrost und guter Dinge, wir werden schon Hilfe finden! Wenn Ihr damit einverstanden seid, werde ich bewirken, daß Euch Euer Gatte aufs innigste liebt und wie ein Narr hinter Euch her ist.« Indem sie so miteinander sprachen, traten sie in das Gemach, wo Veronica mit ihrem Manne schlief, und nachdem sie sich beide niedergesetzt hatten, fuhr Finetta fort: »Gnädige Frau, wenn es Euch recht ist, daß wir eine für unseren Zweck erforderliche Verrichtung vornehmen, so schickt alle Mägde aus dem Zimmer und ordnet an, daß sie sich mit den häuslichen Arbeiten beschäftigen, wir bleiben unterdessen hier und nehmen das vor, was nötig ist.« Als dann die Tür des Gemachs verschlossen war, sagte Finetta: »Bringt mir eine Eurer goldenen Halsketten und zwar die schönste und eine Schnur Perlen.« Signora Veronica öffnete eine Kassette, entnahm ihr die Halskette samt einem schönen Anhänger und eine Schnur orientalischer Perlen und übergab die Schmuckstücke Finetta. Hierauf verlangte diese ein Tuch aus weißem Linnen, das ihr sofort gereicht wurde, nahm die Kleinodien einzeln in die Hand, machte einige Zeichen darüber und legte sie dann nacheinander auf das weiße Tuch, worauf sie es dann in Gegenwart der Dame fest zusammenknüpfte, einigen Hokuspokus damit trieb, es endlich Madonna Veronica reichte und zu ihr sagte: »Nehmt dieses Tuch, Madonna und legt es eigenhändig unter das Kopfkissen, auf dem Euer Gemahl schläft, dann werdet Ihr Euer blaues Wunder erleben, aber öffnet das Tuch nicht vor morgen; denn sonst würde sich alles in Rauch auflösen.« Frau Veronica nahm das Tuch mit den Schmuckstücken darin, legte es unter das Kopfkissen, auf dem Messer Brocardo, ihr Gatte, schlief und als dies geschehen war, sagte Finetta: »Jetzt laßt uns in den Weinkeller gehen.« Als sie unten waren, eräugte Finetta sofort das angestochene Faß und sagte: »Zieht alle Kleider aus, die Ihr anhabt, Madonna!« Frau Veronica entkleidete sich und stand nun mutternackt da. Da zog Finetta den Hahn aus dem Fasse, das voll guten Weines war und sagte: »Madonna, steckt Euern Finger hier ins Loch und haltet es, wohl verschlossen, damit kein Wein verloren geht und rührt Euch nicht von der Stelle, bis ich wieder da bin; denn ich werde jetzt hinausgehen und einige Zeichen machen, und dann wird alles in Ordnung kommen.« Madonna Veronica, die ihr vollen Glauben schenkte, verharrte, nackt, wie sie war, bewegungslos und hielt das Spundloch mit dem Finger zu. Währenddessen eilte die reizende Finetta in die Schlafkammer, wo sich das zusammengeknüpfte Tuch mit den Schmuckstücken befand, öffnete es, nahm die Halskette und die Perlen heraus, füllte dann das Tuch mit Erde und kleinen Steinen, legte es wieder an seinen Ort und machte sich davon. Die nackte Frau mit dem Finger im Spundloch wartete und wartete auf Finettas Wiederkehr. Als sie schließlich sah, daß sie nicht wiederkam und es bereits spät war, fürchtete sie, ihr Gatte möge zurückkehren, und wenn er sie nackt und in dieser Stellung fände, sie für verrückt halten. Sie nahm daher den Hahn, der in der Nähe lag, schloß das Spundloch, zog sich an und ging ins Haus hinauf. Es dauerte nicht lange, da kehrte Messer Brocardo, der Gatte Madonna Veronicas heim, grüßte sie mit freundlichem Gesicht und sagte: »Sei mir gegrüßt, mein liebes Weibchen, Erquickung und Wonne meines Herzens!« Als sie den ungewohnten Gruß, der ganz gegen seine Art war, hörte, war sie aufs höchste erstaunt und dankte insgeheim Gott, daß er ihr ein solches Weiblein gesandt habe, durch dessen Hilfe ihr Heilung von ihrem schweren Herzeleid geworden sei. Und diesen ganzen Tag und die folgende Nacht verbrachten sie in engen Umarmungen und würzigen Küssen, gerade als hätten sie sich eben erst verheiratet. Glücklich und selig über die Liebkosungen, mit denen ihr Gatte sie überschüttete, erzählte ihm Madonna Veronica von dem Leid, Kummer und Verdruß, den sie aus Liebe zu ihm durchgemacht hatte. Und er versprach ihr, sie als sein geliebtes Weib in Ehren zu halten und versicherte, was bisher geschehen, würde nicht wieder vorkommen. Als der andere Morgen gekommen und ihr Gatte aufgestanden und, wie es große Herren tun, auf die Jagd gegangen war, trat Madonna Veronica an das Bett, hob das Kopfkissen auf, zog das Tuch hervor, in das die Schmuckstücke eingewickelt worden waren und knüpfte es auf. Aber statt der Halskette und der Perlen, die sie zu finden glaubte, fand sie es voller Steine. Als die Arme dies sah, war ihre Bestürzung nicht gering und sie wußte nicht, wie sie sich helfen sollte; denn sie fürchtete, ihr Gatte möchte sie töten, wenn er dahinterkäme. Als die schöne Dame in ihrer Angst viele Pläne in ihrem Herzen bewegte, um ihrer kostbaren Schmuckstücke wieder habhaft zu werden, kam sie schließlich auf den Gedanken, denjenigen, der ihr so lange Zeit den Hof gemacht hatte, auf ehrbare Weise zum besten zu halten. Es wohnte nämlich in Verona ein Ritter, schön von Gestalt, hochgemuten Geistes, berühmt durch seine Tapferkeit und aus edler Familie. Dieser, der wie jeder andere den Gluten der Liebe unterworfen war, hatte sich so heftig in Madonna Veronica verliebt, daß er keine Ruhe zu finden vermochte. Ihr zuliebe turnierte und focht er häufig, gab Feste und Gastmähler und tauchte die ganze Stadt in Fröhlichkeit. Sie aber hatte ihre Liebe ganz ihrem Manne geweiht und kümmerte sich wenig um ihn und seine Feste. Dies verursachte dem Ritter ein Herzeleid und einen Kummer, wie ihn noch nie ein Liebender empfunden. Nachdem ihr Gatte also das Haus verlassen hatte, eilte Madonna Veronica ans Fenster, und zufällig kam gerade jener Ritter vorbei, der aufs glühendste in sie verliebt war. Sie rief ihn vorsichtig zu sich herein und sagte zu ihm: »Ritter, ich brauche Euch nicht an die glühende, hingebende Liebe zu erinnern, die Ihr mir schon seit langer Zeit entgegenbringt. Obgleich ich Euch vielleicht in allen meinen Handlungen hart und grausam erschienen bin, so kam das doch nicht daher, daß ich Euch nicht liebe und Euch nicht im Innern meines Herzens eingegraben trage, sondern weil ich meine Ehre wahren wollte, die ich stets allem anderen vorangestellt habe. Und daher dürft Ihr Euch nicht wundern, wenn ich Euer heißes Begehren nicht rasch erfüllt habe, denn die Ehre, welche die keusche Frau dem zügellosen Gatten macht, hat Anspruch darauf, sehr hochgeschätzt zu werden. Und obwohl Euer schlecht begründetes Urteil mich für hart, lieblos und spröde gegen Euch erklärt hat, werde ich mich davon doch nicht abhalten lassen, mit Vertrauen und Zuversicht zu Euch meine Zuflucht zu nehmen, in dem ich die Quelle alles meines Heils erblicke. Und wenn Ihr mir als liebevoller Ritter in meiner großen Bedrängnis zu Hilfe eilt und mir schleunigst beisteht, werdet Ihr mich für immer an Euch ketten und über mich wie über Euch selbst verfügen können.« Hierauf erzählte sie ihm alle Einzelheiten des Unglücks. Als der Ritter die Worte der geliebten Frau vernommen hatte, dankte er ihr zuerst, daß sie ihn ihrer Befehle gewürdigt habe, dann bedauerte er mit ihr die ihr widerfahrene Unannehmlichkeit und versprach ihr zu helfen. Nachdem der Ritter sie ungesehen verlassen hatte, stieg er zu Pferde und verfolgte mit vier treuen Genossen das Bettelweib, das sich mit den Kleinodien auf der Flucht befand. Und bevor noch der Abend hereinbrach, holte er sie bei einem über die Ufer getretenen Flusse ein, den sie eben überschreiten wollte, und als er sie an ihren Kennzeichen erkannt hatte, packte er sie bei den Haaren und zwang sie, alles zu gestehen. Vergnügt über die wiedergewonnenen Schmuckstücke, kehrte der Ritter nach Verona zurück und übergab sie, sowie er eine günstige Gelegenheit ersah, seiner Dame. Und so sah sie sich, ohne daß ihr Gatte etwas von dem Vorgefallenen gemerkt hatte, wieder im Besitz ihrer Kostbarkeiten und hatte dazu ihre Ehre gewahrt. 27 Ein Esel entläuft einem Müller und kommt auf einen Berg. Dort findet ihn der Löwe und fragt ihn, wer er sei. Der Esel fragt ihn seinerseits nach seinem Namen. Der Löwe sagt, er sei der Löwe, und der Esel erklärt, er sei Brancaleone. Sie fordern sich zum Wettstreit heraus, und der Esel bleibt schließlich Sieger. In Arkadien, einer Landschaft Moreas, genannt nach Arkas, dem Sohne des Jupiter, wo zuerst die ländliche Hirtenflöte erfunden wurde, lebte in vergangenen Zeiten ein Müller, ein roher und grausamer Mensch, der von Natur so zornmütig war, daß es wenig Holzes bedurfte, um sein Feuer anzufachen. Dieser besaß einen langohrigen, hängelippigen Esel, der, wenn er iahte, die ganze Umgegend widerhallen machte. Besagter Esel vermochte infolge des kargen Futters und Getränks, das ihm der Müller verabreichte, die großen Anstrengungen nicht zu ertragen, denen er sich unterziehen mußte und die harten Stockschläge nicht auszuhalten, die sein Herr ihm gab. Das arme Grautier wurde infolgedessen so klapperig und kam so herunter, daß es nur noch Haut und Knochen war. So kam es, daß der gequälte Esel, erzürnt über die vielen Schläge, die er tagaus, tagein bekam, wie über die unzulängliche Nahrung, dem Müller eines schönen Tages davonlief und sich mit dem Packsattel auf dem Rücken sehr weit von ihm entfernte. Als der unglückliche Esel schon eine gehörige Wegstrecke hinter sich hatte, gelangte er, bereits ermattet und müde, an den Fuß eines sehr einladenden Berges, der weit mehr einen gehegten und gepflegten als einen wilden Eindruck machte. Als er sah, daß er so strotzend grün und schön war, beschloß er, ihn zu erklimmen und daselbst zu hausen bis an sein Lebensende. Während er diesen Vorsatz faßte, blickte er sich rundum, ob ihn nicht irgend jemand beobachte, und als er niemand sah, der ihn hätte belästigen können, erkletterte er mutig den Berg und machte sich mit großem Behagen daran, das Gras abzuweiden, wobei er beständig Gott dankte, daß er ihn aus den Händen des ungerechten, grausamen Tyrannen befreit und daß er so treffliches Futter zur Erhaltung seines armseligen Lebens gefunden habe. Als nun der biedere Esel auf dem Berge seine Heimstätte aufgeschlagen hatte und, immer mit dem Packsattel auf dem Rücken, sich an den zarten weichen Kräutern gütlich tat, siehe, da trat aus einer finsteren Höhle ein wilder Löwe hervor. Und als dieser den Esel erblickte und aufmerksam betrachtet hatte, wunderte er sich höchlich, daß dieser die Anmaßung und Kühnheit besessen, ohne sein Wissen und seine Erlaubnis den Berg zu ersteigen. Doch, da der Löwe bis dahin noch nie ein Tier dieser Art zu Gesicht bekommen hatte, fürchtete er sich sehr, vorwärts zu gehen. Als der Esel den Löwen gewahrte, fühlte er, wie sich ihm alle Haare sträubten und hörte infolge des plötzlichen Schreckens auf zu fressen und wagte nicht einmal, sich zu rühren. Der Löwe faßte sich endlich doch ein Herz, kam näher und sagte zum Esel: »Was machst du hier, Kamerad? Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, hier heraufzusteigen? Wer bist du?« Da warf sich der Esel in die Brust, und fragte, kühn geworden, seinerseits: »Und wer bist du, der du mich fragst, wer ich sei?« Verwundert über diese Antwort, sagte der Löwe: »Ich bin der König aller Tiere.« »Und wie heißest du?« forschte der Esel weiter. »Löwe ist mein Name«, antwortete er, »aber wie heißt denn du?« Da antwortete der Esel, dem der Mut noch mehr geschwollen war: »Ich heiße Löwenklau.« Als der Löwe dies hörte, sagte er bei sich selbst: »Der muß wahrhaftig mächtiger sein als ich«, und zum Esel gewandt: »Löwenklau, dein Name und deine Rede beweisen mir deutlich, daß du mächtiger und stärker bist als ich, doch ist es mein Wunsch, daß wir es auf eine Probe ankommen lassen.« Da schwoll dem Esel der Kamm noch mehr, er kehrte dem Löwen den Hintern zu und sagte: »Siehst du diesen Packsattel und diese Balliste, die ich unterm Schwanze habe? Wenn ich sie dir vorführen würde, so würdest du vor Schreck sterben.« Und damit schlug er mit beiden Beinen hinten aus und ließ einige Fürze fahren, die den Löwen in Verblüffung versetzten. Als der Löwe den lauten Widerhall der Hufschläge und den krachenden Donner hörte, der aus der Balliste kam, ergriff ihn ein gewaltiger Schreck. Da sich aber nachgerade der Abend näherte, sagte er: »Lieber Bruder, ich will nicht, daß wir miteinander streiten oder uns gar umbringen; denn es gibt nichts Übleres als das Sterben, ich wünsche vielmehr, daß wir uns zur Ruhe begeben, uns aber morgen zusammenfinden, um unsere Tüchtigkeit um die Wette an drei Aufgaben zu versuchen, – wer sich darin dann dem anderen überlegen zeigt, der soll der Herr des Berges sein.« Und also verabredeten sie. Als sie sich am anderen Morgen getroffen hatten, sagte der Löwe, der von dem Esel eine Heldentat sehen wollte: »Löwenklau, ich bin in dich verliebt und werde nicht eher zufrieden sein, als bis ich eine bewunderungswürdige Leistung von dir gesehen habe.« Und als sie zusammen dahinwandelten, kamen sie an einen sehr breiten und tiefen Graben. Da sagte der Löwe: »Jetzt ist es Zeit, daß wir sehen, wer von uns besser über diesen Graben springt.« Kaum war der Löwe, der sehr kräftig war, am Graben angelangt, als er auch schon drüben war. Der Esel trat seinerseits an den Rand des Grabens, sprang mutig, aber fiel im Sprung mitten in den Graben und blieb auf einigen Balken, die den Graben überquerten, hängen, und die eine Hälfte von ihm hing nach der, die andere nach jener Seite herunter, so daß er in der größten Gefahr schwebte, den Hals zu brechen. Als der Löwe dies sah, rief er: »Was machst du, Kamerad?« Aber der Esel, der schon auf der Reise ins Jenseits war, gab keine Antwort. Da der Löwe befürchtete, der Esel möchte umkommen, kletterte er in den Graben hinab und half ihm. Als der Esel aller Gefahr entronnen war, wurde er wieder keck, wandte sich gegen den Löwen und machte ihm den größten Schweinehund, den man sich denken konnte. Hierüber aufs höchste verblüfft und erstaunt, fragte ihn der Löwe, warum er so heftig auf ihn schimpfe, er habe ihn doch so liebevoll vom Tode errettet. Da antwortete der Esel, der sich erzürnt stellte, hochmütig: »Ha, du Verruchter, du schlechter Kerl! Du fragst noch, warum ich dich herunterputze? So wisse, daß du mich des angenehmsten Vergnügens beraubt hast, das ich je in meinem Leben empfunden. Du dachtest, ich würde sterben, aber ich empfand die lebhafteste Freude und das größte Behagen.« »Ja, was war denn das für ein Behagen?« fragte der Löwe. »Ich hatte mich«, erwiderte der Esel, »auf jene Balken gelegt, so daß ein Teil von mir auf die und der andere auf jene Seite herunterhing und wollte auf diese Weise herausbringen, was an mir schwerer sei, der Kopf oder der Schwanz.« Da sagte der Löwe: »Ich verspreche dir auf mein Wort, dich künftighin in keiner Weise mehr zu belästigen, und ich sehe und erkenne bis jetzt deutlich, daß du der Herr des Berges sein wirst.« Damit gingen sie weiter und kamen an einen breiten und reißenden Fluß. Da sagte der Löwe: »Lieber Löwenklau, ich möchte, daß jeder von uns seine Tüchtigkeit beweise, indem er den Fluß überquert.« »Ich bin's zufrieden«, erwiderte Löwenklau, »doch wünsche ich, daß du ihn als erster überschreitest.« Der Löwe, der gut schwimmen konnte, durchquerte den Fluß mit großer Geschicklichkeit und rief dann vom anderen Ufer herüber: »Kamerad, was zögerst du? Schwimm auch herüber!« Als der Esel sah, daß er sein Versprechen nicht brechen konnte, warf er sich in das Wasser und schwamm solange, bis er die Mitte des Flusses erreichte. Dort aber wurde er von der Strömung bald mit dem Kopf, bald mit den Füßen nach unten gezogen, bald tauchte er dermaßen unter, daß man nichts oder wenig mehr von ihm gewahrte. Als der Löwe dies sah und die beleidigenden Worte von vorhin in seinem Herzen bewegte, fürchtete er sich einerseits sehr, ihm zu Hilfe zu eilen, weil er besorgte, er möchte ihn töten, sowie er ihn befreit habe, anderseits aber hatte er Angst, er werde ertrinken. Nachdem er eine Weile geschwankt hatte, beschloß er ihm zu helfen, komme, was da wolle. Er sprang also in die Flut, schwamm zu ihm heran, packte ihn beim Schwanze und zog ihn daran so lange durch das Wasser, bis er ihn auf dem Trockenen hatte. Als der Esel sich auf dem anderen Ufer und in Sicherheit vor den drohenden Wogen sah, machte er ein böses Gesicht und rief ergrimmt mit lauter Stimme: »Ha, miserabler Kerl, ha, du Schurke! Ich weiß nicht, was mich abhält, meine Balliste abzudrücken und dich etwas spüren zu lassen, was dir nicht lieb sein dürfte. Oh, wie du mir zur Last fällst und mir jedes Vergnügen raubst! Wann endlich werde ich Armer ein ungetrübtes Vergnügen genießen!« Noch eingeschüchterter als vorher sagte der Löwe: »Lieber Kamerad, ich fürchtete sehr, du würdest im Flusse ertrinken, und daher kam ich und half dir, überzeugt, dir einen Gefallen zu erweisen, nicht aber das Gegenteil.« »Jetzt hör' aber auf!« rief da der Esel, »doch laß mich bitte eines wissen! Was für einen nützlichen Zweck hast du mit deiner Durchquerung des Flusses verfolgt?« »Gar keinen«, erwiderte der Löwe. Da drehte sich der Esel um und sagte: »Paß auf, ob ich im Flusse mein Vergnügen hatte!« Und damit schüttelte er sich am ganzen Leibe und namentlich seine Ohren, die voll von Wasser waren, und zeigte ihm die kleinen Fische und die anderen Tierchen, die aus seinen Ohren herauskamen und sagte vorwurfsvoll: »Siehst du nun, wie sehr du im Irrtum warst? Wäre ich auf den Grund des Flusses gelangt, so hätte ich zu meiner größten Freude Fische gefangen, über die du geradezu aus dem Häuschen geraten wärst. Aber sieh zu, daß du mich in Zukunft nicht wieder störst, wir könnten sonst aus Freunden zu Feinden werden und etwas Schlimmeres könnte dir gar nicht passieren. Und sollte es dir selbst scheinen, ich sei tot, so will ich doch nicht, daß du dich darum kümmerst, denn das, was du für Totsein hältst, ist für mich Wonne und Leben.« Die scheidende Sonne verdoppelte bereits die Schatten, als der Löwe seinem Genossen vorschlug, sich zur Ruhe zu begeben und am anderen Morgen wieder zusammenzukommen. Als es voller Tag geworden war, trafen sich der Esel und der Löwe und beschlossen, getrennt auf die Jagd zu gehen und sich dann zu einer bestimmten Stunde wiederzusehen. Wer von ihnen die größte Anzahl Tiere gefangen haben würde, sollte der Herr des Berges sein. Der Löwe ging auf die Pirsch und erbeutete eine Menge Wild, der Esel aber, der beim Umherstreifen die Tür eines Hauses offen fand, trat ein und als er auf der Tenne einen mächtigen Haufen Hirse sah, näherte er sich ihm und fraß soviel davon, daß sein Wanst zum Platzen voll war. Nachdem der Esel an den verabredeten Ort zurückgekehrt war, legte er sich nieder, um zu ruhen und drückte, weil er sich allzu voll geschlagen hatte, häufig seine Balliste ab, die sich bald öffnete und bald wieder schloß, genau wie das Maul eines großen Fisches, der außerhalb des Flusses auf dem Trockenen liegt. Als eine Krähe, die durch die Luft flog, den Esel auf dem Boden ausgestreckt liegen und sich nicht rühren sah, so daß er tot schien und unter seinem Schwanze die schlecht verdaute Hirse hervorquellen und den Hintern ganz mit Mist besudelt sah, ließ sie sich nieder und fing an zu picken und ging allmählich so weit, daß sie den Kopf in den Hintern des Esels steckte. Als dieser sich so im After herumstochern fühlte, drückte er den Hintern zusammen, und die Krähe blieb mit dem Kopf eingeklemmt und starb. Als sich der Löwe mit großer Beute am verabredeten Orte einfand, sah er den Esel auf dem Boden liegen und sagte zu ihm: »Schau her, Kamerad, wieviel Tiere ich gefangen habe.« »Wie hast du es angestellt, sie zu fangen?« fragte der Esel. Da erzählte ihm der Löwe, wie er es gemacht. Doch der Esel unterbrach ihn und rief: »O du Narr! Du Hirnloser, dich heute morgen so anzustrengen und die Gehölze, Wälder und Berge abzujagen! Ich habe mich hier in der Nähe aufgehalten und dann auf der Erde hingelagert mit dem Hintern so viele Krähen und andere Tiere gefangen, daß ich, wie du siehst, mir die Plautze weidlich vollgeschlagen habe. Nur diese eine ist mir im Hintern zurückgeblieben, – ich habe sie für dich aufbewahrt und bitte dich, sie mir zuliebe anzunehmen.« Da wurde dem Löwen noch unheimlicher zumute als zuvor und er nahm die Krähe dem Esel zuliebe und behielt sie und kehrte, ohne weiter ein Wort zu sagen, zu seiner Jagd zurück. Als er so im Galopp und keineswegs ohne Furcht davoneilte, begegnete er dem Wolfe, der es sehr eilig hatte. »Gevatter Wolf«, rief er ihn an, »wohin so eilig und so hastig?« »Ich habe sehr wichtige Geschäfte«, erwiderte der Wolf. Der Löwe versuchte ihn trotz seiner Eile auszuforschen, aber der Wolf, der für sein Leben fürchtete, bat ihn dringend, ihn nicht aufzuhalten. Als der Löwe die große Gefahr erkannte, die dem Wolfe drohte, drang er in ihn, seinen Weg nicht fortzusetzen; denn ganz in der Nähe halte sich Löwenklau, ein über die Maßen wildes Tier auf, das unterm Schwanz eine Balliste trage, die Blitz und Donner speie. »Wehe dem, der in ihre Bahn gerät!« rief er. »Und überdies trägt er etwas Merkwürdiges auf dem Rücken, das ihn zum größten Teil bedeckt, es ist aus Fell, mit aschgrauen Haaren bedeckt und erfüllt jeden mit Schrecken, der sich ihm nähert.« Der Wolf aber, der an den angegebenen Kennzeichen klar erkannte, was für ein Tier das war, von dem der Löwe sprach, sagte: »Habt keine Furcht, Gevatter, dies Geschöpf nennt sich Esel und ist das feigste Tier, das die Natur hervorgebracht hat, es dient zu nichts anderem als zum Tragen von Lasten und zum Geprügeltwerden. Ich allein habe während meines Lebens mehr als hundert von der Sorte gefressen. Laßt uns also ruhig hingehen, Gevatter, dann werdet Ihr gleich den Beweis haben.« .»Nein, Gevatter«, wehrte der Löwe ab, »ich will nicht mitgehen, – wenn Ihr hingehen wollt, so geht in Frieden!« Doch der Wolf versicherte aufs neue, der Löwe solle keine Furcht haben. Als der Löwe sah, daß der Wolf fest bei seiner Meinung beharrte, sagte er: »Nun, da Ihr durchaus wollt, daß ich mitkomme und Ihr mich beruhigt, so sei's denn, aber ich will, daß wir die Schwänze fest zusammenbinden, damit wir, wenn wir ihn sehen, nicht ausreißen oder einer von uns in seine Gewalt gerate.« Sie verknoteten also ihre Schwänze fest und sicher und rückten vor. Der Esel, der sich erhoben hatte und Gras abweidete, sah von ferne den Löwen und den Wolf und wollte, aufs höchste bestürzt, fliehen. Der Löwe aber, der Löwenklau dem Wolfe zeigte, sagte: »Da sieh, Gevatter, er kommt auf uns zu, wir wollen ihn nicht erwarten, sonst geht es uns sicher ans Leben!« Der Wolf, der den Esel nunmehr auch erblickt und erkannt hatte, rief jedoch: »Bleiben wir, bleiben wir, Gevatter! Ich versichere Euch, es ist der Esel.« Der Löwe aber, der noch furchtsamer war als zuvor, fing an zu fliehen, setzte über Dornbüsche und Dickichte und verlor dabei durch einen scharfen Dorn, der ihm hineinschlug, das linke Auge. Da glaubte er, der Dorn sei eines von jenen Geschossen gewesen, die Löwenklau unter seinem Schwanze trug und rief im Weiterrennen dem Wolfe zu: »Hab' ich dir nicht gesagt, Gevatter, daß wir uns aus dem Staube machen sollten? Jetzt hat er mir mit seiner Bailiste ein Auge ausgeschossen!« Und damit beschleunigte er seine Flucht noch mehr, riß den Wolf mit sich fort und schleifte ihn durch starrende Dornbüsche, über vermorschtes Gefels, durch dichte Gehölze und andere enge und rauhe Örtlichkeiten, was zur Folge hatte, daß der Wolf gänzlich zerschunden und zerschlagen wurde und verendete. Als der Löwe eine sichere Zuflucht gefunden zu haben glaubte, sagte er zum Wolfe: »Gevatter, jetzt ist es an der Zeit, daß wir die Schwänze lösen«, – aber der gab keine Antwort. Und als er sich nach ihm umdrehte, sah er, daß er tot war. Da rief er, von Entsetzen gepackt: »Sagte ich's Euch nicht, daß er Euch besiegen würde?« Da seht, was Ihr gewonnen habt! Ihr habt das Leben eingebüßt und ich das linke Auge! Aber es ist besser einen Teil als das Ganze verloren zu haben.« Und er befreite seinen Schwanz, ließ den toten Wolf liegen und schlug seine Wohnung in den Höhlen auf, während der Esel Herr und Besitzer des Berges blieb und dort lange Zeit herrlich und in Freuden lebte. Daher kommt es, daß die Esel die gepflegten und urbaren, die Löwen dagegen die unwohnlichen und waldigen Gegenden bewohnen; denn das feige und unedle Tier trug durch seine Listen und seinen Betrug den Sieg über den wilden Löwen davon. 28 Der Kalabrese Cesarino di Berni verläßt mit einem Löwen, einem Bären und einem Wolf Mutter und Schwestern, kommt nach Sizilien, findet dort die Tochter des Königs, die von einem grauenhaften Drachen gefressen werden soll, tötet das Untier mit Hilfe der drei Tiere und bekommt die vom Tode Errettete zum Weibe. Es lebte vor nicht langer Zeit ein armes Weiblein, das hatte einen Sohn, der hieß Cesarino di Berni aus Kalabrien und war ein sehr wackerer Jüngling, dem sich die Natur günstiger erwiesen hatte als das Glück. Als Cesarino eines Tages das Haus verlassen hatte und übers Land wanderte, kam er an einen schönen reichbelaubten Wald, und von dem Reiz des dichten Grüns angelockt, ging er hinein. Dort geriet er an eine Felshöhle,, in der junge Löwen, junge Bären und junge Wölfe lagen. Er nahm von jeder Gattung ein Junges, führte die Tierchen mit sich nach Hause und zog sie mit vieler Mühe und Sorgfalt zusammen auf. Und so meisterhaft wußte er sie aneinander zu gewöhnen, daß eines gar nicht ohne das andere sein konnte, auch waren sie ganz zahm gegen die Menschen und taten keinem etwas zuleide. Da es nun von Natur Raubtiere waren, die nur zufällig abgerichtet und gezähmt wurden, ging Cesarino, sobald sie im Vollbesitz ihrer Kräfte waren, oft mit ihnen auf die Jagd und kam immer mit Wildbret beladen vergnügt nach Hause; und damit ernährte er sich und die Mutter. Diese wunderte sich gar sehr über die große Beute, die der Sohn heimbrachte, und fragte ihn, wie er es fertig bringe, täglich so viel Getier zu erbeuten. »Mit meinen Tieren«, antwortete er, »verrate es aber bitte niemand, damit man sie mir nicht wegnehme.« Es währte aber nicht lange, da befand sich die Mutter einmal bei ihrer Nachbarin, für die sie eine besondere Freundschaft hatte, weil es eine rechtschaffene Frau war, dienstfertig und liebreich, und indem sie so von diesem und jenem miteinander plauderten, fragte die Nachbarin: »Gevatterin, wie stellt es Euer Sohn nur an, so viel Wild zu erbeuten?« Die Alte erzählte ihr alles, nahm dann Abschied und ging. Kaum hatte sie ihre Gevatterin verlassen, da kam der Mann der letzteren nach Hause; mit vergnügtem Gesicht lief sie ihm entgegen und teilte ihm mit, was sie wußte. Auf diese Nachricht suchte der Mann alsbald Cesarino auf und sagte zu ihm: »Auf diese Weise gehst du also auf die Jagd, mein Söhnchen, und nimmst dir nie einen Genossen mit? Das paßt schlecht zu dem freundschaftlichen Verhältnis, in dem wir stehen.« Cesarino lächelte und mochte ihm keine Antwort geben, doch machte er sich, ohne von der alten Mutter und den geliebten Schwestern Abschied zu nehmen, mit seinen drei Tieren auf und ging auf gut Glück in die Welt. Nach langem Wandern gelangte er in eine öde, unbewohnte Gegend Siziliens; er fand dort eine Einsiedelei, ging hinein, und da niemand darin war, legte er sich mit seinen Tieren zur Ruhe nieder. Bald darauf kam der Besitzer nach Hause, erblickte beim Eintreten die Tiere und wollte bestürzt die Flucht ergreifen. Allein Cesarino, der den Eremiten bereits erschaut hatte, rief ihm zu: »Fürchtet nichts, Vater, und kommt unbesorgt herein, diese Tiere sind ganz zahm, sie werden Euch keinen Schaden zufügen.« Auf Cesarinos Zureden faßte der Einsiedler Mut und betrat seine ärmliche Zelle. Cesarino fühlte sich durch den weiten Weg, den er gemacht hatte, erschöpft, er wandte sich daher an den Einsiedler und fragte ihn: »Hättet Ihr wohl etwas Brot und Wein, daß ich meine verlorenen Kräfte wieder herstellen könnte?« »Jawohl, mein Sohn«, erwiderte jener, »doch vielleicht nicht von der Güte, wie du sie wünscht.« Cesarino zog darauf dem Wild, das er gefangen, das Fell ab, zerlegte es und briet es an einem Spieß, und nachdem der Tisch gedeckt und mit den ärmlichen Speisen besetzt war, die sich vorfanden, aßen sie recht vergnügt miteinander. Nach der Mahlzeit erzählte der Einsiedler Cesarino folgendes: »Es haust nicht mehr weit von hier ein Drache, dessen verpesteter Atem alles umher ansteckt und vergiftet, niemand kann ihm widerstehen, und er verursacht solches Unheil, daß die Bauern sich bald genötigt sehen werden, das Land zu verlassen, überdies muß man ihm täglich einen Menschen zur Nahrung geben, sonst würde er alles verwüsten, und unseligerweise trifft dies harte Los morgen die Tochter des Königs, der an Schönheit, Sittsamkeit und Tugend keine andere Jungfrau gleichkommt, und die der Inbegriff aller Vollkommenheiten ist, – es ist wirklich ein großer Jammer, daß eine solche Jungfrau ohne ihre Schuld so grausam zugrunde gehen soll. »Seid nur guten Muts«, sagte Cesarino zu dem Alten, als er dies vernommen hatte, »Ihr werdet, zweifelt nicht daran, bald die Befreiung der Jungfrau erleben.« Die Morgenröte hatte kaum den Himmel erhellt, als Cesarino schon dem Aufenthalt des furchtbaren Drachen zueilte und seine drei Tiere mit sich führte. Dort sah er die Königstochter, die hingekommen war, um von dem Untier verschlungen zu werden. Er näherte sich ihr, die fassungslos schluchzte, tröstete sie und sagte: »Weint nicht mehr, Fräulein, härmt Euch nicht so, ich bin hergekommen, um Euch zu befreien.« Indem er so sprach, kam der unersättliche Drache mit Ungestüm herausgefahren und wollte mit weitgeöffnetem Rachen die liebliche, zarte Jungfrau, die vor Furcht zitterte und bebte, zerreißen und verschlingen. Allein Cesarino, von Mitleid bewegt, faßte sich ein Herz, hetzte seine drei Tiere auf das gierige Ungeheuer, und sie kämpften so lange mit ihm, bis sie es zu Boden streckten und töteten. Dann schnitt Cesarino ihm mit dem Messer, das er in der Hand trug, die Zunge heraus, steckte sie zu sich und bewahrte sie sorgfältig. Ohne nun der befreiten Schönen ein Wort weiter zu sagen, kehrte er zu der Einsiedelei zurück und erzählte dem Alten, daß er den Drachen getötet und die Prinzessin befreit habe, was diesem zu großer Freude gereichte. Nun traf es sich, daß ein grober, plumper Bauer an dem Ort vorbeikam, wo der gräßliche Drache tot dalag; er sah das furchterweckende Ungeheuer, zog ein tüchtiges Messer heraus, das er an der Seite trug, und schnitt ihm das Haupt vom Rumpf; dies steckte er in einen Sack, den er bei sich trug und ging dann mit großen Schritten der Stadt zu. Er holte bald die Prinzessin ein, die zu ihrem Vater zurückkehrte, begleitete sie, und als sie im königlichen Palaste anlangten, brachte er sie dem König, den die übergroße Freude, die Tochter wiederzusehen, beinahe das Leben gekostet hätte. Überaus vergnügt zog der Bauer den Hut ab und sagte zum König: »Herr, Eure Tochter gebührt mir als Frau, denn ich habe sie vom Tode errettet.« Und zum Zeichen der Wahrheit holte er das scheußliche Drachenhaupt aus seinem Sack hervor und überreichte es dem König. Als dieser den Kopf des gewaltigen, nie gesehenen Ungeheuers betrachtet hatte und sich über die Befreiung der Tochter wie des Landes klar geworden war, ordnete er ein glänzendes Siegesfest an, zu dem alle Frauen der Stadt eingeladen wurden, die sämtlich im größten Putz erschienen und der Prinzessin ihre Glückwünsche darbrachten. Zufällig befand sich der Einsiedler gerade in der Stadt, als man die Vorbereitungen zum Feste traf und hörte von allen Seiten das Gerücht erschallen, ein Bauernkerl habe den Drachen getötet, und zum Lohn für die Errettung der Königstochter bekomme er sie zur Frau. Der Alte vernahm dies mit großem Leidwesen, er unterließ an diesem Tage das Almosensammeln, ging eilig wieder nach seiner Hütte zurück und erzählte Cesarino, was vorging. Dieser war darüber sehr betrübt und zeigte ihm die Drachenzunge zum Beweis, daß er es sei, der den Drachen getötet habe. Der Einsiedler, nun vollkommen davon überzeugt, eilte zum König, zog die ärmliche Kapuze vom Kopfe und redete ihn folgendermaßen an: »Heiligster König, es ist doch höchst widerwärtig, daß ein tückischer und verruchter Mensch, gewohnt in übeln Löchern zu leben, der Gemahl einer Prinzessin werden soll, welche die Blume der Anmut, das Muster der Sittsamkeit, der Spiegel der Tugend und mit allen Reizen begabt ist, um so mehr, da er Eure Majestät zu betrügen sucht, indem er als wahr ausgibt, was er in seinen Hals hineinlügt. Besorgt für die Ehre Eurer Majestät und das Glück Eurer Tochter, bin ich hierhergekommen, Euch zu entdecken, daß er, der sich ihrer Befreiung rühmt, nicht derjenige ist, der den Drachen getötet hat. öffnet daher die Augen, heiligster König, verschließt Euer Ohr nicht und hört auf den, der Euch mit wahrer Liebe zugetan ist.« Die feste Rede des Eremiten machte Eindruck auf den König, er erkannte, daß seine Worte aus dem treuen, aufrichtigen Herzen flossen und schenkte ihnen völligen Glauben. Er befahl augenblicklich, die Vorbereitungen für die Festlichkeiten einzustellen und gebot dem Einsiedler, ihm zu offenbaren, wer der wahre Befreier seiner Tochter gewesen sei. Dieser, der nur darauf gewartet hatte, erwiderte: »Herr, es ist nicht vonnöten, daß ich Euch seinen Namen sage, wenn es aber Eurer Majestät recht ist, will ich ihn vor Euer Antlitz führen, und Ihr werdet einen Jüngling von schöner, anmutiger und stattlicher Gestalt und dem feinsten Anstande sehen, und so freundlich und einnehmend ist sein Wesen und so königlich sind seine Sitten, daß mir bis jetzt noch nicht seinesgleichen vorgekommen ist.« Der König war schon ganz verliebt in den Jüngling und befahl, man solle ihn sofort zu ihm bringen. Da begab sich der Einsiedler wieder zu seiner Hütte zurück und erzählte Cesarino alles. Dieser nahm die Zunge, steckte sie in seine Jagdtasche und ging mit seinen drei Tieren und dem Eremiten zum König, ließ sich vor ihm auf die Knie nieder und sagte: »Geheiligte Majestät, die Arbeit und der Schweiß waren mein, allein die Ehre hatte ein anderer. Ich tötete mit Hilfe dieser meiner Tiere das Ungeheuer, um Eure Tochter zu erretten.« »Und welchen Beweis kannst du mir geben, es getötet zu haben?« fragte der König, »da jener mir das Drachenhaupt brachte, welches du hier hängen siehst?« Da antwortete Cesarino: »Ich begehre nicht einmal die Aussage der Prinzessin, die hier ein hinreichendes Zeugnis sein würde, aber ich will Euch ein Beweisstück zeigen, dessen Glaubwürdigkeit nicht zu leugnen ist: laßt dem Kopfe des Drachen in den Rachen schauen, und Ihr werdet ihn ohne Zunge finden.« Der König ließ sich den Kopf bringen und fand ihn ohne Zunge. Cesarino griff nun in seine Jagdtasche und holte die Zunge des Untiers heraus, die von einer so außerordentlichen Größe war, wie man sie noch niemals gesehen hatte, und bewies dadurch offenbar, daß er der Besieger der grausamen Bestie sei. Der König, sowohl hierdurch wie durch die Aussage seiner Tochter und anderer Anzeichen vollkommen überzeugt, ließ den Bauern ergreifen und ihm sogleich den Kopf vom Rumpfe trennen. Darauf wurde denn mit großem Jubel und Pomp die Hochzeit Cesarinos mit der Prinzessin gefeiert und das Paar genoß die Freuden des ersten Beilagers. Als es der Mutter und den Schwestern Cesarinos zu Ohren kam, wie er den Drachen getötet, die Prinzessin befreit und zur Belohnung ihre Hand erhalten habe, beschlossen sie nach Sizilien zu reisen. Sie bestiegen ein Schiff und erreichten mit günstigem Winde bald das Königreich, wo sie mit großen Ehren empfangen wurden. Die Weiber aber waren noch nicht lange dort, als sich in ihnen ein solcher Neid gegen Cesarino regte, daß sie ihn am liebsten zerrissen hätten. Ihr Haß wuchs von Tag zu Tag und sie nahmen sich vor, ihm heimlich den Tod zu geben. Indem sie nun hin und her überlegten, wie sich dies bewerkstelligen ließe, kam ihnen zuletzt der Gedanke, einen Knochen zu nehmen, ihn zuzuspitzen, seine Spitze zu vergiften und ihn zwischen Bett und Leintücher mit der Spitze nach oben in Cesarinos Lager anzubringen, damit, wenn dieser schlafen ginge und sich, wie junge Leute pflegen, aufs Bett werfe, der Knochen ihn stechen und vergiften möge. Und sie führten ihren verbrecherischen Anschlag unverzüglich aus. Als es Zeit zum Schlafengehen war, suchte Cesarino mit seiner Gemahlin das Schlafgemach auf, legte die Kleider und das Hemd ab, warf sich ins Bett und fiel mit der linken Seite auf die Spitze des Knochens, und solch eine böse Wunde empfing er, daß sie infolge des Giftes augenblicklich aufschwoll, und sobald ihm das Gift ins Herz trat, war er tot. Als die Prinzessin ihren Gemahl entseelt daliegen sah, brach sie in ein lautes Jammern aus und vergoß Ströme von Tränen. Erschrocken liefen die Hofleute auf ihr Geschrei herbei und sahen, daß Cesarino diese Welt verlassen hatte und als sie den Leichnam hin- und herwandten, fanden sie ihn ganz geschwollen und rabenschwarz, woraus sie schlossen, er müsse durch Gift getötet worden sein. Als der König dies erfuhr, ließ er eine große Untersuchung anstellen, da man jedoch keine Gewißheit erlangen konnte, ergab er sich drein, legte samt der Tochter und dem ganzen Hofe Trauergewänder an und befahl ein feierliches, prachtvolles Leichenbegängnis. Während man nun die Vorbereitungen zur Leichenfeier traf, fing der Mutter und den Schwestern Cesarinos an, gewaltig bange zu werden, der Löwe, der Wolf und der Bär möchten sie verraten, wenn sie erführen, ihr Herr sei tot. Sie beratschlagten daher untereinander und kamen auf den Gedanken, ihnen die Ohren mit Blei zu verstopfen, was sie auch zur Ausführung brachten. Dem Wolfe waren die Ohren aber nicht gehörig verstopft worden und er hörte noch ein wenig auf dem einen. Als nun der Leichnam zur Grabstätte getragen ward, sagte der Wolf zum Löwen und Bären: »Gefährten, mir scheint, ich vernehme eine böse Neuigkeit.« Allein jene, welche die Ohren ganz voll Blei hatten, hörten nichts, und sooft der Wolf auch seine Worte wiederholte, es half ihm nichts. Doch bemühte er sich so lange mit Zeichen und Gebärden, bis sie am Ende etwas von Totsein verstanden. Der Bär drang nun mit seinen harten, gebogenen Nägeln so tief in die Ohren des Löwen, daß er ihm das Blei herausziehen konnte, und ebenso tat der Löwe dem Bären und dem Wolf. Als nun alle ihr Gehör wieder hatten, sprach der Wolf zu seinen Gefährten: »Mich dünkt, ich habe etwas vom Tode unseres Herrn verlauten hören.« Und da er auch nicht wie gewöhnlich kam, sie zu besuchen und zu füttern, waren sie überzeugt, er müsse tot sein. Sie verließen daher alle drei das Haus und liefen dorthin, wo die Träger mit dem Leichnam auf der Bahre zur Beerdigung zogen. Die Geistlichen und anderen Personen, die dem Toten das Geleit gaben, ergriffen beim Anblick der Tiere bestürzt die Flucht, die Träger setzten den Sarg nieder und taten desgleichen, andere, die mehr Mut hatten, blieben jedoch, um das Ende abzuwarten. Die drei Tiere arbeiteten nun mit Zähnen und Nägeln solange, bis sie ihren Herrn ganz entkleidet hatten, darauf wandten sie ihn nach allen Seiten und entdeckten die Wunde. »Bruder«, sprach darauf der Löwe zum Bären, »jetzt täte uns ein wenig Fett aus deinen Eingeweiden gute Dienste; wenn man die Wunde damit bestriche, würde unser Herr augenblicklich wieder lebendig.« »Da bedarf es weiter keiner Worte«, erwiderte der Bär, »ich will den Rachen aufsperren, soweit ich kann, und du greife mit deiner Tatze hinein und nimm soviel Fett heraus, wie dir gut scheint.« Der Löwe steckte seine Tatze in den Schlund des Bären, der sich zusammenzog, damit jener tiefer hineinkommen könne, und holte das nötige Fett heraus. Damit salbte er die Wunde seines Herrn und ihre Umgebung, und als sie dadurch gehörig erweicht war, sog er sie aus und legte dann Kräuter von solcher Trefflichkeit darauf, daß sie ihre Kräfte augenblicklich dem Herzen mitteilten und diesem neues Leben gaben. Da begann Cesarino sich nach und nach zu erholen und erwachte endlich ganz aus seinem Todesschlaf. Als dies die Zurückgebliebenen sahen, gerieten sie außer sich vor Verwunderung, liefen sofort zum König und berichteten ihm, Cesarino lebe. Auf diese Kunde eilten der König und seine Tochter, welche Dorothea hieß, Cesarino entgegen, umarmten und küßten ihn mit unsäglicher Freude und führten ihn unter großem Jubel in den Palast. Der Mutter und den Schwestern Cesarinos kam es bald zu Ohren, daß er wieder aufgelebt sei. Sie freuten sich darüber nicht eben sonderlich, doch stellten sie sich sehr erfreut und begaben sich in den Palast. Sobald sie sich aber Cesarino näherten, ließ die Wunde eine große Menge Blut ausströmen, worüber sie heftig erschraken und leichenblaß wurden. Dieser Vorfall erregte beim König einen starken Verdacht gegen sie, er ließ sie gefangensetzen und auf die Folter spannen, worauf sie alles eingestanden und infolgedessen auf Befehl des Königs lebendig verbrannt wurden. Cesarino und Dorothea lebten noch lange Jahre glücklich zusammen und sahen sich mit Nachkommen gesegnet. Die drei Tiere aber wurden, bis sie eines natürlichen Todes starben, auf das sorgfältigste gewartet und gepflegt. 29 Andrigetto Valsabbia, Bürger von Como, macht, als es mit ihm zu Ende geht, sein Testament und hinterläßt seine Seele, sowie die seines Notars und seines Beichtigers dem Teufel, und stirbt als ein Verdammter. Zu Como, einer kleinen, unweit von Mailand gelegenen Stadt der Lombardei, wohnte ein Bürger namens Andrigetto da Sabbia, dem, wiewohl er reich an Ländereien, Rindern und Schafherden war und es niemand in der Stadt gab, der sich darin mit ihm messen konnte, bei keiner Handlung, mochte sie auch noch so schlecht sein, das Gewissen schlug. Dieser schwerreiche Andrigetto also, der eine Menge Weizen und Getreide anderer Art, das ihm seine Güter brachten, hatte, verteilte seine ganzen Ernten an arme Bauern und andere Leute, die schlecht daran waren und wollte sie nicht an Händler oder andere Liebhaber, die mit dem Gelde in der Hand kamen, verkaufen. Und dies tat er nicht in der Absicht den Armen zu helfen, sondern um ihnen irgendein Stück Land dafür abzunehmen und seine Güter und Einkünfte zu vergrößern, und stets war er darauf bedacht, solche Stücke auszusuchen, die seinen Zwecken am besten entsprachen, und ihm die Möglichkeit gaben, sich allmählich zum Herrn des Ganzen zu machen. Nun geschah es, daß in jenen Gegenden eine große Hungersnot ausbrach und zwar war sie derart, daß an vielen Orten die Männer, Frauen und Kinder Hungers starben. Daher nahmen alle benachbarten Dorfschaften, in der Ebene sowohl wie am Berge, ihre Zuflucht zu Andrigetto und der eine gab ihm ein Stück Wiese, der andere ein Stück Wald, der dritte ein Stück geackertes Feld hin und nahm dafür soviel Weizen oder anderes Getreide, wie er brauchte. Und so groß war der Zustrom und das Kommen und Gehen der Leute, die aus allen Richtungen in das Haus Andrigettos kamen, daß es so aussah, als wäre Ablaßjahr. Er hatte einen Notar namens Tonisto Raspante, einen in seinem Beruf sehr bewanderten Mann, der jedoch im Aussaugen der Bauern alle anderen übertraf. Es bestand in Como ein Gesetz, daß kein Notar einen Verkaufsvertrag ausfertigen dürfe, bevor nicht in seiner und der Zeugen Gegenwart das Geld aufgezählt worden sei. Tonisto Raspante erklärte Andrigetto daher oftmals, er wolle dergleichen Verträge, wie er sie wünschte, nicht ausfertigen, denn sie verstießen gegen das Comasker Statut und er wolle sich keiner Bestrafung aussetzen. Andrigetto aber regalierte ihn mit Grobheiten und bedrohte ihn sogar an seinem Leben. Und da er ein einflußreicher Mann war und zu den führenden Leuten der Stadt zählte und außerdem jedesmal ein Batzen zu verdienen war, tat der Notar alles, was Andrigetto verlangte. Bald darauf war es für Andrigetto an der Zeit zu beichten, und er schickte seinem Beichtvater ein schönes, üppiges Mittagessen und außerdem feinstes Tuch für ein Paar Strümpfe für sich und seine Köchin und sagte sich für den nächsten Tag zum Beichten an. Da er ein hervorragender und mächtiger Mann war, erwartete ihn der Herr Pfarrer heiteren Antlitzes und empfing ihn, als er kam, mit großer Liebenswürdigkeit. Als nun Andrigetto zu Füßen des Priesters kniete und sich mit Eifer seiner Sünden anklagte, kam er zu seinen Manipulationen mit den unerlaubten Verträgen und legte darüber ein eingehendes Geständnis ab. Da fing der Priester, der einige Rechtskenntnisse besaß und deutlich erkannte, daß diese Verträge unerlaubt und wucherisch seien, an, ihn in aller Bescheidenheit auf das Unzulässige derselben hinzuweisen und ihm zu erklären, er sei zur Rückerstattung verpflichtet. Andrigetto, dem die Worte des Priesters mißfielen, antwortete ihm, er wisse nicht, was er sage und er möge hingehen und besser lernen, als er es bisher getan. Der Priester, der oft von Andrigetto beschenkt wurde, befürchtete, er möchte von ihm abgehen und sich einen anderen Beichtvater suchen, absolvierte ihn daher, erlegte ihm eine leichte Pönitenz auf und verabschiedete ihn, worauf ihm Andrigetto einen Florin in die Hand drückte und vergnügt abzog. Nicht lange darauf geschah es, daß Andrigetto eine sehr schwere Krankheit befiel, die so geartet war, daß alle Ärzte ihn aufgaben und ihn verließen. Als seine Freunde und Verwandten hörten, daß seine Krankheit nach dem Ausspruch der Ärzte tödlich und unheilbar sei, gaben sie ihm auf geschickte Weise zu verstehen, er möge beichten und seine Angelegenheiten ordnen, wie es sich für jeden frommen und guten Christen schicke. Er aber, der nur darauf aus war, sich zu bereichern und Tag und Nacht an nichts anderes dachte, als seinen Besitz zu vergrößern, fürchtete nicht, sterben zu müssen und schickte diejenigen, die ihn mahnten, ans Sterben zu denken, fort. Und bald ließ er sich dies, bald das bringen und hatte sein Vergnügen und seinen Spaß daran. Schließlich aber gab er dem fortgesetzten Drängen der Freunde und Verwandten nach und befahl, seinen Notar Tonisto Raspante und seinen Beichtvater, Priester Neofito zu rufen, er wolle beichten und sein Haus bestellen. Der Beichtvater und der Notar kamen und erschienen an seinem Lager und sprachen: »Messer Andrigetto, Gott gebe Euch Eure Gesundheit wieder! Wie fühlt Ihr Euch? Seid getrost, habt keine Furcht, bald werdet Ihr wieder munter sein!« Andrigetto, dem es sehr schlecht ging, antwortete, er wolle zuerst seine Angelegenheiten ordnen und dann beichten. Der Beichtvater schenkte seinen Worten Glauben und ermahnte und ermunterte ihn eifrig, an den Herrgott zu denken und nach seinem Willen zu handeln, wenn er das tue, werde er ihm gewiß seine Gesundheit wiedergeben. Andrigetto befahl sieben Männer zu rufen, die als Zeugen seines mündlichen und letzten Testamentes dienen sollten. Als die Zeugen erschienen waren, und vor dem Kranken standen, sagte Andrigetto zum Notar: »Tonisto, wie hoch beläuft sich die Gebühr, die dir für das Aufsetzen eines Testamentes zukommt?« »Nach dem Kapitular der Notare ists ein Florin und dann so viel oder so wenig die Testatoren eben wollen«, antwortete Tonisto. »Gut«, versetzte Andrigetto, »nimm dir zwei Florinen und mach', daß du niederschreibst, was ich dir befehlen werde!« Der Notar erklärte sich bereit, und nachdem er die Anrufung des Namens Gottes, die Jahreszahl nebst Tag und Monat und die Indiktion niedergeschrieben hatte, wie die Notare dies in Urkunden zu tun pflegen, begann er folgendermaßen zu schreiben: »Ich, Andrigetto di Valsabbia, der ich bei klarem Verstand, wenn auch körperlich schwach, übergebe meine Seele Gott, meinem Schöpfer, dem ich für alles Gute, was er mir erwiesen, allen Dank ausspreche, dessen ich fähig bin.« »Was hast du geschrieben«, fragte da Andrigetto den Notar. »Ich habe folgendes geschrieben«, antwortete dieser und las ihm Wort für Wort vor, was er hingeschnörkelt hatte. Da rief Andrigetto wütend: »Wer hat dich geheißen, so zu schreiben: Warum hältst du nicht, was du mir versprochen hast? Nach meiner Weise sollst du schreiben und zwar folgendermaßen: »Ich, Andrigetto von Valsabbia, krank von Körper, aber gesund von Verstand, hinterlasse meine Seele dem Oberteufel der Hölle.« Als der Notar und die Zeugen diese Worte hörten, waren sie starr vor Verwunderung, dann blickten sie dem Testator prüfend ins Gesicht und sagten: »Ah, Messer Andrigetto, wo ist Euer Verstand, wo Euer Wissen, seid Ihr verrückt geworden? Die Wahnsinnigen und die Rasenden führen solche Reden! Laßt ab von solchem Frevel bei Eurer Liebe zu Gott; denn Ihr schädigt Eure ganze Familie. Die Leute, die Euch bisher für klug und besonnen gehalten haben, werden Euch sonst für den größten Treuvergessenen und den größten Verräter halten, den die Natur je geschaffen hat; denn wenn Ihr Euer Wohl und Euern Nutzen verachtet, müssen sie denken, werdet Ihr noch viel mehr Wohl und Nutzen anderer Leute verachten.« Da schrie Andrigetto den Notar fuchsteufelswild an: »Hab ich dir nicht gesagt, du sollst schreiben, was ich dir auftragen würde?« »Jawohl Herr!« antwortete der Notar. »So schreibe denn, was ich dir diktiere und nicht etwas, was ich nicht will«, sagte der Testator. Als der Notar, der gewünscht hätte, sich auf die ganze Sache nicht eingelassen zu haben, seinen trotzigen Willen sah und fürchtete, er möchte vor Ärger sterben, schrieb er alles nieder, was er ihm vorsagte. »Schreib ferner nieder«, sagte Andrigetto zum Notar, »Item hinterlasse ich die Seele meines Notars Tonisto Raspante dem großen Satanas, damit sie der meinen Gesellschaft leiste, wenn sie von hier scheidet.« »Aber Herr!« rief da der Notar, »Ihr tut mir einen Schimpf an, Ihr vernichtet meine Seele und meinen guten Ruf.« »Schreiben sollst du, Schurke!« rief der Testator, »und mich nicht noch ärgerlicher machen als ich schon bin. Ich habe dich bezahlt und zwar viel freigebiger als du verdienst, damit du so schreibst, wie ich will! Schreib also folgendes, zum Henker: »denn wenn er mir nicht nachgegeben und soviel unerlaubte wucherische Verträge ausgefertigt, sondern mich davongejagt hätte, würde ich jetzt nicht in einem solchen Labyrinth stecken. Und weil er damals das Gold höher schätzte als meine und seine Seele, so befehle und gebe ich letztere in die Hände Luzifers.« Der Notar, welcher sehr fürchtete, die Sache noch schlimmer zu machen, schrieb alles nieder, was er ihm diktierte. »Schreib ferner«, fuhr der Testator fort: »Item hinterlasse ich die Seele meines hier anwesenden Beichtvaters, des Priesters Neofito, den dreißigtausend Paar Teufeln.« »Oh, was sagt Ihr da, lieber Messer Andrigetto?« fuhr der Beichtvater auf. »Spricht so ein kluger Mensch, wie Ihr es seid? Redet nicht also! Wißt Ihr nicht, daß der Herr Jesus Christus voller Erbarmen und Mitleid ist und immer mit geöffneten Armen des bußfertigen Sünders wartet, der sich seiner Sünden anklagt. Klagt Euch daher Eurer schweren und ungeheuerlichen Sünden an und bittet Gott um Verzeihung, so wird er Euch reichlich verzeihen. Es steht in Eurer Macht, das unrecht Erworbene wieder zurückzuerstatten, und wenn Ihr es zurückerstattet, wird Gott, der barmherzig ist und nicht den Tod des Sünders will, Euch vergeben und Euch des Paradieses teilhaftig werden lassen!« Da wetterte Andrigetto los: »Hah, verbrecherischer Priester, der du deine und meine Seele in Verwirrung gebracht hast, der du voll bist voll Habgier und Simonie, jetzt kommst du mir mit guten Ratschlägen! Schreib Notar, daß ich seine Seele im Mittelpunkt der Hölle lasse! Denn wäre seine pestilenzialische Habgier nicht gewesen, so hätte er mich nicht absolviert, so hätte ich nicht soviel Sünden begangen und befände mich nicht in dem Zustand, in dem ich mich jetzt befinde. Scheint es dir ehrenwert und ziemlich, daß ich das schlecht erworbene Gut wieder herausgebe? Scheint es dir gerecht, daß ich meine Söhne arm und als Bettler zurücklasse? Ich hinterlasse also diesen Rat anderen, zur Zeit nehme ich ihn nicht an. Schreib weiter, Notar: Item hinterlasse ich meiner geliebten Felicita ein Gut, gelegen in der Gemarkung des Dorfes Comachio, damit sie etwas habe, wovon sie leben, sich kleiden und wo sie sich mit ihren Liebhabern vergnügen und die Zeit vertreiben kann, wie sie es immer getan, und damit sie, wenn ihr Leben zu Ende, mich im finsteren Schlund der Hölle aufsuche und gemeinsam mit uns dreien die Qual der ewigen Strafe erleide. Den ganzen Rest aller meiner beweglichen und unbeweglichen, irgendwie mir zukommenden und schon gehörigen, gegenwärtigen und künftigen Güter hinterlasse ich Comodo und Torquato, meinen rechtmäßigen und natürlichen Söhnen und bitte sie, für meine Seele keine Messe lesen und keinen Psalm singen zu lassen, sondern sich dem Spielen, Huren, Schlemmen, Turnieren und den allerabscheulichsten Betätigungen hinzugeben, damit mein auf unrechte Weise erworbenes Vermögen in kurzer Zeit zum Teufel gehe und meine Söhne, verzweifelt über seinen Verlust, sich aufhängen. Dies soll mein letzter Wille sein, und so bitte ich Euch, Ihr sämtlichen Zeugen und Euch, Notar, ihn zu unterzeichnen.« Nachdem das Testament geschrieben und gesiegelt worden war, drehte Messer Andrigetto das Gesicht nach der Wand, gab ein gebrüllartiges Stöhnen, ähnlich wie ein Stier, von sich und überließ seine Seele Pluto, der schon immer darauf gelauert hatte. Und auf diese Weise endigte der böse und verruchte Andrigetto ohne gebeichtet zu haben und ohne Reue sein schmutziges und verbrecherisches Leben. 30 Der Mönch Don Pomporio wird beim Abte wegen seiner Unmäßigkeit im Essen verklagt, er schafft sich jedoch die Klage vom Halse, indem er dem Abt durch ein Gleichnis, das er erzählt, einen Hieb versetzt. Vor Zeiten hielt sich in einem berühmten Kloster ein bejahrter, aber ansehnlicher Mönch auf, der ein großer Esser war. Dieser rühmte sich, bei einer einzigen Mahlzeit ein Viertel eines schweren Kalbes und ein paar Kapaunen essen zu können. Sein Name war Don Pomporio. Er besaß einen Teller, dem er den Namen »Hauskapelle der Andacht« beigelegt hatte und der sieben große Näpfe Suppe faßte. Und abgesehen von der Zuspeise, die er genoß, füllte er ihn zum Mittag- wie zum Abendessen mit Fleischbrühe oder sonst einer Suppe und ließ auch nicht einen Tropfen davon umkommen. Und alle Reste, welche die anderen Mönche übrigließen, mochten es nun viel oder wenig sein, stiftete er in seine Hauskapelle und unterwarf sie seiner Andacht. Und mochten sie auch unsauber und ekelhaft sein (denn alles kam ihm für seine Kapelle gelegen), so verzehrte er sie doch ohne Ausnahme wie ein ausgehungerter Wolf. Als die anderen Mönche seine maßlose Verfressenheit und Schlinglust sahen, verwunderten sie sich gewaltig über sein unwürdiges Betragen und tadelten ihn bald mit guten, bald mit bösen Worten. Doch je mehr die Mönche ihn mit Worten straften, desto größer wurde sein Verlangen, die Fleischbrühe seiner Kapelle zuzuführen, unbekümmert um jede Zurechtweisung. Der Vielfraß hatte aber die gute Eigenschaft, daß er nie in Zorn geriet und jeder gegen ihn sagen konnte, was er mochte, ohne daß er es übelnahm. Eines Tages nun wurde er beim Vater Abt verklagt, und als dieser die Beschwerde angehört hatte, ließ er ihn vor sich kommen und sagte zu ihm: »Don Pomporio, man hat mir dringende Vorstellungen wegen deiner Taten gemacht, die nicht nur sehr schimpflich sind, sondern sogar das ganze Kloster in schlechten Ruf bringen.« »Was haben mir diese Ankläger denn vorzuwerfen?« fragte Don Pomporio, »ich bin doch der sanftmütigste und friedfertigste Mönch in Euerem Kloster, ich belästige und hindere niemand, sondern lebe ruhig und beschaulich, und wenn andere mich beleidigen, so ertrage ich es geduldig und gerate darüber nicht in den Harnisch.« Da fragte ihn der Abt: »Scheint Euch das etwa ein löbliches Verhalten? Ihr habt einen Teller nicht wie ein Mönch, sondern wie ein übelriechendes Schwein, auf dem Ihr außer Euerem Deputat alle Reste zusammenhäuft, welche die anderen übriglassen, und verschlingt diese ohne Scheu und Scham, nicht wie ein menschliches Wesen oder gar ein Mönch, sondern wie ein ausgehungertes Tier. Geht es Euch denn nicht wider die Ehre, Ihr ungeschliffener und gemeiner Mensch, daß Euch alle als ihren Hanswursten ansehen?« Da antwortete Don Pomporio: »Wie sollte ich mich denn schämen, Herr Abt? Wo findet sich heutzutage Scham auf der Welt? Und wer fürchtet die Schande? Aber wenn Ihr mir erlaubt, frei herauszureden, so werde ich Euch antworten, wenn nicht, so verzichte ich in schuldigem Gehorsam darauf und schweige.« »Sagt, was Ihr wollt, wir haben nichts dagegen«, erklärte der Abt. Also ermuntert, sprach Don Pomporio: »Vater Abt, wir sind in der Lage von Leuten, die den Tragkorb auf dem Buckel haben; denn jeder sieht den seines Genossen, seinen eigenen sieht er aber nicht. Wenn ich ebenfalls üppige Speisen essen würde, wie die großen Herren es tun, so würde ich gewiß weniger essen als ich tue. Da ich aber ganz gewöhnliche Speisen verzehre, die sich leicht verdauen, scheint es mir nicht schimpflich, viel zu essen.« Der Abt, der sich mit dem Prior und anderen Freunden schlemmerhaft an Kapaunen, Fasanen, Haselhühnern und anderen Vögeln ergötzte, merkte, worauf der Mönch hinauswolle, und da er fürchtete, er möchte sein üppiges Leben an die große Glocke hängen, absolvierte er ihn und forderte ihn auf, zu essen, wie es ihm passe, wer sich von den anderen im Essen und Trinken nicht dranzuhalten verstehe, der habe es sich selbst zuzuschreiben. Nachdem Don Pomporio absolviert war und den Abt verlassen hatte, verdoppelte er täglich seine Portion und erhöhte die Andacht, die er der heiligen Kapelle des stattlichen Tellers entgegenbrachte. Und als die Mönche ihm die schwersten Vorwürfe wegen dieses tierischen Betragens machten, bestieg er die Kanzel des Refektoriums und erzählte ihnen schmunzelnd folgende kurze Fabel: Vor sehr langer Zeit fanden sich der Wind, das Wasser und die Scham in einem Wirtshaus ein und speisten zusammen. Im Verlauf des Gesprächs sagte die Scham zum Wind und zum Wasser: »Wann, lieber Bruder und liebe Schwester, werden wir wieder einmal so friedlich beisammen sein, wie jetzt?« Da antwortete das Wasser: »Die Scham hat wahrhaftig recht; denn Gott allein weiß, wann sich je wieder eine Gelegenheit für uns finden wird, zusammenzukommen. Aber sag', Bruder, wo ist Deine Wohnung, für den Fall, daß ich dich aufsuchen wollte?« »Liebe Schwestern«, sagte darauf der Wind, »immer wenn ihr mich zum Schmausen oder Zusammensein haben wollt, so geht durch irgendeine offenstehende Tür oder eine enge Straße und Ihr werdet mich alsbald finden; denn dort hause ich.« »Und du, Wasser, wo wohnst du?« »Ich wohne«, antwortete das Wasser, »in den Sümpfen, die am tiefsten liegen, zwischen den Binsen, und mag die Erde noch so trocken sein, so werdet Ihr mich dort doch immer finden.« »Aber du, Scham, wo ist deine Behausung?« »Das weiß ich wahrhaftig nicht«, erwiderte die Scham; denn ich bin ein armes vertriebenes Wesen. Wollt Ihr mich unter den Großen der Erde suchen, Ihr würdet mich nicht finden; denn sie wollen nichts von mir wissen und machen sich lustig über mich. Suchtet Ihr unter dem niederen Volk: es ist so schamlos, daß es sich kaum um mich kümmert. Forschet Ihr unter den verheirateten Frauen, Witwen und Mädchen, würdet Ihr mich gleichfalls nicht finden, denn sie fliehen mich wie etwas Abschreckendes. Geht Ihr zu den Mönchen, so werdet ihr finden, daß ich ferne von ihnen weile, denn sie verjagen mich mit Stöcken und geschwungenen Holzpantoffeln, so daß ich bis jetzt keine feste Wohnung habe. Und wenn ich mich nicht an Euch anschließe, sehe ich mich jeder Hoffnung beraubt.« Als der Wind und das Wasser dies vernahmen, wurden sie von Mitleid bewegt und nahmen sie in ihre Gesellschaft auf. Sie waren noch nicht lange beisammen, als sich ein gewaltiges Gewitter erhob und das unglückliche Wesen, vom Wind und vom Wasser geängstigt, sich, da es nicht wußte, wohin sich retten, ins Meer stürzte. Und so suchte ich die Scham an vielen Orten und suche sie noch, vermochte sie aber nicht zu finden, und niemand konnte mir sagen, wo sie sei. Da ich sie also nicht fand, kümmere ich mich gar nicht oder wenig mehr um sie und deshalb werde ich nach meiner Weise leben und Ihr mögt's auf die Eure tun; denn heutzutage findet sich die Scham in der Welt nicht mehr.